
                               Arnim, Bettina von

                                 Die Gnderode

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                               Bettina von Arnim

                                 Die Gnderode

                                 Den Studenten

Die Ihr gleich goldnen Blumen auf zertretnem Feld wieder aufsprosset zuerst! In
frhlichen Zukunftstrumen der Muttererde huldigt, harrend voll heiligem
Glauben, da endlich Eurer Ahnung Gebild vollende der Genius und Fesseln der
Liebe Euch umlege und groer Mnner Unsterblichkeit in den Busen Euch se. -

Die Ihr immer rege, von Geschlecht zu Geschlecht, in der Not wie in des Glckes
Tagen auf Begeistrungspfaden schweift; in Germanias Hainen, auf ihren Ebnen und
stolzen Bergen, am gemeinsamen Kelch heiligkhner Gedanken Euch berauschend, die
Brust erschliet und mit glhender Trne im Aug Bruderliebe schwrt einander,
Euch schenk ich dies Buch.

Euch Irrenden, Suchenden! Die Ihr hinanjubelt den Parnassos, zu Kastalias Quell;
reichlich der aufbrausenden Flut zu schpfen den Heroen der Zeit und auch den
Schlafenden im schweigenden Tal, schweigend, feierlichen Ernstes die Schale
ergiet.

Die Ihr Hermanns Geschlecht Euch nennt, Deutschlands Jngerschaft! - Dem Recht
zur Seite, klingenwetzend der Gnade trotzt; mit Schwerterklirren und der
Begeistrung Zuversicht der Burschen Hochgesang anstimmt:

                        Landesvater, Schutz und Rater!

Mit flammender Fackel, donnernd ein dreifach Hoch dem Herrscher, dem Vaterland,
dem Bruderbunde jauchzt, und:

         Strmen gleich, zusammenrauschet in ein gewaltig Heldenlied.

Ihr, die mit Trug noch nicht nach nichtiger Hoffnung jagtet! - Wenn der
Philister Torengeschlecht den Stab Euch bricht, so gedenket, Musenshne, da
ihre Lrmtrommel des leuchtenden Pythiers Geist nicht betubt; keine Lge haftet
an ihm, keine Tat, kein Gedanke! Er ist wissend! - Und lenkt, da, unberhrt von
des Gesetzes Zwang, schnellen feurigen Wachstums, das Gttliche erblhe und in
der Zeiten Wechsel ein milder Gestirn ber Euch hinleuchte.


                                  Erster Teil

                        Briefe aus den Jahren 1804-1806


                                An die Gnderode

Der Plaudergeist in meiner Brust hat immerfort geschwtzt mit Dir, durch den
ganzen holperigen Wald bis auf den Trages, wo alles schon schlief, sie wachten
auf und sagten, es wre schon ein Uhr vorbei, auf dem Land blasen sie abends die
Zeit aus wie eine Kerz, die man sparen will. Wie ich erzhlte, da Du
mitgefahren warst bis Hanau, da htten sie Dich all gern hier haben wollen, ein
jeder fr sich allein, da wr ich doch um Dich gekommen. Durch Dich feuert der
Geist, wie die Sonn durchs frische Laub feuert, und mir geht's wie dem Keim, der
in der Sonn brtet, wenn ich an Dich denken will, es wrmt mich, und ich werd
freudig und stolz und streck meine Bltter aus, und oft bin ich unruhig und kann
nicht auf einem Platz bleiben, ich mu fort ins Feld, in den Wald; - in freier
Luft kann ich alles denken, was im Zimmer unmglich war, da schwrmen die
Gedanken ber die Berg, und ich seh ihnen nach.
    Alles ist heut nach Meerholz gefahren zum Vetter mit der zu groen Nas, ich
bin allein zu Haus, ich hab gesagt, ich wollt schreiben, aber die Hauptursach
war die Nas.
    Eben komm ich aus der Lindenallee, ich hab das ganze Gewitter mitgemacht,
die Bum geben gut Beispiel, wie man soll standhaft sein im Ungewitter, Blitz
und Donner hintereinander her, bis sie auer Atem waren, nun ruhen alle Wlder.
Ich war gleich na, und so warm der Regen, htt's nur strker noch regnen
wollen, aber bald war's schn Wetter, und der Regenbogen auf dem Saatfeld, ich
war wohl eine halbe Stund weit gelaufen und ihm doch nicht nher gekommen, da
fiel mir ein, da man oft denkt, es wr so nah alles, was man gern erreichen
mcht, und wie man mit allem Eifer doch nicht nherrckt. Wenn nicht die
Schnheit vom Himmel herab uns berstrahlt, von selbst ihr entgegenlaufen ist
umsonst, - ich hab den ganzen Nachmittag verlaufen, eben kommen sie schon
angefahren.

                                                                         Sonntag

Gestern ging ich noch allein in der Dunkelheit durchs Feld. Da fiel mir wieder
ein alles, was wir am Sonntag von Frankfurt bis Hanau im Wagen zusammen geredet
haben; - wer von uns beiden zuerst sterben wird. Jetzt bin ich schon acht Tag
hier, unser Gesprch klingt noch immer nach in mir. Es gibt ja noch Raum auer
dieser kleinen Tags- und Weltgeschichte, in dem die Seel ihren Durst, selbst
etwas zu sein, lschen drfe, sagtest Du. - Da hab ich aber gefhlt, und fhl's
eben wieder und immer: wenn Du nicht wrst, was wr mir die ganze Welt? - Kein
Urteil, kein Mensch vermag ber mich, aber Du! - Auch bin ich gestorben schon
jetzt, wenn Du mich nicht auferstehen heiest und willst mit mir leben
immerfort; ich fhl's recht, mein Leben ist blo aufgewacht, weil Du mir riefst,
und wird sterben mssen, wenn es nicht in Dir kann fortgedeihen. - Frei sein
willst Du, hast Du gesagt? - Ich will nicht frei sein, ich will Wurzel fassen in
Dir - eine Waldrose, die im eignen Duft sich erquicke, will die der Sonne sich
schon ffnen und der Boden lst sich von ihrer Wurzel, dann ist's aus. - Ja,
mein Leben ist unsicher; ohne Deine Liebe, in die es eingepflanzt ist, wird's
gewi nicht aufblhen, und mir ist's eben so durch den Kopf gefahren, als ob Du
mich vergessen knntest, es ist aber vielleicht nur, weil's Wetter leuchtet, so
bla und kalt, und wenn ich denk an die feurigen Strahlen, mit denen Du oft
meine Seele durchleuchtest! - Bleib mir doch. -
                                                                         Bettine


                                 An die Bettine

Ich habe die Zeit ber recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine. Vor einigen
Nchten trumte mir, Du seist gestorben, ich weinte sehr darber und hatte den
ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele. Als ich den Abend
nach Hause kam, fand ich Deinen Brief; ich freute mich und wunderte mich, weil
ich glaubte, einen gewissen Zusammenhang zwischen meinen Trumen und Deinen
Gedanken zu finden.
    Gestern abend ist Clemens hier angekommen, ich wollte, Du wrst hier, es
wrde ihm viel behaglicher und heimlicher sein, ich glaube, wenn Du nicht bald
hierher kmmst, so geht er nach Trages.
    In diesem ganzen Brief ist wohl noch kein einziges Wort, was Dich erfreut?
Du drehst das Blatt herum und siehest, ob nicht eine Art von russischem
Kabriolett gefahren kommt; aber es will nichts kommen; weit Du, warum? Weil ich
Ihn in der ganzen Zeit nur zwei Minuten gesehen habe; weil Er geritten kam, und
weil Er kein vernnftiges Wort gesprochen hat. Sei lustig, Bettine, und la Dir
nicht mit Kabrioletts im Herzen herumfahren.
    Gre den Savigny recht freundlich von mir, erinnere ihn doch zuweilen an
mich, ich habe ihn sehr lieb, aber nach Trages komme ich doch nicht.
    Tue mir den Gefallen und frage die Sanchen, ob ich nicht einen Chignonkamm
und eine Kette in Trages htte liegen lassen? - Wenn Du noch nicht bald wieder
zu uns kommst, so schreibe mir wieder, denn ich habe Dich lieb, sage mir auch,
wie Ihr lebt.
                                                                        Karoline

Gre doch auch die Gundel von mir. Auf meiner Heimfahrt von Hanau hab ich das
Gesprch gedichtet, es ist ein bichen vom Zaun gebrochen. - Ich wollt, die
Prosa wr edler, das heit: ich wollt, sie wr musikalischer; es enthlt viel,
was wir im Gesprch berhrt haben. Du schreibst mit mehr Musik Deine Briefe, ich
wollt, ich knnt das lernen.


                                   Die Manen

SCHLER. Weiser Meister! Ich war in den Katakomben der Schwedenknige, ich nahte
mich dem Sarg des Gustav Adolf mit sonderbarem schmerzlichem Gefhl, seine Taten
gingen an meinem Geist vorber, ich sah zugleich sein Leben und seinen Tod,
seine berschwengliche Tatkraft und die tiefe Ruhe, in der er schon dem zweiten
Jahrhundert entgegenschlummert; ich rief mir die grausenvolle Zeit zurck, in
der er lebte, mein Gemt glich einer Gruft, aus der die schwankenden Schatten
der Vergangenheit heraufsteigen. Ich weinte so heie Trnen seinem Tod, als sei
er heute erst gefallen. Dahin! Verloren! Vergangen! sagte ich mir, sind dies des
groen Lebens Frchte alle? - Ach! - Ich mute die Gruft verlassen, ich suchte
Zerstreuung, ich suchte andre Schmerzen, aber der unterirdische trbe Geist
verfolgt mich, ich kann die Wehmut nicht loswerden, die wie ein Trauerflor ber
meine Gegenwart sich legt, dies Zeitalter ist mir nichtig und leer, sehnlich und
gewaltig zieht mich's in die Vergangenheit dahin! Vergangen, so ruft mein Geist.
O mcht ich mit vergangen sein und diese schlechte Zeit nie gesehen haben, in
der die Vorwelt vergeht, an der ihre Gre verloren ist. -
LEHRER. Verloren ist nichts, junger Schler, und in keiner Weise, nur das Auge
vermag nicht des Grundes unendliche Folgenkette zu bersehen. Aber willst du
auch dies nicht bedenken, du kannst doch nicht verloren nennen und dahin, was so
mchtig auf dich wirkt; - dein eigen Geschick, die Gegenwart bewegen dich so
heftig nicht wie das Andenken des groen Knigs, lebt er da nicht jetzt noch
mchtiger in dir als die Gegenwart, oder nennst du nur Leben, was im Fleisch und
im Sichtbaren fortlebt, und ist dir dahin und verloren, was noch in Gedanken
wirkt und da ist? -
SCHLER. Wenn es Leben ist, so ist es doch nicht mehr als Schattenleben, dann
ist die Erinnerung des Gewesenen mehr als die bleiche Schattenwirklichkeit.
LEHRER. Gegenwart ist ein flchtiger Augenblick, sie vergeht, indem du sie
erlebst, des Lebens Bewutsein liegt in der Erinnerung, in diesem Sinn nur
kannst du Vergangnes betrachten, gleichviel ob es lngst oder eben nur vorging.
SCHLER. Du sprichst wahr! - So lebt denn ein groer Mensch nicht nach seiner
Weise in mir fort, sondern nach der meinen. Wie ich ihn aufnehme, wie und ob ich
mich seiner erinnern mag? -
LEHRER. Freilich lebt das nur fort in dir, was dein Sinn befhigt ist
aufzunehmen, insofern es Gleichartiges mit dir hat, das Fremdartige in dir tritt
nicht mit ihm in Verbindung, darauf kann er nicht wirken, und mit dieser
Einschrnkung nur wirken alle Dinge. Wofr du keinen Sinn hast, das geht dir
verloren wie die Farbenwelt dem Blinden.
SCHLER. So mu ich glauben, nichts gehe verloren, da alle Ursachen in ihren
Folgen fortleben, da sie aber nur wirken auf das, was Empfnglichkeit oder Sinn
fr sie hat. - Der Welt mag gengen an diesem Nichtverlorensein, an dieser Art
fortzuleben, mir ist es nicht genug, ich mchte zurck in der Vergangenheit
Scho, ich sehne mich nach unmittelbarer Verbindung mit den Manen der groen
Vorzeit.
LEHRER. Hltst du es denn fr mglich? -
SCHLER. Ich hielt es fr unmglich, als noch kein Sehnen mich dahin zog,
gestern htte ich noch jede Frage danach fr tricht gehalten, heute wnsche ich
schon, die Verbindung mit der Geisterwelt wre mglich, ja mir deucht, ich wre
geneigt, sie glaublich zu finden.
LEHRER. Mir deucht, die Manen des groen Gustav Adolf haben deinem innern Auge
zum Lichte verholfen. So vernehme mich denn. So gewi alles Harmonische in
Verbindung stehet, es mag sichtbar oder unsichtbar sein, so gewi sind auch wir
in Verbindung mit dem Teil der Geisterwelt, der mit uns harmoniert. hnliche
Gedanken verschiedener Menschen, auch wenn sie nie voneinander wuten, ist in
geistigem Sinn schon Verbindung, der Tod eines Menschen, der in solcher
Berhrung mit mir stehet, hebt sie nicht auf; der Tod ist ein chemischer Proze,
eine Scheidung der Krfte, aber kein Vernichter, er zerreit das Band zwischen
mir und hnlichen Seelen nicht, aber das Fortschreiten des einen und das
Zurckbleiben des andern kann wohl diese Gemeinschaft aufheben, wie einer, der
in allem Trefflichen fortgeschritten ist, mit dem unwissend gebliebnen
Jugendfreund nicht mehr zusammenstimmen wird. Du wirst dies leicht ganz
allgemein und ganz aufs besondere anwenden knnen.
SCHLER. Vollkommen! - Du sagst, Harmonie der Krfte ist Verbindung, der Tod
hebt diese Verbindung nicht auf, da er nur scheidet und nicht vernichtet.
LEHRER. Ich fgte hinzu, das Aufheben dessen, was diese Harmonie bedingt, mte
auch notwendig diese Verbindung aufheben - eine Verbindung mit Verstorbenen kann
also statthaben, insofern sie nicht aufgehrt haben, mit uns zu harmonieren.
SCHLER. Ich kann es fassen.
LEHRER. Es kommt nur darauf an, diese Verbindung gewahr zu werden. Blo geistige
Krfte knnen unsern uern Sinnen nicht offenbar werden, sie wirken nicht durch
Aug und Ohr, sondern durch das Organ, durch das allein eine Verbindung mit ihnen
mglich ist; durch den innern Sinn, auf ihn wirken sie unmittelbar. Dieser
innere Sinn, das tiefste und feinste Seelenorgan, ist bei fast allen Menschen
unentwickelt und nur dem Keim nach da. - Das Weltgerusch, der Menschheit Handel
und Wandel, der nur oberflchlich und nur die Oberflche berhrt, lassen es zu
keiner Ausbildung, zu keinem Bewutsein kommen, so wird es nicht erkannt, und
was sich zu allen Zeiten in ihm offenbarte, hat viele Zweifler und Schmher
gefunden, und bis jetzt ist sein Empfangen und Wirken nur in seltnen Menschen
die individuellste Seltenheit. - Ich will nicht ungeistigen Gesichten und
Geistererscheinungen das Wort reden, aber ich fhle deutlich, da der innere
Sinn so hoch angeregt werden kann, da die innere Erscheinung vor das
krperliche Auge treten kann, wie auch umgekehrt die uere Erscheinung vor das
geistige Auge tritt; so brauch ich nicht durch Betrug oder Sinnentuschung alles
Wunderbare zu erklren, doch wei ich, man nennt in der Weltsprache diese innere
Entwicklung der Sinne Einbildung.
Wessen Geistesauge Licht auffngt, der sieht dem andern unsichtbare, mit ihm
verbundene Dinge. Aus diesem innern Sinn sind die Religionen hervorgegangen, und
so manche Apokalypsen alter und neuer Zeit. Aus dieser Sinnenfhigkeit,
Verbindungen wahrzunehmen, die andere, deren Geistesauge verschlossen ist, nicht
fassen, entsteht die prophetische Gabe, Gegenwart und Vergangenheit mit der
Zukunft zu verbinden, den notwendigen Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen zu
sehen. Prophezeiung ist Sinn fr die Zukunft. Man kann die Wahrsagerkunst nicht
erlernen, der Sinn fr sie ist geheimnisvoll, er entwickelt sich geheimnisvoller
Art; er offenbart sich oft nur wie ein schneller Blitz, der dann von dunkler
Nacht wieder begraben wird. Man kann Geister nicht durch Beschwrung rufen, aber
sie knnen dem Geist sich offenbaren, das Empfngliche kann sie empfangen, dem
inneren Sinn knnen sie erscheinen. -

Der Lehrer schwieg und sein Zuhrer verlie ihn. Mancherlei Gedanken bewegten
sein Inneres, und seine ganze Seele strebte, sich das Gehrte zum Eigentum zu
machen.


                                An die Gnderode

Du weit, da der Bostel hier ist, - der luft mir immer nach und sagt:
Bettine, warum sind Sie so unliebenswrdig? - Ich frag: Wie soll ich's
machen, um liebenswrdig zu sein? - Sein Sie wie Ihre Schwester Loulou,
sprechen Sie ruhig mit einem und bezeigen Sie doch nur ein klein wenig Teilnahme
an, was man Ihnen sagt, aber wenn man Sie auch aus Mitleid wie ein Mdchen, das
schon was bedeutet, behandlen wollt, es ist nicht mglich. Sie haben nicht
weniger Unruh als eine junge Katz, die einer Maus nachluft; derweil man Ihnen
die Ehre antut, mit Ihnen zu sprechen, klettern Sie auf Tisch und Schrnken
herum, Sie steigen zu den alten Familienportrten und scheinen weit mehr Anteil
an deren Gesichter zu nehmen als an uns Lebenden. - Ja, Herr von Bostel, das
ist blo, weil die dort so ganz bersehen und vergessen sind, weil kein Mensch
mit denen spricht, da geht's mir grade, wie es Ihnen mit mir geht. Aus Mitleid,
weil ich bersehen bin, sprechen Sie mit mir jungem Gelbschnabel, und das steckt
mich an, da ich dasselbe Mitleid mit den alten gemalten Percken haben mu. -
Aber sagen Sie, sind Sie gescheut? - Wie wollen Sie Mitleid haben mit gemalten
Bildern? - Ei, Sie haben's ja auch mit mir! - Nun ja, aber die Bilder
empfinden's doch nicht. - Ei, ich empfind's auch nicht. - Aber bei Gott, ich
bemitleide Sie, - Sie sind auf dem Weg nrrisch zu werden. -
    Ich htt Dir die Dummheiten nicht erzhlt, wenn's nicht einen groen Lrm
gegeben htt, der Clemens wollte das vom guten Bostel nicht haben, sie redeten
so heftig hin und her von Schelmufsky und dem Gromogul, und im kleinen
Huschen, wo sie zusammen hingegangen waren, ward es so laut, da es sich von
weitem wie Streit anhrte, ich ging hinunter und wartete, bis der Bostel
herauskam, der war ganz erhitzt, ich nahm alles auf mich und bat um Verzeihung,
da ich so unartig gewesen sei, und was wei ich, was ich alles sagte, bis er
endlich versprach, mit dem Clemens nicht mehr bs zu sein, und wenn ich meine
Unart eingestehe, so wolle er mir verzeihen. - Ich gestand alles zu, dachte aber
doch heimlich, was der vor ein possierlicher Kerl wr; der Clemens kam dazu, da
ward von beiden Seiten die Schuld auf mich geschoben; ich lie es ohne
Widerspruch geschehen und besnftigte beide, sie gaben einander die Hand und mir
gute Lehren.
    Die Menschen sind gut, ich bin es ihnen von Herzen, aber wie das kommt, da
ich mit niemand sprechen kann? - Das hat nun Gott gewollt, da ich nur mit Dir
zu Haus bin. - Die Manen les' ich immer wieder, sie wecken mich recht zum
Nachdenken. Du meinst, da Dir die Sprache nicht drin gefllt? - Ich glaub, da
groe Gedanken, die man zum erstenmal denkt, die sind so berraschend, da
scheinen einem die Worte zu nichtig, mit denen man sie aufnimmt, die suchen sich
ihren Ausdruck, da ist man als zu zaghaft, einen zu gebrauchen, der noch nicht
gebruchlich ist, aber was liegt doch dran? Ich wollt immer so reden, wie es
nicht statthaft ist, wenn es mir nher dadurch kommt in der Seel, ich glaub
gewi, Musik mu in der Seele walten, Stimmung ohne Melodie ist nicht flieend
zu denken; es mu etwas der Seele so recht Angebornes geben, worin der
Gedankenstrom fliet. - Dein Brief ist ganz melodisch zu mir, viel mehr wie Dein
Gesprch. Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst, so schreibe mir wieder,
denn ich habe Dich lieb. Diese Worte haben einen melodischen Gang, und dann: 
Ich habe die Zeit ber recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine! Vor einigen
Nchten trumte mir, Du seiest gestorben, ich weinte sehr darber und hatte den
ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele. Ich auch, liebstes
Gnderdchen, wrde sehr weinen, wenn ich Dich sollt hier lassen mssen und in
eine andre Welt gehen, ich kann mir nicht denken, da ich irgendwo ohne Dich zu
mir selber kommen mcht. Der musikalische Klang jener Worte uert sich wie der
Pulsschlag Deiner Empfindung, das ist lebendige Liebe, die fhlst Du fr mich.
Ich bin recht glcklich; ich glaub auch, da nichts ohne Musik im Geist bestehen
kann, und da nur der Geist sich frei empfindet, dem die Stimmung treu bleibt. -
Ich kann's auch noch nicht so deutlich sagen, ich meine, man kann kein Buch
lesen, keins verstehen oder seinen Geist aufnehmen, wenn die angeborne Melodie
es nicht trgt, ich glaub, das alles mt gleich begreiflich oder fhlbar sein,
wenn es in seiner Melodie dahinfliet. Ja, weil ich das so denke, so fllt mir
ein, ob nicht alles, solang es nicht melodisch ist, wohl auch noch nicht wahr
sein mag. Dein Schelling und Dein Fichte und Dein Kant sind mir ganz unmgliche
Kerle. Was hab ich mir fr Mhe geben, und ich bin eigentlich nur davongelaufen
hierher, weil ich eine Pause machen wollt. Repulsion, Attraktion, hchste
Potenz. - -
    Weit Du, wie mir's wird? - Dreherig - Schwindel krieg ich in den Kopf, und
dann, weit Du noch? - Ich schm mich, - ja ich schm mich, so mit Hacken und
Brecheisen in die Sprach hineinzufahren, um etwas da herauszubohren, und da ein
Mensch, der gesund geboren ist, sich ordentliche Beulen an den Kopf denken mu
und allerlei physische Krankheiten dem Geist anbilden. - Glaubst Du, ein
Philosoph sei nicht frchterlich hoffrtig? - Oder wenn er auch einen Gedanken
hat, davon wr er klug? - O nein, so ein Gedanke fllt ihm wie ein Hobelspan von
der Drechselbank, davon ist so ein weiser Meister nicht klug. Die Weisheit mu
natrlich sein, was braucht sie doch solcher widerlicher Werkzeuge, um in Gang
zu kommen, sie ist ja lebendig? - Sie wird sich das nicht gefallen lassen. - Der
Mann des Geistes mu die Natur lieben ber alles, mit wahrer Lieb, dann blht
er, - dann pflanzt die Natur Geist in ihn. Aber ein Philosoph scheint mir so
einer nicht, der ihr am Busen liegt und ihr vertraut und mit allen Krften ihr
geweiht ist. - Mir deucht vielmehr, er geht auf Raub, was er ihr abluchsen kann,
das vermanscht er in seine geheime Fabrik, und da hat er seine Not, da sie
nicht stockt, hier ein Rad, dort ein Gewicht, eine Maschine greift in die
andere, und da zeigt er den Schlern, wie sein Perpetuum Mobile geht, und
schwitzt sehr dabei, und die Schler staunen das an und werden sehr dumm davon.
- Verzeih mir's, da ich so fabelig Zeug red, Du weit, ich hab's mit meinem
Abscheu nie weiter gebracht, als da ich erhitzt und schwindelig geworden bin
davon, und wenn die groen Gedanken Deines Gesprchs vor mir auftreten, die doch
philosophisch sind, so wei ich wohl, da nichts Geist ist als nur Philosophie,
aber wend's herum und sag: Es ist nichts Philosophie, als nur ewig lebendiger
Geist, der sich nicht fangen, nicht beschauen noch berschauen lt, nur
empfinden, der in jedem neu und ideal wirkt, und kurz: der ist wie der ther
ber uns. Du kannst ihn auch nicht fassen mit dem Aug, Du kannst Dich nur von
ihm berleuchtet, umfangen fhlen, Du kannst von ihm leben, nicht ihn fr Dich
erzeugen. Ist denn der Schpfernatur ihr Geist nicht gewaltiger als der
Philosoph mit seinem Dreieck, wo er die Schpfungskraft drin hin und her stt,
was will er doch? - Meint er, diese Gedankenauffhrung sei eine unwiderstehliche
Art, dem Naturgeist nahzukommen? Ich glaub einmal nicht, da die Natur einen
solchen, der sich zum Philosophen eingezwickt hat, gut leiden kann. Wie ist
Natur so hold und gut, die mich am Busen hlt. - So was lautet wie Spott auf
einen Philosophen. Du aber bist ein Dichter, und alles, was Du sagst, ist die
Wahrheit und heilig. Man kann Geister nicht durch Beschwrung rufen, aber sie
knnen sich dem Geist offenbaren, das Empfngliche kann sie empfangen, dem
innern Sinn knnen sie erscheinen. Nun ja! Wenn es auch die ganze heutige Welt
nicht fat, was Du da aussprichst, wie ich gewi glaub, da es umsonst der Welt
gesagt ist, so bin ich aber der Schler, dessen ganze Seele strebt, sich das
Gehrte zum Eigentum zu machen. - Und aus dieser Lehre wird mein knftig Glck
erblhn, nicht weil ich's gelernt hab, aber weil ich's empfind; es ist ein Keim
in mir geworden und wurzelt tief, ja ich mu sagen, es spricht meine Natur aus,
oder vielmehr, es ist das heilige Wort Es werde, was Du ber mich aussprichst.
- Ich hab's jetzt jede Nacht gelesen im Bett und empfind mich nicht mehr allein
und fr nichts in der Welt; ich denk, da die Geister sich dem Geist offenbaren
knnen, so mchten sie zu meinem doch sprechen; und was die Welt berspannte
Einbildung nennt, dem will ich still opfern und gewi meinen Sinn vor jedem
bewahren, was mich unfhig dazu machen knnte, denn ich empfinde in mir ein
Gewissen, was mich heimlich warnt, dies und jenes zu meiden. - Und wie ich mit
Dir red heute, da fhl ich, da es eine bewutlose Bewutheit gebe, das ist
Gefhl, und da der Geist bewutlos erregt wird. - So wird's wohl sein mit den
Geistern. Aber still davon, durch Deinen Geist haucht mich die Natur an, da ich
erwach, wie wenn die Keime zu Blttern werden. - Ach, eben ist ein groer Vogel
wider mein Fenster geflogen und hat mich so erschreckt, es ist schon nach
Mitternacht, gute Nacht.
                                                                         Bettine


                                 An die Bettine

Es kmmt mir bald zu nrrisch vor, liebe Bettine, da Du Dich so feierlich fr
meinen Schler erklrst, ebenso knnte ich mich fr den Deinen halten wollen,
doch macht es mir viele Freude, und es ist auch etwas Wahres daran, wenn ein
Lehrer durch den Schler angeregt wird, so kann ich mit Fug mich den Deinen
nennen. Gar viele Ansichten strmen mir aus Deinen Behauptungen zu und aus
Deinen Ahnungen, denen ich vertraue, und wenn Du so herzlich bist, mein Schler
sein zu wollen, so werd ich mich einst wundern, was ich da fr einen Vogel
ausgebrtet habe.
    Deine Erzhlung vom Bostel ist ganz artig, nichts lieber tust Du, als die
Snden der Welt auf Dich nehmen, Du trgst keine Last an ihnen, sie beflgeln
Dich vielmehr zu Heiterkeit und Mutwillen, man knnte denken, Gott habe selber
sein Vergngen an Dir. Aber dahin wirst du es nicht bringen, da die Menschen
Dich als etwas Bessers achten, als sie selber sind. Doch wie auch Genie sich
Luft und Licht mache, es ist immer therischer Weise, und wr es selbst den
Ballast des Philistertums auf den Flgeln tragend. In solchen Dingen bist Du
gebornes Genie, darin kann ich nur Dein Schler sein und trachte auch mit groem
Flei Dir nachzukommen, es ist ein spaiges In-die-Runde-laufen, da whrend
Dich jedermann so oft ber Deine sogenannte Inkonsequenzen verklagt, ich
heimlich mir Vorwrfe mache, da mein Genie hierzu nicht ausreicht. - Sorglos
ber die Flche weg, wo vom khnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben Du
siehst. - Immerhin nur das einzige tue mir, und fange nicht alles untereinander
an, in Deinem Zimmer sah es aus wie am Ufer, wo eine Flotte gestrandet war.
Schlosser wollte zwei groe Folianten, die er fr Dich von der Stadtbibliothek
geliehen hat, und die Du schon ein Vierteljahr hast, ohne drin zu lesen. Der
Homer lag aufgeschlagen an der Erde, Dein Kanarienvogel hatte ihn nicht
geschont, Deine schne erfundne Reisekarte des Odysseus lag daneben und der
Muschelkasten mit dem umgeworfenen Sepianpfchen und allen Farbenmuscheln drum
her, das hat einen braunen Fleck auf Deinen schnen Strohteppich gemacht, ich
habe mich bemht, alles wieder in Ordnung zu bringen. Dein Flageolet, was Du
mitnehmen wolltest und vergeblich suchtest, rat, wo ich's gefunden habe? - Im
Orangenkbel auf dem Altan war es bis ans Mundstck in die Erde vergraben, Du
hofftest wahrscheinlich einen Flageoletbaum da bei Deiner Rckkunft aufkeimen zu
sehen, die Liesbet hat den Baum bermig begossen, das Instrument ist
angequollen, ich hab es an einen khlen Ort gelegt, damit es gemchlich wieder
eintrocknen kann und nicht berstet, was ich aber mit den Noten anfange, die
daneben lagen, das wei ich nicht, ich hab sie einstweilen in die Sonne gelegt,
vor menschlichen Augen darfst Du sie nicht mehr sehen lassen, ein sauberes
Ansehen erhalten sie nicht wieder. - Dann flattert das blaue Band an Deiner
Gitarre, nun schon seitdem Du weg bist, zum groen Gaudium der Schulkinder
gegenber, so lang es ist, zum Fenster hinaus, hat Regen und Sonnenschein
ausgehalten und ist sehr abgeblat, dabei ist die Gitarre auch nicht geschont
worden, ich hab die Liesbet ein wenig vorgenommen, da sie nicht so gescheut
war, das Fenster zuzumachen hinter den dunklen Plnen, sie entschuldigte sich,
weil's hinter den grnseidnen Vorhngen versteckt war, da doch, so oft die Tre
aufgeht, die Fenster vom Zugwind sich bewegen. Dein Riesenschilf am Spiegel ist
noch grn, ich hab ihm frisch Wasser geben lassen, Dein Kasten mit Hafer und was
sonst noch drein geset ist, ist alles durcheinander emporgewachsen, es deucht
mir viel Unkraut drunter zu sein, da ich es aber nicht genau unterscheiden kann,
so hab ich nicht gewagt, etwas auszureien; von Bchern hab ich gefunden auf der
Erde den Ossian, die Sacontala, die Frankfurter Chronik, den zweiten Band
Hemsterhuis, den ich zu mir genommen habe, weil ich den ersten Band von Dir
habe. Im Hemsterhuis lag beifolgender philosophischer Aufsatz, den ich mir zu
schenken bitte, wenn Du keinen besondern Wert darauf legst, ich hab mehr
dergleichen von Dir, und da Dein Widerwille gegen Philosophie Dich hindert,
ihrer zu achten, so mchte ich diese Bruchstcke Deiner Studien wider Willen
beisammen bewahren, vielleicht werden sie Dir mit der Zeit interessanter.
Siegwart, ein Roman der Vergangenheit, fand ich auf dem Klavier, das Tintenfa
draufliegend, ein Glck, da es nur wenig Tinte mehr enthielt, doch wirst Du
Deine Mondscheinkomposition, ber die es seine Flut ergo, schwerlich mehr
entziffern. Es rappelte was in einer kleinen Schachtel auf dem Fensterbrett, ich
war neugierig sie aufzumachen, da flogen zwei Schmetterlinge heraus, die Du als
Puppen hineingesetzt hattest, ich hab sie mit der Liesbet auf den Altan gejagt,
wo sie in den blhenden Bohnen ihren ersten Hunger stillten. Unter Deinem Bett
fegte die Liesbet Karl den Zwlften und die Bibel hervor, und auch - einen
Lederhandschuh, der an keiner Dame Hand gehrt, mit einem franzsischen Gedicht
darin, dieser Handschuh scheint unter Deinem Kopfkissen gelegen zu haben, ich
wte nicht, da Du Dich damit abgibst, franzsische Gedichte im alten Stil zu
machen, der Parfm des Handschuh ist sehr angenehm und erinnert mich und macht
mich immer heller im Kopf, und jeden Augenblick sollte mir einfallen, wo des
Handschuh Gegenstck sein mag; indes sei ruhig ber seinen Besitz, ich hab ihn
hinter des Kranachs Lukretia geklemmt, da wirst Du ihn finden, wenn Du
zurckkommst; zwei Briefe hab ich auch unter den vielen beschriebenen Papieren
gefunden, noch versiegelt, der eine aus Darmstadt, also vom jungen Lichtenberg,
der andre aus Wien. Was hast Du denn da fr Bekanntschaft? - Und wie ist's
mglich, wo Du so selten Briefe empfngst, da Du nicht neugieriger bist, oder
vielmehr so zerstreut. - Die Briefe hab ich auf Deinen Tisch gelegt. Alles ist
jetzt hbsch ordentlich, so da Du fleiig und mit Behagen in Deinen Studien
fortfahren kannst.
    Ich habe mit wahrem Vergngen Dir Dein Zimmer dargestellt, weil es wie ein
optischer Spiegel Deine aparte Art zu sein ausdrckt, weil es Deinen ganzen
Charakter zusammenfat; Du trgst allerlei wunderlich Zeug zusammen, um eine
Opferflamme dran zu znden, sie verzehrt sich, ob die Gtter davon erbaut sind,
das ist mir unbekannt.
                                                                        Karoline

Wenn Du Mue findest, so schreib bald wieder.



                        Beilage zum Brief der Gnderode


                         (Ein apokalyptisches Fragment)

1. Auf hohem Fels im Mittelmeer stand ich, vor mir der Ost, hinter mir der West,
und der Wind ruhte auf der See.

2. Die Sonne sank, kaum war sie verhllt im Niedergang, enthllte im Aufgang
sich das Morgenrot; Morgen, Mittag, Abend und Nacht jagten in schwindelnder Eile
um des Himmels Bogen.

3. Ich sah staunend sie sich drehen, mein Blut, meine Gedanken bewegten sich
nicht rascher; die Zeit, indes sie auer mir nach neuen Gesetzen sich bewegte,
ging in mir den gewohnten Gang.

4. Ich wollte ins Morgenrot mich strzen oder mich tauchen in die Schatten der
Nacht, eilend mit ihr dahinstrmend, um nicht so langsam zu leben, aber im
Schauen versunken ward ich mde und entschlief.

5. Da sah ich ein Meer vor mir, von keinem Ufer umgeben, nicht im Ost, noch Sd,
noch West, noch im Nord; kein Windsto bewegte die Wellen, aber in ihren Tiefen
bewegte sich, wie von innerer Grung gereizt, die unermeliche See.

6. Und mancherlei Gestalten stiegen auf aus dem tiefen Meeresscho, und Nebel
stiegen auf und senkten sich in Wolken, und in zuckenden Blitzen berhrten sie
die gebrenden Wogen.

7. Und immer mannigfaltiger entstiegen der Tiefe Gestalten, mich ergriff
Schwindel und Bangheit, meine Gedanken wurden hiehin und dorthin getrieben, wie
eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch.

8. Als ich wieder erwachte und von mir zu wissen anfing, da besann ich mich
nicht, ob ich Jahrhunderte oder Minuten geschlafen, denn in den dumpfen,
verworrenen Trumen war mir nichts begegnet, was mich an die Zeit erinnert
hatte.

9. Es war dunkel in mir, als habe ich geruht in dieses Meeres Scho und sei wie
andere Gestalten ihm entstiegen. - Ich schien mir ein Tropfen Taues, ich bewegte
mich lustig in der Luft hin und wieder und freute mich, und mein Leben war, da
die Sonne sich in mir spiegle und die Sterne mich beschauten.

10. Ich lie von den Lften mich dahin tragen in raschen Zgen, ich gesellte
mich zum Abendrot, zu des Regenbogens siebenfarbigen Tropfen, ich reihte mit
meinen Gespielen mich um den Mond, wenn er sich bergen wollte, und begleitete
seine Bahn.

11. Die Vergangenheit war mir dahin, nur der Gegenwart gehrte ich an, eine
Sehnsucht war in mir, die ihr Begehren nicht kannte, ich suchte immer, und was
ich fand, war nicht das Gesuchte, und sehnend trieb ich mich umher im
Unendlichen.

12. Einst ward ich gewahr, da alle die Wesen, die dem Meer entstiegen waren,
wieder zu ihm zurckkehrten und in wechslenden Formen sich wieder erzeugten.
Mich befremdete diese Erscheinung, denn ich hatte von keinem Ende gewut. Da
dachte ich, meine Sehnsucht sei auch, zurckzukehren zu der Quelle des Lebens.

13. Und da ich dies dachte und lebendiger fhlte als all mein Bewutsein, ward
pltzlich mein Gemt wie mit betubenden Nebeln umfangen. Aber sie schwanden
bald, ich schien mir nicht mehr ich, meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden,
mein Bewutsein hatte ich berschritten, es war grer, anders, und doch fhlte
ich mich in ihm.

14. Erlset war ich von den engen Schranken meines Wesens und kein einzelner
Tropfen mehr, ich war allem wiedergegeben, und alles gehrte mir mit an, ich
dachte und fhlte, wogte im Meer, glnzte in der Sonne, kreiste mit den Sternen;
ich fhlte mich in allem und geno alles in mir.

15. Drum wer Ohren hat zu hren, der hre! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht
Tausende, es ist eins und alles; es ist nicht Leib und Geist geschieden, da das
eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehre, es ist eins, gehrt sich selbst
und ist Zeit und Ewigkeit zugleich und sichtbar und unsichtbar, bleibend im
Wandel, ein unendliches Leben.

                                An die Gnderode


Wie wir hier leben, das will ich Dir erzhlen. Morgens kommen wir alle im
Schlafzimmer von Savignys zusammen. Da wird gegalert und als ein bichen Krieg
mit Kopfkissen und Rouleaux gefhrt, und im Nebenzimmer wird gefrhstckt dabei.
Wir nehmen uns zwar sehr in acht, den groen Savigny zu treffen, aber er ist
gescheut, wenn's Gefecht hei wird, da zieht er sich zurck. Spter zerstreut
sich alles. Wir sind auch jetzt schon zweimal geritten, ich bin beidemal
heruntergefallen, einmal wie wir bergauf ritten und einmal vor Lachen.
Nachmittags gehen wir manchmal in den Wald, und Savigny liest vor, da hab ich
meine Not mit dem Zuhren, auf dem Waldrasen hab ich gar zu viel Zerstreuung,
alle Augenblick ist ein Krutchen oder ein Spinnchen oder ein Rupchen oder ein
Sandsteinchen, oder ich bohr ein Lchelchen in die Erd und find allerlei da, der
Savigny sagt, ich sei hoffrtig und wollt nicht zuhren, er kann's nicht leiden,
drum setz ich mich hinter seinen Kopf, da merkt er's als nicht. Wir gehen auch
als auf die Jagd, und ich nehm die kleine Flint, ich schie aber immer, was Du
wohl weit, wonach ich immer auf die Jagd geh, Hirngespinste aus der Luft,
gestern wollte mir der Bostel lehren, nach den Vgelchen zielen, ich scho, und
das Vgelchen fiel herunter, ich dacht gar nicht, da ich's treffen wrde, ich
war sehr erschrocken, aber der Bostel machte so groen Lrm von meinem scharfen
Blick, und die andern lobten mich alle, da ich so gut ziele, da ich meine Reue
ber diesen ersten Mord nicht merken lie. Ich nahm das Vgelchen in die Hand,
wo es vollends erkaltete, in der Nachtstille hab ich's begraben unter dem
Fenster von Deiner Schlafkammer und nicht ohne schwere Nachgedanken; wahrlich,
ich hab es nicht mit Willen getan, aber doch mit Leichtsinn. Was liegt am Vogel,
alle Jger schieen ihn ja! - Aber ich nicht, ich htt es niemals getan, aus dem
Laub, in seiner heiteren Lebenszeit den Vogel herunterzuschieen, den Gott mit
der Freiheit des Flugs begabt hat. Gott schenkt ihm die Flgel, und ich schie
ihn herunter, o nein, das stimmt nicht!
    Eben kommt Dein Brief an, Deinen Kamm und die Kette hast Du wohl erhalten?
Ich hab sie an Mienchen geschickt in einer kleinen Schachtel, Clemens hat einen
kleinen Brief beigeschlossen an Deine Schwester und ein paar Zeilen an Dich;
mein Zimmer gefllt mir wohl in seiner Unordnung, und ich gefall mir also auch
wohl, da Du meinst, es stelle meinen Charakter vollkommen dar. Am liebsten ist
mir, da Du zur rechten Zeit kamst, um die Schmetterlinge zu befreien. Du kommst
immer zur rechten Zeit, um meine Dummheiten gutzumachen. Den philosophischen
Aufsatz, wie Du ihn zu nennen beliebst, schenk ich Dir, ich nenne ihn einen
steifstelligen, verschnippelten, buchsbaumernen Zwerg, ein fataler grner
Wrgengel von superklugem Gewlsch, ohne Sprach, ohne Musik, es sei denn das
hlzerne Gelchter; dem gleicht's ganz im Ton und Inhalt; mach mich nicht
nrrisch, - ich will nichts mehr davon wissen. Dein apokalyptisch Fragment macht
mich auch schwindlen; bin ich zu unreif, oder was ist es, da ich so fiebrig
werd, und da Deine Phantasien mich schmerzlich krnken. Meine Gedanken wurden
hierhin und dorthin getrieben wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine
Erinnerung erlosch. Warum schreibst Du mir so was? - das sind mir bittere
Gedanken! Es macht mich unzufrieden und voll Bangigkeit, da Du Deinen Geist in
eine Unbewutheit hineinversetzest. Ich wei nicht, wie ich immer empfinde, als
sei alles Leben inner mir und nichts auer mir, Du aber suchest in hheren
Regionen nach Antwort auf Deine Sehnsucht, willst mit Deinen Gespielinnen den
Mond umwallen, wo ich keine Mglichkeit mir denken kann mitzutanzen, willst 
erlst sein von den engen Schranken Deines Wesens, und mein ganz Glck ist
doch, da Gott Dich in Deiner Eigentmlichkeit geschaffen hat; - und dann sagst
Du noch so was Trauriges: Ich schien mir nicht mehr Ich und doch mehr als sonst
Ich. Meinst Du, damit wr mir gedient? - Meine Grenzen konnte ich nicht mehr
finden, mein Bewutsein hatte sie berschritten, es war anders. Mit dem allen
ist mein Urteil gesprochen, mich qult Eifersucht, mir scheint Dein Denken auer
den Kreisen zu schweifen, wo ich Dir begegne. Du bist herablassend, da Du vor
mir solche Dinge aussprichst, die ich nicht nachempfinden kann und auch nicht
mag, weil sie unsern engen Lebenskreis berschreiten, in dem allein mir nur lieb
denken ist. Straf mich nun mit Worten, wie Du willst, da ich so dumm bin, aber
der Eifersucht Brand tobt in mir, wenn Du mir nicht am Boden bleibst, wo auch
ich bin. In diesem Fragment lese ich, da Du nur im Vorbergehen mit mir bist,
ich aber wollte immer mit Dir sein, jetzt und immer, und ungemischt mit andern;
erst hast Du geweint im Traum um mich, und nachher im Wachen vergit Du alles
Dasein mit mir, ich kann mir nichts denken als nur ein Leben, wie es gerad dicht
vor mir liegt, mit Dir auf der Gartentreppe oder am Ofen, ich kann keine
Fragmente schreiben, ich kann nur an Dich schreiben, aber innerlich weite Wege,
groe Aussicht, aber nicht dem Mond nachlaufen und im Tau vergehen und im
Regenbogen verschwimmen. Zeit und Ewigkeit, das ist mir alles so weitlufig, da
frcht ich Dich aus den Augen zu verlieren, was ist mir Ein unendliches Leben
bleibend im Wandel, jeder Augenblick, den ich leb', ist ganz Dein, und ich
kann's auch gar nicht ndern, da meine Sinne nur blo auf Dich gerichtet sind,
Du wirfst mich aus der Wiege, die Du auf dem groen Ozean schwimmend vor Dir
hergetrieben hast, hinaus in die Wellen, weil Du in die Sonne fahren willst,
unter die Sterne und im Meer zerrinnen. - Mir ist schwindelig, taumelig. - So
ist einem, der vom Feuer verzehrt wird und kann doch kein Wasser dulden, das es
lsche. Du verstehst mich nicht, und wenn Du noch so klug bist und alles
verstehst, das Kind in Deine Brust geboren, das verstehst Du nicht. - Ich wei
wohl, wie mir's gehen wird mein ganzes Leben, ich wei es wohl. Leb wohl.
                                                                         Bettine

Heut haben wir den 19. Mai, am 7. Mai hat's zum erstenmal gedonnert in diesem
Jahr, das wird gerad gewesen sein, wo Du das verdammte apokalyptische Fieber
hattest.
    Noch vierzehn Tag bleiben wir, alles blht, ein Abhang voll Kirschbume, so
dunkelrote Stmmchen, so jung wie unsereins, ich geh alle Morgen frh hinaus und
such die Raupennester dort ab; soviel ich hinanreichen kann, bieg ich die Zweige
herab und brech die boshaften Raupennester heraus, sie sollen sich freuen dies
Jahr, die Bume, und nicht mit kahlen Huptern dastehen vor dem Herbst. - Ich
tu's auch, weil ich mich gegen Dich zusammennehmen will, hast Du Deine
Regenbogenkrnzchen und Deine Mondkoterien, wo Du bers Bewutsein
hinausspazierst und das Heimkehren vergit, mit Deiner Haiden, mit Deiner Nees,
mit Deiner Lotte Serviere Reigen im Sternennebel tanzest, so hab ich meine
einsame Unterredungen mit den jungen Erbskeimen und mit den Mirabellen und
Reineclauden und Kirschbumen in der Blte, und gestern war ich mit dem
Gingerich drau am Goldweiher, da haben wir eine Htte gemacht von Moos, da
haben die zwei jungen Wiedertufer geholfen, der mit dem braunroten Bart, der so
stolz drauf ist; der schne Hans und der blonde Georg; sie lieen beide ihre
Pflge stehen und kamen heran, mir zu helfen, und schnitten mir Tannenste
herunter, und alles, was ich Loses an mir hatte, damit hab ich die ste
festgebunden, mit meiner hellblauen Schrpe und mit dem rosa Halstuch, wovon Du
die andre Hlfte hast, hab ich sie zusammengeknpft, und am Nachmittag kam der
Savigny heraus und legte sich in die Htte, sehr vergngt, und ich las vor,
Gedichte vom Bruder Anton, eine Wasserreise nach den verschiedenen
Sauerbrnnchen und ein Gedicht auf Euphrosyne Maximiliane und eine
philosophische Abhandlung von einem glsernen Esel, der auf einer blumenreichen
Wiese sich sattgefressen hatte, und dem die seltensten Blumen durch den Bauch
schimmern und ihn so verschnen, da er die Bewunderung aller Laubfrsche ist,
die alle auf ihn hinaufhpfen und sich vergebens abmhen, in diesem schnen
Blumenlabyrinth herumzuhpfen, so mssen sie sich's vergehen lassen, weil der
glserne Bauch es umschliet, und dann die Moral ist von dieser wunderbaren
Fabel: Streben nach unmglichen Genssen hilft zu nichts und verdirbt die
Zeit, denn einmal hatte Gott schon frher diese schne Blumenweide zur
Verschnerung des Esels bestimmt und nicht zur Schwelgerei der Frsche, und
zweitens war der vornehme Esel auch zu ganz was anderem bestimmt als zum
Belustigungsort gemeiner Frsche, denn als ihn zwei verstndige Philosophen und
Gelehrte aus der an schnen Naturseltenheiten reichen Stadt Frankfurt
begegneten, so fhrten beide diesen wunderschnen Esel an einem grnseidnen Band
durch die Stadt. Am Gallentor, wo sie einpassierten, prsentierte die Stadtwache
das Gewehr vor ihm, und auf dem Romarkt (also grade vor Deinem Stift)
versammelten sich alle Brger und begleiteten ihn mit Siegsgeschrei auf den
Rmer, allwo der Herr Brgermeister mit allen Ratsherren versammelt war, und die
Herren von der ersten Bank wie auch von der zweiten und dritten stimmten alle
ein in das Lob der Wunder Gottes, als sie in dem Bauch des Esels die schnen
Tulipanen, Levkoien, Narzissen, Hyazinthen, Schwertlilien, Kaiserkronen und vor
allem die schnen Rosen herumflorieren sahen. Als sie dessen sattsam sich
erfreut hatten, so lie der Herr Brgermeister fortfahren in den angefangenen
Ratschlgen und den glsernen Blumenesel einstweilen auf einem erhabenen Platz
aufstellen; wie nun der Rat vollendet war, welcher wegen wichtigen
Angelegenheiten etwas lange gedauert hatte, und man den Esel in die
Rarittskammer fhren wollte, so hatte dieser unterdessen seine Notdurft
verrichtet, und es war keine einzige Blume in seinem Bauch geblieben, sondern
war alles zu Mist geworden, und der Bauch des Esels sah nicht anders aus als
eine schmutzige, ranzige lflasche. Die Stadtmusikanten, welche auf Befehl des
Rates herbeigekommen waren, um diese schne Naturseltenheit Gottes mit Trommeln
und Pfeifen durch die lbliche freie Reichsstadt zu geleiten, wurden zum groen
Leidwesen der Gassenbuben verabschiedet, die aus Rache den armen Esel mit
Steinen warfen, da sein glserner Bauch in tausend Stcken ging und er
elendiglich sich auf dem Scherbelhaufen vom Dippenmarkt am Pfarreisen zum
Verscheiden hinlegte, wo er unter dem Gesptt und boshaftem Zwicken seiner
langen Ohren mit lautem Gesthn den Geist aufgab. Die Moral und groe weise
Lehre von dieser Fabel ist: Brste dich nicht vor deinem Ende; wenn das falsche
Glck dir den Bauch voll der schnsten Blumen stopft, so zwingt dich oft die
Notdurft, alles, worauf Du einst so stolz sein konntest, als stinkenden Mist
wieder von dir zu geben, und jene, so dir frher schmeichelten um deiner seltnen
Gaben willen, sind dann gerade die, welche dich am unbarmherzigsten verfolgen.
Httest du, Esel, dich nicht von ein paar berspannten, hochtrabenden Gelehrten
verfhren lassen, deine Blumenschnheit in der Stadt Frankfurt als eine
bewundernswrdige Seltenheit zu zeigen, sondern wrst du ruhig in deinen Stall
gewandert, so konntest du ruhig deine Verdauung abwarten und jeden Tag in der
Blumenzeit aufs neue deinen Bauch mit lieblichen, wrzigen Speisen fllen, und
dein Ruhm wrde auch nicht ausgeblieben sein, denn man wrde zu dir
hinausgekommen sein ins Feld, um dich zu bewundern. Die dritte Moral ist die,
da doch ein hochweiser Rat es sich zur warnenden Lehre nehme, alles, womit ein
Esel in seinem Bauche prahlt, ja nicht hoch anzuschlagen, da es nach kurzer Zeit
doch immer zu Mist werden mu. -
    Den Savigny und alle hat die Geschichte des Anton hchlich amsiert, es
wurde noch viel gelacht und zuletzt unter Gesang beim Untergehen der Sonne nach
Hause gewandert.
    Ich wollte zwar frher zurckkommen, und mein Gewissen mahnt mich auch,
nicht alles, was ich dort angefangen, solang aus den Augen zu lassen; aber es
schleicht ein Tag nach dem andern so anmutig vorber, und der Savigny ist so
anmutig und kindisch, da wir ihn nicht verlassen knnen, alle Augenblick hat
eins ihm ein Geheimnis anzuvertrauen, der fhrt ihn in den Wald, der andre in
die Laube, und die Gundel mu sich's gefallen lassen, und Gescheitsein ist gar
nicht Mode, der Clemens hat ihm schon ein paar Wnde mit abenteuerlichen Figuren
vollgemalt, und Verse und Gedichte werden mit schwarzer Farbe an alle Wnde gro
geschrieben. Der Clemens hat Wieland, Herder, Goethe und die Prinzessin Amalie
grau in grau gemalt und den Dir bekannten Vers dazu. - Heut mu ich aufhren,
ich schick Dir eine Schachtel mit dem groen Maiblumenstrau, schmcke Deinen
Hausaltar und verrichte eine Andacht fr mich, es ist meine liebste Blum. Geh in
Dich und frag Dich, wer Dir am nchsten steht von allen Menschen; und frag Dich
recht deutlich, wer sich am liebsten an Dein Herz schmiegt ohne groe
Anforderungen an ein hyperborisches Glck, und da wirst Du sagen mssen, da
ich's bin, die allein das Recht hat, Dir nahzustehen, und wenn Du das nicht
einsiehst, so ist der Schade mein, aber Dein auch.
                                                                         Bettine




                         Beilage zum Brief der Bettine


                      Der Aufsatz, der im Hemsterhuis lag

Es sind aber drei Dinge, aus diesen entspringt der Mensch, nicht nur ein Teil
oder eine Erscheinung von ihm, sondern er selber mit allen Erscheinungen in ihm,
und sein Same und Keim liegt in diesen drei Dingen, diese aber sind die
Elemente, aus welchen die ganze erschaffne Natur sich in dem Menschen wieder
bildet.
    Das erste ist der Glaube, aus diesem entspringt der gewisse Teil des
Menschen, nmlich der Leib oder das Kleid des Geistes; der Gedanke; dieser ist
die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes und eine Befestigung seines
Daseins. Der Glaube aber ist Befestigung, und ohne diesen schwebt alles und
gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, die die erschaffende
Natur noch nicht unter sich gebracht hat, so wie der Natur Eigenschaft aber ist,
den ewigen Stoff, die Zeit zu bearbeiten, so ist jener ihre Eigenschaft, die
Gestalt von sich abzustoen und nicht anzunehmen, bis sie von der Natur in
seligem Kampf besiegt ist.
    Der Glaube aber ist die Erscheinung Gottes in der Zeit, der Glaube ist
Gewiheit und Ewigkeit. Die Erscheinung Gottes ist immer ewig, in jedem
Augenblick, und so ist der Mensch ewig, denn sein Sein ist Gottes Erscheinung.
Gott aber ist alles, das das Gute ist als Gegensatz gegen nichts, das das Bse
ist.
    Daher ist auch alles in dem Menschen, der die Erscheinung Gottes ist; daher
begreift er einzig in sich Gott und den Glauben an ihn, weil sein Sein der
Glaube ist, sein Wesen aber Gott.
    Was also der Mensch erblickt mit seinen Augen auer sich, das ist Gottes
Blick in ihm, was er aber hrt mit seinen Ohren auer sich, das ist Gottes
Stimme in ihm, was er aber fhlt mit seinem ganzen Leib und Geist auer sich,
das ist Gottes Berhrung, der Funke der Begeisterung in ihm, was aber in ihm
ist, das erschafft und bildet aus ihm, was aber erschaffen und auer ihm ist,
das spricht ihn an und bildet sich wieder in ihn hinein, in ihm aber liegt auch
die Zeit, und es ist das Werk des Erschaffens nichts anders als die Zeit
umwandlen in die Ewigkeit, wer aber die Zeit nicht umwandelt in die Ewigkeit
oder die Ewigkeit herabziehet in die Zeit, der wirkt Bses, denn alles, was ein
Ende nimmt, das ist bse.
    Die Ewigkeit in die Zeit herabziehen aber heit, wenn die Zeit der Ewigkeit
mchtig wird, wenn die Nichtigkeit mchtiger wird als die Gewalt des Schaffens,
wenn der Stoff des Meisters sich bemeistert, der ihn behandelt.
    Bse ist also der Selbstmord, denn der Willen der Vernichtung ist zeitlich,
und der Gedanke geht in sich selbst zugrund, weil er ein Kleid der Zeitlichkeit
ist, nicht aber eine sichtbare Erscheinung des ewigen Geistes, und hier lehnt
sich der Stoff - die Zeit, gegen seinen Meister (das Schicksal der Ewigkeit)
auf.
    Wenn man aber sagt, der Mensch ist im Guten geboren, so ist dieses wahr,
weil er im Glauben geboren ist; wenn man aber sagt, er hat das Bse nicht,
sondern er zieht es nur an, so ist dieses nicht wahr, denn er hat die Kraft, das
Bse von sich zu stoen, nicht aber es an sich zu ziehen, denn das Bse ist die
Zeit, und sie dient zur Nahrung fr das Gttliche und Ewige, die Zeit aber frit
die Ewigkeit und den Geist, der ewig sein soll, wenn er sich nicht ihrer
bemchtigt und sich zur Nahrung nimmt; denn das ist das Bse, da das Zeitliche,
Irdische das ewige Himmlische verschlingt, das Gute aber ist, wenn das ewige
Himmlische das Irdische in sich umwandelt und alles zu Gott in ihm macht.
    Gott aber hat das Zeitliche nicht in sich, denn sein Sein ist die Umwandlung
des Zeitlichen ins Himmlische, weil er aber ist, so ist die Ewigkeit.
    Die Vernunft aber ist eine Sule, festgepflanzt in dem Menschen, sie ist
aber ewig und also eine Sttze des Himmels, und wie sie eingegraben ist in uns
und mit uns eins ist, so geht ihr Haupt in die Wolken, und in ihrer Wurzel liegt
die Zeit, aber wie sich aus dem Stoff der Geist entwickelt, so entwickelt sich
die Ewigkeit aus dieser Zeit und steigt in der Vernunft zur Ewigkeit, und der
Mensch wird durch die Vernunft aus einem Irdischen ein Himmlisches.

                                 An die Bettine


                                                                       Frankfurt

Melonen, Ananas, Feigen, Trauben und Pfirsich und die Flle sdlicher Blten,
die eben in Eurem Hause sorglich verpackt werden, haben mir Lust gemacht, Dir
das Violen- und Narzissenstruchen (Wandel und Treue) beizulegen, ich htte
mich gern selbst mit hineingelegt. Der Heliotrop mit den Nelken und Jasmin
zusammen ist ein aparter Strau vom Gontard fr Dich, er trug mir auf, es Dir zu
melden. Es ist mir jetzt recht traurig, da Du fort bist. - Das Schicksal frnt
Deiner Zerstreutheit, bei Euch auch ist ein ewiges Wandern, Kommen, Gehen. Ich
bitte Dich, schreib, wie lange Ihr bleibt oder zu bleiben gedenkt. Erst wollt
ich nicht, da Du hier bliebst, und wrst Du nun schon wieder da! - Es ist keine
heitere Zeit in mir, viel Muse und keine Begeisterung fr sie; man hngt von
manchem ab, dem man gar keinen Einflu zugestehen wrde, die Gewohnheit, Dich zu
erwarten am Nachmittag, hngt mir wie ein zerriner Glockenstrang in den Kopf! -
Und doch mu ich immer in die Ferne lauschen, ob ich Deinen Tritt nicht hre.
    Der Sommer in der Stadt - es bedroht mich ganz dmonisch, den hellen Himmel
zu versumen. - Meine Spaziergnge um das Eschenheimer Tor ertten mich
gnzlich. Auch die Englnder wollen Euch diese Woche noch besuchen, alles geht
fort.
    Schreib mir viel, auch ber meine Sachen, ich schicke dann mehr. Da ich als
Narzi mich gegen Dich verschanze, besser wie im Gesprch, wo Du immer recht
behltst, mut Du Dir gefallen lassen, so mein ich's, und so hab ich recht, und
Du hast unrecht; und ich meine, Du knntest immer zufrieden sein damit, so
empfunden zu sein durch Deine eigne frische Natur, da Du meiner sicher bist.
Wer im ganzen etwas sein kann, der wird sich auch fhlbar zu machen wissen, und
so wird der Wandel nirgend anders als bei der Treue heimkehren, denn sie ist die
Heimat. Du bist ja auch heute nicht, was Du gestern gewesen, und doch bist Du
eine ewige Folge Deiner selbst. Mir scheint es noch auerdem hchst verkehrt,
durch selbstisches Bestehen auf dem, was nur wie Sonnenschein vorbergehendes
Geschenk der Gtter ist, dem Geist die Freiheit zu verkmmern. Treue wchst in
dem Geist auf, der liebt, gedeiht sie zu einem starken Baum, so wird kein Eisen
so scharf sein, ihn auszurotten, aber ehe die Treue von selbst stark geworden,
kann man ihr nichts zumuten, sie wrde nur bei einer Anforderung ihr
aufkeimendes Leben einben; wenn sie aber einmal vollkommen ausgebildet ist,
dann ist sie kein Verdienst mehr, dann ist sie Bedrfnis geworden, Lebensatem; -
sie hat keine Rechte mehr zu befriedigen, weil sie ganz organisches Leben
geworden ist. - Das sei unsre Sorge, da jede Lebensregung eigentmliches,
organisches Leben werde, das sei unsre Fundamentaltreue, durch die wir in allem
Erhabenen mit den Gttern uns vermhlen. Bis dahin la uns einander treffen in
ihrem Tempel, die Gewohnheit, uns da zu finden, einander die Hand zu bieten in
gleicher Absicht, die wird den Baum der Treue in uns pflegen, da er als
selbstndiges Leben von uns beiden ausgehe und stark werde.
    Ich habe mich mit dem Gedanken oft herumgetragen, ob nicht alles, was sich
vollkommen und also lebendig in der Seele ausbilde, ein selbstndiges Leben
gewinnen msse, das dann als willenskrftige Macht (wie jene Treue, mit der Du
mich magnetisierst) Menschengeister durchdringt und sie zu hherem Dasein
inspiriert. - Was sich im Geist ereignet, ist Vorbereitung einer sich
ausbildenden Zukunft, und diese Zukunft sind wir selber. - Du sagst, alles gehe
ins Innere herein und Du empfndest die Welt nicht von auen. Aber ist denn die
uere Welt nicht Dein Inneres? - oder soll sie es nicht werden? - Von innen
heraus lernt man Sehen, Hren, Fhlen, um das uere ins Innere zu verwandeln,
das ist nicht anders, als wie wenn die Bienen den Blumenstaub in die Kelche
vertragen, die fr die Zukunft sich befruchten sollen. In der Seele liegt die
Zukunft in vielfltigen Knospen, da mu aus reiner Geistesblte der lebendige
Staub hineingetragen werden. Das scheint mir Zukunft zu sein. - Jahre vergehen
gleich einem tiefen Schlaf, wo wir nicht vorwrts und nicht zurck uns bewegen,
und wirkliche Zeitschritte sind nur die, in denen der Geist die Seele
befruchtet, in der Zeiten Raum geht das wirkliche Leben aus solchen einzelnen
befruchtenden Momenten wie die Bltenperlen dicht aneinander auf. - Was ist auch
Zeit, in der nichts vorgeht? - die nicht vom Geist befruchtet ist? - Pause,
bewutloses Nichts! - Raum, den wir durchschreiten, der noch unerfllt ist. -
Aber jene Momente mssen noch so dicht geset werden, da der ganze Raum ein
ewiges Bltenmeer von befruchtenden Lebensmomenten sei. - Alle Anreizung in
selbstndiges Leben entwicklen, das geistbewaffnet nach eigentmlicher Weise die
Zukunftsblten erweckt, das allein ist lebendige Zeit, aber uns selbst fr
abgeschlossen halten und einer Zukunft entgegenschreiten, die nicht wir selbst
sind, das scheint mir Unsinn und ebensowenig wahr, als wenn unsere Einsicht
nicht Folge unseres Begriffs wre. Ich habe mich zusammengenommen, um deutlich
zu sein, allein das ist das Schwerste, man empfindet etwas unwidersprechlich und
kann's dennoch nicht aussprechen. - Deine Eifersucht um mich, die ich wahrhaftig
erst fr Laune hielt, spter aber ihr Gerechtigkeit widerfahren lie, obschon
ich sie nicht billigen kann, leitete mich zu diesen Betrachtungen. Ich bin Dir
nicht entgegen, Bettine, da Du mit Ernst und auch mit besonderem und vielleicht
auch mit mehr Recht teil an mir habest wie alle die andern; denn da wir so
unwillkrlich manchen lebendigen Begriff nur gegenseitiger Berhrung zu danken
haben und ich mehr Dir als Du mir, so sollte dies organische Ineinandergreifen
uns auch frei machen von jeder kleinlichen Eigensucht, und wir sollten wie die
Jnglinge, whrend sie nach dem Ziel laufen, nicht uns Zeit gnnen, an was
anders zu denken als im schwebenden Lauf auszuharren. Und was habe ich auch am
Ende von allen andern? - Du kannst Dir das selbst wohl beantworten und Deiner
Seele darber den hchsten Frieden gnnen. -
    Schreibe, wenn Du antwortest, auch einen Brief fr den Clemens, er mahnt in
seinem Schreiben an mich darum, es wird ihm sehr berraschend sein, wenn er
Deinen Aufenthalt im Schlangenbad erfhrt. Adieu! schreib bald.
                                                                        Karoline




                        Beilage zum Brief der Gnderode



                                Wandel und Treue

                                    Violetta

Ja, du bist treulos! La mich von dir eilen;
Gleich Fden kannst du die Empfindung teilen.
Wen liebst du denn? Und wem gehrst du an?


                                     Narzi

Es hat Natur mich also lieben lehren:
Dem Schnen werd ich immer angehren,
Und nimmer weich ich von der Schnheit Bahn.


                                    Violetta

So ist dein Lieben wie dein Leben, wandern!
Von einem Schnen eilest du zum andern,
Berauschest dich in seinem Taumelkelch,
Bis Neues schner dir entgegenwinket -




                                     Narzi


In hh'rem Reiz Betrachtung dann versinket
Wie Bienenlippen in der Blume Kelch.


                                    Violetta

Und traurig wird die Blume dann vergehen,
Mu sie sich so von dir verlassen sehen!


                                     Narzi

O nein! Es hat die Sonne sie gekt.
Die Sonne sank, und Abendnebel tauen.
Kann sie die Strahlende nicht mehr erschauen,
Wird ihre Nacht durch Sternenschein verst.
Sah sie den Tag nicht oft im Ost verglhen?
Sah sie die Nacht nicht trnend still entfliehen?
Und Tag und Nacht sind schner doch als ich.
Doch flieht ein Tag, ein andrer kehret wieder;
Stirbt eine Nacht, sinkt eine neue nieder,
Denn Trstung gab Natur in jedem Schnen sich.




                                    Violetta


Was ist denn Liebe, hat sie kein Bestehen?


                                     Narzi

Die Liebe will nur wandlen, nicht vergehen;
Betrachten will sie alles Treffliche.
Hat sie dies Licht in einem Bild erkennet,
Eilt sie zu andern, wo es schner brennet,
Erjagen will sie das Vortreffliche!


                                    Violetta

So will ich deine Lieb als Gast empfangen;
Da sie entfliehet wie ein satt Verlangen,
Vergnnt mein Herz ihr keine Heimat mehr.


                                     Narzi

O sieh den Frhling! Gleicht er nicht der Liebe?
Er lchelt wonnig, freundlich, und das trbe
Gewlk des Winters, niemand schaut es mehr!
Er ist nicht Gast, er herrscht in allen Dingen,
Er kt sie alle, und ein neues Ringen
Und Regen wird in allen Wesen wach.
Und dennoch reit er sich aus Tellas Armen,
Auch andre Zonen soll sein Hauch erwrmen,
Auch andern bringt er neuen, schnen Tag.


                                    Violetta

Hast du die heil'ge Treue nie gekennet?


                                     Narzi

Mir ist nicht Treue, was ihr also nennet,
Mir ist nicht treulos, was euch treulos ist! -
Wer den Moment des hchsten Lebens teilet,
Vergessend nicht, in Liebe selig weilet;
Beurteilt noch und noch berechnend mit;
Den nenn ich treulos, - ihm ist nicht zu trauen,
Sein kalt Bewutsein wird dich klar durchschauen
Und deines Selbstvergessens Richter sein.
Doch ich bin treu! Erfllt vom Gegenstande,
Dem ich mich gebe in der Liebe Bande,
Wird alles, wird mein ganzes Wesen sein.




                                    Violetta


Gibt's keine Liebe denn, die dich bezwinge?


                                     Narzi

Ich liebe Menschen nicht und nicht die Dinge,
Ihr Schnes nur, - und bin mir so getreu.
Ja, Untreu an mir selbst wr andre Treue,
Bereitete mir Unmut, Zwist und Reue,
Mir bleibt nur so die Neigung immer frei.
Die Harmonie der inneren Gestalten
Zerstren nie die ordnenden Gewalten,
Die fr Verderbnis nur die Not erfand. -
Drum la mich, wie mich der Moment geboren.
In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen;
Die Sterne wandeln ohne festen Stand,
Der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder,
Des Lebens Strom, er woget auf und nieder
Und reiet mich in seinen Wirbeln fort.
Sieh alles Leben! Es hat kein Bestehen,
Es ist ein ew'ges Wandern, Kommen, Gehen,
Lebend'ger Wandel! buntes, reges Streben!
O Strom! in dich ergiet sich all mein Leben!
Dir strz ich zu! Vergesse Land und Port!


                                An die Gnderode

Den ersten Tag, als wir ankamen, war's so hei, da es mehr wie unertrglich
war; wir warfen unsere Nankingreisejacken aus und legten uns in den
Unterkleidern, in Hemdsrmeln, auf den Gang vor unserer Zimmertr ins Fenster,
von da kann man, versteckt hinter Bumen, auf eine Terrasse sehen, wo sich die
Gesellschaft zum Tee bei der Kurprinzessin von Hessen versammelt, die grade
unter uns wohnt. Das machte mir Spa, man konnte manches verstehen, und ein Wort
aus der Ferne, wenn's auch an sich unbedeutend ist, ist immer anregend wie eine
Komdie. Doch hat das Vergngen dran nicht lang gedauert; ein krebsroter
Kammerherr, der mir im Anfang Vergngen machte zu sehen, wie er hin und wieder
lief und den Frauen allerlei in die Ohren zischelte, und dann ein Herzog von
Gotha mit langen Beinen, rotem Haar und sehr melancholischen Gesichtszgen und
ein groes weies Windspiel zwischen den Knien, der trgt einen leberfarbnen
Rock; dann viele Damen mit berflssigem Putz, die Hauben aufhatten, als wr's
die Flotte von Nelson mit aufgeschwellten Segeln, und dann franzsische Schiffe,
wenn so zwei miteinander parlierten, das war grad, als ob einzelne Schiffe
handgemein wrden, bald brstete sich das Schiff, dann thronte es wieder, dann
streckte es seinen Schnabel in die Hh, und Herren und Damen von besonderer
Affektion gegeneinander; bald zerstreuten sie sich auf der Promenade, und
pltzlich stand der rote Kammerherr hinter uns auf dem Gang. Die Tonie entsetzte
sich und ging ins Zimmer, ich aber war gar nicht erschrocken und fragte, was er
wnsche; er war verlegen und sagte, er wnschte der Dame Bekanntschaft zu
machen; ich fragte: Warum werden Sie denn so rot? Er ward noch roter und
wollte mich bei der Hand nehmen, ich sagte: Nein! und ging ins Zimmer, er
drngte sich mir nach, ich rief: Tonie, helf mir den Mann bezwingen! Sie war
aber so voll Angst, da sie sich nicht vom Platz regte, denk Dir nur, und ich
lehnte mich mit aller Gewalt wider die Tr und der rote Mann dazwischen, der
durch wollte; ich rief: Tonie, zieh an der Schelle! Denn unsre Bedienten waren
alle noch am Packwagen beschftigt, aber die Tonie fand den Schellenzug nicht; -
der unartige Mann, immer wollte er doch noch herein, wo er doch sah, da man ihn
nicht wollte, ich konnt gar nicht begreifen, was er wollte, ich dachte einen
Augenblick, er wolle uns umbringen, ich erwischte einen Sonnenschirm, der an der
Tr stand, und stach mit dem nach seiner Lunge oder Leber, ich wei nicht - er
zog sich zurck und die Tre fiel ins Schlo, da stand ich wie einer, der ber
Berg und Tal gejagt war von einem Gespenst, ich konnte eine Viertelstunde keinen
Atem kriegen; ich dachte wirklich, er sei ein Mrder, ich hatte schon allerlei
Anschlge im Kopf, wie ich ihn erwrgen wollte. Die Tonie lachte und sagte: Geh
doch, ein Kammerherr und ein Mrder! Sie meinte, er sei nur ein boshafter und
gemeiner Schelm, wie's deren am Hof die meisten seien. - Wir haben aber den
Bedienten die Nacht vor der Schlafzimmertr schlafen lassen und die Lisette zu
uns ins Zimmer genommen, ich konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen, mich
strte es, da der Diener vor der Tr lag. Es ist doch zum erstenmal in meinem
Leben, da ich Angst hatte, aber denk doch nur, am andern Tag meldet uns der
Bediente den roten Herrn, er komme von der Fr. Kurprinzessin mit einem Auftrag
und lie sehr bitten, ihn anzunehmen, ich rufe, nein! Wir wollen von keiner
Kurprinzessin was wissen, die Tonie aber sagt, das geht nicht an, wir mssen ihn
annehmen. Ich bewaffnete mich mit dem Sonnenschirm, als er eintrat und uns zur
Frau Kurprinzessin zum Tee auf die Terrasse einlud, zugleich machte er viele
Entschuldigungen, er habe gar nicht geahnt, wer wir seien, weil wir in
Hemdsrmel im Fenster gelegen haben; ich war still, aber ich war sehr ergrimmt
ber den roten Mann. Als wir bei der Kurprinzessin vorgestellt waren, die mich
bei der Hand nahm und ins Gesicht kte, da saen wir alle in einem Kreis, und
der Rote stellte sich hinter mich, da ich seinen Atem fhlte, das krnkte mich
sehr, ich sagte: Gehen Sie fort hinter mir, Sie garstiger Mann! Da lief er
weg, aber die Tonie sah mich sehr ernsthaft an, und wie wir wieder oben waren,
da schmlte sie, da ich so laut gesprochen habe, das ist mir aber einerlei, ich
kann ihn nicht in meiner Nhe leiden, was liegt mir dran, ob's die Kurprinzessin
merkt, wenn sie frgt, so sag ich, er hat uns wollen ermorden in unserem Zimmer,
und dann kann er sich nachher verteidigen, wenn's nicht wahr ist, und kann
sagen, warum er uns so mrderischerweise angefallen hat. - Die Tonie will auch
nicht, da ich abends allein spazieren gehe, sie sagt, der Kammerherr knnte mir
begegnen, so mu ich immer einen hinter mir dreinlaufen haben. - Es ist nichts
schner als so ein Spaziergang im Nebel, mit dem sich, wenn die Nacht kommt,
alle Schluchten fllen und in tausenderlei Gestalten im Tal herumtanzt und an
den Felsen hinauf. - Aber einen hinter mir dreinlaufen zu haben, das ist mir
verdrielich. - Ich kann nicht dichten wie Du, Gnderode, aber ich kann sprechen
mit der Natur, wenn ich allein mit ihr bin, aber es darf niemand hinter mir
sein, denn grad das Alleinsein macht, da ich mit ihr bin. Auf der grnen Burg
im Graben, im Nachttau, da war es auch schn mit Dir, es sind mir meine liebsten
Stunden von meinem ganzen Leben, und so wie ich zurckkomm, so wollen wir noch
acht Tage zusammen dort wohnen, da stellen wir unsere Betten dicht nebeneinander
und plaudern die ganze Nacht zusammen; und dann geht als der Wind und klappert
in dem rappeligen Dach, und dann kommen die Muschen und saufen uns das l aus
der Lampe, und wir beiden Philosophen halten, von diesen Zwischenszenen lieblich
unterbrochen, groe tiefsinnige Spekulationen, wovon die alte Welt in ihren
eingerosteten Angeln kracht, wenn sie sich nicht gar umdreht davon. - Weit Du
was, Du bist der Platon, und Du bist dort auf die Burg verbannt, und ich bin
Dein liebster Freund und Schler Dion, wir lieben uns zrtlich und lassen das
Leben freinander, wenn's gilt, und wenn's doch nur wollt gelten, denn ich mcht
nichts lieber, als mein Leben fr Dich einsetzen. Es ist ein Glck - ein
unermeliches, zu groen heroischen Taten aufgefordert sein. Fr meinen Platon,
den groen Lehrer der Welt, den himmlischen Jnglingsgeist mit breiter Stirn und
Brust, mit meinem Leben einstehen! Ja, so will ich Dich nennen knftig, Platon!
- Und einen Schmeichelnamen will ich Dir geben, Schwan will ich Dich rufen, wie
Dich der Sokrates genannt hat, und Du ruf mir Dion. -
    Es wchst hier viel Schierling in dem feuchten Moorgrund, ich frchte es
aber nicht, obschon's Gift ist; es ist mir ein geheiligt Kraut, ich breche es ab
im Vorbergehn und berhre es mit meinen Lippen, weil der Sokrates den
Schierlingsbecher getrunken. Lieber Platon, es ist meine Reliquie, die mich von
bsen Schwchen heilen soll, da ich vor dem Tod nicht verzagen mu, wenn es
gilt. - Gute Nacht, mein Schwan, gehe dort schlafen auf dem Altar des Eros. -

                                                       Am Sonntag - Schlangenbad

Hier ist auch eine Kapelle und eine kleine Orgel, die hngt an der Wand, die
Kapelle ist rund, ein mchtiger Altar nimmt fast den ganzen Platz ein, ein
groer goldener Pelikan krnt ihn, der einem Dutzend Jungen sein Blut zu trinken
gibt. Das Ende der Predigt hrte ich aus, als ich hineinkam, ich wei nicht,
war's der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben berflorten Zieraten und
Krnze von Golddraht, die frischen Struer daneben von Rosen und gelben Lilien
und die dsteren Scheiben, wo oben grad ber dem Pelikan die dunkelroten und
gelben Scheiben die Sonnenstrahlen frben. Der Geistliche war ein Franziskaner
aus dem Koster bei Rauental. Wenn ich jetzt von Unglck sprechen hre, so
fallen mir immer die Worte Jesu ein, der zu einem Jngling sagte, der unter
seine Jnger wollte aufgenommen werden: Die Fchse haben Gruben, die Vgel des
Himmels haben ihre Nester, aber des Menschen Sohn hat keinen Stein, da er sein
Haupt hinlege. - Ich frage euch, ob durch diese Worte allein nicht schon alles
Unglck gebannt ist? - Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger einen
Gefhrten, der ihm sein irdisch Leben heimatlich gemacht htte, und doch wollen
wir klagen, wenn uns ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht wieder
aufrichten, finden es nicht der Mhe wert, ins Leben uns zu wagen, werden matt
wie ein Schlaftrunkner. Sollten wir nicht gern die Gefhrten Jesu sein wollen,
wenn die Not uns trifft? Sollten wir nicht Helden sein wollen neben diesem
groen berwinder, der ein so weiches Herz hatte, da er aus liebendem Herzen
die Kinder zu sich berief, da er den Johannes an seiner Brust liegen hie? Er
war menschlich, wie wir menschlich sind, was uns zu hheren Wesen bildet,
nmlich das Bedrfnis der Liebe, und zu selbstverleugnenden Opfern befhigt, das
war die Grundlage seiner gttlichen Natur, er liebte und wollte geliebt sein,
bedurfte der Liebe; weil nun die Liebe auf Erden nicht zu Hause war, so fand er
keinen Stein, da er sein Haupt ruhen konnte, da verwandelte sich dieses reine
Bedrfnis der Liebe in das gttliche Feuer der Selbstverleugnung, er brachte
sich dar, ein Opfer fr die geliebte Menschheit, sein Geist strahlte wieder
himmelwrts, von wo er in seine Seele eingeboren war, wie die Opferflamme
hinaufsteigt ein Gebet fr den Geliebten, und dies Gebet ist erhrt worden, denn
wir fhlen uns allzumal durch diese Liebe gelutert, und wenn wir uns ihrer
Betrachtung weihen, so werden wir gttlich durch ihr Feuer, und dieses ist wie
der Odem Gottes, der alles ins Leben ruft, jeden Keim des Frhlings, so auch
ruft nun die Liebe Jesu, die auf Erden nicht begngt und beglckt konnte werden,
zu sich alle, die mhselig und beladen sind, sie sind verschlossne,
trnenschwere Knospen, die mchtige Sonne der gttlichen Liebe wird sie zum
ewigen Leben der Liebe wecken, denn dies ist alles Lebens, alles Strebens Ziel
auf Erden. Amen. Diese schnen Worte waren die einzigen, welche ich von der
Predigt hrte, aber sie waren mir gengend, um mich den ganzen Tag zu begleiten,
sie klangen wie ein himmlisch Gelut in mein Ohr, wie ein schner Sonntagmorgen;
als alles zum Tempel hinaus war, ging ich von der Emporkirche herab in die runde
Kapelle, ein andrer Priester hatte eben die Messe gelesen, es kam ein alt
Mtterchen, die lschte die Kerzen und rumte auf; ich frug, ob sie Sakristan
sei, sie sagte, ihr Sohn sei Kster, aber der sei heut ber Land, ich frug, wo
sie die vielen Blumen hernehme, da ich doch nirgend einen Blumengarten gesehen,
sie sagte, die Blumen sind aus unserem Garten, mein Sohn pflegt sie alle; ich
hatte eine rechte Lust, mit in den Garten zu gehen, das war sie zufrieden; das
ist ein Garten, so gro wie der Hof von unserem Haus, an der weien Wand des
Hauses wachsen Trauben und ein paar hohe Rosenbsche sind dazwischen
verflochten, Rosen und Trauben, ich kann mir keine schnere Vermhlung denken,
Ariadne und Bacchus. Ein hlzern Bnkchen war da an der Mauer, ich setzte mich
ganz ans End und die Frau neben mich, es war kaum gro genug, da wir Platz
hatten, ich mute recht dicht an die Frau heranrcken, ich legte meine Hand in
ihre auf ihren Scho, sie hatte eine so harte Hand, sie sagt, das sind Schwielen
vom Graben im Land, denn hier ist ein felsiger Boden. Du glaubst nicht, wie
schn der Garten in der Sonne lag, denn jetzt ist grade die reichste Blumenzeit,
alles ist doch so schn; wenn die Natur mit Ordnung bedient wird, gleich ist's
ein Tempel, wo ihre Geschpfe als Gebete aufsteigen, gleich ist's ein Altar, der
voll kindlicher Opfergeschenke beladen ist. - So ist das Grtchen mit seinen
reinlichen Kieswegen und buchsbaumnen Felderteilchen; der Buchsbaum ist so ein
rechter Lebensfreund, von Jahr zu Jahr umfat und schtzt er, was der Frhling
bringt, es keimt und welkt in seiner Umzunung, und er bleibt immer der grne
Treue, auch unterm Schnee, das sagt ich der alten Frau, die sagte, ja, das ist
wohl wahr, der Buchsbaum mu alles Schicksal mitmachen. - Aber stell Dir doch
das hbsche Grtchen vor, links vom traubenbewachsnen Haus die Mauer mit Jasmin;
gegenber im Schatten eine recht dichte Laube von Geiblatt, der Eingang zum
Haus von beiden Seiten mit hohen Lilien besetzt. So viel Levkoien, so viel
Ranunkeln, so viel Ehrenpreis und Rittersporn und Lavendel, ein Beet mit Nelken,
ein Maulbeerbaum in der einen Ecke und in der andern geschtzt gegen die kalten
Winde, zwei Feigenbume mit ihren lieben rein gefalteten Blttern, ich war ganz
erfreut, Kameraden von meinem Baum zu finden, unter denen springt ein Quellchen
hervor in einen Steintrog, da kann die Frau gleich ihre Blumen begieen, und in
den offnen Fenstern hing ein Kfig mit Kanarienvgeln, die schmetterten so laut.
Ach, es war recht Sonntagswetter und Sonntagslaune in der Luft und
Sonntagsgefhl in meinem Herzen. Ich bitte Dich, sorg, da mein Baum von der
Liesbet nicht versumt werde, er mu bald reife Frchte haben, wenn er so weit
ist, wie die im Kstergrtchen, die brech Dir ab. - Die Frau schttelte mir
Maulbeeren ab, die sammelte ich auf einem Blatt, und einen Strau von Nelken und
Ehrenpreis und Rittersporn hatte ich mir auch gepflckt; und wie ich so dasteh,
ganz still in der Sonn, da kommt der geistliche Herr aus der Tr, er hatte da
sein Frhstck genossen, was die Ksterfrau immer nach der Kirche bereithlt. -
Der Geistliche ist ein schner, ganz stiller Kopf, und sanfte Augen, und noch
jung. Mich strahlten die schnen Worte, die ich von ihm gehrt hatte, noch
einmal aus seinem Gesicht an, ich konnte auch aus Ehrfurcht ihm nichts sagen, er
sah mich aber freundlich an und sagte: Ei wie! schon reife Maulbeeren; ich
reichte ihm die Maulbeeren, er nahm auch welche davon, und den Strau nahm er
mir auch ab und steckte ihn in seinen rmel, denn ich war so berrascht, als ich
ihn kommen sah, da ich nicht wute, was ich tat, und ihm beide Hnde
entgegenstreckte, ich wute gar nicht, da ich ihm den Strau geboten hatte, und
erst als er mir ihn mit einem Dank abnahm, merkte ich's. Nun ging er weg, und
ich blieb betubt stehen, der Spitzhund aber begleitete ihn sehr hflich vor die
Gartentr, ich hrte ihn noch vor der Tr freundlich mit dem Hund sprechen: Geh
nach Haus, Lelaps, sagte er. - Ich war recht vergngt, und mehr als all die
Tage ber auf der Terrasse, mit meinem Sonntagmorgen.
    Wie ich nach Haus kam, waren alle bei Leonhardi versammelt und tranken
Schokolade; sie fragten, wo ich geblieben war nach der Kirche, ich erzhlte, da
ich im Kstergrtchen gewesen und htte den lieben Prediger gesehen. Da war aber
schon die Kritik drber her gewesen und hatte die Unmglichkeiten von
unchristlicher Gesinnung drin gefunden; der Mann ist berhmt, und Leonhardis
waren aus Neugierde auch drin gewesen und die Englnder und die Lotte und der
Voigt, und noch ein paar Stiftsfrulein, die Leonhardis kennen, der Fritz lag
auf dem Bett ganz blauschwarz von seinem Stahlbad, aus dem er eben gekommen war,
wenn das noch lange dauert, so wird er ein Mohr. Du httest diesen
Schnattermarkt mit anhren sollen, und der Niklas Voigt, der im Mainzer Dialekt
sie alle auslachte, und die Lotte mit der besten Weisheit versehen und der
Christian Schlosser, was jeder sagte oder vielmehr ber die andern hinausschrie,
das verstand ich nicht, also noch weniger, was jeder meinte, aber der Niklas
Voigt, dem Lotte in Ermanglung eines besseren Auditoriums ihre Weisheit
bermachte, taumelte wie ein Betrunkener um den geschlossenen Zirkel der
Disputierenden, bejahte alles, was sie sagten, und dann rief er wieder: In
meinem Leben hab ich kein rger Kauderwelsch gehrt als die Narren da
durcheinanderschreien, hren Sie doch, Bettine, was die vor Zeug schwtzen, und
dann schrie er wieder drein, sie htten ganz recht, so ein Prediger wr ein
eitler Narr, ich sagte: Ei Voigt! - Nun, was wollen Sie denn machen, wenn Sie
mitten unter den Wlfen sind, so mssen Sie mit heulen, da dich, da dich, was
vor kapitale Narren sind's! Ei freilich ist ein Prediger ein Narr, der seine
himmlische Weisheit so vor die Narren gibt, - und so zerrte er mich zum Zimmer
hinaus auf die Terrasse, war ganz begeistert von der Predigt, ein Mann ist's,
wie's unter Hunderttausenden keinen wieder gibt! Ein Mann, der seine
individuelle Natur von Gott durchdringen lt! Ein lebendiger Mann, der leider
die Weisheit den hlzernen Maulaffen vorpredigt. Kein Mensch hat Andacht.
Geistesandacht hat kein Mensch! - Maulandacht, und eine Zucht und eine Sitte,
wie man Hunde dressiert: so dressiert die ganze Menschheit ihr eigen Gewissen,
sie verstehen's nicht besser, sie wissen nichts davon, da der ganze Mensch gar
kein Richter mehr ber sich selber sein soll, sondern ein lebendiger Anger, wo
kein Urteil mehr stattfindet, sondern lauter Seelennahrung, lauter Himmelsspeis'
der Weisheit; wahre Weisheit, die kann nur genossen werden, nicht beurteilt,
denn die ist grer, als da der geringe Verstand sie durchschaut, - aber so
geht's! - Was hilft mich die christliche Religion, die Menschen sind Narren und
werden's bleiben, und da hat's dem Herrn Christus auch nicht besser geglckt,
da er da heruntergekommen ist. Ein Narr, der sich Christ nennt, ist halt eben
auch einer! - Wenn er hundertmal vom Himmelsthron heruntergekommen ist, er hat
tauben Ohren gepredigt wie unser geistlicher Herr, oder Narren hat er gepredigt,
die es nach ihrem Behagen ausgelegt haben. - Wsch mir den Pelz und mach mir ihn
nicht na, das ist die ganze Geschicht mit der Frmmigkeit. Tu die Augen auf und
werd gescheut, denn unser Herrgott kann keine Esel brauchen, aber ihr werd' Esel
bleiben, und so tragt nur euer schwere Sck von Vorurteil auf euerm Buckel bis
in alle Ewigkeit, ihr seid doch zu nichts tauglich als die Mhl zu treiben, in
der euch der Kopf immer dusseliger wird. - Aber das war nicht alles, was der
Voigt sagte, und dabei machte er Stze links und rechts. Jetzt erzhl ich Dir
wieder weiter, wie's noch mit dem roten Kammerherrn weitergegangen ist, alle
Tage sind wir auf der Terrasse, da gibt bald eine Dame, bald die andre ein
Goute, und dann wieder die Prinze, aber der Krebs ist immer wieder hinter mich
gekommen, da hab ich mir eine Schawell aus unserm Zimmer geholt und dicht neben
die Kurprinze gestellt und mich draufgesetzt; und nun ist das alle Tag mein
Platz, und da darf er nicht mehr an mich streifen, und wenn wir spazierengehen
ber die Bergrcken nach dem Tee, da nimmt mich die Kurprinze immer bei der
Hand; sie hat ein klein Blondchen, wei und rot, dem fliegen die Sonnenhaare so
flammig um den Kopf, dem lieben Hessenkind, ich knnt recht gut mit ihm spielen,
sie halten mich ja doch fr ein Kind, weil ich keine Gesellschaftsmanieren hab;
Ball werfen, um die Wett laufen; - aber so einem Prinzechen ist nicht
beizukommen; da ist eine Frau von Gundlach, die fhrt das Regiment, und
Kammerfrauen, die begleiten es. Dann ist mir's auch nicht mglich, mit einem
Kind Komdie zu spielen, ich mu mit ihm sein knnen unter Gottes Schutz, nicht
unter Menschenaufsicht. - Prinzechen, in Gold und Silber angetan, - zu ihrer
Geburt kommen gute Feen, die sie beschenken, - das erfhrt man in Feenmrchen.
Was mgen sie dem feinen Kind alles geschenkt haben? - Gaben, die es noch nicht
zu brauchen wei, wer wird's ihm lehren? - Scheu! - aber keine scheinheilige, -
ich hab sie vor allem Kinderschicksal, unentfaltet noch in so ser Knospe
verschlossen, man hat auch Scheu, eine junge Knospe zu berhren, die der
Frhling schwellt. Ein Wiegenkindchen lallt so berhrsam wie kein Gesprch mit
Menschen. Nur allein mit Dir ist Sprechen lebendig, wo wir ohne Vor- und
Nachurteil den Gedanken uns auf die Schwingen werfen und jauchzen und gen Himmel
fahren. Um so ein Kinderschicksal mcht ich einen Kreis ziehn, das
Erdenschicksal wollt ich aufheben von ihm, da es ganz gleichgltig wr, ob ihm
dies oder jenes zuteil werde, und nur sein himmlisch Weisheitsschicksal darf
gelten. Lautere Gte, das ist der Erfrischungsquell fr die Kindernatur, aus dem
sie Gesundheit trinkt - und abends, wenn's schlummert, da haucht es Segen, wie
die schlummernden Strucher auch Segen duften, an denen man hingeht in der
Dmmerung. - Ein Kindchen einwiegen bei Mondenschein, dazu wrden mir gewi
schne Melodien einfallen, was geht einem die Welt an, die verkehrt ist. Alles,
was ich seh, wie man mit Kindern umgeht, ist Ungerechtigkeit. Nicht Gromut,
nicht Wahrhaftigkeit, nicht freier Wille sind die Nahrung ihrer Seele, es liegt
ein Sklavendruck auf ihnen. Ach, wenn ein Kind nicht innerlich eine Welt htte,
wo wollt es sich hinretten vor dem Sndenunverstand, der bald den keimenden
Wiesenteppich berschwemmt. - Da sagen die Leute, ein Kind darf nicht alles
wissen. - Wie dumm! - Was es fassen kann, das darf's auch wissen, fr was htte
es die Macht zu begreifen? - Der Geist langt wie eine Pflanze mit jungen Ranken
hinaus in die Lfte und will was fassen, und da kommt der Unverstand, an den
kann er sich freilich nicht ansaugen, da mu der Kindergeist absterben; sonst,
wie bald wrde die Weisheit der Unschuld den Aberwitz der Unverschmtheit
beschmen. Ungeduld und Zorn und Mistimmung werden ihnen wie Autoritten
entgegengestellt, man schmt sich vor ihnen keiner bsen Regung, vor andern
htet man sich wohl, da versteckt man die bse Natur, aber vor Kindern nicht,
man denkt, sie begreifen's noch nicht, man sollte doch lieber auf ihre Reinheit
bauen, die das Bse nicht gewahr wird, oder auf ihre Gromut, sie verzeihen viel
und rechnen es einem nicht an. Deswegen sind sie aber nicht witzlos und
untchtig fr den hchsten Begriff. Aber die Menschen sind ber sich selber so
dumm, sie glauben in ihrem schmligen Unrecht noch an ihre eigne Weisheit wie an
einen lgtzen, dem sie Opfer bringen aller Art, nur die eigne Bosheit erwischen
sie nicht bei den Ohren, um sie einmal zu schlachten. Der knospenvolle
Lebenstrieb wird nichts geachtet, der soll nicht aufgehen, aus dem die Natur
hervor ans Licht sich drngen will; da wird ein Netz gestrickt, wo jede Masche
ein Vorurteil ist, - keinen Gedanken aus freier Luft greifen und dem vertrauen,
- alles aus Philistertum beweisen und erfordern, das ist die Lebensstrae, die
ihnen gepflastert wird, und wo statt der lebendigen Natur lauter verkehrte
Grundstze und Gewohnheiten es umstricken. Der Voigt sagte, ihm sei das Lachen
und Weinen nah gewesen beim Examen in der Musterschule, wo der Molitor mit so
groem Eifer die Judenkinder examiniert habe ber die Grotaten der Rmer und
Griechen, wenn er dchte, welchen schmutzigen Lebenspfad sie wandern mten,
Zieh, Schimmel zieh, im Kot bis an die Knie, ja, da mag einer noch so ein
weier Schimmel sein, er mu im Morast steckenbleiben; und das ganze Lehrgebude
ist blo wie Fabelwerk, alles lehrt man durch Exempel, aber groe Taten, die
zeigt man nur wie die Chimra aus dem Bilderbuch, da dreht jedermann um und lt
sie stehen ohne weitere Gebrauchsanweisung. Diese Bemerkungen sind alle aus
Gesprchen mit dem Voigt, der mir gern seine Weisheit bringt aus dem Grund, weil
ihn kein Mensch sonst anhrt, er sagte: Ich bin jedermann langweilig, aber ich
kann Ihnen versichern, die Leute sagen, Sie wren auch langweilig; er sagte:
Aus einem Kind sollte lauter Weisheit hervorblhen, da alles Denken freudige
Religion in ihm wrde, ohne ihm das Kreuzschlagen zu lehren, oder Heiden und
Christen zu unterscheiden, und seine Seele mte aufblhen am Lebensstamm, ohne
zu fragen nach Gutem und Bsem. - Weit Du was, - heut hat sich das zarte Kind
in der Tr den Finger sehr arg geklemmt, und die Kurprinze war sehr erschrocken
und ganz hinfllig geworden, denn es hat ihm sehr arg weh getan, mich hat's auch
gengstigt, es hatte Fieber, jetzt liegt's im Bett und schlft, als es beruhigt
war, ging die Kurprinze zur Erholung spazieren, sie nahm mich mit, ich lief von
ihrer Seite, um ihr Blumen zu holen, die ich in der Ferne sah, die nimmt sie mir
immer freundlich ab und zeigt mir wohl selbst, welche ich pflcken soll, ich
brach aber so viele und kletterte jede steile Seite hinan; die Damen wunderten
sich ber meine groen weiten Sprnge und sagten, ich beschwere die Hoheit mit
den vielen Blumen, ich band einen Strau mit meinem Hutband und gab ihn ihr zu
tragen, ich sagte, er sei frs kranke Kind zum Spielen, nicht ins Wasser zu
stellen; sie trug den groen Strau und wollte nicht, da man ihr ihn abnahm.
Die Gesellschaft wunderte sich ber meine naive Art, damit meinen sie Unart, ich
merkte es; sie halten mich fr einen halben Wilden, weil ich wenig oder nie mit
ihnen spreche, weil ich mich durchdrnge, wohin ich will, weil ich mich ohne
Erlaubnis an der Prinze Seite setze, als ob ich den Platz gepachtet habe, sagt
Frau von B.R., weil ich so leise geschlichen komm, da mich keiner merkt, weil
ich davonlaufe und nur das Windspiel vom Herzog von Gotha sich mit mir zu
schaffen macht, das mir nachsetzt und bellt, wenn ich ins Gebsch spring; der
L.H. sagte mir, da man sich ber meine Unart aufgehalten, den Hund so laut
bellen zu machen; er erzhlte mir aber nicht, was ich von der Tonie hernach
hrte, da die Kurprinze sagte: Sie ist ein liebes Kind, und da der Herzog
von Gotha sagte: Ein allerliebstes Kind. - Nun, ich gefall mir selbst gut. -
    Lieb Gnderdchen, ber allen Wechsel und Zerstreuung von heute hinweg
klingen noch immer die Worte der Predigt in mich hinein, als wr heut ein
feierlicher Tag gewesen. - Es ist ja wahr, Du und ich sind bis jetzt noch die
zwei einzigen, die miteinander denken, wir haben noch keinen dritten gefunden,
der mit uns denken wollt; oder dem wir vertraut htten, was wir denken, Du nicht
und ich nicht; niemand wei, was wir miteinander vorhaben, und wir lassen jetzt
schon ein ganzes Jahr die Leute sich wundern, warum ich doch alle Tag ins Stift
lauf. - Aber den Geistlichen, - wr's in Frankfurt gewesen, den htt ich
angeredet, da er mit mir zu Dir gegangen wr. - Der hat gewi keinen Freund -
sein Geist wird sein Freund sein mssen, der wird ihm antworten. Ich denk, ob
einer mit seinem eignen Geist reden kann? - Der Dmon des Sokrates, wo ist der
geblieben? - Ich glaub, jeder Mensch knnte einen Dmon haben, der mit ihm
sprechen wrde, aber worauf der Dmon antworten kann, das mu unverletztes
Forschen nach Wahrheit sein; da mein ich mit, es darf sich kein andrer Wille
dreinmischen als blo die Begierde zur Antwort. - Frage ist Liebe und Antwort
Gegenliebe. Wo die Frage blo Liebe zum Dmon ist, da antwortet er, der Lieb
kann Geist nicht widerstehen, wie ich nicht und Du nicht. Solang ich vom
Sokrates wei, geh ich dem Gedanken nach, wie er einen Dmon zu haben; er hatte
wohl ein inneres Heiligtum, ein Asyl, wo der Dmon zu ihm kommen mochte, ich hab
in mir gesucht nach dieser Tre zum Alleinsein, wo ich diesem Wahrheitsgeist ins
Gesicht sehen knnt, flehend um Lieb. Aber Du hast recht, ein mutwilliger Wind
jagt meine Gedanken wie Spreu auseinander, ich werd fortgerissen von einem zum
andern von meiner Zerstreutheit, dann ist's so nchtern in mir und so beschmend
de, wenn ich mich sammeln will, wie soll da der Geist sich einfinden, wo es so
leer ist, der Sokrates hatte wohl groe Taten getan vorher, und nie seinen
Genius verleugnet, dann kam er zu ihm. - Ich sag als zu mir, la nur ab, der
Geist wrde von selber kommen, knnt Deine Natur ihn beherbergen. Ich denk als,
der Geist mu entspringen aus vereinigten Naturkrften, und ich hab so keine
Feuernatur, die sich so konzentrieren kann, da der Geist aus ihr entspringe,
aber ich wollt es doch, ich sehne mich nach ihm. Ich hab ihn nicht, ich denk mir
ihn aber und trag ihm alles vor in meinen Nachtgedanken, und manchmal schreib
ich an Dich, als wrst Du sein Bote, und er wrde durch Dich alles erfahren von
mir. Manchmal, wenn wir zusammen schwtzten im Dunkel bei dem verglommenen Feuer
in Deinem fchen, wo der Mrzschnee vom Baum vor Deinem Fenster herunterfiel, da
dacht ich, was schttelt doch den Baum? - Und da war ich gleich so begeistert,
als lausche was und reize mich an, und Du sagtest, es flle sich unser Gesprch
mit Gas, ein Gedanke nach dem andern stieg in die Wolken und verglichst sie mit
romantischen Lichtern, die hoch ber uns sich in sanften Leuchtkugeln
ausbreiten. Das Rasseln im beschneiten Baum, an der Wand das neugierige
Mondlicht, das aufflammende Feuerchen, Du und ich, die mit Deinen Fingern
spielte beim Sprechen, das war als so, da ich dacht, der Geist wr nah bei uns
und trenne uns von allem Unsinn; und das Leben war auch so weit ab, auf der
Strae, wenn ich nach Haus ging, wenn mir da Menschen begegneten, so war's wie
eine Scheidewand zwischen mir und ihnen und zwischen allem, was in der Welt
vorgehe. - Ja, die Welt, die auch von Begeistrung leben sollte wie der Baum vom
Tau, die strmt soviel Stickluft aus (Langeweile), da der Geist nicht eratmen
kann.
    Heut sind die Frchte angekommen und die Blumen all noch frisch, Dein Brief
duftet mit dem Heliotrop und gelben Jasmin in meiner Brust, wo ich ihn
hingesteckt hab. - Was Du mir sagst, scheint mir auch vom Dmon durch Dich
gemeldet, Du kleidest seine Weisheit in Balsam hauchende Redeblten - ich soll
und mu Dir rechtgeben, nicht wahr? - Meinst Du, es wird den Dmon verdrieen,
wenn ich ihm nicht nachgebe mit der Eifersucht? - Und da meine Leidenschaft in
so stolzen Flammen aufsprht und will ihn gefangen nehmen, wo er sich verborgen
hat in Dir? - Eifersucht fhrt heraus aus dem Geist der Liebe, als wr's der
Dmon selber, sie ist eine starke bewegende Kraft, ich wei, was ich ihr zu
danken hab; - ja, vielleicht ist sie eine Gestalt, in die sich der Dmon
kleidet; wenn ich eiferschtig bin, ist mir's immer gttlich zumut, alles mu
ich verachten, alles seh ich unter mir, weil es so hell in mir leuchtet, und
nichts scheint mir unerreichbar, ich fliege, wo andre mhselig kriechen; und
whrend mir's im Herzen ngstlich pocht, da rauscht's im Geist so bermtig, ich
biete Trotz, so arg Trotz, da ich ohnmchtig werden mu, aber mein Mut sinkt
nicht, der ist noch strker, wenn ich mich erhole, nach was verlang ich denn? -
Was will ich mir erzwingen? - Ja, es ist gewi der Dmon, den ich wittere; als
ich Dir in die Hand bi und an zu weinen fing, so war es doch der Dmon, der
mich neckte, nicht Deine Geheimnisse, die Du mit andern hast, die mich nichts
angehen, ich wei, da die nicht zwischen uns treten, und Du, wo willst Du hin?
- Ich und Du, uns berhrt nichts in unserer Eigentmlichkeit miteinander. Aber
es schlgt Feuer aus mir, da ich ihn fassen will und will mich an ihn klammern,
denn er war gewi oft zwischen uns beiden, meine Ahnung war nicht falsch, und
ich wollt ihn gern an mich reien, als ich von Dir ging, drum bi ich Dich und
schrie. - Ja, es ist Eifersucht - wie soll ich aber nicht eiferschtig sein, es
ist ja die einzige Mglichkeit meines Gefhls, schmeichlen kann ich ihm nicht,
ihm vertrauen, wie kann ich das, ich wei ja nicht, ob er mir lauscht. Aber da
meine Eifersucht rege wird, wo ich ihn ahne, da ich da mchtig mit den Flgeln
schlage um ihn, der mich selber dazu reizt, das ist die Stimme der Wahrheit
heier Liebe. Ja! ja! ja! - Da brauch ich mich nicht zu erschpfen in
Vorbereitungen, da bin ich nicht mehr zerstreut und zaghaft gar nicht. Ach
Gnderode! Und nun antwortet er mir so sanft in Deinem Brief, Du bist ganz
mitleidig geworden durch ihn, er hat Dich so gestimmt und verkndet mir in
Deinen Worten, wie der Baum der Treue zwischen uns erwachsen und erstarken
werde, und da ich nicht verzage. - Ja, ich glaub's, da er mir alles sagt, was
Du mir schreibst, er verst mir die Pausen mit Trumen von ihm und verheit
mir, da er allen Raum ausfllen werde mit Geistesblten, wie das Meer mit
Wellen ausgefllt ist. Ewigkeit ist allumfassendes Empfinden, nicht wahr, das
sagt die Narzisse zur Viole, und die senkt den Blick in den eignen Busen und
beschrnkt sich in die Unumkrnztheit der Liebe, die sie da ahnt und fassen
lernt. - Nicht alles ist der Liebe fhig, aber wenn ich dem nachgehe, was ihrer
fhig ist, dann werd ich's durchdringen. Wo soll mein Geist den Fu aufsetzen,
berall ist er fremd, wenn es nicht selbst erobertes Eigentum der Liebe ist. -
Versteh ich mich? - Ich wei selbst nicht. - Die Augen sind mir vor Schlaf
zugefallen, so pltzlich ber dem Besinnen, ich mu morgen frh um sieben Uhr
den Brief dem Boten mitgeben, berdies brennt mein Licht so dster, es wird bald
ausgehen, gute Nacht, Brief! Der Mond scheint so hell in meine Stube, da sie
ganz klingend aussieht - die Berge gegenber sind prchtig, sie dampfen Nebel in
den Mond. Alleweil will das Licht den Abschied nehmen, ich will aber sehen, ob
ich nicht im Mondschein schreiben kann. - Ich bin so vergngt, wie die Bltter,
wenn sie ganz beregnet sind vom Gewitter in der Nacht, und der Himmel wird
wieder hell, und sie schlafen dann ruhig ein, weil's Gewitter vorbei ist. - Da
hr ich schon die ganze Zeit einen fremdartigen Vogel schreien, sollte das ein
Kuzchen sein, das die Frau Hoch einen Totenvogel nennt, er schreit ganz dicht
vor meinem Fenster; ach, Gnderdchen, ich schm mich ein wenig, weil ich mich
ein wenig frchte. Meine Stube ist so dster, das Licht wird gleich ausgehn, die
Berge da ben sind so grausend, man sieht sonderbare Gestalten, die kleine Quell
unter meinem Fenster ruschelt so leis und bedchtig wie ein alt Hausgespenst.
Was bin ich so dumm? - Da fllt mir der Dmon ein, und sollt mich frchten vor
dem Kuzchen, siehst Du, so albern bin ich, und doch macht die inwendig Seel
solchen Anspruch, der Geist soll sie heimsuchen, und frcht mich vor dem
Kuzchen! - Gleich mach ichs Fenster auf und seh nach ihm, da fliegt's weg, die
Sterne funklen zu Tausenden am Himmel, da unter meinem Fenster steht meine alte
Invalidenschildwach und pat vermutlich auf ein Stndchen von meiner Gitarre,
was er gewohnt ist, alle Nacht zu hren, ich werd ihm ein Lied von der heiligen
Jungfrau Maria singen, denn es ist heut Maria Himmelfahrt und nicht Sonntag, wie
ich irrigerweise sagte, ich hab diese Seite im Mondschein geschrieben, Du wirst
nicht lesen knnen, nun, es schad nichts, es steht auch nichts drauf, was Du
notwendig wissen mtest, es ist mir doch so wohl seit dem kleinen Schauerchen
von Furcht, ich hab auch keinen Schlaf mehr. Der Mond schwimmt so eilig hinter
den weien Wlkchen hervor, da es mir ordentlich im Herzen Gewalt antut. Ich
mu singen, sonst mu ich weinen.
                                                             Gute Nacht! Bettine

Gnderdchen. Die Englnder sind recht nrrische Passagiere, sie brachten mir
einen Brief vom L'ange mit, der mich warnt, mich nicht in sie zu verlieben. -
Der mit dem gepuderten Haupte, Mr. Haise lie sich gestern in einem
Nankingmorgenrock auf der Terrasse sehen und gelben Pantoffeln, die Tonie sah
zum Fenster hinaus, sie wollte nicht hinunter, sie schmte sich vor den Leuten,
wenn er mit ihr spreche, weil er so absonderlich aussieht. - Ich sah aber, wie
er herauflugte nach unsern Fenstern, und wie er die Tonie erblickte, da rief er
sie an, bei dem herrlichen Wetter herunterzukommen, ich mute mit; er spannte
einen grnen Parapluie ber ihr auf, um sie vor der Sonne zu schtzen, so mute
sie mit ihm die Terrasse auf und ab wandlen, ich lief herauf und machte eine
Zeichnung davon, die ich der Tonie ins Arbeitskstchen legte, was sie immer
mitnimmt auf die Terrasse zum Tee, und freute mich schon auf die Bewundrung,
wenn es erblickt wrde. Aber sie legte das Papier schnell zusammen und wickelte
Seide drauf; sie wollte nachher schmlen, ich hatte ihr aber einen so schnen
Kranz gemacht von Farrenkraut, der ihr so gut stand und ihre Wunderschnheit
noch erhhte, da wir ganz kontent auf den Ball kamen, der beinah aus soviel
Karikaturen bestand, als Menschen da waren. Der Clemens hat mir aus Weimar
geschrieben und mich gewarnt vor dem Verlieben, - berflssig! - wr er doch auf
dem Ball gewesen - hchstens, da man einem Rippensto ausgesetzt ist, sonst ist
keine Gefahr. - L.H. war auch da mit seinen Schwestern, wird alle Tage
blauschwrzer von seinen Stahlbdern; sein extraweier Jabot und Halsbinde
machten dies in die Augen fallend, er war sehr fein und elegant gekleidet, denn
da er eine diplomatische Ambition hat, so versumt er keine Gelegenheit sich
standesmig auszuzeichnen. Solange wir am Eingang saen, wo viele Menschen sich
drngten, merkte keiner was, als L.H. aber vortrat, um irgendwem sein Kompliment
zu machen, entdeckte man und Franz, der an meiner Seite sa, zuerst, da er
statt eines Fracks einen Joppel anhatte ohne Schen, rund wie ein
Fleischerwams, dies sah gar zu nrrisch aus, mit schwarzseidnen Beinkleidern,
weiseidnen Strmpfen und Schnallenschuh, kurz, vollkommene Hofetikette und
Federclaque unterm Arm. - Er hatte, whrend die Familie sich zum Ball fertig
machte, den berrock angezogen, dann lief er in sein Zimmer, wo ihm der Wind das
Licht auslschte, um den Frack anzuziehen, und ergriff statt dessen einen
englischen Halbrock, den die Herrn nach neuster Mode bei khler Witterung ber
den Frack anziehen. - Er hatte sich bis jetzt noch nicht von hinten dem groen
Publikum prsentiert und noch mit dem Rcken gegen uns gewendet; es wurde in
Eile Konzilium gehalten und beschlossen, zwei Damen, Lotte und die B. sollten
ihn gesprchsweise sanft rckwrts schreiten machen, ohne ihm das verfnglich
Dilemma, in welchem er sich befinde, zu entdecken, bis er gerettet sei; dabei
sollten Tonie, Franz und Voigt eine kleine Hintertruppe bilden, um seinen
Rckzug zu decken; ich wurde ausgemerzt von dieser Expedition, weil ich vor
Lachen ber die unerschpflichen Witze von Franz untauglich dazu war. Der Zug
rckte aus und drngte sich schon zwischen manchen verwunderten Blick, der auf
dem schlosen Rcken haftete, sie schlichen immer behutsamer heran, je nher
sie kamen, so schleicht man sacht hinter einem Vogel her, dem man Salz auf den
Schwanz streuen will, um ihn fangen zu knnen, aber er fliegt weg, ehe man nah
genug kommt; so kam es auch hier, als sie schon ganz nah waren und eben ihn zu
haschen meinten, wendete er sich pltzlich um. Ach! ich sprang hinter den
Vorhang am Fenster und wickelte mich hinein und bi in den Vorhang vor
Lachvergngen und ging nachher auch fort, denn mir war's zu bermtig fr den
Gesellschaftssaal; der Voigt begleitete mich und erzhlte mir, da die
Arrieregarde ihn durchpassieren lassen, sich dann dicht angeschlossen und wie
einen vornehmen Staatsgefangenen transportiert bis zum Eingang, dort habe er
sich niedergelassen, wo man ihm seine sthetische Fatalitt mitteilte und er
sich umgeben von seinen Getreuen zurckzog; jetzt wrden sie wohl die ganze
Nacht kein Auge zutun, denn da er bei dem hessischen Hof angestellt sein mchte,
so ist ihm gewi bange, sein Schicksal untergraben zu haben durch den
zipfellosen Aufzug. Voigt ging noch eine Weile mit mir auf der Terrasse, wo es
so still war, man hrte die Violinen vom Ball; die Wolken berzogen prophezeiend
(ein Gewitter nmlich) das Sternenheer und senkten sich auf unsere Berge, die
Bume standen so ehrfurchtsvoll still, den Gewittersegen erwartend; die ganze
Gegend sah aus, als ob sie sich zu ihrem Schpfer wende, Voigt verga darber
seine unzhligen Witze, mit denen er mich berschwemmt hatte, die entfernten
Lichter und Feuer, die in den umliegenden Htten brennten, funkelten durch das
Grn der Bume wie Opferfeuer zum Alliebenden. Soweit man sehen konnte, sah die
Welt aus, als ob sie unsern Herrgott um eine sanfte Nacht bitten wolle fr alle;
fr Dich und fr mich, fr unser ganz Leben, bis an die letzte Nacht. - So ist
die Natur se Frbitterin, immerdar; alle Seufzer wiegt sie ein, so wollen wir
ihr denn danken dafr und ihr vertrauen bis an die letzte Nacht.
    Der Clemens mit seinen Warnungen? - Ich hab ihm heut geschrieben. Die Linden
blhen wohl noch und hauchen einem s an, aber keine Menschen, und die Natur
ist schner und gtiger und grer als alle Weisheit dieser Welt. Was einer mit
mir spricht, darauf mcht ich ihm antworten mit einem Tannenzapfen, den ich ihm
in die Hand drcke oder eine Schnecke, die am Weg kriecht, oder einen angebinen
Holzapfel, es wr immer noch gescheiter als die Antwort, die mir einfllt. Mich
geht kein Erdenschicksal was an, weil ich doch nicht Freiheit es zu lenken hab.
- Wr ich auf dem Thron, so wollt ich die Welt mit lachendem Mut umwlzen, sagte
ich gestern abend zum Voigt. Meinetwegen, sagte er, schad ist's nicht drum,
auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten. Alle die
mhseligen Personagen, die etwas unter Narren bedeuten, sind ein absurdes
Zeugnis von ihrer lcherlichen Autoritt, solche haben so groen Respekt vor
ihrer hohen Tendenz, da sie sich nicht getrauen, sich ins Gewissen zu reden,
sie meinen, was durch sie geschhe, wr der Schicksalsschlssel, der durch sie
die Zukunft aufschliet, die schon fertig da lge und nicht erst durch ihren
Unsinn verkehrt gemacht wird, sie wrden sich nicht getrauen, vollkommne
Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedrfnisse der hheren
Menschenrechte vor sich selber zu vertreten. O nein! Je dringender die
Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rcken, je mehr glauben sie sich mit
Philistertum verschanzen zu mssen und suchen sich Notsttzen an alten
wurmstichigen Vorurteilslasten und erschaffen Rte aller Art, geheime und
ffentliche, die weder heimlich noch ffentlich anders als verkehrt sind - denn
das rechte Wahre ist so unerhrt einfach, da schon deswegen es nie an die Reihe
kommt. Wenn alle Phariser an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht
bekmen, es wrde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal
verschnupfen wrde sie. - So politisiert mir der Voigt gewhnlich unterm
Sternenhimmel noch eine Stunde vor, wo ich bei schnem Wetter auf der
menschenleeren Terrasse mit ihm wandle; er sagt: Hren Sie mir immer zu, Sie
sind noch jung und haben mehr Energie im Judicium vor den andern allen oder
vielmehr: wo ist's geblieben, knnte man die andern fragen, denen die Ohren nach
Fabeln jcken, und die sich von der Wahrheit abwenden oder sie nach eignem
Gelst auslegen, da sie ihnen zur Fabel wird. - Den Voigt will kein Mensch
anhren, jedermann schreit ber ihn, ich aber fhl mich sehr geehrt, da er mir
gern das ernste Groe seines Geistes darlegt, ich hr ihm begierig zu. Er ist so
kurz und entschieden zwischen Recht und Unrecht, da man keine Zeit im Schwanken
verliert, und da man einen Heldencharakter bedarf, ihm zu folgen. Fr einen
Freund mu man in den Tod gehen knnen. - Wer nicht alles hingibt, den eignen
Genu, die selbsterworbne Gre, um den Freund zu sttzen, gehrt nicht zu der
Gattung Geschpfe, die Freundschaft empfinden. - Was ist Gefhl? - Farbe, die
nicht lebendig ist als nur im Lichtstrahl, der ist die Liebe - also braucht man
vor keinem Sentiment Respekt zu haben, es ist lauter eingebildet Zeug. - Es gibt
tausend Handlungen, die man niemand verargen kann, wer aber Hochsinn hat, der
wird selbst aus Demut solche Handlungen tten, zum Beispiel: einer, der seinem
Freund alles Bse, was in seiner Natur ihm widerspricht, offenbarte, ttet der
nicht auf der Stelle alle Phariser? - Das war noch gestern abend, was ich von
seinem Gesprch behielt, nicht der zehnte Teil, denn er ist rasch wie ein
Schmied beim glhenden Eisen; ich frug ihn, warum er vor andern nicht auch so
spreche, er sagte: Wenn ich mit einem Wein will trinken, so mu ich einen
Becher haben, in den ich ihn eingiee. Ihre Seele ist ein Becher.

                                                                          Montag

Zwei-, dreimal zwischen Eichen und Buchen und jungem lichten Gebsch, bergauf,
bergab - da kommt man an einen Fels, glatte glnzende Basaltflche, die die
Sonnenstrahlen wie ein dunkler Zauberspiegel auffngt, dazwischen grne
Moossitze; heute morgen war ich hierher gegangen, es ist mein gewhnlicher
Spaziergang, wenn ich allein bin, nicht zu weit und doch versteckt - da sah ich
noch den Nebel wie jungen Flaum zwischen den Felsspalten hin und her schwimmen,
und ber mir ward's immer goldner, die Morgenschatten zogen ab, die Sonne krnte
mich, sie prallte scharf vom schwarzen Stein zurck, sie brennte sehr stark, sie
drckte doch nicht meine Stirn, ich wollte eine Krone schon tragen, wenn sie
nicht schrfer drckt als die heie Augustsonne, so sa ich und sang gegen die
Felsen hin und hrte aufs Echo, und die Regierungsgedanken stiegen mir in den
Kopf. So nach Grundstzen die Welt regieren, die in innerster Werksttte meiner
Empfindung erzeugt wren, und alles Philistertum um und um stoen, das sind
solche Wnsche, die an einem so heien Sommermorgen mir in den Kopf steigen, und
wozu Voigts Sternengesprche einen starken Reiz geben; er sagte, alles Gefhl,
aller Begriff werde zu einem Vermgen, es ziehe sich wohl zurck, aber zur
unerwarteten Stunde trete es wieder hervor - und da setze ich mich an einsame
Orte und simuliere so ins Blaue hinein und komme zu nichts, zu keinem hellen
Augenblick, nur da mir oft das Herz unbndig kopft, wenn ich dran denke, da
ich das Geschrei der Philister, die des Geistes Stimme mit Grundstzen
bedrngen, durch das bloe Regiment meiner Empfindung ersticken wolle; ja, es
wr eine himmlische Satisfaktion fr die Rutenstreiche, womit sie blind alle
Begeistrung verfolgen. Gnderode, ich wollt, Du wrst ein regierender Herr und
ich Dein Kobold, das wr meine Sach, da wei ich gewi, da ich gescheut wrde
vor lauter Lebensflamme. Aber so! - ist es ein Wunder, da man dumm ist? - Und
so war ich bald im Sonnenbrand ganz trumerisch versunken und jagte im Traum auf
einem Renner wie der Wind nach allen Weltgegenden und richtete mit hoher
bertragner Begeistrung von Dir die Welt ein und kommandierte wohl auch hier und
da mit einem Futritt, mit einem Fluch dazwischen, damit es geschwind gehe -
aber Dein Dramolet zu lesen, was ich mitgenommen hatte, mich recht hinein zu
studieren, das hab ich versumt durch die vielen heftigen Bewegungen meiner
Seele, ich mute mich beschwichtigen mit Schlafen, was mich immer befllt, wenn
mir die Schlfe so brennen vor heiem Eifer in die Zukunft. O Seelenbecher, wie
kunstreich und gttlich begabt ist Dein Rand geformt, da er die brausenden
Lebensfluten fat, wie unrettbar wr ich sonst ber dich hinausgebraust. - Mein
Freund, das Windspiel, hatte mich aufgesprt, es weckte mich mit seinem Bellen
und wollte mit mir spielen, es bellte, da alle Felsen drhnten und echoten, es
war, als wenn eine ganze Jagd los wr, ich mute jauchzen vor Vergngen und Lust
mit dem Tier; es hatte mir meinen Strohhut apportiert, den ich dem steilen Fels
hinabgeworfen hatte, mit so zierlichen langhalsigen Sprngen - so ist's, wenn
man einem gut ist, da mit man nicht die Gefahr des Abgrundes, man vertraut in
die eignen Krfte, und es gelingt. - Ach, Gnderode, es wr viel, wenn der
Mensch nur erst so weit wr, seinem eignen Genie zu trauen wie so ein Windspiel,
es legte mir seine Pfoten um den Hals, wie es mir meinen Hut gebracht hatte,
ohne ihn zu verderben; ich nannte es zum Scherz Erodion und dachte, so msse der
an der Gttin Immortalita hinaufgesehen haben; denn es ist so edel und schn und
khn, und Menschen sehen nicht leicht so einfach gro und ungestrt aus in ihrer
Weise, wie Tiere es oft sind. Der Herzog war dem Bellen seines Hundes
nachgegangen und kam hinter den Bumen hervor, er fragte, warum ich den Hund so
nenne, dem er Cales ruft, und sagte, es sei der Name eines Wagenfhrers vor
Troja, den der Diomedes erschlagen, ich zeigte ihm Dein Gedicht, um zu erklren,
wo mir der Name Erodion herkomme, er setzte sich auf den Fels und las es
teilweis laut und machte mit dem Bleistift Bemerkungen, die send ich Dir, Du
siehst, er hat es mit Sammlung gelesen und dann sogar mit Liebe. Ich wei nicht,
wie oft Dich der Zufall begnstigen wird, die feineren Saiten der Seele zu
rhren, so wird's Dich freuen. - Er frug mich, ob ich denn das Gedicht verstehe?
- Ich sagte nein! Aber ich lese es gern, weil Du meine Freundin seiest und mich
erziehst. Er sagte, eine Knospe ist dieses kleine, sorgsam vor jeder fremden
Einwirkung geschtzte Erzeugnis, die die groe Seele der Freundin umschliet,
und in diesen sanft gefalteten Keimen einer noch unentwickelten Sprache
schlummern Riesenkrfte. Die Inspiration der Wiedergeburt hebe ahnungsvoll die
Schwingen in Dir; und weil die Welt zu schmutzig sei fr so kindlich reine
Versuche, Deine Ahnungen auszusprechen, so werde sie diesen anspruchslosen
Schleier, der Deine weit ausgreifende Phantasie und Deinen hohen philosophischen
Geist umschlinge, nicht entfalten. - Ich lie mir dieses Lob verwundert
gefallen; er begleitete mich, ich mute ihm auf dem Weg von Dir erzhlen, von
unserm Umgang, von Deinem Wesen, von Deiner Gestalt, da hab ich mich zum
erstenmal besonnen, wie schn Du bist, wir sahen eine vollsaftige weie
Silberbirke in der Ferne mit hngenden Zweigen, die mitten am Fels aus einer
Spalte aufgewachsen ist und vom Wind sanft bewegt gegen das Tal sich neigt;
unwillkrlich deutete ich hin, wie ich von Deinem Geist sprach und auch von
Deiner Gestalt, der Herzog fragte, die Freundin werde wohl jener Birke gleich
sein, auf die ich hinweise? - Ich sagte, ja. So wollte er mit mir zusammen hin
und Dich von nahem beschauen, aber es war so glatt und steil da hinan, ich
meinte nicht, da wir hinkommen wrden - er vertraute auf den Cales, der werde
uns schon einen Weg ausfinden. Was hat sie denn fr Haar? - Schwrzlich
glnzend braunes Haar, das in freien weichen Locken, wie sie wollen, sich um
ihre Schultern legt. - Was fr Augen? - Pallasaugen, blau von Farbe, ganz voll
Feuer, aber schwimmend auch und ruhig. - Und die Stirn? - Sanft und wei wie
Elfenbein, stark gewlbt und frei, doch klein, aber breit wie Platons Stirn;
Wimpern, die sich lchelnd kruseln, Brauen wie zwei schwarze Drachen, die, mit
scharfem Blick sich messend, nicht sich fassend und nicht lassend, ihre Mhnen
trotzig struben, doch aus Furcht sie wieder gltten. So bewachet jede Braue,
aufgeregt in Trotz und Zagheit, ihres Auges sanfte Blicke. - Und die Nase und
die Wange? - Stolz ein wenig und verchtlich, wirft man ihrer Nase vor, doch
das ist, weil alle Regung gleich in ihren Nstern bebet, weil den Atem sie kaum
bndigt, wenn Gedanken aufwrts steigen von der Lippe, die sich wlbet frisch
und krftig, berdacht und sanft gebndigt von der feinen Oberlippe. - Auch das
Kinn mut ich beschreiben, wahrlich, ich hab nicht vergessen, da Erodion dort
gesessen und ein Dellchen drin gelassen, das der Finger eingedrckt, whrend
weisheitsvolle Dichtung fllet ihres Geistes Rume; und die Birke stand so
prchtig, so durchgoldet, so durchlispelt von der Sonne, von den Lftchen, war
so willig sich zu beugen, hold dem Strom der Morgenwinde, wogte ihre grnen
Wellen freudig in den blauen Himmel, da ich nicht entscheiden konnte, was noch
zwischen beiden liege, jenem zukmmt und dem andern nicht. - Cales fand mit
manchen Sprngen erst den Weg zur Birke, dann der Herzog, ich blieb zurck, ich
htte leicht nachkommen knnen, aber ich wollte nicht in seiner Gegenwart. Er
schnitt dort Buchstaben in die Rinde ganz unten am Fu und sagte, er wolle, sie
solle die Freundschaftsbirke heien; und er wolle auch unser Freund sein. Ich
war bereitwillig dazu. Ach la ihn, er kommt den Winter nach Frankfurt, erstlich
vergit ein Prinz leicht so was ber vielen andern Zerstreuungen, denn der
glaubt gar nicht, da es mglich wr, da wenn man sich ganz an etwas hingbe,
da dadurch grade allein der Scharfblick, die Wgungskraft der Allseitigkeit
entspringe, nach der sie alle jagen und sich drin verflattern, und dann ist er
auch krank und hat wenig gesunde Tage, einem solchen mu man alle heilenden
Quellen zustrmen. - Adieu. Morgen nachmittag ist eine groe Partie zu Esel, und
morgen vormittag geht die gute Kurprinzessin weg. - Und in aller Frh um drei
Uhr wollen die Englnder mit uns einen Berg ersteigen und die Sonne aufgehen
sehen, die andern wollten den Voigt nicht mit haben, ich hab's ihm aber doch
gesteckt, sonst langweile ich mich, so wie die andern behaupten, da er sie
langweilt. Morgen frh kommt die Botenfrau, ich schicke diesen Brief mit,
obschon er noch nicht so gefhrlich lang ist wie mein erster, aber Du bist
maulhngolisch, und da will ich Dich ein bichen kitzeln, mit der anmutigen
Geschichte vom Herzog, da Du mit Gewalt lachen mut, wenn Du auch noch so sehr
den Mund zusammenziehst. Gelt, es macht Dir doch Plsier? Ich hab mir seine
Liebeserklrung abgeschrieben an Deine Immortalita, die von seiner Hand gehrt
Dein - er hat's geschrieben fr Dich, Du kannst Wert darauf legen, ich hr, da
er sehr berhmt ist, groartig, witzig und sehr gefrchtet deswegen von manchen
Menschen, er wr aber auch sehr gromtig und gutmtig, aber viele wollen doch
nicht gern mit ihm zu tun haben aus Furcht, seine beste Freundlichkeit wr doch
ein heimlicher Witz. Was das fr eine Narrheit ist, ber mich mcht einer sich
lustig machen, soviel er wollt, es wr mir recht angenehm, wenn's ihm Plsier
macht.
                                                                         Bettine


                       Beilage zum Brief an die Gnderode

                                  Immortalita

                                    Personen

    Immortalita, eine Gttin
    Erodion
    Charon
    Hekate

                                  Erste Scene

 Eine offene schwarze Hhle am Eingang der Unterwelt, im Hintergrunde der Hhle
sieht man den Styx und Charons Nachen, der hin und her fhrt, im Vordergrund der
 Hhle ein schwarzer Altar, worauf ein Feuer brennt. Die Bume und Pflanzen am
 Eingang der Hhle sind alle feuerfarb und schwarz, sowie die ganze Dekoration,
Hekate und Charon sind schwarz und feuerfarb, die Schatten hellgrau, Immortalita
wei, Erodion wie ein rmischer Jngling gekleidet. Eine groe feurige Schlange,
     die sich in den Schwanz beit, bildet einen groen Kreis, dessen Raum
                         Immortalita nie berschreitet.

