 Drittes Buch  [171] Am dreißigsten Oktober 1803 reiste ich von Ludwigsburg ab, begleitet von meiner Frau, welche in der Absicht mit mir reiste, die mir angewiesene freie Wohnung in Würzburg anzusehen und zur Einrichtung derselben die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen. Schon am frühen Morgen fuhren wir von Ludwigsburg ab, um bald nach Heilbronn zu kommen, wo wir Mittag halten und ich noch ein paar Stunden mit meinem Freund Gmelin zubringen wollte. Wir kamen zur rechten Zeit an, stiegen im Gasthof »Zur Sonne« ab, und ich begab mich mit meiner Frau noch vor Tisch zu Gmelin. Er empfing uns auf das freundlichste, ebenso seine Frau. Gmelin und ich hatten viel miteinander zu sprechen. Er freute sich meiner neuen Laufbahn, wünschte mir herzlich Glück zu derselben, und mit Wehmut schieden wir voneinander. Gleich nach Tisch fuhren wir von Heilbronn weg, um noch bei guter Zeit nach Neustadt an der großen Linde zu kommen, wo wir übernachten wollten. Der Oberamtmann in Neustadt Gol und seine Frau, eine Tochter des Bürgermeisters und meines Freundes Bunz in Ludwigsburg, hatten uns eingeladen, das Nachtquartier bei ihnen zu nehmen, und unsere freundschaftlichen Verhältnisse mit der Familie hatten uns bewogen, die Einladung anzunehmen. Als wir in Neustadt ankamen, war es bereits Abend geworden. Alles war zu unserer Nachtherberge bereitet, und bei dem Abendessen unterhielten wir uns auf das angenehmste mit unsern Freunden. Da wir am andern Morgen früh wieder abreisen wollten, so begaben wir uns bald zu Bette. Aber ich war noch nicht eingeschlafen, so kam ein Eilbote von Ludwigsburg an, der mir einen gleich nach meiner Abreise daselbst eingetroffenen Brief von dem Grafen von Thürheim überbrachte, aus welchem ich vernahm, daß das mir zugedachte[172] Logis in Würzburg noch nicht geräumt sei und daß ich mich einstweilen in einem Gasthof werde einquartieren müssen. Solchem nach hatte nun die Mitreise meiner Frau keinen Zweck mehr, und es ist leicht zu erachten, daß sie dieses Hindernis für ein böses Omen hielt. Nur mit schwerem Herzen konnte sie ihr Vaterland verlassen, und dieser Umstand war keineswegs geeignet, ihr die Aussicht, in einem fremden Lande zu leben, erfreulich zu machen. Indessen beruhigte sie sich, weil sie mich heiter sah, und wie hätte ich auch über jene Nachricht verdrießlich sein sollen, da ich wußte, daß mein Freund Thürheim mir meinen künftigen Aufenthalt in Würzburg auf alle Weise angenehm zu machen suchen würde. Es wurde also ausgemacht, daß meine Frau wieder nach Ludwigsburg zurückreisen und ich meine Reise nach Würzburg allein fortsetzen sollte. Wir fuhren zu gleicher Zeit von Neustadt ab, sie zurück nach Ludwigsburg, ich vorwärts nach Würzburg. In Mergentheim wollte ich mein Nachtquartier nehmen, und ich kam daselbst früh genug an, um noch das schöne Schloß und den schönen Garten des Deutschmeisters sowie das Städtchen selbst zu besehen. Auf dem Wege von Mergentheim nach Würzburg hielt ich Mittag in dem Dorf Großrinderfeld, wo ich zwei Studenten von Würzburg antraf, welche eben im Begriff waren, dahin zurückzukehren. Das Wetter war stürmisch und regnerisch, und weil ich ganz allein war, so bot ich den Studenten Platz in meinem Wagen an. Sie nahmen das Anerbieten an, und weil mich nichts mehr interessierte, als etwas von Würzburg zu hören, so leitete ich alsbald darauf das Gespräch. Die Studenten waren Juristen und konnten mir daher weniger über die medizinische Fakultät sagen. Sie sprachen über den Zustand der Universität bloß im allgemeinen, sagten mir, daß die bayerische Regierung große Veränderungen mit derselben vorhabe, daß sie dieselbe zu einer der ersten Universitäten Deutschlands erheben wolle, daß auch eine Fakultät für die protestantische Religion errichtet werden solle und daß bereits mehrere Gelehrte aus dem Ausland berufen worden seien. Als solche nannten sie Hufeland für die juridische, Paulus für die theologische[173] und Schelling für die philosophische Fakultät. Auch für die medizinische Fakultät, fuhren sie fort, sei ein Ausländer gerufen worden, aber sie wissen nicht, woher und wie er heiße. Begreiflich sagte ich ihnen nicht, daß ich dieser Ausländer sei, und sie ahneten auch nicht, daß ich einer von den berufenen fremden Professoren sei. So kam ich, von ihnen unerkannt, abends in Würzburg an, und als ich sie beim Abschied fragte, in welchem Gasthof sie mir auszusteigen rieten, nannten sie mir den Gasthof »Zum Kleebaum«, und ich folgte ihrem Rat um so lieber, da mir auch der Postillion diesen Gasthof vor andern empfohlen hatte. So stieg ich also in dem Gasthof »Zum Kleebaum« ab und ließ mir, um ungestört arbeiten zu können, ein nach dem Hof gelegenes Zimmer anweisen, in welchem ich mich ganz wohl befand. Gewöhnlich speiste ich an der table d'hôte und machte da allerlei interessante Bekanntschaften, namentlich mit zwei Brüdern von Zobel, beide geistlichen Standes, aber sehr verschieden voneinander, der eine ein feiner, eleganter Mann, der andere ohne Façon und ein großer Esser. Das Essen im Gasthof war gut, noch besser der Wein, doch war er mir, da ich den schwächern Neckarwein gewohnt war, zu stark, und ich durfte daher nur wenig trinken. Ebenso ging es mir auch mit dem gesalzenen Weizenbrot, da ich das ungesalzene Dinkelbrot gewöhnt war. Übrigens dauerte mein Aufenthalt in dem Gasthof nicht lange. Das adelige Seminarium, in welchem ich die mir zugedachte freie Wohnung erhalten sollte, war aufgehoben, das Haus wurde geräumt, die Einrichtung desselben für mich, Paulus und Schelling war angeordnet und die Anordnung bald so weit vollzogen, daß wir unsere Wohnungen beziehen konnten. Es versteht sich von selbst, daß ich gleich nach meiner Ankunft in Würzburg Besuche bei den Professoren machte, mit welchen ich in der Folge zusammenleben sollte. Außer Siebold, dem Vater, kannte ich keinen, weder seine zwei Söhne, von welchem der ältere Professor der Chirurgie, der jüngere Professor der Geburtshülfe war, noch einen andern der Professoren von der Fakultät. Den alten Siebold besuchte ich zuerst.[174] Mit Vergnügen erinnerte er sich unserer frühern Bekanntschaft, freute sich, daß wir nunmehr Kollegen seien, und seine erste Frage an mich war, ob ich die vielen Stelzfüße gesehen hätte, die in Würzburg zu sehen seien zum Beweis, wie sehr die Chirurgie in Würzburg blühe. Wie von Siebold wurde ich auch von seinen beiden Söhnen wie überhaupt von allen Professoren der Fakultät, Döllinger, Pickel, Heilmann und Thomann, freundlich empfangen, nur der letztere schien etwas verlegen, ohne Zweifel, weil er der einzige war, der an mir einen Rival vermuten konnte. Bald nach mir waren auch Paulus und Schelling in Würzburg angekommen, und ihre Ankunft war mir um so erwünschter, da ich, ungeachtet der Freundschaftsversicherungen meiner Kollegen, doch im Grunde noch niemand in Würzburg hatte, an den ich mich mit Vertrauen hätte anschließen können, als diese Landsleute. Sie sind Württenberger, und die Württenberger mögen in der Welt zusammenkommen, wo sie wollen, so begegnen sie sich als Freunde und halten als solche zusammen und meistens fester als in dem Vaterland selbst. Da der Graf von Thürheim bei meiner Ankunft in Würzburg sich eben mit seiner Familie in Bamberg befand, wo er wegen Geschäften länger verweilen mußte, so wollte ich nicht säumen, ihn dort zu besuchen, und ich war eben im Begriff, dahin zu reisen, als ich einen Brief von ihm erhielt, worin er mich einlud, ungesäumt nach Bamberg zu kommen und Schelling mitzubringen, weil er über die vorzunehmenden Einrichtungen der Universität sich mit uns zu besprechen wünschte. Eine lange Reihe von Jahren war verflossen, seit ich ihn nicht mehr gesehen hatte, aber seine Gesinnungen gegen mich waren unverändert dieselben geblieben, deren ich mich als sein Mitzögling in der Akademie zu Stuttgart zu erfreuen gehabt hatte. Er empfing mich als seinen alten Jugendfreund, und ebenso freundlich empfing mich auch seine Gemahlin. Sie benahm sich gegen mich, als ob sie mich schon längst gekannt hätte. Das Wohlwollen des Grafen gegen mich war auch auf sie übergegangen, und gleich beim Eintritt in ihr Zimmer sagte sie mir, daß auch sie mich sehr gern in Würzburg sehe, indem sie mich[175] längst als einen der geliebtesten Freunde ihres Gemahls kenne, wie denn auch sein erstes Wort nach der Übernahme der Universitätskuratel gewesen sei, nun müsse auch sein alter Jugendfreund nach Würzburg berufen werden. Schon vor meinem Besuch in Bamberg hatte ich erfahren, daß der Graf von Thürheim den Plan habe, die Universität von Würzburg nach Bamberg zu verlegen; allein es war noch nichts verlautet, ob die Regierung den Plan genehmigt habe oder nicht. Schelling war sehr dafür, ich, ebenso fremd in Würzburg als in Bamberg, konnte darüber nicht urteilen. Indessen hatte mir Schelling die Sache so plausibel vorgestellt und mich insbesondere auf das vortreffliche allgemeine Krankenhaus in Bamberg, welchem das Julius-Spital in Würzburg in jeder Beziehung weit nachstehe, aufmerksam gemacht. Aber wie wir nach Bamberg kamen, war die Sache bereits entschieden, die Verlegung der Universität nach Bamberg war von der Regierung verworfen worden, die Universität sollte einmal für allemal in Würzburg, wo sie fundiert sei, bleiben, und es kam nun bloß darauf an, wie die von der Regierung beschlossenen neuen Einrichtungen bei der Universität auf das zweckmäßigste auszuführen seien. Im allgemeinen war der Plan zu denselben von der Regierung vorgezeichnet, der Graf von Thürheim hatte bloß die Details zu besorgen, und dazu sollten Schelling und ich mitwirken. So unerfahren in Universitätsangelegenheiten, wie ich damals noch war, konnte ich wenig dabei tun, dagegen fand sich der ungleich erfahrenere Schelling ganz an seinem Platz, und es ist unleugbar, daß ihm auch in dieser Beziehung die Universität sehr viel zu danken gehabt hat. Unser Aufenthalt in Bamberg dauerte zwei Tage, und wir waren täglich bei dem Grafen von Thürheim zu Tisch. Schon am ersten Tag war Marcus eingeladen, und ich war sehr erfreut, den Mann, zu dessen Ruhm mir Schelling so vieles gesagt hatte, persönlich kennenzulernen. Ich fand alles wahr, was Schelling gesagt hatte, einen Mann von Geist, von großem praktischen Talent und einen sehr angenehmen Gesellschafter. Ich besuchte mit ihm das Krankenhaus, dessen Einrichtung ganz sein Werk war, und ich mußte gestehen, daß das Julius-Spital[176] in Würzburg weit hinter ihm zurückstehe. Weniger als das Krankenhaus selbst gefiel mir sein Verfahren am Krankenbette und besonders sein Krankenexamen, welches er gemeinschaftlich mit dem Medizinalrat Kilian, der kürzlich von Jena nach Bamberg berufen worden, vornahm. Es kam mir viel zu umständlich vor, und bei aller Umständlichkeit führte es doch zu keinem um so sicherern Resultat. Zum Beweis will ich nur ein einziges Beispiel anführen. Es war ein Landsmann von mir, welcher eben erst in das Krankenhaus war aufgenommen worden, ein geborener Württenberger, mit welchem das gemeinschaftliche Krankenexamen vorgenommen wurde. Die Form der Krankheit schien mir nicht im mindesten zweifelhaft. Es war eine rheumatische Brustentzündung und kein Zeichen vorhanden, woraus man hätte auf eine damit verbundene Affektion der Lunge oder auch nur des Rippenfells schließen können. Indessen sollte das Dasein oder Nichtdasein dieser Verbindung auf das gewisseste ausgemittelt werden, und es wurde dabei so weitläuftig zu Werk gegangen, daß das Examen beinahe eine Stunde dauerte, ohne daß die beiden Kliniker ins klare kommen konnten. Haben sie, wie es mir schien, bei dieser Weitläuftigkeit die Absicht gehabt, den großen Ruf, in welchem sie als Kliniker standen oder zu stehen glaubten, auch vor mir zu bewähren, so haben sie ihre Absicht nicht erreicht. So weitläuftig darf kein Krankenexamen sein, und wenn man es gar pro forma so weitläuftig macht, so ist es töricht und lächerlich. Der Gehülfe der beiden Kliniker, ein alter, am Krankenbette grau gewordener, geschickter derber Mann, der sich über das lange, zu keinem Resultat führende Examen ärgerte, aber bisher stillschweigend zugehört hatte, sagte auf einmal ganz trocken: »Es ist Mittagessenszeit, meine Herren, wir wollen jetzt aufhören, nach Tisch will ich den Kranken allein vernehmen und schon herauskriegen, was ihm fehlt.« Wirklich examinierte nachmittags der Gehülfe den Patienten allein, und wie er am Abend den beiden Klinikern über den Erfolg des Examens referierte, so waren sie einverstanden, daß die Krankheit eine einfache rheumatische Brustentzündung sei. ? Indessen bin ich weit entfernt, Marcus sein großes praktisches[177] Talent hiermit schmälern zu wollen, und wenn er glaubte, daß es keinen größern Kliniker gebe als ihn, so nehme ich es ihm nicht übel. Um so mehr aber verdenke ich ihm, daß er, im Glauben an seine Vorzüglichkeit, die Hauptperson war, welche den Grafen von Thürheim zu der Idee, die Universität von Würzburg nach Bamberg zu verlegen, veranlaßt hat. Er wollte Professor der Klinik an der Universität werden, und weil er wegen seiner anderweitigen Verhältnisse nicht von Bamberg wegziehen konnte, so sollte die Universität zu ihm nach Bamberg kommen. Marcus ist längst tot, und ich enthalte mich, noch von andern Intrigen zu sprechen, welche er, nachdem ihm seine Absicht fehlgeschlagen, gegen die Universität und insonderheit auch gegen mich gespielt hat. Nach meiner Zurückkunft nach Würzburg war die Freude meiner Kollegen groß, als sie von mir vernahmen, daß die Universität nicht nach Bamberg verlegt werde. Sie wären alle sehr ungern dahin gezogen, besonders aber die Sieboldsche Familie, die in Bamberg nicht mehr, wie Richter sie nannte, die Academia Sieboldiana gewesen wäre. Auch ich selbst war froh, daß die Universität in Würzburg blieb. Stand das Julius-Spital in Würzburg auch weit hinter dem allgemeinen Krankenhaus in Bamberg zurück, so fehlte es doch in jenem ebensowenig an Kranken aller Art als in diesem. In dem einen wie in dem andern konnte der klinische Unterricht gleich gut gegeben werden, und es war kein Grund vorhanden, warum Thomann von Marcus hätte verdrängt werden sollen. Thomann war ein sehr guter Kopf und am Krankenbette so gewandt als Marcus, und wenn ihm vorgeworfen worden, daß er der Erregungstheorie huldige, so trifft dieser Vorwurf auch Marcus, der ebenfalls ein Erregungstheoretiker war, nur daß er, was Thomann auch vielleicht getan hätte, sich als einen Anhänger der Schellingschen Naturphilosophie bekannte, die eben ihren Kulminationspunkt zu erreichen im Begriff war. Da die Vorlesungen auf der Universität erst mit dem Monat Dezember ihren Anfang nehmen sollten, so hatte ich hinlänglich Zeit, mich zu denselben vorzubereiten. Ich tat dies schon in meinem Gasthof »Zum Kleebaum«, aber mit mehr Muße[178] konnte ich es in meiner neuen Wohnung tun, deren Einrichtung bald so weit gediehen war, daß ich sie wenigstens für meine Person beziehen konnte. Ich verließ also den Gasthof und kam bloß noch als Kostgänger dahin. Aber in dem großen Gebäude, das ich bezogen hatte, war ich ganz allein, bloß der Torwart wohnte darin, und dieses Einsamsein in einem so großen, alten Gebäude hatte wirklich etwas Schauerliches. Indessen befand ich mich ganz behaglich in demselben, ich schlief auch recht gut, nur wurde ich öfters aufgeweckt von der am Eingang in die Torwartswohnung befindlichen Glocke, und da diese gerade so tönte wie meine Hausglocke in Ludwigsburg, so glaubte ich beim ersten Erwachen immer, ich sei in Ludwigsburg, und oft stand ich auf, um zu hören, wohin ich gerufen werde. Nur ein einziges Mal wurde ich ernstlich erschreckt. Ein sonderbares Geräusch in dem Schlot meines Schlafzimmers weckte mich aus dem Schlaf. Im ersten Augenblick dachte ich an Diebe; aber der fest verschlossene Eingang in das Gebäude machte das Eindringen eines Diebes unmöglich. Ich stand auf, machte Licht und leuchtete hinauf in den Schlot. Es war ein junger Turmfalke, welcher in den Schlot hinabgefallen war. Ich machte mich seiner habhaft, setzte ihn in mein Arbeitszimmer, und am andern Morgen entließ ich ihn zu seinen Kameraden, welche auf dem Turm der nahe gelegenen Neubaukirche hauseten. Den größten Teil des Tages brachte ich mit der Vorbereitung zu meinen hiernächst zu beginnenden Vorlesungen zu. Meine Mußestunden benutzte ich zu Besuchen bei meinen Landsleuten Paulus und Schelling, welche noch in ihren Gasthöfen wohnten, und bei meinen Kollegen, welche näher kennenzulernen mir eine Hauptangelegenheit war. Von dem Vater Siebold habe ich schon gesprochen. Er hatte sich, seit ich ihn in Ludwigsburg gesehen, auffallend alt gemacht, und besonders schienen mir seine Geisteskräfte merklich nachgelassen zu haben; nur wenn er auf die operative Chirurgie zu sprechen kam, wurde sein Geist lebendiger, obschon er jetzt keine Operation mehr verrichtete. Er hatte dies seinem ältern Sohn Barthel überlassen, so wie dieser auch seine Stelle als Professor[179] der Anatomie vertrat. Barthel war ein sehr guter Kopf und als Chirurg ein würdiger Sohn seines Vaters, nur schien er mir etwas bequem, nicht sehr geneigt, in seiner Kunst große Fortschritte zu machen, und etwas roh in seinen Sitten. Sein jüngerer Bruder Elias, Professor der Geburtshülfe, war ein minder guter Kopf, aber ausgezeichnet geschickt in seinem Fach, dabei fleißig in seinen Studien, angenehm im Umgang, überall beliebt und besonders gern gesehen von den Damen, bei denen er sich durch seine schöne Gestalt, sein feines artiges Betragen sowie durch die Eleganz seines Anzuges in Gunst zu setzen wußte. Professor der allgemeinen Therapie und Klinik und dirigierender Arzt am Julius-Spital war Thomann, ein kleines, hageres, schwächliches, kränkliches Männchen, aber ein Mann von Geist, von ausgebreiteten Kenntnissen und ein tüchtiger Kliniker. Nur war er wie Barthel Siebold etwas bequem und ließ daher seine Zuhörer nicht selten am Krankenbette eigenmächtiger handeln, als sich geziemte. Dem äußern Ansehen nach war er gut gegen mich gesinnt, aber weil auch ich Therapie las, so betrachtete er mich als seinen Rival, doch kamen wir immer gut miteinander aus, nicht nur weil er selbst ein guter Mensch war, sondern auch weil ich in dem Julius-Spital immer für ihn vikariierte, wenn er dasselbe, was öfters geschah, Kränklichkeit halber nicht besuchen konnte. Von den Professoren Pickel und Heilmann kann ich wenig sagen. Der erste war Professor der Chemie und Pharmazie, der andere Professor der Botanik. Beide waren tüchtige Lehrer in ihren Fächern und auch wackere brave Männer. Mit Pickel war ich oft zusammen, hörte oft, was ihm viel Freude machte, seinem Harfenspiel zu und wohnte auch mehrere Wochen vor meinem Abgang von Würzburg bei ihm im Hause. Er hat mir und meiner Frau viele Gefälligkeiten erwiesen, und mit Vergnügen vernahm ich von Zeit zu Zeit, daß er noch lebe und in seinem hohen Alter sich noch immer wohl befinde. Weit der vorzüglichste unter den Professoren der medizinischen Fakultät, die ich in Würzburg antraf, war Döllinger, Professor der Physiologie und Pathologie. Ich hatte ihn nur[180] ein paarmal gesprochen und fand gleich an ihm einen Mann von ebenso ausgezeichneter Gelehrsamkeit als großer Geisteskraft. Sein Vortrag war vortrefflich, und er hatte daher immer ein zahlreiches Auditorium. Seiner Vorzüge sich bewußt, schmeichelte er niemand, gegen jeden sprach er sich geradezu aus, wie er dachte, schonte keines Menschen Schwächen, tadelte alles, was er tadelnswert fand, bald ernst, bald spottend, und deshalb hatte auch sein Lob mehr Gewicht als das Lob eines andern. Er war es daher auch vorzüglich, mit dem ich näher bekannt zu werden suchte, und ich darf mir schmeicheln, daß er ein wahrer Freund von mir ward und es noch ist. Inzwischen war meine Wohnung so weit fertig geworden, daß ich sie nun mit meiner ganzen Familie beziehen konnte, und ich ließ diese daher ungesäumt nach Würzburg kommen. Meine Frau hatte alles zur Abreise vorbereitet gehabt, und schon in den letzten Tagen des Novembers traf sie mit unsern Kindern in Würzburg ein, nachdem ein paar Tage zuvor die Fuhrleute mit den Möbeln und andern Effekten, welche wir nach Würzburg mitzunehmen beschlossen hatten, angekommen waren. Wie groß unsere Freude war, uns gesund und wohlbehalten wieder beisammenzusehen, brauche ich nicht zu sagen. Gleich nachdem wir uns herzlich begrüßt hatten, führte ich meine Frau durch die Zimmer unserer Wohnung. Die Wohnung wollte ihr nicht gefallen, sie fand sie nicht nur zu geräumig für unser Bedürfnis, sondern auch unbequem. Indessen fügte sie sich gleich mir in die Umstände, und wir konnten dies auch um so eher, da der dem Seminariumgebäude zunächst gelegene schöne und große, aber noch unausgebaute Borgiasbau ausgebaut und zu Wohnungen für mich, Paulus und Schelling eingerichtet werden sollte, wozu die Vorkehrungen wirklich bereits getroffen waren. In unserer Wohnung war uns die obere Etage in dem Hauptgebäude des Seminariums, Paulus die untere und Schelling die seinige in einem Nebengebäude desselben angewiesen. Schelling war schon eingezogen, als meine Familie in Würzburg ankam, Paulus zog wenige Tage nach uns in die seinige, und so waren nun die drei schwäbischen Familien in einem Hause beisammen. Schon dies war Aufforderung[181] genug, daß wir auch treulich als Landsleute zusammenhalten sollten. Wir Männer kannten uns bereits hinlänglich, um das unter uns geknüpfte freundschaftliche Verhältnis fortzusetzen; meine Frau kannte bloß die Frau Schellings, aber die Bekanntschaft war in Ludwigsburg, wo sie sich zum erstenmal sahen, bloß im Vorübergehen ge macht, und ein näheres Verhältnis mit ihr mußte sich erst bilden. Paulus' Frau kannte sie noch gar nicht, aber wie sie diese zum erstenmal sah, ahnete sie schon, daß sie bald vertrautere Freundinnen werden, würden, und diese Ahnung hat sie nicht getäuscht. Beide Frauen wurden je länger desto vertrauter miteinander, und gewiß trug dies viel dazu bei, daß meine Frau beruhigter über die Trennung von den Ihrigen, zufriedener mit ihrer neuen Lage und gleichgültiger gegen die Unbequemlichkeiten unserer Wohnung wurde. Sie sah, daß sie auch in Würzburg eine Freundin gefunden hatte, an welche sie sich ebenso anschließen konnte als an diejenigen, welche sie in dem Vaterland zurückgelassen hatte. Aber um so weniger wollte sich ein gleiches Verhältnis zwischen meiner und Schellings Frau bilden. Diese wollte die Rolle einer Dame spielen; wie Schelling der erste Mann auf der Universität sei, so wollte sie die erste Frau sein. Sie wollte alle vornehme Gesellschaften besuchen, sie wollte Gesellschaften bei sich geben und in beiden als die Frau des ersten Philosophen in Deutschland und in ihrer eigenen Person als eine der geistreichsten, gebildetsten und gelehrtesten Frauen glänzen. Sie hatte daher ihre ohnehin schönere Wohnung auf das schönste und geschmackvollste eingerichtet, mit Möbeln der neuesten Art ausstaffiert und überhaupt alle Vorkehrungen getroffen, um, wie man zu sagen pflegt, ein Haus in Würzburg zu machen. Indessen trug sie doch Bedenken, sich vor andern Professorsfrauen auf eine zu auffallende Art auszuzeichnen, und sie wünschte daher, daß vorzüglich meine Frau ihrem Beispiel folgen möchte. Sooft sie diese besuchte, gab sie ihr ihren Wunsch zu erkennen, nicht indem sie dieselbe zur Nachahmung ihres Beispiels direkt aufforderte, sondern indirekt, indem sie mit nichts, was sie bei uns sah, zufrieden war, alles mit Gleichgültigkeit[182] ansah oder tadelte und zur Begründung ihres Tadels unsere Professorswürde zum Vorwand nahm. Meine Frau, gewohnt, in allen Verhältnissen sich gleichzubleiben, nahm von diesen Ansinnungen keine Notiz. Sie befand sich ganz wohl bei der einfachen Einrichtung, welche sie auch in Würzburg in ihrem Hauswesen getroffen hatte, so wie auch ihre Freundin Paulus, welche darin ihr ganz gleichgesinnt war. Daß sich auf diese Weise kein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Frauen bilden konnte, ist leicht zu erachten, und wie sie selten in Gesellschaft zusammenkamen, so sahen sie sich auch nur zuweilen im Hause, während Schelling und ich stets auf einem freundschaftlichen Fuß miteinander standen, so wie ich auch in der Folge seine Vorlesungen besuchte. Am ersten Dezember hatten die Vorlesungen angefangen, und ich begann nun auch die meinigen. Ich hielt sie in meiner Wohnung und hatte dazu ein von meinen Wohnzimmern entferntes, zunächst an meinem Studierzimmer gelegenes großes Zimmer eingerichtet. Mein Pensum war spezielle Therapie, weil aber die spezielle die generelle Therapie und diese Pathologie voraussetzt, so mußte ich als Einleitung den Anfang meiner Vorlesungen bei beiden letztern machen. Anfangs meldeten sich zu meinen Vorlesungen nur acht Studenten; allein diese geringe Zahl meiner Zuhörer war mir leicht erklärlich, indem die meisten Studierenden spezielle Therapie schon bei Thomann gehört hatten, und die sie noch nicht gehört hatten, Anstand nahmen, die Kollegien eines Professors zu besuchen, ehe sie ihn als Dozenten hatten kennenlernen. Indessen schienen meine Zuhörer mit meinen Vorträgen zufrieden zu sein, und was ich als Beweis davon ansah, war, daß sich bald noch mehrere meldeten, so daß sich noch in demselben Semester die Zahl meiner Zuhörer auf funfzehn belief. Sie sahen, daß ich mir Mühe gab, und was ihnen besonders wohl zu gefallen schien, war die praktische Tendenz, die sie überall bei meinen Vorträgen wahrnahmen. Meine Zuhörer waren durchaus wackere junge Leute, und die Anhänglichkeit, die sie an mich zeigten, gewann ihnen auch mein Wohlwollen und erhöhete meinen Eifer, ihnen nützlich zu sein, mit jedem Tage mehr.[183] Amazon.de Widgets Ich hatte schon einige Wochen gelesen, als der Graf von Thürheim, nachdem er seine Geschäfte in Bamberg geendigt hatte, mit seiner Familie wieder nach Würzburg zurückkam. Er war kaum in seiner Wohnung abgestiegen, so ließ er mir seine Ankunft melden, und bald darauf erschien er selbst. Hier sah ihn zum erstenmal meine Frau, auf welche seine schöne Gestalt, sein einnehmendes Betragen und seine geistreiche Unterhaltung den angenehmsten Eindruck machten. Bald darauf lernte sie auch seine Gemahlin kennen, und auch diese benahm sich so artig und wohlwollend gegen sie, daß sie leicht vergessen konnte, sie befinde sich einer vornehmen Dame gegenüber. Fast alle Abende brachten der Graf und die Gräfin bei uns zu. Der Graf bewies sich stets als meinen alten Jugendfreund, und die Gräfin gewann mit jedem Tag meine Frau lieber, so daß es ihr bald ein Bedürfnis ward, mit ihr zusammenzusein. Dieses freundschaftliche Verhältnis der gräflichen Familie und der meinigen verdroß natürlicherweise viele der andern Professoren, am meisten aber verdroß es Schelling und seine Frau, die erwartet hatten, daß sie zu den Besuchen, welche der Graf und die Gräfin abends bei uns machten, eingeladen würden. Da diese mit uns allein sein wollten, so konnte ich begreiflich niemand einladen, allein das entschuldigte mich bei Schelling und seiner Frau nicht. Sie wurden beide kälter gegen uns, nur äußerlich bezeigten sie sich freundschaftlich wie zuvor, und wir konnten uns diesen Kaltsinn um so eher gefallen lassen, da unser Verhältnis mit der gräflichen und der Paulusschen Familie immer inniger wurde. Man könnte denken, daß ich die Verbindung, in welcher ich mit dem Kurator der Universität und dem Generallandeskommissär, als dem ersten Staatsbeamten in Würzburg, stand, auf jede Weise zu meinem Vorteil benutzt haben werde. Aber das geschah in keinem Fall. Ich wollte nichts weiter als Professor auf der Universität sein, und wie ich es schon bei Übernahme meines Professorats zur Bedingung gemacht, nie in den akademischen Senat zu treten und noch viel weniger zum Prorektor erwählt zu werden, verlangte ich nie mehr, als was ich[184] verlangen mußte, um meinem Professorat so vorstehen zu können, wie es meinem Begriff von einem Universitätsprofessor gemäß war. Dahin ging mein ganzes Bestreben, und dazu benutzte ich allein meine nähere Verbindung mit dem Kurator der Universität. Ich habe schon gesagt, daß mein Pensum die spezielle Therapie war. Ich hatte dieselbe bereits während eines Semesters gelesen. Aber ich hatte bald erkannt, oder vielmehr ich wußte es schon voraus, daß die spezielle Therapie ohne ein Klinikum ebensowenig mit Nutzen vorgetragen werden könne als die Arzneimittellehre ohne Vorzeigung der Arzneikörper, die Geburtshülfe ohne Phantome und ohne Schwangere und Gebärende. Ich wünschte daher ein Klinikum und bat den Grafen von Thürheim als Kurator der Universität, mir für ein solches zu sorgen. Der Graf sah die Richtigkeit meiner Gründe ein und sprach darüber mit Thomann. Als Primararzt an dem Julius-Spital, der ausschließend die innerlichen Kranken in demselben zu behandeln hatte, war er auch der einzige Lehrer der Klinik, und mein Verlangen konnte nur erfüllt werden, indem er mir einen Teil der Kranken im Spital zur Behandlung überließ. Thomann tat dies gern, nicht allein aus Gefälligkeit gegen den Grafen, sondern auch aus Gefälligkeit gegen mich, weil ich wegen seines öftern Übelbefindens für ihn vikariieren mußte, und zugleich auch aus natürlicher Bequemlichkeit, welche sich mit seiner Kränklichkeit vermehrte. So trat mir denn Thomann das Gesellen- und Dienstboteninstitut, welchen in dem Spital ein eigenes Lokal angewiesen war, ab, und zu meiner großen Freude war ich nun schon in dem nächsten Semester in den Stand gesetzt, meine Vorträge über die spezielle Therapie mit einem klinischen Unterricht zu verbinden. Ich habe es immer für einen großen Fehler gehalten, daß, wenn nicht auf allen, doch auf den meisten Universitäten die Lehrer sich zu wenig um das Selbststudium ihrer Schüler bekümmern. Außer in den Hörsälen kommen die Studenten mit den Professoren selten in Berührung. Der Professor besteigt seinen Katheder, spricht oder liest eine Stunde vor, macht dann das Buch zu und geht seiner Wege. Der Studierende ist[185] also außer den Kollegien ganz sich selbst überlassen, er kann seine Privatstudien treiben, wie er will, niemand gibt ihm eine zweckmäßige Anleitung dazu, und er hat es lediglich seinem guten Glück zu danken, wenn er dabei den rechten Weg findet. Hierin sollten sich die Professoren der Studenten billig mehr annehmen; sie sind ihnen dies schon schuldig für die großen Honorare, die sie sich von ihnen bezahlen lassen. Aber so groß ist ihre Sorglosigkeit in diesem Punkt, daß sie nicht einmal darauf sehen, in welcher Ordnung sie die Kollegien besuchen. Um die Privatstudien gehörig zu ordnen, ist es nicht genug, daß eine Enzyklopädie der medizinischen Wissenschaften gelesen wird, und um zu bewirken, daß die Kollegien in der gehörigen Ordnung besucht werden, nicht genug, daß die Regierungen gedruckte Lehrplane ausgeben. Denn wie käme es sonst wohl, daß mancher Studierende noch Chemie hört, nachdem er schon Physiologie und Pathologie gehört hat, und noch Experimentalphysik, wenn er schon Praktikant in der medizinischen und chirurgischen Klinik ist? Diesen Fehler habe ich gleich beim Antritt meines Professorats zu vermeiden gesucht. Schon in der Akademie in Stuttgart hatte ich gesehen, wie Lehrer mit ihren Schülern umgehen müssen, wenn der Unterricht wahrhaft fruchtbar für letztere sein soll. Dort war keine solche Absonderung der Lehrer von ihren Schülern wie auf andern Universitäten. Auch außer den Lehrstunden kamen sie vielfältig miteinander zusammen, und stets werde ich es dankbar erkennen, was ich ihnen auch in dieser Beziehung schuldig geworden bin. So wollte ich es nun auch in Würzburg mit meinen Schülern halten; ich wollte, soviel es sich tun ließ, auch ihr Gesellschafter sein, forderte sie auf, mich auf meinen Spaziergängen zu begleiten, das Theater mit mir zu besuchen, und kehrte bald bei diesem, bald bei jenem ein, nicht bloß um ihm einen Gegenbesuch zu machen, sondern hauptsächlich um zu sehen, wie sie ihre Wirtschaft führten, ihre Selbststudien trieben, welche Schriften sie läsen, was sie selbst zu Papier brächten. So lernten sie auch meine väterlichen Gesinnungen gegen sie kennen, und wenn sie mich auch als Lehrer weniger geachtet hätten, so achteten sie mich[186] doch um so mehr als ihren Freund, wovon sie mir mehrere rührende Beweise gegeben haben. Nichts ist gutmütiger als die Jugend, man darf sich nur als ihren Freund erweisen, um sie in Gutem und Bösem zu allem zu machen, was man will, da sie hingegen, sich selbst überlassen, ihrem natürlichen Triebe folgt, der leider so oft zum Bösen führt. So trieb ich nun mein akademisches Leben fort bis zum Tode meines Kollegen Thomann, der im Jahr 1805 erfolgte. Er starb plötzlich vom Schlag getroffen auf der Jagd, auf welche er sich gegen meinen Rat begeben hatte. Er hatte mich nämlich in der gewöhnlichen samstägigen Fakultätssitzung ersucht, weil er sich zwei Tage mit der Jagd belustigen wollte, solange in dem Julius-Spital seine Stelle zu vertreten. Ich erwiderte, daß ich es zwar mit Vergnügen tun wolle, daß ich ihm aber doch rate, bei dem stürmischen und regnerischen Wetter lieber zu Hause zu bleiben, weil er seiner schwächlichen Gesundheit nicht trauen dürfe. »Nicht doch«, sagte er, »ich befinde mich vollkommen wohl, und das schlechte Wetter tut mir nichts, die Bewegung auf der Jagd und die gute Luft, die ich im Walde atme, tut meiner schwachen Brust wohl, seien Sie daher wegen meiner ganz ohne Sorgen.« Ich ließ es gut sein, Thomann begab sich noch an demselben Abend auf die Jagd, ich vikariierte für ihn am Sonntag, und am Montag früh wurde sein Leichnam nach Würzburg gebracht. Er starb, wie schon gesagt, am Schlag, der ihn beim Hinüberschreiten über einen kleinen Graben getroffen und augenblicklich getötet hatte. Nun war die Frage, wer an die Stelle des Verstorbenen kommen, ob ein Fremder berufen oder ob einer von den einheimischen Professoren als Primararzt am Julius-Spital und als Lehrer der Klinik angestellt werden sollte. Als Lehrer der speziellen Therapie und schon bereits im Besitz eines Teils der Klinik, schien ich das nächste Recht an die erledigte Stelle zu haben. Aber erstlich stand mir entgegen, daß ich ein Protestant sei, und zweitens hatte ich einen mächtigen Mitbewerber an Röschlaub in Landshut und einen noch mächtigern an Marcus. Allein mein Freund Thürheim kehrte sich daran nicht. Er hatte mich als den Mann erkannt, der der Stelle gewachsen[187] sei, er schlug mich der Regierung unbedingt zu der Stelle vor, der Antrag des Grafen wurde genehmigt, und nach einigen Wochen ward mir die Stelle übertragen. Freilich machte meine Beförderung zu dieser wichtigen Stelle großes Aufsehen. Schon daß ein Fremder den Einheimischen vorgezogen worden, wurde höchlich mißbilligt, denn es ist bekannt, daß die Würzburger etwas auf sich halten. Aber noch weit mehr hatten sie gegen den Protestanten einzuwenden. Noch nie war ein Protestant an dem Julius-Spital angestellt worden, so etwas, meinten die Würzburger, könne nur unter der bayerischen Regierung geschehen, deren Verfügungen überhaupt nicht nach ihrem Sinne waren. Aber die bayerische Regierung bekümmerte sich nicht um die Vorurteile der Würzburger. Sie sah bei der Besetzung der erledigten Stellen bloß auf die Qualifikation der Bewerber, nicht auf die Glaubenskonfession, zu welcher sie sich bekannten. Indessen währte der Widerwille gegen meine Anstellung als Primararzt an dem Julius-Spital nur eine Zeitlang. Auch die Würzburger sahen bald, daß ich die Stelle so gut als mein Vorfahr ausfüllte, und selbst der damals noch lebende Fürstbischof Georg Karl beehrte mich mit seinem Zutrauen, indem er, was er zuvor nicht getan hatte, seine Dienstboten als Mitglieder des Dienstboten-Instituts einschreiben ließ und jährlich 200 Fl. für sie bezahlte. Aber Thomann war nicht bloß Primararzt an dem Julius-Spital und Professor der Klinik; er war auch Mitglied des Medizinalkollegiums, und auch diese Stelle wurde mir übertragen. Ich hatte sie nicht gesucht und wollte sie auch nicht annehmen. Allein das Verhältnis des Primararztes an dem Julius-Spital zu der Landesdirektion nötigte mich zu ihrer Annahme, jedoch machte ich dabei zur Bedingung, daß außer mir noch ein Medizinalrat angestellt werde, und schlug dazu den Stadtphysikus D. Horsch vor, nicht allein weil ich glaubte, daß der Physikus schon als solcher in das Kollegium gehöre, sondern auch weil ich mir denselben dadurch zum Freunde zu machen hoffte, woran mir um so mehr gelegen war, da ich ihn weit mehr als einen der Professoren für meinen Widersacher zu halten Ursache hatte. Auch dieser Vorschlag ging durch, und zwar[188] hauptsächlich deswegen, weil ich jener ersten Bedingung noch eine zweite beifügte, nämlich die, daß ich auf die Medizinalratsbesoldung ein für allemal verzichtete. So hatte sich also meine Stellung in Würzburg so gut gemacht, als ich es irgend wünschen konnte, es kam jetzt nur darauf an, sie mit Ehre zu behaupten. Bei der geschwächten Gesundheit meines Vorfahrs schien mir die Aussicht auf die Erhaltung seiner Stelle nicht fern. Ich hatte daher schon, ehe ich sie erhielt, den Plan entworfen, wie ich sie bekleiden würde, und diesen Plan wollte ich nun ausführen. Thomann las bloß allgemeine Therapie, ich bloß spezielle; nach meinem Plan konnte dies jetzt nicht mehr so sein. Ein unzertrennliches Ganze sollte nicht in Teile zersplittert, noch viel weniger der eine Teil von einem andern Lehrer als der andere vorgetragen werden. Freilich wurde mein Pensum dadurch bedeutend größer; allein da ich immer der Meinung war, daß wie alle Wissenschaften auch die Medizin nicht in so viele besondere Wissenschaften zersplittert werden sollte, so hielt ich es für Pflicht, meiner Ansicht gemäß zu handeln. Diese Zersplitterung der Wissenschaften nämlich macht auch eine verhältnismäßige Menge von Lehrern nötig; allein eben diese Überzahl von Lehrern halte ich für einen großen Fehler auf den Universitäten. Man sehe nur die Lektionskataloge der Universitäten an. Ein ganzes Heer von Wissenschaften wird da auf geführt, und es wimmelt von Lehrern, ordentlichen und außerordentlichen, alten und jungen, welche sie vorzutragen stets fertig und bereit sind. So war es auch zu meiner Zeit in Würzburg, die medizinische Fakultät zählte allein ein Dutzend, so auch die andern Fakultäten, und wenn man alle bei feierlichen Gelegenheiten und in ihre Uniformen gekleidet beisammen sah, so kam es einem vor, als ob man eine Kompanie gelehrter Soldaten sähe. Freilich sind heutzutage die Anforderungen an die Studierenden groß; außer der Brotwissenschaft, welcher sie sich widmen, sollen sie auch noch in andern Wissenschaften zu Hause sein. Allein ich frage, welches Maß von geistiger Verdauungskraft muß nicht ein Studierender haben, der sich diesen Vollauf von Speisen wohlschmecken läßt und sich keine Indigestion[189] zuzieht? Vormals, wo der Köche weniger waren, die Speisen einfacher zubereitet und sparsamer aufgetischt wurden, war auch bei dem besten Appetit die Gefahr einer Indigestion weniger groß. Jetzt aber, wo der Köche so viele, die Speisen so fein zubereitet und die Tafeln so reich besetzt sind, ist es schwer, das auszuwählen, was zu einer gedeihlichen Geistesnahrung genügt, und doch verhält es sich mit der geistigen Nahrung ganz wie mit der leiblichen: nur das, was verdaut wird, nährt. Wohl kommt man wie in allen Wissenschaften auch in der Medizin immer weiter, und es ist zum Erstaunen, wenn man sieht, was in neuern Zeiten in der Anatomie, Physiologie, Pathologie, Pharmazie usw. getan worden. Aber den praktischen Arzt, dessen Bestimmung die Heilung der Krankheiten ist, kann bloß interessieren, was die Praxis von diesen Fortschritten gewinnt, und was war bis jetzt dieser Gewinn? Wie vormals gibt es auch jetzt noch ausgezeichnete praktische Ärzte genug, die von der feinern Anatomie sehr wenig wissen, die mit der jetzt in so hohem Ansehen stehenden spekulativen Physiologie und Pathologie kaum historisch bekannt sind, die in der Botanik, Mineralogie, Chemie usw. nicht mehr getan haben, als gerade nötig ist, um die in ihren Wirkungen erprobten Arzneikörper nach ihren äußerlichen Merkmalen richtig zu unterscheiden und bei Verordnung derselben keine chemischen Schnitzer zu machen. Die Bereicherung des Arzneiapparats mit neuen Arzneimitteln, die an sich so erfreulichen Fortschritte in der feinern und vergleichenden Anatomie, die neuen Systeme der Medizin haben wahrlich die praktische Heilkunde kaum um ein paar Schritte weitergebracht. Wie jeder Studierende muß sich auch der Arzt für das Leben bilden. Um spekulierende Ärzte ist es dem Staat nicht zu tun; er verlangt Ärzte, die Krankheiten zu heilen verstehen, und zu solchen müssen sie schon auf der Universität gebildet werden. Allein das ist es eben, woran es auf den Universitäten fehlt, und diesem Fehler ist nur dadurch abzuhelfen, daß für den Unterricht in den medizinischen Wissenschaften weniger Lehrstühle errichtet werden. Meines Erachtens wären vier ordentliche Professoren, nämlich zwei für die Vorbereitungswissenschaften[190] und zwei für die eigentliche Medizin, genug. Von den erstern hätte der eine Naturgeschichte, Physik und Chemie, der andere Anatomie, Physiologie und Pathologie, von den letztern der eine generelle und spezielle Therapie nebst materia medica, der andere Chirurgie und Geburtshülfe, beide in Verbindung mit klinischen Übungen, vorzutragen. Freilich erhielten auf diese Art die Lehrer sehr starke Pensa; aber auch abgesehen, daß es schon die Natur der Sache mit sich bringt, daß Wissenschaften, welche wie Anatomie, Physiologie und Pathologie im Grunde nur eine Wissenschaft sind, auch als eine vorgetragen werden, so wird das so groß scheinende Pensum schon um vieles vermindert, wenn der Lehrer von dem Schatz seiner Kenntnisse seinen Zuhörern nur so viel mitteilt, als sie zum Selbststudium bedürfen. Die Studenten auf der Universität sind keine Kinder mehr, denen man alles, was sie lernen sollen, eingießen muß. Die Hauptsache ist, daß sie zum Selbststudium und zum Selbstdenken angeregt werden, dazu aber bedarf es keinen detaillierten Vortrags der medizinischen Wissenschaften. Das macht nur dicke Hefte, die vielmehr zeigen, was der Professor weiß, als was der Studierende gelernt hat. Beschränkt sich hingegen der Lehrer bloß auf eine allgemeine, alle Zweige der Wissenschaft umfassende Darstellung ihrer Lehrsätze, so übersehen die Zuhörer nicht nur den ganzen Umfang der Wissenschaft leichter, sondern sie werden auch zum Selbststudium und zum Selbstdenken um so kräftiger angeregt, je weniger ins Detail gehend der Vortrag des Lehrers ist. Zu detaillierte Vorträge verwirren vielmehr die Studierenden, als daß sie sie unterrichten. Der minder Fähige erschrickt über die große Masse dessen, was er lernen soll, und da er das Vorgetragene nicht zu verarbeiten vermag, so sind ihm die Worte des Lehrers Orakelsprüche, welche er mit gewissenhafter Gläubigkeit annimmt; dem Fähigern hingegen sind sie überflüssig, weil er, übersieht er nur erst das Feld, welches er zu bearbeiten hat, sich bald sein eigenes System bildet, welches nicht selten ein ganz anderes ist als das, welches ihm zum Muster aufgestellt worden. Die akademischen Vorträge, wenn sie ihren wahren Zweck erreichen sollen, dürfen bloß der Stoff sein, welcher[191] dem Studierenden zur eigenen Verarbeitung gegeben wird, und das Verdienst eines akademischen Lehrers besteht nicht sowohl darin, daß er seine Gelehrsamkeit vor seinen Zuhörern auskramt, sondern vielmehr darin, daß er sie zum Selbstdenken anregt, damit jeder das Gehörte auf seine eigene Weise verarbeiten lerne. Von den vielen ausgezeich neten Ärzten, welche ich in meinem Leben kennengelernt habe, weiß ich keinen, welcher das, was er war, den vielen Kollegien, die er auf der Universität gehört, zu danken gehabt hätte. Alle sind es durch Selbststudium, Selbstbeobachtung und Selbstdenken geworden, und ich bin überzeugt, daß, wenn jetzt der ausgezeichneten praktischen Ärzte weniger sind als vormals, ein Hauptgrund darin zu suchen ist, daß man jetzt eine Wissenschaft in so viele besondere zersplittert, daß man für jede besondere Wissenschaft einen eigenen Lehrer anstellt und daß man es den Studierenden zur Pflicht macht, die Vorlesungen aller dieser Lehrer zu hören. Muß der Studierende vom frühen Morgen bis zum späten Abend nichts als Vorlesungen hören, so kann er zwar, wenn er aufmerksam ist und das Gehörte gehörig faßt und in einem feinen guten Gedächtnis behält, ein gelehrter Arzt werden, aber ein selbstdenkender Arzt wird er nicht, dazu lassen ihm die vielen Kollegien weder die nötige Zeit noch die erforderliche Freiheit des Geistes. Diesen Grundsätzen gemäß suchte ich nun, da ich alleiniger Lehrer der Therapie war, meine Lehrvorträge einzurichten. Auf dem Katheder trug ich meinen Zuhörern bloß die allgemeinen Grundsätze der Therapie vor; mit den Vorträgen über spezielle Therapie verband ich immer den klinischen Unterricht, weil ich überzeugt war, daß ohne diese Verbindung auch die besten Vorträge über spezielle Therapie ohne Nutzen sind. Die spezielle Therapie soll die Krankheiten kennen lehren, wie sie in der Natur vorkommen, ihre Aufgabe ist daher, die mancherlei Formen der Krankheiten zu schildern, von jeder Form die charakteristischen Erscheinungen, wie sie sich gleichzeitig und in ihrer Aufeinanderfolge entwickeln, anzugeben, die entfernten und nächsten Ursachen namhaft zu machen, sodann die Indikationen zur Beseitigung derselben zu bestimmen[192] und zuletzt die Mittel anzugeben, welche laut der Erfahrung zur Befriedigung dieser Indikationen dienen. Allerdings kann alles dieses vom Katheder aus sehr gründlich und schön vorgetragen werden, aber was nützt das dem Studierenden? Sei die Schilderung einer Krankheitsform noch so genau, am Krankenbette erscheint sie doch ganz anders. Der Studierende kann die Erscheinungen einer Krankheitsform, wie sie vom Katheder aus angegeben worden, vollkommen innehaben, aber am Krankenbette erkennt er dieselbe nicht wieder. Hier in der Wirklichkeit findet er das Bild, welches er sich in der Phantasie von der Krankheit gemacht hatte, ganz anders, die wirklich wahrgenommenen Erscheinungen, mit seinen imaginären Vorstellungen von denselben zusammengehalten, verwirren ihn, und vor den vielen Bäumen sieht er, wie man zu sagen pflegt, den Wald nicht mehr. Dies alles wußte ich aus eigener Erfahrung zu gut, um nicht einzusehen, daß die spezielle Therapie nur am Krankenbette vorgetragen werden kann, und so wollte ich sie denn auch wirklich vortragen. Allein ehe ich meinen Vorsatz ausführen konnte, mußte ich vorher die Klinik selbst anders einrichten, und dies geschah nun auf folgende Weise. Zum klinischen Unterricht war täglich nur eine einzige Vormittagsstunde bestimmt, weil die Studenten, um nicht die Zeit zu andern Vorlesungen zu versäumen, nicht länger in dem Spital verweilen konnten. Nun befanden sich aber gewöhnlich sechzig bis siebenzig Kranke zugleich im Spital, und es mußten entweder die Kranken vernachlässigt oder der klinische Unterricht konnte bei denselben nur im Vorbeigehen und daher sehr mangelhaft und unzulänglich gegeben werden. Diesem Übel abzuhelfen, gab es kein anderes Mittel, als für den klinischen Unterricht eine Auswahl der Kranken im Spital zu treffen und für die zur Klinik ausgewählten ein eigenes Lokal in dem Gebäude einzurichten. Ich sprach daher darüber zuvörderst mit dem Administrator des Julius-Spitals, Hofrat Oehninger. Dieser tüchtige Administrator war ein eigener Mann, den man zu behandeln wissen mußte, um ihn zu etwas zu bestimmen, was er nicht selbst dem Spital zuträglich fand.[193] Thomann hatte es ganz mit ihm verdorben, weil er auch in administrativer Hinsicht etwas in dem Spital zu sagen haben wollte. Das war meine Sache nicht. Ich wollte nicht über meinen Wirkungskreis hinausgehen, und weil ich die Tüchtigkeit des Hofrats Oehninger als Administrators erkannt hatte, so wollte ich keine Einrichtung in dem Spital bei der Landesdirektion in Vorschlag bringen, ohne zuvor Rücksprache mit ihm genommen zu haben. Dies geschah auch jetzt. Ich entwickelte ihm die Gründe, warum ich ein eigenes Lokal für die Klinik haben wollte, er ging in die Gründe ein, gab ihnen seinen Beifall, und statt mir entgegenzuwirken, beförderte er vielmehr die Realisierung meines Plans auf das eifrigste. Auf unsere gleichzeitigen Berichte an die Landesdirektion fand auch diese meinen Plan vollkommen zweckmäßig, und alsbald erging an die Spitaladministration die Weisung, ungesäumt zur Ausführung desselben zu schreiten. Da der Kranken, welche für den klinischen Unterricht, der nur eine Stunde dauerte, auszuwählen waren, nicht viele sein konnten, so bedurfte ich nicht mehr als vier Zimmer, für jedes Geschlecht zwei, und noch zwei Kabinette zwischen beiden Zimmern, teils zum Baden, teils zur Aufnahme einzelner Kranken. Diese Lokalitäten waren bald ausgemittelt. Am schicklichsten dazu fand ich einige leicht zu räumende Zimmer in dem hintern Hauptgebäude des Spitals, und weil nicht viel zu bauen war, so waren sie nach einigen Wochen dem Zweck gemäß eingerichtet. Sobald die Einrichtung der Zimmer vollendet war, nahm ich auch die Auswahl der Kranken für die Klinik vor; aber zu gleicher Zeit änderte ich auch die bisherige Art meiner therapeutischen Kathedervorträge. Anstatt daß ich bisher die Krankheiten nach den Kapiteln des zum Grunde gelegten Lehrbuchs abgehandelt hatte, richtete ich mich dabei nach den Kranken, die sich in dem Klinikum befanden. Hatte ich z.B. in dem Spital einen Wassersüchtigen, welchen ich zum Klinikum geeignet fand, so versetzte ich ihn dahin und handelte auf meinem Katheder von der Wassersucht. Hatte ich einen Wechselfieberkranken, einen Typhuskranken, einen Gelbsüchtigen in[194] die Klinik aufgenommen, so handelte ich die Lehre vom Wechselfieber, vom Typhus, von der Gelbsucht ab. So hatten meine Zuhörer bei meinen therapeutischen Vorträgen nicht nur von jeder Krankheit ein wirkliches lebendiges Muster vor sich, sondern sie fanden sich auch bereits in das öffentliche praktische Leben eingeführt, wo bald diese, bald jene Krankheit vorkommt und wo die verschiedensten Krankheiten zugleich zu behandeln sind. Es konnte nicht fehlen, diese Verbindung des therapeutischen und klinischen Unterrichts mußte bei meinen Zuhörern Beifall finden, nicht allein schon an sich, weil sie einsahen, daß auf diese Weise weit mehr zu lernen war als auf die bisher gewohnte, sondern auch weil die Art, wie ich sie dabei beschäftigte, ihnen nicht minder zusagte. Ich teilte nämlich meine Zuhörer in zwei Klassen, in Auskultanten und Praktikanten. Die erstern durften bloß zuhören und nur sprechen, wenn sie dazu aufgefordert wurden; den letztern übergab ich die Behandlung der Kranken und teilte jedem einen bestimmten Kranken zu. Diesen mußte er in meiner und aller andern Zuhörer Gegenwart examinieren, es durfte ihm keiner in das Krankenexamen einreden, und ich selbst sprach nur, wenn ich ihn auf etwas aufmerksam zu machen hatte, was von ihm übersehen worden. War der eine mit dem Krankenexamen fertig, so kam die Reihe an einen andern, bis es bei allen Kranken zu Ende war. Nun begaben wir uns in den Hörsaal, hier mußten die Praktikanten wieder der Reihe nach, jeder über seinen Kranken, referieren, die Form der Krankheit bestimmen, die in ihrem Verlauf erfolgten Veränderungen angeben, die Indikationen bilden und die Mittel zu ihrer Befriedigung namhaft machen. Auch hier durfte, solange der Referent sprach, kein anderer dareinreden, ohne daß er dazu aufgefordert worden. Nur mir selbst hatte ich das Recht dazu vorbehalten, und ich bediente mich dieses Rechts erst dann, wenn ich mit den Ansichten und Vorschlägen des Referenten nicht einverstanden war. War ich einverstanden, so schrieb der Gehülfe die Rezepte, und wir verließen den Hörsaal. Daß die Praktikanten über jeden ihrer Kranken ein Tagebuch führen mußten, versteht[195] sich von selbst, sowie auch, daß sie dieses Tagebuch jederzeit in die Klinik mit sich bringen mußten. Gewöhnlich besuchten sie ihre Kranken noch einmal am Abend und trugen die bei diesen Abendbesuchen gemachten Bemerkungen in ihre Tagebücher ein. Auch ich wohnte diesen Abendbesuchen bei, sooft ich Zeit hatte. Nach Beendigung derselben versammelten wir uns wie am Vormittag in dem Hörsaal, sprachen über die fernere Behandlung der Kranken, und wenn einer gestorben war, wurde die ganze Behandlungsart durchgegangen, die Ursache des Todes aufgesucht und, wenn Fehler begangen worden, diese geradezu eingestanden. War nach diesen Verhandlungen noch Zeit übrig, so forderte ich bald diesen, bald jenen der Zuhörer auf, sich auf den Katheder zu begeben und uns über einen ihm von mir angegebenen Gegenstand einen Vortrag zu halten. Auch diese Übung fand Beifall bei meinen Zuhörern, besonders bei denen, deren Ehrbegierde dadurch geschmeichelt ward, indem sie auch hier sich auszuzeichnen Gelegenheit fanden. Indessen wurden durch diese Trennung des Klinikums von dem Spital weder die Auskultanten noch die Praktikanten von dem letztern ausgeschlossen. Sie konnten es besuchen, sooft sie wollten, und obschon ich die Kranken in demselben als Spitalarzt selbst behandelte, was jederzeit nach beendigter Klinik geschah, so übergab ich doch den ältern und geübtern Praktikanten gewöhnlich auch einzelne Kranke in die Kur und erleichterte mir nicht nur dadurch mein Geschäft, sondern verschaffte ihnen auch eine erwünschte Gelegenheit, sich weiter zu üben und sich desto schneller zu praktischen Ärzten auszubilden. Daß der größte Teil meiner Zuhörer diese Gelegenheit zu ihrer Ausbildung eifrig benutzte, brauche ich nicht zu sagen. Der Unfleißigen gab es nur wenige unter ihnen, die meisten zeichneten sich ebensosehr durch ihren Fleiß als durch ihre Fähigkeiten und Kenntnisse aus, und besonders muß ich dies von denjenigen rühmen, welche von andern Universitäten nach Würzburg gekommen waren und von welchen mehrere daselbst bereits absolviert hatten. Sie kamen vorzüglich der klinischen Anstalten wegen nach Würzburg, und wenn ich in der Folge[196] von so vielen, sowohl dieser Fremden als der einheimischen Studierenden, vernahm, daß sie im Zivil- und im Militärstand zu den ersten Stellen befördert worden und sich als praktische Ärzte und Staatsbeamte gleich rühmlich auszeichneten, so kann man es mir nicht verdenken, daß ich stolz darauf bin, sie zu, meinen ehemaligen Schülern zu zählen. Habe ich mir auf diese Weise um meine Zuhörer einiges Verdienst als Lehrer zu erwerben gesucht, so lag mir nicht weniger daran, ihnen auch als Freund nützlich zu sein, nicht allein indem ich bei dem häufigen Umgang, den ich auch außer dem Hörsaal mit ihnen pflog, sie von manchem abhielt, was für ihre sittliche Bildung hätte nachteilig sein können, sondern auch indem ich ihnen zu einem bessern Fortkommen nach ihrem Abgang von der Universität behülflich zu sein suchte. Aus eigener Erfahrung mit den Schwierigkeiten bekannt, welche der Arzt bei Eröffnung seiner Laufbahn zu überwinden hat, hielt ich es für Pflicht, wenigstens für diejenigen meiner Schüler, die sich durch Fleiß, Kenntnisse und ein tadelloses sittliches Betragen mir besonders empfohlen hatten, zu tun, was ich in meiner Stellung vermochte. So befand sich z.B. unter meinen Zuhörern einer namens Eichrodt aus Karlsruhe, ein in jeder Beziehung vorzüglicher junger Mann, der im Begriff war, die Universität zu verlassen und sich nach Hause zu begeben. Er kam, um sich von mir zu verabschieden, und ich bat ihn, vor seiner Abreise noch einmal zu mir zu kommen, weil ich ihm noch einen Auftrag zu geben hatte. Er kam, und ich übergab ihm einen Brief an seinen Landesherrn, den damaligen Markgrafen von Baden Karl Friederich, mit der Weisung, ihm denselben, wenn er ihm von seinem Vater in der Audienz vorgestellt werden würde, zu übergeben. Dies geschah, der Markgraf nahm meine Empfehlung des jungen würdigen Mannes sehr gnädig auf, wies ihm ein bedeutendes Reisegeld an, und nach seiner Zurückkunft von der Reise stellte er ihn als Mitglied des Medizinalkollegiums in Karlsruhe an. ? Solche Empfehlungen gab ich auch noch andern meiner Zuhörer nach ihrem Abgang von der Universität, und ich habe nicht gehört, daß eine ohne Erfolg geblieben wäre.[197] Ich habe schon gesagt, daß ich mit der Primararztstelle in dem Julius-Spital auch die Stelle eines Mitgliedes des Medizinalkollegiums erhielt. Das Medizinalkollegium hatte seine Sitzungen gewöhnlich nur einmal in der Woche, und in der Regel am Montag vormittags. Meinen Vorbereitungen zu denselben widmete ich den Sonntag, wo ich keine Vorlesungen zu halten hatte. Die Gegenstände, über welche mir das Referat übertragen war, waren lediglich praktischer Art und betrafen die in der Stadt und auf dem Lande ausgebrochenen Epidemien und Epizootien, die Anordnung der dagegen zu treffenden Maßregeln und überhaupt die Handhabung der gesetzlichen Sanitätspolizei im Lande. Da Epidemien und Epizootien selten vorkamen und, wie die Polizei in der Stadt und auf dem Lande überhaupt, auch die Sanitätspolizei gut gehandhabt wurde, so hatte ich in beiden Beziehungen als Medizinalrat wenig zu tun und ebensowenig auch als Mitglied des Medizinalkollegiums als der Behörde, von welcher das praktische Examen der Kandidaten der Medizin vorgenommen wurde. Diese praktischen Prüfungen kamen nicht oft vor, weil jedesmal mehrere Kandidaten zusammenkommen mußten, wenn sie abgehalten werden sollten, und sie fanden daher nur ein paarmal im Jahr statt. Sie bestanden wie jetzt teils in einem mündlichen Examen, teils in der schriftlichen Beantwortung mehrerer den Kandidaten vorgelegter Fragen, nur waren sie bei der letztern weniger streng bewacht als jetzt. Da es bei diesen Prüfungen bloß auf das Praktische ankam, so beschränkte ich mich auch einzig und allein auf dieses, denn über das Theoretische waren die Kandidaten von den Professoren der Fakultät vor ihrer Promotion zu Doktoren der Medizin hinlänglich geprüft worden, und was die schriftlichen Beantwortungen der ihnen vorgelegten Fragen betrifft, so muß ich gestehen, daß ich die Antworten selten las. Ich schickte sie, wie ich sie empfangen hatte, sogleich meinem nächsten Kollegen zu, in der Überzeugung, daß ich über ihre Qualifikation viel richtiger nach dem urteilen könne, was ich als ihr Lehrer an ihnen gefunden, als nach Aufsätzen, welche sie in einer bestimmten Zeit und entblößt von allen Hülfsmitteln niedergeschrieben hatten.[198] Waren die Kandidaten in dem Examen tüchtig befunden worden, so erhielten sie auch von der Regierung ohne weiteres die Erlaubnis, als selbständige praktische Ärzte aufzutreten. Natürlich wollten die meisten Eingebornen ihre praktische Laufbahn in Würzburg eröffnen, und allerdings schien auch wenigstens den geborenen Würzburgern desfalls nichts entgegenzustehen. Allein auch abgesehen, daß die Zahl der praktizierenden Ärzte in Würzburg im Verhältnis zur Bevölkerung der Stadt ohnehin schon zu groß war, als daß neu eintretende ihr Fortkommen in derselben hätten finden können, so fehlte es dagegen desto mehr an tüchtigen Ärzten auf dem Lande. Dieses bedenkend, stellte ich in dem Medizinalkollegium den Antrag, nur eine bestimmte Anzahl praktizierender Ärzte in Würzburg zuzulassen, die überzähligen aber auf das Land zu weisen, wo sie so lange bleiben sollten, bis eine Stelle in der Stadt erledigt werden würde. Der Vorschlag wurde von dem Medizinalkollegium angenommen, es wurde ein Verzeichnis der Ortschaften angefertigt, wo ein angehender Arzt sein Fortkommen finden könnte, und beschlossen, den angehenden Ärzten, statt ihnen die Eröffnung ihrer praktischen Laufbahn in Würzburg zu gestatten, zwischen jenen Ortschaften die Wahl zu lassen. Die Landesdirektion genehmigte den Vorschlag, dem Mangel an tüchtigen Ärzten auf dem Lande wurde abgeholfen, die jungen Ärzte, die sich dahin begaben, konnten nicht nur von dem Erwerb ihrer Praxis leben, sondern sie hatten auch die schönste Gelegenheit, sich zu praktischen Ärzten auszubilden, und konnten, wenn sie nicht auf dem Lande bleiben wollten, früher oder später bei eintretenden Vakaturen in die Stadt ziehen. Schon als einem Fremden würde es mir schwer geworden sein, als praktischer Arzt eine Rolle in Würzburg zu spielen; auch waren der tüchtigen und gesuchten Ärzte in der Stadt genug, als daß ein Verlangen nach mehreren hätte stattfinden sollen. Allein ich wollte weder, noch konnte ich auch als praktischer Arzt in Würzburg auftreten. Nicht nur hatte ich als Professor zu wenig Zeit dazu, sondern ich hatte auch als Arzt an dem Julius-Spital und Lehrer der Klinik Gelegenheit genug, mich in der Praxis fortzuüben. Indessen konnte ich mich doch[199] nicht ganz aller Privatpraxis entziehen. Mehrere Familien, wie die Thürheimische, die Familie des Vizepräsidenten von Leyden, des Direktors von Sicherer, der Professoren Paulus und Schelling und mehrere andere, wollten mich zu ihrem Hausarzt haben, und ich konnte nicht umhin, ihrem Verlangen zu entsprechen. Auch konnte ich es nicht abschlagen, wenn ich da und dorthin zu Konsultationen gerufen wurde, welche in Würzburg viel häufiger veranstaltet werden als in den andern größern Städten. So war ich denn, zwar in einem beschränkten Kreise, auch in Würzburg praktischer Arzt; allein eben weil ich als solcher keine Rolle spielen wollte, hatte ich auch nicht nötig, um die Gunst des Publikums zu buhlen, welche zu gewinnen der Arzt so oft in die Lage gerät bei seinen Ordinationen, statt streng nach seiner Überzeugung zu handeln, manches nachgeben muß, was derselben entgegen ist und was er so oft Ursache hat zu bereuen. Außer meinem Handbuch der praktischen Heilkunde habe ich als Professor in Würzburg nichts drucken lassen, und ich gestehe gern, daß es mich oft gereut hat, auch dieses getan zu haben, nicht allein weil ich mich darin zu den Grundsätzen der Erregungstheorie bekannte, welche die immer mehr emporkommende Schellingsche Naturphilosophie bereits zu stürzen drohte, sondern auch und hauptsächlich, weil es ein Werk der Eile war, indem einerseits die Regierung verlangte, daß jeder Professor über sein eigenes Lehrbuch lesen sollte, und andererseits meine Zuhörer, um des Nachschreibens überhoben zu sein, sobald wie möglich meine Hefte gedrückt zu haben wünschten. So geschah es, daß ich mit Abfassung des Handbuchs beschleunigte, soviel ich konnte, und die Folge davon war, daß ich weder meine Köllektaneen gehörig ordnen noch in dem, was sie enthielten, das Meinige von dem Fremden gehörig ausscheiden konnte. Mein Handbuch ward daher ein zusammengetragenes Werk von eigenem und fremdem Gut, und wenn es von mehreren Rezensenten als eine Kompilation dargestellt worden, so kann ich ihnen dieses Urteil um so weniger verdenken, da ich es selbst dafür hielt. Das einzige, was mich wegen der Herausgabe derselben entschuldigen könnte, war, daß ich mich[200] seiner bloß bei meinen Kathedervorlesungen bediente, wobei ich nie unterließ, meine Zuhörer auf die Einseitigkeit der Erregungstheorie aufmerksam zu machen, dagegen aber am Krankenbette immer nach dem empirisch-rationellen System handelte, welches ich mir als praktischer Arzt auf den Grund meiner vieljährigen Erfahrung gebildet hatte, worüber ich alle meine ehemaligen Zuhörer zu Zeugen aufrufen darf. Wäre ich länger in Würzburg geblieben, so würde ich ein ganz anderes Handbuch der praktischen Heilkunde geschrieben haben, ein Handbuch, worin ich weder der Erregungstheorie, wie Röschlaub, noch der Naturphilosophie, wie Marcus, gehuldigt hätte, ein rein auf Erfahrung gegründetes Handbuch, unbekümmert um das Urteil, welches die Spekulanten aller Art darüber hätten fällen mögen. Soviel von meinem akademischen Leben in Würzburg. Ich gehe nun zu meinem geselligen über, und das erste, was ich hier zu berichten habe, ist die Ferienreise, welche ich im Herbst 1804 über München nach Stuttgart gemacht habe. Die Reise von Würzburg nach München machte ich mit dem Grafen von Thürheim, und wie vergnügt ich auf derselben mit diesem hochverehrten Freund war, brauche ich nicht zu sagen. Ich hatte München zuvor nie gesehen, um so mehr freute ich mich des Anblicks dieser bedeutenden, und ich setze hinzu, auch schönen Stadt. Indessen interessierte mich die Stadt selbst weniger als die Merkwürdigkeiten, welche da zu sehen waren, die Gemäldegalerie, die große Bibliothek, die Naturaliensammlung, vorzüglich aber der englische Garten, der mich so lebhaft an die schönen Anlagen in Stuttgart und Ludwigsburg erinnerte und den ich daher alle Morgen besuchte. Ich verweilte nur einige Tage in München, denn ich verlangte, sobald wie möglich mein Vaterland wiederzusehen, meine Freunde in Stuttgart und Ludwigsburg zu besuchen und einige Wochen lang ganz Württenberger zu sein. Von München reiste ich über Augsburg und Ulm, und um nicht in Ulm, welches damals noch eine Festung war, aufgehalten zu werden, fuhr ich noch ein paar Stunden weiter und übernachtete in einem Chausseehaus, was auch noch viele andere Reisende damals taten. Hier fand ich[201] zum erstenmal wieder schwäbisches Brot, meine Freude darüber war groß, denn ich hatte mich noch nicht ganz an das Würzburger gewöhnt. Ich ließ mir dasselbe herrlich schmecken, so daß ich mir beinahe eine Indigestion zuzog. In Göppingen, wo ich Mittag hielt, wurde ich in dem Gasthof, in welchem ich abgestiegen, über alle Erwartung gut bewirtet. Mir fiel dies auf, aber als ich nach der Zeche fragte, erfuhr ich, daß der Wirt der Sohn des Waldhornwirts in Ludwigsburg war, dessen Hausarzt ich gewesen und dessen freundschaftliche Gesinnungen gegen mich auf den Sohn fortgeerbt hatten. Gleich am folgenden Tag nach meiner Abreise nach München war meine Familie nach Stuttgart abgereist, und sie war daselbst schon einige Tage vor meiner Ankunft angekommen. Wie von meiner Frau und Kindern, wurde ich auch von meinen Eltern und Schwestern auf das herzlichste bewillkommt und aufgenommen. Die Freude, den Sohn und Bruder wiederzusehen, konnte nicht größer sein, als wenn wir viele Jahre getrennt gewesen und ich von Amerika gekommen wäre. Nicht minder groß war auch die Freude in Ludwigsburg, wo wir mit der Mutter meiner Frau und ihren Geschwistern wieder zusammenkamen. Auch unsere vielen Freunde und Freundinnen sowohl in Ludwigsburg als in Stuttgart freuten sich unseres Wiedersehens, und wir dürfen wohl sagen, daß die Tage, welche wir an beiden Orten zubrachten, zu den schönsten unseres Lebens gehörten. Nicht nur alle unsere alten Freunde fanden wir wieder ganz so gegen uns gesinnt, als wenn wir nie von ihnen getrennt gewesen wären, sondern ich gewann auch neue Freunde und Gönner, besonders in Stuttgart, zu welchen ich vorzüglich den berühmten ehemaligen Professor in Göttingen und damaligen württenbergischen Geheimenrat Spittler zähle. Ich wurde mit ihm durch seinen Schwager Eisenbach, einen schon früher genannten lieben Freund von mir, bekannt, und ich hatte um so mehr Ursache, mich dieser Bekanntschaft zu freuen, da er ein großes Vertrauen zu mir zu haben schien. Er war Kurator der Universität Tübingen, und eine seiner Hauptangelegenheiten war die Errichtung eines Klinikums, woran es daselbst noch gefehlt hatte. Er wollte darüber auch meine[202] Meinung hören, und ich mußte ihm versprechen, eine Reise mit ihm nach Tübingen zu machen. Aber leider mußte die Reise unterbleiben, weil ihn dringende Geschäfte in Stuttgart zurückhielten und späterhin die Zeit meines Urlaubs zu Ende ging. Nun hatte ich nur noch wenige Tage, die ich im Vaterland zubringen durfte, und da ich meinen Urlaub weder verlängern konnte noch wollte, so war der Tag zur Abreise bereits bestimmt, als unsere beiden Kinder, die Tochter in Ludwigsburg, der Sohn in Stuttgart, zu gleicher Zeit von dem Scharlachfieber befallen wurden. Natürlich konnte ich ihre Behandlung nicht selbst übernehmen, die Behandlung meines Sohnes in Stuttgart übernahm mein Freund Plieninger, meiner Tochter in Ludwigsburg mein jüngerer Schwager, praktischer Arzt daselbst, und ich reiste wieder ebenso allein nach Würzburg zurück, wie ich nach Stuttgart gekommen war. So befand ich mich nun auch jetzt wieder allein in Würzburg, nur mit dem Unterschied, daß ich jetzt kein Fremdling mehr daselbst war wie bei meiner ersten Ankunft. Die Paulussche Familie, die in demselben Hause mit uns wohnte, nahm mich auch ganz als Hausgenossen auf. Wie meine eigene Frau besorgte Madame Paulus meine häuslichen Angelegenheiten. Alle Abende war ich bei der Familie zu Tisch, mittags speiste ich entweder bei dem Grafen von Thürheim oder bei einem andern Freund. Ich hatte keine Sorge, als daß meine Frau mit den Kindern bald zurückkommen möchte, allein da dies nicht eher geschehen konnte, als bis nichts mehr für die Kinder zu befürchten war, so verzögerte sich die Rückreise bis tief in den November. Endlich kam sie doch wohlbehalten mit den Kindern in Würzburg an, und, was mich sehr erfreute, begleitet von ihrer jüngsten Schwester, welcher ihre Mutter auf unbestimmte Zeit bei uns zu bleiben erlaubt hatte. Ich habe schon gesagt, daß der zunächst an das Seminarium stoßende Borgiasbau zu Wohnungen für mich, Paulus und Schelling eingerichtet werden sollte. Die Einrichtung war bei meiner Zurückkunft nach Würzburg ihrer Vollendung nahe, und als meine Frau ankam, war sie bereits so weit vollendet,[203] daß wir die Wohnung in den nächsten Tagen beziehen konnten. Dies geschah; die erste Etage des Gebäudes bezog ich, die zweite Paulus, und die dritte sollte Schelling beziehen. Allein er zog es vor, in seiner bisherigen Wohnung zu bleiben, und er tat wohl daran, weil dieselbe nicht nur sehr schön war, sondern auch weil er zunächst an seinen Wohnzimmern einen Hörsaal hatte, dergleichen er in Würzburg keinen schönern hätte finden können und der auch groß genug war, die Menge der Zuhörer zu fassen, welche sich zu seinen Vorlesungen drängten. Statt Schelling zogen sodann der außerordentliche Professor der Medizin D. Paulus, der Schwager meines frühern Hausgenossen Paulus, und der an der philosophischen Fakultät angestellte Professor Fischer in die dritte Etage des Borgiasbaues. Unsere Wohnung war sehr geräumig, eine lange Reihe von Zimmern stand zu unserer Verfügung, und die Schwierigkeit war nur, so viele Zimmer, um sie benutzen zu können, zu möblieren. Allein da unsere Bekanntschaften in Würzburg immer größer und die Besuche unserer Freunde bei uns immer zahlreicher wurden, so taten wir, was wir konnten, nicht nur zur Möblierung, sondern auch zur Verschönerung unserer Wohnung, indem wir mehrere Zimmer auf unsere Kosten tapezieren oder malen ließen. Hätte ich ahnen können, daß ich sie so bald wieder würde verlassen müssen, so hätte ich freilich diesen Aufwand nicht gemacht. Indessen reuete mich derselbe nicht. Die Freunde, die uns besuchten, befanden sich wohl in den geräumigen, gut möblierten Zimmern, und ihr Wohlgefallen an der Wohnung und ihre Freude, uns darin bequem und behaglich zu sehen, entschädigte uns hinlänglich für den gemachten Aufwand. Besonders war der Graf von Thürheim und seine Gemahlin mit unserer Einrichtung zufrieden, welche uns beinahe alle Abende mit ihrer Tochter, der hernachmaligen Gemahlin des Fürsten Karl von Wrede, des ältesten Sohnes des als Feldherr und Staatsmann gleich berühmten Marschalls, besuchten. Zu den vielen neuen Freunden, welche wir in Würzburg gewönnen hatten, zähle ich vorzüglich den Vizepräsidenten der Landesdirektion Freiherrn von Leyden, den Oberjägermeister[204] Freiherrn von Zyllnhardt, den Direktor von Schilcher, den Direktor von Sicherer und seine Frau, eine Gräfin von Thörring, eine Frau von Hutten, den Rezeptoratsdirektor von Lurz und den Administrator des Julius-Spitals, Hofrat Oehninger. Bei dem Vizepräsidenten von Leyden war ich nicht nur Hausarzt, sondern auch Hausfreund, ebenso auch bei den Direktoren von Schilcher und von Sicherer, dessen Frau die meinige zu ihren liebsten Freundinnen zählte. Mit dem Oberjägermeister von Zyllnhardt, einem der bravsten Männer in Würzburg, knüpfte ich bald einen innigern Freundschaftsbund, so wie meine Frau mit der Frau von Hutten, die bis zu ihrem Tod eine immer gleich treue Freundin blieb. Mit der Frau Gräfin von Thörring, welche mit dem Oberjägermeister von Zyllnhardt in demselben Hause wohnte, wurde ich zuerst durch diesen bekannt. Sie war eine ebenso gescheite als brave Frau, welche sehr viel auf die meinige hielt und uns fast alle Wochen einmal besuchte, jedoch immer unter der Bedingung, daß auch im strengsten Winter das Zimmer nur wenig geheizt werden durfte. Überhaupt hatte sie viele Eigenheiten, unter andern auch die, daß sie sich immer schwarz kleidete. Aber wir konnten diese Eigenheiten leicht übersehen, da sie sich bei allen Gelegenheiten als eine wahre Freundin von uns betrug. ? Mit dem Rezeptoratsdirektor von Lurz stand ich zwar in keinem besondern freundschaftlichen Verhältnis, aber ich achtete ihn doch, seiner vielen Wunderlichkeiten ungeachtet, als einen braven Mann, und weil ich viel mit ihm zu verkehren hatte, so war es mir lieb, ihn zum Freund und Gönner zu haben, wie er sich denn auch bei jeder Gelegenheit als einen solchen gegen mich bezeigte. Ebenso stand ich auch mit dem Administrator des Julius-Spitals, Hofrat Oehninger, auf keinem besonders vertrauten Fuß, allein da ich mit ihm in manchfacher amtlicher Verbindung stand, so lag mir viel daran, ihn zum Freund zu haben, und ich muß ihm das Zeugnis geben, daß er mir nicht nur zu allen Veränderungen, welche ich in dem Julius-Spital beabsichtigte, willfährig die Hand bot, sondern auch nach meinem Abgang wohlgesinnt gegen mich blieb, da er mich nicht nur bis zu seinem Tod alle Jahre mit einigen Flaschen Steinwein erfreute, sondern mir[205] auch nachrühmte, daß ich dem Julius-Spital während meiner Direktion desselben auch in ökonomischer Rücksicht viel genützt habe. Aber nun kam eine Epoche, welche ich zu den interessantesten rechne, die ich erlebt habe, der heue Krieg, welcher im Jahr 1805 zwischen Frankreich und Österreich ausgebrochen war. Der Kurfürst von Bayern, dessen Armee bisher immer gegen Frankreich gefochten hatte, hatte sich für Frankreich erklärt. Die Österreicher hatten die bayerische Grenze überschritten und waren im Begriff, in München einzurücken. Der Kurfürst mit seiner Familie, seinen Ministern und einem großen Teil seines Hofs, verließ München und begab sich nach Würzburg, um sich hier zu verweilen, bis die Österreicher seine Residenz wieder verlassen hätten. Der Einzug des Kurfürsten in Würzburg war still, die Würzburger, ohnehin österreichisch gesinnt und unzufrieden, daß er zum erstenmal auf der Flucht nach Würzburg komme, betrugen sich ganz gleichgültig bei seinem Einzug, der große Platz vor dem Schloß war beinahe leer von Menschen, bloß die öffentlichen Behörden waren zum Empfang des Kurfürsten im Schloß versammelt. Aber der Kurfürst kehrte sich nicht daran. Gleich am andern Tag durchwandelte er wie in München die Straßen ohne Begleitung, grüßte jeden Vorübergehenden freundlich, begab sich in Kaufläden, kurz, überall zeigte er seine einnehmende Popularität. Natürlich gefiel dies den Würzburgern, und wie sie seinen Einzug in die Stadt mit Gleichgültigkeit angesehen hatten, so frohlockten sie jetzt über seine Anwesenheit. Diese veränderte Stimmung der Würzburger machte dem Kurfürsten große Freude, und er bezeigte ihnen auf alle Weise, daß er sich wohl in ihrer Mitte befinde. Er ging alle Tage in der Stadt herum, besah alles, was zu sehen war, und so kam er dann auch in das Julius-Spital. Ich war eben im Begriff, es zu verlassen, als er eintrat. Als Dirigent des Spitals stellte ich mich ihm vor, führte ihn dann überall im Spital herum, durch die Krankenzimmer, in die Kirche, in den botanischen Garten, in die Anatomie, in das chemische Laboratorium und zuletzt auch in die Wohnungen der Pfründner. Mit allem bezeigte er seine Zufriedenheit,[206] und welchen Anteil er an den Kranken und an den betagten und gebrechlichen Pfründnern und Pfründnerinnen genommen, mag folgendes Beispiel beweisen. Unter den Pfründnerinnen befand sich auch eine kurz zuvor aufgenommene Weibsperson, welcher von Geburt an die untern Extremitäten fehlten, welche aber außerdem ganz gesund war. Der Kurfürst bezeigte Mitleid mit dieser gebrechlichen Person, beschenkte sie mit einigen Talern, und wie er weitergehen wollte, sagte ihm der anwesende Pfarrer des Spitals, daß diese armselige Kreatur zwar wohl versorgt sei, daß sie aber vollkommen glücklich sein würde, wenn auch ihre arme Mutter ebenso versorgt wäre. »Das wird wohl keine Schwierigkeit haben«, erwiderte der Kurfürst, »man muß mir deshalb nur eine schriftliche Anzeige machen, und das kürzeste wird sein, wenn Sie, Herr Pfarrer, morgen früh mir die Anzeige selbst bringen, jedoch muß ich zuvor fragen, ob die Mutter der Unglücklichen ein Landeskind ist.« ? »Das ist sie«, erwiderte der Pfarrer, »denn sie ist eine Bambergerin.« Indigniert, die Güte des Kurfürsten so mißbraucht zu sehen, trat ich vor und sagte: »Dem ist nicht also, Euer kurfürstliche Durchlaucht, die Mutter des Mädchens ist keine Bambergerin, sie ist am Rhein zu Hause. Überdies ist sie auch nicht ihre Mutter, sondern eine weitläuftige Anverwandte derselben, welche sie bisher ums Geld hat sehen lassen und, weil sie nichts mehr mit ihr erwerben kann, ihre Aufnahme in das Julius-Spital von der Landesdirektion ausgewirkt hat. Endlich gehört auch das unglückliche Mädchen selbst nicht in das Julius-Spital, sondern es sind für solcherlei Personen andere Anstalten in der Stadt, und es war ein Versehen von der Landesdirektion, daß sie das nicht bedacht hat. Sage du selbst«, fuhr ich, mich an das Mädchen wendend, fort, »ist es nicht so, daß das Weib, welches dich nach Würzburg gebracht, nicht deine Mutter, sondern bloß eine Anverwandte von dir und keine Bambergerin, sondern eine Rheinländerin ist?« ? »So ist es«, erwiderte die Weibsperson, und der Kurfürst, ärgerlich über den zudringlichen Pfarrer, nahm die Aufforderung zur Beibringung der verlangten Anzeige zurück, der Pfarrer stand beschämt und schweigend, und ich konnte mich[207] nicht enthalten, ihm in Gegenwart des Kurfürsten die Lehre zu geben, daß man großen Herren die Wahrheit sagen müsse, weil sie, wenn sie ihnen unserer einer nicht sage, dieselbe unmöglich erfahren können. Amazon.de Widgets Dies geschah am Vormittag. Am Abend besuchte mich wie gewöhnlich Graf Thürheim. Er war kaum in das Zimmer getreten, so frug er mich, was ich denn heute früh mit dem Spitalpfarrer gehabt habe. Ich antwortete, weiter nichts, als daß ich ihm ein wenig durch den Sinn gefahren sei, weil ich das Lügen nicht leiden könne. Er wisse alles, erwiderte der Graf, der Kurfürst habe es heute mittag an der Tafel erzählt, und ich habe mich dadurch bei ihm in großen Kredit gesetzt. Sie seien ein Mann, sagte er, auf den man sich verlassen könne, und auf solche Männer halte er etwas. »Das freut mich«, antwortete ich, »und ich hoffe, daß mich der Kurfürst noch weiter von dieser Seite kennenlernen soll; ich bin ein Fremdling in Würzburg, und nur die Achtung meiner Vorgesetzten und der Schutz des Kurfürsten können mich gegen den Neid und den Widerwillen der Würzburger sicherstellen.« Das Interesse des Kurfürsten an dem Julius-Spital teilte sich auch seiner Gemahlin, den Prinzessinnen und mehr oder weniger dem ganzen Hof mit. Wen er sprach, gegen den pries er das Spital, und wer es noch nicht besucht hatte, wurde von ihm dazu aufgefordert. Schon einige Tage nachher, nachdem der Kurfürst das Spital zum erstenmal besucht hatte, beehrte auch die Kurfürstin dasselbe mit einem Besuch. Ich war eben in Begleitung einiger meiner Zuhörer aus dem Spital weggegangen und wollte über den Schloßplatz nach Hause gehen, als ich den Kurfürsten mit seiner Gemahlin aus dem Schloß heraustreten sah. Der Kurfürst erkannte mich von fern und winkte mich zu sich. Die Studenten entfernten sich, ich folgte, dem Wink und erwartete, ihm meine Ehrfurcht bezeigend, seine Befehle. »Wie ich an Ihrer Begleitung sehe«, sagte er, »so kommen Sie von dem Julius-Spital her, aber ich kann Ihnen nicht helfen, Sie müssen wieder dahin zurück und meiner Frau das Spital zeigen, das ist«, fuhr er fort, »der Dirigent des Spitals,[208] der wird dich überall darin herumführen, ein braver Mann und noch dazu ein Schwabe, dein Landsmann.« Die Kurfürstin bezeigte überall, wohin ich sie führte, ihr Wohlgefallen, und insbesondere über den schönen botanischen Garten und das reichhaltige anatomische Präparatenkabinett. Während sie sich in dem letztern aufhielt, hatte in dem in dasselbe führenden Zimmer ein großes, einem Sarg ähnliches, zinnernes Behältnis die Aufmerksamkeit des Kurfürsten erregt, und auf dessen Frage, was das sei, antwortete der alte Siebold, an den die Frage gerichtet war: »Das ist ein Sarg, Euer kurfürstliche Durchlaucht, in welchem die Teile, die zu Präparaten gemacht werden sollen, um sie vor Fäulnis zu bewahren, in Branntwein gelegt werden«, und um den Kurfürsten einen anschauenden Begriff davon beizubringen, befahl er dem Anatomiediener, den an einem Flaschenzug hängenden Deckel des Sargs in die Höhe zu ziehen. »Nicht doch, Herr Geheimerrat«, sagte ich, »in dem Sarge liegen mehrere Teile, die, wenn der Deckel aufgehoben wird, Gestank verbreiten, und in dem Präparatenkabinett ist die Kurfürstin, welche hier wieder durchpassieren muß.« ? »Zugelassen, zugelassen«, rief der Kurfürst. Gleich darauf kam die Kurfürstin aus dem Kabinett zurück, und ich führte sie weiter. Ein paar Tage darauf beehrten auch die Prinzessinnen Auguste und Charlotte das Julius-Spital mit ihrem Besuch. Die Ehre, sie in demselben herumzuführen, wurde mir wiederum zuteil. Ich zeigte ihnen alles wie der Kurfürstin; auch sie betrachteten alles mit Wohlgefallen, besonders aber gefiel ihnen die einfache schöne Kirche und der botanische Garten. Es blühete damals gerade eine Pflanze, welche der Gärtner als die seltenste und kostbarste in dem ganzen Garten angab. Ich weiß nicht mehr, wie er die Pflanze nannte, die Blüte bestand aus mehreren weißen Blumen von der Größe der Aurikeln, und ihr Wohlgeruch übertraf noch ihre Schönheit. Der Gärtner, sich nicht begnügend mit dem Lob der Pflanze, erzählte auch, daß sie noch von dem Fürstbischof Franz Ludwig angeschafft worden und was sie gekostet habe. Die Prinzessinnen hörten ihm mit Aufmerksamkeit zu, und er würde noch lange fortgefahren[209] haben, wenn ich ihn nicht unterbrochen hätte. »Aber lieber Herr Wolf«, sagte ich, »wozu alles dieses Gerede? Schneiden Sie die Blume ab und überreichen Sie sie der Prinzessin«, auf die Prinzessin Auguste zeigend. Der Gärtner besann sich, die Prinzessin protestierte gegen das Abschneiden. Allein es half nichts, der Gärtner mußte die Blume abschneiden, er tat's, und ich überreichte sie der Prinzessin mit den Worten: »Jetzt ist die schöne Blume an ihrem rechten Platz, schöner konnte sie an keinem andern verblühen.« Die Prinzessin war etwas verlegen, aber sie nahm die Blume wohlgefällig aus meiner Hand, und nie werde ich das holde Lächeln vergessen, mit welchem sie dieselbe an ihren Busen steckte. Zuletzt führte ich die Prinzessinnen in mein Auditorium, ein geräumiges gewölbtes Zimmer mit mehreren Reihen wohlangebrachter Subsellien, und diesen gegenüber mit einer um mehrere Stufen erhöhten Lehrkanzel versehen und mit den in Lebensgröße in Öl gemalten und in vergoldete Rahmen gefaßten Bildnissen der Fürstbischöfe, von dem Fürstbischof Julius, dem Stifter des Spitals, an bis zu dem damals noch lebenden Fürstbischof Georg Karl ausgeziert. Ich nannte den Prinzessinnen die Namen der Fürstbischöfe, welche die Bilder vorstellten, und bemerkte zuletzt, daß, um die Reihe der um das Julius-Spital verdienten Fürsten vollzumachen, nur noch ein Bildnis fehle, und auf die Frage, was ich meine, antwortete die Prinzessin mit der liebenswürdigsten Bescheidenheit: »Das Bildnis meines Vaters.« ? »Sie könnten es leicht erraten«, sagte ich ihr, »auch ist das Bildnis längst bestellt und in Arbeit, und damit Sie auch die Stelle wissen, wohin es kommt es kommt an den meinem Katheder gegenüber stehenden Pfeiler, damit ich es bei meinen Vorlesungen immer vor Augen habe und mich bei seinem Anblick stets meiner Pflicht, erinnere.« ? »Das werden Sie nicht nötig haben«, erwiderte sie, freundlich lächelnd, aber gewiß sehr vergnügt darüber, daß die schöne Reihe so vieler guten und edlen Fürsten mit dem Bildnis ihres Vaters geschlossen werden; soll. So hatte ich nun als Dirigent des Julius-Spitals die bedeutendsten Personen aus der Begleitung des Kurfürsten kennengelernt,[210] indem sie alle nach und nach dasselbe besuchten. Aber näher bekannt wurde ich mit einigen als Arzt und Lehrer an der Universität, und unter diesen nenne ich vorzüglich den Minister von Montgelas und seine Gemahlin, die geheimen Referendäre von Zentner, von Ringel und von Schenk. Der Minister von Montgelas hatte, um beständig in der Nähe des Kurfürsten zu sein, in der dem Residenzschloß zunächst gelegenen Wohnung des Grafen von Thürheim einige Zimmer bezogen, seine Gemahlin hingegen wohnte mit ihrem damals einzigen Kinde, einer Tochter von ungefähr zwei Jahren, in dem »Rainacher Hofe«. Sie wollte das Julius-Spital sehen, und ein Billett von dem Vizepräsidenten von Leyden bestimmte mir den Tag und die Stunde, wenn ich sie dahin abholen sollte. Ich fand mich zu der bestimmten Zeit bei ihr ein, wurde auf das höflichste von ihr aufgenommen, und sie wollte nur noch auf ihren Gemahl warten, der auch mitgehen wollte. Allein dieser kam nicht, und wir begaben uns daher ohne ihn in das Spital. Ehe wir weggingen, zeigte sie mir ihr Töchterchen, um mich wegen desselben um Rat zu fragen. Das Kind war mit einem Nabelbruch behaftet und hatte zwar eine Bandage, aber ich fand diese nicht zweckmäßig genug und versprach ihr, für eine bessere zu sorgen, auch eines meiner eigenen Kinder sei mit diesem Übel behaftet gewesen, es hätte mir keine Bandage etwas getaugt, endlich hätte ich selbst eine angegeben, welche von meiner Frau verfertigt worden und ihren Zweck so gut erreicht habe, daß der Schade schon nach ein paar Monaten gehoben gewesen, wahrscheinlich habe meine Frau die Bandage noch, und sie werde mit Vergnügen nach dem Muster derselben eine gleiche für das Kind verfertigen, nur müsse sie zuvor das Maß an dem Kind nehmen. Die Frau Ministerin nahm das Anerbieten wohlgefällig auf, lud meine Frau gleich auf den folgenden Tag zu einem Frühstück bei ihr ein, wo sie die Bandage ungesäumt zu verfertigen und sie zum erstenmal selbst anzulegen versprach. Meine Frau erfüllte ihr Versprechen, die Bandage wurde angelegt, sie paßte vollkommen, und es war kein Zweifel, daß das Übel bald, gehoben werden, würde.[211] Indessen war Napoleon in München angekommen. Die Ministerin, begierig den großen Mann zu sehen, reiste gleich nach erhaltener Nachricht von seiner Ankunft dahin ab, und der Minister, der seine Tochter nicht allein lassen wollte, bezog bis zur Rückkunft seiner Gemahlin den »Rainacher Hof«. Da ich das Kind gewöhnlich alle Morgen besuchte, so sah ich auch dabei den Minister, der sonst sehr schwer zugänglich war, öfter, und ich freute mich dieser nähern Bekanntschaft mit ihm um so mehr, da ich manches Gute für die Universität bewirken konnte, was außerdem wahrscheinlich unterblieben wäre. Er war bis zu dieser Zeit noch nicht in dem Julius-Spital gewesen, aber er hatte mir zugesagt, dasselbe zu besuchen, sobald er ein paar freie Stunden haben würde. Dies geschah zufällig bei einem Spaziergang, welchen er mit dem geheimen Referendar von Ringel machte. Sie gingen eben durch die Allee vor dem Julius-Spital, als mich der letztere aus demselben heraustreten sah. Ringel mußte den Minister hierauf aufmerksam gemacht haben, denn sie gingen beide auf mich zu, und der Minister sagte, er habe jetzt eben eine Stunde Zeit, das Spital zu sehen, ich möchte ihn in demselben herumführen, doch solle ich dafür sorgen, daß wir allein seien, weil er niemand sprechen wolle. Ich befahl daher dem Torwart, niemand von der Anwesenheit des Ministers in dem Spital etwas zu sagen und niemand, der nicht Geschäfte in dem Spital habe, einzulassen. Der Befehl wurde von dem Torwart pünktlich befolgt, der Minister bekam niemand zu sehen, und wir durchwanderten das Spital ungestört. Der Minister besah alles mit der größten Aufmerksamkeit, bezeigte überall seine Zufriedenheit, besonders aber gefiel ihm die Kirche, von welcher er sagte, daß er nie eine so einfache und doch so schöne Kirche gesehen habe. Nächst der Bekanntschaft mit dem Minister interessierte mich vorzüglich die Bekanntschaft mit dem geheimen Referendar von Zentner, welchen ich schon durch den Grafen von Thürheim als einen der vorzüglichsten Staatsbeamten in Bayern kannte. Ich hatte ihn zwar schon einigemal gesehen, aber näher bekannt mit ihm wurde ich erst aus Gelegenheit einer Unpäßlichkeit, gegen welche er meine Hülfe in Anspruch nahm.[212] Seine nähere Bekanntschaft entsprach meiner Erwartung vollkommen. Ich fand an ihm einen ebenso angenehmen und wohlwollenden als geistreichen und vielfältig unterrichteten Mann, und je öfter ich mit ihm zusammenkam, desto mehr bestätigte ich mich in diesem Urteil über ihn. Er war ein sehr vertrauter Freund des Grafen von Thürheim, und wenn dieser, wie fast täglich, abends zu mir kam, brachte er gewöhnlich auch ihn mit, und so entstand bald ein wahrhaft freundschaftliches Verhältnis zwischen uns, welches auch, als er Minister geworden, unverändert blieb und bis zu seinem Tode fortdauerte. Auch mit dem geheimen Referendar von Ringel kam ich aus Anlaß einer ihn betroffenen Unpäßlichkeit in nähere Bekanntschaft. Er war in hohem Grade hypochondrisch, und ein Anfall seiner gewohnten Krämpfe bewog ihn, mich deshalb um Rat zu fragen. Er wurde bald von seinen Krämpfen befreit, und da er so gefällig war, mir zu erlauben, ihn auch in gesunden Tagen zu besuchen, so benutzte ich diese Gelegenheit, näher bekannt mit ihm zu werden, sooft ich es für schicklich hielt. So sah ich denn auch ihn öfters, und ich darf mir schmeicheln, daß auch er, wie der Herr von Zentner, Würzburg als mein Freund verlassen hat. Mit dem geheimen Referendar von Schenk wurde ich durch seinen Sohn bekannt, der in Würzburg Medizin studierte und auch bei mir Vorlesungen hörte. Der junge Schenk war einer der fleißigsten Studierenden, mit vielen Fähigkeiten begabt, von dem besten Herzen und untadelhaften Sitten. Natürlich war das Lob, welches ich dem Sohn geben konnte, dem Vater höchst erfreulich, und es konnte nicht fehlen, da er erfuhr, daß ich seinen Sohn jener Eigenschaften wegen besonders auszeichnete, daß er mich als den Freund seines Sohnes ansah und mich als solchen auch seiner Freundschaft würdigte. Der Aufenthalt des Kurfürsten in Würzburg dauerte einen vollen Monat, und es verging keine Woche, wo er das Julius-Spital nicht ein- oder zweimal besuchte. Er kam gewöhnlich allein und immer in den Stunden, wo er wußte, daß er mich in dem Spital treffen würde. Unvermutet trat er in das Krankenzimmer, worin ich mich eben mit meinen Schülern befand,[213] durchging mit mir die andern, umgeben von den Studenten, fragte nach dem Befinden fast jedes einzelnen Kranken und hatte sich jeden so gut gemerkt, daß er bei dem nächsten Besuche sich selten über seine Krankheit irrte. Es war ein höchst erfreulicher Anblick, den Landesherrn an den Leiden seiner armen kranken Untertanen so teilnehmend und von Bett zu Bett von den Studenten begleitet zu sehen. Aber auch er selbst gefiel sich in dieser Begleitung; er sagte mir mehrmals, daß es ihm vorkomme, als wäre er selbst ein Student, der Kranke behandeln lernen müsse. Zum Beweis seiner großen Teilnahme an den Leiden der Kranken will ich nur einen Fall anführen. Ein Handwerksmann, der in seinen Zimmern arbeitete, hatte das Unglück, daß ihm ein schwerer Hammer auf einen Vorderfuß fiel. Der Vorderfuß war heftig gequetscht, so daß der Beschädigte weder gehen noch stehen konnte. Der Kurfürst ließ ihn sogleich in das Julius-Spital schaffen, und zugleich schickte er einen Hofbedienten zu mir mit dem Befehl, für die Heilung des Kranken auf das beste zu sorgen. Als äußerlichen Kranken hatte ihn der Professor der Chirurgie und Oberwundarzt des Spitals Barthel von Siebold zu behandeln. Er nahm ihn daher sogleich in die Kur, und auf mein Verlangen zog er auch seinen Vater bei. Beide Siebolde stimmten für die Amputation des Fußes, nicht allein wegen der Heftigkeit der Quetschung, sondern auch weil der Patient schon bei Jahren und ein starker Trinker war. Auch ich war dieser Ansicht, aber als die Frage von der Stelle war, an welcher die Amputation gemacht werden sollte, war ich anderer Meinung. Sie wollten die Amputation unmittelbar über den Knöcheln machen, ich riet, den Fuß unter dem Knie abzuschneiden, weil die Gefahr des Brandes in dieser weitern Entfernung von dem verletzten Teil weniger groß sei. Allein ich wurde überstimmt, die Amputation wurde über den Knöcheln gemacht. Aber schon am dritten Tag zeigte sich die Wunde brandig, und nun sollte eine zweite Amputation unter dem Knie gemacht werden, wozu ich jetzt nicht mehr stimmen konnte; ich riet vielmehr, sie jetzt über dem Knie zu machen. Allein auch hier mußte ich den beiden von mir völlig unabhängigen Chirurgen nachgeben. Die[214] Amputation wurde unter dem Knie gemacht, aber bald zeigte sich die Wunde auch hier brandig, und es sollte nun zur Amputation über dem Knie geschritten werden. Diese dritte Amputation litt ich nicht mehr. Der Kranke, sagte ich, ist nun ein innerlicher, er hat ein typhöses Fieber, der Brand ist nicht mehr örtlich, er ist jetzt allgemein, der Kranke ist ohne Zweifel verloren, und ich gebe schlechterdings nicht zu, daß er zum drittenmal amputiert wird. Wirklich starb der Kranke wenige Tage darauf an dem typhösen Fieber zum großen Bedauern des Kurfürsten, der natürlich sehr ungehalten über die beiden Siebolde war, als ich ihm auf sein Verlangen den Vorgang ausführlich erzählte. Hatte ich mich schon vorher bei dem Kurfürsten in Kredit gesetzt, so konnte es nicht fehlen, er mußte durch diesen Vorgang bedeutend vermehrt werden. Davon erhielt ich bei mehreren Gelegenheiten die überzeugendsten Beweise; auch ist es natürlich, daß die günstige Meinung, welche der Kurfürst von mir gefaßt hatte, mir auch überhaupt mehr Achtung in Würzburg verschaffte. Ich wurde, was vorher nicht der Fall war, auch in allgemeinen Universitätsangelegenheiten zu Rat gezogen, und zumal bei Besetzung der erledigten Professorate. So wurde z.B. nach dem Abgang des Professors der Anatomie Fuchs, welcher wieder nach Jena, woher er berufen worden, zurückkehrte, als sein würdigster Nachfolger der Professor der Physiologie und Pathologie Döllinger von mir in Vorschlag gebracht und dazu ernannt, so daß er nun alle drei Pensa vereinigte. Von allen Kompetenten war er gewiß der würdigste, und wenn ich sonst kein Verdienst um die Universität gehabt hätte, als daß ich ihn zu der Stelle empfohlen, so würde dieses einzige schon groß genug gewesen sein, um sagen zu können, daß ich mich um dieselbe verdient gemacht habe. Schon während der Anwesenheit des Kurfürsten in Würzburg hatte die Stadt französische Einquartierung bekommen, an welcher auch die Professoren der Universität zu tragen hatten. Zugleich sollte in der Umgegend der Stadt ein großes französisches Lazarett ein gerichtet werden, wozu das ehemalige Klostergebäude in Unterzell am Main, eine Stunde von Würzburg,[215] gewählt worden. Das Gebäude war eben verkauft worden, aber zum Glück war der Verkauf noch nicht ratifiziert und das Gebäude disponibel geblieben. Nun war zwischen dem französischen Gesandten, welcher dem Kurfürsten nach Würzburg gefolgt war, dem Staatsrat Otto, und der von dem Kurfürsten niedergesetzten Kommission, Kriegsseparat genannt, die Übereinkunft getroffen worden, daß bis zur Herstellung des Lazaretts in Unterzell die kranken Franzosen einstweilen in den Krankenanstalten in der Stadt untergebracht werden sollen. Ich wußte nichts von dieser Übereinkunft, und weil ich nichts mit dem Lazarett zu tun hatte, so erhielt ich auch von derselben keine Notiz. Aber zu meinem Erstaunen traf ich an einem Morgen drei kranke Franzosen in dem Julius-Spital, und auf die Frage, wie diese so unerwartet in das Spital gekommen, erhielt ich die Antwort, es sei auf Befehl des Kriegsseparats geschehen. Das Kriegsseparat, aus dem Vizepräsidenten, den drei Direktoren und einigen Räten der Landesdirektion zusammengesetzt, und als Präsident des Kollegiums der Generallandeskommissär Graf von Thürheim hielt seine Sitzungen gewöhnlich am Morgen, und sowie ich das Julius-Spital verlassen hatte, eilte ich sogleich in das Schloß und in das Zimmer, wo ich das Kriegsseparat noch beisammen fand. Ich sagte demselben, wie erstaunt ich war, kranke Franzosen in dem Julius-Spital zu sehen, und protestierte nicht nur gegen jede weitere Aufnahme solcher Kranken, sondern verlangte auch, daß die bereits aufgenommenen sobald als möglich wieder entfernt werden möchten. Natürlich erfuhr ich nun die mit dem französischen Gesandten getroffene Konvention mit der Bemerkung, daß bei derselben das Julius-Spital nicht habe ausgenommen werden können, daß aber die darin befindlichen Franzosen, sowie das Lazarett in Unterzell eingerichtet sei, ungesäumt dahin versetzt werden sollen. Ich ließ mir diese Zusage vorderhand gefallen; aber da ich am folgenden Tag die Zahl der kranken Franzosen um vier vermehrt und am dritten bereits auf zehn gestiegen sah, so begab ich mich abermals vor das Kriegsseparat und wiederholte meine Bitte um Entfernung dieser Kranken nachdrücklicher, indem ich zugleich bemerkte,[216] daß es mit der Einrichtung des Lazaretts in Unterzell viel zu langsam hergehe, um nicht fürchten zu müssen, daß zuletzt das Julius-Spital von kranken Franzosen überschwemmt werde. Ich erhielt von dem Kriegsseparat denselben Bescheid wie das erstemal; aber ich beruhigte mich damit nicht mehr, und als ich auf die Frage, ob denn dem Übel nicht abzuhelfen sei, eine verneinende Antwort erhielt, verließ ich das Zimmer mit den Worten: »Nun wohlan! wenn mir das Kriegsseparat nicht helfen kann, so bleibt mir nichts übrig, als daß ich mir selbst helfe.« Der Präsident lachte, und das ganze Kollegium lachte mit. Aber fest entschlossen, nicht nachzulassen, als bis ich meinen Zweck erreicht haben würde, begab ich mich zu dem französischen Gesandten, um ihm meine Not vorzustellen. Ich fand einen großen, schönen, freundlichen Mann, zu welchem ich sogleich Zutrauen faßte, und trug ihm geradezu und offen vor, was ich verlange; um ihn aber von der Notwendigkeit, dem Übel abzuhelfen, vollkommen zu überzeugen, bat ich ihn, daß er sich selbst in das Julius-Spital begeben und mir die Stunde bestimmen möchte, wann ich ihn dort erwarten sollte. Der Gesandte schien sich für die Sache zu interessieren und versprach mir, gleich am folgenden Morgen um neun Uhr sich in dem Julius-Spital einzufinden. Er kam, wie er versprochen hatte, zur bestimmten Zeit. Zuerst führte ich ihn in die Zimmer, wo die kranken Franzosen lagen, deren bereits schon einige zwanzig waren. Dann führte ich ihn in den botanischen Garten, in die Anatomie, in das chemische Laboratorium usw., und nachdem ich ihm alles gezeigt hatte, sagte ich: »Sie haben gesehen, Exzellenz, wieviel kranke Franzosen bereits in dem Spital sind, und es ist kein Zweifel, daß sich ihre Zahl mit jedem Tage vermehren wird. Nun ist aber das Julius-Spital kein gewöhnliches Spital, das bloß zur Aufnahme Kranket dient, sondern es ist auch eine Universitätsanstalt, die Krankenzimmer sind ebensoviele Lehrsäle für die Klinik, und da die wenigsten Studierenden französisch sprechen, so muß der klinische Unterricht aufhören, wenn das Spital ein Lazarett für kranke Franzosen wird. Aber das ist noch nicht genug«, fuhr ich fort, »ist das Julius-Spital ein französisches Lazarett, so werden sich[217] auch die französischen Militärärzte eindrängen, und weit entfernt, daß es ihnen bloß um die Behandlung der Kranken zu tun sein wird, werden sie auch gelegentlich die anatomische Präparatensammlung besuchen, wo sie sich leicht etwas, was ihnen gefällt, zueignen können, während die Rekonvaleszenten in dem botanischen Garten nicht nur die schönen Blumen pflücken, sondern auch manches andere verderben. Nun hat aber der Kaiser Napoleon ausdrücklich befohlen, daß auch in feindlichen Ländern die Universitäten auf alle Weise geschont werden sollen, er wird also um so viel mehr darauf sehen, daß die Universitäten in den Ländern seiner Alliierten verschont werden, und es ist daher ganz der Intention des Kaisers gemäß, daß das Julius-Spital in kein französisches Lazarett verwandelt werde.« Der Gesandte teilte meine Ansicht ganz, und nachdem ich ihm gesagt hatte, daß es zur baldigen Befreiung des Julius-Spitals vorzüglich darauf ankomme, daß die Einrichtung des Klostergebäudes in Unterzell tätiger betrieben werde, als es bisher geschehen, fügte ich die Bitte hinzu, das Nötige deshalb ungesäumt zu besorgen. Wirklich erließ er schon am folgenden Tag an das Kriegsseparat eine Note, worin er dasselbe zur schleunigen Herstellung des Lazaretts in Unterzell aufforderte und auch von seiner Seite alle die Gründe geltend machte, die ich für die Befreiung des Julius-Spitals von den Franzosen ihm mündlich vorgetragen hatte. Der Graf von Thürheim, zwar etwas unwillig über den Schritt, den ich getan hatte, konnte doch nicht umhin, ihn zu billigen. Er lobte den Eifer, mit welchem ich mich des Julius-Spitals angenommen, und das Kriegsseparat, angetrieben von dem französischen Gesandten, beschleunigte die Herstellung des Lazaretts in Unterzell dergestalt, daß es nach ein paar Wochen bezogen wenden könnte. So hatte ich das Julius-Spital von der französischen Einquartierung glücklich befreit, und wenn meine Freude darüber groß war, so war es die Freude des Administrators Oehninger nicht minder. Er hatte schon einmal den Fall erlebt, daß das Julius-Spital in ein Militärlazarett verwandelt worden, in ein österreichisches, und er könnte mir nicht genug sagen, wieviel es dem Spital gekostet habe. Größeres[218] Verdienst, versicherte er mir, hätte ich mir um das Spital nicht erwerben können, ich habe ihm mehrere tausend Gulden erspart, und das Lob, welches er mir deshalb gab, widerhallte auch von vielen andern Orten her. Nach der Zurückreise des Kurfürsten nach München war es nun wieder ganz still in Würzburg. Der Krieg hatte sich in die österreichischen Staaten gezogen, und wir konnten nun unsere Geschäfte wieder ganz ungestört treiben. Auch bekamen wir jetzt wieder Besuche von fremden Gelehrten, herbeigelockt teils von dem Glanz, welchen die Universität unter der bayerischen Regierung überhaupt erhalten hatte, denn sie war anerkannt als eine der ersten Universitäten Deutschlands, teils von den an derselben angestellten Männern, Paulus, Schelling und andern, und, was insbesondere die Besuche von fremden Ärzten betrifft, von den vorzüglichen Anstalten für das medizinische Studium, indem nur wenige Universitäten mit der Würzburger hierin, wetteifern konnten. Es würde überflüssig sein, alle die Gelehrten, welche unsere Universität von Zeit zu Zeit besuchten, zu nennen. Ich spreche daher bloß von den ausgezeichnetern und von denen, deren Besuche in meine Zeit fielen, und hier steht nun der berühmte Voß, der Vater, obenan. Ich sah ihn zuerst bei Paulus, und da er mehrere Tage in Würzburg verweilte, so sah ich ihn auch anderwärts, bei Thürheim, Schelling und auch einigemal bei mir. Die Stunden, welche ich in seiner Gesellschaft zubrachte, zähle ich zu meinen angenehmsten in Würzburg. Er selbst gefiel sich vorzüglich in Gesellschaft mit dem Grafen von Thürheim, den er öfters besuchte und der auch bei den Besuchen, welche er bei Paulus und mir machte, meistens zugegen war. Er war sehr erfreut, sich auch über wissenschaftliche Gegenstände mit dem Grafen unterhalten zu können, und als einmal von der Behauptung seines Antagonisten Wolf, daß die Werke des Homer mehrere Verfasser gehabt hätten, die Rede war und Graf Thürheim seine Gründe dagegen entwickelte, erstaunte er, auch einige unter denselben zu finden, auf welche er, wie er sagte, als ein Mann vom Handwerk nicht gekommen sei. So gewann er denn eine sehr hohe Achtung vor dem Grafen, und es ist daher leicht[219] erklärlich, daß er nicht ungeneigt war, in bayerische Dienste zu treten, wenn ihm die Direktion des gesamten Schulwesens in Bayern angetragen werden würde. Wirklich hatte Thürheim bereits darauf bei dem Ministerium in München angetragen, allein es erfolgte keine Antwort auf seinen Antrag, dagegen erschien bald darauf der Wismayerische von dem Kurfürsten genehmigte Schulplan. Voß sah sich also getäuscht, und es ist ihm wohl nicht zu verdenken, daß er, um seiner Indignation Luft zu machen, den Wismayerischen Schulplan in der Jenaer Literaturzeitung, selbst unter seinem Namen, auf eine so derbe Art durchgehechelt hat. Amazon.de Widgets Nächst Voß hatte ich bei Paulus noch mehrere andere interessante Männer kennengelernt, wie den berühmten Übersetzer Shakespeares August Wilhelm Schlegel und den gleichberühmten Übersetzer Ariosts, Tassos und Calderons Gries, weil ich sie aber bloß gesehen habe, so begnüge ich mich, sie bloß zu nennen, und verweile um so länger bei einem andern, dem D. Schlotmann aus Römhild. Ich wohnte mit Paulus schon zusammen, als ihn Schlotmann besuchte, aber ich hatte ihn diesmal nicht gesehen, Paulus hatte seines Besuchs bloß gegen mich erwähnt. Allein die Schilderung, welche er von diesem sonderbaren Mann machte, erregte meine Begierde, ihn persönlich kennenzulernen, in hohem Grade. Nun hatte er mir unter andern Zügen, die ihn charakterisierten, auch den angeführt, daß er sich überall einfinde, wo etwas Merkwürdiges vorgehe. So habe er nicht nur den größten Teil von Deutschland, sondern auch mehrere andere Länder durchreist, und zwar jederzeit zu Fuß und beinahe ohne Geld. Es verdroß mich, daß ich ihn nicht gesehen hatte und, da er erst vor wenigen Tagen Würzburg verlassen, so bald keine Hoffnung hatte, seine Bekanntschaft zu machen. Es war gerade um die Zeit, als die Franzosen unter Bernadotte über Ansbach in das Würzburgische eingedrungen waren und auch in der Stadt erwartet wurden. Die Franzosen kamen, und mir fiel ein, weil dies etwas Merkwürdiges sei, daß auch Schlotmann kommen könne. Paulus zweifelte, weil er erst vor kurzem da gewesen. Aber wir hatten kaum von ihm gesprochen, so stand er mitten unter uns.