
                             Paalzow, Henriette von

                                   Ste. Roche

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                             Henriette von Paalzow

                                   Ste. Roche

                     Von der Verfasserin von Godwie-Castle

                                  Erster Theil

Der junge Marquis d'Anville hatte sich in seine Bibliothek zurckgezogen, und
wir finden ihn in einer frhen Morgenstunde, wie es scheint, mit sehr ernsten
Angelegenheiten beschftigt. Bestubte Aktenstcke, deren vergelbtes Pergament
und in Kapseln daran niederhngende Siegel auf wichtige Dokumente schlieen
lassen, liegen um ihn her auf Sthlen und Tischen, und werden abwechselnd
verglichen und geprft mit Briefen und Papieren, welche einen neueren Ursprung
verrathen und zu Notizen veranlassen, die der junge Mann alsdann nachdenkend in
ein kleines Buch verzeichnet. Sichtlich sind ernste, fast schwermthige Gedanken
dabei in ihm angeregt, denn die Stirn, die sonst der Wohnsitz der Heiterkeit zu
sein scheint, ist umwlkt und trgt die Furchen tiefen Nachdenkens. - Hinter
seinem Rcken hat sich indessen die Thr geffnet, und es naht sich ihm der
holdeste Feind trbsinnigen Nachdenkens, seine junge und schne Gemahlin, deren
leichter Schritt sie ihm noch nicht verkndet, whrend sie selbst mit
jugendlicher Schchternheit zu zagen scheint, und ungewi, ob sie es wagen darf,
ihm zu nahen, sich von dem Ernste seiner Beschftigungen und dem Ausdruck seiner
seitwrts belauschten Zge imponiren lt. Gern she sie sich von ihm bemerkt
und herbeigerufen, aber ihre beredten Augen bleiben natrlich, wenn auch auf ihn
gerichtet, dennoch geruschlos, und sie mu sich entschlieen, sich selbst
anzukndigen. Ich bin unbescheiden, Dich zu stren, hebt sie an - aber ich
wute nicht, da Du so ernst beschftigt warst. Bei dem Klange dieser lieben
Stimme richtet der junge Marquis das Antlitz der Redenden entgegen, und als ob
ein Sonnenstrahl den Wolkenschleier durchbrche, so leuchtet das entzckte
Lcheln der Liebe daraus hervor.
    O, Lcile! ruft er, ihr die Hand entgegenstreckend, stets ersehnt, stets
erwnscht und zur rechten Stunde, ist nur Deine Entfernung eine Strung fr
mich.
    Auch wollte ich mich nur als Botin des Frhlings bei Dir melden,
antwortete nun, in vllig sichere Heiterkeit zurckgekehrt, die junge Marquise.
Diese Veilchen, die ihr sehnschtiges Herz, der Sonne entgegen, unter dem
leichten Reife des alten Mooses hervordrngen, sie tragen in ihrem sen Dufte
das ganze Paradies des Frhlings, sie erinnern mich an ihre Schwestern in der
Provence, an die knospenden Buchengnge von Arconville.
    Geliebtes Wesen! rief ihr Gemahl - es liegt zwischen der schnen Wiege
unserer ersten glcklichen Tage ein weit abfhrender Weg, der hier aus diesem
Aktenwuste unabweisbar sich entwickelt. Mahnung an den Frhling kmmt mir aber
zur rechten Zeit; er giebt mir Muth, Dir eine Reise vorzuschlagen, die Dich
schon jetzt den Freuden des glnzenden Hoflebens entfhren wird.
    Wie! rief die junge Frau - verstehe ich Sie recht, Herr Marquis? Sie
schlagen mir vor, den Hof inmitten seiner grten Freuden zu verlassen? Haben
Sie die Liste bersehen, die man gestern in den Zimmern der Knigin herumzeigte,
die uns wenigstens noch zwlf Blle, ein Caroussel und einen Maskenscherz von
einigen Tagen verspricht? Haben Sie die prachtvollen Roben und Ballkleider
vergessen, mit welchen Sie Ihre Gemahlin beschenkt, und die noch nicht zur
Hlfte den Neid meiner schnen Rivalinnen erregt haben? Wollen Sie, da die
Juwelen, um deren Besitz Sie die alte und neue Welt geplndert, die Perlen, nach
denen die Wellen des Meeres noch jetzt seufzend am Strande niederstrzen -
wollen Sie, da die Alles umsonst fr den ersten Debt Ihrer Gemahlin verwendet
ward? Wissen Sie nicht berdies, da wir das Taubenpaar aus der Provence heien,
und da ich dem tugendhaften Versailler Hofe das nie gesehne Schauspiel gab, ein
Jahr nach der Hochzeit noch von meinem Gemahle geliebt zu sein? Wollen Sie, da
ich all' diesen Triumphen entsage, die mein junges Herz berauschen - und was
wollen Sie mir zum Ersatze bieten?
    Nichts, Lcile, rief ihr Gemahl mit dem vollen Ausdrucke entzckter
Sicherheit - nichts, als mich - entweder sehr wenig, oder - Alles? La Deine
Roben und Juwelen zurck - ich schenke Dir einen Strohut und pflcke Dir selbst
die Blumen darauf!
    Die Marquise wandte sich leicht von ihm ab - er folgte dem lieblichen
Gesichte - ihre Augen standen in Thrnen - aller neckende Muthwille war daraus
verschwunden. Als sie schchtern zu ihm aufblickte, sagte sie mit dem frommen
Ernst einer Betenden: Bin ich nicht zu glcklich?
    La uns dankbar sein und Gott ehren durch ein lebendiges Gefhl unseres
Glcks, sagte der Marquis - es scheint mir ein schner Gottesdienst, ein
glckliches freudiges Herz sich zu erhalten und sich des Geschenks seines Lebens
zu erfreun! Ich frchte nicht, da mir die Kraft darin erlahmen wird, ihm
gehorsam und getrost zu bleiben, wenn trbe Tage kommen; denn ein tugendhaftes
Glck lt die Gaben des Herzens und Geistes unverkmmert empor wachsen.
    Ich frchte wenigstens fr Dich nicht, mein Armand, sagte die Marquise mit
jenem Lcheln der Bewunderung, das die Blte des schnsten weiblichen Glcks,
nur die hchste Achtung in der hingebensten Liebe, giebt - doch la' mich
erfahren, wo Du mir die Blumen fr meinen Strohhut zu pflcken gedenkst, denn es
scheint, in den Wldern von Arconville wird es nicht sein! -
    Fr die nchste Zeit wenigstens nicht, liebe Lcile! Meine Gegenwart wird
unvermeidlich auf unsern neuen Besitzungen in Languedoc verlangt - ich kann die
persnliche Uebernahme dieser Gter nicht lnger verschieben, denn obwohl sie
mir seit drei Jahren gehren, lehnte ich bis jetzt diesen mir widerstrebenden
Akt noch immer von mir ab; doch sehe ich ein, da mein Anwalt Recht hat, der mir
die Verwirrungen vorstellt, die nothwendig daraus entstehen mssen.
    Sind das die Gter, die Du von dem Grafen Crecy, dem alten finstern Bruder
Deiner Mutter erbtest? frug die Marquise.
    Sie sind's, erwiederte ihr Gemahl - und selten ist wohl eine Erbschaft,
die eine halbe Million betragen mag, mit schwererem Herzen angetreten worden,
als diese - ja, ich gestehe Dir, da ich mich noch nie der Revenen, die daher
kommen, zu einer Erweiterung unseres Etats habe bedienen mgen, da ich mich
mehr als den Verwalter dieser schnen Gter, als den Besitzer ansehe, und
ziemlich zu ihrer Verbesserung diese Summen wieder verwendet habe, da die lange
trbselige Vernachligung derselben dies auch nthig erscheinen lie.
    Ich habe Dich noch nie von diesen Besitzungen sprechen hren, sagte die
junge Frau - obwohl ich wute, da sie Dir gehrten, und ein Umstand mich fr
sie interessirte, nmlich die Nhe von Ardoise, dem Schlosse meiner geliebten
Tante Franciska. Doch sage mir, darf ich erfahren, warum sie diesen seltsamen
Eindruck auf Dich machen?
    Es gehrte viel Zeit dazu, Dir den ganzen Inhalt dieses Gefhls zu
erklren, erwiederte der Marquis. Ich brachte das letzte Jahr seines Lebens
bei diesem alten unglcklichen Oheim zu, und er hat vor mir in seinen langen
schlaflosen Nchten die Geschichte seines trben und schuldigen Lebens mit einer
Klarheit der Erinnerung, mit einer Schrfe der Combination entwickelt, die die
Fhigkeit hohen Alters zu bersteigen schien, und nur dem krankhaften, stets
lebendigen Reize seines gequlten Gewissens zuzuschreiben war. Er sah mich
allerdings als seinen nchsten Erben an, und darum wnschte er mich in der
letzten Zeit seines Lebens, dessen Ablauf er erkannte, um sich zu haben - aber
in diesem Wunsche, dessen Erfllung die Welt nur als die Pflicht des natrlichen
Erben nahm, lag weit mehr die Absicht des Unglcklichen, diesen unbestrittenen
Erben empfnglich zu machen fr den Gedanken eines mglichen Verlustes dieser
Erbschaft; denn der Hauptinhalt dessen, was ich mir vorbehalte, Dir spter
ausfhrlich mitzutheilen, ist, da die Mglichkeit vorhanden, es lebe noch
Einer, der nhere Rechte auf diese Besitzungen habe.
    Mein Gott, rief die Marquise, wie seltsam ist das! wie spannst Du meine
Neugierde! und sage, hat sich nach dem Tode des alten Herrn keine Entdeckung
machen lassen? dauert Deine Ungewiheit ohne alle Muthmaungen fort?
    Die letzten Anzeichen verlieren sich an der nrdlichen Kste von
Frankreich, erwiderte der Marquis - aber trotz dem, da ich nach dem Tode des
Unglcklichen die sorgfltigsten Nachforschungen anstellen lie, hat bisher
keine auf eine Spur leiten wollen, die irgend eine Entdeckung versprche; dessen
ungeachtet begreifst Du, da ich diese Versuche fortsetzen lasse und bisher kein
Eigenthums-Gefhl zu diesen Besitzungen haben konnte. Ueberdies sind noch die
Erzhlungen von den traurigen und finsteren Dingen, von denen die Hauptbesitzung
der Schauplatz war, mir zu gegenwrtig, um es wnschenswerth zu machen, mir dort
als anerkanntem Besitzer huldigen zu lassen. Und - setzte er lchelnd hinzu -
wie findet mich meine junge Gemahlin, da ich grade dorthin ihr den Weg
vorschlagen will, und wahrlich ihr keinen andern Aufenthalt anzubieten wei, als
eben jenes alte verwnschte Schlo von Ste. Roche, von dem mehr Spuck- und
Gruelgeschichten die Gegend durchlaufen, als wir in einem Jahre anzuhren
vermchten.
    Nun, rief Lcile - ich bin nicht abgeneigt, mich ein wenig zu grauen,
wenn ich nur recht vollstndig dabei in Sicherheit bin und nicht den ganzen Tag
daran zu denken brauche. -
    Auch schreibt mir mein Verwalter, er habe den rechten Flgel des Schlosses,
der berhaupt ein neuerer Anbau ist, und eine freiere Aussicht und lichtere
Rume gewhrt, so viel dies bei der Abneigung der Arbeiter, das Schlo zu
betreten, gehn wollte, etwas aufrumen lassen - wogegen Dir zum Grauen jedoch
noch genug Veranlassung bleiben wird, da ich aufs Bestimmteste verboten habe,
den brigen Theil des Schlosses anzurhren - bis auf die ueren Reparaturen der
Dcher, Thren und Fenster. Den linken Flgel mute ich bis auf
Dachbefestigungen auch hiervon ausnehmen, denn dieser steht unter einer
besonderen Autoritt, die ich zu respektiren habe angeloben mssen in dem ganzen
Umfange, wie dies mein Oheim zu thun sich gelobt hatte. Diese Autoritt ist eine
alte Frau, welche ihr Leben in diesem Schlosse, und seit einigen fnfzig Jahren
in diesem Flgel, oder vielmehr in einer kleinen Behausung vor demselben
zubringt, welche Niemand den Einla gestattet und von Niemand dazu gezwungen
werden kann, - so da von allen, die dort leben, sich Niemand rhmen darf, das
Innere dieses geheimnivollen Ortes betreten zu haben. Bevor ich die Gter
bernahm, hauste sie und ein alter Kastellan in diesem Schlosse, und es war die
hchste Zeit, da eine andere Macht dort einschritt, da das alte Schlo, so fest
und fast unverwstbar es auch erbaut ist, doch bei der gnzlichen
Vernachligung, die es, wie alle brigen Besitzungen, erleiden mute, allgemach
immer bauflliger zu werden begann.
    O, wie sehne ich mich nach Ste. Roche! rief die junge Marquise - und wie
will ich um das Herz der alten Pfrtnerin mich bemhen, da sie mir Einla
gewhrt in diese geheimnivollen Gemcher. Doch sage mir nur noch mit einem
Worte, ob Du die Geschichte derselben kennst?
    Ich kenne sie, erwiederte ihr Gemahl - doch dringe vorerst nicht in mich,
sie Dir mitzutheilen; es schmerzt mich, diesen Milaut in Deine reine Seele zu
spielen! Wie entzckt mich der Gedanke, wenn ich Deinen Zauber empfinde, da das
Bse fr Dich nur eine allgemeine inhaltlose Existenz unter den Erscheinungen
hat, dessen Dasein Du kennst, ohne da Dich seine Bedeutung erreichen konnte.
Gnne mir das Glck, Dich zu behten und zu bewahren - la mich der Engel mit
dem feurigen Schwerte sein, der das Paradies Deiner unschuldigen Gedanken
bewahrt.
    O, mein Geliebter, rief die junge Frau - welch' ein Wohllaut des Himmels
liegt darin, Dir so anzugehren, da selbst meine Gedanken Deines Schutzes
genieen! Glaubst Du, da es eine Neugierde gbe, die strker wre, als dies
Gefhl?
    Nein, erwiederte er ernst und gerhrt - ich wei es, die Deinige
wenigstens nicht - auch denke ich daran, Dir den Inhalt dieser unglcklichen
Geschichte spter auf eine Weise mitzutheilen, die Dich weniger verletzt. -
    Bis dahin also will ich Gednld haben, die mir leichter noch durch die
Aussicht wird, dies schauerliche Geheimni in seiner Oertlichkeit zu sehen. -
    Doch sieh' da - Leonce! rief der Marquis und eilte seinem Bruder entgegen,
der mit der freundlichsten Eilfertigkeit in das Zimmer trat. Willkommen in
Paris, Theurer, Lieber! Seit wann bist Du zurck?
    Erst seit diesem Augenblick, rief der junge Mann und begrte herzlich
seine liebenswrdige Schwgerin.
    Nun in Wahrheit, rief Lcile, - lieber Leonce, Sie kommen zur rechten
Zeit, mich gegen meinen Gemahl in Schutz zu nehmen; denken Sie nur, er verlangt,
da ich Paris verlassen soll, da noch Niemand daran denkt, sich auf seinen
Gtern zu langweilen, und Paris in der vollen Blte seiner auserlesenen Freuden
steht. - Haben Sie ein hnliches Anerbieten schon jemals gehrt? und was meinen
Sie, da ich thun oder nur antworten soll?
    Was Sie bereits gethan oder geantwortet haben, rief Leonce mit dem
Ausdrucke inniger Verehrung; denn das Rechte war es gewi, und ich will es blos
wissen, um Sie aufs Neue zu bewundern. -
    Gottlob, rief die heitere junge Frau - unser Bruder ist mit vollstndig
liebenswrdigen Manieren zurckgekehrt! Glaubt mir, ich erkannte Euch nicht, als
Ihr damals von Euren Reisen wiederkamet - auch nicht ein Zug von meinem
liebenswrdigen Spielkameraden war geblieben - eine dstere, blasse, seufzende
Kreatur war zurckgekehrt, und ich ward entmuthigt, froh zu bleiben, wenn Ihr so
still und einsylbig an meiner Seite saet.
    Sichtlich traf die Rede den jungen Mann tiefer, als die sorglose Heiterkeit
seiner Schwgerin ahnete - es brach aus den Augen des Jnglings eine so
melankolische Glut, er schlo die Lippen so schmerzlich zusammen, da der
Marquis, berrascht von der pltzlichen Vernderung seines Brudes, ihm schnell
einige Fragen ber die zurckgelegte Reise und den vorgefundenen Zustand seiner
Gter that.
    Leonce arbeitete sich mit sichtlicher Anstrengung aus der Stimmung heraus,
die durch die unschuldigen Worte seiner Schwgerin angeregt war, und versicherte
seinem Bruder, er habe Alles wohl arrangirt gefunden, knne nicht anders, als
seine Verwalter loben und habe fr lngere Zeit ihre Vollmachten besttigt.
    Aha! fiel die Marquise ein - fr lange besttigt; das heit so viel, als:
wir haben uns auf lange Zeit von der eigenen Verwaltung losgemacht und sind
nicht gesonnen, den alten Ahnenbildern und den Schferspielen der
Gobelin-Tapeten auf dem alten Schlosse Gesellschaft zu leisten.
    Leonce lachte. Es ist wahr, schne Sptterin, ich muthete mir eine
Einsamkeit in so groartiger, aber dennoch melankolischer Umgebung nicht zu -
ich bin noch zu jung, sie suchen zu drfen, ich mu sie sogar frchten, da ich
ihren Zauber nicht lange genieen drfte, ohne ihm zu unterliegen. Dagegen hilft
nur ein sehr muthiges Erfassen des Lebens - ich denke Dienste zu nehmen, oder
noch eine weitere lngere Reise zu machen - vielleicht, setzte er hinzu, nach
England.
    Nun, dazu gebe ich nimmermehr meine Erlaubni! rief die junge Marquise. -
Nach England wollt Ihr? wo die Sonne nie klar, voll und warm Euch bescheint, wo
die Strme des Meeres Euer Gehirn austrocknen, und Eure Empfindungen zum
Schweigen verdammt sind vor dem melankolischen Gesprch der Wellen. Niemals,
rief sie mit komischem Pathos, gebe ich dazu meine Erlaubni, und diese mt
Ihr doch wohl haben; da ich das einzige weibliche Haupt dieser, Eurer Familie
bin?
    Beide Mnner lchelten der guten Laune der liebenswrdigen Frau Beifall zu,
der Marquis aber umfate zrtlich seinen Bruder. Du siehst, mein Lieber,
welcher Herrschaft wir beide dienstbar sind, ergieb Dich und willige in meinen
Vorschlag, Dich uns anzuschlieen. Sieh', die Reise, die ich vorhabe, wird mir
herzlich schwer - ich gehe nach Ste. Roche, und bernehme endlich nach langem
Struben diese mir fast verhaten Besitzungen. Lcile hat eingewilligt, mich zu
begleiten; ich mchte ihr zum Lohn fr so viel Nachgiebigkeit gern ihren alten
Spielkameraden mitfhren, denn meine Angelegenheiten werden meine Zeit mehr in
Anspruch nehmen, als ihr lieb sein wird.
    Thut das, Leonce, sagte Lcile - und ich will schon dafr sorgen, da
Euch die trbseligen Gedanken vergehen, wenn wir uns auch nicht viel auf uere
Hlfsmittel werden verlassen drfen, da wir in ein wahres altes Gespensterhaus
einziehen.
    Leonce schwieg noch immer, und der Ausdruck seiner Zge vernderte sich
wieder bis zur Dsterheit; er schien kaum die liebevollen Worte zu verstehen,
eigene Gedanken muten dazwischen getreten sein.
    Gieb es auf, Armand, sagte die Marquise - auf diesem Gesichte steht kein
Ja! Das ist die Miene, die ich mehr frchte, als Dein Geisterschlo - und kann
er uns nur mit ihr begleiten, so behte mich Gott, da ich ihn mitnehme, er zge
die Geister wie mit Magneten an sich, anstatt er mir helfen soll, sie
abzuwehren.
    
    Leonce, sagte der Marquis zrtlich besorgt, Du bist wirklich seltsam!
    Vergebt mir, rief Leonce, sich jetzt emporraffend - ich habe sehr
Unrecht! Gewi, Ihr habt Ursache mir zu zrnen, mich thricht und undankbar zu
schelten - aber glaubt mir, auch fr mich ist eine wichtige Zeit gekommen - ich
stehe auf dem Punkte, auf welchem man sich frs folgende Leben eine Richtung
geben oder ihrer fr immer entbehren mu. Ich bedarf der Thtigkeit, um mich zu
zerstreuen - Zerstreuung soll hier nicht Zeit-Tdtung heien, ich fnde sie
sonst wohl in Paris - sie soll das Anbauen, Anranken, Durchdringen des Kerns des
hheren Lebens bezeichnen, und kann ich dann nicht glcklich, will ich doch
eines besseren Schicksals werth sein. - Er war wieder bla geworden bei diesen
Worten, und von der tiefsten Bewegung ergriffen, drckte er sich einen
Augenblick in die Arme des Marquis. Es scheint mir, ich habe keine Zeit zu
verlieren, fuhr er ruhiger fort; daher blieb ich bei Eurem Vorschlage
zweifelhaft, und das Nachdenken, worin er mich versetzte, ist mir nachtheilig.
    Und jetzt mt Ihr mit, Leonce! rief die Marquise munter dazwischen -
eben habe ich es entschieden. Ueber Lebenspfade, hhere Richtungen und wie Ihr
das alles nennt, entscheidet man am besten auf Reisen - nicht auf so hastigen
und ungestmen Reisen, als junge Mnner machen, wenn sie allein sind, sondern
auf solchen, wo man, in bequeme Kutschenkissen gedrckt, an der Seite irgend
einer guten, geschwtzigen, launenhaften, lustigen Frau, dahin rollt - auer
Thtigkeit gesetzt, doch dem Zwecke gem sich verhlt, also ohne Gewissensbisse
zum migen Nachdenken bergehen kann, wenn die Nachbarin sich mde geschwatzt,
oder ber ihre Reisekleider nachdenkt, oder ihre Sieste hlt - da, mein lieber
Leonce, tritt der Moment ein, wo uns groe Gedanken kommen - Lebensrichtungen
sich von selbst offenbaren, und ohne den schwerflligen Wust, den Stadt- und
Zimmerluft umhngen; vielmehr wird da Alles klar, hell und heiter, wie die Luft,
die uns umstrmt, wir vergessen nicht, da das Leben, das wir mit mystischer
Spekulation ergrnden wollen, vor allen Dingen schn ist, und es keine sanftere
Wiege giebt, als in den Mutterarmen der Natur - und in diese Wiege sollt Ihr,
Leonce, und diese Hand legt Euch hinein, trotz des Miverhltnisses der Gre -
denn Euch fehlt etwas - Gott wei, was! - das mu erst heil werden, ehe Ihr
entscheidende Schritte thut.
    Mit innigem Wohlgefallen betrachtete der Marquis seine holde Gemahlin, die
ihm so ganz aus dem eigenen Herzen gesprochen hatte. Freundlich drckte er ihre
deklamirenden Hnde. - Ich danke Dir, Lcile, da Du ihm Alles gesagt, was ich
dachte; la' mich hinzufgen, fuhr er gegen Leonce fort, da Dich jetzt in
dieser Stimmung zu verlassen, mir fast unmglich sein wrde, und da ich doch
kaum bleiben knnte, es mein einziger Trost ist, Dich mit mir zu fhren. Rechne
darauf, da Du mit Deinen direktesten Freunden reisest, die Dir ganz allein
berlassen werden, was Du fr nthig halten wirst, ihnen mitzutheilen.
    Abgerechnet, lachte Lcile, was ich ihm gelegentlich ablocke oder
ablausche.
    So bleibt mir denn keine Wahl, rief Leonce, und sein tragischer Ton
verhie noch wenig Sinn fr die heitereren Anklnge seiner jungen Beschtzerin.
So will ich denken, Ihr seid mein Schicksal; nehmt mich mit Nachsicht hin, ich
will Eurer Liebe ganz vertrauen - ja, ich folge Euch! Aber versprecht mir, da
Ihr mich nicht aufhalten wollt, wenn ich Euch spter doch sage, da ich fort
mu.
    Ich verspreche nichts, als mich jetzt zur Reise zu rsten, rief die
Marquise, und Eures Winkes gewrtig zu sein. Richtet jetzt Alles zu meinem
Wohlgefallen ein; denn ich will mir einen Vorrath von Einfllen und Capricen
sammeln, an denen Ihr beide genug zu thun haben sollt.
    Hold grend entschlpfte sie den Brdern. Als die Thre sich hinter ihr
schlo, warf sich Leonce strmisch in die Arme seines Bruders. Glcklicher,
Glcklicher! rief er - Dir haben die Engel in der Wiege gelacht, als sie
Deiner Zukunft dies Geschenk verhieen! Dich trennten keine Vorurtheile, keine
Launen des Zufalls von dem einzigen und hchsten Wunsche Deines Herzens!
    So ist es, Leonce, sagte der Marquis fast verlegen ber diese Rede - und
ich hoffe, wir sind beide unter guten Zeichen geboren; auch Du wirst glcklich
werden.
    Leonce schttelte leise den Kopf. Beide trennten sich zu den nthigen
Anordnungen der Abreise.

Die Strahlen der Frhlingssonne erhellten die keimende, knospende Erde, und
schienen das Geschft ihrer Entwickelung mit dem Eifer eines Gebers zu
betreiben, der sich seines Reichthums bewut ist und das Glck, womit er den
Bedrftigen berschttet, zu sehen trachtet. Fast htte man von Stunde zu Stunde
die Bltter und Halme zhlen knnen, die sich aus ihren warmen Strahlen zu
erschaffen schienen, und ein Tag verhie schon fr den nchsten die sesten
Wunder.
    Wir finden ein Auge in dem Bereiche, dem wir uns nahen, das mit besonders
theilnehmendem Ausdrucke diesem Naturtreiben zusah, und Geist und Herz daran zu
erquicken trachtete.
    In einem von der Sonne erwrmten Gartensaale sa in der offenen Thre
Franciska, Grfin d'Aubaine, in friedlicher Stille und Einsamkeit.
    Die breiten Buchen- und Lindenwege, die Ardoise zieren und den Park mit dem
kleinen Flecken, der dazu gehrt, durchschneiden, gaben mit ihren durchsichtigen
hellgrnen Blttchen schon eine feine Schattenlinie auf die dazwischen
durchblickenden Wiesen und Rasenpltze, die vom Schlosse aus durch jene
phantastisch geschnittenen Hecken unterbrochen waren, welche die Architektur
fortzupflanzen trachten, den wirklichen Gestaltungen der Natur entgegen tretend.
    Das alte Herrenhaus von Ardoise lehnte seinen Rcken gegen die wildreichen
Wlder dieser schnen Besitzungen, und trennte und schtzte es gegen die an
seinen Grenzen hinlaufende Landstrae. Es hatte daher den doppelten Vorzug einer
ungestrten Einsamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den
nahe liegenden Ortschaften und Nachbargtern.
    Die Grfin d'Aubaine wute jetzt beide Vorzge wohl zu schtzen, wenn in
frheren Jahren eine bestimmte Richtung ihres Innern ihr den ersteren als den
vorherrschendsten bei der Wahl ihres Aufenthaltes hatte erscheinen lassen. Bis
zum Tode ihrer Aeltern hatte sie abwechselnd hier und auf deren Stammschlosse
Mont Ral gelebt. Dies war ihrem Bruder zugefallen, und nachdem sich auch ihre
jngste Schwester, die Mutter der Marquise d'Anville, an den Grafen Maurepas
vermhlt hatte und dessen Gter bewohnte, zog die Grfin Franciska vor, in
Ardoise ihren Wohnsitz zu nehmen.
    Sie war unvermhlt geblieben - und ohne, da ber die Erlebnisse ihrer
Jugend etwas Bestimmtes bekannt gewesen wre, geno sie von Aeltern,
Geschwistern und Freunden die stille ehrende Schonung, mit der man das
unverschuldete Migeschick betrachtet, und die Fgsamkeit in ihren Willen, die
man so gern den kleinen Rettungsmitteln widmet, womit ein blutendes, aus dem
natrlichen Kreise des Lebens verschlagenes, Herz sich zu schtzen sucht. - Auch
war die Rcksicht, die sie unaufgefordert ihren Angehrigen auferlegte, keine
schwer zu leistende. Ihre Seele war durch das Erlebte den schnen Gang einer
wahren Resignation gegangen; losgelst von eignen Hoffnungen und Wnschen,
suchte sie sich in keiner ueren Erscheinung mehr, und war um so hingebender
und theilnehmender fr die Zustnde um sich her. - Selbst ihr vorherrschendstes
Bedrfni: Ruhe, befriedigte sie nie auf Unkosten einer freundlichen Hingebung
an die gelegentlichen Anforderungen, sich gesellig zu erweisen - und die ganze
tiefe umfassende Erfahrung des Unglcks, die ihr geworden, diente ihr nur,
hnlichen Zustnden mit Rath und Theilnahme zu begegnen. Sie kannte keine
grere Wohlthat, als den Anblick glcklicher Menschen, sie nannte sich
scherzend darin eine Epicurerin, und lie nicht ahnen, wie sie das Unglck
aufsuchte und sich ihm hinzugeben verstand, wenn um sie her in dem weitlufigen
Schlosse der Frohsinn zu herrschen schien, den sie sowohl zu wecken und zu
unterhalten verstand. Ihre eigene, frhzeitig von Kummer gezeichnete Gestalt
konnte nicht mehr das zeigen, was sie gern bei Andern sah. In der Mitte des
Lebensalters, trug sie doch das Ansehn einer Matrone; nur ihre hohe Gestalt war
fein und schlank und von dem edelsten Anstande getragen. - Die einst so schnen
braunen Locken waren schon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Uebergang
zu dem vllig erblaten stillen Angesichte, dessen tiefgedrckte Augenbrauen und
niedergezogene Mundwinkel die rhrenden Zge eines Kummers darstellten, der Zeit
gehabt hatte, die reichste Schnheit zu seiner Reprsentantin umzuwandeln. Sie
trug immer einfache schwarze Kleidung, und die Mode ging unbeachtet an ihr hin,
wie sie es unbeachtet zulie, da ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht
strenden Anordnungen ihr nachzukommen suchte. Angebetet von ihren Dienstleuten,
war sie das Kleinod der Familie, und wie man einen kostbaren Schmuck
wohlverwahrt lt, seinen tglichen Genu nicht wagend, sich des schnen
Besitzes sicher wissend, so unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur
selten, des erwrmenden Gefhls gewi, da sie ihnen lebe, sich ihnen nie zu
entziehen strebe.
    Diese stille Abgeschiedenheit sollte jedoch eben an dem Tage, wo wir uns in
Ardoise einfhren, eine kleine Umwandlung erleiden, denn die Grfin d'Aubaine
war in Erwartung einer jungen Gefhrtin ihrer knftigen Tage.
    Der frhe Abend hatte sie in ihre oberen Gemcher gefhrt, wo die leichte
Glut eines Kaminfeuers und der helle Schein der Kerzen noch die Beschftigungen
des Winters zurckrief.
    Einige Stunden spter fuhr ein verschlossener Reisewagen mit den Livreen der
Grfin durch die nun vllig in Dunkel gehllten Wege des Waldes dem Schlosse zu.
Die Thorwchter ffneten die eisernen Gitter, die den Hofraum umschlossen, und
der Wagen fuhr in den Portikus des Hauses.
    Ist die Frau Grfin noch zu sprechen? fragte St. Blace, der alte
Kammerdiener derselben, und hob sich langsam aus dem bequemen Bocksitze.
    Sie haben befohlen, sogleich die junge Herrschaft einzufhren, antwortete
Mr. Lorint, der Haushofmeister, und sind besorgt um ihr langes Ausbleiben.
    Nicht meine Schuld, nicht meine Schuld, Mr. Lorint! rief St. Blace, wir
haben keinen Mondschein, und die Wege im Walde sind noch feucht und aufgeweicht
von der Regenzeit - wir konnten nur langsam vordringen.
    Indem nahten sich Beide dem Wagenschlage, und ihn ffnend, hob sich ihnen
zuerst die alte Kammerfrau der Grfin, Madame Sulpice, entgegen und lie sich,
in ihre Pelze und Mntel gewickelt, von ihren beiden Kameraden ber den Tritt
der Kutsche ziehen.
    Ah, Mr. Lorint! rief sie freundlich - ich hoffe, wir finden Alles wohl
auf in Ardoise und kommen zur gesegneten Stunde.
    Ihro Gnaden wenigstens fhrten ein leidliches Wohlbefinden, und sonst fiel
seit zwei Tagen nichts zu vermelden vor.
    Desto besser, Mr. Lorint - keine Neuigkeiten besser als trbe, erwiederte
Mad. Sulpice. - Darf man Euer Gnaden ersuchen, auszusteigen? fuhr sie, gegen
den Wagen zurckgewandt, fort.
    Voll Neugierde beeilte sich jetzt Mr. Lorint der Angekommenen Hlfe zu
leisten. Alle Bewohner Ardoise's sahen auf die Vernderung in dem Leben ihrer
Gebieterin, die ihr nach so langer Einsamkeit eine stete Begleitung, eine
Lebensgefhrtin, wie sie sich selbst darber ausdrckte, geben sollte, mit einem
Erstaunen und einer Erwartung, die man wenigstens durch die Erscheinung des
Gegenstandes selbst gerechtfertigt zu sehen hoffte.
    Mit der Leichtigkeit der Jugend betrat jetzt den Kutschentritt eine schlanke
feine Gestalt, welche den Flor der Haube so ber die Stirn gezogen trug, da nur
das blendend weie Kinn und der schne Mund sichtbar waren. So getuscht sich
Mr. Lorint hierdurch fand, schlo er doch gleich mit sich ab - hier eine junge
Schnheit zu sehen, und als sie den Boden betrat und mit dem reinsten
franzsischen Accent ihn anredete, beschlo er, sie des Vorzugs, den sie eben
einzunehmen im Begriff war, wrdig zu erklren.
    Und werde ich die Grfin d'Aubaine diesen Abend noch sehen? frug die junge
Dame mit einem sanften Tone der Sprache.
    Ich eile, Euer Gnaden zu melden, erwiederte Lorint, und bitte
unterthnigst mir zu folgen.
    Die Fremde nahm mit einigen dankbaren Worten von ihren beiden Reisegefhrten
Abschied und stieg hinter Lorint die heitere breite Treppe hinan, die, gastlich
erhellt, den schnen Marmor der Wnde mit seinen kunstreichen Verzierungen
zeigte. - Lorint ffnete einen Vorsaal und beurlaubte sich dann, in eine
Nebenthre verschwindend. Kaum sah sich die Fremde allein, als ihr Herz von der
tiefen Bewegung berflo, welche sie zu beherrschen getrachtet hatte. Die
heiesten Thrnen strzten aus ihren Augen, und sie verhllte das Gesicht, dem
Schmerze ihres Herzens sich hingebend. Einige Augenblicke hatte sie so den
Tribut gezahlt, den eine pltzliche und vollstndige Umnderung aller bisher
gekannten und lieb gewesenen Verhltnisse dem jungen Herzen abnthigten, als sie
durch den Gedanken, im nchsten Augenblicke derjenigen gegenber zu stehen, die
sich mit allen Beweisen von Liebe und Theilnahme ihr schon in weiter Ferne bis
zum gegenwrtigen Tage genaht hatte - ihre Thrnen versiegen machte und ein
neues Bemhen herauf rief, ihre schmerzliche Aufregung zu beherrschen. Sie
trocknete ihre Augen, und ihren Mantel ablegend, gewahrte sie nun erst die
Schnheit des Raumes, in dem sie sich befand, der von zwei Kaminen und vielen
geschickt vertheilten Kerzen, die ihr Licht von hell polirten Wnden und
Fubden wiedergaben, erleuchtet wurde. Ihre Aufmerksamkeit ward sogleich durch
einige lebensgroe Bilder in Anspruch genommen, Personen aus der Familie
darstellend, welche die Fremde in den Kreis einzufhren schienen, dem sie
knftig angehren sollte. Es waren schne, edle Gestalten, und ihr Auge blieb
mit besonderer Theilnahme an den Zgen einer Dame hngen, welche, im
Brautschmucke gemalt, mit so unbeschreiblich anziehenden Mienen auf die junge
Beschauerin niedersah, als wolle sie ihr Muth und Lebenshoffnung einreden.
    Ach, seufzte sie leise, wren das die Zge der Grfin d'Aubaine, wenn
auch von der Zeit der jugendlichen Schnheit beraubt! - Wie unbeschreiblich wohl
wird mir in Deinem Lcheln - als htte ich Dich lngst gekannt, als wtest Du
Alles, was in meinem Herzen vorgeht!
    Indem ffnete Lorint die Flgelthren und lud das Frulein zum Nhertreten
ein. Durch mehrere Gemcher, welche alle, erhellt und vom Kaminfeuer belebt, den
Hauch des Geistes trugen, der nur im steten Gebrauche ihnen ihr ansprechendes
Dasein einflt - erreichte die Fremde ein Kabinet, das die Zimmerreihe schlo,
und, mit grnen, seidenen Vorhngen rings umhngt, wie Waldeinsamkeit und Stille
den Wohnenden umfing. An der Schwelle stand pltzlich die hohe Gestalt der
Grfin d'Aubaine. Es waren zwar nicht die Zge, die aus jenem Bilde lchelten,
aber wer htte der sanft verklrten Dulderin in die milden blassen Zge blicken
knnen, ohne zu glauben, er habe gefunden, was er suche.
    O Elmerice, rief die Grfin, das schnell zu ihren Fen gesunkene Mdchen
mit beiden Armen umfassend, suchst Du keinen andern Platz bei Deiner zweiten
Mutter?
    Unfhig zu sprechen, sank Elmerice an ihren Busen. Die Grfin, welche jede
allzugroe Erweichung scheute, rang sichtlich mit ihren Gefhlen, das liebe
Wesen, welches sie innig an sich gedrckt hielt, in der natrlich groen
Bewegung zu sttzen.
    Blicke auf, mein Kind, und sei getrost! Du hast eine Mutter, ich die
Freundin meiner Seele verloren! Ach, glaube mir: Du bist mir ein heiliges, ber
Alles theures Vermchtni, und da sie mit dieser letzten Gabe ihres Lebens mich
noch beglcken und ehren wollte, das ist ein Zeugni ihrer Liebe, woran ich Dich
erinnere, da Du fhlst, wie sie mich hochhielt, und daran Dein Vertrauen zu mir
knpfest.
    Ach, Frau Grfin, rief Elmerice, wie knnte ich jetzt erst Gefhle
anknpfen wollen, bei denen ich gro gezogen ward - meine Aeltern, so lang ich
sie beide besa, wetteiferten, Euch zu lieben!
    Elmerice zrtlich umschlingend und sie zu sich in das Ruhebette
niederziehend, sagte die Grfin: wie rhrt mich so viel Liebe, wenn sie, auch
unverdient, nur den Geber ziert. Wie rhrt es mich, da Deine Mutter so das Herz
Deines Vaters bestimmte, ihm fr die nie Gesehene, Ungekannte, eine so warme
Theilnahme einzuflen!
    Mein Vater kannte Euch nicht? rief hier Elmerice berrascht, - wie ist
dies mglich? Er mu Euch gekannt haben, denn von ihm erbat ich es oft mir, Euch
und Ardoise zu schildern.
    Und that er das? frug lchelnd und berrascht die Grfin.
    O httet Ihr es gehrt! Wie ich die Treppe hinauf stieg, erkannte ich
Ardoise nach dieser Beschreibung sogleich wieder - und je lnger ich Euch
betrachte, jemehr erkenne ich das Bild, das er von Euch entwarf, tragt Ihr
freilich auch nicht mehr Eure Lieblingsfarbe, das schne Himmelblau, die weien
Rosen im Haare, worin Ihr den Engeln glichet.
    Seltsam! sagte die Grfin, leicht errthend vor sich niederblickend -
doch glaube mir, ich sah ihn nie, aus den Erzhlungen Deiner Mutter kannte er
dies; sie schmckte mich zuerst bei ihrem Aufenthalte in Ardoise an dem
Namenstage meiner Mutter, so wie Dir gesagt ward. Viele Jahre trug ich so am
liebsten mich, schwere verhngnivolle Erinnerungen sind an dies Kleid geknpft,
und da man es oft als zu meinem Leben gehrend erwhnt hat, wird es auch so Dein
Vater erfahren haben.
    Elmerice schwieg, aber das gesenkte Angesicht zeigte, wie unbegreiflich ihr
diese Annahme schien. - Mein Vater war aber in Frankreich, er ist in Paris
erzogen, fuhr sie endlich fort, fragend in das Antlitz der Grfin blickend,
denn ihr schien jetzt nichts mehr recht sicher, da dies Eine, woran sie so
bestimmt geglaubt, ihr in Abrede gestellt ward.
    So hrte ich von Deiner Mutter, liebste Elmerice. Herr Eton, Dein
Grovater, gehrte zu den selten gebildeten englischen Geistlichen, die ihren
Kindern keinen grern Vorzug mitzugeben trachten, als eine ausgezeichnete
Erziehung. Dein Vater mu eine vollendete Bildung erhalten haben.
    Wie knnt' ich bestimmen, rief Elmerice mit Enthusiasmus, auf welcher
Hhe der stand, welcher um sich her die Hoheit und die Wrde jeder menschlichen
Tugend verbreitete? Er war selten heiter, und ich habe Menschen gekannt, die
dies zu tadeln suchten - aber wie htten wir uns ihn anders denken knnen, wie
glauben, er knne die gewhnliche Gabe des Frohsinns besitzen, so erhaben wie er
vor uns stand! O, er war ja nie finster, nie unfreundlich - und gab es etwas,
was sich mit seiner Freundlichkeit htte vergleichen knnen? Ich, sein
glckliches Kind, an das er seine ernstesten Blicke in Huld und Gte umwandelte,
wie war ich bezaubert von diesem Lcheln! - Wenn er pltzlich eintrat, wo ich
mich befand, und nur mein Arm, meine Hand nachlig danieder hing - ich fhlte
es als einen Vorwurf und rckte mich beschmt zurecht, und wagte nicht, khn zu
ihm aufzublicken, nicht laut zu sprechen, wenn er still und sinnend in langen,
stummen, innern Anschauungen da sa und seine bloe geruschlose Gegenwart uns
beherrschte, als ob ein Knig unter uns wre. Man spricht von Menschen wie von
Fabeln, die durch die Gewalt ihrer Augen ihre Mitgeschpfe beherrschten; so war
mein Vater! Ich habe ihn, statt Worte zu sagen, anblicken sehn, und die Macht
der erschtterndsten Rede htte nicht siegender wirken knnen - der
ausgelassenste Uebermuth sank vor diesen Augen zusammen. - Zu ihm kamen die
ausgezeichnetsten Menschen und forderten Rath; seine Gesellschaft, seine
gelegentliche Unterhaltung mit Einem oder dem Andern war eine hohe Ehre, dessen
sich die Besten rhmten und stolz darauf waren. Sein Tod brachte die Grafschaft
in Bewegung, ein Jeder eilte herbei, ihn noch ein Mal zu sehen. - Hier schwieg
Elmerice pltzlich - ihr kindlicher Enthusiasmus hatte sie so nach Auen
gedrngt, da sie sich selbst ganz aus den Augen verloren; die Erwhnung seines
Todes aber weckte ihr eigenes Gefhl; der Schmerz, belebt durch das Bild seiner
Vorzge, das sie in Liebe glhend heraufgerufen, durchzuckte sie jetzt mit dem
Gefhle seines Verlustes - groe Thrnen fielen wie Perlen aus den Augen - sie
vermochte nicht weiter zu sprechen.
    Die Grfin d'Aubaine hatte dies fast vorausgesehen - freundlich war sie
beeilt, sie zu unterbrechen: Ich wollte, Du httest Recht, Elmerice, und ich
htte Deinen Vater gekannt, den Du so lebhaft vor meine Seele fhrst. Wohl hatte
mir Deine Mutter stets seinen hohen Werth gerhmt, und ich hielt ihn so in
meinen Gedanken fest; doch hast Du mit Deiner kindlichen Liebe ihn noch schner,
bedeutender gezeichnet, als die stets bescheidene Freundin, die sich eines
solchen Glcks kaum zu rhmen wagte und mich ber tausend Dinge, die mir wichtig
schienen, zu erfahren, und eben Deinen Vater angingen, in Ungewiheit erhielt.
Die Liebe eines solchen Mannes gewonnen zu haben, wollte sie nie einrumen, so
da es demjenigen, welcher nicht, wie ich, ihr bescheidenes Herz kannte, fast
htte scheinen knnen, sie nur sei die Liebende gewesen, unberechtigt, von
solchem Mann eine Erwiederung zu erwarten.
    Ja, rief Elmerice lebhaft, Ihr sprecht es aus, wie es auch mir oft, doch
nicht so klar ausgedacht, erschien - ich glaube selbst, meine Mutter hielt es
fr unmglich, von solchem Manne geliebt zu sein! So wunderbar schn stand sie
ihm zur Seite, als wolle sie ihm blos abwehren, was ihn verletzen knne. Ach,
Frau Grfin, Ihr werdet das Alles besser wissen, als ich Euch sagen knnte -
aber groe Leiden mu mein Vater erlebt haben, bevor er sich in die Einsamkeit
begrub, wohin ihm meine Mutter folgte. Oft machte sie Andeutungen, die mich
ahnen lieen, da seltene und ungemein harte Verfolgungen ihn trafen.
    Nein, mein theures Kind, antwortete die Grfin, ich bin davon nicht
unterrichtet. Wie ich Dir sagte, beobachtete Deine Mutter die grte
Schchternheit in Mittheilungen hinsichtlich ihres huslichen Lebens, so innig
auch sonst der Austausch unserer Seelen war. Von ihrer Liebe zu Deinem Vater
erfuhr ich nur, als sie ihm bereits ihre Hand zugesagt. Diese Zurckhaltung
berstieg fast das Maa eines liebenden Mdchens, es trug etwas Geheimnivolles
an sich, und ich gestehe Dir aufrichtig, da sie sich bemht, mich glauben zu
machen, nur sie liebe ihren Gemahl, sie geniee blos seine Achtung, seine
Freundschaft. Du weit, da Deine Mutter die Cousine Deines Vaters war - er
lernte sie bei seinem Vater kennen, sie verlie mit ihm gleich nach ihrer
Vermhlung Yorkshire, und Herr Eton, Dein Vater, kaufte sich in Schottland an,
wo Du geboren und erzogen wurdest. Wenn ich nicht irre, grenzte dies Besitzthum
an das Schlo Leithmorin, das dem intimsten Freunde Deines Vaters, dem Lord
Duncan, gehrte. -
    Ja, sprach Elmerice, sich schnell entfrbend, der kleine Garten unseres
Hauses stie mit dem Parke des Lord Duncan zusammen; wir haben wie Eine Familie
gelebt - nur getrennt, wenn auf dem Schlosse Besuch einkehrte, denn hieran Theil
zu nehmen, konnte meinen Vater selbst seine Liebe zu Lord Duncan nicht bewegen;
doch sah er es gern, wenn ich unter der Aufsicht der ehrwrdigen Lady Duncan die
Freuden der Geselligkeit kennen lernte.
    Lord Duncan war jedoch bedeutend lter, als Dein Vater, hob die Grfin
wieder an, der die schnelle Verlegenheit des jungen Mdchens nicht entgangen
war; er mute erwachsene Kinder haben.
    Der lteste Sohn von Mylord, erwiederte Elmerice, ist bereits seit zwei
Jahren vermhlt - er hatte noch einen erwachsenen Sohn, Lord Astolf, und Lady
Marie, meine liebe Freundin, zwei Jahre lter als ich.
    Mein armes Kind, rief die Grfin, vvn einer pltzlichen Ahnung berhrt -
so viel liebe Freunde, eine so glckliche Lage mutest Du in Deinem Vaterlande
verlassen, um zu einer alten melankolischen Frau zu gehen, die keine andere
Anziehungskraft fr Dich haben kann, als die Liebe Deiner Aeltern? Kaum begreife
ich Lady Duncan, da sie Dich zu mir entlie, kaum das grenzenlose Vertrauen
Deiner Mutter, Dich dem gewohnten Kreise zu entziehen, und einem Dir sogar bis
auf Land und Sprache fremden hinzugeben.
    Elmerice schwieg - ihr Kpfchen hing bewegt auf ihrer Brust, unverkennbar
lag auf diesen weichen jugendlichen Zgen das feine Lineament des ersten
Kummers. - Die Grfin glaubte sich nach diesem stummen Augenblicke in das
Geheimni ihres Schtzlings eingeweiht, und von tiefer Theilnahme ergriffen,
drckte sie sanft ihre Hand zwischen den ihrigen. - Elmerice blickte auf - und
ihr Schweigen mit dem bittenden Lcheln der Unschuld vertretend, drckte sie
schnell die lieben Hnde an ihre Lippen.
    O, scheltet mich nicht undankbar, hob sie schchtern an, wenn ich nicht
schnell Eure Zweifel beantwortete. Nicht verlegen war ich, Euch meine Meinung zu
verbergen, nur wie ich sie Euch verstndlich ausdrcken sollte, machte mich
verstummen. - Nicht unerwartet, fuhr sie fort, kam mir diese liebe Bestimmung
meiner Aeltern. Mein Vater, der Euch und Ardoise immer im Sinne trug, hatte
meiner Mutter das Versprechen abgenommen, mit mir nach Frankreich und in Eure
Nhe zurckzukehren, sobald der Tod, den er sich immer nahe glaubte, ihn
abgerufen haben wrde. Meine ganze Erziehung war darauf eingerichtet, in einem
Lande nicht fremd mich zu fhlen, worin er mich spter lebend wnschte. Er war
der Sprache vollkommen mchtig, die ich durch ihn lernte; seine Erzhlungen
beabsichtigten, mich mit Sitten und Gebruchen dieses von ihm so geliebten
Frankreichs, wie mit dessen Geschichte mich so vertraut zu machen, als mit der
meines Vaterlandes. Meine Mutter, die seinen Willen in allen Dingen heilig
hielt, htte ihm unfehlbar diesen Wunsch erfllt, htte sie es vermocht. Ihr
wit es, fuhr sie mit bebender Stimme fort, wie schnell sich ihre krperliche
Hlle auflste, der Sehnsucht folgend, die sie meinem Vater nachzog. Da hatte
sie nur Einen Gedanken, nur Eine Sorge, die, mich Euch zu bergeben - und auch
ich theilte nur das Verlangen, diesen ihren letzten Wunsch erfllt zu sehen, und
fhlte bei Euren gnstigen Antworten die Beruhigung, die sie selbst empfand,
wenn mich auch der Schmerz ihres nahen Verlustes ziemlich gleichgltig gegen
meine Zukunft machte - was Ihr wohl natrlich finden werdet.
    O mein theures Kind, wie vermchte ich es anders! rief die Grfin - aber
dennoch, selbst so vorbereitet, ward es Dir sicher nur zu schwer, Leithmorin zu
verlassen - und Deine arme junge Freundin Marie. - Was habe ich damals gelitten,
als ich mich von Deiner Mutter trennen mute, die ber zwei Jahre in unserer
Familie lebte, und deren Platz nie mehr in meinem Herzen ersetzt werden konnte!
- Aber obwohl sie sich so glcklich bei uns fhlte, sie sehnte sich doch zurck,
und auerdem war ihre Schnheit und Liebenswrdigkeit so gro, da mein Bruder,
der damals in das lterliche Haus zurckgekehrt war, sie nicht sehen konnte,
ohne eine Neigung fr sie zu fassen, der sie durch Entfernung zu entgehen
dachte. Deine Mutter gehrte einer jngern Linie eines sehr geachteten Hauses in
England an - aber mein Bruder durfte sich nur mit einem ebenbrtigen Frulein
vermhlen, wenn er Ansprche auf die Titel des Namens d'Aubaine und auf die
damit zusammenhngenden reichen Besitzungen behalten wollte. Seine Leidenschaft
beherrschte ihn jedoch so, da es ihm mglich schien, dem zu entsagen, und er
mit allen Ueberredungsmitteln in unsere Aeltern drang, ihm die Bewerbung um Mi
Eton zu gestatten. Da erfuhr das edle Mdchen durch meine Mutter selbst die
peinliche Lage meiner Aeltern, und ihr Entschlu war sogleich gefat. Mein Vater
entfernte meinen Bruder auf einige Tage, und unterdessen reiste Deine Mutter
unter sicherer Begleitung durch Frankreich bis nach Calais, wo sie von Deinem
Oheim, ihrem Bruder, empfangen ward und so nach England zurckkehrte. Ich habe
sie nie mehr gesehen, obwohl wir uns nur mit der Hoffnung des Wiedersehens beim
Abschiede trsteten; sie aber hatte durch ihre edle Aufopferung eine ganze
Familie gegen die traurigsten Verwirrungen geschtzt - freilich - setzte die
Grfin nachdenklich hinzu, sie liebte meinen Bruder nicht.
    Ach, rief Elmerice - so war ihr das Hrteste nicht auferlegt! O, wie
beruhigt mich diese Versicherung! Wie knnte es mich noch heute, obwohl alle
Leiden der Welt lngst hinter ihr liegen, schmerzen, wenn sie die htte
durchkmpfen mssen, die das Herz erleiden mag, so im Gedrnge zwischen ernsten
Pflichten und einer reinen Liebe, der heiligsten Empfindung des Herzens! -
Doch, fuhr sie nach einer Pause fort, da die Grfin im Nachdenken verblieb, -
es geschieht wohl oft, da auf diese Weise Menschen getrennt werden, die von
der Natur bestimmt schienen, einander anzugehren, und Frankreich vor Allen
scheint mir durch seine alten Familienvertrge in dem Falle, so harte
Verhltnisse herbei zu fhren. Mein Vater sagte mir oft davon - es war whrend
seiner Anwesenheit daselbst, denke ich, Mehreres geschehen, was ihn darauf
hinwies.
    Allerdings; sagte die Grfin, - dies Land hat ganz die Formen behalten,
die zu einer Zeit herrschen muten, wo es nthig schien, die entstehenden
Familien durch solche Vertrge gegen Verbindungen mit dem roheren Theile des
Volkes zu schtzen. Nicht, wie jetzt, war Bildung und Sitte ein Gemeingut der
Nation, sie fing erst in den Kreisen sich zu entwickeln an, die durch greres
Grundeigenthum eine gesicherte, ruhigere Existenz gewonnen, und, ber die
Anstrengungen fr den Erwerb des Lebens hinaus, Zeit und Gedanken fr eine
hhere geistige Entwickelung behielten. Die Geistlichkeit, als Hter des schon
vorhandenen Bildungsschatzes, wute die Kreise, die so der hhern Sitte
empfnglicher wurden, bald zu erkennen, und sie selbst half Vertrge erdenken
und stiften, welche die nthige Absicht befrderten, solche Familien unter
einander zu verbinden und durch Gesetze von dem roheren Haufen der noch unter
dieser Bildung Stehenden abzusondern. Hierdurch ward der erste zarte Keim der
Volksentwickelung geschtzt und genhrt; in diesen Kreisen wuchs sie auf und
erstarkte, bis sie, dieselben berschreitend, in einer rechtmig organischen
Entwickelung sich ber die entgegen reifenden niederen Klassen ausbreitete, und
die Idee einer Bevorrechtung des Individuums nach gerade in leere Einbildung
zerfallen machte.
    Und dennoch hlt man diese Formen fest, sprach Elmerice, die ihrer
frheren Bedeutung leer geworden sind; und so viel gebrochene Herzen, so viel
zerstrtes Lebensglck machte noch Niemand aufmerksam auf den wahren Inhalt
dieser alt gewordenen Vertrge?
    Mein theures Kind, sagte die Grfin sanft, wir knnen hier, wie berall,
den Gang beobachten, den in ihrer Entstehung wohlthtige und nthige
Einrichtungen durch den Wechsel der Zeit, den sie mit bewirken halfen, erleiden.
Vielleicht sind in diesem Augenblicke nur noch Wenige in Frankreich, die im
Stande wren, unsere Unterhaltung nicht mit Staunen, vielleicht mit Unwillen zu
hren - ja, es ist noch nicht lange, da ich selbst mich von diesen Ansichten,
mit denen ich auferzogen, beherrscht fhlte und ohne Widerrede geneigt war,
ihnen jedes Opfer zu bringen. Erfahrungen, Einsamkeit und Lectre, gewi aber
und vor Allem, da ich mit vielen und ausgezeichneten Menschen lebte, die,
wenigstens nicht erstarrt in dieser Form, schon die Zeit ahnend herauf dmmern
sahen, die sich den gewohnten Ansichten entgegenstmmen wird, machte mich zu
einer Entwickelung bereiter, der ich mich jetzt nicht mehr entziehen kann. Je
mehr aber ein innerer Verfall, um sich greifend, das lang Bestandene zu bedrohen
scheint, je mehr werden wir finden, da die Form festgehalten und der Irrthum
genhrt wird; da sie es ist, um deren Behauptung es sich handelt, das sinkende
Ansehn vor der sich auflehnenden Weltordnung zu schtzen. Auch gehrt sicher
eine groe Selbstberwindung dazu, der schwchsten Seite dieser Sache, eben
ihres lang behaupteten Rechts, nicht zugleich als eines Vorzugs gedenken zu
sollen, da allerdings etwas Schmeichelhaftes darin liegt, sich der Kaste
angehrend zu wissen, die am lngsten sich des Besitzes geistiger und sittlicher
Vorzge rhmen darf, und auf eine dadurch mit sich gefhrte Veredlung des Blutes
des ganzen Individuums bauen durfte. - Du denkst mit Stolz und Enthusiasmus
Deines vortrefflichen Vaters! Das schnste Gefhl der menschlichen Brust, das
Gefhl kindlicher Liebe, wird vielleicht, wenn Dich das Leben versuchen sollte,
eine Waffe dagegen. Den Namen eines Vaters tragend, den Du so hoch stellst,
willst Du sein wrdig handeln, Du glaubst von so edlem Ursprunge hhere
Anforderungen an Dich - la' mich hinzusetzen, an die Anerkennung Anderer machen
zu knnen; und so entwickelt sich naturgem in jeder edel strebenden Brust ein
hnliches Gefhl, als die Kaste des Adels sich gewhnt hat zu nhren, jetzt
freilich mit dem bedeutenden Unterschiede: ihre Handlungsweise nicht mehr
solchen Erinnerungen getreu zu behten, sondern in den alten Ansprchen sich
zugleich befhigt zu ihrem Besitz haltend. Ludwig der Vierzehnte, der eifrigste
Beschtzer der alten Adelsvorrechte, hat ihnen doch, vielleicht ahnungslos und
in anderer Richtung strebend, durch die geistvolle Weise, wie er Knsten und
Wissenschaften einen Platz um seinen Thron einrumte, den Todessto gegeben. Die
Aufklrung, welche ihre Blten, Knste und Wissenschaften, gedeihen lt, ist
auf diesen Punkt gestiegen, nicht mehr als Eigenthum hherer Stnde, von ihnen
ausschlielich fest gehalten, zu denken. - Es sind die Quellen des Nils, die das
Flubett, worin sie eingefangen wurden, in eigner Flle und Kraft anschwellend
berschreiten, und ein ganzes Land befruchtend berziehen; wer einmal die Erndte
nach ihrem Sen kennen lernte, blickt Zeit des Lebens aus nach dem seltenen
Smann, der nicht frgt, ob der Boden, den er bestreut, dem bevorrechteten oder
belasteten Brger der Erde gehrt.
    Die Zeit ist also erst im Entstehen, sagte Elmerice sinnend, die ein
freies Wirken und Schaffen unter Gleichgesinnten herauf fhren wird - vorerst
hat das reichere geistige Individuum keine Freiheit zu hoffen, als eben die
innere, durch edles Streben selbst geschaffene.
    Die Grfin fhlte mit wehmthiger Theilnahme, wie dies schne liebenswrdige
Wesen, aus den Wegen allgemeiner Anschauung stets zu sich selbst abzulenken
wute, und das eigene Interesse an diesem Standpunkte prfte. Da England und
Schottland, besonders die alten Familien, zu denen Lord Duncan Leithmorin
gehrte, ganz in denselben Vorurtheilen befangen waren, zweifelte sie nicht, da
Lord Astolph die Veranlassung zu den schwermthigen Betrachtungen war, mit denen
ihr holder Schtzling den Standpunkt der Zeit beleuchtete.
    Diese Gedanken wurden durch das Erscheinen von Lorint unterbrochen, welcher
die Abendtafel anmeldete, und die Grfin d'Aubaine erhob sich, ihre junge
Freundin mit sich fhrend. Die kleine Tafel war in dem Boiseriezimmer bereitet,
welches zuerst durch seine interessanten Portraits die Aufmerksamkeit der Mi
Eton gefesselt hatte. Auch jetzt - der Dame im Brautschmucke gegenber sitzend,
lchelte diese mit einer Flle von Liebe und Trost auf sie nieder, da sie fast
die Blicke nicht abzuwenden vermochte und damit die Aufmerksamkeit der Grfin
d'Aubaine auf sich zog.
    Nachdem sie sich umgewendet und das Bild erkannt, lobte sie die Schnheit
desselben. - Es war eine Jugendfreundin meiner Mutter, fgte sie hinzu - sie
lie sich in dem Brautkleide malen, welches sie bei ihrer Vermhlung mit dem
Marquis d'Anville trug, und worin meine Mutter sie so schn fand, da sie so ihr
Bild sich zu erhalten wnschte.
    Die Marquise d'Anville! rief Elmerice mit einer Ueberraschung, die ihr
ganzes Gesicht in Purpur tauchte.
    Hrtest Du von ihr? fragte die Grfin.
    Ja, ja, erwiederte Elmerice, ich hrte von ihr - doch pltzlich schwieg
sie, und die Grfin, die ihre sichtliche Bestrzung nicht durch Fragen vermehren
wollte, war bemht, durch ruhig einlenkende Gesprche das heftig erschtterte
junge Mdchen aus ihrer peinlichen Stimmung zu ziehen. Elmerice strebte dieser
liebreichen Absicht zu begegnen, doch wagte sie nicht wieder die Augen zu dem
wunderbar schnen Bilde zu erheben.
    Als die Tafel vorber war, fhrte die Grfin d'Aubaine Mi Eton selbst nach
ihren Zimmern, die in der freigebigsten Ausstattung Alles enthielten, was dem
Reichthume der Grfin zu geben gebhrte und mit den Ansprchen der Bildung
zusammen hing, zu denen sie ihren Schtzling berechtigt hielt. Geschickt wute
sie sie zugleich mit den ehrenvollen Verhltnissen, die sie ihr zugestand,
bekannt zu machen und ihr die Revenuen ihres elterlichen Vermgens, welche durch
ihre, als der Vormnderin, Hnde gingen, zur freien Disposition zu stellen.
    Beide Frauen trennten sich dann fr die Nacht, mit gegenseitig angenehm
belebten Hoffnungen fr ein ferneres Beisammenleben.

Es zeigte sich bald, wie leicht sich die beiden Frauen neben einander einwohnen
sollten. An regelmige Zeiteintheilung gewhnt, trennten sie ihre
Beschftigungen, und fhrten sie zusammen, in so ungesuchter Ordnung, mit so
wachsendem Interesse fr einander, da man die Stirn der Grfin d'Aubaine nie so
unumwlkt gesehen, seit lange das Herz der Mi Eton nicht in so ruhigem Takte
geschlagen hatte.
    Die vorschreitende Jahreszeit, die geschmackvollen Grten, noch mehr aber
die schnen, daran grnzenden Wlder von Ardoise boten die genureichsten
Spaziergnge, und Mi Eton, die nach Art der Englnderinnen diese zu ihren
tglichen Beschftigungen zhlte, fhlte sich ungemein dadurch angezogen und
unterhalten.
    Ihre Erscheinung war den Bewohnern von Ardoise bekannt und lieb geworden.
Die Kinder erwarteten das Schlofrulein um die Stunde ihrer Promenaden, und
vertraten ihr mit der schchternen Hoffnung ihres Grues oder Scherzes den Weg,
ihr zartes grnes Laub oder eine frhzeitig emporgesprote Wiesenblume
berreichend; die jungen Mdchen ergtzten sich an der Schnheit und vornehmen
Kleidung und dem immer gleich freundlichen Wesen - whrend die lteren Leute des
Dorfes, die Leidenden, die Kranken oder von Verlusten Getroffenen, ihren sanften
Zuspruch genossen und aus ihren Hnden die reichen Gaben empfingen, die zu
spenden ihre Lage ihr erlaubte, oder welche die Grfin d'Aubaine durch sie
austheilen zu knnen sich freute.
    Sie fhlte so nach gerade in den Umgebungen von Ardoise eine Sicherheit, die
sie ihre Wanderungen immer weiter ausdehnen lie, da auch hier bekannte Frster
vollkommenen Schutz zu gewhren schienen.
    An einem schnen Nachmittage hatte sie ihren Weg bis zu einem verlassenen
Steinbruche ausgedehnt, dessen hchst romantische Lage sie anzog, und wo sie
niedersitzend eine lange Zeit in den tiefen Grund blickte, der, mit schlanken
Edeltannen bewachsen, nur einzelne niedergestrzte Steinmassen blicken lie und
ein kleines Thal bildete, dessen saftig grner Moosgrund immerfort besplt ward
von einem silberhellen Bchlein, das, tief aus den Steinbrchen sich
hervorarbeitend, seinen lustigen Lauf ber grn bemooste Steine durch den
schmalen Thalweg verfolgte. Lngst schon hatte sich Elmerice gewnscht, bis zu
ihm niedersteigen zu knnen, aber vergeblich nach einem Wege ausgesehen; die
pyramidenartig emporsteigenden Tannenwipfel allein, die, schrg herablaufend,
nur einen sehr steilen Abhang annehmen lieen, zeigten sich ihren Blicken.
    Abermals durchsphte sie in allen Richtungen den Waldgrund, als sie sich
gegenber einen Jger erblickte, der, auf einem jh vorspringenden Felsblocke
sitzend, seine ganze Aufmerksamkeit, wie es schien, ihr zugewendet hatte.
Ueberzeugt, einen der vielen Jger zu erkennen, die ihr bereits bekannt waren,
winkte sie ihn zu sich herber in der Hoffnung, von ihm Aufschlu ber einen
mglichen Weg zu erhalten. Die Gestalt blieb aber ohne Bewegung sitzen, sie
immerfort anstarrend, ihre Winke, wie es auer Zweifel war, gewahrend, ohne
Lust, wie es schien, ihnen zu folgen. Mi Eton fhlte pltzlich ein fast
unerklrliches Grauen, und schnell von ihrem Platze aufstehend, beschlo sie den
Rckweg anzutreten, als sie, von unwillkrlicher Besorgni getrieben noch ein
Mal umsah und nun die pltzlich belebt gewordene Gestalt des Jgers gewahrte,
der mit der Schnelligkeit einer Gemse, oben an dem uersten Rande des
Steinbruchs entlang, ihr entgegen lief. Mi Eton mute gleichfalls, um den
Rckweg zu erreichen, einen kaum bemerkbaren Fusteig an diesem Rande der Hhe
zurcklegen - und indem sie hastig vorschritt, in der Hoffnung, dem unheimlichen
Waidmanne zu entgehen, sah sie bald die Unmglichkeit davon ein, da er bereits
den Punkt berschritten hatte, wo sie htte einlenken knnen, so da jetzt ein
Begegnen auf dem schmalen Pfade unausbleiblich ward. - Diese Ueberzeugung lie
sie einsehen, da sie ihre Unruhe beherrschen msse, und sie blieb einen
Augenblick stehen, um Athem zu schpfen. Der Jger eilte noch einige Schritte
vor, dann blieb er ebenfalls stehen und schaute sie, auf sein Gewehr gesttzt,
vorgebogen aus hohlen Augen an.
    Mi Eton hatte Zeit, die wunderliche Erscheinung zu prfen, und mit Grauen
drngte sich ihr ein Bild auf, das an Wildheit und Sonderbarkeit alles Andere
berbot.
    Sein todtenbleiches Gesicht war fast berwachsen von dem starken schwarzen
Haare, das Kopf, Kinn und Mund bedeckte - die farblosen groen Augen starrten
mit einem trben Wasserglanze hervor und waren so frchterlich anzuschauen, da
Elmerice davon wie erstarrt ward. Seine starke Gestalt von mittler Gre zeigte
noch jetzt in ihrer traurigen Vernachligung von ehemaliger Schnheit, und die
abgetragene, zum Theil zerrissene Kleidung von frherer Sorgfalt und
Wohlhabenheit. - Er hatte einen flachen Hut mit breiter Krempe und einer alten
zerbrochenen Feder auf dem Kopfe, woran ein Strau gemachter Blumen mit
Goldblttchen und Perlen hing, berdeckt mit einem halbzerrissenen Streifen
schwarzen Flors. - Ohne die Lippen zu ffnen oder eine Bewegung zu machen,
schaute er sie grauenhaft neugierig an. Auch Elmerice glaubte das Blut an ihrem
Herzen stocken zu fhlen, denn vorber schien er sie nicht lassen zu wollen; ja,
der Weg war so schmal, da sie nur, wenn er umkehrte, hinter ihm hergehend,
weiter zu kommen hoffen konnte. Eines neuen Gedankens unfhig, ergriff sie der
bei seinem ersten Anblicke gefate, ihn um Nachricht ber den Weg zum Thal hinab
zu fragen, und von der Qual des Schweigens getrieben, rief sie mit wankender
Stimme: Wit Ihr nicht den Weg hinab von dieser Hhe in das Thal?
    Sein Schweigen dauerte fort - er bog sich noch mehr vor und schien, indem er
jetzt die Augen zur Erde niederschlug, ber das Gehrte nachzudenken.
    So wie sich seine grauenhaften Augen von ihr abwandten, fate Mi Eton neuen
Muth - ich frug Euch, guter Freund, hob sie mit ruhigerer Stimme an - ob Ihr
den Weg in das Thal hinab kennt?
    Jetzt fuhr die Gestalt zusammen, und mit einer konvulsivischen Bewegung in
sein Haar greifend, rief er, indem er sie aufs Neue anblickte: Lebst Du denn,
Jenny? Und sprichst mit mir? Und das war nicht Dein Geist auf dem Felsensitz? -
Bei diesen Worten schlich er furchtsam vorgebeugt nher und hatte jetzt das
Frulein fast erreicht. Mi Eton fhlte ihre Kniee beben - sie bersah schnell,
da der, welcher diese Worte mit dem sanftesten, schwermthigsten Tone der
Stimme sprach, kein Ruber, aber eben so schrecklich, ein Wahnsinniger sei.
    Ihr irrt Euch, stammelte sie, den Stamm einer jungen Fichte umfassend,
ich heie nicht Jenny! ich gehre in das Schlo der Grfin d'Aubaine, fhrt
mich dahin, oder - ich bitte Euch - haltet meinen Weg nicht auf, die Grfin
erwartet mich.
    Ach, warum sagst Du mir das Alles, was ich ja wei! Wohl wird Dich die
Grfin erwarten - aber wo warst Du? - Du hast sie so lange schon warten lassen,
da sie Dich nicht mehr erwarten wird - aber mich? mich? warum hast Du denn auch
mich warten lassen? so lange, so vergeblich? Hier verzog ein konvulsivisches
Weinen sein zum tiefsten Schmerze ausgeprgtes Angesicht.
    Armer Unglcklicher, sprach Mi Eton, deren Rhrung ber ihre Angst zu
siegen begann - Du bist wohl recht traurig und leidest wohl groen Schmerz?
Doch kann ich Dir Deinen Kummer nicht lindern, denn ich bin nicht, wofr Du mich
hltst - aber ich bitte Dich, da Du unglcklich bist, habe Mitleid mit mir und
la' mich jetzt ungehindert weiter gehen!
    Ich Dich gehen lassen? rief der Jger dagegen in wilder Hast, ich soll
Dich aufs Neue verlieren? - Eine frchterliche wilde Angst brach aus seinen
Zgen und verwandelte die Todtenbleiche seiner Farbe in Purpurglut. Niemals!
Niemals! rief er mit solcher Heftigkeit, da Elmerice, die Besinnung
verlierend, fast bewutlos gegen den Abgrund zustrzte. Da fhlte sie sich mit
einer Gewalt ergriffen, als ob eine Riesenhand sie umspannte, und sie sah sich
nun gnzlich in die Macht des Wahnsinns gegeben. - Willst Du wieder
hinabstrzen, willst Du nicht warten, bis ich Dir den schnen ebenen Weg
gezeigt, den ich ja fr Dich schon fertig gemacht hatte, ehe Du Dir selbst den
steilen, rauhen hier suchtest. Ach, httest Du noch einen Tag gewartet, so htte
ich ihn Dir gezeigt! - Sie sagen, fuhr er fort, ganz zerstreut mit der Hand an
seine Stirn fahrend, indem er die zitternde Elmerice aus seinen Armen lie - Du
seist hinab gestrzt, als Du in der Finsterni nach Ardoise zurck wolltest,
hier unten htten Deine blutigen Gebeine gelegen - da habe ich sie gesehen -
da! fuhr er fort und starrte vor sich hin - ganz in Blut! Dein Kpfchen
geknickt daneben, Deine lieben Arme zerrissen - warst Du das? - Er fing still
und bitterlich an zu weinen. - Htte ich Deinen Wunsch erfllt und Dich den Tag
vor unserer Hochzeit hinab gefhrt, dann knnte ich doch schlafen, wie Du, aber
so, - wer konnte auch denken, Du wrdest Wort halten und hinabsteigen! Er
schien Elmerice ganz vergessen zu haben, die Vergangenheit trat mit allen ihren
schmerzenden Bildern ihm nah'; Mi Eton raffte aufs Neue ihren Muth zusammen und
versuchte zurck zu kehren - da hrte er ihr Gewand rauschen, er blickte um, er
sah sie und schrie krampfhaft auf. Jenny, Jenny, Du willst doch fort? rief er,
sich ihr nachstrzend; - nein, nein, geh' nicht, ich bitte Dich, geh' nicht!
oder es geschieht, was die Leute sagen, und ich verliere den Verstand!
    Mi Eton blieb stehen, unfhig zu gehen, aber wohl fhlend, da jeder
Versuch, ihn zu verlassen, ihre Lage bedenklicher machte, rief sie schnell
entschlossen: Nun wohl, ich will Euch nicht verlassen - aber bringt mich selbst
nach Ardoise zurck - ich bitte Euch, thut das!
    Ja! sagte er sanft und freundlich, das will ich gewi, aber erst mu ich
Dir den schnen Waldweg zeigen, den ich fr Dich gemacht, und von da aus fhre
ich Dich durch den Steinbruch einen Weg, den Niemand kennt, nach Ardoise; dort
bei unserer Htte, in der wir uns immer trafen - weit Du noch, liebe, liebe
Jenny? O, Du hast doch nichts vergessen? Denn es ist lange her, wie sie Dich
begruben - dazwischen war Winter - da hatten sie mich eingesperrt - nun ist die
Zeit unserer Hochzeit wieder da! und nun kommst Du auch, und bist so schn, so
schn! Du bist wohl noch schner geworden, weil Du ein Engel geworden bist.
    Mi Eton hrte trotz ihrer Angst mit Rhrung und Interesse die Klagen des
Armen, dessen Schicksal sie aus seinen Andeutungen hinreichend errathen konnte,
aber sie wute ihm nichts mehr zu antworten; sie zitterte eben so sehr vor
seiner Begleitung, als vor dem Zustande, worin ihn ihre Weigerung versetzte. -
Lat uns ein anderes Mal diesen Weg versuchen, sprach sie schchtern, ich bin
heute ermdet, kann so weit nicht mehr gehen.
    Ermdet bist Du? - da mssen wir uns erst ausruhen. O gehe nur wenige
Schritte weiter, so will ich Dir einen schnen Moossitz zeigen, wo Du ausruhen
kannst, und dann steigen wir hinab - oder ich trage Dich bis dahin.
    Um Gottes Willen, nein! rief Mi Eton und eilte, so schnell sie vermochte,
voran - sie fhlte, da ihr nichts brig blieb, als sich ohne Widerstand in
seine Gedanken zu fgen, sie hoffte ihn so sanft zu erhalten - vielleicht traf
sie auf dem Wege einen Schutz, vielleicht leitete er sie selbst, in dem Wahne,
die Geliebte zu fhren, sicher nach Ardoise zurck.
    Nein, rief er und schob sie sanft zurck, Du mut mich voran lassen! ich
zeige Dir den Weg. Dies war in der That nthig, denn eben bog der Fusteig, den
sie bisher verfolgt, auf eine Art ab, die ihn fast verschwinden lie. Abermals
blieb Mi Eton schaudernd stehen, gewi, er glaube nur in seinem Wahnsinn an
einen hier vorhandenen Weg - aber nur noch wenige Schritte, und sie sah ihren
Irrthum ein - eine kleine Wendung zeigte ihr den Moossitz, von dem aus eine
mhsam behauene Treppe mit kleinem Holzgelnder nieder stieg. Er bat sie nun,
auszuruhen; geduldig nahm Mi Eton den Sitz ein, und hart zu ihren Fen setzte
sich der Unglckliche auf die Treppe vor ihr nieder.
    Obgleich die Umstnde, unter denen Elmerice hier ausruhen mute, wenig
geeignet waren, einen Antheil an Naturschnheit zuzulassen, mute sie doch
wahrnehmen, wie ausgezeichnet dieser Punkt gewhlt war. Die Fichtenwand war hier
von Oben nach Unten durchbrochen, und in diesem schmalen schwarzen Vorgrunde
schlo sich, wie in einem Rahmen, die blaue Ferne ein, die in dem gebrochenen
Lichte der in Nebel gehllten Abendsonne wie ein unabsehbares Meer ausgebreitet
lag, und das Auge nach den kolossalen Steinwnden zurckzog, die, halb mit Moos
berwachsen, halb ihre eigenthmliche gelbrothe Farbe zeigend, den Mittelgrund
bildeten, whrend unten das helle Grn des Thales mit dem silbernen Streifen des
kleinen Baches herauf leuchtete. - Schweigend starrte der Unglckliche
gleichfalls in die Gegend, und wie es schien, wirkte das Auerordentliche dieses
Anblicks auf ihn: denn Stille, mde Ruhe verbreitete sich auf seinem Antlitz und
schien ihn in ein glckliches Selbstvergessen einzuhllen.
    Mi Eton, immer den Gedanken verfolgend, ihn in Gte zu entfernen, und
wahrhaft ber den Weg in Sorge, den sie vor sich jh in den Abgrund steigen sah,
von dem nahenden Abend doppelt besorgt gemacht, erhob sich wieder und sagte, so
ruhig sie vermochte: Die Treppe ist zu steil fr mich - ich will den Weg
zurckgehen, den ich gekommen, und bitte Euch, da Ihr mir folgt.
    Der Jger sprang auf und schien Alles vergessen zu haben, seinen Wahn, seine
Hoffnungen. Lat mich, rief er ngstlich, folgt mir nicht! Niemand soll diese
Treppe betreten, als Jenny - und sie ist todt, lngst todt! und Alles ist
umsonst - Alles vergeblich! Ach, Alles! Alles!
    Aufs Neue fhlte sich Mi Eton erschttert von diesem Schmerzenstone, von
dem Unglck des armen Wahnsinnigen gerhrt - aber die Hoffnung, ihm jetzt
vielleicht entschlpfen zu knnen, berstieg doch jedes andere Gefhl. Sie eilte
daher hinter ihm fort, den eben verlassenen Weg zurck. Der Jger blieb noch
einige Augenblicke in Gedanken stehen - als er, sich pltzlich umwendend, Mi
Eton wieder erblickte. Jenny, theure Jenny! rief er, sich ihr nachstrzend -
jetzt, jetzt eile Dich! Es ist heut' unser Hochzeittag - Du weit, wir mssen
uns noch putzen, und dann nach Ardoise zur Grfin gehen.
    Ja, sagte Mi Eton - aber ich bitte Euch, lat uns diesen Weg gehen!
    Nein! rief er mit ausbrechender Heftigkeit - diesen sollst Du gehen -
diesen will ich Dich fhren, damit Du nicht wieder Deinen eigenen frchterlichen
Weg gehst, in den Abgrund hinein! - Wild umfate er das Frulein und ri sie
gegen die Treppe.
    Ein lauter Schrei entprete sich ihrem Munde - bebend, aber mit aller Kraft,
die ihr noch blieb, entri sie sich ihm, und nun berzeugt, nur williges
Nachgeben knne sie retten, folgte sie, ihm ihre Hand berlassend, ein Paar
Stufen in den Abgrund hinab. Aber was sie befrchtet, besttigte sich nur zu
sehr: nachdem sie wenige Stufen hinunter gegangen, sah sie, da die Treppe etwas
weiter pltzlich aufhrte und sich nur in einem schroffen jhen Abhange mit
einzelnen weitliegenden Steinen fortsetzte. Ihr wollt mich umbringen! rief sie
angstvoll - die Treppe hrt hier auf! O, um Gottes Willen erbarmt Euch und lat
mich umkehren - hier mu ich in den Abgrund strzen - seht, gleich hren die
Stufen auf, und dann bin ich verloren!
    Nein! sagte er heftig - hier ist der Weg, den ich fr Dich behauen habe,
Keiner hat ihn seitdem betreten drfen, er mu noch haltbar sein! Habe ich darum
die langen Nchte ihn bewacht und selbst dem Wilde mit dem Laufe dieser Flinte
den Weg darber gehindert, da Du jetzt ihn verachten willst? Nein, Du mut
hinab! Ich werde Dir helfen. - Er streckte wieder die Arme aus - Elmerice stie
abermals einen Angstschrei aus und drngte sich jetzt selbst in verzweifelter
Hast einige Stufen herunter - doch jetzt hatte sie nur noch vier Stufen vor
sich, jede wankte unter ihrem Fue, und sie sah mit Entsetzen, wie er diese
Schwierigkeit nicht bemerkte, nicht ahnete. - Sie blieb stehen und ihr Auge
schweifte verzweifelnd umher. Da war es ihr, als she sie seitwrts, hher als
sie selbst eben stand, eine mnnliche Gestalt gegen das Gebsch sich bewegen.
Augenblicklich lebte die Hoffnung in ihr auf - mit allem Muthe, den sie noch in
sich trug, ri sie sich los, lief die Treppe zurck und rief mit grter
Anstrengung nach Hlfe, whrend ihr Auge an der Steinwand hngen blieb, an der
sich ihrem Rufe entgegen die Gestalt zu bewegen anfing und den Weg zu suchen
schien, der hinber fhren knnte. Aber in demselben Augenblicke brach, durch
den erfahrnen Widerstand gereizt, die volle Wuth des Wahnsinnigen hervor - er
strmte ihr nach, Verwnschungen brachen aus seinem Munde, er ergriff sie und
versuchte sie die Treppe aufs Neue hinab zu ziehen, weil Mi Eton halb
ohnmchtig vor Schreck sie nicht mehr zu steigen vermochte. Da hrte sie einen
Schu, einen wilden Schrei ihres Verfolgers, und fhlte, wie seine Arme
nachlieen und er, zur Erde sinkend, sie niederzog - noch ein Mal richtete sie
sich mit der geringen Kraft, die ihr nach so vielen Erschtterungen geblieben
war, empor und wehrte sich gegen das drohende Hinabstrzen, indem sie krampfhaft
das kleine Gelnder der Treppe ergriff. So mute sie sich erhalten, bis sie
einige Besinnung gesammelt. Ihre Lage hatte sich nur wenig gebessert - zu ihren
Fen war der Unglckliche niedergesunken, der, mit Blut bedeckt, zwar die Kraft
verloren hatte, sich mit ihr in den Abgrund zu strzen, aber, auf ihren Fen
liegend, ihren Shawl krampfhaft zwischen seiner zusammengeballten Hand haltend,
in den unruhigsten Bewegungen, mit dem Bestreben, sich aufzurichten, jeden
Augenblick das schwankende, zitternde Frulein in den Abgrund zu reien
vermochte. Der Schu, der als schnell nthiges Rettungsmittel von ihrem
unbekannten und jetzt ganz verschwundenen Wohlthter abgefeuert ward, das
niederstrmende Blut, von dem sie ihr weies Gewand bald gefrbt sah, die
entsetzliche Vorstellung, vielleicht den Tod dieses Unglcklichen veranlat zu
haben, dies Alles machte ihr eine nthige Fassung, um die Umstnde zu ihrer
Flucht zu benutzen, fast unmglich. Entzog sie ihren Shawl seiner Hand oder
wickelte sie sich selbst davon los, so verlor er seinen einzigen Anhalt und
mute ohne Rettung in den Abgrund strzen, da sie ihm, wenn auch nur schwach,
doch als Sttzpunkt diente. Es war ihr unmglich, eine andere Auskunft zu
entdecken - und eben so unmglich, ihre Rettung um solchen Preis zu bewirken. Da
hrte sie ein fernes Anrufen - bald wieder, und nher schon - sie fate
Hoffnung, es konnte Hlfe nahen - sie rief zurck und erhielt eine schnelle
Antwort, obwohl die Bewegungen ihres Peinigers durch dieses Rufen noch heftiger
wurden, und ihre Lage mit jedem Augenblicke gefahrvoller. Jetzt glaubte sie das
Gebsch durchbrechen zu hren, und pltzlich stand eine hohe Mnnergestalt am
Rande der Treppe, die, ihre entsetzliche Lage schnell bersehend, rasch und
geschickt hinabstieg, und in demselben Augenblicke neben dem Frulein stehend,
auch den Arm des Unglcklichen ergriffen hatte und, indem er ihn empor ri, dem
Frulein Freiheit gab, sich zu bewegen. So wie sie die Last von ihren Fen
gehoben fhlte, versuchte sie die Stufen hinan zu steigen, aber ihre Krfte
lieen mit jedem Schritte mehr nach, und auf der obersten angelangt, sank sie
willenlos auf den Boden nieder.
    Der Fremde hatte indessen den Verwundeten erfat und schleppte ihn sich
nach, bei dem Anblicke des Fruleins ihn auf sicheren Boden niederlegend und zu
ihrer Hlfe herbeieilend. - Er hob sie vom Boden empor und lehnte sich in den
Steinsitz, indem er ihr den Hut abnahm, um ihr Luft zu verschaffen. Das Frulein
schlug die Augen auf - Beide blickten sich an und fuhren mit dem lebhaftesten
Ausdrucke der Ueberraschung zurck.
    Um Gottes Willen - Frulein Eton! rief der Fremde - in welcher Lage finde
ich Euch! welch' ein entsetzlicher Augenblick macht mich so glcklich, Euch
ntzlich sein zu knnen!
    Das Frulein stand auf - die Gemthsbewegung, die ihr der Anblick des
Fremden sichtlich in anderer Richtung gegeben, schien ihre geschwchte Kraft
zurck zu rufen. - Ich bin Euch groen Dank schuldig, sagte sie hastig -
erlaubt, da ich jetzt die mir wohlbekannten Wege durch diesen Wald nach
Ardoise eile, diesem Unglcklichen von dort aus Hlfe zu senden.
    Das heit so viel, entgegnete der Fremde mit vorwurfsvollem Ton, ich
eile, mich Eurem Schutze, Eurer Hlfe so schnell, als mglich, zu entziehen. -
Ja, Elmerice, ich ahnete, da Ihr hier sein wrdet - und der Freund, der, von
seinem sehnschtigen Herzen getrieben, den Weg bis hieher fand, verdient er kein
anderes Willkommen, als den Wunsch, seiner wieder los zu werden?
    Ich habe nicht das Recht, Euch aufmerksam zu machen, ob Ihr diesen Weg
finden durftet - Ihr werdet eben so wenig vergessen, was Ihr Euch schuldig seid,
als es mir nicht entfiel, was mir zusteht. - Seid jedoch sicher, setzte sie mit
bebender Stimme hinzu, ich werde es ewig dankbar bewahren, was ich Euch in
dieser Stunde schuldig ward, mgen Eure brigen Handlungen so bleiben, da ich
Euch dieses Gefhl ohne Beimischung erhalten kann.
    O, Elmerice, rief hier der Fremde mit dem tiefsten Ausdrucke zrtlichen
Schmerzes - seid Ihr wirklich so hart, als Eure Worte? In das drre Gebiet der
Dankbarkeit verweist Ihr jedes Gefhl fr mich, und auch dies stellt Ihr noch
unter Bedingungen, die den Zweck haben, von mir das Einzige zu fordern, wogegen
sich mein Herz mit allen seinen Krften auflehnt! Denkt Ihr, es gbe eine
Gewalt, gegen die ausreichend, die aus einem wahrhaft liebenden Herzen dringt?
O, Elmerice, wie wenig mt Ihr die Gefhle kennen, von denen mein Herz
durchdrungen ist, eine Rettung, eine Auskunft in der Trennung zu hoffen! Sie ist
es, die uns lehrt, welchen Werth das brige Leben behlt, wenn uns das geraubt
wird, wodurch wir erst zur Fhigkeit gelangten, es zu lieben.
    Haltet ein; rief Mi Eton, mit neuem Versuche, den Rckweg anzutreten -
verget Euch nicht selbst! - verget nicht, was Ihr mir schuldig seid, und wie
wenig diese Sprache fr uns gehrt, ja, wie beleidigend ich sie finden mte,
wte ich nicht, da Ihr dies nicht beabsichtigt. Aber lat meine einfache
dringende Bitte etwas gelten und schont meine Ruhe, indem Ihr zurckkehrt und
Euch an den Gedanken zu gewhnen sucht, da ich Euch nur eine entfernt bleibende
Freundin sein kann! Ich bitte Euch, unterbrach sie ihn zitternd, als er ihr
antworten wollte - haltet mich jetzt nicht lnger auf - wir drfen den
Unglcklichen nicht vergessen, der dort unserer Hlfe benthigt ist - ich
selbst, fuhr sie fort, bedarf der Ruhe, und meine Kleidung, die mit seinem
Blute gefrbt ist, erfllt mich mit Schauder.
    Dies entschied bei dem Fremden, der augenblicklich zurck trat; und Mi Eton
eilte nun einige Schritte auf dem Fupfade vor, der sie, an einem kleinen
Vorsprunge vorber, auf eine gesicherte Stelle fhrte.
    Lebt denn wohl! sagte hinter ihr eine zitternde Stimme - Mi Eton blickte
schchtern um und gewahrte, wie der Fremde ihr noch einige Schritte gefolgt,
jetzt an einen Baum gelehnt, ihr nachblickte - sein Angesicht war todtenbla,
und der linke Arm hing wunderbar schlaff an ihm nieder. - Einen Augenblick
schien das Frulein den schmerzlichsten Kampf zu kmpfen, dann eilte sie,
zurckgrend, so schnell es ihre Krfte zulieen, den Weg nach Ardoise zurck.
    Am Eingange des Waldes stie sie auf die Leute der Grfin d'Aubaine, welche
diese, ber ihr langes Ausbleiben hchlichst beunruhigt, ihr entgegen geschickt
hatte. Der Anblick des Fruleins, ihre in Blut getrnkten Kleider, ihr blasses,
erschpftes Ansehn, erfllte Alle mit Schrecken. In wenigen Worten erluterte
sie Ihnen das Vorgefallene, und jede Hlfe von sich ablehnend, bat sie vor
Allem, zu dem Unglcklichen zu eilen, den sie nur mit dem tiefsten Entsetzen
sterbend zu denken vermochte. Sie selbst eilte, sich so unbemerkt, als mglich,
nach dem Schlosse zu schleichen, um durch ihren Anblick die gtige Freundin
nicht zu erschrecken. Umgekleidet eilte sie alsdann zur Grfin d'Aubaine, durch
ihren Anblick die Mittheilungen zu mildern, die so viel Erschreckendes hatten.
    Aber, mein theures Kind, fuhr die Grfin fort, nachdem sie an ihre Freude
ber die glckliche Rettung ihres Lieblings manchen zrtlichen Vorwurf ber die
dreisten Wanderungen angeknpft - wren wir doch nur so glcklich, den Fremden
wieder zu finden, der uns einen so unschtzbaren Dienst leistete! Du kanntest
ihn also nicht? fuhr sie fort, als das Frulein schwieg - aber vielleicht
gehrt er doch zu meinen Nachbarn, und wir knnen ihn ausforschen und unsere
Dankbarkeit ihm bezeigen.
    Ich glaube nicht - sagte das Frulein rasch und unruhig - es war gewi
ein Fremder - ja, ich erinnere mich genau, da es ein Fremder war - er wird
abgereist sein - wir werden ihn nicht auffinden.
    Sagte er Dir dies? fragte die Grfin, das Gespannte und Aengstliche in
diesen Worten fhlend.
    Ich glaube, ja! - seufzte Mi Eton, aber ich wei es nicht genau zu
sagen.
    Ich aber, sagte die Grfin und erhob sich lchelnd - wei sehr genau, da
mein liebes Kind mich sogleich verlassen wird, und ihren Gehorsam mir zeigen,
indem es sich niederlegt und so viel Schrecknisse durch Ruhe auszugleichen
sucht.
    Mi Eton zeigte sehr gern den verlangten Gehorsam, und eilte, die Ruhe ihres
Lagers zu suchen, wenn wir uns auch nicht dafr verbrgen wollen, da sie
dieselbe, nach so vielen Erschtterungen ihrer Seele, fand. -
    Die Grfin d'Aubaine empfing Mi Eton am andern Morgen, als die
Frhstcksstunde die beiden Damen wieder zusammenfhrte, mit der Nachricht, da
sie gestern Briefe von ihrer Nichte, der Marquise d'Anville, aus Paris empfangen
habe, welche deren Besuch ihr angemeldet, und uerte ihre Freude, diese
liebenswrdige Nichte mit Mi Eton bekannt machen zu knnen, da sie ber das
Wohlgefallen Beider an einander keinen Zweifel trug. Meine Nichte wird frs
Erste ohne ihren Gemahl hier sein, fuhr sie fort, da derselbe Gter bernimmt,
welche er seit lngerer Zeit besitzt, ohne sie zu kennen; dann wird er uns auch
auf einige Zeit seine liebe Gegenwart schenken, und spter mit seiner Gemahlin
das Hauptgut in Besitz nehmen, welches die Neugierde der jungen Frau zu reizen
scheint.
    Mi Eton wnschte der Grfin Glck zu dieser angenehmen Aussicht, und schien
lebhaft von dem Gedanken dieser neuen Bekanntschaft erregt zu sein - dann bat
sie die Grfin um Auskunft ber den Unglcklichen, der sie gestern in so groe
Gefahr gebracht, und um einige Nachrichten ber sein Schicksal.
    Frs Erste, erwiederte die Grfin, kann ich Dir die Versicherung geben,
da seine Wunde nicht tdtlich ist: die Kugel ist aus der Schulter herausgelst,
und der starke Blutverlust macht seinen ganzen Zustand selbst bei dem
unvermeidlichen Wundfieber milde und ohne die sonst gewhnliche Gemthsstimmung.
Sein Schicksal wirst Du zum Theil aus seinen wahnsinnigen Reden errathen haben -
doch wenige Worte werden Dir noch sagen, wie er zu den besten und
ausgezeichnetsten Jnglingen in Ardoise gehrte. Leider hatte ihm die Natur ein
allzuweiches, feinfhlendes Herz gegeben, und so unterlag er dem ersten groen
Schmerze seines Lebens, der allerdings durch eine schreckliche Katastrophe ber
ihn herbeigefhrt ward.
    Robert diente mir als Jger im Schlosse - er war der Sohn des Kastellans. -
Durch Tchtigkeit und Brauchbarkeit erwarb er sich die zunchst aufgekommene
Frsterei von Ardoise, und entdeckte mir seine Liebe zu Jenny, einem sehr
schnen jungen Mdchen, das unter der Aufsicht meiner guten Sulpice trefflich
herangewachsen war. Da ihre Neigung gegenseitig, so freute ich mich der
glcklichen Wahl, und als Robert die Frsterei bezogen, setzte ich den Tag ihrer
Hochzeit an.
    Jenny hatte wahrscheinlich auf seine Bitten eingewilligt, ohne Wissen ihrer
mtterlichen Freundin Sulpice, ihren Brutigam fter im Walde beim Steinbruche
zu sehen, und war, sich versptend, dann besorgt und eilend den gefhrlichen Weg
zurckgekehrt. Ihr Wunsch, in das Thal hinabzusteigen, war stets von Robert
verweigert worden, der sie mit einem bequemen Wege zu berraschen vorhatte.
    Dies sind alles nachher ausgeforschte Umstnde, theils aus dem wahnsinnigen,
sich um diese Punkte anklagenden Vorwrfen Roberts - theils aus nachher
gemachten Entdeckungen anderer Dienstleute. Jenny versprach ihrem Geliebten den
Tag vor der Hochzeit eine Zusammenkunft - Beide, durch Geschfte aufgehalten,
trafen sich erst spt; Robert erwartete den Abend seine Aeltern in der
Frsterei, Jenny mute zur bestimmten Stunde bei Sulpice sein. Sie trennten sich
daher, ohne da Robert, wie gewhnlich, sie begleiten konnte. Es war schon
dunkler, wie gewhnlich, der Weg glatt von einem Gewitterregen - die nheren
Umstnde werden nie zu unserer Kenntni gelangen - Jenny traf nicht ein - sie
blieb auch die Nacht aus - und nun gerieth Alles in Unruhe. Man schickte nach
dem Forsthause, sie aufzufinden, und da sie auch dort nicht war, wurden auf
allen Wegen Nachsuchungen angestellt. Der unglckliche Jngling, starr vor Angst
und Besorgni, gab endlich der entsetzlichen Ahnung nach, die ihn nach dem
Steinbruche zog. Er hatte sich nicht geirrt; als man sich der schroffen Stelle
nherte - sah man sie zerschmettert in der Tiefe des Thales liegen. Hier auf
ihrer Leiche verlor der unglckliche Jngling seinen Verstand. - Die erste Zeit
brachte er in den gefhrlichsten Zustnden der Raserei in unserm Krankenhause
zu, spter milderte sich das Leiden bis zur tiefsten Melankolie, die ihn aber
unschdlich machte. - Man gab ihm, gewhnt an seinen gefahrlosen Zustand, die
Freiheit wieder, wonach er sich unablssig sehnte, und der Steinbruch ist nun
sein Ruheplatz, von wo aus er des Nachts ruhig nach dem Krankenhause
zurckkehrt. Ich bin brigens durch ihn aufmerksam gemacht worden und kann nicht
lugnen, da der Unglckliche nicht ganz Unrecht hatte, Dich mit seiner schnen
Jenny zu vergleichen, denn allerdings gleichst Du ihr in Gre, Gestalt und
Farbe.
    Mi Eton war sehr bewegt von dieser Mittheilung, und beide Frauen machten an
einander die Beobachtung, sich besonders traurig zu finden. Die Grfin las noch
ein Mal den Brief ihrer Nichte und versank dann in tiefes Nachdenken - Mi Eton
lehnte mit groer Schchternheit jeden Spaziergang, auch unter der sichersten
Begleitung, ab, und nicht, wie sonst, flo die Unterhaltung in ununterbrochenem
Reichthume dahin.
    Endlich hob die Grfin lchelnd an: So wirst Du denn den ltesten Sohn
Deiner Freundin im Bilde kennen lernen - der Marquis d'Anville ist der Sohn
dieser schnen Braut.
    Tief errthend blickte Mi Eton vor sich nieder - kaum hrbar fragend, ob er
ihr hnlich she.
    Nein, antwortete die Grfin, - er gleicht seinem Vater - hnlich sieht
ihr der zweite Sohn, der Graf Leonce, den sie vorzglich liebte, und dieser wird
seine Schwgerin auch hierher begleiten.
    Die Unterhaltung stockte wieder - und Mi Eton schien nicht bedacht, zu
deren Wiederanknpfung viel beitragen zu wollen, denn sie hatte ihre Knpfel
ergriffen und schien der entstehenden Spitzenweberei alle Aufmerksamkeit zu
widmen.
    Ich halte diesen Besuch gerade jetzt fr sehr willkommen, da Du, mein armes
Mdchen, wahrlich einer Zerstreuung bedarst - das bse Ereigni hat Dich mehr
erschttert, als Du Wort haben willst und meine eigene trbe Nhe gut zu machen
vermchte.
    O, sagt das nicht! rief Mi Eton, und die Arbeit entsank ihrer Hand, als
wre sie gnzlich erschpft - Eure theure Nhe wre es allein, die mich mit mir
selbst ins Gleichgewicht bringen knnte! - Doch, ich mu es eingestehen, da
mich ein Gefhl anderer Art bewegt - ich hatte einen Wunsch, eine Bitte, die ich
zaghaft bin, vor Euch auszusprechen.
    Und womit habe ich das verdient? sprach die Grfin fast wehmthig, die
Hand nach Elmerice hinber streckend.
    Elmerice kniete in demselben Augenblicke auf dem kleinen Fuschemel der
Grfin, und zrtlich ihre Hand fassend, barg sie das bewegte Angesicht in ihren
Schoo.
    Sprich, sagte die Grfin - und sei der Gewhrung im Voraus gewi.
    Theure Grfin, hob Elmerice an, die Ankunft so lieber Gste, die
Sicherheit, Euch damit so angenehm und erheiternd umgeben zu wissen, giebt mir
Kraft, Euch gerade jetzt auf einige Zeit verlassen zu wollen, und somit ein
Versprechen an meine geliebte selige Mutter zu erfllen, dem ich mich vielleicht
schon zu lange entzogen habe, da es mir so schwer ward, mich von Euch zu
trennen.
    Wie, Elmerice, rief die Grfin erstaunt, Du willst mich verlassen?
    Ihr werdet Euch der Jugendfreundin meiner Mutter erinnern, fuhr Mi Eton
fort, den Vorwurf der Grfin nur mit einem zrtlichen Handkusse beantwortend -
Mi Gray, die meine Mutter damals auf ihrer Reise nach Frankreich begleitete
und zurckblieb, ihre Verbindung mit Herrn St. Albans feiernd. Diese Freundin
aufzusuchen, habe ich geloben mssen, und vor einiger Zeit Briefe erhalten,
worin Madame St. Albans mich dringend auffordert, sie in der Abtei Tabor zu
besuchen - dort lebt sie seit ihrer Verheirathung, da Herr Albans die Lndereien
der groen Abtei in Pacht genommen hat.
    Ich wei dies, mein liebes Kind, sagte die Grfin, und ein wehmthig
ernster Blick schaute in die Ferne, in der Erinnerung die nie vergessenen Bilder
aufsuchend - aber la' mich Dir gestehen, ich sehe diese Verpflichtung, die ich
anerkennen mu, nicht ohne Besorgni. Madame St. Albans ist eine brave, thtige
Frau, die auf ihrem Platze alle Anerkennung verdient, aber sie ist kein Umgang
fr Dich, und ihr Haus kein Ort, wo Du Dich nur einigermaen wohl fhlen wirst.
    Und doch, sagte Elmerice muthig, habe ich ihr einen lngeren Besuch
zusagen mssen, und ihre groe Liebe zu meiner geliebten Mutter hat mir frher
dies Versprechen so leicht erscheinen lassen.
    Diese war unbezweifelt rhrend, antwortete die Grfin, - und so
vollstndig als schn; denn obwohl sie Herrn Albans liebte, schien ihr die
Trennung von Deiner Mutter so unertrglich, da sie fast ihrer Liebe entsagt
htte, dieser nach England folgen zu knnen.
    Um so auffallender, rief Elmerice, - da, wenn ich nicht irre, Mi Gray
hier ihre Mutter wieder fand, welche doch ein groes Band an Frankreich werden
mute!
    Da es dies nicht ward, erwiederte die Grfin, will ich ihr nicht
anrechnen, denn die alte Mistre Gray hatte sich schon lange vor Ankunft ihrer
Tochter von aller menschlichen Gesellschaft zurckgezogen; sie sah ihre Tochter
nur selten und fast ungern; Mi Gray konnte keinen Anhalt an ihr haben. - Es ist
nun lange her, fuhr sie fort, da ich Madame St. Albans sah, die eine Reise
benutzte, mich zu besuchen; sie ist brav und steht eben, wie ihr Gatte, im
besten Rufe, aber - was Deine Mutter einst mit ihr bis zur Freundschaft
verbinden konnte, lag wohl nur in der Jugend beider, in der zrtlichen Liebe der
guten Mi Gray zu Deiner Mutter.
    Lat es mich dennoch versuchen, rief Elmerice, und gebt mir die Aufgabe,
auch in Verhltnissen, die mir nicht zusagen, mich bewegen, mich Eurer wrdig
zeigen zu knnen - ich wrde jetzt, ohne Madame St. Albans zu krnken, mein Wort
nicht zurcknehmen knnen - und das mchte ich der Jugendfreundin meiner Mutter
nicht zu Leide thun.
    Und ich Dich nicht dazu veranlassen, sagte freundlich lchelnd die Grfin,
nur gebe ich gerade jetzt meine Einwilligung dazu fast ungern - ich sah Dich
schon im Geiste mit der holden Lcile in Freundschaft verbunden, und freute mich
gerade darauf, wie die lange trbe Einsamkeit Dir so angenehm unterbrochen
werden sollte durch diese lieben Gste! Auch willige ich nur ein, wenn Du mir
versprichst, dort Deinen Besuch abzukrzen, wo ich dann hoffen darf, Du triffst
hier noch mit meiner Nichte und ihren Verwandten wieder zusammen.
    Mehr hflich, als aufrichtig legte Mi Eton die Bestimmung hierber ganz in
die Hnde ihrer Wohlthterin, und Beide wurden darber einig, da Mi Eton am
andern Morgen ihre Reise unter dem Schutz ihrer Dienerschaft antreten sollte.