IMMORTALITA aus der Betubung erwachend. Charon! Charon!
CHARON seinen Kahn innehaltend. Was rufst du mich?
IMMORTALITA. Wann kommt die Zeit?
CHARON. Sieh die Schlange zu deinen Fen, noch ist sie fest geschlossen, der
Zauber dauert, solange dieser Kreis dich umschliet, du weit es, warum fragst
du mich?
IMMORTALITA. Ungtiger Greis, wenn es mich nun trstet, die Verheiung einer
bessern Zukunft noch einmal zu vernehmen, warum versagst du mir ein freundlich
Wort?
CHARON. Wir sind im Land des Schweigens.
IMMORTALITA. Wahrsage mir noch einmal.
CHARON. Ich hasse die Rede.
IMMORTALITA. Rede! Rede!
CHARON. Frage Hekate

                                Er fhrt hinweg.

IMMORTALITA streut Weihrauch auf den Altar. Hekate! Der Mitternacht Gttin! Der
Zukunft Enthllerin, die schlft in des Nichtseins dunklem Scho! Geheimnisvolle
Hekate! Hekate! erscheine.
HEKATE. Mchtige Beschwrerin! Was rufst du mich aus den Hhlen ewiger
Mitternacht; dies Ufer ist mir verhat, sein Dunkel zu helle, ja mir deucht, ein
niederer Schein aus des Lebens Lande habe hierher sich verirrt.
IMMORTALITA. O vergib Hekate! und erhre meine Bitte.
HEKATE. Bitte nicht, du bist hier Knigin, du herrschest hier und weit es
nicht.
IMMORTALITA. Ich wei es nicht! Warum kenn ich mich nicht?
HEKATE. Weil du nicht dich selber sehen kannst.
IMMORTALITA. Wer wird mir einen Spiegel zeigen, da ich mich schaue? -
HEKATE. Die Liebe.
IMMORTALITA. Warum die Liebe?
HEKATE. Weil ihre Unendlichkeit nur ein Ma fr deine ist.
IMMORTALITA. Wie weit erstreckt sich mein Reich?
HEKATE. ber jenseit einst, ber alles.
IMMORTALITA. Wie? - die undurchdringliche Scheidewand, die mein Reich scheidet
von der Oberwelt, wird sie einst zerfallen?
HEKATE. Sie wird zerfallen! Du wirst wohnen im Licht! - alle werden dich finden.
IMMORTALITA. O wann wird dies sein? -
HEKATE. Wenn glubige Liebe dich der Nacht entfhrt.
IMMORTALITA. Wann? - in Stunden? - in Jahren?
HEKATE. Zhle nicht die Stunden, bei Dir ist keine Zeit. Siehe zur Erde! - die
Schlange, die ngstlich sich windet - fester beit sie sich ein, vergeblich
mcht in ihrem engen Kreis sie dich gefangen halten, vergeblich ist ihr
Widerstand - des Unglaubens Herrschaft, der Barbarei und der Nacht sinkt dahin.

                               Sie verschwindet.

IMMORTALITA. O Zukunft, wirst du ihr gleichen? - jener seligen fernen
Vergangenheit, wo ich mit Gttern in ewiger Klarheit wohnte. Ich lchelte sie
alle an, und ihre Stirnen verklrte mein Lcheln, wie kein Nektar sie verklren
konnte, und Hebe dankte ihre Jugend mir, und immer blhender Aphrodite ihre
Reize. Aber durch der Zeiten Finsternis getrennt von mir, noch ehe mein Hauch
ihnen Dauer verliehen, strzten von ihren Thronen die seligen Gtter und gingen
zurck in die Lebenselemente; Jupiter in des Urhimmels Krfte, Eros in die
Herzen der Menschen, Minerva in die Sinne der Weisen, die Musen in der Dichter
Gesnge; und ich Unseligste von allen wand nicht des unverwelklichen Lorbeers um
die Stirne dem Helden, dem Dichter. Verbannt in dies Reich der Nacht, der
Schatten Land, dies dstere Jenseit, mu ich der Zukunft nun entgegenleben.
CHARON fhrt mit Schatten vorber. Neigt euch, Schatten, der Knigin des Erebos,
da ihr noch lebt nach eurem Leben, ist ihr Werk.


                               Chor der Schatten

Stille fhret uns der Nachen
Nach dem unbekannten Land,
Wo die Sonne nicht wird tagen
An dem ewig finstern Strand. -
Zagend sehen wir ihn eilen,
Denn der Blick mcht noch verweilen
An des Lebens buntem Rand.

                                Sie fahren weg.


                                Die vorige Szene

 Charons Nachen landend. Erodion springt ans Ufer. Immortalita im Hintergrund.

ERODION. Zurck, Charon, von diesem Ufer, das kein Schatten darf betreten! Was
siehst du mich an? - Ich bin kein Schatten wie ihr; eine frohe Hoffnung, ein
trumerischer Glaube haben meines Lebens Funken zur Flamme angefacht.
CHARON fr sich. Gewi ist dieser der Jngling, der die goldne Zukunft in sich
trgt.

                         Er fhrt ab mit seinem Nachen.

IMMORTALITA. Ja, du bist's, von dem Hekate mir weissagte, bei deinem Anblick
werde des Tages Strahl durch diese alten Hallen, durch diese erebische Nacht
hereinbrechen.
ERODION. Wenn ich der Mann bin deiner Weissagungen, Mdchen oder Gttin! Wie ich
dich nennen soll, so glaube, du bist die innerste Ahnung des Herzens mir.
IMMORTALITA. Sage, wer bist du, wie heiest du, und wo fandst du den Weg zum
pfadlosen Gestade hierher? - wo Schatten nicht noch Menschen wandlen drfen, nur
unterirdische Gtter.
ERODION. Ungern mcht ich zu dir von anderm reden als nur von meiner Liebe. Aber
red ich dir von meiner Liebe, so ist's ja mein Leben. Hre mich denn: Eros' Sohn
bin ich und seiner Mutter Aphrodite, der Liebe und Schnheit Doppelverein hatte
in mein Dasein schon die Idee jenes Genusses gelegt, den ich nirgend fand und
berall doch ahnete und suchte. Lange war ich ein Fremdling auf Erden, von ihren
Schattengtern mocht ich nichts genieen, bis trumend mir durch deine Eingebung
eine dunkle Vorstellung von dir in die Seele kam. berall geleitete mich dieser
Idee Abglanz von dir, berall verfolgte ich ihre geliebte Spur, auch wenn sie
mir untertauchte im Land der Trume, und so fhrte sie mich zu den Toren der
Unterwelt, aber nie konnt ich zu dir durchdringen; ein unselig Geschick rief
mich immer wieder zu der Oberwelt.
IMMORTALITA. Wie Knabe! - so hast du mich geliebt, da lieber den Helios und das
Morgenrot du nicht mehr sehen wolltest, als mich nicht finden?
ERODION. So hab ich dich geliebt, und ohne dich konnte die Erde nicht mehr mich
ergtzen, nicht mehr der blumige Frhling, der sonnige Tag, die tauige Nacht,
die zu besitzen der finstere Pluto gern sein Zepter htt vertauscht. Aber wie
eine grere Liebe in meiner Eltern Umarmungen sich vereint hatte als alle andre
Liebe - denn sie waren die Liebe selbst - so die Sehnsucht auch, die zu dir mich
trieb, war die mchtigste, und ber alle Hindernisse siegreich war mein Glaube,
dich zu finden; denn meine Eltern wuten, da, der aus Lieb und Schnheit
entsprungen, nichts Hheres auf Erden finde als sich selbst, und hatten diesen
Glauben zu dir mir gegeben, da meine Kraft nicht sollt ermden, nach Hherem zu
streben auer mir.
IMMORTALITA. Aber wie kamst du endlich zu mir? Unwillig nimmt Charon Lebende in
das morsche Fahrzeug, fr Schatten nur erbaut.
ERODION. Einst war mein Sehnen dich zu schauen so gro, da alles, was die
Menschen erdacht, dich ungewi zu machen, mir klein erschien und nichtig. Mut
begeisterte mein ganzes Wesen: ich will nichts, nichts als sie besitzen, so
dacht ich, und khn warf ich dieser Erde Gter alle weg von mir und fhrte mein
Fahrzeug hin zu dem gefahrvollen Fels, wo alles Irdische scheitern sollte. Noch
einmal dacht ich: wenn du alles verlrst, um nichts zu finden? - aber hohe
Zuversicht verdrngte den Zweifel, frhlich sagt ich der Oberwelt das letzte
Lebewohl, die Nacht verschlang mich - eine grliche Pause! - ich fand mich bei
dir. - Die Fackel meines Lebens flammt noch jenseits der stygischen Wasser.
IMMORTALITA. Die Heroen der Vorwelt haben diesen Pfad schon betreten, der Mut
hat herber zu streifen gewagt, aber der Liebe nur war vorbehalten, ein dauernd
Reich hier zu grnden. Die Bewohner des Orkus sagen, mein Dasein hauche ihnen
unsterbliches Leben ein; so sei denn auch du unsterblich; denn du hast
Unnennbares in mir bewirkt, ich lebte ein Mumienleben, aber du hast mir eine
Seele eingehaucht. Ja, teurer Jngling! In deiner Liebe erblicke ich mich
verklrt; ich wei nun, wer ich bin, da ein sonniger Tag diese alten Hallen
beglnzen wird.

                     Hekate tritt hinter dem Altar hervor.

HEKATE. Erodion, trete in den Kreis der Schlange. Er tut es: die Schlange
verschwindet. Zu lange, Immortalita, warst du, durch die Macht des Unglaubens
und der Barbarei, von wenigen gekannt, von vielen bezweifelt, in diesen engen
Kreis gebannt. Ein Orakel, so alt als die Welt, sagt, der glubigen Liebe werde
gelingen, dich selbst in dem erebischen Dunkel zu finden, dich hervorzuziehen
und deinen Thron in ewiger Klarheit zu grnden, zugnglich fr alle. Die Zeit
ist nun gekommen, dir, Erodion, bleibt nur noch etwas zu tun brig.

 Der Schauplatz verwandelt sich in einen Teil der elysischen Grten, die Szene
  ist matt erleuchtet, man sieht Schatten hin und wieder irren. Zur Seite ein
               Fels, im Hintergrund der Styx und Charons Nachen.

                                  Die Vorigen

HEKATE. Sieh, Erodion, diesen einsturzdrohenden Fels, er ist die
unbersteigliche Scheidewand, der des sterblichen Lebens Reich von dem deiner
Gebieterin scheidet, er verwehrt der Sonne, ihre Strahlen her zu senden, und
getrennten Lieben, sich wieder zu begegnen. Erodion! versuch es, diesen Felsen
einzustrzen, da deine Geliebte auf seinen Trmmern aus der engen Unterwelt
steigen mge, da ferner nichts Unbersteigliches das Land der Toten von dem der
Lebenden mag trennen.

     Erodion schlgt an den Felsen, er strzt ein, es wird pltzlich helle.

IMMORTALITA. Triumph! Der Fels ist gesunken, von nun an sei den Gedanken der
Liebe, den Trumen der Sehnsucht, der Begeisterung der Dichter vergnnt, aus dem
Lebenslande in das Schattenreich herabzusteigen und wieder zurckzugehen auch.
HEKATE. Heil! Dreifaches, unsterbliches Leben wird dies blasse Schattenreich
beseelen, nun dein Reich gegrndet ist.
IMMORTALITA. Komm, Erodion, steige mit mir auf in ewige Klarheit; und alle
Liebe, alles Hohe soll meines Reiches teilhaftig werden. Du, Charon, entfalte
deine Stirn, sei freundlicher Geleiter denen, die mein Reich betreten wollen.
ERODION. Wohl mir, da ich die heilige Ahnung meines Herzens wie der Vesta Feuer
treu bewahrte; wohl mir, da ich, der Sterblichkeit zu sterben, der
Unsterblichkeit zu leben, das Sichtbare dem Unsichtbaren zu opfern Mut hatte.


     Von der Hand des Herzogs Emil August von Gotha auf das Manuskript der
                            Immortalita geschrieben.

Es ist eine Kleinigkeit, die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist, da ich es
ein Geschenk des Himmels achte, dich zu verstehen, du edles Leben. Siehst du zur
Erde nieder, gibst gleich der Sonne du ihr einen schnen Tag, doch auf zum
Himmel wirst du vergeblich schauen, suchst deinesgleichen du unter den Sternen.
    Wie frische Bltenstengel so schmckt deiner Gedanken sorglos Leben den
bezwungenen Mann; sein Busen bebt von tiefen Atemzgen, wenn dein Geist gleich
aufgelsten Locken, die jetzt dem Band entfallen, ihn umspielt.
    Er sieht dich an, ein Liebender! Wie stille Rosen und schwankende Lilien
schweben deiner segnenden Gedanken Blicke ihm zu. Vertraute, nahe dem Herzen
sind sie. Wahrhaftiger, heller und schner beleuchten sein Ziel sie ihm und
seinen Beruf, und auf schweigendem Pfade der Nacht sind hochschauende Sterne
Zeugen seiner Gelbde dir.
    Doch ist eine Kleinigkeit nur, die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist, da
ich als ein Geschenk des Himmels es achte, dich zu verstehen, du edles Leben.
                                                                     Emil August


                                 An die Bettine

Dein Brief, liebe Bettine, ist wie der Eingang zu einem lieblichen Roman, ich
habe ihn genippt wie den Becher des Lyus, der ein Sorgenbrecher ist, es tat mir
auch sehr wohl, mich bewegten grade Sorgen um Dinge, die eine notwendige Folge
des Lebens und daher nicht unerwartet sind; die ich Dir nicht mitteile, weil sie
in Deinen Lebensgang nicht einstimmen1. Du bist mein Eckchen Sonne, das mich
erwrmt, wenn berall sonst der Frost mich befllt. Ich werde die Stadt auf ein
paar Wochen verlassen, ein Brief wird mich am Donnerstag noch treffen, dann
aber, den nchsten find ich, wenn ich zurckkomme, und dann sind wir bald wieder
ganz beisammen. Lasse Deine Briefe recht heiter sein ohne schwermtigen
Nachklang, Deiner Natur ist eine freie ungehemmte Lebenslust gem; die trben
mimutigen Regungen, mit denen Du zuweilen prahlst, sind nur Zeichen
geheimnisvoller Grungen, denen der Raum zu eng ist, sich zu lutern, das mu
ich glauben, wenn ich Deine jetzige natrliche Stimmung vergleiche mit jener
gereizten, die Dich zuletzt hier befiel, wo mir ganz bange um Dich war. Es war
Dir nichts weiter ntig, als die beengende Stadtluft nicht mehr zu atmen. Du
bist wie eine Pflanze, ein bichen Regen erfrischt Dich, die Luft begeistert
Dich, und die Sonne verklrt Dich. - Die Tonie schreibt hierher, da Du gesund
ausshest und keine Spur von der interessanten Blsse brig sei; - rate, wer
darber seinen rger nicht verhehlen kann? - Elle ne sera plus ce quelle a t
gab er mir auf alle Trostgrnde zur Antwort. Indessen hoffe ich, da unsereins
auch noch bei Dir gilt, und mir ist's lieber, da Du auf Kosten jener
interessanten Blsse zunimmst, als da ich immer hren mu, Deine Lebendigkeit
werde Dich noch tten, was komisch klingt und auf mich gestichelt ist. Ich habe
mir selber die Vorwrfe nicht erspart. - Was Du Schlaftrunkenheit nenntest, das
war nach Smmering Nervenfieber, er sagt, Du habest keinen Sinn fr
Krankheitszustnde, Du habest die Kinderkrankheiten wie lustige Spiele
durchgemacht, diesmal sei es von berspanntem Studieren gekommen. Die
philosophischen Ausdrcke Absolutismus, Dualismus, hchste Potenz usw., mit
denen Du in Deinen Fieberphantasien spieltest, zeugten wider mich. Ich habe mir
fest vorgenommen, diesen Winter nur solche Sachen mit Dir zu treiben, die Dir
recht von Herzen zusagen. - Ich bin zwar nicht so ganz allein an diesem Migriff
schuld, andre, denen ich vertraue, die, wie mir schien, nicht mit Unrecht Dir
viel philosophischen Sinn zusprechen, meinten, er msse entwickelt werden, ich
folgte unschuldig diesen Weisungen und nahm Deinen Widerspruch fr die gewohnte
Unbequemheit, Dich etwas Ernstem zu fgen. Der Hohenfeld sagte mir, Ebel
erzhle, Du habest aus berreiztem Widerwillen gegen die Philosophie starkes
Erbrechen gehabt, daraus sich ein galliges Nervenfieber gebildet habe; er warnte
mich und sagte, Du seiest ein unbedeutendes Mdchen und kein philosophischer
Kopf, der Deine knne zwar bermtig und berspannt, weiser aber nicht werden
usw. - Ich erriet, da er ein diplomatischer Abgesandter sei von klugen Leuten,
die viel von einem wissen, und von denen man nichts wei; seine Zitationen von
berspannten Reden und absurden Behauptungen, die hier unter den Philistern im
Umlauf sind, ergtzten mich: Dein eigner Brief, der wie der junge Strauch das
krnkelnde Laub abwirft und in frischen Trieben ergrnt, macht mich mit dem
guten Hohenfeld einverstanden ber Deine Unbedeutenheit, auch gefllt sie mir
besser, als was ich an Gelahrtheit Dir zuschanzen knnte, Du bist gefhlig fr
die Alltglichkeit der Natur, Morgendmmerung, Mittagschein und Abendwolken sind
Deine lieben Gesellen, mit denen Du Dich vertrgst, wenn kein Mensch mit Dir
auskommt. - Wenn Du willst, so knnen wir umtauschen und ich Dein Jnger werden
in der Unbedeutenheit, so wie Du Dich fr meinen Schler hieltest, als ich einen
starken Geist aus Dir bilden wollte. Jetzt, wo es rckwrts geht, mut Du mein
Lehrer sein, ein Zaghafter kann sicherer bergauf gehen, aber einen steilen Weg
hinab, dazu gehrt Entschlossenheit, die hast Du, Du schwindelst nicht und hast
Dich noch nie besonnen, ber Hecken und Grben zu setzen. Es dmmern mir schon
ganz glckliche Spekulationen ber den Geist der Unbedeutenheit auf; ich hatte
unsgliche Lust, dem Domdechant, der mich so hoch stellt, als berlufer ein
paar Dummheiten zu sagen, die ihm Zweifel in sein Urteil gben, ich habe ihm
auch eine gesagt, worber er die Hnde zusammenschlug und meine Behauptung, da
ich viel von Dir empfange und Dein Umgang mich belehre, auf mein Unvermgen,
mich selbst zu schtzen, schob, das mir da einen absurden Streich spiele, alle
Welt wundere sich, da ich meine Zeit mit dem Sausewind verbringe und ihm vor
andern solche kstliche Minuten schenke. - Nun, es wird mir nicht fehlen, da
mir nchstens die ergtzliche Unbedeutenheit aus diesen meinen Verkehrtheiten
zuerkannt werde, um die mich keiner beneiden wird, weil man eben das Bedeutende
nicht zu schtzen wei. Ich ahne sehr hell, da, wenn in dem bescheidenen
Knospenzustand Unbedeutenheit verborgen, nicht der volle innere Lebenstrieb
wirkte, das Bedeutende nie ans Licht blhen wrde, am wenigsten, wenn diebischer
Eigennutz sich der Zeit vordrngt, blo um auf der Hhe zu stehen, wo die andern
zu seinen schimmernden Phantomen aufsehen mssen. Wie die Titanen mit groem
Gepolter ihre Treppe zu der Gtter Burgen auftrmten und die stillen Gipfel des
Olympos als unbedeutend hinabstrzten. Eins empfinde ich in Dir, da die Natur
das Ideal des Menschengeistes gleichwie das Pflanzenglck unter warmer,
nhrender Decke vorbereiten mu, sonst werden die Menschen davon nicht wachsen
und reifen und im Sonnenglanze grnen.
    Deine Begebenheiten, Deine Bemerkungen, alles macht mir Freude, sorge, da
mir nichts verloren gehe, wenn's nur Deiner Gesundheit nicht schadet, so
schreibe doch jeden Abend, darum bittet der Dmon, der mir's zuflstert und gern
alles von Dir bewahren will.
    Wo soll ich mit Deinem Kanarienvogel hin? Ich nehme ihn mit in fremde Lande,
es wird nicht viel Mhe machen, ich kann ihn niemand anvertrauen, so wenig wie
Dich. - Apropos! Wenn ich nun auch eiferschtig sein wollte auf die Prinze, mit
der Du immer Hand in Hand gehst! Hast Du Dich je von mir an der Hand fhren
lassen, wenn wir drauen waren? - Summtest umher wie eine wilde Hummel durch
alle Gebsche und lieest mich allein nachsteigen? Was vermag doch diese
Frstlichkeit ber Dich, da Du Dich so zahm an der Hand fhren lt im Freien?
- Dein Vogel ist mir ebenso zahm geworden, da er mir in den Mund pickt, das ist
nichts anders als Liebe zu mir, ich wei nicht, ob er mir jetzt nicht mehr
zutunlich ist wie Dir, grad wie Du mit der Kurprinze. - Ich war in Sorgen um
ihn; denn wie ich einmal zur Gartentr hinausging, flog er mir nach in den
Garten, aber wie er eine Weile unter den Bumen herumgeflattert war, setzte er
sich mir auf den Kopf und lie sich ruhig wieder hineintragen, ich war recht
froh; denn ich htte nicht gewut, wie ich bestehen solle, wenn Du ihn nicht
wiederfandst. - Der Feigen waren elf an Deinem Baum, ich habe am Montag Ernte
gehalten, drei davon habe ich vom Baum verspeist, drei habe ich in Gesellschaft
verzehrt mit dem Jemand, der mir in der Tr begegnete, er begleitete mich nach
Haus und schien sich zu freuen, da der Baum, der von ihm stammt, so se
Frchte bringt. Nun liegen noch fnf Frchte, die noch etwas hrtlich waren,
unter der Glasglocke beim Apoll, die ich in die Sonne gestellt habe, sie haben
auch schon nachgereift, ich werde sie vor meiner Abreise in Kompagnie verzehren,
aber mit niemand, der sie allenfalls wie eine unbedeutende Frucht mit Stumpf und
Stiel hinunterschluckte, sondern mit jemand, der Deiner Pflege fr den Baum die
Sigkeit der Frchte zuschreibt und sie dankbar geniet. -
                                                                        Karoline

Eine Merkwrdigkeit mu ich Dir noch melden von Deiner Altan, die Spinnen haben
eine groe Brabanter Spitze gewoben von einem Ende zum andern, von der kleinen
Edeltanne ber den Orangenbaum, ber die Bohnenlaube, in die man nicht hinein
kann, wenn man dies Kunstwerk nicht durchbrechen will, dann ber den Granatbaum
zum Feigenbaum; ich habe alles geschont beim Brechen der Frchte. Dein Bruder
Dominikus kam herunter und spritzte im Kreis sie alle an mit der kleinen
Giekanne, die Mittagsonne schien sehr hell. Da spiegelten die kristallnen
Tropfen allerliebst in den Netzen, Dein Bruder meinte, wenn die Netze noch
weiter gingen, so knne das eine Voliere fr Schmetterlinge sein, die er
vergeblich sich bemht als Raupen zu zhmen; denn wenn sie aus der Puppe
ausflgen, so htten sie aller Pflege und Nahrungssorgen, die er fr sie als
Raupen getragen, vergessen. - Mich amsierte sehr seine ernsthafte Behauptung,
bei der Raupe und Puppe auf die Seele des Schmetterlings wirken zu wollen. - Ich
meine, die ungeheuren Spinnen wrden wohl alle Dankbaren und Undankbaren
verzehren, die in dieser Voliere eingefangen wren. - Noch soll ich Dir sagen
von ihm, da der Hopfen bers Dach hinaufgewachsen ist in die offnen Fenster
herein. - Du hrst gern von Deinem kleinen Paradiesgarten, in dem alles so schn
ist und kein Baum, von dem man die pfel nicht essen darf.

                                An die Gnderode


Mit der einen Hand hab ich meinen Brief dem Bot' gereicht, mit der andern Deinen
genommen, wir kamen eben von unserm Sonnenaufgang zurck, so sah ich den Bot'
berm Tal am Berg hersteigen, ich wollt mit ihm zusammen ankommen, ich lief, die
andern wuten nicht warum, sie riefen mir nach, ich galoppierte als an der
Bergwand hin und schlug mit dem Stecken an die st, das regnete im heien Lauf
khlen Tau auf mich, dann scho ich bergab ins Tal und konnt nicht einhalten,
der gut Bot' stellte sich gegenber und fing mich auf; oben stand die ganze
Gesellschaft, ein Kopf ber dem andern, der Mstr. Haise in der Mitt und guckt
durchs Perspektiv, ich legt mich ins Gras und schnaufte aus. - Potztausend,
wieviel Hmmerchen pochten in meinem Kopf, lauter Goldschmied, und der groe
Hammer in meiner Brust, das war ein Grobschmied; die andern kamen herbei, wie
ich im hohen Gras verschwand, glaubten sie, ich sei ohnmchtig oder sonst was,
der Voigt schrie, Gott bewahr, solche Einbildungen hat sie nicht; ich guckte aus
dem Gras hervor und lachte sie aus, aber da schrie alles: ich htt knnen den
Hals abstrzen, ich htt knnen Arm und Bein brechen, mich htt knnen der
Schlag rhren, unvorsichtig, tollkhn, sinnlos schrien sie. - Was Guckuck, ich
wollt's nicht mehr hren, ich setzt mich wieder in Galopp, der Badepeter hatte
grad die Bder angelassen, ich rief ihm zu: Sagt nicht, wo ich geblieben bin!
Und sprang ins Wasser mit Schuh und Strmpf und allen Kleidern; da unterm Wasser
warf ich die Kleider ab und dacht nicht gleich, da ich Deinen Brief im Busen
stecken hatt, bis er auf dem Wasser schwamm, ich hab ihn gleich auseinander
gelegt und an dem Strick festgemacht in der Mitte vom Badegewlb, womit man die
Klapp aufzieht, wenn's zu hei ist, er flatterte im Luftzug ber mir und drehte
sich hin und her, ich bin ihm immer nachgeschwommen, links und rechts und hab
ihn buchstabiert, hier ein Teil und dort wieder, wie der Wind das Blatt drehte,
das hat mich ergtzt, und auch hab ich mich gefreut, wenn ich aus dem Bad km',
ihn zu lesen, und dann stimmt ich an: O du der Gtter Hchster, der ber
Olympia mchtiglich waltet, la beim Laufe der Flur gnstige Winde in den
schlfebeschattenden Krnzen mir wehen. - Da wuten sie auf einmal, wo ich
geblieben war; denn alles war in den Bdern und meine Stimme schallte laut am
Gewlb, und da hrt ich sie rufen: La voila! - und: wieder eine Tollheit, so
erhitzt ins Wasser zu springen. - Wollt ich nicht von allen Seiten schreien
hren, so mut ich wieder singen: La, o Jupiter, mit leichten Fen mich
hingleiten dem schnellfigen Tage zuvor, der mich sieggekrnt am Abend begre
mit der Unsterblichkeit s hallendem Ruf. - Da kam die Lisett als
Gesandtschaft von den andern, was war die verwundert, als sie die Kleider unter
Wasser sah und die Schuh auf der untersten Treppe, zwei volle Becher. - Ich sah
ihr die Bestrzung an, sie glaubte, ich sei toll geworden, sie reichte mir
verstummt ein Zettelchen, darauf stand: Wohlan Fllenbndiger, opfere einen
feisten Stier der Rossebezhmerin Pallas Athene und ihren goldgewirkten Zgel
wirf schnell um den jungfrulichen Hals. - Ich frag, wer ihr den Zettel gab,
sie sagt der Badpeter, ich frag den Badpeter, der sagt sein Sohn Lipps, ich frag
den Lipps, der sagt am Rhrbrnnchen ein Herr in Schlappschuhen, eine Zigarre im
Mund. - Was hatte er an, wie sah er aus? - Weier Mantel, graue Sammetmtze. -
Ich hielt frs beste zu schweigen und niemand was vom Zettel zu sagen, den
Zettel legt ich zu meiner merkwrdigen Naturaliensammlung, worunter ist ein
goldglnzendes Horn von einem Weinschrter, das hohl ist und so zierlich, da es
sehr gut als Trinkhorn knnt passen fr ein Elfchen, das ein Jger wr, ich
hab's deswegen aufgehoben, wenn mir einmal eins begegnet, ferner mehrere
durchsichtige Steine, die sehr gut Edelsteine sein knnten, wenn die Sonn nur
noch ein bichen besser durchschien, und eine Puppe, aus der ich selbst den
Schmetterling hab auskriechen sehen, die tut sich auf und entlt den
Schmetterling und schliet sich wieder, sie hat inwendig wie kleine Stahlfedern,
an die rhrt der Schmetterling, wenn er reif ist, und dann ffnet sie sich,
auen ist die Puppe ganz hart, da man sie nicht verletzen kann. - Ich hab mir's
expre aufgehoben fr Dich, ich will Dir's zeigen und ber die Unsterblichkeit
mit Dir nachdenken dabei. - Wenn ich so was seh in der Natur, wovor gesorgt ist,
da alles geschtzt ist so sorgsam, da es nicht gestrt wird, bis es reif ist,
das schauert mich an, und gewi ist nichts so traurig als sie stren; denn so
zrtlich wie sie ist, mu es ihr durch die Seele gehen. - Ich mag mich nicht an
ihr versndigen, nicht mich empordrngen und was sein wollen vor der Zeit, mag
nicht ein starker Kopf werden, sie will's nicht, die Natur, sie sagt, ich soll
laufen und springen und berlegung soll ich gar nicht haben, und in Deinem Brief
steht's nun auch geschrieben, was mich so sehr freut, unbedeutend! - Da bin ich
von Herzen dabei, wenn Du nur auch so dumm sein willst und mich den bedeutenden
Leuten vorziehen. Du mut allen Leuten zugeben, da nichts ist mit mir, da wird
sich's bald geben; eigentlich wer schuld ist, das ist der Clemens, der hat aus
groer Lieb zu mir sich immer an allem gefreut, was ich getan hab, und hat meine
unbedachtsame Reden als wunderschn gefunden. Nun, was liegt dran? - Aber auf
die Burg kommst Du doch noch? - Nicht wahr? Da sind wir zwei mit dem Dmon
zusammen und fragen nach sonst niemand. - Ich freu mich so drauf, da mir
manchmal das Herz klopft, und wenn ich mich besinn, was es ist, so sind es die
acht Tage, wo wir zwei zusammen in einer Stube schlafen, und der Herbstwind geht
dann schon und schttelt das Laub ab von den Platanen, und nachts wecken wir
uns, wenn wir einen Gedanken haben, und schlafen dann gleich wieder. Ich kann
Dir auch viel von hier erzhlen, ich hab eine Menge Gedanken, die ich nicht
aufschreiben kann, manchmal spring ich auf, als mt ich zu Dir und Dir gleich
was ganz neu Gedachtes sagen. - Aber ich hab Dir ja noch nicht erzhlt, was heut
noch vorgefallen ist. Um zwlf Uhr sind wir hinunter, blo ich und die Tonie zur
Kurprinzessin, um Abschied von ihr zu nehmen, die Tonie hatte ihr auf den Tisch
im Vorsaal all die schnen Frchte aufgestellt und die Blumen dazwischen, sie
nahm sehr freundlich von allen und sagt so viel herzlich Gutes zur Tonie, da
ich zum erstenmal empfand, als wenn es wahr wr, was ich bei andern nie glaub,
wenn sie hflich sind. Du fragst: wenn Du nun auch eiferschtig sein wolltest
auf die Kurprinze. Ei warum bist du's nicht? - Das ist eben, was mir leid ist,
wenn ich Dir heut sagte, sie wollt mich mitnehmen und ganz bei sich behalten, da
wrdest Du am End ganz kalt schreiben: Liebe Bettine, es tut mir zwar leid, da
unser Umgang hierdurch unterbrochen wird, aber ich rate Dir sehr, la Dich
dadurch nicht abhalten. - Und ich wrde das aber nicht tun, selbst wenn ich mir
denk, da Du mir so kalt antworten knntest und knntest es leicht verschmerzen,
obschon mir die Kurprinze am liebsten ist von allen, die ich gesehen hab, denn
auer der Gromama und Dir hab ich nie Frauen gesehen, die mir edel vorkamen,
denn ich hng innerlich mit Dir zusammen, das wei ich, und der Dmon hlt mich
auch fest bei Dir; und wo sollt ich noch einmal fhlen so vertraulich? - Kann
man so bei Prinzessinnen simulieren, so im Mondschein im Zimmer an der Erde
liegen und ihm nachrcken und Geschichten erfinden wie wir den Winter, und wenn
ich Dein Haar flechten wollt, da hast Du mich's lassen aufflechten und wieder
flechten und erfandest Ossians Gesnge, whrend ich es kmmte.

Deine Locken gleich den Raben dster,
Deine Stimme wie des Schilfs Geflster,
Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.

Weit Du noch, wie ich's Dir still nachsang, was Du so schauerlich mir
vorsagtest, und weit Du wohl, da da mein Herz ganz voll Trnen war, mehr wie
einmal, und heimlich stritt ich mit mir, da ich stark sein wollt und meine
Schmerzen bezwingen? - Ich wollt Dir's nicht zeigen, wie tief das in mich ging:

Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flgel

Dich, du Liebliche, du schnes Licht. -

Wie oft hab ich das gesungen fr mich und war ein Held. -

Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,
O! Wann grest du den Morgen wieder?
Schngelockte, wirst du lange ruhn? -
Ach! Die Sonne tritt nicht an dein Bette,
Spricht: Erwach aus deiner Ruhesttte,
Collas schne Tochter, steig herauf! -
Junges Grn entkeimet schon dem Hgel,
Frhlingslfte fliegen drber her.
Sonne, birg in Wolken deinen Schimmer!
Denn sie schlft, der Frauen erste! - Nimmer
Kehret sie in ihrer Schnheit mehr.

Das hab ich so oft gesungen und auch am Fels vorgestern, und ich kann so schne
Melodien drauf, die mir alle durchs Herz gehen, und wenn wir auf der Burg sind
den Herbst, dann wollt ich Dir's vorsingen, wenn's dunkel ist, eh das Licht
kommt; wie kannst Du denn nur denken, da ich die Kurprinze lieber haben knnt?
- Aber Du denkst es auch nicht, Du stellst Dich nur so, denn sonst wr's gar zu
traurig fr mich, da Du nicht betrbt darber wrst. - Ich kann mir unter
Collas Tochter immer nur Dich denken; denn sie schlft, der Frauen erste! - Und
so hab ich in mancher Stunde mit Trnen Dich besungen; denn ich kann das nicht
singen, ohne da es mein Herz so stark bewegt, abends wenn ich allein bin, da
ich oft meinen Kopf in die Kopfkissen stecke und will alle Wehmut ersticken,
weil sie mich gar zu schmerzlich befllt. - Aber was soll ich doch hier, so fern
von Dir, Dir von meinen bitteren Stunden sagen, das kann Dich nur traurig
machen, und Du bist jetzt so betrbt. - Aber la dich's nicht betrben von mir,
das ist nur so vorbergehend, wie eben die Schloen, die hier fielen, ich will
Dir lieber noch weiter erzhlen von der Kurprinze, Du weit, da ich traue in
Deine Lieb und gar nicht denk, da ich Dir gleichgltig bin, und auch nicht, da
Du an mir zweifelst. Die Kurprinze verlangte heut morgen, ich sollte ihr noch
ein Lied singen zur Gitarre, das sie als zuweilen vom Fenster gehrt habe, das
erschreckte mich sehr, denn der Herzog stand dabei und zog den Mund so kurios
zusammen und sagte, er hab auch meine Stimme gehrt, sie sei sehr schn; ich
htt gern ausgewichen, aber ich fhlte, da es unschicklich war, ich holte also
meine Gitarre, und unterwegs bezwang ich meine Angst vor dem Herzog, vor der
Prinze htt ich mich auch nicht gefrcht; denn ich hatte schon oft die Abende
in dem Laubgang vor ihrem Fenster allerlei Melodien improvisiert, weil mich
einmal eine geheime Neigung zu ihr anregte, da ich als recht zrtliche Melodien
erfand. Vor dem Herzog htt ich mich auch nicht gefrcht, aber weil ich den
Morgen im Bad gesungen hatte, so dacht ich, er htt's gehrt und mcht wohl gar
davon anfangen, und an den Zettel dacht ich auch. - Aber da kam mir mit einmal
ein Gedanke, der half mir drber hinaus, ich nahm Dein Darthulagedicht2 aus
meiner Brieftasche mit und sang draus, was ich da oben Dir hingeschrieben, aus
dem Kopf in eine Melodie hinein, im Anfang war's ein wenig steif, aber bald
ging's recht, wie ich manchmal selbst berrascht bin und tief erschttert, wie
die Melodie soviel gewaltiger es ausdrckt und erst das Herz empfinden lehrt,
und ich wiederholte es, da war's so schn, ach, wenn ich's doch noch einmal so
singen knnt vor Dir; - der Herzog verlangte, ich sollte noch fortsingen, da war
ich nicht mehr bang, ich sang gleich:

La zehntausend Schwerter sich empren,
Usnoth sollt von meiner Flucht nicht hren,
Ardan! Sag ihm, rhmlich war mein Fall.
Winde! Warum brausen eure Flgel?
Wogen, warum rauscht ihr so dahin? -
Wellen! Strme! Denkt ihr mich zu halten?
Nein, ihr knnt's nicht, strmische Gewalten!
Meine Seele lt mich nicht entfliehn.
Wenn des Herbstes Schatten wiederkehren,
Mdchen, und du bist in Sicherheit,
Dann versammle um dich Ethas Schnen,
La fr Nathos deine Harfe tnen,
Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht. -

Und dies zweite Mal sang ich noch besser, mit tieferer Stimme und war
selbstfhliger; es sind die zwei Stellen, die ich aus Deinem Lied auswendig
wei, weil Du sie in meiner Gegenwart gemacht hast im Dunkel und sagtest zu mir:
Behalt es auswendig, bis Licht kommt, ich will unterdes weiter dichten, und
ich wiederholte immer vier Verse, bis noch vier dazu fertig waren, die Du auch
meinem Gedchtnis vertrautest und immer weiter schifftest im Ozean, Gnderode,
wie schn war doch das? - Wie werd ich je Schneres erleben als mit Dir? - Dem
Herzog hab ich Dein Gedicht gegeben und gesagt, es sei von Dir und auch den Don
Juan3 hab ich ihm geschenkt, er lag dabei, ich dacht, du gibst mir's wieder; ich
wollt ihm es so gern geben, weil ich sah, da er groe Freude dran hatte, Du
gibst mir's wieder. - Die Kurprinze verlangte, ich soll ihr die Melodie
abschreiben lassen von dem Lied, ich sagte ja, aber wo ist die hin? Ich wei
nicht mehr - sie hat mich auch noch herzlich gekt auf beide Wangen; und der
Tonie sagte sie sehr freundlich, wenn sie es erlaube, so wolle sie den Strau
aus der Ananas mitnehmen und zum Andenken in ihrem Treibhaus pflanzen lassen. -
Gelt, das war so freundlich, und ich will Dir's nur gestehen, da mir heimlich
recht leid getan hat, wie sie fort war, und alles kam mir so leer vor, da ich
doch drber weinen mute, obschon ich nicht wollt, ich hielt mich auch gar nicht
dabei auf, eben weil ich an Dich dachte und Dir keine Untreue wollte begehen. -
Wir begleiteten sie bis zum Wagen, und sie sagte mir noch, wo ich ihr begegnete,
da sollte ich immer zu ihr kommen, ich kte ihre Hand und ging zurck; denn der
Herzog sprach noch mit ihr. - Sein Wagen war auch vorgefahren, er legte mir die
Hand auf den Kopf und sagte: Auf Wiedersehen! - und lachte mich an, und ich
dachte: Ach Gott, am End hat er den Zettel dem Lipps gegeben. Er stieg in den
Wagen im leberfarbnen Rock, und wie das Windspiel nachsprang und sich zu seinen
Fen legte, da sah ich wohl so etwas auf dem Rcksitz liegen wie einen weien
Mantel, der hellblau gefttert war, aber er sah doch nicht ganz wei aus,
sondern mehr hellgrau, aber die graue Mtze sah ich, wie mich deucht, auch. -
Ja, ich sah sie gewi, ich wollt sie nur nicht erkennen, weil ich mich schmte;
- aber das dauerte noch eine Weile, da ich mich gar nicht trsten konnte, und
so oft mir's einfllt, werd ich aufs neue rot vor mir selber. - Aber ich denk
nur immer, ein Prinz hat kein lang Gedchtnis, er wird's bald vergessen. Ach,
wenn er's nur recht bald verge! - Gute Nacht. Morgen erzhl ich Dir noch mehr
von heut, von unserm Sonnenaufgang hab ich Dir noch gar nichts erzhlt, da wir
den gar nicht gesehen haben, und da die Sonne hinter uns aufging, - und da
alles ber die in der Ferne liegenden Berge sah und meinte, sie sollt dort
hervorkommen, und da sie hinter der Felswand in unserm Rcken aufstieg und der
Mstr. Haise, mit dem Perspektiv bewaffnet, und der Voigt, der mir immer ins Ohr
sagte: Geben Sie acht, was passieren wird, Sie werden sich alle bald
verwundern. Kein Mensch achtete seiner Reden. - Es ward hell und hell und die
Sonn kam nicht, und auf einmal war sie hinter uns, ganz mig und vernnftig,
ohne Aufwand, wie wir sie beim Frhstck auf der Terrasse auch htten sehen
knnen, aber der groe Streit, der vorfiel, keiner wollte der sein, der es nicht
gleich gedacht hatte, jeder sollt den andern verfhrt haben, es war wirklich ein
wunderlicher Streit, und der Mstr. Haise mit dem Perspektiv, mit dem er die Sonn
zuerst hatte entdecken wollen! - Der Voigt wurde am meisten gezankt, und er
sollte zuletzt allein dran schuld gewesen sein, er htt sie mit Flei all
herumgewendet, und er htte davon gesprochen zuerst, da dort gen Morgen lg. Er
sagte aber, nein, er htt sie nicht verfhrt, er htt es aber wohl gewut, drum
htt er auch gesagt: sie wrden sich bald alle sehr verwundern, aber er wt, er
stnde in so schlechtem Kredit bei ihnen, da er sich nicht getraut hab, es
ihnen zu sagen; denn sie htten's doch nicht geglaubt.

                                                                    Am Samstag -

Den Kanarienvogel schenk ich dir, Du sollst ihn behalten, er hat Dich lieber wie
mich, und ich bin ihm gut, was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud
verketzern. Ich bin aber kein Kanarienvogel, und Du kannst mich nicht hingeben
wollen; denn ich schenk Dir alles, Du sollst mich nicht hergeben. - Meine Altan
ist doch schn, nicht wahr? - Als Kinder hat uns da der Herr Schwab die
biblische Geschichten vorerzhlt, abends, eh wir zu Bett gingen, da hab ich den
Mond zum erstenmal scheinen sehen. Wie wunderlich war's doch, und die Fenster
von den Stuben nebenan, wenn da abends Licht drin war, die malten den Schatten
von den Struchern auf den Boden, da sa ich so gern allein auf dem Boden und
sah den Schatten rund um mich sich bewegen. Ich hab mich wohl immer gefrchtet
als Kind, aber mehr bei Tag, wenn ich allein war und im Zimmer, wo alles so
nchtern aussah, aber in der Nacht war was Vertrauliches, was mich lockte, und
noch eh ich was von Geistern gehrt hatte, war die Empfindung in mir, da etwas
Lebendiges in der Umgebung sei, dessen Schutz ich vertraute; so war mir's auf
der Altan als Kind von drei oder vier Jahren, wo beim Sonnenuntergang immer alle
Glocken den Tod des Kaisers einluteten, und wie's da immer nchter ward und
khler, und es waren keine Leute um mich und als ob die Luft lauter Gelute sei,
was mich umfing; da kam eine Traurigkeit ber mein kleines Herzchen und dann
wieder so rasches Zusammennehmen, ich fhl's noch, wie wenn der Schutzengel mich
auf den Arm nhm. Jetzt mu ich aber sagen: Was ist doch das Leben fr ein gro
Geheimnis, das so dicht die Seel umschliet wie die Puppe den Schmetterling,
kein Licht strahlt durch den Sarg, aber die Sonnenwrme empfindet die inwendige
Seele und wchst und wchst unter schweren Ahnungen, unter Trnen. Ach
verzeih's, da ich gleich traurig war, aber die Altan! - Dort hab ich ganz
sehnschtige Augenblicke schon gehabt, die mir wie Schwerter durchs Herz gingen,
und ich wute nicht, was es war, und wei es noch nicht. - Grad in der schnen
blhenden Zeit war mir's immer so traurig, grad am hellen Mittag, wenn da so ein
Bienchen eine Weile herumschwrmte. - Ach was! - Ich will lieber was anders
denken. - Du bist recht gut, da Du allerlei so sub rosa hervorleuchten lt,
was mich heimlich freut. - Was mir doch noch wird? - Ob ich je aus dem Licht
heraustrete, was Dein lebendig Aug auf mich strahlt? - Denn Du kommst mir vor
wie ein ewig lebender Blick - und als wenn von ihm mein Leben abhing. - Aber
davon will ich auch nicht reden. - Von der Eselspartie gestern nach Rauhental,
sie ist zu Wasser geworden, aber erst am End, es kam ein ungeheurer Platzregen,
wie wir noch eine halbe Stunde von der Heimkehr entfernt waren, das
zusammenlaufende Wasser von den Bergen herab ins Tal gab ordentlich Seen, die
der Wind wellig kruselte. - Und wie die Esel mitten durchs Wasser pfatschten
mit uns, kam ein ungeheurer Donnerschlag, die meisten schrien auf, die Esel
schrien nicht, aber sie warfen uns alle mit einemmal herunter in die Pftzen,
und da konnt keiner sich halten, nur der Englnder wollte es zwingen mit seinen
langen Beinen, der Esel warf sich nieder und bumte sich, und so galoppierten
alle Esel fort, da sie im Nu aus den Augen waren, die Eseltreiber hinterdrein,
denen nachgerufen wurde, uns Laternen zu schicken. Der ganze Haufe konsultierte
in der Pftze, setzte sich nach wieder erlangter Besinnung in Bewegung, auf das
verwirrte Untereinanderschreien folgte bald Stille, der Weg war zu beschwerlich,
als da man auf etwas anders denken konnte als nur, wie man den Fu mitsamt dem
Schuh wieder aus dem Morast heben wolle, dies aber war nicht mglich, die
meisten Schuhe blieben stecken, die Laternen kamen uns bald entgegen, die
beschwichtigten Esel wurden wieder herangefhrt, und so kamen wir zwar beritten
an, aber in welchem Zustand? - Alle Strohhte hatten im Morast gelegen. Die
Schuhe fehlten, die Damengewande so na, als sollten sie zu Statuen Modell
stehen, und die Herren nicht minder; man verfgte sich in die Bder und kam
neugeboren und neugestrhlt heraus, ein Gesamt-Abendtee, in Pantoffel und
Schlafrcken und Pudermntel eingenommen, machte den Beschlu, alles beschrie
des Unfalls Jammer und lachte sich halbtot drber. Mstr. Haise, dessen
natrliche Haarfarbe jetzt zutag kam, war nicht mehr zu erkennen, aber seine
Schnheit wurde allgemein bewundert, sein braunrotes Haar stand ihm so viel
schner als der Puder, womit er's hatte verbergen wollen, da man schrie: jetzt
knne er erst interessieren, was man vorher fr unmglich hielt. Wer war
vergngter wie er, der feierlich dem Puder abschwor und mit himmlischer
Selbstzufriedenheit bei den Frauen herumspazierte, sich bewundern zu lassen. -
Ich und die Lisett haben noch bis Mitternacht die Strohhte renoviert, ich
schlug sie alle auf der einen Seite mit einer Kokarde auf, wenn man nun im
Schatten sein will, so setzt man die Schippe nach vornen, wo die Sonne nicht
scheint, dreht man sie herum; die Verwandlung fand allgemeinen Beifall und sieht
nach Voigt malerisch aus. Heut morgen kamen die Eseltreiber mit den verlornen
Schuhen auf ihren Stecken in Prozession angerckt; sie hofften ein Trinkgeld, es
mute auch bezahlt werden, obschon die Schuhe besser wren geblieben, wo sie
begraben waren; man war rgerlich, da sie die beschmutzten Schuhe so ffentlich
zur Schau trugen. Das war die gestrige Geschichte. Voigt hatte schon lange drum
gebeten, die ganze Gesellschaft zu Esel in sein Skizzenbuch zeichnen zu drfen,
heut morgen war ein schner heller Himmel, und doch war's abgekhlt vom
Gewitter, wir machten uns so malerisch wie mglich, lieen Bnder flattern,
Schleier wehen, die Herren steckten Strucher auf den Hut, gaben sich
nachlssige Posituren, schaukelten mit den Beinen, so ging's langsam vorwrts,
Voigt war voran mit seinem Malkasten, hatte die Palette aufgesetzt, sa auf
einem Zeltstuhl vor der Hhe, wo wir herabkamen, und beobachtete den Zug mit dem
Fernglas, auf einmal rief er Halt, ich war voran mit einer grnseidenen Fahne,
die ich mir gemacht hatte, die stemmt ich in die Seite und hielt recht feierlich
still, die Gitarre hing auch am Sattel. Voigt malte eifrig auf ein Stck
Wachsleinwand, das auf ein Brett genagelt war. Es dauerte ein Weilchen, die Esel
hingen die Ohren und waren eingeschlafen, die Sonne brannte, die Mcken stachen,
die Schleier und Bnder hingen schlaff, sie glaubten alle, sie knnten's nicht
lnger aushalten, ich htte doch dem guten Voigt so gern das Plsier gegnnt,
da seine Skizze fertig wurde; ich nahm meine Gitarre und stimmte den Kosiusko
an, Crothwith begleitete mich auf dem Flageolett, mehrere Maultrommeln der
Eseltreiberjungen fielen ein, es erhob die Stimme Ba und Diskant, andere
pfiffen, Haise neben mir an gab einen Ton von sich, mit dem er eine Pauke
nachmachte, die mit einer Rute und einem Klppel geschlagen wird, pfitsch
pfitsch, bum bum. Die Esel wachten auf und spitzten die Ohren wieder, die
Lftchen regten sich wieder in den flatternden Bndern, alles war begeistert,
und Voigt malte schneller als eine Windmhle, in die der Sturmwind blst; die
Eseljungen hatten sich auch in nachlssigen Stellungen postiert, bald war's so
weit, da wir umwenden konnten, Voigt bestieg seinen Esel, und wir zogen
vergngt und singend zurck. Die Skizze ist allerliebst krftig, er will sie zu
Frankfurt fertig malen, wrst Du doch auch dabei gewesen. - Im Nachhausereiten
sah ich die Birke von fern, die so leise wehte, in der ich ohne daran zu denken,
wie eine Vision Dein Bild gesehen hatte. Ich dachte daran, ob ich's doch
versuchen wollte, Dich hier zu besuchen, wenn man allein ist, da kann man viel
besser klettern, und wie heut nachmittag alles Siesta hielt, bin ich hierher
gekommen und hab gesehen, was der Herzog fr Buchstaben in den Baum geschnitten
hat: Z D F und seinen Namen drunter, ich wei, was es heit, grade, was er unter
Dein Manuskript von der Immortalita geschrieben hat. - Der Voigt sagt mir, sein
Buch sei sehr witzig, und hat mir noch manches Schne erzhlt von ihm und auch
Sonderbares. - Das Buch mssen wir zusammen lesen den Winter. Heut nachmittag
war alles versammelt beim Tee auf der Terrasse. Die Lust auf weite Partien ist
gedmpft, wir spielten Federball und machten Seifenblasen, die flogen zwischen
die Bum und bald hier- oder dorthin, auch eine auf dem Haise seine Nas' glaub
ich.

                                                                         Sonntag

Heut morgen war man zum letzten Frhstck versammelt; denn morgen geht alles
fort, der ganze Vormittag verging mit Spaziergngen von Paar und Paar im Wald,
ich schlenderte mit dem Voigt nach einem grnen Platz und las ihm vor aus Deiner
Brieftasche, ich las ihm die Manen vor und knpfte allerlei Ideen dran, die ich
nicht recht aussprechen konnt, ich kann vor niemand sprechen wie vor Dir, ich
fhl auch die Lust und das Feuer nicht dazu als nur bei Dir, und was ich Dir
auch sag oder wie es herauskommt, so spr ich, da etwas sich in mir regt, als
ob meine Seele wachse, und wenn ich's auch selbst nicht einmal versteh, so bin
ich doch gestrkt durch Deine ruhigen klugen Augen, die mich ansehen, erwartend,
als verstnden sie mich, und als wten sie, was noch kommen wird, Du zauberst
dadurch Gedanken aus mir, deren ich vorher nicht bewut war, die mich selbst
verwundern, andre Leute haben mit mir keine Geduld, auch der Voigt nicht, der
sagt: Ich wei schon, was Sie wollen, und sagt etwas, was ich gar nicht
gewollt hab. - Dann mach ich's aber wie Du und hr ihm zu, und da hr ich
allemal was Kluges, Gutes. - Heut sagte er: die Vernunft sei von den Philosophen
als ihr Gott umtanzt und angebetet, wie jeder seinen Gott anbete, nmlich als
ein Gtze, der zu allem gelogen werde, was man nur in der Einbildung fr wahr
halte, Dinge, die man auf dem Weg des Menschensinnes und der Empfindung allein
finden knne und solle; die wrden zu Stzen, die auf keiner empfundenen
Wirklichkeit beruhen, nur als willkrliche Einbildungen gelten und wirken. -
Philosophie msse nur durch die Empfindung begriffen werden, sonst sei es leeres
Stroh, was man dresche, man sage zwar, Philosophie solle erst noch zur Poesie
werden, da knne man aber lange warten, man knne aus drrem, geteertem Holz
keinen grnen Hain erwarten, und da mge man Stecken bei Stecken pflanzen und
den besten Frhlingsregen erbitten, er werde drr bleiben, whrend die wahre
Philosophie nur als die jngste und schnste Tochter der geistigen Kirche aus
der Poesie selbst hervorgehe, dies sagte er dem Mstr. Haise, der studierter
Philosoph ist, der war darber so aufgebracht, da Voigt die Poesie die Religion
der Seele nenne, da er mit beiden Fen zugleich in die Hhe sprang - und
nachher mir allein sagte: ich mge dem Voigt nicht so sehr trauen; denn seine
Weisheit sei ungesund und knne leicht ein junges Herz verfhren, sonst war
alles ganz gut, wir tranken nachmittag auf dem Musenfels Kaffee und machten ein
lustig Feuer im Wald an und tanzten zuletzt einen Ringelreihen drum, bis die
letzten Flammen aus waren, und alle waren wie die Kinder so vergngt, und mir
kam es vor, als wenn gar kein Falsch oder versteckte Gesinnung mehr unter allen
wr. Ein freies Gemt ist doch wohl das Hchste im Menschen. Nie eine Periode
des Menschenlebens verlassen, so wie sie rein erschaffen ist, um in eine andre
berzugehen, dabei nie eine derselben vermissen, ewig Kind sein, als Kind schon
Mann und Sklave des Guten sein, Gott anbeten in Ehrfurcht und mit ihm scherzen
und spielen in seinen Werken, die selbst ein Spiel seiner Weisheit, seiner Liebe
sind, sagte Voigt auf dem Heimweg zum Mstr. Haise, und der war zufrieden und
reichte ihm die Hand. -
                                                                      Gute Nacht

                                                                       Am Montag

Gestern htt ich nun rechte Zeit gehabt, Dir zu schreiben, alles ist fort, aber
ich war mde. Tonie liegt auf dem Bett und schlft, man war bis spt in der
Nacht aufgewesen, ich ging noch auf die Terrasse, um Abschied zu nehmen, weil am
Morgen alles vor Tag abreiste; nur der Voigt blieb da bis Mittag, weil er nur
bis Mainz ging. Er ging mit mir in die kleine Kapelle zur Messe, da war eben die
Predigt wieder am Ende, es war unser Franziskaner. Warum hat Jesus, da er ans
Kreuz geschlagen ist und die bittersten Schmerzen leidet, zugleich eine
himmlische Glorie um sein Haupt, die allen Anwesenden das Mitleid verbietet, die
zugleich das seligste ruhmvollste Entzcken andeutet mit dem menschlichen Kampfe
im Elend? - Warum liegt in jedem seiner Taten, seiner Worte, das Irdische mit
dem Ewigen so eng verbunden? - Er hat seine Leiden nicht mit Freuden vertauscht,
da er es wohl vermochte. - Also, Mensch hab dein Schicksal lieb, wenn es dir
auch Schmerz bringt, denn nicht dein Schicksal ist traurig, wenn es dir auch
noch so viel Menschenunglck zufhrt, aber da du es verschmhest, das ist
eigentlich das groe Unglck, und so schlie ich, wovon ich ausging, da allemal
das Schicksal des Menschen das hchste Kleinod sei, das nicht wegwerfend zu
behandeln ist, sondern es soll mit Ehrfurcht gepflegt und sich ihm unterworfen
werden. - Der Voigt bereuete sehr, da er die Predigt nicht ganz gehrt habe,
und meint, da er in wenig Worte so viel zusammendrnge, so msse er in der
Entwickelung sehr geistreich sein. Ich aber war froh, da wir zu spt gekommen
waren, denn mir schien das Thema sehr traurig, Leiden im voraus zu ahnen und
sich darauf vorzubereiten, das will mir nicht in den Sinn. - Am Abend waren wir
ganz einsam, die Tonie und ich, es ist gar niemand mehr hier, ich wr so gern
noch hinaus spazieren gegangen und lie mir den Lelaps holen, den Hund von der
Kstersfrau, der mich kennt, weil ich ihn schon oft mitgenommen habe auf dem
Spaziergang, der kam mit einem Laternchen am Hals mit einem brennenden Lmpchen,
womit er immer bei nebligem Wetter seinen Herrn begleitet; das machte mir gro
Plsier, ich nahm meinen guten Stock, der zusammengeflochten ist von drei guten
spanischen Rohren, und den mir der Savigny geschenkt hat, und ging mit meinem
guten Lelaps als fort zwischen die Schluchten, in denen der Nebel hin und her
wogte, und sein klein Lichtchen verschwand oft, da ich ihn nicht mehr sah, aber
wenn ich rief, da kam er durch den dicken Nebel herbeigelaufen, da wurde das
Lichtchen wieder sichtbar, was mir das fr Spa gemacht hat, der Hund und ich
allein, und die Nebel, die herumflankierten wie Geister, herber und hinber,
aufstiegen und hinabkletterten, es war eine Geschftigkeit in diesen Felsritzen
und an den Bergwnden hinab, wo man einen freien Blick ins Tal hatte, ich konnt
mir gar nicht denken, da es nicht Geister wren, und ich glaub's noch, und ich
war innerlich recht glcklich und froh, da ich dazugekommen war, und da ich
und der Hund von den Geistern so gut gelitten war, denn Du glaubst nicht, wie
gut der Nebel tut, wie sanft, wie weich er sich einem anschmiegt, mein Gesicht
war ganz glatt davon, und wir sind auch glcklich wieder nach Haus gekommen. -
Ich bin so froh, da ich unbedeutend bin, da brauch ich keine gescheiten
Gedanken mehr aufzugabeln, wenn ich Dir schreib, ich brauch nur zu erzhlen,
sonst meint ich, ich drfte nicht schreiben ohne ein bichen Moral oder sonst
was Kluges, womit man den Briefinhalt ein bichen beschwert, jetzt denk ich
nicht mehr dran, einen Gedanken zurecht zu meieln oder zusammen zu leimen, das
mssen jetzt andre tun, wenn ich's schreiben soll, ich selbst denk nicht mehr.
Ach, von dem Einfltigsten, Ungelehrtesten verstanden und gefhlt zu werden ist
auch was wert; und dann dem Einzigen, der mich versteht, der fr mich klug ist,
keine Langeweile zu machen, das kommt auf Dich an.
    Wir waren am Rhein und sind wieder den andern Tag zurck spt abends, so ist
heut schon Donnerstag, es war schn in Rdesheim, die Tonie hatte dort ber
jemand zu sprechen, der als Geistlicher in unser Haus soll, ich guckte indes auf
der Bremserin aus dem groen schwarzen Gewlb auf die Wiese im Abendschein, es
flogen all die Schmetterlinge ber mich hinaus, denn da oben auf der Burg wchst
so viel Thymian und Ginster und wilde Rosen, und alles hat der Wind
hinaufgetragen; man meint als, der fliegende Blumensamen mt eine Seel haben
und htt sich nicht weiter wollen treiben lassen vom Wind und wr am liebsten
dageblieben, alles blht und grnt, so viel Glockenblumen und Steinnelken und
Balsam, ich dacht, wie ist's doch mglich, da das alte Gemuer so berblht
ist. - Blum an Blum! Unten in der Ruine wohnt ein Bettelmann mit der Frau und
zwei Kindern, sie haben eine Ziege, die bringen sie hinauf, die grast den
duftenden Teppich mir nichts, dir nichts ab. - Ich war eine ganze Stunde allein
da und hab hinaus auf dem Rhein die Schiffe fahren sehen, da ist mir's doch
recht sehnschtig geworden, da ich wieder zu Dir will, und wenn's noch so schn
ist, es ist doch traurig ohne Widerhall in der lebendigen Brust, der Mensch ist
doch nichts als Begehren sich zu fhlen im andern. Du lieber Gott! Eh ich Dich
gesehen hatt, da wut ich nichts, da hatt ich schon oft gelesen und gehrt,
Freund und Freundin, und nicht gedacht, da das ein ganz neu Leben wr, was
dacht ich doch vorher von Menschen? - Gar nichts! - Der Hund im Hof, den holt
ich mir immer, um in Gesellschaft zu sein; aber nachher, wie ich eine Weile mit
Dir gewesen war und hatte so manches von Dir gehrt, da sah ich jed Gesicht an
wie ein Rtsel und htt auch manches gern erraten, oder ich hab's erraten; denn
ich bin gar scharfsinnig. Der Mensch drckt wirklich sein Sein aus, wenn man's
nur recht zusammennimmt und nicht zerstreut ist und nichts von der eignen
Einbildung dazutut, aber man ist immer blind, wenn man dem andern gefallen will
und will was vor ihm scheinen, das hab ich an mir gemerkt. Wenn man jemand lieb
hat, da sollt man sich lieber recht fassen, um ihn zu verstehen und ganz sich
selbst vergessen und ihn nur ansehen, ich glaub, man kann den ganz verborgnen
Menschen aus seinem uern Wesen heraus erkennen. Das hab ich so pltzlich
erkannt, wie ich Menschen sah, die ich nicht verstand, was sie mir sollten, und
nun sind mir die meisten, da ich sie nicht lang berlegen mag, weil ich nichts
merk, was mir gefllt oder mit mir stimmt, aber mit Dir hab ich wie eine Musik
empfunden, so daheim war ich gleich; ich war wie ein Kind, das noch ungeboren
aus seinem Heimatland entfremdet, in einem fremden Land geboren war und nun auf
einmal von weit her bers Meer wieder herbergetragen von einem fremden Vogel,
wo alles neu ist, aber viel nher verwandt und heimlicher, und so ist mir's
immer seitdem gewesen, wenn ich in Dein Stbchen eintrat: und so war's auch auf
den alten Burgtrmmern gestern; so lachend wie die Wiesen waren und die lustigen
Mdchen, die sangen, und der Abendschein und die Schiffe und die Schmetterlinge,
alles war mir nichts, ich sehnt mich nach Dir, nur nach Deinem Stbchen, ich
sehnt mich nach dem Winter, da doch drau Schnee sein mcht und recht frh
dunkel und drin brennt Feuer; der Sonnenschein und's Blhen und Jauchzen
zerreit mir's Herz. - Ich war recht froh, wie die Tonie mit dem Wagen vorfuhr,
wie ich unten hinkam, waren dem Bettelmann seine zwei hbschen Kinder blo im
Hemdchen und kugelten mit Lachen bereinander und hatten sich so umfat; ich
sagt, wie heit ihr denn? - Rschen und Bienchen. - Das Rschen ist blond mit
roten Wngelchen, und das Bienchen ist braun mit schwarzen stechenden Augen. Das
Bienchen und Rschen hatten sich so recht ineinander gewhlt. - Um Mitternacht
heimgekehrt - hchst angenehmer Schlaf beim Rauschen von Springbrunnen.

                                                                       Am Montag

Ich hab Deinen letzten Brief noch oft gelesen, er kommt mir ganz besonders vor,
wenn ich ihn mit andern vergleiche, die ich auch hier in derselben Zeit erhalten
hab, so mu ich denken, da es Schicksale gibt im Geist, die so entfernt sind
voneinander und so verschieden, wie im gewhnlichen Tagesleben, der eine wird
sich's nicht einbilden vom andern, was der denkt und trumt, und was er fhlt
beim Trumen und Denken. - - Dein ganz Sein mit andern ist trumerisch, ich wei
auch, warum; wach knntest Du nicht unter ihnen sein und dabei so nachgebend,
nein, sie htten Dich gewi verschchtert, wenn Du ganz wach wrst, dann wrden
Dich die grlichen Gesichter, die sie schneiden, in die Flucht jagen. - Ich hab
einmal im Traum das selbst gesehen, ich war erst zwei Jahr alt, aber der Traum
fllt mir noch oft pltzlich ein, da ich denke, die Menschen sind lauter
schreckliche Larven, von denen ich umgeben bin, und die wollen mir die Sinne
nehmen, und wie ich auch damals im Traum die Augen zumachte, um's nicht zu sehen
und vor Angst zu vergehen, so machst Du auch im Leben aus Gromut die Augen zu,
magst nicht sehen, wie's bestellt ist um die Menschen, Du willst keinen Abscheu
in Dir aufkommen lassen gegen sie, die nicht Deine Brder sind; denn Absurdes
ist nicht Schwester und nicht Bruder; aber Du willst doch ihr Geschwister sein,
und so stehst Du unter ihnen mit trumendem Haupt und lchelst im Schlaf, denn
Du trumst Dir alles blo als dahinschweifenden grotesken Maskentanz. - Das lese
ich heute wieder in Deinem Brief, denn es ist jetzt so still hier, und da kann
man denken - Du bist zu gut, fr mich auch, weil Du unter allen Menschen gegen
mich bist, als wrst Du mehr wach; als machtest Du die Augen auf und trautest
wirklich mich anzusehen, o, ich hab auch schon oft dran gedacht, wie ich Deinen
Blick nie verscheuchen wollte, da Du nicht auch am Ende nachsichtig die Augen
zumachst und mich nur anblinzelst, damit Du alles Bse und Schlechte in mir
nicht gewahr werdest.
    Du sagst: Wir wollen unbedeutend zusammen sein! - Weit Du, wie ich mir
das ausleg? - Wie das, was Du dem Clemens letzt in einem Brief schriebst: Immer
neu und lebendig ist die Sehnsucht in mir, mein Leben in einer bleibenden Form
auszusprechen, in einer Gestalt, die wrdig sei, zu den Vortrefflichsten
hinzuzutreten, sie zu gren und Gemeinschaft mit ihnen zu haben. Ja, nach
dieser Gemeinschaft hat mir stets gelstet, dies ist die Kirche, nach der mein
Geist stets wallfahrtet auf Erden. - Du sagst aber jetzt, wir wollen
unbedeutend zusammen sein, - weil Du lieber unberhrt sein willst, weil Du keine
Gemeinschaft findest; - und Du glaubst wohl jetzt noch, da irgendwo eine Hhe
wr, wo die Luft so rein weht und ein ersehnt Gewitter auf die Seele
niederregnet, wovon man freier und strker wird? - Aber gewi ist's nicht in der
Philosophie; es ist nicht der Voigt, dem ich's nachspreche, aber er gibt mir
Zeugnis fr meine eigne Empfindung. Menschen, die gesund atmen, die knnen nicht
sich so beengen, stell Dir einen Philosophen vor, der ganz allein auf einer
Insel wohnte, wo's so schn wr, wie der Frhling nur sein kann, da alles frei
und lebendig blhte und die Vgel sngen dann, und alles, was die Natur geboren
htt, wr vollkommen schn, aber es wren keine Geschpfe da, denen der
Philosoph was weismachen knnt, glaubst Du, da er da auf solche Sprnge km,
wie die sind, die ich bei Dir nicht erzwingen konnt? - Hr, ich glaub, er biss'
lieber in einen schnen Apfel, aber so eine hlzerne Kuriositt von
Gedanken-Sparrwerk wrde er wohl nicht zu eigner Erbauung aus den hohen Zedern
des Libanon zurecht zimmern; so verbindet und versetzt und verndert und
berlegt und vereinigt der Philosoph also nur sein Denkwerk, nicht um sich
selbst zu verstehen, da wrde er nicht solchen Aufwand machen, sondern um den
andern von oben herab den ersten Gedanken beizubringen, wie hoch er geklettert
sei, und er will auch nicht die Weisheit seinen untenstehenden Gefhrten
mitteilen, er will nur das Hokuspokus seiner Maschine Superlativa vortragen, das
Dreieck, das alle Parallelkreise verbindet, die gleichschenkligen und
verschobenen Winkel, wie die ineinander greifen und seinen Geist nun auf jener
Hhe schwebend tragen, das will er, es ist aber nur der mige Mensch, der noch
sich selber unempfundne, der davon gefangen wird; ein andrer lgt, wenn er die
Natur verleugnet und diesem Sparrwerk anhngt und auch hinaufklettert, es ist
Eitelkeit, und oben wird's Hoffart, und der haucht Schwefeldampf auf den Geist
herab, da kriegen die Menschen in dem blauen Dunst eine Eingebildetheit, als
nhmen sie den hohen Beweggrund des Seins wahr; ich bin aber um dies Wissen gar
nicht bang, da es mir entgehen knnt, denn in der Natur ist nichts, aus dem der
Funke der Unsterblichkeit nicht in Dich hineinfhrt, sobald Du's berhrst;
erfll Deine Seele mit dem, was Deine Augen schpfen auf jener segensreichen
Insel, so wird alle Weisheit Dich elektrisch durchstrmen, ja ich glaub, wenn
man nur unter dem blhenden Baum der Gromut seine Sttte nimmt, der alle
Tugenden in seinem Wipfel trgt, so ist die Weisheit Gottes nher als auf der
hchsten Turmspitze, die man sich selbst aufgerichtet hat. Alle Frchte fallen
zur Erde, da wir sie genieen, sie haben seine Flgel, da sie davonfliegen,
und die Blten schwenken ihren Duft herab zu uns. Der Mensch kann nicht ber den
Apfel hinaus, der fr ihn am Baum wchst, steigt er hinauf in den Wipfel, so
nimmt er ihn sich, steht er unterm Baum und wartet, so fllt der Apfel ihm zu
und gibt sich ihm, aber auer am Baum wird er sich keine Frchte erziehen. - Du
sprichst von Titanen, die die Berge mit groem Gepolter aufeinander trmen und
dann die stillen Gipfel der Unsterblichkeit hinabstrzen, da meinst Du doch wohl
die Philosophen, wenn Du von ihnen sagst, da ihr diebischer Eigennutz sich der
Zeit vordrngt und sie mit schimmernden Phantomen blendet. - Ach, aller
Eigennutz ist schndliche Dieberei, wer mit dem Geist geizt, mit ihm prahlt, wer
ihn aufschichtet oder ihm einen Stempel einbrennt, der ist der eigenntzigste
Schelm, und was tun denn die Philosophen, als da sie sich um ihre Einbildungen
zanken, wer zuerst dies gedacht hat; - hast Du's gedacht oder gesagt, so war es
doch ohne Dich wahr, oder besser: so ist's eine Schimre, die Deine Eitelkeit
geboren hat. Was geizest Du mit Mnze, die nur dem elenden Erdenleben angehrt,
nicht den himmlischen Sphren? Ich mcht doch wissen, ob Christus besorgt war
drum, da seine Weisheit ihm Nachruhm bringe? - Wenn das wr, so war er nicht
gttlich. Aber doch haben die Menschen ihm nur einen Gtzendienst eingerichtet,
weil sie so drauf halten, ihn uerlich zu bekennen, aber innerlich nicht;
uerlich drfte er immer vergessen sein und nicht erkannt, wenn die Lieb im
Herzen keimte. - Ich will Dir was sagen, mag der Geist auch noch so schne
erhabene Gewande zuschneiden und anlegen und damit auf dem Theater
herumstolzieren, was will's anders als blo eine Vorstellung, die wir wie ein
Heldenstck deklamieren, aber nicht zu wirklichen Helden werden dadurch. Du
schriebst an den Clemens: Sagen Sie nicht, mein Wesen sei Reflexion oder gar,
ich sei mitrauisch, - das Mitrauen ist eine Harpye, die sich gierig ber das
Gttermahl der Begeistrung wirft und es besudelt mit unreiner Erfahrung und
gemeiner Klugheit, die ich stets jedem Wrdigen gegenber verschmht hab. Diese
Worte hab ich oft hingestellt wie vor einen Spiegel Deiner Seele, und da hab ich
immer ein Gebet empfunden, da Gott einen so groen Instinkt in Dich gelegt hat,
der einem aus den Angeln der Gemeinheit heraushebt, wo alles klappt und
schliet; und wenn's sich nicht passen wollt, zurechtgerichtet wird frs Leben,
ach nein, Du bist ein Geist ohne Tr und Riegel, und wenn ich zu Dir mein Sehnen
ausspreche nach etwas Groem und Wahrem, da siehst Du Dich nicht scheu um, Du
sagst: Nun, ich hoff es zu finden mit Dir.

                                                                       Am Montag

So ernsthaft hab ich geschrieben, ich wei selbst nicht, wie ich dazukomme, doch
ist's der Nachklang von vor Mitternacht. Ich wei selbst nicht, wenn ich's
ansehe, warum's dasteht. Du gehst weit ber mich hinaus im reinen Schauen; denn
Du bist ein Seher, ich betrachte nur die Schatten des Geistertanzes in den
Lften, die Dich umschweben. Was soll das alles vor Dir, ich fhl, da ich von
einer viel niederen Stufe zu Dir hinanrufe, ob dies und das so ist; ich ahne
auch, da Du mit einem leisen Zauberschlag mich strafen kannst, da ich bei
solchen Nachgedanken mich aufhalte. Ich wei und wei nicht. - Im Tau baden, in
den Mond schauen bei nchtlicher Weile ist schner, als sich wenden und den
Schatten messen, den man in die beleuchtete Ebene wirft; ja, ich war auch
traurig, wie ich gestern schrieb, und aus der Traurigkeit steigt mir immer
solcher Qualm von Hyperklugheit auf, Philistergeist! - Ich schme mich - es ist
eine schlechte Sonate, deren Thema man bald auswendig kann, und die einem
abgeleiert vorkommt, wenn man sie wiederholen wollt, das kommt vom Einsamsein
her, da meint man, man msse was Bessers vorstellen, wenn man mit sich selber
spricht. Ich merkt es, als beim Schreiben das selbstgefllige Geschwtz, was
sich so schn fgte, mich verfhrte, und nun auf einmal bin ich's satt. Wie
anmutig und scherzend hast Du alles ausgesprochen und mit Deinem Zauberstab Dir
spielend einen Kreis gemacht, mit mir drin zu scherzen, und ich hab mit Dornen
und Nesseln und Disteln um mich gepeitscht; ach ich fhl einen Widerwillen gegen
meine Schreiberei von gestern. - Htt ich Dir nicht besser den wunderlichen
Abend beschrieben, die seltsame Nacht, die ich mit der Tonie erlebt habe. - So
eine Wundernacht vergeht nicht, sie besteht ewig mit ihren leisen
Schattenbildern, mit ihren Lichtdmmerungen und eiligen Luftzgen und wie sie
den Schlummer Woge auf Woge wlzt; gewi, wie die Welt geboren wurde, da war es
Nacht, und da stiegen die Gipfel der Unsterblichkeit, die stillen, von denen Du
sagst, zuerst auf aus den Wassern, und da drngte sich die Welt ihnen nach und
liegt nun, und ber ihr strmen die Sprachen jener Einsamen durch den
Nachthimmel. - Ja, ich find mich nicht zurecht, wenn in einer solchen Nacht
alles schlft weit und breit und der Geist mchtig mit seinen Flgeln die Luft
durchsegelt. - Und alle die Philosophen, die die Menschheit erwecken wollen,
schlafen doch so fest und fhlen's nicht. - Und ob blo, wenn's einem gegnnt
wr in jeder Nacht die Augen zu ffnen und ihren tiefen Faltenmantel zu
durchschauen, den sie ber die Natur ausbreitet und dann ihre heimlichen Geister
umherschweifen, anhauchen - alles Lebende; ob der nicht hierdurch ein Seher
wrde himmlischem Wissen. Es ist doch so Seltsames in der Nacht, man sollte
meinen, der Tag sei einmal schon in Beschlag genommen von der Verkehrtheit, aber
die Nacht sei noch ganz frei davon; man fhlt sich in der lautlosen silbernen
Mondzeit aufgezogen wie die rankende Pflanze, die hinausstrebt in die Lfte, -
den vorberschweifenden Geistern sich anzuhngen und hier und dort von ihrem
Hauch zu trinken. Aber was steig ich und schwindel ich denn immer noch, als lief
ich am Waldrand hin? - Ja, in der Nacht war's so klar in meinem Sinn, da ich
laut lachte, und nun schweift's von Berg zu Tal und betastet die Erinnerung. -
Und all mein Denken solcher Nachhall, wie wr ich in eine Kluft gefallen. Wir
waren am Nachmittag zum weiten Spaziergang fortgewandert und wuten wohl nicht
genau die Zeit, die spter war, als wir glaubten, und weil berall der Pfad an
etwas Neugierigem sich hinzog, bald ein brausend Bchlein zwischen Klippen, bald
sonnenhelles Grn und Hgel und Gemuer und dann ein Wald mit mchtigen Kronen,
da kamen noch Scharen von Vgel ber uns hingezogen, denen wir nachsahen, da
war's bald gar aus, wir wuten nicht, wo wir hergekommen waren, und wo wir
hinwollten, gern wren wir wieder umgewendet, wenn wir nur ahnen konnten, wo der
Heimweg war. Wir machten einander Mut, durch den Wald auf einem breitern Weg,
der quer lief, fortzuwandern; weil frische Spuren da waren, so mute er dort zu
Menschen fhren, noch hielten wir den Wind, die allmhlich sinkende Helle fr
vorberziehende Wolken, aber es war der Abendwind, der das Laub vor uns her
wehte, wir sagten es einander nicht, aber merkten es bald, schritten immer fort
und sahen bald zwischen den hohen Wipfeln durch den roten Himmel glnzen, und
wie der sich verzog in ein dmmerndes Gold, aber ohne Schein und endlich ein
Blau, schweigende Sternchen glitzerten, und der Pfad lief immer fort im Wald und
die Sterne sahen hoch herab, und keins wagte die Stille zu unterbrechen,
schweigend, ein Tritt nach dem andern raschelte durchs Laub. - Ach, sagt ich,
la uns einen Augenblick ausruhen, Du wirst sehen, dann wird der Wald auf
einmal sich auftun. Ach, sagte die Tonie leise, was wird das werden, wo
kommen wir hin? - Statt zu klagen, mute ich laut lachen; - Um Gotteswillen,
wie kannst Du so schaurig lachen, schweig still, es knnen bse Leute in der
Nhe sein, die uns hren. Ich meint aber, wenn wir so sacht redeten und
wanderten, das knnt noch viel gefhrlicher sein, und die Tonie lie sich
berreden, da ich ein Lied sang. - Das schallte! - Das machte mich so
glcklich, und der schweigende Wald, - und dann ich wieder, und dann er wieder.
Die Tonie hatte sich auf dem Pfad so gesetzt, um die Richtung nicht zu
verlieren, der wir schon die ganze Zeit gefolgt waren, ich aber lag rckwrts
und sah in die Hh, auf einmal entdeckte ich, da der Wald links lichter ward,
und da der Himmel ganz frei war; ich sagte, dort mssen wir hin, da sind wir
gleich aus dem Wald. Um Gotteswillen verla den Pfad nicht; denn so im Dickicht
herumzustolpern in der Nacht, da knnen wir in Gruben fallen, la uns ruhig auf
dem Weg fortgehen, ich war aber schon vorwrts geschritten und stolperte
wirklich und raffte mich auf und fiel wieder und kletterte ber Stock und Stein,
und die Tonie rief von Zeit zu Zeit, ich antwortete, und da war ich pltzlich im
Freien auf der Hhe, die sich abflachte in eine weite Ebene, die ich nicht
ermessen konnt, aber ganz in der Ferne sah ich's glnzen, ich rief: Hier steh
ich und seh den Rhein, Du mut aus dem Wald heraus; denn auf dem Waldpfad kannst
Du noch stundenlang unntz fortwandern. Wir kamen uns entgegen mit Rufen durch
die Nacht, doch rckt ich nicht weit herein, aus Furcht, den Weg zu verlieren,
endlich reichten wir einander die Hand, und nun zog ich sie hinter mir her. Es
ist ein dumm klein Abenteuerchen, aber es machte mich doch so froh, uns so aus
dem finstern Wald herausgefunden zu haben. Da standen wir nun und guckten uns um
- ob das dort ein Dorf ist oder dort, ob das ein Licht ist? - Wir setzten uns am
Waldrand hin und lugten, es lie sich nichts hren, kein Vgelchen, es war gewi
schon spt, vielleicht bald elf Uhr, und da brannte auch kein Licht mehr in den
rtern, drum konnten wir sie in der Ferne nicht sehen; wir ruhten gelassen ein
Weilchen, und da war es so gro um uns her, und das tat so wohl, und dann ward
es heller, der Mond mute bald kommen, da wuten wir, da es um elf Uhr war. -
Jetzt sah die Tonie einen Ort fr ganz gewi, sie sah das Kirchdach deutlich
glnzen, wir schlenderten, rutschten, kletterten und kamen in die Ebene. Die
Tonie behielt das Kirchdach im Aug, ich war zu kurzsichtig, aber ich lief voran;
denn einen Weg zu bahnen, das kann ich besser. - Links! - rechts! - rief sie,
und so ging's ber abgemhte Felder, endlich an einen Graben mit Wasser, den wir
glcklich bersprangen, dann ber Zune, dann Wiesen, dann Grten, und der Mond
war auf, beleuchtet einen breiten Weg, der nach dem Ort fhrt, aber ein groes
festes Tor schliet diese verwnschte Stadt, die in ihrem Mondschein in
Totenstille versunken liegt, da nicht ein Hund bellt, nicht eine Katze mauzt.
Da stehen wir mit unsern Stecken in der Hand und gucken das Tor an, das war mir
schon sehr lcherlich, ich sag: Ob ich versuch hinberzuklettern? - Denn es
war oben offen, aber unmglich, denn es war sehr hoch, von eichnen Bohlen in ein
Paar glatte dicke Pfhle die Angeln eingefgt. Da seh mal, sagt die Tonie, da
ist zwischen dem Pfahl und der Stadtmauer ein Ritz, - handbreit - wenn ich die
Oberkleider abwerf und den Atem anhalt', so kann ich durch, und nun geschwind
alles was mich hinderte, an die Erd' geworfen und durch war ich, da setzte ich
mich aber erst auf den Eckstein am Tor und lachte, und das schallte die Strae
hinab und fand ein Echo und schallte wieder herauf. - Ach, ich bitte Dich, lach
nicht, Du weckst alle Leute auf, und die knnen uns wer wei was tun, flehte
sie durch den Ritz, - ich nahm mich zusammen, besichtigte das Tor, fand, da es
mit zwei starken eisernen Riegeln zugebummst war, nahm einen Stein und klopfte
die Riegel zurck. Mach keinen Lrm, poltere nicht so, - aber das half nicht,
ich war im heien Eifer, das Tor mute weichen, auf einmal gingen beide Flgel
auseinander, und da stand sie vor mir und hielt ihren Einzug; jetzt wanderten
wir schweigend durch die Straen und musterten die Huser, wir klopften an den
Tren, an den Lden, kein Laut gab Antwort, endlich ffnet sich ein
Giebelfensterchen, ein Mnnchen guckt heraus mit einem brennenden Kienspan in
die Luft leuchtend, bei dessen Flamme wir ein bebartetes Kinn entdecken und also
auf ein ungetauftes Mitglied der Menschheit schlieen, welches seine Stimme auch
nicht leugnet. Wir sind Kurgste aus Schlangenbad, die sich verirrt haben, und
htten gern einen Fhrer. - Er bedeutet, da gegenber der Torwchter wohnt.
Wir klopfen an, - eine Weile dauert es, auf einmal tut sich ein Loch am Boden
auf, und unter der Erde kommt herauf ein in braunem Pelz eingehllter Riese mit
einem Baum in der Hand, ein Stock war's nicht, dazu war's zu gro, er setzt sich
in Trapp und treibt uns vor sich her zum Tor hinaus, immerzu, den Pfad am Berg
hinauf, - bald aber sagte mir die Tonie ins Ohr: Wenn der gewaltige Mann
dahinter uns mit seinem Kolben einen Schlag gbe, es ist mir recht bang, - nun,
wir lassen den Mann vor uns gehen, da sehen wir doch, wenn er uns was tun will.
So marschierte denn der Goliath vor uns her, ach, wie rauschten die Birken neben
uns her und malten ihren Schatten uns unter die Fe, wie quoll das Dunkel aus
dem Wald dem Mondlicht entgegen, und die kleinen Wsser rauschten von den Bergen
nieder und wallten zwischen Weiden fort, und an manchem schlafenden Dorf ging's
vorber und dann auf der Hh, noch einmal mut ich mich noch umsehen nach dem
Silberstreifen des Rheins im Mondglanz, und Berge in der Ferne sanken und
stiegen, aber am meisten war doch das Regen in der Luft, was umherschwirrte und
flsterte in den Zweigen, und Trume, kindische, die mir das Herz beben machten,
und dunkle Bilder, die aus dem Wald nebenan hervortraten, das hielt mir die
Seele wach, und doch war's, als schlummere ich sorglos und wandle nur im Traum,
und die Himmelssterne erblaten allmhlich - und die einzelnen Htten im Tal
waren noch unbewut des Tages, der sich ahnen lie, aber die Wachteln schlugen
im Feld und kndeten ihn an, da sahen wir Schlangenbad. Wer war froher wie wir,
ich aber ber alles, mich freut die herrliche Nacht. Die Schatten am Weg, die
unsern beleuchteten Weg still umstanden, und der Abschied der Nacht, wie sie
noch einmal die Wipfel schttelte, das alles ist mir lieb, es ist ein Geschenk
von den Gttern, wie so manche andre Stunden, wo's war, als wollten sie mich
beschenken mit sem schwrmerischem Gefhl von innerlicher Kraft des
Entzckens. - Das war's, was ich Dir erzhlen wollt, und was viel schner ist
wie alles Denken und Urteilen: sich dem Leben der Natur nahen und still und
stumm ihre Vorbereitungen mit ansehen und wie sie weiht und reinigt in
feierlicher Nachtstille.

                                An die Gnderode


                                                             Offenbach, Mai 1805

Sorg nicht um meine Gesundheit; im Dachstbchen bin ich ganz fidel; ich mu mit
meinem Schatten an der Wand lachen. Drei Stz die Trepp herauf, und die Flgel
gespreizt und herunter hinter die Pappelwand, wo was Weies flattert. - Da, wo
wir vorm Jahr den Spitz begraben haben, spielte der Wind im Mondschein mit einem
Papier; es flog aber gleich ber die Gartenwand, wie ich's haschen wollt. Mit
dem guten Spitz frchtete ich mich nicht in der Nacht; er bellte mir als immer
die Geister aus dem Weg. Der Klavierhofmann ist noch immer unser Nachbar; heut
nacht, wie ich im Bett lag, da jagte er wieder wie sonst seine enharmonischen
Lufe im gestreckten Galopp auf und ab; ich gab meinen Schlaf auf und meine
Sinne freudig drein, die jagten mit. - Mit dem Verstand Musik fassen wie die
musikalischen Philister, das geht nicht - ich mu empfinden. - Sinnegewiegt von
der Musik - mich hingeben wie schlummernd, dann hab ich Gedanken, schnell - wie
die Sterne dahinfahren, oft - am Himmel. Ich bekmmre mich als, da ich nicht
denken kann, was ich will, und mu von allem mich irren lassen, wie auf dem
Markt, wo man hin und her luft vom Guckkasten zum Puppenspiel, zum Br, der
tanzt, oder mit den Zigeunern mich ergtzen am Mainufer, wenn's Marktschiff
Philister ausspeit und die betrunknen Musikanten schmettern sie hinaus. Allerlei
geht mir im Kopf herum, aber wenn ich schreiben will, ist die Luft leer von
Gedanken, und die meisten Worte sind berflssig, ich mu sie wieder
wegstreichen wie hier im Brief. Bei Musik bin ich gesammelt, die Gedanken fahren
nicht herum, sie sind still und schauen innerlich Ding, was mich vergngt. Die
Seel wchst, die Knosp springt auf und saugt Mondlicht. - Eine Weil hrt ich zu
im Bett, wie's Gewitter kam, sprang ich heraus und setzte mich aufs Fenster. -
Musik bringt alles in Einklang, sie donnert durch die hellsternige Nacht ihren
gewaltigen Strom, dann tanzt sie hin und grt mit jeder Well die Blum, die da
heimlich blht am Ufer. Wenn dann die Wolken vom Windsturm daher gejagt kommen,
dann werden sie als gleich, als von ihrem Hauch bezaubert; der Regen rollt
Perlen unter ihren tanzenden Schritt, beim leuchtenden Blitz vom Donner durch
die schwarze Nacht geschnellt, die er mit schallenden Schwingen durchrast, das
ist alles ein Hymnus mit der Musik - nichts widerspricht, noch strt's das
stille Brten der Sinne. So hab ich die halbe Nacht verlebt, ein Leben, wie's
nicht besser ist, noch sein wird mit der Zeit. - Jetzt steh ich in der Blt,
Honig bis an Rand voll, alles aus dem Innern. Mit den andern hab ich kein
Verstehen, ich schm mich, vor ihnen anders zu sein wie sie. Du bist mir gut,
und der Clemens, mit dem kann ich doch nicht sein, wie ich bin, er frchtet sich
und kann nicht vertragen, da ich mich ausstrm, bald ist's zu feurig, bald zu
wehmtig, wo ich doch gar nicht traurig bin, aber weil er schn ist wie ein
Gedanke aus meiner Seel, so mu ich liebvoll zu ihm sein. - Das wei er nicht,
da es Musik ist in mir, die ihn liebt, ich mu es so gehen lassen, alles mu
reifen mit der Zeit. - Mit Dir ungestrt sein, da fhl ich das junge Grn, wie
das aus mir hervorkeimt, Du machst kein Wesen davon, da im Frhjahr die
frischen Grashalme und Kruter duften - so bin ich zufrieden und blh all meine
Gedanken heraus vor Dir.

                                                                         20. Mai

Gestern war Sonntag, heut morgen war ich gar nicht rgerlich, wie mich die
Hhner aus dem besten Traum gegagst haben wie als in Frankfurt, wo die Liesbeth
als grad Holz in Ofen geworfen hat, wie eben ein goldner Vogel mir wollt auf die
Hand fliegen. Die Akazien im Hof sind recht gewachsen, sie schneien im
Sonnenschein ihr letztes Silber aufs Grn. Der Garten lag so morgentrunken vorm
Fenster, ich ging hinab, meinen alten Weg nach der Bretterwand hinter den
Pappeln und kletterte herber ins Boskett, wo ich Dir hier schreib. - Da doch
immer meine Kleider reien, wenn ich recht jauchzend bin. Zank nur nicht, da
ich mein Gewand nicht geschont habe. Dornenrschen hat mir ein Fetzchen davon
behalten, wie ich versucht hab, ob ich noch zwischen dem Eisengelnder vom
Boskett durchwitschen kann; es geht noch, ich hab noch nicht zugenommen an
Erdenballast - da sitz ich auf der Terass' am Main, auf dem die Wasserspinnen
lustig in der Frhsonne herumfahren. Km der Genius doch daher gewandelt - ich
knnt ihm mehr nicht sagen, als was die Bienen summen. - Ist mir doch, als gehr
ich zu dem blhenden Zitronenbaum; ist so still alles - wie am Feiertag, und der
reinliche Kies mir unter den Fen klirrt schchtern - alles voll Schauer und
Harren, da er komme, der, auf den auch ich harre, oder war er schon hier? - und
hat es frher so geordnet fr mich, da ich merke, er sei's gewesen, dem die
sonnenbelasteten ste sich gebeugt und die Welle nachmurmelt zu meinen Fen.
Ich wollt's besingen, aber's Lftchen, das nach ihm sucht im Gebsch, kehrt
wieder und hat ihn nicht gefunden und schweigt und regt sich nicht mehr, so mu
ich auch stumm sein.

                                 An die Bettine


Dein Brief macht mir Freude, es ist ein gesundes, munteres Leben darin, das ich
immer lieb in Dir gehabt habe. Du fhrst eine Sprache, die man Stil nennen
knnte, wenn sie nicht gegen allen herkmmlichen Takt wr. Poesie ist immer
echter Stil, da sie nur in harmonischen Wellen dem Geist entstrmt, was dessen
unwrdig ist, drfte gar nicht gedacht werden, oder vielmehr darf alles Ereignis
den Geist nur poetisch berhren, sonst leidet er Abbruch, wie ich das heute
morgen habe erfahren mssen, wo mir von Hanau eine veraltete
Familien-Schuhmacherrechnung von 17 Flr. zugeschickt wurde, die ich nicht
bezahlen kann, meine Verlegenheit poetisch aufzulsen, schicke ich Dir den
kleinen Apoll als Geisel samt Trkheims Lorbeerkranz, gib mir das Geld.
    Wenn Du einige Stunden in der Geschichte genommen hast, so schreibe doch
darber; besonders in welcher Art Dein Lehrmeister unterrichtet, und ob Du auch
rechte Freude dran hast. - An dem Mrchen hab ich die Zeit sehr fleiig
geschrieben, aber etwas so Leichtes, Buntes, wie mein erster Plan war, kann ich
wohl jetzt nicht hervorbringen; es ist mir oft schwer zumut, und ich habe nicht
recht Gewalt ber diese Stimmung.
    Gre den Clemens, wenn Du schreibst, ich denke daran ihm zu schreiben und
warte nur den Moment ab, wo mir's wieder leichter ist, damit ich ihm mit gutem
Gewissen seinen Unmut und seine Launen vorwerfen kann.
                                                                        Karoline


                                An die Gnderode

Geld liegt im Pult am groen Spiegel, in der dritten Schublad links, in den
andern Schubladen liegt aber auch vielleicht noch, zieh alle Schubladen ganz
heraus, ob etwas dahinter gefallen ist. Der Schlssel liegt unter dem
Blumenkasten auf der Altan, wo die Kapuzinerblumen stehen, den Apoll halt rein
vom Staub, und da ihn die Fliegen nicht bedippeln mit samt dem Lorbeerkranz;
und vom Stil wei ich nichts als von Dir, nichts berflssiges, nur was zur Sach
gehrt, sollt ich schreiben. Ich hab meinen Brief verputzt wie beim Apfelbaum,
alle Raupennester und Zweige ohne Fruchtkeime ausgebrochen, bis er ganz kahl
war. - Man soll von jedem unntzen Wort Rechenschaft geben, geschrieben kann man
nicht ableugnen, so mu man sich zusammennehmen. Der Mensch empfngt den Geist
mit Gedanken und Worten, es sind die Gemcher, in denen er ihn herbergt, die
Ehrengewande, die er ihm umlegt, aber die mssen durchsichtig sein und knapp
anliegen und die Rume einfach; denn was er nicht ausfllt, das verbaut ihn. Ich
merk als, da die Menschen sehr dumm sind und frchterliche Umwege machen ums
Zentrum, ja, mir scheint jede Wahrheit ein Zentrum zu sein, das wir nur
umkreisen, nie berhren. Gestern mut ich der Gromutter aus dem Hemsterhuis
vorlesen, sie sagte: Das ist ein herrlicher Gedanke, und legte mir eine
Pfeffernu drauf, da kam mir dieser Gedanke.

                                                                       Am Montag

Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag,
eingeklammert hinten und vorn in zwei Faulenzer, Freitag, Samstag am End,
Sonntag, Montag am Anfang. - Er unterrichtet mich so, da ich wahrscheinlich der
Zukunft ewig den Rcken drehen werde und so auch um die liebe Gegenwart geprellt
wr, wenn die unreifen Aprikosen in der Gromutter Garten nicht meinen Diebssinn
weckten, mit dem ich doch fr meinen Verstand etwas Handgreiflicheres zu
erbeuten gedenke, als: Die Geschichte gyptens ist in den ersten Zeiten dunkel
und ungewi. Das ist ein Glck, sonst mten wir uns auch noch darum bekmmern
- Menes ist der erste Knig, von dem wir wissen - mir auch recht, wenn wir nur
was Gescheites von ihm erfahren haben. - Er erbaute Memphis und leitete den Nil
in ein sicheres Bett. Mris grub den See Mris, die schdlichen berschwemmungen
des Nils zu hindern. - Dann folgt Sesotris der Eroberer, der sich selbst
entleibte. - Warum? - War er schn? - Hat er geliebt? - War er jung? - War er
melancholisch? - Auf all dies erfolgt vom Lehrer keine Antwort, nur die
Bemerkung, er mge wohl eher alt zu denken sein. - Ich demonstrierte ihm vor,
da er jung war, blo um das Rad der Zeit in Schwung zu bringen, das im
Geschichtskot der Langenweil immer steckenbleibt. - Es rumpelte auch noch ber
den Busiris, der Theb erbaute, Psamtichus, der die geteilten Staaten unter
seine Flgel nahm, dann die Kriege mit Babylonien, Nebukadnezar, dem's der
Kambyses, Cyrus' Sohn, wieder abnimmt. Die gypter vereinen sich mit Lybien,
machen sich wieder frei, kriegen mit den Persern, bis Alexander dem Streit und
zu meinem Vergngen dieser Geschichte ein End macht. - Das ist der Inhalt der
ersten Stunde, Du siehst, da ich aufgepat hab. Htt ich aber den Sporn nicht
gehabt, Jagd auf die Langeweile zu machen und Dir zu zeigen, wie unntz es ist,
die Asche, von der die Natur nicht einmal das Salz verbrauchen kann, wieder
anzufachen, es gibt doch keine Glut mehr; ich dchte, wir lieen einstweilen die
alten Herrscher in ihren Pyramiden fortschimmeln. - Frhling schwellet die Erde,
ringsum drngt er die Keime - und grnt in entfaltenen Blttern - drngt auch
wohl meinen Sinn, berauschet mir schwellend die Lippe, da in erneuerter Sonne
die sprden Hllen und Knospen meiner Gedanken zerbersten. - Ich war heut morgen
im Wald, an der Chaussee schon mit der Morgenrt, die eine Saffranbinde um seine
Wipfel legte, der feuchte Grund wechselte die blauen Vergimeinnichtbeete mit
den goldnen Butterblumen; es war so feucht, so warm, so moosig, es war so
brennend im Gesicht und so khlig am Boden.
    Der Tau war so stark, ich war ganz na geworden; als ich nach Hause kam, da
trat mir der Lehrer schon mit dem achtzehnhundertsten Jahr der Welt entgegen, wo
Nimrod Babylonien gestiftet. Ich wollte nicht fragen, wer der Nimrod war, aus
Furcht, er mcht mir's sagen, und es wr eben auch unntz, es zu wissen. Wenn
nun der Nimrod ein guter Kerl war, um den es schad wr, und der mir besser
gefallen knnt, als die jetzigen Menschen, so wollt ich ihm wohl die Dauer der
Unsterblichkeit gnnen, aber der Lehrer jagte gleich den Assyrer Ninus
hinterdrein, der das Reich erobert, von wo er Mittelasien beherrscht, ich jagte
also ohne Aufenthalt mit, bis das Reich wieder befreit wird durch Nabopolasar,
von dem ich auch nicht wei, woher er geflogen kam. - Nebukadnezar erobert
gypten; Babylonier, Assyrer, Meder fhren Krieg - bis Cyrus, der Perser, alle
Reiche wieder erobert. - Babylonische Geschichte umfat sechzehnhundert Jahr,
hat um elf Uhr angefangen und Glockenschlag zwlf Uhr aus, ich spring in Garten.

                                                                         Freitag

Heut morgen war der Geschichtskerl nicht da, da hab ich Generalba studiert, von
dem knnte ich eher sagen, da ich was gelernt hab, ber den hab ich Gedanken,
er spricht mich an wie Geheimnis, obschon der Hoffmann sagt: Alles ist klar wie
der Tag - ich geb's zu - deswegen ist der klare Tag mir auch ein Geheimnis, so
gut wie der einfache Harmoniensprung, von dem Hoffmann heut sagte: Betrachtet
man die Tonika nicht allein als solche, sondern auch in bezug auf jede andre
Tonika, als eine ihr verwandte Tonart, wo sie vermge und in dem Grade ihrer
Verwandtschaft wieder Beziehung hat auf alle Seitenverwandtschaften und daher
immer wieder als solche sich geltend machen kann; so sieht man leicht, wie alle
mglichen Gattungen von Dreiklngen vermittels einfacher Harmoniensprnge
aufeinander folgen knnen. Ich glaub's, aber begreif's nicht - betrachten? -
kann man denn alles betrachten, wie man will? - kann ich die Wolken da oben
betrachten wie mein Daunenbett, so werden sie doch nicht herunterkommen, mich
zudecken. Der kleine Hoffmann sieht mich an, erstaunt ber meine Dummheit, und
wird selbst ganz dumm, denn er verstummt. Endlich sagt er ganz freundlich, das
nchste Mal werde er gewi eine Form gefunden haben, um mir's begreiflich zu
machen, er ging in die Musikprobe, wo er tausend Harmoniensprnge mitspringen
wird. Km doch bald die nchste Stund, am Tanz der Dreiklnge mcht ich
erproben, ob mein Geist auch einen khnen Sprung tun kann, oder ob ich geboren
bin, kriechend zu lernen wie die Raupe. - Wahrlich, ich mchte gern wissen -
nicht wie mit der alten raupenfrigen Geschichte. - Ach Gott! - ich hab keine
Aussicht! - Gestern abend ging ich noch nach dem Nachtessen hier im Garten; da
hrt ich ordentlich das Gras wachsen, aber so was gilt nicht fr Gescheitheit
oder Verstand. Die grnen pfel am Spalier unterm grauen Laub, die bepelzten
Pfirsich mu ich respektieren, die kommen vorwrts, aber ich - da wollt ich mich
besinnen, auf was ich von je an gelernt hab, da kann ich doch nicht die
Gebetchen mehr, die ich vier Jahr lang jeden Tag hersagte. Das Vaterunser, den
Glauben, den englischen Gru kann ich nur noch bruchstckweis; den ganzen
Sommerabend, auf den ich so lstern war, hab ich versimuliert, um den Glauben
wieder zusammenzuflicken: Aufgefahren zu den Himmeln - so weit - schreibe
mir's im nchsten Brief was folgt. - Aber im Grund: - Aufgefahren zu den
Himmeln, wr ein gut End, wenn Du's also auch vergessen hast, so schad's nichts,
so brauchen wir beide es nicht zu wissen; aber nachkommen tut noch was, das wei
ich. -

                                                                         Samstag

Ach gestern war ein Tag voll Sonnenschein, die Mckchen und Kfer haben ihn
vertanzt und versummt, die verstehen das Schwelgen im Genu; ich hab sie
belauscht, im hohen Gras berbaut von der Leinwand, die da auf der Bleiche
liegt. Die alte Cousine bego sie ein paarmal in der Mittagsglut, es dauerte
eine Weile, bis die einzelnen Tropfen durchkamen und mich benetzten, ich hrte
da unten der Musikprobe zu von den Symphonien, die aus dem Boskett
herberschallten in mein ungebildet Ohr und es in Erstaunen setzten ber alles,
was es nicht fassen konnt. Musik - in Tnen daher getragen durch die Lfte, die
ganze Gewalt der Offenbarung ber uns ausstrmend und dann verschwebend - wer
kann sie wieder wecken, wenn sie verhallt ist; ich bin so nrrisch, mir deucht,
ich mt verzweifeln, da sie verklungen ist und hab ihr nichts abgewinnen
knnen. So wird's noch manchmal gehen, es wird klingen und ich werd's nicht
fassen. Gestern sprach ich mit der Gromutter, die sagte: Was der Verstand
nicht fat, das begreift das Herz. - Ich begreif das wieder nicht.
    Heut morgen sagt der Hoffmann: Der einfache Harmoniensprung ist, wenn
zwischen zwei aufeinander folgenden Akkorden eine Harmonie im Verstande gehrt
wird. - Ich hr nicht im Verstand diese Harmonie, ich bin ganz durchdrungen von
dem, was ich fhle, nicht was ich versteh. - Glaub's, Musik wirkt, begeistert,
entzckt, nicht dadurch, da wir sie hren, sondern durch die Macht der
bergangnen dazwischenliegenden Harmonien, diese halten den hrbaren
krperlichen Geist der Musik durch ihre unhrbare geistige Macht verbunden mit
sich. - Das ist das ungeheure Einwirken auf uns, da wir durchs Gehrte gereizt
werden zum Ungehrten; denn wir sind durch einen Ton mit allen verwandt und
durch alle mit jedem einzelnen besonders; allein ich kann's sagen - gewi, ich
bin whrend der Musikprobe auf einen Gedanken gefallen, wie Gott die Welt
erschaffen hat. - Das groe Wort: Es werde, leuchtet mir ein. Ohne das Eine ist
Alles nichts; ohne Alles ist nicht das Eine. Im Atemzug wallt die ganze
Schpfung: Feuer, Erde, Luft und Wasser, und alles Leben, und alles Sein ist
Vermhlung dieser vier Geister, die das Leben des Weltalls sind. Diese vier
schaffen und erzeugen auch sich selbst im Geist, den sie ineinander vereinigen.
Musik ist Selbsterzeugung dieser vier Elemente ineinander. In jedem Wesen, das
lebt, erzeugen sich die Elemente; das ist Geist, der ist Musik. Auch das Tier
hat Musik, es ist sinnlich durchdrungen von Wasser, Luft, Erde und Feuer, von
ihrem Geist, der in ihm sich erzeugt, darum wird's so aufgeregt durch Musik,
weil seine Sinne in ihr schlummern, trumen, und alles hat gleiche Rechte an die
Gottheit, was durch Selbsterzeugung der Elemente in ihm zu Geist erhoben wird. -
Ich hab's aufgeschrieben, ich starr diese Zeilen an und wei nicht, was ich
sagen wollte. -
    Am lichten Tag zerstiebt das Geisterheer der Gedanken, aber dort unter der
Leinwand, wo die Sonne durch die gesammelten Wassertropfen auf mich tropfte, wo
ich im Netz gefangen lag all der blhenden Grser, dort war mir's klar: Nicht,
was wir mit den Sinnen vernehmen, ist wahre Wollust, nein! - vielmehr das, was
unsere Sinne bewegt - zum Mitleben, Mitschaffen, das ist Leben, das ist Wollust
- wirkend sein! - Genug, die Geister waren mchtig in mir whrend der Musik;
deutlich riefen sie mir zu: Eine Geige nimm und fall ein, so wie du fhlst, da
du zur Entfaltung des Harmonienstroms mitwirken kannst, und kannst ihn heben und
dich geltend machen im Verbrausen deiner Begeistrung - und dort auf der Hhe
dich ausdehnen, dich fhlen in jedem Ton durch die Verwandtschaft deiner Stimme
mit. - Sollte einer Harmonielehre verstehen und mit Verstand anwenden, er mte
heimlich die Welt beherrschen, ohne da es einer merkt, und das ganze Universum
klng ihm wie eine Symphonie, und die ganze Weltgeschichte trommelte und pfiff
und schalmeiete zu seinem groen Weltplsier.
    Ja, ich versteh's, dem Hoffmann werd ich's zwar so nicht sagen, dem werd ich
den ersten, zweiten und dritten Grad aller Verwandtschaften darlegen, und wie
alles mir unterworfen ist zu dienen, wie ich jedem die Herrschaft bertragen
kann und wieder abnehmen und wie ich also immer herrsche, solang ich im Strom
gttlicher Harmonie mitschwimme.
    Adieu! Ich strecke wie ein Krebs meine Scheren aus dem seichten Grund meiner
Wahrnehmungen und packe, was ich zuerst erwische, um mich aus dem eignen
Unverstand loszuwinden.

                                 An die Bettine


Halte doch noch eine Weile aus mit Deinem Geschichtslehrer; da er Dir mglichst
kurz die Physiognomien der Vlkerschaften umschreibt, ist ganz wesentlich. Du
weit jetzt, da gypten mit Babylonien, Medien und Assyrien im Wechselkrieg
war, fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung
sein. Regsam und zu jeder Aufgabe krftig - waren ihre Unternehmungen fr unsre
Fassungsgabe beinah zu gewaltig; sie zagten nicht, bei dem Beginn das Ende nicht
zu erreichen, ihr Leben verarbeitete sich als Tagwerk in die Bauten ihrer
Stdte, ihrer Tempel, ihre Herrscher waren sinnvoll und umfassend heroisch in
ihren Plnen, das wenige, was wir von ihnen wissen, gibt uns den Vergleich von
der Gewalt ihrer Willenskraft, die strker war als die jetzige Zeit zugibt, und
leitet zu dem Begriff hin, was die menschliche Seele sein knnte, wenn sie fort
und fort wchse, im einfachen Dienst ihrer selbst. Es ist mit der Seelennatur
wohl wie mit der irdischen, ein Rebgarten auf einen den Berg gepflanzt, wird
die Kraft des Bodens bald durch den Wein auf Deine Sinne wirken lassen; so auch
wird die Seele auf Deine Sinne wirken, die vom Geist durchdrungen den Wein Dir
spendet der Kunst oder der Dichtung oder auch hherer Offenbarung. Die Seele ist
gleich einem steinigten Acker, der den Reben vielleicht grade das eigentmliche
Feuer gibt, verborgne Krfte zu wecken und zu erreichen, zu was wir vielleicht
uns kein Genie zutrauen drften. Du stehst aber wie ein lssiger Knabe vor
seinem Tagwerk, Du entmutigst Dich selbst, indem Du Dir den steinigten Boden,
ber den Dorn und Distel ihren Flgelsamen hin und her jagen, nicht urbar zu
machen getraust. Unterdes hat der Wind manch edlen Keim in diese verwilderte
Steppe gebettet, der aufgeht, um tausendfltig zu prangen. - Dein scheuer Blick
wagt nicht den Geist in Dir selber aufzufassen. Du gehst trutzig an Deiner
eignen Natur vorber, Du dmpfst ihre ppige Kraft mit mutwilliger Verschwrung
gegen ihren Wahrnehmungsgeist, der Dir's dann doch wieder ber dem Kopf
wegnimmt, denn mitten in Deiner Desolationslitanei sprhst Du Feuer, wo kommt es
her? - Haben Dich die Erdgeister angehaucht? - Fllt Dir's vom Himmel? -
Schlrfst Du's mit der Luft in Dich? - Ich wei es nicht, soll ich Dich mahnen,
soll ich Dich stillschweigend gewhren lassen? - Und vertrauen auf den, der
Dir's ins Gesicht geschrieben hat? Ich wei es wieder nicht. - Ich mchte wohl,
aber dann wird mir zuweilen so bange, wenn ich, wie in Deinem letzten Brief, das
Vermgen in Dir gewahr werde, wie das lssig in sich verschrnkt keinen Mucks
tut, als ob der Schlaf es in Banden halte, und wenn's sich regt, dann ist's wie
im Traum, nur Du selber schlfst um so fester, nach solchen Explosionen! - Ob
ich recht tue, Dir so was zu sagen? - Das qult mich auch, man soll den nicht
wecken, der whrend dem Gewitter schlft! - Du kommst mir nun immer vor, als
entlden sich elektrische Wolken ber Deinem verschlafenen Haupt in die trge
Luft, der Blitz fhrt Dir in die gesunkne Wimper, erhellt Deinen eignen Traum,
durchkreuzt ihn mit Begeisterung, die Du laut aussprichst, ohne zu wissen, was
Du sagt, und schlfst weiter. - Ja, so ist's. Denn Deine Neugierde mte aufs
hchste gespannt sein auf alles, was Dir Dein Genius sagt, trotzdem, da Du ihn
oft nicht zu verstehen wagst. Denn Du bist feige - seine Eingebungen fordern
Dich auf zum Denken; das willst Du nicht, Du willst nicht geweckt sein, Du
willst schlafen. Es wird sich rchen an Dir - magst Du den Liebenden so
abweisen? - der sich Dir feurig nhert? - Ist das nicht Snde? - Ich meine nicht
mich, nicht den Clemens, der mit Besorgnis Deinen Bewegungen lauscht, ich meine
Dich selbst - Deinen eignen Geist, der so treu ber Dir wacht, und den Du so
bockig zurckstt. - Je nher die Berge, je grer ihr Schatten, vielleicht,
da Dich die Gegenwart nicht befriedigt, was uns nher liegt, wirft Schatten in
unsre Anschauung, und daher ist gut, da der Vergangenheit Licht die dunkle
Gegenwart beleuchte. Darum schien mir die Geschichte wesentlich, um das trge
Pflanzenleben Deiner Gedanken aufzufrischen, in ihr liegt die starke Gewalt
aller Bildung - die Vergangenheit treibt vorwrts, alle Keime der Entwicklung in
uns sind von ihrer Hand geset. Sie ist die eine der beiden Welten der Ewigkeit,
die in dem Menschengeist wogt, die andre ist die Zukunft, daher kommt jede
Gedankenwelle, und dorthin eilt sie! Wr der Gedanke blo der Moment, in uns
geboren? - Dies ist nicht. Dein Genius ist von Ewigkeit zwar, doch schreitet er
zu Dir heran durch die Vergangenheit, die eilt in die Zukunft hinber, sie zu
befruchten; das ist Gegenwart, das eigentliche Leben; jeder Moment, der nicht
von ihr durchdrungen in die Zukunft hineinwchst, ist verlorne Zeit, von der wir
Rechenschaft zu geben haben. Rechenschaft ist nichts anders als Zurckholen des
Vergangenen, ein Mittel, das Verlorne wieder einzubringen, denn mit dem Erkennen
des Versumten fllt der Tau auf den vernachlssigten Acker der Vergangenheit
und belebt die Keime, noch in die Zukunft zu wachsen. - Hast Du's nicht selbst
letzten Herbst im Stiftsgarten gesagt, wie der Distelbusch an der Treppe, den
wir im Frhling so viele Bienen und Hummeln hatten umschwrmen sehen, seine
Samenflocken ausstreute: Da fhrt der Wind der Vergangenheit Samen in die
Zukunft. Und auf der grnen Burg in der Nacht, wo wir vor dem Sturm nicht
schlafen konnten - sagtest Du damals nicht, der Wind komme aus der Ferne, seine
Stimme tne herber aus der Vergangenheit und sein feines Pfeifen sei der Drang
in die Zukunft hinberzueilen? - Unter dem vielen, was Du in jener Nacht
schwtztest, lachtest, ja freveltest, hab ich dies behalten und kann Dir nun
auch zum Dessert mit Deinen eignen groen Rosinen aufwarten, deren Du so
weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umherstreust. - Du gemahnst mich
an die Fabel vom Storch und Fuchs, nur da ich armes Fchslein ganz unschuldig
die flache Schssel Geschichte Dir anbot, Du aber Langschnabel, hast Dir mit
Flei die langhalsige Flasche der Mystik im Generalba und Harmonielehre
erwhlt, wo ich denn freilich nchtern und heihungrig dabeistehe. Den
Blumenstrau hat der Jude4 abgegeben, den Wacholderstrauch hab ich hinter dem
Apoll aufgepflanzt, sie umduften ihn, die blauen Perlen, und die feinen Nadeln
sticheln auf ihn. - Wenn Du kommst, so verbrennen wir sie im Windfchen in
meiner Kammer, und alle bsen Omen mit, drum sei nicht ungehalten, wenn ich Dir
manchmal ein wenig einheize, ich freu mich aufs lustige Feuerchen.
                                                                        Karoline

Sei mir ein bichen standhaft, trau mir, da der Geschichtsboden fr Deine
Phantasien, Deine Begriffe ganz geeignet, ja notwendig ist. - Wo willst Du Dich
selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast? - Kannst Du Dich nicht
sammeln, ihre Einwirkung in Dich aufzunehmen? - Vielleicht weil, was Du zu
fassen hast, gewaltig ist, wie Du nicht bist. - Vielleicht weil der in den
Abgrund springt freudigen Herzens fr sein Volk, so sehr hatte ihn Vergangenheit
fr Zukunft begeistert, whrend Du keinen Respekt fr Vaterlandsliebe hast -
vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt fr die Wahrheit, whrend Du Deine
phantastischen Abweichungen zu untersttzen nicht genug der Lgen aufbringen
kannst, denen Du allein die Ehre gibst und nicht den vollen sen Trauben der
Offenbarung, die ber Deinen Lippen reifen.
    Ob Hoffmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand
begreifen wird, bin ich begierig zu erfahren. - Wenn er verstehen soll, ob Du
recht verstanden hast, so wirst Du ihm wenigstens in deutlicheren Modulationen
Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir. - Das ist es eben - die
heilige Deutlichkeit - die doch allein die Versicherung uns gewhrt, ob uns die
Geister liebend umfangen. - Wenn's nur nicht bald einmal aus wird sein mit der
Musik wie mit Deinen Sprachstudien, mit Deinen physikalischen Eruptionen und
Deinen philosophischen Aufstzen und dies alles als erstarrte Grillen in Dein
Dasein hineinragt; wo Du vor Hochmut nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen
knnen, ohne jeden Augenblick einen Purzelbaum wider Willen zu machen. -
                                                                        Karoline


                                An die Gnderode

Du strahlst mich an mit Deinem Geist, Du Muse, und kommst, wo ich am Weg sitze,
und streust mir Salz auf mein trocken Brot. - Ich hab Dich lieb! Pfeif in der
schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster, und ich rei mich aus meinem
mondhellen Traum auf und geh mit Dir. - Deine Schellings- philosophie ist mir
zwar ein Abgrund, es schwindelt mir, da hinabzusehen, wo ich noch den Hals
brechen werd, eh ich mich zurecht find in dem finstern Schlund, aber Dir zulieb
will ich durchkriechen auf allen Vieren. - Und die Lneburger Heid der
Vergangenheit, die kein End nimmt, mit jedem Schritte breiter wird - Du sagst im
Brief, der mir zulieb so lang geschrieben ist, sie sei mir notwendig zum
Nachdenken, zur Selbsterkenntnis zu kommen; ich will nicht widersprechen! -
Knntest Du doch die neckenden grausenerregenden Gespenster gewahr werden, die
mich in dieser Geschichtseinde verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel
der Begeistrung vertreten, auf dem Du so ruhig dahinwallest, und mir die
Zaubergrten der Phantasie unsicher und unheimlich machen, die Dich in ihre
tausendfarbigen Schatten aufnehmen. - Tut der Lehrer den Mund auf, so sehe ich
hinein wie in einen unabsehbaren Schlund, der die Mammutsknochen der
Vergangenheit ausspeit und allerlei versteinert Zeug, das nicht keimen, nicht
blhen mehr will, wo Sonn und Regen nicht lohnt. - Indes brennt mir der Boden
unter den Fen um die Gegenwart, um die ich mich bewerben mcht, ohne mich grad
erst der Vergangenheit auf den Ambo zu legen und da plattschlagen zu lassen. Du
sprichst von meinem Wahrnehmungsvermgen mit Respekt; hab ich's aus der
Vergangenheit empfangen, wie Du meinst - wenn ich Dich nmlich recht versteh, so
wei ich's doch nicht, wie's zuging. - Ist's der Genius, der dort herbergewallt
kommt? - Das willst Du mir weismachen! - Feiner Schelm! - Mein Genius, der
blonde, dem der Bart noch nicht keimt - sollte aus dem Schimmel herausgewachsen
sein wie ein Erdschwamm! - Wahrlich, es gibt Geister, die drehen sich um sich
selber wie Sonnen; sie kommen nicht woher und gehen nicht wohin, sie tanzen auf
dem Platz, Taumeln ist ihr Vergngen, der meinige ist ganz berauscht davon, ich
lasse mich taumelnd dahintragen. Der Rausch gibt Doppelkraft, er schwingt mich
auf, und wenn er mich auch aus bermut den vier Winden preisgibt, es macht mir
nicht Furcht, es macht mich selig, wie sie Ball mit mir spielen, die Geister der
Luft! - Und dann komm ich doch wieder auf gleiche Fe zu stehen, mein Genius
setzt mich sanft nieder - das nennst Du schlafen in trger Luft, das nennst Du
feige? - Ich bin nicht feige; seine Eingebungen fordern mich auf zum Denken,
meinst Du - und da ich dann lieber schlafe, meinst Du - Ach Gott! - Denken, das
hab ich verschworen, aber wach und feurig im Geist, das bin ich. - Was soll ich
denken, wenn meine Augen schauen jene Vergangenheit hinter mir im Dunkeln, wie
kann ich sie an den Morgen knpfen, der mit mir vorwrts eilt? - Das ist die
Gegenwart, die mich mit sich fortreit ins ungewisse Blaue, ja ins Ungewisse;
aber ins himmlische, blonde, goldstrahlende Antlitz des Sonnengotts schauen, der
die Rosse gewaltig antreibt und weiter nichts. Der Abend fngt mich auf in
seinem Scho, sinnend lieg ich ein Weilchen, lausch in die Ferne! Grere Helden
deucht mir da auf der vollen Heerstrae der Geschichte, am heutigen Tag ihre
mutigen Rosse tummeln zu hren; ja, ich will, ich mcht hin, das Banner vor
ihnen hertragen, wie wollt ich mich des Lftchens freun, das drin flattert, wie
wollt ich mich der eignen Locken freun, die getragen im jauchzenden Galopp mich
umspielen mit leisem Schlag auf meine Wangen, wie khn ins Leben hineingejagt,
wie rasch hinter ihm drein, ber die Heid! - Wie lustig! Aufwrts, vorwrts,
hinab durch den Dampf. - Der auf dem Berg winkt, sein Aug ruht auf mir, seine
Trommeln lenken, seine Trompete ruft! - Und dann in der Nacht - vor seinem Zelt!
- Und schlaf fest, denn er, der Zeiten Genius, weckt zur rechten Stund, und im
Schutze seines Gefieders schau ich die Gefilde ihn berwallen, die Vlker
wecken, sie anglhen mit seinem Feuerblick, da sie freudig Hochzeit machen mit
dem Tod, auf lorbeerumsprotem Bett - nun, Kamerad, willst Du mit?
    Heute hat die Vergangenheit ausgespien, so kurz wie mglich, denn ich sa
ihr auf dem Dach, das assyrische Reich, von Asser gleich nach dem babylonischen
Reich gestiftet; das Wort gestiftet macht mir immer Zerstreuung, vom Kloster
her noch, wo ich so oft hab vorlesen mssen, der heilige Bonifazius stiftete den
heiligen Orden der Benediktiner, oder der Antonius von Padua oder Franziskus und
so weiter, es gemahnt mich an jene Kmpfe, die diese heiligen Feldherrn mit der
Legion Teufel zu bestehen hatten, und da denk ich mir gleich alle Vlker, mit
denen sie im Kampf waren, gehrnt mit Bocksfen, feuerspeiend und
pestilenzialischen Gestank verbreitend, den mir die Vergangenheit herberweht. -
Die heiligen Assyrer aber in Kutten, die ihnen das Kmpfen erschweren. - Ich
denk, ich denk - alle Teufel, unterdes Ninus der Eroberer von Mittelasien
herberwitscht, Ninive die Hauptstadt von Assyrien, erbaut, mit Tod abgeht,
seinem kriegs- und baulustigen Weib Semiramis noch ein Stck Babylon zu bauen
brig lt, worauf sie glnzende Feldzge macht - das alles versumt ber dem
Kloster und Waldteufel samt heiligen Ordensmnnern. - Durch Winkelzge und
Fragen kriegt ich's aus dem Lehrer noch heraus, da weiter nichts passiert war.
ber der Geschichte der Semiramis hat Vergangenheit so dicken Schimmel wachsen
lassen, da sie noch eben mit dem blauen Aug der Unsterblichkeit ihres Namens
davonkommt, sonst wten wir gar nichts. In der Folge beherrschten die Meder
Assyrien, es machte sich wieder frei, bis der Babyloner Knig Nabopolasar (unter
welchem ich mir einen Centaur denk, der Silbenfall seines Namens hat etwas
hnliches mit dem Galopp eines leichten arabischen Renners) es erobert und mit
den Persern teilt. - Damit hat die Vergangenheit fr heute noch nicht genug,
sondern meldet ferner: Die lteste Geschichte der Meder ist unbekannt, Arbazes,
ihr Statthalter, befreit durch berwindung des Sardanapal vom assyrischen Joch
im Jahr der Welt 3108, genau gemessen, des Lehrers Phantasie erstreckt sich
lediglich aufs Jahr der Welt. Dejozes erbaut Eckbatana (lies Tians Offenbarungen
ber diese herrliche Stadt). - Astyages (wo kommt der her?) vermhlt seine
Tochter dem Perserknig Kambyses, dessen Sohn Cyrus seinen Grovater vom Thron
stie (der also zu lang sitzen geblieben war) -, er vereinigt Medien, Assyrien
und Persien und stiftet das groe medopersische Reich, der Jud Hirsch vom
Geschlecht Esau streckt seine rauhe Hand herein, es in Besitz zu nehmen, er
wird's unterjocht halten in seinem alten Sack, bis Du's befreiest, schmeit Du's
ins Ofenloch mit dem alten Papier, so bringst Du mich um einige schwer eroberte
Vergangenheit. -
    Schreib vom Mrchen. -
    Schreib dem Clemens nichts von mir, sag ihm nur nichts von meiner
Ausgelassenheit, er meint gleich, ich wr besessen, er tut mir tausend Fragen,
er ist ganz verwundert, da ich so bin, er forscht, er sucht eine Ursach und
frgt andre Leut, ob ich verliebt sei, wo ich doch nur im heiligen Orden meiner
eignen Natur lebe. Zum Beispiel wenn er wte, da ich abends auf dem Dach vom
Taubenschlag sitz und der untergehenden Sonne auf dem Flageolett vorblase, wrde
er's gutheien? - Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts
versagen. - Red nichts von mir, la die Leute bei ihrer herzlich schlechten
Meinung von mir, es ist meine beste Freud, ich geh mit meinem Dmon um, der
sagt: Du sollst dich nicht verteidigen. - Ich tu, was er will, alles andre ist
mir einerlei; einmal hab ich Visionen von ihm, so gut ward's der Psyche nicht,
sie sah doch nicht seinen Widerschein; denn es war stockfinstre Nacht um sie,
ich aber, wenn ich's im Herzen fhl, so seh ich's auch, was mich entzckt, warum
ich leben mag, himmlisch feucht Leben im Jugendstrahl, vortretend, ein bichen
auf die Seit geneigt, steht er immer vor mir, nicht den Blick mir grade
zuwendend, nein, bescheiden zeigt er sich in meiner Brust, der Gott, dem ich
mich einschmeichle, mit sen Trnen, der mich morgens vom Lager schttelt, wo's
kaum tagt, ich soll mich aufmachen, vielleicht begegne ich ihm bei Tagesanbruch,
so eil ich flchtig vorwrts, ich fhl mich schn im Herzen, ich fhl meine
Schnheit, mein Geist ist ein Spiegel, der ist voll himmlischem Reiz - jeder
Tautropfen am Weg sagt mir, ich gefalle meinem - ihm, was braucht's mehr, wem
sollt ich noch gefallen wollen auer ihm? - Nein, glaub's doch nur, er ist
wirklich! Er schreitet so leicht, er entschwindet mit jedem Tritt, aber er ist
gleich wieder da! Wie sich das Licht im Auge spiegelt, mich blendend deckt es
sich im Schatten, dann fat es wieder Licht, dann schwindelt's, es sieht den
Strahl verschweben, doch leuchtet der fernerhin wieder auf, das Auge sucht ihn,
es hat ihn schon gefunden, dann schliet sich's und siehet innerlich, das ist
ein still Genieen. - O, ich wei alles! - Ich wei zu lieben, aber nur den
Genius. - Keiner darf wissen das Geheimnis, was sich im Feuerkreis um mich
schwingt. - Wenn ich so dasteh, still - mit geschlossenen Armen. - Und der
Blick, den nennt die Gromama starr - Mdele, was starrst - sollt man glauben,
Du wrst auer der Welt entrckt. - Ich fuhr auf - da lacht sie. - Gutes Kind,
wo bischt? - bischt beim Schutzengel? - und zieht meine Hand an ihre Brust -
so sagen die Schwaben, wenn einer so in sich verstummt. - Ich wollt's bejahen
und konnt doch nicht. - Der ruft mir: Schweig! - und sollt ich einen Laut tun?
-? Nein, er sagt: Schweig! Das schliet mir den Mund auf ewig. - Ewig,
Gnderod. - Du bist der Widerhall nur, durch den mein irdisch Leben den Geist
vernimmt, der in mir lebt, sonst htt ich's nicht, sonst wt ich's nicht, wenn
ich's vor Dir nicht aussprch. - Dem Clemens sag nichts, als da ich brav
studier, wie's vom Himmel regnet, und da nichts dabei herauskommt, das sage
auch, aber von mir - von uns sag nichts. Er braucht's nicht zu wissen, da wir
so himmlische Kerle sind, heimlich miteinander, wo er nicht dabei ist und
keiner. Schau auf, Gnderod, gleich wird ein himmlischer Tnzer aus den Kulissen
hervorschweben. Tanz ist der Schlssel meiner Ahnungen von der andern Welt. Er
weckt die Seel, sie red't irr wie ein Kind, was in Blumenlabyrinthen sich
verliert, da schwankt's Kindchen, und die rmchen streckt's aus, nach blhenden
Zweigen, weil's taumelt, weil's so lang im Kreise sich drehte - schaut's auf, da
steht der Mond ber ihm und snftigt den Schwindel - mit angehaltenem, stillem
Blick, an dem erholt's sich wieder. - Was meinst Du, was ich Dir da vorschwindel
und mu die Trnen verbeien. - Ich mein als, ich knnt die ganz Welt auf die
Welt bringen mit meinem Mund, wenn der nur sprechen wollt, wie's Gott ihm auf
die Zung legt, aber wenn sie heraus damit soll, dann stockt sie. Aber dabei
bleibt's, wir mgen stammeln oder lallen oder auch nur seufzen, wir wollen's
einander alles still verborgen abhren, nicht wahr? - wie auf der grnen Burg im
Abendrot, wo wir im Feldgraben lagen, da war ich freudig mit der Zung, da war's
immer, als wr einer hinter mir, der mir's einflstre, Du frugst, was ich mich
denn umdreh so oft? - ich sagt: Hinter mir tanzt's - denn ich wollt nicht
sagen: spricht's, denn es war mehr so getanzt und flchtig geschwungen im Kreis,
Nymphen, die sich bei der Hand hielten hinter den drei groen Zypressen hervor,
schmiegten sich anmutig, die Fchen zusammen und die Kpfchen, Du guckst mich
an und sagtest: Sei kein Narr! - haha, ich mu lachen - das war zu spt,
freilich bin ich ein Narr! - denn was ich Dir da vorplaudre, das ist eine Weise,
nach der wird getanzt hinter mir, und so war unser tiefer Philosophentext in die
Luft gesprengt, was war's doch? - von der innerlichen Wahrnehmung und von der
Anschauung im Geist, ob die verschieden wren, und wo sie herkmen, aus der
Empfindung oder aus dem Gefhl, und wo diese Quellen sich herleiten, ob links ob
rechts; das alles wolltest Du da im zunehmenden Dmmerlicht aus mir
herauspumpen. Schwernot! - Das war zu arg, ich mcht Dir heut noch eine Ohrfeig
geben drber - aber das war grad mein Himmlischstes, da Du nicht bs geworden
bist und hast die geschlagne Wange sanft an mich gelehnt und hast gegirrt wie
eine Taube und sagtest: Ja, wie ich fragte, tut's weh, aber es tut nichts. -
Hier hab ich's hingeschrieben; denn wenn so viel unntz Zeug geschrieben steht,
so kann auch geschrieben stehen, da ich Dir eine Ohrfeig gab. - Aber die groe
schne Vershnungsstille ber uns - die Dmmerung, die immer breiter ward und
grer und der Nebelvorhang vor dem Weidengang vom Feldberg herab - und der
Feuersaum lngs dem ganzen Horizont, wie werd ich's vergessen? - Erst hingen wir
einander im Arm, ganz still, und dann lag ich quer ber Deinen Fen, so dacht
ich, Du schlfst, weil ich Dich hart atmen hrte, und wollt eben auch
einschlafen. - Da fingst Du an zu reden (da hast Du's in Musik gesetzt):

Liebst du das Dunkel
Tauigter Nchte,
Graut dir der Morgen?
Starrst du ins Sptrot,
Seufzest beim Mahle,
Stest den Becher
Weg von den Lippen,
Liebst du nicht Jagdlust,
Reizet dich Ruhm nicht,
Schlachtengetmmel,
Welken dir Blumen
Schneller am Busen
Als sie sonst welkten,
Drngt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen -

Ach, Du stocktest. Das hab ich meiner Ungeduld zu danken - zu hren, nein, zu
fhlen Deinen sen Wrtertanz, wie er sich mit vollem Busen sanft hinablehnte
zu den Wellen, die ihn umfassen wollten und khlen. - Ich konnt's nicht
erwarten, da Du weiter tanztest Deiner Seele Tanz. - Und da war's vorbei; da
macht ich einen Vers dazwischen, um Dich in Trapp zu bringen, Du sagtest: Geh,
Du Esel - da war's aus. - Ach, wieviel Melodien hab ich auf diesen Vers
gesungen, alle Stimmungen hat er mssen aufnehmen, heut noch lngs der
Gartenwand schlug ich mit einem Stock ans Eisengitter, das drhnte mir im Herzen
wider, als wr's Herzpochen, und sang dazu so khn, so laut, so schreivoll, als
stnd mein Herz mitten in Flammen und eilte sich mit Pochen ber alle Maen.
Weit Du nicht weiter zu singen, was passiert, wenn sich das Blut pochend zum
Herzen drngt? - Oder willst mir's nicht sagen? - Bin ich Dir dazu auch noch zu
jung? - Wenn Du das meinst, dann will ich Dir beweisen, da ich weit drber
hinausgreif, und da ich mehr wei als viele, denen das Herz schon gepocht hat
wie mir nicht. - Einmal erregt sich das Herzpochen durch Anlcheln - das hab ich
aus eigner Wahrnehmung, gestern abend erst auf der Bank vor der Hoftr, da sa
ich - es war elf Uhr, alles schlief, beim Nachbar brannte ein Nachtlmpchen.
    Adieu, schlaf recht wohl, denn es ist elf Uhr, alles schlft wieder, ich
will wieder mich auf die Bank setzen vor die Hoftr, es ist Vollmond, geht
gleich auf, ich will ihn steigen sehen. Gute Nacht.