[220] Schon sein Äußeres hatte etwas Auffallendes. Ein großer, starker Mann mit großen blauen Augen, einer sonderbar gebogenen Habichtsnase, blonden, in einen dicken sogenannten englischen Zopf gebundenen Haaren und in einem Aufzug, in welchem er mehr einem verdächtigen Landstreicher als einem ansässigen Doktor der Medizin glich, aber ein Mann von Geist, vielseitigen Kenntnissen, einem stupenden Gedächtnis und höchst interessant in Gesellschaft. Besonders interessant waren die Erzählungen von seinen Reisen. Wo er war, hatte er alles auf das schärfste beobachtet und es so in seinem Gedächtnis aufbewahrt, daß er sich auch der geringsten Details erinnerte. So fragte ich ihn z.B. über Stuttgart nach Dingen, von denen ich unmöglich glauben konnte, daß sie ihm bekannt seien, aber er wußte alles so gut als ich selber. Ich habe selten einen interessantern Sonderling gesehen, und ich freue mich, vorläufig sagen zu können, daß mein Wunsch, öfter mit ihm zusammenzukommen, in der Folge zweimal erfüllt worden ist. Ein anderer Besuch eines ausgezeichneten Mannes in Würzburg war der Besuch des Professors Samuel Vogel aus Rostock. Er war, um seine geschwächte Gesundheit wiederherzustellen, willens, in das südliche Frankreich zu reisen; allein schon in Paris, wo er sich etwas länger verweilen wollte, hatte sich sein Zustand so verbessert, daß er die Reise in das südliche Frankreich aufgab und die ganze Zeit seines Urlaubs in Paris zuzubringen beschloß. Wirklich kam er auf seiner Rückreise ganz gesund in Würzburg an, und da er einige Tage hier verweilte, so lernte ich ihn bald näher kennen, indem er täglich das Julius-Spital besuchte. Ich erkannte sogleich an ihm einen ebenso liebenswürdigen Mann als ausgezeichneten praktischen Arzt, und es tat mir sehr leid, daß er Würzburg so bald verließ, da ich seines lehrreichen Umgangs länger zu genießen so sehr gewünscht hatte. Nicht lange nach Vogel kam der berühmte großbritannische Leibarzt Stieglitz aus Hannover nach Würzburg. Sein Aufenthalt daselbst war kürzer als der Aufenthalt Vogels. Indessen war mir sein einziger Besuch im Julius-Spital hinlänglich, um auch an ihm einen der ausgezeichnetsten Ärzte zu erkennen.[221] Das Spital gefiel ihm sehr wohl, und ebenso schien er auch mit der Art, wie ich die Klinik trieb, zufrieden zu sein, wenigstens sagte er mir beim Abschied, daß ich ja niemals von Würzburg weggehen soll, da ich nirgends anderswo eine so schöne und nützliche Stellung würde finden können. Endlich erwähne ich noch eines ausgezeichneten Mannes, den ich in Würzburg kennenlernte, des Hofrats und Professors Ferro aus Wien. Dieser hielt sich vorzüglich an die Siebold, und ich sah ihn nur einmal bei der Amputation einer Brust, welche Barthel Siebold verrichtete. Siebold war überhaupt ein geschickter Operateur, und Ferro pries mit Recht die Dexterität, die er bei der Operation bewies. Er machte ihm darüber sehr schmeichelhafte Komplimente, aber noch schmeichelhafter machte sie ihm sein Vater. Er selbst hatte schon seit längerer Zeit keine Operation mehr gemacht, aber selten fehlte er, wenn sein Sohn operierte. Auch diesmal war er zugegen, sah mit großem Wohlgefallen der Operation zu, und wie er nach Beendigung derselben seinem Sohn, ihn umarmend und küssend, Glück wünschte, rief er frohlockend aus: »Wie freue ich mich, Professor Barthel, dieses neuen Beweises, daß deines Vaters alte chirurgische Seele in der deinigen wieder auflebt!« Ferro lachte über die Eitelkeit des Vaters, aber er verzieh sie dem alten Mann gern, weil er die Freude über die gelungene Operation mit ihm teilte. Außer der schon früher erwähnten Reise in mein Vaterland machte ich, solange ich in Würzburg war, keine mehr. Dagegen erhielt ich mehrere Besuche von meinen Anverwandten und Freunden, die ich in demselben zurückgelassen hatte. So besuchte mich zuerst meine jüngste Schwester, welche zu unserer allerseitigen Freude einige Wochen lang bei uns blieb. Sie gefiel sich wohl bei uns, und ihr Besuch war uns um so erwünschter und erfreulicher, da sie meinen Eltern und meinen zwei andern Schwestern sagen könnte, daß sie sich durch selbsteigenen Anblick überzeugt habe, es gehe uns in Würzburg wohl und wir seien mit unserer Lage zufrieden. Bald nach der Abreise meiner Schwester besuchten uns drei meiner Schwäger, der Hofprediger Harpprecht und der D. Bischoff[222] aus Ludwigsburg und der Oberfinanzrat Moser aus Stuttgart. Der Besuch war uns um so erfreulicher, da wir ganz unvermutet von ihm überrascht wurden. Sie verweilten nur ein paar Tage bei uns, aber wir taten alles, um ihnen ihren Aufenthalt bei uns so angenehm als möglich zu machen, und ihre Zufriedenheit darüber ließ uns den Schmerz unserer Trennung weniger fühlen. Noch mehr als der Besuch meiner drei Schwäger überraschte uns der Besuch zweier Freunde, von denen wir nie erwartet hatten, daß wir sie in Würzburg sehen würden. Es war der Besuch meines lieben Freundes, des Konsulenten Mader von Heutingsheim, und eines andern alten Freundes, welchen ich schon früher hätte nennen sollen, des Oberstlieutenants Zech aus Ludwigsburg. Noch nie hatte Mader, seit er älter geworden, eine so weite Reise gemacht, und auch Zech war nichts weniger als reiselustig. Aber ebendarum legten wir auch einen desto größern Wert auf ihren Besuch und unterließen nichts, was ihnen denselben angenehm machen konnte. Wir führten sie überallhin, wo etwas Interessantes zu sehen war, auch in den Hofkeller, welcher, auch ohne Rücksicht auf die köstlichen Weine, die er enthielt, ihnen einen unerwartet schönen Anblick gewährte. Insbesondere aber gefielen sie sich in dem Thürheimschen Hause, wohin sie nicht nur mit mir zu Tisch geladen wurden, sondern auch sowohl von dem Grafen als von der Gräfin auf das wohlwollendste behandelt wurden. Ungern verließen sie Würzburg, und mit Wehmut sahen wir sie von uns scheiden. Noch überraschender als der Besuch Maders und Zechs war der Bestich, mit welchem mich bald darauf der Prinz Paul von Württenberg, der Bruder des jetzt regierenden Königs, auf einer Reise nach Hildburghausen beehrte. Ich wußte nichts von seiner Ankunft in Würzburg und hatte mich, wie gewöhnlich am Vormittag, in das Julius-Spital begeben. Beim Heraustreten aus einem Krankenzimmer in den Gang sah ich einen großen, schönen jungen Mann mir entgegenkommen, von dem es mir schien, dass ich ihn kennen sollte. Aber ich erkannte ihn nicht, bis er mir näher getreten war. »Kennen Sie mich noch?«[223] rief er mir zu, »ich habe Sie in Ihrer Wohnung besuchen wollen, aber man hat mir gesagt, Sie seien um diese Zeit im Spital, und darum habe ich Sie hier aufgesucht; kennen Sie mich noch?« ? »O ja«, erwiderte ich, ihm meine Ehrfurcht bezeigend, »Sie sind der Prinz Paul, und ich kann nicht ausdrücken, wie sehr ich mich freue, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen.« Ich fragte ihn, ob er das Spital sehen wolle. »Diesmal nicht«, erwiderte er, aber wir unterhielten uns eine gute Weile, im Gang hin- und hergehend, und als ich ihn beim Weggehen fragte, wie lange seine Anwesenheit in Würzburg dauern werde, und die Antwort erhielt, bis zum folgenden Morgen, lud ich ihn auf den Nachmittag zum Kaffee bei mir ein. Willfährig nahm er die Einladung an und verweilte sich mit seinen Begleitern, einem General und einem Hofkavalier, bei mir bis spät zum Abend. Der Stoff unserer Unterhaltung war sehr reichhaltig, und es mochte gesprochen werden, worüber es wollte, so zeigte er sich überall als den geistreichen Mann, als welchen er sich schon in seinem frühern Alter angekündigt hatte. Was mir aber seinen Besuch besonders schätzbar und erfreulich machte, war, daß er mir viel von meinem Vater sprach, der das Regiment kommandierte, dessen Inhaber er war. Ich wußte von meinem Vater schon vorher, daß der Prinz sehr wohlwollend gegen ihn gesinnt sei, daß er ihn öfter besuche und nie von ihm weggehe, ohne ihn zu fragen, ob er nicht einen Wunsch habe, welchen er erfüllen könne. Auch bei mir sprach er seine wohlwollenden Gesinnungen gegen meinen Vater auf das unzweideutigste aus, und wenn ich ihn vorher wegen seines Verstandes verehrt hatte, so verehrte ich ihn nun nicht minder wegen seines guten Herzens, das man ihm vielfältig abgesprochen hat. Aber ich hatte noch einen interessantern Besuch zu erwarten als die eben erwähnten, einen Besuch von Schiller, der mich auch in Würzburg wiedersehen wollte. Er hatte mir ihn für gewiß versprochen, allein sein Versprechen blieb unerfüllt. In demselben Frühjahr, wo er es erfüllen wollte, starb er im Mai 1805, noch nicht volle fünfundvierzig Jahre alt. Was ich an ihm verlor, werde ich tief fühlen, solange ich lebe. Was die[224] Welt an ihm verlor, weiß jeder, der seine Schriften kennt. Aber sein Wirken im Reich des Schönen, Wahren und Guten hat mit seinem Tod nicht aufgehört. Sein Geist lebt fort in seinen Schriften, sie werden gelesen werden, solange in den Deutschen der Sinn für das Schöne, Wahre und Gute nicht erstorben ist, und diese Zeit wird und kann nie kommen. Mit meinen Freunden in Würzburg, deren ich immer mehrere gewann, blieb ich stets auf dem alten guten Fuß, und so auch mit meinen Zuhörern, die ich immer mehr an mich zu ziehen suchte, nicht um ihrer noch mehrere zu gewinnen, denn ich hatte ihrer sehr viele, als vielmehr um ihnen nicht allein als Lehrer, sondern auch als Freund nützlich zu sein. Sooft ich konnte, versammelte ich sie um mich, ich lud sie abwechselungsweise zu mir ein, ich besuchte sie abwechselungsweise in ihren Wohnungen, ich forderte sie auf, mit mir spazierenzugehen, wo der gewöhnliche Ort, wohin wir gingen, die angenehm gelegene Aumühle war. Hier setzten wir uns, entfernt von der übrigen Gesellschaft, zusammen an einen großen Tisch, tranken ein Glas Wein oder Bier und unterhielten uns über wissenschaftliche Gegenstände. Ebenso setzte ich mich auch öfters im Theater statt in die Thürheimsche Loge, wo ich einen eigenen Platz hatte, zu ihnen ins Parterre, und um sie in ihrem Mutwillen nicht zu stören, hatte ich nichts dagegen, wenn sie zuweilen einen schlechten Schauspieler herausriefen. Selbst im Hörsaal vergaß ich manchmal den Professor und suchte mich ihnen gleichzustellen, indem ich mich in ihre Angelegenheiten, ja selbst in ihre Herzensangelegenheiten, mischte. So befand sich z.B. unter meinen Zuhörern ein Schweizer aus Zürich, der bereits promoviert hatte. Er hatte sich in ein Liebesverständnis mit der Tochter eines Schullehrers eingelassen, welche man für das schönste Mädchen in Würzburg hielt. Abends beim Hineingehen in das Spital, wo ich noch eine Vorlesung zu halten hatte, sah ich ihn mit seinem Mädchen in einem tiefen Gespräch; ich ging vorüber, ohne ihn zu grüßen. Aber, obschon auf dem Katheder stehend, fing ich doch meine Vorlesung nicht gleich an, sondern erst, nach dem der Liebhaber des Mädchens eingetreten war. »Ich habe nur auf[225] Sie gewartet, Herr Doktor«, sagte ich, »ich sah, daß Sie im Begriff waren, die Vorlesung zu besuchen, und habe deshalb auf Sie gewartet.« Er müsse sehr um Verzeihung bitten, erwiderte er, aber er sei zufällig aufgehalten worden. »Das habe ich wohl gesehen«, antwortete ich, »aber es ist unnötig, daß Sie sich entschuldigen, denn ich habe den Fehler begangen, daß ich nicht auch bei dem schönen Mädchen stehen geblieben bin, ein Fehler, den mir alle meine Zuhörer gewiß verziehen hätten, wenn ich auch eine Stunde später gekommen wäre.« Die ganze Versammlung lachte, aber der betroffene Doktor freute sich der Teilnahme des Professors an dem Liebeshandel seines Schülers. Durch diese Teilnahme an ihren Angelegenheiten erwarb ich mir ihr Zutrauen auch in wichtigern Dingen, und indem ich demselben bei jeder Gelegenheit zu entsprechen suchte, so verlor ich, ungeachtet ich zuweilen den Professor vergaß, doch nie die Achtung, welche sie mir als ihrem Lehrer schuldig waren. ? Endlich gewann ich mir auch dadurch die Gunst meiner Zuhörer, daß ich nie einen von ihnen wegen unterlassener Bezahlung des schuldigen Honorars verklagte. So umging ich zwar die Verordnung, aber ich setzte dadurch die ärmern Studenten in den Stand, andere Lehrer, die mehr auf die Entrichtung der Honorare warteten als ich, um so leichter befriedigen zu können; auch war ich überzeugt, daß die Uneigennützigkeit, welche ich ihnen dadurch bewies, manchen wohlhabenden Nichtbezahler, indem dadurch sein Ehrgefühl erregt wurde, zur Entrichtung seines Honorars bestimmt hat. Unter diesen Verhältnissen lebte ich nun zufrieden mit meiner Lage und unbesorgt wegen der Zukunft. Der französische Kaiser hatte den Feldzug siegreich geführt, der kühne und gewagte Entschluß der bayerischen Regierung, es mit Frankreich zu halten, war gerechtfertigt, und es war zu erwarten, daß auch Bayern an den Früchten des Sieges der Franzosen seinen Anteil erhalten werde. Aber nun kam der Friede, der Kaiser hatte versprochen, Bayern großzumachen, er hielt sein Wort; allein eine Bedingung des Friedens war, daß Würzburg an den Kurfürsten von Salzburg, den Erzherzog Ferdinand von Österreich, abgetreten werden sollte. Ich erfuhr dies zuerst von dem[226] Grafen von Thürheim, ich konnte es nicht glauben, und doch war es nur zu gewiß. Welchen Schrecken diese Nachricht uns fremden Professoren verursacht hat, kann man sich leicht denken. Freilich hatten wir nicht zu fürchten, von der neuen Regierung weggeschickt zu werden, in dem schlimmsten Fall mußten uns wenigstens Pensionen bewilligt werden; auch zeigte es sich bald, daß unsere Furcht ohne Grund war. Sämtliche Professoren der Universität wurden im Namen des neuen Regenten von seinem Hofkommissär verpflichtet, und es war keine Rede von Entlassung eines fremden, im Gegenteil erhielten diejenigen, welche nicht bleiben wollten, Pensionen, welche sie bis zu einer anderweitigen Anstellung beziehen sollten. Solchergestalt hätte ich ganz unbesorgt in Würzburg bleiben können und, wie ich nachher erfuhr, hätte es die großherzogliche Regierung auch gern gesehen, wenn ich geblieben wäre. Allein erstlich war ich einer von denjenigen fremden Professoren, welchen die Beibehaltung in bayerischen Diensten vorläufig zugesichert war, und da ich mich auf diese Zusicherung verlassen durfte, so konnte ich, ohne gegen den Kurfürsten von Bayern, der mir so viele Beweise seiner Gnade gegeben hätte, undankbar zu sein, die würzburgischen Dienste nicht gegen die bayerischen vertauschen. Zweitens wußte ich zwar wohl, daß ich nie mehr eine Stellung erhalten würde wie die, welche ich in Würzburg verließ; allein da ich leicht voraussehen konnte, daß ich bei allem Schutz, welchen ich von der großherzoglichen Regierung zu erwarten gehabt hätte, doch den geheimen Verfolgungen vieler meiner Kollegen mich nicht würde haben entziehen können, so vermochte mich weder dieser Schutz der Regierung noch das Angenehme meiner Stellung in Würzburg in den großherzoglichen Diensten zu bleiben. Schon als Protestant, zumal als protestantischer Primararzt am Julius-Hos pital, konnte ich es nicht für ratsam finden; allein ich war auch ein Bayer, und wie Würzburger der bayerischen Regierung überhaupt nicht hold waren, so waren sie es auch dem einzelnen Bayer nicht, und es war leicht vorauszusehen, daß sie einen nach dem andern zu verdrängen suchen würden. So würde früher oder später die Reihe auch mich getroffen[227] haben, und so schwer es mir auch fiel, meiner schönen Stelle zu entsagen, so brachte ich doch dieses Opfer der ruhigern Existenz gern, welche ich in Ansbach, wo ich als erster Rat in dem Medizinalkollegium angestellt ward, zu erwarten hatte. Ich verlangte daher meine Entlassung und erhielt sie auch sogleich. Allein da es einerseits mit meinem Eintritt in das Medizinalkollegium in Ansbach keine Eile hatte und ich es andererseits für Pflicht hielt, meine Funktionen wenigstens an der Universität bis zur Ernennung meines Nachfolgers fortzusetzen, diese aber sich mehrere Wochen verzögerte, so blieb ich bis zu Ende des Semesters in Würzburg. Natürlich beeilte ich mich nun um so mehr, meine neue Stelle in Ansbach anzutreten; allein ehe ich Würzburg verließ, hatte ich noch einen kleinen Streit mit dem Universitätsrezeptorat auszugleichen, welches mir meine Besoldung nicht länger als bis zum Tag meiner Entlassung ausbezahlen wollte. Mir, für meine Person, konnte dies gleichgültig sein, denn von dem Tag an, wo die Bezahlung in Würzburg aufhörte, fing sie in Ansbach an. Allein da ich noch mehrere Wochen nach meiner Entlassung meine Funktionen in Würzburg fortgesetzt hatte, so war es natürlich, daß ich mich nicht in Ansbach dafür bezahlen lassen wollte, sondern, was ich noch zu fordern hatte, von dem Rezeptorat verlangte. Das Rezeptorat wollte nicht darauf eingehen, und zur Begründung seiner Weigerung wies es mir ein Reskript von der Universitätskuratel vor, worin bestimmt ausgesprochen war, daß mir meine Besoldung nur bis zum Tag meiner Entlassung ausbezahlt werden soll. Ich bat mir eine Abschrift von dem Reskript aus, und sowie ich sie erhalten, erließ ich unmittelbar an den Großherzog eine Vorstellung, worin ich ihn um die Entscheidung dieses Streites bat. Die Entscheidung fiel, wie ich vermutet hatte, zu meinem Vorteil aus, zugleich aber erging ein allgemeiner Befehl an die Universitätskuratel, des Inhalts, daß, wenn ähnliche Streitigkeiten zwischen dem Rezeptorat und einem abgehenden Professor vorkämen, sie jederzeit zugunsten des letztern entschieden werden sollen. Gleiche Billigkeit erfuhr ich von dem Großherzog im betreff[228] einer andern Forderung, welche ich an die Regierung machte. Ich hatte nämlich zur Verbesserung und Verschönerung der mir angewiesenen Wohnung in dem Borgiasbau eine nicht unbedeutende Summe aus eigenen Mitteln aufgewendet und bat daher bei der Regierung um Entschädigung. Die Regierung legte mein Gesuch dem Großherzog vor, der Großherzog fand die Entschädigung billig, auf seinen Befehl wurde die Wohnung von einigen Mitgliedern der Regierung eingesehen, diese, überzeugten sich von der Wahrheit meiner Angaben, auf den Bericht der Regierung an den Großherzog wurde die verlangte Entschädigung von diesem dekretiert, und nachdem ich meine Forderung durch die beigebrachten Quittungen der Handwerksleute liquidiert hatte, erhielt ich dieselbe nach wenigen Tagen bezahlt. So gerecht und edel hat der Großherzog gegen mich gehandelt, und wenn nicht frühere Pflichten mich an Bayern gebunden hätten, so hätte ich mich glücklich preisen können, in den Diensten dieses Fürsten zu stehen. Nur mit seinen Diensten hätte ich die bayerischen vertauschen mögen, und wenn ich hätte ahnen können, daß nach wenigen Jahren Würzburg wieder unter bayerische Herrschaft kommen würde, so weiß ich nicht, ob ich nicht in Würzburg geblieben wäre, wiewohl ich gestehen muß, daß ich jetzt nicht mehr Professor daselbst sein möchte. 
 Viertes Buch  [229] Ehe ich mit meiner Familie nach Ansbach zog, war ich zuvor zweimal allein da gewesen, teils um mich in der Stadt, in welcher ich künftig wohnen sollte, umzusehen, teils um den Grafen von Thürheim zu besuchen, welcher das Fürstentum als bayerischer Hofkommissär übernommen hatte und mit seiner Familie bereits in Ansbach wohnte. Bei dem letztern Besuche war meine Hauptabsicht, eine Wohnung zu mieten, und meine Wahl fiel auf ein nicht weit von dem Eingang in den Hofgarten entferntes, dem Postmeister Hassold zugehöriges Haus. Was mich zu der Wahl desselben bestimmte, war teils ebendiese Nähe des Hofgartens, teils die Nähe des Thürheimischen Hauses, welches keine hundert Schritte davon entfernt war, teils weil ich das ganze Haus mieten und, was besonders meiner Frau sehr lieb war, mit meiner Familie allein darin wohnen konnte. Solchergestalt war nun alles zu unserem Einzug in Ansbach vorbereitet, und da auch in Würzburg alle Vorkehrungen zu unserem Abzug getroffen waren, so stand unserer Abreise von da nichts mehr im Wege. An einem schönen Morgen reisten wir von Würzburg ab, hielten in Uffenheim Mittag und kamen am Abend in Ansbach an. Hier stiegen wir im Gasthof »Zur Krone« ab, blieben da, bis die Fuhrleute mit unserem Hausrat angekommen waren, und am dritten Tage zogen wir, nachdem wir dem höflichen freundlichen Wirt eine unglücklich große Zeche bezahlt hatten, in unsere Wohnung ein. Daß wir schon vor unserem Einzug die Thürheimische Familie besuchten, versteht sich von selbst. Wir wurden von ihr auf das freundlichste aufgenommen und freuten uns beiderseits, auch in Ansbach wieder beisammen zu sein. Wir waren in unserer Wohnung bald eingerichtet und fanden uns bequem und behaglich in derselben. Aber in der Stadt selbst wollte[230] sich meine Frau nicht gefallen und ebensowenig auch ich. Die Stadt war noch voll von Franzosen, auch in unserer Wohnung befand sich noch ein französischer Artilleriemajor, welcher auf Kosten unseres Hausherrn darin einquartiert war und uns auch sonst nicht viel inkommodierte. Aber die verdrüßlichen Gesichter der Ansbacher über die ungewohnte Einquartierung und die dadurch verursachte Teurung der Lebensmittel machten meiner Frau den Aufenthalt in Ansbach sehr unangenehm, und ob sie schon auch mit ihrem Aufenthalt in Würzburg nicht ganz zufrieden war, so sehnte sie sich doch oft wieder dahin zurück. Auf mich wirkten zwar diese Umstände weniger widrig, teils weil vorauszusehen war, daß die Einquartierung nicht mehr lange dauern würde, teils weil ich mich wieder mit der Thürheimischen Familie zusammengefunden hatte, was mir schon allein meinen Aufenthalt hätte angenehm machen können. Aber um so weniger gefiel ich mir in meiner amtlichen Stellung in Ansbach. Ich war zwar der erste Rat in dem Medizinalkollegium daselbst, aber ich vermißte mein Julius-Spital in Würzburg, meinen Lehrstuhl und meine Zuhörer. Schon in Würzburg hatte ich auf meine Medizinalratsstelle keinen großen Wert gelegt, weil ich gesehen hatte, wie beschränkt und undankbar der Wirkungskreis eines Medizinalrats ist. Ich hatte dort meine Geschäfte als Medizinalrat bloß als eine Nebensache betrachtet; jetzt sollten sie die ganze Sphäre meiner Tätigkeit ausfüllen, und es ist leicht zu erachten, daß mir diese Beschränkung meine Stellung in Ansbach nicht angenehm machen konnte. Ich erklärte mich darüber offen gegen den Grafen von Thürheim, er konnte mir nicht unrecht geben, er sah selbst ein, daß ich nicht an meinem rechten Platz sei; aber wie er überall Rat zu schaffen wußte, so geschah es auch hier. Es war kein Zweifel, daß auch die Stadt Nürnberg demnächst unter bayerische Herrschaft kommen werde, und da es dort mehr für mich zu tun geben würde als in Ansbach, so versprach er mir, für meine Anstellung daselbst zu sorgen, und ich beruhigte mich bei dieser Aussicht um so mehr, da ich von der kleinern Stadt wieder in eine größere kommen würde. Indessen verzögerte sich die Besitznahme von Nürnberg[231] weit länger, als zu erwarten war, es ging ein Monat nach dem andern hin, bis sie erfolgte, und da ich in Ansbach Muße genug hatte, auch noch auf eine andere Weise als in dem Medizinalkollegium tätig zu sein, so hätte ich wohl auch als praktischer Arzt in Ansbach auftreten können. Allein ich tat es nicht, weil ich, da ich bald nach Nürnberg zu kommen hoffte, es für unrecht hielt, eine Praxis zu beginnen, die ich früher oder später wieder aufgeben mußte, sondern benutzte meine Muße teils zu wissenschaftlichen Studien, teils zu schriftstellerischen Arbeiten und namentlich zur Ausarbeitung der kleinen, dem Andenken meiner ehemaligen Zuhörer gewidmeten Schrift »Grundsätze der praktischen Heilkunde«, welche ich im Jahr 1807 drucken ließ, sowie meine freien Stunden teils zu Spaziergängen in dem Hofgarten und in der Umgegend, teils zu Besuchen bei meinen Kollegen und andern Personen, deren Bekanntschaft mir der Graf von Thürheim verschafft hatte. Als die interessantesten derselben nenne ich den als Präsidenten der vormaligen preußischen Regierung hochgeachteten Gesandten von Hänlein, den in Ansbach privatisierenden Geheimenrat Gervinus, welchen man mit Recht ein Repertorium aller an den europäischen Höfen sich ereignenden Vorfälle nennen konnte, und den durch seine vielseitigen Kenntnisse ausgezeichneten und wegen seines beißenden, niemand verschonenden Witzes gefürchteten Regierungsdirektor Lang, den berühmten Verfasser der »Hammelburger Reise«. Mit allen diesen Männern habe ich manche angenehme Stunde in Ansbach zugebracht, und nie werde ich vergessen, wie vielen Dank ich ihnen dafür schuldig bin, daß sie mir meinen Aufenthalt in Ansbach weniger langweilig gemacht haben. So lebte ich beinahe vier Monate in Ansbach, bis endlich die Übergabe der Stadt Nürnberg an die Krone Bayern erfolgte. Wie erfreut ich über dieses Ereignis war, läßt sich denken; aber da ich nicht sogleich in Nürnberg angestellt werden konnte, so wurde ich von dem Grafen von Thürheim vorerst bloß auf Kommission dahin geschickt, in der Absicht, die daselbst bestehenden öffentlichen Krankenanstalten zu untersuchen und vorläufig den Plan zu einer den Anforderungen der jetzigen[232] Zeit entsprechenden Einrichtung derselben zu entwerfen. Da hiezu längere Zeit erfordert wurde und wie mir auch dem Grafen von Thürheim mein Aufenthalt in Nürnberg ungleich nützlicher schien als in Ansbach, so erlaubte er mir, mit meiner Familie dahin zu ziehen, sobald ich wollte. Ich sagte daher meine Wohnung auf, mietete eine in Nürnberg, und zu Ende des Julius reiste ich mit meiner Familie dahin ab. Meine Wohnung in Ansbach hatte ich auf drei Jahre gemietet, und der Mietzins betrug jährlich dreihundert Gulden. Ich hatte niemand, der in meinen Akkord trat, aber der Postmeister Hassold war so edel, sich mit dem Mietzins auf das laufende Quartal zu begnügen. Auch in Nürnberg mietete ich wieder ein ganzes Haus, wo ich allein mit meiner Familie wohnen konnte, und in allem, was ich sonst in Nürnberg vor der Ankunft meiner Familie bedurfte, wandt ich mich an den Doktor Osterhausen, welchen ich zwar ebensowenig als sonst jemand in Nürnberg persönlich kannte, aber nach den Aufsätzen, die ich in einigen Zeitschriften von ihm gelesen hatte, als einen Mann achtete, mit welchem ich in nähere Bekanntschaft zu kommen wünschte und hoffte. Ich werde in der Folge Gelegenheit haben, von diesem an Geist und Herzen gleich schätzbaren Mann mehr zu sprechen; jetzt bemerke ich bloß, daß unter vielen andern Gefälligkeiten, die er mir erwies, auch die war, daß er eine Magd für uns gedungen hat, mit welcher meine Frau, solange sie in unserem Dienst stand, vollkommen zufrieden war, was zu einer Zeit, wo gute Dienstboten immer seltener wurden, viel sagen wollte. Vor meinem Abzug mit meiner Familie von Ansbach nach Nürnberg wurde die Stadt von dem Grafen von Thürheim formell in Besitz genommen, worauf er als Chef der Provinz zum erstenmal daselbst erschien. Ehe er sich selbst nach Nürnberg begab, hatte er den Regierungsrat von Lochner als seinen Subdelegierten dahin abgeschickt und ihm den Auftrag gegeben, dem Polizeikommissär Wurm in Fürth die Einrichtung und Handhabung der Polizei in der Stadt zu übertragen. Natürlich fiel die Berufung eines Fremden zu diesem Geschäft den Nürnberger Herren auf, und zwar um so mehr, da Wurm in[233] Fürth nicht in dem besten Ruf stand. Allein auch hier bewies der Graf von Thürheim, wie gut er seine Leute zu wählen wußte. Wurm hatte die Polizei in Nürnberg zu seiner vollen Zufriedenheit eingerichtet, und als er in der Folge als wirklicher Polizeidirektor angestellt wurde, gestanden alle verständige Bürger ein, daß diese ebenso wichtige als schwierige Stelle keinem tüchtigem Mann hätte übertragen werden können. Menschen von einer solchen Genialität und Tätigkeit wie Wurm sind seltene Erscheinungen. Als einen solchen lernte ich ihn bald näher kennen; solange wir beisammen waren, war er mir einer meiner liebsten Freunde. Ungeachtet seines öftern widrigen Humors, in welchen ihn seine Hypochondrie versetzte, befand ich mich doch immer wohl in seinem Umgang, denn so verstimmt er auch immer sein mochte, war er doch immer geistreich und witzig, und tief fühlte ich, was ich verlor, als er Nürnberg verließ. Die Anwesenheit des Grafen von Thürheim in Nürnberg dauerte drei Tage. Er war im Gasthof »Zum roten Roß« abgestiegen, wo ich mich ebenfalls einquartiert hatte. Wir speisten immer miteinander auf dem Zimmer, wo unsere Tischgenossen der oben genannte Regierungsrat von Lochner, der Sekretär des Grafen, der hernachmalige Stadtkommissär in Nürnberg Faber und der Polizeikommissär Wurm waren, der zur Freude des Grafen sich auch ohne besondere Einladung desselben an den Tisch setzte. Nur an einem einzigen Mittag wohnten wir einem großen Gastmahl in dem Gasthof »Zum Reichsadler« bei, welches der nürnbergische Handelstand dem Grafen von Thürheim zu Ehren gab und wozu auch die noch anwesenden französischen Generale eingeladen wurden. Das Mahl war so splendid, daß der Graf selbst bekannte, nie einem splendidern beigewohnt zu haben. Hier sah ich zum erstenmal den Kaufmann und Marktvorsteher Merkel, und ich freue mich, hier schon vorläufig den Mann zu nennen, an welchem ich in der Folge einen meiner liebsten Freunde in Nürnberg gewann und bis zu seinem für die Stadt und die Seinigen viel zu frühen Tod behielt. Nicht lange nach diesem Besuche des Grafen von Thürheim[234] in Nürnberg holte ich meine Familie von Ansbach dahin ab, und sobald wir uns in unserer Wohnung eingerichtet hatten, trat ich mein bereits begonnenes Geschäft wieder an. Ich untersuchte sämtliche Versorgungs- und Krankenanstalten genauer, und nachdem ich mich von ihrem Zustand vollständig in Kenntnis gesetzt hatte, erstattete ich meinen Bericht. Leider konnte derselbe keineswegs günstig für sie ausfallen. Das Spital zum heiligen Geist ausgenommen, fand ich alle andere in einem so schlechten Zustand, daß ich auf ihre gänzliche Aufhebung antragen mußte. Dieser Anstalten waren nämlich überhaupt drei, das Krankenhaus, Zu den hundert Suppen genannt, das Schau- oder Schauerhaus und das außerhalb der Stadt gelegene St.-Sebastian-Spital. Das Krankenhaus war hauptsächlich bestimmt zur Aufnahme akuter Kranken, und sowohl das Lokal als die ganze Einrichtung waren so schlecht, daß es unbegreiflich ist, wie Kranke darin geheilt werden konnten. Von einer noch schlechtern Beschaffenheit war das Schau- oder Schauerhaus, welches hauptsächlich zur Aufnahme chronischer Kranken bestimmt war. Es war nicht sowohl ein Krankenhaus als vielmehr ein gemeinschaftliches Wohnhaus für einige arme Familien, denen es unter der Bedingung überlassen war, daß jede Familie einen oder zwei Kranke zu sich nehmen und verpflegen mußte. Etwas besser als die beiden eben genannten war das St.-Sebastian-Spital, welches ausschließend zur Aufnahme krätziger, aussätziger, venerischer und überhaupt ekelhafter Kranken diente, nicht allein wegen seiner günstigen Lage außerhalb der Stadt, sondern auch wegen des größern Raumes in demselben und der Möglichkeit, ihm eine bessere Einrichtung zu geben. Selbst das Spital zum heiligen Geist, ob es schon das einzige war, was den Namen einer öffentlichen Anstalt verdiente, war gleichwohl in mehreren Beziehungen sehr mangelhaft. Es war eigentlich kein Krankenhaus, sondern vielmehr eine Versorgungsanstalt für alte, arme und gebrechliche Leute, aber auch als ein solches ebensowenig seinem Zweck gemäß eingerichtet als zwei andere Versorgungshäuser, die Zwölfbrüder-Häuser genannt, weil in jedem derselben zwölf arme alte Bürger wohnten, welche darin verpflegt wurden.[235] Unter diesen Umständen war natürlicherweise das erste, worauf ich antrug, die gänzliche Auflösung jener drei Krankenhäuser und die baldige Herstellung entweder eines einzigen allgemeinen Krankenhauses oder mehrerer einzelner in andern dazu tauglichen Gebäuden und, was das Spital zum heiligen Geist betraf, eine bessere Organisation desselben als Versorgungsanstalt. Der Plan zu diesen Veränderungen wurde von mir entworfen und als zweckmäßig erkannt. Aber erstlich fehlte es zu seiner Ausführung an der Hauptsache, an Geld, und zweitens an Gebäuden, die zu Krankenhäusern hätten eingerichtet werden können. Die Ausführung des Plans wurde daher aufgeschoben, bis die Mittel dazu herbeigeschafft sein würden; allein dazu gehörte nicht nur Zeit, sondern ihre Herbeischaffung wurde auch auf manche andere Art verzögert, so daß nun nichts weiter zu tun war, als in den bestehen den Krankenhäusern zu verbessern, soviel als möglich war. Dies geschah nun allerdings; allein ein so beschränkter Wirkungskreis wie mein jetziger konnte mir natürlicherweise nicht gefallen, um so weniger, da ich mich ebensowenig als in Ansbach auch in Nürnberg auf eine Privatpraxis einzulassen Lust hatte. Ich erwartete daher mit Sehnsucht die bevorstehende neue Organisation des Königreiches, von welcher ich in jedem Fall eine Erweiterung meines Wirkungskreises hoffen durfte, und die Zwischenzeit benutzte ich teils zu wissenschaftlichen Studien, zu welchen mir zuvor nie so viel Muße geworden, teils zu Besuchen in Ansbach bei meinem Freund und Gönner, dem Grafen von Thürheim, wo ich oft mehrere Tage und einmal einen ganzen Monat, den ganzen Mai, in Triesdorf, wo er mit seiner Familie in den Sommermonaten wohnte, verweilte. Man kennt diesen schönen Landsitz des vormaligen Markgrafen von Ansbach. Die gräfliche Familie bewohnte das sogenannte Falkenhaus, weil es bequemer war als das Schloß. Die Witterung war vortrefflich, der herrliche Park gewährte die angenehmsten Spaziergänge, die Ausfahrten in die Umgegend boten die anmutigsten Aussichten, es kamen fast täglich Besuche von Ansbach, und die wechselnde Tischgesellschaft verschaffte die mannigfaltigste Unterhaltung. Fast alle Abende ging ich[236] mit dem Jäger des Grafen auf die Jagd in einem Eichenwald, wo es noch von den markgräflichen Zeiten her, als Überbleibsel der ehemaligen Falkenjagden, viele Reiher gab, deren mehrere ich mit einer Flinte schoß, welche mir der ins Triesdorf wohnende französische Oberst Gaston, der sie von seinem ehemaligen Unteroffizier, dem Marschall Bernadotte, zum Geschenk erhalten, geliehen hatte. Bernadotte diente nämlich als Unteroffizier in dem Regiment, dessen Oberst Gaston war. Gaston war ausgewandert, Bernadotte erhob sich in den Revolutionskriegen von einer Stufe zur andern, nach vielen Jahren kamen sie wieder in Ansbach, wo Bernadotte sein Hauptquartier hatte, zusammen, und unter den vielen Beweisen der Dankbarkeit, welche Bernadotte seinem vormaligen Vorgesetzten gab, war auch dieses ihm zum Andenken an jenes Verhältnis zum Geschenk gemachte Schießgewehr, ein Meisterstück der französischen Kunst. Solchergestalt brachte ich nun meine Tage, außer den wenigen, die ich meinen Berufsgeschäften zu widmen hatte, teils mit Studieren, teils in ergötzlichem Müßiggang zu bis zum Jahr 1808, wo das Königreich Bayern in fünfzehn Kreise eingeteilt und die Stadt Nürnberg zum Sitz einer Kreisregierung bestimmt wurde. Zum Generalkommissär des Pegnitzkreises wurde Graf von Thürheim ernannt, ich zum Kreismedizinalrat, und sobald die Regierung selbst im Gange war, wurde auch wieder an die Herstellung besserer Krankenanstalten gedacht. Um die dazu erforderlichen Mittel aufzubringen, wurden mehrere zu den Stiftungen für die Wohltätigkeit gehörigen Gebäude, wie z.B. die vier außerhalb der Stadt gelegenen, vormals für Pestkranke bestimmten sogenannten Siechkobel, verkauft; allein da ein großer Teil der daraus gelösten Gelder zur Zentral-Stiftungs-Administration in München eingeschickt werden mußte und schon im folgenden Jahr wieder ein neuer Krieg ausbrach, wo überhaupt an keine Unternehmung von Bedeutung zu denken war, so mußte die Herstellung besserer Krankenanstalten abermals verschoben werden, und zwar um so mehr, da die damals stattgehabte österreichische Invasion den Grafen von Thürheim nötigte,[237] seine Stelle mit dem Generalkommissär des Rezatkreises, Freiherrn von Lerchenfeld, zu vertauschen. Diese Invasion wurde bewerkstelligt von einem österreichischen Freikorps, welches den Abzug der Franzosen benutzte, die Stadt Nürnberg zu brandschatzen. Die Invasion war mehrere Tage, ehe sie stattfand, befürchtet, und um sie abzuwenden, sollten auf Befehl des Ministeriums die Nürnberger Bürger zur Verteidigung der Stadt aufgefordert werden. Allein die Nürnberger waren zu sehr österreichisch gesinnt, als daß man hätte erwarten können, sie würden der Aufforderung entsprechen. Nichtsdestoweniger gehorchte der Graf von Thürheim dem Befehl des Ministeriums. Er ließ die Nürnberger Bürger an einem öffentlichen Platz, der sogenannten Schütt, versammeln und hielt eine Rede an sie, worin er sie zur Verteidigung der Stadt gegen die Österreicher aufforderte. Die Nürnberger, die Österreicher mehr erwartend als fürchtend, gaben natürlich der Aufforderung kein Gehör. Schon voraus geneigt, an die Österreicher gegen die verhaßten Bayern sich anzuschließen, bedurften sie nur eines nähern Anlasses hiezu, und diesen gaben einige Ausdrücke in der Rede des Grafen von Thürheim, und namentlich, daß das österreichische Korps, welches die Stadt bedrohe, ein aus verdorbenen Handwerkern und anderm Lumpengesindel bestehendes Freikorps sei. Die Nürnberger hatten die Ausdrücke auf sich bezogen, waren höchst aufgebracht über den Grafen, der sich erfreche, honette Nürnberger verdorbene Handwerker und ein Lumpengesindel zu nennen, und warteten nur, um sich für diesen Schimpf an dem Grafen zu rächen, auf den Augenblick, wo die Österreicher ankommen würden. Das österreichische Korps rückte an, eine Menge Menschen zog ihm entgegen, sogar Frauenzimmer, von welchen mehrere ihre Blumensträuße überreichten, und kaum hatte dasselbe die Stadt besetzt, so wurde der Graf von Thürheim aufgesucht, aus dem Privathaus, in welches er sich zu seiner Sicherheit begeben, herausgetrieben, von einem Schwall von Gesindel durch die Straßen verfolgt, mit Füßen getreten, angespien, die Kordons von seinem Hut abgerissen, kurz, dergestalt mißhandelt, daß er wahrscheinlich umgekommen wäre,[238] wenn ihn nicht ein österreichischer Offizier vor weitern Mißhandlungen geschützt hatte. Gleichwohl bemächtigten sich die Österreicher seiner und noch einiger anderer bayerischer Staatsbeamten, sperrten sie als Gefangene in einen außerhalb der Stadt gelegenen Garten und führten sie als Geisel nach Bayreuth mit sich fort. Aber die Freude der Nürnberger dauerte nicht lange. Ein französisches Korps unter dem Kommando des Generals Laroche hatte die Österreicher bald vertrieben. Es kam zwischen den Franzosen und ihnen zu einer Affäre, und die in die Stadt eingebrachten Kanonen verkündigten den Sieg der Franzosen. So wurde es nun wieder ruhig in der Stadt, aber das Andenken an die österreichische Invasion blieb den Nürnbergern noch lang im Gedächtnis. Die Stadt mußte an die Österreicher eine Kontribution von fünfzigtausend Gulden bezahlen, welche noch jetzt unter dem Namen Vivatsteuer bekannt ist, und es war merkwürdig anzusehen, wie vor dem Rathaus ein dort versammelter Teil der Bürger die eingebrachten österreichischen Kanonen und ein anderer die Wagen betrachtete, auf welche die fünfzigtausend Gulden aufgepackt wurden. Am folgenden Tag war auch der General Laroche in der Stadt angekommen. Er hatte sich sogleich über das Nähere des Aufstandes erkundigt, um dem Kaiser umständlichen Bericht zu erstatten, und er war eben im Begriff, es zu tun, als ich ihn zufällig bei der in einem Garten außerhalb der Stadt wohnenden Gräfin von Thürheim antraf. Er war äußerst aufgebracht über das Betragen der Nürnberger, und man kann sich denken, was für einen Bericht er an den Kaiser gemacht haben würde, wenn ich nicht zufälligerweise mit ihm zusammengekommen wäre. Überzeugt, daß es bloß die Hefe des Volks war, welche sich bei dem Aufstand tätig erwies, daß kein rechtlicher Bürger teil daran genommen, gelang es mir, auch ihn davon zu überzeugen. Sein Bericht ward schonender für die Nürnberger verfaßt, als er anfangs willens war, und der Vorgang hatte keine weitere Folgen für die Stadt. Daß der Graf von Thürheim nach seiner Zurückkunft von Bayreuth, denn weiter war er von den Österreichern nicht fortgeführt worden, seine Stelle weder behalten wollte noch konnte,[239] ist einleuchtend. Er vertauschte sie mit dem Generalkommissär des Rezatkreises von Lerchenfeld. Diesen sah ich zum erstenmal in Nürnberg, aber ich war ihm schon empfohlen von dem Grafen von Thürheim, und ich fand bald an ihm einen Mann, der bei seinem regen Sinn für alles Gute und dem Eifer, mit welchem er dasselbe zu befördern suchte, auch der Krankenanstalten in Nürnberg sich tätig annehmen und die Ausführung meiner Plane zu einer bessern Einrichtung derselben auf alle Weise befördern würde. Aber dieselben Hindernisse, welche zur Zeit des Grafen von Thürheim vorhanden waren, bestanden auch jetzt noch. Es fehlte noch immer an der Hauptsache, an Geld, und die Ausführung mußte abermals bis auf bessere Zeiten verschoben werden. Mein ganzer Wirkungskreis blieb daher wie bisher auf meine Medizinalratsstelle eingeschränkt, und ob ich schon der einzige Medizinalrat bei der Regierung des Pegnitzkreises war und alle einem solchen obliegende Geschäfte zu besorgen hatte, so war es mir doch unangenehm, ihnen meine Tätigkeit allein zu widmen, zumal da mehrere darunter waren, deren Besorgung schon an sich nicht erfreulich war. Ich rechne dahin die gesetzliche Einführung der Schutzpockenimpfung und die Aufsicht über die aus den landärztlichen Schulen hervorgegangenen und auch in den Städten angestellten Landärzte. Die gesetzliche Einführung der Schutzpockenimpfung betreffend, so schien mir diese nicht nur ein unerlaubter Eingriff in die Personalrechte zu sein, sondern ich hielt sie auch für zu voreilig, weil ich glaubte, daß wenigstens ein Menschenalter dazu gehöre, ehe man von einer absoluten Schutzkraft der Kuhpockert gegen die Menschenpocken sprechen könne. Wirklich hat sich auch dieselbe in der Folge keineswegs so absolut erwiesen, als man anfangs glaubte und behauptete. Eine Menge vakzinierter Individuen hat Menschenpocken bekommen, die man zwar nicht für wahre Menschenpocken hat anerkennen wollen und daher zum Unterschied von diesen Varioloiden genannt hat, die aber doch wahre Menschenpocken (Variolen) sind, nur milder gemacht durch die vorhergegangene Impfung mit Kuhpockengift. So war es also klar, daß die Kuhpocken nicht absolut vor den Menschenpocken[240] schützen; aber ebendiese mildere Beschaffenheit der Menschenpocken ist, da sie sich nur bei vakzinierten Individuen zeigt, ein entscheidender Beweis für die Schutzkraft der Kuhpocken, und wenn irgend die gesetzliche Einführung der Schutzpockenimpfung gerechtfertigt werden kann, so war es jetzt erst, früher war dieselbe offenbar zu voreilig. ? Aber nicht minder als diese Voreiligkeit war auch die Strenge zu tadeln, mit welcher das Impfgeschäft getrieben werden mußte, der lächerlichen Zumutung, daß die Impfärzte sich für die Sicherheit der Vakzinierten vor den Menschenpocken verbürgen sollten, nicht zu gedenken. Wäre ich bei der Beratung des Schutzpockengesetzes Mitglied des Obermedizinalkollegiums in München gewesen, so wäre dasselbe wenigstens in der Form, in welcher es erschien, nicht durchgegangen. Aber als Kreismedizinalrat mußte ich tun, was mir von der Regierung befohlen war, und meine Pflicht forderte, ohne Widerrede zu gehorchen. Auf eine gleich passive Weise mußte ich mich auch in Rücksicht auf die Landärzte verhalten, deren nicht wenige auch in den Städten angestellt worden, obschon dies eine contradictio in adjecto ist. Was gegen die landärztlichen Schulen überhaupt von Ackermann und noch vielen andern Ärzten von Bedeutung gesagt worden, ist bekannt, und was die Universalärzte, die von ihnen ausgegangen ? denn, obschon ohne Doktorhut, sind die Landärzte Ärzte, Chirurgen, Geburtshelfer, Apotheker in einer Person ?, bei aller Seichtheit ihrer Kenntnisse für arrogante, bei aller Beschränkung ihres Wirkungskreises für verwegene, bei aller Subordination unter die wissenschaftlich gebildeten Ärzte für anmaßende Subjekte, wenigstens ihrer größern Anzahl nach, geworden sind, sieht man auch jetzt noch, sowohl in den Städten als auf dem Lande. Aber sie waren nun einmal da, man konnte nichts tun, als sie absterben lassen, und es macht der bayerischen Regierung Ehre, daß sie die landärztlichen Schulen wieder aufgehoben hat, wozu auch ich mir schmeicheln darf, etwas beigetragen zu haben, indem ich später den Grafen von Thürheim als Minister des Innern auf die Unstatthaftigkeit dieser Schulen aufmerksam machte. Die Stelle eines Kreismedizinalrats ist zwar eine angesehene[241] Stelle, denn die Medizinalräte haben mit den Regierungsräten gleichen Rang. Aber so wie die Regierungen selbst mehr vollziehende als beratende Behörden sind, indem alle Verordnungen über wichtigere Gegenstände von den höhern Behörden ausgehen, so ist dies auch der Fall mit den Medizinalräten. Sie haben in medizinischen Angelegenheiten bloß zu begutachten, wie die auf den Antrag der obersten Medizinalbehörde von dem Ministerium erlassenen Verordnungen auszuführen seien, und sie mögen von der Zweckmäßigkeit und Ausführbarkeit derselben denken, wie sie wollen, so dürfen sie sich darüber nicht aussprechen. Daß auch in medizinischen Angelegenheiten allgemeine Verordnungen nur von der obersten Staatsbehörde ausgehen, ist Natur der Sache; aber es ist ein großer Fehler, daß diese Verordnungen, statt ganz allgemein zu sein, auch zugleich ins Detail gehen und auch in Rücksicht auf die einzelnen Bestimmungen eine in allen Kreisen gleich genaue Befolgung derselben den Regierungen zur Pflicht machen. Nun sind aber die Kreise, in welche das Reich eingeteilt ist, wie ihrer geographischen Lage nach auch in Rücksicht auf ihre anderweitigen Verhältnisse sehr verschieden, und es können daher von den obersten Staatsbehörden keine andere Verordnungen erlassen werden als ganz allgemeine, weil ihre Ausführung nach den besondern Verhältnissen jedes einzelnen Kreises modifiziert werden muß. Müssen die Kreisregierungen die von den obersten Staatsbehörden ausgehenden Verordnungen auch nach allen ihren einzelnen Bestimmungen ausführen, so finden sich überall Schwierigkeiten, und weil die Kreisregierungen die Verordnungen nicht eigenmächtig modifizieren dürfen, so muß immer einer von zwei Fällen eintreten: entweder müssen die Regierungen, um nichts Ungeschicktes zu verfügen, dieselben gleichwohl eigenmächtig modifizieren, oder sie müssen ihre durch die leidigen Vielschreibereien ohnehin so beschränkte Zeit mit endlosen Anfragen und Einholung neuer Instruktionen verlieren, die nicht selten ebensowenig passen als die Verordnungen selbst. Alles dies gilt insbesondere von den Verordnungen, welche das Medizinalwesen in den Kreisen betreffen. Auch diese müssen,[242] wenn sie ihren Zweck erreichen sollen, ganz allgemein sein. Auch sie müssen nach den besondere Verhältnissen der einzelnen Kreise modifiziert werden, und diese Modifikationen den Kreisregierungen anzugeben, muß den Kreismedizinalräten übertragen werden, gewiß eine ungleich würdigere Aufgabe für sie, als die Verordnungen an die Landgerichtsärzte auszuschreiben und über ihre Befolgung zu wachen. Bestände in München ein Obermedizinalkollegium, welches nicht bloß aus Münchner Ärzten zusammengesetzt wäre, sondern auch Ärzte aus den Provinzen zu Mitgliedern hätte, so würde die Sache ganz anders sein. Die von demselben beantragten Medizinalverordnungen würden nicht bloß auf die Verhältnisse des Isarkreises und überhaupt Altbayerns berechnet und eben deswegen auch in allen Kreisen ausführbar sein, was jetzt bei den so verschiedenen Verhältnissen in den Kreisen unmöglich der Fall sein kann. So würden zuverlässig in Bayern keine landärztlichen Schulen eingerichtet worden sein, wenn die Herren Obermedizinalräte Haberl und Jacobi bedacht hätten, daß die Landchirurgen nicht überall so sind wie in Altbayern. Nur in Altbayern war es notwendig, für das Landvolk durch Anstellung besserer Subjekte zu sorgen; in den andern Kreisen war es an manchen Orten mit ungleich bessern Barbiern und Badern versehen, als die Landärzte waren, von denen sie verdrungen wurden oder wenigstens verdrungen werden sollten. Aber das ist noch nicht alles. Die Verordnungen, welche auf Antrag der obersten Medizinalbehörde an die Kreisregierungen ergehen, sind nicht allein zu speziell, sondern sie haben auch noch den Fehler, daß sie auch in Rücksicht auf die einzelnen Bestimmungen auf das strengste befolgt werden müssen. So enthielt z.B. das Schutzpocken-Gesetz unter andern einzelnen Bestimmungen auch die, daß die Impfärzte bei jedem einzelnen Individuen auch die Beschaffenheit der Pocken, nicht allein ihrer Zahl, sondern auch ihrer Form nach, in ihren Tabellen angeben sollten. Allerdings taten dies die meisten, andere aber, die es nicht für nötig hielten, taten es nicht, sie schrieben in ihren Tabellen bloß: echte Pocken, schöne Pocken etc. Dies war nun gegen das Gesetz, sie wurden für strafbar erkannt,[243] und wenn es zum zweitenmal geschah, die gesetzliche Strafe wirklich ausgesprochen. So sollte deshalb der D. Eichhorn in Nürnberg gestraft werden und wurde nur dadurch von der Strafe befreit, daß ich dagegen berichtete, dieser D. Eichhorn sei ein alter praktischer Arzt, der sich nicht mehr in die neuen Formen zu finden wisse, auch sei er derjenige, der sich vor allen andern Nürnberger Ärzten um die Einführung der Schutzpocken verdient gemacht habe, und es würde höchst auffallend sein, ihn wegen Nichtbeobachtung einer bloßen Formalität zu strafen. Sollen Verordnungen in medizinischen Angelegenheiten gegeben werden, so müssen sie auch ausführbar sein; sind sie es nicht, so werden sie entweder nicht befolgt, oder wenn sie befolgt werden, so erreichen sie nicht nur ihren Zweck nicht, sondern sie sind ihm vielmehr hinderlich. Nichts ist leichter, als Verordnungen zu erlassen, aber es ist nicht genug, daß sie auf dem Papier stehen, sie müssen auch ausführbar sein. Aber es scheint, daß dies oft das wenigste ist, um was sich die höhern Behörden, von welchen sie ausgehen, bekümmern, obschon sie nach der Art aller strengen Regenten, denen es mehr um das Befehlen als um die Sache zu tun ist, die oft heilsame Nichtbefolgung derselben, wenn nicht wirklich bestrafen, doch in den derbsten Ausdrücken in ihren Reskripten rügen. Diese Erfahrungen habe ich als Medizinalrat vielfältig gemacht, und man kann sich leicht denken, daß sie keineswegs geeignet waren, mir meine Stelle angenehm zu machen. Indessen bekleidete ich dieselbe meinen Pflichten gemäß und suchte soviel Gutes zu bewirken, als ich nach der Lage der Umstände konnte. Aber mein Hauptstreben ging immer auf die Ausführung meiner Plane hinsichtlich der Krankenanstalten, das sollte das Hauptverdienst sein, welches ich mir in Nürnberg erwerben wollte, und es ist nicht meine Schuld, daß es mir bis auf den Augenblick, wo ich dieses schreibe, nicht gelungen ist. Aller wiederholten Anregungen ungeachtet blieb es immer beim alten. Es wurden mir immer wieder dieselben Schwierigkeiten entgegengestellt, und so dauerte es fort bis ins Jahr 1811, wo wiederum eine neue Kreiseinteilung vorgenommen, der Pegnitzkreis aufgehoben und in Nürnberg ein eigenes[244] Lokalkommissariat angeordnet wurde. Zum Chef des Kommissariats wurde der bei dem aufgehobenen Pegnitzkreis angestellt gewesene Finanzdirektor von Kraker ernannt, und ich sollte als Medizinalrat bei der Regierung des Obermainkreises in Bayreuth angestellt werden. Insofern ich in Bayreuth mit dem zum Generalkommissär des Obermainkreises ernannten Grafen von Thürheim wieder zusammengekommen wäre, würde mir diese Anstellung allerdings die angenehmste gewesen sein, und ich weiß, daß dies auch der Hauptgrund war, warum der Minister von Montgelas bei dem König auf meine Versetzung dahin antragen wollte, er wollte mir und dem Grafen von Thürheim eine Gefälligkeit erweisen, wie er mir selbst sagte. Allein da auch dem Kommissariat in Nürnberg neben zwei andern Räten auch ein Medizinalrat beigegeben werden sollte, so sah ich nicht ein, warum ich meine Stelle ohne weitere Vorteile gegen eine andere vertauschen sollte, auch lagen mir mehrere meiner Freunde in Nürnberg an, doch ja nicht von Nürnberg wegzugehen, und rieten mir so lange und so nachdrücklich zu, nach München zu reisen und dort meine Versetzung nach Bayreuth zu hintertreiben, daß ich nicht umhinkonnte, mich zu dieser Reise zu entschließen. Bei meiner Ankunft in München fehlte zur Verwirklichung meiner Versetzung nach Bayreuth nur noch die Unterschrift des Königs. Aber der Minister gab meinen Gründen dagegen Gehör; es wurde ein anderer als Medizinalrat in Bayreuth angestellt, und ich blieb in Nürnberg. Amazon.de Widgets Mein damaliger Aufenthalt in München dauerte zwar nur einige Tage, aber er war mir in doppelter Rücksicht erfreulich, erstlich weil ich den Zweck mei ner Reise erreicht hatte, und zweitens weil ich nicht nur das Glück hatte, den König zu sprechen, welcher sich meiner von Würzburg her auf das gnädigste erinnerte, sondern auch weil ich meine alten Freunde und Gönner wiedersah und einige sehr interessante neue Bekanntschaften machte, namentlich mit dem berühmten Präsidenten der Akademie der Wissenschaften Jacobi, seinem Sohn, dem Obermedizinalrat Jacobi, und dessen schönen und geistreichen Frau, der Tochter des allbekannten Wandsbecker Boten,[245] des kindlichen, liebenswürdigen Claudius, und mit dem großen Anatomen Sömmerring, den ich zum erstenmal in dem Jacobischen Hause sah. Er war abends in einer zahlreichen Gesellschaft, die Gesellschaft blieb spät bis in die Nacht beisammen, Sömmerring und ich verließen die Gesellschaft zugleich, und weil ich fürchtete, ich würde den Weg zu meinem Gasthof nicht allein finden können, so bot er sich an, mich zu begleiten. Er brachte mich richtig an meinen Gasthof, aber er selbst verirrte sich beim Nachhausegehen in eine Nebengasse und mußte zu seiner eigenen Wohnung durch einen Fremden geführt werden ? ein Vorfall, der uns bei unserer nächsten Zusammenkunft viel Spaß machte. Meines Bleibens in Nürnberg nun gewiß, machte ich die Ausführung meiner Pläne hinsichtlich der Krankenanstalten wieder zu meiner Hauptangelegenheit, und ich konnte dieselbe um so mehr hoffen, da nicht allein der Kommissär selbst, sondern auch der Stiftungsadministrator Bock auf das willfährigste dazu die Hände boten. Allein beide konnten bei dem besten Willen vorderhand nicht mehr tun, als was die Umstände erlaubten. Um eine durchgreifende Reform der Krankenanstalten vorzunehmen, fehlte es wie früher auch jetzt an den erforderlichen Mitteln, und alles, was geschehen konnte, war, daß in dem Spital zum heiligen Geist ein großer geräumiger Boden zu Krankenzimmern eingerichtet und zur Bestreitung der Kosten der Erlös aus allerlei entbehrlichen Sachen verwendet wurde. Die Sachen wurden gut verkauft, die Einrichtung des Bodens zu Krankenzimmern wurde vorgenommen, der Raum reichte zu zehn Zimmern, in denen überhaupt fünfzig Kranke Platz hatten, und schon im Frühjahr 1813 konnten dieselben bezogen werden. So hatte nun die Stadt eine Krankenanstalt, welche vorderhand wenigstens das dringendste Bedürfnis befriedigte, die erbärmliche Hundert-Suppen-Anstalt und das gleich erbärmliche Schau- oder Schauerhaus entbehrlich machte und eine zweckmäßigere Einrichtung des St.-Sebastian-Spitals gestattete. Sobald nämlich die neue Krankenanstalt fertig war, so wurden jene zwei Krankenhäuser geräumt, die heilbaren Kranken wurden in die neue Anstalt aufgenommen, die unheilbaren[246] in das St.-Sebastian-Spital versetzt, welches zuvor ebenfalls eine bessere Einrichtung erhalten hatte. Zugleich wurde auch die Besorgung der hausarmen Kranken, welche in ihren Wohnungen auf öffentliche Kosten behandelt wurden und auch jetzt noch einen Hauptteil der Armenkrankenpflege in Nürnberg ausmachen, verbessert, statt eines einzigen Armenarztes wurden mehrere angestellt, die Besoldung der Armenärzte wurde fixiert und überhaupt mehr Ordnung in diesen wichtigen Teil der Armenkrankenpflege gebracht. Indessen waren alle diese Anordnungen bloß provisorisch, es sollte dadurch bloß den dringendsten Bedürfnissen abgeholfen werden, und der Plan zu einer umfassenden und durchgreifenden Reform der gesamten Versorgungs- und Krankenanstalten war keineswegs aufgegeben. Im Gegenteil wurden nicht nur von Seite des Kommissariats, sondern auch vorzüglich von dem Stiftungsadministrator Bock solche Vorkehrungen dazu getroffen, daß kaum an der Realisierung des Plans zu zweifeln war. Aber nun brach wieder ein neuer Krieg aus, der französischrussische. Dieser neue Krieg und die im Jahr 1816?1817 eingetretene Teuerung machten die Ausführung des Plans abermals unmöglich. So sehr mir derselbe auch am Herzen lag, so fügte ich mich doch in der Hoffnung auf bessere Zeiten in diese abermalige Verzögerung mit Geduld, um so mehr, weil ich mir teils durch die Übernahme der ärztlichen Besorgung der neuen Krankenanstalt, teils durch die Erweiterung meiner Privatpraxis meinen Wirkungskreis auf eine meiner Neigung gemäße Art erweitert hatte. In den ersten Jahren meines Aufenthalts in Nürnberg hatte ich mich nämlich auf keine Privatpraxis eingelassen, und ich konnte es auch nicht wohl tun, weil ich voraussah, daß ich als Dirigent der nach meinem Plan eingerichteten Versorgungs- und Krankenanstalten genug zu tun haben würde, um noch zu andern Beschäftigungen als zu meinen amtlichen Zeit übrig zu haben. Allein teils die von mehreren Seiten her an mich ergangenen Aufforderungen zur Privatpraxis, teils die aufs neue wieder in eine ungewisse Ferne hinausgerückte Ausführung meines Plans bewogen mich endlich, meine Privatpraxis weiter auszudehnen, als ich anfangs willens war, und[247] wenn ich die Zeitumstände hätte benutzen wollen, so hätte ich ohne Zweifel der beschäftigteste Arzt in Nürnberg werden können. Die angesehensten und gesuchtesten Ärzte waren nämlich größtenteils betagte Männer, denen die Praxis beschwerlich zu werden angefangen hatte, einige hörten zu praktizieren auf, andere wurden kränklich, einer starb nach dem andern weg, und von den jüngern, die an ihre Stelle traten, hatte ich nichts zu fürchten. Allein ich hatte nie im Sinn, meine Praxis sehr weit auszudehnen, nicht allein weil ich die öffentlichen Krankenanstalten als den Hauptgegenstand meiner Tätigkeit immer vor Augen hatte, sondern auch weil mir die Stellung nicht gefiel, in welcher die Ärzte zu dem Publikum standen. Nürnberg ist eine Handelstadt, und wie in allen Handelstädten das Geld die Hauptsache ist, so ist dies auch in Nürnberg nicht anders. Man läßt den Arzt rufen, wenn man ihn braucht, und hat man ihn für seine Dienste abgelohnt, so glaubt man, ihm nichts weiter schuldig zu sein, oder wenn man ihm ein jährliches Honorar bezahlt, so erwartet man, daß er es durch öftere Besuche abverdiene, wenn auch niemand im Hause krank ist, und sieht ihn ebenso für einen Lohnbedienten an wie einen Handlungskommis. Freilich denken nicht alle Kaufleute so, es gibt ihrer mehrere, die ihren Arzt auch als ihren Hausfreund betrachten, aber diese machen nur die Ausnahme von der Regel. Die Mehrzahl benimmt sich, wie ich gesagt habe, und da der Handelstand den Ton in der Stadt angibt, so folgen mehr oder weniger auch die andern Bürgerklassen seinem Beispiel. Sowohl in Würzburg als in Ludwigsburg hatte ich ein anderes Verhältnis der Ärzte zu dem Publikum gesehen, und ich konnte daher das praktische Leben in Nürnberg nicht erfreulich finden. Dies war schon zu Anfang der Fall, in der Folge war er es noch mehr, da nicht nur der jüngeren Ärzte immer mehrere wurden, sondern auch die Landärzte in der Stadt ihr Wesen zu treiben anfingen. Jene mußten von dem Ertrag ihrer Praxis leben, und um die Gunst des Publikums zu gewinnen, waren sie genötigt, demselben ganz zu Gefallen zu leben. Sie hofierten daher nicht nur dem Handelstand als seine gehorsame Diener, sondern sie schmeichelten auch den[248] andern Bürgerklassen, indem sie auch ihren übertriebensten und törichtsten Anforderungen zu entsprechen suchten. Auf eine solche Art mich bei dem Publikum in Gunst zu setzen, war mir unmöglich, und es ist daher ganz natürlich, daß ich, wenn ich es auch gewünscht hätte, nie zu einer sehr ausgebreiteten Praxis in Nürnberg gekommen wäre. Die Masse des Publikums würde sich weit eher an die gefälligern jüngern Ärzte als an den minder gefälligen, seine Würde behauptenden, ältern Arzt gehalten haben. ? Aber noch mehr als dieses notgedrungene knechtische Betragen der meisten jüngern Ärzte verleideten mir die Praxis in Nürnberg die in der Stadt angestellten Landärzte. Nach ihrer Instruktion sollten sie zwar mehr Chirurgen als Ärzte sein, sie sollten sich nur mit Behandlung innerlicher Krankheiten leichterer Art befassen und in schwerern Fällen ungesäumt einen wissenschaftlich gebildeten Arzt zu Hülfe rufen. Allein wie sie sich gleich diesen Doktoren nennen ließen, so wollten sie ihnen auch in der Ausübung ihrer Kunst nicht nachstehen, und so wie sie solchergestalt sich selbst als Kollegen derselben ansahen, so sah sie auch ein großer Teil des Publikums dafür an, ja vielen, besonders aus den geringern Volksklassen, war ein Landarzt lieber als ein wissenschaftlich gebildeter Arzt, teils weil er ihnen an Sitten gleicher war, teils weil sie ihm für seine Dienstleistungen, welche sie mit Recht als Dienste eines Handwerkers ansahen, weniger bezahlen durften. Weit entfernt also, bei dieser Herabwürdigung des ärztlichen Standes nach einer ausgebreiteten Praxis zu streben, war ich froh, daß es mir die Lage der Dinge selbst verbot, und wirklich schon aus Scham, für einen Kollegen der Landärzte angesehen zu sein, würde ich meine Praxis ganz aufgegeben haben, wenn sich mir eine schickliche Gelegenheit dazu dargeboten hätte. Diese Gelegenheit schien sich mir wirklich darzubieten, da jetzt der Zeitpunkt herangekommen zu sein schien, wo ich an der Ausführung meines Plans zur Verbesserung der öffentlichen Krankenanstalten nicht mehr zweifeln zu dürfen glaubte. Der Krieg war nämlich geendigt, der Friede geschlossen, die deutschen Fürsten hatten versprochen, ihren Ländern zeitgemäße[249] Konstitutionen zu geben, und der König von Bayern war einer der ersten, der es tat. Im Mai 1818 wurde die Konstitution promulgiert. Die Freude im Königreich war allgemein, besonders in Nürnberg, weil man hoffte, daß durch Einsetzung eines potenten Magistrats die vormalige Herrlichkeit der Stadt wiederhergestellt werden würde. Allerdings hatte Nürnberg durch die Konstitution sehr viel gewonnen, nicht nur an Selbstmacht, sondern auch an Einkünften. Die Befugnis, das Bestehende überall, wo es nötig schien, zu verbessern, allen Bedürfnissen durch neue zweckmäßige Einrichtungen abzuhelfen, ward dem Magistrat durch die Konstitution erteilt. Ich glaubte nun, daß auch vorzüglich den Versorgungs- und Krankenanstalten ein neuer Glücksstern aufgegangen sei, und da ich sah, mit welchem Eifer schon der zuerst eingesetzte Magistrat von jener Befugnis Gebrauch machte, was er zur Verbesserung des Schulwesens, zur Reinigung der Straßen und Brunnen, ja selbst zur Verschönerung der Stadt und ihrer Umgebungen durch Anlegung von Alleen etc. tat, so konnte ich nicht zweifeln, daß er auch ein vorzügliches Augenmerk auf die Verbesserung der Versorgungs- und Krankenanstalten richten würde. Allein ich betrog mich in meiner Erwartung. Das Bedürfnis besserer und umfassenderer Versorgungs- und Krankenanstalten wuchs aber mit jedem Tage im Jahre, und ich sah mich daher genötiget, meine Anträge zu ihrer Verbesserung nicht nur von Zeit zu Zeit zu wiederholen, sondern ihnen auch mehr Nachdruck zu geben. Dennoch ging ein Jahr nach dem andern hin, bis im Jahr 1824 der Kaufmann Scharrer zum zweiten Bürgermeister gewählt wurde. Dieser ebenso tätige als einsichtsvolle Mann hatte schon als Magistratsrat die Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform der Versorgungs- und Krankenanstalten erkannt, er machte dieselbe gleich nach dem Antritt seines Bürgermeisteramts zu einem Hauptgegenstand seiner Tätigkeit und arbeitete gemeinschaftlich mit mir den Plan zu derselben aus. Einverstanden mit mir, daß vor allem die Herstellung eines allgemeinen Krankenhauses nötig sei, wurde ein Platz außerhalb der Stadt dazu ausersehen, der Platz von dem sich für alle das Gemeinwohl der Stadt betreffende[250] Anstalten tätig interessierenden Marktvorsteher Platner aus eigenen Mitteln erkauft, von dem Bauinspektor Schmidtner der Riß zu dem Gebäude nach meiner Angabe verfertigt, die Kosten des Gebäudes, seiner Einrichtung und Unterhaltung von dem Bürgermeister Scharrer berechnet und die Mittel zu seine Dotierung angegeben. Wäre Scharrer Bürgermeister geblieben, so wäre zuverlässig der Plan ausgeführt worden, denn wie zu so vielem andern, was während seines Bürgermeisteramts trotz aller ihm in Weg gelegter Hindernisse zustande gekommen, war er auch dazu der Mann. Aber nachdem die sechs Jahre, auf die er gewählt worden, vorüber waren kam ein anderer an seine Stelle, und sowie dieser eingetreten, war auch von Erbauung eines Krankenhauses keine Rede mehr. Die Schuld, daß es an Geld zur Erbauung eines Krankenhauses fehlte, lag nicht an der Unzulänglichkeit der Renten der Stiftungen, sondern an der Art ihrer Verwendung zu Almosen. Allerdings hat in neuern Zeiten die Armut in Nürnberg bedeutend zugenommen; allein, genau betrachtet, nicht sowohl die Armut als vielmehr die Armen, und die Ursache dieser Zunahme der Armen liegt ohne Zweifel in der Fehlerhaftigkeit der öffentlichen Armenpflege. Die Hauptaufgabe einer guten Armenpflege ist, die Zahl der Armen zu vermindern, und diese Aufgabe kann nur gelöst werden durch Herstellung öffentlicher Beschäftigungsanstalten, die aber nicht zugleich Strafanstalten sein dürfen wie die in Nürnberg bestehende. Sie müssen reine Beschäftigungsanstalten sein, in welchen jeder, der arbeiten will, auch Arbeit findet und sich nicht schämen darf, in sie aufgenommen zu werden. Nur Arme, die durch ihre Arbeit nicht so viel erwerben können, als sie zur notdürftigen Erhaltung ihrer Familien bedürfen, haben gerechten Anspruch auf Unterstützung durch Almosen, so wie diejenigen, die gar nicht mehr arbeiten können, zur Aufnahme in eine öffentliche Versorgungsanstalt. Almosen an Müßiggänger und aus Mitleiden an Scheinarme gegeben, die sie ertrotzen oder durch ihre Wehklagen erschleichen, helfen der Armut nicht ab, sie dienen vielmehr, die Zahl der Armen zu vermehren, und wenn man mir von täglicher Zunahme der Armut in Nürnberg[251] sprach, so war ich immer der Meinung, daß die Rede bloß von Zunahme der Armen, nicht der Armut, sein könne. Bei der täglich höher gesteigerten Industrie in der Stadt und dem täglich sich vermehrenden Verkehr kann es unmöglich viele geben, die nicht Arbeit finden, wenn sie arbeiten wollen, und um die wahrhaft Armen von den scheinbar Armen zu unterscheiden, ist vor allen Dingen eine genaue Armenkonskription nötig. Solange eine solche nicht hergestellt ist, nützt auch der zahlreichste Armenpflegschaftsrat nichts, weil es ihm an der Grundlage fehlt, worauf er sein Urteil über die Bedürftigkeit der um Almosen Bittenden bauen muß; im Gegenteil, je zahlreicher er ist, desto schlimmer ist es, weil in Ermangelung jener Grundlage das meiste von der Gunst der Armenpflegschaftsräte abhängt, welche, wie die Erfahrung lehrt, sehr oft Leuten zugewendet wird, die gar nicht zu den Armen gehören und das ihnen gereichte Almosen den Bier-und Branntweinwirten, den Lottokollekteuren, ja sogar dem Theaterkassier zutragen. Daß ich bei der täglich zunehmenden Unzulänglichkeit der bestehenden Versorgungs- und Krankenanstalten meine Anträge, da sie bei dem Magistrat nichts fruchteten, um so öfter und nachdrücklicher an die Kreisregierung gemacht, brauche ich ebensowenig zu sagen, als daß auf jeden meiner Berichte die Regierung den Magistrat nachdrücklich zur möglichst baldigen Herstellung des fraglichen neuen Krankenhauses aufgefordert habe. Aber auch diese Aufforderungen von Seite der Kreisregierung fruchteten nichts, der alte Grund, daß es an Geld fehle, wurde jederzeit wieder aufs neue hervorgehoben, und das einzige, was geschah, war, daß man jetzt etwas ernstlicher die Wege aufzusuchen anfing, auf welchen dasselbe herbeizuschaffen sein möchte. ? So stand es am Schlusse des Jahres 1835, als wieder ein neuer zweiter Bürgermeister gewählt wurde. Die Wahl fiel auf einen Mann, zu welchem wie die ganze Stadt auch ich das größte Zutrauen hatte. Es war der zeitherige Marktvorsteher Johann Merkel, der würdige Sohn des ersten Marktvorstehers und Assessors beim königlichen Handelsappellationsgericht Johann Wolfgang Merkel, dessen ich schon früher erwähnte und von dem ich in der Folge noch[252] ausführlicher sprechen werde ? ein ebenso kenntnisreicher und tätiger als rechtschaffner Mann. Schon als Vorstand des Kollegiums der Gemeindebevollmächtigten hatte er sich der städtischen Versorgungs- und Krankenanstalten bei jeder Gelegenheit angenommen, und ich konnte daher mit Zuversicht von ihm erwarten, daß er als Bürgermeister vollenden werde, was sein früherer Vorgänger Scharrer so rühmlich begonnen hatte. Ich hatte bereits mein siebenundsiebenzigstes Lebensjahr zurückgelegt und hätte wohl noch vor meinem Tode ein Werk ausgeführt sehen mögen, das mir mehr als alles andere am Herzen lag und dem zulieb ich von keiner Gelegenheit, meine Stelle mit einer andern, wenngleich vorteilhaftern und ehrenvollern, zu vertauschen, Gebrauch machte. Ich hätte Kreismedizinalrat in Bayreuth, Direktor der Krankenanstalten in Bamberg, Mitglied des Obermedizinalkollegiums in München werden können; aber ich hatte meine Stelle in Nürnberg vorgezogen, und nur die Aussicht auf baldige Herstellung eines allgemeinen Krankenhauses und die dadurch möglich gemachte bessere Organisation des Spitals zum heiligen Geist als Versorgungsanstalt ließ es mich, ungeachtet der Verzögerung von einem Jahr zum andern, nicht bereuen, der Stadt jene Opfer gebracht zu haben. Aber es ist nun Zeit, daß ich auch etwas von meinem geselligen und häuslichen Leben in Nürnberg sage, und billig spreche ich auch hier wieder zuerst von meinem häuslichen. Meine Frau war bald in Nürnberg eingewohnt, sie war froh, wieder in einer größern Stadt zu leben, und die freundschaftlichen Verhältnisse, in welche sie nach und nach mit mehrern Familien geriet, machten ihr den Aufenthalt in derselben je länger, je angenehmer. Meine Tochter war bereits herangewachsen und die Zeit näher gekommen, wo wir sie an einen wackern Mann verheuratet wünschten. Diesen fanden wir in dem königlichen Oberpostamtssekretär Hänlein, einem wohlgestalteten, braven und tüchtigen jungen Mann aus einer der angesehensten Familien in Ansbach, und wir hatten keine Ursache, es zu bereuen, daß wir ihm unsere einzige Tochter zur Frau gegeben hatten. Allein er bekam an ihr auch eine Frau,[253] welche von ihrer Mutter zu einer tüchtigen Hausfrau gebildet worden. Die Frucht ihrer Ehe waren drei Mädchen, gesund, wohlgebildet, begabt mit vielversprechenden Fähigkeiten. Sie wuchsen freudig heran, und sie so gedeihend und jugendlich heiter um mich zu sehen, ist die schönste Freude meines Alters und macht mich selbst wieder jung. Weniger Erfreuliches kann ich leider von meinem Sohn sagen. Er war jünger als meine Tochter, als Kind ebenso gut geartet wie sie und als Knabe wegen der ausgezeichneten Fähigkeiten, die er verriet, ebenso vielversprechend als durch seine Wohlgestalt sich empfehlend. Er sollte Jurisprudenz studieren, und nachdem er die Gymnasialstudien vollendet hatte, begab er sich auf die Universität zu Altdorf. Hier gehörte er nach dem einstimmigen Zeugnis seiner Lehrer zu den fähigsten, fleißigsten und wohlgesittetsten Studenten, ja er wurde von denselben als Muster für die andern aufgestellt. Allein im Jahr 1809 wurde die dortige Universität aufgehoben, mein Sohn bezog mit andern daselbst Studierenden die Universität Erlangen, und mit der Veränderung des Orts wurde er ein ganz anderer Mensch. Er geriet in schlechte Gesellschaften, gewöhnte sich das Trinken an, machte Schulden, und ob er schon seine Kollegien fleißig besuchte, kam er doch in seinen Studien nicht so weit vorwärts, als er bei seinen Fähigkeiten hätte kommen können. Ich hatte von dem wüsten Leben, dem er sich ergeben, lange nichts erfahren, ich hörte bloß zufällig davon, und man kann sich leicht denken, daß ich ihm darüber die ernstesten eindringendsten Vorstellungen machte. Betroffen von diesen Vorstellungen bezeigte er nicht nur Reue wegen des Vergangenen, sondern er klagte sich darüber auch selbst an und versprach mit Tränen, dem unseligen Hang zu entsagen. Allein dieser Hang war bereits zu tief bei ihm eingewurzelt, als daß er hätte Wort halten können, auch blieb er seinen bisherigen schlechten Gesellschaften, die seine Gutmütigkeit oder vielmehr seinen Leichtsinn, je länger, je mehr mißbrauchten, zu getreu, als daß ihn bessere Gesellschaften hätten anziehen können. Alles, was er über sich vermochte, war, daß er sich mehr zu Hause hielt, die Bierhäuser etwas seltener besuchte[254] und fleißiger studierte; seine Neigung zum Trinken ganz zu bezwingen vermochte er nicht, weder auf der Universität noch während seiner nachherigen verschiedenen Anstellungen im Staatsdienst. Bei seiner guten Konstitution hatte diese Leidenschaft lange keinen nachteiligen Einfluß auf seine Gesundheit, auch betrieb er seine Amtsgeschäfte dabei zwar lässiger, aber doch so, daß ihm keine Versäumnis zur Last gelegt werden konnte, weil seine Talente seine Lässigkeit vergüteten. Allein um so stärker zeigte sich späterhin die verderbliche Wirkung derselben. Er fing an Blut auszuhusten, die Anfälle von Bluthusten kämen öfter und stärker, und die Folge war eine unheilbare Lungenschwindsucht, an welcher er im September 1825 starb, in einem Alter von fünfunddreißig Jahren. Wäre er in Erlangen geblieben, der er in Altdorf war, was hätte er bei seinen Talenten leisten können und was würde aus ihm geworden sein! Ich darf hieran nicht denken, ich muß vielmehr froh sein, daß er nicht länger gelebt hat, wenn ich bedenke, wozu ihn eine Leidenschaft, die er nicht mehr zu überwinden vermochte, hätte führen können. Es ist leicht zu erachten, daß ich in der langen Reihe von Jahren, welche ich in Nürnberg durchlebte, in manche Verbindungen gekommen bin, die mir das Leben daselbst interessant und angenehm machten. Zuerst erwähne ich hier die Verbindung, in welche ich als Mitglied der Regierung mit dem Generalkommissär Freiherrn von Lerchenfeld, dem Nachfolger des Grafen von Thürheim, den Direktoren von Hettersdorf und von Kracker und den Räten Cella, von Lochner und Freudel und bei der Finanzkammer mit den Räten Nagler, Roth und Lutz kam, vorzüglich aber des Wiederzusammentreffens mit meinem vormaligen Würzburger Kollegen und Freund Paulus, der als Schulrat bei der Regierung angestellt ward und an dessen Frau auch die meinige ihre alte, liebe Freundin wiedergefunden hatte. Nicht minder als die Mitglieder der Regierung gewann ich mir auch die meisten Professoren an dem Gymnasium, besonders den Rektor an demselben, den in der Folge als Professor der Philosophie in Berlin so berühmt gewordenen Hegel, und den Professor Heller, nachmaligen Professor in Erlangen,[255] und an der Realschule die Professoren Schweigger, Schubert, Pfaff etc. zu Freunden. Solange ich mit diesen Männern zusammenlebte, hatte ich die frohesten Tage in Nürnberg, und in so viele freundschaftliche Verbindungen ich auch in der Folge mit andern wackern Männern gekommen bin, so muß ich doch gestehen, daß ich dieser schönen Zeit noch immer mit Freude gedenke und schmerzlich bedaure, daß sie vorüber ist. Daß ich von den Ärzten in Nürnberg zuerst den D. Osterhausen kennenlernte, habe ich schon gesagt. Bald lernte ich auch die andern, Bayer, Weiß, Eurich, Riederer, Schadelock, Eichhorn und beide Preu, kennen. Ich fand an ihnen insgesamt tüchtige Ärzte und fleißige, tätige und größtenteils auch brave Männer; aber doch war mir Osterhausen immer der liebste, nicht weil ich ihn für den gelehrtesten der Nürnberger Ärzte halte, denn gelehrt kann jeder werden, der viel liest und fleißig studiert, sondern weil ich an ihm einen der besten Menschen kennenlernte, die mir je vorgekommen sind. Wir waren bald die besten Freunde zusammen, unsere Freundschaft besteht noch, und sie wird bestehen, solange wir leben. Nächst meinem Freund Osterhausen war mir der liebste Eurich, ein ebenso braver Mann als ein tüchtiger und, was so selten ist, eine selbstdenkender Arzt. Das letztere war auch der jüngere Preu, der als Stadtgerichtsarzt in Nürnberg starb, ein ausgezeichnet guter und mit vielen Kenntnissen ausgerüsteter Kopf. Mit den übrigen Ärzten kam ich weniger in Berührung, und es bildete sich daher auch kein näheres freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen und mir. Das gleiche war der Fall mit den in immer größerer Zahl in der Stadt auftretenden jüngern Ärzten. Anstatt sich an die ältern Ärzte anzuschließen, machten sie lieber ihren Weg für sich, suchten sich bei dem Publikum zu insinuieren und geltend zu machen, auf welche Art sie konnten, und so gelang es denn auch mehrern, die ältern zu verdrängen, so daß sie gleich den Landärzten, wie man leider auch von den Ärzten zu sagen pflegt, bald zu einer bedeutenden Kundschaft gelangten. Daß auch ich zu diesen ältern Ärzten gehörte, auf deren Verdrängung[256] die jüngern ausgingen, obschon sie mich zuweilen zu Konsultationen rufen ließen, versteht sich von selbst. Nur wenige von diesen jungen Ärzten kultivierten das Verhältnis, in welches sie als Besucher der Krankenanstalten während ihres praktischen Bienniums mit mir gekommen waren, und von diesen nenne ich vorzüglich Merkel und Lochner, von denen ich gewiß bin, daß sie meine Freunde bleiben werden, solange ich lebe. Mehr als mit den Ärzten kam ich in freundschaftliche Verhältnisse mit einigen Geistlichen, wie mit dem verstorbenen Dekan Veillodter, dem Pfarrer Seyfried und späterhin mit den Pfarrern Seiler und Hilpert und dem Hauptprediger Fikenscher, sowie auch mit mehrern bürgerlichen Familien, von denen ich hier vor allen andern die Merkelsche nenne. Habe ich je einen Mann gekannt, von dem man sagen konnte, er sei ein ganzer Mann, so war es der Vater der Familie, Paul Wolfgang Merkel. Anerkannt als einer der ersten Kaufleute in der Stadt, war er auch anerkannt als ihr erster Bürger. Reich an den vielseitigsten Kenntnissen, rastlos tätig in seinem Beruf und überall, wo Einsicht und kraftvolle Tätigkeit erfordert wurde, in Anspruch genommen, war er auch ein Mann von dem edelsten Charakter, ein treuer Freund seiner Freunde, ein redlicher Berater jedes Ratsbedürftigen, ein furchtloser Verteidiger und Schützer des gekränkten Rechts, ein zärtlicher Gatte, ein liebevoller Vater, kurz alles, was ein Mann sein soll. Gleich nach mei ner Ankunft in Nürnberg wurde ich mit ihm bekannt durch seinen Schwiegersohn und meinen Landsmann, den damaligen städtischen Konsulenten und jetzigen Präsidenten des protestantischen Oberkonsistoriums in München, Roth. Mein Wunsch, mit ihm und seiner würdigen Familie in nähere Verbindung zu kommen, wurde bald erfüllt, mit niemand kam ich öfter zusammen als mit ihm, ich wohnte zwölf Jahre lang in einem seiner Häuser so bequem und behaglich, als wenn ich Eigentümer des Hauses gewesen wäre, und ich freue mich, sagen zu können, daß die freundschaftlichen Gesinnungen des Vaters gegen mich auch auf seine Söhne fortgeerbt haben.[257] Nächst Merkel hatte ich einen andern wahren Freund an dem Spitalverwalter Sörgel. Er war schon ein bejahrter Mann, als ich ihn kennenlernte, aber noch lebhaften Geistes und heitern Gemüts. Ich habe wenige so wohlwollende Menschen gesehen, wie er war, und, was so selten ist, sein Wohlwollen war allgemein, wem er etwas Gutes erweisen konnte, dem erwies er es, nicht aus Eitelkeit, sondern weil er von Herzen wohlwollend war, kurz, er war ein echter alter Nürnberger, ein Mann aus der alten guten Zeit, wie er denn diese alte gute Zeit bei jeder Gelegenheit zu preisen pflegte. Solcher Freunde gewann ich nach und nach immer mehrere, und zwar nicht allein unter dem männlichen, sondern auch unter dem weiblichen Geschlecht. Von den erstern nenne ich vorzüglich den ehemaligen Bürgermeister, jetzigen Direktor der polytechnischen Schule Scharrer, von dem ich schon an einem andern Ort gesprochen, den Bürgermeister Binder, wegen seiner Rechtlichkeit ebenso achtungswert als wegen seiner Tüchtigkeit und Gewandtheit in Geschäften, die Advokaten Kreittmair, dem ich für die vielen mir und meiner Familie geleisteten Dienste besondern Dank schuldig bin, und Toussaint, beide allgemein anerkannt als geschickte Advokaten und rechtschaffene Männer, und noch mehrere andere; unter den letztern vorzüglich die Frau Gräfin von Pückler, die Frau von Peterson, jetzt Frau von Tutschef, die Frau Legationsrätin von Hepp und ein Fräulein von Kretschmann, Tochter des berühmten vormaligen coburgischen Ministers von Kretschmann. Die erste war die Gemahlin des vormaligen württenbergischen Oberstkammerherrn Grafen Friederich von Pückler und wohnte mit ihrem Gemahl, seit er sich vom Dienst zurückgezogen hatte, in Nürnberg schon einige Jahre vor meiner Ankunft daselbst. Als Landsmännin hatte ich sie schon früher gekannt, ich erneuerte diese Bekanntschaft in Nürnberg, kam aber erst in nähere Verbindung mit ihr, nachdem sie Witwe geworden war. Sie war in jeder Hinsicht eine treffliche Frau, und je näher man sie kennenlernte, desto mehr mußte man sie achten wegen ihres männlichen Verstandes und der Würde[258] ihres Betragens und lieben wegen ihres guten Herzens, welches sich unverkennbar in ihrem Wohlwollen gegen jedermann, ihrem höflichen freundlichen Benehmen auch gegen die Geringsten und ihrer zuvorkommenden, in keinem Fall verweigerten Dienstfertigkeit aussprach. Sie starb erst vor einigen Jahren in einem Alter von sechsundsiebenzig Jahren, ebenso betrauert nach ihrem Tode als geschätzt in ihrem Leben. Die zweite, die Frau von Tutschef, ist eine der geistreichsten und liebenswürdigsten Frauen, die ich kenne, und die Stunden, welche ich im Umgang mit ihr zubrachte, gehören zu den angenehmsten meines Lebens. Auch meiner Frau war sie eine gleich liebe Freundin, und mit Wehmut sahen wir sie, als sie nach dem Tod ihres ersten Mannes, den ich ebenfalls zu meinen wahren Freunden zählen darf, nach München zog, von uns scheiden. Die dritte ist die Witwe des ehemaligen Legationsrat von Hepp, eines wegen seiner Herzensgüte allgemein geachteten Mannes. Sie ist schon eine Frau von Jahren, aber noch ebenso gefällig als wie zu Lebzeiten ihres Mannes, eine treue Anhängerin ihrer Freunde und Freundinnen, artig gegen jedermann und wegen ihrer prunklosen Wohltätigkeit gegen die Armen allgemein geehrt und geliebt. Das Fräulein Bertha von Kretschmann kenne ich erst seit einigen Jahren, und ich glaube, sie richtig genug zu schildern, wenn ich sage, daß ich sie nie sehe, ohne mich an das früher geschilderte Fräulein von Gemmingen zu erinnern, welcher sie an Geist und Herz gleich ist. Seit der Auflösung des Pegnitzkreises, wo Paulus nach Ansbach versetzt wurde, und der Aufhebung der Realschule, wo die an derselben angestellten Professoren Pfaff, Schubert, Schweigger usw. die Stadt verließen, blieben mir nur wenige Freunde, mit denen ich mich geistig unterhalten konnte, und auch mit diesen, wie z.B. mit Osterhausen, kam ich, weil es ihnen ihre Geschäfte und anderweitigen Verhältnisse nicht erlaubten, selten zusammen. Diesen Mangel an geistiger Unterhaltung ersetzte mir Fräulein von Kretschmann reichlich. Was nur irgend von einem gebildeten Frauenzimmer verlangt werden kann, besaß sie in vollem Maß.[259] Ohne zu den gelehrten Frauenzimmern zu gehören, war sie reich an Kenntnissen aller Art, aber diese Kenntnisse waren nicht eingelernt wie bei andern, das Eingelernte war bei ihr zum Eigentum geworden, ihre Ansichten über Geschichte, Philosophie, Religion usw. hatten etwas Originelles, und nie unterhielt ich mich mit ihr über einen dieser Gegenstände, ohne für die Berichtigung und Erweiterung meiner eigenen etwas gewonnen zu haben. Daher gab ich ihr auch die meisten meiner philosophischen Aufsätze, ehe ich sie ins reine schrieb, zu lesen, und nie erhielt ich sie zurück, ohne daß sie von den trefflichsten Bemerkungen begleitet gewesen wären. So lieb mir auch alle diese Freunde und Freundinnen waren, und so wohl ich mich in ihrem Umgang befand, so kam ich doch nicht so oft mit ihnen zusammen, als ich wünschte. Nicht nur hatten sie selbst ihre Geschäfte, denen sie den größten Teil ihrer Zeit widmen mußten, wie meine Vorgesetzten und Kollegen bei der Regierung, die Professoren an dem Gymnasium und an der Realschule usw., sondern auch ich hatte die meinigen, vorzüglich aber hielt mich von freundschaftlichen Besuchen meine Praxis ab. Denn obschon diese nie weit ausgebreitet war; so mußte ich ihr doch den größten Teil des Vormittags widmen, und die Nachmittagsstunden benutzte ich zum Studieren, so daß ich selten dazu kam, die Abendgesellschaften zu besuchen, wo ich mit meinen Freunden hätte zusammenkommen können. Die häufigste Gelegenheit, sie zu sehen, gaben mir die Kranken, die ich in ihren Familien zu behandeln hatte, allein Besuche dieser Art sind viel mehr betrübend als erfreuend, und ich kann sie daher nicht zu den freundschaftlichen rechnen, von welchen hier die Rede ist. Überhaupt beschränkte sich mein Umgang größtenteils auf meine Patienten, und was mir bei demselben an freundschaftlicher Unterhaltung abging, das ersetzte mir wenigstens zum Teil der Gewinn an Menschenkenntnis, den er mir verschaffte. Niemand sieht die Menschen so, wie sie sind, besser als der Arzt. Sie legen, wenn sie krank sind, ihr Sonntagshabit ab und erscheinen im Schlafrock wie vor ihren Bedienten, und der Arzt, der darauf ausgeht, die Gelegenheit, sie so zu sehen, zur Vermehrung seiner[260] Menschenkenntnis zu benutzen wie ich, geht nie leer; aus. Wollte ich erzählen, was für Erfahrungen ich hier gemacht habe, ich würde nie fertig werden. So viele, die sich in gesunden Tagen als sehr verständige Menschen betrugen und als solche allgemein erkannt waren, betrugen sich so unverständig in ihren Krankheiten, daß es eine wahre Not war, ihnen das Verständnis zu öffnen. So viele andere, die in gesunden Tagen spotteten, wenn sie hörten, dieser oder jene Kranke betrage sich kleinmütig, ängstlich, verzweifelnd, waren die weheleidigsten, kleinmütigsten, ungeduldigsten Menschen, wenn sie erkrankten. So viele endlich, die in gesunden Tagen für die artigsten, höflichsten, freundlichsten Menschen galten, waren in kranken gerade das Gegenteil, ungebärdig, grob, beleidigend, wie gegen ihre Umgebungen auch gegen den Arzt. Von allen diesen Gattungen von Kranken sind mir sehr viele vorgekommen, einer der merkwürdigsten aber ist einer von der letzten Gattung, und ich kann um so weniger umhin, seiner zu erwähnen, da ich zuvor nie seinesgleichen gesehen hatte. Es war ein bei der vormaligen österreichischen Regierung in den Niederlanden angestellter Baron, welcher, nachdem er zuvor in Wien, Prag und andern Orten als Pensionär gelebt hatte, nach Nürnberg gezogen war ? ein von Natur zwar hitziger, aber in seinem Benehmen der artigste, höflichste, wie in seinem Anzug der eleganteste Herr; allein dies war er nur, solange er gesund war. Sobald er zu kränkeln anfing, war er ein ganz anderer Mensch geworden, und wie ich ihn kennenlernte, war er der größte Egoist, den man sich denken kann. Ungeachtet er schon tief in den Achtzigen war, wollte er doch nicht begreifen, daß man in diesem hohen Alter nicht mehr so gesund sein könne als zwanzig oder dreißig Jahre früher. Er meinte, es solle ihm gar keine Unpäßlichkeit zustoßen, und um auch die geringste von sich abzuhalten, verschloß er sich in sein Zimmer, welches er auch in den wärmsten Sommertagen nicht verließ, und um den Zudrang jedes rauhen Lüftchens abzuwehren, ließ er selten ein Fenster öffnen, selten das Zimmer reinigen, selten die Fenstervorhänge waschen, und ebenso selten war er dahin zu bringen, seine Leibwäsche zu wechseln. So benahm er sich, auch[261] wenn er sich vollkommen gesund fühlte; allein schon dieses stete Lauern auf seine Gesundheit erlaubte ihm selten, sich gesund zu fühlen, auch wurde er wirklich öfters von kleinen Unpäßlichkeiten befallen, und wenn eine solche eintrat, setzte sie ihn in eine solche Sorge für sein Leben, daß er nicht nur sich unausgesetzt an den Puls fühlte, auf jede kleine wirkliche oder eingebildete Veränderung, die er an sich wahrnahm, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit achtgab, sondern auch die gleiche Aufmerksamkeit von mir verlangte, und damit ja nichts übersehen werde, sogar seinen Leibstuhl nie ausleeren ließ, bis ich seine Exkremente gesehen hatte, und wenn dies auch erst nach zwei Tagen geschah. So lebte er im eigentlichen Verstand in seinem Schmutz, und nur die Gewohnheit desselben konnte machen, daß er gleichwohl nie von einer bedeutenden Krankheit befallen worden. Fühlte er sich ganz wohl, so war er zwar etwas heiterer und wie zufriedener mit sich selbst auch freundlicher gegen seine Umgebungen; allein da er für nichts Sinn hatte als für sein eigenes Wohlbefinden, so nahm er auch gar keinen Anteil an den Leiden anderer, so daß, wenn jemand von seinen Umgebungen krank war, ja starb, wie seine Frau, die er in hohem Grad zu achten und zu lieben schien, und einer seiner Freunde, der über dreißig Jahre lang nicht von seiner Seite gekommen, ebenso gleichgültig war als ungebärdig und böse bei dem geringsten eigenen Übelfinden. Er war ein wahrer Quälgeist seiner Umgebungen, selbst seiner Tochter, die alle Freuden des Lebens seiner Pflege opferte. Er wollte schlechterdings nie krank werden, er wollte stets gleich gesund sein, und da er nicht einsah, daß dies unmöglich sei, betrug er sich bei der geringsten Unpäßlichkeit wie ein ungezogenes Kind, dem man sein Spielzeug nehmen will, und zwar nicht nur gegen seine Umgebungen, sondern auch, wenn die Unpäßlichkeit nicht alsbald vorüberging, gegen mich, so daß ich mich mehrere Mal genötigt sah, ihm den Kopf auf eine derbe Art zurechtzusetzen. Glücklicherweise war dieser Kranke der einzige dieser Art, der mir in meiner langen Praxis vorgekommen. Nichts hätte mir mein praktisches Leben mehr verleiden können als mehrere Kranke seinesgleichen, und man kann sich denken, wie froh ich[262] war, daß ich in der Folge nichts mehr mit ihm zu tun hatte. Freilich machten mir häufig auch Kranke anderer Art, die ungeduldigen, kleinmütigen, pretiösen, undankbaren, das Leben sauer genug; aber ich konnte es um so leichter ertragen, da weit die Mehrzahl meiner Kranken durch ihr entgegengesetztes Betragen mich reichlich dafür entschädigten, was ich besonders von dem weiblichen Geschlecht rühmen muß, das sich, wie gewiß auch andere Ärzte erfahren haben werden, überhaupt in seinen Krankheiten ruhiger, geduldiger, ja selbst verständiger benimmt als das männliche. Daß ich in dem Verkehr mit Kranken der letztern Art für den Verdruß, den mir die zuvor genannten machten, mich hinlänglich, ja mehr als hinlänglich entschädigt fand, brauche ich nicht zu sagen. Aber nicht minder entschädigte er mich auch für den Ärger, welchen mir manchmal die von dem obersten Medizinalkollegium ausgegangenen Verfügungen verursachten, zu deren Befolgung besonders ich, als Dirigent der öffentlichen Krankenanstalten, aufgefordert wurde. Ich rechne dahin vorzüglich die Anweisungen zu Versuchen mit neu aufgekommenen Arzneimitteln, wie z.B. dem Binellischen Wundwasser, der grünen Seife usw., die neuen die Schutzpockenimpfung betreffenden Verordnungen und vor allen die Maßregeln, welche gegen die Cholera getroffen werden sollten. ? Von dem Binellischen Wundwasser dachte ich wie von den meisten neu aufkommenden Arzneimitteln, zumal wenn so viel Rühmens in Journalen und Zeitungen davon gemacht wurde. Auch von diesem Wundwasser vermutete ich voraus, daß es nicht mehr wirken würde als jedes andere blutstillende Mittel, das Resultat meiner Versuche damit bestätigte meine Vermutung, und ich sah, daß ich damit nichts gewonnen, sondern bloß Zeit verloren hatte. ? Von der grünen Seife hatte ich schon vorher in dem St.-Sebastian-Spital Gebrauch machen lassen, und ich hatte nicht nötig, ihre Wirksamkeit gegen die Krätze erst auf Befehl der Regierung kennenzulernen. ? Den neuern Verordnungen in betreff der Schutzpockenimpfung konnte ich schon darum nicht beistimmen, weil sie etwas bewirken sollten, was sie der Natur der Sache nach nicht bewirken können, die absolute[263] Schutzkraft der Kuhpocken gegen die Menschenpocken. Freilich mußte der bayerischen Regierung, da ihr als der ersten, welche die Schutzpockenimpfung gesetzlich einführte, alles daran gelegen sein mußte, die absolute Schutzkraft der Kuhpocken durch die Tat zu beweisen, jeder Vorschlag willkommen sein, der in dieser Absicht gemacht wurde, wie z.B. der Eichhornsche, recht viele und tiefe Stiche zu machen; und so veranlaßte sie auch jeder zu einer sich auf denselben beziehenden Verordnung, die sie erließ, ohne zu bedenken, daß Maßregeln wie die, das Impfgift unmittelbar von pockenkranken Kühen zu nehmen, als ob es entschieden wäre, daß dieses wirksamer sei als das von Menschen auf Menschen fortgepflanzte, oder wie die oben erwähnte Eichhornsche, bei der Impfung nur recht viel Gift beizubringen, als ob viel auch hier mehr tue als wenig, unmöglich zum Ziele führen können. Bekanntlich gibt es in Deutschland wenig oder gar keine pockenkranke Kühe, und solange es daran fehlt, ist die Maßregel, das Impfgift unmittelbar von solchen Kühen zu nehmen, unausführbar, und wollte man, um sich pockenkranke Kühe zu verschaffen, das Gift von vakzinierten Menschen auf sie fortpflanzen, läßt sich wohl glauben, daß das Gift auf diesem Umwege an Kraft etwas gewinnen könne? Ferner kommt es bei der Impfung selbst zwar vor allem darauf an, daß das Gift, mit dem man impft, frisch ist, aber ist es denn frischer, wenn man es erst in Gläschen auffängt, als wenn man es unmittelbar von einer reifen Pocke aufnimmt und dem Impfling beibringt, solange es noch warm, lebenswarm ist? Endlich, was den unwissenschaftlichsten von allen diesen Vorschlägen, den Eichhornschen, betrifft, daß man nämlich, um der schützenden Kraft der Kuhpocken ganz gewiß zu sein, nur recht viel Gift beizubringen habe, wie konnte wohl der gelehrte Eichhorn vergessen, daß wie alle ansteckende tierische Krankheitsgifte auch das Kuhpockengift nicht quantitativ, sondern qualitativ wirkt und daß es gar nicht weder auf die Menge des beizubringenden Gifts noch auf die Zahl der Stiche, noch auf die Tiefe derselben ankommt? Schon aus Mitleiden mit den armen Kindern hätte er nicht auf einen so grausamen Vorschlag kommen sollen. Mich, der ich schon seit einigen[264] Jahren nicht mehr impfte, kümmerten zwar diese Maßregeln weniger, weil ich sie nicht zu befolgen hatte; aber ich ärgerte mich doch darüber, und um so mehr, da ich nie an eine absolute Schutzkraft der Kuhpocken gegen die Menschenpocken geglaubt hatte, schon damals nicht, als der Glaube daran allgemein war und der Medizinalrat Krauß in Ansbach in seiner bogenreichen Schrift »Die Schutzpockenimpfung in ihrer endlichen Entscheidung« den Beweis geliefert zu haben wähnte. Nach meiner Ansicht schützt keine ansteckende Krankheit vor einer andern, ja nicht einmal vor der nämlichen, als bloß auf eine längere oder kürzere Zeit. So schützt die Ruhr, der ansteckende Typhus usw. nur, solange die Epidemie dauert; kommt wieder eine neue Ruhr- oder Typhusepidemie, so können diejenigen, welche die Krankheit in der vorhergegangenen überstanden haben, ebensogut wieder von ihr befallen werden als die damals von ihr verschont Gebliebenen. Schon länger schützt das Scharlach und die Masern, und am längsten schützen nach den bisherigen Erfahrungen die Menschenpocken; allein ihre Schutzkraft ist ebensowenig eine perennierende als die der Ruhr, des Typhus, des Scharlachs und der Masern, und es ist unrichtig, wenn man sagt, der Mensch bekomme die Pocken nur einmal in seinem Leben, richtiger würde man sagen, der Mensch werde nicht alt genug, um die Pocken zum zweitenmal zu bekommen. Mit wie wenig Recht kann man daher den Kuhpocken eine absolute Schutzkraft gegen die Menschenpocken zuschreiben? Wer an dieselbe glaubt, hat auf gleiche Weise Theorie und Erfahrung gegen sich ? die Theorie, weil sie sich vergebens nach Gründen umsieht, warum eine Krankheit vor der andern schütze oder gar schützen müsse ? die Erfahrung, weil sie täglich Fälle genug aufstellt, wo Vakzinierte bei aller Vorsicht, mit welcher man bei ihrer Impfung verfuhr, wahre Menschenpocken bekommen haben. Freilich weichen die bei Vakzinierten vorkommenden Pocken in vielen Stücken von den gewöhnlichen Menschenpocken ab, ihr Verlauf ist anders, ihre Erscheinungen sind anders, und, was die Hauptsache ist, sie sind milder und gutartiger; aber man irrt sich, wenn man glaubt, sie seien eine andere Art von Pockenkrankheit, vor welcher die[265] Kuhpocken nicht schützen. Denn auch abgesehen, daß hier sogleich die Frage entsteht, warum die Kuhpocken nicht auch vor dieser Art von Pockenkrankheit schützen sollten, so kann die Verschiedenheit derselben von den gewöhnlichen Menschenpocken, obschon man beide durch verschiedene Namen unterschieden hat, indem man jene Varioloiden, diese Variolen nannte, doch nichts weiter beweisen, als daß die wahren Menschenpocken bei Vakzinierten gutartiger sind als bei Nichtvakzinierten, und ich denke, daß man sich mit dieser wohltätigen Wirkung der Kuhpocken gar wohl hätte begnügen können. Der Glaube an die absolute Schutzkraft derselben ist einmal ein Wahnglaube, das hat die Erfahrung zur Genüge erwiesen, und eingedenk, daß, was die Natur nicht will, die Kunst nicht erzwingen kann, hätte man ihn längst aufgeben sollen, anstatt daß man noch immer neue Verordnungen erläßt, von denen man sich einbildet, daß durch ihre Befolgung der Zweck ganz gewiß werde erreicht werden. Aber noch mehr als die Anweisungen zu Versuchen mit neu aufgekommenen Arzneimitteln und die Verordnungen im betreff der Schutzpockenimpfung verdrossen mich die Instruktionen in betreff der Cholera, nicht nur die im Jahr 1832, sondern auch die im Jahr 1836 ausgegangene. Allerdings war die erstere, als sie erschien, viel besser, als sie in ihrem ersten Entwurf war, und ich darf mir schmeicheln, daß ich, wie ich in der Folge erzählen werde, durch mein mir von dem Präsidium der Regierung in Ansbach abgefordertes Gutachten viel zu ihrer Abänderung beigetragen habe; aber sie enthielt doch immer noch Vorschriften genug, die nicht minder unzweckmäßig und unausführbar waren als die zuerst angeordneten Grenzkordons, die Absperrung der Straßen und Häuser, die den Ärzten vorgeschriebene Kleidung usw. Zu diesen beibehaltenen Vorschriften rechne ich vorzüglich die Errichtung von Cholera-Spitälern außerhalb der Städte, wohin alle Kranke, sie mochten sein, welche sie wollten, gebracht werden sollten. Auch in Nürnberg wurde ein solches Cholera-Spital außerhalb der Stadt, in der sogenannten Johannis-Kaserne, errichtet, und zur Hinschaffung der Kranken wurde eine Art von Körben verfertigt,[266] deren Anblick für manche nicht minder furchtbar war als die Krankheit selbst. Da alle diese Anstalten auf Befehl der Regierung getroffen wurden, so fand dagegen keine Einwendung statt, der Befehl mußte, wie hoch sich auch die Einrichtungskosten des Spitals belaufen mochten, befolgt werden, und als Dirigent der Krankenanstalten wurde ich dabei besonders in Anspruch genommen. Aber über diese Anordnungen zu denken, war nicht verboten, und je mehr ich darüber dachte, desto weniger konnte ich sie gut finden. ? Erstlich wurde dabei als entschieden vorausgesetzt, daß die Cholera eine fremde Krankheit sei, die aus Asien nach Europa gekommen, was ich nicht glauben konnte, weil ich in meiner Praxis Fälle genug von unserer einheimischen, unrichtig so genannten sporadischen Cholera gesehen hatte, wo die Krankheit von ebenso fürchterlichen Symptomen begleitet war und ebenso schnell tötete als die asiatische. ? Zweitens wurde dabei als ebenso entschieden angenommen, die Cholera sei eine ansteckende Krankheit, deren Verbreitung ebenso sicher verhindert werden könne als die Verbreitung der Pest, was ich ebenso wenig glauben konnte, als daß sie eine fremde Krankheit sei, weil ich von allen Orten her hörte, daß sie gegen die Gewohnheit ansteckender Krankheiten nicht allmählich von einem Ort zum andern fortschreite, daß sie bald diesen, bald jenen überspringe, um einen entferntern desto ärger heimzusuchen, daß sie da, wo sie ausgebrochen, nicht so viele Menschen befälle und nicht so lange dauere als andere ansteckende Krankheiten, und weil ich, wenn von Fällen erzählt wurde, wo wirklich Ansteckung stattgehabt zu haben schien, Grund zu haben glaubte, die Ansteckung sei vielmehr psychisch als Wirkung der Furcht vor der Krankheit oder des Entsetzens über den Anblick eines Kranken als vermittelst eines übertragenen materiellen Stoffes erfolgt. ? Endlich wurde bei jenen Anordnungen nicht bedacht, daß die Cholera eine viel zu schnell verlaufende Krankheit ist, als daß man Zeit hätte, die Kranken in ein weit entferntes Spital zu transportieren, daß viele unterwegs würden sterben müssen, ja daß manche schon der Abscheu vor den Cholerakörben töten könnte. Nach meiner Ansicht waren alle diese Anordnungen nicht nur überflüssig[267] und unausführbar, sondern auch nachteilig, weil sie die Furcht vor der Krankheit vermehren müssen, die Furcht aber mehr als alles andere für sie empfänglich macht. Wer sich vor einer Krankheit nicht fürchtet, wird nicht leicht von ihr ergriffen, und besonders von einer nicht ansteckenden wie die Cholera, bei welcher, dem oben Gesagten zufolge, die Ansteckung, wenn sie irgend statthat, nur auf psychischem Wege zu erfolgen scheint. Daher bin ich fest überzeugt, daß, wenn nicht zu ihrer Abhaltung, doch zur Verhinderung ihrer Verbreitung in den Orten, wo sie ausgebrochen, die wirksamsten Mittel solche sind, welche die Furcht vor ihr vermindern. Um einen Feind weniger zu fürchten, muß man ihn nicht von fern, wo er immer furchtbarer scheint, als er ist, sondern in der Nähe sehen. Man muß, wenn er sich zu nähern droht, ihn nicht durch Grenzkordons, durch Absperrungen oder andere dergleichen unmächtige Vorkehrungen abzuhalten und, wenn er wirklich da ist, sich nicht vor ihm zu verbergen suchen, sondern ihm mutig ins Angesicht sehen, und was insbesondere die Ärzte betrifft, so sind sie es, die hier vorzüglich mit einem guten Beispiel vorangehen müssen. Der Mut, den sie zeigen, wird auch andere mutig machen; auch dürfen sie den Mut nicht sinken lassen, wenn sie sehen, daß die Krankheit ihrer Kunst spottet. Schon Sydenham hat gesagt, daß ihm bei ungewöhnlichen Epidemien im Anfang die meisten Kranken sterben und daß er erst, wenn er den Genius der Krankheit genauer studiert und erkannt habe, in ihrer Behandlung glücklicher sei. Dies gilt auch vorzüglich von der Cholera. Auch hier kommt es vor allem darauf an, den Genius der Krankheit zu studieren und zu erkennen, und es ist kein Zweifel, daß die Cholera-Ärzte allerorten dieses Studium nicht versäumt haben. Aber anstatt sich nach spezifischen Mitteln gegen die Krankheit umzusehen, die es nicht gibt und nicht geben kann, hätten sie dieselbe vielmehr nach allgemeinen therapeutischen Prinzipien behandeln sollen, was leider die wenigsten getan zu haben scheinen, ohne Zweifel in der Meinung, daß eine so ungewöhnliche Krankheit auch eine ungewöhnliche Behandlungsart erfordere. Allein dem ist nicht also. Wie jede andere Krankheit muß auch die Cholera nach allgemeinen therapeutischen[268] Prinzipien behandelt werden, und daß die rechte Methode noch nicht gefunden ist, beweist nicht, daß es keine solche gibt, es beweist vielmehr, wie sehr es überhaupt noch an einer wissenschaftlichen Therapie fehlt. Daher werden vorderhand zweckmäßig getroffene polizeiliche Vorkehrungen immer die Hauptsache bleiben, und wenn sie so sind, wie sie neuerlich in München getroffen worden, so leisten sie gewiß alles, was man erwarten kann. Unleugbar haben sie viel dazu beigetragen, daß sich die Krankheit nicht allgemeiner verbreitet und länger geherrscht hat. Aber das meiste hat gewiß die Furchtlosigkeit des Königs, da er München auch zur Zeit der größten Gefahr nicht verließ, und der Mut des Fürsten von Wallerstein getan, der beinahe täglich die Cholera-Spitäler persönlich besuchte, und während er die Kranken tröstete, den Gesunden in seinem Beispiel den Beweis lieferte, daß Mut das kräftigste Vorbeugungsmittel gegen die Cholera sei. Aber genug nun von medizinischen Dingen; jetzt auch wieder etwas von meinem geselligen Leben. ? Größere Gesellschaften besuchte ich in den spätern Jahren meines Aufenthalts in Nürnberg viel seltener als zu Anfange, auch hatte ich weniger Anlaß dazu, da sie selbst seltener wurden. Die belebtesten und interessantesten derselben waren die, welche der verstorbene Generallieutenant Graf von Eckart gab. Er war der einzige, welcher in Nürnberg ein sogenanntes Haus machte, und wie er selbst einer der höflichsten, gefälligsten und unterhaltendsten Männer und seine Gemahlin eine gleich gefällige und unterhaltende Dame war, so waren auch die Gesellschaften in seinem Hause für jeden, der dazu geladen war, gleich angenehm. Er wußte jedem die ihm angemessene Unterhaltung zu verschaffen; wer spielen wollte, fand seinen Spieltisch, wer sich mündlich unterhalten wollte, fand seinen Mann, wer ein Liebhaber der Musik war, konnte Klavierspielen und Singen hören, ja es fehlte auch nicht an einem Liebhabertheater für die jüngere Welt. ? Nicht minder angenehm als die Gesellschaften waren auch die Diners, die er gab. Sie waren alle ebenso geschmackvoll angeordnet, als reich die Tafeln an den ausgesuchtesten Speisen und köstlichsten Weinen. Die Tischgesellschaft[269] war gewöhnlich zahlreich, und die dadurch bewirkte Manchfaltigkeit der Unterhaltung machte, daß jeder Gast sich heiter und vergnügt fühlte. Die Unterhaltung bezog sich auf alle mögliche Gegenstände, und, wie leicht zu erachten, kamen manchmal auch solche vor, die tüchtig zu lachen machten. So erinnere ich mich z.B. eines solchen Gastmahls, dem ein gewisser Kavallerieoberst, ein Herr von B., beiwohnte. Es war die Rede von der damals viel besprochenen Behauptung, daß der Kopf auch nach seiner Trennung von dem Rumpfe noch Bewußtsein habe. Der größte Teil der Gesellschaft widersprach dieser Behauptung, der Oberst nahm die entgegengesetzte Partie, es kam zum Streit, und nachdem lange hin und her geredet worden, sagte endlich der General, auf mich hinweisend: »Da sitzt ja ein Arzt, der wird es uns am besten sagen können, was an der Sache ist.« Ich hatte bis dahin bloß zugehört, und es machte mir Vergnügen, einen Mann, der von dergleichen Dingen gar nichts verstehen könne, doch als so gescheiter Mann, wie er war, so entscheidend darüber sprechen zu hören. Allein da ich zum zweitenmal aufgefordert wurde, meine Meinung abzugeben, so sagte ich, daß ich diese nicht klarer aussprechen zu können glaube, als wenn ich eine Geschichte erzähle, die ganz deutlich zeigen werde, was an der Sache sei. Ich erzählte also, es sei einmal ein Scharfrichter gewesen, der so fertig in seiner Kunst war, daß, wenn er einen köpfte, der Kopf so geschwind und geschickt abgehauen ward, daß der Geköpfte glaubte, der Kopf sitze noch so fest als vorher. Ein solches Meisterstück der Scharfrichterkunst sei ihm nun besonders bei einem kurzhalsigen Delinquenten gelungen, dieser habe gar nichts von der vollbrachten Operation gemerkt, sondern er sei, dieselbe jeden Augenblick erwartend, sitzen geblieben, wie ihm aber die Zeit endlich zu lange geworden, habe er den Scharfrichter mit den Worten angefahren: »Nun, Herr Scharfrichter, wird's bald?« ? »Schon geschehen«, habe ihm der Scharfrichter geantwortet, »schüttle Er nur!