Am Abende des andern Tages bog der Wagen der Mi Eton, einen dichten, noch
unbelaubten Buchenwald verlassend, in einen breiten Thalweg ein, der bald die
fruchtbaren Felder und Wiesen von beiden Seiten zeigte, die, zur Abtei Tabor
gehrend, eine lachende, heitere Ansicht gewhrten.
    Der hchstmgliche Standpunkt der Kultur war berall auffallend. Die Wege
mit ihren Abzugsgrben, die wohlerhaltenen Verbindungsbrcken und Plankenzune,
die Felder in ihrer regelmigen Eintheilung, die Wiesengrnde mit den schnsten
Heerden, die schlanken, wohlgehegten Stmme junger Obstbume, die mit ihren,
schon in weier Bltenpracht stehenden, runden Kronen wie Perlenschnre als Saum
sich berall zeigten, die kleinen Gehfte, die, dazwischen zerstreut, in ihrer
wohlhabenden Ausdehnung um sich her den Bedarf des Lebens sich geschaffen zu
haben schienen, die krftigen Gestalten der Mnner und Frauen, die rothwangigen
Kinder, die endlich diesem Gemlde als Staffage dienten - Alles zeigte das
wohlthuendste Bild des Fleies und der Wohlhabenheit. Mi Eton fhlte sich
wunderbar dadurch erleichtert, und abgezogen von sich selbst, schien sie ihre
schweren und melankolischen Gedanken in den dsteren Wegen der Wlder, die sie
durchreist war, zurck lassen zu mssen. Sie fhlte, sie war hier in eine andere
Sphre versetzt, eine neue Auffassung des Lebens trat ihr entgegen; und hufig
ist dies allein schon hinreichend, uns selbst zu einer Thtigkeit zu wecken, die
uns unserm gewohnten Ideenkreise klarer und ruhiger gegenber stellt. Sie konnte
mit Vergngen an den migen Lebensstandpunkt denken, dem sie entgegen ging, und
ohne Furcht vor geistigen Entbehrungen, wollte sie gern das Leben von dieser
leichten und materiellen Seite kennen lernen.
    Doch konnte sie kaum ein Lcheln unterdrcken, als sie gewahrte, wie die
Gegend fast immer schmuck-und geschmackloser in ihren Anlagen ward, je nher sie
dem Wohnorte der Madame St. Albans kam. Ueberall war der Nutzen erstrebt und
erreicht - aber keine Anlage, die neben dieser irgend eine andere Absicht
errathen lie.
    Noch hoffte sie, die Abtei Tabor, die sich noch immer nicht zeigte, werde
irgend eine schnere Ansicht gewhren, und Gartenanlagen sich damit verbinden,
aber bald hrte sie auf ihre Anfrage, da die Abtei mehrere Meilen von dem
Wohnsitze des Herrn St. Albans entfernt wre, und dieser nur ein Vorwerk
gleichen Namens bewohne, welches mehr in dem Mittelpunkte der Lnderein, die er
von der Abtei in Pacht hatte, und daher seinen konomischen Zwecken passender
lge.
    Endlich verkndete eine Reihe steinerner Huser, welche regellos neben
einander gelagert waren, die Wohnung des Herrn St. Albans, und bald zeigte der
grere Verkehr von Arbeitern und Wagen, da man sich dem Mittelpunkte einer
greren Betriebsamkeit nahe. Es war noch ziemlich frh am Abend, und alle
Vorbereilenden schienen mit dem Tageslichte zu geizen und, ganz in ihre
Geschfte vertieft, nur des bequemen, festen Weges sich bewut zu sein, der,
immer vortrefflicher werdend, den leichtesten Verkehr sicherte. Von diesem regen
Leben umgeben, fuhr man endlich an einer langen Mauer entlang und bog dann durch
ein offenes Thor in den Hof.
    Er war in einer groen Ausdehnung von smmtlichen Scheunen, Stllen und
Wirthschaftsgebnden des Amtes umgeben, und das Wohnhaus unterschied sich nur
wenig an Hhe und Auenseite, und ward nur als solches durch eine steil nach der
Eingangsthr hinauf fhrende Treppe und zwei Reihen niedriger Fenster
bezeichnet.
    Auf diesem groen Hofe zeigte sich kein Baum, kein Rasen, kein Zeichen der
Vegetation. Ein Bassin, roh ummauert, diente dem Nutzen der Stlle, was seine
trbe, mit Stroh und Heu bedeckte Oberflche deutlich verrieth.
    Niemand eilte der Mi Eton zum Willkommen entgegen, obwohl die Thr des
Hauses von herauseilenden Mdchen und Knechten oft geffnet ward. - Monsieur
Lorint, der Kammerdiener, ber die ihm ziemlich fremde Art dieser
Hauseinrichtung nicht wenig erstaunt, nahte sich nun der Wagenthr und fragte,
ob er die Ehre haben solle, das gndige Frulein zu melden.
    Lat das, sagte Mi Eton lachend - ich will selbst aussteigen und mein
Willkommen mir suchen, denn diese fleiigen Leute haben keine Zeit zu
dergleichen.
    Leicht und von dem alten Diener gefolgt, der, im komischen Gegensatze zu
diesem Naturzustande, fast noch frmlicher und devoter ward, seine eigene Wrde
schtzend gegen den Andrang dieser Unkultur - eilte Mi Eton die schmale
steinerne Treppe hinauf und flog bei'm Oeffnen der Thre in die Arme eines
jungen, heiter lachenden Landmdchens, das eben so schnell heraus, als Mi Eton
hinein wollte.
    Ah, Madame, rief die erschreckte Schne, schnell zurckspringend - ich
bitte um Vergebung - ich war so eilig!
    Und doch werde ich Dich aufhalten mssen, mein liebes Kind, lchelte Mi
Eton, denn Du mut mich durchaus bei Madame St. Albans melden, deren Gast ich
zu werden denke.
    Ein holdseliger Blitz von Freundlichkeit aus den dunkeln Augen des
rothwangigen Kindes schien Elmerice ein recht anmuthiger Willkommgru; und sie
schritt nun mit ihrer jungen Begleiterin in den mittlern Raum des Hauses vor,
der ein Speisesaal zu sein schien, die ganze Tiefe des Hauses durchma und seine
Fenster nach der andern Seite hinaus hatte. Hier bat das junge Mdchen das
Frulein, zu warten - und flog nun leichten Sprunges durch eine der sechs
Thren, die sich in diesem groen Vorsaal ffneten. Mi Eton nherte sich
indessen einem der Fenster und sah, da sich hier gleichfalls kein Baum, keine
Gartenanlage zeigte, sondern an einem frisch bestellten Gemsegrtchen, mit
Plankenzaun umhegt, sich ein ziemlich bedeutender Weideplatz anschlo, der aber
nur dem kranken, von der entfernteren Weide zurckbleibenden Viehe zur Benutzung
diente; seitwrts war eine kleine Anpflanzung von Nubumen, und auf diese
richtete Elmerice, von den wenig befriedigenden Aussichten sich abwendend, mit
einiger Hoffnung ihre Blicke.
    Lautes, anordnendes Sprechen nahte indessen dem Salon, bald flog die
mittlere Thre auf, und eine starke, muntere Frau in tchtiger huslicher
Kleidung, mit Schrze und rasselndem Schlsselbunde trat mit geschftiger Eile
herein und nahte sich dem ihr gleichfalls entgegeneilenden Frulein.
    Seid Ihr denn wirklich Mi Eton? meiner lieben Margarith Tochter? rief sie
mit lauter, klingender Stimme und drckte, innig davon berzeugt, zwei derbe
Ksse auf Elmerice's Wange. - Nun, sagte sie, ohne die Antwort abzuwarten, und
indem ihre Stimme pltzlich in Thrnen brach, so hat Gott meinen Wunsch erhrt
- denn seht, der Wunsch, sie selbst, oder ihr Kind, oder ihren Lieblingshund,
oder ihre Katze, oder ihr Kleid, oder seht nur, so viel als ich auf diesem Nagel
halten knnte, von ihr zu sehen - der hat mich nie verlassen obwohl ich wenig
Zeit zu solchen Gedanken habe; denn seht, hier ist ein groes lstiges
Hauswesen, Alles geht durch mich, wo ich nicht bin, gelingt's nicht, was ich
nicht thue, unterbleibt, wonach ich nicht frage, vergessen ist es in den andern
Kpfen. Aber seht, mein Kind, dazu behielt ich Zeit, und war's whrend des
Tischgebets - Gott sei mir gndig! - oder zwischen Niederlegen und Einschlafen -
nach Margarith mich zu sehnen, behielt ich immer Zeit! Wieder kam ein kurzer
Anfall von Weinen, den sie jedoch eben so schnell bekmpfte, und nun fhrte sie
Elmerice in ein nach der Weide hinaus gehendes Zimmer. Hier setzte sie sich,
zwei Sthle gegenber rckend, schnell vor ihren jungen Gast, den sie auf einen
derselben niedergezogen hatte, und blickte nun mit zwei groen unruhigen Augen
das Frulein an. - Keinen Zug von Ihrer Mutter! rief sie nach dieser scharfen
Prfung - wei Gott - fremd, liebes Kind, bis auf die Fingerspitzen! Groer
Gott, hatte ich mich doch so gefreut, ein Ebenbild meiner Margarith zu sehen!
Und doch seid Ihr Mi Eton, die Tochter meiner Margarith.
    Gewi, sagte Elmerice, sanft und gerhrt - ich bin die Tochter der
Freundin, der Ihr ein so ehrendes Andenken bewahrt, und ihr letzter Wille, der
mich bestimmte, in Frankreich zu leben, schlo auch den Befehl ein, Euch
aufzusuchen, Euch der innigen Liebe meiner Mutter zu versichern.
    O Gott, Mi! rief Madame St. Albans weinend, - sagt, that sie das?
Gedachte sie mein mit gleicher Liebe, hat sie mich nicht vergessen? Also Ihr
solltet mir ihre Gre bringen, ihr Kind unterrichtete sie von ihrer Liebe zu
mir! - Ja, ja, darin erkenne ich sie wieder! - obwohl, Mi Elmerice, es mich
schmerzte, als ich hrte, nicht mir, sondern ihrer vornehmeren Freundin, der
Grfin d'Aubaine, habe sie Euch vermacht.
    Zrnt deshalb nicht, liebe Madame St. Albans - wohl kenne ich die Grnde zu
dieser Bestimmung nicht, aber sicher beruhten sie nicht in verringerter Liebe
gegen Euch!
    Ja, ja, ich will es glauben, gern glauben, liebes Kind! denn ich glaube
gern an ihre Liebe. Die Grfin ist eine Heilige - von hoher Geistesart - sehr
erhaben ber ihr ganzes Geschlecht. Da reiche ich armer Erdenwurm nicht heran -
sie schmckt die Kirche - ich Haus und Hof. Seht, es lt sich leicht der
Heil'gen-Schein festhalten, und die feinen Ausdrcke, wenn man nichts weiter zu
thun hat, als darauf zu passen, da einem nichts Unebnes entschlpft - aber
hier, wo ich an Alles selbst Hand anlegen mu, mit lauter rohen, dummen Leuten
verkehren, bei denen sich bler Wille und Faulheit zu Leichtsinn und Thorheit
gesellen, da mssen die Worte breit aus dem Munde flieen, und man wird darum
nicht schlechter in so groer Berufsthtigkeit, als solche erhabene Geister, die
auf uns herab sehen.
    Etwas beschmt von der Rede ihrer neuen Bekannten, schlug Elmerice den Blick
zur Erde nieder, um den seltsam heftigen Ausdruck in den sonst trben Augen der
Redenden zu vermeiden.
    Glaubt nicht, verehrte Frau, sprach Elmerice - da die Grfin d'Aubaine
eingebildet auf ihre Vorzge ist, sie schtzt Jeden nach seiner Weise, und die
ihrige ist sehr still und zurckgezogen, denn sie ist wohl nie glcklich
gewesen, und sehr krnklich und oft recht leidend.
    Ist sie das? rief Madame St. Albans. - O seht, das beklage ich. Ja, das
arme Ding! wahrlich, wenig Freude hat sie gehabt - Gott richte es! - und wohl
ist sie zu bedauern, und es thut mir herzlich leid, wenn sie krnkelt. Sagt, ist
es so? mu sie viel leiden?
    Elmerice fhlte sich ganz erquickt und erleichtert von der kindlichen
Gutmthigkeit, die in dieser Rede die Oberhand gewann, und war nur bemht, ihr
ein Bild der stillen Geduld zu entwerfen, mit der die Grfin ihr Leben ertrge.
    Mehrere Male wischte sich Madame St. Albans die Augen und sagte dann ganz
klglich: Gottlob, da meine gute Margarith, Deine Mutter, sie so leidend nicht
mehr sah - denn wahrlich, das htte ihr das Herz gebrochen. - Aber sieh', mein
Kind, immer und immer habe ich es Deiner Mutter gesagt: wir beide werden
glcklich in der Welt werden, die Franziska aber nie - das geht Allen so, die
von Jugend auf immer ber den Wolken schweben, und berspannt sind und voll
thrichter Schwrmereien; die machen nicht glcklich und werden nicht glcklich,
das ist eine ausgemachte Sache!
    Gewi, erwiederte Elmerice schchtern - finden reich begabte Wesen, mit
einem hheren und vielseitigeren Bedrfnisse, schwerer den Standpunkt, wo sie
sich in ihrem ganzen Reichthum entfalten knnen, aber es ist ihnen doch nicht
als Vorwurf anzurechnen, wenn wir sie selten zu ihrer vollen Wirksamkeit
entwickelt sehen; wo sie sie erreichten, sehen wir sie allen Pflichten
gewachsen, sie Alle anerkennend.
    Ein sonderbar aufmerksamer Blick streifte hier das Frulein; in dem
Augenblicke fate Madame St. Albans den Verdacht, da ihr junger Gast wohl
ebenfalls zu dieser Kaste gehren mchte, und sie stand, sichtlich davon
gestrt, auf, und indem sie Elmerice bei der Hand fate, um sie wegzufhren,
sagte sie mit dem Tone vllig abgeschlossener Ansichten: Ja, ja, ich kenne das,
mein Schatz! solche Reden hrte ich oft, aber ich sah auch die zahllos
unglcklichen Ehen, die solche Mdchen erlebten, die ewige Hinflligkeit von
Leib und Seele, und wei, was es eigentlich fr Frauenzimmer auf der Welt zu
thun giebt, statt so schwierige Forderungen sich anzuknsteln.
    Elmerice fhlte sich, hierauf zu erwiedern, nicht geneigt; noch bersah sie
den Charakter dieser Frau nicht, ihre Bescheidenheit und die Furcht, ihr
anmaend zu erscheinen, lie sie lieber schweigen, da es ihr berdies schien,
da sie beide von ganz verschiedenen Dingen gesprochen hatten, die neben
einander jedes wohl ihr gutes Recht behalten konnten, aber einander doch so
unhnlich waren, da an eine Ausgleichung nicht zu denken war.
    Ich will Euch jetzt Euer Zimmer anweisen und fr Euer Gepck sorgen, sagte
Madame St. Albans - denn seht, liebe Mi, ich mu berall selbst die Augen
haben, auf die Leute ist kein Verla. Doch frchte ich, fuhr sie fort, indem
ein empfindlicher Ausdruck von Mitrauen auf ihrem Gesichte erschien, Ihr
werdet groen Abstand finden. Das schne Schlo von Ardoise findet Ihr hier
nicht; wir sind stille, bescheidene Leute, die auch so Haus und Hof eingerichtet
haben; und nun suchte sie durch vermehrte Hflichkeit sich selbst ber die
Unsicherheit zu tuschen, die ihr die Gesinnungen der jungen Dame eingeflt.
    Elmerice konnte dies nur zu leicht wahrnehmen, und bemhte sich, fast auf
Kosten ihres sonst so ruhigen und natrlichen Wesens, ihre Anerkennung und ihr
Vergngen ber Alles, wie sie es vorfand, an den Tag zu legen; auch war zum
Mifallen nirgends Veranlassung. Eine kleine Treppe, die gleichfalls hinter
einer der sechs Saalthren lag, fhrte in die obere Etage, und hier fand
Elmerice ein so hbsch eingerichtetes Zimmer, in so glnzender Reinlichkeit
strahlend, da es ihr nicht schwer ward, Vergngen darber zu bezeigen. - Doch
hrte Madame St. Albans nicht auf, Alles entschuldigend und selbst herabsetzend
zu besprechen, unter dem oft wiederholten Zusatze: Aber wir sind stille,
bescheidene Leute, ohne Ahnung, wie die Beilegung zweier solcher Tugenden
wenigstens das Prdikat der Bescheidenheit verdchtigte. Bald aber verlie sie
ihren Gast, um sich den Anordnungen zur Abendmahlzeit zu unterziehen, und
Elmerice fhlte einen Anflug von Erschpfung und Abspannung, wie er uns am
hufigsten kmmt, wenn wir uns einer fremden, in ihrer Art und Weise sicher
gewordenen Natur gegenber fhlen, die wir nicht durch das Hervortreten unserer
abweichenden Gesinnungen zu verletzen wnschen, weil wir fhlen, da wir ihre
Eigenthmlichkeit wohl verstehen und achten knnen, aber berzeugt sind, die
unsrige unverstanden und gemibilligt zu wissen.
    Elmerice hatte mehr Worte, mehr Hflichkeit in der kurzen Zeit verbraucht,
als ihr sonst irgend zu Gebote war. Die leicht hervortretende Heftigkeit der
guten Frau hatte sie erschreckt und nur daran denken lassen, sie in milder
Stimmung zu erhalten; sie fhlte im Augenblicke des Alleinseins, da sie sich
angestrengt habe, und sie wute nicht, ob sie zufrieden oder unzufrieden mit
sich sein sollte. Doch bestrebt, mit sich ins Klare zu kommen, hielt sie die
Erinnerung an den Zgen von Gutmthigkeit fest, die ihr unverkennbar aus dem
Gesprche mit Madame St. Albans hervorgetreten waren, und beschlo nichts
Anderes, als diese, sehen und hren zu wollen.
    Zur Ruhe gekommen durch diesen Beschlu, richtete sie sich jetzt in ihrem
neuen Zimmer ein, und schrieb einige Zeilen an ihre Wohlthterin, da die
Equipage und die Diener anderen Tages nach Ardoise zurckkehren sollten. Diese
Zeilen hatten sie in eine grere Gemthsbewegung versetzt, als anscheinend
Grund dazu vorhanden war, und dies wohl fhlend, eilte sie ihre trhnenden Augen
an dem geffneten Fenster zu khlen. Sie berblickte von hier aus in weiterer
Ausdehnung die Gegend und gewahrte bald, da der Benutzung des Bodens zum
Erwerbe jede Annehmlichkeit aufgeopfert war; nirgend zeigte sich eine
Baumanlage, ausgenommen einige drftige Kastanienstmmchen, die auch den Zweck
haben muten, krankes Vieh darunter zu bergen, denn sie sah ein Pferd, an einen
Pfahl gebunden, auf dem Boden liegen. Ordnung, Flei und Wohlhabenheit war
dagegen der unverkennbare Stempel, der allen Gegenstnden aufgedrckt war, und
ganz dazu geschaffen, Elmerice angenehm und achtend gegen ihre neuen Freunde zu
stimmen. Sie bestrkte sich daher darin, dieser zrtlichen Freundin ihrer Mutter
achtend und freundlich entgegen zu treten, und beeilte sich, da die Stunde
herangekommen war, zum Abendessen hinunter zu steigen.
    Der groe Saal, oder vielmehr der Hausflur, da er zugleich der Eingang vom
Hofe aus war und mit seinen sechs Thren fast zu allen Rumen des Hauses fhrte,
war mit Fliesen getfelt, die Wnde wei getncht und mit einigen Versuchen von
Stuckatur versehen. - In der Nhe der Fenster stand ein groer eichener Etisch,
mit eben so massiven, hochlehnigen Sthlen umstellt, auf deren Sitze Madame St.
Albans eben beschftigt war, rothe damastene Kissen zu legen, offenbar ihrem
Gaste zu Ehren, denn Marylone, die junge Magd, die Mi Eton zuerst begrt
hatte, stand damit bis unter das Kinn bepackt, und wurde nur durch das hastige
Zugreifen ihrer Gebieterin nach und nach von ihrer Last befreit.
    Ah, seht doch, da seid Ihr schon, Mi Eton; sagte Madame St. Albans,
offenbar von dem zu frhen Erscheinen derselben gestrt - nun, Ihr seid nicht
ungesellig, wie ich sehe, und das freut mich, obwohl meine Zeit mir wenig
eigentliche Ruhe gnnt.
    Wenn ich mich wohl in Eurem Hause fhlen soll, sagte Elmerice, mt Ihr,
liebe Madame St. Albans, vor allen Dinge nie auf mich Rcksicht nehmen. Ich
hoffe, da Ihr mir gestatten werdet, Euch durch Haus und Hof zu begleiten, um
Eure vortreffliche Haushaltung kennen zu lernen - so werde ich in Eurer
Gesellschaft sein, ohne Euch hinderlich zu werden.
    Diese wohlgemeinte Rede verfehlte jedoch ganz ihren Zweck. Madame St. Albans
war von Natur mitrauisch und hatte immer Furcht, man wolle ihre Art und Weise
tadeln, oder sie lcherlich machen; gegen Mi Eton hatte sie den Verdacht einer
hheren Geistesrichtung gefat, und wie ihr unbegreiflich war, wie sich damit
das Interesse fr Huslichkeit und wirthschaftliche Thtigkeit vereinigen knne,
so schien ihr die Rede des Fruleins reine Verstellung, hochmthige Herablassung
oder Spott sogar.
    Sie lachte daher ziemlich hhnisch auf und sagte dann, wie sie hoffte, ihre
Meinung verstndlich machend: Behte mich Gott, da ich ein so zartes,
hochgebildetes Frulein so beleidigen sollte, sie mit Wirthschaftssachen zu
belstigen! Nein, mein gutes Kind, so viel Bildung haben wir gerade auch noch,
um zu wissen, wie solche feine Dmchen behandelt werden mssen. Ihr gehrt mit
Euren zarten Hndchen und feinem Gesichtchen in die Stube; ich aber habe in
meinem Berufe weder Gesicht, noch Hnde schonen knnen, sie sind jetzt nichts
Anderes mehr werth, als weiter fort zu schaffen, was sie nicht ohne Erfolg, wie
ich hoffe, bis jetzt geleistet haben.
    Wollt Ihr mich denn glauben machen, erwiederte freundlich nahend Elmerice,
diese Antwort verschmerzend, da Bildung so heilige Interessen, als das Wohl
des Hauses fr eine Frau sein mu, ausschliee? Ich dachte gerade, Bildung lehre
uns erst recht, den Werth und den Genu solcher Pflichten verstehen, und dies
mu auch gewi Eure Meinung sein.
    Was so eine gewhnliche Frau denkt, wie ich, Mi Eton, darauf kmmt wenig
an, ich habe nur so meinen schlichten Menschenverstand, mein Bischen gesunde
Vernunft, von hoher Bildung aber wei ich nichts - das mt Ihr verzeihen, wenn
ich Euch damit nicht dienen kann. -
    Whrend dessen waren die Sthle alle mit festgebundenen Polstern versehen,
und jetzt flogen sie auf einen Wink der selbst angreifenden Hausfrau aus
einander, und mit Hlfe der pfeilschnellen, krftigen Marylone breitete sich ein
schner kleiner Teppich darunter aus, welches Alles dem Gaste zu Ehren geschah,
und allerdings das Pltzchen um Vieles wohnlicher und ansprechender machte.
    Als dies zur Zufriedenheit der Madame St. Albans beendigt war, ordnete sie
nun mit Marylone das Decken des Tisches selbst an, indem sie fast immer in dem
Augenblicke, als das geschickte und flinke Mdchen die Geschirre auf ihren
bestimmten Platz stellen wollte, ihr dieselben aus der Hand ri und mit den
Worten: Sieh' Dich doch vor, hierher kmmt das! es selbst an seinen Platz
setzte. Zwischen dieser Thtigkeit war sie noch von einer andern Unruhe, ber
das lange Ausbleiben ihres Mannes, geplagt. Alle fnf Minuten eilte sie nach der
Hausthre, ri sie auf und kehrte getuscht mit den Worten zurck:
Unbegreiflich, wie Herr St. Albans sich heute so versptet. Dies Ausbleiben
nahm endlich alle ihre Gedanken ein, der Tisch war gedeckt, Marylone entfernt,
und ihr blieb nichts brig, als sich in ruhiger Erwartung, ihrem Gaste
gegenber, an den gedeckten Tisch zu setzen; aber dadurch steigerte sich ihre
Unruhe um dies Ausbleiben bis zur beln Laune und gelegentlichen Ausbrchen von
Heftigkeit, die Elmerice nicht zu nhren wnschte, und die sie endlich
verstummen lieen.
    Da schlugen alle Hunde zugleich bellend im Hofe an, und augenblicklich
sprang Madame St. Albans von ihrem Sitze auf und lief nach der Thr, sie in dem
Momente ffnend, als ihr Gemahl ihr darin entgegen trat. Beide begrten sich
mit ungemeiner Herzlichkeit, die aber dies Mal von Seiten der lebhaften Frau
unterbrochen ward, indem sie ihn vorfhrte, ihn vor Elmerice hinstellte und mit
vollkommen wiedergekehrter guter Laune ihn frug: ob er ahne, wer dies sei?
    Herr St. Albans richtete seine freundlichen Augen auf die Vorgestellte, und
verneigte sich dann mit auffallend gutem Anstande: Ich zweifle nicht, unser
sehnlicher Wunsch ist in Erfllung gegangen und wir genieen das Glck, Mi Eton
unsern Gast zu nennen.
    Errathen! rief die kleine Frau, lebhaft in die Hnde schlagend - meiner
Margarith einzige, liebe Tochter!
    Glaubt, Mi Eton, sprach St. Albans, meine gute Frau wei Euch keinen
hhern und liebern Rang beizulegen, als den eben genannten. Erlaubt mir auch
meinerseits das herzlichste Willkommen.
    Da hast Du recht, mein lieber Mann, sagte Madame St. Albans, Alles, was
sich auf meine Margarith bezieht, ist mir heilig.
    Tief gerhrt dankte Mi Eton beiden Eheleuten, und konnte nicht ohne einiges
Erstaunen die ungemein vortheilhafte Persnlichkeit des Hausherrn betrachten.
Seine Frau berschttete ihn mit Fragen und Aufmerksamkeiten jeder Art, und er
hatte eine immer freundlich anerkennende Hflichkeit fr ihre sich selbst
genugthuende Dienstlichkeit, und doch behielt er eine Ruhe und Aufmerksamkeit
fr seine Umgebungen, die von wahrer Herzensgte und einer hheren
Geistesrichtung zeigte.
    In seiner Gegenwart fhlte Elmerice zuerst sich etwas aus dem gespannten
Zustande erlst, den sie beim Alleinsein mit Madame St. Albans empfunden hatte;
sie durfte wagen, sich ihrer eigenen Stimmung hinzugeben, denn in der Gegenwart
ihres Mannes blieb jeder Andere fr diese zrtliche Frau ziemlich unbeachtet,
und sie hing nur an seinem Munde, um sich fr ihre eigenen Gedanken Auskunft zu
verschaffen. Auch hierbei blieb sie sich vllig gleich; ihre unverkennbare
Zrtlichkeit ging doch sogleich in empfindliche oder milaunige Aeuerungen
ber, wenn die des Herrn St. Albans im Geringsten von den ihrigen abzuweichen
schienen, und sie legte auch gegen ihn ein gewisses mitrauisches und heftiges
Wesen nicht ab. Dessen ungeachtet war ihr ganzer Zustand jetzt freier und
leichter, und die feine Haltung ihres Mannes wute immer geschickt sie selbst zu
einem feinen Betragen zurckzufhren, was sie anzunehmen allerdings ganz wohl
verstand. Einige Unterverwalter nahmen die brigen leeren Pltze bei Tische ein,
und es herrschte bald eine ziemlich ruhige, unbefangene Unterhaltung, die Herr
St. Albans mit vielem Geschick auch fr seinen jungen Gast zugnglich zu machen
wute, whrend seine Frau in unruhiger Thtigkeit mit dem Vorlegen und Anbieten
der brigens vortrefflich zubereiteten Speisen beschftigt war.

Es wrde schwer sein, in dem Verlauf einer Woche, die wir nach dem erwhnten
Abend als beendigt erklren mssen, eine bedeutende Mannigfaltigkeit in dem
Leben auf der Abtei Tabor angeben zu knnen. Mi Eton hatte nach einigen
miglckten Versuchen, aus sich heraus in die Ansichten der reizbaren Hausfrau
bergehen zu wollen, sich mehr auf sich selbst zurckgezogen - ihre Zeit nach
der Ordnung des Hauses eingetheilt und sich Spaziergnge gesucht, die freilich
bei ihrer Einfrmigkeit und der ganz allein auf den Nutzen gerichteten
Einrichtung des ganzen Gutes nur sehr wenig Genu gewhren konnten. Doch das
Frhjahr schritt vor, das Wetter ward warm, der Himmel heiter und blau, die
Felder und Wiesen grnten in seltener Ueppigkeit, und es fehlte nicht an
Veranlassung, ein unbefangenes Gemth zu erfreuen. Und doch sehen wir Mi Eton
oft stundenlang mit gesenktem Haupte und tief athmender Brust in einer
Theilnahmlosigkeit daher wandeln, da uns scheinen mchte, ihr Geist sei abwrts
in trbem Schmerze verloren.
    Ihre Wohlthterin versumte nicht, ihr nach einiger Zeit die Nachricht von
der Ankunft ihrer Gste in Ardoise zu melden, mit dem Zusatze, wie lebhaft sie
jetzt in dieser Freude ihren Liebling vermisse, wie sie sich sehne, da er bald
zu ihr zurckkehren mge.
    Und doch, rief Elmerice nach Lesung dieses Briefes, wirst Du mich in
diesem schnen Kreise nicht willkommen heien, dennoch verbannt mich mein
Geschick von dem Aufenthalte, der allein jetzt auf der Welt noch Reiz fr mich
hatte! Ein Strom von Thrnen erleichterte ein Herz, was von den bittersten
Schmerzen der Jugend belastet war, und mit einer Ergebung, aber auch mit einer
Trostlosigkeit, die nur ein Schmerz, wie Elmerice ihn fhlte, zu geben vermag,
wiederholte sie sich das schwere Gelbde, den Gsten auf Ardoise um jeden Preis
zu entfliehen.
    Ein heftiges Gewitter hielt Mi Eton auf ihrem Zimmer fest, so sehr sie sich
sehnte, im Freien der beklommenen Brust neue Kraft einzusammeln. Der Regen, mit
Schlossen vermischt, strzte verfinsternd herab, und der Sturm peitschte die
Regenstrme im Wirbel gegen die klirrenden Fenster. Elmerice blickte ruhig, ja,
mit einer Art von Genu in diesen wilden Aufruhr der Natur. Wer tiefe
Seelenangst empfindet, den lebenstdtenden Kummer, der die Schnheit der Erde
uns wie einen Vorwurf fhlen lt, da wir uns nicht theilnehmend daran zu
erfreuen vermgen, der wird fast getrstet von einem Zustande der Natur, der
keine Anforderungen an unser Gefhl macht oder in seiner wilden Aufregung zu
berbieten scheint, was an Qual und Unruhe unsere Seele verletzt.
    Heftig strzte jedoch, dies schmerzliche Nachdenken unterbrechend, Jemand
die Treppe herauf, und Marylone flog bla wie der Tod auf Mi Eton zu. Helft!
helft, Mi Eton! um Gotteswillen, helft! sie stirbt uns unter den Hnden! wir
wissen uns nicht zu helfen, nicht zu retten! -
    Um Gotteswillen, was hast Du? rief Mi Eton - was ist geschehen? -
    Kommt, kommt! unsere Frau stirbt! - Madame St. Albans! o kommt uns zu
Hlfe! -
    Schon flog Elmerice die Treppe hinab und ber den Saal dem klglichen
Angstgeschrei entgegen, das ihr aus einem der untern Zimmer zu Ohren drang.
    Der erste Augenblick raubte ihr jedoch fast selbst die Fassung, denn sie sah
hier Madame St. Albans wie eine Leiche auf der Erde liegen; das Gesicht war
verzogen und blau - die Hnde, Fe, der ganze Krper krampfhaft zusammen
gepret.
    In bangem Geschrei, aber ohne alle Hlfleistung lagen die Mdchen des Hauses
um sie her, und Elmerice wute freilich fr den Augenblick auch nichts Anderes
zu thun, als sich neben der Sterbenden oder Todten nieder zu werfen; aber hier
entdeckte sie bei flchtiger Berhrung, da die unglckliche Frau in vllig
durchnten Kleidern da liege, und auf ihre schnellen Fragen erfuhr sie nun, da
Madame St. Albans das heftige Gewitter im Freien berrascht, und dies einem
groen huslichen Ungewitter gefolgt war, welches sie noch in der grten
Aufregung und Erhitzung hinausgetrieben hatte. Jetzt war der Zustand allerdings
erklrt, aber nicht weniger bedenklich; doch Elmerice hatte ihre ganze
Besonnenheit wieder erlangt und lie aufs Schnellste die unglckliche Frau nach
ihrem Schlafgemach tragen, wo sie bald in trockene Wsche und in ihr Bett
eingehllt, und unter Elmerice's Anleitung mit warmen Tchern gerieben ward,
whrend ein Bote abgesandt wurde, Herrn St. Albans zu suchen, und ein anderer
nach der eigentlichen Abtei Tabor, den Arzt der Mnche herbei zu rufen.
    Bis tief in die Nacht blieben die vereinigten Bemhungen der Herbeigerufenen
fast erfolglos, es zeigte sich kein Zeichen des Lebens, und schon sank den
Bemhten der Muth, als pltzlich ein Ausbruch von Konvulsionen erfolgte, der dem
wiederkehrenden Leben voranging und endlich die Augen der Leidenden ffnete.
Doch war ihr Zustand noch hchst gefhrlich, und der ehrwrdige Pater Ambrosius,
der Arzt der Abtei Tabor, konnte den angstvollen Fragen des Herrn Albans nur die
einzige Thatsache zusichern, da sie fr den Augenblick lebe.
    Der Schmerz des unglcklichen Gatten hatte alles Rhrende einer wahrhaften
Empfindung, doch behielt er zu jeder Antwort, jeder Anordnung, Besonnenheit und
Ruhe.
    Elmerice und die treue, geschickte Marylone theilten alle nthigen
Dienstleistungen, und nachdem 24 Stunden ohne Wiederholung des gefrchteten
Schlagflusses vorber waren, gab Pater Ambrosius Hoffnung zu ihrer
Wiederherstellung. Doch war ihre Ermattung so gro, da sie nur unklar zu denken
schien und noch undeutlicher zu sprechen vermochte. Doch sie lebte, und alles
Uebrige schien Herrn St. Albans ertrglich, unbedeutend sogar. Er hatte jedes
Geschft auer dem Hause aufgegeben. Nach einer kurzen Besprechung an jedem
Morgen mit seinen Verwaltern schien er auf der Welt nichts zu thun zu haben, als
die Athemzge, den Puls seiner Gattin zu zhlen, ihr freie Luft und Licht zu
nehmen oder zu gewhren, Kissen und Decken zu ordnen, wie es ihr Erleichterung
verschaffen konnte. Die Besinnung der Leidenden schien auch zuerst bei diesen
zarten Liebesbeweisen sich zu ordnen, die Erschpfung machte sie sanft, und
Elmerice fand sie liebenswrdiger, als sie ihr je erschienen war, denn sie
lchelte, ohne das Rollen ihrer sonst unruhigen Augen, Jeden sanft an, schien
jeden Dienst zu kennen und lohnen zu wollen, und ihre einzelnen Worte
bezeichneten immer irgend ein wohlwollendes Gefhl. Pater Ambrosius sprach nun
immer bestimmter die Hoffnung ihrer Genesung aus; und nach einer ruhig
durchschlafenen Nacht redete sie Elmerice und ihren Mann mit klarer und ruhiger
Stimme an, und ihr volles Bewutsein und der Gebrauch ihrer Sprache versetzte
Beide in die freudigste Stimmung.
    Nach einigen Errterungen ber ihr Befinden kehrte auch augenblicklich ihre
alte Art und Weise zurck. Aber, St. Albans, sagte sie, was wird aus unserer
Wirthschaft werden? Du bist den ganzen Tag hier im Zimmer gewesen, und wie wird
drauen in meinem Haushalte Alles verwildert sein! O mein Gott, seufzte sie
schwer, welch' ein Unglck, wenn eine Hausfrau erkrankt!
    Beruhige Dich, meine liebe Frau, sagte Herr St. Albans, meine Geschfte
haben nicht darunter gelitten, meine Verwalter und alle meine Leute haben mir
ihre Theilnahme an meinem Kummer durch vermehrten Flei und Thtigkeit bezeigt.
-
    Nun wahrlich, unterbrach ihn die Frau rasch, da bist Du glcklicher, als
ich - doch sieh' nur erst selbst nach. Du wirst wohl finden, wenn Du erst suchen
wirst, und nun Du - ja, Dein Geschft hat freilich nicht so die tgliche
Aufsicht nthig, wie das meinige, mir wird es desto schlimmer ergangen sein,
wenn ich nur erst wieder umher blicken kann.
    Auch dieser Kummer, meine Liebe, erwiederte ihr Mann, wird Dir erspart
sein, denn Mi Eton hat jeden Morgen um zwei Stunden ihren Schlaf abgekrzt,
Dein Haus in Ordnung zu erhalten, und Du wirst sehr berrascht sein, Alles in so
vortrefflichem Zustande zu finden!
    Mi Eton! rief die Kranke - Mi Eton meine Wirthschaft gefhrt? Nun, das
mu ich sagen, berrascht mich - es ist aber recht viel guter Wille, und ich
danke, danke recht sehr, liebe Mi! Die Leute haben doch nicht Alles
verwahrlosen knnen; nicht wahr, liebe Mi, verschlossen hieltet Ihr das Meiste?
da werdet Ihr auch haben kennen lernen, wie unachtsam die Leute sind, wie wenig
man sich auf sie verlassen kann, wenn Ihr auch in zwei Stunden tglich nicht
viel Erfahrungen machen konntet - nun, ich danke sehr fr den guten Willen.
    Damit mt Ihr allerdings Euch gengen lassen, erwiederte Mi Eton
lchelnd - doch auch ich mu lobend Eurer Leute gedenken, die sich Mhe gaben,
mich zu untersttzen, und von denen ich leicht und pnktlich Alles erhielt, was
ich anzuordnen fr nthig fand.
    Nun, nun, sprach Madame St. Albans lachend, Ihr werdet es wohl gndig
gemacht haben, denn die wirthschaftlichen Anordnungen einer so jungen Dame
werden wohl leicht zu erfllen sein; das stt noch nicht um, mein Kind, wenn
ich behaupte, man findet bei sorgsamer Fhrung der Haushaltung wenig
Untersttzung bei den Domestiken, und wenn ich tglich nur zwei Stunden dran
setzte - wo denkst Du wohl, lieber Mann, da Haus und Hof schon hin sein
wrden?
    Gewi, meine Liebe, erwiederte Herr St. Albans etwas schnell - widmest Du
Deiner Haushaltung mehr Zeit, Du hast aber auch nicht die gromthige Pflicht
dabei bernommen, mit aufopfernder Sorgfalt eine todtkranke Freundin zu pflegen,
wie es Mi Eton that; und vielleicht, wenn Du erst kennen lernst, wie musterhaft
selbst in dieser kurzen Zeit alle Geschfte gethan wurden, findest Du selbst
spter, da man sich mehr Mue gnnen kann, und doch nichts zu versumen
braucht.
    Wirklich, Herr St. Albans? sagte die leicht aufgereizte Frau, mit groer
Empfindlichkeit, nun Ihr scheint auerordentlich mit Eurer neuen
Wirthschafterin zufrieden zu sein, da Ihr meint, ich, die lang' erfahrene Frau
Eures Hauses, solle in die Lehre gehen bei der jungen Mi! Da werde ich wohl
ganz verzagt sein mssen, mein Amt wieder anzutreten.
    Ich bitte Euch, liebe, theure Frau, beschmt mich nicht so durch Euren
Spott, rief Elmerice, ngstlich bittend sich zu ihr wendend. Nur zu wahr wird
es sein, da Alles, was ich that, Euch nicht gengen kann - Herr St. Albans will
sich blos gtig gegen meine gute Absicht zeigen.
    Herr St. Albans bedauerte gewi sehr, die heftige und eiferschtige Frau
gereizt zu haben aber er hatte diesmal nicht die Stimmung, den unangenehmen
Ausbruch durch seine dann immer eintretenden kleinen Schmeicheleien zu dmpfen,
sondern er stand schnell auf, und gegen Mi Eton sich verneigend, sagte er ernst
und ruhig: Seid gewi, Mi Eton, ich empfinde aufs Tiefste, welche Sttze Ihr
in dieser Schmerzenszeit uns Allen gewesen, und zweifelt nicht, meine gute Frau
wird Euch auch spter diese Anerkennung nicht versagen.
    Etwas erschrocken ber die feste Haltung ihres Mannes, rief Madame St.
Albans halb weinerlich: Aber um Gotteswillen, Herr St. Albans, Sie sind ja so
heftig, wie ich Sie noch nie gesehen! Wie knnt Ihr denn denken, ich werde
undankbar sein gegen Mi Eton? - wenn knnte man mir das nachsagen - habt Ihr
aber wohl Recht, gegen mich arme kranke Frau so heftig zu sein?
    Wenn ich das war, sagte Herr St. Albans in milderem Tone, hatte ich
allerdings Unrecht - doch war dies weder meine Absicht, noch mein Gefhl; ich
wnschte mir nur eine Gelegenheit, Mi Eton die volle Anerkennung zu gewhren,
die ihre groe Gte und Umsicht mir einflte. Jetzt will ich einmal selbst
meinen Geschften nachgehen, von denen Du frchtest, ich habe sie
vernachlssigt. - Er erhob sich, umarmte stumm und freundlich seine Gattin,
grte ehrfurchtsvoll Mi Eton und verlie mit ruhigem Anstande das Zimmer.
    Elmerice blieb nun in ngstlicher Spannung mit der Kranken allein. Sie
wnschte die Zrnende anzureden, aber sie fhlte sich vllig unsicher ber den
Gegenstand, den sie zur Unterredung whlen sollte. Endlich fing sie von den
verschiedenen Domestiken und deren Verhalten zu sprechen an, und frug, wie um
Belehrung, nach mehreren wirthschaftlichen Gegenstnden - aber alles wirkte
nicht. Ihr werdet das besser wissen, als ich, Mi Eton, wie ich so eben
erfahren habe, sagte sie milaunig, ich fand die Tugenden nicht an den Leuten,
die Ihr rhmt, aber ich sehe auch die Dinge, wie sie sind, mich knnen sie auch
nicht betrben. Lat Eure Schmeicheleien, ich bin eine einfache Frau, fr mich
pat das nicht; da Ihr Alles besser wit, braucht Ihr mich nicht um Rath zu
fragen - mir ist auch Alles ganz gleich - mag Alles gehen, wie es will, ich
mache mir gar nichts daraus.
    Dies waren ungefhr die hchst bellaunigen Reden, die Elmerice zur Antwort
bekam, und die ihr endlich ein ruhiges Schweigen auferlegten. Doch pltzlich
rief Madame St. Albans, nachdem sie einzelne Worte ausgestoen hatte: Wer htte
denken sollen, da Herr St. Albans mich so heftig behandeln knnte!
    Erschrocken nherte sich Mi Eton sogleich dem Lager der Kranken, und bat
sie herzlich und dringend, sich doch die Aeuerungen ihres Mannes nicht so zu
Herzen zu nehmen. Gewi war sein Lob nur das Bemhen, Euch ber Eure huslichen
Sorgen zu beruhigen, und vielleicht - setzte sie schchtern hinzu - glaubte er
selbst keinen Vorwurf verdient zu haben, da, wenn er seine Geschfte
vernachlssigt hat, dies aus Liebe und Sorgfalt zu Euch geschehen ist.
    Ja, ja, sagte die heftige und verzogene Frau, so ist es Recht: er
vertheidigt Euch, Ihr vertheidigt ihn, das kann nicht anders sein. Ihr habt Euch
beide sehr genau kennen lernen!
    Mi Eton fhlte hier etwas sich ihr aus den Worten der Madame St. Albans
aufdrngen, dem sie nicht mehr ihre gewhnliche Langmuth entgegenstellen konnte.
Wir haben sicher beide nicht geahnet, uns ber unser bisheriges Verhalten gegen
Euch vertheidigen zu mssen; liebe Madame St. Albans, erwiederte Elmerice mit
Ernst, erlaubt, da ich Marylone in Eure Nhe rufe - ich bin fr den
Augenblick, frchte ich, Euch lstig, ich will daher einen lang verschobenen
Brief an die Grfin d'Aubaine schreiben. Ohne von Madame St. Albans verhindert
zu werden, entfernte sich Mi Eton - aber nachdem sie das gute Mdchen zu ihrer
Herrschaft gesandt hatte, eilte sie, das Zimmer zu verlassen, da sie den
hervorbrechenden Thrnen nicht mehr zu wehren vermochte. Um so unangenehmer ward
sie berrascht, als ihr auf dem Vorsaale, den sie durchschreiten mute, um in
ihr Zimmer zu gelangen, Herr St. Albans entgegen trat. Er sah mit einem Blicke
die Stimmung des edlen Mdchen, das er so hoch zu verehren gelernt hatte, und
auch auf seinem Angesichte ruhte ein wehmthiger Ernst.
    Ich darf Euch nicht lassen, Mi Eton, sagte er, der schnell grend
Vorbereilenden in den Weg tretend - ich mu Euch um Euren Rath bitten -
versagt mir ihn nicht, setzte er tief bewegt hinzu, wenn Euch auch, wie ich
frchte, Eure neuesten Erfahrungen in meinem Hause gelehrt haben, wie unwrdig
wir noch Alle sind, einen solchen Schatz, wie Mi Eton, zu beherbergen.
    Ich bitte Euch, Herr St. Albans, stammelte Elmerice - treibt Eure Gte
gegen mich nicht so weit, da sie uns alle verlegen macht - und rechnet mir ganz
einfache Handlungen nicht als Verdienst an, da sie so leicht zu vollfhren
waren, und durch Ueberschtzung auch ihren geringen Werth ganz verlieren mssen.
Madame St. Albans wird sich freuen, Euch so schnell zurckgekehrt zu wissen;
besucht sie jetzt, es wird ihr wohl thun. -
    Nein, vergebt, Mi Eton, jetzt nicht! Ich mu Euch jetzt allein sprechen,
und ehe ich meine arme Frau wieder sehe, denn ihr steht eine neue Erschtterung
bevor. -
    In diesem Interesse aufgefordert und selbst beunruhigt durch die Stimmung
des Herrn St. Albans, eilte Elmerice zu einem der eichenen Sthle im Salon, sich
niederzulassen.
    Ich wei Euch Eure gromthige Nachgiebigkeit nicht genug zu danken, Mi
Eton, sprach Herr St. Albans bewegt, Elmerice's Hand an seine Lippen drckend;
aber urtheilt von meiner Unruhe, als ich so eben diesen Brief von dem Schlosse
Ste. Roche erhalte, der mir die tdtliche Krankheit der Mistre Gray, meiner
Schwiegermutter, anzeigt. - Vielleicht habt Ihr von dieser unglcklichen und
menschenscheuen Frau schon Einiges gehrt; doch ist ihr Leben so ber allen
Ausdruck von der gewhnlichen Form aller anderen Menschen abweichend, da man
sie selbst und ihre ganze Existenz als ein Geheimni ansehen mu. Sie hat sich,
das Schicksal ihrer Gebieterin zu theilen, mit der sie, ihre Tochter, meine Frau
verlassend, aus England nach Frankreich kam, in das Schlo von Ste. Roche
vergraben. - Wie das Verhltni dieser ihrer Gebieterin war, welch' ein Recht
sie an den Grafen von Crecy hatte, dem frher diese Besitzung gehrte, bleibt
ihr Geheimni; aber nach dem Tode derselben, die wenigstens lange als Herrin des
Schlosses betrachtet ward, gab sich Mistre Gray dem finstersten Menschenhasse
hin und verschlo sich in dem Theile des Schlosses, den sie mit jener
unglcklichen Frau bewohnt hatte, um von da an keinen Menschen mehr zu sehen,
als zuweilen meinen Vater, den Kastellan des Schlosses, der ihre kleinen
Bedrfnisse nach Auen besorgte. - Seit seinem Tode ist sie noch mehr
abgeschlossen. - Die Kinder der Nachbaren, denen sie einzig und allein Eingang
gestattet, sorgen jetzt fr ihre Bedrfnisse, aber keiner der Aeltern dieser
Kleinen darf wagen, ihr zu nahen. Was der Graf Crecy fr Grnde gehabt haben
mag, meine Schwiegermutter als unanrhrbar anzusehen, wei ich nicht. Gewi ist
es, da sie eine groe Pension bezieht, da bei seinen Lebzeiten die strengsten
Befehle ergingen, Mistre Gray in nichts zu beunruhigen, genau sich ihren
Anordnungen zu fgen, und da seinen Erben dies auch noch im Testament als
unerlliche Pflicht vorgeschrieben ist. Meine Frau, welche in der Familie des
Herrn Lester erzogen ward, begleitete damals Eure Mutter, Mi Lester, nach
Frankreich. Hier sah ich Mi Gray zuerst, als sie ihre Mutter in Ste. Roche
besuchte; aber das arme Kind fand an der dstern, strengen Frau keine Mutter,
und hat sie nie an ihr gefunden. Dessen ungeachtet lie meine gute Frau nie ab,
kindliche Pflichten gegen sie zu erfllen, so viel ihr dies erlaubt war; denn
Mistre Gray verlugnete es gar nicht, da selbst die Nhe ihrer Tochter ihr
lstig sei, und trostlos, sie so allein und verlassen in ihrem hohen Alter zu
wissen, nahm diese dem Arzte von Ste. Roche das Versprechen ab, bei eintretendem
Erkranken ihrer Mutter, sie sogleich davon zu benachrichtigen. Dieser Augenblick
ist gerade jetzt gekommen. Der Arzt schreibt mir, da er erst jetzt nach
mehreren Tagen, da der Zustand schon hchst bedenklich scheine, ihre Krankheit
erfahren habe, und treibt meine Frau zur Eile, wenn sie die letzten kindlichen
Pflichten an ihr erfllen wolle. - Denkt nun selbst, liebe Mi Eton, in welcher
bsen Lage ich bin! Wie darf ich diese Nachricht meiner Frau bei ihrer
Reizbarkeit mittheilen, ohne eine neue Gefahr ber sie zu bringen, und wie darf
ich es ihr verschweigen, da sie mir, wenn der Tod ihrer unglcklichen Mutter
eintreten sollte, diese Schonung zum ewigen Vorwurf machen, und sich in ihrer
kindlichen Liebe aufs Tiefste verwundet fhlen wrde.
    Mi Eton war sehr erschttert von dieser Mittheilung und, gleich dem
besorgten Gatten, sehr beunruhigt um die Wirkung dieser Nachricht, die zu
verschweigen eben so gefhrlich war, als sie mitzutheilen.
    Eben hatten Beide verabredet, den Pater Ambrosius in Rath zu nehmen, und
waren in Begriff, sich zu trennen, als die Thre aufging und zu Beider groer
Ueberraschung Madame St. Albans, auf den Arm Marylone's gesttzt und vllig
gekleidet, obwohl noch schwankend und bla, in den Saal trat.
    Das Erstaunen war gegenseitig; Madame St. Albans, die ihren Mann im Felde
glaubte, Mi Eton auf ihrem Zimmer, schien am Boden gewurzelt, als sie Beide in
eifriger, traulicher Unterredung vor sich sah.
    Gewi war das Gefhl der beiden so Ueberraschten, nach dem, was sie so eben
mit dieser argwhnischen Frau erlebt, nicht minder verwirrend, da ihnen
einleuchtete, da sie die Ursache dieses Beisammenseins noch nicht im Stande
waren, auszusprechen. Daher war ein Augenblick, der Alle zur Freude berechtigte,
jetzt nur gekommen, sie unsanft zu berhren.
    Herr St. Albans empfand jedoch zu aufrichtig die Freude, die in diesem
Erscheinen seiner Frau als Zeichen der Genesung lag, als da nicht bald alles
Andere in seiner Seele davor gewichen wre. O, meine Liebe, rief er, ihr
entgegen eilend, wie berraschest Du mich - wie glcklich fhle ich mich, Dich
so begren zu knnen!
    Doch Madame St. Albans wies seine Hand ziemlich unsanft zurck, und indem
sie Marylone befahl, das Zimmer zu verlassen, ging sie, sich von ihrem Manne
abwendend, mit schwankenden Schritten auf Mi Eton zu. Ich beklage, Mi Eton,
sagte sie bebend vor Zorn, da meine zu frhe Genesung, wie es scheint, die
traulichen Zusammenknfte mit meinem Manne nunmehr unterbrechen wird - jedoch
ist es mir immer lieb, da ich Gelegenheit bekam, die treue Sorgfalt kennen und
wrdigen zu lernen, die Ihr meinen huslichen Angelegenheiten schenktet; da sie
sich bis auf das Herz meines Gemahls ausdehnen wrde, habe ich freilich der
Tochter meiner Margarith nicht zugetraut.
    Halt' ein, unglckliche Frau! - rief hier Herr St. Albans in der
schmerzlichsten Heftigkeit, und schlo die zrnende Frau fast mit Gewalt in
seine Arme. - O versndige Dich nicht so grausam an diesem reinen Engel! denke,
da Du Dich an der Tochter Deiner Magarith versndigst!
    Versndigen! versndigen! rief Madame St. Albans, ihren Mann
zurckstoend, - mir scheint, Du httest dies bereits gethan, und nicht mir
wre dieser Vorwurf zu machen. - Ich habe mit Dir ber diese Angelegenheit
nichts zu sprechen. nur Mi Eton wird sicher vorziehen, zu ihrer erhabenen
Beschtzerin zurck zu kehren, die vielleicht in ihrer hohen Bildung
gleichgltiger gegen solche Handlungen ist, als ich, die schlichte, ehrliche
Hausfrau, die nichts als ihren einfachen Menschenverstand und etwas gesunde
Vernunft hat. Auch meine Wirthschaft - fuhr sie lachend fort, hoffe ich ohne
das Vorbild der durch sie eingefhrten neuen Ordnung, wie bisher, und allein
leiten zu knnen.
    Ich bitte Euch, Mi Eton, entfernt Euch! rief hier Herr St. Albans - ich
kann Euch nicht so hart in meinem Hause beleidigen hren, und kann nicht anders,
als mit Mitleiden an die Beschmung meiner unglcklichen Frau denken, wenn sie
erkennen wird, wie grausam sie Euch eben beleidigte; da dies geschehen wird,
seid gewi, und wenn Ihr dies Haus, wie ich frchte, nun als ein unwrdiges
fliehen werdet, wird Euch doch die grte Hochachtung von uns Allen folgen.
    Mi Eton hatte sich whrend dieser ganzen Scene bleich, und von den grausam
ber sie ausgeschtteten Beleidigungen erstarrt, an ihren Stuhl gelehnt, sie
fhlte sich auer Stande zu antworten, war wie zum Tode verwundet von den wild
rollenden Augen dieser Frau, und sich als den Gegenstand ihres Zornes zu fhlen,
war der grte Schrecken, den sie je empfunden. Sie lie es daher geschehen, als
Herr St. Albans ihre zitternde Hand ergriff, sie nach der Treppenthre fhrte,
die er ihr ffnete, und sie dann entlie, obwohl er deutlich sah, wie sie kaum
die Kraft hatte, die Stufen zu ersteigen.
    Wir bergehen das etwas lebhafte, und zwischen Verlieren und Gewinnen
schwankende Gesprch der beiden Ehegatten, berzeugt, da nach den Angaben, in
welchen wir bisher versucht haben, den Karakter Beider zu schildern, dies billig
verdeckt bleiben kann.
    Madame St. Albans hatte bei der Rckkehr ihres Mannes sich in einen Sitz
niedergelassen, in ihrem getrumten guten Rechte durch die feste und zrnende
Haltung desselben etwas erschttert. Herr St. Albans aber fhlte im Verlauf der
Unterredung, da hauptschlich die Eitelkeit seiner Frau verletzt sei durch das
etwas warme Lob, das er dem wirthschaftlichen Talente der Mi Eton gezollt. Wie
alle beschrnkten Frauen, die all ihren Verstand nthig haben, um ihrem
Haushalte vorzustehen, hielt sie diese Pflichten fr unvertrglich mit hherer
Bildung und deren Beschftigungen, und trstete sich sehr dnkelvoll mit der
Ueberzeugung, solche Frauen knnten ihre Pflichten nie vollstndig erfllen. Sie
hatte sich lngst gewhnt, mit ironischem Stolze darauf hinzublicken, wobei sie
nie unterlie, mit dem unbescheidensten Selbstgefhl ihre eigene Sphre klein
und unbedeutend zu schelten, indem sie sich aber Prdikate beilegte, die
wirklich zu besitzen, nur das Streben und das Resultat der hchsten
Vervollkommnung sein kann. Sie hatte sich mit lobenswerthem Eifer den Pflichten
unterzogen, die die groe Haushaltung ihres Mannes ihr berlieferte, aber
unfhig, Plan und regelmige Ordnung in ihre und der Domestiken Geschfte zu
bringen, hielt sie stetes Selbstarbeiten fr das Geheimni aller guten Ordnung.
    Ganz anders war die Erziehung, die Mi Eton durch das Beispiel ihrer Mutter
erhalten hatte. Sie verstand vollkommen, die Geschfte ihrer Haushaltung dem
eigentlichen Leben unterzuordnen. Die strengste Ordnung war gerade nthig, um
dies geruschlose Dasein des nothwendigen Betriebes mglich zu machen. Sie erzog
ihre Leute zum Selbstdenken, und indem sie ihnen die Form vorschrieb, in die ihr
Geschft einpassen mute, gnnte sie ihnen in dieser Grenze die Willkr eigner
Bewegung. Das ganze Rderwerk dieses Treibens war in eine Art Geheimni gehllt,
niemals gewahrte man queer einlaufend, unregelmige Thtigkeit, nie das Stren
oder Aufhren des huslichen, geselligen Beisammenseins. Mistre Eton legte den
hchsten Werth auf die Erfllung ihrer huslichen Pflichten, aber sie hatte
Geist und Bildung, um den Gegenstand zu durchdringen, sie schienen ihr immer nur
die Mittel zum Zweck, nie der Zweck selbst. Diesen Zweck, das Wohlbehagen Aller,
die ihr anvertraut waren, zu bewirken, erreichte Mistre Eton vollstndig, dies
schien ihr der Lohn, den sie beabsichtigte, und sie trachtete nie durch in die
Augen fallende Abmhung die Aufmerksamkeit oder den Dank ihres Mannes zu
fesseln.
    In diesem Sinne hatte Mi Eton die ihr hier durch die Umstnde auferlegten
Pflichten geleistet. Leicht fanden sich die Domestiken in die ruhigen, klaren
Anordnungen, die pltzlich diese, von den ewig auf sie niederstrmenden Worten
ihrer Hausfrau zu Maschinen gewordenen Leute zu einer Art von Freiheit erhob,
die ihnen doch genauer, als frher, ihre Pflichten bezeichnete. Worin der ewige
husliche Embarras ihrer Wirthin lag, hatte Mi Eton lange erkannt; aber es war
ihr nur eine wiederholte Erfahrung, da, wo die Kraft des Geistes fehlt, einen
Gegenstand in seinem Wesen aufzufassen, eine regellose Thtigkeit eintritt, die
bei ihrer nothwendigen Belstigung das Individuum zu Dnkel und Anmaung fhrt,
die es mitrauisch und tadelnd jeder andern Weise entgegen stellt.
    Es lt sich kaum sagen, in welchem Grade Madame St. Albans von der
Mittheilung ihres Mannes ber Mi Eton's wirthschaftliches Verhalten berrascht
war, und mit welchem Zorne sie der Gedanke erfllte, ihr Mann knne darin irgend
einem Wesen der Erde den Vorzug geben. Sie hatte nicht ohne eine gewisse
Koketterie darnach getrachtet, ihm die hchste Meinung von ihrer Thtigkeit,
Umsicht und der groen Last zu geben, welche sie trge. Ganz erschpft von
diesen Sorgen sich darzustellen, und damit ihre eigenthmliche, oft mrrische
und bellaunige Art zu entschuldigen, war immer das Mittel, womit sie ihren
unendlich sanften und zu jeder Anerkennung stets bereiten Mann an sich zu
fesseln suchte, und ihn ber die Lcken tuschte, die der hher gebildete Mann
erkannte, und doch gegen die so in Anspruch genommene Frau zu rgen, ihm ein
Unrecht schien. - Herr St. Albans wute daher auch mit der Art, die ihm dieser
reizbaren Frau gegenber zur Gewohnheit geworden war, diesen Feind in ihr durch
seine Schmeicheleien zu beschwren - und als er sie nur erst ruhiger sah, gelang
es ihm bald, sie zur Anerkennung ihres Unrechts gegen Mi Eton zu bringen.
    Sei es nun, da die heftige Gemthsbewegung die letzte Schwche der
Krankheit von Madame St. Albans genommen hatte - sei es, da der Augenblick
ihrer Genesung wirklich gekommen war - genug, im Laufe des Gesprchs fhlte ihr
Gemahl sich ganz ermuthigt, ihr die Lage der Dinge auf Ste. Roche mitzutheilen
und damit auch sein letztes Beisammensein mit Mi Eton zu erklren.
    Die arme Frau fhlte sich durch diese Mittheilungen mehr in ihrem Geiste,
als krperlich berwltigt; aber wir drfen zu ihrer Ehre es nicht unerwhnt
lassen, da ihr das Unrecht, das sie Mi Eton gethan, sehr zu Herzen ging und
sie durchaus selbst zu ihr hinaufsteigen wollte, ihr Abbitte zu thun. -
    Die Stimmung der armen Elmerice war keinesweges so ruhig, als wir es ihrem
unschuldigen Herzen zutrauen wrden. Die Beschuldigung selbst hatte sie
verwundet, aber ob sie gerechtfertigt werde oder nicht, es blieb gleich fr sie;
das Haus, wo sie dies erfahren, mute sie jedenfalls verlassen. Aber hierin lag
eine Flle von Sorgen fr sie, deren Grund uns noch entzogen bleibt: denn eben
so unmglich schien es ihr, jetzt zu ihrer Wohlthterin zurckzukehren. So
fhlte sie denn zuerst, da ihr eine Heimat fehle, eine immer fr sie bereitete
schtzende Sttte, wie das lterliche Haus in so jungen Jahren das einzig
wahrhaft ausreichende Asyl bleibt, und eine Flle heier Thrnen flo dem
Andenken dieser so schn, so vollstndig besessenen und nun fr immer
entschwundenen Zuflucht. O meine Aeltern, sprach sie - shet Ihr Euer armes
Kind in solcher Lage, knntet Ihr mir noch die Arme ffnen, die mich so lange
schtzend umschlossen! - Da kam ein stiller, ser Friede in ihr Herz, wie der
Segensku dieser ehrwrdigen Beschtzer, und auf ihre Kniee sinkend, konnte sie
innig beten - beten um die Kraft, das Rechte zu thun.
    Leise hatte Madame St. Albans die kleine Treppe erstiegen und trat jetzt
laut weinend in Elmerice's Gemach. - O, Tochter meiner Margarith, wirst Du mir
vergeben? sprach sie laut schluchzend, indem sie an der Thre stehen blieb. Und
Elmerice? - Elmerice stand auf und empfing die Reuige, wie man es thut, wenn man
gebetet hat, und Gottes Frieden unser Herz erquickt. Sie war ohne Thrnen,
ruhig, ernst, aber weich und wohlthuend in jedem Laut, in jeder Bewegung, und
Madame St. Albans fhlte unwillkrlich eine Art Ehrfurcht vor dem reinen, hohen
Geiste, der ihr so ohne Absicht, ohne Anmaung entgegen trat.
    O, mein Kind, wie danke ich Dir, da Du durch Deine schnelle Vergebung
diese eine groe Last von meiner Seele genommen, da, was mich auerdem
niederbeugt, schon hinreichend ist - mein guter Mann hat mir den Brief aus Ste.
Roche mitgetheilt.
    O, mein Gott! rief Elmerice erschrocken, wie viel strmt auf Euch ein,
arme, unglckliche Frau! Fat Euch doch nur, und sagt mir, ob ich Euch helfen,
ob ich Euch dienen kann!
    Ach, Elmerice, sagte Madame St. Albans weinend - versprich mir nur
zuerst, da Du mich nicht verlassen willst; denke, wenn Du so zu Deiner Grfin
zurckkehrtest und ihr sagtest, ich htte Dir das Haus verboten!
    Denkt daran frs Erste nicht, erwiederte Elmerice, wir haben Wichtigeres
zu berlegen; sagt mir, was Ihr beschlossen habt in Bezug auf jene Nachrichten.
    Was ich beschlossen habe? rief Madame St. Albans mit ihrer gewohnten
Energie - nun, was Anderes, mein Kind, als hinzureisen zu dieser armen
verlassenen Mutter.
    Aber jetzt, in diesem Zustande von Schwche, entgegnete Elmerice - wie
werdet Ihr das aushalten, welchen Gefahren setzt Ihr Euch aus! -
    Das ist Alles wahr, meine liebe Elmerice, aber darum kann ich doch nicht
bleiben. Ich habe zwar Herrn St. Albans nicht abgehalten, zu dem guten Pater
Ambrosius zu gehen und ihn in Rath zu nehmen, aber ich habe das nur zugelassen
zu seiner Beruhigung - mein Entschlu steht fest, und kein Herr St. Albans, kein
Pater Ambrosius wird mich abhalten, meine kindlichen Pflichten zu erfllen. -
    So wird Euch doch wohl Herr St. Albans begleiten? fragte Elmerice
gespannt. -
    Herr St. Albans, mein Kind, kann mich nicht begleiten; unsere Wirthschaft
darf nicht ganz zu Grunde gehen - nein, nein, ich wrde dies niemals leiden!
    Nun, so nehmt mich denn mit, rief Elmerice entschlossen - ich will fr
Euch sorgen, ich will Euch pflegen und, so weit ich es vermag, untersttzen;
denn niemals kann ich zugeben, da Ihr in diesem gefhrlichen Zustande ohne
andere Begleitung, als die eines Mdchens, reist.
    Madame St. Albans schwieg einen Augenblick, dann breitete sie die Arme gegen
Elmerice aus, und mit kurzem, heftigem Schluchzen sprach sie: Komm' her! komm'
an meine Brust! Du bist, wei Gott, meiner Margarith echtes Kind! So war sie
auch - nie nachtragend, schnell vershnt und dann zu jedem Liebesdienste bereit.
Doch mitnehmen kann ich Dich leider nicht - wo ich hingehe, das ist ein hchst
wunderlicher Ort, und fr Dich kein Obdach zu finden - wei ich doch kaum, ob
meine arme, menschenscheue Mutter mich, die eigene Tochter, bei sich aufnehmen
wird; eine Fremde darf ihre Schwelle nie mehr betreten.
    Gut, erwiederte Elmerice - so werde ich in Eurer Nhe ein Obdach finden.
- Es liegt ein Dorf bei dem Schlosse, es lebt ein Geistlicher dort - irgend wo,
vielleicht selbst in einem andern Theile des Schlosses werde ich ein
bescheidenes Unterkommen finden, und dann die Beruhigung genieen, mit Euch die
am meisten zu frchtende Hinreise gemacht zu haben und in Eurer Nhe zu sein,
solltet Ihr, was Gott verhte, Hlfe bedrfen. -
    Ach, mein Kind, das sind alles Opfer, denen Du nicht gewachsen bist! Da
knntest Du in Lagen kommen, aus denen ich Dich nicht einmal erlsen knnte,
wrest Du erst einmal da. -
    O streitet nicht lnger mit mir, erwiederte Elmerice dringend - ich bin
eben so entschlossen, als Ihr selbst, und wei, da ich meinen Krften besser
vertrauen darf, als Ihr es annehmen wollt; darum lat uns jetzt an nichts
denken, als wie wir so leicht und gut, wie mglich, diese nothwendige Reise
einrichten wollen. -
    Da sei Gott fr, da ich Dich eben jetzt wieder beleidigen mchte, und an
Deinem guten Willen zweifeln - ich bin ganz davon durchdrungen und fge mich,
wenn Du darauf bestehst, in Deinen Beschlu.
    Nun, so lat uns nicht sumen, geniet jetzt etwas der Ruhe, liebe Madame
St. Albans, und lat mich sorgen, da ich Alles zur Abreise vorbereite.
    Ja, und zwar auf morgen frh, sagte Madame St. Albans entschieden, denn
schwere, schwere Ahnungen bengstigen mich - ich will nicht zu spt kommen, was
an mir liegt. -
    Elmerice fhrte Madame St. Albans nach ihrem Schlafzimmer, und als sie fr
ihre Ruhe gesorgt, eilte sie, mit Marylone die nthigen Anstalten zu verabreden.
    Herr St. Albans kehrte gegen Mittag mit Pater Ambrosius zurck, und Beiden
blieb, dem energischen Willen der Kranken gegenber, kein Mittel, als in ihre
Abreise einzuwilligen. Dabei hob Madame St. Albans mit groem Lobe das
Anerbieten der Mi Eton hervor, und so sehr Herr St. Albans auch vor der Gre
dieses Opfers erschrak, fhlte er doch, welche Wohlthat es war; erst von da an
fgte er sich mit einiger Ruhe in diese bedrohende Reise.
    Obwohl das erste Zusammentreffen mit ihm und Mi Eton nicht ohne
Verlegenheit blieb, traten dennoch die zunchst liegenden, so wichtigen Umstnde
bald so dringend hervor, um nicht jede andere Empfindung in den Hintergrund zu
stellen. Es war keine kleine Arbeit, Madame St. Albans reisefertig zu machen,
und alle ihre huslichen Befrchtungen und Zweifel zu beseitigen. Es gehrte die
immer gleiche ernste Ruhe und Geduld der Mi Eton dazu, um nicht an so viel
Widerstand und Peinlichkeit den Muth zu verlieren. Doch gelang es ihr endlich,
das Haus bestellt und den Reisewagen gepackt zu sehen, und sie zog sich auf ihr
Zimmer zurck, die wenigen Stunden der Nacht bis zur Zeit der Abreise sich
selbst zu leben.
    Fast betubt von den Eindrcken des Tages, rang ihr Geist, sich zur Klarheit
empor zu arbeiten, und so weh und gebeugt sie sich fhlte, mute sie diese
ngstliche, traurige Reise doch als eine Wohlthat erkennen, da ein lngerer
Aufenthalt in diesem Hause ihr jetzt fast unertrglich geschienen htte, und ihr
doch keine andere Zuflucht brig blieb.
    Es giebt Augenblicke im Leben, die in uns bis auf das letzte Fnkchen alle
leise gehegten Hoffnungen auslschen, indem sie uns eine Klarheit der Seele
leihen, durch die wir alle Illusionen selbst vernichten und von Allem
zurckgetrieben, was wir festzuhalten trachteten, nichts brig behalten, als die
Sehnsucht, vor der wir uns vergeblich zu flchten suchen, die immer wieder den
kaum haftenden Verband von unsern Wunden nimmt und sie bluten lt - ach, nur so
viel, um die Kraft der Jugend, den Muth zum Leben zu entkrften, nicht bis zur
sen Todesruhe!
    So fhlte Elmerice - sie sah ihre Lage klar und deutlich, sie wendete sich
ab von jeder Hoffnung - aber die Sehnsucht schwellte ihr junges Herz, und sie
fhlte eine tiefe Ermdung, wenn sie an das dachte, was ihr noch brig blieb
nach dem, was sie hatte aufgeben mssen.
    Gegen Morgen schrieb sie ihrer Wohlthterin noch einige Zeilen, ihre lngere
Abwesenheit durch die Krankheit der Madame St. Albans entschuldigend; ihre Reise
verschwieg sie dagegen, frchtend, dadurch die zrtliche mtterliche Freundin zu
beunruhigen.

Die Wlder von Ste. Roche waren berhmt. - Auch glichen sie mit ihren kolossalen
Stmmen, ihren gewaltigen, in die Luft in einander geflochtenen Kronen den
Bildern, die uns ein fremder Welttheil von den Urwldern gegeben hat, in denen
die Axt niemals erklungen und der Vegetation ihr eigenes despotisches Walten
gestattet ist. Mit Ranken, Moos und Schlinggewchsen jeder Art berwuchert,
sehen wir das zum krftigen Widerstand unfhige Stmmchen am Boden sich
hinschmiegen, dem mchtigen Stamme weichend, der sich mit dieser Unterdrckung
doppelt Platz gewann und, zu sulenartiger Pracht emporstrebend, das heitere
Gewlbe seiner hundertfltigen Zweige leicht gen Himmel trgt. Die Sonne bahnte
sich hier nur selten den Weg - nur in einzelnen glnzenden Lichtstreifen
erreichte sie den Boden, der in der ppigsten Abwechselung bald das kurze,
saftige Moos der Laubwlder, bald die lustig durch einander geschlungene
Vegetation der mannigfachsten Ranken, Blten und Waldbeeren zeigte. - Der Weg,
den die Reisenden passiren muten, schlang sich wie ein Geheimni durch hin,
bald ganz verschwindend, bald nur in leichten Andeutungen wahrzunehmen. - Das
eigene majesttische Gesprch der hohen Laubkronen mit der oberen Luft, die sie
erreichten, ward allein unterbrochen durch das Geschwtz der kleinen lustigen
Waldbche, die zwischen hohen bemoosten Felsstcken sich ihr grnes Bettchen
ausgehlt hatten, und nun sorglos, wie Kinder zu den Fen der Aeltern,
spielten, whrend das niedere Gebsch eine lockende Wiege fr die junge Brut
zahlloser Vgel war, die mit ihren Nestchen unter den jungen Zweigen hockten.
Dazwischen gingen die schlanken Bewohner des Waldes mit ihren glnzenden,
vielzweigigen Geweihen in groen Gesellschaften in ihrem weiten Palaste umher,
und sahen mit stolzer Ruhe den lustigen Hasen nach, wie sie in ewiger, unntzer
Eile vorber jagten und die Eichhrnchen in die Luft schreckten, die mit klaren
Augen von der hohen Wohnung argwhnisch auf die verschiedenen Gesellschaften
niederblickten.
    Leicht war aus dem Leben dieser Wlder das Schicksal der Besitzungen von
Ste. Roche zu erkennen. Sie waren von den Menschen vergessen, weder zum Nutzen,
noch Vergngen mehr bestimmt, ihrem inneren Bedrfnisse zur freien Entwickelung
berlassen, und wahrlich ein hchst eigenthmliches Bild stolzen Naturlebens!
    Am Abend des Reisetages sahen sich die Damen in dem Theile des Waldes, der
unmittelbar an das Schlo Ste. Roche grenzte. Sie hatten am Mittag aus dem
Kloster Tabor einen Fhrer mitgenommen, durch dessen Weisung es ihnen allein
gelang, auf dem rechten Wege zu bleiben; jetzt verkndigte er ihnen die Nhe von
Ste. Roche, und beide Frauen hrten diese Mittheilung mit groer Bewegung an.
    Mi Eton, es ist wahr - hob Madame St. Albans an - da ich mich niemals
diesem alten Wohnsitze meiner Mutter nahe, ohne eine Art Herzklopfen zu fhlen.
Aber gewi ist es auch, da schwerlich ein zweiter Ort gefunden werden soll, an
dem so viele und unerhrte Histrchen haften, als an diesem alten Schlosse. Wenn
Ihr es sehen werdet, so wird es Euch mglich scheinen, da hier alles
Abenteuerliche Raum fand, was davon erzhlt wird - seht, ich bin keine
leichtglubige Thrin, aber ich selbst knnte denken, es sei hier nicht, wie
sonst in der Welt, zugegangen, und obwohl der neue Besitzer Alles thut, den
Verfall zu hindern, geschieht doch auf ausdrcklichen Befehl und nach
testamentarischer Verordnung des verstorbenen Grafen Crecy nichts, um dies
wunderbare Aeuere zu verndern. - Ach, Elmerice, hob sie nach einiger Zeit an,
wie werde ich Alles dort finden! eine Leiche oder eine Sterbende?
    Hierauf lie sich schwer antworten, und Mi Eton frug daher: ob Mistre Gray
viel gekrnkelt habe? -
    Ach, seht, das ist, wie man es nimmt - gesund war sie nie recht, wenigstens
seit ich sie kenne - aber selten, selten, da sie dem nachgab - ehe sie nicht
niederfiel, in ihr Bett getragen werden mute, gab sie keiner Krankheit nach,
ja, auch dann hatte sie noch tausend Eigenheiten und widerstrebte immer in den
Anordnungen zu ihrer Pflege; und des Nachts, wo jeder Mensch schon bei gesunden
Tagen Gott danken wrde, dort Jemand um sich zu haben, schliet sie sich ein,
und Niemand darf bei ihr bleiben. -
    Welche wunderbare Frau mu Eure Mutter sein! rief Elmerice unwillkrlich,
und welch' Verlangen hege ich, sie zu sehen!
    Ja, sagte Madame St. Albans - so wunderbar, wie ihr altes Schlo; aber
Ihr werdet von Beiden wenig zu sehen bekommen. Denkt Ihr, da ich schon je
weiter kam, als in den groen Vorsaal, den meine Mutter bewohnt? Seht, der liegt
wie ein Riegel vor den weitlufigen Gemchern, die einst die Gebieterin meiner
Mutter bewohnte, und seit ihr Sarg daraus weggetragen ward, haben sie sich nie
wieder einem menschlichen Futritte geffnet, als dem meiner Mutter. Aber sie
hlt ihre Andacht dort, sie lebt hier ein verzehrendes Leben der gramvollsten
Erinnerung, sie - ach, Gott vergebe mir! - sie, glaube ich, schwrt hier immer
aufs Neue allen Menschen Ha. Seht, das sind Dinge, die an dem gesunden
Menschenverstande meiner Mutter verzweifeln lassen, gbe sie nicht sonst Proben,
da er ihr sehr gegenwrtig ist.
    Aber was sagt man denn so Unerhrtes von diesem Schlosse? frug Elmerice
weiter; denn sie konnte ihr lebhaft erregtes Interesse nicht mehr verbergen.
    Ach, seht, Mi, so lange es steht, hat es wenig guten Ruf. - Es war zuerst
ein knigliches Jagdschlo, und man sagt, Heinrich der Zweite habe hier eine
schne Freundin verloren, die seine Gemahlin, Katharina von Medicis, habe
ermorden lassen. In einem Thurme, der damals das kleine Schlo begrenzte, zeigt
man ein Zimmer, das noch in schnen geschnitzten Holzwnden von dereinstiger
Pracht zeugt; da soll Heinrich die schne Eudoxia Nemours gefunden haben, wie
sie ihm nur noch die blutende Wunde zeigen konnte und dann verschied. Seitdem
heit er Eudoxien-Thurm, und Alle wollen darauf sterben, Eudoxia sitze noch
zuweilen in ihren weien Gewndern auf dem kleinen Altan und sehe in den Wald
hinein, wo sie sonst den Knig daher kommen sah. - Solche Geschichten haben nun
wenig Reiz fr mich; auch sah ich sie nie, und mu sie wandern und vergebens
warten, geschieht ihr Recht: solche Frauenzimmer bereiten sich ihr Loos selber;
- aber seht, freilich spter, sagt man man, sei nie viel Anderes, als Unglck
hier geschehen und geschmiedet worden. Katharina von Medicis baute das
Schlchen oder den Flgel rechts daran, und die groen Wlder umher lieen hier
prchtige Jagdpartieen zu; aber immer geschah ein Unglck - es verschwand Jemand
oder ward offen wo ermordet, und man sprach schon damals, da die bse Knigin
den Ruf des Schlosses benutze, die heimliche Rache, die sie an Einem oder dem
Andern ausben wolle, auf den aberglubischen Spuk des Schlosses zu wlzen. So,
sagt man, habe man sich gefragt, wenn die Gste sich auf ihren despotischen Ruf
hier versammelten, wer wohl das bezeichnete Opfer sein werde - ich aber sage:
die Narren, da sie gingen! - mich htte sie einladen knnen, so viel sie Lust
gehabt htte, ich wre doch nicht gekommen.
    Die damalige Zeit, erwiederte Elmerice, hat freilich manchen Zwang
auferlegt, der wenigstens jetzt nicht mehr in so offener Gewalt hervortritt,
obwohl noch manches sehr Harte unter Ludwig dem Vierzehnten und selbst unter
seinem Nachfolger, dem jetzigen Knige, mglich sein soll.
    Ach, seht mein Kind, das sprengen die Hofleute nur so aus, damit man sie
nicht auslachen soll, wenn sie immer ber die Last seufzen, bei Hofe erscheinen
zu mssen, da sie sich doch hindrngen, so viel sie knnen. Das habe ich damals
fr mein ganzes Leben lang heraus bekommen, als wir, ich und Deine Mutter, zu
Gaste waren in dem groen Hause d'Aubaine, bei den Eltern Deiner Grfin. Sieh',
Kind, da hie es immer von dem Hofzwange - aber hoftoll waren sie; denn gab es
ein Fest, so waren sie alle in Fieberangst, ob sie auch eingeladen wrden, ob
auch zur rechten Zeit, nicht spter, als sie berechnet hatten, da es ihnen
zukme - und erschien der Tag, so waren sie so wichtig, so gehoben und mitleidig
gegen uns arme brgerliche Mdchen, da ich sie alle auslachte, wenn sie den
Rcken wendeten, denn nicht wie zum Fest zogen sie hin, sondern wie zu einem
Leichenbegngnisse, so ernst und beklommen. Aber das war lauter Hochmuth, Furcht
vor Demthigungen, da sie doch, wie sehr sie sich auch erhoben, immer wieder
Einen aussprten, der sich ber sie erheben wollte; und da nahmen sie denn ihre
Strafe damit hin, denn jeder tolle Hochmuth straft sich selbst.
    Seit wie lange gehrten diese Besitzungen denn dem Grafen von Crecy?
unterbrach Elmerice die sich erhitzende Madame St. Albans. -
    Katharina von Medicis schenkte sie einem Grafen von Crecy, der ihr manchen
erlaubten und unerlaubten Dienst geleistet haben soll, aber das Unglck hatte
sich nicht mit dem neuen Besitzer verndert - es ging so fort. - Man sagt, diese
Besitzungen waren einem Landsmanne der Knigin, einem Marquis Spinola, zugesagt.
Da verlor der Herr Graf Crecy durch unordentliche Wirthschaft sein ganzes
Vermgen, und bestand nun bei der Knigin darauf, sie solle ihm helfen; aber
Geld war da oft rar - genug, sie hatte nichts, aber den Grafen gebrauchte sie,
der Spinola nutzte ihr nicht mehr - da soll denn hier wieder eine Jagdpartie
veranstaltet worden sein, und Spinola und Crecy, die wie gereizte Tieger gegen
einander waren, sollen Streit gehabt haben, den die Knigin anfachte. - In dem
Schlafzimmer Spinola's hrte man spter in der Nacht Geschrei und
Waffengeklirre, man hatte nach einigen Augenblicken der Ruhe den Grafen Crecy
daraus entfliehen sehen - was da geschah, ist nie entdeckt worden; als aber die
Kammerfrauen auf ihr Geschrei zur Knigin gingen, lag die Leiche Spinola's, mit
vielen Dolchstichen durchbohrt, vor ihrem Bette. Die Blutspur war zu sehen von
seinem Zimmer bis dahin, wo er starb - man sagt, mit einem Fluche gegen die
Knigin und das Geschlecht der Crecy, das hier seinen Untergang finden solle. -
Am andern Morgen floh die Knigin und der ganze Hof, wie von Geistern gejagt,
und nie betrat ein kniglicher Fu wieder dieses verwnschte Schlo. Der Herr
Graf Crecy nahmen die Besitzungen, diesem Fluche zum Trotz, in Beschlag, zogen
die groen Revenen, bauten den dritten Flgel, wie das Uebrige prachtvoll aus,
und lebten hier oft in Saus und Braus. - Aber endlich ist doch erfllt worden,
was der arme Marquis in seiner Todesangst verheien hat: das Geschlecht der
Crecy ist hier erloschen, und sein Ende ward auch durch grausame Verbrechen
herbei gefhrt - doch das erlat mir zu berichten, das ist zu neu noch; seht, da
lebte ich schon in dieser Gegend, das kann ich nicht erzhlen, ohne all' die
Angst wieder zu fhlen, die ich damals mit durchmachte, und als ich zuerst
wieder hieher zu meiner armen Mutter mute, dachte ich, ich knnte es nicht mehr
berleben. -
    Elmerice fhlte sich ebenfalls von dem Gehrten zu sehr erschttert, um auf
weitere Nachrichten nicht gern verzichten zu mgen, und bat daher ihre
Begleiterin, sich die nthige Ruhe zu gnnen. Dies war aber durch die Eindrcke,
die ihr der nun immer bekannter werdende Weg aufnthigte, nicht mglich - sie
begleitete alles sich Darbietende mit Bemerkungen, und forderte Elmerice zu
immerwhrender Aufmerksamkeit auf. Diese fand sich jedoch leicht, wo die
Gegenstnde so anziehend und bedeutend sich zeigten.
    Die Waldgegend, die sie jetzt passirten, war unter der Hand der Kultur zu
einem Garten gelichtet, der sich von dem brigen Theile durch die kostbarsten,
mit Grben geschtzten Gitter absonderte; und seine breiten Wege und die uralten
gepflanzten Alleen fhrten endlich die Reisenden dem Schlosse Ste. Roche
entgegen, das Beide mit Herzklopfen zu sehen erwarteten.
    O seht, seht, da ist es! - rief pltzlich Madame St. Albans mit einem
Erblassen und einem Sinken der Stimme, als fiele sie in Ohnmacht; und auch
Elmerice fhlte ihre Nerven durchzuckt von einem ihr unbekannten Gefhle, was
zwischen Furcht und Rhrung schwankte, als sie pltzlich den wunderbar
groartigen Bau des Schlosses Ste. Roche vor sich ausgebreitet sah. Waren es die
eben vernommenen Erzhlungen, die sich dem Anblicke desselben zugesellten, und
es so schauerlich und drohend erscheinen lieen, war es die ernste, imposante
Ruhe, die es durch seine Lage inmitten dieser groartigen Wlder, erhielt -
genug, Elmerice glaubte, es knne nichts Aehnliches mehr auf der Welt geben, und
drckte, wie verzagt, die Hand auf ihre Augen, und als habe es ihr jetzt schon
ein tiefgehendes Leid angethan, fhlte sie sich von dem Gedanken, ihm nher zu
rcken, wie erdrckt.
    Ja, ja, meine Liebe, da wirst Du wohl erkennen, da ich nicht ganz Unrecht
hatte, Dich hier nicht herfhren zu mgen - sagte Madame St. Albans zu der tief
erschtterten Elmerice, die, ber sich selbst eben so erstaunt, wie ber den
Gegenstand ihrer Gefhle, unfhig war, einen Thrnenstrom zurck zu drngen, und
nach diesem unfreiwilligen Ergusse erst Muth fate, wieder darauf hinzublicken.
- Ich gestehe, sagte sie schchtern, ich erhielt noch nie solchen Eindruck!
Verzeiht mir, ich werde mich gleich gefat haben; bereut es nicht, mich hieher
gefhrt zu haben, diese Schwche soll Euch nicht lstig fallen.
    Madame St. Albans war zu sehr mit sich beschftigt, um nicht leicht ihre
Aufmerksamkeit von Elmerice abziehen zu knnen, und diese gewann nun Zeit, sich
zu ermuthigen und sich nher mit dem bekannt zu machen, was sie so tief
erschtterte. Der Wald war nach der Vorderseite des Schlosses gelichtet,
wenigstens so weit, um es auf einer kleinen Erhhung ganz den Blicken
auszusetzen; doch im Hintergrunde schlossen sich die in dem jungen, gelbgrnen
Lichte des Frhjahrs leuchtenden, weitlufigen Wlder dicht daran an. Vor dem
groen Schlohofe, dem sie jetzt in einiger Entfernung gegenber waren, lie
Madame St. Albans halten, um Elmerice in der Mitte dieses Hofes unter dem
riesenhaften Dome dicht im Kranze gepflanzter Ulmen, ein hohes Grabmal von
weiem Marmor zu zeigen, unter dem man den ersten Besitzer der Familie Crecy
begraben hielt. Das Schlo sah darauf hin, wie ein drohender Geist, seine
Thrme, Erker, schwer verzierten und phantastisch von Auen ansteigenden
steinernen Treppen, die hohen, thrartigen Fenster, und wieder die
Schiescharten hnlichen Zuglcher der Thrme und Gallerien, die endlich vllig
einfarbig gewordene, nebelartig graue Frbung des ganzen Baues, gaben ihm ein so
geisterartiges, der Mitwelt entrcktes Ansehen, da Elmerice nicht mehr in
Erstaunen gewesen wre, wenn es vor ihren Augen in Nebel zerstoben wre, als
seine wirkliche Existenz ihr verursachte.
    Madame St. Albans wunderte sich dagegen ber den besseren Zustand des
Ganzen. Seit zwei Jahren war sie nicht hier gewesen, und es glich damals einer
Ruine; jetzt aber war Alles in brauchbarem Stande, und die Erhaltung des
Schlosses offenbar beabsichtigt, wie Wege und Einfahrten aufgerumt und
zugnglich gemacht. Der Wagen umfuhr das Schlo in einem Halbkreise, und Madame
St. Albans zeigte Elmerice den Flgel, der ihrer Mutter angehrte. - Mit dicken
eichenen Bohlen waren alle Fenster verwahrt, kein Zeichen des Lebens lie sich
sehen, und Alles schien verdet und ausgestorben. Dagegen blickte man durch
geffnete Fenster in den sogenannten neuern Flgel, und obwohl der dstere
Karakter aller dieser groen Gemcher jeden Raum als Paradezimmer eines
Leichenbegngnisses erscheinen lie, leuchtete doch die schwere Vergoldung
zwischen den dstern Tapeten berall durch, und zeigte von erhaltener oder
hergestellter Pracht.
    Zunchst der Wohnung der Mistre Gray lag am Ende einer dichten Allee das
kleine Dorf Ste. Roche, und an die alte gothische Kirche lehnte sich die
freundliche Wohnung des Vikars, an deren Schwelle die Reisenden ihren Wagen
verlieen.
    Der Hausflur, in den sie eintraten, zeigte, dem Eingange gegenber, durch
eine Hinterthr auf ein schn umlaubtes Grtchen, an dessen frischen
Rasenpltzen sorgsam bepflanzte Blumenbeete, unter dem Schutze hoher Kastanien-
und Ahorn-Bume, ihre Entwickelung erwarteten. Schon beim ersten Schritte in
diesen Flur, der mit seinem hohen Kamine und seinen eichenen Holzwnden zugleich
den Salon bildete, fhlte man sich von dem Geiste des Friedens angeweht, und ein
Blick umher, mit dem man die einfachen Beschftigungen der Hausbewohner
bersehen konnte, gab die Gewiheit, hier den Anklang eines hheren geistigen
Lebens zu finden. An der Thr in einem eichenen Lehnstuhle sa eine kleine
weibliche Figur hinter einem Rdchen, das ber das Andachtsbuch in ihren welken
Hnden vergessen schien. Als die Fremden eintraten, erhob sie sich jedoch
sogleich und ging rascher, als ihr Alter vermuthen lie, den Ankommenden
entgegen.
    Nun, liebe Mademoiselle Veronika, darf ich hoffen, noch von Ihnen erkannt
zu werden? rief Madame St. Albans, auf sie zueilend.
    Erkannt und erwartet jede Stunde, sagte Veronika sanft und freundlich,
denn da eine so gute Tochter nicht ausbleiben wrde, konnten wir leicht
denken. Seid demnach willkommen und zugleich getrost, denn noch lebt die arme
Leidende; ja, es sind sogar Zeichen der Besserung eingetreten.
    So sei Gott gelobt! rief Madame St. Albaus mit ihrem schnell
hervorbrechenden Schluchzen, und eilte dann, Mi Eton der alten Dame
vorzustellen: Mi Eton wollte mich nicht allein reisen lassen, denn ich war am
Tode, als Eures Bruders Brief eintraf, und da mt Ihr schon verzeihen, wenn ich
Euch bitte, der jungen Mi ein Obdach zu gnnen, denn Ihr wit wohl, aufs Schlo
kann ich sie nicht mitnehmen; wer wei, ob ich selbst Obdach dort finde.
    Veronika hatte whrend dem ihre kleinen klugen Augen nicht von Elmerice
gewendet, und schien die ganze Rede der Madame St. Albans berhrt zu haben,
denn sie wiederholte den Namen Eton und frug nach dem schon Vernommenen: Also
aus England seid Ihr, liebe Mi? - Nun, seid willkommen, fuhr sie dann
gesammelt fort; dies kleine Haus hat immer Raum fr Einen, der einfache Sitte
nicht verschmht und das Mangelhafte durch ein freundlich Gesicht vergten lt.
- Der Vikar wird bald zurck kommen von St. Flche, wo er die Kranken besucht;
dann luten wir Ave Maria, und bis dahin wollen wir uns hier einrichten. Sie
ffnete demnchst ein kleines Zimmerchen, das ebenfalls nach dem Garten zu ging,
und das sie den beiden Frauen als das ihrige anwies, und zog sich sodann ohne
lstige Dienstlichkeit zurck. Die klsterlichste Einfachheit war hier mit einer
gewissen geschmackvollen Zierlichkeit vereinigt, und zwischen den beiden weien
Himmelbetten stand ein kleines Betpult vor einem mit frischen Blumen
geschmckten Krucifixe.
    O, wie schn ist es hier! rief Elmerice, sich in einen harten Holzstuhl am
Fenster niedersetzend, wie wohl ist mir hier!
    Madame St. Albans sah sie mit unglubigem Lcheln an, und sagte dann
kopfschttelnd: Nun, nun, fr Euch wird es schwerlich sein - Ihr seid doch wohl
zu sehr verwhnt.
    Nein, nein! rief Elmerice, aufs Neue ihrer seltsamen Wehmuth unterliegend,
und die niederfallenden Thrnen aus dem niedrigen Fenster in das Spalier der
zartknospenden Weinreben senkend - hier ist Frieden! hier ist mir wohl! O, wie
danke ich Euch, da Ihr mich hieher gefhrt habt!
    Was Madame St. Albans nicht verstand, glaubte sie unbedenklich tadeln zu
knnen, und so wandte sie sich achselzuckend von Elmerice ab und kramte unter
ihrem Gepcke, das Veronika indessen durch eine eben so stille, nonnenhafte Magd
von dem Wagen hatte abrumen und in das Zimmer der Frauen schaffen lassen.
    Der tiefe Ton der Abendglocken zeigte jetzt an, da das Ave Maria begonnen.
Veronika trat in das Zimmer, die Frauen abzuholen, und verkndigte, der Vikar,
wie sie ihren Bruder nannte, habe sich, ohne zu Hause anzusprechen, sogleich
nach der Kirche begeben. Und Ihr, Mi Eton, frug sie sanft, Ihr, als
Englnderin, gehrt wohl nicht unserer Kirche an, darum legt Euch keinen Zwang
auf - Ihr habt das mit uns nicht nthig.
    Erlaubt, da ich Euch begleite, sagte Elmerice, mit Ehrfurcht ihr nher
tretend, ich bin in dem Glauben meines Vaters erzogen, der Katholik war.
    Nun dann, willkommen! sagte Veronika, sichtlich erfreut, so wollen wir
denn Gott gemeinschaftlich danken fr Eure glckliche Reise.
    Durch den anmuthigen Garten, der mit dem Kirchhofe zusammen hing, gelangte
man nach der kleinen, aber schn und reich gebauten Kapellenkirche, welche im
Innern und Aeuern zeigte, da Frsten aus dem stolzen Hause Valois hier ihre
Gebete verrichtet hatten. Die groen Thren standen weit geffnet, und es war
ein unbeschreiblich erquickender und friedlicher Anblick, von dem Hochaltar aus,
wo die Andchtigen sich knieend versammelten, in die grne Nacht des Frhlings
zu schauen, der eben, wie die Menschen, seine letzte Andacht vor den Strahlen
der sinkenden Sonne zu feiern schien. Doch vor Allem zog Elmerice der Anblick
des Geistlichen an. Dieser ehrwrdige Greis, mit seiner milden, hellen Stirn und
den klaren blauen Augen, die unter der Decke der weien Brauen so tief leuchtend
hervorblickten - welch' ein Bild geistlicher Reinheit, ber die Erde
hinausreichenden Friedens! - Elmerice blickte, sich ganz darin verlierend, in
sein Angesicht, als forsche sie darin dem erhabenen Geheimnisse nach, die Welt
liebevoll im Arm zu behalten und von ihr nicht mehr gekrnkt, nicht mehr
verletzt zu werden. - Sehnsucht nach diesem Zustande, Schmerz um den
unvollendeten Kampf darnach, lieen sie endlich die Thrnen finden, die uns
nicht banger, sondern leichter machen.
    Eben so anziehend blieb dieser Greis in seinem Hause, wo er bald nachher
seine Gste bewillkommte; ja, Elmerice hatte das wohlthuende Gefhl, da sie das
Interesse der beiden ehrwrdigen Geschwister auf sich zog, und konnte nicht ohne
den innigsten Dank daran denken, in diesem Augenblicke, nach so viel
widerstrebenden Gefhlen, die sie erlebt, in diese stille klsterliche
Atmosphre versetzt zu sein.
    Mit der Bevorrechtung des Alters und des Standes forschte er Elmerice ber
Aeltern, Geburtsort, Erziehung und Grund ihrer Herreise aus; dabei lag aber
offenbar ein nheres Interesse, als das der Neugierde, diesen Fragen zum Grunde,
so da Elmerice sich in nichts verletzt fhlte.