                                 An die Bettine


Dein buntes Fllhorn frhlicher Verschwendung erlst mich vom bel. - Gedanken
sind mir oft lstig in der Nacht, die mir am Tage einen trben Nachklang geben,
so war's heute! - Dein jung frisch Leben, das Schmettern und Tosen Deiner
Begeisterung und besonders Dein Naturgenu sind Balsamhauch fr mich, la mir's
gedeihen und schreib fort, auch Deine dithyrambischen Ausschweifungen, die so
pltzlich der Flamme beraubt verkohlen, als habe sie ein mutwilliger Zugwind
ausgeblasen, sind mir gar lieb. - - Bleib mir zulieb noch eine Weile bei der
Geschichte, so wie Du es jetzt treibst, kann es Dir nicht lstig fallen, wenn
sie auch jetzt Dir noch nicht viel Ausbeute gibt, so weit Du sie doch ins
Kunstgeflecht Deines Tags zu verwenden, ich seh Dich bald, George hat mir
versprochen, mich im Gig mit hinauszunehmen, verbring Deine Nchte nicht ohne
Schlaf, klettre nicht auf die Dcher und Bume, da Du den Hals nicht brichst,
und denk, da dies der Weg ist, Deine Gesundheit zu strken. Was sagt denn die
Gromama dazu, ist sie damit zufrieden? -
    Dem Clemens will ich gern von Deinen Briefen an mich nichts sagen, weil Du
es nicht willst, und ich fhl auch, da es nicht sein kann, es wr Strung ohne
Gewinn, er sieht Dich so ganz anders, ohne da er Dich falsch beurteilt, nur
sieht er in jedem Farbenstrahl Deines Wesens wie Diamanten, die er meint fassen
zu mssen und doch nicht erfassen kann, weil es eben nur Strahlenbrechen Deiner
Phantasie ist, die ihn und jeden verwirrt. Glaubst Du denn, da ich ruhig bin,
wenn Du so mit mir sprichst, von einem zum andern springst, da ich Dich jeden
Augenblick aus dem Auge verliere? Du hebst mich aus den Angeln mit Deinen
Wunderlichkeiten! - Doch ich will nicht freveln! - Dein Lachen, das mich oft
auer mir gebracht hat, womit Du mich beschwichtigen wolltest - nun, ich mu mir
es gefallen lassen, da Du mit allen Pfeilen wie ein armes Wild mich hetzest. -
Und der Clemens, der mich immer spornt mit Dir zu lernen, der immer von mir
wissen will, was und wie Du es treibst. Dem es leid tut um jeden Atemzug, der
von Dir verloren geht, der hingerissen ist von Deinen kleinen Briefen an ihn, wo
Du ganz anders wie ein Kind schreibst, so fromm, und an mich so ausgelassen, was
soll ich dem nur sagen? - Das eine tu mir nur und rappel mir nicht einmal vom
Dach herunter mit Deinem Flageolett; htt ich nicht Vertrauen in Gott, da der
wei, zu was alles in Dir so ist und nicht anders, und da es ja doch nur ihn
angeht, da es sein Belieben war, Deine Seele so zu bilden. - Was sollt ich von
Dir denken? - Clemens schreibt, Du mtest fortwhrend dichten und nichts drfe
Dich berhren als nur was Deine Krfte weckt, es ist mir ordentlich rhrend, da
whrend er selber sorglos leichtsinnig, ja vernichtend ber sich und alles
hinausgeht, was ihm in den Weg kommt, er mit solcher Andacht vor Dir verweilt,
es ist, als ob Du die einzige Seele wrst, die ihm unantastbar ist, Du bist ihm
ein Heiligtum, wenn er manchmal von Offenbach herberkam, da war er ganz still
in sich vertieft, wo sonst seine Koketterie fortwhrend gespannt war, kleine
Kritzeleien von Dir hat er oft sorgfltig aufgehoben, es wre traurig, wenn Du
keinen liebenden Willen zu ihm httest; schreib doch nicht mehr passiert, das
Wort ist nicht deutsch, hat einen gemeinen Charakter und ist ohne Klang, kannst
Du nicht lieber in den reichen deutschen Ausdrcken whlen, wie es der reine
Ausdruck fordert. Vorgehet, ereignet, begibt, geschieht, wird, kmmt; das alles
kannst Du anwenden, aber nicht: passiert. Ich mu Dir aber doch antworten,
weiter passiert nichts. - Und Du weit's ja schon alles besser wie Du schreibst,
da Du in der Nacht auf der Hofbank so groe Abenteuer erfahren haben willst, die
Dein Herz bewegten. Ich bin nicht bange, da Du mir es nicht sagen solltest,
wenn's wirklich was Erlebtes ist und Du Deine Lgen bis zum nchsten Brief nicht
vergessen hast. - Dann auch bitt ich, da Du nicht mehr fluchst, Deine Briefe
sind mir so lieb und Deine Extravaganzen alle sind mir verstndlich und lieb,
aber Worte, die Du blo um zu prahlen hinzufgst, wie Schwerenot, und die keine
Bedeutung haben in Deinem Mund, die kannst Du ungesagt lassen, denn sonst glaub
ich nicht, da der Wohllautenheit und des Tanzes Genius Deine innern Erlebnisse
begleiten. - Zweitens schieb mir nichts zu, was ich nicht verschuldet habe; des
Abends auf der Burg erinnere ich mich deutlich, grade wie Du ihn beschreibst,
ich war auch sehr heimlich und bewut, und bis zum andern Tag war die Stimmung
mir geblieben von den Worten, die Du mit mir wechseltest, aber Esel hab ich Dich
nicht geschimpft, das ist wieder eine von Deinen ungeeigneten Erfundenheiten, -
la nichts dergleichen wieder auf mir belasten, ich bin empfindlich; im Anfang
Deines Briefes nennst Du mich Muse, und am End lt Du Deine Muse Dich Esel
schimpfen, es wr zum Lachen, wenn's nicht zum Weinen wr, da Du Deine eigene
Muse so zu beschimpfen wagst. -
                                                                        Karoline


                                An die Gnderode

Drei Uhr morgens! - Hier bin ich - auf der Terrasse am Main, ich wollt als immer
einmal hergehn in der Frh, wenn der Tag noch nicht auf den Beinen ist und Lrm
macht, am Tag bin ich zerstreut, was mir immer wie Snde deucht, da ich Anteil
nehm an was mich nichts angeht. - Aber in der Frh, da hab ich ein ganz lauter
Herz; und schm mich nicht, die Natur zu fragen, und ich versteh sie auch,
gestern abend war mir so wohl hier, wie Bernhards Schiff mit der Harmonie hin
und her fuhr auf dem Main, die meisten Leut waren nachgefahren auf Nachen, wir
blieben am Ufer, ich hatt mich ganz in die Ecke gesetzt, da steht ein groer
Zitronenbaum, es war Wetterleuchten, aber die Hitz war doch nicht abgekhlt, und
die Blten vom Baum wetterleuchteten auch, oder sollt ich mich getuscht haben?
- denn ich war eingeschlafen ber der Musik, und wie ich aufwachte, da sah ich
ganz verwundert, wie der Zitronenbaum Flammen hauchte aus den Blten. - Ich
kann's doch nicht getrumt haben? - Denn ich guckte eine ganze Weile zu, bis ein
leiser Regen kam, da gingen wir nach Haus. Wer wei, was doch alles vorgeht in
der Natur, was sie uns verbirgt. Der Mensch hat ja auch als Gefhle, die er
nimmer wollt belauscht haben. Da aber der Baum ber mir fortleuchtete, wie ich
mich besann und ihm zuschaute, das ist mir so lieb, - ich konnt nicht schlafen
im Bett, es war mir zu wohl dort gestern, wo ich den Herzschlag der Natur
fhlte, und wo sie mit ihren Blumen mich anflammte. Im Dunkel haucht man die
Lieb aus und schmt sich nicht vor dem Schatz, weil's dunkel ist. - Nun bin ich
mit Zagen hergeschlichen, heimlich, da es nicht gewut sei, wie auch jenes
Leuchten nicht gewut ist. - Erst greinte die Hoftr, aber heut abend will ich
sie salben, wie der Properz, wenn er einen Liebesweg vor hat; dann krachte die
Gartentr, dann schurrte der Kies unter den Fen. - Man scheut das Gebsch zu
wecken, so still ist alles mit Ruh gedeckt. Die verschlafnen Federnelkchen
schuckern zusammen im frhen Tau, und mich schauert auch das stille Wirken der
Natur, hier ber der schlafenden Welt, obschon der Wind nicht so scharf ist, der
den Tag heraufweht. Heut ist doch ganz milde, gestern abend war der Himmel grn
und mischte sich mit dem Rot, das vom Untergang heraufzog, unten waren
Purpurstreifen und Violett mit Feuer umsumt, dann kam die Nacht herauf. - Heut
frh schlagen die Morgenwolken ihre Feuerflgel um Euern schwarzen Dom, man
denkt als, sie wollten ihn in der Glut verzehren; dazu schmettern die
Nachtigallen, und das blaue Gebirg drben, so stolz und khl! - das alles freut
mich besser als Weisheit, - hier unter dem Zitronenbaum, der gestern Flammen und
heut Trnen ber mich schttelt.
    Und jetzt geh ich, Dir hab ich alles eingeprgt, das ist nicht
ausgeplaudert, mich lockt's, damit es nicht vergessen sein soll, da ich Dir's
vertraut hab.

                                                                 Nr. 2. Am Abend

Heut ist der Jud erst um sieben Uhr kommen.
    Mit der Gromama bin ich im besten Vernehmen, solang die Tante im Bad ist,
bleib ich hier, es gefllt ihr, da ich gern bei ihr bleib, ich hab aber noch so
manch andres, was mich anzieht, wovon sie nichts wei. Heut morgen kam ich dazu,
wie der Bernhards-Grtner mit einem Nelkenheber die dunkelroten Nelken in einen
Kreis um einen Berg von weien Lilien versetzte, in der Mitte stand ein
Rosenbusch. Diese Frharbeit gefiel mir wohl und hab mit Andacht dabei geholfen,
der Dienst der Natur, der ist wie Tempeldienst. Wenn der Knabe Jon vor die
Tempelhalle tritt und die ziehenden Strche bedeutet, da sie ihm die Zinne des
Tempels nicht verunreinigen sollen, wenn er dann die Schwelle mit khler Flut
besprengt, die Halle fegt und schmckt, so fhl ich in diesem einsamen Tagwerk
ein hohes Geschick, vor dem ich Ehrfurcht habe. Ach ich mcht ein Knab sein,
Wasser holen in der Morgenfrische, wenn alles noch schlft, den Marmor polieren
von den Sulen, meine Gtterbilder still bedeutsam waschen und alles reinigen
vom Staub, da es leuchte im Dmmerlicht; dann, nach der Arbeit die heie Stirn
auf die khlen Stufen legen und ruhen, in heimlichem Gengen; ruhen die Brust,
die schwillt von Trnen, da es so schn ist in der dmmrigen Stille im Tempel;
so scheint mir auch die heutige Arbeit ein Tempeldienst der Natur; dann ihre
Blumen in Kreisen schn verschlingen, ist das nicht ihr gedient? - Die Blumen,
die ihren Duft unter einander schwenken in so dichter Flle, ist denen nicht ein
schnerer Frhling bereitet? - denn was uns schner ist in der Natur, ist das
nicht auch ihr selber schner? - Und ihre Bume vom Moos reinigen, in
nachbarliche Reihen pflanzen, ihre Blumenkelche fllen, ist das nicht ihrem
Willen sich hingeben? - Lt sie die Sorge nicht gedeihen, und gibt der Frchte
vom gepfropften Reis mehr und schner und ser dafr? - Tempel und Natur,
friedliche Nachbarn, Freunde! wie ich und Du, teilen ihre Gaben wie ich und Du.
- Vom Frhling bis zum Winter - (da hast Du mein Gelbde) teil ich mit Dir, wie
mit dem Tempel der Naturgarten, der ihn umzieht - im Frhling hast Du meine
Keime, die alle dicht um Dich her aufwachen. Im Sommer wilder Vgelgesang, der
anschlgt in einsamer Nacht an Deinen verschlonen Pforten, und dann in der
Ferne auch, wenn die Pilger heimziehen, die am Tag Deinen Gttern huldigten, da
glhen die Blumen, am Weg von mir zu Dir. - Im Herbst da roll ich meine Frchte
zu Dir hin, leg sie auf Deinen Altar, und den Honig meiner Bienen, die Dich
umsummen, bewahr ich in Deinen Opferschalen. Dann rausch ich die falben Bltter
herab auf Deine Stufen, die umtanzen Dich im Winterwind, begraben sich unterm
Schnee, den meine belasteten ste auf Dich niederstrzen, dann braust es drauen
und strmt, aber meine Seele wohnt in Dir und pflegt Dich, gibt der Lampe reines
l zu, die Deine stille Halle erleuchtet, und die Sterne vom hohen Firmament
herab leuchten ber Deiner Zinne. Still ist's dann und verlassen von allen
Menschen sind wir, die gebahnten Wege verschneit, allein in Dir zu wohnen, wenn
wir des Lebens Grenzen mit einander ermessen haben. -
    Wie die Natur eingeht zum Tempel im Winter und ruht da im Gottfhlen aus,
das nennen die Menschen Winterschlaf, dann kehrt sie wieder mit neuer Bltekraft
und taut und duftet den eingesognen Himmelsatem, und ewig ist der Tempel Gottes
angehaucht von der Liebe der Natur.
    Ich schreib's dahin, da mir's so wohl ist heut, weil die Sonn mir aufs
Papier scheint und meine Gedanken beleuchtet, da lese ich so deutlich in meinem
Herzen. -
    Der Grtner ist so gut, er suchte mir aus allen Bschen die schnsten Blumen
heraus, der Strau ragte mir ber den Kopf mit schnem Bandgras, auch frisches
Laub dabei, und vom Lerchenbaum und von der Scharlacheiche. Dieser Baum ist, was
man schn gewachsen nennt, er streckt sein scharlachrot Laub in die blaue Luft
hinaus zum Tanzen, der leiseste Wind bewegt ihn. - Im Heimgehn hatt ich
Gedanken, die mich ergtzten, an denen mir gelegen ist, da sie wahr sein
mchten, sie waren nicht in mich gepflanzt, sie wuchsen von selbst auf wie jene
Blumen auf der Heide. - Morgenstund hat Gold im Mund - wr ich nicht frh draus
gewesen, so htt ich sie nicht denken knnen. - Natur ist lehrsam, wer ihre
Lehrstund nicht versumt, der hat zu denken genug, er kriegt die trocknen
Lebenswege gar nicht unter die Fe, auf denen andern die Sohlen brennen. Was
hast Du zu sorgen um meine Nachtwachen? - So viel Blumen, die nur des Nachts
duften! - Mssen denn alle Menschen in der Nacht schlafen? - knnen sie nicht
auch wie der Nachtschatten und Viola matronalis am Tag schlafen und nachts ihren
Duft aushauchen? - Warum sind manche Menschen so unaufgeweckt und knnen nicht
zu sich selbst kommen am Tag, als weil es Nachtblten sind, aber die leidige
Tagsordnung hat sie aus den Angeln gerckt, da sie kein Gefhl haben von ihrem
Naturwillen. - Drum verlieben sie sich auch verkehrt, weil ihre Sinne ganz
verwirrt sind. - Manche Leut sind nur gescheut zwischen Licht und Dunkel, am
Abend verstehen sie alles, morgens haben sie lebhafte Trume, am Tag sind sie
wie die Schaf, so geht mir's, mein Wachen ist frh, ich mu dem Sonnengott
zuvorkommen, wie jener Tempelknabe seinen Tempel reinigen - dann kehrt er ein
bei mir und lehrt mir Orakelsprche - alles pat, - fgt sich, wollt ich sagen -
auch da ich immer so unaufgeweckt bin, wenn der Geschichtslehrer kommt in der
Mittagsstund, das ist grad meine verschlafenste Zeit. - Du bist auch keine
Tagsnatur, Dein Wachen deucht mir anzufangen, wenn der Taggott sich neigt und
nicht mehr so hoch am Himmel steht - Dir neigt er sich herab, und wandelst
anmutig mit ihm die Bahn vom spten Nachmittag zum spten Untergang, und winkt
Euch noch mit Eurer Gewande Saum fern hin, dann leuchtet der Abendstern zu
Deinen Nachgedanken von ihm, und wogst einsam in der Erinnerung wie die
Meereswelle am Fels wogt zur Zeit der Flut und ihn absplt von den Gluten, die
ihm der Tagesgott eingebrannt hat zur Zeit der Ebbe. Der Jud kommt, adieu. Was
hast Du denn, da Dich so unmutig macht, la Dich anhauchen von meinem Brief.
Savignys sind noch drei Wochen auf dem Trages, geh doch hin. Aber, Teufel,
Donnerwetter ist das auch geflucht? Darf ich das auch nicht sagen? -
    Vom Clemens glaub doch nicht, da ich ihn belg, ich bin anders mit ihm in
meinen Briefen, weil ich so sein mu. In Brgel die kleine Orgel hat elf
Register, gro und kleine Choralstimm, Harfenstimm, Trompetenstimm, Posaunenton,
schnarrende Engelsstimm, was wei ich's alles - und vox humana, der Hoffmann hat
mir gestern eine halbe Stund lang davon erzhlt, und da es Orgeln gibt, die
dreiig Register haben, er sagt, meine Kehl wr wie so eine Orgel, ich zg
allemal ein ander Register, wenn ich sanft oder begeistert sing, oder
schmetternd, wenn ich tob, oder bewegt, wenn's zum Seufzen stimmt in meiner
Brust, oder gewaltig, wenn mir's ist, als ob ich's allein alles zwingen mt. -
Das hat der kleine Kerl alles gewut, er hat mir zugehrt gestern abend, wie ich
einen homerischen Hymnus an die Diana ableierte auf dem Dach, weil's Vollmond
ist. Das deuchte mir so schn, dieser Gttin einen vollen strmenden
Gottesdienst aus meiner Brust zu halten, da ich nicht dran dachte ans
Belauschen und hab recht geschmettert. - Der Hoffmann sagt, es war zum
Verwundern. - Nun ich mein, der Clemens zieht immer das Register der Kinderstimm
aus meiner Brust. - In Frankfurt, in der Gesellschaft beim Primas, da
prdominiert die quarrende Engelsstimm. Bei Dir da mu ich immer das
Gewaltsposaunenregister mit Gewalt mit der sanften vox humana unterdrcken.

                                 An die Bettine


Mit dem Clemens versteh ich Dich, oder ahne doch wie es zusammenhngt, ich hab
auch gar nicht die Idee, da es anders sein solle, nur ber das, was er von Dir
sagt, wie er Dich ausspricht, und das geschieht oft, ist mir manchmal so
wunderlich zumut, weil er ganz prophetisch Dich durchsieht, andre Leute sagen,
er schneide auf, und das ist auch eigentlich so, aber er trifft die Wahrheit,
wie ich unter allen allein es am besten wei. - Dann um seine Extravaganz zu
beweisen, fllt wohl alles hinter seinem Rcken ber Dich her, was in seiner
Gegenwart man nie wagt, wo man immer stillschweigt, mir ist's oft peinlich
gewesen, ber Dich urteilen zu hren, jetzt aber hab ich diese kleinliche
ngstlichkeit berwunden. Gestern war Ebel, St. Clair, Link, die Lotte und ich
im kleinen Kabinett bei der Tonie, da ich wei, wie weit die Pfeile vom Ziele
ablenken, die man gegen Dich schnellt, so hatt ich keine Furcht um Dich, Ebel
ist nicht aus persnlichem Widerwillen, sondern aus Abgeneigtheit seiner Natur
wider Dich. Und weil er whrend dem Hiersein von Clemens immer am meisten
erdulden mute, da er aus Zaghaftigkeit seinem Eifer nie auszuweichen wagte, so
ist's ihm nicht zu verdenken, da er jetzt mit vollem Genu sich schadlos halte.
St. Clair schttelte mit dem Kopf und sah mich an, weil die Lotte perorierte:
gnzlicher Mangel an historischem Sinn und gar keine Logik beweise, da du ein
Narr seist. Er sagte: Gebt ihr eine Fahne in die Hand und lat sie uns
voranschreiten, so fhrt sie uns sicher, trotz ihrem Mangel an historischem
Sinn, zu einem gesunden Wendepunkt der Geschichte. Mcht Ihr mit Eurer Logik in
Gefahr schweben, so wird sie ihr entgehen lehren, so unlogisch sie's nach Eurer
Weise auch anfangen wrde. Und geht doch, sagte er, mit Eurem Weisheitsurteil
ber ein Naturkind, das von ihr nicht stiefmtterlich behandelt ist, es ist ihr
an der Stirne geschrieben, da ihr keine Sorge zugemessen ist. Er reichte mir
die Hand, er sah mir's an, da es mich freute; auf der Lotte ihre breite Rede,
die nun mit verdoppeltem Eifer sich durchdrngte mit ihrer Weisheit, sagte er
nichts weiter, und keiner; das Gesprch ging aus wie ein Licht, das ein starker
Windzug ausgeblasen. - Um so mehr bin ich geneigt, Dich vor allen zu
verschweigen. - Der Clemens - er wird Dich einst nach hundert Jahren auf dem
Berge Arafat finden, - wie Adam, als er nach seiner Verbannung aus dem Paradiese
die Eva aus den Augen verlor, die in der Nhe von Mekka auf jenem Berge weilte,
er aber auf Serendib oder die Insel Ceylon verschlagen war, er kannte sie wohl,
ihre Seele war in seine Seele eingeprgt, und suchte sie fleiig; oft auch
redete er die wilden Tiere an und die Gewitter auf den Bergen und die Vgel,
da, wenn sie hinziehen und ihr begegnen, sie sollen sie ehren; und so suchte er
nach ihr, und sprach von ihr zu dem Gevgel und den Pflanzen und Tieren des
Waldes, bis der Engel Gabriel den Adam auf den Gipfel jenes Berges bei Mekka
fhrte, wovon der Berg seinen Namen Arafat, heit auf arabisch: Erkennen,
erhielt. - Auf welchem die Pilgrime von Mekka am Tage Arafah, dem neunten im
letzten Monat des arabischen Jahres, ihre Andacht auf diesem Berge verrichten.
Mag denn Clemens wie Adam den Untieren und Bergklften von Dir vorpredigen, ich
bin zufrieden unterdes, da Du mich zum Hter Deiner verborgnen Wohnung bestellt
hast und mich zum Kerbholz Deiner heimlichen Seligkeiten machst; ich mchte Dir
immer still halten, so anmutig fhle ich mich bemalt und beschrieben von Deinen
Erlebnissen, versume nichts, schreib mir alles, wie wenn es gesungen wr, wo Du
auch keinen Ton auslassen darfst, ohne die Harmonie zu zerstckeln, ich werd
gewi stillhalten und stillschweigen. Und die Gedanken, die Dich ergtzen, von
denen Du wnschest, da sie wahr sein mgen, und die von selbst in Dir
aufwachsen, willst Du sie nicht auch aufzeichnen fr mich? - Ich warte alle
Tage auf Deine Briefe, mir bangt immer, Du mgest einen Tag berschlagen, bis
jetzt warst Du sehr gtig gegen mich - ich geh mit Zuversicht, wenn ich abends
nach Hause komme und fasse den Brief auf meinem Kopfkissen, wo er hingelegt wird
von der Magd, im Dunkeln und halt ihn, bis Licht kommt - im Bett lese ich ihn
noch einmal, das macht mir gute Gedanken, ich bin auch jetzt ganz heiter, nur
kann ich selbst nichts tun. - Deine Erzhlungen und Ahnungen beschftigen mich,
ich trum mich in den Schlaf, in dem ich Dir alles nachfhle und nachdenke. Ich
hab einen innerlichen Glauben an Deine Schwindeleien von mir, ich ging heut
hinaus vors Gallentor, als der Sonnengott hinabstieg, weil Du meinst, es sei
meine Zeit mit ihm, ich war auch da ganz durchdrungen von seiner groen
Gegenwart, allein beim Nachhausegehen verdarben mir zwei Frankfurter Philister
die Andacht, die hinter mir gingen und von Dir und mir sprachen; die Frau sagte
zum Mann: Im Stift wird dem Mdchen noch ganz das Konzept verdorben, da sie am
End gar nrrisch wird, sie ist so schon zu allen Tollheiten aufgelegt, sie soll
im Stiftsgarten immer aufs Dach steigen, vom Gartenhaus oder auf einen Baum, und
von da herunterpredigen - und die lange G ...s, die Gnderode, steht unten und
hrt zu. - Jetzt gingen sie an mir vorber, ich erkannte die Frau Euler mit
ihrer Tochter Salome und den Doktor Lehr, der erkannte mich in der Dmmerung und
sagte es ihr, sie blieb stehen und sah mich an, bis ich wieder an ihr
vorbeigegangen war, was doch gewi noch dmmer war, als wenn ich unterm Baum
stehen blieb, wo Du predigst. - Teufel und Donnerwetter ist auch zum Fluchen
blich, hat aber einen anregenden kriegerischen Geist, also unter gewissen
Bedingungen, wenn zum Beispiel Du jenes Banner wehen lieest, das St. Clair, Dir
Glck und Heil vertrauend, berantworten wollte, allen Philistern zum Trotz;
dann magst Du Deiner Zunge den Zgel schieen lassen, bis dann aber lasse Deinen
Mut nicht in vergeblichen Ausbrchen verrauchen.
    Adieu! Am Mrchen schreib ich nicht. - Der vergit mit dem Pflug umzudrehen;
ber den Sternen, die er im Wasser blinken sieht. Leb wohl und gedenke meiner.
                                                                        Karoline

Die Ursache, warum der Streit angegangen war ber Dich, war ein Brief von Dir,
den Du im achten oder neunten Jahr, kurz vor Deines Vaters Tod aus dem Kloster
an ihn geschrieben hattest, und der Deinen Vater sehr gefreut haben soll, so da
er ihn in seiner Krankheit oft gelesen, St. Clair hatte ihn vom Clemens, der ihn
aufbewahrt, abgeschrieben, und sagte, in diesem Briefe lge Deiner ganzen Anmut
Keim. Das wollte die Lotte nicht zugeben und meinte, es sei lcherlich nur ihn
als Brief zu rhmen, der Clemens verdrehe Dir den Kopf. Der Brief lautete wie
folgt, da magst Du selbst Dich beurteilen: Lieber Papa! Nix - die Link (da war
eine Hand mit der Feder gezeichnet) durch den Jabot gewitscht auf dem Papa sein
Herz, die Recht (wieder eine Hand gemalt) um den Papa sein Hals. Wenn ich keine
Hnd hab, kann ich nit schreiben.
                                                      Ihre liebe Tochter Bettine
                                                   Fritzlar 1796 am 4 ten April

Was mich verstimmte, war, da die Lotte den Brief fortwhrend mit gellender
Stimme vortrug und die Dummheit eines achtjhrigen Kindes und die Liebe des
verstorbenen Vaters nicht schonte, ich warf dem St. Clair vor, da er ihn
herausgegeben hatte. Ach! sagte er, ich hab's schon hundertmal bereut. - Man
kann ihr auch einst zurufen wie dem Simson: Bettine, Philister ber dir, zum
Glck liegt ihre Strke nicht in den Locken, die man abschneiden kann, sondern
im Geist, und der wird sich nicht gefangengeben. Gelt, das ist ein gut
Geschichtchen, ich glaub, der St. Clair liebt Dich, die Lotte meinte, Du habest
letzt auf der Gerbermhl eine so lange Unterhaltung heimlich mit ihm gepflogen.

                                An die Gnderode


Vor ein paar Jahren wohnte hier nebenan in dem jetzt leerstehenden Haus ein
Mann, der war aus der Fremde gekommen, ich glaub, es war die Schweiz, der tat
Wunder mit seiner Willenskraft, bei Tisch war viel die Rede, er knne mit seinem
Blick die kranken Menschen zum Schlafen bringen, da die ihm dann ber ihre
Krankheit im Schlaf mitteilen, wie man sie heilen knne, und da sie auch
hellsehen in die Zukunft und in die Vergangenheit, beim Erwachen aber nichts
mehr davon wissen - dieser Mann hatte mir was Geheimnisvolles, da die Leute so
unheimlich von ihm sprachen. Auf einer Rasenbank an der Gartenwand konnt ich in
seinen Garten sehen, wo er im Mondschein auf und ab wandelte, er kam auf mich zu
und reichte mir ein paar Erdbeeren ber die Wand und sagte: Esse sie mit
Bedacht und koste sie recht, so hast du mehr davon, als wenn du einen ganzen
Korb voll unbedachtsam it. - Ich stieg von der Bank mit meinen Erdbeeren und
a eine nach der andern, verwundert ber den freundlichen Mann. Und am andern
Tag, wie ich ihn im Garten wandeln sah, ging ich wieder hin, er kam und reichte
mir die Hand, die hielt ich fest und sagte: Die Erdbeeren hab ich geschmeckt.
So? - Nach was schmeckten sie denn? - Nach schnem Wetter und ganz
fruchtbarem Erdboden. - Dem Mann gefiel die Antwort, er sagte: Jetzt ist's zu
dunkel, aber morgen, bei Tag, nehme ein Blatt von einem Baum oder sonst von
einer Blume und halte es so, da die Sonnenstrahlen durchschimmern, da wirst du
eine Menge Gefe drin erkennen, die vom Licht durchstrmt sind; so ist es auch
mit deinem kleinen Kopf, er ist geeignet, da das Licht leichtlich durchstrme
und dich reife, da du auch dann schmeckst wie die Erdbeere, nach schnem
Wetter, nach Sonnen- und Mondstrahlen. - Ich sagte ihm, da ich gehrt habe, er
schaue mit seinem Willen in die Menschen, da sie denken mssen, was er wolle. -
Er sagte: Ja, ich will immer, da sie die Wahrheit denken von sich - und da
folgen sie ganz leicht, weil es ihrer Natur gem ist; von dir will ich auch,
da du die Wahrheit denkst, die dir gem ist, wenn du dem folgst, wirst du so
manches in dir erleben, was dir vollauf gengt. - Ich redete noch mehr mit ihm
- er sagte ein paarmal: Du tust recht wunderliche Fragen, aber ich mu immer ja
dazu sagen, denn sie sind wahr. Er ehrte mich noch mit manchen freundlichen
Lehren, ich hab ihn nicht mehr gesehen und hab auch nichts mehr von ihm gehrt,
er war wenige Tage darauf weggezogen, man wute nicht wohin. - Es wurde noch
mancherlei von ihm gesprochen, als sei er ein Betrger, ich nahm mir das nicht
an, ich hielt am Wort, was er mir gesagt hatte, da die Sonne und Mond mich
wollten wohlschmeckend machen, obschon es mir beinah so ging wie den andern, die
beim Erwachen nichts mehr wissen; ich konnte mich nicht mehr auf das besinnen,
was ich mir doch gewi vorgenommen hatte, nicht zu vergessen. Aber wenn mir so
Gedanken kommen, die mich belehren, da denk ich manchmal auf den Mann zurck,
ich mchte sie zwar gern behalten oder aufschreiben, aber sie ziehen mich immer
weiter, und um den nchsten nicht zu versumen, mu ich den frheren aufgeben,
so ist's, da ich nicht anders kann; es mu doch so in der Natur des Lichts
liegen, was den Menschen durchstrmt und ihn nhrt, wie die Sonnenstrahlen die
Pflanze - da das frische Licht immer das frhere verdrngt, wie im Strom eine
Welle die andere, so mag es denn hingehen, da ich kein Buch schreiben kann, wie
der Clemens will, ich mt ein Herbarium machen und sie trocknen, da ich sie
knnt nebeneinander hinlegen, unterdessen wrden so manche Blumen verblhen, das
will ich nicht, weil ich aber auf Dich gerichtet bin, fliegen so manche Gedanken
auf zu Dir von selbst. Ja sie kommen sogar zwischen uns, wenn ich mit Dir bin.
Du bist eben gar nicht wie ein Mensch, der mich fassen und halten will, Du bist
wie die Luft, der Sonnenstrahl fhrt nieder durch Dich in meinen Geist, so hell
bist Du.
    Die Eule, die Jungfer Salome, der weise Meister im Abendschein, eine Vision
des Philistertums, in dessen Geist sie versammelt waren.
    In der Bibliothek hab ich heute einen geschnittnen Stein gefunden; der
blecherne lackierte Kerl, der heut aus Homburg herberkam, der G.r.g., der die
Welt durchs Perspektiv beguckt, um alles zu durchschauen (zufllig passiert
nichts vorm Guckloch), erklrt den Stein fr antik, sonst wollt die Gromama mir
ihn schon schenken fr Dich. - Daphnis, vom Apoll verfolgt, wurzelt fest mit der
flchtigen Sohle und spriet in Lorbeer auf. Das pat so schn auf Dich. Dein
Schicksal, Du siehst's vor Augen. Geliebt, verfolgt, umfangen vom Gott der
Musen, und dann, ewig immerdar goldne Keime aufschossend, und der Dichter reiner
Orden, der Dich umwandelt, mit Dir sich zu berhren, das ist kein Philistertum,
solche Geschicke wie heilige Gefe umfaten ein Menschenleben zur Zeit der
Griechen. (Ist mir doch, als sprch ich mit Deinen Lippen.) Aber heut! Aber ich
- mein Kopf ein Feld, das brach liegt - ich wandle zwischen Hecken, seh jede
Erdscholle benutzt, der Salatkopf in der Mitt, die Bohnenstangen oben drber,
und mir bangt, da ich nicht angepflanzt bin, ich denk, da Du Dir Mh gibst mit
mir, da es nichts hilft. Nachts denk ich als, wenn die Sonn aufgeht, will ich
lernen, am Tag wollt ich, die Nacht km doch, da ich allein wr und knnt mich
selbst verstehen, ich armes Kuzlein kleine.
    Und stiftete das groe Medopersische Reich. - Da sind wir geblieben, da hab
ich ein gro Medusenhaupt in mein Geschichtbuch gezeichnet mit aufgesperrtem
Rachen, fr es doch die ganze alte Geschichte mit samt dem Arenswald auf. Ich
war so froh ber die Pfingsttage - eine ganze Woche war er ausgeblieben, ich
hatte mich so schn entwhnt! - Die Perser, von den Griechen Cephonen genannt,
von Cepheo, dem Sohne Belli, dessen Tochter Andromeda Perseus, der Sohn Jupiters
und der Danae, geehelicht, ich glaub, der Kerl hat gefaukelt, ich mein den
Geschichtslehrer. Wird ein Gtterjngling ein Philister sein und ehelichen.
Indes meldet Arenswald einen Sprling dieser Ehe, der das Cephonenland
beherrscht unter dem Namen Persien, Cyrus vereint's mit Medien, erobert Babylon,
Kleinasien, bleibt in der Schlacht gegen die Knigin der Masageten. Ich frag gar
nicht mehr, wer und woher - wer kann das Volk all im Kopf behalten! - 3458,
Kambyses erobert gypten, bekriegt die thioper, der Magier Smerdis schwingt
sich auf den Thron und htt das Land bezaubern knnen, die Groen des Reichs, zu
eselhaft, von einem Zauberer sich beherrschen zu lassen, entthronten ihn durch
Mord. - 3462, Darius Hystaspis bezwingt Babylon im Aufruhr, erobert Thrazien,
Mazedonien, Indien. - Sein Sohn Xerxes bezwingt gypten im Aufruhr, zieht gen
Griechenland, wird besiegt - heimkehrend ermordet. Artaxerxes schliet Frieden,
sein Feldherr kehrt die Waffen gegen ihn, wird vom zweiten Xerxes unterjocht,
Sogdian aber mordet seinen Burder Xerxem, Ochus aber mordet seinen Bruder
Sogdian, beherrscht als zweiter Darius Persien, der zweite Artaxerxes aber
mordet seinen Bruder Ochus, zerstrt das Reich, der dritte Artaxerxes aber
mordet seine Brder alle, erobert gypten, Togoas aber ermordet den dritten
Artaxerxem. - Togoas aber mordet dessen Sohn Astes und den grten Teil der
kniglichen Familie, damit's gleich in einem hingeht (Bemerkung des Lehrers),
der Statthalter aber mordet den letzten Knigssprling Darius Kodomanus.
Zweihundertfnfundzwanzig Jahr bestand die Frstenschlachtbank von Persien.
Alexander kommt und beherrscht's 3654. - Der Lehrer sieht mir den rger ber
seine lederne Geschichte an, reit aus, Gott wei, wie's zuging, da die Tr
seine Hosen fate, es blieb ein Fetzen dran hngen, jetzt mu ich ihm fr seine
Mordlitanei noch eine Gratifikation geben, damit er sich ein paar neue kaufen
kann. - Clemens verfolgt mich mit Bitten, da ich Bcher oder Verse oder
Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Kloster aufschreiben soll. - Da hast Du
seinen Brief. - Der Abgrund der vermoderten Geschichte unter mir, der
unerreichbare Sternenhimmel ber mir - und nachts Gedanken, die mir den Kopf
zerbrechen.

                                                                        (Am 10.)

Heut morgen hab ich Deinen Brief beim Frhstck der Gromama vorgelesen, sie ist
schon so alt, sie nimmt's all mit ins Grab, sie hat Dich so lieb, sie sagt, Du
wrst die edelste Kreatur, die sie je gesehen, und dann sprach sie von Deiner
Anmut; sie spricht immer schwbisch, wenn sie recht heiter ist. Siehst, Mdele,
wie anmutig und doch gar bequem deine Freundin ist. - Sie ist wirklich
liebreizend, und da las ich ihr auch meinen Brief vor, sie sagt, Du bischt
halter e verkehrt's Dingele, und dann hat sie mir den Stein mit der Daphnis
doch geschenkt fr Dich, ich lasse ihn fassen, Du mut ihn tragen und mut nicht
sagen, von wem er ist. - Was ist Dein Brief voll schner Geschichten, nur der
Clemens ist doch mein Adam nicht, das prophezeist Du schlecht, da er mich erst
nach hundert Jahren auf dem Berg der Erkenntnis treffen werde. Ich hab ihn so
lieb, so lang kann ich nicht Versteckelches mit ihm spielen, und doch hast Du
vielleicht recht, im nchsten Brief will ich's sagen, aber dem Clemens fall ich
um den Hals und kss ihn, da hat er mich, wie ich bin. Aber! - es geht ein Weg -
der fhrt in die Alleinigkeit. - Ist der Mensch in sein eignen Leib allein
geboren, so mu er auch in seinen Geist allein geboren sein. - Der St. Clair ist
gut, voll Herz, er wollt ja zum kranken Hlderlin reisen - er soll doch hin!
nach Homburg - ich mcht wohl auch hin. - Er sagt, es wrde dem Hlderlin gesund
gewesen sein, ich mcht wohl, ich darf nicht. - Der Franz sagte: Du bist nicht
recht gescheut, was willst du bei einem Wahnsinnigen? willst du auch ein Narr
werden? - - Aber wenn ich wt, wie ich's anfing, so ging ich hin, wenn Du
mitgingst, Gnderode, und wir sagten's niemand, wir sagten, wir gingen nach
Hanau. Der Gromama drften wir's sagen, die litt's, ich hab heute auch mit ihr
von ihm gesprochen und ihr erzhlt, da er dort an einem Bach in einer
Bauernhtte wohnt, bei offnen Tren schlft, und da er stundenlang beim
Gemurmel des Bachs griechische Oden hersagt, die Prinze von Homburg hat ihm
einen Flgel geschenkt, da hat er die Saiten entzwei geschnitten, aber nicht
alle, so da mehrere Klaves klappen, da phantasiert er drauf, ach, ich mcht
wohl hin, mir kommt dieser Wahnsinn so mild und so gro vor. Ich wei nicht, wie
die Welt ist, wr das so was Unerhrtes, zu ihm zu gehen und ihn zu pflegen? Der
St. Clair sagte mir: Ja, wenn Sie das knnten, er wrde gesund werden, denn es
ist doch gewi, da er der grte elegische Dichter ist, und ist's nicht
traurig, da nicht ein solcher behandelt werde und geschtzt als ein heiliges
Pfand Gottes von der Nation, sagte er, aber es fehlt der Geist, der Begriff,
keiner ahnt ihn und wei, was fr ein Heiligtum in dem Mann steckt, ich darf ihn
hier in Frankfurt gar nicht nennen, da schreit man die frchterlichsten Dinge
ber ihn aus, blo weil er eine Frau geliebt hat, um den Hyperion zu schreiben,
die Leute nennen hier lieben: heiraten wollen, aber ein so groer Dichter
verklrt sich in seiner Anschauung, er hebt die Welt dahin, wo sie von Rechts
wegen stehen sollte, in ewiger dichterischer Fermentation; sonst werden wir nie
die Geheimnisse gewahr werden, die fr den Geist bereitet sind. Und glauben Sie,
da Hlderlins ganzer Wahnsinn aus einer zu feinen Organisation entstanden, wie
der indische Vogel in einer Blume ausgebrtet, so ist seine Seele, und nun ist
es die hrteste rauhe Kalkwand, die ihn umgibt, wo man ihn mit den Uhus
zusammensperrt, wie soll er da wieder gesund werden. Dieses Klavier, wo er die
Saiten zerrissen, das ist ein wahrer Seelenabdruck von ihm, ich hab auch den
Arzt darauf aufmerksam machen wollen, aber einem Dummen kann man noch weniger
begreiflich machen als einem Wahnsinnigen. - Er sagte mir noch so viel ber
ihn, was mir tief durch die Seele ging, ber den Hlderlin, was ich nicht wieder
sag, und ich hab mehrere Nchte nicht schlafen knnen vor Sehnsucht hinber nach
Homburg, ja wollt ich ein Gelbde tun ins Kloster zu gehen, das knnt doch
niemand wehren, gleich wollt ich das Gelbde tun, diesen Wahnsinnigen zu
umgeben, zu lenken, das wr noch keine Aufopferung, ich wollt schon Gesprche
mit ihm fhren, die mich tiefer orientieren in dem, was meine Seele begehrt, ja
gewi wei ich, da die zerbrochnen umbesaiteten Tasten seiner Seele dann wieder
anklingen wrden. - Aber ich wei, da es mir nicht erlaubt wrde. So ist es,
das natrliche Gefhl, was jedem aus der Seele tnt, wenn er nur drauf hren
wollte (denn in jeder Brust, auch in der hrtesten, ist die Stimme, die ruft:
hilf deinem Bruder), diese Stimme wird nicht allein unterdrckt, sondern auch
noch als der grte Unsinn gestraft, in denen sie sich vernehmlich macht. Ich
mag gar von Religion und von Christentum nichts mehr hren, sie sind Christen
geworden, um die Lehre Christi zu verflschen. - Brocken hinwerfen und den
nackten Leib decken, das nennt man Werke der Barmherzigkeit - aber Christus in
die Wste folgen und seine Weisheit lernen, das wei keiner anzufangen. -
Bildungsflicken hngt man einem auf, mit denen man nichts anzufangen wei, aber
die Tiefe und Gewalt eines einzigen Seelengrunds zu erforschen, da hat kein
Mensch Zeit dazu, glaubst Du denn nicht, da ich statt dem Geschichtsgermpel
wohl mit der grten Sammlung, mit der tiefsten Andacht htte jenem folgen
wollen, wenn er mir gelehrt htte, wie er andern lehren mute, um sein Leben zu
gewinnen, und wahnsinnig drber werden mute. Wenn ich bedenk - welcher Anklang
in seiner Sprache! - Die Gedichte, die mir St. Clair von ihm vorlas - zerstreut
in einzelnen Kalendern - ach, was ist doch die Sprache fr ein heilig Wesen! Er
war mit ihr verbndet, sie hat ihm ihren heimlichsten innigsten Reiz geschenkt,
nicht wie dem Goethe durch die unangetastete Innigkeit des Gefhls, sondern
durch ihren persnlichen Umgang. So wahr! Er mu die Sprache gekt haben. - Ja
so geht's, wer mit den Gttern zu nah verkehrt, dem wenden sie's zum Elend.
    St. Clair gab mir den dipus, den Hlderlin aus dem Griechischen bersetzt
hat, er sagte, man knne ihn so wenig verstehen oder wolle ihn so bel
verstehen, da man die Sprache fr Spuren von Verrcktheit erklrt, so wenig
verstehen die Deutschen, was ihre Sprache Herrliches hat. - Ich hab nun auf
seine Veranlassung diesen dipus studiert; ich sag Dir, gewi, auf Spuren hat er
mich geleitet, nicht der Sprache, die schreitet so tnend, so alles Leiden,
jeden Gewaltausdruck in ihr Organ aufnehmend, sie und sie allein bewegt die
Seele, da wir mit dem dipus klagen mssen, tief, tief. - Ja, es geht mir durch
die Seele, sie mu mittnen, wie die Sprache tnt. Aber wie mir das Schmerzliche
im Leben zu krnkend auf die Seele fllt, da ich fhl, wie meine Natur schwach
ist, so fhl ich in diesem Miterleiden eines Vergangnen, Verlebten, was erst im
griechischen Dichter in seinen schrfsten Regungen durch den Geist zum Lichte
trat, und jetzt durch diesen schmerzlichen bersetzer zum zweitenmal in die
Muttersprache getragen, mit Schmerzen hineingetragen - dies Heiligtum des
Wehtums, - ber den Dornenpfad trug er es schmerzlich durchdrungen. Geweihtes
Blut trnkt die Spur der verletzten Seele, und stark als Held trug er es
herber. - Und das nhrt mich, strkt mich, wenn ich abends schlafen gehe, dann
schlag ich's auf und lese es, lese hier dem Pan gesungen, den Klaggesang, den
sing ich abends auf dem Dach vom Taubenschlag aus dem Stegreif, und da wei ich,
da auch ich von der Muse berhrt bin, und da sie mich trstet, selbst trstet.
O, was frag ich nach den Menschen, ob die den Mangel an historischem Sinn und
der Logik an mir rgen, ich wei den Teufel, was Logik ist. - Und da mir St.
Clair so viel zutraut, da ich die Fahne glcklich schwingen werde und sicher,
und die Besseren und Hohen unter ihr sammeln. - Sag ihm von mir, ich werde nicht
fehlen, was mir einer zutraut, alle Krfte dran zu setzen. Den kleinen Brief vom
Papa hab ich ihm selbst geschenkt, er wollte ein Andenken von mir zum
Gegengeschenk fr den dipus, da hab ich ihn whlen lassen unter meinen
Papieren, da hat er den hervorgezogen.
    Lese hier den Klaggesang, dem Pan geweiht, ob's Dir nicht durch die Seele
weint.

Weh! Weh! Weh! Weh!
Ach! Wohin auf Erden?
Jo! Dmon! Wo reisest du hin?

Jo! Nachtwolke mein! Du furchtbare,
Umwogend, unbezhmt, unberwltigt!
O mir! Wie fhrt in mich
Mit diesen Stacheln
Ein Treiben der bel!

Apollon war's, Apollon, o ihr Lieben,
Der das Wehe vollbracht,
Hier meine, meine Leiden.
Ich Leidender,
Was sollt ich sehn,
Dem zu schauen nichts s war.

Was hab ich noch zu sehen und zu lieben,
Was Freundliches zu hren? - Ihr Lieben!
Fhrt aus dem Orte geschwind mich,
Fhrt, o ihr Lieben! den ganz Elenden,
Den Verfluchtesten und auch
Den Gttern verhat am meisten unter den Menschen.

So hab ich mir die Zeilen zusammengerckt, sie zu singen, diese Leidensprache,
und sie fesselt mich an seine Ferse, der sich Frevler nennt.

Wirf aus dem Lande mich, so schnell du kannst,
Wo ich mit Menschen ins Gesprch nicht komme.

In die Ferne sehend, nach dem Taunus, still getrnkt im Abendschein, der die
Nebel durchlichtet, die flchtenden, die ihn umschweifen; - da denk ich mir das
Grabmal selber ihm erkoren von Vater und Mutter, sein Kithron. Da sing ich
meinen Gesang hinber, und der Wind spielt mich an, und gewi, er bringt mein
Lied hinber zum Grab; mir ist's eins, ob der Zeiten Last sich drber gewlzt,
doch dringt die Trn hinab, das Grab zu netzen, drang doch sein Weh herauf zu
mir; und heute nur stieg's auf mir im Herzen, als ich die Laute dem Gott - die
jammernden, der ganzen Welt geschrien - zaghaft in Musik verwandelte. - Und dort
wohnt auch er, der die noch lebenswarme Brust voll Wehe, und geset voll der
Keime des Dichtergottes, jetzt zermalmt im Busen die Saat, - in aufseufzenden
Tnen herbertrug ins Mutterland und wrmte - das Jammergeschick des
Zwillingsbruders - in der Liebe, die aus der Verzweiflung Abgrund ihn mit heier
Begierde heraufrief, das mde jammervolle Haupt sanft zu lehnen, zusammen mit
dem Geschick, das ausgeblutet hat. Ja, wer mit Grbern sich vermhlt, der kann
leicht wahnsinnig werden den Lebenden - denn er trumt nur hier am Tag, wie wir
trumen in der Nacht, aber drunten im Schlaf wacht er und geht mit jenen
mitleidsvoll Hand in Hand, die lngst verschollen der geschftigen Eile des Tags
sind. Dort fllt der Tau auf die Seele ihm, die hier nicht Feuchtung in der
Kehle mehr hatte zum Seufzen. Dort grnen die Saaten und blhen, die hier der
Dummheit Pflug - die Wurzel umstrzend wie Unkraut der Luft preis gab, und die
tauvolle Blte, rein vom Staube, strzt in der Erde Grab. - Denn irgendwie mu
die Saat der Gtter lebendig werden, sie knnen Ewiges nicht verdorren lassen.
Seine Seele wchst, die hier unten schlft und verwirrte Trume hat, hinauf als
himmlisches Grn, die schwebende Ferse der Gtterjnglinge umspielend, wie der
frische Rasen hier seine tanzenden Blumen an meinem flchtigen Lauf hinbewegt. -
Ach Poesie! heilig Grabmal, das still den Staub des Geistes sammelt und ihn
birgt vor Verletzung. - O du lt ihn auferstehen wieder, la mich hinabsteigen
zu ihm und die Hand ihm reichen im Traum, da er mit heiligem Finger die goldnen
Saatkrner mir auf die offne Lippe streue und mich anblase mit dem Odem, den er
nach dem Willen der Gtter aus ihrem Busen trinkt. Denn ich begehr sehnschtig,
mit zu tragen gemeinsam Weh des Tags, und gemeinsam Trstung zu empfangen in den
Trumen der Nacht. -
    Was willst Du? Halte mir's zugut, Gnderode, da ich so spreche, verfolg den
Faden meiner Gedanken, so wirst Du sehen, es geht nicht anders. Du trgst ja
auch mit mir, da sie Dich meiner Narrheit beschuldigen. Mangel an historischem
Sinn - ist es doch, das Weh, was in der Fabelwelt begraben liegt, mit dem zu
mischen des heutigen Tages. - Sie haben Recht, mir keine Logik zuzusprechen, da
mt ich ja den dort verlassen, der aufgegeben ist, da mt ich mich aufgeben,
was doch nichts fruchtet. - Sei nicht bang um mich, ich bin nicht alle Tage so,
aber ich komm eben vom Taubenschlag, wo die Sonne mir die blauen Berge
anglnzte, wo Hlderlin schlft ber dem Grabe des dipus, und hab ihnen den
Gesang gesungen, mit Tnen unzurechnungsfhig der Kunst, auffassend, was sie
vermochten an scharfem Wehe, und es besnftigend mit dem Schmelz der Liebe, den
ich durch die Stimme hinzugo aus dem Herzen, da der durch die Wolken dringe -
hinab am Horizont, hinauf - wo die gewaltigen Geschicke immer auch weilen - und
sich mische mit ihren bitteren, salzigen Fluten. Was wren doch die Dichter,
wren sie es nicht, die das Schauervolle ins Gttliche verwandeln. - Wo der
Gesang doch allein aus meinen Sinnen hervordringt, nicht aus dem Bewutsein, da
spricht's nachher so aus mir, da Stimmen aus mir reden, die mit keinem andern
im Einklang sind, der Ton, der Rhythmus, den ich be, ist es auch nicht; keiner
wrde zuhren wollen, aber jene, denen ich singe, die mssen's doch wohl hren,
nicht wahr? -
    Es ahnt mir schon, Du wirst wieder bange werden um mich wie vorm Jahr! -
aber Du weit ja, es ist nichts, ich rase nicht, wie die andern mich
beschuldigen und mir die Hand auf den Mund legen, wenn ich sprechen will. Sei
nicht dumm, lasse Dir nicht von den Philistern bange machen um meine Gesundheit,
wo sie mir schon den Verstand absprechen; wer seinen Bruder einen Narren schilt,
ist des Todes schuldig, sie sind unschuldig, ich bin ihr Bruder nicht, Du bist
mein Bruder. Noch einmal, ich bin nicht krank, stre mich nicht damit, da Du
mir das geringste sagst, denn ich will Dir noch mehr sagen, wenn's mglich ist,
was httest Du an mir, wenn ich nicht lernte Dir meine Seele geben, nackt und
blo. Freundschaft! Das ist Umgang der Geister, nackt und blo. -

                                 An die Bettine


Liebe Bettine! - Du drckst mir die Schreibefinger zusammen, da ich kaum atme,
noch weniger aber es wage zu denken, denn aus Furcht, ich knne willkrliche
Gedanken haben, denke ich lieber gar nicht, magst Du am Ende meines Briefes
fhlen, ob ich in den engen Grenzen meiner geistigen Richtungen Dich nicht
verletzte, so da Dein Vertrauen ohne Hindernis hinabstrme zu mir, ja hinab,
denn ich bin nichts. So lasse mich denn gesund mit Dir sprechen, da nichts mir
fremd ist in Dir, denn in Deine Tne eingehen, das wre Deinen Lauf stren.
    In Dein Lamento ber Deine Geschichtsmisere stimme ich ein, sie macht mich
mit kaputt, kauf in Gottes Namen ein paar Beinkleider als Shnopfer und entlasse
Deinen Arenswald in Gnaden. Clemens schreibt, da ich ihm Antwort schuldig sei,
ich wute nicht, da er in Marburg ist, wenn Du ihm schreibst, so gib ihm die
Einlage, er ist mehr wie unendlich gut gegen Dich, und es ist ein eigen
Schicksal, da unser beider Bemhung, Dich zu einer innern Bildung zu leiten
oder vielmehr sie Dir zu erleichtern, nicht gelingen will, so schreibt er mir
heute. Unter vielen Witzfaseleien, trumerischem Geseufze und Beteuerungen, da
er gar nicht mehr derselbe sei, ist es das einzige, was auf Dich Beziehung hat.
Weil er Dich immer auffordert, Deine phantastischen Ahnungen zu sammeln, diese
Fabelbruchstcke Deiner Vergleiche, Deiner Weltanschauung in irgendeiner Form
niederzulegen, so meinte ich wie ein guter Bienenvater Deinen Gedankenschwrmen
eine Blumenwiese umher zu bauen, wo Deine Gedanken nur hin und her summen
drfen, Honig zu sammeln. Ein glcklicher Schiffer mu guten Fahrwind haben; ich
dachte, Deine Studien sollten wie frischer Morgenwind Dir in die Segel blasen. -
Ich schrieb heute an Clemens, es werde sich nicht tun lassen, Deinen Geist wie
Most zu keltern und ihn auf Krge zu fllen, da er klarer trinkbarer Wein
werde. Wer nicht die Trauben vom Stock genieen will, wie Lyaeus der Berauscher,
der Sohn zweier Mtter, der aus der Luna geborne, endlich sie reifen lasse, der
Vorfechter der Gtter, der Rasende; - und heilige Bume pflanzte, heilige
Wahrsagungen aussprach.
    Der Naturschmelz, der Deinen Briefen und Wesen eingehaucht ist, der, meint
Clemens, solle in Gedichten oder Mrchen aufgefat werden knnen von Dir - ich
glaub's nicht. In Dich hinein bist Du nicht selbstttig, sondern vielmehr ganz
hingegeben bewutlos, aus Dir heraus zerfliet alle Wirklichkeit wie Nebel,
menschlich Tun, menschlich Fhlen, in das bist Du nicht hineingeboren, und doch
bist Du immer bereit, unbekmmert alles zu beherrschen, Dich allem anzueignen.
Da war der Ikarus ein vorsichtiger, berlegter, prfender Knabe gegen Dich, er
versuchte doch das Durchschiffen des Sonnenozeans mit Flgeln, aber Du brauchst
nicht Deine Fe zum Schreiten, Deinen Begriff nicht zum Fassen, Dein Gedchtnis
nicht zur Erfahrung und diese nicht zum Folgern. Deine gepanzerte Phantasie, die
im Sturm alle Wirklichkeit zerstiebt, bleibt bei einer Schwarzwurzel in
Verzckung stocken. Der Strahlenbndel im Blumenkelch, der Dir am Sonntag im
Feldweg in die Quere kam, wie Du dem rckwrts gehenden Philosophen Ebel Deine
Philosophie eintrichtern wolltest, ist eine blhende Scorza nera, so sagt Lehr,
der weise Meister. - Ich werd eingeschchtert von Deinen Behauptungen, ins Feuer
gehalten von Deiner berschwenglichkeit. Hier am Schreibtisch verlier ich die
Geduld ber das Farblose meiner poetischen Versuche, wenn ich Deines Hlderlin
gedenke. Du kannst nicht dichten, weil Du das bist, was die Dichter poetisch
nennen, der Stoff bildet sich nicht selber, er wird gebildet, Du deuchst mir der
Lehm zu sein, den ein Gott bildend mit Fen tritt, und was ich in Dir gewahr
werde, ist das grende Feuer, was seine bersinnliche Berhrung stark in Dich
einknetet. Lassen wir Dich also jenem ber, der Dich bereitet, wird Dich auch
bilden. - Ich mu mich selber bilden und machen so gut ich's kann. Das kleine
Gedicht, was ich hier fr Clemens sende, hab ich mit innerlichem Schauen
gemacht, es gibt eine Wahrheit der Dichtung, an die hab ich bisher geglaubt.
Diese irdische Welt, die uns verdrielich ist, von uns zu stoen wie den alten
Sauerteig, in ein neues Leben aufzustreben, in dem die Seele ihre hheren
Eigenschaften nicht mehr verleugnen darf, dazu hielt ich die Poesie geeignet;
denn liebliche Begebenheiten, reinere Anschauungen vom Alltagsleben scheiden,
das ist nicht ihr letztes Ziel; wir bedrfen der Form, unsere sinnliche Natur
einem gewaltigen Organismus zuzubilden, eine Harmonie zu begrnden, in der der
Geist ungehindert einst ein hheres Tatenleben fhrt, wozu er jetzt nur
gleichsam gelockt wird durch Poesie, denn schne und groe Taten sind auch
Poesie, und Offenbarung ist auch Poesie, ich fhle und bekenne alles mit Dir,
was Du dem Ebel auf der Spazierfahrt entgegnetest, und ich begreife es in Dir
als Dein notwendigstes Element, weil ich Deine Strmungen kenne und oft von
ihnen mitgerissen bin worden, und noch tglich empfinde ich Deinen gewaltigen
Wellenschlag. Du bist die wilde Brandung, und ich bin kein guter Steuermann,
glcklich durchzuschiffen, ich will Dich gern schirmen gegen die Forderungen und
ewigen Versuche des Clemens, aber wenn auch in der Mitte meines Herzens das
feste Vertrauen zu Dir und Deinen guten Sternen innewohnt, so zittert und erbebt
doch alles rings umher furchtsam in mir vor Menschensatzung und Ordnung
bestehender Dinge, und noch mehr erbebe ich vor Deiner eignen Natur. Ja, schelte
mich nur, aber Dir mein Bekenntnis unverhohlen zu machen: mein einziger Gedanke
ist, wo wird das hinfhren? - Du lachst mich aus, und kannst es auch, weil eine
elektrische Kraft Dich so durchdringt, da Du im Feuer ohne Rauch keine Ahnung
vom Ersticken hast. - Aber ich habe nichts, was mich von jenem lebenerdrckenden
Vorlufer des Feuers rette, ich fhle mich ohnmchtig in meinem Willen, so wie
Du ihn anregst, obschon ich empfinde, da Deine Natur so und nicht anders sein
drfte, denn sonst wr sie gar nicht, denn Du bist nur blo das, was auer den
Grenzen, dem Gewhnlichen unsichtbar, unerreichbar ist; sonst bist Du unwahr,
nicht Du selber, und kannst nur mit Ironie durchs Leben gehen. Manchmal deucht
mir zu trumen, wenn ich Dich unter den andern sehe, alle halten Dich fr ein
Kind, das seiner selbst nicht mchtig, keiner glaubt, keiner ahnt, was in Dir,
und Du tust nichts als auf Tisch und Sthle springen, Dich verstecken, in kleine
Eckchen zusammenkauern, auf Euren langen Hausgngen im Mondschein
herumspazieren, ber die alten Bden im Dunkeln klettern, dann kommst Du wieder
herein, trumerisch in Dich versunken, und doch hrst Du gleich alles, will
einer was, so bist Du die Treppe schon hinab, es zu holen, ruft man Deinen
Namen, so bist Du da und wrst Du in dem entferntesten Winkel; sie nennen Dich
den Hauskobold, das alles erzhlte mir Marie gestern, ich war zu ihr gegangen,
um sie zu fragen, ob es tunlich sein mchte, da ich mit Dir nach Homburg reise,
sie ist gut, sie htte es Dir gern gegnnt und ich wr Dir zu Gefallen gerne mit
Dir hingereist; St. Clair hatte uns begleiten wollen, und ich sagte auch der
Marie nichts als, ich mchte wohl nach Homburg reisen und Dich mitnehmen, dort
den kranken Hlderlin zu sehen, das war aber leider grad' das Verkehrte, sie
meinte im Gegenteil, dahin solle ich Dich nicht mitnehmen, sie glaube, man msse
Dich hten vor jeder berspannung - ich mute doch lachen ber diese
wohlgemeinte Bemerkung, nun kam Tonie, der es Marie mitteilte, sie meinten, Du
seist so bla gewesen im Frhjahr und auch letzt habest Du noch krankhaft
ausgesehen, nein, sagt Tonie, nicht krank, sondern geisterhaft, und wenn ich
nicht wte, da sie das natrlichste Mdchen wr, die immer noch ist wie ein
unentwickeltes Kind, was noch gar nichts vom Leben wei, so mte man frchten,
sie habe eine geheime Leidenschaft, aber hier in der Stadt befindet sie sich nur
wohl in der Kinderstube, sie schleicht immer weg aus der Gesellschaft und vom
Tisch und geht an die Wiege, nimmt die kleine Max heraus, hlt sie wohl eine
Stunde auf dem Scho und freut sich an jedem Gesicht, das sie schneidet. Das
Kind hatte die Rten, niemand kam zu mir. Sie allein sa stundenlang beim Kinde,
es hat ihr nicht geschadet; sie kann alles aushalten, noch nie hab ich sie
klagen hren ber Kopfweh oder sonst etwas, wie lange hat sie bei der Claudine
gewacht, kein Mensch knnte das, ich glaub, sie ist vierzehn Tage nicht ins Bett
gekommen, sie ist wie zu Haus in jeder Krankenstube und amsiert sich kstlich,
wo andre sich langweilen. Aber ihr ganzer Geist besteht in ihrem Sein, denn ein
gescheites Wort hab ich noch nie von ihr gehrt, ihr Liebstes ist, den Franz zu
erschrecken, alle Augenblick sucht sie sich einen andern Ort, wo sie ihn
berraschen kann, letzt hat sie sich sogar auf den einen Bettpfosten gehockt,
ich dachte sie knne keine Minute da aushalten, nun dauerte es eine
Viertelstunde, bis Franz kam, als der im Bett lag, schwang sie sich herunter,
ich dachte sie bricht den Hals, wir konnten sie die ganze Nacht nicht aus dem
Zimmer bringen. - ber dieser Erzhlung war Lotte gekommen, die behauptete
ernsthaft, Du httest Anlage zum Veitstanz. Deine Blsse deute darauf, Du
klettertest auch beim Spazierengehen immer an so gefhrliche Orte, und letzt
wrt Ihr im Mondschein noch um die Tore gegangen mit dem Domherrn von Hohenfeld
und da seist Du oben auf dem Glacis gelaufen bald hin, bald her Dich wendend,
ohne nur ein einzigmal zu fallen, und der Hohenfeld auch, habe gesagt, das ging
nicht mit natrlichen Dingen zu. Kaum hatte Lotte ihre Geschichte, wo immer der
Refrain war, Mangel an historischem Sinn und keine Logik, geendet, so trat Ebel
ein, er wurde auch konsultiert wegen der Fahrt nach Homburg (ach htt ich doch
nicht in dies Wespennest geschlagen), der fing erst recht an zu perorieren, der
wute alles: um Gottes willen nicht, Lotte sa im Sessel und sekundierte; nein
um Gottes willen nicht, man mu logisch sein. Ebel sagte: Wahnsinn steckt an, ja
sagt L.: besonders, wenn man so viel Anlage hat. Nun Lotte, Du machst's zu arg,
sie kann wohl dumm sein, und das ist noch die Frage, denn sie ist eigentlich
weder dumm noch gescheit, oder vielmehr ist sie beides, dumm und gescheit. -
Ebel aber sagte: ich mu hier als Naturphilosoph sprechen, sie ist ein ganz
apartes Wesen, das von der Natur zu viel elektrischen Stoff mitbekommen, sie ist
wie ein Blitzableiter, wer ihr nahe ist beim Gewitter, der kann's empfinden, er
war nmlich letzt auf der Spazierfahrt mitten im Gewitter unter Donner und Blitz
im strksten Platzregen trotz Schuh und Strmpfen blo wegen Dir aus dem Wagen
und im kurzrmeligen Rock querfeldein nach Hause gesprungen. Die Tonie sagte ihm
dies, und er gestand es ein, es sei Furcht gewesen, das Gewitter knne durch
Deine elektrische Natur angezogen werden, er glaubt steif und fest, der Schlag
sei so dicht vor den Pferden niedergefahren, weil Du in Deiner Begeistrung zu
viel Elektrizitt ausstrmtest. - Der arme Freund, seine Rockrmel sind vom
Regen noch mehr verkrzt. - Lotte behauptete, es sei unlogisch von Ebel zu
sagen, Begeisterung, denn dazu msse ein logischer Grund sein und der sei in
Deiner Seele nicht zu finden. - Dabei kam St. Clair auch zur Teestunde, ich
hatte ihn hinbestellt, um zu hren wie der Versuch ausfallen werde, wr's
gelungen, so htten wir Dich heute berrascht und Dich gleich mit dem Wagen
abgeholt, aber Franz kam herauf und George, denen wurde es vorgetragen. Lotte
behauptete fort und fort, es wrde das Unlogischste der Welt sein, Dich hingehen
zu lassen, denn trotz Deiner Unweisheit, Faselei und gnzlichem Mangel usw.
seist Du doch sehr exzentrisch, und es wurde einmtig beschlossen, Du sollest
nicht mit; Tonie behauptete noch, Du seist ihr von Clemens noch mehr auf die
Seele gebunden, und der wrde ihr ein unangenehmes Konzert machen, wenn sie
ihren Beifall dazu gbe. - Ich wei einen, der ihnen allen gern die Hlse
herumgedreht htte, das war St. Clair, er war so ernst, er tat den Mund nicht
auf, aber ich sah seine Lippen beben, kein Mensch wute, welchen Anteil er daran
nahm, er nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut und ging, und ich sah, da ihm
die Trnen in den Augen standen, Deinem Ritter.

                                   An Clemens


Die Hirten lagen auf der Erde
Und schlummerten um Mitternacht,
Da kam mit freundlicher Gebrde
Ein Engel in der Himmelspracht.
Mit Sonnenglanz war er umgeben,
Und zu den Hirten neigt er sich,
Er sprach: Geboren ist das Leben,
Euch offenbart der Himmel sich. -
Auch ich lag trumend auf der Erde,
Ihr dunkler Geist war schwer auf mir,
Da trat mit freundlicher Gebrde
Die heil'ge Poesie zu mir,
In ihrem Glanz warst Du verklret,
Vertrauet mit der Geisterwelt,
Den Becher hattest Du geleeret,
Der Dich zu ihrem Chor gesellt.
Dein Lied war eine Strahlenkrone,
Die sich um Deine Stirne wand,
Die Tne eine Lebenssonne,
Erleuchtend der Verheiung Land
Der Liebe Reich hab ich gesehen
In Deiner Dichtung Abendrot;
Wie Moses auf des Berges Hhen,
Als ihm der Herr zu schaun gebot;
Er sah das Ziel der Erdenwallen
Und mochte frder nichts mehr sehn.
Wohin, wohin soll ich noch wallen,
Da ich das Heilige gesehn? -


                                An die Gnderode

Ich hab mir's nicht gedacht, da ich so sein knnt in diesen schnen Tagen. In
Deinem Brief, Zeile fr Zeile, lese ich nichts Trauriges und doch macht er mich
schwer. - Du redest von Dir, als seist Du anders wie ich, ganz anders, ach und
stehst mir doch allein unter allen Menschen gegenber, und alles, was wir
miteinander besprachen, da waren wir nicht eins, Du warst anders gesinnt und ich
anders, und doch hast Du mich immer vertreten, ja gewilich ich bin anders wie
Du, ich fhl's auch heut aus jeder Zeile Deines Briefs, die mir doch so wahr
sind und den tiefen Grund Deiner Seele beleuchten. Wie ist doch jeder Mensch ein
gro Geheimnis, und bis alles ins Himmlische sich verwandelt, wieviel bleibt da
unverstanden. Aber ganz verstanden sein, das deucht mir die wahre alleinige
Metamorphose, die einzige Himmelfahrt. - Im Gartenhuschen, wo wir vorm Jahr um
die Zeit uns zum erstenmal gesehen haben - also ein ganz Jahr sind wir schon gut
Freund miteinander???!!! - - - Und so knnt ich fortfahren Zeichen zu machen der
Verwunderung, des Stummseins, des Denkens - Seufzens, ja wenn ich ein Zeichen
des Schauderns, der Trnen zu machen wte, so knnte ich die Bltter voll der
merkwrdigsten Gefhle bezeichnen, denen ich keine Namen zu geben wei. - Das
Geiblatt, das da herabschwankt ber die Latten, blht dies Jahr viel ppiger.
Weit Du, das war unser erst Wort, ich sagte zu Dir: Es war ein recht kalter
Winter dies Jahr, der Hahnenfu hat seine meisten Zweige erfroren, die Laube
gibt wenig Schatten; da sagtest Du: Die Sonne gibt und die Laube nimmt, was
sie nicht fassen kann vom Licht, das mu sie durchlassen zu uns, und dann
sagtest Du, diese Pflanze sei schner benannt Geiblatt als Hahnenfu, weil man
dabei eine schne Ziege sich denke, die mit Anmut gewrzige Blumen fresse, und
da die Natur fr jedes Geschpf ein idealisch Leben darbiete. - Und wie die
Elemente in ungestrter Wirkung das Leben erzeugen, tragen, nhren und
vollenden, so bereite sich im Genu einer ungestrten Entwicklung abermal ein
Element, in dem das Ideal des Geistes blhen, gedeihen und sich vollenden knne.
- Und dann sagtest Du, ich solle mich doch wei kleiden der Natur zulieb, die
rund um uns her so herrliche Blumen aufspriee, dabei ein Kleid tragen zu wollen
mit gedruckten Blumen, das sei geschmacklos und man msse im Einklang leben
wollen mit der Natur, sonst knne die Knospe des Menschengeistes nicht
aufblhen. - Ich dachte ein Weilchen ber Deine Reden, so waren wir beide still
- die Antwort war an mir - ich getraute mich gar nicht, Du kamst mir so
weisheitsvoll vor, es schien mir Dein Denken wirklich mit der Natur
bereinzustimmen, und Dein Geist rage ber die Menschen hinaus, wie die Wipfel
voll duftiger Blten im Sonnenschein, im Regen und Wind, Nacht und Tag immerfort
streben in die Lfte. Ja, Du kamst mir vor wie ein hoher Baum, von den
Naturgeistern bewohnt und genhrt. Und wie ich meine Stimme hrte, die Dir
antworten wollte, da schmte ich mich, als sei ihr Ton nicht edel genug fr
Dich. - Ich konnt's nicht heraussagen, Du wolltst mir helfen und sagtest: Der
Geist strmt in die Empfindung, und die geht aus allem hervor, was die Natur
erzeugt, der Mensch habe Ehrfurcht vor der Natur, weil sie die Mutter ist, die
den Geist nhrt mit dem, was sie ihm zu empfinden gibt. - Wie sehr hab ich an
Dich gedacht und Deine Worte, und an Deine schwarzen Augenwimpern, die Dein blau
Aug decken, wie ich Dich gesehen hatt zum allererstenmal, und Dein freundlich
Mienenspiel und Deine Hand, die mein Haar streichelte. Ich schrieb auf: Heut hab
ich die Gnderode gesehen, es war ein Geschenk von Gott. - Heut lese ich das
wieder, und ich mcht Dir alles zulieb tun, und sag mir's lieber nicht, wenn Du
mit andern Menschen auch gut bist. Das heit: sei mit andern, was Du willst, nur
la das uns nichts angehen. Wir mssen uns miteinander abschlieen, in der
Natur, da mssen wir Hand in Hand gehen und miteinander sprechen nicht von
Dingen, sondern eine groe Sprache. Mit dem Lernen wird's nichts, ich kann's
nicht brauchen, was soll ich lernen, was andere schon wissen, das geht ja doch
nicht verloren, aber das, was grad nur uns zulieb geschieht, das mcht ich nicht
versumen, mit Dir auch zu erleben, und dann mcht ich auch mit Dir all das
berflssige Weltzeugs abstreifen, denn eigentlich ist doch nur alles comme il
faut eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen die groe Stimme der Poesie in
uns, die weist die Seele auf alles Rechte an. Einmal ist mir die Hflichkeit
zuwider, die sich immer neigt vor andern und doch keinen Verkehr mit einem hat,
als ob das unhflich wr, dem auszuweichen, der einem nichts angeht; - wr die
Natur so verkehrt, so intrigant und unsinnig wie die Menschen sind, es knnte
kein Erdapfel reifen, viel weniger denn ein Baum blhen, alles ist die reine
Folge der Gromut in der Natur, jede Kornhre, die den Samen doppelt spendet,
gibt Zeugnis. Engherzigkeit wird nimmer ihren Samen spalten zum Licht, sie
verkeimt. Jetzt fang ich an zu fhlen, zu was ich da bin. Alle Morgen bet ich,
wenn ich aufwache: Lieber Gott, warum bin ich geboren, und jetzt wei ich's, -
darum, da ich nicht so unsinnig sein soll, wie die andern sind, da ich den
reinen Pfad wandle, in meinem Herzen bezeichnet, fr was htt ihn der Finger
Gottes mir eingeprgt und meine fnf Sinne in die Schule genommen, da ein jeder
ihn buchstabieren lerne, wenn es nicht wr diesen Weg zu bekennen. - Ja, man mu
dem Menschen Weisheit zumuten und sie ihm als den einfachen Weg der Natur
vorschreiben, aber das Verleugnen eines groen mchtigen Weltsinnes in uns ist
immer Folge unseres Sittenlebens mit andern, das hngt sich einem an, da man
keinen freien Atemzug mehr tun kann, nicht gro denken, nicht gro fhlen aus
lauter Hflichkeit und Sittlichkeit. Gro handeln, das dank einem der Teufel,
das mte von selbst geschehen, wenn alles natrlich im Leben zuging. Es ist
eine Schande, was die Menschen alles mit dem Namen Gromut belegen, als ob nicht
ein rasches selbstttiges Leben immer das als elektrisches Feuer ausstrmen
msse, was man groe Handlung nennt. -
    Das mhselige Menschengeschlecht plappert wie die Elstern, es versteht nicht
das Sthnen der Liebe, das mu ich sagen, weil die Nachtigallen so s sthnen
ber mir. Vier Nachtigallen sind's, auch im vorigen Jahr waren's vier. Ja,
lieben werd ich wohl nie, ich mt mich vor den Nachtigallen schmen, da ich's
nicht knnt wie die. - Wie hauchen sie doch ihre Seel in die Kunst der Wollust,
in die Musik - und in einen Ton hinein, so rein, so unschuldig - so wahr und
tief - was keine Menschenseele weder durch die Stimme noch durch das Instrument
hervorbringen kann. Warum doch der Mensch erst singen lernen mu, whrend die
Nachtigall es so rein, so ganz ohne Fehl versteht, tief ins Herz zu singen, ich
hab noch gar keinen Gesang gehrt von Menschen, der mich so berhrt wie die
Nachtigall - eben dacht ich, weil ich ihnen so tief zuhr, ob sie mir wohl auch
zuhren wollten, wie sie eine Pause machten, kaum heb ich die Stimm, da
schmettern sie alle vier zusammen los, als wollten sie sagen, lasse uns unser
Reich. Arien, Operngesnge sind wie lauter falsche Tendenzen der sittlichen
Welt, es ist die Deklamation einer falschen Begeisterung. Doch ist der Mensch
hingerissen von erhabner Musik, warum nur, wenn er nicht selbst erhaben ist? -
Ja, es ist doch ein geheimer Wille in der Seele gro zu sein. Das erquickt wie
Tau, den eignen Genius die Ursprache fhren zu hren, - nicht wahr? - O wir
mchten auch so sein wie diese Tne, die rasch ihrem Ziele zuschreiten, ohne zu
wanken. Da umfassen sie die Flle, und dann, in jedem Rhythmus ein tief
Geheimnis innerlicher Gestaltung, aber der Mensch nicht. Gewi, Melodien sind
gottgeschaffne Wesen, die in sich fortleben, jeder Gedanke aus der Seele hervor
lebendig, der Mensch erzeugt die Gedanken nicht, sie erzeugen den Menschen. -
Ach! Ach! Ach! - Da fllt mir ein Lindenbltchen auf die Nas - und da regnet's
ein bichen; was schreib ich doch hier dumm Zeug hin, und kann's kaum mehr
lesen, jetzt dmmert's schon stark - wie schn doch die Natur ihren Schleier
ausbreitet - so licht, so durchsichtig - jetzt fangen die Pflanzenseelen an
umherzuschweifen, und die Orangen im Boskett. Und der Lindenduft - es kommt Well
auf Well herber gestrmt - es wird schon dunkel - Nachtigallen werden so eifrig
- sie schmettern recht in die Mondstille, - ach, wir wollen was recht Groes tun
- wir wollen nicht umsonst zusammengetroffen haben in dieser Welt - la uns eine
Religion stiften fr die Menschheit, bei der's ihr wieder wohl wird - ein Sein
mit Gott - Dein Mahomet hat's mit ein paar Ritt in den Himmel auch zuwege
gebracht. - Ein bichen Spazierenreiten in den Himmel.

                                An die Gnderode


Gestern hab ich vergessen Dir zu schreiben, da ich Dein Gedicht an den Clemens
geschickt hab nach Marburg, ich hab mir's aber erst abgeschrieben, ich wollt Dir
auch sagen, wie schn ich's find. Aber vor Dankbarkeit, da ich Dich als
Freundin hab, hab ich's versumt. Aber Du siehst's doch im Brief gespiegelt, da
es Dein gro Herz ist, das mich rhrt, und da ich mich unwert halt, Deine
Schuhriemen zu lsen. - Du whlst Dir einen schnen Gedanken und fgst ihn in
Reime zu einem Ehrenmantel fr den Clemens, ach, was hast Du da fr eine schne
Tugend, hebst den Geist heraus aus dem Erdenleben. - Gott schuf die Welt aus
nichts, predigten immer die Nonnen, - da wollt ich immer wissen, wie das war -
das konnten sie mir nicht sagen und hieen mich schweigen, aber ich ging umher
und schaute alle Kruter an, als mte ich finden, aus was sie geschaffen seien.
- Jetzt wei ich's, er hat sie nicht aus nichts geschaffen, er hat sie aus dem
Geist geschaffen, das lern ich vom Dichter, von Dir, Gott ist Poet, - ja - so
begreif ich ihn - heut las ich bei der Gromama aus dem Hemsterhuis vor: der
Choiseil sagte: Il faut que Dieu ait la figure de l'homme comme il l'a cre
d'aprs son image. Der d'Allaris meinte: C'est fort singulier, monsieur, de se
figurer la figure de Dieu avec un visage humain, comme celui-l est fait pour
des besoins et des fonctions terrestres auxquelles Dieu ne doit avoir aucun
rapport, en raison de sa force et de son grand courage le monde entier devrait
s'en aller en poussire si par exemple le bon Dieu s'amusait une seule foix a
ternuer de bon coeur. - Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild
geschaffen, so begreife ich dies so: Gott hat eine Persnlichkeit, die kann aber
er selbst nur fassen, denn er steht sich selbst allein gegenber, aber als Poet
verschwindet ihm seine Persnlichkeit, sie lst sich auf in die Erfindung seiner
Erzeugung. So ist Gott persnlich und auch nicht. Der Dichter stellt dies dar -
der ist persnlich und auch nicht, eben ganz nach Gottes Ebenbild, denn er
erschafft mit dem Geist, was ganz auer dem sinnlichen Dasein liegt, und doch
ist es sinnlich, da es die Sinne fassen und sich hierdurch gewiegt fhlen und
genhrt, und da doch Nahrung der Sinne nur ihre hhere Entwicklung ist, so lst
der Dichter, wie Gott, seine Persnlichkeit auf durch sein Denken in eine hhere
Form und bildet sich selbst in eine hhere Entwicklung hinber. - Was sag ich
Dir da? - Ach, ich hab's einen Augenblick verstanden, was Gott ist, als knnt
ich's in den Wolken lesen, und da sah ich am Himmel, wie der Mond hervorschwippt
und zerstreut mir die Gedanken, da ich eben gar nichts mehr lesen kann, alles
ist zerflossen, und die Worte da oben, in denen ich's festhalten wollt, die sind
verschwommen, ich hab's mit andern Worten mssen reden, es ist nicht recht, wie
ich's gemeint hab. Ja, Gott lt sich nicht fangen, ich dacht, ich htt ihn
schon. - Aber das eine hab ich behalten, da Gott die Poesie ist, da der Mensch
nach seinem Ebenbild geschaffen ist, da er also geborner Dichter ist, da aber
alle berufen sind und wenige auserwhlt, das mu ich leider an mir selber
erfahren, aber doch bin ich Dichter, obschon ich keinen Reim machen kann, ich
fhl's, wenn ich gehe in der freien Luft, im Wald oder an Bergen hinauf, da
liegt ein Rhythmus in meiner Seele, nach dem mu ich denken, und meine Stimmung
ndert sich im Takt. - Und denn, wenn ich unter Menschen bin und lasse mich von
ihrem Takt oder Metrum, was ganz auf den gemeinen Gassenhauer geht, mit
fortreien, da fhl ich mich erbrmlich und wei nichts mehr als lauter dumm
Zeug, fhlst Du das auch, da dumme Menschen einem noch viel dummer machen, als
sie selber sind, - die haben nicht so unrecht, wenn sie sagen, ich sei dumm.
Aber Herz, was mich versteht, komme nur, und ich will Dir ein Gastmahl geben,
was Dich ehrt. - Aber hr doch nur weiter: - Alle groe Handlung ist Dichtung,
ist Verwandlung der Persnlichkeit in Gottheit, und welche Handlung nicht
Dichtung ist, die ist nicht gro, aber gro ist alles, was mit dem Licht der
Vernunft gefat wird - das heit: alles, was Du in seinem wahren Sinn fassest,
das mu gro sein, und gewi ist es, da jeder solcher Gedanke eine Wurzel mu
haben, die in den Boden der Weisheit gepflanzt ist, und eine Blume, die blht im
gttlichen Licht. Hervorgehen aus dem Seelengrund, nach Gottes Ebenbild,
hinber, hinauf in unsern Ursprung. Gelt, ich hab recht? - Und wenn es wahr ist,
da der Mensch so sein kann, warum soll er anders sein? - Ich begreif's nicht,
alle Menschen sind anders als wie es so leicht wr zu sein; - sie hngen an dem,
was sie nicht achten sollten, und verachten das, an dem sie hngen sollten.
    Ach, ich hab eine Sehnsucht, rein zu sein von diesen Fehlern. Ins Bad
steigen und mich abwaschen von allen Verkehrtheiten. Die ganze Welt kommt mir
vor wie verrckt, und ich schubartele immer so mit, und doch ist in mir eine
Stimme, die mich besser belehrt. - Lasse uns doch eine Religion stiften, ich und
Du, und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein, ganz im stillen, und
streng danach leben und ihre Gesetze entwickeln, wie sich ein junger Knigssohn
entwickelt, der einst der grte Herrscher sollt werden der ganzen Welt. - So
mu es sein, da er ein Held sei und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise
und die ganze Welt umfasse, und da sie msse sich bessern. Ich glaub auch, da
Gott nur hat Knigsstmme werden lassen, damit sie dem Auge den Menschen so
erhaben hinstellen, um ihn nach allen Seiten zu erkennen. Der Knig hat Macht
ber alles, also erkennt der Mensch, der seinem ffentlichen Tun zusieht, wie
schlecht er es anfngt, oder auch wenn er's gut macht, wie gro er selber sein
knne. Dann steht grade der Knig so, da ihm allein gelinge, was kein andrer
vermag, ein genialer Herrscher reit mit Gewalt sein Volk auf die Stufe, wohin
es nie ohne ihn kommen wrde. Also mssen wir unsere Religion ganz fr den
jungen Herrscher bilden. - O wart nur, das hat mich ganz orientiert, jetzt will
ich schon fertig werden. Ach ich bitt Dich, nehm ein bichen Herzensanteil dran,
das macht mich frisch, so aus reinem Nichts alles zu erdenken wie Gott, dann bin
ich auch Dichter. Ich denke mir's so schn, alles mit Dir zu berlegen, wir
gehen dann zusammen hier in der Gromama ihrem Garten auf und ab, in den
herrlichen Sommertagen, oder im Boskett, wo's so dunkle Laubgnge gibt, wenn wir
simulieren, so gehen wir dorthin und entfalten alles im Gesprch, dann schreib
ich's abends alles auf und schick Dir's mit dem Jud in die Stadt, und Du bringst
es nachher in eine dichterische Form, damit, wenn's die Menschen einst finden,
sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran haben, es ist ein schner Scherz, aber
nehm's nur nicht fr Scherz, es ist mein Ernst, denn warum sollten wir nicht
zusammen denken ber das Wohl und Bedrfnis der Menschheit?
    Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht, was andere nicht
berlegen, als weil's der Menschheit fruchten soll, denn alles, was als Keim
hervortreibt, aus der Erde wie aus dem Geist, von dem steht zu erwarten, da es
endlich Frucht bringe, ich wte also daher nicht, warum wir nicht mit
ziemlicher Gewiheit auf eine gute Ernte rechnen knnten, die der Menschheit
gedeihen soll. Die Menschheit, die arme Menschheit, sie ist wie ein Irrlicht in
einem Netz gefangen, sie ist ganz matt und schlammig. - Ach Gott, ich schlaf gar
nicht mehr, gute Nacht, alleweil fllt mir ein, unsre Religion mu die
Schwebereligion heien, das sag ich Dir morgen.
    Aber ein Gesetz in unserer Religion mu ich Dir hier gleich zur Beurteilung
vorschlagen, und zwar ein erstes Grundgesetz. Nmlich: Der Mensch soll immer die
grte Handlung tun und nie eine andre, und da will ich Dir gleich zuvorkommen
und sagen, da jede Handlung eine grte sein kann und soll. - Ach hr! - Ich
seh's schon im Geist, wenn wir erst ins Ratschlagen kommen, was wird das fr
Staubwolken geben. -

                          Wer nit bet, kan nit denken,

das la ich auf eine erdne Schssel malen, und da essen unsre Jnger Suppe
draus. - Oder wir knnten auch auf die andre Schssel malen: Wer nit denkt,
lernt nit beten. Der Jud kommt, ich mu ihm eilig unsere Weltumwlzung in den
Sack schieben, auch wir werden einst sagen knnen, was doch Gott fr wunderbare
Werkzeuge zum Mittel seiner Zwecke macht, wie die alt Nonn in Fritzlar. Siehst
Du den St. Clair? - Gr ihn.

                                 An die Bettine


Oder am besten knnen wir sagen: Denken ist Beten, damit ist gleich was Gutes
ausgerichtet, wir gewinnen Zeit, das Denken mit dem Beten, und das Beten mit dem
Denken. Du willst ungereimtes Zeug vorbringen, Du bist ungeheuer listig und
meinst, ich soll es reimen. Deine Projekte sind immer ungemein waghalsig, wie
eines Seiltnzers, der sich darauf verlt, da er balancieren kann, oder einer,
der Flgel hat und wei, er kann sie ausbreiten, wenn der Windsturm ihn von der
Hhe mit fortnimmt. brigens hab ich Dich wohl verstanden, trotz der vielen
sen Lobe, die Du einstreust wie Opfergras, da ich das Opfer bin, was Du
geschchtest hast, um mit dem Jud zu reden. Ich fhl's, da Du recht hast, und
wei, da ich zu furchtsam bin, und kann nicht, was ich innerlich fr recht
halte, uerlich gegen die aus der Lge hergeholten Grnde verteidigen, ich
verstumme und bin beschmt grade, wo andre sich schmen mten, und das geht so
weit in mir, da ich die Leute um Verzeihung bitte, die mir unrecht getan haben,
aus Furcht, sie mchten's merken. So kann ich durchaus nicht ertragen, da einer
glaube, ich knne Zweifel in ihn setzen, ich lache lieber kindisch zu allem, was
man mir entgegnet, ich mag nicht dulden, da die, welche ich doch nicht eines
Bessern berzeugen kann, noch den Wahn von mir hegen, ich sei gescheiter als
sie. Wenn sich zwei verstehen sollen, dazu gehrt lebenvolles Wirken von einem
dritten Gttlichen. So nehm ich auch unser Sein an als ein Geschenk von den
Gttern, in dem sie selber die vergnglichste Rolle spielen; aber meine inneren
Fhlungen, folgelosen Behauptungen ausstellen, dazu leiht mir weder die
blauugige Minerva, noch Areus der Streitbare5 Beistand. Ich gebe Dir aber
recht, es wre besser, ich knnte mich mannhafter betragen und drfte diesen
gromchtigen Weltsinn in dem Sittenleben mit andern nicht mir untergehen
lassen. Aber was willst Du mit einer so Zaghaften aufstellen, die sich immer
noch frchtet, im Stift das Tischgebet laut genug herzusagen. - Lasse mich und
vertrage mich, wie ich bin, hab ich das Herz nicht, meine Stimme zu erheben
gegen allen Unsinn, so hab ich auch dafr an diesem harten Fels keine kleinste
Welle Deiner brausenden Lebensfluten sich brechen lassen. Er steht trocken und
unbeschumt von Deinen heiligen Begeisterungen, so kannst Du auch unbekmmert
darum Dein Leben dahin flieen. - Ich wei, da es Dir weh tut, weil wir den
Hlderlin nicht besuchten. St. Clair ist gestern abgereist, er war noch vorher
bei mir, er sah Deinen dicken Brief, er war so sehnschtig, etwas daraus zu
vernehmen, und die Zaghafte war khn genug auf ihr richtiges Gefhl hin, ihm die
Stelle zu lesen, wo die Bettine ber den dipus spricht. - Er wollte es
abschreiben, er mute es abschreiben, seine Seele wr sonst vergangen, und die
Zaghafte war zu mutlos, es ihm abzuschlagen. Er sagte: Ich lese es ihm vor,
vielleicht wirkt es wie Balsam auf seine Seele, und wo nicht, so mu es doch so
sein, da die hchste Erregung, durch seine Dichternatur erzeugt, auch wieder an
ihm verhalle, so wie er verhallte. Ich mu es ihm lesen, es wird doch zum
wenigsten ihm ein Lcheln abgewinnen. - Nun sieh mich schon wieder voll
Zagheit, da Dir meine Khnheit mifalle, aber doch - betrog mich mein Ohr
nicht, so war jener Hymnus auf dem Taubenschlag dem armen Dichter gesungen, da
er solle dort mit in sein zerrissnes Saitenspiel eintnen.
    Ich hab jetzt so viele Gesellschaftsnot, ich mu diese Woche schon zum
zweitenmal in den schwarzen Stiftstalar kriechen, auch dahinein verfolgt mich
meine nrrische Feigheit, ich komme mir so fremd drin vor, es ist mir so
ungewhnlich, eine angelehnte Wrde ffentlich zu behaupten, da ich immer den
Kopf hngen mu und mu auf die Seite sehen, wenn ich angeredet werde. Gestern
haben wir in corpore beim Primas zu Mittag gespeist, da verlor ich mein
Ordenskreuz, es lag unterm Stuhl, ich fhlte es mit der Fuspitze, das machte
mich so konfus, und denk nur, der Primas selbst hat es aufgehoben und bat um
Erlaubnis, es anzuheften auf die Schulter, dazu kam unsere Duenna und nahm die
Mhe auf sich, Gott sei Dank, - ich konnte doch die ganze Nacht nicht vor der
Geschichte schlafen, ich mu rot werden, wenn ich dran denke, - dann war ich bei
der Haiden - der Moritz im Kabriolett ist mir begegnet, von da in die Komdie in
Eurer Loge, George fhrte mich hinein. Die Geschwister. - Es war sehr leer
wegen der Hitze, George war fortgegangen, die Frau Rat sa ganz allein auf
meiner Seite, sie rief aufs Theater: Herr Verdy, spielen Sie nur tchtig, ich
bin da, es machte mich recht verlegen, htte er geantwortet, so wr ein
Gesprch draus geworden, in dem ich am Ende noch eine Rolle htte bernehmen
mssen. - Im Parterre saen keine fnfzig Menschen, Verdy spielte recht gut, und
die Rat klatschte bei jeder Szene, da es widerhallte, Verdy verbeugte sich tief
gegen sie, es war gar wunderlich, das leere Haus und die offnen Logentren wegen
der Hitze, durch die der Tag hereinschien, dann kam Zugwind und spielte mit den
lumpigten Dekorationen, da rief die Goethe dem Verdy zu: Ah, das Windchen ist
herrlich, und fchelte sich, es war doch grad, als spiele sie mit, und die zwei
auf dem Theater, so gut als wren sie allein in vertraulich huslichem Gesprch,
dabei mut ich an den grten Dichter denken, der nicht verschmhte, so prunklos
seine tiefe Natur auszusprechen. - Ja, Du magst recht haben, es ist was Groes
darin, und es ist schauerlich, und daher tragisch gewesen diese Leere, diese
Stille, die offnen Tren, die einzige Mutter voll Ergtzen, als habe ihr der
Sohn den Thron gebaut, auf dem sie weit erhaben ber den Erdenstaub sich die
Huldigung der Kunst gefallen lt. - Sie spielten auch recht brav, ja
begeistert, blo wegen der Fr. Rat, sie wei einem in Respekt zu setzen. Sie
schrie auch am Ende ganz laut, sie bedanke sich und wolle es ihrem Sohn
schreiben. Darber fing eine Unterhaltung an, wobei das Publikum ebenso
aufmerksam war, die ich aber nicht mit anhrte, weil ich abgeholt wurde. Morgen
wird sie wohl in der ganzen Stadt herumkommen.
    Ich bin nicht wohl, sonst wr ich heut hinausgekommen - so sehr interessiert
mich Dein Brief, Du hngst Dich an die Gipfel der Lebenshhen wie das junge
Gefieder und siehst Dich gleich um, wie am besten nach der Sonne zu steuern sei,
dann zerstreuest Du Dich ebenso leicht wieder. Wenn ich wohl bin, so komme ich
die Woche noch, ich glaube, die Angst vor dem Aderlassen macht mich krank, ich
kann mich nicht drein finden, wenn ich denk, da ich Blut vergieen soll, so
wird mir bel. - Schreibe mir doch heute noch von der Schwebereligion, was das
heien soll, da ich was zu denken und zu faseln hab, weil ich nichts anfangen
kann und das Zimmer hten mu.
                                                                        Karoline


                                An die Gnderode

Ach lasse doch ja nicht zur Ader, aus tausend Grnden, denn (vielleicht): wenn
einer nur einmal zur Ader gelassen hat, so kann er kein Soldat mehr sein, kein
Held! Man kann gar nicht wissen, was so ein Eingriff in die Natur fr Verndrung
im menschlichen Geist macht, und wozu er als die Fhigkeit verlieren kann. Ich
bitte Dich, lasse nicht zur Ader, im Kloster, da, wenn der Tag kam, wo das
Aderlamnnchen im Kalender steht, ich glaub, es war grad in der heien Zeit wie
jetzt, da lieen die Nonnen alle am linken Fu zur Ader, da kam ein Chirurg, ich
war immer im Anstaunen seiner Hlichkeit verloren, er hie Herr Has. - Eine
alte Nonne sagte einmal, man knne in seine Pockengruben, in denen sehr viel
erdiger Schmutz war, Kresse sen, so wrde er einen grnen Bart bekommen, ich
hielt also immer Kresse bereit und pate auf die Gelegenheit, ihm den Samen
einzustreuen, und habe auch einen Augenblick, wo er ber dem Warten auf die
Nonnen eingeschlafen war, benutzt, und Du magst's glauben oder nicht, die Kresse
hat einen sehr gnstigen Boden, sie begann mit Macht emporzuschieen, man
brauchte ihn nur mit Essig und l einzuseifen, so hatte man den trefflichsten
Salat von seinem Bartschabsel. Aber gelt, Du glubest nicht? - Aber hr, da
fllt mir ein, esse doch eine recht tchtige Schssel voll Salat, das khlt das
Blut ab, aber wenn Du bei einer Entzndung noch Blut verlierst, so wird
natrlich diese verstrkt, denn wenn Du ein Dippen mit Wasser kochend hast und
schtt'st einen Teil davon weg, so kocht's viel strker. - Die Hahnen krhen, es
ist schon nach Mitternacht, und nun will ich Dir fortschreiben bis morgen frh,
da Du recht viel zu lesen hast auf Deinem Krankenlagerchen, gleich fang ich von
der Neureligion an, aber erst will ich Dir noch was erzhlen, wie der Jud kam
mit Deinem Brief, das war vier Uhr, da dacht ich auf was, was Dir recht gut wr,
da dacht ich gleich, die Aprikosen in der Gromama ihrem Garten mten Dir
gesund sein, da ging ich um die Bum herum und ersphte die besten und lernte
sie alle auswendig, wo sie hingen, und so spazierte ich in einem Wiederholen
meiner Lektion, bis die Sonne unterging, denn bei Tag konnt ich sie nicht
stehlen, ich mute warten, bis alles am Spieltisch sa, es war Dir das schnste
Plsier, diese Aprikosen zu stehlen, erstens die Angst ist ein wahrer Spa, das
Herz klopfte mir so, ich mute so lachen vor Freud; Herzklopfen ist so was
Angenehmes, und denn war's grad, als lieen sie sich recht gern stehlen, sie
fielen mir in die Hand, ich hatte mir ein Tuch um den Hals gebunden, da warf ich
sie hinein, zwanzig! - Ich war recht froh, wie ich sie all hatte und glcklich
auf meiner Stube war, da hab ich sie alle in die jungen Weinbltter gepackt, die
sind vom zweiten Schu und haben einen so weichen Samt auf der linken Seite. Da
liegen sie in der Schachtel und gucken mich an, als htten sie Appetit auf einen
Bi von meinem Mund, aber da wird nichts draus, sie sind all fr Dich, sie
mssen sich's vergehen lassen, von mir gespeist zu werden. Esse sie, Gnderod,
sie sind gut, Gott hat sie geschaffen fr Entzndungen, damit die aus dem Blut
wieder in den Geist zurckgehen soll, aus dem sie eigentlich nur ausgetreten war
ins Blut. La nur nicht zur Ader, denn wie gesagt, es ahnt mir, da dadurch
etwas im Menschen zugrunde gehen knne, vielleicht das echte Heldentum; wer
wei, ob nicht einer, der einmal Ader gelassen hat, hierdurch nicht seine ganzen
Nachkommen um die Tapferkeit gebracht hat, und da diese Tugend eben darum jetzt
so rar ist. - Das Aderlamnnchen ist der Teufel, der hat sich so ganz sachte in
den Kalender geschlichen, um die Menschen um das einzige zu betrgen, was ihm
Widerstand leisten kann, um den Stahl im Blut, der bergeht in den Geist, und
den fest macht, da er tun kann, was er will. Weisheit und Tapferkeit! Der
Mensch will immer die Weisheit, er hat aber den Mut nicht, sie durchzusetzen.
Eins bedingt das andere, denn wenn der Mut dazu wre, so wr auch die Weisheit
da. Denn es ist nicht mglich, da, wenn Kraft in der Seele ist, das Hchste zu
tun, da in ihr nicht auch der Same der Weisheit aufblhen sollte, der das
hchste Tun lehrt. Wer zum Beispiel Mut hat, das Geld zu verachten, der wird
bald auch Weisheit haben zu erkennen, welch frchterlicher Wahnsinn aus diesem
grausamen Vorurteil hervorschiet, und wie Reichtum und Macht so sehr arm sind.
Weisheit und Tapferkeit mssen einander untersttzen. Ach, in unserer Religion
soll die Tapferkeit obenan stehen, - denn wenn wir nur darber wachen, da wir
khn genug sind, das Groe zu tun und die Vorurteile nicht zu achten, so wird
aus jeder Tat immer eine hhere Erkenntnis steigen, die uns zur nchsten Tat
vorbereitet, und wir werden bald Dinge beweisen, die kein Mensch noch glaubt.
Zum Beispiel man kann nicht von der Luft leben! - Ei, das knnt doch sehr
mglich sein, und es ist eine sehr dumme Behauptung, die der Teufel gemacht hat,
um den Menschen an die Sklavenkette zu legen des Erwerbs, da man nicht von der
Luft leben knne, da er nur recht viel habe. Wer viel hat, der kann vor lauter
Arbeit nicht zur Hochzeit kommen; und von der Luft lebt man doch allein, denn
alles, was uns nhrt, ist durch die Luft genhrt, und auch unsere erste
Bedingung zum Leben ist das Atemholen. Und Gott sagt damit: Du teilst die Luft
mit allen, so teile auch das Leben mit allen, und wer wei denn, wie sehr die
Natur sich noch ndern kann und kann sich dem Geist anschmiegen, wenn der einmal
die Seele mehr regiert, ob dann der Leib nicht auch mehr Luft bedarf und weniger
andere Nahrung. Alle albernen Gedanken, Begierden und verkehrten Einbildungen,
die machen so hungrig nach tierischer Nahrung, ich wei an mir, da, wenn mir
etwas durch den Geist fhrt, dem ich nachgehen mu aus Ahnung, da es Lebensluft
enthalte, so hab ich gar keinen Hunger, und die Franzosen, wenn sie witzig sind,
so haben sie immer auf was Petillantes oder Gewrztes Appetit, es kme also sehr
auf den Geist an, da wir am End gern von der Luft leben. - Und unser Tischgebet
soll heien: Herr, ich esse im Vertrauen, da es mich nhre, und die alten
Kchenzettel und Bratspie und Backgeschichten all dem Teufel in die Garkch
geschmissen, da er den Hals drber bricht, wir haben keine Zeit, uns dabei
aufzuhalten, geh zum Nachbar und nehm Brot von ihm und nehme die Frucht vom Baum
dazu und vom Opfermahl ein weniges und dulde nicht, da sich Bedrfnisse des
Mahls bei Dir einnisten zu dieser oder jener Stunde; oder sonst Dinge, die den
Leib abhngig machen. Da fllt mir noch etwas ein, mit dem verdammten Zugwind,
oder mit der Nachtluft, alle Augenblick heit's: Hier zieht's! - Und dann
reien die Leute aus, als ob ihnen der Tod im Nacken s, oder der Nachtwind
hindert sie, die nchtliche Natur zu genieen, oder der Abendtau ist ihnen
gefhrlich, und doch - hat man je bei einem Gefecht in der Schlacht gesehen, da
ein Held vor dem Nachttau ausreie? - Also auch ber die Verkltung hinweg im
Nachtwind wie im Sonnenschein sein eigner Herr bleiben, das mu ein Gesetz
unserer schwebenden Religion sein. - Ich wei nicht, es duftet mir ordentlich im
Geist, als wrden wir auf sehr wunderbare Entdeckungen kommen. Jetzt haben wir
schon entdeckt, da man nicht Aderlassen mu, damit der Stahl im Blute nicht
abgelassen werde, der die Begeisterung der Tapferkeit erzeugt, - da knnte einer
sagen, durch eine Wunde im Krieg knne denn auch dieser Geist des Stahls
entfliehen, so da ein Tapferer knne zu einem Feigen werden, - dem ist aber
nicht so, denn bei einer Wunde, die in der Begeistrung selbst empfangen wird, da
haucht das Blut selbst Unsterblichkeit aus. Wenn nmlich die Tugend (die
Tapferkeit) wach ist in dem Menschen, das heit: wenn der Genius in sein Blut
gestiegen ist und kmpft, und er geht auf die Wunde los, die er empfangen soll,
da ist die Khnheit so Herr, da keine sklavische Entweichung stattfinden knne,
denn dann ist grad aller Stahl im Blut in den Geist bergegangen, - denn wie
Gott immerdar in jedem Hauch erzeugt, weil er ganz Weisheit ist, so erzeugt auch
das Genie, weil es mit Gottes elektrischer Kette verbunden ist, ewig seine
Schlge empfngt und wieder einschlgt ins Blut. - Ich bitte Dich, wie willst Du
denn die elektrische Kraft erklren, anders, als da durch Gottes Geist die
Natur zuckt und bis ins Blut geht, wo sie im Menschen wieder den Weg in die
Begeistrung findet, weil der Geist hat. - Und siehe da! - Die Kraft empfngt den
Blitzstrahl, und so erzeugen Weisheit und Tapferkeit sich ineinander. - Was hab
ich im vorigen Brief gesagt: - Gott sei die Poesie, und heute, da er die
Weisheit ist, - das ist schon eine alte Geschichte, das haben, glaub ich, die
Kirchenvter herausgestellt und haben deswegen groen Respekt vor Gott, aber
heute haben wir herausgekriegt, da Gott die groe elektrische Kraft ist, die
durch die Natur fhrt und ins Blut des Menschen und von da sich als Genius in
den Geist des Menschen hinber bildet. Der Genius steigt aus dem Stahl auf im
Blut, und dort dringt er auch wieder ein, wenn er wirkend ist in den Sinnen. Wer
keinen Stahl im Blut hat, kann auf die Weise Gott nicht empfangen. Es ist schon
drei Uhr, wenn ich so fortschreib, ich glaub, ich brcht allerlei kuriose Sachen
heraus, die mich selbst verwundern. - Ich wittre schon den Tag, mein Licht
brennt ganz nchtern. Ich sollt schlafen gehen, aber ich will Dir doch fr einen
ganzen Tag zu denken geben, weil Du allein bist. - Aber jetzt mu ich erst von
der Religion abspringen und Dir was dazwischen erzhlen. - Du schreibst, der
Moritz hat Dich im Kabriolett begegnet, ich bedanke mich, aber ich hab grad auf
vierzehn Tag, wo ich noch hier bin, ein Gelbd getan und kann also Deiner
Mahnung kein Gehr geben, sag's ihm, wenn Du ihn siehst. - Der Bernhards-Grtner
ist ein junger schlanker Mann, er hat eine feingebogne Nase, blaue Augen,
schwarze Wimpern, schwarze Haare und hat eine sanfte Stimme - zum wenigsten
gegen mich, denn wie er letzt den Hund wollt zurckhalten, der mich anbellte, da
hatte er eine sehr krftige Stimme. - Dem Moritz wird das wunderlich vorkommen,
aber mir ist es keine Scheidewand, weil er von der gebildeten Klasse bersehen
wird. Ein Mensch von Rasse mte seine Rasse auch unter der Sklaventracht
wittern, aber das ist die Unechtheit des Adels, denn gewi ist, da das echte
Blut zerstreut ist in der Welt und viel ungestempelt herumluft, und doch will
man nur das gelten lassen, was gestempelt ist, aber das sag ich Dir, ich halte
alle Menschen fr unadelig, die ihre Rasse nicht erkennen auch im Kittel. - Der
Grtner also, der mir immer Arbeit gibt morgens frh Du weit, - ich hab ihm die
abgeblhten Federnelken von den Rabatten geschnitten, ich hab die Erdbeeren
umgesetzt, ich hab die Reben ausgelaubt, ich hab das Geiblatt binden helfen,
ich hab die Pfirsich spaliert, ich hab die Nelken gestengelt, ich hab die
Melonenruber ausgebrochen, und noch mancherlei anders hab ich immer morgens
frh tun helfen, wenn ich in der Frh zum Mainufer lief, weil ich schreiben
wollt oder dichten fr den Clemens, und es wollt nicht gehn, weil mir nichts
einfiel, weil die Natur zu gro ist, als da man in ihrer Gegenwart sich
erlaubte zu denken, da hab ich denn mit dem Grtner lieber Erbsen gepflckt als
auf der Lauer nach groen Gedanken - da hat mir der Grtner als immer einen
Strau verehrt, erst recht schn voll und seltne Blumen, dann weniger und
einfacher, ich denk, weil ich alle Tag kam, es wr ihm zu viel, aber zuletzt -
es war grad am Tag, wo ich Zuckererbsen brach, da gab er mir blo eine Rose und
- - -

                                                                         Morgens

Da hab ich so nachgedacht und bin drber eingeschlafen. Die Rose hab ich mit ins
Bett genommen. - Was soll sie im Glas langsam welken - berall sollt man ein
Heiligtum der Natur mit herumtragen, das frei macht vom Bsen, wer kann in
Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken erfllt sein, ich hab's lieb, das
Rschen, mit dem ich geschlafen hab, - es war matt, nun hab ich's ins Wasser
gestellt, es erholt sich. - Ich bin so dumm, ich schreib so einfltig Zeug - der
arme Grtner. -

                                An die Gnderode


Der Jud kommt heut um fnf Uhr und sagt, er hatt den Brief heut morgen im Stift
abgegeben und hat nichts von Dir gehrt, der ungeheure Esel mute heute wie ein
Windspiel herumlaufen, er htt mssen Paradiespfel zum Lauberhttenfest
einkaufen, da htt er nicht warten knnen, der Kerl sah so nrrisch aus, aus
seinem Sack guckten lange Palmzweige ber seinen Kopf, mit der einen Hand hielt
er seinen langen Bart fest, mit der andern stellt er seinen langen Stab weit von
sich und schwrt immer bei seinem Bart, und keuchte unter der Last; ich lie ihn
eine Weile stehen, so gut gefiel's mir ihn anzusehen, ein Bild, wer's verstnd
zu malen. Diesmal haben also meine Religionsdepeschen wegen der
Lauberhttenangelegenheit nicht knnen befrdert werden; - wenn Du nur gesund
bist wieder. - Heut abend mut ich mit der Gromama spazieren gehen, am Kanal im
Mondschein. Sie erzhlte mir aus ihrer Jugendzeit, wie sie noch mit dem Gropapa
in Warthausen beim alten Stadion wohnte, und wie der den Gropapa weit lieber
gehabt als die andern Shne, und wie der ihn erzogen hat, gar wunderlich mit
groer Sorgfalt, er lie ihn als Jngling von nicht achtzehn Jahren schon eine
groe und ausgebreitete politische Korrespondenz fhren, er gab ihm Briefe von
Kaiser und Knig, von allen Reichsverwesern und Staatsbeamten aller Art zu
beantworten, es kamen Verhandlungen ber alle mglichen Staatsangelegenheiten
vor, Handel, Schiffahrt, alte Anrechte, neue Forderungen, Lnderteilung,
Verrtereien, Umtriebe, Gefangennehmung groer Personen, Mnchssachen,
klsterliche Stiftungen, Geldangelegenheiten, kurz alles, was einem groen
Staatsminister obliegt zu untersuchen und zu ordnen, dies alles besprach der
Stadion mit ihm, lie ihm seine Meinung drber darstellen - Aufstze darber
machen, dann mit eignem Beifgen von Bemerkungen lie er diese von ihm ins reine
schreiben, Briefe an verschiedne Potentaten schreiben, namentlich fhrte er die
Korrespondenz mit Maria Theresia, zuvrderst ber Thronbesteigung, ber
Mitregentschaft ihres Gemahls, dann ber die leere Schatzkammer, dann ber die
Heereskraft des Landes, ber Mivergngen des Volks, ber die Ansprche von
Bayern an die streichischen Erblande, und wie die Kurfrsten wollten die
Erbfolge der Theresia nicht anerkennen, ber den Krieg mit Friedrich II., mit
England, Antrge um Hilfsgelder; Briefe an einen franzsischen General
Belle-isle, dann ein Briefwechsel mit Karl von Lothringen, mit dem Kardinal
Fleuri, mit dem streichischen Feldherrn Frsten Lobkowitz, dann endlich einen
Briefwechsel mit der Marquise de Pompadour, immer im Interesse der Kaiserin,
diese letzte Korrespondenz war erst ins Galante und endlich ganz ins Zrtliche
bergegangen, es kamen Briefe mit Madrigalen als Antwort, worauf der Gropapa im
Namen Stadions wieder in franzsischer Poesie antworten mute, da habe der
Gropapa manche Feder zerkaut, und der Stadion habe ihm gelehrt, die Politik mit
einflieen zu lassen, und hat Anspielungen machen mssen auf Reize, auf blonde
und braune Locken, - und dem Stadion ist's hufig nicht zrtlich genug gewesen.
Die Antworten sind dann mit groer Freude vom Stadion ihm mitgeteilt worden,
besonders wenn sie Empfindlichkeit fr des Gropapas Galantrien hatten spren
lassen, da hat der Stadion so gelacht und ihn angewiesen, wie die feinste
Delikatesse zu beobachten sei. - Und endlich einmal, als nach der
Thronbesteigung der Maria Theresia und ihrer Krnung als Kaiserin die
Gratulationen abgefertigt waren, an seinem einundzwanzigsten Geburtstage, da
schenkte Stadion dem Laroche einen Schreibtisch, worin er alle seine Briefe in
drei Jahren geschrieben, die er ber Land und Meer gegangen whnte, noch
versiegelt wiedergefunden, und die Antworten, welche von Stadion selbst erfunden
waren und von verschiedenen Sekretren abgeschrieben, dazu, und er sagte ihm,
da er ihn so habe zum Staatsmann bilden wollen. Dies hat den Gropapa erst sehr
bestrzt gemacht, dann aber ihn tief gerhrt, und hat diese Briefe als ein
heilig Merkmal von Stadions groem liebevollem Geist sich aufbewahrt. Die
Gromama hat diese Briefe noch alle und will mir sie schenken. - Sie war
gesprchig heut, sie wird alle Tage liebevoller zu mir, sie sagt, mir erzhle
sie gern, obschon manches in die Erinnerung zu wecken ihr schwer werde; sie
sprach viel von der Mama, von ihrer Anmut und feinem Herzen, sie sagte: Alles,
was ihr Kinder an Schnheit und Geist teilt, das hat eure Mutter in sich
vereint; und dann hat sie zu sehr geweint, um von ihr weiter zu sprechen, die
Trnen erstickten ihre Stimme. - Sie legte die Hand auf meinen Kopf, whrend sie
sprach, und als der Mond hinter den Wolken hervorkam, da sagte sie: Wie schn
dich der Mond beleuchtet, das wr ein schnes Bild zum Malen. - Und ich hatte
in demselben Augenblick auch den Gedanken von der Gromama, es war gar
wunderlich, wie sie unter einem groen Kastanienbaum mir gegenberstand, am
Kanal, in dem der Mond sich spiegelte, mit ihren groen silberweien Locken ihr
ums Gesicht spielend, in dem langen schwarzen Grosdetourkleid mit langer
Schleppe, noch nach dem frheren Schnitt, der in ihrer Jugendzeit Mode war,
lange Taille mit einem breiten Gurt. Ei, wie fein ist doch die Gromama, alle
Menschen sehen gemein aus ihr gegenber, die Leute werfen ihr vor, sie sei
empfindsam, das strt mich nicht, im Gegenteil findet es Anklang in mir, und
obschon ich manchmal ber gar zu Seltsames hab mit den andern lachen mssen, so
fhl ich doch eine Wahrheit meistens in allem. - Wenn sie im Garten geht, da
biegt sie alle Ranken, wo sie gerne hinmchten, sie kann keine Unordnung leiden,
kein verdorbenes Blatt, ich mu ihr alle Tage die absterbenden Blumen
ausschneiden, gestern war sie lange bei der Geiblattlaube beschftigt und
sprach mit jedem Trieb: Ei kleins stele, wo willst du hin, und da flocht sie
alles zart ineinander und band's mit roten Seidenfaden ganz lose zusammen und da
darf kein Blatt gedrckt sein, alles mu fein schnaufen knnen, sagte sie -
und da brachte ich ihr heute morgen weie Bohnenblten und rote, weil ich ihr
gestern eine Szene aus ihrem Roman vorgelesen hatte, worin die eine Rolle
spielen, sie fand sie auf ihrer Frhstckstasse. Sie lie sich aus ber das
frische Rubinrot der Blte, hielt's gegen's Licht und war ergtzt ber die Glut
- mir ist's lieb, wenn sie so schwtzt - ich sagt ihr, sie komme mir vor wie ein
Kind, das alles zum erstenmal sehe. - Was soll ich anders als nur ein Kind
werden, sind doch alle Lebenszerstreuungen jetzt entschwunden, die dem
Kindersinn frher in den Weg traten, so beschreibt das Menschenleben einen Kreis
und bezeichnet schon hier, da es auf die Ewigkeit angewiesen ist, sagte sie,
jetzt wo mein Leben vollendet, so gut als mir's der Himmel hat werden lassen -
so viel der schnen Blten sind mir abgeblht, so viel Frchte gereift, jetzt wo
das Laub abfllt, da bereitet sich der Geist vor auf frische Triebe im nchsten
Lebenskreislauf, und da magst du ganz recht ahnen. - Ach Gnderode, ich will
auch erst wieder ein Kind werden, eh ich sterb, ich will einen Kreis bilden,
nicht wie Du willst, recht frh sterben, nein, das will ich nicht, wo ist's
schner als auf der schnen Erde, und dann als Kind, wo's am schnsten ist,
wieder hinber, wo die Sonne untergeht. Die Gromama erzhlte auch noch eine
schne Geschichte, die ich Dir hierherschreiben will, weil ich sie nicht gern
vergessen mchte, von dem Vater des Stadion, der habe einen Lwen gehabt, der
sei zahm gewesen, der habe nachts an seinem Bett geschlafen, da sei er eines
Morgens aufgewacht, weil ihn der Lwe gar hart an der Hand leckte, da war er von
seiner rauhen Zunge bis aufs Blut geleckt, und dem Lwen hat das Blut sehr gut
geschmeckt, der Stadion hat sich nicht getraut, die Hand zurckzuziehen und hat
mit der andern Hand nach einer geladnen Pistole gegriffen, die am Bett hing, und
dem Lwen vor dem Kopf abgedrckt. - Und als die Leut auf den Lrm
hereingedrungen waren zu ihrem Herrn, da hat der Stadion ber dem toten Lwen
gelegen und ihn umhalst und ihn ganz starr angesehn, und hat einen groen Schrei
getan: Ich hab meinen besten Freund gemordet, und da hat er sich mehrere Tage
in sein Zimmer eingeschlossen, weil es ihn so sehr gekrnkt hatte. - Ach, ich
htte dies Tier lieber nicht umgebracht und htt auf seine Gromut gebaut, ob
der Lwe mich gefressen htt, ich glaub's noch nicht, und mir wr lieber
gewesen, die Geschicht wr nicht so ausgegangen. - Sie erzhlte noch manches von
ihm, was seine groe Gegenwart des Geistes bewies, und sprach so weise ber
diese groe Eigenschaft, da ich ganz versunken war im Zuhren; sie sagte, da
die Menschen als lang sich abmhen, was Genie sei, sie kenne kein greres Genie
als in dieser Macht ber sich selber, und da die endlich ber alles sich
ausbreite, da man alles beherrschen knne, wenn man sich selber nicht mit Zaum
und Gebi durchgehe, wie du, kleines Mdele, sagte sie zu mir, so steil
hinansprengst mit den Fen wie mit dem Geist und der Gromama Schwindel
machst; - und wenn je groe Herrscher gewesen, so wren sie durch diese
Geisteskraft allein hervorgebildet worden, die sie in einem frheren Leben
gentigt waren zu ben. - Die Gromama glaubt, die Seele, das Wesen des Menschen
gehe aus einem Geistessamen in ein ander Leben ber, dieser Same sei, was er
whrend einem Leben in sich reife und dann sich durch allmhliche Erkenntnis,
durch gebtere Fhigkeiten immer in hhere Sphren erzeuge. Dann erzhlte sie
mir von dem Ahnherrn unseres Grovaters, der im Dreiigjhrigen Krieg sei auf
dem Schlachtfeld gefunden, bei Duttlingen, wo die Franzosen eine groe
Niederlage erlitten, als Fahnenjunker die Fahne um den Leib gewickelt, und die
Stange durch Brust und Leib gestoen und eingehauen, und sein Bruder auch tot
ber ihm gelegen, der hat die Fahne schtzen wollen und mit seinem Leben
bezahlt; sie waren in franzsischen Diensten, das hat der groe Cond gesehen
und gesagt: ferme comme une roche, da sie sonst Frank von Frankenstein geheien,
so haben sie jetzt sich genannt Laroche, weil der Knig der Witwe seines
Bruders, der auch in jenem Gefecht geblieben, ein Landgut im Elsa geschenkt hat
und ihnen drei Fahnen zu dem Fels ins Wappen gegeben, ber diese letzte
Geschichte hab ich meine eignen Betrachtungen angestellt, eine so einfache und
doch so groe Handlung hab ich mir im Geist dargelegt, er war Fahnenjunker,
dieser Ahne von mir, und haben eine unsterbliche Tat getan, beide Brder, indem
sie die Fahne, zu der sie geschworen, treu verteidigten, und lieen ihr Leben
dafr, da der Junker die Fahne sich um den Leib gebogen und so den Tod fand, so
schtzte sie sein Bruder, der Wachtmeister war, noch im Tod mit seinem Leib, und
retteten dem Heer die Fahne des Cond, da sie nicht als Siegeszeichen in die
Hnde des kaiserlichen Tilly komme, obschon sie von Geburt Deutsche waren. - Ein
Schwur mu doch Erwecker einer groen Kraft im Menschen sein, und die gewaltiger
ist wie das irdische Leben. - Ich glaub, alles was gewaltiger ist wie das
irdische Leben, macht den Geist unsterblich. - Ein Schwur ist wohl eine
Verpflichtung, eine Gelobung, das Zeitliche ans Geistige, ans Unsterbliche zu
setzen - da hab ich's gefunden, was ich mein, was der innerste Kern unserer
schwebenden Religion sein mt. - Ein jeder mu ein inneres Heiligtum haben, dem
er schwrt, und wie jener Fahnenjunker sich als Opfer in ihm unsterblich machen
- denn Unsterblichkeit mu das Ziel sein, nicht der Himmel, den mag ich denken,
wie ich will, so macht er mir Langeweile, und seine Herrlichkeit und Genu lockt
mich nicht, denn die wird man satt, aber Aufopferung und Not, die wird man nicht
mde. - Und im Glck, im Genu wird der Mensch nicht wachsen, in dem will er
immer stille stehen. Und was ist denn das wahre, das einzige Fnklein Glck, was
von dem groen Gtterherd herber sprht ins Leben? - Das ist Gefhl, da
Bedrngnis das Feuer aus dem Stahl im Blut schlgt, ja das ist's allein; - die
geheime innerliche berzeugung der lebendigen Mitwirkung aller Krfte, da alles
ttig und rasch sei in uns, einzugreifen mit dem Geist, und die eigne irdische
Natur wie ihr Besitztum und alles dran zu setzen. - Nun wohl, geistige Kraft,
die die irdische zum eignen Dienst verwendet, die ist das einzige menschliche
Glck. - Ja ich glaub, Besitz ist nur insofern Glcksgter zu nennen, als sie
uns gegeben sind, damit wir sie verleugnen knnen um der hheren Bedrfnisse der
inneren Menschheit willen. - Dies Verleugnen, dies Dahingeben, da es durch jene
Glcksgter in die Hand gegeben ist, uns ber sie hinaus zu schwingen, das
deucht mir gttliche Gabe, ach! ach! Die lassen wir aber fallen; wir lassen die
Begeisterung, die im Gttertrank des Glcks unsre Sinne durchrauschen drfte -
und frchten uns davor, und wenn wir schon lstern wren, doch deucht es
gefhrlich wie ein Gott trunken den Becher in die Weite hinzuschleudern, wenn er
ausgetrunken ist. - Merk's, zu unserer schwebenden Religion gehrt das auch, da
wir den Wein den Gttern trinken und trunken die Neige mitsamt dem Becher in den
Strom der Zeiten schleudern. - So ist's, sonst wei ich nichts, was glcklich
wr zu preisen, als nur tatenfroh immer Neues schaffen und nimmer mit Argusaugen
Altes bewachen. - Auerdem wt ich nichts, was mich anfechte, was ich mcht
sein oder haben als nur mit meinem Geist durchdringen. - Von mir soll niemand
hren, ich sei unglcklich, mag's gehen wie's will, und was mir begegnet im
Lebensweg, das nehm ich auf mich, als sei's von Gott mir auferlegt. Merk's
wieder, das gehrt auch noch zu unserer schwebenden Religion - und mein inneres
Glck, das mach ich mit den Gttern ab. Diese Momente, wo ein Gefhl:
Gttertriebe seien in uns wach, dem Stolz das Gefieder aufblttert, da die
Gedanken Respekt vor uns haben, die gemeinen, - und uns aus dem Weg gehen. Ach,
das ist's - dann steigt man allein auf die Berggipfel und atmet die Lfte ein im
Nachtwind, in denen der Genius uns anhaucht vor Lust und Dank, da er ohne
Snde, ohne Verleugnung wiedergeboren ward in uns; und dann weiht man aufs neue
sich ihm und verschwistert sich mit sich selber, alles zu tragen, zu dulden.
Nichts ist zu klein, was solche groe Seelenkrfte in Anspruch nimmt, denn eben
diese zu ben ist ja das Groe; und versumen kann man nicht das Hhere um das
Geringere, denn eben da an das Geringe alle Seelenkraft gewendet werde, mit
Frsorge gleich der des Lebenspenders, das ist das wahre Opfer, was uns gttlich
macht. Man mu alles dem lieben Gott berlassen, sagen die guten Christen - ja
wohl, von ihm nehme ich an, was er mir zuerst entgegensendet, wozu die erste
Regung meines Geistes mich mahnt, und lass' auf dem Zeitenstrom mich
dahinschwimmen, den er mir geschenkt, und ob ich da Frheres versume oder
Greres, das kann ich nicht wissen, und wenn's ein Bienchen wr, das ohne meine
Hilfe ertrinken mte, so reich ich erst den Zweig ihm, sich zu retten, das ist
das Fundament von meinem innerlichen Glck, berhaupt was sollt ich doch um
irdisch Glck fr Not haben, es ficht mich nicht an. Soll sich einer glcklich
preisen, ich mt ihn auslachen. - Sagt mir einer, dir geschieht nichts, die
Tage gehen vorbei, und kannst dein Wirken nicht vereinen mit der Zeit, sie will
nichts von dir, und luft ihren Weg, sie hat taube Ohren im Gebrause aller,
deren jeder einer fr sich sorgend seine Stimme will geltend machen und sich
durchfechten, nun, das ist mir nichts. - Ob handelnd oder fhlend,
tiefempfindend mit dem Genius umgehen, das ist dasselbe, was ist denn Handeln
anders als fhlbar werden das Rechte und es tun. Handeln ist nur der Buchstabe
des Geistes, es ist noch nicht so se als die heimliche himmlische Schule des
Geistes. Wo ich auch hinaus denk, mir deucht nichts glcklicher als im Schatten
liegen jener groen Linde unter ihren fallenden Blten und durch ihr rauschend
Gezweig dem Geliebten entgegen lauschen, dem heiligen Geist. Der ist mein
Geliebter, der kommt und besucht mich jetzt in der heien Jahreszeit, wenn ich
im Boskett lunze, und es regnet Lindenblten auf mich mit jedem leisen Lftchen.
Ach, er macht kein Wesen von der Weisheit, von Gottesgelahrtheit, von Tugend,
von Religion. - Ich bin ihm recht, wie ich bin, er lacht mich aus, wenn ich
belehrt sein will, und blst mich an; - da hast du Weisheit, sagt er. - Dann
spring ich auf und glh im Gesicht von seinem Hauch - ich lauf ins Haus, ich
denk, wie bin ich doch glcklich! - Ich werf mich auf die Erd mit dem Angesicht
und kss' die Erde. Das ist mein Gebet - wie soll ich ihn umfassen als blo,
wenn ich die Erde kss'? - Einsam - bin ich nicht - ist der Schatz berall, -
die dritte Person in der Gottheit berall; auch im Blumenstrau vom Grtner, der
an meinem Bett steht, vom Mond beleuchtet in der Nacht, wenn's alles still ist
und tief schlft alles und kein Licht mehr brennt in den Nachbarhusern, da
fangen diese bunten Farben das Mondlicht auf; - wenn ich den anseh, dann sag
ich: Gelt, das ist deine Rede zu mir, heiliger Geist, dies Farbenspiel in den
Blumen? - Das leugnet er nicht, da ich ihn versteh. Dir kann ich's alles
sagen, denn durch Dich hab ich ihn fassen gelernt, wenn ich Dir gegenber sa
und Du lasest mir vor am Morgen, was Du am Abend gedichtet hattest, da sah ich
mich immer nach dem um, der Dir's vorbuchstabiert htt, der Klang, der ri mich
hin, ich ahnte, es war der Geist, der auch mir begegnet drau, wenn ich auf der
Hh steh, und er braust von ferne daher, beugt die Wipfel auf und nieder und
kommt nher und nher und fhrt grad auf mich zu - umschlingt mich! Wer soll's
sein? - Wer kann's wehren? - Ich fhl seine Weisheit, seine Liebe ist Rhythmus.
- Was ist Rhythmus? - Widerhall der Gefhle am groen Himmelsbogen, da es
schallt! - Zurck! Macht sich uns hrbar, was wir fhlten, da es zrtlich
anschlgt ans Ohr der Seele bis tief ins Herz, das ist Rhythmus, das ist der
heilige Geist, aus der eignen Gedankenkelter gibt er uns zu trinken sen Most,
der se heilige Geist.