«; er schüttelte, und der Kopf fiel zu Boden. »Nun, meine Herren«, fragte ich, nachdem ich meine Erzählung geendigt hatte, »kann wohl etwas klarer beweisen, daß ein vom Rumpf getrennter Kopf noch Bewußtsein[270] habe, als diese Geschichte?« Die ganze Gesellschaft lachte, nur der Oberst blieb ernsthaft. Er schien die Geschichte für keine Fabel zu halten, und die Mystifikation gelang vollkommen. Ob er in der Folge bei seinem Glauben geblieben ist, ist mir nicht bekannt, aber sooft ich ihn auch nachderhand wiedersah, ließ er mich nie merken, daß er den Spaß übelgenommen. Solcherlei Späße kamen bei diesen Diners öfter vor, und wie es überhaupt meine Art war, das Lächerliche auch an bedeutenden Personen aufzusuchen, so tat ich es besonders gern in solchen größern Gesellschaften, nicht in der Absicht, einem von der Gesellschaft wehe zu tun, sondern weil ich sah, daß es der Gesellschaft Vergnügen machte, denn auch diejenigen, denen es galt, lachten gewöhnlich mit und nahmen mir den Spaß um so weniger übel, da ich ihnen Gelegenheit genug gab, das Wiedervergeltungsrecht an mir auszuüben. Jeder Mensch, so vorzüglich er auch an Geist und Herz sein mag, hat seine lächerliche Seite, es kommt nur darauf an, daß man sie aufsucht, und wenn man keinen Mißbrauch von der Entdeckung macht, und ein guter Mensch tut das nie, so ist eine nicht beleidigende und nicht zur Unzeit angebrachte Persiflage oder Mystifikation nicht an der unrechten Stelle. Mir war besonders bei ausgezeichneten und auch von mir selbst hochgeschätzten Menschen das Auffinden ihrer lächerlichen Seite von jeher eine angenehme Beschäftigung. Der hochgeachtete Mann ward mir dadurch auch lieb, weil ich mich ihm gleicher fühlte und mich weniger beschämt ihm gegenüberstellen konnte. So imponierten mir auch die hochgepriesensten Menschen weniger als anderen, ich huldigte ihnen nicht wie Göttern, dagegen aber gewann die gemeine Menschheit mehr Wert in meinen Augen, und ich lernte sie um so höher schätzen, je öfter ich sah, daß der Nimbus, der sich um die Hochgepriesenen in der Ferne verbreitete, bei näherer Beschauung nichts mehr als der Schein eines Stümpchens Unschlitt war. So lebte z.B. in Nürnberg noch kurz vor meiner Ankunft ein gewisser Staatsrat, ein Mann, gleich hochgepriesen wegen seines Verstandes als seiner juristischen Gelehrsamkeit. Dieser hochgelehrte Jurist konnte nicht überzeugt werden, daß das deutsche Reich nicht mehr existiere. Die Errichtung[271] des Rheinbundes, die seine Auflösung zur Folge hatte, galt ihm für eine Fabel, und er ging aus der Welt in der beruhigenden Überzeugung, daß ein Reich, welches auch ihm ein heiliges war, nie untergehen könne. Dieser Staatsrat erinnerte mich an einen Kaufmann in Ludwigsburg, welchen man allgemein für einen gescheiten Mann hielt, welcher aber ebensowenig als jener Staatsrat an den Untergang des deutschen Reichs an den Dreißigjährigen Krieg glaubte. »Was?« sagte er, als einmal in einer Gesellschaft von diesem Krieg die Rede war, »ein Krieg von dreißig Jahren! In einem so langen Krieg müßte ja zuletzt kein Soldat mehr aufzutreiben gewesen sein, man hätte denn die Weiber zu Soldaten anwerben müssen, was ein barer Unsinn gewesen wäre.« ? Solche Lächerlichkeiten sehen wir täglich nicht nur in betreff des Urteilens, sondern auch in betreff des Handelns. So war ich z.B. der Arzt eines vornehmen, sehr reichen Mannes, der im Großen nichts weniger als geizig, im Kleinen aber ein solcher Knicker war, wie man nicht leicht einen findet. In den Gesellschaften und an den Tafeln, die er gab, war, wie in den Gesellschaften und an den Tafeln unseres edeln Generals von Eckart, alles im Überfluß, es war an gar nichts gespart, es ging alles auf das splendideste zu; allein ebensoweit ging auch in Kleinigkeiten seine Knickerei, wovon ich nur ein einziges Beispiel anführen will. Er befand sich nicht wohl, ich wollte ihm eine Arzenei verschreiben und verlangte ein Blatt Papier zum Rezept. Er reichte mir eins, zwar groß genug für ein Rezept, denn meine Rezepte waren nicht lang, aber auf der einen Seite des Blattes war schon etwas geschrieben, es standen darauf die Anfangsworte eines Briefchens an einen Freund, die Worte: Guten Morgen. Ich bemerkte dies, und nachdem ich das Rezept auf die leere Seite geschrieben hatte und es ihm hinreichte, bemerkte er es ebenfalls. Er bat mich, das Rezept auf ein anderes Blatt zu schreiben, und suchte nach einem solchen. »Nicht doch«, sagte ich, »Sie sehen, daß auf dem Papier Raum genug für ein Rezept ist, man muß das Papier, dessen man in unserer schreibseligen Zeit ohnehin so viel unnützerweise verbraucht, sparen, und damit diese patriotische Probe von Papierersparnis auch dem Apotheker zum[272] Muster dient, will ich bei meinem nächsten Rezept selbst auf die eine Seite statt guten Morgen, guten Abend schreiben.« Er lachte zwar über diese Beschämung, aber es ärgerte ihn doch, daß ich darauf beharrte, das Rezept müsse in die Apotheke geschickt werden, und die Folge war, daß mir von jetzt an immer ein ganzer Bogen vorgelegt wurde, von dem ich dann mit der beigelegten Schere abschnitt, soviel ich brauchte. Solche Gelegenheiten zur Bereicherung meiner Menschenkenntnis bot mir mein praktisches Leben täglich dar; aber von allen war mir keine interessanter als die Erscheinung des berüchtigten Kaspar Hauser in Nürnberg, dessen Geschichte noch jetzt ein Rätsel ist und allem Vermuten nach bleiben wird. Der Mensch war ungefähr funfzehn Jahre alt, als er nach Nürnberg kam. Er wußte nicht, wie und durch wen er nach Nürnberg gebracht worden. Man fand ihn eines Morgens vor einem Hause einsam auf einem Steine sitzend, und er hatte nichts bei sich als einen Brief an einen Rittmeister von dem in Nürnberg garnisonierenden Kavallerieregiment, von unbekannter Hand und ohne Namensunterschrift. Der Rittmeister, ebenso unbekannt mit diesem Menschen als jeder andere und sich vergebens hin und her besinnend, wer wohl der Verfasser des Briefes, der ihn in seinen Schutz empfahl, sein könne, zeigte sogleich den Vorfall der Polizei an. Der alsbald herbeigekommene Polizeisoldat nahm ihn in Empfang und brachte ihn in das Findelhaus, wo er verpflegt und so lange aufgehoben werden sollte, bis eine nähere Untersuchung ergeben würde, was weiter mit ihm zu tun sei. Das Resultat dieser Untersuchung war, daß er nichts weiter von sich wisse, als daß er Kaspar Hauser heiße und von seiner frühen Kindheit an eingesperrt gewesen, wo aber, wisse er ebensowenig, als wie und durch wen er aus seiner Gefangenschaft erlöst worden. Daß er eingesperrt und sehr lange eingesperrt gewesen, war nicht zu bezweifeln, seine Unwissenheit, sein Unvermögen, sich auszudrücken, seine kindische Art zu sprechen, die Empfindlichkeit seiner Augen gegen das Licht und überhaupt die Empfindlichkeit seines ganzen Körpers gegen äußere Eindrücke, vorzüglich aber die weiche Haut seiner Fußsohlen verrieten es aufs deutlichste. Aber[273] diese lange Einsperrung schien noch eine andere, ungleich merkwürdigere Wirkung auf ihn gehabt zu haben, eine ungewöhnliche Erhöhung seiner geistigen Kräfte, besonders seines Auffassungs- und Erinnerungsvermögens. Was er sah und hörte, faßte er ebenso tief und schnell auf, das Aufgefaßte haftete so fest in seiner Erinnerung, daß er jeden, den er gesehen hatte, und man kann sich denken, welche Menge neugieriger Personen er zu sehen bekam, sogleich wiedererkannte und, wenn er ihre Namen gehört hatte, sich derselben ebenso schnell und lebhaft wiedererinnerte als dessen, was sie mit ihm gesprochen hatten, kurz, dieser Findling verriet ein ebenso seltenes Genie, als sein Schicksal selten war, welches ihn zuletzt nach Nürnberg führte. Ganz natürlich wurde er daher nicht als ein gemeiner Findling betrachtet. Man glaubte, diese seltenen Geistesgaben verdienten auch eine ihrem Grade gemäße Entwickelung, und man sah sich, diese zu bewerkstelligen, um so mehr veranlaßt, da man sich einbildete, ein so wohlgestalteter, mit Geistesfähigkeiten so reich ausgestatteter und die Spuren einer als Kind genossenen bessern Erziehung so deutlich verratender Jüngling könne nicht von gemeinem Stand, er müsse entweder der Sohn eines hohen katholischen Geistlichen oder gar der Sohn eines Fürsten oder Fürstin sein, den man wie einst den Mann mit der eisernen Maske aus dem Weg geschafft und, weil man ihn nicht geradezu umbringen wollte, eingesperrt habe. Natürlicherweise hatte man nichts Angelegeneres, als diese Vermutung zur Gewißheit zu bringen. Die Erscheinung des Unglücklichen in Nürnberg wurde so sentimentalisch als möglich durch die öffentlichen Zeitungen bekanntgemacht. Das Ausland wie das Inland wurde zur Teilnahme aufgefordert. Man stellte Nachforschungen aller Art an, jeder leisen Spur, die sich zeigte, ging man nach. Aber alles war, wie leicht zu erwarten, vergebens. Wenn man Vögel fangen will, muß man nicht mit Prügeln dreinwerfen, sagt das Sprichwort, und dieses Sprichwort bewährte sich auch hier. Alle Nachforschungen waren fruchtlos. Nicht einmal der Ort, wo der Unglückliche eingesperrt war, wurde entdeckt, noch viel weniger kam man den Bösewichtern, die ihn einsperren ließen, noch ihrem Helfershelfer,[274] der den Eingesperrten verpflegte, auf die Spur. Gleichwohl gab man jene Vermutungen nicht auf, die Fruchtlosigkeit der angestellten Nachforschungen schien sie vielmehr glaubwürdiger zu machen, und was vorauszusehen war, geschah. Der Findling wurde zu einem Kind der Stadt gemacht, auf Kosten der Stadt erzogen, aber nicht in dem Findelhaus, wohin er gehörte, sondern in einem Privathaus unter der Aufsicht eines Professors, wo er sofort alles lernen sollte, was zu einer höhern Erziehung gehört, selbst das Reiten und Tanzen nicht ausgenommen. Außer der Vermutung über seine Abstammung von einem Vornehmen, selbst einem Fürstenhaus, auf deren eines man im stillen sich wirklich zu deuten erlaubte, glaubte man sich auch und noch mehr zur Befolgung dieser Maßregel von den außerordentlichen Geistesfähigkeiten dieses Adoptivsohns der Stadt aufgefordert, und wirklich schien auch der gute Erfolg der Erwartung vollkommen zu entsprechen. Allein das war nur im Anfang so, weiterhin war der Erfolg nicht mehr so erfreulich. Die Geistesfähigkeiten zeigten sich nicht so groß, wie sie anfangs schienen; es verhielt sich damit, wie ich schon, da ich den Wunderjungen zum erstenmal sah, voraussagte, wie in typhösen Fiebern, wo die Kranken im Delirium oft auch ungewöhnliche Geisteskräfte zeigen und manche sogar lateinisch sprechen, sobald sie aber wieder gesund geworden, diese erhöheten Geisteskräfte wieder auf ihr gewöhnliches Maß heruntergesetzt sind. Man sollte, sagte ich, den Wunderjüngling erst außer Wasser und Brot, was zuvor seine einzige Nahrung war, auch etwas anderes essen und trinken lehren, man sollte sein durch die lange Finsternis, in der er lebte, übermäßig empfindlich gewordenes Auge allmählich an das Licht, sein übermäßig empfindlich gewordenes Ohr, das so lange nichts hörte als die leise Stimme seines Verpflegers, an manchfaltigere und lautere Töne gewöhnen, man sollte seine durch die lange Gefangenschaft geschwächten körperlichen Kräfte durch allmähliche Gewöhnung an eine manchfaltigere und reichlichere Nahrung und an eine dem Maß derselben angemessene Bewegung etc. zu stärken suchen, und man würde bald sehen, was von seinen so hoch angeschlagenen Geisteskräften übrigbleibe. Sollte[275] auch, fuhr ich fort, der junge Mensch wirklich der Sprößling eines hohen Hauses und selbst eines Fürstenhauses sein, so sei er doch vorderhand nichts mehr und nichts weniger als ein Findling, der in das Findelhaus gehöre, und es würde am besten für ihn gesorgt werden, wenn man ihn, nach erhaltenem gewöhnlichen Unterricht, ein Handwerk lernen ließe und einem braven und tüchtigen Meister in die Lehre gäbe. So würde man ihn nicht nur vor den durch die wiederholten lauten Nachforschungen wegen seines Herkommens herausgeforderten und mit Recht zu befürchtenden Gegenvorkehrungen seiner Unterdrücker sicherstellen, sondern er selbst würde auch als ein tüchtiger Handwerker ein glücklicherer Mensch werden, als er als ein vermeinter Prinz oder als eines andern vornehmen Mannes Sohn werden könne, solange er nicht dafür anerkannt sei ? eine Anerkennung, die aller Wahrscheinlichkeit nach nie zu hoffen stehe, und gesetzt auch, die Anerkennung erfolge seinerzeit, so würde es eben kein Unglück für den Fürstensohn sein, ein Handwerk erlernt zu haben, auch wenn ihn das Schicksal zum Erben eines Thrones bestimmt hätte. Dieses und noch manches andere sagte ich bald da und bald dort, aber es fand nirgends Beherzigung. Der Findling wurde wie ein junger Mensch von Stand erzogen; er bekam Unterricht in Sprachen und in wissenschaftlichen Gegenständen; er lernte Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten und andere Künste. Aber in nichts zeichnete er sich besonders aus, er blieb ein ganz gewöhnlicher Mensch, und wohl ihm, wenn er nichts weiter als das geblieben wäre! Allein er ward auch ein verdorbener Mensch, und er ward es durch seine unzweckmäßige fehlerhafte Erziehung. Er ward eingebildet, weil er sich als ein Wunderwesen angestaunt sah; stolz, weil man ihm zu verstehen gab, er könne der Sprößling einer vornehmen Familie oder gar ein Fürstenkind sein; eitel, weil er sich von den Damen, die den lieben Jungen in ihre Gesellschaften einluden, ihm allerlei Geschenke machten, Ringe an die Finger steckten und was dergleichen Auszeichnungen mehr waren, geschmeichelt sah; anmaßend, weil er sich gewöhnte, mehr aus sich zu machen, als an ihm war; lügenhaft, weil er, um sich noch geltender zu machen, sich mit Eigenschaften und[276] Vorzügen brüstete, von denen er gar wohl wußte, daß sie ihm fehlten ? kurz, er wurde im eigentlichen Verstand ein verdorbener Mensch. Wie wenig der ihm erteilte Unterricht bei ihm gefruchtet, sah man bald ein; aber an seine sittliche Verdorbenheit wollten nur wenige glauben, und es ist auffallend, daß nicht nur Lord Stanhope, dessen Schützling er vorzüglich war und der ihn bald genug hätte durchschauen können, sondern auch ein Mann wie Feuerbach, der sonst die Menschen so gut zu beurteilen wußte, so blind für ihn eingenommen sein konnten. Indessen wie alles in der Welt seinen Reiz endlich verliert, so war dies auch mit Kaspar Hauser der Fall. Er hörte nach und nach auf, das Tagesgespräch zu sein, man fing an, weniger aus ihm zu machen, man nahm immer weniger Notiz von ihm, und bald schien es, daß man ihn gar vergessen wolle. Dies fühlte er selbst sehr gut, schon als er noch in Nürnberg in dem Hause und unter der Aufsicht des Professors Daumer war und wo seinem Vorgeben nach das erste Attentat auf sein Leben versucht ward ? ich sage, seinem Vorgeben nach, denn was man auch auf den Grund seiner Aussagen und des ärztlichen Parere für seine Unschuld gesagt hat, ich konnte mich von der Wahrheit seiner Aussagen nicht überzeugen. Ich glaubte, daß er sich selbst verwundet und es getan habe, um die Aufmerksamkeit des Publikums, die sich immer mehr zu verlieren schien, aufs neue auf sich zu ziehen, und was mir außer der Verwundung selbst, die an dem Ort, wo sie geschah, als eine Verwundung von fremder Hand nicht wohl zu begreifen ist, für die Richtigkeit meiner Meinung vorzüglich zu sprechen schien, war, weil es mir unglaublich vorkam, daß der gedungene Mörder, statt ihm den beabsichtigten tödlichen Streich zu versetzen, sich mit einer bloßen Verwundung begnügt habe. Ebendieser Meinung war ich auch in betreff des zweiten Attentats auf sein Leben in Ansbach, wo er in einer Kanzlei als Schreiber arbeitete. Hier sah er sich auf dem Wege, bald ganz vergessen zu werden, und nichts ist natürlicher, als daß der eitle, verwöhnte, ja verhätschelte Mensch das zu erlöschen drohende Andenken an sich durch ein zweites vorgebliches Attentat auf sein Leben wieder aufzufrischen suchte. Er entschloß sich also zu einer zweiten Selbstverwundung,[277] in der Hoffnung, er werde seine Absicht auch jetzt wieder ebenso glücklich erreichen als das erstemal in Nürnberg. Aber diesmal kam er nicht so leicht weg als damals. Er stach fehl, das Instrument drang tiefer ein, als er gewollt hatte, die Wunde war tödlich, und er starb als ein Selbstmörder, nicht als ein Verwundeter von fremder Hand. So dachte ich, und ich weiß, daß viele ebenso dachten. Aber ich bin weit entfernt, ihn einen Betrüger zu nennen, wie einige getan haben, die ihn schon bei seiner Ankunft in Nürnberg als einen solchen in Verdacht genommen hatten, indem sie seine Aussage, mehrere Jahre eingesperrt gewesen zu sein, für eine Lüge, sein ganzes Benehmen in Nürnberg für eine einstudierte Rolle, kurz, ihn für einen abgefeimten Betrüger hielten. Ich halte ihn vielmehr für einen Betrogenen, betrogen von der hohen Meinung von sich, die ihm seine selbst nicht minder verblendeten Gönner und Beschützer und, ich möchte wohl noch hinzusetzen, seine Liebhaber und Liebhaberinnen beibrachten. Diese hohe Meinung von sich machte ihn zu einem eiteln, stolzen, anmaßenden Menschen, und wenn er endlich zum Selbstmörder wurde, so war es seine gekränkte Eitelkeit, sein unbefriedigter Stolz, seine getäuschten Hoffnungen und Erwartungen, die ihn dahin führten. Sein Selbstmord gereicht daher ihm weniger zum Vorwurf als denjenigen, die ihn so eitel, stolz und anmaßend machten. Zu diesen gehört vorzüglich Lord Stanhope, und es tut mir leid, ihm auch den trefflichen Feuerbach an die Seite stellen zu müssen, obschon der erstere mehr schuld an seinem Verderben war als der letztere. Jener war es vorzüglich, der ihn so eitel, stolz und anmaßend machte, und es wäre weit besser gewesen, wenn er das seinem Schützling zugefügte Übel im stillen bereut hätte, als daß er ihn in der Folge öffentlich für einen Betrüger ausgab. Feuerbach war bloß verblendet, indem er in einem ganz gemeinen Menschen etwas Außerordentliches zu sehen glaubte, an dem doch gar nichts war, als was man ihm andichtete oder er sich selbst anlog. Amazon.de Widgets Fremde Personen von Bedeutung lernte ich in Nürnberg wenige kennen. Es kamen zwar täglich viele; teils durchreisende, teils länger in der Stadt verweilende Fremde an; aber ich nahm[278] nur von solchen Notiz, die mich besonders interessierten, teils als Männer vom Fach, teils als Gelehrte von Ruf, deren persönliche Bekanntschaft ich zu machen wünschte. Von den ersten nenne ich vorzüglich den preußischen Geheimenrat von Wendt aus Breslau, von den letztern der großherzoglichen Kanzler von Müller aus Weimar. Den Geheimenrat von Wendt hatte ich längst als ausgezeichneten Schriftsteller geschätzt, und als praktischer Arzt war er mir schon einige Jahre vor seiner Ankunft in Nürnberg von einem seiner Landsleute, dessen Hausarzt er ist, so sehr zu seinem Vorteil geschildert worden, daß ich über den Besuch, mit dem er mich beehrte, hoch erfreut war. Er hielt sich nur ein paar Tage in Nürnberg auf, aber die wenigen Stunden, die ich in seiner Gesellschaft zubrachte, zähle ich zu meinen angenehmsten in Nürnberg, nicht allein weil ich an ihm einen vorzüglichen Arzt, sondern auch einen ebenso heitern und jovialischen als geistreichen und gelehrten Mann kennenlernte. Der Kanzler von Müller war mir schon, ehe ich seine persönliche Bekanntschaft machte, von der Geheimerätin von Wolzogen, meiner schon genannten hochverehrten Freundin, als einer der würdigsten Männer in Weimar geschildert worden, und man kann sich denken, wie erfreut ich über seinen Besuch war. Wegen seiner genauen Bekanntschaft mit Goethe und Schiller und wegen der Achtung, in welcher er bei beiden stand, war mir seine Bekanntschaft doppelt erfreulich. Von beiden großen Männern erfuhr ich durch ihn vieles, was ich zuvor nicht wußte; dagegen konnte ich ihm auch manches von Schiller, besonders aus seiner Jugendzeit, sagen, was er nicht wußte und was ihm viel Freude machte. Ich besitze ein Andenken von ihm, welches mir sehr wert ist, ein Exemplar der von dem Großherzog von Weimar veranstalteten Prachtausgabe von Goethes »Iphigenie«, für welches ich ihm um so größern Dank schuldig bin, da er es nur mit Mühe auftreiben konnte und demselben ein wahrhaft herzlicher Brief beigelegt war. Von den Fremden, welche ich zuvor schon persönlich kannte, nenne ich zuerst den berühmten Jean Paul, den Legationsrat Friederich Richter, in Bayreuth. Hier lernte ich ihn zuerst kennen,[279] und zwar in dem Hause des damaligen Regierungspräsidenten Baron von Welden, bei welchem ich mit ihm zu Mittag speiste. Weil ich mehrere Tage in Bayreuth verweilte, sah ich ihn öfter, sowohl in seinem Hause als in Gesellschaft, besonders in der dortigen »Harmonie«, welche er alle Abende besuchte. Noch näher aber wurde ich mit ihm in Nürnberg bekannt, wo er sich einen vollen Monat aufgehalten hatte. Er hatte eine Privatwohnung gemietet, und es verging selten ein Tag, an dem ich ihn nicht besuchte. Ich traf ihn gewöhnlich an seinem Arbeitstisch, teils lesend, teils schreibend, und bald wurde ich auch mit der Art bekannt, wie er arbeitete. Er las sehr viel, selbst in der »Harmonie«, und nicht bloß Zeitungen und Journale, sondern auch Bücher, die er mitgebracht hatte. Er hatte immer eine Schreibtafel bei der Hand, um auf der Stelle nicht nur alles, was ihm beim Lesen interessant vorkam, sondern auch seine eigenen Gedanken dabei, seine originellen Ansichten, seine geistreichen Einfälle, seine überraschenden Witze, niederzuschreiben. Diese Früchte seiner Lektüre und seiner Studien trug er dann unter den gehörigen Rubriken in ein dickes Schreibbuch in Quartformat ein, und wenn er über einen Gegenstand schreiben wollte, so lieferten ihm diese Schreibbücher die Materialien, die er nur zusammenzustellen brauchte, um ein Buch daraus zu machen. So entstanden wenigstens die meisten seiner Werke. Aber unverkennbar verrät sich auch in ihnen diese Art zu schreiben in der sonderbaren, oft gezwungenen Zusammenstellung seiner Ideen und in ihrem häufigen unklaren Zusammenhang; auch ist sie ohne Zweifel die Ursache des Mangels an Geschmack, den man ihm nicht mit Unrecht vorwirft. Indessen gehört er ohne Widerrede zu den geistreichsten und originellsten unserer Schriftsteller und, was seinen Charakter betrifft, zu den gutmütigsten und liebenswürdigsten Menschen. Ich besitze noch mehrere Briefe von ihm, die davon Zeugnis geben. Wegen der Augenschwäche, an welcher er litt, sind sie alle auf grünes Papier geschrieben. Ein anderer Fremder, welchen ich zuvor schon persönlich kannte und dessen ich hier mit Vergnügen erwähne, ist der schon früher von mir genannte D. Schlotmann aus Römhild.[280] Er besuchte mich zweimal in Nürnberg. Das erstemal kam er aus Wien, wohin ihn der damalige Kongreß gezogen hatte, und wie sehr er wie überall auch dort seine Neugierde befriedigt und wie scharf er alles, was auf dem Kongreß vorging, teils selbst beobachtet, teils auszukundschaften gewußt hat, beweist, daß er mir Resultate der Verhandlungen erzählte, die damals noch Geheimnisse waren, bei ihrer öffentlichen Bekanntwerdung aber sich vollkommen bewährten. ? Das zweitemal war er im Begriff, nach Holland zu reisen, und machte mir bloß einen vorübergehenden Besuch; auch sagte er mir nicht, was der Zweck seiner Reise sei. Allein teils eben die Eile, mit welcher er die Reise fortsetzte, teils weil er diesmal zu Wagen, nicht wie sonst zu Fuß reiste, teils einige leise Winke, die er fallen ließ, ließen mich glauben, daß der Zweck derselben ein politischer sei. Seit dieser Zeit sah ich ihn nicht wieder; ich hörte bloß später, daß er nach Frankfurt gezogen, dort einen in Römhild nicht gewohnten Aufwand gemacht und vermutlich als Agent einer nordischen Macht eine nicht unbedeutende politische Rolle bis zu seinem daselbst erfolgten Tode gespielt habe. Er war ein trefflicher Kopf, reich an Kenntnissen aller Art, besonders aber an politischen; auch war er, wie einige kleine in Journale eingerückten Aufsätze von seiner Hand beweisen, ein guter Schriftsteller, und es ist schade, daß das von ihm angekündigte, vielversprechende Panorama der Politik nicht im Druck erschienen ist, vielleicht eben deswegen, weil er selbst eine politische Rolle übernommen hatte. Ich habe schon gesagt, daß ich in den letzten Jahren meines Aufenthalts in Nürnberg größere Privatgesellschaften seltener besuchte als in den frühern, noch seltener aber besuchte ich öffentliche Gesellschaften und zuletzt gar keine mehr, nicht einmal die vorzüglichste von allen, das Museum. Ebenso nahm ich auch sehr selten an großen Gastmahlen teil, nicht allein, weil ich solche überhaupt nicht liebe, sondern auch, weil mir die Gäste zu gemischt und die Art, wie es gewöhnlich dabei zugeht, und besonders das dabei übliche Singen und Ausbringen von Toasten zuwider waren. ? Dagegen machte ich, sooft ich Zeit hatte, Spaziergänge auf das Land, und wie damals in Ludwigsburg,[281] Würzburg und Ansbach suchte ich mir auch in Nürnberg in der Umgegend ein Plätzchen aus, wohin ich dieselben richtete. Diese Spaziergänge waren ein wahres Bedürfnis für mich, und ich war schon mehrere Wochen in Nürnberg, ehe ich eines fand. Es waren mir zwar mehrere empfohlen worden, welche ich in Begleitung des D. Schadelock besuchte, allein es wollte mir keines recht gefallen. Endlich führte mich derselbe auch nach Hummelstein. Ich fand hier nichts als ein einsames Wirtshaus; aber die nur eine halbe Stunde von der Stadt entfernte Lage desselben, der schöne Weg dahin und die Annehmlichkeit des Platzes selbst bestimmten mich sogleich zu seiner Wahl. Von allen solchen Plätzen in der Umgegend war dieser am wenigsten besucht; bloß Fuhrleute und aus der Stadt nur gemeine Leute, und auch diese nur zuweilen, kehrten in dem Wirtshause ein. Allein um so öfter begab ich mich dahin, anfangs ganz allein oder bloß begleitet von meiner Familie, bald aber lockten mein Beispiel und meine Lobpreisungen des Platzes auch andere dahin, die Gesellschaft, die man dort traf, wurde immer zahlreicher, und nicht lange, so wurde der Platz der besuchteste in der Umgegend und um so angenehmer, da das gemeine Volk von einem Ort, wo sich die ersten Personen von dem Militär- und Zivilstand versammelten, von selbst wegblieb. So blieb es mehrere Jahre. Erst nachdem sich die öffentlichen Gesellschaftsplätze in und außerhalb der Stadt vermehrten, teilte sich die Gesellschaft, und der Besuch des Hummelsteins nahm, ungeachtet der Verschönerung des Platzes durch eine kleine englische Anlage und vielleicht eben wegen dieser Verschönerung, wie dies oft der Fall ist, dergestalt ab, daß man nur noch am Sonntag früh oder an einem oder zwei Wochentagen Gesellschaft daselbst antraf. Auch ich besuchte seit dem Tod meiner Frau den Ort seltener, es war ihr Lieblingsplatz, und es ist natürlich, daß ich mich scheute, einen Ort oft zu besuchen, wo ich die Unvergeßliche nicht mehr an meiner Seite sah. Überhaupt machte ich in der letztern Zeit selten mehr einen Spaziergang auf das Land, und wenn ich mich in Gesellschaft erheitern wollte, begab ich mich auf den sogenannten Schloßzwinger, wohin mich schon die schöne Aussicht[282] in die weite reiche Umgegend einlud, welcher nur die Aussicht von der im Dreißigjährigen Krieg so berühmt gewordenen alten Veste bei Zirndorf zu vergleichen ist. Unter diesen Verhältnissen befand ich mich ganz wohl und zufrieden in Nürnberg, und obschon mein Leben hier viel einförmiger war als in Ludwigsburg und Würzburg, so wandelte mich doch selten die Lust an, Nürnberg mit einem andern Ort zu vertauschen, nicht allein weil ich stets auf die Realisierung meiner Pläne wegen der Krankenanstalten hoffte, sondern auch weil Nürnberg unstreitig diejenige Stadt in Bayern ist, wo man am ungeniertesten leben kann. Schon die Stadt selbst, so alt sie ist, gehört gleichwohl zu den schönern Städten in Deutschland, auch kenne ich keine, die [ich] ihr in Rücksicht auf Salubrität, welche sie vorzüglich ihrer hohen und freien Lage, der Richtung ihrer mehrenteils weiten Straßen von Osten nach Westen, der durchfließenden Pegnitz und der Reinlichkeit ihrer Bewohner zu danken hat, vorziehe. Seit meinem vieljährigen Aufenthalt in derselben habe ich nie eine eigentliche Epidemie erlebt, dergleichen z.B. so oft in Stuttgart herrschen, nicht einmal eine Ruhrepidemie, die bekanntlich an andern Orten eine so häufige Erscheinung sind. Die häufigste Krankheit in Nürnberg ist die Lungensucht, an ihr sterben die meisten Menschen, und ohne Zweifel trägt außer dem sandigen Boden und dem Staub der vielen Fabriken das meiste die Kälte der massiven Häuser bei, die, zumal im Sommer, so leicht Veranlassung zu Katarrhen gibt, deren öftere Wiederkehr und häufige Vernachlässigung endlich zur Lungensucht führen. ? Nicht minder als diese Salubrität der Stadt machen auch die in derselben noch vorhandenen vielen Denkmäler der Kunst, die vielen Fremden, die sie besuchen, der bedeutende Handelsverkehr sowohl in der Stadt selbst als zwischen ihr und der nahe gelegenen Stadt Fürth, überhaupt das überall herrschende rege Leben, vor allem aber die Biederkeit und Gutmütigkeit der Einwohner, ihre zuvorkommende Höflichkeit gegen Fremde, ihre Gastfreundschaft, den Aufenthalt in ihr angenehm. Allerdings gibt zwar wie in allen Handelstädten auch in Nürnberg der Handelstand den Ton an, allein keineswegs so sehr[283] wie in andern Handelstädten, z.B. in Augsburg, was sich leicht daraus erklären läßt, daß es unter den Nürnberger Kaufleuten keine Millionäre, dagegen aber eine Menge wohlhabender Bürger gibt, die sich den Kaufleuten an die Seite stellen können und sich ebensowenig vor dem Handelstand demütigen als früher vor dem Patriziat. Mich kümmerte weder der Handelstand noch das Patriziat, ich war ein königlicher Staatsdiener, von beiden gleich unabhängig, und ich war zufrieden, mich von beiden geachtet zu sehen. Ohnehin kein Freund von zerstreuenden Vergnügungen, konnte ich mich leicht in meine einförmige Lebensart fügen, und wenn ich mich zerstreuen wollte, so machte ich eine Reise in mein Vaterland, was ich während meiner Anstellung in Nürnberg mehrmals tat. Meine Besuche im Vaterland waren mir jedesmal gleich erfreulich. Ich sah meine Eltern, Geschwister, meine Anverwandten und meine alten Freunde wieder, und das Andenken an die schönen Tage, welche ich mit ihnen verlebte, entschädigte mich hinlänglich für das, was ich in Nürnberg entbehrte. Allein nachdem ich im Jahr 1815 meine Mutter, im Jahr 1823 meinen Vater und bald nachher auch meine älteste Schwester in Stuttgart und in Ludwigsburg meine Schwiegermutter, zwei meiner Schwäger und eine Schwägerin verloren hatte, machten mir meine Reisen dahin weniger Freude, und ich verweilte daher nie mehr so lange in dem Vaterland als früher. Es ist ein trauriges Gefühl, die Seinigen da, wo man sie sonst fand, nicht wiederzufinden, und es würde vergebens sein, die Empfindungen zu schildern, von denen ich ergriffen wurde, als ich bei meinen letztern Reisen im Jahr 1834 und 1836 nur noch zwei Schwestern, einen Schwager und zwei Schwägerinnen und von meinen ehemaligen vielen Freunden und Freundinnen so wenige mehr am Leben antraf. Aber ein noch weit traurigeres Ereignis für mich und meine Familie als der Tod so vieler lieben Anverwandten und Freunde war der Tod meiner Frau. Sie starb am siebenten Dezember 1827, nachdem sie längere Zeit zuvor gekränkelt hatte. Wie mein ihr vorangegangener Sohn starb auch sie an der Lungensucht. Was ich an dieser treuen Gattin, was meine[284] Tochter an dieser liebevollen Mutter verloren, können wir nicht sagen, wir können es bloß fühlen. Es starb an ihr eine der verständigsten, gebildetsten, edelsten der Frauen. Dafür galt sie bei allen, sowohl Männern als Frauen, die sie näher gekannt hatten, und die Achtung und Verehrung, deren sie überall, wo wir waren, genoß, und das Andenken an sie, das noch lebendig in den Herzen aller ihrer Freunde ist, ist das schönste Denkmal, welches ihr hätte errichtet werden können. Ein anderes für mich sehr schmerzhaftes Ereignis war der Tod des Grafen von Thürheim im Jahr 1833. Schon zwei Jahre zuvor hatte er sich aus dem Staatsdienst zurückgezogen und privatisierte in Ansbach, wo seine einzige Tochter an den Regierungsrat Fürsten Karl von Wrede, ältesten Sohn des berühmten Marschalls, verheuratet war. Wie glücklich es mich machte, diesem mir so teuren Freund wieder näher zu sein, brauche ich nicht zu sagen. Seine Kränklichkeit erlaubte ihm nicht, zu mir nach Nürnberg zu kommen; aber um so öfter besuchte ich ihn in Ansbach, und gewöhnlich auf einige Tage. Seine Gesundheit war durch häufige Anfälle von Podagra sehr geschwächt, doch waren seine Geisteskräfte noch in voller Wirksamkeit, nur sein Gedächtnis hatte bedeutend nachgelassen. Neuere Vorgänge, auch wenn sie ihn in hohem Grade interessierten, vergaß er in kurzem wieder, dagegen erinnerte er sich der frühern noch immer deutlich, und daher waren auch diese der gewöhnliche Gegenstand unserer Unterhaltung. So versetzten wir uns zurück in unsere in der Akademie in Stuttgart durchlebten Jugendjahre, so wiederholten wir in der Erinnerung unser Zusammenleben in Würzburg, Ansbach und Nürnberg, und diese Erinnerungen befestigten aufs neue unsern alten Freundschaftsbund. Aber leider dauerte dieses Beisammensein nicht lange. Die Kränklichkeit des Grafen nahm zu, mit dem zunehmenden Verfall des Körpers fingen auch seine Geisteskräfte merklicher an zu schwinden, das Gedächtnis war völlig erloschen, und der sonst so geistreiche Mann verfiel zuletzt in einen Zustand gänzlicher Besinnungslosigkeit, in welchem er, nach mehrwöchentlicher Dauer vom Schlag getroffen, starb. Nächst Schiller war er mir von meinen Jugendfreunden[285] der liebste; auch hat keiner von ihnen auf mein ganzes Schicksal so großen Einfluß gehabt als er. Er war es vorzüglich, der mich bestimmte, mein Vaterland zu verlassen und in bayerische Dienste zu treten, er war es auch vorzüglich, der mich diesen Wechsel nie bereuen ließ. Ich hatte an ihm einen immer gleich eifrigen Gönner, einen immer gleich wohlgesinnten Freund, ebenso an dem hochgestellten Staatsminister wie an meinem ehemaligen Mitzögling in der Akademie in Stuttgart. Wie so viele andere meiner ältern Freunde ist auch er heimgegangen; aber sein Andenken lebt in meinem Herzen und wird leben, bis auch ich dahin gehe, wohin er mir vorausgegangen ist. Zu den fröhlichen Ereignissen, welche ich in Nürnberg erlebte, zähle ich außer den Besuchen, die ich von Zeit zu Zeit von meinen Freunden und Verwandten aus Stuttgart, Ludwigsburg, Würzburg, Ansbach und München und von Fremden aus mehreren Gegenden von Deutschland erhielt, vorzüglich den Besuch der Herzogin Franziska von Württenberg im Jahr 1810, die Durchreise der verwitweten Kaiserin von Rußland Maria Federowna, der Mutter des damals regierenden Kaisers Alexander, durch Nürnberg im Jahr 1818, die Anwesenheit des Königs Maximilian von Bayern in Nürnberg im Jahr 1823 und meine Jubiläumsfeier im Jahr 1830. Die Herzogin Franziska, Gemahlin des im Jahr 1793 verstorbenen Herzogs Karl, kam nach Nürnberg, hauptsächlich in der Absicht, wie sie mir sagte, mich wegen ihres Gesundheitszustandes um Rat zu fragen. Sie war schon seit längerer Zeit kränklich gewesen, als sie auf einer zu ihrer Erholung gemachten Reise in Nürnberg ankam. Sie litt an einem unheilbaren organischen Übel, gegen welches ich ihr bloß Palliativmittel verordnen konnte. Auf den Gebrauch dieser Mittel glaubte sie, sich besser zu befinden, und beschloß daher, bis zu ihrer völligen Genesung in Nürnberg zu verweilen. Sie logierte in einem Gasthof, und ich war alle Mittage bei ihr zu Tische. Sie war gewöhnlich heiter, und der Gegenstand unserer Unterhaltung war meistens die ehemalige Akademie in Stuttgart, deren Stifter ihr Gemahl und deren Zögling ich war.[286] Gleich mir erinnerte sich auch die Herzogin einer Menge interessanter Vorfälle in derselben, und diese Erinnerungen machten uns beiden große Freude. Indessen gefiel dem König Friederich, damals noch Kurfürst, ihr langer Aufenthalt in Nürnberg nicht. Er wollte, daß sie nach Hause zurückkehre, ich sollte ihr dies beibringen, und ich hatte um so mehr Ursache, sie, dem Wunsche des Königs gemäß, zur Heimreise zu bewegen, da ich zu ihrer Herstellung schlechterdings keine Hoffnung hatte. Sie verweilte einen vollen Monat, den ganzen November, in Nürnberg, und als ich ihr die Rückreise nach Kirchheim, ihrem Witwensitz, anriet, sagte sie mir, daß sie dazu entschlossen sei und daß sie auch gern dahin zurückkehren würde, wenn nur nicht der fatale Neujahrstag bevorstände. Ich glaubte, sie fürchte die lästigen Gratulationen an diesem Tage; allein diese Furcht schien vielmehr eine Ahnung ihres nahe bevorstehenden Todes gewesen zu sein, denn der Neujahrstag war der Tag, an welchem sie starb. Das zweite erfreuliche Ereignis war die Anwesenheit der Kaiserin Mutter von Rußland. Sie besuchte Nürnberg auf ihrer Reise nach Stuttgart zu ihrer Tochter, der Königin Katharina von Württenberg. Sie kam erst am späten Abend in Nürnberg an, dennoch war das Gedränge auf der Straße so groß, daß der Wagen nur Schritt vor Schritt fahren konnte und mehrere Male halten mußte. Um so besser konnte die Kaiserin das sie begrüßende Glockengeläute hören, welches ihr so wohl gefiel, daß sie, um es noch deutlicher und länger zu hören, den Wagen einigemal absichtlich halten ließ. Sie verweilte sich nur einen Tag in der Stadt, besah aber alle Merkwürdigkeiten derselben, und bei der Kunstausstellung auf dem Rathaussaal ließ sie sich auch die Personen, die ihr aufwarten wollten, vorstellen. Ich war nicht darunter, obwohl ihr Leibarzt, der Staatsrat Ruhl, den ich auf das Rathaus begleitet hatte, mich ihr ebenfalls vorstellen wollte. Ich verbat es, weil ich nicht dazu angekleidet war. Allein ob ich schon nicht das Glück hatte, mit ihr zu sprechen, so sah ich doch diese hohe Frau in der Nähe und freute mich ihrer imponierenden Gestalt, ihrer wahrhaft fürstlichen Haltung und der auffallenden Ähnlichkeit ihrer Gesichts[287] bildung mit der ihres Bruders, des Königs Friederich von Württenberg, dem sie auch an Geist gleich war. Wie wohl es ihr in Nürnberg gefiel und wie sehr sie insbesondere der Anblick der alten Denkmäler der Kunst erfreute, konnte man nicht bloß aus ihren Äußerungen darüber, sondern auch daraus schließen, daß sie mit Verwunderung hörte, ihr Sohn, der Kaiser Alexander, der die Stadt nicht lange zuvor besucht hatte, habe sich nur einige Stunden in ihr verweilt. Gleich am Morgen nach der Ankunft der Kaiserin erhielt ich von ihrem Leibarzt, dem schon genannten Staatsrat Ruhl, einen Besuch, der mich um so mehr freute, da ich an ihm einen ebenso lieben Mann als tüchtigen Arzt kennenlernte. Ich führte ihn überall in der Stadt herum und begreiflich auch in meine Krankenanstalt im Spital zum heiligen Geist. Unter andern Kranken, auf welche ich ihn aufmerksam machte, war auch eine junge Weibsperson, die im Gedränge beim Einzug der Kaiserin am Kopf verwundet worden war. Die Verwundung war, wie er sich selbst überzeugte, ohne Bedeutung, gleichwohl setzte er die Kaiserin von dem Vorfall in Kenntnis, und am Nachmittag ließ mir dieselbe acht Stück Dukaten für die Verunglückte durch ihn zustellen, welche ich ihr gleich am folgenden Morgen einhändigte. Aber das war noch nicht genug. Unter andern bayerischen Staatsdienern, welche die Kaiserin bis an die Grenze begleiteten, war auch ein Regierungsrat von Bayreuth, der Graf von Münster. Dieser stellte mir nach seiner Zurückkunft noch zehn Stück Dukaten für die verunglückte Weibsperson zu; allein ich übergab ihr solche nicht, teils weil sie bereits als vollkommen hergestellt aus der Krankenanstalt entlassen war, teils weil ich unterdessen erfahren hatte, daß sie ein notorisch liederliches Weibsbild sei, sondern glaubte, das kaiserliche Geschenk würde ungleich besser angelegt sein, wenn es eine arme, blinde Buchhändlerswitwe namens Grattenauer erhielte, zumal da die Mutter ihres verstorbenen Mannes Säugamme bei der Kaiserin gewesen sei. Ich schrieb deshalb sogleich an den Staatsrat Ruhl nach Stuttgart, der Kaiserin wurde mein Vorschlag vorgelegt und mit Vergnügen von ihr genehmigt, nur bemerkte sie, daß sie sich zwar ganz wohl einer Grattenauerin erinnere, daß aber die[288] selbe nicht sie, sondern einen ihrer Brüder gestillt habe. So bekam also diese arme blinde Witwe jene zehn Stück Dukaten, ich ließ mich über den Empfang von ihrer Tochter quittieren und glaubte, die Sache sei nun abgemacht, weil ich vermutete, daß die Weibsperson, der sie zuerst zugedacht waren, nichts davon erfahren habe. Aber der Graf von Münster mußte ausgeschwatzt haben, und zwar in der Bestelmeierischen Handlung, wo er vor seiner Rückkehr nach Bayreuth etwas gekauft hatte und die Mutter der Weibsperson eben damals in dem Bestelmeierischen Haus als Taglöhnerin arbeitete. Hier hatte diese nun erfahren, daß mir noch weitere zehn Stück Dukaten für ihre Tochter zugestellt worden, aber nicht, was weiter damit geschehen sei. Sie glaubte daher, ich hätte sie unterschlagen, und in dieser Voraussetzung kam sie nach einigen Tagen zu mir. Natürlich verriet sie ihre Absicht nicht sogleich, sie sagte mir bloß, daß ihre Tochter noch nicht ganz gesund sei, daß sie noch immer über heftige Schmerzen im Kopf klage und daß sie noch außerstand sei, etwas zu arbeiten. Ich erwiderte ihr, daß die Wunde von gar keiner Bedeutung gewesen, so dürfe sie außer Sorgen sein, die Schmerzen im Kopf würden sich in kurzem von selbst verlieren. Die Frau ging, wie es schien, beruhigt fort, aber nach einigen Tagen kam sie wieder, die nämlichen Klagen wiederholend, ich gab ihr denselben Bescheid wie das erstemal, aber ich merkte wohl, was sie eigentlich auf dem Herzen hatte; sie zögerte, als ob sie sich noch auf etwas besinne, fortzugehen, und sie war bereits schon der Türe zugegangen, als sie wieder umkehrte und mit der wahren Absicht ihres Besuchs herausrückte. »Um Verzeihung, Herr Doktor«, sagte sie, »noch ein Wort, wenn Sie erlauben; wie ich höre, haben Sie von der russischen Kaiserin für meine Tochter noch weitere zehn Stück Dukaten erhalten, die Sie wahrscheinlich noch bei Handen haben, und wenn ich bitten dürfte ...« ? »Das ist's also«, unterbrach ich sie, »warum Ihre Tochter noch nicht gesund ist. Aber woher weiß Sie denn«, fuhr ich fort, »daß ich die zehn Stück Dukaten erhalten habe?« ? »Von der Madame Bestelmeier«, war ihre Antwort, »bei welcher ich als Tagelöhnerin arbeite.« ? »Madame Bestelmeier«, erwiderte ich, »hat Ihr[289] die Wahrheit gesagt, aber die zehn Dukaten hat eine andere Person erhalten, die des Geschenks würdiger ist als Ihre Tochter, das sage Sie der Madame Bestelmeier, und wenn sie wissen will, wer, so soll sie nur zu mir kommen, und ich werde es ihr sagen.« Die Frau entfernte sich, ohne etwas zu erwidern; allein nach einigen Tagen erhielt ich von dem Bürgermeister Binder ein Schreiben nebst einem Protokoll, woraus ich ersehen würde, daß ich von der mehr erwähnten Weibsperson wegen Geldunterschlagung verklagt worden. Hätte ich den Brief des Staatsrats Ruhl und die von der Tochter der Frau Grattenauer ausgestellte Quittung nicht wohl aufgehoben gehabt, so wäre ich, weil ich bloß durch die Erzählung des Vorgangs auf die Beschuldigung hätte antworten können, allerdings in einige Verlegenheit gekommen. Aber ich hatte zu meiner Rechtfertigung nichts zu tun, als dem Bürgermeister den Brief und die Quittung mitzuteilen. Die Klägerin wurde vorgefordert, Brief und Quittung ihr vorgelegt, sie wurde mit ihrer Klage abgewiesen, und ich wurde gefragt, welche Genugtuung ich wegen der Injurie verlange. Natürlich verlangte ich keine. Ich wußte, daß niemand in Nürnberg mich einer solchen Handlung für fähig halte, und das Weibsbild, glaubte ich, sei genug gestraft, daß sie die Dukaten nicht erhalten hatte. Das dritte erfreuliche Ereignis war die Anwesenheit des Königs Maximilian in Nürnberg. Es war das erstemal, daß der König die Stadt mit einem Besuch beehrte. Er ward mit Jubel empfangen, und diesen Jubel erwiderte er durch seine gewohnte liebreiche Popularität. Die zwei Tage, während welcher er in Nürnberg verweilte, waren Festtage für die Stadt, sie waren auch Festtage für ihn. Sorgenvoll kam er in Nürnberg an, denn er hatte gefürchtet, es möchte in dem Volksgedränge auf dem Wege von Fürth nach Nürnberg ein Unglück geschehen sein; aber wie man ihm meldete, daß alles gut abgelaufen sei, erheiterte sich sein Gesicht, und freudig rief er aus: »Nun bin ich erst gern in Nürnberg!« So war es auch. Wie er durch seine Herablassung und Leutseligkeit alle Herzen gewann, so huldigten ihm auch alle Herzen, und diese ungeheuchelte Huldigung wirkte wieder auf ihn zurück. Es war ihm wohl in der[290] Mitte eines ihm so herzlich huldigenden Volks, und tief gerührt versprach er beim Abschied, bald wiederzukommen. Bei der Aufwartung, welche ihm die höhern Militär- und Zivilbeamten, der Magistrat und die Gemeindebevollmächtigten, die Geistlichkeit etc. bei seiner Ankunft machten, grüßte er alle ihm schon bekannten Individuen auf das freundlichste, und unter diesen war auch ich. Nach der Tafel am folgenden Tag, zu welcher auch ich gezogen worden, unterhielt er sich lange mit mir über Würzburg, über das Julius-Spital, wie oft er dasselbe besucht, mit mir und meinen Schülern in den Krankenzimmern herumgegangen, und als ich auf die Frage, ob nicht auch in Nürnberg eine solche Krankenanstalt einzurichten sei, mit ja antwortete, war er sehr erfreut darüber und forderte mich auf, dafür zu sorgen, daß sobald als möglich Hand an das Werk gelegt werde. Überhaupt war er sehr gnädig gegen mich, er erkundigte sich aufs genaueste nach meinen Verhältnissen in Nürnberg, er interessierte sich für alles, was ich ihm darüber sagte, so wie er nichts vergessen hatte, was er von Würzburg her von mir wußte, und man kann sich denken, wie glücklich mich dieser neue Beweis seiner königlichen Huld machte. ? In seiner Begleitung befanden sich unter andern auch sein Leibarzt Hartz und sein Leibchirurg Winter, die ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal sah. Ich wurde bald näher mit ihnen bekannt, ja vertraut, und diese nähere Bekanntschaft mit zwei schon vorher von mir hochgeschätzten Männern machte mir die Anwesenheit des Königs um so erfreulicher. Das vierte erfreuliche Ereignis war die Feier meines Jubiläums im Jahr 1830, die auf eine mir ganz unerwartete Art veranstaltet wurde. Überhaupt kein Freund von besondern Feierlichkeiten, wie Amtsjubiläen, silbernen und goldenen Hochzeiten usw., dachte ich an nichts weniger als an die Feier meiner funfzigjährigen Praxis, und es war ein bloßer Zufall, der dazu Veranlassung gab. Der damalige Präsident der Regierung in Ansbach Herr von Mieg hatte mich einige Wochen zuvor, wie er mich bei einem ihm gemachten Besuch so gesund und gutaussehend für mein Alter fand, gefragt, wie lange ich bereits praktischer Arzt sei. Ich antwortete ihm, ohne irgendeine[291] Absicht bei seiner Frage zu vermuten, daß es am Ende des nächsten Dezembers funfzig Jahre seien. Er mußte sich dieses gemerkt haben, und da er überhaupt sehr wohlwollend gegen mich gesinnt war, so war es mir leicht begreiflich, wie er auf den Gedanken kommen konnte, mir auch bei dieser Gelegenheit einen Beweis davon zu geben. Der Tag, an welchem ich meine praktische Laufbahn begonnen hatte, war der einundzwanzigste Dezember, und ehe noch dieser Tag herangekommen war, wurde ich durch ein Kabinettsschreiben des Königs Ludwig überrascht, worin er mir in den gnädigsten Ausdrücken zu meinem funfzigjährigen Jubiläum Glück wünschte und mich seiner Gnade versicherte. Dieses gnädige, dem Tag des Jubiläums zuvoreilende und mir eben deswegen doppelt schätzbare Schreiben des Königs, welcher der erste sein wollte, der mir Glück wünschte, ließ mich leicht ahnen, daß mir auf Veranlassung des Regierungspräsidenten von Mieg noch manches andere bereitet sein könnte. Am einundzwanzigsten Dezember vormittags erschienen zuerst die beiden Bürgermeister der Stadt, welche mir unter Darbringung ihrer Glückwünsche das Diplom eines Ehrenbürgers von Nürnberg überreichten, dann eine Deputation der Nürnberger Ärzte, welche mir ihre Teilnahme an diesem Ehrentage durch eine schöne lateinische Denkschrift bezeigten, hierauf eine Deputation von der Universität Erlangen, aus dem damaligen Prorektor und zwei Professoren von der medizinischen Fakultät bestehend, welche mir im Namen der Universität Glück wünschten, und noch an demselben Tag erhielt ich auch ein von dem Prorektor und sämtlichen Professoren der medizinischen Fakultät der Universität Würzburg unterzeichnetes höchst ehrenvolles Schreiben, welchem zum Andenken an meine vormals an derselben bekleidete Lehrerstelle ein neues Doktordiplom beigelegt war. Wie sehr ich durch diese vielfachen Ehrenbezeugungen erfreut war, brauche ich nicht zu sagen; aber den Beweis, welchen mir der Regierungspräsident von Mieg, welcher dazu Veranlassung gab, dadurch von seinen wohlwollenden Gesinnungen gegen mich gegeben, schätzte ich nicht minder hoch als alle jene Ehrenbezeugungen, wie ich denn überhaupt nie vergessen werde,[292] was ich ihm schuldig geworden, als ich in ihm meinen ersten Vorgesetzten zu verehren das Glück hatte. Außer diesen mich besonders angehenden Ereignissen erlebte ich noch mehrere von allgemeinerem Interesse, wie das große Lustlager zwischen Nürnberg und Fürth im Jahr 1824, die mehrmalige Anwesenheit des jetzt regierenden Königs Ludwig in Nürnberg, die Grundsteinlegung zum Denkmal Albrecht Dürers, welcher unter andern Fremden auch mein lieber Jugendfreund Dannecker und der Obermedizinalrat Ringseis, dessen nähere Bekanntschaft ich bei dieser Gelegenheit machte, beiwohnten, die Erbauung des neuen Theaters in Nürnberg, die Gründung der musterhaften polytechnischen Schule und deren fortdauerndes erfreuliches Gedeihen unter der Direktion des genialen, rastlos tätigen Exbürgermeisters Scharrer, die Einführung des jährlichen großen Nationalfestes auf der sogenannten Peterhaide, seit dem Besuch, mit welchem es im Jahr 1833 der König beehrte, Ludwigsfeld genannt, die Errichtung der Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, der ersten in Deutschland; auch möchte ich als ein solches allgemein erfreuliches Ereignis die große Julius-Revolution im Jahr 1830 nennen, während welcher ich mich gerade in Stuttgart befand, und die Freude darüber zunächst mit meinen Landsleuten teilte. Allein ich begnüge mich, diese Ereignisse bloß zu nennen, und kehre wieder zu der Geschichte meines amtlichen Lebens zurück. Ehe ich aber da fortfahre, wo ich zuletzt stehengeblieben, muß ich noch etwas über das Verhältnis sagen, in welchem ich als Direktor der Krankenanstalten in Nürnberg zu der Kreisregierung in Ansbach stand. Ich habe schon erwähnt, daß ich meine Berichte und Anträge nicht an den Magistrat, sondern unmittelbar an die Regierung zu machen hatte. So war ich allerdings der Regierung untergeordnet, und dieser Unterordnung zufolge hatten das Referat über meine Berichte und Anträge die Kreismedizinalräte Gessner und Krauß. Allein ich hatte bald Gelegenheit zu bemerken, daß der letztere als Kreismedizinalrat glaube, sich über den der Regierung untergeordneten Direktor der Krankenanstalten etwas herausnehmen zu[293] dürfen, und wirklich herausnahm. So kam er z.B. einst ganz unvermutet nach Nürnberg und inspizierte, ohne mir vorher etwas davon zu sagen, die Krankenanstalten. So veranlaßte er gleich nach seiner Zurückkunft von dieser Inspektion die Regierung zu dem Beschluß, einen der Armenärzte zu entlassen, weil er bemerkt hatte, daß demselben ein Stück des Unterkiefers fehle, wodurch sein Anblick widrig und der Geruch, den das noch immer offene kariöse Geschwür verbreite, ekelhaft sei. Daß ich, da sonst nichts gegen diesen Armenarzt einzuwenden war, gegen den Beschluß der Regierung protestierte, versteht sich von selbst; auch nahm die Regierung, wie zu erwarten war, den Beschluß sogleich zurück, und der Armenarzt blieb an seiner Stelle. Allein ich begnügte mich nicht mit der erhaltenen Genugtuung in diesem einzelnen Fall, ich wollte seiner Anmaßung überhaupt ein Ende machen und bat daher die Regierung, ihm das Referat über die Krankenanstalten abzunehmen und seinem Kollegen Gessner zu übergeben, von dem ich als einem ebenso verständigen, ruhigen und billigen Mann als kenntnisreichen und gewandten Geschäftsmann keine solche Unbilden zu fürchten hatte, und die Regierung entsprach meiner Bitte. Überhaupt muß ich sagen, daß die Regierung sich stets liberal, wohlwollend, ja zuvorkommend gegen mich bewies, und insbesondere der damalige Präsident, der Graf von Drechsel, der wie seine beiden Vorgänger sich bei jeder Gelegenheit als einen wahren Freund von mir bezeigt hat. Amazon.de Widgets Indessen kam ich doch einmal, und zwar gleich im Anfang, in eine unangenehme Kollision mit der Regierung wegen meiner Amtsadresse. Die Reskripte, die ich von derselben erhielt, kamen nämlich nicht unter meiner Amts-, sondern unter meiner Namensadresse an mich, ich erhielt sie daher nicht portofrei, und um mir diese Ausgabe zu ersparen, bat ich die Regierung, die Reskripte unter meiner Amtsadresse, nämlich: An die königliche Direktion der Krankenanstalten in Nürnberg, an mich gelangen zu lassen. Ob diese Adresse der Regierung zu vornehm für mich schien, weiß ich nicht, ich weiß bloß, daß in einer Sitzung viel darüber debattiert worden, genug, das[294] Resultat war, daß bei dem nächsten Reskript, das ich erhielt, die Adresse statt an die Direktion an die Kommission der Krankenanstalten lautete. Außerdem daß mir die Adresse: an die Kommission, schon an sich selbst sonderbar vorkam, so konnte ich mir auch keinen andern Grund denken, warum mir die Regierung die von mir vorgeschlagene Adresse nicht bewilligen wollte, als den oben erwähnten, daß sie nämlich zu vornehm für meine Stelle sei. Ich wandte mich daher aufs neue an dieselbe und bezog mich auf mein Anstellungsdekret, in welchem ausdrücklich ausgesprochen sei, daß mir die Direktion der Krankenanstalten in Nürnberg übertragen worden und daher nichts gegen die von mir vorgeschlagene Adresse eingewendet werden könne, die Regierung müßte sie denn für zu vornehm für meine Stelle halten, was sie doch keineswegs sei, da es nicht bloß Regierungsdirektionen, Polizeidirektionen etc., sondern auch Fabrikdirektionen, Theaterdirektionen etc. gebe, welchen die Direktion öffentlicher Krankenanstalten wenigstens gleichstehe. Gleichwohl fand die Regierung nicht für gut, mir die verlangte Adresse zu bewilligen. Ich entschloß mich daher, um dem Streit auf einmal ein Ende zu machen, mich an das Ministerium zu wenden, und dieses bewilligte mir nicht nur meine Bitte wegen der Adresse, sondern es veranlaßte auch den König, mir den Charakter und Rang eines Obermedizinalrats beizulegen, wodurch ich nicht nur ähnlicher Kollisionen mit der Regierung, sondern auch der Anmaßungen der Kreismedizinalräte überhoben ward. Nach dieser Abschweifung komme ich wieder auf die Geschichte meines amtlichen Lebens zurück. Ich habe schon bemerkt, daß ich mir die Behandlung der Kranken in der in dem Spital zum heiligen Geist im Jahr 1812?1823 errichteten Krankenanstalt selbst vorbehalten hatte. Dies lag zwar nicht in dem Wirkungskreis, der mir als Direktor der Krankenanstalten angewiesen war, ich hatte als solcher bloß die Oberaufsicht über die Krankenanstalten und die an denselben angestellten Ärzte zu führen, Vorschläge zur Verbesserung der Anstalten zu machen, die Besetzung der erledigten Stellen an derselben zu begutachten, die Apothekerrechnungen zu revidieren und am[295] Schluß des Etatsjahrs einen allgemeinen Bericht über den Zustand der Anstalten an die Kreisregierung zu erstatten. Der Grund, warum ich die Behandlung der Kranken in der neu errichteten Krankenanstalt selbst übernahm, war, teils weil ich mir dadurch eine angenehme Beschäftigung verschaffte, teils weil die Anstellung eines besoldeten Arztes vorderhand dadurch unnötig wurde. Eben deswegen besorgte ich auch die Kranken allein, ohne einen Gehülfen, und erleichterte mir das Geschäft bloß dadurch, daß ich die ihr praktisches Biennium unter meiner Leitung machenden angehenden Ärzte zur Führung der Tagbücher und zu den erforderlichen anderweitigen Schreibereien benutzte. Erst später, wie ich älter geworden war, ließ ich mir ein paar Gehülfen zugeben, wozu ich den D. Merkel und den D. Ziehl und nach dem Abgang des letztern den D. Lochner vorschlug. Sie wurden mir von dem Magistrat ohne Schwierigkeit bewilligt, und ich hatte alle Ursache, mit der Wahl derselben zufrieden zu sein. Durch die Anstellung dieser Gehülfen wurden mir meine Geschäfte in der Anstalt bedeutend erleichtert; auch hatten sie sich bald so zu Spitalärzten ausgebildet, daß ich ihnen die Besorgung derselben ganz allein überlassen konnte, und solchergestalt nicht nur zur Betreibung meiner Privatpraxis, sondern auch zu außergewöhnlichen Arbeiten mehr Muße bekam. Zu solchen außergewöhnlichen Arbeiten wurde ich häufig aufgefordert, und sie bestanden meistens in Gutachten über Wahnsinnige und andere Kranke, welche von den Gerichten, von der Kreisregierung und von Privatpersonen von mir verlangt wurden. So wurde ich z.B. von dem in Bamberg residierenden Herzog Wilhelm zu einem Gutachten über den physischen und moralischen Zustand seines Sohnes, des Prinzen Pius, so späterhin von dem Präsidium der Regierung des Rezatkreises zu einem Privatgutachten über die Instruktion in betreff der Cholera, welche von dem Ministerium den Kreismedizinalräten zur Begutachtung vorgelegt worden, aufgefordert. ? Mein Gutachten über den Prinzen Pius wurde ungeachtet der freien Sprache, welche ich mir in demselben erlaubte, nicht nur von seinem Vater, sondern auch von dem königlichen Familienrat wohlgefällig aufgenommen. Meine Vorschläge[296] hinsichtlich der Behandlung des Prinzen wurden größtenteils genehmigt, und der gute Erfolg hat ihre Zweckmäßigkeit bewährt. ? Einen gleich guten Erfolg scheint auch das Privatgutachten gehabt zu haben, zu welchem ich über die Instruktion, die Cholera betreffend, von dem Präsidium der Kreisregierung aufgefordert wurde. Die Instruktion war längst verfaßt, aber sie sollte nicht eher bekanntgemacht werden, als bis die Krankheit Bayern näher käme. Dieser Zeitpunkt war eingetreten, ehe jedoch die Instruktion wirklich bekanntgemacht wurde, sollten erst die Kreismedizinalräte ihr Gutachten darüber abgeben. Es befand sich eben damals der Kreismedizinalrat Mark von Bayreuth in Nürnberg, als jene Aufforderung an die Kreismedizinalräte erging. Er ließ mich das deshalb an ihn ergangene Reskript lesen, erkannte wie ohne Zweifel alle andere Kreismedizinalräte die Schwierigkeit der Aufgabe, und ich war herzlich froh, daß ich kein Kreismedizinalrat mehr war. Ich hatte nämlich die Instruktion gelegenheitlich bereits früher gelesen und hatte so vieles gegen sie einzuwenden gefunden, daß ich mich mit Recht freuen konnte, kein Gutachten über sie abgeben zu müssen. Aber meine Freude dauerte nicht lange. Wenige Tage nach der Abreise Marks von Nürnberg wurde mir die Instruktion von dem Präsidium der Regierung zum Privatgutachten zugeschickt, und da ich die Aufforderung nicht abweisen konnte, so machte ich mich alsbald über die Instruktion her, und ich glaube kaum, mich über irgendeinen Gegenstand offener und freier ausgesprochen zu haben als über diesen. Ob mein Gutachten dem König unmittelbar vorgelegt worden, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß die Instruktion, die hernach erschien, eine ganz andere war, als die ich gelesen und begutachtet hatte. Mehrere der von mir gerügten Vorschriften waren ganz weggelassen, und von den beibehaltenen waren viele so modifiziert, daß ich meine Einwirkung bei ihrer Umarbeitung nicht verkennen konnte. Wie zu diesen und andern dergleichen außergewöhnlichen Arbeiten gab mir, wie schon gesagt, die Anstellung oben genannter Gehülfen auch mehr Muße zur Betreibung meiner Privatpraxis. Allein wie es mir überhaupt nie um große Erweiterung[297] derselben zu tun war, so benutzte ich meine freie Zeit mehr zu wissenschaftlichen Studien, besonders zu philosophischen und historischen, und ich muß gestehen, daß das Interesse an denselben die Lust zur ärztlichen Praxis je länger, je mehr bei mir verminderte. Hierzu kam, daß neben den Landärzten, die in der Stadt ihr Wesen trieben, jetzt auch Homöopathen auftraten und eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen anfingen. Zwar wußte ich wohl, daß dieser Unfug nicht lange dauern würde, denn es gehörten, um ihm ein Ende zu machen, nur einige Todesfälle bedeutender Personen dazu, welche, wie die Gräfin von Pückler, die Frau Präsidentin von Dörnberg, die Fürstin von Thurn und Taxis etc., das Opfer der Homöopathie wurden. Aber es ist doch höchst betrübend für einen wissenschaftlichen Arzt, seine Kunst unter einem Publikum auszuüben, wo dieses Maximum von Scharlatanerie selbst unter den höhern, sogenannten gebildeten Ständen so viele Anhänger fand und jener Opfer ungeachtet zum Teil noch findet. Indessen praktizierte ich doch noch immer fort, und ich konnte es um so eher tun, je mehr sich mit meinen zunehmenden Jahren meine Praxis von selbst verminderte. Schon seit längerer Zeit nämlich machte ich keine Besuche in der Nacht mehr; schon dies schreckte viele ab, mich zum Arzt zu wählen, so wie es auch schon manche zur Wahl eines jüngern Arztes statt meiner veranlaßt hatte. Aber auch bei Tag wurden mir meine Krankenbesuche je länger, je beschwerlicher, und so sah ich denn den Zeitpunkt immer näher rücken, wo ich auch diese, ohne mir weder selbst einen Vorwurf zu machen, noch einen solchen von andern befürchten zu müssen, würde einstellen können oder vielmehr müssen. Allein ich wartete den Eintritt dieses Zeitpunkts von selbst nicht ab. Ich hatte am elften März 1836 mein siebenundsiebenzigstes Lebensjahr zurückgelegt. Ich fühlte mich zwar für mein hohes Alter geistig und körperlich noch ziemlich kräftig, und eine Reise im Sommer nach Stuttgart auf dem Eilwagen gab mir davon den Beweis. Allein nun kam auf den ungewöhnlich heißen und trocknen Sommer schnell der kühle und regnerische Herbst. Dieser Wechsel hatte wie gewöhnlich Krankheiten, gastrische[298] Fieber, ruhrartige Durchfälle, wirkliche Ruhren, Brechruhren etc. zur Folge. Die Kranken häuften sich, und wie die andern Ärzte hatte auch ich mehr zu tun als gewöhnlich. Für einen Mann von meinen Jahren war die Anstrengung zu groß, ich fühlte, daß ich einer solchen Anstrengung nicht mehr gewachsen war, und bald belehrte mich die Erfahrung darüber. Auch ich wurde von der epidemischen Diarrhöe befallen. Ich litt zwar an derselben nur einige Tage; aber ich war kaum wieder ausgegangen, so bekam ich einen Rückfall, die Diarrhöe dauerte bald stärker, bald schwächer mehrere Wochen lang fort, ich fühlte mich in hohem Grade entkräftet, das Gefühl der Entkräftung wollte sich nicht verlieren, und da ich mich schon seit mehreren Jahren in den Wintermonaten nie so wohl als im Sommer befunden, so konnte ich leicht voraussehen, daß ich im bevorstehenden Winter wenigstens als praktischer Arzt nicht mehr würde leisten können, was man von einem solchen fordert. Ich entschloß mich daher, am Schlusse des Jahrs meine Praxis aufzugeben, und am ersten Januar 1837 machte ich meinen Entschluß durch die Zeitungen bekannt. Schon ehe ich mich zu diesem Schritt entschloß, hatte ich mir auch meine amtlichen Geschäfte auf eine meinem hohen Alter gemäße Art zu erleichtern gesucht, indem ich an den Magistrat den Antrag stellte, meine beiden Assistenten Merkel und Lochner zu wirklichen selbständigen Spitalärzten, jenen für die Versorgungs-, diesen für die Krankenanstalt, zu ernennen. Schon als mehrjährige Assistenten hatten sie Anspruch auf diese Beförderung, und ihre Geschicklichkeit, ihr Fleiß und ihr ebenso würdiges als humanes Betragen gegen die Kranken gaben ihnen volles Recht dazu. Mein Antrag wurde von dem Magistrat ohne Anstand angenommen und ebenso auch von der königlichen Regierung genehmigt. Der Vorteil, den ich von dieser Beförderung meiner Assistenten hatte, war, daß ich die Anstalten nicht mehr alle Tage besuchen durfte, daß das Ordinieren ihnen überlassen wurde und daß ich nur die Oberaufsicht zu führen hatte. Als ein Mann von siebenundsiebenzig Jahren hätte ich zwar als Staatsbeamter meine Versetzung in den Ruhestand schon längst fordern können; allein[299] außerdem, daß es gegen meine Grundsätze ist, dem Staat, solange man ihm noch Dienste leisten kann, als Pensionär zur Last zu fallen, lag mir auch die Ausführung meiner Plane zu einer bessern Organisation der Krankenanstalten zu sehr am Herzen, als daß ich mich hätte entschließen können, eher um meine Pensionierung zu bitten, als bis ich gewiß war, daß es zur Ausführung derselben entweder gar nicht oder doch wenigstens nicht mehr bei meinen Lebzeiten kommen würde. Ich beschloß daher, vorerst bloß meine Privatpraxis aufzugeben, und dies geschah, wie schon gesagt, am Anfange des Jahrs 1837. Ich kann nicht leugnen, ich tat diesen Schritt mit schwerem Herzen. So viele Familien hatten mir seit einer langen Reihe von Jahren ihr Vertrauen geschenkt, sie achteten mich nicht nur als Arzt, sondern sie liebten mich auch als ihren Freund, und auf einmal sollten sie sich von mir verlassen und den Arzt, den sie sonst so vertrauensvoll zu Hülfe gerufen hatten, gleichgültig gegen ihre Leiden an ihren Häusern vorübergehen sehen. ? Indessen war, wie ich leicht voraussehen konnte, der Eindruck, den jene Anzeige machte, nicht überall derselbe. Manche verdroß mein Entschluß, und sie wählten ohne weiteres einen andern Arzt; viele betrübte es zwar, aber sie sahen ein, daß ich als ein Greis von siebenundsiebenzig Jahren recht getan, meine Privatpraxis aufzugeben, und beruhigten sich damit, daß ich bei jener Bekanntmachung erklärt hatte, den Hausärzten, die sie wählen würden, in allen wichtigen Fällen mit meinem Rat beizustehen; andere endlich nahmen von meinem Entschluß gar keine Notiz, sie beschickten mich nach wie vor, wenn jemand in ihrer Familie erkrankte, ja ich wurde sogar von Familien gerufen, deren Arzt ich zuvor nie gewesen. So war es denn im ganzen ebensogut, als ob ich meine Praxis nicht aufgegeben hätte, und ich sah wohl ein, daß ich mich von derselben nicht eher würde losmachen können, als bis ich von Nürnberg selbst wegzöge. Hiezu fand ich nun in der Beförderung meines Schwiegersohns zum Postverwalter in Nördlingen eine Aufforderung, die mir zu keiner Zeit hätte gelegener kommen können. Allein ich konnte mich nicht entschließen, derselben zu entsprechen, weil[300] eben jetzt auch der Zeitpunkt zur Ausführung meiner Plane wegen der Krankenanstalten ganz nahe schien. Ich habe nämlich bereits oben gesagt, wieviel ich von dem neugewählten Bürgermeister Merkel in betreff der Erbauung des längst projektierten allgemeinen Krankenhauses erwartete. Er hatte meine Erwartung nicht getäuscht. Gleich nach dem Antritt seines Bürgermeisteramts hatte er die Recherchierung der Mittel zur Ausführung des Unternehmens zu einem Hauptgegenstand seiner Tätigkeit gemacht, und das Ergebnis dieser Recherchen war, wie er mich versicherte, so befriedigend, daß an der wirklichen Ausführung um so weniger zu zweifeln war, da jetzt der größte Teil des Magistrats und der Gemeindebevollmächtigten günstiger für die Sache gestimmt schien als vormals. Es kam daher bloß auf den förmlichen Beschluß des Magistrats an, und auch dazu war bereits alles nach der Versicherung des ersten Bürgermeisters Binder, der sich das Referat über diesen auch ihm höchst wichtigen Gegenstand selbst vorbehalten hatte, so vorbereitet, daß es sich bloß noch von der Entscheidung der Vorfrage handelte, wo das Krankenhaus erbaut werden soll, ob auf dem vor acht Jahren dazu erkauften Platz außerhalb der Stadt oder innerhalb der Stadt auf der von der Pegnitz gebildeten Insel, auf welcher das Spital zum heiligen Geist steht. Das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten stimmte für den letztern Platz, und wirklich sprachen auch für die Wahl desselben so viele Gründe, daß auch ich dafür stimmte, vorausgesetzt, daß der Platz für ein Krankenhaus, das allen an ein solches zu machenden Anforderungen entsprechen sollte, Raum genug gewähre. Dies mußte nun näher untersucht werden. Der Magistrat ließ den Platz durch den städtischen Baurat ausmessen, und nachdem ich ihm meine Ideen über die Einrichtung des Krankenhauses mitgeteilt hatte, verfertigte er vorläufig einen Riß zu dem aufzubauenden Gebäude. Allein leider fand sich nicht nur der Raum viel zu klein, sondern es zeigte sich auch, daß sich die Baukosten viel höher belaufen würden, als man vermuten konnte. Es blieb also, da auch sonst in der Stadt kein anderer schicklicher Platz für das Gebäude vorhanden war, nichts übrig, als[301] sich für den schon vor acht Jahren dazu ausersehenen und angekauften Platz außerhalb der Stadt zu entscheiden. Die Haupteinwendung, welche ich gegen die Wahl dieses Platzes zu machen hatte, war, daß es an demselben an der erforderlichen Menge Wasser fehlen möchte. Allein, wie man mich von allen Seiten her versicherte, sollte dies keineswegs der Fall sein, und wirklich zeigte sich auch bei näherer Untersuchung kein Mangel an Wasser, weder an dem Platz selbst noch in der Umgegend. Ich schlug also vor, bei der Wahl dieses Platzes zu bleiben und die größern Kosten, welche hier die Aufführung des Gebäudes verursachen würde, nicht zu scheuen, da es nicht bloß um die Befriedigung eines Bedürfnisses zu tun sei, welcher nicht länger ausgewichen werden könne, sondern daß es auch die Ehre der Stadt fordere, nicht länger hinter andern, viel kleinern Städten als Nürnberg hierin zurückzubleiben. Diesen Vorschlag machte ich im Monat Dezember 1836. Allein der Januar, der Februar, der März des folgenden Jahrs vergingen, ohne daß irgend etwas weiteres in der Sache geschah. Der magistratische Beschluß wurde von einer Woche zur andern hinausgeschoben. Der erste Bürgermeister konnte, wie er sagte, wegen zu vieler anderweitiger Arbeiten mit Abfassung seines Vertrags nicht fertig werden, der zweite wollte, diplomatisch bedenklich, das Referat dem ersten nicht abnehmen, und so kam es denn ganz natürlich nicht zu der längst verheißenen und von mir täglich erwarteten Sitzung, in welcher die Erbauung des neuen Krankenhauses beschlossen werden sollte. Nun war ich zwar überzeugt, das neue Krankenhaus werde früher oder später gebaut werden müssen, weil das immer dringender werdende Bedürfnis dazu nötige. Allein nach so vielen und mancherlei Verzögerungen, die ich bereits erlebt hatte, mußte ich fürchten, daß immer wieder neue eintreten würden, und wie sehr ich auch diese Furcht zu bekämpfen suchte, so schlug doch der Gedanke, daß ich, wie rasch es auch nach einmal gefaßtem Beschluß des Magistrats und nach Bestätigung desselben von der Kreisregierung in Ansbach und dem Ministerium in München mit der Ausführung vorwärtsgehen möchte, doch weder bei dem Bau des Krankenhauses tätig mitwirken[302] noch viel weniger die Direktion desselben in der Folge würde übernehmen können, meine Hoffnung immer wieder aufs neue nieder. Zur Erbauung des Krankenhauses mußte ich wenigstens einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren rechnen, bis zur Vollendung des Baues und seiner Einrichtung wäre ich einige achtzig Jahre alt geworden, und in diesem hohen Alter ? wie hätte ich wohl hoffen können, die Direktion desselben mehr zu übernehmen? Es wäre töricht gewesen, wenn ich diese Hoffnung nicht aufgegeben hätte. Ich mußte mich begnügen, den Plan zu dem Krankenhause entworfen zu haben, die Mitwirkung bei der Ausführung des Baues, die Einrichtung des Hauses und die Direktion der Anstalt mußte ich einem jüngern Mann überlassen, und alles, was ich hätte leisten können, wäre gewesen, ihn dabei zu unterstützen, wenn er anders diese Unterstützung sich würde haben gefallen lassen. Ich bat daher bei der Regierung um meine Versetzung in den Ruhestand, und höchst ehrenvoll wurde mir meine Bitte von dem König bewilligt. ? Daß auch dieser Schritt großes Aufsehen in der Stadt machte, läßt sich denken. Aber dies kümmerte mich nun nicht mehr, und ich war froh, daß ich diesen wichtigen Schritt endlich getan hatte. Mehr als fünfzig Jahre hatte ich größtenteils für andere gelebt, es war mir nicht zu verdenken, wenn ich auch noch einige Jahre für mich leben wollte. Schon dies ließ mich jenen Schritt nicht gereuen; dann hatte ich schon längst bei mir beschlossen und es auch da und dort laut ausgesprochen, daß, wenn es nicht bald mit der Herstellung des neuen Krankenhauses ernst werden würde, ich nichts mehr damit zu schaffen haben wolle, der Ärger über die lange Verzögerung befestigte mich in meinem Entschluß, und der Gedanke, die unerwartete Niederlegung meiner Stelle könnte vielleicht zur Beschleunigung des magistratischen Beschlusses indirekt mehr tun als alle meine bisherigen so oft vergebens wiederholten direkten Anregungen, bestimmte mich zu seiner Ausführung. Ich dachte nämlich, der Magistrat werde entweder die Niederlegung meiner Stelle als die Wirkung meines Ärgers ansehen und mir zum Trotze gleich nach meiner Entlassung Hand an das Werk legen, oder er werde, besser von mir denkend und einsehend, daß er meine[303] Mitwirkung dabei nicht entbehren könne, noch während meiner Anwesenheit in Nürnberg den so lange verzögerten definitiven Beschluß fassen. Wahrscheinlicher als das erste schien mir das letzte, und was ich vermutete, geschah. Die unerwartete Niederlegung meiner Stelle war ein neuer Antrieb für den ersten Bürgermeister, seinen Vortrag über die Errichtung des neuen Krankenhauses zu beschleunigen. Wenige Tage nachdem meine Entlassung bekannt geworden, bildete er ein aus dem zweiten Bürgermeister, einigen Mitgliedern des Magistrats und der Gemeindebevollmächtigten, dem königlichen Stadtkommissär, dem königlichen Stadtgerichtsarzt und mir bestehendes Komitee, der Tag der Sitzung wurde anberaumt, das Komitee hatte sich eingefunden, der vorsitzende erste Bürgermeister hielt einen ebenso umfassenden als gründlichen Vortrag über den Gegenstand, alle Glieder des Komitees stimmten ihm bei, die Erbauung des Krankenhauses wurde einstimmig beschlossen, und ich hatte die Freude, wenigstens den Hauptschritt zur Ausführung meines Plans getan zu sehen. Hätte ich meine Stelle nicht niedergelegt, so wäre allem Ansehen nach dieser Schritt viel später, vielleicht gar nicht getan worden, und so kann ich wohl sagen, was mir zuvor in einer langen Reihe von Jahren direkt nicht gelang, ist mir endlich indirekt in einer einzigen Sitzung von einigen Stunden gelungen. Und so hatte ich nun das Ziel, nach welchem ich so lange strebte, wenigstens so weit erreicht, als ich es erreichen konnte. Ich konnte mir wegen zu frühzeitigen Abtritts von meinem Amt keinen Vorwurf machen, ich konnte Nürnberg getrost verlassen, und was mich über meinen Abgang noch mehr beruhigte, war, daß mich der Magistrat in einem an mich erlassenen sehr ehrenvollen Schreiben aufforderte, auch aus der Ferne zum Besten der Krankenanstalten fortzuwirken. Endlich kann ich nicht leugnen, daß ich die wenigen Jahre, die mir vielleicht noch zu leben vergönnt sind, in dem Schoße meiner Familie zuzubringen wünschte. Ein Greis von achtundsiebenzig Jahren ist getrennt von den Seinigen übel daran. So viele Freunde er auch haben mag, steht er doch allein, es fehlt ihm an tausend Dingen, die ihm nur die Seinigen gewähren[304] können, und wenn er vollends kränklich wird, so ist er doch bei aller Hülfe, die ihm seine Freunde leisten mögen, verlassen, und das Gefühl, allein zu sein, macht ihn bei aller Resignation, deren er fähig ist, unglücklich. Je näher die Abreise meiner Familie herbeikam, desto tiefer fühlte ich dies, und wenn ich zuvor minder fest entschlossen war, Nürnberg zu verlassen und mit meiner Familie nach Nördlingen zu ziehen, so war ich es jetzt desto fester. So vieles mir auch Nürnberg wert gemacht hatte, die vielen Jahre, die ich dort verlebt, die vielen Freunde, die ich mir erworben, die allgemeine Achtung, in der ich bei dem Publikum stand, und noch so vieles andere, so fiel mir doch der Abschied von der alten, ehrwürdigen Stadt nicht so schwer, als ich gefürchtet hatte. Der Gedanke, bei den Meinigen zu bleiben und in ihrem Kreise den Rest meines Lebens, meiner selbst genießend, zuzubringen, überwog jeden andern Gedanken, und ohne meinen Entschluß zu bereuen, zog ich mit meiner Familie nach Nördlingen, wohin mein Schwiegersohn schon vor einigen Monaten vorausgegangen war und unsere Ankunft mit Sehnsucht erwartete. 
 Vorwort  Nach dem Wunsche des verewigten Verfassers dieser Autobiographie schicke ich als sein vieljähriger Freund und in dankbarer Erinnerung an das, was er mir und vielen andern gewesen ist, derselben einige Worte voraus. Es war nach einem an Erfahrung sehr reichen und in einer durchaus wohltätigen Wirksamkeit hingebrachten Leben die Aufgabe, die sich der Verewigte noch in den letzten Jahren desselben machte, durch eine gewissenhafte Darstellung dessen, was er getan und erfahren, wie auch dessen, was er gewollt und was er als Ergebnis vielfältigen Nachdenkens gefunden hatte, auch noch dem nachfolgenden Geschlechte nützlich zu sein und zugleich eben damit seinen zahlreichen Freunden ein, wie er hoffen durfte, wertes Vermächtnis zu hinterlassen. Diese seine Freunde und alle, die den Arzt und den Menschen in ihm geschätzt haben, werden ihn in dem, was er von sich selbst schreibt, ganz wiedererkennen: Es liegt nicht allein sein äußeres, sondern auch sein inneres Leben hier mit voller Klarheit dargestellt vor unserm Blicke. Auch die, welchen der verewigte Verfasser persönlich unbekannt geblieben ist, werden in seiner Darstellung die Sprache derjenigen Wahrheitsliebe erkennen und achten, die den mit sich selbst einigen und in seinem Streben konsequenten Geist verrät und die auch für die Bekenner abweichender und entgegengesetzter Prinzipien immer ihren Wert behält. Als das Werk eines Geistes, welcher sich nach allen Seiten hin auszubilden suchte und für alles Menschliche einen offenen, bis in seine letzte Zeit fast jugendlichen Sinn behielt, mußte diese Biographie auch ganz und unverkürzt dem Publikum übertragen werden. Es war weder ein Recht noch eine Verpflichtung vorhanden, andere Ansichten auf ein Buch anzuwenden, dessen Verfasser damit nur ein Bild[5] von sich geben wollte. Übrigens werden die hier zum erstenmal gedruckten 18 Briefe von Schiller an Hoven, es wird die aufrichtige Hochachtung, die der große Dichter für des Verfassers Geist an den Tag legt, noch ein weiteres Zeugnis dafür abgeben, daß das Leben und Streben des Mannes in weitern Kreisen bekannt zu werden verdiene. Nürnberg, im Mai 1840 Dr. Merkel 
 Fünftes Buch  [305] Es war ein regnerischer unfreundlicher Tag, dergleichen man selten im Monat Mai erlebt, an welchem ich mit meiner Tochter und ihren Kindern von Nürnberg abreiste. Wir konnten die Schönheit der Gegend, in welcher Nördlingen liegt, mehr ahnen als sehen, und ebenso raubte uns auch der anhaltende Regen den Überblick der vielen wohlbevölkerten Dörfer in der Umgegend. Erst in Öttingen, wo wir Mittag hielten, heiterte der Himmel sich etwas auf, und abends um fünf Uhr kamen wir glücklich in unserem neuen Wohnort an. Das Haus, welches wir gemietet hatten, gewährte zwar von außen wegen der Ungleichheit seines Daches und seines weißen, mit dem Dunkelrot der Fenstereinfassungen und Stockabteilungen grell abstechenden Anstriches keinen sonderlich erfreulichen Anblick; aber es steht an einem freien Platz zunächst der großen, schönen gotischen Kirche, seine größere Front gegen Morgen, die kleinere gegen Mittag gerichtet, und wenn uns schon diese Lage mit dem Ungefälligen seines Äußern versöhnte, so ließ uns seine bequeme innere Einrichtung ganz darüber wegsehen. Hierzu kam, daß wir es, was uns besonders lieb war, allein bewohnten und daß uns auch das Gärtchen am Haus überlassen war, was wir ebenfalls, vorzüglich um der Kinder willen, hoch anzuschlagen hatten. Schon diese Annehmlichkeiten unserer neuen Wohnung minderten die mancherlei unangenehmen Gefühle, mit welchen wir Nürnberg verließen, um vieles, und nach dem, was wir zuvor schon Gutes von Nördlingen gehört hatten, durften wir hoffen, daß wir Nürnberg trotz seiner vielen Vorzüge vor Nördlingen je länger, je weniger vermissen würden. Diese Hoffnung hatte vorzüglich ich, denn außerdem, daß ich längst schon beinahe ein Fremdling in Nürnberg geworden war, indem ich[306] schon seit mehreren Jahren selten mehr eine größere Gesellschaft besuchte und mich fast allein auf den Umgang mit meinen nähern Freunden und Bekannten und auf den Betrieb meiner Geschäfte beschränkte, hatte auch die Veränderung meiner Lage selbst so viel Erfreuliches für mich, daß ich das Angenehme meiner frühern in Nürnberg leicht verschmerzen konnte, und ich darf wohl sagen, wirklich verschmerzte. Ich war mit meiner Familie zusammengeblieben, ich durfte nicht einsam und verlassen unter fremden Menschen leben, ich konnte der Liebe und Treue meiner Nürnberger Freunde gewiß sein wie sie der meinigen, ich hatte nicht mehr mit den Widerwärtigkeiten meines Berufs zu kämpfen, ich war aus einem Sklaven desselben ein freier Mann geworden, und den Rest meines größtenteils andern gewidmeten Lebens durfte ich mir selbst leben. Zwar war ich in Nürnberg sowohl als praktischer Arzt als auch als königlicher Staatsbeamter viel besser daran als alle meine Kollegen. Als praktischer Arzt war ich nicht an die Praxis gebunden, denn ich mußte nicht von ihr leben, ich konnte nach Muße praktizieren. Als Staatsbeamter genoß ich der mir als solchem gebührenden Achtung, und so war allerdings meine Lage viel glücklicher als die Lage aller meiner Mitärzte. Aber nichtsdestoweniger fand ich doch gar vieles, was mir nicht nur mein praktisches Leben, sondern auch meine amtliche Stelle verbitterte. Allen Widerwärtigkeiten war ich durch meinen Abgang von Nürnberg mit einemmal entgangen; ich konnte, nachdem ich Nürnberg im Rücken hatte, freier atmen, und schon in den ersten Tagen nach meiner Ankunft in Nördlingen ward es mir klar, daß ich durch die Veränderung meiner Lage mehr gewonnen als verloren hatte. Zwar entging mir durch den Verlust meiner Privatpraxis in Nürnberg ein nicht unbedeutender Teil meines Einkommens, allein bei meiner ansehnlichen Pension und bei meinen ungleich geringern Ausgaben in Nördlingen konnte ich jene Mehreinnahme leicht missen, ja, da ich mich überhaupt nicht aus Interesse in eine Privatpraxis in Nürnberg eingelassen hatte, so kommt jener Verlust an Einkommen in keinen Betracht gegen die Vorteile, welche ich mir von der Unabhängigkeit meiner Lage in Nördlingen[307] zu versprechen hatte und welche mir auch im reichen Maße zuteil wurden, wie die nun folgende Geschichte meines Aufenthalts daselbst ausführlicher zeigen wird. In den ersten vierzehn Tagen hielt mich teils die Beschäftigung mit meiner häuslichen Einrichtung, teils das schlechte Wetter zu Hause. Allein sowie ich mit jener fertig und dieses besser geworden war, war mein erstes, mich in der Stadt umzusehen, in welcher ich künftig wohnen sollte, und ihre Umgegend kennenzulernen, von deren Schönheit und Fruchtbarkeit ich früher schon vieles gehört hatte. Von der Stadt, als einer ehemaligen Reichsstadt, versprach ich mir, wie leicht zu erachten, nicht sonderlich viel. Ich dachte mir sie als ein kleines Städtchen mit altväterischen Häusern, finstern und schmutzigen Straßen und noch schmutzigern Nebengäßchen. Allein ich fand alles viel besser. Die Stadt hat einen größern Umfang, als ich vermutete. Die Häuser sind größtenteils gut gebaut, mehrere wirklich schön, es gibt mehrere freie Plätze in der Stadt, die Hauptstraßen haben die gehörige Breite, nur das Pflaster könnte besser sein, auch sind mehrere Straßen, selbst Hauptstraßen, nicht gepflastert, sondern bloß chaussiert, daher bei schlechtem Wetter schmutzig und überdies nicht gehörig reingehalten. Dagegen zieht sich um die ganze Stadt ein bedeckter Gang, in welchem man auch bei dem schlechtesten Wetter spazierengehen kann. Die Stadt ist überall von Gärten umgeben, größtenteils jedoch von Baum- und Grasgärten, weil die Gemüse in dem leimigen Boden weniger gut geraten als das Obst. Schon diese vielen Gärten, die Gesundheit und Schönheit der Bäume und der üppige Graswuchs, besonders in dem Stadtgraben, machen die Umgebung der Stadt sehr anmutig; aber diese nächste Umgebung der Stadt kommt in keinen Vergleich mit der weiten, fruchtbaren und reich bevölkerten Ebene, auf welcher die Stadt liegt und welche an Schönheit auch den schönsten Gegenden in Deutschland nicht nachstehen würde, wenn es ihr nicht an Bäumen, zumal an kleinen Waldpartien, wodurch sie mehr Abwechselung, und an einem Fluß mit schönen Ufern fehlte, wodurch sie mehr Leben erhielte. Nach allen Richtungen hat man eine gleich schöne Aussicht schon von der[308] Ebene aus und noch mehr von den Anhöhen, zu welchen sie sich da und dort erhebt, vorzüglich aber von dem hohen Stadtkirchturm und dem Felsen in dem eine kleine Stunde von Nördlingen gelegenen Wallerstein, wo man beinahe das ganze Ries übersieht und schon mit bloßen Augen gegen hundert teils größere, teils kleinere Dörfer zählt. Von diesen Dörfern habe ich, sobald ich mich in der Stadt umgesehen hatte, mehrere besucht und gefunden, daß sie fast durchaus wohl gebaut, reich bevölkert und von fleißigen, heitern Menschen und, wie ich hörte, auch vielen wohlhabenden Familien bewohnt sind. Da ich jetzt mehr Zeit zu solchen Exkursionen hatte als in Nürnberg, so machte ich sie auch häufiger, und nie kehrte ich von einer zurück, ohne mich zu freuen, in einer Stadt zu leben, die zwar als Stadt Nürnberg weit nachsteht, aber in Rücksicht auf die Schönheit der Gegend, in welcher sie liegt, Nürnberg wenigstens gleichkommt. Aber so wie überhaupt an jedem Ort in der Welt die Menschen das Interessanteste sind, so interessierten auch mich mehr als die Stadt und ihre Umgebungen die Menschen, mit denen ich an meinem neuen Aufenthaltsort leben sollte, und ich begann daher gleichzeitig mit der Besichtigung der Stadt meine Besuche, zuerst bei denjenigen Personen, die ich schon früher kannte, dann bei denen, die ich kennenzulernen wünschte, in der Hoffnung, bald in nähere Berührung mit ihnen zu kommen, indem einem geselligen Menschen nichts einen Ort, er sei welcher er will, angenehmer machen kann als die nähere Berührung, in welche er mit guten, verständigen und gebildeten Menschen kommt. Der erste dieser Besuche war der, welchen ich dem fürstlich Wallersteinischen Domänendirektor Ritter in Wallerstein machte. Er war früher Hofintendant der verwitweten Herzogin Ludwig von Württenberg, und ich sah ihn zum erstenmal in dem Schloß Winnental vier Stunden von Ludwigsburg, dem Witwensitz der Herzogin, aus Gelegenheit einer Krankheit der Herzogin, deren Arzt ich schon in Ludwigsburg nach dem Tod ihres Gemahls gewesen war. Da ich dieselbe öfter besuchen mußte, so lernte ich auch ihren Intendanten näher kennen, ich[309] kam bald in ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm, und so lange wir uns auch nicht gesehen hatten, so erneuerte sich dasselbe sogleich bei unserem Wiedersehen in Wallerstein. Ich traf ihn in seinem freundlichen, wohl gebauten, trefflich eingerichteten Haus, besah den daran stoßenden Garten mit seiner niedlichen englischen Anlage, und bei einem Glas Nierensteiner erinnerten wir uns unserer frühern Bekanntschaft nicht nur auf das lebhafteste wieder, sondern es kamen auch einzelne Vorfälle zur Sprache, von welchen ich nur einen erzählen will und zu welchem ebenjene Krankheit der Herzogin Veranlassung gab. Die Herzogin lag bedeutend krank an einem Gallenfieber. Es war im Herbst, der Weg weit, das Wetter schlecht, die Reiseauslagen, die ich zu machen hatte, beliefen sich auf eine beträchtliche Summe, die Korrespondenz mit der Hofdame, die nicht deutsch konnte, mußte in französischer Sprache, in welcher ich ebensowenig gut schreiben, als ich sie fertig sprechen konnte, geführt werden. Nach einigen Wochen war die Herzogin glücklich wiederhergestellt, und es war natürlich, daß ich auch eine meinem Verdienst um sie angemessene Belohnung erwartete. Aber ich erhielt nicht mehr als hundert Reichstaler, eine Summe, von welcher beinahe schon ein Drittel für meine Auslagen abging, und mit dem Rest hielt ich mich für die Mühe, die ich mir mit ihr gab, für den Verlust der Zeit, die mir die vielen Besuche in Winnental wegnahmen, für die Versäumnisse in Ludwigsburg und die Beschwerlichkeit meiner französischen Korrespondenz für nichts weniger als fürstlich belohnt. Ich schrieb daher an Ritter, welcher mir auf Befehl der Herzogin jene Summe zugeschickt hatte, daß ich mit dieser unverhältnismäßigen Belohnung nicht zufrieden sein könne, daß zwar die Summe an sich nicht gering sei, daß aber auch wohlhabende bürgerliche Personen den Arzt nicht selten ebensogut bezahlten, daß die Reichen für die Armen bezahlen müssen, und daß die Frau Herzogin nicht vergessen dürfe, daß ich sie durch Herstellung von einer schweren lebensgefährlichen Krankheit aufs neue in den Besitz ihrer irdischen Herrlichkeit eingesetzt habe. Das war freilich eine große Impertinenz, und ich fürchtete, die Herzogin würde mir dieselbe nicht nur im[310] höchsten Grad übelnehmen, sondern auch bei dem Herzog sich über den impertinenten Arzt beschweren. Allein sie tat wenigstens das letztere nicht, und ohne sich über mein Benehmen zu äußern, ließ sie mir die oben angegebene Summe verdoppelt durch Ritter zustellen. Ritter erinnerte sich dieses Vorgangs noch ganz genau und versicherte mich, daß die Herzogin gewiß nicht aus Geiz mich so schlecht honorierte, sondern bloß, weil sie nicht gewußt habe, was sich in solchen Fällen gebühre, daß sie nichts weniger als geizig, sondern im Gegenteil sehr oft zu freigebig gewesen, während sie am unrechten Ort sparte. Mich freute diese Belehrung wegen ihres Geizes, von dem ich zu ihren Lebzeiten so viel sagen hörte, um so mehr, da sie wegen so vieler anderer guter Eigenschaften allgemein gerühmt wurde. ? Wenige Tage nach meinem Besuch in Wallerstein machte mir Ritter seinen Gegenbesuch in Nördlingen, wo wir nicht minder vergnügt beisammen waren; aber eine Reise, die er in die Rheingegenden machte, unterbrach drei Monate lang unsere erneuerte Verbindung. Nach seiner Zurückkunft sahen wir uns sowohl in Nördlingen als in Wallerstein öfter, weil wir beide als pensionierte Beamte keine bindende Geschäfte mehr hatten, und immer war ich vergnügt in seiner Gesellschaft, nicht nur weil er ein ebenso gebildeter als gescheiter Mann ist, sondern auch weil er mir aus dem Schatz seiner Erfahrungen, besonders in betreff des württenbergischen Hofes, manches mitteilte, was ich zuvor nicht wußte. Ein anderer alter Bekannter, den ich aufsuchte, war ein Baron von Welden, den ich bereits vor vielen Jahren in Ansbach kennengelernt hatte. Er war vormals eichstädtischer Beamter, nach dem Übergang des Fürstentums an Bayern wurde er pensioniert, lebte zuerst in Ansbach und zog dann nach Klein-Nördlingen, einem eine halbe Stunde von Nördlingen entfernten Dorf, wo er ein nicht unbedeutendes Anwesen besitzt. Auch mit ihm wieder zusammenzukommen war mir sehr erfreulich, denn er ist ein Mann von gesundem Verstand und dem besten Herzen, redlich, gefällig und zuvorkommend dienstfertig. ? Nicht minder erfreulich war mir auch die erneuerte Bekanntschaft mit seiner Gemahlin, welche ich in Ansbach als Freundin[311] der Gräfin von Thürheim öfter als ihn zu sehen Gelegenheit hatte. Sie war damals eine der schönsten Frauen in Ansbach, und man sieht ihr noch wenig an, daß sie älter geworden. Auch besitzt sie noch dieselbe Lebendigkeit und Munterkeit, welche sie in Ansbach so liebenswürdig machten, und, was sich mit den Jahren noch weniger verliert als Schönheit, sie ist noch dieselbe geistreiche Frau, für die sie in Ansbach allgemein bekannt war. Sie hat eine noch unverheuratete Tochter bei sich, die, wenn sie auch ihrer Mutter an Schönheit nicht gleicht, doch durch ihren Verstand und ihre Bildung beweist, daß sie die Tochter einer solchen Mutter ist. Schon das Angenehme des Umgangs mit einer solchen Familie lockte mich öfter nach Klein-Nördlingen, aber auch der zunächst an dem Wohnhaus gelegene große und schöne Garten, ob ihn gleich der Besitzer an einen Wirt verpachtet und der Wirt ihn zu einem öffentlichen Gesellschaftsplatz gemacht hat, zog mich oft dahin, teils weil ich keinen Fehlgang machte, wenn die von Weldensche Familie nicht zu Hause war, teils weil der Garten groß genug ist, um sich von der größern Gesellschaft absondern zu können, wenn man allein sein will. Außer den eben genannten fand ich sonst keine alte Bekannte, weder in der Stadt selbst noch in der Nachbarschaft, aber um so zahlreicher waren die neuen Bekanntschaften, die ich machte, und ich freute mich derselben um so mehr, da ich unter beiden Geschlechtern wirklich mehrere Personen fand, mit welchen ich in eine nähere Verbindung zu kommen wünschen konnte, als ich vermutete. Nächst unserem Hausherrn, dem Rat und Kaufmann Weimann, unserem nächsten Nachbar, zähle ich dazu von den Geistlichen der Stadt den Dekan Beck, die Stadtpfarrer Weng, Günther und Jordan und den katholischen Pfarrer Zipfel, dann den Landrichter Pölzl, den Rentbeamten von Ammon, den Bürgermeister Doppelmeier, die beiden Advokaten von Senger und Gös, den Rektor Hirschmann, den Subrektor von Löffelholz und den Landgerichtsarzt Böhm. Die Geistlichen sind durchaus aufgeklärte Männer. Aber es würde zu weitläuftig sein, jeden der genannten Geistlichen[312] einzeln zu schildern, es ist genug, wenn ich sage, daß ich sie insgesamt als Männer kennenlernte, in deren Mitte zu leben jedem, der solche Männer zu schätzen weiß, erfreulich sein muß. Ebenso enthalte ich mich auch einer nähern Schilderung unseres wackern Hausherrn Weimann, des sich in allem seinem Tun als einen sehr braven Mann darstellenden Landrichters Pölzl, des in der preußischen Schule gebildeten, geschäftsgewandten Rentbeamten von Ammon, des gutmütigen, redlichen und auch wegen seines Kunstsinnes achtbaren Bürgermeisters Doppelmeier, der beiden wegen ihrer Rechtlichkeit und Geschicklichkeit gleich geschätzten Advokaten von Senger und Gös, des sprachgelehrten wackern Rektors Hirschmann, des geschickten fleißigen und liebenswürdigen Subrektors von Löffelholz und noch mehrerer anderer; nur von meinem Kollegen, dem Landgerichtsarzt Böhm, muß ich einige Worte mehr sagen. Er ist noch ein ganz junger Mann, und was mir mein Schwiegersohn, der ihn schon früher kennengelernt hatte, von ihm sagte, fand ich gleich bei der ersten Unterredung mit ihm vollkommen bestätigt. Nicht wie die meisten jüngern Ärzte geht er auf den Erwerb einer ausgebreiteten Praxis aus, er liest und studiert auch noch fleißig, und wie er schon von der Universität aus reich an wissenschaftlichen Kenntnissen war, so vermehrt er sie nicht nur durch seine fortgesetzten Studien noch täglich, sondern er weiß sie auch zu seiner weitern Ausbildung zum praktischen Arzt zu benutzen, was ihm um so besser gelingt, da er schon von Natur ausgezeichnete praktische Talente besitzt. Solche jüngere Ärzte, besonders wenn sie auch ein so einnehmendes Äußere haben wie er, gelangen bald zu einer ausgebreiteten Praxis, ohne daß sie nötig haben, dazu Wege einzuschlagen, die wie sie selbst auch den ärztlichen Stand entehren. Die Praxis macht sich bei ihnen von selbst, und wirklich ist Böhm sowohl in der Stadt als außerhalb derselben, selbst in weit entlegenen Ortschaften als Arzt und Chirurg, denn er ist auch ein gleich ausgezeichneter Chirurg, so gesucht und beliebt, daß er selten zu Hause zu treffen und, wenn es so fortgeht, zu[313] besorgen ist, er werde die Anstrengungen und Strapazen nicht in die Länge aushalten können. Aber nicht minder achtungswürdig als Arzt ist er auch als Mensch, indem man selten einen so teilnehmenden, gewissenhaften und uneigennützigen Arzt findet, als er ist. Von den Damen, deren Bekanntschaft ich in Nördlingen machte, kann ich weniger sagen als von den Männern, teils weil man sie nicht so leicht und schnell kennenlernt als diese, teils weil sie mich als einen Greis von achtundsiebenzig Jahren nicht mehr in dem Grade interessierten als in meinen jüngern Jahren. Ich gefiel mir zwar immer noch wohl in ihrer Gesellschaft, zumal wenn ich mit geistreichen und gebildeten zusammenkam, auch hatte ihre Schönheit ihren Reiz noch nicht für mich verloren. Allein da ich in der letztern Zeit überhaupt seltener Gesellschaften besuchte, so kam ich noch seltener in Damengesellschaften, und ebenso selten besuchte ich sie auch zu Hause, teils weil mich die Besuche bei ihnen genierten, teils weil ich nicht eitel genug war, mir einzubilden, sie könnten an dem alten Mann noch einiges Interesse finden. Daher besuchte ich meistens bloß ältere Damen, und unter diesen interessierten mich vorzüglich die Frau von Bouwinghausen, die Rätin Kiderlin und ihre Tochter und die Frau des Dekans Beck, wiewohl auch bei ihnen meine Besuche nicht so häufig waren, als sie es zu wünschen schienen. Die Frau von Bouwinghausen ist die Witwe eines alten Bekannten und Freundes von mir, des ehemaligen württenbergischen Landvogts von Bouwinghausen in Heilbronn am Neckar und des Sohnes eines württenbergischen Generals, dessen ich mich noch von der Akademie in Stuttgart her erinnere, da ich ihn öfter in Begleitung des Herzogs sah, bei welchem er in hohem Ansehen stand. Daher war mein erster Damenbesuch in Nördlingen der bei ihr. Sie muß in ihren jüngern Jahren sehr schön gewesen sein, denn auch noch jetzt gehört sie zu den schönen alten Frauen. Noch mehr aber als die Reste ihrer vormaligen Schönheit zog mich ihr würdiges und freundliches Benehmen, ihr gebildeter Verstand, ihre Welterfahrung und die Offenheit, mit welcher sie sich mitteilte, an, und je öfter ich sie[314] sah, desto mehr gewann sie meine Achtung und mein Zutrauen. Nicht minder, ja ich möchte sagen, noch besser als die Frau von Bouwinghausen gefiel mir die Rätin Kiderlin. Sie ist eine Frau schon hoch in Jahren, seit mehreren Jahren Witwe, aber nicht minder geachtet in ihrem Witwenstand als zu Lebzeiten ihres Mannes, nicht wegen des Wohlstandes, in welchem sie lebt, sondern weil sie eine ebenso gute, artige und gefällige als verständige Frau ist. Schon bei dem ersten Besuch, den ich ihr machte, hatte ich mich davon überzeugt, und eben darum war sie auch eine von den Damen, deren Bekanntschaft ich vorzüglich zu kultivieren suchte. ? Ein auf eine andere Art vorzügliches Frauenzimmer ist ihre Tochter. Sie ist nicht mehr jung, aber von einer angenehmen Bildung und von einer Heiterkeit, welche sogleich für sie einnimmt. Gutmütig und freundlich wie ihre Mutter, zeichnet sie sich noch besonders durch ihren hellen Verstand, ihr ebenso anständiges als munteres Betragen im Umgang aus, und was mir die Unterhaltung mit ihr besonders angenehm macht, ist, daß sie sehr bekannt mit meinem Vaterland ist und mehrere Freunde dort hat, die auch die meinigen sind. Die Frau des Dekan Beck ist eine geborene Italienerin, aber eine wahrhaft deutsche Frau, ebenfalls schon bei Jahren und sehr achtungswürdig wegen ihres Verstandes, ihrer Häuslichkeit und überhaupt wegen ihrer weiblichen Tugenden, deren ihr keine fehlt. Sie gehört unter die vorzüglichsten Frauen in Nördlingen, sowie sie auch allgemein dafür anerkannt ist. Außer den genannten lernte ich auch noch mehrere andere verständige, wackere häusliche und liebenswürdige Frauen wie vorzüglich die Frau des Advokaten von Senger, die liebste Freundin meiner Tochter, kennen sowie auch mehrere schöne Frauen wie die Landrichterin Pölzl und die Frau von Gruner und beider noch schönere Töchter. Was das Nördlinger Volk im ganzen betrifft, so ist dasselbe wie überall auf Sinnengenuß gestellt, dabei aber gewerbsam und fleißig, wie es denn auch an keiner Art geschickter Professionisten in der Stadt fehlt. Als eine vormalige schwäbische[315] Reichsstadt ist sie auch jetzt mehr schwäbisch als bayerisch, nicht allein rücksichtlich der Sprache, sondern auch der Sitten. Das Volk ist gutmütig, höflich, dienstfertig, und daß es im ganzen auch wohlhabend ist, zeigt sich insbesondere auch darin, daß man sowohl in der Stadt als außerhalb derselben nicht soviel Bettler sieht als anderwärts, ob es schon in Nördlingen ebenso teuer zu leben ist als in Nürnberg. Allerdings gibt es auch in Nördlingen Arme genug, allein daß diese sich weniger als anderwärts auf Bettelei legen, kommt hauptsächlich von der hier eingeführten hohen Armentaxe her, welche ungleich größer ist als in vielen andern Städten. Indessen zahlt man die Armentaxe gern, weil nichts unangenehmer ist, als allenthalben von Bettlern angefallen zu werden, von denen man nicht weiß, ob sie des Almosens, welches man ihnen reicht, auch wert sind. Ungleich drückender als die hohe Armentaxe ist die Teuerung der Lebensmittel in Nördlingen. Da Nördlingen in einer so fruchtbaren Gegend liegt, so sollte man eher das Gegenteil erwarten. Allein die Teuerung wird vorzüglich dadurch veranlaßt, daß so viele Viktualien in das Württenbergische ausgeführt werden und die württenbergischen Händler bei ihren Einkäufen nicht gehörig von der Polizei beaufsichtigt werden, die zwar das Gesetz aufgestellt hat, daß Fremde nicht eher einkaufen dürfen, als bis sich die Einheimischen mit ihrem Bedarf versehen haben, allein gleichgültig zusieht, daß viele einheimische Viktualienhändler auch für die fremden einkaufen, so daß ein großer Teil der auf den Markt gebrachten Viktualien schon verkauft ist, ehe der Markt anfängt. Dies ist der wahre Grund der Teuerung der Lebensmittel in Nördlingen, und daß der Magistrat, der ihn wohl kennt, zur Abstellung jenes Unfugs gleichwohl wenig oder gar nichts tut, kommt ohne Zweifel daher, daß er wie überhaupt die meisten Magistrate seine Popularität nicht verlieren will. Ebendiesem Mangel an Energie des Magistrats ist es auch zuzuschreiben, daß manche Lebensmittel wie z.B. das Brot und das Bier in einigen Wirtshäusern nicht von so guter Qualität sind, wie man sie anderwärts antrifft. Daher ist es in dem nur wenige Stunden von Nördlingen gelegenen Öttingen nicht nur wohlfeiler zu leben[316] als hier, sondern es sind auch manche Lebensmittel besser, so daß man, wenn man um denselben Preis besser leben will, sie von Öttingen kommen lassen muß, wie dies bei uns der Fall ist, die wir von Nürnberg her besser zu leben gewohnt sind, als man im allgemeinen in Nördlingen lebt. Aber noch weit mehr als die Teuerung der Lebensmittel in Nördlingen fällt der Mangel an guten Unterrichtsanstalten, besonders für das weibliche Geschlecht, auf, welchem abzuhelfen längst eine Hauptangelegenheit des Magistrats hätte sein sollen. Bloß für die Knaben ist eine gute lateinische Schule und eine wohlbesorgte Gewerbsschule vorhanden, für die Mädchen besteht bloß eine ganz gewöhnliche Trivialschule, in welcher sie nichts als Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, zu einer höhern Bildung fehlt es nicht nur an einer öffentlichen Anstalt, sondern es können auch aus Mangel an Unterstützung keine Privatanstalten aufkommen, ja es können sich aus ebendiesem Grunde nicht einmal einzelne tüchtige Lehrer und Lehrerinnen halten. So sah sich z.B. der treffliche Musiklehrer Kindinger genötigt, sich um eine erledigte Kantorstelle in Nürnberg zu melden. So begab sich die in weiblichen Arbeiten ausgezeichnet geschickte Demoiselle Klara Beck, weil ihr eine verlangte kleine Unterstützung von dem Magistrat verweigert worden, nach Dinkelsbühl. So suchten noch andere gute Privatlehrer, um ein besseres Glück auswärts zu machen, von Nördlingen wegzukommen. Die Familien, die ihren Töchtern eine höhere Erziehung geben wollen, haben daher keine andere Wahl, als entweder kostspielige Gouvernantinnen zu halten oder sie in ein auswärtiges Erziehungsinstitut zu schicken wie z.B. in das in Wallerstein von einer Würzburgerin errichtete, welches zwar gelobt wird, aber, wie leicht zu erachten, dem Zweck ebensowenig entspricht als alle andere Institute dieser Art. Da wir eine Gouvernantin von Nürnberg mitgebracht hatten, so fühlten wir den Mangel an Anstalten für höhere Mädchenbildung zwar weniger, aber da die Gouvernantin nicht in allem, was die Kinder lernen sollten, Unterricht geben konnte, so konnte auch uns der Mangel an tüchtigen Privatlehrern nicht gleichgültig sein, und wie wohl wir uns auch sonst[317] in Nördlingen gefielen, so vermißten wir doch in dieser Rücksicht unsern vormaligen Aufenthalt in Nürnberg schmerzlich. Soviel ich hörte, ist dem Magistrat schon längst seine Saumseligkeit in betreff dieser wichtigen Angelegenheit zum Vorwurf gemacht worden, und auch ich habe mich darüber bei mehreren Gelegenheiten nachdrücklich ausgesprochen; allein er entschuldigt sich immer damit, daß die Stadt von den Kriegszeiten her noch so viele Schulden habe und daß diese erst bezahlt sein müssen, ehe für Verbesserung des Erziehungswesens wegen der großen Kosten, die sie erfordere, etwas Bedeutendes geschehen könne. Allerdings ein sehr triftiger Entschuldigungsgrund! Aber wenn Schuldenabzahlen etwas Löbliches ist, so ist die Verbesserung des Erziehungswesens etwas nicht minder Löbliches, und wenn der Magistrat glaubt, vor allem auf das Abzahlen der Stadtschulden bedacht sein zu müssen, so beweist er dadurch, daß er das materielle Interesse dem geistigen vorziehe, und wie kann sich wohl ein Magistrat dieses nachsagen lassen? Mit dem Schuldenzahlen hat es Zeit, und es ist nicht notwendig, daß man in einem Zeitraum von wenigen Jahren damit zustande komme, die Verbesserung des Unterrichts- und Erziehungswesens hingegen ist ein Bedürfnis, dessen Befriedigung nicht aufgeschoben werden darf, wenn die jetzige Generation nicht durch Vernachlässigung ihrer geistigen und sittlichen Bildung büßen soll, was die künftige an materiellem Wohlstand gewinnt, wenn die Stadt schuldenfrei ist. Ohne Zweifel kennt der Magistrat dieses Bedürfnis ebensogut und vielleicht noch besser als alle, die ihm abgeholfen zu sehen wünschen; allein wenn man ihm auch gern zugibt, daß es bisher an Mitteln zu seiner Befriedigung gefehlt habe, so kann ihn dies bloß entschuldigen, daß er bisher für die Verbesserung des Unterrichts- und Erziehungswesens nichts im großen getan hat, keineswegs aber auch darüber, daß er aus lauter Eifer, die Stadt schuldenfrei zu machen, gleichgültig zusieht, wenn von den vorhandenen tüchtigen Privatlehrern einer nach dem andern aus Mangel an Unterstützung die Stadt verläßt und kein fremder, gleich tüchtiger seine Stelle einzunehmen Lust hat. Daher sollte er vorderhand wenigstens dafür sorgen, daß es[318] in der Stadt nicht an tüchtigen Privatlehrern fehle. Glaubt er, sich auch dieser Sorge entschlagen zu dürfen, so erregt er den gerechten Verdacht, daß es ihm mehr um die kleinige Ersparung von einigen hundert Gulden für das städtische Ärar als um das Wohl der heranwachsenden Jugend zu tun sei, ein Verdacht, den ein Magistrat, der noch höhere Pflichten kennt, als die Stadt schuldenfrei zu machen, um so weniger auf sich sitzen lassen darf, da unverkennbar auch die sittliche Bildung der Nördlinger Jugend, wenigstens des männlichen Geschlechts, nicht minder vernachlässigt ist als die geistige. Nach diesen die Stadtangelegenheiten betreffenden