Madame St. Albans hatte eingewilligt, sich erst am andern Morgen ihrer Mutter zu
nahen, da sie dann den alten Arzt des Schlosses, der jeden Morgen beim Vikar
vorkam, sprechen, und durch ihn den Eintritt bei ihrer Mutter vorbereiten und
erbitten lassen konnte. Elmerice sah erst jetzt, mit welcher Sorge und Angst der
Gedanke an die Aufnahme dieser wunderlichen Mutter Madame St. Albans erfllte,
und die Ueberzeugung, wie viel sie gewi in diesem unnatrlichen Verhltnisse
schon habe leiden mssen, erfllte sie mit Mitleid und mit erhhter Achtung
gegen dies dennoch nicht einen Augenblick dadurch gehinderte Pflichtgefhl der
Tochter.
    Die Nachtruhe der noch immer angegriffenen und reizbaren Frau war daher auch
ganz gestrt, und Elmerice sah mit Sorge, wie bla und leidend ihr Ansehen am
andern Morgen war. Der erwartete alte Arzt erschien schon an der Thre auf
seinem bequemen Maulthiere, als man noch um das einfache Frhstck versammelt
war.
    Auf die Ankunft der Madame St. Albans vorbereitet, war er doch, gleich den
Uebrigen, gar nicht ber ihren Empfang sicher. Ja, sagte er, ein Paar Tage
frher, wo sie kein Bewutsein mehr hatte, da httet Ihr eintreten knnen, und
sie pflegen, so viel Ihr gewollt httet; jetzt aber, da wird sie sich, wie
gewhnlich, weigern - denn gendert hat sie sich nicht, setzte er lachend hinzu
- halb mit Gewalt, oft da wir beide uns im Zorn berbieten, setze ich das
Nthige durch - und doch, und doch, wollt Ihr es glauben, noch nie erreichte ich
es, da sie des Nachts Jemand bei sich behielt. Asta, das arme Ding, die bei
Tage wohl einschlpfen darf, mu ebenfalls zur Nacht sie verlassen, und halb
besinnungslos, ja, wei Gott, halb sterbend, verrammelt sie noch die Thren
hinter uns. So kann sie einmal des Nachts verscheiden, ohne da wer darum wei,
und wenn wir oft des Morgens lange an die Thr hmmern mssen, um Einla zu
erlangen, so denke ich, die Hand zum Oeffnen sei da drinnen nunmehr erstarrt.
Doch ich will zu ihr, liebe Frau, fuhr er fort, sich zu Madame St. Albans
wendend, und sehen, was ich thun kann, denn wahrlich, Pflege hat sie nthig,
und solch' Ding von zwlf Jahren, so gut die Asta ist, das hilft doch nicht
viel.
    Elmerice, die sich aus Bescheidenheit bei Ankunft des Arztes entfernt hatte,
trat in dem Augenblicke ein, als der kleine lebhafte Mann sich entfernen wollte.
    Es war unverkennbar, da er bei ihrem Anblick erstaunte, berrascht stehen
blieb und seine groen runden Augen mit einem so forschend-fragenden Blick auf
der Eintretenden hafteten, da Elmerice, davon verlegen werdend, nicht wute, wo
sie die ihrigen hinwenden sollte.
    Veronika und ihr Bruder warfen sich Blicke des Einverstndnisses zu, und der
Vikar trat dem alten Arzte nher. - Nicht wahr, verehrter Freund, auch Euch
trifft bei dem Anblicke des Fruleins eine Erinnerung, wie uns Beide?
    Wei Gott, rief der Arzt, so viel Aehnlichkeit sah ich noch nie! - gewi,
wir meinen dieselbe.
    Wen denn? wen denn? Was meint Ihr denn? - rief Madame St. Albans in
ungeduldiger Neugierde, mit wem hat Mi Eton Aehnlichkeit?
    Lassen wir das, erwiederte ernst der alte Arzt, wozu die Todten wecken? -
Vergebt, liebes junges Frulein, das unhfliche Erstaunen eines alten Mannes!
Gott hat Euch mit hoher Schnheit gesegnet, und aus Euren Augen blickt etwas,
was die Seele verbrgt, die in Euch wohnt - und so mge Euch denn Gott behten,
da Euer Schicksal glcklicher sei, als das derjenigen, der Ihr gleich sehet,
als ob Ihr ihre Tochter wret - wenn Eure Jugend das nicht unmglich machte.
    Es lag etwas so Feierliches, so ernst und tief Gerhrtes in diesen Worten
und in dem Ausdrucke des Greises, da Elmerice, davon erschttert, aufs Neue die
Ahnung eines ihr nher rckenden Verhngnisses empfand; und bla und
melankolisch zu ihm aufblickend, sagte sie bang: Ich werde meinem Schicksale
nicht entgehen, es erwartet mich schon auf dem Wege, den ich so eben betreten.
    Der Arzt hrte sie nicht mehr - sein Aufbruch lie diese schweren Worte auch
von den Andern berhren, und so war es Elmerice allein, die davon ergriffen
ward, als habe nicht sie, sondern ein Anderer aus ihr hervor, die Bestimmung
ihrer Zukunft ausgesprochen.
    So schneiden oft Worte tief ein, die wir in seltenen Augenblicken des Lebens
aussprechen, an uns selbst zum Propheten werdend und uns der Stellung entgegen
treibend, die uns nah gerckt ist, wenn auch noch verhllt. Das wohlthtige
Geheimni, worin die Zukunft verschleiert liegt, scheint dann von der ihr
entgegen greifenden geistigen Kraft in uns fr Momente aufgedeckt zu werden. Wir
fhlen mit untrglicher Wahrheit Menschen, Verhltnisse, Orte, die noch
beziehungslos zu uns erscheinen, als einschreitend in die wichtigsten
Verhltnisse unseres Lebens; und deckt der nchste Augenblick auch oft so helles
Erkennen wieder zu, wir wissen doch in dem schwellenden Herzen, es sei ein neuer
Lebensabschnitt gekommen, und ahnungsvolles Erwarten erfllt unsere Seele. So
sehen wir Elmerice. - Still nach ihrem kleinen Zimmer zurckgekehrt, finden wir
sie in tiefem Nachdenken noch lange an dem freundlich umgrnten Fenster ruhen,
das sie mit seinen im leichten Spiele der Luft nickenden Ranken festzuhalten,
und ihr mit dem ruhigen Hintergrunde des kleinen, zellenartigen Zimmers Frieden
und unschuldige Ruhe zu sichern scheint.
    Ziemlich unsanft unterbrach Madame St. Albans dies sanfter werdende
Nachdenken, indem sie heftig eintrat und sogleich, auf Elmerice unruhig
blickend, ausrief: Was das nur fr eine Aehnlichkeit ist, von der sie Alle
fabeln - ich wte nicht, mit wem - und warum sie so geheimnivoll thun, da die
Person todt sein mu! - Aber diese alten Leute, die haben immer so was gehabt,
immer nur halbe Worte, und die noch in Frage gestellt, und dann noch besorgt, es
werde verrathen werden, was kein Mensch aus solchen Reden errathen knnte - ja
wahrlich, alte Jungfern, alte Junggesellen bleiben immer dieselben, sie mssen
immer wichtig thun und sich ein Ansehn geben, wohinter nichts ist!
    Elmerice war verlegen, ihr zu antworten; sie sah wohl, da die Erzrnte mit
ihren Nachforschungen abgewiesen worden war, und wute sie doch nicht zu
beruhigen. Ihr kennt das ehrwrdige Geschwisterpaar wohl lange schon? hob sie
daher schchtern an.
    Ja, ja, lange genug! seit ich hier berhaupt bekannt bin, kenne ich sie
auch, erwiederte Madame St. Albans, sich niedersetzend, aber noch immer in
hchst mimuthigem Tone. - Es sind brave, gute Leute, das lugne ich nicht!
sehr gute Leute, wohlthtig und fromm, wie es ihr Stand nur wnschen lt, und
traurig genug, da meine arme Mutter auch sie nicht zu sehen begehrt; da htte
sie doch einen menschlichen Umgang - aber so - seht, das thut keinem Menschen
gut, so fr sich zu sein; ich habe das auch ber Eure Grfin gesagt, die wird
auch mit der Zeit menschenfeindlich werden.
    Dazu ist vorerst bei ihr noch wenig Anlage, erwiederte Elmerice, sie
sucht das Gerusch der Welt nicht, aber sie ist Jedem zugnglich geblieben, dem
Unglcklichen, wie dem Glcklichen.
    Mimuthig schwieg Madame St. Albans, als pltzlich ein allerliebster
Kinderkopf in das niedrige Fenster hineinsah und mit leiser Stimme frug: ob hier
die fremden Damen wohnten?
    Bist Du Asta? rief Madame St. Albans - und kmmst Du vom Schlosse?
    Ja, Madame, sagte das schne zwlfjhrige Kind - Ihr sollt Euch eilen,
mir zu folgen - Mistre Gray ist sehr krank.
    Ach, groer Gott, schrie Madame St. Albans todtenbleich, so stirbt sie
doch wohl!
    Seid doch nur ruhig! rief Asta - sie wird ja nicht gleich sterben - so
habe ich sie schon oft gesehen.
    Doch Madame St. Albans war so erschttert von der Nachricht, da sie beim
Aufstehen zu schwanken begann und Elmerice sie in ihren Armen untersttzen
mute.
    Ich werde Euch fhren, sagte Elmerice, nach ihrem Hute greifend, und so
weit mitgehen, als mir vergnnt sein wird.
    Schweigend genehmigte Madame St. Albans dieses Anerbieten, und beide gingen,
von Asta gefhrt und von den Segenswnschen der guten Geschwister begleitet, den
schweren Weg.
    Von den groen Alleen, welche zu den verschiedenen Eingngen des Schlosses
fhrten, leitete Asta ihre Begleiterinnen seitwrts in ein kleines wildes
Gehlz, womit eine eben so grade und regelmig gepflanzte Allee verwachsen war.
Der Fusteig war hier schmal und uneben, kaum fr zwei Personen gangbar, und
erlaubte nur einige Schritte weit um sich zu sehen. - So standen sie pltzlich
an einer verfallenen Treppe - Asta winkte Elmerice geheimnivoll zu, und Madame
St. Albans, die den Ort erkannte, machte seufzend ihren Arm von ihrer jungen
Fhrerin los. - Geht nun mit Gott zurck und betet fr mich, Elmerice, mein
liebes Kind! Wann ich Euch wiedersehe, wei ich freilich nicht, Nachricht werdet
Ihr wohl von mir hren. - Tief gerhrt nahm Elmerice nun Abschied und beschwor
sie, ihr jede Mglichkeit anzugeben, wodurch sie ihr dienen und zur Pflege ihrer
Gesundheit beitragen knne.
    Aber kaum wute Elmerice, ob die arme Frau ihre Rede verstanden habe; denn
bleich und in trbes, tiefes Nachdenken versenkt, wandte sie sich ab und stieg
an Astas Hand die Stufen hinan, die in eine Art Thoreingang fhrten und jetzt
Beide den Blicken der besorgt Nachschauenden entzog.
    Lngst waren sie verschwunden, kein Gerusch, keine Bewegung lie die Ahnung
aufkommen, da hier menschliche Wesen existirten; aber Elmerice blieb wie
gefesselt auf der Stelle stehen, als msse sie ihnen nach, als knne sie nicht
zurckbleiben. Das Gefhl, das sie seit gestern empfand, trat hier noch
mchtiger hervor. - Wie zu einer nothwendigen Leistung trieb es sie dem
geisterhaften Schlosse zu, und mit nie gekanntem Entsetzen, mit dem tiefsten,
bangsten Schmerz schien es sie wieder zu verjagen. Sie blickte nach einem
Ausweg, der sie in anderer Richtung fhren knnte, sie wollte, sich selbst
berlassen, einen Eindruck, der so mit seiner Unklarheit sie qulte, verstrken
oder mildern durch einen ungestrten Anblick des Schlosses. Sie arbeitete sich
durch das Gestrpp bis zu den Stmmen der Bume und befand sich bald auf einem
freieren Standpunkte, von wo sie eine neue Ansicht des Schlosses gewann, von dem
sie jetzt durch einen niedrigen Wall und ein dahinter laufendes Wasser getrennt
war. Auf einer festungsartigen Uebermauerung zeigte sich hier die lteste Seite
des Schlosses, die fast nur aus aneinandergereihten Thrmen in den
verschiedensten Hhen und Dimensionen, mit sehr beschrnkten Verbindungsmauern
versehen, bestand. Der graue Schieferstein des Unterbaues, die spitzen,
niederhngenden Thurmdcher mit gleicher Schieferdeckung, die schwrzlich
berzogenen Mauern und Wnde der erhaltenen oder schon eingesunkenen Rume gaben
auch von hier aus nur eine Besttigung des empfangenen Eindrucks, den sie sich
nicht anders klar zu machen wute, als indem sie sich eingestand, nicht einem
Bauwerke gleiche dies wunderbare Schlo, sondern aneinander gedrngten Geistern,
die in den abweichendsten Verkappungen sich verbunden hielten, hier ihre
Herrschaft zu behaupten. - Ihr widersprecht durch Euer Ansehen nicht den
grauenvollen Berichten, die an Euren Namen haften und die Phantasie der Menschen
mit Schauer erfllen - seufzte Elmerice, und wer wei, was die Zukunft noch
fr mich in Euren Mauern birgt! - Sie versuchte der Richtung, die der Wall und
das schmale Wasser gaben, zu folgen, und es gelang ihr, so einen Theil des
Schlosses zu umkreisen, das an der erwhnten Seite nur die Spitze, vielleicht
das kleine Jagdschlo, welches zuerst hier erbaut ward, zeigte, und sich beim
Weitergehen vor Elmerice in seiner spteren bedeutenderen Ausdehnung entwickelte
- aber dieser sptere Theil, der schon unter Heinrich dem Zweiten entstand, war
doch in seiner Architektur, wenn auch frstliche Pracht beabsichtigend, dster
und berladen, und der jetzt durch die Zeit entstandene Verfall desselben nicht
minder schwermthig und unheimlich. - Vor Allem aber bewegte sie der Anblick des
dsteren Eingangthores; in drei Terrassen, welche durch Grben von einander
getrennt waren, worber Brcken fhrten, stieg das Terrain bis zu dem greren
Hofe empor, der mit eisernen Gittern verschlossen war. Um diesen Hof schienen
die Hauptzimmer des Schlosses zu liegen; aber wie dster mute ihr Inneres sein,
da hier das Grabmal des ersten Besitzers aus dem Hause Crecy, von hohen
Ulmenbumen umgeben, stand, welche ihrem eigenen Triebe berlassen, ihre weiten
Zweige beschattend ber den ganzen Raum verbreiteten.
    Elmerice hatte wie eine Trumende die Terrassen erstiegen und stand gegen
die Stbe des Gitters gelehnt, und schaute in den Hof und fhlte nicht, da ihre
Kniee bebten, ihr Mund den kurzen, gepreten Athem nur noch hervorseufzte. Sie
starrte hinein, als msse sie jetzt sehen oder erfahren, was ihr Aufschlu gbe
ber das, was ihre Brust in gleichem Maae hier anzog und zurckstie. Aber es
ward ihr kein Aufschlu - Todtenstille herrschte in dem schauerlichen Raume, und
alle Zeichen der Verdung drngten sich ihr auf. Das Grabmal selbst schien
eingesunken, und seine ueren Trophen durcheinander gefallen; zwischen dem
weien und schwarzen Marmorpflaster des Hofes drngte sich der Rasen, die
Freitreppen, die an den Zimmern emporstiegen, waren von der berall sich
anbauenden Vegetation der Moose und Schlinggewchse berzogen, oder lagen mit
zerbrochenen Stufen und Gelndern halb verfallen auf dem Pflaster - und der
vorrckende Abend sowohl, wie der Schatten der Bume, verhinderte den Blick in
die Gemcher, zu denen sie fhrten, und die wie weite Grabgewlbe dahinter
lagen. Lngst war Schlo und Riegel an dem Thore verwittert; sie sah, da es nur
von ihr abhing, in den Hof zu treten, aber die Scheu, die sich ihrer bemchtigt
hielt, war strker, als der Trieb der Neugierde oder romantischer Sehnsucht, der
sie so weit gefhrt hatte.
    Langsam, mit gepretem Herzen wandte sie sich ab und verfolgte den Fahrweg
unten am Schlosse, der sie der Wohnung des Vikars entgegenfhrte.
    Aber hier, wo kein Schrecken Raum oder Nahrung fand, verlie sie die
krampfhafte Anspannung, unter der sie sich aufrecht erhalten hatte, und sie
konnte den zrtlich besorgten Fragen der gtigen Geschwister nur durch Thrnen
antworten.
    In groer Unruhe hatten die ehrwrdigen Alten ihr langes Ausbleiben bemerkt,
da der Arzt bei seiner Rckkehr versicherte, die junge Dame nirgends gesehen zu
haben. So klar und ruhig sie auch in ihrer Weise dem Leben gegenberstanden, so
ganz konnte wenigstens Veronika nicht siegen, um nicht an die schrecklichen
Gerchte ber das Schlo von Ste. Roche eine allgemeine Befrchtung, ein
unerklrtes Grauen zu knpfen, das seine Nahrung fand in Thatsachen, welche in
ihre Zeit fielen.
    Elmerice ward nicht mit unbescheidenen Fragen belstigt, aber man nthigte
die ganz Erschpfte, etwas Nahrung zu sich zu nehmen; und Veronika fhrte sie
dann nach ihrem Zimmer und ruhte nicht eher, bis sie sich entkleidet und in
erquickender Ruhe hinter den weien Vorhngen ihres kleinen Bettes niedergelegt
hatte. Veronika nahm an dem offenen Fenster mit ihrem Andachtsbuche Platz, und
Elmerice, die durch die Vorhnge die balsamische Frhlingsluft fhlte, wie sie,
ber die Blumen und Blten des Gartens ziehend, in diese stille Zelle eindrang,
geno den ganzen Zauber der Ruhe, und lenkte ihre Gedanken nur noch auf das
liebliche Gesumme der Bienen und den leise verhallenden Abendgesang der kleinen
gefiederten Welt. Bald lag das Erlebte, so fremd der friedlichen Gegenwart, wie
ein bser Traum hinter ihr - und als Ave Maria gelutet ward, fand sie sich
vollkommen gerstet, die gute Veronika nach der Kirche zu begleiten.
    In der erquickenden Abendluft, zwischen den ruhig klaren Gestalten dieser
kindlichen Menschen nahm sie spter das einfache Abendbrod ein, und theilte
ihnen dann den seltsamen Eindruck mit, von dem sie sich belastet fhlte, in
ihrer lngeren Erfahrung Auskunft suchend fr dies rthselhafte Gefhl.
    Vielleicht erwartete sie, Beide wrden ihr Vertrauen mit der Mibilligung
aufnehmen, die alte Leute geneigt sind den ungewhnlichen Gefhlen der Jugend
entgegen zu setzen, und Elmerice, die sich sehnte, von dem Eindrucke, den sie
erfahren hatte, erlst zu werden, hoffte vielleicht auf eine Auskunft in der
Erwiederung ihrer ehrwrdigen Wirthe; aber sie irrte sich. - Schweigend, nur mit
einzelnen theilnehmenden Aeuerungen, hrten Veronika und der Vikar bis zu Ende
- und dann bemchtigte sich die Erstere ihrer Hand, und ihre Augen standen voll
Thrnen, indessen der Vikar in seiner natrlichen Weise sie sanft zu trsten
suchte.
    Ich mu es herzlich beklagen, da Ihr so bald von dem Schrecken erreicht
wurdet - fuhr er liebreich fort - den das alte Schlo fast in der ganzen
Gegend verbreitet - obwohl ich Euch tadeln mu, so ohne Veranlassung Euch dahin
begeben zu haben, weil wohl manches Bedenken dabei sein mchte, da Alles ohne
Aufsicht steht und leicht zur Wohnung von Menschen dienen kann, denen der Verruf
des Ortes willkommen wre. Viel Trauriges und wahrhaft Entsetzliches ist in
diesen Mauern geschehen, und die Zimmer, denen Ihr am Gitter gegenber standet,
und die Ihr wahrscheinlich, von den Bumen gedeckt, nicht sehen konntet, sind
bezeichnet durch den schrecklichen Tod des letzten Grafen von Crecy, der hier
sein Leben verlor, obwohl darber ein Geheimni ruhet, das nie ganz aufgedeckt
ward, da der Proze, nachdem er ber das Lebensglck vieler Menschen
entschieden, unterdrckt und der verfolgte Thter den Gerichten entzogen ward.
Seitdem der unglckliche Proze hier die Richter zur Anschauung des Ortes, wo
die That geschah, nothgedrungen zusammen fhrte, ist das Schlo geflohen worden,
als ob Jeder dort sein Leben wage, und wenige Arbeiter sind zu bewegen, die von
dem neuen Verwalter nthig befundenen Ausbesserungen oder Reinigungen
vorzunehmen.
    Also wirklich, rief Elmerice mit unbeschreiblicher Bewegung und
todtenbleich - wirklich, hier starb der letzte Graf von Crecy, und so ging der
Todesruf des armer Marquis Spinola in Erfllung?
    Ich merke, lchelte der Greis - Ihr seid schon gut bekannt mit unsern
schlimmen Sagen, und kann nun begreifen, wie Ihr so schnell trachtetet, Euch
selbst zu unterrichten - nur erstaune ich, so viel Muth und Furchtlosigkeit in
Euch zu entdecken.
    Vielleicht nicht mehr, ehrwrdiger Herr, als ich selbst - sprach Elmerice
mit errthenden Wangen - aber ich mchte dies ein Zauberschlo nennen, wenn ich
des Eindrucks gedenke, den es auf mich gemacht hat. - Ich fhle das tiefste
Grauen davor, zugleich einen Schmerz, eine Wehmuth, wie um einen unglcklichen
Menschen! ich mchte es nie gesehen haben, und werde davon angezogen, wie von
magnetischer Gewalt! -
    O, o, mein armes Kind! - rief hier fast erschrocken Veronika - lat uns
beten! Eure Seele ist wohl nicht ganz bei Gott! - verzeiht, setzte sie zrtlich
hinzu, hinter Elmerice tretend und sie mtterlich besorgt anblickend - wenn so
eine irdische Qual uns ganz einnehmen will, drfen wir immer frchten, da wir
Gott nicht ernstlich genug suchten, und mssen uns durch treues Gebet und den
Beistand betender Freunde bestreben, so harte Versuchung abzuwenden.
    Ach, ja, rief Elmerice sanft erweicht und drckte Veronika's zitternde
welke Hand an ihre Lippen - es ist viel eigner Wille in mir, und eine
verlockende Sehnsucht nach dem Glcke dieser Erde; zu lebhaft fhle ich mich
ergriffen von Schmerz und Kmmerni, um immer recht fromm sein zu knnen - die
rechte Demuth fehlt mir.
    Nun, nun, - sagte mild und begtigend Veronika - warum solltet Ihr in so
zarter Jungend auch schon dahin gekommen sein; wonach wir bis in unser hchstes
Alter streben, aufrichtige Erkenntni dessen, was uns gebricht vor Gott, lt
nicht zu, da wir abwrts wandeln in leidiger Selbstzufriedenheit. -
    Das Maa, sagte der Vikar, ist in allen geistigen Dingen die wahre
Demnth! Weder Ueber- noch Unterschtzung unseres Werthes. Freude haben an dem
Fortschreiten des Guten in uns und es erkennen wollen an dem Zusammenhange mit
Gott, das arbeitet dem Bsen besser entgegen, als eine Zerknirschung ber unsere
Fehler, die uns bange und verwirrt macht, und den Frieden der Seele strt, ohne
den wir nie gottgefllig sein knnen. Wahre Demuth, gutes Kind, ertrgt eben die
Erkenntni der mangelhaften Natur in sich, ohne in Unruhe und verderbliche
Ungeduld zu gerathen - sie glaubt eben auf eine Seligkeit fehlerfreier Existenz
gar nicht Anspruch machen zu knnen, und trgt die kranke Seele und hofft voll
Vertrauen auf den Arzt, der sie langsam ausheilen hilft. Unsere Schwachheiten zu
vergrern, da wir uns davor entsetzen, ist auch eine gefhrliche Richtung der
Seele, weil sie uns das Gefhl von Unwrdigkeit giebt, was uns von Gott
entfernt, indem wir in solcher Stimmung nicht zu ihm aufzusehen wagen, und das
ist dann der gewisseste Rckschritt.
    Ach, rief Elmerice, welche groe Wahrheit geht so gelinde aus Eurem
Munde! O, verschmht es nicht, mir Eure Weisheit mitzutheilen, da Gott mich zu
Euch gefhrt hat. - Ich will es nicht leugnen, mein Herz schlgt muthlos und
bang, und ich bin zweifelhaft, ob mich meine eigenen Fehler qulen oder die
Ahnung eines nahen greren Unglcks.
    Ich sah Euch bald diese Stimmung an, erwiederte freundlich ernst der
Vikar, und wute nicht, ob berstandene Leiden oder irgend ein fortnagendes
Gefhl Euch diesen Stempel muthloser Traurigkeit aufgedrckt hatten. - Es wirkt
wohl, denke ich, Beides in Euch! fuhr er fort, da Elmerice ihren Kopf senkte
und einzelne Thrnen in ihren Schoo fielen, und aus diesen gesteigerten
Empfindungen entsteht eine willige und harte Selbstanklage, wie Ihr sie eben
gegen Veronika aussprachet. Nicht Vorwrfe will ich Euch machen, denn meine
lange Erfahrung hat mich gelehrt, da die, welche geistige Hlfe geben sollen,
sich sehr bedenken mssen, ein Gemth zu zerknirschen. Der Tadel, den wir zu dem
vorhandenen aufgeregten Zustande hinzufgen, kann das Entgegengesetzte bewirken.
Ist das Gemth sanft und zart, wird es in ihm die Furcht erregen, da es sich
nie wieder mit Gott vershnen knne - und nicht oft genug kann ich wiederholten,
dies fr die gefhrlichste Furcht zu halten, da sie in Wahrheit gottlos wird. -
Ist aber das Gemth stolz und hart, wird es wieder unsere Pflicht sein, ihm
seine Fehler leicht zu machen, das heit, sie ihm zu erklren, ihr Entstehen
betrachtend mit ihm durchgehen, dasselbe nicht mit dem scharfen Worte, wovor die
ungewohnte Seele erschrecken wrde, auf Gott zu verweisen, aber es zu leiten,
da es ihn selbst endlich entdecke, da er aus ihm hervortrte, selbst geboren
durch den freieren Zustand der Seele. Blinder Eifer verfehlt immer das Ziel -
und wehe, wehe, wenn wir erst dem eitlen Verstande gelehrt haben, durch Streit
und Widerstreit den schwachen Punkt des kranken Innern zu vertheidigen! - Lange
bleibt ein so durch unsere Schuld gereiztes Wesen wohlgefllig verschanzt hinter
diesem drftigen Bollwerke seiner Eitelkeit und glaubt, der Feind, von dem es
sich immer tiefer verwundet fhlt, komme von ganz anderer Seite her. Bitter und
krankhaft, kleinlich und schwach hngen sich solche Geister oft an die uere
Gestaltung des Lebens, und sie verlieren zuletzt ganz die Krast der Seele, die
nthig wre, ihr schwchliches Treiben zu durchschauen und das Unzureichende
ihrer Schlsse zu erkennen. - In dieser Ueberzeugung beruht auch meine Ansicht
ber die unglckliche Mistre Gray, die durch ihre ganze Lebensweise so viel
Furcht und Schrecken erregt. - Da sie Herbes erlitten, ohne den Zusammenhang
mit Gott finden zu knnen, da ihre Seele schwach und hochmthig zugleich war,
ist mir, der ich zu lange hier bin, um nicht Manches von ihrem Schicksale zu
wissen, sehr klar geworden - da sie eigentlich bse sei, wie mindestens ihr
zuerkannt wird, widerlegt ihr Vertrauen zu Kindern, die Liebe derselben zu ihr,
und da ich die, die sie auswhlte und um sich behielt, zu den besten Kindern,
Mdchen und Frauen meines Kirchspiels rechnen mu, obwohl es mir schwer werden
wrde, dies anders zu erklren, als da sie frher ernst wurden, ihr Nachdenken
geschrft und erweckt ward, und sich bei ihnen eine Abneigung gegen alle
Rohheiten vorwaltend zeigte. Dir, meine Tochter, rathe ich brigens, das Schlo
zu vermeiden, und hier in unserer stillen Klause - in der Gesellschaft meiner
frommen Schwester Veronika Deinen Geist und Dein Herz zu beruhigen.
    Voll Dank und Ehrfurcht trennte sich Elmerice von den wrdigen Geschwistern,
die sie freundlich segnend zur Nachtruhe entlieen.
    Elmerice hielt Wort und bekmpfte ihr unruhiges Treiben, sich der Stille
hingebend, die sie aus dieser einfach ruhigen Huslichkeit anwehte. Geruschlos
und ohne alle anscheinende Betriebsamkeit ging hier Alles einen so wohl
berlegten regelmigen Gang, da die Wirthschaft vergessen war durch ihre
stille Ordnung, und ein viel hherer Endzweck des Beisammenseins unbefangen von
selbst hervortrat. - Der Vikar war viel auer dem Hause beschftigt, da er
thtig und sorgsam, wie ein Vater, fr alle seine Anbefohlenen sorgte; aber man
sah ihm an, er kehrte gern dahin zurck, und hatte stets fr die fromme Veronika
alle Aufmerksamkeit einer auf hohe Achtung begrndeten Liebe.
    Sie sah dagegen zu ihm auf, wie ein Kind zu seinem Vater - ihre Liebe und
Verehrung zu ihm war der Inbegriff ihrer ganzen Empfindung, und obwohl sie fest
und ruhig ihren Standpunkt bersah, hatte doch ihre ganze Betriebsamkeit ihn,
sein Wohl, seine Ansichten, seinen Willen zum Endzweck. - Dieser wohlthuenden
Huslichkeit wute Elmerice leicht ihre Beschftigungen anzupassen, die auer
ihren Handarbeiten in der Fhrung eines regelmigen Tagebuches fr ihre
englischen Freunde bestand. Zwar waren diese Bltter an Maria Duncan gerichtet,
aber Veranlassung dazu war der alte, sie zrtlich liebende Lord
Duncan-Leitmorin, dem sie hatte angeloben mssen, hierin die Wahrheit nieder zu
legen, damit er stets zu ihrem Schutz und ihrer Hlfe herbei eilen knnte, im
Fall sich dies nthig zeigen sollte.
    Von Madame St. Albans bekam sie nur Nachrichten durch Asta oder den alten
Arzt, die aber kurz und einsilbig Mistre Gray als sterbend, Madame St. Albans
als krnkelnd darstellten. Elmerice hatte ihre ganze Ueberzeugung nthig, weder
einschreiten zu knnen, noch zu drfen, um die Unruhe zu beherrschen, die sie
bei dem Gedanken bewegte, die arme krnkelnde Frau ohne Untersttzung als
Pflegerin einer Todtkranken zu wissen. Oft machte sie mit Veronika Plne, wie
sie ihr ntzlich werden knnte, ohne die wunderliche Alte zu beunruhigen; aber
trugen sie solch' einen Plan dem alten Arzte vor, wies er jeden ohne Weiteres
zurck, immer mit denselben Worten! Das geht nicht!
    Nach acht Tagen liefen Briefe von Herrn St. Albans ein, und Elmerice empfing
eine Einlage von der Grfin d'Aubaine. Mit mtterlicher Liebe bedauerte sie die
lange Trennung und deren Veranlassung, und fgte dann hinzu: Der Aufenthalt
meiner lieben Gste wird indessen durch ein unerwartetes Ereigni verlngert.
Meine liebe Lcile ging mit ihrem Gemahl erst nach einem andern Theile der neuen
Besitzungen, und der junge Graf Leonce, der sie zu mir begleiten wollte, schlug
es aus, ihnen dorthin zu folgen, Ardoise und die Nhe einer Garnison in
Rocheville, wobei er Freunde zhlt, vorziehend. - Als meine Nichte hier ankmmt,
hrt sie voll Erstaunen, da ich Leonce noch nicht gesehen habe. Wir schicken
nach Rocheville, und dort wei ebenfalls Niemand etwas von ihm. - Hchst besorgt
erwarten wir d'Anville, welcher Lcile vorangeschickt hatte. Dieser ist sogleich
entschlossen, Nachforschungen in weiterer Ausdehnung anzustellen, als ihn am
Abend desselben Tages noch der Diener des Grafen Leonce zu sprechen verlangt.
Gleich darauf bittet mich d'Anville um meinen bequemsten Wagen und entdeckt mir,
da Leonce schon seit einigen Wochen an einem hchst gefhrlichen Armbruche in
dem Waldhause von Ardoise darnieder liege.
    Veronika hrte in dem Zimmer ihrer jungen Freundin einen lauten Schrei - so
schnell sie vermochte, eilte sie es zu erreichen, und sah hier zu ihrer
schmerzlichen Ueberraschung Elmerice, von ihrem Fenstersitze herabgesunken,
ohnmchtig am Boden liegen. Der offene Brief in ihrer Hand lie auf eine
empfangene Gemthsbewegung schlieen, und die ehrwrdige Veronika bemhte sich
daher, ihren jungen Gast zu beleben, ohne ihren Zustand der weiteren
Aufmerksamkeit preis zu geben. Auch besttigte das erste Bewutsein, was bei der
Erschtterten eintrat, diese Voraussetzung, denn unter bangem Ringen der Hnde
brach sie in einen endlosen Thrnenstrom aus. - Fasse Dich, mein armes Kind!
sprach Veronika sanft, als sie dem trostlosen Blicke der Leidenden begegnete -
ich brauche Deinen Kummer nicht zu kennen; fr allen, der vorhanden, pat das
Eine: da wir Gott vertrauen mssen und unsere Seele still erhalten sollen vor
allem zu heftigen Antheil an irdischer Noth.
    Ich will mich fassen, sagte Elmerice, ich fhle, was Ihr sagen wollt. -
Ach, theure, ehrwrdige Frau, wie wenig war ich auf so tiefes Weh vorbereitet,
als mir jetzt geworden ist! o, vergebt dem schwachen Mdchen!
    Mein ses Kind! rief Veronika zrtlich - wie kannst Du mich so
beschmen, was htte ich Dir zu vergeben - Du Arme! die Du so schwere Leiden
dulden mut, wie ich vielleicht sie niemals kannte - und bist doch sanft und
nachgiebig gegen meinen unvollkommenen Zuspruch! - Jetzt gehe ich aber lieber:
Dir ist wohl besser mit Dir allein; nur falle mir nicht wieder - sondern ruhe
Dich lieber auf Deinem Lager aus.
    Wie oftmals noch die Augen getrocknet wurden, ehe Elmerice die Schriftzge
ihrer ehrwrdigen Freundin wieder zu erkennen vermochte, wollen wir nicht
belauschen - endlich las sie weiter: Noch an demselben Abend brachte d'Anville
den theuren Kranken hieher, und er giebt uns bei der sorgfltigsten Pflege jetzt
die Hoffnung der Genesung. Du wrdest diesem ausgezeichneten jungen Manne Dein
Interesse nicht versagen, fuhr der Brief fort - und obwohl ich mit Bedauern
sehe, wie seine sonst glnzende Heiterkeit ganz von ihm gewichen ist, bleibt ihm
doch eine Tiefe des Geistes und eine Flle des Gemths, wie ich sie selten
vereinigt sah. Seinen Unfall kleidet er stets scherzhaft ein - er behauptet, er
habe mich, wie ein irrender Ritter, mit der Flinte im Arm berfallen wollen, sei
in die Felsen des Ardoiser Waldes gerathen, und von den Geistern gelockt, sei er
in einen Abgrund gestrzt, wobei er sich den Arm gebrochen habe. D'Anville
schttelt jedes Mal den Kopf bei dieser Erzhlung und wir Frauen haben daher
aufgegeben, den Scherz zu verfolgen, den anfnglich Lcile mit ihrer
unerschpflichen guten Laune in allen Nancen ausspann. Vielleicht erleben wir
einen gnstigen Einflu durch ein schnes, junges Mdchen, meine Nichte, die
Tochter meines Bruders, welche Lcile bei ihrem Besuche den Aeltern abgeschwtzt
hat, um mir eine Freude zu machen und auf ihrer weiteren Reise sie mit sich zu
fhren, vielleicht Leonce eine Aussicht des Lebens zu erffnen, die allerdings
wohl die mildeste Kurart fr ihn werden mchte.
    Da versiegten die Thrnen, welche Elmerice so zahllos vergossen; sie war
pltzlich still - sie dachte - ruhig.
    Sehr berrascht waren die Bewohner des Pfarrhauses zu Ste. Roche, als der
alte Arzt am Abend noch ein Mal an der Thre still hielt und Asta zeigte, die
weinend hinter ihm auf dem alten Maulthiere sa. - Es steht nicht gut, sagte
er trbe, ohne abzusteigen - Asta hat mich gerufen - Beide sollen sich
verschlimmert haben. -
    Mein Gott! rief Elmerice erschrocken, und ohne Pflege! Ich bitte Euch,
fuhr sie fort, sich dringend gegen den Arzt wendend, nehmt mich mit, lat mich
zu der armen Madame St. Albans - sie kann nicht ohne Untersttzung bleiben!
    Der alte Mann lehnte dies Mal nicht so entschieden, wie frher, diese Bitten
ab - er heftete nachdenkend seine Augen auf Elmerice und schien besorgt alle
Umstnde zu prfen. Es ist ein bses Ding damit, hob er dann an - ich sehe
wohl ein, da Ihr Recht habt, da Hlfe nthig ist, aber wie Ihr es anstellen
wollt, sie zu leisten, das sehe ich nicht ein - doch ich will hin - unterbrach
er sich - und ist die Noth gro, so komme ich und hole Euch! Damit trabte er
sogleich auf seinem ruhigen Pagnger den Baumgang entlang.
    Veronika schmiegte sich mit dem wehmthigsten Gesichte an ihren jungen Gast,
und theilte ihr zgernd und fast beschmt ihre Furcht mit fr das, was ihr
vielleicht bevorstehe: Gott wird Dir zwar gewi die Kraft geben, die Du nthig
hast; aber, mein Kind, es sind viele Geheimnisse in der Natur - Gott mu Deinen
Geist vor Schrecken bewahren, und Dein frommes Gebet Dir beistehen - dazu gebe
er Dir seinen Segen! fuhr sie fort, die Hnde andchtig faltend und in frommer
Andacht verstummend.
    Ein Gewitter zog herauf. Schwer und mit der schwlen Stille, die sich in die
Pulse der Menschen einschleicht, schien die ganze Natur unter dem gewaltigen
Drucke der Atmosphre zu seufzen. Angstvoll die Luft durchschneidend, suchten
nur noch einzelne Vgel in der niedrigsten Luftschicht bei den Ahnungen einer
nahenden Gefahr in irgend einer Baumhhlung oder in den Spalten eines Mauerwerks
sich zu bergen. Das frische Grn des Laubes, der mannigfache Farbenglanz der
ganzen Vegetation, die Gesichter der Menschen selbst, erbleichten in dem fahlen
Lichte des schwefelfarbig bedeckten Himmels.
    Man hoffte auf den Augenblick, der in seiner heftigen Entwickelung einen
leichteren Stand der Dinge herstellen sollte, und zitterte doch fr eine nie
verbrgte gewaltige Naturerscheinung.
    Beide Frauen fhlten doppelt das Drckende dieses Zustandes, da in ihrem
Innern sich eine Erwartung von Dingen hinzugesellte, deren Ausgang bei ihren
dsteren Anzeichen nicht minder unverbrgt war.
    Wre nur der Vikar zurck, sagte leise Veronika, er wrde uns sicher das
Rechte rathen, und sein Zuspruch wrde Euch strken und aufrichten!
    Frchtet nicht fr mich, erwiederte Elmerice - bekomme ich die
Aufforderung dahin, so gehe ich getrost - so schwach Ihr mich gesehen - es kmmt
mir der Muth, wo es gilt - ich erprobte es schon einige Mal.
    Ach! rief Veronika zusammenschreckend, denn eben erhob sich in einzelnen
Sten der Sturm, und wehte zugleich die feuerfarbenen Bnder von dem schwarzen
Mtzchen, das Asta zu tragen pflegte, in die noch geffnete Hausthr.
    Sogleich stand Elmerice auf - das Kind flog ihr mit einem neuen Sturmsto in
die Arme. Soll ich kommen? rief Elmerice und bezwang das leise Beben, das sie
mit dem Gefhle einer groen wichtigen Begebenheit erfate, welche ihr nahe
trat.
    Ja, Madame, stammelte Asta - Ihr sollt! Aber wie werdet Ihr durch das
Unwetter kommen? Ach, es ist frchterlich da drauen!
    Gott wird es uns zeigen, Asta, sagte Elmerice ruhig; ich hole meinen
Mantel und auch fr Dich ein Regentuch - dann la uns ungesumt gehen. -
    Sie kam gerstet zurck, und sah jetzt mit Rhrung und Dank die tiefe
Bewegung, worin Veronika durch den Gedanken versetzt war, ihren jungen Gast zu
entlassen. Elmerice kniete zrtlich vor der ehrwrdigen blassen Gestalt nieder,
die sich nicht zu erheben vermocht hatte, und bat sie um ihren Segen.
    Ja, rief Veronika, den Segen des Himmels will ich auf Dich herab flehen,
und mein Gebet soll Stunde fr Stunde Dich begleiten. Dich weiter zu schtzen,
Dir zu helfen, vermag ich nicht, aber Gott wird Dich nicht verlassen!
    So wird es sein! sprach Elmerice - und in diesem Glauben gehe ich getrost
von hier.
    Ein frommer Muth gehrte dazu, um dem bangen Berufe unter diesen Umstnden
entgegen zu gehen. Der Sturm hatte sich mit Alles berwltigender Heftigkeit
entwickelt, sein wildes Geheul durchschnitt die hohen Baumgnge und beugte die
Gipfel der uralten Bume, und schleuderte von ihnen nieder, was nicht mehr in
voller Kraft Widerstand zu leisten vermochte. Die schweren schwarzen Wolken
senkten sich, frhe Nacht verbreitend, und nur der fahle Glanz der unablssig
zuckenden Blitze erhellte den Weg, auf dem ein schwaches Kind und die zarte
Jungfrau muthig fortschritten. Zuweilen blieben sie an einander geschmiegt
stehen, und kmpften so einen Augenblick mit besserem Glcke gegen das Ungestm
des Wetters, dann strebten sie wieder vorwrts, wenn auch in jedem Nerv
erschttert von den Donnerschlgen, die den Boden unter ihren Fen beben lieen
und in dem schreienden Tumulte der ganzen Natur sich die Obergewalt anmaten.
Durch kein Wort, keinen Seufzer konnten sie sich einander mittheilen, und doch
fhlten Beide den Trost eines verwandten Lebens, in diesem nur wild fr sich
streitenden Naturaufruhre.
    Elmerice hatte Asta mit in ihren Mantel gezogen und trug das weinende Kind
fast in ihren Armen; nur als sie sich dem abwrts fhrenden Wege nahten, lie
sie sie aus ihrem Verstecke hervor, und hier, in dem schmalen Wege zwischen dem
hohen dichten Gebsche, wo der Sturm nicht so einzudringen vermochte, sammelten
Beide wieder etwas Kraft.
    Jetzt standen sie vor der kleinen, halb verfallenen Treppe, die von auen
gegen einen runden Thurm anlief, der diesen Flgel zu schlieen schien. Das
Gestruch hatte sie fast unzugnglich gemacht, und mit der grten Ueppigkeit
wlbten sich Zweige und Ranken um das breite Vordach, und zeigten nur wenig von
der schwerflligen Stuckatur, womit es verziert war.
    Wenig zu Beobachtungen geneigt, folgte Mi Eton ihrer voranfliegenden
Fhrerin in den kleinen Raum, in den der Untertheil des Thurmes eingetheilt war,
und der nur wenige Stufen zeigte, die gegen eine groe, breite eichene Thr
anliefen. Asta blieb hier horchend stehen, und als sich kein menschlicher Laut
vernehmen lie, wagte sie leise zu klopfen. Es blieb lange unbemerkt, und erst
nach dem erneuerten Klopfen der furchtsamen Asta that sich auf einen Moment die
Thr auf. - Es war der alte Arzt, aber nachdem er sich von ihrer Gegenwart
berzeugt hatte, machte er blos ein Zeichen, da sie warten mten, und schlo
dann eilig wieder die Thr.

An dem Abend desselben Tages wurde der Theil des Schlosses Ste. Roche, der seit
lngerer Zeit durch die Sorgfalt des Verwalters allmhlig wieder hergestellt
worden war, durch mehrere sich darin versammelnde Herren und Damen belebt, die,
ihre schwerflligen Reisewagen verlassend, nun in der muntersten Laune und unter
den anmuthigsten Neckereien die so lang verlassenen Rume durchzogen, und von
einem Trosse geschftiger Diener und Dienerinnen gefolgt, eine Eintheilung der
Zimmer versuchten, stets gehindert durch absichtliche oder zufllige
Miverstndnisse, welche nur die gute Laune der Betheiligten zu vermehren
schien.
    Am meisten zeichnete sich eine schne junge Frau durch ihre erfinderische
Laune, Alles durch einander zu wirren, und durch vorgegebene Schrecknisse und
Andeutungen von Gespensterfurcht Alles in Bewegung zu erhalten, vor den Uebrigen
aus. Wir finden in ihr die junge Marquise d'Anville, welche, gar anmuthig in
seidene Reisekaputzen gehllt, die Aufmerksamkeit ihres jungen Gemahls zu
fesseln wei, der sie bald aus einem Winkelchen, wohin sie sich aus Furcht
vorgiebt, verborgen zu haben, hervorholen, bald ihr im Fluge nacheilen mu, weil
sie sich verfolgt hlt von den Gobelingestalten der Wnde, oder den
geharnischten Thrstehern, welche, in Nischen gestellt, mit Lanze oder Schwerdt
die Eingnge zu bewachen scheinen, und, eine groe Zierde frherer Zeit, eben so
an ihrem Platze blieben, wie die brigen Mbel des vergangenen Jahrhunderts.
    O, Margot, ruft sie ihrer jungen Cousine, der Grfin d'Aubaine, zu -
glaubst Du, da Tante Franciska Dir Erlaubni gegeben htte, uns hieher zu
begleiten, wenn sie einen Blick in diesen feierlichen Paradesarg gethan htte?
    Ja, rief die sechzehnjhrige Margot, bereite Dich vor, Lcile, hier alle
gewohnten Sitten und Gebruche hinter Dir zu lassen; denn sieh Dich um, auf
welche Weise fr unsere Geselligkeit gesorgt ist - an den Wnden herum laufen
schwerfllige Bnke, oder eigentlich polirte Holzkisten - o Gott, sei mir
gndig! die Sitze sind Deckel, die sich emporheben lassen.
    Wei Gott, rief die Marquise, unsere Vorfahren waren bequeme Leute, sie
saen auf ihren Wsch-und Kleiderkoffern, und hatten so Geld und Kleinodien,
Silber- und Tafelgerth im sichersten Verwahrsam.
    Und diese Lehnen! - lachte Margot - wer gewagt htte, sich an diesen
geschnittenen Ungeheuern zu sttzen, htte sogleich mit blauen Flecken bssen
mssen.
    Hier, Leonce, rief die junge Marquise, soll Ihr Gesellschaftszimmer sein;
dies ist fr Ihre angenehme Laune wie geschaffen. - Jeder von uns nimmt
natrlich dem Andern gegenber, wie Sie es lieben, fein und sittlich Platz, Sie
auf jener Wand, ich hier, Margot links, Armand rechts - da liegen zwischen Jedem
einige vierzig Fu, und wir werden uns, ohne Nachtheil fr unsere Gehrsnerven,
berzeugt halten - Leonce habe uns aufs Anmuthigste unterhalten.
    Scherzen Sie nur, liebe Lcile, entgegnete Leonce, Sie werden hier an
Ihrem Zglinge Wunder erleben - mir sagt diese uralte Ausstattung gerade
vollkommen zu, und ich fhle mich, seit wir hier sind, in vollstndig guter
Lanne! Ich habe Ihnen immer gesagt, da ich um ein Jahrhundert zu spt gekommen
bin, jetzt wre ich also an der rechten Stelle.
    Aber wir, mein Herr, rief Margot - wir gehren vollstndig zu der
bordirten, gepufften, bequasteten Perckenzeit von weiland Louis le Grand, und
immer also bleiben wir um ein Jahrhundert auseinander, und whrend Ihr Eure
Jugend feiert, wandeln wir vor Euren klugen Augen, wie die Ahnungen der Zukunft,
und Ihr werdet fliehen vor unsern Erscheinungen, um nicht zu frh alt zu
werden.
    Du hast Recht, sagte Lcile, es ist eine neue Kriegslist von Leonce, sich
uns zu entziehen, aber sie soll ihm zu nichts helfen. Morgen am Tage lasse ich
meine Koffer ffnen, und vor diesem alten Bilde soll Susanne meine Roben und
Ballkleider verschneiden, um uns in Costme zu setzen, dieser Mauern wrdig, und
unserm langweiligen Vetter Leonce zum Trotze.
    Sie werden in jeder Gestalt reizend sein, meine Damen, sagte Leonce
lchelnd; aber gestehen Sie, dies Gemlde ist kein bles Vorbild zu Ihren
Toiletten-Vorstzen, denn es ist in Wahrheit eine Schnheit, zu der Lcile die
blonden Locken, Margot die dunkeln Augen geschenkt zu haben scheint. -
    Sie haben Recht, Leonce, das Bild ist schn! Ich bin eine groe Kennerin,
mssen Sie gestehen, auf den ersten Blick traf ich das schnste von allen, denn
die brigen gehrten wohl nicht zu den Favoritinnen des Malers. -
    Der Marquis d'Anville war aus dem Nebenzimmer zu ihnen getreten; er hielt
sie hier zurck, um, wie sie hofften, im Nebenzimmer einige ansprechende
Anordnungen zu machen.
    Dies ist das sogenannte Hofdamen-Zimmer, erklrte er nun, und dies die
Portraits der damals berhmtesten Damen. - Katharina von Medicis versammelte
stets die schnsten Fruleins um sich, und diese steifen Bnke, die an den
Wnden herumlaufend, Eure Laune zu reizen, mgen oft mit gar schner Staffage
belebt gewesen sein.
    Wir wollen uns ergeben, Margot! d'Anville tritt auf Leonces Seite - sagte
Lcile, der Geist ihrer Ahnherren erfat mit respektusen Wallungen ihre Brust,
sie wnschen die hier verbliebenen Schatten derselben in guter Laune zu
erhalten; wir wollen daher auch unsererseits dem frivolen Hofstaate dieser
Mediceer-Knigin unsere Honneurs machen.
    Und wenn wir die Laune der Geister gtig und friedlich zu stimmen
trachteten, lachte d'Anville - wem zu Liebe denn, als unsern holden
Gefhrtinnen, die zwar zu necken und zu reizen verstehen, aber vor einem
wirklichen Kampfe mit den Geistern bald die Flucht ergreifen wrden. - Doch,
wenn ich nicht irre, glnzt dort ein Name unter dem schnen Bilde.
    Alle traten nher - ein alter Wandleuchter, mit dicken gelben Wachskerzen,
warf ein helles, schnes Licht auf die Tafel, und der Eindruck, den das Bild
ihnen jetzt machte, lie unwillkrlich den Scherz verstummen. - Jugend und
Schnheit war es nicht allein, was diese Zge anziehend machte, sondern da die
Augen Jeden leidenvoll flehend anblickten, da die Hnde gefaltet wie gefesselt
in dem Schoo lagen, und auf der silbernen Robe kein Abzeichen war, als ein Band
von Rubinen, das den Hals fest umschlo und dann in einzeln gefaten Steinen
lang ber die Brust hernieder, in den Schoo hing.
    Ach, rief Lcile ernsthaft, indem sie ein Schauer berlief, dies schne
Wesen war sicher nicht glcklich, sieht ihr Geschmeide doch aus wie einzeln
fallende Blutstropfen!
    Du hast Recht, sagte d'Anville, von dem Gemlde zurcktretend, wo er die
Unterschrift gelesen, es ist Eudoxia, das schne Frulein von Nemours, welche,
wie man sagt, durch Katharina von Medicis hier ein blutiges Ende fand, indem sie
zu sehr von ihrem Gemahle beachtet ward.
    Die Damen wandten sich still von dem schnen traurigen Bilde ab, und
vielleicht gingen gerade jetzt die Worte des Marquis in Erfllung - die
Neckereien ihres jugendlichen Muthwillens wurden von dem ersten wirklichen
Gegenstande des Grauens in die Flucht geschlagen.
    Indem ffneten die Diener die schweren eichenen Thren zum Nebenzimmer, und
als Alle sich dahin wandten, drang ihnen ein solches Lichtmeer, ein so glnzend
heiterer Anblick entgegen, da Alle die liebenswrdige wohl erreichte Absicht
des Marquis fhlten, da Dankbarkeit und der Wunsch, sie ihm darzulegen, sich
dem angenehmen Eindrucke, der sie empfing, hinzugesellte, und die heiterste
Laune verbreitete, die von der halbgerhrten Zrtlichkeit der jungen Marquise
unvermerkt eine andere Frbung erhielt, denn sie war jetzt zu glcklich, um ein
neckisches Kind bleiben zu knnen, und so trat die Feinheit ihres Geistes wie
eine hhere Blte aus dem grnen Bltterkranze ihrer frheren Laune hervor.
    Dies Gemach hie das Audienzzimmer, und die Wnde waren in Streifen von
rothem Damast, mit Stahlspiegeln unterbrochen, eingetheilt, welche, so viel als
mglich polirt, von den reichlich angebrachten Armleuchtern erhellt, ein
ungemein heiteres Ansehn hatten. Die Decke hing freilich mit schwerer
geschwrzter Vergoldung und einem riesigen Deckengemlde, die Hochzeit zu Canaan
darstellend, wie eine dunkle Wolke darber; aber man brauchte eine Anstrengung,
den Blick dahin zu erheben, und so weilte man lieber auf der heiter geschmckten
Tafel, die, mit groen seidenen Fauteuils umstellt und mit dem glnzenden
Reisegeschirr des Marquis versehen, ein gar heiteres Bild des Lebens darbot.
    Daran grenzten die Schlafzimmer der Damen, und nahe und bequem, zum Schutze
leicht erreichbar, die Zimmer der Cavaliers und der Dienerschaft.
    Alles war von der Umsicht des Marquis in kurzer Zeit in eine Ordnung
gebracht, die dem Orte seinen dstern Karakter zu rauben schien, und nach der
heiteren Abendmahlzeit den jugendlichen Schlaf durch keine bsen Trume mehr
verscheuchte. -
    Doch mit dem erwachenden Morgen, mit der heiteren Scene des Frhstcks
kehrte auch die Laune der Frauen in ihrer neckenden Frhlichkeit zurck, und
Leonce hatte alle Mhe, sich Gehr zu verschaffen, weil gerade er die
Zielscheibe ihres Muthwillens blieb. Sie werden selbst von Ihrem Muthwillen
mehr Vergngen haben, fuhr er fort, wenn sie eine Art von Ordnung
hineinbringen; denn es ist auer Zweifel, da selbst eine so reizende
Erscheinung, wie Ihre Laune, doch, wie alles Schne, dem Geheimnisse des Maaes
unterworfen ist. Es ist vergeblich, in dieser elektrischen Wechselwirkung von
Witz und Scherz eigentlich leben zu wollen - das sind geistige Schwelgereien,
meine Damen - sie rchen sich stets durch Ermdung und eine gewisse Apathie
gegen die einfacheren Beziehungen, die Anforderungen an uns machen.
    Beide Frauen hatten whrend dem ihre Sthle vor Leonce gerckt und
Stellungen angenommen, welche ohne Worte die ironische Versicherung enthielten,
sie wren andchtige Zuhrerinnen, der Belehrung begierig, beschmt so groer
Weisheit gegenber.
    Ich verstehe Sie sehr wohl, fuhr Leonce fort, Ihre Pantomime ist eben so
ironisch, als gelegentlich ihre Worte; aber ich will mich nun einmal durch
nichts von meinem guten Vorsatze, Sie zu einer migern Liebenswrdigkeit zu
treiben, abbringen lassen, daher mge Ihr Spott mich noch so lange verfolgen,
bis er in meiner Weisheit untergeht.
    Versuchen Sie das, Leonce! rief Lcile - wir lieben selbst die
unleidlichste Vernderung an uns, wenn sie nur eben Wechsel verspricht; und
selbst Weisheit sollte Herberge in uns finden, wenn wir nicht frchten mten,
wir wrden sie nicht wieder los, und wrden zuletzt das Opfer dieses unpassenden
Gastes.
    Frchten Sie nichts, liebe Lcile, erwiederte Leonce - dieser Gast wird
Sie mit seiner Gesellschaft nicht ber Ihr eigenes Verlangen hinaus belstigen;
ja, ich zweifle, da er sich Ihrer Einladung bei dem ersten Versuche stellt.
    O, Sieur Lonce, rief Margot, wenn Sie uns die Einladungskarten
schreiben, habe ich bei Ihrer Intimitt alle Hoffnung zu seiner Erscheinung.
    Trauen Sie namentlich mir hierin nicht zu viel, schne Cousine! Er macht an
mich immer zuerst den unerhrten Anspruch, Ihre schnen Augen zu vergessen, und
so sind wir meist auf gespanntem Fue.
    Ha, Lcile, so leere Galanterien schreien zum Himmel! rief Margot, mit dem
kleinen Fue so heftig auf den Boden stampfend, da ihr Gesicht in Feuer
aufglhte. Sein Sie wenigstens mit allen Ihren Fehlern nicht auch falsch, und
erwarten Sie wenigstens von mir nicht, da ich diesem gehssigsten Laster ein
freundliches Lcheln schenken soll - ich frchte, ich hasse Sie!
    D'Anville und Lcile begegneten sich bei dieser kleinen Scene mit einem
flchtigen Blicke des Einverstndnisses; denn Lcile beobachtete mit ihren
klugen Augen ihre kleine lebhafte Cousine unter dem Deckmantel ihrer heiteren
Laune in allen Nuancen ihres lebhaften Gefhls, und der ungemeine Wechsel
derselben, diese unverkennbare Zuneigung zu Leonce, dies Vertrauen, und doch
wieder dies Zrnen, Flchten und Zurckstoen, schienen auf eine tiefe und
ungewhnliche Erregung schlieen zu lassen, der beide Ehegatten mit Hoffnungen
fr das Glck ihres lieben Leonce zusahen.
    Dieser sah ihr lchelnd und mit groer Sicherheit nach, als sie an das
nchste Fenster flog, als msse sie sich seinen Blicken entziehen; dann bat er
sie zurck zu kommen, und als sie sich niedergesetzt hatte, hob er an, mit einem
fast khnen Blicke sich zu ihr neigend, sie mit ihrem Zorne zu necken. Und -
fuhr er fort, lugnen Sie es, wenn Sie knnen, schne Margot, Sie haben doch zu
mir das festeste Vertrauen, und alle Ihre kleinen, anmuthigen, heimlichen
Plnchen sind endlich doch darauf gebaut, da Sie Leonce vertrauen knnen, und
seine Gefhle fr Sie Ihnen weder unbequem, noch lstig, viel weniger als eine
unverzeihliche Falschheit erscheinen.
    Eben wollte Margot diesen neuen Angriff bezahlen, da gebot Lcile Ruhe und
verwies alle Parteien zum Schweigen.
    In Wahrheit, eine Pension fr unartige junge Leute soll dies alte
ehrwrdige Chteau de la Roche nicht werden sagte sie - Ruhe! Frieden gebiete
ich, und jetzt, Leonce, werden Sie gleich mit Ihren weisen Plnen hervortreten,
auf welche Art Sie unsere Liebenswrdigkeit einfangen wollen, um sie nur
gelegentlich und nach einem gewissen schicklichen Kommando hervor sprudeln zu
lassen, denn wenn wir uns nicht selbst unterhalten sollen, so thun Sie es jetzt,
und sein Sie sicher, da Ihre Vorschlge eine scharfe Kritik passiren werden.
    Meine Plne, hob Leonce an, bestehen in dem natrlichen Vorschlage, auf
dem Boden, wo wir uns befinden, bekannt zu werden; wir mssen uns stundenweis
versammeln die Chronik des Schlosses, die sich in dem Archive befindet,
studiren, von ihr geleitet, den ganzen merkwrdigen alten Bau besichtigen, und
die hellen Stunden des Tages zu Ausflgen in die groartige Einsamkeit dieser
Felsen und Wlder benutzen, die alle ihren Karakter von den geheimnivollen
Ansprchen dieses Schlosses empfangen haben, mit in den Bann eingeschlossen
scheinen, der hier dem Treiben der Menschen eine unberwindliche Schranke gebaut
hat.
    Ihr Plan lt sich hren, Leonce! erwiederte Lcile - ich glaube, Margot,
wir werden einwilligen, uns diesem unserm Fhrer zu berlassen - doch fge ich
noch einen Plan hinzu, der vor Ihrer Chronik den Vorzug haben mu, und meinen
lieben d'Anville an sein Versprechen erinnert, mir das Schicksal seines Oheims,
des Grafen von Crecy, das mit diesem Schlosse so vielfach verzweigt scheint,
nunmehr mitzutheilen.
    Ich bin bereit dazu, meine Liebe, erwiederte d'Anville, doch unter der
Bedingung, da Ihr mich jeden Tag bis zum Mittagsessen zu Pferde oder zu Wagen
auf meinen Geschftswegen begleiten wollt, und dann verspreche ich Euch, den
Abend meinen Vortrag hier zu beginnen.
    Alle stimmten heiter in diesen Vorschlag ein. Nach einem frhlich verlebten
Tage fhrte der Abend Alle um die gastliche Flamme des Kamins, und als man in
traulicher Nhe Platz genommen hatte, hob der Marquis d'Anville seine Erzhlung
an. -
    Wir knnen uns jedoch um so weniger mit einer Mittheilung begngen, wie der
Marquis d'Anville sie fr seine junge Gemahlin passend finden wird, da wir die
Geschichte des Grafen Crecy als den Kern dessen ansehen mssen, was wir bisher
mitzutheilen versucht haben, und es dahin gestellt sein lassen, ob man diese
eingeschlossene Erzhlung als den Hauptinhalt unserer Mittheilungen ansehen
will, oder die Verhltnisse, mit denen wir bis hierher unsere Leser vertraut
machten, und deren Verfolg wir nach dem Schlusse jener Begebenheiten weiter
mittheilen werden.
    Ihr Zusammenhang, ihre theilweise Ausgleichung durch einander, wird ihre
nothwendigen, gleichen Rechte an die Aufmerksamkeit darthun; und wie wir die
Form der Frucht aus der Gestaltung des Kerns uns leichter erklren knnen, so
werden wir, das Gleichni hier anwendend, in dem Leben des Grafen von Crecy die
Gestaltung der spteren Begebenheiten vorbereitet finden, und nicht allein ihnen
leichter, sondern auch vielleicht mit vermehrtem Interesse folgen knnen.
    Indem wir so der eingelegten Erzhlung ein gleiches Recht mit derjenigen zu
verschaffen suchen, die, Anfang und Ende dieses Buches bildend, jene zu
umschlieen scheint, bedienen wir uns des uns unbezweifelt zustehenden Rechtes,
sie in der Form vorzutragen, die sie aus dem blassen Lichte der Vergangenheit
hervortreten lt, und sie nicht wie gehufte Resultate, an deren langsamer
Entstehung die Zeit schon die Spuren verwischt hat, darstellt, sondern mit der
Frische versehen, die uns keine der kleinen Verzweigungen entzieht, welche
langsam, aber dem Beobachter gerade so bedeutungsvoll, die greren Resultate
herbeifhrt.

Der Graf von Crecy, Bruder der Marquise d'Anville, der Mutter des jungen Mannes,
der aus dem Munde dieses seines Oheims die Begebenheiten erfuhr, die er eben
seiner jungen Gemahlin mittheilen wollte, war der Sohn des Marschalls von
Frankreich, Grafen von Crecy-Chabanne, eine der ltesten Familien des Reiches,
die sich die Vettern des Knigs nannten.
    Grau geworden in den unseligen Kriegen der Fronde, hatte dieser unter dem
Banner des groen Turenne unverrckt der kniglichen Partei angehrt, wenn auch
frhere, zrtlichere Jugendbande ihn mit Cond vereinigten, dessen Abfall ihn
auf das Tiefste erschtterte, ohne ihn ber seinen Weg in Zweifel zu stellen.
    Seit dem pyrenischen Frieden lebte der Marschall von Crecy jedoch, mit
allen Ehren eines glorreichen Lebens berschttet, von der thtigen Mitwirkung
der Kriegsleistungen zurck gezogen, die wenigstens aufgehrt hatten, Frankreich
selbst zum Heerde ihrer Verwstungen zu machen.
    Von jeder anderen Bildung und Richtung, als der der Waffen, entfernt
geblieben, liebte er dennoch seinen Beruf nicht, und bei dem Emporblhen seines
einzigen Sohnes trat diese Abneigung in dem bestimmten Willen hervor, ihn nicht
dafr erziehen zu wollen.
    Seine Gemahlin, eine Frstin Soubise, trat mit ihrem schrankenlosen Stolze
diesem Vorsatze heftig entgegen, da sie darin das besondere Privilegium sah,
Abkmmlinge alter Familien zu den bedeutendsten Stellungen im Staate zu erheben,
und sie in ihrem Sohne mindestens den Nachfolger ihres Gemahls zu sehen
trachtete.
    Dessenungeachtet siegte dies Mal der Marschall von Crecy; und es ist dies
Faktum um so weniger verloren gegangen, da es wahrscheinlich bleibt, da der
Feldherr, vor dessen Fahnen die Feinde flohen, als habe er ihnen damit einen
unberwindlichen Sturmwind entgegen geweht, doch in seinem Hause nur dies eine
Mal den Sieg davon trug, und er hier neben den Trophen aller Schlachten ohne
Widerstand die Waffen senkte, wenn die Frstin Soubise den Heerbann ihres
weiblichen Willens aufpflanzte.
    Mit dieser erfolgreichen Weigerung hatte er jedoch Alles erschpft, was er
sich zugestand, und obgleich er mimuthig und murrend auf die Wege blickte, die
seine Gemahlin nun in anderer Richtung zur Erziehung ihres Sohnes einschlug, so
hielt er sich doch abgefunden mit seiner Pflicht als Vater, da er berdies,
nachdem er die eine verweigert, weder eine andere, noch bessere anzugeben
vermochte.
    Die Frstin Soubise blieb auch nach dieser einen Niederlage vollstndig
gerstet gegen jede fernere Einmischung ihres Gemahls; und je unerwarteter ihr
in einer fr unanrhrbar geachteten Souverainitt dieser Widerstand gekommen
war, je mehr hatte sich ihr Gefhl auf diesen Punkt geschrft, und die
schwchsten Versuche des Grafen von Crecy waren hinreichend, ihn zu berzeugen,
da er von nun an eine gefate Gegnerin vorfnde und hier seine Wirksamkeit am
Ende sei.
    Wenn Eltern ihre Kinder oft zu erziehen scheinen, blo um gegen einander
ihre ununterbrochenen Fehden zu unterhalten oder zum Zeitvertreib fr irgend
eine mige Stunde - ein Spielzeug scheinbar, von dem sie keine Belstigung
erwarten, und gegen das sie sich keiner Verpflichtung bewut werden: mssen wir,
zu den geringsten Erwartungen unter solchen Umstnden berechtigt, hufig
erstaunen, wie ein also gehetztes oder gemibrauchtes Wesen, dem Allen zum
Trotze, sich in besserer Weise entwickelt.
    Der junge Leonin. Graf von Crecy, war von der Natur mit einer trumerischen
Stille des Gemths begabt, und dadurch gegen die verschiedenartigen Eindrcke
seiner Umgebungen sanft eingehllt. Er sah und fhlte immer nur das, was ihm fr
den Augenblick nthig oder angenehm war, und hatte fr Alles, was sich ihm
anderseits aufdrngen wollte, die sanfte Auslegung der Gutmthigkeit, womit er
sich unbewut jeden unangenehmen Eindruck abwehrte. Er fhlte weder die
Unzulnglichkeit der vterlichen Autoritt, noch den despotischen Willen seiner
Mutter, von dem er ganz gelenkt ward. Er wuchs unter den Siegesnachrichten
seines Vaters auf; in einer Entfernung von ihm, die ihm sein Bild von allen
Schwchen frei erhielt, und denselben in seiner jugendlichen Phantasie zu den
Heroen des Alterthums erhob.
    Mit einem darauf begrndeten Anspruch an die Bevorrechtung seiner Geburt,
wie er nothwendig zu jener Zeit dem einzigen Sohne eines solchen Mannes
erwachsen mute, fhlte sein weiches und dennoch von dem Stolze der Mutter
gehobenes Herz die innigste Liebe zu seinem Vater. Die Mahnung, sich
auszeichnend ihm hnlich zu werden, fand er vorerst nicht heraus, und alle Wege
schon bequem und eingerichtet, eben durch den Namen, den er trug.
    Seine Mutter war mit der ganzen Autoritt ihres Verstandes bemht, in ihm
den Stolz zu nhren, den er von ihrem Blute im Herzen trug, sie imponirte
seinem, wenn auch richtigen, doch langsamen Verstande durch die, Frauen
natrliche, praktische Uebersicht der Verhltnisse, die ihm auerordentliche
Geisteskrfte anzudeuten schienen, da sie ihm immer zuvorkamen. Er hatte nie den
Versuch gemacht, anderer Meinung zu sein oder die ihrige nur nach zu berlegen,
und ihre mtterliche Weichheit wrde sie nie zu der Schwche verfhrt haben,
diesen Versuch anzuerkennen, da ihre fr ihn im Voraus gefaten Beschlsse mit
Plnen zusammen hingen, die dem Ehrgeize Befriedigung sicherten und daher in
ihrer Ueberzeugung fr sein Glck vollkommen ausreichend sein muten.
    Seine Geistesfhigkeiten waren angebaut. Die Marschallin wute wohl, da man
an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten nicht ohne Kenntnisse und Talente sich
behaupten konnte. Es fehlte ihr auch nicht an Scharfblick, den geeigneten Lehrer
zu finden, und der Abbate Mafei war vollstndig ausgerstet, diesem einfachen
Geiste Kenntnisse in dem Maae angedeihen zu lassen, als sie dem Verlangen des
Jnglings selbst Bedrfni wurden, ohne ihm das aufzunthigen, was ihn mit
unntzer Gelehrsamkeit bedrohte, zu der ihm der rasch verarbeitende Geist von
der Natur versagt war.
    Als das unerwartete Machtwort des Marschalls von Crecy seinem Sohne die
militairische Laufbahn abschnitt, sah seine Gemahlin fr ihn keinen andern
mglichen Platz, Ansehen und Einflu zu erreichen, als eines der hohen Hofmter,
zu denen alte und berhmte Namen eine mitwirkende Nothwendigkeit waren, wenn
auch der sich verfeinernde Hof und des Knigs gebildeter Geschmack damit noch
anderseitige Liebenswrdigkeiten vereinigt wissen wollte. -
    Es erwachte in jener Zeit eben die spter so berhand genommene Neigung zu
reisen. - Fremde Hfe gesehen zu haben, von dem Leben anderer Lnder
Rechenschaft geben zu knnen, verbreitete ber die Personen, die sich also
auszuzeichnen vermochten, einen Reiz, den man ihnen als ein Verdienst, als eine
Staffel der Bildung anrechnete, wohinter oft sehr geringe Fhigkeiten Schutz
fanden. Die Marschallin war daher entschlossen, ihrem Sohne statt der Trophen
des Ruhmes, die ihm nun entzogen waren, den friedlichen Zauber einer glnzenden
Reise zu ertheilen, und ihn durch ein ehrenvolles Auftreten an fremden Hfen fr
einen dereinstigen hohen Platz an dem franzsischen Hofe unwiderleglich
vorzubereiten. Der Abbate Mafei und ein reiches Gefolge, wie es den
Geburtsansprchen des Jnglings geziemte, ward zu seiner Begleitung mit Verstand
und zweckmiger Wahl ersehn, und beide Aeltern, obwohl sie sich schwer von dem
Lieblinge trennten, der wie eine leichte Wolke die Ehegatten vor einander
verhllte und ihre unsanfte Berhrung hinderte, fgten sich der Nothwendigkeit,
die zufllig Beide zugleich anerkannten.
    Es liegt nicht in unserem Plane, den jungen Grafen von Crecy auf einer
Bildungsreise mit ihren mannigfachen Zuflligkeiten an Freud' und Leid zu
begleiten. Sie erstreckte sich auf alle Lnder, welche damals im Frieden mit
Frankreich waren, und bei der wenigen Vorbereitung, die Reisende noch auf ihren
Wegen fanden, war sie reicher an Abenteuern, als wir jetzt fr mglich halten
mchten. Sie wurden jedoch Alle glcklich bestanden, und der Abbate Mafei durfte
der stolzen Mutter die schmeichelhaftesten Berichte ber die Entwickelung seines
Zglings senden, ohne die Wahrheit zu verletzen. Die Gewandtheit, die in der
greren Freiheit, in der nothwendigen Auffassung der verschiedenartigsten
Verhltnisse sich von selbst entwickelt, vollendete das anziehende Wesen des
Jnglings durch eine hinzukommende ernste mnnliche Haltung, die neben dem
weichen Ausdrucke des Gefhls ihm berall Vertrauen und Antheil erwarb.
    England sollte die Reise beschlieen und den jungen Grafen zu jeder
Auszeichnung reif, seinem Vaterlande zurckgeben. - Die letzten Nachrichten,
welche die Marschallin erhielt, waren nach einer Abschieds-Audienz bei Karl dem
Zweiten geschrieben, und er begab sich jetzt nach Schottland, und zwar, auf den
ausdrcklichen Wunsch seiner Mutter, zu der Familie des Grafen von Gersey, mit
der die Marschallin aus Familienrcksichten seit lange ein freundschaftliches
Verhltni unterhielt. Sie hatte nmlich mit anscheinendem Eigensinne verlangt,
da ihr Sohn hier bis zu seiner, in wenigen Monaten erfolgenden Majorennitt
verbleiben sollte, und bei dem Grafen Gersey dazu durch eigene Anfrage die
Erlaubni ausgewirkt. Wie sehr sie nmlich gewnscht hatte, da ihr Sohn sich
durch diese Reise uere freie Haltung erwrbe, so war es doch ganz ihrem
Karakter und ihren Ansichten entgegen, ihm damit auch eine innere Unabhngigkeit
zu gestatten, und es schien ihrer argwhnischen Herrschsucht, als habe der Sohn
davon zu viel gewonnen, und seine Neigung fr das Ausland sei vielleicht schon
zu vorherrschend geworden, um ihn noch zu allen Verhltnissen geneigt zu finden,
wie sie ihr bequem sein wrden. Sie hoffte daher, ihm durch diesen letzten
Aufenthalt, den sie gar wohl kannte, eine Herabstimmung seiner gesteigerten
Ansichten zu geben, und durch das ermdende Treiben einer beschrnkt
abgeschlossenen Zurckgezogenheit ihn dankbarer und hingebender zu machen fr
das, was sie ihm dann mit vollen Hnden, und dennoch wohl berechnet, genau mit
ihrem Willen im Einklange, darbringen wollte. Seine Majorennitt machte ihn
augenblicklich zum selbststndigen Herren groer Besitzungen, die, mit dem
uralten Schlosse von Ste. Roche verbunden, eine anlockende Veranlassung waren,
sich unabhngig zu fhlen; und die Marschallin hatte daher zu einem so
gefhrlichen Besitze, den sie ihm nicht streitig machen konnte, ohne alte
Familien-Institutionen zu beleidigen, heimlich beschlossen, einen zweiten
Besitz, eine Gemahlin nach ihrem Sinne und Willen hinzuzufgen. Ohwohl der Graf
Gersey drei Tchter besa, wute die kluge Mutter doch durch die eigenen
Berichte ihrer Freundin, der Grfin Gersey, da sie an diesen keine Strung
ihres Planes zu frchten habe, da selbst die zrtliche Mutter sie unschn nannte
und zum Troste dagegen Eigenschaften an ihnen rhmte, von denen die Marschallin
wohl wute, da sie dem verwhnten Geschmack ihres Sohnes nicht gefhrlich
werden wrden. - Auf dem Wege nach Edinburg erkrankte der Abbate Mafei, und da
er darauf bestand, die Reise fortzusetzen, erreichte man Stirlings-Bai, das
Schlo des Grafen von Gersey, mit dem sterbenden Abbate. Sein Leben konnte nicht
gefristet werden - alle zu Gebote stehende Hlfe, von dem geschickten Hausarzte
des Grafen bis zu der zrtlichsten Pflege seines ihm kindlich zugethanen
Zglings, vermochten den Willen der Natur nicht zu beugen, die ihr Geschft bei
dem wrdigen Abbate fr erledigt erklrte, und er starb in den Armen des jungen
Grafen sanft und heiter, eine wrdige Vollendung eines vorwurfsfreien Lebens.
    Dies war der erste Schmerz, der in die Seele des jungen Mannes drang, und er
nahm ihn um so lebhafter auf, als ihm gerade die Sttze gegen jede bisher
nahende Unannehmlichkeit mit diesem treuen und theuren Gefhrten entrckt ward.
Jetzt ergingen eine Menge trber Fragen an ihn selbst, die sonst von dem guten
Abbate beseitigt wurden, ehe sie ihn erreichen konnten. Er fhlte sich in allen
Beziehungen verletzt und gekrnkt, ja, er glaubte in sich selbst eine Schwche
und Unmnnlichkeit des Karakters wahrzunehmen, welche ihn vllig schwermthig
machte und zu den ungerechtesten Selbstvorwrfen trieb, die zu einer
Muthlosigkeit, der Zukunft gegenber, anwuchs, nur durch die Verwhnung des
Glcks begreiflich, von dem wir uns fr immer verlassen glauben bei dem ersten
Schatten, der es uns verhllt.
    Unter diesen Umstnden fhlte er sich trotz der gtigen und theilnehmenden
Sorgfalt, womit der Graf Gersey und seine Familie ihn behandelten, in so hchst
gedrckter Stimmung in Stirlings-Bai, da er, wenn er nicht gefrchtet htte,
seine Mutter durch seine Entfernung zu beleidigen, einen Ort zu verlassen geeilt
haben wrde, der bestimmt war, der erste Grenzstein seiner Jugend zu werden,
indem er ihn aus dem weichen Zustande des Genieens zu dem ernsteren des Leidens
erwachen lie.
    Wer Stirlings-Bai betrachtete, htte es wohl fr geeignet halten mssen, auf
jede Stimmung der Seele einen wohlthtigen Eindruck auszuben. Es war reich
ausgestattet von der Natur und ein altes Besitzthum reicher Geschlechter im
wohlerhaltensten Zustande. Man konnte kaum etwas Schneres sehen, als das Schlo
auf dem Felsenabhange am Rande des mchtigen Gebirgswassers, das zu einem wild
brausenden See erweitert, von den herrlichsten Wldern umsumt lag und mit
seiner reichen inneren Ausstattung den uern Anspruch vollstndig erfllte.
    Die Htten der Unterthanen lagen zerstreut umher, und der Zufall hatte es
gewollt, da ihre Lage die vielfachsten und romantischsten Ansichten gewhrte.
    Den Park begrnzend lag eine alte Abtei, Stirlings-Abtei genannt, deren
Kirche noch jetzt zum Gottesdienste der grflichen Familie und der Umgegend
benutzt ward, und mit ihrem verschwenderischen Prachtbau im rein gothischen
Geschmack, und mit ihrer noch wahrnehmbaren groartigen Ausdehnung, es sehr
wahrscheinlich machte, da sie einst Besitzerin und Beherrscherin der reichen
Gter gewesen sein mochte, in denen sie jetzt nur noch als nothwendige
Nebensache geduldet ward. Unzerstrbar jedoch blieb sie mit ihren mchtigen und
den weithin sie verkndigenden Thrmen die Beherrscherin der Gegend, auch nach
ihrem Falle noch ihren mchtigen frhern Rang bekundend. Die einst dazu
gehrigen weitluftigen Klostergebude waren bis auf einen kleinen Theil
abgetragen, der noch jetzt die Wohnung des Geistlichen war, der unter dem
Patronat der Grafen von Gersey stand.
    Der Herbst nahte sich indessen, und das Slo fllte sich jeden Tag mehr mit
dem heiteren Trosse rstiger Jger, die von allen Theilen der Grafschaft sich zu
einem langen Waidmannsvergngen in Stirlings-Bai versammelten, dessen noch nie
gnzlich durchstreifte Wlder jede Lust fr so heitere Gesellschaft darboten.
Nur selten und halb gezwungen nur, nahm der junge Graf an diesem Vergngen
Theil, welches so ganz seiner stillen trumerischen Weise entgegen war; und er
fhlte sich bald in einer Isolirung, die er nur mit dem Kummer um den theuren
Verstorbenen ausfllte, dessen feine Geistesbildung ihm stets das wahre Element
fr seine Neigung war.
    Wie seine Mutter vorausgesehen hatte, machten auch die Frauen, die er hier
vorfand, und die in ihrer derben Natrlichkeit ihm so wenig wie Frauen
erschienen, nur einen verletzenden Eindruck auf ihn; sie setzten ihn mehr in
Verlegenheit, als da ihr Umgang ihm htte wohl thun knnen - und er floh vor
ihrem breiten, leeren Geschwtze fast noch ngstlicher, als vor den lauten
Jagdzgen der Mnner oder ihren lrmenden Trinkgelagen. Dabei erkannte er nur zu
bestimmt, da man ihn als ein vllig fremdes Wesen mit Neugierde und einem
gewissen Mitleiden, wenn nicht mit Tadel, betrachtete; und er selbst schien sich
so ganz abweichend, so unbegreiflich bis auf Gestalt und Kleidung verschieden,
da er, untersttzt von seiner hypochondrischen Laune, sich fr einen
immerwhrenden Gegenstand ihres neckenden Zeitvertreibes hielt; er verga aber,
da sie ihn hierzu fr viel zu unbedeutend hielten. Er war unter Menschen, die
ein volles sicheres Vertrauen zu ihrer Bildung besaen, weil sie ihnen eine
tchtige Auffassung des praktischen Lebens sicherte, das sie mit allen seinen
materiellen Anforderungen vollstndig beherrschten. Es hatte sich ihnen dadurch
eine so stolze Ruhe des Daseins mitgetheilt, da sie das darber gehende
Bedrfni mit gromthiger Gleichgltigkeit betrachteten.
    So kam es hufiger, als es beachtet ward, da der junge Graf mit der Flinte
und Jagdtasche mit dem lustigen Trosse auszog, und bald unbemerkt sich zu weiten
einsamen Spaziergngen entfernte, und dann, in dem duftigen Moose des Waldes
gelagert, den eigentlichen Inhalt seiner Jagdtasche leerte, welchen er der
vergessenen und nur fr ihn geffneten Bibliothek des Schlosses entzogen.
    Er hatte einen schnen Herbsttag so in der wohlthuenden Ruhe verbracht, die
er weniger seiner inneren Haltung verdankte, als der sorgfltigen Vermeidung
uerer Strungen, und schlug nun, den Stand der Sonne prfend, den Rckweg ein,
um zur Zeit der Tafel den Hausgenossen nicht zu fehlen. Er hrte bald aus der
Ferne die einzelnen Signale der Jger, erkannte, da man noch irgend ein
Hauptwild auf der Spur haben mute, das man zu treiben suchte. Ohne des Weges
recht kundig zu sein, sah er sich bald in einem bisher noch unbetretenen Theile
des Waldes und blieb erstaunt ber die Pracht und Majestt des hundertjhrigen
Baumwuchses stehen, der, wie eine riesenhafte Sulenhalle, bis an die Kronen von
allem Unterholze entblt, in einzelnen groen Kmmen die dichten Laubgewlbe in
einander schlang. Sie bildeten so eng verzweigt, einen festen Dom, durch den das
Licht der Sonne nur gebrochen, wie durch bunte Scheiben, blendende Lichter
herein warf, und den kurzen, feinen Moosteppich, der theils den Boden, theils
die hochgebumten Wurzeln der herrlichen Wei-Buchen bedeckte, golden grn
frbte. - Vorschreitend sah er jetzt, da er sich der Abtei genaht, da dieser
Wald die heilige Vorhalle der prachtvollen Kirche bildete, deren groartiger
Unterbau sich jetzt zwischen den Stmmen gewahren lie. Es fiel ihm ein, da er
seit der Beisetzung seines theuren Freundes, wo er die Kirche auf einem ganz
anderen Wege erreicht und sich wenig um sie bekmmert, noch keinen Versuch
gemacht hatte, sie wieder zu sehen, was fr ihn als Katholiken auch nur geringes
Interesse hatte. - Er nahm sich jedoch jetzt vor, diesen schnen Punkt zu der
Unterhaltung des nchsten Tages zu whlen und Alles kennen zu lernen, was sich
daran anschlo.
    Jetzt eilte er, die Nhe des Parkgeheges nach dem Stande der Kirche
annehmend, dasselbe zu erreichen, immer von den nherrckenden Hornsignalen
begleitet, als es ihm pltzlich war, als hre er einen ngstlichen Hlferuf -
jetzt glaubte er ihn hinter sich zu hren - dann noch deutlicher vor sich. Er
strzte durch das erreichte Parkgehege in dasselbe hinein, denn es war ohne
Zweifel eine weibliche Stimme, die ihm entgegen tnte; auch drang er nur wenige
Schritte vor, als er ein fliehendes Weib mit Pfeilesschnelle daher strzen sah.
Worin ihre Gefahr bestand, war nicht zu bersehn, aber ihr Angstgeschrei deutete
jedenfalls auf solche hin, und Leonin eilte daher um so schneller auf sie zu;
doch sah er jetzt zu seinem Erstaunen, da sie, so hoch sie vermochte, ein
weies Tuch in der Luft wehen lie und, als sie ihn erreicht hatte, mit
abwehrender Gebehrde an ihm vorber lief, indem sie, hinter ihm zeigend, lebhaft
rief: O helft, helft doch! - Nun erst schien ihm, als verdoppelte sich das
Geschrei hinter ihm. Er blickte um und sah, wie sich der eben vorbergeeilten
Gestalt eine andere aus dem Waldwege entgegen strzte, von einem wild gemachten,
und von den Hornsignalen noch immer gereizten und getriebenen Eber fast auf dem
Fue verfolgt. Augenblicklich eilte Leonin jetzt den bedrohten Frauen nach, und
da an Anlegung des Gewehrs nicht mehr zu denken war, ri er seinen Hirschfnger
aus der Scheide, den zweifelhaften Kampf zu wagen entschlossen, wenn auch nur um
den Fliehenden Zeit zu gewinnen. Doch ehe er hiezu kommen konnte, hatte das
erste der Mdchen schon, mit der grten Entschlossenheit der Verfolgten sich
entgegen strzend, das wthende Thier durch ihr wehendes Tuch verbldet und zum
langsameren Trotte gebracht; sie wendete sich mit Blitzesschnelle, eilte der
Andern, die das Gehege inde berschritten, nach, stie den eben sich dem Eber
entgegen werfenden Leonin zurck, und warf mit einer schnellen und geschickten
Wendung das Gitter in das Schlo.
    Gott sei gelobt! rief sie und schlug die Hnde zusammen, jetzt sind wir
gerettet! Doch, wir wollen hier fort - so lange uns das wilde Thier sieht,
reizen wir seine Wuth, und lange traue ich dem Gitter nicht Widerstand zu - doch
seht, da kehrt es schon um waldeinwrts: - Nun, so helft mir meine arme Emmy
hier wegbringen, denn die Angst hat sie ganz umgeworfen. Bei diesen Worten war
sie schon neben die am Boden Liegende getreten, und bemhte sich, sie
aufzurichten. Hrtet Ihr denn gar nicht, fuhr sie mit Emmy beschftigt fort,
woher das Unglck kam? - Was htte uns wohl Euer kleiner Hirschfnger helfen
knnen? Ihr httet doch an das Gitter denken mssen!
    Gewi, antwortete Leonin, von Staunen und Verlegenheit ber das Erlebte
und den ruhigen Vorwurf des jungen Mdchens ganz berwltigt - mein Betragen
war thricht und ungeschickt, und ich fhle mich tief beschmt, von Eurem Muth
und Eurer Besonnenheit so weit berholt zu sein.
    Als Leonin sprach, lie das Mdchen von Emmy ab und erhob das Gesicht zu
ihm, die dunkeln Locken zurckschttelnd; sie war dem gebildeten Tone seiner
schnen Stimme gefolgt und blickte jetzt hold neugierig in sein Angesicht.
    Gewi war dies fr Beide eine angenehme Ueberraschung, denn tiefere blaue
Augen hatten ihn noch nie angeblickt, und so viel die aus ihren Banden
geflossenen Locken zulieen, glaubte er nie feinere und anmuthigere Zge gesehen
zu haben.
    Gehret Ihr denn zu den Jagdherren des Schlosses? fuhr das Mdchen fort.
    Ich bin allerdings ein Gast des Grafen Gersey, antwortete Leonin - doch
nicht so leidenschaftlicher Jger, diesen frhlichen Waldzgen immer zu folgen.
    Das dachte ich wohl, sagte das Mdchen, aber es mag sein, wie es will,
Ihr mt mir Emmy fhren helfen.
    Gewi! gewi, sprach Leonin, werde ich Euch nicht eher verlassen, als bis
Ihr in Sicherheit seid.
    Sie schaute ihn wieder klug an, um ihren Mund zuckte ein Wort, aber sie
schwieg und ergriff nun zrtlich Emmy's Hand, die sich noch bleich und halb
ohnmchtig gegen einen Baum lehnte, unfhig, wie es schien, ihre Besinnung
wieder zu finden. Emmy! meine liebe, gute Emmy! sprach sie zrtlich, wie ein
Kind, sieh mich doch an und fasse dich - Du bist ja gerettet! komm' doch nun
nach Hause, zu Deinem Manne, zu Deinem Kinde - denn er knnte sich ja bangen um
Dich! Sieh, weit weg ist schon der bse Eber, den haben gewi die Jger schon
erlegt, und er kann Dich nie wieder jagen!
    An den freundlichen Worten, so wohl berechnet das gestrte Bewutsein der
jungen Frau zu werden, richtete sich diese auch alsbald auf und lie sich, dem
fortdauernden Geplauder horchend, von Beiden fortfhren.
    Verletzt bist Du doch nicht? frug das Mdchen weiter, und Gott wird ja
geben, da Dir die Angst nicht schadet!
    Ach nein, teure Mi! erwiederte die junge Frau - verletzt glaube ich
nicht - aber denkt selbst, wie frchterlich meine Lage war; ich bin weit
gerannt, bald rechts, bald links, ihm zu entgehen, aber gewi, ich wre
unterlegen, denn mir fehlte schon alle Kraft und Besinnung, wre das Thier nicht
schwerfllig und alt gewesen, und htte ich nich Hlfe bekommen. - Nicht wahr,
fuhr sie fort, der gute Herr hier hat mich gerettet?
    So beschmend dieser Augenblick fr Leonin war, htte er ihn doch um die
Welt nicht verlieren mgen, denn das Mdchen steckte den Kopf um die junge Frau
ein wenig herum und sah ihm mit einem Lcheln in die Augen, das den reizendsten
Ausdruck muthwilliger Neckerei trug und ein unschuldiges, kleines Einverstndni
einleitete; denn sie antwortete sogleich freundlich fortlchelnd: Nun,
geschrien haben wir beide genug, um die ganze Jagd zu Hlfe zu rufen, und es
mochte dem wohl schwer sein, der zwischen unseren Stimmen, die rechte Stelle zu
erkennen, wo Hlfe Noth that.
    Leonin hielt seine Augen so lange auf ihr Antlitz geheftet, bis sie ihn noch
ein Mal anblickte, und jetzt kostete es ihr ein schnelles, kleines Errthen.
    Ich war auf dem Vorsprung, fuhr sie zu Emmy fort, als ich das Treiben des
Ebers sah, und daran dachte, wie Du des Weges warst, und schnell hinunter lief,
um zu sehen, ob das Park-Gehege offen, im Fall Du in Angst kmest - aber die
Unruhe, die ich schon fhlte, machte, da ich so bald dein Geschrei erkannte.
    Ach, liebe Mi, wie danke ich Euch! rief Emmy gerhrt, Ich htte selbst
verunglcken knnen, aber daran denkt ihr immer zuletzt - was htte dann Euer
Vater gesagt!
    Ja, der Vater, antwortete das Mdchen nachdenkend, Dem hat es recht
geahnt, da uns heute Unglck bedrohe - glaubst Du, da er mich hinauslassen
wollte? Zur Zeit, da er wei, da ich spazieren gehe, kam er zu mir und setzte
sich nieder, und trug und sprach so viel und lieb, da ich ganz das Ausgehen
verga; als er abberufen ward und ich nun auch aufbrechen wollte, fragte er
pltzlich: Willst du doch hinaus? - Du kannst denken, da ich verwundert war und
ihn frug: ob er etwas dagegen habe? Da sagte er: ich sollte ihn nicht auslachen,
aber meine selige Mutter habe die ganze Nacht vor ihm geweint und ihn gebeten,
er solle mich nur heute nicht hinauslassen, und habe mich ihm gezeigt, wie ich
mit einem Kranze geschmckt dastand, und ein schwarzer Leichenschleier drber
hinsank und mich fr immer verhllte. Das habe ihn so erschttert, da er es gar
nicht vergessen knne. -
    O mein Gott! warum bliebet ihr denn nicht zu hause, Mi Fennimor? -
    Weil der gute Vater es nicht leiden wollte, denn er meinte, es sei eine
Schwche, und er wolle sie sich nicht gestatten. Da mute ich gehen und sprte
auch keine Furcht, bis der Jagdzug nahe kam und an Dich dachte.
    So waren die Frauen mit ihrem stumm aufmerkenden Fhrer die Richtung des
Parkes durchgegangen, die sie nach der Abtei zufhrte; und jetzt ri sich
Fennimor pltzlich los und rief: Dort kmmt der Vater!
    Eine ehrwrdige, vom Alter gebeugte Gestalt mit silberweien Locken, in
einem einfachen schwarzen Hausleibe trat ihnen jetzt entgegen, und empfing die
zu ihm eilende Tochter in seinen Armen.
    Wer ist dieser Herr? frug der junge Graf seine langsamer folgende
Gefhrtin.
    Es ist Sir Reginald Lester, der Kaplan von Stirlings, erwiederte die junge
Frau, und jetzt hatten sie sich der interessanten Gruppe genhert, ohne von ihr
bemerkt zu werden. Der Vater hatte das geliebte Kind so fest an seine Brust
gedrckt, da das Mdchen, um ihn anblicken zu knnen, sich weit hinten
bergebogen hatte; die Locken ihres reichen Haares theilten sich dadurch von der
weien Stirn, und der Vater blickte mit dem unbeschreiblich rhrenden Ausdruck
innigster Befriedigung in dies schne, offen vor ihm liegende Gesicht.
    Da hast Du uns wieder, sprach sie freundlich, heil und gesund, wie wir
Dich verlassen; aber groer Gefahr sind wir alle nur kaum entkommen, ein
gehetzter wilder Eber htte uns gern alle verschlungen.
    Groer Gott, sprach Sir Reginald - so war meine Sorge doch nicht
umsonst!
    Nein, Vater, sagte das schne Mdchen heiter, aber ich habe den Kranz
wirklich gewonnen und den Leichenschleier von uns allen abgewehrt, denn
glcklich kam ich dazu, das Gitter des Parkes vor dem bsen Gast ins Schlo zu
werfen.
    Gott wei, sagte seufzend Sir Reginald - was diese wilden Jagdzge noch
fr Unheil veranlassen werden! Das gescheuchte Wild, das doch unmglich alles
geschossen werden kann, entartet dadurch zu einer wahrhaft gefhrlichen Wuth. -
Jetzt erst gewahrte der Kaplan, seine Augen von der sanft losgegebenen Tochter
abziehend, den fremden, jungen Mann und trat ihm sogleich mit einer feinen,
ruhigen Verbindlichkeit entgegen. Seine fragende Miene beantwortete Leonin,
indem er ihm in einigen hflichen Worten, der Wahrheit nach, sein
Zusammentreffen mit den beiden Frauen andeutete.
    Und wem darf ich mich also verpflichtet halten? erwiederte der Caplan,
freundlich ihn begrend.
    Ich bin der Graf von Crecy, erwiederte der junge Mann, und ein Gast des
Grafen Gersey - doch bin ich der Verpflichtete, da ich wenigstens des Schutzes
theilhaftig ward, den Mi Lester ihrer Dienerin gewhrte.
    Auch liebt der Herr Graf die Jagdzge bei Weitem nicht so, wie die brigen
Herren, setzte Fennimor ernst hinzu und betrachtete ihn forschend mit ihren
groen blauen Augen.
    Ruhet dann wenigstens von den bewegten Augenblicken ein wenig bei uns aus,
sprach Sir Reginald, und schritt sogleich voran durch die kunstreich verzierte
Bogenthr, welche in das Innere der Abtei fhrte.
    Das letzte Stck eines abgetragenen Umganges machte hier den schnen,
reinlich mit Binsendecken belegten Vorflur aus - und durch eine kleine
gothisch-verzierte Thr trat man in ein groes Zimmer, welches seine frhere
Bestimmung, Kapelle oder Sakristei zu sein, noch wenig verleugnete. Es war
ringsum bis zur Mitte der hohen Wnde, mit kunstreich geschnittenem Eichenholze
bekleidet, wohinter, wie einzeln vortretende Verzierungen vermuthen lieen, sich
Schrnke befinden mochten. Die oberen Wnde krnzten sich mit reicher Stuckatur
bis zu den Spitzbogen der Decke empor, und enthielten in ihren Zwischenrumen
groe Gemlde, die offenbar noch einer frheren Bestimmung angehrten.
    Drei groe Fenster, welche in die Spitzbogen der Decke hinaufreichten und
mit bunten Scheiben geziert waren, nahmen die eine Seite des Gemachs ganz ein,
da sie nur durch kleine Pfeiler getrennt waren, welche in Holz geschnittene
Engel verdeckten; die Seitenfenster erhoben sich erst ber der Holzwand, die
gleichmig das Zimmer unterhalb einkleidete, das mittlere dagegen durchbrach
die Wand und reichte bis zu dem Tfelwerk des Fubodens, denn es bildete
zugleich eine Ausgangsthre nach dem Buchenwalde, der die Vorhalle dieses
zauberischen Aufenthalts ausmachte. -
    Gegenber diesem Fenster lag der kollossale Kamin von schwarzem Marmor, und
in der Mitte des Zimmers stand ein eichener Tisch, mit groen geschnittenen
eichenen Sesseln umgeben, unter denen ein Teppich von feiner Stickerei
ausgebreitet war. Eben so zeigten die Kissen der Sthle in purpurrothem Grunde
Stickereien. Bchergestelle und Schreibtische in hnlicher Art nahmen den
hintern Theil des Zimmers ein, und sorgsam gepflegte Gewchse fingen an den
Seiten des Mittelfensters die Sonnenstrahlen auf.
    Es war unmglich, dies Zimmer zu betreten, ohne nicht das Element einer
hheren, edleren Existenz zu ahnen, das die Bewohner mit ihren Beschftigungen
gelehrt hatte, den Raum mit seiner abweichenden Ausschmckung sich zum Bedrfni
anzueignen.
    Unsern jungen, unzufriedenen, gequlten Freund wandelte ein Gefhl an von
Schchternheit und Rhrung; er blickte zu den beiden herrlichen Gestalten, die
diesen Raum vertraut beherrschten, mit einer Ehrfurcht empor, als bewahrten sie
das Geheimni des Lebens, nach dem seine krankhafte Seele seufzend und
vergeblich umher gesehen.
    So kam es, da der junge vornehme Graf Crecy, der seine ganze Schchternheit
hoffen konnte, an den verschiedensten Hfen Europas zurck gelassen zu haben,
sie hier vor zwei Menschen wieder fand, die ohne Rang und Reichthum, von der
Welt vergessen, nicht viel anders denn Einsiedler, nur ein stilles Naturleben zu
fhren schienen.
    Er hatte nicht Zeit, sich zu fragen, woher ihm dieser Eindruck kam;
fortgerissen, fhlte er ein Entzcken, ein Verlangen, sich hinzugeben und
anzuschlieen, das nur gemigt ward eben durch das Gefhl von Schchternheit,
womit er sich sagte: sie haben keinen Andern nthig zu ihrer herrlichen
Existenz, Jeder ist ihnen' berflssig oder strend, Jeder, der diese Schwelle
berschreitet, mu sich fr einen Bettler halten, der da harret, ob sie von
ihrem Reichthum ihm mittheilen wollen.
    Wenig lag so hoher Anspruch in dem Verhalten von Vater und Tochter, und
gewi war es, sie ahneten nicht, ihn bei Andern fr sich hervorgerufen zu haben,
obwohl sie ein edles Selbstgefhl hatten, ein Bewutsein und Vertrauen zu ihrer
Gesinnung.
    Der Vater hatte die Tochter erzogen, indem er mit ihr lebte, und seine edle,
sanfte und hingebende Natur die Atmosphre bildete, in der sie sich von Jugend
auf gerade und gesund aufrichten konnte, das schne Haupt nach oben gewendet.
Die Welt lag wie eine bunte Fabel hinter dem grnen Walde, dessen Ende sie nie
fand. Was darin vorging, las sie aus groen Geschichtsbchern, und glaubte
davon, was sie konnte, und behielt auch nur das - denn die Geheimnisse der Natur
begreifen wir auf jedem Isolirpunkte der Erde, die Geheimnisse des Lebens erst,
wenn wir sie an uns selbst erfahren.
    Vor den kleinen Neckereien der Erziehung, mit denen die Jugend sich oft so
schmerzlich vorarbeiten mu, hatte die Weisheit und die Liebe des Vaters sie
geschtzt - es war ihr Alles klar und verstndlich geblieben, was fr und gegen
ihre Neigungen geschah, nichts hatte einen Dorn, einen falschen Blutstropfen
hinterlassen. Man htte sie ohne Formen nennen knnen, wren edle Menschen nicht
eigentlich berall die Gesetzgeber der wahren Form, und, was in der Welt
tausendfltigem, launenhaftem Wechsel unterworfen ist, nur bei denen
unverkmmert wieder anzutreffen, welche die Ursache dazu in einer bewahrten
menschlichen Wrde finden. - Kleinlich konnte sie in nichts werden, denn ihre
erwhlten Helden und Heldinnen, denen sie allein glaubte, und ihr Vater, den sie
eben so fand, und Emmy, die, um wenige Jahre lter, mit ihr aufwuchs, und einen
starken, ernsten Sinn hatte, die wuten all' davon nichts. - Wie vornehm oder
gering sie war, konnte sie auch nie ganz unterscheiden, denn die Gersey's, die
vornehm sein sollten, erschienen ihr gar nicht so, weil sie unter Vornehm die
erhabenen Gestalten ihrer Bibel verstand, Beherrscher der Natur, die mit Gott
redeten, und obwohl sie nicht anzugeben wute, warum die Gersey's ihr so
erschienen, schttelte sie doch immer den Lockenkopf und sagte: die sind nicht
vornehm. Von dem Stande ihres Vaters hatte sie einen hohen Begriff. Die Priester
des alten Testaments, die Knige waren, die Bischfe des Mittelalters, die
Ppste, diese Weltbeherrscher, das waren alle dieselben Priester, wie ihr Vater,
und die Schnheit, die hohe Wrde des Greises, die kindliche Unschuld seiner
Sitten trug dazu bei, ihr kein hheres Ideal frstlicher Wrde geben zu knnen,
als sie bei ihm vorfand. - Da die Familie Gersey, gute fromme Menschen, auch
ihrerseits nie anstanden, ihn ehrerbietig zu behandeln, so fehlte ihr jeder
Maastab fr eine solche Stellung in der Welt, und sie war lngst mit ihren
Gedanken einig, da ihr Vater eigentlich das sei, was ein vornehmer Mann hie.
    Sir Reginald Lester gehrte in der That einer solchen Familie an, obwohl
ihm, als jngstem Sohn, davon kein Vortheil zugeflossen war, als unter stolzen
Ansprchen erzogen worden zu sein, die wenig zu der Nothwendigkeit passen
wollten, sich spter in jeder Beschrnkung des Privatlebens behelfen zu mssen.
Er hatte sich jedoch zu frh aus der Welt zurck gezogen, um nicht ihren
Widerspruch in der patriarchalischen Einsamkeit seines brigen Lebens vergessen
zu haben. - Auch war er mit seiner Familie gnzlich zerfallen, als er, von dem
stolzen Erstgeburtsrechte aus jedem Besitze vertrieben, wenigstens versuchte,
als Mensch glcklich zu sein, und ein schnes edles Mdchen ohne Geburtsadel zum
Weibe nahm, deren beglckender Besitz ihm nur als Trost und Andenken zwei
Kinder, einen bereits als Geistlichen versorgten Sohn und Fennimor, ihr schnes
Ebenbild, zurck gelassen hatte.
    Whrend wir tiefer in den Grund des Eindrucks zu dringen suchten, der den
jungen Grafen so mchtig ergriff, sehn wir ihn mit erhhter Farbe, mit
sanftgebeugtem Kopfe der Anweisung des Greises folgen, der ihn sogleich an die
Tafel auf einen der Lehnsthle einlud, und mit ruhiger Wrde seinem jungen Gaste
gegenber Platz nahm. Nicht so Fennimor - sie hatte zu thun mit der kleinen
Estrade, wo ihre Blumen standen, und trieb dies mit einem Ernste und einer
Wichtigkeit, als wenn diese stillen Gefhrten in ihrer Abwesenheit Unordnung
angefangen htten. Einzelne Worte, die ihr entschlpften, klangen, als ob sie
die eine Staude lobe, die andere tadele, und danach in die Sonne kehre oder
zurck schbe. So, sagte sie endlich lauter, nun habt ihr all' euer Theil! -
Das soll euch wohl gefallen - fuhr sie fort, so freundlich und herausfordernd,
da Leonce aufhorchte, ob sie ihr nicht antworteten. Aber sie mute die Antwort
schon empfangen haben, denn sie kehrte sich von ihnen ab, und blickte nun eben
so zutraulich auf Leonin und ihren Vater hin, als berlege sie, was ihr mit
ihnen zustehe. Der glckliche Vater sah mit einem kaum merklichen Lcheln dem
entgegen, was er gleich zu vernehmen sicher war, ohne sein ruhiges Gesprch mit
Crecy zu unterbrechen oder sie durch eine Anrede zu stren.
    Der Graf knnte lieber hier zu Mittag essen - hob sie auch sogleich in
einem ruhig berathenden Tone an, und stellte sich dabei neben den Vater hin, ihn
ernst anblickend, als ob sie dies beide allein zu besprechen htten.
    Das knnte er wohl, lchelte Sir Reginald, wenn er es nicht vorzieht, auf
dem Schlosse zu essen, wo so viel muntere Gste sind, da es ihm dort vielleicht
besser gefllt.
    Sogleich wandte sich Fennimor zum Grafen und sagte eben so ruhig: Wollen
Sie lieber bei uns essen oder auf dem Schlosse? - Ehe er aber antworten konnte,
fgte sie gegen ihren Vater hinzu: Ich sagte Dir aber schon, lieber Vater, da
der Herr Graf gar nicht die Jagdzge so liebt, als die andern Herren dort oben!
    Niemals glaubte Leonin eine verbindlichere Einladung erhalten zu haben, und
er fhlte ein Entzcken, eine Beehrung durch dieselbe, die ihm seine khnsten
Wnsche zu erfllen schien. Nein, Mi Lester, besttigte er freudig das, was
sie so schnell und, wie es schien, zu seinen Gunsten aufgefat hatte - ich
gehre keinesweges zu diesen leidenschaftlichen Jgern; es ist mir sogar nur ein
aufgezwungenes Vergngen, und ich passe daher sehr wenig in diese heitere
Gesellschaft und werde mich fr glcklich halten, wenn Ihr mich wrdigt, mich
hier zu lassen.
    Warum bleibt Ihr aber dort, fuhr Fennimor fort, wenn Ihr Euch nicht
gefallt? Ich habe auch einmal zugehrt, wie die Herren zusammen sprachen, und
habe seitdem etwas gegen die Jagd, denn sie gehen nicht redlich mit den Thieren
um. Was sie von ihren Hunden erzhlten, war abscheulich; die thun das Meiste und
so Grausames, da die armen Waldthiere von ihnen zerrissen werden, wenn noch
alles Leben in ihnen ist - die schnen Hirsche und Rehe! und ein friedliches
Thier auf das andere zu hetzen, da es so wild wird, das ist auch gottlos!
    Ja! rief Leonin lebhaft. - Ihr sprecht es aus, jetzt fhle ich es, warum
die Jagd mich stets zurckgestoen hat, es ist etwas Unedles und Unredliches
dabei. Ich liebe die Ruhe des Waldes und das friedliche Eigenthumsrecht, womit
die schnen Thiere ihn bewohnen, und da haben mich diese lrmenden Zge und ihre
rohe Freude ber das Zerstren dieses friedlichen Zustandes immer aufgeregt, als
mte ich mich dagegen auflehnen.
    Also liebt Ihr auch so den Wald! erwiederte theilnehmend Fennimor und
setzte sich neben ihn. - Habt Ihr in Frankreich auch schne Wlder? Sind
berhaupt recht viele Wlder in der Welt?
    Ich besitze selbst sehr schne Wlder, erwiederte Leonin. In wenigen
Monaten bin ich majorenn, dann gehren sie mir ganz allein, und wahrlich, kein
Schu soll fallen, ihr Frieden soll erhalten werden, als wren sie ein heiliger
Hain der Vorzeit, irgend einer Gttin zum unanrhrbaren Besitze geweiht!
    Ach das thut, das thut! rief Fennimor freudig - da knnt Ihr dann die
schnen langen Sommertage ganz ohne alle Strung herumgehen, und das Wild wird
Euch kennen und alle werden kommen, wenn Ihr ruft, und Ihr knnt es fttern, und
dann geht es Euch nach, und die Kleinen spielen mit Euch; und wenn Ihr durstet,
so mt Ihr die Quellen besuchen, wo sie trinken, dies Wasser ist immer khl und
hell, denn die klugen Thiere wissen stets das beste zu finden. Da werdet Ihr
mehr Freude haben, als all' die lauten Jger, zu denen sich kein einziges Wild
freut, sondern vor denen sie alle flchten - das knnt Ihr mir glauben; und Ihr
werdet dann noch oft an mich denken, und da ich es Euch gesagt habe.
    Das glaube ich selbst, erwiederte Leonin, pltzlich ernst nachdenkend, als
habe sie ihm sein ganzes Geschick enthllt - ich werde von nun an immer an Euch
denken, Euch nie mehr vergessen knnen.
    Auch sie berhrte das Leben in diesem Augenblicke mit dem ersten leisen
Hauch einer ihr bis dahin fremden Empfindung - sie dachte noch mit innigem
Wohlgefallen an den grnen Wald, in dem das Wild ungestrt wandeln sollte, und
war doch schon mit einem leisen Erschrecken von dem Gedanken berhrt worden, da
er ihrer gedenken wolle, sie nie mehr vergessen. Wer das Leben kannte und dieses
erste, leichte Berhren eines Gefhls zu verstehen vermochte, mit dem sie der
mchtigsten Gewalt der Erde verfallen war, der htte in unsglicher Wehmuth sein
Angesicht verhllen mssen, denn eben damit war das unschuldvolle Leben in der
Natur, das sie als den letzten Abschied eines ruhigen Kinderherzens noch rein
empfunden und ausgesprochen, unwiderruflich dahin. Jahre mssen hingehen, ehe
wir die Abschnitte in unserm Leben erkennen, die oft so hart geschieden neben
einander stehen, da sie uns in Erstaunen setzen; aber bewut werden wir uns
ihrer erst, wenn sie lngst als abgelst und aus jeder materiellen Beziehung zu
uns getreten, erscheinen. Dann knnen wir auch oft erst nachweisen, wie der
Moment, der wie der Quell aus dem Felsen dem leichten Schlage entgegen strzte,
in allen vorangegangenen Zustnden unserer Seele uns unbewut vorbereitet ward.
Denn wohl fhlen wir bei einem klaren Geiste, wenn uns das Leben zu einer neuen
Entwickelung gelangen lt, aber welche es sei, das bleibt das Geheimni der
Zeit; und die Anregung selbst macht, da wir ihr wenig nachfragen, denn jede
neue geistige Entwickelung scheint uns zum Herrn derselben zu machen, und lt
uns die Wege als eigen gewhlte gehen, auf denen wir uns doch oft als Verirrte
wiederfinden.
    Das Mdchen stand still und schaute vor sich nieder, und in ihr geschah, was
sie nicht begriff - als sie aufblickte, sah sie ber Alle hinweg nach der Decke,
sie war so gro geworden und hatte so viel Gedanken; Besuch bekommen, ist doch
ein rechtes Vergngen, glaubte sie - und ging, um den Gast in der Kche
anzuzeigen. -
    Bald ffnete sich in der Holzwand, der Eingangsthre gegenber, eine kleine,
unter bunten Schnrkeln spitz zulaufende Thr, Fennimor trat herein und streckte
winkend nach Beiden die Hand aus, so lieblich lchelnd wie ein Kind.
    Sir Reginald erhob sich und lud seinen jungen Gast ein, ihm nach dem
Ezimmer zu folgen. Dies war nur so breit, wie das einzige groe Fenster
darinnen, ein wahres grnes Bltterklosett, denn die hellen Scheiben hingen von
Auen voll wiegender Ranken, und die Holzwnde waren besteckt und berankt mit
allem, was grnen und blhen wollte. Um den kleinen runden Tisch standen drei
Sthle; zierlich wei, und wohlhabend mit Silber war er gedeckt, und auer ihm
keine Mbel, wozu auch jeder Platz fehlte, als im Hintergrunde neben der
Ausgangsthre ein knstlicher Schenktisch, geschmackvoll und reich mit Silber
geschmckt. Emmy stand schon wieder bei vollen Krften, mit der ernsten Miene
einer bescheidenen Dienerin, die es erwartet, ob die Herrschaft sich eines mit
ihr erlebten Ereignisses erinnern wird. Dies geschah sogleich von Seiten des
Grafen, der freundlich sie anredete, um zu erfahren, ob der Schreck ihr nicht
geschadet; und als auch der Geistliche ihr noch freundlich sich gezeigt und sie,
sichtlich geehrt, der lieben Fennimor befriedigte Blicke zugesandt, nahm man die
Pltze um das Tischchen ein. Obwohl diese Mahlzeit nur aus Fischen, Geflgel und
Obst bestand, und Alles fehlte, was dem jungen Grafen sonst erst ein
Mittagsessen ausmachte, schien es ihm doch das ausreichendste und
vollstndigste, was er je genossen, und das Vergngen einer lebhaften gebildeten
Unterhaltung, das er so lang entbehrt, labte seinen den Seelenzustand bis zu
nie empfundener Fhigkeit sich auszusprechen.
    Wir haben schon gesagt, da Crecy's Geist angebaut war. Leicht traten wohl
geordnete Kenntnisse und eine entwickelte Urtheilskraft hervor, wo Sir Reginald,
die schne Fhigkeit des Geistlichen besitzend, es so wohl verstand, Beides an
seinem Gaste herauszufinden und in Thtigkeit zu setzen. Das Alter und die lange
Trennung von der Welt machten den Jngling ihm berlegen, aber er fhlte dies
mit Wohlgefallen, und erkannte sein liebenswerthes Naturell und die geschickte
kluge Entwickelung, die man ihm hatte zu Theil werden lassen, und die ihn weder
berfllt, noch vernachlssigt erscheinen lie.
    Obwohl Fennimor zwischen dem Gesprche Beider nicht einredete, so machte sie
doch auf eine wunderbar kluge und naive Art das Resumee des Gesagten. Sie bewies
damit, ohne es zu wollen oder zu ahnen, da sie mit nichts ganz unbekannt war,
was die Mnner zu besprechen fhig waren; da sie aber Alles eigenmchtig
umschuf und zurecht legte in der ihr verstndlichen und mglichen Weise.
    Das Schlechte existirte fr sie nicht - sie begriff es nicht, und alles, was
daher und darum geschah, lugnete sie oder wute es oft klug genug anders zu
erklren. Sie war dabei entschieden und fest in ihren Meinungen, aber doch immer
nur wie ein Kind ganz harmlos, ohne Leidenschaftlichkeit - Jeder mute fhlen,
sie knne blos nicht anders. Ihr von Aufhorchen und Theilnahme leuchtendes
Gesicht, das beredte Mienenspiel, womit sie schon, ehe sie sprach, das Urtheil
fllte, war wunderschn - kaum schien sie erwarten zu knnen, was der Eine oder
Andere sagen wrde, so beredt hingen ihre Augen an seinem Munde, so freundlich
lachte sie ihn an, wenn es das Erwartete war, so schnell schttelte sie den
Kopf, wenn sie es nicht begriff. Sie zwang unbewut zuletzt die Sprechenden im
Verlaufe des Gesprchs ihre Augen auf sie zu richten, da sie das Gesagte in ihr
verworfen oder angenommen sahen.
    So unschuldiges Treiben, das, htte Fennimor in der Welt gelebt, schon
lngst weg erzogen gewesen wre, da jede Mutter oder Erzieherin es mit dem
Bannfluche des Unschicklichen belegt haben wrde, konnte hier unter der Leitung
eines einsam lebenden Vaters gro werden; denn ihm that die natrliche krftige
Frische seines Kindes, das Eigenes dachte und wollte, und ihn oft anregte zum
Denken und Forschen fr sie, innig wohl, er htete sich, sie zu stren, und
empfing oft, ihm selbst berraschend, ganz neue Gedanken von ihr. Was ihre
Zukunft werden sollte, das legte er stets mit der gefaten Ruhe eines frommen
Mannes bei Seite, und selbst seine sichtlich zunehmende Hinflligkeit lie ihn
keinen Plan, keine Ansicht darber fassen. Sollte sie dem allgemeinen Loose der
Frauen anheim fallen, sich zu vermhlen, so hatte er freilich kein Bild von dem
Manne, der sie begreifen konnte; und lieber dachte er sie sich unvermhlt, ihrer
eigenen, tchtigen Natur den Wirkungskreis verdankend.
    Gegen Ende der Tischzeit unterbrach sie fast zrnend ein Gesprch der Mnner
ber die herrschende englische Dynastie und das Treiben Karls des Zweiten, von
dem der Geistliche durch Crecy manches Nachtheilige erfuhr, was seine frheren
Ansichten besttigte, da er den Knig fast so oft tadelte, als er von ihm
sprach. Vater, rief sie, ganz erglhend von Eifer, wie kannst Du denken, da
unser Knig Fehler macht, blo darum, weil er ein Stuart ist? - Wie wrde Gott
zulassen, da ihm das schon im Blute steckte, und hast Du nicht selbst gesagt,
da er brav war bei Worcester, wie jeder andere Soldat, als habe er kein Recht
vor dem geringsten voraus - und war er nicht auch dankbar gegen Sir Loweston
Harley, der ihn verbarg, als ihn Cromvell auf der Flucht nach Holland verfolgen
lie - hat er nicht gesagt: Wo ein Harley mir in den Weg tritt, da soll er mein
Freund sein und, ist er mde, auf meinem Lager ruhen und, ist er hungrig, von
meinem Brodte essen, aus meinem Becher trinken - und hat er das nicht all'
gehalten, wie Du mir selbst gesagt?
    Einzelne schne Zge haben alle Stuarts mit einander gemein, erwiederte
ruhig der Vater, aber daneben wohnt in ihnen ein tckischer Geist, der immer
wieder einreit, was sie Gutes gewollt oder gethan.
    Ach nein, sagte Fennimor - weit Du, wie es sein wird? Er ist zu lange
von Hause gewesen, das habe ich letzthin herausgefunden, als Du ihn wieder
schaltest. Da war ich den ganzen Tag und die ganze Nacht in Grimfield's Hhle
gewesen, als wir die Marienwrmchen sammelten in der Heumondsnacht - gegen die
Gliederschmerzen, setzte sie erluternd gegen den Grafen hinzu - als ich da so
lange von Hause war und ich kam wieder, war mir Alles fremd geworden, und ich
wute gar nicht, wo ich anfangen sollte, ob es Zeit zu dem Einen oder dem Andern
wre. Du selbst - fgte sie hinzu und drckte ihren Kopf an des Vaters Schulter
- sagtest: Du bist ein ganz verwirrtes Ding geworden, weil Du so lange von
Hause warst! Da dachte ich nachher, wie Du den Knig schaltest: ich war nur so
kurze Zeit fort, und mein Haus ist so klein, und als ich wieder kam, wute ich
zu nichts die rechte Zeit zu finden - und nun der arme Knig, den sie so lange
verjagt haben aus seinem groen Hause, aus seinem England - nun er wieder kommt,
auch nicht immer die rechte Zeit finden kann, wo Alles hingehrt, da schelten
sie ihn alle so sehr.
    Zu erklren, zu entschuldigen mag durch dies traurige Schicksal Manches in
dem Karakter des Knigs sein - sprach Crecy, so gern ihr beipflichtend - es
ist nur leider jeder Fehler, auf diesem Gipfelpunkte der menschlichen
Gesellschaft begangen, so schwer in seinen Folgen, und so unmglich, ihn zu
bersehen, da er in das Glck von Tausenden einschneidet.
    Ja, - fuhr Fennimor lchelnd zum Vater fort - la' Du ihn nur erst recht
ruhig in dem alten Vaterhause ausschlafen und gieb dann Acht - denn was war es
bei mir? Uebermdung. Als ich schn ausgeschlafen hatte, wute ich Alles wieder,
wie am Schnrchen, nichts war mir mehr fremd. - Der arme Knig ist auch noch
mde, er ist noch immer berwacht von der langen Noth, die ihn nicht schlafen
lie; darum taumelt er und thut bald zu viel, bald zu wenig - ach, Ruhe mu doch
ein Knig auch haben, da Gott ihn Mensch hat sein lassen! Und braucht er dazu so
viele Jahre, wie ich Stunden, kommt die Rechnung doch heraus, da seine Noth so
gro war, die meinige so klein.
    Nun, so wollen wir ihm denn eine Ruhe der Seele wnschen, wonach er sich
geeignet findet, das zu erkennen, was seinem armen Lande noth thut - sprach Sir
Reginald, indem er sich erhob und nach beendigter Mahlzeit seinen Gast in das
Wohnzimmer zurckfhrte.
    Fennimor, die ihnen folgte, zog nun nach gewohnter Ordnung ein kleines
Bnkchen zu den Fen ihres Vaters, beschftigt, von einem Andachtsbuche,
welches sie herbei geholt, die goldenen Klammern zu lsen, um ihrem Vater daraus
vorzulesen.
    Doch Sir Reginald hielt die Hand auf den Deckel und sagte lchelnd: Dies
mchte unserm lieben Gaste doch eine zu ernste Lektre werden, mein Kind, und
wir lassen das, bis wir allein sind.
    Wie mit Purpur ward Fennimor bei diesen Worten bergossen, und Erstaunen und
Beschmung schienen daran gleichen Theil zu haben.
    O, ich bitte Euch, Sir Reginald, rief Leonin - wrdigt mich als Euren
Gast des Vertrauens, da ich an allen Euren Beschftigungen Antheil nehmen darf,
und schenkt mir Eure Achtung, indem Ihr sie nicht durch meine Gegenwart
unterbrechen lat.
    Sir Reginald war um so geneigter, dieser Bitte nachzugeben, da er mit
Theilnahme sah, wie sehr Fennimor durch seinen Einspruch auer Fassung gekommen
war, und ihre rhrend beschmten Zge den leichten Anfang hervorbrechender
Thrnen andeuteten. So wollen wir denn unsern neuen Gast ganz wie einen alten
behandeln - sagte er, mit dem Versuche zu scherzen, und ich freue mich recht,
in seiner lieben Gesellschaft eines Deiner schnen Gebete zu hren. -
    Fennimor nahm jetzt das Buch, das der Vater selbst hatte ffnen mssen,
ihrer Verwirrung zu Hlfe kommend, und zeigte mit dem Finger auf das Blatt, wo
sie beginnen sollte.
    Zu Anfange bebte die Stimme des erschreckten Kindes, und jedes Wort fand nur
unsicher seinen Ton; aber wie erstaunte Crecy, als er nun erst hrte, da diese
Gebete in franzsischer Sprache geschrieben waren und der Thomas a Kempis
dasselbe Andachtsbuch war, das er in dem Betzimmer seiner Mutter zu finden
pflegte. Fast kostete ihm diese Ueberraschung seine Andacht - htte nicht der
ernste und so melodische Ton dieser kindlichen Stimme ihn mit steigendem
Entzcken an den heiligen Sinn von Worten gefesselt, die von Jugend auf sein
Herz am meisten erbaut hatten. Die etwas gebrochene, unsichere Aussprache, die
doch nie den Sinn verdarb oder ber die Kenntni der Leserin Zweifel erregte,
schien ihm ein Zauber mehr; jugendlich-phantastisch berbot er in jedem
Augenblick sein tieferregtes Gefhl, und zuletzt schien sie ihm ein Engel, der
sich dem heil'gen schweren Dienste unterzog, unter Menschen die Lehre des Heils
zu verbreiten, doch nur mit Mhe seine Engelslaute in ihre harte Sprachform
fgend. - Als sie jetzt ruhig das Buch zuschlug, und mit gefalteten Hnden zum
leisen Nachgebete den Kopf ber dasselbe senkte, da die reichen braunen Locken
wie ein Schleier niedersanken, und der ehrwrdige Greis mit seinem weien Haupte
und dem vollsten Ausdrucke vterlicher Liebe, seine Hand segnend auf sie legte,
da beugte er, als habe der Engel sich ihm offenbart, in einer Art Anbetung das
Knie neben ihr, und rief leise und bebend: Wollet mich aufnehmen in die heilige
Gemeinschaft Eures Lebens!
    Die wahre Empfindung, wenn sie unverkmmert von den ewigen Rcksichten, die
uns anerzogen werden, hervortritt, ist eine jedes Mal verstndliche und fast
immer siegende Sprache! - Sir Reginald legte ohne Bedenken seine andere Hand auf
das gebeugte Haupt des Jnglings: Gott segne Euch, junger Mann, mit einem
unschuldigen Herzen bis ans Ende Eures Lebens! - Da fiel, erschreckend, das
Gebetbuch der Mutter, woraus sie so eben gelesen, von Fennimors Schoo auf die
Erde, und alle Blumen und Krnzlein und zarten Bildchen, die darin gesammelt
waren, flogen zerstreut umher. Beide knieten nun, und sammelten sorgsam und mit
leichtem Finger diese Heiligthmer, und beschftigten sich dann damit, sie an
den Stellen wieder einzulegen, die Fennimor alle anzugeben wute.
    Meine Mutter war aus Frankreich, erwiederte sie auf die Anfrage Crecys
ber das Gebetbuch in seiner Sprache - und dies war das Buch, worin sie tglich
meinem Vater vorlas. Davon wei ich freilich selbst nichts mehr, aber ich
erlernte die Sprache, um spter auch darin lesen zu knnen, und thue es nun alle
Tage - darum fuhr sie zgernd fort - dachte ich auch heute, es drfe nicht
anders sein, denn Ihr werdet doch auch beten.
    Ja, gewi! - rief Crecy bewegt, und von Kindheit auf habe ich gerade aus
diesem Buche gebetet, was immer in der Betkapelle meiner Mutter lag.
    Vater, rief Fennimor freudig, den fern Sitzenden in seinem Nachdenken
strend, seine Mutter betet auch aus diesem Buche, und er hat von Kindheit an
keins lieber gehabt! - Sagt mir doch, fuhr sie fort, als sie das freundliche
Nicken des Vaters in Empfang genommen hatte, von Eurer Mutter - sie ist wohl
recht schn und sanft und gut?
    Leonin schwieg einen Augenblick, und wir knnen nicht lugnen, da die Welt
ihn nicht mehr unbefangen genug gelassen hatte, um nicht in der Stille zu
berlegen, da dies schnell entworfene, vortheilhafte Bild seiner Mutter
unmglich entstehen konnte, ohne von dem Sohne und den ihm vielleicht von ihr
beigelegten Eigenschaften die Farben zu leihen. - Aber vershnend fgen wir
hinzu, da er dies ohne das kalte, beleidigende Trachten der Eitelkeit empfand.
Ein heies Gefhl durchstrmte seine Brust bei der Hoffnung, sie she ihn so
gnstig an; ein Gefhl, das ihn nicht glauben lie, es stehe ihm zu, es zu
fordern. Doch mute er whrend dieses berauschenden Gedankenlaufs sich bemhen,
ihr zu antworten, und zuerst stand er etwas verwirrt vor dem Bilde seiner
Mutter. Sie ist schn, Mi Lester, - erwiederte er zgernd, aber sie ist
meine Mutter, daher ber den Anspruch der Jugend hinaus - ihr Geist und ihre
Gaben sind sehr gro, und sie ist von Geburt eine Frstin Soubise.
    Das freut mich! erwiederte Fennimor freundlich - ich habe gern so
vornehme, schne Menschen, die so recht eigentlich zu den hohen Bumen und
breiten Strmen und den mchtigen Thieren passen, wie Gott es gewollt hat, als
ihre Beherrscher. Alle sind nicht so, aber sie haben auch ihren Platz - Gott hat
ja auch die kleinen Wrmer geschaffen - man kann dies Alles lieb haben - setzte
sie hinzu, aus ihrem biblischen Pathos zu der Heiterkeit einer kindlichen
Spielerei bergehend, und sprang frhlich auf, um die Thren nach dem Walde zu
ffnen.
    In Gedanken vertieft, blieb Crecy auf seinem Platze sitzen und blickte ihr
nach, als she er ein Wunder, was er zu ergrnden vergeblich trachtete. Als er
aufsah, begegnete er den Blicken des Vaters, der ihn mit einem eigenen Ausdrucke
milder, ernster Wehmuth betrachtete. - Crecy entzog sich diesem sanften Forschen
nicht, ja wnschte fast, ein Anderer durchdrnge sein seltsam berflltes und
bewegtes Innere. Er stand auf und nahte sich dem edlen Greise, der ihn still
erwartete, und als er vor ihn trat, schwiegen dennoch Beide. Zwischen ihnen
stand eine Ahnung, und sie wuten nicht, ob diese, Gestalt gewinnend, sie
trennen oder vereinigen wrde.
    Der Abend war indessen herabgesunken - einzelne glhende Lichtstreifen
drngten sich durch den Wald und hafteten mit ihrem Purpurlichte an den
Sulenstmmen der hohen Buchen, oder zogen glnzende Furchen ber den duftenden
Rasen.
    Seht, sagte pltzlich das zurckkehrende Mdchen, zu beiden Mnnern
tretend - in Eurem Walde in Frankreich, da wird, wenn er Euch erst ganz gehrt
und kein Schu mehr fllt, um diese Stunde das Wild spazieren gehen und sich
seines Lebens freuen; hier ist Alles leer und verscheucht von der wilden Jagd. -
Aber wir, setzte sie sanft, fast furchtsam hinzu - wir knnten jetzt spazieren
gehen? Sie hatte das ihrem Vater gesagt, und er richtete sich sogleich mit
milder Freundlichkeit in seinem Stuhle auf; doch sah Crecy deutlich, wie er
einen schwermthigen Anklang in seiner Seele beherrschen mute. Du hast Recht,
Fennimor, sprach er, zum Weggehen ihre Hand fassend, und da wir unsern Gast
nicht lnger seinem Wirthe entziehen drfen, so wollen wir ihn den schnsten Weg
durch den Park dem Schlosse zufhren.
    Leonin fhlte erst jetzt, was er gnzlich vergessen hatte, wo und bei wem er
hingehre. Er schien sich heute erst angekommen, heute erst an der rechten
Stelle, und jenes Schlo mit seinen Bewohnern lag so weit ab und war in eine
solche Fremdheit zu ihm getreten, da er seiner ganzen Besonnenheit bedurfte, um
sich zu berzeugen, er mte dahin zurck. Doch nicht eher trennte er sich von
seinen neuen Freunden, als bis sie ihm beide erlaubt, am andern Tage wieder zu
kommen, und er kehrte nun in Schlo Stirlings ein, aber ein anderer Mensch, als
er es verlassen hatte.