                                                                       Am Mittag

Ach Gnderode, ich wei was das ist, die Weltseele, ich hab oft gedacht, was
doch so braust, wenn ich ganz allein sitze in der Mittagssonne, denn da ist das
Brausen am strksten; das ist mein Geliebter, der unter der Linde mit mir ist
und im Abendwind. - Der heilige Geist ist die Weltseele. - Er berhrt alles, er
weckt von den Toten auf, und htt ich ihn nicht, so wr alles tot. - Und Leben
ist Leben wecken, ich war verwundert, als der Geist mir's sagte. - Ich besann
mich, ob ich Leben wecke oder ob ich tot sei. - Und da fiel mir ein, da Gott
sprach: Es werde, und da die Sprach Gottes ein Erschaffen sei; - und das wollt
ich nachahmen. Ich ging am Mainufer am Abend, ich sah in der Ferne den blauen
Taunus und sah ihn drauf an, da er lebendig solle werden. Wie bald war mein
Wille erfllt! Du httest sehen sollen und fhlen den Strom lebendigen Atems,
der herberwallte von ihm auf mich, wo ich sa. - Die Schwalben kamen
vorausgeflogen, die Nebel stiegen herab, die Abendstrahlen berleuchteten ihn
flchtig und die Wiesen am Abhang, die Blumengrten, alles strmte er hinab aus
seinem Talscho mir zu und enthllte sich vor mir, da der Blick ihn deutlich
fassen konnt, wie sah mein Aug gewaltig. - Aha! - Sonst hab ich weiter nichts
gedacht, er war mir der langerwartete, innigbekannte Geliebte! - So wandelt sich
denn der Geist in alles, was ich mit Leben weckendem Blick anseh. Und keiner
wird mir begegnen mich zu lieben, es ist der heilige Geist, der aus ihm zu mir
spricht. - Ach ja! - Ich kann von Glck sagen! - Seelenlauschen! Himmlische
Grazie! Du trgst mich ins Liebesbett, auf den grnen Rasen. - Was du weckst,
das weckt dich wieder - und was uns weckt, das ist der heilige Geist, der an
ferne Gipfel ber den Nebeln mir aufstieg, denn weil ich gern mit Augen ihn
sehen wollt. - Wie vertiefte sich doch mein Blick in ihn und merkte nichts vom
Abenddunkel und da er mich im Schleier fing der Nacht und ganz drin
einwickelte. Ja, wecke Du das Leben, so ist's gleich selbstndig und berrumpelt
Dich. Und Du gehrst ihm, statt da es Dein gehre. - Ich hab aber noch was ganz
anders im Schild, das will ich Dir hier sagen: Je strker die Gewalt, je
lebendiger ist sie, drum ist Schnheit der lebendige Geist, denn sie weckt
allein Leben - alles andre weckt den Geist nicht. Ach, wie schmachtet doch die
Seele nach Schnheit, nach Leben - die Schnheit ist Lebensnahrung der Seele.
Das ganze Unglck ist, wenn nicht alles Schnheit um uns ist, da stirbt alles ab
und auch fr die Ewigkeit ist alles verloren, was nicht Keim der Schnheit ist.
Sehnsucht ist Schnheitskeim, der sich entfaltet. - Sehnsucht ist inbrnstige
Schnheitsliebe.
    Heute nachmittag brachte der Bri der Gromama ein Buch fr mich - Schillers
sthetik - ich sollt's lesen, meinen Geist zu bilden; ich war ganz erschrocken,
wie er mir's in die Hand gab, als knnt's mir schaden, ich schleudert's von mir.
- Meinen Geist bilden! - Ich hab keinen Geist - ich will keinen eignen Geist; -
am Ende knnt ich den heiligen Geist nicht mehr verstehen. - Wer kann mich
bilden auer ihm. - Was ist alle Politik gegen den Silberblick der Natur! -
Nicht wahr, das soll auch ein Hauptprinzip der schwebenden Religion sein, da
wir keine Bildung gestatten - das heit kein angebildet Wesen, jeder soll
neugierig sein auf sich selber und soll sich zutage frdern wie aus der Tiefe
ein Stck Erz oder ein Quell, die ganze Bildung soll darauf ausgehen, da wir
den Geist ans Licht hervorlassen. Mir deucht, mit den fnf Sinnen, die uns Gott
gegeben hat, knnten wir alles erreichen, ohne dem Witz durch Bildung zu nahe zu
kommen. Gebildete Menschen sind die witzloseste Erscheinung unter der Sonne.
Echte Bildung geht hervor aus bung der Krfte, die in uns liegen, nicht wahr? -
Ach, knnt ich doch alle Ketten sprengen, die uns daran hindern, jeder innern
Forderung Genge zu leisten; - denn dadurch allein wrden die Sinne in ihre
volle Blte aufbrechen. -
    Ich lese eben meinen Brief durch und wundre mich ber den Paradegaul von
prahlerischen Gedanken, der drin an der Leine im Kreis luft. - Ein
philosophischer Harttraber, ich fhl mich nicht bequem, wenn ich ihn reite, was
kommt mir doch so viel in den Kopf, was ich selbst gar nicht wissen mag - knnt
ich nur immer von der Himmelsleiter des bermuts herab unter die Philister
speien. - Gute Nacht - das ist der vierte Tag, wo ich nichts von Dir wei,
jetzt, wenn morgen kein Brief kommt, so frag Dich doch selber, was ich dann
denken soll. -

                                 An die Bettine


Gestern abend kam ich von Hanau, wo ich drei Tage in prosaischen
Geschftsauftrgen verbrachte. Deine zwei Briefe lagen auf meinem Kopfkissen,
und einer von Clemens, der nach Dir frgt, weil er die ganze Zeit nichts von Dir
gehrt habe, keine Antwort auf mehrere Briefe. Er meint, Du knntest krank sein,
hast Du ihm denn gar nicht geschrieben? - Versume doch nicht, gleich zu
schreiben, er frgt nach Deinen Studien und meint, Dein Generalbaeifer, von dem
Du mit so viel Begeistrung ihm geschrieben, sei wohl auch wieder ins Stocken
geraten. Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen, und schilt mich
einen Faselhans und klagt mich an, ich versume Dich, ich mache mir selber
Vorwrfe und kann doch nach allem berlegen zu keinem besseren Resultat kommen,
als eben Dich ganz Dir selber berlassen. - Der Clemens meint, Du habest ein
enormes Talent zu jeder Kunst, und es msse die Steine am Wege erbarmen, Dich so
dahinschlampen zu lassen, Deine Selbstzufriedenheit hnge davon ab, da Du Dich
mit Leib und Seel einmal dran gebest, es sei der Schlssel Deines ganzen Lebens.
- Ich darf ihm nicht sagen, da Du ein Religionsstifter bist und die ganze
Menschheit auf Dich genommen hast und willst sie lassen von der Luft leben und
bildungslos dahertappen und willst nichts Gekochtes mehr essen, von lauter rohen
Mohrrben und Zwiebel leben und die Bratspiee alle zum Teufel werfen und Dir
das ganze Taunusgebirg zur Gesellschaft bitten, und da Deine Religion schweben
solle, und da Du in dem Grtner einen adeligen Herrn entdeckt hast, das darf
ich ihm doch alles nicht sagen. Was soll ich ihm denn sagen? - Da helf' mir doch
einmal ein bichen drauf. - Der rasche Wechsel von Anregungen in Deinen Briefen
wrden dem Clemens die Haare zu Berge stehen machen, und Dein zrtlicher Umgang
mit dem Heiligen Geist, wie Du das nennst, den Du gleich einem Jagdhund
witterst, das wrde ihm unsgliche Sorge machen. Er frgt mich, was Du mir
schreibst, denn er wisse, da ich enorm lange Briefe von Dir bekomme. Wo er das
her wei, das ist mir ein Rtsel, ich hab mit niemand davon gesprochen. Ich
mein, da der Clemens recht hat, denn wenn Du auch ein neues Leben ausgefunden
hast, indem Du mit Dir selber zusammentriffst, wie Du sagst, so mut Du doch
auch fhlen: so gut wie in jenen Naturerscheinungen, die Dein Genius, wie Du
meinst, benutzt, um zu Dir zu gelangen, so wrde er jede Kunst wohl auch
benutzen dazu, wenn Du ihm nur die Pforte ffnen wolltest, aber der Arme! Ich
glaube, Du wrdest ihn eher zerquetschen, ehe Du ihn da durchlieest. - Was Dich
einen Augenblick anregt, wozu sich wirklich Dein Feuer sammelt, das zerstreuest
Du mit allem Flei wieder und gibst es den vier Winden preis. Du kannst nicht
leugnen, da die Musik mit allem, was Anregung in Dir bedurfte, bereinstimmt.
Du hast mir selber geschrieben, Dein eigner Lebensgeist rufe Dir immer zu, eine
Geige nimm und verstrke den Strom der Harmonien, sonst kannst Du nimmer
glcklich werden. Dies war's oder doch was ganz hnliches, was Du mir vor vier
Wochen geschrieben, und da Du fhlest, die Musik sei der Urgeist aller Elemente
und sie allein wecke den Geist im Menschen und Geist knne nur Musik sein, und
was dergleichen prahlerische Gedanken mehr waren, die, wie ich sehe, aber
gnzlich aus Deinem Kopf verschwunden sind. - Wo ist nun Dein musikalischer
Urgeist jetzt hin? - Ich will Deinem Lebensweg gar nicht in den Weg treten, aber
da Du dem Geist, der Dir auf geheimen Wegen entgegenkommt, den Du so liebst,
da Du meinst, in allem sei nur er es, den Du je lieben werdest, da Du dem
zulieb nicht einmal eine Kunst ben willst, Dich zu nichts anstrengen, kein Buch
lesen; nur spazierengehen, auf Dcher klettern und ber die Hecken auf
Nebelpfaden umherschweifen, schwebende Religionen zu erfinden, das ist ein
wahrer Jammer! Wie gerne wollte ich alles an Dir versuchen, was Clemens als
meine Pflicht mir vorhlt, aber Du stehst mir ja doch nicht Rede und haspelst
wie ein Schmetterling ber Dich selber hinaus. - Wie lang bleibst Du noch
drauen? - Die Tonie lt Dir sagen, sie werde Dich am Mittwoch abholen, abends
um halb neun Uhr, auf einen Ball, den der Moritz in Niederrath gibt; sie
konsultierte mit Marie und Claudine ber Deine Kleidung, weil Du keinen
Ballanzug in Offenbach hast, eine weie Krepptunika, eine breite blaue Schrpe
und blaue Achselschrpe, meinte Claudine, und was auf den Kopf? - Du trgest
nichts auf dem Kopf, meint die Marie - ich will aber doch diesmal Dich
auffordern, da Du Dir einen Kranz von Aschenkraut aufsetzest, das mu gar gut
stehen, der Moritz will Dir einen Strau schicken. Heut haben wir Samstag, am
Mittwoch also, wenn Du nicht abschreibst.

                                An die Gnderode


Ich schreib nicht den Ball ab, ich freu mich recht drauf, ich bin jetzt schon
vier Wochen recht vergngt hier und will auch durchaus noch bei der Gromama
bleiben, bis die Tante aus dem Bad kmmt, wir haben uns gar sehr ineinander
gewhnt, die Gromama und ich, ich hab sie um Erlaubnis gefragt, ob es ihr nicht
unlieb sei, wenn ich auf den Ball gehe. Sie sagt: Nein, gut Muschen, hast lang
genug hier ausgehalten, wann kommst du wieder? - Denn du wirst doch wohl den
andern Tag in Fr. bleiben? - Ich sagte, ich wolle noch in der Nacht wieder
herauskommen, denn ich sah ihr an, da sie frchtete, ich mchte in der Stadt
bleiben, und das knnt leicht kommen, da die Brder mich dann nicht wieder
herauslassen, und ich will doch nicht eher fort, bis die Gromama selber will
und nicht mehr allein ist, richte es also mit Tonie und Marie so ein, da die
zusammen fahren und ich mit dem George seinem Gig herausfahren kann, denn ich
frcht mich nicht vor der Nachtluft, das weit Du ja, da das ein Gesetz ist in
unserer schwebenden Religion. - Und Dein frchterlich Gebrummel, davor frcht
ich mich gar nicht, denn ich wei doch, da es Dir grad so gefllt, und mach dem
Clemens weis, was Du willst, aber sag ihm nichts wieder aus meinen Briefen;
wer's ihm gesagt hat, da ich Dir so lange Briefe schreib, das war der St.
Clair, dem hast Du ein Stck aus meinem lngsten Brief gezeigt und
abgeschrieben, wenn er ihm nur nicht auch vom Inhalt gesprochen oder ihm gar
mitgeteilt hat, dann wei ich gewi, da mich der Clemens lang ansehen wird und
wird mit Fragen hintenherum kommen, ich wei gewi, er wird allerlei
Kuriosigkeiten fragen und so lang ber mich hinausfahren ins Kreuz mit
Segensprchen, um mich von der Behexung loszumachen. Wie ich Dir sag, mit dem
Clemens fhr ich ein ganz ander Leben, es ist ein ander Register, das da
aufgezogen ist, wenn ich an ihn schreib, es hat gar denselben Ton nicht, wie mit
Dir.
    Es ist noch nicht aus mit der Musik, es sind noch keine erstarrten Grillen.
Ich bin aufrichtig, und die einzige Tugend der Wahrheit geht durch mein
Nervensystem, alles ist in ihr aneinandergereiht wie's menschliche husliche
Leben in meinem Geist. Wenn ich Dir den groen Einflu, den die Musik auf mich
hat, zu verschiedenen Malen mitgeteilt hab, so kannst Du denken, da ich dabei
nicht stehenblieb, allein wenn man Wege betritt, die noch zu keinem Ziel gefhrt
haben, wo alles noch wste ist, noch keine Lsung hat, noch selber mir nicht
einleuchtet, was kann ich da viel sprechen? - Die Bekanntschaft mit dem innern
Leben einer Musik wird von den Virtuosen ganz auf eine Weise gemacht, die blo
auf Auseinandersetzung ihrer einzelnen Teile geht, und sie wissen sich recht
viel mit ihrer gelehrten Unterhaltung darber; sie wirbelt mir auch nicht wie
ein blauer Dunst durch den Kopf -, mir geht noch zugleich ein romantisch oder
geistig Bild dabei auf, das eine gibt mir Stimmungen, das andere wohl
Offenbarungen -, erst gestern wurde im Boskett unter verschiedener neuer Musik,
die mich gar nicht anregte, eine Symphonie aufgefhrt von Friedrich II. Gleich
vorne steigt er mit klirrenden Sporen in Steifstiefeln mutig auf, von allen
Seiten her tnt's ihm wider, er msse keck ber die schchterne Menschheit
weggaloppieren, und bald macht er sich kein Gewissen mehr draus; nur die einzige
Muse, die Tonkunst, tritt ihm fest entgegen, sein Ro hat ihn in die einsamste
de getragen, fern von den Menschen, die er wie eine Koppel Hunde mit einem
Pfiff lenkt. Hier sinkt er vor der einzig bermchtigen nieder, hier bekennt er
die weite Leere seines Gemts, hier will er Balsam auf alle Wunden gelegt haben,
ungeduldig und zrtlich, demutsvoll kt er die Spuren ihres Wandels, und mit
Vertrauen beugt das gekrnte Haupt sich unter ihrem Segen. - Gereinigt,
getrstet, wie wenn nichts geschehen wr mit ihm, kehrt er aus diesem
Fltenadagio wieder zu den Seinigen in das brillante Geklirre der Violinen und
Hoboen zurck. - Ich aber spr's, was die Kunst fr Weisheit bt. Wo keine Hand
hinreicht, wo keine Lippe sich ffnet, kein Gedanke sich hinwagt, da tritt sie
als Priesterin auf, und das Herz bricht vor ihr, legt flehend seine Bekenntnisse
dar, will jedes Fehls sich zeihen, will ganz im Busen ihr aufgenommen sein. Ja,
Musik - sie schrotet Gold und Stahl, kein Helm sitzt so fest auf dem Haupt, und
kein Harnisch auf der Brust, sie dringt durch, und es gelobet sich ihr der Knig
wie der Vasall.
    Wie aber ist's mit der Symphonie von Beethoven, die gleich drauf folgte? -
Willst Du mit hinber unter jenes lwalds gleiche Stmme mit Laub wie Samt,
schwimmend im Wind, der Wellen schlgt in ihren grnen Schleiern und sanft auf
flockigem Rasen den einsam lautlosen Tritt Dir umflstert? - Komm! - Schau die
Sonne im Feuerpanzer ihre Pfeilstrahlen vom Bogen strmend ins ewige Blau. -
Bald vom Wechsel der Wogen getragen, schwankt unter Dir das unendliche Meer. Der
Wind fhrt daher zwischen trmenden Wellen - bahnt Weg silbernen Gttern, die
aufrauschend sich umschlingen mit Dir, nach himmlischen Rhythmen Dir aus der
Brust geboren. So nah ist alles verwandt Dir. - Doch ohne End wechselnd dies
Meer, fhrt es dahin, in seiner Launenverzckung durchschlpft Frbung auf
Frbung sein Wellenspiel, fesselt Dein Schauen - durchdringt Deine Sinne,
schmachtend und dann feurig, lchelnd, weinend, blendend und verhllt wieder -
so rasch vorber streift's wie von geliebten Augen der Begeistrung Blick; kannst
ihn nicht fassen, nicht lassen von ihm. - - Rein von Gewlk der Himmel, sein
Hauch sanft jagt vor sich her Wellchen - unzhlige - eins ums andere, und
sterben am Ufer alle mit leisem Geseufz. - Ach! - ser Moment herrschend ber
der Leidenschaften Meer! - Da stockt Dein Atem und mchtest halten - ganz und
immer, was jeden Augenblick ohne Aufhren Dir alles entschwindet. -
    Was ist's, die Seele im Meer der Musik? - fhlt sie Schmerzen? - Hat sie
Wonnen, die wunderbar Bewegliche? - Kein Gedanke mag ihr folgen - fhlt sie mit
durch Rckwirkung alle Regungen? - Liebt sie, wenn wir lieben? - Schmeichelt's
ihrem Schumen, wenn unsre Trnen hinein sich mischen? - O ich mcht hinein mich
werfen in die smaragdnen Lagunen, ber die leise hingetragen durchs ungeheure
Meer bis zu seiner Hhe, uns zwei verwandte Seelen harmonisch der Kahn wiegt bis
zum letzten Ton - und dann - dieselbe Luftstille, dieselbe Himmelsreinheit,
derselbe Atem, s - unberhrt - dasselbe Sonnenlicht im Geist - trunken von
sem Schwanken der Tne, die durch den Busen whlen. Doch bald erhebt sich's!
Der groe Geist des Erschaffens - Du hrst im Brausen seine Stimme, der alles
sich schmiegt, veratmen - dann hebt im Schauer Deiner Brust ihr Hauch sich
wieder - und jetzt - gewaltig - in unermdlichem Steigen und Sinken strmt sie
schumend den Winden entgegen, die drhnen - in Abgrund sich whlend - sie
zurck. - Ja, das ist Beethovens Meer der Musik, von Himmel zu Himmel steigen
die Tne und khner, je fter hinab sie wieder strmen, und fhlst hoch ber
diesem Doppelschall Dich geborgen auf freiem Fels, umkreist von jenen wtenden
Orkanen, jenen Wogen, die ohne Ende Dir ans Herz steigen und ohne Ende
zurckgeworfen, ohne Aufhren wiederkehren mit erneuter Macht, Dich
umschmettern, einander berwogend, und doch sich wieder teilend im Sonnenozean
der Harmonie. Und endlich die sehnenden Stimmen all, tummelnd in frhlicher
Verwirrung des Jauchzens der Wehmut und der tausend Gefhle, die von seiner
Meisterhand ein einzig leises Zeichen - alle zugleich einstimmen: Jetzt ist's
genug! -
    Ach, wie ist's doch da in der Brust? - Ja, gesteh! - Ist sie nicht das Meer,
die Musik? - Und er, der Beethoven, ist er es nicht, der ihm gebietet? - Und
fhlst nicht auch hier: das Gttliche, was den Geist des Erschaffens gibt, sei
die ungebndigte Leidenschaft? - Und glaubst nicht, da Gottes Geist sei nur
lauter Leidenschaft? - Was ist Leidenschaft, als erhhtes Leben durchs Gefhl,
das Gttliche sei Dir nah, Du knnest es erreichen, Du knnest zusammenstrmen
mit ihm? - Was ist Dein Glck, Dein Seelenleben als Leidenschaft, und wie erhht
sich Deines Wirkens Kraft, welche Offenbarungen tun sich auf in Deiner Brust,
von denen Du vorher noch nicht getrumt hattest? Was ist Dir zu schwer? -
Welches Deiner Glieder wrde sich nicht regen in ihrem Dienst, - wo bleibt Dein
Durst, Dein Hunger? - Siehst Du wohl, da fngst Du schon an von der Luft zu
leben; leicht wie ein Vogel bersteigst Du Unersteigliches, und in die Ferne
hinber sendest Du Deiner Unsterblichkeit Flammen, und sie entznden Ewiges, und
es weiht sich Deinem Dienst, ergiet sich auch in Leidenschaftsstrmen, in den
groen Ozean, ber dem die ewigen Sterne Dir leuchten und die Nacht in ihrem
Glanz erbleicht und die Morgenrten freudig aufwachen. - Ja drum! - der Irrtum
der Kirchenvter, Gott sei die Weisheit, hat gar manchen Ansto gegeben; denn
Gott ist die Leidenschaft. - Gro, allumfassend im Busen, der alles Leben
spiegelt wie der Ozean, und alle Leidenschaft ergiet sich in ihn wie
Lebensstrme. Und sie alle umfassend ist Leidenschaft die hchste Ruhe.
    Jetzt will ich Dir was sagen: ich will nicht mehr haben, da Du voll Angst
seufzest um mein Nichtstun! Ich wei wohl - und wenn ich's beim Licht betracht,
so konnt ich meine Zeit besser zubringen, als sie zu dem verdammen, was mein
Herz nicht erfllt, so htt ich mir selbst mehr gewonnen, und meine Liebe zum
Besten, zum Hchsten htt die Ungerechtigkeit nicht zur Sttze gehabt, ich wei
wohl, da ich im Eifer allem, was mir nicht unmittelbar Lebensnahrung war,
unrecht getan hab. Ich hab mich immer im voraus gewaffnet, da ich nicht wut, ob
es Streit geben werde; ich hab hundertmal die Wahrheit selbst ber die Klinge
springen lassen, wenn ich sagte, dieses oder jenes rege meinen Geist nicht an,
denn alles regt ihn an, ja alles, und ich fhle Deinen Beruf, mich zu leiten,
mich zu lehren mit einer innern Stimme zusammentnend, die mich eben mahnt wie
Du; aber der Drang, mich meiner Leidenschaft zu berlassen, ist so mchtig in
mir, da ich glaub, eine so starke Stimme berwinden zu wollen ist Unsinn! Nicht
mglich, - nein, nicht mglich ist mir's, auf irgend etwas auch nur mehr
achtzugeben als nur im Vorberschiffen, so, wie man die Ufer kommen und
schwinden sieht; - mein Blick fngt sie auf und fasset sie scharf, da ich sie
fest mir einprge, aber im innern Gefhl nur vorberstreifend. Das Weiterziehen
liegt mir im Herzen, das Abschiednehmen, wo ich kaum anlange, liegt schon im
Willkomm; und das geringste, was meine Fahrt belangt, sei's nur ein Schiffsseil
teeren, tu ich mit mehr Genu, als an jenen Ufern der Kunst und des Wissens mich
aufhalten; sollte ihr Sand auch lauter Gold sein, ihre Felsen Diamant und ihr
Tau Perlen. - - Und wo will ich hin? - auf die Insel, wo's pfel und Birn gibt,
htt ich bald gesagt. - Aber ja freilich - dorthin, wo's Moos duftet, wo's
Blten regnet, wo die Himmelslfte sprechen, wo der Sommerwind die ste
schttelt, wo die Wlder die Nacht in ihren Schatten hten, da sie sich
gefangen gibt, solange der Tag weilt, wo auf blhender Wiese die Adler
niederfahren und holen die Jnglinge hinan zum Allvater, da er ihnen kose einen
Augenblick und wieder sie entlasse zum Spiel am Bach. - Wo die Bienenscharen von
Dichterlippen und in seinen blumensprossenden Tritten Honig sammeln, und wo
Geister lichte Berggipfel umtanzen, wo die Seele sich aufschliet leis wie eine
Knospe und des Geistes Strahlen in ihrem Kelch eingebettet, wie die goldnen
Staubfden in der Rose, ihr Leben entwicklen und auch beenden. Dort will ich
hin, das liegt mir im Sinn, nichts wie Bltenmeer, Duft einatmen, Birn speisen
und reife Trauben und se Pfirsich geteilt mit mir von Doppellippen, ich die
Hlfte, und die er, der heute noch am Scheideweg meiner harrte, als die Sonne
hinunter war. Was ist's? - Es wird mich schon erziehen, Trnen wird's geben, das
wei ich, aber auch Lust, so ist's immer, wo Schnheit reifen soll, und das ist
alles, was ich verlang vom Schicksal, es soll mich scheiden vom Schlechten, es
soll keine Snde in mir dulden, - in meinen unaufhrlichen Trumen nur mcht ich
eine Vollendung empfinden - der Liebe, der Schnheit - das ist mein Ziel, und
mein Geist strebt eine Natur da herauszufinden, in dem ich dem Schnen
fortwhrend begegne. Das ist's und nichts anders. Und alles, was ich erfahre von
der Kunst, von Poesie und Wissen, das schlgt an wie Echo in den unbekannten
Tiefen meiner Brust, da erschreck ich, da es doch wohl wahr sein mge, was
manchmal nur wie Traum in mir wogt, da toben alle Pulse vor Hoffnung, es sei ein
Doppelleben, was wirklich auch Doppelliebe kann haben, und da, wenn ich hei
mich sehne, verstanden zu sein, da ich dann verstanden sei, wo? - wie - ach,
was wei ich's! - Vom Nebel, der dort flattert, vom Wind in der Ferne, vom
letzten Lichtstreif, wenn die Nachtkuppel schon sich senkt ber mir - kurz, ich
wei nicht, alles, was ich anseh, das mte Geist haben, liebenden Geist -
wahrlich, sonst tut mir's unrecht. Welche Wege bernehme ich doch? - Welche
Gefahren besteh ich im Geist? - - Da schwimm ich im Dunkel in uferlosen Fluten,
eine Woge strzt mich auf die andre, aber ich vertrau, und eine Stimme in mir,
da ich dem Genius zulieb so khn bin! - O das lebendige Feuer, und trotz den
Strmen halt ich die Palme hoch und eile dem leisen Schein des Morgenrots
entgegen, weil das er selber ist. -
    Gott sei die Poesie, hab ich in meinem letzten Brief gesagt, und die
Weisheit, sagen die Kirchenvter, ich hab's geleugnet und gesagt, Gott sei die
Leidenschaft, die Weisheit, die kommt ihm zugut, das Leidenschaftsall zu
bestehen, aber sie ist nicht er selber; meine Grnde: was sollte Gott mit aller
Weisheit, wenn er sie nicht anbringen kann! Wenn aus allem, was geschaffen ist,
sich Neues erzeugt, wenn keine Gewalt, keine Kraft berflssig ist, sondern grad
um ihrer hchsten Entwickelung willen sich ewig selbst anregend steigern mu, so
kann die Weisheit Gottes nicht selbst die Hnd in den Scho legen wollen. -
Himmel und Erde regieren, wo Sonn und Mond und alle Stern schon fr die Ewigkeit
angepappt sind, das kann der Weisheit kein Reiz sein; sich in
Menschenangelegenheit mischen, ihre Gebete erhren, die alle verkehrt sind, das
mu bei himmlischer Hofhaltung doch wohl von selber gehen. Sollte Gott sich des
Dings selber annehmen - es wre unweise - denn der Hauch Gottes berwiegt alles
geistige Wehen der Menschheit, so wrde diese denn nimmer der eignen Weisheit
Keim lsen knnen in sich. Unser Geist ist feuermchtig, er soll sich selbst
anfachen; wir haben die Leidenschaft, sie soll im Geistesfeuer gen Himmel
steigen zum ewigen Erzeuger, in seiner Leidenschaften Glut mit allem bergehen;
nicht umsonst steigt in der Leidenschaft der mchtige Geist der Unsterblichkeit
auf, jeder Hauch, jeder Blick soll ewig whren, das sagt eine innere Stimme.
Alles, was mich entzckt in der Natur, dem schwr ich ewige Treue, der Lfte
Liebkosungen, wie knnt ich ihnen den heien Atem weigern, der hei nur ist, um
in der Lfte Liebe sich zu khlen. Die klaren schwankenden Wsser, wie sollt ich
ihnen nicht vertrauen, die mich tragen, ruhig gebettet, auf ewig regem Leben,
wie die Liebe das Geliebte trgt, und die sanfte weiche Erde, wie sollten die
Sinne ihr sich abwenden, die keine Regung ungeboren lsset, jeden Keim in die
Lfte trgt und Flgel gibt, heimlich in die Wiege alles Geschaffnen, die der
Geist mchtig zum Himmel einst entfalte, wenn er gereift ist durch ihre Spende -
sie, die himmlische Erde - auf der frohlockend sich alles Leben tummelt und
alles trgt im Busen und ber ihm - die sie auf sich herumtrapplen lt, all die
Lebendigen - und gibt ihnen die Milch ihrer Kruter und Frchte, die in so
groer Flle aus dem Busen ihr springen - ja, wie sollt ich nicht mit heier
Liebe sie lieben, die Doppelliebige? - Und dann - das Licht, das niedersteigt
ins Dunkel einsam drin zu spielen; - und der Einsamkeit Odem einblset und der
Erde Krfte nhrt und trnkt, die dann den Geist umspielen, da er im
verschlossenen Dunkel seiner selbst des Lichtes Leidenschaft fr ihn sich
erinnere und auch ihm zuwachse sich mit ihm zu kssen. Wenn Ihr alle dichtet von
jenen Wahrheiten, so mchtig, so selbstlebend, da sie dem Dichter den Busen
bewegen, da er ihr Element werde, und sie ewig ausspreche, o, so lasset sie fr
mich geboren sein, da ich ihnen traue, da ich mich ihnen hingebe und sie
geniee, fr was drngten sie sich ewig in Euren Geist, fr was rhrten sie Eure
Lippen, die Ihr sie aussprecht, wenn sie nicht wahrhaft lebendig Leben wren,
das durch Euch wiedergeboren soll werden in die Sinne der Menschen. Nun, meine
Sinne sind fruchtbarer Acker, sie haben Euren Samen aufgenommen, o denket, da
nichts von Euch geahnet war, nichts, was Ihr nur in den Wolken gelesen, was mir
nicht lebendig geworden. Das ist's! - Und was wollt ich doch sagen? - Ach, wie
weit hab ich mich verlaufen, und wollte doch nur sagen von dem Gott, und da er
nicht die Weisheit knne sein, sondern die Leidenschaft, die der Weisheit
bedrfe, um khn und tapfer zustande zu bringen, was in ihr grt. - Wie sag ich
Dir's doch, wenn Du's nicht von selbst verstehst, wenn Du nicht verstehst, da
alles Wesen durch Leidenschaft ausgesprochen sein wolle, ja, selbst die Ruhe
nichts anders sei, als nur Leidenschaft, da der Mensch nur mit einem
Gtterbusen geschaffen sei, in dem die Leidenschaften ihren Herd haben, dem
Gttlichen ewig lebendige Glut zu opfern. - Wenn Du nicht dazu ja sagst, wie
kann ich's Dir abdringen. - Drum komm und lasse uns Weisheit sammeln, um unserer
Leidenschaften Glut damit zu schren. -
    Da Gott die Weisheit sei, das haben wir protestiert, aber da Weisheit und
Tapferkeit ineinander verliebt seien - aber nicht die der Kirchenvter - das ist
unsere Lehre; sie sind der Herd, auf dem die Leidenschaften flammen, ohne sie
kann Leidenschaft nicht atmen. - Und wenn es keine brennenden Leidenschaften
zwischen der Kraft und dem Geist gbe, wo sollt ihr Feuer herkommen? Denn um
nichts ist wieder nichts - sie wrden sich schlafen legen und absterben, die
Krfte und der Geist - aber der heie Trieb ineinander zu schwelgen, einander zu
besitzen, die schren das Lebensfeuer in ihnen, da ist fortwhrend innerlich
Bewegen zueinander. Gefhl in jeder Regung, sie sei empfunden von der andern -
das ist das innere lebendige Leben, und alles andre ist nicht lebendig in uns.
Fr was wrde man sich vor sich selber schmen, wr nicht diese innerliche
Liebesdespotin, die das Gefhl zur Rechenschaft forderte, da man einem inneren
Mchtigen die Treue gebrochen oder einer Schwche sich hingegeben vor dem
Geliebten. Was ist das Gewissen anders als der Minnehof des Geistes mit den
Sinnen - wo sie sich einander hingeben, und Opfer, Heldentaten fr einander tun,
und innerlichen Minnesold empfangen. Und dann jene Stimme, die jegliche Stimmung
prft; je tiefer und weiter sich dies Leben ausbildet, je fester grndet sie die
Ansprche und Berechtigungen, je leichter verletzbar. Ach ich sag Dir, es liegt
ein Adel, ein steigernder Trieb in der Seele, der auf die Auenseite des Lebens
zurckstrahlt, alles aus leidenschaftlicher Berhrung der Sinne mit dem Geist;
wenn Du schreitest, wenn Du Dich wendest, wenn Du die Stimme erhebst - was auch
des geringsten nur, Dich einen Augenblick aus der Gegenwart (Einwirkung) jener
Lebensregungen entfernt, fhlst Du nicht Vorwrfe? - ein Stocken, eine Ohnmacht
in Dir? -
    Schlgt nicht Dein Herz in Pein, als msse es rckkehren? - dahin, wo die
Sinne sich geliebt whnen vom Geist, sich zrtlich umarmen mit ihm. - Ach, ich
mu solchen Unsinn reden - mit Trnen, denn ich bin so tiefbewegt von etwas, wie
soll ich Dir das sagen? - Der edle Mensch ein Tummelplatz von Leidenschaften,
lauter Krfte, die aufstreben ins Leben durch die Liebe untereinander! - Die
regt jene auf, zrtlich oder feurig, alle mitsamt glhen freinander durch den
Geist, und da glht's, und da sprht's, und da scheint endlich der Alletagstag
so nchtern hinein und reit die Feuer auseinander, und lscht die Brnde und
macht den Alltagsmenschen aus einem; das ist Eure Not um mich, und diese
Schicksale schweben mir in der Brust indessen und fordern Antwort jeden
Augenblick. Auch da gibt's Streit, Vershnung, heimlich Glckspenden, und dies
alles ist wie der laue Abendwind, der von selbst herbergeklettert kommt, ich
hr ihn schleichen, sacht an mich heran, und mir am Herzen flattern, und dann
bin ich schmerzzerrissen; von was? - Ich kann's nicht sagen; - mein Herz - zu
schwach ist's. - Da es geliebt wr von einer hhern Macht, s begehrend! es
kann's nicht tragen. - Den Geist auer mir, in der Luftwelle oder im Mondglanz,
oder sonst - spricht der mit mir, das ertrag ich nicht - dann bitt ich, la mich
schlafen - Dir im Scho. Denn ich kann ihm nicht ins Antlitz schauen, und sag
ihm, ich wolle sterben, er soll mich zudecken - mit grnen Zweigen, er, der
neben mir steht, oder ber mir, und mich ansieht so still. Was ist Vernichtendes
in der Liebe? - Da ich sag, ich wolle sterben? - Denn ich hab nichts anders in
der Seel als diese Sprache; denn meine Hnde knnen nicht hinlangen. Wollt ich
in die Luft reichen? - Nein, ich darf nicht, er verschwindet, und mein Blick,
der sieht nur auf, wenn's Nacht ist, nicht bei hellem Tag. - Aber in der Nacht
im Finstern, da geh ich ihm entgegen, da treibt mich's oft eilig in die dunkeln
Laubgnge, und ganz am End, da seh ich, wie wenn ich berzeugt sein drfte, er
sei es. - Nicht freudig, nicht traurig - tiefe Stille in mir, manchmal schlgt's
Herz bang, dann seh ich den Schatten vor ihm herstreifen ber den Rasen. Dann
ruf ich mich auf: la mich doch denken knnen! - Und sammle meine Sinne, und
immer so vorwrts schreit ich, eilig, und immer nher, dann, am Baum leg ich
mich nieder auf die Wurzeln, die kss' ich, diese Wurzeln - es sind die Fe des
Dichtergeistes ber mir. - Aber ich mu schlafen gehen, zu mde bin ich, - schon
zweimal eingeschlafen whrend dem Schreiben.
    Heut seh ich, da ich Dir von nichts geschrieben hab, was Du mich frgst,
und bin aus Mangel an Logik ins Geschwrm geraten. Und doch wollt ich Dir nur
sagen, ich studier noch Geschichte fort, nur wollt ich Dir keine trocknen
Auszge mehr davon in meinen Briefen machen, dafr zeichne ich Landkarten und
hab andre Spekulationen, so studier ich die Woche zweimal mit Hoffmann Musik,
nicht mehr Generalba, er meint, ich werd den von selbst in mich kriegen, ich
soll lieber meine Melodien aufschreiben, auf die er einen Wert legt und mir gern
zuhrt, wenn ich abends sing, auch hat er mehrere Gnge mir abgehrt und sie
aufgeschrieben, und letzt hat er im Konzert phantasiert blo auf Thema, die er
von mir erlauschte, drum, es war mir auch so wunderlich, es stand mir die ganze
Musik so spttisch gegenber, ich wut gar nicht, was ich dazu sagen sollt, ich
hatte es nicht erraten, am Morgen frug er, wie mir's gefallen htt, ich sagt, es
sei mir gewesen, als msse ich ihm immer voranlaufen, und wisse schon alles,
wie's kommen werde; es sei gewesen, als haben seine Phantasien einen Verstand,
den ich begreife. - Ja, das war, weil es Ihre eignen Wege waren, die Sie
gegangen sind; und seitdem will er, da ich aufschreiben lerne, das ist mir
viel schwerer als alles andre, kein Gedanke hlt eine Minute fest, und gelingt
mir's an einem Ende, ihn zu fassen, dann reit er mitten entzwei, und ich kann
das andre nicht dazu finden, so wie es anfnglich aus meinem Geist
hervorgegangen war, dann find ich wohl ein ander End, aber weil es nicht das
erste war, was von selbst aus meinen Sinnen hervorgegangen, dann bin ich
unruhig, als sei es falsch, und den Takt zu finden, das ist mir ganz unmglich -
der Hoffmann will mir oft Taktteile zusammenrcken, das kann ich nicht wollen,
oft geb ich's zu, dann will's mein Gefhl wieder anders, der Hoffmann hat eine
unsgliche Geduld mit mir und meint, dies alles werd sich finden, sowie ich erst
gewohnt sei, aufzuschreiben, da werde ich der Sache schon Meister werden; wenn
er mir das sagt, das macht mich ganz traurig - ich mag nicht Meister werden, ich
will mich bemeistern lassen von diesen Musikfluten, von denen ich nicht wei, ob
sie Wert haben knnen fr ein ander Ohr, das schadet nicht, sie reden mit mir
und sagen mir volle Lebensakkorde, die ich erkenne als eins mich machend mit der
Natur, das ist's, was mich hindert. Es ist mir, als wolle ich in Weissagungen
pfuschen. - - Ja, es wird schwer gehen mit dem Lernen. Und doch! - ich hab den
Willen und tue das mgliche in dieser Einde von Talentlosigkeit; - und von dem
Geist, der Leben in mir ist, da mu ich Abschied nehmen, wenn ich lernen will,
da sag ich mir, es sei nur auf Zeiten, er werde wiederkehren der Geist, und dann
fhl ich mich reif zum Abschied und sterb, wenn ich lernen will.
    Jetzt will ich Dir auch noch auf Deine letzte Frage antworten von der
gemeinen Frau, das war kurz ehe ich von Frankfurt hier herauskam, da war ich
allein von dem Bockenheimer Tor aus dem Garten, wo die Tonie wohnt,
hereingegangen in die Stadt. Da begegnete mir eine Frau, der war das Band
aufgegangen am Schuh, und sie konnte sich nicht bcken, denn sie ging mit einem
Kinde und seufzte sehr unter ihrer Last, ich lie sie ihren Fu auf mein Knie
stellen, um das Schuhband ihr zuzubinden, dann aber fhrte ich sie nach ihrer
Wohnung, weil sie so sehr jammerte ber Schmerzen, es war schon dmmerig, als
wir in die Stadt kamen, da begegnete mir eben auch die Frau Euler, welche unser
beider bser Dmon zu sein scheint, ich machte ihr eine tiefe Verbeugung zu
meinem Plsier, und schleppte die Frau weiter, die fing aber an, mir bang zu
machen, denn sie seufzte so schwer und ward so bla und der Schwei trat ihr auf
die Stirn, da kam der gute Doktor Neville, dem bergab ich die Frau, und als ich
auf den Romarkt kam, da begegnete mir der Moritz, der sagte: Ach, wie bla
sehen Sie aus, es fehlt Ihnen was. Ich habe so groen Hunger, sagte ich - und
es war auch wahr, die Angst mit der Frau hatte mir Hunger gemacht, der Moritz
griff in die Tasche, die hatte er voll getrockneter Oliven, die esse ich gern,
er leerte seine Tasche in meinen Handschuh aus, den ich ausgezogen hatte, um sie
hineinzufllen, da fhrt der Kuckuck die Lotte vorbei; der Moritz ging, die
Lotte kam an mich heran und fragte: Wie kannst du nur auf offner Strae mit dem
Moritz Hand in Hand stehen? Das rgerte mich, ich ging ins Stift zu Dir herein,
wo ich meine Oliven speiste und die Kerne alle in eine Reihe legte aufs
Fensterbrett, Du standst neben mir und warst ganz still versunken in die
Dmmerung, und endlich sagtest Du: Warum bist Du heute so schweigsam? Ich
sagte: Ich esse meine Oliven, das beschftigt mich, aber Du bist doch auch
stille, warum bist Du still? - Es gibt ein Verstummen der Seele, sagtest Du,
wo alles tot ist in der Brust. - Ist es so in Dir? fragte ich - Du schwiegst
eine Weile, dann sagtest Du: Es ist grade so in mir wie da drauen im Garten,
die Dmmerung liegt auf meiner Seele wie auf jenen Bschen, sie ist farblos,
aber sie erkennt sich, - aber sie ist farblos, sagtest Du noch einmal, und dies
letzte Mal so klanglos auch, da ich Dich im Nachtschimmer ansah, verwundert und
verschchtert, denn ich traute mich nicht mehr zu reden, ich sann auf Worte, wie
ich mit Dir anheben sollt; ich suchte in weiten Kreisen umher, nichts schien mir
geeignet, diese Stille zu unterbrechen, die immer tiefer und tiefer sich
wurzelte und mir wie einen Schlummer durch den Kopf strmte, dem ich nicht mehr
widerstand - ich legte mich trumend auf die Fensterbank mit dem Kopf, und so,
wer wei, wieviel Zeit verging, da kam Licht ins Zimmer, und als ich aufsah, da
standst Du ber mir gebeugt und sahst auf mich, und als ich Dich fragend ansah,
da gabst Du zur Antwort: - Ja, ich fhle oft wie eine Lcke hier in der Brust,
die kann ich nicht berhren, sie schmerzt; ich sagte: Kann ich sie nicht
ausfllen, diese Lcke? - Auch das wrde schmerzen, sagtest Du; da reicht ich
Dir die Hand und ging, und lang verfolgte mich Dein Blick, der so still war und
so innerlich und doch nur wie ber mir hinstreifte. O ich hatte Dich im
Heimgehen so lieb, ich schlang meine Arme um Dich so fest in Gedanken, ich
dacht, ich wollte Dich tragen auf meinen Armen ans End der Welt und dort Dich an
einen schnen moosreichen Platz niedersetzen, da wollt ich Dir dienen und nichts
Dich berhren lassen, was Dir wehtun knne; ja, so war's in meinem kindischen
Herzen, mit Gewalt wollt ich Dich frhlich machen und dachte einen Augenblick,
es solle mir gelingen, aber ich wei wohl, da mir so was nicht gelingen kann,
und da es nur Verwechslen ist von meinen Sinnen, die wie Kinder Fernes und
Nahes nicht unterscheiden knnen, die auch meinen, sie knnen den Mond
herablangen mit der Hand und knnen den Spielkamerad damit trsten, wenn er
stumm und traurig ist. - Als ich nach Hause kam, da waren alle beim Tee
versammelt, und ich war stumm, weil ich an Dich dachte, und setzte mich auf
einen Schemel am Ofen, und da ging ich tief in mein Herz hinein, wie ich doch
ein inneres Leben aus meinem Geist wecken wolle, das Dich ein bichen berhre,
da Du mir bisher alles allein gegeben hast, und ich hab nie die Stimme in meiner
Brust knnen vor Dir laut werden lassen; da dacht ich, wenn ich fern von Dir
wr, da wrd ich in Briefen wohl eher zu mir selber kommen, weil das
vielfltige, ja das tausendfltige Getmmel in mir mich verstummen macht, da
ich nicht zu Wort komme vor mir selber. - Und ich erinnerte mich, da, wie wir
einmal von den Monologen des Schleiermacher sprachen, die mir nicht gefielen, so
warst Du andrer Meinung und sagtest zu mir: Und wenn er auch nur das einzige
Wort gesagt htte: der Mensch solle alles Innerliche ans Tageslicht frdern, was
ihm im Geist innewohne, damit er sich selber kennenlerne, so wr Schleiermacher
ewig gttlich und der erste grte Geist. - Da dacht ich, wenn ich von Dir fern
wr, da wrd ich in Briefen wohl Dir die ganze Tiefe meiner Natur offenbaren
knnen - Dir und mir; und ganz in ihrer ungestrten Wahrheit, wie ich sie
vielleicht noch nicht kenne, und wenn ich will, da Du mich liebst, wie soll ich
das anders anfangen als mit meinem innersten Selbst, - sonst hab ich gar nichts
anders, - und von Stund an ging ich mir nach wie einem Geist, den ich Dir ins
Netz locken wollt. Am Abend hatte mir der Franz noch ein paar freundliche, aber
doch mahnende Worte darber gesagt, da ich mit dem Moritz auf der Strae
gestanden hatte und geplaudert; - die Lotte hatte es der Schwgerin gesagt; -
ich antwortete ihm nicht darauf, denn verteidigen schien mir nicht passend, wie
denn das meiner Seele ohnedem nicht einverleibt ist, da ich solche Irrtmer
aufklren mchte, und am Ende schien mir der Moritz doch wert, da man
freundlich mit ihm Hand in Hand stehe, obschon er mir bei jener Vermahnung sehr
schwarz gemacht wurde, er begegnete mir am andern Morgen auf dem Vorplatz, und
ich sah mich um, ob niemand mich ersphen knne, und zog ihn in die Ecke, wo die
Wendeltreppe hinauffhrt zu meinem Zimmer, da kte ich ihn auf seinen Mund,
zwei-dreimal, und da er meine Trnen auf seinem Gesicht fhlte, denn er wischte
sie mit der Hand ab, und sagte, Was ist das? - was fehlt dir, Kind, was ist
dir? Ich ri mich los und sprang hinauf auf die Altan hinter die Bohnen - und
war sehr schnell oben, da er's nicht sah, er glaubte mich in meinem Zimmer und
kam herauf und klopfte an, und weil er keine Antwort bekam, so machte er leise
auf und weilte einen Augenblick im Zimmer, als er herauskam, sah er nach der
Altan, mir war recht bang, er wrde mein wei Kleid erblicken, denn das
schimmerte durch das dnne Bohnenlaub. Ich wei nicht, ob er mich sah und mein
Verbergen achtete, aber ich glaub's, und das gefiel mir so wohl von ihm; als ich
ins Zimmer kam, fand ich auf meinem Tisch im Kabinett am Bett ein Flschchen in
zierlichem Brasilienholz mit Rosenl; - am Abend auf dem Ball bei seiner Mutter
sprach er nichts zu mir - wie sonst - aber er kam in meine Nhe, und weil das
Flschchen so s duftete hinter dem Strau von Aschenkraut und Rosen, da
lchelte er mich an, und ich lchelte mit, aber ich fhlte, da gleich mir die
Trnen kommen wollten, ich mute mich abwenden, er merkte es und ging zurck und
stellte sich unter die andern, er mute auch tanzen mit den Prinzessinnen und
hatte viel Geschfte und mute eine Weile mit dem Knig von Preuen sprechen,
aber ich sah doch, da er mich im Aug behielt den ganzen Abend, und selbst
whrend er mit dem Knig sprach, sah er herber, sehr ernsthaft immer, ich war
heimlich vergngt, aber doch htt ich jeden Augenblick weinen mgen, als wir
weggingen, flsterte er mir ins Ohr: Du gleichst der Sophie. Was war das
alles, was mir durch die Seele ging? - ich wei es nicht. Am andern Tag, wo ich
nicht wie gewhnlich zu Dir kam, da hatte Moritz am Morgen seinen Grtner
geschickt mit einem Wagen voll schner seltner Blumen, die stellte er ohne mein
Wissen hinter der Bohnenwand auf - und als ich sie sah, war ich erst gar
erschrocken und verstand nicht, wie die Blumen daher gekommen waren, aber bald
verstand ich, er mte mich doch wohl gesehen haben hinter der Bohnenwand am
vorigen Tag. - - Ach, ich war whrend dieser Stunden so wunderlich bewegt
gewesen: von Dir, von Krnkungen, von Mitleid, da er verleumdet war; von seinem
feinen Wesen zu mir, und dann, da er mir gesagt hatte so leise: Du gleichst
der Sophie, die ihm doch gestorben war, - da ich nicht mehr wute, was ich
wollte. Am Nachmittag kam Christian Schlosser, vom Neville geschickt, der der
Frau beigestanden hatte bei der Geburt von einem kleinen Mdchen, denn das war
gleich in der Stunde auf die Welt gekommen, der lie mich fragen, ob ich nicht
wolle zur armen Frau kommen, die sei sehr krank und auch das Kindchen, und ich
solle es aus der Tauf heben, der Christian Schlosser wolle mit Taufzeuge sein,
ich ging mit, da war der Pfarrer, der taufte das Kind, und die Frau war sehr
krank, wie der Pfarrer weg war, so nahm die Wartfrau das Kindchen auf den Arm
und sagte: Es wird gleich sterben, da war mir so bang, ich hatte niemals
jemand sterben sehen, und die kranke Frau im Bett weinte so sehr ums Kind, die
Hebamme sagte, eben stirbt's; und schttelte es, da war's pltzlich tot. - Ach,
wie ich nach Hause kam, war ich so traurig - der Franz sagte: Du siehst seit
einiger Zeit so bla aus, deine Gesundheit scheint mir gar nicht fest, und als
am Abend wieder das Gesprch auf den Moritz kam, wobei er gar nicht geschont
wurde, da schrieb ich an die Gromama, sie solle mich vom Franz zu sich begehren
nach Offenbach. Das war allen recht und mir auch, so war ich ihrer Meinung nach
dem Moritz aus dem Weg geschafft, und ich meiner Meinung nach brauchte doch
nichts Bses von ihm zu hren, denn ich will nichts Bses von ihm hren, nein,
nimmermehr will ich was Bses von ihm hren. Aber hier in Offenbach war ich
gleich wieder ruhig, und da ward mir mein Gelbde gleich wieder klar, das ich an
jenem Abend vor Deiner Tr noch aussprach, als Du so kalt warst und so traurig,
- da ich eine Gabe Dir wollt geben von meiner Seele, da ich mein Innerstes
wollt Dir zu Lieb zu Tage frdern, weil Du das so hochschtzest wie jener
Schleiermacher. Und da hab ich in meinem Innersten Wege geschritten und bin
dahin geraten, wo Du jetzt stockst und willst nicht weiter und frchtest Dich,
mich anzuhren; denn ich hab's wohl gemerkt an Deinem Brief, Du frchtest Dich
vor meinen Abwegen. O frcht Dich nicht, ich gab Dir treulich wie's Echo, was
widerhallte aus mir. Ach! -
    Ich bin jetzt glcklich, sei Du's auch! - Schne Trume hab ich, und das ist
ein Zeichen, da die Gtter mit mir zufrieden sind. - Im Herzen ist mir's, wenn
ich erwache am Morgen, als ob ich von Dichterlippen gekt sei, ja merk Dir's,
von Dichterlippen. Nein, ich frchte mich nicht mehr vor der Zukunft! - Ich
wei, durch was ich sie mir zum Freund mache, ja ich wei es. Ich will auch wie
die Gromama einen Ewigkeitspreis mit meinem Leben schlieen, nicht wie Du
gesagt hast, jung sterben. Viel wissen, viel lernen, sagtest Du, und dann jung
sterben, warum sagst Du das? - Mit jedem Schritt im Leben begegnet Dir einer,
der was zu fordern hat an Dich, wie willst Du sie alle befriedigen? - Ja sage,
willst Du einen ungespeist von Dir lassen, der von Deinen Brosamen fordert? -
Nein, das willst Du nicht! - Drum lebe mit mir, ich hab jeden Tag an Dich zu
fordern. Ach! - wo sollt ich hin, wenn Du nicht mehr wrst? - Ja dann, gewi vom
Glck wollt ich die Spur nimmer suchen. Hingehen wollt ich mich lassen, ohne zu
fragen nach mir, denn nur um Deinetwillen frag ich nach mir, und ich will alles
tun, was Du willst. - Nur um Deinetwillen leb ich - hrst Du's? - Mir ist so
bang - Du bist gro, ich wei es - nicht Du bist's - nein so laut will ich Dich
nicht anreden - nein, Du bist's nicht, Du bist ein sanftes Kind, und weil's den
Schmerz nicht tragen kann, so verleugnet es ihn ganz und gar - das wei ich, so
hast Du Dir gar manchen Verlust verschleiert. Aber in Deiner Nhe, in Deiner
Geistesatmosphre deucht mir die Welt gro; Du nicht - frchte Dich nicht, -
aber weil alles Leben so rein ist in Dir, jede Spur so einfach von Dir
aufgenommen, da mu der Geist wohl Platz gewinnen, sich auszudehnen und gro zu
werden. - Verzeih mir's heut, ein Spiegel ist vor meinen Augen, als htte einer
den Schleier vor ihm weggezogen, und so traurig ist mir's, lauter Gewlk seh ich
im Spiegel, und klagende Winde - als mt ich ewig weinen, weil ich an Dich denk
- ich war draus heut abend am Main, da rauschte das Schilf so wunderlich - und
weil ich in der Einsamkeit immer mit Dir allein bin, da fragte ich Dich in
meinem Geist. Was ist das? Redet das Schilf mit Dir? hab ich gefragt. Denn ich
will Dir's gestehen, denn ich mchte nicht so angeredet sein, so klagvoll, so
jammervoll, ich wollt's von mir wegschieben! - Ach Gnderode, so traurig bin
ich, war das nicht feige von mir, da ich die Klagen der Natur abwenden wollt
von mir, und schob's auf Dich - als htte sie mit Dir geredet wie sie so
wehmutsvoll aufschrie im Schilf. - Ich will ja doch gern alles mit Dir teilen,
es ist mir Genu, groer Genu, Deine Schmerzen auf mich zu nehmen, ich bin
stark, ich bin hart, ich spr's nicht so leicht, mir sind Trnen zu ertragen,
und dann spriet die Hoffnung so leicht in mir auf, als knnt wieder alles
werden und besser noch, als was die Seele verlangt. - Verla Dich auf mich! -
Wenn's Dich ergreift - als woll es Dich in den Abgrund stoen, ich werde Dich
begleiten berall hin - kein Weg ist mir zu dster - wenn Dein Aug das Licht
scheut, wenn es so traurig ist. - Ich bin gern im Dunkel, liebe Gnderode - ich
bin da nicht allein, ich bin voll von Neuem, was in der Seele Tag schaffet -
grade im Dunkel, da steigt mir der lichte hellglnzende Friede auf. - O
verzweifle an mir nicht, denn ich war in meinen Briefen auf einsamen Wegen
gegangen, ja, zu sehr als such ich nur mich selbst, das wollt ich doch nicht,
ich wollte Dich suchen, ich wollt vertraut mit Dir werden, nur um mit Dir die
Lebensquellen zu trinken, die da rieseln in unserm Weg. - Ich fhl's wohl an
Deinem Brief, Du willst Dich mir entziehen - das kann ich nicht zugeben, die
Feder kann ich nicht niederlegen - ich denk, Du mssest aus der Wand springen
ganz geharnischt wie die Minerva und mtest mir schwren, meiner Freundschaft
schwren, die nichts ist als nur in Dir - Du wollest fortan im blauen ther
schwimmen, groe Schritte tun, wie sie, behelmt im Sonnenlicht wie sie, und
nicht mehr im Schatten traurig weilen. Adieu, ich geh zu Bett, ich geh von Dir,
obschon ich knnt die ganze Nacht warten auf Dich, da Du Dich mir zeigst, schn
wie Du bist und im Frieden und Freiheit atmend, wie's Deinem Geist geziemt, der
das Beste, das Schnste vermag. Eine Ruhesttte Dir auf Erden, das sei Dir meine
Brust. - Gute Nacht! - Sei mir gut - ein weniges nur. -

                                                                          Montag

Jetzt hab ich schon drei Tage an diesem Brief geschrieben, und heute will ich
ihn abschicken, ach, ich mag ihn nicht berlesen, geschrieben ist er,
wahrheitsvoll ist er auch, wenn Du die augenblickliche Stimmung der Wahrheit
wrdigest, wie ich sie deren wrdige und nur sie allein, obschon die Philister
sagen, sie sei die Wahrheit nicht, nur was nach reiflichem berlegen und
wohlgeprft vom Menschengeist sie angenommen, das sei Wahrheit. Ach diese
Stimmungen, sie bauen das Feld, und was uns zukommt, als sei die Seele mit im
Abendrot zerschmolzen, oder als lse sie sich frei vom Gewlk und tue sich auf
im weiten ther - das bringt uns auch wie das fruchtbare Wetter Gedeihen. Ist
mir's doch, da ich meinen Brief schlieen will, als ob das schnste Leben uns
bevorstehe, wenn Du nur willst und willst so viel mich wrdigen, da Du ruhig
Deine Hand in der meinen liegen lssest, wenn ich sie fasse. - Ich war heut
morgen draus und hab mir den Aschenkranz zum Ball bestellt - wie Du's gesagt
hast - aber, gelt der Moritz hat Dir's gesagt, ich soll den Kranz aufsetzen? -
Ich kam hin zum Grtner, er stand zwischen der Tr vom Boskett und dem
Blumengarten gelehnt, gewi er hat auf mich gewartet, denn ich war schon zwei
Tage nicht da gewesen. Aber gestern abend, wie ich schlafen ging, da hatt ich
mir fest vorgenommen, ich wollt gewi keinen Menschen unglcklich machen, oder
besser, ich wollt gewi jedem geben an Glck, was ich kann. - Und mir soll's
nicht zu gering sein, und was ist ehrender, als wenn Du mit einem Blick oder
Wort wohltun kannst! - Nun hr nur mein lieb Gesprch mit dem Grtner an. - Weil
ich kam, so sagt ich: Ich htt wohl eine Bitte an den Anton. (Denn ich rede ihn
nicht anders an, denn ich mag ihn nicht Er nennen.) Ich geh auf den Ball heut
und da mcht ich einen Kranz, und weil ich gar nicht vergngt bin, da ich zum
Tanz soll gehen, so wollt ich einen traurigen Kranz gern haben von Aschenkraut,
und keine Blumen wollt ich gar nicht. Ist wohl so viel Aschenkraut da, da wir
einen Kranz knnen machen, ohne die Bsche zu verderben? - Da ging er voran und
brach mir eins nach dem andern, und ich band's am Draht fest. Er hatte mir doch
noch kein Wort gesagt und legte mir die Sprossen nacheinander auf den Scho, ich
sa auf der Blumenbank am Treibhaus, er rckte die Blumen ber mir und um mich
her zusammen, whrend ich meinen Kranz flocht, und holte noch mehrere aus dem
Treibhaus, da ich wohl merkt, ich war ganz eingerahmt, und da war eine groe
purpurrote Passionsblume, die hing herab an meiner Seite, er schnitt sie ab und
legte sie schweigend an das Geflecht, ich band sie auch schweigend mit ein, ich
probierte ihn auf, er war weit genug, er nahm ihn mir aus der Hand, streifte
sich den rmel auf, ma am Arm die Lnge vom Kranz und band ihn selber fest,
schnitt die berflssigen Stiele und Bltter ab, und gab ihn mir. Das alles war
schweigend geschehen. Es ist heut so schnes Wetter, sagte ich - find ich
Euch morgen im Garten - wenn ich frh komme? - Oh, das werden Sie wohl
verschlafen, weil Sie die Nacht durch tanzen. O nein, um halber zwlf fahr ich
schon wieder zurck, und Ihr knnt mich heimfahren hren, an Eurer Wohnung
vorbei - ich fahr im Kabriolett, nur mit einem Pferd hier vorbei, da knnt Ihr
hren, ob ich Euch nicht Wort halt, da! Ich geb Euch meine Hand drauf. - Er
ward rot, der Grtner, als ich ihm die Hand reichte und's Schnupftuch fallen
lie, das er mit der andern Hand auffing und mir reichte, ich sah es an, nahm's
ihm aber nicht ab. - Ich sagte: Der Kranz ist unbezahlbar, Ihr habt ihn aus der
Mitte von jedem Busch geschnitten - wie werd ich's Euch lohnen, ich werd ihn
Euch wiedergeben mssen! - Ja, sagt er pltzlich, - der Kranz gehrt mein.
Nun, sagt ich, verlat Euch drauf, ich bring ihn wieder.
    Gestern, um halb acht Uhr fuhr ich mit der Tonie auf den Ball, auf dem Weg
nach dem Forsthaus waren die Leute vom Moritz mit Fackeln zu Pferd und
begleiteten die Wagen, von weitem war's ergtzlich, all die Fackeln galoppierend
durch den hochstmmigen Weg im Wald. Das Wldchen war mit bunten Lampen
erleuchtet. Ach, wie schn war's! - Und dazu lchelten die unendlichen Sterne! -
Der Moritz empfing uns, - ich sagte: Ach, wie schn ist's hier! - Ja? -
gefllt dir's? - Du bist auch schn! - und so ging er wieder. - Ach ich war so
vergngt - ich mute lcheln mit mir, - es weckte mich aus dem Traum, als ich
tanzen mute, und der Traum war so schmeichelig selbstvergessen - mitten im
Getmmel ein Wonnegrab, da kamen die Grabesschauer mir nachgeflogen und weckten
Gedankenseelen in der Brust begraben, die gaukelten ber mir im Blauen, und der
Tag heut spiegelt die Nacht und die Nacht wieder den Tag, die ist so
helleglnzend, da die Sterne erblassen und der Tag so schattig khl, da die
Sonne nichts vermag. -
    Beim Nachtessen kam der Moritz, wir saen an kleinen Tischen, ich am
allerletzten mit der Pauline Chameau und Willig. Der Moritz setzte sich neben
mich, er fragte: Wer hat heut Ihre Toilette besorgt, so einfach, so originell!
- Die blaue Schrpe! - Was bedeuten die blauen Bnder? - und der graue Kranz! -
Wer hat den aschgrauen Kranz besorgt? - Ich sagte: Der Widerhall. - Gris de
cendre, joyeux et tendre, so mu denn der Widerhall freudiger Zrtlichkeit an
Ihr Ohr geschlagen haben? - Er ging. - So ein Liebesgesprch, mitten an offner
Tafel, von keinem verstanden, nur von mir, so leicht - so luftig - wie nimmst
Du's? - Ist's nicht Bltenstaub, vom lauen Westwind Dir ins Gesicht geweht? -
Ja, alles mssen wir der Natur vergleichen, was voll heiteren Entzckens uns
durchdringt, nichts anders kann's aussprechen noch wiedergeben im Bild. Will ich
mir von jenen Worten die Regung im Herzen lebhaft wieder in die Sinne rufen, so
mu ich doch an Bltenbume denken, die ihre Geschenke dem Morgenwind auf die
Flgel laden fr mich, und dann schauert's mich so frhlingsmig, wenn ich das
denke. - Als wir alle wegfuhren, die Schwgerinnen im Stadtwagen zuerst, und ich
ins hohe luftige Gig vom George, da lie der Moritz seinen Mantel holen, mir auf
die Fe zu werfen, weil's khl sei, er fragte, ob ich froh gewesen sei? - Ja!
sagte ich, alles war schn und stimmte ineinander, der Rasenteppich und die
bunten Lichter und die Sterne am Himmel, rauschende Bume und die Musik der
Geigen und Flten, und auch die der sen Reden. - Er drckte mich an sich und
sagte: Du warst die Knigin vom Fest, Dir hab ich die Lichter angezndet und
die Flten rufen lassen, es schmeichelt mir unendlich, da du Gefallen hattest
dran, und schenk mir was zum Lohn und zur Erinnerung der schnen Nacht. - Ich
hab nichts, was soll ich Ihnen geben? - Der Kranz steht Dir zu gut, den will
ich nicht, gib mir die blaue Schrpe, ich will sie heut nacht um den Hals
schlingen. Ich gab sie ihm, - er hob mich ins Gig, warf mir seinen Mantel ber,
vier Reiter jagten mit Fackeln voran durch den Wald. Wie war's mir doch? ein
Zauber - so schnell die Schatten der Bume - im Flammenschein verschwindend -
und wieder da gleich, im stillen Nachthimmel; ich freute mich - es dauerte so
eine Weile, da die Sterne mit den Fackeln um die Wette mich auffingen, und als
wir vor den Wald kamen, da war der Mond aufgegangen, da waren die Reiter ebenso
schnell wieder in den Wald zurck und jagten wie die Pfeile, ich sah ihnen nach,
mein Blick war ganz trunken vom Flammenwind, der da durchbrauste. Schreib dir's
ins Herz, sagt ich mir heimlich, das ist dein Leben, wie ein fliegender
Feuerdrache ist dein Geist, er leuchtet die heilige Natur an, ihre dunklen
Rume; mit heier, durstiger Zunge leckt er an ihr hinauf, aber er versehrt sie
nicht - der Drache ist nicht wild und giftig, nein! zahm und sanft auch; er
schwingt sich in zrtlicher Unruh im Kreis und strmt seine Feuer in sanften
Laven in die Bche am Weg, und sein glhender Atem erlischt in den Nachtnebeln.
Ja, der Drache ist zrtlich und liebend auch, nicht giftig und ttend, nur will
ihn keiner verstehn, und alle frchten sich vor ihm, aber nicht Du, meine
Gnderode, Du scheust den Drachen nicht, Du kosest ihm und legst seinen
Flammenrachen zrtlich in Deinen Scho. - Jetzt war ich aufgewacht aus meinen
Trumen, ich nahm dem Reitknecht an meiner Seite die Zgel und jagte durch die
breite Ebne, ganz im Mondlicht schwimmend. - Ach, wie lustig! - Allerlei
Glcksempfindung! - Mit Dir hab ich den Pindar gelesen, Du hast auf Deinen
Lippen die Begeistrung aufgefangen und mir auf die Seele getrufelt. Wenn der
Snger mit sausenden Schwingen dahinflog, an uns vorber! - Weit Du's noch? -
Dahin raste der heibrausende Hymnensturm Latonens Sohn zum Preis! - Weit
Du's, Gnderode, noch? - Das Licht war ausgebrannt, Du lagst auf dem Bett, die
Seele voll Klang, und wiederholtest die Verse in fester prgenden Rhythmen, wo
ich das Versma sinken lie, und bei der Nachtlampe las ich weiter:

Hrt mich, ihr Shne stolzer Helden und der Gtter! -
Denn ich verknde diesem meergepeitschten Land,
Einst werde Epaphus' Tochter eine Stdtewurzel pflanzen
Auf des Hammoniers Boden, den Sterblichen zur Wonne,
Die kurzbefiederten Delphine vertauschen alsdann
Mit schnellen Rossen werden sie, die Ruder mit Zgeln, -
Und fahren auf sturmfigen Wagen dahin.

Ich nahm diese letzten Zeilen zwischen die Lippen von Zeit zu Zeit und stie sie
im Gesang hinausrufend in die weit schlafende einsame Weite, und der Mond eilte
mit hinter leichtem Gewlk hervor. Hrst du auch wieder die alten Hymnen,
Latone, deinen Shnen gesungen? rief ich, - und so fllten sich allmhlich
meine Sinne und rauschten auf, als seien sie von einem Harfenrhrer erschttert
mit goldnem Plektron und jugendbrausendem Mut. - Glckliche Nacht, wo die
Gedanken wie Blten im Sdwind sich auftun frhlicher Hoffnung voll - und ein
Gefhl heitern Geschickes wie glnzende Strahlen aus den feurigen Blitzen sich
ergiet, die der Drache in die khlen Mondlfte spie!
    So kamen wir nach Offenbach, ich wendete links ab, statt in die Domstrae zu
fahren, der Reitknecht wollt mir in die Zgel greifen, weil ich den Weg
verfehle, ich wehrte ihm, und so fuhr ich rasch am Boskett vorber, wo die
Pappeln so anmutig sich neigten, so schchtern rauschten, als wollten sie mich
gren. Ich lenkte in den engen Weg nach des Grtners Haus, ich hatte gesagt, um
halb zwlf Uhr, es war drei Uhr in der Nacht, der Tag war im Aufwachen, der
Grtner stand vor seiner Tr und nahm die Mtze ab, als er mich kommen hrte.
Guten Morgen, sagte ich, heut werd ich nicht in den Garten kommen, ich will
ausschlafen, da ist Euer Kranz, und lenkte wieder um voll Vergngen, da ich's
durchgefhrt hatt mit dem Kranz, denn ich war unterwegs voll Zweifel, ob ich's
tun solle oder nicht. - Dem Moritz den Grtel, dem Grtner den Kranz, sagte
ich mir immer; aber eine innere Stimme sagte mir, warum soll der Grtner den
Kranz entbehren, er gehrt doch sein, und er war ihm frher versprochen, und
dann fhlt ich, wie weh es ihm tun werde, wenn ich mein Versprechen nicht halten
wrde, und wie das ohne Lge nicht abgehen knne, ich msse ihm sagen, der Kranz
sei verloren oder zerrissen, und das wr eine doppelte Unachtsamkeit und msse
ihn doppelt verletzen, nein, ich mut ihn ihm geben. Meine Seele war ordentlich
leicht, als er hingeworfen war und er ihn mit der Hand auffing, er errtete so
freundlich, grad mit der Morgenrte! - die aufstieg. - Dem Moritz den Grtel,
ihm den Kranz! Ja beiden gehrt's. - Denn beide sind freundlich gesandt vom
Dichtergenius, der in der lautlosen Stille, wenn's, von Menschen nicht gewut
oder nicht bedacht, mir durchs Labyrinth der Brust schweifet in der Nacht. -
    Zu Haus im Bett wie war mir's da? - Letzt sah ich dem Franz sein Kindchen an
der Amme trinken, da mute es so schnell schlucken, es konnt nicht eifrig genug
trinken, so strmte ihm die Milch zu. Grad so war mir's im Herzen, ich schluckte
se Milch, alle se Erinnerung strmte, so wie meine Gedanken nur einen
Augenblick wollten an ihr saugen, und wie's Kindchen sich von einer Brust zur
andern wendet, weil sie zu voll strmen, bis es vor Ermdung des Saugens
einschlft, so wendete ich mich von einer Seite zur andern und schlief auch
endlich vor Ermdung des Genieens ein. - So hab ich geschlafen bis Mittag, da
brachten sie mir einen Strau, der war mir aus dem Boskett geschickt worden. -
Hr nur, was das fr ein Strau war, und wie witzig der Grtner ist; und wie
gebunden, und was das bedeuten mag, - in der Mitte eine Moosrosenknospe, da
herum Vergimeinnicht und Heidekraut, die einen Kranz bilden, dann rund herum
hher herauf Wacholderzweige und Nesseln, die schirmt wieder allerlei Dornwerk
und Laub, was hher steigt, so zierlich gebunden wie ein Kelch, in dessen
tiefster Mitte die Moosrose glht. Das lese ich so: Die Moosrose ist mein
Geschenk, der Kranz; das Heidekraut, was die Rose schirmt, das ist der
bescheidne Grtner, eine Blume, wie sie unzhlig sich auf dem Feld ausbreitet,
die Vergimeinnicht, das ist das ewige Andenken; er wird's nimmer vergessen, da
ich ihm den Kranz geschenkt hab, der Wacholder ist der schlichte Weihrauch, den
er meiner Gabe als Opferrauch duftet, die Nesseln bedeuten, da es ihm im Herzen
brennt und schmerzt, das Dornwerk und das Laub, was rundum in Kelchform
aufsteigt, die Rose zu verbergen, die sagen, da es in seinem Herzen soll geheim
bleiben, und da er es im Herzenskelch vor aller Augen still bewahren wolle. -
Der St. Clair ist wieder zurck, hat mir die Tonie gesagt. War er bei Dir? - Was
hat er vom Hlderlin erzhlt? -

                                 An die Bettine


Der St. Clair war bei mir, er kam von Mainz, heut erst geht er nach Homburg,
bleibt acht Tage oder lnger dort, wenn er zurckkommt, das wird am Sonntag
sein, will er nach Offenbach kommen, er glaubt, Du werdest dann am Morgen wohl
ein paarmal mit ihm im Garten auf und ab gehen, da will er Dir vom Hlderlin
alles erzhlen.
    Am Mittwoch reise ich auf drei Wochen zur Nees auf ihr Gut bei Wrzburg; von
dort will ich Dir deutlicher schreiben, hier im Augenblick von kleinen
Reiseangelegenheiten gestrt, kann ich nicht, wie ich wohl mchte, antworten auf
Deine Liebe, der ich eben auch vertrau wie dem untadeligen Grund Deiner Seele.
Schon fhl ich mich bewogen, Deine Empfindungen, Dein Tun ohne Einwurf gelten zu
lassen, tue, wie Dir's der Geist eingibt, weil es das beste und einzige ist, wo
keines Menschen Rat auslangt; und auch weil Du so nur den unberufnen
Vorkehrungen und Ratgebern kannst ausweichen; das ist, was hier zu befahren ist;
- nicht Dein khner Sinn; Dein sicher abwgendes Gefhl haben wir nicht zu
befahren, aber das Messen mit dem Mastab, der nirgendwie mit Dir
zusammenstimmt. Ich selber wei oft nicht, mit welchem Winde ich steuern soll,
und berlasse mich allen. Hab Geduld mit mir, da Du mich kennst, und denke, da
es nicht eine einzelne Stimme ist, der ich zu widersprechen habe, aber eine
allgemeine, die wie die lernische Schlange immer neue Kpfe erzeugt. Was Du
sagst und treibst und schreibst, geht mir aus der Seele oder in die Seele; ich
fhle zu nichts Neigung, was die Welt behauptet; und mustere ich gelassen ihre
Forderungen, ihre Gesetze und Zwecke, so kommen sie allesamt mir so verkehrt vor
wie Dir, - aber Deine absurdesten Demonstrationen, wie sie Deine Gegner nennen,
habe ich noch nie in Zweifel gezogen, ich hab Dich verstanden wie meinen eignen
Glauben, ich hab Dich geahnt und begriffen zugleich, und doch mu ich in die
Snde verfallen, Dich zu verleugnen; es ist mir nicht gleichgltig, da ich
diese Schwche habe, kannst Du sie mir ausrotten helfen, so bin ich willig zur
Bue. Das sei Dir genug zum Fhlen wie die Vorwrfe, die Du Dir um mich machst,
mich nur drcken knnen. Das Produkt jener Stunde, wo Deine Liebe dieser
gewaltsamen Stimmung in mir so streng entgegentrat, leg ich Dir hier bei. -
Dichten in jedem Herzensdrang hat mich immer neu erfrischt, ich war nicht lnger
gedrckt, wenn ich mein Verstummen konnt erklingen lassen.




                            Des Wandrers Niederfahrt


                                    Wandrer
Dies ist, hat mich der Meister nicht betrogen,
Des Westes Meer, in dem der Nachtwind braust.
Dies ist der Untergang, von Gold umzogen,
Und dies die Grotte, wo mein Fhrer haust. -
Bist du es nicht, den Tag und Nacht geboren,
Des Scheitel freundlich Abendrte kt!
In dem sein Leben Helios verloren
Und dessen Grtel schon die Nacht umfliet?

Herold der Nacht! Bist du's, der zu ihr fhret,
Der Sohn, den sie dem Sonnengott gebieret?

                                     Fhrer
Ja, du bist an dessen Grotte,
Der dem starken Sonnengotte
In die Zgel fiel.
Der die Rosse westwrts lenket,
Da sich hin der Wagen senket,
An des Tages Ziel.

Und es sendet mir noch Blicke
Liebevoll der Gott zurcke,
Scheidend kt er mich;
Und ich seh es, weine Trnen,
Und ein ses stilles Sehnen
Frbet bleicher mich;

Bleicher, bis mich hat umschlungen,
Sie, aus der ich halb entsprungen,
Die verhllte Nacht.
In ihre Tiefen fhrt mich ein Verlangen,
Mein Auge schauet noch der Sonne Pracht,
Doch tief im Tale hat sie mich umfangen,
Den Dmmerschein verschlingt schon Mitternacht.

                                    Wandrer
O fhre mich! Du kennest wohl die Pfade
Ins alte Reich der dunklen Mitternacht;
Hinab will ich ans finstere Gestade,
Wo nie der Morgen, nie der Mittag lacht.
Entsagen will ich jenem Tagesschimmer,
Der ungern nur der Erde sich vermhlt,
Geblendet hat mich trgrisch nur der Flimmer,
Der Ird'sches nie zur Heimat sich erwhlt.
Vergebens wollt den Flchtigen ich fassen,
Er kann doch nie vom steten Wandel lassen,
Drum fhre mich zum Kreis der stillen Mchte,
In deren tiefem Scho das Chaos schlief,
Eh, aus dem Dunkel ew'ger Mitternchte,
Der Lichtgeist es herauf zum Leben rief.
Dort, wo der Erde Scho noch unbezwungen
In dunkle Schleier zchtig sich verhllt,
Wo er, vom frechen Lichte nicht durchdrungen,
Noch nicht erzeugt dies schwankende Gebild,
Der Dinge Ordnung, dies Geschlecht der Erde,
Dem Schmerz und Irrsal ewig bleibt Gefhrte.

                                     Fhrer
Willst du die Gtter befragen,
Die des Erdballs Sttzen tragen,
Lieben der Erde Geschlecht.
Die in seliger Eintracht wohnen,
Ungeblendet von irdischen Sonnen,
Ewig streng und gerecht;
So komm, eh mein Leben ganz verhauchet,
Eh mich die Nacht in ihre Schatten tauchet.

Horch! Es heulen laut die Winde,
Und es engt sich das Gewinde
Meines Wegs durch Klfte hin.
Die verschloss'nen Strme brausen
Und ich seh mit kaltem Grausen,
Da ich ohne Fhrer bin.
Ich sah ihn blsser, immer blsser werden,
Und es begrub die Nacht mir den Gefhrten.

In Wasserfluten hr ich Feuer zischen,
Seh, wie sich brausend Elemente mischen,
Wie, was die Ordnung trennet, sich vereint.
Ich seh, wie Ost und West sich hier umfangen,
Der laue Sd spielt um Boreas' Wangen,
Das Feindliche umarmet seinen Feind
Und reit ihn fort in seinen starken Armen:
Das Kalte mu in Feuersglut erwarmen.

Tiefer fhren noch die Pfade
Mich hinab, zu dem Gestade,
Wo die Ruhe wohnt,
Wo des Lebens Farben bleichen,
Wo die Elemente schweigen
Und der Friede thront.

                                   Erdgeister
Wer hie herab dich in die Tiefe steigen
Und unterbrechen unser ewig Schweigen?

                                    Wandrer
Der rege Trieb: die Wahrheit zu ergrnden!

                                   Erdgeister
So wolltest in der Nacht das Licht du finden?

                                    Wandrer
Nicht jenes Licht, das auf der Erde gastet
Und trgerisch dem Forscher nur entflieht,
Nein, jenes Ursein, das hier unten rastet
Und rein nur in der Lebensquelle glht.
Die unvermischten Schtze wollt ich heben,
Die nicht der Schein der Oberwelt berhrt,
Die Urkraft, die, der Perle gleich, vom Leben
Des Daseins Meer in seinen Tiefen fhrt.
Das Leben in dem Scho des Lebens schauen,
Wie es sich kindlich an die Mutter schlingt,
In ihrer Werkstatt die Natur erschauen,
Sehn, wie die Schpfung ihr am Busen liegt.

                                   Erdgeister
So wiss'! Es ruht die ew'ge Lebensflle
Gebunden hier noch in des Schlafes Hlle
Und lebt und regt sich kaum,
Sie hat nicht Lippen, um sich auszusprechen,
Noch kann sie nicht des Schweigens Siegel brechen,
Ihr Dasein ist noch Traum -
Und wir, wir sorgen, da noch Schlaf sie decke,
Da sie nicht wache, eh die Zeit sie wecke.

                                    Wandrer
O ihr, die in der Erde waltet,
Der Dinge Tiefe habt gestaltet,
Enthllt, enthllt euch mir!

                                   Erdgeister
Opfer nicht und Zauberworte
Dringen durch der Erde Pforte,
Erhrung ist nicht hier.
Das Ungeborne ruhet hier verhllet
Geheimnisvoll, bis seine Zeit erfllet.

                                    Wandrer
So nehmt mich auf, geheimnisvolle Mchte,
O wieget mich in tiefem Schlummer ein.
Verhllet mich in eure Mitternchte,
Ich trete freudig aus des Lebens Reihn.
Lat wieder mich zum Mutterschoe sinken,
Vergessenheit und neues Dasein trinken.

                                   Erdgeister
Umsonst! An dir ist unsre Macht verloren,
Zu spt! Du bist dem Tage schon geboren;
Geschieden aus dem Lebenselement.
Dem Werden knnen wir und nicht dem Sein gebieten,
Und du bist schon vom Mutterscho geschieden
Durch dein Bewutsein schon vom Traum getrennt.
Doch schau hinab, in deiner Seele Grnden,
Was du hier suchest, wirst du dorten finden,
Des Weltalls seh'nder Spiegel bist du nur.
Auch dort sind Mitternchte, die einst tagen,
Auch dort sind Krfte, die vom Schlaf erwachen,
Auch dort ist eine Werkstatt der Natur.

Der Tonie hat Clemens geschrieben, er komme in wenig Tagen - er hofft, mich hier
zu finden, ich kann's nicht ndern, da ich fortgehe, grade wie er kommt, es tut
mir leid, wie gern ich ihn gesprochen htte, - Du, sag's ihm doch, in drei
Wochen bin ich zurck, bitte ihn, da er so lange bleibe, ich werde gewi um
keinen Tag zgern, es liegt mir daran, ihn zu sehen, das einliegende Blatt gib
ihm, er hat's von mir verlangt, es ist ein Gedicht, was ich schon frher gemacht
habe. Clemens wird zu Dir hinauskommen, ich glaube, Du tust wohl, noch so lang
in Offenbach zu bleiben, bis ich wieder zurck bin, Du bist vergngt dort, und
niemand legt Dir was in den Weg, hier wrden Sitten- und Splitterrichter Dich
verdrielich machen, Clemens wrde dabei manche Frage an Dich tun, die Dir
unlieb sein drfte, und mir ist's unangenehm, wenn er Dich ins Gebet nimmt.
    Du schreibst mir doch! - Schicke Deine Briefe ins Stift, dort ist am Samstag
und den Donnerstag drauf Gelegenheit, etwas an mich zu schicken. - Ich wre gern
noch hinausgekommen, glaubst Du, da George mich im Kabriolett hinausfahren
liee? - Wolltest Du wohl bei ihm drum fragen? -
    Was Dir die Gromama aus ihrem Leben erzhlt, das merk Dir doch alles,
wenn's auch nur mit wenig Zeilen ist, spter ist es einem gar interessant. Adieu
und bleib mir gut, ich will Dir's abzuverdienen suchen.
                                                                        Karoline

Ist alles stumm und leer,
Nichts macht mir Freude mehr,
Dfte, sie dften nicht,
Lfte, sie lften nicht,
Mein Herz so schwer!

Ist alles d und hin,
Bange mein Geist und Sinn,
Wollte, nicht wei ich was
Jagt mich ohn Unterla,
Wt ich, wohin? -

Ein Bild von Meisterhand
Hat mir den Sinn gebannt,
Seit ich das Holde sah,
Ist's fern und ewig nah,
Mir anverwandt. -

Ein Klang im Herzen ruht
Der noch erfllt den Mut,
Wie Fltenhauch ein Wort,
Tnet noch leise fort,
Stillt Trnenflut.

Frhlinges Blumen treu,
Kommen zurck aufs neu,
Nicht so der Liebe Glck.
Ach, es kommt nicht zurck,
Schn, doch nicht treu.

Kann Lieb so unlieb sein,
Von mir so fern, was mein? -
Kann Lust so schmerzlich sein,
Untreu so herzlich sein? -
O Wonn, o Pein.

Phnix der Lieblichkeit,
Dich trgt dein Fittich weit
Hin zu der Sonne Strahl -
Ach, was ist dir zumal
Mein einsam Leid?


                                An die Gnderode

Warum Du aufs Landgut grade gehst, wie wir im besten Verkehr sind, das begreif
ich nicht, es war schon als htt ich Wurzel gefat in diesem schnen Briefleben,
wie die Erdbeeren beim Errten fhlt ich einen aromatischen Duft in mir, wenn
ich mich hei geschrieben hatte, Du bist immer unterwegs, ich begreif nicht, wo
Du Zeit hernimmst zu allem! - Dies schne Gedicht! - Wann hast Du's geschrieben?
- Es dreht sich im Tanz und spielt sich selbst dazu auf - so leicht, als ob
sich's so nur aus Deiner Brust atme ohne Ansto. - Dein Gedicht, was Du in der
klanglosen Stunde geschrieben, ist doch klangreich, es schpft die Tne aus der
Brust und stimmt sie zu Melodien. - Doch weile ich lieber bei dem ersteren, denn
das hast Du doch spter gemacht, nicht wahr? Und fhlst auch wie ich, da die
Schmerzen im Geist immer mit auf die Pein der Langeweile gegrndet sind. - Denn
nehm's, wie Du willst; brche das Leben sich mit einmal eine neue Bahn und wr
sie auch noch so uneben und holprig, die Verzweiflung htt ein Ende. Denn alles
Schmerzgefhl, alle Sehnsucht kommt doch nur daher, weil die grade Bahn des
Lebens gehemmt ist. - Besinn Dich doch auf unsere Reiseabenteuer, die wir den
Winter miteinander durchmachten, keiner von uns hatte eine trbe Minute den
ganzen Winter nicht, Deine Sehnsucht ins Innere von Asien hinein brachte uns
immer unter die wilden Tiere, Tiger und Lwen und Elefanten haben uns
Schabernack gespielt. Was haben wir fr Sonnenhitz ausgestanden mitten im Eis;
erst spter merkte ich, wie sehr wir uns in dies Leben vertieft hatten, da alle
Leute diesen Winter als einen der kltesten durchgehustet haben. Weit Du, am
Neujahrstag kam ich zu Dir! Alle Rder pfiffen an den vielen Staatswagen, die
gepuderten Kutscher mit den rotgefrornen Gesichtern! - Da kam ich zu Dir in die
Stube herein und sagte: Gott, es ist so hei hier in Asien, da wir nur so
hinschmachten, und drau vor der Tr in Frankfurt, da hngen dem Kutscher die
Eiszapfen am Knebelbart. - Was haben wir gelacht, Gnderode; - und haben unter
Zimmetbumen eine Tasse Schokolade getrunken, die wir in Deinem fchen kochten
mit wohlriechendem Sandelholz; und da kam ein Salamander ins Feuer und frbte
sich da in allerlei Farben und warf die Schokoladenkanne um, und wir melkten die
weie Elefantin, die ihr Junges in unserer Nhe sugte, und machten
Elefantenbutter, ich wollt als immer Lwenbutter machen, das littest Du nicht,
denn Du warst sehr vorsichtig, Du meintest, es sei zuviel Gefahr dabei, die
Lwin knne mir einmal wild werden ber dem Melken. - Und die Erlebnisse am
Ganges und Indus. Die schnen Knaben, die uns da begegneten, wo wir uns
versteckten und sahen sie vorbergehen und sich waschen in den heiligen Fluten
und Gebete tun, da sagtest Du, es mssen wohl Tempelknaben sein, wir mssen nach
dem Tempel hier in der Gegend suchen. Da fhrte eine Allee von groen Tulipanen
hin, die hab ich entdeckt, wir brachten stundenlang hin mit der Bewundrung der
Blumen, und da waren Goldfruchtbume und Trauben und Melonen, alles das wuchs in
schnster Flle rund um die Sulen der Tempel, zu denen wir fremde Vlkerstmme
hinwallen sahen, da sagtest Du einen Hymnus her, den htten sie gesungen beim
Sonnenaufgang: therwste! - So fing Dein Hymnus an, und ich machte eine Melodie
drauf, die lieest Du Dir vorsingen zur Zither von mir, - und Du hrtest zu, so
still, als wr es indischer Tempelgesang; abends im Mondschein, das war unsre
beste Zeit, wo wir phantasierten und hielten uns einander bei den Hnden, wenn
wir die Berge hinanstiegen, und ruhten unter Dattelbumen aus, Du machtest immer
die Reiseroute, weil Du die Kenntnisse des Landes hattest, und da stiegen wir
auf einen Berg, der hie Bogdo, von da aus, sagtest Du, knne man alle
Gebirgsketten bersehen, da eilte ich mich voranzukommen, um zuerst oben zu
sein, und da schrie ich Dir entgegen, ich she das rote Korallenmeer mit der
Todespforte. Da hatte ich mich aber geirrt, denn Du bewiesest mir, da man es
von da aus nicht sehen knne, da es an der Grenze von Afrika liege, und der
Bogdo liege in der Mitte von Hochasien. - Wir waren doch so glcklich, wie
schwrmte mein Kopf von brennenden Farben der Bltenwelt, wie waren wir entzckt
vom Duft, der uns umwallte! - Das dauerte den ganzen Winter, und kein Mensch
wute, da wir in einer sdlichen Welt lebten, wir gingen grade in den Grten
von Damaskus spazieren, ganz entzckt von dem Blumenparadies und trunken von
ihrem Duft, da kam der alte Herr von Hohenfeld und brachte Dir das erste
Veilchen, was er auf seinem Spaziergang im Stadtgraben gefunden hatte. Ach, da
verlieen wir Damaskus und lieen uns von Hohenfeld hinausfhren, wo er das
Veilchen gefunden hatte, und suchten noch mehrere; und von da an war der Zauber
aufgehoben, und wir lachten recht, da uns das Veilchen so schnell aus Asien
herbergezaubert hatte nach Frankfurt auf die alten Festungswlle, denn wir
gingen von nun an in den schnen Frhlingstagen jeden Mittag hinaus - und
machten uns Krnze, die standen Dir so schn, so war die geringste Wirklichkeit
schon wieder ein Paradies fr uns. Sieben Spaziergnge haben wir so gemacht,
Gnderode, ich hab mir sie gezhlt, sie kamen mir wie das Kstlichste im Leben
vor. Du saest immer unter der groen Eiche und bedauertest Deinen arabischen
Renner, da Du den nicht mit aus Asien herbergebracht hattest; whrend ich am
Abhang niederkletterte, wo Du immer Furcht hattest, da ich hinunterfalle; am
Neujahrstag war ich wirklich da hinuntergekollert, ich war mit George da
spazierengegangen, es war Glatteis, ich glitt aus und er den Augenblick, ohne
sich zu besinnen, mir nach, da fate er mich und hielt sich mit der andern Hand
an einer Wurzel fest. Er war ganz bla und wankte, denn er konnte schwer das
Gleichgewicht halten. Oben sagte er: Jetzt wren wir beide zerschmettert, htte
Gott mir nicht beigestanden, denn ich htte mich Dir nachgestrzt. - Ich war
bis dahin gar nicht erschrocken gewesen, denn ich bin so faselig und merk nie
Gefahr. - Aber das erschtterte mich, da des Bruders Leben an dem meinen hing
wie an einem Haar, und da es Gott nicht reien lie. - Wie Geschwister doch
aneinanderhngen wie Glieder eines Leibes, eins strzt dem andern nach in den
Abgrund; eins rettet das andere. Mge ich's doch nie vergessen, da Vater und
Mutter mir den Bruder geschenkt haben. -
    Was wollt ich Dir doch sagen! - Ja, da damals mir zuerst der Gedanke kam,
wie das Leben nur als Notbehelf vernutzt werde. Ich dachte, da wir Gedanken
haben, so rasch, und da die Zeit hinten nachkommt und mag nichts erfllen, und
da die Melancholie allein aus dieser Quelle des Lebensdranges fliet, der sich
nirgend ergieen kann. - Die Welt mu voll dessen sein, was unser Leben
entwickelt, kmen die Taten und berflgelten unsere Sehnsucht, da wir nicht
immer ans Herz schlagen mten ber den trgen Lebensgang, - nicht wahr, Du
fhlst es auch - das wr die wahre Gesundheit, und wir wrden dann scheiden
lernen von dem, was wir lieben, und wrden lernen die Welt bauen, und das wrde
die Tiefen der Seele beglcken. So mte es sein, denn es ist viel Arbeit in der
Welt, mir zum wenigsten deucht nichts am rechten Platz. - Und was ich niemand
sage wie nur Dir, ich mein immer, ich msse die ganze Welt umwenden, ja, ich
sage Dir, es liegt mir so nah, da ich oft in Trumen mich nach dem Szepter
umsehe, wo Gott den fr mich hingelegt hat, und wrde gewi die Verwirrung
lichten. Nur ein einzig Ding, am rechten Ende angefat, zieht eine Menge andere
nach sich, die von selbst dann ins rechte Geschick kommen wrden. Die Menschen
lernen dann allmhlich auch das Rechte denken, wenn sie erst eine Weile das
Rechte haben tun mssen. Denn ich sage nur immer so: konnten sie so fest in der
Unnatur sich einwurzeln, wieviel fester und krftiger dann im Boden, der ihre
hhere Natur erzieht? Sollt ich irren? - Menschengeist horcht auf Gttergebot in
der eignen Stimme; horcht auf jene heilige Urphilosophie, die ohne Lehre als
Offenbarung jedem sich gibt, der mit reinem Willen zur Wahrheit betet. - Das
hast Du selber gesagt, es sind Deine eignen Worte. Wie oft hab ich doch einsam
um Wahrheit gefleht! - Und wie unermelich ist doch Vollendung ber die Sterne
hinauf, - und die Zeit darf nicht mehr sein, da, wo wir sie gegenwrtig fhlen.
- O bessere Tage, wo seid ihr? O kommt uns entgegen, lat nicht immer nur harren
auf euch, da nicht auch wir nur wie Schattenbilder an euch vorbergehen. Lasset
euch dienen, ihr Tage, die ihr den Geist der Liebe sollt hinberschiffen; still
und heimlich euch landen helfen und den Genius aufnehmen, lehren die Menschen,
da sie ihn nimmer verschmhen, der in allem allein nur darf gelten! - So red
ich das Morgenlicht an, das mich weckt, und denke dabei Deiner und meiner. - Was
sind Freundschaftsbande? - Was ist Zusammenleben und Austausch der Gedanken,
wenn der dritte nicht niedersteigt, der Gttliche - der herab sich lt, um das
Leben genesen zu machen? - Ach - so deutlich steht es geschrieben in meiner
Brust! - Gefat und besonnen mu der Geist sein, - das wei ich - und das Herz
ist oft ein ungeduldiger Kranker, aber der Geist wird auch alles fr es
aufbieten, und eine Hhe mu es geben, wo grade durch den Geist es mit allem
Leiden vershnt werde. - Das denke, wenn es zu hart Dich bedroht, lasse Dir
nicht schwindeln und denk, da Begeistrung immer das hchste Erdenschicksal ist,
und da die aus dem Schmerz sich erzeuge, wie aus der Freude. - Und mag's
kommen, wie's will, so sollen zu Helden wir uns bilden, mit der Freude wie mit
dem Schmerz unsre Freiheit erkaufen. - O kommt mir das Feld der Schicksale doch
vor wie der Blumengarten Gottes, wo jede Knospe in ihren eigentmlichen Farben
sich erschliet, der weise Grtner gibt Schatten den einen und Khle und harten
Boden, den andern Sonne und fruchtbare Erde, so wie jedes bedarf zum Blhen. -
Und das Blhen ist ja die Erfllung aller Sehnsucht. Drum lasse uns das Leben
lieben, weil es uns zu dieser Blte bringt, und denken, die Wolke ber uns
schtte sich aus, den Staub von uns abzuwaschen, und da dann die Sonne aufs
neue uns anglnzt.
    Ich bin traurig - ich kann nicht von Dir los - Dein Lied schmerzt mich - ja
es weckt Melodien - aber so schmerzliche - da ich in ihrem Gesang den Widerhall
Deines Wehs empfinde und mich schme, da ich so heiter war diese Zeit ber, an
jedem Weg mir Blumen sammelte und Dir zuwarf in Scherz und bermut, und das war
schlecht lieben gelernt von mir, wo ich doch herausgezogen war, um dieser Schule
mich ganz zu widmen.
    Was werd ich dem Clemens sagen, wenn er auf meine Bildung zu sprechen kommt?
- Ich freu mich sehr auf den Clemens, das wird mich fr Dein Fortlaufen trsten,
ich mag gar nicht dran denken, da Du mit so viel Menschen umgehen kannst, mit
denen ich kein ungescheut Wort zu sprechen vermag. - Wie ist mir doch Hren und
Sehen verkrzt durch Dein Weggehen! - Gestern abend noch blies mir die
hundertjhrige Cousine das Licht aus, ich solle nicht die ganze Nacht durch
schreiben, meinte sie, oder sie wolle es der Gromama sagen, da ich meine
Gesundheit verderbe, ich hatte einen Schachteldeckel vors Licht gestellt, da
sie's nicht sehen sollt durchs Schlsselloch, aber sie bemerkte den Widerschein;
- ich sagte: Sie alte Hundertjhrige, was will Sie mit mir auf der Welt, Sie
kann doch unmglich noch einmal hundert Jahr leben, dann gehen wir zusammen. -
Nein, wenn Du's so machst, dann kannst Du mir nit e mal Quartier bestellen, ich
berleb Dich hundertmal. Ich mut mir's gefallen lassen, das Licht war aus, ich
nahm sie aber dafr auf den Arm und trug sie mitsamt ihrem Laternchen hinunter
auf ihren Ledersessel. Sie schrie erst, ich werde sie die Treppe herunterwerfen,
aber mitten in der Todesgefahr war sie vor Angst ganz still, unten auf dem
Sessel wollte sie anfangen zu zanken, ich nahm aber ihr Federbett und warf's ihr
auf den Kopf und lief fort. - Jetzt kommt sie gewi nicht wieder. - Obschon ich
mde war, htt gern noch geschrieben, was ich jetzt nicht mehr wei, heut
schwrmt mir's nur vor Augen und Ohren, da Du nicht mehr auf Deinem alten
Pltzchen meine Briefe bekommen sollst. Die Gromama hatte gestern einen Anfall
von Schwindel, ich mag nicht nach Frankfurt verlangen, und auch mag ich nicht
hin, was soll ich dort, wenn Deine Haiden, Deine Holzhausen, Deine Nees Dich in
Beschlag nehmen! - Ich glaubte, ja wahrhaftig, ich glaubte, ich wr Dir lieber
wie die andern und es wr Dir Ernst mit unsrer religisen Weltumwlzung, wie's
auch mir ist, und so war's auch recht von Gott angeordnet, da wir beide nicht
beisammen und doch so nah waren, da jeden Tag unsere Briefe sich erreichten, so
kam es doch zu Papier, sonst htten wir's verschwtzt. Was hilft's! - bermorgen
gehst Du bis Wrzburg, das liegt auer der Welt, und lt mich hier auf dem Dach
vom Taubenschlag schmachten. - Wenn Du gut sein willst, so komm morgen frh um
sieben Uhr auf die Gerbermhl; hierher komme nicht, weil die Gromama unwohl
ist, da ich jetzt immer in ihrem Vorzimmer bin, aber bis morgen um zehn Uhr, wo
ich erst zu ihr gehe, kann ich mit Dir sein, um sechs Uhr geh ich auf die
Gerbermhl, der George lt Dich hinfahren, ich hab's ihm geschrieben. Hinter
der Mhl in dem langen Heckengang auf dem Stein am Kreuz wollen wir uns ein
bichen hinsetzen zusammen, Du kannst nach der Stadt zurckfahren, Du kannst
auch das Kabriolett zurckschicken und zu Wasser heimfahren, das wr mir lieber,
damit Du nicht ngstlich sein sollst, ums Kabriolett halten zu lassen, solang
mir beliebt. Ach, am Sonntag hab ich auch eine Wasserfahrt gemacht mit Jeannot
und Dorwille auf Bernhards Nachen hinter dem Schiff mit der Harmonie, alles war
in Scherz und Liebesreden begriffen, wenn die Musik pausierte, ich aber hatte
keinen Anteil dran, der Grtner sa am Steuer, dem wollt ich nicht Leid tun, er
hatte schne feine Hemdrmel und mein Schnupftuch um den Hals geknpft.