Bemerkungen kehre ich wieder zu meinen eigenen Angelegenheiten zurück. Da ich als Pensionär ganz Herr meiner Zeit war, so konnte ich auch einen größern Teil derselben als in Nürnberg dem geselligen Leben widmen, und so brachte ich denn meine meisten müßigen Stunden in dem Umgang mit meinen oben genannten neuen Freunden und Freundinnen zu. Sie waren mir alle sehr liebe Gesellschafter, indessen hielt ich mich doch am meisten an die Geistlichen, nicht weil ich diese für vorzüglichere Menschen hielt, sondern weil ich am liebsten mit solchen Männern umgehe, bei denen ich mehr allgemeine als bloß auf ein besonderes Fach beschränkte wissenschaftliche Bildung finde. Zwar gibt es auch unter den andern gelehrten Ständen Männer von allgemeiner wissenschaftlicher Bildung genug, aber im ganzen fand ich sie doch immer am häufigsten unter den Geistlichen. Daß sehr viele Juristen bloß in ihrem Corpus juris und in ihren Gesetzbüchern zu Hause sind, kann niemand leugnen, der sie über andere wissenschaftliche Gegenstände sprechen hört, und daß es auch mit vielen Ärzten nicht anders ist, kann ebensowenig in Abrede gestellt werden. Dies kann man von den Geistlichen nicht sagen. Es gibt zwar auch nicht wenig Geistliche, denen die allgemeine wissenschaftliche Bildung abgeht; allein im ganzen trifft man sie bei ihnen weit häufiger an, und wenn es vorzüglich diese allgemeine wissenschaftliche Bildung ist, was den Umgang zwischen Gelehrten angenehm macht, und daran ist wohl kein Zweifel, so ist es ganz natürlich, daß, wer selbst sich einer allgemeinen wissenschaftlichen Bildung[319] bewußt ist, sich am liebsten zu seinesgleichen hält, weil er nur bei ihnen findet, was er vorzüglich zu seiner gesellschaftlichen Unterhaltung verlangt. Solche Gelehrte finden sich nun am häufigsten unter den Geistlichen, und die Ursache ist hauptsächlich das Studium der Philosophie, welches von den Studiosen der Theologie fleißiger getrieben wird als von den Studiosen der Jurisprudenz und der Medizin. Soll aber das Studium der Philosophie den Studiosen der Theologie wirklich diesen Nutzen bringen, so müssen sie dasselbe auch als Pfarrer fortsetzen, aber bekanntlich tun dieses nicht alle und in unserer jetzigen Zeit noch weniger als früher. Entweder setzen sie es, nachdem sie Pfarrer geworden, aus Bequemlichkeit oder in der Meinung beiseite, jetzt es bloß noch mit der Bibel, der Dogmatik und dem Katechismus zu tun zu haben, oder sie geben ihre philosophischen Studien auf, teils weil sie selbst das theologische Lehrsystem für abgeschlossen und eine weitere philosophische Prüfung desselben für überflüssig halten, teils weil sie sich fürchten, von den Konsistorien, welche als die vom Staat aufgestellten Bewahrer desselben von amtswegen Widersacher der Philosophie sind, in das schwarze Register eingeschrieben zu werden. Nur wahrhaft protestantische Geistliche, d.h. solche, die auch ein Fortschreiten in der Theologie für möglich und nützlich halten, fahren in ihren philosophischen Studien fort, weil sie einsehen, daß nur die Philosophie Licht in die Theologie bringen kann, und diese sind es, von denen ich spreche, wenn ich sage, daß ich lieber mit Geistlichen umgehe als mit Juristen und Medizinern, wenn sie nichts weiter sind als Juristen und Mediziner. Freilich sind Geistliche dieser Art jetzt nicht mehr so häufig als zu Ende des vorigen Jahrhunderts, wo das freie Denken in Religionssachen nicht so verpönt war wie jetzt. Aber es gibt ihrer doch noch viele, die sich ebensowenig von einem Konsistorium, welches das Luthertum, wie es sich in den ersten Zeiten nach Luther gestaltet, stabilzumachen suchen, abschrecken lassen, als sie sich einem Konsistorium zu Gefallen zum Mystizismus bekennen, der in der Religion eben das ist, was die Homöopathie in der Medizin, ein Schandmal unseres Zeitalters. Soweit ich unsere Nördlinger Geistliche[320] und auch einige vom Lande kenne, gehört keiner weder zu den verknöcherten starren Lutheranern noch zu den wahnsinnigen oder heuchlerischen Mystikern. Sie sind insgesamt aufgeklärte Männer und, was mit echter Aufklärung unzertrennlich verbunden ist, auch rechtschaffene Männer, und der Umgang mit ihnen gehört nächst dem Umgang mit meinem Kollegen Böhm, dessen ich mich wegen seiner vielen Geschäfte, die ihn dem geselligen Umgang entziehen, leider zu selten erfreue, unter die vorzüglichsten Annehmlichkeiten meines Aufenthalts in Nördlingen. Da ich nach meinem Abgang in Nürnberg aller ärztlichen Praxis entsagt habe, so erwartet man vielleicht, daß ich die dadurch erhaltene Muße nicht bloß zum Studieren und Lesen, denn man wird mir zutrauen, daß ich in Nördlingen kein Müßiggänger geworden, und zum geselligen Umgang und bei guter Witterung zu Spaziergängen in der schönen Umgegend von Nördlingen, sondern auch zu schriftstellerischen Arbeiten benutzt haben werde. Allein was hätte ich schreiben sollen? Ein philosophisches Werk, da ich so großen Philosophen wie Kant, Fichte, Schelling etc. bloß nach-, nicht gleichdenken konnte? Ein historisches, da ich so treffliche Historiker wie Raumer, Rotteck, Schneller etc. auch nicht von ferne zu erreichen hoffen durfte? Oder was hätte ich als Arzt schreiben sollen? Etwa ein Enchiridion, in welchem ich das Resultat meiner Praxis als ein Vermächtnis niedergelegt hätte wie Hufeland, dessen praktisches Leben viel reicher war als das meinige? Oder ein Handbuch der praktischen Heilkunde, eine Iliade nach dem Homer, nachdem uns Neumann mit seiner speziellen Pathologie und Therapie beschenkt hat? Oder endlich gar eine neue Theorie der Medizin, die, auch abgesehen, daß wir der Theorien ohnehin schon zu viel haben, zu nichts gedient hätte als zum Beweis, daß Theoretisieren nicht meine Sache sei? ? Indessen habe ich doch eine schriftstellerische Arbeit unternommen, eine Arbeit, welche ich schon seit einigen Jahren vorhatte; ich fing an, eine Geschichte meines Lebens zu schreiben, und sie soll auch das einzige sein, was ich noch schreiben werde. Schon in Nürnberg hatte ich die Materialien dazu gesammelt und geordnet,[321] und so konnte ich dann gleich nach meiner Ankunft in Nördlingen die Arbeit beginnen. Ich weiß wohl, daß ich nicht zu den Männern gehöre, deren Lebensgeschichte von besonderem Interesse ist. Ich kann weder als Mensch noch als Arzt etwas von mir sagen, was nicht auch andere Menschen und Ärzte von sich sagen können. Allein außerdem, daß ich in manche Verhältnisse gekommen bin, in welche hundert andere nicht kommen, glaube ich, meine Selbstbiographie dürfte auch deswegen nicht ganz uninteressant sein, weil sie durchaus die Spuren einer genauen Selbstbeobachtung, einer aufrichtigen Wahrheitsliebe und einer treuen Darstellung meiner Ansichten über allerlei Gegenstände tragen wird, welche nicht jeder Selbstbiograph so offen aussprechen würde, wie ich es getan habe. Überdies schreibe ich sie viel mehr für mich selbst und für meine Freunde als für das Publikum, und was mich vorzüglich bewog, sie zu schreiben, weil sie mir zu einer lebendigern Erinnerung an mein vergangenes Leben dienen sollte, auf welches ich zwar nicht mit voller Selbstzufriedenheit, doch ohne vieles bereuen zu müssen, zurücksehen kann. Wirklich blieb auch meine Absicht nicht unerreicht. Mein ganzes Leben von meiner frühesten Kindheit an stellte sich mir auf das lebhafteste dar, ich durchlebte es gleichsam wieder von vorn, und ob ich mich gleich des Unerfreulichen nicht minder lebhaft erinnerte als des Erfreulichen, so war doch beides vorüber, und ich konnte das Andenken an das Erfreuliche um so fester halten, da man das Unerfreuliche ohnehin leichter vergißt als das Erfreuliche. Vor allem war mir die Erinnerung an meine Kinderjahre ein köstlicher Genuß, ebenso auch die Erinnerung an meine Jünglingsjahre, die ich in der Akademie in Stuttgart in der Mitte so vieler lieben Freunde zubrachte, und wenn ich bei der Darstellung meiner männlichen Lebensperiode auf gar manches kam, was mir die Rückerinnerung an sie weniger erfreulich macht als an die schöne heitere Jugendzeit, so hatte ich doch das Unangenehme und Widrige ertragen, und der Gedanke, es mit Mut und Geduld ertragen zu haben, verwandelte das unangenehme Gefühl in ein angenehmes. Überhaupt war ich bei keiner meiner schriftstellerischen Arbeiten vergnügter und aufgelegter als bei[322] dieser. Ich konnte sie fortsetzen, sooft ich wollte, und wenn ich ihr auch mehrere Stunden gewidmet hatte, so war sie mir doch nie so entleidet, daß ich abbrechen mußte. Daher verging auch nicht leicht ein Tag, an dem ich sie aussetzte; ich setzte sie entweder fort oder revidierte wenigstens das bereits Fertiggewordene, und so rückte sie denn stets weiter vorwärts, und ich konnte hoffen, sie bald vollendet zu sehen. Neben dieser steten Fortsetzung meiner Biographie widmete ich auch einen Teil meiner Muße meiner Korrespondenz, welche in Nördlingen häufiger war als in Nürnberg und überhaupt an allen Orten, wo ich früher gelebt hatte. Ich war nämlich von jeher nie ein fleißiger Briefsteller gewesen, bloß meine Geschäftsbriefe, deren ich als praktischer Arzt allerdings nicht wenige zu schreiben hatte, fertigte ich sogleich, und wenn die Fälle, wo ich wegen Kranker um Rat gefragt wurde, dringend waren, beantwortete ich die Briefe mit umgehender Post. Dagegen war ich um so saumseliger in Beantwortung der freundschaftlichen Briefe, und Höflichkeitsbriefe beantwortete ich entweder gar nicht, oder ich verschob die Antwort so lange, daß ich mich schämte, sie nachzuholen, und so hörte denn diese Art von Korrespondenz zuletzt beinahe ganz auf. In Nördlingen hingegen, wo ich, weil ich nicht mehr praktizierte, weniger Geschäftsbriefe zuschrei ben hatte, konnte ich mehr Zeit meiner freundschaftlichen Korrespondenz widmen, und dies tat ich auch wirklich. Am häufigsten jedoch korrespondierte ich mit meiner schon früher genannten Freundin in Nürnberg, dem Fräulein Bertha von Kretschmann. Unsere Korrespondenz betraf meistens philosophische, pädagogische und religiöse Gegenstände, und man kann sich denken, wie interessant mir der Ideenwechsel über solche Gegenstände mit einem Frauenzimmer war, welches ich zu den geistreichsten und gebildetsten zähle, die mir in meinem Leben vorgekommen. Es würde nicht am rechten Orte sein, wenn ich alles, was wir uns über jene Gegenstände, und noch weniger, was wir uns über minder wichtige Dinge schrieben, hier mitteilen wollte. Ich liebe überhaupt die Briefwechsel nicht, wo sich die Freunde, zumal wenn sie an dem nämlichen Ort wohnen, jede Kleinigkeit[323] schriftlich mitteilen. Nur Ideen und Empfindungen wichtiger Art, wenn sie sogleich zu Papier gebracht und dem Freunde gleichsam noch warm mitgeteilt werden, verdienen eine schriftliche Mitteilung. Nachrichten hingegen, wie man geschlafen habe, wie man sich befinde, was man den Tag über getrieben und getan habe, was man am folgenden Tag tun oder treiben wolle, sind der schriftlichen Mitteilung nicht wert, und wenn man sie gar drucken läßt, so ist es ein Beweis von Eitelkeit, weil man dadurch verrät, daß man sich einbilde, es sei auch interessant für die Welt zu wissen, wie ein berühmter Mann seine Halsbinde anzieht. Eine solche Korrespondenz habe ich mit meiner Freundin nicht geführt. Es waren lauter wichtige Gegenstände, über welche wir uns unsere Ideen mitteilten, und wenn eine Korrespondenz dieser Art schon an sich interessant ist, so wird sie noch ungleich interessanter als Korrespondenz mit einem geistreichen selbstdenkenden Frauenzimmer, dessen Ansichten immer etwas Originelles haben, den denkenden Mann auf eine eigene Art ansprechen und ihn zu einer mehrseitigen Entwickelung seiner eigenen anregen. Es ist leicht zu erachten, daß in einer so kleinen Stadt wie Nördlingen selten etwas vorkommt, was die allgemeine Aufmerksamkeit der Einwohnerschaft erregt und in lebendigere Bewegung setzt, wie dies in größern Städten der Fall ist. Es ist kein fürstlicher Hof dort, an dessen Festivitäten das Volk teilnehmen könnte. Es gibt keine Merkwürdigkeiten dort zu sehen, die Fremde herbeiziehen. Es existiert dort kein stehendes Theater, nur zuweilen findet sich eine wandernde Schauspielergesellschaft ein, die einige Wochen hindurch spielt. Es gibt keine große öffentliche Gesellschaftshäuser, wo Bälle, Maskeraden, große Gastmähler gehalten werden könnten, und was dergleichen Gelegenheiten zu allgemeinen Ergötzlichkeiten mehr sind. So geht das Leben in Nördlingen stets seinen gewöhnlichen Gang fort; nur die große Nördlinger Messe erregt mehr Regsamkeit und Bewegung in der Stadt. Diese Messe nämlich ist die einzige im Jahr und dauert vierzehn Tage. Sie fällt in das Ende des Monats Mai, beginnt an einem Samstag präzis mittags um zwölf Uhr, und so hört sie auch am Samstage[324] präzis um zwölf Uhr auf. Sie ist eine der besuchtesten Messen in Bayern, auch von weit entfernten Orten kommen Verkäufer und Käufer herbei, der Marktplatz, andere freie Plätze, mehrere Hauptstraßen sind mit Buden besetzt, vor allem aber ein großer geräumiger Boden, das Paradies genannt. Am besuchtesten ist die Messe am zweiten Sonntag, und wie auf dem Markt, wimmelt es auch in den Wirtshäusern von Menschen. Gleichwohl wird nicht soviel verkauft, als man glauben sollte. Der größte Teil der Besuchenden besucht die Messe mehr, um sich zu vergnügen, als um einzukaufen, und daß es nicht an Gelegenheit, sich zu vergnügen, fehlt, beweisen die vielen Tanzbelustigungen, welche fast in allen Wirtshäusern stattfinden, und zumal in der Nacht vom letzten Freitag auf den letzten Samstag, wo auch die meisten Dienstboten teilnehmen. Sonst sollen die Messen noch besuchter gewesen sein als jetzt, es sollen sich weit mehr fremde Kaufleute auf denselben eingefunden haben, und so soll auch mehr gekauft worden sein. Da die Messe die einzige im Jahr ist, so sollte man denken, es müßten auch mehr Geschäfte gemacht werden; allein daß dies nicht geschieht, kommt teils daher, daß jetzt weniger Geld unter den Leuten ist, weil sie sich von den langen Kriegszeiten her noch nicht ganz erholt haben, teils daher, daß die Messe zu lange dauert. Sie sollte nur eine Woche lang dauern, dagegen sollten jährlich zwei sein, die eine im Frühjahr, die andere im Herbst. Ist nur eine Messe im Jahr, so müssen die Käufer sich mit den Waren, die sie auf der Messe kaufen, auf ein ganzes Jahr versehen, und dazu fehlt es den meisten an Geld, und was die Verkäufer betrifft, so dauert für sie die Messe zu lang, weil ein zweiwöchentlicher Aufenthalt an einem Ort, wo es so teuer zu leben ist wie in Nördlingen und wo sie ein so großes Standgeld bezahlen müssen, zu kostspielig ist. Daher nimmt die Zahl der Kaufleute, welche die Messe beziehen, mit jedem Jahr ab, und die sich einfinden, klagen mit Recht über den geringen Gewinn, den ihnen die Messe bringe. Dieser Klage würde am besten abzuhelfen sein, wenn, wie schon gesagt, statt einer zwei, jede nur eine Woche lang dauernd, eingeführt würden. Auch der Magistrat soll, wie man gesagt,[325] längst zu dieser Abänderung geneigt gewesen sein, und er würde sie wirklich auch schon getroffen haben, wenn nicht, sooft die Sache zur Sprache kam, die einheimischen Kaufleute aus leicht zu erachtenden Gründen dagegen protestiert hätten. Amazon.de Widgets Man könnte denken, der Mangel an öffentlichen Lustbarkeiten in Nördlingen, an denen Nürnberg so reich ist, werde uns öfters an unsern Aufenthalt in Nürnberg schmerzlich erinnern. Allein dies war keineswegs der Fall. Erstlich konnten wir jene Lustbarkeiten leicht missen, weil wir nie einen großen Anteil daran genommen hatten. Wir besuchten selten das Theater, wohnten selten einem Konzert oder Ball bei, machten nur zuweilen eine Partie auf die alte Veste, fuhren nur zuweilen auf der Eisenbahn, und was mich insbesondere betrifft, so besuchte ich selbst das Volksfest in den vielen Jahren, seit es besteht, überhaupt nur dreimal. Was wir vermißten, waren die vielen Freunde, die wir in Nürnberg zurückließen, zumal im Anfang, wo wir noch ganz fremd in Nördlingen waren und noch keine Bekanntschaften gemacht hatten, die uns den Verlust hätten ersetzen können. Insbesondere war dies der Fall bei meiner Tochter, welcher die Trennung von ihren Freundinnen um so schwerer fiel, je fester sie sich an einige derselben angeschlossen hatte. Allein auch sie fand sich bald in ihre neue Lage, da sie in Nördlingen mehrere Frauen kennenlernte, mit welchen eine nähere Verbindung ihr wünschenswert war, und schon in den ersten Wochen diesen Wunsch erfüllt sah, indem der größte Teil derselben ihr mit Wohlwollen entgegenkam. Zweitens hatten wir zwar durch unsern Abzug von Nürnberg außer dem Umgang mit unsern Freunden auch noch vieles andere verloren, was wir in Nördlingen nicht fanden und was nur eine größere Stadt gewähren kann, wie der stets vorhandene Vorrat aller zur Befriedigung jeder Art von Lebensbedürfnissen erforderlichen Mittel, die mancherlei Gelegenheiten zu literarischen Unterhaltungen und Beschäftigungen, zu Kunstgenüssen aller Art usw. Allein wir fanden uns in Nördlingen dafür von einer andern Seite entschädigt, mein Schwiegersohn durch ein besseres Einkommen und eine angenehmere[326] dienstliche Stellung, meine Tochter durch das vermehrte Ansehen in der kleinern Stadt, durch die Ersparnisse, welche sie, jetzt weniger zu Luxusausgaben aufgefordert, machen konnte, und durch Verminderung ihrer Haushaltungssorgen und ich durch meine Versetzung in den Ruhestand, die mich zu meinem eigenen Herrn machte, mich allen Unannehmlichkeiten meines Amtes und allen Mühseligkeiten meiner Praxis enthoben und mich in den Stand gesetzt hatte, die letzten Jahre meines Lebens mir selbst zu leben. Ich konnte nun tun und treiben, was ich wollte, ich konnte die Gegenstände meiner Studien ganz nach meiner Neigung wählen, ich wurde nicht mehr von denselben zur Unzeit abgerufen, und, was eine Hauptsache ist, ich durfte, wenn ich zu meiner Erholung oder zu einem andern Zweck eine Reise machen wollte, um keinen Urlaub mehr bitten. Daß ich mir alle diese Vorteile auf alle Weise zu Nutzen gemacht habe, kann man sich leicht denken. Mit keiner ärztlichen Praxis mehr befaßt, las ich jetzt nur solche medizinische Schriften, von welchen ich mehr Licht in der Physiologie erwartete; dagegen aber las und studierte ich um so fleißiger philosophische und historische Werke, teils die ältern, die ich schon früher gelesen und studiert hatte, wie unter den erstern Kants, Garves etc. und unter den letztern Gibbons, Humes, Robertsons etc., teils neuere, wie unter jenen besonders Heinroths Schriften und unter diesen vorzüglich Raumers klassische Geschichte des neuern Europa. Das Studium dieser und anderer vorzüglicher philosophischer und historischer Werke war der Gegenstand meiner täglichen Beschäftigung, und wenn ich es unterbrach, so geschah es nur durch eine Reise entweder in mein Vaterland oder anderswohin, wodurch ich neben dem Hauptzweck auch den erreichte, daß mir meine Studien um so lieber wurden, je länger ich sie unterbrochen hatte. So reiste ich schon einige Wochen nach meiner Ankunft in Nördlingen in mein Vaterland, und man kann sich denken, daß ich diese Reise mit ganz andern Gefühlen machte als alle meine frühern. Schon daß ich nicht mehr um Urlaub bitten mußte, machte, daß ich die Reise viel heiterer antrat als sonst, und[327] der Gedanke, in meinem Vaterland bleiben zu können, so lange ich wollte, ließ mich nicht schon bei der Hinreise auf die Rückreise denken. Ich nahm keine Sorgen weder wegen zurückgelassener oder meine Hülfe in Anspruch nehmender neuer Kranken noch wegen Versäumnis amtlicher Geschäfte mit mir auf die Reise. Das Vergnügen, meine Anverwandte und Freunde wiederzusehen, wurde nicht durch den Gedanken, noch ehe ich ihrer recht froh geworden, wieder von ihnen scheiden zu müssen, getrübt, und wenn ich bei meinen frühern Reisen sie gleichsam nur im Vorübergehen gesehen hatte, so konnte ich jetzt wieder auf längere Zeit mit ihnen zusammenleben, so wie ich eben wegen des längern Aufenthalts in den mir in meinen jüngern Jahren so lieb gewordenen Städten Stuttgart und Ludwigsburg aufs neue wieder einheimisch werden konnte. In diesen freudigen Gefühlen rüstete ich mich nun zu meiner vorhabenden Reise, ehe ich aber das Nähere von derselben erzähle, muß ich erst eines Besuchs erwähnen, welchen wir von dem Bruder meines Schwiegersohns, dem Oberpostamtssekretär Hänlein von Nürnberg, erhielten. Schon bei unserer Abreise von Nürnberg hatte er versprochen, uns ehestens in Nördlingen zu besuchen, und man kann sich denken, wie erfreut wir waren, diesen in jeder Beziehung trefflichen jungen Mann in unserer Mitte zu sehen. Er verweilte nur acht Tage bei uns, und da dieser kurze Aufenthalt nicht gestattete, ihn in dem schönen Ries überall hinzuführen, wo etwas Interessantes für ihn zu sehen war, so suchten wir ihn dafür durch die Beweise von Liebe und Dankbarkeit zu entschädigen, die wir ihm gaben und auf die er sich besonders in den letzten Tagen unseres Aufenthalts in Nürnberg, wo er beinahe alles, was zu unserem Abzug nötig war, ebenso eifrig als verständig besorgte, den größten Anspruch zu machen hatte. Daß er mit seinem Besuch bei uns zufrieden war, zeigte uns seine ungetrübte Heiterkeit während desselben und der Schmerz, mit dem er uns verließ und welcher ihm und uns nur durch das gegenseitige Versprechen erleichtert wurde, daß wir uns bald wiedersehen würden. Gleich nach der Abreise dieses lieben Gastes trat ich in Begleitung einer meiner Enkelinnen die Reise in mein Vaterland[328] an. Ich machte wie die zwei letztern auch diese auf dem Eilwagen, fuhr aber nicht bis nach Stuttgart, sondern stieg schon in Cannstatt ab, um mich zu meinen noch lebenden zwei Schwestern in Untertürkheim, einem eine kleine Stunde von Cannstatt entfernten Dorfe, zu begeben. Hier sollte nämlich mein fixer Aufenthalt sein, von Untertürkheim aus wollte ich meine Exkursion nach Cannstatt, Stuttgart und Ludwigsburg machen, und weil ich diesmal länger im Vaterland verweilen wollte und mir vorgenommen hatte, mich zwischenhinein mit verschiedenen literarischen Gegenständen zu beschäftigen, wozu mir besonders die Nähe von Stuttgart die mir in Nördlingen mangelnden Hülfsmittel darbot, so war auch in dieser Rücksicht Untertürkheim der schicklichste Ort, welchen ich zu meinem fixen Aufenthalt wählen konnte. Schon einige Tage vor meiner Abreise von Nördlingen hatte ich meinen Schwestern meinen Besuch bei ihnen angekündigt, und wie sonst immer glaubte ich auch diesmal alles zu meiner Aufnahme hergerichtet zu finden. Ich fuhr daher von Cannstatt, wo ich den Eilwagen verließ, sogleich mit einem Lohnkutscher nach Untertürkheim. Meine Schwestern empfingen mich auf das herzlichste, aber sie überraschten mich zugleich mit der Erklärung, daß sie mich nicht bei sich aufnehmen können, weil sie am Tag vor Empfang meines Briefes ihr Haus verkauft hätten und mit Räumung desselben beschäftigt seien, daß sie sich aber in Cannstatt um eine Wohnung für mich umgesehen und daß der Oberamtsrichter daselbst, der Oberjustizrat Cleß, an welchen sie sich deshalb als an einen nahen Anverwandten und einen alten, lieben Freund von mir gewendet, sich erboten habe, mich in seinem eigenen Hause aufzunehmen und mich, solange ich wollte, zu beherbergen. Auf diese Nachricht fuhr ich sogleich von Untertürkheim zurück nach Cannstatt, stieg im Hause des Oberjustizrats ab und wurde von ihm und seiner Familie als ein willkommener Gast empfangen. Nun konnte ich zwar wie von Untertürkheim auch von Cannstatt aus meine Exkursionen nach Stuttgart und Ludwigsburg machen, auch gab mir die Cleßische Familie auf alle Weise zu erkennen, daß ich ihnen ein ebenso lieber Gast sei, als ich meinen Schwestern[329] gewesen wäre; allein ich verweilte nur zehn Tage in Cannstatt, weil ich von dem Bruder des Oberjustizrats, dem Obermedizinalassessor Cleß, nach Stuttgart eingeladen ward und dieser Einladung um so lieber folgte, da ich nicht nur, sooft ich nach dem Tod meiner Eltern in Stuttgart gewesen, immer bei ihm gewohnt hatte, sondern auch wegen des Vorfalls in Untertürkheim nicht so lange im Vaterland bleiben wollte, als ich anfangs willens war. Wie von seinem Bruder in Cannstatt wurde ich auch von ihm auf das freundlichste aufgenommen, und ich war ihm um so willkommener, da sein ältester Sohn, der im Frühjahr seine medizinischen Studien vollendet und die Doktorwürde erhalten, ein paar Tage zuvor seine gelehrte Reise nach Paris angetreten hatte. Allein auch in Stuttgart verweilte ich nur zehn Tage, und weil ich meinen Schwager, den Hofprediger Harpprecht in Ludwigsburg, schon in Cannstatt, wo er das Bad gebrauchte, täglich gesehen und daher keine Veranlassung hatte, auch in Ludwigsburg längere Zeit zu verweilen, so beschloß ich, meinen Aufenthalt im Vaterland überhaupt abzukürzen, und nach nicht vollen drei Wochen reiste ich von Stuttgart aus wieder nach Nördlingen zurück. Solchergestalt hatte ich nun freilich meinen Plan, eine längere Zeit im Vaterland zu bleiben, für diesmal nicht ausgeführt; allein meine Hauptabsicht hatte ich darum nicht verfehlt. Ich hatte alle meine Freunde in Cannstatt, Stuttgart und Ludwigsburg wiedergesehen, ich hatte höchst vergnügt mit ihnen zusammen gelebt, ich hatte einige neue interessante Bekanntschaften gemacht, ich hatte alle die Plätze besucht, wo so viele teure Erinnerungen an mein früheres Leben wieder lebendig in mir wurden, ich hatte auf dem Gottesacker in Stuttgart meine dort ruhenden Eltern und Geschwister und alle vor mir hingegangenen Freunde herzlich gegrüßt, und so konnte ich denn, auch mit meinem diesmaligen Aufenthalt im lieben Vaterland ganz zufrieden, wieder nach Nördlingen zurückkehren. Ungeachtet ich seit meiner Versetzung in den Ruhestand nichts mehr mit Krankenanstalten zu tun hatte, so interessierte[330] mich doch das Krankenhaus in Stuttgart zu sehr, als daß ich es auch diesmal zu besuchen hätte unterlassen können. Es gehört unter die vorzüglichsten Krankenhäuser, die ich kenne, und wenn ich es wegen seiner in jeder Hinsicht trefflichen Einrichtung höchlich preisen muß, so muß ich auch zum Ruhm der an demselben angestellten Ärzte, vorzüglich aber des ersten von ihnen, meines Freundes und Wirtes Cleß, sagen, daß schwerlich ein öffentliches Krankenhaus so besorgt ist als dieses Stuttgarter. Es ist eine wahre Freude, in demselben herumzuwandeln, die überall herrschende Ordnung und Reinlichkeit wahrzunehmen und den wie in seinem Element darin lebenden Cleß handeln zu sehen. Ein solches Krankenhaus sollte nach meinem Plan das Nürnberger werden; aber das Schicksal hat es nicht gewollt, mein Plan ist wenigstens bis jetzt unausgeführt geblieben, und ich kann mich bloß freuen, daß eines in Stuttgart, meiner Vaterstadt, existiert, welches meiner Idee von einem Krankenhaus, wie es sein soll, entspricht. Von den vielen Freunden, welche ich sonst bei meinen Besuchen im Vaterland antraf, leben sehr wenige mehr; die noch lebenden und während meines Aufenthalts anwesenden habe ich alle besucht und mit ihnen insgesamt die vergnügtesten Stunden zugebracht. Von ihnen nenne ich vorzüglich den Medizinalrat und vormaligen Stadtphysikus Plieninger, den pensionierten Oberamtmann Seubert, den pensionierten General der Infanterie von Phull, die verwitwete Frau von Notter und ihre Tochter, die gleichfalls verwitwete Ministerin von Weishaar und den Minister des Innern, den Geheimenrat von Schlayer. Die drei ersten gehörten schon als meine Mitzöglinge in der vormaligen Karls-Akademie in Stuttgart zu meinen liebsten Freunden, und wie überhaupt Jugendfreundschaften sich am festesten knüpfen, so war dies auch der Fall bei uns. Wir sind nun alle hochbejahrte Männer, aber wir lieben uns noch ebenso warm, als wir uns als Zöglinge der Akademie liebten, und daher war es auch diesmal ein hoher Genuß für mich, sie wiederzusehen. ? Die Frau von Notter, die ich schon als ganz junges Mädchen kennenlernte, war mir auch als Frau wegen ihrer reinen, selten in einem so hohen Grade wahrzunehmenden[331] Weiblichkeit sehr lieb, und auch als ich sie diesmal wiedersah, hatte ich die Freude, mich zu überzeugen, daß sie wie ihre Tochter mich noch immer zu ihren liebsten Freunden zähle. Mit dem Geheimenrat von Schlayer bin ich erst vor zwei Jahren, und zwar aus einem glücklichen Irrtum, bekannt geworden. Ich wollte nämlich einen Besuch bei dem Kriegsminister, dem General von Hügel, machen, kam aber statt in das Kriegsministerium in das Ministerium des Innern. Ich ließ mich bei dem Minister durch einen Kanzleidiener melden, welcher mich einstweilen, bis der Minister zu sprechen sein würde, in das Wartzimmer führte. Hier wartete ich nun beinahe eine halbe Stunde, ohne daß ein Kanzleidiener wiederkam, die Zeit fing mir an lang zu werden, ich wollte mich wieder entfernen, allein in dem Augenblick, da ich die Treppe hinuntergehen wollte, öffnete sich eine Türe, aus welcher der Professor Pahl, welchen ich am Tag zuvor im Badgarten in Cannstatt gesehen hatte, heraustrat, begleitet von einem jungen Mann, welchen ich für einen Sekretär des Kriegsministers hielt. Ich bat ihn, mich zu dem Minister zu führen, allein der junge Mann war kein Sekretär des Kriegsministers, es war der Minister des Innern, der Geheimerat von Schlayer. Ich wollte mich wegen meines Irrtums entschuldigen, aber wie ich freute auch er sich des Irrtums. Er nahm mich freundlich bei der Hand, führte mich in sein Arbeitszimmer und benahm sich so wohlwollend gegen mich, als ob wir schon längst die besten Freunde wären. Ich verweilte beinahe eine Stunde bei ihm, und beim Abschied mußte ich versprechen, ihn zu besuchen, sooft ich nach Stuttgart käme. Im folgenden Jahr machte ich zwar wieder eine Reise nach Stuttgart, aber ich besuchte ihn nicht, weil er wegen des damaligen Landtages zu beschäftigt war, ich sah ihn bloß in einer Sitzung der Ständeversammlung, welcher ich beiwohnte und in welcher ich ihn mit Bewunderung seines ebenso ausgezeichneten Rednertalents als seiner tiefen Kenntnisse, die er in dieser wichtigen Sitzung an den Tag legte, sprechen hörte. Wie leid es mir tat, meine Bekanntschaft mit diesem trefflichen Mann diesmal nicht erneuern zu können, kann man sich denken. Um so mehr freute ich mich auf meinen Besuch in Stuttgart im nächsten[332] Jahr, wo ich ihn minder beschäftigt anzutreffen hoffte. Allein ich durfte nicht so lange warten. Schon in demselben Jahr machte er nach Beendigung des Landtages eine Erholungsreise und überraschte mich auf eine ebenso erfreuliche als unerwartete Weise mit einem Besuch in Nürnberg, wo er zwei Tage lang verweilte. Er war zuvor nie in Nürnberg gewesen, und ich brauche nicht zu sagen, daß ich alles tat, was mir möglich war, um ihm seinen Aufenthalt daselbst angenehm zu machen. Mit Vergnügen sah er alles, was diese alte ehrwürdige Stadt Interessantes aufzuweisen hat, vorzüglich aber freute ihn die Fahrt auf der Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth, die er in meiner Begleitung machte. Überhaupt verließ er Nürnberg vollkommen befriedigt, und was mich betrifft, so zähle ich die paar Tage, die ich mit ihm zusammen war, zu den angenehmsten meines Lebens. Aber näher als in Nürnberg wurde ich mit diesem hochverehrten Mann bei meinem im folgenden Jahr gemachten Besuch in Stuttgart bekannt. Schon am ersten Tag nach meiner Ankunft begab ich mich zu ihm, wurde auf das freundlichste von ihm aufgenommen, unterhielt mich mit ihm über allerlei Gegenstände, über welche er sich ebenso offen als einsichtsvoll aus sprach, speiste bei ihm zu Mittag, wo ich mit ihm und seiner Gemahlin einige höchst vergnügte Stunden zubrachte, und als ich Stuttgart verließ, freute ich mich schon voraus auf das nächste Jahr, wo ich mein Vaterland wieder zu besuchen beschlossen hatte und ihn und seine Gemahlin wiedersehen würde. Ich habe schon gesagt, daß ich mich nur zehn Tage in Stuttgart aufhielt; aber mein Freund Cleß machte mir diese Tage zu ebenso vielen Festtagen. Wir besahen miteinander alles Merkwürdige in der Stadt, die vielen und großen, schönen, neuen Gebäude, wir machten Spaziergänge in den reizenden Umgebungen der Stadt, wir besuchten die geschlossenen Abendgesellschaften, deren Mitglied er war und in denen ich mehrere interessante Bekanntschaften machte, unter andern mit dem geistreichen und gelehrten Professor an dem Gymnasium Pauly, dem Sohn eines meiner ehemaligen liebsten Freunde in Ludwigsburg. Wir reisten miteinander nach Eßlingen, wo wir den[333] Abschied seines ältern Sohnes von dem väterlichen Haus feierten. Wir gingen miteinander nach Cannstadt zu einem großen Gastmahl in dem Frößnerischen Badhause, wo ich ebenfalls mehrere interessante Personen und, was mir besonders angenehm war, die hochgefeierte Sängerin Fräulein Schebest, welche ich im vergangenen Jahr in Nürnberg spielen sah, nun auch persönlich kennenlernte und an der ausgezeichneten Künstlerin auch ein schönes, liebenswürdiges und, was bei solchen hochgefeierten, voreilig vergötterten Künstlerinnen selten der Fall ist, bescheidenes, anspruchloses Frauenzimmer fand. ? Von bekannten Personen, die an dem Gastmahl teilnahmen, traf ich unter mehreren andern auch meinen einzigen noch lebenden Lehrer, den Obersten von Rösch, an. Er war bereits vierundneunzig Jahr alt, noch so gesund und rüstig, wie ich ihn immer gesehen hatte. Wie gewöhnlich hatte er auch diesmal den Weg von Stuttgart nach Cannstatt zu Fuß gemacht, aß mit dem besten Appetit, und als ich ihm über sein glückliches Alter meine Freude bezeigte, erwiderte er, vierundneunzig Jahre seien noch kein Alter, wenn er das hundertste Jahr zurückgelegt habe, werde er eingestehen, daß er ein alter Mann sei, und solange er nicht hundertundfünfundzwanzig Jahre zähle, denke er nicht an das Sterben. Nach Ludwigsburg, wo ich ebenfalls, wenn ich meinen Schwager Harpprecht dort getroffen hätte, mehrere Tage verweilen wollte, kam ich nur zweimal, das eine Mal, als ich meine Enkelin, die mich auf der Reise begleitet hatte, einführte, und das andere Mal, als ich sie wieder dort abholte. Beidemal war ich nur über Mittag in Ludwigsburg, wo ich bei meiner Schwägerin, der verwitweten Stallmeisterin Leuze, speiste. Die Zeit war daher zu kurz, um Besuche zu machen, doch ging ich vor Tisch eine Stunde spazieren in den schönen Anlagen hinter dem königlichen Schloß, und auf dem Rückweg durchlief ich einige Straßen, um die wohlbekannten Häuser wiederzusehen, die ich so oft als Arzt betreten hatte. Aber die meisten sah ich mit Wehmut an, weil von denen, die sie vor dreißig Jahren bewohnten, nur wenige mehr am Leben waren. Überhaupt fühle ich nirgends so sehr, daß ich ein alter Mann geworden, als in[334] Ludwigsburg und in Stuttgart. In beiden Städten finde ich mich wie in einer neuen Welt, nicht nur was die Menschen, sondern auch die Städte selbst betrifft. Die Städte haben sich erweitert, verschönert, und es machte mir Freude, diese Veränderungen wahrzunehmen. Aber wenn ich mein Haus in Ludwigsburg ansehe, das zu einer Kaserne geworden, und an dem Akademiegebäude in Stuttgart vorübergehe und bedenke, daß es jetzt statt den Musen Hofleuten zur Wohnung dient, so überfällt mich eine Wehmut, deren ich lange nicht wieder loswerden kann. Ein gleiches Gefühl überfällt mich auch, wenn ich der Menschen gedenke, welche beide Städte zu meiner Zeit bewohnten. Nur wenige von ihnen leben noch, die meisten ruhen längst in ihren Gräbern, und der Gedanke, wie lange wohl den noch Lebenden und mir das Licht des Tages zu schauen noch vergönnt sein wird, läßt mich die Freude, sie zu sehen, nur halb genießen. Mit diesen wehmütigen Gefühlen verließ ich nun mein liebes Vaterland auch diesmal wieder, und der Gedanke, es vielleicht zum letztenmal besucht zu haben, verfolgte mich auf der ganzen Rückreise. Indessen kam ich, begleitet von meiner Tochter und einer andern meiner Enkelinnen, welche mir bis Aalen entgegengefahren, wieder wohlbehalten in Nördlingen an, und es tat mir wohl, mich nun wieder in dem engen Kreis der Meinigen zu sehen, in welchem man sich doch immer am wohlsten befindet, zumal nach einem so zerstreuten Leben wie bis in mein hohes Alter das meinige. Das erste, womit ich mich nach meiner Zurückkunft beschäftigte, war, wie leicht zu erachten, die Fortsetzung meiner Biographie; allein den größten Teil meiner Muße wollte ich wissenschaftlichen Studien widmen, da ich aber im Sinne hatte, zu Ende des Sommers Nürnberg wieder zu besuchen, so wollte ich mich vorderhand nicht damit befassen, sondern benutzte die Zwischenzeit zum Lesen biographischer Schriften, und zwar zuerst der Lebensgeschichte des berühmten Heim in Berlin, die ich zwar gleich nach ihrer Erscheinung flüchtig durchgesehen hatte, jetzt aber erst eigentlich las. Interessierte mich die Biographie eines so originellen, als Mensch und als Arzt gleich[335] hochwürdigen Mannes schon an sich selbst, so interessierte sie mich noch besonders auch deswegen, weil einige meiner Freunde zwischen Heim und mir eine auffallende Ähnlichkeit gefunden haben wollten. Ich meinerseits habe diese Ähnlichkeit nicht gefunden, ich mochte mich mit ihm als Arzt oder als Mensch vergleichen. Als Arzt steht er nach meiner innigsten Überzeugung weit höher als ich, nicht allein wegen seines praktischen Talents, mit dem sich das meinige nicht messen darf, sondern auch wegen der stets gleichen Lust und Liebe, womit er seine Kunst bis in das höchste Alter ausübte. Wie in seinen jüngern Jahren trat er als ein achtzigjähriger Greis noch ebenso unverdrossen und heiter an das Krankenbette als ich kaum in meinem vierzigsten Jahr, und ob er schon die Mängel unsrer Kunst ohne Zweifel ebensogut einsah als ich, so erzeugte dies doch bei ihm keinen Widerwillen gegen sie wie bei mir. Er übte sie als eine Kunst, in welcher man immer weiterkommt, und das war ihm genug, um über ihre dermalige Unvollkommenheit wegzusehen und zufrieden mit dem zu sein, was sie auf ihrem jetzigen Standpunkt zu leisten vermöge. Ich hingegen übte sie als eine Kunst, in welcher Meister zu werden ich verzweifelte, und wenn Heim mit Lust und Liebe an das Krankenbette trat, so trat ich an dasselbe mit dem niederschlagenden Gefühl, daß ich den Anforderungen, die ich an mich machte, so wenig Genüge leiste. So wurde mir mit jedem Jahr die Praxis weniger erfreulich, es kamen Stunden, wo ich den ärztlichen Stand verwünschte und es bereute, mich demselben gewidmet zu haben, und mit Sehnsucht sah ich dem Zeitpunkt entgegen, wo ich die Praxis mit Ehre würde aufgeben können. Heim war Arzt mit ganzer Seele, ich war es nur aus Pflicht, weil ich mich einmal dem ärztlichen Stande gewidmet hatte, und wenn er sich nach vollbrachtem Tagwerk, in seinem Gott vergnügt, zu Bette legte und, mit neuem Mut ausgerüstet, dasselbe am folgenden Tag wieder ebenso heiter fortsetzte, als er es am Tag zuvor geendigt hatte, so fürchtete ich mich beim Schlafengehen schon wieder auf den folgenden Tag, ging, wenn ich gefährliche Kranke hatte, nie aus, ohne daß mich der niederschlagende Gedanke begleitete, ich möchte sie schlimmer antreffen, als ich sie am Tag zuvor[336] verlassen hatte, und so viele Kuren mir auch gelingen mochten, so erhob doch dieses Gelingen meinen Mut nie so, als ihn das Mißlingen anderer niederschlug, kurz, ich wurde meines praktischen Lebens nie so froh als Heim des seinigen. Ebensowenig Ähnlichkeit zwischen Heim und mir als Arzt fand ich, wenn ich mich mit ihm als Mensch verglich. Wie er einer der vorzüglichsten Ärzte seiner Zeit war, so war er auch wegen seines Charakters ein nicht minder hochachtungswürdiger Mensch. Wohlgesinnt gegen alle Menschen, stets bereit, jedem zu dienen, nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch, kein Opfer scheuend, das ihm die Leistung seiner Dienste kostete, mehr bekümmert um das Wohl anderer als um sein eigenes, gleich uneigennützig, nachdem er einen bedeutenden Teil seines Vermögens verloren hatte, als da er noch im Besitz desselben war, immer sich darstellend als den, der er war, gegen Große und Geringe seine Gesinnungen gleich offen, ja selbst bis zur Derbheit aussprechend, war er ein Mann, dergleichen man selten in der Welt, zumal unter den Ärzten, antrifft. Aber es gehörte dazu auch ein Charakter wie der seinige, sein heiteres Temperament, seine von Natur fröhliche Gemütsstimmung, seine ihm eigene Jovialität, seine kindliche Religiosität, welche ihn bei allen Widerwärtigkeiten, die ihm begegneten, sich stets gleich erhielt, so daß er am Schlusse jedes Tages sagen konnte, er habe sich in seinem Gott vergnügt schlafen gelegt. Auch ich darf, ohne mir zu schmeicheln, von mir sagen, daß ich ein guter Mensch bin, der es wohl mit allen seinen Mitmenschen meint, der ihnen gern dient, wo sie seiner Hülfe bedürfen, daß ich vor Großen wie vor Geringen rede, wie ich denke, und mich nichts darum bekümmere, ob es ihnen angenehm oder unangenehm ist und ob es mir nütze oder schade. Allein um wie Heim für das, was ich bin, erkannt zu werden, fehlt mir seine immer gleiche Heiterkeit, seine frohe, durch keine Widerwärtigkeit zu trübende Laune und, ich darf wohl hinzusetzen, seine Religiosität, welche gewiß das meiste zu seiner stets heitern Gemütsstimmung beitrug. Ich kann zwar auch recht heiter sein, ja zuweilen bis zur Lustigkeit, aber was ich nur zuweilen bin, das war Heim immer. Er war, was ihm auch Unangenehmes begegnen[337] mochte, stets der gleich heitere Mann, ich bin es nur, solange mich nichts in üble Laune setzt, und wenn Heim nie übler Laune war, so lag der Grund davon in seinem minder reizbaren Temperament, in seiner von Natur heitern Gemütsstimmung, die mir mangelt, und in seiner Religiosität, die bei ihm mehr eine Sache des Herzens als ein Erzeugnis der Vernunft war wie bei mir. Nebst der Lebensgeschichte Heims las ich noch einige andere, teils ältere, die ich aus Mangel an Zeit noch nicht gelesen hatte, teils neuere, die mir als besonders lesenswert empfohlen wurden; allein ich las sie mehr zur Unterhaltung in meinen müßigen Stunden als in der Absicht, sie für meine philosophischen und historischen Studien zu benutzen. Diese forderten eine ernstere Beschäftigung, und da indessen die Zeit zu meiner Reise nach Nürnberg herbeigekommen, so schob ich sie bis zu meiner Zurückkunft auf, und zu Anfang des Septembers trat ich die beschlossene Reise in Begleitung meiner Tochter an. Meine Absicht bei derselben war, teils meine daselbst zurückgelassenen Freunde wiederzusehen, teils zu hören, was seit meiner Entfernung mit den dortigen Krankenanstalten vorgegangen und wie weit es insbesondere mit dem neuen Krankenhaus gekommen, dessen Erbauung vor meinem Abgang nach Nördlingen bereits beschlossen war. Von den Krankenanstalten hatte ich seit der Zeit gar nichts mehr gehört, ich schloß daraus, daß wohl alles noch beim alten sei, und versprach mir daher nicht viel Erfreuliches. Um so mehr aber freute ich mich auf das Wiedersehen meiner Freunde, und ich gestehe, daß ich den Augenblick, mich wieder in ihrer Mitte zu befinden, kaum erwarten konnte. Dasselbe war auch der Fall mit meiner Tochter, meiner Begleiterin auf der Reise. Wir hatten in Ansbach übernachtet, wo wir die Mutter meines Schwiegersohns besuchten, und es war eben Mittag, als wir in Nürnberg ankamen. Wir stiegen im »Wittelsbacher Hof« ab, packten noch vor Tisch unsere Sachen aus, und es war kaum abgespeist, so begann ich meine Besuche. Ich fand mich wieder so einheimisch in der Stadt, als ob ich sie nicht verlassen hätte. Ich durchwandelte die Straßen, wie wenn ich noch praktischer Arzt in Nürnberg[338] wäre. Erst spät am Abend kam ich wieder in den Gasthof zurück. Am andern Morgen setzte ich gleich nach dem Frühstück meine Besuche fort, und schon in den ersten vier Tagen hatte ich beinahe alle meine Freunde wiedergesehen. Die Freude, mit welcher ich von allen, von den minder Vertrauten wie von den Vertrautesten, aufgenommen worden, übertraf alle meine Erwartungen. Ich wußte, wie lieb ich ihnen war, da ich mit ihnen zusammen lebte, aber es schien, als sei ich ihnen seit unserer Trennung noch lieber geworden, und nie hätte ich geglaubt, daß die Anhänglichkeit an einen Arzt, dem man sein Vertrauen geschenkt hat, von solcher Dauer sei. Mehrere Familien hatten seit meinem Abgang von Nürnberg noch keinen Hausarzt gewählt, sondern bei vorgekommenen Unpäßlichkeiten sich an die wohlaufbewahrten alten Rezepte von mir gehalten. Andere hatten zwar bereits ihre Hausärzte, aber ich mußte ihnen aufs neue versprechen, in allen wichtigen Fällen ihnen auch aus der Ferne mit meinem Rat beizustehen. Beinahe alle, die während meiner Anwesenheit krank lagen, verlangten meinen Rat und meine Hülfe, so daß es schien, als sollte ich aufs neue wieder in mein praktisches Leben in Nürnberg eintreten. Diese Beweise von Vertrauen haben mich mehr erfreut als alles andere Erfreuliche, was mir in den paar Wochen, die ich in Nürnberg verweilte, widerfahren ist; auch haben sie mich aufs neue in der Überzeugung bestärkt, daß das Vertrauen zu dem Arzt zum Gelingen seiner Kuren ebensoviel oder noch mehr tut als seine Kunst. Mehrere Kranke, die ich besuchte, glaubten sich bei meinem Anblick besser zu befinden, und sie wurden wirklich besser, ungeachtet ich ihnen nicht das mindeste verordnete und alles billigte, was ihnen ihre Hausärzte verschrieben hatten. Diese neuern Erfahrungen erinnerten mich an viele ältere, welche ich in meiner Praxis von diesem Einfluß des Vertrauens zu dem Arzt gemacht hatte, und ich hatte gewiß recht, wenn ich bei einer frühern Gelegenheit sagte, daß ich das Glück meiner Praxis vorzüglich dem Vertrauen danke, welches ich mir von meinen Kranken erworben hatte. Dieses Vertrauen gehört zu den psychischen Einflüssen, von denen jeder Arzt, der bei seinen Verordnungen nicht bloß den Magen und die Haut in Anspruch[339] nimmt, aus Erfahrung weiß, was er in so vielen Fällen, wo ihn die Arzneien aus der Apotheke im Stiche lassen, durch verständige Einwirkung auf die Psyche vermag. Von den vielen Ehrenbezeigungen, welche mir während meiner Anwesenheit in Nürnberg zuteil wurden, erwähne ich nur einer, eines Festmahles, welches der Bürgermeister Binder und der Direktor Scharrer auf der alten Veste bei Zirndorf veranstalteten und an welchem auch beider Frauen und meine Tochter teilnahmen. Wir fuhren nachmittags von Nürnberg auf der Eisenbahn nach Fürth, wo uns die Wagen, welche uns nach der alten Veste führen sollten, erwarteten. Eine Stunde vor Tisch kamen wir auf derselben an, erfreuten uns, durch das schöne Wetter begünstigt, der weiten, nach allen Richtungen gleich schönen Aussicht, besahen den stattlichen, der Vollendung nahen, über neunzig Fuß hohen, den Blick noch weiter tragenden Turm, und so erheitert begaben wir uns nun in das Wirtshaus. Das Mahl war einfach, aber die Speisen alle sehr gut zubereitet, und die Weine, welche die beiden Herren, sowie das Dessert, welches die Frauen von Nürnberg mitgebracht hatten, köstlich. Wie vergnügt wir bei Tisch waren, kann man sich denken. Unsere Unterhaltung würzte das Mahl, der treffliche Champagner belebte unser Gespräch. So blieben wir zusammen bis gegen Abend, wo wir wieder zurück nach Fürth und von da nach Nürnberg wie am Morgen auf der Eisenbahn fuhren. Ich erinnere mich weniger Tage in meinem Leben, an welchen ich so vergnügt gewesen als an diesem. Schöne Natur, schönes Wetter, Zusammensein mit geistreichen Männern und vertrauten lieben Freunden und verständigen, gebildeten, wackern Frauen machten mir diesen Tag zu einem Festtag. Gleich schöne Stunden brachte ich auch mit meiner teuern Freundin und Korrespondentin, Fräulein von Kretschmann, zu. Öfter als bei allen andern Freunden war ich bei ihr, und am Tage vor meiner Abreise war ich den ganzen Nachmittag mit ihr und ihrer Schwester, die eben auf Besuch bei ihr war, auf dem Lande, in Hummelstein, meinem ehemaligen Lieblingsort. Wie immer war auch diesmal meine Unterhaltung mit ihr ebenso lehrreich als angenehm. Eine Menge der interessantesten[340] Gegenstände kam zur Sprache, und von was die Rede sein mochte, sprach sich ihr Geist und ihr Herz gleich schön und herrlich aus. Ich war immer stolz auf ihre Freundschaft, aber je näher ich sie kennenlerne, desto mehr bilde ich mir auf dieselbe ein. Es scheint mir, als gewinne ich dadurch an eigenem Wert, und welcher Wahn kann wohl beglückender sein als dieser? Was die Krankenanstalten betrifft, so fand ich sie noch ganz so, wie ich sie verlassen hatte. Die an denselben angestellten Ärzte und Chirurgen trieben insgesamt ihre Geschäfte auf die gewohnte Weise, und es war mir lieb, zu vernehmen, daß der Stadtgerichtsarzt, welchem nach meinem Abgang die Aufsicht über die Anstalten von der Kreisregierung übertragen worden, alles den bisherigen Gang darin gehen ließ. Ich hatte das nicht vermutet, denn ich glaubte, er würde darin manches zu reformieren finden, wenn es auch bloß um das Reformieren selbst gewesen wäre. Er unterließ es, und er tat wohl daran, weil jede Abänderung, die er getroffen haben würde, zu nichts Ersprießlichem geführt hätte. Was zur Verbesserung der Anstalten, solange sie unter meiner Direktion standen, möglich war, ist geschehen, denn es waren nur Palliativmittel anwendbar, und diese hatten geleistet, was sie konnten. Eine radikale Verbesserung war unmöglich, solange es an einem allgemeinen Krankenhaus fehlte, der Magistrat und die Gemeindebevollmächtigten hatten dies endlich erkannt, die Erbauung des Krankenhauses war vor meinem Abgang von Nürnberg beschlossen; allein ich fand leider, daß seitdem nichts weiter geschehen, als daß der Plan zu dem Gebäude dem Bauinspektor Schmidtner zur Revision zugestellt worden, um die seit dem ersten Entwurf nötig befundenen Abänderungen und Verbesserungen nachzutragen. Dies war allerdings notwendig, und ich hatte selbst dazu Veranlassung gegeben, da ich während meiner Anwesenheit in Stuttgart im Jahr 1836 bei meinen wiederholten Besuchen des allgemeinen Krankenhauses daselbst auf manches geführt worden, was in dem ersten Entwurf zu dem in Nürnberg zu erbauenden mangele. Leider war der neue Plan, solange ich in Nürnberg war, nicht fertig geworden, und ich mußte abreisen, ehe ich ihn gesehen hatte, ja ich hatte Grund[341] zu glauben, daß Schmidtner die Arbeit nicht einmal begonnen habe. Überhaupt schien es mir mit der Erbauung des neuen Krankenhauses kein echter Ernst zu sein. Man schien das Bedürfnis desselben noch nicht recht zu fühlen, und wenn vollends der Bau des Hauses und seine Einrichtungen nach dem neuen Plan mehr kosten sollte, als man anfangs berechnet hat, so ist es leicht möglich, daß selbst von denen, welche die Sache begünstigt hatten, manche wieder neue Bedenklichkeiten erheben und zum Aufschub des Unternehmens auf bessere Zeiten raten werden. Mir, der ich jetzt nichts mehr mit den Nürnberger Krankenanstalten zu tun hatte, kam es nicht zu, die Angelegenheiten mit dem vormaligen Eifer zu betreiben, ich mußte mich begnügen, sie den beiden Bürgermeistern bloß wieder zu empfehlen. Beide versicherten mich zwar, daß zur Ausführung des Werkes gewiß und bald werde geschritten werden; allein da so viele von denen, die nicht alle denken wie sie, dareinzureden haben, so gestehe ich, daß ich, ihrer Versicherung ungeachtet, Nürnberg mit dem niederschlagenden Gedanken verließ, daß ich vielleicht nicht einmal den Beginn eines Werkes, welches mir seit einer Reihe von Jahren so sehr am Herzen lag, mehr erleben werde. Nach meiner Zurückkunft nach Nördlingen machte ich mich, wie ich mir vorgenommen hatte, wieder an meine philosophischen und historischen Studien. Geschichte und Philosophie waren von jeher der Lieblingsgegenstand meiner literarischen Beschäftigungen; allein solange ich als praktischer Arzt den größten Teil meiner Zeit meinen medizinischen Studien widmen mußte, betrieb ich jene nur als Nebensache, jetzt aber als den Hauptgegenstand meiner Studien, und zwar nicht bloß aus Liebhaberei, sondern mit ebendem Ernste, mit welchem ich vormals meine medizinischen betrieben hatte. Allein so wie bei den letzten mein Hauptaugenmerk immer auf das Praktische gerichtet war, so war dies auch der Fall bei den philosophischen und historischen. So habe ich, was zuerst die Philosophie betrifft, zwar die meisten Systeme, die von Zeit zu Zeit aufgestellt worden, studiert und auch ziemlich verstanden, ausgenommen das Hegelsche, dessen Urheber sich selbst nicht[342] verstanden zu haben scheint, am meisten aber hat mich das Kantsche angezogen, nicht weil ich Kant für den größten Philosophen der neuern Zeit halte, sondern weil er darauf ausgeht, vielmehr die Grundlosigkeit aller Metaphysik darzutun, als eine neue aufzustellen. Überzeugt, daß der Mensch von der übersinnlichen Welt unmöglich etwas Positives wissen kann, habe ich alles, was die Fichte, Schellinge, Hegel und alle andern spekulativen Philosophen darüber aussagen, für leere Träume gehalten, welche mitzuträumen zwar eine angenehme Unterhaltung gewährt, vorausgesetzt, daß es den Mitträumenden nicht an der dazu erforderlichen Phantasie fehlt, aber durchaus keine Resultate für das Leben geben, worauf es doch nach meiner Überzeugung bei allem Philosophieren hauptsächlich ankommt. Resultate für das Leben gibt bloß die praktische oder die Moralphilosophie, und darum habe ich auch diese zum Hauptgegenstand meiner philosophischen Studien gemacht. Der liebste unter den Moralphilosophen war mir immer Garve. Seine Schriften haben mich am meisten angezogen, ich habe sie am fleißigsten gelesen und lese sie noch jetzt mit dem gleichen Interesse. Höher als Garve steht zwar Kant, insofern er für die Moral ein höchstes Prinzip, sein dem Menschen eingeborenes Sittengesetz und zur Befolgung des Gesetzes als das alleinige Motiv die Achtung vor demselben aufstellt. Allein dieser höhere Rang gebührt Kant bloß als theoretischem Moralphilosophen. In der Praxis reicht sein kategorischer Imperativ, welcher unbedingten Gehorsam gegen das Sittengesetz gebietet, nicht aus, aus bloßer Achtung vor dem Gesetz, worauf sich derselbe gründet, könnte nur der rein-vernünftige Mensch demselben gemäß handeln. Allein der Mensch ist kein rein-vernünftiges, sondern er ist ein sinnlich-vernünftiges Wesen, bei welchem wie überall auch bei der Befolgung des Sittengesetzes neben der Achtung vor demselben immer zugleich sinnliche Motive mitwirken müssen. Die Erkenntnis des Gesetzes als solche ist eine bloß theoretische Erkenntnis, die tot im Kopf liegt; soll sie lebendig werden, so muß auch die sinnliche Natur ins Interesse gezogen werden, außerdem bleibt sie eine unfruchtbare Schulweisheit, wie die tägliche Erfahrung lehrt,[343] welche uns Beispiele genug aufstellt, daß es selbst unter den größten Philosophen schlechte Menschen gibt. Auch der verdorbenste Mensch weiß, daß er nicht tun darf, was er mag, sondern tun muß, was er soll, denn das Sittengesetz, das Gesetz, recht zu tun, ist ihm ins Herz geschrieben, und er hat darüber einen unbestechlichen Richter an seinem Gewissen. Aber warum befolgt er dessenungeachtet das Gesetz nicht? Offenbar deswegen, weil nicht seine Vernunft, sondern seine Begierden und Leidenschaften, welche die Oberherrschaft über die Vernunft bei ihm gewonnen haben, seinen Willen bestimmen. Wäre der Mensch ein rein-vernünftiges Wesen, so würde es seine Vernunft allein sein, was seinen Willen bestimmt; bei einem sinnlich-vernünftigen Wesen gibt die Vernunft bloß das Regulativ für den Willen, aber in Tätigkeit gesetzt wird er nur durch die Gefühle von Lust und Unlust, welche, wie bei dem Tier auch bei dem Menschen, die Triebfedern aller seiner Handlungen sind. Von allem, was er tut, will er auch einen Genuß, einen Vorteil, und wenn er moralisch handeln will, für die Verzichtung auf die sinnlichen Genüsse, die ihm das Sittengesetz gebietet, eine Entschädigung haben, die ihm ebenfalls nur durch sinnliche Genüsse zuteil werden kann. Nun gewährt allerdings auch das Handeln nach dem Gesetz der Vernunft ein angenehmes Gefühl, ja das angenehmste, dessen der Mensch fähig ist, die Zufriedenheit mit sich selbst, so wie das Gegenteil ein nicht minder unangenehmes, das peinigende Gefühl der Reue, des Mißmuts, der Selbstverachtung. Allein mit diesem Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst begnügen sich nur die im höchsten Grad moralisch ausgebildeten Menschen, und deren gab es von jeher sehr wenige und vielleicht gar keinen. Weit die meisten verlangen auch äußere Vorteile von ihrer moralischen Handlungsweise, Lob, Hochachtung, Vertrauen von andern, erfreuliche Erfolge ihrer Handlungen und, wenn sie religiöse Menschen sind, auch Ruhm vor Gott. Bei einem sinnlich-vernünftigen Wesen, wie der Mensch ist, kann dieses nicht anders sein, und selbst das Christentum, welches das Rechthandeln als das Gebot Gottes aufstellt, verschmäht die Mitwirkung sinnlicher Motive nicht, indem es für die Entsagungen, die es auflegt, die[344] reichste Entschädigung in einer künftigen Welt verheißt. Nur die rohe Sinnlichkeit hindert die Menschen an der Befolgung des Sittengesetzes, die ungebändigten sinnlichen Triebe, die Begierden und Leidenschaften, und jene edlen Triebe nur, wenn sie ihre gehörigen Schranken überschreiten, die Begierde nach Ehre in Ehrgeiz, die Begierde nach Achtung in Herrschsucht, die Begierde nach Erwerb in Habsucht und Geiz ausarten. In ihren gehörigen Schranken gehalten, fördern sie vielmehr das Handeln nach dem Sittengesetz, als daß sie ihm hinderlich sein sollten. Sie dürfen daher nur gebändigt, nicht unterdrückt oder gar vertilgt werden, wie es die Selbstpeiniger in Indien, die Klosterbewohner im Mittelalter versucht haben und die Pietisten und Mystiker unserer jetzigen Zeit auf ihre Weise es noch versuchen. Auch abgesehen von den schlimmen moralischen Folgen dieser vermeinten Selbstüberwindung darf der Mensch nie aufhören, ein sinnliches Wesen zu sein. Seine sinnliche Natur ist die Trägerin seiner geistigen, seine sinnlichen Triebe geben ihm den ersten Anstoß zur Entwickelung seiner Vernunft, ihre Befriedigung ist das Mittel zur Ausbildung derselben, sie sind die Haupttriebfedern, welche den Willen in Tätigkeit setzen, ihre Befriedigung ist die Bedingung der Erhaltung des Körpers, und ihre Nichtbefriedigung würde ein indirekter Selbstmord sein. Weit entfernt also, daß sie, um die Vernunft in ihrer Tätigkeit freier zu machen, unbefriedigt gelassen oder gar unterdrückt werden dürften, gebietet vielmehr die Vernunft selbst ihre Befriedigung und macht diese dem Menschen nicht minder zur Pflicht als die Befolgung ihrer höchsten Gebote. Sie fordert nur Maß in derselben, sie fordert nur Beschränkung der sinnlichen Triebe, damit sie nicht ihre gehörigen Grenzen überschreiten, ihre Anforderungen nicht taub gegen das Gebot der Vernunft machen und, statt ihr zu gehorchen, die Oberherrschaft dergestalt über sie gewinnen, daß auch die Stimme des Gewissens nicht mehr gehört wird. Daß der erste Schritt hiezu durch die Erziehung geschehen muß, ist einleuchtend, denn das Hauptgeschäft der Erziehung ist die Beschränkung der sinnlichen Triebe von der frühesten Jugend an und die gleichzeitige Stärkung des Willens durch stete Übung im Gehorsam, damit[345] er fähig werde, ihren übermäßigen Anforderungen zu widerstehen, noch ehe die Vernunft als die höchste Gesetzgeberin des Menschen und die Befolgung ihrer Gesetze als seine höchste Pflicht von ihm anerkannt wird. Das Rechthandeln muß dem Menschen erst angewöhnt werden, ehe es bei ihm zur klaren Erkenntnis und zum vollen Bewußtsein des Sittengesetzes kommt, er muß in der Befolgung desselben von Kindheit an geübt werden, und das Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst, das unzertrennlich mit seiner Befolgung verbunden ist, wird den Anforderungen der schon voraus beschränkten sinnlichen Triebe nicht nur das Gleichgewicht halten, sondern es wird auch, wie es selbst das höchste aller angenehmen Gefühle ist, das Übergewicht über sie gewinnen. Nur so kann der Mensch, als sinnlich-vernünftiges Wesen, seine sinnliche Natur mit seiner vernünftigen in Einklang bringen, und ist dieser Einklang zustande gebracht, so kostet es ihm keinen Kampf mit den sinnlichen Trieben mehr. Sein Gemüt, weniger empfänglich für den groben sinnlichen Reiz, ist um so empfänglicher für jenes, jede Art von Sinnenlust weit übertreffendes Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst, und je mehr er dasselbe kennenlernt, desto mehr gewinnt es Macht über seinen Willen. Jetzt darf er sich nur denken, daß etwas zu tun oder zu unterlassen Pflicht sei, und der Wille, den kein gemeiner Sinnenreiz mehr von seiner Richtung zum Guten abzulenken vermag, ist bereit zu gehorchen. Was dem sinnlichen Menschen die größte Mühe macht, was ihm zu tun oder zu unterlassen unmöglich scheint, was er, als ein zu großes Opfer, das er bringen soll, wirklich unterläßt, das kostet ihm keine Anstrengung, denn er hat keinen Widerstand zu überwinden. Ja er darf sogar seinen niedrigsten sinnlichen Trieben in ihren Bestrebungen ihren Lauf lassen, ohne fürchten zu müssen, daß sie ihr gehöriges Maß überschreiten, denn er hat sie der Oberherrschaft seiner Vernunft unterworfen, und ihre Befriedigung gehört nun selbst zu den sittlichen Handlungen. Diese Übereinstimmung der Sinnlichkeit mit der Vernunft zu bewirken ist die große Aufgabe der Erziehung, und sie ist gelöst in dem sittlichen Charakter. Wo dieser Charakter sich[346] bei einem Menschen gebildet hat, da ist das sittliche Handeln kein Kampf mehr. Es ist ein freies, ohne alle Anstrengung erfolgendes Handeln, ja der Handelnde weiß nicht einmal, daß er sittlich handelt. Alle seine sittlichen Handlungen verrichtet er mit einer Leichtigkeit, als ob bloß der Instinkt in ihm wirkte, und die Erfüllung auch der schwersten Pflichten ist ihm ein Spiel, weil die mit der Vernunft versöhnte Sinnlichkeit ihr keinen Wider stand mehr leistet. Die Vernunft hat in ihm die ihr gebührende Oberherrschaft gewonnen, und was sie beschließt, das geschieht auch, weil nicht die Sinnlichkeit, sondern die Vernunft den Willen regiert. Ja ebendiese Unterordnung der Sinnlichkeit unter die Vernunft gestattet sogar dem Menschen, bei welchem der sittliche Charakter zu seiner vollständigen Ausbildung gekommen ist, sich in seiner Handlungsweise ganz von seinem Gefühl leiten zu lassen, weil er nicht Gefahr läuft, den Geboten seiner Vernunft entgegen zu handeln, wenn er die Bestimmung seines Willens ganz seinem Herzen überläßt. Daher gibt es aber auch nichts Schöneres und Liebenswürdigeres als einen solchen Charakter. Er ist das Größte, was der Mensch auf dieser Erde erreichen kann. Ihn zu bilden, muß daher das höchste Ziel der Erziehung, ihn immer mehr zu vervollkommnen, das unablässige Bestreben des Menschen in dem ganzen Lauf seines Lebens sein. ? Dies sind die Grundsätze meiner Moralphilosophie, die ich in meiner im Jahr 1822 erschienenen Schrift »Ideen über sittliche Kultur und Erziehung« ausführlicher entwickelt habe und denen ich auch jetzt noch huldige, weil ich glaube, daß sie der Natur des Menschen die angemessensten seien. Zu dem gleichen praktischen Zweck habe ich wie meine philosophischen auch meine historischen Studien getrieben, ob ich schon den hohen Wert der Geschichte auch von ihrer wissenschaftlichen Seite nie verkannt habe. Als Wissenschaft ist es der Geschichte bloß um die Ausmittelung der Tatsachen, die sie erzählt, zu tun. Der wissenschaftliche Geschichtsforscher sucht in dieser Absicht neue Quellen und Hülfsmittel der Geschichte auf, berichtigt jedes unrichtig beschriebene Faktum, jede falsch angegebene Jahreszahl, jeden unrichtig genannten Ort, jeden[347] unrichtig angegebenen Namen einer handelnden Person. Als Geschichtschreiber erzählt er die Begebenheiten nicht nur nach der Zeit und dem Ort, wo sie vorgefallen, sondern er bemüht sich auch, zu zeigen, wie jede Begebenheit entweder als Folge vorhergegangener Ereignisse oder als Wirkung absichtlich unternommener Handlungen wieder andere Begebenheiten zur Folge gehabt hat, um so den Faden der Geschichte vom Anfang an bis auf die jetzige Zeit fortzuführen. Der pragmatische Geschichtschreiber hingegen betrachtet die Geschichte als ein großes Drama, welches das Menschengeschlecht auf dem Welttheater im Lauf der Zeiten aufgeführt hat. Er sieht, wie der Knoten des Drama zwar langsam und oft unterbrochen seiner Entwickelung entgegenschreitet, und obschon nach dem Ausspruch des großen Dichters: Das ist die Lehre aller Menschensagen Und des Vergangnen ew'ge Wiederholung: Erst Freiheit und dann Ruhm, dann üpp'ger Reichtum, Verderbnis, Laster, Barbarei zuletzt. So hat mit allen ihren großen Bänden Die Weltgeschichte eine Seite nur; die nämlichen Szenen immer wiederkehren, doch alles zur Verwirklichung des bisher bloß in der Idee der Weisen existierenden Zustandes der Menschheit hinstrebt, in welchem die Lüge der Wahrheit, die Willkür dem Recht, der Egoismus der Nächstenliebe, die Politik der Moral Platz machen wird. So hat vorzüglich Herder die Geschichte betrachtet, und sein unsterbliches Werk »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« muß jedem, der es liest, studiert und versteht, die tröstliche Hoffnung geben, daß das menschliche Geschlecht nicht bestimmt ist, sich in einem ewigen Kreis herumzudrehen, sondern daß eine Zeit kommen muß, wo es seine höhere Bestimmung erkennen und dieser Erkenntnis gemäß handeln wird. Unverkennbar ist die Menschheit im Lauf der Jahrhunderte zu diesem Ziel immer weiter fortgeschritten, und wie oft auch bald da, bald dort ein Stillstand, ja selbst ein Rückschritt stattgefunden hat, so war doch im ganzen des Fortschreitens mehr als des Stillstehens[348] und des Rückschreitens. In allen Epochen der Geschichte sind Männer aufgestanden, die jenes hohe Ziel deutlicher erkannt und die Menschheit derselben mehr oder weniger nähergebracht haben. So im grauen Altertum Zoroaster, Konfuzius, Moses. So in Griechenland Lykurg, Solon, Pythagoras. So zur Zeit der fürchterlichen römischen Weltherrschaft der Stifter des eine moralische Weltherrschaft begründenden Christentums, ein verachteter Jude und der Sohn eines Zimmermanns. So in unserer neuern Zeit Martin Luther, Friederich der Große, Washington und noch mehrere andere aus allen Ständen, Fürsten, Staatsmänner, Gelehrte, Künstler. Dies sind die Menschen, welche die Geschichte als Wohltäter der Menschheit preist, und wie tief eingreifend und auf alle Zeiten fortdauernd wirksam ihre Bemühungen gewesen, zeigt unser jetziges Zeitalter, welches die hohe Stufe der geistigen und sittlichen Kultur, auf der es steht, diesen Heroen unseres Geschlechts zu danken hat. Unstreitig hat in unserm Zeitalter die Zivilisation eine Stufe erreicht, welche sie weder im Mittelalter noch im Altertum, selbst in den schönsten Zeiten Griechenlands und Roms, nie erreicht hat. Die Wissenschaften sind nicht mehr das ausschließende Eigentum der gelehrten Stände wie vormals, sie sind ein allgemeines Gut der Gesellschaft geworden, und selbst unter dem Landvolk ist die vormalige rohe Unwissenheit verschwunden. Fast jedes Dorf hat, wenigstens in Deutschland, jetzt seine eigene Schule, zur Bildung der Schullehrer sind eigene Seminarien er richtet, und der Schulunterricht selbst hat manche wesentliche Verbesserungen erhalten. In den Städten sind nicht nur die öffentlichen Unterrichtsanstalten, von den Trivialschulen bis zu den Gymnasien und Universitäten herauf, jetzt so aneinandergereiht, daß nirgendwo eine Lücke ist, sondern es kommen auch immer mehrere Privatanstalten auf, so daß schon jetzt kaum mehr etwas zu wünschen übrigbleibt. ? Nicht anders verhält es sich auch mit dem Unterricht in den Künsten. Man lernt jetzt nicht mehr bloß Lesen, Schreiben und Rechnen, man lernt auch Zeichnen und Malen, und selbst das rohe Handwerk bildet sich, besonders seit der Errichtung polytechnischer Schulen, immer mehr zu einer Kunst aus. Um sich von diesen Fortschritten,[349] besonders in den mechanischen Künsten, zu überzeugen, darf man sich nur an die vielfachen Erzeugnisse der Industrie in den sich mit jedem Jahr vermehrenden Fabriken, an die Einführung der Dampfschiffe und der Eisenbahnen erinnern, wodurch jene Erzeugnisse mit Vogelschnelligkeit von einem Lande zum andern verführt werden, und wer mag zweifeln, daß man bald noch auf hundert andere Erfindungen kommen wird, die noch größere bewundernswürdige Beweise von diesen Fortschritten geben werden? Nicht geringere Fortschritte als in den Wissenschaften und Künsten hat die Menschheit in unserm Zeitalter auch in der Gesittung gemacht, und den Beweis liefert unser ganzes geselliges Leben. Man sehe unsere jetzigen Fürsten, in dem ganzen christlichen Europa findet sich kaum noch einer unter ihnen, der in dem Wahn, als wären die Fürsten Wesen höherer Art, glaubt, daß seine Untertanen nur um seinetwillen da seien und daß er mit ihnen schalten und walten dürfe, wie es ihm beliebt. Man betrachte unsern jetzigen Adel, und man sieht, daß die Adeligen ganz andere Menschen geworden sind als ihre Vorfahren auf ihren Burgen, die Unwissenheit und Brutalität für Prärogativen ihres Standes hielten. Man betrachte unsere jetzigen Gelehrten, und man findet an ihnen selten mehr die vormaligen stolzen, ungeschliffenen und unbeholfenen Pedanten, sondern größtenteils bescheidene, umgängliche, lebenslustige Männer. Man sehe die Beamten unserer Zeit, von dem ersten Minister an bis zu dem letzten Kanzleischreiber trifft man selten mehr bei einem den vormaligen beleidigenden Amtsstolz an, sie sind durchaus höflicher, freundlicher, gefälliger geworden. Man sehe endlich den Bürger unserer Zeit in den Städten und die Bauern auf dem Lande. So wie dort nicht bloß der Handelstand, nicht bloß die Künstler und Fabrikanten, sondern auch die gemeinen Handwerker höflicher, bescheidener, gehorsamer gegen die Obrigkeit und selbst in ihren Gelagen, wo sich die Roheit am offensten ausspricht, verträglicher und friedsamer geworden sind, so ist hier an die Stelle der vormaligen Plumpheit mehr Beweglichkeit und Gewandtheit, an die Stelle des vormaligen groben Bauernstolzes mehr städtische Höflichkeit, an die Stelle[350] der oft bis zur Brutalität gegangenen Widerspenstigkeit mehr Gehorsam und Folgsamkeit getreten. Nicht minder als bei dem männlichen hat auch bei dem weiblichen Geschlecht im ganzen die Gesittung in unserm Zeitalter zugenommen. Mögen auch die hohen Tugenden der römischen Matronen und die liebenswürdigen Eigenschaften der griechischen Hetären gegenwärtig seltener wahrgenommen werden, so sehen wir dagegen bei unserer jetzigen weiblichen Welt mehr allgemeine sittliche Bildung und eine weitere Verbreitung derselben in allen Ständen von den Höfen der Fürsten an bis zu den letzten Klassen der Stadtbewohnerinnen und den Bäuerinnen auf dem Lande. Kurz, in allen Ständen sind unter beiden Geschlechtern die Fortschritte der Gesittung unverkennbar; die Menschen sind gefälliger gegeneinander, verträglicher miteinander und, wenn auch nicht von Herzen, doch äußerlich wohlwollender gegeneinander, und das gesellige Leben überhaupt freier, schöner, an Freuden reicher geworden. Aber so erfreulich diese Lichtseite der Zivilisation ist, so unerfreulich ist ihre Schattenseite. Offenbar hat mit der Zunahme der Zivilisation auch der Hang zum sinnlichen Wohlleben gleichen Schritt gehalten, und um sich davon zu überzeugen, darf man nur unsere jetzige Zeit mit den Zeiten vor der Französischen Revolution vergleichen. Damals waren nicht nur die Hofhaltungen der Fürsten ? versteht sich mit Ausnahmen ? weniger kostspielig als jetzt, sondern auch die Vornehmen und Reichen machten weniger Aufwand, und was die bürgerlichen Stände betrifft, so herrschte bei ihnen mehr oder weniger noch die vormalige altertümliche Frugalität, von einem Luxus, wie er jetzt auch in dem letztern herrscht, hatte man damals keinen Begriff. Nur die Fürsten hatten ihre Schlösser, nur die Vornehmsten und Reichsten wohnten in großen, wohlmöblierten Häusern. Nur die Vornehmsten und Reichsten kleideten sich in Gold und Seide, umgaben sich mit einer großen Dienerschaft und hielten eigene Equipagen; jetzt hat jeder Vornehme und Reiche eine Art von Palast mit schönen und kostbaren Möbeln ausgeschmückt, jeder kleidet sich in feines Tuch und kostbare Stoffe, jeder hat seine zahlreiche Dienerschaft, jeder seine eigenen, mit schönen Pferden[351] bespannten Wagen, und ihrem Beispiel folgen mehr oder weniger auch die übrigen bürgerlichen Stände, die Gelehrten, die Kaufleute, die Gewerbsmänner, die Handwerker. Jeder will ein geräumiges, schön und modern möbliertes Haus bewohnen, und er baut und schmückt es sich aus. Jeder will schön und reich gekleidet sein, und er kleidet sich schön und reich. Jeder will gut bedient sein und hält sich zwei, drei und mehrere Dienstboten. Jeder reiche Kaufmann fährt mit eigener Equipage und gibt seinen Bedienten eine eigene Livree, die Ärzte, die sonst ihre Visiten zu Fuß machten, machen sie jetzt fahrend, und selbst Schneider und andere Handwerker haben ihr eigenes Fuhrwerk oder wenigstens ihr Reitpferd. Wie ganz anders war dies in frühern Zeiten! Sonst machte sich der Bürger bloß an Neujahrstagen, an Sonn- und Feiertagen einen guten Tag, jetzt geschieht es fast täglich, und auch andere Wochentage sind jetzt blaue Montage. Jeder eilt, mit seinem Berufsgeschäft fertig zu werden, um sobald wie möglich zu seiner Kompanie im Wirtshaus zu kommen; in seinen Feierstunden mit seiner Familie zu leben ist ihm eine Pein, er fühlt sich nur wohl außer dem Haus, und dazu findet er bei der täglich zunehmenden Menge von Vergnügungsplätzen Gelegenheit genug. Der Hang, sich zu zerstreuen, der Widerwille gegen das Zuhausebleiben ist ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit, und es scheint wirklich eine eigene Angelegenheit der Obrigkeit zu sein, diesen unseligen Hang vielmehr zu befördern, als zu verhindern, indem sie nicht nur beinahe einem jeden, der einen neuen Vergnügungsplatz eröffnen will, die Erlaubnis dazu geben, sondern auch öffentliche, wochenlang dauernde Volksfeste veranstalten, von denen man früher nichts wußte. Welche Nachteile diese Gelegenheitsmachereien zum sinnlichen Wohlleben für die bürgerlichen Stände haben, ist leicht einzusehen. Die Lust zu arbeiten geht verloren, die Arbeiten selbst werden weniger gut verfertigt, die Lieferung der Arbeit geschieht nicht mehr zur versprochnen Zeit, der schlechte und lügnerische Arbeiter verliert seine Kundschaft, der Wohlhabende kommt in seinem Vermögen herunter, und der verarmte Bürger wird sehr oft zugleich ein schlechter Bürger.[352] Aber wie auf der einen Seite Verarmung, so ist auf der andern übermäßiger Reichtum die Frucht der Zivilisation. Um dem Hang zum sinnlichen Wohlleben zu genügen, muß man die Mittel dazu haben, man muß reich zu werden suchen, und das Geld wird der Gott der Welt. Diesem Gott huldigen nicht nur die Kaufleute, die eigentlichen Priester desselben, sondern auch alle übrige Stände, von den Fürsten und Großen an bis hinunter zu dem Landvolk und dem Taglöhner. Denn wornach trachten die Fürsten, wenn sie Krieg führen, Handelsverträge schließen, die Anlegung so vieler Fabriken begünstigen und zur Förderung des Handels Eisenbahnen und Flüsse verbindende Kanäle anlegen lassen, als nach Vermehrung der Staatseinkünfte? Wozu studiert und schreibt der Gelehrte, wozu arbeitet der Künstler und Handwerker, wozu baut der Bauer im Schweiß seines Angesichts sein Feld, als um Geld zu erwerben? Also überall derselbe Zweck, den der Kaufmann verfolgt, wenn er seine Güter dem ungetreuen Meere anvertraut. So ist der Gelderwerb das allgemeine Losungswort in der zivilisierten Welt. Aber je mehr Geld und je mehr Mittel zum sinnlichen Wohlleben, desto größer der Hang zu demselben, desto größer die Begierde, es immer höher und höher zu steigern. Wie wenig bei diesem stets tiefern Versinken in das sinnliche Leben das Höhere im Menschen geachtet, wie vorzüglich nur der Verstand, nicht auch die Vernunft ausgebildet wird, wie die Religiosität immer mehr aus der Welt verschwindet und, was die Folge davon ist, bei so vielen, die diesen Mangel tiefer fühlen, die wahre Religiosität in Pietisterei und Mystizismus ausartet, während daß andere zu Religionsverrätern oder Religionsspöttern werden, wie man keinen Unterschied mehr zwischen Sittlichkeit und Gesittung macht, wie man die Scheinglückseligkeit, nach welcher man jagt, für wahre Glückseligkeit hält, die doch der höchste Zweck der Zivilisation sein soll, fällt jedem, der sich nur ein wenig in der zivilisierten Welt umsieht, klar in die Augen. Aber die große Frage ist: wie ist zu helfen? Daß die Zivilisation in ihrem Fortschreiten nicht aufgehalten werden kann, ist einleuchtend, denn dies vermag keine menschliche Macht. Allein vielleicht liegt in ihren Fortschritten selbst das[353] Mittel, daß sie zu jenem höhern Ziele führt. Schon der immer größere Verkehr der Völker mittelst des sich stets verbreitenden Handels, ihr Näherrücken aneinander mittelst der Dampfschiffahrt und der Eisenbahnen, die Verbrüderung derselben mittelst der erkannten Gleichheit ihrer Interessen, alles dieses muß sie notwendig zu der Überzeugung führen, daß sie Freunde sein müssen, und wenn es einmal so weit gekommen ist, daß die Völker sich als Freunde und Brüder ansehen und behandeln, wie wollte es wohl ein Fürst anfangen, sein Volk zu einem Kriege mit einem andern zu vermögen? Das Interesse des einen Volkes ist auch das Interesse des andern, alle Völker würden ihr gemeinsames Interesse wahren, und ein Krieg des einen gegen das andere wäre ein unsinniges Beginnen ihrer Fürsten. So realisierte sich die Idee eines ewigen Friedens von selbst, und welche unabsehbare Folgen würden sich nicht an die Realisierung dieser Idee knüpfen, nicht allein in Hinsicht der materiellen Interessen, sondern auch der moralischen? Aber das Fortschreiten der Zivilisation bahnt sich noch in einer andern Hinsicht den Weg zu ihrem höhern Ziel. Je höher nämlich die Zivilisation steigt, je weiter sie sich in allen Klassen des Volks verbreitet, desto mehr verliert sich auch der Unterschied der Stände. Jeder Stand wird aufgeklärter, jeder gesitteter, jeder fühlt seinen Wert im Staat immer mehr, und wenn sich einmal der Handwerker in seiner Profession ebensoviel dünkt als der Gelehrte in der seinigen, der subalterne Beamte im Bewußtsein seiner Tüchtigkeit sich dem höher stehenden kühner gegenüberstellt und dieser, unverblendet von seiner Würde, einsieht, daß er ohne jenen keine sonderliche Rolle spielt, wenn auch schon der aufgeklärtere Landbauer erkennt, daß sein Stand ein ebenso ehrenwerter Stand ist als jeder andere, kurz, wenn es einmal so weit gekommen ist, daß die Vernunft über den Wert der menschlichen Dinge entscheidet, so kann es nicht fehlen, die Höhergestellten müssen von ihrer usurpierten Höhe heruntersteigen, sie müssen ihre eingebildeten Vorzüge gegen reellere zu vertauschen suchen, und welche könnten diese wohl sein als die moralischen? Freilich können, bis es dahin kommt, noch Jahrhunderte hingehen, aber ich bin überzeugt,[354] daß es einmal so weit kommen wird. Die Zivilisation muß dem Reich der Vernunft den Weg bahnen, denn das Reich der Vernunft ist das Reich Gottes, und die Menschheit hat entweder keine Bestimmung, oder die Menschen müssen früher oder später Bürger in dem Reich Gottes werden, welches schon auf dieser Welt beginnen muß, nicht erst in einer künftigen. Dies bewirkt nach meiner Ansicht schon der Gang der Zivilisation selbst. Aber auch die Regierungen können das ihrige dazu beitragen, und dies geschieht vorzüglich durch Anordnung besserer Erziehungsanstalten und durch Einführung eines bessern Unterrichts überhaupt, und insbesondere in der Religion. Die Jugend lernt in den Schulen im ganzen weit mehr, als sie braucht, aber gerade das, was sie am nötigsten braucht, lernt sie am wenigsten. Der Mensch ist nicht zum Alleswissen, sondern zum Rechthandeln bestimmt, und recht handeln kann nur der Vernünftige oder, was dasselbe ist, der religiöse Mensch, denn die Vernunft ist das Göttliche im Menschen. Bisher war es vorzüglich der Verstand, auf dessen Ausbildung man ausging, und es ist unleugbar, daß der Zweck bereits in hohem Grade erreicht worden. Aber auch die Vernunft hat nicht minder große, ja noch größere Ansprüche auf ihre Ausbildung, und zur Befriedigung dieser Ansprüche ist die bloße Dressur zur Gesittung (denn die moralische Erziehung ist heutzutage selten etwas mehr) nicht genug. Die Jugend muß auch früh genug zum Bewußtsein des Sittengesetzes und zu einer innigen Achtung für dasselbe gebracht werden, und dazu kann bloß ein besserer Unterricht überhaupt und insbesondere in der Religion führen, das heißt in dem ursprünglich reinen Christentum, nicht in der darauf erbauten sogenannten christlichen Glaubenslehre, in welche es unter den Händen der Priester aus geartet ist. Freilich können die Regierungen zu dieser Verbesserung des Religionsunterrichts nur indirekt wirken, und auch dazu werden sie sich schwerlich verstehen, solange ihnen die christliche Glaubenslehre ebenso zu einem Werkzeug der Politik dient wie dem Klerus zur Behauptung seines Ansehens und seiner Macht über die Gemüter der Menschen. Allein in dem Christentum liegt eine höhere Macht als die Macht der Fürsten und Priester, und[355] so gewiß einst eine Zeit kommen wird, wo es als das, was es seinem Wesen nach ist, als eine Vernunftreligion erkannt und als solche allgemeine Weltreligion werden wird, so gewiß werden auch die Regierungen und selbst die Priester tätige Beförderer dieser heilbringenden Umwandlung werden. Die Fürsten nennen sich die Stellvertreter Gottes auf Erden; soll dieser Ausdruck einen Sinn haben, so müssen sie Gehülfen der Gottheit bei der Ausführung ihres Plans mit dem Menschengeschlecht sein, welcher kein anderer ist, als das Reich der Vernunft in die Welt einzuführen. Die Aufgabe der Fürsten kann daher keine andere sein, als aus dem zivilisierten Staat einen sittlichen zu machen, dessen Genossen nicht bloß Bürger, sondern auch Menschen sind. Freilich ist ein solcher sittlicher Staat eine Idee, welche dem ersten Ansehen nach ebenso unausführbar zu sein scheint als die Idee eines ewigen Friedens. Allein wenn es wahr ist, was Fichte sagt, daß das Streben aller Regierung dahin gehen muß, alle Regierung überflüssig zu machen, so ist die Zivilisierung der Staatsgenossen bloß Mittel zum Zweck, der Zweck selbst ist die Sittlichkeit derselben. Der Mensch, wenn er das werden und sein soll, was er allein im Staat werden kann, ein Mensch im vollen Sinne des Worts, muß sich zu einem sittlichen, d.h. sich nach dem Vernunftgesetz frei bestimmenden Wesen ausbilden. Ist er das nicht, und solange er es nicht ist, ist er ein Kunstmensch, ein menschliches Tier, das ebenso dem Zwang des Gesetzes wie das vernunftlose Tier seinem Instinkt folgt. Nur als ein sittliches Wesen kann der Mensch ein echter Staatsbürger sein. Denn nun ist es nicht mehr der äußere Zwang des Gesetzes, es ist der aufgeschlossene innere Sinn für den Zweck des Staates, der innere freie Antrieb, was ihn zum Gehorsam gegen das Gesetz bestimmt. Es dahin zu bringen ist allerdings eine schwere Aufgabe, und bis sie gelöst wird, können noch Jahrhunderte, ja Jahrtausende hingehen. Aber es ist genug, wenn die Menschheit diesem Ziel nur immer näher rückt, und daß dies wirklich der Fall ist, daran kann nur der zweifeln, der keinen Begriff von der Menschheit und ihrer höhern Bestimmung hat. Ich bin weit entfernt, den Regierungen einen Vorwurf zu machen,[356] daß sie für das Wohl der Staatsbürger durch eine immer höhergetriebene Zivilisierung derselben sorgen, denn nur in einem zivilisierten Staat ist wahre sittliche Bildung möglich. Ich tadle nur, daß sie darüber vergessen, sie befördern bloß Scheinglückseligkeit, nicht wahre Glückseligkeit. Wahre Glückseligkeit kann nur die Frucht der sittlichen Ausbildung der Vernunft sein. Fehlt es an dieser, so mag die Zivilisation eine Höhe erreichen, welche sie will, solange die Haupttendenz derselben wie bisher Vervielfältigung und Erhöhung der Mittel zum sinnlichen Wohlbefinden bleibt, kann von wahrer Glückseligkeit nicht die Rede sein. Es ist bloß Scheinglückseligkeit, die dadurch befördert wird und die den Namen wahrer Glückseligkeit um so weniger verdient, da sie kein Gemeingut der zivilisierten Welt werden kann. Nur die Kinder des Glücks können sich in den Besitz der durch die Zivilisation herbeigeführten Mittel zum sinnlichen Wohlleben setzen. Aber auch die vom Glück minder begünstigten Menschen wollen genießen wie jene; sie können es nicht, weil ihnen die Mittel dazu fehlen, sie fühlen sich daher unglücklich und um so unglücklicher, je mehr sie Genüsse kennenlernen, welche sie sich aus Mangel an den Mitteln dazu versagen müssen. Nur der vernünftige Mensch begnügt sich mit dem Notwendigen, und auch im vollen Besitz aller Mittel zum sinnlichen Wohlleben weiß er sich zu mäßigen. Dafür aber genießt er um so mehr sich selbst, sein Wohlbefinden hängt nicht von seiner äußern Lage ab, die Quelle, aus der es entspringt, hat er in sich selbst, in dem Bewußtsein seines moralischen Werts, und diese innere Quelle fließt immer gleich reichlich, seine äußern Verhältnisse mögen sein, welche sie wollen. Daher genießt er auch eines Wohlbefindens, das kein äußerer Zufall trüben, das keine unbefriedigte Leidenschaft stören kann, das an keinen Stand gebunden ist, das auch dem Taglöhner zuteil wird, wenn er hat, was er zu seiner Leibesnahrung und Notdurft bedarf, und selbst dem Bettler, der von den Brosamen lebt, die von den Tischen der Herren fallen. Welch eine andere Welt würde die zivilisierte Welt sein, wenn nicht die Sinnlichkeit, sondern die Vernunft in ihr herrschte! Die Vernunft verbietet die sinnlichen Genüsse nicht, sie gebietet sie vielmehr,[357] weil der Mensch kein rein-vernünftiges, sondern ein sinnlich-vernünftiges Wesen ist. Sie verlangt nicht, daß die Menschen wieder in den Naturzustand zurückkehren und den Früchten der Zivilisation entsagen sollen, sie verlangt bloß, daß sie im Genuß derselben maßhalten, denn das Gesetz der Vernunft ist Maß. Sie verlangt nicht, daß der Fürst leben soll wie seine Untertanen, der Vornehme und Reiche wie der Geringe und Arme, der Stadtbewohner wie der Landbewohner, sie erkennt vielmehr den Unterschied der Stände als notwendig und nützlich an, aber sie verlangt, daß alle Stände auf gleiche Weise geachtet, keiner dem andern vorgezogen, keiner auf Kosten des andern begünstigt werde. Sie verlangt nicht, daß eine Gleichheit des Vermögens eingeführt werde, denn das ist unmöglich, aber sie verlangt, daß es keinem Staatsgenossen an dem Notwendigen zu seinem Lebensunterhalt fehle, denn darauf hat jeder Staatsgenosse gerechten Anspruch als Mensch, und es ist eine der heiligsten Pflichten der Regierungen, dafür zu sorgen, nicht durch Anweisung der Armen an die Mildtätigkeit der Wohlhabenden, sondern durch Anstalten zur Verminderung der Armut selbst. Sie verlangt nicht, daß der Fürst keinen glänzenden Hof um sich habe, keinen großen prächtigen Palast bewohne, keine köstliche Tafel halte und nicht auch in seinen Belustigungen und in den Festen, die er gibt, seine Würde behaupte; sie verlangt nicht, daß der hohe, den Thron umgebende Adel es dem Fürsten nicht nachtue, daß der Reiche in seinem Aufwand sich dem Adel nicht gleichstelle, aber sie verlangt, daß der Fürst die Staatseinkünfte nicht zu seinen Liebhabereien verschwende und nicht vergesse, daß er bloß der Verwalter derselben ist, und daß der Adelige und Reiche in seinem Aufwand nicht die gehörigen Grenzen überschreite; sie verlangt, daß sie von ihrem Überfluß die Dürftigen unterstützen, zur Errichtung und Unterhaltung der öffentlichen Armenanstalten beitragen und, was eine Hauptsache ist, in ihrer freiwilligen Frugalität den Geringen und Armen das Beispiel geben, daß man auch bei großem Reichtum mäßig sein könne, damit sie ihre erzwungene Frugalität desto leichter ertragen lernen. Denn was macht eigentlich die Armen unglücklich? Nicht die Armut an sich, in die man[358] sich findet, wenn man nur nicht an dem schlechterdings unentbehrlichen Mangel leidet, sondern der Neid auf die Vornehmen und Reichen, deren Aufwand ihnen hohnspricht, sie gegen sie erbittert und geneigt macht, wo es dazu Gelegenheit gibt, ihren Haß gegen sie auszulassen, jedem Aufwiegler, der ihnen ein besseres Schicksal verspricht, anzuhängen und ihnen zur Ausführung ihrer Plane die Hände zu bieten. Dies zeigt die Geschichte aller Revolutionen, und es ist ein großer Irrtum der Regierungen, wenn sie glauben, daß, um Revolutionen zu verhindern, alles getan sei, wenn sie der Urheber derselben habhaft geworden, und während sie diese einsperren und bestrafen, andere von ähnlichen Versuchen abzuschrecken hoffen, indem sie die Presse beschränken, alle verdächtige Bücher verbieten, die Zeitungen und Journale einer immer strengern Zensur unterwerfen und ihre Spione ausschicken, um jeden, der irgendeinen Verdacht böslicher Gesinnungen gegen die Regierung erregt, beim Kopf zu nehmen. Diese Maßregeln sind bloß Palliativmittel. Sie unterdrücken zwar den Ausbruch des Übels, aber sie helfen ihm nicht ab, sie beschleunigen vielmehr seinen Ausbruch, weil sie gegen die Regierung erbittern. Nur Zufriedenheit mit der Regierung, Zufriedenheit des ganzen Volks, beugt dem Übel gründlich vor, und es bedarf jener Palliativmittel nicht. Aber wodurch erwerben sich die Regierungen diese allgemeine Zufriedenheit? Nicht durch Konstitutionen, welche die Fürsten ihren Völkern aus Gnaden geben, nicht durch Abhaltung von Landtagen, auf welchen die Majorität nach dem Willen der Regierung stimmt, nicht durch eine immer weitere Verbreitung einer schimmernden, Licht lügenden Aufklärung unter dem Volk, welche dasselbe nur anmaßend und übermütig macht, nicht durch unbegrenzte Beförderung der Industrie und des Handels, wobei nur die Fabrikanten und Kaufleute reich werden, das Volk aber, zu immer größerem Luxus dadurch verleitet, verarmt und mit der Verarmung zugleich demoralisiert wird, sondern durch ein gutes Regiment, an dessen Spitze ein weiser, wohlgesinnter und willenskräftiger Fürst steht. Sei die Konstitution eines Staates so gut als sie will, die Organisation desselben von oben bis unten so trefflich als sie will, die[359] Hauptperson ist und bleibt immer der Regent. Er ist die Seele des Staates, die ihn trägt und regt, aber nicht dadurch, daß er, worein so viele Fürsten ihren höchsten Ruhm setzen, selbst regiert, sondern dadurch, daß er die Männer, durch welche er regiert, gehörig zu wählen und jeden an seinen rechten Platz zu stellen weiß, daß er die Würdigkeit zur Anstellung im Staatsdienst nicht nach den heuchlerischen Huldigungen, die seiner Person dargebracht werden, sondern nach dem Wert der Individuen bemißt, die sich darum bewerben, daß er sich nicht den Aristokraten, die ihm das Volk als den Feind der Fürsten darstellen, und der Priesterschaft, die es als für durchaus verdorben ausschreit, hingibt, sondern sich mehr auf die Treue desselben als auf die Treue der Aristokraten und auf die Redlichkeit der Priester verläßt, daß er überhaupt keinen Stand dem andern vorzieht, daß er sich nicht mit Günstlingen umgibt, die nicht seinen, sondern ihren Vorteil suchen, daß er keinem ihn zum Gott erhebenden Schmeichler Zutritt zu sich gestattet, keinem phantastischen, von Volksbeglückung und Glanzerhöhung der Krone faselnden Projektenmacher Gehör gibt, sondern überall selbst sieht, jeden seiner Untertanen mit ebender Aufmerksamkeit wie seine höchsten Staatsbeamten anhört und nicht verschmäht, auch aus gemeinem Mund Wahrheit zu vernehmen, kurz, wenn er ein ebenso gütiger als weiser und gerechter Fürst ist. So gedeiht nicht nur der Staat freudig unter seinem Zepter, und unter allen Klassen des Volks herrscht vollkommene Zufriedenheit, sondern er stellt sich auch als Muster für alle Klassen des Volks auf, vom Hofmann und Minister an bis hinunter zum Landbauer und Taglöhner. Durch Erfahrung belehrt, daß nur Rechtschaffenheit und wahres Verdienst vor ihm gilt, wird nicht leicht jemand Scheinverdienst vor ihm geltend machen wollen, nicht leicht jemand, ohne sich seiner Würdigkeit bewußt zu sein, sich um ein Amt oder eine Ehrenstelle bewerben, nicht leicht jemand über andere herrschen wollen, die sich nicht, seine Überlegenheit anerkennend, seiner Herrschaft freiwillig unterwerfen. Der Staat, von einem solchen Fürsten regiert, ist kein bloß so genannter, sondern ein wahrer Organismus, gleich dem gesunden menschlichen, in welchem jeder einzelne Teil seine[360] gehörige Stelle einnimmt, jeder wirkt, wie er seiner Bestimmung gemäß soll, und die Seele, die ihn belebt, durch keine krankhafte Verstimmung weder des Ganzen noch eines einzelnen Teiles in ihrer freien kräftigen Tätigkeit gehemmt wird. Schon jetzt gibt es solche Fürsten, und wenn in der Folge, was leider bisher selten der Fall war, auch die Fürstenkinder besser erzogen und vorzüglich in dem, was zu ihrer hohen Bestimmung gehört, unterrichtet werden, wird es ihrer noch mehr geben. Machen dann solche Fürsten die Mehrzahl aus, so wird wie in das Volksleben auch in die Politik mehr Moralität kommen. Wie der Egoismus der Völker wird auch der Egoismus der Fürsten verschwinden. Die Völker werden gleich Brüdern nebeneinander wohnen, die Fürsten werden Kosmopoliten werden, die Kriege werden aufhören, der ewige Friede wird kommen, das Goldene Zeitalter wird auch in der zivilisierten Welt wiederkehren. Freilich können, wie schon gesagt, noch Jahrhunderte hingehen, bis es so weit kommt, aber daß diese Aussicht kein leerer Traum ist, zeigen die Fortschritte, welche die geistige und sittliche Kultur bereits gemacht hat, unwidersprechlich, und was so weit vorgeschritten ist, kann nicht mehr zurückschreiten. Es werden keine wilden Barbaren mehr in Europa eindringen, oder wenn sie es versuchen sollten, wird es ihnen nicht gelingen, sich festzusetzen, unsere tapfern Armeen würden sie alsbald in ihre heimatlichen Steppen zurückschlagen. Es wird nie in Europa ein asiatischer Despotismus aufkommen, und wenn, wie wir es noch in unsern Zeiten gesehen haben, auch in der Folge Eroberer auftreten sollten, die, ungewitzigt durch das Schicksal ihrer Vorgänger, auf Gründung von Universalmonarchien ausgehen, so werden sie doch keine Attilas und Dschengis-Khane sein. Wie jetzt schon die meisten europäischen Staaten konstitutionelle Monarchien sind, so werden es früher oder später alle werden, weil die Einführung konstitutioneller Verfassungen die unausbleibliche Folge der Zivilisation ist. Es werden zwar auch in den konstitutionellen Monarchien nicht immer weise und gute Fürsten den Thron zieren, es werden ihn auch selbstsüchtige und despotisch gesinnte besteigen, welchen die Konstitution[361] eine verhaßte Fessel ist, aber schwerlich wird es einer wagen, die Konstitution aufzuheben, er wird sie bloß zu untergraben versuchen, und auch diese Versuche werden um so weniger gelingen, je mehr die Konstitutionen selbst sich mit der fortschreitenden Zivilisation immer weiter ausbilden und befestigen werden. Was solche Fürsten nicht sind, das müssen sie wenigstens scheinen, und wie sie, diesen Schein zu behaupten, gezwungen sind, der Konstitution gemäß zu regieren, so werden auch ihre Gehülfen in der Regierung, ihre Minister und Räte, sich wohl hüten, ihnen die Hände zu Schritten zu bieten, welche für sie ebenso gewagt und gefährlich sind als für die Fürsten. ? Auf den Gerichtsbänken werden zwar wie bisher nicht lauter gerechte Richter sitzen, aber mit der Verbesserung der Gesetzgebung, indem sie der Schikane und der Mißdeutung und Verdrehung der Gesetze weniger Raum gestatten wird, werden auch die Richter selbst besser und ihre Erkenntnisse gerechter werden. ? Die Theologen werden zwar zur Aufrechterhaltung ihres priesterlichen Ansehens und ihrer Macht über die Gemüter der Menschen an ihrem Dogmensystem festhalten wie immer, aber seit man die Heiden nicht mehr mit dem Schwert bekehrt und die Ketzer nicht mehr auf Scheiterhaufen verbrennt, werden je länger, je mehr Bekämpfer desselben auftreten, bis es endlich dem ursprünglichen reinen Christentum, an dessen Stelle es getreten, Platz macht. ? Unter den Ärzten wird es zwar auch in der Folge nicht an Homöopathen, Geistersehern und Teufelaustreibern und andern dergleichen Narren fehlen, aber die Mehrzahl wird sich am Krankenbette bilden und, keinem am Schreibtisch ausgeheckten System huldigend, das Heil der Medizin allein in den an demselben gemachten und zu sicher leitenden Grundsätzen und Maximen des Handelns benutzten Erfahrungen suchen und finden. ? Unter den Philosophen endlich werden zwar noch manche auftreten, welche die übersinnliche Welt zum Gegenstand ihres Philosophierens machen und ihre metaphysischen Hirngespinste für die tiefste Erkenntnis, für das höchste Wissen halten und ausgeben, aber dieser spekulativen Philosophen werden immer weniger werden, je mehr man lernen wird, die Vernunft beim Philosophieren vernünftiger[362] zu gebrauchen, und je mehr zu hoffen ist, daß das Schicksal aller bisher aufgestellten spekulativen Systeme, der Untergang des einen nach dem andern, von ähnlichen Versuchen abschrecken und zu der Erkenntnis führen wird, daß die Philosophie vom Himmel, zu welchem sie sich verstiegen, wieder zur Erde zurückkehren muß, wenn sie fruchtbar für das Leben und ihr Einfluß auf Staatenregierung, Gesetzgebung, Erziehung und wahre Volksaufklärung heilbringend sein soll. So werden sich überall die Früchte unserer bereits so schön begonnenen und immer weiter fortschreitenden Zivilisation immer deutlicher zeigen; es wird kein finsteres Mittelalter, so sehr es auch blinde Verehrer desselben zurückwünschen und manche es zurückzubringen trachten, wiederkehren, es wird keine Zeit der Barbarei wiederkommen, die Menschen werden immer vernünftiger werden, und Licht und Recht wird früher oder später die allgemeine Losung in der zivilisierten Welt sein. Dies sind die Resultate meiner philosophischen und historischen Studien, und wer, der Achtung vor der Würde der Menschheit hat und sie liebt, möchte sie wohl für leere Träume halten? Der Zustand der Menschheit unter der Herrschaft der Vernunft ist ihr natürlicher Zustand, ebenso natürlich als der Zustand der Tierwelt unter der Herrschaft des Instinkts. Daß die Menschheit diesem Zustand entgegenschreitet, zeigt die Geschichte unwidersprechlich, und wenn irgendetwas den Geist des Menschen erheben und sein Herz erfreuen kann, so ist es diese Aussicht auf die Zukunft. Daher war das Studium der Geschichte, welche diese Aussicht eröffnet, nebst dem Studium der menschlichen Natur, dessen Resultat mit dem Resultat des Studiums der Geschichte dasselbe ist, von jeher mein Lieblingsstudium. Ihm widmete ich, solange ich praktischer Arzt war, meine meisten müßigen Stunden, und seitdem ich es nicht mehr bin, ist das Lesen der die Geschichte in jenem Geist bearbeitenden Historiker, wie Gibbon, Rotteck, Schneller, Raumer und vor allen Herder, der Hauptgegenstand meiner literarischen Beschäftigung. Beinahe den ganzen Winter hindurch trieb ich nichts anders, und erst im Frühjahr fand ich nötig, eine Pause zu machen.