Beinahe zaghaft nherte sich Leonin den Gesellschaftszimmern, in denen er sein
Ausbleiben bemerkt und sich den Fragen der guthmthigen Familie ausgesetzt
frchten mute, die eben jetzt zu beantworten, ihm unbeschreiblich lstig
schien.
    Doch er fand schon in den Gngen und Vorzimmern unter den Domestiken eine
ungewhnliche eilfertige Unruhe, und erfuhr von dem etwas langsamer
daherschreitenden alten Haushofmeister, da die Frau Grfin eine Botschaft aus
Edinburg von ihrer, wie zu frchten stehe, sterbenden Frau Mutter erhalten habe,
da sie sogleich mit ihren Tchtern dahin abreisen werde, wogegen Se.
Herrlichkeit der Graf Gersey bei den versammelten Gsten in Stirlings-Bai
bleiben wrde, die nchsten Nachrichten von seiner Gemahlin hierselbst
abwartend.
    Leonin konnte nun selbst fragend und anredend eintreten, und die Theilnahme,
die er empfnglich war zu fhlen, setzte ihn in die richtige Stimmung zu seinen
gtigen Wirthen.
    Milady Gersey mit ihren Tchtern waren schon in Reisekleidern in dem Kreise
der Gste, die Anmeldung der Wagen erwartend.
    Tief bekmmert ber den mglichen Verlust ihrer nahen Verwandten, hatten die
guten Menschen doch auch die sorgsamsten Gedanken fr ihre zurckbleibenden
Gste, und indem sie alle einzeln baten, Stirlings-Bai nicht zu verlassen,
sondern dem bekmmerten Grafen beizustehen, wollten sie noch fr die besonderen
Wnsche eines Jeden liebreich sich bemhen; und besonders an Leonin richteten
sich die guthmthigsten Vorschlge und Besorgnisse sogar fr die Annehmlichkeit
seiner Lage, da die Frau Marschallin von Crecy und ihr Wunsch in Bezug auf
diesen Sohn, dieselbe zu einer besonderen Verpflichtung fr sie gemacht hatte.
    Niemals war Leonin vielleicht weniger um seine Unterhaltung besorgt, als
eben jetzt, und die freundliche Art, wie er sie darber beruhigte, machte ihn
liebenswrdiger erscheinen, als sie ihn bisher erkannt hatten, und endlich
stellte das freudig geleistete Versprechen, Stirlings-Bai vor der anberaumten
Zeit nicht zu verlassen, sie gnzlich um ihn in Ruhe.
    Von allen Anwesenden bis an ihre Kutschen begleitet, setzte sich endlich der
schwerfllige Reisezug in Bewegung. - Leonin hatte hier Gelegenheit
wahrzunehmen, wie wahrhafte Gte des Herzens in entscheidenden Lebensmomenten
den Mangel einer hheren Bildung, die das tgliche Leben mit seinen kleinen
Anforderungen oft so drckend vermissen lt, ausreichend zu ersetzen vermag,
und wie in solchen Augenblicken das unverdorbene Herz den sanftesten, zartesten
Rath zu Anderer Hlfe und Trost zu geben vermag.
    Diese rauhen Jger waren alle so still und ehrerbietig gegen die sonst wenig
beachteten Frauen geworden; sie blieben nach ihrer Abreise so still bei dem
nachdenkendern Hausherrn versammelt, und ernstere Beziehungen ihrer
gegenseitigen Verhltnisse kamen zur Sprache und hemmten das wste Geschwtz
lcherlicher Jagdlgen, womit sie sonst einander zu rgern trachteten und oft zu
heftigen, rohen Scenen Veranlassung gaben. Zum ersten Male fiel es dem jungen
Grafen leicht, unter ihnen zu bleiben und an ihrem Gesprche Theil zu nehmen. Er
benutzte noch denselben Abend, als die Gesellschaft sich getrennt hatte, diese
ihm bisher so fremde Stimmung seiner Mutter zu schreiben, und das ganze Bild,
das er von seinem Leben entwarf, und was nur zu erwhnen, ihm bisher der
Ueberdru daran unmglich gemacht hatte, trug einen berraschenden Ausdruck
glckseliger Heiterkeit, vollstndiger Befriedigung.
    Wohin unser junger Freund am andern Morgen seine Schritte lenkte, brauchen
wir kaum zu erwhnen. Bald kannte er keinen andern Weg als diesen. Ehe die Sonne
hoch genug stand, den Thau von dem Moose des Waldes zu trocknen, umschlich er
schon den Fu der Abtei und beobachtete mit anbetendem Entzcken die tanzenden
Lichter, die die Fenster zu liebkosen schienen, hinter denen noch Fennimors
jugendliches Haupt in holden Trumen ruhte. - Mit leisen Schritten betrat er den
Weg, der zu der Thr des Wohngemaches fhrte, und prfte das weiche Moos unter
seinen Fen, ob der leichte Wind, der die Wipfel der Buchen grend berhrte,
auch nicht ein drres Aestchen, ein welkes Blatt auf den Weg gestreut, den bald
ihr zarter Fu betreten sollte. Zu den Gewchsen, die das Fenster spielend
umzogen, blickte er wie zu Begnstigten auf, die bleiben konnten, wo sie war; er
betrachtete sie, als wolle er sich ihre Liebe erwerben, er schlang die vom
Zufalle verschobenen Ranken um ihre Stbchen, er suchte die abgestorbenen
Bltter und Zweige hervor, und bog die befreiten Keime gegen das Licht; und die
Blumen, die er ihr jeden Morgen brachte, ob der Thau sie nicht zu sehr nte, ob
die Sonne nicht ihren Duft frher nhme, als sie ihn eingesogen, wie viel
Gedanken und Ueberlegungen machte ihm das! Hatte er sie endlich gebettet an
gesichertem Ort und sich berzeugt, er drfe sie noch nicht erwarten, so kam er
sich wie ein Held, gro und entschlossen vor, wenn er abwrts von ihrer Schwelle
noch eine Wanderung durch den Park versuchte.
    Gehoben nun, wie sein ganzer Zustand es war, traten seine Gedanken zu
Entschlssen hervor. Seiner nahen Majorennitt freute er sich besonders, und
leicht htte er das, was er sich selbst nicht eingestand, eben aus diesem
Gefhle errathen; denn nichts war ihm bis dahin gleichgltiger gewesen, als eben
diese Majorennitt. Mit allen Vorzgen des Reichthums immer ausgestattet, hatte
eine Vermehrung dieses sorglosen Besitzes, womit zugleich eine Verwaltung
desselben die bequeme Ruhe des bisherigen Lebens bedrohte, sehr wenig Reiz fr
ihn gehabt, und er hatte alles, was seine ihn immer in Probe nehmende Mutter
hervorbrachte, ihn darber auszuforschen, stets mit ablehnender Gleichgltigkeit
zurck gewiesen. Die umsichtige und herrschschtige Frau konnte ihre sparsamen
Gefhle hchstens nur auf die Liebe der Blutsverwandten ausdehnen; doch auch
hier nur ihrem Karakter getreu, indem sie ihre Klugheit und Lebenserfahrung
geltend machte, ihre Ansichten von Glck und Wohlbefinden ihnen entweder mit dem
vollen Umgestme des Zrnens, oder dem langsamen Wirken bler Laune und kleiner
heimlicher Rnke aufzunthigen. - Sie erlaubte sich jedes Mittel, ohne die
kleinste Unruhe ihres Gewissens, da sie durch ihr stolzes Selbstgefhl bestndig
in der sichern Ueberzeugung gehalten ward, das Wohl des Andern zu wollen,
nmlich: was sie dafr hielt, und was annehmbar zu machen, ihrer finsteren
uneingestandenen Herrschaft schmeichelte.
    Ueber ein so weiches, zur Unthtigkeit geneigtes Gemth, wie das Leonin's,
die Herrschaft zu fhren, schien sie sich nun vollstndig berufen, und indem sie
ihm damit das Leben, das seiner trumerischen Seele leicht zu schwer ward, so
bequem als mglich machte, fhlte sie sich ihres Einflusses vollkommen
gesichert. Aber sie hatte von den schnen Keimen seiner Seele, die von einer
sich selbst nicht suchenden Liebe verstanden und gepflegt worden wren, und
durch ein ehrendes Schonen und liebevolle Ermunterung erstarkt sein wrden, auch
keine Ahnung - ja, ihr Verfahren hatte bereits genug in ihm zerstrt, was sie
stets in den platten, breiten Ansichten erledigt fand, er sei zu gut frs Leben,
er msse stets dagegen gewarnt, geschtzt und eingehllt bleiben.
    Diesen Frevel, der an ihm begangen ward und ihn verhinderte, sich zum Manne
zu entwickeln, wollen wir in unsern Gedanken fest halten, wenn wir ihn auf der
Bahn seines Lebens begleiten mssen und wnschen werden, ihn halten oder sttzen
zu knnen gegen die Gewalt eines herrschschtigen Weibes, die aus
selbstschtiger Liebe seinen Geist unterdrcket, und sein Herz gegen Menschen
und Verhltnisse in Zweideutigkeit verstrickte. -
    Was er jetzt empfand und zur natrlichen Entwickelung kam, da er auer dem
Bereich ihres Einflusses lebte, erfate ihn wie ein neuer Strom des Blutes. Er
geno zuerst den Zauber, der die Seele des Mannes aus der Knospe hervorbrechen
lt und alle Krfte als Diener herbei ruft, den heiligen Zauber, ein weibliches
Wesen im zrtlichen Glauben an seine Kraft und im Gefhl der eigenen Schwche
sich ihm vertrauen zu sehen, als habe damit jede Furcht auf Erden ihr Ziel
erreicht. Wer hatte bisher von ihm gewollt und gesucht, was Fennimor nicht
zweifelte zu finden, wer hatte ihm dies vllige Gefhl der Mnnlichkeit gegnnt,
wer ihn zu einem freieren Hervortreten seiner Krfte und Fhigkeiten genthigt -
durch die Anforderungen echt weiblicher vertrauender Liebe! Es konnte nicht
fehlen, da er, der alten Fesseln entledigt, sich seiner, auf eine ihm selbst
berraschende Weise, bewut ward. Im Verlaufe dieses Bewutseins drngte sich
ihm auch eine Wahrnehmung fr die Auenwelt und seine bisherigen Verhltnisse
auf, und dies mochte ihn zu mancher noch nie gewagten Betrachtung fhren.
    Diesen hochgebildeten Naturmenschen gegenber glaubte er jetzt erst das
Leben in seiner Wahrheit zu erkennen; und wie Sir Reginald jene andere Welt in
den Stdten, an den Hfen, die man Leonin bisher dafr ausgegeben, vergessen
hatte, Fennimor sie nie gekannt, so war es auch natrlich, da Beide niemals auf
die Schwierigkeiten verfallen konnten, die sich ihm zum Gegensatze ihrer Welt
und der von ihm gekannten aufnthigten, und da diese endlich von ihm selbst nur
noch mit dem Entschlusse betrachtet wurden, sie gering zu achten, da er hier den
Inhalt einer Existenz kennen lernte, edel und ausreichend vor Gott, und doch
fremd jenem ganzen Treiben berechnender Klugheit. Aber es geschah ihm auch
zuerst, da er ber das vorzglichste ihn bis jetzt leitende Prinzip, ber seine
Mutter, nachdachte, und da er den Widerspruch erkennen lernte, in den er durch
die eigene entschiedene Umwandlung seines Wesens, von der er sich das
Eingestndni machen mute, zu dieser unvernderlichen Frau getreten war. Er
wollte nur noch Fennimor, und mit ihr Ste. Roche bewohnen, und er wute genau,
seine Mutter wrde entschieden das Gegentheil wollen - er wute, sie wolle ihn
an dem glnzenden geistreichen Hofe des Knigs sehen, vermhlt mit einer Dame,
deren Name durch Alter und Ansehn dem seinigen gleich kme. Er fhlte, er habe
zu diesen Plnen seine Mutter berechtigt; denn auch er hatte frher nie eine
andere Wendung seines Lebens fr mglich geachtet, und sei es Ueberredung, sei
es der ihm angeborne Geburtsstolz, nie hatte er den Gedanken, seine knftige
Gemahlin anders, als in den hchsten Regionen des Hofes zu suchen, fr mglich
gehalten.
    Er war noch jung genug, um der erfahrenen Entwickelung mit Enthusiasmus sich
hinzugeben und sich im vollkommenen Rechte mit diesen Empfindungen zu fhlen, da
sie ihn edler, menschlicher, hochherziger stimmten, als Alles, was er bis dahin
empfunden. Wenn er so in der heien Sehnsucht nach Fennimor's ihm nur wenige
Stunden entzogenem Anbicke, in der Frhe den Wald durchstreifte, regte sich eine
Flle guter Gedanken und Beschlsse in ihm, gem den Ansichten, die seine neuen
Freunde ahnungslos durch Worte und Handlungen erweckt hatten. Sie waren eine
Sonde fr Leonin's Herz, die ihm fhlen lie, wie weit es gesund geblieben war
unter der Hand der klugen Frstin Soubise, die jeden hheren Athemzug in ihn
zurckdrngte mit der Warnung: der bsen Welt nie zu vertrauen, nie offen sich
ihr zu zeigen. Jetzt war der Muth erwacht, sich ihr offen zu zeigen, und dessen
fhlte er sich froh. Er hoffte seiner Mutter zu beweisen, wie man ein freier,
offener Mensch sein, und doch der hohen Wrde, wozu die Geburt berufen, Ehre
machen knne. Ste. Roche, wohin er am liebsten dachte, Fennimor's heilige Ruhe
hier am besten gesichert haltend, Ste. Roche sollte ein Paradies werden! Nicht
allein die schlanken Bewohner der Wlder sollten ungestrt auf den reichen
Weidepltzen umher wandeln - jedes Wesen, das ihm gehrte, sollte Ruhe, Glck
und Sicherheit durch ihn finden. - Was Reichthum war, verstand er erst, seitdem
er gesehen, wie ernst und verstndig Vater und Tochter, was sie brig zu haben
glaubten, mit denen theilten, die weniger hatten, und sein Herz jauchzte, wenn
er dachte, da er an einem Tage mehr besa, als Fennimor im ganzen Jahr
erbrigte. Ihr diesen Reichthum zu Fen zu schtten, ihr freudiges Erstaunen,
ihr himmlisches Lcheln zu sehen, und wie sie sich mit diesem Reichthume
aufrichten werde, und wie eine Knigin durch seine Unterthanen gehen, und
helfen, und retten, und Segen spenden mit klugen, ernsten Gedanken und strenger
Mahnung, und ser kindlicher Hingebung und Heiterkeit. Was konnte ihm die Welt
gegen eine solche Aussicht auf Glck bieten, auf ein Glck, von dem er sich
veredelt fhlte bei dem bloen Gedanken daran! -
    Schon lngst kannten Sir Reginald Lester und Fennimor die Plne, welche
Crecy's Liebe fr die Zukunft geschaffen, und wenn Fennimor, kein Hinderni
ahnend, in sorgloser Freude das Glck ihrer Liebe geno, so sehen wir Sir
Reginald mit mehr Hingebung an die Wnsche der Liebenden sich anschlieen, als
bei seinem reiferen Alter zu erwarten stand, wenn nicht eben lange
Zurckgezogenheit von der Welt ihn zum Fremdling darin gemacht, und die
Erinnerung aus seiner Jugend, die ihn allerdings in manche Beziehungen zu den
Vorurtheilen und Rcksichten hherer Stnde gefhrt, doch ihm keine
Befrchtungen fr Frankreich gaben, was er unterschieden in seinen Ansichten von
England whnte, und Crecy's Besttigungen leichten Glauben verschafften.
    Den ungestrten Umgang der so schnell Vereinten hatten die Ereignisse auf
dem Schlosse Stirlings besonders begnstigt.
    Die Mutter der Grfin Gersey war gestorben, und der Graf, ihr Gemahl, hatte
sich, der tiefen Trauer wegen, genthigt gesehen, seine heitere Gesellschaft zu
entlassen, und seinen Aufenthalt abwechselnd in Edinburg zu nehmen, da die zu
machende Erbschaft seine Gegenwart ebenso, wie die der brigen Verwandten nthig
machte.
    Den jungen Grafen von Crecy wnschte er allerdings, dem frheren
Uebereinkommen mit seiner Mutter gem, bei sich fest zu halten; nur schien es
ihm nicht wahrscheinlich, da der junge Mann, der schon so wenig Vergngen zu
haben schien, als das Schlo noch der Wohnsitz der Heiterkeit und Geselligkeit
war, jetzt zu halten sein werde, wo er die einzige Person zu seiner Gesellschaft
war und jene Familien-Angelegenheiten auch ihn zu Zeiten wegriefen. Er schlug
ihm daher vor, mit ihm Edinburg zu besuchen, und auer dem Trauerhause dort
Vergngen und Zerstreuung zu suchen.
    Das war natrlich ganz gegen die Neigung des jungen Grafen, und er bat es
sich aus, in Stirlings-Bai in der grten Einsamkeit die anberaumte Zeit
verleben zu drfen, indem er die gemachte Bekanntschaft mit dem Geistlichen
eingestand, und damit des Grafen Besorgnisse fr den Mangel aller Geselligkeit
zerstreute, da auch er fr Sir Reginald eine groe Hochachtung hegte.
    Keinesweges war die Marschallin von Crecy so schnell zu beruhigen. Sie hatte
den Brief ihres Sohnes empfangen, dessen wir bereits gedacht, und augenblicklich
erkannt, ihm msse ein ganz besonderer Eindruck gekommen sein, den sie unmglich
seinen Hausgenossen zuschreiben konnte und daher unter den Gsten suchen mute,
von deren Anwesenheit dieser Brief sie unterrichtete. Noch zgerte sie gegen
sich selbst mit dem gefrchteten Gestndnisse, dies knne ein Herzenseindruck
sein; denn sicher gemacht durch die bloe galante Neigung ihres Sohnes zu
Frauen, hatte sie sich der Hoffnung berlassen, Alles, was er darber zu
erfahren nthig habe, werde er dereinst auch durch sie empfangen, durch die ihm
von ihr bestimmte Gattin.
    Sie war zu kalt, zu sehr Weltfrau, um groen Werth auf eine mgliche
unzeitige Herzensaffektion ihres Sohnes zu legen, im stolzen Selbstvertrauen
sich berzeugt haltend, sie wrde niemals ihren Plnen fr die Zukunft entgegen
treten knnen - aber dennoch berhrte es sie unheimlich, als ein neuer Beweis,
wie viel Selbststndiges sich in ihm zu entwickeln begnne; und ihr
Antwortschreiben war so eingerichtet, ihm zu genaueren Mittheilungen
Veranlassung zu geben, da sie nher kennen wollte, was geschehen, ehe sie
einschritte. - Auch gelang ihr dies vollkommen; denn Leonin, entzckt von dem
milden mtterlichen Tone dieses Briefes, legte ihr nun seine Plne fr die
Zukunft dar, indem er sich unbefangen ber den Werth seiner zu erwartenden
Besitzungen freute, und seine Absicht aussprach, auf Ste. Roche frs Erste zu
leben, und dort Wohlthaten und Verbesserungen jeder Art zu hufen. Er fgte mit
kindlicher Zrtlichkeit hinzu: wie er dann hoffe, auch sie werde dort gern
weilen, wenn er ihr eine Tochter zufhren knnte, ihrer wrdig, und mit ihm
vereint bemht, ihr das Leben zu erheitern.
    Zwar hielt ihn eine ahnungsvolle Scheu zurck hinzuzufgen, wie weit er mit
dieser letzten Zusicherung selbst sorgend gekommen war, aber dies war auch fr
die Frsten Soubise nicht nthig, denn sie hatte genug vernommen, um zu wissen,
ihr Sohn habe ohne sie eine Lebensgefhrtin gewhlt, genug, um pltzlich aus
ihrer Sicherheit ber ihn zu erwachen, genug um die Krfte ihres intriguanten
Geistes herbei zu rufen, denn dieser Mutter konnte nur einfallen, um jeden Preis
zu hindern, was sie nicht beschlossen; Bedenklichkeiten bei solchen Schritten
waren ihr fremd, weil sie Niemand so liebte oder achtete, um auf dessen Wnsche
oder Ansichten, den geringsten Werth zu legen.
    Nur auf welche Weise sie hier am zweckmigsten einschritte, blieb ihr
ungewi. Doch ihre Unruhe, ihre Ueberraschung und ihr Schrecken sollte noch
steigen, als sie sich endlich entschlossen hatte, ganz absichtslos erscheinend,
die Vernderung in der Gersey'schen Familie zu einer schnelleren Zurckberufung
ihres Sohnes zu benutzen, ihm ihr Bedauern ausdrckend, da ihr Wunsch ihn an
einen Ort habe fesseln mssen, der so wenig Reiz fr ihn haben knne, und wie
sie ihm ihr Schlo Moncay bei Paris anbte, wohin sie sich mit seinem Vater zu
seinem Empfange begeben wollte, wenn er bis zu seiner Majorennitt vorzge, vom
Hofe entfernt zu leben.
    Leonin's Antwort berhpfte leichten Fues den ganzen schwerflligen Inhalt
dieses wohlberechneten Briefes, und wie ein Schfer an seine Geliebte,
antwortete er heiter und in glckseliger Laune scherzend, wie Stirlings-Bai
nichts Abschreckendes fr ihn habe, und die herrlichen Wlder, die reizenden
Thler in der Zauberluft des Herbstes zu durchstreifen, ihm einen Genu
gewhrte, womit er nichts zu vergleichen wte, und der Gedanke, damit zugleich
ihre frheren mtterlichen Wnsche zu erfllen, ihn entschlossen machte, hier
genau so lange zu bleiben, da ihm blos Zeit bliebe, zu dem nothwendigen
Augenblicke seiner Majorennittserklrung in Paris einzutreffen.
    Also, er fat eigene Entschlsse! rief die Marschallin, als sie diesen
leichten, spielenden Brief gelesen hatte - und ganz berwltigt von dieser
Vorstellung, blieb sie in ihrem Stuhle sitzen, unfhig sich zu fassen.
    Und zurck mu er dennoch! fuhr sie, sich emporringend, fort, zurck mu
er, und ich mu erfahren, was ihn dort zu fesseln vermochte! -
    Ihr langes Nachdenken gab ihr, wie immer, die Mittel an die Hand, die sie zu
ihren Zwecken bedurfte, und leider lie es sie jetzt ein zu jeder That bereites
Individuum whlen, dessen erprobte Theilnahme in allen Fllen ihr dasselbe zu
einem Freunde erkoren hatte, den Begriffen von Freundschaft gem, die zwei
solche Menschen nhren konnten.
    In dem Hause der Marschallin von Crecy lebte ein junger Mann, den Alle
Marquis de Souvr nannten. Seine Erziehung war in dem Kollegium zu Clermont
geleitet worden und jedenfalls auf grere Ansprche berechtigt gewesen, als der
frhe Tod beider Aeltern und ein zerrttet befundenes Vermgen spter zulieen.
Diese Tuschung, die er in einem Alter erfuhr, wo er mit dem ganzen Uebermuthe
eines hochmthigen und sinnlichen Charakters dem Leben schon jeden materiellen
Genu abgefragt, und von der Magie des Reichthums eine um so hhere Idee gefat
hatte, als er gefunden, wie sie am leichtesten die Wege des Lasters verdecke,
erfllte ihn mit der bittersten Emprung gegen ein Loos, das ihm nur noch eine
sparsame Revenue und ein dadurch heruntergekommenes Ansehn in seiner ganzen
gesellschaftlichen Stellung brig lie, Er grollte der ganzen Welt, die ihm
begnstigter schien, als er es war; er grollte namentlich dem ganzen Kreise, in
dem er als reicher Marquis mit dem vollsten Uebermuth solcher Vorrechte gelebt,
und welcher ihn jetzt mit mitleidiger Gleichgltigkeit oder hhnisch verrathener
Freude von einem Platze verdrngt sah, den er mit so viel Anmaung eingenommen
hatte; und er berwand nur den bittern Schmerz dieser Demthigung, um sich der
Mittel in seinem listigen Geiste bewut zu werden, die ihn ohne das Erforderni
seiner bisherigen Untersttzungen zum Herrn seiner Feinde machen sollte.
    Wir hoffen, unsere Leser erlassen uns gern die Verfolgung des geheimen
Lebens eines Mannes, das er selbst mit der hchsten Feinheit seinen nchsten
Umgebungen zu entziehen wute. Sein Hauptgrundsatz war: Niemandem sei Vertrauen
zu schenken und das Vertrauen Aller zu erringen. Er setzte sich in den Besitz
aller Geheimnisse, aller Angelegenheiten, die nur entfernt das Eigenthum der
Personen waren, mit denen er leben wollte, oder die ihm behlflich werden muten
zu seinen Zwecken. Trotz seiner Jugend hatte er bestndig ein ernstes, kaltes
und abgemessenes Wesen, er schien nur gezwungen sich dem Vertrauen Anderer
hinzugeben, und indem er immer ablehnend war, fesselte er gerade das Interesse,
zog dadurch an und schien eine grere Sicherheit zu versprechen. Es war leicht
zu bemerken, wie er gelegentlich, gleichsam zufllig, anzudeuten wute, wie ihm
Geheimnisse und Verhltnisse der hchsten Personen bekannt waren, die er sich
doch sehr wohl htete aufzudecken, wenn sie ihm den Dienst geleistet, ihn da, wo
er es brauchte, wichtig erscheinen zu lassen; er hatte sich dadurch auch das fr
ihn hchst belohnende Gefhl verschafft, gefrchtet zu sein, und hiermit den
Platz errungen, der ihn allein ber den Verlust seiner frheren Verhltnisse zu
trsten vermochte.
    Durch seine Mutter war er der Marschallin von Crecy verwandt und derselben
bei ihrem Tode dringend empfohlen. Nicht lange betrat er dies Haus, ohne das
ganze Terrain darin mit Ueberlegenheit zu berschauen, und es hchst bequem zu
finden fr seine Neigungen. Den Marschall lie er bald mit einem mitleidigen
Lcheln, als gnzlich der Beachtung unwerth, bei Seite, da er schnell erkannte,
er habe in seinem eigenen Hause, wie im Staate nur noch den Platz eines zur Ruhe
gesetzten Invaliden. Schrfer fate er die Marschallin auf, die in der That
keine schnelle Beute fremder Willkr werden konnte - aber, sie hatte ja
Schwchen in Flle - ihr Hochmuth, ihr Ehrgeiz, der sie gegen Beherrschung
schtzen sollte, mute sie gerade diesem gewandten Machinisten in die Hnde
spielen, und er hatte ihr Vertrauen, ehe sie es ahnete, er nderte und
beherrschte schon ihre Plne, als sie noch glaubte, sie brauche ihn nur
gelegentlich, die ihrigen zu frdern.
    Vom ersten Augenblicke an hate er Leonin. - Dies sorglose, weiche Kind des
Glckes, das so wenig die unermelichen Vorzge von Rang und Vermgen zu
schtzen, ja, sie ihm so wenig zu verdienen schien, gering mit den Eigenschaften
ausgestattet, die ihm allein wichtig waren und ihn verchtlich von den Vorzgen
denken lieen, die Leonin als Ersatz glnzender Geistesfhigkeiten besa. Dies
Wesen, das in dem ruhigsten Gleichmuthe und der grten Sicherheit sein
sorgloses Leben geno, und spielend den Reichthum verbrauchte, als knne es gar
nicht anders sein, nach dessen Besitz in ihm die ungemessenste Begierde glhte,
erfllte ihn mit einem so heftigen Neide, mit einem so bitteren Hasse, da das
Haus der Marschallin fr ihn einen Reiz bekam, den ihm kein anderes Gefhl mehr
gewhrte. Da Leonin sich ihm anschlo - brderlich und mit der gromthigsten
Hingebung ihn jeden Vorzug dieser Lage fast zu theilen zwang, vershnte ihn
nicht, und er ertrug nur seine Gesellschaft, um ihn zu verachten und, wo
mglich, zu lehren, da sein Glck zu erschttern sei. Schon wnschte er dazu
die Reise des jungen Grafen mitzumachen; aber zu stolz, deshalb gefgige
Schritte zu thun, sah er auch zu bald ein, wie der gute Abbate Mafei ihm wohl
nicht ganz traute und Alles that, sich diesen Gefhrten entfernt zu halten. Er
blieb daher in der ruhigen Sicherheit, sein bezeichnetes Opfer dennoch gewi zu
haben, bei der Marschallin zurck, entschlossen, hier indessen so viel Boden zu
gewinnen, da er fest stehe bei der Rckkehr des sorglosen Glckskindes.
    Es war der Marquis de Souvr, den die Marschallin herbeirufen lie, und bald
sah er sich in dem ganzen Vertrauen der besorgten Mutter.
    Wie immer, gab er halb zu, was sie sagte, um desto besser sie zu seiner
Meinung berfhren zu knnen, und indem er sie noch ruhig sprechen lie, sagte
sie ihm schon nichts mehr, als was er zu hren wnschte. Mit der grten
Sprdigkeit nahm er ihre Bitten auf, selbst nach Schottland zu gehen und ihres
Sohnes Lage dort nicht allein zu erforschen, sondern ihn frei zu machen und so
schnell, als mglich, zurck zu fhren. Erst, als seine Eiwilligung ihr die
hchste Gunst der Freundschaft schien, gab er sie und erndtete von einer Frau,
die nie dankte, nie das Ansehn haben wollte verpflichtet zu sein, nun den
vollsten Ausdruck von Beidem. -
    Wir wenden uns vorlufig gern von einem Zustande der Seele ab, wie der war,
mit dem der Marquis pltzlich die Wege vor sich offen sah, auf die er fast
getrieben ward, mit der sicheren Hoffnung, dem hei beneideten Jnglinge seine
ueren Vorzge zu verleiden, da er es nicht vermochte, sie ihm zu rauben. Wir
werden ihn leider wiederfinden, und kehren zu der Unschulds-Welt zurck, die wir
also bedroht wissen.
    Das tgliche, ungestrte Beisammensein einiger Wochen hatte eine genauere,
innigere Annherung zugelassen, als in dem Gerusche der Welt oft Jahre
vermgen. Leonin hatte die Vollendung des Sprachunterrichts bernommen, den
Fennimor von ihrem englischen Vater nur bis auf einen gewissen Punkt erhalten
konnte, und Fennimor hatte dagegen ihm ihre alten Legenden und Geschichtsbcher,
vor allen aber ihre Bibel vorgetragen, worin sie ihn zu ihrem Erstaunen hchst
unwissend fand, und welchen Uebelstand sie durch ihren ernsten Eifer, und indem
sie bei ihm alle Regeln des Unterrichts anwendete, durch die sie selbst geleitet
worden war, jetzt fr immer zu heben hoffte. Wir wollen nicht untersuchen, wie
lange der Ernst solcher Studien jeden Tag anhielt, welche Rolle der Wald, die
Blumen, die Vgel und alle die tausend lieblichen Kindereien dazwischen
spielten, womit Fennimor ihre Einsamkeit bisher geschmckt, und die nun alle
Leonin so wohl bekannt waren, als ihr selbst: gewi bleibt es, da der
unverwandt sie anblickende Schler oft kein Wort mehr von den alterthmlichen
Figuren hrte, die sie mit dem vollen Eifer ihres Glaubens daran ihm einzuprgen
suchte - blos noch das himmlische, von Locken, wie von einer Glorie, umsumte
Antlitz betrachtend, das so ernst, so glhend von ihrer Anstrengung, mit den
leuchtenden Augen den schlanken Finger verfolgte, der ber die vergelbten
Bltter Leonin als Wegweiser dienen sollte.
    Du giebst wieder nicht Acht! rief sie dann pltzlich, Alles merkend, und
sollst Du es nachher ohne das Buch wissen, dann ist die Arbeit umsonst gewesen.
    Aber schon mute sie, selbst lachend, die Augen von seinem lachenden
Gesichte abwenden, und wenn er dann die strenge Hand, die ihm drohen wollte,
einfing, fiel ihr auch bald allerlei liebes Geschwtz ein, was nicht auf dem
alten Pergamente stand. - Es blieb Leonin kein Geheimni in dieser Seele, deren
ganzes Bewutsein ein redendes Mittheilen an ihn geworden war, und wie sie sich
erweckt und belebt fhlte durch diese Hingebung und den ganzen Zauber dieser
reinen und tiefen Liebe, so strmten in ihrer reichen Seele nur jeden Tag neue
Entwickelungen hervor, an denen sie sich kindlich erfreute, sie alle dem
Geliebten dankend.
    Unser Gefhl hlt uns zurck, den hinreichend durch unsere Mittheilungen
dargelegten Zustand der beiden Glcklichen zu umschleichen; dennoch werden wir
dies Gefhl in allen seinen Stadien andeutend verfolgen mssen, da es fortan die
Atmosphre oder das Schicksal dieser so innig sich gehrenden Wesen bildet, und
ihr ganzes Leben gestaltet und bestimmt.
    Schon nahte sich die Zeit, die Leonin als die seiner Abreise angesetzt
hatte, und er, wie Fennimor gingen ihr mit so bangem, beklommenem Herzen
entgegen, als stehe ein Gewitter ber Beider Haupt. Keiner wagte den Andern
daran zu erinnern, aber Beide verstanden die bange Furcht ihrer Herzen, und wenn
Fennimor sich pltzlich, weinend wie ein Kind, an seine Brust warf, frug er sie
nicht, warum sie weine, und lie auch den Thrnen seiner eigenen Augen freien
Lauf, denn er schmte sich dieses treuen Mitgefhls nicht.
    Was dabei Crecy's Besorgnisse noch mehr erregte, als selbst Fennimors
unerfahrenes Herz es auffate, war das sichtliche Abnehmen der Lebenskrfte des
ehrwrdigen Sir Reginald. Diesem kindlichen Greise, der seit einigen vierzig
Jahren die Wlder von Stirlings-Bai und ihre nchsten Umgebungen nicht mehr
verlassen hatte - dessen Erinnerungen bis auf das Leben mit seiner Gattin
erblat waren, der die groen Umwlzungen, die die Welt indessen erlitten, nur
wie ein Schattenspiel ohne ihre wahren Farben, ohne von ihrem Einflusse berhrt
zu werden, an sich hatte vorbergehen lassen, der vom Leben sich so leise, so
mild abgelst, da er nur, um Fennimor Gesellschaft zu leisten und ihre Existenz
unangerhrt zu lassen, das Leben fest gehalten hatte als eine noch nicht gelste
Aufgabe - ihm sank mit jedem Tage, jetzt, wo Fennimor ein neues Dasein
ergriffen, das er kindlich unwissend durch Crecy's Herz fr gesichert hielt, die
Lebenssonne tiefer herab. Er fhlte in sich schon den Tag nahen, wo sie ihm
versinken wrde, und seine Zge trugen das Lcheln der Verklrung, wie einen
liebevollen Trost, um die bleichere eingesunkenere Wange. Schon nahmen die
sanften Laute der brechenden Stimme bei jeder liebevollen Anrede Abschied von
dem Lebenden, und Crecy sah mit tausend bangen Gedanken, wie die schwankenden
Schritte verriethen, da die ehrwrdige Gestalt sich nicht mehr aufrecht zu
tragen vermochte, und die weien Locken dem mden Haupte nach ber die Brust
zusammen fielen.
    Fennimor sah die Vernderung ihres Vaters, aber sie kannte den Tod nicht,
sie hatte noch nie daran gedacht, ihr Vater knne sterben, und so hatte sie
immer eine neue Erklrung fr seinen vernderten Zustand, wenn Crecy zuweilen
schonend den Versuch machte, sie auf den immer unvermeidlicher werdenden Ausgang
vorzubereiten. Oft wurde sein besorgter Blick von dem Greise errathen, dann
reichte er ihm lchelnd die Hand. Du wirst Fennimor jetzt meine Stelle
ersetzen, sagte er - ich frchte nicht mehr mein nahes Ende, und ein Vaterland
wird sie berall finden, wo sie geliebt wird.
    Crecy hatte oft nicht den Muth, in solche Andeutungen einzugehen, aber er
fhlte dennoch immer lebendiger heraus, wie gro und Besorgni erregend die
Vernderung sein wrde, die Sir Reginalds Tod jetzt hervorbringen mte, wo
seine Verhltnisse Fennimor fr den Augenblick weder eine Zuflucht bei ihm, noch
Rechte darauf geben konnten.
    Es findet sich am hufigsten, da wir einen eigenen Fehler berwinden
lernen, wenn wir ihn an Andern in seiner ganzen Strke, mit allen seinen
Nachtheilen hervortreten sehen, denn indem die Folgen unser Interesse gefhrden,
lernen wir selbst uns davon frei machen, indem wir uns dagegen zu sichern
suchen.
    So gern Crecy die Zukunft erwartete und der Gegenwart ohne weitere
Anstrengung in unthtiger Mue angehrte, so war dies bei Sir Reginald, entweder
durch den zuletzt erwhnten Zustand, oder aus dem kindlich ruhigen Einschlafen
eines langen, einfrmigen Lebens hervorgehend, in noch viel hherem Maae der
Fall, und dies ruhige, sorglose Erwarten der besorglichsten Zukunft, ohne auch
nur mit einem Gedanken dafr eine Einrichtung treffen zu wollen, weckte nun
Leonin zu Betrachtungen darber, die ihn eine Berathung mit Sir Reginald
dringend wnschen lieen. -
    Als sie sich so einst wieder errathen hatten und Sir Reginald, wie frher,
jede Sorge fr Fennimor in ihm erledigt hielt, dankte ihm Leonin herzlich fr
sein Vertrauen, und da Fennimor's Abwesenheit ihn unbehindert lie, suchte er
ihn zu einer berathenden Mittheilung zu bewegen: Fennimor wird als meine
Gattin, hoffe ich zu Gott, allen Schutz genieen, den Ihr mit Recht voraussetzt;
aber denkt selbst, da ich Euch bald verlassen mu, da ich nicht wissen und
bestimmen kann, wie lange mich die Fundirung meiner Angelegenheit, die ich zu
Fennimor's Gunsten selbst nicht bereilen darf, von dieser lieben Stelle trennen
wird; denkt, da Fennimor bis dahin keine Rechte an mich hat, und ich keine an
sie vor der Welt darf geltend machen, und fhlt dann meine Besorgnisse fr ihre
nchste Zukunft, wenn inde der schmerzliche Augenblick eintrte, dessen Ihr
jetzt so oft gedenkt, da Ihr mich selbst sein Mglichkeit habt annehmen
lassen.
    Sir Reginald schwieg nach diesen Worten lange, und blickte ernst und mit
sichtlicher Erweichung in die Ferne. Mein Sohn, sprach er dann - Du bist
weiser fr die Welt bei Deiner Jugend, als mich das Alter, das uns von der
irdischen Sorge bei ihrer erkannten Geringfgigkeit abzieht, erhalten hat. Du
hast Recht - es liegt bis zu Fennimor's sicherer Zukunft an Deiner Seite noch
ein Zwischenraum, den mein Tod fr dieses theure Kind unsanft ausfllen knnte,
und in Wahrheit wre ihre Lage bei ihrer weichen Seele alsdann bedroht genug.
Ich wrde sie bis zu Deiner Rckkehr sicher, wenn auch unerwnscht fr das liebe
Kind, der Lady Gersey haben anvertrauen knnen; doch ihr Aufenthalt in Edinburg
und ihre groen Verhltnisse dort mit all' der Unruhe einer solchen Erbschaft
berhuft, machen dies unzulssig. Mein Sohn lebt leider so entfernt und als
Geistlicher an den Platz gefesselt, den er bernommen, da ich ihn nicht
veranlassen drfte, zu Fennimor herber zu kommen, so sehr sein edles
brderliches Herz dazu auch bereit sein wrde; auch, glaube ich, steht ihm
selbst eine Reise nach London bevor, da er sich dort zu vermhlen denkt. - Er
schwieg, nachdem er so selbst die Schwierigkeiten hervorgehoben, die Fennimor
aus seinem Tode erwachsen konnten, und sichtlich wute er sich keinen Rath.
    Nicht besser ging es Leonin, und tausend Mal wnschte er diese unselige,
unerlliche Reise schon hinter sich, um mit der ausreichenden Vollmacht eines
unabhngigen Mannes Fennimor's Gatte zu werden, und sie gegen jede Zuflligkeit
hinlnglich schtzen zu drfen.
    Am liebsten, hob der Alte mit dem Tone an, dem man die erregte Besorgni
anhrte, am liebsten wird sie Dich hier erwarten wollen, und bei Emmy Gray und
ihrem Manne bleiben; aber dies ginge wohl, wenn sie Deine Frau wre, wo sie fr
sich stehen knnte und man ihr keinen Vorwurf darber machen drfte, da sie mit
ihren Domestiken allein bliebe, bis Du zurck kehrtest; so aber wrde sie
unschicklich handeln, was wir nicht zugeben drfen, da das gute Kind von der
Welt noch nichts wei und stets geneigt ist, das Natrlichste fr das Beste zu
halten - auch ist mir schon der Nachfolger ernannt, denn der Lord Gersey will
seine Gemeinde nicht ohne geistliche Frsorge lassen, und dieser mir wohl
bekannte Kaplan wird mit einer starken Familie bald hier einziehen, wenn meine
Augen sich schlieen, und Fennimor wrde viel Schmerz erleben, hier das Haus als
Fremdling bewohnen zu mssen, wo sie einst so sinnig schuf und ordnete.
    Leonin hrte dem Alten mit Erstaunen zu. Erweckt ber diesen Gegenstand
nachzudenken, durchschaute er mit folgerechter Klarheit alle daliegenden
Schwierigkeiten, und hatte sie doch so lange, wie nicht existirend, bei Seite
schieben knnen, wo der Gegenstand, den sie betrafen, ihm doch der wichtigste,
theuerste auf Erden war. Leonin fhlte die Nothwendigkeit, hier entscheidend zu
helfen, und doch sah er weder eine Mglichkeit dafr, noch gestattete ihm sein
zrtliches Gefhl fr den geliebten Greis, so ohne Schonung den unglcklichen
Fall anzunehmen, der diese Verhltnisse alsdann herbeifhren mute.
    Da sagte pltzlich der alte Mann, aus tiefem Nachdenken erwachend: Das
Beste wird sein, mein geliebter Sohn, wenn ich Dir Fennimor zum Weibe gebe, ehe
Du nach Frankreich gehst; dann hat sie mit dem ehrwrdigen Range einer
verheiratheten Frau das Recht, sich berall hinzubegeben, wo Du es fr gut
hltst, und Emmy Gray und ihr Mann werden, bis Du sie nach Frankreich in Deine
Besitzungen fhrst, hinreichend sein, da sie dann nur treue Diener braucht. -
    Es ist unmglich, den Eindruck zu schildern, den Leonin von diesen Worten
empfing - es war ein. Sprung in seinen Empfindungen, der so ungeheuer gro war,
da er ihm den Athem zum Ersticken versetzte, und er von den angeregten Gefhlen
und Gedanken so berwltigt ward, da er mit den Worten: Vater, Vater, welch'
ein Ausspruch! zu seinen Fen sank und seine Hnde mit einer an Angst
grenzenden Empfindung an seine Brust prete. - Dies namenlose Glck, das zu
erreichen, alle seine Trume, alle seine Wnsche umschlo, es erschreckte ihn,
der Erfllung so nah'. - Er fhlte eine pltzliche Unsicherheit, als knne er es
nicht verdienen, nicht festhalten, was ihm mit so engelreinem Vertrauen geboten
ward. Riesengro stieg das ganze Gebude von Hindernissen auf, das ihn in der
Heimat erwartete, und das er durch diesen Schritt nur vermehrt sah. Aber der
Gedanke, Fennimor solle ihm schon jetzt gehren, nicht die Last jener
Wiederwrtigkeiten sollte dazwischen liegen - welch' ein Glck! Er frug nach
einem zweiten, wie dieses, und dennoch fhlte er sich davon bis zum Erschrecken,
bis zum Verzagen berrascht, und blieb betubt vor dem arglosen Spender dieses
wunderbaren Geschenkes knieen, ohne es zu wissen, und ohne seiner Erschtterung
Herr werden zu knnen.
    Der sanfte Greis bemerkte es nicht; von der Anstrengung dieser Berathung
ermdet, sah er still vor sich nieder.
    O, Vater, sprach Leonin endlich - ist das Euer Ernst? wollt Ihr mich so
bald, so ohne Bedenklichkeiten glcklich machen?
    Da erwiederte er mit dem sterbenden Lcheln eines Verklrten, als ffneten
sich vor seinen Augen die Pforten der Zukunft: Da sehe ich meine Fennimor an
Deiner Seite vor mir am Altare knieen, und von ihrem Vater gesegnet, erfllt
sich ihres Herzens Wunsch; sie wird Dein Weib, und ich gehe ein zur ewigen
Ruhe! - Wieder schwieg er lchelnd, mde das Haupt gesenkt, und Leonin hatte
eine wunderbare Besttigung gewonnen - wie ein Engel hatte die Ueberzeugung ihn
aus diesen Worten angeredet, er stand auf und sagte entschlossen: Ja, mein
Vater, es sei so, wie Ihr edel vertrauend mir anbietet! Zwar bin ich noch nicht
majorenn, noch nicht unabhngiger Herr meiner Handlungen, aber ich fhle mich in
meinem Geiste eben fhig, mir selbst die Unabhngigkeit zuzusprechen, und ich
werde jede Verpflichtung zu vertreten wissen, die ich hiemit bernehme! - Aber
sagt, frug er nun mit dem vollsten Ausdrucke der Liebe, wird Fennimor
einwilligen wollen, so bald mein Weib zu werden?
    Fragt sie selbst, sagte Sir Reginald - denn eben trat Fennimor in die Thr
und flog sogleich mit ihrem leichten Schritt auf Leonin zu.
    Fennimor, meine geliebte Fennimor, rief er, sie an seine Brust drckend -
weit Du, was der Vater so eben ber uns bestimmt hat?
    Sag' es mir, erwiederte Fennimor, heiter zu ihm aufblickend, es ist gewi
recht was Gutes.
    Ja Fennimor, das ist es, fuhr Leonin noch belebter fort - Du sollst, wenn
Du mich nicht zurckweisest, noch ehe ich nach Frankreich gehe, mein Weib
werden, und der Vater will uns selbst einsegnen vor dem Altare!
    O, mein Gott, - rief Fennimor, faltete schnell ihre Hnde und fiel auf
ihre Knie vor den Vater hin - hltst Du mich denn jetzt schon so hohen Berufes
wrdig? Kann ich denn schon eine Frau sein zu Gottes Ehre, wie es doch so schwer
und hochwichtig sein soll?
    Du wirst das ja mit Gottes Hlfe lernen, mein theures Kind, sagte der
Vater ruhig, und anfangen mtest Du ja immer einmal, und wre es nach Jahren
erst.
    Ja, sagte Fennimor, anfangen mte ich immer einmal, da hast Du Recht,
und Gott mte mir doch spter auch helfen, wie er mir jetzt helfen wird, da ich
der Hlfe noch mehr bedrftig bin. Ach, - rief sie nun, als habe sie den Ernst
der Sache abgethan, und stand schnell, gegen Leonin gewendet, auf - und dann
bin ich Dein Weib, und Du mut um so eher wiederkommen, und Deine Mutter ist
gleich meine Mutter, und sie wird mich um so schneller lieb haben, wenn Du ihr
Gre von ihrer Tochter bringen kannst.
    Crecy verbarg sein Gesicht in ihre Locken, es ging ein trber Schatten
drber hin, sein Herz ward zusammen gedrckt, sie hatte selbst ihre drohende
Zukunft in ihm herauf beschworen.
    Aber selbst diese Anregung, wie htte sie nach Fennimor's Einwilligung die
Macht haben knnen, das Glck zu trben, von dem er sich bald allein noch
erfllt fand; die Zukunft mochte senden, was sie wollte, ihm gehrte die
Gegenwart, mit jedem Zauber fr das Herz ausgestattet, und er wollte Alles
vergessen, um sie vollstndig zu schtzen.
    Wenige Tage vor seiner Abreise sollte seine Vermhlung mit Fennimor in der
Kirche der Abtei stattfinden. Nach reiflicher Ueberlegung beider Mnner sollte
dieselbe ein Geheimni bleiben, so lange Sir Reginald am Leben bliebe, und
Fennimor erst im Fall des Alleinstehens das Recht haben, sich in der
unabhngigen Stellung einer verheiratheten Frau zu zeigen. Dies schien Leonin
hchst nthig, um seine Mutter langsam auf seine Entschlsse vorzubereiten, und
ohne da er diesen Grund gerade hervor hob, fand der Wunsch, seine Aeltern
selbst von seiner Vermhlung zu unterrichten, bei Vater und Tochter die grte
Billigung - denn an jener Einwilligung zweifelten Beide nicht nach Leonin's
Zusicherung derselben; und nachdem Fennimor den zrtlichen Brief der Marschallin
an ihren Sohn gelesen, worin sie, besorgt fr sein Vergngen, ihm dort
wegzugehen rieth, hielt sie seine Mutter fr den Inbegriff aller Gte und Liebe,
und hing schon jetzt mit kindlicher Zrtlichkeit an ihr.
    Emmy Gray und ihr Mann sollten die nthigen Zeugen abgeben, darber von
Crecy und Sir Reginald ein Dokument aufgesetzt werden, welches von Allen
unterzeichnet, die Legitimation dieses priesterlichen Aktes enthalten sollte,
und alle Theile hielten sich damit fr gesichert und beruhigt; wobei von
Fennimor natrlich nicht die Rede sein konnte, welche, in gnzlicher
Unwissenheit ber diese Formen, ihnen vollkommen gleichgltig zusah. Ueberhaupt
konnte nichts ihren Schmerz ber die nahe Trennung von Leonin zerstreuen. Sie
begriff nicht, wie sie leben knnte ohne ihn, und empfand eine solche
Herzensangst bei dem Gedanken, ihn nicht mehr sehen und hren zu sollen, da
Todtenblsse sogleich ihre Stirn bedeckte und der Schmerz wie ein krperliches
Leiden sie ergriff. Sie versuchte Leonin's Freude ber diese Vermhlung zu
theilen, aber sie hatte nie, wie er, Schwierigkeiten fr ihre dereinstige
Erfllung gesehen, sie konnte daher auch keine grere Sicherheit dadurch
gewinnen; und der Gedanke, eine Frau zu sein, wovon sie sehr schwerfllige,
ernste Vorstellungen hatte, die sie um ihr heiteres, kindliches Umherschwrmen
zu bringen drohten, erfllten ihren Geist mit bangen Bildern, die nur durch
Leonin's Freude und seine erhhten Liebesbeweise zuweilen zerstreut wurden.
    Was dazu beitrug, Fennimor's Herz zu qulen, war die laute unverholene
Mibilligung, welche Emmy Gray bei der Mittheilung dieses Entschlusses
aussprach.
    Niemals hatte sie so, wie die brigen Mitglieder des Hauses, sich an Crecy
anschlieen knnen. Als Spielkameradin, Dienerin und Freundin, durch die Jahre,
die sie lter war, und die sie sogar zur Frau und Mutter gemacht, hatte sie ber
Fennimor mehr Gewalt bekommen, als sich zuerst darlegte, und indem sie mit
enthusiastischer Liebe an ihr hing, bewachte sie zugleich mit der grten
Eifersucht das Leben eines Wesens, wogegen Mann und Kind ihr fast gleichgltig
waren, und das sie, indem sie sich stets bereit fhlte, ihr ganzes Interesse
dafr hinzugeben, auch als eine Art Eigenthum fr sich zu erhalten strebte.
    Fr Fennimor's Ehre, Ansehn und knftiges Glck trug sie die bertriebensten
Vorstellungen in sich. Was Crecy an Namen, Rang und Vermgen ihr bot, schien ihr
nur grade so, wie es ihr zukam; sie dachte diese Vorzge durch eine groe
ffentliche Vermhlung erst recht ins Licht gestellt zu sehen, und hoffte
dadurch alle die Kammermdchen der Lady's auf dem Schlosse zu lehren, wie die
Ansprche ihrer jungen Herrschaft genau so gro seien, als die der ihrigen.
    Ernsten, finsteren Gemths legte sie berhaupt auf Heirathen keinen Werth,
ja, sie hatte die ihrige, obwohl John Gray der beste Mensch und ihr innig
zugethan war, schon lngst bitter bereut, und nur, weil er ihr vollkommene
Freiheit lie, nach wie vor ihren Dienst bei Fennimor zu verrichten, ertrug sie
dies Verhltni, erhielt ihm ihre khle Liebe und bestellte mit rechtschaffener
Strenge ihr gemeinschaftliches Haus.
    Crecy's Erscheinen trennte sie zuerst von der ununterbrochenen Gemeinschaft
mit dem Abgotte ihres Herzens, zu dem sie Fennimor gemacht, und das Glck, das
sie durch diese Liebe ber jene verbreitet sah, konnte sie, indem sie dieselbe
nicht zu verstehen vermochte, auch nicht mit ihrem dadurch erlittenen Verluste
vershnen.
    Es trat ein fast unbezwingliches Zrnen gegen denjenigen ein, der es wagen
wollte, ihr Frulein so zu lieben, wie sie selbst, ein anderes hheres Glck ihr
zu bieten, als sie es ihr bisher bereitet. Nur ihr Ehrgeiz und die Erwartung,
wie sie durch den hervortretenden Glanz ihres Lieblings dereinst Alle auf Schlo
Stirlings demthigen wollte, versprach ihr Ersatz und einigen Genu, wobei sie
mit milderen Empfindungen gegen Crecy sich dessen Mitwirkung versprach.
    Wie mute sie daher die Nachricht aufnehmen, da von allem diesem bei der
beabsichtigten Vermhlung nichts sich ereignen wrde!
    Ihre Emprung kannte keine Grenzen. In Thrnen gebadet, warf sie sich ihrer
jungen Gebieterin zu Fen und bat sie, diesen ehrlosen Vorschlag nicht
einzugehen, nicht wie ein verlorenes Mdchen heimlich und ohne den Glanz, der
ihr zukme, den Altar zu betreten.
    Ja, Emmy, - sagte Fennimor betrbt - ich habe auch immer geglaubt, ich
mte dies einmal ganz ffentlich thun, so wie Du damals, wo Dir die Jungfrauen
alle folgten, und die Kinder Blumen streuten, und es so schn den ganzen Tag
war.
    Ach, und ich - was bin ich gegen Euch! rief Emmy. - Ihr, die ein Frst
htte whlen knnen und sich damit geehrt htte - Ihr, Ihr sollt nun so hinter
dem Altare herkommen, als mtet Ihr Euch schmen vor der groen Ehre, die ein
so fremder Graf Euch erzeigen will; und zwei so schlechte Leute, wie ich und
John, sollen Zeugen sein, wo die ganze Grafschaft htte eingeladen werden
mssen, und die Ladys Gersey's Euch die Schleppe tragen.
    Ach, sagte Fennimor, rasch von ihrem Schemmelchen aufstehend, vor dem dies
Gesprch vorfiel - wenn die ganze Grafschaft htte dazu kommen mssen, und die
Gersey's meine Schleppe tragen, dann ist es mir doch viel lieber, da wir so
recht still bei einander bleiben knnen und die Andern gar nichts davon wissen,
denn lustig kann ich doch nicht sein, weil Leonin zwei Tage darauf abreisen
mu.
    Ach, weinte Emmy, Ihr redet, wie Ihr es versteht, und das ist eben
schndlich, da man Eure Unwissenheit benutzte, Euch so um Euren besten
Lebenstag zu betrgen; wer wei, was der fremde Herr Graf, dem ich nie getraut,
gegen Euch im Schilde fhrt!
    Schweig'! rief Fennimor schnell, mit der vollsten Energie einer
Gebieterin, wie kannst Du in Deiner Thorheit ihn angreifen wollen, der Alles
aus Liebe zu mir thut? Hte Dich mit Deinen unbesonnenen Worten, jetzt will ich
nie mehr davon hren! - Was er will und mein Vater gut heit, das ist das
Rechte, und wie froh bin ich, da ich Deine ganze Grafschaft und die dummen
Gersey's los bin, die ohnehin denken, ich kann nicht schreiben und lesen.
    Nun, so sei Euch Gott gndig! rief Emmy, heftig aufstehend, und
namenloses Elend bis ans Ende seines Lebens mag ber den kommen, der Euch nicht
glcklich macht, und Euer und Eures Vaters Vertrauen mibraucht! - Mir ahnet
heilloses Unglck von dieser Heirath, so verstohlen betrieben, als wren wir
Alle Betrger; und der Traum Eures Vaters wird wohl Recht gehabt haben, denn
grade den Tag, wo die selige Mutter ihm erschienen und so um Euch geweint hat,
da haben wir den Herrn Grafen zuerst gesehen - o, htte mich doch lieber der
Eber zerrissen, als da ich Euer Unglck sehen mu! -
    Aber, Emmy, Emmy, rief Fennimor, minder erzrnt und durch den heftigen
Kummer ihrer Dienerin besnftigt - hier ist ja gar nicht von Unglck die Rede -
das einzige Unglck ist ja, da er bald abreist, und da mein Bruder nicht hier
ist; sonst ist es mir ja viel lieber, da wir ganz allein sind, denn eine
Schleppe ziehe ich gar nicht an, und Du bist mir ja tausend Mal lieber, als die
ganze Grafschaft und alle Gersey's!
    Diese letzten Worte verfehlten nicht, Emmy einigermaen zur Ruhe zu stellen,
und obwohl Fennimor ihren ersten Kummer fhlte, war es doch nicht der, der Emmy
unter tausend Thrnen die Nacht auf ihrem Lager wach erhielt.
    Indessen war diese Stimmung der armen Emmy nicht dazu geeignet, die bange
Erwartung ihrer jungen Gebieterin zu zerstreuen, die mit ihrem tief ergriffenen
Herzen in jeder Vorkehrung zu ihrer Vermhlung zugleich die nahende Abreise
Leonin's heraussah, und so fast mit Schauder darauf einging, immer mit der
Ahnung eines tdlichen Schmerzes im Herzen, berdeckt noch von dem Zauber der
Gegenwart, den Beide festhielten, als lge dahinter ein bodenloser Abgrund.
    Wunderbar entwickelte dieser erste heie Schmerz an Fennimor die Verwandlung
des fast kindlichen Mdchens zu einer hheren Stufe; denn wir mssen es dem
Schmerze zugestehen, da er am schnellsten das Innere des Menschen zeitigt und,
indem er ihnen die Blten von den leicht geschwingten Zweigen streift, die kein
irdischer Frhling ihnen wiedergiebt, doch das innere Mark des Lebens
emportreibt, was dann erst die bildende Kraft fr die in der Blte nur
angedeutete Frucht wird.
    Kein Mensch htte Fennimor jetzt, wie wenige Wochen frher, noch fr ein
Kind halten knnen. Dieses Gefesseltsein am Augenblicke, dieser auf das Nchste
gerichtete lachende Blick, der sonst nur mit dem Ernste wechselte, den gute
Kinder zeigen, wenn sie aufmerken sollen, was Alte wollen - wie war das Alles
weggewischt von Fennimor! Sie war nicht minder schn, ja, vielleicht noch
anziehender, wenn man den seltenen Genu vergessen hatte, der ihre frhere
Erscheinung durch den Ausdruck einer vollkommen ungetrbten Seele fast zu der
eines Engels machte.
    Ihr rundes Kinn hatte sich fein gesenkt und ein liebliches Oval aus der
Kinderform gebildet, die Nase war lnglich durchsichtig aus den sonst sie
verkleinernden vollen Wangen hervorgetreten, und die Augen zeigten erst jetzt
ihre leuchtende Gre, wo sie von dem unschuldigen Lcheln kindlichen Frohsinns
nicht mehr so oft in die Lnge gezogen wurden. Grer war sie auch geworden und
schlanker, oder diese regelmige Gestalt zeigte sich erst, da sie langsamer
ging und ein Auge gewonnen hatte fr ihre Kleidung durch Leonin's Freude daran.
Dabei war der Zauber einer unsglichen inneren Befriedigung um sie verbreitet,
die, unabhngig von dem jetzt damit verbundenen Schmerze, ihr durch Leonin's
Liebe gnzlich befriedigtes Herz andeutete und ihren Worten, dem Ton ihrer
Stimme, dem Blick ihres Auges den vollen warmen Hauch der schnsten Begeisterung
gab. Und dennoch war sie nicht mehr glcklich! - Sie hatte nach einem hheren
Lebensgute gegriffen, als das Spielzeug der Kinderstube, und schon mute sie den
Tribut zahlen; denn neben dem hchsten Glck erwartete sie schon der Schmerz,
und sie fhlte, noch behtet von der Liebe, doch schon seinen eisigen Hauch ber
sie hinstreichen.