                         An die Gnderode nach Wrzburg


Weil ich jetzt wei, da Du auer der Welt bist, so hab ich ein ganz ander Leben
angefangen, und mein Sinn hat sich ganz gendert. - Ich mcht auch fort in die
Welt, ja ich mcht fort! - Ich bin doch in meinem Leben noch auf keinen Berg
gestiegen, von wo aus man die ganze Welt bersieht, und in meiner Seel berseh
ich doch die Welt. - Du zankst, da ich alles besser wissen will, und ich wei
doch alles besser, und ich kann doch nichts davor, da mir's anders und besser
einfllt. - Ja mir kmmt vor, als sei mein Bewutsein ein Gesang meiner Seele,
dem ich mit Vergngen zuhr, denn wenn ich einmal etwas nicht wei, so ist es
nur, als htt ich's vergessen gehabt, aber ich hatte es doch schon einmal
gewut. - Nur bei kleinen Dingen steht mir manchmal der Verstand still, zum
Beispiel gestern bei einer wilden Kastanie, die ich aus ihrer grnen Hlse
losmachte, da lagen drei Kastanien ineinandergefgt, noch unreif, blendend wei,
da mein ich immer, ich mt mit Gewalt wissen lernen, was alle diese Formen
sprechen, denn gewi ist's, alles Geschaffene ist durch den Heiligen Geist
erzeugt. Es ist unmglich, da eine Form sei, sie ist denn durch Gottes Wort Es
werde! hervorgegangen. Nun, was durch den ewigen Erzeugungswillen hervorgeht,
das mu doch eine Selbstsprache haben, das mu sich nmlich aussprechen und sich
auch beantworten. Dein Leben mu doch eine Sprache fhren, denn sonst ist es ja
nichts. Also, wen Gott liebt, mit dem fhrt er Gesprche, also blo
Liebesgesprche, - ja was ist auch Gesprch als blo die Liebe, - so ist denn
alle Form in der Natur ein Ausdruck der Liebe. Die Sprach der Lieb ist also
Sprach Gottes. Gott ist der Liebende - ist denn Gott persnlich? - Hat er ein
Antlitz? - Kann ich ihm die Hand reichen? - Wo find ich ihn, da ich
Liebesgesprch mit ihm fhr. - Meine Lieb zu Menschen ist Mitleid, ich mu um
sie trauern, da es so und nicht anders ist. - Liebe ist, glaub ich, nur
Gttergesprch. - Weil ich wei, da ich alles wei, nur kann ich's nicht
finden, so such ich alles in mir, das ist ein Gesprch mit Gott. Das ist also
Liebesgesprch, wenn ich mich aufs Gesicht leg im Schatten und hr den Bach
rauschen neben mir, was der redet alles und Antwort drauf geben mu! Und streck
die rm aus im khlen Gras berm Kopf und frag in meine Seel hinein alles, was
ich wissen will. Da wird mir Antwort, ich kann sie aber nicht gleich in Worte
bertragen. Aber es gibt auch ein Gesprch ohne Worte. Aber Liebe ist doch wohl
blo Gottheitsgesprch? - Ja was soll sie anders sein? - Frage und se Antwort;
knnt ich aufhren, danach mich ewig zu sehnen? - Ich wr mir selber gestorben.
Und die Seele, die mich am tiefsten versteht - mir am sehnschtigsten Antwort
gibt, mich wieder frgt um Antwort, die mu ich lieben. - Wissen wollen, ist ja
schon Wissen, es ist Anschauen; und wenn ich anschaue, so nehm ich ein Bild in
mich auf, und das ist Wissen. Wie kann sich doch der Mensch nicht enthalten,
irgendwas anders sein zu wollen als ein Liebender? - Wie komm ich doch darauf? -
Das ist von heut frh auf der Gerbermhl unser Gesprch; - ich sag Dir, wenn ich
geschwiegen hab, so ist das, weil mir die Worte nicht wohltnend genug vorkamen,
ich seh mich im Geist um nach Klang, wenn ich etwas sagen will, da find ich
keinen Ton, der stimmt, und Du kannst mir's glauben, manches lass' ich ungesagt,
weil ich's nicht edel genug auszusprechen vermag, durch Musik hab ich's
herausgefhlt, da aller Geist im Menschen liegt, da er aber nicht die Melodie
dazu findet, ihn auszusprechen. Denn jeder Gedanke hat eine Verklrung, das ist
Musik, die mu Sprache sein, alle Sprache mu Musik sein, die erst ist der
Geist, nicht der Inhalt, der wird nur Liebesgesprch durch die Musik der
Sprache. - Geist ist grer wie der Mensch, immer will der an ihm hinaufragen,
spricht er ihn aus, so hat er selber sich in den Geist bersetzt, Geist ist
Musik, so mu auch die Sprache, durch die er uns in sich aufnimmt, Musik sein.
Wie knnten wir ihn begreifen mit den Sinnen zugleich, in unwrdiger Gestalt! -
Nein! - Geist ist verinnigt mit Schnheit, er ist nur dann Geist, wenn er
Schnheit ist. - Durch den Dichter spricht er sich aus, denn der hat's Gefhl,
da Geist nur Schnheit ist. Alle schne Handlung, alles Groe ist ein Gedicht
des Geistes. - Ach ich streck die Hnd zum Himmel und mcht was anders, als was
die Menschen tun. Denn ich fhl wohl, mein Nichtstun ist Snde. - Aber was soll
ich tun, was mich weckt? - Die Kunst, meint der Clemens! - So ist's blo, weil
er mich innerlich nicht kennt, mit was ich alles zu tun hab. - Denn das mu wohl
meine grte Anlage sein, was mich am schnellsten aufregt und mich ganz mit sich
fortnimmt. - Nun, obschon ich keine Weltgeschicht studieren mag und bei dem
Zeitunglesen vor Ungeduld mich kaum zusammennehmen kann, so ist's doch die Welt,
die ich regieren mcht, und mich reit's hin, darber nachzudenken. Wenn Du an
den Clemens schreibst, so sag's ihm, das scheine mir mein entschiedenstes
Talent, die Welt regieren; wei er Gelegenheit, mich darin zu ben, so will ich
fleiig sein Tag und Nacht. Schon jetzt nehmen mir die Regierungsgedanken den
Schlaf, von allen Seiten, wo ich die Welt anseh, mcht ich sie umdrehen. Eine
Zeitlang hat alles, was ich im Leben erfahren hab, wie eine hlzerne Maschine
auf mich gewirkt. So der ganze Religionsunterricht, der machte mich vllig dumm.
- Zum Beispiel die Lehre, mit welchen Waffen die Ketzer zu bekmpfen, mit
welchen Grundstzen sie bekmpfen? - Da kam mir Ketzer und Waffe und Glaube
alles wie ein Unsinn vor, und htt ich nicht meine Zuflucht dazu genommen, gar
nicht zu denken, so wr ich ein Narr geworden. - Wie denn wirklich alle Menschen
Narren sind, meine groe Courage, dies zu glauben und ohne viel Sperenzien, sie
auch danach zu respektieren, das hat mich freigemacht von der Narrheit. - Und
wie sollt doch einer aus dem Schlamm des Philistertums herauskommen, als von
frischem sich in die Hnde Gottes geben, der hat nicht umsonst den Menschen aus
Lehm gemacht, da er ihn nur anzuspeien braucht, da er wieder feucht wird, um
ihn von Grund auf neu durchzukneten und seine erste reine Gestalt wiederzugeben.
- Woran erkennt man einen katholischen Christen? - Am Zeichen des heiligen
Kreuzes! - Dies schlug mir den ersten widerspenstigen Funken aus dem Geist. Denn
was braucht doch der natrliche Mensch ein katholischer Christ zu sein und sich
bekreuzigen? - Ist das der nchste Weg, Gott hnlich zu werden? - Ist Gott ein
katholischer Christ? - Oder ist er wie Du ein Ketzer? - Und warum machen wir
doch das Kreuz, als blo um wie die Hunde dem Ketzer die Zhne zu fletschen. -
Als wir aus dem Kloster zurckgeholt wurden ins vterliche Haus, da lie uns die
Frau Priorin vor sich kommen und schrfte uns ein, ja nicht den katholischen
Glauben zu verlassen, wenn wir zu unsrer Gromutter kommen, die eine lutherische
Dame sei, sondern wir sollten alles dranwenden, sie zu bekehren. Sie sagte das
mit so viel Herzenswrme, ich htte ihr die Hand drauf geben wollen, aber ich
wute nicht, was katholisch sei - ich half mir; alles, was nicht lutherisch ist,
das sei katholisch. Alles, was man lernen mu, hllt den Verstand in eine
Nebelkappe, da die Wahrheit uns nicht einleuchte. Alles, was wir zu tun bewogen
sind, ist Eselei. - Meinungen von geistreichen Mnnern zu hren, was der
Gromama ihre Passion ist, das scheint mir leeres Stroh, liebe Gromama. - Du
kannst doch nicht leugnen, liebes Kind, da sie die Welt verstehen und dazu
berufen sind, sie zu leiten? sagte sie gestern. - Nein, liebe Gromama, mir
scheint vielmehr, da ich dazu berufen bin. Geh, schlaf aus, Du bist e
nrrisch's Dingle.
    Bei der Gromama wird jetzt abends allerlei Politisches unter den Emigranten
verhandelt, da wird die Umwlzung des groen Weltkrbis von allen Seiten
versucht, er deucht ihnen angefault. Auer Choiseil, Ducailas, d'Allaris, die
immer das Wort fhren, kamen gestern noch ein Herr von Marcelange und Varicourt,
dieser letztere besonders schn von edler Haltung, ritterlich, ich knnt keinen
Augenblick glauben, da ihm je etwas Unebenes in den Sinn komme; er wendete sich
immer zu mir, als ob er um meinen Beifall werbe - ai-je raison? Seine Reden
machten mir Eindruck, er war in Begleitung einer Herzogin von Bouillon
(Hessen-Rothenburg) und einer Prinze Biron, die mittags auch die Gromama
besucht hatten, durch Frankfurt gekommen, ein Graf Catlan hat ihn zur Gromama
gefhrt, die litt nicht, da die Emigranten wie gewhnlich Politik sprachen,
weil sie meistens geteilter Gesinnung sind, spter erzhlte sie, da sein Bruder
jener Varicourt sei, der als garde du roi am 6. Oktober 1790 in Versailles an
der Tr der Knigin ermordet wurde, als er ihr zurief: Knigin! Retten Sie
sich, es ist der letzte Dienst, den ich Ihnen leiste! Die Gromama erzhlte mir
von seiner Mutter, die sie kurz nachher in der Schweiz auf einem verfallenen
Landsitz bei Nyon getroffen hatte in einer dstern groen Vorhalle, die zugleich
Kche war, mit alten wollnen Tapeten so faltig behangen, ein altes Ruhebett, auf
dem der Hut ihres Sohns mit weier Kokarde lag, ein paar Strohsthlchen, ein
ungeheuer groer Kamin mit einem kleinen Feuer von einigen Rebenreisern, wo ein
Kesselchen mit Teewasser fr die kranke alte Frau kochte, eine schlafende Katze
zu ihren Fen, ein einziges schmales hohes Fenster in diesem zerfallenen
Wohnsitz einer ausgestorbenen Familie, da habe die Frau den Hut ihr gezeigt und
gesagt, es war eine Zeit, wo das weie Band ganz Frankreich zum Gehorsam fr
seinen Knig aufrief usw. - Ich hrte der Gromutter gern zu, solang sie dies
erzhlte, dabei brachte sie aber noch so manches andre vor, was keinen
Zusammenhang damit hatte, so sprach sie von einer Herde mehrerer hundert Khe,
die man damals an einem Ort zusammengetrieben, wo sie wegen einer Seuche alle
totgeschossen wurden; - sie jammerten und tobten bei den ersten Schssen, als
aber der Bulle niedergeschossen war, hat keine Kuh sich mehr gewehrt, alle haben
ruhig den Tod erwartet, vergleiche: Emigranten und ihren Knig -, dann hat die
Gromama noch Unendliches von unschtzbaren Leuten erzhlt; von Seidespinnerei,
von 360 Kokons, eine Unze Seide, von 2893 ein Pfund, soviel Simmer Seidenwrmer
spinnen an 5 Pfund Seide - fraen zu viel Maulbeerbltter, man gab ihnen Latuk,
Spinat und Bltter von Johannistrauben, welches sie mit Vergngen fraen, recht
gut Seide spannen, nur da sie etwas grngelb wurde, zuletzt erzhlte sie mir
noch aus dem Leben der heiligen Jutta, welche Naturgeschichte und Seelenlehre
studiert hatte, und dies fhrte sie auf den Mirabeau; als ich zu Bett ging, war
ich ganz verwirrt und konnt an nichts Liebes mehr denken, ich mut gleich
einschlafen. - Wie's doch in der Gromama ihrem Kopf aussehen mag? - So viel
aneinandergehngt, wozu kein Mensch die Lsung fnde, ob ich wohl auch so bin! -
Das Haus wird jetzt nicht leer an merkwrdigen Leuten, alle franzsischen
Journale werden gelesen und besprochen, ich mu wider Willen Anteil nehmen an
ihren Witzen ber Hof und Hofstaat, Kostm, Livreen, Uniformen, Schmuck und
Spitzenbehnge des weiblichen Personals, alles wird durchgemustert, dann die
allgemeine groe Ablaannonce von dreiig Tagen, um die Franzosen aus des
Teufels Sklaverei zu befreien. Ich stehe unter den Disputierenden wie unter
einer Traufe; Protestant, Philosoph, Enzyklopdist, Illuminat, Demokrat,
Jakobiner, Terrorist, homme de sang, alles regnet auf mich herab, worunter man
immer dasselbe versteht. Von oben herab verkennen sie alles, sagte der
Varicourt, von unten ist alles Bosheit und Lge der Hinanklimmenden, und
sprach noch ber die ungeheuren Schmeicheleien, die Bonaparte einschlucke: Ce
n'est pas du bon style que d'avaler de si gros mensonges, la vracit est le
seul moyen de cultiver la nature humaine; pour la grandeur il y fait faute, il
n'a point le sens cleste pour l'avenir pour lequel seul s'immolera un grand
coeur; il est le grand monstre de la mdiocrit encombrant un monde qui s'ignore
soi mme. Die Emigranten hrten ihm feierlich zu, als spreche er von der Kanzel
herab. Nous n'avons que trop bien pu comprendre ce que c'est que l'esprit
rgnrateur, ce n'est que l'chet que de nous soumettre  une tyrannie, qui a
recours aux moyens purils dont se sert Buonaparte pour captiver une nation qui
a sacrifi son meilleur sang pour la libert. C'est une juste punition pour
avoir attent au sang inviolablement sacr des rois, que de n'avoir pas reconnu
ce que le grand gnie de Mirabeau nous avait prophtis. La rvolution faite, la
premire des lois tait d'honorer la loi, mais point cet expdient des ttes
bornes, qui pour maintenir leur pouvoir, ne font que faire trembler; il faut
gagner les coeurs, et puis c'est si facile! - Le peuple est dj reconnaissant
si ses suprieurs ne lui font pas tout le mal qui est en leur pouvoir; ce n'est
que la btise, qui punit, la vritable grandeur prvient les fautes; c'est
abuser du pouvoir que d'agir autrement, il est maladroit de ne point se servir
des hommes tels qu'ils sont, c'est la sagesse qui est souveraine, elle exploite
le bien du mal, mais non pas en tranchant les ttes!! - Les lois doivent tre
traces par le gnie de l'humanit, ce que Buonaparte ne sera jamais. - Und ich
mchte auch ber allen Plunder von menschlichen Zurstungen hinausstiefeln
knnen, ihre Zankpfel ihnen aus den Hnden winden und ihnen dafr
Selbstbeschauung, Selbsterzeugung empfehlen. Ja! Ist's nicht der einzige Zweck
der menschlichen Natur, da sie lerne sich selbst erzeugen? - Und ist die
Wahrheit nicht das Geheimnis, aus der die Selbsterzeugung hervorgeht? - Und wenn
ein Herrscher aus sich hervorgehen knnte ins reine Licht der Wahrheit, wrde er
nicht die ganze Menschheit regenerieren? - Ich frag Dich! - Besinn Dich - hab
ich nicht recht, es schwebt mir so dunkel vor, als ob aus dem Geist des einen
die Wiedergeburt aller hervorgehen msse. - Ach, ich wrde gar nicht drum
verlegen sein, dies keck anzugreifen, denn verderben kann man nichts, alles was
noch grnt und zu blhen scheint, steckt doch im Sumpf der Dummheit und ist es
eine so groe Sache, klger zu sein? - Wie soll einem da nicht der Verstand
aufgehen, wenn man rund um sich her sieht, wie alles Narrheit ist! - Und liegt
es nicht in der gesunden Menschennatur, die Idee einer gttlichen Menschheit in
sich zu entwicklen? - Und was ist doch alles Denken als blo diese ideale
Richtung? - Und ist doch ein Mensch geboren, dessen Aufgabe es nicht wr, sein
eignes Ideal zu erzeugen? - Und wenn das ist, wie soll mir da nicht jeder
unschuldige Mensch wichtig sein, ihm meine Gedanken mitzuteilen? - Man braucht
mich auch nicht zu beschuldigen, da ich alles durcheinander werfe und von einem
zum andern spring, es gibt etwas, was andre gar nicht fassen, von dem spring ich
eben nicht ab, mein Geist bildet sich selbst seine bergnge. - Sobald der reine
Wille in uns liegt, das Gttliche zu suchen, so ist die Religion da, von der ich
meine, da sie den Menschen allein entwicklen knne, denn ohne sein Zutun ist es
der ihn erfllende Gott, der aus ihm redet, und dies eine ist es allein, was mir
Religion deucht; und wie aus einem edlen Samen alles sich bildet, wie es
organisch mu, so bin ich gewi, da aus einem Geist, der blo das Gttliche
denkt um sein selbstwillen, auch alles folgerecht sich entwickelt und in der
menschlichen Handlung nichts mir ein Ansto sein wrde. Denn gegen Denken ist
das Handlen nichts, denn der Gedanke selbst ist Gott, hingegen Handlen ist nur
sich nach Gott richten, wenn ich also Gott durch mein Denken suche, empfinde,
erlebe, wie sollt ich da verlegen sein ums Handlen, ums Regieren? - Ei nein! Das
ging ganz von selbst, ich wrd mich auch keinen Augenblick besinnen, denn wer
den Geist der Wahrheit einatmet, wie sollte der ihn nicht auch aushauchen? -
Nebenabsichten mu der Menschengeist gar nicht haben, er mu eine heilige
Richtung haben. - Der Mensch ist sich immer eine Hauptnebenabsicht, drum mu er
sich ganz verleugnen, sonst erreicht er sich selber nicht, das lautet zwar ganz
verkehrt und ist doch wahr. Das wahrhafte Ideal des Menschen ist die lautere
Selbstverleugnung, aus ihr auch allein kann alle Weisheit hervorgehen in allen
Handlungen, die das Schicksal erheischt; zu derselben Selbstverleugnung sind wir
berechtigt, alle Menschen aufzufordern, denn sei das Resultat eines solchen Tun,
was es wolle - sie handlen in Gott, und das ist Religion, und da mach's Kreuz
oder sei Ketzer oder Heid oder Jud. - - - Himmlischer Sinn frs Unsichtbare,
Unendliche, aus dem allein die wahre Religion hervorgeht, weil dies allein zur
Gottheit fhrt. - Das alles fllt mir so ein, wenn ich meine Gesprche mit dem
Franzosen in Gedanken weiterfhre. - Ich brauch nur auf eine Natur zu treffen,
die mir liebreizend scheint, so bin ich gleich voller Gedanken, die mich
belehren, als seien sie geweckt von jenem; so jagt der Franzose in seinem
adeligen Wesen jetzt eine Begeistrung nach der andern in mir auf, und ich glaub:
keine Frage, die ich nicht beantworten knnte, sobald ich mir innerlich denke,
er hre mir zu, keine Handlung, die ich nicht khn genug wre zu vollbringen,
wenn er mir zushe, und was das auch sein mge, was mich so anreizt - gewi ist
es was Groes, was ganz Gttliches, da der Mensch, wo er das Gttliche ahnt,
das Schne und Groe gewahr wird, gleich harmonisch mit einstimmt und alle Feuer
in ihm aufflammen. Ach, ich denk mich schon in eine Schlacht auf einem Schimmel
neben ihm herreitend zwischen allem Donner der Geschtze, Rauch und Pulverdampf,
in der Verwirrung groer entscheidender Momente, wie seinem sicheren Blick
vertrauend ich alles glcklich vollende, ich denk noch mehr, alles was glhender
Ehrgeiz nur zu unternehmen wagt, das fhrt durch meine Seele, ich erleb's - ich
bin glcklich, freudig, jauchze im Gelingen, und alles Volk umringt mich
mitjauchzend und harrt meiner, da ich ihm Labung zutrpfle heiliger Freiheit.
All dies erleb ich mit dem Franzosen, der sich vor meinen Augen zum Heros
entwickelt. - Ich mchte doch wissen, wenn man alle Erlebnisse sich
zusammenrechnet, ob da nicht diese eingebildeten auch gelten, sie glhen und
damaszieren doch die Seele durch diesen feinen Stahl der Begeistrung, der mit
ihr zusammengeschweit, gebeizt und getzt wird und mir edler deucht wie jede
andre Politur und besser zu bentzen, zher, fester, der Kraft des Willens
nachgebend und ihr folgend. Khne feste Handlung, Tatkraft mu doch auch einen
Samen haben in die Seele geborgen, ist dies nicht Same? Mich deucht, etwas
gedacht zu haben ist Samen im Boden der Seele, der ans Licht dringt und sich
erschliet, heute oder morgen.
    Da ging die Tr auf, Clemens kam herein, groe Freud! - Sie strkt - es
blitzt innerlich. - Ist mein Verstand mir verloren und such ihn an der leeren
weien Wand und find ihn nicht, aber in dem schnen groen Aug von Clemens find
ich ihn. Du sagst, Du kannst ihm nicht in die Augen sehen, weil er einen
verzehrenden Blick habe, ich nicht, ich schpf Freud drin, und ich wei nicht
was, von lebendiger Nahrung Unbersetzbares. - Vor allem mcht ich Herr werden
ber mein Denken; da ich nmlich die Zeit ausflle mit lebendigem
(lebengebendem) Denken. Es gibt ein Denken, was verlebt, und eins, was erlebt. -
Wie mich sammeln, da ich meinen Geist immer auf das Erleben richte? - Dies eine
nur! und das Auffahren gen Himmel ist mir gewi.
    Das Schlafen kann mit dem Denken im Rapport gesetzt werden, das Schlafen,
was aus dem Denken entspringt, erzeugt wieder Denkkraft, - so kann sich der
denkbeflissne Geist erschaffen. - berall mit Geist durchdringen, so ist das
Schlechte gesprengt, denn es hat keinen Platz mehr, denn es ist zu schwach und
zu eng, um Geist zu fassen.
    Ich wundre mich ber meine Gedanken! - Dinge, ber die ich nie etwas
erfahren, die ich nie gelernt, oder vielleicht grade das Gegenteil davon, stehen
hell und deutlich in meinem Geist. - Kann ich denn wissen, ob ich nicht
vielleicht von einem Geist besessen bin? - Und ist Besessensein nicht vielleicht
ein Aufgeben der Individualitt, und sind die Widerspenstigen, die sich dem
Geist widersetzen, nicht vielleicht individuell strker, als die vom Geist
Durchdrungnen? - Ach, liegt wohl die Strke im Hingeben? - Ist nicht manches im
Geist und in der Seele Wirkung anderer Welten? - Die Liebe, die Leidenschaft,
ist die nicht Anziehungskraft von der Sonne? -
    Wir saen auf der Hoftreppe, ich und der Clemens, in der Dmmerung und
schwatzten allerlei. - Es ist alles recht lieblich, was du da vorbringst,
sagte er - aber werd nur nicht faselig, manchmal ngstigt mich's, was aus dir
werden soll, du zersplitterst deinen Geist, mit dem du dir eine so herrliche
Freiheit erringen knntest. - Ach, kannst du dich denn nicht auf eins hinwenden
mit deinen fnf Sinnen und das ganz auffassen? - Wenn du sprichst, bist du
gescheit und gibst manchen Aufschlu, von dem die Philosophen noch nichts
wissen. - Schreib doch was! - Hast du mir nicht Kindermrchen versprochen? -
Schreib doch alles auf, was du im Kloster erlebt hast, du kannst so schn davon
erzhlen. - Was treibst du denn mit der Gnderode? - Lernst du mit ihr? - Ich
hab so groe Sorge um dich, ich mu manchmal die Hnde ringen, da alle Anmut
deines Geistes den vier Winden preisgegeben ist. - Der liebste Clemens! - Ich
mute ihn kssen in der stillen Nachtdmmerung auf seine leuchtende Stirn unter
den schwarzen Locken fr seine Liebe. Es ward windig, da saen wir beide in
seinem Mantel gewickelt und sahen den Wolken zu, wie sie sich eilten, da sagte
der Clemens so viel von Dir, was Dich gewi freut, Du seist so hell wie der
Mond. - Das flchtige unstete Wesen, was Dich oft befalle, sei nur wie Wolken,
die ber den Mond hinziehen und verdunklen - aber Du selber seist reines
poetisches Licht und Du drngest tief ins Gehr, der Klang Deiner Gedichte sei
Geistesmusik, - - und dies sei jetzt nur der Eingang zum Geisteskonzert, in dem
sich immer und nach allen Seiten Melodien entfalten; und es sei so edel, sich
innerlich einem solchen Leben hingeben, und so knnte und sollte ich auch mich
sammeln, da ich meinen Geist nicht wegwerfe und ein Leben fhre, das wrdig
sei. - Was meinst Du, da ich zu all diesem gesagt hab? - Nichts! - Mir wird
bang einen Augenblick, da ich so selbstverlassen bin, und da sich mein Geist
nichts um mich bekmmern will, in die Weite hinausschweift, wo eine Biene sich
unscheinbare Blten sucht, von denen nippt - aber Honig will er nicht machen, er
verzehrt alles selber. - Da nun die Biene aus Instinkt Honig macht, mein Geist
aber nicht, so wird der wohl nicht berwintern, wo er dann keinen Vorrat
braucht, - er gehrt wohl ins Land, wo ewiger Frhling ist. Der Clemens ist eben
wieder in die Stadt, der ganze Himmel ist berzogen - da regnet's schon so
gewaltig - ob er wohl schon in der Stadt ist? - Er geht in ein paar Tagen zu
Schiff nach Mainz und Koblenz und bleibt drei Wochen am Rhein, also wirst Du ihn
sehen.
                                                                         Bettine

Ich hab ihm versprechen mssen, da ich bei seiner Rckkehr was wollt
geschrieben haben, ich werde nie besser verstehen lernen, wie die Welt mit
Brettern zugenagelt ist, als wenn ich versuche ein Buch zu schreiben, und wenn
nun gar der Clemens von einer freien Zukunft spricht, und da ich, ohne ein Buch
zu schreiben, nie meine Zukunft werde genieen! - Ein Buch ist dick und hat viel
leere Seiten, die alle vollzuschreiben kann ich doch nicht aus der Luft greifen,
mir deucht dies erst recht eine Fessel meiner Freiheit. - Wenn ich mich an den
kienernen Schreibtisch setze und es fllt mir gar nichts Extraes ein und ich
schneide mit dem Federmesser eine dumme Fratze nach der andern in den Tisch, die
mich alle auslachen, da mir nichts einfllt, da werf ich mein Buch weg, wo
lauter Versanfnge drin stehen und kein Reim drauf. - Es ist wirklich eine
Unmglichkeit. Ich mcht dem Clemens alles zulieb tun, was er will, aber ich hab
einmal keine Gedanken; andre Leute waren schon vor mir da, ich bin zuletzt
gekommen, also was ich auch vorbringen knnt, so haben's andre schon frher
erlebt; ich ging einmal mit dem Clemens dies Frhjahr spazieren, da waren
allerlei neu aufgeblhte Kruter, die ich nicht kannte, die wollt ich brechen;
er sagte: Wenn du bei jedem Mausehrchen oder Vergimeinnicht hocken bleibst,
so werden wir nicht weit kommen. Daran denke ich jetzt immer, wenn ich was
Neues in mir selber erfahr, da andre dies alles wohl schon wissen und nichts
Neues mehr fr sie mehr sein mag, wie jene Violen und Gnseblmchen am Weg, die
ich mir sammeln wollte. So schreib ich's denn nicht auf, und auch weil die
Gedanken sich an mich hngen wie Schmetterlinge an die Blumen, wer soll sie
haschen? - Sie merken's gleich und fliegen davon, und fasse ich einen, so hab
ich bald seine schne Farbe abgewischt mit dem Schreibefinger oder seine Flgel
erlahmen. Und so ein Gedanke in der Luft flattert so lustig, aber auf dem Papier
kann er sich nicht wiegen wie auf der Blume; und kann sich nicht auf die Rosen
setzen von einer zur andern, er sitzt da wie angespiet. Ich seh's ja an denen
paar, die ich so erwischt und aufgeschrieben hab. - Da war ich grad am End vom
Garten, ich lief eilig hinein, weil ich ihn geschwind ins Buch schreiben wollt,
eh ich ihn vergesse und jetzt, so oft ich das Buch aufmache, lacht mich der
Gedanke aus und sagt: Du bist recht dumm. Jetzt will ich Dir nur gleich das
Blatt herausreien und da les' die Gedanken, die ich wie Hasen auf einer
drftigen Jagd hab zusammenschieen mssen, und bin mit jedem einzelnen aus
meinem Gedankenwldchen nach Haus gelaufen, um ihn aufzuschreiben, und immer die
drei Treppen hinauf. - Weit Du was? - Die drei Treppen waren mir nicht zu hoch,
aber ich hab mich geschmt vor den drei Treppen, wahrhaftig, ich hab die Augen
zugedrckt, weil ich dacht, sie merken's, da ich so eine kmmerliche Natur hab
und bring da die armen nackten Gedankenpfeilmuter an; so heien im Tirol die
Schmetterlinge, ich hab's vorm Jahr auf der Messe gelernt bei dem Tiroler, der
im Braunfels Handschuh verkauft, der mit dem schnen schwarzen Bart, Du weit,
Du sagtest, der habe ein Antlitz und kein Gesicht, ich fragte: Was ist das, ein
Antlitz? - Du belehrtest mich, das sei noch aus der Form Gottes, nach seinem
Ebenbild geschaffen, aber Gesichter, die seien nur so nachgepetert, wo die Natur
nicht hat wollen mit dabei sein und die Philister allein sich erzeugen lassen;
und da hab ich Dich gefragt: Hab ich ein Antlitz? - Da hast Du gelacht und
gesagt: Es steckt noch zu tief in der Knospe, ich kann's nicht erkennen. Noch
an jenem Abend hab ich mich vor den Spiegel gestellt und gebetet, Gott soll mich
doch aus der Knospe herauslassen mit einem Antlitz und nicht mit einem Gesicht;
denn wenn ich kein Antlitz hab, wie kann ich da einem Antlitz gefallen! Noch an
jenem Abend fragte ich die Frau Hoch, weil Wartfrauen von Schnheitsmitteln
manches wissen, sie meinte, wenn man keine Snde tue, so knne man nicht unschn
werden, und wenn es darauf ankomme, so werde ich gewi mich vor allen Snden
hten; wie aber die Frau Hoch drau war, um den Kindchen die Suppe zu kochen, da
kletterte ich vors Fenster auf das Blumenbrett und hockte mich ganz klein
zusammen, wie sie wieder hereinkam, war's ganz still, es war dunkel und noch
kein Licht angezndet, da meinte die Hoch, sie wr allein und wollte ihr
Abendgebet hersagen, weil das Kindchen noch schlief. - Jetzt geh ich ins ewige
Leben, sprach er mit freudiger Seele, neigte das Haupt und erbleichte. Das
hrte ich auf dem Blumenbrett vom Gebet der Frau Hoch. Ich dachte, ob es wohl
unrecht sein mge, sie zu belauschen, und da fiel mir meine Antlitzknospe ein,
ob die vom Meltau der Snde hierdurch knne angegriffen werden, denn so gescheit
war ich wohl, da dies keine Kapitalsnde sei, aber weil ich absolut wollt
wunderschn sein und ohne den geringsten Tadel, so hielt ich mir die Ohren mit
beiden Hnden zu, um nichts zu hren, da lie ich die Stange los vom Brett und
wr schier in den Hof gefallen. Ich konnt mir die Ohren nicht versperren, wenn
ich nicht fallen wollt, und da hrt ich sie noch singen:

Wenn der goldne Morgen blinkt,
Der zu dieser Hochzeit winkt,
Wo die reinen Seraphinen
Bei der hohen Tafel dienen. -

Da sang ich die zweite Stimme, die Hoch sieht sich in allen Ecken um, holt
Licht, sucht oben auf dem Ofen, auf dem Vorhanggestell und berall und kann mich
nicht finden. Ich pflckte eine Nelke vom Stock und stellte mich in den
Fensterrahm, den stie ich auf und reicht ihr die Nelke. Da stand sie mit ihrem
kleinen Wachsstock und beleuchtet mich und meint, ich wr eine Erscheinung. Ich
bin ihr aber um den Hals gefallen, denn ich hab die Frau sehr lieb. Ich fragte,
ob's eine Snde sei, da ich ihr zugehrt hab, sie sagte: Das ist grad keine
Snde, aber Sie htten knnen in den Hof fallen, und da wollen wir lieber ein
Danklied singen, da Sie nicht gefallen sind. - Hier hast Du das Lied, zu dem
ich eine Melodie gemacht hab.

Der du das Land mit Dunkel pflegst zu decken,
Ach, reine mich von jedem leisen Flecken.
Reich mir der Schnheit Kleid,
Da ich an jedem Morgen meiner Blte
Erkennen mag, wie deine Gnad sie hte.

Obschon die Sonne entzogen ihre Wangen,
Obschon ihr Gold der Erde ist entgangen,
Das krnket mich nicht sehr.
Erleucht in mir nur deines Geistes Licht,
Dadurch der Schnheit Geist wird aufgericht.

Kann ich des Nachts gleich nicht zum Schlafen kommen,
So mag dies meiner Schnheit dennoch frommen,
Das endet, wenn man stirbt.
Gib nur, o Gott, da ich so Nacht wie Tag
Der Schnheit Ruhe mir erhalten mag.

Wenn du mich willst, o Schpfer, einst genieen,
Mu ber mich der Born der Schnheit flieen,
Wie wollt ich frhlich sein! -
Sonst acht ich nichts, was Mut und Blut beliebt,
Noch was die Welt, noch was der Himmel gibt.

Die Hoch sagte: Sie haben das Lied schn verketzert, kein Mensch wird's fr ein
Andachtslied erkennen. - Ich hab es doch mit wahrer Andacht gesungen, ist es
eine Snde, so wollen wir lieber ein Bulied singen, damit mir nicht gar noch
ein Bart davon wchst. Die Hoch sagte: Ach, gehn Sie doch, das wr Ihnen grad
recht, wenn Ihnen ein Bart wchse.
    Am andern Morgen ging die Tonie zum Tiroler und ich ging mit, um mir sein
Antlitz einzuprgen, ich dachte, wenn man sich so was tief in die Seel schreibt,
so blht's am End mit einem auf, und weil die Tonie Handschuh aussuchte, setzte
sich ein Schmetterling, der vom Main herbergeflogen kam, auf den Strau an
seinem Hut. Ach, guck den Schmetterling, den haben die Blumen an deinem Hut
herbeigelockt! - Der Tiroler fragte: Was ist das fr ein Ding, ein
Schmetterling? und sieht ihn fliegen und ruft: Ei was, das ist ja ein
Pfeilmuter und kein Schmetterling. Du bist ein Schmetterling! und kriegt mich
um den Hals und kt mich auf den Mund. Die Tonie macht ein bs' Gesicht und
kauft gleich keine Handschuh mehr bei ihm und geht fort. Na, ruft er ihr nach,
nehm' Sie's nit bel, das Mdel nimmt's ja auch nit bel auf, und die Tonie
mut' lachen und die Handschuh kaufen. Die Geschicht wollt ich als immer
aufschreiben, weil sie mir gefllt, aber zu einem Buch pat sie nicht, denn sie
ist ja gleich aus, und was soll dann weiter passieren? - Der Clemens meint, ich
soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, er denkt, es wr Markt da; er
schreibt, ich soll aus dem Kloster alles aufschreiben, aber nun les nur erst die
dummen Gedanken, die in meinem Buch stehen, ob man da was Vernnftiges dran
schreiben kann, und hab's noch dazu auf den Deckel inwendig geschrieben weil ich
meint, ich wollt's recht voll schreiben, ja, hat sich was, ich bin schon ber
vier Wochen noch immer am Deckel. Da steht erstens obenan:
    Ob Tugend nicht auch Genialitt sein mchte, und ob wir vielleicht nur
deswegen so mhselig hinanklettern zum Erhabenen, weil wir kein Genie haben.
    Das war auf der Pappel, an der ich so bequem hinaufklettern kann, ich sah
die Vgel geflogen kommen und dacht in mir, du hast kein Genie, du mut mhselig
zu allem hinanklettern, und dann kannst du dich nicht oben erhalten, mut immer
wieder hinunter. - Und da fhlt ich recht in mir, wie alles in mir schwankt,
nichts erreichen kann, wie ein Feuer in mir braust, jede Kunst liegt in mir so
nah, ich mein, ich htte sie schon in mir, die Wangen glhen mir gleich so hoch,
sie brennen mir, wenn ich nur in die Ferne denk, da liegen mir goldne Berge. Ich
steh da, als htt ich nur den Zauberstab in der Hand, alles inwendig im Geist,
aber wenn's heraus soll, da bleib ich beim Buchdeckel und mu mhselig
Sandkrnchen fr Sandkrnchen zusammentragen. Wie ich von der Pappel herunter
die Trepp herauf war und hatte meinen ersten papiernen Gedanken aufgeschrieben,
der mich noch immer anlachte - so wollt ich doch noch ein bichen im Abendschein
mich wiegen, denn beim Wiegen kommen mir Gedanken. Kaum war ich der halben
Pappel hinaufgeklettert, so fiel mir schon wieder was ein, ich klettert also
gleich wieder herunter und wieder die Trepp hinauf und schrieb auf:
    Der ganze Mensch mu in sich einverstanden sein nmlich Herz und Kopf und
Hand und Mund.
    Da stand ich noch so eine Weile vor dem Gedanken still und dacht, vor dem
htt ich immer auf der Pappel knnen sitzen bleiben, und es tat mir schon leid,
da ich das Buch mit bekleckst hatte, aber weil der Clemens gesagt hatte, ich
soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, so wollt ich's durchsetzen.
Jetzt gefllt mir aber doch etwas in dem Gedanken, ich kann ihn ja zu was Groem
machen, wenn ich einen groen Sinn hineinlege, und wenn ich alles, was ich so
schreib, ohne zu wissen warum, mit Gewalt wahr mache. - Ja, ich fhl, es hngt
mit dem ersten Gedanken zusammen, es ist die Genialitt der Tugend, wenn der
ganze Mensch in sich einverstanden ist, und es ist gewi, was die meisten nicht
tun. Ach, nun kommt mir gar die Moral in Weg, la mich nur lieber die Gedanken
weiter abschreiben, dann kleb ich den Deckel zu vom Buch, da ich sie nicht mehr
seh. - Dann fallen mir vielleicht bessere Sachen ein, die nicht so steifstellig
sind. Ich bin also wieder auf meine Pappel geklettert, denn es ist mir grad, als
kmen mir nur da oben Gedanken, aber kaum war ich droben, so mut ich auch schon
wieder herunter, und der kam mir ganz begeisternd vor, so da ich mit groen
Freuden meine drei Treppen heraufgesprungen kam.

                      Den Geist nhren, das ist Religion.

Ja, wenn ich das knnt, dacht ich, wie ich wieder auf meiner Pappel sa und
jetzt nicht mehr herunter wollt; denn es war so schn geworden der ganze Himmel,
Abendrot, und der Luftkristalle unendlich viele, die schnell im Purpur
anschossen, was hab ich alles gesehen von Farben und von wogenden Wipfeln, die
sich einschmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne, und wie war die Natur
so gtig gegen mich, grad als ob ich sie nicht verleugnet htt gehabt mit meinem
Aberwitz auf dem Papier. Alles Selbstdenken kommt mir wie Snde vor, wenn ich in
der Natur bin; knnt man ihr nicht lieber zuhren? - Ja, Du meinst, davon denkt
man ja, da man ihr zuhrt, nein, das ist doch noch ein Unterschied. Wenn ich
der Natur lausche, Zuhren will ich's nicht nennen; denn es ist mehr, als man
mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen, das tut die Seele. - Siehst Du, da fhl
ich alles, was in ihr vorgeht, ich fhl den Saft, der in die Bume hinaufsteigt
bis zum Wipfel, in meinem Blut aufsteigen, ich steh so da und lausch - und dann
- da empfind ich - ich denk aber nicht grad oder doch nicht, da ich's wt,
aber wart nur einmal, wie's weiter geht. - Alles, was ich anseh - ja, das
empfind ich pltzlich ganz - grad, als wr ich die Natur selber oder vielmehr
alles, was sie erzeugt, Grashalme, wie sie jung aus der Erd heraustreiben, dies
fhl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen, alles fhl ich
verschieden. - Seh ich den groen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg, er hatte
beinah schon abgeblht, jetzt ist ein Nachschu da, das betracht ich alles, das
dringt mir alles mit etwas ins Herz, soll ich's Sprach nennen? - Mit was berhrt
man denn die Seel, ist die Sprach nicht die Lieb, die die Seel berhrt, wie der
Ku den Menschen berhrt? - Vielleicht doch, nun, so ist das, was ich in der
Natur erfahr, gewi Sprache; denn sie kt meinen Geist, - jetzt wei ich auch,
was Kssen ist; denn sonst wr's nichts, wenn's das nicht wr', jetzt geb acht:

        Kssen ist, die Form und den Geist der Form in uns aufnehmen, die wir
        berhren, das ist der Ku, ja, die Form wird in uns geboren.

Und darum ist die Sprache auch Kssen, es kt uns jedes Wort im Gedicht, alles
aber, was nicht gedichtet ist, das ist nicht gesprochen, das ist nur gegautzt
wie die Hunde. Ja, was willst Du denn anders mit der Sprache als die Seele
berhren, und was will der Ku anders, er will die Form in sich saugen und die
Seele berhren, alles das ist eins, ich hab's von der Natur gelernt, sie kt
mich bestndig, ich mag gehn und stehn wo ich will, sie kt mich, und ich bin
auch schon so ganz dran gewhnt, da ich ihr gleich mit den Augen entgegenkomme;
denn die Augen sind der Mund, den die Natur kt, siehst Du, so fhl ich auch,
da mich eine Knospe anders kt als eine Blume; denn warum, sie sind
verschieden in der Form, dies Kssen ist aber Sprechen, ich knnt sagen: Natur,
dein Ku spricht in meine Seele hinein - ja, das ist auch ein Gedanke, den ich
ins Buch geschrieben hab, aber den wollt ich stehen lassen, an ihn kann ich noch
weiteres anknpfen. Ach, wenn ich mich so umseh, wie sich alle Zweige gegen mich
strecken und reden mit mir, das heit kssen meine Seele, und alles spricht,
alles, was ich anseh, hngt sich mit seinen Lippen an meine Seelenlippen, und
dann die Farbe, die Gestalt, der Duft, alles will sich geltend machen in der
Sprache, nun ja, die Farbe ist der Ton, die Gestalt ist das Wort, und der Duft
ist der Geist, so kann ich wohl sagen, die ganze Natur spricht in mich hinein,
das heit, sie kt meine Seele, davon mu die Seele wachsen, es ist ihr
Element; denn alles hat sein Element in der Natur, was Leben hat. Der Seele ihr
Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form, das ist
Sprache der Natur. Aber die Natur hat nun auch selbst eine Seele, und diese
Seele will auch gekt sein und genhrt, grad wie meine Seele von ihrer Sprache
genhrt wird, wenn ich so durchdrungen war von ihr (denn es gibt Augenblicke, wo
die Seele wie ein Feuer ist von Leben, wo sie ganz und gar nur das ist, was sie
in sich aufgenommen, nmlich Selbstsprache der Natur, da erkennt sie die Natur
wieder als nahrungsbedrftig), so hab ich vor ihr gestanden und hab mich wieder
in sie hineingesprochen, ich hab sie gekt mit meinen Seelenlippen. Sieh, das
war Geist, der war nicht gedacht, der war ursprnglicher Lebensgeist ohne
Erdform, Gedanken ist die Erdform des Geistes - aber mein Geist hat diese Form
nicht angenommen, als er mit ihr sprach, es war nicht Gedanke, es war nicht
Gefhl oder Empfindung; denn das deucht mir auch noch verschieden, es war Wille
- ja Wille war's, der sah so rasch und fest die Natur an, als wolle er ihr nun
wieder schenken alles, was sie ihm gab, nmlich Leben. - Das ist's, alles ist
ein Wechselwirken, alles, was lebt, gibt Leben und mu Leben empfangen. - Und
glaub nur nicht, da alle Menschen leben, die sind zwar lebendig, aber sie leben
nicht, das fhl ich an mir, ich leb nur, wenn mein Geist mit der Natur in dieser
Wechselwirkung steht. - Da wei ich auch, da Trnen noch gar keine Folgen von
Schmerz zu sein brauchen oder von Lust - sie knnen auch eine natrliche Folge
sein, wie auch Schlaf die Folge ist vom aufgeregten Geist. - Denn ich mu oft
pltzlich weinen, ohne vorher gerhrt zu sein, das ist also gewi, wenn die
Natur mich so erfat, heimlich meine Seele erschttert, da sie weinen mu. Und
oft leg ich mich auch am Boden auf die sammetschwarze aufgepflgte Erde, die so
warm von untenauf dampft, und das wrmt mich, weil ich dann frier - ja, der
Geist friert in mir, da leg ich mich am Boden hin, da wird gleich der ganze
Geist wieder warm, da fhl ich's, wie's durch den Kopf zieht und durch die
Brust, und da mu ich gleich die Hnde betend zusammenhalten. Siehst Du, das ist
alles nicht gedacht und ist doch Geist. - Geist, der mit der Natur in
Wechselwirkung ist - ich bin ordentlich froh, da ich heut das Wort gefunden
hab, ich htt schon frher mit Dir davon gesprochen, aber ich fand die Worte
nicht - aber ich knnt Dir noch ganz andere Sachen sagen - ach nein, ich frcht
mich gar nicht vor Dir, da Du mich schelten solltest, Du wirst wohl auch mit
mir einverstanden sein, da, soweit der Geist seinen Flug erheben mag, soweit
darf er auch, warum hat ihm Gott Flgel gegeben, Geist ist ja eigentlich
Fliegen. - So mu ich lachen ber die Lotte, wenn die von Konsequenz spricht,
das ist kein Geist - Inkonsequenz ist Geist - im Flug hin und her schweben,
alles, was er berhrt, gleich mit ihm zusammenflieen, das ist Geist, da er
gleich sich verwandle in das, was er berhrt, so verwandelt der wahre Geist sich
in die Natur, weil die ihm begegnet allberall, weil ihr Berhren mit ihm allein
Geist ist, er wr nicht, wr die Natur nicht leidenschaftlich seiner bedrftig,
das eben ruft ihn jeden Augenblick ins Leben, Geist ist fortwhrendes
Lebendigwerden, um die Natur zu kssen, seine Formen in sie prgen; die Natur
saugt die Geistesformen in sich, davon lebt sie, und Geist fliet durch alle
Gestalten mit ihr zusammen, so fat die Natur sich selber in ihren Formen, das
ist eben der ganz gttliche Reiz in ihr, Reiz ist Zauber, wo kann Zauber her
entstehen als durch das Sichselbsterfassen? - Ja, das ist schon wieder was
Neues, das wollen wir morgen besprechen. Heute abend tut mir der Nacken weh vom
Schreiben - das wollt ich nur noch sagen: mein Geist oder durch mich spricht der
Geist mit ihr, und dabei bin ich ganz unregsam, ich besinn mich nicht, ich denk
nichts, ich hab keine Betrachtung, aber nachher kann ich davon erzhlen, wie Du
siehst, heut zum erstenmal, also erzeugt das Ineinanderflieen des Geistes mit
der Natur doch Gedanken, die man nachher hat. - Was sind das aber vor Gedanken,
einer knnt sagen, es sind Lgen oder Dummheiten, Fabeleien und also keine
Gedanken; denn was kann ich's beweisen, oder zu was frommen und fhren diese
Gedanken. Ja, das ist es eben, Geistesgedanken berhren nichts, was schon da
ist, sie erzeugen neu, da siehst Du wieder, da ich recht hab; weil der Geist
und die Natur sich einander berhren, so sind sie fortwhrend lebendig und
erzeugen fortwhrend neu; denn wir sollen bergehen in ein neu Leben nach diesem
Leben, wie sollen wir's aber anfangen, wenn der Geist sich nicht selber hinber
erzeugt in die andre Welt? - Er mu sich also selbst wie ein klein Kind im
Mutterleib tragen, er mu mit sich gesegnet (guter Hoffnung) sein und mu sich
nhren, bis er selbst als Frucht in sich reif wird, dann bringt er sich zur
Welt, wo, wie und wann, - das ist alles einerlei; eine reife Frucht kommt
allemal zur Welt, die Welt ist da vor der Frucht, sie kann nicht aus jener Welt,
in das ihr Leben berstrebt, herausfallen, sie kann nur in sie geboren werden.
Der Geist also, der fortwhrend mit der Natur sich kt, das heit, der ihre
Sprache trinkt, der nhrt sich selbst in ihr, um sich zu gebren, die Natur tut
das auch, sie reift sich fr die knftige Frucht des Geistes in ihrem Bemhen
mit ihm, und so wird die neugeborne Frucht des Geistes in die Welt einer hher
gereiften Natur bergehen; denn Gott lt nie von der Natur, berall ist sie es,
die der neugebornen Seele wieder begegnet, wieder ihre Formen ihr zu kssen
gibt, das heit, ihre Sprache, die ihr in die Seele spricht, wovon die Seele
sich nhrt, so ist es gewi mit allen lebenden Kreaturen, die so weit sind, da
der Geist schon gelst ist und selbst denken kann. - Alle Menschen erleiden
dieselbe Berhrung von der Natur, sie wissen's nur nicht, ich bin grade wie sie,
nur der Unterschied ist, da ich bewut bin; denn ich hab das Herz gehabt,
dringend und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen, andre Menschen lesen's wohl
als poetische Fabel, da die Natur um Erlsung bitte, andre Menschen empfinden
wohl eine Unheimlichkeit, wenn sie so in der lautlosen stillen Natur dastehen,
es bedrngt ihr Herz, sie wissen weder den Geist zu wecken in sich, noch zu
bezwingen, da gehen sie ihr fhllos aus dem Weg, ihr Inneres sagt ihnen wohl,
hier geht was vor, du solltest dich dem hingeben, dann berkommt sie eine Angst,
und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben, wo eine Mahlzeit die andere
verabschiedet, bis der Schlaf obendrauf sich einstellt, und dann ist der Tag und
die Nacht herum; und dafr htte man gelebt? - Nein, das ist nimmermehr wahr! -
der Gedanke hat mich schon lang verfolgt: Warum lebst du doch? - besonders
eben, wenn ich so manchmal bei Sonnenuntergang spazierenging - im Wald auf der
Homburger Chaussee, da stand ich als still und fragte mich das, da hrte ich
diese traurige Stille der Natur, da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr,
da fhlt ich deutlich, da ich nicht bis zu ihr drang; da dacht ich, wenn's
nicht eine lebendige nhere Beziehung gb zu ihr, so wrdest du das nicht so
deutlich empfinden, du fhlst ja ordentlich in deiner Seele, wie sie traurig
ist, also geht sie doch lebendig an dich heran, und du fhlst, da sie einen
Geist hat, der ihr allein angehrt, und der sich mitteilen will, da fat ich mir
einmal ein Herz und wollte sprechen, da wut ich nicht, sollt ich laut mit ihr
sprechen wie mit den Menschen; denn ans Kssen ihrer Form und so mit ihr
sprechen, das war mir nicht deutlich, obschon gewi ich es unbewut im Kloster
getan; denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen. - Ich
dachte an einem Sonntagmorgen, als wir den Weg von Brgel aus der Kirche
zurckkamen, heut wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen
und wollt da mit ihr sprechen ganz laut, wie man mit den Menschen spricht, und
es war mir ganz schauerlich, als ich aus einem groen Garten, wo wir zusammen
mit andern waren, herausschlich und lngs der Chaussee am Wald ging, dann den
Bach verfolgte, der mir entgegengerauscht kam, und so kam ich an eine Stelle, wo
Felssteine liegen, und der Bach teilt sich und mu Umwege machen und schumt und
braust, da blieb ich eine Weil stehen, das Brausen war mir grad so ein Seufzen,
das lautete mir, als wr's von einem Kind, da redete ich auch zu ihr wie zu
einem Kind. Du! - Liebchen - was fehlt Dir? - und als ich's ausgesagt hatte,
da befiel mich ein Schauer, und ich war beschmt, wie wenn ich einen angeredet
htte, der weit ber mir stehe, und da legt ich mich pltzlich nieder und
versteckte mein Gesicht ins Gras, und im Anfang war ich ganz betubt, da ich
gar nicht wute, warum ich dahergekommen war, aber nach und nach besann ich
mich, und nun, wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht, da war ich einmal
zrtlich. Ach! Ich sag Dir - tausend se Dinge drngten sich aus meinem
Seelenmund, ein Begehren, sie zu lieben, ich wei nicht, wie's nachher gewesen
ist, ich konnt ungern vom Platz aufstehen, aber da ward mir so hei auf dem
Kopf, und wie ich ihn aufhob, schien die Sonne so krftig, und nichts war mehr
dster und traurig, alles lebendig, ich war in der Seele, als hab ich ein neu
Leben empfangen, und die Wellen im Bach, die ber die Steine sich teilten,
schienen mir voller zu rieseln und lauter, und ich mute alles so tief ansehen,
und da lernt ich gleich ihre Formen fassen, ich sah sie viel krftiger an, und
ich hatte unter zwei Tannen gelegen, die ihre ste noch bis am Erdboden hngen
hatten, und guckte die feinen Nadeln an, wie sie so gleichmig gereiht waren,
und wie sie die klebrigen Knospen so schtzend in ihrer Mitte tragen. Da dacht
ich, ist doch kein Gedanke so krftig und so wahr wie dieser Baum, und ich hab
noch nichts gehrt von Menschen sagen, wo der Gedanke gleich schon seine Knospe
der Zukunft in sich bewahrte; und drum ist auch alles platt und kein Leben drin;
denn alles was lebendig ist, das mu die ganze Zukunft in sich tragen, sonst ist
es nichts, und alles Tun der Menschen mu so sein, sonst ist's Snde, und da
dacht ich, wie ist es mglich, da jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in
sich fasse? Aber da wut ich's gleich, nmlich jede Handlung mu den hchsten
Zweck haben, und ein hoher Zweck ist ja doch die Knospe der Zukunft. O, ich
wollt gleich die Welt regieren, und die Leute sollten sich verwundern, das hab
ich in jenem ersten Moment gelernt von der Natur, wie ich das machen soll, und
glaub nur, ich wrde nie fehlgehen, im Anfang wrde es viel Staub setzen, wenn
ich gegen das alte Gemuer anrennen lie, wenn aber erst die Staubwolken sich
gelegt htten, dann um so schnerer hellerer Himmel. - Aber als ich am Boden
lag, da mischten sich auch meine Trnen mit dem Erdreich, aber der Nacken tut
mir so weh, ich kann nicht mehr schreiben, und ich wollt Dir doch noch so viel
sagen! - Es ist schon Morgen, die Sonn kommt schon, gute Nacht!

                                                                          Montag

Ich hab heut im Schlaf gedacht, ich bin doch recht glcklich, alles was ich Dir
gestern aufgeschrieben hab, das war in meinem Buch mit folgenden ledernen
Gedanken bezeichnet:

        Alle Form ist Buchstabe, wisse die Formen zusammenzusetzen, so hast du
        das Wort (Ku), und durch dieses den Sinn (Gedanken) Liebesnahrung des
        Geistes. -

Nein, daraus wrde wohl keiner klug werden! - und auch keiner sich drum kmmern,
so ein Gedanke, den man aufbewahrt, ist wie eine gedrrte Pflaume, ganz
verhutzelt und verkohlt. Nein, es ist eine Unmglichkeit, ein Buch zu machen aus
dem, was mir durch den Kopf geht, es ist ungehobeltes Zeug, was sich sperrt,
wenn's in Gedanken soll gefat werden. - Und kein Mensch kann's brauchen, selbst
der Clemens wrde frchten, da ich bergeschnappt sei, von Dir erwart ich, da
Du mich ungestrt anhrst, es ist doch einmal nicht zu ndern, Ihr gebt Euch
Mhe, meine Gedanken zu konzentrieren (auf etwas fest richten soll das, glaub
ich, heien), das ist aber grad, was nie geschehen wird; denn ich selbst kann's
nicht erzwingen von mir, ich sag mir oft, nur jeden Tag eine halbe Stunde
Geduld, so wirst du gewi Herr ber alles, was du lernen magst. - Aber wenn ich
das denk, so schaudert's mich, als ob ich gesndigt htt mit dem Gedanken.
Gestern nahm mich die Gromama ins Gebet ber meine vermglichen Fhigkeiten,
sie sagt, wer den Most nicht fassen kann in Gefe, der kann ihn nicht bewahren,
da hielt sie mich mit beiden Hnden und sah mich so gro an, da versprach ich
ihr alles, da sagte sie: Lern doch Latein, und ich versprach's ihr, aber
gleich befiel mich eine frevelige Angst, und mir klopfte das Herz vor Ungeduld,
da sie mich loslassen solle, aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen, und
wie sie sah, da meine Wangen so brennten, da sagt sie: Geh hinaus, lieb's
Mdele, in die Luft, und morgen wollen wir weiter sprechen. - Gleich klettert
ich aufs Dach von der Waschkch und erwischte so einen Akazienzweig und
kletterte hinber auf den Akazienbaum und hab ihn umhalst und wieder abgebeten,
da ich gesagt hab, ich wollt Latein lernen.
                                                                         Bettine


                                 An die Bettine

Ich habe Deine Briefe erhalten, die Du seit meiner Abreise mir schreibst. Ich
mu mich kalt machen, da Dein Flammen mich nicht angreifen, doch such ich Dir
nachzuempfinden, und meine Mhe ist nicht ganz umsonst - doch staun ich, wie
gewaltig Dich alles ergreift, und da dies alles nicht Deine Gesundheit
aufreibt; denn wie mir einleuchtet, so kannst Du unmglich viel schlafen? - Und
dabei dies unruhige Leben, wo jeder Augenblick Dich aufs neue reizt - ich glaub
selber, da Du einen Dmon hast, der Dich wieder strkt, wie knntest Du sonst
alles fassen? - Und Dein Herz, ist es nicht voll zum berlaufen, der Grtner,
der Moritz, der Franzose, der Clemens und ich doch auch - und Deine frhen
Wanderungen im Boskett, Du schlfst nicht aus, es wird nicht lange so fortdauern
knnen - ich selbst fhl mich hier anders wie sonst. - Die Zukunft leuchtet mir
nicht helle, und ich hab so groe Lust nicht mehr am Lebendigen, an der
Mrchenwelt, die unsre Einbildung uns damals so ppig aufgehen lie, da sie die
Wirklichkeit verschlang, doch wird sich's ndern, gewi, wenn wir wieder
zusammen sind, diesen Winter denk ich ernstlich mich zu berwinden, ich hab mir
einen Plan gemacht zu einer Tragdie, die hohen spartanischen Frauen studiere
ich jetzt. Wenn ich nicht heldenmtig sein kann und immer krank bin an Zagen und
Zaudern, so will ich zum wenigsten meine Seele ganz mit jenem Heroismus erfllen
und meinen Geist mit jener Lebenskraft nhren, die jetzt mir so schmerzhaft oft
mangelt und woher sich alles Melancholische doch wohl in mir erzeugt. - Doch
frchte nichts fr mich, es sind nur Minuten, wo mich's berfllt wie starker
Frost, doch Deinen frhlingsheien Briefen widersteht er nicht. - Heut und
gestern war ein Grnen und Blhen in mir - und ich lese sie gern wieder, dann
bin ich immer wieder glcklicher gestimmt, ich danke Dir dafr. - Auch von
Clemens sagst Du mir, was mich freute. - Lebe wohl! - Dein Naturbrief besonders
hat mir Freude gemacht, er ist wie das Zwitschern junger Vgel, die sich noch im
Nest der tzung freuen - die die Mutter in Flle ihnen gibt, sind sie erst
flgge, dann werden vielleicht auch da Geistesgesetze herausfliegen, von der
Natur gegrndet fr den Geist, der sie als gttlich zu fassen vermag, aber sie
werden wohl nimmer im Buchstaben knnen gefat werden, zum wenigsten nicht in
unserm Jahrhundert. -
    Ist denn das alles von Gedanken, was Du in Dein Buch aufgeschrieben, o
verliere nichts. Hier sende ich Dir ein paar Lieder, lese sie, wie man Gedichte
liest, ohne zu groen Affekt. Denk, da der Reim auch die Stimmung leitet, und
glaub nicht gleich, ich sei zu traurig. - Gedichte sind Balsam auf Unerfllbares
im Leben; nach und nach verharscht es, und aus der Wunde, deren Blut den
Seelenboden trnkte, hat der Geist schne rote Blumen gezogen, die wieder einen
Tag blhen, an dem es s ist, der Erinnerung Duft aus ihnen zu saugen.
    Die Pilger hab ich vor acht Tagen geschrieben, auf das letzte: Der
Lethe-Flu߫, hatte Dein Emigrantenverkehr Einflu; ich wei nicht wie.
    Ist St. Clair noch nicht zurckgekehrt? War er bei Dir? -

                                    Beilage



                                   Die Pilger

                                Der eine Pilger

Ich bin erkranket
An Liebespein,
Mcht nur genesen,
Wolltst mein du sein.

Dein liebreich Wesen,
Dein Lippenrot
Hlt mich gefangen
Bis an den Tod.

Mein Aug ist trbe,
Meine Jugend verdorrt,
Mu Heilung suchen
An heil'gem Ort.

Ich greif zum Stabe,
Ich walle zum Meer,
Es brausen die Winde,
Es tobet das Meer.

Die Vglein fliegen
so lustig voran,
Sie suchen den Frhling
Und treffen ihn an.

Es hlt mich die Liebe,
Ich bliebe so gern,
Doch ziehet mich Wehmut
Zum Grabe des Herrn.

Mich sehnet, o se
Geliebte, nach dir,
Doch whl ich das Grab mir
Des Heilands dafr.

Da knie ich nieder
Voll bitterem Schmerz,
Da kann ich dich lassen,
Da bricht mir's Herz.

Lebt wohl denn, ihr Augen,
Voll freundlichem Schein,
Mein Blick soll zum Himmel
Gerichtet nur sein.

Die Heilung ist bitter,
Der Weg ist wohl weit,
Doch greif ich zum Stabe
Und ende mein Leid.

                                Der andre Pilger

Ich scheide froh vom Vaterland
Und suche den geliebten Strand,
Wo Jesus Christus wallte.
Wo er in Demut angetan,
Des Erdenlebens schwere Bahn
Mit stillem Sinne wallte.

Was ist die Herrlichkeit der Welt
Und alles, was dem Sinn gefllt? -
Ich will ihm froh entsagen.
Die ird'sche Kette fllt von mir
Und Jesu! - Nur zu dir! zu dir! -
Will ich mein Sehnen tragen.
Die Mrterkrone windet mir
Und Seligkeit wohl fr und fr,
Wenn ich vollendet habe.
O se Bue! Himmlisch Leid!
In frommer Einfalt, Seligkeit,
Ihr wohnt am heiligen Grabe.

                                     Lethe
Du rollst, o Bach, mit stillem Stolz die Flut
Und dstergrn umhllen dich Gestruche,
In deiner Well erstirbt die Rosenglut,
Die lieblich glnzt vom fernen Geisterreiche.

Dir schmeichelt nicht die Gunst der Gegenwart
Mit Bltenduft, mit Zephyrs khlem Suseln,
Kein Glck, das in der Zukunft Schleier harrt,
Wird deine Wog in holden Spielen kruseln.

Erbebend schaut es die Vergangenheit,
Wann deine Flut der Schatten Heer umweben,
Wie die Gebilde der entflohnen Zeit
Zum den Nichts auf deiner Well entschweben.

Du wallest stolz! - Des Helden Lorbeerkranz,
Die Myrte durch Zytherens Hauch erzogen,
Der Tugend Palm in des Olympos Glanz
Verlieren sich in deinen dstern Wogen,

Entfhrt durch sie, dahin, wo Zeit und Raum
Verschwinden, wo in trber Nebelferne
Dein dumpfer Fall ertnt, dein weier Schaum
Im Chaos strahlt, statt lichtbegabter Sterne.

Hinweg von dir! - Die bltenreiche Luft,
Der Zauber in Elysiums Gefilden
Verfhr mich nicht, der rosenfarbne Duft
Mag sich umsonst an deinem Ufer bilden.

Vergebens weht hier magisch s ein Ton
Zu mir herab aus seliger Geister Chren,
Erschiene selbst Latones groer Sohn,
Sein Phbusauge wird mich nicht betren.

Fr Seligkeit, die ich noch nie geno,
Sollt ich in Lethe meine Lust versenken?
Und Schmerzen, die ich lang in mir verschlo,
Fr unbekannte Freuden hinzuschenken.

Nein! Jed' Gefhl, zur Qual und auch zur Lust,
Vom Hauch der Erdenluft in mich geboren,
Die Leidenschaft bekmpft in meiner Brust -
Den Siegerstolz! - Ich geb ihn nie verloren.

Es drckt das Herz, wenn eine fremde Macht
Ihm Gottheit gibt, es strubt sich dieser Wrde,
Mit hherem Stolz entsagt es dieser Pracht
Und schmiegt sich liebend seiner Erdenbrde.

Kann ich die Seligkeit auf jener Flur
Nur durch den Tod von diesem Ich erringen,
So leite fern von ihrer Zauberspur
Mich die Erinnerung auf ihren zarten Schwingen.

Ich trag im Busen mein Elysium,
Und dieses blhe mir auf Blumenmatten
Elysischer Gefild! Ich bringe stumm
Es sonst zum Styx, zu ungeweihten Schatten.

Dich aber fleh ich an, Erinnerung!
O Gttin! Die den Gram um Freuden tauschet
Und wie ein Lilienduft mit leisem Schwung
Durch die Verzweiflungsnacht zum Troste rauschet:

Nimm deinen Wanderstab und schlage khn
Der stolzen Lethe Flut, da ihre Wellen
In nichts verdrstend, ewig schchtern fliehn,
Elysiums Strand nicht spottend mehr umschwellen.

Die Schatten jauchzen dann, im Gtterglanz
Der Tugend Traum entfaltend, wie der Fehler Brde,
Wo Lethe flo; umschwebt vom ewigen Tanz
Der Anmutschwestern, in ihrer Selbstheit Wrde.




                                Der Ku im Traum


Es hat ein Ku mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefes Schmachten,
Komm Dunkelheit, mich traulich zu umnachten,
Da neue Wonne meine Lippe saugt.

In Trume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb ich ewig, Trume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
Weil mir die Nacht so sen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesen Wonnen,
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen,
Und mich verzehren diese heien Gluten.

Drum birg dich Tag, dem Leuchten ird'scher Sonnen,
Hll dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes khle Fluten.


                                An die Gnderode

Schon zehn Tage bist Du fort, alle Tag kommt der Jud mit dem leeren Sack, ich
lie ihn heut den Sack um und um kehren, weil ich dacht, es msse sich Dein
Brief drin finden, den ich so sicher erwartete, aber es war nichts
herausgefallen als Brotkrmel und kein Krmelchen Deiner Feder fr mich - wonach
ich gar nicht so hungrig bin, wenn ich nur wei, da alles noch beim alten ist,
und da Du gesund bist. - Weit Du mir nichts zu schreiben, so such mir aus
meinen Briefen meine Religionsprinzipien zusammen, ich hab noch allerlei
Nachgedanken berauschender Quellen der Natur hervorstrmen, und mir deucht, ich
sollte sie auch noch zu schpfen versuchen. -
    Bei der Gromama ist ewiger Besuch, heute spazierte man zu siebzehn
Frstlichkeiten im Garten auf und ab, die Gromama zum Bewundern, in Anmut und
Wrde alle berstrahlend, Isenburg, Reu, Erbach und etliche hessische
Durchlauchten und nebenbei noch der Herzog von Gotha, der schon lngere Zeit
tglich Brot ist im Haus, nmlich alle Mittag um drei Uhr kommt er
herausgefahren und lt sich von mir die Depeschen vorlesen und Journale, dann
geht er in den Garten, wo er Bohnen gepflanzt hat, die mu ich ihm begieen
helfen. Die Gromama spricht von seinem Genie, mir gefllt, da er mit mir
umgeht wie mit einem Kind, er nennt mich Du! Frgt mich nie nach was anderm, als
was ich mit Ja oder Nein beantworten kann, weiter hab ich ihm nichts gesagt bis
jetzt - im Garten lt er mich in der Sonnenhitze den Regenschirm tragen, und er
trgt die Giekanne, letzt war er so matt, da er sie hinstellen mute, ich
sagte, er solle den Parapluie tragen, ich wolle die Giekanne nehmen, er meinte,
die sei wohl zu schwer fr mich, als er aber sah, da ich sie mit ausgestrecktem
Arm weitab durch die Luft trug, um mein Kleid nicht na zu machen, so nennt er
mich seitdem die starke Magd. - Seine roten Haare, die einen verzweiflungsvollen
Schwung haben wie ein schweres hrenfeld, das der Hagel verwstet hat, und sein
blasses Angesicht geben ihm in der Abenddmmerung das Ansehen von einem Geist;
ich hab mich vor ihm gefrchtet, wie er mich abends durchs Boskett begleitete.
Die Gromama hatte alle Frstlichkeiten an der Wagentre begrt und dagegen
protestiert, da sie unter das Dach ihrer Grillenhtte kommen, sie wollten aber
absolut in die Grillenhtte herein, und so ward diese bald zu eng. - Im Garten
machte der Herzog selbst eine Weinkaltschale mit Pfirsich; denn er panscht gern,
ich mute dazu alles herbeiholen in die Geisblattlaube, da er mich nun immer
starke Magd nannte, so passierte ich bei der hohen Gesellschaft fr ein so
seltnes Monstrum; zuletzt sagte er noch: Geh an unsern Bohnenstangen und sorge,
da die breitfigen und krummbeinigen Spaziergnger sie nicht umtreten! Ich
holte mir die Schawell und setzte mich mitten ins Bohnenfeld, wo ich nicht mehr
bemerkt wurde, es war mir eine Labung; denn ich war betubt und mde, alles kann
ich ertragen, nur nicht das Brausen der Menschenreden, die kein Feuer, keinen
Zweck haben und immer in der Luft herumgreifen und nichts fragen und nichts
anregen; besser wr's, schweigen. Bis das Ton wird, was unendlichen Vorteil
bringen mag, da kann noch viel Wasser dem Main hinunterflieen. Am Abend ging
alles ins Boskett, die Musik zu hren, es war mit bunten Lampen erleuchtet, die
Orangerie auf der Terrasse am Main jetzt in ihrem schnsten Flor, ach, ich war
so mde und betubt - was ich getrumt habe wei ich nicht mehr, es war schn;
denn ich wachte auf, wie trunken von Behagen, aber doch so schwindlig, da sich
die starke Magd an der Hand vom Herzog nach Haus fhren lie, er fuhr in die
Stadt, er rief mir noch aus dem Wagen zu: Leg dich zu Bett, starke Magd, du
siehst ganz bla aus! -

                                                                           17ten

St. Clair war heute hier, zwischen zehn und ein Uhr, ich lag noch zu Bett, ich
hatte die Gromama um Erlaubnis fragen lassen auszuschlafen, weil mich am Abend
der Duft der Orangerie ganz betubt hatte, er wartete auf mich hinter der
Pappelwand. - Es gibt Weh, darber mu man verstummen; die Seele mchte sich mit
begraben, um es nicht mehr empfinden zu mssen, da solcher Jammer sich ber
einem Haupte sammeln knne, und wie konnte es auch? - O ich frage! und da ist
die Antwort: weil keine heilende Liebe mehr da ist, die Erlsung knnte
gewhren. Oh, werden wir's endlich inne werden, da alle Jammergeschicke unser
eignes Geschick sind? - Da alle von der Liebe geheilt mssen werden, um uns
selber zu heilen. Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewut,
nicht der erstarrten Sinne; da das Krankheit ist, das fhlen wir nicht - und
da wir so wahnsinnig sind und mehr noch als jener, dessen Geistesflamme seinem
Vaterland aufleuchten sollte - da die erlschen mu im trben Regenbach
zusammengelaufner Alltglichkeit, der langweilig dahinsickert. - Hat doch die
Natur allem den Geist der Heilung eingeboren, aber wir sind so verstandlos, da
selbst der harte Stein fr uns ihn in sich entbinden lsset, aber wir nicht -
nein, wir knnen nicht heilen, wir lassen den Geist der Heilung nicht in uns
entbinden, und das ist unser Wahnsinn. Gewi ist mir doch bei diesem Hlderlin,
als msse eine gttliche Gewalt wie mit Fluten ihn berstrmt haben, und zwar
die Sprache, in bergewaltigem raschen Sturz seine Sinne berflutend und diese
darin ertrnkend; und als die Strmungen verlaufen sich hatten, da waren die
Sinne geschwcht und die Gewalt des Geistes berwltigt und erttet. - Und St.
Clair sagt: ja, so ist's - und er sagt noch: aber ihm zuhren, sei grade, als
wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche; denn er brause immer in Hymnen
dahin, die abbrechen, wie wenn der Wind sich dreht - und dann ergreife ihn wie
ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee, da er wahnsinnig sei, ganz
verschwinde, und da sich anhre, was er ber die Verse und ber die Sprache
sage, wie wenn er nah dran sei, das gttliche Geheimnis der Sprache zu
erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er
in der Verwirrung und meine, es werde ihm nicht gelingen, begreiflich sich zu
machen; und die Sprache bilde alles Denken; denn sie sei grer wie der
Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im
Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig
hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fhle sich in der
Sprache, sie werfe das Netz ber den Geist, in dem gefangen er das Gttliche
aussprechen msse, und solange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht
vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit;
denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist
Gefallen haben knne, sondern das sei Poesie: da eben der Geist nur sich
rhythmisch ausdrcken knne, da nur im Rhythmus seine Sprache liege, whrend
das Poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei - und ob es denn der Mhe
lohne, mit so sprachgeistarmen Worten Gefhle in Reime zwingen zu wollen, wo
nichts mehr brigbleibe als das mhselig gesuchte Kunststck zu reimen, das dem
Geist die Kehle zuschnre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm
eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus knne er
lebendig und sichtbar werden; denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte
seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. -
    Es gebe hhere Gesetze fr die Poesie, jede Gefhlsregung entwickle sich
nach neuen Gesetzen, die sich nicht anwenden lassen auf andre; denn alles Wahre
sei prophetisch und berstrme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei
anheimgegeben, dies Licht zu verbreiten, drum msse der Geist und knne nur
durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. - Nur allein dem
fge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! - wieder: -
    Wer erzogen werde zur Poesie in gttlichem Sinn, der msse den Geist des
Hchsten fr gesetzlos anerkennen ber sich und msse das Gesetz ihm preisgeben;
nicht wie ich will, sondern wie du willst! - und so msse er sich kein Gesetz
bauen; denn die Poesie werde sich nimmer einzwngen lassen, sondern der Versbau
werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten.
Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, knne er die Poesie als Gott
nicht fassen. - Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist msse sich in
dieser bewegen und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz, was der Mensch dem
Gttlichen anbilden wolle, ertte die Ideengestalt, und so knne das Gttliche
sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die
Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde
tdlich faktisch; denn das Gttliche strme den Mord aus Worten, die
Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde - so sei aber ein
Tragisches, was Leben ausstrme in der Ideengestalt - (Poesie); denn alles sei
tragisch. - Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung (lebendig
faktisch), die blo aus dem Gemordeten hervorgehe. - Der Tod sei der Ursprung
des Lebendigen.
    Die Poesie gefangennehmen wollen im Gesetz, das sei nur, damit der Geist
sich schaukle, an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung, als ob er
fliege. Aber ein Adler, der seinen Flug nicht abmesse - obschon die
eiferschtige Sonne ihn niederdrcke - mit geheim arbeitender Seele im hchsten
Bewutsein dem Bewutsein ausweiche und so die heilige, lebende Mglichkeit des
Geistes erhalte, in dem brte der Geist sich selber aus und fliege - vom
heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen, dann geschwungen sich auf und
ab in heiligem Wahnsinn, dem Gttlichen hingegeben; denn innerlich sei dies eine
nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. -
    Dann sagte er am andern Tag wieder: es seien zwei Kunstgestalten oder zu
berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Hhe im Anfang
eines Kunstwerks und neige sich gegen das Ende; die andre wie ein freier
Sonnenstrahl, der vom gttlichen Licht ab sich einen Ruhepunkt auf dem
menschlichen Geist gewhre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da
steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern
der hchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachuerung
bertreffe, und fhre der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann
und ganz getrnkt vom Licht, und es erdrre ihre ursprngliche ppige
Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im
Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum bermenschlichen. Und nur
die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nmlich. - Und es sei
Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam
Heroischen, wie im leidenden Verhalten. - Und jedes Kunstwerk sei ein Rhythmus
nur, wo die Zsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist,
und dann schnell vom Gttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So
offenbare sich der dichtende Gott. Die Zsur sei eben jener lebendige
Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der gttliche Strahl ruhe. - Die
Begeistrung, welche durch Berhrung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe
ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie, die aus dem Urlicht schpfe und
hinabstrme den ganzen Rhythmus in bermacht ber den Geist der Zeit und Natur,
der ihm das Sinnliche - den Gegenstand - entgegentrage, wo dann die Begeistrung
bei der Berhrung des Himmlischen mchtig erwache im Schwebepunkt
(Menschengeist), und diesen Augenblick msse der Dichtergeist festhalten und
msse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben - und so
begleite diesen Hauptstrahl des gttlichen Dichtens immer noch die eigentmliche
Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von
gttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig
noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren
Umschwung erhalte, bald auch eine trumerisch naive Hingebung an den gttlichen
Dichtergeist oder die liebenswrdige Gefatheit im Unglck; - und dies
objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der
heroischen Virtuositt des Gttlichen hinein. -
    So knnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem, was sich St. Clair in
den acht Tagen aus den Reden des Hlderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen
Stzen; denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen, was St. Clair noch
mndlich hinzufgte. Einmal sagte Hlderlin, alles sei Rhythmus, das ganze
Schicksal des Menschen sei ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk
ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des
Gottes, und wo der Menschengeist dem sich fge, das seien die verklrten
Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um
die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das
Wort den Krper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der
Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle
der Dichterklang erschalle, whrend die Sinne versunken seien in die notwendigen
Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. - Diese letzte
Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermhlungsbegeistrung und bald
tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch strme
sie im Tageslicht ber alles, was dieses beleuchte. - Der gegenber, als der
humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; - und wer dies
nicht verstehe, meinte er, der knne nimmer zum Verstndnis der hohen
griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein gttlich organischer sei, der
nicht knne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich
Undenkbarem geweiht. - Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil,
seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem
schmiege, der werde nie weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter und
zu schwach sei ein solcher, als da er sich fassen knne, weder im Stoff, noch
in der Weltansicht der frheren, noch in der spteren Vorstellungsart unsrer
Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter, die
sich in gegebene Formen einstudieren, die knnen auch nur den einmal gegebenen
Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vgel auf einen Ast des Sprachbaumes und
wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus, der in seiner Wurzel liege, nicht aber
fliege ein solcher auf als der Geistesadler, von dem lebendigen Geist der
Sprache ausgebrtet.
    Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist, was die Dichtkunst
belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich
hab besser durch diese Anschauungen des Hlderlin den Geist gefat, als durch
das, wie mich St. Clair darber belehrte. - Dir mu dies alles heilig und
wichtig sein. - Ach, einem solchen wie Hlderlin, der im labyrinthischen Suchen
leidenschaftlich hingerissen ist, dem mssen wir irgendwie begegnen, wenn auch
wir das Gttliche verfolgen mit so reinem Heroismus wie er. - Mir sind seine
Sprche wie Orakelsprche, die er als der Priester des Gottes im Wahnsinn
ausruft, und gewi ist alles Weltleben ihm gegenber wahnsinnig; denn es
begreift ihn nicht. Und wie ist doch das Geisteswesen jener beschaffen, die
nicht wahnsinnig sich deuchten? - Ist es nicht Wahnsinn auch, aber an dem kein
Gott Anteil hat? - Wahnsinn, merk ich, nennt man das, was keinen Widerhall hat
im Geist der andern, aber in mir hat dies alles Widerhall, und ich fhle in noch
tieferen Tiefen des Geistes Antwort darauf hallen als blo im Begriff. Ist's
doch in meiner Seele wie im Donnergebirg, ein Widerhall weckt den andern, und so
wird dies Gesagte vom Wahnsinnigen ewig mir in der Seele widerhallen.
    Gnderode, weil Du schreibst, da Dir mein Denken und Schreiben und Treiben
die Seele ausflle, so will ich nicht aufhren, wie es auch kommen mag, und
einst wird sich Dir alles offenbaren, und ich selber werde dann, wie Hlderlin
sagt, mich in den Leib des Dichtergottes verwandeln; denn wenn ich nur
Fassungskraft habe! - Denn gewi, Feuer hab ich, - aber in meiner Seele ist es
so, da ich ein Schicksal in mir fhle, das ganz nur Rhythmus des Gottes ist,
was er vom Bogen schnellt, und ich auch will mich bei der Zsur, wo er mir ins
eigne widerstrebende Urteil mein gttlich Werden gibt, schnell losreien und in
seinem Rhythmus in die Himmel mich schwingen. Denn wie vermcht ich sonst es? -
Nimmer! Ich fiel zur Erde wie alles Schicksallose. -
    Und Du, Gnderode, so adelig wie Du bist in Deinen poetischen Schwingungen!
Klirrt da nicht die Sehne des Bogens des Dichtergottes? Und lsset die Schauer
uns fhlen auch in diesen leisen trumentappenden Liedern:

Drum la mich, wie mich der Moment geboren,
In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen,
Die Sterne wandlen ohne festen Stand.

Sagst Du nicht dasselbe hier? - Klingt nicht so der Widerhall aus der de in
Hlderlins Seele? -
    Ach, ich wei nicht zu fassen, wie man dies Hchste nicht heilig scheuen
sollte, dies Gewaltige, und wenn auch kein Echo in unseren Begriff es bertrage,
doch wissen wir, da der entfesselte Geist ber Leiden, die so mit Gtterhand
ihm auferlegt waren, im Triumph in die Hallen des Lichts sich schwinge, aber
wir! - Wissen wir Ungeprften, ob je uns Hellung werde? - Jetzt wei ich's, ich
werd ihm noch viel mssen nachgehen, doch genug zwischen uns davon; eine
Erscheinung ist er in meinen Sinnen, und in mein Denken strmt es Licht. -

                                     Anhang



                             Gedichte der Gnderode

                                       I


                              Darthula nach Ossian

Nathos schiffet durch den Sturm der Wogen,
Ardan, Althos, seine Brder mit,
Caibars, Erins Knig, Zorn zu meiden,
In geheimnisvolle Schatten kleiden
Dunkle Wolken ihren fliehnden Schritt.

Wer? o Nathos! ist an deiner Seite!
Traurig seufzt im Wind ihr braunes Haar,
Lieblich ist sie, wie der Geist der Lfte,
Eingehllt in leichte Nebeldfte;
Schn vor allen Collas Tochter war.

Ach Darthula! Deine irren Segel
Eilen nicht dem wald'gen Etha zu.
Seine Berge heben nicht die Rcken,
Und die seeumwogten Ksten bcken
Turas Felsen schon dem Meere zu.

Wo verweiltet ihr, des Sdes Winde?
Schwelltet Nathos' weie Segel nicht?
Trugt ihn nicht zum heimatlichen Strande?
Lange blieb er in dem fremden Lande
Und der Tag der Rckkehr glnzt ihm nicht.

Schn, o Knig Ethas! warst du in der Fremde
Wie des Morgens Strahl dem Angesicht.
Deine Locken, gleich dem Raben, dster,
Deine Stimme wie des Schilfs Geflster,
Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.

Deine Seele glich der Sonne Scheiden,
Doch im Kampfe warst du frchterlich.
Brausend wie die ungestmen Wogen,
Wenn vom Nord die strm'schen Winde zogen,
Strztest du auf Caibars Krieger dich.

Auf Selamas grau bemoosten Mauern
Sah dich Collas Tochter, und sie sprach:
Warum eilst du so zum Kampf der Speere!
Zahlreich sind des dstern Caibars Heere,
Ach! und meiner Liebe Furcht ist wach.

Freuen wollt ich dein mich, deiner Siege,
Aber Caibars Liebe lt mich nicht.
So sprachst du. Jetzt haben dich die Wogen
Mdchen! und die Strme dich betrogen,
Nacht umringt dein schnes Angesicht.

Aber schweiget noch ein wenig, Winde!
berbraust Darthulas Stimme nicht!
Frst von Etha, sind dies Usnoths Hallen?
Jene Strme, die von Felsen fallen,
Sind es Ethas blaue Strme nicht?

Hier empret Erin seine Berge,
Ethas Felsenstrme brllen nicht.

Dennoch ruh hier an des Ufers Hgel,
Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flgel
Dich, du Liebliche, du schnes Licht.

Nathos: sagt das braungelockte Mdchen,
Niemand hat Darthula auer dich,
Denn die Freunde sind mir frh gefallen,
La um sie noch meine Klage schallen,
Hr der Trauer Stimme, hre mich.

Abend ward einst, in der Wehmut Schatten
Bargen meines Landes Ebnen sich,
ber hoher Wlder Wipfel schritten
Einzle Lfte, die aus Wolken glitten,
Da umgaben Trauerschatten mich.

Die Gestalten meiner Freunde gingen
Traurig, Geistern gleich, an mir dahin.
Da kam Colla mit gesenktem Schwerte,
Seinen Blick geheftet an die Erde,
Brennend glhte noch die Schlacht darin.

Collas letzte einz'ge Hoffnung, sprach er;
Braungelocktes Mdchen! Truthil fiel.
Siegreich kehrt dir nicht der Bruder wieder,
Zu Selama naht Erins Gebieter,
Mit ihm Tausende im Schlachtgewhl.

Ist des Kampfes Sohn gefallen? seufzt ich!
Hat der lange Schlaf sein Aug verhllt?
O! so schtze mich der Jagden Bogen,
Glcklich oftmals meine Pfeile flogen,
Tdlich fr das dunkelbraune Wild.

Freud umstrahlt den Greisen. Ja Darthula!
Deine Seele brennt in Truthils Glut,
Geh, ergreif das Schwert vergangner Schlachten!
Also Colla: seine Worte fachten
Hher noch in mir des Kampfes Mut.

Wehmutsvoll verging die Nacht; am Morgen
Schimmerte im Stahl der Schlachten ich. -
Caibar sa zum Mahl in Lonas Wste,
Als Selamas Waffenklang ihn grte;
Seine Fhrer rief er da zum Krieg.

Warum soll ich, Nathos! dir erzhlen
Von des Kampfes schwankendem Geschick?
Ach! Umsonst bedeckt von meinem Schilde,
Sank der Vater mir im Schlachtgefilde,
Und in heien Trnen schwamm mein Blick.

Treulos zeigte da des Mdchens Busen
Caibar mein zerrissenes Gewand;
Freundlich naht er, sprach der Liebe Worte,
Fhrte mich zu meiner Vter Pforte,
Aber Trauer meine Stirn umwand.

Da erschienst du, Nathos! meinen Augen,
Freundlich wie ein abendlich Gestirn.
Caibar schwand vor deines Stahles Sprhen
Wie der Nachtgeist vor des Morgens Glhen,
Doch es wlbte Trauer deine Stirn?

Meine Seele glnzte in Gefahren,
Eh ich dich, du schnes Licht! gesehn.
Aber unsre Segel sind betrogen,
Wolken kommen gegen dich gezogen.
Und du wirst in ihrer Nacht vergehn.

Oskar weilet noch an Selmas Kste!
Oskar schiffe durch das dunkle Meer!
O da Winde deine Segel schwellten!
Zittern wrden dann Temoras Helden,
Friede wre um Darthula her.

Wo wird Nathos deinen Frieden finden?
Wo Darthula! wo ist fr dich Ruh?
Geister der Gefallnen! sprach Darthula:
Truthil! Colla! Fhrer von Selama!
Winkt ihr mir aus euren Wolken zu!

Nathos! Reiche mir das Schwert der Tapfern,
Vater! Ich will deiner wrdig sein,
In des Stahles Treffen werd ich gehen,
Nimmer Caibars dstre Hallen sehen,
Nein! Ihr Geister meiner Liebe! Nein!

Freude glnzt in Nathos bei den Worten,
Die das schngelockte Mdchen sprach:
Caibar, meine Strke kehret wieder!
Komm mit Tausenden, Erins Gebieter!
Komm zum Kampfe! Meine Kraft ist wach!

Ja, er kmmt mit Tausenden! rief Ardan;
Schreckbar tnet ihrer Schwerter Schall. -
La zehntausend Schwerter sich empren:
Usnoth soll von Nathos' Flucht nicht hren,
Ardan: sag ihm, rhmlich war mein Fall.

Winde! Warum brausen eure Flgel?
Wogen! Warum rauscht ihr so dahin?
Wellen! Strme! Denkt ihr mich zu halten?
Nein, ihr knnt's nicht, strmische Gewalten,
Meine Seele lt mich nicht entfliehn.

Wenn des Herbstes Schatten wieder kehren,
Mdchen! Und du bist in Sicherheit,
Dann versammle um dich Ethas Schnen,
La fr Nathos deine Harfe tnen,
Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht. -

Nathos blieb gesttzt auf seinem Speere;
Schaurig pfiff der Nachtwind um ihn her,
Aber bei des Morgens erstem Strahle,
Drang er vorwrts mit gezcktem Stahle,
Mit dem Fhrer eilt Darthula her.

Komm zum Zweikampf! ruft er, Frst Temoras!
Fr Selamas Mdchen! - Caibar spricht:
Stolzer, du entflohst mir mit der Schnen,
Whnst du, Caibar kmpft mit Usnoths Shnen?
Nein, er kmpft mit Unberhmten nicht.

In des kniglichen Nathos Augen
Glnzen Trnen; und er wendet sich
Zu den Brdern, ihre Speere fliegen
Rachedrstend und gewi zu siegen,
Erins Reihn verwirren schwankend sich.

Da ergrimmet Caibars finstre Seele,
Und er winket, tausend Speere fliehn,
Usnoths Shne sinken wie drei Eichen,
Die zur Erde ihre Wipfel neigen,
Wenn des Nordens Strme sie umziehn.

Gestern sah sie noch der Wandrer blhen,
Ihre stolze Schnheit freute ihn,
Heute beugte sie der Sturm der Wste,
Sie, die gestern noch die Sonne grte.
Sprachlos starret Collas Tochter hin.

Hhnend naht ihr Caibar: Mdchen sahst du
Nathos' Land, in fernes Blau gehllt?
Oder Fingals dunkelbraune Hgel?
Ha! Entrannst du auch des Sturmes Flgel,
ber Selma htte meine Schlacht gebrllt.

Caibar sprach's. Da rauscht ein Pfeil, getroffen
Sinkt sie, und ihr Schild strzt vor sie hin.
Wie des Schnees Sule sank sie nieder,
ber Ethas schlummernden Gebieter
Spreiten sich die dunklen Locken hin.

Da versammelten die hundert Barden
Caibars um Darthulas Grabmal sich,
Ihre Harfen rauschten um den Hgel,
Und es schwang sich des Gesanges Flgel,
Fr der Mdchen Erins Schnste! dich!

Trauer schreitet an Selamas Strmen,
Schweigen wohnet in den Hallen nun.
Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,
O wann grest du den Morgen wieder?
Schngelockte! Wirst du lange ruhn?

Weit entfernet ist dein Morgen, nimmer
Stehst du mehr in deiner Schnheit auf;
Ach, die Sonne tritt nicht an dein Bette,
Spricht: Erwach aus deiner Ruhesttte!
Collas schne Tochter! Steig herauf!

Junges Grn entkeimet schon dem Hgel,
Frhlingslfte fliegen drber her.
Sonne, birg in Wolken deinen Schimmer!
Denn sie schlft, der Frauen erste! Nimmer
Kehret sie in ihrer Schnheit mehr.

                                       II


                                    Don Juan

Es ist der Festtag nun erschienen,
Geschmcket ist die ganze Stadt.
Und die Balkone alle grnen,
In Blumen blht der Frstin Pfad.
Da kommt sie, schn in Gold und Seide
Im kniglichen Prunkgeschmeide
An ihres Neuvermhlten Seite.

Erstaunet siehet sie die Menge
Und preiset ihre Schnheit hoch!
Doch einer, einer im Gedrnge
Fhlt tiefer ihre Schnheit noch.
Er mcht in ihrem Blick vergehen,
Da er sie einmal erst gesehen,
Und fhlt im Herzen tiefe Wehen.

Sein Blick folgt ihr zum Hochzeitstanze
Durch all der Tnzer bunte Reih'n,
Erstirbet bald in ihrem Glanze,
Lebt auf im milden Augenschein.
So wird er seines Schauens Beute,
Und seiner Augen se Weide
Bringt bald dem Herzen bittres Leiden.

So hat er Monde sich verzehret
In seines eignen Herzens Glut;
Hat Tne seinem Schmerz verwehret,
Gesthlt in der Entsagung Mut;
Dann knnt er vor'gen Mut verachten
Und leben nur im tiefen Schmachten,
Die Anmutsvolle zu betrachten.

Mit Philipp war, an heil'ger Sttte,
Am Tag der Seelen fromm geweiht,
Sein Hof versammelt zum Gebete,
Das Seelen aus der Qual befreit;
Da flehen Juans heie Blicke:
Da sie ihn einmal nur beglcke!
Erzwingen will er's vom Geschicke.

Sie senkt das Haupt mit stillen Sinnen
Und hebt es dann zum Himmel auf;
Da flammt in ihm ein khn Beginnen,
Er steigt voll Mut zum Altar auf.
Laut will er seinen Schmerz ihr nennen,
Und seines Herzens heies Brennen
In heil'ger Gegenwart bekennen.

Laut spricht er: Priester! Lasset schweigen
Fr Tote die Gebete all.
Fr mich lat heie Bitten steigen;
Denn grer ist der Liebe Qual,
Von der ich wen'ger kann genesen,
Als jene unglcksel'gen Wesen
Zur Qual des Feuers auserlesen.

Und staunend siehet ihn die Menge
So schn verklrt in Liebesmut.
Wo ist, im festlichen Geprnge,
Denkt manche still, die solche Glut
Und solches Wort hat jetzt gemeinet?
Sie ist's, die heimlich Trnen weinet,
Die Juans heie Liebe meinet.

War's Mitleid, ist es Lieb gewesen,
Was diese Trnen ihr erpret?
Vom Gram kann Liebe nicht genesen,
Wenn Zweifelmut sie nicht verlt.
Er kann sich Friede nicht erjagen;
Denn nimmer darf's die Lippe wagen,
Der Liebe Schmerz ihr mehr zu klagen.

Nur einen Tag will er erblicken,
Der trb ihm nicht vorberflieht,
Nur eine Stunde voll Entzcken,
Wo se Liebe ihm erblht,
Nur einen Tag der Nacht erwecken,
Es mag ihn dann, mit ihren Schrecken
Auf ewig Todesnacht bedecken.

Es liebt die Knigin die Bhne,
Erschien oft selbst im bunten Spiel.
Da er dem kleinsten Wunsche diene
Ist jetzt nur seines Lebens Ziel.
Er lt ihr ein Theater bauen,
Dort will die reizendste der Frauen
Er noch in neuer Anmut schauen.

Der Hof sich einst zum Spiel vereinet,
Die Knigin in Schfertracht
Mit holder Anmut nur erscheinet,
Den Blumenkranz in Lockennacht.
Und Juans Seele sieht verwegen
Mit ungestmem wildem Regen
Dem kommenden Moment entgegen.

Er winkt, und Flamm und Dampf erfllen
Entsetzlich jetzt das Schauspielhaus;
Der Liebe Glck will er verhllen
In Dampf und Nacht und Schreck und Graus;
Er jauchzet, da es ihm gelungen,
Des Schicksals Macht hat er bezwungen,
Der Liebe sen Lohn errungen.

Gekommen ist die schne Stunde;
Er trgt sie durch des Feuers Wut,
Raubt manchen Ku dem schnen Munde,
Weckt ihres Busens tiefste Glut.
Mcht sterben jetzt in ihren Armen,
Mcht alles geben ihr! - Verarmen,
Zu anderm Leben nie erwarmen.

Die eilenden Minuten fliehen,
Er merket die Gefahren nicht
Und fhlt nur ihre Wange glhen;
Doch sie, sie trumet lnger nicht,
Sie reit sich von ihm los mit Beben,
Er sieht sie durch die Hallen schweben -
Verhaucht ist der Minute Leben.

Mit sehnsuchtsvollem, krankem Herzen
Eilt Juan durch die Hallen hin.
In Wonne, Gram und se Schmerzen
Versinket ganz sein irrer Sinn,
Er wirft sich auf sein Lager nieder,
Und holde Trume zeigen wieder
Ihm ihr geliebtes, holdes Bild.

Die Sonne steiget auf und nieder;
Doch Abend bleibt's in seiner Brust.
Es sank der Tag ihm, kehrt nicht wieder,
Und sie, nur sie ist ihm bewut,
Und ewig, ewig ist gefangen
Sein Geist im qulenden Verlangen
Sie wachend, trumend anzuschaun.

Und da, erwacht aus seinem Schlummer,
Ist's ihm, als stieg er aus der Gruft,
So fremd und tot; und aller Kummer,
Der mit ihm schlief, erwacht und ruft:
O weine! Sie ist dir verloren,
Die deine Liebe hat erkoren,
Ein Abgrund trennet sie und dich!

Er rafft sich auf mit trber Seele
Und eilt des Schlosses Grten zu;
Da sieht er, bei des Mondes Helle,
Ein Mdchen auf ihn eilen zu.
Sie reicht ein Blatt ihm und verschwindet,
Eh er zu fragen Worte findet,
Er bricht die Siegel auf und liest:

Entfliehe! Wenn dies Blatt gelesen
Du hast, und rette so dich mir.
Mir ist, als sei ich einst gewesen,
Die Gegenwart erstirbt in mir,
Und lebend ist nur jene Stunde,
Sie spricht mir mit so sem Munde,
Von dir, von dir, und stets von dir.

Er liest das Blatt mit leisem Beben
und liebt's und drckt es an sein Herz.
Gewaltsam teilet sich sein Leben
In groe Wonne - tiefen Schmerz.
Sollt er die Teuerste nun meiden?
Kann sie dies Trauern ihm bereiten!
Soll er sie nimmer wieder sehn?

Er geht nun, wie sie ihm geboten;
Da trifft ein Mrderdolch die Brust.
Doch steigt er freudig zu den Toten,
Denn der Erinnrung se Lust
Ruft ihm herauf die schnste Stunde.
Er hnget noch an ihrem Munde -
Entschlummert sanft in ihrem Arm.


                                  Zweiter Teil

Wenn dich eine hhere Vorstellung durchdringt von einer Menschennatur, so
zweifle nicht, da dies die wahre sei; denn alle sind geboren zum Ideal, und wo
du es ahnst, da kannst du es auch in ihm zur Erscheinung bringen; denn er hat
gewi die Anlage dazu.
    Wer das Ideal leugnet in sich, der knnte es auch nicht verstehen in andern,
selbst wenn es vollkommen ausgesprochen wr. - Wer das Ideal erkannte in andern,
dem blht es auf, selbst wenn jener es nicht in sich ahnt.

                            Die Gnderode im Jahr 4



                          Mahomets Traum in der Wste

Bei des Mittags Brand,
Wo der Wste Sand
Kein khlend Lftchen erlabet,
Wo hei, vom Samum nur geksset,
Ein grauer Fels die Wolken gret,
Da sinket md der Seher hin.

Vom trgenden Schein
Will der Dinge Sein
Sein Geist, betrachtend hier, trennen.
Der Zukunft Geist will er beschwren,
Des eignen Herzens Stimme hren,
Und folgen seiner Eingebung.

Hier flieht die Gottheit,
Die der Wahn ihm leiht,
Der eitle Schimmer zerstiebet.
Und ihn, auf den die Vlker sehen,
Den Siegespalmen nur umwehen,
Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.

Des Sehers Traum
Durchflieget den Raum
Und all die knftigen Zeiten,
Bald kostet er, in trunknem Wahne,
Die Seligkeit gelungner Plane,
Dann sieht er seinen Untergang.

Entsetzen und Wut,
Mit wechselnder Flut,
Kmpfen im innersten Leben,
Von Zweifeln, ruft er, nur umgeben!
Verhauchet der Entschlu sein Leben!
Eh Reu ihn und Milingen straft.

Der Gottheit Macht,
Zerreie die Nacht
Des Schicksals vor meinen Blicken!
Sie lasse mich die Zukunft sehen,
Ob meine Fahnen siegreich wehen,
Ob mein Gesetz die Welt regiert!

Er spricht's; da bebt
Die Erde, es hebt
Die See sich auf zu den Wolken,
Flammen entlodern den Felsenklften,
Die Luft, erfllt von Schwefeldften,
Lt trg die mden Schwingen ruhn.

Im wilden Tanz
Umschlinget der Kranz
Der irren Sterne die Himmel;
Das Meer erbraust in seinen Grnden,
Und in der Erde tiefsten Schlnden
Streiten die Elemente sich.

Und der Eintracht Band,
Das mchtig umwand
Die Krfte, es schien gelset.
Der Luft entsinkt der Wolken Schleier,
Und aus dem Abgrund steigt das Feuer
Und zehret alles Ird'sche auf.

Mit trberer Flut
Steigt erst die Glut,
Doch brennt sie sich stets reiner,
Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget,
Das lodernd zu den Sternen reichet
Und rein und hell und strahlend wallt.

Der Seher erwacht
Wie aus Grabesnacht,
Und staunend fhlt er sich leben,
Erwachend aus dem Tod der Schrecken,
Harrt zagend er, ob nun erwecken
Ein Gott der Wesen Kette wird.

Von Sternen herab
Zum Seher hinab
Ertnt nun eine Stimme:
Verkrpert hast du hier gesehen,
Was allen Dingen wird geschehen,
Die Weltgeschichte sahst du hier.

Es treibet die Kraft,
Sie wirket und schafft
In unaufhaltsamem Regen;
Was unrein ist, das wird verzehret,
Das Reine nur, der Lichtstoff, whret
Und fliet dem ew'gen Urlicht zu.

Jetzt sinket die Nacht,
Und glnzend ertagt
Der Morgen in seiner Seele.
Nichts! ruft er, soll mich mehr bezwingen:
Das Licht nur werde! sei mein Ringen,
Dann wird mein Tun unsterblich sein!


                                An die Gnderode

                                                                       Frankfurt

Gnderdchen, der Clemens lt Dich tausendmal gren. Ich mu es zuerst
schreiben, denn er steht hinter mir und zwingt mich dazu, er spricht von einem
Dompfaffen oder Blutfinken, der in Dich verliebt sei, und er sei so anmutig
dumm, da er Dir prophezeit, Du werdest ihm nicht widerstehen; denn die Dummheit
sei Deine Schwche, Du fallest drber her wie ein Raubvogel ber ein neugeboren
Gnschen, und er hab Dich mehrmals sehen lauern und schweben mit gierigem Blick
ber Dummheitsphnomenen, und die wrdest Du Dir auch nie haben abjagen lassen,
und Du seist gewi im Rheingau auf der Jagd danach, whrend hier die
merkwrdigsten Exemplare Dir in die Hnde laufen wrden und auch mehrere fr ein
Geringes an Geld zu sehen sind.
    Alleweil hat er den Hut genommen, um zu dem Puppenspiel Pltze zu bestellen,
er will die Pauline hineinfhren, um ihr augenscheinlich zu machen, wie es in
ihrem Magen aussieht. Denn sie habe ein Puppenspiel im Leib und wenn sie mit ihm
spricht, so antwortet er dem Pantalon, dem Skaramutsch, dem Hanswurst, der
Colombine usw. - und sooft sie was sagt, so oft antwortet er einer andern Person
vom Puppenspiel und so passend, da das Puppentheater, nmlich der Pauline
Magen, am meisten vom Lachen erschttert wird. Er ist unerschpflich an Witz,
und alles luft ihm nach. Da Du nicht hier bist, hat ihn merklich betroffen, er
wollt, ich knnt Dich bewegen zu kommen, aber Du wirst die Grten des Dionysos
nicht verlassen, wo Du jeden Morgen reife Beeren kostest, die der Gott Dir zum
Fenster hinanreicht, um hier auf der schmutzigen Mess die Bren tanzen zu sehen.
Htt der Clemens nicht hier auf mich gewartet, so htt ich mgen mit Dir im
Rheingau bleiben, der Franz htt's wohl erlaubt, ich hab mehrmals dran gedacht;
wie schn wr's gewesen, da wren wir herumgeschweift - berall - wo andre
Menschen nicht hinkommen - oft ist ein klein verborgen Pltzchen, das niemand
kennt, das Schnste von der Welt. - Ich sag Dir, wir htten Quellchen entdeckt,
tief im Gras und Gestein und einsame Httchen im Wald und vielleicht auch Hhlen
- ich durchforschel gar zu gern die Natur Schritt vor Schritt. Ich dcht, wir
shen uns auch einstweilen um nach einem Ort, wo wir unsre Htten bauen wollen -
Du auf dem Berg weit ins Freie hinaus und ich im Tal, wo die Kruter hoch
wachsen und alles versteckt ist, oder im Wald, aber nah beisammen, da wir uns
zurufen knnen. Du rufst durchs Sprachrohr: Bettine, komm herauf! und da komm
ich, und der Kanarienvogel fliegt voran, der wei schon, wo's hingeht, und der
Spitz kommt nachgebellt; denn im Tal mu man einen Hund haben. Hr! - Und im
Frhjahr nhmen wir unsere Stecken und wanderten; denn wir wren als Einsiedler
und sagten nicht, da wir Mdchen wren. Du mut Dir einen falschen Bart machen,
weil Du gro bist; denn sonst glaubt's niemand, aber nur einen kleinen, der Dir
gut steht, und weil ich klein bin, so bin ich als Dein kleiner Bruder, da mu
ich mir aber meine Haare abschneiden. - So eine Reise machen wir im Frhjahr in
der Maiblumenzeit, aber da versumen wir die Erdbeeren! Denn im Tal wr als
alles berset, erst mit Veilchen und dann mit Erdbeeren, davon leben wir sechs
Wochen; Kohl pflanzen wir nicht. - Im Herbst sind wir wieder da und essen die
Trauben, ach, knnt's nur einen Sommer wahr werden! - Mir kommt's vor, als knnt
man so immer und immer sein wollen. Denn wahrhaftig, mir strmt alle Weisheit
aus Deinem Angesicht, ich hab mehr als zuviel, was in mich hineinspricht, wenn
ich Dich seh, und wenn Du auch nur stillschweigst, so redst Du doch, Du bist ein
gro Geheimnis, aber ein offenbares, aber ich schlafe in Deiner Gegenwart, Dein
Geist schlfert mich ein, so trum ich, da ich wache und empfinde nur alles im
Traum und das ist gut; denn sonst wrd ich verwirrt sein.
    Wie der Clemens nach Haus gekommen war, hat er gleich nach meinem Brief
gefragt, er wollt auch dran schreiben, ich hab ihn aber zerstreut durch
allerlei, was ich von Dir erzhlte; denn ich wollt ihn nicht gern lesen lassen,
da ich als Einsiedler mit Dir leben wollt, denn er htt's gewi im Puppenspiel
angebracht, so erzhlt ich ihm von unsrer Rheinfahrt in der Mondnacht mit der
Orangerie auf dem Verdeck, das machte ihm so viel Freude, er frug nach allem,
was noch vorgefallen, nach jedem Wort, nach den Ufern, nach dem Mond; und ich
erzhlte ihm alles; denn ich wute alles, jed Lftchen, was sich erhoben hatte,
und wie der Mond durch die Luken und Bogen hinter den Bergfesten geschimmert
hat, und alles, und er frug auch, was wir gesprochen, ich sagte: nichts oder nur
wenig Worte, denn es sei die ganze Natur so schweigend gewesen. - Und wie er
alles ausgeforscht hatte, da ging er fort und sperrte mich ein und sagte, ich
sollt ein Gedicht davon machen, grad so wie ich's erzhlt habe, und sollt es nur
aufschreiben immer in kurzen Stzen, wenn es sich auch nicht reime, er wolle
mich schon reimen lehren, und so ging er hinaus und schlo die Tr ab, und vor
der Tr rief er: Nicht eher kommst Du heraus, bis Du ein Gedicht fertig hast!
- Da stand ich - ganz widersinnig im Kopf. - Ans Aufschreiben dacht ich nicht. -
Aber ich dacht an das Versmachen, wie seltsam das ist. - Wie in dem Gefhl
selbst ein Schwung ist, der durch den Vers gebrochen wird. - Ja, wie der Reim
oft gleich einer beschimpfenden Fessel ist fr das leise Wehen im Geist. Belehr
mich eines Besseren, wenn ich irre, aber ist es nicht wahrscheinlich, da Reim
und Versma auf den ursprnglichen Gedanken so einwirke, da er ihn verflscht?
- berhaupt, was seelenberhrend ist, das ist Musik, das hab ich schon lang in
mir erfahren; denn es kann nichts die Sinne rhren und durch diese die Seele als
nur Musik; was Dich bewegt, gibt Klang, der weckt seine Mittne, die rhren das
Echo doppelt und allseitig, und die ganze Harmonie erwacht - und zwischen dieser
durch wandelt der Gedanke und whlt sich seine Melodie und offenbart sich durch
die dem Geist. - Das deucht mich die Art, wie der Gedanke sich dem Geist
vermhlt. Nun kann ich mir wohl denken, da der Rhythmus eine organische
Verbindung hat mit dem Gedanken, und da der kurze Begriff des Menschengeistes,
durch den Rhythmus geleitet, den Gedanken in seiner verklrten Gestalt fassen
lernt, und da der den tieferen Sinn darin beleuchtet, und da wie die
Begeistigung dem Rhythmus sich fge, sie allmhlich sich reiner fasse, und da
so die Philosophie als hchste geistige Poesie erscheine, als Offenbarung, als
fortwhrende Entwicklung des Geistes und somit als Religion. Denn was soll mir
Religion, wenn sie stocken bleibt? - Aber nicht wie Du sagst, da Philosophie
endlich Poesie werden soll, nein, mir scheint, sie soll sein oder ist die Blte,
die reinste, die ungezwungenste, in jedem Gedanken berraschendste Poesie, die
ewig neu Gottessprache ist in der Seele. -
    Gott ist Poesie, gar nichts anders, und die Menschen tragen es ber in eine
tote Sprache, die kein Ungelehrter versteht, und von der der Gelehrte nichts hat
als seinen Eigendnkel. - So wie denn das Machwerk der Menschen berall den
Lebensgeist behindert, in allem, in jeder Kunst, da die Begeistrung, durch die
sie das Gttliche wahrnehmen, von ihnen geschieden ist, - und ich mu mich kurz
fassen, sonst wollt ich mich noch besser besinnen.
    Die Berhrung zwischen Gott und der Seele ist Musik, Gedanke ist Blte der
Geistesallheit, wie Melodie Blte ist der Harmonie.
    Alles, was sich dem Menschengeist offenbart, ist Melodie in der
Geistesallheit getragen, das ist Gottpoesie. Es enthllt sich das Gefhl in ihr,
sie genieend, empfindend, keimt auf in der Geistessonne, ich nenn es Liebe. Es
gestaltet sich der Geist in ihr, wird Blte der Poesie Gottes, ich nenn es
Philosophie. Ich mein, wir knnen die Philosophie nicht fassen, erst die Blte
wird in uns. Und Gott allein ist die Geistesallheit, die Harmonie der Weisheit.
- Ach, ich hab das alles nicht sagen wollen, der Kopf brennt mir, und das Herz
klopft mir zu stark, wenn ich will denken, als da ich deutlich sein knnt. Ich
wollt vom Reimen sprechen.
    Mir kommen Reime kleinlich vor, so wie ich sie bilden soll, ich denke immer:
ach, der Gedanke will wohl gar nicht gereimt sein, oder er will wo anders
hinaus, und ich str ihn nur, - was soll ich seine ste verbiegen, die frei in
die Luft hinausschwanken und allerlei feinfhlig Leben einsaugen, was liegt mir
doch daran, da es symmetrisch verputzt sei! Ich schweife gern zwischen wildem
Gerank, wo hie und da ein Vogel herausflattert und mich anmutig erschreckt oder
ein Zweig mir an die Stirne schnellt und mich gedankenwach macht, wo mich die
alte Leier eingeschlfert htt. -
    Und ist nicht vielleicht die Gedankenseele selbst Rhythmus, der die Sinne
lenkt; und sollen wir dem nicht nachstreben? Nun kurz, aus meinem Gedicht ist
nichts geworden, wie htt ich unsre orangenblhende Nacht, unsre selige
Alleinigkeit verpfuschen sollen, sie, die in jeder verlebten Minute jenes Gefhl
aussprach, was ich da oben Gottpoesie, Weisheitsgefhl nenne. - Nein, ich wollt
nicht ein so s Dmmern zu einzelnen Gedankenschatten zusammenballen. La es
fortdmmern oder sich verflchtigen; aber nicht in engherzige Verse einklammern,
was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt, la es fortblhen, bis es welkt; Du
siehst, ich mache mir diese poetischen Unbemerkungen (Ungeheuer) blo in
Beziehung auf mich, ich lieb die Poesie, sie erfllt mich in Dir und in andern
mit Begeistrung, aber nicht in mir.
    Als der Clemens mich aus der Prison entlie, hatte ich das Mrchen gereimt
von der alten Frau Hoch, vom Hofnarren, der seinem Knig lehrt Fische fangen,
und ihn selber im Hamen fngt und ins Wasser taucht und sagt, so fangen die
Narren Fische, aber der Knig im Hamen wird keinen fangen. Im Puppenspiel war
Clemens von beseligtem Humor, die Witze echappierten ihm, wie wenn ein Feuerwerk
ihm in der Tasche sich entzndet htt, jeden Augenblick flog eine Rakete auf,
bis endlich das Puppenspiel ihn bermannte, wo er vor Lachen nicht mehr witzig
sein konnt.
    Gestern wanderten wir durch die Judengasse, es liefen so viel sonderbare
Gestalten herum und verschwanden wieder, da man an Geister glauben mu, es ward
schon dmmerig, und ich bat, da wir nach Haus gehen wollten, der Clemens rief
immer: seh den, seh da, seh dort, wie der aussieht, und es war, als liefen sie
mir alle nach, ich war sehr froh, als wir zu Haus waren.
    Leb wohl, es ist mir nicht geheuer, da Du nicht da bist, wo ich mich
erholen kann, wo ich zu mir selbst komme; es ist mir so fremd. -
                                                                         Bettine

                                 An die Bettine


Liebe Bettine, so wie Dein Brief anfngt mit den tausend Gren von Clemens, so
beantworte sie ihm doch auch in meinem Namen, es tut mir auch recht leid, da
ich nicht mit Euch bin, allein die Luft und die Trauben tun meinen Augen so gut
und ist mir wohlttig im ganzen. - Obschon mich Euer Treiben hchlich ergtzen
wrde und namentlich das Puppenspiel; - ich bergehe alles, - was Du vom
Rhythmus sagst, leg ich Dir so aus: Du ahnest ein hheres rhythmisches Gesetz,
einen Rhythmus, der Geist ist im Geist, der den Geist aufregt und zu neuen
Offenbarungen leitet, Du glaubst, da der Reim die geringste, ja oft
erniedrigende Stufe dieses metrischen Sprachgeistes ist und oft die Ahnung oder
die Gewalt des Gedankens brechen knnte, da der sich nicht zu jener Hhe
entwickelt, zu der er ursprnglich berufen war - das will ich nicht
widersprechen, denn Du kannst recht haben; nmlich, Du kannst recht haben, da
es ein hheres musikalisches Gesetz gebe, da die Anlage zu diesem in jedem
freien Gedanken liege und durch den Versbau mehr oder weniger unterdrckt werde.
    Du wirst aber auch zugeben, da im Dichter auch eine Begeistrung waltet, die
von hherer Macht zeugt, da diese kindlichen Gesetze, zu denen er sich bequemt,
ihn grade zur Kunst anleiten, die an sich schon ein hherer Instinkt ist. Du
sagst zwar in bezug auf Kunst, das Machwerk der Menschen behindre berall den
Lebensgeist, das glaube doch ja nicht, da jene, die vielleicht kein hohes Genie
im Gedicht entwickeln, nicht hierdurch zu Hherem gebracht wrden; denn erst
werden sie doch auf eine Kunst vorbereitet, sie haben eine Anschauung von
Gedanken oder Gefhlen, die durch Kunstform eine hhere sittliche Wrde erlangen
oder behaupten, und dies ist der Beginn, da der ganze Mensch sich da
hinbertrage; es ist nicht zu verachten, da im Unmndigen sich der Trieb zum
Licht regt. - Und darum mein ich, da kein Gedicht ohne einen Wert sei.
    Gewi, jedes Gefhl, so einfach oder auch einfltig es geachtet werden
knnte, so ist der Trieb, es sittlich zu verklren, nicht zu verwerfen, und
manchen Gedichten, die keinen Ruf haben, habe ich doch zuweilen die Empfindung
einer unzweifelhaften hheren Wahrheit oder Streben dahin angemerkt, - und es
ist auch gewi so. Die Knstler oder Dichter lernen und suchen wohl mhsam ihren
Weg, aber wie man sie begreifen und nachempfinden soll, das lernt keiner, -
nehme es doch nur so, da alles Streben, ob es stocke, ob es fliee, den Vorrang
habe vor dem Nichtstreben. - Gute Nacht, fr heut kann ich nicht mehr sagen;
nicht alles, ist mir gleich deutlich in Deinem Brief, Du sagst mir wohl ber
manches noch mehr oder dasselbe noch einmal. - Der Ton in der Sprache tut auch
viel zum Verstehen, wren wir beisammen, wrde sich leichter und vielseitiger
ergeben, was wir wollen und meinen, und auf den Sprachgeist vertraue ich auch
schon, da er uns nicht verlassen wrde. - Himmlische Nchte sind hier -
winddurchbrauste, und Gewitter, die Sommer und Herbst auseinander donnern. -


                                An die Gnderode

Du fhrst eine heilige Sprache, Du bist heilig, wenn Du sprichst; in Dir fhl
ich den Rhythmus, der deinen Geist trgt zu hherer Erkenntnis; - und ich fhl,
da die Gte, die Milde die Erzeugerin ist all der reinen Wahrheit in Dir, wie
Du ihr Abdruck bist; wollt ich doch nicht alles auf einmal sagen, so wr ich
deutlicher, Du bist mig, drum ist alles so berzeugend, was Du sagst; wt ich
doch noch, was ich Dir geschrieben hab, nur um Dich wieder zu hren, mag ich
denken, nur da Du aus dem Anklang meines Geistes Melodien bildest. Jeder Ton
besteht fr sich, aber er bildet durch den Anklang mit andern Tnen Melodien,
Gedanken. Aus allen Melodien, aus allen Gedanken besteht die Geistesallheit, die
Gottespoesie, die Philosophie. - Es ist Gottespoesie, Harmonie, die den Gedanken
die Melodie erzeugt, sie hebt sich aus dieser, wie aus den Frhlingselementen
die Blte ersteigt, der blhende Geist steht mitten im Frhlingsgarten der
Poesie. -
    Musik ist sinnliche Natur der Geistesallheit. Wir mchten wissen, was Musik
ist, die so fhlbar ist und doch so unbegreiflich - das Ohr rhrt und dann das
Herz und dann den Geist weckt, da der tiefer denke. Sie ist die sinnliche
Geistesnatur; aller Geist ist sinnenbewegter Leib des Geistigen, ist also auch
Musik, drum sind Gedanken in der Musik unwillkrliche, sie erzeugen sich in
dieser Sinnenregung der Seele. - Ach, Worte fehlen - und zu allseitig dringt es
auf mich ein - und es bangt mir um den Ausdruck von dem, was mir in der Seele
blitzt - und hab Angst, der knne meinen Begriff umtauschen - und - o gib vom
weichen Pfhle trumend ein halb Gehr! so leiert's im langweiligen Hintergrund
meiner schlummernden Denkkraft, und dann whle ich mich ein bichen aus meiner
Faulheit heraus und lausch trumend dem Traum, und dann singt's wieder bei der
Gedanken Spiele, - ach schlaf, was willst du mehr. Wenn eine schlummernde Ahnung
wach wird in der Musik, da breiten sich alle Gefhle mchtig aus, und jeder Ton
spricht verstrkte Empfindung aus, und ein inneres Streben zum Hheren, zum
Bemchtigen gewaltigerer Fhigkeiten begleitet den rhythmischen Gang, ja wird
von ihm geleitet, ich hab's erfahren: Bei meinem Saitenspiele segnet der Sterne
Heer die ewigen Gefhle. -
    Und so wahr ist's, da aller Geist sinnliche Musik ist, da wie in der
Harmonie jedes Bewegen eines Tons neue Wege ffnet oder, wenn ich in andern
Beziehungen nur augenblicklich vorempfinde, so dringt die Harmonie wie durch neu
geffnete Bahn mchtig ein, so ist im Geist jedes Vorempfinden eines inneren
Zusammenhangs mit ferner liegendem ein ewiger Harmonienwechsel, und die Melodie
der Gedanken weicht aus den engeren Schranken zu hherer Anschauung. Die ewigen
Gefhle heben mich hoch und hehr aus irdischem Gewhle. -
    Und so ist alles, was unabweisbare Wahrheit ist, in ewig wechselnder
Lebensbewegung - und ich frcht mich vor dem Denken so allein. - Wenn wir
beisammen wren! Da teilen wir uns, und durch Dein Begreifen gibst Du meinem
Geist die Fassung, der mu nach dem sich richten, und dann hab ich auch Ruhe und
Versichrung im Geist, da ich mich ausdrcken lerne: Vom irdischen Gewhle
trennst Du mich nur zu sehr, bannst mich in diese Khle.
    Und knnten wir doch immer zusammen sprechen, der lieblichen Unordnung
entsteigt alles. - Ja, da fhl ich, wie das ist, da der Geist aus dem Chaos
aufstieg, nehm's nicht zu genau. Gib nur im Traum Gehr, ach, auf dem weichen
Pfhle schlafe! Was willst Du mehr?

                                 An die Bettine


Denn; wie auch das Allebendige sich berhre, es entsteigt Wahrheit aus ihm, aus
dem chaotischen Wogen und Schwanken entstieg die Welt als Melodie? -
                                                                        Caroline


                                An die Gnderode

Ja! Und alle Sterne sind Melodien, die im Strom der Harmonie schwimmen,
Weltseelen, die den Geist Gottes hervorblhen, Tne, die mit verwandten Tnen
anklingen, und wenn wir zu den Sternen aufsehen, so klingen unsere Gedanken an
mit ihnen; denn wir gehren in die Sippschaft ihnen verwandter Akkorde - und wie
jeder Gedanke, jede Melodie Seele ist, so soll der Menschengeist durch sein
Allumfassen Harmonie werden - Poesie Gottes - nehm's nicht zu genau und gib es
deutlicher wieder, als ich's sagen kann.

                                 An die Bettine


So wr der Menschengeist durch sein Fassen, Begreifen befhigt, Geistesallheit,
Philosophie zu werden, also die Gottheit selbst? - Denn wr Gott unendlich, wenn
er nicht in jeder Lebensknospe ganz und die Allheit wr? - So wr jeder
Geistesmoment, die Allheit Gottes in sich tragend, aussprechend? -
                                                                        Caroline


                                An die Gnderode

Ja! Das beweist die Musik, jeder Ton spricht seinen Akkord aus, jeder Akkord
spricht seine Verwandtschaften aus, und durch alle Verwandtschaft strmt der
ewig wechselnde Gang der Harmonien zu, der ewig erzeugende Geist Gottes. Denken
ist Gott aussprechen, ist sich gestalten in der Harmonie, - ich wage nicht einen
Seitenblick zu tun, aber ich fhl's, da im Begreifen der Geist Gottes sich
erzeugt im Menschengeist, und zu was wr dieser Keim der Gotterscheinung im
Menschengeist, wenn er nicht durch ewiges Streben ihn ganz entwickeln sollte? -
Der einzige Zweck alles Lebens: Gott fassen lernen, und das ist auch unser
innerer Richter. Was Gott nicht entwickelt, das bliebe lieber ungeschehen; denn
es ist nicht Melodie, - was aber unmelodisch ist, das ist Snde; denn es strt
die Harmonie Gottes in uns, es klingt falsch an, aber alle groe Handlung weckt
die Harmonie, alle Sterne klingen mit ein, drum ist gro Denken, gro Handlen
auch so selbst befriedigend, es lst die gebundnen Akkorde in uns auf in hhere
Harmonien, und steigern sich die musikalischen Tendenzen durch allseitiges
Erklingen aller mittnenden Akkorde. - Aber ich kann nicht mehr weiter drber
denken, ich trume nur und schlafe tiefer ber dem Saitenspiel meiner Gedanken
ein, und mir entschlpft alles ungesagt. -
    Du lebst und schwebst in freier Luft, und die ganze Natur trgt Deinen Geist
auf Hnden; ich drng mich durch zwischen Witz und Aberwitz, und hier und dort
nimmt mich die Albernheit in Beschlag; und wenn ich abends zum Schreiben komm
und mu das Unmgliche denken, was unmglich ist auszusprechen, dann bin ich
gleich traumtrunken, und dann schwindelt mir, wenn ich die Augen ffne; die
Wnde drehen sich, und der Menschen Treiben dreht sich mit. - Und ob's doch
nicht noch in der Sprache verborgne Gewalten gibt, die wir noch nicht haben? -
noch nicht zu regieren verstehen; - das schreib mir, ob Du es auch glaubst, und
ob wir da hindringen knnten, das Ungesagte auszusprechen; denn gewi, so wie
die Sprache sich ergibt, so mu der Geist hineinstrmen; denn der ganze Geist
ist wohl nur ein bersetzen des Geist Gottes in uns. Gute Nacht.
                                                                         Bettine


                                 An die Bettine

Du meinst, wenn Du taumelst und ein bichen trunken bist, das wr
unaussprechlicher Geist? - Und Du besufst Dich aber auch gar zu leicht, - weil
Du den Wein nicht vertrgst, Du meinst, es mten neue Sprachquellen sich
ffnen, um Deine Begriffe zu erhellen. Werd ein bichen strker oder trinke
nicht so viel auf einmal, wolltest Du Dich fester ins Auge fassen, die Sprache
wrde Dich nicht stecken lassen.
    Von der Sprache glaub ich, da wohl ein Menschenleben dazu gehrt, um sie
ganz fassen zu lernen, und da ihre noch unentdeckten Quellen, nach denen Du
forschest, wohl nur aus ihrer Vereinfachung entspringen. Den Rat mchte ich Dir
geben, da Du bei Deinem Aussprechen von Gedanken das Beweisen aufgibst, dies
wird Dir's sehr erleichtern. Der einfache Gedankengang ergiet sich wohl von
selbst in den Beweis, oder was das nmliche ist: die Wahrheit selbst ist Beweis.
Beweislos denken ist Freidenken; Du fhrst die Beweise zu Deiner eignen
Aushilfe. Ein solches freies Denken vereinfacht die Sprache, wodurch ihr Geist
mchtiger wird. Man mu sich nicht scheuen, das, was sich aussprechen will, auch
in der unscheinbarsten Form zu geben, um so tiefer und unwidersprechlicher
ist's. Man mu nicht beteuern, weil das Mitrauen gegen die eigne Eingebung wr.
- Nicht begrnden: weil es eingreift in die freie Geisteswendung, die nach
Sokrates vielleicht Gegenwendung wird, und nicht bezeugen oder beweisen wollen
in der Sprache, weil der Beweis so lang hinderlich ist, dem Geist im Wege ist,
bis wir ber ihn hinaus sind; und weil diese drei Dinge unedel sind, sowohl im
Leben wie im Handeln, wie im Geist. Es sind die Spuren des Philistertums im
Geist.
    Freier Geist verhlt sich leidend zur Sprache und so verhlt sich auch die
Sprache leidend zu dem Geist, beide sind einander hingegeben ohne Rckhalt, so
wird auch keins das andre aufheben, sondern sie werden sich einander aussprechen
ganz und tief. - Je vertrauungsvoller, um so inniger. - Wie es in der Liebe auch
ist. - Was sollte also die Sprache am Geist zu kurz kommen? - Liebe gleicht
alles aus. - Trete nicht zwischen ihre Liebkosungen, sie werden einander so
beseligend, da nur ewige Begeistrung aus beiden strmt. - Und hiermit wr Deine
Ahnung von der Gewalt des Rhythmus wohl auch berhrt, beweisen wollen wir ja
nicht. -
    Alles, was wir aussprechen, mu wahr sein, weil wir es empfinden. Mehr
mssen wir fr andre auch nicht tun; denn das sondert jene nur von dem
kindlichen ursprnglichen Begriff. - Wir mssen des andern Geist nicht als Gast
in unsre Begriffe einfhren, so wie ein Gast auch weniger das Heimatliche
begreift, er mu selbst durch das Mangelnde im Ausdruck auf die Spur des
Begriffs geleitet werden, da nur im unverflschten Vertrauen oder im vollkommnen
Hingehenlassen, selbst in scheinbar Nachlssigem (was doch nur vertrauungsvolle
heilige Scheu der Liebe ist) sich der Geist oft erst orientiert; zum wenigsten
wird's ihm viel leichter. -
    Mag nicht oft tiefere Wahrheitsspur verschwunden sein, wo nach ihrer
Bekrftigung suchend ihr ursprnglicher Keim verletzt wurde?
    Haben nicht die geistschmiedenden Zyklopen mit dem einen erhabenen Aug auf
der Stirne die Welt angeschielt, statt da sie mit beiden Augen sie gesund
wrden angeschaut haben? - Das frag ich in Deinem Sinne die Philosophen, um
somit hier alle weitere Untersuchung aufzuheben, und erinnere mich zu rechter
Zeit an Deine leichte Reizbarkeit.
    Leb wohl! An meinem Fenster gibt's heute zu viel Einladendes, als da ich
widerstehen knnt der Muse, die mich dahin ruft. - Leb wohl! Ich habe Dich recht
lieb.
                                                                        Caroline

Mit Dir kann ich so sprechen, Du verstehst es, kein andrer wahrscheinlich. -
Oder wer mte das sein? -

                                An die Gnderode


Ich war heut drau bei der Gromama, sie war allein, den ganzen Nachmittag, und
wir sprachen erst von Dir, die Gromama war einen Augenblick beschftigt, so
lief ich in den Garten, um ihn nach langer Zeit wiederzusehen, aber wie war ich
da erschrocken, wie ich auf die Hoftreppe kam, ich erkannte den Garten nicht
wieder; denke! - Die hohe schwankende Pappelwand, die himmelansteigenden
Treppen, die ich alle wie oft hinangestiegen bin, um der Sonne nachzusehen, um
die Gewitter zu begren, durchgeschnitten! - Zwei Drittel davon in grader Linie
abgesgt! - Ich wute nicht, wie mir geschah, und alles will ich gern begreifen
und lernen, was soll mir das schaden, aber diese Pappeln, die Zeugen meiner
frhsten Spielstunden, die mich als Kind von drei Jahren mit ihren Blten
beregneten, in die ich hinaufstaunte, als ob ihre Hhe in den Himmel reiche. Ach
was soll ich dazu sagen, da die als Stumpfe mit wenig sten noch versehen
nebeneinander stehen, gemeinsamen Schimpf und Leid tragend. Ach ihr Baumseelen,
wer konnte euch das tun? - Nun ziehen alle frhen Kindheitsmorgen an mir
vorber, wo ich ihre Wipfel von weitem im Gold glnzen sah, und da sie mir
winkten, ich soll mich eilen und kommen, und wie hab ich oft ihre jungen
Blttchen betrachtet und keins abgebrochen je! - Ach, es schneidet mir ins Herz
- es war, als knnten sie nicht mehr sprechen, als sei ihnen die Zunge genommen;
denn sie knnen ja nicht mehr rauschen. So war ihr Stummsein eine bittere,
bittere Klage zu mir, die ich ewig mit mir herumtragen werde und keinem sagen
als nur Dir. Du weit, wie Du oft sagtest, wenn wir da gingen, da ihr Rauschen
mitspreche, und wie sie uns absonderten von der ganzen Welt, und wie sie einen
Dom ber uns bauten, und gegenber die hohe Rosenhecke, die ber die Wand vom
Boskett hereinschwankte, die steht jetzt auch ohne Schutz, und die Nachtigallen,
die das heilige Dunkel gewohnt waren, wie wird's da sein, wenn die im Frhjahr
wiederkommen! - Ach, ich bin betrbt darber. - Die Kindertage, wo ich dort mit
dem reinlichen Kies spielte und mit rosenfarbnen Steinchen und schwarzen und
gelben bunte Reihen um ihre Stmme legte! - Und konnte so versteckt
hinberklettern ins Boskett, wie kann einem doch das Paradies, wo die Seele all
ihren Zauber einpflanzt, so jmmerlich zerstrt werden? - Aber bedaure Du mich
nur nicht; denn hr nur, - als ich zurckkam zur Gromutter - sah ich bla und
zerstrt aus, und sie sah wohl die Spuren von meinen Trnen. - Sie sah mich an
ein Weilchen - und sagte: Du warst im Garten? - Da reichte sie mir die Hand. -
Was sollt ich sagen? - Ich schwieg und sie auch. - Sie sagte: Ich werd wohl
nicht mehr lang leben! - Ich wagte nichts zu sagen - aber bald darauf machte
sie das Nebenzimmer auf, von wo man nach dem Garten sieht, und sagte: Das
Rauschen im Abendwind war meine Freude, ich werd's nicht mehr wieder hren, ich
htt mir's lassen gefallen, wenn ich unter ihrem Rauschen am letzten Abend wr
eingeschlafen! Sie htten mir diesen feierlichen Dienst geleistet, die lieben
Freunde, die ich jeden Tag besuchte, die ich mit groer Freude hoch ber mir
sah; - du hast sie auch geliebt, es war dein liebster Aufenthalt - ich hab dich
oft vom Fenster sehen in ihrem Wipfel abends steigen, und glaubtest, es sh es
niemand - nimm meinen Segen, liebes Kind, ich hab an Dich gedacht, wie man sie
trotz der schmerzlichen Verletzung meiner Gefhle verstmmelte. - Ich wagte
nicht zu fragen, wer die Schuld trge; denn das wr zu krnkend fr die Gromama
gewesen, und ich wute auch gleich, da nur aus grausenhaftem Philistersinn
solche Untat geschehen konnt; denn der ahnt nicht die tiefsten Wunden, der hlt
alles fr Empfindelei, was mit den geheimsten geistigen Bedrfnissen
zusammenhngt; - wie knnte der eine wahrhafte Liebe denken zu einem leblosen
Ding; denn so nennt der Philister die Pflanzen, die Bume, die ganze Natur, -
wie knnte der ahnen, da ein hchst geistiger Umgang mit ihren schnen
untadeligen Erzeugnissen stattfinden knne? - Ein Wechseltausch von
Empfindungen, der eine reine Leidenschaft zu ihr nhrt und beglckt, - wie
knnte dem je begreiflich werden, da ein innerliches Dasein sich in sie
bertrgt, und da, whrend die ganze Welt vergeblich unter Mitgeschpfen
herumschwrmt, von Liebe, von Freundschaft faselt, der beglckte Besitzer eines
Baumes, der vor seiner Tr steht, in ihm den Freund gefunden hat. -
    Die alte hundertjhrige Bas kam mir vor der Tr auch damit entgegen: Ist's
nicht barbarisch? - Und da die Gromama stillschweigt dazu, - wrst du nur hier
gewesen, es wr nicht geschehen. -
    Ich bin noch einmal in den Garten gegangen, wie es dunkel war; denn am Tag
hingehen schien mir beleidigend fr die edlen Bume; - ich hab Abschied genommen
vom Garten, ich mag nicht wieder hineingehen. - Ich hab auch den Grtner besucht
im Boskett, der sagte mir, es habe ihn sehr betrbt, da diese Bume abgehauen
wren, er habe so manches sich immer gedacht dabei, jetzt knne er nichts mehr
von ihnen sehen und htt auch die Lust verloren, die Rosenhecke zu pflegen. -
Nun! - sagte ich, aber in Gedanken knnen wir immer alles sehen, was wir lieb
haben? - Das gab er zu. - So gebt doch auch die Rosenhecke nicht auf, je hher
sie wchst, je mehr knnt Ihr Euch dabei denken, da im Gedchtnis alles Schne
fortblht. - Das bewilligte er mir, und er meinte, ich solle gewi nicht
klagen, da er sie versumt htte, wenn ich wieder km. - Im Grtner liegt
wahres Genie zu einem solchen Umgang mit seiner Umgebung in der Natur. -
    Noch kurz, eh ich mit Dir bekannt war, hab ich manchmal oben in dem
Baumwipfel meine Stimmungen ber die Naturerscheinungen aufgezeichnet; so
kindisch und unvermgend mich auszusprechen, ich hab sie in einer Mappe
aufgehoben, da schreib ich Dir eines auf zur Gedchtnisfeier.

                                      Vor zwei Jahren geschrieben am Ostermontag

O himmlisch Grn, das unter Eis und Schnee in brauner Hlle sich barg und jetzt
dein glhend Haupt im Antlitz der Sonne krnt.
    Geliebter Baum! Knnt ich umwandeln doch in dein sanft rauschend Laub jene
flsternde Sprossen, die mit glnzendem Finger die Muse bricht, himmlischer
Glorie voll, die Stirn zu umflechten dem Liebling, der mit Helm und Speer oder
bogengerstet, wo viel goldne Pfeile dahinfliegen, oder Rosse jagend oder mit
leichtem Fu zwlfmal umrennend das Ziel oder aufleuchtend mit der Flamme des
Lieds, um sie wirbt.
    O Baum, dich umdrngt heute der Bienen Schar, sie ziehen dem Duft nach der
honigregnenden Blte, sie sammeln ihren befruchtenden Staub und versummen die
Tagesglut in deiner Krone khlem Rauschen. Aber dann wrd in deinem Schatten
ruhn, der Knig ist am Mahle des Geists, und nhren wrde deine Wurzel die Flut,
die den eignen Gott im Busen ihm begeistert, zu alleroberndem Triumph.
    Begegne dir nichts, was dich beleidigt, o Baum! Den keiner der Unsterblichen
umwandelt. Ich zwar trume den Frhling in deinem Schatten, und mir deucht von
Unnennbarem widerhallen zu hren rings die Wlder und die Hgel.

                                An die Gnderode


Ich lese Deinen Brief und schme mich vor Dir, wie Du so edel und einfach mein
verwirrtes Denken zurechtrichtest, und ich kann nicht ans Antworten denken, weil
ich so voll Unruh bin. Die Bume krnken mich; ich kann's nicht begreifen, wie
die Gromama sich nicht besser gewehrt hat, das ist ihre zu tiefe
Empfindlichkeit, unterdessen hat man ihren Lieblingen den Hals abgeschnitten,
man mu sich wehren fr die Seinigen und dem Schlechten in den Arm greifen, der
es antastet. Alles Erhabne und Schne ist Eigentum der Seele, die es erkennt,
und durch die Erkenntnis ist sie schutzverpflichtet. Alles ist der Teufel, es
sei denn reine freie Gewissenswahrheit, und ich wei keine hhere Anweisung an
den Geist als: frag dich selber! Und wenn da einer nicht das Rechte findet, so
ist er ein Esel, und alles, was sich Schreckendes dem inneren Willen
entgegenwirft, das mu bekmpft und verachtet werden, er ist der Ritter, der das
Wasser des Lebens zwischen feuerspeienden Drachen und eisernen Riesen schpft,
vor seiner Verachtung und seinem Mut werden sie ohnmchtig. In Feenmrchen ist
die heiligste Politik und auch die mchtigste; ich wollt der grte Staatsmann
werden und die ganz Welt unter meinen Fu bringen, blo da die blaue Bibliothek
mein geheimer Kabinettsrat wr; und die Leut wrden sich erstaunen, was ich als
fr Weisheit bes. - Der Gromama mcht ich's sagen, sie wird es ganz gut
aufnehmen; und ich brauch sie auch nicht zu schonen. - Was ist? - Die Gromama
hat eine tiefe Seele, - andre nennen's Empfindsamkeit, Tiefe ist allemal Gewalt,
aber sie ist gebunden und die Gewalt wei nicht, wie leicht sie die Fessel
abwerfen kann, hab ich mir doch manchmal den Atem fast ausgeblasen, wenn wir
morgens im Wald uns ein Feuerchen wollten machen zu unserm Plsier, und es ist
immer wieder ausgegangen, und ich hab's immer am kleinsten Khlchen wieder
angeznd't, ich will auch blasen in der Gromutter ihr Judizium, warum ist sie
betrbt, wenn es nicht ist, da sie dadurch begreifen lernt, was sie den Bumen
schuldig war, alle Kraft ist man der Welt schuldig und dem der uns am nchsten
steht, am ersten. Alle Anregung ist ein Aufwhlen des inneren Herzgrund, und das
Unkraut mu untergepflgt werden, da es die Wahrheit mu dngen, ich wei
nicht, was ich sagen wollt; ich bin unruhig, verzeih mir's, ich kann Dir nicht
auf Deinen Brief antworten, ich wr so gern heut wieder nach Offenbach, aber
alles fuhr nach Rdelheim, und wir haben im groen Himmelspurpurmantel mit
eingehllt, auf der Wiese uns amsiert, bis es Nacht war, ich ging mit dem Franz
zu Fu nach Haus, die andern fuhren, der Franz hat mir allerlei Schnes und
Gutes gesagt unterwegs, ich hing mich mit beiden Hnden an seinen Arm und
verhopste alles, wie wir an die Bockenheimer Wart kamen, sagte er: Hng dich
doch jetzt an den linken Arm; denn der andre ist mir schon eine Viertelelle
lnger gereckt, damit der doch auch so lang wird.