[363] Ich befand mich nämlich während des ganzen Winters geistig und körperlich wohl, doch fühlte ich, daß ich, früher an ein bewegteres Leben gewöhnt, zu viel gesessen hatte, und um den weiteren übeln Folgen einer sitzenden Lebensart zu begegnen, nahm ich mir vor, gleich nach dem Eintritt der bessern Witterung mir mehr Bewegung zu machen und wenigstens alle ernstere Studien eine Zeitlang aufzugeben. Ich ging daher täglich spazieren, oft stundenlang, benutzte diese Spaziergänge von Zeit zu Zeit zu Besuchen bei den Geistlichen in der Umgegend, die ich in Nördlingen, wo ich mit ihnen und ihren Frauen öfter in Gesellschaft zusammenkam, als gebildete und wackere Männer hatte kennenlernen, und zu Hause wandte ich mich wieder zu meinen alten Lieblingsdichtern, die ich nun mit ebendem Interesse als Greis las, mit welchem ich sie in meinen jüngern Jahren gelesen hatte. Sie unterhielten mich, sie erheiterten mich, ja sie machten mich wieder jünger, indem sie mich in die Zeiten versetzten, wo sie mir waren, was andern die Musik ist, und eine Zuflucht, wenn mich amtliche Verdrüßlichkeiten oder Unannehmlichkeiten anderer Art in üble Laune versetzen wollten. Vorzüglich war es Ariost, an den ich mich bei solchen Fällen wandte, ich durfte nur ein paar Gesänge in seinem »Rasenden Roland« lesen, und sogleich war alles wieder gut. Jetzt las ich vorzüglich die historischen Dramen Shakespeares, und wenn ich ihn in meinen frühern Jahren als den größten Dramatiker aller Zeiten bewunderte, so bewunderte ich jetzt, da ich selbst die Menschen besser kennengelernt hatte, an ihm den großen Kenner des menschlichen Herzens, in dessen Innerstes vielleicht keiner so tief geblickt hat wie er. Ich habe nun mein neunundsiebzigstes Lebensjahr angetreten, und ich glaube nicht, daß mir in diesem hohen Alter noch etwas begegnen werde, was zu erzählen der Mühe wert wäre. Ich schließe daher meine Selbstbiographie und füge dem bisher Erzählten noch einige Bemerkungen über mich bei, die zur nähern Kenntnis meiner Individualität dienen mögen. Der Mensch mag in der Welt sein, was er will, ein Landbauer, ein Handwerker, ein Gelehrter, ein Staatsmann, ein Regent, die Hauptfrage ist immer: Was ist er, was war er als Mensch? Die[364] Beantwortung dieser Frage ist die Hauptaufgabe, welche der Selbstbiograph zu lösen hat, und so will ich denn mich dieser Obliegenheit nicht entziehen, ob ich schon weiß, daß die Beantwortung der Frage nicht ganz zu meinem Vorteil ausfallen wird. Als der Sohn in beschränktem Wohlstand lebender und an eine einfache Lebensart gewöhnter Eltern wurde ich auch von ihnen zu der gleichen Lebensart erzogen, was um so leichter war, da ich meine frühern Kinderjahre in dem großelterlichen Haus auf dem Lande zubrachte, wo die Lebensweise noch einfacher war als in dem elterlichen. So wurde ich schon in meiner zartesten Kindheit zur Mäßigung in allen Arten sinnlicher Genüsse gewöhnt, und nachdem ich schon als ein zwölfjähriger Knabe als Zögling in die vormalige militärische Pflanzschule auf der Solitude eingetreten war, so wurde ich bei der in derselben eingeführten Lebensweise nicht nur bei der gewohnten Mäßigung erhalten, sondern die Angewohnheit an dieselbe wurzelte noch fester, da es in dem Institute durchaus an Versuchungen zur Unmäßigkeit fehlte. Dieselbe einfache Lebensweise setzte ich auch nach Verlegung der Pflanzschule nach Stuttgart, wo sie zur Militärakademie geworden, auf gleiche Weise fort, und als ich die Akademie in meinem einundzwanzigsten Jahr verließ, war sie mir so zur Gewohnheit geworden, daß mich nur sehr starke Anreizungen zu Exzessen verleiten konnten. Freilich fehlte es nach meinem Eintritt in das öffentliche Leben an solchen Anreizungen nicht, und ich kann nicht leugnen, daß ich ihnen öfters nicht zu widerstehen vermochte. Allein weil mir beinahe jeder Exzeß, den ich beging, eben weil ich nicht daran gewöhnt war, übel bekam, so fürchtete ich mich vor neuen und ließ mich deswegen seltner dazu verleiten. Der Hauptexzeß, den ich beging, war, daß ich zuweilen einige Gläser Wein zuviel trank; allein daß das Trinken bei mir nicht wie bei so vielen jungen Männern der damaligen Zeit zur Leidenschaft wurde, hatte ich eben meiner von der frühesten Jugend an gewohnten Mäßigkeit zu danken, die Mäßigkeit war Regel, der Exzeß Ausnahme, und wenn ich auch zuweilen einige Gläser zuviel trank, so geschah es immer in Gesellschaft mit Freunden, für mich allein trank ich nie, denn nur unter Freunden fühlte[365] ich, daß der Wein das Herz erfreut. ? Noch weniger als der Wein verleitete mich ein wohlbesetzter guter Tisch, von meiner gewohnten Mäßigung abzuweichen. Ich war zwar gern zu Gast in Häusern, wo man gut aß und trank, aber immer freute mich die Gesellschaft mehr als das gute Essen und Trinken, und ich erinnere mich nur weniger Fälle, wo ich mir bei einem Gastmahl eine Indigestion zugezogen hätte. Diese Mäßigung war die Folge meiner Erziehung, und ich bilde mir darauf ebensowenig ein als auf meine Enthaltsamkeit in Rücksicht auf die Freuden der Liebe, welche ich vor meiner Verheiratung nie genossen hatte. Es ist nicht meine moralische Kraft, welcher ich beides zu danken habe, es sind meine Eltern und Großeltern und mein eilfjähriger Aufenthalt in der Karls-Akademie, denen ich dafür Dank schuldig bin. Gleichen Dank bin ich auch meinen Eltern und Großeltern und der Karls-Akademie, und letzterer vorzüglich, für die Gewöhnung an Ordnung schuldig, welche mir ebenfalls zur andern Natur geworden und besonders als praktischem Arzt zustatten gekommen ist. Von meiner frühesten Jugend an gewohnt, immer früh aufzustehen und früh zu Bett zu gehen, blieb ich auch bis in mein hohes Alter dieser Gewohnheit getreu. So kam ich jeden Tag zur gehörigen Zeit an meine Geschäfte, so konnte ich in der Nacht von denselben gehörig ausruhen, um sie am folgenden Tag mit erneuter Kraft fortzusetzen; dadurch gewann ich nicht nur Zeit genug dazu, sondern ich konnte sie auch, eben weil ich weniger Eile hatte, desto besser besorgen. Wie ich als Zögling der Karls-Akademie im Sommer immer früh um sieben, im Winter um acht Uhr meine Hörsäle besuchte, so fing ich auch als praktischer Arzt um dieselbe Zeit meine Krankenbesuche an, und ich erinnere mich keines Tages, an dem ich nicht mit denselben fertig geworden wäre oder, um fertig zu werden, einen Kranken hätte versäumen müssen. Darüber kann ich mich auf das Zeugnis aller Familien berufen, deren Hausarzt ich war, in Ludwigsburg, in Würzburg und in Nürnberg. ? Aber ein anderes ist es, die Kranken gehörig besuchen und keine versäumen, ein anderes, sie mit Lust und Liebe behandeln, und hier muß ich nun gestehen, daß ich nicht immer das Lob verdient[366] habe, welches mir meine Kranken gaben. Ich gab mir zwar alle Mühe bei ihrer Behandlung, ich besuchte sie auch in leichtern Krankheitsfällen fleißig und in bedeutendern täglich zwei-, auch dreimal, und mit Vergnügen sah ich, daß sie die Mühe, die ich mir mit ihnen gab, dankbar erkannten. Aber um so weniger war ich mit mir selbst zufrieden. Die meisten Kuren gelangen mir zwar, aber gewöhnlich waren die Krankheiten, die ich glücklich heilte, Krankheiten leichterer Art, welche, auch sich selbst überlassen, ebenso glücklich vorübergegangen wären. Dagegen spotteten schwerere Krankheiten desto öfter meiner Kunst, und weil ich glaubte, meine Aufgabe sei, auch von diesen, die nicht entschieden unheilbar sind, zu heilen, so setzte mich jeder Todesfall in die peinlichste Stimmung, die ich nicht wieder loswerden konnte, bis mir eine bedeutende Kur gelungen war. So faßte ich zwar wieder neuen Mut, zumal wenn, wie es öfter geschah, auf eine mißlungene Kur mehrere glückliche folgten; aber sooft diese glücklichen Kuren durch eine oder ein paar unglückliche unterbrochen wurden, erneuerte sich auch jene peinliche Stimmung wieder, und so konnte ich denn meines ärztlichen Lebens nie ganz froh werden. Ich sagte mir zwar immer, daß auch den geschicktesten und erfahrensten Ärzten Kranke genug sterben, daß der Arzt, wenn ihm ein Kranker stirbt, sich mit dem Bewußtsein trösten kann, nichts bei demselben versäumt zu haben, daß an dem Mißlingen vieler Kuren nicht der Arzt, sondern die Kranken, indem sie seine Verordnungen nicht genau befolgen, schuld seien, daß endlich die Heilkunst selbst noch viel zu unvollkommen sei, als daß der Arzt am Krankenbette seiner Sache überall gewiß sein und mit Sicherheit handeln könne. Allein diese Unvollkommenheit der Heilkunst war es eben, was mir die ärztliche Praxis verdrüßlich machte. Ich sah, daß ich mich einer Kunst gewidmet hatte, in welcher ich nie vollkommener Meister zu werden hoffen könne. Sooft ich einen Kranken verlor, bereute ich es, mich ihr gewidmet zu haben, und obschon meine gelungenen Kuren mich immer wieder ermutigten, so blieb mir doch stets der Zweifel, ob ich sie nicht vielmehr meinem guten Glück als meiner Kunst zu danken gehabt, ein Zweifel, dessen ich um so weniger Meister[367] werden konnte, da ich sah, daß so viele Ärzte von geringerem Talent, von weniger Kenntnissen und von beschränkterer Erfahrung, ja sogar Quacksalber nicht selten desselben Glücks sich zu erfreuen haben. Indessen war ich einmal praktischer Arzt, ich konnte nichts andres mehr ergreifen. Ich praktizierte daher fort, aber ich tat es nicht aus Lust und Liebe, sondern aus Pflicht, und was mir die Erfüllung dieser Pflicht erleichterte, war das Vertrauen, welches die Kranken in mich setzten und welches ich um so höher anschlug, da ich mich für überzeugt hielt, daß ich das Gelingen vieler meiner Kuren diesem Vertrauen zu danken habe. Denn das Vertrauen zu dem Arzt macht Mut, und der Mut ist eine Universalarzenei, wenn es irgend eine gibt. Es ist leicht zu erachten, daß die Mißstimmung, in welche mich mein ärztliches Leben so oft versetzte, mich auch im geselligen Leben nie ganz verließ. Ich konnte zwar in Gesellschaften sehr heiter sein, und man sah mich gern in ihnen, weil ich reich an Anekdoten war, die ich zum besten gab, und auch manches andere teils aus meiner Lektüre, teils aus meiner Welterfahrung wußte, dessen Mitteilung der Gesellschaft Vergnügen machte. Allein ich durfte nur einen oder ein paar schwere Kranke in der Behandlung haben, so brachte ich eine verdrüßliche Stimmung in die Gesellschaft mit, und weil dieses öfters geschah und ich überhaupt von Natur still, in mich gekehrt, mehr in meinem Innern als nach außen beschäftigt und von meiner frühern Erziehung her etwas schüchtern war, so war ich im ganzen kein angenehmer Gesellschafter, ja viele, die mich nicht näher kannten, hielten mich für einen unfreundlichen, unteilnehmenden, stolzen Menschen. Freilich konnte ich den Leuten nicht so schmeicheln, wie es ihre Eitelkeit verlangt und wie man es besonders an den Ärzten gewohnt ist, denn das war mir weder von der Natur gegeben, noch achtete ich auch, mir meiner eigenen Mängel bewußt, die Menschen so hoch, daß ich ihnen hätte sonderlich schöntun können. So schöntun können ihnen nur diejenigen, die sie gewöhnlich nur im Sonntagshabit sehen, der Arzt hingegen, der sie auch im Schlafrock sieht, weiß besser, was an ihnen ist, und wenn ihnen die meisten Ärzte gleichwohl mehr Achtung und Verehrung bezeigen, als sie verdienen,[368] so sind sie entweder Heuchler, oder sie tun ihnen schön in der Hoffnung, desto reichlicher von ihnen bezahlt zu werden. Aber Begierde nach Reichtum war nie meine Sache, und deswegen beneidete ich nie einen meiner Mitärzte um ihre ausgebreitete und einträgliche Praxis. Ich rivalisierte mit keinem, und wenn ich nur mit einigen auf einem freundschaftlichen Fuß stand, so war es nicht Neid auf die andern, sondern die Verschiedenheit unserer Denkungsart, unserer Ansichten und unseres Betragens, was uns auseinanderhielt. Von Jugend auf an Mäßigung gewöhnt, war ich zufrieden, wenn ich erwarb, was ich bedurfte, um meiner Familie eine sorgenfreie, behagliche und anständige Existenz zu verschaffen, und weil es mir nie an etwas hiezu fehlte, so hatte ich nie nötig, Leuten Komplimente zu machen, die ich nicht ihrer Persönlichkeit wegen achtete. So erschien ich freilich vielen als ein unfreundlicher, unteilnehmender und stolzer Mensch. Allein ich war es nicht. Ich war wohlgesinnt gegen alle meine Mitmenschen, ob ich schon mit wenigen auf einem eigentlich freundschaftlichen Fuß stand. Ich war teilnehmend an den Leiden meiner Kranken, obschon ich es zuweilen weniger schien, weil ich, sooft es not tat, ernst und streng gegen sie war; ich suchte mir ihr Vertrauen nicht durch unzeitiges Mitleid, sondern durch die Mühe, welche ich mir mit ihnen gab, zu erwerben, und wenn man mich für stolz hielt, so gab ich dazu bloß dadurch Anlaß, daß ich öfters an Personen, welche ich nicht näher kannte, gleichgültig vorüberging, und andere, welche ich ihrer Persönlichkeit wegen nicht lieben und achten konnte, nicht so komplimentierte, wie es die Konvenienz forderte. Ich kannte mich selbst zu gut, um irgendeinen Menschen zu verachten, ich bedauerte vielmehr die Verächtlichen, weil ich fühlte, wie weit ich selbst hinter dem Ideal zurückstand, welches ich mir von einem Menschen, wie er seiner Bestimmung nach sein soll, gebildet hatte. Daher ging auch mein Bestreben stets auf meine weitere Ausbildung, wie für die Kunst, der ich mich gewidmet hatte, auch für das gesellige Leben, in welchem ich mich als Arzt bewegte. Freilich waren die Fortschritte, welche ich in beiden machte, nicht groß; aber ich fühlte doch, daß ich immer etwas vorwärtskam ? in meiner Kunst, indem ich sie[369] zwar nie in dem großen Vertrauen auf sie wie die meisten ältern praktischen Ärzte, aber doch, an Erfahrung reicher geworden, mit mehr Sicherheit und Dreistigkeit übte ? in dem geselligen Leben, indem ich in den Gesellschaften, die ich besuchte, mich jederzeit, wenn auch nicht immer freundlich, heiter und unterhaltend, doch anständig und würdig und als einen Mann betrug, der die Wahrheit liebt, das Böse haßt und das Gute schätzt und zu befördern sucht, soviel er es in seiner Lage vermag. Mehr als im geselligen Leben zeigt sich der Mann, wie er ist, in dem häuslichen, als Gatte und Familienvater. Ich war, als ich heuratete, siebenundzwanzig und meine Frau siebenzehn Jahre alt. Unseren Ehebund hatte die Liebe gestiftet, und wie glücklich meine Wahl war, brauche ich nicht zu sagen, da ich in dem zweiten Buch dieser Geschichte die Vorzüge meiner Frau zur Genüge geschildert zu haben glaube. So jung sie war, so besaß sie doch alle Eigenschaften, welche zur Führung auch eines größern Hauswesens als das unserige erfordert werden. Ich konnte ihr dasselbe ganz überlassen, und ich tat es auch. Was ich einnahm, gab ich in ihre Hände, sie konnte darüber schalten und walten, wie sie wollte, und ich hatte nie Ursache, es zu bereuen, da sie bis zu ihrem Tod eine ebenso verständige als treue Verwalterin desselben war. Beiderseits an Sparsamkeit gewöhnt, kamen wir mit unserem Einkommen, so gering es auch im Anfang war, doch ganz gut aus, und wenn die kluge Ökonomie meiner Frau schon an sich selbst mir höchst schätzbar war, so ward sie mir es noch mehr dadurch, daß ich, frei von allen häuslichen Sorgen, desto heiterer und mutiger meine Berufsgeschäfte betreiben konnte. So war es, da wir noch keine Kinder hatten, und so blieb es auch, nachdem uns eine Tochter und zwei Jahre darauf ein Sohn geboren worden und nun ein neues Geschäft auf meine Frau wartete, die Erziehung unserer Kinder. Auch dieses Geschäft besorgte sie ebenso verständig und gewissenhaft als ihre Haushaltung. Sie erkannte, daß bei Kindern beiderlei Geschlechts die erste. Erziehung vorzüglich der Mutter obliege, und wenn meine Tochter eine tüchtige Hausfrau, eine treue Gattin und eine sorgsame Mutter ihrer Kinder geworden[370] und mein Sohn bei seinem Austritt aus dem elterlichen Hause ein durchaus unverdorbener Jüngling war, so ist dies vorzüglich das Verdienst ihrer Mutter. Was sie selbst war, sollte auch ihre Tochter werden, eine tüchtige bürgerliche Hausfrau, und wenn mein Sohn nicht geblieben ist, was er bei seinem Austritt aus dem elterlichen Haus war, so ist es weniger ihre Schuld als die meinige. Ich hatte ihm zuviel zugetraut, ich hatte nicht gefürchtet, daß ein so verständiger, so gut gearteter und so fleißiger Mensch, auch wenn er die schlechtesten Beispiele vor sich haben würde, ausarten könne, und wie er die Universität Erlangen bezog, dachte ich um so weniger daran, ihn unter Aufsicht zu stellen, da er sich während seines Aufenthalts auf der Universität Altdorf stets als einen ebenso gesitteten als fleißigen Studenten betragen hatte. Hätte ich von der traurigen Verwandlung, welche in Erlangen mit ihm vorging, früher etwas erfahren, so wäre es mir vielleicht gelungen, ihn auf den Pfad des Guten wieder zurückzubringen. Allein wie es leider in solchen Fällen oft geschieht, daß die Freunde uns mit bösen Nachrichten von den Unserigen verschonen wollen, so geschah dies auch hier, und als ich erfuhr, was mehrere meiner Freunde längst wußten, war es bereits zu seiner Rettung zu spät. Als ein von Natur guter Mensch sah er zwar die mit ihm vorgegangene Veränderung sehr wohl ein, und die Vorwürfe und Ermahnungen, die er von mir erhielt, bewirkten jedesmal die tiefste Reue wegen des Vergangenen und die besten Vorsätze für die Zukunft bei ihm, allein es erfolgte immer nur eine vorübergehende Besserung. Das Übel war bereits zu tief gewurzelt, als daß er seine guten Vorsätze hätte zur Ausführung bringen können, und so starb er als ein trauriges Opfer desselben in einem Alter von fünfunddreißig Jahren. So hatten wir nun nur noch ein einziges Kind, unsere an den nunmehrigen königlichen Postverwalter in Nördlingen verheuratete Tochter, und da ich bald nach dem Tode meines Sohnes auch meine Frau verlor und entschlossen war, nicht wieder zu heuraten, so blieb ich nicht nur bei ihr wohnen, sondern begab mich auch bei ihr in die Kost. So lebten wir in Nürnberg neun Jahre zusammen, und nachdem mein Schwiegersohn zum Postverwalter[371] in Nördlingen befördert und ich in den Ruhestand versetzt worden, wählte auch ich Nördlingen zu meinem Aufenthaltsort. Gleich meiner Frau besorgte mich auch meine Tochter wie in Nürnberg auch in Nördlingen zu meiner vollkommenen Zufriedenheit. Auch war ich im ganzen mit der Art, wie sie ihre Kinder, drei Mädchen, erzog, wohl zufrieden, nur bedurfte sie dabei der Mitwirkung einer Gehülfin, weil man gegenwärtig weit mehr von einem gebildeten Frauenzimmer verlangt als ehedem. Die Kinder erhielten daher eine Gouvernantin, und wir waren so glücklich, eine Person zu finden, wie wir sie wünschten, ein Mädchen von zwanzig Jahren, welches in allem, was die Kinder von ihr lernen sollten, wohl unterrichtet war und, was besonders mir sehr am Herzen lag, nicht zu den Gouvernantinnen gehörte, welche das Höchste zu leisten glauben, wenn sie ihre Zöglinge, wie man sagt, für die Welt erziehen, eine Erziehung, bei welcher, wie die Erfahrung lehrt, so häufig das Wesentliche dem Unwesentlichen, das Nützliche dem Angenehmen, die Bildung für das Haus der Bildung für die Welt aufgeopfert wird. Schon die Knaben, die doch einer vielseitigen Ausbildung bedürfen, lernen heutzutage viel und mancherlei, was sie zu ihrem künftigen Beruf nicht brauchen; um so mehr ist es bei Mädchen gefehlt, wenn sie Dinge lernen sollen, die ihnen zur Ausbildung für ihre wahre Bestimmung nicht nur nicht förderlich, sondern vielmehr hinderlich sind. Dem weiblichen Geschlecht ist sein Wirkungskreis in dem Hause angewiesen, eine sorgsame, fleißige Hausfrau, eine liebevolle, treue Gattin, eine wachsame, liebende Mutter, eine verständige, gewissenhafte Erzieherin ihrer Kinder zu werden ist des Mädchens Bestimmung, und der Hauptzweck der weiblichen Erziehung ist verfehlt, wenn dabei mehr auf äußere Auszeichnung als auf echte weibliche Ausbildung hingearbeitet wird. Denn auch abgesehen, daß für letztre gewöhnlich um so weniger getan wird als zu viel für die erstere, so verlieren auch die so erzogenen Mädchen gar leicht den Sinn für das Wesentliche, so daß sie, wenn sie sofort Frauen und Mutter werden, nicht mehr das Versäumte nachzuholen vermögend, sich um so unglücklicher fühlen, je mehr sie gewahr werden, daß zur Erfüllung[372] der Pflichten, die ihnen dieser neue Stand auflegt, etwas mehr erfordert wird, als eine Virtuosin auf dem Klavier, eine Künstlerin an der Strickrahme zu sein, französisch, italienisch und englisch sprechen zu können und in Gesellschaften als modisch fein gebildete oder gar als gelehrte Damen sich produzieren zu können. Diese Bemerkungen wiederholte ich, sooft ich dazu Gelegenheit fand, gegen meinen Schwiegersohn, und ich freue mich, sagen zu können, daß sie bei ihm nicht ohne Wirkung geblieben, ob er schon auf die Erziehung für die Welt mehr Wert legte als ich. Besonders aber widerriet ich, die Kinder in ein öffentliches Mädcheninstitut zu geben, nicht nur weil ich überhaupt wenig auf diese Institute halte, da die Mädchen, so wie sie für das häusliche Leben bestimmt sind, auch zu Hause erzogen werden müssen, sondern auch weil ich kein solches Institut kenne, ja keines für möglich halte, wo die Mädchen zu dem, was sie ihrer Bestimmung nach werden sollen, erzogen werden können. Auch darüber war mein Schwiegersohn mit mir einverstanden, und ich zweifle nicht, daß er seiner Ansicht getreu bleiben werde, auch dann, wenn ich nicht mehr am Leben bin. Meine drei Enkelinnen sind alle von der Natur so ausgestattet, daß ich hoffen darf, sie werden einst werden, was ihre Großmutter war, und ich glaube, daß dies auch für die jetzige Zeit, ungeachtet der größern Anforderungen, welche man jetzt an das weibliche Geschlecht macht, genug wäre, denn alles hat sein Maß, und wie wenig auch hier das rechte Maß überschritten werden darf, ersieht man daraus, daß, was man bei dem weiblichen Geschlecht höhere Bildung nennt, genau betrachtet, sehr oft Verbildung ist. Bei einem so lebhaften und reizbaren Temperament wie das meinige und bei der häufigen Verstimmung, in welche mich meine Berufsgeschäfte setzten, konnte es nicht fehlen, wie in die Gesellschaften, die ich besuchte, mußte ich diese Verstimmung auch in den Kreis meiner Familie mitbringen, und da man sich zu Hause weniger zusammennimmt als in öffentlicher Gesellschaft, so war in solchen Stunden übler Laune auch die unbedeutendste Kleinigkeit imstande, mich auf eine Art aufzuregen, daß ich mich oft im eigentlichen Verstand ungebärdig benahm.[373] Indessen war meine Frau verständig und ruhig genug, den Pulvermüller, wie mich ihre Freundin Paulus nannte, ausbrausen zu lassen, und sie konnte es um so mehr tun, da sie wußte, daß nichts als ihr ruhiges Betragen nötig war, um den bösen Dämon alsbald von dem guten besiegt zu sehen. War der kurze Sturm vorüber, so war ich der gutmütigste Mensch von der Welt, denn es gibt wohl wenig gutmütigere Menschen, als ich von Natur bin, ja ich möchte sagen, daß meine Gutmütigkeit zuweilen zu weit ging, und besonders habe ich mir diesen Vorwurf in betreff meines Sohnes zu machen, dem ich immer wieder verzieh, wenn er Reue wegen seiner Vergehungen bezeigt hatte. ? Überhaupt war ich, wenn ich bei guter Laune war, in welche mich auch die unbedeutendsten erfreulichen Ereignisse setzen konnten, heiter, lustig, oft bis zur Ausgelassenheit, freundlich gegen jedermann, dienstfertig, wohltätig, kurz alles, wodurch ein guter Mensch sich zu erkennen gibt. Dies wußte niemand besser als meine Frau, und daher war auch unsere Ehe, ungeachtet der öftern, durch meine nach Hause mitgebrachte Verstimmung veranlaßten Mißhelligkeiten, eine glückliche Ehe. Wie mich meine Frau, so liebte ich auch sie herzlich, und den sprechendsten Beweis, wie gewiß sie meiner Liebe war, gab sie mir dadurch, daß sie sich nie etwas daraus machte, wenn sie sah oder hörte, daß mir auch andere schöne und liebenswürdige Frauen und Mädchen wohlgefielen, ja selbst nicht, wenn dieses Wohlgefallen bis zum Courmachen ging. Sie hielt es für das, was es war, für etwas Vorübergehendes, das meiner nicht auf Wohlgefallen an ihrer schönen Gestalt, sondern auf Anerkennung ihres innern Werts gegründeten Liebe zu ihr keinen Eintrag tun konnte und das sie mir um so lieber verzieh, da sie dabei immer mehr gewann als verlor. ? So herzlich wie meine Frau liebten mich auch meine Tochter und mein Schwiegersohn und, seit ich Großvater bin, auch meine Enkel, und wie lieb auch sie mir waren und sind, gab ich ihnen nicht nur dadurch zu erkennen, daß ich nach dem Tod meiner Frau, wo ich wohl hätte wieder heuraten können, Witwer blieb und mit ihnen nach Nördlingen zog, sondern auch dadurch, daß ich selbst der Lehrer meiner Enkel wurde, indem ich sie in allem, wozu es in Nördlingen an Lehrern fehlte und[374] was ich zu ihrer geistigen und sittlichen Bildung für notwendig hielt, unterrichtete. Aber zur vollständigen Schilderung meiner Individualität gehört auch noch eine nähere Darstellung meines medizinischen und religiösen Glaubensbekenntnisses, und über beide werde ich mich wie über alles andere aussprechen, wie ich denke. Zuerst also mein medizinisches Glaubensbekenntnis. Ich habe dasselbe schon früher in der Schrift »Rhapsodien aus den hinterlassenen Papieren eines praktischen Arztes«, herausgegeben von Ernst Friederich Wahrhold, abgelegt, und da es noch dasselbe ist, so brauche ich es hier bloß zu wiederholen. Es lautet, wie folgt. 1. Amazon.de Widgets Ich würde gegen meine Überzeugung sprechen, wenn ich behaupten wollte, wir seien in der Heilkunst nicht weitergekommen als die Alten. Allein ich glaube, daß man dies nur in wissenschaftlicher Beziehung mit Grund sagen kann. In der Praxis sind wir nur in der Chirurgie bedeutend weitergekommen, in der Medizin hingegen nur um einige Schritte. Wir sind wohl im Besitz mehrerer Heilmittel als die Alten, wir handeln rationeller als sie, wir sind tätiger als sie. Aber wir heilen deswegen nicht glücklicher, es genesen und sterben uns im ganzen ebenso viele Kranke als ihnen. Wären wir bessere praktische Ärzte als sie, so müßte die Zahl der Genesenden notwendig größer sein, die Sterblichkeit müßte sich im ganzen vermindert haben, was doch keineswegs der Fall ist. Wollte man sagen, die Menschen seien im Altertum gesünder gewesen, es seien weniger Krankheiten vorgekommen, die Krankheiten seien einfacher, mehr akuter als chronischer Art und wegen der einfachen Lebensweise und der kräftigern Konstitution der damaligen Menschen leichter zu heilen gewesen als jetzt, so gebe ich dieses alles gern zu. Allein die Frage ist hier nicht von der Zahl der Genesenden und Sterbenden überhaupt, sondern von der Zahl der Kranken, die geheilt oder nicht geheilt werden, und in dieser Rücksicht ist der Unterschied wahrlich nur sehr unbedeutend. Sowohl an akuten als an chronischen Krankheiten sterben jetzt noch ohngefähr[375] ebenso viele Menschen als zu den Zeiten des Hippokrates. Die Natur beider Krankheitsklassen hat sich nicht geändert, ihre Ursachen sind noch ebendieselben, sie selbst sind nicht bösartiger geworden, unsere veränderte Lebensart hat sie nicht verschlimmert, sie ist bloß schuld, daß die chronischen Krankheiten im Verhältnis zu den akuten häufiger geworden und daß einige Krankheiten, welche die Alten nicht kannten, entstanden sind. Man kann also bloß sagen, daß jetzt mehr Kranke an chronischen Krankheiten sterben als zu den Zeiten des Hippokrates, und wenn wir, was ich keineswegs leugne, in der Behandlung dieser Krankheiten glücklicher sind als die Alten, so kommt dies bloß daher, daß wir im Besitz wirksamerer Mittel gegen sie sind. Allein warum leisten wir mit so wirksamen Mitteln nicht noch mehr? Warum sterben uns beinahe noch ebenso viele Kranke? Offenbar, weil wir von unsern Mitteln noch nicht den rechten Gebrauch zu machen verstehen. Denn was tun wir? Wir erklären ihre Wirkungsart nach den Prinzipien des herrschenden Systems, wir richten uns nach diesen Prinzipien bei ihrer Verordnung, wir achten aus allzu großem Vertrauen auf ihre Kräfte zu wenig auf die Heilkraft der Natur. Die Folge davon ist, wir wählen nicht überall die passenden Mittel, wir laufen mit den gewählten gleichsam Sturm auf die Krankheit. Durch dieses zu tätige Verfahren stören wir die Natur, die doch von der Kunst bloß unterstützt werden soll in ihren Heilbestrebungen, und anstatt die Krankheit schneller zu heben, verzögern wir vielmehr ihre Heilung, und anstatt sie zu heilen, machen wir sie unheilbar. So kann freilich unsere neuere rationelle Heilkunst wenig mehr leisten als die alte empirische, und der Unterschied besteht bloß darin: den Alten fehlte es an dem erforderlichen Vorrat wirksamer Mittel, sie mußten daher die Heilung der Krankheiten größtenteils der Natur überlassen; wir neuern Ärzte haben vielmehr Überfluß als Mangel an wirksamen Mitteln, aber wir sind mit diesen Mittel zu freigebig, statt die Natur bloß zu unterstützen, wollen wir sie meistern, und doch ist nichts gewisser als der sich zu allen Zeiten bewährte Ausspruch der Erfahrung, daß nicht der Arzt, sondern die Natur die Krankheiten heilt, daß der Arzt nur der Diener[376] der Natur, nicht ihr Herr und Meister ist. Freilich bedarf die Natur sehr oft der Unterstützung der Kunst, und es ist bekannt, wieviel wir durch rechtzeitige Aderlässen, durch Brechmittel und Laxanzen, durch unsere sogenannten auflösenden Mittel, durch das Opium und andere Narkotika, durch die Chinarinde, das Quecksilber und andere Metallpräparate, kurz, durch eine Menge unserer Arzneimittel, zur rechten Zeit und auf die rechte Art angewendet, selbst in den bedenklichsten Fällen vermögen. Aber es ist nicht minder bekannt, daß wir mit allen diesen Mitteln wenig oder nichts leisten, wenn die Natur nicht das meiste dabei tut. Die Heilkraft der Natur ist das größte aller Heilmittel, das hat man in der neuesten Zeit am auffallendsten an den homöopathischen Kuren gesehen, die offenbar ohne alle Arzeneien (denn die homöopathischen sind keine) erfolgen; nächst dem Glauben an das Wunderbare und Unbegreifliche tut die Heilkraft der Natur dabei alles. Aber auch bei unsern wissenschaftlichen Kuren tut sie wenigstens das meiste, und wieviel wir auch mit unsern künstlichen Mitteln leisten mögen, so unterstützen wir bloß damit die Heilkraft der Natur, die Heilung selbst ist lediglich ihr Werk. Das haben von jeher alle erfahrene und denkende Ärzte eingesehen, und auch ich selbst habe mich davon in meiner vieljährigen Praxis zur Genüge überzeugt. Ich habe bei Epidemien, sowohl in der Stadt als auf dem Lande, deren ich sehr viele zu behandeln hatte, gesehen, daß viele sehr schwer Erkrankte, welche, wie das bei dem gemeinen Volk gewöhnlich der Fall ist, gar keine Arzeneien nahmen, ebenso bald und ebenso vollständig genasen als andere, welche alles nahmen, was ich ihnen verordnete. Ebenso habe ich bei chronischen Krankheiten sehr oft die Erfahrung gemacht, daß ich bei ihnen weit mehr mit einer angemessenen, streng gehaltenen Diät ausrichtete als mit den Arzeneien, die ich aus der Apotheke verschrieb. Ohne Zweifel haben auch andere Ärzte diese Erfahrungen nicht minder häufig gemacht und gleich mir, durch diese vielfältigen Erfahrungen belehrt, die Maxime befolgt, nur da tätig einzuschreiten, wo die Heilung der Natur nicht allein überlassen werden kann. Allerdings kommen solche Fälle oft vor, aber ebenso oft kommen auch die entgegengesetzten[377] vor, und hier ist es offenbar, daß die Kunst mehr schadet als nützt, ja wo sie oft noch weit mehr schaden würde, wenn die Natur nicht wieder gutmachte, was die Kunst verdarb. Wie wahr dieses ist, ersieht man schon daraus, daß bei allem Wechsel der Heilmethoden, welche die von Zeit zu Zeit aufkommenden Systeme zur Folge gehabt, dennoch die Zahl der Genesenen und Gestorbenen im ganzen immer dieselbe gewesen. Geschadet hat dieser Wechsel der Heilmethode allerdings, und er mußte schaden, weil die Theorien, worauf sie sich gründeten, einseitig waren, denn alles Einseitige schadet und muß schaden. Aber was war's, was ist's, und was wird's immer sein, was da macht, daß auch die einseitigste verderblichste Methode nicht soviel schadet, als man mit Recht fürchten sollte? Die Heilkraft der Natur ist's, die, wie sie überhaupt nur zu oft unsere Ehrenretterin ist, zum Glück auch unsere größern gegen sie begangenen Unbilden wieder gutmacht. Siegreich über alle Methoden, die bisher aufgekommen, stand sie da, siegreich über alle, die künftig aufkommen werden, wird sie dastehen, und nur die Methode, die ihr abgelernt ist, die auf Erfahrung gegründete und auf dem Weg der Erfahrung immer mehr vervollkommnete, die empirisch-rationelle, vermag sie in ihrem Sieg zu unterstützen. Daher ist das Krankenbette die wahre Schule für den praktischen Arzt, und nur in dieser Schule kann er sich zu einem solchen bilden. 2. Ich bin weit entfernt, die Fortschritte zu verkennen, welche die Medizin als Wissenschaft in neuern Zeiten gemacht hat. Ich weiß und schätze es sehr hoch, was in der Anatomie, Physiologie, Pathologie, Pharmazie usw. teils auf dem Weg der Beobachtung, teils auf dem Weg der Spekulation getan worden. Aber ich glaube, daß noch sehr viel fehlt, um auf die bereits gewonnenen halben Begriffe von dem Wesen des Organismus und seinem gesunden und kranken Leben ein auch für die Praxis brauchbares System bauen zu können, ja ich zweifle, ob wir überhaupt jemals zu einem solchen System gelangen werden.[378] Wie viele Systeme der Heilkunde sind nicht bereits aufgestellt worden, aber können wir wohl von irgendeinem sagen, daß es uns am Krankenbette nicht im Stiche gelassen hätte? So viel sie bei ihrer Erscheinung versprachen, so viele Anhänger sie fanden, so hoch sie im Anfang gepriesen wurden, sie haben alle ihren Tag erlebt, das Brownsche so gut als das Boerhaavsche, das näturphilosophische so gut als das Brownsche, und so viele auch in der Folge aufstehen mögen, sie werden alle das gleiche Schicksal haben, denn opinionum commenta delet dies. Ein für die Praxis brauchbares System kann nur auf lautere, durch keine spekulative Ansicht getrübte Erfahrung gebaut werden, und ein solches ist allein das empirisch-rationelle, zu welchem die Alten, und vorzüglich Hippokrates, den Grund gelegt haben. Die spekulativen Systeme mögen wohl die Fortschritte der Wissenschaft beurkunden und dem Scharfsinn ihrer Urheber Ehre machen; am Krankenbett macht nur Erfahrung den Meister, und um als Meister zu handeln, sind nur praktische Grundsätze, h.h. unmittelbar aus der Erfahrung abgeleitete Regeln und Maximen des Handelns nötig und nützlich. 3. Ich bin weit entfernt zu behaupten, unsere bisher aufgekommenen spekulativen Systeme hätten für die Praxis gar keinen Nutzen gehabt; die schärfere Beobachtung der Erscheinungen der Krankheiten, wozu ihre Prüfung am Krankenbette führte, müßte auch zu einem schärfern Studium der Gesetze des kranken Lebens anregen und zu nützlichen Resultaten für die Praxis führen, auf welche man vielleicht ohne sie nicht gekommen wäre. Allein ich glaube, daß sie auf der andern Seite wohl ebensoviel geschadet haben, indem sie, selbst auf einseitige Ansichten gegründet, auch dem Beobachtungsgeist eine einseitige Richtung gaben, wodurch er statt mit der gehörigen Freiheit und Unbefangenheit, vielmehr im Geist des Systems zu wirken bestimmt wurde ? eine Richtung, vor welcher auch der Unbefangenste nicht sicher ist und welche zu nehmen er um so leichter versucht wird, je mehr ihm einerseits das System selbst[379] wegen seiner Neuheit, der scheinbaren Richtigkeit seiner Prinzipien und der Konsequenz, mit welcher es durchgeführt ist, einleuchtet und je mehr ihm anderseits um des Gewinns willen, welchen er für die Praxis von ihm erwartet, daran gelegen ist, es durch seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu bestätigen. So hat von jeher jedes neu aufgestellte System wie seine Anhänger und Verfolger auch seine Beförderer unter den praktischen Ärzten gefunden. Getäuscht von allen vorhergegangenen Systemen, aber eben deswegen das Bedürfnis eines bessern um so stärker fühlend, greifen sie mit beiden Händen nach dem neuen. Sie glauben, weil es noch mehr verspreche, leiste es auch mehr. Sie fangen an, nach demselben zu handeln, und die gemachten Kuren scheinen es zu bestätigen, weil sie dieselben den Grundsätzen des Systemes gemäß deuten. Allein sie bedenken nicht, daß die Grundsätze des Systems selbst von einseitigen Beobachtungen und Erfahrungen abstrahiert sind und daher unmöglich allgemeingültige Grundsätze sein können, wie doch ein jedes System, das haltbar sein soll, fordert, und wenn früher oder später das System fällt, werden sie mit Schrecken gewahr, daß sie abermals getäuscht worden. Um nur ein Beispiel anzuführen, welche Sensation hat nicht das Brownsche System bei seiner Erscheinung gemacht! Haben ihm nicht alle erfahrenen Ärzte so gut wie die jüngern gehuldigt? Haben sie nicht ihr früheres Wissen als eiteln unnützen Quark gegen die Brownsche Lehre vertauscht? Haben sie nicht von dem Augenblick an, da sie zu ihm übergingen und nach Brownschen Grundsätzen zu handeln anfingen, ihre Erfahrungen diesem Grundsatze gemäß erklärt? Haben sie nicht diese Erfahrungen als ebenso viele Beweise für die Richtigkeit jener Grundsätze angesehen und auf alle Weise geltend zu machen gesucht? Aber das Brownsche System, von unbefangenern, der wahren Erfahrung treuer gebliebenen Ärzten näher geprüft und gestürzt, fiel wie alle seine Vorgänger. Seine Anhänger kamen zur Besinnung, schämten sich, Brownianer gewesen zu sein, dankten Gott für die der Natur verliehene Heilkraft; und also bekehrt gingen sie wieder zu ihrem verlassenen rationellen Empirismus über. Diese temporären Verirrungen schaden zwar durch die Mißgriffe,[380] zu denen sie in der Praxis verleiten, sehr viel, und sie würden ohne Zweifel noch mehr schaden, wenn die Natur nicht wieder gutmachte, was jene Mißgriffe verderben. Aber ich glaube, daß der Schaden noch größer ist, welchen sie in der Heilkunst selbst verursachen. Sie machen die frühern Erfahrungen zweifelhaft, sie bereichern die Heilkunst mit keinen sichern neuen Erfahrungen, der allgemeine Gewinn an wahrer Erfahrung wird geschmälert, und die Ausbildung das einzig wahre, für die Praxis brauchbarere System, des empirisch-rationellen, wird in ihren Fortschritten aufgehalten. 4. Ich bin überzeugt, daß unser Heilmittelapparat, sosehr er auch mit entbehrlichen und mit Recht auszumerzenden Mitteln überladen ist, doch einen ungleich größern Schatz von wirksamen Mitteln aller Art hat. Allein ich bin ebensosehr überzeugt, daß wir von einem schon großen Teil derselben noch nicht den rechten Gebrauch zu machen verstehen. Was uns hieran hindert, ist erstlich der häufige Wechsel unserer Theorie und Systeme. Jedes neue System bewirkt eine andere Ansicht der Krankheiten, die veränderte Ansicht der Krankheiten hat auch eine andere Ansicht der Wirkungsart der Heilmittel zur Folge, und nichts ist natürlicher, als daß bei diesen immer veränderten Ansichten ihrer Wirkungsart die Indikationen zu ihrem Gebrauch auf gleiche Weise unbestimmter und unsicher werden. So wurden z.B. der Moschus und das Opium, die früher allgemein für antispasmedische Mittel gehalten wurden, durch das Brownsche System zu reizenden, durch das naturphilosophische zu antiphlogistischen. Wie können wir wohl unter diesen Umständen unsere Heilmittel ihren Kräften gemäß anwenden lernen? Woraus sollen wir die Indikationen zu ihrem Gebrauch schöpfen, da die einzig lautere Quelle so getrübt ist? Wer sieht hier nicht die schlimme Wirkung unserer theoretischen Systeme? Ein anderes, ebenso großes Hindernis des richtigen Gebrauchs unserer Heilmittel, und insbesondere der Arzneien aus den Apotheken, ist, daß wir sie so selten einzeln, sondern gewöhnlich[381] in Verbindung mit andern anwenden. Ich spreche nicht von Zusammensetzungen, wie wir sie in den Rezepten solcher Ärzte finden, die für jedes einzelne Symptom ein eigenes Mittel verschreiben; auch die einfachen. Rezepte, die von richtigen Indikationen diktiert und in denen den Hauptingredienzen keine adjuventia, corrigentia usw, beigemischt sind, sind nicht immer einfach genug. Es sind dem Hauptmittel immer noch mehr oder weniger Nebenmittel, oft von nicht minderer Wirksamkeit, beigemischt, und ebendiese Beimischung macht, daß wir die eigentliche Wirkung des Hauptmittels unmöglich ganz genau kennenlernen können. Zwar gibt es manche Kompositionen, von denen die einstimmige Erfahrung aller guten Praktiker lehrt, daß sie nur als solche die beabsichtigte Wirkung hervorbringen, wie z.B. das Dowersche Pulver. Allein um die Kräfte eines Arzneimittels ganz genau kennenzulernen, ist es schlechterdings notwendig, daß wir es für sich allein anwenden. So haben wir den Gebrauch der Chinarinde in den Wechselfiebern, des Opiums und Moschus im Typhus, des Quecksilbers in entzündlichen Krankheiten, des Eisens in der Bleichsucht kennengelernt, und so werden wir sicher auch zur genauen Kenntnis der Kräfte anderer Arzneimittel gelangen. Arzneimittel, deren Wirksamkeit durch sichere Erfahrungen erprobt ist, bleiben immer wirksame Mittel, es kommt nur darauf an, daß wir sie jederzeit da anwenden, wo sie wirklich passen. Dies geschieht offenbar noch weit nicht bei allen; wir werden es aber lernen, wenn wir sie, soviel möglich, allein, ohne Verbindung mit andern, anwenden und genau auf die Umstände achten, unter welchen sie die ihnen zukommenden Kräfte äußern. Vermischen wir sie mit andern, und zumal von ähnlicher Wirkung, so können wir nie genau beurteilen, welches eigentlich gewirkt hat. Verordern wir hingegen jedes für sich und geben wir genau auf die Umstände acht, unter welchen es seine Kraft äußert, so kann es nicht fehlen, wir werden bald wie seine Kräfte selbst auch die Indikationen zu seiner Anwendung genauer kennenlernen.[382] 5. Ich bin überzeugt, daß unter den täglich neu aufkommenden Heilmitteln viele sehr wirksam sind. Allein ich bin ebensosehr überzeugt, daß nur eine Reihe auf das sorgfältigste angestellter Beobachtungen über ihren Wert entscheiden kann. Wir glauben dem, was ihre Erfinder von ihnen rühmen, zu sehr, wir sind sogleich bereit, Versuche mit ihnen zu machen, und wenn uns diese Versuche einigemal gelingen, so glauben wir, wunder was für einen Gewinn wir an dem neuen Mittel gemacht haben. So geht es uns mit den meisten dieser neu aufkommenden Mittel, und zum Beweis will ich nur die Angusturarinde, die Blausäure, die Jodine, die Rathania anführen. Kaum hatte man die Angusturarinde kennengelernt, so glaubte man schon, an ihr ein ebenso wirksames Mittel als an der Chinarinde zu haben. Nicht weniger Lobeserhebungen machte man auch von der Jodine, der Rathania, der Blausäure usw. Allein je mehr man die Lobpreisungen dieser neuen Arzneimittel übertrieb, desto mehr vernachlässigte man die alten, und selbst die wirksamsten fingen an, außer Gebrauch zu kommen. So verdrang die Jodine den sonst so bewährten Kropfschwamm. So sollte die Blausäure als beruhigendes Mittel mit dem Opium gleichen Rang einnehmen. So fand man an der Rathania ein alle andere übertreffendes Adstringens. ? Aber was waren die Folgen dieser voreiligen Lobpreisungen? Wie wenige dieser Mittel haben den Glauben an sie gerechtfertiget? Wie viele haben schon jetzt wieder ihren Kredit verloren, und wie viele von denen, die ihn noch behaupten, werden ihn behalten? Wie sie die alten, längst bewährten zu verdrängen drohten und zum Teil wirklich verdrangen, so werden auch sie wieder von neuen verdrungen werden, und nur diejenigen werden diesem Schicksal entgehen, welche die Probe fortgesetzter unbefangener Beobachtungen ausgehalten haben. In der Heilkunst kann nur die Erfahrung entscheiden, und nur der Stempel ist der echte, welchen die Erfahrung aufdrückt. 6. [383] Ich bin überzeugt, daß mittelst der mit den Fortschritten in den Naturwissenschaften gleichen Schritt haltenden Ausbildung des empirisch-rationellen Systems am Krankenbette die praktische Heilkunde allmählich sich zu einer Kunst erheben wird, welche den Spottnamen einer Ars conjecturalis nicht mehr verdient. Aber ich bin ebensosehr überzeugt, daß auch dann zum Glück in ihrer Ausübung ebensowenig als bisher das Savoir faire fehlen darf, und es wird immer wahr bleiben, was Richter sagt, daß, um ein gesuchter Arzt zu werden, ein Drittel Wissenschaft und zwei Drittel Savoir faire die rechte Proportion sei. Wie immer werden auch die größten Ärzte, wenn sie sich bloß auf ihre Kunst verlassen, ungesucht zu Hause sitzen; um sich bei dem Publikum geltend zu machen, müssen sie auch seine Gunst zu gewinnen wissen, und diese läßt sich nur durch persönliche Eigenschaften gewinnen, durch zuvorkommende Dienstfertigkeit, schmeichlerische Gefälligkeit, mitleidige Teilnahme an den Leiden der Kranken, geduldiges Anhören ihrer Klagen, kluge Nachgiebigkeit gegen ihre Launen und, was insbesondere das weibliche Geschlecht betrifft, durch ein ihrer Eitelkeit schmeichelndes galantes Betragen. Das ist nun freilich nicht die Sache eines jeden sich seiner Tüchtigkeit bewußten und auf seine Würde haltenden Arztes; allein dafür werden ihnen auch die geschmeidigen, gefälligen, schmeichelnden und bei dem weiblichen Geschlecht den Rat des Mephistopheles1 befolgenden Ärzte in der Regel den Rang ablaufen. Hierzu kommt, daß die wissenschaftlichen Ärzte allerweits bald mehr, bald weniger Scharlatans neben sich haben, welche bekanntlich unter dem leichtgläubigen, wundersüchtigen Volk einen um so größern Anhang finden, je mehr sie wie die Gaßner und Hohenlohe seinen Glauben an Wunder, die Cagliostros und Mesmer an verborgene Naturkräfte, durch welche zu wirken nur wenigen auserwählten Menschen gegeben sei, und wie Hahnemann und seine Jünger an den homöopathischen Unsinn zu ihren Zwecken zu benutzen verstehen.[384] Ich komme nun zu meinem religiösen Glaubensbekenntnis, und ich scheue mich nicht, dieses mit ebender Offenheit abzulegen wie mein medizinisches. Auch abgesehen, daß jeder Mensch das Recht hat, auch in religiösen Angelegenheiten seiner Überzeugung zu folgen, ein Recht, welches ihm weder der Staat noch die Kirche nehmen kann, so ist es bloß meine individuelle Überzeugung, die ich ausspreche, und da ich weit entfernt bin, einen andern in der seinigen zu stören, so darf ich hoffen, daß weder die Kirche das Anathema über mich aussprechen noch irgendein christlicher Staat, in welchem die drei verschiedenen christlichen Konfessionen friedlich nebeneinander bestehen und neben den Christen auch die Juden geduldet werden, so inkonsequent sein werde, mein Glaubensbekenntnis zu einem Attentat gegen den Staat zu qualifizieren. Von christlichen Eltern gezeugt und in einem christlichen Lande geboren, von meiner frühesten Jugend an in den Lehren des Christentums unterrichtet und als Staatsbürger gehalten, mich zu demselben zu bekennen, nenne ich mich nicht nur einen Christen, sondern ich bekenne mich auch von ganzem Herzen zu dem Christentum, aber nur zu dem ursprünglichen reinen Christentum, nicht zu dem, welches die christlichen Priester aus demselben gemacht haben. Nach seinem ursprünglichen reinen Sinn ist das Christentum nichts weiter als eine Sittenlehre, welche die Menschen besser machen sollte und schon ihrer innern Vortrefflichkeit wegen diesen Zweck nicht verfehlen kann. Aber an dieser Sittenlehre allein genügt es den christlichen Priestern nicht, die Hauptsache ist ihnen der Glaube, der Glaube an Jesum, den Sohn Gottes, d.h. der Glaube an das System von Dogmen, zu welchem zwar Jesus, indem er als ein geborener und erzogener Jude über den Zweck seiner Sendung und seinen Versöhnungstod auf jüdische Weise sprach, Veranlassung gab, welches aber in der großen Gestalt, in welcher es vor uns liegt, nicht sein Werk, sondern das Werk der christlichen Priester ist. Dieses System von Dogmen nun aufrecht zu erhalten, es immer mehr zu befestigen, es immer weiter auf der Erde zu verbreiten, war von jeher das unablässige Bestreben der christlichen Priester, es ist es noch und wird es bleiben, solange es christliche[385] Priester gibt. Ich bin weit entfernt, dem Priesterstand auf irgendeine Art zu nahezutreten; ich bin überzeugt, daß es Priester von allen Konfessionen gibt, die von Herzen glauben, was sie lehren, und ich ehre den Eifer, mit welchem sie jedem Zweifel an der Wahrheit ihrer Lehren zu begegnen und die Ungläubigen auf den Weg einer bessern Erkenntnis, wie sie sagen, zu bringen suchen. Aber ich bin ebensosehr überzeugt, daß einem großen Teil mehr daran liegt, daß die Lehren geglaubt werden, als daß sie wirklich wahr seien. Hörten die Menschen auf, an die Gottheit Jesu zu glauben, so wäre es um das ganze geistliche Ansehen der christlichen Priesterschaft geschehen. Die Priester wären nicht mehr die Nachfolger der mit dem Heiligen Geist erfüllten Apostel, und der Papst in Rom wäre nicht mehr der Statthalter Christi. Das christliche Dogmensystem würde für ein Machwerk der Priester angesehen werden, und sie selbst würden aufhören, die Organe zu sein, durch welche ihrem Vorgeben nach Gott noch jetzt zu den Menschen spricht. Aber welcher Priester, der sich in seiner Priesterwürde gefällt und weiß, was für ein mächtiges Mittel, auf die Menschen zu wirken, in seinen Händen liegt, wird wohl so unklug sein, sie nicht an einem Glauben festzuhalten, auf dessen Fortdauer das hohe Ansehen und die große Macht beruht, welche der Priesterstand von jeher behauptet und so wohl zu benutzen gewußt hat? Nur als ein von Gott eingesetzter Stand konnte es die Priesterschaft wagen, einen Staat im Staat zu bilden und dem geistlichen Staat die Macht zu verschaffen, den weltlichen zu beherrschen. Wohl ist diese Priestermacht nicht mehr so groß wie in dem Mittelalter, wo der römische Papst sich wirklich als einen Gott auf der Erde benehmen durfte. Aber sie ist nur als weltliche Macht geringer geworden, als Herrscherin über die Gemüter ist sie noch immer wirksam genug, und was ihre Fortdauer bisher vorzüglich gesichert hat und auch noch lange genug in der Folge sichern wird, ist ohne Zweifel der frühzeitige Unterricht der christlichen Jugend in dem Priesterchristentum. Schon die kleinsten Kinder werden mit den christlichen Glaubenslehren bekannt gemacht, die Unterweisung in denselben wird von Jahr zu Jahr fortgesetzt, und den Erwachsenen gibt der christliche[386] Kultus Gelegenheit genug, sich jenes Jugendunterrichts zu erinnern. Diese frühzeitige Unterweisung in den Lehren des Priesterchristentums macht, daß man sie auch im reifern Alter so fortglaubt, wie man in der Jugend davon belehrt worden. Der blinde Glaube, durch die Gewohnheit je länger, je fester wurzelnd, verwandelt sich, wie dies immer der Fall ist, wenn man über einen Gegenstand lange auf dieselbe Art gedacht hat, in scheinbare Überzeugung. Die gedankenlose Beobachtung der kirchlichen Gebräuche bestärkt in dieser Überzeugung und macht sie fester und fester, je gedankenloser sie ist. Die vermeinte Heiligkeit der Lehre macht sie zu einem Noli me tangere, und die Furcht, sie zu profanieren, schreckt sie von jeder Prüfung derselben ab. ? So ist es freilich kein Wunder, daß sich der Glaube an das christliche Dogmensystem so viele Jahrhunderte lang erhalten hat, und ich gestehe, daß auch ich in meinen jüngern Jahren ihm, wie so viele tausend andere, gehuldigt habe. Allein sobald ich anfing, mehr selbst zu denken, verminderte sich bei mir die Scheu, auch über religiöse Gegenstände nachzudenken, und das erste, nachdem ich diese Scheu überwunden hatte, war, daß ich die Bibel las wie jedes andere Buch. So fand ich in derselben zwar die interessantesten Erzählungen, die trefflichsten Charakterschilderungen, die größten Wahrheiten, die weisesten Sittensprüche, die erhabensten und rührendsten Dichtungen, aber auch daneben die scheußlichsten Taten, selbst von den Lieblingen Gottes begangen, die größten Irrtümer neben den größten Wahrheiten, die abgeschmacktesten Vorschriften neben den weisesten Sittensprüchen. Bei diesem Ergebnis meines Bibellesens und meines Studiums der biblischen Schriften konnte ich natürlicherweise nicht mehr an die Bibel als an eine von Gott eingegebene Schrift glauben; ich sah sie an als eine Sammlung von Schriften, deren Verfasser schrieben, wie es ihr Zeitalter, der Grad ihrer geistigen Bildung, das Maß ihrer Kenntnisse und ihrer individuellen Ansichten mit sich brachten, und so betrachtete ich nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament. Die Evangelisten und Apostel hielt ich nicht mehr für von Gott inspirierte Männer, sondern für Menschen wie alle andern und so auch ihren Herrn und Meister,[387] Christus selbst. Ich ließ das Wunderbare in seinem Leben auf sich beruhen, das Unverständliche in seinen Aussprüchen maß ich seinen Aposteln, die über den Sinn derselben offenbar selbst nicht immer im klaren waren, bei, und in Hinsicht auf das, was er über seine eigene Person, den Zweck seiner Sendung, seinen Versöhnungstod, seine dereinstige Wiederkunft usw. sprach, war es mir klar, daß er sich seinen Jüngern nicht anders verständlich machen konnte, als daß er sich ihrer jüdischen Vorstellungsart gemäß ausdrückte. Wie er selbst bis zu seinem Tode ein Jude blieb, so hatte er auch nicht die Absicht, das Judentum zu stürzen, er wollte bloß der Reformator desselben sein, und wenn er sein Leben am Kreuz endigte, so starb er nicht als Sühnopfer für die Menschen, sondern als Märtyrer seiner Lehre ? ein Opfer des Priesterhasses. So blieb mir denn als reine Ausbeute meines Bibellesens in Beziehung auf Christus bloß seine Sittenlehre übrig ? aber eine Sittenlehre, zu welcher sich jeder bekennen muß, der sie von jenen unwesentlichen Beiwerken zu trennen weiß und mit Freuden bekennt, weil sie nicht nur auf die tiefste Kenntnis der menschlichen Natur gegründet, sondern auch mehr als jede andere dem Bedürfnis des Menschen angemessen ist. Sie leistet alles, was der Mensch zur Führung eines seiner Natur und seiner Bestimmung gemäßen Lebens bedarf. Sie gibt ihm nicht bloß trockene Lehren, zu deren Befolgung er keinen innern Antrieb hat, sie wirkt auch auf sein Gemüt, sie erwärmt auch sein Herz, indem sie nicht bloß seine vernünftige, sondern auch seine sinnliche Natur in Anspruch nimmt. Kein Religionslehrer, soviel ihrer auch in der Welt aufgetreten sind, hat wohltätiger auf die Menschheit, keiner so fortdauernd wohltätig gewirkt wie er. Keiner hat die Menschen der Gottheit nähergebracht, keiner sie mehr zu ihr erhoben wie er. Denn welches Verhältnis der Gottheit zu den Menschen kann näher und inniger sein als das Verhältnis eines liebevollen Vaters zu seinen Kindern? Der Gott Jesu ist kein Wesen außerhalb der Welt, welches der Mensch nur von fern anbeten, welches er nur fürchten, nicht lieben kann, sondern er ist ein Wesen innerhalb der Welt, welches zwar unsichtbar, aber überall gegenwärtig ist, welches auch[388] die geheimsten Gedanken der Menschen kennt, welchem aber auch jeder Mensch seine geheimsten Gedanken vertrauen darf, weil es die reinste Liebe und Güte ist. Nur eine solche Vorstellung von Gott kann die Menschen Gott näherbringen, kann eine wahre Liebe zu ihm, ein wahres Vertrauen zu ihm, eine wahre Scheu vor ihm, eine wahre Furcht vor dem Bösen und ein aufrichtiges und ernstliches Bestreben nach dem Guten erzeugen, und ein solches Wesen ist der Gott Jesu, er ist der liebevolle Vater der Menschen. Dieser Vater will, daß seine Kinder glücklich sein sollen, und die Bedingung ihrer Glückseligkeit ist der Gehorsam gegen seine Gebote. Die Erkenntnis dieser Gebote ist die höchste Erkenntnis, nach welcher sie zu streben haben, und welches Verdienst um die Menschheit könnte wohl größer sein als das Verdienst des Mannes, der sie zur Erkenntnis jener Gebote geführt und in Befolgung derselben sich ihnen als das vollkommenste Muster aufgestellt hat? Dieser Mann ist Christus, und wenn je ein Mensch ein Gesandter Gottes genannt werden kann, so war er es. Er ist der Repräsentant der reinen menschlichen Natur, der wahre Gottmensch, denn sein ganzes Leben auf Erden war Ausdruck des Göttlichen im Menschen. Wie hätte wohl dieser Gottmensch, dessen ganzes Geschäft auf Erden die Verkündigung und Verbreitung seiner Sittenlehre und dessen ganzes Leben ein Tun nach den Vorschriften derselben war, der Urheber eines Dogmensystems sein wollen oder können, welches so viel Unheil in der Welt angerichtet, so viele Kriege veranlaßt hat und auch jetzt noch, ungeachtet der minder großen Gestalt, die es seit der Reformation erhalten, Spaltungen unter den Bekennern des Christentums unterhält, die wie in dem Mittelalter in die grimmigsten Verfolgungen ausarten würden, wenn es nicht der Talisman verhinderte, den man Toleranz nennt. Christus war kein Theolog wie unsere christlichen, der gleich einem Professor auf dem Katheder seinen Zuhörern sein dogmatisches System vortrug. Er hielt ihnen keine Vorlesungen über das Wesen Gottes, seine Eigenschaften und seine Geheimnisse. Er suchte nicht ihnen begreiflich zu machen, wie Gott einen Sohn haben könne und wie er selbst dieser Sohn sei. Er sagte ihnen nicht, was die[389] dritte Person in der Gottheit, der Heilige Geist, sei, von wem er ausgehe, von dem Vater allein oder von dem Vater und Sohn zugleich, und wie es mit den Wirkungen dieses Geistes auf den Menschen zugehe. Was er sie lehrte, waren die richtigen Begriffe, welche er ihnen über ihr Verhältnis zur Gottheit beibrachte, war die Bezeichnung des Weges, auf welchem allein sie in dieses Verhältnis kommen können, waren die praktischen Lehren, welche er ihnen gab, Lehren zur Erzeugung gottseliger Gesinnungen, Maximen zur Führung eines Gott wohlgefälligen Lebens. Liebet Gott über alles und euren Nächsten wie euch selbst, vertraget euch untereinander wie Brüder, liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, segnet die, die euch fluchen usw. Dies sind die Lehren, die er immer im Munde führt, die er in seinen Parabeln bald unter diesem, bald unter einem andern Bilde anschaulich macht und, was die Hauptsache ist, in deren Befolgung er ihnen als das vollkommenste Muster vorleuchtet. Diese Lehren sind der ganze Inbegriff des Christentums, sein Anfang und Ende. Sie kann auch der gemeine Menschenverstand fassen, und schon dem Kinde können sie beigebracht werden, sobald es Gehorsam gegen seine Eltern gelernt hat. Aber was haben die Priester aus diesen so einfachen, so leicht faßlichen Lehren gemacht? Eine geheimnisvolle, unbegreifliche, unfruchtbare Glaubenslehre, welche, indem sie Jesum, den Sittenlehrer, zu einem Sohn Gottes und seinen Tod zu einem Sühnopfer für die Sünden der Menschen macht, das Wesen des Christentums ganz verkennt und die Ursache ist, daß das Christentum zu einer Religion an ihn, d.h. zu einer neuen Art von Götzendienst, geworden, nicht viel besser als der alte heidnische, den es verdrängen sollte. Man lese die Kirchengeschichte, und man wird davon keinen weitern Beweis verlangen. Nun liegt freilich nichts daran, ob jemand vor einem hölzernen Christus anbetend niederfällt und von einer heiligen Reliquie Wunderkräfte erwartet, wenn er nur dadurch zum Guten geleitet wird, und es ist unvernünftig und unrecht, über solchen Aberglauben zu spotten. Allein nicht minder unvernünftig und unrecht ist es, einer solchen Religion das Wort in Zeiten zu reden, wo der aufgeklärtere Teil des Volks das Abgeschmackte[390] und Widersinnige derselben einsieht. Der Aufgeklärte ver langt eine vernünftigere Religion, und wenn er gleichwohl an jene zu glauben gehalten wird, so widerstrebt er nicht nur diesem Gebot, sondern er wird auch dadurch veranlaßt, die Religion überhaupt für etwas anzusehen, das nur für das gemeine Volk als Zügel seiner Begierden und Leidenschaften gehört. Darin liegt die wahre Ursache des so sehr beklagten Mangels an Religiosität in unserer Zeit unter den gebildetern Volksklassen, und die christlichen Priester mögen sich bemühen, wie sie wollen, das Ansehen ihres Dogmensystems aufrechtzuerhalten, so werden ihre Bemühungen je länger, je weniger von Erfolg sein. Das Heil der christlichen Kirche beruht allein auf der Wiederherstellung des Christentums in seiner ursprünglichen Reinheit; dahin sollten die Priester arbeiten und nicht warten, bis entweder ein neuer Luther das Christentum von der Pfaffenschmiere, wie Lichtenberg das Priesterchristentum nennt2, reinigt oder die Regierungen, einsehend, daß für aufgeklärte Völker keine abergläubische Religion mehr taugt, ihnen in der Reform, die von ihnen selbst ausgehen sollte, zuvorkommen. Das Wesen des Christentums ? ich kann es nicht genug wiederholen ? besteht in seiner Sittenlehre, deren Befolgung freilich nicht so bequem ist als der blinde Glaube an gewisse Lehrmeinungen und weit mehr fordert als die Beobachtung unwesentlicher Zeremonien. Besserung des Herzens, Umschaffung des sinnlichen Menschen in einen moralischen ist sein hohes Ziel, und der Weg zu diesem Ziel ist der von Christus, als dem größten aller Sittenlehrer, eröffnete. Seine Sittenlehre soll den Menschen von der Knechtschaft der Sinnlichkeit befreien, sie soll dem Erzfeind der Moralität, dem Egoismus, steuern, sie soll die Menschen zu Brüdern machen, sie soll die Furcht vor der Gottheit in Liebe zu ihr verwandeln, sie soll sie verehren und anbeten lehren nicht durch äußern Dienst (Gottesdienst), sondern, wie die Schrift sagt, im Geist und in der Wahrheit, d.h. als das höchste moralische Wesen, welches der Mensch nur dadurch auf eine ihrer und seiner würdige Art verehren kann,[391] daß er als ihr Nachbild in seiner beschränkten Sphäre handelt wie sie in ihrer unendlichen, nämlich als vernünftiges Wesen, dessen Aufgabe ist, in allen Verhältnissen seines Lebens seine Handlungsweise nach den Gesetzen der Vernunft zu bestimmen. Dies war der hohe Sinn des Stifters des Christentums, und wenn auch er gleich allen andern Religionsstiftern zur Befolgung seiner Lehren die Sinnlichkeit in Anspruch nahm, so geschah es, weil er ihnen dadurch auch bei den rohen, sinnlichen Menschen Eingang verschaffen wollte. Nur der gebildete Mensch, und, wie die Erfahrung lehrt, auch dieser nicht immer, vermag die einfache moralische Lehre aus reiner Achtung vor derselben zu befolgen; der rohe, ungebildete Mensch bedarf dazu schlechterdings auch sinnlicher Motive. Er bedarf des Glaubens an einen Gott, an welchem der Mensch einen steten Zeugen seiner Handlungen, einen steten Behorcher auch seiner geheimsten Gedanken habe. Er bedarf des Glaubens an den Schutz dieses Gottes, welchen er im Gebet anrufen müsse, damit er ihn auf den betretenen guten Weg fortleite, ihn aufrechterhalte, wenn er strauchle, und wieder aufrichte, wenn er falle. Er bedarf des Glaubens an einen Versöhner mit Gott, der sich für die Sünden der Menschen geopfert habe und zur würdigen Vollbringung dieses Werks selbst Gott (der Sohn Gottes) sein müsse. Er bedarf endlich des Glaubens an ein künftiges Leben, wo das gesamte Menschengeschlecht vor den Richterstuhl dieses Gottes und seines Sohnes gefordert und die Guten die ihnen verheißenen Belohnungen, die Bösen die ihnen angedrohten Bestrafungen erhalten werden. Diese und andere dergleichen Glaubensartikel sind die Grundlage aller positiven Religionen, und sie müssen es sein, weil das Wesen jeder positiven Religion in dem Glauben an eine Macht besteht, welcher der Mensch unbedingt und blindlings gehorchen muß, wenn er ihrer Rache entfliehen will. Auch Christus hat dieses wohl erkannt, und obschon bei der Religion, die er stiftete, sein Zweck die moralische Besserung der Menschen war, die schlechterdings des Menschen eigenes freies Werk sein muß, so kannte er doch die Menschen zu gut, um eine höhere Sanktion seiner Sittenlehre[392] für entbehrlich zu halten, und so ist er allerdings auch dadurch ein Wohltäter der Menschheit geworden, daß er dieselbe als eine von Gott kommende aufgestellt und die Befolgung ihrer Vorschriften als den Befehl Gottes ausgesprochen hat. Allein so wenig es überhaupt eine geoffenbarte Religion gibt, so wenig ist auch das Christentum eine solche. Es ist eine Vernunftreligion, und es ist kein Zweifel, daß sie wie jetzt schon von dem Weisen im Volk einst auch allgemein dafür erkannt werden wird. Aber solange das gemeine Volk, zu welchem, was die Religion betrifft, unstreitig auch der größte Teil der Aufgeklärten und Gebildeten gehört, noch unter der Herrschaft der Sinnlichkeit steht, kann von einer Vernunftreligion weder überhaupt die Rede sein, noch darf auch das Christentum als eine solche aufgestellt werden. Wie zu der Zeit, da Christus als Stifter derselben auftrat und seine Apostel die neue Lehre aller Welt verkündigten, wie zu der Zeit, da die christlichen Priester die nordischen Barbaren, welche das Römische Reich in Besitz genommen, zu Christen machten, bedürfen auch die jetzigen christlichen Völker nicht minder als die heidnischen, zu deren Bekehrung die christlichen Staaten allenthalben hin Missionäre aussenden, des Glaubens an den göttlichen Ursprung des Christentums und an eine mit göttlicher Autorität bekleidete Kirche, welche kraft dieser Autorität lehrt, was der Mensch, um ein würdiges Glied der christlichen Gemeinde zu sein, glauben und tun soll und was er in einem künftigen Leben zu gewärtigen hat, wenn er in dem gegenwärtigen ihren Vorschriften nicht folgt. Es verhält sich nämlich mit den Vorschriften der Kirche wie mit den Gesetzen, welche die Staatsregierungen geben. Beide sind Gesetze für den sinnlichen Menschen, der, solange er nicht aus eigener Überzeugung und aus innerem Antrieb das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen vermag, durch äußern Zwang dazu angehalten werden muß. So lange es daher mit der Menschheit nicht so weit gekommen ist, daß die Menschen ihre eigene Vernunft als die höchste Gesetzgeberin anerkennen und die Befolgung ihrer Gesetze für ihre höchste Pflicht halten, so lange müssen wie im Staat auch in der Kirche positive Gesetze walten, und es würde bei dem jetzigen Stand der geistigen und sittlichen[393] Kultur ebenso voreilig und töricht sein, den Menschen den Glauben an den göttlichen Ursprung des Christentums zu nehmen und sie vom Gehorsam gegen die Kirchengesetze zu entbinden, als wenn man verlangen wollte, die Staatsregierungen sollten die Menschen sich selbst regieren lassen. ? Aber eben weil das Christentum sich dereinst zu einer Vernunftreligion erheben soll, sollte auch bei dem Unterricht in demselben vorzüglich darauf hingearbeitet werden. Die Geistlichen, denen dieser Unterricht anvertraut ist, sollten nicht wie bisher die meisten die Schale für den Kern geben, keinen höhern Wert auf das Geheimnis als auf die Lehre legen, ihre Schüler überall auf die Vernunftmäßigkeit des Christentums aufmerksam machen und den Stifter desselben vielmehr als das nachahmungswürdigste Muster eines Christen darstellen, als von ihm immer als von dem Sohn Gottes sprechen und, als bestände das Wesen des Christentums in dem Glauben an seine Gottheit, ihn zum Gegenstand einer noch höhern Verehrung und Anbetung machen als den Vater. Wie wenig die christliche Priesterschaft auf die Ausbildung des Christentums zu dem, was es seinem Wesen nach ist, ausgeht, beweist der Aufruhr, welchen die kürzlich erschienene Schrift »Das Leben Jesu« von Strauß in der orthodoxen theologischen Welt erregt hat. Seine Widersacher haben in ihren Gegenschriften klar gezeigt, um was es ihnen eigentlich zu tun ist. Sie wollten beweisen, daß der Christus, dessen Leben und Taten die Evangelisten erzählen, nicht, wie Strauß nachzuweisen sich erdreistet, eine mythische Person, ein jüdischer Rabbiner, auf welchen er selbst und seine Anhänger und Nachfolger die Weissagungen im Alten Testament von dem künftigen Messias bezogen, sondern wirklich der verheißene Messias, der Sohn Gottes in menschlicher Gestalt, gewesen sei. Allein warum kann man denn dieses alles nicht dahingestellt sein lassen? Ist es nicht genug, daß das, was die Jünger Christi ihren Meister sprechen lassen, geschrieben dasteht? Wer es gesprochen hat, mag gewesen sein, wer er will, und geheißen haben, wie er will, es steht einmal da, und es ist das Vortrefflichste, was je von einem Menschen ausgesprochen worden, ein wahrhaft[394] göttliches Wort, welches bestehen wird, solange die Welt besteht, und mit der Kraft, welche in ihm liegt, fortwirken wird, mit welcher es schon seit beinahe zwei Jahrtausenden gewirkt hat. Man hört häufig den Ärzten nachsagen, daß sie größtenteils Materialisten, Freidenker, ja manche von ihnen entschiedene Atheisten seien. Dieser Vorwurf ist ungerecht. Durch ihren Beruf auf das Studium der Natur hingewiesen und dadurch aufgefordert, die in ihr wirkenden Kräfte genauer kennenzulernen, erklären sie freilich manches als Wirkungen der Naturkräfte, was andere Leute als Wirkungen übersinnlicher Kräfte ansehen. Aber eben ihre genauere Kenntnis der Kräfte der materiellen Natur und der Gesetze, nach welchen sie wirken, macht auch, daß sie über das, was nicht Natur ist, ohne dessen Dasein aber weder eine materielle Natur möglich ist noch bestehen kann, richtiger urteilen lernen. Weit entfernt also, daß die Ärzte Atheisten sein sollten, können sie es nicht einmal sein, ja es gibt vielleicht in keinem Stand mehr wahrhaft religiöse Menschen als in dem ärztlichen, wenn man unter Religiosität das versteht, was diesen Namen wirklich verdient. Wahre Religiosität besteht nämlich weder darin, daß man fleißig in die Kirche geht und die religiösen Zeremonien pünktlich der Vorschrift gemäß mitmacht, noch ebensowenig darin, daß man sich zu gewissen Lehrmeinungen bekennt, welche die Kirche als Religionsgrundsätze aufgestellt hat, sondern sie ist ein innerer Zustand des Menschen, sie ist die religiöse Gesinnung, die ihn geneigt macht, in allen Verhältnissen seines Lebens das ihm eingeborene Sittengesetz als ein von einem höchsten moralischen Gesetzgeber stammendes Gesetz anzuerkennen und die Verbindlichkeit zu seiner Befolgung in der Stimme des Gewissens, als der Stimme jenes höchsten Gesetzgebers, zu vernehmen. Dieser Stimme unbedingt zu gehorchen, fühlt sich jeder aufgefordert, dessen inneres Ohr nicht taub gegen sie geworden; aber diese Aufforderung ist um so häufiger und stärker, je ernster und wichtiger der Beruf ist, dem er sich im Leben gewidmet hat. Der Beruf des Arztes ist unstreitig einer der schwierigsten und mühsamsten. Keiner fordert mehr Fleiß und Anstrengung, keiner mehr[395] Aufopferungen, keiner mehr Gewissenhaftigkeit. Aber wie oft ermüdet sein Fleiß! Wie oft glaubt er, unter der Last seiner Geschäfte erliegen zu müssen! Wie oft verläßt ihn seine Geduld! Wie oft erwacht der Gedanke in ihm, sich seinen Beruf durch seltenere Besuchung der Kranken, durch minder angestrengten Fleiß bei ihrer Behandlung, durch weniger Sorgen um sie leichter zu machen! Allein wodurch entgeht er allen diesen Versuchungen am gewissesten? Nicht dadurch, daß er bedenkt, von seinem Beruf leben zu müssen. Nicht dadurch, daß er sich schämt, nachdem er so viele Jahre lang tätig gewesen, jetzt auf einmal in seiner Tätigkeit nachzulassen. Nicht dadurch, daß er fürchtet, von dem Publikum weniger geehrt zu sein, nachdem er ihm als praktischer Arzt zu dienen aufgehört hat. Sondern dadurch, daß er, eingedenk seiner höhern Bestimmung, die immer gleiche Fortsetzung seiner Tätigkeit für Pflicht erkennt und in der Erfüllung derselben das Mittel findet, seine ermattende Kraft wieder zu stärken, seinen sinkenden Mut wieder zu heben, das erlöschende Feuer seiner Tätigkeit wieder anzufachen. Dies ist die große Wirksamkeit der Religiosität, wie bei allen Menschen so auch bei dem Arzt. Nur der religiöse Arzt vermag seinen Beruf stets mit dem gleichen Fleiß, der gleichen Treue und Gewissenhaftigkeit zu erfüllen. Nur er vermag, wenn er ein reicher Mann geworden, der Versuchung zu widerstehen, sein Geschäft aufzugeben und auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Nur er vermag, ohne Wider willen an die Lagerstätte der ekelhaftesten und mit frohem Mut an das Bette der mit den gefährlichsten ansteckenden Krankheiten behafteten Kranken zu treten. Nur er vermag, wenn er sich selbst nicht wohl befindet, sein eigenes Leiden zu vergessen und einen Kranken persönlich zu besuchen, der vielleicht weniger krank ist als er selbst. Alle wahrhaft große Ärzte, alle, die ihr ganzes Leben hindurch stets mit gleicher Tätigkeit gewirkt haben, alle, denen jedes Menschenleben gleich heilig war, alle, die dem Armen wie dem Reichen, dem Geringen wie dem Vornehmen stets mit gleichem Eifer gedient haben, alle, die getrost und freudig gestorben sind, sind auch religiöse Ärzte gewesen, und mir wenigstens ist keine Ausnahme bekannt.[396] Auch ich darf von mir sagen, daß ich in dem Sinn, in welchem ich das Wort Religiosität nehme, zu den religiösen Ärzten gehöre. Ich habe an mehreren Stellen meiner Lebensgeschichte geäußert, mit wie wenig Lust und Liebe ich im ganzen die Arzneikunst ausgeübt habe, der Gedanke, daß ich nie zur Meisterschaft in meiner Kunst gelangen, werde, und der Zweifel, ob ich nicht die gelungensten meiner Kuren vielmehr meinem guten Glück als meiner Kunst zu danken hatte, machten mir dieselbe verdrüßlich. Dessenungeachtet habe ich bis in mein hohes Alter die Praxis nicht nur nicht aufgegeben, sondern ich habe sie auch jederzeit so gut besorgt, als mir mein Alter gestattete. Nicht schnödes Interesse, nicht Furcht vor dem Tadel des Publikums, noch ein anderer äußerer Beweggrund hat mich dazu vermocht, sondern die Überzeugung, daß es meine Pflicht sei, meinen einmal gewählten Beruf abzuwarten, bis ich fühlte, daß mir die Kraft dazu gebrach, und diese Überzeugung habe ich gewonnen, indem ich die Erfüllung meines Berufs für eine heilige Pflicht hielt. So war ich, so denke ich, so handelte ich, und wenn ich nun als ein Greis von beinahe achtzig Jahren auf mein langes Leben zurücksehe, so muß ich sagen, daß es im ganzen ein glückliches Leben war. Ich bin von meiner Kindheit an, wenige Unterbrechungen abgerechnet, stets gesund gewesen. Mich geistig auszubilden, hat es mir an keiner Gelegenheit gefehlt. Nicht lange nach meinem Abgang von der Akademie wurde ich als Gerichtsarzt angestellt, und als ausübender Arzt war ich in meiner Praxis weit öfter glücklich als unglücklich. Im Staatsdienst ist mir in allen Stellen, die ich bekleidete, die Zufriedenheit und Achtung meiner Vorgesetzten zuteil geworden. In meinem Privatleben hat es mir nirgends an wahren Freunden gefehlt, und unter den noch lebenden ist keiner, der mir nicht treu geblieben wäre. Ich habe wohl Neider und Widersacher, aber nie einen eigentlichen Feind gehabt. Ich habe in einer ununterbrochen glücklichen Ehe gelebt, und was ich an Vaterfreuden verlor, das ersetzen mir meine Enkel, deren Heranwachsen und Gedeihen die schönste Freude meines Alters ist. Was mich[397] betrübt, ist, daß ich nicht alles geleistet habe, was ich hätte leisten sollen und können, und letzteres besonders in Nürnberg, welches ich verlassen mußte, ohne zur Verbesserung der dortigen öffentlichen Krankenanstalten etwas Bedeutendes getan zu haben. Allein ich kann mich darüber trösten, weil es nicht meine Schuld war. Ebenso kann ich mich auch trösten, wenn ich als Staatsbürger und Mensch meinen Obliegenheiten nicht überall nachgekommen bin, wie ich hätte sollen, da ich mir bewußt bin, daß nicht Mangel an gutem Willen, sondern Unvermögen und Mißtrauen in mich selbst daran schuld war. Als Staatsbürger habe ich mich stets bestrebt, ein treuer Untertan meines Fürsten, ein gehorsamer Untergebener meiner Vorgesetzten und ein wohlwollender Freund meiner Mitbürger zu sein. Als Mensch habe ich freilich manches unterlassen, was ich hätte tun, und manches getan, was ich hätte unterlassen sollen; allein auch darüber glaube ich mich beruhigen zu können, weil ich es mit aufrichtiger Reue bekenne. ? Ich stehe nun nahe am Rand des Grabes, aber ich fürchte den Tod nicht. Was nach dem Tod aus mir werden wird, weiß ich nicht, das aber weiß ich, daß ich in jeder Form der Existenz dem großen Ganzen angehöre, welches das Werk der höchsten Macht, Weisheit und Güte ist.[398] Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Siehe Goethes »Faust«. 2 Siehe »Vermischte Schriften«, 1. Teil, S. 144. 
 Erstes Buch  [6] Ich bin geboren in Stuttgart am eilften März eintausendsiebenhundertundneunundfünfzig. Mein Vater, damals Lieutenant in einem württenbergischen Infanterieregiment, war zwar in Württenberg geboren, aber stammte von einer niederländischen Familie ab, die wie so viele protestantische Familien zu Philipps des Zweiten Zeiten auswanderte und sich in Bönnigheim, einem kleinen Städtchen in dem sogenannten Zabergäu, ansiedelte. Daß die Familie unter die angesehenen in ihrem Vaterland gehört hatte, beweist unser adeliges Wappen, und daß sie auch eine wohlbemittelte gewesen, ist daraus zu schließen, daß die früheren Vorfahren meines Vaters in der Kirche zu Bönnigheim begraben wurden, was nicht geschehen wäre, wenn sie nicht ihrem Stande gemäß hätten leben können. Indessen kam die Familie im Lauf der Zeit immer mehr herunter, so daß nach dem Tod meines Großvaters das Besitztum seiner Witwe in nichts weiter als in einem kleinen Haus, einigen Morgen Getreidefeldern und einem Weinberge bestand. Von mehrern Kindern, welche sie ihm geboren hatte, lebten nach seinem Tode noch zwei Söhne, von denen der ältere mein Vater war, und eine Tochter, welche nach dem Tod ihrer Mutter sich an einen württenbergischen Quartiermeister und nach dessen Tod an einen bejahrten, aber wohlhabenden Dorfschulzen verheuratete. Unvermögend, seinen Söhnen eine dem frühern Stand der Familie angemessene Erziehung zu geben und eine demselben entsprechende Laufbahn zu eröffnen, überließ er sie ihrer Neigung, und so entschieden sich beide für den Militärdienst. Der ältere, mein Vater, wurde zuerst als Fourier bei einem Infanterieregiment angestellt, erwarb sich durch seine Brauchbarkeit und sein Wohlverhalten die Gunst seiner Vorgesetzten, und es dauerte nicht lange, so wurde er zum Lieutenant[7] befördert. So war ihm nun eine Laufbahn eröffnet, wo er immer weiterkommen konnte, und in die Lage versetzt, eine Familie anständig ernähren zu können. Früher schon hatte er meine Mutter, die Tochter des Revierförsters und Stabsrichters Vischer in Zavelstein, kennengelernt. Sie galt für eines der schönsten Mädchen in der Umgegend, und weil sie auch überall in dem Rufe eines sehr braven Mädchens stand, auch mein Vater ihrer Neigung zum voraus schon versichert war, so bat er die Eltern um die Hand der Tochter und erhielt, nach einiger Bedenklichkeit, die Einwilligung derselben. Die Verlobung wurde zu Zavelstein gefeiert, wenige Wochen darauf erfolgte die Hochzeit, und sobald der neue Ehemann die erforderlichen Einrichtungen in Stuttgart getroffen hatte, holte er seine junge Frau dahin ab. Die erste Frucht dieser stets glücklichen Ehe war eine Tochter. Diese starb bald nach ihrer Geburt, und nun kam ich auf die Welt. Als der erstgeborene Sohn und jetzt noch das einzige Kind war ich begreiflich meinen Eltern alles in allem; aber die Freude an dem gesunden muntern Knaben wurde bald getrübt. Denn ich war noch nicht drei Jahr alt, so äußerte mein Großvater den Wunsch, den Knaben zu sich zu nehmen, und meine Eltern konnten diesen Wunsch um so weniger unerfüllt lassen, da ihnen bereits ein zweiter Sohn geboren worden und meinem Vater alles an dem Wohlwollen seines Schwiegervaters gelegen war. So brachten mich denn meine Eltern in das großelterliche Haus nach Zavelstein, und man kann sich vorstellen, mit welcher Freude die Großeltern ihren ersten Enkel aufgenommen. Vorläufig war ausgemacht, daß ich bis in mein siebentes Jahr bei ihnen bleiben sollte, und da meine Eltern überzeugt waren, daß die Großeltern für die Erziehung ihres Enkels alles tun würden, fiel es ihnen um so weniger schwer, ihn zurückzulassen, da sich ihre Liebe bereits zwischen zwei Kindern teilte und bald ein drittes zu hoffen war. Man sagt, daß die Großeltern die Enkel eher verzärteln als die Eltern die Kinder; allein dies war nicht der Fall mit mir. So lieb ich auch den Großeltern war, so taten sie doch nichts, was irgendeinen physischen oder moralischen nachteiligen Einfluß auf mich hätte haben können.[8] Sie erkannten, daß bei einem Kind von drei Jahren es vorzüglich darauf ankomme, für seine Gesundheit zu sorgen und seinen Tätigkeitstrieb auf eine seinem Alter angemessene Art zu befriedigen. Das erste suchten sie zu bewerkstelligen, indem sie mich streng an eine gesunde einfache Kost hielten, mir jede Art von Näschereien versagten, mich leicht und reinlich kleiden, kühl schlafen und auch bei minder guter Witterung täglich Bewegung im Freien machen ließen; das andere, indem sie mehrere gutmütige und wohlgezogene Kinder meines Alters zu meinen Gesellschaftern machten, welche zu Hause mit mir spielen und im Freien sich mit mir herumtummeln sollten. Der größte Teil dieser Gesellschafter waren natürlicherweise Knaben, doch waren auch Mädchen nicht ausgeschlossen, und unter den letztern war vorzüglich eines, einige Jahre älter als ich, das sich wegen seiner Liebenswürdigkeit besonders bei der Großmutter zu insinuieren gewußt hatte. So lieb mir auch die Knaben waren, so war mir dieses Mädchen doch noch viel lieber. Es schien mir immer etwas zu fehlen, wenn es nicht da war. Noch jetzt steht mir sein Bild lebendig vor den Augen, und wenn Liebe schon in einem so zarten Alter möglich wäre, so würde ich sagen, daß ich wirklich so etwas für dieses Mädchen empfunden habe. Indessen war mein Umgang keineswegs bloß auf Kinder beschränkt; ich kam auch auf mancherlei Art mit ältern Personen in Berührung. Die Verwandtschaft meiner Großeltern war groß. Außer zwei Töchtern, welche noch unverheuratet waren, und zwei Söhnen, von welchen der ältere als herzoglicher Leibjäger und der jüngere als Feldjäger angestellt war, hatte meine Großmutter auch noch drei in Zavelstein und in Teinach verheuratete Schwestern. Unter den Tanten war mir die jüngere Schwester meiner Mutter am liebsten; sie war meine eigentliche Pflegerin in dem großelterlichen Hause, und da ich auch in der Folge in näherer Berührung mit ihr blieb, so war es vorzüglich sie, welche die Erinnerung an mein Kindesalter immer lebendig in mir erhielt. Auch in dem Umgang mit den Großtanten befand ich mich wohl. Ich besuchte dieselben öfters, besonders gerne auch die, welche an einen Wundarzt in Teinach verheuratet war. ? Der[9] Wundarzt hatte kränklichkeitshalber seine Profession aufgegeben, lebte als Privatmann in Teinach, und weil er ein großer Kinderfreund und ich ein munterer zutätiger Knabe war, so gewann er mich bald so lieb wie ein eigenes Kind. Unter der Menge von Gegenständen, welche ich bei ihm sah, interessierte mich besonders eine Sammlung ausgestopfter Vögel und eine Schmetterling- und Käfersammlung, welche er mir abwechselungsweise vorzeigte; auch besaß er ein ziemlich reiches Herbarium vivum, welches mich aber weniger interessierte, weil mir die frischen lebendigen Pflanzen viel schöner vorkamen als die getrockneten toten. Aber er hatte noch eine andere Sammlung, welche mich nicht weniger, ja noch mehr interessierte als die vorhin genannten, eine Sammlung von Tabakspfeifen. Diese zeigte er mir zwar nicht vor, aber ich betrachtete sie immer mit dem größten Vergnügen, weil mir die verschiedenen Formen der Köpfe gar wohl gefielen und die mancherlei gar schön gearbeiteten Pfeifenrohre als Dinge vorkamen, mit denen sich auf mannigfaltige Art spielen ließe. Indessen ließ ich von diesem Wohlgefallen nichts merken, aber um so mehr erregte besonders der Anblick der Pfeifenrohre die Begierde nach dem Besitze des einen oder des andern in mir. Diese Begierde vermehrte sich, je öfter ich sie ansah, und so geschah es, daß ich, als ich mich einmal in dem Zimmer allein befand, ein Pfeifenrohr, welches mir besonders wohl gefiel, wegnahm und zu mir steckte. Da der Pfeifenrohre mehrere waren, so vermißte der Besitzer das entwendete nicht; aber um so mehr ängstete mich dessen Entwendung. Ich fühlte, daß ich etwas Unrechtes getan hatte, ich konnte wegen dieses ängstigenden Gefühls die ganze Nacht nicht schlafen, und mein einziger Gedanke war, wie ich das Pfeifenrohr ebenso heimlich, wie ich es genommen hatte, wieder an sei nen Platz bringen könne. Es gelang mir am folgenden Tag, wo bei meinem Eintritt in das Zimmer glücklicherweise niemand zugegen war. Das Pfeifenrohr ward wieder an seinen Ort gelegt, und eine Last war mir vom Herzen, von welcher das Nachgefühl auch jetzt noch nicht in mir verschwunden ist. Da Kinder von meinem damaligen Alter noch keinen klaren Begriff von Eigentum haben, so sind solche kleine Diebstähle[10] allerdings zu entschuldigen, und es ist genug, um in der Folge dergleichen zu verhüten, sie davor, als vor einem sehr großen Unrecht, zu warnen. Aber es ist ein großes Glück, wenn das Gefühl dieses Unrechts bei der ersten Gelegenheit in ihnen selbst erwacht wie bei mir. Diesem Umstand glaube ich es vorzüglich danken zu müssen, daß mir das Eigentum anderer mein ganzes Leben hindurch stets heilig geblieben und auch die größten Besitztümer und Vorzüge anderer nie ein Gefühl von Neid und Mißgunst in mir erregt haben. Aber so großes Vergnügen mir auch der Umgang mit allen diesen Anverwandten machte, so war ich doch immer am liebsten in der Gesellschaft meines Großvaters, und nichts freute mich mehr, als wenn er mich mit sich in den Wald nahm. Dies tat er schon, ehe ich vier Jahre alt war, wo ich ihn, wenn es nicht zu weit ging, gewöhnlich begleiten durfte. Anfangs war seine Absicht dabei bloß, mich an die freie Luft zu gewöhnen, und daher nahm er mich auch oft bei rauherer Witterung mit, denn er glaubte, daß den Körper nichts so sehr stärke als der Genuß der freien Luft und die Bewegung in derselben. Weiterhin aber verband er damit noch einen andern Zweck, er wollte, daß ich auch die mancherlei Bäume im Wald, die mancherlei Pflanzen, die darin wachsen, die mancherlei Tiere, die darin leben, kennenlernen sollte. So richtete er meine Aufmerksamkeit auf alles, was ich sah, und so endlos auch meine Fragen waren, so beantwortete er sie doch alle, wie er es meinem Alter für angemessen hielt, auf das freundlichste. Dasselbe geschah auch, wenn er mich mit sich auf seine Äcker und Wiesen und in seine Gärten nahm, und so lernte ich denn eine Menge von Pflanzen und Tieren kennen, ohne zu wissen, wie ich dazu kam. Am meisten interessierten mich jedoch die Vögel, weil sie aber, wenn ich sie näher betrachten wollte, immer davonflogen, so schoß der Großvater mir manchmal einen von einem Baum herunter, den ich, als ob er noch lebte, sorgfältig nach Hause trug und mit Frohlocken der Großmutter zeigte. Auch hielt der Großvater, um diesem Interesse zu genügen, stets einige Vögel, als Zeisige, Lerchen, Stieglitze usw., deren Fütterung mir übertragen war, in niedlichen Käfigen, und diese kindliche Liebhaberei[11] ist ohne Zweifel die Ursache, warum mir unter allen Gattungen von Tieren die Vögel bis jetzt die liebsten geblieben sind. Nächst diesen Anverwandten lernte ich auch bald mehrere fremde Menschen kennen, denn es ist leicht zu erachten, daß es einem so braven, verständigen und tüchtigen Mann, wie mein Großvater war, weder in der Nähe noch in der Ferne an Freunden fehlen konnte. So hatte er sich die meisten Badegäste, welche im Sommer Teinach besuchten, zu Gönnern gemacht, besonders aber die Jagdfreunde, welche er gewöhnlich auf der Jagd begleiten mußte und zu welchen mehrere der bedeutendsten Männer im Lande gehörten. Aber auf einem eigentlich freundschaftlichen Fuß stand er mit Männern seinesgleichen, sowohl in der nahe gelegenen Stadt Calw als auf den Dörfern in der Umgegend. Bei den Besuchen, die er ihnen machte, durfte ich ihn öfters begleiten, und noch öfter sah ich sie in dem großelterlichen Hause bei ihren Gegenbesuchen. Von diesen Freunden erinnere ich mich noch besonders ihrer drei, des Revierförsters von Naislach, des Büchsenmachers von Berneck und des Schloßverwalters in Teinach. Der Revierförster von Naislach war ein kleiner, hagerer Mann, von breiter Stirn, ungewöhnlich großen, über der Nase zusammengeflossenen Augenbrauen, einer langen, schmalen Nase, eingefallenen Wangen, hervorstehendem Unterkiefer, schwarzen Haaren und schwarzen lebhaften Augen. Dabei hatte er ein kurzes Bein und hüpfte mehr, als er ging. Sooft er meinen Großvater besuchte, sprach er sich unzufrieden über die obern Forstbehörden aus, behauptete, daß sie nichts verständen und in ihrem Dünkel die Revierförster, welche doch bei dem Forstwesen die Hauptpersonen seien, über die Achsel anzusehen pflegen. Der Großvater, welcher hierin viel billiger dachte, kam deshalb oft mit ihm in Streit, und um dem Streit ein Ende zu machen, brachte er ihn gewöhnlich dadurch zur Ruhe, daß er ihn, ohne ihn zu unterbrechen, fortreden ließ und, wenn er ruhiger geworden, in dem ihm eigenen Ton und mit freundlicher Miene sagte: »Lassen wir es damit gut sein, Bruder, die Obern sind einmal so, wie sie sind, wir werden sie nicht anders[12] machen, seien und bleiben wie nur tüchtige Förster und gute Freunde, so darf uns alles andere nicht kümmern.« Der Büchsenmacher von Berneck war in seiner Art noch ein eigenerer Mann als der Förster von Naislach. Weil er für meinen Großvater arbeitete, so kam er öfter nach Zavelstein. Er war ein Mann schon ziemlich bei Jahren, sehr geschickt in seiner Profession und auch in der Ferne als ein vorzüglicher Büchsenmacher bekannt. Diese Zelebrität hatte er vorzüglich meinem Großvater zu danken, der ihn überall, besonders den vornehmen Badegästen und Jagdliebhabern, empfohlen hatte. Indessen war Dankbarkeit nicht seine Sache. Er hielt alles Lob, was ihm zuteil wurde, für Schuldigkeit und verbarg dieses auch nicht vor meinem Großvater. Sooft er auf Besuch zu ihm kam, so mochte der Gegenstand der Unterhaltung sein, welcher er wollte, der Büchsenmacher wußte das Gespräch immer auf seine Kunst zu lenken, setzte den Wert derselben umständlich auseinander und endigte immer mit seinem Selbstlob. Er war ebenfalls ein kleiner, hagerer Mann, von schwarzen Haaren, schwarzen Augen, finsterem Blick, minder beweglich als der Förster von Naislach mit seinem kurzen Bein. Beim Sprechen, Gehen, kurz bei allen seinen Bewegungen war er langsam, steif und gravitätisch, und selbst wenn er in einen leidenschaftlichen Zustand geriet, zeigte sich dieser selten anders, als daß sein Blick lebhafter und seine Gesichtsfarbe röter wurde. Besonders geriet er in einen solchen leidenschaftlichen Zustand, wenn er mit dem Förster von Naislach zusammenkam. Denn sie hatten einander kaum begrüßt, so ging der Streit sogleich an. Auch dem Naislacher arbeitete zwar der Büchsenmacher, und auch er war mit seiner Arbeit wohl zufrieden, aber das Selbstloben des Büchsenmachers konnte er nicht leiden. Er ließ ihm zwar Gerechtigkeit widerfahren, aber nie lobte er seine Gewehre, ohne ihm zugleich zu verstehen zu geben, daß es doch noch weit geschicktere Büchsenmacher gebe als er, und führte zum Beweis die französischen an, auf welche der Bernecker, wie auf die Franzosen überhaupt, nicht das mindeste hielt. Was sie aber noch mehr aneinanderbrachte, waren ihre politischen Meinungen. Der Förster war ein enthusiastischer Verehrer des Königs[13] von Preußen, dessen Lob damals das Tagesgespräch war, der Büchsenmacher dagegen war österreichisch gesinnt, und die Veranlassung zum Streit gab gewöhnlich, wenn der Förster auf die Taten der Franzosen in dem Siebenjährigen Krieg zu sprechen kam. »Ich habe selbst nichts auf die Franzosen«, sagte der Büchsenmacher, »aber sie sind doch jederzeit gute Soldaten gewesen; hätten sie sich als Alliierte von Österreich besser gehalten, so wäre der König von Preußen nicht so gut weggekommen, er wäre ein ganz kleines Fürstlein geworden, und jedermann hätte gesagt, es sei ihm recht geschehen, so wie man jetzt von nichts reden hört als von dem großen König von Preußen, als ob nie ein so großer König und Herr in der Welt gewesen wäre.« Auch mein Großvater war gut preußisch, aber ließ auch Österreich nichts zuleide geschehen. Er machte daher immer den Vermittler zwischen den Streitenden, und so schieden sie jederzeit als gute Freunde voneinander. Da ich bei diesen Streitereien meistens zugegen war, aber nichts von dem Gegenstand derselben verstand, so merkte ich mir bloß, was der Förster zum Lob des Königs von Preußen gesprochen hatte, und da ich ihn immer den großen König nennen hörte, so verlangte ich von dem Großvater zu wissen, wie groß denn der König von Preußen sei, und war höchst verwundert über die Antwort, daß er ein ganz kleiner Mann sei, weil ich mir vorstellte, er müsse wenigstens noch einmal so groß sein als der Kammertürke des Herzogs, welchen ich in Teinach gesehen hatte. Der Großvater lachte herzlich über meine kindische Einfalt, und sooft er in der Folge von den Streitereien des Försters und des Büchsenmachers sprach, erinnerte er sich auch jedesmal meiner kindischen Frage. Ich komme nun auf den dritten Mann, den ich noch öfter als die beiden vorgenannten in dem großelterlichen Hause sah, auf den Schloßverwalter in Teinach. Er hieß Klein, und seine Figur entsprach auch ganz seinem Namen. Unter den Freunden des Großvaters war er der kleinste, aber niedlich gebaut, blond von Haaren, die Augen blau, die Nase mehr stumpf als gebogen, die Gesichtsfarbe ungewöhnlich rot. Er war schon ziemlich bejahrt, als ich ihn kennenlernte, doch war er noch lebhaft, gesprächig und stets von heiterem Humor. Da Teinach von[14] Zavelstein nur eine halbe Stunde entfernt ist, so besuchte er meinen Großvater öfter als die meisten andern Freunde, und seine Besuche waren ihm um so angenehmer, da er mancherlei Anekdoten von den Badegästen zu erzählen wußte, mit welchen er in eine ungleich nähere Berührung kam als mein Großvater. Diesen interessierte vorzüglich, was er von den vornehmen Badegästen, die er auf der Jagd begleitete, erzählte, und er war doppelt erfreut, von ihm zu vernehmen, daß dieser oder jener gut von ihm gesprochen, weil er, wie so viele vom Bürgerstande, sich etwas darauf einbildete, bei den Vornehmen etwas zu gelten. Ein Schneider von Profession, war der Schloßverwalter anfangs bloß Schloßdiener, und sein Geschäft war, die schadhaften Tapeten, Sesselüberzüge, Bett- und Fenstervorhänge etc. auszubessern. Aber bald wurde er auf Empfehlung des Intendanten, welcher gewöhnlich vor der Badezeit nach Teinach kam, Aufseher und dann Verwalter des Schlosses, und da er als solcher nicht nur mit allen den vornehmen Badegästen, welche im Schloß wohnen durften, sondern auch selbst mit der fürstlichen Familie, von welcher alle Sommer das eine oder das andere ihrer Glieder das Bad besuchte, in nähere Berührung kam, so glaubte er, sich auch diesem Verhältnis gemäß betragen zu müssen. Aber wie leicht zu erachten, ging er darin viel weiter, als einem Schloßverwalter geziemt. Er kleidete sich wie ein Mann von Stand, ließ sich alle Tage frisieren, ging meistens in Schuhen und Strümpfen; indem er aber auch zugleich die Haltung und die Manieren der vornehmen Stände nachzuahmen suchte, verfiel er in ein affektiertes, steifes, geziertes Wesen, welches ihn ebenso lächerlich machte als das Hochdeutsch und die französischen Wörter, welche er seinem affektierten Hochdeutsch einmischte. So suchte er seinen frühern Stand auf alle Weise vergessen zu machen; nur in dem Umgang mit seinen vertrautern Freunden war er natürlicher, und bei meinem Großvater, von dem er wußte, daß er ein Todfeind solcher Zierereien war, nahm er sich besonders in acht. Schon um deswillen, noch viel mehr aber, weil er den Schloßverwalter, was er auch wirklich war, für einen braven Mann hielt, sah er ihn gern bei sich, auch machte er ihm, wenn er nach Teinach kam, meistens einen[15] Gegenbesuch, wobei ich ihn öfters begleiten durfte, weil der Schloßverwalter ein großer Kinderfreund war, mich besonders liebgewonnen hatte und mich mit allerlei Spaßmachereien auf das angenehmste zu unterhalten wußte. Zuweilen besuchte ich ihn auch ohne den Großvater, wenn ich die Tanten in Teinach besuchte. Denn es war mir erlaubt, nun allein nach Teinach zu gehen, nur mußte ich immer den Fußweg nehmen, weil dieser viel kürzer war und mir nichts Nachteiliges auf demselben zustoßen konnte. Nicht nur wurde ich von dem Schloßverwalter jederzeit auf das freundlichste aufgenommen, sondern er nahm mich auch öfters mit sich, wenn er die Badegäste in den Gasthöfen besuchte. So erinnere ich mich, daß, als ich ihn einst in die »Krone« begleitete, uns auf der Treppe eine schöne junge Dame begegnete, die mich gar freundlich ansah. »Das ist eine sehr vornehme und reiche Dame«, sagte er, nachdem sie vorübergegangen war, »die aber nicht bei Vernunft ist.« Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte, denn ich hatte wohl schon ein paar simpelhafte Menschen, aber noch nie einen Wahnsinnigen gesehen. Am folgenden Tag, wo ihm die Dame wieder begegnete, fragte sie ihn, wer der Knabe sei, der ihn gestern begleitet habe. Er antwortete, daß er der Sohn eines Offiziers sei, der bei seinem Großvater erzogen werde. Sie stutzte, und nachdem sie sich einige Augenblicke besonnen hatte, rief sie auf einmal aus: »Nein! das kann nicht sein, das ist mein Sohn, er ist gefunden, und ich will und muß ihn haben.« Die Dame war nämlich auch an einen Offizier verheuratet, sie hatte einen Sohn geboren, der jetzt von meinem Alter sein würde, wenn er nicht gestorben wäre. Der Verlust des Kindes hatte sie wahnsinnig gemacht, denn sie konnte sich schlechterdings nicht von dem Tode des Kindes überzeugen, und ihre fixe Idee war, es sei nicht gestorben, sondern von einem Zauberer entführt worden, und die Zeit sei nahe, wo er es werde wieder zurückgeben müssen. Ohne Zweifel hat sie mich für das entführte Kind angesehen, und es ist leicht zu erachten, daß der Schloßverwalter seit diesem Vorgang mich nicht mehr bei seinen Besuchen mit sich genommen und auch sein eigenes Zusammen treffen mit dieser Dame sorgfältig vermieden hat.[16] Unter diesen Verhältnissen hatte ich bereits das fünfte Jahr zurückgelegt, und nun glaubte mein Großvater, daß es Zeit sei, den Anfang im Lesen und Schreiben mit mir zu machen. Da er mich nicht in die öffentliche Schule schicken wollte, so ließ er mir von dem Schulmeister des Orts täglich anfangs eine, dann zwei Privatstunden geben. Die Stunden gab mir der Schulmeister in seiner Wohnung, und da er für einen Dorfschulmeister eine ziemlich gute Methode hatte und mich zugleich sehr liebreich behandelte, so kam ich bald vorwärts. Wem ich aber dieses schnellere Vorwärtskommen vorzüglich mit zu danken hatte, war seine Tochter Ernestine, eben das Mädchen, von dessen Liebenswürdigkeit schon früher die Rede war. Denn wie diese Ernestine früher meine liebe Gespielin gewesen, so war sie jetzt meine liebe Lehrerin geworden. Nach beendigter Lehrstunde ließ sie mich selten gleich nach Hause gehen, nicht um mit mir zu spielen, sondern mich bald im Lesen, bald im Schreiben zu üben, im erstern, indem sie immer ein Buch bei der Hand hatte, aus welchem ich ihr vorlesen mußte, im letztern, indem sie mich zu Schreibübungen nach Schriften von ihrer eigenen Hand, die wirklich recht schön waren, anhielt. So hatte ich es vorzüglich ihr zu danken, daß die von ihrem Vater für mich verfaßten Neujahrs- und Geburtstagswünsche, welche ich den Großeltern beim Auswendighersagen zugleich schriftlich übergab, ihnen so viel Freude machten. Nachdem ich auf diese Art ziemlich fertig Lesen und Schreiben gelernt hatte, so sollte nunmehr auch der erste Unterricht im Lateinischen beginnen. Denn obschon damals der Unterricht weder in den gelehrten Sprachen noch in andern wissenschaftlichen Gegenständen mit der Hastigkeit betrieben wurde, wie er jetzt betrieben wird, so stimmte doch der Großvater mit meinem Vater überein, daß, da einerseits bloß vom Lateinlernen die Rede war und andererseits bei einem Knaben, welcher schon in der Wiege zum geistlichen Stande bestimmt war und bereits das sechste Jahr angetreten hatte, mit dem Unterricht im Lateinischen nicht gezögert werden dürfe. Von einem Dorfschulmeister, der wohl das Lateinische lesen konnte, konnte natürlicherweise kein Unterricht in der lateinischen Sprache erteilt[17] werden, und ebensowenig konnte mich der Großvater in die lateinische Schule in der zwei Stunden von Zavelstein entfernten Stadt Calw schicken, wenn er mich nicht daselbst in Kost geben wollte, was schon darum nicht anging, weil er vernünftigerweise mich eher meinen Eltern zurückgegeben hätte. Es blieb ihm daher, um mich bei sich zu behalten, nichts übrig, als sich an den Pfarrer in Zavelstein zu wenden, und er konnte von diesem um so weniger eine abschlägige Antwort befürchten, da ich unter den Kindern des Dorfs ihm das liebste zu sein schien. Überhaupt war der Pfarrer ein Kinderfreund, wie es wenige gibt, und da er selbst kinderlos war und bei der beständigen Kränklichkeit seiner Frau ein eigenes Kind nicht zu hoffen hatte, so trug er die Liebe zu eigenen Kindern auf fremde Kinder über. So behandelte er mich denn ganz wie sein eigenes Kind, nannte mich selten anders als seinen Sohn Fritz, auch war er und seine Frau mir fast ebenso lieb als der Großvater und die Großmutter. Sooft ich zu ihm kam, wußte er mich auf das angenehmste zu unterhalten, da er mit einer Menge von Spielsachen versehen war, welche er mir abwechselungsweise vorzeigte und, nachdem er mir bemerklich gemacht hatte, was alles damit zu machen sei, zum eigenen Hantieren damit überließ. Hatte ich ausgespielt, so unterhielt er mich gewöhnlich damit, daß er mir ein in Reime gebrachtes christliches Sprüchlein vorsagte und so oft wiederholte, bis ich es auswendig wußte, z.B. Ich bin ein kleines Kind, Und meine Kraft ist schwach, Ich möchte werden ein Christ Und weiß nicht, wie ich's mach. Oder: Wer ein guter Christ will sein Und dabei es weiterbringen, Muß in seinem Kämmerlein Fleißig beten, fleißig singen. Daß ich mir auf das Auswendigwissen dieser Reime, obschon ich ihren Sinn unmöglich verstehen konnte, sehr viel einbildete, läßt sich denken. Ich sagte sie her, wie ein abgerichteter Vogel[18] die ihm angelehrten Wörter, und wollte immer mehrere lernen, weil ich sah, daß es dem Pfarrer und den Großeltern große Freude machte, wenn ich sie ohne Anstoß hersagte. So lernte ich beinahe alle Tage ein neues solches Sprüchlein; endlich verging mir doch die Lust, und weit mehr ergetzte ich mich an den Erzählungen des Pfarrers von seinen Jugendjahren, womit er mich gewöhnlich unterhielt, wenn er mich mit sich in seinen Garten nahm. So erzählte er mir z.B., daß er einmal als ein kleiner Knabe sich in einem nahe an der Stadt gelegenen Wäldchen verirrt habe, und weil man ihn nicht habe finden können, seine Eltern ihn haben austrommeln lassen, daß er aber dessenungeachtet erst zufällig von einem Fremden, der ihm in dem Wäldchen begegnet, gefunden und nach Hause gebracht worden. So erzählte er mir ein andermal, wie er schon in seiner frühen Kindheit Lust gehabt, ein Geistlicher zu werden, daß es aber seine Eltern anfangs nicht hätten zugeben wollen, weil sie zu arm seien, ihn studieren zu lassen, endlich aber doch seinem Willen nachgegeben, weil sie ihn öfters, wenn er allein zu sein glaubte, auf einem Stuhl wie auf einer Kanzel stehend, hätten predigen hören und gar viel Vergnügen an seiner starken Stimme, seiner guten Aussprache und seinen Gestikulationen gehabt hätten. Diese Erzählung gefiel mir, weil ich auch ein Geistlicher werden wollte, besonders wohl; auch ich stellte mich, wenn ich mich allein wußte, auf einen Stuhl und machte den Prediger, aber damit begnügte ich mich nicht. Ich wollte auch in der Kirche von der Kanzel herab predigen, und als ich einmal im Vorbeigehen die Kirchentüre offen sah, schlich ich mich hinein, bestieg die Kanzel, und mit lauter Stimme sprach ich oder schrie vielmehr die christlichen Reime herunter, welche der Pfarrer mich gelehrt hatte. Die Vorübergehenden, durch den Lärm aufmerksam gemacht, erkannten beim Eintritt in die Kirche sogleich den kleinen Prediger, riefen dann den zunächst an der Kirche wohnenden Mesner herbei, der mich scheltend von der Kanzel heruntertrieb, von der Kirche in das Pfarrhaus lief und dem Pfarrer den Vorgang pflichtgemäß anzeigte. Der Pfarrer verwies mir zwar diese kecke Ungezogenheit, wie es sich gebührte; aber es freute ihn doch, daß sein Beispiel so[19] mächtig auf mich gewirkt hatte, und wie meine Großeltern, und besonders die Großmutter, glaubte auch er, in diesem voreiligen Besteigen der Kanzel eine günstige Vorbedeutung meines Berufs zum geistlichen Stand zu erkennen. So gut gegen mich gesinnt, nahm der Pfarrer das Ansinnen meines Großvaters wegen des Unterrichts im Lateinischen nicht nur mit Wohlgefallen auf, sondern er erklärte auch, daß er diesen Unterricht mit um so mehr Vergnügen übernehme, da er selbst kinderlos sei und auf das Vergnügen, einen eigenen Sohn zu unterrichten, verzichten müsse. Allein der versprochene Unterricht hatte noch nicht angefangen, so wurde der Pfarrer zum Oberpfarrer, damals in Württenberg Spezial genannt, in der fünf Stunden von Ludwigsburg entfernten Landstadt Lauffen am Neckar befördert. Der Unterricht wurde daher bis zur Ankunft des neuen Pfarrers in Zavelstein ausgesetzt, in der Hoffnung, daß dieser ebensowenig abgeneigt sein werde, denselben zu übernehmen, als der abgegangene. Die Hoffnung blieb nicht unerfüllt. Der neue Pfarrer, dem ich gleich nach seiner Ankunft von meinem Großvater vorgestellt wurde, übernahm den Unterricht mit Vergnügen, und da er mich ebenso liebreich behandelte als mein bisheriger Lehrer im Deutschen, so machte ich bald erfreuliche Fortschritte. Die lateinischen Buchstaben hatte mich schon der Schulmeister kennengelehrt; bei dem Pfarrer lernte ich zuerst die lateinischen Wörter lesen, dann die Anfangsgründe der lateinischen Sprache selbst, so daß ich bald Deklinieren und Konjugieren, Substantivum und Adjektivum zusammensetzen, leichte Exempel vom Gebrauche der Zeitwörter machen konnte, während ich bei meinem guten Gedächtnis eine Menge Vokabeln auswendig gelernt hatte. Indessen kam die Zeit, wo ich das großelterliche Haus verlassen sollte, immer näher. Ich wurde im nächsten Frühjahr sieben Jahre alt, und da ausgemacht war, daß ich nicht länger als bis zu meinem siebenten Jahr bei meinen Großeltern bleiben sollte, so durfte meine Rückkehr in das elterliche Haus nicht länger verzögert werden. Es kam daher bloß auf die nähere Bestimmung der Zeit an, wenn mich meine Eltern von Zavelstein abholen wollten, und ein Brief an den Großvater kündigte[20] den Tag ihrer Ankunft an. Durch meinen langen Aufenthalt bei den Großeltern waren mir die Eltern, obschon sie mich gewöhnlich alle Jahre besuchten, fremd geworden, und da mich schon der Gedanke, daß sie mich bei ihrem bevorstehenden Besuch mit sich nehmen werden, ängstigte, so kann man sich denken, welchen Schrecken mir ihre Ankunft in Zavelstein verursacht hat. Natürlich konnte dies meinen Eltern nicht entgehen. Sie sahen mit Betrübnis, daß meine kindliche Liebe auf die Großeltern übergegangen, und da sie wußten, daß auch die Großeltern sich schwer von ihrem Enkel trennen würden, so war ihnen wirklich auf den Augenblick dieser Trennung bange. Da mein Vater nur auf acht Tage Urlaub hatte, so konnte auch die Abreise nach Ludwigsburg nicht länger verzögert werden. Aber es ging besser, als meine Eltern erwartet hatten. Die Jugend ist leichtsinnig, und neue Eindrücke verdrängen bald die alten. Meine Eltern hatten durch ihr freundliches Benehmen gegen mich auch meine Zuneigung zu ihnen gewonnen, die Großeltern taten sich Gewalt an, ihre Betrübnis über die Trennung von ihrem Enkel zu verbergen, die Vorspiegelung, wie schön es in Ludwigsburg sei, erregte die Neugierde des Knaben, das Versprechen, daß ich die Großeltern bald besuchen dürfe, beruhigte mich über die nahe Trennung, und die Zusage der Tante Christiane, daß sie mich nach Ludwigsburg begleiten und recht lange dort bleiben werde, machten mir den Abschied von den Großeltern leichter, und so reiste ich denn an dem festgesetzten Tag an einem schönen Morgen mit meinen Eltern und der Tante von Zavelstein ab. Amazon.de Widgets Am Abend desselben Tages kamen wir in Ludwigsburg an. Mein Bruder, damals ein Knabe von nicht vollen sechs Jahren, den ich nur ein einziges Mal in Zavelstein, wohin ihn meine Eltern bei ihrem vorletzten Besuch mitgenommen, und eine Schwester von drei Jahren, die ich noch nie gesehen hatte, kamen uns freudig entgegen. Die Eltern hatten mir so viel Gutes und Liebes von beiden gesagt, daß ich, zwar anfangs etwas befremdet, ihnen zutraulich nahete und dadurch auch sie an mich zog. Ich mußte bald zu Bette gehen, und ermüdet von der Reise schlief ich bald ein und die ganze Nacht hindurch fort. Aber[21] beim Erwachen, wo ich alles um mich her anders sah als in Zavelstein, ergriff mich eine Wehmut, die ich zuvor nie empfunden hatte. Ich war still, in mich gekehrt, und wie die Tante hereintrat, fing ich an bitterlich zu weinen. Natürlich konnte diese Gemütsstimmung meinen Eltern nicht unerwartet sein, daher ging mein Vater, um mich aufzuheitern, sobald ich angekleidet war, mit mir aus und führte mich in der Stadt herum, in der Hoffnung, daß der Anblick so vieler zuvor nie gesehener Dinge mich in eine heitere Stimmung versetzen würde. Aber das Gefühl, nicht zu Hause zu sein, überwältigte alle andere. Alles erschien mir fremd, auch meine Eltern nicht ausgenommen. Die Stadt war mir zu groß, die Straßen zu weit und zu lang, die Häuser zu hoch, der Menschen, die ich in den Straßen hin und her gehen sah, zu viel, und es dauerte mehrere Wochen, bis ich mich an diese fremde Welt gewöhnt hatte. Indessen ließ mir der Vater nicht viel Zeit, diesen Gefühlen nachzuhängen. Gleich wenige Tage nach meiner Ankunft wurde ich von ihm in die Schule geführt und nach erstandenem kurzen Examen in die unterste Klasse der lateinischen Schule aufgenommen. Wie in den zwei höhern Klassen war auch in dieser nur ein einziger Lehrer angestellt, und es wurde nichts in derselben gelehrt als das Lateinische, bloß der Freitag war der deutschen Sprache gewidmet, so wie der Sonntag dem Religionsunterricht in der Kirche, wo die Schüler vormittags der Predigt und nachmittags der Katechisation beiwohnen mußten. Im Sommer dauerte der Unterricht vormittags von sieben bis eilf und nachmittags von zwei bis fünf Uhr; im Winter ging der Vormittagsunterricht eine Stunde später an, der Nachmittagsunterricht endigte eine Stunde früher, und jedesmal wurde der Unterricht mit einem Gebet angefangen. Der Lehrer dieser Klasse war zwar ein ernster, etwas strenger Mann, aber er behandelte seine Schüler freundlich, und die fleißigen besuchten die Schule gern. Da die Schüler dieser Klasse erst Anfänger waren und ich schon einen ziemlich guten Grund im Lateinischen gelegt hatte, so wurde ich sogleich unter die erstern eingereihet, unter denen ich auch meinen Platz fortan behauptete. Das Lernen machte mir Freude, weil der Präzeptor (denn so hießen die Lehrer in der lateinischen[22] Schule) mich stets freundlich behandelte und sich mit meinen Fortschritten zufrieden bezeigte, und schon im folgenden Jahre war ich so weit, daß ich in die zweite Klasse versetzt werden konnte. Auch in dieser Klasse wurde außer der lateinischen Sprache nichts weiter gelehrt; allein wie in der ersten nur das Deklinieren und Konjugieren, die Syntax und das Vokabelnlernen getrieben wurde, so ging es in der zweiten an das Exponieren der in den eingeführten Schulbüchern enthaltenen Aufsätze, das Übersetzen aus dem Deutschen in das Lateinische, die sogenannten Exerzitien etc. Der Lehrer an dieser Klasse war zwar ebenfalls ein tüchtiger Schulmann und ließ sich auch den Unterricht sehr angelegen sein; aber er gehörte zu den Frommen und sah weniger darauf, daß wir große Fortschritte in der lateinischen Sprache machten, als daß wir fleißig in die Predigt gingen, nie die Katechisation versäumten und wie in der Schule auch außerhalb derselben uns stets so betrugen, wie es einer frommen christlichen Jugend gezieme. Daher ließ er auch am Freitag, wo das Deutsche getrieben wurde, gewöhnlich christliche Bücher lesen, und nicht selten hielt er mit uns wie in der Kirche förmliche Katechisationen. Waren wir ihm dabei nicht aufmerksam genug und konnten wir die geistlichen Lieder, die er uns auswendig zu lernen aufgab, nicht fertig hersagen, so rügte er es hier zwar bloß mit Worten, aber er merkte sich die Unaufmerksamen, und wenn einer beim lateinischen Unterricht sich nicht aufmerksam, fleißig und sittsam betrug, so bekam er die Schläge, welche er ihm dort zugedacht hatte, hier desto gewisser. Daher liebten wir ihn bei aller Achtung, die wir vor ihm hatten, weniger als den Präzeptor der ersten Klasse, und wir waren um so fleißiger in den lateinischen Lehrstunden, je mehr wir wünschten, sobald wie möglich in die dritte Klasse befördert zu werden. Diese Beförderung geschah nämlich jährlich einmal im Herbst, und es kam darauf an, wie man in der von dem Obergeistlichen oder Spezial vorgenommenen Prüfung bestanden, um ein Jahr früher in eine höhere Klasse befördert zu werden. Solchergestalt durfte ich auch in der zweiten nur ein Jahr lang bleiben und kam nun in die dritte, wo zwar das Lateinische wiederum der Hauptgegenstand des[23] Unterrichts war, zugleich aber auch Griechisch und Hebräisch gelehrt wurde, jenes als Vorbereitung zu den gelehrten Studien überhaupt, dieses als Vorbereitung zum Studium der Theologie insbesondere. Der Lehrer an dieser Klasse hatte den Titel Oberpräzeptor und hieß Jahn. Er war ein Geistlicher wie der Präzeptor der zweiten Klasse, aber er predigte nie, wie dieser oft tat, weil er bei der Schule bleiben und kein Pfarramt annehmen wollte. Seit seinen Universitätsjahren hatte er sich dem Schulwesen gewidmet, und teils durch diese vieljährige Übung, teils wegen seines ausgezeichneten Talents zum Schullehrer hatte er sich dazu so ausgebildet, daß er lange zuvor, ehe er nach Ludwigsburg berufen wurde, für einen der vorzüglichsten Männer in seinem Fach anerkannt war. Ich habe in meinem Leben viele Lehrer gehabt, aber ich kenne keinen, der in seinem Fach vorzüglicher gewesen wäre als er in dem seinigen. Meister sowohl im Griechischen und Hebräischen als im Lateinischen, hatte er auch bei seinem Unterricht eine Methode, welche ganz dazu geeignet war, seine Schüler weiterzubringen, ohne daß sie gewahr wurden, wie es eigentlich damit zuging. Außer der hohen Würde, durch die er ihnen imponierte, und dem ruhigen Ernste, mit dem er seinen Unterricht erteilte, war es vorzüglich die Konsequenz, mit welcher er bei demselben verfuhr. Er kannte jeden seiner Schüler, so viel auch ihrer waren, genau, und da er wußte, was er jedem zutrauen dürfe, wußte er auch jeden nach Maßgabe seiner Vorkenntnisse zu fördern, so daß zuletzt auch der minder Fähige dem Fähigern nur wenig nachstand. Zwar waren die Gegenstände, worüber er Unterricht zu geben hatte, bloß die obengenannten gelehrten Sprachen; aber bei der Erklärung der lateinischen und griechischen Schriften, welche er mit seinen Schülern las, brachte er ihnen zugleich so viele geographische, historische, überhaupt so viele wissenschaftliche Kenntnisse bei, daß sie viel vorbereiteter in die höhern Studienanstalten aus seiner Schule übergingen als aus allen andern lateinischen Schulen im Lande. Wie viele vortreffliche Männer ihm diese Vorbereitung zu ihren gelehrten Studien zu danken gehabt, ist gewiß in Württenberg noch nicht vergessen, und ich halte es um so mehr für Pflicht, seiner hier dankbar zu gedenken, da ich[24] in den letzten Jahren seines Lebens sein Hausarzt gewesen. Er starb als ein hochbejahrter Mann an der Wassersucht nach schweren und langen Leiden, aber er litt und starb mit derselben Ruhe und Geduld, die er stets als Lehrer bewiesen hatte, und ich gestehe, daß ich als Mann mit ebender Verehrung an sein Krankenbett trat, als vormals als Knabe in seine Schule. Ich werde noch einmal Gelegenheit haben, von diesem würdigen Schulmann zu sprechen, und fahre nun in meiner Erzählung weiter fort. Es ist leicht zu erachten, daß es mir unter den Schülern, die mit mir zugleich die Schule besuchten, keineswegs an Kameraden fehlen konnte, allein nur mit wenigen kam ich in ein eigentliches freundschaftliches Verhältnis. Schon von meiner frühesten Jugend an gewöhnt, nur wenige Knaben meines Alters um mich zu sehen, teils weil in dem Dorfe, wo ich meine Kinderjahre zubrachte, der Knaben meines Alters überhaupt nicht viele waren, teils weil meine Großeltern mir nur mit den wohlgezogensten umzugehen erlaubten, fühlte ich auch kein Bedürfnis weitläuftiger Bekanntschaften. Aber noch mehr beschränkte mich mein Vater in meinem Umgang, indem er einerseits seine Kinder, und insbesondere seine Söhne, von Jugend auf zu einem anständigen und würdigen Betragen gewöhnen wollte und andererseits, weil beide Söhne studieren sollten, streng darauf sah, daß keine Zeit zum Lernen versäumt werde. Es sollte etwas Ausgezeichnetes aus uns werden, damit nicht nur das vormalige Ansehen der Familie durch uns wiederhergestellt werde, sondern auch daß wir durch uns selbst, nicht durch Empfehlungen und Protektionen, zu Ansehen und Würden gelangen sollten. Denn mein Vater konnte nicht vergessen, daß er der Abkömmling einer vornehmen adeligen Familie sei, und wie er selbst als Offizier dieses Ziel immer vor Augen hatte, so sollte es durch seine Söhne wirklich erreicht werden. Daher ermahnte er uns stets zum Fleiß, nicht nur in, sondern auch außerhalb der Schule, sah mit Strenge darauf, daß wir zu Hause die uns aufgegebenen Pensen auf das pünktlichste fertigten und in den freien Stunden, auf Spaziergängen und bei unsern körperlichen Übungen uns nur zu denjenigen Kameraden hielten, von denen[25] er glaubte, daß sie uns im Fleiß und in der Gesittung zum Muster dienen könnten. Was jedoch meinem Vater bei der Durchsetzung dieser Erziehungsmaximen vorzüglich zustatten kam, war, daß der ehemalige Pfarrer in Zavelstein und nachmalige Spezial in Lauffen zum Spezial in Ludwigsburg befördert worden war. Ich hatte an ihm wieder meinen alten Freund und Gönner gefunden. Sooft es meine Zeit und seine Geschäfte erlaubten, war ich bei ihm. Allein wie er mich in Zavelstein mit Spielereien, gereimten geistlichen Sprüchlein und Erzählungen unterhalten hatte, unterhielt er mich jetzt auf eine ernstlichere Weise, indem er mir nicht nur im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen forthalf, sondern auch keine Gelegenheit versäumte, mich zu einem wohlgesitteten Betragen zu ermahnen, wobei er gewöhnlich damit schloß, daß ich mich auf das sorgfältigste des Umgangs mit leichtsinnigen und ungezogenen Knaben, die er die bösen Buben nannte, enthalten solle. Solchergestalt wurden natürlicherweise meine Kameradschaften immer beschränkter, und ohne Zweifel wäre ich zuletzt ein finsterer Sonderling oder gar ein frommer Kopfhänger geworden, wenn nicht meine Besuche in dem Spezialathause zeitig genug von meinem Vater beschränkt worden wären. So beliebt der Spezial nicht nur als Pfarrer in Zavelstein, sondern auch als Spezial in Lauffen gewesen war, so wenig konnte er die Gunst des Publikums in Ludwigsburg gewinnen. Schon als ein geborner Ludwigsburger und der Sohn eines Bäckers hatte er das Vorurteil des Publikums gegen sich; allein noch mehr schadete ihm bei demselben sein Bestreben, durch affektiertes Geltendmachen seiner hohen geistlichen Würde seine niedere Geburt vergessen zu machen, vorzüglich aber seine Art zu predigen, indem die meisten seiner Kanzelvorträge Strafpredigten waren, worin er alles, was er für anstößig und einem christlichen Wandel unangemessen hielt, wie z.B. das Tanzen an Kirchweihen, das Erscheinen auf Maskeraden, ja selbst das Besuchen des Theaters, auf eine ebenso anzügliche als plumpe Art rügte. So verlor er die Gunst des Publikums nicht nur überhaupt, sondern er brachte auch viele einzelne Personen, welche die Anspielungen in seinen Predigten auf sich bezogen, gegen sich auf,[26] und zu diesen gehörte besonders der als Dichter und Musikus rühmlich bekannte und in der Folge wegen seiner Gefangenschaft auf der Festung Hohen-Aschberg noch berühmter gewordene Schubart. Dieser war damals Organist an der Stadtkirche zu Ludwigsburg, und weil er die Orgel gut spielte, so spielte er auch nach dem Gottesdienste öfters noch fort, aber gewöhnlich keine geistliche, sondern sogenannte weltliche Lieder. Dies verdroß nun den Spezial gewaltig, und er war darüber um so aufgebrachter, da er argwohnte, viele seiner Zuhörer gingen bloß dieses Orgelspiels wegen in die Kirche. Daher verbot er dem Organisten dieses Orgelspiel nach der Kirche nicht nur von Amts wegen, sondern er ließ auch seinen Groll gegen ihn auf manche andere Art aus. Aber Schubart, der die Stimme des Publikums für sich hatte, kehrte sich nicht an das Verbot. Er spielte nicht nur seine weltlichen Lieder nach der Kirche fort, sondern versäumte auch als beliebter Kasualdichter keine Gelegenheit, wo er dem Spezial durch witzige Anspielungen auf ihn etwas anhängen konnte. Diese Anspielungen waren besonders den Offizieren willkommen, welche dem Spezial überhaupt nicht hold waren, und da er in den ästhetischen Vorlesungen, welche er ihnen hielt, es selten an solchen Anspielungen fehlen ließ, so bekam er diese ganz auf seine Seite, so daß er sich auf ihren Schutz gegen den Spezial in jedem Fall sicher verlassen konnte. Nun war unter den Offizieren, welche seinen Vorlesungen beiwohnten, auch mein Vater, und es konnte nicht fehlen, seine Achtung für den Spezial mußte sich in ebendem Maße vermindern, als ihn Schubart nicht nur als einen eiteln abgeschmackten Pedanten, sondern auch als einen bloßen Scheinheiligen heruntersetzte. Die Folge davon war, daß mein Vater Anstand nahm, mich das Spezialathaus fernerhin besuchen zu lassen; um jedoch den Mann, dessen Wohlwollen sein Sohn in so hohem Grade genoß und gegen den er sich selbst nicht als undankbar bezeigen wollte, nicht zu beleidigen, beschloß er, meine Besuche bei ihm unter dem allerdings nicht ungegründeten Vorwand, daß ich jetzt mehr zu Hause zu lernen hätte, allmählich zu beschränken. Auch nahm er sich, weil es ihm schien, als habe das viele Beisammensein[27] mit dem Spezial schon wirklich nachteilig auf mich gewirkt, und ich in Gefahr sei, ein frommer Sonderling und Kopfhänger zu werden, vor, von der Strenge seiner Erziehungsmaximen überhaupt etwas nachzulassen. Er nahm mich daher zuweilen mit sich in das Theater, zu Seiltänzern, auf die venezianische Messe, welche zur Karnevalszeit in Ludwigsburg gehalten wurde und auf welcher man nur maskiert, auch Kinder nicht ausgenommen, erscheinen durfte. Zugleich gestattete er mir auch mehr Freiheit in dem Umgang mit meinen Schulkameraden, was mir um so erfreulicher war, je mehr ich desselben früher hatte entbehren müssen. Ich benutzte daher auch diese Freiheit nach Herzenslust, und es ist kein Zweifel, daß mich die lange Entbehrung zum Übermaß würde verleitet haben, wenn nicht, wie bei meiner ersten Dieberei in Zavelstein, auch jetzt mein guter Genius über mich gewacht und einen Zufall herbeigeführt hätte, der mich bei Verübung mutwilliger Streiche vorsichtig machte. So war z.B. eine Hauptfreude meiner Kameraden das sogenannte Klöpfeln um Weihnachten, wo man, wenn es Abend geworden, den Leuten unversehens eine Handvoll Erbsen an die Fenster warf. Auch ich machte einmal diesen Spaß mit, aber in dem Augenblick, da ich meine Erbsen an die Fenster warf, hörte ich jemand die Treppe herunterkommen, und aus Furcht, erwischt zu werden, flüchtete ich mich in das nächstgelegene Haus, dessen Türe eben offen stand. Allein unglücklicherweise stand jemand hinter der Türe auf der Lauer, und ich wurde so unbarmherzig am Arm gepackt und so weidlich durchgeprügelt, daß mir die Lust zum Klöpfeln und überhaupt zu dergleichen mutwilligen Streichen auf immer vergangen ist. Nun hatte ich bereits das zehnte Jahr zurückgelegt, und die Zeit, wo ich die lateinische Schule verlassen sollte, kam immer näher. Als künftiger Studiosus der Theologie mußte ich aus der lateinischen Schule in eine der damaligen zwei niedern Klosterschulen und nach zwei Jahren in eine der höhern und von da aus auf die Universität übergehen. Ehe die Studiosen der Theologie in die Klosterschule aufgenommen wurden, mußten sie sich drei Jahre nacheinander einer Prüfung bei dem[28] sogenannten Landesexamen in Stuttgart unterwerfen, und nur wenn sie in allen dreien gut bestanden waren, wurden sie in die Klosterschule aufgenommen, im entgegengesetzten Fall als zum Studium der Theologie untauglich abgewiesen. Schon hatte ich dieses Examen einmal erstanden und sollte nun im nächsten Jahr das zweite erstehen, als ein ganz unerwartetes Ereignis mich nicht nur von dem Besuch des Landesexamens abhielt, sondern mich auch bestimmte, das Studium der Theologie selbst aufzugeben. Im Jahr 1770 hatte nämlich der damals regierende Herzog Karl auf der Solitude, seinem zwei Stunden von Stuttgart entlegenen Sommeraufenthaltsort, unter dem Namen »Militärische Pflanzschule« eine Erziehungsanstalt für Söhne armer Eltern, hauptsächlich aber Soldatensöhne, errichtet, welche für die Kunst, besonders für die Garten- und Bildhauerkunst, erzogen werden sollten. Anfangs entsprach die Anstalt ganz ihrem Namen; es wurden bloß Söhne armer Eltern und Soldatensöhne aufgenommen. Aber bald erweiterte sich, wie es bei allen von diesem Fürsten errichteten Anstalten der Fall war, auch der Plan dieser Anstalt. Es sollten auch Söhne aus höhern Ständen und besonders Offizierssöhne aufgenommen und die militärische Pflanzschule eine allgemeinere und höhere Erziehungsanstalt werden, welche auch Studierenden zu einer Vorbereitungsschule dienen könnte. Es wurden daher nicht, wie anfangs, bloß Lehrer in der deutschen Sprache, Rechnen, Zeichnen usw., sondern auch Professoren angestellt, welche Unterricht in der Geographie, Geschichte usw. geben sollten, und der erste, der als Professor an die Schule berufen wurde, war der Oberpräzeptor Jahn in Ludwigsburg, ebender, von welchem ich oben als einem der vorzüglichsten Lehrer gesprochen habe. Der Ruf war für ihn sehr ehrenvoll, er hatte ihn bereits angenommen und sich ungesäumt an den Ort seiner neuen Bestimmung begeben. Aber nun fehlte es noch an den Schülern, und weil der Herzog es zunächst auf die Söhne seiner Offiziere abgesehen hatte, so ließ er diese insgesamt, vorzüglich aber diejenigen, die mehrere Söhne hatten, auffordern, sie der neuen Erziehungsanstalt zu übergeben. Begreiflich setzte diese Aufforderung[29] die meisten Offiziere; in eine nicht geringe Verlegenheit; aber nur wenige wagten, die Aufforderung abzulehnen, der größere Teil und zumal diejenigen, die mehrere Söhne hatten, fürchteten die Ungnade des Herzogs und entschlossen sich, der Aufforderung zu entsprechen. Unter den letztern war auch mein Vater, und bei allem seinen Widerwillen gegen die Anstalt meldete er sich doch, um nicht, wie bereits andere Offiziere, in Ungnade zu fallen, um die Aufnahme seines jüngern Sohnes, meines Bruders, in dieselbe. Die Bewilligung der Aufnahme folgte wenige Tage nach der Meldung, die Vorkehrungen zur Abreise waren getroffen, an dem bestimmten Tage ging die Reise vor sich, und ich durfte meinen Bruder auf die Solitude begleiten. Sogleich nach seiner Ankunft ließ sich mein Vater bei dem Herzog melden, der Herzog bestimmte die Stunde und den Ort, wo ihm der Knabe vorgestellt werden sollte, und kaum hatte sich mein Vater mit seinem Sohn an dem bezeichneten Ort eingefunden, so kam auch der Herzog in der zum Schlosse führenden Allee heraufgeritten, begrüßte, wie er näher gekommen, meinen Vater freundlich, betrachtete meinen Bruder mit Wohlgefallen und fragte meinen Väter, ob der Knabe sein einziger Sohn sei. Mein Vater antwortete, daß er noch einen ältern Sohn habe, und auf die Frage, warum er nicht auch diesen in die Anstalt gebe, erwiderte er, daß derselbe zum geistlichen Stande bestimmt sei. »Das ist ein anderes«, sagte der Herzog, »aber da er älter ist als sein Bruder«, fuhr er gegen den nebenstehenden Professor Jahn fort, »so wird er auch in seinen Kenntnissen weiter sein als der jüngere?