Einige Tage spter lie sich bei sinkender Sonne auf dem festen Landwege, der
von der Edinburger Landstrae ab nach Stirlings-Bai fhrte, der Hufschlag eines
Pferdes hren. Der Reiter hielt die Zgel an, als er die Meierei zu erkennen
glaubte, die man ihm als passend zum Nachtquartier bezeichnet, und alsbald
folgte den hinter den Hecken lauschenden Kindern, die auf schnellen Fen nach
dem Hause zu verschwanden, eine rstige Frau, welche sich durch Gru und Anrede
als die Wirthin bezeichnete. - Weit des Weges? frug sie, ohn' Bedenken den
Steigbgel ergreifend und dem Gaste vom Pferde helfend.
    Weit genug, um gern bei einer freundlichen Wirthin ausruhen zu mgen,
erwiederte der Reisende, jetzt als ein junger, gewandter Mann sich der
aufmerkenden Hausfrau zeigend.
    Was wir haben, mag Euch gehren - war die bereitwillige Antwort, doch mit
ernster, gleichgltiger Miene gesprochen.
    Sie traten darauf in das Haus oder vielmehr in den groen Hausraum, der
eigentlich in seiner Zusammenstellung die ganze Existenz der Familie umschliet,
und ihre ganze Chronik uns zu erzhlen wte, da in seinem Umfang Alles bewirkt
und verrichtet wird, was ihr einfaches Leben erfordert. Von der mhseligsten
Arbeit an bis zu den seltenen Festen, von dem Nahrung spendenden Heerde und der
langen daran stehenden Etafel, die alle Mitglieder versammelt, bis zu den
kleinen, kaum ausreichenden Verschlgen, wohinter Aeltern und Kinder, Kranke und
Alte ihre Ruhesttte finden, umfat dies alles der Hausraum, und sanft wiegt die
Mden auf ihrem Nachtlager das leise Schnalzen der wiederkuenden Khe ein,
deren Stlle mit diesen Lagern in enger Gemeinschaft stehen, und welche ihre
Vorrathskammer, ihre Chatulle, ihr grter Besitz, ihr einziger Stolz sind.
    Wie sehr der Reisende, der hier eingefhrt war, auch in seiner ganzen Weise
die Verwhnung der hheren Stnde verrieth - die bisher zurckgelegte Tour hatte
ihn bereits bekannt gemacht mit den Erwartungen, die man von einem Nachtlager,
fern von der groen Strae, hegen durfte, und seine Stimmung war ganz geeignet,
ihn gegen die zu erwartenden Mngel gleichgltig zu stimmen. Das Feuer, welches
bald aus seiner dumpfen Ruhe zum lustigen Lodern aufgeweckt war, trstete ihn,
da seine Kleider feucht und von Nebel durchnt waren, bald fr das Uebrige, und
er fand seine schweigsame Wirthin geschickt genug, die gebratenen Speckstcken
in Eier zu backen und den Becher mit Ale aus einem guten Fasse zu fllen. -
Schwerer hielt es, ihr Rede abzugewinnen. Ihre Verrichtungen schienen ihre
Gedanken in den Hnden fest zu bannen; dabei krochen nach und nach fnf bis
sechs zerlumpte Kinder aus den Winkeln, wohin sie sich vor dem Fremden geborgen
hatten, hervor, und da sie nicht unempfindlich fr das Abendbrod desselben
blieben, hatte die ernste Mutter zu wehren, zu zanken und zu strafen, welches
allgemach ein ziemlich lebhaftes Treiben hervorrief, aber nicht zu Gunsten des
Fremden, der noch immer an seinen Fragen behindert blieb. Eine Schssel Milch
und gleichmige Portionen Brod versammelten endlich die junge Gesellschaft auf
einen Punkt, und es trat Ruhe ein.
    Wie lange habe ich morgen bis nach dem Schlosse? hob jetzt der Fremde aufs
Neue an.
    Nun, erwiederte die Wirthin - um die Bucht herum seht Ihr die Abtei, da
geht's bergan, doch eine Meile trgt's nicht aus! - Wollt Ihr dahin? frug sie
jetzt selbst.
    Es ist vorlufig mein Ziel, sprach der Fremde.
    Die Essen rauchen dort nicht, und die Wlder sind einsam worden, fuhr das
Weib in ihrer Weise fort - sie sind in Trauer und beerben die Ahnfrau in
Edinburg.
    Der Fremde schien nichts Unerwartetes vernommen zu haben; er frug ohne
Erwiederung fort: Und findet sich Niemand zum Empfange von Fremden? Haben denn
Alle das Schlo verlassen?
    Diener genug, Zimmer genug - aber die Essen rauchen nicht, und der
Herrenraum ist leer.
    Und doch erwarte ich, dort einen Fremden zu finden, der das Schlo nicht
verlie, wie ich wei, und fr den sicher Sorge getragen ward.
    Die Wirthin blickte jetzt zuerst auf, und indem sie die Hand ber die Augen
hielt, berliefen ihre Blicke schnell und prfend den Fremden - sie schwieg nach
dieser Bewegung und blickte wieder vor sich hin.
    Nun, knnt Ihr mir nicht sagen, ob ein solcher Bewohner im Schlosse zu
finden ist? -
    Eine Bewegung zwischen Lachen und Hohn verunstaltete augenblicklich das
Gesicht der Frau; dann stand sie mde auf, ergriff einen Kienspahn, den sie ber
das Feuer hielt, und erwiederte, schon im Abgehen: Die Abtei ist gro, der
Heerd versorgt, und fr Jugend und Miggang ist der Tag zu kurz! Wenn sie
morgen luten, wird's nicht umsonst sein - Blumen wird Keiner streun - die
Krhen hacken den Rasen auf dem Kirchhofe, sie wissen, was fr Arbeit kmmt -
nirgends war Rosmarin voller, als an der Abtei-Pforte. Aber noch wissen sie alle
nicht, wie viel unter der schwarzen Decke Raum haben - nur, wer in der Mondwende
geboren ist, sieht das Gespenst. - Ihr, denke ich, werdet es ihnen lehren!
    Es war, als ob ihre Gestalt im Abgeben wuchs; der flackernde Kienspahn, den
sie trug, malte ihren Schatten riefengro an der Wand - der Fremde fhlte eine
Berhrung aus einer Welt, die er belachte und verachtete - es half ihm nicht,
da er raisonnirend dies Weib unter die trumerischen Monoschtigen versetzte,
an denen Schottland reich ist; er konnte die Klte und Erstarrung, die ihn
befallen, erst nach einigen Minuten beseitigen, und es steht zu glauben, da
diese uere Anregung mit einem ihm wohlbewuten Zustande seines Inneren
zusammengefallen war.
    Als die Wirthin wiederkam, war der eben hervorgetretene Trieb verschwunden;
gleichgltig zeigte sie ihm das frische Heu, was sie fr ihn aufgeschttet, und
er fand, mehr als er gehofft, zwei reine Decken darber gebreitet.
    Wir sollten billig erstaunen, da der Reisende einen so festen Schlaf auf
seinem Lager fand, da er die Frhstunde der Abreise versumte und erst
erwachte, als ein kleines Mdchen, welches sich neugierig ber den Schlfer
gebogen hatte, ausglitt und, queer ber sein Gesicht fallend, jetzt in Schreck
und Angst gesetzt, ein lautes Geschrei ausstie. Das gegenseitige Aufraffen
brachte die vollstndigste Ermunterung des Gastes hervor - und er mute sich
bald berzeugen, da auer dem eben so kleinen Buben, der die schreiende
Schwester wegfhrte, er der einzige Anwesende im Hause war. Sein Pferd war
gesattelt und an die Thr gebunden - auf dem Etische stand eine Schale mit
Milch und Brot daneben, und selbst die Bewohner der Stlle waren verschwunden.
Es kmmerte ihn wenig, und schnell gerstet, legte er ein Geldstck neben das
gut befundene Frhstck, und bald sehen wir ihn auf dem Rcken seines
ausgeruhten Pferdes die Hhe erreichen, von der aus der See mit dem Schlosse von
Stirlings und darber die mchtigen Thrme der Abtei sichtbar wurden.
    Er schenkte diesem wahrhaft bezaubernden Gemlde wenig Theilnahme, obwohl
die Sonne in der spteren Stunde hervorgetreten war und es zu verklren schien;
den See mit seinem dunklen, ruhigen Spiegel hatte sie noch nicht erreicht, aber
die Thrme der Abtei und die Wipfel des rund herum ausgebreiteten, vom Herbste
bunt gefrbten Waldes erleuchtete sie mit einem Glanze, da die majesttische
Schnheit von Beiden imponirend die Seele erfassen mute. - Aber der Mensch legt
in jedes Bild der Auenwelt hinein, was in seinem Innern vorherrscht.
    Der Fremde dachte, indem er den Zgel seines Pferdes nachdenkend anhielt, wo
er am schnellsten dies gute Thier unterbringen knne, um alsdann unbemerkt und
zu Fue das Terrain nher zu umschleichen, wohin seine Gedanken nur in einer
Beziehung gerichtet waren. In demselben Augenblick erhoben die Glocken ihre
harmonischen mchtigen Stimmen - und der See schien aufzuwallen, als hbe sich
seine ruhige Tiefe den heiligen Klngen entgegen; um die Wipfel der Wlder lief
ein leises Rauschen, und sie bogen die riesigen Hupter, als kme der
Morgenwind, den sie begrten, mit dem Klange der Glocken.
    Und der Fremdling hrte ihren Ton, um sich zu erinnern, da das Weib in
ihrer weitsichtigen Redeweise darauf hingedeutet, als ein Ereigni verkndigend
- die letzte Mahnung an sein Gewissen ward von dem festen Beschlu eines gegen
hhere Einflsse gesicherten Herzens berhrt. Er benutzte die erste Htte am
Wege, um dem mig davor kauernden Knaben die Zgel seines Pferdes zuzuwerfen,
und es unter dem breiten Schatten eines Ahorns gesichert haltend, nahm er den
Rath ber den krzesten Weg nach der Abtei-Kirche von dem Knaben an, berschritt
die heilige Schwelle derselben ohne Bedenken und barg sich, dem Hochaltare
gegenber, in einem hochbelehnten Chorstuhle, der nichts, als ihn selbst, der
Beobachtung entzog.
    Der Frh-Gottesdienst war beendigt bis zum Segen, der so eben mit einer
tiefen, bewegten Stimme ber die Anwesenden gesprochen ward. Der Greis, der den
Hochaltar bediente, stand in der Verklrung eines Apostels da - seine Augen
ruhten einen Augenblick auf der kleinen knieenden Gemeinde - aber dann suchten
sie, wie seine Seele, den Himmel, und als sie sich erhoben, ruhte der Glauben
drinnen, der Berge versetzt - und er sagte mit diesem Blicke zum ganzen Leben:
Es ist in Deiner Hand! -
    Die Gemeinde verlie die Kirche, und der Fremde, den wir begleiten, wrde
vielleicht gefolgt sein, da es schien, als habe er hier nichts mehr zu thun -
htte ihn nicht der wunderbare Greis mit ahnungsvoller Neugierde gefesselt. Er
hatte auf den Stufen des Altars seine mden Kniee gesenkt, und unter dem
Schatten seiner weien Locken hing der Kopf in betender Demuth auf der gebeugten
Brust. Der scharfe Beobachter hatte hier bald eine ungewhnliche Gemthsstimmung
erkannt, und seine Augen suchten unruhig nach der Ursache.
    Ein alter Diener der Kirche zeigte sich endlich - er verschlo den Ausgang
nach dem Wege, den die Gemeine gegangen, und ffnete gegenber eine groe
Bogenthr, welche den Wald mit seinen Buchensulen und seinem schimmernden
Rasenteppich in solchem Glanze der Sonnenglut zeigte, da er ein blitzender
Edelstein erschien in der kunstreichen Fassung der schnen architektonischen
Thrwlbung. - Weiter fuhr der Alte fort, mit leisem Schritt einen Teppich zu
entwickeln, den er von der Schwelle an bis zum Hochaltar ausbreitete, und
belegte die untern Stufen des Altars mit zwei Kissen. Er war jetzt nicht mehr
allein; eine junge Frau in stattlicher lndlicher Kleidung war aus dem Walde zu
ihm getreten, sie trug in ihrem Arme Blumen, wie der Herbst sie noch sammeln
lie, und ordnete sie kunstreich auf dem Teppich und um die Stufen des Altars.
    Die Nhe des betenden Greises schien beiden ein ehrfurchtsvolles Schweigen
aufzulegen, und die Thrnen, die aus den Augen der jungen Landfrau, wie
aneinander gereihte Perlen, flossen, wurden alle leis in einem Tuch aufgefangen,
und jeder Laut der kmpfenden Brust unterdrckt. Dann verlie sie nach
Beendigung ihrer Ausschmckung die Kirche, und der alte Kster erschien nun im
vollen Schmucke seines rothen Chorrockes, und nahm in ehrfurchtsvoller Erwartung
an dem Eingange der Thre Platz.
    Es war kaum mglich einen groartigern Eindruck zu empfangen, als hier in
der Wirkung von zwei gleich erhabenen Erscheinungen lag, die, so verschieden,
doch eines inneren Zusammenhanges nicht entbehrten. - Der Wald zeigte mit dem
riesenhaften Baue seiner Buchenstmme und seinen hochgewlbten Aesten, da die
Natur in ihrer unendlichen Schnheit die Lehrmeisterin des Menschen war, und die
Bewunderung, die sie in der Seele desselben zu wecken wute, die Pfeiler in
Marmor und Stein heraufwachsen lie, und sie wie Laubwerk geformte Bogen
berwlbte, eine khne, erhabene Nachbildung des Natur-Heiligthums, woraus die
Andacht mit den wachsenden Schtzen sich retten wollte gegen den unerbittlichen
Wechsel der Jahreszeiten.
    Wer durfte zweifeln, da der Wald, der in seinem vielhundertjhrigen Alter
auf jede in seinem Bereich entstehende Schpfung niedergeschaut, die Seele des
Knstlers erfllt habe, der Pfeiler steigen lie und Bogen ineinander schlang,
als habe die Natur in ihrer harmonischen Schnheit den harten Stein mit dem
Leben der Vegetation durchdrungen, und, die sehnschtige Inbrunst des frommen
Bauherrn erhrend, sich den Schmuck ablauschen lassen, womit sie in ihrer
verschwenderischen Mannigfaltigkeit immer anders, immer schn und doch im
groartigen Zusammenhange zu schaffen versteht. Es war ein Dom in den andern
hineingewachsen, oder eine Kapelle in dem himmelanstrebenden Dome der Natur, der
sie von allen Seiten umschlo.
    Und aus diesem groen Dome der Natur berschritten jetzt zwei Wesen die
Schwelle der Kapelle, leicht getragen von Jugend und Schnheit - klar in dem
holden Schein einer Andacht, die ihnen Heiterkeit und Entzcken gab, und so
leise und ehrfurchtsvoll nahend, wie Engel den Dienst des Herrn erfllen mgen.
Das Mdchen hatte den bedeutungsvollen Kranz ber den Schleier gesetzt, die
vollen Locken, die wie ein Heiligenschein in dunkler Flle mit goldenen Lichtern
das himmlische Antlitz umsumten, schienen sich so warm und lebendig
hervorzudrngen, als begehrten sie den fremden Schmuck zu entfernen - und man
htte versucht werden knnen, die Flgel zu suchen, die dieser kindlichen
Jungfrau den leichten Fu verliehn, der unter dem langen weien Gewande wie ein
Hauch ber den Boden glitt. Die Blumen, die auf ihrem Wege lagen, schienen ihre
Gespielen, die sie lchelnd wiederfand - sie neigte sich wie eine Nymphe und
hielt schon eine weie Aster in der Hand, welches die junge Frau, welche sie
gestreut und jetzt an der Seite eines Landmannes ihr folgte, nur mit der Freude
sah, die sogleich in Thrnenstrmen sich ergo. Aber auch der Jngling, der im
heil'gen Entzcken an den Fingerspitzen das Engelsbild zum Altare fhrte, wie
war er schn geworden, und jung und unschuldig und fromm! Das groe Leben der
Hfe hatte ihn vergeblich vollenden sollen nach der Sitte der Welt - die Liebe
hatte ihn umgeformt, das Erlangte pate nicht in die Unschulds-Welt, in die sie
ihn fhrte, und war vergessen, und die Spuren verwischt aus dem menschlich
verklrten Antlitz auf den Stufen des Altars.
    Der betende Greis ahnete die ehrfurchtsvll hinter ihm Harrenden. - Er fand,
als er sich aufrichtete, die beiden Hnde zu seiner Untersttzung, die er
sogleich vereinigen wollte. Kindlich knieten sie dann vor ihm nieder, und er
blickte sie an. Vielleicht waren sie damit eingesegnet und vor Gott vereint;
denn der Blick eines Vaters in der Segensflle zrtlichster Liebe mu alle
Funktionen der priesterlichen Weihe umschlieen, ja, sie fand daher vielleicht
ihren Ursprung. Doch durchdrungen von diesem, ihrem wahren Sinne, ward die Weihe
des Priesters wirklich ein hherer Segen, welcher die Empfangenden mit
heiligendem Feuer berhrte und den Greis ber die Gewalt des beugenden Alters,
ber die Weichheit irdischer Betrachtung emporhob zum Gottgeweihten Priester,
zum Wiedergeber des gttlichen Segens, den er empfangen. -
    Der groe Moment war vorber. Der Vater drckte noch vor dem Altare beide
junge Leute an seine Brust, und legte dann ruhig die Tochter in die Arme ihres
jungen Gemahls. Der Kirchendiener breitete indessen auf dem Altar eine Schrift
aus, der sich Alle nherten, die selbst von den beiden lndlichen Zeugen mit
einer ihnen mglichen Unterschrift oder Zeichen versehen ward, und die der
Kirchendiener dann wieder zusammenschlug und den Voranschreitenden nachtrug.
Dies Mal fhrte der Geistliche das junge Paar an beiden Hnden, als wolle er sie
so der Welt, der sie nunmehr verfallen waren, entgegen fhren. -
    Schon lange hatte die lautloseste Stille in den eben so belebten Rumen ihre
alte Wohnung genommen, und kein wichtigeres Ereigni blieb zu erwarten nach dem
eben vollbrachten; auch war es nicht die Hoffnung darauf, die den Fremden noch
an seinen Platz fesselte - sondern sich selbst gnnte er eine uere Ruhe, die
er hier vollstndig fand, und deren sein, von dem Vorhergegangenen fast
berfllter, Geist benthigt schien. Er hatte hier, indem er diese ganze
Ceremonie zugelassen, eine Stellung genommen, ber die selbst sein rascher Geist
nicht gleich die vllige Klarheit gewann, denn er konnte sich nicht verhehlen,
da nicht allein sein bser Wille das Ereigni zugelassen, sondern da das
Ereigni selbst mit seiner klaren, bestimmten Folge, welches das, was er
ergrnden wollte, auer Zweifel und abgeschlossen vor ihm hinstellte, ihn zu
einem willenlosen Zeugen gemacht hatte, was er jedoch, wie es ihm erschien,
niemals wrde eingestehen wollen. Auch war das nchste Resultat der
Selbstberathung, so unbemerkt, als mglich, fr den heutigen Tag den Rckzug zu
nehmen und erst am andern Morgen anzukommen. Nach diesem Beschlusse blickte er
lchelnd auf die Karten, die, zu seinen Gunsten gemischt, alle Farben
enthielten, und die nur die Hand des geschickten Spielers zu erwarten schienen.
-
    Auf wenige Augenblicke hatte sich am andern Morgen der Graf von Crecy von
seiner jungen Gattin getrennt, um in Schlo Stirlings seine vielleicht
auffallend werdenden Angelegenheiten zu motiviren, als seine Worte darber von
dem alten Haushofmeister unterbrochen wurden, der ihm die Meldung eines Fremden
machte, der, aus Paris angekommen, den Herrn Grafen zu sprechen wnsche.
    Als ob einem s Trumenden eine kalte Hand auf die Stirn gepret wrde, so
erschtterte diese Nachricht den jungen Mann. Ein Hauch aus jener Welt, die der
seinigen nur widersprechend entgegen treten konnte, schien den Schmelz zu
zerstren, der so zart wie der Duft einer Blume, dem armen Menschenherzen nur
bei dem ersten frischen Entfalten eines Glckes zu Theil wird und, eben so
schnell zerstrt wie entstanden, die Sehnsucht danach allein zurck lt.
Erschrocken, ahnungsvoll und durchaus ohne Fassung fr eine schnell
hereinbrechende Katastrophe, die er selbst einzuleiten gedachte im Laufe der
Zeit und seinem jetzigen Glcke noch aus dem Wege gerckt glaubte, fhlte er
sein Nachdenken erlahmt, und es trat die dann so natrliche Hast ein, womit wir
uns den Befrchtungen entgegen strzen, dunkel hoffend, von ihren Anforderungen
die erschreckten, erlahmten Krfte wieder zu gewinnen.
    Wo, wo? rief der junge Graf, und der Ton seiner Stimme klang, wie die
zerreienden Seiten eines Instruments - wo ist der Fremde, der mich zu sprechen
wnscht?
    Der alte Haushofmeister schlug blo die Augen auf und verneigte sich, der
Graf blickte sich um - und der Marquis de Souvr stand vor ihm.
    Groer Gott, Ihr selbst! rief der Graf und berlie es dem Andern, die
Auslegung dieser Worte in seinen bewegten Zgen zu suchen - ist es mglich! Was
fhrt Euch aus Paris hierher in diese Einsamkeit, an diesen fr Euch so
freudenlosen Aufenthalt? -
    Der Marquis schien sein ewig blasses Antlitz zu noch grerer Blsse
gezwungen, die scharfen, nach Innen gesenkten Zge noch fester verschlossen zu
haben, und die Festigkeit, womit er, von dem jungen Grafen einige Schritte
entfernt, Platz behielt, zu benutzen, um diesem die ganze Ansicht einer eisernen
Persnlichkeit zu gewhren. - Ihr habt Recht, Herr Graf, mit den Bezeichnungen
dieses Aufenthalts, und ich kam blo, um zu erfahren, was Euch unter solchen
Umstnden mit diesen Mngeln auszushnen vermochte, oder in wie fern ein so weit
getriebener Gehorsam gegen die frheren Wnsche Eurer Frau Mutter sich von ihrem
durch ihre Liebe gesandten Boten bewltigen lassen. -
    Ach, Marquis, wie viel Gte! wie soll ich Euch danken! Ihr selbst, Ihr, das
Schookind von Paris, ber das Meer - durch die wilden Bergpsse Schottlands,
ohne Eure Gesellschaften, ohne Eure Beschftigungen - wie sehr fhle ich mich
als Euer Schuldner!
    Es war eine Hast, eine Ungeduld in der Aufzhlung der anerkannten
Verpflichtungen, die den Marquis de Souvr keinen Augenblick zweifeln lieen
ber die beinahe verzweifelte Stimmung, womit der junge Mann sich so zur
ungelegenen Zeit von ihm berschlichen sah, und es schien ihm der Augenblick
gekommen, mit einem sicheren Verfahren diesen ganz in seine Gewalt zu bekommen.
Lassen wir das, lieber Graf! - sprach er in minder gemessenem Ton und zog ein
abwehrendes spttisches Lcheln um seinen Mund. Wir wollen und wir knnen uns
nichts wei machen, und Eure Lage, die, wenn ich nicht sehr irre, milich genug
ist, wrde, denke ich, sich nicht verbessern, wenn Ihr gegen mich die Rolle des
Hflichen spielen wolltet, da Ihr mich ber Eure wahre Stimmung keinen
Augenblick tuschen knnt. Lat mich hinzusetzen - fuhr er vertraulich fort,
da Eure Dankbarkeit gegen mich in anderer Richtung vielleicht wahr werden
kann, aber nicht fr den Augenblick, da Euch meine Erscheinung an eine ernstere
Seite Eures Lebens erinnert und das romantische Schferspiel zu unterbrechen
droht, dem Ihr Euch hier gnzlich berlassen.
    Ihr kommt an, lieber Souvr, rief der junge Graf, noch ein Mal einen
Sprung in die Weite versuchend und das ihn so nah umzogene Garn berspringend -
in dem Augenblicke, wo ich mich zur Abreise zu rsten dachte. Uebermorgen
wollte ich nach Edinburg, um mich dort vom Grafen von Gersey zu beurlauben.
    So! sagte der Marquis gemessen - und darf der alte Freund Ihres Hauses
fragen, ob Ihr diese Gegend als freier unabhngiger Mann verlat, ob Ihr
derselbe sein knnt in den Verhltnissen, die Euch dort die zrtlichste Liebe
einer Mutter mit der klgsten Umsicht zu den grten und ausgezeichnetsten
Verbindungen vorbereitet? -
    Ja, Marquis, gerade als freier Mann denke ich dort wiederzukehren - und
wenn nicht alle klugen Plne meiner Mutter mehr erfllt werden knnen, denke ich
doch die, welche ihre zrtliche Mutterliebe fr mich hegen konnte, auf eine
Weise auszufhren, die vielleicht ihre eigenen Plne bertrifft.
    Hofft das nicht! sprach hier der Marquis mit Wrme - hofft nicht, da sie
den leisesten Wunsch, den kleinsten Plan, den sie bis hieher nhrte und fhrte,
aufgeben wird - zweifelt nicht, da Ihr, in Widerstand dagegen tretend, einer
ununterbrochenen Reihe von Leiden und Verfolgungen entgegen geht, die ein so
edler Mensch, ein so guter Sohn, als Ihr, schwerlich ohne den Verlust seiner
Ruhe bestehen knnte; denkt, da, wenn Ihr hier Wnsche genhrt, wenn Ihr
Schritte gethan, die Euch irgend einen theuren Gegenstand zum Schutze bergeben,
dann Eure Lage schwieriger ist, als Ihr bersehen knnt - und glaubt mir, da
ich genug davon unterrichtet bin, um fr Euch und Eure Zukunft zu zittern. - Er
hatte diese Rede mit einer Energie gesprochen, die ihr volles Gewicht dadurch
bekam, da sie Wahrheit enthielt. Er wute sehr wohl, da der junge Graf sie als
solche empfinden mute und die Wirkung ihm denselben in die Hand geben werde.
Wir wissen es, wie er gegen den Einflu dieser Ueberzeugung angekmpft, in
welchem vllig fremden Gegensatze die Welt seiner Mutter zu der seiner Liebe ihm
erschienen war, und wie jene nur endlich besiegt zurck wich, da ihr
augenblicklicher Einflu fehlte, und diese ihn zugleich als Mensch
vervollstndigte und veredelte.
    Aber die Wahrheit, die der Marquis auszusprechen wagte, sie lag nur
zurckgedrngt in ihm - und er fhlte sie in ihrer ganzen Strke hervortreten,
und mit ihr den Ernst seiner Lage - ach, den er so gern diese wenigen Tage noch
von sich abgelehnt htte! Der Blick, der, aus seinem Innern hervortretend,
seinen ganzen tief und leidend bewegten Zustand verrieth, htte an keinem
menschlichen Herzen ungerhrt vorber streifen mssen - der Marquis bestimmte
blos danach die erreichte Wirkung einer Worte.
    Es ist vergeblich - rief der junge Mann, von dem pltzlich erregten Sturm
erschpft in einen Sessel sinkend, - Euch die Lage, in der ich bin, und meinen
Seelenzustand zu entziehn! Gott gebe Euch den Willen und das Herz, mir beistehen
zu wollen, da es gewi in Eure Macht gegeben ist. -
    Haltet ein, lieber Graf, - mit einem zu schnellen Vertrauen und bedenket
wohl, ob das, was Ihr mir sagen wollt, nicht blo mich durch seine Kenntni in
Verlegenheit setzen wird - denn, wenn ich gern Frieden stiftend einschreiten
will, so verget doch in diesem Augenblicke nicht, da ich mich mit Wort und
Ehre gegen Eure Mutter verpflichtet habe, ber Euer unlugbar auffallendes
Betragen Euch selbst zu befragen und Euch mit meiner - vielleicht greren -
Lebenserfahrung beizustehn, wenn Eure Jugend Euch auf irgend eine Weise
verwickelt haben sollte. Daher mein lieber Freund - ich warne Euch vor mir, ich
bin der Agent Eurer Mutter, ich mu redlich bleiben gegen sie - und damit, denke
ich, setzte er lchelnd hinzu, auch gegen Euch!
    O! rief der junge Graf mit unschuldigem Enthusiasmus - wie erkenne ich
die Sprache eines Ehrenmannes in Euch! Wie tief fhle ich eben, Ihr, gerade Ihr
thatet mir Noth! Vergebt, da die schmerzliche Ueberraschung des ersten
Augenblicks, die mich in Euch nur die Strung des seligsten Erdenzustandes
erblicken lie, mich Euch kalt und ohne Haltung gegenber stellte - innig bereue
ich es jetzt, und gut will ich es machen, wenigstens durch unbedingtes
Vertrauen!
    Ich bitte Euch, mein lieber Graf, haltet ein! Ich habe nichts in Eurer
Weise vermit, weil ich nichts Anderes erwartet habe; auf irgend eine Art mutet
Ihr darauf ausgehn, Eure Verhltnisse zu uns los zu werden, das war mit halbem
Blicke zu bersehen, und die Erinnerung daran durch meinen Anblick konnte nicht
erwnscht sein. -
    Nein, nein, bei Gott im Himmel, nicht los wollte ich mich von meinen alten,
und mir gewi heiligen und theuren Verhltnissen machen - was ich empfinden
lernte, hat mich nur mit festerer Ehrfurcht an Alles gefesselt, was die Natur in
jenen Verhltnissen mir schenkte; nur in Uebereinstimmung trachte ich durch
langsam schonendes Vorschreiten die Widersprche auszugleichen, die, aus
verschiedenartigen Lebensverhltnissen entstehend, hier mglicher Weise die
edelsten Menschen, jeden auf seinem Standpunkte in gleichem Rechte, zu entfernen
vermchte, ohne mein vorbereitendes vermittelndes Einschreiten.
    Der Marquis zuckte die Achseln leise und wie sich verbeugend, und in seinen
niedergeschlagenen Augen war keine Entgegnung zu lesen.
    Bei weitem muthloser fuhr der junge Graf fort: Was ich Euch zu sagen
wnsche, wird Euch allerdings berraschen - so vorgeschritten, so abgeschlossen
werdet Ihr die wichtigsten Verhltnisse meines Lebens nicht whnen. - Das Herz
stand ihm hier still vor der wichtigen Entdeckung. Er hielt inne. - Aber hufig
thun wir in dem Augenblicke der Entmuthigung, wo uns die Dinge in bedrohlicher
Zudringlichkeit nahe rcken, und wir zwischen dem Wunsche, ihnen zu entrinnen,
und dem, sie zu beendigen, mitten inne stehen, einen verzweifelten Sprung gerade
hinein - welches leicht den Anblick eines krftigen Entschlusses gewhrt und
oft, so weit davon entfernt, blo das Uebertrennen der inneren Schwchen
verrathen knnte! Der junge Graf war gewi mehr im letzteren Falle, als er,
pltzlich heftig aufspringend, mit lauter Stimme dem Marquis zurief: Ich bin
vermhlt! vermhlt seit gestern frh!
    Unglcklicher! sthnte der Marquis, sein Gesicht verhllend, als
erschtterte und berraschte ihn die Mittheilung dessen, was er selbst mit
angesehen.
    Unglcklicher? rief der Graf jetzt - Unglcklicher? O, sagt lieber:
Glcklicher! Glcklicher, als ich es je ahnete und trumte, glcklicher, als ich
es ahnen konnte, da mir der Sinn erst erweckt werden mute fr ein solches Glck
durch dies Glck selbst! Glcklicher, mein Freund, als Ihr es kennt und zu
bieten habt in Euren Pallsten, unter Euren Festen, in Euren getrumten
Vorzgen, Begnstigungen und Besitzthmern - ein Glck, mein Freund, so gro, so
heilig, so veredelnd, da, wem es einmal die Brust erweitert, wem es einmal, wie
die Glorie eines hheren Lebens, die Stirn berhrt - eingeweiht ist unter die
Begnstigten des Himmels, und bliebe es ihm nur als Geschenk eines Augenblicks,
berhrte es ihn nur, wie der Duft einer Blume! - Er hatte sich leicht geredet,
mit dem Gestndni war der Schatten verjagt, und seine Seele fand Kraft, das
Entzcken auszudrcken, das noch in voller Strke ihn beherrschte. Aber wem gab
er in jugendlicher Kurzsichtigkeit dies Paradies seines Herzens hin - einem
Feinde, der vor Allem mit brennenden Neide fhlte, da dieser von ihm so
verachtete Jngling aufs Neue ein Glck gefunden hatte, was seine Seele bis zur
Begeisterung erhob. Gleich war es, was er gefunden, ihm als ein solches
erscheinen konnte, und htte er es noch so tief verachtet, htte es kein Lcheln
ber ihn zu erzwingen vermocht, es war genug, da es diesem ewig glcklichen
Thoren so erschien, um es ihn mit bitterem Zorne beneiden zu lassen. Wie fern
schien ihm der Augenblick, wo er endlich jenen dem Leben verfallen sehen, wie
ferne, wo der Gnstling uerer Vorzge sich ein Bettler fhlen sollte!
    Der Graf war kein Physiognomiker, er verstand die jhen Blitze nicht, die
das Gesicht seines Gefhrten berzuckten, und dieser gab der Beobachtung nie
lange Zeit zu Entdeckungen.
    In der Stimmung, worin Ihr seid, mein lieber Graf, hob er so nchtern und
kalt an, als habe er selbst auch nicht den entferntesten Antheil daran - wrde
es ein miges Geschft sein, Euch ber die nothwendig entgegengesetzte Seite,
die Euer Glck haben mu, die Wahrheit aufzudecken. - Ihr habt mir jetzt
entweder zu viel oder zu wenig gesagt, Ihr mutet entweder auch gegen mich
schweigen, oder Ihr mt mir jetzt mehr sagen, denn so kann ich Euch nur
schdlich werden, und so ungern ich mich mit den Geheimnissen Anderer belaste,
dem alten Jugendgefhrten gegenber darf ich mich der Last nicht entziehen.
    Der unschuldige junge Mann eilte in die sprde Umarmung des Marquis, und
legte ihm dann ein Gestndni ab, worin der ganze Inhalt sich auf Gefhle bezog
- so ohne Thatsachen, so ohne Gewicht, ohne Gehalt in den Augen des Zuhrenden,
eine so alberne Schfergeschichte, da er seiner ganzen Selbstbeherrschung
bedurfte, um nicht in Lachen auszubrechen, und welche ihm nur dann wichtiger
ward, wenn er sah, wie auch diese Kinderei das Herz des Erzhlenden so
berschwnglich beglckt hatte, und die sich aus ihrem Nichts nur dann erhob,
wenn er bedachte, wie das von ihm so geschickt zugelassene Ende des
Schferspiels die verderblichsten Verwickelungen ber seinen Gegner bringen
mute.
    Sie ist mir nun frs Leben gesichert, schlo der junge Graf seine rhrende
Erzhlung, und obwol es mir das Herz bricht, sie jetzt verlassen zu mssen, ich
fhle die Nothwendigkeit davon und werde sie ja nur verlassen, um ihre Zukunft
vorzubereiten. Ich werde meine Majorennitt, die Uebernahme von Ste. Roche
abwarten und dann meinen theuren Aeltern meine Vermhlung eingestehen. Ich
tusche mich nicht, es wird keine angenehme Nachricht fr sie sein - aber wenn
sie den Engel sehen werden, den ich ihnen zufhren kann, dann werden sie Alles
begreiflich finden, und da Fennimor's Vater einer vornehmen Familie als jngster
Sohn angehrt, so ist auch ihre Geburt keine Beleidigung fr dieselben. Als
meine rechtmige Gattin bleibt Fennimor hier vor den Augen der Welt noch so
lange verborgen, bis der Fall eintritt, dessen Mglichkeit uns zu diesem
Schritte bewogen, und wenn Gott ihr durch den Tod ihres Vaters die sichere
Heimat raubt, begiebt sie sich alsdann unter dem Range meiner Gemahlin, der all
ihren Schritten die anstndigste Freiheit sichert, nach Frankreich - und ich
fhre sie nach meinem Eigenthume, nach Ste. Roche, bis meine Aeltern mir
erlauben, sie ihnen vorzustellen.
    Was htte der Marquis dagegen zu erinnern gehabt! Htte er doch selbst es
nicht klger einleiten knnen, um die freiste Hand fr die Umstaltungen zu
gewinnen, die dieser leichte, rosige Himmelsweg erleiden mute; und mit
vermehrter Verachtung gegen den Knaben, der unklug und spielend das Leben nach
seiner Laune zu leiten dachte, und so blind fr die Hindernisse war, die sich
riesengro ihm entgegenstellten, htte er ihn vielleicht zu gering fr seine
Machinationen gehalten, htte der Neid ihm nicht einen geheimnivollen Reiz
verliehen. Freundlich lchelnd stand er daher auf, und den glhenden Erzhler
auf die Schulter klopfend, rief er: Und welche Rolle habt Ihr mir dabei
zugedacht? die des Verrthers gegen Euch oder gegen Eure Mutter, die mir
gnzlich vertraut?
    Die des theilnehmenden, liebevollen Freundes gegen uns beide! rief der
Graf vertrauungsvoll. Seid der, der einst, wenn ich mein Bekenntni ablege,
vortreten kann und sagen: Vertraut ihm, ich kann Zeugni ablegen, denn ich
selbst sah den Engel, den er Euch als Tochter zufhrt.
    Seid sicher, Graf, entgegnete der Marquis lachend - dies Zeugni wird
Euch wenig fruchten. Wenn dieser Engel nicht unter dem heiligen Scheine einer
Frsten- oder Grafen-Krone vor Eure Mutter treten kann, wird sie ihr immer die
unwillkommene Tochter sein - doch fr mich ist hier mit dem besten Eifer, den
Wnschen Eurer Mutter gem, nichts mehr zu thun und zu ndern, und diese
Ueberzeugung macht mich fr den Augenblick zu einem willenlosen Werkzeuge in
Eurer Hand.
    Nun, so folgt mir denn! - Diese Hand soll Euch in eine Welt fhren, die
Euch mit Staunen und Entzcken erfllen wird, und wofr Ihr in der Euren keinen
Maastab, keine Aehnlichkeit finden knnt.
    Das glaube ich selbst! - erwiederte der Marquis gedehnt, und Beide
verlieen das Schlo, um sich nach der Abtei zu begeben. -
    Die junge Frau sa unter den hohen Schattengewlben des Buchenwaldes in dem
weichen Moose, welches ihre Leonin zu einem kleinen Sitz angehuft hatte, und in
ihr war, ber alles Erlebte hinweg, nur der eine einzige Gedanke, da Leonin
abreisen werde. - Der schne Nacken, mit dem gedankenschweren Haupte war vorn
bergebeugt, und die zarten Finger lagen in einander, als wren sie im Gebete
vergessen, in einem Gebete, das nur lautes Reden mit Gott war ber ein
unaussprechliches Weh, das er ihr auferlegte, worber sie ihn betend befrug, und
ihm vorstellte, wie sie es nicht ertragen knnte. Ihr unschuldiges Herz strubte
sich unter den ersten Wunden des Schmerzes, sie dachte immer: da wird es Gott
pltzlich wenden, wenn ich ihn bitte. - Sie sa, als ob sie auf ihn wartete, und
sehnte sich nach ihm mehr, als nach dem Geliebten, denn sie wute ihn damit
einbegriffen, wenn Gott das sendete - was, das mute eben Gott wissen, weil sie
es nicht finden konnte; nur jedenfalls mute es nicht Trennung sein. - So
erschrak sie fast, als Leonin frher aus den Bumen hinter ihr hervortrat, als
sie das Erbetene von Gott erhalten. - Ihre Wnsche erfllten sich bisher in dem
Kreislaufe ihres Lebens von selbst, und ihr Gemth war so milde geleitet worden,
da sie es nicht wute, wenn ihr der Vater leis ein oder den andern Wunsch
hinweg nahm, und indem sie that, was er wollte, schien es ihr immer eine
Erfllung des Selbstbegehrten. Es gehrte zu dem patriarchalischen Pathos ihrer
Erziehung, ihrer Gemeinschaft mit der heiligen Schrift, ihrem wichtigsten
Geschichtsbuche, da Gott eine redende Person fr sie war, der Erzvater, zu dem
sie mit groem Ernste sprechen durfte. Wie Abraham aus der Htte trat und die
Engel begrte, die der Herr sandte, Sodom und Gomorra zu zerstren; wie er mit
ihnen liebreich hin und wieder redete, und ihnen die mglich dort gerecht
Befundenen abhandelte, und sie ihm nachgaben, weil er nicht nachlie zu bitten -
so erschien ihr ein Jeglicher zu Gott gestellt, und sie fand sich in dieser
Beziehung vollkommen sicher und berechtigt. - Ich will mich nicht von Dir
trennen, sagte sie, als Leonin sich zu ihr setzte, und richtete sich ruhig, wie
fr Lebenszeit, an seiner Brust ein, und ich wartete eben auf Gott wie es
werden soll.
    O, rief Leonin, da er uns den Ausweg sendete, der das Hrteste von uns
abhlt, was uns treffen kann - und doch sehe ich ihn noch nicht!
    Ich auch nicht, sagte sie - darum mu er von dort her kommen, denn ich
kann Dich nicht lassen! - Aber was hast Du nur? fuhr sie fort und richtete sich
auf - Du hast ja was Fremdes! Was ist Dir? - Du bist nicht so still - es ist
Dir was vorber gegangen? -
    Erstaunt blickte Leonin sie an und bemerkte an ihrem unruhig forschenden
Blick eine Bewegung, ber die er erschttert ward.
    Nachdenkend fuhr sie fort, als redete sie mit sich selbst: Der alte Tobias
sagt: Der Bse geht umher und macht erst ein Zeichen an dem, den er haben will,
das kennt er wieder, wenn's auch noch so fein ist, aber die Engel merken es
gleich und bemhen sich, es auszulschen mit ihren Thrnen.
    Nun, lchelte Leonin und zog die sanft von ihm Abgebogene wieder an sich -
wie fllt Dir das bei mir ein? Bemerkt mein Engel Fennimor ein solches
Zeichen?
    Still, still, sagte sie mit andchtiger Furcht, nur die himmlischen Engel
kennen das, und die behten sehr lange die Menschen, damit es nicht geschehe. -
Sie richtete sich auf, und sah ihn so forschend und befremdet an, als suche sie
das Zeichen. Er erhob sich nun auch lchelnd, das wunderbare Wesen betrachtend,
und ihre Augen erhoben sich zu dem Aufgerichteten, als sie pltzlich den Baum
streiften, der hinter ihnen stand, und sie entsetzt zusammen fahrend, an Leonins
Brust strzte.
    Fennimor! Fennimor! rief Leonin, auer sich - was ist Dir, mein geliebtes
Kind? Frchte Dich nicht, Du bist ja bei mir, an meiner Brust!
    Die Schlange! die Schlange! sthnte Fennimor, ihr Antlitz angstvoll
verbergend - der Bse ist doch da!
    Fortgerissen von der phantastischen Erregung seines kindlichen Weibes,
wandte er sich schnell um und sah noch, wie der Marquis de Souvr, der auf
Crecy's Bitte nicht zugleich mit ihm hervorgetreten war, um Fennimor's
Vorbereitung abzuwarten, den Kopf zwischen den an diesem jngern Baume noch
niedrig hngenden Zweigen zurckzog. Leonin konnte leicht denken, da Fennimor,
die in ihrer Bibel die Abbildung der Schlange hatte, die mit einem Menschenkopfe
durch die Zweige des Baumes der Erkenntni blickt, das bleiche, aschfarbene
Gesicht des Marquis dafr angesehen hatte. Aber so natrlich die Erklrung war,
so nah' es ihm lag, dem armen bebenden Kinde diese Auslegung zu geben - ein
unaussprechliches Gefhl hatte seit Ankunft des eben so wunderlich verwechselten
Mannes allen Lebensmuth in ihm niedergedrckt. Ein betubendes Sinnen erfate
ihn, das Wesen noch schtzend in seinen Armen haltend, das von ihm allein das
ganze Leben hoffte, und mit so leiser Ahnung die Berhrung empfunden hatte, die
er aus seiner alten, ihr so gefhrlichen Welt erlitten. - So geschah es, da er
unentschlossen schwieg, sie sanft aufrichtend durch das Gefhl seiner Nhe,
seiner Liebe, seines Schutzes.
    Fennimor vertiefte sich auch bald gnzlich in dieses ihr am verstndlichsten
gewordene Gefhl, und sagte blo, ngstlich aus ihren Hnden mit den
thrnenschweren Augen zu ihm aufblickend: Was war es denn?
    Was ich versumt habe, Dir gleich zu sagen, theure Fennimor! Ein Freund aus
Paris, den ich im Schlosse auf mich warten fand, ein Freund, dem ich entdeckt,
da Du mein liebes Weib bist, und der nun kommt, Dich als solches zu begren.
-
    Ach nein, ach nein! sagte Fennimor - das soll er lieber lassen, denn -
denn ich wollte lieber, ich brauchte ihn nicht zu sehn, da er der Schlange
gleicht, vor der ich mich immer so gefrchtet habe.
    Das wirst Du nicht finden, wenn Du ihn nher kennst, gute Fennimor; denn
davon behlt er nichts, wenn Du mit ihm reden wirst - und ich mchte gern, da
Du zu ihm freundlich wrst.
    Fennimor schauderte leis zusammen, aber wie ein gutes gehorsames Kind strich
sie die Locken von der Stirn und sagte mit unsicherem Tone: Wenn Du es denn
gern haben willst, da will ich mich nicht mehr frchten und will ihn geschwind
sehen, damit es vorbei ist.
    Dieser zrtliche Gehorsam war so von der Angst beflgelt, da Leonin mit
innigem Mitleiden zu ihr nieder sah - ach, und wie viel htte er darum gegeben,
sie den Blicken entziehen zu drfen, die sie so ngstlich frchtete! Es war ihm,
als knnte er sie nicht aus seinen schtzenden Armen lassen, als gehrte sie ihm
nur so lange sicher, als jene Welt sie noch mit keinem Hauche berhrte.
    Aber sie selbst machte sich los, richtete sich auf und schaute den Baum an,
der nichts zeigte; dann that sie einen Seufzer, an dem sie sich erholte, und
entdeckte nun selbst den Marquis, indem sie in den Wald zeigte, wohin er, ihnen
den Rcken zuwendend, zurckgekehrt war. Beide gingen ihm nach - Leonin eilte
voran - und als er ihn erreicht, blieb Fennimor stehen - und sah ihn daher
kommen neben ihrem Liebling - und die Angst stieg in ihrem Herzen auf - und sie
sah, wie unhnlich sie sich waren - und es wollte ihr unmglich scheinen, da
sie zusammen gehren knnten.
    Aber Leonin lchelte ihr freundlich entgegen, das bezwang Alles in ihr, das
weinerliche Gesichtchen hellte sich auf, und sie ging jetzt auch vorwrts. Sie
sind Leonin's Freund - das ist recht schn und macht Ihnen gewi viel
Vergngen; sagte sie, leis grend und das Haupt beugend, zum Marquis - wir
wollen Sie zum Vater bringen, und Sie sollen von uns allen sehr freundlich
gegrt sein! Jetzt athmete sie tief auf und suchte nach Luft, die mit einem
Mal weg war - und blickte auf Leonin, ob er mit ihr zufrieden sei.
    Ach, wie htte er nicht, da er wute und in jedem schwerflligen Worte
fhlte, wie gepret ihr Herz war, und wie sehr sie sich bemhte, ihm gehorsam zu
sein. Ein Blick, der dies Alles enthielt, strkte mehr, als jedes Andere, ihr
wunderlich gelhmtes Innere.
    Der Marquis konnte wohl nicht eigentlich in Verlegenheit kommen, nur
verweilte er sich lange bei dem Anblicke der nunmehrigen Grfin Crecy, und sie
schien ihm unergrndlich schn, das heit eine Schnheit, der es nicht gleich
nachzuweisen, warum sie es war.
    Sie sind sehr gndig, sagte er, sich tief verneigend, - Jemand willkommen
zu heien, der Sie, frchte ich, unangenehm erschreckt und das Gesprch mit
Ihrem Freunde unterbrach. Lassen Sie mich hoffen, da es mir spter gelingen
wird, Sie mit diesem Eindrucke zu vershnen. -
    Nicht wahr, Fennimor, Du bist schon wieder ganz ruhig? rief Leonin,
verlegen ber das Schweigen, womit sie die Worte des Marquis anhrte - hier in
unserer Einsamkeit treffen wir fast nie auf einen Fremden. - Sieh', liebes Kind,
der Herr Marquis Souvr kommt von Paris von meiner Mutter.
    Augenblicklich nderte sich Fennimor's ganzes Wesen. Aus ihrer Erstarrung
erwachend und Alles ber diese Nachricht vergessend, schlug sie freudig die
Hnde in einander, und dem Gegenstande ihrer Furcht nher tretend, als sehe sie
in ihm nicht mehr denselben, rief sie freudig aus: O, sagt, sagt - von unserer
lieben Mutter, von der schnen, herrlichen Frstin Soubise? Kommt Ihr darum
hieher? Soll ich gleich mitkommen? Nicht wahr, es ist ganz gleich, ob er
majorenn ist oder nicht? Ihr wird das auch gleich sein. - Leonin! Leonin! rief
sie, in ihren feurigen Combinationen jetzt an den Punkt gekommen, der alle
berbot - das - das ist der Ausweg, Leonin! Dein Freund, den die Mutter
schickt, der schon Alles wei - das ist der Ausweg, den Gott sendet!
    Leonin versuchte sie an seine Brust zu ziehen. Er wollte ihr den Ausdruck
verbergen, der sein Gesicht einnahm, und der ihre Hoffnungen widerlegte, aber
sie hielt ihn von sich und suchte mit leuchtenden Blicken die Antwort ihm
abzufragen.
    So weit ist es zwar noch nicht, mein geliebtes Kind, sprach er sanft und
traurig, doch soll uns ein redlicher Freund, wie dieser, Trost und Rath
ertheilen, und wir werden durch seinen Beistand leichter das Rechte finden.
    O thut das, sagte sie innig und tief bewegt, o thut das! Seid uns ein
redlicher Freund und lehrt uns, wie wir es machen mssen, um uns nicht zu
trennen, denn das thut weher - weher, als der Tod! -
    Der Marquis konnte kaum das Zucken der Achseln hindern, womit er dies ihm so
jmmerlich erscheinende Schferspiel vor seinen Augen gern begleitet htte, und
er verzeichnete nur zwei Dinge in seinem Gedchtnisse, ihre romantische
Schnheit und Crecy's unverkennbar groe Leidenschaft fr sie - Hoffnung genug,
ihm durch die Ansprche, die feindlich dieser Richtung entgegen traten, die
Sicherheit des Glcks zu entreien. -
    Der Graf Crecy wei, da ich erst hier von dem Vorgefallenen unterrichtet
ward - die Frau Grfin hat keine Ahnung von dem Vorgefallenen, und ich kann
nicht verhehlen, da ihr vielleicht diese Nachricht mehr unerfreulich scheinen
mchte, da sie bisher an das treue und vollstndige Vertrauen ihres Sohnes
gewhnt war.
    Ach, sagte Fennimor tief seufzend, da sprecht Ihr ein wahres,
verstndiges Wort! Das hat mir immer vorgeschwebt - aber ich wute es nicht zu
sagen, und mu mich jetzt recht wundern, da es Dir und dem Vater nicht
eingefallen ist. Die arme Mutter! Das hat gewi keine Mutter verdient, und Deine
Mutter am wenigsten. - Sie hatte sich whrend dessen in das Moos gesetzt, und
unwillkrlich thaten es beide Mnner ihr nach. Wie tief bekmmert sah sie aus,
und der Marquis war zu guter Menschenkenner, um nicht zu wissen, sie war die
Betrgerin nicht; also der Vater - schlo er sicher weiter.
    Die Umstnde, erwiederte der Graf ernst, haben Schritte nthig gemacht,
die, wenn sie auch der Abweichung von einer ehrwrdigen Pflicht sich scheinbar
schuldig gemacht haben, doch ihre innere Rechtfertigung nicht entbehren. Ich
hoffe meine Mutter hievon zu berzeugen, um so mehr, da sie einsehen wird, da
ich mir ein so seltenes Glck, als Gott mir in Deinem Besitze zufhrte, nur
sichern konnte, wenn ich die ehrenvollsten und sichersten Mittel zu Deinem
Schutze aufrief. Als meine Gattin kann ich Dich selbst allein stehen lassen,
wenn meine nchsten Pflichten dies vorerst nthig machen, und dieser Rang wird
Dir Freiheit geben, mir berall zu folgen, und mir das se Recht, berall Dein
Beschtzer zu sein.
    Ach, sagte Fennimor, erquickt durch diese Worte - das wird gewi Deine
liebe, herrliche Mutter eben so einsehen; denn, wenn Du sprichst, dann fhle ich
immer, da Du Recht hast, und bin um Alles ruhig. Nur das Eine, nur, da wir uns
trennen sollen, das, hoffe ich immer, wird nicht geschehen, weil es so sehr
unnatrlich ist. Glaubt Ihr das nicht auch, Herr Marquis, und wollt Ihr uns
nicht Rath geben, wie wir Alles thun knnen, was nthig ist, um dies Unglck zu
vermeiden? -
    Es stimmt vollkommen mit Eurer Unschuld und mit der vlligen Unkenntni der
Verhltnisse der Welt, wie mit den besonderen des Grafen Crecy zusammen, da es
Euch so schwer fllt, einzusehen, in welche Schwierigkeiten derselbe sich durch
sein Verhltni zu Euch gestrzt hat. - Seiner Liebe zu Euch, scheint es, ist es
zu schwer gefallen, sie Euch aufzudecken, und vielleicht ist darum meine Ankunft
eine rettende Auskunft zu nennen, wenn ich Euch Eure wahre Lage enthlle, deren
geringe Zugestndnisse Ihr dann bald einsehen werdet - oder doch unfehlbar Euer
Vater, der wohl schwerlich aus Unkenntni der damit herbeigefhrten
Schwierigkeiten die rasche Handlungsweise meines Freundes zulassen konnte.
    Ich mu Euch bitten, Marquis, hob hier der Graf mit beleidigtem Stolz an,
meine Gemahlin nicht unntz mit den Thorheiten der Welt bekannt zu machen und
ihre reine Seele durch die Ansichten zu trben, die dort als wichtig
hervortreten; sie soll von ihnen nicht getrbt werden, und ich werde das Glck
meiner Verbindung nicht eher aussprechen, bis ich ihr dort die Wege geebnet und
sie sicher gestellt habe gegen die abweichenden Anforderungen, von deren dort
geltender Wichtigkeit sie, Gottlob, eben so wenig, als ihr verehrungswrdiger
Vater eine Ahnung hat!
    Nicht zu lugnen, da diese naive Unkenntni aller Verhltnisse Euch bei
dieser Dame und ihrem eben so unwissenden Vater ein leichtes Spiel gaben!
sprach der Marquis mit absichtlich kaum verhehltem Lcheln. -
    Meint Ihr mit diesem Ausdrucke meine Vermhlung mit Mi Lester? wodurch sie
fr Alle, die es wissen, rechtmige Grfin Crecy ist? -
    Der Marquis verneigte sich blo, wie Jemand, der nichts erwiedern will, und
als auch Leonin ungeduldig aufstand, sprach Fennimor ruhig und zutrauensvoll:
Wir wollen zum Vater gehen - denn er versteht Alles am Besten, und wenn Ihr
nicht einig seid, wie mir scheint, wird er Euch angeben, wir Ihr das machen
mt.
    Ich wei nicht, sprach der Marquis frostig, ob es dem Herrn Grafen gem
scheinen wird, einen so unwillkommenen Gast, als mich, dort einzufhren, wo er
fr gut gefunden hat, Verhltnisse unerrtert zu lassen, die gerade ich, von
seiner verehrungswrdigen Mutter gesandt, in Erinnerung bringen sollte.
    O, rief Fennimor lebhaft, theilt uns Alles mit, was diese von uns so
hochverehrte Mutter Euch aufgetragen hat, da seid Ihr, setzte sie lchelnd
hinzu, am rechten Orte - von nichts hre ich so gern, wie von der schnen
erhabenen Mutter meines Leonin's, und all ihre Verhltnisse mchte ich eben gern
wissen, denn Alles ist gewi hoch-herrlich und erhaben an ihr.
    Beide Mnner schwiegen einen Augenblick vor Fennimor's unerschtterlich
unschuldigem Vertrauen, und wenn Leonin fast mit Andacht den sicheren Frieden
anschaute, mit dem sie allen nur zu verstndlichen Warnungen des unerweichten
Marquis entgegen stand - so konnte dieser, der ihre Sicherheit gleichfalls
erkannte, nur mit bitterem Unwillen in diesem geringen, unberechtigten Wesen
dieselbe Sorglosigkeit gewahren, die immer nur auf Glck zhlt, den Gegensatz
noch nicht kennend, und welches dieselbe Eigenschaft war, mit der ihn Leonin so
bitter erzrnt hatte.
    Doch, setzte sie mit dem ernsten Pathos hinzu, der ihr so eigenthmlich
war, doch hatte ich mir immer gedacht, ein Freund, der daher kme, zeigte
grere Weisheit; denn Ihr sagt so wenig von den schnen Dingen, die man
begreifen kann, da sie dort geschehen, und dagegen viel Unverstndliches. Es
mu dort ganz anders sein, auch die Sprache - doch nicht wahr, Deine erhabene
Mutter redet so schn, wie - etwa mein Vater - und Naim, die Schwiegermutter
Ruth's, oder die Knigin Esther vor Ahasverus, oder wie die Knigin Elisabeth zu
dem Volke? Ach, wenn ich sie nur erst she und hrte! Wie habe ich mich immer
gesehnt, eine erhabene Frau zu erblicken nach Gottes Willen.
    O, rief Leonin, aufs Tiefste gerhrt, wer kann Dich hren und sehen, und
nicht berzeugt werden, Deine Welt sei die eigentlich menschliche Sphre, alles
Andere eine Larve - ein Trug - eine elende Komdie, die der Natur des
menschlichen Daseins Hohn spricht, und der Absicht Gottes!
    Nein, nein! sprach Fennimor hastig; was sagst Du da? - Du weit ja, meine
Welt, wie Du es nennst, ist noch eine ganz kleine, darum mu ich eben die andere
dazu kennen lernen, wenn ich Gottes ganze Herrlichkeit begreifen soll - und die
Welt, worin Deine Mutter herrscht, die ist eben die groe wichtige, wo die
Knige leben und das Volk in den unermelichen Lndern! - Darum denke ich an
diese Mutter so gern, die mich umfassen wird und schtzend verbergen, wenn ich
erbeben werde vor so viel Weite, Gre und Gewalt.
    Versteht Ihr jetzt dies Wesen? rief Leonin halb zrnend, halb entzckt dem
Marquis zu.
    Vollkommen! erwiederte der Marquis mit einem Ausdrucke, der jede Auslegung
zulie - und ich berlasse es Eurer eigenen Beurtheilung, welche Rolle ihr mit
diesen Begriffen zufallen wird in Eurer Welt und vor Eurer Mutter.
    Leonin's Herz zog sich mit einem Schmerz und einem Unwillen zusammen, wie er
ihn um so bitterer empfand im Gegensatze zu der Reinheit des jetzt erst hier
erkannten Lebens, welches keinen Widerspruch gegeben hatte, weil die Meinungen
der sich Gegenberstehenden immer offen da lagen, und nur ein liebevolles
Forschen um das gegenseitige Verstehen eintrat, was dann leicht gefunden war,
und womit sich Alle befriedigten, selbst bei hervortretender Verschiedenheit.
    Nichts giebt uns mehr das Gefhl einer unbersteiglichen Schranke, als wenn
wir mit unsern hheren Ueberzeugungen vor Menschen treten, welche uns weder
verstehen wollen, noch knnen, weil auf dem Wege, den sie verfolgen, sich nur
die materielle Seite der Dinge offenbart.
    Je freisinniger, je umfassender, je geistiger wir das Leben zu erforschen
suchen - je seltner sind wir frhzeitig fertig mit Ansichten und Meinungen, denn
nur das geringere Bedrfni schliet schnell mit dem kleineren Gesichtskreise
ab. Wer mit weiterreichendem Streben den Weg beginnt, mchte nicht mit jenem
Zustande tauschen, wenn er auch anscheinend in Vortheil setzt, den Dingen das
Geheimni des materiellen Gelingens, ihrer subjektiven Brauchbarkeit abfrgt und
mit diesem Inhalte eine beruhigende feste Stellung zu ihnen giebt. Aber es
entsteht dann von jener Seite eine ironische Ueberlegenheit, die sich durch den
sichtbaren Erfolg zu rechtfertigen scheint, die sich das Lob der Menge und ihre
eigene Befriedigung sichert, und den begeisterten Forscher belcheln lt, der
in dem Leben, das sie so bequem handhaben, noch einen Geist entdecken will,
dessen Flgelschlag er hrt, und dessen Gemeinschaft er aufzufinden trachtet in
demselben Leben, das sie in ihrer Auffassung schon ausgebeutet glauben.
    Wenn wir mit dem Verlangen, verstanden zu werden, in die Kreise dieser
Frhfertigen gerathen, wird unsere fromme Unsicherheit verspottet, und wir haben
Mhe, unser Selbstgefhl zu retten, welches wir oftmals nicht durch Beweise
vertreten knnen, da Geister sich nur citiren lassen, wo die Zauberformel
verstanden wird. Rette sich, wer kann, bei Zeiten! denn der dornenvolle Weg
zwischen Ergreifen und Verwerfen, zwischen Erkennen und Erblinden, zwischen
Hoffen und Verzweifeln, den der sehnschtige Forscher wandelt, hat als Ziel, als
Ideal ausshnende Ruhe in allen Erscheinungen der Erde, vor Augen; den groen
Zwecken gegenber, vom Selbstgefhle verlassen, imponirt ihm die materielle
Ruhe, die ihm so sicher von jener Seite entgegentritt, und er wird ihre sich
unterordnende Beute, oder er gerth in Zweifel, die sein hheres Bedrfni
anfeinden oder es langsam zerstren.
    Leonin rettete sich nicht, obwol er die Hand fhlte, die sich nach ihm
ausstreckte, bereit, gleich einem Wachsbilde sein neu begonnenes Leben zu
erdrcken; ein Schauer beschlich ihn, aber er war nicht geboren, das wogende
Innere durch krftige Gedanken zur Ruhe und Klarheit zu bringen; er lie
unheimliche Anregungen sich mehren, ohne sie zur Rechenschaft zu ziehen, und
wartete stets auf die Hand, die von Auen kommen mchte, in ihm aufzurumen. Und
noch wachte ja sein guter Engel ber ihm und hielt ihn fest auf dem heil'gen
Boden, wo ihm ein so reiches, tief gehendes Verstndni geworden war.
    Aber zuerst lie Fennimor seine Hand los, um allein nach dem schon
sichtbaren Hause zu gehn; ihre ahnende Seele fhlte die Gemeinschaft mit dem
Geliebten verkmmert durch den Fremden, der sich von ihren Vorstellungen nicht
bezwingen lie.
    Leonin geno ihren Anblick, wie sie vor ihnen herschritt, und der Marquis
prfte mit eiferschtiger Schrfe ihren Anstand. Wie schwer ward es ihm, ber
sie einig zu werden. - Dieser kindliche, spielende Schritt, dieser gleitende
Fu, der noch nie fehl trat, oder die leichte Gestalt im unebenmigen Takte
bewegte, wo hatte sie es gelernt unter ihren hohen Bumen? Sollte er der Natur
ein Recht zugestehen mssen, was hier nicht einmal vertreten ward durch den
Ursprung hohen Blutes? - Er zog sich zusammen vor jeder Combination, die ihn
seinem festgeschlossenen Ideenkreise entfhrte; aber dies Wesen streifte ihn wie
ein Geheimni, das sich nicht von selbst enthllen wollte, und er grollte ihr um
so mehr.
    Beide Mnner folgten so, beherrscht von demselben Gegenstande, ihrem
leichten Schritte - Beide wuten sich aber nichts zu sagen, Jeder von der
abweichenden Meinung des Andern berzeugt und dennoch sicher, in der nchsten
Zeit sich demselben noch nicht entziehn zu drfen.
    So war Fennimor schon lnger hinter den Thren verschwunden, die von dem
Wohnzimmer in den Wald fhrten, ehe die langsam Folgenden diesen nher kamen,
und schon kehrte Fennimor zurck und ffnete leis und mit Vorsicht die doppelten
Flgel, zurckschauend, ob die Strahlen der Sonne den Lehnstuhl erreichen
wrden, auf dem jetzt der Greis sitzend zu sehen war, der, wie es schien, vom
Schlummer gebeugt, das Haupt auf die Brust gesenkt hatte. Fennimor bemerkte die
Nahenden nicht; in anderer Art angeregt, gab sie sich dieser Richtung ohne
Theilung hin. Die Mnner sahen sie vor dem Greise niederknieen und seine Hnde
fassen; sie schien sie erwrmen zu wollen und legte dann ihre flache Hand auf
seine Stirn - sie schauderte. Du bist so kalt, mein Vater - wache auf! sagte
sie leise - und als er, der sonst von dem schwchsten Hauche ihrer Stimme
erwachte, unbeweglich blieb - da wiederholte sie den Ruf mit einem Tone, der von
der Ahnung eines unermelichen Weh's geschwellt war.
    Leonin strzte diesem Rufe nach in den Saal. Fennimor war aufgestanden, sie
lehnte das schwere, widerstandslose Haupt des Vaters mit Mhe zurck, und
bestrebte sich, die beschattenden weien Locken von der Stirn zurck zu legen.
Der Ausdruck von Eifer, von Sorgfalt und Liebe in ihren Zgen, war von einem
Entsetzen beschlichen, welches sie starr blicken lie, und erbleichen; sie wute
noch den Namen nicht fr die Ursache, denn sie kannte den Tod nicht. Aber Leonin
war fast auer Zweifel. So prgt nur der letzte Bote an das Leben die Zge der
Menschen um; widerstandslos, in heitere Trume versunken, hatte er den Greis
gefunden, und ihn leis hinber gefhrt, wohin seine kindliche Seele schon lngst
reichte, ohne durch irgend einen Kampf die Trennung zu verrathen, die schne
Hlle selbst noch ehrend und ihr einen Abglanz der Verklrung des Geistes
schenkend, der sie verlassen.
    Fennimor sah ihren Vater so schn, so lchelnd, als schwebe der Segen noch
fr sie auf den erblaten Lippen; sie fate nicht, was geschehen war, und
schauderte doch vor der verstndlichen Vernderung und der nie gefhlten Klte.
    Der Vater, der Vater! sagte sie immer wieder - Leonin, der Vater! Weiter
fand sie kein Wort, die Ahnung stand dazwischen und hinderte jeden Versuch, ihr
Gefhl zu bezeichnen. Endlich lie sie die Hnde ab von ihm und blickte Leonin
an - und dieser Blick fhrte sie ihrem Schicksale nher, denn in seinen Zgen
fand sie einen Schmerz, einen Jammer ausgeprgt, der sie berzeugte, er she
mehr, als sie. Ist er krank? ist der Vater sehr krank? rief sie mit stockendem
Athem - sag', was fangen wir an?
    Er antwortete nicht, zog sie aber an seine Brust und fhlte mit einer
unbeschreiblichen Heiligung aller seiner Gefhle, da sie nur ihn noch auf
dieser Welt habe. Geh', Fennimor, rufe Emmy Gray - der Vater ist sehr krank -
aber fasse Dich und denke, da er mich gestern eingesegnet hat, da ich Dir an
seiner Statt Vater sein soll, wenn Gott ihn zu sich rufen mchte.
    Was sagst Du! rief sie, verwirrt aus seinen Armen fahrend - Gott wird ihn
aber jetzt nicht wollen - nein, nein! Er lebte, wie wir in den Wald gingen - es
ist nicht lang' - ich war ja nicht bei ihm - er lebt! er schlft! - Groer Gott,
erbarme Dich! er schlft! mein Vater, erwache! Gott, wo bist Du? Nein, nein, Du
hast ihn nicht gewollt, mein Gott; denn ich bin ja bei Dir gewesen, Du gabst mir
kein Zeichen! So kmpfte sie mit Todesangst gegen die Ueberzeugung, die sich
ihr mit der Gewalt ihrer unverkennbaren Wahrheit aufnthigte, und erlag endlich
den blo noch in Worten ankmpfenden Zweifeln, und strzte pltzlich mit einem
Jammergeschrei, der ihrem Herzen das erste Erfassen des neuen, entsetzlichen
Schmerzes gab, ber dem Greise zusammen. Leonin kniete in Thrnen neben ihr, und
so fand der Marquis die Gruppe, als er endlich die Schwelle berschritt.
    Dieser Heil'ge hat geendet! rief ihm Leonin mit Schmerz gebrochener Stimme
entgegen - Gottlob, da sie mein Weib ist!
    Ob wir den Tod, wo er seinen himmlischen Stempel abgedrckt, aushalten
knnen, das mchte die Probe sein fr manches im Bsen verhrtete Herz. Sie
stehen fest gegen die Erscheinungen der Welt, deren hheres Misterium sie
verlachen oder bersehen, und wissen dessen Beziehung von sich fern zu halten -
aber der Tod ist die geheimnivolle Macht, der sie sich nicht entziehen knnen,
und haben sie auch die Brcke zerstrt, die der Glubige aus diesem Uebergange
nach jener Welt baut - und trotzen sie auch dem Leben die Ueberzeugung ab, es
sei in ihm der Anfang und das Ende ihres ihnen selbst gehrenden Daseins - ganz
im Geheim erreicht sie doch das frchterliche Grauen vor dem tiefen Schweigen,
worin die Natur ihr letztes geheimnivolles Geschft hllt, und sie knnen den
Anblick des Todes nicht ertragen, der auf Einzelnen seine Zeichen zurck lt,
als einen sichtbaren hheren Fingerzeig.
    So jhling ward der Marquis hier vor den gehaten Anblick gefhrt, da er
fast zweifelte, ob es sein knne, und um alle Fassung gebracht, war es mehr
Zorn, als Theilnahme, was ihn zu lebhaften Aeuerungen trieb, von Allen jedoch
berhrt, blo zur Nahrung seiner eigenen Stimmung. -
    Doch war dies Ereigni bestimmt, Leonin zu der tiefsten Erkenntni seiner
bernommenen Pflichten zu fhren. - Der Reif, den der Marquis mit dem Hauche aus
der alten, lang gewohnten Welt in seine frisch duftenden Blten gesenkt, er war
zerronnen in Thrnen heien Schmerzes um den Verlust eines Menschen, wie er nur
selten, unter den gnstigsten Conjunkturen zu reifen vermag. - Leonin hatte ihn
mit seiner durch ihn gereinigten Seele zu verstehen und zu lieben vermocht; er
wute, er fand nie seines Gleichen wieder, und er betrauerte seinen Verlust mit
tiefster Wehmuth und strkte sein Herz fr die groe Aufgabe, die Fennimor's
Loos ihm nunmehr bertrug. So neu auch alle Verhltnisse, so gro die
vorliegenden und die zu erwartenden Schwierigkeiten sein mochten, sein Herz ward
sein Lehrmeister, und dies giebt immer den Rath, den wir befolgt sehen von
denen, die uns lieben, und welcher den Verstand und die Erfahrung zu berholen
vermag, wenn es von einem wahren Gefhl erfllt ist.
    Daher konnte der Marquis auch nur die krzeste Zeit Zuschauer dieser
Verwandlung bleiben, die ihn um jeden Einflu zu bringen drohte, weil gar nicht
mehr von ihm die Rede war, indem Leonin, vllig berzeugt, der Marquis knne ihm
gar nicht bei so abweichenden Verhltnissen rathen, diesen auch nie aufrief,
seine Meinung zu sagen, und daher sein Kommen und Bleiben zu einer
Unbedeutenheit herabsank, die er blo zu erkennen brauchte, um ihr so schnell,
als mglich, ein Ende zu machen. Dessen ungeachtet mute er, um nicht ganz ohne
alle Erfolge zurckzukehren, die Ankunft des Grafen Gersey abwarten, welcher,
von dem Tode des Kaplans unterrichtet, am nchsten Tage erwartet wurde.
    Leonin hatte nmlich jede Unsicherheit abgeworfen und war fest entschlossen,
seine junge Gemahlin sogleich mit sich nach Frankreich herber zu fhren und sie
nach Ste. Roche, welches er schon als sein Eigenthum ansehen durfte, zu bringen,
bis er Zeit gefunden, seine Mutter von diesem Schritte zu unterrichten und, wie
er hoffte, damit zu vershnen. Er theilte diesen Vorsatz dem Marquis mit der
grten Sicherheit mit und schlug jeden Einwand desselben mit der Leichtigkeit
zurck, die eben so wohl fester Wille, als Unkenntni der ganzen Gre der ihn
erwartenden Schwierigkeiten war.
    Eure Plne, antwortete der Marquis mit der stolzesten Klte, sind
allerdings mit einer Schnelle und Sicherheit gefat, die es unmglich machen,
gegen sie einzuschreiten, und so lstig mir von Anfang an eine Einmischung in
Eure Familien-Angelegenheiten war, so fhl' ich sie doch dadurch noch erhht,
der Zeuge von Euren Handlungen sein zu mssen, da mir dies die Vorwrfe Eurer
Mutter zuziehen wird, welche ich allerdings schwer werde berzeugen knnen, da
ich wirklich Beschlsse zulassen mute, die so Euer nothwendiges Unglck
herbeifhren mssen, und die so wenig durch die Umstnde gerechtfertigt werden.
    Es ist nicht Mangel an Vertrauen, erwiederte Leonin ruhig, da ich Euren
Rath so wenig gesucht habe, sondern das Gefhl, so und nicht anders handeln zu
mssen, was durch keine abweichende Meinung umgestimmt werden konnte und jede
Berathung darber zu einer berflssigen machte. Meine schnelle Vermhlung, die
meiner Gemahlin Schntz und Ansehn geben sollte, im Fall das Ereigni, was wir
jetzt so pltzlich erlebt, whrend meiner Abwesenheit eintreten mchte, giebt
ihr das vollgltigste Recht, mich jetzt nach Frankreich zu begleiten, und ich
danke Gott, da ich ihr in ihrem tiefen und groen Schmerze den Trost geben
kann, den sie allein aufzufassen vermag, den nmlich: mich nicht von ihr zu
trennen. Es scheint mir demnach dies Verfahren vollstndig durch die Umstnde
gerechtfertigt, und ich mu Alles im Voraus zurckweisen, was Ihr andeuten
wollt, indem Ihr dies nicht so anseht.
    Wir sind also beide entschlossen, sprach der Marquis, und es drngte sich
diesen Worten aus der Tiefe seines erbitterten Inneren eine Flle des heftigsten
Grolles nach - und wir wollen uns beide ber das, was wir thun und zulassen
mssen, eine Sicherheit und Rechtfertigung verschaffen, mit der wir uns vor uns
selbst und den Anforderungen der Welt zu behaupten vermgen.
    Thut das! erwiederte Leonin und verlie seinen Gefhrten, noch wohl
gerstet fr seine Absichten durch die heil'gen und theuren Ansprche, die an
ihn in jedem Augenblicke ergingen.
    Der Marquis hatte die Wohnung, in die der Tod eingekehrt war, nicht wieder
betreten, er hatte das Schlo bezogen und erwartete, gleich Leonin, die Ankunft
des Lord Gersey mit grter Ungeduld.
    Dagegen war seit dem Tode des ehrwrdigen Greises der junge Graf von Crecy
gegen seine Dienerschaft, wie gegen die Bewohner des Schlosses unverholen mit
seiner Vermhlung hervorgetreten, und hatte seine Wohnung in der Abtei genommen,
um seiner leidenden Gemahlin jeden Trost gewhren zu knnen, dessen sie so sehr
benthigt war. Zugleich war ein Bote nach Edinburg zum Grafen Gersey gegangen
mit der doppelten Anzeige des Todes und der Vermhlung, und nachdem die
Ueberreste des ehrwrdigen Vaters der Erde bergeben waren, verstndigte sich
der junge Graf mit Emmy Gray ber die Anstalten zur Abreise, welche er zu
beschleunigen trachten mute, da er vor der festgesetzten Zeit seiner Rckkehr
nach Paris, Fennimor nach Ste. Roche fhren mute, und dort durch seine
Gegenwart ihrem Verhltnisse die Ehrbarkeit verleihen, die er ihm vorzglich zu
sichern trachtete.
    Er fand auch, trotz der frher erwhnten Ansicht, jetzt in Emmy eine willige
und bereite Sttze, der es, sobald die Dinge, denen sie dienstbar sein sollte,
ihre Zustimmung hatten, keinesweges an Verstand und Ueberlegung fehlte, die sie
bald in volle Thtigkeit setzte, um ihre junge Herrschaft mit allem
Erforderlichen auszursten. Erst jetzt, nach dem Tode ihres angebeteten Herrn,
sah sie die Sttze ein, die ihre junge Herrin durch ihre Vermhlung erhalten,
und fing an, sich um so lieber mit dieser Maaregel auszushnen, da der junge
Graf, ganz gegen ihre argwhnische Befrchtung, bemht war, sein Verhltni auf
alle Weise zu ehren, und von seinen bernommenen Pflichten vollkommen
durchdrungen schien.
    Zuerst ward daher der armen mdgeweinten Fennimor von ihrer eiferschtigen
Gefhrtin der se Trost zugeraunt, da ihr Gott ja einen Gatten zur rechten
Stunde gegeben, der ihr den Vater sicher ersetzen wrde.
    Wir knnen nicht lugnen, da Emmy kein Mittel htte ersinnen knnen,
wirksamer, das Herz der Leidenden aus ihrem maalosen Grame zu erheben, als
diese Worte, die ihr den Geliebten aufs Neue sanktionirten, und das von der
einzigen feindlichen Macht, wie sie whnte, die der neuen Richtung ihrer
Hoffnungen bis jetzt entgegen getreten war.
    Und so handelten alle drei in Uebereinstimmung, wobei Fennimor freilich
nicht selbst thtig, sondern nur sich fgend anzutreffen war.
    John Gray hatte seiner despotischen Gattin versprechen mssen, sich ihrem
Willen in nichts zu widersetzen; und selbst wenig eigene Gedanken hegend, war er
hierauf willig eingegangen. Sie erklrte ihm, ihre junge Gebieterin vor's Erste
nicht verlassen zu wollen, und gab ihm die Hoffnung zu ihrer Rckkehr erst, wenn
die Verhltnisse derselben dort ihre Anwesenheit unnthig machten; dagegen
begehrte sie, da er sich augenblicklich nach ihrer Abreise mit ihrer kleinen
einjhrigen Tochter auf den Weg nach England machen, und sie dort dem Bruder der
jungen Grfin Crecy, dem Pfarrer Lester, der in Yorkshire und jetzt verheirathet
lebte, zum Schutze und zur Erziehung bergeben solle. Ob er selbst dort bleiben
oder nach der Heimath zurckkehren wolle, stellte sie ihm mit der grten
Gleichgltigkeit anheim; und berzeugt, der Pfarrer Lester, der Emmy Gray, als
Spielkameradin und treue Pflegerin der Familie, wie eine Schwester liebte, werde
ihrem Kinde die Aeltern ersetzen, glaubte sie ihr Haus vllig versorgt zu haben
und widmete ihm keine Aufmerksamkeit mehr.
    Fennimor meldete ihrem Bruder in einem Briefe, so ausfhrlich sie es jetzt
vermochte, den Tod des Vaters und die eigene Schicksalsvernderung, und bat ihn
um seinen Segen fr ihre Zukunft. -
    Auf Niemanden jedoch machte die Entdeckung des Vorgefallenen vielleicht
einen greren und unangenehmeren Eindruck, als auf Lord Gersey. Der Tod des Sir
Reginald war ein so erwartetes Ereigni, da es ihn vllig unberhrt lie,
besonders, da er mit praktischer Umsicht schon fr einen Nachfolger gesorgt, und
dieser bereit war einzuziehen. Was kam aber der Bestrzung gleich, womit ihn die
Vermhlung des jungen Grafen von Crecy erfllte? - dieses Jnglings, der ihm
anvertraut ward mit einem Aufgebote von Vertrauen, welches ihn auf sich selbst
stolz gemacht hatte, den man bei ihm vor jedem bsen Einflusse gesichert
gehalten, und der ihn selbst durch sein ganzes Verhalten so gnzlich zu tuschen
gewut hatte, da er in die jmmerliche Lage kam, jetzt eingestehn zu mssen, er
habe diesen jungen Mann nicht zu beurtheilen vermocht, dessen Geistesfhigkeiten
er doch so weit unter sich geschtzt hatte. Sein Zorn verwirrte ihn zuerst ber
die Macht, die ihm zustand, er wollte augenblicklich den jungen Mann zwingen,
seine Vermhlung widerrufen zu lassen, er war ganz auer sich, und fast in
derselben Stunde schon auf dem Wege nach Stirling-Bai.
    Die Zeit, die er im Reisewagen hatte, Alles noch ein Mal zu bedenken, klrte
ihn zwar etwas mehr ber seine bedingte Stellung gegen den jungen Grafen auf,
konnte aber nicht hindern, da er mit allen Zeichen der lebhaftesten
Empfindlichkeit auf dem Schlosse anlangte.
    Hier fand er zuerst den Marquis de Souvr, der, nachdem er sich ihm zu
erkennen gegeben hatte, ihm die beschmende Zusicherung gab, da die Frau
Marschallin selbst in Paris den vernderten Zustand ihres Sohnes gemerkt habe,
von dem der Lord in der Nhe keine Ahnung bekommen. Er lie sich dann von ihm,
seiner Ansicht gem, das Geschehene ausfhrlich erzhlen, und theilte die
Verzweiflung des Marquis, zu spt angekommen zu sein, um eine so recht- und
pflichtwidrige Handlung verhindern zu knnen.
    Wie lange jedoch Beide deliberirten - die Anwesenheit des jungen Grafen
konnte erst ihre verschiedensten Plne und Rathschlge zur Reife bringen, und
der Lord mute ihn zu einem Besuche auffordern lassen, so sehr er sich auch
gegen ihn erzrnt fhlte.
    Unterdessen hatte der Marquis Zeit, den Lord zu sondiren, und obwol er in
ihm den Mann sehr bald erkannte, der auer Stande war, mit seinem Verstande
einen Einflu auf Leonin auszuben, fand er doch in seiner stolzen beleidigenden
Haltung und seiner Ansicht ber die Handlungen eines Minderjhrigen, Stoff genug
zur Benutzung fr seinen augenblicklichen Zweck, den jungen Grafen in allen
seinen Empfindungen zu verletzen und ihn aus der stolzen Sicherheit zu treiben,
die dem Marquis unertrglich war an diesem gering geachteten Jnglinge. Zugleich
fhlte er, da der Lord ihm vollkommen vertraue, und er hoffte, ihn bei den
ferneren Schritten leiten zu knnen.
    Der junge Graf dagegen empfing die Nachricht von der Ankunft des Schloherrn
mit lebhaftem Vergngen. Er fhlte sich so im guten Rechte, so leicht und
befriedigt durch Liebe und gutes Gewissen, da er nach dem Schlosse eilte, blo
Beides darzuthun und dann seine Abreise anzusetzen.
    Schon die Dienerschaft, leicht die Umstimmungen ihrer Herrschaft errathend,
empfing ihn mit blo feierlicher Haltung, und als er in das Zimmer des Lords
trat und ihn dort neben dem Marquis erblickte, - schallte ihm nicht der Ton der
rauhen Lustigkeit entgegen, womit er sonst von ihm begrt ward, sondern man
lie ihn den Weg bis zu dem Platze, wo Beide saen, ohne Beachtung zurcklegen,
und kurz erhob sich dann der Lord, ihn zu begren: Euer Gnaden haben mir den
Vorzug entzogen, Sie, wie bisher, als meinen Gast hier begren zu knnen. Doch
darf ich meine Gastfreundschaft Niemandem aufdrngen, wie ich eingesehen habe,
denn wie bereit ich auch war, hierin die Wnsche Ihrer Frau Mutter zu erfllen,
ich konnte mir das Recht nur durch einige Hflichkeiten bei Ihnen erwerben, die
jedoch sich unzureichend erwiesen haben.
    Mein theurer Lord, lchelte Crecy, vllig harmlos - es kann Euch mit
diesen Worten nicht Ernst sein; die Umstnde, denke ich, rechtfertigen so
vollstndig diesen Umzug, da es gar keiner Erklrung meinerseits bedarf, eben
so, wie Sie mir glauben mssen, da ich Ihnen aufs Innigste dankbar bin und den
Aufenthalt bei Ihnen zu den grten Segnungen meines Lebens rechnen werde.
    Und ich, junger Mann, schrie hier Lord Gersey, durch Leonin's Ruhe um alle
Haltung gebracht, ich werde diesen Aufenthalt wegen seiner heillosen Folgen fr
das fluchwrdigste Ereigni meines Lebens halten, und nun mgt Ihr selbst danach
urtheilen, was ich von dem wahnsinnigen Schritte denke, den Ihr Eure Vermhlung
nennt! Er wollte bei diesen Worten aus dem Zimmer strzen, seine eigene
Aufregung befrchtend, aber dem Marquis war dieser Anfang um so weniger gelegen,
wenn er zugleich das Ende sein sollte; er eilte ihm nach und hielt ihn an der
Thr mit dringenden Bitten zurck.
    Lat mich, lat mich, Marquis! rief der Lord, indem er zgernd widerstand,
- ich tauge nicht dazu, hier die Beichte der jugendlichen Tollheit zu hren,
und bringe mit so viel Unwillen im Herzen die Sache nicht zu Stande. -
    Und doch bedenkt, Mylord, Ihr seid es Eurer Freundin, der Frau Marschallin,
die Euch ganz vertraute, schuldig, liebevoll, vterlich dem jungen Manne
beizustehen. Denkt, wie seine Jugend ihm das Wort um Milde und Nachsicht
spricht. -
    Er fhrte den grollenden alten Lord zurck, und es entstand eine ungefllige
Pause unter den Dreien, weil Zwei sich im vollkommen gleichen Rechte des Zrnens
whnten, und der Dritte sich die listige Zurckhaltung zu sichern trachtete, die
nur, was jene veranlaten, ohne Nachtheil benutzen wollte. Dessen ungeachtet
mute dieser Dritte mit der Sprache zuerst heraus, denn hochroth vor Zorn
blickte der Lord finster zur Erde, und ihm gegenber hatte Crecy die kalte
Haltung des Beleidigten angenommen, der das Entgegenkommen des Andern glaubt
erwarten zu mssen.
    Ihr seht, Herr Graf, wandte er sich gegen Crecy, wie ich nicht der
Einzige bin, der in abweichender Meinung von der Eurigen diese Sache ansieht,
und Ihr drft es nicht zurckweisen, einen alten Freund Eurer Frau Mutter
darber zu hren.
    Dies zu thun, kam ich hieher, erwiederte Crecy - und wahrlich, mit aller
Achtung, die ich Sr. Herrlichkeit schuldig bin, war ich gesonnen, sowol meine
Verhltnisse offen darzulegen, als den Rath des Verstndigen zu hren; dies hat
mir aber die augenblickliche Heftigkeit des Lords abgeschnitten, und ich mu
jetzt erwarten, ob mir dies berhaupt noch mglich gemacht wird, und welche Form
Mylord dazu einzuleiten gedenkt.
    Mein junger Herr, rief hier Lord Gersey, noch immer mit dem rauhen Tone
des Zorns, es kann, denke ich, hier von vielen Einrichtungen unter uns gar
nicht die Rede sein; wie unleidlich meine Stellung durch Euer unbesonnenes
Betragen gegen Eure Mutter geworden, mt Ihr bersehen, wenn Euch auch die
Leidenschaft noch so toll gemacht hat. Mir waret Ihr anvertraut von Eurer Mutter
- ich sollte Euch vor Migriffen und Thorheiten bewahren, bis Ihr unter den
Schutz Eurer Aeltern zurckkehrtet, - und ich durfte diese Verpflichtung
bernehmen und sie angeloben, denn Ihr lebtet hier nur in den ehrbarsten und
wrdigsten Verhltnissen. Aber der Neigung zur Thorheit ist berall der Ausweg
erffnet, so mut' ich an Euch lernen - mein Vertrauen habt Ihr betrogen; mit
dem alterschwachen Greise, dessen Kenntni der Welt von jedem Kinde berboten
werden konnte, habt Ihr Freundschaft geschlossen, um Euch von der Thrin, seiner
Tochter, verfhren zu lassen. -
    Haltet ein, Mylord! rief hier Crecy, indem er mit Heftigkeit aufsprang, -
wenn Ihr es wagt, mit dieser Bezeichnung die Tochter des ehrwrdigen Sir
Reginald zu meinen, so verget nicht, da sie Grfin von Crecy und meine
Gemahlin ist, gegen die jede Beleidigung zur meinigen wird!
    Grfin von Crecy! hhnte der Lord - die Tochter eines Kaplans von
Stirlings-Bai! ein Mdchen ohne Rang, ohne Vermgen, die sich darum nicht einmal
zur Gesellschafterin meiner Tchter eignete, Grfin von Crecy! die
Schwiegertochter der Frstin Soubise! und des ersten Marschalls von Frankreich,
des ltesten Geschlechtes dieses Landes! - Junger Mann, fgte er mit heiserem
Lachen hinzu, wem wollt Ihr das wei machen? Wer, denkt Ihr, da Euch dies
glauben wird? Dankt dem Himmel, da die Komdie Eurer Heirath so in allen Formen
kindisch, lcherlich, formlos gewesen ist, und da Eure Minderjhrigkeit selbst
die anscheinend gesetzlicheren Bande so gnzlich annullirt htte, da diese
Thorheit wenigstens nur dem Mdchen zur Last fallen wird, die so unberufen den
reichen Erben zu gewinnen dachte.
    Es ist genug! rief Crecy hier und erhob sich mit Ungestm - ich werde
Euch verlassen, Mylord, um durch so unerhrte Beleidigungen nicht dahin gebracht
zu werden, da ich ganz vergesse, wie viel Dank ich Euch fr Euer frheres
Bezeigen schuldig bin. Die Beleidigungen, die Ihr gegen mich und meine Gemahlin
ausstot, widerlegen zu wollen, hiee mich und diese Verhltnisse wirklich
erniedrigen - ich werde sie zu rechtfertigen wissen in den Augen meiner Familie
und der ganzen Welt.
    Ich gratulire zu diesen Vorstzen, junger Herr! entgegnete der Lord mit
verbissenem Zorne. Wahrlich, Ihr habt nicht umsonst meine Bibliothek in der
kurzen Zeit ausgelesen - Ihr fhrt eine vollkommen romantische Rittersprache,
zum Weinen rhrend. O, junger Mann, junger Mann, httet Ihr lieber das
unschuldige, frhliche Waidmannsvergngen mit den ehrlichen unerschrockenen
Gefhrten durchgemacht, als Euch in drres, wstes Bchergeschwtz versenkt, um
Stoff zu sammeln fr das Schferspiel, das Ihr zu spielen dachtet!
    Wir sind zu Ende, Mylord! sagte Crecy emprt - erlaubt, da ich mich bei
Euch und diesem Hause auf immer beurlaube; ich eile zurck, um sogleich die
Anstalten zu meiner Abreise zu treffen, und bitte Euch nur um so viel Zeit noch
in den Mauern der Abtei - die jetzt allerdings zu Eurer Bestimmung steht - bis
meine Gemahlin zur Abreise gerstet sein wird. Nehmt meinen Dank fr Eure
frhere Gte; es schmerzt mich tiefer, als Ihr glaubt, da die Gefhle, die Ihr
mir einzuflen wutet, eine so grausame Strung erfahren muten.
    So lasset auch uns von einander Abschied nehmen! sprach jetzt der Marquis
de Souvr zu Crecy. Ich reise noch am heutigen Tage nach Paris ab, denn ich
kann durch meine Gegenwart hier nicht lnger Euren Handlungen einen Schein von
Billigung geben, den ich aufs Bestimmteste verweigern mu. Dessen ungeachtet
frage ich Euch, ob Ihr mir irgend eine Weisung fr Eure Frau Mutter zu geben
habt, aus der sie Trost zu schpfen vermchte, wenn ihre Fragen mich drngen
werden?
    Ich berlasse das Euch selbst; ich hatte gewnscht, der Erste sein zu
knnen, der ihr meine Verhltnisse vortrge - aber ich fhle, Euch die
Verpflichtung zum Schweigen aufzuerlegen, wre bei den Fragen, denen Ihr zu
begegnen haben werdet, zu viel verlangt. Gott lenke daher Eure Worte! Denkt, da
so viel vom ersten Eindrucke abhngt; denkt, da es der einzige Sohn der Frau
ist, der Ihr so ergeben seid, und da Ihr so wohl versteht, Eure Ansichten
vorzutragen! -
    Kein Laut verrieth die Meinung des Marquis auf die herzliche, dringende
Anrede; stumm verneigte er sich mit zu Boden geschlagenen Augen und wendete sich
dann zu Lord Gersey. Und Ihr, Mylord - was habt Ihr mir zu befehlen?
    O, Marquis, rief der Lord - was soll ich Euch an die edle, tugendhafte
Frau fr Auftrge mitgeben, die sich durch mich verrathen glauben wird, und mir
Vertrauen und Achtung versagen fr immerdar. Nein, nein, niemals kann ich diese
Krnkung verwinden! Sagt Ihr, ich mache keine Ansprche auf ihre Verzeihung, und
wollte ihre Feindschaft, ihre Geringschtzung als lebenslngliche Strafe
ertragen. Aber das fgt hinzu, und bis zum dumpfen Brllen steigerte sich sein
Ton - finde ich diese Copulation im Kirchenbuche verzeichnet, so lasse ich es
auf offenem Platze vor der Kirche verbrennen, und John Gray und sein Weib und
der Kirchendiener, die sich Zeugen zu nennen wagen, werden noch heute aus der
Kirchengemeinde ausgestoen, und der Bttel soll sie ber die Grenze jagen, da
sie sich nie wieder zu Stirlings-Bai zhlen drfen!
    Schon hrte der Unglckliche, gegen den dieser neue Schimpf ausgestoen
ward, das Ende dieser zornigen Befriedigung, welche sich der Stolz und der
Hochmuth eines der untadelhaftesten Barone des alten Schottlands verschaffte,
nicht mehr. Mit tausendfach verwundetem Herzen, bis zur Raserei gereizt und
gekrnkt sich fhlend, war der ganze Himmel seines idyllischen Glckes entweiht
und beschimpft, und es schien ihm, als knne er nie wieder einen Hauch des
seligen Friedens empfinden, den er wenige Tage frher noch als ein unzerstrbar
gewonnenes Gut betrachtete. - Vielleicht hatte er Recht; denn sein Herz hatte
eine unheilbare Wunde empfangen, um so nachhaltiger, da die heftigen Worte,
denen er ausgesetzt war, die Grundstze und Ansichten, die er gehrt, ein
ausschlielicher Besitz seines Standes waren, unter deren Einflu er gro
geworden, und denen er berall mit dem Wiedereintritte in die Welt zu begegnen
sicher war.
    So strzte er dem mechanisch gefundenen Wege nach der Abtei zu und ward sich
erst seiner selbst wieder bewut, als er in den grnen Dom der hohen Buchen
trat, die ihr groartiges Naturleben in heiliger Unabhngigkeit fortfhrten, das
kleinliche Treiben der Menschen, was seit Jahrhunderten an ihnen hingegangen,
mit hohem Blicke bersehend, als wollten sie dem keuchenden Wanderer zurufen:
Geduld! Du und Deine Leiden verfallen der Zeit, und Du gehst mit ihr vorber,
ein kleines Atom in dem groen Zellgewebe der gttlichen Weltordnung! -
Vielleicht nicht dasselbe, aber doch etwas, einer Erquickung, einem Troste
hnlich, drang in die blutende Brust des tdtlich Gereizten - er schlug die
glhenden Augen auf, und der sonnenhelle Glanz der grnen Gewlbe leuchtete wie
Himmelsthau in sie hinein. Krampfhaft prete er die Hnde in einander, einem
Schrei des Schmerzes glich der Seufzer, der sich losri, und bebend vor
Aufregung strzte er in das weiche Moos und verbarg sein Gesicht in dessen
duftendem Schooe.
    Wir wollen es nicht belauschen, womit auch der Mann in dem Augenblicke sich
erleichtern darf, wo sein Herz die krampfhafte Starrheit sprengt, in die ein
berwltigendes Ereigni ihn versetzt; mag er der Mittel theilhaftig werden, die
Gott der Menschheit gegeben, da er sie nicht schtzen konnte gegen das
unendliche Weh, das sie sich bereitet.
    Leonin gewhrte es seinem Schmerze, sich zu erschpfen. - Er hatte kein Herz
von der Natur erhalten, was sich in eigner Kraft behaupten konnte, es mute
gesttzt und in beiflliger Ruhe erhalten werden durch die nchsten Menschen,
durch Verhltnisse, wenn es sich selbstvertrauend bleiben sollte. Matt und
todtenbleich ging er dem offenen Gemach entgegen, vor dessen Thren das
geschmhte unschuldige Opfer dieser fremden Anmaung in der tiefen
Trauerkleidung mit dem heil'gen Scheine des frmmsten Kummers um die schnen
Zge, auf einem niedrigen Stuhle sa und dem lieblich lchelnd entgegen blickte,
der den ersten harten Wurf der Welt nach ihrem stillen Glcke so eben
aufgefangen hatte, doch nicht ohne selbst davon verwundet zu werden.
    Tief bewegt von ihrem Anblicke kniete er neben ihr hin, und sie mit einem
vielfach vermischten Gefhle an sich drckend, rief er wehmthig: O, Du armes,
armes gekrnktes Wesen!
    Wie htte diese feine weibliche Seele nicht die Vernderung fhlen sollen,
die dem Geliebten geschehen?
    Was hat man Dir gethan? sagte sie sanft forschend und fate sein bleiches
Gesicht in ihre beiden Hnde. War der Lord nicht, wie es Recht ist? Hast Du
Dich erzrnt? Wird er mich besuchen?
    Ach, rief Leonin, la uns abreisen! la uns in die Wlder von Ste. Roche
fliehen und die Welt vergessen, und uns fern von ihr halten, die weder unser
Glck versteht, noch uns ein anderes gnnen will, als was sie dafr erkennt.
    Meinte so der Lord? frug Fennimor - ja, ich konnte es denken! Sie sind da
oben durchaus anders, wie wir, und immer waren sie mir nicht gut genug; aber wir
wollen sie lassen - die haben mich nie erzrnen knnen, sie waren so klein, so
ungeschickt und konnten nie verstehen, wie ich's meinte.
    Dies stolze, feste Herz erschtterte mit ihren einfachen unschuldigen Worten
mchtiger in Leonin die imponirende Wichtigkeit des eben Erfahrenen, als seine
eigenen durch frhere Eindrcke bedingten Betrachtungen es vermocht hatten.
    Er erhob sich an der festen Hoheit dieser reinen Seele, und ein Schimmer des
frheren Glckes kehrte ihm wieder in der greren Berechtigung, die sie ihm
theils in ihrem eigenen Werthe, theils in der strengen Kritik ber seine
Widersacher gegeben. - Er raffte sich zusammen und besann sich, was ihm zunchst
lge - und alle Weisheit der Liebe kehrte ihm zurck. Er eilte, die heil'ge
Unschuld seines Weibes vor der Schmhung der Welt zu bewahren, und hllte den
ganzen Vorgang in gleichgltige Worte ein. Dann begab er sich zu Emmy Gray, um
ihr, wenn auch nicht Alles, doch das Wichtigste seiner gehabten Unterredung
mitzutheilen und die Nothwendigkeit klar zu machen, dies Haus wo mglich andern
Tags zu verlassen.
    Ja wohl, Herr, rief sie mit stolzem Zrnen, lat uns schon morgen dies
Haus verlassen, was jetzt dem gehrt, fr den wir zu gut sind, ihm irgend Dank
zu schulden. Eben so soll John heute noch sein Bndel schnren und nie diese
Sttte wieder betreten. Gut, gut, Mylord, da diese unweisen Mnner, die ein
Sakrament lstern, nicht Gewalt haben ber die heiligen Dinge der Erde! Lat es
sie nicht hren, sie ist noch zu jung, um Unrecht zu begreifen, das Leben
zeitigt frh genug dazu! - So verlie sie den Grafen, und sein Selbstgefhl,
was durch die Schmhungen, die er erduldet, in ihm gestrt worden war, kehrte
langsam unter Menschen zurck, in deren Werth er fhlte, nicht als ein Thor
gehandelt zu haben. -
    Die schnelle Abreise der Verfolgten verhinderte, da die strengen Maaregeln
des Lord Gersey sie erreichten, und John Gray war schon auf seinem kleinen
Karren, worauf er sein Kind und seine beweglichen Habseligkeiten geladen, lngst
ber die Grenzen von Stirlings-Bai, ehe sich der Lord seines Vorsatzes
erinnerte. Bald kehrten die mit seinem Willen Beauftragten zu ihm zurck, um ihm
anzuzeigen, da die Abtei leer von allen ihren Bewohnern sei, und nur noch auf
der Landstrae nach Edinburg die Reisekutsche des Grafen von Crecy habe gesehen
werden knnen.

Der Himmel lag so fest und grau, wie eine Kuppel von gegossenem Stahl, ber dem
schmucklosen Herbsttag, und der Wind streifte mit eisiger Schrfe ber die
leeren Felder und durch die laublosen Wlder, als wolle er die Erde zerreien
und ihr die Macht fhlen lassen, die er umsonst an der festen Nebeldecke des
Himmels erprobte.
    Vergeblich versuchte der junge Schloherr von Ste. Roche diesem lang
vernachlssigten Aufenthalte einen Anstrich von Wohnlichkeit zu geben, an den
seine junge Gemahlin gewhnt war, und der sie nach einer langen und schwierigen
Reise, der ersten ihres Lebens, so sehr benthigt schien.
    Es half ihm wenig, da ihm die Auswahl im ganzen Schlosse frei stand,
berall fanden sich Schwierigkeiten, die am wenigsten fr einen Mann zu
beseitigen waren, der von dem Erschaffen einer huslichen Einrichtung so wenig
Begriff bekommen hatte. In seiner bisherigen Lage, die ihm alles Benthigte
fertig berlieferte und so jene unmnnliche Verwhnung erzeugte, in welcher die
Frstin Soubise ihn so sorgfltig zu erhalten verstand, hatte er keine
Gewandtheit lernen knnen, und es konnte daher nicht fehlen, da Emmy Gray mit
ihrem entschlossenen und thtigen Geiste nur kurze Zeit das unsichere,
erfolglose Umhertappen des Grafen mit ansehen konnte. Mit glcklichem
Ueberblicke whlte sie den gewandten Kammerdiener desselben zu ihrer Hlfe, und
nachdem sie mit dem alten Kastellan das Schlo durchstreift, fand sie, wenn auch
aus einem andern Jahrhunderte, doch kostbares und brauchbares Material genug,
eine Wohnung einzurichten.
    Sobald die Art der Thtigkeit sich zeigte, die erforderlich war, trat auch
der junge Schloherr mit dem liebenswrdigsten Eifer ihr bei, und die hheren
Anforderungen seines Standes, die Emmy fremd geblieben, wurden durch ihn selbst
und den damit vertrauten Kammerdiener zu den Nothwendigkeiten gefgt, die sie
zuerst ins Leben zu rufen gewut.
    Wenn anfnglich zu frchten war, da Fennimor durch den Aufenthalt in einem
groen wsten Schlosse, welches mit seiner wunderbaren Gestaltung und seinen
fremdartigen, uralten Constructionen jede, auch die ruhigste Phantasie mit
geheimen Schauern anzuregen vermochte, sich unheimlich und erschrocken fhlen
wrde, so zeigte sich bald, dem entgegen, eine so lebhafte, bewundernde
Theilnahme fr diese auerordentliche Erscheinung, da die anderweitigen
kleinlicheren Anregungen ihrer Umgebungen, von denen selbst Leonin nicht ganz
frei blieb, unverstanden an ihr vorber gingen. Ihr Geist war frei geblieben von
jedem Hauche des Aberglaubens, fr jeden Eindruck von bernatrlichen
Erscheinungen; ihre Spielgefhrtin, Beschtzerin und Pflegerin war Emmy gewesen,
welche, wo mglich, noch furchtloser, als ihr Zgling, diesen nicht dazu
verfhren konnte. An geheimnivolle Zustnde in dem Geiste des Menschen hatte
sie in Schottland, diesem Lande mondschtiger Trumer und vom Geiste der Ahnung
berhrter Propheten, wohl glauben gelernt, aber alles, was an
Geistererscheinungen und an das Grauen, das selbst leblose Dinge, wie Mbel und
Zimmer, dadurch gewinnen, streifte, verwarf sie als gemein und fr sie nicht
passend.
    Es zeigte sich daher bald eine groe Annherung zwischen dem alten Kastellan
und seiner jungen Gebieterin; denn nicht minder, als von ihm selbst, sah er die
alten, werthvollen Ueberreste des einst kniglichen Besitzes, von denen er die
Chronik des kleinsten Gegenstandes zu erzhlen wute, geehrt.
    Es fanden sich daher in Folge dieser entstehenden Zuneigung immer mehr
Gegenstnde ein, welche zum Gebrauche sich ntzlich zeigten, und die der
beunruhigte Alte zu Anfang mit eiferschtiger Scheu zu verbergen bestrebt
gewesen war.
    Die Familie der Kastellane von Ste. Roche waren dieser Besitzung treuer
gewesen, als die Herren derselben.
    Die St. Albans waren schon unter Katharina von Medicis auf diesem Posten
gewesen, und vom Urahn her hatte Sohn auf Sohn bei allem Wechsel der
Verhltnisse diesen Platz behauptet. Jeder Nachkommende war unter den Chroniken
von Ste. Roche aufgewachsen, und jeder Schrank, jede Tapete, jedes Gerth war
fr sie ein heiliges Vermchtni, was Jeder von Kindheit an hatte pflegen sehen,
und was vor den Einflssen der Zeit zu bewahren, der Stolz jedes Einzelnen ward.
    Katharina von Medicis, die hier zuerst einen Hof von einigen Wochen whrend
der Jagdzeit hielt, hatte das Fundament einer Einrichtung gelegt, da das Schlo
zu weit von Paris entfernt war, um, wie bei anderen Umzgen des Hofes, fr
dessen kurze Anwesenheit von dort aus mit Mbeln und Gerthen ausgestattet
werden zu knnen. - Spter hatte der erste Besitzer aus dem Hause Crecy lngere
Zeit mit groem Aufwande hier gelebt, und aus allen diesen Zeiten befanden sich
noch wohl erhaltene Ueberreste, die allerdings nur ihr Bestehen der solideren
Beschaffenheit verdankten, die den Ausstattungen der frheren Jahrhunderte eigen
war, und den Rang und Reichthum der Besitzer darlegen muten.
    Fennimor hatte auf der langen Reise die Mue benutzt, sich von ihrem Gemahl
eine Uebersicht der Geschichte Frankreichs geben zu lassen - und mit groem
Interesse alles vernommen, was sich auf Katharina von Medicis, diese angestaunte
Schwiegermutter der unglcklichen Maria Stuart, bezog. Was sie durch diese
Mittheilungen erfahren konnte, war ihrer Unschuld gem in verhllende
Andeutungen eingekleidet worden, und so jubelte sie bei dem Gedanken, in das
Schlo dieser mchtigen Knigin einzuziehen, worin noch ihre Zimmer sich
vorfinden sollten, und Mbel und Geschirre, die ihr zugehrt hatten.
    Es zeigte sich, da der junge Graf eben so fremd in seiner neuen Besitzung
war, als seine junge Gemahlin, denn diese Gter wurden nur wegen ihrer Revenen
geschtzt, zum Bewohnen schienen sie der Marschallin von Crecy, die sich nie vom
Hofe trennte, vllig unpassend.
    Beider Geschmack vereinigte sie daher in dem Wunsche, unter Anleitung des
alten Kastellans, der eine lebendige Chronik des Schlosses zu nennen war,
dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung zu besichtigen und in chronologischer
Ordnung mit dem ltesten Theile desselben zu beginnen.
    Dieser ruhte auf dem hchsten Felsgrunde, der das Ganze trug - er ward der
Klaudia von Bretagne zugeschrieben, die hier nach der Gefangennehmung ihres
Gemahls, Franz des Ersten, in schwermthiger Zurckgezogenheit bis zu ihrem Tode
lebte, und deren Grabmal sich auch in der Hauskapelle als einziges Ueberbleibsel
ihrer Existenz vorfand, denn dieser lteste Theil, der in der Mitte des
funfzehnten Jahrhunderts entstand, zeigte nur Thurmzimmer, rohe Wnde,
gepflasterte Fubden und die kleinen Schiescharten-Fenster, die wenigstens
Landschlsser nicht entbehren konnten.
    Die flchtige Besichtigung erregte wegen der erloschenen Erinnerungen, die
berdies in einem frommen, tugendhaften weiblichen Leben selten durch
hervorragende Situationen sich lange dem Gedchtnisse der Menschen einprgen,
wenig Interesse. Aber sie gewannen in der Betrachtung erst ihren Platz, wenn man
dies einfache Bedrfni der kniglichen Klaudia mit dem verglich, was die stolze
Medicerin dafr nthig hielt.
    Die Rume, von Flur und Treppen an, die der Aufenthalt ihrer Leibwachen und
Diener waren, und die alle noch die Ueberbleibsel von Einrichtungen zeigten, die
sie zu E- und Trinkgelagen passend gemacht hatten, die weitlufigen
Zimmerreihen, die, smmtlich mit Namen bezeichnet, Erinnerungen an das
mannigfach gestaltete Leben dieser Frau erregten, die kolossalen Mbel, Kamine,
Bettnischen, die kostbaren und unverwstlichen Tapeten von Gobelin, vergoldetem
Leder und Sammet, die auch zu Teppichen und Bezgen der Sthle, Ruhebetten und
Fenster-Umhngen dienten, und von Marmor, Skulpturen und Vergoldungen in reicher
Ueberladung untersttzt wurden - sie zeigten ein verwegenes Ergreifen uerer
Mittel, um ein Schaugerst empor zu thrmen, wohinter sie den krankhaften
Zustand ihrer aus tausend Wunden blutenden Zeit um so lieber verbarg, da sie an
Heilung nicht dachte und das Wundfieber, in welchem bald diese, bald jene Partei
im Wahnsinne die Obergewalt fand, blo zu ihren Zwecken verbrauchte.
    Ach, sagte Fennimor inmitten dieser Rume, welch' ein Glanz! - und
Klandia hatte nur ihr Bett - ihre Kapelle und ihre Spinnstube!
    Der alte Kastellan schlug die Augen nieder, als msse er sich schmen vor
den so wohl behteten und so hoch von ihm geehrten Schtzen, und der fast
unbewuten Geringschtzung, womit er die Rume der frommen Klaudia vorgezeigt -
zuerst fhlte er den Gegensatz.
    Er zgerte fast, weiter zu gehen, obgleich er doch noch so viele kleine
Schtze hatte, die er zeigen und erklren wollte, worauf er heimlich stolz war.
Gewi, sprach er zuletzt, die fromme Knigin Klaudia hinterlie keine
werthvollen Besitzthmer, es findet sich in den frhesten Verzeichnissen der
Kastellane nichts bemerkt, was darauf hinweisen knnte, sonst wrde es gewi
erhalten sein.
    Ja, das glaube ich, erwiederte sinnend die junge Grfin - sie hatte allen
Schmuck in sich; das wird bei ihr gewesen sein, wie der Vater erzhlte von der
Mutter der Grachen. - Freundlich gab sie sich jedoch bald den mannigfachen
Gegenstnden hin, die ein zu fesselndes Interesse besaen, um ihren jugendlichen
Sinn nicht zu beschftigen, und der alte Kastellan fhrte, zu seiner
Wohlgemuthheit zurckkehrend, seine jungen Herrschaften in den groen Banketsaal
der Knigin, der mit Thronhimmel und Gobelins verziert war, und an dessen Wnden
reiche Schrnke standen, die in Ebenholz mit Gold und Silber, die kunstreichst
geschnittenen Hautreliefs aus den Chroniken des alten Testaments zeigten. Sie
dienten theils zur Ausschmckung, theils zum Aufbewahren kostbarer Geschirre,
oder zu Schenk- und Vorschneide-Tafeln.
    Hier befnde sich noch manches der Beachtung Werthe, sprach der alte
Kastellan und ffnete das kunstreiche Schlo eines der greren Schrnke,
welcher noch mehrere schwerfllige Silbergeschirre enthielt, so wie eine groe
Anzahl Becher in Gold und Silber, mit Wappen und Sinnbildern, und einige von den
schnen leichten venetianischen Glaspokalen, die, der jungen Frau noch niemals
vorgekommen, ihr hchstes Erstaunen erregten.
    Diese kostbaren Geschirre, sagte der Kastellan, sollen alle damals
hergeschafft worden sein, als die Frau Knigin dies Schlo berhaupt mit so
groer Pracht fr den kurzen Besuch der vornehmen polnischen Magnaten
ausrstete, die sie eingeladen und lieber hier, als in Paris empfangen wollte,
da sie diese Groen des damals von den verschiedensten Parteien zerrissenen
Landes sich geneigt zu machen trachtete, um die Wahl des neuen Knigs
dermaleinst auf ihren geliebten Sohn, den Herrn Herzog von Anjou, unsern
nachmaligen allergndigsten Knig, zu lenken. Es ist hier nicht mehr Alles
beisammen, was damals an groem Glanze diese Rume erfllte, aber die alten
Tagebcher der Kastellane, woraus die Chronik besteht, und welche sich noch
vorfinden, sagen darber groe Wunder.
    Warum ist diese Thre mit dem eisernen Balken verwahrt? frug die junge
Grfin, der Thre neben dem Throne sich nahend.
    Dies sind die Geheimzimmer der Frau Knigin Katharina, erwiederte zgernd
der Kastellan; sie sind auf Befehl der Herren Grafen von Crecy immer auf diese
Weise von den brigen Gemchern getrennt gewesen.
    O, die mchte ich sehen! rief Fennimor - knnt Ihr sie ffnen?
    Das steht allerdings jedem Kastellane zu bewerkstelligen frei, sprach der
Alte, wenn es befohlen wird, aber sie sind voll bser Luft, Euer Gnaden - auch
wurden sie auf Befehl weder gelftet, noch vom Staube gereinigt - es ist fr
eine so zarte gndige Herrschaft, wenn ich's zu sagen mich unterstehen drfte,
kein passender Aufenthalt.
    O, doch, doch, guter Albans! - rief die junge Gebieterin - ich mu sie
sehen, gerade sie! - Nicht wahr, Leonin, Du willst sie auch sehen?
    Dieser fhlte wohl, der Alte habe etwas ganz Besonderes bei diesen Zimmern
auf dem Herzen, da er sich aber nicht nher erklrte und die Wnsche Fennimor's
ihm das Gegengewicht hielten, so gab der Graf das Zeichen, da er sie ffnen
mchte; die verrosteten Schlsser zeigten, wie lange das nicht geschehen war -
erst nach vieler Anstrengung gelang es dem Alten, die Riegel zurckzuschieben.
    Es waren zwei an einander hngende Gemcher von miger Gre, beide mit
vergoldetem Leder bekleidet. Die Luft drang den Eintretenden wirklich mit
Grabesbauch entgegen - die bunten Scheiben waren erblindet von der Zeit und den
Spinnweben, und lieen daher nur ein Halbdunkel in der Beleuchtung zu. - Aber
diese Vernachlssigung hatte einen andern Reiz behalten, der die jungen
Schlobewohner auch nher trieb und gerade darin lag, da hier nichts bei Seite
gerumt war, wie in den andern Rumen, sondern da, fast zum Erschrecken, mitten
in der vollen Lebensthtigkeit dieser ungeheuren Frau eine Unterbrechung, ein
Stillstand eingetreten sein mute, der die verschiedenen Gegenstnde, die sie
umgaben, erstarrt zu haben schien, und ihnen noch die eben verschobenen Falten
der Draperien, den schief gerckten Sessel, genug, jedes Zeichen pltzlich
unterbrochener Benutzung erhalten hatte.
    Die Mitte des ersten Zimmers ward von einem kolossalen Schreibtische
eingenommen, dessen Aufsatz von schwarzem Ebenholze auf Fen von weiem Marmor
ruhte, und mit einigen knstlichen Vorrichtungen zum Schreiben versehen war,
nebst einem hoch darber ragenden Crucifixe von Elfenbein und mehreren schweren,
kostbar eingebundenen Bchern. Herum standen drei Armsessel, mit dem Stoff der
Tapeten bedeckt, die verschoben waren, als sei dies eben beim Aufstehen
geschehen.
    Dies war ihr geheimes Konferenz-Zimmer, sagte St. Albans leise - dieser
schne Schrank enthielt die laufenden Akten und Briefe; in diesem mittelsten
Sessel sa die Knigin, hier die Rthe oder die andern betheiligten Personen -
hier an der Wand, auf dieser Bank, die Hoffrulein, wenn sie bleiben durften -
auch soll sie gern whrend der Berathungen in der Fenster-Nische ber dem
Stickrahmen gesessen haben, aber der damals anwesende Kastellan Hieronimus
verzeichnete darber: Alle htte ein Frchten beschlichen, wenn jene, so das
Gesicht zur Stickerei abgewendet, Rath gehalten htte; sie solle dann noch mehr,
als gewhnlich habe verben knnen! Seht, der eingespannte Silberstoff, an dem
sie damals gearbeitet, ist noch sichtbar, aber freilich erblindet, verstubt und
keine Reinigung mehr aushaltend. Ach, es sind kostbare Dinge hier nach gerade
untergegangen durch den Befehl, diese Gemcher abzusperren.
    Aber warum geschah das? frug die junge Grfin.
    Das hatte traurige Grnde, die Gott richten wird in Barmherzigkeit - aber,
so wie Euer Gnaden es hier sehen, so ist Alles verblieben, mitten im Gebrauch!
Lautes glnzendes Leben den einen Tag, am andern Morgen Alles leer, zu Pferde,
zu Wagen, auf und davon, Keiner sein Gepck nehmend oder nachfordernd - und auf
Befehl der zuerst fliehenden Frau Knigin wurden diese Zimmer abgesperrt, und
kein Stck ihres hier vorhandenen Besitzes durfte ihr nachgesandt werden; sie
floh sogar in dem Pelzmantel eines Hoffruleins. Damals hatte sie es dem ersten
Grafen von Crecy-Chabanne, der hier Besitzer ward, geschenkt, und dieser gar
heftige Herr hatte, wie man sagte, besondern Grund, den Befehl der Knigin gut
zu heien. Da verblieb es dann so, und die tugendhaften Nachfolger dieses ersten
Herrn wollten es immer so belassen.
    Da sind wir wohl die Ersten, die das alte Gebot berschreiten? sagte
Leonin, von unheimlichen Empfindungen angeregt.
    Ob die Ersten, Euer Gnaden, kann ich nicht bestimmen - bei meiner Zeit
jedoch die Ersten; denn Dero Herr Vater haben die Herrschaft Ste. Roche nie
beehrt.
    Zur Rckkehr geneigt, wollte Leonin dies eben Fennimor vorschlagen, da
bemerkte er, da sie von seiner Seite in das Nebenzimmer geschlpft war, und in
demselben Augenblicke rief sie ihn von daher zu sich: O, Leonin, komm'
geschwind, und sieh', was ich hier Reizendes gefunden habe!
    Er eilte ihr nun nach und trat in das dstere Schlafgemach der Knigin, in
dessen Hintergrunde das riesige Himmelbett mit dunkelrothsammetnen Vorhngen
stand. Ihm entgegen aber trat Fennimor und hielt einen schnen goldenen, mit
Edelsteinen verzierten Becher in der Hand. - O Leonin, rief sie, welch' ein
Kunstwerk! Sieh', wie herrlich das gemacht ist! O, la' ihn mir, ich will ihn
zum Andenken behalten und tglich daraus trinken! In demselben Augenblick
setzte sie ihn an die Lippen, als versuche sie ihn.
    Groer Gott, erbarme Dich! schrie der alte Kastellan, und ehe noch die
Lippen den Rand des Bechers umschlossen, ri er ihn aus Fennimor's Hand und
stellte ihn dann schaudernd nieder, als habe er sich daran verletzt - aber zur
Besinnung kommend, hatte er einige heftige Worte von seinem sichtlich
beleidigten jungen Herrn zu bestehen, und beschmt beugte der alte Mann sein
Knie vor seiner jungen Gebieterin und flehte um ihre Verzeihung. Ich habe mich
schwer vergangen, Euer Gnaden, aber vielleicht vergebt Ihr mir um der
Veranlassung willen. - Sehen Euer Gnaden den trben Grund des Bechers? - Als er
zuletzt gefllt ward, ist Gottes herrliche Gabe zum Frevel benutzt worden, und
der helle Wein der Bourgogne ward mit Tropfen tdtlichen Giftes gemischt -
niemals hat ihn seitdem das heilige Wasser gesplt, und er ist erblindet, wie
Ihr ihn hier sehet.
    Schaudernd wendete sich Fennimor ab, und St. Albans winkte den Grafen bei
Seite, und setzte schnell und ngstlich hinzu: Der Herr Marquis Spinola folgte
hieher seiner Geliebten, der Frau Knigin Katharina - aber sie hatte Neigung,
ihn los zu werden, und es fand sich dazu ein Groer ihres Hofes, den sie
bevorzugte. Obwol nun der Dolch in seinem Schlafgemache auf ihn harrte, so
frchtete Katharina doch den Widerstand des muthigen Marquis; als er sie am
Abend verlie, reichte sie ihm selbst diesen Becher, dessen schnelle Wirkung sie
noch an der pltzlich gebrochenen Kraft des Unglcklichen beobachtete, und
entlie ihn dann. Aber er ahnete das Geschehene, und als der erste Dolchsto ihn
traf und der tdtliche Schmerz des Giftes ihn zugleich zerri, strzte er in das
Schlafzimmer der Knigin zurck, von seinem Mrder verfolgt - und schrecklich
hier das Geschlecht Beider verfluchend, schleuderte er der Knigin den Becher an
den Kopf, da er weit hin zur Erde rollte - dann verschied er auf ihrem Bette,
Bche von Blut vergieend, so da die Frau Knigin, von seinen Flchen verfolgt,
aus diesem Bette nicht entfliehen konnte, ohne bis an die Knchel in Blut zu
waten. - Da reiste sie zur selben Stunde aus dem Schlosse, und Alles, wie von
Geistern gejagt, hinter ihr her, und nie betrat sie es wieder, Niemand durfte je
seinen Namen vor ihr nennen. Den Becher aber rhrte Keiner wieder an - es war
der Knigin Lieblingsbecher, darum verfluchte der Herr Marquis Jeden, der daran
die Lippen setzen wrde.
    Der Graf hrte mit tiefem Schauer die schnelle Mittheilung des Greises und
sah sich hastig nach seinem jungen Weibe um, das zuerst den schrecklichen Bann
berschritten hatte.
    Sie lehnte sich bleich und erschttert gegen das Bett der Knigin, und als
Leonin zu ihr eilte und sie liebevoll in seine Arme schlo, erleichterte sie ein
Strom von Thrnen.
    Doch der Alte war ihnen nachgeschlichen und zupfte mit trauriger Miene den
Grafen am Kleide. O, fhret die gndige Herrschaft hier fort! sprach er leise,
indem er, von Fennimor unbemerkt, auf die groen dunkeln Flecke am Fuboden
zeigte; und Leonin fhlte, das sie auf dem Blute des Spinola standen, der hier
das Geschlecht der Crecy verfluchte; denn was der alte Kastellan aus Ehrfurcht
verschwieg, war Leonin zufllig bekannt und bezeichnete in dem erwhnten Mrder
den Grafen Theophim von Crecy.
    Sanft strebte er, die zitternde Fennimor aus diesem traurigen Bereiche zu
ziehen, willig folgte sie ihm, und der Kastellan, der schnell die Thren dieser
Unglckszimmer mit Schlssern und Querbalken wieder verwahrte, ffnete in dem
Banketsaale eine Seitenthr, die nach einer offenen Gallerie fhrte. Wenn auch
noch lter an Ursprung, war sie doch in diesem Augenblicke eine wahre
Erquickung, da die Herbstsonne warm und duftig auf sie schien, und die zierlich
gemauerte und vielfach durchbrochene Einfassung mit Moos und niederhngenden
Eibenbumchen durchflochten war, welches Alles dem unschuldigen Leben der Natur
nher fhrte; obwol hier das Zeichen des berhand nehmenden Verfalls, von dem
die Vegetation mit ihren vielfach anmuthigen Mitteln sogleich Besitz nimmt,
deutlicher hervortrat. Hier beruhigte sich Fennimor, und ihr trbes Auge gewann
seinen vollen Glanz wieder, und Lippen und Wangen ihre Farbe.
    Wo sind wir denn jetzt? - frug sie, auch sogleich zu ihrer alten Neigung
zurckkehrend und die Fensterreihe hinter sich prfend, wovor diese Gallerie
entlang lief.
    Dies waren die verschiedenen Zimmer der Hoffrulein - sprach der
Kastellan; sie sind ohne Werth, und haben eine besonders feuchte und kalte
Luft. -
    Aber jener Thurm, an dessen Thre sich diese Gallerie endigt, wo fhrt er
hin? - O, sieh' doch, Leonin, wie reizend dort das Ende eines Altans
hervorschaut! Welch' herrliche Aussicht mu man von ihm in das Thal von Ste.
Roche haben, da er mehr nach jener Seite zu liegt! und schon eilte Fennimor auf
der Gallerie voran, das Schlo an der kleinen Thr gab nach, und sie stand in
dem Thurmzimmer, ehe der Graf ihr folgen konnte, was St. Albans mit sichtlichem
Widerstreben that.
    Auch dies war ein groes, rundes Schlafzimmer, jedoch in seiner Ausstattung
von bedeutenderen Ansprchen, obgleich diese mehr, als in den brigen Zimmern,
gelitten hatte, da der Altan zwar mit seinen groen Thren das Fenster bildete,
aber, den Unbilden des Wetters preisgegeben, Regen und Schlossen eindringen
lie. Da liefen an den vergoldeten Lederbehngen der Wnde kunstreich
geschnittene Bnke von Eichenholz um das Zimmer her, und neben dem Kamine von
schwarzem Marmor stand das groe Bett, welches, wie gewhnlich, an Vorhngen und
Verzierungen der Holzschneidekunst den meisten Aufwand frherer Zeit zeigte.
Vorzglich aber betrachtete Fennimor ein schnes Betpult mit Knieschemmel, an
dem ein zusammengesunkener kleiner Harfion, eine kleinere Art dieses spter erst
vergrerten Instruments, wie die Damen ihn leicht in einer Hand zu tragen
vermochten. Dies kleine Instrument, wenn jetzt auch ohne Saiten, mit verrosteten
Wirbeln, war doch mit dem grten Fleie in Elfenbein und Gold gearbeitet, und
zeigte an, da hier ein Frulein gehaust, da nur Frauen dies Instrument
spielten. - Die Vorhnge des Bettes waren nicht zugezogen, und Fennimor sah die
Kissen und Matratzen von dunklem Damast, und die reich gestickte Decke, wenn
auch Alles von Staub und Feuchtigkeit geschwrzt erschien, und kaum noch in
seiner frheren Beschaffenheit kenntlich. -
    Schon ein paar Mal hatte Fennimor gefragt, wem dies Zimmer gehrt habe - da
sie ihre Frage wiederholte und den alten Mann dabei befremdet ansah, erwiederte
er schchtern: Es ist der Eudoxien-Thurm.
    Eudoxia? Nun, wer war das? frug sie weiter.
    Eudoxia, das schne Frulein von Nemours, war auch eine Hofdame der Frau
Knigin Katharina - aber sie hatte nicht Glck davon. Der Knig, sagt man, habe
sie lieber gehabt, als erlaubt war, und er fand sie hier einstmals auf ihrem
Lager, da sie ihm blos noch die blutende Wunde in der Brust zeigen konnte, und
ihm sagen, wie ihr befohlen war: die Knigin habe dies gethan. - Dann ist sie
verschieden. Drauf, sagt man, se sie noch immer hier auf diesem Altane in
ihrem weien Kleide und warte auf den Knig, wie er sonst durch das Thal herauf
zog.
    Heil'ger Gott, rief Fennimor und barg ihr Antlitz an Leonin's Brust, eine
Knigin und morden! Ist denn das mglich? Sie sagen ja, sie sind von Gott
erwhlt - knnen sie denn da morden? Das ist vielleicht nicht wahr! O, Leonin,
fuhr sie wemthig fort, sprich doch, Du mut es ja wissen!
    La' das jetzt, Fennimor! Kehren wir lieber zurck - hier unten liegen
unsere Zimmer auch freundlich von der Sonne erhellt, da wohnen keine
schrecklichen Erinnerungen. Mein Ur-Grovater lie sie gastlich einrichten -
dort wollen wir Alles vergessen.
    Ja wohl, sprach der Kastellan, von diesem guten gndigen Herrn sind nur
schne, heitere Nachrichten in der Chronik zu finden. Er benutzte auch nie diese
oberen Gemcher oder doch nur jene Seite drben, die kniglichen Prunkgemcher,
nie den eben besuchten Banketsaal, weil er auf den groen finstern Hof mit dem
Grabmal des Herrn Grafen Theophim herabsieht.
    Die vielfach bewegten Wanderer kehrten in ihre jetzt schn und ansprechend
eingerichteten Zimmer zurck, und hier erst zeigte es sich, wie tief erschttert
Fennimor war, denn bleich und wortlos sank sie in einen Stuhl am Feuer hin,
hrte nicht, was Leonin sprach, und schien mit offnen Augen bewutlos.
    Leonin fhlte bald, da er sie nicht gewaltsam wecken drfe, und gnnte es
ihr, sich selbst auszutrumen, mit seinen liebevollen Blicken ihr blos ein
zrtlicher Wchter bleibend.
    Mit einem tiefen Seufzer lste sich endlich ihr beklommener Zustand - sie
erkannte Leonin und sank weinend an seine Brust. - O, Leonin, rief sie - da
in der offenen, schnen Welt, wie sie von Gott kmmt, noch so eine finstere
geheime Welt ist, die gar nicht dazu gehrt, gar nicht Gottes Welt sein kann -
und bei der nicht zu begreifen ist, warum die Menschen sie in die andere groe
Gottes-Welt hineinsetzen, und damit die andere verderben und Gott krnken! - O,
Leonin, ich glaube, mein Vater wute gar nichts von der falschen, gemachten
Welt!
    Wohl hast Du Recht, - sprach Leonin, da dies nicht die rechte, sondern
eine falsche Welt ist - und es schmerzt mich, da Du mit der Kenntni des
Schlosses, die Du so wnschtest, einen so dstern Blick hinein thun mutest. -
La' uns diese Welt, die uns so fern liegt, vergessen, und richte Deine Blicke
auf die Gegenwart, die kein Schrecken birgt. Obwol ich durch Unterricht und
Lebensweise diesen Beziehungen nher getreten bin, so sind sie von mir doch noch
nicht selbst erlebt, und ich ahne mehr den Stoff, dem ich zerstreut in der Welt
begegnet bin, als da ich ihn in dem eignen Leben bisher nachzuweisen wte. Es
ist ein schwermthiges Geschft, sich in die Fragen zu vertiefen, die sich uns
darber aufnthigen wollen, wie sich die Zulassung der schrecklichen Verbrechen,
welche die Erde besudelt haben, mit der Gerechtigkeit Gottes vertrgt, wie, da
wir oft den Unschuldigen untergehen sehen und den Verbrecher triumphiren. - La'
uns denken, da dessen ungeachtet die gttliche Gerechtigkeit sich ausreichend
erweist, da solche Triumphe, wie das Untergehen der Unschuld nur scheinbar
sind, und der innere Zustand Beider in der ausgleichenden Hand Gottes ruht.
    Ja, so wird es sein, - sagte Fennimor, welche ihn mit glubiger Zuversicht
angehrt hatte: aber gewi giebt Gottes schne Welt zum Bsen keine
Veranlassung, und Jeder drfte gut sein nach seinen Krften.
    Und doch ist dieser Streit, dieser Kampf nthig - dadurch gerade, da wir
mit dem Bsen und gegen das Bse kmpfen, entwickelt sich das Hhere in der
menschlichen Natur, und der, welcher den Kampf erregt, ist ein Werkzeug in
Gottes Hand, eben so, wie es der Streiter fr das Gute ist; wie schwer wrde es
uns werden, das Maa ihres Verdienstes oder ihrer Verschuldung zu finden - das
ist unserm Auge entrckt.
    Ach, Du bist weise! sagte Fennimor, die trben Augen zu ihm aufschlagend.
Dann lie sie sich, von so vielen Eindrcken ermdet, von Emmy Gray nach ihrem
Bette fhren, und bald heilten ihre unschuldigen Trume die Wunden ihrer Seele
aus. -
    Wie liebevoll auch Beide den immer nher rckenden Augenblick der Trennung
vor einander zu verhllen suchten, er nahte sich darum doch, und Fennimor rang
mit der Einwilligung zu dem grten Schmerze, den sie glaubte erleben zu knnen.
Aber noch immer strubte sich ihre stolze und krftige Natur gegen eine solche
Zumuthung; fast zrnend blickte sie auf Umstnde, die sie dazu nthigen wollten;
und wunderbar fhlte sich Leonin von dieser Forderung, die er in jedem Worte, in
jedem Blicke dieses Naturkindes erkannte, verschchtert. Alle Rcksichten, von
denen er sich beherrscht erkennen mute, versanken vor einem Geiste, dem die
natrlichen Verhltnisse der Menschen allein eine Geltung hatten, und er fhlte
theils Scheu, ihr die Erscheinungen der Gesellschaft, wie sie ihm bekannt und
bedeutend geworden, zu schildern, theils fhlte er Zweifel, ob sie ihnen den
Einflu zugestehen wrde, da sie ihre Fassungskraft bersteigen muten. - Aber
wir knnen oft nach Auen hin uns gegen das Andringen einer gefrchteten
Vernderung mit entschiedenen Worten wehren, dennoch ergreift schon die
Ueberzeugung, da wir ihr nicht entrinnen knnen, unsere ngstlich Wache
haltenden Gedanken, und wir betreffen uns gegen unsern Willen auf kleinen
Handlungen oder Einrichtungen, die nur darauf Bezug haben knnen, da wir selbst
jene gefrchtete Vernderung fr unabweisbar halten und ihr instinktartig schon
entgegen kommen.
    So machte Leonin, wie Fennimor Einrichtungen und Plne zu Beschftigungen
und kleinen Erheiterungen im Freien, die ihre Zeit auszufllen strebten, wobei
eine stillschweigende Anerkennung durchblickte, da sie dann ihres Gatten
beraubt sein wrde - und doch umschlichen Beide das entscheidende Wort, und
nicht selten schaffte sich Fennimor nach solchen Anregungen, die ihre Seele
beklemmten, durch ein paar angstvolle Worte Luft, die jede Andeutung verlugnen
sollten.
    Da hatte sie der Abend vor dem hohen Lesepulte gefesselt, und Fennimor las
mit langsamer Aussprache, aber richtigem Accente und dem rhrend unschuldigen
Tone ihrer kindlichen Stimme, die unsterblichen Stanzen des Cid von Corneille.
Wie glhten ihre zarten Wangen, wie schn hoben sich im verwandten Gefhle der
eigenen hochherzigen Empfindungen die schn geschweiften Lippen, um den edlen
Stolz, die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrcken, wie htte sie lieber
selbst ihm gleich geantwortet, und wie gespannt lauschte sie der Antwort
Ximenen's, hoffend, es sage ihrem eigenen hochbegeisterten Gefhle zu, was sie
antworte.
    Wer vermchte zu schildern, mit welchen Gefhlen Leonin, zwischen Sehen und
Hren getheilt, vor ihr sa; leise war er von ihrer Seite weggerckt, ihr fast
gegenber, ihren vollen Anblick genieend und sicher, da sie in ihrer
begeisterten Hingebung an den groen Dichter und seinen Helden ihn selbst
vergessen wrde.
    Die Kerzen, die ber dem knstlich geschnittenen Pulte von Eichenholz in
schweren silbernen Armen ruhten, beleuchteten von oben das runde Haupt mit
seinen reichen, lichtbraunen Locken und warfen das hellste Licht auf die weie,
zartgewlbte Stirn. - Der Schatten htte den schnen Untertheil des Gesichts
verhllt, wre nicht von dem weien Blatte des Buches, vor dem sie gebeugt sa,
ein Reflexlicht dazu aufgestiegen, welches Farbe und Form magisch verschnte.
    Die kostbaren Stoffe, die Leonin seiner Gemahlin nur passend hielt, waren
ihr lngst im tglichen Gebrauche bequem, und der reiche blablaue Seidenstoff,
der von ihrem schlanken Leibe in vollen Falten zur Erde fiel, ward um Schultern
und Busen mit reichen Spangen gehalten. Sie trug und pate das Alles zu einander
mit dem vollkommenen Geschick, was, von der Schnheit untersttzt, so
oberflchlich unter die Rubrik einer natrlichen weiblichen Koketterie verwiesen
wird, und vielmehr der edeln, reinen, allgegenwrtigen Empfindung zuzurechnen
ist, welche eine Frau leitet, sich selbst zur Befriedigung, nur das Schne und
Vollkommene an sich leiden zu mgen.
    Gewi fhlte Leonin mehr, wie je, den unaussprechlichen Zauber seiner Liebe,
und sein Blick schweifte einen Augenblick an den hohen, schwerfllig verzierten
Wnden des schnen alterthmlichen Gemachs umher, und schien die verdsterten
Familienbilder herauszufordern, ihm ein wrdigeres Modell zu zeigen fr die
Nachfolge in ihren Reihen.
    Da war Fennimor an das letzte Wort gekommen, womit Cid von Ximene'n Abschied
nimmt, berwltigt schlug das feurige Kind die Hnde zusammen, und Leonin's
Augen suchend, rief sie: O, wie gttlich schn ist es, solchen Schmerz zu
fhlen!
    Leonin eilte ihr nher, aber ein schnell hervorbrechendes Schluchzen des
holden Wesens zeigte ihm, wie tief die poetische Erschtterung war, die sie
erfahren, und er schmte sich fast, mehr ihrer Schnheit, als der herrlichen
Dichtung gedacht zu haben.
    Doch sollte ihm keine Zeit bleiben, ihr seinen halben Antheil zu verbergen.
Schritte wurden im offenen Nebenzimmer gehrt; der Graf ging dem eintretenden
Kammerdiener entgegen und nahm ihm einen Brief ab, der so eben aus Paris mit
einem reitenden Boten angekommen war, der Tag und Nacht den Weg gemacht hatte.
    Es durchzuckte Leonin, als er, den Lichtern nher tretend, durch wenige
Zeilen des Marquis de Souvr von dem tdtlichen Erkranken seines Vaters
benachrichtigt ward, und dem Begehren desselben, seinen Sohn noch einmal zu
sehen.
    Er erhob den Blick von dem verhngnivollen Blatte zu Fennimor empor, die
ihn gespannt beobachtend noch an derselben Stelle sa; er wollte noch ein Mal
den Eindruck zurckrufen, dem er sich einen Moment frher so ganz hingegeben
fhlte, aber schon hatte der Ausdruck seiner Zge, die sie so scharf beobachtet
hatte, von ihrem Gesichte jene poetische Verklrung verwischt, die nur eben in
dem Zurcktreten unserer eigenen Existenz Raum findet. Ahnungsvoll blickte sie
ihn an, und er fand keine Worte; stumm reichte er ihr den Brief, dessen Inhalt,
in wenigen Worten bestehend, sie eben so schnell berflogen hatte. Fennimor
erblate wie der Tod, und einen Augenblick schien der ungeheure Schmerz ihre
Gestalt mit Erstarrung zu berhren. Leonin wagte nicht, sie lnger anzublicken;
gebeugt stand er, an das Pult sich lehnend. - Da hrte er, wie sie aufstand;
bald sah er sie vor sich stehen.
    Leonin, sagte sie leise, aber fest und innig, das ist Gottes Gebot! Dein
Vater ruft Dich! - Du mut fort - schnell reisen! O, eile, eile, damit er Dir
seinen Segen giebt, Du nicht, wie ich, die stumme, kalte Leiche findest! -
    Fennimor, heil'ger Engel, Du sendest mich selbst von Dir, Du willst mir das
Allzuschwere mit Deiner frommen Kraft erleichtern! -
    Ja, Leonin, das will ich, und Dich rsten helfen, damit Du schnell Deinen
Weg antreten kannst, und will standhaft sein und Dich nicht entkrften durch
meinen Weiberschmerz, damit Du ein Mann bleibst, ein Held, wie Cid - das htte
Ximene auch gethan.
    Ha, rief Leonin und drckte sie an seine Brust - Corneille, welch' ein
Lorbeer sprot heute um Deine Stirn! Das ist Dichterberuf, die Begeisterung
hervorzurufen, die das empfngliche Gemth Dir nachfliegen macht und dem Leben
den Karakter der Erhabenheit aufdrngt, mit dem Du es erfllt hast!
    Sie sah ihn fragend an - sie wute es nicht, da es so war - aber, als sie
an ihm vorber aus dem Zimmer schwebte, die Worte zu verwirklichen, war in ihrer
Gestalt eine Sicherheit und Ruhe, eine Erhabenheit, als schwebe der Goldreif
Ximenen's um ihr jugendliches Haupt. -
    Und so hatte der helle Dezember-Morgen kaum den leichten Frost der Nacht in
Thautropfen verwandelt, da zog durch das Thal von Ste. Roche der beflgelte
Reisezug des jungen Grafen Crecy, und aus Eudoxiens Thurm wehte ein weier
Schleier als letzter Liebesgru, whrend die fromm beherrschten Thrnen jetzt
wie Bche aus den schnen Augen Fennimor's, vielleicht auf dieselbe
Fensterbrstung fielen, wo einst Eudoxia dem kniglichen Geliebten nachgeweint.

                                 Zweiter Theil


Das Gefhl, seinem sterbenden Vater entgegen zu eilen, verschlang jede andere
Betrachtung in dem jungen Grafen von Crecy, und so war er weit davon entfernt,
an die schwierigen Verhltnisse zu denken, mit denen er sich unter andern
Umstnden beladen gefunden haben wrde. Eile war das Einzige, was er nthig zu
haben glaubte, und die Thrme von Paris tauchten aus dem Nebelmeere rauchender
Essen und dem Dunstkreise einer zusammengedrngten Volksmasse schon am Abend des
dritten Tages vor dem ungeduldigen Sohne auf, und bten auch auf ihn die
magische Wirkung einer von Sehnsucht und Freude gemischten Rhrung aus, von der
sich vielleicht Keiner ganz losgegeben fhlen wird, der nach langer Abwesenheit
die Vaterstadt zuerst wieder sieht.
    Die schmerzliche Erwartung, der er entgegen eilte, verschwand vor dem
Anblicke dieser bekannten Spitzen und Kuppeln und machte einem kurzen
Aufjauchzen seiner Brust Platz; und als ob ihn schon geliebte Augen anlchelten,
so blickte er zrtlich auf ihre im Nebel schimmernden Riesenbilder. - Es war
ihm, als wrde er sich seiner selbst erst bewut, als wre Alles, was er erlebt,
blo darum erlebt, um es hier durchzufhlen, an dieser Stelle ihn zu dem zu
erheben, was er in unbestimmten Umrissen kreisen gefhlt hatte von Jugend auf;
und als ob sie die erste uud unabweisliche Autoritt wren, die ihn zur
Rechenschaft ziehen knnte, so bang bewegt ward sein Herz, obwol sie ihm
zugleich eine Verheiung von vershnender Liebe, ein Verstndni mit ihm und
allen seinen Zustnden erschienen, wie jedes andere Gefhl dagegen zu einem
fremden und oberflchlichen ward. Es sind auch gerade diese, an unser frhestes,
harmlosestes Bewutsein geknpften jugendlichen Erinnerungen, welche den
unaussprechlichen Zauber weben, von dem wir uns beim Wiedersehn des Vaterlandes
ergriffen fhlen. Es ist die Hoffnung, verstanden zu werden; diese stete
Sehnsucht des strebenden Herzens, die uns so leicht zu erfllen scheint, den
langvertrauten Gegenstnden gegenber, und uns jedes erfahrene Miverstndni
vergessen lt, uns nur an das erinnernd, was wir dort empfingen; so viel in
dieser ersten Jugendzeit, da es jeden neuen Gewinn zu sichern scheint!
    Und jetzt umschlossen ihn schon die engen, geruschvollen Straen von Paris
- und je nher er der Fauxbourg St. Germain kam, je mehr ward seine
Aufmerksamkeit in Anspruch genommen durch die schwerflligen Karossen, welche,
mit Dienern und Pagen behangen, einem Ziele entgegen strebten.
    Sein leichterer Reisewagen und sein immer ungeduldigeres Antreiben bahnten
sich endlich einen Weg, der ihm bei einer schnellen Wendung das Hotel Soubise
vor die Augen fhrte, welches seine Eltern bewohnten, und das zu seiner nicht
geringen Ueberraschung das Ziel der um ihn rasselnden Karossen war, die schon in
breiten Gassen davor aufgereiht standen.
    So mu mein Vater leben! rief Leonin. - Und eben rollte sein Wagen unter
das Portal des Schlosses.
    Bekannte Gesichter, ein lauter Jubelruf empfingen den jungen Erben, der mit
einem Sprung ber die Tritte hinweg unter den treuen Dienern stand, die jetzt
Hnde, Rocksche und Fe mit Kssen bedeckten.
    Mein Vater! mein Vater! stammelte Leonin, fast erstickt von Gefhlen.
    Er lebt, gndiger Herr! er lebt! Gott hat ihn erhalten! drang es aus aller
Munde. Kaum war der Bote fort, als die Genesung eintrat.
    Und wo, wo, meine Mutter? - Er wies Jeden mit seinen Armen zurck und
flog, Alles vergessend, berrennend, an den prachtvoll geschmckten Gsten,
welche die Treppen bedeckten, vorber, in die glnzenden Zimmerreihen, in denen
er die Mutter suchen mute.
    Die Marschallin von Crecy verbarg unter der feinen Miene gesellschaftlicher
Hflichkeit, die sie ihr vollstndiges Eigenthum nennen konnte, das unruhig
bewegte Herz einer Person, welche unaufhrlich irgend eine Absicht, irgend einen
Plan verfolgt, und von Allem, was sich um sie her bewegt, hauptschlich
verlangt, da es sich nach ihrer Ansicht, ihrer Bestimmung gestalte. Es war oft
blo die Ausbung dieser Herrschaft, die ihren Entwrfen Reiz verlieh, da sie
sich selten ber die Geringfgigkeit derselben tuschte, und eine bittere
Verachtung gegen Menschen und Verhltnisse fhlte, die sich beherrschen lieen.
- Man konnte sie so durch ihre eigenen Neigungen bestraft nennen; denn, indem
sie ihren ganzen Scharfsinn aufbot, jeden Widerstand um sich her zu entkrften,
machte es ihr doch gerade die belste, finsterste Laune, da sie Niemanden fand,
der ihr gewachsen war, obwol er nur Gegenstand ihres ungemessenen Zornes, ihrer
rastlosen Verfolgung gewesen wre.
    Es drfte nicht schwer werden, hiernach die augenblickliche Stellung gegen
ihren Sohn zu folgern. Sie war auer sich, da er Widerstand wagte; aber sie
ward dadurch belebt und zu einer Thtigkeit erhoben, die alle ihre Krfte
anregte. - Und da sie gerade in ihrem Sohne den Gegenstand finden mute, der
das Wagni versuchte, ihren Willen zu lenken, machte sie stolz auf ihn und
flte ihr den Grad von Achtung ein, der ihn ihr zum wrdigen Gegner machte, der
Mhe werth, ihn zu besiegen; - denn besiegen, einen andern Gedanken hatte sie
freilich nicht!
    Das tdtliche Erkranken des alten Marschalls, wodurch die schnelle
Einberufung des Sohnes vollstndig motivirt ward, war ihr kaum willkommen. Dies
Ereigni unterstand sich, ohne ihren bestimmten Willen ins Werk zu richten, was
sie sicher war, doch zu erreichen. Sie fhlte sich fast dadurch beleidigt und
regte keine Hand, es zu untersttzen; sah sich aber doch genthigt, die Hebel,
die sie fr sptere Zeiten in Bereitschaft hielt, jetzt um so viel vorzurcken.
    Nothwendig bedurfte sie einer Collision der Verhltnisse. Das Eintreten
ihres Sohnes durfte nicht das Hauptereigni sein; es htte ihn ihr zu nahe, zu
imponirend entgegen gestellt, und das Mittel fand sich sogleich.
    Mademoiselle Louise, ihre einzige Tochter, erhielt in dem Kloster der
Benediktinerinnen einen Besuch von ihr, und die Marschallin zeigte sich hier so
vollkommen zufrieden mit der sechzehnjhrigen Tochter, da sie der Aebtissin
ihre Absicht aussprach, die Erziehung der jungen Kostgngerin vollendet zu
erklren, und Mademoiselle Louise begleitete ihre Mutter nach Paris zurck.
    Mit eben so sicherer Hand ward hier die Prsentation des jungen Fruleins
bei der kniglichen Familie bewirkt; und jetzt war Mademoiselle Louise ein
Mittelpunkt, um den sich der gesellige Glanz des Hauses Crecy-Chabanne sammeln
konnte - Grund genug, das Interesse und die Gedanken der Marschallin in den
Zerstreuungen von ihrem Sohne abgezogen erscheinen zu lassen.
    Sie hatte genau seine Ankunft berechnet. Denn, da sich die Gesinnungen des
Sohnes nicht verlugnen wrden, dessen war sie gewi; und wenn sie auch nicht
ahnte, durch welche Ueberredung er so schnell herbei gefhrt wurde, so war sie
doch auer Zweifel, er msse kommen, und ein Fest msse ihn empfangen. Darauf
waren alle folgenden Tage angewiesen; und das Befinden des Marschalls legte ihr
kein Gebot des Anstandes mehr in den Weg.
    So empfing sie heute die vornehme Welt von Paris, um die Glckwnsche
anzunehmen, die ihr ber die Prsentation ihrer Tochter bei Hofe zukamen.
    Das Palais Soubise, welches so als Eigenthum der Marschallin genannt ward,
glnzte in der vollen Pracht aller aristokratischen Vorrechte, welche diese so
wohl zu erhalten und hervor zu heben wute; ein Talent, das sie zu der
ausgezeichnetsten Person des Hofes und Adels erhob und ihren Ansichten und
Entscheidungen die Huldigung der Untrglichkeit verschaffte.
    Sie war das vollkommenste Muster der unzhligen Abstufungen der Etikette,
die einer Frau von Stande damals so hoch angerechnet wurden; und wer sie
beobachtete, konnte nie ber den Rang der Personen in Zweifel sein, die sich ihr
nahten.
    Nie verwechselte sie eine Anrede oder Erwiederung mit der anderen, und die
Krze oder Lnge derselben, der leisere oder strkere Ton ihrer Stimme, ob sie
dem Gegenstande gerade gegenber oder seitwrts gewendet blieb, mit halbem oder
ganzem Blicke begegnete, das waren Nancen einer damals hochgeschtzten Feinheit
und ein sicheres Zeichen ber die Ansprche der Personen. Die Marschallin war
ber fnfzig Jahr alt und eine konservirte Frau. Das gleichmige Embonpoint
ihrer Gestalt gab dem Teint ohne knstliche Mittel eine groe Frische, die
besonders Personen von rthlichem Haare lange behaupten. Die unsinnige Mode,
dicke Lagen von Schminke zu tragen und diese Sitte als ein Vorrecht des Standes
mit der Verlugnung aller Natur- und Schnheitsregeln auszuben, gab der
ltesten wie der jngsten Dame ein gleiches Ansehn. Nur Unverheirathete genossen
diesen Vorzug nicht; und so erschien oft die frischeste Jugend mit der Farbe der
Gesundheit wie bleiches Siechthum, wenn sie in eine Reihe mit den verheiratheten
Damen gerieth.
    Die Marschallin gehrte sowol durch Geburt, wie durch Vermhlung zu den
Familien, welche die Ehren des Louvre genossen; und so sehen wir in ihrem
Audienz-Saale einen Thronhimmel, unter welchem die Marschallin in einem breiten,
vergoldeten Fauteuil sa und sich erhob, oder sich blo neigte, oder die Stufe,
welche ihn erhhte, hinab steigen zu wollen schien - Alles in untrglicher
Ordnung, dem Range der nahenden Gste gem. Die Stickereien ihrer Robe waren so
kostbar und breit, da man die Farbe des Sammets nur bei einer Wendung in den
hinteren Falten sehen konnte. Das Unterkleid dagegen zeigte auf Drapd'or den
ganzen Wahnsinn des damaligen Geschmackes, indem mit bunter Folie, Perlen und
Juwelen eine Landschaft darauf gestickt war, der es weder an Thrmen, noch
Bumen, noch an der gehrigen Staffage von Menschen, Hunden und den
verschiedensten Thieren des Waldes fehlte.
    Der Aufwand einer solchen Kleidung, zu welcher noch die reichsten Aufstze
und die kostbarsten Geschmeide gehrten, berstieg allen flchtigen Modewechsel
spterer Zeiten; und es fanden sich nur wenige Damen unter dem reichsten Adel,
welchen es gestattet war, mehr wie zwei oder drei Galla-Anzge ihr Lebenlang zu
besitzen. Doch auch in dieser Beziehung war die Marschallin eine von den
Begnstigten, welche ihre Toilette bei jeder sich zeigenden Veranlassung in eine
neue Form zu bringen wute, und zwar mit der vollkommen gleichgltigen Miene,
welche diese Angelegenheit blo zu einem Geschfte ihrer Kammerfrauen herab
wies, das ihre Beachtung wenig verdiene.
    Doch sah man bei den Festen der Marschallin jedenfalls ein unverkennbares
Streben der erscheinenden Damen, der Frau vom Hause ihr Uebergewicht bestreiten
zu wollen; und es war eine wohl aufgenommene Artigkeit, wenn man versicherte,
da sich nirgends eine hhere Eleganz der Damen zeigte, als in ihren Salons.
    Wir beschrnken uns jedoch auf die gegebenen Andeutungen. Der Glanz
einzelner Personen, das Zusammenwirken einer solchen bunten, strahlenden Masse
wird sich uns von selbst aufnthigen, und wir bezeichnen nur noch eine junge,
heiter lchelnde Mdchengestalt, die, sich an dem Stuhle der Marschallin lehnend
und den leicht gegebenen Winken derselben folgend, jeden Ankommenden mit den
respektueusen Verbeugungen der Jugend begrt. Es ist Mademoiselle Louise, die
Tochter der Marschallin, welche der bequeme Vorwand fr die Absichten ihrer
Mutter ward; da allerdings nach einer Prsentation bei Hofe, die Etikette eine
Reihe von Festen verlangte, welche die Freude ber einen solchen Vorzug sowol
dem Adel, als vor Allem dem Knige darlegen mute.
    Am heutigen Tage nahm die Marschallin indessen noch auerdem mit besonderem
sem Lcheln und einer Bewegung des Fchers, die allgemein bewundert ward, da
sie einen sanften Schmerz ausdrcken sollte, die Gratulationen ber die Genesung
des Marschalls an, und sie erwhnte gegen einzelne Auserwhlte, da selbst Ihro
Majestten sich ihrer liebsten Umgebungen beraubt htten, um ihr Glck wnschen
zu lassen.
    Auch konnte gewi nur die finstere Herzogin von Bellefond, welche selbst
auer den Zimmern der Knigin nie ohne ihren kleinen Elfenbeinstab erschien, der
ihr als Oberhofmeisterin gebhrte, mit der Frau Marschallin den Platz unter dem
Thronhimmel theilen; da sie gewissermaen durch ihren besonderen Auftrag von
Seiten der Majestten zu einer geheiligten Person erhoben war.
    Zur andern Seite stehend, befand sich der Marquis von Vieuville, der
Ehrenkavalier der Knigin, der mit der vollkommensten Kenntni jeder einzelnen
Person des Hofes und ihrer Verhltnisse sich den Ruf einer immerwhrenden
sarkastischen Laune zu erhalten wute, daher, halb gefrchtet, halb gehat, der
Gegenstand der verbindlichsten Aufmerksamkeiten war, und eine Hflichkeit und
Zuvorkommenheit an den Tag legte, die ihm sehr bequem ward bei der Beachtung,
mit der man seine Aeuerungen entgegen nahm.
    Die Marschallin wute, whrend sie empfing, anredete, antwortete und fr
Jeden die passende Verbindlichkeit bereit hatte, stets einige pikante
Bemerkungen ber ihre Schulter dem ihr sehr vertrauten Marquis Vieuville
zuzuwerfen, und der Marquis empfing diese Bemerkungen stets, um sie, mit reichen
Zugaben versehen, seiner Gnnerin zurck zu geben; whrend sein wunderlich
schmales und trockenes Gesicht, von einem fein beschnittenen Puderstreifen
eingefat, auer der Bewegung der Lippen keine Vernderung zeigte, und jedes
sphende Auge sich vergeblich daran versuchte.
    Madame, sagte er, indem die Marschallin sich abgewendet mit dem Herzoge
von Gvres unterhielt - Sie sind heute dazu bestimmt, ganz Paris zu zeigen, wie
die vollkommenste Dame des Hofes die zartesten Gefhle als Gattin und Mutter mit
der bezauberndsten Eleganz zu vereinigen wei, die auch dieses Genre aus dem
rohen Naturzustande erhebt, worin es uns so beschwerlich fllt - Sie werden,
wenn Sie sich gndigst wenden, den jungen Grafen von Crecy erblicken!
    Einen Augenblick geno der Marquis das schnelle Vibriren auf dem Angesichte
der Frau Marschallin und begleitete es mit einem Lcheln, welches sagte: Sie
sind doch noch nicht vollkommen Meisterin ihrer selbst! als diese auch schon,
ohne aufzublicken, vllig sicher ber ihren ironischen Beobachter, mit dem
Lcheln der hchsten Sammlung sich dem ihr entgegen Eilenden zuneigte und es
nicht ungern versumte, ihm zuvor zu kommen, als er sich mit kindlichem
Enthusiasmus ihr zu Fen warf.
    Also zu einem dreifachen Feste erheben Sie durch Ihre Ankunft diesen Tag!
rief sie mit anmuthigem Eifer. - Stehen Sie auf, mein theurer Sohn! Wenn Sie
leider nur der Segen Ihrer Mutter hier empfngt, so erhielt Ihnen doch die Gnade
Gottes den Vater, den Sie so liebevoll zu erreichen strebten. Mein Herz dankt
Ihnen fr diese lebendige Theilnahme! Und lassen Sie mich hinzusetzen: ich
erwartete nichts Anderes von Ihnen! - Mademoiselle Louise, umarmen Sie Ihren
Bruder!
    Zurckgedrngt mit allen seinen Gefhlen, erkannte der junge Graf, indem
sein natrlicher Stolz die Oberhand gewann, wohin seine Mutter ihn vorlufig
verwies; und aus dem hingerissenen Zustande kindlicher Liebe und Freude sich
empor raffend, rief er sich die Sitten der vornehmen Welt, die eine lange
Gewhnung ihm bequem werden lieen, zurck, um sich auch jetzt vor der klugen
Beobachtung seiner Mutter damit zu behaupten.
    Er fhlte daher auch bald, da er es sein msse, der sich einer Gesellschaft
entzge, welcher er vor seiner Prsentation nicht zugehrig sein konnte, und
fand die Besttigung dieser Voraussetzung in der entschiedenen Haltung der
Marschallin, die auch nicht die kleinste Bewegung zu einer Vorstellung ihres
Sohnes an die ihr durch Ihren Rang am nchsten stehenden Personen machte, sich
nach der Umarmung mit seiner Schwester, mit ihm wie in ihrem Privatkabinette
unterhielt und dadurch alle Theilnahme der sie Umgebenden ablehnte.
    Sie beobachtete dabei mit geheimen Vergngen, wie stolz und gewandt seine
Haltung und seine Worte waren, und mute diese Beobachtung noch besttigt
fhlen, als er ihr jetzt selbst seine Bitte vortrug, die Gesellschaft verlassen
und seinen Vater aufsuchen zu drfen.
    Nachdem sie ihn beurlaubt, setzte sie ihre Unterredung mit dem Herzoge von
Gvres so ruhig fort, da sie eine Anspielung auf das eben Erlebte Jedem
unmglich machte, und so das pltzliche Auftreten des jungen Erben anscheinend
unbemerkt vorber ging.
    Nur Zwei in diesem Kreise hatten das Ereigni tief empfunden, und wie
verschieden auch ihre Gefhle waren, Beiden schien es gleich wichtig. Louise de
Crecy hatte den Bruder umarmt; die einzige Sehnsucht ihres unschuldigen Herzens
war erfllt. Sie wute ihn nun in ihrer Nhe, diesen Schutzheiligen ihrer
klsterlichen Trume, an den sie alle unverstandenen Wnsche ihres Herzens
knpfte, den sie so fest und sicher sich gewonnen glaubte, da ber den Rand
ihrer Silberrobe, die wie ein Bollwerk ihre jugendliche Heiterkeit einfing, ihr
kein Hinderni mehr fr das frhlichste Leben mit ihm mglich schien, und ihr
Blick dem Davoneilenden mit dem bezaubernden Lcheln der Befriedigung folgte.
    Auch die Augen des Marquis de Souvr folgten dem Jnglinge, und gleich der
unschuldigen Louise, glaubte auch er ihn jetzt sicher zu haben. Aber, wenn
Beiden die Stunde der Erfllung schlug, war doch Beider Gefhl so ungleich, als
Fluch und Segen!
    Er mute es hren, wie der Eindruck dieses flchtigen Erscheinens, den die
Marschallin nur in ihrer nchsten Umgebung zum Stillschweigen zu verweisen
vermochte, um ihn her eine groe Bewegung erregte; und so sehr er mit den
Schwchen der Menge vertraut war, so sehr er ihr Urtheil verachtete und genau
wute, da unbedingtes Lob, wie es hier dem jungen Erben nachtnte, nur eben in
diesem ersten, bedeutungslosen Auftreten zu suchen sei, das noch kein Interesse
berhrte oder durchschnitt - so reizte es ihn dennoch, seine schne stolze
Gestalt, seine feine Haltung bewundern zu hren.
    Whrend dessen durcheilte Leonin mit klopfendem Herzen die prachtvollen
Gemcher und lenkte schnell in die abfhrenden, nur matt erleuchteten Corridore,
die nach dem Gartenflgel fhrten, in welchem sein Vater in unabnderlicher Form
und Weise seine Zimmer eingerichtet hatte. Welch' ein Wechsel drngte sich in
diesen hohen, alten Rstkammern dem Beobachter auf! Es schienen nur Zelte und
Wachtfeuer zu fehlen, um hier ein Lager zu vergegenwrtigen, und das Feuer
fehlte auch nicht in den weiten Kaminen; denn diese hohen Marmor-Sle, mit
eisernen und sthlernen Rstungen bedeckt, von marmornen Heldengestalten
unterbrochen, athmeten eine so erstarrende Klte aus, da die Flamme in den
Kaminen niemals fehlen durfte. Eben so war das Schlafgemach; nur kleiner, aber
von jedem verweichlichenden Luxus der Zeit entfernt, mit kahlen Wnden, ohne
Vorhnge, nur mit dem eisernen Feldbette des Marschalls mblirt, zu welchem die
hlzernen Sthle und Tische, die einst sein Zelt bedient hatten, hinzu kamen,
und mit einem ber dem Bette befestigten Bndel Fahnen, welche weit berhangend,
es zu schirmen schienen und dem Gemache das unverkennbare Ansehen eines Zeltes
gaben.
    Auf diesem Ehrenbette, von harten Kissen gesttzt, ruhte der Marschall von
Crecy, blo mit einem ungeheuern Reitermantel bedeckt, und hrte den Gesprchen
zu, die der Kaplan des Hauses mit dem Arzte des Grafen zu seiner Unterhaltung zu
fhren suchten - als die hastigen Schritte, welche Allen vernehmbar den Vorsaal
durchmaen, schnell die Thr des Schlafgemaches erreicht hatten, und in
demselben Augenblicke der Sohn mit kaum verstndlichen Lauten des Entzckens zu
den Fen des Vaters lag.
    Holla, das ist mein Sohn! rief der alte Marschall, und das eiserne
Feldbett fuhr rasselnd ineinander von der heftigen Bewegung, womit der riesige
Greis den mden Krper aufraffte, das Kind seines Herzens, den einzigen noch
warmen und lebendigen Punkt desselben zu ergreifen.
    Er hielt ihn jetzt an beiden Schultern wie ein Kind in die Hhe, und das
alte braune und benarbte Gesicht, das weder vom Alter, noch von der Krankheit
sich seine Energie hatte rauben lassen, lachte dem Liebling in die Augen mit dem
vollen Sonnenglanze unverkmmerter Zrtlichkeit.
    Ha, fuhr er fort mit kurzem Lachen, indem ein Paar dicke Thrnen ihren Weg
ber sein Gesicht nahmen - ha, mein Junge, bist Du da, hast Du Dein altes
Gesicht - Dein altes Herz mitgebracht?
    Aber die Antwort erdrckte er, indem er ihn fest an seine Brust schlo und
ihn dann von sich stie, blo um ihn anzublicken.
    Seht, Ihr Herren, fuhr er fort, da hab' ich einen Sohn! Nun knnt Ihr nur
gehen, Doktor, mit Euren Pillen und Pflastern, jetzt hat der alte Marschall
Anderes zu thun, als krank zu sein! - Nicht, mein Junge? hab' ich nicht Recht?
-
    Gewi habt Ihr das, theurer Vater! Und immer habt Ihr mir gelobt, da Ihr
mich erwarten wollet, mir selbst die Sporen zu schenken bei meiner Rckkehr!
    Ja, ja, der Junge hat ein gut Gedchtni! lachte der alte Marschall. Seht
Ihr wohl - Der braucht mich noch! Dem bin ich noch nthig! Dem mu ich noch die
Leine halten, damit das junge Kampfro den freien Lauf lernt!
    So ist es, lieber, lieber Vater! rief Leonin mit berstrmender
Zrtlichkeit - Aber sagt mir auch, wie es Euch geht, ob ich gewi an Eure
Genesung glauben darf. - Welche Angst hat mich auf meinem Wege verfolgt!
    Was das fr ein Sohn ist! rief der erschtterte Greis. - Doch la das,
mein Kind, und glaub' mir, es waren unntze Schwtzereien von Deiner Frau Mutter
und dem Herrn Doktor da - Dein Vater war gar nicht krank; und htten sie mich
nicht all das Zeug verschlucken lassen, was der dort zusammen gehext, und meinen
armen Krper in Ruhe gelassen, der ehrenvollere Wunden trgt, als ihre elenden
Pflaster zogen - ich wre lngst gesund!
    Gemach, Euer Gnaden! rief der angegriffene Arzt - Die Genesung tuscht
uns leicht ber die berstandene Gefahr und macht uns ungerecht gegen die
empfangene Hilfe. Es war dies Mal nicht in die Willkr Euer Gnaden gestellt, zu
genesen. Verdchtigen der Herr Marschall unsere Kunst nicht bei dem jungen
Herrn!
    Du siehst, Leonin, lachte der Marschall, dem Gekrnkten vershnend die
Hand reichend, er mu immer Recht behalten; aber ich werde es ihm jetzt zeigen,
wer Herr ist! - Und schnell warf er den Mantel zurck und stand vllig
gekleidet, wie er fortwhrend blieb, vor den Zurckweichenden.
    Jetzt sagt mir, da ich krank bin! rief er und richtete sich mit einer
Kraft empor, die wirklich jede Befrchtung niederschlagen mute.
    Leonin begrte nun den wrdigen Kaplan, der zugleich sein religiser Fhrer
und Beichtvater war, whrend der Marschall, noch immer im Streite mit dem Alles
verweigernden Arzte, Alles durchsetzte, was er beabsichtigte; da sein
natrlicher Starrsinn dies Mal von einem Jubel des Herzens untersttzt ward, der
zu rhrend und verstndlich fr alle seine ihn herzlich liebenden Diener war, um
nicht jeden ausgesprochenen Befehl, trotz aller Gegenreden des eben so halb
erweichten Arztes, aufs schnellste in Erfllung zu bringen.
    Denn - mein Junge, schlo er den kurzen, raschen Befehl an seine Diener,
die Abendtafel in seinem Zimmer anzurichten - Du lt wohl heute Deine Frau
Mutter ihre Galla allein genieen und bleibst bei Deinem einfachen alten Vater,
der wenigstens wie ein Mann lebt.
    Zrtlich eilte Leonin in die Arme des geliebten Vaters, und seine Worte
lieen immer neuen Sonnenglanz ber das alte Heldenantlitz streifen.
    Bald fand sich Alles so eingerichtet, wie der Marschall es sich ausgedacht,
und auf den hlzernen Feldsthlen saen Alle um die Tafel, an der die
Einfachheit des Marschalls ihre Grenze fand; wie er berhaupt dieselbe nur als
eine Laune fr sich anerkannte und allen aristokratischen Aufwand zulie und
verlangte, seine launenhafte Einfachheit zu umgeben. Seine Tafel glnzte von
Gold und Silber, seine zahlreichen Diener waren in Stickereien gehllt und so
steif frisirt, wie in dem Antichambre einer Dame. Im Vorzimmer befand sich, so
wie die Tafel bereitet war, ein Musikkorps, welches mit den lrmendsten
Instrumenten die Mrsche und Tnze aus der frheren Lebensperiode des Marschalls
spielen mute, der es nicht ungern sah, da man, sich die Stunde seines Diners
merkend, ihm aufwartete, wenn er mit einigen Freunden oder auch ganz allein, da
er nie mehr mit seiner Gemahlin speiste, zu Tische sa. Man mute mit ihm
gleichen Ranges oder aus den Umgebungen der Majestten sein, wenn er den Wink
gab, einen Sessel herbei zu holen; im anderen Falle lie er Alle um sich her
stehen, whrend er mit der heitersten Laune die allgemeinste Unterhaltung zu
beleben und den Hochmuth seines Verfahrens durch die sorgloseste Frhlichkeit zu
vershnen wute.
    Auch fehlte es ihm nie an diesem kleinen Hofstaate; denn alle jungen
Edelleute, die frher unter ihm gedient und jetzt theilweise schon zu hohen
militairischen Posten gestiegen waren, bewahrten ihrem ehemaligen Anfhrer eine
so innige Liebe und Verehrung, da sie seine Nhe mit Freude zu der Stunde
suchten, die ihm die angenehmste war.
    Die Rckkehr des Sohnes schien wirklich den letzten Krankheitsnebel von dem
Marschalle genommen zu haben, und gewi konnte man nicht ohne Interesse die
rhrende Lebendigkeit gewahren, mit der er erzhlte, fragte und hrte. Die
Kinderjahre Leonin's tauchten heute in ihm auf - und diese Erinnerungen mit
ihrem weichen, innigen Karakter schlossen sich so wohlthuend an seine
augenblicklichen Empfindungen, ohne sie zu sehr zu verrathen, da Leonin, ganz
hingegeben an die Worte des liebenswrdigen Alten, ihm mit allen Beweisen der
Zrtlichkeit entgegen kam, um so seinem Herzen die vollste Befriedigung zu
gewhren, ohne den Stolz des alten Kriegers durch das Zeigen zu groer Weichheit
zu verletzen.
    Spt erst willigte er in die Bitten des Arztes, den kleinen Kreis zu
entlassen; und als Leonin aus den Zimmern seines Vaters in den vorderen Theil
des weitlufigen Palais trat, berraschte ihn der merkwrdige Wechsel der
Gegenstnde, die in kaum grerer Verschiedenheit in einem Verhltnisse zu
denken waren, das seiner Natur nach die vollstndigste Uebereinstimmung htte
zeigen sollen.
    Die Marschallin hatte ihre Gste entlassen - Leonin blieb unbemerkt auf
einer Galerie stehen, die ihn einen blick in die Vorsle thun lie, durch welche
sie jetzt mit eben dem ceremonieusen Pompe nach Hause zogen, wie sie angekommen
waren. Mehrere bestiegen ihre reichen Portechaisen schon in diesen Vorzimmern;
Andere lieen sich von zahllosen Dienern mit hohen Windlichtern umgeben, indem
die Damen, von ihren Verwandten und Freunden begleitet, mit aller Grazie, welche
die Ermdung noch zulie, ihre Fingerspitzen auf den Arm oder auf die Schulter
der sie begleitenden Cavaliere legten und den Pagen die Mhe berlieen, ihre
weitfaltigen Schleppen vor dem Gedrnge zu schtzen.
    Von diesen Gruppen richtete Leonin den Blick zu den prachtvollen Zimmern,
denen sie zur glnzenden Staffage dienten. Jeder Luxus war hier verschwendet,
den Reichthum, Sitte und Mode nur zu ersinnen gewut; und die Laune des alten
Marschalls fr die Ausstattung seiner Gemcher trat um so grillenhafter hervor.
    Sinnend lenkte Leonin seine Schritte nach den eignen Zimmern und fand hier
die alten Diener seiner frheren Jugend, die ihn mit der zrtlichen Ehrerbietung
begrten, zu der sein gtiger und sanfter Karakter seine Umgebungen
berechtigte.
    Hier hatte jedoch der verschwenderische, glnzende Geschmack der Marschallin
auch ihn erreicht. Die Zimmerreihe war vermehrt, eine herrliche Bibliothek, eine
Gallerie mit den ausgezeichnetsten Gemlden und Kunstwerken, ein schner Musik-
oder Gesellschaftssaal war den Rumen hinzugefgt, die sein frheres Bedrfni
befriedigt hatten, und die, nun glnzender als je ausgestattet, dem jungen Erben
sogleich anzukndigen schienen, die Zeit unscheinbarer Zurckgezogenheit sei
vorber. Die Ansprche, die ihm aufgenthigt wurden, wollten jedes Zurckweisen
durch sich selbst unmglich machen.
    Auch lag dies nicht in den Gefhlen, mit denen der junge Graf aus den Hnden
des alten Kammerdieners den neuen Besitz bernahm - er war nicht umsonst der
Sohn dieser Aeltern - der Glanz und der Stolz, der ihm so reiche Nahrung bot,
war ein bedeutender Antheil seines Blutes, und er wute die ihm berall
eingerumte Wichtigkeit sehr wohl in sich zurecht zu legen. Auch wirkte gerade
das, was hufig den Anregungen dieses Sinnes entgegen trat, sein tief und zart
fhlendes Herz, dies Mal nur, jene Gefhle zu verstrken und ihnen eine Seele
und hheren Genu einzuhauchen; denn er konnte sich seines Empfanges nicht
bewut werden, ohne die unaussprechliche Gte seiner Eltern aufs Neue zu
empfinden - und wenn er, von seinem Vater so eben mit dem reichsten Strome
seiner Liebe berschttet, mit heimlicher unbefriedigter Sehnsucht nach dem
mtterlichen Herzen hier eintrat, wie muten da die Erzhlungen des alten
Kammerdieners ihn beglcken, die nur von der Sorgfalt handelten, welche die
Marschallin mit eigner Anordnung und Aufsicht diesen Rumen geschenkt!
    O, wie sie mich liebt! sagte er leise vor sich hin, und ihm geschah, was
so wunderbar das Herz zu beschleichen vermag - er liebte die sprde Mutter mit
ihren kargen Gefhls-Aeuerungen in diesem Augenblicke, wo er fast heimlich,
hinter ihrem Rcken in ihr Herz sah und ihre Weichheit fr ihn herausfhlte, mit
mehr Wrme, als den alten berstrmenden Vater.
    Dieser letzte Augenblick vollendete den schnen Tag, der ihn mit einem
Glcke berrascht hatte, auf welches er nicht gewagt zu hoffen, und das um so
berauschender fr ihn war, je mehr es in Uebereinstimmung blieb mit Allem, was
ihm von Jugend auf theuer und erlaubt erschienen und dadurch ihn in der
vollstndigsten Selbst-Billigung erhielt.
    Als er endlich allein war und sich, der natrlichen Mdigkeit einer so
groen Aufregung folgend, mit Behagen auf seinem Lager ausstreckte, trat
Fennimor's Bild vor ihn hin und schien ihn zu fragen: welchen Antheil sie an den
Eindrcken dieses Tages behalten, wohin er sie verwiesen in diesen prchtigen
Rumen.
    Ach, es war ein tiefer Seufzer, den er nur als Antwort hatte; es war ein
Gefhl, dem Schmerze hnlich - aber er htte keine Erwiederung gewut, und htte
sie die Frage selbst an ihn gerichtet. Sein bser Engel wiederholte ihm aber die
Worte des Marquis de Souvr: ich berlasse es Euch zu denken, wie sie in die
Welt Eurer Mutter passen wird; - und ehe er sie zum Schweigen verweisen konnte,
schrieen alle Stimmen in ihm: hier ist kein Raum fr sie, nicht fr den
kleinsten Schritt ihres zarten Fues! Aber so fremd, so herausgerissen aus jenem
ihm erst zu spt durch Fennimor enthllten Zustande des Lebens, fhlte er sich
hier, auf der alten Stelle der Heimath, wo seine frhsten Ueberzeugungen
wurzelten, von ihnen aufs neue und in so berraschender und schmeichelhafter Art
umschlungen, da er sich mit Schrecken bewut ward, wie jene Existenz - ein eben
so heiliges Recht an ihm gewonnen.
    Aber, wenn krperliche Ermdung zu einem berfllten Seelenzustande
hinzutritt, der uns doch die augenblickliche uere Ruhe gnnt, pflegt die
erstere zu siegen und der Schlaf die Pforten des Lebens zu verschlieen. Leonin
schlummerte so sanft, als ob das erste Wiegenlied ihn eingesungen.