                                                                       Am Montag

Die Meline geht mit Savigny nach Marburg und sagt, ich soll auch mit, ich sag
nicht ja, aber die Meline sagt: Wer soll fr dich sorgen, wenn ich's nicht tu,
du wirst hier alles verschlampen, alles vergessen, alles verreien, alles
verschenken, alles verderben, Du mut mit. - Kommst Du frher, als die gehen,
so bleib ich hier; denn da hab ich einen Altar, an den ich mich festhalte,
kommst Du aber nicht, so wei ich, da ich auf dem Glatteis, wie mir's unter den
Fu kommt, dahinfliege ohne Widerstand, es fhrt mich ja auch ebenso schnell
zurck zu Dir, aber der Savigny schreibt, ich soll Dir sagen, da er in den
Sternen gelesen habe, Du werdest nach Marburg kommen. - Da leg ich Dir noch ein
Blatt aus meiner Pappelbaumkorrespondenz bei, ich hab doch alle Pfingsten, der
ich mich erinnere, unter diesen Pappeln zugebracht, - dies schrieb ich ihnen am
letzten Pfingstfest, die schnsten Tage im Jahr sind Pfingsten, der Frhling
feiert gekrnt seinen Sieg. Wie war ich so seelenzufrieden an jenen Tagen, alles
ging aus ins weite Feld spazieren, alles fuhr ber Land in schnen Kleidern, ich
war auch wei geputzt, und die Haare schn gelockt und mit flatterndem Band und
gelben Schuhen besucht ich schon frh den Baum; heut konnt ich nicht
hinaufklettern, ich htte Schuhe und Kleid verdorben, darum dauerte mich der
Baum, so fuhr ich lieber nicht mit spazieren und hielt ihm Gesellschaft, und
weit Du, was mich der Natur so anhngig macht? - Da sie manchmal so traurig
ist, - andre nennen das Langeweile, was einem zuweilen so mitten im Sonnenschein
wie ein Stein aufs Herz fllt, ich aber leg es so aus: pltzlich steht man, ohne
es zu wollen, ihr, der Allgttin gegenber, ein geheim Gefhl der unendlich
zrteren Sorge, die sie auf uns verwendet, als auf alle anderen Geschpfe, macht
uns schchtern; alles umher gedeiht, jed Studchen, jed klein Kferchen zeigt
von so tiefer feingegliederter Bildung, aber wo ist auch nur ein Knspchen in
unserm Geist, was nicht vom Wurm angenagt wr, sind wir nicht von Staub befleckt
und zeigt sich ein Blttchen unserer Seele in seinem glnzenden Grn? - Wenn ich
einem Baum begegne, der vom Meltau oder vom Raupenfra erkrankt ist, oder eine
Staude, die verkeimt, dann mein ich, das ist Sprache der Natur, die uns das Bild
einer ungromtigen Seele zeigt. - Und wren alle Fehler des Geistes berwunden,
wren seine Krfte in voller Blte, wer wei, ob dann in der Natur noch solcher
Miwachs oder schdlich Unkraut wr, ob der Brand noch ins Kornfeld km, ob noch
giftige Dolden wchsen, wer wei, ob noch solche traurige Augenblicke in ihr
wren, die einem das Herz spalten; und man wendet sich ab, weil man nicht ahnen
will, was tief im Herzen schmerzlich mit wehklagt. Nein, sie findet kein Gehr,
die Mutter, obschon ihre Vorwrfe so zrtlich sind, da sie einem gleich in
ihren Schleier hllen mcht, und das Gift der Krankheit mcht sie mit ihren
Lippen aussaugen und aus ihrem Blut Balsam mischen, uns zu heilen.
    Beweislos denken ist frei denken! Dies eine nur la mich Dir mit einem
Beweis noch bekrftigen zum Beweis, da ich Dich versteh! - Denken selbst ist ja
von der Wahrheit sich nhren, sonst wr's Faseln und nicht Denken, Denken ist,
jenen Balsam trinken, den die Mutter aus ihrem Blute mischt, der uns von
Schwchen heilt, ist ja Gehr geben ihren zrtlichen Vorwrfen; und durch Beweis
dem eignen Herzen die Liebe darlegen wollen, die so ohne Rckhalt sich uns
ergibt, ist Beweis genug, da sie das Herz nicht rhrte. - Die Wahrheit rhrt
das Herz, ist Geist, der augenblicklich hher steigt im Empfangen der Wahrheit
selbst und sich nach Hherem umsieht. Du bist hher gestiegen in dieser
Erkenntnis der reineren Geistesform, Du hast seine Krcken weggeworfen. - Sie
sagen: wie will der Geist fortkommen ohne Krcken? - Er hat ja keine Fe! - Er
wirft des Anstands enges Wams auch noch ab. - Seht, ich habe Flgel! Und Deine
Verteidigung, wie willst Du die fhren, wenn Du keine Waffen hast, fragen die
Philister. - Ich bin Gottathlete, wer mit mir ringen wird, der mag meinen
Triumph ohne Waffen um so tiefer fhlen, ich bin dann, und sie sind nicht mehr,
die mit mir ringen; und wen ich nicht berwinde, der reicht auch nicht an mich
heran, mich zu bekmpfen. - Ja, ich fhl's deutlich, wie tief recht Du hast, es
ist einzig reine und heilige Sprachquelle, die Wahrheit ohne Beweis fhren.
Sprach und Geist mssen sich lieben, und da braucht's keiner Beweise
freinander, ihr gegenseitiges Erfassen ist Liebe, die sich in ewigen Gefhlen
zu den Sternen hebt, - Du bist berwunden, Du bist ein Gefangner des Geistes -
er besitzt Dich und tritt vor und spricht Dich aus. - Gute Nacht! Schon sehr
spt. -

                                    Vor zwei Jahren geschrieben am Pfingstmontag

Bume, die ihr mich bergt, mir spiegelt in der Seele sich euer dmmernd Grn,
und von euern Wipfeln seh ich sehnend in die Weite.
    Dorthin fliet der Strom und hebt nicht zum Ufer die Wellen, und es jagt
nicht mit den Wolken seine frhlichen Schiffe der Wind.
    Der hellere Tag flieht und mein Gedanke lauscht, ob Antwort vielleicht ein
sausender Bote von dir ihm bringe, Natur!
    O du! - du, der ich rufe, warum antwortest du nicht? - Immer gleich
Herrliche! Allebendige!
    Schauder ber Schauder flt mir, Herr! Herr! deine Natur ein.
    Da senkt sich der Wagen des Donnerers, die Berge hallen, es braust und
duftet und weht! - Wohin ihr Nebel? - Ihr Rauchsulen? - Wohin wandelt ihr alle?
- Warum bin ich! - Warum mich an deinen Busen Natur, wenn nicht erquickend mir's
quillt aus deinen Tiefen, wie aus den Bergen quellen die rauschenden Wasser.
    Ich hr dich Donnerer, langsam ziehn am windstillen Tag bers Gebirg, in
meiner Seele Saiten tnt's nach, sie bebt, die Seele, und kann nicht seufzen.
    Lust und Hoffnung, ihr habt oft mich gewiegt wie die rauschenden Wipfel, ihr
schienet endlos mir einst wie jetzt mein dsterer Tag.
    Da brechen die Wolken und strmen unter dir, Befreier! - Und rings trinkt
die Erde - und deine Donner - wohin? - Und ihr atmet wieder, Wiegengesang
flstert, wogt in eurem Laub, das mich umfngt.
    Und ich will gern wieder leben mit euch allen, ihr Bume, die ihr trinkt
segnende Strme vom Himmel und frhlich wieder suselt im Wind.

                                An die Gnderode


Heut morgen wach ich auf vom Rufen der Italiener, die Parapluies feiltragen, die
wahre Lockstimme fr mich, - unwiderstehlich, ich denk gleich, der Italiener mag
Regen wittern; denn sonst gehn sie nicht so frh herum, ich lass' die Liesbet
den Mann heraufholen und lauf zur Meline - die liegt noch im Bett, - ob wir
nicht einen Parapluie wollen kaufen, mitzunehmen nach Marburg? Die Meline kriegt
einen Schrecken - sie glaubt, ich hab's Fieber, da ich nach einem Parapluie
frag, unterdessen war il signor Pagliaruggi vor der Tr, und ein grnseidner
Regenschirm gekauft, den ich auch gleich probieren wollt, so ging ich vors Tor
in die Mess am Main, und so blieb ich bei den Klickerfssern stehen und kauft an
dreiig Klicker, einer schner wie der andre, von Achat und Marmor und Kristall,
damit ging ich hinunter am Main, wo die Steinergeschirrleut halten, und besuchte
die in ihren strohernen Htten und die Esel, die mit herzlichem Geschrei mich
begrten, und die kleinen Hemdlosen, die da herumlaufen und klettern - und
teilt ihnen meine Klicker aus, sie hatten keine Taschen, weil sie nackend
laufen, so mut ich ihnen meine Handschuh geben, da sie die Klicker konnten
aufheben, die banden sie sich mit Bindfaden um den Leib fest, das war kaum
geschehen, so rief mich ein Schiffer an, ob ich nicht wollt berfahren. - Ich
frag: Es wird wohl regnen? - Nun, was schad's, Sie haben ja ein Wetterdach
bei sich. Wie ich drben war, so denk ich, ich will nach Oberrat gehen zur
Gromama ihrer Milchfrau und da Milch trinken, wie ich an der Milchfrau ihr Haus
komm, so sagen die Leut, alleweil ist die Annemarie fort mit der Milch nach der
Gerbermhl, wie ich auf die Gerbermhl komm, so luft mir die Annemarie schon
fort nach Offenbach mit der Milch, ich sag, ich will mit ihr gehen, sie hat ihre
zwanzig Gemskrb auf dem Kopf und ihre Milchkann am Arm, und so schlendert der
gro Gemsturm und ich als hintereinander durch die Hecken, sagt die Annemarie:
Es fngt schon an zu trepele, es werd gleich e dichtiger Schitel komme, warte
Se, ich will Ihne ans von dene klene Krbercher gebe, des knne Se uf den Kop
setze, do kommt ihne ken Rege an. - Nun fllt mir ein, da ich doch das
Wetterdach, den Parapluie mitgenommen hab, wo ist der geblieben? Entweder ich
mu ihn haben bei den nackigen Bberchen lassen stehen, oder ich hab ihn im
Schiff liegen lassen, beides ist gleich mglich, ich konnt ihn also die
Wasserprob nicht halten lassen; so setzt ich der Milchfrau ihr rundes
Gemskrbchen mit Blumenkohl auf den Kopf. Sie sagt: Sie sehn so schn drunter
aus wie die schnst Pariser Madam. - Es war recht lustig, es begegneten mir
allerlei Leut, die dachten, ich wollt balancieren lernen, der Regen hatte bald
wieder aufgehrt, so war ich ohne dran zu denken bis Offenbach gelaufen, an der
Kastanienallee nahm ich den Korb ab. In der Stadt war recht Sonntagswetter,
alles voll Sonnenschein, und in der Domstra lag auf jeder Haustrepp vor der Tr
ein Jolie mit dem blauseidnen Halsband, alle Jolies kennen mich, sie kamen an
mich herangebellt, und da kamen die Spitze auch, und Bommer, und endlich auch
dem Anton Andree seine englische Dogge mit siebzehn Jungen, die schon ziemlich
herzhaft bellen. Die Milchfrau blieb ein paarmal stehen, um das Springen und
Toben der Hunde zu sehen und auch aus Furcht, sie mchten ihr den Gemsturm aus
der Balance bringen. Ei, sagte sie, der trkisch Kaiser kann nicht schner
begrt werden, die bleiben ja in einem Vivatrufen. - So klingelten wir an der
Haustr, die Cousine meldete, da die Gromama noch schlief, in den Garten wollt
ich nicht gehen, ich blieb vor der Tr stehen bei den Hunden, da kam mein guter
Herr Arenswald vorbei, er nahm den Hut ab, ich sagte ihm nicht, da er ihn
wieder aufsetzen solle; denn ich hatte gesehen, da ein Loch drin war, und
wollte diese Wissenschaft gern vor ihm verbergen. Er erzhlte mir, er habe
diesen Sommer eine Reise nach der Schweiz gemacht, weil er seinem Drang, die
Natur dort zu betrachten, nicht habe widerstehen knnen, er bereue es auch gar
nicht, obschon es ihm viel gekostet, ja, er glaube, es sei sein letzter Heller
draufgegangen, ich war etwas beschmt und wollte ihm bei dieser vertrauten
Mitteilung nicht grad ins Gesicht sehen, meine Augen fielen auf seine Stiefel,
da prsentierte sich ganz ungerufen der kleine Schelm, sein groer Zehe, welchen
Arenswald durchaus nicht bei der Audienz dulden wollte; denn er drckte ihn
unter den Absatz vom andern Stiefel, der leider wie ein schlechtgeschlossner
Laden vom Wind auffuhr, wo sollt ich meine Augen hinrichten? - Ich sah auf
seinen Bauch, da fehlten alle Knpfe und die Weste war mit Haarnadeln
zugeklemmt, wo er die mag her erwischt haben; denn er trgt einen Caligula,
welches bekanntlich die hchste geniale Verwirrung im Haarsystem ist, wozu man
weder Pomade, noch Kamm, noch Haarnadel braucht, sondern nur Staub und Stroh,
damit die Schwalben und Sperlinge immer Material fr ihre Bauten da finden.
Unterdes erzhlte er mir, es sei ihm in der Schweiz was Sonderbares geschehen,
man habe ihm nmlich erzhlt, da es in waldigen Berggegenden eine Art Schnecken
gb, die sehr schmecken, und da es auf dem Weg von Luzern irgendwohin auf einem
Berg sehr viel solcher schmeckender Schnecken gibt, er habe solche auch in Masse
im Wald angetroffen und einen so starken Appetit danach bekommen, da er ihrer
mehrere gegessen und ganz satt davon geworden sei, als er ins Wirtshaus
zurckkam, verbat er sich sein Mittagessen, weil er zu viel von den so gut
schmeckenden Schnecken gefunden, und habe sie mit so groem Appetit verzehrt,
da er unmglich noch was genieen knne. Wie? - sagte der Wirt, Sie haben
die schmeckenden Schnecken gegessen? - Nun ja, warum nicht, sagten Sie nicht
selbst, da die Schnecken sehr wohlschmecken, und da die Leute gewaltig danach
her sind, sie zu sammeln? - Ja, sehr schmecken hab ich gesagt, aber nicht:
wohl! - Schmecken heit bei uns stinken, und die Leute sammeln sie fr die
Gerber, um das Leder einzuschmieren. - So hab ich also dieses Gerbermittel
gespeist und mich sehr wohl dabei befunden, erzhlte Herr Arenswald, whrend
ich sehr errtet in die Luft guckte; denn es war kein andrer Platz da, ohne auf
eine grobe Snde des gnzlichen Mangels zu stoen. - Die Schneckenmahlzeit mag
nun wahr sein oder auch erfunden, um mir auf eine feine Art verstehen zu geben,
da ihn der Hunger dazu gezwungen. Die Cousine rief mich herein, und Arenswald
nahm, wie bei hohen Potentaten, rckwrtsgehend Abschied von mir, woraus ich
schlo, da es von hinten auch nicht besser mit ihm bestellt sein mge. Also
erst die Begrung bei meinem Einzug, der Jubel war trkisch-kaiserlich nach der
Milchfrau, der Gemskorb mit Blumenkohl war meine Kron, den Baldachin, den
Parapluie, hatt ich im Schiff gelassen, die erst Audienz war auch mit allen
kaiserlichen Ehrenbezeugungen vor sich gegangen, unterwegs hatt ich gromtige
Geschenke gemacht an die nackigen Bberchen, Arenswalds Audienz war auch eine
untertnigste Ansherzlegung des menschlichen Elends. Was will ich mehr? - Immer
hat's mir im Sinn gelegen, ich werde noch zu hohen Wrden steigen. -
    Ich werd auch geruhen, des schmeckenden Schneckenfressers auerordentliche
Verdienste um die Selbsterhaltung zu belohnen, durch den Jud Hirsch, der morgen
nach Offenbach geht; wenn mir's nur nicht bis morgen aus den Gedanken kommt wie
der Parapluie, ein Fehler, den ich mit allen hohen Huptern gemein hab. - Die
Gromama war mir sehr freundlich, wir sprachen von Dir, sie will, da Du sie
besuchst, wenn Du zurckkehrst. Ich sagte ihr, da ich, wenn sie es erlaube,
nach Marburg gehen werde mit der Meline, diese kleine Ehrfurchtsbezeugung, um
ihre Einwilligung zu bitten, schmeichelte ihr sehr, sie gab mir ihren besten
Segen dazu, nannte mich Tochter ihrer Max, Kindele, Mdele, ringelte mein
Haar, whrend sie sprach, erzhlte im schwbischen Dialekt, was sie nur in
heiterer Weichherzigkeit tut und einem Ehrfurcht mit ihrer Liebenswrdigkeit
einflt, ihr Bezeigen war mir auffallend, da ich vor vier Tagen sie so tief
verletzt, beinah erbittert fand ber die Schmach, die ihrem gtigen Herzen
widerfahren war. - Sie zeigte mir ein Wappen in Glas gemalt in einem prchtigen
silbernen Rahmen mit goldnem Eichelkranz, worum in griechischer Sprache
geschrieben steht: Alles aus Liebe, sonst geht die Welt unter, es ist dem
Gropapa von der Stadt Trier geschenkt worden, weil er als Kanzler in
trierischen Diensten sich gegen den Kurfrsten weigerte, eine Abgabe, die er zu
drckend fand, dem Bauernstand aufzulegen; als er kein Gehr fand, nahm er
lieber seinen Abschied, als seinen Namen unter eine unbillige Forderung zu
schreiben; so kamen ihm die Bauern mit Brgerkronen entgegen in allen Orten, wo
er durchkam, und in Speier hatten sie sein Haus von innen und auen geschmckt
und illuminiert zu seinem Empfang. Die Gromama erzhlte noch so viel vom
Stadionischen Haus, worin sie so lang mit dem Gropapa lebte, wenn ich's nur
alles behalten htt, doch verge ich die Beschreibung ihrer Wasserfahrten nicht
auf dem See von Lilien, wo immer ein Nachen vorausfuhr, um in dem Wald von
Wasserpflanzen eine Wasserstra mit der Sense zu mhen, wie da von beiden Seiten
die Schilfe und Blumen ber den Kahn herfielen und die Schmetterlinge - und
alles wei sie noch, als wenn es heut geschehen wr. -
    Der Pappeln wollt ich nicht gedenken, die jammervolle Person des Arenswald,
der so munter und grn ber sein Elend hinaussteigt ins Freie, hatte mich aus
den Angeln der Empfindsamkeit gehoben, ich will wetten, jetzt, wo er
Waldschnecken fressen kann, da er noch viel mehr wagt, und wenn er nur so viel
hat, da er seine Beine reisefertig kriegt, so mu das andre mit und mu
allerlei andre Dinge noch dazu fressen lernen. Die Gromama fing aber von selbst
von den Bumen an, bei Gelegenheit des Wappens, sie erzhlte, der Spruch sei
wirklich Ersatz dem Grovater geworden, und er habe oft bei der Einschrnkung,
in der er spter leben mute, gesagt: Besser konnt ich mir's nicht wnschen. -
Das Wappen hing ber seinem Schreibtisch, und da er bei Bauer und Brger in
groem Ansehen stand, so kamen sie oft zu ihm in schwierigen Angelegenheiten, da
hat er denn durch den Spruch vom Wappen manchen zur Gerechtigkeit oder zur
Nachsicht bewogen, er sei dadurch so im Ansehen gestiegen, da sein Urteil mehr
wirkte wie alles Rechtsverfahren, und mancher, der dem Buchstaben des Gesetzes
nach sich durchfechten konnte, hat, um nicht das Urteil des Grovaters gegen
sich zu haben, sich verglichen, und der Kurfrst hat sich auch wieder mit ihm
vershnt und ihm vollkommen recht gegeben, aber der Grovater schlug seine
Anstellung aus, die der Kurfrst ihm wieder anbot; er sagte: Hat mir Gott das
Hemd ausgezogen und gefllt's ihm, mich schon auf Erden nackt und blo
herumlaufen zu sehen, so will ich mir keine Staatslivree als Feigenblatt fr den
menschlichen Ehrgeiz vorhalten, dem Herrn Kurfrst steh ich zu Diensten in allen
gerechten Dingen, so wie mich Gott geschaffen hat, und der sich nicht vor ihm zu
schmen braucht; ich mag nicht aus meinem Paradies heraus, denn ich mag mich mit
keinem Feigenblatt inkommodieren, ich bin der unverschmteste Kerl von der Welt,
und der Kurfrst ist die sittsamste Jungfer, die unter den geistlichen Wrden zu
treffen ist, er will keinen seiner Freunde nackt und blo herumlaufen oder vor
sein Angesicht kommen lassen; aber mir gefllt es besser, ganz nackend mit
seinen Mummenschanzen herumzuspringen, denn da hab ich den Vorteil, da sie sich
selbst nicht mehr kennen; denn sie wissen so wenig, was das ist, ein Mensch
sein, da einer, der ohne Bemntlung ihnen die Natur eines Menschen, wie sie vor
Gott bestehen kann, darstellt, ihnen natrlich zeigen mu, da sie selber
Migeburten sind. - In dieser Art hat der Gropapa auf des Kurfrsten Antrge
geantwortet. - Die Gromama besitzt noch eine Korrespondenz, wo mehrere Briefe
von des Kurfrsten eigner Hand dabei sind, mit den Abschriften vom Grovater; -
der Grovater hatte ein Buch gegen das Mnchswesen geschrieben, was gar viel
Aufsehen in damaliger Zeit machte, ins Franzsische bersetzt wurde, das hat mir
die Gromama geschenkt; es war die erste Veranlassung zur Unzufriedenheit
zwischen dem Kurfrsten und ihm, weil darin so viel Skandal der Mnche
aufgedeckt ist, und war auch die erste Veranlassung zur Vershnung; denn der
Kurfrst gibt ihm in einem Brief sehr recht und sagt: Wir werden diesem
Ungeziefer, das mich mehr plagt als den armen Lazarus, dem ich mich gar sehr
vergleiche, seine Schwren, noch eine Umwlzung in unserer Religion zu verdanken
haben, es vergehet keine Woch, da nicht verdrieliche Berichte dieser
unfltigen Mnche einlaufen, der Mantel der christlichen Kirche, unter dem sie
alle eingekeilt stehen wie ein Ballen Stockfische, reicht nicht mehr zu, ihren
Unflat zu bedecken. - Schreibt der Grovater hierauf einen wunderschnen Brief
ber Religion und Politik, den ich nicht behalten hab, worin mir aber jedes Wort
wie Gold klang, - er sagt: in einem groen Herzen msse die Politik blo aus der
Religion hervorgehen oder sie mten vielmehr ganz dasselbe sein, ein ttiger
Mensch, der seine Zeit anwende, zu was sie ihm verliehen sei, habe sie nicht
brig, sie in verschiednes zu teilen, so msse denn seine Religion als
vollkommner Weltbrger in ihm ans Licht treten - usw. - Dieser Brief ist so
herrlich, so seelenrein, so ber alles erhaben, wonach kleinliche Menschen
zielen, aber auch so lebendig, da ich glauben mu, aus einem lebendigen Herzen
entspringt alle Philosophie, aber mit Fleisch und Bein und klopfendem Herzen
frs Gute, die sich ewig regt und das irdische Weltleben reinigt, gesund macht
wie ein Strom frischer gewrzreicher Luft; - das tut doch die Philosophie nicht,
die aufs Dreieck sich sttzt, zwischen Attraktion und Repulsion und hchster
Potenz einen gefhrlichen Tanz hlt, die dem gesunden Menschenverstand die
Rippen einstoen und er als Invalidenkrppel sich endlich zurckziehen mu. Und
einmal ist doch die natrliche Geschichte unseres Lebens auch unsere Aufgabe,
und ich denke, da wenn der Scharfsinn sich von Hoffart unbeleibter Spekulation
losmachte und sich ganz auf den Zustand der sinnlichen Tagsgeschichte wendete:
dann mte kein Gedanke so tief oder so erhaben sein, der nicht im irdischen
Treiben sich Platz verschaffte und in sittlichem Sinn sich bekrftigt und
aufwchst. - So wie der Grovater mcht ich sein, dem alle Menschen gleich
waren, Frsten und Bauern gleichmig auf den Verstand anredete und nur allein
durch diesen mit ihnen zurechtkam, dem nie eine Sache gleichgltig war, als lge
sie auer seinem Kreis; er sagte: Was ich mit meinem Verstand beurteilen kann,
das gehrt unter meine Gewalt, unter mein Richteramt, und ich mu laut und
ffentlich entscheiden, wenn ich mich vor Gott verantworten will, da er mir den
Verstand dazu gegeben, wer seine Pfund bentzt, dem wird noch mehr dazu, und er
wird Herr ber alles gesetzt. - Ja, das bin ich berzeugt, aber ich glaub
nicht, da die Philosophen dies Ziel erreichen werden, ich glaub eher, da man
auf dem Grovater seine Weise die tiefste Philosophie erwerbe, nmlich den
Frieden, die Vereinigung der tiefsten geistigen Erkenntnis mit dem ttigen
Leben. -
    Der Grovater schrieb noch in einem andern Brief an den Kurfrst ber den
Mibrauch der vielen Feiertage und Verehrung der Heiligen, er wollte, da eine
reinere Grundlage eine verbesserte Religion sei. - Statt so viel
Heiligengeschichten und Wundertaten und Reliquien, alle Grotaten der Menschen
zu verehren, ihre edlen Zwecke, ihre Opfer, ihre Irrungen auf der Kanzel
begreiflich zu machen, sie nicht in falschem, sondern im wahren Sinn auszulegen,
kurz die Geschichte und die Bedrfnisse der Menschheit als einen Gegenstand
notwendiger Betrachtung dem Volk deutlich zu machen, sei besser, als sie alle
Sonntagnachmittag mit Brderschaften verbringen, wo sie sinnlose Gebetverslein
und sonst Unsinn ableierten; - und schlgt dem Kurfrst vor, statt all dieses
mattherzige zeitversndigende Wesen unter seinen Schutz zu nehmen, so soll er
doch lieber eine Brderschaft stiften, wo den Menschen der Verstand geweckt
werde, statt sie zu Idioten zu bilden durch sinnlose bungen; da knne er ihnen
mit besserem Gewissen Abla der Snden versprechen; denn die Dummheit knne Gott
weder in dieser noch in der andern Welt brauchen; aber Gott sei ein besserer
Haushalter wie der Kurfrst, der lasse den gesunden Geist in keinem zugrunde
gehen, aber in jener Welt knne nichts leben als der Geist, das brige bleibe
und gehre zur Petrefaktion der Erde. -
    Es ist eine einfache edle Korrespondenz, wo der Gropapa seinen Charakter
nicht einmal verleugnet, der Kurfrst schreibt schn und edel, und schon das ist
ein Verdienst, da er ein Wohlgefallen an so tchtigen Wahrheiten findet; - man
hielt ihn wegen seinem dicken Leib fr gar nicht besonders geistbeweglich. - Ich
frug die Gromama, ob der Grovater denn Einflu gehabt habe auf ihn. - Sie
sagte: Mein Kind, die geringste Luft hat ja Einflu auf die menschliche Seele!
Warum sollte der reine uneigenntzige Geist deines Grovaters keinen Einflu auf
den Kurfrst gehabt haben, der eben noch durch die Anerkenntnis des ganzen
Landes auf einer so hohen Stufe stand, so da der Kurfrst gegen sein eignes
ungerechtes Verfahren es zugestehen mute. - Schon dies beweist auch, da im
Kurfrsten eine edle Grundlage war, es war auch gar nichts Geringes, was der
Grovater aufopferte. - Er hatte in hohem Ansehen und Wrden gestanden, hatte
fnf Kinder, die noch so jung waren, und er vertauschte alles mit einer kleinen
Htte in Speier, wo er am Wasser ein kleines Grtchen pflegte und in der
Beschftigung mit diesem sich gar glcklich fhlte, der Grovater war auch ein
besonderer Liebhaber von dunkelroten Nelken, ich habe mich sehr gefreut, weil
ich eine hnlichkeit mit ihm hab. Ich war zwei Jahr, als er starb. Er hatte
einen Stock mit goldnem Knopf und lie mich mit dem Stockband spielen, ich
erinnere mich noch deutlich, wie er mich anlchelte und seine groen schwarzen
Augen mich verwunderten, da ich darber den Stock fallen lie und ihn
anstarrte, das war das erste- und letztemal, wo ich ihn sah, - denn noch an
demselben Abend ward er vom Schlag gerhrt. Von diesen Erzhlungen der Gromama
ward mein Gedchtnis so lebhaft geweckt, da ich glaubte, mich aller seiner
Gesichtszge deutlich zu erinnern, er trug einen zimmetfarbigen Samtrock, und
sogar auf einen kleinen dreieckigen Hut mit goldnen Borten besinn ich mich, den
er vom Kopf nahm und mir aufsetzte und mich damit vor den Spiegel trug, daran
hatte ich niemals gedacht, und jetzt wei ich diesen Umstand ganz genau. - Ist
das nicht wie eine Geistererscheinung? - Und mag die Liebe nicht Geister
beschwren knnen? - Denn in jenem Augenblick war ich so begeistert und voll
Liebe fr ihn, da ich meinte, ich msse einen Geisterumgang durch die Kraft
meiner Einbildung mglich machen knnen, worin mir der Gropapa alles Gute, was
mir wach wrde, im Kopf einflstern werde, und ich glaub es auch; sollte denn
das Wirken so wahrhafter Gesinnung mit dem Tode fr uns aufhren mssen? Ich
sagte dies der Gromama, die antwortete: Der Geist deines Grovaters regiert
mich ja jetzt noch, wie htte ich den Schmerz meiner lieben Bume sobald
verwinden knnen, wenn ich mich nicht seiner Lehren erinnert htte; darum hab
ich ja das Wappen der Stadt Trier hervorgesucht und diese Briefe des Kurfrsten.
Und besonders diesen, wo der Kurfrst ihn wegen seinem Unrecht um Verzeihung
bittet und dein Grovater so wahrhaft gromtig und doch heiter antwortet. Denn
er schrieb dem Kurfrsten, er werde nie vergessen, da er der Grnder seines
Glckes sei, er habe ihm hierdurch Gelegenheit gegeben, sich selber in seiner
Gesinnung zu erproben, und da er sich glcklich durchgekmpft habe, so fhle er
sich jetzt wohl und in besonderer Glcksstimmung. Sie sagte: Dies bewege sie
zur Nachsicht gegen die, welche sie beleidigt haben, - es komme drauf an, wie
hoch eine Beleidigung aufgenommen werde; man solle keine strkere Schuld dadurch
auf andre wlzen, Verzeihung sei Aufheben der Schuld, und Gott sei vershnlich
durch menschliche Gromut. - Der Grovater habe gesagt: Was dir geschieht, das
rechne fr garnichts! Keine Rge gilt etwas, sie sei denn zum Besten dessen,
den man straft, sonst ist jede Strafe unntze Rache, nur um den elenden Snder
noch elender zu machen und ntzlose Rache sei eine viel rgere Snde am
Verbrecher, der dem Menschen heiliger sein msse, insofern er so gut seiner
Gnade anheimgegeben sei wie der Gnade Gottes, und Gott sei vershnlich aus
menschlicher Gromut, so msse man aus Liebe die Welt nicht untergehen lassen
und allen verzeihen, wozu der Spruch auf dem Wappen auffordere. Und sie tue es
ihrem Laroche zulieb, da sie ohne Bitterkeit es ertrage. Die Bume seien dies
Jahr abgehauen, sie selber werde gewi sie nur kurze Zeit noch vermissen und
wolle durch den Verdru, den sie dabei beweise, keine sptere Reue veranlassen;
denn sie wolle, da alle Menschen glcklich seien und am meisten die Ihrigen,
fr die sie so viele Opfer schon gebracht. - Vom Grovater erzhlte sie mir
noch, das ganze Land habe ihm Untersttzung angeboten und er habe auf einem
groen Fu leben knnen, wenn er gewollt htte, doch all diese Bezeichnungen,
die mit so viel Adel der Seele verbunden waren und von so reiner Gesinnung
ausgingen, habe er ausgeschlagen von den Reichen, aber von seinen Bauern, denen
er noch vieles geholfen, habe er angenommen, was ihm ntig war; denn, sagte er:
Das Scherflein der Witwe mu man nicht verschmhen. - Sie hat mir noch manches
zu erzhlen versprochen von ihm, als ich so feurig danach war, so werd ich
nchstens wieder zu ihr kommen. - Das Wappen wollt sie mir aufheben und mir vor
ihrem Tod noch schenken, ich htte lieber den Briefwechsel gehabt. - Ich glaub,
zu so etwas htt ich Verstand, es einzuleiten und zu bereichern fr den Druck,
da wollt ich wohl noch viel hinzufgen, mir kommt immer nur der Verstand, wenn
ich von andern angeregt werd, von selbst fllt mir nichts ein, aber wenn ich von
andern groes Lebendiges wahrnehme, so fllt mir gleich alles dazu ein, als sei
ich aus dem Traum geweckt, vielleicht knnt ich hierdurch dem Clemens ein Genge
leisten, der mich zu so manchem aufgefordert hat, was mich ganz tot lt.
Erfinden kann ich gar nichts. Aber ich wei gewi, wenn ich diese Briefe des
Gropapa durchlse, es wrde mir alles einleuchten, was dazu gehrt, ich wei
noch so viel von ihm, und die Gromama wrde mir noch manches erzhlen, ich hab
sie noch nie ordentlich ausgefragt, und besonders hab ich mich immer gescheut,
sie ber ihre religisen Ansichten zu fragen, weil ich frchtete, sie zu
beleidigen, aber bei diesem Gesprch sagte sie von selbst: Siehst du mein Kind,
so trgt die goldne Au der Vergangenheit die hren, ohne welche so mancher an
Geistesnahrung Hunger sterben mte, und rund um uns, wo die Sonne ihren Lauf
ffnet und wo sie ihn schliet, wo sie mit sengendem Strahl die Fluren brennt
und wo sie lange ihr freundlich Antlitz verbirgt, allenthalben keimen Blumen,
deren vereinter Strau uns ein Andenken ist an die Kindheit unseres Geschlechts.
So gehrt die Vergangenheit zum Tag des Lebens. Sie ist die Wurzel des meinen.
Dein Grovater war guter Mensch und guter Staatsbrger, er hat als solcher auf
Frsten und Untertanen gewirkt und auch bis heute noch auf seine Frau. Eine
Vergangenheit ist also nicht fr das wahre Gute, es wirkt ohne Ende, es kommt
aus dem Geist, wie dein Grovater sagte, und alles andre, was vergnglich ist,
das ist auch geistlos. -
    Es war Mittag, ich wr gern den ganzen Tag bei der Gromama geblieben, wenn
man in Frankfurt gewut htte, wo ich war. - An der Gerbermhl begegnete mir
Clemente mit meinem verlornen Parapluie, er war gleich hinter mir bergefahren
und hatte ihn vom Schiffmann mitgenommen, war aber bei Willemers geblieben,
jetzt fuhren wir zusammen im Sonnenschein unter aufgespanntem Baldachin auf dem
Main zurck. Der Clemens geht morgen nach Mainz, er besucht Euch am End. - Beim
Primas gestern groe Parade, alle altadeligen Flaggen wehten. - ber die fnf
Ellen langen Schleppen muten die Herren mit hocherhobnen Beinen hinaussteigen,
der Primas fhrte mich ins Kabinett, wo die Blumen stehen, und lie zwei Strue
binden fr mich und die Meline, dies war als eine hohe Auszeichnung bemerkt
worden, man hatte groen Respekt, der sich noch sehr steigerte, als mir der
Primas beim Abschied ein Paket gab, sehr sauber in Papier eingesiegelt. Alle
glaubten, es sei ein frstlich Prsent, vielleicht ein
Schnupftabaksdosen-Kabinettstck. Kein Mensch bedachte, da der Primas zu witzig
ist, um mir eine solche Albernheit anzutun. Nur wunderte man sich, da ich mein
Geschenk so ohne Umstnde, ohne mich zu bedanken, unter den Arm geklemmt habe;
ich hatte tausend Spa, die vielen Glossen zu hren und konnte am End vor
Vergngen ber die Neugierde nicht umhin, im Vorzimmer zu tanzen, whrend mich
alles umringte mit Bitten, es zu ffnen, wozu ich mich nicht bewegen lie, sonst
wr der Spa aus gewesen. Besonders qulte die Neugierde den Moritz im grnen
Samtrock, der den ganzen Abend alle Spiegel mit der eignen Bewundrung seiner
Person besetzt hielt. So wie er die berreichung dieses mystischen Pakets gewahr
ward, lief er mir nach, dem htt ich's aber grad nicht gesagt, im Paket war
nichts, als was Du wohl schon denken kannst, ein paar alte Judenjournale und die
Drusenfamilie fr die Gromama; ich soll's lesen, was mir eine harte Nu ist. -
Sagt ich's, so wrde man den Primas wohl eher fr einen Narren halten, da er
auf mein Urteil einen Wert legt, als mich fr gescheit genug, dieser
Auszeichnung Ehre zu machen, so mag's denn die Leut mir im Respekt halten;
wten sie, es sei nur Papier und keine Dose, hielten sie mich zum Narren
gehalten vom Primas.
    Heut nacht fiel mir ein, da ich meinen Kanarienvogel dem Bernhards-Grtner
geben will, der hebt ihn gewi gut auf und macht ihm Freud, dann wei er doch,
da er wieder was von mir erfhrt, es waren doch liebe Tage, wo er mich pfropfen
lehrte, Du weit noch gar nicht alles, was ich da lernte, vom Fortpflanzen der
Orangenbume mit einem Blatt von Nelken - und dann will ich ihm auch meine
Granatbume schicken und den Orangenbaum und den groen Myrtenbaum, er gibt sich
gewi Mh, da er den zum Blhen bringt, ich hab so immer frchten mssen, da
sie verdarben im Winter. - Das eine tut mir auch leid, da ich von der Gromama
weg mu, weil sie sich's in den Kopf gesetzt hat, sie werde nicht mehr lang
leben wegen den Bumen, sie sagt, sie wolle nicht erleben, diese Bume, die sie
so lange Jahre gepflegt habe, im nchsten Jahr im Ofen knattern zu hren. -
Jetzt mcht ich gern noch so viel von ihr wissen, ich schm mich, da ich die
ganze Zeit so leichtsinnig war, was htte sie mir alles von der Mama erzhlen
knnen, von der ich so wenig wei, als blo da sie angebetet war. - Die
Gromama sagte: Sei versichert, htte die Venus-Urania noch ein Kind gehabt
auer dem Amor, so mute es das Ebenbild deiner Mutter sein. - Manchmal zweifle
ich ob ich noch nach Marburg mitgehen soll, meinst Du nicht auch, es wr besser,
ich blieb hier - es ist doch auch schn, wenn ich noch das letzte Lebensjahr der
Gromama recht freundlich mit ihr zubrcht, mich durstet nach dem Segen alter
Leute, seitdem ich vom Tod wei, so deucht mir die letzte Lebenszeit eines
Menschen etwas Heiliges, und wie ich als Kind so gern Spielsachen, Dinge, die
ich liebte, in die Erde vergraben hab, so mcht ich auch meine Geheimnisse, mein
Sehnen, meine Gedanken und Ahnungen gern in die Brust legen von Menschen, die
keine Forderungen mehr ans Irdische haben und bald unter der Erde sein werden,
schreib mir doch darber! Auf der andern Seite reizen mich die Briefe vom
Christian auch sehr, er freut sich drauf, da ich ein halb Jahr mit ihm zusammen
sein werd, wir sind zusammen in unserer Kindheit gewesen und seitdem nicht
wieder, er verspricht mir so viel von meinem Dortsein und was und wie er mir
alles lehren will, les' die beiden Briefe von ihm an mich und schreib mir, was
Du willst, das will ich tun. - Adieu und schreib recht bald.
    Es ist hier alles beschftigt mit dem Empfang von Bonaparte, es wird ein
groer Triumphbogen erbaut auf dem Rabenstein, wo der Galgen gestanden hat. -

                                 An die Bettine


Was Du von Arenswalds auerordentlichem Heihunger nach der Natur schreibst, so
da er darber sich selbst zu speisen vergit, dauert mich sehr, versum's
nicht, ihm zu helfen, und schreib mir's, ob Du's auch nicht vergessen hast. Die
Geschichte von den Bumen ist hchst betrbt; war's Deine Schilderung oder sind
auch mir diese Stimmen, die so friedlich mitrauschten, wenn wir dort wandelten,
so zu Herzen gegangen, ich kann mich auch nicht darber trsten. Wir waren
gestern auf dem Ostein, da rauschen die Eichen kniglich. - Die Gromama und die
Geschichten vom Grovater haben mich gefreut und gerhrt, wenn ich auch nicht so
viel Interesse an solchen erlebten Dingen htte, als ich wirklich habe, so wrde
mir eine solche Beschftigung, als diese Erzhlungen aus der Gromutter Mund zu
sammeln, fr Dich sehr schn erscheinen und lieblich. - Alles, was das Gemt
anregt, erfrischt und erfllt, ist mir heilig, sollte auch im Gedchtnis kein
Monument davon zurckbleiben, hier aber, wo Du zugleich Dich ben wrdest, etwas
in konsequenter Ordnung zu behandeln, Deinen eignen Geist in seinen Anschauungen
zu entwickeln, wrde es noch mehr Wert haben. Ich hab immer Biographien mit
eigner Freude gelesen, es ist mir dabei stets vorgekommen, als knne man keinen
vollstndigen Menschen erdichten, man erfindet immer nur eine Seite, die
Kompliziertheit des menschlichen Daseins bleibt unerreicht und also unwahr, denn
alle Momente mssen immer den einen bestimmen oder begreiflich machen. - Dein
Verhltnis zur Gromama wrde auch schn sein, Dein Sammeln von Deiner Mutter
Kinderzgen ein Werk der Piett, was Dir jetzt und vielleicht spter noch ein
groes Interesse gewhrt, besonders wenn es Dir gelnge, es mit dem Dir so
eigentmlichen Geist des unmittelbaren Mitfhlens niederzuschreiben, das alles
sehe ich recht gut ein - aber ich bin dennoch nicht entschieden, ob ich Dir dazu
raten soll; wenn ich berleg, welcher ungeheuren Zerstreutheit Du in Eurem Haus
ausgesetzt bist, der Du unmglich entgehen kannst; alles Durchreisende, was zu
Euch kommt, der Primas, der Dich vorzieht, und wo Du gar nicht ausweichen kannst
hinzugehen - - was das alles die Zeit zersplittert, und wenn Du auch selbst
nicht viel Umstnde mit Deiner Toilette machst, so wirst Du in dem Nest voll
schner Frauen doch alle Augenblick Dich der gemeinsamen Beratung hingeben und
bei Deiner Lebhaftigkeit und Deinem Talent zum Malerischen seh ich schon den
Winter vergehen blo mit Putzwhlen und dergleichen, und die Gromama wird wenig
von ihren Schtzen Dir mitteilen knnen. - Marburg ist im Gegenteil ein Nest, wo
Du ganz als Einsiedler wirst leben knnen, zum wenigsten kannst Du keiner
Zerstreuung dort ausgesetzt sein, die Briefe vom Christian versprechen so viel
Gutes fr Dich, Du hast lange nicht mit ihm gelebt; es ist doch auch schn mit
ihm, der so viel groes Genie hat, so reine Begriffe von der Wissenschaft und so
tief und so wrdigend mit Dir spricht, wieder eine Weile zusammen zu sein; ein
Bruder wird oft auch von der Schwester weggerissen durch allerlei Schicksale,
sie begegnen sich vielleicht nicht zum zweitenmal, so mu man denn einen so
glcklichen Zufall nicht leichtsinnig verscherzen, und im ganzen genommen,
welche Lage deucht Dir edler: jene in der winterlichen Einsamkeit in Marburg in
dem engen beschrnkten Kreis, aber mit dem lieben Savigny, der so viel hher
steht wie andre, der Dir dann so nah ist und Deine Gegenwart auch zu seinen
freundlichen erquickenden Momenten rechnet und Dich gegen Deine eignen Launen
verteidigen wird, die so oft ins Trge und Melancholische spielen.
    Und ich denke mir darin einen groen Genu fr Dich, da Du die groe, weite
Natur im Winterkleid vor Dir hast; denn die Gegend von Marburg ist sehr schn
und lacht einem zum Fenster herein - oder ist es Dir lieber in jener
Zerstreuung, bald dies, bald jenes beginnend und endlich mit Verdru an Dir
selber verzweifelnd, da Du zu nichts gekommen bist? - Ich glaub, da Du alle
Deine guten Vorstze sehr erleichtern knntest und Deine Zwecke erreichen, wenn
Du von Marburg aus einen korrekten Briefwechsel mit der Gromama fhrtest, Deine
Briefe wrden ihr gewi Freude machen, sie wrde nicht versumen, Deine Fragen
nach der Jugend und dem Geist Deiner Mutter zu beantworten so wie nach Deinem
Grovater; Du knntest Deine eignen Bemerkungen hinzufgen und brauchtest nur
die Vorsicht zu haben, Deine Briefe von irgendeinem unschuldigen Kopist
abschreiben zu lassen, so httest Du als Nebenarbeit und wahrscheinlich viel
vollstndiger und gelungner, wozu Du vielleicht vergebliche Anstalten in
Frankfurt machen wrdest - das ist meine Meinung, jedoch will ich nicht damit
einen Machtspruch getan haben. Leb wohl!
                                                                        Caroline


                                An die Gnderode

Buonaparte ist durch und hat seinen Tempel nicht gesehen, der Galgen ist
abgeschlagen worden und auf das alte Postament ein Tempel gebaut, ich glaube gar
mit seiner Bildsule, und das Ganze ist illuminiert worden zum Volksfest, wobei
noch allerlei Belustigungen vorfielen; da das Galgenfeld zu diesem Platz
ausersehen war, machte besonders den Sachsenhusern Spa. -
    Cldchen ist krank und liegt auf dem Kanapee, ich bin meistens den ganzen
Tag bei ihr und wache auch nachts, wenn sie sich unwohler fhlt. Es geht hier
wieder alles nach der alten Leier, Dein Brief kam zu rechter Zeit, um mit allen
Umstnden zusammen mich zu berzeugen, da Du recht hast, die Englnder sind
Hauptpersonen hier; abends wird im Teezimmer vom Moritz die Delphine von der
Stal vorgelesen, fr mich das Absurdeste, was ich hren kann, ich mach einen
Plumsack von meinem Schnupftuch und amsiere die Kinder derweil, das hat den
Lekteur nicht wenig verdrossen, ja ich mu fort. - Am Montag war Ball bei
Leonhardi, um seine neue Einrichtung zu zeigen, lauter gyptische Ungeheuer hat
er an die Wand malen lassen. - Gestern war schon wieder Cour beim Primas, ich
war's so satt, da ich mich versteckte beim Wegfahren, sie suchten mich berall;
ich war in meinem Bett versteckt, und der Franz war bs, aber um ihn wieder gut
zu machen, hab ich mir eine besondre List ersonnen, ich fand in der Tonie ihrem
Kchenrevier einen groen Korb mit weien Rben, den hab ich vorgenommen mit den
Leuten, sie ganz dnn abgeschlt und ausgehhlt inwendig, in jede ein Wachslicht
gesteckt und so die ganze Treppe illuminiert und den Vorplatz - ich hab bis nach
Mitternacht mit zu tun gehabt, es war recht dumm, es wr besser gewesen, ich wr
mitgangen; denn der Primas lie mir sagen, weil ich nicht mitgekommen wr, so
soll ich am Freitag mit ihm und dem Weihbischof zu Mittag speisen und Fasttag
halten. Ja, ich geh fort, ich bin in Gedanken schon unterwegs, die Meline hat
auch schon alle Vorkehrung getroffen, ja, ich geh! - Es tut mir nichts leid, als
da ich geh, eh Du wieder kommst, da ich geh, und da Du hier bleibst, aber ich
tu es, weil Du es sagst, weil ich Dich als meinen Genius anerkenne - nein, nicht
Du - aber er nimmt Deine Stimme an, ich freu mich, wenn meine Empfindungen
diesen Winter ein bichen hart frieren - ich freu mich auf alles. -
    Dem Arenswald hab ich, ohne mich im geringsten arm zu machen, Geld
geschickt, ich hab beim Durchsuchen meiner Papiere allerlei verloren Geld
zusammengefunden, von dem ich gar nicht wut, da es da war, ich hab alles in
einem kleinen Beutel ihm geschickt und dem Grtner den Kanarienvogel. Eh wir
abreisen, geh ich noch mit der Meline hinaus zur Gromama, dann will ich sie
bitten, da ich, wie Du meinst, Briefe mit ihr wechsle. Adieu, vielleicht
schreib ich Dir nicht mehr von hier. - Ich bin so lustig, da ich fortgeh, ich
freu mich so drauf, auf die schne Winterlandschaft, die Du mir beschrieben
hast, die mir ins Fenster hereinsehen wird - ich wei es schon, ich werd selig
sein. - Ich hab keine Ruh zum Schreiben, das Reisen steckt mir in den Gliedern,
ich spring treppauf, treppab, die arme Claudine, wer wird sie pflegen? Sie hat
mir aber versprochen, sie wollt, solang ich fort bin, nicht krank werden; denn
ich bin eiferschtig drauf, wie manche Nacht hab ich da gewacht und simuliert
und hbsche Bcher gelesen, aber wenn sie krank wird, so gehst Du wohl als zu
ihr. - Drau auf dem Wall war ich auch, um noch von unserm Lieblingsspaziergang
Abschied zu nehmen, die meisten Bltter sind schon gefallen, ich ging in einem
Rauschen durch, alle Bum regneten noch Bltter auf mich. - Der Moritz bleibt
also mit seiner Delphine hier sitzen, das macht mich auch ganz vergngt, da
ich das auch nicht mehr anzuhren brauch.
                                                                         Bettine

                                                                         Marburg

Weit Du denn, wer meine erste Bekanntschaft ist, die ich hier gemacht hab? -
Ein Jud! - aber was fr einer? - Der schnste Mann! - Ein weier Bart von einer
halben Elle, groe braune Augen, so schne einfache Gestalt, die ruhigste Stirn,
prchtige, majesttische Nase, Rednerlippen, aber von denen die Weisheit s
hervortnen mu. Unser Hauswirt, der Professor Wei, rief mich und sagte:
Wollen Sie einen schnen Juden sehen, so kommen Sie in meiner Frau ihr Zimmer,
sie verhandelt ihm eben ihr Hochzeitkleid. Die Meline wollte nicht mitgehen und
war verwundert, da Wei uns einlud, einem Handelsjud die Aufwartung zu machen,
ich hab's aber nicht bereut, es war ein Bild zum Malen, er sa in einem sehr
reinen Rabbiner- oder Gelehrtengewand am Tisch, seine Hand guckte aus dem
schwarzen weiten rmel, und das Abendrot leuchtete durch die Scheiben; die Frau
Professorin stand vor ihm und hielt ihren Hochzeitkontusch oder war's der von
ihrer Mutter, denn es schien sehr altertmlicher Stoff, an beiden rmeln
ausgebreitet, ihre Kinder standen zu beiden Seiten und hielten die Schleppe
auseinander, es war ein orangenfarbner Stoff mit silbernen Struen und
granatfarbnen Blumen durchwirkt, was sehr schn mit dem starken Abendrot
kontrastierte, es war das schnste Bild, und gern htt ich die Meline gerufen,
es mit anzusehen, wenn nicht eine Scheu, um nicht zu sagen Ehrfurcht, mich auf
dem Platz gehalten htt, ich htte diesen Mann nicht mgen als Gegenstand der
Neugierde behandeln. - Es hatte mir auch was ganz Rtselhaftes, die Leute mit so
groer Ehrfurcht vor ihm stehen zu sehen und ruhig seinen Ausspruch bei einem
Handel abzuwarten. - Sie sprachen ber eine Summe, wozu noch mehrere andre
altertmliche Stoffe gehrten, die auf dem Tisch lagen. - Ich tat, als sei ich
begierig, sie zu sehen, blo um mit Anstand noch bleiben zu knnen; denn je
lnger ich ihn ansah, je mehr fhlte ich mich angezogen und doch schchtern, und
der Wei htt mich gewi nicht der Tr hinausgebracht, solang er da war, der
Jude lie mir von seinem Enkelsohn, der hinter ihm stand, die Stoffe ausbreiten,
ich tat, als wr ich hchlich erfreut ber das Vert de pomme-Kleid mit
Apfelblte, und mein Alter sah mich unterdes von der Seite an, das merkt ich,
das machte mir heimlich Freud. - Der Professor Wei sagte: Nun, Ephraim, mssen
wir erst ein Glas Wein zusammen trinken, und Sie trinken auch mit, sagte er zu
mir, er schenkte dem Juden zuerst ein, der aber reichte mir sein Glas, ich
sagte, da ich keinen Wein trinke. Aber nippen knnen Sie doch wohl, sagte er
- ich nahm's ihm ab und schluckte ein wenig davon, er dankte mir und trank es
auf der Stelle aus, dann sah er mich lchelnd an, als wollt er sagen: Freut's
Dich, da ich Dir so viel Achtung bezeige? - Ich lchelte mit ihm, und ich war
ganz rot geworden vor Vergngen. Wei sprach noch allerlei mit ihm, was bewies,
da er ihn sehr in Achtung hlt. - Wei sagte von mir: Was meint Ihr, Ephraim,
da wir jetzt so allerliebste Studenten haben, hier wird das erste Semester
gehalten, und ich werd Euch bei so feinen Studenten empfehlen, das wr Euch wohl
ein gro Vergngen, diesem kleinen Studenten Unterricht zu geben? - Es war ein
so liebenswrdiger Adel in allem, was er sagte und wie er den gutherzigen
Scherzen des Wei eine feine Wendung gab, da sie mich nicht verletzen sollten,
da ich ganz eingenommen von ihm war und mich wirklich sehr in acht nahm, ihm
solche Antworten zu geben, die ihm Interesse sollten fr mich geben; zwei Stund
hab ich so mit ihm geplaudert, und ich dacht schon drauf, wie ich's machen
wollt, da ich ihn fter sehen knnt, so sagt ich, wie er wegging an unserer Tr
vorbei, da ich da eine Schwester noch habe, und ich wnschte gar sehr, da sie
auch seine Bekanntschaft machen mchte, er versprach mir, da, wenn er wieder
kme, so wolle er bei mir anklopfen. Ich freu mich recht drauf.
    Von Frankfurt hab ich Abschied genommen wie ein Has bers beschneite Feld
jagt, man sieht kaum seine Pftchen im Schnee, und es war auch kein Jger da,
der mich gern geschossen htt. Beim Primas war ich sehr lustig auf der
Fastenmahlzeit, wie ich Abschied nahm, sagte er: Ich freu mich auf Ihre
Wiederkunft, und nahm mich bei der Hand und begleitete mich durchs. Vorzimmer.
In Offenbach hab ich alles mit der Gromutter besprochen, aber in den Garten,
der nicht mehr rauscht, konnt ich nicht gehen, um Abschied zu nehmen, so gern
ich gewollt htt und lieber als von allen andern, denn ich war vertrauter mit
ihm; dann war ich auch beim Grtner und fragte, ob er meine Bume ins
Winterquartier wollt nehmen, und wenn Du aus dem Rheingau kmst, so wrdest Du
den Kanarienvogel abholen, er fragte, ob ich den nicht bei ihm wollt lassen, ich
versprach ihm, da wenn Du einwilligst, so darf er ihn behalten, und einer
kleinen Koketterie machte ich mich aufs plsierlichste schuldig, ich nahm den
Vogel aus dem Kfig, kt ihn auf sein klein Schnbelchen und sagt: Adieu,
lieber Grtner. Als ich zur Gromutter zurckkam, war's schon bald Nacht, die
Meline und Tonie wollten zurckfahren, ich bat sie, noch eine Viertelstund zu
bleiben, und wie es schon ganz Nacht war, da hab ich mich doch in den Garten
geschlichen und hab die Augen zugemacht, bis ich an den Pappeln war, und hab sie
alle getrst mit Worten, denn ich dacht, wer wei, wie mir's geht, ob ich nicht
auch einmal so trostlos dasteh, sollt sich da mein Freund vor mir scheuen,
weil's ihm zu traurig ist? - Und das Herz war mir viel leichter, ich wrde auch
jetzt wieder hingehen, wenn ich noch dablieb, denn wie knnt ich ihnen alles
vergelten, wenn ich jetzt nicht wollt mit ihnen sein wie frher, und das wr
doch das schnste Geheimnis dieses Umgangs mit ihnen, wenn ich sie jetzt
verleugnen wollt, es wr grad wie eine ewige Liebe zum Helden, die wie Spreu
auseinander fliegt, weil der zum Krppel geschossen worden. - Es ist mir da im
Garten recht deutlich geworden und viel empfundner in der Seele, da das Beleben
Genie ist - eine Seele, die aus meiner Seele aufsteigt und das, was mich erregt,
bewohnt, so zrtlich, so edel ich empfinden kann. Die rauschenden Bume haben
mich bewegt, davon ist meine Seele wach geworden und ist aufgestiegen und hat
jene Bume belebt und sollte diese Seele ihnen jetzt absterben, weil sie irdisch
elend sind? - Da wrd ich mich ja selbst tten in ihnen. Nein, in jedem
Unglcklichen soll man doppelt lebendig werden. -
    Eh wir abreisten, hatte ich noch manchen Kampf mit den andern, man war nicht
einig, ob ich dem Savigny nicht lstig sein wrde, weil man glaubt und gewi
wei, da er nichts auf mich hlt. Ich halte nun auch eben nichts Besondres von
mir; ich hab ihn immer noch wie sonst lieb, und so scheu ich mich gar nicht mit
ihm zu leben, obschon er einen Widerwillen gegen meine Natur zu haben scheint,
um so glanzvoller erscheint mir Deine Nachsicht mit mir; und er behauptet, ich
sei hochmtig - manchmal glaub ich's gar, weil er doch gescheiter ist als wir
alle - und kann also einen Charakter besser beurteilen. - Und dann kann ich Dir
sagen, freu ich mich ordentlichermaen ber diesen Hochmut und denke, es mu
doch wohl auch was hinter mir sein; denn ohne Ursache dazu wrd er nicht drauf
kommen; was glaubt er wohl, da mich so hochmtig macht? - Ha ha ha! - Das
heit: ich lach! - ber was? - Da der Savigny nichts wei von meiner zrtlichen
Neigung fr den Jud - und wie ich alle vornehme Leut nicht leiden kann, weil sie
mir zu gemein sind, und weil kein Mensch im Haus wei, warum ich als bermtig
bin, und das ist heut einmal wieder, weil ich ein besonders angenehm Abenteuer
hatte; ich war im Garten, der am Berg liegt, und guckte ber die Mauer und sah
den Ephraim den Weg heraufkommen. Ich lehnt mich ber die Mauer und lie mein
Sacktuch im Wind fliegen, da er mich sehn sollt; und wie er herankam, sprach
ich mit ihm ein ganz Weilchen - aber nicht wie gewhnlich die Menschen sprechen.
Ich sagte ihm, da es mir Freude mache, ihn wieder zu sehen und auch darum, weil
mir sein Wesen einen Naturmoment vergegenwrtige, mit dem sich mein Gesicht und
mein Gemt nher verwandt fhle als mit jedem andern, ich sagt ihm, das sei die
Dmmerung am Abend; so komme mir sein Blick und sein ganz Wesen vor - wie
Dmmerung, die ber einer erhabnen Natur ausgebreitet sei; in solcher Stunde ist
mein Gesicht schrfer und mein Gefhl sehr zum Vertrauen geneigt. - Du kannst
wohl denken, da es der Mhe wert ist, mit ihm zu reden; denn sonst wr ich
darauf nicht gekommen, ihm so was zu sagen. Er sagte: Die sichtbare Welt ist
trb, aber mit hellem Blick braucht einer nicht lang zu forschen, in wenig Zgen
erkennt er, was ihm verwandt ist. Ich sagte: Aber wie erlangt man einen so
hellen Blick? - Man mu allein die Natur anschauen und kein Vorurteil
zulassen, das gibt einen hellen Blick. - Ich frag: Traut Ihr mir das zu, da
ich die Natur mit hellem Blick anschau und ohne Vorurteil? Ja! sagt er, und
ich wei, da ich nicht irre - und da Sie scharfsichtig sind. - So hab ich
also recht, wenn ich in euch einen begeisterten Mann erkenne? - Zum wenigsten
sind Sie dem Wahren nher als andre, die den Juden fr einen gedrckten Mann
halten, innerlich quillt die Freiheit, und ein Tropfen ist genug ber alle
Verachtung uns zu heben. - Ich hrte Leute den einsamen Weg heraufkommen und
brach ab, weil mir das Geheimnis schon zu lieb war mit ihm. Ich sagte: Leb
wohl, Jude, denk an unser Gesprch, und wenn du von deiner Reise heimkehrst,
komm zu mir.
    Wer mag nun schrfer sehen, der Savigny meinen Hochmut oder der Jud meinen
vorurteilsfreien, zutraulichen Blick? - Ich geb aber dem Savigny nicht unrecht;
denn was ist doch die berglckliche bermtige Lust, da ich ihn mit dem Jud
anfhr, als nur Hochmut? - Es haben mir's auch schon mehr Leut gesagt, noch wie
ich Abschied nahm, sagte der Moritz, ich sei hochmtig, weil ich behauptete, ich
gehe von Frankfurt, da er seine fnf Bnde lange Delphine abends vorlesen
knne, wenn er damit fertig sei, wolle ich wiederkommen. Da schrie das ganze
Teegewimmel auf mich ein, ich sei das hoffrtigste Ding von der Welt, fr alles
scheine ich mir zu gut, von nichts meint ich noch was lernen zu knnen, die
Delphine, von der ersten Schriftstellerin Europas geschrieben, die ennuyiere
mich; wenn irgend jemand was Gescheites vorbrcht, so lege ich mich an den Boden
und strample eine Weile mit den Fen oder schlafe ein, aber jeder dumme Spa
mache mir Vergngen. - Ich sag, ist das Hoffart? Das scheint mir eher Unverstand
zu sein, da ich euch in eurem Genu nicht nachkann. - Ja, Hoffart ist eben
Unverstand. - Siehst Du! - Es ist die allgemeine Ansicht. - Sie haben am End
den Savigny mit angesteckt. -
    Nchstens schreib ich Dir von allem genauer, von der ganzen Gegend, von den
Leuten, von unserer Wohnung. Meline wohnt mit mir ganz hoch oben am Berg,
Savignys unten, alles ist hier terrassenfrmig. - Adieu, ich mu der Meline
helfen, einen Diwan fr uns zurechtpolstern.
                                                                         Bettine

                                An die Gnderode


Schon die dritte Woch ist's, und ich hab noch nicht geschrieben und Du auch
nicht, was ist schuld dran? - Ich hab in der Zeit die neugierig Gegend rund um
mich durchspht, auf dem Boden nach allen Seiten durch die Gaublcher mich
orientiert, im dichtesten Laubregen den Wald durchwallfahrtet, von einem hohen
Stamm zum andern. Bume sind Bume, aber sie sehen doch verchtlich auf die
Menschen herab, die um der Gesundheit willen so hastig unter ihnen herlaufen und
nicht einmal den Blick zu ihnen hinaufrichten; ich hab dort mit dem Savigny die
ganze motionmachende Fakultt begegnet; im mottenfrigen Pelz, Nebelkappe,
groen Filzschuhen und antiken Stiefelmanschetten durchkreuzen sie die Wege.
Hgeliger Boden, dichtes Moos berglast vom Reif, reine kalte Luft, die herzhaft
macht, alles neu, berraschend, die Muse fhrte mich ber Stock und Stein und
schenkte mir den ganzen Wald fr Dich, ich hab auch bei jeder vornehmen
Waldkrone stillgestanden und bis zum Wipfel betrachtet und zum Zeichen der
Besitznahme mit dem Stock dran geschlagen, jetzt la den alten Kurfrst von
Hessen-Kassel meinen, was er Lust hat, der Wald gehrt Dein, und wenn ich drin
herumlauf, so hab ich meine Freud, da ich auf Deinem Grund und Boden bin. Im
Frhjahr mu es hier sein, wie inwendig in der Seel; Frhling draus, Frhling
drin, ein Wille und ein Tun - blht der Apfelbaum, so hab ich rote Backen,
strzt sich der eigensinnige Bach die Klippentrepp hinab, so setz ich ihm nach
und spring kreuz und quer ber ihn weg, ruft die Nachtigall, so komm ich
gerennt, und tanzen die Mhlrder mit der Lahn einen Walzer ins Tal hinab, so
pfeif ich auf dem Berg ein Stckchen dazu und guck ber die rauchenden Htten
und ber die schirmenden Bume hinaus, wie sie ihren Mutwill verjuchzen und der
Mller und sein Schtzchen auch, die denken, kein Mensch sh's. - Morgenrhrung,
Abendwehmut wird nicht statuiert, in den Hecken blht Frhlingsfeier genug,
Schnurren und Summen und Windgeflster. Aber weil's Winter ist und kein
Frhling, so wollt ich nur sagen, wie alles so herzhaft und sorgenfrei ist in
der Natur hier, so unverhehlte Lebenslust, man mte sich schmen, der
Ahnungswehen und Sehnsuchttrume, statt lustig mit zu grnen und zu sausen und
zu pltschern; ich mein nur, es ist nicht mglich, hier mitten im drallen
Hessenland anders zu sein als das heimatlich Fleckchen Welt selbst, was so
kugelig unter Deinen Fen, Dich kollernd, stolpernd hinab und hinan verlockt
und doch berall so herzlich Dich einladend zum Sitzen, zum Ruhen am Rasen, am
Berg und in Dir selber. - Es haben sich frhe Wintertage eingestellt, Meline
leidet am Hausfieber, woran hier alles krank liegt, Gunda auch geht wegen
Unwohlsein alle Tage vor Sonnenuntergang zu Bett. Savigny wohnt mit ihr in einem
andern Teil des Hauses, der unter unserer Wohnung liegt, durch Terrassen und Hof
geschieden; so bin ich ganz allein mit der Meline, die hbsch ruhig im
Schlafzimmer nebenan liegt. Diese Einsamkeit erquickt und ergtzt mich. Der
schwrmerische Hausarzt ist Poet, er bringt Gedichte, die er in der
Dmmerungsstunde vorliest - Trume, Schume, Liebe, Triebe gleiten sanft am
Gestade meines Ohrs dahin; man reicht dem Doktor die Hand, er drckt sie mit
stillem Ernst, mit seelenvoller Miene; weiter wird nichts gereicht von Lob. - So
schwillt die Knospe des Leichtsinns leise, leise in der Brust, bald wird sie
bersten und in einen frhlichen Blust ausbrechen, so nennen die hessischen
Bauern die Blte. - Nichts von Rhrung, Erhabnem, Verinnigung, Wonnegefhl,
Begeistrung und aller gebildeten Geisteswirtschaft. - Was ich an mir selber bin,
das teil ich Dir mit und strenge mich nicht mit Verschnerungsprinzipien der
Sittlichkeit an, ich mu einmal erproben, was meine Seele fr einen Ton angibt,
ob sie vielleicht von Natur so derb ist wie's liebe Hessenland. - Ich fang an zu
glauben, da ich gar nicht frs Gesellschaftliche geboren bin, konnt ich je
meiner Phantasie nachgeben, ohne mich zu erhitzen ber den sinnlosen Widerspruch
der andern? - Und bin ich nicht eingeschlafen beim Primas ber dem Gesumse von
geputzten Leuten und hab ich mir nicht eingebild't, meine liebsten Leut wren
verrckt geworden mit dem Jabot von Point d'alencon, der eine halbe Elle
vorstand und mit brillantnen Knpfen und mit - und mit - einem Haarbeutel hinten
angeklemmt, hab ich mich da nicht zu tot geschmt, da einer mit einem
Haarbeutel so vergngt herumlaufen konnt, als wr's ein Verdienst, und ist's
nicht auch beschmend fr die freie Seele, sich uerliche Zeichen des Wahnsinns
anzuhngen auf Befehl, da Buonaparte damit geehrt soll werden? - Der George hat
seinen Haarbeutel aber abgerissen und ihn mitten in den Salon unter die Leut
geworfen, die Knigin von Holland schlurrte ihn mit der Schleppe durch alle
Zimmer, ich hab's gesehen und mich drber heimlich erlustigt. Aber blo, um
nicht zu sehen, was all fr dummer Wahnsinn dort an der Tagesordnung ist, mag
ich den Winter nicht hin, man kann sich nicht lang amsieren mit den
Albernheiten, die der Kreis von Menschen ausgehen lt, der sich die gebildete
Welt nennt und sonst keine Grundlage. Eine hat der andern dicht neben mir in ihr
Halsband gebissen, um zu sehen, ob es wahr sei, da ihre Perlen echt wren, und
hat sich sehr gergert, da sie nicht entzweigingen, und so rgert sich alles
ber alles, was echt ist, und so konnt ich doch nichts Besseres und
Christlicheres tun als lieber einschlafen, ich hab's auch dem Primas gesagt, wie
er mich geneckt hat; es sei, um rgernis zu vermeiden; denn ich sei echt, und es
kommt mir ordentlich herabwrdigend vor, mich unter ihnen herumzutreiben. - Hier
bin ich glcklich durch die Freiheit, in der freien Natur herumzuschwrmen, in
deren Mitte ich wohne. Des Einsiedlers Klause in tiefer Wildnis kann nicht mehr
mitten ihr im Scho liegen als ich, ja, ich darf mich selbst als einen Teil von
ihr empfinden, was mich nicht beschmt wie die Gesellschaft, da ich
ihresgleichen bin, aber mich freudig und selbstfhlend macht, da sie so gut
gegen mich ist vor andern. Wenn ich aus dem Fenster im Schlafzimmer so grad auf
den winterlich grnen Berg steigen kann und dann hinunter und hinauf, auf alten
gefhrlichen Mauern, die bald einbrechen, bald himmelan steigen, bis zum Wall
vom alten zerfallnen Festungsschlo oben auf dem Berg - ber Lcher und Hecken,
wo nur Khnheit und Leichtsinn sich hin wagen und nicht eine menschliche
Erscheinung in der Weite umher - so recht allein und laut hallend kann ich mit
ihr sprechen, es hrt's keiner, und jetzt, wo ich bekannt schon bin, nickt jeder
Strauch mich freundlich an mit den paar braunen Blttern, die ihm der Winterwind
noch nicht genommen hat, wenn ich wieder komm und setz mich neben ihn auf die
Mauer und schwindelt mir nicht; ach, welch Vergngen zu klettern, wie entzckend
die kecke Jugend! - wenn ich auch manchmal mit geschundnem Knie, wie heut, oder
aufgerissnem Arm heimkomm, das fhl ich gar nicht, ja, wenn mir recht ist,
freut's mich gar! - Werd hart, sagte der Schmied im Wald und schlug das glhende
Eisen auf dem Ambo, das hrte der Thringer Landgraf und ward hart wie Eisen. -
Werd hart, rief ich heut auf der gefhrlichen Mauer, von der ich hinabglitt,
weil ich nicht anders hinunterkommen konnte, und da hat mir's auch gar nicht weh
getan. Werd hart, sagt ich, wie ich zur Meline ins Zimmer eintrat, die gar
erschrecken wollt, als sie die Blutspuren an meinen Kleidern sah, ich mute
leiden, da sie mich ein bichen heilte mit beaume de chiron; du wirst noch Hals
und Bein brechen, prophezeite sie, wo jetzt so viel glatte Stellen am Berg sind
vom schmelzenden Schnee. Ich schrieb's hierher, wenn's geschieht, so hat sie
richtig prophezeit. Aber gewi, solche bungen, die einem die Natur lehrt, sind
Vorbereitungen fr die Seele, alles wird Instinkt auch im Geist, der besinnt
sich nicht, ob er soll oder nicht, es lehrt ihn das Gleichgewicht halten wie im
Klettern und Springen, es entwickelt eine Kraft, die degagiert und detachiert;
das heit: das Sehnen nach einem Pfeiler, sich in der Welt anzulehnen oder nach
einem Stock, um weiter zu kommen, wird einem lcherlich; bald merkt man, da man
auf ziemlichen Wegen recht gut allein gehen kann, und auf steilem Pfad lt sich
durch bung groe Freiheit erwerben. ngstlichkeit und Unerfahrenheit verleiten
doch nicht nach dem ersten Strauch am Weg zu greifen, der durch Biegen und
Brechen zum Verrter wird und dem Vertrauen den Hals bricht; und ich mcht
wissen, ob der ganze innere Mensch nicht deutlich und krftig hervorgehen knnt
aus dem uern, und ob auf dem Seiltanzen nicht eine hhere diplomatische
Kunstanlage entwickeln knnt wie all der Wust von Intrigengeist und
Korrespondenz voll Leerheit und Observanzen voll Kleinlichkeit - oder mit Anmut
auf dem Eis Schlittschuh laufen, ob das nicht lehren knnt, ohne
Selbstverletzung eigner Wrde, zwischen allen Verkehrtheiten mit leichter Grazie
sich durchwinden, und ob ein wildes Ro bndigen, mit Klte und Ruhe, nicht auch
die Kraft in der Seele weckt, den eignen Zorn zu bndigen und mit Gelassenheit
das Gute aus dem Bsen entwickeln in andern und zur Selbstbeherrschung in der
Gefahr, oder auch eine rasche Flamme der Selbstbesonnenheit, mit der wir einen
Entschlu fassen und freudig begren das Hhere, sei's auch aus unmndigem
Geist ersprot, und nicht fort und fort die alte Schlangenhaut anbeten, die der
Gtterjngling, der Genius, der ber den Zeiten schwebt, lngst von sich
schleuderte. Ja - ob berhaupt dies freie Bewegen in der Natur, dies ben aller
Krfte in ihren Reizungen, so wie es die Glieder ausbildet und strkt, nicht
auch die inneren Seelenkrfte strkt, da sie zu hoch, zu edel fr diese
erbrmliche Weltschule, der Schere entwachsen, die nicht mehr hinanreicht, um
sie zurecht zu stutzen; da sie das Kleinliche nicht mehr ertragen, sondern
bern Haufen strzen. Ebenso wie ich in der einsamen Natur keinen frage, soll
oder soll ich nicht da hinber springen, sondern mich auf den eignen Trieb
verlasse; sollte eine innere Kraft nicht auch fr den Geist gutsagen? - Und
bedrfen oder suchen wir vielleicht nur deswegen Rat, weil wir furchtsam sind? -
Kommt's uns zu fabelhaft vor, da der Geist, inmitten unserer, aufsteigen
knnte, der uns die Weisheit des Himmels kundtue? - Nun, was vermag uns denn,
lieber der unserem Instinkt fremden Macht des alten Vorurteils uns zu
unterwerfen, als jenes Instinktes jungem Keim nur so viel Luft und Licht zu
lassen, da er aufblhen knne? - Der hhere Geist kann nur aus sich selbst sich
erzeugen; denn der mchtige Trieb der Entwicklung in uns ist grade nur, was uns
der Entwicklung bedrftig macht, und also ist jedes freie Geistesregen schon ein
Vorrcken des Keims, also: den innern Geist walten lassen und keinen fremden,
ist, was ihn erzeugt. - Und wr's nicht tausendmal besser, wir fehlen aus eignem
Irren als auf fremden Rat? - Wenn einer in die Heimat will und luft ber die
Grenze, um nach dem Eingang zum eignen Haus zu fragen? - Wie ist das? - Werden
da nicht die heiligen Krfte, deren Gesamtmacht wir Gewissen nennen, im Keim
erstickt; wird da nicht aller Ahnungstrieb stocken, des Geistes Sprkraft
absterben? - Und wenn ich die eigne Stimme schweigen hei und einer fremden
folge, dann bin ich nicht mehr in eigner Macht und mu mir's aufbrden lassen,
da ich aus Rcksichten mein besseres Selbst verwerfe. Hr! Wenn ich eine
schwierige Aufgabe im Leben htte, ich wrde nicht zu erfahrnen Weltleuten
gehen, die zu fragen, nicht zu solchen, die es verstehen mit dem irdischen Leben
einen Handel abzuschlieen, nicht zu denen, die das Recht der Welt handhaben,
ich wrde die Unmndigen fragen; ich wrde denken, die Kinder haben die
himmlische Weisheit, zu der wir mssen zurckkommen, wenn wir das Rechte tun
wollen, was eigentlich unser Teil am Himmelreich ist; denn wir bauen selbst den
Himmel durch unser edles freies Tun, sonst kommt er nicht zur Welt; aber es ist
Verwirrung in aller Sprache, jeder will das andre, und keiner versteht den
andern, und drum kann die innere Stimme allein die Sprache des Rechts wieder
lehren; o, wer sie sprechen lt, der tut Groes und bleibt dennoch einfache
Natur; denn Natur ist gro, und der Mensch soll gro werden; wchst er am Leib
und breitet seinen Stamm aus, so soll er auch am Geist wachsen und seinen Stamm
ausbreiten. Und wie in der sinnlichen Natur Nahrung, Pflege, Wachstum, Sicherung
aus dem eignen Organismus sich hervorbildet, warum nicht im Geist? Was ist
Geistesleben als sein Entstehen durch sein Erzeugen? - Und was lassen wir
weniger zu, als da er sich frei bewege, und das geht schon so von Ewigkeit zu
Ewigkeit, da er uns mit den unwrdigen Ketten in den Ohren klirrt, und wir
frchten uns vor diesem Klirren und halten die Ohren zu, und ein reines
Hervortreten des Geistes wrde die Welt umstrzen, ja! Aber wie himmlisch wrde
sie aus ihren eignen Trmmern aufblhen! - Ist Furcht nicht ein bser Dmon? -
Furcht vor dem Irren ist Menschenfurcht; horchten wir auf die Kinderstimme in
der Brust, dann wrde die Furcht vergehen - ist Irren Irrtum? - Kann's nicht
blo freies Wandeln sein? - Versuch in einer urteilberschwingenden Sphre sich
zu bewegen? - Ist Urteil nicht ein Schlachtmesser, mit dem wir die neugeborne
Geistesfrucht im Leib des Irrtums tten? - hat's einer so weit gebracht im
Geist, da er wie der khne Gemsjger ohne Schwindel ber die Spalten und
Schluchten setze, mit treffendem Sprung mit Leidenschaft das Wild ereilend? -
Was ist doch Leidenschaft? - Ist es nicht jene ungebte Kraft, die sinnlich
ausbricht und sich ben will! - Sei's die Spur der Gemse, die der Jger
verfolgt, wenn nicht jener weien Hindin mit goldnem Geweih, die lockend tausend
Umwege macht, ihn ins Dickicht zu leiten, wo im Eingang von Labyrinthen
rtselhafte Mchte ihn ergreifen, die sein Aug berhren und sein Ohr, da er
begreife, was nur unschuldvoller, khner, sich selbst regender Geist ahnen und
fassen kann. Ach, knnt ich nur ins Tirol reisen, um meinen Geist frei zu machen
auf der Gemsjagd - dann wrd ich gewi mir selbst genug sein und das Groe, zu
dem mein Geist Anlag haben knnt, sollte nicht zugrund gehen, es sollte recht
nach allen Seiten hin mchtig sich zeigen. -
    Der Molitor hat mir einen Erziehungsplan geschickt von Herrn Engelmann, weil
ich so gern mit ihm in die Musterschule ging, mu er glauben, Erziehung
interessiere mich berhaupt; das war aber nur wegen der armen Judenkinder, die
dort mit den Christen zusammen ihr kleines Fleckchen Anteil an menschlicher
Behandlung hatten, und wenn ich sagen soll, so schien mir dies eine
Alleinerziehung; nmlich: Kinder gleichen Alters, gleicher Fhigkeiten frh dran
zu gewhnen, da sie auch gleich menschliche Rechte haben, sie mgen Juden oder
Christen sein; sei also so gut und mache den Molitor mit dem bekannt, was ich
hier ber meine eigne Erziehung sage, da ich's mit Klettern zu zwingen suche,
mich vor bsen Fallstricken zu bewahren, die meinen Geist darnieder werfen, um
ihn nachher zu knebeln, da aber die Gedanken ber Erziehung und Unterricht
besonders der Tchter von Engelmann mir nicht einleuchten, da die beste
Erziehung die ist, wenn er sie Gott anheimstellt, so sind neunzig Karolin
zuviel. - Hier lege ich Dir ein Blatt ein, das gib dem Molitor und sag ihm
beilufig, ich zhle es zu den Philistertorturen, einem mit so was zu
behelligen, Leute, die solche Erziehungsplne aushecken, mgen ihre eigne
Verkehrtheit dran setzen, sie zu beurteilen, sie wrden sich von mir nicht
bedeuten lassen, sie wrden schreien, ich schtte das Kind mitsamt dem Bade aus,
und das tu ich auch; denn das Kind ist ein garstiger Moppel und soll nicht im
Bad sitzen wie ein Menschenkind. - Es tut mir ordentlich leid, da ich hierber
hab an ihn schreiben mssen, ich mag nicht meine Feder mit philisterhaftem Zeug
besudeln, es ist mir Snde, ich hab's diesmal nur aus Gutmtigkeit getan, aber
ich schreib nichts wieder, tu mir den Gefallen und sag's ihm, er soll mich
ungeschoren lassen mit allem, was schon da ist und was noch kommen wird, aber
die Sulamith soll er schicken, sooft sie herauskommt, wenn's auch ungefges Zeug
ist; ich mu alles wissen ber die Juden, wenn ich nach Frankfurt zurckkomm,
der Primas liest's auch. Fr den Primas will ich Dir einen Auftrag geben, richt
ihn ja pnktlich aus, ich hab an die Gromama geschrieben, da sie an Dich die
Drusen-Weihe zurckschicke, packe beiliegenden Brief an den Primas dazu und
schicke es an den Weihbischof ins Taxische Haus, mache eine doppelte Adresse die
oberste an den Weihbischof, der wird's ihm zurckgeben oder nachschicken, wenn
er in Aschaffenburg ist, verschieb's nicht.
                                                                         Bettine

Ich hab unwillkrlich meinem Brief da mit Auftrgen ein End gemacht und wollte
Dir noch so viel anders sagen ber Moose und ber Pflanzen, die ich im Wald
gefunden hab, reine architektonische Figuren. Sind Worte nicht einzelne
architektonische Teile? Sind sie nicht symmetrisch zu ordnen im Gedanken? - Ein
Wort ist immer schn an sich, aber Gedanken sind nicht schn, wenn die schnen
Worte nicht in einer heiligen Ordnung ihn aussprechen; es gibt aber eine gewisse
romantische Unordnung oder vielmehr Zufallsordnung, die so was Lockendes, ja
ganz Hinreiendes hat in der Natur; die einem so mit Lust und Lieb durchdringt,
da sie allen Luxus und alle Erhabenheit weit berwiegt in ihrer Verwandtschaft
mit der Seele; so hab ich mir immer gedacht, wenn in Feenmrchen ber Nacht ein
prchtiger goldner Palast entstand gegenber der Htte von zwei Bettelkindern,
wie traurig es sei, da die nun die Mooshtte verlassen mten, um in den
stolzen Palast zu ziehen, und dann war mir bang, er knne die Gegend verstecken,
und nichts deucht mir schner, als wenn die Natur ihre Launen zrtlich
durchflechten kann, wo der Mensch etwas einrichtet; sollte das nicht im Gefhl,
im Gedanken auch sein? - Sollte Poesie nicht so vertraut mit der Natur sein wie
mit der Schwester und ihr auch einen Teil der Sorge berlassen drfen? - So da
sie manchmal ihre geheiligten Gesetze ganz aufgb aus Liebe zur Natur und alle
sittlichen Fesseln sprengt und ihr sich in die Arme strzt voll heiem Drang,
ungehindert nur an ihrer Brust zu atmen. Ich wei wohl, da die Form der schne
untadelhafte Leib ist der Poesie, in welchen der Menschengeist sie erzeugt; aber
sollte es denn nicht auch eine unmittelbare Offenbarung der Poesie geben, die
vielleicht tiefer, schauerlicher ins Mark eindringt, ohne feste Grenzen der
Form? - Die da schneller und natrlicher in den Geist eingreift, vielleicht auch
bewutloser aber schaffend, erzeugend, wieder eine Geistesnatur? - Gibt's nicht
einen Moment in der Poesie, wo der Geist sich vergit und dahin wallt wie der
Quell, dem der Fels sich auftut? Da der nun hinstrmt im Bett der Empfindung,
voll Jugendbrausen, voll Lichtdurchdrungenheit, voll Lustatmen und heier Lieb
und beglckter Lieb; alles aus innerer Lebendigkeit, womit die Natur ihn
durchdringt? -
    In Deinen Gedichten weht mich die stille Sulenordnung an, mir deucht eine
weite Ebne; an dem fernen Horizont rundum heben sich leise wie Wellen auf
beruhigtem Meer die Berglinien; senken und heben sich wie der Atem durch die
Brust fliegt eines Beschauenden; alles ist stille Feier dieses heiligen
Ebenmaes, die Leidenschaften, wie Libationen von der reinen Priesterin den
Gttern in die Flammen des Herdes gegossen, und leise lodern sie auf - wie
stilles Gebet in Deiner Poesie, so ist Hingebung und Liebesglck ein sanfter
Wiesenschmelz tauigter Knospen, die auf weitem Plan sich auftuen dem
Sternenlicht und den glnzenden Lften, und kaum, da sie sich erheben an des
Sprachbaus schlanker Sule, kaum da die Rose ihren Purpur spiegelt im
Marmorglanz heiliger Form, der sie sich anschmiegt; so - verschleiernd der Welt,
Bedeutung und geheime Gewalt, die in der Tiefe Dir quellen - durchwandelt ein
leiser schleierwehender Geist jene Gefilde, die im Bereich der Poesie Du Dir
abgrenzest. - So ist mir immer, wenn ich mich erkhne, aus meinem kindischen
Treiben hinaufzuschauen nach dem Deinen, als sh ich eine geschmckte Braut,
deren priesterliche Gewande nicht verraten, da sie Braut ist, und deren Antlitz
nicht entscheidet, ob ihr wohl ist oder weh vor Seligkeit. - Mir aber liegt ein
Schmerz in der Seele, den ich oft unterdrckte in Deiner Gegenwart, und was mir
schwer war; aber eine geheime Sehnsucht, Dich Dir selber zu entfhren, Dich Dir
selber vergessen zu machen, nur einmal jene Sulengnge, vor denen die Myrte
schchtern erblht, zu verlassen und in meiner Waldhtte einzukehren, auf ihrer
Schwelle am Boden sitzend mit mir, von tausend Bienchen umsurrt, die sich satt
trinken in meines Gartens blhenden Kelchen, von den Tauben zrtlich umflattert,
die unter mein Dach heimkehren am Abend und da mehr zu Haus sind, mehr
Wirtschaft machen als Freundschaft und Liebe der Menschen, denn sie behaupten
ihr Vorrecht, alle Gedanken zu bertnen mit ihrem Gegurre. Ja, so erschein ich
mir im Geist gegen Dir ber, Du mein liebstes Gut! - So seh ich Dich
dahinwandeln, am Hain vorber, wo ich heimatlich bin; nicht anders als ein
Sperling, vom dichten Laub versteckt, den Schwan einsam rudern sieht auf ruhigen
Wassern und sieht heimlich, wie er den Hals beugt mit reiner Flut sich
bersplend, und wie er Kreise zieht, heilige Zeichen seiner Absonderung von dem
Unreinen, Ungemessnen, Ungeistigen! - Und diese stillen Hieroglyphen sind Deine
Gedichte, die bald in den Wellen der Zeiten einschmelzen, aber es ist
segenwallender Geist, der sie durchgeistigt, und es wird einst Tau niederregnen,
der aufstieg von Deinem Geist. Ja, ich seh Dich, Schwan, ruhig Zwiesprache
haltend mit den flsternden Schilfen am Gestade und dem lauen Wind Deine
ahnungsvollen Seufzer hingebend und ihnen nachsehend, wie er hinzieht, weit,
weit ber den Wassern - und kein Bote kommt zurck, ob er je landete. - Aber
keinen Geist tragen die Schwingen so hoch, da er die Weite erfasse mit einem
Feuerblick, es sei denn, er fache das heilige Schpfungsfeuer mit seinem Atem
an, und so werden Flammen aufsteigen, bewegt vom Gesetz Deines Hauchs aus Deiner
Seele, und znden im Herzen jugendlicher Geschlechter, die, knabenhaft mnnlich
sich deuchtend, nimmer es ahnen, da der Jnglingshauch, der ihre Brust erglht,
niemals erstieg aus Mnnergeist. - Was denk ich doch? - Der Geist atmet, denk
ich? - Ihn nhren die Elemente, er trinkt die Luft, dies feine Beben und Treiben
in ihr. Auch in und unter der Erde zeugen Gesetze, sittliche und brgerliche der
Natur. - Die Luft vermhlt sich mit der Erde als Geist mit dem Wort; und da des
Windes Brausen, der Fluten Strzen Lebensmelodien aussprechen; und da jedes
Wesen in sich, auch jede Liebe, jede Sehnsucht und jede Befriedigung in sich
trage und die Flamme die Pforte sprenge zu ewiger Verjngung, das denk ich. -
Dir mehr wie jedem gehrt der goldne Friede, da Du geschieden seist von aller
Strung jener Mchte, die Dich bilden; und drum mein ich als, ich msse Dich
einschlieen und Wchter vor Dir sein, und da ich nchtlich mcht an Dein Lager
treten und gesammelten Tau auf Deine Stirne trpfeln - ich wei nicht, was Du
bist, es schwankt in mir, aber wo ich einsam gehe in der Natur, da ist es immer,
als suche ich Dich, und wo ich ausruhe, da gedenk ich Deiner. - Es ist eine alte
Warte hier am Ende des Berggartens, eine zerbrochne Leiter inwendig, die keiner
zu ersteigen wagt, fhrt da hinauf, ich kann mich aber hinaufschwingen mit
einigen Kunstsprngen, da bin ich also ganz allein und sehe wie weit? - Aber ich
sehe nicht, ich trage mich hin, wo's in der Ferne nur nebelt und schwimmt, und
fordere nicht Rechenschaft vom Auge, froh, da ich allein bin, und da mein
gehrt, soweit ich mich fhle, da oben bin ich mit Dir, da segne ich die Erde in
Deinem Namen. Und leb wohl, bald schreib ich mehr und deutlicher, ich fhl in
diesem Brief ein elektrisch Beben, wie wenn ein Gewitter sich unter den Wogen
hebt, und doch wei Jupiter Tonans noch nicht, ob er seinen Konsens dazu geben
soll.
                                                                         Bettine

                                 An die Bettine


Meine Abwesenheit von Frankfurt hat gedauert bis im Anfang dieser Woche, ich
dachte sicher Briefe von Dir zu finden und bin etwas besorgt, doch sagt mir ein
geheimer Geist, Du wirst nchstens in Fluten angestrmt kommen und mich
wegschwemmen. Mein Aufenthalt in Heidelberg war angenehm und lehrreich, welches
letztere Du nicht wirst gelten lassen, wenn ich Dir aber sag, es waren die alten
Mauern und nicht die Menschen, die ihren Geist ber mich ergehen lieen, da
wirst Du gleich glubig sein. Du hast bei Deiner Abreise Ostertags schlechte
bersetzung des Suetonius in meine Behausung geschickt, vermutlich soll sie auf
die Bibliothek zurck, noch in keinem Buch fand ich so viel Spuren Deines
fleiigen Studiums als in diesem; vier bis fnf Bltter mit Auszgen, wo Du alle
Missetaten der zwlf Kaiser auf eine Rechnung gebracht hast. Was bewegt Dich zu
solchen Dir sonst ganz fremden Forschungen? Ich such mir's zu erlutern, denkst
Du in Ansehung jener, die als groe Mnner nicht frei ausgingen von der Tyrannei
Snde, Deinen groen Mann zu absolvieren? - Ich scherze, aber ich mchte doch
dabei in Dein Gesicht sehen, ob Du ganz frei von jener Begeistrung bist, die aus
aufgeregtem Gefhl entsteht bei dem ewigen Gelingen aller Schicksalslsungen,
und die ich lieber Schwindel nennen mchte, und den andre Weltpatriotismus
nennen und sich leicht verfhren lassen eine Rolle zu spielen, wenn sie ihnen
geboten wrde, weil es heit, er hat einen Glcksstern, und da fhlt man sich
gedrungen dem zu frnen, aus astralischem Emanationsgefhl, und da tritt man
bald von der reinen Einfalt zum Gtzendienst ber. - Aber ich will Deinen Zorn
nicht auf mich laden, sondern Dir offenherzig sagen, woher mir die bsen
Gedanken kommen. Sie kommen nicht aus mir, die Leute sagen nmlich, Dich habe
alles so aufgeregt, als der Kaiser durchkam, und Du habest geweint, und seist
ganz auer Dir gewesen, als Du ihn gesehen hattest, das hat die Claudine mir
gesagt, ist's wahr, so braucht doch das nicht wahr zu sein, da Du von ihm
hingerissen bist, denn man kann erschttert werden ohne Begeistrung fr das, was
uns erschttert, mehr will ich Dich nicht mit diesen milichen Worten peinigen,
die nur Scherz sein sollen und auch Dich ein wenig strafen, da Deine Briefe
sich verspten.
    Von Offenbach ist mir ein Pack Schriften zugekommen fr Dich, die Novelle
wahrscheinlich - soll ich sie Dir aufbewahren oder zurckschicken? - Von Clemens
hab ich Dir auch noch viel zu sagen, Gutes und Vergngliches, heie
Anhnglichkeit an Dein Wohl; - es ist sein tiefer Ernst, wenn er sagt, Du gehest
durch Deinen Leichtsinn der Zukunft verloren, und dieser Ernst gehet so weit,
da er im Eifer meint, ich sei mit dran schuld. Einen Brief hast Du ihm
geschrieben, wo Du meine Ansicht ber Dich als Zeugnis zitierst, da es nicht in
Deinem Charakter liege, zu dichten oder vielmehr etwas hervorzubringen. Dies hab
ich ben mssen, denn er zeigte mir Deinen Brief und meinte, wer so schreibe,
der dichte auch, ich hab schweigsam und bejahend alles ber mich ergehn lassen;
tue, wie Du kannst. Dort in Marburg hast Du wahrscheinlich wenig Zerstreuung,
wer wei, was Dir gelingt oder vielmehr einfllt, denn fiel es Dir ein, so fiel
es Dir auch vom Himmel, aber dies schon so lang erharrte Phnomen will immer
nicht sich ereignen. - Ich bitte Dich, schreibe bald, da ich wieder ins Geleis
Deiner Ereignisse und Erfahrungen komme; es ist mir ganz tot hier, meine Augen
hindern mich sehr am Schreiben.
                                                                        Caroline


                                An die Gnderode

Lieber Widerhall, ich hab Dir was zu sagen von meiner schmerzlichen Langenweil,
die ich bei allem empfinde, weil ich immer noch nichts von Dir wei, ich mein,
wann ich nicht rufe, so mut Du rufen, aber nein, Du bist der Widerhall, und ich
darf nun nicht eher hoffen, als bis mein Rufen bei Dir angeschlagen hat. Gestern
hab ich meinen Brief zugemacht dem Bedienten mit auf die Post gegeben, und
siehe, er brachte ihn mit einem groen Paket angekommener Briefe wieder zurck,
in der Meinung, ihn dort fr mich empfangen zu haben, jetzt ging er erst heute
um vier Uhr ab, dies Verzgern, dies Vormirliegen meines Briefes, dem ich Flgel
angewnscht htte, und den ich gewohnt bin, nie eher zuzumachen, als bis er die
Reise antritt, war mir sehr unheimlich, ich bin so gedchtnislos, da wenn ich
den Brief schliee, ich schon nicht mehr wei, was er enthlt; und nur ein
Nachgefhl lt mir die Ahnung zurck, wie er Dich berhren werde; aber bald
fang ich an zu zweifeln, ob's nicht lauter Einbildung sei, da ich mir denke,
Dir tiefe innere Anschauungen mitgeteilt zu haben, und so fhl ich ermattende
Zweifel, und ich denk, was soll doch das dicke Briefpaket, da kann doch
unmglich lauter Klugheit drin stehen, wo soll ich's her haben, ist's doch so
leer mir im Kopf! - Und dann tut mir's so leid, da ich Dir nicht meine Seele
konnt hingeben, nackt und blo, wie sie Gott zu sich aufnimmt, da ich statt
ihrer Dir einen Schwall von Worten schickte, die suchen und suchen, Dir eine
Flamme aus den Wassern dieses bodenlosen Ozeans, in dem wir alle schwimmen,
entgegen zu hauchen; da mcht ich den Brief aufbrechen und nur einen Augenblick
wahrnehmen, da ich's Herz auf der Zunge hatte, und doch kommt er mir so
versiegelt vor, als sei er Dein Eigentum schon, was mich nichts mehr angeht,
weil's immer Gott gleich von mir nimmt, sobald ich's in der Glut meines
Angesichts hingeschrieben hab. Ja es ist mir ein paarmal geschehen, da ich
einen Brief von mir bei Dir gefunden hab, so war er mir ganz fremd, und die
Worte und Gedanken wunderten mich recht. Heute hab ich also Deinen Brief
unverletzt entlassen aus wahrer Piett, weil er Dein gehrt, und weil ich mich
nicht in die Geheimnisse eindringen will, die Gott Dir durch meine Hand
vertraut, denn sonst wrde er nicht so schnell das Gedchtnis von mir nehmen, um
so mehr kannst Du an das drin glauben, was vielleicht Dich berhrt.
    Christian, der mir nach Frankfurt so ernste und liebende Briefe geschrieben
hatte, vor denen ich mich oft schmte, weil sie viel hhere Krfte mir zutrauten
und wecken sollten, als je erwachen werden, der geht hier um mich herum und
betastet mein Ingenium, und entdeckt, da die Fundgruben des Genies zum Teil
leer sind und die Felder des Wissens steinigter Acker, und das Licht der
Begeistrung lauter Nebel, doch verlt er mich nicht und sorgt fr Lehrer. Der
Schfer sollte Geschichte mit mir treiben, da er aber sehr ernst und grndlich
ist und durchaus will, da der freie aufgeweckte Mensch mit vollem Interesse
dabei sei, so konnte er's nicht mit mir aushalten, es ging gegen sein Gewissen,
er hat dem Christian bedeutet, es sei besser, mich auf andre Weise zu
beschftigen; da ich eine nervenangreifende Empfindung habe, wenn ich Zahlen
wahrnehmen soll, wenn ich das Frhere vom Spteren unterscheiden soll, wenn ich
Namen behalten soll, so sei es nicht mglich, bei gutem Gewissen mir Zeit und
Geld zu rauben. Es tut mir leid, da auch der mit Blindheit geschlagen ist ber
mich und von der nrrischen Idee besessen, ich lerne, um was zu wissen, um
Kenntnis zu sammeln; Gott bewahr, da knnte ich nur innerlichen Raum mit Dingen
ausfllen, die mir im Weg sind, wenn sich ein Reisender viel Besitztum
anschafft, so hat er erst die Not, alles unterzubringen, und hat er sich an
berflssiges gewhnt, so mu er einen Bagagewagen hinter sich drein fahren
haben. Den Mantel umgeschwungen und damit zum Fenster hinaus und alles Germpel
dahinten gelassen, das ist meine Sinnesart, lernen will ich wie Luft trinken. -
- Geist einatmen, wodurch ich lebe, den ich aber auch wieder ausatme, und nicht
einen Geistballast in mich schlucken, an dem ich ersticken mt. Das will mir
aber keiner zugeben, da solche Unvernunft naturgem sei. Ich wrde am End
freilich nichts wissen, was ich ihnen gern zugebe, aber ich wrde wissend sein,
was die mir nicht zugestehen - aber durchgeistigt sein von des Wissens
flchtigem Salz, einen Hauch der Belebung durch es empfinden, einen Ku, wenn
Du's erlaubst, einen flchtigen - dem ich eine Weile noch nachfhle, der in mir
sich verwirklicht, verewigt.
    Wissen und Wissendsein ist zweierlei, erstes ist eine Selbstndigkeit
gewinnen in der Kenntnis, eine Persnlichkeit werden durch sie. Ein
Mathematiker, ein Geschichtsforscher, ein Gesetzlehrer - gehrt alles in die
versteinert Welt, ist Philistertum in einem gewissen tieferen Sinn. Wissendsein
ist Gedeihendsein im gesunden Boden des Geistes, wo der Geist zum Blhen kommt.
Da braucht's kein Behalten, da braucht's keine Absonderung der Phantasie von der
Wirklichkeit, die Begierde des Wissens selbst scheint mir da nur wie der Ku der
Seele mit dem Geist; zrtliches Berhren mit der Wahrheit, energisch belebt
werden davon, wie Liebende von der Geliebten, von der Natur. - Die Natur ist die
Geliebte der Sinne, die Geistesnatur mu die Geliebte des Geistes sein; durch
fortwhrendes Leben mit ihr, durch ihr Genieen geht der Geist in sie ber oder
sie in ihn, aber er fhrt kein Register ber alles, er buchstabiert sich's nicht
und rechnet's nicht zusammen. Nun was liegt mir dran? - Solang mir's so geht wie
hier, kann ich nicht klagen, ich schwindel wie ein Bienchen herum, und wo ich
ein offnes Kelchelchen find, da schwipp ich hinein und versuch und trink mich
satt, wenn mir's schmeckt. Der alt Professor Wei, bei dem wir im Haus wohnen,
ist so ein kleiner Hausgarten, an dem mir allerlei Blten noch offen stehen. Der
gute Alte klopft an die Tr, da steht er mit der Zipfelmtze im Schlafrock und
will gern seine Pfeife anznden, weil bei ihm noch kein Licht brennt, ich
spazier noch ein bichen mit in den Garten, wo er die Pfeife raucht, er zeigt
mir die Sternbilder am Himmel, der Orion, der gro Br und der klein Br, und
pafft mir den Rauch ins Gesicht, so hat er mich die drei Wochen unterhalten,
sooft gut Wetter war, von aller Planeten Tanz, und das hat grade mein Begehren
zu wissen mig genhrt; aber wissenschaftlicher Ansatz ist's nicht geworden,
vielmehr Schleierlften von geheimen Reizen des Geistigen. Und ich hab dann am
Abend und in der Nacht noch Gedanken gehabt, Nachzgler - worber ich beseligt
einschlief. Weit Du, was das ist, beseligt einschlafen? - Das ist grad mit der
Natur im sesten Alleinsein sich befinden, wo sie allein den Blick auf Dich
richtet und in Dich hineinschaut und Du in sie und eine Decke Euch umhllt wie
zwei Kinder, die einer des andern Atem trinken. So ist's mit mir, wenn ich
zufllig etwas von ihr gewahr werd; aber wenn's mir abgemessen wird, wenn ich
Rechenschaft geben soll, dann fhl ich mich in der Seele beleidigt, denn ich mag
nichts wissen, ich schme mich und krnke mich, da auf dem Spielplatz meiner
Seele all das lustige bermtige Springen und Schwingen nicht mehr sein soll, wo
ohne Umsehens alles verfliegt, wie es gewonnen worden, und von keiner
Aufspeicherung die Rede ist.
    Da hab ich noch eine Lust, - der alt Herr hat ein klein Treibhaus, eine
Kammer mit zwei Fenstern nach der Sonne hin, wo er selbsterzogne und jahrelang
gepflegte Gewchse bewahrt. Ich bin mit ihm gewesen und hab ihm helfen die
Gewchse vom Staub reinigen, viele hab ich nicht gekannt, er sagte mir ihren
Namen, ihr Vaterland, ihre Geschichte, wie er dazu gekommen, was er fr Glck
und Unglck mit ihrer Pflege gehabt, das alles ist lebendig und interessant,
denn er ist alt und hat viel Kinder und also viel Sorgen und ist krnklich; und
nun ist seine Freude aus der sogenannten Flle dieses groen weiten
wissenschaftlichen Lebens, die paar sdliche Pflanzen, die hier unter seiner
Liebe Schutz ihr Leben im fremden Klima fristen, mit einer drftigen Blte ihn
erfreuen; im Keim schon unterscheidet er, ob der Knospen bringen wird oder blo
Bltter, zhlt alle, betrachtet alle Tage, wie sie vorrcken, da regt sich kein
Blttchen, er sieht's und versteht's, Du solltest zuhren, wie er ihre Frbung,
ihr Erschlieen bemerkt, wie er ihnen das bichen Licht konomisch austeilt, da
keins zu kurz kommt, und dabei geht als sein altes ledernes Kolleg, was er nun
schon im einundzwanzigsten Jahr jhrlich zweimal den Studenten vortrgt, mit
herabhngenden Ohren den gewohnten Weg zur Mhle, ob ein gesunder
Menschenverstand es aushlt, dies immer und immer, das Erlernte, Erstudierte
durchzukauen? - Nein, einmal mu es aufhren, und einer mcht wohl lieber aufs
ewige Leben verzichten als ewig das Erlernte wieder den Nachkommen mitteilen; so
mu man es denn einmal abdanken, nicht wahr! - Sollte man den alten Satz mit in
die Ewigkeit zu nehmen gedenken? Mitnichten, so wenig wie den Tressenrock, die
Staatsperck, die Ordensbnder, die Titel, die Ehrenmter, man fhlt recht gut,
da sich solches Zeug vor Gott nicht schickt, aber wie der Geist bereinstimme
mit der Natur, die seine Freundin, seine Geliebte ist, wie er in ihr und durch
sie sich entwickelt hat, das ist vor Gott alles. Wenn denn alles Wissen, Haben
bergehen mu in Nichtwissen, Nichthaben, was hat's denn auf sich, da ich
gleich alles verdampfen lasse!
    Wissen ist Handwerker sein, aber wissend sein, ist Wachstum der Seele, Leben
des Geistes mit ihr in der Natur; Leben ist aber Liebe. - Sei nachsichtig gegen
mich, ich mu Dir alles zurufen, lieber Widerhall, keine Sorge um mich, wenn
Dir's nicht wie gesunder Menschenverstand vorkommt, man ahmt ja wohl den Vogel
im Busch nach oder den Wind zum Vergngen oder das Wild im Wald. - Der Wei hat
mir ein botanisch Buch gegeben, wie er sah, da ich so viel Freud hab an
Pflanzen, ich hab mir die Moose heraus gesucht, weil man die unterm Schnee noch
finden kann, ich hab eine Lupe, ich betrachte sie, ich entdeck eine Welt, alles
luft und strmt durch, wie durch einen Forst, es fehlt nur der
Jagdhrnerschall, das Hundgebell und der Schu; so knnt man denken, man wr auf
einer kniglichen Jagd; ich hab noch das Plsier, von oben herab wie Gott vom
Himmel da hinein zu sehen; wenn ich's dem Wei vorerzhl, wie mir alles
vorkommt, das hrt er an wie's Evangelium, es erquickt ihn, die Lgen und Fabeln
meiner Einbildung zu hren, er sagt: Wenn ich nicht im Pflug gehen mt, so
schwtzt ich den ganzen Tag mit Ihnen. - Das ist gut fr mich, sonst wr mir's
zu viel.

                                                                         Samstag

Der gestrige Abend war ein gedulderprobender, es war wieder Dmmerungsstunde,
erfllt mit allerlei Gaben der Muse. Schfer, der ein feiner und geistreicher
Mann ist, hrte mit zu; Savigny ist gar liebenswrdig mit seinen Freunden und
Bekannten, die hchste Gte leuchtet aus ihm, so befindet sich alles kindlich
wohl und heiter um ihn her. Es wurden Gedichte vorgelesen vom Autor; das ist
schwierig fr den Leser und fr den Hrer, da sind zwei Fragen: wo kommen die
Gedichte her, und wo wollen sie hin? Die meisten behaupten ihre Abkunft aus dem
Feuergeist der Liebe und behaupten ihr Recht, ins Herz einzukehren. - Ich sa in
der Ecke und hrte ein lang Gedicht mit den Ohren, die Seele sehnte sich hinaus
in den Schnee, in die sternenhallende Luft; die Sterne haben einen Ton, einen
sprechenden Laut, der viel vernehmlicher ist in klarer Winternacht wie im
Sommer; - vernehmlich, nicht hrbar, wie denn alles in der Natur vernehmlich
ist, wenn's auch die ueren Sinne nicht gewahr werden. Ich dachte mich hinaus
in alle Welt whrend dem Rollen auf der Verse-Chaussee; meinem Nachbar mochte es
wohl auch schwer auf dem Herzen liegen, denn er seufzte mehrmals und holte
endlich sein Taschenbuch, worin er mit dem Bleistift was einkritzelte, - ich
nahm's ihm aus der Hand und probierte Verse zu machen im Takt des Lesenden, das
Gelesene scho Worte zu, wie eine Fabrik, wo einer dem andern in die Hand
arbeitet, und so setz ich Dir's der Kuriositt halber hin. Der Dichter las
nmlich klagende Gesprche im Minneliederstil zwischen zwei Liebenden, die nicht
zu Rande kommen knnen mit ihrer Sehnsucht, in Frhlings- und Sommerzeiten.

Es waren nicht des Maien wilde Blten,
Violen s und Rosen berall,
In grner Lind die freie Nachtigall,
Die mich vor Sehnsuchtschmerzen sollten hten.

Ich klage nicht die lichte Sommerzeiten,
Den khlen Abend nach dem heien Tag; -
Der meiner Trume Sinn verstehen mag,
Der wolle ihnen Strung nicht bereiten.

Nicht, da sich bald das grne Laub will neigen,
In dem der Vglein muntre Schar sich wiegt,
Da Sonnenschein und Blumenglanz verfliegt,
Macht, da mein Herz sich sehnt und meine Freuden schweigen.

Der rauhe Winter nicht, der alle Lust bezwinget,
Die lust'gen Gauen berdeckt mit Schnee,
Mir seufzt die Langeweil im Herzen Ach und Weh,
Die mit dem Dichter sthnt und in den Versen klinget.

                                                                          Montag
Nun kam gestern ein Brief von Clemente an mich mit feierlichen Mahnungen, doch
mein Leben nicht zu verscherzen, so innig, so herzlich, als wr ich eine
Blumenknospe, die auf seinem Stamm wchse, und der Stamm treibt sorglich alle
Krfte dahin, da sie sich auftue, aber die Knospe ist so fest, da nicht Regen
und nicht Sonnenschein sie weckt - was kann ich da? - Der Christian straft mich
mit Worten, es sei kein Ernst in mir, und wenn ich wollte nach Italien reisen,
so sollt ich Winckelmanns Kunstgeschichte studieren und Italienisch lernen, das
hab ich probiert, aber die Kunstgeschicht, wie sollt ich mit der mich abgeben,
wenn ich dran denk, da ich nach Italien reisen sollt. Ei, la doch alles mit
Augen sehen, und wenn ich trunken bin vor Seligkeit, da dort andre Bume, andre
Blumen und Frchte sind, wenn ein schnerer Himmel ber mir wogt, wenn Menschen,
Knaben, Jnglinge, die mir verwandter sind im Blut, in der Faulheit, als die
kalten deutschen fleiigen Brotstudenten, mir begegnen auf der Stra, mich sanft
gren, umkehren, mich noch einmal gren, feuriger, - ei werd ich da noch das
geringste vom Winckelmann, von der alten Geschichte wissen? Wenn rings die
Schnheit der Erde aufwallt, da wr ich wohl der nrrische Pedant dazu? - Mit
Dir, Gnderode, mcht ich Arm in Arm dahinschlendern, kommst Du heut nicht, so
kommst Du morgen, alle Zeit fllt sich ja so himmlisch, was sollen wir sorgen,
wo wir hinkommen? - Sturm und Gewitter schreibt in die Brust Unvergngliches wie
der heitre Tag; jeder Weg fhrt zu geheimen Reizen der Natur, warum sollen wir
nicht, wenn's uns lockt, folgen dem strebenden Herzen, den Gestalten, dem Glanz
der Fluren - irren hier und dort herum, wie die Lmmer weiden? - Warum nach
einem Plan das Schne aufsuchen? - Am End ist doch der Zufall der Reichen
gromtigster; warum nicht ihm anhngen? - Lt sich Gott nicht in ihm am
innigsten mit der Seele ein? Befriedigt am liebendsten ihre geheimen Wnsche?
    Ich denk mich so oft mit Dir wandelnd zum nchsten Tor hinaus, den
reizendsten Pfad entlang, der Clemens aber drngt mich an des Parnassus Stufen
und will, ich soll hinauf, und so hab ich ihm geschrieben: Am Dichten hindert
mich mein Gewissen, wenn ich denk, wieviel reiner tiefer Sinn dazu gehrt, um so
weniger kann ich mir's zutrauen; manchmal wandelt es mich freilich an, ich sehne
mich danach wie ein eingesperrtes Kind nach dem Spiel in freier Luft, auf grner
Wiese im Sonnenschein; ja es schmerzt mich tief, da ich nicht kann, wie ich
will, und da alle Sprache, mit der ich mein Sinnen festzuhalten versuche, nur
wie drres Holz in der Glut meines Herzens zusammenbrennt; wie oft hatte ich
Momente, deren feierliche Mahnung mich auf etwas Ernstes, Tiefes vorbereiteten,
die Poesie schien mir dann ein reifer Schmetterling, der mit dem leisesten Regen
die leichte Hlle sprengte und auf in die Lfte steigend in den mannigfaltigsten
Blten meiner Seele schwelgend. Dann fhlt ich wie ein gttlich Unsichtbares,
dem ich geboren, ich war stolz, und wenn die Natur rings mich mit feurigem Blick
anglhte, dann war ich sprde und verschlossen gegen die Feuerkraft, und doch
htt ich mein Herz dargereicht dem ersten khnen Augenblick, der mir die Sprache
gelst htt, in der meine Lieder geflossen wren. Doch all dies Leben, dies
innere Beben und Aufrauschen ging vorber, ohne etwas festzuhalten oder zu
erzeugen, und wird vielleicht noch tausendfach in mir erscheinen - und keine
Spuren zurcklassen.
    Das hab ich Dir abgeschrieben aus meinem Brief an ihn, weil's etwas Erlebtes
ist, was sich mit unendlichen Modulationen mir im Geist wiederholt, ich hab
Visionen, wenn ich die Augen zumache, ich seh nicht allein, ich hr auch
entzckende Tne, wie wenn himmlische Empfindung zu Ton knnt werden; nun fehlt
ja nur die eine Stufe, da der Ton sich in Geist der Sprache bersetzte; aber in
dies Inselland will's keine Brcke schlagen, im Gegenteil, alle Erscheinung
zerfliet vor der Sprache. - Ich hab wohl einen dunkeln Begriff, warum ich nicht
dichte, weil eben das Tiefe, was mich gewaltig ergreift, so da es elektrische
Kraft auf die Sprache htte, etwas ist, was sich in der Empfindungswelt nicht
legitimiert, oder um schneller und ohne Umweg mich auszudrcken, weil's Unsinn
ist, was mir in der Seele wogt, weil's Unsinn ist, was meine Gedanken mir
vorbeten, weil's Unsinn ist, der mich ahnend als hchstes Gesetz der Weisheit
ergreift. - Wo ich hinsehe, wo ich hinspre, darf ich nicht ankommen mit meinen
Wahrnehmungen, ich wei, da, wenn der Dichterschwung mich ergriff, sich das
Unendliche, das Ungeborne vor mir auftun wrde, mich durchzulassen. - Ich seh! -
Und wenn ich was Wahres schaue, sei der Keim so klein noch, so in sich gedrngt,
mich begeistert der ihm selbst bewutlose Lichtweg, den er wandelt. - Du
begeisterst mich, weil Dein einfaches Streben mir so deutliche Lehre gibt, Du
seist der eignen Seele ewiger Wohllaut, der sie wiegt und schlummernd ihr die
Gesetze der Harmonie einflt. Ahnungen sollen dem Geistesblick Wahrheiten
werden, soll eine Ahnung wirklich Dasein werden, so mu sich der Geist erst
vermhlen mit einem andern Geist - mit dem Genius - die Ahnung verwirklicht den
Genius in uns. - Alles ist wirkliches Leben durch die Feier der Liebe mit dem
Genius. - Alles verwirklicht sich durch Vermhlung des hheren Lichts mit dem
Geist - es strmt dem Geist herab, er darf's nur liebend wollen, es erfllt ihn
in tiefer Nacht gestaltlos, es strmt ihn an, es umschweift ihn ganz, o es ist
kein zahmer Liebhaber, das Licht. - Und ist es ein Wunder, da wer ohne Grenze
sich ihm ergibt, da der dann sehe, wo andre nicht sehen? Und sollt ich mich
schmen vor Dir, die in manchen heiligen Augenblicken mir erschien, wie das
Licht zrtlich mit Strahlenkrnzen sie umflocht und krnte Dein Haupt mit
doppelter Krone? - Da ich Dir sage, nicht die Sprache ist zwischen mir und dem
Licht, nein, es ist das Licht unmittelbar, es nimmt meine Sinne auf - nicht
durch die Sprache meinen Geist! - Drum kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht
nah genug, es besinnt sich zu sehr auf sich selber. - Ach, da red ich so, wo wir
ausgemacht haben, da Du niemals drauf eingehest, damit ich nicht vor der Zeit
unsinnig werde - schweig und ich will auch schweigen, der Dmon mcht mich sonst
durch die Lfte davontragen. -
    Dem Clemente hab ich geschrieben, da ich hier sehr vergngt bin, nicht
sowohl um Savignys willen, dessen Gegenwart freilich einem Aufenthalt alle Reize
verleiht, sondern um der reinen Einsamkeit halben, in der ich von aller
Kleinheit entfernt lebe, die mich in Frankfurt immer bedrngte und meine
Freiheit schmlerte, wenn ich so sagen darf. Hier kann ich doch leichtsinnig
sein, ohne da die Inkonsequenzen davon mich gleich erschrecken, und ruhig und
ernsthaft, ohne da man glaubt, ich sei verliebt oder krank, und verliebt in
Himmel und Erd, die einzig und allein schn hier sind, ohne da man mich der
Koketterie beschuldigt.
    Da kommt Dein Brief, Du gibst ihn der Claudine, da die ihn beischliee, und
die hat grad noch zwei Tage ihn liegen lassen, denn so lang hat sie an ihrem
Brief geschrieben - und nun schlie ich diesen, in dem keine Antwort steht, aber
gleich wrde ich antworten, wenn nicht es so in mir rumorte, was Du schreibst,
ich mein, dieser Brief von Dir ist nicht an Deinem Schreibtisch, der ist an
fremdem Tisch geschrieben, gewi bei der Claudine. - Ich mu die Sonn untergehen
lassen und mich besinnen auf morgen frh.
                                                                         Bettine

                                                               Marburg. Dezember

Heut morgen bin ich aus dem Bett gesprungen, um das Eis mit meinem Hauch zu
schmelzen. Um halb acht kamen die Studenten den Berg herauf gejubelt, es war
noch dmmerig und der Nebel so dicht, da sie wie Schatten blo
durchschimmerten. Die Meline und ich sehen jeden Morgen mit groem Gaudium, wie
sie zu unserm Professor Wei ins Kolleg marschieren, - sie knnen uns nicht
sehen, denn unsre Fenster sind hart gefroren, wir steigen auf den Tisch und
hauchen an der obersten Scheibe ein Lchelchen ins Eis, wo grad ein Aug
durchsehen kann; ein jeder hat ein verschiednes Abzeichen, treiben sich immer
eine Viertelstunde herum, bis sie im Gang nach dem Kolleg verschwinden, den der
Professor Wei przis acht Uhr aufschliet, indessen treiben sie lauter bermut,
wir dachten schon, da sie vielleicht uns zu Ehren die groen Stze machen von
einer Trepp zur andern, einer ber des andern Kopf weg, sie knnen uns zwar
nicht sehen, weil die Fenster verhngt sind und jetzt auch gefroren, so leuchten
ihnen doch unsre grnen Vorhnge ganz mystisch in die Augen, uns macht's tausend
Spa, die Liebschaft mit dem ganzen Kolleg ist im besten Gang, wir haben sie
geteilt, die Meline sagt, der ist mein, und ich, der ist mein, so haben wir zwei
Regimenter, und ihre Balgereien werden mit groer Freude und Triumph belacht,
jede Partei hat einen Hauptmann, der eine mit der roten Mtze, die er nie auf
dem Kopf hat, sondern immer auf einem dicken Stock (der Student nennt ihn
Ziegenhainer) herumschwenkt, ist meiner, er ist immer der erste auf dem Platz,
die andern versammeln sich um ihn und hren zu, was er sagt, er mag wohl das
Haupt einer Burschenschaft sein; er ist so jung und schn, er ist der grte von
allen, wenn er den Mund auftut, kommt eine groe Duftwolke heraus, die setzt
sich gleich als Reif an seinen kleinen Bart, mit dem er sehr gro tut, denn er
zieht ihn alle Augenblick durch die Finger. Wir nennen ihn den Blonden, er hat
braunes Haar, er hat aber ein so blondsonnig Gesicht, das mit seinen roten
Backen so freundlich durch den Morgennebel lacht, und dann hat er auch einen
hellen Rock; der Meline ihrer heit der Braune, der ist ganz blond, aber er hat
einen braunen Rock, dieser trgt eine blaue Mtze mit einer Quaste, die ihm auf
der Nase herumspielt, er sitzt gelassen auf der Mauer und sieht zu, wenn die
andern sich mit Schneeballen werfen, ringen, bereinander wegspringen, dazu
ringelt er sich seine blonden strahlenden Phbuslocken ber die Finger; ich
beneid ihn oft der Meline und wollt ihn mit einem Ansehnlichen aus meinem
Regiment umtauschen, aber sie will ihn nur gegen meinen General, den Blonden,
herausgeben, das will ich nicht. Frh ist's im Hof wie im Elysium, der dichte
Nebel von der Morgensonne angestrahlt, in dem die Gestalten sich bewegen, die
allerlei miteinander hantieren. Wenn's Kolleg aus ist, sehen wir sie wieder
abziehen, da ist ihr bermut noch grer. Ach, htt ich doch so ein Regiment, da
wollt ich Dir schon antworten auf Deinen Brief mit Deinen unsinnigen Anklagen
ber den Napoleon. - Betet und ihr werdet erhrt werden. Ich bete ohne Unterla,
da mir doch Flgel wachsen, ich wollt ber die Scharen wegfliegen und ihm in
die Zgel fallen. Ach Gnderode, Deine fatale Idee, als habe ich eine nrrische
Ehrfurcht vor dem Napoleon, peinigt mich, das Ro des bermuts tobt unter ihm,
es setzt in wildem Feuer ber Abgrnde und durchfliegt in stolzem Selbstgefhl
die Eb'ne, um ber neue zu setzen, dahin eilt er, an den Zeiten vorber, die
umgewandelt sich nicht mehr erkennen. Die Menschen schlafen ohne Ahnung vom
Erwachen, aber unter seinem brausenden Huf reien sie pltzlich die Augen auf,
und seine Glorie blendet sie, da sie sich selber nicht begreifen, ihr dumpfer
Schlaf geht in Taumel ber, sie umjauchzen ihn im Gefhl ihrer Trunkenheit.
    In mir ist's wunderlich. Vor Menschen versink ich in mir selbst, vor denen
fhl ich mich nicht, nur wenn ich, durch den ersten Schlaf in der Nacht
abgetrennt von allem, wieder erwache, dann stellen sich groe ungeheure Fragen
vor meine Gedanken, es sind Fragen in mein Gewissen, vor dem ich verstummen mu.
- Tugenden! - Was sind die? - Denk ich doch an die letzte Zeit mit den
Emigranten bei der Gromama, es ging alles durcheinander, es war, als ob das
Unglck vor der Tr geschehen sei mit dem Tod des Enghiens, was fr bittere
Trnen vergo der alte Choiseul mit dem Ducailas und dem Maupertuis, wie rangen
sie die Hnde und riefen zu Gott um diesen jammervollen Tod, meinst Du, das habe
mir nicht einen tieferen Eindruck gemacht als alles glorreiche Durchbrausen der
Welt? - Meinst Du, ich knne je dem Unrechterliegenden mich lossagen und auch
nur in Gedanken bergehen zu dem Unrecht, das vor der Welt Recht behlt, ich
fhle, es liegt grere Freiheit darin, mit dem Unterdrckten die Ketten tragen
und schmhlich vergehen, als mit dem Unterdrcker sein Los teilen. Was ist mir
Talent, das seine Bahn bezeichnet mit Friedensbruch, mit Meuchelmord? - Ich
wrde selbst solche Bahn durchfliegen wollen? Ja gewi! - Ich mchte hoch bauen,
da keiner mir nahen knnt, er mte denn fliegen, aber nicht wie ein Raubvogel,
der die Gttin Fortuna zerfleischt, um sich satt an ihr zu fressen und sie dann
als Aas liegen lt; - aber durch heiligen Friedensschlu, nicht durch Verrat an
ihm; durch Schutz der Kindlichen, nicht durch ihren Mord; durch freie, heilige,
unantastbare Posaunenstimme der Wahrheit, nicht, da ich ihr die Kehle zudrcke!
- Dein Scherz erzrnt mich, ich wollte mir Gelassenheit erschreiben, aber ich
mu durchglhen. - Der da! - Eine schwindelnde Eingebildheit, ohne Scham, ohne
Gefhl? - Den Gekrnte und Ungekrnte wie Frsche umhpfen, der von allen
Schwchen hin und her gezerrt, seine Abkunft verleugnet, sich um ein paar
silberne Sterne im Wappen streitet, alle Franzosen wahnsinnig macht, der
vergiftet, erdrosselt, erschiet, seiner Brder Familienbande zerreit, fr den
der Taumel des Volks sich erhlt, weil ihm alle Frechheiten glcklich ablaufen,
und dann meinst Du, ich fhle eine Neigung zu diesem Treiben! - Mein
aufgeregt Gefhl gehe mit mir durch, - Du sagst alles im Scherz, es krnkt mich
doch - aber der Scherz kommt nicht aus Dir. - Du scherzest wie ein tauigter
Zweig, der mich anspritzt, wie das Morgenlftchen, das mich neckt, aber nicht
mit brandigen Hadern mich andampft. - So viel prophetische Gabe kannst Du mir
zutrauen, da es mir ahnend im Geist liegt, diese Strohflamme, so gewaltig sie
um sich griff, so schneller wird sie verflackern; bald wird alles in Asche
versunken sein, - und Du machst mir's zum Vorwurf, da ich mit des Ostertags
schlechter bersetzung mich so lang geplackt hab, - weil ich wolle die groen
Kaiserrollen studieren? Freilich hab ich diese zwlf Kaiser mit Interesse
studiert und hab gefunden, was ich vorher htte sagen knnen, da alle Tyrannen
arglistige kleinliche Naturen waren, sie gaben Befehle, wo ihre Bitten gengt
htten, der Fortgang ihrer Macht entwickelt sich aus des Pbels Eitelkeit,
berall war so viel Knechtsinn fr Hofpracht, so viel Wahnsinn, die Seele diesem
Gtzen zu verschreiben, und wie denn alles Narrheit wird, so ergo sich alles in
die Quelle der Hoffart, - das ist's, was ich in diesen zwlf Kaisern studierte,
aber ich suchte nicht nach hnlichkeiten seiner Gre, sondern danach, ob nicht
alle Tyrannen niedertrchtig sind wie er? - Ob nicht alle einen Toussaint
Louverture vergiftet, einen Pichegru erdrosselt und Enghiens erschossen haben,
ob nicht alle durch Hofetikette das Halfter der Sklaverei auch ihren nchsten
Freunden umwarfen? - Ob irgendeiner einen freien Atemzug um sich dulden konnte?
Und ob diese Sklaven nicht blo ihr Joch duldeten, um wieder die geringeren
unterdrcken zu knnen; und siehe, bis auf den kleinsten Zug ist es immer wieder
derselbe ungerechte eigenntzige Heuchler, immer dasselbe Ungeheuer der
Mittelmigkeit; kein Trieb zum wahren Geist, keine Sehnsucht, die Weisheit als
gide seiner Handlungen aufzustellen, keinen Verstand von dem Pflanzenboden der
Knste und Wissenschaft, noch wie der Mensch sich erzieht; sogar gegen alles
Selbstgefhl ohne innere Zucht fhrt er mit ungesitteten Spottreden heraus, und
da schreit alles, er hat einen Stern! - Ach, er kann nicht ewig leuchten, und da
wird alles mit erlschen.
    Schreib nicht mehr so ungefg, sonst kriegst Du ungefge Briefe; ich rgere
mich ber alles, was ich so schreib, weil's ist, als ob ich einen Proze mit
Deiner gesunden Vernunft fhre, und allen Zeitungswitz und Emigrantenpolitik
zusammenhielt, um recht gegen Dich zu behalten.
    Jetzt mu ich auf die alte Wart, es ist Neumond, ich mu sehen, wie er seine
stumme verzauberte Silberwelt anstrahlt. Die Meline schlft schon, ich steig zum
Schlafzimmerfenster hinaus auf den Berg. - Heut war Speisemahl bei Savigny, da
erzhlten die Professoren von der Spitzbubenbande, die schon mehrmals
eingebrochen hat in unserer Nachbarschaft, die Spitzbuben knnten sich da oben
auf der Wart verstecken, - ich frcht mich, aber grad weil ich mich frcht, so
mu ich hinauf. - Die Menschen frchten sich auch vor der Unsterblichkeit.