« Jahn bejahte dies, und der Herzog ritt weiter. Nach Tische kam der Vorsteher der Anstalt, Hauptmann Seeger, zu uns ins Wirtshaus und sagte meinem Vater, der Herzog habe erfahren, daß er auch seinen ältern Sohn bei sich habe, und geäußert, daß er ihn sehen wolle. Dieser Äußerung zufolge fand sich mein Vater zur bestimmten Stunde an demselben Platz mit mir ein, wo er den Herzog am Vormittag gesprochen hatte. Der Herzog kam wieder in derselben Allee heraufgeritten, und nachdem er meinen Vater wie am Morgen freundlich gegrüßt und mich scharf angesehen[30] hatte, sagte er: »Das ist also Sein älterer Sohn, Herr Hauptmann, den Er heute vormittag vor mir verheimlicht hat? Er hat unrecht getan, denn da Er mir ihn nicht geben will, so hätte Er ihn mich wenigstens sehen lassen sollen.«1 Hierauf sah er mich abermals scharf an und fragte mich dann, wie es mir auf der Solitude gefalle. Und auf die Antwort, es gefalle mir sehr wohl, fragte er weiter, ob ich nicht auch in die Pflanzschule aufgenommen zu werden Lust hätte. Ich antwortete: »O ja, wenn ich nicht ein Geistlicher werden sollte.« ? »Hat Er es gehört, Herr Hauptmann?« sagte der Herzog, sich gegen meinen Vater wendend, »der Knabe hat deutlich erklärt, was er wünscht, und er bleibt bei seinem Bruder, nicht wahr?« Der Herzog bemerkte die Verlegenheit meines Vaters, und ohne eine Antwort abzuwarten, ritt er weiter. Wir begaben uns zurück in das Wirtshaus; aber es war noch keine halbe Stunde vorbei, so kam der Professor Jahn, der meinem Vater aus Auftrag des Herzogs sagte, daß es dieser sehr gerne sehen würde, wenn er auch seinen ältern Sohn in die Pflanzschule gäbe. Mein Vater wußte nicht, was er antworten sollte; aber Jahn setzte ihm die Gründe für und wider so auseinander, daß er endlich nachgab, jedoch unter der Bedingung, daß ihm der Herzog erlauben möchte, mich noch auf einige Tage mit sich zurückzunehmen, weil zu meinem Eintritt in die Anstalt gar nichts vorbereitet sei. Allein der Herzog gestattete diesen Aufschub nicht. Es bedürfe keiner Vorbereitung, ließ ihm der Herzog sagen, was die Zöglinge nötig haben, besorge der Herzog, und so mußte nun mein Vater allein nach Ludwigsburg zurückkehren. Den Schrecken meiner Mutter, wie sie meinen Vater allein aus dem Wagen steigen sah, kann man sich denken. »Wo ist denn Fritz?« rief sie aus, »hat uns der Herzog auch ihn weggenommen, oder wo hast du ihn sonst gelassen, daß er nicht mitkommt?« ? »Das sollst du alles erfahren, liebe Frau«, entgegnete ihr der Vater, »nur habe einen Augenblick Geduld und beruhige dich.« Mein Vater erzählte ihr nun alles umständlich,[31] was vorgegangen, wie er dem Verlangen des Herzogs nicht habe widerstehen können, wie er sich dessen Ungnade durch seine Weigerung im höchsten Grade würde zugezogen haben und wie ihm daher keine andere Wahl übriggeblieben als dem Verlangen des Herzogs nachzugeben. Meine Mutter schien durch diese Gründe etwas beruhigt. »Aber«, fing sie wieder an, »was wird der Großvater, was die Großmutter sagen, wenn sie hören, daß Fritz nun kein Geistlicher werden soll?« ? »Auch sie«, erwiderte der Vater, »werden sich beruhigen, der Großvater ist ein vernünftiger Mann, der sich in die Umstände zu schicken weiß, und die Großmutter wird den Vorgang als eine Fügung Gottes ansehen, der man nicht widerstehen dürfe.« ? »Und was wird der Herr Spezial sagen«, fuhr sie fort, »wenn er hört, daß Fritz kein Geistlicher wird?« ? »Der Spezial«, erwiderte der Vater, »ist ein Geistlicher, der schon von Amts wegen in allem, was geschieht, den Willen Gottes erkennen soll, und gerade er ist es, der den Großvater und die Großmutter am besten beruhigen wird, und ich will ihn bitten, daß er ihnen zuerst Nachricht von der Sache gibt.« Wirklich begab sich mein Vater gleich am folgenden Tag zu dem Spezial, erzählte ihm umständlich, was vorgegangen, und bat ihn, die Großeltern von dem Vorgang zu benachrichtigen und sie darüber zu trösten. Anfangs wollte dem Spezial die Sache nicht recht gefallen. »Ei, ei, Herr Hauptmann!« sagte er, indem er den Kopf schüttelte und mit dem aufgehobenen Zeigefinger der rechten Hand bedenklich winkte, »war denn keine Möglichkeit, sich mit guter Manier aus der Affäre zu ziehen? Die militärische Pflanzschule mag wohl eine gute Anstalt werden, aber Gott weiß, wie lange sie bestehen wird. Die großen Herren sind veränderlich, dem Herzog kann, wie schon so vieles andere, die Anstalt entleiden, und was soll dann mit Fritz werden, der indessen seinen Eintritt in die Klosterschule versäumt hat?« Aber nachdem ihm mein Vater alle die gewichtigen Gründe, durch welche er zu seinem Entschluß bestimmt worden, entwickelt hatte, gab er endlich nach und versprach, an meinen Großvater zu schreiben, was auch schon am folgenden Tage geschah. Sosehr die Großeltern im ersten[32] Augenblick über die Nachricht bestürzt waren, so faßten sie sich doch bald. Sie sahen die Sache an, wie es mein Vater vermutet hatte, und wie sie bald darauf aus Briefen meines Vaters erfuhren, daß es mir auf der Solitude gut gehe, so waren sie endlich ebenso zufrieden wie mein Vater und meine Mutter. So waren also beide Brüder Zöglinge der militärischen Pflanzschule, und da wir uns in unsern militärischen Uniformen gar wohl gefielen und es uns auch sonst gut ging, so vermißten wir das elterliche Haus je länger, je weniger. Wirklich war für die Zöglinge der Anstalt in jedem Betracht gut gesorgt. Das Haus, in welchem wir wohnten, war hübsch, die Schlaf- und Speisezimmer waren geräumig, luftig und zweckmäßig eingerichtet, ebenso auch die Lehrzimmer, die Kost war einfach, nahrhaft und reichlich. Die Uniform, in welche die Zöglinge gekleidet waren, gab ihnen ein gutes Aussehen. Die Stunden des Unterrichts wechselten mit den zu körperlichen Übungen bestimmten Stunden gehörig ab. Die für jedes Fach angestellten Lehrer waren größtenteils gut gewählt. Die Aufseher, welche über das sittliche Betragen der Zöglinge zu wachen hatten, waren wackere gediente Unteroffiziere. Der Intendant der Anstalt führte die Aufsicht über das Ganze mit Einsicht, und der Herzog selbst, der gewöhnlich dem Speisen und öfters auch dem Unterricht beiwohnte, bezeigte sich den Zöglingen stets auf das liebreichste wie ein Vater, so wie er sie auch gewöhnlich seine Söhne nannte. Bei dieser Behandlungsart der Zöglinge konnte es natürlicherweise nicht fehlen, die Anstalt mußte bald Aufmerksamkeit erregen und Beifall finden, die Aufnahme in dieselbe wurde für ein Glück gehalten, und bald suchten auch mehrere der angesehensten Familien die Aufnahme ihrer Söhne bei dem Herzoge nach. Dem Herzog, ohnehin geneigt und gewohnt, alles ins Große zu treiben, waren diese Aufnahmsgesuche erwünscht, weil sie ihm Gelegenheit gaben, die Anstalt, seinem schon früher gefaßten Entschluß gemäß, zu erweitern. Seine Absicht war nämlich, aus der Pflanzschule eine Akademie zu machen, und um diese Absicht zu erreichen, beschloß er, vor allem ein dem erweiterten Plan entsprechendes Gebäude herzustellen.[33] Der Plan zu dem Gebäude wurde entworfen, ohne Verzug sollte zur Ausführung geschritten werden, und wirklich wurde auch der Grundstein zu dem Gebäude in Gegenwart eines großen Teils des dazu eingeladenen Hofes, der fremden Gesandten und einer Menge Menschen aus allen Ständen auf das feierlichste gelegt. Allein zur Aufführung des Gebäudes geschah nichts, nicht der großen Kosten wegen, die seine Erbauung und Einrichtung erfordert hätten, denn dem Herzog waren, um einen großen Plan auszuführen, keine Kosten zu groß, sondern weil es ihm für seinen Plan, die Pflanzschule zu einer Akademie zu erheben, zweckmäßiger schien, sie nach Stuttgart zu versetzen. Als das beste Lokal für dieselbe erschien ihm die zunächst hinter dem neuen Residenzschloß gelegene große Kaserne. Die Wahl war entschieden, die Einrichtung der Kaserne zu einem Akademiegebäude wurde ungesäumt ins Werk gesetzt, und im Jahr 1775 zogen die Zöglinge der Pflanzschule mit ihren Vorgesetzten und Lehrern in Stuttgart ein. Der Einzug war sehr feierlich. Die Zöglinge in ihren Uniformen zogen in militärischer Ordnung von der Solitude aus, und nachdem sie Stuttgart bis auf eine halbe Stunde nahe gekommen waren, stellte sich der Herzog, der ihnen entgegengeritten, zu Pferd an ihre Spitze, und so zogen sie denn unter der Anführung des Herzogs in Stuttgart ein. Der Zug geschah langsam im Paradeschritt, eine Menge Menschen begleitete den Zug. In den Straßen, durch welche er ging, waren alle Fenster mit Zuschauern besetzt. Es wurden Blumen aus den Fenstern geworfen, dem Herzog wiederholte Lebehoch gebracht, und am Eingang des Akademiegebäudes begrüßten die wartenden Eltern mit freudigem Zuruf ihre Söhne. Das Gebäude war beim Einzug noch nicht ganz vollendet. Es mußte wegen des noch fehlenden gemeinschaftlichen Speise- und Rangiersaales noch ein dritter, mit den schon vorhandenen gleichlaufender Flügel erbaut werden, der noch nicht ganz fertig war. Nur die zwei schon vorhandenen Flügel, worin die obern Etagen zu Schlafsälen, die untern zu Lehrsälen eingerichtet waren, und die Zimmer in dem Mittelgebäude und in den Mansarden, welche teils zu Wohnungen für die Offiziere,[34] teils zu andern Zwecken dienten, die Küche und die Viktualienkammern etc. waren fertig und vollständig ihren Zwecken gemäß eingerichtet. ? Mit Vergnügen würde ich eine detaillierte Beschreibung der Einrichtung des Gebäudes, nicht allein wie es damals war, liefern, sondern ich würde auch erzählen, wie mit der Erweiterung der Anstalt selbst auch das Gebäude immer mehr erweitert worden, wie zu den schon vorhandenen Lehrsälen neue hinzugekommen, wie für die Kunstbeflissenen jeder Art eigene Ateliers, für die Bibliothek und Naturaliensammlung eigene Säle und Zimmer, ein Lokal zu einem Winterbad eingerichtet, und nachdem die Akademie zur Universität erhoben worden, die Kirche zugleich zu einem Auditorium benutzt, eine eigene Buch- und Kupferdruckerei errichtet worden und wie alle diese Einrichtungen, sowohl in Rücksicht auf Schönheit, ja wie der Speisesaal, selbst auf Pracht als in Rücksicht auf Zweckmäßigkeit, nichts zu wünschen übrigließen. Allein ich enthalte mich dieser Beschreibung, teils weil mir nicht alles so genau mehr erinnerlich ist, teils weil auch dieselbe zu nichts dienen würde, da die hernachmalige Gestalt des Gebäudes nur noch wenige Spuren von seiner vormaligen akademischen zeigt. Gleich nach dem Tode des Herzogs nämlich wurde von seinem Bruder und Nachfolger, Herzog Ludwig, die Akademie aufgehoben.2 Die Zöglinge wurden entlassen und ihren Familien zurückgegeben. Von den Professoren wurden einige an dem Gymnasium in Stuttgart, andere an der Universität in Tübingen, andere anderwärts angestellt. Die vorgesetzten Offiziere traten wieder in ihre vorigen Stellen zurück oder erhielten Pensionen. Das Gebäude wurde wieder zu einer Kaserne gemacht, nur zu einer Kaserne anderer Art, als sie vor ihrer Verwendung zum Akademiegebäude war, die Schlafsäle wurden zu Wohnungen begünstigter Hofleute und Hofdiener eingerichtet und die Hörsäle in Pferdeställe umgewandelt. Aber indem ich mich aus den eben angeführten Gründen[35] einer detaillierten Beschreibung des Gebäudes und seiner Einrichtung enthalte, wende ich mich um so lieber zur Schilderung der Anstalt selbst als Erziehungs- und Lehranstalt und spreche zuerst von der in derselben eingeführten Lebensordnung. Daß die Verfassung der Anstalt militärisch war, ist bereits früher gesagt worden. Diese Verfassung behielt sie beständig, auch selbst nach ihrer Erhebung zur Universität. Die Kleidung der Zöglinge war eine Uniform, der tuchene Rock von hellblauer Farbe mit schwarzen manchesternen Aufschlägen und Kragen, übersilberten Knöpfen und weißen baumwollenen Achselschnuren, die Weste und die Beinkleider von weißem Tuch, der Hut dreieckig mit Kordons von baumwollenen Schnüren wie die Achselschnur, die Strümpfe von Baumwolle, die Schuhe von schwarzem Kalbleder und die gleichfalls uniformen Schuhschnallen von übersilbertem Metall wie die Rockknöpfe; bei schlechtem Wetter und im Winter wurden Stiefel getragen. Die Hauskleider, welche sich die Zöglinge, sowie die Hemden und anderes Weißzeug, selbst anschaffen mußten, waren Überröcke von selbst beliebiger Farbe, in welchen sie auch die Lehrstunden besuchten. Die Uniformen wurden bloß beim Mittag-und Abendspeisen, auf Spaziergängen und am Sonntag beim Besuch der Kirche getragen. Die Haare auf dem Scheitel waren abgeschoren, die Haare des Hinterkopfs in einen Zopf gebunden, die Seitenhaare zu einer Rolle gekräuselt und mit Haarnadeln befestigt. Die Betten der Zöglinge bestanden aus einem Strohsack, einer mit Roßhaaren gefüllten Matratze mit einem Leilach überdeckt, einem Kopfkissen mit einem linnenen Überzug und einer wollenen, über einen zweiten Leilach gelegenen Decke. Sich ankleiden, die Betten zurechtmachen, ihre Kleider reinigen mußten die Zöglinge selbst, beim Zopfmachen und Frisieren leisteten sie sich gegenseitige Hülfe. Streng wurde auf Reinhaltung der Uniformen, des Weißzeuges, der Betten usw. gesehen, vorzüglich aber auf Reinhaltung des eigenen Körpers durch fleißiges Waschen und Baden, im Sommer in den dazu eingerichteten Bassins in dem akademischen Garten, im Winter in dem schon obenerwähnten Winterbad.[36] Die Kost der Zöglinge war, wie schon früher bemerkt, einfach, nahrhaft und reichlich. Das Frühstück bestand einmal wie das andere in einer eingebrannten Mehlsuppe, das Mittagessen in einer Fleischsuppe, einer Portion Rindfleisch, einem Zugemüs, wie es die Jahrszeit gab, zuweilen einem Nachtisch von leichtem Backwerk, einer Portion gut gebackenen weißen Brots, und für die ältern Zöglinge aus einer Karavine nicht starken, aber reinen Landweins. Nach dem Abmarsch aus dem Speisesaal erhielten die Zöglinge eine zweite, der ersten gleiche Portion Brot zum Imbiß auf den Nachmittag. Das Abendessen bestand wiederum in einer Suppe, und abwechselnd entweder in einem Wild- oder Kalbsbraten mit Salat oder in einer leichten Mehlspeise nebst der bestimmten Portion Brot, jedoch ohne Wein. Wie die Stunden zum Speisen, waren auch die Unterrichts-, Vorbereitungs- und Erholungsstunden genau bestimmt und mußten auf das pünktlichste eingehalten werden. Der Vormittagsunterricht begann im Sommer früh um sieben, im Winter um acht Uhr und dauerte bis eilf Uhr; der Nachmittagsunterricht begann um zwei Uhr und endigte sich um sieben Uhr. Eine Stunde vor dem Vormittagsunterricht mußten die Zöglinge angekleidet sein, um aus ihren Schlafsälen in den Speisesaal zum Frühstück geführt zu werden. Nach eingenommenem Frühstück begaben sie sich partienweise, jede Partie in denjenigen Hörsaal, welchen sie nach der Stundeneinteilung besuchen mußte und wo sie den ganzen Vormittag blieb, wenn sie nicht dazwischen zum Unterricht in andern Lehrsälen gehen mußte. Die Lehrstunden dauerten, wie schon gesagt, bis eilf Uhr, eine Stunde vor dem Mittagspeisen, welches unabänderlich um zwölf Uhr festgesetzt war. Sowohl bei dem Mittag- als bei dem Abendspeisen mußten die Zöglinge jederzeit in Uniform erscheinen, und nachdem sie sich in der Freistunde von eilf bis zwölf Uhr angekleidet hatten, wurden sie von ihren vorgesetzten Offizieren und Aufsehern in den unter dem Speisesaal gelegenen sogenannten Rangiersaal geführt, daselbst nach ihren verschiedenen Abteilungen in Reihe und Glied gestellt, sodann von dem Intendanten der[37] Akademie oder gewöhnlich von dem Herzog selbst, der fast täglich dem Mittag- und Abendessen beiwohnte, inspiziert. Nach beendigter Inspektion wurde von dem Rangiersaal aus unter der Anführung des Oberaufsehers in den Speisesaal marschiert. In diesen führten zwei Flügeltüren, durch beide wurde zugleich einmarschiert, durch jede in einer doppelten Reihe, die eine links, die andere rechts längst der gedeckten Tafeln, bis jeder Zögling an seinem Platz war. Nun wurde rechts- und linksum kommandiert, und nachdem sich die Zöglinge, das Gesicht gegen die Tafeln gekehrt, gestellt hatten, wurde auf das letzte Kommandowort: Zum Gebet! von dem Zögling, an welchem die Reihe war und welcher beim Einmarsch in den Speisesaal ausgetreten und sich auf die zwischen den beiden Flügeltüren angebrachte Erhöhung gestellt hatte, das vorgeschriebene Tischgebet gesprochen. Nach dem Gebet durften sich die Zöglinge nicht gleich setzen, sie mußten in ihrer geraden Stellung stehen bleiben, bis ihnen der Herzog oder in seiner Abwesenheit der Intendant erlaubte, sich zu setzen und zu essen, wo je für sechs Zöglinge eine Schüssel aufgetragen war. Nach dem Essen marschierten sie in derselben Ordnung aus dem Speisesaal in ihre Schlafsäle, und nachdem sie ihre Hauskleider angezogen hatten, begaben sie sich in Begleitung ihrer Aufseher in den akademischen Garten, in welchem sie zu allerlei körperlichen Übungen, Springen, Ringen, Ballspielen, Bauen ihrer Gärtchen, denn jeder Zögling hatte sein eigenes, Gelegenheit hatten, seltener auf Spaziergänge außerhalb der Akademie, wie sie denn auch nur zuweilen partienweise das Theater und im Mai die damals splendide Messe besuchen durften. Um zwei Uhr fingen die Lehrstunden wieder an und dauerten bis abends um sieben Uhr. In der Freistunde von sieben bis acht Uhr kleideten sich die Zöglinge zum Abendessen an, wobei wie der alles wie beim Mittagessen gehalten wurde. Um neun Uhr war die Zeit zum Schlafengehen. In jedem Schlafsaal schliefen zwei Aufseher und ein Offizier. Kein Zögling durfte über die gesetzte Zeit aufbleiben; sobald die Zöglinge zu Bette gegangen waren, mußte jede, zumal lärmende Unterhaltung aufhören. Es durfte außer dem Nachtlicht kein Licht gebrannt werden.[38] Die Zöglinge sollten gehörig ausschlafen, um morgens zur gehörigen Zeit aufstehen zu können; nur diejenigen, die sich als krank angaben, durften länger zu Bette bleiben, wurden aber sofort auf eins der Krankenzimmer gebracht, wo sie bis zu ihrer Genesung verblieben. Zur Durchführung und Handhabung dieser Lebensordnung waren die Zöglinge in vier Abteilungen geschieden, eine für die adeligen, drei für die bürgerlichen, wovon die eine die Studierenden, die zweite die Kunstbeflissenen, die dritte die jüngern Zöglinge in sich faßte. Jede Abteilung hatte ihren eigenen Schlafsaal, ihre eigene Tafel in dem Speisesaal und ihre eigenen Vorgesetzten. Der Vorgesetzten waren bei jeder Abteilung fünf, ein Hauptmann, zwei Lieutenants und zwei Aufseher, letztere durchaus vormalige wackere Unteroffiziere. So wie die Aufseher den Lieutenants, so waren diese den Hauptleuten untergeordnet. Die Aufsicht über das Ganze führte der Intendant der Akademie, der Oberst und nachmalige General von Seeger, welchem ein Stabsoffizier von geringerem Rang und ein Adjutant, Oberaufseher genannt, beigegeben war, letzterer ebenfalls ein Subalternen-Offizier, dessen Funktionen waren, dem Intendanten Rapport zu machen, seine Befehle an die Unterbehörden zu bringen, dem Speisen beizuwohnen, bei dem Einmarsch der Zöglinge in dem Speisesaal vorzumarschieren, das obenerwähnte Kommando dabei zu führen, zu unbestimmten Zeiten in dem Gebäude die Ronde zu machen, um nachzusehen, ob alles in der gehörigen Ordnung sei, durch die Hörsäle und Lehrzimmer am Schlusse der Vorlesungen zu gehen, um nachzufragen, ob nichts Ordnungswidriges während derselben vorgefallen, und von allem Wahrgenommenen dem Intendanten jedesmal vor dem Mittag- und Abendessen Rapport zu erstatten. Daß bei dieser strengen Disziplin und bei dieser sozusagen allgegenwärtigen Aufsicht nicht leicht Exzesse von Bedeutung vorfallen konnten, ist einleuchtend. Dagegen gab es desto öfter geringere Vergehen, sowohl in den Schlaf- und Hörsälen als bei den Belustigungen im Garten, beim Baden, auf den Spaziergängen, im Theater usw. Waren die Vergehen unbedeutend,[39] so wurden sie von den Aufsehern und Lehrern bloß gerügt, waren sie hingegen bedeutender, so wurden sie den vorgesetzten Offizieren angezeigt. Diese sowie auch die Lehrer, wenn sie während ihrer Vorlesungen vorgefallen, schrieben das Vergehen auf ein Blatt Papier, Billett genannt, das Billett wurde dem beschuldigten Zögling zugestellt, und dieser mußte es dann entweder dem Herzog selbst oder in dessen Abwesenheit dem Intendanten bei der Inspektion in dem Rangiersaal vorzeigen. Der Vorzeiger des Billetts wurde gefragt, ob die Beschuldigung wahr sei, seine Verantwortung angehört und, wenn er straffällig befunden worden, die Strafe diktiert. Die gewöhnliche Strafe für minder bedeutende Vergehen war das Karieren. Dieses bestand darin, daß der Zögling der Abendkost entbehren und, während die andern Zöglinge saßen und speisten, an seinem gewöhnlichen Platz stehend, denselben zusehen mußte. Für bedeutendere Vergehen, wie Raufereien, Ungehorsam gegen die Vorgesetzten und Lehrer, Verspottungen oder Beleidigungen derselben usw., wurden Stockschläge ad posteriora verfügt, welche jedoch selten stattfanden. Die größte Strafe war die Relegation, aber ich erinnere mich keines Falles, wo diese verfügt worden wäre. Außer dem Intendanten durfte niemand eine Strafe diktieren und auch dieser nur in Abwesenheit des Herzogs und bei leichtern Vergehungen. Schwerere Vergehungen zu bestrafen, hatte sich der Herzog vorbehalten, und ich weiß mich keines Falles zu entsinnen, wo die von ihm ausgesprochene Strafe dem Vergehen nicht angemessen gewesen wäre. Indessen kamen, wie leicht zu erachten, nicht alle Vergehungen der Zöglinge zur Kenntnis des Herzogs und des Intendanten. Von den leichtern wurden die meisten von den Vorgesetzten und Lehrern im stillen gerügt, von andern bekamen diese, weil es unter den Zöglingen keine Verräter gab, keine Notiz, ja selbst bedeutende und hochverpönte Vergehen blieben im verborgenen, weil sie mit Vorsicht und Schlauheit verübt wurden. So durften die Zöglinge weder Tabak rauchen noch Tabak schnupfen, sie durften sich keine Eßwaren zubringen lassen, und um der Übertretung dieser Verbote um so[40] gewisser vorzubeugen, durften sie kein Geld führen, sondern was sie von ihren Eltern und Anverwandten bei ihren Besuchen geschenkt bekamen, mußten sie an die Aufseher abgeben, welche für die Verwendung zu stehen und den Zöglingen Rechnung abzulegen hatten. Daß viele Zöglinge bei der Abgabe des Geldes an die Aufseher nicht immer ganz gewissenhaft verfuhren und mehr oder weniger zu unerlaubten Ausgaben zurückbehielten, läßt sich leicht denken, es kam nur darauf an, daß die auf diese Art möglich gemachte Übertretung jener Verbote nicht entdeckt wurde. So wurde bei den Sonntagsbesuchen den Zöglingen von ihren Verwandten und Freunden manches Verpönte zugebracht; aber bei der Vorsicht, mit welcher es geschah, war es kaum möglich, daß es bekannt wurde, ja es wurde sogar Handel mit den verpönten Sachen getrieben, und zwar besonders von einem ältern der Zöglinge, welcher, nachdem er das Herbeischaffen der verbotenen Dinge schon länger für sich unentdeckt getrieben hatte, sich seinen vertrauten Kameraden zu ihrer großen Freude zum Spediteur erbot. Er versah sich daher mit allem, was von verbotenen Waren verlangt werden mochte, mit Schnupf- und Rauchtabak, Knackwürsten, Hefenknöpfen, Backwerk etc., welches alles herbeizuschaffen er abends bei Licht und während der Vorlesungen eines kurzsichtigen Professors zum hintersten Fenster des parterre gelegenen Hörsaales leise hinaus- und vor beendigter Vorlesung wieder hereinstieg. Wir hießen ihn daher unter uns den Marketender der Akademie, und weil er nie bei diesem Wagstück erwischt wurde, nannte ihn Schiller den Allmächtigen. So wurden die meisten seiner Kunden insbesondere heimlich Tabakschnupfer, wenigere wagten auch zu rauchen. Aber um so stärker rauchte er selbst, und um nicht entdeckt zu werden, rauchte er seine Pfeife meistens in einem Vorkamin des Schlafsaales, wobei er, wie er scherzend sagte, im Sommer die Vorsicht brauchte, nicht zu stark zu dampfen, weil ihn der aus dem Schornstein aufsteigende Rauch leicht verraten könnte. Einen eigenen Spediteur dieser Art hatten wir Mediziner an einem Krankenwärter, einem alten, gutmütigen Gesellen, welchen wir ganz für uns eingenommen hatten. In dem letzten Jahr unseres[41] Lehrkurses nämlich hatten wir weniger Kollegien zu besuchen als in den ersten vier Jahren, und unsere freie Stunden mußten wir in den Krankenzimmern zubringen, um die daselbst befindlichen Kranken zu beobachten, den Ärzten bei ihren Besuchen über den Zustand derselben zu referieren und über jeden ein Tagebuch zu führen. So wurden wir bald mit dem erwähnten Wärter vertraut und ihm so lieb, daß er uns nichts abschlagen konnte. Er schaffte uns daher alles, was wir wünschten, und weil das meiste verbotene Ware war, so nannten wir die Würste, Hefenknöpfe, Butterbrezeln etc. Sünden, und wir durften ihm nur die Nummer nennen, womit wir jene Waren bezeichneten, um ihn sogleich zu verständigen, welche Sünde wir begehen wollten. Soviel in Rücksicht auf die Lebensordnung in der Akademie. Ich komme nun auf den Unterricht in derselben, und es ist nötig, dabei etwas länger zu verweilen. Anfangs war, wie schon bemerkt, die Anstalt nicht mehr, als was ihr Name besagte, eine militärische Pflanzschule zur Erziehung und Unterweisung armer und verwaister Kinder, besonders Soldatenkinder. Aber bald erweiterte sich der Plan, es wurden auch Söhne von Offizieren aufgenommen, und wie anfangs bloß im Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen etc. Unterricht erteilt wurde, so wurde jetzt auch Latein, Geometrie, Geographie, Geschichte etc. gelehrt. Allein auch dabei blieb der Herzog nicht stehen. Die militärische Pflanzschule sollte auch eine Vorbereitungsschule für Studierende, ein militärisches Gymnasium werden, in welchem wie in andern Gymnasien alles gelehrt werden sollte, was zur Vorbereitung auf die Universität erforderlich ist. Zu einem solchen militärischen Gymnasium war die militärische Pflanzschule schon vor ihrer Versetzung nach Stuttgart geworden; aber bald wurde auch das Gymnasium erweitert, es sollte über mehrere wissenschaftliche Gegenstände Unterricht erteilt werden, es wurden daher mehrere Lehrer angestellt, und da in ebendem Verhältnis, in welchem sich die Anstalt selbst erweiterte, auch der Zudrang zu derselben größer wurde, indem jetzt auch von den angesehensten Familien die Aufnahme ihrer Söhne nachgesucht wurde, so nahm auch der Herzog daher Anlaß,[42] die Anstalt immer mehr ins Große zu treiben. Aus dem Gymnasium sollte eine Akademie werden, auf welcher wie auf den Universitäten Unterricht in den höhern Wissenschaften gegeben werden sollte, bloß die Theologie und Medizin ausgenommen. Allein bald wurde auch die Medizin in den Kreis gezogen, und es wurden sofort fünf Fakultäten angeordnet, eine juridische, eine kameralistische, eine medizinische, eine militärische und eine philosophische. Für jede Fakultät wurden nach den Verzweigungen der Wissenschaft mehrere Lehrer angestellt, die Lehrer hielten ihre Vorlesungen wie die Lehrer auf den Universitäten, und wenn die Akademie schon deswegen den Namen einer Universität verdiente, so verdiente sie diesen Namen noch weit mehr, indem sie nicht nur zugleich ein Gymnasium für diejenigen Zöglinge, die sich zu den höhern Studien vorbereiteten, sowie auch eine Trivialschule für jüngere Kinder, denn schon Kinder von sechs und sieben Jahren wurden in die Akademie aufgenommen, blieb, sondern auch eine Schule für Künstler, Musiker, Maler, Bildhauer und Kupferstecher war. So erhielt die Anstalt zuletzt einen Umfang, wie ihn zuvor nie eine Erziehungs- und Unterrichtsanstalt gehabt hat und vielleicht nie eine mehr haben wird. Außer in der Theologie wurde nicht nur in allen Wissenschaften und Künsten Unterricht erteilt, sondern es fehlte auch nicht an Gelegenheit, reiten, fechten, tanzen, ja sogar exerzieren zu lernen, da die dazu erforderlichen Gewehre in beträchtlicher Anzahl vorhanden waren. Auf den ersten Anblick hat allerdings eine Anstalt von solchem Umfang etwas Abenteuerliches; aber es ist nur das Ungewöhnliche, was ihr dieses Ansehen gibt. Sie leistete alles, was ihr Stifter bezweckte. Ausgezeichnete Gelehrte, wie Cuvier, große Dichter, wie Schiller, große Künstler, wie Dannecker, treffliche Offiziere, wie Oberst von Müller, gingen aus ihr her vor, und auch die Hauptabsicht des Herzogs, sich seine Staatsbeamten selbst zu bilden, um zu beurteilen, wozu jeder am besten zu brauchen sei, blieb nicht unerreicht. Noch zu seinen Lebzeiten waren die meisten Stellen bereits von seinen Zöglingen besetzt, und nach seinem Tode ließen seine Nachfolger sie nicht nur an ihren Stellen, sondern sie beförderten sie auch[43] zu höhern, ja selbst die meisten ihrer Minister waren Zöglinge der Karls-Hohenschule. Was den Unterricht selbst betrifft, so hatten die Professoren bei ihren Vorträgen volle Freiheit. Es war ihnen nicht wie zu unserer jetzigen Zeit vorgeschrieben, was und wie sie lehren sollten. Nur das Fach, das ihnen zugewiesen war, war bestimmt, und keiner durfte in ein anderes übergreifen, wie das auf andern Universitäten der Fall ist ? eine weise Verordnung, da dieses Verbot das sicherste Mittel ist, dem in mehreren Beziehungen so nachteiligen Rivalisieren der Professoren zu begegnen. Es würde mich zu weit führen, wenn ich alle Professoren und Lehrer, welche nach und nach an der Akademie angestellt worden, namhaft machen wollte. Im ganzen war der Herzog bei der Wahl derselben glücklich und vielleicht glücklicher als bei der Wahl der vorgesetzten Offiziere und Aufseher, in der Folge Hofmeister genannt. Indessen waren doch bei allen Fakultäten einzelne, welche ihren Platz nicht ganz ausfüllten. Ich nenne diese Personen nicht, obschon die meisten längst gestorben sind; aber um so lieber nenne ich einige der ausgezeichneteren, wie z.B. den Hofrat Reuß in der juridischen, den Hofrat Stahl in der kameralistischen, die Professoren Cunsbruch, Klein und Reuß in der medizinischen, den noch lebenden Oberst Rösch in der militärischen, die Professoren Schott und Abel und den Magister Moll in der philosophischen Fakultät. Sie waren alle ebenso wackere Männer als ausgezeichnete Gelehrte. Ihre Vorträge waren gründlich, klar, ja wie die Vorträge des Professors der Geschichte Schott, selbst beredt. Ein eigentliches Genie unter den Lehrern war der Lehrer der höhern Mathematik, der Magister Moll, aber dabei ein großer Sonderling, der nie in Stuttgart zu Mittag aß, beinahe mit niemand umging und wie der gemeinste Handwerker gekleidet war, weswegen er vermutlich auch nie zum Professor ernannt wurde. ? Auf eine andere Art eigen war der Professor der Philosophie Abel. Von Figur klein und etwas dick, war er äußerst beweglich, stellte sich bei seinen Vorträgen selten auf den Katheder, sondern lief mit schnellen Schritten im Hörsaal auf und ab,[44] wie er denn eben dieser Beweglichkeit wegen in seinen Vorträgen etwas weitläuftig war. Übrigens war er ein Mann von dem vortrefflichsten Charakter und vielleicht der beliebteste von allen Professoren. Es ist derselbe Abel, der in der Biographie Schillers als einer seiner vorzüglichsten Freunde aufgeführt ist. ? Von den Professoren der juristischen, kameralistischen und militärischen Fakultät kann ich nichts Besonderes sagen, weil ich als Mediziner zu wenig mit ihnen in Berührung kam. Um so näher bekannt war ich mit den Professoren der medizinischen Fakultät Reuß, Klein und Cunsbruch. Reuß las Naturgeschichte, Chemie, Pharmazie und Arzneimittellehre, ein ernster, trockener Mann, aber gründlich gelehrt in seinen Fächern und zugleich ein sehr guter praktischer Arzt und eben deswegen auch als Akademiearzt angestellt. Klein lehrte Anatomie, Chirurgie und Geburtshülfe, alle drei Pensa vortrefflich, denn er war einer der geschicktesten der damals lebenden Anatomen und ein ebenso guter theoretischer als praktischer Chirurg und Geburtshelfer; auch war er zugleich Leibchirurg des Herzogs, der ihn nicht nur wegen seiner Geschicklichkeit, sondern auch wegen seines geraden, treuherzigen, echt schwäbischen Charakters hochschätzte, weswegen er ihn auch immer auf seinen Reisen begleiten und nicht nur den Arzt, sondern auch den Kassier, ja manchmal selbst den Quartiermacher machen mußte. Cunsbruch las Physiologie, Pathologie, Semiotik und Therapie, und seine Vorlesungen waren ebenso angenehm als instruktiv. Er war ein Mann von dem besten Charakter, heiter, wohlwollend, dienstfertig, und dabei ein trefflicher Gesellschafter wegen seines natürlichen, ungesuchten und oft feinen Witzes. Als praktischer Arzt war er einer der beliebtesten und gesuchtesten Ärzte in der Stadt. Auch uns Studierenden war er sehr lieb, er war nicht bloß unser Lehrer, sondern auch unser Freund, und ob ich gleich in der Folge weniger mit ihm in Berührung bliebt als meine Mitschüler, so konnte ich mich doch bei jeder Gelegenheit überzeugen, daß er bis ans Ende seines Lebens mein wahrer Freund und Gönner geblieben ist. Ehe ich weiter fortfahre, muß ich noch zweier fremder Professoren[45] gedenken, welche von Tübingen nach Stuttgart berufen wurden, um philosophische Kollegien, der eine theoretische Philosophie und Ästhetik, der andere Logik und Metaphysik, zu lesen, die Professoren Böck und Ploucquet. Abel las zwar diese Pensa auch, aber sein Hauptfach war Moralphilosophie. Sie wurden beide nur auf ein Jahr engagiert, und zuerst kam Böck, ein Mann von mittlerer Größe, hager, von blaßgelber Gesichtsfarbe, langer gebogener Nase und in seiner Haltung etwas vorwärts gebückt. Seine Stimme war zwar etwas schwach, aber doch laut genug, um ihn zu verstehen, zumal wenn er, was bei seiner Lebhaftigkeit öfters geschah, in Affekt kam. Seine Vorträge hatten sämtlich das Gepräge eines selbstdenkenden Philosophen, und man hörte sie, weil er sehr gut sprach, gern, zumal seine ästhetischen Vorlesungen, wo er die Stellen aus Klopstocks »Messias« und anderen unserer besten Dichter der damaligen Zeit sehr gut deklamierte. Am Schlusse seiner Vorlesungen schrieb er eine Dissertation »De perfectibilitate sensuum externorum«, welche unter seinem Vorsitz von seinen Zuhörern öffentlich verteidigt wurde, in sehr schönem Latein; auch war ihm aufgetragen, die bei der Stiftungsfeier der Akademie gewöhnliche Rede zu halten, in welcher er sich auch als deutscher Schriftsteller vorteilhaft auszeichnete. Schon vor seiner Rückreise nach Tübingen war Ploucquet angekommen, bekanntlich einer der berühmtesten Philosophen seiner Zeit, aber ein Mann von der sonderbarsten Art, sowohl in seinem Äußern als in seinem Benehmen. Alles war an ihm dick, sein Kopf, sein Hals, sein Bauch, seine Arme und Beine. Er war gekleidet wie unsere heutigen massiven Bierbrauer, nur daß er eine Stutzperücke trug, die gewöhnlich etwas schief aufgesetzt war. Seine Stimme war rauh, seine Sprache mehr die Sprache eines Handwerkers als eines Gelehrten, und wie wenig die Philosophie bei ihm ins Leben übergegangen, zeigte seine Art, sich zu benehmen, sowohl auf dem Katheder als auch anderwärts, selbst bei Hofe an der herzoglichen Tafel. Indessen ließ seine Zelebrität dieses alles vergessen, und besonders übersah ihm der Herzog auch die größten Gemeinheiten und Ungezogenheiten, welche er sich gewöhnlich an der Tafel, zu[46] welcher er fast täglich geladen war, gegen ihn erlaubte, ja er ergetzte sich vielmehr an denselben ungefähr so, wie sich in frühern Zeiten die Fürsten an den Schwänken ihrer Hofnarren ergetzten. So wurde er, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, einst an der Tafel von dem Herzog gefragt, ob er der Verfasser einer damals viel Aufsehen erregenden Broschüre: der »Lumpenspiegel«, sei. Ploucquet bejahte die Frage, und wie er sah, daß sich der Herzog darüber verwunderte, fügte er hinzu, daß er nach seiner Rückkehr nach Tübingen gesonnen sei, noch einen zweiten Teil zu schreiben, weil er während seines Aufenthalts in Stuttgart auch noch manche Lumpen aus den höhern Ständen habe kennenlernen, die eine eigene Spezies ausmachen. Indessen verminderte sich das Wohlgefallen des Herzogs an seinen Ungezogenheiten je länger, je mehr; er wurde seltener zur Tafel gezogen, und er fiel zuletzt völlig in Ungnade. Die wahrscheinliche Veranlassung dazu war folgende: Der Herzog hatte ihm nämlich aufgetragen, eine Charakteristik von ihm zu schreiben, und da er sich dazu verstanden hatte, sagte ihm der Herzog: »Aber wohlgemerkt, Herr Professor, ganz unparteiisch, ich sage, ganz unparteiisch.« ? »Daran soll es nicht fehlen«, erwiderte Ploucquet, »wenn die Charakteristik nur nicht zu unparteiisch ausfällt.« Ploucquet übergab die Charakteristik; wie sie ausgefallen, ist nicht bekannt worden. Aber das Benehmen des Herzogs gegen ihn bewies, daß er in Ungnade gefallen, und da eben das Jahr, auf welches er engagiert worden, zu Ende war, verließ er Stuttgart ebenso ohne Sang und Klang, wie er vormals seine Pfarrei im württenbergischen Oberland, wo er sich unter andern Ungebührlichkeiten auch die erlaubt haben soll, daß er den Sonntag auf die Mittwoch verlegen wollte, verlassen hatte und als Diakonus nach Freudenstadt versetzt wurde. Von der Schilderung der bedeutendern an der Akademie angestellten Lehrer kehre ich wieder zu dem Unterricht selbst zurück. Wie derselbe bei der juridischen, kameralistischen und militärischen Fakultät und bei den Künstlern beschaffen war, kann ich als Mediziner nicht genau angeben, nur von dem medizinischen und dem allen Zöglingen gemeinschaftlichen Religionsunterricht kann ich etwas Näheres sagen.[47] Was zuvörderst den medizinischen Unterricht betrifft, so war sowohl für den theoretischen als auch für den praktischen nicht nur durch die gute Wahl der Professoren, sondern auch durch die dazu getroffenen Anstalten genugsam gesorgt. Zwar fehlte es für den praktischen Unterricht an einem eigenen botanischen Garten, an einem eigenen chemischen Laboratorium und an einer Anstalt für die Klinik, bloß für die Anatomie war ein ebenso gut eingerichtetes als reichlich mit Kadavern versehenes Lokal vorhanden und ein ausgezeichneter Prosektor namens Morstadt angestellt. Indessen gebrach es doch auch für den praktischen Unterricht in der Botanik, Chemie und Pharmazie und für den klinischen Unterricht nicht an für die damalige Zeit hinlänglicher Gelegenheit. Zum Unterricht in der Botanik diente außer den botanischen Exkursionen der in der Nähe des Akademiegebäudes gelegene öffentliche botanische Garten, an welchem einer der ausgezeichnetsten praktischen Botaniker, der Garteninspektor Martini, angestellt war, welcher den Professor Gmelin von Tübingen, den sogenannten Petersburger Gmelin, auf seiner botanischen Reise nach Sibirien begleitet hatte und dem Herzog auf einer Reise in die Schweiz von dem berühmten Haller empfohlen worden war, ein schon bejahrter, unscheinbarer, gar nichts aus sich machender und ebendaher dem seine Leute sonst sehr gut kennenden Herzog bloß als simpler Inspektor des botanischen Gartens bekannter Mann. ? Zum praktischen Unterricht in der Chemie und Pharmazie diente die Hofapotheke, wohin wir geführt wurden, sooft Prozesse, die für uns instruktiv waren, daselbst vorkamen. ? Zum klinischen Unterricht endlich dienten teils die Kranken in der Akademie selbst, teils die Kranken in den städtischen Krankenhäusern, zu denen uns die Gefälligkeit der sie besorgenden Ärzte den Zutritt gestattete. Diejenigen Mediziner, welche sich vorzüglich der Chirurgie und der Geburtshülfe zu widmen gesonnen waren, begaben sich nach vollendetem Lehrkurs in der Akademie nach Straßburg, wo bekanntlich damals die vorzüglichsten Anstalten dazu vorhanden waren. Was den Religionsunterricht in der Akademie betrifft, so waren für denselben zwei eigene Geistliche angestellt, der eine[48] für den dogmatischen, der andere für den historischen Teil. Der letztere war zugleich Akademieprediger, und ich darf hier unbemerkt lassen, daß diese Stelle auch eine Zeitlang von dem nachmals so berühmt gewordenen Lehrer der Theologie auf der Universität Göttingen Planck bekleidet war. Der Unterricht in der katholischen Religion war, wie der Unterricht in der reformierten dem reformierten Stadtpfarrer in Cannstatt, den Geistlichen an der herzoglichen Hofkapelle anvertraut. In der Akademiekirche wurde an allen Sonn- und Feiertagen vormittags Predigt gehalten, welcher alle Zöglinge mit ihren Vorgesetzten beiwohnen mußten. Mit den jüngern Zöglingen wurde in eigen dazu bestimmten Stunden katechisiert, zweimal im Jahr kommuniziert, und keiner von den konfirmierten Zöglingen durfte sich von der Kommunion ausschließen. Die Katechisationen wurden wie damals überall nach dem lutherischen Katechismus gehalten. Die beiden Religionslehrer waren strenge Orthodoxen, aber gelehrte und auch wegen ihres Charakters in hoher Achtung stehende Männer. Ferien gab es in der Akademie nicht wie auf andern Universitäten. Da die Zöglinge, außer unter ganz besondern Umständen, keine Besuche außerhalb derselben machen und in der Regel nur am Sonntage nachmittags Besuche von den Ihrigen annehmen durften, so wurden auch die Vorlesungen das ganze Jahr hindurch ununterbrochen fortgesetzt bis vierzehn Tage vor der Stiftungsfeier der Akademie, welche auf den einundzwanzigsten Dezember fiel und die einzige große Feierlichkeit war, welche in der Akademie stattfand. Während jener vierzehn Tage wurden die öffentlichen Prüfungen der Zöglinge vorgenommen, sowohl in den Wissenschaften als auch in den Künsten. Die Zöglinge wurden in allen Zweigen derselben, gewöhnlich in Gegenwart des Herzogs selbst, unter freiem Zutritt der Väter der Zöglinge und öfters auch mit Zuziehung auswärtiger Gelehrten von ihren Lehrern examiniert; die Kunstbeflissenen mußten die ihnen aufgegebenen Arbeiten gefertigt haben, welche dann von ihren Lehrern gemeinschaftlich beurteilt wurden. Die Stunden für die Prüfungen waren genau bestimmt, und abends nach dem Nachtessen wurden die Resultate derselben[49] und die Namen der Individuen, welche nach dem Urteil der Lehrer die ersten und des für jedes Fach bestimmten Preises würdigsten waren, von dem Sekretär der Akademie verlesen. Nach Beendigung der Prüfungen hielt der Herzog in dem Speisesaal, wo außer dem Hof auch die Eltern und Anverwandten der Zöglinge Zutritt hatten, nach dem Abendessen eine Rede, in welcher er über den Erfolg der Prüfungen sowie überhaupt über den Zustand der Akademie sprach, sich des Gedeihens derselben erfreute, die Zöglinge, welche sich bei den Prüfungen vorzüglich ausgezeichnet hatten, unter Nennung ihrer Namen lobte, die minder gut bestandenen tadelte und seine Hoffnungen für die Zukunft verkündigte. Amazon.de Widgets Der Stiftungstag der Akademie selbst wurde auf das feierlichste begangen. Die Feier begann mit einer in der Akademiekirche von dem herzoglichen Oberhofprediger, in der katholischen Hofkapelle eine Stunde früher von dem ersten Geistlichen derselben gehaltenen Predigt, und beiden Predigten wohnte der Herzog bei. Nach der Predigt begaben sich die Zöglinge in ihre Schlafsäle, verweilten da bis zum Mittagspeisen, welches wie gewöhnlich abgehalten wurde. Hierauf begaben sie sich wieder in ihre Schlafsäle zurück, wo sie blieben, bis die Stunde zum Abmarsch in den großen Rangiersaal gekommen war, wo sie mit ihren Vorgesetzten und Lehrern die Ankunft des Herzogs erwarteten. Vor dem Platz, welchen der Herzog mit seinem Gefolge einnahm, stand eine lange Tafel, auf welcher die Preise und Orden, die ausgeteilt werden sollten, in gehöriger Ordnung gelegt waren, auf der andern Seite der Tafel standen die Zöglinge mit ihren Vorgesetzten und Lehrern. Nun kam der Herzog, in die Uniform der vorgesetzten Offiziere gekleidet, mit seinem Gefolge, und nachdem er sich mit demselben niedergesetzt hatte, trat der Professor, der die Rede zu halten hatte, hervor, stellte sich dem Herzog; an der Fronte der Zöglinge gegenüber und begann zu sprechen. Nach beendigter Rede begab sich der Herzog an das eine Ende der Tafel, ihm zur Seite der Intendant der Akademie, und an das andere der Sekretär der Akademie. Dieser las die Namen der Zöglinge, denen Preise zuerkannt worden, der Reihe nach[50] ab, der Intendant nahm den bestimmten Preis von der Tafel, übergab ihn dem Herzog und der Herzog dem auf den Aufruf hervortretenden Zögling, welcher nach Empfang desselben dem Herzog den Rock küßte und sich dann an seinen Platz zurückbegab. Die Preise bestanden in silbernen Medaillen mit dem Bildnis des Herzogs auf der einen und einem passenden Emblem auf der andern Seite, etwa fünf Gulden am Wert, und lagen in einer Kapsel von rotem Saffian, auf dem Deckel mit einem verschlungenen doppelten goldenen C verziert. Der akademische Orden war ein goldenes, braun emailliertes Kreuz, auf welchem wiederum ein doppeltes goldenes C eingeschmelzt war. Um mit dem Orden dekoriert zu werden, mußte de Zögling in demselben Jahre acht Preise erhalten haben, und bekam er im folgenden Jahre wieder so viele, so durfte er das Ordenskreuz am Halse tragen und erhielt zugleich einen ebenfalls mit dem doppelten C gezierten, auf der linken Seite der Brust aufgenähten silbernen Stern. Auch wurden die Ordensritter dadurch ausgezeichnet, daß sie beim Speisen an einer eigenen Tafel saßen und einen eigenen Schlafsaal hatten. Den Schluß der Feierlichkeit machte eine glänzende Tafel in dem akademischen Speisesaal, an welcher auch die anwesenden Väter der Zöglinge teilnahmen, während andere Personen teils die Tische umgaben, teils von der Galerie aus sich des rührenden Anblicks des Herzogs, des Vaters seiner Zöglinge, erfreuten. Mit dieser Feier des Stiftungstages wurden auch die auf fünf Jahre festgesetzten Lehrkurse bei den Fakultäten geschlossen. Die Zöglinge, welche dieselben vollendet hatten, wurden aus der Akademie entlassen, die Fremden kehrten in ihr Vaterland zurück, die Einheimischen wurden entweder sogleich im Staatsdienst oder als Offiziere angestellt, oder wenn in dem Augenblick keine Stellen für sie offen waren, einstweilen unter der Versicherung einer baldigen Anstellung, ja selbst mit einer kleinen Pension begnadigt, ihren Familien zurückgegeben. So wurden mehrere Zöglinge gleich nach ihrem Austritt aus der Akademie zu Sekretären bei der Regierung oder der Finanzkammer und andern Behörden, ja einige sogar als Regierungs-und Finanzräte angestellt, was bei ihrem jugendlichen Alter[51] allerdings befremdend war und insbesondere den Landleuten, welche bei der Regierung oder der Finanzkammer etwas nachsuchten, dergestalt auffiel, daß einmal ein Bauer, wie er zwei solche junge Regierungsräte durch das Sekretariatszimmer in den Sitzungssaal gehen sah, einen der Sekretäre fragte, wer denn die beiden jungen Herren seien, und auf die Antwort, es seien Regierungsräte, erwiderte, in dem Sessionssaal würden doch wohl an den Fenstern eiserne Stäbe angebracht sein, damit die jungen Herren, wenn sie hinaussähen, nicht hinausfallen. Nach der Entlassung aus der Akademie war es Sitte, daß die Zöglinge ihre Aufwartung bei dem Herzog machten, um ihm für die ihnen während ihres Aufenthalts in derselben genossenen Wohltaten zu danken. Sie wurden alle sehr gnädig von dem Herzog aufgenommen, und selten versäumte er, ihnen einzeln die väterlichen Lehren zu wiederholen, welche er ihnen oft in der Akademie öffentlich gegeben hatte. Besonders erfreute er sich der Dankbarkeit der Ausländer, und wie gerührt er war, wenn er sah, daß der Dank ihnen aus dem Herzen kam, mag folgende Anekdote beweisen. Unter mehreren Schweizern, welche in der Akademie studierten, war auch einer namens de Bons. Er war einer der gutmütigsten und fleißigsten seiner Landsleute, und wie er nach seinem Austritt aus der Akademie dem Herzog dankte, ergriff er seine Hand, und anstatt sie zu küssen, drückte er sie ihm derb auf echte Schweizerart. An der Abendtafel sagte der Herzog seinen Tischgenossen, daß ihm am heutigen Morgen etwas begegnet sei, was ihm eine Freude gemacht habe, wie er selten eine gehabt habe, die Gesellschaft sollte raten, welche. Die Gäste schwiegen, und nun sagte der Herzog, einer seiner Zöglinge aus der Schweiz habe die Akademie verlassen und heute früh beim Abschied habe er ihm die Hand so derb gedrückt, daß er es mehrere Stunden lang gespürt habe, nur der herzlichste Dank könne sich gegen einen Fürsten auf eine solche Art aussprechen, und daher rechne er diese Dankbezeugung seines Zöglings zu den angenehmsten Vorfällen in seinem Leben. Ich habe schon erwähnt, daß die medizinische Fakultät später[52] als die andern errichtet worden. Vor ihrer Errichtung studierte ich wie mein Bruder und die meisten Zöglinge, welche sich dem gelehrten Stand gewidmet hatten, Jurisprudenz, und ich hatte schon bereits das Naturrecht, die Rechtsgeschichte und einen Teil des römischen Rechts gehört, als die Zöglinge gefragt wurden, welche von ihnen Lust zum Studium der Medizin hätten. Unter denen, die sich dazu meldeten, war auch ich und Schiller, welcher sich ebenfalls dem Studium der Jurisprudenz gewidmet hatte, und noch fünf andere. Die Beweggründe zu dieser Veränderung des Studiums waren nicht bei allen dieselben. Nur drei, mein noch lebender bewährter Freund, der Medizinalrat Plieninger in Stuttgart, und noch zwei andere meldeten sich aus wahrer Lust zum Studium der Medizin, die zwei übrigen meldeten sich, weil ihre Väter Ärzte und sie gleichsam Erbärzte waren; bei Schiller und mir war der Beweggrund nicht sowohl Widerwillen gegen das Studium der Jurisprudenz und Vorliebe für das Studium der Medizin als unsere Neigung zur Dichtkunst, der wir schon damals, Schiller durch lyrische und dramatische Versuche, ich durch Lieder, Balladen und Romane, zu genügen anfingen. Natürlich raubten uns diese Versuche einen großen Teil der Zeit, welche wir dem Studium der juridischen Wissenschaften hätten widmen sollen. In den Vorlesungen dachten wir mehr an unsere dichterischen Plane als an das, was wir vom Katheder herab hörten, wir blieben daher hinter unsern Kameraden zurück, und zwar dergestalt, daß es einem Professor nicht übelgenommen werden konnte, wenn er einen unserer Kameraden fragte, ob es uns an Gaben fehle oder ob es bloß Faulheit sei, daß wir nichts lernen. So zurückgeblieben in unsern juridischen Studien, konnten wir natürlicherweise das Versäumte nicht mehr leicht einbringen, wir entschlossen uns daher zum Studium der Medizin, mit dem Vorsatz, dieses neu gewählte Studium ernster zu treiben als das verlassene Studium der Jurisprudenz, und wir glaubten diesen Vorsatz um so eher ausführen zu können, da uns die Medizin mit der Dichtkunst viel näher verwandt zu sein schien als die trockene positive Jurisprudenz. Allein auch als Mediziner konnten wir das Dichten nicht lassen, nur die Anatomie trieben[53] wir mit Fleiß, weil hier der Unfleiß mehr in die Augen fiel, die übrigen Studien trieben wir nur mit halbem Interesse, und wir würden hier ebenso zurückgeblieben sein wie in unsern juristischen Studien, wenn uns nicht der Gedanke, daß das Studium einer sogenannten Brotwissenschaft doch die Hauptsache und abermals umzusatteln eine Schande sei, zu dem Entschlusse gebracht hätte, das Dichten bis nach Beendigung des medizinischen Studiums zur Nebensache in unsern müßigen Stunden zu machen. Bei Schiller wirkte zur Ausführung dieses Entschlusses sein fester Charakter, bei mir der Eindruck, welchen die uns vom Professor Cunsbruch mitgeteilten Hefte des vormaligen Professors Brendel in Göttingen, dessen Schüler er war, auf mich gemacht hatten. Das Lesen dieser Hefte machte mir das Studium der Medizin auf einmal lieb, und von nun an war es auch der einzige Gegenstand meiner Beschäftigung. Nicht nur hörte ich jetzt alle Vorlesungen mit der größten Aufmerksamkeit, sondern studierte auch für mich selbst mit großem Eifer Hallers »Physiologie«, Platners »Anthropologie«, Sydenhams und Friedrich Hoffmanns Werke, vorzüglich aber van Swietens Kommentarien über die Boerhaaveschen »Aphorismen« und noch mehrere andere Schriften, welche uns unsere Lehrer zum Selbststudium besonders empfohlen hatten. Dagegen wurde das Dichten beinahe ganz aufgegeben, nur zuweilen und bei ganz besondern Gelegenheiten verfertigte ich einige Kleinigkeiten, z.B. eine Ode auf die Wiedergenesung unseres Intendanten von einer gefährlichen Krankheit, welche auch gedruckt wurde. Erst in dem letzten Studienjahr, wo wir weniger Vorlesungen zu besuchen hatten und unsere meiste Zeit auf den Krankenzimmern zubrachten, benutzte ich diese Muße wieder mehr zu poetischen Arbeiten und insbesondere zur Fortsetzung eines mir am meisten am Herzen liegenden Romans bis zwei Monate vor den öffentlichen Prüfungen, zu welchen ich mich unter gänzlicher Hintansetzung aller poetischen Arbeiten vorbereitete. Wirklich bestand ich in allen Prüfungen ganz gut, und bei der Preisausteilung am Stiftungstag ging auch ich nicht leer aus, zur großen Freude meiner Eltern, welche auf diese Auszeichnung einen größern Wert legten als ich selbst.[54] Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß unsere Lehrer insgesamt dem damals herrschenden Boerhaaveschen System huldigten oder sogenannte Humoralpathologen waren. Natürlich ging es uns wie allen Anfängern die, ehe sie nicht selbst denken und prüfen, in verba magistri schwören und alles, was ihnen die Lehrer vorsagen, für heilige Wahrheit halten. Indessen hatten mich ? denn ich spreche jetzt bloß von mir ? schon die Brendelschen Hefte auf die Einseitigkeit und die Mängel der Boerhaaveschen Lehre aufmerksam gemacht, und wie ich weiterhin die Lehren Stahls und Cullens kennenlernte, war ich nahe daran, ein Abtrünniger oder gar ein Gegner des Boerhaaveschen Systems zu werden, wenn nicht einerseits die Achtung vor meinen Lehrern und andererseits das Glück ihrer Praxis mich davon abgehalten hätten. Gleichwohl konnte ich ihnen meine Zweifel nicht verhehlen, und wo ich Gelegenheit hatte, meine Überzeugung, daß die Nerven, wenn nicht eine größere, doch gewiß eine ebenso große Rolle in den Krankheiten spielen als die Säfte, auszusprechen, tat ich es, und da ich sah, daß meine Ansichten besonders von Cunsbruch wohlwollend und selbst beifällig aufgenommen wurden, so ging ich immer weiter, ich sprach sie auch schriftlich in einer Abhandlung »De causis morborum« aus, wo ich nicht bloß die Nerven, sondern auch die Seele eine Rolle in den Krankheiten spielen ließ. Am Schlusse der zwei letzten Studienjahre mußte nämlich von den Zöglingen eine sogenannte Probeschrift vorgelegt werden, die, wenn sie den Beifall der Lehrer erhalten hatte, gedruckt wurde. Begreiflich er hielt meine Schrift den Beifall der Lehrer nicht, sie fanden in derselben Stahlsche Grundsätze, hielten sie nicht für würdig, gedruckt zu werden, sie wurde mir daher durch den Oberaufseher zurückgegeben, und zu meiner desto größern Beschämung mußte ich von ihm vernehmen, die Schrift sei zwar recht schön und zierlich geschrieben, aber so ganz gut müsse sie doch nicht sein, weil sonst Seine Herzogliche Durchlaucht erlaubt haben würde, daß sie ebenfalls gedruckt werde wie mehrere andere. ? Wie ich hierauf von den Lehren der Humoralpathologie immer weiter abgegangen, wie ich sofort ein Nervenpatholog und dann ein Brownianer geworden, welchen Einfluß[55] die Naturphilosophie auf meine Ansichten und Grundsätze gehabt hat und wie ich mir zuletzt mein eigenes, bis jetzt beibehaltenes und in meiner Praxis befolgtes System gebildet habe, werde ich in der Folge anzugeben Gelegenheit finden. Ich verlasse daher diesen Gegenstand und gehe zu der Darstellung der Verhältnisse der Zöglinge zu ihren Vorgesetzten und Lehrern und zueinander selbst über. Anlangend das Verhältnis der Zöglinge zu ihren Vorgesetzten und Lehrern, so war es eine Hauptmaxime des Herzogs, sie auf alle Weise liberal zu behandeln. Das Muster dieser Behandlung gab der Herzog selbst. Wie er die Zöglinge stets seine Söhne nannte, so behandelte er sie auch als ein wahrer Vater; auch wenn er sie strafte, ja sogar wenn sie sich Ungebührlichkeiten gegen ihn selbst erlaubten, vergaß er den Fürsten und Herrn und ahndete die gegen ihn begangenen minder als die gegen andere Personen. Um zum Beweis dessen nur einige Beispiele anzuführen, so war ich, als er einst unvermutet in den Schlafsaal trat, nicht sogleich von meinem Schreibtisch aufgestanden. Wohlverdientermaßen erhielt ich für diese Ungezogenheit von ihm eine Maulschelle, aber er sagte, wie er sie mir gab: »Diese Maulschelle empfängt Er, weil ich der Herzog bin; hätte Er die Ungezogenheit gegen einen meiner Generale oder Geheimräte begangen, dann hätte Er sehen sollen, was geschehen wäre.« Diesem Beispiel füge ich noch ein zweites, mich ebenfalls betreffendes bei. Der Herzog hatte zunächst an dem gemeinschaftlichen Speisesaal auch für sich ein Speisezimmer einrichten lassen, in welchem er fast täglich Abendtafel hielt. Zu dieser Abendtafel wurden nebst einem paar Generalen und Geheimräten abwechselungsweise einige unserer Vorgesetzten und Professoren eingeladen. Aber neben der herzoglichen Tafel war auch eine Tafel für akademische Zöglinge gedeckt, die vor dem Abmarsch aus dem Rangiersaal in den Speisesaal von dem Herzog genannt wurden und deren gewöhnlich acht waren. Nachdem abgespeist war, wurden die Zöglinge zu einem wissenschaftlichen Diskurs von dem Herzog aufgefordert, an welchem gewöhnlich auch er selbst Anteil nahm. So war auch ich einst von den acht, und als auf die Aufforderung[56] des Herzogs, daß wir einen Diskurs anfangen sollten, keiner von uns den Anfang machen wollte, stellte ich an den Zögling Bregenzer die Frage, ob Bregenzer nach der zweiten oder dritten Deklination dekliniert werde und im Genitiv Bregenzeri oder Bregenzeris habe. Diese närrische Frage mißfiel natürlich dem Herzog. »Was sollen diese Narrenpossen?« rief er gegen unsere Tafel herüber, »einen andern gescheitern Diskurs!« Allein dabei hatte es sein Verbleiben, und es wurde ein anderer Diskurs angefangen. ? Eine noch größere und sehr auffallende Ungezogenheit beging ein anderer Zögling. Es war in der Akademie eingeführt, alle Jahre zweimal an einem bestimmten Sonntag zu kommunizieren. Wie seine Kameraden ging auch der erwähnte Zögling am Sonntag in die Kirche zur Beichte und ebenso auch am Sonntag darauf in die Predigt. Aber nach der Predigt, wo er in der Nähe seiner Kameraden zum Empfang des Abendmahls an den Altar treten sollte, blieb er an seinem Platz sitzen, ungeachtet er von einem der Vorgesetzten zweimal an seine Schuldigkeit erinnert worden. Natürlich wurde dieser Vorgang dem Herzog gemeldet, und als ihn dieser darüber zu Rede stellte, gab er zur Antwort, über solche Dinge habe der Mensch nur Gott Rechenschaft zu geben, nicht andern Menschen, und zur Begehung heiliger Handlungen, zu denen man gehörig vorbereitet sein müsse, könne nicht geboten werden. Der Herzog, frappiert von dieser Antwort und von ihrer Wahrheit getroffen, erwiderte ihm bloß, er sei ein Mensch ohne Religion, der durch sich selbst gestraft genug sei, und ging, ohne ihm eine Strafe zu diktieren, weiter. Solche Beispiele von väterlicher Schonung könnte ich noch mehrere anführen; aber ich glaube, die angeführten werden hinreichen, um begreiflich zu machen, daß sowohl Vorgesetzte als Lehrer sich dieses erlauchte Beispiel zum Muster nahmen. Vorzüglich tat dies der Intendant der Akademie, und seinem Beispiel folgten auch mehr oder weniger die andern vorgesetzten Offiziere. Ein Gleiches geschah auch von den Lehrern, von welchen ohnehin ein liberales Betragen gegen ihre Schüler zu erwarten war. Indessen gab es doch einige sowohl unter den Lehrern, zumal den Unterlehrern, als auch unter den vorgesetzten[57] Offizieren und Aufsehern, welche die Zöglinge zwar nicht brutal, aber doch grob, leidenschaftlich, inkonsequent und mitunter auch ungerecht behandelten, so wie es auch nicht an solchen fehlte, die sich durch übertriebene Liberalität, Dünkel, Pedanterei, Gemeinheit und allerlei wunderliche Eigenheiten verächtlich und lächerlich bei den Zöglingen machten. Die Jugend ist scharfsichtig und lernt die Vorzüge und Mängel ihrer Vorgesetzten nur zu bald kennen; sie ist aber auch tapfer und mutwillig, und so wie sie die gebildeten, verständigen, wohlwollenden und gerechten ihrer Vorgesetzten und Lehrer mit Liebe umfaßt, ihnen mit Freuden gehorcht, ihren Vorzügen die größte Hochachtung erweist und ihnen für ihr Wohlwollen von Herzen dankbar ist, so weiß sie auch ebensogut, wie sie sich gegen die ungerechten, unverständigen und abgeschmackten zu benehmen hat. Mit dem Ungerechten läßt sie sich entweder in einen offenen Kampf ein, oder sie sinnt auf Mittel, ihm heimlich zu schaden. Dem Groben vergilt sie entweder Gleiches mit Gleichem, oder sie beträgt sich, um ihn zu beschämen, desto höflicher gegen ihn. Den Leidenschaftlichen läßt sie austoben, oder sie bringt ihn durch ein desto ruhigeres Verhalten zur Besinnung. Den Unwissenden bemitleidet, den Eingebildeten persifliert sie, den Schwachen hat sie zum besteh, und dem Lächerlichen macht sie seine Eigenheiten nach. Alle diese Fälle kamen wie in jeder öffentlichen Erziehungsanstalt auch in der Akademie häufig genug vor, und auch hiervon will ich einige Beispiele anführen. So wurde vorzüglich der Intendant der Akademie von allen Zöglingen hochverehrt, und besonders sprach sich diese Verehrung durch die allgemeine Teilnahme der Zöglinge an einer Krankheit aus, an welcher er gefährlich darniederlag, und durch ihren lauten Jubel über seine Wiedergenesung. Eine gleiche Verehrung bezeigten sie auch mehreren andern der vorgesetzten Offiziere sowie den meisten Professoren. Dagegen aber entging keiner von den Vorgesetzten, Aufsehern und Lehrern, der sich ihnen verhaßt oder lächerlich gemacht hatte, ihrer Rache und ihrem Spott. So wurde unter anderem einem der vorgesetzten Offiziere, der einem der ältern Zöglinge nicht hold war und ihn bei mehreren Gelegenheiten beleidigt hatte, von diesem[58] Zögling an die Türe seines Zimmers eine Karikatur, einen Reiter auf einem Esel vorstellend, dessen Schweif mit dem Kopf des Reiters zusammengebunden war, angeheftet. Der Offizier hatte nämlich ein sehr langes und dickes Haar, auf welches er sich sehr viel einbildete, und weil er eben keiner von den Gescheiten war, so war die Karikatur leicht verständlich. Der Offizier, beim Anblick derselben außer sich wußte nicht, was er tun sollte, da kam ein anderer Offizier und fragte ihn, was er da so anstarre. »Da sieh her, Herr Bruder«, erwiderte er, »das hat gewiß der impertinente Eleve B ... getan, aber ich werde ihn zu finden wissen.« ? »Stecke das Ding in die Tasche«, entgegnete ihm der andere, »denn erfährst du auch den Täter, so gewinnst du nichts, als daß er gestraft wird du aber wirst ausgelacht, und du tust daher am besteh, wenn du das Ding in die Tasche steckst und dich stellst, als wenn nichts geschehe wäre.« Allerdings wäre diese Satire den Zögling teuer zu stehen gekommen, wenn nicht der Offizier dem Rat seines Freundes gefolgt wäre. Aber wie diese größern blieben auch die kleinern Neckereien, Mystifikationen und Persiflagen meistens ungestraft. Teils wurden sie nicht bekannt, teils merkten es manche nicht, daß der Spaß ihnen galt, und die es merkten, lachten darüber. So wurde einer der Lieutenants, die bei den Zöglingen schlafen mußten, einst mystifiziert, indem man ihm weismachte, der Zögling N .... müsse entwichen sein, weil sein Bett leer stehe. Erschrocken besah der Lieutenant das leere Bett, aber es fiel ihm nicht ein, ob der Vermißte sich nicht, um ihn in Angst zu setzen, in das leere Bett eines auf dem Krankenzimmer befindlichen Kameraden gelegt habe, wie dies auch wirklich der Fall war. Nun konnte der Lieutenant nicht genug eilen, die Flucht des Zöglings dem Hauptmann zu melden, aber kaum hatte er den Schlafsaal verlassen, so begab sich der Vermißte wieder in sein gewöhnliches Bett, der Lieutenant kam, von dem Hauptmann begleitet, in den Schlafsaal zurück, der Vermißte lag wie in tiefem Schlafe in seinem Bett, er wurde geweckt, versicherte, daß er nicht aus dem Bette gekommen, mehrere seiner Kameraden bezeugten seine Aussage, und der Lieutenant, der sich auf eine unbegreifliche Art getäuscht zu haben glaubte, bekam[59] von dem Hauptmann eine tüchtige Nase. Ich könnte noch eine Menge solcher Späße erzählen, aber ich will nur noch zwei anführen, welche dem Oberaufseher gespielt wurden. Dieser hatte in seiner Jugend das Schneiderhandwerk erlernt, und weil er sich etwas darauf zugut tat, daß er nun Offizier und Oberaufseher in der Akademie sei, so verbarg er, gleich andern Parvenus, nicht nur seinen frühern Stand nicht, sondern er sprach auch gern davon, weil er dabei Gelegenheit hatte, sich zu rühmen, daß er der beste Hosenmacher seiner Zeit gewesen sei. Man brachte ihn daher öfters, wenn er guter Laune war, auf dieses Kapitel, bedauerte, daß er diese Kunst nicht mehr ausüben könne, und brachte ihn durch vieles Zureden endlich dahin, daß er versprach, in seinem Zimmer ein Paar Hosen zuzuschneiden, und wirklich auch zuschnitt. Den andern Spaß, den er aber übelnahm, machte sich der Eleve Haug, der nachmalig rühmlich bekannte Epigrammatist, mit ihm. Er erzählte eines Morgens im Schlafsaal beim Ankleiden seinen Kameraden, daß es ihm in der vergangenen Nacht geträumt habe, der Jüngste Tag sei erschienen, die vom Himmel herabgekommenen Engel hätten angefangen zu posaunen, die Toten angefangen zu erwachen. Aber es habe mit dem Auferstehen nicht recht vorwärtsgehen wollen, die Engel hätten daher immer stärker posaunt, hierauf seien zwar mehr Tote als zuvor auferstanden, allein es sei den Engeln nicht genug gewesen. »Es müssen hier weit mehr Tote begraben liegen«, sagten sie, »was sollen wir nun, um sie zu erwecken, anfangen, da all unser Posaunen nichts hilft?« Dies habe ein eben auferstandener ehemaliger Akademist gehört und zu den verlegenen Engeln gesagt, er wüßte wohl Rat zu schaffen, wenn unter den Auferstandenen der vormalige Oberaufseher der Akademie wäre, denn dieser dürfte sich nur auf eine Anhöhe stellen und mit seiner bei Lebzeiten gehabten gewaltigen Stimme wie sonst in der Akademie: Zum Gebet! jetzt kommandieren: Zum Gericht! Man habe sich daher ungesäumt nach dem auferstandenen Oberaufseher umgesehen, er sei glücklich gefunden worden, auf Befehl der Engel habe er sich auf eine Anhöhe gestellt, zum Gericht! kommandiert, und weil seine Stimme nach[60] seiner Auferstehung viel stärker und sonorer geworden, so habe es alsbald von Auferstandenen dergestalt gewimmelt, daß die Engel vollkommen zufrieden aufgeflogen, um dem Herrn Christus zu melden, daß nunmehr alles zum Gericht bereit sei. ? Natürlich erregte dieser vorgebliche Traum allgemeines Lachen; der Traum wurde weitererzählt und kam endlich auch dem Oberaufseher zu Ohren. Dieser lachte zwar auch, aber er ärgerte sich desto mehr heimlich, und als ihm Haug bald darauf begegnete, sagte er ihm in einem halb ernsten, halb scherzhaften Ton: »Apropos, Herr Haug, wenn es Ihnen künftig wieder träumen sollte, so muß ich Sie bitten, mich ein für allemal dabei aus dem Spiel zu lassen.« ? Überhaupt war Haug Meister in dergleichen Neckereien, weil er aber ein ebenso guter Mensch als witziger Kopf war, so ließ man sie ihm nicht nur hingehen, sondern auch diejenigen, denen es galt, lachten, wenn auch verstellterweise, ebenso darüber als diejenigen, die sich daran belustigten. Dasselbe war auch der Fall mit den Neckereien anderer Zöglinge. Man sah sie an für das, was sie waren, für Ausbrüche jugendlichen Mutwillens, nur boshafte und beleidigende, wenn sie nicht von denen, die sie trafen, absichtlich ignoriert wurden, wurden nach Umständen bestraft. ? Doch ich sehe, daß ich mich bereits zu lange bei diesen Geschichten aufgehalten habe. Ich gehe daher zu dem zweiten Punkt, zu der Schilderung der Verhältnisse der Zöglinge unter sich selbst, über. Da die Zöglinge der Akademie von allem Verkehr mit dem Publikum abgeschnitten waren und nur am Sonntag von ihren Eltern, Verwandten und Freunden Besuche annehmen durften, so ist leicht zu erachten, daß sie sich um so fester aneinander selbst angeschlossen haben werden, und dies war denn auch wirklich der Fall. Denn obschon die Verschiedenheit der Länder, aus welchen ein großer Teil der Zöglinge hergekommen war, die Verschiedenheit des Standes, welchem sie angehörten, die Verschiedenheit des Alters, in welchem sie standen, endlich die Verschiedenheit des Studiums, welches sie ergriffen hatten, Anlaß zu ebenso vielen Trennungen hätten geben können, so geschah dies doch keineswegs. Zwar befanden sich, schon ehe die Akademie als Universität ihren Kulminationspunkt erreicht[61] hatte, Spanien und Portugal ausgenommen, aus allen christlichen Ländern, aus Deutschland, Frankreich, Italien, der Schweiz, den Niederlanden, aus Dänemark, Schweden, Rußland, England, ja selbst aus Ostindien und Amerika, Zöglinge in derselben, aber nie bildeten sich wie auf andern Universitäten Landsmannschaften, die wie auf jenen zusammengehalten hätten. Ebensowenig veranlaßte auch die Verschiedenheit des Standes, des Alters, der Studien Trennungen der Zöglinge. Adelige hielten sich nicht bloß Zu Adeligen, Bürgerliche zu Bürgerlichen, Ältere zu Ältern, Jüngere zu Jüngern, Juristen zu Juristen, Mediziner zu Medizinern, Künstler zu Künstlern. Schon das beständige Zusammensein der Zöglinge in den Schlafsälen, in dem Speisesaal, auf ihren Spaziergängen, in dem akademischen Garten, bei ihren Spielen erhielt sie in einer beständigen Berührung miteinander; aber nicht minder, ja noch mehr hielt sie die Einrichtung der Akademie selbst und mehr als alles der Geist des Herzogs zusammen, der überall in derselben waltete. Die Zöglinge waren alle seine Söhne, er machte keinen Unterschied zwischen ihnen, der Adelige galt ihm soviel als der Bürgerliche, der Jüngere soviel als der Ältere, der Kunstbeflissene soviel als der Studierende; nur die Vorzüglichern zog er vor, nur die Ritter des akademischen Ordens hatten einen eigenen Schlafsaal und speisten an einem eigenen Tisch, und der einzige Vorzug der Fürstensöhne war, daß sie am Tisch der Chevaliers speisten, von denen die meisten Söhne bürgerlicher Eltern waren. So erhielt sich eine beständige Gleichheit unter den Zöglingen; sie waren gleich liebe Söhne eines Vaters, des Herzogs. Indessen gab es doch, dieser Einigkeit ungeachtet, Verbindungen besonderer Art, Verbindungen, welche das Herz und die Gleichheit der Neigungen und Bestrebungen stiftete und welche ebendarum die innigsten und festesten waren. Schwerlich fand sich in der Akademie ein Zögling, der nicht in einer solchen Verbindung stand, jeder hatte Freunde, an welche er sich auf das innigste anschloß, welche er auch nach der längsten Trennung von ihnen und nach ihrem Tode nicht vergaß und deren stete Erinnerung ihm auch das Andenken an die Akademie[62] selbst und ihren väterlichen Stifter so teuer machte, wovon die am eilften Februar 1828 begangene Säkularfeier seines Geburtstages und die bei derselben beschlossene alljährliche Feier dieses Tages einen so rührenden Beweis gibt. In solchen innigen Verbindungen stand auch ich, und ich kann nicht umhin, etwas ausführlicher davon zu sprechen. Zuerst tritt mir hier mein Bruder entge gen. Er war zwei Jahre jünger als ich, ein Jüngling von ausgezeichneten Gaben und von dem besten Herzen. Er studierte Jurisprudenz, war äußerst fleißig und gehörte unter die geschicktesten seiner Kameraden. Er hatte das ruhige Temperament unserer Mutter, ich das lebhaftere unseres Vaters. Gleichwohl betrugen wir uns gegeneinander stets brüderlich, nur die Verschiedenheit unserer Neigungen und Bestrebungen hielt uns etwas auseinander. Er war Jurist mit ganzer Seele, ohne Sinn für die Dichtkunst, ich Mediziner aus Pflicht, nicht mit dem Interesse für meine Wissenschaft wie er für die seinige, denn ich teilte es mit dem für die Dichtkunst. Indessen achtete ich seine Liebe für die Jurisprudenz darum nicht weniger, ich sah mit Vergnügen die großen Fortschritte, die er in seinen Studien machte, und freute mich ebensosehr als er selbst der vielen Preise, die ihm alle Jahre zuteil wurden. Wirklich erhielt keiner seiner Kameraden dieser Preise mehr als er; aber in ebendem Jahre, wo er zuverlässig auch den akademischen Orden erhalten haben würde, starb er, ein achtzehnjähriger Jüngling. Wie nahe sein früher Tod mir, unsern Eltern und Geschwistern, seinen Lehrern und Vorgesetzten und seinen vielen akademischen Freunden ging, brauche ich nicht zu sagen. Selbst der Herzog, auf dessen Befehl alle seine Leibärzte während seiner Krankheit zugezogen worden, beklagte seinen Tod und bezeigte mir und meinen Eltern auf eine ebenso herablassende als rührende Art seine Teilnahme an unserem Verlust. Diese Teilnahme des Herzogs und ein Brief von Schiller an meinen Vater, worin er ihn bat, die Pflichten eines Sohnes gegen ihn übernehmen zu dürfen, und das schöne Gedicht, welches er bei dieser Veranlassung dichtete, trugen das meiste zur Beruhigung meiner Eltern bei. Aber das webmütige Andenken an den hoffnungsvollen Sohn erlosch erst mit ihrem Leben. Auch[63] ich gedenke des guten Bruders noch immer mit Rührung und werde seiner so gedenken, solange ich lebe. Von meinem Bruder wende ich mich zu meinem ältesten, von mir wie ein Bruder geliebten und bis zu seinem Tode mir treu gebliebenen Freund Schiller. Wir waren von gleichem Alter, beide Offizierssöhne, frequentierten als Knaben zusammen die lateinische Schule in Ludwigsburg, wollten beide Theologie studieren, ja wir wohnten zuletzt in dem nämlichen Haus, in der damaligen Cottaschen Buchdruckerei in Ludwigsburg. Da unsern Vätern alles daran gelegen war, daß wir etwas Rechtes in der Welt werden sollten, so wurden wir streng zum Lernen angehalten, und um hierzu keine Zeit zu versäumen, wurde uns außer der Schule wenig Umgang mit unsern Kameraden gestattet. Um so fester schlossen wir uns daher aneinander selbst an, spielten miteinander in unsern müßigen Stunden und übten allerlei Mutwillen, wie z.B. an dem Setzer in der Druckerei, welchem wir fast täglich einen neuen Streich spielten. So lebten wir in der innigsten Verbindung zusammen bis zu meiner Aufnahme in die militärische Pflanzschule auf der Solitude. Aber ehe zwei Jahre verflossen waren, trat auch Schiller als Zögling in die Pflanzschule, und man kann sich denken, wie glücklich es uns machte, uns wieder miteinander vereint zu sehen. Das Band der Freundschaft war durch unsere Trennung nicht gelöst worden, es wurde durch dieselbe nur um so fester. Was uns aber noch mehr miteinander verband, war unsere gemeinschaftliche Neigung zur Dichtkunst. Bei Schiller hatte sich diese Neigung schon in Ludwigsburg deutlich ausgesprochen. Nicht nur übertraf er alle seine Mitschüler in der Emsigkeit, lateinische Distichen zu machen, sondern er versuchte sich auch in eigenen lateinischen und bald darauf auch in deutschen Versen, wovon, soviel ich mich erinnere, der erste Versuch ein bei seiner Konfirmation verfertigtes Lied an sich selbst war, in welchem er die Gefühle, welche diese heilige Handlung in ihm erregte, aussprach. Schon vor seinem Eintritt in die militärische Pflanzschule hatte sich auch bei mir die Neigung zur Dichtkunst bereits geregt. Ich hatte Gellerts Fabeln und Lieder, Geßners Idyllen, Kleists Gedichte, Gleims Kriegslieder usw. gelesen;[64] jedoch hatte ich mich noch an keine eigenen poetischen Versuche gewagt. Dazu wurde ich erst später von Schiller angeregt, der mich, nachdem ich ihm an einigen von den seinigen ein besonderes Wohlgefallen bezeigt hatte, zu ähnlichen Produktionen aufforderte. Was mich aber noch mehr bestimmte, seiner Aufforderung zu folgen, war der Beifall, welchen zwei seiner in dem von dem Professor Haug damals herausgegebenen »Schwäbischen Magazin« abgedruckten Gedichte »Der Eroberer« und »Der Abend« von dem Herausgeber des Magazins erhielten, indem er von denselben sagte, daß sie die ersten Proben eines Jünglings seien, von welchem vorauszusetzen sei, er werde einst ein os magna sonaturum werden. Außer Gellert, Geßner, Kleist und Gleim hatte ich bereits auch noch andere deutsche Dichter, Uz, Hagedorn, Hölty und später auch Klopstock, kennengelernt; doch zogen mich vorzüglich die von Ursinus herausgegebene Sammlung von Balladen und einige Romane, die ich zufällig zu lesen bekommen hatte, wie »Der Dorfprediger von Wakefield«, Wielands »Agathon« usw., an, während dagegen Schiller sich für Klopstock und Shakespeare, den wir zuerst durch die Wielandsche Übersetzung kennenlernten, auf das entschiedenste erklärte. So versuchte ich mich zuerst in lyrischen Gedichten, in Liedern, wo mir vorzüglich Kleist, und in Oden, wo mir Klopstock zu Mustern dienten, in Balladen und Romanzen und nach der Erscheinung »Werthers« von Goethe vorzüglich in Romanen, deren ich mehrere angefangen, jedoch nur einen ganz fertiggebracht hatte. Schiller hingegen, dessen großes Muster Shakespeare und weiterhin Goethe in seinem »Götz von Berlichingen« war, übte sich vorzüglich im Dramatischen, schrieb nach mehreren vorhergegangenen andern Versuchen seine »Räuber«, wozu ihm den Stoff eine in dem obenerwähnten »Schwäbischen Magazin« befindliche Erzählung gab, und ehe er die Akademie verließ, hatte er das Stück größtenteils vollendet. Daß er diesen Stoff wählte, war eigentlich ich die Ursache. Ich hatte ihn auf die Erzählung als ein zu einem Drama trefflich geeignetes Sujet aufmerksam gemacht, und meine Idee war darzustellen, wie das Schicksal zur Erreichung guter Zwecke auch auf den schlimmsten Wegen führe, Schiller aber machte[65] die Räuber zum Hauptgegenstand oder, um mich seiner eigenen Worte zu bedienen, zur Parole des Stücks, was ihm bekanntlich von vielen Seiten her übelgenommen worden und was ihm auch selbst in der Folge leid getan zu haben scheint. Indessen waren wir beide nicht die einzigen Zöglinge in der Akademie, welche sich in dichterischen Versuchen übten, es schlossen sich an uns noch einige andere an, zuerst Petersen, nachmals Bibliothekar in Stuttgart, Verfasser der mit Beifall aufgenommenen Geschichte der Nationalneigung der Deutschen zum Trunk, der Literatur der Staatslehre unter dem Namen Placidus und einer prosaischen Übersetzung Ossians, der sich vorzüglich im Epischen übte und zuletzt sich an ein größeres episches Gedicht »Konradin von Schwaben« wagte, welches aber, obschon größtenteils fertig, nie öffentlich bekannt wurde ? dann Haug, nachmaliger herzoglicher Kabinettssekretär, dessen Epigramme schon damals den künftigen ausgezeichneten Epigrammatisten verrieten ? endlich Schubart, nachmaliger preußischer Legationssekretär, der Sohn des als Dichter und Staatsgefangener auf der Festung Hohen-Aschberg berühmten Schubarts. Er hatte sich vorzüglich in metrischen Erzählungen geübt, und ohne Zweifel würde er etwas Bedeutendes in diesem Fach geleistet haben, wenn er nicht zu frühe gestorben wäre. Da der Herzog kein Freund der Dichtkunst war, sondern allein einen Wert auf andere Künste und auf wissenschaftliche Studien legte, so mußten wir natürlich unser dichterisches Treiben geheimhalten. Wir dichteten also im stillen, arbeiteten jeder in dem gewählten Fach, sooft wir Zeit und Gelegenheit dazu fanden, teilten unsere Arbeiten uns gegenseitig mit, kritisierten sie gegenseitig, tadelten und lobten einander, natürlich das letzte mehr als das erste. So brachten wir nach und nach eine ziemlich ansehnliche Sammlung von poetischen Produktionen zusammen, und da wir glaubten, daß sie wohl gedruckt zu werden verdiene, so beschlossen wir, sie dem Druck wirklich zu übergeben; es kam nur darauf an, einen Verleger dazu zu finden, und dies war mir aufgetragen. Ich schrieb daher an einen Buchhändler in Tübingen, von welchem wir gehört hatten,[66] daß er auch anonyme Schriften, denn natürlicherweise durften wir uns als Zöglinge der Akademie nicht nennen, in Verlag nehme, und schickte auf geheimem Wege einen Brief an ihn ab. Aber der Brief blieb unbeantwortet. Ich schrieb wieder, und es kam wieder keine Antwort. Endlich erfuhren wir, daß der Buchhändler schon vor einigen Jahren ? gestorben war. So blieb also unsere Sammlung ungedruckt, und wir mußten uns, um nicht mit einem andern Buchhändler in einen ähnlichen Fall zu kommen, begnügen, unsere Produktionen einzeln in andere damals existierende Sammlungen, wie in die von Schwan in Mannheim redigierte »Schreibtafel«, in die damaligen Musenalmanache usw., und diejenigen, welche wir nach unserm Austritt aus der Akademie noch des Drucks werthielten, teils in den Stäudlinischen »Schwäbischen Musenalmanach«, teils in die von Schiller herausgegebene Anthologie einrücken zu lassen. Indessen haben wir die meisten, weil unser reiferes Urteil die Vorliebe für unsere Arbeiten immer mehr schwächte, unterdrückt, und was die meinigen betrifft, so habe ich sie nach meinem Austritt aus der Akademie größtenteils dem Feuer übergeben. Ich habe schon gesagt, daß Schiller und ich in den letzten Jahren unserer akademischen Studien das Dichten größtenteils aufgegeben und uns desto mehr dem Studium der Medizin gewidmet hatten. Dadurch hörte zwar unsere Verbindung mit unsern dichterischen Freunden nicht auf; aber so wie wir fleißigere Mediziner wurden, kamen wir auch in eine um so nähere Berührung mit unsern medizinischen Kameraden, und unter diesen vorzüglich mit Plieninger, meinem schon obengenannten geliebten Freund, mit Elwert, dem Sohn eines angesehenen Arztes in Stuttgart, mit Jacobi, dem Sohne eines ebenso angesehenen Wundarztes daselbst, und mit Liesching, dem Sohn eines wackern Landphysikus, der bald nach seiner Entlassung aus der Akademie als Arzt mit dem Regiment, welches der Herzog in holländische Subsidien gab, auf das Vorgebirge der Guten Hoffnung abgegangen und, soviel ich weiß, daselbst noch und in großem Wohlstand lebt. Als fleißigere Studenten waren alle diese vier uns beiden voraus; aber wir holten sie bald ein, und mit Dank erkannten wir, daß wir durch unsere wissenschaftlichen[67] Unterhaltungen mit ihnen dabei nicht wenig gefördert worden. Elwert und Jacobi sind längst tot, nur Liesching und Plieninger leben noch. Letzterer ist ein paar Jahre älter als ich und erfreut sich gleich mir, eines glücklichen Alters. Er hat seine Stelle als Stadtphysikus in Stuttgart schon vor einigen Jahren niedergelegt; aber bei der vor kurzem begangenen Feier seines fünfzigjährigen Jubiläums erhielt er von dem König den Charakter eines Medizinalrats als Beweis, daß wie das Publikum auch der König seine Verdienste anerkenne. Außer den genannten poetischen und medizinischen Freunden standen wir auch noch mit vielen andern Zöglingen der Akademie, sowohl studierenden als kunstbeflissenen, in näheren Verbindungen; doch waren die Verbindungen Schillers und die meinigen nicht ganz dieselben. Mit Dannecker und Zumsteeg, wovon der erstere als einer der ersten Bildhauer unserer Zeit, der andere als ein vorzüglicher Musiker und Komponist anerkannt ist, standen wir auf einem gleich freundschaftlichen Fuß. Ebendies war auch der Fall mit Scharffenstein, der, ob er schon sich mehr mit Zeichnen und Malen abgab, doch auch mehrere Gedichte verfertigte, welche bewiesen, daß es ihm ebenso wenig an dichterischem als an Kunsttalent fehle. Er starb als württenbergischer General in Heilbronn am Neckar, gleich geachtet wegen seines biedern, festen Charakters als wegen seiner Verdienste als Soldat. Diejenigen, an welche sich vorzüglich Schiller hielt, weiß ich nicht mehr alle zu nennen und erwähne nur der Brüder von Wolzogen als zwei seiner vertrautesten. Unter denen, an welche ich mich vorzüglich anschloß, nenne ich vor allem den als K. Bayerischen Staatsminister verstorbenen Grafen von Thürheim, von welchem ich in der Folge mehr zu sprechen Gelegenheit haben werde, die Grafen von Normann und von Mandelslohe, beide in der Folge württenbergische Minister, zwei Freiherrn von Phull, von denen der ältere, noch lebende württenbergischer General der Infanterie ist, der jüngere, verstorbene Polizeiminister war, drei Brüder von Marschall, wovon der älteste frühzeitig in Wien starb, einer der besten Menschen und ausgezeichnetsten Köpfe, zwei Brüder von Massenbach, den durch sein Schicksal berühmt gewordenen[68] preußischen Oberst und seinen Bruder, gewesenen Finanzrat in Berlin, zwei Grafen von Bernstorff aus Hannover, ferner die Zöglinge Schmidlin, Wächter, Seubert, vorzüglich aber den Zögling Schott, den besten Freund meines verstorbenen Bruders, der als württenbergischer Legationsrat noch gegenwärtig in Stuttgart lebt, aber seit mehreren Jahren wegen andauernder Kränklichkeit unfähig zum Dienst ist. Wieviel ich in dem mehrjährigen Umgang mit so vielen an Stand, Talenten und Charakter verschiedenen Freunden für meine sowohl sittliche als literarische Bildung gewonnen habe, würde ich vergebens suchen anzugeben. Ich kann nur im allgemeinen sagen, daß ich ihnen allen sehr viel schuldig geworden bin und daß mir das Andenken an sie sowie an die Akademie selbst, in welcher mir so viel Gutes und Erfreuliches zuteil geworden, immer teuer bleiben wird. Man kann sich leicht vorstellen, daß es einer in ihrer Art so einzigen, so berühmt gewordenen und von Zöglingen aus den meisten europäischen Ländern besetzten Anstalt nicht an Besuchen von Fremden aller Art, Fürsten, hohen Staats- und Militärpersonen, ausgezeichneten Gelehrten und Künstlern, fehlen konnte. Allein es würde mich zu weit führen, wenn ich alle Fremde, die ich während meines Aufenthalts in derselben gesehen habe, nennen wollte. Ich erwähne daher bloß einiger der merkwürdigsten, und hier steht nun der Kaiser Joseph der Zweite obenan. Er besuchte die Akademie im Jahre 1777 auf einer Reise nach Paris, welche er unter dem Namen eines Grafen von Falkenstein machte. Er wollte nur einen Tag in Stuttgart verweilen, allein die Akademie interessierte ihn so sehr, daß er seinen Aufenthalt um zwei Tage verlängerte. Er besah alles auf das genaueste, erkundigte sich nach der Einrichtung der Anstalt, nach ihren kleinsten Details, wohnte mehreren Vorlesungen mit größter Aufmerksamkeit bei und bezeigte dem Herzog unter vielen Lobeserhebungen sein Wohlgefallen an der Anstalt. Neben unserem stattlichen Herzog stellte der Kaiser nicht sonderlich viel vor; aber seine Einfachheit, die fern von aller Affektation war, seine Herablassung und Leutseligkeit, die er gegen jeden, mit dem er sprach, bewies, und sein Verstand,[69] der aus allem, was er äußerte, hervorleuchtete, zogen um so mehr an und machten uns Zöglingen seinen Besuch in der Akademie unvergeßlich. Mit diesem kaiserlichen Besuch stand ein anderer, noch in dem nämlichen Jahr erfolgter in Verbindung, der Besuch des durch seine Schrift über die Erziehung rühmlichst bekannt gewordenen und überhaupt als Gelehrter hochgeachteten österreichischen Generals Grafen von Kinsky. Ohne Zweifel besuchte er die Akademie aus Auftrag des Kaisers, und er kam in Stuttgart an, als eben die jährlichen Prüfungen ihren Anfang nahmen. Er besuchte die Akademie alle Tage, erkundigte sich wie der Kaiser Joseph auf das genaueste nach ihrer Einrichtung, wohnte den meisten Prüfungen bei, stellte bei mehreren selbst Fragen an die Zöglinge, ja ein paarmal machte er sogar bei Disputationen den Opponenten. Nach Beendigung der Prüfungen besuchte er die wieder begonnenen Vorlesungen der Lehrer und erbat sich von jedem eine schriftliche Darstellung seiner Lehrmethode. Wie günstig für die Akademie der Bericht, welchen er dem Kaiser nach seiner Rückkehr erstattete, gewesen sein muß, ergibt sich daraus, daß der Kaiser bald darauf seinem Theresianum in Wien eine andere Einrichtung gab, wobei vieles von den Einrichtungen in der Akademie benutzt worden. Auch ist es außer Zweifel, daß, obschon zu der im Jahre 1781 erfolgten Erhebung der Akademie zur Universität die Empfehlung des Großfürsten und nachmaligen Kaisers Paul während seiner Anwesenheit in Wien viel beigetragen, doch auch der günstige Bericht des Grafen von Kinsky bedeutend mitgewirkt hat. Ein anderer Fürst, welcher die Akademie mit seinem Besuch beehrte, war der damalige König Ferdinand von Neapel, ein großer stattlicher Mann. Auch ihm gefiel die Anstalt ganz wohl, doch interessierte er sich mehr für die Jagden, welche ihm der Herzog gab, als für unsere literarische Anstalt. Indessen machte ihn uns doch ein Zug, welchen wir nachher von ihm erfuhren, achtungswert, nämlich, daß er erst von seiner Gemahlin fertig schreiben gelernt habe und ihr dafür als für eine große Wohltat stets dankbar geblieben sei.[70] Unter den Gelehrten, welche die Akademie besuchten, erregte vorzüglich Lavater unsere Aufmerksamkeit. Er war eben in vollem Eifer mit seiner Physiognomik beschäftigt, und der Hauptzweck seines Besuchs war ohne Zweifel die Musterung so vieler jungen Leute zum Behuf seiner physiognomischen Beobachtungen. Wirklich benutzte er auch diese Gelegenheit auf alle Weise. Nicht nur sah er uns zu wieder holten Malen scharf ins Gesicht, sondern er erkundigte sich auch, wenn ihm eine Physiognomie besonders auffiel, sorgfältig nach den Talenten und nach dem Charakter des Individuums. Diese Beobachtung unserer Physiognomien machte einen sonderbaren Eindruck auf uns, wir freuten uns ihrer und fürchteten sie zugleich, denn wir glaubten an die Realität dieser Wissenschaft. Allein wir überzeugten uns bald von dem Gegenteil, da Lavater in der Physiognomie eines von uns allen als ein sehr guter Mensch gekannten Zöglings etwas Heimtückisches zu bemerken glaubte. Von mehreren Zöglingen, deren Physiognomie ihm besonders auffiel, hatte er sich Silhouette ausgebeten, und einer unserer Aufseher, ein wegen seiner hohen Einbildung von sich oft von uns belachter Mann, der mehr als wir alle auf diese Auszeichnung, aber vergebens, gewartet hatte, tröstete sich damit, daß ihn Lavater mehrmals besonders scharf angesehen habe, weil er darin den Beweis gefunden zu haben glaubte, daß ihm seine Physiognomie besonders merkwürdig vorgekommen sei, wie er denn auch nichts gewisser erwartete, als daß im nächsten Band der Physiognomik auch seine Physiognomie als eine der interessantesten für den großen Physiognomen erwähnt werden würde. Von den Ärzten, welche die Akademie zu meiner Zeit besuchten, war Tissot der berühmteste, ein ansehnlicher, hübscher Mann, aber was uns an ihm besonders auffiel, war seine äußerst zarte Stimme, welche beinahe wie die Stimme eines Mädchens klang. Er unterhielt sich mit unsern Lehrern und auch mit uns auf das freundlichste, und in seinem Benehmen zeigte sich keine Spur von Anmaßung und Stolz auf seine Zelebrität. Er besuchte alle unsere Hörsäle, auch die Anatomie, doch ging er nicht in das Sezierzimmer, sondern blieb, als ob er sich vor[71] dem Anblick der verstümmelten Kadaver fürchtete oder ekelte, in dem Vorgemache stehen. Weit der interessanteste und besonders für uns angehende Dichter höchst erfreuliche Besuch war der Besuch Goethes, der sich im Gefolge des über Stuttgart reisenden Herzogs von Weimar befand. War uns schon der Herzog von Weimar als hochverehrter Liebhaber und Kenner der Wissenschaften und Künste und besonders der Dichtkunst interessant, so war es noch weit mehr Goethe, da wir eben von seinem »Götz von Berlichingen« und seinem »Werther« auf das höchste enthusiasmiert waren. Der Besuch des Herzogs fiel in die Zeit, wo die öffentlichen Prüfungen eben geendigt waren und er und Goethe denselben nicht mehr beiwohnen konnten. Jedoch kamen sie noch zur rechten Zeit zu der Rede, welche unser Herzog jedesmal nach dem Schlusse der Prüfungen in dem Speisesaal nach dem Abendessen zu halten pflegte. Die Rede war immer von dem Herzog selbst verfaßt, und sie war lange fertig, ehe er sie hielt. So war es auch der Fall mit der, welcher der Herzog von Weimar und Goethe beiwohnten. Allein da er hörte, daß er diese zu Zuhörern haben würde, begab er sich noch vor dem Abendessen der Zöglinge in ein Nebenzimmer, um einiges für seine Rede abzuändern, was ihm wegen der Anwesenheit dieser Gäste notwendig schien. Der Herzog von Weimar und Goethe waren mit der Rede sowie überhaupt mit der ganzen Feierlichkeit wohl zufrieden, und mit Vergnügen folgten sie der Einladung zu der akademischen Hauptfeierlichkeit, zur Feier des Stiftungstages der Akademie. Am Morgen dieses Tages wohnte Goethe, ob auch der Herzog von Weimar weiß ich nicht mehr, der von den herzoglichen Oberhofprediger gehaltenen Predigt in der Akademiekirche bei, und es hieß, daß sie ihm wohl gefallen habe, ob sie gleich da und dort getadelt wurde. Am Mittag speiste er mit dem Herzog von Weimar an der herzoglichen Tafel, und am Abend fanden sich beide in dem Saale ein, wo die Austeilung der Preise an die Zöglinge vorgehen sollte. Vor der Austeilung der Preise wurde eine Rede von einem der Professoren gehalten, und die Reihe war diesmal an dem Professor der Medizin Cunsbruch. Was der Gegenstand der Rede war,[72] weiß ich nicht mehr, aber um so deutlicher erinnere ich mich, wie bei einer darin vorgekommenen Stelle aus dem »Werther« Goethe sichtbar errötete und die Augen niederschlug. Während der Preisausteilung stand er zur linken Seite des Herzogs wie der Herzog von Weimar zu seiner rechten, und es war hoch erfreulich für uns zu sehen, wie sehr ihn der Herzog distinguierte. Hätte Goethe geahnt, daß unter den Zöglingen, die ihn mit Bewunderung ansahen, sich auch der befand, welcher in der Folge als dramatischer Dichter sein würdiger Rival und als Mensch einer seiner vertrautesten Freunde werden würde, gewiß würde er, um ihn auszufinden, jeden von uns mit ebendem Interesse betrachtet haben wie früher Lavater zum Behuf seiner Physiognomik. Es ist leicht zu erachten, daß unsere Akademie bei allem, was sie leistete, bei dem großen Ruf, den sie sich auch im Ausland erworben hatte, bei dem günstigen Urteil der Fremden, von denen sie besucht wurde, gleichwohl viele Widersacher gehabt hat. Nicht nur wurde ihr vorgeworfen, daß sie zu viel koste, daß sie der Landesuniversität Tübingen Eintrag tue, daß sie viele junge Leute, die sonst nicht studiert oder sich den Künsten gewidmet haben würden, zum Studieren und zur Erlernung der Künste verleite, sondern es wurde auch ihre militärische Einrichtung getadelt als eine Einrichtung, die sich mit den wissenschaftlichen und künstlerischen Studien keineswegs vertrage. Allein so viel Gewicht auch diese Vorwürfe auf den er sten Anblick haben mögen, so erscheinen sie doch bei näherer Prüfung durchaus ungegründet. Denn was erstlich die Kosten der Anstalt betrifft, so waren sie allerdings sehr groß; allein teils wurden sie nicht von dem Lande, sondern von dem Herzog bestritten, der sich zugunsten der Akademie in andern Ausgaben beschränkte, teils wurden sie durch die Kostgelder gedeckt, welche vorzüglich von ausländischen Zöglingen bezahlt werden mußten und deren gewöhnlicher Betrag jährlich achthundert Gulden war. Nicht minder ungegründet erscheint auch der Vorwurf, daß die Universität Tübingen durch die Akademie beeinträchtigt worden. Denn auch abgesehen, daß von den akademischen Studien[73] das Studium der Theologie ausgeschlossen war, daß neben der juridischen, medizinischen und philosophischen Fakultät auch noch eine militärische bestand und auf der Universität Tübingen keine Künstler gebildet wurden und keine Trivialschulen vorhanden waren wie in der Akademie, so belief sich auch die Gesamtzahl der Zöglinge nie über dreihundert, und es ist daher offenbar, daß der Verlust der Universität Tübingen keineswegs so hoch angeschlagen werden darf, als ihn die Professoren der Universität und die Widersacher der Akademie anschlugen, sowie eben dadurch auch der andere Vorwurf, daß zu viele junge Leute zum Studieren und zur Erlernung der Künste verleitet worden, wegfällt. Ungleich gegründeter als die eben beseitigten Vorwürfe erscheint der, daß die militärische Einrichtung der Akademie als einer Studien- und Lehranstalt nichts getaugt habe. Allerdings verträgt sich mit den wissenschaftlichen und künstlerischen Studien kein Zwang; allein die militärische Verfassung der Akademie erstreckte sich bloß auf die äußere Form derselben, keineswegs aber auch auf den Unterricht. Den Lehrern wurde nicht vorgeschrieben, wie sie das, wozu sie angestellt waren, lehren sollten. Es war ihnen nicht, wie man jetzt da und dort sieht, ein beschränkender Studienplan als Norm vorgelegt, die Lehrer waren in ihren Vorträgen vollkommen frei, es kam bloß darauf an, daß jeder seine Schuldigkeit tat, und die jährlichen Prüfungen müssen ausweisen, ob er sie getan habe. Der Tadel trifft daher bloß die eingeführte äußere militärische Form, die Uniformierung der Zöglinge, die militärische Disziplin in den Schlafsälen, das Aufmarschieren in den Speisesaal, das militärische Kommando zum Gebet usw. Allein was schadet denn diese militärische Einrichtung den Studien? Ist es nicht besser, die Studenten tragen eine von obenher vorgeschriebene Uniform, als daß sie sich durch ihre abenteuerlichen Burschen- und Landsmannschaftstrachten auszeichnen? Ist es nicht besser, die Studenten kommen zur bestimmten Stunde alle zumal in ihre Hörsäle als einzeln, der eine früher, der andere später? Ist es nicht besser, sie werden zum Besuch der Vorlesungen gezwungen, als daß es ihnen freisteht, sie bald zu besuchen, bald wegzubleiben?[74] Ist es nicht besser, sie werden durch die militärische Disziplin, welcher sie unterworfen sind, und durch ihre Abgeschlossenheit von dem Publikum genötigt, ihre Zeit ausschließend den Studien zu widmen und, um der Langeweile zu entgehen, fleißig zu sein, als daß sie die sogenannte akademische Freiheit zu zeitraubenden unanständigen Gelagen, zu mutwilligen Streichen oder gar zu demagogischen Umtrieben benutzen? Man klagt jetzt allgemein über das Unwesen auf den Universitäten und fürchtet die Studenten als kühne und freche Menschen, die auf nichts Geringeres als auf den Umsturz der bestehenden Regierungen umgehen. Aber solche Umtriebe waren auf der Akademie in Stuttgart eben wegen ihrer militärischen Verfassung unmöglich und würden, wenn sie noch bestände, es auch jetzt nicht sein, und welcher Fürst, der jetzt in den Studenten seine gefährlichsten Feinde sieht und sie als solche mit Argusaugen bewachen läßt, würde nicht froh sein, wenn er seine Landesuniversitäten in militärische Akademien wie die vormalige Karls-Akademie in Stuttgart umwandeln könnte? Übrigens war der Vorwurf, welcher der Karls-Akademie wegen ihrer militärischen Verfassung gemacht worden, nur zur Zeit ihres Bestehens passend, wo nur das Militär uniformiert war. Jetzt, wo auch die Staatsbeamten aller Klassen Uniformen tragen und bei feierlichen Gelegenheiten, den Soldaten gleich, in Reihe und Glied in die Kirche ziehen, dürfte wohl die militärische Verfassung der Karls-Akademie, wo doch wenigstens nur die Zöglinge und ihre vorgesetzten Offiziere, keineswegs aber auch die Professoren Uniformen tragen mußten3, weniger ungereimt scheinen, zumal da trotz dieser Verfassung[75] so viele vorzügliche Menschen aus ihr ausgegangen sind, wovon ich mehrere schon oben genannt habe. Das einzige, was man mit einigem Grund gegen die militärische Verfassung der Karls-Akademie und die überhaupt in derselben eingeführte strenge Disziplin sagen könnte, ist, daß die Zöglinge zu wenig für die Welt gebildet worden und nicht nur unmittelbar nach ihrem Austritt, sondern auch in der Folge sich nicht auf die Art, wie es das öffentliche Leben fordert, zu benehmen gewußt haben. Allein das ist mehr ein voreiliger Schluß als eine wirkliche Tatsache; die Erfahrung hat vielmehr das Gegenteil gezeigt. Nur diejenigen, denen es von Natur an Gewandtheit und an der Fähigkeit, sich in die Verhältnisse zu schicken, fehlte, blieben unbeholfen und linkisch nach ihrem Austritt aus der Akademie, und deren waren nur wenige. Die meisten fanden sich in kurzem in die neuen Verhältnisse, ja viele konnten sogar als Muster eines gewandten, weltklugen und feinen Betragens aufgestellt werden, wie z.B. die Grafen von Thürheim und von Mandelslohe, der württenbergische Minister Freiherr von Phull und noch ungleich mehrere, die sich dem Militärstand gewidmet hatten und die zu nennen überflüssig wäre. Allein es handelt sich hier nicht bloß von dem äußerlichen Betragen der Zöglinge der Akademie nach ihrem Abgang von derselben. Ungleich wichtiger ist die Geistesstimmung, welche sie aus der Akademie in das gesellige Leben mitbrachten. Unbekannt mit der Verschiedenheit der Stände, unbekannt mit den Vorzügen, welche man den Adeligen vor den Bürgerlichen, dem Gelehrtenstand vor dem Künstlerstand damals einzuräumen pflegte, hatten sie keine Idee von privilegierten Ständen, von Prärogativen des Adels vor dem gemeinen Volk, des Militärs vor dem Bürgerstande, der Gelehrten vor den Künstlern. Sie waren zu Weltbürgern erzogen, sie betrugen sich als solche, und man kann mit Recht sagen, daß ihr Eintritt in das gesellschaftliche Leben nicht nur in Württenberg, sondern auch im Ausland Epoche gemacht hat. Wo die Zöglinge der Akademie hinkamen, haben sie zur Vertilgung des damals herrschenden Kastengeistes beigetragen, und so wie sie überall zu den bedeutendsten[76] Stellen wegen ihrer ausgezeichneten Kenntnisse gelangt sind, so haben sie auch überall ihre weltbürgerlichen Grundsätze geltend gemacht. Sie standen wie der Stifter der Akademie über ihrem Zeitalter. So verdient die Karls-Akademie auch von dieser Seite keinen Tadel. Wie sie eine der vorzüglichsten Unterrichtsanstalten ihrer Zeit war, so war sie auch eine nicht minder vorzügliche Anstalt zur sittlichen Bildung ihrer Zöglinge, auch was das äußerliche Betragen betrifft. Nur von wenigen Zöglingen weiß man, daß sie nach ihrem Austritt aus der Akademie ein unsittliches, lasterhaftes Leben geführt; weit die meisten galten allgemein für ebenso rechtschaffene als geschickte Leute, und wenn es auch hie und da einen Sonderling unter ihnen gab, so war es nicht die Akademie, die ihn dazu machte, sondern sein Vorsatz, es zu sein oder zu scheinen. Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Außer Generalen und Geheimenräten nannte der Herzog jedermann Er. 2 Der Herzog hob die Akademie auf, ohne sie zuvor ein einziges Mal besucht zu haben. 3 Bloß bei feierlichen Gelegenheiten mußten die Professoren überein gekleidet sein. Im Sommer bestand die Kleidung in einem Rock von schwarzem Gros de Tours mit weißem seidenen Unterfutter, einer weißen seidenen mit Gold gestickten Weste, schwarzen seidenen Beinkleidern und weißen seidenen Strümpfen; im Winter in einem Rock von schwarzem Samt und einem Unterfutter von weißem Atlas, einer mit Gold gestickten Weste von weißem Atlas, Beinkleidern von schwarzem Atlas und weißen seidenen Strümpfen wie im Sommer, unter dem Arm einen Chapeau-bas und einen Galanteriedegen an der Seite. 