Die Marschallin von Crecy wute genau, in welcher Stimmung ihr Sohn nach den
Erlebnissen des gestrigen Tages sein mute, und sie war ihrer Sache so gewi,
da der Marquis de Souvr auch nicht das kleinste Zeichen des Einverstndnisses
von ihr empfing, als er ihrer Einladung zum Frhstcke Folge leistete. Leonin
war wirklich nur Sohn. Seine ganze Empfindung fr seine Mutter war zurck
gedrngt von dem kurzen, kalten Empfange und nur dadurch angewachsen; und der
Morgen vor der Stunde, wo sie ihn zu sich beschieden, hatte nur jedes Gefhl
hher gesteigert, da er sich berschttet von ihren Aufmerksamkeiten fand, und
in jedem Anspruche berboten durch die erweiterten Ansichten, womit die Bildung
und der steigende Luxus der Hauptstadt in gleichem Maae hervortraten.
    Doch fhlte er sich geneigt, auch diese ausgezeichnete Ausstattung mehr dem
Verstande und der hohen Bildung seiner Mutter zuzurechnen, da keines der
durchreisten Lnder ihm dafr einen Maastab hatte geben knnen; denn Frankreich
stand damals in jeder Hinsicht an der Spitze Europas, und die wohlbewanderte
Marschallin hatte eben deshalb nur das Vorhandene zu sammeln gebraucht. Dennoch
trieb ihn seine Devotion anzunehmen, als habe sie alle diese Dinge erst ins
Leben gerufen.
    Zu dieser Stimmung fgte die Marschallin nun noch ihren Empfang, als er am
Morgen in einem zauberisch eingerichteten kleinen Saale, der in die herbstlich
gefrbten Laubpartien des Gartens blickte, ihr entgegen eilte. Dieser schne
Raum trug den ganzen Wohllaut der Ruhe und des geistvollen Luxus, der die Seele
zugleich zu berauschen und zu erheben scheint.
    Hab' ich Dich wieder, mein lieber Flchtling, sagte sie mit dem sesten
Ton ihrer Stimme und zog ihn auf das Fauteuil nieder, auf dem sie behaglich in
ihrem Morgenkleide ruhte - jetzt wollen wir uns gehren und die lange
Entbehrung nachholen. Wie viel nher wirst Du mir gerckt sein durch so
vorgeschrittene Bildung, wie diese schnen Reisen Dir gewhrten. - Das wird das
Herz der Mutter erquicken, die darum lange darbte!
    Mit welchem Entzcken sah Leonin, whrend sie sprach, in die immer noch
schnen und jetzt so milden und weichen Zge der Mutter, indem er seine Augen
antworten lie, und immer und immer wieder ihre Hnde kte.
    O, mchtet Ihr Euch nicht tuschen, meine theure, theure Mutter! rief er
endlich, mchten Eure Erwartungen, Eure Opfer, Eure groe Gte sich
einigermaen belohnen durch das, was Ihr in Eurem Sohne finden werdet!
    Nun, lachte die Marschallin, werden wir vor allen Dingen nicht zu
tragisch! Eine Mutter, sagt man, soll nicht schwierig sein, in ihren Kindern
einige Wunder von Liebenswrdigkeit zu entdecken, und so bilde ich mir zum
Beispiel ein, Louise, die dort hinter Dir, wie ein Jger auf dem Anstande,
steht, ist das artigste Schookind der Erde!
    Louise, Louise! rief Leonin und schlo das schne Kind, das nur mit Mhe
der Mutter Worte schweigend angehrt hatte, jubelnd in seine Arme:
    Mein holdes Kind! meine Louise! bin ich auch noch Dein liebster Brutigam,
wie Du mich immer nanntest - hast Du auch nichts vergessen?
    Ach, Leonin, rief Louise - wie htte ich denn in meinem Kloster andere
Gedanken haben sollen, als Dich! Die Nonnen nannten Dich meinen Schutzheiligen,
weil ich - sieh' hier, da ist es! - dies kleine goldene Herz, das Du mir einst
schenktest, aufgehangen hatte, und darunter einen kleinen Altar gebaut, worauf
Blumen standen und Kerzen.
    O, Du ses Kind! rief Leonin, und in diesem Augenblicke dachte er zuerst
mit der alten Liebesstrke an Fennimor; denn eben erst hatte er die Stelle
gefunden, wo sie hin pate - seine Schwester wrde sie lieben und verstehen! -
O, welch' ein Wonnehauch erschtterte seine Nerven bei dem ersten Einklange
seiner jetzigen Welt mit jener stilleren auf Ste. Roche!
    Mutter, Mutter, rief glhend in der doppelten Empfindung Leonin - welch'
ein holdes Kind ist unsere Louise geworden! Wie engelgut, da Du sie jetzt
herriefest - mir diesen Boten des Glckes auf die Schwelle stelltest!
    Nun diesen Dienst, sagte die Marschallin trocken, hat sie sich selbst
gethan; denn sie war ein frommes, fleiiges Kind bei ihren Nonnen, und wie ich
sie so fand, war ich ihr die Gerechtigkeit schuldig, sie der Welt vorzustellen.
Nun wollen wir sehen, fuhr sie mit dem schmeichelhaften Lcheln der
Ueberzeugung fort, wie sie sich hier machen wird. - O, gut! gut!
vortrefflich! rief Leonin, sie wieder an sich ziehend, ihre unverdorbene Seele
wird sie berall den rechten Weg fhren.
    Auch habe ich keine Furcht deshalb, fuhr die Marschallin in etwas hherem
Tone fort, es ziemte mir als Mutter sehr wenig, nach der Erziehung, die ich
meinen Kindern gab, zu bezweifeln, da sie stets dessen eingedenk sein werden,
wozu ihre hohe Geburt und ihre groen Besitzthmer sie verpflichten. - Dies ist
eine Gabe des Himmels und eine strenge Anforderung zugleich, uns jederzeit ber
die Masse zu erheben; denn wir bleiben auf solchem Hhenpunkte der Gesellschaft
nicht unangefochten von anmalichen Ansprchen, denen wir zu begegnen lernen
mssen. - Doch mache kein so langes Gesicht, meine kleine Louise, komm' her und
sei getrost! Schwer nur ist das Ungewohnte, und Dir, mein holdes Kind, waren die
Sitten der Crecy und Soubise schon in der Wiege Schutz fr sptere Tage. -
    Lat uns jetzt, wie in alten Zeiten, gemeinschaftlich frhstcken, ich will
heute Nichts als eine glckliche Mutter sein und, wenn ich zwischen Euch sitze,
trumen, Ihr wret noch dieselben kleinen Kinder, die aus meinen Hnden bedient
sein wollten. - Marquis, rief sie dem eintretenden Souvr entgegen, Ihr mt
heute durchaus mit mir empfindsam sein, so sehr sich dagegen auch Euer Naturell
strubt - eine Mutter, die so lange kinderlos war als ich, hat auch ihr Recht!
    Ha! lachte der Marquis und umarmte den ihm tief bewegt entgegen eilenden
Leonin - seid sicher, Frau Marschallin, ich kam in derselben Stimmung hieher
und denke Eure bezaubernde Empfindsamkeit gewi so lange zu theilen, als Ihr es
selbst aushalten werdet.
    Thut das, mein liebenswrdiger Kavalier! sprach die Marschallin, an der
Tafel Platz nehmend. Ihr habt immer die prsence d'esprit, zu fhlen, was
gerade passend ist. - Ein vollkommener Edelmann, mein Sohn, fuhr sie fort, von
dem Madame Henriette letzthin zum Knige sagte: er hat die Feinheit des
Verstandes, zu errathen, was wir nothwendig denken mssen, wenn wir selbst noch
damit fremd sind.
    Ach, rief Souvr lachend - Madame findet es oft sehr bequem, wenn der
Freund des Grafen Guiche vorher wei, was sie denken wird.
    Lassen wir das! - schnitt die Marschallin seine Rede ab. - Du wirst ber
unsern Hof erstaunen, mein Sohn, und wahrscheinlich um so mehr, nachdem Du
andere Hfe kennen lerntest - er mu nothwendig der vollkommenste in Europa
sein, da hier sich die hchsten Tugenden, die bezauberndsten Schnheiten mit der
erhabensten Geistesbildung vereinigen.
    Es kann uns auch schwerlich entgehen, erwiederte Leonin, da der Ruf
dieses auerordentlichen Hofes seinen Einflu ber alle anderen erstreckt, und
jeder seinen Anspruch auf Feinheit und Glanz, durch einige mehr oder weniger
glckliche Nachahmungen des Versailler Hofes zu legitimiren sucht. Es entstehen
jedoch daraus viele Migriffe, die oft uerst lcherlich werden; denn zu den
erhabenen Formen, die unser Knig seinem Frankreich verlieh, gehrt auch das
Naturell des Franzosen, sie aufzufassen. Besonders bieten die deutschen Hfe
manches komische Schauspiel einer Nachahmungssucht, zu der ihnen jede Naturgabe
fehlt.
    Sie werden es, denke ich, noch theuer bezahlen, unsere Lachlust gereizt zu
haben; lchelte der Marquis vor sich hin - wer sich aufs Nachahmen einlt,
versumt immer, seine eigenen Fhigkeiten kennen und anbauen zu lernen. Ich
gnne es zwar als guter Franzose dem brigen Europa, da es sich mig in die
Fenster seiner Reiche legt und neugierig nach Frankreich ausschaut, wie es thut
und lt; aber das Haus, welches hinter ihnen liegt, bleibt um so lnger wst
und unheimlich, da sie den Blick davon abziehen; und wenn solche rohe und
barbarische Staaten versuchen wollen, uns nach zu kommen, so wird daraus doch
blo ein eitler Firni, der kaum die ursprngliche Rauhheit berglttet.
    Ja, sagte die Marschallin scherzend, ich schliee es immer in mein
Dankgebet ein, in Frankreich geboren zu sein, besonders in Paris, und in
Verhltnissen, welche mir gestatten, dem grten Frsten, den Gott je der Erde
gab, mich nahen zu drfen.
    Der Marquis Vieuville hatte die Aufmerksamkeit, mir gestern zu sagen, da
die Majestten nach Dir, mein Sohn, gefragt und Dich ohne die Probe des
Adels-Heroldes zu empfangen denken, welches allerdings eine Ehre ist, die man
Deinen Eltern erzeigt. Aber auer dem Grafen Harcour, der auch, wie unsere
Familie, zu den Vettern des Knigs gehrt, und welcher mit unserem erhabenen
Monarchen in einem Zimmer erzogen ward, ist eine solche Auszeichnung, mir
erinnerlich, nicht geschehen. Als dieser junge Graf von Harcour von seinen
Reisen kam, und der Knig es vernahm, sagte Seine Majestt zu dessen Vater: wen
mir der Graf Harcour als seinen Sohn zufhrt, der soll die Ahnenprobe geleistet
haben. -
    Dieses behagliche Gesprch, in welchem die Marschallin sich nur in ihrer
Natur brauchte gehen zu lassen, um ihren Nebenzweck dennoch zu erreichen, den
Sohn zugleich in alle Interessen zu verflechten, die ihn von seiner romantischen
Richtung abzuziehn vermchten, ward pltzlich durch die Meldung unterbrochen,
da der Marschall von Crecy seine Zimmer verlassen habe, sich hierher begebend.
    Ein dunkler Schatten glitt zrnend ber das Gesicht der Marschallin bei
dieser Nachricht, und Leonin mute noch berdies gestehen, da er vergessen
habe, seiner Mutter diesen Besuch zu melden, den der Marschall ihm schon bei
seinem frheren Morgenbesuche angekndigt.
    Louise war aber nach dieser Botschaft sogleich freudig aufgesprungen und
ihrem Vater ber die Vorsle entgegen geflogen. Jetzt hrte man auch schon die
rauhe, lachende Stimme des alten Herrn, der mit Louisen scherzte, und seine
Gemahlin hatte noch eben Zeit genug, die prtensise Ruhe wieder anzunehmen, die
sie einen Augenblick bei der unwillkommenen Botschaft erschttert zeigte.
    Louise halb im Arm tragend, trat der Marschall auch jetzt ein und ging
krftigen Schrittes auf seine Gemahlin zu:
    Aha, Madame, hier sind Sie im Neste mit ihren Kchleins! Nun, ich mu Sie
berraschen und bei der Veranlassung Dank sagen fr geleistete Pflege und
Glckwnsche abstatten zu dem wiedergekehrten Sohne! - Marschall, Marschall,
rief seine Gemahlin, es scheint mir, Sie machen sich zu frh heraus! Ich
frchte, Sie werden meine Pflege aufs Neue nthig machen. - Nehmen Sie meinen
Glckwunsch zurck, ich zweifle nicht, da er in Erfllung gehen wird. - Ich
auch nicht, Madame; sagte der Marschall, denn er scheint mir ein tchtiger,
offener, treuherziger Junge! - Nun, nun, Schelm, halte die Ohren zu, wenn ich
Dich lobe - wirst tolle Streiche genug gemacht haben, das liegt den Crecy's fr
ihre Jugendzeit in den Gliedern! Also, da sei weder hochmthig, noch verzagt;
denn ich hab' es in Deinem Alter eben so gemacht - aber dann war es auch vorbei.
Als sie mich einrangirten in die Reihe der groen Herren, die den Thron tragen,
mein Sohn - da war ich mit eins nur der Graf von Crecy - und Du httest sehen
sollen, wie sie Alle die Augen aufsperrten, als der tolle, wilde Junge seinen
Platz berall einnahm, wie die Andern! Aber sie hatten vergessen, da es den
Crecy's im Blute liegt, da sie nicht die alten Sitten und Rechte ihrer Vter zu
lernen brauchen. Spter ersah mir die Knigin die rechte Braut - denn das mu
man Deiner Mutter lassen, die Soubise's sind so alt, wie die Crecy's, daran war
kein Tadel; und so sind denn alle Thorheiten vernarbt, und der Name Crecy in
Ehren geblieben. -
    Der Marschall ahnte nicht, wie seine Rede, die er mit voller Ueberzeugung
sprach, hier die verschiedenste, aber in Allem gleich bedeutende Wirkung
hervorrief. Die Marschallin wendete fast mit Verachtung die Blicke von dem
Redenden, whrend sie sich nicht verhehlen konnte, er habe eine ihrer Minen
ungeschickt, aber nicht wirkungslos in die Luft gesprengt. - Der Marquis de
Souvr aber geno mit einem kalten Lcheln die Ueberzeugung, wie weit die
Aeuerungen beider Aeltern Leonin von seinem arkadischen Glcke verschlagen
muten - whrend dieser mit gesenktem Kopfe und Auge den Strom ber sich
ergieen fhlte, der ihm seine Hoffnungen, seine Erinnerungen fast weg zu
sphlen drohte. Wo nur anfangen - diesem felsenfesten Baue hundertjhriger
Ansichten gegenber, die von dem sich empor schwingenden Zustande des Landes und
ihres stolzen Knigs eine neue Wichtigkeit, einen hheren Werth noch erhielten.
In sich fhlte er weder Trost, noch Rath, und nur das gewhnliche
Auskunftsmittel blieb ihm brig - er hoffte auf die Gaben des Zufalls.
    Wahrlich, Marschall, erhob jetzt seine Gemahlin die Stimme, Sie stellen
das hchst passende Bild eines wrdigen Lebens dar, und gewi belehrend fr
Ihren Sohn, wenn auch das erste Kapitel Ihrer Jugend billig berschlagen werden
knnte.
    Ja, ja, lachte der selten so milde angeredete Marschall, so sind die
Frauen! Was sie nicht verstehen, das tadeln sie. Habt erst Blut in den Adern,
Sehnen und Muskeln, wie die unsrigen, und dann fragt nach, ob man nicht erst
seine Luftsprnge machen mu, ehe man am Kamine hocken bleibt und mit dem
Haushofmeister die Rechnungen durchsieht? - Wei Gott, ich mchte keinen Jungen,
der nicht ein Paar dumme Streiche auf der Rechnung mit nach Hause brchte. Aber
dann auch quittirt, mein Junge, und das sein, was von Gottes Gnaden den Crecy's
obliegt!
    Er hatte Leonin wieder bei den Schultern und schttelte ihn nach seiner
derben Liebesweise, indem er sein Auge suchte; aber dies lag noch trbe gesenkt,
und die Lippen waren so trocken, da er ihnen kein Wort zumuthen konnte.
    Sieh' mal, wie der Junge heute bla und matt aussieht! - Ja, ja, Madame,
fuhr er etwas erzrnt fort, indem er die Augen umherwarf, das ist der Parfum
Eurer sybaritischen Gemcher; die entnerven den Sinn des Mannes und machen ihn
zum Schwchling. Hier wrde ich auch zum Narren! -
    Migen Sie sich, Marschall, und schtzen Sie es wenigstens, da ich Ihnen
diese Rume nie zu Ihrem Gebrauche aufnthige. Das Hotel Soubise hat Waffensle
genug, denke ich, in denen Sie Ihren Geschmack befriedigen knnen; schlecht
wrde es zu unserem Ansehn passen, darin die Gemcher zu vermissen, welche im
Geiste des glnzenden Hofes eingerichtet sind, den zu behaupten, auch uns
zukommt.
    Sie haben immer Recht, Madame! sagte der Marschall spttisch; denn er
fhlte sich stets von ihrem Verstande berboten. Aber er grollte um so mehr der
unliebenswrdigen Form, in der sie ihn zurecht zu weisen, nie unterlie. Auch,
fuhr er fort, kam ich nicht her, mich an Ihren Bedrfnissen zu ergtzen,
sondern, um meinem Sohne anzukndigen, da ich ihn selbst seinem Knige und
Herrn vorzustellen entschlossen bin.
    Nach Dank aussehend, richtete er liebevoll seine Augen auf Leonin, und
dieser eilte auch, ganz seine Gte fhlend, ihm zu danken.
    Knnte ich nur diesen Beweis Ihrer Liebe ohne Furcht fr Ihre Gesundheit
annehmen, mein theurer Vater - was knnte mir dann Ehrenvolleres, Lieberes
geschehen, als meinem angebeteten Knige an der Seite meines Vaters zuerst nahen
zu drfen?
    La das Geschwtz von meiner Krankheit, Junge! entgegnete der Vater
mrrisch; bin ich krank? - Sieht so ein Kranker aus? - Ich erwarte den
Ceremonienmeister, Herrn von Dreux, und werde das Nthige mit ihm verabreden;
denn Du sollst mir, je eher je lieber, die groe Taufe der ersten Kniebeugung
erhalten. Dann sind Sie daran, Madame, dann mgen Sie ihm ein Frulein
aussuchen, auf deren Schultern ein Wappenschild ruht, neben dem das der
Crecy-Chabanne sich zeigen mag - das berlasse ich Ihnen; denn mit dem
Weiberzeuge wei ich nicht Bescheid!
    Die Marschallin hatte diese ganze Rede ohne Unterbrechung sich entwickeln
lassen, da Vieles ihr darin zu Hlfe kam, und das, was ihr nicht behagte, mit
einem Worte von ihr widerlegt werden konnte. Sie sa daher so ruhig in ihrem
Armstuhle, als wre sie vllig allein, und spielte gleichgltig mit den Frangen
ihrer Morgen-Mantille.
    Haben Madame noch etwas zu erinnern? rief der Marschall, ungeduldig ber
ihr beleidigendes Schweigen.
    Sie sind, wie immer, zu rasch, mein Herr! erwiederte sie mit hflichem
Lcheln, und werden Herrn von Dreux in Verlegenheit setzen; denn, was soll er
Ihren Anfragen entgegnen, da seine erste Erkundigung sein mte, ob der junge
Graf schon majorenn, und von seiner Familie in den Rang eingesetzt ist, der ihm
allein den groen Anspruch der Prsentation sichert.
    Der Marschall drehte sich so wild ab, als htte er einen Stich erhalten -
seine Gemahlin fuhr mit der hchsten Ruhe fort: doch ist Ihre Genesung um so
willkommener, da jetzt kein Hinderni mehr vorhanden scheint, diese
Familien-Angelegenheit dem Ansehn unseres Hauses gem auszursten. Unsere
Vettern, die Herzge von Lesdigures und Tremouille, sind mit ihrer Gegenwart
bereit, und der Prinz von Courtenaye, wie der Marschall von Tess wnschen zu
unterschreiben. Ich zweifle nicht, da die Majestten Jemanden beordern werden,
den Tag zu ehren, und ich habe, in Voraussetzung Ihrer Genehmigung, diesen Tag
auf morgen festgesetzt. - Der Marschall hrte diese wohl geordnete Entgegnung
seiner Gemahlin unter so wilden Grimassen seines alten, vernarbten Gesichtes an,
da, wer ihn kannte, genau wute, er war geneigt, mit seiner kalt berlegten
Gemahlin in die Esse des Kamins zu fahren; obwol er zur Erhhung seines Zornes
einsah, da ihm keine Stelle blieb, die er angreifen, an der er seine Wuth
khlen konnte, sondern, da ihm, wie immer, die Rolle eines Schulknaben zufiel,
der sich seiner Unzulnglichkeit berfhrt sieht und schweigend den Verweis
hinnehmen mu.
    Nun, brummte er, dumpf und zornig blickend, Madame sind, denke ich, nicht
minder rasch, als mir so eben vorgeworfen ward; ich habe, wie immer, mich nur in
Ihre Anordnungen zu fgen - doch spter, Madame, spter werde ich meine Pflicht
bei Seiner Majestt erfllen!
    Herr von Vieuville, fuhr die unerschtterliche Marschallin fort, hat mir
gesagt, da Seine Majestt unseren Sohn zuerst in den Apartements der Madame
Henriette von England im kleinen Zirkel sehen will, um ihn dann spter bei der
Knigin als schon bekannt zu finden. Die Auszeichnung, ihn ohne weitere
Ceremonien als unseren Sohn anzuerkennen, findet so am besten ihren Platz. Gewi
wird sich Madame freuen, bei dieser Gelegenheit den Marschall von Crecy in ihrem
Privat-Zirkel zu sehen!
    Nun, schrie der Marschall, dem dieses letzte Abschneiden seiner Plne zum
offenen Ausbruche seines schwer bekmpften Zornes verhalf, so mgen mich doch
alle Geier aus dem Wappen der Crecy zerreien, ehe ich in diese Narrenbude von
Bnkelsngern und Gauklern bei dieser weinerlichen Madame Henriette eintrete!
Den Erben eines der grten franzsischen Namen dort seinem groen Knige
vorzustellen, hiee ber den Helmsturz die Weiberhaube ziehen! - Fr dies
Geschft danke ich, Madame; und da Sie Alles so wohl eingerichtet haben, Alles
zu verderben, worauf mein altes Vaterherz sich gefreut hatte, so berlasse ich
Ihnen auch den Rest, den auszufhren ich zu stolz bin! - Und damit strzte er,
wie ein verwundeter Lwe, aus dem Salon, und die Diener, die, schnell vor ihm
her eilend, die Thren aufrissen, wuten das oft Erlebte, da der Marschall sich
dem Willen seiner Gemahlin hatte unterwerfen mssen.
    Du wirst Dich wundern, mein Lieber, fuhr die Marschallin mit der grten
Ruhe fort, Deinen Vater noch so lebhaft zu finden. Gottlob es ist ein sehr
trstliches Zeichen seiner wieder gewonnenen Kraft; wir wollen die kleine
Strung verschmerzen, die doch eine glckliche Verkndigung seiner Genesung ist.
- Denn so sehr es zu beklagen bleibt, da der Marschall niemals den Ueberblick
seiner Verhltnisse behlt, so mu man ihm doch zugestehen, da er mit vielem
Takte sich leicht in die Anordnungen Anderer findet, denen er durch Lnge der
Zeit sein Vertrauen schenkte. Wir vereinigen uns stets dem allgemeinen Interesse
gem; denn der Marschall liebt den Glanz seines Hauses so sehr, als ich
selbst.
    Man htte glauben knnen, der innigste Familienrath sei so eben von einer
zrtlichen Gattin mit ihrem Gemahle gehalten, so glitt die kalte Seele der
Marschallin ber jede Erschtterung hinweg, bemht, sie ihren Umgebungen so
darzustellen, wie es ihr zweckmig erschien.
    Der Sohn war nicht in dem Falle, seine etwa abweichende Meinung zu uern,
und Louise begriff so Vieles auf diesem ihr fremd gewordenen Boden nicht, da
sie das eben Gehrte, was sie ganz anders empfunden hatte, auf die groe
Rechnung des Unverstndlichen setzte. Nur der Marquis Souvr, der Alles verstand
und Nichts zu schonen hatte, sah die Marschallin mit dem vollstndig
unverschmten Lcheln an, welches die groe Welt sich statt des Faustschlages
aufgehoben hat; da nicht die Empfindung, nur die Aeuerung derselben sich
verndert hat.
    Die Marschallin fhlte dies vollkommen; aber schon war sie nicht mehr frei.
Der gewandte Gegner hatte ihr das Netz bergeworfen, sie mute sich eingestehen,
da sie ihn schonen msse.
    Mit Widerwillen wandte sie sich von dieser Ueberzeugung - zugleich erhob sie
sich, die Zeit des Beisammenseins war beendigt. -
    Mit welchen Gefhlen Leonin sich bald darauf in seinen Zimmern allein fand,
wird uns schwer werden, auszusprechen; denn in ihm selbst fanden sich eigentlich
nur Andeutungen, und zu viel war auf ein Mal angeregt, um jetzt schon die Kraft
bezeichnen zu knnen, welche die anderen besiegen, und die vorherrschende
bleiben wrde.
    Wenn wir ihn von der Absicht der Marschallin von Crecy geleitet denken,
drfen wir nicht bersehen, wie die Zeit in dem Augenblicke gerstet war, diese
stolze und ehrgeizige Frau zu untersttzen. Frankreich war in einem Rausche, der
jedes Individuum, jeden Stand ergriffen hatte, und der Dnkel einer
Naturberechtigung, eines absondernden Vorzuges war nicht aristokratisches
Element allein. Die ganze Nation fhlte diesen Stolz, als franzsische Nation,
und dies Gefhl war der Heerd, um den sich alle Krfte, wie die Mitglieder einer
Familie, sammelten und damals zuerst den unzerstrbaren Corporations-Geist
entwickelten, durch den Frankreich so national erstarkte, dem Auslande so
gebietend, fremdem Einflusse spter so unzugnglich wurde.
    Und wer mute nicht mit Antheil auf ein Volk sehen, das endlich unter den
Flgeln seines jungen kniglichen Adlers sich sammelte und, in einem Gefhle
zusammengehalten, von keiner Parteiung mehr bis in das Herz der Familien
zerrissen, sich Muth gewann, auf dem eignen Boden sein Brgerrecht zu ben.
    Und dieser Boden war der Boden des schnsten Landes der Erde, das der
Menschenhnde nicht wartete, sich selbst ausstattend zu schmcken, und jeden
seit Jahrhunderten in seinen Schoo niedergelegten Keim geistigen Lebens, treu
bewahrt darbot, als es sich frei erklrte, seine Schtze zu sammeln und sie zur
vollen Reife zu bringen. Denn gewi wrden wir nur unvollkommen die
auerordentliche Periode in der Entwickelung Frankreichs, die unter Ludwig dem
Vierzehnten fiel, betrachten knnen, lieen wir den ihr vorangegangenen
Entwickelungen nicht ihr Recht, und fnden sich nicht in ihnen schon als Keime
die Andeutungen der groartigen Erscheinungen, die uns spter so imposant
berraschen, und die, als nicht zur Reife gekommene geistige Bestrebungen, dem
materiellen Uebergewichte frherer Zeiten weichen muten. Wir drfen den Blick
nicht abwenden von dem rohen Kampfe unbezhmter Leidenschaften, der die Bltter
der Geschichte mit seinen blutigen Bildern zu beflecken scheint; wir mssen mit
jenem antheilvollen Staunen darauf merken, welches uns den Blick frei erhlt fr
den Zusammenhang, in welchem auch dieser rohe Kampf seine Ordnung findet und das
Individuum seiner Zeit dienstbar darstellt, als unterliegendes oder siegendes
Mittel neuer Erkenntni. - Wir sollten vielleicht mit eben so leidenschaftsloser
Betrachtung diesen Zustnden folgen, als wir den groen Eruptionen der Natur
gegenber bleiben, welche ohne Zweifel analog sind mit den wilden, Bahn
brechenden Kmpfen der Menschen, die wir eben so wenig in der organischen
Entwickelung der geistigen Welt zu entbehren vermchten.
    Und so drfen wir mit mehr Antheil, als Unwillen auf die grauenhaften Bilder
der Periode Frankreichs blicken, die wir eine vorbereitende der bedeutenden Zeit
Ludwigs des Vierzehnten nennen drfen; und den Samen zu ihren glnzenden
Frchten dort aufzufinden, das wird vermittelnd zwischen uns und die Bilder
ihrer rohen Willkr, ihrer wilden Leidenschaftlichkeit treten; denn diese
gerade, werden wir finden, riefen, wenn auch scheinbar blo zu ihrem Dienste,
doch die Keime hherer geistiger Entwickelung ins Leben.
    Italien stand wie ein Baum, der zwei Mal in einem Jahre mit Blte und Frucht
geprangt, ermdet von der berschwenglichen Leistung mit welken Zweigen, die
keine neue Ernte verhieen, als vertraue er den Vorrthen, die er um sich
angehuft. - Frankreich lag diesem Ueberflusse zunchst, und alle seine
Erfordernisse, sein Klima, die organische Gestaltung seiner Bewohner, ihr heies
Blut, ihre bewegliche Phantasie, vor Allem ihr erwachender Ehrgeiz - Alles
machte sie zu Erben Italiens.
    Geschickt und mit treuem Eifer sehen wir die Geister Frankreichs sich
erheben, den fremden Einflu erfassend, um ihn fr das Vaterland zu verarbeiten
und den Boden zu reinigen fr die neue Saat. Wie auch die Eruptionen der Massen
noch dazwischen strzen, sie zerstren den zart sich fortspinnenden Faden
hherer Kultur nicht mehr, und mit vieler Klugheit werden zwei Mal Frstinnen
aus jenem reichen Lande auf Frankreichs Knigsstuhl gerufen; Beide aus dem
Stamme der Medicer, diesem Brennpunkt italienischer Gre und Bildung.
    Sie traten aus den glnzenden Hallen, wo die Gtter der alten Welt ihre
Heimath behalten, gesttzt von dem Kultus ihrer unsterblichen Snger, deren
zauberische Stanzen aus den Slen der Frsten bis in die Htten des Volkes
erklangen; das Blut, genhrt von jedem Sinnenreiz, geneigt, die Anforderungen
desselben auf jedem Boden zu erneuen. Denn dort in der Heimath der Kirche,
welche die alten Gtter verdrngte, schien nur der Name gewechselt zu sein, und
in den Hallen des Vatikans, in ihren Himmel anstrebenden Domen, umschaart von
Heiligen und deren bilderreichem Dienste, von dem berauschendsten Pomp aller
Schtze der Erde untersttzt, unter Wonne athmenden Hymnen, in sen Weiheduft
gehllt, suchte die christliche Kirche ein gleiches Recht ber die Sinnenwelt zu
erhalten, und mit ihren reichen Mitteln sich des materiellen Menschen zu
bemchtigen, den Geist verflchtigend, erstickt von den Mitteln, ihn zu
verherrlichen.
    Katharina von Medicis war geschickt, jeden Fortschritt ihres Vaterlandes zu
verbreiten, und an ihre Epoche in Frankreich hngen sich die
erstaunenswerthesten Erscheinungen, die vielleicht zu voreilig mit ihrem
persnlichen Einflusse bezeichnet werden, um ihr gerecht sein zu knnen; da sie
von der Zeit eben so fortgerissen ward, als sie der zeit den Einflu berlassen
mute, der an ihrer Person haftete. - Wir drfen den nicht stark nennen, der
zufllig der Strkste ist - eine Frau nicht so bezeichnen, die, von dem Vulkan
eines materiellen Innern zum Sklaven gemacht, diesem eigentlich opfern mute,
ohne Wahl und ohne Plan - und wenn die schrankenlose Willkr, mit der sie die
Zustnde ihrer Zeit verbrauchte, auf ein Uebergewicht in ihr zu deuten scheint,
so vernichtet die kleinliche Geringheit ihrer Absichten doch stets jedes
Prdikat der Gre, und wir mssen einsehen, wie die Begebenheiten auer ihr
daherschritten und sich blo an sie anhingen, weil sie den Hhenpunkt einnahm,
um den der Kampf kreiste. Aber dieser Standpunkt machte, da sie die
mitgefhrten Schtze fremder Bildung, fremden Geistes um sich weiter verbreiten
konnte, und blo sich selbst den lang gewohnten, reich geschmckten
Heimathsboden schaffend, ward sie ein Sammelpunkt neuer, glanzreicher
Entwickelung fr tausend ihr entgegen blhende Krfte, die, angeregt, nicht
berschattet werden konnten von dem schnden Dienste, den ihre geringe sinnliche
Natur ihnen widmete. Im Gegentheil gewinnt das Begonnene in Heinrich dem
Vierten, in Sully's weiser Hand schon sichereren Boden; die augenblickliche Ruhe
lt das Gesammelte schon berschauen als franzsisches Eigenthum. Maria von
Medicis erscheint endlich in einem Augenblicke als Regentin, wo diese Anklnge
bedroht sind. Die Strme, die sie weder aufhalten, noch lenken kann, und die
diese hheren Blten zu knicken drohn, finden in ihr noch Schutz und Anregung,
und sie erscheint in ihrem kleinlichen, inkonsequenten Walten, als habe sie das
Schicksal bestimmt, diesen einen Punkt zu hegen, bis ihr Alles abgenommen wrde,
um in die groe Hand Richelieu's ber zu gehen, der zuerst zu gesammter
Handhabung sich krftig zeigte.
    In wie fern Richelieu sich des Planes, eine unbeschrnkte Monarchie zu
stiften, bewut war, der seiner klugen Regierung jetzt nothwendig untergelegt
werden mu, mchte eben so schwer, als erfolglos zu ergrnden sein. Indem sein
stolzer und befhigter Geist ihn an der Seite Ludwigs des Dreizehnten zum
wirklichen Regenten Frankreichs machte, muten die nothwendigen Anforderungen
dieses Karakters ihm die Unterdrckung der bermthigen Groen des Landes,
welche immer ein Familien-Oberhaupt an ihre Spitze lockten, um dahinter ihre
anarchischen Absichten zu verbergen, zu einer fast persnlichen Befriedigung
machen, wenn nicht zugleich anzunehmen wre, da sein groes Genie, sein heller
und der Zeit voraneilender Geist in dieser Unterdrckung das Mittel erkannt
habe, Frankreich zu brgerlicher Ruhe und den Knig zum absolutesten Herrschen
zu fhren.
    Unbezweifelt hat das Getriebe, das er mit starker Hand zu lenken wute, die
ersten sicheren Resultate erzielt, und Ludwig der Eilfte, der den Kampf mit der
Anarchie und mit dem aristokratischen Uebermuthe seiner groen Vasallen so
rastlos verfolgte, wrde mit Neid auf die Ernte dieses groen Staatsmannes
geblickt haben, der die Erfllung der Idee erlebte, der er mit allen seinen
Bestrebungen nachjagte, ohne die Zustnde bewltigen zu knnen.
    Dessen ungeachtet erschreckten noch die Waffenklnge des Brgerkrieges die
Knabenjahre Ludwigs des Vierzehnten - bei erwachendem Bewutsein muten er und
seine Mutter vor den Erfolgen der Fronde flchten, und zu dieser Schmach noch
jeden Mangel hinzugefgt sehen, den der schnelle Aufbruch des Hofes mehr als ein
Mal veranlate.
    Aber schon war so viel anderweitiges Interesse im Volke erweckt, da es den
dmonischen Anforderungen eines Brgerkrieges nur ungern Gehr gab, ihn nicht
mehr zu seinen gewinnreichen Erwerben zhlte, sondern darin eine lstige Strung
seines heranblhenden Wohlstandes sah, und daher den Adel nur lau untersttzte,
der, hierdurch geschwcht, den klugen Machinationen Mazarin's nachgeben mute,
und endlich den Frieden herbeifhrte, der zuerst nach so langen Strmen das
erschpfte Land erquickte.
    Diese Ruhe, die ein wirkliches Bedrfni war, und die nicht durch Traktate,
Geieln und das Recht des Strkeren erhalten ward, sondern sich schtzte durch
dieselben Mittel, die das Bedrfni hatten entstehen lassen - sie mute
nothwendig das Gesammtleben Frankreichs zum Bewutsein und zur Anschauung
erheben, und den Bildungspunkt namhaft bezeichnen, der damit hervortrat.
    Ludwig der Vierzehnte war der vollkommenste Reprsentant dieser Periode; er
war das nothwendige Erzeugni derselben und so innig mit ihr verbunden, da
jeder Franzose ihn als sein Banner erkennen mute - als die lebendig gewordene
Idee einer Entwickelung, der sich jedes Bewutsein entgegen drngte. Es kann
daher von diesem Standpunkte aus, weder von seinen Tugenden, noch von seinen
Fehlern, nach dem gewhnlichen Maastabe der Berechtigung, die Rede sein. -
Beide waren die Erscheinung der Zeit - er stand weder ber, noch unter ihr - er
dankte ihr Alles, aber er gab ihr auch Alles, was sie eben forderte, wenn auch
nicht mit dem Bewutsein ihres Bedrfnisses, sondern weil er an sich selbst
einen neuen Zustand herzustellen trachtete, der jedoch eben derjenige war,
dessen Frankreich bedurfte. Von der Natur selbst zu einem vollkommenen Franzosen
gebildet, besa er die herrliche Gabe, seine Fhigkeiten hervortreten zu lassen,
sich ihrer mit Takt und Gefhl bei allen vorkommenden Gelegenheiten zu bedienen.
Wenn schon das gewhnliche Leben die tiefsten und bedeutendsten Seelenkrfte
dieser Fhigkeit beraubt, in Nachtheil stellt gegen den glcklichen Gebieter
geringer Mittel, die ihm jeden Augenblick dienstbar sind, so ist der Einflu
solcher Gabe auf einem Throne, bei bedeutenden und nationalen Krften eines
Herrschers, ganz der zauberhaften Wirkung gem, durch die wir Ludwig den
Vierzehnten die Hhe der Gunst ersteigen sehen. Sie erbaute ihm aus dem
Enthusiasmus seines Volkes einen Thron, auf den ganz Europa staunend hinblickte,
und der den Gedanken der Weltbeherrschung, in solchem Fundamente begrndet, zu
einem erhabenen Fluge des Geistes machte, den wir als Menschen, ohne nationelle
Beschrnkung, mit Liebe und Bewunderung betrachten mssen. Diese unlugbare
Befhigung Ludwigs des Vierzehnten machte es ihm aber auch nur mglich, sich aus
dem Schlamme zu erheben, den die Erziehung um seine Fe splte, und wir mssen,
wenn wir das krftige Emporarbeiten Frankreichs aus dem Elende des Brgerkrieges
verfolgen, dem jungen Knige das Recht eines eben so rstigen Streiters
zugestehen; denn seine Arbeit ehrte ihn nicht minder.
    Der Ueberdru, ja der Abscheu, den die Nation gegen die Gewalt roher Willkr
und Gesetzlosigkeit zu empfinden begann, entwickelte sich in ihrem Knige zu dem
Schranken-System einer Etikette, die ihm dasselbe Bedrfni befriedigte, eben
das einer unangreiflichen, gesicherten Stellung, um zum Genusse seiner
persnlichen Vorzge auf dem erhabenen Standpunkte seiner Geburt, gelangen zu
knnen. Welchen Ausartungen dieses System im Verlaufe seiner Dauer auch
unterworfen war, zu welcher, einer spteren Entwickelung lcherlich
erscheinenden, Karrikatur es herabgesunken dastehen mu, wir drfen seine
Entstehung nicht gering achten, den Geist nicht verkennen, der es erschuf. Es
hatte einen tiefen psychologischen Grund, der ohne alle Frage das hhere
geistige Fluidum der Nation entwickelte, und den beispiellos hohen Rang
bestimmen half, den Frankreich in diesem Zeitlauf in Europa einnahm, seinen
Einflu ber Alles erstreckend, was um den Preis einer feineren Sitte rang; denn
es lag darin die Fessel der Rohheit. Der despotische Zwang, den diese Formen
ber jede Willkr ausbten, ward ein Bollwerk, hinter welchem die Anstrmenden
in dem glnzendsten Kultus zauberhafter, neuer Einkleidung den Hof ihres Knigs
gewahrten - ein zur hchsten Poesie erhobenes Wunder fremder, blendender
Schaubilder, dem nher zu treten, bald die Sehnsucht und der Ehrgeiz Aller ward,
und das zu erreichen, eben dieses Bollwerk nur einer bestimmten Auswahl
gestattete; und diesen Auserwhlten wieder nur, indem sie sich selbst bezwangen
und mit gefesselten Trieben nicht sich, sondern der Zauberformel jener Etikette
gehorchten, in welcher Alle vor dem Nymbus dieses Thrones eingefangen lagen. Wie
der Gegensatz zu diesem despotischen Sittengemlde sich auch finden mute,
welchen emprenden Entartungen in der Religion, Moral und Sittlichkeit wir auch
zur selben Zeit begegnen mgen - der Impuls zu einer gesellschaftlichen
Existenz, wie sie keine Zeit ihr hnlich darzustellen vermag, mit allen
Versuchen, eine hhere Gesittung ber alle Verhltnisse des Lebens zu
verbreiten, gehrt als unbestreitbares Verdienst dieser Epoche an. Sie erregte
eine Bewegung, deren Einflu wir noch jetzt nachzuweisen vermgen, wenn auch
durch die frei gewordene Herrschaft des gebildeten Geistes losgesprochen von dem
Zwange des Gesetzes, welches festzuhalten, nachdem es leer geworden seiner
frheren Bedeutung, zu der mit Recht gering geachteten und bespttelten
Karrikatur eines Ceremoniels oder absondernden Schutzes herab gesunken ist, der
keinen Grund mehr findet in vorhandener Rohheit.
    Zu jener Zeit aber machten sie den Hof, als Anhang des Knigs, als den
Zauberkreis, in dem er seinen wunderbaren Ritus bte, zu einem wahrhaft
unerreichbaren Standpunkte, und noch war es die Zeit - ja sie erwachte erst - wo
das Volk sich von seinen Souverainen imponiren zu lassen wnschte, und die
Absonderung, die fast an gttliche Unterscheidung grenzte, mit einer Art von
Stolz mehr untersttzte, als verringerte.
    Die Mittel zu groen Ergebnissen boten sich dem herrschenden Oberhaupte in
allen Beziehungen dar, und unter den Hnden Colbert's entwickelten die reichen
Krfte des strebenden Landes frhlich ihre hundertfltigen Adern und athmeten
Lebensflle und spendeten den segensvollen Reichthum, der immer wieder den
groen Kreislauf belebender Thtigkeit erneuerte, den der Glanz des Thrones
sowol, als sein politisch zu behauptendes Ansehn erforderte.
    Wenn die Meinungen ber diese Zeit oft bis zum Anbeten ihrer Erscheinungen,
oft bis zum Herabwrdigen unter den geringsten Standpunkt geschichtlicher
Momente gewechselt haben, drfte Beides eine Berechtigung nachweisen knnen,
wenn wir blo die materiellen Fakta ohne ihren geistigen Zusammenhang gelten
lassen wollen. Denn wir sehen allerdings in demselben Rahmen, der Ludwig's
Lebensperiode umschliet, einen Hhenpunkt glnzender Erfolge, wie er uns
hinreien mu, und am Ende derselben einen Schrecken erregenden Verfall, der
ohne Zweifel die Keime der groen Erschtterung nachweisen liee, die den
Urenkel des Platzes verlustig machte, auf dessen unbestrittenem Besitz Ludwig
der Vierzehnte seine Dynastie unzerstrbar begrndet glaubte. - Aber wir drfen
bei dieser niederschlagenden Betrachtung nicht bersehn, da das Volk in dieser
ersten glnzenden Epoche dennoch ein Pfand empfangen, welches den Werth dieser
Zeit unbestreitbar macht - ein Pfand, mit welchem es wuchern konnte, das zu
zerstren nicht mehr in der Willkr seines Herrschers lag - und da dessen
ausartenden persnlichen Neigungen, die wir mit dem Verfalle der Zeit
bezeichnen, doch in ihrer jugendlichen Entstehung Schritt hielten mit den
Bedrfnissen seines Volkes, und ber alle Zweige menschlichen Wissens den Zauber
der Ermunterung, der Frderung und der Anerkennung verbreitet hatten. So mssen
wir seiner ausartenden Eroberungssucht sicher den Vorwurf machen, das Land
erschpft und mit Schulden belastet, und, gegen jedes moralische Prinzip
anstoend, sein persnliches Ansehn herabgesetzt zu haben. Aber das Volk hatte
Frchte geerndtet, die es in seinen Erfolgen nicht allein damals an die Spitze
der Kriegskunst stellte, sondern an deren Nachahmungen sich noch die
nachhaltigsten Einrichtungen aller Nachbarlnder knpfen lassen. Wenn wir eben
so vor den Bauwerken dieser Zeit, vor den zgellosen Ausstattungen aller
kniglichen Besitzungen und der ihnen anhngenden Bedrfnisse - vor ihren
Festen, ihren Beschftigungen und ihrem zahllosen unbeschftigten Dienertrosse
stehen, und blo bedenken wollen, wie dadurch der Schatz erschpft werden mute,
und dem betubten Gewissen die Wege geffnet zu Erpressungen und Bedrckungen
des Volkes, die wir mit Unwillen endlich auch verfolgt sehen: so werden wir doch
dadurch immer nicht die Wirkungen annulliren knnen, die in diesem ppigen Leben
des Genusses den Segen aller knstlerischen und wissenschaftlichen Erscheinungen
entwickelten, und sie zu einer Ausbreitung und Wichtigkeit erhoben, welche dem
versinkenden Leben Italiens eine neue Heimat, dem brigen Europa eine Brcke zu
bis dahin zu entfernt liegenden Schtzen baute.
    Gewi mssen wir zugestehn, da Ludwig der Vierzehnte nicht die Kraft hatte,
an der Spitze seiner Nation zu bleiben, da er ihr nur ein Mittel war, das
anfnglich nicht grer zu sein brauchte, als er war, da ihn seine Erfolge,
nachdem sie ihn weit berholt hatten, auf einem geringen Standpunkte zurck
bleiben lieen, und im Stillestehn ihn seiner Zeit entfremdeten und feindlich
gegenber stellten, geschtzt noch von dem monarchischen System welches zu
mchtig war, um Widerstand zu finden. Der hierarchische Despotismus erkannte
wachsam den Augenblick, wo Ludwig sich von seinem Volke trennte, um ihn, sich
ihn als Beute sichernd, jeder freieren Anschauung zu entziehn, die ihn fhig
gemacht htte, den hochherzigen Aufschwung religiser Entwicklung verstehen zu
knnen, der damals aufs Neue vergeblich die Schwingen einer freieren Erkenntni
regte, und dessen unvollkommene, in vielfachen Ausartungen kreisende
Erscheinungen vielleicht die ewigen Erschtterungen Frankreichs zu erklren
vermchten, das, von dem Triebe freier religiser Entwickelung verjagt, in den
materiellsten Freiheitswnschen die gestrte Entwickelung zu befriedigen suchte.
-
    Die Zeit, in der Leonin den vaterlndischen Boden betrat, war der Hhenpunkt
jener frheren Periode, der so schnell, so berraschend erreicht war, da der
Schwindel zu erklren ist, mit dem man die Grenzen eines so begonnenen Zustandes
nicht glaubte bersehen zu knnen, und die ausschweifendsten Eingebungen der
Phantasie berall anzuknpfen, ein Recht zu haben meinte.
    Der Aachner Friede war geschlossen - Ludwig hatte die Lorbeeren zweier
glorreichen Feldzge gesammelt, die Aufmerksamkeit Europa's geweckt und Erfolge
errungen, die so das Maa zu berschreiten schienen, da es ihm leicht ward,
beim Abschlu des Friedens mit anscheinender Gromuth den Theil der Eroberung
zurck zu geben, der von seinen bestrzten Gegnern mit der vollen Besorgni
gefordert wurde, die so schnelle, so siegreiche Fortschritte - fr das
Europische Gleichgewicht, welches zu zerstren, in seine Hand gegeben schien,
nothwendig einflen muten. Auch machte der Abschlu dieses Friedens, der einen
Theil der gemachten Eroberungen wieder aufgab, keinen ungnstigen Eindruck auf
die Nation. Schon sah sie sich als den reichen Mann an, der dem brigen Europa
Almosen geben knnte; schon kam ihr kein Zweifel, da sie besitzen knnte, was
sie besitzen wollte; und gerade so erschien ihr der junge Knig in einem neuen
Nimbus - dem der Gromuth und der Migkeit.
    Auch lag, dies Gefhl zu untersttzen, ganz in der ungemeinen Begabtheit des
jungen Knigs, der damals noch den vollendeten Stolz besa, der die Eitelkeit
entweder nicht aufkommen lt oder sie noch nicht besitzt.
    Sein Volk, sein Hof mochte seine Siege anstaunen, anbeten, er verhielt sich
zu ihnen mit der gleichmigen Ruhe, die audeutete, da er ber ihnen stnde,
und die grten Erfolge eben nur Ausstrmungen seiner selbst wren, die ihn
nicht zu berraschen vermchten. Er hate und unterdrckte jede rohe
Schmeichelei, und die Hofleute muten eine Mimik fr ihre Anbetung studiren, die
sich wie der Schauer der Andacht anlie, um seine stolze Zurckweisung nicht zu
erfahren.
    Es war in dieser vollen Bltenzeit seiner Existenz noch so viel Wahrheit in
ihm, da er sich ohne Selbstbetrug des Eindruckes erfreuen durfte, den er
hervorrief; und seine ganze Natur war durch die Aehnlichkeit und
Uebereinstimmung, die seine eigne Entwicklung mit der seines Volkes hatte, so
bedeutend verstrkt und erhht, da jeder Erfolg ihm zu einem ungemeinen
Selbstgefhle verhelfen mute. Er war in Wahrheit ein groer Mann - er war es
durch seine Zeit, wie durch sein schnes Naturell, das ihr genug that.
    Spter hatte das Feldlager mit dem Glanz eines Hoflagers gewechselt, dessen
an Zauber und Wunder grenzende Ausstattungen einen taumelartigen Zustand
erregten, den industriellen Geist aufs hchste belebten - Knstler, Dichter und
Gelehrte schufen, und eine Hingebung aller Krfte des Geistes und des Vermgens
veranlaten, die ein Gelingen herbeifhrte, das in seiner berraschenden Wirkung
den jungen Knig als ein bernatrliches Wesen erscheinen lie, da seine
Neigung, seine Andeutungen oder Befehle dies Alles ins Leben riefen.
    Und diesem Zustande der Dinge nahte sich jetzt Leonin - diesem vergtterten
Monarchen sollte er in kurzem vorgestellt werden, und zwar nicht, um ihn unter
dem Gesichtspunkte zu betrachten, wie wir es jetzt thun, sondern unter dem, wie
man ihn damals ansehen mute, beschrnkt von der Gegenwart und ihrem beengenden
Einflusse, als eine sichtbare Gottheit, als eine Alles besiegende Autoritt -
als den Inbegriff aller Vollkommenheiten. Es war die natrliche Folge dieser
Ansicht, da Alle, die des Glckes theilhaftig wurden, seine Nhe zu erreichen,
seine Worte zu hren, sich selbst dadurch zu greren Ansprchen berechtigt
hielten, und als Geschpfe seines Winkes, doch sich erhoben fhlten ber die
Masse, die diesen Vorzug nicht theilen durfte. -
    Die Majorennitts-Erklrung des jungen Grafen war vorber, und
unaufgefordert strmten die hchsten Personen zusammen, ihre Glckwnsche zu
diesem Akte darzubringen. Das Hotel Soubise konnte die Zahl der Gste kaum
fassen, und die Marschallin hatte nicht umsonst auf den Antheil des Knigs
gerechnet. Nur im Vorbeigehen fragte derselbe beim Lever seinen Bruder, ob er
von dem Feste seines lieben Marschalls von Crecy gehrt habe, und dies war
hinreichend, damit Monsieur zur bestimmten Stunde in dem Hotel Soubise auf zwei
Minuten erschien - und der Name Ludwig von Orleans prangte an der Spitze von
Unterschriften, die fast alle erlauchte Namen Frankreichs enthielten. Denn das
Land versammelte die lebenden Reprsentanten derselben an dem Hofe - und Ludwigs
Wunsch, sie dort zu sehn, war der Magnet, dem Niemand sich entziehen konnte.
    Der Marschall war vershnt mit den schlauen Einrichtungen einer Gemahlin,
die endlich seine unvollkommenen Wnsche, die er nie ins Dasein zu rufen
vermocht htte, in die Erreichung ihrer eignen mit einzuschlieen wute. Der
Glanz seines Hauses trat auf eine imponirende Weise hervor, und dem Herzen des
Vaters ward in der schmeichelhaften Anerkennung des Sohnes das vollste Gengen.
    Wie sollen wir aber den innern Zustand dieses Sohnes schildern, der seit
seinem Eintritt in dies Haus fast nicht zur Besinnung gekommen war?
    Seit seiner Abwesenheit hatten sich alle Zustnde so gesteigert - sein
eignes Bewutsein, sein Auge sich so dafr entwickelt, da es ihm schien, er
kme in eine vorher gar nicht gekannte Welt. Es war, als ob das Unglck aus den
Kreisen der Menschen verschwunden sei. Jeder Tag schien ein Fest, das Allen
gehrte. Witz, Laune, Leichtsinn und Heiterkeit durchdrang die Menge von der
hchsten bis zur niedrigsten Klasse. Es war keine Zeit fr irgend ein tiefer
liegendes Gefhl, und der Rausch, der ber Alle seine Zauberruthe schwang, hie
Ludwig - Versailles - Frankreichs Ruhm! - Es trat ein Stolz, ein Selbstgefhl
bei jedem Individuum hervor, das aber gerade so entwickelnd wirkte; denn Niemand
wollte nachbleiben, Alle strebten, rangen und erreichten in irgend einer
Beziehung Etwas. Aber mitfliegen mute man; das galt mehr wie das Leben; das
galt, sich als Franzose zeigen!
    Und in diesen rauschenden Massen, durfte sich Leonin eingestehn, als der
Erbe eines so bedeutenden Namens und Ranges bemerkt zu werden, zu Ansprchen
erhoben zu sein, die mit dem edelsten Neide verfolgt wurden, mit dem Neide, dem
Gttersitze des Knigs nah' und persnlich dienstbar sein zu knnen.
    Diese Tage mit ihren Anforderungen hatten eine Menge schlummernder
Eigenschaften in ihm hervorgerufen. So ins Auge gefat von der hohen
Aristokratie des Landes, fhlte er pltzlich den vollsten Trieb des Ehrgeizes,
sich ihnen in allen Punkten gleich zu stellen und jede Unsicherheit des
Betragens abzuwerfen, die einen Zweifel ber die Befhigung zu dem hohen
Standpunkte seiner Geburt aufkommen lassen knnte. Er wollte nichts sein, als
eine neue Zierde dieses glnzenden Hofes. Man sollte dieses anerkennen mssen,
und er htte bei schrferem Nachdenken sich selbst in den Erscheinungen nicht
wieder erkannt, die dieser Einflu hervorrief; denn er ward nun erst Franzose
und rechtfertigte vollkommen den Zustand jener wunderbaren Zeit.
    Nur, wenn er in tiefer Nacht sein einsames Schlafgemach betrat, die Diener
entlassen hatte, und lautlose Stille ihn umfing, blieb er wie ein Trumender
stehen. Wo war Fennimor's Gatte, wo war der einsiedlerische Schloherr von Ste.
Roche und die patriarchalischen Vorstellungen, die alle seine Wnsche
umschlossen hatten? - Ob er sich diese Fragen wahrhaft beantwortete? Wir
frchten, nein! Aber noch war er innig berzeugt, was jetzt geschehe, was er
thue und treibe, es sei nur die Brcke zu ihr zurck. Noch fhlte er ihre
Schnheit, ihren Werth; noch brauchte er nicht an seine Pflichten gegen sie zu
denken. Aber schon gab es auf dem ganzen Schauplatze seiner jetzigen Existenz
keinen Punkt, wo er sich ihrer erinnern konnte, ohne den stechenden Schmerz zu
fhlen, der uns belehrt, da wir in gefahrvollen Widerspruch gerathen sind, und
Pflichten sich drohend berhren, denen wir gleiche Heiligkeit zugestanden. Er
verschob selbst den Moment einer Erffnung gegen seine Mutter, theils aus Scheu
und Unentschlossenheit, theils weil er glaubte, erst diesen ffentlichen
Pflichten genug thun zu mssen. Er ahnte nicht, wie seine Mutter Alles in ihm
sah und vorher gewut, und wie fest sie beschlossen hatte, ihm eine solche
Erklrung unmglich zu machen, bis die Verhltnisse ihn so umsponnen htten, da
er sie ihr nicht mehr zu machen wagen wrde.
    Sie hinderte es daher nicht durch die leiseste Bemerkung, wenn sie erfuhr,
wie Boten mit Briefen und Gepck den Weg nach Ste. Roche nahmen; denn dies
Alles, wie es auch dort Ansprche und Neigung unterhalten, und gefhrliche
Gedanken in Leonin nhren mute, schien ihr doch weniger unheilbringend, als
eine zu voreilige Erklrung, ehe sie Zeit gewonnen htte, dies sein Gefhl in
sich selbst absterben zu lassen.
    Jetzt befand man sich zu Versailles, da man Paris nur bewohnte, um
Familien-Feste zu feiern, die in die Nhe des Knigs zu verlegen, eine Art
Indiskretion scheinen konnte. Auerdem liebten alle Groe des Hofes, in
Versailles zu leben, da der Knig eine fast unbezwingliche Abneigung gegen Paris
hegte, welches ihm als Kind, whrend der Kriege der Fronde, mehrere Male die
Thore verschlossen hatte.
    Madame Henriette, die Gemahlin Monsieur's und die Tochter des unglcklichen
Karls des Ersten von England, war der Parnassus des Hofes. Um sie versammelten
sich alle Knste, und Gelehrte und Helden warteten an ihrem poetischen Throne
auf das Wort ihrer Anerkennung, ihrer Ermunterung. Der Knig hatte ihr eine so
zrtliche, ritterliche Galantrie gewidmet, sie verstand dieselbe so geistreich
zu fordern, und so fein und erhaben zu gestalten, da dem Berhren dieser beiden
romantischen Geister die Entwickelung billig zuzurechnen ist, die das Verhltni
der Mnner zu den Frauen zu einer abgttischen Huldigung erhob. Auch hier ging
der mit allen Elementen der Liebe und Poesie ausgerstete jugendliche Knig mit
dem Beispiel einer Frauenhuldigung voran, die wie ein neuer Impuls in der
Courtoisie hervortrat.
    Zwar hatte das Verhltni des Knigs zu Madame Henriette den Karakter
wrmerer Zrtlichkeit verloren; aber sie behauptete noch immer den Rang der
schnsten und geistreichsten Frau, und ihr Einflu auf den Knig in allen
geistigen Beziehungen blieb noch unbestritten. Er selbst fhlte die wahrste
Freundschaft fr sie, ihr Hof zhlte ihn noch immer zu seinem Besitz, und er
that Alles, ihr diesen geistig hohen Standpunkt durch seine Achtung und
Anerkennung zu erhalten. -
    Schon fllten sich die Vorzimmer der schnen Henriette, und alle Anwesenden
zeigten die Belebtheit und Spannung, die die Versicherung hervorgerufen, Madame
erwarte den Knig! Ein Jeder fragte sich in der Stille, wer er wre, was er zu
denken, zu sagen habe, mit welcher Berechtigung er die groe Gunst erwarten
drfe, vor ihm zu erscheinen.
    Das Gesprch lief wohl lebhaft umher; aber nur Wenige verbargen die
Zerstreutheit, mit der das leiseste Gerusch in den Hfen pltzlich Alle
verstummen oder abbrechen lie. Doch blieb von den Anwesenden dieser Zustand
ziemlich unbemerkt, denn Jeder theilte ihn.
    Nur einzelne Personen verschwanden in die Zimmer, in denen Madame ihren
hohen Gast erwartete; dies waren besonders dazu Bestellte - und sie zogen eben
so stolz diesem Rufe entgegen, als ihnen die Blicke des Neides nur zu sicher
folgten.
    Madame ruhte auf einer Ottomanne von meergrnem Atlas, und der Glanz der
Beleuchtung war vor diesem etwas erhhten, bequemen Sitze mit einem Geschicke
gemildert, da es schien, der Mond erleuchte diesen Platz, im Gegensatze zu dem
Vordergrunde des Zimmers, der Tageshelle, von Spiegelwnden reflektirt,
zurckstrahlte. Der blarothe Seidenstoff ihres Kleides war mit Silber
durchwirkt, und in ihrem wunderschnen Haare trug sie eine einzige, aber
prachtvolle Rose von Brillanten.
    Da sie die schnsten Arme und Hnde hatte, so stand es ihr sehr gut, da sie
die Etikette etwas verletzte und nur einen Handschuh trug, whrend sie den
andern, wie zum Gedankenspiele, durch die zarten Finger zog. Sie hatte die
glnzendsten Farben, die lebhaftesten Augen, und schien immer von Gedanken
angeregt, die sie auch, schnell und flieend sprechend, stets bereit war, an den
Einen oder Andern zu adressiren.
    Um sie her standen die Damen und Herren ihres nheren Kreises. An der linken
Seite ihres Ruhebettes aber lehnte eine Frau von mittlerem Alter, mit groen
Resten ehemaliger Schnheit und mit einem bezaubernden Ausdrucke von Geist und
Gefhl. Sie war in dunkeln Sammet gekleidet, und die feinen Spitzenbarben ihres
Bonnets gaben ihrer prchtigen, aber bescheidenen Tracht eine nonnenhafte
Decence; sie hielt ein Blatt in der Hand, was sie vorgelesen hatte, und hrte
der lebhaften Prinzessin zu, welche, mit ihr sprechend, anmuthig seitwrts
blickte.
    Nein, liebe Sevign, rief sie, sein Sie nicht zu bescheiden! - Nur Sie,
behaupte ich, nur Sie allein knnen ein so bezauberndes Gestndni ber die
Gefhle einer Mutter ablegen, Sie reprsentiren die Mutterliebe in Frankreich,
wie sie das Ideal jeder edeln weiblichen Brust werden mu, auf Sie wird
hingewiesen werden, wenn wir schon alle in Staub zerfallen sind; und die
entarteten Mtter dieses Landes werden nicht sagen drfen, wir wuten nicht, was
Rechtens war; denn man wird ihnen antworten knnen, da Madame de Sevign
lebte!
    Die berhmte Frau neigte ihr feines Antlitz noch tiefer, und der erhhte
Ausdruck zeigte eine Rhrung, die keinen Hauch von Eitelkeit trug.
    Es ist so natrlich, was ich auszudrcken wagte, sagte sie sanft, da ich
mich kaum in dem schmeichelhaften Lobe Eurer Kniglichen Hoheit wieder erkenne.
Wer knnte mit dem Glcke begnadigt werden, Mutter zu sein, ohne mehr oder
weniger dasselbe zu fhlen, was ich hier blo sammelte, aneinander reihte. Die
Erscheinung einer Mutter bleibt in jedem Individuum eine Art gttliches
Mysterium, und auf allen Stufen dieses rhrenden und erhabenen Zustandes liee
sich die unmittelbarste Gemeinschaft mit dem hchsten Geber nachweisen, und
darum auch sicher Anklnge der Seligkeit, die nur von dem harten Drucke der
Auenwelt zuweilen verkmmert hervortreten.
    O, wie schn, meine edle Sevign, ist Ihr frommer Glaube! rief die
Prinzessin mit einer Aufregung der Gefhle, die nur zu klar das ewig
unbefriedigte Sehnen nach dem Glcke einer Mutter, das sie so tief nachzufhlen
verstand, ausdrckte. - Mchte ich, setzte sie leise und mit feuchten Augen
hinzu, noch dereinst Ihre Schlerin werden knnen!
    Frau von Sevign drckte die dargereichte Hand nicht mit hfischer, sondern
mit menschlicher Zrtlichkeit an ihre Lippen und fgte leise Worte der Hoffnung
hinzu, welche die junge Frstin kopfschttelnd anhrte.
    Eine Stuart! eine Stuart! sagte sie bla werdend, mit Bitterkeit und
Schmerz - denken Sie, meine Liebe, ob sie Hoffnung auf Glck nhren darf - ob
ihnen geschieht nach der Ordnung der Natur!
    O, Madame, rief die Sevign, so werden Sie wenigstens dazu bestimmt sein,
uns zu lehren, wie man die Unbilden des Schicksals durch die Erhabenheit der
Gesinnungen zu besiegen vermag!
    Meinst Du, se Trsterin? erwiederte die Prinzessin mit dem sanften
Ausdrucke von Schwermuth, der zuweilen ber den frischen Glanz ihrer Schnheit
wie ein Wolkenschatten glitt. Doch hier, fuhr sie fort, alles persnliche
Gefhl augenblicklich unterdrckend, was wollen wir mehr? Welch' ein schneres
Bild mtterlichen Glckes knnen wir nach den Mittheilungen unserer Sevign
finden, als unsere theure Marschallin von Crecy? Und so neigte sie sich mit der
vollen Anmuth einer Frstin ber die inde zwischen Leonin und Louise
eingetretene Marschallin, welche mit der eigenthmlichen Grazie, die einer
vollendeten Dame von Range zukam, ihren Sohn der Prinzessin vorstellte.
    Leonin erschrack fast vor dem blendenden Glanze der Schnheit, der er nun
gegenber stand, und die unglckliche Henriette, die das zrtlichste Herz
vergeblich in ihrer Brust trug, mute sich mit den kleinen Triumphen zerstreuen,
die ihr jeder Mann, der ihr zu nahen wagen durfte, bereitete.
    Sie sammelte lchelnd das Gestndni der Bewunderung von Leonin's
sprachloser Bldigkeit ein, und erhob sich sodann; denn das Rauschen der Thren
und die pltzliche tiefe Stille des Vorzimmers zeigte an, der Knig sei
gekommen!
    Ludwig der Vierzehnte stand auf dem Punkte des Alters, wo die Frauen den
Mnnern erst das Prdikat des Interessanten beilegen, was fr sie so wichtig
ist, da keine Jugend, keine Schnheit ohne diese Zugabe der Zeit ihnen die
anmuthige Eigenschaft des Gefhrlichen verleiht. Ludwig htte nicht Knig zu
sein brauchen, um allen Frauen als schn und ausgezeichnet zu erscheinen - aber
als Knig rechnete man ihm die Vollendung als Mann um so hher an; und in der
That konnte sich Niemand ihm zur Seite stellen, er wre im einfachsten Kleide in
den hintersten Reihen der Erste geblieben.
    Als er eintrat, hatte er den Kopf halb ber die Schulter gewendet, um den
Herzog von Lauzun anzuhren, der ihm einige Worte sagte. Heiterkeit, Geist und
Scherz lagen dabei auf seinem Antlitz ausgedrckt, und man konnte unmglich
anmuthiger lcheln, als eben der Knig, wie er dem Herzog einige Worte
erwiederte.
    Jetzt aber erblickte er Madame Henriette, die mit der Lebhaftigkeit der
Huldigung ihm entgegen eilte.
    Die leichte Haltung der kurzen Besprechung mit Lauzun war sogleich
verschwunden - jetzt war er der huldigende Ritter, welcher, der Schnheit
gegenber, nur ihr Diener sein kann, und den Stolz, den er fhlen darf, nur von
der Ehre ihrer Nhe empfngt. Als er die glnzende, blhende Frstin zu ihrem
Sitze zurckfhrte, hielt er ihre Hand so, da er sie den Versammelten
darzustellen schien; und indem er selbst den gebieterischen erhabenen Anstand
entfaltete, der seine Schnheit so imponirend machte, schien er nur stolz sein
zu wollen als ihr Fhrer, von Allen fr sie allein die Huldigung fordernd.
    Und doch war diese ihm fast ungetheilt zugewendet - denn er war Jedem in
irgend einer Art ein Vorbild - ein erflltes Ideal.
    Selbst Leonin hatte die schne Henriette vergessen und alles Blut drngte
sich zu seinem Herzen, als er den angebeteten Monarchen jetzt in einer
Vollendung vor sich sah, die er frher weder Gelegenheit hatte zu beobachten,
noch zu fassen.
    Der Knig zog ein Tabouret vor den Sitz, den die Prinzessin einnahm, und
setzte sich nieder, als habe er Lust, knieend den lebhaften Worten derselben
zuzuhren. Er hielt jedes Mal mit der Prinzessin auf diese Weise ein kurzes
Zwiegesprch, welches anscheinend von Keinem der Hofleute beobachtet ward; und
doch war gewi kein Wechsel der Miene oder der Farbe, kein Lcheln, kein
Seufzer, welcher nicht von der argwhnischen Schlauheit ihres Hofstaates
belauscht wurde.
    Leonin aber sah Alles ohne Beziehungen und Berechnungen. Verloren war er in
dem Anblicke dieser ungewhnlichen Erscheinung, und Alles schien ihm
gerechtfertigt, was er seit seiner Rckkehr von dem berschwnglichen
Enthusiasmus der Menge erfahren, und was ihm mindestens berraschend geschienen.
    Als einen Helden, als einen Feldherrn hatte er ihn nennen hren, khn,
scharfsichtig und groartig im Rathe; er hatte gefrchtet vor den ernsten Pathos
eines rmischen Imperators zu treten. Und jetzt sah er einen heiter lchelnden
jungen Mann, mit einer Anmuth und Leichtigkeit der Bewegung, mit einem
poetischen Schmelze der Augen und des Mundes - einen der schnsten Mnner, der
sich dessen nicht bewut sein wollte, um den Frauen allein eine Huldigung zu
gestatten, auf die er sie durch seinen Willen anwies, allen Mnnern auch hierin
zur Richtschnur dienend.
    Leonin fhlte, da diese Vereinigung etwas Erstaunenswrdiges, fast
Berauschendes hatte, und da man sich eben dem Zauber seiner Persnlichkeit so
vllig ohne Rckhalt hingab, weil man seiner brigen Herrscherfhigkeit gnzlich
vertraute. Sein Alter hatte ihn vom Hofe entfernt gehalten, er hatte den Knig
nur bei ffentlichen Veranlassungen als Zuschauer gesehn, die zu Anfange seiner
Regierung nicht hufig waren. Erst in Leonin's Abwesenheit trat der Glanz des
Hofes auf solche Weise hervor, wie auch die Liebenswrdigkeit des Knigs erst
zur vollen Blte kam.
    So beherrschte dieser anmuthige junge Mann alle seine Umgebungen. Nicht, wie
ihn Leonin sich unwillkrlich gedacht hatte, als einen ewigen Reprsentanten mit
Krone und Zepter sah er ihn; aber dennoch von einer Atmosphre der Hoheit
umgeben, da die jugendliche Anmuth niemals auch nur zu einem vertraulichen
Gedanken htte verfhren knnen. Im Gegentheile fhlte Leonin eine
Beklommenheit, die ihn fast betubte, bei dem Gedanken, dem Knige heute
gegenber zu treten. Seine Gre wuchs, indem sie verdeckt lag - aber wie gro
mute er sein, da er sich ihres Scheines absichtlich entuern konnte!
    Madame hat Briefe aus England erhalten, sagte der Marschall de la Fert zu
Madame de la Fajette, die mit etwas verdorbener Laune in Leonin's Nhe stand;
der Knig wird wohl seine Absicht mit Dnkirchen durch ihre geschickten
Unterhandlungen erreichen.
    Wenigstens thte Madame besser, nur solche Angelegenheiten zu dem
Gegenstande ihrer Beurtheilung zu machen, erwiederte Madame de la Fajette - in
allem Uebrigen fhlt man immer, da sie kein franzsisches Blut in den Adern
hat. Es ist komisch oft - ihr Urtheil ber unsere Literatur!
    Ach so! Euer Gnaden meinen ihre Bewunderung fr die Marquise de Sevign!
rief der Marschall - ja, ja, Madame trgt stark auf, wenn sie spricht. Doch
glaube ich nicht, da ein so unbedeutendes Produkt, wie uns vorgetragen wurde,
Eindruck machen wrde, belebte sie nicht dasselbe Verlangen, das Madame de
Sevign als erfllt darstellte. -
    Ja, so ist es, mein Herr Marschall - die gute Sevign gehrt nach der
Kinderstube, nicht an den Schreibtisch! Ich versichere Sie, da sie nicht im
Stande ist, orthographisch richtig zu schreiben, und damit mte man doch wohl
anfangen, wenn man eine Schriftstellerin sein will. -
    Wre es nicht wichtiger, erwiederte hier ein junger Mann in einfacher
geistlicher Tracht, erst richtig zu denken? Wie Viele mgen den Vorzug
besitzen, richtig zu schreiben, ohne einen einzigen Gedanken so ausdrcken zu
knnen, wie Madame de Sevign - ohne Gefhle in sich zu haben, wie sie hier eine
Zierde der Menschheit werden!
    Die Grfin de la Fajette blickte etwas hoch auf, und ihre sich spannenden
Augenbrauen verriethen, da sie nicht geneigt sei, den halb vorwurfsvollen Ton
dieser Erwiederung milde hinzunehmen; als sie aber die sanften, edeln Zge des
Jnglings erblickte, der zu ihr gesprochen, mute sich die kluge Frau gestehen,
er habe gar nicht daran gedacht, da seine Erwiederung sie trfe, sondern sich
in den Gegenstand vertieft, ihm sein Recht gnnend und damit eine Beleidigung
unmglich haltend.
    Vollkommen richtig bemerkt, mein lieber Salignac! sagte die Grfin daher,
schnell gefat: wer htte hierber zu entscheiden mehr Recht, als Sie, der Sie
der Verkndiger der edelsten und frmmsten Gesinnungen sind!
    Nein, Madame, nein! rief der junge Mann mit schwrmerischem Eifer, ber
den ganzen Werth der Gedanken und Gefhle, die Madame de Sevign uns
mitgetheilt, wird nur eine Frau entscheiden knnen, in die Gott ausschlielich
die Seligkeit einer Bestimmung ausgeschttet hat, der wir nur aus der Ferne mit
der Verehrung zusehen knnen, die an dieser auerordentlichen Bevorrechtung des
Himmels uns die erhabene Bestimmung ihres Geschlechtes ahnen lt!
    Liebenswrdiger Schwrmer! rief die Grfin, fast gerhrt; da wir heut im
Prophezeihen sind, und Madame Henriette der Frau Marquise de Sevign schon das
Prognostikon ihrer Zukunft gestellt hat, so verknde ich Ihnen, da Ihre sanfte
jugendliche Weisheit, zum Manne erstarkt, das Zeitalter retten wird, in dem Sie
leben; da Salignac la Motte Fenelon Platz finden wird in den Bchern unserer
Geschichte, trotz des Grten, den wir darin verzeichnen!
    Gottlob, Madame, fuhr der junge Mann ohne alle Zeichen des Eifers fort,
da ich Ihnen nicht glaube! Die Geschichte mit ihrem Namensverzeichnisse hat
keinen Reiz fr mich - meine Gedanken haften an dem mhevoll heiligen Geschfte
des Augenblickes; es ist so schwer, ihn zu bestehen, ohne vor Gott errthen zu
mssen, da ich ihm alle meine Krfte zuwende, und mir wenig Zeit brig bleibt,
die Zukunft mit eiteln Wnschen zu bestrmen.
    Darum that ich es fr Sie! lachte die erheiterte Grfin, die wohl ein
wenig schriftstellerische Wallungen besa, aber zu klug und zu edel war, um sich
von diesen Gefhlen dauernd beherrschen zu lassen.
    Die Gesellschaft erschtterte ein kleiner elektrischer Schlag. - Ludwig war
aufgestanden, und sein kniglicher Blick berflog den Kreis, als nhme er erst
jetzt seine Existenz wahr. Die Thren nach den Vorslen waren geffnet' - die
inneren Gemcher hatten sich gefllt, Jeder rang um den Preis, mit Ludwig
dasselbe Zimmer zu betreten. Die Mglichkeit eines Blickes, eines Wortes war die
Hoffnung, die Jeder unausgesprochen nhrte.
    Auch schien das strahlende Auge, womit er Jeden zu finden wute, Jedem eine
solche Hoffnung erwecken zu sollen; doch, als er nun, sich von Madame
beurlaubend, vorschritt, stockte selbst das Bemhen, die leichte Unterredung
fort zu spinnen, welche bisher geherrscht. Zerstreuung, Erwartung unterdrckte
jede andere Geistesthtigkeit; hchstens gelangen einige leichte Worte, von
denen der Sprechende hoffte, sie kleideten ihn, und die, da dies von den Andern
schnell errathen ward, entweder mit Klte aufgenommen, oder in derselben Weise
und Absicht erwiedert wurden. Leonin hatte trotz seiner Befangenheit Auge und
Ohr gehabt fr die sonderbaren Zustnde seiner Umgebungen, und indem er
vergeblich auf den Sinn der Worte horchte, die um ihn her gesprochen wurden, und
die seltsamen Grimassen sah, mit denen man sie begleitete, berzeugte er sich,
da dies der Hofton sei, von dessen bezaubernder Leichtigkeit und Eleganz Europa
voll war, und um dessen unaussprechlichen Reiz zu erreichen, Jeder seine
Eigenthmlichkeit, sein tieferes geistiges Bedrfni verlugnen mute, wenn er
nicht verlassen oder ausgelacht sein wollte.
    Es bemchtigte sich seiner eine krnkende Unheimlichkeit: er wute mit
Allem, was er besa, hier nichts anzufangen. Seine Kenntnisse, seine Gefhle,
seine Ansichten - Alles, was ihm als Material zum Sprechen dienen sollte, schien
hier umsonst, ja, ganz unbrauchbar - und ein geheimnivoller Ritus von Worten,
Bezeichnungen und Andeutungen berall zu herrschen, der ganz andere Zustnde
voraussetzte. Diese nicht zu kennen, zu verstehn, erschien ihm als ein
Ungeschick, ein Mangel, von dem seine Eitelkeit sich trostlos verletzt fhlte.
Sein Selbstgefhl verlie ihn, er konnte nicht denken, da hinter der sicheren
Haltung dieser Leerheit, hinter diesem Mibrauche von Worten, Lcheln und Mienen
nicht ein Sinn liege, der blo seiner Unerfahrenheit entginge. Er wrde an jedem
andern Orte sich in der langweiligsten Gesellschaft geglaubt haben; hier aber
wagte er sich dies nicht einzugestehn. Der Anspruch, mit dem Alle ihr Verfahren
durchfhrten, imponirte ihm; er dachte nur daran, es ihnen nachzumachen,
berzeugt, den Inhalt spter zu entdecken.
    Madame machte, whrend der Knig langsam anredend auf der einen Seite den
Kreis durchschritt, an der andern Seite die Tour. Beide waren von einigen
vertrauten Personen ihres Hofes gefolgt. Madame redete aufs neue die Marschallin
von Crecy an und rief dann Leonin mit einem huldvollen Lcheln herbei.
    Sie mssen mir noch Viel von meinem Bruder erzhlen; ich wei, er sah sie
gern an seinem Hofe, und ich setzte sie hinzu, indem sie schnell und
schmerzlich die Lippen zusammendrckte, ich sah ihn lange nicht!
    Eure Knigliche Hoheit wrden noch eben so, wie frher, die Schnheit, wie
die liebenswrdige Laune Seiner Majestt bewundern knnen! Wo er erscheint, hat
die Freude ihren Thron erbaut, erwiederte Leonin, in hchster Bewegung, zuerst
in diesen Rumen seine eigne Stimme zu vernehmen.
    Ist das ein Lob fr einen Knig? rief hier Henriette von England mit einem
auffallenden Gemische von Laune und Unwillen.
    Erschrocken wollte Leonin begtigend antworten, als Alle schnell zurck
wichen, und der Knig, der rasch und unbemerkt nher getreten war, pltzlich
neben Madame Henriette und dicht vor Leonin stand.
    Belehren Sie mich, meine schne Freundin, sprach er, ihre Worte
auffassend, wie das Lob eines Knigs lauten mu, um Ihrem strengen Tadel zu
entgehen!
    Verzeihen Euer Majestt, antwortete Henriette, ich fhle, ich bin als
Franzsin zu sehr verwhnt, um als Englnderin mich mit den Tugenden meines
Bruders, insofern ich darin den Knig erkennen soll, gengsam erweisen zu
knnen. Ist das ein Fehler, haben Euer Majestt mich dessen schuldig gemacht!
    Der Knig berhrte mit einem hohen Lcheln die schmeichelhaften Worte, und
schien blo die schne Sprecherin zu bewundern.
    Unser liebenswrdiger Bruder in England sollte in Ihnen, Madame, eine
sanftere Richterin finden. Ich zweifle nicht, da der Hofstaat, den Seine
Majestt vorfand, es benthigt war, durch die Wrde eines rechtmigen
Herrschers in seine Schranken zurck gefhrt zu werden; und wenn der
vollkommenste Cavalier, fr den Karl Stuart bei allen Damen von St. Germain
galt, dieser Eigenschaft einige gute Laune hinzugefgt, wollen wir dies dem
ernsthaften England gnnen, da wir ihm berdies Nichts mehr zu beneiden haben,
indem wir ihm Alles geraubt, was ihn ber uns htte erheben knnen.
    Madame belohnte mit einem holden Errthen die anmuthsvolle Verbeugung des
Knigs, der schnell jetzt fragte, wer ihre bse Laune gegen den Knig gereizt
habe?
    Wahrlich, sprach die Prinzessin begtigend, diese Absicht lag nicht zum
Grunde. Der Sohn unserer lieben Marschallin, der junge Graf Crecy-Chabanne,
erscheint seit seiner Abwesenheit im Auslande hier zuerst vor Euer Majestt. Ich
verzeihe es ihm, wenn das Andenken an alle Herrscher Europa's, die er sah, hier
vor ihm zusammen sinkt.
    Der Blitz aus dem Auge des Knigs traf Leonin, der ihn aufnahm unter die
Begnstigten, die sich sagen durften: Er kennt Dich!
    Die Marschallin, bis zur Erde sich neigend, legte die Hand auf den Arm ihres
Sohnes, ihn bezeichnend als den ihrigen - Leonin wollte das Knie beugen. -
    O nicht doch! nicht doch! rief der Knig - hier nicht! Und schnell
verhinderte der Marquis von Vieuville Leonin an dieser Bewegung, indem er ihm
zuflsterte: hier ist das nicht Styl!
    Der Marschall von Crecy, sprach die Marschallin mit unerschtterlicher
Haltung, hat vergeblich auf das Glck gehofft, seinen Sohn Euer Majestt
vorstellen zu knnen. Er ist mde geworden in dem heiligen Dienste fr
Frankreichs erhabene Herrscher, und die Mutter fhlt aufs tiefste die Gnade,
seine Stelle ersetzen zu drfen.
    Madame, erwiederte der Knig, der Marschall von Crecy gehrt zu den
Mnnern, die selbst, wenn sie aufhren persnlich zu reprsentiren, ein
Eigenthum des Vaterlandes bleiben - deren Einflu so unvergelich ist, als ihr
Name! Mssen wir den Marschall entbehren, so wissen wir ihm Dank, Madame, uns
durch Ihre Gegenwart entschdigt zu haben.
    Junger Mann, sprach er dann zu Leonin mit wohlwollendem Tone, wir freuen
uns, den besten Namen unseres Frankreichs fortblhen zu sehen - es ist ein Name,
der Sie auszeichnet, es ist zugleich ein Name, den Sie zu frchten haben, da ein
Anspruch jeglicher Tugend mit ihm verknpft ist, der ein ernster, Viel
fordernder Aufruf an Sie selbst wird.
    Sire, der Wille ist Alles, was ich Euer Majestt zu Fen legen kann,
erwiederte Leonin mit glhendem Antlitz; aber er ist, auf Frankreichs Boden von
seinen Wundern erzeugt, ein Ausflu dieser Segnungen, der ihn zu Thaten
ausprgen wird!
    Der Knig streifte mit einem wohlwollenden Lcheln den jugendlichen Anlauf
dieser Rede und wendete sich zum Marquis Fenelon, der in devoter Erwartung neben
dem jungen Geistlichen stand, den Leonin mit so vielem Gefhle gegen Madame de
la Fajette sich hatte uern hren.
    Diesen jungen Mann unterwarf der Knig der aufmerksamsten Prfung; und da er
ihn unverndert bescheiden, ohne alle Bestrebung, ohne alle Erwartung verharren
sah, schien er sichtlich von seiner Erscheinung berrascht.
    In Wahrheit, mein lieber General, sprach er zu dem Marquis Fenelon, Sie
haben in Ihrem dreiundzwanzigjhrigen Neffen einen Philosophen erzogen, der das
graue Haupt der Weisheit beschmt. Es thut mir leid zu hren, da Sie die
glnzenden Erfolge unterbrechen wollen, die seine Kanzelreden sich mit Recht
erworben. - Ich habe selbst mit Vergngen seine Rede: Ueber die Wahrheit gegen
sich selbst, gehrt. Ein wichtiges, unendlich wichtiges Thema, dem wir nicht
genug Aufmerksamkeit schenken knnen! - Und Sie, Abb Fenelon, bedauern Sie es
nicht, einen Schauplatz zu verlassen, der Ihnen so bedeutende Erfolge gab?
    Mein Oheim, erwiederte der junge Abb - der spter so berhmte Verfasser
des Telemach - hat sich mehr meinen Wnschen gefgt! Es schien mir schwer, der
Aufregung zu widerstehen, in welche dieses ffentliche Auftreten mich versetzen
konnte. Der Weg, der mir vorliegt, ist noch so weit, ich habe noch keine
geistlichen Pflichten zu erfllen gehabt; - diese Kanzelreden waren noch nicht
gerechtfertigt durch eigne Erfahrungen; - sie muten mich zum Heuchler machen -
zu einem blos leeren Verbrauche des schon Vorhandenen fhren - von dem Wege
eigner Forschung mich ablenken.
    Den Karakter fremder, blo angenommener Ueberzeugungen trugen Ihre Reden
nicht, fuhr der Knig ernst fort; ein Geist der Inspiration belebte sie, der
oft die Erfahrung berbietet und einer inneren Wahrheit, selbst bei Ihrer
Jugend, nicht zu entbehren braucht.
    Dies drfte ich mir auch bis jetzt noch zugestehen, erwiederte ruhig der
junge Fenelon. Der Augenblick, der uns zuerst vor versammelten Christen von den
gttlichen Dingen reden lt, deren Erkenntni wir unser Leben weihten, ist
gewi von einem Hervortreten aller Krfte begleitet. Solche Augenblicke
berflgeln unsere Fhigkeiten, sie verrathen uns und Andern vielleicht, was
erst die Zeit aus uns machen wird. Aber ihr wirklich vorgreifen durch den
frhzeitigen Verbrauch dieser Stimmung, ihre Dauer damit verlangen, wrde uns in
uerliche Bestrebungen ziehen, die gerade von der Entwicklung unseres Innern
ablenken mten, von der wir doch allein die fortdauernden Gefhle frommer
Begeisterung hoffen drfen.
    Der Knig betrachtete ihn mit einem Ausdrucke von Achtung, den nur Fenelon
bersah, da er ihn nicht veranlat glaubte durch jene ruhige Erklrung, die ihm
die eigenen Gedanken ganz erfllte.
    Gehen Sie denn Ihren Weg, Herr von Fenelon, sprach Ludwig mit Wrme - Ihr
Knig wird Sie mit seinem Antheile begleiten und, so bald Sie selbst sich reif
erklren wollen, den Platz zu finden wissen, welcher Ihnen den wrdigen
Wirkungskreis sichert, der einer solchen Entwicklung zusagend ist.
    Eben wollte der Knig sich wegwenden, da ging der Marquis Fenelon den
Monarchen an und bat ihn fr seinen Neffen um die Erlaubni, in den geistlichen
Orden von St. Sulpice in Paris treten zu drfen, um unter der Leitung des
Subpriors Tronon das Stadtviertel dieses Namens bedienen zu knnen.
    Erstaunenswrdig! rief der Knig - der beschwerlichste Dienst von ganz
Paris! - Herr von Fenelon, Sie haben meine Einwilligung nur unter der Bedingung,
da Sie Versailles von Zeit zu Zeit zu Ihrem Kirchsprengel zhlen.
    Jetzt berzog wirklich ein freudiger Ausdruck das Antlitz des jungen
Fenelon. Der Knig hatte ihn dem unscheinbarsten, mhevollsten Dienste gewidmet;
- und als alle Hofleute ihm Glck wnschten, damit die Entres in Versailles
nicht verloren zu haben, zeigte es sich, da der junge Fenelon diesen Nachsatz
berhrt hatte, und ihn jetzt erst und ohne alle Exklamationen erfuhr. Man
bewunderte ihn laut - aber mit der Ueberzeugung, entweder einen Thoren oder
einen vollendeten Heuchler vor sich zu sehen.
    Auf Leonin machte dagegen der junge Mann einen Eindruck, der dem Vorwurfe
glich. Diese Ruhe, diese Haltung bei den sichtlichsten Zeichen der Gunst, bei
dem Bewutsein, selbst dem Knige Bewunderung und Erstaunen eingeflt zu haben,
griff an sein unruhig klopfendes Herz. Er sagte sich, wie er, durch den bloen
Anblick dieses Hofes aus sich selbst verjagt, ngstlich nach den Erfolgen des
Augenblickes haschend, auf dem Wege sei, sich mit der bloen Nachahmung von
Zustnden zu begngen, die er mindestens als ihm selbst unverstndlich erklren
mute. Er war beschmt; aber dies offene Gestndni rettete sein Selbstgefhl
und ri ihn aus der kleinlichen Richtung, die ihn verwirrt hatte.
    Er bat Herrn von Dreux, ihm dem jungen Fenelon vorzustellen; er wollte dem
ehrend nahen, dem er so eben Dank schuldig geworden.
    Als sie sich im Gedrnge Platz machten, erreichten sie ihn im Augenblicke
ernster Unterredung mit einer schnen jungen Dame, die vor dem Jngling in fast
devoter Stellung stand.
    Ach, mein Herr, sagte sie mit innigem Tone - Sie durften Ihrem Berufe
nicht mitrauen - und wenn Sie nichts erreicht htten, als das Gemth unserer
herrlichen Knigin gesttzt und gestrkt zu haben. Dachten Sie nicht, wie Sie
Ihren hartherzigen Entschlu vollfhrten, an das, was ich Ihnen so viel frher
schon ber den wunderbaren Eindruck sagte, den die Knigin von Ihren Kanzelreden
empfing? Ach, und wre es nur dies gewesen, da es doch so viel mehr noch war,
was Sie erreichten - es wre genug, um zu bleiben! -
    Halten Sie ein mit Ihren Vorwrfen, die so ehrend, so rhrend fr mich sind
- gegen die fest zu bleiben, so schwer fllt! Niemand bewundert mehr, wie ich,
die schne Hingebung, mit der Sie die theure Frau Knigin umgeben; doch lassen
Sie mich hinzufgen, Sie erfllen damit Ihren Beruf; jede Ueberzeugung Ihrer
Seele fllt mit Ihren Pflichten hier zusammen. Nicht so bei mir! Ich hrte auf,
meinem Berufe etwas zu sein, wenn ich mit der gelegentlichen Einwirkung auf eine
Einzige mich begngen wollte. Der Geist treibt mich anders! In diesen geringen
Hofverhltnissen wrde ich verschmachten oder falsche Keime treiben - und dann
ginge ich auch der Knigin verloren. -
    O, Ihr Mnner, rief hier die junge Dame, und sandte aus Ihren schwarzen,
glnzenden Augen einen seltsamen Blitz, halb Unwillen, halb Bewunderung
ausdrckend, auf Fenelon - es ist vergeblich, einen von Euch ber den andern
erhaben zu glauben; am Ende seid Ihr Euch alle gleich! Das Nahe, der sichere
kleine Erfolg, sei er so schn, so edel, als Ihr zu trumen vermochtet, er reizt
Euch nicht - Ihr verwerft ihn! Weit in die Ferne mt Ihr Plne und
Unternehmungen richten - ein Weltruhm mu Euch zu Theil werden, wenn Euer
ehrgeiziges Herz befriedigt werden soll!
    Ob ich vom Ehrgeize frei bleiben werde, mag Gott wissen! erwiederte der
junge Fenelon. Der Trieb, der uns zu unserer Entwickelung mit Sehnsucht, mit
Eifer, mit Entzcken die Fllhrner nach allen Richtungen ausstrecken lt, um
das zu erkennen, was uns frderlich werden knnte, der Trieb ist schn und
herrlich - ihn mchte ich nicht jetzt schon durch die Befrchtung in mir
verdchtigen, er knne Ehrgeiz werden!
    Unverbesserlicher! rief das junge Mdchen - Ich htte Viel darum gegeben,
wenn ich Ihnen bse werden knnte; denn Sie haben mich empfindlich gekrnkt
durch Ihr stolzes Zurcktreten. Aber warum sind Sie so unertrglich sanftmthig
- ich sollte es gar nicht unternehmen, mit Ihnen zu streiten, ich behalte
niemals Recht! -
    Und doch haben Sie eben so Recht, als ich, und Keiner sollte dem Andern
zrnen wollen, weil er gern seiner Pflicht getreu bleiben will - es mu uns
nicht ber unsere Absicht verwirren, da wir in verschiedener Richtung sie
erfllen mssen. Ich verehre Sie so sehr in Ihrer treuen Anhnglichkeit an die
Knigin, da ich selbst die gegen mich gerichteten Vorwrfe fast gern hre; denn
sie sind eine Konsequenz Ihres vortrefflichen Innern! -
    Ich will nicht von Ihnen gelobt sein! Sie wissen doch nicht, wie ich's
meine - kein Mensch braucht das zu wissen - sie sind mir hier alle gleich! Aber
Sie, Fenelon, obwol ich Sie jetzt hasse - Sie htten mein Verbndeter bleiben
mssen!
    Und das bleibe ich, wenn Sie mich auch jetzt zurckstoen - Ihr Herz denkt
anders, und vielleicht treffen unsere Wege noch einmal wieder zusammen.
    Mit dem Geistlichen von St. Sulpice? erwiederte sie, fast weinend. Wo
soll ich den wiederfinden? Nein, nein, ich will gleich und fr immer von Ihnen
Abschied nehmen! Adieu, Fenelon, stolzer Fenelon! - Sie wollte gehen - sie
blieb stehn - kindlich lchelnd, setzte sie halb leise hinzu: Lieber Fenelon,
kommen Sie morgen noch zur Knigin?
    So lange ich in Versailles bleibe, alle Abende, sagte der junge
Geistliche.
    O, Sie guter, edler, bester der Menschen! rief sie und wendete sich von
ihm in dem Augenblicke, wie Herr von Dreux mit den Worten vortrat: Herr von
Fenelon, der Graf von Crecy-Chabanne wnscht Ihnen vorgestellt zu sein.
    Die junge Dame blieb stehen; der klteste, hochmthigste Blick dieser
glanzvollen Augen streifte Leonin - sie erwartete seine Anrede mit der
bizarrsten Verletzung der Schicklichkeit, wendete sich dann so geringschtzig
als mglich ab und war bald unter der Menge verloren. - Kaum war seine flchtige
Unterredung mit Fenelon vorber, als er gespannt, erschrocken fast Herrn von
Dreux fragte, wer die Dame gewesen, mit der Fenelon gesprochen habe? -
    Es ist die Tochter des Herzogs von Lesdigures, das erste Hoffrulein der
Knigin, und trotz ihrer Jugend die Freundin und Vertraute der erhabenen Frau!
-
    Als er zu seiner Mutter zurckkehrte, fand er sie im Gesprche mit einer
lteren und einer jungen Dame; in Letzterer erkannte er Mademoiselle de
Lesdigures. Die Marschallin von Crecy rief ihn sogleich heran. Madame, sagte
sie zu der lteren Dame, erlauben Sie, da ich Ihnen meinen Sohn vorstelle. -
Die Frau Herzogin von Lesdigures, wandte sie sich zu Leonin, hat Deine Mutter
von Jugend auf mit ihrer Freundschaft beglckt. Schon von Frulein von Reetz
geno Frulein Soubise diesen Vorzug - jetzt, nach langer Trennung, finden wir
uns wieder.
    In Wahrheit, rief die alte Dame, den Jngling mit vielem Kopfnicken
begrend - Mademoiselle de Soubise war unser aller Bijou, als wir
Kostgngerinnen waren bei den Ursulinerinnen; und es freut mich, da ich in
Ihnen einen schnen jungen Mann sehe - das wird Ihnen lieb sein, meine Theure;
denn immer hatten Sie ein stolzes Herz, wie Ihnen das zukam, und ich es gern
leiden mag. - Victorine, fuhr sie fort, Leonin's Antwort unterdrckend und sich
zu ihrer Tochter wendend, Du mut mit dem jungen Manne gut Freund werden; was
die Mtter anfingen, mssen die Kinder fortsetzen.
    So viel Gte, so viele glckliche Aussichten zu verdienen und zu
rechtfertigen, erwiederte Leonin, fast seine Worte aufdrngend, wird eine
schwere, aber zu theure Aufgabe sein, um nicht mit allen Krften nach ihrer
Lsung zu ringen.
    Bemhen Sie sich nicht darum - erwiederte Mademoiselle de Lesdigures,
ich liebe so etwas nicht mit anzusehen! Auch, denke ich, hat Madame de Crecy
eine Tochter, der ich mich schon anschlieen will.
    Alle lachten bei diesen Worten, und das Frulein selbst sah nicht so bs
aus, als ihre Worte klangen.
    So stolz zurckgestoen, rief Leonin, fordern Sie mich gerade damit zum
Kampfe auf. Ich gelobe Ihnen hiermit feierlich, wie Sie auch meine kleine liebe
Louise mir eben vorziehen, ich will nicht eher ruhen und rasten, als bis Sie,
gerade Sie meine Freundin sind!
    Sie sah ihn hochmthig an, lachte aber dann einen Augenblick mit den Andern,
und indem sie Louise an sich zog, rief sie: Ist das der liebenswrdige Bruder,
von dem Du mir so Viel erzhlt hast? Ich erklre ihn fr den anmaendsten Mann
des Hofes.
    Thun Sie, was Sie wollen, lachte Leonin, mein Entschlu bleibt derselbe,
und ich rathe Ihnen, machen Sie sich den Rckschritt nicht zu schwer, indem Sie
sich so weit von mir entfernen.
    Victorine zuckte mit den Achseln und berflog ihn mit halbem Lcheln. Die
Marschallin aber, bemerkte Leonin voll Erstaunen, die ein so formloses Wesen
sonst nur allzu schnell mit einigen Worten wrde zu dmpfen gewut haben, sah
mit der huldvollsten Miene auf das junge Mdchen und lachte mehr, als sie sonst
fr schicklich gehalten htte. Madame de Lesdigures aber schien berhaupt, von
vllig ungezwungenen Manieren, keine Rcksichten zu kennen, als die ihr bequem
waren.
    Sagt' ich es Ihnen nicht, liebe Soubise, das Mdchen hat einen Kopf von Erz
- den will ich sehen, der etwas Anderes hineinbringt, als was sie selbst
hereinthut. Aber ich war eben so, und es macht mir jetzt Spa, da sie vor
meinen alten Augen meine alten Jugendstreiche mir wieder vorspielt. -
    Es war der Frau Herzogin schwer zu glauben, da sie wie ihre Tochter
gewesen, wenigstens, da es ihr so gut gekleidet; denn man konnte keinen
greren Gegensatz sehen, als diese kleine, kugelrunde Gestalt gegen den hohen,
schlanken Wuchs der Tochter, und ihr blasses, regelmiges Gesicht gegen das
breite, rothe, verzeichnete Gesicht der Mutter. Dabei zeigte die Tochter nur
eine nthige Eleganz; die Mutter aber war mit Perlen, Juwelen und Stickereien
beladen und trug dies alles ungeschickt an sich herum, wie eine schwere, aber
nothwendige Pflicht.
    Nun, Marschallin, fuhr sie fort, das soll ein Spa werden, zuzusehen, wie
die Beiden sich necken werden! So machte ich es auch mit Monsieur de
Lesdigures, der damals noch nicht Herzog war. Man htte denken knnen, wir
haten uns - aber nichts weniger, als das! In Jahr und Tag war ich seine
Gemahlin.
    Sichtlich bemht, diese Worte zu unterbrechen, hatte die Marschallin
versucht, sich Victorinen zu nhern, die, glhend vor Zorn, Leonin den Rcken
zugewendet hatte, als der Knig pltzlich Victorinen entgegen trat. - Die
Etikette verhinderte jetzt jeden Schritt, aber auch jedes Wort, und so war die
alte Herzogin wenigstens zum Schweigen gebracht.
    Es scheint mir ein gutes Zeichen fr das Befinden der Knigin, Sie hier zu
sehen, sprach Ludwig und legte eine auffallende Verbindlichkeit in seinen Ton.
    Victorine verneigte sich bis zur Erde und blieb dann starr, mienenlos, ohne
einen Laut zu erwiedern, vor dem Knige stehen.
    Haben Sie die Knigin bei ihrer heutigen Spazierfahrt begleitet? fuhr er
nach einer Pause fort, in welcher er unruhig auf Antwort gehofft hatte.
    Zu Befehl! entgegnete Mademoiselle de Lesdigures mit festem, kaltem Tone.
- Doch dauerte diese Fahrt nicht lange; Ihre Majestt lieen an dem Hotel Biron
umlenken, da der Wagen durch den Ausbau des Palais von Gersten und Arbeitern am
Weiterfahren gehindert ward; und da die Frau Knigin sich nach der Rckkehr bel
befanden, so befahlen Sie uns, Madame Ihre Entschuldigungen zu bringen, und
behielten allein Molina (ihre spanische Kammerfrau) bei sich.
    Der Knig hrte gespannt und mit sichtlicher Unruhe zu. Ich frchtete das
nicht, obwol man mir sagte, da die ungebhrlichen Bauanstalten vor dem Hotel
Biron die Knigin belstigt htten. - Die strengsten Befehle sind gegeben, sie
spurlos zu beseitigen. Ich werde die Knigin heute noch besuchen und sehe Sie am
liebsten in der Nhe meiner Gemahlin!
    Vielleicht, erwiederte Mademoiselle de Lesdigures mit pltzlich
verndertem Wesen und freudestrahlenden Augen, erlauben Euer Majestt, da ich
mich sogleich zu meiner gndigen Gebieterin begebe, sie auf diese Freude
vorzubereiten? -
    Thun Sie das, meine Liebe! Ich wei, Sie sind uns beiden ergeben,
erwiederte der Knig mit der huldvollsten Herablassung - und die junge Dame
verneigte sich und war augenblicklich verschwunden.
    Es lag ein Schatten auf der Stirn des Knigs, und Niemand wagte ihm zu nahen
- als Henriette von England vortrat, und der Knig in demselben Augenblicke die
Tne eines im Nebenzimmer beginnenden Concerts hrte. Mit der verbindlichsten
Anmuth nahm er die Einladung der Prinzessin an und folgte ihr in die
Zauberhallen, die sich vor ihm ffneten, und aus denen, hinter den vollsten
Gebschen von Orangen, Rosen und Myrten die hinreiendsten Gesnge und
Musikstcke erklangen, die Jean Baptiste Lully mit seinem wohlgebten Orchester
auffhrte, und von denen der Knig, der den Knstler zu seinem Kapellmeister und
Liebling erhoben hatte, stets sich entzckt zeigte. Er war der Schpfer der
franzsischen Musik, der alle die damals angestaunten Wunder der Tne,
Modulationen und Tempi ersann, wie sie vor ihm nicht existirt hatten. - Whrend
dem fhrten in den anmuthigsten Windungen die schnsten Kinder, als Genien
gekleidet, pantomimische Tnze zwischen den Gebschen auf, welche in sinnvollen
Gruppen, in leisem, flgelartigem Dahinschweben, wie personifizirte Tne, die
Harmonieen des verborgenen Orchesters zu verstrken schienen. Es war kaum
mglich, da der Knig bei einem Feste gegenwrtig sein konnte, ohne irgend eine
schmeichelhafte Beziehung fr sich zu erfahren. Doch dies Mal war es schwer, sie
zu entdecken; denn das ganze reizende Schauspiel zog sich wie eine
Chiffernsprache vor den Augen der Andern hin. Madame schien allein den Schlssel
dazu zu haben, und mit anmuthigen Worten und Mienen whrend der Dauer der
Auffhrung dem Knige die Erklrung zu geben. Alle Uebrigen sahen nur eine
Pantomime. - Einmal zeigten sich die Wappen Englands und Frankreichs, beide, wie
angedeutet war, auf franzsischem Boden; dann schwebte der Genius der
Gerechtigkeit herab und lste das englische Wappen vom franzsischen Boden,
damit entfliehend. Das franzsische Wappen wuchs, und Genien umkrnzten es.
    Habe ich nicht Recht mit Dnkirchen? flsterte der Marschall Tess dem
Herzoge von Rochefaucault zu - die schlaue Prinzessin hat Seiner Majestt die
Schlssel von Dnkirchen bergeben, und nun mu die Gerechtigkeit das Wappen
Englands vor den Augen des Knigs von dem Boden Frankreichs fortschleppen!
    Ja, lachte der Herzog - hier besiegt immer Einer den Andern - ich halte
heute Frulein von Lesdigures fr die Siegreichste in diesem Kreise! -
    Das macht, weil sie eine schon halb berwltigte Festung vorfand, fiel ihm
der Marquis de Souvr ins Wort; ich mchte nicht derjenige sein, der die
Befehle fr die Ausstattung des Hotel Biron berschritt!
    Sollen denn die Bevollmchtigten eines kniglichen Willens, der selten den
kleinsten Aufschub gestattet, auch bedenken, welche Vernderung ein solcher
Wille in vier und zwanzig Stunden erleiden kann? sagte der Herzog von
Rochefaucault.
    Nun, meinte Madame de Sablire, die Nerven der Knigin htte ich mir
abgehrteter gedacht. Die neue Herzogin von Lavallire wird ihr Hotel nur vier
und zwanzig Stunden spter beziehn, und Nichts wird unterbleiben, was hier
eingeleitet ist. Wenn die Erschtterung vorber, die Seine Majestt durch den
Unfall der Knigin erfahren, werden die Anstalten ihren alten Gang vorwrts
gehn.
    Darunter wird Niemand mehr leiden, als Madame de Lavallire selbst,
bemerkte der Marquis de Souvr; in ihr mchte Seiner Majestt das grte
Hinderni zu besiegen haben.
    Alles horchte auf und blickte den Marquis erwartungsvoll an. Jeder war
berzeugt, er wisse mehr; man wnschte, er theilte sich mit - doch schwieg er
mit der berlegenen Miene, mit der er sich stets zu sichern schien, und
geschftig trat ein Kammerdiener von Madame an ihn heran und rief ihn zur
Prinzessin.
    Der Knig hatte sich erhoben. Obwol das obige Gesprch nur flsternd vorging
und durch hunderte von Menschen vom Knige getrennt war, so schwieg dennoch
augenblicklich Jeder, als er sich erhob, und sein kniglicher Blick die
Versammlung berflog.
    Die Prinze de Lesdigures hat gesiegt, sagte der Herzog von Rochefaucault
- er nimmt Abschied von Madame und geht zur Knigin!
    O, rief der Graf Guiche, wie schwer mag es ihm werden, die einsam
weinende Lavallire ohne Trost lassen zu mssen. Welche Widersprche mgen sein
edles, gefhlvolles Herz bewegen!
    Sein Sie nicht zu gefhlvoll, Graf Guiche! lchelte der Herzog. Solch'
hervorstechendes Mitgefhl richtet die Blicke auf Sie - man macht Folgerungen -
man glaubt Sie zu verstehen - genug, das sind alles Dinge, die ein junger Mann,
wie Sie, nicht gebrauchen kann. Nhern wir uns lieber jetzt - der Knig ist fort
- Madame sucht ihre zurck gebliebenen Freunde. -
    Als Leonin spt in der Nacht die Zimmer der schnen Henriette von England
verlie und sich endlich in den seinigen allein sah, wollte er es unternehmen,
an Fennimor zu schreiben; da am andern Tage sein vertrauter Diener nach Ste.
Roche gehen sollte, beladen mit den anmuthigen Schtzen, die Paris dem
Reichthume darbot. Aber er suchte sich vergeblich dazu zu sammeln. Der Knig -
Madame Henriette - sein eigenes Betragen - Fenelon - und vor Allen die junge
Prinzessin von Lesdigures traten mit Ansprchen an seine Gedanken dazwischen,
die er nicht abzuweisen vermochte. Er war nichts weniger, als zufrieden mit sich
- er hatte es weder vermocht, sich dem neuen Tone anzuschlieen, wie es seiner
Eitelkeit genug gethan htte, noch war er sich selbst getreu geblieben, den
Zwecken und Absichten gem, die er verfolgen mute, um Fennimor's Glck zu
begrnden. Die Ausbeute des Augenblicks hatte ihn allein in Anspruch genommen.
Er war sich einer Menge Vorstze und Einflsterungen bewut, die er mit
innerlicher Heftigkeit verfolgt hatte, und deren Gelingen nothwendig eine andere
Zukunft herauf fhren mute.
    Er trat an das Fenster, um Luft zu schpfen. Es war eine milde Nacht, wie
sie der Winter Frankreichs zu erhalten wei. Das Palais Crecy gestattete einen
Blick auf die Grten von Versailles. Die geschnittenen Bume und Hecken
behielten Krper und gaben Schatten, obwol vom Laube entkleidet, und der Mond
zeichnete sie auf den zierlichen Parterres der Grten, whrend ber die dunkeln
Bassins Schwne segelten, als zgen sie den Sternbildern nach, die auf dem
ruhigen Spiegel vor ihnen schimmerten. - Dahinter lag das groe Schlo mit
seinen vorspringenden Pavillons, mit allen Vorzgen, die der Mondschein der
Architektur verleiht, anscheinend in Stille versenkt, von keinem Lichtschimmer
mehr erhellt.
    O, rief Leonin, zur Ruhe gesprochen von diesem unerschtterlichen Walten
der Natur, wie ist Dein Bereich das einzig wahre Element fr eine bessere
menschliche Existenz! Wie findet man in Dir Harmonie und Gleichmaa der
gestrten Empfindung wieder - wie giebst Du uns unsern bessern Theil zurck,
wenn in dem Bereiche der Menschen Alles verdrngt und verjagt wird, was in ihre
angeknstelten Zustnde strend eingreifen will! - Und doch haben sie Macht ber
mich, fuhr er schmerzlich fort doch ward ich von ihnen verfhrt und trachtete
in ihnen unterzutauchen - so gro ist ihr falscher Schein!
    Fennimor, mein unschuldiges reines Naturkind - wie wrdest Du erstaunt
Deinen Liebling anblicken und das Zeichen fhlen, das der Bse macht, um seine
Opfer wieder zu erkennen! O, sende Deine Engel, rief er, die Hnde ringend,
damit ihre Thrnen es auslschen!
    Er blieb so stehen, mit einem Schmerze, der grer war, als ihn dieser Abend
hatte verschulden knnen. Aber er strafte die Ahnung daran geknpfter grerer
Verschuldungen fr die Zukunft, und Leonin schob die Schwche, mit der er sich
diesen Lockungen hingegeben, auf Rechnung ihrer Strke. Er erkannte nicht, da,
wenn er einen Karakter gehabt htte, er ihn gerade da htte behaupten knnen, wo
die verschiedensten Elemente Platz neben einander fanden. Er verga, da Fenelon
in der Einsamkeit seines Studirzimmers wahrscheinlich eben so war, wie er ihn
vor dem Knige gesehn, und er hob jetzt die eitle, triviale Seite so stark
hervor, nicht allein um sich damit zu trsten, sondern, weil ihr anmaendes
Hervortreten, ihr scheinbarer Glanz ihm am schnellsten imponirt hatte; weil er
durch den Versuch, sich ihr anzuschlieen, in seiner eignen Achtung verlor und
diese auf dem falschen Wege wieder zu erlangen trachtete, da er sich das Maa
der Versuchung vergrerte.
    Wie aber halbe Selbstgestndnisse immer einen trben Grund zurcklassen und
die Mittel zu unserer Besserung verdecken, so fhlte Leonin auch jetzt keine
Erquickung von seinem Selbstgesprche, sondern ein Zrnen mit der Auenwelt, und
doch ein Verlangen nach uerer Hlfe - und so entstand eine lange nicht
empfundene Sehnsucht nach Fennimor; und wenn sie dies Gefhl auch nicht auf dem
reinen Wege erreichte, der ihr gebhrte, so fhrte es ihn doch zu ihr zurck -
er verschlo das Fenster und eilte an seinen Schreibtisch. Hier lag ihr letzter
Brief. - Dieses holde Reden mit ihm, was ihr Leben geworden war, diese
rhrenden, arglosen Liebesbeweise, diese Erinnerungen an jede Stunde, deren
Wichtigkeit sie von ihm getheilt glaubte - wie trafen sie sein Herz, da er sie
erst jetzt las oder frher bersehen hatte, weil er sich nicht gleich die
Beziehungen zurck rufen konnte.
    Den Eudoxien-Thurm habe ich ganz herstellen lassen, schrieb sie, ohne da
man die Ueberreste der armen Gemordeten berhren durfte. Der Kamin ist gerumt,
tglich erhellt ihn die Flamme, und der Altan ist nun auch ein schnes Pltzchen
geworden! Wenn die Sonne scheint, trete ich hinaus und bersehe den Weg, den ich
Dich zuletzt dahin eilen sah, und fhle dann an meinem Herzen einen Schmerz, der
so wehe thut, wie die blutende Wunde der armen Eudoxia. Dann bete ich oft vor
ihrem kleinen Betpulte und bitte Gott um ein frommes Herz, damit ich Dich nicht
Deinen Pflichten entziehe, sondern stille harre, bis der Segen der Aeltern Dich
zu mir zurck fhrt. - Wie viel Thrnen mag hier die arme Eudoxia geweint haben.
Wenn ich das kleine kunstreiche Pult betrachte, so denke ich oft, ich msse die
Spur ihrer Thrnen noch darauf entdecken knnen; und als ich sie heute Morgen
wirklich entdeckte, erschrak ich fast; denn ich hatte vergessen, da es meine
eigenen waren.
    Den Harfion hat mir ein Mnch aus der Abtei Tabor neu besaitet. Er lehrt
mich die Stimmung und die eigene Weise, ihn zu spielen. Schon habe ich
Fortschritte gemacht - da ich aber nur in Eudoxiens Zimmer spiele, so ist mein
Flei nicht gro.
    In dieser Weise waren viele Bltter angefllt, zierlich und fein geschrieben
mit der eigenthmlichen Geradheit der Linien und Buchstaben, die ihren
Schriftzgen fast eine Portraithnlichkeit mit ihrem ganzen Wesen gaben. Leonin
vertiefte sich in sie, und die nur verdeckt liegende Empfindung fr sie wurde
erweckt durch das se kleine Wellengekrusel ihrer Worte. Er fhlte sich der
Liebende wieder, und was er schrieb, trug den Karakter dieser Empfindung.