                                                                      Am Sonntag

Ich bin gestern noch droben gewesen; beim Aufsteigen groe Angst vor nichts,
oben himmlische groe Befreiungsluft, - Stille - allumfassende, - tief
schlummernd alles umher. - Ruhe und Freiheit winkten alle Sterne! - So einsam,
so sicher! - So mu einem sein, der das Leben abgeschttelt hat, - unterwegs
schreckten mich ein Kohlstrunk und ein krummer Ast, ich wut, da es nichts war,
und frchtete mich doch. So wei der innerliche Mensch, da alle Furcht nichtig
ist, er mu das Reich der Einbildung durchkmpfen zur Wahrheit, die kann nicht
frchterlich sein, weil sie lebendig ist und frei und auch nur das Lebendige und
Freie berhrt, nicht den gebundnen Geist, der alles frchtet, weil er es nicht
fat. Erkenntnis hebt jede Gegenmacht auf. Ich will Dir sagen, wie es ist beim
Sterben, ich hab's auf der alten Warte gelernt. - Unten mit schwebender Angst
hinauf geklettert, - die innerliche Wahrheitsstimme half mir die Einbildung, die
so frech selbst mit Erscheinungen mich bedrngte, bezwingen, ein paarmal zagte
ich zwischen Erd und Himmel auf der morschen Leiter, aber die Luft hauchte schon
herab, so erhob ich mich pltzlich, und von allen Seiten atmete mich Freiheit
an, so grad ist's beim Sterben; je weniger das Leben Licht erstritten hat, Geist
geworden ist, je mehr scheut es den Geist, je mehr drngt sich am Lebensende die
Einbildung ihm auf und beschrnkt den Lichtkreis des Lebendigen, der Wahrheit.
Der Mensch ist Sklave der Einbildung, die ihm sein Inneres leugnet, aber die
gttliche Wahrheit haucht schon in den dunklen bauflligen Turm zu ihm nieder,
da er die morschgewordne Leiter, die zur Freiheit fhrt, mit doppelter Khnheit
erschwingt, und unmglich kann diese im finstern Turm mit dem Aufschwung ins
Freie fortdauern, denn sie war Einbildung. - Man knnt vielleicht das, was ich
vom Sterben sag, gering achten, weil's so einfltig ist und so fabelmig und
vielleicht schon oft gesagt, ja es war mir selbst nichts Neues, aber doch ist's
was anders, weil ich's erlebt hab und nicht blo mit den ueren Sinnen erfat,
der freie Sternenhimmel hat mich's gelehrt, und ich war so vergngt da bei der
Sterbelektion, und ich werd noch mehr lernen da oben.

                                                                     Am Dienstag

Heut hab ich Dir was Lustiges zu erzhlen, es war Studentenkomdie, und wir
waren drin, unter dem Schutz von einer groen Begleitung; das Stck war eine
Selbsterfindung der Studenten, worin drei Duelle vorkamen von Schu, Stich und
Hieb; wie der Schu vorkam, war der Meline schon nicht wohl zumut, wie der Stich
vorkam, ward uns grn und blau vor den Augen, wie aber der Hieb kam, gab's ein
Lrm und Gepolter, und man sprang bers Orchester hinber, ber die llampen weg
hinauf aufs Theater, die llampen gingen zum Teil aus, und aus der bisherigen
Dmmerung entwickelte sich Finsternis, unsre Begleitung umstellte uns auf den
Bnken und hielt uns in ihrer Mitte, um uns vor jedem Unfall zu schtzen, bis
wir wagen konnten, aus dieser Konfusion und dem lqualm herauszukommen, und auf
freier Strae wieder Luft schpften, die Verwirrung war daher entstanden, da
der Pedell dem Rektor, der inmitten des Saals auf einem Ehrensessel zusah,
steckte, das Duell mit dem Hieber sei ein wirkliches, er wollte es erlauscht
haben, auch sah es sehr gefhrlich aus in ihrer Studentenarmatur; der Rektor
hielt fr seine Pflicht, in grader Linie auf dies Wagnis loszuschreiten, er
bahnte sich einen Weg durch die Mitte des Orchesters, wo die Bageige angelehnt
war, vor dem Rektor umfiel und einen schauerlichen Ton von sich gab, die
Gesellschaft schreckte auf, der Dekan und wie die hohen Universittschargen alle
heien, drngten sich ber alle Hindernisse weg ihrem Rektor nach, wo denn den
Pauken und Ba noch mancher unwillkrliche Ton entlockt wurde. - Viel lautes
Hin- und Herreden unter den Damen, die bald das Unglck verhten, bald es nicht
mit ansehen wollten, viel Gelchter unter den Studenten, die ihre Freude an der
Verwirrung hatten, am interessantesten war die Szene auf dem Theater; der Rektor
mit Beistand uns en face ganz feierlich; ein Student, der eine Dame vorgestellt
mit langer Schleppe und schon frher beim Stichduell die Hlfte davon verloren
hatte, wendete jetzt, wahrscheinlich aus Mutwill, dem Publikum den Rcken, man
sah groe Kanonenstiefel, einen Hieber an der Seite, der die halbe Schleppe
trug, und einen groen Florschleier, der den Rcken hinabwallte und mit jeder
Bewegung bald die paar Lampen zu erlschen, bald sich zu entznden drohte, so
da mehrere Stimmen riefen, der Schleier brennt. - Es war bald ausgemacht, alles
sei nur blinder Lrm gewesen, indessen konnte das Stck nicht weiter spielen,
die Lampen waren aus und die Honoratioren fort, eine Masse Straengesindel hatte
sich der Bnke bemchtigt, um zu sehen, was es gab. Am andern Tag hrten wir von
unserm Professor Wei den Ausgang der Tragikomdie; es sei in dubio geblieben,
ob wirklich ein ernstlich Duell habe sein sollen, die Studenten haben es
geleugnet, der Pedell aber beschworen, da er ihre Unterredung auf dem Gang mit
angehrt habe, und da der eine, der die Dame vorstellte, der eine Sekundant und
mein getreuer Hauptmann der andre sein sollen, und da sie vor der Tr ihre
Klingen gemessen, und da er gehrt habe, auf wieviel Gnge und wie sie ihre
Halsbinden, ihre Strmer und ihre Faustbinden besichtigt htten. Die Studenten
blieben dabei, sie htten nur ihre Rollen repetiert und das habe alles sollen
auf dem Theater vorgestellt werden; es war nichts zu machen, man mute sie
laufen lassen, sie gaben dem Rektor ihr Ehrenwort, keine Hndel anzufangen,
hielten noch einen Kommers und jubelten bis spt in die Nacht. - Der Gang des
Stcks hatte noch kein Licht auf seinen Inhalt geworfen, die eigentliche Pointe
des Ereignisses war, da sie die mangelnde Katastrophe desselben ersetzen
wollten, und daher in Gegenwart des Pedells, den sie nicht zu bemerken schienen
und der sich hinter einen Schrank versteckt hatte, die ganze Geschichte ihm
weismachten; sie hatten ihm schon frher Argwohn beigebracht und lieen so die
ganze Versammlung mitspielen, die sich dabei auch hchlich amsiert hatte, und
gewi hat sich jung und alt noch eine Weile von allem Komischen zu erzhlen, was
dabei vorfiel. Der Professor Wei war entzckt ber seine lieben Studenten, er
sagte, man mu selbst Student gewesen sein, um ihnen nachzufhlen, welch Gaudium
es ist, wenn so was gelingt, er blieb bei uns sitzen, wir erlaubten ihm sein
Pfeifchen zu rauchen, und er erzhlte uns aus seinen Studentenjahren nichts wie
dummes Zeug, was uns die Zeit sehr anmutig vertrieb. - Heut morgen, als die
Studenten ins Kolleg kamen, konnten wir deutlich bemerken, da sie noch ganz
entzckt davon waren, das Lachen war heut ihr einzig Exerzitium, und wir beiden
wie zwei unsichtbare Schutzgttinnen hinter den gefrornen Fenstern freuten uns
der heiteren Laune unserer Lieblinge.
                                                                         Bettine


                                 An die Bettine

Wenn Du recht behalten willst, so hast Du gewi recht, ich will auch nicht noch
einmal wiederholen, da ich scherzte, denn dies ist ja grade doppelte Snde,
weil der ganze Scherz sich nicht zwischen uns beiden eignet, Du kannst es von
mir am wenigsten ertragen, da ich falsch in die Saiten greife, - es war ein
Erdenscherz und kein luftiger leichter, und es war noch dazu ein Notanker, ich
war verwirrt geworden durch das Reisen hin und her vom Rhein zum Neckar und dann
zum alten Haushalt; da ist mir so manches verronnen, was mir lieb und leid ist,
der Winter hat mich auch doppelt hier betroffen.
    Clemens hat mir geschrieben. Wie ein bser Traum sind mir manche bitteren
und trben Erinnerungen von ihm vorbergegangen, sein Brief hat mich betrbt,
weil er mir die verworrnen Schmerzen seines Gemts deutlich und doch wieder
dunkel darstellt, auch wenn ich ihn nie gesehen htte, wrde mich dieser kalte
Lebensberdru tief und schmerzlich bewegen. - Er stellt sich so an den Rand der
Jugend, als habe sie ihn ausgestoen, wie mich das schmerzt, wollt er es doch
anders sein lassen, lieber die vergangne Zeit zurckrufen und fortleben ewig
frisch, jung und trumerisch, wie er es gewi knnte; es wird und mu wieder so
mit ihm werden, und Du mut ihm jetzt recht anhnglich schreiben, Dein freieres
Bewegen, wo Du sonst so von ihm abzuhngen schienst, wird ihm wohl auch
ungewohnt und empfindlich sein; Du kannst es nicht ndern, aber ersetze es ihm,
Du schriebst ja immer nur kurze Briefe an ihn, aber schreib doch fter. - Sein
Beifall an meinen Gedichten erfreut mich, und mehr wird es keiner. Er schreibt,
Savigny habe die Nachricht aus Paris, da eine bersetzung dort vom Tian gemacht
sei, ihm mitgeteilt, frag ihn doch und schreib mir etwas Nheres darber.
    Dem Molitor hab ich Deine Ansichten ber die Erziehungen lesen lassen, es
freute ihn und verspricht Dich nicht mehr zu stren, das ist mir lieb, denn wenn
auch Deine Argumente, womit Du das Philistertum bestrmst, keinen Bodensatz
haben und unleugbar aus der Luft gegriffen sind, so ist mir doch lieber zu
lesen, wie Du unmittelbar mit den Elementen verkehrst, als wenn Du Deinen Sinn
im Widerspruch auf irgendein gegebenes Bestehendes anwendest. Deine Wahrheiten
streifen wohl den inneren Sinn der Menschen; sie mchten Dir recht geben, aber
was ist's damit? - Bis einmal das Morgenlicht der Poesie in jeder Brust den
Geist weckt, da wird wohl manches verstanden und doch mu es wieder versinken;
drum ist es mir lieber, Du selbst erschaffst Dich, bist Dir Lehrer und Schler
zugleich, weil es da was fruchtet und Deine Lehren einen so grndlichen tiefen
Eingang in Dich haben. - Hast Du Dich doch gegen die Philosophie gesperrt, und
Deine Natur spricht sie doch so ganz persnlich aus, als Geist und Seele und
Leib. Ich will damit Dich nicht auf Dich selbst zurckfhren, es ist eine
Bemerkung, die ich im Spiegel mache, und Du kannst ja gleich davonfliegen und
den Spiegel leer lassen, auch gibt meine Bemerkung Dir recht; denn wenn Deine
organische Natur ganz Philosophie ist, so wird sie sich nicht in der Anschauung
erst erwerben sollen. - Sie wird einen Jugendleib haben, der mit einem anderen
Frhling zusammentrifft, und ein anderes Verstndnis haben mit dem Geistigen der
Welt. - Um so mehr deucht es mir Migriff, wenn Du mit dem Wirklichen Dich
begegnest und ihm Deinen Geist anmessen magst. Ich suche in der Poesie wie in
einem Spiegel mich zu sammeln, mich selber zu schauen und durch mich
durchzugehen in eine hhere Welt, und dazu sind meine Poesien die Versuche. Mir
scheinen die groen Erscheinungen der Menschheit alle denselben Zweck zu haben,
mit diesen mcht ich mich berhren, in Gemeinschaft mit ihnen treten und in
ihrer Mitte unter ihrem Einflu dieselbe Bahn wandeln, stets vorwrts schreiten
mit dem Gefhl der Selbsterhebung, mit dem Zweck der Vereinfachung und des
tieferen Erkennens und Eingehens auf die bung dieser Kunst, so da wie
uerlich vielleicht die hohen Kunstwerke der Griechen als vollkommne gttliche
Eingebung galten und auf die Menge als solche zurckstrahlten und von den
Meistern auch in diesem Sinn mit dieser Konzentration aller geistigen Krfte
gebildet wurden, so sammelt sich meine Ttigkeit in meiner Seele; sie fhlt
ihren Ursprung, ihr Ideal, sie will sich selbst nicht verlassen, sie will sich
da hinberbilden. Du aber bist das Kind, geboren im Land, wo Milch und Honig
fleut, die Sorge ist da berflssig, die Trauben hngen Dir in den Mund, alles
ist Gedeihen und Klima Deiner Wiege, alles trgt Dich und nhrt und schtzt
Dich, solang Du das Klima nicht wechselst, und ob das, was Du dadurch erbeutest,
der Welt geniebar sei, darauf kmmt es hier frs erste gar nicht an, wenn Du
nur durch eigne Snde nicht im Werden gestrt wirst, denn das ist die einzige
Snde. - Schweig ber Dich und gelte ihnen, fr was sie wollen, versprich mir
das heilig, denn sonst wrden sie Dich aus Deinem ursprnglichen Land
verpflanzen, sie wrden Dich aus Deiner Kindheit herausheben und etwas aus Dir
machen wollen. - Und wie klagevoll wr's, wenn Du selbst Deinem inneren Leben,
Deiner eignen Religion, die so sanft, so glcklich Dir dient, Dich aus eigner
Schuld entfremdetest, o nein, ich will's nicht hoffen, bleib immerdar mit Deinen
Geistern im Bund, die Dir Speise bringen, und verwerfe sie nicht um fremde Kost.
Ich hab mir schon oft Vorwrfe machen lassen um Dich, wie htte ich mich wehren
knnen? Es wr Verrat an Dir gewesen, nein, ich lie Dich unberhrt von ihren
Augen. Was bist Du auch? - Nichts als nur wie die Natur sich tausendfltig
ausspricht - wie jene Schmetterlingshlle, die Du diesen Sommer aus dem
Schlangenbad mitbrachtest, die uerlich so fest war, da nichts Fremdes sie
verletzen konnte, und beim geringsten Berhren des Schmetterlings sich auftat,
ihn zu entlassen, und dann sich wieder schlo. Wenn die Natur sich so eigen dazu
verwendet, jede Strung ihrer Bildungen zu verhten, sogar die leere Kammer,
woraus sie ihr geflgeltes Geschpf entlt, sorgsam wieder schliet, wie sehr
mu da der Instinkt in dies lebende Wesen eingeprgt sein, da es sich keiner
fremden Gewalt hingebe. - Du verstehst die Natur ja mannigfach, so wirst Du mich
auch hier begreifen, nicht besser, nicht mehr kommst Du mir vor als alles, was
in der Natur lebt, denn alles Leben hat gleiche Ansprche ans Gttliche; aber
sorge nur, da Du Dein eignes Naturleben nicht verletzest, und da es sich ohne
Strung entwickle.
    Dein klein Gedicht, was Du bei Gelegenheit der Langenweile gemacht, beweist
mir, da wir beide recht haben, fr jeden andern wollt ich es als Gedicht
rechnen, aber fr Dich nicht, denn Du sprichst darin eine uere Situation aus,
nicht die innere, und ein Gedicht ist doch wohl nur dann lebendig wirkend, wenn
es das Innerste in lebendiger Gestalt hervortreten macht, je reiner, je
entschiedner dies innere Leben sich ausspricht, je tiefer ist der Eindruck, die
Gewalt des Gedichts. Auf die Gewalt kommt alles an, sie wirft alle Kritik zu
Boden und tut das ihre. Was liegt dann dran, ob es so gebaut sei, wie es die
angenommne Kunstverfassung nicht verletze? - Gewalt schafft hhere Gesetze, die
keiner vielleicht frher ahnte oder auszusprechen vermochte; hhere Gesetze
stoen allemal die alten um, und - wir sind doch noch nicht am End! - Wenn doch
der Spielplatz, wo sich die Krfte jetzt nach hergebrachten Grundstzen ben,
freigegeben wre, um der Natur leichter zu machen, ihre Gesetze zu wandlen! Ich
will nicht, da Du auf meine Produkte in der Poesie anwendest, was ich hier
sage; ich habe mich auch zusammengenommen und gehorchen lernen; und es war gut,
denn es sammelte meinen Stoff in meinem Geist, der mir vielleicht als Inhalt
nicht gengt haben wrde, wenn mir die Form, die ich der Anmut zu verweben
strebte, nicht den Wert dazu geliehen htte; ich glaube, da nichts wesentlicher
in der Poesie sei, als da ihr Keim aus dem Inneren entspringe; ein Funke aus
der Natur des Geistes sich erzeugend ist Begeistrung, sei es aus welchem tiefen
Grund der Gefhle es wolle, sei er auch noch so gering scheinend. Das Wichtige
an der Poesie ist, was an der Rede es auch ist, nmlich die wahrhaftige
unmittelbare Empfindung, die wirklich in der Seele vorgeht; sollte die Seele
einfach klar empfinden und man wollte ihre Empfindung steigern, so wrde dadurch
ihre geistige Wirkung verloren gehen. -
    Der grte Meister in der Poesie ist gewi der, der die einfachsten ueren
Formen bedarf, um das innerlich Empfangne zu gebren, ja dem die Formen sich
zugleich mit erzeugen im Gefhl innerer bereinstimmung.
    Wie gesagt, wende nichts auf mich an von dem, was ich hier sage, Du knntest
sonst in einen Irrtum verfallen. Ob zwar ich grad durch mein Inneres dies so
habe verstehen lernen. Ich mute selbst oft die Kargheit der Bilder, in die ich
meine poetischen Stimmungen auffate, anerkennen, ich dachte mir manchmal, da
ja dicht nebenan ppigere Formen, schnere Gewande bereit liegen, auch da ich
leicht einen bedeutenderen Stoff zur Hand habe, nur war er nicht als erste
Stimmung in der Seele entstanden, und so hab ich es immer zurckgewiesen und hab
mich an das gehalten, was am wenigsten abschweift von dem, was in mir wirklich
Regung war; daher kam es auch, da ich wagte, sie drucken zu lassen, sie hatten
jenen Wert fr mich, jenen heiligen der geprgten Wahrheit, alle kleinen
Fragmente sind mir in diesem Sinn Gedicht. Du wirst wohl auch dies einfache
Phnomen in Dir erfahren haben, da tragische Momente Dir durch die Seele gehen,
die sich ein Bild in der Geschichte auffangen, und da sich in diesem Bild die
Umstnde so ketten, da Du ein tief Schmerzendes oder hoch Erhebendes mit
erlebst; Du kmpfst gegen das Unrecht an, Du siegst, Du wirst glcklich, es
neigt sich Dir alles, Du wirst mchtig groe Krfte entwickeln, es gelingt Dir,
Deinen Geist ber alles auszudehnen; oder auch: ein hartes Geschick steht Dir
gegenber, Du duldest, es wird bitterer, es greift in die geweihte Sttte Deines
Busens ein, in die Treue, in die Liebe; da fhrt Dich der Genius bei der Hand
hinaus aus dem Land, wo Deine hhere sittliche Wrde gefhrdet war, und Du
schwingst Dich auf seinen Ruf, unter seinem Schutz, wohin Du dem Leid zu
entrinnen hoffst, wohin ein innerer Geist des Opfers Dich fordert. - Solche
Erscheinung erlebt der Geist durch die Phantasie als Schicksal, er erprobt sich
in ihnen und gewi ist es, da er dadurch oft Erfahrungen eines Helden innerlich
macht, er fhlt sich von dem Erhabenen durchdrungen, da er sinnlich vielleicht
zu schwach sein wrde, zu bestehen, aber die Phantasie ist doch die Sttte, in
der der Keim dazu gelegt und Wurzel fat, und wer wei, wie oder wann, als
mchtige und reine Kraft in ihm aufblht. - Wie sollte sonst der Held in uns
zustande kommen? - Umsonst ist keine solche Werksttte im Geist, und wie auch
eine Kraft sich nach auen bettigt, gewi nach innen ist ihr Beruf der
wesentlichste. - So fhl ich denn eine Art Beruhigung bei dem Unscheinbaren und
Geringfgigen meiner Gedichte, weil es die Futapfen sind meines Geistes, die
ich nicht verleugne, und wenn man mir auch einwerfen knnte, ich htte warten
drfen, bis reifere und schmackhaftere Frchte gesammelt waren, so ist es doch
mein Gewissen, was mich hierzu bewog, nmlich nichts zu leugnen, denn wenn je
eine reine selbstgefhlige Gestalt hieraus sich entwickelt, so gehrt auch dies
hinzu, und was ich bis jetzt auf diese Weise in mir erlebte, ist ja, was mich
bis hierher fhrte, zu diesem Standpunkt meines festen Willens. -
    Ich habe Dir jetzt genug gesagt, ich hab es aus Liebe zu Dir getan, so wie
Du so manches aus Liebe zu mir gesagt und getan hast, und Du hast auerdem noch
einen nahen Anteil an allem, wie denn dies nicht anders mglich ist. - Ich bitte
Dich aber dringend, lasse es in Deine Stimmung nicht einwirken, sondern sorg,
da Du mir hbsch ganz Du selbst bleibst, Dein Manuskript ist an den Primas
besorgt worden.
                                                                        Caroline

Was hast Du denn fr einen Brief an Voigt geschrieben von einem polnischen
Juden?

                                An die Gnderode


Das Wetter hat sich gendert, der grne Bergrasen lacht das bichen Schnee aus,
was Winter sein will, ich bin den ganzen Tag nicht zu Haus. Die Sonn und der
Mond gehn abends zusammen am Himmel spazieren, ich war gestern frher oben, um
zu sehen, wo sie bleiben, ich guckte in die Luft, die so weich weht, und in die
vernderte Landschaft, weil ber Nacht der Schnee weggeschmolzen war, und konnt
mich auf nichts mehr besinnen in der schmeicheligen Natur, so geht's gewi den
schneeentlasteten Tannen auch und den Wiesen; und die gelben Weiden und die
Birken taumeln in dem lauen Wehen whnend und schwankend, als knnt der Frhling
wohl einmal den Winter berhpfen; sie sind im Winterschlaf vom Frhlingstraum
geneckt, ich auch, - ob nicht alle Seligkeit hier Traum von spter ist? Sie ist
so kurz, so zufllig. - Frhling ist Seligkeit, weil's Begeistrung ist von der
Zukunft, Seligkeit ist Begeistrung zum Leben, das ist Frhling. Wer ewig zum
Leben begeistert ist, der ist immerdar Lebensfrhling, das Leben ist aber blo
Begeistrung, denn sonst ist's Tod; und so ist das Leben heut und immer
knospenschwankend im Wind, der die Zeit ist, knospenschwellend in den Sinnen,
was die Natur ist, und knospenduftend im Geist, der die Sonne ist. Das ganze
Leben ist blo Zukunftsbegeistrung, nicht ein Moment kann aus dem andern
hervorgehn, wr's nicht Begeistrung der Natur frs Leben. Die Zeit wrde
aufhren, wr die Natur nicht mehr frhlingbegeistert, denn blo da sie ewig
nach der Zukunft strebt, macht, da sie lebt; und da sie ewig den Frhling
erneuert, das ist ihre Seele, ihr Wort, das Fleisch geworden ist. Sie ffnet die
Lippen und schpft Atem der Zukunft, das ist der Frhling, der blht schnell
alles heraus, das ist Ausatmen der Begeistrung, Frucht der Blte, Besttigung
des begeisterten Lebensatems, Sommer, wo der Busen der Natur atemerfllt die
Lebenskraft in der Frucht, im Apfel, in der Traube wieder aushaucht in den
Herbst hinber, in dem er reift, absetzt; das ist im Busen der Natur
Winterpause, da regt sie sich einen Moment nicht, wie die Brust sich auch nicht
regt zwischen Sinken und Steigen vom Atem; - und dann hebt sich der Busen ihr
allmhlich wieder, mchtig und mchtiger - trinkt Lebensbegeistrung heiligen
Atems voll. So ist das Leben frhlingbegeistert Atemschpfen, und Sommer und
Herbst sind der Begeistrung Aushauch, und der Winter ist nur Frhlingspause; in
ihr sind alle Sinne schon wieder auf das Atemschpfen hingewendet.
    Alt ist keiner als nur, wer die Zeit achtet als bestehend. - Die Zeit ist
nicht bestehend - Schwinden ist Zeit. An Schwindendes kann sich Begeistrung
nicht hngen, an nichts kann sie hngen, sie mu frei sein, blo in sich; denn
sonst wr sie kein Leben. Also die Natur atmet Begeistrung, das ist Frhling;
Sommer und Herbst entstrmen dem Atem der Natur, das ist, wo sie alles hingibt,
um aufs neue den Frhling einzuatmen. - Da ist's deutlich, da der Geist auch
nur Frhlingsatem schpft, und da Jugend nicht in Zeit sich einschrnkt, die
vergeht, da Lebenslust nicht vergehn kann, weil, wie Natur Frhling aufatmet,
wir Lebensbegeistrung aufatmen. -
    Es ist dumm, was ich hier sag, ist nicht uneingehllter Geist, der den Wahn
vernichtet, aber unter der armseligen Hlle des zwanzigmal wiederholten
Vergleichs liegt einer zerschmetternden Antwort Keim auf das, was Du mir schon
mehr als einmal gesagt hast: Recht viel wissen, recht viel lernen, und nur die
Jugend nicht berleben. - Recht frh sterben! Ach Gnderode! Atme aus, um
wieder aufzuatmen, Begeistrung zu trinken - denn: ist Natur nicht blo dieser
Begeistrung Leben? - Und wr Jugend etwas, wenn's nicht ewig wr? - Wie ich auf
der Warte sa gestern und sah, wie die Natur dem Frhling schon voraus trumte -
da fiel mir's ein, da Jugend ja ein ewiger Lebensanspruch ist, wer den aufgibt
allein, atmet nicht mehr auf, er lt den Atem sinken. - Ich wei nicht, was Du
Jugend nennst? - Ist's nicht jugendlich, den Leib dem Geist aufopfern? - Strebt
sie nicht mit allen Krften, Geist zu werden? - Was ist denn also die Zeit? -
Nichts als Jungwerden. - Leben mu man immer wollen, denn wenn der Tod kommt,
das ist grade, wo die Jugend sich mndig fhlt zur Unsterblichkeit; wessen
Jugend aber frher abstirbt, wie kann der unsterblich werden? - Wer dchte: ich
will nicht ber die Jahre hinaus, wo ich mit zwanzig zhle, denn mit dreiig ist
der Jugend der Stab gebrochen, der mte einer sein, der Zeit htt, so was zu
denken, und stnd ebensogut mig am Ufer als Ladung fr den Charonsnachen, mir
deucht aber, Dein Geist, der wie die Natur bltenaufatmend ist, kann nicht vor
spterer Zeit zurckweichen wollen. Nein! - Geistessehnsucht bildet
Frhlingskeime, und Lebenwollen ist Liebe zu diesen Keimen, des Geistes
Lebensbegierde ist dasselbe Treiben, was in der Natur ist, wo Keim auf Keim
aufspriet; und eine Lebensmelancholie kann nur sein, wo der Geist stockt, wo er
den Trieb verliert, der Natur gleich, mit heiem Blut seine Triebe zu nhren;
das wr die Jugend aufgeben; - das ganze Leben ist nur einmal Frhlingsaufatmen,
und ob wir zwanzig oder dreiig oder hundert Jahr zhlen, so lang mu der
Atemzug aushalten, aufstrebend ins Leben, mit allen Krften, in vollster
reichster Blte den Duft ausbreitend in die Weite auf schwingenbeladenen Winden.
- Wie kannst Du da nur um Jugend Dich grmen? - Und wer anders lebt, der ist
kein Lebender im Geist. - Und an was denkst Du in Dir selber? - Zu was
empfindest Du Dich hin, als blo zum Ziel! - Zur Umarmung mit einem Ideal, was
innerlich Dir vorschwebt, - Du sehnst Dich ihm entgegen innerlich, alles was Du
tust, ist Aufstreben; Kindschaft, Jnglingschaft das ganze Leben; wie kann da
von der Jugend Ende auf Erden die Rede sein. - Jugend bricht in voller Blte
hervor, erst wenn's Leben am Ende ist. Hast Du nicht gesehen an manchen
Pflanzen, da die erste Hlle, die ihre Blte verschliet, welken mu, eh jene
aufbrechen kann? - Und sollte man, um der jungen Kraft der Hlle wegen, die nur
Schutzmantel ist der verschlossenen Blte, den innern Keim ausbrechen wollen,
damit die Narren nicht sagen, die Jugend sei verwelkt? - Das ganze irdische
Leben ist nur einhllende Mutterwrme, Hlle der Geistesblte, wir wollen sie
ihr nicht rauben, wir wollen sie verborgen in dieser Hlle lassen, bis die zu
Staub auf ihr verfllt, - und die geheimen Lebenstriebe, mit denen Du mich
durchdringst, von denen ich ohne Dich nichts empfunden haben wrde, die la sich
verdoppeln tausendfaltig, - Du liebst! - Anders kann ich Dich nicht ausdrcken,
- das ist ja nur Jugendblte! - Da der Charakter Deines Geistes also Jugend ist,
was hast Du fr Not ums Altwerden? - Und was tu ich denn? - Ich leb mit von der
Wrme, die Deines Geistes Lebenskeim schtzt und nhrt, und alles, was in mir
treibt, wrde vielleicht ohne Regung geblieben sein, wr es nicht in Dir vom
Lebensfeuer ergriffen, ja ich bin ein Zweig, der am vollblhenden Stamm Deiner
unsterblichen Jugend durch dies Erdenleben mitgenhrt ist. -
    Erdenleben ist Mutterhlle der geistigen Jugend, mag sie uns schtzen wie
die Zwiebel den Keim des Narzissus schtzt, bis sie im Spiegel ihr eignes Ideal
erkennt.

                                                                  Am Mittwoch! -

Ich war gestern lustig, aber ein Brief der Claudine ber Dich, den ich fand, als
ich vom Turm kam, hat mich bewegt, Dir so ernst zu schreiben: wenn's dunkel ist,
kann man sich allerlei weismachen, eben weil Gelegenheit ist, so mannigfaltig
mit Schatten zu spielen; glaubt man auch nicht an den verzognen Schatten, so
duldet man doch nicht gern das groteske und doch so hnliche Bild, und man kann
am wenigsten leiden, was man doch nicht glaubt; so nimm meinen Brief; ich hab
nie Deine Reden ber Leben und Sterben leiden mgen, obschon ich wei, da es
nur Schatten waren, die an der Wand Deines Geistes spielten, gleichsam als wr
das Licht Deines Geistes schief gerckt, und sei mir gut und la mich's nicht
entgelten, wenn ich nicht damit in Deine Trume eingreife, die vielleicht golden
sind im verjngten Morgenglanz, whrend ich trbe Regenwolken wollte
verscheuchen, mit denen weit in den Abend hinein mir Dein Himmel berzogen
schien, als mir die Claudine von Deinem Trbsinn schrieb. Es ist ja natrlich,
da wer Dich von auen nur sieht, ber Dein Inneres keinen treffenden Bericht
kann erstatten, von dem ich jetzt ahne, da es heiter thront ber Wolken, die
ihren Schatten zwar nach der Erde werfen, auf denen Du aber, himmlisch getragen,
im Licht schwelgst. -
    Hier leg ich Dir das Blatt bei, das ich, eh der Claudine Brief kam,
geschrieben hatte, am Montag, wo's auf dem Turm so frhlingsmig war, da ich
an keinen Winter mehr glaubte.

                                                         Erstes Blatt vom Montag

Der poetische Vortrag vom Sonnabend hat mir seinen wechselnden Rhythmus wie in
eine Orgelwalze eingehmmert, der sogar meine Reden einschnrt; so leicht kann
eine fremde Kraft meinen Geist berwltigen. Dem Wei hab ich gestern meinen
Gutenachtgru, wie er behauptet, in Hexametern vorgestammelt, wundre Dich nicht,
da ich diesem Plaggeist, weil ich so abendmde bin, die Zgel schieen lasse
und Dir die Naturseltenheit eines frhlingstrumenden Winterabends in
aufdringlichen Rhythmen vortanze.

Eilt die Sonne nieder zu dem Abend,
Lscht das khle Blau in Purpurgluten,
Dmmrungsruhe trinken alle Gipfel.

Jauchzt die Flut hernieder silberschumend,
Wallt gelassen nach verbrauster Jugend,
Wiegt der Sterne Bild im Wogenspiegel.

Hngt der Adler, ruhend hoch in Lften,
Unbeweglich wie in tiefem Schlummer;
Regt kein Zweig sich, schweigen alle Winde.

Lchelnd mhelos in Gtterrhythmen,
Wie den Nebel Himmelsglanz durchschreitet,
Schreitet Helios schwebend ber Fluren.

Feucht vom Zaubertau der heil'gen Lippen,
Strmt sein Lied den Geist von allen Geistern,
Strmt die Kraft von allen Krften nieder

In der Zeiten Schicksalsmelodien,
Die harmonisch ineinander spielen
Wie in Blumen hell und dunkle Farben.

Und verjngter Weisheit frische Gipfel,
Hebt er aus dem Chaos alter Lgen
Aufwrts zu dem Geist der Ideale.

Wiegt dann sanft die Blumen an dem Ufer,
Die sein Lied von sem Schlummer weckte,
Wieder durch ein ses Lied in Schlummer.

Htt ich nicht gesehen und gestaunet,
Htt ich nicht dem Gttlichen gelauschet,
Und ich sh den heil'gen Glanz der Blumen,

Sh des frhen Morgens Lebensflle,
Die Natur wie neugeboren atmet,
Wt ich doch, es ist kein Traum gewesen.

Weit Du noch jenen Abend, im Frhjahrsanfang, wo der Arnim auf dem Trages seine
Gedichte uns vorlas? - Da hab ich mich auf dem Turm in dem laulichen
keimetreibenden Wetter wieder dran erinnert, und der Rhythmus, der, wie gesagt,
noch aus jener Vorlesung mich verfolgt, schien mir dies alles, was hier auf dem
Papier so ganz drr aussieht, in groer Flle auszusprechen; ich wollt es Dir
auch nicht schreiben, aber wo soll ich hin mit? - Meine Briefe an Dich sind wie
das Bett der Quelle, alles mu durchstrmen, was in mir ist.
    Meine Bemhungen, Lieder frs Wunderhorn aufzufinden, haben mich mit
wunderlichen Leuten zusammengefhrt, die wie angenehme Schferspiele mich
ergtzen. - Ich brauch berredungsknste, um ein Bauermdchen dahinzubringen,
ihre Lieder herzusingen. Da kommen sie meistens zuerst mit verkruzten
Opernarien, ich hab noch wenig Krnlein aus dieser Spreu gesammelt, die sie aus
Mangel an Unschuld, im berflu an Unwissenheit ersticken und vermodern lassen,
und die man endlich doch nur stckweise ans Tagslicht bringen kann; - ich tu's
dem Clemens und Arnim zu Gefallen.
    Letzt war mir ein allerliebst Mdchen vom Pfarrer Bang geschickt worden,
weil es sehr viel schne Lieder kann; die ganze Familie gehrt zu dem
Singgeschlecht, das sich ernhrt mit Krutersuchen fr die Apotheken in der
Umgegend und im Frhjahr mit Erdbeeren- und Heidelbeerensuchen. Das Kind war
zwei Tage bei mir, es schlief im Vorzimmer; so ein allerliebst Kind kannst Du
Dir gar nicht denken, auch von Schnheit; ich nahm's mit hinaus, da hat's mich
neue Wege gefhrt, wo ich noch gar nicht gewesen war, ich sagte, wir wollen
einmal gradaus gehen, es mag in Weg kommen, was will, so ging's bergauf, bergab,
bis wir hinter die Brunnenleitung in den Wald am See kamen, und ich war
mutwillig bermig, bis ich mich endlich, berrascht, weil ich rckwrts ging,
in einem Sumpf befand. -
    Was mich am meisten ergtzt, ist die Kenntnis aller Kruter und Wurzeln, die
das Kind hat, ohne doch je gelernt zu haben, es ist eine traditionelle Botanik,
die aber so vollstndig ist und mit so viel historischen Belegen versehen, und
zu so manchen Vergleichen fhrt, da wohl auf diese Weise ein gro Teil
Gottesphilosophie auch in den unstudierten Bauern bergeht. Ich grub viel
Wurzeln aus, die wute das Kind alle zu nennen, und jedes verdorrte Hlschen,
das noch einen Samen bewahrte, kannte es, das gute Kind. - Da war ein kleiner
Storchschnabel im Winter ausgefroren, es holte ihn aus einer Felsritze hervor,
wo die Pflanze ganz unverletzt geblht hatte und so verdorrt war; dies
Blumengerippe war so schn, wie die Blume gar nicht ist. In ihrer Einfachheit
kann die Pflanze nicht greren Anspruch machen als andre Feld- und Waldblumen,
aber ihr feines Gerippe ist wie ein gotisch Kunstwerk. Der kleine Spie, der aus
der Blumenkrone hervorwchst, teilt sich von unten in fnf Fingerchen, die sich
aufwrts schwingen und mit jedem in einem kleinen verschlonen Becher ein
Samenkrnchen der Sonne entgegenhalten, das so fein und wunderschn geformt und
geschliffen ist wie ein Edelstein, wenn nun die Sonne drauf scheint, so tun
diese Samenkrnchen nach allen Seiten einen mutigen Sprung, so sind sie alle
fnf um die Mutterstaude versetzt, ein bichen Erde, ein bichen vermodert Moos
gibt ihnen Nahrung, da sie im nchsten Jahr im Familienkreis aufblhen. - Nein!
Ich hab die Natur lieb, mag ich auch nur, wie ein trockner Storchschnabel, das
geringste aller Pflnzchen - spter unter den Fen des Wanderers zertreten
werden, so will ich ihr doch mich hinhalten, solang sie ihren kunstfhligen
Geist ber mich strmen lt; wollte sie doch meiner einfachen unscheinbaren
Blte nach einen schnen Zepter aus mir bilden, der seine Kleinodien um sich
streut, neues Leben zu verbreiten, und dann in die leeren Schalen Himmelstau
sammelt; so denk ich mir, wird des Gromtigen Zepter die Welt berhren.
    In allen Wandlungen der Natur deucht mich Salomonis Weisheit mit
Geistesbuchstaben eingezeichnet, die klein oder gro - die Seele mit Schauer
erfllen, weil sie alle rufen: Hebe wie der Vogel die Schwingen ber den
Erdenstaub hinaus und fliege aufwrts, so hoch du vermagst. Der Vogel fliegt mit
seinem Leib, du aber kannst mit dem Geist fliegen, dein Leib hat keine Flgel,
weil du lernen sollst, mit dem Geist dich aufschwingen. - Du weit, wie oft wir
uns besannen, warum die Sehnsucht zu fliegen durch jeden Vogel rege werde.
Htten wir Flgel wie die Vgel, so wrde diese Sehnsucht nicht wach sein, die
jetzt uns bewegt, immer dran zu denken, und so unsern Geist befiedert, mit dem
wir einst fliegen werden; denn alles Denken ist doch das im Geist, was das
Wachsen und Treiben in der Natur ist. - Nun weit Du auch, warum in meiner
botanischen Taufe der Storchschnabel die Zepterblume heit. - Mein botanisch
Heft hat sich schon vergrert bis zur siebzehnten Pflanze, die ich genau
beobachtet und so bezeichnet hab, wie mein Beschauen es mir lehrte, bald ist's
das Blatt, bald die Krone oder Wurzel, bald die Form der Staude, die mir
irgendein Rtsel lst oder eine Zauberformel aufgibt; dem alten Wei bring ich
meine Exemplare, er mu sie mir einlegen und sauber ordnen; im Anfang meinte er,
ich spae, als ich ihm meine neue Botanik vortrug, als ich aber ganz ernsthaft
dabei blieb, da wie andre eine Botanik geschrieben, so knne ich auch eine
schreiben, so sah ich ihm heimlich an, da er mir meine Kinderunschuld nicht
verderben wollt und sich hineinfgte, ich las ihm meine Entdeckungen vor,
besonders erfreute ihn die Geschichte der Kuhblume, die ihren Samen wie eine
Sternenkugel ausdehnt, und von der ich ihm zu verstehen gab, da die Sterne wohl
auch mit einer so feinen Rhre auf dem Samenschaft der Gottheit haften, wenn die
ausgeblht hat und einer zuweilen dahin fliegt, um in einem neuen Boden zu
blhen, und da alle Himmelskrper reifende Samen sein knnten. - Der Wei sagt:
tolle Vergleiche, aber sie machen mir Freude und rcken mir die alte Pelzmtze
vom Ohr und wehen mir frische Luft zu; so bring ich denn manches zum Vorschein,
woran ich nicht gedacht htt, blo um den alten Nachbar in Verwundrung zu
setzen; es ist doch schn von ihm, da er sich zu solchen Dingen, die er
Narrenspossen nennt, so gerne hergibt. - Manchmal ruft er aus: das geht ber
alle Unmglichkeit hinaus. -
    Mit dem Erdbeermdchen bin ich noch einen Nachmittag im Freien am Waldrand
gewesen, wo wir Feuer machten, und wo die Sonne glhendrot unterging und wir
durch die einsamen Felder auf dem Heimweg sangen, da hab ich ein paar schne
Lieder entdeckt, es hatt ihrer gewi noch manche im Kopf stecken, Melodien, die
wie durch einen Magnet mit dem Inhalt zusammenhngen, die tragen eines durchs
andre die Stimmung auf einem ber. -
    Heute erhalte ich einen Brief von Dir, die Claudine schrieb mir, da sie
Dich schreibend getroffen, schon am zweiten Blatt, ich wei, da, wenn ich
meinen Brief jetzt fortschicke, da mir der Bote einen zurckbringt, ich freu
mich, unterdessen will ich auf den Turm laufen und meine freudige Ungeduld mit
den Geistern verjackern. -
                                                                         Bettine


                                An die Gnderode

Ich habe groe Liebe zu den Gestirnen, ich glaub, da alle Gedanken, die meine
Seel belehren, mir von ihnen kommen. Auf die Warte zu gehen mchte ich keine
Nacht versumen, ich dchte, ich htt ein Gelbde gebrochen, was sie mir
auferlegten, und sie htten dann umsonst auf mich gewartet. Was mir Menschen je
lehren wollten, das glaubte ich nicht, was mir aber dort oben in nchtlicher
Einsamkeit in die Gedanken kommt, das mu ich wohl glauben. Denn: der Stimme vom
Himmel herab mit mir zu reden - soll ich der nicht glauben? - Fhl ich denn
nicht ihren Atem von allen Seiten, der mich anstrmt? - Das ist, weil ich hier
einsam in der Nacht ihnen so ganz vertraue. Ich gehe den Weg, der mich ngstigt,
um zu ihnen zu gelangen, ich komme zum dunklen Turm, da zittert mir das Herz,
ich steig hinauf mit solcher Beklemmung - und auf der obersten Sprosse, wo ich
mit der Hand mich aufsttzen mu, um mich hinaufzuschwingen, da ist mir schon so
leicht, - da leuchten mir alle Sterne entgegen, - und wen ich liebe, befehle ich
ihrem Schutz, und Dich zuerst. - Wenn ich um Dich betrogen wrde, dann wr's aus
mit ihnen. - In den Schnee, der oben auf der Warte liegt, schreib ich Deinen
Namen, da sie Dich schtzen sollen, das tun sie auch gewi. - Dann setz ich
mich auf die Brustwehr und verkehr mit ihnen lustig, nicht traurig. Du denkst
wohl, ich wr da feierlich gestimmt? Nein, sie necken mich. Hast du das Herz,
da auf der schmalen Mauer im Kreis herumzulaufen, vertraust uns, da wir dich
nicht herunterfallen lassen? - so fragen sie; und denn ist's, als knnt ich sie
mit der Hand greifen, so nah sind sie mir. Denn wenn ich auf ihren Wink das
Leben in ihre Hut geb, das mu mich mit ihnen vertraut machen. Ich wei wohl,
was Menschen denken wrden von mir, wenn die so was wten, ich sag Dir aber, es
ist eine Saat, die sie mir ins Herz sen, das hlt so still und ist so hingebend
wie das Erdreich, und es sammelt seine Krfte, diese Saat zu nhren. Meinst Du,
ich wrde je zagen vor dem Geschick, wenn ein guter Geist mich heit vorwrts
gehen? - Gewi nicht! Die Sterne haben's in mich geset, dies Vertrauen in das
Rechte, ins Groe, was so oft unterbleibt aus Mangel an khnem Mut. Das ist die
Blume dieser Saat, die blht hervor: und meiner Brust prgt sich ein, da ich
nicht mehr nach der Menschen Rat frag, oder auf ihre Meinung, ihren Willen mich
berufe und mich so meiner inneren Stimme entziehe, die mir vielleicht befiehlt,
was mich gefhrdet, aber mir das Reine, Echte, Groe, was auf kein Gerste der
Falschheit sich sttzt, sondern rein aus der Brust mit Gottes Stimme einklingt,
als heiligen Gegensatz aller menschlichen Vorsicht darstellt. Ein Inneres sagt
mir: Wie du den Sternen zusagst, - so sage der innern Stimme auch zu, der nicht
umsonst ein so dringender Laut eingeboren, die fhlbar macht das Unvershnliche
einer fremden Handlung mit diesem heiteren Umgang der Natur. Nie knnte ich
etwas tun, wo nicht mein eigner Geist ja dazu sagte, und nie sollten mich Folgen
krnken, schienen sie auch noch so herbe, wren sie diesem Vertrauen in die
innere Stimme entsprungen. - Denn Erdenschicksal! - Was ist Erdenschicksal? -
Erhaben kann der Menschengeist nie genug handlen! - Alles kleinliche Denken und
Treiben ist weit greres Elend, vergeudet viel edleres Gut, als mir je knnt
aus Schicksalstcke geraubt werden. Aber gro handlen heit nichts als die reine
Gewissensstimme mit der Harmonie der Geister, der Sterne, der Natur einklingen
lassen; klingt sie nicht ein mit ihr, so kann ich nimmermehr mich zu ihr wenden,
nicht den Mond mehr zur Rede stellen, nicht die Sterne, nicht die Nebel, nicht
die Finsternisse mehr durchwandlen und mit Geistern flchtig durch Wies' und
Fluren schweifen wie mit bekannten und vertrauten Mchten; ich hab kein lebendig
Gefhl mehr zu ihr, zur Natur. Bescheint mich die Sonne, so ist's nicht, weil
sie ihren Geist auf mich richtet und meinem Durst den Kelch der Wahrheit von
ihren Strahlen erfllt darbietet, und berschau ich wie heute die frisch
gefallne Schneedecke ber die Weite hingebreitet, so kann sie mich nur traurig
anglnzen, die das Licht der Sterne so rein in ihren diamantnen Flchen
spiegelt; und in meinem Geist, der von Gott gebildet ist, sein Bild aufzunehmen,
ist dann dies Licht erblindet.
    Was soll's, ob Jugend oder Alter mein Leben genannt werde, wenn die Natur
ihre Sprache mir lehrt, die Geduld nicht mit ihrem Jnger verliert, wenn alles
von Tag zu Tag feuriger mich begeistert bis zum letzten Tag! Welcher von denen,
die mir Jugend absprechen, wird so elektrisch aufblhen, auf welchem Herd werden
so hohe Flammen lodern, und wo wird des Lebens Flle in hohen Wellen dahin sich
ergieen als in meinem Lebensstrom? - Lasse sie doch, die was wissen von Jugend,
lasse die kalte Welt, die dich berechnet, kleinlich nach Jahren sagen, Du seist
alt oder jung, - wer der Natur vertraut, der lt von ihr sich umschmelzen,
sooft und wie sie will.
    Willst du was, sagen die Sterne, komm zu uns. - Das gelobe ich ihnen. -
Wo sollt ich mich auch sonst noch hinwenden? - Wo sollt ich suchen? - Keines
Menschen Arm ist so zrtlich umfassend als der Sterne Geist, er umfat mich und
Dich, denn wenn ich mich sammle innerlich, so hab ich Dich im Sinn. Was ich mit
ihnen spreche, das hr ich nicht, ich les es auch nicht, es ist ihr Geflimmer,
das wirkt mir's ein, und mit meinem Zutrauen versteh ich's; - und wer knnt mir
meinen Glauben nehmen? - Und wenn einer balsamtrunken ist und fhlt's in den
Adern, wie knnt der zweifeln? - Es ist auch nicht, da sie mir treffende
Wahrheiten mitteilen, oder da ich was vernehm im Geist, was mir wie Weisheit
dnkt. - Sie nicken nur meinen geheimen Wnschen Gewhrung, - Du weit wohl, was
das ist. - Innerlich siegend wegfliegen ber alles; uerlich nicht erkannt,
nicht verstanden; ja lieber verachtet als nur ahnen lassen, wie es ist. Diese
gttliche Dreieinigkeit zwischen mir und Dir und den Sternen. - Wenn ich fr
Dich mit ihnen was vorhab - ich streck die Hnde aus zu ihnen, sie wissen's. -
    Dein Brief hat heute einen Geisterring um mich gezogen, Du hast mich in
einen tieferen Kreis eingelassen, das macht mich wehmtig und doch macht es mich
eiferschtig auch, ich empfind, da Du mich hinter Dir lt, wenn Du mit Deinen
groen weiten Flgeln Dich aufschwingen wolltest. -
    Du hast recht in allem, was Du sagst. Das heit, ich versteh Dich, - aber es
drngt sich mir ein Gefhl auf, ein schmerzliches, das berwiegt alles Groe,
was Du mir ber Dich sagst, allen heiligen Rat, den Du mir ber mich gibst. -
Der Freund, der weit ber Land reisen wollt, wrde so sprechen zum Abschied! Es
ist nicht wie Deine frheren Briefe, die mitten drin sind im Spiel meiner
Gedanken, Du stehst auf der Hhe, bersiehst alles, befiehlst mir alles an, als
wolltest Du von mir scheiden. Du sagst zwar, was ich von Dir schreibe, habe Dich
gerhrt, darum seist Du mir nher gerckt, und es ist auch eine tiefe Harmonie
in dem, was Du von Dir sagst, mit meinem Gefhl von Dir, aber mich macht's
traurig, da Du willst, ich soll dem Clemens mehr schreiben, ich soll Dir
heilige Versprechungen geben meiner Natur treu zu bleiben, und am meisten tut
mir's weh, da Du so deutlich die Verschiedenheit unserer Geisteswege
bezeichnest und Dir den angestrengten dornenvollen aneignest, von mir aber
sagst, ich drfe mich nicht bemhen, ich sei in dem Land von Milch und Honig.
Soll ich nicht mit Dir sein, soll meine Milch und Honig, meine Frchte nicht Dir
darbringen, fr wen fliet dann diese Milch und Honig? - Ach, wenn nur diese
Dreieinigkeit fortbesteht zwischen Dir und mir und dem Geist, der dem einen und
dem andern mitteilt fr beide, so bin ich befriedigt fr immer, und mag mir
geschehen was da will, nur das Schicksal soll sich mir nicht aufdrngen, was
diese Dreiheit scheidet. - Mit Deinem Brief ging ich auf die Warte. - Zu wem
soll ich gehen, mit wem soll ich sprechen von Dir? - Mit welcher Sehnsucht ging
ich hinauf, und die Sterne! - Wie verwirrte mich da oben ihr Drngen um mich
her, immer hher und hher hinauf unzhlige, und alle winkten, soweit mein Auge
reicht, und so ist's mit jedem Tag mehr, da ich mich an sie wenden mu, und was
Traum war, mu mit der Wirklichkeit vermhlt werden, wenn ich mir durchhelfen
soll. So ist's, wenn der Keim durchbricht, da gengt nicht mehr Wasser und Luft
und Erde, da ist kein Wahrscheinliches mehr, kein Unwahrscheinliches, da ist
kein Rat, kein Beweistum mehr gltig. -
    Glaube ist Aberglaube, - aber Geist ist Glaube. - Da knnte einer fragen,
was mein Vertrauen in die Sterne ist, wenn nicht Glaube, und also Aberglaube?
Zwischen den Sternen und mir ist nur der Geist, ich fhl's, alle sind Spiegel
des Geistes, der aus meiner Brust steigt, sie fangen ihn auf und strahlen ihn
zurck; was Du denkst, das einzig ist die Wahrheit, sagen sie, klemme nicht
Deine Flgel ein, fliege so hoch und so weit Dich deine Flgel tragen, ihre
Kraft zu proben ist nicht Snde; wie der Kolumbus dahinfuhr auf uferlosem Meer,
so frchte Du nicht die Ufer aus dem Aug zu verlieren, an denen Menschenwitz
gelandet und furchtsam sich dran festklammert; nicht umsonst ist Gott berall,
so darf der Menschengeist auch berall sein; denn er trifft mit Gott zusammen in
der ungangbaren Wste; das Umherschweifen nach einer neuen Welt, die Deine
Ahnung Dir weissagt, ist nicht Snde, denn der Geist ist geschaffen, der Welten
unzhlige zu entdecken, und diese Welten sind, und sind das Leben des Geistes,
ohne diese wrde er nicht leben, denn des Geistes Leben ist Welten zu entdecken,
und der Welten Leben ist im Geist aufzusteigen. Denn alle sind im Geist geboren,
die wollen zu Schiff und fort, um neue Welten zu entdecken. Aber die
Menschenfurcht ist so gro vor dem Geist, da sie den Hafen sperrt, und duldet
nicht, da er die Segel ausspanne, sondern alle rufen: Steiniget ihn, steiniget
ihn, denn seht, er will den Hafen verlassen, in dem wir gelandet sind, und so
steinigen sie ihn und tten ihn, eh sie zugeben, da er den Hafen verlasse,
damit nie Gottes Weisheit den Menschenwitz auf freiem Meer geleite; denn sie
wollen der neuen Welten keine zugeben, aber gewi: so unendlich der Sterne Zahl,
so unendlich auch die Welten, die der Geist noch zu entdecken hat; und wie aller
Sterne Licht zu uns aus weiter Ferne niederstrahlt, so strahlt aller Welten
Geist herab in den Menschengeist, und dies Licht ist der Keim, der aufgeht im
Geist, da er die Welten des Geistes entdecke. - Und wie alle Wahrheit Fabel
ist, das heit Gottesverheiung in der krperlosen Geistigkeit der Idee, und wie
alle Geschichte Symbolik ist, das heit Gottessprache mit dem Menschengeist, um
ihn auf die Wahrheit steuern zu lehren, so ist denn auch die Geschichte des
Kolumbus ein gttlich Bereden und Berufen des Menschengeistes, seine Segel
aufzuspannen und khn auf jene Welt loszusteuern, die er, sich selber
weissagend, sehnschtig erreichen mchte; - und die Fabel dieser wahrgewordnen
Ahnung ist die Verheiung, da auch der Menschengeist glcklich landen werde,
wenn er seinem Mut vertraut, denn wie wollten wir den Mut wecken und erziehen in
uns, vertrauten wir nicht der eingebornen Kraft - dem Genius. Was Tugend ist,
hat keine Grenze, es umspannt die Himmel, wir knnen ihm kein Ziel setzen: so
knnen wir dem Geist kein Ziel setzen, er ist gttliche Kraft, und dieser
vertrauen, das ist der Geisteskeim, der ins Leben tritt. Was aber der Mut
erwirbt, das ist immer Wahrheit, was den Geist verzagen macht, das ist Lge. -
Verzagtheit im Geist ist gespensterhaft und macht Furcht. - Selbstdenken ist der
hchste Mut. - Die meisten Menschen denken nicht selbst; das heit, sie lassen
sich nicht von der Fabel des gttlichen Geistes belehren, die alle Wirklichkeit
durchleuchtet und zur Hieroglyphik sie bildet, durch deren weisheitbewahrende
Rtsel der Mensch hinauftreibt zur Blte und sich zeitigt in ihr, da er
vermge, neue Welten organisch zu durchdringen und so sich selber ewig und ewig
bis zur Gottheit zu erziehen. - Aber im engen Hafen eingeklemmt, aus Furcht vor
dem Scheitern, da wird er die Gottheit auf hohem Meer nicht erkennen. Und ist
doch alle Geschichte Symbolik, das heit Lehre Gottes, und wenn das nicht wr,
so wrde den Menschen nichts widerfahren. Wer wagt, selbst zu denken, der wird
auch selbst handeln, und wer nicht selbst denkt, nicht aufs freie uferlose Meer
steuert mit seinem Geist, der wird die Gottheit nicht selbst erreichen, nicht
selbst handeln, denn sich nach andern richten, das ist nicht handeln, handeln
ist Selbstsein, und das ist: in Gott leben. -
    So hab ich heute gedacht auf der Warte, weil mich Dein Brief ergriffen hat;
ein Zorn ist in mir aufgelodert, der mir diese Gedanken zurief, es ist ein
Fordern an Dich, Du sollst Dir und mir treu sein, da ein Geist sich mit uns
beiden eingeschifft hat, so verla seine Flagge nicht, der Eid, den Du
geschworen, heit: freudiger Mut, da Geist in ihm nimmer verloren gehen kann und
auer ihm aber erstirbt. - Nun versteh mich da heraus. - Der Traum leuchtet zu
stark in mich hinein, als da ich nicht etwas verwirrt sollte reden mssen. -
Ich kehre zurck in tieferen Schlaf; - wo ich's nicht mehr fasse wie eben, was
in mir webt und will. - Wie wr das Wunderbare mglich? - Ja wohl! Wie wr der
Geist mglich in der Menschenbrust, ohne alle Sterne? - Sie alle leiten ihr
Licht in ihn, sie alle sind seine Erzeuger, sie alle richten sich nach ihm, der
in der Brust wie in der Wiege liegt, und sind Hter seines Schlafs; so er
erwacht, so nhrt er sich von ihrem Geist, schlafend saugt er ihr Licht. Und
siehst Du, ich spanne die Segel auf und fahr vorwrts und sprenge die Ketten,
die den Hafen sperren, denn mein Wille ist, dem Gott auf offnem Meere zu
begegnen, und dieser Wille ist rein und frei von Snde, so ist er die Wahrheit
und kann nicht trgen und wird Gott finden. - Mein Geist wacht noch nicht, er
schlft aber doch unter ganz leiser Schlummerdecke, wie ein Kind mit sem
Bewutsein schlft in der Sonne und fhlt ihren Schein.

                                                                      Donnerstag

Ich mu Dir alles sagen; alles was mit luftiger Eile sich mir durch den Kopf
schwingt. - Ist mir's doch, als fahren wir auf Wolken dahin, und meine Worte
verhallen in der Weite, aber ich mu Dir rufen - wie ich Dich dahinschwimmen seh
am Himmelsozean, als htten Dich die Winde aufgerafft - und mich auch, und als
flg Dein Wolkenpferd weit vor mir; - meine Stimme flattert an Dich heran: Du
hrst doch? - So hell der Mond auch scheint im unendlichen Blau der Nacht, das
Dich dahinnimmt? - Es gibt nichts wie die Liebe! - Doch weit Du wohl! -
Menschen unterscheiden zwischen Lieb und Freundschaft und zwischen besonderer
Treue fr diesen oder jenen, aber nicht ich und Du? - Was spricht mich an? - Das
sag mir doch? - Vielleicht der Dmon - der findet mich hier auf der einsamen
Warte und spricht mit mir von Dir - und lehrt mich beten fr Dich. Dich denken,
wie Dein Geist sich hher und hher entfaltet, das ist beten. - Und warum wt
ich von Dir, wie Du bist, nach was Du drstest, warum vernehm ich Dich so tief
und fhlte Dein Sein? - Lieb will ich das nicht nennen - wenn's nicht ist, da
ich vor Gott Dich aussprechen lerne? - Denn alles Sein ist Geist Gottes, und
Geist will sich aussprechen, sich in den Geist bertragen, und die Sprache ist
der Widerhall, das Gedchtnis des Seins. Ich spreche Dich aus vor Gott, so ist
mein Gebet rein vor Gott, so hat es mich Dein Genius heute gelehrt oben auf der
Warte, - und hab ruhig, wie Du bist, mit den Sternen berlegt; und dann hab ich
Deinen Namen eingezeichnet in den Schnee; und dann den Namen des Knigs der
Juden, der kindlich zu Gott ruft: Vater! hab ich Dir als Wchter
hinzugeschrieben und dies Zeichen von Dir im kalten Schnee; da ist Dein Geist
frei von bsem Wahn, da oben in reiner kalter Luft, die Dich anweht. Und der
Geist Gottes ber Dir, und der menschgewordene Geist der Liebe Dich umschwebend
- da Du sein mut - und nicht Dich aufgeben wollend auf dieser leuchtenden
Bahn. - Ja, so mu es sein, denn Du bist ein Schokind Gottes, denn wenn ich in
der kalten Nacht hinaufseh, dann seh ich Dich sanft hinaufschreiten, als sei es
Dein gewohnter Weg, und gehest ein und vorwrts, aber Dein Geist verzweifelt
nicht. - Leb doch wohl, jetzt bin ich wieder still - und frchte nichts fr Dich
- eins will ich Dir sagen von meinen Briefen, ich lese sie nicht wieder - ich
mu sie dahinflattern lassen wie Tne, die der Wind mitnimmt, ich schreib sie
hin, versteh's, wie Du willst, sie sind ein tiefes Zeichen, wie mein Geist durch
den Deinen schreitet und von ihm wieder durchdrungen wird, und sonst ist's
nichts. - Und wenn es kein Geist ist, was ich damit mein, so ist's Ton -
Geschrei meines Herzens nach Dir hin, es verhallt oder es dringt bis zu Dir, -
da denkst Du, das ist der Bettine ihre Stimme, das ruft Dich auf, da Du im
Geist meiner wahrnehmest, wie kann ich anders mit Dir reden, was kann ich Dir
zurufen? - Was versteht sich zwischen uns, als nur allein die Modulation des
Gefhls, das andre wissen wir ja alle schon. -
                                                                         Bettine


                                 An die Bettine

Du wirst mir doch nicht bel deuten, da ich mich ein wenig vor Dir frchte? -
Und machst mir auch Furcht vor mir selber! - und dann frchte ich auch fr Dich,
nimm Dich um Gotteswillen in acht, da Du nicht fllst. Deine Turmbegeistrungen
erfreuen mich, aber ich will gewi sein, da Du keiner Gefahr ausgesetzt bist,
sonst machst Du mich krank, schreib mir gleich, da Du nicht mehr auf der Mauer
herumlaufen willst, sonst kann und will ich nichts mehr von da oben hren, mir
war's wohlttig, Deine Stimme von da oben herab, so frei und leicht wie Wolken
jagen, zu vernehmen, aber wollt ich doch, der Turm fiel eines Morgens ein,
lieber als da du am End in der Nacht selbst herunterfllst. - Ich wei nicht,
bist Du das Spiel bser Dmonen? - Oder sichern Dich die Guten, so gib ihnen
wenigstens nicht so viel zu tun, die bis zu mir dringen, ich soll Dich mahnen,
nicht zu freveln. Liegt darin nicht schon der Beweis, da sie Dich nicht
schtzen knnen? - Nehme ich Deine Weissagungen in mich auf und ergrble das
Tonspiel Deines Geistes, in das der Zufall so oft eingreift wie der Wind, der
alle Tne auseinandersprengt, und sammle gern, was Du zerstreuest in die Lfte:
so folg mir doch auch - und ich bitte Dich darum, sonst kann ich nicht ruhig
denken an Dich; - aber wenn Du es nicht lassen willst, oder wie Du meinst, da
Du es nicht lassen kannst, dann schweig lieber ganz, oder wie soll ich's machen,
da ich die Furcht berwinde, Du mchtest elend und unwillkrlich da hinab ins
Grab strzen.
    Du hast eine Bangigkeit um mich, als lge mir was Trauriges im Sinn; das
solltest Du ja nicht - es war im Gegenteil ein ganz freier Augenblick, wo alle
strenden oder zerstreuenden Bilder erblat waren, wo ich mit hellen Sinnen mein
Inneres vor Dir aufschlo. -
    Warum ich Dich mahnte, an den Clemens zu schreiben, das will ich Dir hier
offenbaren. Du sagst, Du liebst den Clemens, der Idee nach kann ich ihm auch
herzlich gut sein, allein sein wirkliches Leben scheint mir so entfernt von
demjenigen, das ich ihm dieser Idee nach zumute, da es mir immer ein wahres
rgernis ist, deswegen kann ich auch nie eine feste Ansicht ber ihn haben, -
aber in Deiner Liebe zu ihm fasse ich auch wieder Glauben zu ihm und habe eine
Art Zutrauen zu einem inneren Kern in ihm, der nur durch allerlei Unarten
verborgen und zurckgehalten ist, wie wenn ein gesunder und reiner Born sich
teilweise im Schlamm und Sand versickert; nun mein ich, Dein Schreiben an ihn
rumt diese trbenden und schmlernden Hindernisse wohl hinweg, da Du so grade
an sein Herz gehest, wo ich vielleicht zu ungeschickt bin, durchzufinden. Es ist
nur der Wille, mich selbst besser zu ihm zu stellen, und alles, was sich immer
durch seine Briefe aufs neue zwischen uns drngte, zu berwinden, warum ich
wnsche, da Du ihn nicht versumst; dann ist es auch mein Gewissen, was mich
auffordert, da Dich ihm nichts entfremde, denn wenn ich ihn je als treu und
aufrichtig fassen kann, so ist's Dir gegenber; um so mehr mu ihm dies erhalten
bleiben, es ist die Quelle, aus der er verklrt aus dem Bad steigt. Hier hast Du
seinen Brief an mich, was er von Dir sagt, ist so aufrichtig natrlich innig;
aber das andre ist um so wunderlicher, da es mir ganz seltsam vorkam. Ich
bestrebe mich immer, wenn ich an ihn schreibe, sehr falich zu sein und ganz
wahr, allein es ist, als msse grade dies dazu dienen, die verkehrtesten
Ansichten bei ihm ber mich hervorzubringen, es war mir, als ich den Brief
gelesen hatte, und ist mir noch so, als ob er gar nicht fr mich geschrieben
sei. - Aber wenn ich ihm das schreibe, so mu ich schon gewrtigen, da er es
fr eine knstliche Anstalt halte, obschon ich ihm versichere, da es ganz von
selbst so gekommen, denn er kann sich wohl unmglich denken, da sein tieferes
Eingehen auf meine Natur, wo er mich lobt, und wo er mich tadelt, mir ganz fremd
erscheine. - Ich verstehe nur den Augenblick, in dem er mir geschrieben hat; -
ich bin berhaupt nie weiter gekommen, als seine Augenblicke ein wenig zu
verstehen, von dieser Augenblicke Zusammenhang und Grundton wei ich gar nichts.
Es kmmt mir oft vor, als htte er viele Seelen, wenn ich nun anfange, einer
dieser Seelen gut zu sein, so geht sie fort, und eine andre tritt an ihre
Stelle, die ich nicht kenne, und die ich berrascht anstarre, und die statt
jener befreundeten mich nicht zum besten behandelt, ich mchte wohl diese Seelen
zu zergliedern und zu ordnen suchen. Aber ich mag nicht einmal an alle seine
Seelen denken, denn eine davon hat mein Zutrauen, das nur ein furchtsames Kind
ist, auf die Strae gestoen; das Kind ist nun noch viel blder geworden und
wird nicht wieder umkehren, darum kann ich ihm auch nicht eigentlich von mir
schreiben; sein Brief an Dich, ber Wahrheit, hat mir viel Freude gemacht, und
zugleich seh ich hell, was mir vorher nur dunkel und schwankend war, ich kann
ihn viel besser durch Dich verstehen und ihm gerecht sein, und auch liebend, wie
er es zu bedrfen scheint. Das alles macht mich wnschen, da, was ich ihm
liebend antun kann, durch Dich befrdert werde, sprich ihm von mir, wie ich ihm
recht natrlich vorkommen mu, da es sich gut zwischen uns gestalte, denn durch
unmittelbare Berhrung kann nichts werden.
    Savigny hat mir selbst geschrieben, tue mir doch den Gefallen und schicke
mir gelegentlich die bersetzungen ins Franzsische, von denen er mir gesagt und
sie mir auch versprochen hat. -
    Und nun mcht ich wohl diesen Raum an Papier hier mit etwas ausfllen, was
Du nicht erwartest, weil es etwas Altes und oft Wiederholtes ist; aber doch
liegt es mir auf der Zunge und auch immer im Geist, wenn ich Deine Briefe lese,
mit denen mir's freilich ganz anders geht wie mit denen von Clemens, wo ich nur
nachsinne und berlege, whrend ich bei den Deinen nur empfinde und zwar so
wohlttig, als kme mir ein Luftstrom aus dem gelobten Land. Um so mehr wird
Dich befremden, wenn ich frage, aber was wird bei Deinem zwischen Himmel und
Erde Schweben, aus der Musik, aus dem Generalba, aus der Komposition? - Ist es
nicht dumm, da ich so frage? - Aber bedenk, wieviel Genu es Dir schon in
Offenbach gewhrte, was Du Dir selber und dem, was Dir lieb war, schon zu
Gefallen tun konntest, wie wohlttig wirkte es auf Dein Aufbrausen, wie oft
beschwichtigtest Du es damit, wie schn vershntest Du oft Deine Stimmungen in
dem Unerreichbaren durch Dein Singen, - und was hast Du mir alles selbst
beglaubigt, wie tief Musik in Dich eingreife; sollte nun auf einmal dies alles
verschwunden sein? Oder hast Du nur versumt, mir drber zu schreiben? - Lebe
wohl, Liebe, und ermde doch nicht mir zu schreiben.
                                                                        Caroline

Deine Kolumbusansicht erfreut mich ungemein und macht mich ganz scharfsinnig, -
schicke dem Clemens Deine rhythmische Vision, es macht ihm vielleicht Freude,
ich empfinde darin mehr lebendige als gemalte Flamme, schon fliet die
Abendschilderung und das Ganze aus lebendiger Erinnerung, die prophetischer Sang
dem Untergang der Welt ist und dem neu erblhenden tausendjhrigen Reich
erwartet. Prophezeit doch Apoll auch aus der Vermhlung der Poesie und
Philosophie. Ich erinnere mich noch des seligen bermuts in dem Liede von Arnim:
Wie der trunkne Pag in warmen Nchten in geheimnisvoller Liebe Mantel wohl
verkappt der Herrin Lager suchend, taumelnd in die Hhle war geraten, wo die
Lwin ihre Jungen sugte.

                                An die Gnderode


Hab ich Dir denn nicht vom Koch erzhlt, der mich wchentlich zweimal kreuzigt
mit dem Generalbaunterricht? - und da er mir alles korrigiert, was ich
komponiere? - Er schneidet mir alles zurecht, bis nicht ein Ton mehr, nicht ein
Taktteil am alten Fleck sitzt, und wenn er's so weit verputzt hat, da es sich
ausnimmt wie ein geschorner Blumenstrau, so hngt er ihm noch Manschetten an
aus seiner eignen Garderobe. Arnims irdische Lieder werden da heilige Mrtyrer
unter meinem Musikstudium, und ihre Seligkeit kann ich weder durch Vor- noch
Nachspiel ausdrcken und trste mich damit, da Seligkeit etwas ist, was nie
eines Menschen Ohr gehrt hat. - Aber mit meiner Musik geht es im ganzen
schlecht, das leugne ich Dir nicht, das ist aber nicht far niente, es ist
unberwindliche Schweigsamkeit in meiner Kehle, ich mu vermuten, da fr die
Menschenarten wie die Vgelarten gewisse Zeiten gibt im Jahr, wo sie den Drang
zum Singen haben. In Offenbach, das war im Juni und Juli, da wacht ich gleich
mit Singen auf, und abends stieg ich immer hoch, wie die Vgel in den besonnten
Gipfel fliegen, um der scheidenden Sonne nachzusingen, da war der Taubenschlag
meine Tempelzinne, da kamen mir Melodien, sie entsproten aus leiser Berhrung
zwischen Ton und Gefhl, sie lsten die Fesseln dem, was in meiner Brust wie im
Kerker schmachtete, dem gaben sie Flgel auf einmal, da es sich heben konnt und
ganz frei ausdehnen. - Ich hab oft darber gedacht, da Musik so leicht und
gleichsam von selbst sich melodisch ins Metrum fge, die doch vom Verstand weit
weniger erfat und regiert wird wie die Sprache, die nie ohne Anstrengung das
Metrum des Gedankens ergrndet und entwickelt. Die Melodie, die so in der
Singezeit auffliegt, in sich fertig gebildet, der Kehle entsteigt, ohne von dem
Geist gebildet zu sein, ist so berraschend, da sie mir als Wunder erscheint. -
Ist die Sprache eine geistige Musik und noch nicht vollkommen organisch
gebildet? - Und Dichterdrang ist der Trieb des Sprachgeistes, sich zu reifen? -
Sollen vielleicht Gefhl, Empfindung, Geist ineinander durch die Sprache der
Poesie organisch verbunden werden als selbstndige wirkende Erscheinungen? -
Haben Gedichte nicht geistige Verwandtschaften? Nicht Leidenschaften? Reit ein
Gedicht nicht das andere mit Flammenglut an sich, sind Dichtungen nicht bloe
Begeistrung, heie Leidenschaft freinander? - Spricht ein Gedicht Liebe aus,
dann mu es ja in sich liebend sein, - es entzndet ja! - Ich mu ja jeden
Gefhlsschritt, jeden Atemzug mitleben, ich lieb ja so hei wie die
gedichterzeugende Begeistrung der Liebe.
    Es wr Frevel, wollt ich dichten, weil ich den Wein trinke und im Rausch den
Gott empfinde. Weil der Vergtterungstrieb des Geistes mich durchschauert. Ich
kann's nicht erzeugen, das Gttliche, so sag ich Dir, und doch - es ist mir
gewi, da ich es inbrnstig liebe und es auch im einfachsten Keim erkenne, aber
ich selbst werd nicht Lieb erzeugen so wenig als ein Gedicht, ich fhl's, und es
liegt auch ein geheimer Widerspruch in mir, da ich nicht gestrt sein will in
der inneren Werksttte meines Geistes, durch Gegenliebe.
    Es begegnet mir aber nichts oder wenig in der Menschenwelt, was einfach
genug ist, was ganz reiner Lebenstrieb ist, - was mich rhrt, wie der Grashalm,
- die frischen Spitzen der Saat, ein Vogelnest mit Treue gebaut, das Blau des
Himmels! - Das alles ergreift mich, als ob's menschlich wr, und inniger wie das
Menschliche, und die Entzckungen, die es mir erregt, von der Natur berhrt zu
sein, sind, als ob es eine mich mitfhlende Gewalt berhre, und das wird wohl
der liebende Inhalt meiner Seele sein und nichts andres.
    Es wird Dichtung meiner Natur sein, da ich so liebe; - aufnehmend,
hingebend, aber nicht aufgenommen werdend. - Drum! Es ist die Liebe, die dichtet
den Menschengeist, und des Gedichtes Inhalt ist Liebe ohne Gegenliebe - die
hchste elektrische Kraft! - Geistestrieb! - - Der meinige! - -
    Vielleicht sind Naturen Gedichtkeime, sie sollen ohne Fehl sich entwickeln,
und ist das ihr einziger Beruf. Ich wollt, ich sprot aus einem groen
Dichtergeist, der allerhaben fhlt und menschlich doch auch; - keine ppige
schwrmende Aufregung, nein se Naturkraft, selbstbewute - gefhlige, - die
aus Innigkeit mich erzeugte, - aus beglckendem Reiz des Frhlingslichts! Ja,
ich wollt, ich wr kein schlecht Gedicht. Gedrngter quellet Zwillingsbeeren und
reifet schneller und glnzend voller! Euch brtet der Mutter Sonne Scheideblick,
euch umsuselt des holden Himmels fruchtende Flle; euch khlet des Mondes
freundlicher Zauberhauch, und euch betauen - ach, - aus diesen Augen, - der ewig
belebenden Liebe vollschwellende Trnen. - Dies Gedicht, ist mir's doch, als sei
ich es! So reifend unter den Berhrungen der Natur und unter den Trnen des
Dichters. Und wie oft hab ich in der Singezeit dies Lied gesungen und mich ganz
drin gefhlt, die wachsende Beere, die der Tau der Liebestrne nhrt, der nicht
ihr geflossen ist.

                                                                          Montag

Gestern waren wir in der Elisabetherkirch, der Reif um den Turmknopf war von der
Sonn zum Diamant umgeschmolzen, in allen kleinen Rosetten hingen Diamanttropfen;
und der Kreis von Rosen, der um die Pforten in Stein sehr fein gemeielt ist,
war ein Diamantkranz! Die Kirch sah aus wie im Brautschmuck. Auf dem Kirchhof
spielten die Wipfel im spiegelnden Geschmeide. Die Kirch, von der Wintersonne
auen so herrlich geschmckt, war so still innen, so einsam helldunkel, und der
Teppich, von den heiligen Hnden der Elisabeth gewebt, lag vor dem Altar,
erblat von Farben ohne Prunk, nicht dem Aug erfreulich, nur die Seele rhrend;
und da sah ich mich um, da nur ein blinder Mann an der Tr sa, sonst war die
Kirch leer. Da fhlt ich mich elektrisch berhrt, wie's der Geist der Poesie mir
tut. Herbstgefhl? Ja - sollt ich meinen Erzeuger nicht lieben? - Die ich im
Tau seiner heien Trnen mich wachsend fhl! - Es beredet mich in der Einsamkeit
der Geist der Poesie, wenn der Mond mich anhaucht da oben in den Nchten, und
die Luft spielt um mich, dann fhl ich den Dichter ber mir, der um Gedeihen fr
mich fleht zu ihnen, und gibt die vollschwellende Trne hinzu. Nur den
Zwillingsbeeren, die frisch und kindlich zu ihm aufstreben, keinem andern
schenkt er der ewig belebenden Liebe Tau, so kann ich ja nichts anders sein
wollen als die herbe Traube, die milde reift von seinen Feuertrnen; ich hab
mir's einmal so gesagt und sage mich nicht davon los, wie es auch mein inneres
Sein ausspricht und mein Schicksal unter den Menschen.
    Es ist ein groer Unterschied zwischen den Geistern der Poesie. Manches ist
die Natur selbst, die mit deutlichen sinnlichen Worten mich anredet, manches ist
vom Genius nach allen Richtungen geprfter Geist, der in der Unsterblichkeit
einfachem Stil die Seele beruft, da sie den Gttern den Herd weihe und nur
immer des Gttlichen gedenke - der Genius bleibend werd ein ihr - in groen
Gestalten heilig khner Gedanken. Und so sind viele Bewegungen im Geist gar
verschieden, als knne die Poesie die Seelen rhren wie Saiten, die erbrausen im
Feuer, - und wieder still und schchtern aufblhen wie Keime, die sich umsehen
im Lebenslicht, neu geboren, nicht begreifend dies Leben, aber zum Leben
vereint. Wenn ich Dir dies sagen knnt, was mich ohnmchtig macht, da ich
schchtern werd und mich wehre gegen den Eindruck, als msse ich ihm mein Ohr
versagen, und ihm doch heimlich lausche, weil's mich hinreit, und wei nicht,
ob's der Klang ist oder der Inhalt, und wie beide wechselnd mich bewltigen und
wie ich - ja ich will Dir's sagen: - ein gttlich persnlicher Geist dringt auf
mich ein, den ich lieben will, lieben mu im Gedicht, da ich herzzerrissen bin
von groer Wehmut. - Nein mehr! - Tiefer geht's: - da ich ausbrechen mu in ein
schmerzlich Ach. - Und wenn ich's nicht fhlte, dies Geistige, Persnliche in
der Dichtung - ber mir schwebend, wie beglckt ber seinen Triumph, ich glaub,
ich mte wie wahnsinnig ihm nachirren - aufsuchen und nicht finden - und
wiederkommen und mich besinnen und vergehen dran; und das ist der Goethe, der so
wie Blitze in mich schleudert und wieder heilend mich anblickt, als tuen ihm
meine Schmerzen leid, und hllt meine Seele in weiche Windeln wieder, aus denen
sie sich losgerissen, da sie sich Ruhe erschlummere und wachse, schlummernd -
im Nachtglanz, in der Sonne; und die Luft, die mich wiegt, denen vertraut er
mich, und ich mag mich nicht anders mehr empfinden zu ihm als in diesem Gedicht,
das ist meine Wiege, wo ich mich seiner Teilnahme, seiner Sorge nah fhle und
seine Trnen der Liebe auffang und mich wachsend fhle. - Du hast gesagt, wir
wollen ihn sehen den Groen, Wolkenteilenden, therdurchglnzenden, und ich hab
gesagt, ja wir wollen ihn sehen! - Aber wie ich's gesagt hatte, aus Liebe und
Mitfhlen mit Dir, da wurd ich eiferschtig und weinte zu Haus in der Einsamkeit
bittere Trnen, weil ich's gesagt hatte: wir wollen ihn sehen! - Und das kommt
daher, weil er so lange schon mchtig mir die Seele besaitet hat und dann
hineingreift, sturmaufregend, und mich sanft wieder einlullt wie ein Kind, - und
ich bin gern das Kind, auf dem sein Blick befriedigt weilt. Und wr ich nicht
genhrt von der Natur und wie es aus tiefster Brust ihm hervorquillt! - wie
knnt ich sein, wie ich bin? - Und weiter will ich doch nichts sein. Und ich
wei gewi, und nicht alle sind geeignet wie ich, da der Geist persnlich aus
der Dichtung hervor ber mir walte und mich reife in seiner geheimsten
Seelentiefe vollschwellendem berma. Aber sag Du! Wie knnt ich atmen und ruhen
und keimen, wr's nicht in jener Wiege seines Gefhls, im Gedicht? Und nicht
wahr, ich lieg wohl gebettet und kannst mir's nicht ser wnschen? Ja, Du
verstehst es, wie ich's meine; in den Manen hab ich mich zurecht gefunden in
Dir, da Du alles verstehst, und viel tiefer! - Denn ich empfinde nur, was
Deines Geistes Spur Dir lehrt, Du aber weit alles.
    Du sagst selbst, wo kein Wunsch uns hinzieht, das ist fr uns verloren, und
man hlt wohl fr unmglich, was nur des Begehrens bedrfte, um wirklich zu
sein, und seit Du es mir gesagt hast - und Du sagst, Harmonie der Krfte ist
Verbindung - so hab ich mir's denn getraut, weil ich ihn liebe, so nehm ich
alles willig hin, Schmerz und Entzcken; - denn es ist immerdar Entzcken, ihn
empfinden! - Denn er schenkt mir's ihn zu fhlen, wie er aus seiner Dichtung
Blte mich anhaucht, das will er, das beglckt ihn, - da ich erschttert bin,
das begeistert den Dichtergeist, und andre kennen nur die verschlone Knospe,
mir aber ffnet sich die Blte, und das nimmt mich weg! - Drum bin ich ihm
allein und er mir allein! - - Und die ganze Welt mag sich seiner teilhaftig
meinen, ich wei, da es anders ist, und mu drauf beharren, denn sonst verzehrt
mich die Eifersucht. - Und Du hast gesagt, das Aufheben dessen, was eigentlich
diese Harmonie ausmachte, msse auch notwendig diese Verbindung aufheben. Das
wird mir nicht geschehen. Du sagst, das Gerusch der Welt, das Getreib der
Geschfte, die Gewohnheit, nur die Oberflche zu berhren, die lassen dieses
tiefste und feinste Seelenorgan nicht zur Ausbildung kommen. - Was spricht mich
denn an in dem Geliebten? - Fhl ich denn nicht das Groe und Gewaltige, was
viel hher ist als ich selber? - Ja, was mir hher oft vorkommt als der Geliebte
selbst; und ist es nicht dies, dem ich nachgeh? - Und erscheint dieses Gewaltige
mir nicht auch ganz allein auer ihm? - Und ist das nicht die Erinnerung an ihn
und zugleich auch noch jene hhere Erscheinung, von der Du sagst, da sie sich
durch die Harmonie mit ihr offenbare? - und kann ich ihm untreu sein in dieser,
wenn ich mich der hingebe? - Und ist es nicht immer dasselbe, was Begeistrung zu
erregen vermag? - Ach nein! Man kann in der Liebe nicht untreu sein, nur auer
ihr. - Ich fhl's an der Heiterkeit, die mich beflgelt, da in der Begeistrung
keine Untreue ist. - Ich wei von keiner Untreue und glaube oft, ich versndige
mich an was ich liebe, wenn ich nicht alles liebe. Es sind Dinge (Naturen,
Geister), die mu ich lieben, weil sie mich nhren, wie die Pflanze vom Licht,
vom Wasser, von Erde und Luft sich nhrt. Alles, was mich begeistert, ist mir
der Sonne Strahl.
    Wenn die Sonne eine Blume durchglht, da fhlt man wohl, da sie die
herablassende ist, und da die Blume von ihr mit heier Leidenschaft zehrt. Wer
wollte das nicht Liebe nennen, und ob die Sonne Gegenliebe geniet, wer wei
das? - Ja, wer wei, ob die Blume ihr wieder gibt? - Du weit wohl, wenn die
Sonne recht hei brennt, dann duftet keine Blume, aber abends, wenn sie
scheidet, dann duften ihr alle Blumen nach, und morgens, wenn sie kommt, dann
duften ihr alle entgegen. - Ob das bis zu ihr hinaufsteige?
    - Das frag ich mich, danach sehn ich mich. Und Du sagst, wonach der Wunsch
uns hinziehe, das wird mglich, und das glaub ich Dir; gewi steigt der Blume
Duft zur Sonne, sind ihre Strahlen nicht Gefhlfden? - Kann mich was Lebendes
berhren, ohne da ich's wieder berhre? - Sind ihre Strahlen nicht Saugrssel,
mit denen sie aus den Bltenkelchen den Duft saugt? - Und der Dichter, der sich
durch seiner Begeistrung Strahlen die Blumen erschliet, saugt der nicht ihren
Duft? - Ist's Begeistrung nicht, wenn vor der Geistessonne die Wolken sich
teilen und sie strahlt die Knospe der Seele an? - Ei, darum duften eben die
Blumen nicht, grade wenn die Sonne auf ihnen liegt, weil sie dann mit ihren
Strahlenlippen alles selbst trinkt. Nach einem Gewitter, da duftet alles. - Dann
kommt sie eilig und wirft sich ber sie her, und bald trinkt sie alle Kelche
aus, wo denn der Duft nur in ihren Strahl bergeht; - und wenn sie scheidet,
dann duftet ihr alles noch nach, und der Duft zieht nach ber die Berge; denn
wenn man bei Sonnenuntergang auf einem Berg steht, da fhlt man den Balsam aus
den Tlern heraufsteigen, der Sonne nach; - das ist am Mittag in der heien Zeit
nicht, weil da die Sonne bis hinuntersteigt und alles allein trinkt; so ist es
zwischen beiden wie zwischen Liebenden, - so knnen wir auch nicht an ihrer
Seligkeit zweifeln. - Nun ist noch die Erde und das Wasser, die nhren noch die
Pflanze, diese hlt sie in ihrem Scho, und jenes kommt zu den Wurzeln gedrungen
und fllt vom Himmel herab auf sie; sie verwandeln ihre feinsten Nahrungskrfte,
das Heilige ihrer Natur in eine sprechende Erscheinung. - Sind vielleicht Blten
und Kruter Worte? - Sprache, in der die Gefhle, der Geist der Erde, des
Wassers sich deutlich machen? - Ist der Duft der Blumen, ihr Schmelz, wohl das
Sehnen der Erde - die Begeistrung des Wassers, die in den offnen Kelchen
Freiheit hat, aufzusteigen zur Sonne, zu dem was sie lieben? - Die dunkle Erde
stt aus dem Innersten ihre duftenden Seufzer auf aus den Kelchen ihrer
Pflanzen, die aus ihrem Busen aufblhen, hinauf in die fessellose Freiheit? -
Das Wasser, das von seinen kruselnden Wellen sich immer weiter treiben lt,
hier in der Blume Stengel, im Saft des Baumes gemischt mit allen Krften der
Natur, steigt, nimmt Gestalt an, wird zum Geist, zum Wort, das die Andacht
seiner Triebe aushaucht. - Was ist denn aber die Luft? - Ist die nicht
Vermittler zwischen allen? Der Genius der Welt, der leitet, Leben gibt, ewig den
Geist durchatmet? - Was ist aber Geistesatem? - Ist der nicht Erkenntnis,
Streben, emporzusteigen, sich abzulsen vom Mutterscho und aufzusteigen zum
Geist? Ist Atmen im sinnlichen Leben nicht dasselbe? - Drngen sich die Gefhle
nicht in Seufzer auf? - Ohne dies ewige Einsaugen des himmlischen Elements kann
der Leib nicht leben, und der Geist stirbt jeden Augenblick ohne jenen leitenden
Genius, der sein eigentlicher Lebensatem ist. Die Luft ist der Genius des
Lebens, sein hheres Ich, so wie Wasser und Erde seine Erzeuger sind. - Die Luft
ist Vermittlerin zwischen dem gttlichen Liebesfeuer und dem jungen kindlichen
Streben danach, kssen die Strahlen zu hei, dann khlt sie mit sanftem Wehen
und erleichtert den verhaltnen Lebensatem; wie doppelt schlgt das Herz, wenn
ihr Strom rascher eindringt! - - Wie ganz gibt sich ihr das Leben hin, wenn es
von mchtigeren Regungen bewltigt wird. Ja, ihr allein vertraut es sich, wenn
es von sich selber nicht mehr wei, sie umlebt das erstorbene, bis Leben
eindringt wieder, mchtiger und gewaltiger wie frher. So fhl ich deutlich,
wenn mein Geist erstarrt war, es ist Genu zwischen mir und der Gottheit, der
mich weckt, die Luft, die mich nhrt und erhlt, ohne welche Geist erstorben
wr, nie der Seele knnt Nahrung bringen von oben. - Ja alle Offenbarung ist die
Geistesluft, die ihn durchatmet, ohne welche er nicht leben kann einen
Augenblick, sondern mt ersticken, und ob er schlft oder wacht, so atmet er
doch immer den Genius, die Luft. - Ich bin so glcklich, Gnderode, wenn ich
hier auf den Bergen stehe und der Wind braust, da er mich davontragen will, -
dann mu ich lachen vor Mutwillen und denk, ob mich der Geist doch auch versucht
zu heben und mit mir aufzufliegen. -
    Die Sonne hat einen heien Schein, mit dem sie brennt, so hat der Geist auch
ein heies Licht, das brennt, wohin es leuchtet.
    So kam heut einer nach dem andern zum Beichtstuhl geschlichen in der Kirche,
und der Pater, der Beicht sa, guckte mich an, ob ich nicht auch kommen wollt? -
Und aus Bldigkeit geh ich in den Beichtstuhl und beicht, da ich mich immer
verwundern msse, warum die heiligen drei Knige das gttliche Kind nicht in
ihren Schutz genommen haben, sondern haben es im Stall liegen lassen und wren
doch berzeugt gewesen, es sei Gottes Sohn, da noch obendrein ein Stern sich am
Firmament aufgemacht, um sie hin zu geleiten, sie htten das Kind sollen
mitnehmen in ihr Land. Und doch wren sie weiter gezogen, das kme mir nicht
vor, als wenn sie heilig wren, sondern zerstreute Weltleute; der Beichtvater
sagte: So ist der Weltlauf, sie haben ihre Geschfte gehabt wie heutzutag auch.
- Aber, sagte er, das braucht man nicht zu beichten, das sind Snden wie fr
die Katz vom Tellerchen zusammengekratzt, da gibt Gott keinen roten Heller
davor. - Da bet sie ein halb Vaterunser zur Bu, oder meinetwegen ein viertel.
- Und wie ich aus der Kirche kam in die frische Luft, da war's schon drei Uhr
vorbei, die Sonne wollt schon bald untergehen. Da kam ich auf den Turm und
besann mich, da ich Dir wollt alles beichten, wie ich Eifersucht gegen Dich
gehabt, und hatte Dir nicht wollen gnnen, da Du mit mir zugleich bei ihm
wrst, ich wollt ganz allein mit ihm sein. Aber jetzt bin ich dieser Snde los,
und im Denken teilt sich alles Bse wie Nebel vor den Augen, da man sieht, es
war nur Wahn; alles, was nicht Gromut ist, das ist nur Wahn. Denn ich mein, der
Dichter ist meine Sonne, so bist Du die Luft, die das Bse um mich her verweht
und meinen Geist aufsteigen lehrt. Wie kann ich ohne Dich bestehen vor ihm! - So
mag wohl jeder Menschengeist von Elementen genhrt werden, die einer dem andern
sein mu, und merk Dir's, da Du meine Luft bist, ohne die ich nicht aufatmen
kann auch nur einmal.
                                                                         Bettine

                                An die Gnderode


Dem Clemens hab ich geschrieben, einen langen Brief, und ihm auch von Dir
gesagt, da Du ihm gut bist, und da ich Dir lange Briefe schreibe, auf die Du
nur kurz oder auch wohl gar nicht antwortest. Ich hab ihm erzhlt, ich spreche
zu Dir, wie zum Widerhall, um mich zu fhlen, zu hren, und lege meinen Gedanken
und Einbildungen keinen Zaum an; und da es sei, als ob ein guter Genius diese
Briefe hervorbringe; - so antwortet er: Um deine Briefe ist die Gnderode zu
beneiden, wenn sie das sind, was dein Genius hervorbringt, wenn sie aber so
wenig antwortet, so ist das gar wunderlich, entweder ist nichts zu antworten
oder alles schon abgetan. -
    Heute schreibt er mir den langen Brief ber Dich, ich hab doch recht, er hat
Dich lieb und hat Dich nicht wollen beleidigen, und seine Seelen alle sind doch
nur eine gute, denn bist Du ein Kind, so ist er es auch zu Dir; aber Kinder
lassen sich nicht drauf ein, empfindlich zu sein, sie sind gleich wieder gut und
lassen den Strom vom Ufer wegsplen die Spielzeuge, die sie einander zerbrochen
haben, und erfinden sich neue, ergtzlichere. Lese den Brief nicht mit
Vorurteilen und denk, da es neckende Stimmen sind in ihm von Kobolden, die ihm
oft selber einen Streich spielen, aber die Seele - die eine, gtige, die sie
umschwrmen, die ist doch nur ein Kind wie Du, und was ein freier
himmelanstrebender Geist nicht in noch hherem Sinn nimmt als er selber ist, das
ist fr ihn kleinlich, und was kleinlich ist, das mu man gar nicht annehmen,
sonst lernt man die Wahrheit nicht begreifen. - Und ich denk: von allen
Geschichten des Herzens und der Seele Berhrungen geben wir den Leitfaden der
Gottheit in die Hand, die leitet immer zum richtigen unmittelbaren Verstehen. -
Und wenn Du miverstanden wirst, so sieh doch nur den Gott selber an in der
Liebe, gegen den kannst Du alles wagen, denn der mu Dich verstehen. -
    Ich geb Dir Lehren, Gnderode, die Dir nicht fremd sind, besinn Dich, auf
dem Rhein, wie wir unsren Briefwechsel besprachen, da sagtest Du, es sei eine
Seele, die uns mit Liebe an sich ziehe, in jedem Verhltnis, es msse eine
Zeitigung erlangen in uns, sonst sei es Untreue, Mord, Ersticken eines
gttlichen Keims. - Und wo eine Anziehungskraft sei, da sei auch eine
Strebekraft und wir sollten ihre Empfindung festhalten, dadurch allein knne die
Seele wachsen, jede Berhrung mit des andern Geist sei blo Seelenwachstum, so
wie alles Reizerweckende blo sei wie das Erwecken und Entfalten des
Pflanzenlebens. - Der Menschengeist bereite sich auf die jngste Stufe der
Natur, auf die der Pflanze, whrend der Leib auf der letzten stehe, auf der des
Tieres, der Leib ersterbe, aber im Geisterreich sei des Geistes erste
Metamorphose die Pflanzenwelt. - Du meintest da, ich sei zerstreut und hre auf
die Waldhrner am Ufer, nun hrst Du, da ich doppelte Ohren hab, und da ich
alles nicht allein fr mich gehrt hab, sondern auch fr Dich, denn Du hast es
vielleicht schon vergessen. - Du sagtest, Du liebst Dich selbst in mir; so lieb
Dich doch auch selbst im Clemens; - ich wei nicht, was ich Dir all sagen mcht.
- Erzieh Dir ihn doch, wie Du ihn haben willst, wie Du fhlst, da er sein
mte, um Dich nicht zu krnken, zu eben dem Leben, das Du ihm der Idee nach
zumutest, es ist gewi das Wahre, was ihm zukommt, und Du selbst sagst ja damit,
da Du ihn der Idee nach hher stellst wie die andern, diese Idee ist ja doch
der eigentliche Wirkliche, und denk doch an die andern, die Du der Idee nach gar
nicht wohin stellen kannst, sondern mut sie lassen, was sie sind. Und wenn Du
einen Spielkameraden fndest mit so herrlichen, groen Augen, mit so
elfenbeinerner Stirn, und er htte solche Momente, wo die Gtter aus ihm
prophezeiten, aber er wr unartig und tckisch im Spiel, er biss' Dir in die
Hand und kratzte Dich, wenn Du ihn streichelst, oder er schlg Dich mit der
Peitsche, wolltest Du blo ihn als einen tckischen Knaben achten und wolltest
die frhere Idee von ihm aufgeben? - So lieest Du ihn also laufen wegen einem
Rippensto, den er Dir gab, und wolltest von der hheren Idee nicht mehr Notiz
nehmen? - Ach, la Deine Rippen nicht so empfindlich sein! Tut's doch Gott
nicht! - Er hlt sich an das Hohe im Menschen, und alles andere ist nicht fr
Gott da. - So soll auch alles nicht fr Dich da sein, wie blo das Gute, und
wenn es Dir auch gar nicht mehr aufleuchtet, so sollst Du dennoch von ihm wissen
und dran glauben. -
    Entlasse ihn nicht, liebe Gnderode, kmpf Dich mit ihm durch, der die Idee
in sich trgt, die Du ihm zumutest, und die so hoch ist, da er hinter ihr
zurckbleibt; denn die andern tragen gar keine Idee in sich, und bleiben nicht
zurck und kommen nicht vorwrts. -
    Da hab ich mich so vertieft in Gedanken, da ich einschlief, es geschieht
mir so oft, da ich einschlafen mu im besten Denken, wenn ich eben empfind, als
wolle ein tieferer Geist in mir wach werden, wo ich hchlich gespannt bin zu
erfahren, was sich in mir erdichten will, und statt da es in mir erwacht, so
mu ich drber einschlafen, als ob eine idealische Natur mir nicht wolle wissen
lassen, wie sie in mir denkt und empfindet. Es ist ein Zauberer in uns, der
sieht uns streben nach seinem Wissen, der macht all mein Streben zunichte, wenn
ich nah bin und die Offenbarung schon durchschimmern seh, so schlfert er mich
ein. - Ich lese jetzt zum zweitenmal den Wilhelm Meister, als ich ihn zum
erstenmal las, hatte mein Leben Mignons Tod noch nicht erreicht, ich liebte mit
ihr, wie ihr, waren die andern in der Geschichte des Buchs mir gleichgltig,
mich ergriff alles, was die Treue ihrer Liebe anging, nur in den Tod konnt ich
ihr nicht folgen. - Jetzt fhl ich, da ich weit ber diesen Tod hinaus ins
Leben gerckt bin, aber auch um vieles unbestimmter bin ich, schon so frh
drckt mich mein Alter, wenn ich hier dran denke. - Ich hab mit ihr empfunden,
ich bin mit ihr gestorben damals, und jetzt hab ich's berlebt, und sehe auf
meinen Tod herab.
    Gewi stirbt der Mensch mehr wie einmal, mit dem Freund, der ihn verlt,
mu er sterben, und wenn ich mit jenem Kind leiden und sterben mute, weil ich
sein Geschick als das meine in ihm empfand, und weil ich es zu sehr liebte und
konnte es nicht allein in den Tod gehen lassen. - Wenn Du das alles berlegst,
so wirst Du nachsichtig sein, da ich so furchtsam bin um Dich.
    Ich hab auch jetzt schon lange wieder nichts von Dir gehrt, auf den
Clausner kann ich mich nicht verlassen, von Dir will ich keine Briefe fordern,
Du hast viel zu denken, und vielleicht Deine Augen sind leidend, aber doch bin
ich immer voll Sorgen, wenn ich an dem Tag keine Briefe von Dir hab, wo ich
mir's in Kopf gesetzt hab; dann steigert sich's bis zur Angst, wenn noch ein
Posttag vergeht, und dann hilft mir's nur, wenn ich in der Sternennacht auf der
Warte an Dich denke, da trau ich's meinem Geist seinem mchtigen Willen zu, da
er Dich schtze. Die Nchte war so tiefer Schnee gefallen, da ich mir erst am
Tag einen kleinen Pfad zum Turm schaufeln mute, denn so lang ich vermag, wird
mich nichts abhalten, da ich da hinaufgeh und in Gedanken zu Dir dringe und fr
Dich bet, bis ich wieder bei Dir bin. - Im Rheingau hast Du mir auch
geschrieben, nur kurz, weil Du Augenweh hattest, aber ich las doch in den zwei
Zeilen, wie Du gestimmt warst, zutunlich. -

                                 An die Bettine


Deine Briefe haben mir viele Freude gemacht, zweifle nicht daran, liebe Bettine,
weil ich Dir selbst so sparsam geschrieben habe, aber Du weit, viel denken und
oft schreiben ist bei mir gar sehr zweierlei; auch hab ich die Zeit schrecklich
viel Kopfweh gehabt.
    Du schreibst mir gar nichts von Gundel und Savigny, tue es doch.
    Ich stelle mir Eure Lebensart recht still, vertraulich und heimlich vor. -
Aber ich frchte nur, Du kommst wieder zu gar nichts. - Dem Clausner hast Du
geschrieben, Du treibst Mathematik mit einem alten Juden, und vielleicht werdest
Du auch Hebrisch lernen, Du habest schon einen Teil vom Abc inne - mit der
Geschichte treibst Du Dich herum wie ein Ktzchen mit einem Spielball, der am
Faden hngt; Du wirfst ihn hin und her, solang es Dich ergtzt, und dann lt Du
ihn mig liegen, was Du ber Musik vorbringst, ist lauter Larifari, meinst Du,
wenn etwas schlecht gelingt und sich gegen den Geist strubt, das sei ein
Zeichen, da man es aufgeben solle? - Da bin ich grade der entgegengesetzten
Meinung, und wenn auch etwas Dir trivial erscheint, so ist deswegen die Sache es
gar nicht, sondern Dein Begriff ist nicht gelichtet, an was willst Du Deine
Krfte ben, wenn nicht an dem, was Dir noch schwer dnkt? - Ich glaube, so
manches, was Du Dir jetzt fremd glaubst, wrde seine innere Verwandtschaft zu
Dir geltend machen. - Du hast Wissenstrieb ohne Bestndigkeit, Du willst aber
alles zu gleicher Zeit wissen, und so weit Du keinem Dich ganz hinzugeben und
setzest nichts recht durch, das hat mir immer leid an Dir getan. Dein Eifer und
Deine Lust sind keine perennierenden Pflanzen, sondern leicht verwelkliche
Blten. Ist es nicht so? - Sieh, darum ist es mir gleich fatal gewesen, da Dein
Lehrmeister in der Geschichte Dich verlassen hat, die Begebenheiten untersttzen
ordentlich Deinen natrlichen Hang, noch dazu, da er so geistreich und so
falich und - so liebenswrdig sein soll, - so nehm ich es ihm bel, da er
nicht mehr Interesse an Dir nahm. brigens mu ich Deine Ausschweifungen im
Lernen wieder tragen; es wurde mir im vorwerfenden Ton mitgeteilt, und ich
merkte, da meiner Verwundrung hierber, und da ich nichts davon gewut habe,
nicht Glauben beigemessen wurde.
    Vom Clemens wei ich nicht, ob ich wohltun wrde, ihm so nachzugehen, wie Du
es meinst, es lt sich da nicht einbiegen und ihm in den Weg treten, um ihm zu
begegnen, wo ich ihn aber begegnen werde, da sei berzeugt, da es nur
friedliche und herzliche Gesinnung sein wird, ich bin weit entfernt, ihn
aufzugeben, er steht mir vielmehr zu hoch fr meine Krfte, die nicht an ihn
reichen. Mein Tadel ist, da er diese hohen Anlagen alle vergeude, aber ich
glaube Dir, da dies kleinlich von mir ist, und hab mich auch schon gebessert.
    Ich wei nicht, ob ich so reden wrde, wie er meinen Brief in dem seinigen
reden lt; aber es kommt mir sonderbar vor, da ich zuhre, wie ich spreche,
und meine eignen Worte kommen mir fast fremder vor als fremde. - Auch die
wahrsten Briefe sind meiner Ansicht nach nur Leichen, sie bezeichnen ein ihnen
einwohnend gewesenes Leben, und ob sie gleich dem Lebendigen hnlich sehen, so
ist doch der Moment ihres Lebens schon dahin; deswegen kommt es mir vor, wenn
ich lese, was ich vor einiger Zeit geschrieben habe, als she ich mich im Sarg
liegen, und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an.
    Mein Zutrauen war freilich kein liebenswrdiges Kind, es wute sich nicht
beliebt zu machen, nichts Schnes zu erzhlen, dabei flsterten ihm die
Umstehenden immer zu: Kind sei klug! gehe nicht weiter vorwrts, der Clemens
wird Dir pltzlich einen Streich spielen und Dir die Schuld geben, da er Dich
nicht mehr ausstehen knne. Da wurde das Kind verwirrt und ungeschickt, es
wute nicht recht, wie man klug sei, und schwankte hin und her, darf man ihm das
so belnehmen? - Aber eigensinnig ist das Kind nicht. Wenn es im Hause
freundlich und gut aufgenommen wird, kehrt es sicher lieber um, als da es
lnger auf der Strae verweile.
    So kannst Du dem Clemens ber mich berichten, auch da seine Scherze ber
meine Art zu schreiben und die ungefgen Worte, die ich gebrauche, mich nicht
verdrieen, ich mu mich bei dieser Stelle seines Briefs immer auslachen und
werde das Wort Ratschlge gar nicht mehr gebrauchen knnen, berdem erinnert es
mich auch noch an Purzelbume. -
    Ich kenne wenig Menschen und vielleicht niemand ganz genau, denn ich bin
sehr ungeschickt, andre zu beobachten. - Wenn ich daher einen Moment verstehe in
ihm, so kann ich von diesem nicht auf alle brigen schlieen. Es mag wohl sehr
wenige Menschen geben, die dies knnen, und ich wohl mit am wenigsten. Jetzt
denke ich, es sei gut, den Clemens zu betrachten, und erfreulich; und er will,
man solle ihn nur betrachten wollen. Ist diese Ansicht wahr oder falsch?
                                                                        Caroline

Ich lese Deinen Brief und den meinen und erkenne, wie verschieden unsre
Stimmungen sind, aber ich frchte nicht, da Du an mir zweifelst, oder mein
bergehen unrichtig auslegest; was soll man dazusetzen oder einfallen wollen, wo
sich etwas frei und wahr ergibt wie Deine Mitteilungen, aber das, was Du
bergehst, das mu ich berhren. Du kommst mir vor wie ein Eroberer, der alle
Waffen verschmht aus Heldenmut, der alles verachtet, was ihn schtzen,
verteidigen knnte, und jede Waffe, die er zum Erobern bedarf; ja, ich glaub,
das Hemd mchtest Du abwerfen. Doch sind Wissen, Begreifen, Lernen nicht allein
die Armaturen des Geistes, sie sind vielmehr seine Glieder, mit denen er sich
wehrt, und sich aneignet, was seinem Genie zukommt. Bedenk's alles und neige
meinen Lehren ein herablassend Gehr. -
    Deine Beichte hab ich mit Sanktion angehrt und erteile Dir Absolution und
verspreche Dir, auch Dich zu begleiten, wenn Du deinen Erzeuger aufsuchst. Ich
werde wohl nicht die erste Rolle bernehmen mssen bei dieser berraschung
langgehegten Begehrens. -
    Schreibe mir ein bichen ordentlich ber das Chaos Deiner Verwirrungen.

                                An die Gnderode


Die Frankfurter haben mir geschrieben und haben mich schon ausgepelzt mit
allerlei verwunderlichen Prophezeiungen. - Erstens: ich soll mir husliche
Tugenden angewhnen. Zweitens: wo ich einen Mann hernehmen will, wenn ich
Hebrisch lern? - So was ekelt einem Mann, schreibt der lieb, gut Engels-Franz,
als wie die spartanische Suppe; an einen solchen Herd wird sich keiner
niederlassen wollen und eine Schssel Mathematik, von einem alten schwarzen
Juden assaisonniert, sei auch nicht appetitlich, darauf soll ich mir keine Gste
einladen, und der Generalba als Dessert, das sei so gut, wie eingemachter
Teufels-Dr. - Das wr eine schne husliche Tafel usw. und man spotte meiner
allgemein, da die Lulu eher geheiratet habe, und dann meint er ganz gutherzig,
da, wenn ich ebensoviel husliche Tugenden geuert htte, ich gewi auch einen
Mann bekommen haben wrde. - Ich schrieb ihm, er soll nur immer mitspotten, denn
es sei jetzt nicht mehr Zeit mich zu ndern; und der ganz Jud sei nur in meine
Tagsordnung einrangiert, um mich vor dem Mottenfra der Huslichkeit zu
bewahren, und ich htt gemerkt, da man in einer glcklichen Huslichkeit
Sonntags immer die Dachziegel gegenber vom Nachbar zhle; was mir so
frchterliche Langeweile mache, da ich lieber nicht heiraten will. - Ich hab
aber auch dem Doktor einen ironischen Lgenbrief wieder mit Lgen beantwortet
und dem Clausner auch einen. Und es sind auch allerlei Anspielungen, recht
liebliche auf Dich, die ich mit charmantem Humor beantwortet hab. So kommst Du
zuletzt an die Reih.
    Dem Clemens hab ich alles bermacht. - Deine eigne Sorge um meine
Ausschweifungen im Lernen, die lasse sich legen. Der Wind zaust mich und
schttelt mir alles aus dem Kopf. - Wenn Du meinst, ich knnt was dafr, da ich
nichts kann, da tust Du mir unrecht. Es ist nicht mglich, meine Lerngedanken
zusammenzubringen, sie hpfen wie die Frsche auf einem grnen Anger herum.
Meinst Du, ich mach mir keine Vorwrfe? - Meinst Du, ich raffel mich nicht alle
Tage zusammen? - mit dem festen Vorsatz es durchzunehmen, bis es mir ganz
gelufig ist? - Aber weit Du, was mich zerstreut? - Da ich's allemal schon
wei, noch eh es der Lehrer mir ganz auseinandergesetzt hat, nun mu ich warten,
bis er fertiggekaut hat, da nehmen unterdes meine Gedanken Reiaus, und dann ist
es nachher nicht, da ich es nicht gelernt hab, sondern ich hab's nur gar nicht
gehrt, was er gesagt hat; mit dem Hofmann in Offenbach war's eine andre Sach,
er lehrte so problematisch, er lie mir hundert interessante Fragen, die er
freilich oft unbeantwortet lie, die oft zu ganz fremden Dingen fhrten, aber
dies regte mich an, immer darauf zurckzukehren. Ich will mich damit nicht
entschuldigen, ich wei, da es ein Fehler, eine Schwche, eine Krankheit ist;
ich geb's auch nicht auf, sie zu bekmpfen, und sollt ich bis an meines Lebens
End damit zu tun haben, ich geb's nicht auf, das fort zu lernen, was mir einmal
Begierde, ja ich kann wohl sagen, Leidenschaft erregt hat. - Generalba! - Wenn
Du ahnen knntest, welches Ideal mir in diesem Wort vor den Sinnen schwebt, und
welchen alten Manschettenkerl mir die Lehrer vorfhren und behaupten, das sei
er, Du wrdest mich bedauern, da ich den Genius unter dieser Gestalt sollte
wieder erkennen mssen. Nein, er ist es nicht. Die ganze Welt ist eben
Philistertum, so haben sie nicht eher geruht, bis sie auch das Wissen
dahingezerrt haben. Wr es frei behandelt mit Genie, dann wr sein Beginnen
kindlich, nicht aberwitzig mit lauter Gebot und Verbot, die sich nicht
legitimieren: Das darfst Du nicht, das mut Du - warum? - weil's die Regel ist.
- Nun aber! - ich fhl's, das soll mich nicht abhalten, und ich werde tun nach
Krften, und das andre wird der Gott meinen mangelnden Krften zugut halten, und
auch mut Du etwas auf einen bestimmten Naturtrieb rechnen, der mich mit Gewalt
zu andern Gedanken reizt, einen Vorteil hab ich davon, meine groen Anlagen
werden jetzt sehr in Zweifel gezogen oder vielmehr mir gnzlich abgeleugnet, und
meine Genialitt gilt fr Hoffart, und mein Charakter fr einen Schubartel, dem
man alle Dummheiten zutrauen kann, ohne ihm eine zum Vorwurf machen zu knnen.
Da fhl ich mich sehr bequem in meiner Haut, und es ist mir noch einmal so
behaglich unter den Menschen; - niemand denkt zwar dran, da ich nie Prtension
an jene hohe Eigenschaften machte, von denen man erwartete, da sie aus dem Ei
kriechen wrden, und da es nur unser lieber Posaunenengel war, der all diese
Dinge ber mich hinter meinem Rcken in die Welt hinein trompetete, und man gibt
mir die Schuld, da ich ein eingebildeter, aufgeblasner Kerl wr, der meine,
seine Phantasie regne Gold; aber das krnkt mich gar nicht, und beschmt mich
auch nicht und es steckt mich vielmehr an, da ich allerliebst dumm sein kann
und mich mitfreue, wenn sie mich auslachen, und da lacht man als weiter. -
    Du fragst nach Savigny. Der ist eben wie immer. Die hchste Gte leuchtet
aus ihm, die hchste Gromut, die grte Nachsicht, die reinste Absicht in
allem, das edelste Vertrauen zu dem Willen und Respekt vor der individuellen
Natur. Nein, ich glaub nicht, da es ein edleres Verhltnisma gibt. Das strt
mich also gar nicht, da er mich hundertmal hoffrtig nennt, und da er ber
meine Albernheiten lacht, und da er mir noch grere zutraut, und da er keinen
Glauben an meinen gesunden Menschenverstand hat, er tut das alles mit so
liebenswrdiger Ironie, er ist so gutmtig dabei, so willenlos einem zu stren,
so verzeihend; ei, ich wt nicht, wie ich mir's besser wnschen knnte, als so
angenehm verbannt zu sein, und ich komme mir vor wie ein Schauspieler, der sich
unter einem Charakter beliebt gemacht hat, und der diesen nun immer beibehlt,
weil er sich selbst drin gefllt. Der Clemens klagt zwar und meint, er habe
immer keine Antwort von ihm erhalten auf all sein Vertrauen und habe sich immer
zurckgestoen gefhlt - und der Savigny liee gleichsam das Tretrad der
Studiermaschine so lang aus Hflichkeit stehen, bis einer ausgeredet habe, er
habe sich oft gergert, da, wenn er zu ihm ins Zimmer kam, um ihm was warm
mitzuteilen, so habe er keine Antwort, nur Gehr erlangt, und kaum sei er draus
gewesen, so rumpelte die Studiermaschine wieder im alten Gleis. - Da hat aber
der Clemens unrecht. Erstens ist Savignys Anteil am Leben auer seiner
wissenschaftlichen Sphre nur ein geliehener, und vielleicht blo gutmtig; und
dann ist es ein Irrtum vom Clemens, der meint, er msse ihm Mitteilungen machen,
da er sie ihm nicht honoriert, oder sich ihm mitteilen will, wo Savigny einer
anderen Ansicht ber ihn zugetan ist. - Mir fllt's gar nicht ein, ihm etwas der
Art sagen zu wollen, mir ist's ganz recht, da er mir die Fehler und
Albernheiten, die in mir nun einmal vorausgesetzt werden, noch als ertrglich
anrechnet. - Was willst du wieder fr eine Dummheit vorbringen, sagen sie oft,
oder: Ich bitt dich, schwtz nicht so extravagant, oder: Wie kannst du denn
so was sagen, die Leute verstehn dich nicht. - Und es fallen mir dann auch
immer die Extravaganzen ein, und ich sag sie immer nur, um's zu hren, wie ich
ausgezankt werd. - Da siehst Du also, es geht mir plsierlich; und eiferschtig
darfst Du nicht sein, kein Mensch teilt dies Vertrauen, dies tiefere zu Dir, -
drum aber, bin ich auch eiferschtig auf Dich und oft auch bang, denn nicht
allein die Menschen sind mir im Weg, ich frchte auch jeden Zufall, jede Laune
von Dir, jede Zerstreuung, ich mchte Dich immer heiter wissen. Wenn Du
Kopfschmerzen hattest, so seh ich mich noch nach ihnen um, wie nach frechen
Gewalten, die ich noch auf dem Rckzug verfolgen mcht. - Wenn einer mir
schreibt, Du seist still, oder man habe Dich nicht gesehen, oder man glaube, Du
seist nicht in der Stadt, das alles kmmert mich, so leichtsinnig ich bin, und
sobald ich drauf vergesse, so kommt mir die Idee leicht wieder und steigert
meine traurigen Gedanken ber Dich, denn die hab ich als oft, das ist wahr.
    Mein Lehrer in der Mathematik ist mein alter Herbstjud. Morgens an meiner
Tr in einem schwarzen Kleid, weiem Kragen und der Bart spiegelglatt, stand er
an meiner Tr und fragte um Erlaubnis, mich zu besuchen, ich freute mich ber
ihn, er sieht soviel edler aus als die andern Menschen, mit denen man tglich
verkehrt, die man in groen Versammlungen sieht; ich hab im Schauspielhaus mich
oft vergeblich nach einem erhabnen Gesicht umgesehen. Er setzte sich auch gleich
in anstndiger Bequemlichkeit an den Tisch, den Arm drauf legend, merkte meine
Verwundrung ber seine Angenehmheit, lchelte mich an und sah aus wie ein Frst,
- ich fragte: Wo sind Sie denn so lang gewesen? - Nun! sagte er, was reden
Sie doch so fremd, bin ich nicht noch der Alte? - hei ich nicht mehr: Lieber
Jud? - Ich mut ihm die Hand reichen, ich sagte, ja! - Httest Du nur die
ironische Miene gesehen in dem erhabnen Gesicht und das milde herablassende
Lcheln zu mir; - er sagte: Nicht aus jedem Mund gefllt einem das Ihr oder Du,
mit dem der Jude sich mu anreden lassen, aber Ihrem lasse ich's nicht gern
abgewhnen. - Dir htte der Mann so viel Freud gemacht, Gnderod, er erzhlte
nur Gewhnliches aus seinem Leben, von seinen siebzehn Enkeln, wie die sich
gefreut haben, ihn wieder zu sehen; ich frug nach allen, wie alt sie sind, wie
sie aussehen; da sind ihm doch die fnf, die Vater und Mutter verloren haben,
die liebsten, von denen sagte er: Der lteste, der gleicht mir, man erkennt ihn
schon von weitem fr meinen Enkel - und der zweite? - - Der schlgt ganz nach
mir, der hat fr nichts Sinn wie fr die Mathematik und hlt sich so apart. -
Wie ist denn der dritte, gleicht der Euch auch? - Der ist noch ein klein
Jngelchen, aber er verleugnet den Grovater nicht, und die Tchter sind schon
so hilfreich, die eine ist dreizehn und die andre elf Jahr, aber sie sorgen frs
Haus und fr die Kleidung. - Das waren alles gewhnliche Reden, aber wie
erfllt von Herzlichkeit - ganz wie die Natur, mit Enthusiasmus Sorg und Plage
tragend. - Er war frher blo Lehrer der Mathematik und lehrte in Gieen, in
Marburg die Studenten, und in der Ferienzeit ging er nach Haus zu den Seinen. -
Zwei Shne und eine Tochter verheiratet; seine Tochter starb, nachdem sie ihren
Mann begraben hatte, den sie sehr liebte, und lie die fnf Kinder zurck. - Der
alte Ephraim konnt keinen andern Erwerbszweig ergreifen, sie zu ernhren, als an
den er von Jugend gewohnt war, der seine Leidenschaft ist - worber er so
manches Schmerzliche hat vergessen, sagte er, - so ist er denn auf dem Heimweg
in den Ferien in den nchsten Orten herumgeschlendert und hat alte Kleider
eingehandelt, um die seinen Enkeln mitzubringen, denn sie neu zu kleiden, dazu
wollte sein Erwerb nicht hinreichen. Nach und nach hat sich der Handel
erweitert, alte Hochzeitskleider aus dem vorigen Jahrhundert, verlegne
altmodische Spitzen, die die Kaufleute nicht mehr absetzen, verhandelt er jetzt
nach Polen, so war er diesmal in Leipzig - und hat ein sehr gut Geschft
gemacht, - Du hrst, ich hab einen ganz kaufmnnischen Stil. - Ich mcht mit dem
Alten Kompanie machen und die Enkel ernhren helfen, weil aber das doch
Schwierigkeit hat, so hab ich einstweilen mathematische Stunde bei ihm, das
macht ich ganz kurz, ich sagt ihm: Da komm nur die Woch auch zweimal zu mir,
denn ich mu Mathematik lernen, er lachte und wollt's nicht glauben, ich holte
ihm aber meine mathematischen Bcher hervor, die Christian mir hier gelassen,
und mein Heft, was ich bei dem Christian geschrieben, das gefiel ihm sehr, denn
es war meist alles vom Christian diktiert, der wohl der scharfsinnigste Mensch
von der Welt ist. - Jetzt hab ich schon drei Stunden ausgehalten und auch
allemal seine Aufgaben richtig gemacht, denn ich hab Respekt vor dem Alten, ich
mcht um alles nicht ihm die Idee geben, als sei ich ein flatterhafter
Schubartel, wie mich die andern nennen, woran mir gar nichts liegt, aber an ihm
liegt mir, weil er so ganz ohne berspannung doch nicht an meinem Ernst
zweifelt, weil er eine so schne Liebe zu seiner Wissenschaft hat, da er die
fr gering achten mu, die das nicht mitfhlen. Und meine Du, was Du willst;
aber Du wirst mir recht geben, da unter solchem Druck, unter so erniedrigenden
Bedingungen der Adel des Lebens, so frei und untadelhaft bewahrt, da sie nicht
einmal durch das niedrigste Geschft sich gebeugt fhlt, fr eine hohe Seele
spricht; da sie um so mehr Recht hat auf unsere feierliche Achtung, als sie
vielleicht dem ueren nach der Mideutung, der Verachtung ausgesetzt ist; er
nannte mich gestern sein liebes Tchterchen und legte mir die Hand auf den Kopf,
wie er wegging; ich hielt so still, er strich mir ber die Wangen und sagte: Ja
so! - Das hie so viel: nun in dir ruht der Menschenkeim. - Er kommt zwischen
drei und fnf, da wird's schon dmmerig, wenn er geht, ich fhrte ihn durch den
Garten und zeigte ihm den Turm, von wo ich die Lande berseh. - Da kann kein
Mensch hinauf wie ich, denn seht, die Leiter ist zerbrochen, sagt ich, - und
ich hab ihm vorgetragen, wie mir's geht mit dem Generalba, er sagt, das wr,
weil ich nicht alles zu gleicher Zeit berschaue, warum meine Begriffe stockten;
und manches, woran Menschen ihr Lebenlang kauten, das msse von andern in einem
Blick erfat werden, sonst ging Zeit und Mh verloren; ich sagte, mir sei bang,
so werde es mir auch ergehen. Ich hab doch in meinem Leben noch keine kleine
Eichel gesehen, der bang war, es werde kein Baum aus ihr wachsen, gab er zur
Antwort; und dabei legte er mir wieder die Hand auf den Kopf und sagte so
freundlich: Jetzt haben wir die Eichel in die Erde gelegt und gedeckt, und
jetzt wollen wir sie ruhig liegen lassen und sehen, was Sonne und Regen tut.
    - Du glaubst gar nicht, wie fabelig mich der Mann macht, zu den andern darf
ich nicht von ihm sprechen, das kannst Du wohl denken, denn sonst wrde meine
Andacht mir fr Verrcktheit ausgelegt werden; aber die Patriarchenwrde strahlt
mich an aus ihm, und ich spreche der ganzen Welt Hohn, da solche einfache groe
und heilige Charaktere nicht Platz finden unter ihren Lappalien, und berhaupt
geh ich nach Vornehmheit, und diese hat der Mann; und seh doch nur einen
auftreten in der menschlichen Gesellschaft, ob nicht aller mhselig erzwickter
Rang ihn so des gesunden Verstandes beraubt, da er nur als Narr sich selbst
genug zu tun glaubt. - Weise sein kann keiner, der der Narrheit eine hhere
berzeugung opfert, denn aller Verstand deucht mir ein Spiel von Aberwitz, wenn
der heiligen Weisheit nicht alle Opfer gebracht sind. Das meine ich so: wenn
nicht alle ueren Vorteile, Wrden und Ruhm, nichts gelten vor dem inneren Ruf
zum Gttlichen. Ich bin noch jung, mir kommt es wohl noch einmal, da mich das
Schicksal frgt, - und da werde ich des alten Handelsjuden Ephraim gedenken. - O
pfui, wer seinen Umgang wollte richten nach dem ueren Rang, von Vorurteilen
sich wollte Fesseln lassen anlegen; und mit denen prangen! - Der einzige Stolz,
den ich habe, der ist frei sein von ihnen, - und der schon auf andern Wegen
seinen Vorteil sucht als in der heiligen berzeugung seines Gewissens, der ist
nicht mein Geselle. - Aber der Jude, der gibt mir keinen Ansto, der ist frei
von allem. -
                                                                           Adieu
                                                                         Bettine

Noch eins setz ich hier hin: alles, was Dir geschieht, soll Dein Geistesleben
befrdern, - so, auf die Weise begreif meinen Umgang mit dem Juden.