 Zweites Buch  [77] Der medizinische Lehrkurs war in der Akademie auf fünf Jahre festgesetzt, die fünf Jahre waren im Dezember 1780 vorüber, alle, die wir miteinander studiert hatten, wurden, nachdem wir die öffentlichen Prüfungen erstanden und der Stiftungsfeier zum letzten Mal als Zöglinge beigewohnt hatten, aus derselben entlassen, und in den letzten Tagen des Dezembers kehrte ich in das väterliche Haus in Ludwigsburg zurück. Mein Vater war damals Intendant eines ein paar Jahre zuvor von dem Herzog gestifteten militärischen Waisenhauses, von welchem ich in dem von Schiller herausgegebenen »Wirtembergischen Repertorium« eine ausführliche Beschreibung geliefert habe. Er hatte seine Wohnung in dem Waisenhausgebäude, und auch ich quartierte mich in dasselbe ein. Die Freude meiner Eltern und meiner vier Schwestern, mich wieder mit ihnen vereint zu sehen, war groß, nicht minder groß war auch die meinige, welche auch noch dadurch erhöht wurde, daß ich mich wieder in einer Anstalt befand, welche mit der militärischen Pflanzschule auf der Solitude, wohin ich als Knabe aufgenommen worden, so viele Ähnlichkeit hatte, und daß ich mit dem Herzog, welcher das Waisenhaus gewöhnlich alle Wochen einmal besuchte, in einer nähern Verbindung blieb als alle, welche mit mir die Akademie verlassen hatten. So wie mir selbst, war dieses Verhältnis auch meinem Vater sehr erwünscht, denn er hoffte, daß, weil der Herzog bei seinen Besuchen des Waisenhauses jederzeit auch mich sah, dieses öftere Wiedersehen seines ehemaligen akademischen Zöglings mir auch zu einer desto frühern Anstellung dienen würde. Ob mein Vater darin recht hatte, will ich nicht entscheiden, ich glaubte es aber kaum. Nur solange wir Zöglinge der Akademie waren, zeigte sich der Herzog als unser Vater. Nach unserem Austritt aus derselben behandelte[78] er uns als unser Herr, obschon er nicht vergaß, daß er uns als Zöglinge der Akademie seine Söhne nannte. Gleich nach meiner Ankunft in Ludwigsburg machte ich mit meinem Vater bei seinen Freunden und Bekannten die gewöhnlichen Höflichkeitsbesuche. Ich wurde überall gut aufgenommen, doch hatten diese Besuche etwas Peinliches für mich, nicht allein weil ich noch immer in meiner akademischen Welt lebte, sondern auch weil ich fühlte, wie schwer es mir werden würde, als Arzt die Gunst so vieler, mir ganz fremder Menschen zu gewinnen. Zum Glück war die Zeit, wo ich mich um die Gunst des Publikums zu bewerben hatte, noch nicht so nahe. Da ich noch nicht promoviert hatte, so durfte ich auch noch nicht praktizieren, und noch viel weniger konnte ich mich auch um Anstellung als Physikus bewerben. Mein erstes und einziges Geschäft nach meiner Ankunft in Ludwigsburg war daher, mich zu dem Universitätsexamen vorzubereiten und meine Inauguraldissertation zu schreiben, um zum Doktor kreiert zu werden. Da die Akademie in Stuttgart damals noch nicht zur Universität erhoben war, so mußte dies auf der Landesuniversität zu Tübingen geschehen; allein ich war eben mit meinen Vorbereitungen zum Examen und meiner Dissertation pro gradu so weit fertig, daß ich mich bei der medizinischen Fakultät um Zulassung zur Promotion melden konnte, als ich aus Stuttgart die erfreuliche Nachricht erhielt, die Akademie sei von dem Kaiser Joseph zur Universität mit allen Rechten und Befugnissen anderer Universitäten erhoben worden. So durfte ich denn zu meiner großen Freude nicht nach Tübingen gehen, ich konnte nun in Stuttgart promovieren, und sobald die nötigen Vorkehrungen getroffen waren und ich mit meiner Inauguraldissertation fertig geworden, säumte ich nicht, mich bei dem Dekan der medizinischen Fakultät, meinem Lehrer und Freund Cunsbruch, als Doktorand zu melden. Als einem ehemaligen Zögling der Akademie wurde mir mein Gesuch mit Vergnügen bewilligt; ich ließ daher meine Dissertation »De origine puris« in der akademischen Druckerei unverzüglich drucken, und auf die Anzeige, daß der Druck vollendet sei, wurde mir als bald auch die Zeit bestimmt, wann ich in Stuttgart[79] erscheinen sollte. Ich traf zur bestimmten Zeit ein, bestand bei der Fakultät das herkömmliche Examen, das Tentamen und Rigorosum, zur Zufriedenheit der Examinatoren, verteidigte meine Dissertation sine praeside in Gegenwart einer zahlreichen Versammlung, selbst von Hofleuten, mit Beifall und wurde sofort feierlich zum Doktor kreiert. Aber nun hatte ich noch ein anderes Examen zu erstehen, das sogenannte praktische. Dieses wurde von dem Collegium archiatrale, das aus den drei Leibärzten und dem Leibchirurg des Herzogs bestand, vorgenommen und galt nicht allein in Rücksicht auf die Erlaubnis zur ärztlichen Praxis, sondern auch in Rücksicht auf die Qualifikation zum Staatsdienst. Vergleiche ich dieses Examen mit der jetzigen Art zu examinieren, so darf ich wohl sagen, daß sich zwischen beiden ein himmelweiter Unterschied findet. Jetzt heißen die Examina Konkursprüfungen, weil alle, die sich dazu melden, zu einer von der Regierung bestimmten Zeit zusammenkommen müssen, und diese Konkursprüfungen selbst bestehen in einer schriftlichen Beantwortung mehrerer den Kandidaten vorgelegter Fragen aus allen Fächern der Medizin, die wiederum in mehrere zerfallen, und diese Fragen müssen die Kandidaten, in ein Zimmer zusammengesperrt, unter der Aufsicht eines Mitgliedes der Regierung beantworten und so lange eingesperrt bleiben, bis sie mit der Beantwortung fertig sind. Sind die Antworten, wozu gewöhnlich mehrere Tage verwendet werden, fertig, so werden sie gesammelt, dem Obermedizinalkollegium zur Beurteilung vorgelegt und von diesem dann ihr Wert auf mathematische Art berechnet. Das war nun, wie schon bemerkt, zu der Zeit, wo ich geprüft wurde, ganz anders. Damals war von keinem Konkurs die Rede. Wer geprüft zu werden verlangte, konnte sich zu jeder Zeit melden, und er hatte nichts weiter zu tun, als sich an dem Tage und um die Stunde, welche ihm dazu bestimmt worden, vor dem Collegium medicum einzufinden, welches ihn nicht in dem Amtslokal des Kollegiums, sondern in der Wohnung des ersten herzoglichen Leibarztes erwartete. Das Examen selbst bestand nicht in der schriftlichen Beantwortung dem Kandidaten schriftlich vorgelegter Fragen, sondern in einem[80] freien medizinischen Diskurs, in welchen sich die Examinatoren mit demselben einließen und welcher sich zwanglos über alle Gegenstände des medizinischen Wissens verbreitete. Offenbar sahen auf diese Art die Examinatoren weit besser, was an dem Kandidaten sei, als die Aufgeber der Fragen bei den jetzigen Konkursprüfungen, welche, wenn sie die Fragen gehörig beantworten sollten, vielleicht in eine ebenso große Verlegenheit kommen würden als die Konkurrenten und gleichwohl keinen Anstand nehmen, die Qualifikation derselben nach Ausarbeitungen zu beurteilen, die sie in der Angst ihres Herzens und im Schweiß ihres Angesichts niedergeschrieben haben. Was aber der vormaligen Prüfungsart einen weitern Vorzug vor den jetzt beliebten Konkursprüfungen gibt, ist die Liberalität, mit welcher die Kandidaten behandelt wurden. Bestand der Kandidat bei der Prüfung nicht gut, so wurde ihm von den Examinatoren bemerklich gemacht, in welchen Fächern er zurück sei. Es wurde ihm ein Viertel- und nach Befinden ein halbes Jahr Zeit gegeben, das Mangelnde nachzuholen. Das Examen wurde, um den Ruf des Kandidaten zu schonen, als nicht geschehen betrachtet, und erst, wenn er zum dritten Mal nicht gut bestanden, wurde er nicht mit der Note mittelmäßig oder schlecht bezeichnet und etwa nur bei Beförderungen zurückgesetzt, sondern, wie es sich gebührt, geradezu abgewiesen. Bestand er hingegen gut, so bekam er ein versiegeltes Zeugnis, welches er an die Regierung abzugeben hatte. Auf den Grund dieses Zeugnisses wurde er sofort von derselben verpflichtet und durfte nun nicht nur als selbständiger praktischer Arzt auftreten, sondern er konnte auch ohne weitere Prüfung als Physikus oder Gerichtsarzt angestellt werden. Nicht lange nachdem ich promoviert hatte, meldete ich mich auch zu diesem praktischen Examen, und wie bei dem Universitätsexamen war ich auch bei diesem gut bestanden, und ich darf hier nicht unbemerkt lassen, daß mir das Zeugnis, welches den Kandidaten in der Regel versiegelt zugestellt wurde, unversiegelt mit der Bemerkung übergeben worden, daß ich wohl lesen dürfe, was darin von mir gesagt sei. Wie ich mich über diese Äußerung gefreut habe, läßt sich denken.[81] Gleichsam im Triumph gab ich schon am folgenden Tag das Zeugnis an die Regierung ab, erhielt von derselben die Erlaubnis zu praktizieren und wurde als praktischer Arzt verpflichtet. So konnte ich nun in Ludwigsburg oder wo ich sonst wollte meine praktische Laufbahn ungehindert antreten; aber es fehlte an der Hauptsache, an Kranken, an welchen ich meine Kunst üben sollte. Zwar waren damals nur zwei Ärzte in Ludwigsburg, die zwei Physici, Hofmedikus Fraas und Hofmedikus Mörike; aber diese beiden hatten bereits die ganze Praxis sowohl in der Stadt als in der Umgegend unter sich geteilt, und dem Anfänger blieb nichts übrig als die Armen, welche die Ärzte bloß mit ihren Lobeserhebungen bezahlen, und die von anderen Ärzten aufgegebenen Kranken, welche in der Verzweiflung sich an den nächsten, den besten Arzt wenden, er mag jung oder alt sein. So bekam ich bald mehrere solche Kranke in die Kur, aber den beiden Physicis konnte ich keineswegs etwas abgewinnen. Den einen, ob er schon ein ziemlich bejahrter Mann war, wollten seine Kunden aus Dankbarkeit für seine vieljährigen Bemühungen um ihre Familien nicht aufgeben, und der andere war viel zu beliebt bei dem Publikum und besonders bei dem auch hier den Ton angebenden weiblichen Geschlecht, als daß ich ein Rival von ihm hätte werden können. Ich blieb daher lediglich auf meine Armenpraxis eingeschränkt, und auch diese nahm nicht sonderlich zu, da mir gleich der erste Kranke, den ich in die Kur bekommen und der an einem schweren typhösen Fieber litt, und bald darauf noch einige andere gestorben waren. Indessen tröstete ich mich mit dem bekannten Sprichwort, daß aller Anfang schwer sei und daß sich die Sache nach und nach schon geben werde, und benutzte die Muße, die mir meine beschränkte Praxis gestattete, teils zu wissenschaftlichen Studien, teils zu schriftstellerischen Arbeiten, und namentlich zu meinem im Jahre 1789 erschienenen Versuch über die Wechselfieber, zu welchen mir die damals in Ludwigsburg sehr häufigen und von mir vielfältig beobachteten Wechselfieber die nächste Veranlassung gaben. Überhaupt widmete ich mich den medizinischen Studien mit ganzer Seele,[82] und ein so großer Freund ich sonst von der Dichtkunst war, so enthielt ich mich doch aller dichterischen Arbeiten, nicht weil ich nicht auch Muße dazu gehabt hätte, sondern weil ich fühlte, daß ich so vielen andern ausgezeichneten Dichtern gegenüber nicht als Dichter auftreten könne, und immer an den Ausspruch des Horaz dachte: Mediocribus esse poetis Non Di, non homines, non concessere columnae. In dieser einerseits widrigen, andrerseits angenehmen Lage blieb ich, bis ich im Jahre 1785 nach dem Tode des Hofmedikus Fraas als zweiter Physikus in Ludwigsburg angestellt wurde. Allein ehe ich zu dieser Epoche komme und die Erzählung von meinem ärztlichen Leben fortsetze, muß ich erst einiges von meinem geselligen erzählen, und hier erwähne ich zuvörderst einer Reise, welche ich mit meiner ältesten Schwester nach Teinach und Zavelstein machte. Meine Schwester sollte das Bad in Teinach gebrauchen; allein wir quartierten uns nicht da, sondern in Zavelstein ein, wo meine Großmutter noch als Witwe lebte und mein jüngerer Oheim die Stelle seines schon im Jahre 1775 verstorbenen Vaters bekleidete. Ehe wir uns nach Zavelstein begaben, brachten wir ein paar Tage in Calw zu. Die Veranlassung dazu war die Verheuratung der Schwägerin meines Oheims, zu deren Mitfeier wir eingeladen waren. Das Hochzeitessen wurde am ersten Tage in einem Gasthof gehalten, am zweiten wurde im Hause der Eltern gespeist. An beiden Orten wurde weidlich geschmaust und an bei den Tagen bis tief in die Nacht getanzt. Ich schlief in dem elterlichen Hause der Braut und wußte nicht, daß das Haus an einen Berg angebaut war. Aber ich erinnerte mich noch wohl, wie ich in der ersten Nacht zu Bette ging, daß ich zwei Treppen hoch gestiegen war. Ich hatte die ganze Nacht geschlafen, stand frühzeitig auf, und wie ich aus dem Fenster sah, fand ich mein Zimmer parterre. Ich konnte, als ich zu Bette ging, nicht sehen, daß das Haus an den Berg gebaut war und daß mir ein hinteres Zimmer zum Schlafzimmer angewiesen worden. Aber da eben damals die Prophezeiung des Abtes Ziehen, daß ein Teil[83] von Deutschland versinken werde, so viel Aufsehen machte, dachte ich im ersten Augenblick an die Erfüllung dieser Prophezeiung, so unglaublich und lächerlich sie mir auch zuvor geschienen hatte. Aber die Hochzeitfeier war nun vorbei, wir hatten keinen Grund mehr, in Calw zu verweilen, und begaben uns nach Zavelstein. Von der Freude der Großmutter über unsern Besuch etwas zu sagen, wäre überflüssig, ebenso auch, daß wir von unserem Oheim auf das liebreichste aufgenommen und bewirtet worden. Aber unaussprechlich sind die Gefühle, welche das Wiedersehen der guten alten Frau nach einer Trennung von so vielen Jahren und die Erinnerung an die schönen Tage, welche ich als Kind und Knabe in dem großelterlichen Haus durchlebte, das Herumwandeln in dem Dorf, in den Gärten, in den Wäldern, wo ich so oft meinen Großvater begleitete, das Hinabspazieren von Zavelstein nach Teinach auf den so oft von mir betretenen Fußweg und noch so vieles andere in mir erregten. Ich befand mich wieder ganz in meiner so froh durchlebten Kinderwelt, und wie ich die Knaben, die ehemals mit mir spielten, nun als Männer, die Mädchen als Frauen und Ernestinen als Mutter zweier ihr ähnlicher Kinder sah und wie sich alle meiner noch ebenso lebhaft erinnerten wie ich mich ihrer, so waren dies Empfindungen, die zu den erfreulichsten meines Lebens gehören. Denn wie manches Angenehme mir auch in Teinach, wohin ich täglich ging, widerfahren ist, wie viele interessante Menschen ich unter den Badegästen kennengelernt und wie viele frohe Stunden ich auch in ihrem Umgang zugebracht habe, immer kehrte ich gleich wieder vergnügt in mein liebes Zavelstein zurück, und mit welchen wehmütigen Gefühlen ich zuletzt von ihm schied, kann nur der mitfühlen, der seine Kinderjahre an einem ähnlichen Ort und unter denselben Verhältnissen durchlebt hat wie ich. Indessen kann ich doch nicht umhin, einiger interessantern Bekanntschaften zu gedenken, welche ich unter den Badegästen zu Teinach gemacht habe. Ich rechne dahin vorzüglich die Bekanntschaft mit dem Regierungspräsidenten von Gemmingen und seinem Freund, dem Regierungsrat Huber aus Stuttgart.[84] Der erste, einer der damaligen vorzüglichsten höhern Staatsbeamten Württenbergs, lud mich oft zu sich, und mein Umgang mit ihm war für mich ebenso lehrreich als ehrenvoll und angenehm. Der andere, wegen seiner Freimütigkeit einst Staatsgefangener auf der Festung Hohen-Aschberg, aber auf das ehrenvollste in Freiheit gesetzt und durch eine reichliche Pension entschädigt, ist ebenso rühmlich als Dichter bekannt. Er ist der Verfasser der allgemein gepriesenen Versuche in Reden mit Gott, die unter die besten Gedichte der damaligen Zeit gehören, und noch einiger anderer Schriften wie der Schrift über die Pflichten eines Oberamtmanns. Er interessierte mich besonders wegen seines heitern jovialischen Wesens, seines gesunden Witzes, seiner trefflichen Darstellungsgabe und seiner vielseitigen Kenntnisse. Ich fand an ihm einen der Männer, mit denen man sogleich bekannt ist und die man immer lieber gewinnt, je näher man sie kennenlernt. Ich sah ihn beinahe täglich, und die Stunden, die ich in seiner Gesellschaft zubrachte, zähle ich zu den angenehmsten meines Lebens. Eine andere, nicht minder interessante Bekanntschaft habe ich mit einem Bankier aus Straßburg und seiner Familie gemacht, wo mich besonders seine ältere Tochter, ein Mädchen von achtzehn Jahren, anzog. Das Mädchen war ebenso liebenswürdig als schön, und sooft ich nach Teinach hinunterkam, war es immer mein erstes, sie aufzusuchen. So wurde ich immer näher mit ihr bekannt, und weil ich auch von den Eltern wohl gelitten war, so wurde ich gewöhnlich auch zur Teilnahme an den Partien in der Umgegend von ihnen eingeladen. Bei den Bergpartien fuhren die Damen auf Leiterwagen mit Ochsen bespannt, die Herren ritten auf Eseln, und wie ich die erste Partie mitmachte, ließ auch ich mir einen Esel satteln. Ich bestieg den Esel im Angesicht der Damen, die schon auf ihrem Leiterwagen saßen; aber ich hatte mich im Sattel zu weit vorwärts gesetzt, der Esel bog seinen Kopf nieder zur Erde, schlug hinten aus und warf mich vorn herunter. Das Gelächter der Damen über den ungeschickten Eselsritter kann man sich denken; aber besonders laut lachte das schöne Mädchen, und ich kann nicht leugnen, daß ich mich darüber viel mehr freute als[85] ärgerte, weil ich eitel genug war, darin einen Beweis zu finden, daß ich ihr nicht gleichgültig sei. Die Familie reiste um dieselbe Zeit von Teinach weg als ich mit meiner Schwester von Zavelstein, und ich habe in der Folge leider nichts mehr von ihr gehört. Schon vor meiner Reise nach Teinach hatte ich in Ludwigsburg mancherlei Bekanntschaften mit Personen sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts gemacht; nach meiner Zurückkunft von der Reise vermehrten sich dieselben je länger, je mehr. Unter den Personen männlichen Geschlechts waren außer den beiden Ärzten, denen ich mich gleich nach meiner Ankunft empfohlen hatte und die wenigstens äußerlich wohlwollend gegen mich gestimmt schienen, und einigen Offizieren, mit welchen mein Vater auf einem besonders freundschaftlichen Fuß stand, für mich die interessantesten: der Hofmaler Holzhey, in dessen Gesellschaft ich nach meinem Austritt aus der Akademie auf der Diligence nach Ludwigsburg fuhr, der damals noch lebende Spezial Zilling, der als Pfarrer in Zavelstein mich schon als Knaben so liebgewonnen hatte, dann noch ein junger Geistlicher namens Christmann, den ich etwas später kennenlernte und durch den ich in das Haus des Bürgermeisters Bunz, wo er wegen seines angenehmen Umgangs und seines musikalischen Talents sowie auch in andern Häusern sehr beliebt war, eingeführt wurde, dann noch zwei andere junge Geistliche Stoll und Pauly, die Hofmeisterstellen in Ludwigsburg bekleideten und mich vorzüglich wegen der wissenschaftlichen Unterhaltungen mit ihnen anzogen, und endlich den Konditor B., der mich durch seine wunderliche Theosophie und namentlich durch seine Meinungen von dem Durchgang des Menschen durch die vier Elemente und seiner Vollendung durch seine Erweckung ins Licht, von dem Sitz Gottes in der Sonne und seiner Vermählung mit den Planeten, die er die Vielweiberei Gottes nannte, von den Sternen als den künftigen Sitzen der ins Licht erweckten Menschen, ihnen von Christus vermöge seines Generalquartiermeisteramts angewiesen, usw. belustigte und den ich daher öfter und immer mit Vergnügen besuchte. Da ich damals noch wenig Praxis hatte, so konnte ich dem Umgang[86] mit diesen Männern desto mehr Zeit widmen, und je öfter ich sie besuchte, desto mehr befestigte sich das freundschaftliche Verhältnis, in welches ich mit ihnen getreten war. Die meiste Zeit indessen widmete ich meinem wunderlichen Konditor, welcher mir vortrefflich zu einer Hauptperson in einem Roman zu taugen schien und mich wirklich auch bestimmte, ihm zulieb einen solchen zu schreiben. Ungleich weniger Umgang als mit Personen männlichen hatte ich mit Personen weiblichen Geschlechts. Anfangs lernte ich zwar einige Freundinnen meiner Schwestern kennen, welche zuweilen bei ihnen auf Besuch kamen; aber ich sah sie bloß, ohne in eine nähere Bekanntschaft mit ihnen zu treten. Als ein Neuling in der Welt, der eben erst von der Akademie kam, war ich überhaupt schüchtern, und mit Frauenzimmern umzugehen, verstand ich vollends gar nicht, da wir in der Akademie von dem Umgang mit Frauenzimmern gänzlich abgeschnitten waren. Indessen zogen mich unter den Freundinnen meiner Schwestern bald drei Fräulein von Löwenstern etwas mehr an, drei ebenso liebenswürdige als schöne Mädchen. Anfangs war meine Unterhaltung mit ihnen ziemlich einsilbig, ich beobachtete sie mehr, als ich mich mit ihnen unterhielt. Aber je öfter ich sie sah, desto mehr gefielen sie mir wegen ihres unbefangenen, sittsamen, von jeder Art der Koketterie entfernten Betragens, und bald bildete sich zwischen ihnen und mir ein näheres Verhältnis. Unsere gegenseitigen Unterhaltungen wurden lebhafter, vertraulicher, und wie ich mich zuvor begnügte, sie bei meinen Schwestern bloß zufällig zu sehen, so suchte ich jetzt absichtlich mit ihnen zusammenzukommen, indem ich meine Schwestern bat, mich jedesmal rufen zu lassen, wenn sie bei ihnen waren. So bildete sich allmählich ein engeres Verhältnis zwischen uns, und bald war es uns nicht mehr genug, uns bei meinen Schwestern zusammenzufinden, wir gingen auch in Gesellschaft der letztern zusammen spazieren, und nachdem ich endlich auch die Erlaubnis erhalten hatte, sie zu Hause zu sehen, so war ich auch ebensooft bei ihnen als sie bei meinen Schwestern. Wie von ihnen war ich auch von ihrer Mutter ? der Vater war bereits gestorben ? jederzeit auf das beste aufgenommen,[87] und der Umgang mit dieser wackern und verständigen Frau erhöhte nicht wenig das Vergnügen, welches ich in dem Umgang mit ihren drei Töchtern, die ich nur die drei Grazien zu nennen pflegte, fand. Allmählich fand ich immer mehr Zutritt in gebildete Familien, welche teils für immer in Ludwigsburg wohnten, teils nur auf kürzere Zeit diese Stadt zu ihrem Aufenthalt gewählt hatten, machte höchst interessante Bekanntschaften mit liebenswürdigen, zum Teil geistreichen Töchtern dieser Häuser und zählte unter dem männlichen Geschlecht viele Freunde, die mir wohlwollten und mit denen ich mich manche Stunde auf das angenehmste unterhielt. ? Meine Bedürfnisse rücksichtlich des Umgangs waren daher vollkommen befriedigt; aber um so weniger waren es meine literarischen. Zwar hatte ich an meinen zwei Freunden Pauly und Stoll Männer, deren Umgang mir auch vorzüglich in literarischer Beziehung unschätzbar war, aber unsere gegenseitige Unterhaltung bezog sich bloß auf Philologie, Philosophie und Geschichte; um mein Bedürfnis, die Erweiterung meiner medizinischen Kenntnisse, zu befriedigen, hatte ich niemand. Ich kam zwar mit meinen beiden Kollegen Fraas und Mörike öfter zusammen, und der erstere nahm mich auch zuweilen bei seinen Besuchen wichtigerer Kranken mit sich; aber er war bereits zu alt und zu wenig mit der neuern medizinischen Literatur bekannt ? seine Bibliothek ging nur bis zum Jahre 1750 ?, als daß seine Unterhaltung sonderlich instruktiv für mich hätte sein können, und dem andern war es mehr um die Besorgung seiner ausgebreiteten Praxis als um das Fortschreiten in der Wissenschaft zu tun. Kurz, ich war in dieser Beziehung eigentlich verwaist, und gleichwohl fühlte ich tief, wie nötig es nicht nur einem jüngern, sondern auch ältern Ärzten ist, sich über ihre Wissenschaft gegenseitig zu unterhalten. Ein Arzt mag so reich an Kenntnissen sein, als er will, er mag so fleißig fortstudieren, als er will, er mag durch sein Nachdenken auf so viele neue Ideen gekommen sein, als er will, wenn er bloß für sich studiert und sich nicht auch mit den Ideen anderer durch persönliche Unterhaltung mit ihnen bekannt macht, so wird er nicht nur ein Idiot, sondern er bleibt[88] auch, selbst wenn er der beste Kopf ist, in seiner Wissenschaft zurück. Dies ist schon der Fall bei ältern Ärzten, er ist es noch vielmehr bei jüngern, und da ich in Ludwigsburg niemand hatte, mit dem ich mich über wissenschaftliche medizinische Gegenstände hätte unterhalten und meine Ideen austauschen können, so blieb mir zur Befriedigung meines Bedürfnisses nichts übrig, als mich an meine ehemaligen Lehrer zu wenden und, sooft es sein konnte, zu ihnen nach Stuttgart zu reisen. Ich wurde jederzeit auf das beste von ihnen aufgenommen, und besonders von Cunsbruch, der mich gewöhnlich zu Tische lud und nach Tisch sich stundenlang auf das lehrreichste mit mir unterhielt. Aber wer mich noch mehr als Cunsbruch und meine andern Lehrer nach Stuttgart zog, war der erste herzogliche Leibarzt Hopfengärtner. Ich hatte ihn öfter in Stuttgart gesehen, aber außer bei dem praktischen Examen, wobei er den Vorsitz hatte, nie das Glück gehabt, mit ihm zu sprechen. Näher lernte ich ihn zufällig in Ludwigsburg kennen, und da es mir schien, daß er sich für mich interessiere, so bat ich ihn um die Erlaubnis, ihn zuweilen in Stuttgart besuchen zu dürfen. Er gab mir diese Erlaubnis gern, und ich säumte nicht, gleich bei meinem nächsten Besuch in Stuttgart von derselben Gebrauch zu machen. Schon zuvor hatte ich ihn durch Cunsbruch als einen der vorzüglichsten Ärzte der Stadt kennengelernt, aber was mir Cunsbruch von ihm sagte, war viel zu wenig für das, was er war und was ich an ihm fand. Der vorzüglichen Ärzte gibt es viele, und auch meine Lehrer gehörten darunter. Aber so selbstdenkende, an originellen Ideen so reiche, ihrem Zeitalter in ihren Ansichten so weit vorausgehende Männer wie er sind eine große Seltenheit, und ich zähle meine nähere Bekanntschaft mit ihm zu den glücklichsten Ereignissen meines Lebens. In wenigen Stunden habe ich von ihm mehr gelernt als von meinen Lehrern in Tagen und Wochen, und, was noch mehr ist, ich bin durch ihn mehr als durch sonst jemand zum Selbstdenken angeregt worden. Auch kann ich nicht unterlassen, hier schon vorläufig zu bemerken, daß ich es vorzüglich ihm zu danken hatte, daß ich früher, als sonst wohl geschehen sein würde, zu einer ausgebreiteteren Praxis in Ludwigsburg gelangt bin.[89] Unter diesen Umständen wäre es mir freilich am liebsten gewesen, wenn ich in Stuttgart, wo ich diesen vortrefflichen Arzt in der Nähe hatte, angestellt worden wäre. Allein das Schicksal hatte es anders beschlossen. Im Jahr 1785 starb der ältere Physikus in Ludwigsburg, der Hofmedikus Fraas. Der Ordnung gemäß rückte der zweite Physikus, der Hofmedikus Mörike, in die erste Stelle vor, und ich erhielt die durch dessen Vorrücken erledigte zweite Physikatsstelle. Es war damals eingeführt, daß jeder Angestellte dem Herzog in der Audienz, welche er gewöhnlich am Freitag vormittags gab, persönlich für seine Anstellung danken mußte. Auch ich tat es, und um so mehr, da ich als ein ehemaliger Zögling der Akademie besonders dazu verpflichtet war. Der Herzog nahm meinen Dank gnädig auf und sagte mir, daß, weil ich ein noch so junger und der Leitung eines Ältern bedürftiger Arzt sei, ich mich deshalb vorzüglich an seinen Leibarzt Jäger halten solle. Dieser Weisung zufolge begab ich mich ungesäumt zu Jäger, ihm zu sagen, wozu mich der Herzog angewiesen, und ihn um seinen Beistand zu bitten. Jäger war davon schon von dem Herzog selbst unterrichtet und erbot sich mit Vergnügen, mich bei jeder Gelegenheit mit seinem Rat zu unterstützen. Wirklich machte ich auch von diesem Anerbieten in mehreren Fällen Gebrauch; aber so gefällig und freundlich Jäger sich auch gegen mich bezeigte, so war und blieb doch der ernste und finstere Hopfengärtner der Mann, an den ich mich wandte. Ich schätzte zwar den Leibarzt Jäger wegen seiner großen Gelehrsamkeit sehr hoch ? er war ein weit gelehrterer Arzt als Hopfengärtner ?, aber Hopfengärtner war nicht nur ein ungleich besserer Kopf, sondern er war auch ein Mann von dem edelsten Charakter. Um wohlwollend zu handeln, bedurfte er keiner fürstlichen Empfehlung. Alles Gute und Edle, was er tat, ging aus ihm selbst hervor, und überall zeigte er sich als einen ebenso braven und rechtschaffenen als geistreichen und einsichtsvollen Mann. Zum Beweis hiervon will ich nur einen einzigen Fall anführen. Unter andern Funktionen hatte das Collegium archiatrale auch die, die Apotheken im Lande zu visitieren. Bei der Visitation der Hofapotheke in Ludwigsburg, deren Besitzer nach dem[90] Tode seines Vaters mein hernachmaliger Schwager war, kam dieser mit Hopfengärtner wegen eines pharmazeutischen Präparats in Streit. Der Streit wurde hartnäckig. Hopfengärtner behauptete seine Meinung, und der Apotheker mußte schweigen. Allein als nach Beendigung der Visitationen, wo die Visitatoren auf dem Rathaus im Beisein des Oberamtmanns, der beiden Bürgermeister und mehrerer Ratsglieder den vorgeladenen Apothekern ihre Bemerkungen mitteilten, sagte Hopfengärtner meinem Schwager, daß er ihm in betreff ihres Streites während der Visitation nicht habe recht geben können, daß er es aber jetzt in Gegenwart der Stadtvorsteher tue und daß er hoffe, er werde mit dieser öffentlichen Genugtuung zufrieden sein. Solch ein Mann war Hopfengärtner auch als Mensch. Durch den Tod des Hofmedikus Fraas war ich jetzt nicht nur Physikus, sondern ich hatte jetzt auch als praktischer Arzt nur mit einem einzigen Kollegen zu konkurrieren und durfte hoffen, daß sich nun auch meine Praxis bedeutend vermehren würde. Allein es geschah nicht so, wie ich erwartete. Ich wurde zwar Arzt in mehreren Häusern, wo es Fraas gewesen war, aber die meisten fielen doch dem Hofmedikus Mörike zu, nicht allein weil überhaupt das Publikum mehr Zutrauen zu ältern Ärzten hat als zu jüngern, sondern auch weil die äußern Umstände mir weniger günstig waren als hundert andern angehenden Ärzten. Auch der kenntnisreichste angehende Arzt, wenn er bald zu einer bedeutenden Praxis gelangen will, muß durch äußere Umstände begünstigt werden. Entweder muß er einen angesehenen und beliebten Arzt zum Vater haben, der ihn frühzeitig zu seinem Stellvertreter macht, oder er muß in Verbindung mit bedeutenden Familien stehen oder in eine solche heuraten, oder er muß vornehme und einflußreiche Personen, beliebte Geistliche usw. zu Gönnern haben, oder er muß an seinen ältern Kollegen Freunde finden, deren Empfehlung bei dem Publikum natürlich mehr gilt als das Lob der Laien. Dies alles war bei mir nicht der Fall. Mein Vater war Offizier, kein Arzt. Er stand in keiner bedeutenden Familienverbindung in Ludwigsburg, welche mir zu meinem Fortkommen hätte förderlich sein können. Der Geistliche, der mich als Knaben seinen[91] Sohn nannte, war selbst zu wenig beliebt in der Stadt, als daß mir seine Empfehlung von großem Nutzen sein konnte. Der Hofmedikus Fraas hatte in den letzten Jahren seines Lebens selbst keine bedeutende Praxis mehr gehabt, und ich konnte daher eine solche nicht von ihm erben. Der Hofmedikus Mörike endlich, obschon er sich bei jeder Gelegenheit äußerlich wohlwollend gegen mich bezeigte, fürchtete doch einen Rival an mir, und anstatt mich da oder dort zu empfehlen, suchte er vielmehr sich selbst immer mehr geltend zu machen, wobei es ihm um so weniger fehlen konnte, da er in der für den Arzt so wichtigen Kunst, sich die Gunst der Weiber zu erwerben, Meister war. So stand ich auch als Physikus rücksichtlich meiner Praxis ganz auf mir selbst, und nur ein ganz besonderes glückliches Ereignis konnte mich in derselben fördern. Dies Ereignis trat wirklich ein. Ein vornehmer und reicher Herr in Ludwigsburg wurde krank. Dieser hatte keinen Arzt in der Stadt zum Hausarzt, sondern wenn jemand in seiner Familie erkrankte, ließ er den obengenannten herzoglichen Leibarzt von Stuttgart rufen. Dies geschah auch diesmal wieder. Hopfengärtner kam, kam zum zweiten und dritten Mal, und wie er beim dritten Besuch den Kranken ganz außer Gefahr fand, erklärte er, daß er nun keinen Besuch von seiner Seite mehr nötig finde, daß aber ein junger Arzt in der Stadt sei, den wolle er über das, was etwa noch zu tun sei, instruieren, es sei ein junger Arzt, aus welchem etwas werden könne, und schon jetzt könne er ihn, wenigstens für leichtere Fälle, aus voller Überzeugung empfehlen, man möge ihn also gleich zum Hausarzt annehmen. »Aber«, entgegnete der Genesende, »er ist doch noch gar zu jung, und zudem ist er nicht einmal auf Reisen gewesen.« ? »Der junge Mann«, antwortete der Leibarzt, »wird älter werden, und das andere ist desto besser, so ist er wenigstens nicht verdorben worden.« Hopfengärtner hatte mich nicht vergebens empfohlen; ich wurde wirklich der Hausarzt dieser Familie, und ich erkannte bald an der Zunahme meiner Praxis, was die Empfehlung eines auch in Ludwigsburg so hochgeschätzten Arztes für mich gewirkt hatte. Nicht lange nach diesem glücklichen Ereignis trat ein anderes,[92] wenigstens dem Augenschein nach nicht minder glückliches für mich ein. Mein Kollege Mörike wurde von einem typhösen Fieber befallen, welches gleich vom Anfang an gefährlich zu werden schien. Die Familie hatte den Leibarzt Jäger von Stuttgart zu ihm rufen lassen. Dieser nahm ihn zwar in Behandlung, aber da er den Kranken nicht alle Tage besuchen konnte, so mußte er einen Substituten haben, und dieser war ich. Ich besuchte den Kranken täglich mehrere Male, schrieb, um dem Leibarzt gehörig referieren zu können, alles, was ich bemerkte, genau auf und leistete überhaupt dem Kranken unterdessen alle und jede Hülfe, die ich ihm leisten konnte. Allein aller Bemühungen des Leibarztes und aller meiner Beihülfe ungeachtet, starb der Kranke zum größten Bedauern des Publikums, zugleich aber auch zu meinem Vorteil, nicht sowohl weil ich nun in die erste Physikatsstelle vorzurücken hoffen konnte als vielmehr der Achtung wegen, in welche ich mich durch meine dem Verstorbenen während seines Krankenlagers geleisteten guten Dienste und die freundschaftliche Teilnahme, die ich ihm dabei bewiesen, bei dem Publikum gesetzt hatte. Beides wurde mir von der Familie und den vielen Freunden des Verstorbenen hoch angerechnet, und man kann leicht erachten, daß mir ein bedeutender Teil seiner Praxis, ehe der neue Physikus ernannt wurde, zufiel. Von dieser Seite war der Tod Mörikes für mich allerdings sehr vorteilhaft; aber um so weniger war er es von der andern, ich meine in betreff meines Vorrückens aus der zweiten in die erste Physikatsstelle. Nach der Ordnung sollte ich allerdings vorrücken; allein dagegen sprach erstlich, daß ich erst vor zwei Jahren als Physikus angestellt worden, und zweitens der Wunsch des Publikums, daß ein älterer Arzt als erster Physikus angestellt werden möge, dessen Erfüllung um so gewisser vorauszusehen war, da derselbe auch von den Vorstehern der Stadt in einer deshalb an den Herzog eingegebenen Vorstellung nachdrücklich ausgesprochen wurde. Als ein Mann von fünfundzwanzig Jahren konnte ich den Vorstehern der Stadt diesen Schritt gegen mich nicht verdenken. Ich sah selbst sehr gut ein, daß Mörike einige Jahre zu früh für mich gestorben, und es[93] war Gewinn genug für mich, daß ich einen nicht unbedeutenden Teil seiner Praxis geerbt hatte, von dem ich nicht fürchtete, daß ich ihn an den neuen Physikus verlieren würde. Auch war, da mich das Glück einmal zu begünstigen angefangen hatte, der Gedanke sehr natürlich, daß der neue Physikus, wahrscheinlich ein schon betagter Mann, mich nicht lange an meinem Vorrücken in die erste Physikatsstelle hindern würde. Das einzige, was ich fürchtete, war, daß der neue Physikus ein Mann sein könnte, der, eifersüchtig auf meine bereits gewonnene Praxis, sie auf irgendeine Weise an sich zu ziehen suchen und mir überhaupt meine Existenz in Ludwigsburg unangenehm machen möchte. Daß diese Furcht nicht ungegründet war, zeigte sich bald. Der an Mörikes Statt angestellte erste Physikus war der früher als außerordentlicher Professor in Tübingen angestellt gewesene Physikus in Urach, D. Seubert, ein Mann von ausgezeichneten Kenntnissen und ein anerkannt vorzüglicher praktischer Arzt. Wäre er auch als Mensch gewesen, was er als Arzt war, so hätte ich mich glücklich geschätzt, sein Kollege zu sein. Allein bei aller Freundlichkeit, die er äußerlich gegen mich bewies, war er doch heimlich nichts weniger als mein Freund. Er beneidete mir nicht nur meine Praxis, sondern er suchte sie auch an sich zu ziehen, nicht indem er geringschätzig von mir sprach, sondern vielmehr indem er mir bei jeder Gelegenheit das zweideutige Lob eines jungen Mannes gab, der viel gelernt habe, dem es aber, um auch ein tüchtiger praktischer Arzt zu werden, nur noch an einer längern Erfahrung fehle. Indessen erreichte er seinen Zweck nicht so, wie er gehofft hatte. Nur diejenigen Familien, welche nach dem Tode Mörikes noch keinen Hausarzt gewählt hatten, wählten ihn dazu; nur wenige von denen, die mich bereits zum Hausarzt angenommen hatten, gingen zu ihm über, und die Praxis, sowohl in der Stadt als auf dem Lande, war zwischen uns beiden ziemlich gleich geteilt bis zu seinem Tode, der schon ein paar Jahre nach seiner Anstellung erfolgte. Er starb an einer Darmentzündung, welche er sich durch eine Erkältung zugezogen hatte. Durch den Tod Seuberts wurde nun die erste Physikatsstelle[94] abermals erledigt, und da ich schon einmal übergangen worden war, so konnte ich um so eher hoffen, in dieselbe vorzurücken; allein meine Hoffnung betrog mich auch diesmal wieder. Wäre wiederum ein älterer Arzt als erster Physikus angestellt worden, so hätte ich mich zum zweiten Mal damit trösten können, daß auch Seubert um einige Jahre zu frühe für mich gestorben. Allein der Arzt, welcher das erste Physikat erhielt, war ohngefähr gleiches Alters mit mir, und der Vorzug, den er vor mir erhielt, würde eine Beschimpfung für mich gewesen sein, wenn er ihn seinen größern Verdiensten zu danken gehabt hätte. Bilhuber, so hieß dieser Vorgezogene, war Physikus in Vaihingen, einer an der Ems gelegenen Landstadt, und als ein geschickter Arzt und braver Mann daselbst sehr beliebt. Dessenungeachtet würde er schwerlich das erste Physikat in Ludwigsburg erhalten haben, wenn er nicht, wie mir versichert wurde, zweihundert Louisdor an den Herzog dafür bezahlt hätte. Der Herzog brauchte nämlich zu seinen vielen und kostspieligen Bauten in Hohenheim viel Geld, und um dieses aufzubringen, bediente er sich neben andern Mitteln, wie bekanntlich damals auch einige andere deutsche Fürsten, des Diensthandels. Dies war allerdings eine sehr schlimme Seite des Herzogs, und man könnte sich wundern, daß er sich auch gegen mich, als einen ehemaligen Zögling seiner Akademie, von dieser Seite gezeigt hat. Aber der Herzog war nur der Vater der Zöglinge, solange sie in der Akademie waren, denn sein Kind war eigentlich die Akademie; nach ihrer Entlassung aus derselben war er ihr Fürst und Herr wie gegen alle seine Diener und Untertanen. ? Übrigens soll zur Beförderung Bilhubers die Empfehlung des damals in Ludwigsburg residierenden Prinzen Friederich Wilhelm, eines Neffen des Herzogs, welche derselbe auf das Vorwort des damaligen, bei dem Prinzen vielgeltenden Spezials Pfleiderer bei dem Herzog einlegte, viel mitgewirkt haben, was ich um so lieber glaubte, da der Prinz aus weiter unten anzuführenden Gründen nicht günstig gegen mich gesinnt war. ? Doch dem sei, wie ihm wolle, ich war in jedem Falle unbilligerweise zurückgesetzt, und diese Zurücksetzung würde noch ungleich kränkender für mich gewesen sein, wenn ich nicht an[95] Bilhuber einen Kollegen erhalten hätte, welchen ich ebensosehr seines Charakters als seiner Kenntnisse wegen zu schätzen Ursache hatte und mit welchem ich daher auch bald in ein wahrhaft freundschaftliches Verhältnis getreten war. Aber auch Bilhuber bekleidete die erste Physikatsstelle nicht lange. Er war noch nicht zwei Jahre lang in Ludwigsburg, so verlor er seine Frau, und nach Verfluß der Trauerzeit hatte er beschlossen, sich wieder zu verheuraten. Er hatte sich zur Braut ein schönes junges Mädchen ausgesucht, er hatte sich mit ihr verlobt, bereits Brautvisiten mit ihr gemacht, und der Tag der Hochzeit war bereits bestimmt, als er aus dem ekstatischen Zustand, in welchen ihn sein Bräutigamstand versetzt hatte, in ein typhöses Fieber verfiel, an welchem er starb. So war nun, seit ich zweiter Physikus geworden, das erste Physikat zum dritten Mal erledigt, und die Frage war jetzt, ob ich abermal zurückgesetzt zu werden fürchten müsse. Allerdings mußte ich dies. Die Vorgänge hatten mich geschreckt, und die Sage ging, daß die Zahl der Bewerber um die offene Stelle sehr groß und daß unter ihnen mehrere seien, welche bedeutende Summen aufwenden würden. Fest entschlossen, nie eine Stelle zu kaufen, mußte ich einen andern Weg einschlagen als den bisherigen einfachen und geraden Weg der Meldung. Ich begab mich daher nach Stuttgart, um mich mit meinen dortigen Freunden über die Sache zu besprechen, und erfuhr von ihnen, daß, wenn ich den Geheimenrat Fischer auf meine Seite bekommen könnte, ich ohne Zweifel reussieren würde. Nun kannte ich weder den Geheimenrat Fischer noch er mich; dennoch entschloß ich mich, zu ihm zu gehen, und da mir meine Freunde gesagt hatten, daß es ein gutes Zeichen sei, wenn er mich vor sich lasse, so nahm ich mir vor, den Zutritt zu ihm, wenn er ihn nicht freiwillig gestatte, zu erzwingen. Richtig wurde ich, wie meine Freunde vermutet hatten, durch den Kammerdiener, der mich bei ihm meldete, mit der Bemerkung abgewiesen, daß Seine Exzellenz nicht zu sprechen seien, weil Sie im Bade sitzen. »Das macht mir nichts«, erwiderte ich, »ich bin ein Arzt, vor dem man sich weder im Bade noch in jedem andern Fall zu genieren braucht, und überdies kann ich meiner[96] Geschäfte wegen nicht lange in Stuttgart verweilen, gehen Sie also noch einmal hinein zu dem Herrn Geheimenrat, und sagen Sie ihm das.« Der Kammerdiener zögerte, und ich fuhr fort: »Bedenken Sie sich nicht, noch einmal zu dem Herrn Geheimenrat hineinzugehen, sonst gehe ich selbst hinein.« Dies setzte den Kammerdiener in Bewegung, er tat, was ich verlangt hatte, und siehe da! der Geheimerat trat in das Vorzimmer, wo ich wartete, angekleidet heraus, grüßte mich freundlich und sagte: »Ich weiß wohl, weswegen Sie mich sprechen wollen, Sie suchen das erledigte erste Physikat in Ludwigsburg.« ? »Ja, Euer Exzellenz«, erwiderte ich, »und ich weiß, daß ich es erhalten werde.« ? »Wieso?« fragte er. »Weil Sie«, antwortete ich, »Minister sind; wären Sie es früher gewesen, so würde ich schon das erste Mal nicht zurückgesetzt worden sein, jetzt muß alles den geraden Weg gehen, und darum bin ich gewiß, daß es mir diesmal nicht fehlen wird.« ? »Sie haben es getroffen«, erwiderte er, nachdem er sich einige Augenblicke besonnen hatte, »hier gebe ich Ihnen meine Hand, Sie sind der Stelle würdig, und ich werde bei dem Herzog für Sie tun, was ich vermag.« So bestätigte sich die treffliche Maxime Goethes, daß man die Menschen, bei denen man etwas gegen ihre Absicht durchsetzen will, nehmen müsse, wie sie sein sollen, nicht wie sie sind, auch bei mir. Wider seinen Willen wurde der Geheimerat für mich gestimmt. Wenige Tage nach dieser Audienz erhielt ich das Anstellungsdekret als erster Physikus in Ludwigsburg, und an meine Stelle trat der von einer andern Seite her begünstigte und empfohlene Sohn des verstorbenen Hofmedikus Mörike, wodurch der Geheimerat ohne Zweifel noch mehr zu meinen Gunsten gestimmt worden war. Schon als zweiter Physikus war ich bereits verheuratet, und meine Verheuratung fiel gerade in die Zeit, wo Seubert zum ersten Physikus ernannt worden. Wäre ich noch unverheuratet gewesen, so hätte ich wohl sehr klug gehandelt, wenn ich mich um die Hand seiner ältesten Tochter, eines schönen und geistreichen Mädchens, beworben hätte. Allein ich wollte keine Frau, welcher ich mehr als sie mir zu danken gehabt hätte, und eben darum wählte ich mir auch kein Mädchen aus den einflußreichen[97] Familien der Stadt, ungeachtet ich hier ebensowenig einen Korb hätte fürchten müssen als von der Tochter Seuberts. Das Mädchen, welches ich mir zur Braut wählte, war die Tochter des Hofapothekers Bischoff in Ludwigsburg, ohne großes Vermögen, ganz einfach erzogen, aber ein Mädchen von Geist, ebenso liebenswürdig als schön. Sie war erst siebenzehn Jahr alt, als ich sie heuratete, und wer mich vorzüglich auf ihre vielseitigen Vorzüge aufmerksam machte, war mein Freund Pauly, welcher sich selbst bereits um sie bewarb, allein weil er keine Aussicht auf eine baldige Anstellung als Geistlicher hatte, seine Bewerbung freiwillig aufgab und um so weniger scheel dazusah, daß ich an seine Stelle trat, da er ihr Herz für sich zu gewinnen wenig Hoffnung hatte. So aufmerksam auf sie gemacht, suchte ich nun näher mit ihr bekannt zu werden, kam öfter, um sie zu sehen, in die Apotheke, wurde bald bekannter und vertrauter mit ihr, das Wohlgefallen an ihr ging in Liebe über, und nachdem ich an ihrer Gegenliebe nicht mehr zweifeln konnte, bat ich sie um ihre Hand, die Eltern um ihre Einwilligung, und nach Verfluß weniger Wochen nach der Verlobung traten wir an den Altar. War meine schöne junge Frau schon als Mädchen geistreich und liebenswürdig, so entwickelte sich ihr Geist und ihr schöner Charakter immer mehr. Als Hausfrau trieb sie ihr Hauswesen mit ebensoviel Fleiß und Ernst als Klugheit und Verstand. Ohne geizig zu sein, war sie sparsam, wohltätig, ohne zu verschwenden, in allen ihren Handlungen besonnen, einfach in ihrem Betragen wie in ihrem Anzug, wohlwollend und dienstfertig gegen jedermann, versöhnlich, wenn sie beleidigt wurde, und stets bereit, Frieden zu stiften, wenn sich unter ihren Bekannten Mißhelligkeiten entsponnen hatten, eine echte Freundin ihrer Freundinnen, eine treue und liebevolle Gattin, eine zärtliche sorgsame Mutter ihrer Kinder bis zu ihrem Tode. Da zur damaligen Zeit die Töchter bürgerlicher Familien, der wahren Bestimmung des weiblichen Geschlechts gemäß, bloß zu tüchtigen Hausfrauen und sorgsamen Müttern, nicht zu Kunststickerinnen, Malerinnen, Musikantinnen oder gar zu gelehrten Weibern erzogen wurden, so war dies auch der Fall mit meiner[98] Frau. Sie hatte nichts als Lesen, Schreiben, Rechnen und einen korrekten Brief schreiben gelernt, aber sie verstand das Kochen, Backen, das Waschen, das Bügeln, das Stricken und Nähen und überhaupt alle weiblichen Arbeiten vollkommen. Indessen begnügte sie sich damit nicht; sie wollte auch geistig beschäftigt sein, sie wollte ihren Geist durch Lesen guter, für ihr Geschlecht tauglicher Bücher ausbilden, sie wollte auch Französisch lernen usw. Ich half ihr dazu, soviel ich vermochte, aber das Hauptverdienst um sie hatte in dieser Beziehung mein Freund Stoll. Nicht nur war er ihr Lehrer im Französischen, sondern als vieljähriger Erzieher auch weiblicher Personen war er ihr auch zu ihrer geistigen Ausbildung überhaupt auf alle Weise förderlich. So wurde sie, wie sie eine vorzügliche Hausfrau war, auch eine im hohen Grade geistig gebildete Frau, und um dieses doppelten Vorzugs willen war sie auch von jedermann, der sie näher kennenlernte, selbst von Männern wie Schiller, ebenso verehrt als wegen ihres edeln und liebenswürdigen Charakters geschätzt und geliebt. ? Als Zögling der Akademie mußte ich zu meiner Verheuratung die Erlaubnis von dem Herzog nachsuchen. Mit der erteilten Erlaubnis erhielt ich auch zugleich den Charakter als herzoglicher Hofmedikus, gleichsam zum Hochzeitgeschenk, und das nächste Mal, als der Herzog das militärische Waisenhaus besuchte, wurde ihm und der Frau Herzogin auf ihr Verlangen meine Frau von mir vorgestellt und von beiden auf das gnädigste behandelt. Nach dieser Schilderung meiner Frau muß ich zunächst auch ihrer Eltern und Geschwister und ihrer nächsten Anverwandten erwähnen. Ihr Vater war, wie schon bemerkt, Hofapotheker in Ludwigsburg, ebenso allgemein anerkannt als einer der bravsten Männer in der Stadt als ein geschickter und fleißiger Apotheker. Ihre Mutter, die Tochter des Bürgermeisters und Kaufmanns Burk in Leonberg, galt allgemein für eine der verständigsten und wackersten Hausfrauen in Ludwigsburg. Von ihren damals lebenden Geschwistern übernahm der ältere Bruder das Geschäft des Vaters ? die Apotheke ?, der jüngere wurde als Oberamtsarzt in Ludwigsburg angestellt. Die älteste Schwester ist an den Hofprediger Harpprecht daselbst verheuratet,[99] die zweite war die Gattin des verstorbenen Oberfinanzrats Moser in Stuttgart, die jüngste lebt als Witwe des Stallmeisters Leuze in Ludwigsburg. Harpprecht kannte ich schon vor seiner Verheuratung als einen hochgeschätzten Geistlichen. Er war zuerst Garnisonsprediger auf der Festung Hohen-Aschberg, wurde dann Pfarrer in dem an dem Fuß der Festung gelegenen Marktflecken Aschberg, bald darauf Garnisonsprediger in Ludwigsburg. Von hieraus wurde er zum Kaplan an der Hofkapelle in Stuttgart befördert, verließ aber diese Stelle nach dem Tode des Königs Friedrich, indem er seiner Witwe, der Königin Mathilde, als ihr Hofprediger und Beichtvater nach Ludwigsburg, ihrem Witwensitz, folgte und zugleich wieder in seine früher bekleidete Garnisonspredigerstelle daselbst eintrat. Er ist einer der ausgezeichnetsten Geistlichen, die ich kenne, ein vorzüglicher Prediger und ein ebenso braver und rechtschaffener Mann. Zu den Anverwandten meiner Frau gehört vorzüglich ihr Oheim, der Schwager ihrer Mutter, der Kammerrat Cleß, ein Mann von vielen Eigenheiten und Wunderlichkeiten, aber von dem besten Charakter, wohlwollend, wie es wenige Menschen gibt, der redlichste und gewissenhafteste Berater der Familie und besonders gewogen meiner Frau, welche sein Liebling unter ihren Geschwistern war. Er wurde in der Folge Kameralverwalter auf der Festung Hohen-Aschberg, wo ich ihn öfters besuchte und manche heitere Stunde mit ihm und seiner braven Frau durchlebte. Soviel von meinem häuslichen und geselligen Leben; ich komme nun zu meinem ärztlichen. Hatte sich schon bei Lebzeiten meiner Vorfahren Seubert und Bilhuber meine Praxis bedeutend vermehrt, so nahm sie jetzt noch mehr zu, obschon mein Kollege Mörike, als der Sohn seines bei dem Publikum so beliebt gewesenen Vaters und zugleich als Glied einer der einflußreichsten Familien in Ludwigsburg, in welche er sich verheuratet hatte, nicht viel hinter mir zurückblieb. Außer den vielen bürgerlichen Familien, deren Hausarzt ich war, hatte ich auch die meisten adeligen zu besorgen, namentlich die Familien des Obersten von Dedell, der Generale von Nicolai und von Maucler, die Familie des Reichshofrats von Moser, der nach[100] seinem Zurücktritt aus seinen Staatsdiensten in Ludwigsburg privatisierte. Die erste dieser Familien, deren Hausarzt ich geworden, war die von Dedellsche, dieselbe, welcher ich als ein noch ganz junger Arzt von Hopfengärtner empfohlen worden. Bei der von Nicolaischen Familie wurde ich schon nach dem Tode des Hofmedikus Mörike Hausarzt, bei der von Mauclerschen erst nach dem Tode Seuberts und bei der von Moserschen nach dem Tode Bilhubers. Alle diese Familien achteten mich nicht nur als ihren Arzt, sondern sie beehrten mich auch mit ihrer Freundschaft. Ich besuchte sie daher auch sehr oft bloß als Hausfreund, und nie verließ ich sie, ohne etwas von dem feinen und gewandten Obersten von Dedell für mein freieres Betragen in der Gesellschaft, von dem geistreichen und vielfältig unterrichteten General von Nicolai für meine Einsicht, von dem hofklugen und fürstenkundigen Prinzenerzieher General von Maucler für mein Benehmen gegen die Großen, von dem gelehrten, witzigen und welterfahrenen Reichshofrat von Moser, trotz seiner mancherlei Wunderlichkeiten, für meine Welt- und Menschenkenntnis und von ihren Gemahlinnen, besonders der Frau Generalin von Maucler, für meine sittliche Bildung gewonnen zu haben. So war ich nun der Hausarzt der vornehmsten Familien in der Stadt, nur der damals in Ludwigsburg privatisierende Prinz Friederich Wilhelm beehrte mich nach dem Tode Bilhubers nicht mit seinem Zutrauen, sondern wählte zu seinem Hausarzt den nicht lange zuvor nach Ludwigsburg gekommenen ganz jungen Arzt, D. Hardegg. Zwar wandt' sich der Prinz in wichtigern Fällen an den Leibarzt Hopfengärtner in Stuttgart; aber Hardegg war mir doch vorgezogen, und obschon ich ihn selbst wegen seines trefflichen Kopfs und seiner vielseitigen Kenntnisse, und besonders wegen seiner Geschicklichkeit in der Chirurgie, hochschätzte und bereits in freundschaftlicher Verbindung mit ihm stand, so würde mich dennoch der Vorzug, den ihm der Prinz vor mir gab, gekränkt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß es nicht Mißtrauen gegen mich, sondern Zorn über mich war, warum er Hardegg, nicht mich zu seinem Hausarzt wählte. Die Sache verhielt sich nämlich so. Ich hatte auf Veranlassung[101] einer nahe drohenden Blatternepidemie schon im Januar einige adelige Kinder geimpft, und der Prinz wollte, daß auch die Kinder seines Kammerherrn und Jugendfreundes, des Grafen von Zeppelin, doch erst im Mai als der bessern Jahreszeit, geimpft werden sollten. Vermutlich hatte man ihm nicht gesagt, daß eine Blatternepidemie nahe sei und daß es zu spät sein möchte, die Zeppelinschen Kinder erst im Mai zu impfen. Er hieß daher mein frühzeitiges Impfen übereilt und gesetzwidrig, nannte mich einen medizinischen Despoten, beschuldigte mich, daß ich eine Blatternepidemie in die Stadt bringe, drohte, mich bei dem Herzog zu verklagen, ja sogar auf meine Kassation anzutragen, doch wollte er zuvor das Collegium archiatrale um seine Meinung über die Sache fragen. Auf seine Zuschrift an dasselbe wurde ihm geantwortet, daß ich durchaus gegen kein Gesetz gehandelt, daß ich vielmehr recht getan, vor dem Ausbruch der Epidemie zu impfen, und daß ich vielmehr Lob als Strafe verdient hätte. Auf diese Belehrung unterließ er nicht nur seine Klage gegen mich, sondern er ließ auch die Zeppelinschen Kinder bald darauf in Stuttgart durch den Leibarzt Hopfengärtner impfen. Aber seine Gunst hatte ich einmal verloren, und weil ich nicht einsah, wie ich dieselbe würde wieder gewinnen können, ließ ich die Sache vorderhand gut sein und erwartete das Beste von der Zeit. Ich wußte, daß der Prinz, wenn er glaubte, jemanden unrecht getan zu haben, es nicht nur bereue, sondern auch auf alle Weise wieder gutzumachen suche, und dies war denn auch bei mir der Fall. Der Herzog Karl, der Oheim des Prinzen, war im Oktober 1793 gestorben, der Prinz nahm Kondolenz an, und da der Adel, das Militär, die Geistlichkeit, der Magistrat und die Staatsbeamten aller Klassen sich in dieser Absicht partienweise in das Palais des Prinzen begaben, so konnte ich natürlicherweise nicht zurückbleiben. Ich schloß mich daher auch an eine Partie an, und zwar an eine solche, wo ich den Sprecher machen konnte. Im Vorzimmer trafen wir den Grafen von Zeppelin, der sich mit mir besonders freundlich unterhielt, bis die Türen geöffnet und wir vor den zwischen seinen zwei Söhnen stehenden Prinzen gelassen wurden. Der Prinz empfing uns sehr gnädig, hörte, was ich[102] zum Lobe des verstorbenen Herzogs sagte, wohlgefällig an, bestätigte es mit Zusätzen und entließ uns dann ebenso gnädig, als er uns empfangen hatte. Am folgenden Morgen machte ich einen Besuch in dem von Mauclerschen Hause. »Sie sind ja gestern bei dem Prinzen gewesen«, rief mir bei dem Eintritt die Frau Generalin entgegen, »er war gestern abend bei uns, Ihr Besuch hat ihn sehr gefreut, er hat gesagt, Ihr Erscheinen bei ihm sei ein Beweis, daß Sie ihm wieder gut seien.« Von dem edeln Charakter des Prinzen konnte ich nichts anderes erwarten als eine solche Äußerung, und wie sehr ich mich durch meine Aufwartung bei ihm in Gunst gesetzt, beweist das Zutrauen, welches er fortan gegen mich als Arzt bewiesen, indem er mich bei bedeutenden Kranken aus seiner Dienerschaft gewöhnlich zuziehen ließ und mit meinen Ratschlägen sich immer zufrieden bezeigte. Hätte sich jener Vorfall mit der Blatternimpfung nicht ereignet und wäre ich nicht früher, wie wahrscheinlich geschehen, von jemand bei ihm angeschwärzt worden, so wäre vielleicht mein ganzes künftiges Schicksal anders geworden. Er hätte mich als regierender Herr vermutlich zu seinem Leibarzt berufen, ob zu meinem Glück, weiß ich nicht; aber ich weiß, daß er auch als regierender Herr stets gnädig gegen mich gesinnt geblieben und es sehr ungern gesehen hat, daß ich das Vaterland verlassen habe. Dieses temporäre Mißverhältnis mit dem Prinzen hatte auf mein Verhältnis zu dem Publikum gar keinen Einfluß. Ich hatte mich bei demselben zu fest in Kredit gesetzt, als daß mir meine Hintansetzung von dem Prinzen irgend etwas hätte schaden können. Im Gegenteil nahm mein Kredit bei dem Publikum vielmehr zu, da es sah, wie sehr ich mich durch meinen Eifer in meinem Beruf, in dessen Erfüllung ich den Hauptzweck meines Lebens setzte, seines Vertrauens würdig zu machen strebe. Dies wurde mir auch gar nicht schwer. Schon von der Akademie aus überall an die strengste Ordnung und an eine stete Beschäftigung gewöhnt, trieb ich auch meine Praxis auf die gewohnte Weise. Im Sommer begann ich meine Krankenbesuche früh um sieben, im Winter um acht Uhr. Nach Tisch gab ich Audienz zu Hause, studierte dann bis gegen Abend, wo ich alle wichtigern Kranke zum zweitenmal besuchte, und wenn ich keine solchen[103] zu besorgen hatte, ging ich mit meiner Frau und einigen Freunden und Freundinnen spazieren auf das Land. Abends um neun Uhr legte ich mich in der Regel zu Bette, und wenn ich in der Nacht zu einem Kranken gerufen wurde, war ich stets bereit, dem Ruf zu folgen. Über alle meine Kranken führte ich ein genaues Tagebuch, in meinen jüngern Jahren am Krankenbette selbst, weil ich mich dadurch den Kranken als einen sorgsamen Arzt zu empfehlen glaubte, in meinen spätern, wo sich meine Praxis bedeutend vermehrt hatte, zu Hause. Als erster Physikus hatte ich auch das Waisenhaus, das Zucht- und Arbeitshaus und die Irrenanstalt zu besorgen, und man kann sich leicht vorstellen, daß ich, obgleich die Physici zu der damaligen Zeit halb soviel zu schreiben hatten als jetzt, bei meiner bedeutenden Praxis, ohne das eine oder das andere jener Geschäfte zu vernachlässigen, wenig Muße zum Studieren und zu schriftstellerischen Arbeiten hatte. Indessen suchte ich mit dem Fortschreiten der Wissenschaft immer gleichen Schritt zu halten, schaffte mir alle wichtigern neuen Schriften an, schrieb beim Lesen derselben meine eigenen Gedanken nieder, und selten besuchte ich einen bedeutenden Kranken, ohne daß ich zuvor meine alten bewährten Praktiker über die Krankheit nachgeschlagen hätte. So kam ich immer tiefer in das praktische Leben hinein, meine Erfahrung wurde täglich reicher, das Praktizieren wurde mir immer leichter, und wie so viele hundert Ärzte würde auch ich zuletzt in einen heillosen Schlendrian verfallen sein, wenn nicht mein guter Genius mich davor bewahrt hätte. Die Lust zu wissenschaftlichen Studien erwachte von Zeit zu Zeit immer wieder aufs neue bei mir, nur hatte ich außer Hardegg niemand, mit dem ich meine Ideen austauschen konnte, und weil ich nicht mehr so oft nach Stuttgart zu Hopfengärtner, meinen Lehrern und meinen ehemaligen Mitschülern reisen konnte, unterhielt ich mich um so öfter mit ihm. Er war ein vortrefflicher, an Kenntnissen reicher Kopf, und dankbar gestehe ich, daß ich durch ihn in meinen Studien weit mehr gefördert worden als durch das Lesen und Studieren selbst der besten neuern Schriften. Freilich halfen mir meine theoretischen Studien zu einer desto bessern Betreibung meiner Praxis nicht so viel, als ich davon[104] erwartete. Ich fand bald, daß es etwas ganz anderes um die Praxis ist als um die Theorie. In der Praxis kann nur nach praktischen, unmittelbar aus der Erfahrung geschöpften Grundsätzen gehandelt werden, und die einzig wahre, d.h. am Krankenbette brauchbare Theorie ist die, welche die Erfahrung zur Grundlage hat. Von der Beobachtung der Natur ist die Heilkunde ausgegangen, durch die fortgesetzte Beobachtung der Natur muß sie auch vervollkommnet werden. Die Gesetze der Natur sind ewig und unveränderlich, und die Erscheinungen, durch welche sich das gesunde und kranke Leben des Organismus ausspricht, erfolgen bei all ihrem unendlichen Wechsel nach diesen ewigen und unveränderlichen Gesetzen. Auch in den Erscheinungen ist also Wahrheit und Unveränderlichkeit, und wo wir daher eine eigene Verbindung und Aufeinanderfolge krankhafter Erscheinungen oder, in der Sprache der Schule zu reden, eine bestimmte Form der Krankheit wahrnehmen, da dürfen und müssen wir auch auf einen ebenso bestimmten innern Krankheitszustand des Organismus als Ursache derselben schließen. Freilich gelangen wir mittelst dieser Schlüsse bloß zur Erkenntnis des Daseins der mancherlei Krankheitszustände; ihr inneres Wesen, ihre eigentliche Beschaffenheit lernen wir dadurch keineswegs kennen. Dazu können uns nur Anatomie, Physik, Chemie führen. Allein alle diese Wissenschaften sind selbst erst noch im Werden, und es ist die Frage, ob wir es je soweit bringen, eine Physiologie des Organismus im wahren Sinne des Worts darauf gründen zu können. Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist, sagt einer unserer größten Naturforscher, und besonders gilt dieser Ausspruch von der organischen Natur. Aber glücklicherweise bedürfen wir als praktische Ärzte dieser tiefern Kenntnis des Organismus und seiner manchfaltigen Krankheitszustände nicht. Wir können auch ohne sie sehr gute praktische Ärzte sein, wenn wir durch Erfahrung so gute Semiotiker, Artiologen und Heilmittelkundige geworden sind, um bei jedem zu behandelnden Kranken aus der Beschaffenheit der Erscheinungen auf den ihnen zugrunde liegenden bestimmten Krankheitszustand richtig zu schließen, die nähern und entferntern Ursachen desselben aufzufinden und zu[105] ihrer Beseitigung diejenigen Mittel zu wählen, deren Wirksamkeit durch sichere Erfahrungen bewährt ist. Freilich verfahren wir solchergestalt bloß empirisch; allein unser Verfahren ist darum nicht weniger rationell, als es sein würde, wenn wir unsere Indikationen von dem Wesen der Krankheit hernehmen und von der Wirkungsart unserer Heilmittel, von denen wir, wie Lichtenberg sagt, bloß wissen, wie sie auf der ersten Station wirken, vollkommen Auskunft geben könnten. Aber dieses empirisch-rationelle Verfahren immer mehr zu vervollkommnen, d.h. zu einer immer größern Gewißheit und Sicherheit darin zu gelangen, gibt es nur ein Mittel, die unermüdet fortgesetzte, treue und unbefangene Beobachtung der Natur. Die Natur ist das große Buch, das wir immer lesen, immer studieren müssen, wenn wir in unserer Kunst immer weiterkommen wollen. Und was wir nächst dem Buch der Natur lesen und studieren müssen, sind nicht die voreilig aufgestellten theoretischen Systeme, zu deren Lob man höchstens sagen kann, was Terenz von seinen Komödien sagt: Amazon.de Widgets Poeta cumprimum animum ad scribendum appulit, Id sibi negoti credidit solum dari, Populo ut placerent quas fecisset fabulas, sondern die Schriften der treuen Beobachter der Natur und besonders der Alten. Auch der emsigste und aufmerksamste Beobachter sieht für sich allein nur wenig, er muß also auch das benutzen, was andere gesehen haben. Nur so lernt er die Natur von allen Seiten sehen. Aber sie nicht falsch durch andere sehen zu lernen, muß er sich einzig und allein an die Schriften solcher Männer halten, welche sie treu, nicht durch das trübe Medium eines Systems beobachtet haben. Es ist unglaublich, wie viel man sieht, wenn man die Natur treu und unbefangen beobachtet, und wie sehr durch ein solches fortgesetztes Beobachten der Beobachtungsgeist selbst geschärft wird. Von beidem haben wir das belehrendste Muster an den Alten. Was für einen Schatz von Beobachtungen enthalten nur allein die Schriften des Hippokrates und was für ein hoher Grad von Beobachtungsgeist gehört nicht dazu, um alles das wieder zu sehen, was er schon[106] gesehen hat! Aber auch unter den neueren Ärzten gibt es treue und unbefangene Beobachter der Natur, und diese sind es auch, die ihren Beobachtungsgeist durch seine stete Übung so geschärft haben, daß ihnen an dem Krankenbette selten etwas entgeht, was auf die richtige Erkenntnis und Behandlung der Krankheiten von Einfluß ist. Nur solche Beobachter können, wenn sie ihre Beobachtungen bekanntmachen, die allgemeine medizinische Erfahrung wahrhaft bereichern, und sie sind es auch, welche die wichtigsten Entdeckungen machen ? Entdeckungen, die nicht nur zur fortschreitenden Ausbildung des echt praktischen Systems der Heilkunde, sondern auch zur Bereicherung des Heilmittelapparats mit neuen und zur richtigern Erkenntnis der Kräfte der alten dienen. Überhaupt ist alles, was die Heilkunde wahrhaft Schätzbares besitzt, durch diese treuen, unbefangenen und geübten Beobachter der Natur entdeckt worden. So lernten wir eines unserer größten Heilmittel, die Chinarinde, so die große antiphlogistische Kraft des Quecksilbers, so die Wirksamkeit der Alkaloiden kennen. So kamen wir zur Errichtung der Quarantäneanstalten gegen die Pest. So entdeckte der unsterbliche Jenner die schützende Kraft der Kuhpocken gegen die Menschenpocken. Kurz, das Studium der Natur und das fleißige Lesen der Schriften treuer und unbefangener Beobachter sind die Mittel, wodurch sich der praktische Arzt bildet, sowie sie auch der einzig wahre und sichere Weg sind, zu einem für die Praxis brauchbaren System der Heilkunde zu gelangen. Zu meinem Glück habe ich diesen Weg schon beim Beginn meiner praktischen Laufbahn betreten, allein ich bin dadurch den theoretischen Studien keineswegs abhold geworden. Wie die Schriften der guten Praktiker las ich auch die Schriften der Theoretiker, und ihre verschiedenen Ansichten haben auch die meinigen auf eine ebenso verschiedene Art verändert. So war ich zuerst, dem Beispiel meiner Lehrer folgend, ein Humoralpatholog. So war ich, angeregt durch Cullen und andere, ein Nervenpatholog. So war ich weiterhin, vorzüglich angeregt durch Weikard, den ich während seines Aufenthalts in Heilbronn persönlich kennenlernte, ein Brownianer, so durch das Studium der Röschlaubschen Schriften ein Erregungstheoretiker[107] geworden. Aber wenn ich mich frage, ob ich am Krankenbette ein Humoralpatholog, ein Nervenpatholog, ein Brownianer, ein Erregungstheoretiker war, so muß ich mir die Frage mit nein beantworten. Zum Leitfaden bei meinem Verfahren am Krankenbette diente mir einzig und allein das empirisch-rationelle System, das ich mir gleich beim Beginn meiner Praxis zu bilden angefangen hatte. Ich wollte nichts weiter, als mich zum praktischen Arzt ausbilden, und wenn ich von dem einen zum andern jener Systeme überging, so geschah es, weil ich von jedem etwas für die Praxis zu gewinnen hoffte und von dem neu aufgestellten natürlich mehr erwartete als von den vorhergegangenen. Aber keines von allen hat mir zur Vervollkommnung meines empirisch-rationellen Systems so viel geleistet als das Krankenbette. Nur am Krankenbette bildet sich der praktische Arzt, nicht durch das Studium theoretischer Systeme, die zwar dem Scharfsinn ihrer Urheber Ehre machen, aber am Krankenbette um so weniger taugen, je spekulativer sie sind. Auch die scharfsinnigsten Theorien haben die Praxis wenig oder nicht gefördert, und wer diese Behauptung bestreiten will, der soll mir sagen, ob unter der Herrschaft der Nervenpathologie, des Brownianismus und selbst des naturphilosophischen Systems mehr Kranke genesen sind als unter der Herrschaft der ehemaligen Humoralpathologie. Genesen und Sterben war unter der Herrschaft aller bisher aufgekommenen Systeme ziemlich gleich, und die glücklichsten Ärzte sind von jeher die gewesen, die am Krankenbette richtig beobachtet, sich aus ihren Beobachtungen Erfahrungen gebildet und daraus die Grundsätze und Maximen ihres Handelns gezogen haben. Nur solche Ärzte stehen am Krankenbette an ihrem Platz, die Theoretiker gehören auf ihren Katheder, hier ist ihre Stelle, am Krankenbette spielen sie, wie die Erfahrung lehrt, gewöhnlich eine undankbare, ja sogar oft eine lächerliche Rolle. Indessen will ich damit keineswegs gesagt haben, daß der Arzt alles Theoretisieren beiseite legen und bloß auf stete Vermehrung seines Schatzes von Erfahrung bedacht sein soll. Erfahrung ohne Theorie ist blind, nichts ist wahrer als dies. Aber es ist ebenso wahr, daß die Theorie ohne Erfahrung mehr als blind, daß sie tot ist. Erfahrung[108] ohne Theorie macht den Arzt zum Routinier; nur die nach allgemeinen Grundsätzen verarbeitete Erfahrung macht den Arzt zu dem, was er sein soll, zum rationellen Arzt. Ein solcher rationeller Arzt zu werden, war vom Beginn meiner praktischen Laufbahn an mein stetes Bestreben, und dankbar erkenne ich, daß mir schon meine Lehrer, und besonders Cunsbruch, mit ihrem Beispiel vorangegangen sind. Freilich bin ich weit hinter dem mir vorgesteckten Ziele zurückgeblieben, aber ich darf doch sagen, daß ich demselben immer näher zu kommen gesucht habe. Bin ich kein Arzt geworden wie Boerhaave, Gaub, Richter, Vogel, Keil etc., so ist daran nicht Mangel an Streben, sondern Mangel an Kraft schuld, und vielleicht darf ich noch hinzusetzen, auch Mangel an Gelegenheit, in Gesellschaft fähigerer Menschen als ich dem hohen Ziele schnellern und sicherern Schrittes entgegenzugehen. Zwar habe ich während der achtzehn Jahre, welche ich in Ludwigsburg zubrachte, mehrere treffliche Ärzte kennengelernt, aber nur von Person wie Peter Frank und den ältern Richter, mit welchen ich bloß einige Worte gewechselt; nur mit wenigen bin ich in nähere Verhältnisse gekommen, und hier stehen Hopfengärtner, Weikard und mein Freund Gmelin in Heilbronn obenan. Was ich Hopfengärtner zu danken hatte, habe ich bereits oben erwähnt. Weikard, den ich in Heilbronn so wie er mich in Ludwigsburg mehrmals besuchte, danke ich vorzüglich, daß er es war, der mich zuerst zum Studium des Brownschen Systems anregte, denn ob ich gleich den Wert dieses Systems am Krankenbette bald zu würdigen wußte, so studierte ich es doch als das Werk eines wahrhaft philosophischen Geistes und als das erste System, von dem man sagen kann, daß es ein echt wissenschaftliches, d.h. aus einem höchsten, obgleich falschen Prinzip hergeleitet war. Weit wichtiger und lehrreicher als die Bekanntschaft mit Weikard war die Bekanntschaft mit Gmelin für mich. Zwar kannte ich ihn lange zuvor als einen der vorzüglichsten Ärzte Schwabens; aber persönlich lernte ich ihn zufällig in Egolsheim, einem eine halbe Stunde von Ludwigsburg entfernten Dorf, kennen. Ich wußte nicht, wer er sei, aber sein klares schwarzes Auge[109] und der aus ihm hervorleuchtende Blick kündigten mir sogleich einen Mann von Geist an, und wie mir der Wirt auf die Frage, wer der Fremde sei, sagte, es sei der Herr Doktor Gmelin von Heilbronn, so pries ich mich glücklich, meinen Wunsch, ihn persönlich kennenzulernen, so unerwartet erfüllt zu sehen. Ich trat ihm sogleich näher, sagte ihm, wer ich sei, und wenn meine Freude über seine Bekanntschaft groß war, so war es die seinige nicht minder. Wir gerieten alsbald miteinander in ein Gespräch, zuerst über wissenschaftliche Gegenstände überhaupt, bald aber auf sein ehemaliges Lieblingsthema, den sogenannten tierischen Magnetismus. Wie so vieles andere hatte ich auch seine Schrift über diesen Gegenstand gelesen. Ich bezeigte ihm über die Art, wie er denselben behandelt hatte, meinen Beifall, aber ich verhehlte ihm auch zugleich mein Bedenken nicht, ob hinter den wunderbaren Erscheinungen nicht ein Betrug stecke oder ob er sich nicht etwa selbst täusche. »Das ist bald gesagt«, erwiderte er, »aber welcher vernünftige Mensch kann wohl über eine Sache absprechen, ohne sich von ihrer Wahrheit oder Unwahrheit durch selbsteigene Beobachtung überzeugt zu haben? Kommen Sie zu mir nach Heilbronn, und Sie werden bald anders sprechen.« Ich versprach zu kommen, sobald es mir möglich sein würde, und ehe drei Wochen vergangen waren, hatte ich mich bei ihm eingefunden. Er hatte eben eine Patientin in der Kur, welche er für eine der interessantesten hielt, die er bisher manipuliert hatte. Zu dieser führte er mich, weil sich eben die von ihr bestimmte Stunde nahe, wo sie wieder manipuliert werden sollte. Die Patientin schien dem Ansehen nach ganz gesund; aber Gmelin hatte nicht lange manipuliert und die magnetischen Erscheinungen traten alle ein, wie er sie in seinem Buche beschrieben hat. Ich hatte diese Erscheinungen zum erstenmal gesehen, und man kann sich denken, wie erstaunt ich darüber war. »Nun, Freund?« fragte er mich, nachdem wir die Patientin verlassen hatten, »sind Sie noch der ungläubige Thomas? Aber warten Sie nur, bis wir zu Hause sind, und wir werden weiter von der Sache sprechen.« Wir gingen von der Patientin gerade nach Hause, und er hatte sich's kaum bequem gemacht und wie gewöhnlich sein grünes samtnes Käppchen aufgesetzt,[110] so fragte er mich nun ernstlich, was ich, nachdem ich die Erscheinungen nun selbst gesehen, von der Sache halte. »Die Sache ist allerdings sehr merkwürdig«, erwiderte ich, »und ich sehe wohl, daß hier keine Täuschung von Ihrer Seite stattfindet, aber«, wollte ich fortfahren ? »Nichts von aber«, entgegnete er, »der Magnetismus ist kein Unding, Sie haben sich davon selbst überzeugt, und nun die Lehre!« Er nahm sein grünes samtnes Käppchen vom Kopf, klopfte mich auf die Schultern und sagte mit der ihm eigenen ironischen Miene: »Drum rechn Er sich's zur Lehre, Und werd Er einmal klug.« Bei Tisch sprachen wir noch viel über die Sache, und das Resultat war, daß ich die Erscheinungen zwar nicht leugne, daß ich aber nicht glauben könne, es liege ihnen eine bis jetzt unbekannte Kraft zum Grunde, sondern vielmehr vermute, das Wunderbare bei der Sache sei bloß eine durch das Manipulieren eigen gerichtete krankhafte Tätigkeit des sympathischen Nervensystems, welche von andern krankhaften Tätigkeiten desselben dem Wesen nach nicht verschieden sei. Dies schien ihm aber zur Erklärung der magnetischen Erscheinungen nicht hinlänglich, und ich reiste nach Ludwigsburg zurück, auf dem ganzen Weg der Sache nachdenkend, aber ohne von den Ansichten meines Freundes überzeugt worden zu sein. Wir kamen in der Folge noch oft zusammen, sowohl in Heilbronn als in Ludwigsburg, und obschon meistens auch von dem tierischen Magnetismus zwischen uns die Rede war, so unterhielten wir uns doch mit ebendem, wo nicht größerem Interesse über andere wissenschaftliche Gegenstände, und überall zeigte er sich mir als einen der denkendsten Köpfe, welche mir in meinem Leben vorgekommen. Was mich aber besonders freute, war, daß ich an ihm einen ebenso großen Verehrer Hopfengärtners fand, als ich einer war. Hopfengärtner, sagte er, sei nächst Gaubius, seinem Lehrer, der größte Arzt, den er kenne, sein Porträt hänge daher auch vor seinem Schreibtisch, und selten versäume er, den Hut vor ihm abzuziehen, wenn er nach Hause komme und in das Zimmer trete.[111] So schätzbar mir Gmelin als Arzt war, so schätzbar war er mir auch als Mensch wegen seiner Redlichkeit, Offenheit und besonders wegen seines jovialischen Wesens. Auch am Krankenbette konnte er dieses jovialische Wesen nicht verleugnen. Nur bei dem Krankenexamen und bei seinen Ordinationen war er ernst, außerdem folgte er ganz seiner Laune. So wurde er, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, einst zu einem reichen Gutsbesitzer auf dem Lande gerufen, dessen Frau gefährlich krank war. Der Gutsbesitzer wußte, daß Gmelin ein Liebhaber von einem guten Glas Wein war, und hatte sich deswegen mit einem Fäßchen vorzüglich guten Weines versehen. Allein Gmelin verschmähte denselben. »Ich trinke ein wenig viel«, sagte er, »und zum Vieltrinken ist dieser Wein zu gut, wir wollen ihn aufsparen, bis die Kranke wieder gesund ist.« Die Frau des Hofrats war wirklich gefährlich krank, und Gmelin selbst zweifelte an ihrem Aufkommen. Als sie ihn über ihren Zustand fragte und zu wissen verlangte, ob derselbe bedenklich sei, weil sie vor ihrem Tod noch manches zu verfügen hätte, so antwortete er: Das sei eine sonderbare Frage, er sehe sie jetzt zum erstenmal, und sie stelle eine Frage an ihn, die er unmöglich beantworten könne, und was die Verfügungen betreffe, welche sie noch zu machen habe, so hätte sie solche längst machen können, damit müsse man nicht warten, bis einem der Tod auf der Zunge sitze, er stehe als ein ganz gesunder Mann vor ihr und habe sein Testament schon vor fünf Jahren gemacht. Jedoch tröstete er sie zugleich mit der Versicherung, daß ihr Tod nicht so nahe sei, und ihrem Mann sagte er, daß er hoffe, die Zeit zum Trinken des guten Weins werde eintreten, ehe er sich's versehe. Bei dem zweiten Besuch fand Gmelin die Kranke schon bedeutend besser und beim dritten außer aller Gefahr. »Nun, Herr Hofrat«, sagte er, »die Zeit ist da, wo wir auf die Gesundheit Ihrer Frau anstoßen wollen, richten Sie nur so viele Gläser her, als Sie im Hause haben, was weiter geschehen soll, werden Sie schon hören.« Dies gesagt, verließ Gmelin das Zimmer, begab sich in die Gärten und auf die Ackerfelder, rief die Arbeiter und Arbeiterinnen zusammen und befahl ihnen, ihm zu folgen. In dieser zahlreichen Begleitung trat er nun zur Verwunderung[112] des Hofrats in das Zimmer. »Wieviel unserer hier sind«, rief er dem Hofrat entgegen, »alle müssen auf die Gesundheit der Frau Hofrätin trinken.« Auf sein Verlangen wurde das Fäßchen auf den Tisch gestellt, die Gläser gefüllt, ausgetrunken und wieder gefüllt, bis das Fäßchen beinahe leer war. Die Arbeiter und Arbeiterinnen gingen hochvergnügt an ihre Geschäfte, der Hofrat und seine Frau erfreuten sich des unvermuteten Spaßes, und der mit Lob und Dank überhäufte Arzt setzte sich in seinen Wagen und fuhr nach Hause. Eine andere, für mich höchst interessante, aber minder lehrreiche Bekanntschaft machte ich an dem berühmten Ernst Platner, Professor in Leipzig. Ich wußte nichts von seiner Anwesenheit in Stuttgart und las eben seine Abhandlung über die Ansteckung, eine der Abhandlungen, welche er der von ihm besorgten deutschen Übersetzung der de Harnschen Heilungsmethode in dem allgemeinen Krankenhause in Wien angehängt hat. Ich hatte diese Abhandlungen mit dem größten Vergnügen gelesen und war dergestalt von ihnen angezogen, daß ich nichts sehnlicher wünschte, als den Verfasser persönlich kennenzulernen, um mit ihm über seine medizinischen Ansichten überhaupt zu sprechen. Dieser Wunsch war auch jetzt wieder lebendig in mir geworden, und siehe da! in demselben Augenblick ward mir ein Brief von meinem ehemaligen Lehrer, Professor Abel in Stuttgart, gebracht, welcher mir ankündigte, der Überlieferer des Briefes sei der Professor Ernst Platner aus Leipzig, und ich möchte mir ihn während seiner Anwesenheit in Ludwigsburg auf das beste empfohlen sein lassen. Wie schnell ich in den Gasthof eilte, in welchem er abgestiegen war, wie glücklich ich mich schätzte, meinen schon so lange gehegten Wunsch so unverhofft erfüllt zu sehen, kann man sich denken. Beim Eintritt in das Zimmer, in welchem er mich empfing, sah ich einen wohlgewachsenen, schönen Mann mit großen, schwarzen, geistreichen Augen, feiner Nase und überhaupt von einer ausdrucksvollen Miene. Aber im ganzen machte sein Anblick nicht den Eindruck auf mich, den ich erwartet hatte. Sei es, daß ich mir von seiner Gestalt eine andere Vorstellung gemacht hatte, denn ich hatte mir ihn ganz anders vorgestellt, als wie ich ihn fand, oder[113] daß er mich nicht so freundlich empfing, wie ich gehofft hatte, kurz, der Eindruck, den er auf mich machte, hatte nichts Anziehendes für mich. Er schien mir stolz, anmaßend, überhaupt zu eingenommen von sich, um auch andere etwas gelten zu lassen. Indessen suchte ich ihm seine Anwesenheit in Ludwigsburg so angenehm zu machen als möglich, führte ihn überall hin, wo etwas Interessantes für ihn zu sehen war, in das herzogliche Residenzschloß, welches er dem Schlosse in Versailles sehr ähnlich fand, jedoch mit der Bemerkung, daß es viel kleiner sei, in die Porzellanfabrik, in das Zeughaus, in das Irrenhaus usw. Überall machte er mehr tadelnde als lobende Bemerkungen, und am wenigsten schien er mit dem Irrenhaus zufrieden zu sein. Er ließ sich fast alle besetzten Zellen öffnen, nur eine wollte ich nicht öffnen lassen, weil die darin befindliche Wahnsinnige fürchterlich schimpfte. »Lassen Sie immerhin öffnen«, sagte Platner, »ich bekümmere mich nichts um die nicht eingesteckten, viel weniger um die eingesteckten Narren.« Natürlich bekam auch er eine volle Ladung von Schimpfnamen, und es schien doch, es wäre ihm lieber gewesen, die Zelle wäre nicht geöffnet worden. Er verweilte nur einen Tag in Ludwigsburg, und den ganzen Tag brachte ich in seiner Gesellschaft zu, am folgenden Tag reiste er nach Stuttgart zurück. Ehe er sich in den Wagen setzte, zankte er sich mit dem Postillion, und nachdem er abgefahren war, hörte ich einen Kellner des Gasthofes sagen, der Reisende sei ein Arzt, aber um keinen Preis möchte er sich ihm in die Kur geben. ? Ich kann nicht sagen, daß er es an Höflichkeit gegen mich hätte fehlen lassen, aber es inkommodierte mich doch, daß er mich bei jeder Gelegenheit merken ließ, daß ich ihm gegenüber ein kleines Licht sei. Ich hatte schon so manchen bedeutenden Mann in dem von Moserschen Hause in Ludwigsburg, wie den Fürsten Primas, den Konsistorialrat Niemeyer usw., kennengelernt, die sich ganz anders gegen mich benommen hatten. Überhaupt bin ich der Meinung, daß einen großen und berühmten Mann nichts mehr ziere als Bescheidenheit, und so groß auch die Verdienste sein mögen, welche sich Platner als Philosoph und als Arzt erworben, so haben doch gewiß auch der prächtige Hörsaal, in welchem er las, und seine Kathederberedsamkeit[114] nicht wenig zu seiner Zelebrität beigetragen, wenigstens scheint dies die Äußerung meines ehemaligen Lehrers Klein, welcher auf einer Reise mit dem Herzog nach Sachsen einer seiner Vorlesungen beiwohnte, vollkommen zu bestätigen. Die Vorlesung handelte von den Temperamenten, und Platner sprach darüber so schön und beredt, daß Klein, wie er sich ausdrückte, Maul und Nase aufsperrte, sowie er aber wieder hinaus in die frische Luft gekommen, es ihm vorgekommen sei, als habe er alles, was Platner auf seinem Katheder vorgetragen, schon vorher gewußt. Soviel ich sonst von dem berühmten Mann gehört hatte, war ihm das vornehme Wesen, welches er bei seiner Anwesenheit in Ludwigsburg zeigte, nicht eigen. Es scheint bloß temporär gewesen und daher gekommen zu sein, daß ihn der Herzog, der ihn gern als Kanzler seiner Karls-Universität gesehen hätte, auf eine solche Art auszeichnete, daß auch der bescheidenste Gelehrte hätte stolz werden müssen. Er lud ihn, was schon an sich eine außerordentliche Auszeichnung war, nach Hohenheim ein; aber diese Auszeichnung wurde noch dadurch erhöht, daß er nicht nur Professoren der Universität, sondern auch zwei Geheimeräte zu seiner Begleitung dahin aufforderte. Die Gelehrten sind überhaupt eitel auf Fürstengunst, und wer will es Platner verdenken, wenn er es auch war. Später als Platner kam Hufeland auf einer Rückreise von Frankfurt, wo er seine dort verheuratete Tochter besucht hatte, nach Ludwigsburg, aber ich hatte nicht das Glück, ihn persönlich kennenzulernen. Ich war auf einige Tage mit Schelling und Madame Schlegel, seiner nachmaligen Frau, nach Kloster Murrhardt gereist, wo er seinen Vater, den Prälaten daselbst, besuchte. Gerade zu dieser Zeit war Hufeland in Ludwigsburg, und so konnte ich mich seines Besuches nicht erfreuen. Dagegen verweilte er lange bei meiner Frau, welche mir nach meiner Zurückkunft eine solche Schilderung von ihm machte, daß ich es doppelt bereuen mußte, diesen an Geist und Herz gleich ausgezeichneten Mann nicht gesehen zu haben. Außer den genannten Männern bin ich auch noch mit mehrerern andern bekannt geworden, die mehr oder weniger zu meiner ärztlichen Ausbildung beigetragen haben. Allein das meiste[115] dazu mußte ich selbst tun, und ich weiß nicht, ob es nicht ein Glück für mich war. Ich war dadurch mehr an das Krankenbette gewiesen, ich mußte mehr selbst beobachten, mehr selbst denken, und ich bin gewiß, daß ich nur auf diesem Wege zu der Überzeugung von der großen Wahrheit gelangt bin, daß nicht der Arzt, sondern die Natur die Krankheiten heile, daß der Arzt nicht der Herr, sondern der Diener der Natur sei, und daß sein ganzes Geschäft darin bestehe, sie in ihren Bestrebungen gehörig zu unterstützen und zu leiten. Vorzüglich habe ich mich von dieser Wahrheit bei Epidemien unter dem Landvolk überzeugt, deren ich als Physikus mehrere behandelt habe. Auch die gefährlichsten Kranken habe ich ohne alle Arzeneien und selbst bei der mangelhaftesten, ja verkehrtesten Pflege genesen sehen, und wenn ich diese Erfahrung bei chronischen Krankheiten seltener machte, so liegt es in der Natur dieser Krankheiten, daß sie seltener als die akuten geheilt werden, weil die Naturkraft in ihnen weniger tätig ist und mehr Unterstützung von Seite der Kunst verlangt, welche ihr diese leider in so vielen Fällen nicht zu gewähren vermag. Kurz, derjenige Arzt ist nach meiner Überzeugung am Krankenbette der glücklichste, der bei Behandlung seiner Kranken den Winken der Natur folgt, sie frei walten läßt, wenn er sieht, daß sie auf dem rechten Wege ist, und nur dann tätig einschreitet, wenn sie dieses Einschreitens bedarf. Das war die Hauptmaxime, zu deren unverrückter Befolgung mir vorzüglich Hopfengärtner das Muster gab, und wenn ich vielen Kranken ihrer Meinung nach zu wenig Arzeneien verschrieb und keinen Apotheker reich machte, so schadete mir doch diese Sparsamkeit und die Ungunst der Apotheker bei dem verständigen Publikum nichts. Es hielt sich nicht an die Größe der jährlichen Apothekerrechnungen, wornach nur unverständige Menschen die Geschicklichkeit des Arztes zu beurteilen pflegen, sondern an den Erfolg meiner Kuren, von denen weit die meisten glücklich ausfielen, und ich darf wohl sagen, daß meine Praxis im ganzen ungleich glücklicher war als die Praxis so vieler, ja der meisten Ärzte, die, anstatt auf die Heilung der Krankheit auszugehen, gegen ihre Symptome zu Felde ziehen, für jedes Symptom ein bewährtes Mittel[116] in Bereitschaft haben und ein Quodlibet verschreiben, woraus man zwar ersieht, was der Kranke geklagt hat, aber nicht, was ihm fehlte. Ungescheut kann ich mich hiebei auf das Zeugnis der Orte berufen, in welchen ich praktiziert habe, und es würde überflüssig sein, einzelne Fälle als Beweise dafür aus meinen Tagebüchern anzuführen. Nenne man mich einen Arzt, der per expectationem kuriere, so habe ich nichts dagegen. Die größten Ärzte aller Zeiten haben nicht anders kuriert als ich, und wenn sie anfangs ihrer Praxis die Kranken mit Arzeneien bestürmten, so sind sie doch am Ende derselben per varios casus et tot discrimina rerum eben dahin gekommen, wohin ich glücklicherweise früher gekommen bin. Dieses Glück meiner Praxis machte mir natürlicherweise mein praktisches Leben selbst immer angenehmer, und ich ertrug die mit demselben verknüpften mancherlei Unannehmlichkeiten gern, ob ich schon dieselben früh genug hatte kennenlernen. Allerdings ist der Beruf des praktischen Arztes ein beschwerlicher und mühseliger Beruf, um so beschwerlicher und mühseliger, je geschätzter und gesuchter er ist. Vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, kann er selten auf ein paar müßige Stunden rechnen, die er sich selbst, seiner Erholung, seinem Vergnügen widmen kann. Täglich zu neuen Kranken gerufen und keine Stunde sicher, ob er nicht beschickt wird, kann er auch in den angenehmsten Gesellschaften nie ganz vergnügt sein. Selbst in der Nacht, wo er von den Geschäften des Tages ausruhen sollte, wird er sehr oft in seiner Ruhe gestört, und es ist nichts Seltenes, daß er gar nicht zu Bette kommt. In jeder Jahreszeit, bei jeder Witterung, zu jeder Stunde des Tages muß er fort, und nichts entschuldigt ihn, selbst eigenes Übelbefinden nicht immer, wenn er zu Hause bleibt, kurz, er ist im eigentlichen Sinn der Sklave seiner Patienten. Und doch ist dies noch nicht die schlimmste Seite seines Berufs. Der ärztliche Beruf ist auch an sich selbst ein beschwerlicher Beruf. Keiner fordert mehr Nachdenken, keiner mehr fortwährendes Studium, keiner ist mit so viel Sorgen verknüpft, keiner legt wichtigere[117] Pflichten auf, keiner verursacht mehr Unannehmlichkeiten und Verdruß, keiner setzt mehr Tadel, Vorwürfen und Beleidigungen aus, keiner wird so oft mit Undank belohnt, und, was das schlimmste ist, bei dem besten Willen, bei der regsten Tätigkeit, bei der strengsten Gewissenhaftigkeit kann der Arzt die Sachen nicht anders machen. Zum Lesen und Studieren lassen ihm seine praktischen Geschäfte keine Zeit, er muß es entweder unterlassen, oder er muß einen Teil der Nacht dazu verwenden. Die Sorgen um seine Kranken, wenn er nicht ein gefühlloser, bloß um den Lohn dienender Arzt ist, gehen mit ihm zu Bette und stehen am Morgen wieder mit ihm auf. Um seinen Patienten zu dienen, muß er sich selbst vergessen, und indem er andern das Leben zu erhalten bemüht ist, muß er oft sein eigenes wagen. Jedermann maßt sich an, über seine Geschicklichkeit zu urteilen, aber den Wert seiner Kuren können nur Sachverständige richtig schätzen, die Laien urteilen darüber bloß nach dem Erfolg, und während er wegen der gelingenden oft zu hoch gepriesen wird, wird er noch öfter wegen der mißlingenden getadelt, durch Vorwürfe gekränkt oder gar verlästert. ? Aber von dieser Schattenseite des ärztlichen Berufs wandte ich mich immer wieder zu seiner Lichtseite, und hier erschien mir alles ganz anders. Die beständige Bewegung und Tätigkeit, worin der praktische Arzt lebt, entschädigt ihn für seine körperlichen Anstrengungen durch eine dauerhaftere, selten gestörte Gesundheit, und die Gewohnheit sichert ihn vor Ansteckung. Die beständige Abwechselung der Gegenstände seiner Tätigkeit, die immer sich ändernden Gestalten der Krankheiten erhalten stets seine Aufmerksamkeit rege, liefern ihm täglich und stündlich neuen Stoff zum Nachdenken und machen, daß wie sein Körper auch sein Geist lebendiger und gesunder bleibt als bei andern Geschäftsmännern, die gleich Gefangenen in ihren Büros sitzen und an den Schreibtisch angeschmiedet sind wie Prometheus an den Felsen. Statt vom Morgen bis zum Abend in toten Akten wie der Rechtsgelehrte zu lesen, liest er den ganzen Tag in dem lebendigen Buch der Natur, sieht und findet in den stets wechselnden Gestalten der Erscheinungen die einfachen ewigen Gesetze der Natur, und während andere Geschäftsmänner[118] sich gewöhnen, ihre Geschäfte je länger, desto mechanischer zu treiben, wird er durch eine jede neue Beobachtung und Erfahrung, die er macht, auf die Spur hoch weiterer geführt. Sein Beobachtungsgeist wird jeden Augenblick auf eine andere Art angeregt und eben durch diese stete Übung immer mehr geschärft. Sein Schatz an Erfahrung wird mit jedem Tage größer, und obschon er in der Kunst, die er treibt, nie auslernt, so nähert er sich doch immer mehr der Meisterschaft in ihr. In seinem Beruf nicht an politische Gesetze und Verordnungen gebunden, bloß den Gesetzen der Natur gehorchend, ist er ein freier Mann, er darf frei denken, frei handeln, frei schreiben. Nur Gott und der Natur ist er von seinem Denken und Handeln Rechenschaft schuldig, und er hat keine Kontrolle als sein Gewissen. ? Aber dies sind bloß die Vorteile und Annehmlichkeiten, die ihm seine Wissenschaft gewährt, nicht geringere gewährt ihm seine Kunst. Ihm ist das größte Gut seiner Mitmenschen, ihr Leben, anvertraut. Welcher Beruf kann wichtiger sein als der seinige! Und welche Selbstzufriedenheit, welches frohe Gefühl, welcher reine Genuß von Glückseligkeit, wenn er sich bewußt ist, ihn treu und gewissenhaft erfüllt zu haben! Mag er auch, wenn ihm eine wichtige Kur mißlingt, getadelt, mit Vorwürfen gekränkt, verlästert werden, das Bewußtsein, dabei nichts versehen und zur Erhaltung des Kranken alles getan zu haben, was er nach dem Maß seiner Kräfte vermochte, läßt ihn ruhig bei diesen Kränkungen. Und was sind einige mißlingende Kuren gegen die ungleich größere Zahl der gelingenden, deren sich jeder geschickte und fleißige Arzt zu erfreuen hat? Das Lob, das er für die letztern einerntet, das vermehrte Zutrauen, welches er durch jede neue glückliche Kur gewinnt, der Dank, welchen ihm die Genesenen darbringen, die Freudentränen, welche ihm fließen ? welche reiche Entschädigung für den Tadel und die Vorwürfe, welche ihn in unglücklichen Fällen treffen! So ist das praktische Leben des Arztes: des Beschwerlichen, Verdrüßlichen, Kränkenden viel, aber ebenso viel auch des Ermunternden, Erfreulichen, Belohnenden. Alles dieses habe auch ich in meinem praktischen Leben zur Genüge erfahren, und ich gestehe, daß ich sehr oft in dem Fall[119] war, es zu verwünschen. Aber jede glückliche Kur ließ mich seine Unannehmlichkeiten vergessen und machte mir dasselbe wieder aufs neue lieb. Das Gefühl, Eltern ihre Kinder, Kindern ihre Eltern, Freunde ihren Freunden wiedergegeben zu haben, übertrifft alle angenehmen Gefühle. Aber dieses Gefühl muß auch schadlos halten für das schmerzende Gefühl, welches der leider so häufige unglückliche Erfolg der Kuren, wenn auch gleich ohne Schuld des Arztes, in ihm erregt. Denn wie könnte er es sonst ertragen, daß ihm so oft Kranke sterben, zu deren Rettung ihm kein Opfer zu groß gewesen wäre? Um nur einen Fall dieser Art anzuführen, so kam einst eine Spitzenhändlerin aus Johanngeorgenstadt mit zwei wunderschönen Töchtern nach Ludwigsburg. Sie hatten sich in dem Gasthof »Zum Bären« einquartiert und waren dem Ansehen nach vollkommen gesund angekommen. Aber in einem Landstädtchen, wo sie den Tag zuvor übernachtet hatten, lag in dem Wirtshaus ein kleines Kind tödlich krank an der Ruhr, und ein älteres war zuvor an derselben Krankheit gestorben. Die jüngere Tochter der Spitzenhändlerin, ein Mädchen von achtzehn Jahren, ließ sich nicht abhalten, das kranke Kind zu pflegen. Sie wurde angesteckt, und schon am dritten Tage nach ihrer Ankunft in Ludwigsburg brach bei ihr dieselbe bösartige Ruhr aus und zeigte gleich in den ersten paar Tagen ihren bösartigen Charakter. Ich tat alles mögliche, sie zu retten, aber der schnell eintretende Brand machte alle Hülfe fruchtlos. Schon der Gedanke, daß dieses schöne, in voller Jugend blühende Mädchen sterben soll, hatte mich auf das tiefste ergriffen, aber wie mich die dem Tode nahe Kranke mit ihren eiskalten Armen umklammerte, mich zu sich niederzog, in dieser Lage mehrere Minuten lang festhielt und mit brechendem Blick und matter Stimme mich um Rettung bat, nie werde ich vergessen, welche Qual ich da ausgestanden, und wie könnte ich es vergessen? Aber das war noch nicht alles. Ein Kind des Wirts, mit welchem die Wärterin desselben in dem Augenblick des Verscheidens des Mädchens in die Türe des Zimmers trat, wurde sogleich angesteckt und starb schon am folgenden Tag. Ebenso wurde auch die Schwester der Verstorbenen angesteckt, und noch ehe die jüngere begraben war,[120] lag auch sie schon gefährlich krank, und alle Hoffnung zu ihrer Rettung war verschwunden. Bloß die Mutter war noch gesund, und sie vor dem gleichen Schicksal zu sichern, wußte ich kein anderes Mittel, als sie so viel Burgunderwein trinken zu lassen, daß sie in einem beständigen Taumel blieb, bis auch die ältere Tochter begraben war. Ob ich recht getan habe, will ich nicht entscheiden; aber der Erfolg entsprach meiner Erwartung, die Mutter blieb unangesteckt und reiste gesund von Ludwigsburg ab. Nach zwei Jahren kam sie mit einer dritten ebenso schönen Tochter wieder nach Ludwigsburg. Sie besuchte mich mit derselben gleich nach dem Tag ihrer Ankunft und erzählte mir, daß ihre verstorbene jüngere Tochter beim Hereinfahren in die Stadt ausgerufen habe: Welche schöne Stadt, hier möchte ich sterben! Auch sagte sie mir, daß sich ein Tagebuch von ebendieser Tochter vorgefunden, in welchem mehrere ernste Betrachtungen über den Tod gestanden, deren einer die Bemerkung beigefügt gewesen, daß sie zu Gott hoffe, er werde sie in der Unschuld ihrer Jugend sterben lassen. ? Ich könnte noch mehr solche Fälle anführen, aber es mag an diesem einzigen genug sein, zu beweisen, wie wenig sich der Arzt des Glückes seiner Praxis freuen darf, da es ihm so oft durch solche schauderhafte Fälle getrübt wird. Außer dem Geistlichen kommt niemand in eine so nahe Berührung mit dem Publikum als der Arzt, und auch darin sind beide einander gleich, daß ihnen alles daran gelegen sein muß, auch Freunde der Familien zu sein, die sich ihnen anvertrauen, und als solche von ihnen erkannt zu werden. Dem Arzt ist dieses leicht, denn jeden, den er glücklich geheilt hat, hat er sich dadurch zum Freund gemacht, und es kommt nur darauf an, daß er sich wirklich als einen Freund der Familie beträgt, um ihr Vertrauen in ebendem Grad zu erwerben, als wenn er selbst ein Glied derselben wäre. Wieviel dies zum Glück der Praxis beiträgt, ist leicht einzusehen. Wo Vertrauen zu dem Mann ist, da ist auch Vertrauen zu dem Arzt, und welcher Arzt weiß nicht, daß das Vertrauen, das die Kranken in ihn setzen, oft weit mehr zu ihrer Genesung wirkt als alle Arzeneien, die er ihnen verordnet. Aber dieses Vertrauen äußert sich auch bei[121] allen wichtigen Familienangelegenheiten, worüber man den ärztlichen Freund ebenso zu Rat zieht als den Beichtvater, ja er darf sogar seinen Rat ungebeten erteilen, und wenn es auch die wichtigsten Angelegenheiten sind, über welche beraten werden soll. Auch hierüber habe ich Erfahrungen genug gemacht, und ich weiß wenig Fälle, wo mein Rat nicht dankbar anerkannt worden und unbefolgt geblieben wäre. Ich habe Irrungen gehoben, die nicht zu heben schienen, Mißverständnisse ausgeglichen, die in Feindschaften auszuarten drohten, Streitigkeiten vermittelt, die die ernsthaftesten Händel fürchten ließen. Ich habe Verbindungen aufgelöst, welche ich, obschon sie zum schönsten Glück zu führen schienen, für unheilbringend hielt. Zum Beweis hiervon will ich nur einen einzigen Fall anführen. Einer noch nicht lange verheurateten jungen Dame war ihr Mann, ein Offizier, beim Auswechseln von Kriegsgefangenen im Rhein ertrunken. Sie war zum erstenmal schwanger und ihrer Entbindung nahe, und ich ward von ihren Schwiegereltern, bei welchen sie wohnte, beauftragt, ihr die Nachricht von dem Todesfall beizubringen. Ich übernahm den Auftrag mit schwerem Herzen, doch gelang es mir, ihn ohne nachteilige Folgen für die Dame zu erfüllen. Sie wurde bald darauf entbunden von einem Mädchen, aber das Kind lebte nur ein paar Monate. Sie war also wieder frei und konnte nach vollendeter Trauerzeit wieder heuraten. Da die junge Witwe, deren Vater als Offizier im Felde stand und die Mutter nicht mehr lebte, nicht in ihr elterliches Haus zurückkehren konnte, so mußte sie bei den Schwiegereltern bleiben und da ihr weiteres Schicksal erwarten. Nun begaben sich die Armeen in ihre Winterquartiere, ein österreichisches Regiment quartierte sich in der Umgegend von Ludwigsburg ein, und der Oberst des Regiments nahm sein Quartier in einem eine Stunde von Ludwigsburg entfernten Marktflecken. Er kam gewöhnlich alle Nachmittage in die Stadt, machte Bekanntschaft mit den Offizieren der dortigen Garnison und so auch mit dem Schwiegervater der jungen Witwe, einem württenbergischen Oberstlieutenant. Hier sah er nun die schöne junge Witwe, kam ihr zulieb öfter ins Haus, bei jedem Besuch gefiel sie ihm besser,[122] endlich verliebte er sich förmlich in sie und machte ihr Anträge zu einer Heurat. Der Oberst war ein geborner ungarischer Graf und ein sehr reicher Mann. Niemand war daher froher über den Antrag des Obersten als die Schwiegereltern der Witwe. Sie brachten die Schwiegertochter, deren Verbindung mit ihnen durch den Tod des Kindes gelöst worden, nicht nur aus dem Haus, sondern sie sahen sie auch auf das beste versorgt. Aber aus der Heurat wurde nichts, und schuld daran war ich. Der Oberst wurde von einem Gallenfieber befallen und ich zu ihm gerufen. Er war ziemlich krank, doch genas er bald, und das erste nach seiner Wiedergenesung war, die schöne junge Witwe in Ludwigsburg zu besuchen. Aber ich hatte den Obersten während seiner Krankheit näher kennengelernt, ich hatte mich überzeugt, daß er ein roher, brutaler, hartherziger, grausamer Mensch sei, und ich war fest entschlossen, ihn als einen solchen der jungen Witwe zu schildern und ihr zur schleunigen Auflösung ihres Verhältnisses mit ihm zu raten. Dies mußte sobald wie möglich geschehen, und ich säumte daher nicht, bei der nächsten Gelegenheit, die sich mir darbieten würde, mit ihr über die Sache zu sprechen. Glücklicherweise traf ich sie einmal ganz allein, und ich hatte mich kaum neben sie auf den Sofa gesetzt, so fing ich das Gespräch mit der Frage an, ob sie mit dem österreichischen Oberst bereits in einem nähern Verhältnis stehe. Errötend bejahte sie die Frage und vertraute mir, daß er ihr bereits ernstliche Heuratsanträge gemacht habe. »Und Sie wollen diesen Oberst wirklich heuraten?