Als Leonin am andern Morgen sich anschickte zu seiner Mutter zu gehn, war er
fester, wie frher, entschlossen, ihr jet selbst seine Verbindung mit Fennimor
anzuzeigen und ihren Rath, ihren Beistand zur Ausgleichung dieser Verhltnisse
aufzurufen. - Gehoben durch diesen Entschlu, fhlte er sich zufriedener, und
sein Ausdruck gewann unwillkrlich an Ernst und Wrde. -
    Als er den kleinen Salon betrat, in welchem die Marschallin ihre
Morgenstunden zubrachte, ruhte sie behaglich auf einem Armstuhle in der Mitte
des Zimmers, dem Fenster zunchst, an welchem Mademoiselle Louise auf einer
kleinen Erhhung sa, in eine nebelartige Draperie gehllt, das Haar halb
aufgelst und mit einigen Blumen phantastisch geschmckt. Vor ihr sa ein junger
Mann mit Palette und Pinsel und vollendete vor dem reizenden Originale ein
groes Portrait der liebenswrdigen Louise. Die Marschallin berlief ihren Sohn
nur mit einem Blicke und wute gleich, es solle heut' Entdeckungen geben, die
sie nicht hren wollte. Sie erhob daher ihre Stimme augenblicklich noch mehr als
zuvor, um dem Sohne anzudeuten, da sie inmitten einer Rede sei und reichte ihm
blos lchelnd die Hand zur Bewillkommnung.
    Ich sage Ihnen aber, mein lieber Leseur, Ihre ewigen Grillen mit dem armen
Lebrun sind aus der Luft gegriffen - er denkt nicht daran, Sie beim Knige
verkleinern zu wollen! Gestern Abend noch sagte Seine Majestt, er habe von dem
schnen Portrait gehrt, das Sie von Mademoiselle Louise machten, und ich
erhielt die Erlaubni, es ihm prsentiren zu drfen. -
    Der Eindruck, den Leseur von dieser Hoffnung erhielt, war sichtlich
erheiternd. Er stand auf und neigte sich tief vor der Marschallin, und Leonin
hatte nun Gelegenheit, sich dem berhmten Knstler zu nahen, dessen damals sehr
bewunderte Bilder aus dem Leben des heiligen Bruno fr das Karthuserkloster in
Paris, ihn zu einem Rival Lebrun's gemacht hatten, dessen glnzendes Genie
Keinen neben sich dulden wollte.
    Aber schon trug Leseur die Farbe der Krankheit, die seinem Leben ein frhes
Ziel setzte, auf dem Antlitze. Seine Wangen waren eingefallen, und ein Paar
krnklich rothe Flecke unter den Augen contrastirten, Unheil verkndend, mit der
gelblichen Farbe der Haut. Doch konnte Niemand dieses edle Opfer unermdlichen
Fleies ohne Antheil und Achtung betrachten. Diese seelenvollen, groen,
schwarzen Augen schienen um den Mangel der physischen Kraft zu klagen, die der
sprudelnde Geist zu seinen Schpfungen begehrte. - Seine schlanke, magere Figur
war frhzeitig gebeugt, seine Kleidung immer zu weit, und wenn auch sauber, doch
zerstreut angelegt, ohne die Verheerungen zu verbergen, welche schon von dem
Vorschreiten der Krankheit zeigten. Seine Sprache war abwechselnd rauh, oder
leise und schwach, die kleinste Veranlassung schreckte ihn auf und erfllte ihn
mit Einbildungen. Er hielt sich verfolgt und gekrnkt, er mikannte seine
Erfolge und glaubte sich von Niemand geschtzt und gewrdigt. Auch that Lebrun
Manches gegen, Nichts fr ihn, welches ihm um so leichter durchzufhren wurde,
als er der Modemaler geworden war, dessen Name die Menge von der Nothwendigkeit
erlste, selbst zu prfen und ihr die Bequemlichkeit sicherte, eine Bewunderung
zeigen zu drfen, die sie nicht nthig hatte zu beweisen; da der Name Lebrun fr
ihre fehlende Beurtheilung gut sagte.
    Eben hatte Leseur der Marschallin geklagt, wie Lebrun ihn verfolge, und
Wahrheit und Tuschung mengten sich krankhaft durch einander, was die kluge
Frau, die herrschende Mode, Knstler und Gelehrte zu beschtzen, mitmachend, mit
voller Beredsamkeit in Leseur zu mildern gesucht hatte.
    Hier, mein Lieber, sprach sie zu ihrem Sohne - eilen Sie, die angenehme
Bekanntschaft unsers berhmten Leseur zu machen und bewundern Sie dann das
bezaubernde Bild von Mademoiselle Louise, welches wir ihm verdanken werden.
    Dies that Leonin mit der ganzen Freundlichkeit, die seinem wohlwollenden
Herzen so natrlich war, und berhrte dadurch das Gemth des Knstlers wahrhaft
erquickend; aber noch wohler that ihm das Entzcken, mit welchem Leonin das
Portrait seiner geliebten Louise betrachtete, das, wenn auch im Geschmacke der
Zeit etwas nebelartig und phantastisch aufgefat, doch keinem Zeitgenossen
anders, als ein vollendetes Kunstwerk erscheinen konnte.
    Er nthigte Leseur, an seine Arbeit zurck zu kehren, und nahm an seiner
Seite Platz, mit Interesse die fortschreitende Arbeit des Knstlers verfolgend.
    Und dieser Mann, den Sie mit Recht so bewundern, mein Sohn, - fuhr die
Marschallin im trockenen Protektionstone fort - knnen Sie denken, da er mich
den ganzen Morgen schon in Arbeit erhlt, um ihm seine thrichten Einbildungen
zu verjagen, weil er sich berredet, Lebrun sei Schuld, da der Knig seine
schnen mythologischen Bilder fr das Hotel Lambert nicht erlaubt hat, im Louvre
auszustellen?
    Ach, Madame, seufzte Leseur leise - Euer Gnaden sind so gut, da Sie von
der Bosheit der Menschen keine Vorstellung haben - der Herzog von Rochefaucault
war ja schon vllig von der Einwilligung des Knigs berzeugt, als er pltzlich
ber die ganze Sache schwieg und endlich die Achseln zuckte. Was konnte das
Anderes bedeuten, als da Seiner Gnaden mir den Grund verschweigen wollten?
    Wie das nun aus der Luft gegriffen ist und eigentlich Nichts beweist! fuhr
die Marschallin fort. Der Herr Herzog kann ja so viel verschiedene Grnde
gehabt haben, zu schweigen, wie Seiner Majestt, es abzuschlagen!
    Ja, sprach Leseur heftig, aber le Beaume, der Kammerdiener Seiner
Majestt, sagte mir, Lebrun habe an dem Tage eine Audienz bei dem Knige gehabt.
Da wird Seiner Majestt ihn ber den Werth der Bilder befragt haben, und Lebrun
wird sie der Ehre unwerth erklrt haben, im Louvre ausgestellt zu werden.
    Nun, wei Gott, rief die Marschallin lachend, wenn solch' ein
eigensinniger Knstler Recht haben will, dann wird ihm die gesunde Vernunft
selbst dienstbar, seine tollen Behauptungen zu untersttzen! Klingt es nicht,
als ob er Recht htte? Und doch ist es nicht wahr, das mchte ich beschwren -
Und ich will es heraus bekommen, verlat Euch darauf! Und ist es so, schaffe ich
Euch Genugthuung - der Gram soll nicht auch noch an Eurem Herzen nagen!
    Ach, rief Leseur, es hat mein Herz so tief getroffen, da Hilfe zu spt
kommt, frchte ich. Ich bin ffentlich lcherlich damit gemacht, verachtet und
dem Hofe blo gestellt. Denn schon hatte sich das Gercht dieser Ehre
verbreitet, und ich hatte Glckwnsche darber empfangen. Wollte Gott, ich wre
weit weg von Paris! Die Steine auf der Strae sehen mich an, und ich zittere,
irgend wem zu begegnen, der mich kennt! -
    In Wahrheit, Leseur, erwiederte die Marschallin, als der kranke Knstler
ermattet sich in seinem Stuhle zurcklehnte, und groe Schweitropfen seine
Stirn bedeckten - es wre besser, Ihr verlieet auf einige Zeit Paris; und
statt zu arbeiten, gensset Ihr etwas die Landluft, die Euch, trotz der
vorgerckten Jahreszeit, bei der Milde dieses Winters zusagen wrde. - Geht auf
meinen Plan ein, und ich gebe dem Intendanten Befehl, auf meinem Schlosse Moncay
Alles zu Eurem Empfange bereit zu halten. Dort gehet und fahret spazieren und
begleitet die Jger zur Jagd! Ihr seid in Wahrheit krank und habt eine
Krankheit, die Paris, das Louvre und Lebrun heit, und die Ihr nur los werdet,
wenn Ihr ihr entlauft!
    Leseur war tief bewegt - zu sehr, um seiner Stimme vertrauen zu knnen. Er
arbeitete deshalb still fort, und wenn er den engelschnen Ausdruck von Louisens
theilnehmenden Augen zu kopiren vermocht htte, mute dies Bild allein ihn
unsterblich machen.
    Leonin aber fhlte sich bezaubert von dem Talente des Knstlers, und je mehr
er sich berzeugte, Louise selbst in all ihrer Schnheit und Jugend und dem
rhrenden Ausdruck ihrer Seele trete aus der Leinwand hervor, um, entfernt von
dem Originale, Jedem zu sagen, welch' ein reizendes Wesen sie sei - je glhender
fhlte er das Verlangen, so Fennimors Bild zu besitzen; und die Hoffnung, auf
diese Weise seiner Mutter einen vortheilhaften Eindruck zu geben, untersttzte
immer entscheidender sein eigenes Verlangen.
    Belebt von diesem Zwecke, suchte er ein Gesprch mit Leseur einzuleiten und
sein Vertrauen zu gewinnen; auch war dies nicht schwer. Krankhaft reizbar, war
er eben so empfnglich fr eine edle Behandlung, der seine eigene Richtung
vollkommen entgegen kam. Er zeigte eine feine, knstlerische Bildung, ein
vollkommenes Studium der klassischen Kunst, und obwol er Frankreich nie, Paris
kaum verlassen hatte, kannte er doch aus Kupferwerken und Copien die
italienischen Schulen, betete Raphael als seinen Schutzheiligen an und glaubte
vorzglich in diesen letzten mythologischen Bildern die Erfolge seiner Studien
dargethan zu haben.
    Als die Sitzung aufgehoben war, begleitete ihn Leonin und beredete ihn, sein
Zimmer zu betreten, unter dem Vorwande, seine Equipage zu bestellen, um den
sichtlich erschpften Knstler nach Hause bringen zu lassen. - Hier kam er auf
den Plan der Marschallin zurck, da Leseur aufs Land gehen solle - und schlug
ihm endlich vor, Ste. Roche statt Moncay zu whlen, und abwechselnd dem
Umherschwrmen im Freien und einer Arbeit zu leben, die er ihm dort aufzutragen
dchte.
    Leseur war hingerissen von Leonins Betragen - voll Sehnsucht, Paris zu
verlassen. Das Portrait der Mademoiselle Louise war fertig - vorlufig hielt ihn
Nichts - und ehe sie sich trennten, hatte Leonin sein Wort. Die Abreise des
Kammerdieners ward einen Tag aufgeschoben, damit er Leseur mit aller Sorgfalt,
die seine Gesundheit erforderte, nach Ste. Roche begleiten knnte.
    Was Sie dort fr Arbeit finden, wird Ihnen ein Brief mittheilen, den Sie
unterwegs lesen werden, setzte Leonin lchelnd hinzu - seien Sie sicher, der
Gegenstand wird Sie begeistern!
    In diesem Briefe verlugnete er Fennimor als seine Gemahlin nicht; doch mit
dem ausdrcklichen Verlangen, hierber noch das grte Geheimni zu bewahren.
    Erst, als er Alles zu dieser Reise bei seinem gewandten Kammerdiener
eingeleitet hatte, fhlte er sich geneigt, zu seiner Mutter zurck zu kehren.
    Die Marschallin hatte seine Rckkehr nicht erwartet und war einen Moment
unangenehm davon berrascht; denn sie sah es ihm an, er bestand hartnckig auf
seinem Vorsatze, ihr Vertraun zu erzwingen; und sie mute Anderes ersinnen, ihn
abzulenken.
    Nun, mein Lieber, kommst Du jetzt, Dir gndige Strafe von Deiner Mutter zu
holen? rief sie ihm entgegen.
    Wenn meine geliebte Mutter die Gnade hat, mir zu sagen, womit ich sie
verschuldet habe, rief er arglos - und von dem leisesten Lcheln dieses sprden
Mundes wie bezaubert, setzte er sich, mit der grten Zrtlichkeit in Blick und
Miene, an ihre Seite.
    Nun, sagte die Marschallin, mein Tadel wird nur die Besttigung davon
sein, da Frankreich das vollkommenste Land der Erde ist; da man alle Lnder,
alle Hfe bereist haben kann, und doch an dem hiesigen Hofe als ein Neuling
erscheinen und die Schule von Vorne durchmachen mu. Sie sah bei diesen Worten
anscheinend ruhig vor sich nieder; doch entging es ihr nicht, wie Leonin's
Antlitz mit Purpur berzogen ward, und er die empfindlich glnzenden Augen
unruhig auf und nieder schlug.
    Ich bin bekmmert - lassen Sie mich hinzusetzen, erstaunt, zu erfahren, da
ich diese Betrachtung auf mich anwenden soll! erwiederte er endlich - fremd
habe ich mich allerdings bei Hofe noch gefhlt; aber dies schien mir keine
Verschuldung oder doch eine solche, die alle Andern gegen mich theilten.
    Das war es eben, mein Lieber! Sie lassen sich imponiren - Sie zeigen keine
Haltung - Sie sind nicht bei sich und reflektiren sich selbst - mit einem Worte,
Sie haben nichts Vornehmes in Ihrer Art und Weise! Ein Vornehmer, mein Lieber,
mu nie in den Fall kommen, mit irgend Etwas fremd zu sein. Er mu berall mit
ruhiger Gleichgltigkeit zu Hause scheinen - er mu mit sich selbst ein
bestimmtes, von den Grazien des Anstandes gelehrtes Gefallen treiben, das ihm
Unterhaltung und Beschftigung gewhrt und das Publikum zu ihm heranzieht,
dessen Theilnahme er benthigt ist. Sie mssen nie daran denken, sich dem Einen
oder Andern anzuschlieen. Sie, Sie selbst mssen da stehen, da man sich an Sie
anschliee! Dazu gehrt, da Sie zu Anfange sich kalt in sich zurckziehen - da
Niemand erfahre, ob oder was fr Meinung Sie haben, da man sich Ihnen nhert,
sie zu erfahren; dann werden Sie Sicherheit bekommen, Ihre Meinungen
auszusprechen, und diese mssen entscheidend, untrglich und Alles berrennend
sein. Sie mssen damit das Programm vertheilen, wie man sich gegen Sie zu
verhalten hat, und in welcher Weise Sie sich verhalten wollen. Ob dabei
Ihrerseits Irrthmer nachzuweisen sind, ist vorlufig gleichgltig - Irrthmer
sind besser, wie Unsicherheit; und stehen Sie erst fest und wollen Etwas ndern,
so steht Ihnen dann das Recht zu, jede Laune einzuschalten.
    Vielleicht war es Fennimor's guter Engel, der herbei eilte und mit seinen
Thrnen das neue Zeichen wegzuwischen trachtete; denn Leonin fhlte es kalt ber
sein Herz gleiten, als er die Rolle vor sich entwickelt sah, die er hier lernen
sollte, den Beifall seiner Mutter zu gewinnen.
    Madame, sagte er kalt, ich frchte, ich werde nie ein vornehmer Mann in
Ihrem Sinne!
    Das bilden Sie sich nur ein, mein Kind, erwiederte die Marschallin
unerschttert - Sie werden in kurzem einsehen, da dies der einzige Weg ist,
sich in der Masse hervorzuheben, da es Alle so machen, die, wie Sie, einen
vornehmen Namen zu behaupten haben; und ich wei sogar bestimmt, Sie werden
diesen Weg gehn, ja, Sie wrden ihn entdeckt haben ohne meinen Rath. Doch wrde
ich ungern Zeuge Ihres Umhertappens danach gewesen sein; auch htte es eine
kleine Versptung veranlassen knnen, so da man ber Ihre Erscheinung
abzuschlieen Lust gehabt htte; und so Etwas ist nie wieder gut zu machen.
    Obgleich Leonin mit seinem Betragen nicht zufrieden gewesen war, so lag
dies, wenn auch zum Theil von seiner Eitelkeit angeregt, doch mehr in den
Vorwrfen, die er sich machte, ihr mehr nachgegeben zu haben, als er seiner
bessern Einsicht zugestehen durfte. Hier aber wurde er pltzlich aller Prdikate
beraubt, die er mit angeborenem Standes-Stolze sich gesichert glaubte - und er
versuchte vergeblich seine bessere menschliche Ueberzeugung gegen die Streiche,
die sein Hochmuth empfing, zu Hlfe zu rufen. Die Marschallin behielt Zeit,
fortzufahren:
    Sie hatten eine Unruhe in Ihren Bewegungen, einen Wechsel von
Verbindlichkeit und Milaune in Ihren Mienen, Sie lieen sich ohne Wahl und
Nachdenken bald Diesem, bald Jenem vorstellen - Herr von Fenelon ist bei weitem
unter Ihrem Range, und ich habe Herrn von Dreux Vorwrfe gemacht, es zugelassen
zu haben. Dem Knige haben Sie eine Theaterphrase geantwortet - die Erwiederung
an Madame war ganz unberlegt; und dem Knige antwortet man berhaupt nie, ohne
eine bestimmte Frage erhalten zu haben. Genug, mein Lieber - meine Absicht,
Ihnen grere Freiheit, eine sicherere Haltung durch diese Reisen zu
verschaffen, da Ihr Naturell etwas Zurcktretendes hat, scheint sich noch nicht
zu besttigen. Man knnte denken, Sie wren in der letzten Zeit in keiner guten
Gesellschaft gewesen - wenigstens glaube ich sicher, unmittelbar aus der
Gewhnung dieses Hauses in unsere Zirkel bergehend, wrde es Ihnen nicht an
einer taktvolleren Haltung gefehlt haben; - obwol ich gern zugeben will, da der
Anblick unseres erhabenen Monarchen und dieser ihm zugehrenden Umgebungen ganz
geeignet ist, zu erschttern und aus dem Gleise zu bringen.
    Ich habe hiervon in dem Maae, wie Sie es voraussetzen, Nichts empfunden -
erwiederte Leonin und versuchte, seine von Zorn und Empfindlichkeit bebende
Stimme zu migen. Wenn Euer Gnaden so wenig Ehre mit mir einlegen, wie dieser
erste Versuch befrchten lt, so ist es besser, ich folge meiner ohnehin
strkeren Neigung, mir selbst zu leben, und verlasse einen Schauplatz, dessen
Anforderungen ich so wenig zu verstehen scheine!
    Nun, wahrlich, lachte die Marschallin hell auf - ich freue mich, da Sie
nicht ganz das wilde Blut der Crecy verlugnen und bei der ersten kleinen
Zchtigung Ihrer Eitelkeit gleich ber die Leine schlagen und davon laufen
wollen. Das ist mir lieb, und wenn Sie selbst Ihre eigne Mutter fr angethane
Beleidigung in die Schranken rufen, soll mich das nicht verdrieen. Eine Mutter
ist so oft das Opfer ihrer Liebe fr die Kinder ihres Herzens, da sie selbst
vor den Zchtigungen nicht zurckbeben darf, die diese Kinder ihr geben mchten.
- Du zrnst doch nicht ernstlich mit Deiner Mutter, Leonin? rief sie liebevoll
scherzend und reichte ihm die Hand.
    Diese Art und Weise, von der grten Strenge und Hrte pltzlich in die
Zrtlichkeit einer Mutter berzugehn, war fast unwiderstehlich fr Leonin. -
Sein Herz fhlte sich von dem Kampfe des Unwillens erlst, das Blut flo wieder
warm daraus hervor, und wenn seine Ueberzeugungen gegen ihre scharfen
Geielungen sich fest verhielten, wurden sie doch in dem Augenblicke verdeckt,
als diese Weichheit hervortrat, die nur Anforderungen an seine Liebe zu machen
schien und ihn anregte, jede unsanfte Berhrung von der zrtlich Hingegebenen
abzuhalten.
    O, meine Mutter, rief er, ihre dargereichte Hand kssend, wer knnte je
Ihre ewig gleiche Liebe, Ihre unendliche Ueberlegenheit verkennen? Vergeben Sie
meine Aufwallung, die so natrlich ist bei der Befrchtung, Ihnen mifallen zu
haben; doch lassen Sie mich hinzufgen, ich frchte in Wahrheit und nicht aus
Empfindlichkeit, wie es Ihnen eben schien, ich werde die Aufforderungen nie
erfllen knnen, die hier mit der Entuerung unserer ganzen Ueberzeugung, an
uns ergehen.
    Mein Kind, stelle Deine Ueberzeugungen nur erst Deinem Range und Deinen
Ansprchen gem fest, so wirst Du Nichts von ihnen aufzuopfern nthig haben. -
Hierber bist Du noch im Unklaren, daher entsteht der Widerspruch, der Dich
reizt und den Du - von kleinen jugendlichen Phantasien abgezogen - nicht krftig
genug beseitigest.
    Nennen Sie das nicht jugendliche Phantasien, meine Mutter! unterbrach sie
hier Leonin hastiger, als sie es erwartet hatte - worauf Sie hindeuten mit
diesen Worten - es ist der ernste, heil'ge Kern meines Lebens, den Sie
mtterlich schtzen mssen, wenn Sie Ihren Sohn glcklich sehen wollen!
    Er hoffte einen groen Schritt gethan zu haben; er erwartete jetzt, sie
werde ihm zu Hlfe kommen ihr endlich sein ganzes Verhltni offen darlegen zu
knnen; aber die Marschallin zrnte sich und ihm, da es so weit gekommen war,
und dachte nur daran, ihn entweder zurckzudrngen oder seine Zuversicht zu
erschttern. Ehe sie inde das Geeignete sagen konnte, sank Leonin, verfhrt von
ihrem Stillschweigen, ihr zu Fen.
    Ich wei, - rief er, tief bewegt - Sie erfuhren Alles! Souvr hat Ihnen
Nichts verschwiegen - er durfte es auch nicht! Habe ich auch schnell, vielleicht
voreilig gehandelt, so habe ich doch Nichts gethan, was mich verunehrt; und das
neue Verhltni sichert mir Glck und die schnste Zukunft!
    Das Herz der Marschallin schwoll auf von Zorn. Sie mute ihre Augen
niederschlagen, um der Wichtigkeit dieser Mittheilung nicht Geltung zu
verschaffen durch das Funkeln des Unwillens, dessen sie sich bewut war.
    Nehmen wir diese Sache, ber die der Marquis de Souvr mir allerdings
Einiges mitgetheilt hat, nicht zu wichtig, mein Sohn! Es wre besser gewesen, Du
httest es bei dem bewenden lassen, was ich darber durch Souvr erfuhr. Es ist
kein passender Gegenstand, um ihn mit Deiner Mutter zu verhandeln, die stets
eine Frau von so reinen Sitten und so untadelhaftem weiblichem Gefhle war, da
sie selbst die Erzhlungen von den Verirrungen ihres Geschlechtes in jenen
niederen Stnden von sich abzuhalten wute. Wenn ich gewnscht htte, Deine
Sitten auch in dieser Beziehung vollkommen rein erhalten zu sehen, so habe ich
doch alle Schwchen einer Mutter, die nicht allein zum Verzeihen geneigt ist,
sondern den Verfhrungen, die dazu hinlockten, gern einen bedeutenden Theil der
Schuld beilegt. - Ich darf Dir brigens den Trost geben, da Dein Vater ber
diese Jugendthorheit gnzlich in Unkenntni erhalten ward, und da es uns auch
gewi leicht werden wird, ihn ferner darin zu bewahren. Seine ungemessene
Heftigkeit wrde, im Falle der Entdeckung, Dir und mir unangenehme Stunden
machen.
    So sehr Leonin sich auch mehrere Male bestrebte, die Worte seiner Mutter zu
unterbrechen, so wollte ihm dies doch nicht gelingen, und er mute den ganzen
Inhalt ihrer Ansicht ber sein Verhltni erfahren, und damit den vollen Umfang
seiner unglcklichen Stellung erkennen.
    Um Gotteswillen, theure Mutter, in welchem Irrthume sind Sie ber dies
Verhltni, da Sie es so herabwrdigend bezeichnen knnen! Hat man Ihnen denn
nicht gesagt, welcher Heiligung es geniet - und wie es dadurch von jedem Makel
der Unsittlichkeit befreit blieb?
    Ich bitte Dich, mein Kind, sagte die Marschallin, nach Fassung ringend,
erwhne die sonderbare Farce nicht, mit der Deine jugendliche Unerfahrenheit
betrogen ward. - Obwol es emprend ist, kirchliche Formen, wenn es auch nur die
unzureichenden jener Ketzersekte sind, da anzuwenden, wo selbst unsere heiligen
Segnungen ihre Zulassung vllig ungesetzlich machten, so mssen wir jetzt doch
Gott danken, da weder Dein Alter, noch die Anwesenheit Deiner Aeltern den
kleinsten Schein einer bindenden Verpflichtung auf diese unerlaubte Prophanie
werfen knnen; denn sie macht wenigstens ernstere Schritte unnthig, Dir Deine
Freiheit wieder zu geben. Doch bitte ich Dich, wenn Du jetzt daran denken wirst,
diese Verhltnisse zu beseitigen, da dies mit dem Anstande geschieht, den
Personen so hohen Ranges auch bei solchen Abfindungen sich selbst schuldig sind.
Du hast Vermgen genug, dies ausreichend auszufhren, und selbst meine Kasse
wrde Dir offen stehen.
    Nein, nein, ich ertrage es nicht! schrie Leonin hier wie im Wahnsinne auf.
- Hren Sie mich! Um Gottes Willen, hren Sie mich, wenn Sie mich nicht tdten
wollen! Sie sind im Irrthume, in einem schrecklichen Irrthume! Lassen Sie mich
Ihnen Alles, Alles erzhlen, und dann lassen Sie mich fort von hier, wo ich
nimmer hinpassen werde, verworfen von Allem, was hier Geltung hat! -
    Gemach, mein Sohn! unterbrach ihn die Marschallin - Sie verfehlen den Ton
mit mir! - Mademoiselle Louise, stehen Sie auf und erinnern Sie Ihren Bruder,
da Sie gegenwrtig sind, und da diese Unterredung aufhrt, passend zu sein fr
Ihre Anwesenheit! - Lassen Sie uns jede Errterung vermeiden, da sie uns
nothwendig verstimmen mu! -
    O, das ist kein Wort fr eine Angelegenheit, die mein Lebensglck bedingt!
- Theure Mutter, entziehen Sie sich mir nicht so! - Louise, meine Schwester,
bitte fr Deinen Bruder, wenn Du ihn nicht unglcklich und zerfallen mit sich
und allen seinen Lebensverhltnissen sehen willst! -
    Louise warf sich ihm laut weinend in die Arme und umschlang ihn, als wolle
sie mit ihrer zarten Gestalt ihn decken gegen jeden Angriff auf sein Glck. Sei
ruhig, Leonin - Du wirst, Du kannst nicht unglcklich werden! Nein, nein, unsere
Mutter wird Dich schtzen - retten! -
    Knnen Sie es verantworten, solche Scene veranlat zu haben? sagte die
Marschallin, sich unmuthig erhebend. - Louise, Du vergit, da Dich Frulein
von Lesdigures erwartet.
    Gehen Sie so nicht von mir! rief Leonin, die weinende Louise aus seinen
Armen sanft in einen Stuhl setzend - meine Ehre, meine Pflicht befiehlt mir,
Sie um Gehr zu bitten; denn der grte Theil Ihres Unwillens beruht auf Ihrer
Unkenntni.
    Heute nicht, mein Sohn, rief die Marschallin pltzlich wie erschpft -
ich fhle, ich bedarf der Ruhe - ich kann von Ihnen diese Schonung fordern! -
    Befehlen Sie ber mich! Wenn Sie mir diese Unterredung nicht versagen und
bis dahin Ihr Urtheil zurckhalten wollen, werde ich voll Geduld und Ehrfurcht
abwarten, bis Sie sich geneigt fhlen, mich anzuhren.
    Obwol die Marschallin hierauf nichts erwiederte, mute Leonin schon ihr
Schweigen fr eine Gunst ansehen, woran eine leise Hoffnung zu knpfen, ihm der
einzige Trost war bei der entsetzlichen Niederlage, die er erfahren. -
    Aber diese Unterredung, deren Ansetzung er mit so viel Unruh' erwartete,
erfolgte nicht. Eine Anregung von seiner Seite miglckte um so mehr, da sie
anzudeuten wute, wie sie den Gegenstand lngst fr erledigt hielte und fr zu
unbedeutend, um darauf zurck zu kommen. In eben dem Maae ward der alte
Marschall dringender mit einer von ihm lebhaft gewnschten Vermhlung seines
Sohnes; und obwol die Marschallin die Grundstze gern vor ihrem Sohne entfalten
hrte, die seinen Hoffnungen tdtlich werden muten, so wute sie sich doch
stets hchst geschickt das Ansehen eines vermittelnden Schutzes zu geben und so
in der Stille Leonin's Dank zu verdienen.
    Seine ffentlichen Verhltnisse hatten inde ganz die Wendung genommen, die,
seiner Eitelkeit zusagend, die Vorwrfe der Marschallin zu entkrften schienen.
Tglich ffnete sich ihr Hotel fr die ausgezeichnete Gesellschaft, die sie zu
empfangen pflegte. Leonin war den Personen, aus denen der Hof bestand, bekannt
geworden, und ohne da er es gewahr wurde oder doch sich eingestehen wollte, war
das Bild, das seine Mutter von einem vornehmen Manne entworfen hatte, in seine
Phantasie bergegangen, und drckte sich nach und nach in seinen Formen aus. Er
fhlte sich dabei wohler, den Verhltnissen gegenber erleichtert, und nicht
nachfragend, wohin dieser Weg ihn fhren msse, lebte er, wie der Augenblick es
ihm bequem finden lie.
    Endlich wurde groe Cour und ein darauf folgendes Fest bei der Knigin
angekndigt, welche seit dem erwhnten Unfalle bei dem Hotel Biron sich unwohl
gefhlt hatte, und ein Gegenstand der zartesten Aufmerksamkeit des Knigs
gewesen war. Man sprach zwar von dem Verhltnisse zur Lavallire, aber nur
andeutend - und mit einer Schonung, die diesem Verhltnisse einen Karakter
romantischer Empfindsamkeit - einen Grad von Ehrbarkeit verlieh, an dem die
Gewalt zu erkennen war, die der Knig selbst ber die feststehendsten Grundstze
auszuben vermochte, die man aufhrte der gewhnlichen Prfung zu unterwerfen,
wenn sein Wille sie gestaltete. Das demthige und bescheidene Verhalten der
Lavallire trug hierzu bei - sie war immer ablehnend gegen jede Auszeichnung und
setzte die Geduld des Knigs tglich auf Proben, die nur seine anbetende Liebe
gegen sie berwand. Man sagte sich leise, sie wrde bei dieser Cour zuerst als
Herzogin erscheinen, wozu der Knig sie vor kurzem fast mit Gewalt erhoben
hatte, die Ausstattung des Hotels Biron dieser Auszeichnung hinzufgend; man
wute, da die Knigin von den Liebesbeweisen ihres Gemahls gerhrt, ihre
Einwilligung gegeben hatte, sie mit den ihr zustehenden Vorrechten als Herzogin
zu empfangen.
    Diesem Schauspiele drngten sich nun die Hofleute, welche berechtigt waren
bei der Knigin zu erscheinen, in groer Anzahl entgegen, und es war kein
kleines Geschft, die Ordnung herzustellen, die Jedem den Platz anwies, den sein
Rang erforderte.
    Der Marschall hatte sich gleichfalls herausgerissen, um wenigstens ein Mal
den geliebten Sohn vor den Augen seines Knigs zu sehen. Er war mit ihm
vorangefahren, und die Marschallin und Louise, die ihnen folgten, noch nicht
eingetroffen, als die voraneilenden Cavaliere erschienen und Anna von
Oesterreich, die Mutter des Knigs, verkndigten, welche unmittelbar darauf mit
dem grten Pompe eintrat, von ihrem ganzen Hofstaate gefolgt. - Die Zeit seit
dem Tode Mazarin's hatte die Eindrcke gemildert, die damals an ihren Anblick
die gehssigsten Empfindungen knpften. Die ungemeine Hochachtung, die kindliche
Ehrfurcht, mit welcher der Knig seine Mutter behandelte, lieen keinem Andern
eine Wahl seines Verhaltens. Anna von Oesterreich, welcher es nicht an feinem
Verstande fehlte, und deren unglckliche und ungewhnliche Verhltnisse, als
Gattin Ludwigs des Dreizehnten, Entschuldigungen zulieen, wute jetzt eine so
wrdevolle Stellung zu behaupten, da sie bei allen Angelegenheiten ihrer
Kinder, wie die des Hofes, einen wirklich mtterlichen Rang einnahm und ihnen
zur Ausgleichung ihrer Streitigkeiten auf verstndige Weise behilflich war.
    Auch jetzt hatte sie die Knigin zu ihrem milden Verfahren gegen Madame de
Lavallire beredet, und die edle, sanfte und zrtlich liebende Maria Theresia
hatte den neuen Schmerz zu bekmpfen gesucht, immer hoffend, so sich den Knig
dereinst zurck zu fhren. - Wohlmeinend eilte daher Anna ihrem Sohne zur
Knigin voran, diese durch ihren Zuspruch und ihre Gegenwart zu sttzen. Sie
begrte deshalb die zahlreiche Versammlung nur vorbergehend; als sie aber den
Marschall Crecy-Chabanne erblickte, dessen auffallende Erscheinung nicht leicht
bersehn werden konnte, blieb sie stehen und nickte ihm wohlwollend zu.
    Das ist brav, Marschall, da ich Euch hier am Hofe eben so in den
vordersten Reihen finde, als frher in der Schlacht! rief sie mit starker,
herzlich klingender Stimme und nherte sich ihm; aber lngst vom Vater weg auf
Leonin blickend, dessen jugendliche Schnheit dies vollkommen rechtfertigte.
Doch habt Ihr auch, wie ich sehe, eine Sttze mit Euch gefhrt, die ausreichen
wird, wenn Ihr ermdet. - Ich heie Euch willkommen, junger Mann! Man sagt mir,
Ihr seid nicht umsonst gereist, Ihr habt Euren Verstand entwickelt; das ist zu
loben und wird nie von Seiner Majestt dem Knig bersehen - auch ich werde mich
dessen erinnern.
    Lassen Euer Majestt ihn sich empfohlen sein! rief der Marschall, seiner
alten Herrin gegenber hoch erfreut - ich hoffe, er soll den Namen nicht
verunehren, den Eure Majestt so oft ausgezeichnet haben.
    Ja, ja, Marschall, wir haben viel zusammen Rath gehalten, fuhr die Knigin
fort, angenehm durch ihn an ihre Regentschaft und Macht erinnert - und immer
wart Ihr ein Brausekopf, der, den Degen in der Hand, die Scheide weg warf -
dafr suchtet Ihr sie aber auch nicht frher wieder, als Eurer Knigin Recht
geschah. -
    Wer durfte auch das Glck, Euer Majestt dienen zu knnen, anders ehren?
War doch das gute Recht immer auf unserer Seite. -
    So war es! erwiederte Anna, und ich verstand es Euch zu lohnen, nicht
wahr? Das eigne, liebste Hoffrulein, Mademoiselle Soubise, mute Euch die
Brautkrone flechten. -
    Euer Majestt wuten immer vollkommen richtig, so wichtige Angelegenheiten
zu leiten. Ich denke die Namen unserer gleich alten Huser haben sich stets gut
nebeneinander ausgenommen, und ich war stolz darauf, sagen zu knnen: diese Wahl
hat meine Knigin selbst getroffen! -
    Ja, lachte Anna von Oesterreich, wir hielten etwas auf unsern Marschall!
Und fast habe ich Lust, bei dem Sohne fortzusetzen, was mir bei dem Vater so gut
gelungen. Wie ist es, junger Mann - ich hoffe, Ihr seht die Schnheiten unseres
Hofes nicht als kalter Zuschauer? -
    Wer knnte an diesem Hofe kalter Zuschauer bleiben, da jeder Tag uns eine
neue erhabene Vereinigung unvergnglicher Schnheit und edler Geistesbildung
darbietet? Zu den Interessen des eignen Herzens behlt hier Niemand Zeit! -
    So! erwiederte die Knigin, nicht anstehend, diese schnell hervorgebrachte
Antwort als einen Tribut fr sich anzunehmen - nun, dann will ich schon fr
Euch Zeit finden und die Wahl besorgen!
    Leonin schwieg - der Marschall aber sprach seine Freude, sein Entzcken so
laut aus, da die Knigin, ber den alten Kriegshelden wohlgefllig lachend, ihn
verlie und in die inneren Gemcher verschwand.
    Das Ende dieser Scene hatte die Marschallin, die an Louisens Seite indessen
die Zimmer erreicht hatte, mit angehrt, und auf ihrem Platze gefesselt, konnte
sie nicht allein beobachten, sondern behielt auch Zeit, augenblicklich darnach
ihren Plan zu entwerfen. In diesem Augenblicke ward der Knig gemeldet, und die
Knigin verlie an der Seite ihrer Schwiegermutter die inneren Gemcher, um
ihren Gemahl in dem Audienzsaale zu empfangen.
    Hier sah Leonin die Knigin zuerst, und sein Herz war mit diesem ersten
Blicke ihr fr immer gewidmet.
    Maria Theresia, die Tochter Philipps des Vierten von Spanien, ward von allen
Personen, die ihr nher standen, mit der grten Hingebung geliebt, und
rechtfertigte durch ihren sanften und edeln Karakter vollstndig diese
Empfindung. - Sie wrde schn gewesen sein, wre sie grer gewesen; denn ihr
Gesicht ward blo durch etwas zu starke Lippen, welches ein Familienzug war, in
seiner sonst vollstndig regelmigen Form gestrt. Bewundernswrdig war
besonders ihr schnes blondes Haar und der damit verbundene feine Teint von
blendender Weie und Zartheit. Ihre Augen waren blau, gro, von klugem,
lebhaftem Ausdrucke, und untersttzten den Anstand und die Wrde, die ihr bei
ihrem ffentlichen Erscheinen vollkommen zu Gebote standen. Die
leidenschaftliche Liebe, die Maria Theresia fr ihren Gemahl empfand, hielt alle
Prfungen aus, die das abschweifende Gefhl des Knigs ihr auferlegte, und
sicherte diesem Verhltnisse eine groe Innigkeit und eine achtungsvolle
Behauptung des Anstandes; da der Knig immer gern und voll Ehrerbietung zu einer
Gemahlin zurckkehrte, die niemals Gefhle zu ertrotzen suchte, weil sie dazu
Rechte besa, und deren Vorwrfe fast nur in der Erschtterung bestanden, die
mit ihrer Freude, ihrem Glcke bei seiner Wiederkehr hervortrat. Aber der tiefe
Schmerz, den ihr unerwiedertes Gefhl ihren einsamen Stunden aufsparte, zeigte
den wenigen Vertrauten, die ihr als Zeugen blieben, wie heftig sie zu leiden
vermochte.
    Leonin hatte von diesen Verhltnissen nur eine allgemeine Kenntni. Der
Knig imponirte Allen, was selbst bis in die vertraulichen Mittheilungen seiner
Hofleute hinein, bemerkbar war. - Seine Liebe zur Lavallire war die erste
hervortretende Empfindung dieser Art; vielleicht berwltigte sie wirklich die
Meinung durch ihre Wahrheit, die sie auch jetzt noch jedem Forscher ber Ludwigs
Leben zu dem einzigen Gefhle seines Herzens erheben mu. Vielleicht war es auch
mehr noch die Furcht und Anbetung, die der Knig einzuflen wute - genug, es
wurden nur Andeutungen darber lautbar, und man mute selbst sehen, um sich das
Ganze zusammenstellen zu knnen. -
    Als der Knig eintrat und in der Mitte beider Kniginnen zu den Zimmern
seiner Gemahlin zurckkehrte, schien er ein ganz Anderer, als Leonin ihn
gesehen; denn hier war er nur Knig, und seine hohe gebietende Stirn, seine
ernsten geistvollen Blicke schienen das Diadem anzudeuten, das unsichtbar mit
seinem Nimbus ihn umschwebte.
    Die Kniginnen, obgleich beide mit der vollendetsten kniglichen Wrde und
mit dem Schmuck ihres Geschlechtes ausgestattet waren, gingen doch so unbemerkt
neben Ludwig einher, als ob sie blo die Sttzen seiner schnen Hnde wren.
Leonin sah, da sein Vater die Farbe nderte, und sein Gesicht ein Paar
Zuckungen erhielt, womit er Rhrungen zu bemeistern pflegte, als der Knig
vorber ging, den auffallenden Greis mit seinem Adlerauge streifte und kaum
merklich mit dem Kopfe nickte. Leonin ging es fast nicht anders; denn Nichts
ergreift uns so, als unsere Eltern gerhrt zu sehen. - Wir haben einen Glauben
an ihre Festigkeit und gedenken nicht der Zeit, wo sie nicht ausreichte, von den
Eindrcken jener berboten, wo sie unsere jugendliche Schwche sttzte. - Sie
von dieser Festigkeit verlassen zu sehen, macht sie uns jnger, bringt uns ihnen
nher; und indem es unsere Zrtlichkeit durch die Sorge fr sie erhht, erhebt
es die Wichtigkeit der Veranlassuug. Der Knig bedurfte keiner ueren Umstnde
zu der Anerkennung derselben, darum war die Wirkung auf Leonin doppelt stark.
    Die Herrschaften hatten Platz genommen, nur der Knig stand und bersah, mit
Gemessenheit seine Worte vertheilend, die glanzvolle Versammlung, die ihre
Huldigungen in tiefster Demuth darbrachte und dann sich beeilte, die Pltze
einzunehmen, die ihnen ihr Rang stehend oder sitzend anwies. Die Abstufungen der
Etikette wurden mit einem Ernste behandelt, mit einer Strenge beobachtet, welche
genau zu kennen, als das hauptschlichste Zeichen der Hofbefhigung galt, und
von Jedem befolgt, ohne Zweifel die wrdige, geruschlose Haltung dieses
glnzenden Schauspiels hervorrief.
    Jetzt eilte der Marschall von Crecy, mit einer Bewegung, die seine Hand fast
schmerzhaft um die seines Sohnes schlo, sich den hohen Herrschaften zu nahen;
und Ludwig, der den alten Helden im Begriffe sah, das Knie zu beugen, kam dieser
fr sein Alter fast unmglichen Huldigung zuvor, indem er ihm, mit unendlicher
Gte in Wort und Ausdruck, die Hand entgegen hielt, ihm so den Fufall
verwehrend.
    Madame, sagte er darauf zur Knigin, Sie mssen die Gnade haben, den Sohn
unsers braven Marschalls, den jungen Grafen von Crecy-Chabanne, als einen
Bekannten von uns, ohne weitere Ceremonie zu empfangen. Der Knig machte dazu
eine Handbewegung, die nicht miverstanden werden konnte, wie unmerklich sie
auch war - und Leonin beugte das Knie vor der Knigin und kte den Rand ihrer
Robe, worauf sie ihm ihre Fingerspitzen reichte und ihn aufstehen hie.
    Ihr seid uns in jeder Hinsicht empfohlen und willkommen! sagte die milde
Frau. Wir freuen uns, den Sohn so ausgezeichneter Eltern an unserm Hofe
begren zu knnen - auch wollen wir keine Feindin Eurer uns schon verrathenen
Wnsche sein, sondern im Gegentheile eine Beschtzerin derselben! -
    Obwol Leonin den Sinn dieser Worte nicht verstand, so lag doch in dem Tone
derselben ein Wohllaut, eine Gte, da es ihn entzckte, als er das Wort
Beschtzerin hrte. Er wagte aufzublicken, um sie den vollen Ausdruck von
Begeisterung sehen zu lassen, von dem er sein Gesicht strahlen fhlte.
    Sie wendete sich mit einem huldvollen Lcheln von ihm, Andere zu begren,
und jetzt erst erblickte er Mademoiselle de Lesdigures, die hinter dem Stuhle
der Knigin, wie eine schne Statue von cararischem Marmor, aufgerichtet stand
und ihr Leben nur durch die Blicke ihrer groen, glnzenden Augen verrieth, die
jede Erscheinung mit scharfer Wgung aufzufassen schienen. Auch ihn trafen sie -
und eine augenblickliche Unruhe, die ihre schnen Augenlieder schneller sinken
und steigen lie, zeigte, da sie ihn nicht ohne Beziehung wiedersah. In ihrer
Nhe stand Fenelon, und als sich Leonin zurckzog, gewahrte er, wie Jener, auf
ihn blickend, ihr einige Worte sagte, die sie, ohne Miene oder Stellung zu
verndern, erwiederte, worauf Fenelon zurck trat.
    Als Leonin schon anfing von der Dauer der Vorstellungen zu ermden, da Alle
ihre Pltze in steifer Haltung behaupten muten, und ihn eine bellaunige
Neigung befiel, dies Alles unnatrlich und bertrieben zu finden, ward er
pltzlich durch die schne, ruhige Stimme Fenelon's unterbrochen, der, an seine
Seite gelangt, ihn begrte.
    Sie sehen den Hof unserer guten Knigin heute zuerst? fuhr er fort; wenn
ich nicht irre, genieen Sie den Vorzug, ohne Ceremonien aufgenommen worden zu
sein.
    Seine Majestt wollte dadurch meinen Vater ehren, erwiederte Leonin - ich
hre, man hlt dies fr einen Vorzug. Man mu erst etwas lter bei Hofe werden,
um fr diese Feinheiten die rechte Wrdigung zu lernen. - Es schien mir das
Einfachste, da meinem Vater das Recht zustehe, mich zu beglaubigen.
    So scheint es allerdings, lchelte Fenelon. Es entwickeln sich leicht
kleine Unnatrlichkeiten in einem Verhltnisse, welches uns lehrt, unsere
Gefhle in eine Schranke zu verweisen, die sie kaum merklich hervortreten lt;
aber ich denke, die Selbstbeherrschung, die nothwendig dadurch bedingt wird, mu
sich zuweilen hchst heilsam bezeigen. Ich sehe hier so Manchen, dessen frheres
Leben und Treiben wohl wenig von Migung irgend einer Neigung wute, jetzt um
den Preis, seine Vorrechte am Hofe behaupten zu drfen, die ungewohnte Mhe
bernehmen, sich einen kurzen Gehorsam gegen fremden Willen aufzuerlegen. Ein
Solcher, fuhr er lchelnd fort, bekommt doch eine kleine Ahnung von der
allernthigsten Tugend - der Selbstbeherrschung.
    Doch Sie, sagte Leonin, der Sie eine so einfache und groartige Idee vom
Leben erfat haben, der Sie eilen, in der schwersten Berufsthtigkeit Ihrer
Entwickelung als Mensch und Geistlicher zu leben - welche edle Verachtung mu
Sie, diesen Zeit tdtenden Ceremonien gegenber, befallen - wie begreife ich in
diesen Slen Ihren Entschlu, sie zu verlassen!
    Machen Ihnen die Dinge vor uns diesen Eindruck? erwiederte der junge
Geistliche, mit einem leisen Anfluge von Erstaunen. - Ich erwartete das nicht,
setzte er nachdenkend hinzu, und kann diese Empfindung nicht theilen. Mir
scheint, Alles erhlt dadurch seinen Werth, da es die Absicht erreicht, die ihm
zum Grunde liegt. Indem dies glnzende Schauspiel vor uns in Wahrheit die Wrde
und den Glanz eines so wichtigen und erhabenen Standpunktes, wie ihn der Thron
in der menschlichen Gesellschaft einnimmt, ausdrckt - in so fern es selbst die
Geister der Menschen in eine Form fgt, die diese Wirkung besttigen hilft,
scheint es mir eine erfllte Idee, die der Wrde nicht entbehrt.
    Aber, sagte Leonin, knnen Sie deshalb es von sich abhalten, mit Bedauern
sich als Individuum in eine solche Wirkung der Massen verflochten zu sehen -
ohne Mglichkeit, Ihren unbeschftigten Geist vor Ermdung zu schtzen und,
durch Ihre Erziehung von der Bezhmung roher Neigungen abgelst, die Anderen
noch eine geistige Beschftigung zu gewhren vermag, zu einer wahren Maschine
herab zu sinken?
    Ich empfinde diese Ermdung nicht, erwiederte Fenelon ruhig; ich finde
hier Genu und bin weder gelangweilt, noch unzufrieden. Diese schren, glnzend
erleuchteten Rume, deren Ausstattung an alle die groen knstlerischen und
industriellen Fortschritte meines Vaterlandes erinnert, erheitern mein Herz und
beschftigen meinen Verstand. Ich kehre dann immer mit doppelter Liebe zu dem
Anblick unseres groen Knigs zurck, dessen Geist und edles Bedrfni diese
Dinge ins Leben rief; und sehe ich diesen schnen und noch so jungen Monarchen
dann in der Mitte der Reprsentanten alter, berhmter Namen und kann auf Aller
Gesicht in der verschiedensten Art die Verehrung lesen, die die Herrschaft eines
groen Geistes auf die Gemther ausbt - so freue ich mich der hohen Befhigung
der menschlichen Natur und fhle mich selbst zu grerer Thtigkeit angeregt.
    O, Fenelon, rief Leonin, wie schme ich mich meiner schlerhaften beln
Laune, mit der ich mir den rechten Anblick der Dinge selbst verweigerte. Sie
haben wieder Recht! Es ist mir, als she ich jetzt erst den Hof glnzend vor mir
auftauchen - alle diese Kerzen haben Sie erst angezndet! O, wenn Sie so vom
Hofe denken, warum verlassen Sie ihn?
    Aus denselben Grnden, erwiederte Fenelon, aus denen ich ihn bewundere.
Ich will auf meinem Platze auch Etwas sein und werden, und dazu taugt nicht
Jedem derselbe Boden. Wenn mich der Knig in der vollen Erfllung seines
Berufes, bis auf die Aeuerlichkeit dieser schnen Hofhaltung, entzckt und
begeistert, kann ich, der Geistliche, zu dem mich Neigung und Erziehung
bestimmten - ihm doch nur nacheifern, wenn ich den Schauplatz verlasse, auf
welchem keine der Eigenschaften reifen knnte, nach deren Entwickelung ich mich
sehne.
    Sie mgen Recht haben, sagte Leonin. Auch galt dieser Aufruf mehr dem
Gefhle, welches mir der Gedanke einflt, Sie hier bald nicht mehr zu finden.
Ich wrde Sie mit meiner Freundschaft verfolgt haben!
    Freundlich neigte sich Fenelon gegen Leonin und fragte ihn dann, ob er
diesen Abend schon Frulein von Lesdigures gesprochen.
    Das Frulein scheint mir in einer unanrhrbaren Stellung, erwiederte
Leonin. Doch, vielleicht ward meine ble Laune mit dadurch bewirkt, mich durch
ihr hartnckiges Reprsentiren von ihr getrennt zu sehn. Sie ist so frei, so
edel und hoch von Geist und hlt dort hinter dem Stuhle der Knigin so todtkalt
und abgemessen aus, als sei sie eine nthige Verzierung des Thrones. -
    Es ist sehr mglich, da sie sich wirklich in diesem Augenblicke fr nichts
Anderes halten will; denn sie fat immer das Nthige vllstndig ins Auge und
setzt an Jedes Alles, was in ihr ist. -
    Ein ganz auerordentliches Mdchen! rief Leonin unwillkrlich. Das fhlt
man im ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft.
    Fenelon's Blick richtete sich mit einem wunderbaren Glanze auf Leonin - es
war eine Wrme darin, die von tiefem Gefhle sprach, und eine Melancholie, die
Entsagung ausdrckte. - Nach einer kleinen Pause sagte er: sie ist das
vollkommenste weibliche Wesen, das ich kenne, und nur so frei, weil sie so
sicher mit sich ist. Die sonderbarste Constellation hat ihr diese Entwickelung
geschaffen. Die Mutter ist nicht selten roh in ihren Aeuerungen; aber sie ist
hochherzig, eine reine, unverflschte Seele, und ihr edler Stolz zeigt sich,
wenn auch oft in groer Anmaung, doch eben so stark in Verachtung jeder
Kleinlichkeit oder Unwrdigkeit. Der Vater ist ganz in uerliche
Angelegenheiten vertieft; aber er besitzt Feinheit der Sitten und verstand die
Erziehung der Tochter zu leiten. Von Beiden hat diese reiche und starke Natur
nur ergriffen, was sie gebrauchen konnte; nirgends fand sie Widerstand und blieb
sich selbst Gesetz und Wille, damit immer den Eltern gengend - denn sie ist
ihnen hnlich und doch eigenthmlich geblieben.
    Leonin hrte gespannt zu - sein Blick bing an der herrlichen Gestalt, die in
gleicher Ruhe blieb, whrend durch Fenelon's Worte der reiche Schatz ihres
Innern sich vor ihm aufthat, und die kalte Erscheinung mit dem Zauber einer
warmen, hochherzigen Seele belebte.
    Sie ist Ihre Schlerin, Herr von Fenelon? fragte Leonin. - Wenn Sie
wollen, ja, antwortete er - was knnte man sie aber lehren? Zuletzt war es
mir, als sei es umgekehrt!
    Noch immer blickten beide junge Mnner unbewut zu ihr hin, als sie
gewahrten, wie sie ihre kalte Stellung pltzlich aufgab und mit grter Bewegung
sich zur Knigin neigte, welche sich eben halb zu ihrer Hofdame wendete, die ihr
schnell etwas berreichte, was die Knigin einen Augenblick einzuathmen schien,
welche sich dann wieder umwandte, aber so bla erschien, da selbst ihre Lippen
farblos waren.
    Der Knigin ist unwohl, sagte Leonin. Die Hitze und die lange Ceremonie
greift sie zu sehr an! - Fenelon schwieg; aber seine Augen richteten sich nach
der Mitte des Saales, wohin aller Blicke flogen; denn hinter den Herzoginnen,
die Letzte in der Reihe, nahte sich jetzt eine schne junge Person, die von der
Natur mit jedem Reize geschmckt schien und den Ausdruck trug, als schme sie
sich, so bevorzugt zu sein.
    Ihr Gesicht, ihre Gestalt war von einer solchen Feinheit und Regelmigkeit,
da gegen sie alle brigen Bildungen unvollkommen blieben. Die Farbe ihrer Haut
schien mit dem Silberstoff ihres Kleides zu wetteifern, und vor Allem waren ihre
tiefblauen Augen ein Born von unergrndlicher Liebesflle. Und so bevorrechtet,
wie wenig schien sie dennoch von diesen Vorzgen gehoben! So langsam der Zug der
Herzoginnen auch vorber ging, ihr schien es dennoch schwer, zu folgen. Sie
wagte kaum den Blick vom Boden zu heben, und Jeder mute erkennen, da ihre Fe
bebten. Als sie aber vor die Knigin hintreten sollte, ward aus der scheinbaren
Kniebeugung fast ein gnzlicher Fufall, und der Ceremonienmeister, Herr von
Dreux, mute sie auf einen Wink der Knigin untersttzen. Da schlug sie die
wundervollen Augen zu dieser auf, die, sichtlich erweicht, ihr mild zuwinkte,
und ein Paar groe glnzende Thrnen rollten ber ihre Wangen. Dabei drckte sie
beide Hnde mit dem rhrendsten Ausdrucke von Ehrfurcht an ihre Brust und
schwebte dann wie eine Lufterscheinung den anderen Herzoginnen nach, die bereits
die Ehre ihres Tabourets genossen.
    Alle Anwesende, und mit ihnen Leonin, waren gefesselt von ihrem Anblicke,
und jetzt erst, nachdem sie in der Menge sich fast verborgen hatte, fand Leonin
Worte.
    Wer ist diese bezaubernde Erscheinung, lieber Fenelon? Ich sah sie noch
nie! -
    Aber sie hrten von ihr, sprach Fenelon sanft, wenn auch ernst; es ist
die unglckliche Lavallire, die heute zuerst als Herzogin hier erscheint.
    Ha, rief Leonin, jetzt begreife ich! Dieser Zauberin mu Alles mglich
werden! Das ist Schnheit der Seele, des Gemthes - das ist nicht allein die
schne Hlle!
    So ist es in Wahrheit, sagte Fenelon - und wie beklagenswerth ihr
Verhltni auch ist, ermangelt es nicht einer rhrenden und vershnenden Seite,
die doch eben nur in diesem schnen Gemthe liegen kann, das, zur Tugend
geschaffen, selbst in seiner Verirrung noch ihr angehrt.
    Fast Alle urtheilen so ber diese reizende Frau, rief Leonin - und darin
liegt auch die Entschuldigung des Knigs. Wer giebt uns das Recht, die zu
richten, die diesem Gefhle unterliegen, fr dessen Strke allein Gott die
Prfung hat - das Jeder einmal zu kennen glaubt, ohne doch fr den Andern ein
Maastab zu sein!
    Das ist zwar wahr, sagte Fenelon - aber es giebt immer noch etwas
Schneres, als sich ihm hingeben; ihm entsagen nmlich - wenigstens entsagen fr
die Welt - dann drfen wir es wieder behalten. Die Liebe ist an sich Etwas - es
ist nicht der Besitz, das Hervortreten unserer Empfindung. Es ist das Glck, es
zu kennen - seinen hheren, wrmeren Pulsschlag zu fhlen und uns daran zu
zeitigen mit allen unseren Krften. -
    In diesem Augenblicke rief die Knigin die Herzogin von Bellefonds, die mit
ihrem weien Stabe wie ein drohender Riese an den Stufen des Thrones Wache
hielt; und als diese ihren Befehl empfangen, schritt sie mit unbarmherziger
Breite und Feierlichkeit durch den Saal gerade auf die Herzogin von Lavallire
zu, welche, einer Ohnmacht nahe, an einem Pfeiler lehnte.
    Frau Herzogin von Lavallire, sprach sie, Ihre Majestt die Knigin ladet
Sie ein, sich des Tabourets zu bedienen, welches Ihnen zusteht - legen Sie Ihre
Hand auf meinen Arm - ich werde Sie fhren.
    Alles machte Platz, und die unglckliche Herzogin folgte stumm der
Oberhofmeisterin; und nachdem sie sich tief vor der Knigin verneigt, setzte sie
sich auf das den Ehrgeiz so Vieler reizende Tabouret, wodurch wenigstens einer
Ohnmacht vorgebeugt wurde. -
    Der Knig hatte von dem Augenblick an, da Madame de Lavallire sich nahte,
sie nicht mehr aus dem Gesichte verloren, wie er auch, anscheinend ohne
Theilnahme, seine verschiedenen Anreden fortsetzte. Auch wuten die Hofleute mit
vielem Geschicke Bewegungen zu machen, die dem Knige die volle Ansicht der von
ihm angebeteten Frau verschafften. Er zitterte fr beide Frauen, denn er sah,
wie die Knigin kmpfte und die Farbe nderte, wie die Lavallire ihren
Empfindungen zu unterliegen drohte, und er liebte sie Beide in diesem Augenblick
fast gleich stark, da sie Beide seinetwegen leiden muten. Doch dies Mal sollte
die Knigin in seinem Herzen den Sieg davontragen! Denn, als sie die Herzogin
von Bellefonds abschickte, der sinkenden Geliebten einen Platz anzuweisen,
dessen Recht sie sich nicht anzueignen wagte, da legte er ihr wenigstens fr
diesen Abend sein Herz zu Fen und ehrte sie mit dem besten Danke, den er ihr
bieten konnte, indem er ihr selbst ein zrtlich dienender Cavalier ward. Seine
theilnehmenden Fragen, wie sie die Anstrengung der Cour vertrge, belebten
augenblicklich ihr mattes Auge mit der Hoffnung, seine Zufriedenheit erreicht zu
haben; und diese reine und uneigenntzige Seele, die Nichts ertrotzen wollte,
war vllig beglckt und dachte ohne Groll, ja fast mit Liebe an ihre demthige
Nebenbuhlerin.
    Der Knig blieb, fr sie allein Auge habend, wie es schien, an ihrer Seite,
bis sie sich an den Spieltisch begab, und er in einem freien Augenblicke erfuhr,
die Herzogin von Lavallire habe sich weg begeben.
    Ich hasse Euch Beide! rief Mademoiselle de Lesdigures, indem sie an
Fenelon und Leonin vorbei streifen wollte.
    Halt, rief Leonin, so drfen Sie den Fehdehandschuh nicht hinwerfen und
dann die Flucht ergreifen! - Womit haben wir das verdient, was Sie um jeden
Preis widerrufen mssen?
    Glaubt Ihr, ich habe Euch nicht beobachtet, sagte sie - wie Ihr mit all
den Thoren hier denselben Weg taumeltet? Hattet Ihr etwas Anderes zu sehen, als
diese neue Herzogin, an deren Blicken Ihr hinget, wie alberne Kinder am St.
Niclas? O, was das Alles ist, fuhr sie ungeduldig fort - wie nicht Einer den
Muth hat, es beim rechten Namen zu nennen - wie sie ihm Alle verziehen - und ihm
einreden, es sei, weil er es thut, etwas Anderes! Fahrt nur fort! Das Beispiel
wird wirken! Hier wandelt schon so viel bertnchte Tugend, als Ludwig sich
wnschen kann; denn Alle, die ihn loben und bewundern und bemnteln, was er
thut, haben Lust, es ihm nachzumachen. Wie verchtlich sind sie mir Alle! Und
Ihr Beide, auf demselben Wege Betroffene, Euch hasse ich, und darum hasse ich
Euch!
    Und darum gerade haben Sie Unrecht! rief Leonin; denn Sie sind der
Hauptinhalt unseres Abendgesprches gewesen - diese unglckliche Frau und ihre
demthige Erscheinung hat nur eine kurze, wehmthige Episode in unserer
Unterredung gemacht.
    Und wer hat Euch erlaubt, von mir zu reden? erwiederte sie, indem sie
Beide mit milderen Augen anblickte.
    Das wenigstens knnen Sie uns nicht wehren, wenn Sie da sind und wir den
Vorzug genieen, Sie zu kennen! - Denken Sie, mein Frulein, da Sie Gedanken
unterdrcken knnen, die einmal Ihr Bild aufgenommen haben? -
    Sie blickte ihn an, als nhme sie eine Maske vom Gesichte. Graf, sagte
sie, ohne ihren hochfahrenden Ausdruck - ich wei, was man mit uns will; lassen
Sie uns redlich bleiben!
    In demselben Augenblicke trat sie unter die Menge. Auch Fenelon war von
Leonin's Seite verschwunden. Er stand in tiefen Gedanken. Ahnete er, was sie -
was die Knigin angedeutet? Oder begriff er es wirklich nicht?

Der Herzog von Lesdigures hatte sein neu eingerichtetes Palais erffnet, und
man war einig, da bei ihm und bei der Marschallin von Crecy sich die beste
Gesellschaft in den schnsten Rumen unter den glnzendsten Zurstungen
einstellte.
    Mademoiselle de Lesdigures erschien jeden Tag in dem Salon ihrer Eltern,
whrend der Zeit, welche Maria Theresia bei ihrer Schwiegermutter zubrachte.
Auerdem verlie sie die Knigin nie.
    Leonin besuchte tglich um dieselbe Stunde mit dem Marquis de Souvr das
Hotel de Lesdigures. Er wrde sehr erstaunt gewesen sein, wenn man ihm gesagt
htte, da er damit alle die Gerchte besttigte, die sich ber seine
beabsichtigte Vermhlung mit Mademoiselle de Lesdigures immer bestimmter
verbreiteten. Nur dem Augenblicke lebend, stimmte er ganz der listigen Aeuerung
des Marquis bei, welcher, stets das Ansehn der Langenweile zeigend, ihm
versicherte, man knne es ohne Mademoiselle Viktorinens Gegenwart doch gar nicht
aushalten. - Mit der grten Absichtlichkeit zog er Leonin an allen Anderen
vorber zu Viktorinen hin, und kaum hatte er die Unterredung Beider eingeleitet,
so entfernte er sich, wodurch diese Annherung noch auffallender ward; denn
Beide, in Berhrung gesetzt, gefielen sich zu sehr in ihren Mittheilungen, um
sie freiwillig aufzugeben und bemerkten es nicht, wie anerkannt ihr Verhltni
gerade dadurch ward, da sie Niemand strte, was keinen andern Grund hatte, als
da man sie fr Verlobte hielt. -
    Leonin fhlte sich jeden Tag lebhafter durch Viktorine beschftigt. Sie
schmeichelte vollkommen seinen Schwchen durch ihre Eigenthmlichkeit; denn sie
war Alles, was er nicht war. Er fhlte sich bestndig ergnzt, gesttzt und
erklrt durch ihren festen und edeln Karakter, ihren scharfen, unbestechlichen
Verstand. Dagegen fiel dies edle Wesen in den oft sich wiederholenden Fehler
ihres Geschlechtes, die Schwchen des Mannes zu erkennen; aber in dem Gefhl
eigner reicher Krfte sich der Hoffnung und dem Streben zu berlassen, ihm diese
Umnderung oder diese Festigkeit geben zu knnen. Sie bersah aber, da ihre
Phantasie ihn nach und nach wirklich zu dem machte, was sie wnschte, da er es
sein mchte; sie verkannte, da sie in dem Besitz dieser Eigenschaften war, die
blo darum bei ihren Ansichten und Meinungen in ihren Unterredungen nicht
fehlten, weil sie dieselben hervortreten lie, und Leonin blo die leichte,
liebenswrdige Gabe besa, sogleich in solche Anregungen verstehend einzugehn.
Er hatte dabei die Milde, die vorherrschende Weichheit, die ihr fehlte, die sie
zu erringen wnschte, gehindert von dem krftigen Aufwuchse ihres befhigten
Naturells. Deshalb glaubte sie ihn so viel besser, als sich; ihr schien errungen
- Weisheit, Reife der Entwicklung bei ihm, was blo eine Art Indolenz war,
veredelt durch ein gutes, fein fhlendes Herz, welches in frherer Zeit
vielleicht zu einer krftigeren Gestaltung htte gefhrt werden knnen - damals
aber, wie wir zum Oefteren schon erwhnt haben, von der eigenntzigen Liebe
seiner Mutter blo zu ihren Zwecken gebildet ward.
    Doch ward Leonin noch durch Nichts aus dem einwiegenden Zustande dieser
tglichen geselligen Betubungen gerissen, die ihm an Wichtigkeit stiegen in dem
Maae, wie auch fr ihn die tausendfltigen kleinen Interessen und Eitelkeiten
zu verfolgen waren, welche, um ihn her getrieben, Jeden verwickelten, der sich
ihnen nicht mit Bewutsein entgegenstellte.
    Sein Vater erwartete mit Sicherheit, da Anna von Oesterreich seinem Sohne
die Braut erwhlen werde, und fhlte sogar eine kleine Schadenfreude, diese
Angelegenheit, wie er whnte, seiner Gemahlin aus den Hnden genommen zu haben.
Der Knig und die Knigin besonders, behandelten Leonin mit Auszeichnung. Man
sprach ihm so oft davon, da ein hohes Hofamt ihm nicht entgehen knne, da er
daran glaubte, zuletzt es als eine Ehrensache ansah, da ihm das allgemein
Zuerkannte nicht vorenthalten bliebe. - Und aus diesen Anregungen schossen
Ehrgeiz und Eitelkeit auf, die ihn Vortheile suchen und verfolgen lieen und ihn
an die Stelle, die ihm Erfllung verhie, fesselten, als msse er sie bewachen.
    Die Freundschaft, der Vorzug, - da er es nicht anders nennen wollte - mit
welchem Mademoiselle de Lesdigures ihn beehrte, muten ihm daher, bei der
Gunst, die sie bei den Majestten geno, behlflich und vortheilhaft sein. Er
war unwillkrlich auffallender mit ihr beschftigt in Gegenwart der hohen
Herrschaften, und immer schien es ihm, als ob die Knigin ihn wohlwollend
beobachte und ihn nach solchen Tagen selbst in ihre kleineren Zirkel bescheiden
lie, wo Leonin, belebt von seinen geheimen Wnschen, eine grere
Liebenswrdigkeit und Anmuth zeigte, als seine gewhnliche Indolenz sonst
zulie. - Vielleicht erfuhr Leonin nicht mehr und nichts Anderes, als die
meisten jungen Leute, welche ohne Lebensplan und Karakterstrke in die
betubende Atmosphre eines solchen Schauplatzes versetzt werden. Fast Jeder,
der dieser Jugendperiode gedenkt, wie anders auch der Standpunkt ward, den er
sich spter wieder gewann, mu sich den chamleonischen Farbenwechsel seiner
Gesinnungen eingestehen, der ihn damals fortri, ein Spielzeug der herrschenden
Menge zu werden, ihren Gesetzen entgegen zu kommen gegen frhere Ueberzeugung.
Aber nicht Jeder entfernt sich damit, so wie Leonin, von bindenden, heiligen
Verpflichtungen; - und was dort blo eine Durchgangsperiode der Jugend ist, die
den Lebenswerth noch nicht bestimmen kann, mute bei Leonin tiefere,
bedeutungsvollere Folgen nachlassen.
    Bedenken wir jedoch, wie sein jetziges Verfahren den Absichten der
Marschallin von Crecy, wie dem heimlichen Hasse des Marquis de Souvr vollkommen
entsprechend war, so werden wir gerechter gegen Leonin bleiben, wenn wir es
anerkennen, wie die Versuchungen, die sich ihm darboten, von Beiden gehuft,
herbeigezogen und unterhalten wurden. Sie sahen ruhig zu, wie er sich in ihnen
verwickelte, nur verhtend, da er nicht frher die Beschaffenheit seiner
Handlungen erkenne, bis sie ihn so hinreichend umsponnen haben wrden, da er
sie dann selbst behaupten mte. Der Augenblick, wo er Hlfe suchend in ihre
Arme eilen mute, war so mathematisch sicher zu berechnen, da sie ihn blo zu
erwarten hatten, um alsdann das lngst Beschlossene zu vollfhren.
    Und dies that die Marschallin von Crecy, indem sie sich alle Tage sagte, wie
mtterlich liebevoll sie fr ihren Sohn sorge, der viel zu gut sei, um sich
selbst durchs Leben lenken zu knnen. Seinen kindischen Widerstand um eine
englische Pfarrerstochter hatte sie ihm lngst vergeben, weil sie diese Sache
als abgemacht betrachtete; nicht etwa mit der Sicherheit, da dies sein Wille
sein werde, sondern mit der Hoffnung, da die Rckkehr ihm durch sein jetziges
Treiben unmglich gemacht werden wrde.
    So war der Winter vergangen, das Frhjahr neigte sich zu Ende, Leonin kehrte
nicht nach Ste. Roche zurck. Glnzender wie je war der Hof; der Knig, angeregt
von neuen kriegerischen Plnen, stand, wie ein feuriger Komet, belebend und
befruchtend ber seinen Umgebungen und machte den Hof zu einem Zauberkreise, in
welchem sich alle groen Geister Frankreichs sammelten, um den Preis ringend,
seine Plne ins Leben zu rufen.
    Wie stolz und gromthig auch die Miene sein mochte, mit der Ludwig den
Aachner Frieden unterzeichnet hatte, wie geneigt er auch war, und sein Volk mit
ihm, den damals gemachten Rckschritt von fabelhaften Eroberungen zu einem
geringen Vortheile beim Abschlusse des Friedens, sich als eine Handlung seines
Willens auszulegen, so blieb nichts desto weniger der Stachel in seinem Herzen
zurck; denn an seinem heimlich genhrten Verdrusse gegen die Coalition der
feindlichen Mchte, die ihm den Frieden abnthigte, war wohl zu erkennen, wie er
ihrem Willen hatte nachgeben mssen.
    Unlugbar war der Augenblick gnstig fr die Wiederaufnahme der
Feindseligkeiten gegen Holland. Von der Einmischung der Mchte war aufs neue
nichts zu frchten. England, in seinen Finanzen zerrttet, lag in stillem Grolle
vor dem wiedergerufenen Herrscher, der alle Thorheiten der Stuarts, alle
Unbesonnenheiten und Unredlichkeiten gegen sein Volk auf dem sichtbar
gefhrlichen Schauplatze des ihm, auf Treu' und Glauben, wieder verliehenen
Thrones durchspielte. Aber noch sah die Nation den sich erneuernden Unbilden,
die es zu erleiden hatte, mit dem Wunsche zu, der gewaltsamen Abhlfe berhoben
zu sein, und Karl mikannte diesen Waffenstillstand, den es ihm gnnte, und
verscherzte, immer khner werdend, jedes Mittel zu seiner Behauptung.
Dnkirchen, dieser eiferschtig behtete Apfel der Zwietracht zwischen beiden
Nationen, war ohne Schwertstreich in Frankreichs Besitz gekommen. Man wute,
Mademoiselle Keroualle, die jetzt als Herzogin von Portsmouth den Knig
beherrschte, war bei dieser entehrenden Abtretung die besoldete Unterhndlerin
Frankreichs gewesen. Die Revenue, die Ludwig der Vierzehnte dem Knige jhrlich
dafr zahlte, und die ihm den Namen des franzsischen Pensionair's zuzog, ging
fast ausschlielich in den verschwenderischen Hnden der Herzogin unter, und
Karl hatte Nichts damit erkauft, als die doppelte Schande des Verrathes gegen
sein Volk und des Besitzes dieser sittenlosen Frau. Ludwig wute genau, da
unter diesen Umstnden weder bei dem leichtsinnig schwelgenden Karl, noch bei
dem zrnend vor ihm Wache haltenden Volke Neigung zu einer auswrtigen
Einmischung vorhanden sei, und da somit Hollands wirksamster Allrter unthtig
bleiben wrde.
    Nicht minder unlustig war Spanien zum Kriege. Oesterreich, von den Trken
bedroht, hatte auerdem mit inneren Unruhen in Ungarn zu thun, und Holland
selbst war in die statthalterische und in die streng republikanische Partei
getheilt.
    Dagegen war Frankreich wie ein jugendlich schner Krper von einem glhenden
Geiste belebt. Das ganze Land stand in jeder Hinsicht wie ein Sieger dem brigen
Europa entgegen. Vielleicht stellt keine geschichtliche Epoche der Welt eine
innigere, vollkommenere Vereinigung zwischen Knig und Volk dar, als Frankreich
in dieser hchsten Bltenzeit seines jugendlichen Herrschers. Er war, was jeder
Einzelne war, ein stolzer begabter Franzose; - aber er schwang das Banner,
dessen Farbe Jeder begehrte. Um ihn waren die Mnner geschaart, deren Namen die
unvergelichen Zierden ihrer Zeit sind: - Turenne mit seinem erfahrenen Muthe -
Cond mit seinem unzertrennlichen Glcke - Louxembourg mit seinen geschickten
Mrschen und Feldlagern - Tess, de la Fert, erprobte Krieger bei jeder
Unternehmung - endlich Feuquires, der den Muth auf die Bahn der Wissenschaften
lenkte und, mit Vauban vereint, Belagerungen ins Leben rief, die vor ihm Keiner
gekannt, und die ihn unsterblich machten. Sie begrndeten eine hhere geistige
Thtigkeit und bildeten, in Vereinigung mit diesen groen Feldherren, eine
Armee, die auch im Innern durch die aufblhenden Talente Villar's, Catinat's und
vieler Anderen gesttzt ward, und gegen welche kein Reich sich zu stellen wagen
konnte; besonders, da Louvois mit den Schtzen, die Colbert gesammelt, Alles
untersttzte.
    Es ist unrichtig zu sagen, Ludwig habe allein zu seiner ritterlichen
Befriedigung den Krieg begehrt. Der Krieg mute sich nach damaliger Sitte
nothwendig von selbst entwickeln. Die vorhandenen Mittel verlangten ihre
Anwendung; es war ein Stoff, der von selbst Feuer fing, an der gedrngten
Zndkraft sich erhitzend. Ludwig folgte seiner Neigung; aber diese Neigung war
zugleich Besitz - Erforderni seiner Nation.
    Es mute sich ein Schauplatz finden fr die Anwendung der Krfte, der
Talente, Erfindungen und Bestrebungen, die alle harrend dastanden und die
Gelegenheit herbeilockten.
    Zwar war es dem Knige, wie allen Freunden des Marschalls Crecy, bekannt,
da Leonin nicht unmittelbar im Heere angestellt werden konnte; aber der
Feldzug, den man vorbereitete, war von dem seltensten Uebermuthe, von der
zweifellosesten Sicherheit des Gelingens begleitet und, bei allen ernsten,
krftig und geschickt betriebenen Kriegsrstungen, zugleich ein glnzendes, zu
Felde ziehendes Hoflager. - Man kann sagen, da vor dem Schauspiele einer
Schlacht oder Belagerung die Zuschauer-Logen fr den Hof erbaut wurden, die Alle
nur verlieen, um unter dem frhlichsten Pompe in die Pltze und Stdte
einzuziehen, die ihre Sieger ihnen eroberten. Die Vorbereitungen entsprachen
ganz den zu Anfang so entschieden eintretenden Erfolgen.
    Die Armee begleiten zu drfen, war der Ehrgeiz des ganzen Adels. Da es
unmglich war, alle Gesuche um diese Ehre bewilligen zu knnen, und an eine
Auswahl, eine Schranke gedacht werden mute, so stellten sich die zahllosesten
Intriguen ein, um auf Umwegen zum Ziele zu gelangen.
    Leonin befand sich jetzt so hufig in dem kleinen Zirkel der Knigin, da er
an einem Platze in ihrem Gefolge nicht zweifeln mochte und die vorangehenden
Glckwnsche mit einer Miene aufnahm, welche Alle in Ungewiheit lie, ob seine
Wnsche schon erfllt wren und sein diskretes Schweigen nur irgend einer
besondern Uebereinkunft zuzurechnen sei. Dies war aber noch keineswegs bestimmt.
Leonin erschien jeden Abend mit derselben Hoffnung und kehrte mit derselben
Tuschung zurck. Dies stachelte seine Eitelkeit bis zu einer Art Leidenschaft,
und er sagte sich oft, dies msse er doch erst um seiner Ehre Willen abwarten,
und dann erst knne er den lange verschobenen Besuch in Ste. Roche unternehmen.
    Dagegen hrte Leonin zuweilen Aeuerungen, die ihn glauben machten, der
Knig habe noch andere, ehrenvollere Plne fr ihn. Das unbegreifliche
Vorenthalten eines Platzes, den so Viele mit geringeren Ansprchen erreichten,
war um so rthselhafter; da in der Art, wie die Herrschaften ihn behandelten,
ein Wohlwollen lag, welches diese Ansprche zu erkennen schien.
    Madame Henriette lchelte eines Abends, als sie den jungen Grafen Crecy
einige begeisterte Reden halten hrte, ber das Glck, Waffen tragen zu drfen,
Und wirkt unser Mittel noch nicht? sprach sie - wird der alte Herr noch nicht
ungeduldig?
    Leonin machte die verbindlich lchelnde Miene, die alle vornehmen Personen
sicher haben, wenn sie von ihren Zuhrern nicht verstanden werden. Er dachte
eine Frage einzuleiten; da wendete sich Madame schon von ihm, indem sie, mit dem
Fcher winkend, rief: Geduld! Geduld! Sie sind ein zu guter Sohn, um sie so
bald zu verlieren!
    Der junge Graf blickte ihr erstaunt nach, und der Marquis de Souvr, der den
Grafen Guiche geschickt hatte, die gtige Frstin in ihrem Gesprche zu
unterbrechen, lachte der berraschten Miene Leonin's nach, fr die er den
Schlssel fhrte.
    Er hatte durch die Freundschaft des Grafen Guiche, dessen tiefe, mit seinem
Leben bezahlte Leidenschaft fr Madame Henriette ihn zugleich zum Vertrauten der
unglcklichen Frstin machte, eine Gewalt ber sie erhalten, die es ihn leicht
finden lie, sie zur Mitwirkung bei seinen Plnen zu bewegen.
    So versicherte Madame dem Knige, wie Leonin und die Marschallin noch immer
hofften, den Eintritt des jungen Grafen in die Armee vom Marschalle zu
erreichen; der Knig mge nur seine Anstellung bei Hofe noch verzgern, wodurch
dem alten Herrn endlich kein anderer Ausweg bleiben werde, als ihn dem Knige
fr die Armee anzubieten. Der Knig, der den jungen Mann bedauerte, weil er ihn
aus Gehorsam gegen den Willen des Vaters von der gewnschten Laufbahn entfernt
sah, fgte sich in den bittenden Vorschlag der Prinzessin; und so erlebte Leonin
alle die Tuschungen, welche so wohl berechnet waren, ihn leidenschaftlich zu
erregen, zu vielen kleinen, gefgigen Schritten zu treiben, die ihn verwickelten
und dem sorglosen Glckskinde ein Gefhl der Abhngigkeit, des Widerstandes und
des Milingens zu geben, wovon sein Leben bis jetzt so frei geblieben war.
    In dieser Stimmung unruhiger Erwartung brachte er die Stunden in seinen
Zimmern zu, ehe er zur Marschallin kommen durfte, die jede Gelegenheit, ihn
allein zu sprechen, durch Louisens heitere, unschuldige Gegenwart vermied. Seine
ungeduldige, mimuthige Laune ward aber dies Mal unterbrochen; - sein
Kammerdiener, von einem Manne gefolgt, trat ein; und als dieser mit groer
Lebendigkeit auf Leonin zu eilte, erkannte er in ihm den zum Skelette
entstellten Leseur.
    Leseur! rief Leonin, und sein Gesicht berlief ein Purpur, der wol einen
noch tieferen Grund, als den der Ueberraschung hatte. Wie kommen Sie hieher?
fuhr er fort, zerstreut und unruhig das Ungeschick dieser Frage berhrend.
    Woher ich komme, mein Herr? rief Leseur - Gewi, ich kann nicht
zweifeln, da Sie sich dessen erinnern, da Sie mich ja selbst dahin geschickt!
    Also wirklich von Ste. Roche? rief Leonin - nun sich zurecht findend und
warm werdend. O, dann haben Sie mir Viel, Viel zu erzhlen! Doch, erst ruhen
Sie aus und lassen Sie uns frhstcken. - Ich werde bei meiner Mutter absagen
lassen, und wir wollen uns ein Paar Stunden angehren.
    Bald war Alles nach seinem Willen eingeleitet, und Leonin behielt Zeit, sich
zu sammeln, Leseur, seine mitranische Empfindlichkeit zu berwltigen, wobei
Leonin die auerordentliche Vernderung des sichtlich dem Grabe nahen Knstlers
beobachtete.
    Nicht wahr, mein Ste. Roche ist schn? rief Leonin, endlich die trge
Mittheilung Leseur's berholend - Und es war keine ble Idee, Sie dahin zu
verweisen? -
    Wei Gott, eine Idee, fr die zu danken, mein Leben zu kurz sein wird; -
der schnste Schwanengesang eines sterbenden Knstlers unter den Flgeln eines
irdischen Engels! - Ja, fuhr er fort, Leseur, der sterbende Leseur darf es
gestehen, sein letztes Bild wird sein bestes sein - ich habe Ihre Gemahlin, Herr
Graf, sprach er leise und vor Bewegung zitternd, zwei Mal gemalt; denn ich
wute nicht, wie ich in einem Bilde diese Flle von Liebreiz fassen sollte. -
Hundert Bilder htte ich nach ihr malen wollen - Alle sie selbst - Alle eine
neue Seite dieses reichen, gttlichen Weibes entwickelnd!
    Leseur, rief Leonin mit dem Lachen der schon erlernten flachen
Gesellschafsweise, machen Sie mich nicht eiferschtig! Ich glaube, Sie sind
verliebt - Ihr Herz hat Ihre Hand gefhrt!
    Leseur sandte aus seinen groen sterbenden Augen einen Blick auf Leonin,
von dem er getroffen, die seinigen zu Boden schlug. - Ha, rief er dann, wehe
dem Knstler, der es anders macht! - Wehe dem, der dies heilige Feuer mideuten
kann und es mit der eiteln Bedeutung beleidigt, welche ihm die groe Welt
beilegt. Ha, Herr Graf, fuhr er beinahe heftig fort - wissen Sie noch, wie die
heilige Atmosphre Ihrer Gemahlin eine Begeisterung einflst, welche unabhngig
macht von allen thrichten Wnschen dieser Erde? Wissen Sie es noch, wie sie uns
von allen Fehlern reinigt, die uns die Welt anerzieht? Wissen Sie es noch, wie
wir vor ihr Alles vergessen mchten, was wir gethan, gewollt und bis dahin fr
das Rechte oder Erlaubte hielten; - und wie wir ein neues Leben beginnen, um es
zu verdienen, wenn sie uns ihre heilige Unschuldswelt aufthut?
    Leonin wute es nicht mehr, oder es lag doch zurckgedrngt, eingeschlummert
in ihm. Wie ein Gerichteter sank er in seinen Stuhl zurck, whrend Leseur in
steigender Bewegung fortfuhr: ich war krank, sterbend - von ihrem Bilde eilte
ich zum Krankenlager! Da hat sie mich gepflegt - hren Sie, mein Herr, nicht
diesen elenden, dem Tode verfallenen Leib hat sie blo gepflegt - meine Seele
hat sie geheilt, die, krnker als mein Krper, zum Mrder an ihm ward! Wenn ich
jetzt den Weg in das Jenseits finde, wenn Friede und Ruhe mein letztes Lager
umgeben - dann werde ich es ihr danken, die alle meine Irrthmer so lange
verfolgte, bis sie besiegt zu ihren Fen lagen. Ich werde sie sehen, bis mein
Auge bricht, wie sie mit dem Heiligenscheine ihrer Begeisterung an meinem Lager
betete, als sie mich fr sterbend hielt; - ich werde dies Gebet auf meinen
Lippen tragen, wenn ich ende, und es wird die Brcke sein, die mich hinber
fhrt! Und dies that sie, fuhr er fast weinend fort, als Leonin sein Gesicht in
tiefster Bewegung verhllte, obgleich ihr eigner Zustand Schonung, Sorgfalt
verlangte, die wol keine Frau in solcher Lage sich versagt.
    Was meint Ihr, Leseur? rief Leonin und sprang todtenbleich von seinem
Stuhle auf, ihn mit fieberhafter Bewegung ergreifend. Was fehlt Fennimor -
warum bedarf sie der Schonung - was ist ihr geschehen?
    