                                An die Gnderode


Ein mathematischer Vergleich vom Jud: Begeisterung ist ein Reich des Seins, das
wir zwar aus der Wirklichkeit verbannt haben, aber in dem wir seine Gewiheit
fhlen. - Wie knnte dies Reich nicht wahrhaft sein, da der Geist die
Wirklichkeit verlt, denn wo soll der Geist leben als in der Begeisterung, da
er immer nur lebt, wenn er begeistert ist. - Aus dieser Schlufolge legte er mir
nun aus, was er von mir gefat wollte wissen - und ich ergriff seine Hand und
sagte: Ach Ephraim, jetzt wei ich, wer Ihr seid, Ihr seid der Sokrates. -
Ich bin der Sokrates nicht, aber er ist ein Stck von meiner Religion. - So?
- sagt ich, habt Ihr ihn studiert; wie seid Ihr denn dazu gekommen? - Da
knnt ich ja wohl fragen, wie ist ein so junges Tchterchen dazu gekommen, von
ihm zu wissen? - Ich hab ihn der Gnderode stckweis vorgelesen, aber ich war
zerstreut und wei nichts von ihm, als nur, da er solche Schlufolgen macht wie
Ihr. - Wer ist die Gnderode? - Meine Freundin, der ich alles von Euch
erzhl und auch, da Ihr mich gefangen habt wie in einem Hamen, da ich lernen
mu, und da Ihr der einzige Mensch seid, vor dem ich Furcht hab. - Wenn das
nur wahr wr, sagte er, so wollt ich noch strenger sein. - Ach nein!
zerreit den Hamen nicht, er ist gar fein gewebt, lat dem Fisch Platz, da er
ein bichen schnalzen kann. - Das macht ihm nun so viel Vergngen, so ein
Weilchen mit mir zu sprechen, - er sagte: Das ist alles gut, aber wir wollen
einander nicht umsonst kennengelernt haben, und Sie sollen manchmal noch des
alten Ephraim Spuren in Ihrem Geist verfolgen, wenn er schon lange nicht mehr
lebt, - wahrlich, ich hatte auf der Zunge, ihm zu sagen, da ich ihn
unaussprechlich liebe, und da mir an seinem Segen mehr gelegen sei als an der
ganzen Welt; aber ich schwieg still, was soll man so was sagen, er sieht's ja
und fhlt's auch gewi innerlich als Wahrheit. Ich frag ihn alles, was mir in
den Kopf kommt, mir deucht gar nicht, da es mglich sei, da ihm sein Geist
nicht alles klar und deutlich mache - nur scheu ich mich, ihm zu sagen, wie sehr
ich ihm vertrau, gestern sprachen wir vom Napoleon, ich sagte: Mit Euch wollt
ich Schlachten gewinnen! - Ich hab mir oft gedacht, wenn ich Feldherr wr und
von meiner Gegenwart des Geistes alles abhing, da ich alles verantworten mt,
ob ich da nicht zwischen Begeistrung und Furcht schwanken wrde; aber wenn ich
Euch an der Seite htt, dann wollt ich meiner Entschlossenheit gewi sein. -
Warum? - Trauen Sie mir so viel Mut zu? - Hab ich ihn doch noch nie bewiesen,
und vielleicht noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn zu proben, denn des Juden Weg
ist, sich zwischen Dorn und Disteln durchzuschleichen, mit denen der Christ ihm
die Straen verhackt, und er mu sich scheuen, da die Hunde wach werden, die in
die Dornen hinein ihn verfolgen, da er nicht mehr vor- noch rckwrts wei und
oft im Schwei seiner Mhen zugrunde geht, und was noch trauriger ist, - seinen
Gott nicht mehr im eignen Herzen findet, - und er faltete seine Hnde und
verfrbte sich - er ist eine feinorganisierte Seele -, es bewegte mich, ich
sagte: Ich hab nicht an Euren Mut dabei gedacht, aber mir deucht, in Euer
Antlitz zu sehen, das wrde meine zerstreuten Gedanken sammeln und meine
Entschlossenheit festmachen wie einen Pfeiler, denn ich wrde nie vor Euch
beschmt stehen wollen; und dann fhl ich, da Ihr in der Gefahr wachsen wrdet,
denn Ihr wrdet gewaltig sein, wo es des Geistes bedrfte, weil bse
Leidenschaften in Euch abwesend sind und Euren Geist nicht hindern, gegenwrtig
zu sein, denn ich glaub, Gegenwart des Geistes hat man nur der Abwesenheit der
Leidenschaften zu danken, die einem ins Handwerk pfuschen. Aber Ihr seid
vollkommen ruhig und habt doch Euren Zweck im Auge und steht ber den
Vorurteilen des Lebens und habt Jahre und seid so fest, so ernst, so gar nicht
ermdet von den strengen Prfungen, Ihr klagt nicht, Euch ist das Leben gerecht,
wie es Gott Euch gab; das ist Weisheit, mein ich. - Und doch ist der Ephraim
nur ein Handelsjude, sagte er. - Ja, aber Ihr habt Euer Leben zum Tempel
gemacht und seid Hoherpriester darin. - Das Gesprch fhrte noch weiter und
endlich dahin - was ich mir fr Dich aufschrieb: -
    Da der Leib in sich begeistigt ist - einen Geist in sich habe, erkennen
wir darin, da er sich geheiligt empfindet im Denken. - Ein Denkender, ein
geistig Erregter hat einen geheiligten Leib.
    Dies war das letzte von unserem Gesprch, was dazwischen lag, wei ich nicht
mehr; - aber auf dem Turm, in der kalten Winternacht plauderten die Sterne
weiter mit mir:
    In der Liebe ist das erste, was wir weihen, der Leib - und dies ist die
Wurzel und der Keim der Liebe - und ohne diese Weihe wird keine Liebe bestehen,
sie welkt wie eine Blume, die man bricht, aber durch diese Weihe, mit ihr, mu
die Liebe bestehen, jede Erkenntnis des Hheren fngt mit dieser Weihe an; wenn
der Geist gttlich empfindet, das heiligt den Leib.
    Jedes Annhern im Geist sucht den Sitz des Geistes im Innersten und das
empfindest Du umgeben vom Leib, - wie Du die Tempelhalle geweiht achtest, von
der Du weit, da inner ihren Mauern die Opferflamme lodert.
    Der Tempel stellt den eignen Leib dar und des Gottes Lehre den eignen
Geist.
    Den Geist des andern empfinden, so wie der sich selber empfand, als er
dachte, das befruchtet den Geist. -
    Verstehen ist unmittelbares Berhren der Geister, und dies ist
Lebendigsein, erzeugt selbstndig Leben, und alles andre ist nicht Verstehen, -
und der geringste Keim selbstndig in der Brust ist Offenbarung.
    Drum befruchtet das wahre Verstehen den Geist.
    Frchte nicht, da Deine Liebe verloren sei, die Geister tragen sie hin, wo
sie wirkt, wo sie erzeugt, wo sie ins Leben eindringt des Geistes. - Und das ist
ja der Liebe einziger Bedarf, aufgenommen zu sein; und was nicht ihrer
Empfngnis fhig ist, das ist auch nicht der Liebe Gegenstand, drum frchte
nicht, da die Liebe ihr Ziel nicht fnde, alles wahrhafte Leben hat ein Ziel.
    Also hast Du eine lebendige, aus der Gromut entsprungne Liebe, so verfehlt
sie nicht ihr Ziel, denn es liegt in ihr selber, wie der Atem in der Brust
liegt.
    Alle Handlung, die nicht Gromut ist, ist Lge, ist Scheinleben; alles was
nicht Geist ist, ist Lge - Gromut mu Scheinleben in wahres Leben verwandeln.
    Was ist Gromut? - Geist? - Denken, Handeln und Fhlen zugleich. - Gromut
mu aus dem tiefsten Geist sich entwickeln - Geist umfat alles, jede Regung
fliet aus ihm. Je mehr Du Geist ausstrmst, je mehr strmt er Dir zu.
    Gromut ist recht eigentlich sinnlicher Geistesstrom, alles was die Gromut
hemmt, ist geistlos.
    Das waren so die Nachzgler von meinem Gesprch mit dem Juden. Bin ich nicht
glcklich, Gnderode, da mir Gott einen solchen an die Tr geschickt hat in so
verachteter Gestalt, und da seine Hoheit um so mehr drunter hervorleuchtet? -
Und der mir zu trinken gibt, wo mein Herz lechzt und nicht die Quelle finden
konnt, denn gewi, dieser Mann beschenkt mich frstlich, und ich kann ihm nicht
vergelten, und er hat mich gewi auch so lieb wie seine Enkel, fr die er mit
Herz und Seele sorgt. Er gefiel mir gleich so wohl, wie ich ihn zum erstenmal
sah, er zog mich an, und ich scherzte freundlich mit ihm, weil ich ihm wohltun
wollte, da ich wei, da niemand freundlich mit solchen Leuten ist und nur ihrer
spottet - jetzt aber denk ich jedesmal, wenn ich ihn seh, wie hoch er ber mir
steht, und wie gtevoll und herablassend er gegen mich ist, er auch behandelt
mich wie der Meister seinen Zgling, ich fhl jeden Augenblick seine bermacht.
- Whrend ich mit ihm rede, schreibt er immer kleine Stze ins mathematische
Heft, die er mir noch zuletzt anweist, wie ich sie herausfinden soll, das macht,
da unser Gesprch sich in Pausen einteilt und feierlich und langsam ist, das
macht mir auch so viel Freud. -
    Wenn ich zu Savigny hinunterkomm, da bin ich immer ganz ausgelassen lustig
vor heimlicher Freud, da ich so einen liebenswrdigen Meister hab, dem ich so
von Herzen zugetan bin, ich wrde fr ihn durchs Feuer laufen, - fr Dich auch -
ich hab immer die Studenten drum beneidet, wenn ich mir dacht, da sie so ein
Verhltnis zu ihrem Professor haben, da sie so stolz drauf sind, seine Schler
zu sein, und ihm die Stange zu halten; damit mein ich, da sie sich ihm widmen
mit ihrem ganzen jugendlichen Enthusiasmus. - Es ist nichts Schneres in der
ganzen Welt als dies. Wr ich ein weiser Meister; wenn mir die Studenten aus
vollem Herzen ein freudig Lebehoch brchten, wenn sie im Fackelzug anmarschiert
kmen, ja, das wr mir am liebsten von allen Ehrenkrnzen. - Der Ephraim hat so
einen Charakter, der imponieren und die Schler anziehen mu, wenn der Philosoph
wr, was er doch eigentlich ist, so mten die Schler mit Leidenschaft an ihm
hngen, - er sagt, meine Schler lieben mich auch, aber die Vorurteile liegen
wie unersteigliche Berge zwischen uns. - Savignys fragen als: Nun, war dein
alter Mathematikus bei dir, hast du wieder Judenweisheit studiert? - Bist du
heut wieder klger wie die andre Menschheit, hat dich dein Jud eingeweiht? -
Ich sag ja und lach mit und freu mich, da ich allein alles wei von ihm - ich
will Dir was sagen, ich hab ihm die Manen vorgelesen und ihn gefragt darber
manches, er hat mit Bleistift drunter geschrieben: Du solltest Geister rufen
und sie sollten deinem Ruf nicht folgen? - das glaub nimmer.
    Wenn ich abends auf den Turm geh, an Tagen, wo er da war, sind die Gedanken,
die mir da oben von den Sternen kommen, immer so bereinstimmend mit seinen
Reden, da ich manchmal meinen mu, sie htten's ihm eingegeben fr mich. -
Solche Gedanken, die mir lieb sind, schreib ich in ein Buch, um die schnsten
draus zu whlen und Dir zu schreiben; am Tag vorher, als ich vom Turm kam - es
war spt, ich war mde und schrieb eilig, ohne mich zu besinnen, was mir noch im
Kopf schwrmte, von da oben: Darum ist's auch oft, warum das Gttliche nicht in
uns haftet, weil wir selbst schlecht werden, indem wir mit dem Bsen streiten;
wir wurden boshaft, indem wir das Bse verfolgten. -
    Gott hat den Adam nicht aus dem Paradies verjagt, der Adam ist ihm von
selbst entlaufen. Wo knnt ein Engel eine gottgeschaffne Kreatur aus dem
Paradies jagen wollen? - Alles Gttliche ist Steigen, was nicht mitsteigen kann,
das sinkt.
    Wo knnte aber das Gttliche aufsteigen, wenn nicht aus dem Ungttlichen? -
Wie knnte das Gttliche vom Ungttlichen sich sondern wollen? - Nein, es ist
recht seine gttliche Natur, sich nicht von ihm zu sondern; es mischt sich mit
ihm und reizt es, des Gttlichen inne zu werden, nur Verachtung lst sich ab vom
Gttlichen, nur der Tod lst sich ab, und vieles ist der Tod selbst, wodurch die
Menschen sich vom Ungttlichen absondern wollen, - sich des ewigen Lebens
teilhaftig machen wollen. -
    Die Freiheit mu zur Sklavin werden des Sklaven, sie mu sich dem
Sklavensinn erobern, wie knnt sie sonst Freiheit sein? - In was kann Freiheit
sich aussprechen als im Gebundensein und unterworfen dem gttlichen Trieb, das
Ungttliche gttlich zu machen! - Wer ist mchtig die Ketten zu tragen, wenn
nicht die Freiheit? - Und wer kann die ohnmchtigen Sinne beleben als nur das
Leben selbst? -
    Man sagt zwar, das Gttliche vertrage nicht das Ungttliche, aber es mu
alles vertragen knnen, nur in ewigem Verwandeln in sich besteht das
Gttlichsein.
    Das hab ich heut auf dem Turm gelernt, und dann hab ich noch gedacht:
    Wenn du dich im Geist begegnest mit dem, was du liebst, so trete auf im
Schmuck deiner Begeistrung, sonst wrde es dich nicht erkennen.
    Da dich der Geliebte berhre im Geist, kann nur aus Begeistrung geschehen,
so kann auch nur Begeistrung zu ihm reden. -
    Als ich den Ephraim begleitet hatte, ging ich gleich auf den Turm, obschon
das nicht gilt, wenn die Sterne noch nicht am Himmel stehen; aber ich mochte
nicht wieder ins Haus, es war mir zu behaglich in freier Luft. Fhlst Du das
auch, das Glcklichsein, blo weil Du atmest, - wenn Du im Freien gehst und
siehst den unermelichen ther ber Dir - da Du den trinkst, da Du mit ihm
verwandt bist, so nah, da alles Leben in Dich strmt von ihm? - Ach, was suchen
wir doch noch nach einem Gegenstand, den wir lieben wollen? - Gewiegt, gereizt,
genhrt, begeistigt vom Leben - in seinem Scho bald, bald auf seinen Flgeln;
ist das nicht Liebe? Ist das ganze Leben nicht Lieben? - Und Du suchst, was Du
lieben kannst? - So lieb doch das Leben wieder, was Dich durchdringt, was ewig
mchtig Dich an sich zieht, aus dem allein alle Seligkeit Dir zustrmt; warum
mu es doch grade dies oder jenes sein, an das Du Dich hingibst? - Nimm doch
alles Geliebte hin als eine Zrtlichkeit, eine Schmeichelei vom Leben selbst,
hng mit Begeistrung am Leben selbst, dessen Liebe Dich geistig macht; - denn
da Du lebst, das ist die heie Liebe des Lebens zu Dir; es allein hegt in sich
den Zweck der Liebe, es vergeistigt das Lebende, das Geliebte. - Und alle
Kreatur lebt von der Liebe, vom Leben selbst.
    Ja, so ein Gedanke, Gnderode! Einer knnt fragen, ob er nicht Einbildung
sei? - Aber mich kmmert's nicht, ob alle es nicht glauben, ich bin mir genug
und brauch keine Beglaubigung dazu. Tiefere Wahrheit erkennen ist ja das Leben
verstehen - so empfindet man ja, da groe Taten die schnsten Momente des
Lebens sind; also ein wirkliches heies Umarmen mit dem Leben selbst. Solche
himmlische Momente, aus denen sich nachher die Gewiheit der Liebe ergibt. - Ja,
eine groe Tat allein ist Feier der Liebe mit dem Leben, und sind die Menschen
nicht lebentrunken, wenn sie gro gehandelt haben, wie der Liebende trunken ist
vom Genu, von der Gewiheit, geliebt zu sein? - Ist das nicht jene Seligkeit,
deren jeder andere bar ist, der nicht den Mut hat, der heiligen Inbrunst des
Lebens sich liebend hinzugeben, und an der groen Tat vorbeischleicht? - Ja, was
ist der innere Genu solcher Beglckter, als trunken sein von Begeistrung, die
zu ihnen strmt als Gegenliebe; denn rein und gro sein im innersten Gewissen,
das ist von dem Leben durchdrungen sein. -
    Man sagt, die groe Tat belohnt sich selbst, oder, er hat den Lohn in der
eignen Brust, - und so ist keiner zu ermessen, in dessen Brust dies Verheien
ewiger Inbrunst zwischen Leben und Lebendem diesen Lohn erzeugt. Es ist der
einsame tiefverborgne Glcksmoment, der keinen Zeugen hat, der nie sich
nachfhlen lt, den jeder wahrhaft Liebende verschweigt, der ihn ber alles
Erdenschicksal hebt, und der auch ber alles, was in der Welt anerkannt wird,
ihn stellt, was ihm das Geprg des Erhabnen gibt.
    Ja, die Grotaten, die leidenschaftlichen Ksse des Lebens lassen einen
sichtlichen Eindruck zurck, der sich selbst, ich will's glauben, auf Kinder und
Kindeskinder vererbt, denn wo kme der Adel her? - Ist der nicht aus der
heiligen Kraft entsprossen, wo das Leben mit seiner Liebe den Geliebten errungen
hat? - Dies heimliche innerliche Genieen einer den andern ungekannten
Seligkeit? Wo man alles aufgibt, blo um dem Liebenden - dem Leben zu gengen? -
Ja, das mu wohl auch in der Erscheinung - im Leib sich abdrcken; und man
knnte darauf kommen, in den Gesichtern alter Geschlechter nachzuspren, was
wohl fr eine Art von Begeistrung den Keim zu diesen veredelnden Zgen, zu
dieser erhabnen Vornehmheit legte, ob es khnes Tun, mutiges oder
selbstverleugnendes war, was diese Liebesopfer einst vom Ahnen heischten - das
ist mir schon bei Arnims Zgen eingefallen -, und ein Mann gttlicher
Leidenschaft frs Leben, der ist ein Grnder des erhabensten Geschlechts, der
ist ein Frst unter den Menschen und sollte er selbst in Lumpen unter den
Menschen wandeln, und wer vor diesem Adel nicht Ehrfurcht hat, das ist der
Pbel, der nimmer zum Adel taugt, weil er das verkennt, was sein Ursprung ist,
ihn also nicht in sich erzeugen kann, er nenne sich Frst oder Knecht. - Das war
mein Gesprch heut mit den Sternen.

                                                                        Dienstag

Heute ist der siebente Tag, da ich meinen ersten Brief abschickte, am Samstag
der zweite und heut? - Soll ich diesen schlieen und Dir schicken? - Ich mein
als, es sei Dir zuviel vielleicht - das wird aber nicht, ich hab Dir's
versprochen, Dir alles von da oben zu schreiben, Du hast mich mehrmals dazu
aufgefordert, was kann ich davor, da mir so viel in den Kopf kommt, oder
vielmehr in die Feder, denn, wenn ich glaub, mit einer Zeil fertig zu sein, so
bring ich die selbst nicht aufs Papier vor so viel hundert andern, die sich
dazwischendrngen. So hatt ich gestern im Sinn, wie es doch so dumm ist, wenn
man sich ber sein eigen Leben wollt besinnen und glauben, es lg schon hinter
einem, was doch noch nicht der Anfang ist vom Leben, sondern nur der Grund, die
Veranlassung dazu. -
    Wenn der deutsche Kaiser gekrnt ist, vom Dom bis zum Rmer ber eine Bahn
von Scharlachtuch geht, so fllt das Volk dicht hinter ihm ber das Tuch her und
schneidet es unter seinen Tritten ab, zerreit's in Fetzen und teilt es unter
sich, so da, wenn er auf dem Rmer ankommt, so ist nichts mehr von der
Scharlachbahn zu sehen. So scheint mir auch aller Lebenseingang wie die rote
Kaiserbahn, gleich nach jedem Schritt aufgehoben und nichts sein, bis das Leben
Dich wie den Kaiser in so groe Verpflichtung nimmt, da kein Augenblick mehr
Dein gehre, sondern Du ganz im Leben aufgehest, da kannst Du erst Deines Lebens
Anfang rechnen, dann aber hebt sich das Sterbenwollen von selbst auf. Alles
Leben, was sich mit Dir berhrt, hngt von Dir ab, aber Du bist kein
abgesondertes Leben mehr, - und wirkliches Leben ist ein Ausstrmen in alles,
das lt sich nicht aufheben, - wie's mich verwundert hat, wie Du sagtest, viel
lernen und dann sterben, jung sterben! - Es kam mir in den Sinn, als htt ich
wohl meine Zeit sehr vernachlssigt, da ich nun schon so alt sei und noch gar
nichts gelernt, so wrd ich wohl das Jungsterben bleiben lassen mssen, oder
lieber gar nichts lernen. - Aber die kaiserliche Scharlachbahn! - Ich sag Dir,
alles, was Du Dir vom Leben abschneiden kannst, ist blo das Prludium dazu, und
das hebt sich von selbst auf, es ist vielleicht ein idealischer Voranfang; -
willst Du mit diesem das Leben aufheben? - Das heit den Kaiser mit samt dem
Tuch zerrissen. - Und doch ist das ganze Leben nur, da Du eine Ehrenbahn
durchwandelst, die Dich wieder ins Ideal ausstrmt. Ich fhl's, wie kann man zu
was Hherem gelangen, als da man sich allen Opfern, die das Leben auferlegt,
willig hingebe, damit der Wille zum Ideal sich in das Leben selbst verwandle -
wie kann man Selbst werden als durch Leben? - Und so mu man auch willig das
Alter ertragen wollen, und die ganze Lebensaufgabe mu aufgenommen sein und kein
Teil derselben verworfen. - Wenn Du frh sterben willst, wenn Du es unwrdig
achtest, weiterzugehen, wirst Du damit nicht jeden schmhen, der seine
Lebensbahn nicht aufhob? - Die da mhselig ihre Last tragen, sind die zu
schmhen? - Heldentum ist hher als Schmach! -
    Vor der Philisterwelt, die meinen Geist doch nicht begreift, schm ich mich
nicht, fr sie nicht Jugend zu sein, die von den heiteren Frhlingstagen nichts
wei, welche der Geist durchlebt. - Weit Du, was schlecht ist im Alter? - Wenn
es ein Aufbau, ein bereinandertrmen rumpliger Vorurteile geworden, durch das
die heilige Anlage der Jugend nicht mehr durchdringt, aber wo der Geist durch
alles gehufte Elend des Philistertums, dieser ganz unwahren aber wirklichen
Wahnwelt, durchdringt zur Himmelsfreiheit, zum ther und dort aufblht, da ist
Alter nur das krftigste Lebenszeichen der Ewigkeit. - Mir scheinen alle
Menschen um mich wie nichts oder doch eine geringe und unzuverlssige Gattung
von Naturen, eben weil der Geist nicht in ihnen liegt, die hchste Blte im
Alter zu erreichen, - eine zernagte Blte. - - Aber der Ephraim deucht mir eine
vollkommne Geistesblte, die jetzt im Frhlingsregen steht; die Tage sind lau,
aber trb - aber die Ahnung ist voll himmlischem Jugendreiz, die andern fhlen
und sehen ihn nicht, wo steht aber auch je ein Philister bei der knospenden Zeit
still, voll Schauer, voll Gebet zur erwachenden Blte? -
    Was war's also mit Deinem Frhsterbenwollen? - Wem zu gefallen willst Du
das? - Dir selbst zulieb? - Also rechnest Du die scharlachne Kaiserbahn fr
Deine Jugendblte, blo weil sie so glanzvoll schimmert, aber sieh doch, die
Welt achtet sie ja nicht, sie zerreit sie in Fetzen, und Du stehst an ihrem
End, und ist nicht mehr eine Spur davon, und da willst Du Dich mit zerreien?
Aber der Trieb zu blhen ist erst dann wahre Geisteseingebung, wenn jene
Scheinblte Dich nicht mehr tuscht, wenn Du die Blte ganz aus Dir selbst
erzeugst, dann will ich sagen: Ja, Du bist der Geist des Frhlings - aber
mutlos das Leben verwerfen ist nicht Jugendgeist -, ach ich fhle wohl, da ich
hier weit mehr recht hab wie Du, und da ich Dir Trotz bieten kann; aber ich
wei auch, da Du die tiefere Geisteswahrheit, die in meinem Vergleich liegt,
deutlicher wahrnimmst als ich, und da Du gewi Gewaltigeres ahnest, als ich
begreife. Es geht immer so zwischen unseren vertrauungsvollen Reden, da ich
stottere, und da Du mir dann reiner begreiflich machst, was ich wollte. - Mir
steht hier nur der Jude vor Augen, der ber die sinkende Blte der Eltern hinaus
die schweren Lebensbedingungen erfllt, jeden mhevollen Weg zur Erhaltung der
Enkel macht, keinen Tag mehr als den seinen verlebt, nicht um sich selber sich
kmmert, in der Tagshitze zu den Seinen hinwandernd, sich mhsam beugt, um die
Brosamen zu sammeln auf dem Weg und sie den verwaisten Kindern zu bringen. -
Sein Weg war sonst Wissenschaft, Studium der alten Sprache, Philosophie; und
nun! - Wirft ihn das Geschick hinaus aus der Bahn, durch seine Aufgaben, die
mehr mit dem wirklichen Leben zusammenhngen? - Mir deucht nicht, - mir deucht,
es sei die erste heilige Bltezeit seines jugendsprossenden Geistes, - so ist er
auch friedevoll und ruhig im jungen Sonnenlicht keimend und treibend, lebenswarm
ist der Boden, die Luft und sein Wille und sein Denken - und was er sagt, ist
wie die Rebe, in die der Saft steigt einstiger Begeisterung - und ich wei
nichts mehr von Veralten, Verwelken, seit ich diesen Mann angeschaut hab; jeder
Tag auf Erden ist ein Steigern der Bltebegeistigung, so nenn ich's, in der Eil
wei ich's nicht anders auszudrcken - und der letzte Tag ist immer noch
lebentriebvoller wie der vorletzte. Wie es auch sei, es ist ein ewig Vorrcken
in den Frhling; - und unser ganz Leben glaub ich, hat keinen andern Zweck. -
    Die Sterne haben mir's gesagt fr Dich. -

                                An die Gnderode


Es ist ja noch gar nicht so lang, da Du mir geschrieben hast, es sind jetzt
vierzehn Tage, und wenn ich Deinen Schreibetag hinzurechne und die Reise und das
Abgeben des Briefs, so sind es sechzehn oder siebzehn Tage; - Du bist nicht Herr
Deiner Zeit wie ich - denn ich hab gar nichts anders zu tun, als alles Leben zu
Dir hinzuschicken, ich wollt auch lieber gar nicht denken, wenn ich Dir's nicht
wiedergeben knnt, mir kommt expre alles in den Sinn wegen Dir. Aber ich wei,
da es Dummheit ist, sich immer ngstigen zu wollen. Nur das eine kann ich nicht
ausstehen, wenn sie mir schreiben, die Gnderod lt Dich gren. - Ich kann
noch eher leiden, wenn sie sagen, man sieht die Gnderod nicht. - Aber das eine
nur, es ist mir wie ein Nebel zwischen mir und Dir, ich glaub Dich an meiner
Seite und sprech mit Dir immerfort und der Nebel ist so dicht, da ich Dich
nicht seh, und auf einmal ruf ich: Bist Du noch da? - Du gibst keine Antwort. -
Da ngstige ich mich und wei nicht, wo mich hinwenden. Da mein ich als, alles,
was ich Dir gesagt hab, sei nur ein Abirren von Dir, statt da es mich htt an
Dich ziehen sollen; und da denk ich, deswegen httst Du Dich von mir entfernt,
weil ich Dir so manches sag, was Deine Seele nicht hren will, was sie strt. -
Ach, Deine Seele, ich bin einmal geboren dazu, da ich sie umflattere. Es ist
mir zwar jetzt nicht mehr so heimlich auf dem Turm, weil mir immer zuerst
einfllt, ob das, was mir da oben in den Sinn kommt, Dir auch recht sein mag,
aber ich geh doch hinauf - nein, es treibt mich hinauf, - wie der Wind da oben
als geht, das glaubst Du nicht, er knnt einen gleich forttragen, das jagt
alles, - Wolken und Mond aneinander vorbei - jedes seinen Weg, - recht
zwietrchtig, ich wei nicht, was ich dazu sagen soll. - Der Weg hinauf wird mir
tglich ngstlicher. Ich war schon beinah dran gewhnt und freut mich auf den
Weg, und jetzt ist's wieder wie ein Stein, der auf mir liegt, manchmal bin ich
so zerstreut, da ich's gar verge und erst dran denk, ganz spt, und jeder
Schatten macht mir bang. Aber wo soll ich hin, ich mu doch hinauf, ich mein,
ich mu da oben die Welt helfen festhalten. - Was das heut fr ein Gestrm war!
- Es wchst da oben auf der Mauer ein Vogelkirschbaum, der hatte bis jetzt noch
seine roten Beeren an sich hngen, ich hatte recht meine Freud dran, und ich
dacht, das soll mir ein Zeichen sein, da es zwischen uns beiden heiter ist und
frhlich. - Und die Beeren sollen hngen bleiben den ganzen Winter, ich hab sie
auch zusammengebunden, da sie der Wind nicht so leicht forttragen konnt; aber
da war kein Halten, er drehte sich wie eine Kriegsfahne im Sturm, ich sprang auf
die Mauer und wollte ihn schtzen und nahm ihn in' Arm und hab das uerste
gewagt, ihn festzuhalten, bis der Wind sich legen wollt, und htt ihn gehalten,
wenn's bis zum Morgen gedauert htt, aber da flogen mir die Beeren ber den Kopf
weg, einzeln - und ganze Trauben, bis die letzte fort war, da hab ich ihn
losgelassen. Da legte sich der Wind und war's ganz hell und ruhig am Himmel -
da ich noch eine Weile so dasa, wieder - ganz ruhig, und mich verwunderte, wie
ich eben noch so mit strmen konnt, und warum mir doch das Herz so geklopft
hatte, da grade sonst ich und Du immer so heimlich und so lustig waren, wenn wir
manchmal auf freiem Feld einen Sturm mitmachten. - Aber ich mag Dir's gar nicht
sagen, was mir alles vorkommt und sich mir weismachen will, und an was fr
Dingen es hngt, da meine Frhlichkeit sich in Trbsinn verwandelt, oder da
der sich wieder zerstreut. - Oft im Sommer, wenn ich einen Vogel singen hrte,
war ich wie von einer freudigen Botschaft belebt. - Und oft, wenn ich die reifen
Kornhren so vom Wind durchstrmt und geknickt sah, mut ich in tiefen Gedanken
stehen, mich besinnen, wie ich soll einen Boten schicken, der sich den Winden
ins Mittel lege. So wollen wir auch meinen jetzigen Aberglauben auf diese
Rechnung schreiben. - Es wird vergehen und wird wieder ruhig werden.
    Am Sonntag hat der Bang hier gepredigt, ich versprach ihm zuzuhren, wenn er
wollt von den Juden predigen, wie die Christen ihr unchristlich Herz gegen die
verschlieen, da die Juden gar nicht das Christentum empfinden knnen. Der Bang
predigte, wie Christus seine Jnger aufforderte, dem Volk das wenige, was sie an
Nahrungsmitteln bei sich hatten, hinzugeben, ohne sich selbst zu bedenken.
Siehe! da war pltzlich berflu fr alle! Und wenn es ein Wunder ist, da der
berflu in den Krben gesammelt ward, ber das ihr staunt und Gott anbetet, so
wollet doch auch als gttliches Wunder achten, da die Liebe aus dem Herzen
aller strmte, wie durch elektrische Berhrung der Liebe des Sohns Gottes zu
allen, so da von Nachbar zu Nachbar sie einander mitteilten, und wollten lieber
darben als darben lassen. Und so waltete der Segen in den wenigen Broten, als
jeder das seine mit dem andern teilte, und kam daher der groe berflu. - Wenn
ihr das nicht als Wunder bekennt, sondern es als ein natrliches Ereignis nicht
wrdig achtet, zu den gttlichen Wundern gezhlt zu werden, ist es dann nicht um
so mehr von denen zu erwarten, die sich seine Jnger nennen, da dieses
natrliche Wunder infolge des Gttlichen erspriee? - Und da es doch zwischen
euch, die ihr Jnger Christi seid, nicht auf die gttliche Weisheit ankommt,
sondern blo ums tgliche Brot euch streitet, so mag nun die gttliche Kraft des
Wunders in den Broten gewirkt haben, da sie sich mehrten oder in den Herzen der
Juden, da sie aus Hunger nach dem gttlichen Wort der leiblichen Sorge nicht
achteten und sich einander im christlichen Sinn, der schon in ihnen zu keimen
begann: Liebet euch untereinander, die leibliche Speise mitteilten und gnnten,
so liegen denn immer diese Lehren darin: Richtet die Seele auf gttliche
Weisheit, so wird die Sorge um das Irdische von euch gehoben durch gttliche
Kraft. Oder auch: Die Sorge um Irdisches ist allein in die Welt geboren, damit
ihr sie berwinden lernt um eurer Brder willen und gemeinsam nach dem
Gttlichen trachtet, was jedem zustrmt, soviel er zu fassen vermag. Der
gttliche Segen aber regnet ber alle Lande, und euch brderlich in den
irdischen zu teilen, achtet ihr das nicht als gttliches Wunder in euren Herzen?
-
    Mgen doch eure Herzen geschickt sein, Bruderliebe zu ben, so ist euch
gewi, da das Wunder gttlicher Weisheit in euch erblhen werde, was von innen
als Flle des Segens ber alle gleich sich ergiet, und nicht ber diesen
allein, weil er Christ ist, und ber jenen nicht, weil er Jude ist. - Denn so
oft wir den Segen, sei er irdisch oder himmlisch, abteilen wollen, so erstirbt
er in uns, denn sein Leben ist: Gemeinschaft des Heiligen. Mit dem inneren Sinn
sollen wir die Welt regieren, das uere Regiment greift in ihre Gestaltung nur
vorbergehend oder gar nicht ein und kann nur das Geistige, die wirkliche
Entwicklung hindern, aber der innere Sinn, durchdrungen von dem hheren Regiment
der Welt, breitet sich aus und greift um sich, ihm ist nicht Einhalt zu tun,
erzeugt sich in allen Herzen, jeder pflanze den Kern dieser sen Frucht ins
eigne Herz, er ist der Frhling des Lebens, ohne den werden wir nicht ernten und
keine Gewalt haben. -
    Bang sagte mir nach der Kirche, er habe wohl gemerkt, da ihm niemand
zugehrt habe als nur ich allein, die ganze Kirch hab geschlafen. -
    Ich hab von dieser Predigt in einem Brief an den Voigt geschrieben, weil ich
ihm nichts Besseres zu erzhlen wute, so hat er mir geantwortet: Der innere
Sinn greift mehr um sich wie alles Regiment der Welt, der Flgelsame des Geistes
kann nicht abgesperrt werden, der treibt umher, und der Wind der geistigen Natur
berwltigt alle Vorkehrungen, drum ist's lcherlich, was die Menschen sich fr
Mhe geben, alles in der Zucht halten zu wollen oder durch etwas anders die
Freiheit zu erkaufen als durch den Geist. Freiheit ist die strengste Zucht, denn
sie greift da ein, wo kein Gebot noch Verbot was wirkt, sie zermalmt das
Schlechte in der Wurzel; denn Freiheit ist eine gttliche Kraft, die nur Gutes
wirken kann, aber die Menschen verstehen nicht, was Freiheit ist, sie wollen
sich ihrer bemchtigen, das ist schon sie ertten. Der Freiheit kann man sich
nicht bemchtigen, sie mu als gttliche Kraft in uns erscheinen, sie ist das
Gesetz, aus dem sich der Geist von selbst aufbaut. Innere Gebundenheit und
uere Freiheit sind doppelt schwere Ketten, weil die Trunkenheit noch
dazukommt, die die Sinne bindet und verwirrt. - Das ist ungefhr das
Bedeutendste, was ein zehn Seiten langer, sehr kritzlich geschriebner Brief
enthlt, ich wollt Dir ihn nicht schicken, ich frcht, es mcht Deine Augen
angreifen, ihn zu lesen. Er hat noch viel Hbsches und Freundliches geschrieben
ber Deinen Franken in gypten6. - Er sei der Franke, aber das Mdchen werde er
nimmer finden, das ihn in des Vaters Htte fhrt, denn was ihm in der Seele
woge, das sei nicht mit Schnheitslettern ihm ins Antlitz geprgt, seine
frnkische Nase umschreibe kein schnes Profil. Den Brief kann ich Dir einmal
vorlesen, wenn das Fllhorn eigner Mitteilungen ausgeleert ist, - aber wann wird
das je sein? - Ach, ich hab das Herz so voll zu Dir, nur heut hab ich von
fremden Menschen geredet statt von meiner Seele, weil ich Dich nicht betrben
will mit meinen Klagen. Aber gewi ist es wahr, auf dem Turm kann ich nur
Seufzer ausstoen, und meine Gedanken sind wie abgerine Zweige und zerstreute
Bltter - Laub, das im Winterwind herumwirbelt! - - Ich kann keins haschen, und
was mir zufliegt, das zerfllt und hat keine sybillinischen Zeichen; aber ich
will nicht klagen, denn es ist ja doch nur Einbildung von mir, Du bist nur so
schweigsam, weil Du so in Gedanken versunken bist, wie Du schon als diesen
Herbst warst. Wolltest Du nicht manchmal den Voigt sehen? - Er ist doch gut, der
knnt mir als von Dir schreiben. Er ist heiter und bescheiden und erzhlt so
viel Schnes aus seiner frhen Jugend, sein Leben ist Musik und Malerei, seine
Bekanntschaft ist, wie wenn einer mit frhlichem Gemt umherschaut und einem
unbefangnen Blick begegnet, dem er alles erzhlt, was in seinem Innern vorgeht.
Da er schlecht geschrieben hat, will ich wohl glauben, aber es verdirbt mir ihn
nicht, denn das war vermutlich die besessene Herd Schweine, die in die hohe
Meeresflut gestrzt sind; wie es denn gewhnlich bei guten Menschen geht, die
was Schlechtes hervorbringen; es mu ihnen ganz leicht sein, wenn sie es los
sind, - so ist er auch ausnehmend vergngt. Ich hab ihn kennen lernen, wie er
als Schulrat in Frankfurt vorgestellt war, da hat er mich mit seinem witzigen
Humor ergtzt, und es lag so viel Wahres und Richtiges, zum wenigsten mir
Zusagendes in seinen Bemerkungen, da ich immer meine, er wrde das Beste
gewirkt und geraten haben, er sagte aber damals zu mir: Ach, ich bin ein
Wickelkind, mir sind die Hnde mit dem Wickelband festgebunden, ich kann nur
Gesichter schneiden, und da meinen die Leute, ich lach und weine im Traum, sie
meinen gar nicht, da ich mit meinen fnf Sinnen dabei bin, wenn ich was sag. -
Wenn es Dir nicht strend ist, da er Dich einmal besucht, so schicke ich ihm
einen Brief an Dich. -
    Vom Hlderlin hab ich auch erzhlen hren, aber lauter Trauriges, was ich
Dir jetzt nicht erzhlen mag, denn wir beide wrden nichts darber erdenken
knnen; und in meinem Herzen steht geschrieben: Streue die Saat der Trnen auf
sein Andenken, vielleicht da aus diesen die Unsterblichkeit einst ihm aufs neue
erblht! - Ach, auch er hat gesagt: Wer mit ganzer Seele wirkt, irrt nie! Ja,
wer unzerstreut und mit ganzer Seele dabei wr, der knnte wohl Tote erwecken,
drum will ich mich sammlen und an Dich denken, da ich Dich mir wach erhalte,
da Du mir nicht stirbst. - Aber ich will meinen Brief nicht so traurig
schlieen. - Ein Brief, den ich krzlich von Goethe gelesen habe, den er anno
Achtzehnhundert an Jacobi schrieb, wird Dich auch freuen: Seit wir uns nicht
unmittelbar berhrt haben, sagt er ihm, habe ich manche Vorteile geistiger
Bildung genossen, sonst machte mich mein entschiedner Ha gegen Schwrmerei,
Heuchelei und Anmaung, oft auch gegen das wahre ideale Gute im Menschen, das
sich in der Erfahrung nicht wohl zeigen kann, oft ungerecht. Auch hierber, wie
ber manches andere belehrt uns die Zeit, und man lernt: da wahre Schtzung
nicht ohne Schonung sein kann; seit der Zeit ist mir jedes ideale Streben, wo
ich es antreffe, wert und lieb. - So sehr ich sonst eine Sehnsucht hatte,
allein und heimlich ihn aufzusuchen, jetzt ist's nicht mehr so; - ich mchte gar
nicht zu ihm, wenn ich nicht Dich an der Hand fhrte - nur als zeigte ich Dir
den Weg, - und nur, da ich mir den Dank von ihm und Dir verdienen will, denn
was er im Brief sagt, berechtigt Euch, gegenseitig aufeinander Anspruch zu
machen, denn wie freudig wrd er erstaunen ber das Ideal in Deiner Brust, so
wie Du Dich aussprichst in jenem Brief, wo Dir auf einmal so hell dies Ideal
erschien, als shest Du voraus in Deine Unsterblichkeit. - Und mit was knnt ich
ihm entgegenkommen? - Ich hab keine Vorrechte, ich hab nichts, als den geheimen
Wert, von Dir nicht verlassen zu sein, sondern angesehen mit Deinen
Geistesaugen, die Gedanken in mich hineinzaubern, welche ich nie geahnt haben
wrde, lse ich sie nicht in Deinem Geist.
    Gestern abend haben sich jung und alt beschert, mir sind die leeren
Weihnachtsbume zuteil geworden, ich hab mir sie ausgebeten, ich hab sie vor die
Tr gepflanzt, man geht durch eine Allee von der Treppe ber den breiten
Vorplatz bis zu meiner Tr, diese grnen Tannen, so dicht an meiner Tr,
beglcken mich - und die Welt ist noch so gro! Ach es steigt mir die Lust im
Herzen auf, da ich reisen mcht - mit Dir - wr das denn nicht mglich? - Bin
ich denn so ganz gefangen, kann ich mir hierin nicht willfahren? - Und willst Du
auch nicht das Unglck meiden, jener die sterben, ohne den Jupiter Olymp gesehen
zu haben? - Ich fhl, da mir alle Sehnsucht gestillt knnte werden, hoch auf
dem hchsten Berg die Lande, die Weite zu berschauen, ich wrde mich wahrlich
erhaben und mchtig fhlen, denn wessen das Aug sich bemeistert, dessen fhlt
der Groherzige sich Herr. Ach, Gnderode, ich wei nicht, ob Du's auch schon
gefhlt hast, aber mir ist jetzt vor allem der Sinn des Aug's gereizt, sehen
mcht ich, nur sehen. - Wie gro und herrlich die Kraft, mit dem Aug alles zu
beherrschen, alles in sich zu haben, zu erzeugen, was herrlich ist, - wie wrden
da die Geister uns umflgeln auf einsamer Stelle? - Und dann kennen wir uns, wir
wrden ineinander so einheimisch sein, es bedrfte keiner Mitteilung, die
Gedanken flgen aus und ein, in' einen wie in' andern, was Du siehst, das ist in
Dir, denn ich auch, ich hab mich nicht vor Dir verschlossen; - ja, Du bist
tiefer in meiner Brust und weit mehr von meinem Seelenschicksal, als ich
selber, denn ich brauch nur in Deinem Geist zu lesen, so find ich mich selbst.
Und wie glcklich hab ich mich doch hingehen lassen in Deinem Kreis? - Als
schtze Dein Geist mich, so hab ich alles Unmgliche gewagt zu denken und zu
behaupten, und nichts war mir zu tollkhn, berall fhlt ich den Faden in Deinem
klugen Verstehen, der mich durchs Labyrinth fhrte. Ach, ich mchte alles haben,
Macht und Reichtum an herrlichen Ideen und Wissenschaft und Kunst, um alles Dir
wiederzugeben; und meinem Stolz, von Dir geliebt zu sein, meiner Liebe zu Dir
genug zu tun. Denn diese Freundschaft, dies Sein mit Dir, konnte nur einmal
gedeihen. Ich zum wenigsten fhle, da keiner mit mir wetteifern knnte in der
Liebe, und darum siegt auch meine Gromut, - ich mag niemand eine Schuld
aufbrden, um die er ewig ben mte.
    Mein Brief ist zerstreut geschrieben, das ist, weil ich Dich suche, - sonst
stehst Du vor mir, wenn ich Dir schreibe, da spreche ich mit Dir, die Hlft sind
da meine Gedanken, und die Hlft Deine Antwort, denn ich wei allemal, was Du
antwortest, wenn ich Dir was sage; so lerne ich immer das Tiefere, das Weise,
das Besttigende aus Dir. - Die Post geht ab - ich lasse den Brief noch liegen,
vielleicht kommt ein Brief, dann bitte ich Dir gleich noch in diesem meine
Beschwerde ab. - Ach km doch ein Brief. -
    Nein, es ist kein Brief gekommen.
    Ich bin bse - aber nicht auf Dich - auf mich bin ich bse, woher kommt mir
die Krankheit? - Ja, es ist Krankheit, und schon lange lag es in mir; - es ist
ja als ob ich nichts von Dir wisse, so verzage ich ganz, war ich denn im vorigen
Jahr so bang? - Da sind doch auch Zeiten vergangen, wo Du nicht schriebst. Du
hast mich verwhnt mit Deinen kleinen Briefen aus dem Rheingau, ich kenne ja
doch Deine groe Ruhe, in die Du manchmal so schweigsam versunken warst, da ich
oft stundenlang mit Dir war, und Du sprachst nicht, so wird's jetzt auch sein -
der Nachhall Deiner stillen Begeistrung ist's, oder es wiederholen sich tiefe
Melodien Deiner Seele in Dir, denen horchst Du zu. Ja! Wie's in jener
himmlischen zauberhaften Nacht war, auf dem Rhein, wo wir zusammen unter der
blhenden Orangerie auf dem Verdeck saen. - Wie schn war's doch, da die grade
von Kln nach Mainz fuhr, und da wir beide auf dem Schiff die einzigen waren,
die in der Nacht da oben blieben, die andern frchteten die kalte Nachtluft, das
war ein rechtes Glck. Wir freuten uns, als der letzte hinabgeflchtet war und
wir waren ganz allein und blo der Steuermann und die Ruder und die groe
Stille, - und meinen Pelz warf ich um Dich und sa zu Deinen Fen, und der
deckte mich auch noch, und wie schn war die Mondnacht, es sollte nicht ein
Wlkchen am Himmel sein, der unermeliche Luftozean, in dem allein der Mond
schwamm. - Da warst Du auch so stille, und wenn ich ein Wort sagte, so verlor
sich's gleich im tiefen Schweigen - da ich auch nicht mehr reden mochte aus
Ehrfurcht vor der stillen Versunkenheit der ganzen Natur! - Und wer kann's je
vergessen, der in so heller Nacht auf dem Rhein schifft, wenn beide Ufer sich im
Mondglanz baden; - und dann kam der Wind und rauschte erst leise in den Kronen
und dann strker, und es fielen Blten auf Dich und mich, und da sah ich mich um
nach Dir, hinauf zu Dir, da lcheltest Du, weil es zu schn war, was uns da
widerfuhr, aber wir beide schwiegen still, um nicht zu stren, alles was sich an
Schnheit rund um uns ausbreitete, und wir fuhren um die stillen Inseln und
kamen nher ans Ufer, da die Weiden herberhingen und verwickelten ihre Zweige
in unsre Bume, und schttelte ber Dir die Krone, da sie all ihre Blten Dir
in den Scho warf, da warst Du erschrocken aufgewacht, denn Du warst
eingeschlafen grade - einen Augenblick. - Ja, ich auch schlaf gern, wo es grad
mir am seligsten ist, da ist immer die Ruhe ber mir, als wre Seligkeit nur
eine Wiege und schaukelte die Seele und wiegte sie aus einem Traum in den andern
hin und her, wo es schn und schner wr. - Ich dachte da, es war ein kstlich
Wohlgefhl in mir, und betete es vor Gott, ich wollte nicht glcklicher sein in
der ganzen Flle der Welt als so, wie es uns beiden da beschert war, und ich
fhlte mich so gestrkt und knpfte mich getreuer an Dich. - Und gelobte mir
meinen Geist waffenfhig zu machen, und da gingen in Eile viele groe khne
Taten vor mir vorber, die ich all im Geist entschieden hatte, und da war ich so
hei einen Augenblick vor raschem Lebensentschlu und reiner Begeistrung. Und
daher hab ich verstanden, was Du in Deinem Brief sagst von dem einfachen
Phnomen, wo tragische Momente uns durch die Seele gehen, die sich ein Bild
unsrer Lebensgeschichte auffangen, und wo die Umstnde sich so ketten, da man
ein Tiefschmerzendes oder Hocherhebendes im Geist mit erlebt. - Mein Gefhl aber
war nicht tragisch, es war glorreich, es war jubelnd, berall war ich Sieger; -
ja recht wie ein Adler, der sich aufschwingt ber den Erdenballast von allen
Geschicken, und der nur fliegen will, und so bin ich da auch ein paar Minuten
ber jenen Gelbden eingeschlafen, als wenn der Schlaf die Besttigung aller
Geisteserhebung wr! - Oder ist es vielleicht im Schlummer, da der Geist in
seinen Gelbden aufsteigt? - So war's mir nach jenem kurzen Schlaf, als sei ich
im Port meines Lebens angelangt, und als brauche ich keine fremden Wege mehr zu
suchen. - Es war, da ich immer Dir verbleiben wollt, da alles Glck, was uns
entgegenkomme, nur Dein sein solle, und da ich's nur durch Dich genieen wolle.
Drum schieden wir auch am Morgen so leicht und heiter, ich stieg in den Wagen,
der mich am Ufer erwartete, um nach Frankfurt zu fahren, und Du bliebst auf dem
Schiff, und ich hatte Dir nicht einmal die Hand gereicht und rief nur hinber:
Adieu Gnderode! und Du riefst meinen Namen. Und es war, als ob die Welt uns
nicht trennen knne. - Aber wie ich eine Weile vorwrtsgefahren war und sah Dein
Schiff mit seinem sdlichen Garten noch von weitem, da fiel mir's auf einmal
ein, da ich Dir nicht die Hand gereicht hatte und Dich nicht gekt hatte und
Du mich auch nicht auf meine Stirn, was Du doch sonst immer tatst und jeden
Abend, wenn ich von Dir ging. - Und es war mir so angst drum, da ich gern
umgekehrt wr, wenn ich gedurft htte. - Und jetzt, wenn ich an Dich denk und Du
schreibst nicht, so fllt mir's ein und ngstigt mich. Aber doch ist es ja ein
gutes Zeichen, ein so sicheres Gefhl, da wir nicht getrennt seien, und wenn
doch diese schnste idealische Nacht unseres Lebens die letzte war, die wir
miteinander zubrachten, so wird uns auch der Genius wieder so zusammenfhren, -
und hin durch heie Lnder, wo kein Sehnen ist, und wo wir am Morgen nicht um
den Abschied sorgen, weil wir uns nicht trennen werden. - Nur, da ich jetzt in
die beschneiten Felder sehe, und da mir der Winter so tot jetzt erscheint, wo
mir eine italienische Sommerglut im Herzen wogt! -
    Ja, wir wollen fort, Gnderode, wir zusammen; - es war ein Schicksalsruf,
jene himmlische Nacht unter sdlichen Blten, - sie rief uns zu dem Land, dort
wohin mein Sehnen geht, um das ich schon mit der Mignon meine Nchte verweint
habe. - Das erste, wenn wir uns wiedersehen, soll es sein, da wir einen festen
und reifen Plan machen. - Es ist am End ganz lcherlich, wenn wir alles Schne
und Herrliche, von dem gesprochen wird, im Geist berhren und genieen, und wir
sitzen in der Wirklichkeit wie eingefroren. Ich bin begierig, ob wir's nicht
dazu bringen, in der pappendeckelnen Welt; das ist's eben, da sie von
Pappendeckel ist. - Da fllt mir wieder mein Kindertraum ein, wo ich auf einem
backsteinernen Flu auf der Reise war und die Ruderer vergeblich Wellen schlagen
wollten, und nur mit den Stechstangen ging's langsam vorwrts, - und das krachte
so unangenehm, es pfiff, da es mir zwischen den Zhnchen weh tat. Ach und die
Reisegefhrten schnitten so frchterliche Gesichter, - da hab ich recht in
Natura gesehen und ohne Schleier, was ein Philister fr eine frchterliche
Lebenslarve hat. - Der Trieb zur Schnheit ist doch wohl noch das einzige, was
von einer hheren Natur brig ist. -
    Am Feiertag wollt ich, der Ephraim sollt mich besuchen, es war mein Lerntag,
aber weil's Feiertag war, so konnt ich einmal die Stund verplaudern mit ihm,
wozu ich so groe Lust hatte, und mit meinen Tannenbumen eine Laube um seinen
Sitz gebaut, das hat mir gro Vergngen gemacht, ich schenkte ihm auch Wein ein,
da kam der Professor Wei dazu, der hatte mit ihm zu reden wegen zwei Schlern,
der sprach auch mit groer Achtung mit ihm, da er so groe Kenntnisse habe.
Sein Enkel holte ihn ab und blieb noch eine Weile da, aber er setzte sich nicht
vor seinem Grovater und blieb stehen, und von dem Wein nippte er nur - und ich
will Dir gestehen, da ich die ganze Zeit von Dir gesprochen hab, denn ich kann
auch nicht gut von anderem sprechen, weil ich doch immer dran denk, ob ich bald
einen Brief von Dir krieg. - Was soll ich noch von ihm erzhlen, er hat eine
eigne Art, es scheint nur Bescheidenheit, aber man fhlt, da es Herablassung
ist und Gte; ich mcht Dir auch gern noch manches von ihm sagen, aber weil ich
gar nichts wei von Dir, das bricht mir den Mut, ich wei ja nicht einmal, ob Du
es mit Anteil liest. - Er sagte mir, da er bis nach den Feiertagen, bis nach
Neujahr eine kleine Reise zu den Seinigen machen wolle, weil seine Schler alle
fort sind. Es ist eine Reise von acht Meilen - bei Butzbach, - den Weg macht er
zu Fu in dem Wetter, - es ist hier ein Sausen, davon hat man in der Stadt
keinen Begriff; auf dem Turm kommt allerlei Gezweig vom Wald oder von unten aus
der Allee angeflogen. Gestern setzte ich mich gleich an den Boden nieder, um
nicht davongetragen zu werden. -
    Ich frchte mich fr den Ephraim, oder ich wollt, ich knnt mit ihm gehen, -
so, ein Stock in der Hand, und immer vorwrts geschritten, in neue Lande, wo
andre Luft weht, andre Bume blhen, - jetzt hat's aber noch eine Weile Zeit
damit; - so - ruhig sprechend - mit einem Weisen aus Morgenland. - Ich bin von
Natur so neugierig, wenn ich nur in ein unbekannt Dorf komm, da kommt mir alles
so sonderbar vor, und die kleinen Reisen, die ich bis jetzt gemacht hab, - wie
war mir alles so auffallend -, wenn wir im Dunkeln vor einem Posthaus hielten,
wie sah mich da der halberleuchtete Gang so seltsam an, als knnt er sprechen
und erzhlte mir: Ja, hier gehen allerlei Geschichten vor! - Und so eine Nacht
in unbekannte Gegend gefahren, oder im fremden Nachtquartier, wenn man da aus
dem Traum aufwacht und hrt die Glock schlagen, und noch eine, und dann wieder
eine. Da dacht ich als: da sind also viel Kirchen, wie mgen die aussehen? Und
dann der Nachtwchter, der ein ganz fremd Lied singt mit heiserer Stimme, und
die Schellen an den Husern, die man noch luten hrt, und dann am Morgen sieht
alles wieder anders aus, und ist wieder so neu und berraschend, als wr die
ganze Welt wie ein Spielsachenladen und Huser und der Markt vor der Tr und die
Leute, die da wohnen und laufen, das sei lauter Spielzeug, und die Hunde, die
herumspringen, die Brunnen, wo die Leut Wasser holen, das kommt einem alles vor
blo wie zum Vergngen, lauter Bilder, man freut sich, da alles so niedlich
eingerichtet ist und gar nichts vergessen. So fremde Orte, sie sind wie
Feenmrchen. - Das alles mcht ich mit Dir genieen! Es ist ja nur der Eingang,
aber Himmel und Erde, im Freien - in die Weite hinaus, - wo man stumm steht und
sieht die Berge sich aufrichten und mit dem Morgenlicht sich kssen, und alles
Unendliche, was da vorgeht, was stumm macht und alle Weisheit berflssig, denn
wie's Kindchen, wenn ihm die Milch zustrmt aus der Mutter Brust, genug damit zu
tun hat, sie zu schlucken, mit der Flle fertig zu werden, so ist's auch mit der
Natur, sie gibt so vollauf dem Blick, dem Herzen, da es nicht zu Atem kommen
kann. - Aber der Ephraim liegt mir am Herzen, da der jetzt, wo die Natur
schlft und nur aufrhrische Trume hat, die eisige bergige Strae wandert, wo
es so frh Nacht ist, und wo er in schlechte Herbergen kommt; aber er sagt, er
habe einen Tag schon versumt wegen dem Wetter und seine Enkel warten alle auf
ihn, die wrden so schon in groen Sorgen um ihn sein, und das Sturmwetter werde
er schon ertragen, er habe es schon mehr mitgemacht, und sein Enkel trgt den
Bndel. - Er mu die Kinder sehen; da mu man ihn nicht abwendig machen, er sah
auch gar nicht sorglich aus. - Drft ich nur, wie ich wollt, so htt ich einen
bequemen Wagen ihm vor die Tr fahren lassen; und ich hatte Lust dazu, htt
ich's nur heimlich tun knnen, aber ich frcht, man htt geschrien, ich wr
extravagant, ich wollt die Sonderbare spielen, und gelitten wr's doch nicht
worden, denn von Verkehrtheiten mu ich abgehalten werden. - Auer dem Clemens,
der htt das gewi recht gern gewollt. - Nun hab ich doch diese acht Tage Sorge
um Dich und um den alten Mann. - Ich frcht mich vor dem Turm. Ich will aber,
oder ich mu hinauf. - Das ist zum drittenmal, da mir so was begegnet; da mich
so was fesselt, nchtlich und geheim an einen Ort zu gehen, wo mich die Geister
hin bestellen.
    Wie ich ganz klein war; der Vater hatte mich am liebsten von allen Kindern,
ich kann kaum zwei Jahr alt gewesen sein, wenn die Mutter was von ihm zu bitten
hatte, da schickte sie mich mit einem Billett zu ihm, denn sie schrieben sich
immer, sie sagte, wenn der Papa das Billett liest, so bitte, da er Ja schreibt,
und er richtete oft nach meinen Bitten seinen Beschlu. Er sagte: Mein liebes
Kind, weil Du bittest, so sag ich ja, ja. - Alle Kinder frchteten sich vor dem
Vater, denn so freundlich er war, so hatten alle eine Ehrfurcht, die sie
hinderte, ihrer Lustigkeit nachzugeben, und ein ernstes Gesicht vom Vater
machte, da sie alle vor ihm wichen; ich hatte viel mehr Lust mit ihm zu
spielen, und wenn ich wut, da er nachmittags allein auf dem Sofa schlief, wo
niemand sich ins Zimmer getraute, da schlich ich auf den Zehen herbei und kroch
in den Schlafrock auf der einen Seite herein und konnt mich so geschickt um
seinen Leib schmiegen und auf der andern Seite wieder heraus, das konnt ich so
geschickt, da gab er mir allerlei italienische Schmeichelnamen im Schlaf und
schlief dann weiter fort. - Er war niemals verdrielich. - Wie die Mutter starb,
da frchteten sich alle Kinder vor seinem Schmerz, keiner wagte sich in seine
Nhe. Abends war er allein im Saal, wo ihr Bild hing, da lief ich hinein und
hielt ihm den Mund zu, wenn er so sehr schmerzvoll seufzte. - Ich besinn mich,
da ich als gern in der Karmeliterkirch war, wo niemand mehr hineinging, sie war
immer leer, weil sie so dster ist, und weil so viel Tote da begraben liegen;
Vater und Mutter liegen auch da und viele Geschwister. Ich hab mich niemals
gefrchtet vor traurigen Orten. - Wie manchmal, wenn die Sonn drau schien, da
ging ich da hinein, da war's so feucht und so trb, da man glaubte, es sei der
traurigste Herbsttag. - Ich erzhl Dir's, - ich wollt Dir nur sagen, ich scheu
mich nicht vor traurigen Orten und auch nicht vor traurigen Menschen, und wenn
Du was hast, was Dich trbsinnig macht, so brauchst Du mir's nicht zu sagen,
aber scheu Dich doch nicht vor mir, ich wei so stillzuhalten.
    
    Gestern hatt ich mich den ganzen Tag gesehnt nach dem Abend, weil ich auch
am Tag keine Ruh hab. Wenn ich doch ein einzig Wort von Dir htt nur, ber Dich!
- Ich hab nur lauter Halbgedanken, sie kommen tief aus der Brust, aber ich mag
sie nicht prfen. - Wenn Du mir das einzige schreibst: Bettine, ich bin Dir gut
, das wr genug! Wr ich doch wie die Uferfelsen, die den strzenden,
verspritzten Lebensstrom wieder im ruhigen Lauf sammeln, und jede Welle, jeder
Gedanke in Dir wrde freundlich an mir vorberbrausen, ich wollt sie nicht
fesseln. - Ach, ich sag nicht, da ich Dich liebe, aber doch mein ich, ich wollt
gern Dir mein ganz Leben aufopfern, und ich kenn niemand, dem ich das wollt,
aber Dir wollt ich's. Aber wenn Du mir auch nicht vertrauen kannst, darum will
ich nicht bitten. Es ist mir alles eine groe Schrift in Dir, es ist mir alles
Geist! - Mein Gott! Was hast Du getan, gedacht, was ich nicht mit vollen Sinnen
genossen htt. - Und so oft hab ich in Dir erkannt, was ich in mir selber nicht
zur Gewiheit bringen konnt! - wenn mir ahnte. Die ersten khnen Gedanken, die
zum erstenmal die engen Lebensgrenzen berbrausten, da ich verwundert war ber
Geist und berrascht, wo hab ich sie doch gelesen? - Sie standen auf Deiner
Stirne geschrieben, - wieviel kreuzende Stimmen hast Du doch entwirrt in meiner
Brust, und meine wilde Gedankenlosigkeit - Du hast sie so sanft eingelenkt und
mir gelehrt, freudig mitspielen. - Der Sinn der Welt ist mir einleuchtend
geworden durch Dich, ich htt ihn nimmer geheiligt, ich htt ihn immer
verachtet. Denn frher dacht ich oft, zu was ich doch geboren sei? Aber nachher,
wie Du mit mir warst, da hab ich nicht mehr so gefragt, - da wut ich, da alles
Leben ein Werden ist, und nur eine freudige Ungeduld hat mich zuweilen noch
bermannt, ein bereilend Erharren der Zukunft, keine Trauer mehr, nein, ich
wei nichts mehr, was mich geschmerzt htt seit dem Augenblick, wo ich Dich
kenne. - Dort in Offenbach, der Tage erinnere ich mich; kann's dem Busen der
Erde so ppig entkeimen, als mir die Lebensflle unter Deinem warmen belebenden
Hauch? - O glaub mir's, ich taumelte oft im Geist, weil die Gedanken so weich
sich mir unter das strmende Gefhl betteten, oft, wenn ich am Abend in die
weite Purpurlandschaft sah, dort, wo ich aufs Dach stieg, blo um zu fhlen,
wie's Leben doch tut in der Brust, es war mir ja noch so neu, da mut ich
denken, da ich ganz alles mit sei, was ich sah, - solche Purpurwogen
durchwallten mich, - und es war ein Reichtum, den ich in mir ahnte, und es war
mir alles durch Dich geschenkt! - Ja, ich zweifle nicht, es ist ein Kern, ein
edler in mir, der wurzelt, und der mich mir selber wiedergibt. Du hast diesen
Kern in mir gebildet, Mut! Umsichtige Heiterkeit sind seine ersten Blten
gewesen, und jeden Tag will er mehr Blten treiben, wie der Baum inmitten
wohlttiger Natur! - Alles Schicksal nehm ich hin wie Wind und Wetter, und
kann's tragen, denn Du hast mich gesund gemacht, - aber wenn ich nun ausgerissen
wr aus dem Boden, das wird doch nicht sein? - Nein, das kann niemals wahr
werden. O kein Erdbeben, das den Berg verschlinge, dessen Gipfel den schwachen
Stamm trgt - blhend weit hinaus in die Ferne - und so wohl sich fhlt, weil er
alle Gte der Sonne empfindet, weil ihm alle Echo erklingen von den weiten
Bergen, und weil er so weit umher die lachende Natur beherrscht, weil er so hoch
steht, so einsam, so glcklich, und alles allein, weil er in Deinen Busen
gepflanzt ist. -
    Dann bin ich schlafen gegangen, wie ich so weit geschrieben hatte, und hab
vergessen auf den Turm zu gehen, wo ich doch den ganzen Tag unruhig danach war,
und schlief so fest ein. Ach, war ich denn krank gewesen, da ich wieder so ganz
gegen meinen eigentmlichen Willen nicht traurig zu sein, so an Dich schrieb? -
Aber wie ich aufwachte, da besann ich mich, da es zum erstenmal war, wo ich den
Turm versumte, sprang auf und warf einen Mantel um, so war ich oben angelangt,
noch eh ich mich besann, ob's nicht die Geisterstund sein knne, meine Hast war
zu gro, als da ich mich htt frchten knnen, - denn ich dacht, wenn nun schon
Mitternacht vorbei wr, so htt ich einen Tag versumt. Nein, das will ich
nicht, ich hab Dich da oben in der freien Natur allen guten Mchten hingegeben,
die Sterne wissen von Dir, und mag's gehen wie es will, ich will nichts versehen
bei meinen Gelbden. Ich hab zu ihnen gesagt von Dir und sie in Pflicht genommen
ber Dich, ich bleib ihnen zugetan, und mein Gefhl ihrer Erhrung, ihres
Bewutseins meiner heien Lebensbedrfnisse, das will ich nicht schwchen, indem
ich nicht feierlich mein Versprechen achten sollt. - Es war auch schn dort
oben, der reinliche Schnee bewahrte noch Deinen Namen unverletzt vom vorigen
Tag, und ich setzt mich auf die Mauer, und lauschte in die Stille, und da
schreib ich Dir hin, was mir so im Geist ist aufgegangen; so wie ein Sternbild
nach dem andern ist hell geworden.
    Ich trinke die Liebe, um stark zu werden, wenn ich denke, so bewegt mich
heimliche Begeistrung fr meine eigne Erhhung; - wenn ich liebe auch. - Nur: in
der Liebe fhl ich mich flehend wie im Tempel; wenn ich denke, khn wie ein
Feldherr.
    Alles von sich selber verlangen, ist der nchste und unmittelbarste Umgang
mit Gott; dem Gttlichen geben die Sterne die sicherste Gewhrleistung fr die
Erfllung eines hheren Willens. - Die dreiste berzeugung, da wir unserer
Forderung genug tun sollen. - So raten uns die Sterne. - Gnderode, drum sei ja
mutig zu allem, und endlich kann auch kein falscher Trieb sich dazwischen
durchwuchern, denn die Seele ist ganz erfllt von eigenem Geist und allein fr
ihn ttig.
    Das haben mir die Sterne fr Dich gesagt, als ich sie fragte um die tiefen
Lebensgeheimnisse in Deiner Brust, sie wollen, Du sollst Deinen Schild tragen -
khn und frei ber die Lebensgipfel weg. Alles ist Hhe, nichts ist Tiefe. Du
sollst sie schauen, die so hoch sind, vor denen nichts Abgrund ist, was ihr
Licht nicht entbehrt.
    Es gibt eine Zauberkunst, ihre Hauptgrundlage ist des Geistes fester Wille
zum Mchtigen, der sich auflst in die bermacht dessen, was er im Geist
erkennt.
    So hast Du mir einmal gesagt, und die Sterne haben mich gemahnt, ich soll
Dich dran erinnern.
    Nie mu man dem Hheren gegenber selbst etwas wollen, sonst wehrt man sich
gegen den eignen Willen.
    Das haben die Sterne noch hinzugefgt und mich gemahnt, ich soll Dir das
scharf und eindringlich wieder sagen. -
    Ich leg mir das so aus, der Mensch soll nicht dem eignen Schicksal
nachgehen, denn es gibt kein Schicksal fr den Geist als das Gttliche, - diesem
gegenber sollen wir alles als klein verachten. -
    Noch sagen die Sterne: Ohne Zauber kann sich der innere Mensch nicht
erscheinen, - o die Sterne sind gtig, sie sagen viel und Groes und bedeuten
uns, da wir selber gro sind.
    Ach, das Endziel aller Wahrheit ist, sie hinzugeben an hhere Wahrheit, sie
ist Zauber, durch den der innere Mensch sich erscheint, sie ist Entwickeln der
gttlichen Natur; der Himmel entwickelt sich aus der Sehnsucht, und aus des
Himmels unendlichem Frieden wird hhere Sehnsucht sich entwickeln; - die
Wahrheit geht hervor aus der Wahrheit und geht ber in Wahrheit.
    Das Hchste, was die Wahrheit vermag, ist, sich auflsen in hhere Wahrheit;
- ja, sie sagt Nein! - Verneint sich. -
    Nie darf der Geist sich am hchsten halten, sondern jene mu er hher
halten, auf die er wirkt, denn die befrdern ihn - entwicklen ihn.
    Die Wahrheit, die Lieb ist Sklave, der ist Herr, den sie nhrt.
    So reden die Sterne, wenn ich mit ihnen von Dir spreche, - sie lieben Dich,
sie sind Deine Sklaven, die hhere Erkenntnis, die sie auf Dich herabblitzen,
die entwickelt ihr Vermgen, auf den Menschengeist zu wirken, das Hohe
auszusprechen, und sie werden mehr noch sagen, wenn's Dein Ohr trifft. - O sie
sagten es mir fr Dich in der Neujahrsnacht - - und viel reicher war die Saat
liebender Mahnungen, aber ich konnt's nicht alles tragen in meinem Geist, was
sie sagen; - vertrau ihnen und Du wirst erleben - schwere Garben bring ich Dir
heimgeschleppt; - da siehst Du, was Leben ist, Keime der Erkenntnis sen die
Sterne Dir in' Geist, und Du wolltest verzweifeln, weil Deine Fe am Boden
wurzeln. - Ja, das ist's, Deine Seele hat Licht getrunken und will nun schlafen,
so leg Dich doch und ruhe, ich will sorgen, da Du schlafen kannst und wachen
zugleich, - und wart doch, was die Sterne endlich mit uns anfangen, bist Du
nicht neugierig? - Was gottgesandte Boten Dir zuflstern, magst Du das nicht
erlauschen und kannst nicht alles andre darber vergessen? -
    O hr, denn als sie so gesprochen hatten, da bekrftigte der Schlag von
Mitternacht in die tiefe Einsamkeit hineinschallend, da, so die Jahre
hinabrollen, der Geist doch ewig blhend am Himmel steht; und da unsere
Begeistrung dieser Jugend zustrme, das strmte mir herauf aus der tiefen Stadt,
wo alles lebend, jubelnd die verjngte Zeit begrte. Warum rhrten sie die
Trommeln und schmetterten von den Kirchtrmen - die Trompeten! - Und warum
erfllte das Jauchzen die Luft? Als weil die ewig sich verjngende Zeit alle
kindliche Freudenstimmen weckt ber die unsterbliche Jugend. - Mir war so selig
dort auf der schwindelnden Hh, wo die Studentenlieder wie ein Meer um mich
himmelan brausten und mich einhllten in ihren Jubellrm wie in eine Wolke und
aufwrts trugen. O wie schn ist's in der Welt, denk doch, so viel junge Stimmen
hier im kleinen Stdtchen, alle freudebrausend! - Wer wollte im Leben wohl etwas
beginnen, was dieses heitere Jugendleben zu schwerem inneren Verantworten
niederbeugte! - O nein, schon wegen der Jugend heiligem Recht in Flle den Strom
auszubrausen, mcht ich im eignen Busen die ewige heitere Lebenskraft nicht
ablenken. - Sieh, junge Gnderode, Deine Jugend ist die des heutigen Tages,
Mitternacht hat's bekrftigt, die Sterne mahnen Dich und verheien Dir, da Du
ihnen Deinen Geist sollst zustrmen, die auffahren voll jubelndem Feuer, in
Chren ihre Begeistrungslieder herberjauchzen ins neue Jahr! - Sie begren
Deine Zeit! - Da sie Deiner Begeistrung geboren sind, das macht die jungen
Herzen jauchzen, o verlasse die Deinen nicht und mich nicht mit ihnen; verlasse
Dich auf den Genius, da er aufrecht stehe in Dir und gro walte zwischen Geist
und Seele.
    Was knnte Dich doch verzagen machen? - Sieh doch, wieviel Leben verdirbt,
aber doch ist's nur scheinbar, es steht mit verschwisterten Gewalten wieder auf
und versucht's von neuem. Aber das mu nicht sein, da Du Dich aus ihren Reihen
loskettest, denn alle gehren einander, und das mu Dich nicht traurig machen,
da manches, was sie als Tugend preisen, nur glnzende Fehler sind. Ist doch oft
auch Tugend, was Fehler ist.
    Ich mag diesen Brief nicht schicken; ich bin nicht zu entschuldigen,
schieb's aufs Wetter in meiner Brust. Es ist Gewitterzeit in mir, wie konnt es
so angstvoll in mir aufsteigen sonst? - Gewitter sind's, die ber mich
hinstrzen und alle blhende Kraft niederdrcken, und das Gewlk hngt schwer
ber mir, und das Herz arbeitet und glht und mcht sich Luft machen und zckt;
denn sonst knnt ich nicht so schmerzvolle Augenblicke haben und immer so
schwere Gedanken ber Dich. Aber es ist auch traurig, heut erhalt ich erst
Nachricht von der Claudine, da Du sie beauftragt hattest, mir Deine Abwesenheit
von Frankfurt zu schreiben, und da Du bei der kranken Schwester bist. Mein Herz
ist der brausende Brunnen, ein paar Tropfen l besnftigen ihn ja, ich war ganz
verkehrt, ich erwache vom bsen Traum. Ach, Gott sei Dank, da es anders ist. -
Ich bin noch niedergeschlagen und seh die Trume unwillig dahinziehen am dstern
Tag, sie htten mich wohl lnger noch gepeinigt. - Wie Du auch meine Briefe
aufnehmen magst, ich will Dich der Mhe berheben, mich darber zurechtzuweisen,
und will's alles vor Dir aussprechen, was ich von mir denk. Ich hab Dir eine
Reihe von Briefen geschrieben, ich wei nicht mehr was; - sollt ich mir
Rechenschaft geben, was ich damit wollte, enthielten sie selber eine
Rechenschaft meines Seelenlebens? - Ist ein einziger frherer Vorsatz drin nur
berhrt? - Ist mir nicht alles fern abgeschwunden, was ich mir als heilig
Gelbde auferlegte? Hab ich nicht mir und Dir zugesagt, ich wolle mich streng
den Bedingungen einer Kunst unterwerfen? Hab ich nicht immer und immer aufs neue
wieder alles Begonnene verfaselt? - und was konntest Du mit mir endlich
anfangen? Ich gestand Dir immer alles zu, ja, ich sagte mir tglich Deine
wahren, Deine tiefen Begriffe vor, ber die Anstrengung des Geistes in sich zu
erzeugen, was noch ungeboren ist in ihm. Einmal sagtest Du: Ich begreife aus
dem Sehnen des Geistes sich der Knste und Wissenschaften zu bemchtigen, da
die fruchtbare Erde nach dem Samen sich sehnt, den sie zu nhren vermag. Und Du
sagtest zu mir: Deine ewige Unruh, Dein Schweifen und Jagen nach allem, was im
Geist erwachsen knnt, selbst Dein Widerspruch dagegen beweist, da Dein Geist
fruchtbar ist fr alles. Und wolltest, ich sollte nur das eine Opfer bringen
und eine Zeit mich einem ganz unterwerfen, dann werde sich zu allem Platz und
Reife bilden. Und sagtest: Was ist denn Zeit, wenn sie nicht ewiges Bilden der
Krfte ist? - Und ist eben die Mhe des Erwerbens nicht auch sein hchster
Ertrag? - Und keine Anstrengung ist umsonst, denn am End ist jede Anstrengung
die hchste bung des Erzeugens, und wer seinen Geist mit Anstrengungen nhrt,
der mu zum Erschaffen, zum Wiedererzeugen verlorner Geistesanlagen, nicht
allein in sich, sondern in allen seiner Zeit geschickt werden. Und Du sagtest
noch viel, wo ich voll Feuer war, Dir allein zu folgen und alles mir zuzumuten,
ich mute mir sagen, da ich allein in Dir Licht fand ber das Leben, und da
Dein Geist heilige Religion sei, und da ich eine Ahnung fate, zu was der
Mensch geboren sei; ja, und da er immerdar vereinigt sein soll mit Gott, das
heit immer in heiliger Anstrengung begriffen, ihn zu fassen. Ja, was ist denn
Kunst und Wissenschaft? wenn es nicht die tiefen Anlagen sind eines geistigen
Weltgebudes. Was ist denn irdisch Leben, wenn nicht der sinnliche Boden, aus
dem eine geistige Welt sich erzeugt, - und Du sagtest: Wr man nicht zornig,
wie knnt einer sanftmtig werden, und wr die Lge nicht, wie knnten wir zu
Helden der Wahrheit werden? Und weil ich Dich nicht verstand, so sagtest Du:
Htte die Welt nicht widerstanden, wie konnte Csar ein Eroberer werden? - Da
war mir pltzlich alles deutlich, und ich war so glcklich, mein eignes Selbst
meiner Anstrengung zu danken zu haben, da ich wohl begriff: dies sei die
einzige gttliche Gewalt in uns, uns zu freien Naturen zu bilden, nmlich, alles
aus eigner freier Anstrengung zu erwerben, und was ist Freiheit, wenn nicht:
Gott sein? Alles aus freier Anstrengung erwerben ist die erste Bedingung einer
gttlichen Natur.
    Und diesen Forderungen von Dir habe ich geschworen, wie einer auf die Fahne
schwrt, und war meiner eignen Begeistrung so gewi und htte mir's zugetraut,
alles mit Ernst und Treue zu verwalten, was die innere Stimme mir auferlegte,
und dieser geheime Trieb, gttlich zu werden, durchdringt mich noch. Und wenn
ich hundertmal eins ums andre verlassen hab, so verzag ich nicht, wieder zu
beginnen. Ich will zu Dir, in Deinem Scho will ich lernen; ich wei, da es so
sein mu, da wir beieinander sind. Wenn ich Dir nicht jeden Tag enthllen kann,
was fr Gedanken in mir aufsteigen, dann bin ich gleich weggerissen. Ja, das mu
ich Dir auch noch von mir sagen, da ich's oft nicht wei, wie es kommt, da ich
oft pltzlich weit von dem, wozu ich mich ganz hingewendet hab, hinweggerissen
bin; - nicht mit meinem Willen, aber ich bin dann erfllt und bestrmt vom
Denken, dem mu ich folgen; und ermdet bin ich dann - aber so ermdet, wenn ich
mich wieder zu dem finde, was ich erlernen oder mir aneignen will. Und das ist
meine Snde. Ich sollte diese Schwche abweisen. Der Geist soll nicht ermdet
sein, er soll die Mdigkeit abweisen. - Wei ich doch, da ich im Rheingau bei
langen Wegen, die oft vier bis fnf Stunden weit waren, mir sagte, ich will
nicht mde sein, und dann, als sei ich neugeboren, den Weg wieder zurcklegte.
Das vermag der Geist ber den Leib, aber ber den Geist selbst, da ist der
innerliche Geist, der ihn zhmt oder weckt, noch nicht stark. - Ja, vielleicht
bin ich's selbst, der ihn verleugnet; aber Dich nicht. In Dir konnt er mit mir
sprechen. Und es ist nicht aller Tage Abend, betrachte alles als ein Vorspiel,
als ein Strmen noch verwirrter und verirrter Gefhle und Krfte. Ach,
verzweifelst Du, da je das Gewlk in meinem Geist sich teile? und das Licht
Ordnung herabstrahle? - Ich hab Zuversicht, ich verzweifle nicht, ein ewiger
Trieb zu empfangen, ein rasches Bewegen in meiner Seele, die sagen mir gut. -
Und Du wirst mich nicht verwerfen. - Es wird ja schon wieder Tag! Die Eos tritt
aus der Dunstluft hervor, und mir ist wohl geworden ber dem Schreiben; ich
trume nicht mehr, da der Donnerer mein Schiff zerschmettre und in die Wellen
versenke, - weil es gefrevelt ist, an ihm, der auf hephstischen Rdern die
Rosse zum Sonnenmeer treibt, sie da zu baden. Nein! Ich fhr neben Dir her am
Strand die reinen Lmmer ihm entgegen; und ich gehre zu Dir, wenn Du sein
gehrst. -
                                                                         Bettine

                                 An die Bettine


Ich mute abreisen und konnte Dir nicht einmal ausfhrlich schreiben. Eine
Schwester, die schon lnger unwohl ist und jetzt nach mir verlangte. Das wird
mich auch wohl sobald nicht dazu kommen lassen. Denke nicht, ich vernachlssige
Dich, liebe Bettine, aber die Unmglichkeiten, dem nachzukommen, was ich in
Gedanken mchte, hufen sich, ich wei sie nicht zu berwinden und mu mich
dahin treiben lassen, wie der Zufall es will, Widerstand wr nur Zeitaufwand und
kein Resultat, Du hast eine viel energischere Natur wie ich, ja wie fast alle
Menschen, die ich zu beurteilen fhig bin, mir sind nicht allein durch meine
Verhltnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner
Handlungsweise gezogen, es knnte also leicht kommen, da Dir etwas mglich
wre, was es darum mir noch nicht sein knnte, Du mut dies bei Deinen Blicken
in die Zukunft auch bedenken. Willst Du eine Lebensbahn mit mir wandlen, so
wrst Du vielleicht veranlat, alles Bedrfnis Deiner Seele und Deines Geistes
meiner Zaghaftigkeit oder vielmehr meinem Unvermgen aufzuopfern, denn ich wte
nicht, wie ich's anstellen sollte, Dir nachzukommen, die Flgel sind mir nicht
dazu gewachsen. Ich bitte Dich, fasse es beizeiten ins Aug und denke meiner als
eines Wesens, was manches unversucht mu lassen, zu was Du Dich getrieben
fhlst. Wenn Du auch wolltest manches Recht, was Du ans Leben hast, aufgeben, um
mit mir zusammenzuhalten, oder besser gesagt, Du wolltest von dem Element, das
in Dir sich regt, nicht Dich durchgren lassen, blo um Dich meiner nicht zu
entwhnen; das wr ja doch vergeblich. Es gibt Gesetze in der Seele, sie machen
sich geltend, oder der ganze Mensch verdirbt, das kann in Dir nicht so kommen,
es wird immer wieder in Dir aufsteigen, denn in Dir wohnt das Recht der
Eroberung, und Dich weckt zum raschen, selbstwilligen Leben, was mich vielleicht
in den Schlaf singen wrde, denn wenn Du mit des Himmels Sternen Dich beredest
und sie khn zur Antwort zwingest, so wrde ich eher ihrem leisen Schein
nachgeben mssen, wie das Kind der schlummerbewegenden Wiege nachgeben mu. -
Alle Menschen sind Dir entgegen, die ganze Welt wirst Du nur durch den
Widerspruch in Deiner Seele empfinden und erfahren, keine andere Mglichkeit fr
Dich, sie zu fassen. Wo wirst Du je eine Handlung, weniger noch eine Natur
treffen, die mit Dir einklnge? - Es ist noch nicht gewesen und wird auch nie
sein (von mir will ich Dir nachher reden). Was andern Menschen die Erfahrung
lehrte, wozu sie sich bequemen, das ist Dir der Unsinn der Lge. Die
Wirklichkeit hat als verzerrtes Ungeheuer sich Dir gezeigt, aber sie hat Dich
nicht gescheucht, Du hast gleich den Fu draufgesetzt, - und obschon sie unter
Dir whlt und ewig sich bewegt, Du lt Dich von ihr tragen, ohne nur der
Mglichkeit in Gedanken nachzugehen, da Du einen Augenblick mit ihr eins sein
knntest. Ich spreche von heute und mehr noch von der Zukunft; ich wollte Dir
wnschen, es kmen Augenblicke in Deinem Leben, wo Dir dieses Zusammenstrmen
mit andern Krften gewhrt wr. Erinnerst Du Dich Deines Traums auf der grnen
Burg, den Du mir in der Nacht erzhltest, wo ich Dich weckte, weil Du sehr im
Schlaf geweint hattest. Ein Mann, der zum Wohl der Menschheit - ich wei nicht
mehr welche Heldentat - getan hatte, sei zum Richtplatz um dieser groen Tat
willen gefhrt worden. Das Volk habe in seiner Unwissenheit darber gejubelt,
und in Dir sei groe Begierde gewesen, zu ihm aufs Schafott zu gelangen, aber
der Streich sei gefallen noch kurz vorher, wie Du eben glaubtest, oben zu sein.
Du kannst den Traum nicht vergessen haben, Dein schmerzlich Weinen bewegte mich
mit, so da ich kaum wagte, Dich zu erinnern, da es nur ein Traum sei, aber
dies war eben, worber Du untrstlich warst. Du meintest, nicht im Traum sei
Dir's gegnnt, das auszufhren, was in Deiner Seele spreche, vielmehr noch
verzweifeltest Du an der Wirklichkeit. Damals, in der Nacht, habe ich gescherzt,
um Dich ein wenig zu trsten, aber heute fhl ich mich bewogen, jene Frage, ob
es nicht ein Verlust sei, nicht zusammen mit jenem Helden im Traum gestorben zu
sein, wieder aufzunehmen; ja, es war ein Verlust, denn das Erwachen, das
Fortleben nach so bestandner Prfung Deiner tiefen inneren Anlagen, die ja doch
so selten in der Wirklichkeit sich bewhren und besttigen, mute Dir ein
Triumph sein, einen Genu gewhren, wenn es auch nur im Traum war; denn im Traum
scheitert die edelste berzeugung wie oft. - Und ich stimme mit Dir ein, da es
ein Streich war, den Dir Dein Dmon spielte, aber ein Weisheitsstreich; - wrst
Du befriedigt worden im Traum, so wr Deine Sehnsucht, das Groe getan zu haben,
vielleicht auch befriedigt. Und was konnte daraus hervorgehen fr Dich? -
Vielleicht jene nachlssige Zuversicht in Dich selber, was Savigny allenfalls
Hochmut nennen wrde? - Nein, das wohl nicht, aber doch wrde die Spannung
wahrscheinlich nicht geblieben sein, die jetzt, ich wollt es wetten, bei der
leisesten Anregung jener unerfllten Sehnsucht sich wieder erneuen wird.
    Ich wollte Dir wnschen, Bettine (unter uns gesagt, denn dies darf niemand
hren), da jede tiefe Anlage in Dir vom Schicksal aufgerufen wrde und keine
Prfung Dir erlassen, da nicht im Traum, aber in der Wirklichkeit Dir das
Rtsel auf eine glorreiche Art sich lse, warum es der Mhe lohnt, gelebt zu
haben. - Plne werden leicht vereitelt, drum mu man keine machen. Das beste
ist, sich zu allem bereit finden, was sich einem als das Wrdigste zu tun
darbietet, und das einzige, was uns zu tun obliegt, ist, die heiligen
Grundstze, die ganz von selbst im Boden unserer berzeugung emporkeimen, nie zu
verletzen, sie immer durch unsre Handlungen und den Glauben an sie mehr zu
entwickeln, so da wir am End gar nicht mehr anders knnen, als das ursprnglich
Gttliche in uns bekennen. Es gibt gar viele Menschen, die groe Weihgeschenke
der Gtter mitbekommen haben und keines derselben anzuwenden vermgen, denen es
gengt, ber dem Boden der Gemeinheit sich erhaben zu glauben, blo weil der
Buchstabe eines hheren Gesetzes in sie geprgt ist, aber der Geist ist nicht in
ihnen aufgegangen, und sie wissen nicht, wie weit sie entfernt sind, jenen
Seelenadel in sich verwirklicht zu haben, auf den sie sich so mchtig zugut tun.
- Dieses scheint mir also die vornehmste Schule des Lebens, darauf zu achten,
da nichts in uns jene Grundstze, durch die unser Inneres geweiht ist,
verleugne, weder im Geist noch im Wesen. Jene Schule entlt den edlen Menschen
nicht bis zum letzten Hauch seines Lebens. Dein Ephraim wird mir recht geben und
ist ein Beweis dafr. Ich glaub auch, da es die hchste Schicksalsauszeichnung
ist, zu immer hheren Prfungen angeregt zu sein. - Und man mte wohl das
Schicksal eines edlen Menschen aus seinen Anlagen weissagen knnen. - Du hast
Energie und Mut zur Wahrhaftigkeit, und zugleich bist Du die heiterste Natur,
die kaum das Unrecht sprt, was an ihr verbt wird. Dir ist's ein leichtes, zu
dulden, was andre nicht ertragen knnen, und doch bist Du nicht mitleidsvoll, es
ist Energie, was Dich bewegt, andern zu helfen. - Sollt ich Deinen Charakter
zusammenfassen, so wrd ich Dir prophezeien, wenn Du ein Knabe wrst, Du werdest
ein Held werden; da Du aber ein Mdchen bist, so lege ich Dir all diese Anlagen
fr eine knftige Lebensstufe aus, ich nehme es als Vorbereitung zu einem
knftigen energischen Charakter an, der vielleicht in eine lebendige regsame
Zeit geboren wird. - Auch wie das Meer Ebbe und Flut hat, so scheinen mir die
Zeiten zu haben. Wir sind in der Zeit der Ebbe jetzt, wo es gleichgltig ist,
wer sich geltend mache, weil es ja doch nicht an der Zeit ist, da das Meer des
Geistes aufwalle, das Menschengeschlecht senkt den Atem, und was auch
Bedeutendes in der Geschichte vorfalle, es ist nur Vorbereiten, Gefhl wecken,
Krfte ben und sammeln, eine hhere Potenz des Geistes zu erfassen. Geist
steigert die Welt, durch ihn allein lebt das wirkliche Leben, und durch ihn
allein reiht sich Moment an Moment, alles andre ist verflchtigender Schatten,
jeder Mensch, der einen Moment in der Zeit wahr macht, ist ein groer Mensch,
und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind, so kann ich sie
nicht zu den Wirklichkeiten rechnen, weil keine tiefere Erkenntnis, kein reiner
Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt, sondern der Leidenschaft ganz
gemeine Motive. Napoleon zum Beispiel. - Doch sind solche nicht ohne Nutzen frs
menschliche Vermgen des Geistes. Vorurteile mssen ganz gesttigt, ja gleichsam
bersttigt werden, eh sie vom Geist der Zeit ablassen. Nun! welche Vorurteile
mag wohl dieser aller Held schon erschttert haben? - und welche wird er nicht
noch bis zum Ekel sttigen? Wie manches werden die zuknftigen Zeiten nicht mit
Abscheu ausreuten, dem sie jetzt mit leidenschaftlicher Blindheit anhngen. Oder
sollte es mglich sein, da nach so schauderhaften Gespensterschicksalen der
Zeit nicht gegnnt sei, sich zu besinnen? - Ich zweifle nicht dran, alles nimmt
ein End, und nur was lebenweckend ist, das lebt. - Ich habe Dir genug gesagt
hierber, Du wirst mich verstehen. Und warum sollte nicht ein jeder seine eigne
Laufbahn feierlich mit Heiligung beginnen, sich selbst als Entwicklung
betrachtend, da unser aller Ziel das Gttliche ist, wie und wodurch es auch
gefrdert werde? - Ja, ich habe Dir genug gesagt, um Dir nahzulegen, da jene
Anlagen des hheren Menschengeistes das einzige wirkliche Ziel Deiner inneren
Anschauung sein msse, da es Dir ganz einerlei sein msse, ob und wiefern Dein
Vermgen zur Ttigkeit komme. Innerlich bleibt nichts ungeprft im Menschen, was
seine hhere ideale Natur hervorbringen soll. - Denn unser Schicksal ist die
Mutter, die diese Frucht des Ideals unterm Herzen trgt. - Nehme Dir aus diesen
Zeilen alles, was Deine angehuften Bltter berhrt, beschwichtige Deine
ngstlichkeit um mich damit. Lebe wohl und habe Dank fr alle Liebe und auch den
guten Ephraim gre in meinem Namen und schreib mir von ihm und sprich auch mit
ihm von mir.
    Deine Schwester Lulu fragte mich, ob Du wohl mit ihnen auf ein paar Monat
nach Kassel gehen werdest. Tu es doch, mir ist's, als wrde eine Unterbrechung
Deines Lebens Dir jetzt recht gesund sein, obschon ich sonst nicht dafr sein
wrde.
                                                                        Caroline

                                An die Gnderode


Ich hab einmal tief aufgeatmet. Dein Brief ist da! Weit Du, was ich getan hab?
Drei Tag hab ich mich hingelegt und mich gestreckt und geruht, als wr ich einer
schweren Arbeit los. - Ich will gewi nie wieder so sein. Doch wer kann fr
solche Gewitterluft. ber Deinen Brief will ich gar nicht mit dir sprechen, als
blo, da ich Dich mit heimlichen Schauern gelesen hab. - Es ist vielleicht noch
nachziehende Schwermut, ich wei nicht, was es ist; ich will Dein Herz nicht
anrhren, mir ist, als wollt es ausruhen in sich, mir ist der ganze Brief wie
ein Abschlu - ach nein, das nicht - wie ein Ordnen vor dem Abschied, wo Du mich
ins Leben schickst wie ein lterer Bruder den jngeren, nicht wahr? - aber nicht
auf lang? - Du willst nur, ich soll mich mit mir allein besinnen, damit ich auch
lerne, mir selbst raten. Drum vom Brief wollen wir nichts reden. Ich verstehe
alles. Und entweder empfind ich manches noch mit Weh, weil ich noch verwundet
mich fhl, oder weil ich nicht stark bin, eine gttliche Stimme aus Dir zu
vernehmen; mit Weinen horch ich auf Dich. Ich lese aus Deinem Brief Deiner
Stimme Laut, dieser rhrt mir die Sinne, sonst nichts. Ich bin ein krankes Kind
von md gewordner Liebesanstrengung, und so mu ich jetzt weinen, da die Sorge,
ach ja! die Verzweiflung mir genommen ist! - Dumm bin ich und launisch! - So
heftig klopfte mir das Herz, als Dein Brief da war, es war schon Nacht, - ich
nahm ihn aber mit auf den Turm und bat die Sterne, da alles sehr gut sein mge,
was drin steht, und hab gefragt, ob es mir wohl Ruh geben werde, was drin steht?
Was mir die Sterne geantwortet haben? - Ach, ich wei es gar nicht! Aber ich
wollt die Unruh einmal nicht wieder auf mich nehmen. - Gnderode! Wenn ich auch
je verdiente an Dir, da Du Dich von mir wendest, ist hab's im voraus abgebt.
- Dein Brief kam mir wie Nebel vor - ja wie Nebel -, und dann war's, als wenn
dadurch ein Altar schimmert mit Lichtern, dann ist es wie ein Flstern, wie
Gebet in diesem Brief. - Ein Zusammenfassen all Deiner Geisteskrfte, als
wolltest Du den Geist der Trauer in mir beschwren. - - Als der Ephraim heut
kam, ich war gar nicht geneigt zum Lernen; - ich verga ihn zu gren, da er
doch eben von der Reise gekommen war, er sprach aber von selbst von seinen
Enkeln allen, er sa, und ich stand am Tisch; aber weil er so freundlich immer
meine Stille durch sanfte melodische Mitteilungen anglnzte, wie sanfter
Abendschein eine Wolke anleuchtet! - Die Wolke war so weich geworden von dem
Leuchten der scheidenden Sonne, da sie weinen mute; ich traute nicht den Mann
anzuschauen, den alles Schicksal zur Schnheit reifte; - und sein Leben eine
lautere Sprache mit dem Gttlichen. - Denn was konnt ich vorbringen, warum ich
so war? - Ich sagte, bleibt noch, als er glaubte, ich wollt gern allein sein; -
denn, sagt ich: die Wnde da sagen, du bist fr nichts auf Erden, wenn ich
allein bin. - Aber wenn Ihr da seid, so tun sich die Wnde auf und ich seh
hinaus in den unendlichen Osten. Ich nahm seine Hand in die meine, die er
festhielt, und nun sprachen wir von seinen Kindern, denn ich wollt mich nicht so
hingehen lassen, es ist auch einerlei, von was man mit ihm spricht, denn sein
Wesen und sein Sprechen ist geistige Menschheit, und so heilstrmend ist diese
ideale Gesundheit in ihm, da man immer mehr von seinen reinen Worten trinken
mcht. Ach, Du schreibst, ich soll Dir recht viel von ihm erzhlen. Wrst Du
doch selbst hier! - Vorgestern fiel mir's ein, wie die Abendrte schon dem
Dunkel wich und das reine, kalte Blau durch die Fenster hereinleuchtete, da es
unendlich schn sein mte, wenn wir drei zusammensen und sprchen so in die
Nacht hinein. Alles Groe spricht er so heiter aus, alles ist so einfach, so
notwendig, als sei das Leben reiner geistig durchgebildet in ihm. Und das ist es
auch. - Ich gab ihm Deinen Brief und sagte ihm, er solle es mir auslegen, warum
ich mich nicht besinnen kann; und was es ist, da ich mich nicht in die gewohnte
Sttte sichern Vertrauens hineinfinde in diesem Brief, als sei die Pforte zu
Deinem Herzen nebelverhllt. Aber wie er wegging, war ich schon viel heiterer
geworden, und am Tag vorher war ich auf dem Turm gewesen, aber die Sterne sagten
mir nichts, ich besann mich nur da oben auf meine frhere Kindheit, auf meinen
Vater, wie ich dem so schmerzstillend war. Wie die Mutter gestorben war und
keiner sich zu ihm wagte, abends in den langen Saal, wo er im Dunkel allein sa
vor dem Bild der Mutter, und die Laternen von der Strae warfen zerstreute
Lichter hinein. Da kam ich zu ihm - nicht aus Mitleid, denn ich weinte nicht mit
ihm, gerad wie Du in Deinem Brief sagst, es sei kein Mitleid, sondern Energie, -
oft hab ich mich selbst gewundert, da ich immer kalt bin beim sogenannten
Unglck, andere, denen es schwer auf der Seele liegt, die knnen oft nicht
helfen, aber teilnehmen. Ich kann nicht teilnehmen, mich treibt's, die Dornen
aus dem Pfad zu reien. - Aber mit dem Vater war es anders. Ich glaub, es gibt
vielleicht Augenblicke im Leben, wo ein rein Verhltnis zwischen Gottheit und
Menschheit ist, so da die Menschennatur sich dazu eignet, das zu bernehmen,
was die Menschen Botschaft Gottes nennen, also das Amt der Engel verrichten.
Denn ich lief unwillkrlich zum Vater hinein und umhalste ihn und blieb still
auf seinen Knien sitzen, und solang es schon her ist und damals auch meine
Gedanken nicht drauf gerichtet waren, so besinne ich mich doch der ruhigen Klte
in mir, und wie dem einsamen Vater die Schwere vom Herzen fiel, und er lie sich
von mir aus dem Zimmer fhren. - Spter im Kloster, in Fritzlar, als man uns
seinen Tod mitteilte, da frug uns die Oberin, ob wir keine Anzeige von seinem
Tode gehabt htten? Ich sagte: Ja, ich habe im Springbrunnen es gelesen. Da
weckte mich nachts der Mondschein und ich ging einen sehr ngstlichen Weg durch
viele dunkle Gnge, bis ich zum Garten kam an den Springbrunnen, weil ich mit
der Seele meines Vaters im Wasser reden wollte. Und ich ging alle Nacht
hinunter, da redeten die Wellen mit mir, wie jetzt die Sterne; es waren aber
Geister damals, denn ich sah sie herumgaukeln in der Luft quer durch den
Mondschimmer und bald hier im Gras oder in den hohen Taxusbumen. Wenn Du aber
fragst, wie es aussah, was ich zu sehen meinte, so mu ich Dir sagen, es war
mehr ein Gefhl von etwas Hherem als ich, von dem ich durch meine Augen gewahr
ward, da es sei, und wo mir's im Gefhl war, da es mit meinen Lebensgeistern
sich zu schaffen mache, und was mir diese Erscheinungen oder Nichterscheinungen
mitteilten. Das war so, da ich ganz willenlos war, wie der Erdboden auch
willenlos ist, in den man Samen streut. - Ich sah nur zu, da diese Geister mein
Schauen durchkreuzten, und ein reines Bejahen ihres Willens war in mir, ohne da
ich mir diesen Willen in Gedanken htt bersetzen knnen. O ich glaub gewi, die
Geister mssen den Geist in die Menschenseele legen. Denn alles Wahrhaftige, was
man denkt, ist Geschenktes, es berrascht spter als Gedanke den Begriff, wie
die Erscheinung der Blte aus der Erde hervor uns auch berraschen mte. - Und
dann ist es so seltsam, da diese Geistesbezauberung einen gleichsam betubt,
da man alles vergessen mu, da es wie tiefer Schlaf ist eine Weile in der
Seele, und da dann gar nichts erinnerlich ist. - Phantasie? - Was ist
Phantasie? - Ist das nicht der Geister bunter Spielplatz, auf den sie Dich als
freundliches Kind mitnehmen, und so sehr auch alles Spiel ist, so hat es doch
Beziehung auf die Geheimnisse in der Menschenbrust. - Und die Menschen wissen's
nicht, wie sie zum Licht des Geistes kommen, denn dies ist eins von den
Lebensgeheimnissen. Aber wie wei ich's doch? - Vielleicht, weil ich gleich so
festen Glauben in sie hatte, vielleicht ist's der Glaube, der die Geister
fesselt, da sie einem nherrcken mssen. Denn der Glaube bannt alles in einem
hinein, und der Unglaube verjagt alles. - Aber - in Offenbach bei der Gromama,
da war's wohl schon zwei Jahre her, da ich aus dem Kloster war, ich war schon
zwlf oder dreizehn Jahre alt, - und guckte so um mich und hatte so ein dumpf
Gefhl, als wenn alles nrrisch wr rund um mich, alles Erziehungswesen, aller
Unterricht, alle Sittenpredigt und Religionslehre, alles warf ich ber einen
Haufen, ich konnt's nicht begreifen als lebendig und konnt's nicht verwerfen,
denn ich wut nichts vom Leben. - Da war's auch so, da ich in der Nacht
fortgezogen wurde an eine ferne, de Sttte, und da war's mir schon viel
deutlicher, was ich erfuhr, es war mir viel gewisser, keinen Augenblick hatte
ich mehr einen Zweifel, da nicht alles nur beengende Narrheit sei, was um mich
vorging, und was ich vom Leben und wie man's nahm, gewahr ward, - und niemals
htte mir irgendwer imponieren knnen, aber wie ich Dich sah, da war mir's klar
in Dir, ich htt nie an einem Wort knnen zweifeln, im Gegenteil war so manches,
was wie Rtsel klang, als wenn jene Geister von Deiner Zunge mich anlispelten;
und es dauerte auch gar nicht lang, so ffneten sich mir tiefe Lichtwege, und so
wie ich meinte, eben da wohl die unmndigen, aber dem Gttlichen noch ganz
vertrauten Sinne der Kinder zu Botschaftern gttlichen Einflusses auf die kranke
Menschennatur sich eignen, so mgen wohl hochstrebende Naturen, deren Bahn sich
nicht trennt vom Geist, wohl auch dazu taugen, da die Geister sich mit Wort und
elektrischer Wirkung durch sie mitteilen. So sind jene Geister meiner
Kinderjahre durch Deinen Geist sprachselig zu mir geworden. - Ja, was wollt ich
doch mit Dir reden? - Das war, da ich den ersten Tag, nachdem ich Deinen Brief
empfing, nichts wie derlei Erinnerungen hatte und kein Reden mit den Sternen
war; und gestern aber war ich so heiter geworden, und hier will ich Dir
herschreiben, was ich da oben von den Sternen erfahren hab.
    Der wahre Geist ist nicht allein, er ist mit den Geistern, - so wie er
ausstrahlt, so strahlt es ihn wider, seine Erzeugnisse sind Geister, die ihn
wiedererzeugen.
    Geist sind Sonnen, die einander strahlen, - Licht nimmt Licht auf, - Licht
sehnt sich nach Licht, - Licht geht ber ins Licht, - Licht vergeht im Licht. -
Vielleicht ist das die Liebe. -
    Was sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon
Licht, die Rose trgt das Licht in der Knospe verschlossen. -
    Die Schnheit, die sinnlich vergeht, die hat einen Geist, der sich
weiterentwickeln will, der Rose Geist steigt hher, wenn ihre Schnheit
verblhte. - Im Geist blhen tausend Rosen, die Sinne sind der Boden, aus dem
das Schne in den Geist aufblht, die Sinne tragen die Rosen, sie blhen in dem
Geist auf. - Der Geist ist der ther der Sinne, - die Rose berhrt den Atem, das
Gesicht und das Gefhl! - Warum bewegt die Rose das Gefhl? - Atme ihren Duft,
und Du wirst bewegt; - gewi liegt in ihrem Dasein Seligkeit, die nur ihr eigen
ist, - gewi war diese Seligkeit einmal die Deine - und jetzt, wo Du ihren Duft
einatmest, fhlst Du den Geist der Rose, die lngst verblhte, in Dir
fortblhen.
    Was ist Erinnerung? - Erinnerung ist viel tiefer, als sich auf das besinnen,
was wir erlebten. Auch in ihren Verwandlungen berhrt sie ewig den Geist - sie
ist unendlich - sie wird Gefhl - dann wird sie Gedanke, der reizt den Geist zur
Leidenschaft; als Leidenschaft erzeugt sie den Geist aufs neue.
    Aus jedem Lebenskeim entsteht Leben, Leben erzeugt fortwhrend Lebenskeime,
die alle blhen mssen. Alles Erlebte ist Lebenskeim, die Erinnerung trgt sie
im Scho.
    Ich wei wohl, warum von Rosen die Rede war mit den Sternen. - Einmal war
ich heiter geworden, wie der Ephraim fort war, - und dann schwamm noch rtlich
Gewlk am Himmel, als ich oben auf der freien Warte ankam, und dann will ich nie
wieder unfrei atmen! Das ist nicht meine Sach, unter der Last keuchen! - Setzest
Du mir nicht einmal ums andre immer wieder neue Flgelpaare an, und die Sterne,
wie lehren die mich doch die Flgel schwingen! Und trag ich nicht Dein Leben in
meiner Brust und meines auch? - Und wenn ich so viel Flgel hab, was soll mir
eine Last sein? - Alles schwing ich auf gen Himmel, Schwei wird mir's kosten,
warum nicht Lasten tragen, wenn ich sie aufschwingen kann in die Himmel. - - Was
ist das, ein Athlet sein und nicht den Erdball auf den Fingern tanzen lassen? -
    Haben wir's nicht ausgemacht, wir wollen das gemeine Leben unter uns sinken
lassen, haben wir nicht zueinander gesagt, la uns schweben und nicht an diesem
oder jenem festhalten? - Und war's nicht das erste, worauf wir unser Sein
begrndeten, da wir alles wollten wagen zu denken? - Und ist der nicht
unsinnig, der das Denken wollt vor die Tre stoen, weist der nicht gttliche
Botschaft ab, - und warum ist denn nur Geist, was frei schwebt, und was sich
anlehnt, ist nicht Geist? - O ja! das begeistert mich, so zu denken, und der
Nebel umflort Dich nicht mehr, und es ist hell, wie ich Dich denk - und wenn
auch. - Wir knnen wohl ber die Nebel hinaussteigen, - Deine Fittiche wolle Dir
nicht brechen lassen, ich sag Dir gut, da ich die Erde und ihren Frevel am
Geist in Banden halten werd. - Was ist? - Was kannst Du gewinnen, was Du nicht
wagst? - Und was Du verlieren kannst, lohnt es der Mhe es zu bewahren, Du
verlierst nur, was Du nicht wagst. -
    Ein Held sein und sich vor nichts frchten, da kommt der Geist gestrmt und
macht Dich zum Weltmeer. - Die Wahrheit erfllt Dich, der Mut umarmt die
allumarmende Weisheit. - Die Wahrheit sagt zum Mut, brich deine Fesseln, - und
dann fallen sie ab von ihm. - Der Schein ist Furcht, die Wahrheit frchtet
nicht, wer sich frchtet, der ist nicht wirklich, der scheint nur. - Furcht ist
Vergehen, Erlschen des wahrhaften Seins. - Sein ist der khnste Mut zu denken.
Denken ist gottbewegende Schwinge. - Wie sollte das gttliche Denken sich an die
Sklavenfessel legen? - Ist das, was Ihr fr wahr ausgebt, Wahrheit, so schwing
ich mich im Denken zu ihr auf. -
    Wenn ich mich aufschwinge, so ist's in die Wahrheit, lieg ich an der Fessel,
so bin ich nicht an die Wahrheit gekettet. Freisein macht allein, da alles
Wahrheit sei, von was ich mich fesseln lasse, das wird zum Aberglauben. Nur was
geistentsprungen mir einleuchtet, das ist Wahrheit, - was aber den Geist
fesselt, das wird Aberglaube. Geist und Wahrheit leben ineinander und erzeugen
ewig neu. -
    So hab ich mich freigemacht von meiner Furcht, weil Furcht Lge ist. - Und
Mut mu die Lge berwinden. Und ich bin wieder eins mit Dir.
    Ach, wieviel Strahlen brechen sich doch heut in meiner Seele!
    Adieu und der Lulu hab ich versprochen, da ich mit nach Kassel geh, sie
schreibt: nur auf drei Wochen. -

                                An die Gnderode


Ich bin heut auf mancherlei Weise beglckt, erstlich hab ich heut wirklich einen
Rosenstock in meinem Zimmer stehen, den mir einer heimlich hereingestellt hat,
mit siebenundzwanzig Knospen, das sind Deine Jahre, ich hab sie freudig gezhlt
und da es grad Deine Jahre trifft, das freut mich so; ich seh sie alle an, das
kleinste Knspchen noch in den grnen Windeln, das ist, wo Du eben geboren bist.
Dann kommt das zweite, da lernst Du schon lcheln und dahlen mit dem kleinen
grnen verschlossenen Visier Deines Geistes, und dann das dritte, da bist Du
nicht mehr festgehalten, bewegst Dich schon allein, - und dann winkst Du schon
mit den Rosenlippen, und dann sprechen die Knospen, und dann bieten sie sich dem
Sonnenlicht, und dann sind fnf bis sechs Rosen, die duften und strmen ihre
Geheimnisse in die Luft, und dieser Duft umwallt mich und ich bin glcklich. -
Wer hat sie mir wohl ins Zimmer gestellt? - Heut morgen kamen die Studenten
herauf, und gleich war aller Blick auf den Rosenstock am Fenster gerichtet, -
denn es ist was seltnes um diese harte Winterzeit hier in Marburg, denn ich
glaube wohl nicht, da Treibhuser hier sind.
    Der Ephraim war nicht da heute, wo sein Tag ist, - den er sonst nicht
versumt, und als ich abends auf den Turm wollt, da kam sein Enkel mir zu sagen,
da er unwohl ist, - ich sag, was fehlt ihm? - Nur matt ist er, sagte der Enkel,
sonst ist er ganz wohl, ich sag, sieh den schnen Rosenstock, er sagt, ich kenne
ihn wohl, der Grovater hat ihn heute morgen durch mich geschickt, und weil es
noch frh war, so hab ich ihn vor die Tr gesetzt, - ich frag: Habt Ihr ihn
denn selbst gepflegt? - Ja, der Grovater hat ihn schon zum zweitenmal zur
Blte gebracht. -
    Es ist schn, da der Rosenstock mein ist, wr doch der Ephraim wieder
gesund, denn Du hast mir ja geschrieben, ich soll mit ihm von Dir sprechen, das
letztemal konnt ich nicht, weil ich zu bang war; - vielleicht aber ist's, da er
meint, ich wr zum Lernen nicht aufgelegt, warum er sich's verbietet, zu kommen,
ich hab ihn aber bitten lassen, zu kommen, wenn er besser ist, ich hab ihm auch
alten Madeira geschickt, er wird schon besser werden; es war sehr schn heut auf
dem Turm, es ist Frhlingsluft, und die Abende sind heiter und rein, ich geh
frher jetzt, schon immer, wenn die Sonne untergegangen ist, eh ich nach Haus
geh, ist doch schon sternige Nacht, nun werd ich den Turm bald verlassen, die
Lulu schreibt, am siebzehnten wird sie kommen, Du hast's gesagt, ich soll mit
ihr gehen, und ich wollt ihr's auch nicht abschlagen, - es war schn hier und
vielbedeutend, und was soll ich mich fragen, was in mir geworden ist? Mein Geist
ist voll geheimer Anregung, das ist genug, die Natur hab ich nicht beleidigt und
meine innere Stimme auch nicht verleugnet.
    Was den Geist verleugnet, das versiegt eine Geistesquelle, - Bue ist ein
Wiedersuchen, Wiederfinden dieser Quelle, denn echter Geist strmt Geist, -
Gromut verzeiht alles, aber duldet nicht, was gegen den Geist ist.
    Gromut ist Stammwurzel des Geistes, durch die der Geist einen Leib annimmt,
Handlung wird. Was nicht aus ihr hervorgeht, ist nicht Tugend.
    Gromut dehnt sich willenlos aus ber alles, wo sie sich konzentriert, da
ist sie Liebe.
    In der Liebe brennt Deine Seele in der Flamme der Gromut, sonst ist's keine
Liebe. - Nur in der Gromut hat alles Wirklichkeit, weil in ihr allein der Geist
lebt, - so also nur kann die Liebe selig machen. -
    Jede Liebe ist Trieb, sich selbst zu verklren. Wenn nicht dem Liebenden die
Gottheit, die Weisheit das Haupt salbet und die knigliche Binde umlegt, da
ist's nicht die wahre Liebe.
    Ein Liebender ist Frst, die Geister sind ihm untertan, wo er geht und
steht, begleiten sie ihn, sie sind seine Boten und tragen seinen Geist auf den
Geliebten ber. -
    Das war meine gestrige Sternenlektion, seit die Rosen in meinem Zimmer
blhen, sprechen sie als mit mir von Liebe.
    Heut morgen hab ich den Rosenstock wieder ans Fenster gestellt, eh die
Studenten kamen, und hab hinter dem Vorhang gelauscht, ob sie wieder
heraufgucken, sie haben sich bemht, die Rosen zu zhlen, einer zhlte siebzehn,
der andere fnfzehn, soviel sind grade zu sehen, die andern sind noch zu klein,
- knnt ich jedem eine hinunterwerfen, sie an seine Mtze zu stecken.
    Heut war der Ephraim bei mir, er wute, da ich die andre Woche geh, wir
sprachen von meinem Wiederkommen, denn ich bleib nur drei Wochen mit der Lulu
aus. - Wir sprachen von Dir, er sagte soviel Gutes von Dir, er las auch meine
letzten Bltter an Dich, er sagte, man msse nicht frchten, da was man liebe,
einem verloren gehn knne, weil er wohl erkannte, etwas in Deinem Brief mache
mir bang um Dich; er sagte, Du seist einzig in Deiner Art, Du habest eine groe
Bahn, und wer nicht andre Wege gehe als die schon gebahnten und angewiesnen, der
sei nicht Dichter. Es sind nicht tausend Dichter, es ist nur einer, die andern
klingen ihm nur nach; - klingen mit. - Wenn eine Stimme erschallt, so weckt sie
Stimmen. Dichter ist nur, der ber allen steht. Der Dichtergeist geht durch
viele, und dann konzentriert er sich in einem. - Oft wird er nicht erkannt und
doch steht er hher als alle. - -
    Wer nicht andre Wege geht, als die schon gebahnten und angewiesenen, der ist
nicht Dichter. Und wenn nicht auf eignem Herd das Feuer brennt, das ihn
erleuchte und wrme, der wird kein anderes dazu beraten finden. Lodert aber auf
Deinem Herd die Flamme, dann wird jede Dir leuchten und alle Dich wrmen. - Man
kann ruhen im Geist, man kann ttig sein im Geist; aber alles was nicht im Geist
geschieht, ist verlorne Zeit. - Es wird wohl selten dem Dichtergeist sein Recht
getan, der khne Adel jener Gedanken, die wir als Dichtung erfahren, sollte wie
Helden uns ewig imponieren. - - - Und so schwtzten wir noch ein Weilchen, und
nicht alles hab ich behalten, was sich da ergab, - aber der Ephraim war bla,
und sein Enkel brachte ihm noch einen Mantel; einmal will ich ihn noch sehen. -
    Auf dem Turm gewesen, aber nichts aufgeschrieben, es tut mir leid, da ich
mich vom Turm trenne; wo wird's wieder so schn sein und was hab ich den Sternen
nicht alles zu verdanken. Sie haben mir Wort gehalten. Nicht wahr, sie haben uns
beide zusammen gepflegt, und was sie mir sagten, das haben sie auch Dir gesagt,
- und wir waren beide recht verschwistert in ihrer Hut. - Wie wird's sein, wenn
ich wiederkehre? - Diese vier Monate meines Lebens, ich konnte sie nicht schner
zubringen. - Nicht wahr, Natur und tiefer Geist, die haben mich hier freundlich
empfangen, die zwei Genien meines Lebens. Der Ephraim. - In was fr einer Welt
leb ich denn? - Ich trume, jawohl, ich schlafe, und die groen Geister haben
mich in den Traum begleitet und haben zwischen die irdische Welt sich gestellt
und mich, und so hab ich ein himmlisch Leben gefhrt. Wenn ich in diese Zeit
schau, so ist sie wie ein Diamant, der mir vielmal die Sonne spiegelt. - Du hast
mir gleich gesagt: Geh mit, und Du hast recht gehabt, - so hast Du auch gewi
recht, da ich mit nach Kassel geh, ich geh auch mit groem Zutrauen, nichts
darf lnger whren, als nur die leiseste Anregung es mochte gestatten.
    Ihr guten Studenten! Heut haben sie wieder nach den Rosen gesehen, - ich
mcht sie euch alle abbrechen, eh ich weggeh, und sie euch auf den Kopf werfen.
-
    Der Ephraim darf nicht mehr den Berg heraufkommen, es ermdet ihn zu sehr,
auf seiner Reise zu den Enkeln da war's so kalt, da hat er sich zu sehr
angestrengt, er darf nicht mehr herauf, vielleicht wenn ich wiederkehr, ist er
wieder gesund, einundsiebzig Jahr ist er alt, aber mir wird er gesund bleiben; -
wenn wir dies Frhjahr zusammen auf dem Trages sind, Savigny meint, Du werdest
hinkommen, dann wollen wir ihm zusammen Briefe schreiben, nicht wahr? - Und
recht heitere, - dies wird der letzte lange Brief sein, den ich Dir von hier
schreib.
    Die Lulu hat mir viel Gre von Dir gebracht und sagt, Du freust Dich aufs
Trages zu kommen, und Dein kleiner Brief besttigt es auch, sie sagt, Du bist
recht heiter, so bin ich auch ganz glcklich, ach, was hab ich Dich doch
gepeinigt mit meiner ngstlichkeit, die mir sonst nicht eigen ist. Gott wei,
wo's herkam, ich bin ganz lustig, ich begreif's nicht, da ich so dumm war. Ich
glaub, der Winterwind und die Sterne haben mich im Kopf und Herzen verwirrt
gemacht, bermorgen reisen wir ab.
    Weit Du, was ich getan hab? - Ich lie dem Ephraim sagen, ich werde zu ihm
kommen, gestern, und ich hab mich zu ihm fhren lassen um dieselbe Stund, wo er
gewhnlich kommt, aber es war gestern Freitag, und wie ich kam, sa er
feingekleidet auf seinem Sessel, und eine Lampe mit vier Lichtern war angezndet
auf dem Tisch. Er wollte aufstehen, aber er ist mde. Und wie ist es doch? - Ob
er wohl heimgeht zu seinen Vtern? - Ich brachte ihm zwei Goldstcke fr meinen
Unterricht, er machte ein kleines Kstchen auf, wo ein Paar Trauringe drin
liegen und allerlei Schmuck, er sagt, es sei von seiner verstorbenen Frau und
von seinen Kindern. Er legte die Goldstcke dazu, das alles ist so fein, so
edel. Welch ein geistig Gemt. O Ephraim, du gefllst mir unendlich wohl. Ich
hatte ihm seinen Rosenstock zurckgebracht, er sollt ihn aufbewahren, die Rosen
sind viel mehr aufgeblht, wie schn standen sie bei der hellen Lampe zu seinem
schneeweien Bart. Ich sagte, die Rosen und euer Bart gehren zusammen, und es
ist mir lieb, da ich keine abgebrochen habe, denn Ihr seid vermhlt zusammen
mit den Rosen, sie sind Eure Braut. Ich war ein paarmal versucht, sie
abzubrechen und sie den Studenten hinunterzuwerfen, weil sie so lstern danach
hinaufsahen. Er sagte: O wenn Sie es erlauben, so will ich sie schon unter den
Studenten austeilen, es besuchen mich alle Tage welche, und dann werden schon
mehrere kommen, wenn sie wissen, da es Rosen bei mir gibt. Das war ich
zufrieden, und ich freu mich recht drber, da meine Studenten noch meine Rosen
kriegen.
    Er hat mich aber gesegnet, wie ich von ihm ging, und ich hab ihm die Hand
gekt; und wie ist doch der Geist so schn, wenn er ohne Tadel reift. Sein
Enkel mute mich nach Haus begleiten auf seinen Befehl, weil ich nur eine Magd
bei mir hatte. Ich schickte ihn aber bald wieder zurck und hab dem Enkel
gesagt, er soll dem Grovater sagen, da er alle Tage meiner gedenke, bis ich
wiederkomm. - Als ich wegging vom Ephraim, legte er mir die Hand auf den Kopf
und sagte: Alles Werden ist fr die Zukunft.
    Ich ging zu Hause gleich nach dem Turm, weil ich mich noch einmal recht
deutlich besinnen wollt auf dieses mchtige und doch so einfache
friedenhauchende Geistesgesicht, so wie ich ihn eben verlassen hatte im Schimmer
der hellen polierten vierfachen Lampe, die Rosen bis zu seinem weien Bart sich
neigend, so hab ich ihn zum letztenmal gesehen. Deutet dies nicht auf seinen
Abschied vom Erdenleben, das er so mhevoll, so friedlich, so freudevoll
durchfhrte, denn auch mir hat er beim Abschied gesagt: Sie haben mir viel
Freude gegeben. - Und wie ich eine ganze Weile an ihn gedacht hatte, so besann
ich mich auf seine Worte: Alles Werden ist fr die Zukunft. - Ja, wir nhren
uns von der Zukunft, sie begeistert uns. - Die Zukunft entspringt dem Geist wie
der Keim der nhrenden Erde. - Dann steigt er himmelauf und blht und trgt
Erleuchtung. - Der Baum, die Pflanze ist der Geist der Erde, der aufsteigt zum
Licht, zur Luft. Der Geist der Erde will sich dem Licht vermhlen, das Licht
entwickelt die Zukunft.
    Alles echte Erzeugnis ist Auffahren zum Himmel, ist Unsterblichwerden.
    Und die Schnheit dieses Mannes leuchtete mir da in der letzten Stunde auf
dem Turm so recht hell auf, denn das Bild mit den Rosen, es war, als htt es
mein Genius bestellt, da ich's recht fassen solle, wie Du die Tempelhalle
geweiht achtest, von der Du weit, da inner ihren Mauern die Opferflamme
lodert, der Tempel ist nur dann heilig, wenn er den Menschen, den eignen Leib
darstellt, - und des Gottes Lehre den eignen Geist. - Das hat er einmal gesagt
zu mir.
    Und eben sah ich noch die Studenten ins Kolleg gehen, und sie waren recht
verwundert, da der Rosenstock nicht mehr da war. Ich sah's ihnen an, es war
ihnen leid, sie hatten nun schon acht Tage hintereinander die Rosen gezhlt. -
Wartet nur, ihr werdet ihn bald ausfindig machen, und dann werden die Artigsten
unter euch meine Rosen in der Weste tragen drfen.
                                                                         Bettine

                                     Anhang



                             Der Franke in gypten

Wie der Unmut mir den Busen drcket,
Wie das Glck mich hmisch lchelnd flieht.
Ist denn nichts, was meine Seele stillet?
Nichts, was dieses Lebens bange Leere fllet? -
Dieses Sehnen, whnt ich, sucht die Vorwelt,
Die Heroenzeit ersehnt mein kranker Geist,
An vergangner Gre will dies Herz sich heben,
Und so eilt ich deinem Strande zu,
Du der Vorwelt heiligste Ruine,
Fabelhaftes Land, gypten du!
Ha! Da whnt ich aller Lasten mich entladen,
Als der Heimat Grenze ich enteilet war.
Trumend wallt ich mit der Vorzeit Schatten,
Doch bald fhlt ich, da ich unter Toten sei,
Neu bewegte sich in mir das Leben,
Antwort konnte mir das Grab nicht geben. -
Ins Gewhl der Schlachten
Warf ich durstig mich,
Aber Ruhm und Schlachten
Lieen traurig mich:
Der Lorbeer, der die Stirne schmckt,
Er ist's nicht immer, der beglckt.
Da reichte mir die Wissenschaft die Hand,
Und folgsam ging ich nun an ihrer Seite,
Ich stieg hinab in Pyramidennacht,
Ich ma des Mris See, des alten Memphis Gre;
Und all die Herrlichkeit, die sonst mein Herz geschwellt,
Sie reicht dem Durstigen nur der Erkenntnis Becher.
Ich dachte, forschte nur, verga, da ich empfand. -
Doch ach! Die alte Sehnsucht ist erwacht,
Aufs neue fhl ich suchend ihre Macht,
Was geb ich ihr? Wohin soll ich mich strzen?
Was wird des Lebens lange de wrzen?
Ha! Sieh, ein Mdchen! Wie voll Anmut,
Wie lieblich, gut erscheint sie mir!
Soll ich dem Zuge widerstehn?
Doch nein! Ich rede khn zu ihr.
Ist dies der Weg der Pyramiden?
O, schnes Mdchen! sag es mir!

                                    Mdchen
Du bist nicht auf dem Weg der Pyramiden,
O Fremdling! Doch ich zeig ihn dir.

                                     Franke
Brennend sengt die heie Mittagssonne,
Jede Blume neigt das schne Haupt,
Aber du der Blumen Schnste hebest,
Jung, und frisch, das braungelockte Haupt.

                                    Mdchen
Willst du in des Vaters Htte dich erkhlen?
Komm, es nimmt der Greis dich gerne auf.

                                     Franke
Welchen Namen trgst du, schnes Mdchen?
Und dein Vater, sprich, wo wohnet der?

                                    Mdchen
Lastrata hei ich; und mein guter Vater
Er wohnt mit mir im kleinen Palmental,
Doch nicht des Tales angenehme Khle,
Nicht Bche Murmeln, nicht der Sonne Kreisen
Erfreuet meinen guten Vater mehr.

                                     Franke
Wie! Freut den Vater nicht des Stromes Quellen,
Der Palmen lindes Frhlingssuseln nicht?
Ich fass' es; doch, wie es ein Gram mag geben,
Der deiner Trstung mchte widerstreben,
Das nur, Lastrata, fass' ich nicht.

                                    Mdchen
Italien ist das Vaterland des Greisen,
Und vieles Unglck bracht ihn nur hierher.
Mit sehnsuchtsvollem Blick schaut er am Mittelmeere
Hinber in das vielgeliebte Land.
Und seufzend sehn auch ich hinber
Nach jenen bltenreichen Ksten mich.
Erkranket ruht mein Geist auf jener blauen Ferne,
Und schne Trume tragen mich dahin.
Sag, wogt nicht schner dort der Strom des Lebens?
Sehnt dort die kranke Brust auch sich vergebens?

                                     Franke
Mdchen! Ach! Von gleichem Wunsch betrogen,
Whnt ich: Schnes berg die Ferne nur,
Doch umsonst durchsegelt ich die Wogen,
Hat auch diese Ahnung mir gelogen,
Die du, Mdchen, jetzt in mir erweckt? -

                                    Mdchen
Fremdling! Kannst du diese Sehnsucht deuten?
Fhlst du dieses unbestimmte Leiden?
Dieses Wnschen ohne Wunsch?

                                     Franke
Ja, ich fhl ein Sehnen, fhl ein Leiden.
Doch jetzt kann ich diese Wnsche deuten,
Und ich wei, was dieses Streben will.
Nicht an fernen Ufern, nicht in Schlachten!
Wissenschaften! Nicht an eurer Hand,
Nicht im bunten Land der Phantasien
Wohnt des durst'gen Herzens Sttigung.
Liebe mu dem mden Pilger winken,
Myrten keimen in dem Lorbeerkranz,
Liebe mu zu Heldenschatten fhren,
Mu uns reden aus der Geisterwelt. -
Mcht'ger Strom! Ich fhlte deine Wogen,
Unbewut fhlt ich mich hingezogen,
Nur wohin! Wohin! - Das wut ich nicht.
Wohl mir! Dich und mich hab ich gefunden,
Liebe hat dem Chaos sich entwunden.