« fragte ich weiter. Sie antwortete nicht, und ich fuhr fort: »Diesen Oberst heuraten? Nein! das sollen und können Sie nimmermehr tun.« Sie war in der größten Verlegenheit; aber ruhig hörte sie meine Schilderung von dem Oberst an, dankte mir für meine gute Gesinnung gegen sie, versprach, dem Oberst nichts von meiner Schilderung von ihm zu sagen, ebenso auch nichts ihren Schwiegereltern, die Sache sei für sie von der größten Wichtigkeit, und sie wolle sie wohl überlegen, als unvermutet der Oberst in das Zimmer trat. »Da ist der Mann, gnädige Frau«, rief er aus, »der kennt mich am besten, und der soll Ihnen sagen, wie ich bin.« ? »Es ist schon geschehen«, erwiderte ich, nahm meinen[123] Hut und Stock und ging fort. Meine Schilderung von dem Oberst hatte ihre Wirkung bei der jungen Witwe nicht verfehlt. Sie brach ihr Verhältnis mit demselben gänzlich ab, und niemand konnte begreifen, warum. Denn sie war verständig und edel genug, mich nicht zu verraten. Wie ergrimmt der Oberst und wie ärgerlich die Schwiegereltern waren, läßt sich leicht denken. Aber was geschah? Um den Vorwürfen der Schwiegereltern zu entgehen, reiste die junge Witwe zu ihrer Schwester nach Pforzheim, lernte dort einen badischen Forstmeister kennen und gefiel diesem so, daß er sie um ihre Hand bat und bald darauf heuratete. Niemand war darüber mehr erfreut als ich, denn ich hatte eigentlich diese Heurat gestiftet. Die Ehe war die glücklichste, die man sich denken konnte, und die Frucht derselben waren zwei schöne liebenswürdige Knaben, von denen der jüngere schon drei Jahre alt war, als die Frau mit ihrem Gemahl ihre Schwiegereltern in Ludwigsburg besuchte. Ich wußte nichts von den Gästen, als ich bei einem zufälligen Besuch bei den Schwiegereltern sie ganz unvermutet antraf. Beim Eintritt in das Zimmer erkannte mich die Frau sogleich, eilte mit offenen Armen auf mich zu, umarmte mich, küßte mich, ja bedeckte mich mit Küssen. Die Schwiegereltern stutzten, dem Gemahl war das Betragen seiner Gemahlin ein Rätsel. Aber bald ward ihm das Rätsel gelöst. »Hier, lieber Mann«, sagte sie, von mir sich zu ihm wendend, »hier stelle ich dir einen meiner besten Freunde, ja meinen größten Wohltäter vor, es ist der Mann, dem ich dich und unsere lieben Kinder zu danken habe, umarme und küsse auch du ihn.« Es geschah, herzlich umarmte und küßte mich der edle Mann, und nun erzählte sie ihren Schwiegereltern, wie sie auf meinen Rat ihr vormaliges Verhältnis mit dem österreichischen Oberst abgebrochen habe und wie sie mir für meinen Rat nicht genug danken könne. Aber ich bedurfte keines Danks, mein schönster Lohn war die gute Tat und ihr glücklicher Erfolg, und die Erinnerung daran rechne ich zu den schönsten Erinnerungen meines ganzen Lebens. Diese Geschichte führt mich wieder in mein geselliges und häusliches Leben zurück; ich fahre daher in der Schilderung[124] desselben weiter fort und spreche billig zuerst von meinem häuslichen Leben. Meine Frau war zum erstenmal guter Hoffnung und ihrer Entbindung nahe. Sie erfolgte im Julius 1787, und das Kind, das sie gebar, war ein gesundes, wohlgebildetes, munteres Mädchen. Wie groß unsere Freude über unser erstgeborenes Kind, wie groß die Freude unserer beiderseitigen Eltern über ihren ersten Enkel war, läßt sich denken. Aber die größte Freude bezeigte sichtbar der Vater meiner Frau, indem er bei der Nachricht von der glücklichen Entbindung seiner Tochter ausrief: »Nun, Gott sei Dank, so gehen mir doch die Kinder, die schönste Freude meines Lebens, nicht aus!« Meine Frau konnte das Kind, aller gemachten Versuche ungeachtet, nicht selbst stillen, aber die unermüdete sorgsame Pflege der Mutter ersetzte den Mangel der mütterlichen Nahrung. Das Kind gedieh vortrefflich, und nach Verfluß von anderthalb Jahren war meine Frau abermals guter Hoffnung. Aber ihr Vater erlebte die Geburt seines zweiten Enkels, eines Sohnes, nicht mehr. Vom Schlag getroffen, starb der brave Mann in seinem siebenundvierzigsten Jahr, bedauert von der ganzen Stadt und nie vergessen von den Seinigen. Auch der im September 1790 geborene Sohn konnte von der Mutter nicht gestillt werden, aber er gedieh nicht weniger als seine Schwester bei der künstlichen Ernährung. Nach der Geburt dieses Knaben blieb unsere Ehe ohne weitere Frucht. Was aus beiden Kindern geworden, werde ich in der Folge sagen, jetzt wende ich mich von meinem häuslichen Leben zu meinen geselligen Verhältnissen. Mit der Vermehrung meiner ärztlichen Praxis erweiterte sich natürlich auch der Kreis meiner Bekanntschaften und ebenso auch der Bekanntschaften meiner Frau. Schon unverheuratet hatte sie mehrere vertraute Freundinnen, die es auch nach ihrer Verheuratung blieben. Verheuratet gewann sie ihrer noch mehrere, deren Männer auch meine Freunde waren. Zu diesen neuen Freundinnen gehörten vorzüglich die Frau des Fabrikdirektors Weisser in Ludwigsburg, auch von mir wegen ihres Verstandes und ihres sanften einnehmenden Betragens hochgeschätzt ?, die Frau von Notter geborene von Naso, die[125] ich schon als Kind wegen ihres sanften Charakters sehr lieb hatte und die mir auch als Frau wegen ihrer mir nie in einem solchen Grade vorgekommenen Weiblichkeit stets eine meiner liebsten Freundinnen blieb ?, die Frau des Freiherrlich von Kniestädtischen Konsulenten Mader, ein kleines, unansehnliches, beim ersten Anblick nicht viel versprechendes Weibchen, aber um so interessanter, wenn man sie näher kannte, weil sie wirklich eine ebenso gebildete als herzensgute Frau war ?, die Frau des Pfarrers Christmann, meines schon früher genannten Freundes, eine ebenfalls durch Geist und Herz wie durch ihre schöne Figur und angenehme Gestalt sich auszeichnende Frau ?, die Frau des Oberamtmannes Eisenbach in Bietigheim, einer zwei Stunden von Ludwigsburg entfernten Landstadt, eine in jeder Beziehung vorzügliche Frau und die intimste Freundin der meinigen bis zu ihrem Tod. Von meinen zu dieser Zeit gewonnenen neuen Freunden nenne ich vorzüglich den oben erwähnten Konsulenten Mader in Heutingsheim, den Oberamtmann Eisenbach in Bietigheim, den Doktor Bunz und den Diakonus Conz in Ludwigsburg. Mit Mader und Eisenbach wurde ich zufällig bekannt, aber unsere Bekanntschaft verwandelte sich bald in Freundschaft, und ich darf wohl sagen, daß ich diese beiden zu meinen geliebtesten Freunden zähle, die ich in meinem Vaterland gehabt habe. Mader besuchte ich alle Wochen wenigstens einmal und meistens mit meinem Freund Bunz, seltener mit meiner Frau, weil sie nicht so oft von Hause abwesend sein konnte, als sie mit ihrer Freundin Mader zusammenzukommen wünschte. Mit Eisenbach kam ich zwar wegen der größern Entfernung Bietigheims von Ludwigsburg weniger oft zusammen als mit Mader, zu welchem ich nur eine kleine Stunde zu gehen hatte, aber die Besuche bei ihm waren mir noch interessanter als bei Mader, nicht allein weil ich ihn seltener sah, sondern auch weil er ein sehr guter Kopf und ein vielseitiger ausgebildeter, ja ein eigentlich gelehrter Mann war, von dem ich nie wegging, ohne etwas gelernt zu haben. Mit Doktor Bunz und Diakonus Conz kam ich sehr oft zusammen, nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Lande,[126] indem auf meinen Spaziergängen gewöhnlich einer von ihnen mein Begleiter war, Bunz nach Heutingsheim zu unserem gemeinschaftlichen Freund Mader, Conz nach einem Brückenhaus am Neckar bei Neckarweihingen, meinem liebsten Ort in der Umgegend. Bunz war ein sehr guter Kopf, reich an Kenntnissen überhaupt und besonders an juridischen, und was mir seinen Umgang besonders wert machte, war die Übereinstimmung seiner politischen Ansichten mit den meinigen. ? Als Gelehrter und Dichter ist Conz allgemein bekannt, ich sage daher von ihm nur, daß er auch als Mensch wegen seiner Herzensgüte und wegen seines wahrhaft kindlichen Sinnes wenig seinesgleichen hatte. Solche kindliche Menschen leben gewöhnlich ganz in ihrer Gedankenwelt und wissen nicht, was in der wirklichen vorgeht. So auch Conz, und zum Beweis desselben mag folgende Anekdote dienen. Als er als Diakonus nach Ludwigsburg kam, hatte er nur ein einziges Kind, einen Knaben von fünf bis sechs Jahren. Diesen Knaben zu einem vollkommen vorurteilslosen Menschen zu erziehen, war sein Hauptaugenmerk, und seine größte Sorge war, daß ihm über keinen Gegenstand falsche Begriffe beigebracht werden sollen, und besonders sollte er nie von dem Teufel etwas hören. Ich sagte ihm, daß dies unmöglich sei und was insbesondere den Teufel betreffe, so dürfe er den Knaben nie aus dem Hause lassen, weil es täglich geschehen könne, daß er auf der Straße den einen zu dem andern sagen höre, der Teufel solle ihn holen. Conz beharrte auf seinem Grundsatz, und als wir eines Tages wieder über dieses Thema sprachen, sprang der Knabe in das Zimmer und rief: »Vater, ich habe den Teufel gesehen.« ? »Was? Wo?« rief ihm der Vater entgegen. »In einem Buch«, erwiderte der Knabe, »aber der hat Hörner, größer als ein Bock, und einen Schwanz, länger als eine Kuh.« Der Vater war so erstaunt, als ob der Knabe den Teufel leibhaftig gesehen hätte. Ich konnte das Lachen nicht halten und sagte: »Da sehen Sie, Freund, was das Behüten und Bewahren hilft, jetzt hat Ihr Eduard den wahren Begriff von dem Teufel.« Conz war nur in seiner literarischen Welt zu Hause, in der gemeinen war er ein Fremdling, und weil er glaubte, alle Menschen seien so gut und kindlich wie er, so verging[127] selten ein Tag, wo er sich nicht in seiner guten Meinung von den Menschen betrog. ? Conz und alle jene genannten Freunde leben nicht mehr, aber unvergeßlich bleiben sie mir, solange ich lebe. Bei dieser Gelegenheit muß ich noch eine Bekanntschaft erwähnen, welche zwar nicht zu einem eigentlichen freundschaftlichen Verhältnis ausgebildet, aber in anderer Rücksicht sehr interessant für mich war. Es war die Bekanntschaft mit dem damaligen Kommandanten der Festung Hohen-Aschberg, dem wegen seines schrecklichen Schicksals nicht allein in Württenberg, sondern auch im Ausland berühmt gewordenen General von Rieger. Es ist derselbe, dessen Geschichte Schillern zu dem interessanten Aufsatz in seinen kleinen prosaischen Schriften »Spiel des Schicksals« den Stoff gegeben hat. Ich hatte diesen nicht allein wegen seines Schicksals, sondern auch wegen seines Charakters merkwürdigen Mann schon früher einigemal in der Akademie in Stuttgart gesehen, aber nie gesprochen. Näher bekannt mit ihm wurde ich erst später aus Gelegenheit einer Komödie, welche er auf der Festung Hohen-Aschberg aufführen ließ. Er hatte nämlich teils aus Langerweile, teils aus Eitelkeit daselbst unter der Direktion des damals noch gefangensitzenden Schubarts ein Theater einrichten lassen, auf welchem teils andere Gefangene, teils Soldaten von der dortigen Garnison spielen mußten. Sooft gespielt wurde, lud der General nicht allein von Ludwigsburg, sondern auch von Stuttgart mehrere Personen ein, die aus Gefälligkeit gegen ihn gewöhnlich der Einladung folgten. Nun fügte es der Zufall, daß ich an einem solchen Komödientag eben in dem am Fuß der Festung gelegenen Dorf Aschberg Kranke zu besuchen hatte, und als ich den Wirt, bei dem ich abgestiegen, um die Ursache fragte, warum so viele Equipagen auf die Festung führen, so erfuhr ich, daß der Geburtstag des Generals sei und daß zur Feier desselben auch Komödie gespielt werde. Schon früher begierig, einmal eine solche Komödie zu sehen, begab ich mich auf die Festung, wurde ohne Schwierigkeit in das Theater eingelassen und kam zufällig in die Nähe des Generals zu sitzen. Dieser kannte mich nicht, und er schien auch weiter keine Notiz[128] von mir zu nehmen. Allein nun rollte der Vorhang auf, und heraus trat einer der Schauspieler als Prologus, der ein von Schubart verfaßtes Gedicht, worin dem General zu seinem Geburtstag Glück gewünscht wurde, hersprach. Das Gedicht begann mit der Anrede an den General: Edler Rieger! Schon bei dieser Anrede klatschte nicht nur der General, sondern er rief auch: Da capo!, und die Worte: Edler Rieger! wurden wiederholt. Bei der Aufführung des Stücks selbst klatschte der General mehrmal bei jeder Szene, nicht den Schauspielern, sondern sich selbst, als dem Schöpfer des Theaters, und es ist natürlich, daß, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, alle Zuschauer ihm nachklatschten. Auch ich klatschte mit, ja ich überbot die andern, mehr um sie zu beschämen, als der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln. Indessen erregte mein übermäßiges Klatschen die Aufmerksamkeit desselben so, daß er einen neben ihm sitzenden Herrn fragte, wer ich sei. Dieser kannte mich, und hatte mich der General schon vorher öfter angesehen, so tat er es jetzt, nachdem er meinen Namen erfahren hatte, noch viel öfter; ich aber, um nicht von ihm angeredet zu werden, schlich mich weg, sobald die Komödie zu Ende war. Aber dies half mir nichts. Gleich am Morgen des folgenden Tages erhielt ich von dem General einen Brief, in welchem er mir für meinen Besuch seines Theaters dankte, sich glücklich pries, daß ein Mann von so feinem Geschmack sein Theater eines Besuchs gewürdiget habe, und mich einlud, auch ihn selbst, um näher mit mir bekannt zu werden, öfter zu besuchen. So ungern ich es tat, so konnte ich doch nicht umhin, dieser Einladung zu folgen, zumal da ich öfter in dem Dorf Aschberg Geschäfte hatte. So wurde ich nun bald näher mit ihm bekannt, und sooft ich ihn besuchte, lud er mich nicht nur wieder aufs neue ein, sondern er bat mich auch, von meinen Freunden mitzubringen, welche ich wollte, besonders aber wünschte er Schillern, den Verfasser der »Räuber«, von welchem er wußte, daß er mich öfters von Stuttgart aus besuche, persönlich kennenzulernen. Ich versprach, daß dies gleich bei seinem nächsten Besuch geschehen solle, und der General, um sich den Besuch Schillers zu einem Fest zu machen, forderte Schubart, der Schillern auch noch nicht persönlich[129] kannte, zu einer Rezension der »Räuber« auf, welche er ihm, als einem Fremden, vorlesen sollte. Schubart war mit seiner Rezension fertig, Schiller kam, wir begaben uns auf die Festung, der General, hocherfreut über den Besuch Schillers, überhäufte ihn mit Höflichkeiten, und nun wurden wir zu Schubart geführt. Abgeredetermaßen wurde diesem Schiller unter dem Namen eines Doktor Fischer vorgestellt und, sobald die erste Begrüßung vorbei war, von dem General das Gespräch auf die »Räuber« geführt. Der angebliche Doktor Fischer sagte, daß er den Verfasser genau kenne und sehr wünschte, das Urteil Schubarts über das Stück zu hören. Da fiel der General plötzlich ein: »Sie haben ja«, sagte er, sich zu Schubart wendend, »eine Rezension der ?Räuber? verfaßt; wollen Sie nicht die Gefälligkeit haben, sie dem Herrn Doktor vorzulesen?« Schubart holte sein Manuskript, las, ohne zu ahnen, daß der Verfasser der »Räuber« vor ihm stehe, die Rezension vor, und als er am Schlusse der Rezension den Wunsch äußerte, daß er den großen Dichter persönlich kennen möchte, sagte ihm Rieger, indem er ihn auf die Schulter klopfte: »Ihr Wunsch ist erfüllt, hier steht er vor Ihnen.« ? »Ist es möglich?« rief Schubart frohlockend aus, »das ist also der Verfasser der ?Räuber?!« Dies gesagt, fiel er Schillern um den Hals, küßte ihn, und Freudentränen glänzten in seinen Augen. Rieger war hocherfreut über das Gelingen der Überraschung, welche er Schubart bereitet hatte. Schiller und ich verließen vergnügt die Festung und gedachten in der Folge noch oft dieser Szene. Unter den vielen Fremden, welche ich von Zeit zu Zeit in Ludwigsburg kennenlernte, erwähne ich vorzüglich des gelehrten und berühmten Buchhändlers Friederich Nicolai aus Berlin, des unter dem Namen Stilling bekannten Augenarztes Jung, der Tochter des holländischen Gouverneurs van de Graaf auf dem Vorgebirge der Guten Hoffnung, eines neapolitanischen Grafen Luchesi, eines Engländers namens Derolles, einer Gräfin Lubinska aus Wien und eines Fräuleins von Gemmingen aus Rappenau, einem in der Gegend von Heilbronn gelegenen adeligen Gute. Von dem Buchhändler Nicolai hatte ich schon als Zögling[130] der Akademie in Stuttgart einen hohen Begriff, weil ich, was man sonst nicht leicht von Buchhändlern hört, gar viel von seiner großen Gelehrsamkeit sprechen hörte; aber dieser hohe Begriff wurde noch mehr gesteigert durch meine Freunde Pauly und Stoll, die mich besonders auf die Verdienste aufmerksam machten, welche er sich um die Theologie erworben, indem seine »Allgemeine deutsche Bibliothek« den Hauptanstoß zu der nachmals so rasch fortschreitenden Aufklärung in derselben gegeben habe. Ich war noch unverheuratet, als er nach Ludwigsburg kam, und weil ich als praktischer Arzt damals noch wenig zu tun hatte, so konnte ich fast den ganzen Tag um ihn sein. Ich begleitete ihn daher nebst einigen an dern Freunden überallhin, wo es etwas Interessantes für ihn zu sehen gab, und da ihn alles, auch manches, was andere Reisende nicht interessiert hätte, interessierte, so wollte er überallhin geführt sein; damit er aber auch nichts von dem Gesehenen und Gehörten vergesse, schrieb er alles, was ihm merkwürdig schien, teils sogleich an Ort und Stelle, teils auf der Straße, gehend und stillstehend, auf. Dieses Benehmen, welches ihm mehr das Ansehen eines mit Konsignierung der Einwohnerschaft oder sonst mit etwas dergleichen beauftragten Polizeibeamten als eines Reisenden gab, fiel natürlich jedermann auf, und auch uns, die wir ihn zunächst begleiteten, würde es nicht minder aufgefallen sein, wenn wir nicht gemerkt hätten, worauf es mit dem Aufschreiben abgesehen sei. Wir vermuteten, der gelehrte Buchhändler sammle Materialien zu einer Reisebeschreibung; wir hatten richtig vermutet, die Reisebeschreibung erschien wirklich, und wie klug der Verfasser getan habe, einen so großen Vorrat von Materialien dazu zu sammeln, zeigt das Voluminöse derselben, wodurch er einen doppelten Zweck erreichte, den einen als Gelehrter, indem er seinen literarischen Ruf vermehrte, den andern als Buchhändler, indem ihm von dem Publikum seine Reisekosten doppelt und dreifach vergütet wurden. Er war ein langer hagerer Mann, von ernstem, finsterem Angesicht, den man nicht liebgewinnen, sondern bloß wegen seiner Gelehrsamkeit, als einer bei Buchhändlern seltenen Erscheinung, achten konnte.[131] Die Bekanntschaft mit Stilling machte ich in dem von Moserschen Hause, wo ich ihn von ungefähr antraf. Gleich sein erster Anblick machte einen angenehmen Eindruck auf mich, und wie ich ihn am folgenden Tag bei dem würdigen Schullehrer Hartmann, dem Vater des in Mitau zu frühe verstorbenen Professors Hartmann, länger sah, gewann ich ihn wirklich lieb. Ich unterhielt mich lange mit ihm über Augenheilkunde und über seine Staroperationen, und weil die Gesellschaft, die ihm zu Ehren eingeladen worden, größtenteils aus Frommen bestand, so betraf die Unterhaltung vorzüglich religiöse Gegenstände. Natürlich sprach ich auch mit, und weil ich zu einer Gesellschaft von Frommen geladen war, so hielt mich Stilling auch für einen Frommen, und wie die wirklich Frommen bekam auch ich beim Abschied den Bruderkuß, und zwar hinter das rechte Ohr, von ihm. Die Tochter des holländischen Gouverneurs van de Graaf kam bloß auf einer Durchreise nach Ludwigsburg und befand sich bei ihrer Ankunft unpäßlich. Als Arzt in dem Gasthof, in welchem sie abgestiegen, wurde ich zu ihr gerufen und fand eine junge, sehr schöne und freundliche Dame. Ihre Unpäßlichkeit war von keiner Bedeutung, und sie konnte nach zwei Tagen wieder weiterreisen. Vor ihrer Abreise erhielt ich einige Flaschen des besten Constantiaweins von ihr zum Geschenk, und ich erwähne dieses Geschenkes deswegen, weil ich den köstlichen Wein mit Schiller, dessen Besuch in Ludwigsburg mich im folgenden Jahr erfreute, zusammen trank. Der Graf Luchesi, ein schon ältlicher Mann, wurde ebenfalls auf einer Durchreise in Ludwigsburg krank. Ich wurde zu ihm gerufen, und weil ich mir viele Mühe mit ihm gab und ihn bald wiederherstellte, faßte er eine so hohe Meinung von meiner Kunst, daß er mich zum Leibarzt der Königin von Neapel, bei welcher er sehr viel zu gelten schien, empfehlen wollte. Der Engländer Derolles hatte sich mehrere Jahre in der Schweiz aufgehalten, wo er in Lausanne mit Gibbon, dem berühmten Verfasser der »Geschichte des Verfalls und Untergangs des Römischen Reiches«, lange in genauer Verbindung gelebt hatte. Er zog nach Ludwigsburg aus Furcht vor den Franzosen, welche in die Schweiz einzudringen droheten. Seine[132] Frau, eine geborene Schweizerin, war eine große, schöne, liebenswürdige Dame, er aber finster, leidenschaftlich und in seinem Betragen ein wahrer Engländer. Er hatte nur ein einziges Kind, einen Knaben von fünf bis sechs Jahren, der von Geburt an ziemlich krumme Beine hatte. Der Knabe hatte die Blattern noch nicht gehabt und sollte von mir geimpft werden. Es geschah, die Impfung hatte den besten Erfolg, der Knabe hatte zwar sehr viele Blattern bekommen, und weil er ziemlich krank war, so hatten die Eltern große Sorge um ihn, die um so größer war, da sie sich außerordentlich vor dieser Krankheit gefürchtet hatten. Aber die Krankheit ging glücklich vorüber, und die Eltern konnten ihre Freude über die Genesung ihres einzigen Kindes nicht genug ausdrücken. Allein um so mehr bedauerten sie jetzt, daß der Knabe krumme Beine habe, und auf die Frage, ob nicht auch diesem Übel abgeholfen werden könne, empfahl ich ihnen einen ausgewanderten Franzosen namens Philippe, einen sehr geschickten Mechaniker, der durch seine zweckmäßigen Maschinen schon viel in solchen Fällen geleistet hätte. Sogleich entschlossen sie sich, den Mechaniker kommen zu lassen. Der Mechaniker besah und maß die Beine des Knaben, verfertigte seine Bandagen, legte sie an, und es waren noch nicht vier Wochen vorüber, als die Beine schon merklich gerader geworden waren. Endlich waren sie beinahe ganz gerade, die Bandagen konnten weggelassen werden, und Derolles verlangte nun von dem Mechaniker den Konto. Seine Forderung von zehn Karolin schien dem reichen Engländer viel zu groß. Er schrieb ihm daher einen äußerst groben Brief, und kaum hatte Philippe den Brief erhalten, als er mit brennendem Gesicht zu mir gelaufen kam und fragte, was er auf diesen impertinenten Brief antworten solle. »Gar nichts«, erwiderte ich, »ich nehme die Sache auf mich, und ich stehe Ihnen dafür, daß Sie die zehn Karolin erhalten, nur müssen Sie mir Zeit lassen.« Seit dem Abgang des Briefs an Philippe war ich öfters bei Derolles gewesen, allein nie hatte er denselben mit einer Silbe erwähnt. Ich wartete acht, ich wartete zehn Tage, aber Derolles beobachtete dasselbe Stillschweigen. Endlich ward mir die Zeit zu lange, und nach Tisch, als der Knabe auf seinen[133] geraden Beinen in das Zimmer trat, fragte ich Derolles, ob es ihn nicht herzlich freue, seinen Knaben jetzt mit so graden Beinen einherschreiten zu sehen. »Apropos«, erwiderte er, »wissen Sie wohl, wieviel der Franzose für seine Bandagen gefordert hat? Können Sie es glauben, zehn Karolin für das Paar lederne Riemen und das Paar stählerne Schnallen?« ? »Das ist wohl viel«, entgegnete ich, »aber nur dem Anschein nach. Setzen Sie den Fall, die Beine des Knaben seien noch so krumm wie vorher, Sie wüßten aber aus Erfahrung, der Franzose könne krumme Beine gradmachen, Sie hätten ihn rufen lassen, allein er hätte erklärt, daß er die Kur nicht unternehme, wenn Sie ihm nicht dreißig Karolin vorausbezahlten, hätten Sie ihm diese dreißig Karolin nicht mit Vergnügen vorausbezahlt?« Der Engländer stutzte, besann sich einige Augenblicke und sagte dann: »Sie haben recht, ich hätte es getan, und der Franzose soll statt zehn dreißig Karolin erhalten.« Der Engländer hielt Wort, statt der verlangten zehn erhielt Philippe dreißig Karolin, statt des frühern groben Briefes erhielt er einen äußerst höflichen, ja er wurde überdies zu Tisch geladen und mit Höflichkeiten überhäuft. So war dieser Engländer ein wahrer Repräsentant seiner Nation. Indessen war mir doch der Umgang mit ihm sehr angenehm, weil ich vieles von England von ihm erfuhr, was ich zuvor nicht wußte, besonders aber weil er mir mancherlei von seinem Freund Gibbon erzählte, was mich sehr interessierte. Seine Eigenheiten konnte ich leicht übersehen, da mir das Unangenehme derselben durch meine Unterhaltungen mit seiner schönen und liebenswürdigen Gemahlin reichlich vergütet wurde. Die Familie blieb über ein halbes Jahr in Ludwigsburg, und lange vermißte ich sie nach ihrem Abzug. Der Besuch der Gräfin Lubinska in Ludwigsburg galt einer mit ihr befreundeten Dame daselbst, einer Frau von Richthof, und dauerte mehrere Wochen. Sie war nicht im Gasthof, sondern bei ihrer Freundin abgestiegen, und weil ich diese und ihre drei Töchter öfter besuchte, so wurde ich auch gleich in den ersten Tagen mit der Gräfin bekannt. Sie hatte eine Tochter von zwölf bis dreizehn Jahren und ein Gesellschaftsfräulein, ein Fräulein von Keller, bei sich. Gleich bei meiner ersten[134] Unterhaltung mit ihr fand ich eine heitere und lebenslustige Dame, wie sie sich auch wirklich während ihres ganzen Aufenthalts in Ludwigsburg zeigte. Sie wollte immer Gesellschaft um sich haben, und weil sie sehr reich war, so gab sie Diners, Soupers, Teegesellschaften, ja sogar Bälle. Auch ich, als Hausarzt und Hausfreund der von Richthofschen Familie, wurde gewöhnlich dazu eingeladen, und weil ich selbst noch ein junger, lebenslustiger Mann war, folgte ich der Einladung gern. Ungeachtet dieses flotten Lebens blieb alles im Hause gesund; nur ein einziges Mal wurde ich als Arzt gerufen, und zwar zum Gesellschaftsfräulein der Gräfin, welches eine Stecknadel verschluckt zu haben glaubte. Bei der Untersuchung schien mir die Sache nicht glaublich; ich ließ sie jedoch Mehlbrei und andere dickliche Speisen essen, um ihr aber alle Furcht vor der Gefahr zu benehmen, in welcher sie zu schweben glaubte und welcher sie nicht losgeworden sein würde, solange die Stecknadel nicht abgegangen war, befahl ich einer Magd des Hauses, auf deren Verschwiegenheit ich zählen konnte, am folgenden Morgen dem Fräulein eine Stecknadel vorzuzeigen, welche sie in dem Leibstuhl gefunden hätte. Natürlich war nun alle Furcht verschwunden, und ich erhielt für diese glückliche Kur von der Gräfin eine Remuneration von acht Dukaten. Das Fräulein hatte wirklich keine Stecknadel verschluckt, aber ich mußte die Belohnung meiner Lüge annehmen, weil ich, ohne das Fräulein aufs neue in Furcht zu setzen, niemand von meinem gespielten Betrug etwas sagen durfte. Daß meine verschwiegene Gehülfin ein gutes Trinkgeld von mir bekommen, versteht sich von selbst. Fräulein von Gemmingen war mir schon, ehe ich sie persönlich kennenlernte, von meinem Freund Stoll, der Hofmeister im Haus ihres Bruders gewesen war, als ein in jeder Beziehung vorzügliches Frauenzimmer geschildert worden. Sie war kränklich und kam in der Absicht nach Ludwigsburg, sich hier zu erholen. Sogleich nach ihrer Ankunft führte mich Stoll bei ihr ein. Ich erschrak über ihre Mißgestalt, denn sie hatte eine auffallende Krümmung des Rückgrats und war überhaupt übelgestaltet. Aber ich hatte kaum eine halbe Stunde mit ihr gesprochen, so vergaß ich ihre Mißgestalt über der Vortrefflichkeit[135] ihres Innern, das sich in allem, was sie sagte, auf das herrlichste aussprach. Stoll hatte mir viel zu wenig von ihr gesagt, denn ich muß gestehen, daß ich nie zuvor ein Frauenzimmer von so viel Geist und einer so hohen geistigen und sittlichen Bildung gesehen hatte. Sie sprach nicht nur alle lebende Sprachen, sondern sie schrieb sie auch ebenso gut, als sie sie sprach. Ich habe Briefe von ihr gesehen, in welchen eine Periode deutsch, eine andere französisch, eine dritte italienisch oder englisch war, je nachdem sie glaubte, sich in der einen besser als in der andern ausdrücken zu können. Ebenso sah ich auch ein Heft von ihr, welches Bemerkungen über Villaumes Werk über den »Ursprung und die Absichten des Übels« enthielt, welche einem Philosophen von Profession Ehre gemacht hätten. Aber der Hauptgegenstand, mit welchem sie sich beschäftigte, war die Erziehung. Sie war die eigentliche Erzieherin der Kinder ihres Bruders, sowohl der männlichen als der weiblichen, und was für eine Meisterin sie in der Erziehungskunst war, beweist die Vorzüglichkeit dieser Kinder, die selbst von Dalberg, der sie in Erfurt, wohin sie mit den Gemmingenschen Kindern vor den Franzosen geflüchtet war, kennenlernte, anerkannt wurde, indem er nach beendigter Unterhaltung mit einem der Fräulein sagte, es sei nicht recht, daß so viel Vorzügliches in einem einzigen Menschen vereinigt sei. ? Aber so vollkommen ausgebildet der Geist des Fräuleins von Gemmingen war, so vortrefflich war auch ihr Herz. Zum Beweis hiervon will ich nur ein paar Züge anführen. Sie hatte ein armes Mädchen zu sich genommen, um sich dasselbe zu ihrer Dienerin zu erziehen. Sie hatte das Mädchen mit sich nach Ludwigsburg gebracht, und es war damals etwa achtzehn Jahre alt. Es wurde in Ludwigsburg mit einem Soldaten bekannt, der es heuraten wollte. Das Fräulein hatte nichts dagegen, weil der Liebhaber der Sohn braver Eltern in Tübingen und er selbst ein wackerer junger Mensch war, und sie hatte es bereits durch ihre Verbindungen dahin gebracht, daß derselbe früher aus dem Militär entlassen werden sollte. Auch war die Ausstattung des Mädchens auf Kosten des Fräuleins beinahe fertig, und außer der reichlichen Ausstattung sollte dasselbe von ihr auch noch ein Kapital von einigen hundert[136] Gulden erhalten. Das Mädchen wußte das alles, aber was geschieht? Der Bräutigam war aus dem Militär entlassen, der Tag der Verlobung war bestimmt, und bald darauf sollte auch die Hochzeit folgen, und das Fräulein entdeckt, daß sie von dem Mädchen bestohlen worden. Ich wußte von dem Diebstahl noch nichts; aber wie ich den Tag darauf das Fräulein besuchte, traf ich sie in einem Zustand, der an Verzweifelung zu grenzen schien. Ich fragte sie, was ihr sei. »Ach!« erwiderte sie, »ich habe die traurige Erfahrung gemacht, daß man die Menschen nicht glücklich machen kann.« Sie erzählte mir nun den Vorgang, und auf die Frage, wozu sie entschlossen sei, antwortete sie, daß sie nicht zugeben werde, daß der brave junge Mensch eine undankbare Diebin zur Frau bekomme. Auf ihre Veranlassung gab der junge Mensch die Verbindung mit dem Mädchen auf, und das Mädchen wurde mit der Ausstattung und dem Kapital nach Hause zu ihren Eltern geschickt. ? Der andere Fall war folgender. Es war in dem Hause ihres Bruders etwas vorgefallen, worüber derselbe sehr entrüstet war. Die Schuld an dem Vorfall hatte die Frau von Gemmingen, aber der Herr von Gemmingen maß sie der Schwester bei. Um das gute Verhältnis zwischen dem Bruder und der Schwägerin nicht zu stören, ertrug das Fräulein die immer erneuerten Vorwürfe des Bruders geduldig und schweigend. Allein nun starb die Frau von Gemmingen, und die Frage war, ob sie den Bruder über den Vorgang ins klare setzen solle. Sie tat es nicht. Lieber wollte sie fortdulden und schweigen, als dem Bruder über seine Frau auch nach ihrem Tode etwas sagen, was ihm das Andenken an sie hätte weniger teuer machen können. ? Das Fräulein verweilte nur zwei Monate in Ludwigsburg. Nach ihrer Zurückkunft nach Rappenau wurde sie kränker, und etwa zwei Jahre darauf starb sie, ohne sich zuvor bei ihrem Bruder gerechtfertigt zu haben. Sie hatte die große Aufgabe ihres Lebens gelöst, die Gemmingenschen Kinder waren alle vortrefflich gezogen, und die edle Dulderin ging mit dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, dem einzigen dieser schönen Seele würdigen Lohn, aus der Welt. Lange schon Zeuge ihrer geistigen und sittlichen Vortrefflichkeit, fragte ich sie einmal, wie sie zu dieser[137] hohen geistigen und sittlichen Ausbildung gekommen sei. Sie antwortete: »Das können Sie mir ansehen, es ist meine Gestalt, der ich es verdanke, sie hat mich bestimmt, nach etwas Höherem zu streben, mehr kann ich Ihnen nicht sagen, denn Sie verstehen mich.« So lebte ich nun mit diesen und andern Freunden vergnügt und vertraulich zusammen, bis im Jahr 1789 die Französische Revolution ausbrach. Gewohnt des vielfältigen Guten, welches Deutschland seit dem Hubertusburger Frieden zuteil geworden, wußten wir Deutsche dasselbe nicht mehr gehörig zu schätzen, und so wie der Mensch stets bestrebt ist, seinen Zustand zu verbessern und schon bloße Veränderungen desselben für Verbesserungen anzusehen pflegt, so war dies auch der Fall bei mir und bei den meisten meiner jüngern Freunde. Auch wir wurden durch diese große Weltrevolution mächtig aufgeregt. Wie so viele tausend Deutsche versprachen auch wir uns von einer Revolution, welche wie die französische alle alte Vorurteile zerstören, alle Ungleichheit unter den Menschen aufheben und allein die natürlichen Menschenrechte geltend machen sollte, die heilbringendsten Folgen für die Menschheit. Die Französische Revolution wurde daher bald das Tagesgespräch unter uns. Freilich hatten wir sie noch nicht in der Nähe gesehen, der Krieg, den sie veranlaßte, war noch nicht ausgebrochen, es waren noch keine französischen Armeen zu uns gekommen, die uns plünderten und brandschatzten, wir hatten den Druck und die Kosten der Einquartierungen noch nicht gefühlt, und so unerfreulich auch die Aspekten waren, welche die Vorgänge in der Nationalversammlung, der gesetzgebenden Versammlung und dem Nationalkonvent zeigten, so hielt uns doch das nicht ab, die gute Sache der Franzosen in Schutz zu nehmen. Wir sahen die Gewaltschritte des französischen Gouvernements als notwendige Anstalten zur Gegenwehr wider das mit Recht zu befürchtende Einmischen der fremden, von den Ausgewanderten aufgeregten Mächte an und maßen die Schuld nicht sowohl dem französischen Gouvernement als vielmehr den Drohungen des deutschen Kaisers und des Königs von Preußen und namentlich dem übermütigen Manifest des Herzogs[138] von Braunschweig bei, von dem wir gleich nach seiner Erscheinung voraussagten, daß es nicht nur einen Krieg auf Leben und Tod, sondern auch die gänzliche Auflösung des Königtums, die Absetzung des Königs, wenn nicht gar seine Hinrichtung zur traurigen Folge haben könne. Aber bald wurde das Interesse, welches ich an der Französischen Revolution nahm, durch ein anderes, näheres Interesse bei mir verdrängt. Es war die Nachricht von der nahe bevorstehenden Ankunft Schillers, meines ältesten und geliebtesten Jugendfreundes, in Ludwigsburg. Schon waren bereits zehn Jahre vorüber, seit ich ihn nicht mehr gesehen hatte, und man kann sich leicht vorstellen, welche unaussprechliche Freude mir jene Nachricht verursachte. Ich dachte nicht mehr an die Französische Revolution, ich dachte nur an meinen Freund, und mit Sehnsucht sah ich den schönen Tagen entgegen, welche ich nach so langer Zeit wieder mit ihm zu durchleben hoffen durfte. Schiller hatte den Entschluß, seine Familie und seine alten Freunde wiederzusehen, schon lange gefaßt, und der Entschluß wurde nun ausgeführt. Da er als Flüchtling nicht wagen durfte, sein Vaterland geradezu zu betreten, so begab er sich zuerst nach der damals noch freien Reichsstadt Heilbronn, um dort zu hören, wie die Nachricht von seinem vorhabenden Besuch in Stuttgart und Ludwigsburg und auf der Solitude, wo sein Vater Major und Aufseher über die herzoglichen Gärten war, von dem Herzog aufgenommen werden würde. Er schrieb daher von Heilbronn aus selbst an den Herzog. Natürlich erhielt er von diesem unmittelbar keine Antwort, aber durch seine Bekannten erfuhr er, daß der Herzog sich öffentlich geäußert habe, Schiller befinde sich in Heilbronn und werde auch nach Stuttgart kommen, er werde aber von seinem Aufenthalt keine Notiz nehmen. Auf diese Nachricht verließ Schiller sogleich Heilbronn und kam zuerst nach Ludwigsburg zu mir, seinem ältesten und vertrautesten Jugendfreunde. Sein Aufenthalt im Vaterland sollte ein halbes Jahr dauern, sein fixer Aufenthalt sollte in Ludwigsburg sein, seine Frau sollte hier ihr erstes Wochenbette halten, und erst am Schlusse seines Aufenthalts im Vaterland wollte er einige Wochen in Stuttgart[139] zubringen. Von meinen Empfindungen bei unserem Wiedersehen sage ich nichts, ich sage nur, wie ich ihn nach einer Trennung von so vielen Jahren gefunden habe. Er war ein ganz anderer Mann geworden; sein jugendliches Feuer war gemildert, er hatte weit mehr Anstand in seinem Betragen, an die Stelle seiner vormaligen Nachlässigkeit in seinem Anzuge war eine anständige Eleganz getreten, und seine hagere Gestalt, sein blasses kränkliches Aussehen vollendeten das Interesse seines Anblicks bei mir und allen, die ihn vorher näher gekannt hatten. Leider war der Genuß seines Umgangs sehr oft durch seine Kränklichkeit, heftige Brustkrämpfe, gestört; aber in den Tagen des Besserbefindens, in welcher Fülle ergoß sich der Reichtum seines Geistes, wie liebevoll zeigte sich sein weiches teilnehmendes Herz, wie sichtbar drückte sich in allen seinen Reden und Handlungen sein edler Charakter aus, wie anständig war jetzt seine sonst etwas ausgelassene Jovialität, wie würdig waren selbst seine Scherze! Kurz, er war ein vollendeter Mann geworden. ? Da er nur selten ganz frei von Brustkrämpfen war, so konnte er nicht viel und anhaltend arbeiten, indessen schrieb er doch fast täglich, meistens in der Nacht, einige Stunden an seinem »Wallenstein«, welcher damals der Hauptgegenstand seiner Beschäftigung war, und die Stunden, in denen er sich dazu weniger aufgelegt fühlte, widmete er seinen Briefen an den Prinzen von Augustenburg, welche hernach in einer etwas veränderten Gestalt unter dem Titel »Über die ästhetische Erziehung« zuerst in den »Horen« und dann in der Sammlung seiner kleinen prosaischen Schriften erschienen sind. Von »Wallenstein«, von welchem er mir verschiedene eben fertig gewordene Szenen zu lesen gab, bemerke ich, daß er anfangs in Prosa geschrieben war. Ich äußerte, daß ich ihn lieber wie den »Don Karlos« in Jamben geschrieben sähe, und ich weiß nicht, ob diese Äußerung dazu beigetragen hat, daß er in Jamben erschienen ist. Von dem ersten Teil des Gedichts »Wallensteins Lager« war damals noch keine Rede. ? Um dieselbe Zeit machte er auch den Plan zu einer neuen Zeitschrift, welche an die Stelle seiner »Thalia« treten sollte, und die Bekanntschaft mit dem Buchhändler Cotta, dem ich in Ludwigsburg[140] zu einem Besuch bei ihm verhalf, beschleunigte hauptsächlich die Ausführung dieses Plans; bald nach seiner Zurückkunft nach Jena erschienen »Die Horen«. Gedichte hat er, während er sich in Ludwigsburg befand, keine geschrieben, bloß »Die Götter Griechenlands« hat er in dieser Zeit umgearbeitet, aber so, wie er mir das Gedicht vorgelesen, hat er es nicht drucken lassen. Von seinen »Räubern« und überhaupt von seinen ältern dramatischen Produktionen hörte er nicht gern sprechen, ja es schien mir öfters, als wünschte er, daß sie nicht gedruckt wären. Von Goethes »Iphigenie« äußerte er eines Tages auf einem Spaziergang, daß dies das einzige deutsche dramatische Produkt sei, welches er beneide, weil er fühle, daß er kein ähnliches hervorbringen könne. Von Voß war er ein großer Verehrer. Seine Übersetzung Homers, die damals erschienen war und die er in meiner Gegenwart erhielt, machte ihm große Freude. Beinahe alle Abende las er daraus vor und pries wechselsweise das Original und die Übersetzung. An Bürger rühmte er das dichterische Talent, aber seine Gedichte schätzte er weniger. Von Gerstenberg bedauerte er, daß er nicht mehr Trauerspiele wie seinen »Ugolino« geschrieben habe. Die Bekanntschaft mit Matthisson, welchen er zuerst in Ludwigsburg sah, erfreute ihn sehr, und es war ihm angenehm, daß er gerade damals mit einer Rezension seiner Gedichte für die Jenaer Literaturzeitung beauftragt war. Ein großes Interesse zeigte er für die bildenden Künste, besonders für die Bildhauerei, was sonst nicht der Fall war, und den Umgang mit dem genialen Dannecker, dem Verfertiger der herrlichen Büste Schillers, zählte er zu den angenehmsten Stunden, welche er in Stuttgart zubrachte. Übrigens sah er sowohl in Stuttgart als in Ludwigsburg außer seinen nähern Bekannten und Freunden nicht gern jemand bei sich und machte ebensowenig Besuche bei Personen, wo er sich genieren mußte. Die Ursache war natürlich seine Kränklichkeit. Wer ihn nicht näher kannte, hat es für Stolz gehalten. Aber Schiller war nicht stolz, er hatte nur das äußere Ansehen des Stolzes, was ihm seine lange Figur und seine aufrechte, etwas steife Haltung gaben. Dieses Ansehen hatte er schon als Zögling der Akademie, und ich erinnere[141] mich noch wohl, daß einst eine Frau, welche dort ihren Sohn besuchte, wie sie Schillern den Schlafsaal hinunterschreiten sah, sagte: »Sieh doch, der dort bildet sich wohl mehr ein als der Herzog von Württenberg.« Ebensowenig gegründet als der Vorwurf des Stolzes war auch die so oft gehörte Sage, daß Schiller sich durch Opium begeistert habe. Er konnte geistige Getränke in keinem großen Maße vertragen, und jene Sage kommt bloß daher, daß er meistens nachts arbeitete, was er nicht getan haben würde, wenn seine Brustkrämpfe ihm nicht bei Nacht mehr Ruhe gelassen hätten als bei Tage. Während Schillers Anwesenheit in Ludwigsburg starb der Herzog Karl. Als einem Fremden, der mit dem Herzog in gar keiner Verbindung mehr stand, hätte Schillern dieser Todesfall ziemlich gleichgültig sein können. Aber Dankbarkeit gegen seinen Erzieher und Achtung für einen durch so viele große Eigenschaften sich auszeichnenden Fürsten erregte seine wärmste Teilnahme an diesem für sein Vaterland so wichtigen Ereignis. Ich sah ihn bei der Nachricht, daß der Herzog krank und seine Krankheit lebensgefährlich sei, erblassen, hörte ihn den Verlust, welchen das Vaterland durch dessen Tod erleiden würde, in den rührendsten Ausdrücken beklagen, und die Nachricht von dem wirklich erfolgten Tod des Herzogs erfüllte ihn mit einer Trauer, als wenn er die Nachricht von dem Tod eines Freundes erhalten hätte. Der Nachfolger des Herzogs Karl war dessen älterer Bruder Ludwig Eugen, ein Prinz, von welchem man sich wegen seiner Herzensgüte und wegen des Eifers, mit welchem er sich bei jeder Gelegenheit der Landesverfassung gegen die Anmaßungen seines Bruders angenommen hatte, das Goldene Zeitalter für Württenberg versprach. Aber dieses günstige Vorurteil für den neuen Regenten hatte auf Schiller keine Wirkung; er pries nur seinen Vorfahr und konnte, ungeachtet aller Vorstellungen seines Vaters, welchem an der Gunst des neuen Herzogs natürlich viel gelegen war, nicht dahin gebracht werden, dem Herzog zu seinem Regierungsantritt Glück zu wünschen. Indessen war Schiller nichts weniger als ein blinder Verehrer des Herzogs Karl. Er kannte alle seine Fehler sehr gut, aber er sah ein, daß seiner guten und[142] großen Eigenschaften weit mehr waren, und nie vergesse ich, was er mir auf einem Spaziergang, wo wir an die fürstliche Gruft hinsehen konnten, über den Hingeschiedenen gesagt hat. »Da ruht er also (dies waren seine eigenen Worte), dieser rastlos tätig gewesene Mann! Er hatte große Fehler als Regent, größere als Mensch; aber die erstern wurden von seinen großen Eigenschaften weit überwogen, und das Andenken an die letztern muß mit dem Toten begraben werden, darum sage ich dir, wenn du, da er nun dort liegt, jetzt noch nachteilig von ihm sprechen hörst, traue diesem Menschen nicht, er ist kein guter, wenigstens kein edler Mensch.« Sooft Schiller wohl war, gingen wir zusammen spazieren, wozu uns die schönen Alleen in und um Ludwigsburg die erwünschteste Gelegenheit gaben. Nur ein einziges Mal, an einem besonders schönen Tage, machten wir einen weitern Spaziergang zu meinem Freund, dem Konsulenten Mader in Heutingsheim, eine Stunde von Ludwigsburg. Der Weg dahin führt durch einen schönen herzoglichen Park, und wir kamen sehr gut in Heutingsheim an. Die Hauptursache, warum Schiller Lust zu diesem Spaziergang hatte, war, weil er einige historische Schriften zu haben wünschte, von denen ich wußte, daß sie sich in Maders Bibliothek befänden. Schiller durchsah die Bibliothek mit Vergnügen und fand alle die Werke, die er gewünscht hatte, und noch mehrere. Aber er verweilte sich zu lange dabei; die Sonne nahete sich ihrem Untergang, es fing an kühl zu werden, Schiller fühlte das, und wir begaben uns ungesäumt auf den Rückweg. Aber als wir in den Wald gekommen waren, bekam Schiller einen solchen Anfall von Brustkrampf, daß, weil ich niemand zu Hülfe rufen konnte, mir angst und bange war, wie ich ihn nach Hause bringen sollte. Wir hatten noch eine kleine halbe Stunde nach Ludwigsburg, und er konnte vor Beklemmung kaum gehen. Doch die Not gab mir Kraft, ihn mehr tragend als führend, brachte ich ihn endlich nach Hause. Er begab sich sogleich zu Bette, und nach dem Genuß von einigen Tassen Tee hörten die Krämpfe zu meiner großen Freude allmählich auf. Glücklicher als dieser Spaziergang nach Heutingsheim liefen[143] unsere Reisen nach Stuttgart ab, die wir einigemal miteinander machten. Gewöhnlich stiegen wir in der geistlichen Herberge, einem der besten damaligen Gasthöfe in Stuttgart, ab und luden meistens unsere gemeinschaftlichen Freunde Haug und Petersen zu Tisch. Wir waren höchst vergnügt untereinander, nur ein einziges Mal nahm unser fröhliches Beisammensein ein unerfreuliches Ende. Schiller hatte sich vorgenommen, Petersen, der ein großer Liebhaber des Weins war, betrunken zu machen. Wir tranken ihm daher fleißig zu, wer aber betrunken wurde, war nicht Petersen, sondern Schiller, der zwar glücklicherweise frei von seinen Brustkrämpfen blieb, aber so ausgelassen lustig wurde, daß er sich auf den Tisch legte und sich darauf herumwälzte. So kamen wir spät am Abend zurück nach Ludwigsburg, und als ich ihn am andern Morgen an das Geschehene erinnerte, antwortete er lachend, er wisse es wohl, aber der Spaß hätte gar wohl unterbleiben können, und es sei gut, daß dergleichen Absenzen nicht oft vorkommen. Die weiteste Reise, welche ich mit Schiller machte, war eine Reise nach Tübingen zu unserem alten Lehrer und Freund, dem Professor Abel, welcher nach Aufhebung der Akademie in Stuttgart dahin versetzt worden. Auf unserem Wege dahin hielten wir Mittag in Waldenbuch, einem von Stuttgart und Tübingen ungefähr gleich weit entfernten Dorf. Das Mittagessen war ziemlich gut, aber desto weniger zufrieden waren wir mit dem Wirt. Um seine Gäste recht nach Stand und Würden zu bedienen, wich er, seine Serviette über dem Arm, nicht von der Stelle, und was noch auffallender war, stand er da, ohne ein Wort zu sprechen. Wir ärgerten uns beide über den beschwerlichen Gesellschafter, aber wir wußten nicht, wie wir ihn, ohne unhöflich gegen ihn zu sein, wegbringen konnten. Endlich tat er doch seinen Mund auf und sagte ganz gleichgültig, heute früh sei seine alte Mutter begraben worden. »Und das sagen Sie so kalt, Herr Wirt«, entgegnete ihm Schiller, »genieren Sie sich doch ja nicht vor uns, wir nehmen teil an Ihrem Verlust und fühlen, wie nahe er Ihnen geht, darum begeben Sie sich sogleich in Ihr Kämmerlein und weinen Sie sich aus,[144] wir werden mit dem Essen schon selber zurechtkommen.« Der Wirt nahm es für Ernst und entfernte sich, mit seiner Serviette über dem Arm, ohne sich wieder sehen zu lassen. In Tübingen angekommen, schickten wir aus dem Gasthof, wo wir abgestiegen, sogleich zu Abel, ließen ihm sagen, daß wir angekommen seien, und fragen, ob er zu Hause sei und ob wir ihn diesen Abend noch besuchen dürfen. Sein Besuch kam dem unserigen zuvor. Er traf uns im Auspacken begriffen, aber er beharrte darauf, daß wir wieder einpacken sollten, weil wir schlechterdings bei ihm logieren müßten. Wir packten daher wieder ein, ließen unsern Koffer zu ihm bringen und begaben uns alsbald mit ihm in seine Wohnung. Er wohnte in der sogenannten Bursch, einem großen Gebäude, wo mehrere Studenten freie Wohnung und freien Tisch hatten, über welche er die Aufsicht führte und mit welchen er auch nebst seiner Familie zusammen speiste. Ehe wir selbst zu Tische gingen, wohnten wir dem Abendessen der theologischen Stipendiaten bei und trafen da den als Orientalisten berühmten Professor und Ephorus Schnurrer. Der Anblick der Stipendiaten hatte viel Interessantes für uns, und mit Schnurrer unterhielten wir uns auf eine sehr angenehme Weise. Nun gingen wir selbst zu Tisch und saßen da mitten unter den Studenten, vor uns eine ungeheuer große Schüssel, aus welcher für alle die Suppe geschöpft wurde, und alle weitern gemeinschaftlichen Schüsseln von derselben Größe. Die Studenten ließen sich's schmecken, und keiner sprach ein Wort; nur einer, der am Ende der langen Tafel saß, führte das Wort um so lauter, und wir fingen eben an ärgerlich darüber zu werden, als wir erfuhren, daß es der Schwager Abels, der Doktor Schmid, sei. Am folgenden Mittag speisten wir wieder so mit den Studenten zusammen, und es ist leicht zu erachten, daß uns dies eben nicht das angenehmste war. Aber wir wurden für die dadurch erlittene Verkürzung durch unsere Unterhaltung mit unserm Freund reichlich entschädigt, da wir die ganze übrige Zeit der paar Tage, welche wir in Tübingen zubringen wollten, mit ihm allein waren, außer einer Morgenstunde, wo wir den berühmten Professor der Medizin Ploucquet, den Sohn des schon früher[145] erwähnten Philosophen, besuchten. Bis spät in die Nacht dauerte unsere gegenseitige Unterhaltung, ja Abel begleitete uns selbst in unser Schlafzimmer und verließ es, das Licht in der Hand und immer im Begriff, es zu verlassen, nicht eher, als bis ich ihm sagte, Schiller sei längst eingeschlafen, was auch wirklich der Fall war. ? Erst am dritten Tag verließen wir Tübingen, kamen am Abend wohlbehalten in Stuttgart an, und am andern Morgen reiseten wir nach Ludwigsburg zurück. Schiller wohnte in Ludwigsburg nicht bei mir im Hause, ich hatte zu wenig Raum, um ihn zu beherbergen. Denn er hatte nicht nur seine Frau bei sich, sondern auch seine Schwägerin, damals Frau von Beulwitz und nachher Frau von Wolzogen, und die Schwester ihres Mannes, ein Fräulein von Beulwitz. Aber wir kamen täglich zusammen, speisten öfters miteinander zu Mittag und Abend, und jede Stunde, welche ich meinen Geschäften abgewinnen konnte, war ihm gewidmet. Gewöhnlich war Schiller ernst, und so betraf auch unsere Unterhaltung meistens ernste Gegenstände. Aber er konnte auch, besonders wenn er sich ganz wohl befand, heiter, lustig, ja selbst kindisch sein. Er war schon im Herbst in Ludwigsburg angekommen, und seine Frau hatte noch lange bis zu ihrer Entbindung. Aber er freute sich auf Weihnachten, als ob er schon ein Kind hätte, welchem er den heiligen Christ bescheren lassen könne. Am Weihnachtsabend kam ich zu ihm, und was sah ich da? Einen mächtig großen, von einer Menge kleiner Wachskerzen beleuchteten und mit vergoldeten Nüssen, Pfefferküchlein und allerlei kleinem Zuckerwerk aufgeputzten Weihnachtsbaum. Vor ihm saß Schiller ganz allein, den Baum mit heiter lächelnder Miene anschauend und von seinen Früchten herunternaschend. Verwundert über den unerwarteten Anblick, fragte ich ihn, was er da mache. »Ich erinnere mich meiner Kindheit«, erwiderte er, »und freue mich, die Freude meines künftigen Sohnes zu antizipieren. Der Mensch ist nur einmal in seinem Leben Kind, und er muß es bleiben, bis er seine Kindheit auf ein anderes fortgeerbt hat.« ? So kindlich, ja kindisch war der hohe, ernste Mann in den Stunden seines Wohlbefindens, und es ist nichts wahrer, als was Goethe von ihm gesagt hat:[146] Amazon.de Widgets Wie bequem gesellig Den hohen Mann der gute Tag gezeigt, Wie bald sein Ernst anschließend, wohlgefällig, Zur Wechselrede heiter sich geneigt, Bald rasch gewandt, geistreich und sicherstellig Der Lebensplane tiefen Sinn erzeugt, Und fruchtbar sich in Rat und Tat ergossen, Das haben wir erfahren und genossen. So liebenswürdig Schiller in solchen guten Stunden war, so ernst und fruchtbar belehrend war er zu jeder andern Zeit. Schwerlich gibt es irgendeinen Gegenstand, worüber wir uns nicht unterhielten, besonders aber sprach er gern mit mir über Medizin, ob er sie schon längst aufgegeben hatte, und forderte mich mehrmals auf, wieder etwas zu schreiben, weil er wünschte, daß ich mich nicht zu lange dem praktischen Leben widmen, sondern trachten solle, zum Professor an irgendeiner Universität berufen zu werden. Ich konnte nicht umhin, seinen Gründen Beifall zu geben, und dies war auch die Veranlassung zu der im Jahr 1795 erschienenen Schrift: Geschichte eines epidemischen Fiebers, welches in den Jahren 1792 bis 1793 in dem Marktflecken Aschberg geherrscht hat. ? Daß ich der Poesie gänzlich entsagt habe, wollte er nicht billigen. Er meinte, ich sollte wenigstens einen Roman schreiben, und als ich ihm eines Tages von meinem wunderlichen Freund Bächler erzählte, forderte er mich auf, sogleich Hand an das Werk zu legen. Auch er hielt diesen Theosophen für eine herrliche Figur in einem Roman, und als ich endlich herausrückte und ihm sagte, daß ich den Roman wirklich schon zu schreiben angefangen, und ihm einige fertige Kapitel daraus vorlas, rief er: »Und du konntest mir so lange ein Geheimnis aus der Sache machen? Das ist gar nicht schön von dir, und damit ich nicht böse auf dich werde, so setze die Arbeit ungesäumt fort, schicke mir den Roman, wenn er fertig ist, sogleich zu, und für einen tüchtigen Verleger will ich dann schon sorgen.« Wirklich setzte ich nach seiner Abreise den angefangenen Roman fort, aber meine Geschäfte machten mir seine Vollendung unmöglich.[147] Schiller hatte damals auch einen Plan für sein eigenes künftiges Leben, durch dessen Realisierung wir leicht wieder miteinander hätten zusammenkommen können. Dalberg, damals Statthalter in Erfurt und Koadjutor von Konstanz und Mainz, hatte ihm nämlich Hoffnung gemacht, sobald er entweder Bischof von Konstanz oder Erzbischof von Mainz werden würde, ihn in seine Dienste zu nehmen. Schiller sprach darüber öfters mit mir, und immer war dabei auch von mir die Rede, indem er mit Zuverlässigkeit darauf rechnen zu können glaubte, daß ich als Leibarzt Dalbergs oder als Professor in Mainz angestellt werden würde. Bei diesen schönen Aussichten war es natürlich, daß er täglich auf die Nachricht von dem Tod des einen oder des andern dieser geistlichen Herren wartete. »Sie sind beide steinalt«, sagte er, »aber keiner denkt an das Sterben.« Besonders fatal aber war ihm das lange Leben des Bischofs von Konstanz. Dieser sollte seiner Meinung nach längst fort sein. »Aber das große Übel bei diesen Herren«, sagte er, »ist, daß sie nichts denken; käme nur eine einzige Idee in den Kopf des betagten Bischofs, so würde es die Organisation seines Gehirns nicht aushalten, er müßte plötzlich an einem Schlagfluß dahinfahren.« Von dem französischen Freiheitswesen, für welches ich mich so sehr interessierte, war Schiller kein Freund. Die schönen Aussichten in eine glücklichere Zukunft fand er nicht. Er hielt die Französische Revolution lediglich für die natürliche Folge der schlechten französischen Regierung, der Üppigkeit des Hofes und der Großen, der Demoralisation des französischen Volks und für das Werk unzufriedener, ehrgeiziger und leidenschaftlicher Menschen, welche die Lage der Dinge zur Erreichung ihrer egoistischen Zwecke benutzten, nicht für ein Werk der Weisheit. Er gab zwar zu, daß viele wahre und große Ideen, welche sich zuvor nur in Büchern und in den Köpfen hell denkender Menschen befunden, zur öffentlichen Sprache gekommen; aber um eine wahrhaft beglückende Verfassung einzuführen, sei das bei weitem nicht genug. Erstlich seien die Prinzipien selbst, die einer solchen Verfassung zum Grunde gelegt werden müssen, noch keineswegs hinlänglich entwickelt, denn[148] bis jetzt, sagte er, indem er auf Kants »Kritik der Vernunft«, die eben auf dem Tische lag, hinwies, sind sie es bloß noch hier; und zweitens, was die Hauptsache sei, müsse auch das Volk für eine solche Verfassung reif sein, und dazu fehle noch sehr viel, ja alles. Daher sei er fest überzeugt, die französische Republik werde ebenso schnell wieder aufhören, als sie entstanden sei, die republikanische Verfassung werde früher oder später in Anarchie übergehen und das einzige Heil der Nation werde sein, daß ein kräftiger Mann erscheine, er möge herkommen, woher er wolle, der den Sturm beschwöre, wieder Ordnung einführe und den Zügel der Regierung fest in der Hand halte, auch wenn er sich zum unumschränkten Herrn nicht nur von Frankreich, sondern auch von einem Teil von dem übrigen Europa machen sollte. Eine der größten Angelegenheiten Schillers während seiner Anwesenheit im Vaterland war die nahe bevorstehende Entbindung seiner Frau. Diese erfolgte in Ludwigsburg zu der bestimmten Zeit. Sie war schwer und dauerte lange. Schiller zweifelte an einem glücklichen Ausgang. Er suchte seine Besorgnisse zu verbergen, aber seine Angst blickte sichtbar aus seinem Betragen hervor. Am meisten beruhigte ihn die Zusprache meiner Frau, welche die Kreißende keinen Augenblick verließ und ihr allen möglichen Beistand leistete. Schiller hatte sich zu Bette begeben, die Entbindung verzögerte sich tief in die Nacht, aber sie ging glücklich vorüber. Meine Frau brachte Schillern das Kind vor das Bette, er schlief noch, aber das Geräusch erweckte ihn. Sein erster Anblick, wie er die Augen aufgeschlagen hatte, war der ihm geborene Sohn. Seine Freude war unaussprechlich; es war die Freude des gefühlvollen, edeln Mannes über die Rettung einer zärtlich geliebten Gattin, es war die Freude des Vaters über seinen erstgebornen Sohn. Schon während der Anwesenheit Schillers in Ludwigsburg hatten sich daselbst mehrere französische Emigranten eingefunden, und bald folgten ihnen noch mehrere. Sie fanden an dem Herzog Ludwig, dessen Anhänglichkeit an den französischen Hof allgemein bekannt war, einen großen Gönner, und auch der damals in Ludwigsburg privatisierende Prinz Friederich[149] Wilhelm bezeigte sich sehr wohlwollend gegen sie. Schon deswegen gefielen sie sich in Ludwigsburg sehr wohl, und weil sie sich zugleich in der Nähe ihres verlassenen Vaterlandes befanden, wohin sie unter günstigen Umständen alsbald zurückkehren konnten, so glaubten sie, keinen bessern Ort zu ihrem einstweiligen Aufenthalt gefunden zu haben als Ludwigsburg. Sie mieteten sich Wohnungen, suchten Bekanntschaften, besonders unter dem Adel, besuchten und gaben Gesellschaften, kurz, sie befanden sich in jeder Beziehung so wohl, als es in ihrer Lage sein konnte. Da ich der einzige Arzt in Ludwigsburg war, der französisch sprach, so ward ich auch der Arzt aller Ausgewanderten. Ich hatte viel mit ihnen zu tun und lernte sie genau kennen. Sie hatten alle großes Vertrauen zu mir, sprachen mit mir offen über ihre frühere und ihre gegenwärtige Lage, über die Ursachen der Revolution, ihren Ausbruch, ihr furchtbares Weiterschreiten und ihre Hoffnungen für die Zukunft. Ich mußte sie wegen dieser Offenheit achten und liebgewinnen, und was besonders einige Familien betrifft, so tat es mir wirklich leid, als sie Ludwigsburg verlassen mußten. Dies geschah noch unter der Regierung des Herzogs Ludwig, nachdem er von dem französischen Gouvernement aufgefordert worden, alle französische Ausgewanderte unverzüglich aus seinem Lande zu weisen. Diese Weisung erging sogleich an die Ausgewanderten; sie sollten längstens binnen drei Tagen die Stadt und binnen acht Tagen das Land verlassen, nur diejenigen, die sich als krank ausweisen könnten, sollten bis zu ihrer Genesung in Ludwigsburg bleiben dürfen. Ich hatte einigen wirklich kranken Individuen darüber die erforderlichen Zeugnisse ausgestellt; aber ein solches Zeugnis verlangte auch eine nicht lange zuvor angekommene Gräfin von mir, ohne daß sie krank war, und dieses Verlangen war um so befremdender, da ich sie nie vorher gesprochen hatte. Indessen stellte ich ihr doch das verlangte Zeugnis aus, teils aus Mitleiden, teils weil sie nur vierzehn Tage Aufschub ihrer Abreise wünschte, sagte ihr aber, um nicht kompromittiert zu werden, daß sie sich wenigstens zwei oder drei Tage zu Hause halten möchte. Sie versprach es, aber noch am nämlichen und auch am folgenden[150] Tag ging sie aus wie sonst. Ich beklagte mich darüber bei einer andern Familie, mit welcher sie täglich zusammenkam. Die Gräfin erfuhr meine Beschwerde beim Abschied von dieser Familie, die ihr selbst den Vorwurf machte, daß es nicht schön von ihr sei, mich so zu kompromittieren. Aber statt ihr Unrecht zu bereuen, fuhr sie nicht nur nach wie vor auszugehen fort, sondern machte sich vielmehr groß damit, indem sie irgendwo sagte, daß sie nicht einsehe, was dieser deutsche Arzt sich einbilde und wie er einer Dame von ihrem Stand gegenüber von Kompromittiertwerden sprechen könne. Natürlich ließ ich ihr diese Impertinenz nicht hingehen. Ich begab mich zum Oberamtmann und zeigte ihm an, daß die französische Gräfin, welcher ich vor drei Tagen das ihm bewußte Zeugnis ausgestellt, nun wieder vollkommen gesund sei und ohne Anstand abreisen könne. Sogleich erhielt sie von dem Oberamtmann die Weisung zur Abreise, und ohne von dem unbedeutenden deutschen Arzt Abschied zu nehmen, setzte sie sich in ihren Wagen und fuhr von Ludwigsburg ab. Ganz anders benahm sich eine andere vornehme Dame, welche sich nebst einigen andern Ausgewanderten, welche von mir Zeugnisse erhielten, über die festgesetzte Zeit in Ludwigsburg aufgehalten hatte und noch da war, als den Ausgewanderten von dem damaligen französischen Gouvernement die Rückkehr nach Frankreich erlaubt worden. Alle andern hatten sogleich Gebrauch von dieser Erlaubnis gemacht; nur jene Dame, welche der Zusage des selbst noch nicht ganz befestigten Gouvernements nicht traute, blieb in Ludwigsburg zurück und wollte erst hören, wie es den Zurückkehrenden in Frankreich ergangen. Aber sie hatte indessen die günstige Zeit zur Rückkehr versäumt und wußte nun nicht, was sie tun sollte. Mit tränenden Augen kam sie zu mir, um sich bei mir Rats zu erholen. Ich konnte ihr keinen Rat geben, doch fiel mir ein, zu versuchen, ob der Zweck nicht durch List zu erreichen sei. Ich riet ihr daher, sich unmittelbar an das Direktorium, insbesondere an den Direktor Rewbel, zu wenden und ihrer Bittschrift ein ärztliches Zeugnis von mir beizulegen, des Inhalts, daß sie zu der Zeit, wo sie nach Frankreich hätte zurückkehren sollen,[151] tödlich krank gewesen und sich zu ihrer Erholung auf das Land begeben habe und daß sie in der Einsamkeit, in welcher sie sich dort befunden, nichts von dem den Ausgewanderten günstigen Dekret des Direktoriums erfahren habe. Der Dame gefiel mein Vorschlag, das Zeugnis ward von mir aufgesetzt, mein schlechtes Französisch von einem französischen Sprachmeister korrigiert, von mir ins reine geschrieben und der Bittschrift der Dame beigelegt. Nach Verfluß einiger Wochen erhielt sie von Paris die Antwort, daß ihr auf den Grund des ihrer Bittschrift beigelegten ärztlichen Zeugnisses die Rückkehr nach Frankreich bewilligt sei, und wenige Tage darauf reiste die Dame von Ludwigsburg ab, nachdem sie mir für die gelungene List herzlich gedankt hatte. ? Überhaupt machte mir es Freude, diesen Landesflüchtigen, wo ich konnte, etwas Gutes und Angenehmes zu erweisen, und ich tat es um so lieber, da es alle, außer jener übermütigen Gräfin, dankbar erkannten. Insbesondere muß ich dieses von den Familien Serçeau und Boiclaireau aus der Normandie rühmen. Diese beiden Familien kehrten nicht in ihr Vaterland zurück, sondern begaben sich nach Nordamerika, kauften sich dort Güter von dem nicht unbedeutenden Vermögen, was sie aus Frankreich gerettet hatten, und sooft sie an ihre Freunde in Ludwigsburg schrieben, vergaßen sie nie, ihren Arzt in ihrem Namen grüßen zu lassen. Die Bekanntschaft mit den französischen Ausgewanderten hat für mich nicht nur viel Angenehmes gehabt, sondern sie ist mir auch in mancher Beziehung nützlich gewesen. Erstlich habe ich in meinem täglichen Umgang mit ihnen mich im Französischsprechen geübt, so daß ich darin immer fertiger wurde. Zweitens habe ich auch manches zur Erweiterung meiner ärztlichen Kenntnisse gewonnen, indem ich z.B. die Erscheinungen der Hysterie nie in dem Grad und in der Manchfaltigkeit sah wie bei einigen Französinnen sowie ich auch die Erfahrung gemacht habe, daß die Franzosen in ihren Krankheiten überhaupt anders behandelt werden müssen als die Deutschen ? eine Erfahrung, die sich mir auch in der Folge in den französischen Militärlazaretten auf vielfache Weise bewährt hat. Endlich[152] habe ich auch gelernt, wie man mit Dienstboten umgehen muß, wenn sie die Anhänglichkeit an ihre Herrschaften haben sollen, welche ihren Diensten erst ihren wahren Wert gibt. Auch hier muß ich wieder der Familien Serçeau und Boiclaireau rühmlich erwähnen. Beide Familien wohnten beisammen und hatten zwei gemeinschaftliche Bediente. Diese beiden Bedienten leisteten mehr als vier Deutsche. Sie reinigten die Zimmer, frisierten die Damen, kleideten die Herren an, gingen mit ihren Körben am Arm auf den Markt, um Lebensmittel einzukaufen, kochten alle Speisen, deckten den Tisch, servierten beim Speisen, reinigten nach dem Essen die dabei gebrauchten Geschirre, kurz, sie verrichteten alle männliche und weibliche Domestikendienste; dafür waren sie aber auch geachtet wie die Glieder der Familie, ja die Herrschaften erhielten nicht einmal Briefe aus Frankreich, aus deren Inhalt sie ihnen ein Geheimnis machten, so wie ihnen auch alle französische Zeitungen, mit welchen der Prinz Friederich Wilhelm die Ausgewanderten zu versehen pflegte, mitgeteilt oder vorgelesen wurden. Schon im Jahr 1770 hatte der Herzog Karl seine Residenz beständig in Stuttgart gehabt; sein Nachfolger, Herzog Ludwig, wechselte zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, dort residierte er in den Winter-, hier in den Sommermonaten. Dies geschah schon in dem ersten Jahr seiner Regierung. Bei seinem Einzug in Ludwigsburg begleitete ihn ein großer Teil des Hofes, darunter die ersten Familien des Landes. Von den meisten wurde ich zum Hausarzt genommen, und auch dadurch bekam meine Existenz einen bedeutenden Zuwachs von Annehmlichkeit. Ich wurde von allen auf das freundlichste behandelt, und besonders von der gräflich Pücklerschen, der freiherrlich Schenkschen und Senftschen Familie. Der Herzog hatte keinen seiner Leibärzte bei sich; bedurfte er derselben, so ließ er sie von Stuttgart rufen, was, soviel ich mich erinnere, während seines erstmaligen Aufenthalts in Ludwigsburg nie geschah. Was mich aber mehr freute als alles andere, war, daß mein Freund Haug mit ihm nach Ludwigsburg kam. Er war Sekretär in dem geheimen Kabinett des Herzogs, und er und der geheime Referendar Schwab waren seine Hauptgehülfen[153] bei seinen Regierungsgeschäften. Alle Abende besuchte mich Haug, und wir hatten das vergnügteste Leben zusammen. Gewöhnlich waren auch mein Freund Stoll und noch einige andere meiner Ludwigsburger Freunde mit von der Gesellschaft. Haug war unstreitig einer der witzigsten Köpfe in Württenberg, aber wie er der gutmütigste Mensch war, so war auch sein Witz nie beißend, und auch diejenigen, die er traf, fanden sich nicht dadurch beleidigt. Er hatte eine bewundernswürdige Gabe, die Stimmen bekannter Personen nachzumachen, und es war jederzeit ein Fest für uns, wenn er es tat. Für den Herzog war er sehr eingenommen, und wenn wir behaupteten, daß er weit nicht das sei, was sein Vorfahr gewesen, indem seine Regierung eine höchst schwache Regierung sei, so entschuldigte er ihn jederzeit damit, daß er in den Regierungsangelegenheiten noch nicht vollkommen orientiert sei, dieses aber gewiß bald kommen werde. Aber der Herzog war bereits zu alt, um sich gehörig zu orientieren, und da auch Haug und Schwab bei allen ihren anderweitigen Verdiensten als Stubengelehrte die Männer nicht waren, die ihm dabei hätten behülflich sein können, so war in der Hauptsache die Regierung in den Händen des Geheimenrats, welches die Geheimenräte wohl wußten und daher auch öfters, wenn herzogliche Reskripte nach Stuttgart von Ludwigsburg kamen, sagten, da seien wieder Reskripte von den drei Magistern in Ludwigsburg. ? Indessen ging der Sommer vorüber, der Herzog begab sich mit seinem Kabinett nach Stuttgart zurück, und mit Sehnsucht sahen wir dem nächsten Frühjahr entgegen. Das Frühjahr kam, schon im April auch der Herzog mit seinem Hof und Kabinett, und so kam ich denn auch wieder mit Haug zusammen. Gleich nach seiner Ankunft besuchte er mich, und meine erste Frage war, ob sich der Herzog während des Winters orientiert habe. Haug lachte, aber der brave Mann nahm die Partie des Herzogs wieder, und ich ließ ihn auf seinem Glauben gern und um so mehr, da ich dem Herzog wegen seines guten Willens und seiner sich in allen seinen Handlungen aussprechen den Herzensgüte selbst von Herzen gut war. Nun sah ich den Herzog von ungefähr auf einem Spazierritt und glaubte zu bemerken, daß er nicht so gut aussehe[154] als im vergangenen Sommer. Ich teilte Haug diese Bemerkung mit, auch einigen Hofkavalieren. Aber sie versicherten mir, daß der Herzog während des ganzen Winters gesund gewesen und sich auch jetzt vollkommen wohl befinde. Nun hatte ich aber gehört, der Herzog habe ein arthritisches Geschwür am Fuß gehabt, welches ihm seine Leibärzte nicht hätten heilen wollen, weil es ihn aber am Reiten, seiner Hauptbewegung, gehindert habe, so sei er auf der Heilung bestanden und habe von der Solitude, wo damals ein österreichisches Regiment sein Winterquartier hielt, den Regimentsarzt Butterweck rufen lassen, der ihm als ein besonders geschickter Wundarzt empfohlen worden sei. Butterweck nahm keinen Anstand, zu tun, was der Herzog verlangte. Da der Herzog vollkommen gesund sei, meinte er, so könne das Geschwür ohne Bedenken geheilt werden. Er begann also die Heilung sogleich, nach wenigen Wochen war sie vollendet, und so geheilt kam dann der Herzog nach Ludwigsburg. Aber schon im Monat Mai zeigte sich die schlimme Wirkung der voreiligen unzweckmäßigen Kur. An einem schwülen, gewitterdrohenden Morgen machte der Herzog seinen gewöhnlichen Spazierritt, und er war noch nicht vierhundert Schritte weit von dem Schloß in der Allee hinaufgeritten, als er auf dem Pferd zu wanken anfing, hinten vom Pferde heruntergleitete und sterbend am Boden lag. Er wurde sogleich von zwei in der Nähe gewesenen Bürgern in das Schloß getragen und in demselben Augenblick nach ärztlicher Hülfe ausgesandt. Haug schickte eilends einen Hofbedienten nach mir aus. Ich befand mich in der hintern Schloßgasse in dem von Lilienbergischen Hause, wo ich mit Schrecken den herbeieilenden Hofbedienten aus dem Fenster sah. »Der Herzog stirbt«, rief er, »kommen Sie doch um Gotteswillen.« Ich eilte, was ich konnte, nach dem Schlosse, nach dem Zimmer, wohin der Herzog gebracht worden. Aber ich fand ihn bereits tot, und alle Wiederbelebungsversuche, die ich machen ließ, waren fruchtlos. Auf die Nachricht, den Herzog habe der Schlag getroffen, waren sogleich von der Herzogin Eilboten nach der Solitude geschickt, um den Regimentsarzt Butterweck zu holen. Butterweck kam, verwunderte sich gewaltig,[155] den Herzog so unerwartet und plötzlich sterben zu sehen, und obschon der Herzog vor ein paar Stunden gestorben war, setzte er doch mit einer gewissen, dem Hofe sehr attachierten Gräfin namens Malchevska die Wiederbelebungsversuche zum großen Ärgernis der Umstehenden fort, bis ich ihm auf eine derbe Art sagte, daß hier nichts mehr für ihn zu tun sei und gutmachen das Geschehene könne er nicht mehr. Der Prinz Friederich Wilhelm war an diesem Tage gerade in Stuttgart, aber unmittelbar auf die erhaltene Nachricht eilte er nach Ludwigsburg und übernahm als nunmehriger Erbprinz im Namen seines Vaters, des Herzogs Friederich Eugen, des Bruders und Nachfolgers des Verstorbenen, die Regierung. Nach der Beisetzung des Herzogs Ludwig blieb seine Witwe vorderhand in Ludwigsburg, wo sie mich zu ihrem Arzt annahm und auch beibehielt, nachdem sie ihren Witwensitz in dem Schlosse Winnental genommen hatte. Wie die Akademie in Stuttgart wurde auch das von dem Herzog Karl gestiftete militärische Waisenhaus in Ludwigsburg, über welches mein Vater die Oberaufsicht hatte, von dem Herzog Ludwig gleich nach dem Antritt seiner Regierung aufgehoben. Mein Vater trat wieder in seine früher bekleidete Hauptmannsstelle ein und kam in Garnison nach Stuttgart. Natürlich veranlaßte mich diese Versetzung, wieder öfter nach Stuttgart zu reisen, und dies geschah denn auch, sooft es meine Geschäfte erlaubten, aber am sechsten Mai, dem Geburtstag meines Vaters, war ich alle Jahre mit meiner ganzen Familie zur Feier dieses Tages bestimmt in Stuttgart. Zu meiner großen Freude traf ich meine Eltern und Geschwister bei diesen Besuchen immer gesund und zufrieden an, nur meine dritte Schwester hatte angefangen zu kränkeln. Sie magerte ab, hustete viel und trocken, und ich hatte alle Ursache, eine Lungenschwindsucht bei ihr zu fürchten. Leider erfolgte dieser Übergang bald, und alle Mühe, welche sich mein geschickter Freund Plieninger und ich selbst bei meinen jetzt viel häufigern Besuchen mit ihr gaben, war vergebens. Sie starb in der schönsten Blüte ihrer Jugend, und mit Jammer begleitete ich ihre Leiche. Schon vor dem Feldzug im Jahr 1796 war mein Vater zum[156] Stabsoffizier befördert, und bei Eröffnung desselben zog er als Major eines Grenadierregiments mit den württenbergischen Truppen ins Feld. Wie er als ein noch ganz junger Mann im Siebenjährigen Kriege sich als einen tüchtigen Offizier erwiesen hatte, so zeigte er sich auch als ein bereits vierundsechzigjähriger Mann in dem Feldzuge gegen die Franzosen nicht minder tapfer, und nach Beendigung desselben wurde er zum Oberstlieutenant befördert. Aber mein Vater war nicht bloß ein tapferer Soldat, er war auch ein Mann von dem zartesten Ehrgefühl, von der strengsten Rechtlichkeit und mutig und unerschrocken, wenn es das Recht zu schützen galt. Zum Beweis hiervon will ich nur einen einzigen Fall anführen. Er kommandierte als Oberstlieutenant das Regiment »Prinz Paul«, als ein Lieutenant eines andern Regiments von einem Stabsoffizier, welcher bei dem Herzog, dem vormaligen Prinzen Friederich Wilhelm, sehr viel galt, in öffentlicher Gesellschaft etwas aussagte, was diesem nicht zur Ehre gereichte. Auf die Beschwerde des Stabsoffiziers bei dem Herzog verfügte dieser, ohne zuvor die Sache näher untersucht zu haben, die Kassation des Lieutenants. Empört von diesem willkürlichen Verfahren, verlangte der Lieutenant vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden; allein anstatt ihm dieses geradezu, wie es gerechterweise hätte geschehen sollen, zu bewilligen, forderte der Herzog die Kommandeurs sämtlicher Regimenter zur Beantwortung der Frage auf, ob dem Lieutenant seine Bitte bewilligt werden solle oder nicht. Die Frage war so gestellt, daß die Kommandeurs und Offiziere der Regimenter, ohne sich die Ungnade des Herzogs zuzuziehen, nicht umhinzukönnen glaubten, gegen den Lieutenant zu stimmen, und so fielen denn auch wirklich die Stimmen aller Regimenter gegen ihn aus, ausgenommen des Regiments, welches mein Vater kommandierte und von welchem alle Offiziere auf den Antrag meines Vaters für ihn stimmten. Natürlich nahm dies der Herzog sehr ungnädig auf, und besonders aufgebracht war er über meinen Vater, dem er die Hauptschuld beimaß. Um jedoch allen Schein von Ungerechtigkeit zu vermeiden, bewilligte der Herzog gegen alle Erwartung dem Lieutenant das verlangte Kriegsgericht, und was noch auffallender[157] war, er ernannte meinen Vater zum Präsidenten desselben. Das Kriegsgericht trat zusammen, und das Resultat der Beratschlagung war, daß die Sache des Lieutenants näher untersucht, die Kassation desselben einstweilen aufgehoben und erst, wenn der Lieutenant wirklich schuldig befunden worden, die Kassation eintreten solle. Empört über dieses Urteil, setzte der Herzog das ganze Kriegsgericht auf die Festung Hohen-Aschberg. Dies geschah in den ersten Tagen des Dezembers. Aber im Lauf des Monats hätte sich die leidenschaftliche Hitze des Herzogs gelegt, und wie er immer geneigt war, was er in derselben getan hatte, zu bereuen und das in der Hitze begangene Unrecht wiedergutzumachen, so geschah dies auch jetzt. Die Untersuchung war günstig für den Lieutenant ausgefallen, die Kassation wurde stillschweigend zurückgenommen, das Kriegsgericht wurde am Ende des Monats aus der Gefangenschaft entlassen, und mein Vater, der als Oberstlieutenant auf die Festung gesetzt worden, wurde nicht lange nach seiner Rückkehr nach Stuttgart zum Oberst befördert. Überhaupt hatte der Herzog von dieser Zeit an eine sehr günstige Meinung von meinem Vater gefaßt, er bezeigte sich bei jeder Gelegenheit besonders gnädig gegen ihn, stellte ihn dem Kaiser Napoleon bei dessen Anwesenheit in Stuttgart als seinen ältesten und einen seiner verdientesten Offiziere vor, und selbst nachdem er bereits als Oberst pensioniert war, ließ er ihm die Intendantenstelle an der von ihm in Stuttgart gestifteten großen Invalidenanstalt anbieten, welche er auch, als einen besondern Beweis des Zutrauens des Herzogs gegen ihn, mit Vergnügen annahm und bis zur Versetzung der Anstalt nach Komburg bekleidete. Daß ich bei den häufigern Besuchen, welche ich seit dem Aufenthalt meiner Eltern in Stuttgart daselbst machte, außer meinen Eltern und Geschwistern auch meine alten Jugendfreunde besuchte, versteht sich von selbst. Besonders aber versäumte ich nicht leicht, die öffentliche Bibliothek zu besuchen, weil ich gewiß war, einen meiner liebsten und vertrautesten Jugendfreunde, den Bibliothekar Petersen, daselbst anzutreffen. Blieb ich in Stuttgart über Nacht, so brachte ich die Abende gewöhnlich in geschlossener Gesellschaft in einem Gasthofe zu, wo ich[158] die meisten meiner alten Freunde beisammen fand. Hier war besonders Haug in seinem Element, nirgends zeigte sich sein Witz glänzender, und ein großer Teil seiner hundert Epigramme auf Bibus stammt aus dieser Gesellschaft her. Dieser Bibus war Petersen, und fast alle Abende verlangte er selbst ein Epigramm auf sich von Haug. Dieser war allzeit fertig dazu, und viele machte er aus dem Stegreif, wie folgendes: Er hat zu seinem Symbolon Das Wort sich aus der Passion: Mich dürstet, ausersehn Und hält nach eigenen Proben Den Vers für unterschoben: Laß diesen Kelch vorübergehn. In diese Gesellschaft wurde auch Iffland während seiner Anwesenheit in Stuttgart eingeführt. Ich traf ihn nie in derselben, sondern sah ihn zum erstenmal bei Huber, dem Verfasser des rühmlich bekannten Trauerspiels »Das heimliche Gericht« und Redakteur der von Posselt begonnenen, allgemein gelesenen historischen Zeitschrift: allgemeine »Weltkunde«, bei einem Abendessen, welches er Iffland zu Ehren gab und zu welchem auch Conz und ich von ihm eingeladen worden. Wir trafen bei Huber ein, als die geladene Gesellschaft schon beisammen war. Die Gesellschaft war zahlreich, die Tafel herrlich gedeckt, die Speisen köstlich, es fehlte nicht an mancherlei ausgesuchten Weinen, besonders reichlich aber floß der Champagner, von welchem Iffland bekanntlich ein großer Liebhaber war. Bei Tisch war natürlich der Hauptgegenstand der Unterhaltung die dramatische Dichtkunst und die Mimik, denn wie hätte in Gegenwart eines so großen Meisters in beiden von etwas anderm mehr gesprochen werden können? Erst am Ende des Mahles wurde die Unterhaltung allgemeiner, und unter vielem andern kamen auch die neuesten Verhandlungen bei dem Konsistorium zur Sprache. Sekretär bei dem Konsistorium war Grüneisen, auch ein vormaliger Zögling der Akademie in Stuttgart, ein ebenso witziger Kopf als Haug, aber noch vorzüglicher als dieser in der Kunst, Stimmen nachzumachen. Iffland kannte[159] beide von dieser Seite noch nicht, aber er sollte nun eine Probe von ihrer Kunst hören. Die Einleitung dazu gab die an den Sekretär Grüneisen gestellte Frage, ob seit einigen Tagen nichts besonders Interessantes in dem Konsistorium verhandelt worden. Grüneisen wollte anfangs von nichts wissen; doch besann er sich einige Augenblicke und sagte dann, etwas sei doch vorgekommen, einer von den Konsistorialräten habe den Antrag gestellt, ob es nicht gut wäre, den Landesherrn zu bitten, einen in Stuttgart anwesenden fremden Schauspieler aus der Stadt zu weisen, der Mensch sei kein eigentlicher Schauspieler, sondern er habe einen Bund mit dem Teufel, vermöge dessen er sich in jede Person, welche er auf dem Theater zu spielen scheine, verwandele; es sei hierauf zur Abstimmung gekommen, der Antragsteller sei mit seinem Antrag durchgefallen, und besonders habe sich der Direktor des Konsistoriums des verdächtigen Schauspielers angenommen sowie bei dieser Gelegenheit des Theaters überhaupt, vorausgesetzt, daß immer moralische Stücke aufgeführt werden, wie z.E. »Die Zauberflöte«, wo ihm besonders Sarastro gefalle, von dem es nur schade sei, daß er ein Heide und kein protestantischer Geistlicher sei, als welcher er ohne Anstand zu einer Prälatur empfohlen werden könnte. ? Hatte dieses Kompliment Iffland höchlich geschmeichelt, so wurde das Vergnügen des großen Mimikers noch höher dadurch gesteigert, daß Grüneisen bei seiner Relation die Stimmen der Konsistorialräte auf das täuschendste nachmachte. Iffland konnte sich über dieses Talent Grüneisens nicht genug verwundern, nur ein Ohrenzeuge, sagte er, könne an die Möglichkeit eines solchen Talents glauben. Dieser Ausspruch war die Losung, das ganze Konsistorium sprechen zu lassen, erst einzeln, dann zusammen, zuletzt singend, indem Grüneisen sämtliche Konsistorialräte, um einen Freiheitsbaum herumtanzend, ein Freiheitslied singen ließ, wobei sogar die einzelnen Stimmen deutlich zu unterscheiden waren. Das lustigste dabei war, daß auch einer der Konsistorialräte sich in der Gesellschaft befand, Grüneisen gerade gegenüber saß, wie die Stimmen seiner Kollegen, auch seine eigene, mit Wohlgefallen hörte, aber sich schlafend stellte, ohne dabei seine[160] lächelnde Miene in die ruhige eines Schlafenden umwandeln zu können. ? Nach Grüneisen ließ Haug seine Kunst hören. Iffland bewunderte ihn nicht weniger als Grüneisen, und als zuletzt beide, bald diese, bald jene Stimme nachahmend, zusammen sprachen, so wollte das Beifallrufen und Lachen kein Ende nehmen. ? Endlich wurde auch Iffland aufgefordert, eine Probe von seiner Kunst zu geben. Er tat es mit Vergnügen und gab uns einen Dialog zwischen zwei Juden, einem gebildeten und einem unwissenden, wo der erstere dem letztern die Geschichte des jüdischen Volks erzählte. Beide sprachen jüdisch-deutsch, aber jeder in einem ganz verschiedenen Dialekt, und ebenso verschieden war auch ihre Mimik, besonders aber der Ausdruck des Erstaunens, als der Unwissende hörte, daß die Juden einmal Könige gehabt hätten. Die Gesellschaft blieb beisammen bis spät in die Nacht, und ich darf wohl sagen, daß ich nie in einer Gesellschaft mehr gelacht habe und überhaupt vergnügter gewesen bin als in dieser. Ich habe nachher Iffland mehrmal sowohl in Stuttgart als in Ludwigsburg spielen sehen, und wie ich ihn als Schauspieler bewundert hatte, so lernte ich ihn auch als Dramaturgen schätzen, indem ich ein paarmal Gelegenheit hatte, ihn auch über die Kunst sprechen zu hören. Ich habe oben von dem großen Interesse gesprochen, welches ich sowie die meisten meiner jungen Freunde an der Französischen Revolution genommen. Allerdings hat sich dieses Interesse um vieles vermindert, seit ich mit Schillers Ansicht der Revolution bekannt worden. Auch hatte ich indessen alle Greuel derselben in Frankreich und in Deutschland alle Schrecknisse und Abscheulichkeiten des Revolutionskrieges genugsam erkannt. Aber ich gab deswegen die Hoffnung eines endlichen bessern Erfolgs nicht auf. Ebensowenig taten dies auch meine Freunde, sowohl in Ludwigsburg als in Stuttgart. Bei allem Abscheu, den wir vor den Gewaltstreichen der Machthaber und den Scheußlichkeiten des Volks in Paris hatten, konnten wir doch nicht umhin, die Energie der französischen Nation, die ungeheure Kraft, die sie entwickelte, die Tapferkeit der französischen Heere, ihre beispiellosen Siege, und mehr als alles, die Taten des größten ihrer Helden, des[161] Generals Buonaparte, zu bewundern. Wir sprachen daher unsere Bewunderung bei allen Gelegenheiten unverhohlen aus, und auch mitten im Krieg selbst, wo wir alles Ungemach desselben erfuhren, verteidigten wir die Sache der Franzosen, so gut wir konnten, und behandelten die Soldaten und Offiziere, die bei uns einquartiert wurden oder sonst in nähere Berührung mit uns kamen, als unsere Freunde. So war es nicht nur in Ludwigsburg, so war es auch in Stuttgart, so war es überhaupt mehr oder weniger im ganzen Lande. Natürlich konnte diese Stimmung der Regierung nicht gleichgültig sein; aber was konnte sie dagegen tun, solange die Franzosen im Land waren? Sie mußte die Franzosenfreunde reden lassen und warten, bis sie gegen sie tätig einschreiten konnte. Die Gelegenheit dazu gab sich bald. Die französische Armee hatte das Land geräumt; aber es hielten sich in Stuttgart einzelne Franzosen auf, welche man für Emissäre hielt. Man gab genau acht, wer von Stuttgart, von Ludwigsburg oder sonst woher mit ihnen in Verbindung getreten war, und ehe man sich's versah, wurden die Verdächtigen festgenommen, selbst nachts aus dem Bette geholt und auf die Festung Hohen-Aschberg gesetzt, ohne ihnen zu sagen, warum. Unter den Gefangenen waren auch einige meiner Bekannten und Freunde, und weil auch ich einer von denen war, welche die Sache der Franzosen bei jeder Gelegenheit in Schutz genommen hatten, so fürchtete ich, daß bei den fortdauernden Gefangennehmungen der Franzosenfreunde früher oder später auch die Reihe an mich kommen würde. Meine Frau hatte daher meine Sachen schon zusammengepackt, weil sie alle Tage fürchtete, daß ich, wie mein Freund Bunz und andere, in der Nacht aus dem Bette geholt werden könne. Allein es handelte sich bei diesen Gefangennehmungen der Franzosenfreunde, wie mir der die Untersuchung führende Minister von Norrmann gesagt hatte, nicht davon, daß sie zugunsten der Franzosen gesprochen, sondern davon, daß sie zu ihren Gunsten gehandelt hätten. Das Letztere hatte ich nie getan; ich hatte weder einen der vermeintlichen französischen Emissäre gesehen noch viel weniger gesprochen, und ebensowenig hatte ich auch je einen Brief geschrieben, der mich bei[162] der Regierung hätte verdächtig machen können. Aber ich glaubte doch der Versicherung des Ministers nicht ganz, und noch weniger glaubte derselben meine Frau. Sie packte daher den Koffer nicht wieder aus, und auch ich war noch nicht außer aller Sorge, als ich auf einmal ganz unerwartet von aller Besorgnis befreit wurde. Ich war nämlich nach Stuttgart gereist, um in Schillers »Maria Stuart« Iffland als Graf Leicester spielen zu sehen. Meine Eltern waren, wie schon bemerkt, nicht mehr in Ludwigsburg, sondern in Stuttgart, und ich hatte mich eben mit ihnen zu Tisch gesetzt, als ich durch Estafette von Ludwigsburg einen Brief erhielt, worin mir von dem Herzog befohlen war, mich unverzüglich auf die Festung Hohen-Aschberg zu begeben, um den daselbst befindlichen Staatsgefangenen, gefährlich erkrankten Oberst von Wolff zu besuchen. Diesem unmittelbaren Befehl des Herzogs zufolge ließ ich sogleich einspannen, fuhr auf dem nächsten Weg nach Hohen-Aschberg, besuchte den kranken Oberst, und ehe ich selbst nach Ludwigsburg gekommen war, hatte der Herzog meinen Rapport von dem Befinden des Oberst bereits in Händen. Nach meiner Ankunft in Ludwigsburg erzählte mir meine Frau, gleich nach meiner Abreise nach Stuttgart sei ein Hofbedienter gekommen, der mir hätte sagen sollen, daß ich auf Befehl des Herzogs mich ungesäumt zu dem kranken Oberst von Wolff begeben soll, sie hätte dem Bedienten gesagt, daß ich nach Stuttgart gereist sei und vor Nacht nicht zurückkommen werde, wenn daher die Sache Eile habe, möge der Herzog einen andern Arzt zu dem Oberst von Wolff abschicken. Der Hofbediente meldete dies, der Herzog wurde davon in Kenntnis gesetzt, aber statt einen andern Arzt nach Hohen-Aschberg zu schicken, befahl er, mich durch Estafette dahin zu beordern, mit dem Beisatz, daß, wenn er einen andern Arzt als mich hätte haben wollen, er ihn schon zu finden gewußt hätte. So wurde ich nun, statt als Staatsgefangener auf die Festung gesetzt zu werden, Arzt der Staatsgefangenen, denn sooft ein solcher erkrankte, mußte ich auf Befehl des Herzogs von der Festungskommandantschaft zu demselben gerufen werden. Nicht lange nach diesem Vorgang erhielt ich ganz unerwartet[163] einen für mich und meine Frau gleich erfreulichen Besuch von einer Dame, welche ich während der Anwesenheit meines Freundes Schiller in Ludwigsburg kennengelernt hatte. Es war die Frau Geheimerätin von Wolzogen, die Gemahlin eines andern lieben Jugendfreundes von mir, deren ich schon früher als einer Frau von Beulwitz erwähnt habe. Sie war begleitet von ihrem einzigen Sohn, einem Knaben von ungefähr sechs Jahren, dessen Hofmeister und einer Kammerjungfer. Ihr Besuch bei uns sollte einen vollen Monat dauern, und um uns gegenseitig nicht zu genieren, wurde ausgemacht, daß wir nur des Mittags bei Tisch und abends beim Tee und Abendessen zusammenkommen wollten, vormittags aber jedes seinen Geschäften nachgehen sollte. Dieses Gesetz wurde auf das pünktlichste befolgt, ja seine Befolgung sogar übertrieben, indem beide Frauen, wenn sie vormittags sich zufällig begegneten, sich nicht einmal begrüßten, sondern, als sähen sie sich nicht, aneinander vorübergingen. Die Verfasserin des schönen und geistreichen Romans »Agnes von Lilien« schrieb jetzt gerade an ihrem neuen Roman »Walter« und widmete demselben den größten Teil ihrer Vormittagsstunden, während meine Frau ihre Hausgeschäfte besorgte. Mittags bei Tisch kamen wir zusammen, nachmittags machten wir unsere Spaziergänge, besahen dieses oder jenes, machten da und dort Besuche, und am Abend beim Tee war unser gewöhnlicher Gesellschafter Diakonus Conz, welcher die Frau von Wolzogen schon früher kennengelernt hatte. Aus der literarischen Welt, in welcher Conz ganz lebte, hatte er jederzeit etwas zu referieren, wovon er glaubte, daß es interessant sein würde. So unterhielt er uns unter anderem auch einmal mit dem Roman »Der gehörnte Siegfried«, wobei auch seine Frau zugegen war. Sie saß der Frau von Wolzogen gerade gegenüber, die sich während des ganzen Referats des Lachens nicht enthalten konnte. Conz, in der Meinung, dieses Lachen gelte dem gehörnten Siegfried, fuhr um so eifriger in seinem Referat fort. Aber Frau von Wolzogen lachte nicht über den gehörnten Siegfried, sondern über die Balggeschwulst an der Stirne der ihr gegenübersitzenden Frau, welche ihr wie ein eben hervorsprossendes Horn vorkam.[164] Solche Späße kamen fast alle Abende vor; aber noch öfter war unsere Unterhaltung ernsthafter Art, und weit der häufigste Gegenstand derselben war Schiller und seine Familie. Ich wollte alles, was ihr bekannt war, auf das genaueste wissen, und insbesondere interessierte mich sein Verhältnis mit Goethe, mit welchem er jetzt viel näher zusammengekommen war als früher. Sie gab mir über alles die befriedigendste Auskunft, sagte mir aber auch, wie sehr sich Schiller für mich interessiere, wie oft er von mir spreche, wie oft er seines im Jahr 1793 gemachten Besuchs in Ludwigsburg gedenke und wie sehr er wünsche, daß ich dem Rat, den er mir damals gegeben, mich um ein Professorat auf einer Universität zu bewerben, baldmöglichst folgen möge. Er glaubte, daß ich mein Augenmerk vorzüglich auf Jena richten solle, nicht allein weil ich da wieder mit ihm zusammenkäme, sondern auch weil ich, wenn mir das Universitätsleben nicht mehr gefallen sollte, nach dem Tod des Hofrats Starke leicht herzoglicher Leibarzt in Weimar werden könnte. Ich hatte die Gründe, aus welchen er mir diesen Rat gab, wohl überlegt, ich mußte ihnen meinen Beifall geben und hatte mich auch von jener Zeit an wieder mehr mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt; allein ich war meines praktischen Lebens bereits zu gewohnt geworden, als daß ich mich so leicht davon hätte losreißen können. Es mußten noch mehrere Motive zusammenkommen, um mich zu diesem Schritt zu bestimmen, und diese Motive fanden sich wirklich. Ich habe schon erwähnt, daß mein Verhältnis zu dem Prinzen Friederich Wilhelm nach der Blatternimpfgeschichte sich um vieles besser gestaltet hatte, als es früher war. Ich sah ihn oft als damaligen Erbprinzen1 in dem von Mauclerschen Hause, und wie er sich als Erbprinz immer gnädig gegen mich bezeigt hatte, so tat er dies auch als regierender Herr2. Auch war ich gewiß, daß er von mir auch als Arzt eine günstige Meinung habe. Außer den guten Diensten, welche ich der von Mauclerschen[165] Familie geleistet hatte und von welchen er selbst Zeuge war, schien ich mich ihm vorzüglich durch eine Kur empfohlen zu haben, die ich an dem Schloßkastellan Burniz in Ludwigsburg gemacht hatte, welcher an einer schon weit fortgeschrittenen Luftröhrenschwindsucht litt. Die Ärzte, welche den Kastellan behandelten, zweifelten an seiner Rettung, die Besorgnisse der Ärzte verbreiteten sich am Hof, bald teilte sie auch der Herzog, und dieser hatte bereits seine Stelle einem andern zugesagt, als er erfuhr, es gehe mit dem Befinden des Kastellans wieder so gut, daß an seiner gänzlichen Wiederherstellung kein Zweifel mehr sei, welche auch wirklich bald darauf erfolgte. Es ist möglich, daß dem Herzog beigebracht worden, der Kastellan habe seine Heilung viel mehr seiner guten Konstitution als meiner Kunst zu danken, und was meiner Vermutung einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit gab, war, daß ich bei der bald darauf erfolgten Krankheit des Grafen von Zeppelin, seines Jugendfreundes und Lieblings, nicht beigezogen wurde. Der Arzt, der ihn behandelte, war Hopfengärtner, zwar der würdige Sohn seines großen Vaters, aber doch ein viel jüngerer Arzt als ich. Der Graf lag an einem typhösen Fieber darnieder, das anfangs nicht bedenklich schien, und Hopfengärtner behandelte ihn allein; erst als die Krankheit gefährlicher geworden, wurden noch andere Ärzte beigezogen, unter denen ich nicht war, obgleich die Gemahlin des Herzogs auch meinen Beirat wünschte, aber mit den Worten von ihm abgewiesen wurde, der Kranke sei verloren, er habe der Ärzte genug und noch einen beizuziehen wäre überflüssig. ? Ich kann nicht leugnen, daß mich diese Hintansetzung verdroß. Bei der günstigen Meinung, welche der Herzog als Arzt von mir zu haben schien, war es natürlich, daß mir der Gedanke oft kam, ich könnte früher oder später Leibarzt des Herzogs werden, und was mich noch mehr bewog, diesem Gedanken Raum zu geben, war, daß ich in der Folge öfters auf Befehl des Kurfürsten3 Kranke aus seiner Umgebung mitbehandeln mußte, wie z.B. die damalige Verwalterin auf seiner[166] Meierei in Ludwigsburg, die an der Wassersucht litt und an deren Wiederherstellung dem Kurfürsten sehr viel gelegen war. Die Verwalterin war eine ledige Weibsperson, schon ziemlich bei Jahren, und die Ärzte, die sie behandelten, waren die Leibärzte des Kurfürsten Duvernoy und Hardegg. Die Meierei stand unter der Oberaufsicht des Gartenintendanten, Hofrats Döring, dessen Hausarzt ich war. Als ich ihn zufällig besuchte, hatte er eben aus Stuttgart ein Schreiben des Kurfürsten erhalten, in welchem ihm befohlen war, daß er mich unverzüglich auffordern solle, mich zu der kranken Meiereiverwalterin zu begeben, sie gemeinschaftlich mit den zwei andern Ärzten zu behandeln und ihm offen zu sagen, was ich von ihrem Zustand halte. Ich besuchte die Kranke sogleich, wollte aber für mich allein nichts vornehmen, und erst am folgenden Morgen kam ich mit den zwei genannten Ärzten zusammen. Ich erklärte die Kranke für unheilbar, die andern Ärzte erklärten dasselbe, wie sie aber hörten, mein Urteil solle von dem Hofrat Döring dem Kurfürsten, wie ich es ausgesprochen, berichtet werden, sagten sie, der Kurfürst wisse noch gar nichts von Gefahr, er hoffe noch immer das Beste und man müsse ihm die Gefahr erst von ferne zeigen. Damit könne ich nicht übereinstimmen, erwiderte ich, der Kurfürst verlange, daß ich mein Urteil geradezu aussprechen soll, das müsse und werde ich auch tun. Der Bericht des Hofrats war an den Kurfürsten abgegangen, unsere gemeinschaftliche Behandlung der Kranken hatte begonnen, und es waren kaum zehn Tage vorüber, so ging es auffallend mit ihr besser, ja die Besserung schritt dergestalt vorwärts, daß, wie der Kurfürst ein paar Wochen, darauf nach Ludwigsburg kam und die Meierei besuchte, die Verwalterin ihm beim Eintritt in das Haus, dem Ansehen nach völlig geheilt, entgegenkam. Der Kurfürst, erfreut darüber, sagte ihr scherzend, daß er, wenn er das nächste Mal wiederkomme, mit ihr tanzen werde. Teils zu ihrer Pflege, teils zur einstweiligen Besorgung ihrer Geschäfte hatte die Verwalterin ihre Schwester kommen lassen. Der Kurfürst fand in der Meierei alles in der besten Ordnung. Er speiste daselbst mit dem Oberstallmeister von Dillen zu Mittag, bezeigte gegen[167] diesen seine Freude über das Besserbefinden der Verwalterin, bemerkte aber, daß er demselben doch nicht ganz traue, da ich so bestimmt erklärt hätte, sie werde nicht davonkommen, und befahl dem Oberstallmeister, auf den Fall ihres Todes ihre Schwester, mit welcher er ganz zu frieden sei, vorläufig in Pflicht zu nehmen. Diese Verpflichtung wurde vorgenommen, die genesene Verwalterin blieb ein paar Wochen lang anscheinend ganz gesund, die Wassersucht hatte sich völlig verloren; aber auf einmal traf sie der Schlag, nach zwei Tagen starb sie, und meine Prognose war gerechtfertigt. Es konnte nicht fehlen, dieses Eintreffen der Prognose mußte den Kurfürsten in seiner guten Meinung von mir um so mehr bestärken, da er an dieselbe schon vor ihrem Eintreffen geglaubt hatte. Aber bei der Besetzung einer bald hierauf erledigten Leibarztstelle war von mir keine Rede. Die erledigte Stelle erhielt Hopfengärtner, und als weiterhin wieder einer der Leibärzte starb, rief er mich wieder nicht, sondern den Sohn des früher verstorbenen Leibarzts Jäger. Daß der Kurfürst den Sohn Hopfengärtners zum Leibarzt gewählt, ist leicht erklärlich, da der Vater bei der ganzen fürstlichen Familie in einem Ansehen gestanden, in welchem vielleicht nie ein fürstlicher Leibarzt gestanden hat, und auch bei Jäger mag das Verdienst seines Vaters um die fürstliche Familie den Kurfürsten bei seiner Wahl vorzüglich bestimmt haben; genug, der Kurfürst dachte nicht daran, mich zu seinem Leibarzt zu berufen. Ich blieb wie zuvor Physikus, und obschon jene Hintansetzung an sich mich nicht sonderlich schmerzte, denn ich wußte zu wohl, was es für eine mißliche Stellung ist, Leibarzt eines Fürsten zu sein, und zumal eines Fürsten wie der Kurfürst, so gab es doch keinen Weg für mich weiterzukommen als die Berufung zu einer Leibarztstelle. Ich hatte zwar als erster Physikus in Ludwigsburg über nichts zu klagen, ich hatte eine bedeutende Praxis, ich war beliebt beim Publikum, in allen Familien, deren Hausarzt ich war, war ich auch Hausfreund, kurz, ich hatte alle Ursache, mit meiner Lage zufrieden zu sein. Aber ich war bereits dreiundvierzig Jahre alt, ich war einige Male[168] krank geworden, ich hatte ein typhöses Fieber überstanden, von welchem ich mich erst nach mehreren Wochen vollkommen erholte, ich mußte an die Herannäherung der Zeit denken, wo ich die Beschwerden des praktischen Lebens nicht mehr wie in meinen jüngern Jahren würde aushalten können, und nichts war daher natürlicher, als daß ich mich an den Rat Schillers erinnerte, mein Physikat mit einem Professorat auf einer Universität zu vertauschen, und den Entschluß faßte, bei der nächsten sich darbietenden Gelegenheit seinem Rat zu folgen. Nun ist es freilich eine mißliche Sache, sich um ein Professorat auf einer Universität zu melden. Vokationen gelangen gewöhnlich nur an schon auf andern Universitäten angestellte Professoren, sehr selten an praktische Ärzte, es sei denn, daß sie sich auch als Schriftsteller einen bedeutenden Grad von Zelebrität erworben haben. Dies war nicht der Fall bei mir. Ich hatte zwar schon verschiedenes geschrieben, aber nichts, was mir einen großen Ruf hätte verschaffen können. Überdies hatte ich mich bereits als einen Anhänger des Brownianismus bekanntgemacht, und wenn dies wahrscheinlich ein Hauptgrund war, warum der Kurfürst mich nicht zu seinem Leibarzt berief, so mußte es auch meine Vokation an eine Universität erschweren, da sich nur die wenigsten Professoren auf unsern deutschen Universitäten zu dieser neuen Lehre bekannt hatten oder vielmehr entschiedene Widersacher derselben waren. ? Indessen eröffnete sich mir ganz unerwartet eine Aussicht zu einem Professorat, und zwar auf einer der ersten Universitäten Deutschlands. Durch meine Freunde in Stuttgart war ich nämlich mit dem daselbst wohnenden und schon obengenannten Legationsrat Huber bekannt geworden. Ich lernte den an Geist und Herz gleich trefflichen Mann bald näher kennen und so auch seine geistreiche, vielseitig gebildete Frau. Wir kamen öfters in Stuttgart und in Ludwigsburg zusammen, es knüpfte sich ein engerer Freundschaftsbund unter uns, und bald wurde ich so vertraut mit dem braven Mann, daß ich kein Geheimnis mehr vor ihm hatte. So sprach ich denn unverhohlen auch meinen Wunsch gegen ihn aus, Professor auf einer Universität zu[169] wer den, sobald ich eine Gelegenheit dazu finden würde. Ich dachte nicht daran, als ich über die Sache mit ihm sprach, daß seine Frau eine Tochter des berühmten, einflußreichen Hofrats und Professors Heyne in Göttingen sei; aber er faßte das zu ihm gesprochene Wort auf, und ohne sich irgend darüber zu äußern, noch viel weniger sich mir zum Mittler anzubieten und deshalb an seinen Schwiegervater schreiben zu wollen, las er einige Wochen später mir einen Brief von demselben vor, des Inhalts, es sei eben ein medizinisches Professorat in Göttingen erledigt worden und er solle mich fragen, ob ich nicht Lust zu demselben hätte. Da die erledigte Stelle ? es war dieselbe, welche nachher Himly erhielt ? gerade für mich paßte, so erklärte ich mich bereit zur Annahme derselben, nur bemerkte ich, daß ich als ein erklärter Brownianer von der medizinischen Fakultät wahrscheinlich perhorresziert werden würde. Ich konnte dies mit Recht fürchten, da ich wußte, daß wenigstens die Mehrzahl der Professoren der Medizin daselbst aus altgläubigen Ärzten bestehe, welche es nicht zugeben würden, daß ein Brownianer in die Fakultät eintrete. Was ich gefürchtet hatte, geschah. Ich wurde wirklich perhorresziert, wenigstens erhielt Huber keinen Brief mehr wegen meiner von seinem Schwiegervater, und begreiflich tat auch ich von meiner Seite keinen Schritt weiter. So war es also mit Göttingen nichts, Himly kam an die erledigte Stelle. Allein nun erhielt ich einen Brief von Schiller, der mir schrieb, es sei ein Professorat in Jena offen, das ganz für mich passe, auch habe er bereits da und dort Schritte für mich getan, Loder und noch mehrere Professoren seien mir günstig, auch Goethe und Wolzogen seien für mich gestimmt, und ich sollte mich nur bereithalten, denn meine Berufung werde nächstens folgen. Der Ruf erfolgte nicht, es waren die Herbstferien eingetreten, da erhielt ich unvermutet einen Besuch von meinem Landsmann Paulus. Dieser verhehlte mir nicht, daß er von der Universitätskuratel in Jena beauftragt sei, sich zu erkundigen, ob ich wohl der Mann sei, der die offene Stelle an der Universität ausfüllen werde. Er werde nun, fuhr er fort, an die Kuratel schreiben, doch rate er mir nicht zur[170] Annahme der Stelle, Jena sei nicht mehr, was es früher gewesen, er selbst sei gesonnen, Jena zu verlassen, ebenso auch Schelling und noch einige andere Professoren, dagegen rate er mir, mich um ein Professorat in Würzburg zu bewerben, was auch seine und Schellings Absicht sei und was ich um so gewisser mit Erfolg tun könne, da der Kurator der dortigen Universität mein Jugendfreund, der Graf von Thürheim, sei. Der Vorschlag leuchtete mir ein, und ich war um so geneigter, ihn zu befolgen, da mir Hardegg, der ein volles Jahr in Würzburg studiert hatte, die trefflichen Anstalten für die Medizin daselbst so oft geschildert hatte. Überdies kam auch bald nach Paulus Schelling zu mir, der mir den nämlichen Rat gab. Seine Vorstellungen brachten meinen Entschluß zur Reife, und als ich eben im Begriff war, an den Grafen von Thürheim zu schreiben, erhielt ich einen Brief von ihm, worin er mich fragte, ob ich nicht Lust zu einem Professorat in Würzburg hätte. Ich beantwortete die Frage ungesäumt mit ja, und einige Wochen darauf erhielt ich meine Berufung dahin. Natürlich wurde Schiller hiervon sogleich benachrichtigt. Er konnte mir nicht übelnehmen, daß ich ein Professorat in Würzburg einem in Jena vorgezogen, er billigte es vielmehr, obschon es ihm wie mir sehr leid tat, daß das Schicksal nicht gewollt, daß wir wieder zusammenkämen. Da ich den Ruf nach Jena noch nicht erhalten hatte, so brauchte ich ihn auch nicht abzulehnen. Die Sache blieb also auf sich beruhen, und ich hatte nun nichts zu tun, als meine Entlassung aus den württenbergschen Diensten bei meinem Landesherrn nachzusuchen. Die Entlassung wurde mir ungern von dem Kurfürsten bewilligt, und auch mir fiel es schwer, mein Vaterland, meine Familie und so viele Freunde, die ich mir als Arzt, und ich glaube auch als Mensch, erworben hatte, zu verlassen. Auch ihnen fiel meine Entfernung aus ihrer Mitte schwer. Wie ich von ihnen, nahmen sie auch von mir Abschied mit Wehmut, und am Vorabend meiner Abreise gaben sie mir noch ein Abschiedsmahl in einem Gasthof, von welchem auch die vornehmsten Personen der Stadt sich nicht ausschlossen. Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Er wurde Erbprinz im Jahr 1795, wo sein Vater Friederich Eugen die Regierung angetreten hatte. 2 Er trat die Regierung als Friederich der Zweite in dem Jahr 1797 an. 3 Der Herzog wurde Kurfürst im Jahr 1801. 