    Wie! rief Leseur, so fragen Sie mich? Sie wissen nicht, was Fennimor
geschah? - O, gehen Sie hin, gehen Sie hin, so schnell Sie knnen! Hat sie es
Ihnen verschwiegen, so sollen Sie mit dem heiligen Glcke berrascht werden, das
sie Ihnen aufhebt!
    Leseur, stammelte Leonin, sagt, sprecht es aus! Fennimor! Er konnte
seiner Ahnung keine Worte geben.
    Fennimor, sprach Leseur, wird Mutter werden!
    Laut weinend strzte Leonin bei diesen Worten in Leseur's Arme. Die Rinde
um sein verlocktes Herz war gesprungen - er war wieder Mensch - Fennimor's
Gatte, die Natur hatte ihren mchtigen Ruf nicht umsonst ertnen lassen.
    Nun dem Himmel sei Dank, Emmy Gray hat nicht Recht! rief Leseur - Er
liebt sie noch, er wird sie ehren und erheben, wie es sich gebhrt! - Doch eilen
Sie! Noch hlt sie fest am Glauben, und das Glck, das sie, mit kindlichem
Erstaunen wie die heilige Jungfrau, selbst in sich trgt, erhlt sie in seliger
Verklrung. - Emmy Gray sagte mir, in den nchsten Monat msse die entscheidende
Stunde fallen.
    Leseur, mein Freund! mein Wohlthter! - Fennimor, mein geheiligtes,
unschuldiges Weib! - Morgen, morgen will ich fort!
    Auer sich, rief Leonin seinen vertrauten Kammerdiener; augenblicklich gab
er die Befehle zur Abreise; am andern Morgen wollte er fort. Er lie sich bei
seinem Vater melden - er wollte ihm seine Abreise nach Ste. Roche anzeigen. Dann
wollte er zu Madame Henriette, ihr sein ganzes Herz ausschtten - sie sollte
beim Knige, bei der Knigin Alles vorbereiten; dann wollte er in dem
Abendzirkel der Knigin sich von Beiden beurlauben. Seine Mutter drngte er bei
diesen Ueberlegungen zurck; was er mit ihr wollte, wute er nicht, darum
berhrte er es nicht. - Laut denkend, indem er Alles, was er dachte, an Leseur
aussprach, lief er im Zimmer umher und bestellte endlich seine Toilette und
seinen Wagen, um zur Oberhofmeisterin der Prinzessin, der Grfin von Grammont,
zu fahren.
    Dann ging er zu seinem Vater und trug ihm bereilt, zerstreut und mit dem
vollsten Ausdrucke der erlittenen Gemthsbewegung seine Absicht vor, nach Ste.
Roche abzureisen.
    Aha, lachte der Marschall, wir haben Crecy'sches Blut! Wir sind
verdrielich! Die Hofcharge und die Braut bleiben zu lange aus! - Nun hre, mein
Junge, das ist so bel nicht! Thue Du ein wenig empfindlich, damit sie nicht
vergessen, wer Du bist! Es wird schon Aufsehen machen, wenn Du jetzt fortgehst,
als ob Du aller Hofgunst den Rcken kehrtest, wo alle die Hasen in einer Reihe
lauern, um auf das erste Signal nach dem rothen Lappen zu laufen. Ich habe
nichts dagegen - und sei nur ruhig - ich werde indessen Deinen Platz einnehmen!
Sie sollen mich nur fragen, wo Du hin bist - ich will ihnen dienen! Die Frau
Knigin Anna denkt wohl, sie hat Wort halten nicht mehr nthig; da der alte
Marschall nicht mehr die Thore von Paris strmen und ihre Frondeurs in die
Flucht schlagen kann! Nun, nun - wir wollen sehen lassen, wer ich bin! Gehe Du
indessen, mein Junge - ich stehe Dir dafr, Du wirst bald zurck gerufen.
    Der Arzt und der Kaplan unterbrachen diesen vterlichen Ergu und nahmen
Leonin die Gelegenheit zu jeder Erwiederung, selbst wenn er sie beabsichtigt
htte; was wir indessen bezweifeln, da er, um den Marschall von seinen eisernen
Ideen abzubringen, wenigstens die entschlossene Sicherheit seiner Mutter htte
haben mssen, die ihm um so mehr fehlte, da ein Meer der widerstrebendsten
Gedanken und Gefhle in ihm nichts weniger aufkommen lie, als einen festen und
geordneten Zustand. - Zur drckendsten Brde wurde es ihm dagegen, den
langweilig scherzhaften Gesprchen lngst verbrauchter Gedanken zuzuhren, mit
denen diese, tglich nur auf sich selbst angewiesenen, Mnner sich zu vergngen
glaubten. Doch wrde der Marschall seine Entfernung, ehe er dazu das Zeichen
gab, hchst bel genommen haben, und ihm blieb Nichts brig, als uerlich
Geduld zu zeigen, whrend er innerlich fast vor Aufregung zu vergehen meinte.
    Endlich schlug der ersehnte Augenblick, und gleich darauf eilte seine
Karosse zur Grfin Grammont.
    Madame de Grammont kam durch die falsche Stellung, die Oberhofmeisterin
einer geistreichen Prinzessin zu sein, in den Wahn, selbst fr geistreich gelten
zu mssen, und suchte durch leichte, humane und elegante Manieren die Herzogin
von Bellefonds zu persifliren, deren steife spanische Grandezza ber die
kleinste Abweichung von der Regel den Bannfluch sprach. Sie war daher leicht zu
jeder Stunde zugnglich, verbaute den Eintritt bei Madame nicht durch ihren
eignen Willen und war stets in eine Wolke von Parfums gehllt, mit Vgeln,
Hunden und Ktzchen aller Rassen umgeben; - brigens aber die beste Frau der
Erde.
    Sie nahm nicht allein Leonin's Besuch gndig auf, sondern begab sich auch
zugleich zu Madame, ihr die Bitte des jungen Grafen vorzutragen. Doch kam sie
bald und mit sehr verlegener Miene zurck, indem sie eine vllig abschlgige
Antwort zu bringen hatte, da die Prinzessin allein zu bleiben wnschte.
    Leonin fhlte sich hierdurch ganz aus dem Wege gedrngt, den er sich als den
leichtesten und bequemsten gedacht hatte, und schlich, in tiefes, unruhiges
Nachdenken versenkt, ber die Galerien und Vorsle zurck, vllig unsicher, was
ihm jetzt zu thun obliege. Einen Augenblick trat er an die Brstung einer
offenen Galerie, die vor der Prinzessin Kabinet vorbeilief und in die Grten
niedersah, um, ehe er seinen Wagen bestieg, zu wissen, wohin er ihn richten
sollte; - da hrte er eine Flgelthr aufgehn, die unmittelbar in die
Zimmerreihe von Madame fhrte, und der Marquis de Souvr eilte mit schnellen
Schritten daraus hervor.
    Souvr! - Crecy! riefen Beide berrascht. Also die Prinzessin war nicht
allein? fuhr Leonin laut denkend heraus. - Mich nur wollte sie nicht sehen?
    Sie sind ja in vollkommen hypochondrischer Laune! lachte Souvr - Was
haben Sie denn? Im Ernste, Sie sehn entsetzlich tragisch aus; - ich erkenne den
leichten, heitern Gesellschafter der Mademoiselle de Lesdigures nicht wieder!
    Lassen wir das, Marquis! rief Leonin - Sagen Sie mir nur, ob Sie bei der
Prinzessin waren, ob keine Mglichkeit ist, bei ihr Zutritt zu erlangen?
    Nachdem Madame de Grammont mit ihrem Gesuche abgewiesen worden ist? fragte
Souvr - wo denken Sie hin! Doch, lassen wir das - was gehen uns die Launen der
Prinzessin an! Wer sagt Ihnen, da ich bei ihr war? Das kann ja Alles von keinem
Belange sein.
    Es ist wichtiger, als Sie denken, Souvr! erwiederte Leonin. Ich mu
morgen frh nach Ste. Roche abreisen; der Prinzessin, dieser edeln, fhlenden
Seele, will ich mich vertrauen, sie mu den Knig fr meine Bitten gewinnen,
dann werden meine Aeltern nicht widerstehen!
    Nun dem Himmel sei Dank, da Sie an der Ausfhrung dieses wahnsinnigen
Unternehmens gehindert wurden! Was glauben Sie, da der Erfolg gewesen wre?
Ihre vllige Ungnade, des Knigs ungemessenster Zorn, und wahrscheinlich einige
so gewaltsame Maaregeln, da Sie schwerlich Ste. Roche so bald mchten erreicht
haben!
    Nein, nein, Souvr! Nein, Sie irren; das wrde der Knig nicht thun, am
wenigsten an Jemandem, der meinen Namen trgt.
    Gerade darum, entgegnete Souvr, emprt ber den Hochmuth dieses Thoren,
der, immer noch zu sicher, immer noch nicht unglcklich werden wollte - gerade
deshalb wrden Sie seinen strksten Unwillen auf sich ziehen. - Sind die
Crecy-Chabanne nicht Vettern des Knigs? Ihre Verbindungen sind daher, wie er
annimmt, von ihm abhngig. Waren Sie noch nicht hier, wie das Verlbni des
Grafen von Harcour mit Mademoiselle de Roux auf seinen Befehl getrennt ward; da
ein Harcour sich nur mit seiner Bewilligung, nach seiner Wahl, mit einer Tochter
aus den alten Familien des Reichs vermhlen darf?
    Ich aber, sagte Leonin - ich, der ich schon vermhlt bin? bei dem von
Auflsung nicht mehr die Rede sein kann?
    Souvr trat ein Paar Schritte nher, und dicht vor Leonin stehend, sagte er
so spttisch herausfordernd, wie er vermochte: ist es mglich, haben Sie hier
umsonst gelebt? Sie, Sie knnen noch von dieser Vermhlung als einer
Wirklichkeit sprechen? Sie knnen glauben, da irgend Jemand, vom Ersten bis zum
Letzten, diese Verbindung fr rechtmig, fr bindend ansehn werde? - Fragen
Sie, wenn Sie knnen, Ihre Priester, Ihre Verwandte, die Minister, die Armee,
den Knig - und wenn Sie Zeit haben, die Antwort zu hren, so werden Sie ein und
dieselbe hren. Niemand wird Sie fr vermhlt halten. Niemand wird es fr
mglich achten, da ein Crecy-Chabanne - ein Vetter des Knigs - ein Katholik
berdies, eine englische Pfarrerstochter ehelichen knnte, die eine Ketzerin
ist. Niemand denkt daran, da eine Procedur dieser englischen Kirche, die
berdies den Minorennen, ohne Einwilligung der Eltern und des Knigs
Dastehenden, vor aller Augen als ein Opfer der Intrigue erscheinen lassen wird,
rechilich oder kirchlich binden knnte. Daher rathe ich Ihnen als Freund -
treten Sie mit dieser kleinen Jugendthorheit nicht in die Schranken; Sie werden
sonst von Waffen besiegt, die am unleidlichsten sind - Sie werden ausgelacht
werden!
    Leonin stand dieser stachelnden Rede mit einer solchen Abspannung gegenber,
da sie vergeblich ihn zu krnken suchte. Er hatte nicht umsonst auf dem
gefhrlichen Boden so lange gelebt, und Souvr wute das besser, wie er. Was
eben schonungslos vor ihm beim Namen genannt werden konnte, war in vielen
kleinen Anklngen ihm schon lngst verstndlich geworden, daher berraschte es
ihn nicht; aber er wute sich nur, wie immer, keinen Rath.
    Dessen ungeachtet mu ich nach Ste. Roche, hob er endlich erwachend an -
das ist eine heilige Pflicht, mag sie verzeichnet stehen, wo sie will!
    So thun Sie es, sagte Souvr sorglos - nur verschweigen Sie die
Veranlassung! - Ich mu Madame de Bellefonds diesen Morgen noch sprechen, ich
will ihr sagen, da Sie die Majestten von Ihrer Abreise unterrichtet. Warum
sollen Sie Ihr Hotel Biron nicht so gut haben, wie der Knig?
    Das war zu stark - es blitzte alles bessere Gefhl in Leonin auf, zu
heftiger Entgegnung richtete er sich in die Hhe; - aber schon glitt Souvr
leicht grend die groe Treppe hinunter und lie Leonin mit einem Gefhle von
Schmerz und Entwrdigung zurck, wie dieser Feind seiner Ruhe es ihm nur
wnschen konnte.
    Blind und betubt verfolgte er indessen die Richtung, die er genommen; die
Stimmung, in der er sich befand, war Fennimor's nicht wrdig; aber sie war doch
von Gefhlen untermischt, die einem edleren Bewutsein angehrten. Das Eine, da
er jetzt zu ihr zurck msse, blieb wenigstens vorherrschend und hielt den
anderen Eindrcken, die nur zu viel Wichtigkeit fr ihn bekommen hatten, das
Gleichgewicht.
    Seine Mutter nahm seinen spteren Besuch nicht an. - Sie empfing, wie er
bemerkte, heute alle Morgenbesuche persnlich und lie Leonin ein greres Diner
ansagen. Noch ehe dieser sich zu seinem Vater begeben hatte, wute sie Alles,
was in seinem Zimmer vorgefallen, und eine kurze Unterredung mit dem Marquis de
Souvr machte die Mine springen, die Beide seit langer Zeit fr diesen Fall
bereit hatten.
    Souvr, der bei der unglcklichen, durch ihr Herz verstrickten Henriette
immer Zutritt hatte, erschien eine Stunde frher, und Madame erfuhr, da Leonin
alle Hoffnung habe aufgeben mssen, in die Armee eintreten zu knnen, da der
Marschall unerschtterlich seinem Vorsatze getreu bleibe; da er jetzt
verzweifle, der Knig werde ihn bei Hofe anstellen, und sich entehrt und
herabgesetzt halte. Die Marschallin lie der Prinzessin ihren Schmerz hierber
ausdrcken, und ihre Hilfe, ihren Beistand bei dem Knige nachsuchen. Die
Prinzessin versprach mit ihrer gewohnten Gutmthigkeit, da sich Alles diesen
Abend bei der Knigin ausgleichen solle.
    Die Marschallin erschien nicht frher, als bis ihre Zimmer sich gefllt
hatten, und kein Raum mehr fr ein vertrauliches Wort vorhanden war. Als sie
ihrem Sohne begegnete, blieb sie stehen, und in der Gegenwart von einigen
zwanzig Zeugen sagte sie pltzlich: Sie wollen uns morgen verlassen? Sie sind
sehr eilig, Ihre schnen Besitzungen in Ste. Roche in Augenschein zu nehmen!
Doch mssen wir Ihren Eifer loben - mehrere Ihrer Vorfahren pflegten von Zeit zu
Zeit sich dort aufzuhalten. Ihre Eltern haben diese Neigung nicht gefhlt -
vielleicht werden Sie darin Ihren Ahnherren wieder hnlicher. - Wir werden uns
diesen Abend bei der Knigin sehn!
    Als sie bei diesem Winke das Wort an einen Anderen richtete, fhlte Leonin
zuerst etwas wie Groll in sich aufsteigen, und sein gequltes Herz malte sich in
seinen bleicher werdenden Zgen.
    Mit demselben Ausdrucke noch sah ihn die sanfte Henriette von England am
Abende bei der Knigin, in dem ungewhnlich vergrerten Zirkel, und ihr
theilnehmendes Lcheln wollte ihn aufrichten; da sie hoffte, er wrde durch ihre
Vermittlung noch Alles diesen Abend erreichen, was seine sichtlich gekrnkte
Stimmung verrieth.
    Nach dem Erscheinen des Knigs, der sehr bald seinen Platz neben seiner
schnen Schwgerin einnahm, ward es Leonin mglich, sich Mademoiselle de
Lesdigures zu nhern, die mit der grten Theilnahme ihn aus der Ferne
beobachtet hatte. Er fhlte sich, wie immer, an ihrer Seite erleichtert; - sie
schien ihm heute vor Allen das einzige menschliche Wesen in diesem Kreise, und
er glaubte, nach der gewhnlichen Weise der Mnner, sich jeder Empfindung
hinzugeben, ohne der nothwendigen Mideutung ihrer Aeuerungen gedenken zu
wollen, da er ihr endlich die ganze Weichheit und Erschtterung seiner Seele
zeigen drfe. Er sagte ihr, da er am andern Morgen abreisen werde - er sagte
ihr, wie schwer sein Herz sei, wie es ihm scheine, er werde nie wieder hierher
zurckkehren; wie alle Hoffnungen, alle Wnsche auf diesem Schauplatze des
Lebens ihm versunken wren, und er sich nur wieder finden knnte in der
Einsamkeit von Ste. Roche - er verliee hier Niemanden mit schwerem Herzen;
allein die Trennung von ihr bekmmere ihn tief - gern, gern wrde er ihr sein
ganzes Herz aufgeschlossen haben, aber er msse frchten, da sie ihn alsdann
fr immer aus ihrer Nhe verbanne, und es wrde die Brcke, die ihn zurckfhren
knne, vllig abbrechen heien, wenn er Sie nicht als seine Freundin wieder zu
finden wisse. -
    Er sagte ihr dies Alles mit einem Tone der Stimme, der die tiefste
Herzensbewegung ausdrckte, und blickte sie dabei mit einer Bewunderung an, die
ihre ungewhnliche Schnheit ihm immer einflte, und die ihm dies Mal durch den
Ausdruck ihrer Zge, durch den Wechsel ihrer Farbe besonders auffallend schien.
    Viktorine fhlte seine Worte, seine Blicke, seine ganze Stimmung mit der
vollkommen gerechtfertigten Ueberzeugung, von ihm geliebt zu sein und sich jetzt
als die Ursache seiner Verzweiflung, seiner Abreise ansehen zu mssen. Htte man
Leonin die Aufgabe gestellt, Viktorine nach und nach von seiner Liebe zu
berzeugen, die ihrige zu gewinnen, er htte diese Aufgabe nicht besser, nicht
vollstndiger lsen knnen, als durch sein, seit Monaten verfolgtes Verhltni
zu ihr. Dessen ungeachtet glaubte er keine Berechtigung der Art verschuldet zu
haben, da er nie frmlich um sie geworben, innerlich sich diese Absicht nicht
eingestanden. Er hatte den Genu des Augenblicks in ihrem Umgange gesucht, er
hatte mit Eitelkeit nach ihrer Gunst gestrebt und wenig nachgefragt, ob die
Mittel, die er zu Beidem whlte, das unbewachte, argwohnlose Herz eines Mdchens
mit Hoffnungen erfllten, die der ihr bewiesenen Liebe gem sein muten. Er
wrde jeden Vorwurf voll Erstaunen zurckgewiesen haben, da er ja niemals um
ihre Hand geworben hatte; - und doch wrde er dieses letzte Formular der Liebe
selbst fr berflssig gehalten haben an einer andern Stelle, wo er doch nicht
mehr htte thun knnen, als hier, wenn er diese Absicht htte ausdrcken wollen.
- Was Leonin berdies nicht wute, Viktorinen aber von ihrer geschwtzigen
Mutter lngst vor seiner Bekanntschaft verrathen ward, war das, zwischen der
Marschallin und dem Hause Lesdigures unter Genehmigung beider Majestten,
abgeschlossene dereinstige Ehebndni ihrer beiden Kinder. Mademoiselle de
Lesdigures war allerdings an Rang und Reichthum die ausgezeichnetste Partie des
Hofes - die Marschallin konnte nicht klger whlen, und die Persnlichkeit des
Fruleins schien, selbst unter den spter eintretenden Verhltnissen Leonin's,
ihren Sieg zu sichern.
    Doch Viktorine grollte jedem Zwange, und sie beschlo, Leonin so abstoend
und hart zu behandeln, da die Eltern ihre vorschnellen Plne aufgeben mten.
Wie sie es versuchte, haben wir erwhnt; eben so, wie sie nach und nach das
Opfer jener gewhnlichen, edeln weiblichen Tuschung in Bezug ihrer Einwirkung
auf Leonin's Karakter wurde, der ihr noch unvollendet erschien. Jetzt liebte sie
ihn - und nicht mehr, was er durch sie werden knnte, war die Frage - sondern,
ob er ihr, so wie er war, gehren knne und wolle.
    Trotz dieser strker werdenden Empfindung aber besa sie zu viel Karakter,
um einem Vorsatze untreu zu werden, der auerdem ihr edles Herz erfllte -
dieser war, ihre Gebieterin, die Knigin, die sie anbetete, die Viktorine als
Freundin und Vertraute zrtlich wieder liebte, nie gnzlich zu verlassen; da sie
sich bewut war, mit ihrem allein treu und wohlmeinend gesinnten Herzen das
vielfache Bse, das in dem Verhltnisse beider Ehegatten lag, zuweilen abhalten,
mildern oder vershnen zu knnen. Sie hatte daher der Knigin, wie dem Knige in
ihrer unumwundenen Weise erklrt, sie wrde nur dann Leonin's Gattin werden,
wenn seine Verhltnisse auch ihn auf irgend eine Weise an die Person der Knigin
fesselten, die sie nie verlassen wolle.
    Beide Majestten hatten vielfach Gelegenheit gehabt, den Werth dieses edeln
Wesens zu erkennen, sie waren daher dankbar fr eine so hingebende Aufopferung
und hatten lngst eine solche Stelle bei der Knigin fr Leonin bestimmt, deren
wirkliche Uebertragung nur durch die bereits mitgetheilten Kabalen der
Marschallin und des Marquis de Souvr aufgehalten wurde.
    Viktorine konnte jedoch nicht zweifeln, da Leonin von ihrer Weigerung,
unter andern als den genannten Umstnden die Seinige zu werden, unterrichtet
sei, dies fr Mangel an Liebe halten msse, und dadurch in die Stimmung sich
versetzt fhle, in der sie ihn vor sich sah. Hoch wallte daher ihr Herz dem
Wunsche entgegen, ihm offen ihre wahre Empfindung gestehen zu drfen, und mit
der Gemthsbewegung, die sie in Leonin's Augen so schn machte, horchte sie
seinen Worten, das heraus zu finden, was ihr dazu Gelegenheit geben wrde. Jedes
schien ihr dazu Veranlassung; aber ehe sie ihre stolze Schchternheit berwinden
konnte, erhoben sich die Majestten, um einem Concerte beizuwohnen, welches
Lully mit seinem ausgezeichneten Orchester im Nebensaale auffhrte.
    Hier kam der verhngnivolle Augenblick, wo der Knig, an Leonin
vorbergehend, stehen blieb und, ihm mit dem wohlwollendsten Lcheln zunickend,
sagte: nun, Graf Crecy, Sie wollen Ihre Besitzungen von Ste. Roche bernehmen?
    Leonin beugte sich bejahend bis zur Erde. -
    Bleiben Sie nicht zu lange fort - die Knigin wnscht Sie um ihre Person zu
beschftigen - ich habe Sie heute zum Kammerherrn und Reisekavalier ernannt und
werde mich freuen, wenn dies auch Ihre andern Wnsche zur Reife bringt.
    Madame, sagte er, zur Knigin sich wendend, sind Sie zufrieden?
    Die Knigin verbeugte sich gegen den Knig, der huldvoll grend voranging,
whrend die Knigin noch einige Augenblicke verweilte, um Leonin einige hfliche
Worte zu sagen und seine Dankbezeigungen anzunehmen.
    Kaum hatten die Herrschaften den Saal verlassen, als der ganze Hof auf
Leonin einstrzte, um ihm Gratulationen auszusprechen, die so den Stempel der
herzlichsten Theilnahme trugen, da, wer den Kreis nicht kannte, htte glauben
knnen, Leonin sei hier in dem Zirkel einer ihn zrtlich liebenden Familie.
    Eben so empfing die anwesende Marschallin die schnsten Worte des Antheils,
die sie jedoch besonders kalt und bellaunig aufnahm, nur gegen den Knig und
die Knigin in ein Meer vorschriftsmiger Huldigungen bergehend. Ihr war
allerdings ein bedeutender Grund zum Mifallen gegeben, und um so mehr, da es
ihr unerklrlich war, von welcher Seite ihr diese Strung ihres Planes kam. Die
pltzliche Ernennung von Seiten des Knigs sollte es Leonin unmglich machen,
nach Ste. Roche zu gehn, und eben der Knig erwhnte diese Reise als angenommen
und erlaubt, die durch diese Erwhnung jetzt sogar unumstlich geworden war.
    Die Marschallin konnte auch den Zusammenhang nicht ahnen; denn die Ursache
davon war die gute, empfindsame Grfin Grammont gewesen, gegen die Leonin, als
er die abschlgige Antwort der Prinzessin erhielt, in der gedankenlosesten
Befangenheit eine Unruhe und Angst, nach Ste. Roche zu kommen, ausgesprochen
hatte, von der die gute Dame so gerhrt ward, da sie ihm wenigstens diesen
Dienst nach der miglckten Audienz zu leisten wnschte und die Prinzessin mit
Bitten bestrmte, diesen Wunsch des armen jungen Mannes doch beim Knige zu
vertreten. Henriette hatte dies mit ihrer unbefangenen Gutmthigkeit gethan, und
der Knig es bewilligt.
    In welcher Bewegung jedoch Leonin durch die pltzlich auf ihn einstrmenden
Eindrcke sich fhlte, wrde unbeschreibbar sein! Das angeregte Verhltni zu
Fennimor entkrftete zwar in etwas den Triumph dieses Abends; aber er wurzelte
schon zu tief in diesen Zustnden, um nicht das Aufbrausen des Ehrgeizes mit
Wonne zu fhlen; - und sich endlich sagen zu knnen, das er erreicht habe, was
er gewollt, belebte sein Antlitz, da Jeder darin das erfllte Verlangen
erkennen mute.
    Auch Viktorine, whrend des Concertes hinter dem Stuhle der Knigin
gefesselt, erkannte mit hherem Herzschlage das vernderte Ansehen Leonin's;
ihre Blicke suchten und fanden sich, und das edle Mdchen, so nahe sich der
Auflsung ihres Zwanges whnend, lie ihn in ihren Augen ihr ganzes Gefhl
lesen.
    Jetzt erhoben sich die Herrschaften und begaben sich, von ihren nchsten
Umgebungen gefolgt, grend an der Menge vorber, in ihre Zimmer. Leonin stellte
sich Viktorinen bei diesem langsamen Zuge absichtlich in den Weg. Sie sollte ihm
Glck wnschen - freudig blickte er, herausfordernd zu ihr auf.
    Sie glaubte ihn zu verstehen. Leonin sagte sie, bebend mit glhenden
Wangen und gesenkten Augen, ich kenne die Wnsche unserer Freundin - ich kenne
die Wnsche unserer Familien - ich habe Sie verstanden, und mein Herz
widerstrebt diesen Wnschen nicht lnger, da sie mein erstes Gelbde gegen die
Knigin nicht aufheben werden. Die Knigin kennt unsere Wnsche und billigt sie.
Nach Ste. Roche also! Ich breche die Brcke nicht ab, die zu mir zurck fhrt!
    Schnell folgte sie dem Zuge. Es war ein Glck - Leonin war an ihren Worten
zur Salzsule geworden; - sie sah es nicht mehr.
    Wollen Sie mir Ihren Arm geben, mein Sohn! sagte die Marschallin in diesem
Augenblicke. Sie werden, denke ich, nicht eher abreisen, bis Sie Ihrem Vater
Ihre so beraus ehrenvolle Anstellung mitgetheilt haben.
    Gewi nicht, erwiederte Leonin und fhrte die Marschallin zu ihrem Wagen,
bestieg den seinigen und eilte in sein Zimmer, alle Bedienung fortschickend, um
allein zu bleiben - der unglcklichste Mensch der Erde, wie er whnte.

Die Wlder von St. Roche, die Grten, die das Schlo zunchst umgaben, die
Weidepltze und Wiesengrnde, die daran stieen, Alles prangte in dem schnen
Grn des Juni-Monats, und schien der Seligkeit einer vollstndig erreichten,
ppigen Entwickelung hingegeben. Tglich sich nachdrngende bunte Blumen, die
zarten ersten Frchte, die an Struchern und Pflanzen glnzten, Alle schienen
sich in den grnen Hallen ein Willkommen zuzujauchzen, als heitere Gespielen,
fr die der Boden ergrnet. - Auch standen diese schnen Ankmmlinge an einander
gereiht, wie reizend geschmckte Tnzer, bereit, den schnen Sommerreigen ber
die Erde zu tanzen; und in den blauen Lften, in den schattigen Lauben erklang
dazu aus tausend kleinen verschiedenen Kehlen ihr melodisches Orchester. Warme
Sonnenstrahlen belebten den langen Tag, tauige Nchte erfrischten die duftende
Schnheit der ganzen Natur.
    Leise aufhorchend so vielen Wundern, sie alle belauschend mit kindlich
wachsamem Auge, so vertraut damit, so beseligt dadurch und zugleich so
schchtern, so behutsam, als knnte ein zu khnes Hinblicken oder Berhren die
kleinen fleiigen Arbeiter in ihrem Aufblhen, Duften und Reifen stren - so
glitt Fennimor's leichter Fu durch die Pracht des Sommers! Sie wute nicht, da
sie keine aufblhende Blume zu beneiden hatte - selbst so reizend erblht, da
sie zu ihnen zu gehren schien; und wenn das kindliche Antlitz aus den volleren
Falten ihrer Kleider schaute, konnte man vergleichend sagen: die Knospe beuge
sich ber die aufgeblhte Blume, an demselben zarten Stengel getragen.
    Sie wollte immer unglcklich sein, da Leonin noch fehlte; aber sie konnte
doch nicht Zeit dazu finden vor all der Herrlichkeit in und auer ihr. Die
Thrnen, die sie weinte, waren wie die kurzen Nchte, sie dauerten nicht lange;
denn mit der Sonne - was kamen da all fr se Gedanken! - Emmy Gray hatte ihr
endlich entdecken mssen, was ihr geschah; und nun war es ihr, als ob der Altar
des Herrn in ihr errichtet sei, und sie htte in aufhorchender Stille auf ihren
Knien, auf denen sie Emmy's Verkndigung erfuhr, liegen bleiben mgen, damit sie
heilig wrde zu der groen Gemeinschaft mit Gott, wie sie sagte. - Wie lange
konnte sie still und in sich gewendet zwischen den Blumen sitzen, und gar Nichts
wollen, als voll anbetenden Erstaunens das Wunder bedenken, zu dem Gott auch sie
berufen. Ihre Augen waren so ernst, so tief und forschend auf dies heilige
Geheimni gerichtet, und um ihren Mund nur schwebte das kaum angedeutete Lcheln
unaussprechlicher innerer Wonne - und all die kleinen unschuldigen Kindereien,
die dazwischen ihre Gedanken berhrten und sie in die seligsten Spielereien mit
dem kleinen, noch verhllten Gefhrten versenkten, flatterten durch den ernsten
Kultus ihrer Empfindungen, wie geflgelte Engel um die Glorie der Mutter Gottes.
    Mit Leseur hatte sie auch ihre groe Noth gehabt, weil er von Gott gelassen
und sich nun vor ihm frchtete; aber sie hatte sich schnell daran gemacht und
traute sich berdies jetzt mehr zu, da sie dachte, in ihrem Zustande msse man
ihr auch mehr Glauben schenken. Da war ihr denn auch Alles mit ihm gelungen, wie
wir schon wissen, und sie war dessen recht froh und sagte oft zu Emmy: was
wollen sie doch machen, wenn eine Mutter zu ihnen redet - da ist ihr Unglaube ja
gleich berwunden; das grte Wunder steht vor ihnen, sie mssen glauben
lernen!
    Doch vergeblich sah Emmy Gray vor ihren Augen das rhrendste und reinste
Bild gttlicher Gemeinschaft und des daraus entstehenden heitern Friedens, der
alle Angst der Welt besiegt - ihr armes, leidenschaftliches Herz fate es nur
auf, um sich zu krnken, zu erzrnen, und der Heiligenschein, den sie um ihren
Liebling leuchten sah, steigerte nur ihre Ansprche fr eine irdische Welt, die
ihr dafr einen Lohn zahlen sollte, ihren eiteln Wnschen gem; - die
Bitterkeit darber, da er ihr noch immer verweigert sei, verzehrte sie fast.
    Wenn Fennimor den Zustand ihrer Gefhrtin erkannt htte, wrde sie gewi mit
dem Uebel in Kampf getreten sein. So aber verdeckte Emmy mit unerschtterlichem
Schweigen ihr Inneres; denn konnte sie auch ihren Abgott in Nichts nachahmen, so
flte Fennimor ihr doch eine an Ehrfurcht grenzende Schonung ein; und wie ihr
Nichts gut genug fr sie schien, so nahm sie auch sich davon nicht aus, und es
war in ihrem Grolle mit begriffen, da ein solcher Engel keinen andern Umgang
haben solle, als so ein geringes Weib, wie sie.
    Leseur's Ankunft erfllte sie zuerst mit Hohn, Verachtung und Mitrauen: er
kme nur, damit der Herr Graf wegbleiben knne - er solle ein Gesellschafter
sein, wozu dieser sich zu gut halte. Von Malern hatte sie berhaupt geringe
Begriffe; sie schienen ihr durchaus unntz, umsonst da; - und da dieser kranke,
bleiche, verfallene Mann in die Gesellschaft ihres Engels treten sollte, schien
ihr ein wahrer Spott.
    Dagegen schlug Fennimor vor Freuden in die Hnde, da sie endlich einen
Maler sehen sollte, weil sie von dessen Berufe auf Erden die grten Begriffe
hatte, und so gern wissen wollte, wie ein Mensch aussehe, der sich begeistert
fhle, Gottes Werke nachzubilden.
    Emmy hrte kopfschttelnd, wie sie sich freute und den Gast einzufhren
gebot. Ach, sagte sie, Alles mu ihr den Willen thun und was Schnes werden,
woran sie sich erfreuen kann. Gott mag es denen verzeihen, die ihr nicht das
schicken, was ihrer wrdig ist!
    Als Leseur darauf eintrat, verbeugte sich Fennimor so tief vor ihm, da der
stolze Knstler errthete und sich noch tiefer vor der wunderbaren Schnheit
neigte.
    Gott segne Euch! sagte sie leise, wie ein Kind so schchtern, und Gott
segne dieses Haus, wo ein Knstler eintritt - ein Schler Gottes - ein
Berufener, seine Wunder nachzuahmen, wo wir andern nur zusehen knnen! Es mu
eine groe Gnade sein, das zu empfinden, fuhr sie fort, und schritt dabei
neugierig, obwol noch schchtern, auf den erstaunten Leseur zu, um ihn recht
genau zu betrachten, der indessen, durch eine so fremde Anrede um seine ganze
Fassung gebracht, unsicher war, ob das liebliche Rthsel vor ihm ein Kind, eine
Frau oder ein Engel sei.
    Als Beide sich nun ganz nahe standen, und Fennimor's Augen den ersehnten
Anblick eines Malers hatten - ward sie sehr verwundert, da ein Maler gerade so
aussehen mute. Sie htte sich weniger erstaunt gefhlt, wenn er einen
Purpurmantel um eine Tunika getragen htte und den Lorbeerkranz um die Schlfe -
als da er mde und krank, mit bleichen Wangen und schwankender Gestalt, in
Kleidern, wie andere Menschen trugen, die ihm aber nicht wohl saen, nun vor ihr
stand und Nichts hatte, als Augen, aus denen sie spter das Geheimni erklrte,
und die auch jetzt so verstndlich zu ihr redeten, da ihr sogleich eine andere
Ansicht kam, die nicht minder ihr Gefhl weckte, wenn auch ihren Pathos
verdrngte.
    Ach Gott, Ihr seid ja krank, lieber Herr! sagte sie mit dem weichsten
Mitleidstone. Wie wollen wir es denn machen? Ruht erst hier etwas, bis Eure
Zimmer durchwrmt sind!1 Wir lassen dies Ruhebett an den Kamin tragen - da legt
Ihr Euch nieder, und wir breiten Decken ber Euch, da Ihr Euch erwrmt. Ich
kann auch gehn, wenn Ihr lieber allein bleibt, oder Euch etwas erzhlen, bis Ihr
einschlaft - oder vielleicht thut Euch etwas Wein gut?
    Leseur war freilich nicht krnker, als gewhnlich; aber fast wnschte er
sich, das zu sein, was ihn so in unmittelbare Beziehung zu ihrer Theilnahme
brachte, und ohne den Willen dieser kleinen Heuchelei, lie er sich von ihr, als
der Hlfe bedrftig, leiten. - Wie drang sie dann in ihn, als sie ihn fr
erfrischt und gestrkt hielt, ihr von all' den Wundern zu erzhlen, von denen
sie seine Seele erfllt glaubte; und wie andchtig, scheu und ehrerbietig
behandelte sie ihn - wie festlich und schn lie sie Alles fr ihn bereiten, so
froh der Ehre, mit einem Knstler zu leben!
    Und Leseur war in eine Welt der Ideale getreten, deren Dasein er nicht fr
mglich gehalten hatte. Was von der Geltung, dem Berufe des Knstlers die
Bltenzeit seines Lebens als ser Traum umgaukelt hatte, und den Raum des
Entstehens - den heitern Boden der Phantasie nicht verlassen durfte, um es nicht
an der Auenwelt verflchtigt zu sehn - dies ward ihm hier mit einem Ernste als
Erwartetes, Wirkliches, Begehrtes abgefordert, und fand Raum und Existenz unter
Umstnden, die selbst einem Wunder glichen, aber dennoch Wahrheit waren. Unter
dem schuldlosen Betasten dieser Kinderseele fand er die Knstlerseele wieder -
ihre Trume und Entwrfe, ihre Absichten und ihr ganzes heiliges Selbstgefhl
durfte er wieder erwecken, eingestehen! Ja, er mute sich mit dem ganzen
Schmucke bekleiden, damit sie ihn erkannte fr das, was sie in ihm suchte.
    Vor ihrem Bilde mit einer Begeisterung malend, wie einst St. Lukas vor der
heiligen Jungfrau, fhlte Leseur dennoch die Sonne des Lebens immer tiefer
sinken; - aber tglich sagte er sich: es sei! Ist diese letzte Zeit meines
Lebens doch die Erfllung des ganzen Vorangegangenen! Wei ich doch jetzt, da
die groe, heilige Bevorrechtigung, ein Knstler zu sein, kein Gespinnst meines
erhitzten Gehirns ist, da es sich erfllt findet in Anerkennung und freudigem
Festhalten da, wo die Seele der Menschen noch das unschuldige Auffassen behalten
hat, das ohne den Conflikt mit der Welt die Wahrheit erkennt. - Aber wie war
Fennimor dagegen erstaunt, da ein Knstler von Gott hatte abfallen knnen, wie
sie es nannte, und ein wahrer Heide werden, der viele kleine Gtter anbetete,
die ihn sein Herz in der Welt hatte suchen lassen - - und natrlich, sagte
sie, daran zu Grunde geht in Mimuth und Bitterkeit. - Denn, wie sollten sie
Dir treu bleiben, da Du den allein Treuen um sie verlassen hast? Httest Du Gott
vor Augen gehabt, was htte Dir Lebrun wohl thun knnen, als Liebes und Gutes
durch seine herrlichen Werke, wie Du selbst von ihm rhmst - und httest Du die
rechte Liebe gehabt, so httest Du auch den rechten Frieden bekommen!
    Mit protestantischem Ernste griff sie sein mattes, inneres Treiben an, was,
leidlich zur Ruhe gesprochen von ueren Gebruchen und Hlfsmitteln des
katholischen Priesterthums, ihm keine Heilung der Seele geben konnte; da es ihn
fern hielt von strenger Selbstrechenschaft, die, in das Formenwesen von Beichte
und Absolution hinber gezogen, ihn ganz von der Mglichkeit entfernt hatte, auf
dem Wege der Religion sich mit der Welt wahrhaft zu vershnen.
    Was kann Dir denn das helfen, wenn ein Mensch Dich absolvirt, sagte sie
eifrig - weit Du nicht, da Keiner ohne Fehl vor Ihm befunden ist? Warum thust
Du nicht nach Gottes Geboten, der eben durch seine Offenbarung in Christo Dir
sagt, Du sollst Ihn anbeten im Geiste; denn er ist ein Geist! Du bist getdtet
durch Deine Priester, die sich zwischen Dich und den Geist Gottes drngen; denn
das Fleisch - das heit, ihr fleischlich Wort - tdtet! Der Geist allein macht
lebendig! Siehst Du nun wohl ein, welche Snde es ist, die Andacht aus den
Hnden zu geben und trge zuzusehen, was Dir Andere zurecht machen und Dir davon
berlassen nach ihrer sndigen, menschlichen Einsicht? Ja, das sollte uns schon
gefallen, wenn es so leicht abgethan wre! Wir aber, wir Protestanten, die wir
nach der Lehre Christi leben mssen, wie die Evangelien sie lehren, wir wissen,
da es keine andere Rechtfertigung vor Gott giebt, als im Glauben an unsern
Heiland, durch den wir alsdann die Kraft empfangen, die Snde von uns abzuhalten
und der Vergebung theilhaft zu werden, die er Allen verheien, die an seine
Vershnungskraft glauben. Wie kannst Du Dir also wei machen lassen, ein
Priester, der so gottlos ist, sich fr den auszugeben, der Gottes Gewalt an Dir
erfllen knnte, also ein Gott selbst sein mte, knnte Dir sagen: Deine Snde
sei Dir vergeben!
    Dann erzhlte sie ihm von Ihrem Vater, wie demthig er vor Gott gewesen und
Alles an ihn verwiesen habe - und von der Scheu vor sich selbst, die allein zu
ihm fhre.
    Whrend dem malte Leseur seine Lehrerin - und kaum hatte er einen Entwurf
beendigt, so begann er schon den zweiten. Hundert Mal glaubte er sie malen zu
knnen, immer neu, immer sie selbst und das grte Wunder, das ihm vorgekommen.
- Dann las sie ihm mit ihrer Engelstimme die Evangelien vor, die er nie gehrt,
und vor deren heiligem Geiste er den ersten Schauer der Andacht fhlen lernte,
der bis dahin seinem Leben fremd geblieben war.
    Beide fhrten so ein lebhaft angeregtes Leben; - in Fennimor aber tauchte
eine Ahnung der verderbten Welt auf, die ihr bis dahin fremd geblieben war, und
sie mute viel nachdenken; denn sie wollte das, was sie nicht mehr lugnen
konnte, doch gern in Ordnung bringen, um Gottes Welt zu retten, wie sie dachte,
damit auch das Bse seinen Platz bekme zu irgend einem guten Zwecke, da dies
doch nothwendig sein msse, wenn man auch zuerst so sehr darber erschrecke und
erstaune. Oft nahm sie Leseur in Rath, der seine lngst verloren gegangene und
vergessene Unschuldsseele mit heier Sehnsucht um ihretwillen wieder suchte; und
wenn er hrte, wie scharfsichtig, wie tief denkend das Kind blo aus Liebe zu
Gott sich bestrebte, die Angelegenheiten der Erde zu ordnen und zu erklren -
htte er sie zum lauten Predigen in der Wste des Lebens auffordern mgen. Denn
Offenbarungen des Hchsten schienen ihm ihre Worte, und htte er nicht ihren
strengen, aufrichtigen Tadel gefrchtet, auf seinen Knieen htte er ihr zuhren
mgen. - Dagegen dachte Fennimor, wie herrlich ihr Leonin sein msse, von der
bsen Welt umgeben, die er ertrge um Gottes Willen, und um die schne heilige
Welt, der er zugehrte, dort zu zeigen und zu schtzen vor der fremden. Aber
mir wre es lieber, dachte sie, ich bliebe daraus weg, und mit Leonin kme die
schne edle Mutter, der liebe alte Vater und Louise hieher zu uns; denn wir
sollen doch keine Versuchung aufsuchen - also, was thun sie dort, wenn sie es
hier besser haben knnen. Die hat auch Gott nicht zum Streite dorthin berufen,
denen er zwei Stellen auf Erden gegeben, wo die eine ihm so viel nher ist! Nur,
wenn Leonin es will, da ich ihm folge, darf ich hier fort - freiwillig mu ich
nicht gehen - dann aber ist es wieder Gottes Gebot, weil Leonin mein Mann ist!
    Wie erstaunte Leseur ber die sichere Berechtigung, die sie zu ihren
Verhltnissen fhlte, da er der untrglichsten Ueberzeugung war, wie keines der
Rechte, die sie ruhig zu besitzen glaubte, in der Welt eine Geltung haben wrde,
welche sie mit Recht zu berhren frchtete. Gott, rief er oft, wenn er allein
war, die Hnde ringend - wenn Leonin sie auch verliee, wenn sie auch an ihm
den Anhalt verlre und den Glauben - wie nur zu gewi die Eltern gar nicht fr
sie existiren!
    Auf diesem Wege fand sich nach und nach eine natrliche Annherung zwischen
ihm und Emmy Gray. Beide hofften Manches von einander zu erfahren, und die Sorge
um Fennimor erhob dies gegenseitige Forschen zu etwas Edlerem, als Neugierde.
    Emmy Gray lockte bald aus Leseur heraus, was ihre argwhnische Seele schon
voraussetzte, und was ihm unter so entgegenkommenden Fragen unmglich ward, zu
verbergen. Von da an hielt sie den Abgott ihres Herzens fr verloren, und der
Welt nur noch bitterer grollend, schien sie sich bald der einzige sichere
Anhaltspunkt fr Fennimor. Sie erfate diese Ueberzeugung mit einer Energie und
einer Belebung ihres Geistes, die ihrer besonderen Befhigung trotz des Mangels
der Bildung zuzurechnen war; und wenn ihre Gemthsart nur finster und
herrschschtig sein konnte, trat sie doch, von einem edeln Stolze untersttzt,
wrdig genug hervor.
    Lat Ihr noch das Wiegenlied ihrer Hoffnungen, womit sie sich jeden Abend
selbst einsingt, - fuhr sie finster hinstarrend zu Leseur fort - seht, wie
sie heiter aussieht - Nichts kann ihr mehr begegnen, glaubt sie - sie ahnt auch
nicht einmal, da es etwas zu frchten fr sie giebt! Da ein Mensch zu Zweien
sein kann, wie der gottlose Herr Graf, da er hier ihr Grab ausschmcken kann
mit seinem goldnen Tand und doch ihr Herz brechen will und seinen Weltgtzen
dienen, davon wei sie nichts! Und wer mchte es ihr sagen? Gott wird die Stunde
wissen, die sie bricht - aber auch jene mit dem schrecklichsten Fluche der
Menschheit Beladenen zu jeder Qual der Hlle verdammen wird, die Gott dem
erwachten Gewissen vorbehlt! -
    Nach der Vollendung des ersten Bildes erkrankte Leseur bis zum
Niederliegen. Fennimor theilte Emmy's Pflege persnlich, so viel es ihre Lage
ihr erlaubte, und rastete besonders nicht, fr seine Seele zu sorgen; da die
Krankheit mit ihren trben Schleiern und den bittern Tropfen, die sie dem
kranken Blute beimischte, wieder nieder zu werfen schien, was Fennimor in ihm
schon aufgerichtet glaubte. Was Beide da eintauschten, war nicht von gleichem
Werthe. Das Leiden machte den von der Welt und ihren egoistischen Berechtigungen
verwirrten Leseur rcksichtsloser in seinen Aeuerungen. Er wnschte den
Zustand seiner Seele, den sie so ernsthaft tadelte, durch die Schilderung der
Versuchungen zu entschuldigen, welche die Welt ihm geboten; und so rollte sich
bei seinem Eifer, sie von der Schwierigkeit, sich rein zu erhalten, endlich zu
berzeugen, ein Bild dieser Zustnde vor ihr auf, das sie in seiner verderbten
Ausdehnung kaum zu fassen vermochte.
    Zu spt erkannte er an ihrem maalosen Schmerze darber, was er verbrochen,
und bestrebte sich nun um so aufrichtiger, durch seine eigne Hingebung an ihre
Ermahnungen, ihre Seele zu trsten und zu erquicken.
    Doch vermochte er nicht mehr ihre bis jetzt in harmonischem Gleichgewichte
schwebende Seele von dem herben, schmerzlichen Nachdenken zu befreien, in
welches der erste unausgleichbare Widerspruch der innern Welt zur uern, die
Seele in der Jugend versenkt. Nur ihre glaubensvolle Festigkeit erhielt sie und
richtete sie wieder auf; - und endlich war sie sicher und einig darber, da
vielleicht nur kurzsichtige Menschen diese Erscheinungen bse fnden, und Gott,
der die Herzen sieht, allein wisse, ob sie so Viel verschuldeten, als es den
Anschein habe.
    Sieh' sagte sie, wenn ich nehme, als welch' ein bser Snder Du Andern
hast erscheinen mssen, so kann ich mich recht daran beruhigen, da Dir Gott doch
dabei so viel Reue und so viel Gutes erhalten und Dir die Gnade, ein Knstler zu
sein, nicht entzogen hat, vielmehr Dein Herz innerlich immer in Wehmuth schweben
blieb ber Dein uerliches Verschulden. So wird es nun berall sein! Wir mssen
nur immer bedenken, da Gott Alle gleich liebt, Alle seine Kinder sind - da wei
er also als Vater, wo es ihnen steckt, wo er sie heimsuchen mu - und wir drfen
eigentlich gar nichts dabei haben, als still zusehen, wie er sie leiten wird,
und mssen sie lieben, blo darum, weil sie zu Gott gehren.
    Leseur staunte mit wahrer Andacht dies lebhafte Bedrfni Fennimor's an,
das Bse zu annulliren. Er hatte das Gefhl der Jugend vergessen, das sich von
jedem Eindrucke frei zu machen sucht, der dem Glcke widerstrebt, den Menschen
vertrauen zu knnen; - und als er sie auf diesem Wege wieder zur Heiterkeit
zurckkehren sah, glaubte er, der Himmel msse ihr Leben behten und beglcken,
eine solche Frmmigkeit zu belohnen.
    Wir werden daraus die Stimmung erklrt finden, in der Leseur nach seiner
Genesung und nach Vollendung beider Bilder bei Leonin eintraf, und die eben so
schnell gefaten Hoffnungen, derselbe werde ihr gerecht werden.
    Nach Leseurs Entfernung htte die Einsamkeit auf Ste. Roche hervortretender
scheinen knnen; - aber Fennimor glitt mit dem sesten Lcheln heimlicher Lust
ber den blumigen Rasen, durch die lichten Schattengnge, und war in ihrem
geheimen Einverstndnisse nicht mehr allein, sondern von tausend unnennbaren
Freuden umgaukelt, als ob Engel vom Himmel zu ihr niederstiegen zu Spiel und
Scherz! Sie hatte sich lieb und hielt sich hoch und stellte sich im Geiste hin
vor Leonin als die reichste und schnste Gabe, die sie nun so sicher durch sich
fr ihn bereitet glaubte. Dann stieg sie in das Thal hinab in das kleine Haus
des Vikars, wo Veronika, die stille nonnenhafte Jungfrau, in Schnheit und
Jugend prangend, neben dem jugendlich rstigen Vikar waltete. Wenn die
Geschwister sie daher kommen sahen, schwebend fast und leise und vorsichtig, als
behtete sie einen Schlummernden und sie Beiden die schlanke weie Hand reichte,
und das Engelslcheln und der leuchtende Blick auf Beide ihnen immer wieder aufs
neue ihr Glck erzhlte - immer wieder die neue Antwort der Anerkennung zu
begehren schien, dann sagte der Vikar oft, wenn sie wieder heim gegangen: zur
heiligen Jungfrau wird immer noch die Frau, die ihre Umwandlung als eine
gttliche Verkndigung seiner heiligen Gemeinschaft empfindet!
    Gewi war es, sie hatte fast keines Menschen nthig! Sie war gern bei den
Geschwistern und bei Emmy Gray - aber lieber fast noch mit sich allein, und
selbst Leonin hatte nicht mehr den ersten Platz; denn, sagte sie zu sich,
Gott hat seine heil'ge Werkstatt in mir - da mu alles Andere weichen - das
kann ich recht fhlen, wie er allein sein will bei mir!
    Mit Leseur's Hilfe noch hatte Emmy Gray neben Fennimor's Schlafzimmer einen
kleinen Raum benutzt, der nach dem Garten sah, und mit den reichen Stoffen, die
Leonin zur Ausschmckung der Zimmer gesandt, zu einer anmuthigen grnseidenen
Laube umgeschaffen, worin sich nach und nach die kleinen lieblichen Gegenstnde
sammelten, deren verringerter Maastab unser Herz mit Lust und Rhrung erfllt
und die Sehnsucht nach dem Anblicke des kleinen Wesens steigert, das dies Alles
beleben soll mit seiner anmuthigen Erscheinung.
    Wenn ihr Emmy sagte, da die Zeit nahe sei, die ihr die Erfllung bringen
wrde, erbleichte sie vor andchtigen Schauern und wnschte dann wieder, Leonin
bliebe aus, bis sie das Segenszeichen im Arme trge. Das wnschte Emmy nicht.
Noch hoffte sie auf Leseur's Einwirkung; und dann sollte er auch die Weihe als
Vater durchempfinden durch die Last der Angst um die schweren Stunden seines
Weibes! Da sah sie, wie eines Morgens Fennimor's Wangen dunkler glhten und sie
nicht in das Thal hinab stieg, sondern auf dem sonnigen Sitze am Fue des
Eudoxien-Thurmes ausruhte, wo sie den Weg in das Thal bersah; - und als sie zu
ihr trat, war sie am frhen Morgen schon wieder eingeschlafen, der Athem war
kurz und beklommen, der Mund glhte, und zuweilen stieg ein schmerzlicher
Seufzer herauf. Da wendete Emmy Gray schnell den Schritt zurck, und bald
erreichte ein Bote den geschickten Arzt des kleinen Fleckens Ste. Roche, mit der
Weisung, seine Wohnung in dem Schlosse aufzuschlagen. Emmy blieb aber, ein
treuer wachsamer Hter, zu ihren Fen sitzen, und Fennimor schlug nach kurzer,
ungleicher Ruhe zu der Gefhrtin die Augen auf.
    Ich sah es! rief sie und drckte entzckt die Hnde zusammen. - Ganz
deutlich sah ich es! So klein und rund ist es, und seine Aeuglein sind wie
Sterne! - Ach! Emmy, nun mu Leonin bald kommen; denn ich werde eiferschtig,
da ich all das Glck allein genieen soll!
    Ja, ja, sagte Emmy - er knnte wohl hier sein, wenn Euch die Stunde
schlgt - der Vater gehrt zum ersten Grue fr sein Kind! - Doch brach sie
nach diesen Worten ab; denn sie durfte ihrem zrnenden Herzen nicht trauen. -
    Am Abende erschallten Hrner in der Ferne - ein Reisezug flog durch das
Thal. Als Fennimor es hrte, sank sie auf ihre Knie und betete - Emmy's Brust
wollte zerspringen.
    Lebt sie, wo - wo - ist sie, Emmy, geliebte Emmy? rief Leonin und weinte
wie ein Kind, als er die sprde, schluchzende Gestalt wie eine Geliebte an seine
Brust drckte.
    Sie ist ihrer Stunde nahe, Herr, sagte Emmy. Eis und Bitterkeit glitten
dabei von ihrem Herzen; denn sein Gefhl war keine Lge.
    Da drngte er den Ungestm zurck, und sie fhrte ihn bis zu Fennimor's
Zimmer. Sie hatte ihm nicht mehr entgegen eilen knnen - ihre Fe hatten
gewankt - sie sa, und ihr im vollsten Purpur glhendes Engels-Antlitz leuchtete
ber die bedeutungsvolle Gestalt.
    Als er sie sah, ward sein Herz wieder fest - aller Ungestm, alle
Leidenschaftlichkeit war daraus verschwunden. Er fhlte die ganze Heiligkeit
ihrer Stimmung und lag weinend zu ihren Fen, sein Gesicht in die Falten ihres
Kleides bergend.
    Sieh nur, Leonin, sagte sie da ber ihm mit der klaren, sen Stimme -
sieh nur, wer ich bin! Und sich krftig fhlend, erhob sie sich und stand vor
ihm, und als er aufsah, erblickte er sie leuchtend vor Freude, mit der Gewiheit
des hchsten Glckes, das sie ihm zu geben hatte.
    Und das war der Inbegriff von Allem, was sie ihm zu sagen hatte. Kein
Vorwurf, keine Unsicherheit, keine Befrchtung - als ob sie gestern das letzte
Wort mit ihm gesprochen htte, so ruhig, so froh und heiter knpfte sie wieder
an. Nur lieblich, kindlich wehren that sie ihm - er durfte nur leise mit ihr
sein - sie behtete sich ernst und doch halb kindlich spielend. Doch verhllte
die Freude nur noch schwach die ahnungsvolle Bangigkeit, die immer schneller
wiederkehrend in ihr aufstieg und Emmy Gray entfhrte sie endlich aus Leonins
Armen in ihr Schlafzimmer. -
    Als aber die ersten Strahlen der Juli-Sonne den Horizont rtheten, kniete
Leonin nach einer unter tausend Qualen verlebten Nacht an Fennimors Bette, und
sie sah an seiner Brust ihren Traum erfllt, und Leonin rief immer fort:
Fennimor, Fennimor, mein geliebtes Weib, Du hast mir einen Sohn geboren!
    Und so klein ist er! und so rund! und seine Aeuglein glnzen wie Sterne!
setzte Fennimor leise lchelnd hinzu, whrend groe Thrnen ber die blassen
Wangen flossen, und die schnen matten Hndchen sie nicht trocknen konnten.
    Emmy's argwhnischer Tadel verstummte nach gerade vor dem glcklichen Vater,
der, zwischen Fennimors Lager und der Wiege seines Kindes mit eiferschtiger
Sorgfalt Beide behten wollte. Sie ward wieder hoffnungsvoll und heiter, und sah
dem Glcke ihres Lieblings ohne so bange Schmerzen zu, als sie bisher erlitten.
Und dennoch hatte sie Recht - dennoch war es derselbe Leonin nicht mehr, der
diese Stelle einst einweihte als das Ziel seines Strebens, als die Bestimmung
seines Lebens!
    Er war jetzt, was er an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten war - das Kind des
Augenblicks. Hier von den edelsten Beziehungen der Menschen zu einander so warm
ergriffen, wie dort von ihren eiteln Bestrebungen beherrscht - keiner Lage ganz
gehrend - zu der einen zu eitel und ehrgeizig, zu der andern zu gut, zu tief in
die Geheimnisse eines hheren Lebens durch Fennimor eingeweiht - berall
getheilt, zerfallen mit sich - auf dem sichern Wege, das zu werden, was der
Marquis de Souvr zu erreichen trachtete: ein unglcklicher, von verfehlten
Lebenswegen irre gefhrter Mensch!
    In dem Augenblicke, wo er beinah mit Andacht sein Weib, die Mutter seines
Kindes, betrachtete, wute er, da seine Verlobung mit Frulein von Lesdigures
am Hofe deklarirt war, und seine Rckkehr erwartet, um seine ffentliche
Vermhlung zu feiern. Er wute, da er diese gegen seinen Willen ihm ber den
Kopf gewachsene Verpflichtung jetzt erfllen mute, oder da er vor der Welt,
deren Meinung ihm so wichtig geworden, entehrt dastehen, und auf ewig aus der
glnzenden Gemeinschaft getrieben sein wrde mit der sichtbaren Gottheit
Frankreichs - mit seinem Knige. Jede ehrgeizige Hoffnung wre damit vernichtet
gewesen, der Name, dessen stolzen Anspruch er jetzt erst begriff, zu dem
trostlosesten Dunkel hinab gewiesen, und in der Verbannung keine Hoffnung auf
Seelenruhe, da ihm der Fluch der Eltern und das Andenken an Viktorinens
gebrochenes Herz folgen mute. -
    Am Morgen nach der uns bekannten Ernennung des Knigs, begab sich die
Marschallin von Crecy, die sonst die Waffensle ihres Gemahls selten besuchte,
dahin, dem zgernden Leonin zuvorkommend. Der Marschall mute die Aufmerksamkeit
seiner Gemahlin anerkennen, da sie schon am frhen Morgen zu ihm eile, ihm
sowol die Anstellung ihres Sohnes, wie die Verlobung desselben mit Mademoiselle
de Lesdigures anzuzeigen, die durch einige Worte der Majestten, welchen
allerdings die Sache auer Zweifel war, fr beide Ehegatten die Sanction einer
priesterlichen Einsegnung erhielt. So ward Leonin, als er spter dem Vater nur
seine Anstellung mittheilen wollte, in doppelter Beziehung beglckwnscht, und
der unbeschreiblich ungestme Jubel des alten Helden ertdtete jeden Versuch der
Widerlegung in dem fast von diesen Eindrcken betubten Sohne. Auch fand er ihn
schon zur Hlfte in seiner Marschalls-Uniform - er wollte dem Knige seinen Dank
abstatten und dann der alten Eule, der Herzogin Schwiegermama, wie er in
lustiger Laune die Mutter Viktorinens nannte, die Reverenz machen - und ist
Deine Liebste dort, dann soll sie einen Ku haben, so wahr ich Marschall von
Frankreich bin!
    Es wre eben so mglich gewesen, den Strom der Seine rckwrts flieen zu
lassen, als den Marschall aus seinem, ihm von seiner klugen Gemahlin angegebenen
Gedankenstrom zu lenken. Leonin machte einige vergebliche Versuche dazu; da sie
jener aber lachend und tobend ganz berhrte, sicher, er knne nur erfahren, was
in diesen Ideenkreis hinein passe, ri sich Leonin endlich, fast wahnsinnig ber
seine Lage, von seinem Vater los.
    So gehe denn, mein Kind, und komme bald wieder! Es ist mir zwar nicht
Recht, da Du jetzt das alte Nest Ste. Roche besuchen willst, und ich verstehe
nicht, wie sich das mit Deinem schuldigen Respekte gegen die Majestten und
Deine Braut vertrgt. Da es aber Deine Mutter billigt, der man in solchen Fllen
wohl trauen darf, und Seine Majestt der Knig es in den Mund nahm, so habe ich
Nichts zu erinnern; - auch denke ich, man wird ums Wiederkommen nicht sehr zu
bitten haben. He, mein Junge, das mu man sagen, sie haben Dir eine gute Partie
gemacht - die alte Eule von Mutter ist eine Schwester des Herzogs von Reetz, und
die Lesdigures werden herankommen an die Crecy und Soubise!
    Lnger ertrug es Leonin nicht. Todeswund strzte er sich in die Arme seines
Vaters. Der Marschall nahm sein undeutliches Gemurmel fr Abschiedsworte, kte
und herzte und entlie ihn, seinen in Juwelen gefaten Ehrendegen aus der Hand
des Kammerdieners nehmend und ihn mit geheimer Lust in das goldene Gehnge
steckend.
    Leonin strzte dagegen durch die Gemcher, die zu den Zimmern seiner Mutter
fhrten, und wer ihm begegnete, wich ihm aus und sah dem glcklichen Erben, auf
dessen Haupt sich so viel Ehren huften - denn seine Anstellung und Verlobung
war Allen bereits mitgetheilt - voll Erstaunen nach, frchtend, eine pltzliche
Krankheit habe ihn ergriffen. Er sah den Thrsteher seiner Mutter, der ihn
melden wollte, nicht, er drckte mechanisch die Thr auf, er erreichte ihr
Kabinet und stand vor ihr, als sie eben die schwere Sammet-Robe abwarf; denn sie
kam von dem Lever der Knigin, welche die Anwesenheit der Marschallin benutzte,
um der Knigin Mutter, den Prinzessinnen und diesem hchsten Kreise Mademoiselle
de Lesdigures als die verlobte Braut des jungen Grafen von Crecy-Chabanne
vorzustellen. Sie kehrte zurck mit der stolzesten Selbstzufriedenheit, mit dem
Gefhl, ihr Ziel erreicht zu haben - und indem sie sich umwendete, erblickte sie
Leonin, und ein nie gekanntes Erbeben erschtterte ihren ganzen Krper; denn es
war, als ob eine Donnerstimme ihr zuriefe: triumphire nicht zu frh - er wird
das Opfer! - Doch war sie stets schnell gefat. Ein Wink entfernte die
Kammerfrauen; - und als sie eigenhndig das Vorzimmer verschlossen hatte, war
ihre ganze Selbstbeherrschung zurck gekehrt, und in sich hinein sagte sie:
jetzt keine Schwche, er ist ja der Augenblick, den Du lngst erwartet!
    Sie hatte diese Ermahnung nthig; denn als sie wieder eintrat, ging Leonin
mit seinem todtenhnlichen Antlitze ihr entgegen und sagte mit leiser, heiserer
Stimme und einem Ausdruck der Augen, der ihren Herzschlag aufhielt: Retten Sie
mich, Madame! Retten Sie mich! Er wiederholte diese Worte so oft, so gleich
schrecklich im Tone, da sie glaubte, er sei wahnsinnig geworden.
    Vor allen Dingen komme zur Besinnung, mein Sohn! sagte sie, vergeblich
bemht, ihrer Stimme Sicherheit zu geben. - Du bist in einem Grade berspannt,
der Dir die richtige Ansicht Deiner Lage unmglich macht. Fasse Dich und habe
Vertrauen zu mir; wir werden, in Uebereinstimmung handelnd, Alles beseitigen,
was Dich berwltigt und qult.
    Nein, nein, Madame, fuhr Leonin in demselben Tone fort - es kann nicht
mglich sein - ich bin nicht zu retten! Entweder hier entehrt vor dem Knige,
vor allen Menschen - oder dort vor Gott und mir selbst! Es ist nicht zu
vereinigen, ich mu das Opfer werden! -
    Lassen Sie mich diese Sprache nicht hren! sagte die Marschallin - mein
Herz hat keine Nachsicht mit unmnnlichen Empfindungen. Sie sind augenblicklich
gerettet, wenn Sie anerkennen, welche hohe, ehrwrdige Verpflichtungen Ihnen Ihr
Rang, als einem der ersten Unterthanen unseres erhabenen Knigs, auferlegt. Sie
gehren sich selbst nicht mehr an, kein Mensch hat ein Recht an Sie von dem
Augenblicke an, wo der Knig ber Sie verfgt; - Alles ist Nebensache - kann und
mu beseitigt werden zu Gunsten dieses einen, hchsten Zieles! - So, mein Sohn,
denken alle, welche die Ehre haben, Franzosen - Unterthanen des ersten Knigs
der Erde zu sein. - Doch, vor Allen denken so die hohen Vasallen der Krone, die
Sttzen des Thrones - die Crecy-Chabanne, die Rohan, Soubise, Montmorency,
Latour d'Auvergne und hnliche erlauchte Personen. Ist eine Jugendthorheit in
ihren Lauf gekommen, so wissen Sie, da keine der Art so hervortreten darf, da
sie diesen angestammten Verhltnissen den kleinsten Schatten geben knnte; und
da Sie nur eine Pflicht haben drfen, so wissen Sie, was Sie von allen andern zu
halten haben.
    Da Leonin nicht antwortete, sondern seine Mutter mit dsteren, verwirrten
Blicken anstarrte, fuhr die Marschallin mit steigendem Muthe fort: so sehr ich
es mir auch zum Gesetze gemacht habe, Ihrer Jugendverirrung nicht mehr zu
gedenken, berzeugt, Sie wrden im Laufe Ihres Lebens am Hofe, und bei erlangter
Kenntni der Verhltnisse, die Ihnen allein zustehen, von selbst die nthigen
Schritte thun, sich von jedem strenden Einflusse, der daher kommen knnte, frei
zu machen - mu ich doch einsehen, da Sie mit Ihrer gewhnlichen Nachlssigkeit
jene Jugendthorheit unverndert gelassen haben. Wie jedes Uebel dadurch wchst,
da wir es nicht anzugreifen wagen, so findet es sich auch bei Ihnen; da Ihre
glnzenden Verhltnisse, die Ihnen in allen Beziehungen die ersten und
vollkommensten Gaben darbieten, Sie endlich auf die Spitze hintreiben, ergreift
Sie das Gefhl, dieser Auszeichnungen nicht mehr werth zu sein durch unwrdige
Bande, denen Sie noch Geltung zugestehen.
    Nein, nein, unterbrach sie Leonin - nicht unwrdige - heilige, heilige
Bande! - Ich bin vermhlt! Ich bin ein Bsewicht, wenn ich es lugne!
    Hierber, mein Sohn, sagte die Marschallin mit groer Klte, kann ich mit
Ihnen nicht streiten. Der Pairshof wrde Ihnen darauf antworten knnen! Doch
wrde ich beschmt sein, wenn mein Sohn von einem Gerichtshofe erfahren mte,
da keine Handlung des Mineronnen, ohne Zustimmung seiner Eltern, irgend
gesetzliche Kraft habe; noch mehr aber beschmt, wenn der Erbe des Namens
Crecy-Chabanne in Zweifel darber wre, da er sich vor der Welt nur durch eine
ebenbrtige Vermhlung behaupten knne. Doch dies Alles habe ich nicht nthig; -
ich verweise Sie an Ihren Beichtvater; fragen Sie ihn, welche Kraft fr einen
Katholiken eine so ungehrige ketzerische Vermhlung hat, und Sie werden
errthen, der Spielball dieser Intrigue gewesen zu sein.
    O, meine Mutter, rief Leonin - gestatten Sie mir nur, Ihnen die Dinge
darzulegen, wie sie wirklich sind! Sie finden mich ja nicht hartnckig,
widerstrebend! Nur zu schmerzlich erkenne ich, wie unbesonnen und leichtsinnig
ich gehandelt, wie das Wesen, das ich selbst aus freier Wahl in mein Leben
verflochten, auf keine Weise in die Verhltnisse meines Standes pat, die ich
jetzt erst in ihrer Wichtigkeit erkannt habe! Aber ich beschwre Sie, wenn Sie
mir helfen wollen, erkennen Sie an, da dies Wesen edel und unschuldsvoll mit
ihrem Vater mir vertraute - da sie keinen Zweifel an der Rechtmigkeit ihrer
Vermhlung hat - und bedenken Sie, da ich damals, als ich ihr zum Altare
folgte, derselben Ueberzeugung war; mein Gelbde also zu Gott mit der vollen
Zusage meines Innern drang! - Wenn Sie diesen Grad von Rechtmigkeit erwgen,
werden Sie meine Lage um so schwieriger finden; Sie werden zugeben, wie elend
ich mich fhlen mu, zum Verrther an dem reinsten menschlichen Vertrauen zu
werden - oder vor der Welt als ein Thor dastehn zu mssen, der die Gnade unseres
groen Knigs zurckweist und ein Mdchen tdtlich verletzt, die durch Rang und
Verdienst, die Erste zu sein, wrdig ist.
    Die Marschallin schwieg einen Augenblick und berlegte, da ihr Sohn, wie
aus seinen eben vernommenen Worten hervorging, weit genug gekommen war, da sie
jetzt theilnehmend werden knne, um das Ganze zu vollenden.
    Es ist vielleicht die Schwche der Mutter, die mich mehr mitleidig, als
zrnend macht; - ich kann aber nicht ohne Theilnahme sehen, wie diese
unglckliche Sache Dein Herz beunruhigt, und ich will Dir vergeben, um Dir
helfen zu knnen! -
    Leonin strzte ihr zu Fen, um die dargebotene Hand an seine Lippen zu
drcken. - So gro war der Einflu dieser Frau, da ihre Zusage, ihm helfen zu
wollen, eine Last von seinem Herzen wlzte, als ob damit schon Alles eine
andere, gnstigere Gestalt gewonnen habe. - Wir mssen darber einig werden,
fuhr sie dann ruhig fort, da diese eingegangenen Verbindlichkeiten, seien sie
so gro, als sie Dir erscheinen - oder so klein, als sie wirklich sind - auf
jeden Fall gnzlich fr Dich beseitigt werden mssen; und ich wrde, da ich Dir
wenig Geschick fr diese Angelegenheit zutrauen darf, ungern in Deine Rckkehr
willigen, wre Deine Abreise nicht einmal von dem Knige erwhnt worden, und
dadurch einem Befehle hnlich zu betrachten, und damit Dir auch Zeit gegeben,
eine Stimmung zu gewinnen, wie Mademoiselle de Lesdigures sie von Dir erwarten
darf. - Doch verlange ich von Dir, da Du jene junge, unwissende Person auf ihr
nothwendiges Schicksal vorbereitest, entweder durch die bestimmte Darlegung
Deiner jetzigen Lage, ber die Du frher aus Unwissenheit so falsch urtheiltest
- oder, indem Du ihr durch Dein kaltes Betragen Dein verndertes Herz darthust.
Ich werde indessen den Marquis de Souvr, der schon einmal der Vertraute dieser
unglckseligen Angelegenheit war, bewegen, sich der Sache aufs Neue anzunehmen,
und er soll Dir nach Ste. Roche folgen und alles Uebrige feststellen und
beendigen. Vorher mut Du Deinen Beichtvater sprechen; er wird Dir sagen, wie
sehr Du Dich versndigt hast, eine Verbindung mit einer Ketzerin geschlossen zu
haben, und wie Du diese Snde nur shnen kannst, indem Du sie aufhebst und
widerrufest. Auch wird hierzu die junge Person durch ihres Landes Sitte, wie
durch die Lauheit ihrer sogenannten Religion geneigt sein, da, wie ich hre, in
diesem protestantischen England sie die Ehen schlieen und wieder auflsen
lassen vor einem Gerichtshofe, welches denn beweist, was von solchen
Verbindungen dort zu halten ist.
    Da die Marschallin sah, wie ihr Sohn bei diesen Worten litt, und ihn jetzt
zu keiner Vertheidigung reizen wollte, fgte sie milder hinzu: Ich will nichts
wissen von den Einrichtungen, die Du vielleicht triffst, um Deinem weichlichen
Gefhle zu Hlfe zu kommen. Ste. Roche ist ein Aufenthalt, der Dir allein gehrt
- Niemand Deiner Familie wird ihn je aufsuchen - die Revenuen erlauben Dir jede
Freigebigkeit, und ist diese Person durch eine Art Scheidung, nach ihren
Begriffen, von Deinem Namen und allen damit verbundenen Ansprchen fr immer
getrennt, wird es Dir zustehen, sie in eine sorgenfreie Lage zu versetzen. Doch
vergi nicht, da Dein Name durch keinen Andern sich fortpflanzen darf, als
durch die Kinder, die Dir eine ebenbrtige, rechtmig kirchliche Verbindung
giebt.
    Wir mssen es mit Schmerz eingestehen, da Leonin die Ausfhrung dieser
Vorschlge mglich fand und sich damit erleichtert hielt, seinem unsicheren,
willenlosen Umhertappen gegenber. Die alten Vorurtheile warteten nur auf die
ihnen bequeme Stimmung, um sich sogleich zu Beherrschern zu machen, und was noch
unvollendet blieb, kam in die Hnde des Beichtvaters, der nur zu bald mit dem
Gewissen Leonins fertig ward und, einer Ketzerin gegenber, keine bindende
Verpflichtung zugestand.
    So vorbereitet, trat Leonin die Reise an, und mit diesem Hintergrunde finden
wir ihn zu Fennimors Fen, seinen Sohn im Arme!
    Und dennoch war er kein Heuchler! Dennoch hatte er keine Lge gesagt, als
Fennimor Alles hrte, was ihr Herz beglcken konnte. - Ja, um so weniger war er
es, da dies vielleicht das eigentliche Leben war, wozu die Natur ihn bestimmt,
und daher sogleich sein ganzes Wesen entgegen kommend fand, von allen Anklngen
seines sanften, weichen Karakters untersttzt. Die natrliche Richtung der
Menschen bricht sich immer von Zeit zu Zeit Bahn, wie das eitle Leben auch ihre
Fhigkeiten entkrftet, da sie keinen Werth haben bei Erstrebung ehrgeiziger
Zwecke, und es ist gewi vor Allem diesen heiligsten Empfindungen, die Gott der
Elternliebe verliehen hat, und die auch das starrste Herz mit einem warmen
Strome nie gekannter Wonne durchdringen, vorbehalten, den natrlich besseren
Zustand des Menschen hervor zu rufen.
    Dessen ungeachtet drfen wir Leonin nicht mehr mit dem glcklichen Jnglinge
verwechseln, der in Stirlings-Abtei diese edlere Seite des Lebens aufzufassen
vermochte. Er taumelte dem neuen Gefhle wie ein Trunkener in die Arme; aber die
Verhrtung des Herzens, die so leise und heimlich von der eigenen Mutter bis zu
ihm geleitet war, hielt das letzte groe Mittel der Natur, ihn bis auf den Grund
zu reinigen, in seinem Einflusse auf und lie ihm eben keinen andern Eindruck
nach, als den eines Trunkenen. Es blieb ein vorbergehender Zustand; er dachte,
sich ernchternd, daran, ihm keinen Einflu zu gestatten auf die ihm
mitgegebenen Plne seiner Mutter, und war nur bereit und mit wahrem Eifer
erfllt, dieselben so liebevoll und schonend auszufhren, als mglich.
    Fennimor's Einflu auf ihn, das Einzige, was ihn htte erschttern knnen,
war durch die Zurckgezogenheit gebrochen, in welcher die Pflege ihres Zustandes
sie hielt. Mit andchtiger Strenge ertrug sie die Qual einer Pflege, die ihr
Schweigen, ihr Lager und das verhngte Zimmer gebot; und so wurde Leonin oft von
ihr getrennt und ihrem Zauber entzogen, den sie nur entwickeln konnte, wenn sie
umher wandelnd die Dinge um sich her mit ihrem eigenthmlichen Geiste belebte.
Dazu kam, da der Gegensatz dieses Lebens zu dem eben verlassenen so ungeheuer
gro war, da auf die fieberhafteste Aufregung, die dort seine Tage belebt
hatte, jetzt eine Abspannung eintreten mute, die er nicht der vorangegangenen
Extase, sondern dem jetzigen, ihm trostlos leeren und gehaltlos erscheinenden
Leben zuschrieb, welches allerdings durch Fennimor's Zurckgezogenheit seines
Hauptimpulses entbehrte. Er hatte in der daraus entstehenden Einsamkeit Zeit,
sich zu wiederholen, da er hier nicht mehr leben und glcklich sein knne - und
es war vorlufig Alles, was er fr Fennimor in sich erhielt, da er bedauerte,
sie nicht von Verhltnissen trennen zu knnen, die ihm jetzt niederbeugend
schienen, nachdem er gelernt hatte, das uere Leben ber das innere zu stellen.
    Bald nahte der Augenblick, der ihn zuerst zwang, seine bedingte Stellung zu
seinen jetzigen Verhltnissen anzudeuten. Der Vikar erinnerte nmlich nach dem
vierten Tage, da die Taufe des Neugebornen nach den Vorschriften der Kirche
nicht lnger verschoben werden knnte, und Leonin war dazu mit eben dem
Leichtsinne bereit, wie er sie ohne Erinnerung vergessen haben wrde. Er bat den
Vikar, darber mit Emmy Gray die Verabredung fr den nchsten Morgen zu nehmen,
und wollte sich eben beurlauben, als der Vikar ihn um die Namen bat; da er noch
heute das Kirchenbuch ausfllen wolle, um in der Kirche dann die Unterschriften
erfolgen zu lassen.
    Vor dieser Erinnerung blieb der junge Graf, wie vom Blitze getroffen stehen!
Der Trost jedes schwachen, unmnnlichen Treibens, das Verschieben, das Hinhalten
der Zustnde, wie sie uns noch schonen und zu keiner Entscheidung zwingen, war
ihm damit pltzlich entrissen - und wir drfen ihm die Gerechtigkeit nicht
versagen, da er vor der Gre des nchsten Schrittes erbebte und seinen Inhalt
fast mit Verzweiflung erkannte.
    Aber ihm war keine Rckkehr mehr denklich, obwol er auch dort weder Genu,
noch Lebensreiz erwartete. Er sagte sich daher, sein Paradies sei fr ewig
verschttet - der Sinn, durch den er es einst gefunden, sei verloren, und was
alle Schwchlinge thun: er gab sich auf, um fortsndigen zu knnen!
    Wie schnell seine Gedanken auch die Vorstellungen durchliefen, die wir hier
andeuteten, die Lcke des Stillschweigens war dennoch da, und er traf auf einen
Blick des Vikars, der ihm sagte, der kluge Mann beobachte ihn. Dies reizte
seinen Stolz, und er hatte schon die Miene der vornehmen Welt gelernt, die eine
Ueberlegenheit andeuten soll, die durch nichts denkt vertreten werden zu mssen
und sich geschickt glaubt, die Anforderungen blo menschlicher Rechte, die ihnen
unbequem sind, damit zurckzuweisen, als ber die Grenzen ihrer besondern
Bevorrechtung streifend.
    Herr Vikar, sagte er mit dem dazu passenden Tone, ich werde Ihnen Ihre
Weisung darber zusenden - richten Sie das ein, was auerdem nthig.
    Das werden zwei Zeugen sein, erwiederte dieser kalt. Haben Euer Gnaden
darber bestimmt?
    Leonin bi sich in die Lippen - er mute wieder entscheiden! Nun, sagte
er, indem seine Gedanken im Fluge alle diesem kleinen Kreise angehrigen
Personen durchflogen, Mademoiselle Veronika und der Arzt werden vielleicht
diese Ceremonie vervollstndigen, ich werde Beide persnlich darum bitten.
    Der Vikar neigte kaum merklich sein Haupt, und der junge Graf enteilte
dieser peinlichen Unterredung.
    Aber er wagte nicht zu der Stelle zurck zu kehren, wo Fennimor ihr
unschuldiges Haupt mit lieblichen Trumen ihres Glckes wiegte. Er eilte in die
Wlder, die in ihrer duftenden Juli-Flle den Verirrten zu fragen schienen, ob
er ein Recht habe, sich in ihrem Bereiche unbefriedigt zu fhlen. Aber er sah
und empfand ihren schnen Anspruch nicht. Bisher war er unthtig zum Bsen
fortgetrieben worden; jetzt zuerst sollte er selbststndig aussprechen, was er
so lange sich selbst ablugnend um sich her geduldet hatte. Er fhlte sich in
einer Zerrttung, es ruhte eine Brde auf ihm, die unleidlich schien; - und der
ewig gelenkte und bevormundete Jngling war in einer Erbitterung, selbst
entscheiden zu mssen, welche ihn htte warnen knnen, da sie vielleicht der
letzte Versuch seines guten Engels war, ihn aufzuhalten.
    Als er spter, wie gewhnlich, an Fennimor's Lager trat, war die
Entscheidung in ihm vollendet. Kalt und ruhig blickte er auf sein Weib und das
schlummernde Kind an ihrer Brust - er fhlte innerlich, da er sich von ihnen
geschieden hatte; und in dem Maae, wie er vor der Gre seines Frevels erbebte,
in dem Maae erkltete es ihn gegen die Gegenstnde desselben. Fennimor lag in
einem Fieberschauer, ihrem Zustande gem, der auch die Gestalt des Lieblings
verhllte; er berhrte das Kind nicht, was Emmy Gray ihm bergeben wollte, und
fragte nur kurz und trocken, ob sie mit dem Vikar Verabredung genommen habe. Er
wollte sich verhrten, um der Reue zu entgehen, und erfuhr das Schicksal aller
schwankenden, unentschlossenen Menschen. - Einmal zum Handeln gezwungen,
berholte er sich selbst und steigerte seinen Vorsatz ber das erforderliche
Bedrfni! -
    Als am andern Morgen der Vikar vor den Stufen des Altars den Grafen um die
Namen des Kindes befragte, rief derselbe mit kalter, lauter Stimme: Reginald
Crecy von Ste. Roche. - Der Vikar hielt einen Augenblick inne; dann sagte er,
ohne es in die Taufformel einzuschlieen, indem er den Grafen fragend ansah:
Reginald, Graf von Crecy?
    Reginald, Crecy von Ste. Roche! unterbrach ihn der Graf mit jhem Wechsel
der Farbe, indem sein Auge starr und zornig auf dem jungen Geistlichen haftete.
-
    Nach einer Pause schlo der Geistliche mit diesem Namen die Ceremonie.
    Kaum war sie vorber, so eilte der Graf auf das Kirchenbuch zu, nahm selbst
die Feder und schrieb den Namen ein. Als die Zeugen unterschrieben, sahen sie,
da der Name Crecy unter den Vornamen stand, Ste. Roche als Familienname.
    Keiner sprach einen Glckwunsch. Der Graf blieb in stolzer Abgeschlossenheit
stehen, bis Alle unterschrieben hatten; dann verlie er pltzlich die Kapelle,
und der beraubte und entehrte kleine Tufling ward, von Niemandem begleitet,
nach dem alten Schlosse zurckgetragen, das ihm eben seinen Namen hatte leihen
mssen, von dem Manne beraubt, dessen Herz sich zu verhrten begann, wie die
Steinmassen, die ihn aufnahmen.
    Weder Emmy Gray, noch Fennimor erfuhren, was geschehen war. Emmy verlie
ihren Liebling nicht, und die Wrterin, eine vllig unwissende Person, hatte
keinen Ansto gefunden, den sie htte verrathen knnen. Veronika aber, ihr
Bruder und der Arzt gelobten sich Schweigen, um nicht voreilige Erschtterungen
zu veranlassen.
    Fennimor verlie jetzt das Bett, und die schnste Jahreszeit machte es
mglich, da sie unter den Schatten der Bume getragen werden konnte, das holde
Kind im Schooe, das noch schlafend sein kleines Leben einhllte, von der Liebe
behtet, die ahnend in seine Bedrfnisse eindringt.
    Wo konnte man ein vollstndigeres Bild dieser aufhorchenden Liebe finden,
als in Fennimor! Wie schn war diese sanfte. blasse, kindliche Mutter mit dem
unnennbaren Zauber der seligsten Befriedigung! Die Harmonie ihres Innern ruhte
in jedem Zuge, in jedem Laut ihrer Stimme; kein Gefhl trat vor dem andern vor;
ihre Liebe zu Leonin war die Liebe zu ihrem Kinde - Gott, die Natur, fielen wie
Strahlen hinein - es war Alles dasselbe! Sie schwamm, wie eine schne duftende
Nimphaea, auf dem ruhigen Wasserspiegel der Gegenwart - die Sonnenstrahlen ber
ihr, die den kurzen Lebenstag beseligten, fr unvergnglich haltend - die Nacht
vergessend in dem reinen Lichte des Mittags!
    Leonin hatte das Hrteste gethan, ehe der Eindruck dieses verklrten
Zustandes ihn erfassen konnte. Jetzt stand er davor - von seinem Gewissen aus
diesem Paradiese vertrieben, den Fluch schon fhlend, der seine Stirn langsam
umkreiste, die Flammenschrift der Befleckung einzugraben!
    Wie Leonin auch gelernt hatte, mit der Snde zu scherzen, ihren Lockungen
nachzugehen und vor ihren Anforderungen nicht mehr zu erbeben - das erste
positive Bse hatte er erst hier gethan, und er empfand den ungeheuern
Unterschied zwischen einem solchen eigenmchtigen, selbstgewhlten Schritt und
dem negativen Hingeben, dem er bis jetzt sich berlassen. Gerade, da er noch
nicht vollstndig verfhrt und verhrtet war, machte diesen Schritt so
verhngnivoll fr ihn. Es war damit eine Art Wahnsinn entstanden, eine Mischung
von Schmerz, Verzweiflung, Ha und Grausamkeit, die sein ganzes Wesen in Ghrung
versetzte und nur eine hohnlachende Stimme aus ihm hrbar werden lie, die immer
aufs neue wiederholte: vorwrts, vorwrts, Du bist nicht mehr zu retten!
    Htte Fennimor nicht an ihrer Brust das holde Kind, diesen Schild gegen alle
Verwundungen der Welt, getragen, wie wrde sie Leonin's Vernderung schnell
erkannt haben! Aber das Kind lag zwischen ihnen - sie fand Leonin nur durch dies
hindurch und deshalb immer verklrt oder eingehllt. Doch auch fr diese
Tuschung mute die Aufklrung kommen.
    Fennimor ward mit den wiederkehrenden Krften auch selbststndiger; aus dem
physisch trumerischen Zustande, der sie zu Anfang an ihr Kind fesselte, wie
noch in einem Pulsschlage gebunden - erfolgte nun die natrliche Trennung, die
in der Mutter die gesonderte Existenz herstellt, die der erste Schritt fr die
Emancipation des Kindes wird.
    Hiemit trat sie Leonin nher, und ihr kluges Auge, ihr reines Gefhl lie
sie augenblicklich die Wahrnehmung seiner Vernderung machen.
    Ach, Leonin, sagte sie - durch Leseur habe ich viel von der bsen Welt
gehrt, in welcher Du leben mut, und es hat mich recht geschmerzt auch um
Deinetwillen! Wie schwer mu es sein, dort zu leben, und wie kann ich es Dir
anfhlen, was Du dort leiden mutest! Du hast keinen guten Blick mehr - Deine
Seele sieht traurig aus Deinen Augen heraus!
    Leonin zog ein Lcheln um seinen Mund - es war krankhaft und bitter und
enthielt eine ganze Antwort, die aber Fennimor nicht verstehehen konnte; und da
er auerdem schwieg, fuhr sie fort: sag' mir, bleibst Du nun in der schnen
Welt hier, oder mu ich mit Dir in jene andere hinein ziehen?
    Hoch brauste es in Leonin's Brust auf. Ha, rief seine Seele, warum stt Du
mich selbst in den Abgrund, den ich Dir noch verdecken wollte? So machte er,
verwirrt von der Verzweiflung seines Herzens, es ihr zum Vorwurf, da sie ihn
veranlate, ihr zu sagen, wie unglcklich er sie zu machen beschlossen hatte!
Wer htte die Qual zergliedern knnen, die ihn zerri, als er die Lippen
ffnete.
    Weder das Eine, noch das Andere, rief er. - Ich kann weder die Welt
verlassen, die Dir der krankhafte Trumer Leseur so bse geschildert hat, noch
Dich dorthin fhren; denn das Eine bleibt gewi, fr Dich pat diese Welt nicht,
und Du wrdest dort keinen Platz fr Dich finden!
    Ja, das dachte ich auch, sagte Fennimor sorglos, und immer nur, wenn Du
mich darum bitten wrdest, drfte ich es thun; denn es ist ja unser Gebot, da
wir das Bse nicht suchen sollen, weil es, wie der Staub in der Luft, unmerklich
uns berhrt und endlich doch die reine Farbe unseres Inneren entstellt. Aber
dann ist doch Deine Heimath auch nicht dort, und warum willst Du zurck, da es
Dich traurig macht und Deine schne Seele krnkt?
    Leonin's Brust wollte zerspringen. Er htte ein lautes Angstgeschrei
ausstoen mgen - die Welt mit den Fen unter sich zerstampfen. Ungeheuer! rief
er innerlich. - Er wute nicht, ob gegen sich oder gegen Andere; aber die erste
selbstgefhrte schlechte That hatte ihm den Zgel aus der Hand gerissen - er
jagte fort, verwildert von der Angst, mit der sie ihn verfolgte.
    Darin irrst Du - meine Heimath darf hier nicht sein. Ich bin dem
Vaterlande, dem Knige, meinen hohen Verhltnissen als Vasall der Krone eine
andere Lebensweise schuldig, als diese mige Existenz hier sein wrde.
    Ha, rief Fennimor, das klingt schn, und ich begreife Deine hohe
Bestimmung - erzhle mir recht Viel davon! Du hast Recht, Dich so gro und
krftig zum Leben zu stellen, ein Mann mu das auch! So waren einst die
Makkaber, und ihre Gre und Heldentugend diente auch zum Schutze des
Vaterlandes. Davon wird die Seele ein mchtiger Thron erhabener Gedanken, die
den Mann Gott nher fhren, und doch bleibt er dabei sanft und heiter, wie ein
Kind. - Wie gnne ich Dir diese groe Weihe zum Leben, mein Geliebter! Wie stolz
bin ich darauf und wie begreife ich nun wohl, da Dir das armselige, kleine
Leben, von dem Leseur sprach, nichts anhaben kann! - Aber, fuhr sie fort, in
diese schne, erhabene Welt, die Du Dir geschaffen hast, kann ich Dir folgen;
die ist es gerade, von der ich getrumt habe, bis der arme Leseur sie so bitter
verklagte.
    Leseur, erwiederte Leonin kalt und stolz, kann gar nicht die Welt
beurtheilen, zu der ich gehre - eben so wenig kannst Du mir aber dahin folgen.
Ich werde immer von Zeit zu Zeit nach Ste. Roche zurckkehren, und in Deinen
Verhltnissen hier wird sich Nichts ndern; - dort aber erlaubt Dir Deine Geburt
nicht, den Rang zu theilen, den ich einnehme; und daher wrden wir Beide eben so
getrennt leben mssen, als wrest Du hier und ich dort.
    Was meinst Du damit, ich verstehe Dich nicht, rief Fennimor - und eine
Anregung von Stolz und Krnkung stieg in ihren reinen Zgen auf - da ich Dein
Weib bin, bin ich dasselbe, was Du bist, und mein Vater war ja nicht geringer,
als der Deinige und ein Geistlicher berdies!
    Leonin fhlte einen Krampf in den Schultern; nur mit Mhe unterdrckte er
es, sie zu zucken. Die Antwort bergehend, fuhr er fort, indessen sein Fu den
Rasen, der grn und duftend vor ihnen ausgebreitet lag, zu zerstren suchte:
Der Knig hat mich zum Kammerherrn und Reisekavalier der Knigin ernannt. Ihre
Majestt wird dem Knige in den Krieg nachfolgen, und ich mu daher zurck,
sobald die Nachricht eintrifft, da die Armee sich in Bewegung setzt.
    Sagtest Du denn nicht dem Knige, wie lange Du von mir getrennt seiest,
Leonin? rief hier Fennimor, in Thrnen ausbrechend. - Er, der so gut, so
bermenschlich begabt sein soll, htte Dich doch wohl aus diesem harten Dienste
entlassen?
    Htte Leonin die Augen aufgeschlagen und Fennimor's Engelsantlitz gesehen,
wie es unter seinen kalten, herzlosen Antworten nach gerade verndert ward, er
wre wenigstens vor sich selbst zurckgeschaudert. So aber whlten seine
dsteren Blicke sich in die Erde ein, die er vor sich aufri, und er behielt
Muth zu seinem Frevel.
    Der Knig ahnt meine Verbindung mit Dir nicht! Zu spt habe ich erfahren,
da Familien wie die meinige, als Vettern Seiner Majestt, nicht das Recht
haben, sich ohne seine Bewilligung zu verbinden, da er streng darauf hlt, da
sie sich nur mit Familien des hchsten franzsischen Adels vermhlen, da er
gewhnlich selbst die Wahl trifft und jede andere Verfgung mit den strengsten
Verfolgungen bestraft. -
    So hat Leseur doch Recht, Dein Knig ist doch nicht der rechte von Gottes
Gnaden, der hier auf Erden handeln soll, als wre er besonders erwhlt, Recht
und Gerechtigkeit zu ben - und Du sagte sie jetzt, ernst und krftig sich
aufrichtend, bist fast von der schlechten Welt dort verfhrt und hast zaghaft
und kleinlich gehandelt, gerade wie ich es an Leseur beobachten konnte. Alles,
was Du da gesagt hast, kann vor Gott nicht bestehen, und wenn Du es gegen sein
Recht hltst, so mu man erstaunen, da ernsthafte und gereifte Menschen dort
bei Euch es fr etwas nehmen, wonach sie sich richten mten. Als wenn es den
geringsten Werth htte! - Aber Ihr frchtet Euch dort alle vor einander, so da
Ihr aufhrt, die rechte Gottesfurcht zu haben; darum werdet Ihr zuletzt verzagt,
und Euer Herz gerth in Siechthum! Leonin, sagte sie, Du armer Lieber, da
haben sie Dich auch zum Sndigen gebracht. Denn sieh', eine Snde hast Du
begangen, da Du vor dem Knige nicht Dein gttlich Recht behauptetest und ihm
sagtest, wie Du ein Weib habest! Ehe Du von seinem Rechte gewut, habest Du sie
durch gttliches Recht empfangen und knntest deshalb nicht weiter zu ihm
gehren, als so weit sie dies auch knne. Denn da sei Gott vor, da ich mit zu
Felde ziehen wollte, wie keine christliche Hausfrau das wollen wird! Nein, wenn
Du ein Krieger wrest, wie die Makkaber, im Dienste fr Dein Vaterland, da
wte ich, ohne da ich den Knig zu fragen htte, wohin ich gehrte; - aber
siehe, das bist Du nicht. Einen Posten giebt er Dir, von dem mir Leseur sagt,
wie klein und nichtig er ist; ein miger Dienst, in welchem Du nicht einmal so
wichtig bist, als unsere eigenen Diener uns sind. Und das, glaubst Du, sei
ziemlich und recht und ein Dienst fr einen Mann, fr einen Vasallen des Knigs,
wie Du vorher so schn sagtest, wonach ich hoffte, Du mtest auch mchtig und
fleiig fr Dein Vaterland handeln?
    Wie sollen wir ausdrcken knnen, was Leonin empfand bei dieser feurigen
Strafrede! Es war fast dasselbe, was er vor seinem Vater empfunden hatte - hier,
wie da stie er auf eiserne, unerschtterlich fest stehende Ansichten, die auch
keinen Blick gestatteten in die ihnen entgegenstehende Welt. Dasselbe Gefhl der
Unmglichkeit, zu jenen Zustnden eine duldende Ueberzeugung einzuflen. Eine
Verzweiflung, nie verstanden oder entschuldigt werden zu knnen, ergriff ihn,
Fennimor gegenber, mit einem Zrnen verbunden, welches in ihrer, ihm nach
gerade berredeten, unberechtigten Stellung zu ihm lag - in der Beschmung, mit
der er Verhltnisse, die er herbei zu fhren, sein ganzes besseres Selbst
geopfert hatte, jetzt als gering und unwrdig bezeichnen und sein ganzes Treiben
ein von Gott abtrnniges nennen hrte.
    Fennimor, Fennimor, sagte er mit einem kalten Lcheln der Ueberlegenheit,
Du hast Dir bei Deinem untergebenen Leseur das Predigen angewhnt! Mir deucht,
Du nimmst die Dinge sehr streng. Denkst Du wohl daran, ob Du berall dazu
berufen und ob Du mir gegenber, in derselben Stellung bist?
    Ach, sagte Fennimor, deren alte Energie, noch von krperlicher Schwche
gebunden, schnell erschpft war, pltzlich weich und gebrochen in sich zusammen
sinkend, Du hast Recht, das ist eine gar verkehrte Welt, in der das schwache
Weib ihren Herrn schilt! Wie htte ich daran gedacht, als ich es Leseur that,
Aehnliches knnte mir bei Dir einfallen - wie traurig ist das, und wie tief
sinkt mir dabei der Lebensmuth! Hindere das, sagte sie dann mit schwacher
Stimme, mache Alles, damit wieder Trost in mein Herz kommt, und ich nicht so
arge Furcht fr Deine Seele hegen mu!
    Sie winkte Emmy Gray, die eben am Eingange des Schlosses erschien, und
wankte an ihrem Arme mit bleichen Lippen und trostlosen Augen nach ihrem
Schlafzimmer.
    Leonin aber lie sie dahin gehen, ohne ein mildes Wort, ohne sie zu sttzen,
ohne sie anzublicken oder ihr zu folgen. Er blieb unbeweglich sitzen, er
durchwhlte nicht mehr den Rasen - das Kains-Zeichen brannte auf seiner Stirne -
aber der schwache Geist hatte keine andere Rettung, als den forttreibenden Ruf
der Snde: es ist zu spt - es ist Alles verloren!
    Von da blieb Fennimor still und in sich gekehrt. Ihre Krfte kehrten nicht
in dem Maae wieder, als es anfnglich zu erwarten stand. Sie sah Leonin oft an
wie eine Mutter, die frchtet, ihr Kind werde erkranken - aber sie sagte nichts
mehr, der Vorwurf, da sie ihren Herrn gescholten, den sie selbst sich strker
gemacht hatte, als Leonin fr mglich gehalten, machte sie schchtern und
zurckgezogen. Ihre krperliche Schwche unterdrckte dabei ihren lebhaften
Geist; ihr Kind versenkte sie in eine Welt, unschuldig und lauter, ohne jede
Strung ihres frommen Sinnes; - und so fand Leonin die augenblickliche Schonung,
die er immer suchte, wenn auch zugleich keine Gelegenheit, sich frei zu machen,
den Absichten gem, die er mitgebracht.
    Da unterbrach diese schwle Luft, die um Beide wehte, ein Brief seiner
Mutter, mit einer Einlage des Marquis Vieuville, welcher die Rckkehr Leonin's,
Seitens der Knigin befahl. Die Marschallin fgte hinzu, da der Marquis de
Souvr sich endlich habe bewegen lassen, ihn von Ste. Roche abzuholen, und ihrem
Briefe voraneilen oder folgen werde, um jene Angelegenheit zu beendigen.
    Ach, seufzte Leonin auf - jetzt mu ich fort! das ist nicht aufzuhalten,
und Souvr wird das Uebrige einleiten!
    Er wollte Fennimor sogleich Alles mittheilen und ging nach ihren Zimmern;
aber als er eintrat, sa sein schnes junges Weib da, so lilienwei von
Angesicht, wie die weiten, faltenreichen Gewnder, die um sie her flossen, und
ihr Kind lag schlummernd in ihrem Schooe. Sie lchelte dem Wunder dieser
kleinen zarten Bildung entzckt zu und als sie Leonin eintreten sah, winkte sie
ihm und zeigte ihm die kleinen, wunderbaren Fingerchen, und da jedes ein
Ngelchen habe und drei kleine Gelenke!
    Ach, Leonin, sagte sie - und das wird spterhin denken und fhlen knnen,
wie wir, wird Recht von Unrecht unterscheiden; diese kleinen Hnde werden sich
einst mit Bewutsein falten, wie die unsrigen. So wunderbar schn ist Alles auf
der Erde - wir haben nur das Anbeten!
    Da zog Leonin die Hand von dem Briefe des Marquis Vieuville zurck, den er
vorzeigen wollte. Er wute ihre Ruhe nicht anzugreifen - er mute sie schn,
engelgleich finden. - Sein Kind glhte wie eine Flamme in ihrem Schooe. Das Eis
seines Herzens wollte schmelzen - er kniete nieder - er kte das schlummernde
Wesen, das ihm so nahe angehrte - so menschlich ward ihm, so wehmthig! Er
sollte sie verlassen, um dann den grten Frevel an ihr auszuben; er sollte
diese sanfte, ruhige Gestalt von der Gewalt des Schmerzes berwltigt sich
denken! - Es war, als ob alle seine Nerven aus ihrer Starrheit rissen. Thrnen
auf Thrnen flossen nieder. - Wie soll ich uns retten? so fragte er sich
zitternd. Verurtheilt zu grenzenlosem Unglcke bin ich hier und dort! Seine
Seufzer erreichten Fennimor's Ohr. - Was ist Dir, mein Liebling? fragte sie
sanft.
    O, Fennimor, rief er mit dem alten Liebeslaute - weine um mich, ich bin
sehr, sehr unglcklich! Was ich auch thun mag, brich nicht den Stab ber mich,
ich werde schuldig sein; aber immer, immer noch viel unglcklicher, als
schuldig! -
    Sein Kopf sank neben seinem Kinde in Fennimor's Schoo. Es war eine tiefe
Stille. - So schweigt einen Augenblick Alles, wenn die Verurtheilung ber den
Angeklagten ausgesprochen ist - das Schicksal, das er herbeirief, ihn
niedergeworfen hat. -
    Du weit, sagte Fennimor, ich habe mich schon ein Mal vergangen und habe
Dich so gescholten, wie es mir nicht zukommt als Deine Frau - und seitdem habe
ich immer Angst, wenn Du etwas sagst, das vor Gott nicht gehrt, weil es mich
dann treibt, Dich davon abzuhalten; und doch - Du weit, was ich dann thue -
sie hielt schchtern inne und legte blos leise ihre Hand auf sein glhend Haupt.
    Ach, Fennimor - strafender Engel, Du hast das Paradies nicht schtzen
knnen, vor dem Du einst mit dem feurigen Schwerte standest - jetzt bin ich
daraus vertrieben, und ohne da Du es willst, jagen mich Deine Worte weiter und
weiter daraus fort! -
    Nein, nein, sage das nicht! Da beginge ich groe Snde, und wenn sie so in
mich gekommen wre, ohne da ich davon wute - das wre groes Unglck! Bete
doch, Leonin, und denke whrend des Gebetes, da wir gar nicht glauben mssen,
so fest im Unrechte zu sein, als Du vorher sagtest; da Gott auch das Unrecht
Deiner Seele in Hnden hat und Alles wenden kann - dann gewinnst Du Vertrauen zu
ihm, und ohne Vertrauen ist alle Reue unwirksam! Ach siehe, fuhr sie,
schchtern ber den Schweigenden gebeugt, fort - Dein Unrecht ist mir nicht
recht bewut! Du bist wohl sehr traurig, das fhle ich - Du sagst auch von den
verkehrten Begriffen jener fremden Welt Einiges - aber wenn Du selbst nicht
darnach handelst, hat sie ja keine Macht ber Dich!
    Ach, rief Leonin - und der Schmerz durchzuckte krampfhaft seinen Krper -
sie hat aber Macht ber mich gewonnen, ich habe nach ihren Begriffen gehandelt,
und bin nun hier und dort verloren!
    Fennimor erhob sich und strte ihn dadurch auf. Todtenbla stand sie vor
ihm, das Kind leise an der Brust haltend; ernst und erschttert sagte sie dann
leise: Leonin, wir wollen zusammen beten! Jetzt darf Dein Weib sich nicht von
Dir trennen - ich wei Dich nicht zu sttzen - das Gebet wird es uns lehren!
    Sie wollte das schlummernde Kind nach seinem Bettchen tragen; als sie den
Fu erhob, lie sich in den Vorzimmern Gerusch hren - Thren gingen auf -
Schritte nahten sich - es war der Kammerdiener - kaum hatte er Zeit, zu sagen:
der Marquis de Souvr, als dieser auch schon eintrat - Fennimor schrie laut
auf - das Kind fuhr aus dem Schlafe - Leonin sprang von seinen Knieen auf.
    Der Marquis blieb mit der hhnischen Miene, halb Lcheln, halb Zorn, vor
dieser aufgestrten Gruppe stehen, zufrieden, da Beide in ihm den Henker ihres
Glcks erkannten.
    Eine idyllische Scene! rief er, als Beide schwiegen. In Wahrheit, man
glaubt hier um ein Paar Jahrhunderte zurck zu leben!
    Dies erzrnte Leonin. Ich denke, Marquis, die Natur, mit ihren ewig
gleichen Beziehungen zu dem Menschen, mte auch berall dieselbe geblieben
sein! -
    Ich glaube - es kann sein - erwiederte Souvr mit allen Zeichen der
Langenweile, womit er Leonin immer unsicher machte und ihm zu imponiren wute -
Sie wissen, ich habe nicht Zeit, an so Etwas zu denken. Wir Vornehmen der Erde
sind genthigt, diese Dinge den augenblicklichen Zustnden der Zeit anzupassen -
ich grble ber so Etwas nicht. - Doch, Crecy, machen Sie die Honneurs in Ihrem
Hause! Denn diese kleine Dame fuhr er leicht grend gegen Fennimor fort,
scheint dazu nicht zu passen, und ich bin wie ein Unsinniger gefahren, Ihr
altes Eulennest zu erreichen, und bedarf jetzt Ruhe.
    Er wollte Leonin's Arm ergreifen und ihn mit sich ziehen. Da erwachte
Fennimor; sie stand auf, schritt auf Beide zu und heftete ihre groen,
angstvollen Augen so fest auf den Marquis, da dieser den Blick nicht zu
ertragen vermochte.
    Berhrt ihn nicht, sagte sie dann mit einer Geisterstimme, berhrt ihn
nicht! Ihr drft keinen Antheil an ihm haben - und Du, Leonin, gehe nicht mit
ihm, er ist nicht rein geblieben, Du gehest verloren mit ihm!
    So gewandt Souvr jeden Gegenstand zu behandeln wute, war er doch mehr auf
die Impertinenzen der groen Welt abgerichtet; hier trat ihm eine Verwerfung,
eine Verachtung entgegen, die sich um kein Bonmot, um keinen Scherz drehte, der
durch einen noch bseren Witz wieder bezahlt werden konnte. Ihr Ernst, der von
einer fast berirdischen Schnheit untersttzt ward, berwltigte ihn mit der
Macht der Wahrheit, und der Pathos, mit dem sie ihn so ohne Rcksicht
bezeichnete, hatte etwas so Mchtiges, da er sich ihm nicht zu entziehn
vermochte und einen Augenblick davon berhrt ward, wie von einem Strafgerichte.
    Aber was htte auf lange die Gewalt gehabt, ihn gegen seinen Willen zu
beherrschen! Fast erschrocken fhlte er ihren Einflu auf sich, und doppelt
erzrnt, sprang er um so wilder mitten durch. Ein mitnendes Gelchter
erschallte aus seinem Munde. In Wahrheit, rief er, Deine Kleine ist die
anmuthigste tragische Schauspielerin, die ich noch je sah! Aber ein ander Mal -
jetzt bin ich zu abgespannt! Komm', Leonin! Ein Bett ist mir jetzt lieber, als
alle kleinen Theaterscenen!
    Erschrocken war Fennimor bei Souvrs Gelchter in Leonin's Arme geflogen -
scheu blickte sie daraus hervor auf jenen hin. Wehre ihn ab! sagte sie
schaudernd, er ist ganz zerfallen mit Gott, das kannst Du leicht fhlen. O,
bleibe bei mir, bis er fort ist! rief sie flehend, als Leonin, sie sanft
beruhigend, sich von ihr losmachen wollte, bleibe bei mir, bis er fort ist, er
thut Dir sonst ein Leid!
    Souvr lachte wieder - Leonin fhrte sie zu ihrem Sitze zurck. Fasse Dich,
Fennimor! Es ist ja derselbe, der Dich schon ein Mal so gegen Ordnung und Recht
erschreckt hat - erkennst Du ihn denn nicht wieder?
    Ja, ich erkenne ihn, sagte Fennimor mit schwacher Stimme. Ich fhle den
Stich von damals wieder durch mein Herz - es wird nicht ohne Grund sein. O,
rette Dich, rette Dich - er will Deine Seele!
    Beruhige Dich, geliebte Fennimor, rief Leonin zrtlich, ich will ihn
wegfhren - von Dir wegfhren, damit Deine Angst sich legt - spter wirst Du
ruhiger sein.
    Gehe nicht! o, gehe nicht! sonst wird es mein Tod! stammelte Fennimor und
glich in diesem Augenblicke fast einer Sterbenden. Wenn er Dich wegfhrt, sind
wir auf immer getrennt - dann ist Deine Seele dem Bsen verfallen, mein Leib dem
Tode!
    Ihr Kopf sank zurck; sie konnte ihn nicht mehr mit ihren ohnmchtigen
Hnden halten. Leonins Herz war zerrissen von Schmerz; aber der hhnende,
stechende Blick Sonvr's, der ihn bestndig verfolgte, war so unertrglich, da
er Leonins Blut mit jedem Augenblicke mehr vergiftete. Er sprang auf, von
Fennimors Seite hinweg, aus ihren matten Hnden gleitend, er hrte ihren leisen
Schrei, er sah, wie ihr brechendes Auge ihm noch folgte, und indem er Emmy rief,
strzte er auf Souvr zu, ri ihn mit sich fort - wie er hoffte - nur, auf
wenige Augenblicke.
    Als die Thr zufiel, schlossen sich auch Fennimors Augen. Glckliche
Bewutlosigkeit deckte ihre Schmerzen zu. -
    Mit kalter, finsterer Entschlossenheit stand Emmy Gray ihr zur Seite. Htte
man den Ausdruck dieser strengen Zge deuten wollen, man htte glauben knnen,
sie wnsche ihrem Lieblinge den Tod, der scheinbar nur ihre Zge bedeckte.
Wenigstens rhrte sie keine Hand zu ihrer Belebung; aber bitter und finster
blickte sie nach der Thr, und eine Drohung von Ha und Verachtung konnte kein
Wort deutlicher bezeichnen, als dieser Blick!
    Fennimor schlug endlich die Augen auf; aber sie blieb wie leblos in ihrem
Stuhle. Emmy Gray ging schweigend ab und zu. Das Kind schlief wieder, die Mutter
begehrte nicht danach, ihre Sinne schienen gebunden. Endlich strmte die
Abendluft in die Fenster, die Emmy geffnet - Fennimor ward davon belebt.
    Wo ist er? war ihr erstes Wort. Wenn Ihr den Grafen meint, erwiederte
Emmy, so ist er bei dem Herrn Marquis.
    Erbarme Dich, Gott! rief Fennimor und verhllte ihr Gesicht. Tiefe Stille
herrschte fort - sie schien zu beten - dann siegte die Erschpfung - ein kurzer
Schlummer berhrte ihre schweren Augenlieder.
    Die Abendsonne bestreute das schne reiche Gemach mit glnzenden Lichtern;
in die Fenster schaute die herrliche Landschaft des Thales von Ste. Roche.
Hinter Blumen und niedrigen Gestruchen, die das Fenster zunchst umzogen, ruhte
weiterhin in dem warmen sonnengefrbten Dufte des Sommers der Wald und der
Fahrweg durch den Wiesengrund; Alles athmete Schnheit, Genu und Erfllung. Nur
Fennimors kurzer Schlaf hatte den unruhigen Athem des beklemmten Herzens; ihre
Wange sank bleicher ein, und das Auge war nur halb geschlossen.
    Emmy hrte Schritte nahen; sie ri sich von dem schwermthigen Anblicke
ihres Lieblings los, um leise die Thr zu ffnen - der Marquis de Souvr trat
herein. - Meine gute Frau, sprach er, ich mu Eure Herrschaft sprechen, lat
mich nur nher treten.
    Da ist sie, erwiederte Emmy, mit bitterm Hasse im Blicke. Stirbt sie Euch
noch nicht frh genug, so wird es Euch bald gelingen, es zu vollenden.
    Das alte Hexenschlo߫ lachte Souvr, hat in Wahrheit wrdige Bewohner;
jedes singt auf seine Weise irgend ein Beschwrungslied. Mit Euch mu ja ein
ehrlicher Mann den Muth verlieren zu reden!
    Ihr freilich, zgerte Emmy nicht zu erwiedern, Ihr solltet ihn billig
verlieren! Aber Ihr, prophezeihe ich, werdet ihn behalten, bis Ihr allen Frevel
vollfhrt, den Ihr beabsichtiget.
    Immer besser! rief Souvr, doch, Kind, Du bist zu gering zum Wortgefechte
- tritt bei Seite - siehe, Deine Herrin ist erwacht!
    Wer ist da? rief Fennimor zusammen schaudernd. - Mein bser Geist!
setzte sie ihn erkennend hinzu.
    Ich hoffe, sagte Souvr, sich ihr nahend, indem er ber sie weg mit
vornehmer Nachlssigkeit das Zimmer musterte, Ihr habt jetzt die kleine
Erschtterung berwunden, mit der Ihr jedes Mal meine Erscheinung beehrt; es ist
um so nthiger, da Ihr gezwungen seid, mit mir einige Dinge zu besprechen, die
fr Eure Zukunft wichtig sind.
    Wo ist Leonin? fragte Fennimor, sich aufrichtend. -
    Davon nachher! sagte Souvr leicht, indem er durch das Fenster blickte,
vorerst nicht bei mir, wie Ihr seht.
    Das ist gut, erwiederte Fennimor ruhig, - wenn er nur nicht bei Euch ist,
da kann ich leichter Eure Gegenwart ertragen; Ihr habt keine Gewalt ber mich!
    Nicht? sagte Souvr, und sein boshaftester Blick flog ber sie hin; wir
wollen sehn! So vorbereitet, wie Ihr Euch auf mich habt, scheint es wohl, ist
jede Schonung berflssig; doch wollen wir sehen, ob ich keine Gewalt ber Euch
habe.
    Ueber mein ueres Schicksal sicher - sagte Fennimor - das fhle ich eben
immer, wenn ich Euch sehe. Ich meine nur, ber meine Seele habt Ihr keine
Gewalt, und ich habe bessere Kraft, nun ich allein mit Euch bin; wenn Leonin
dabei ist, fhle ich nur das Leid, was Ihr ihm angethan, und dann ist der
Schmerz grer.
    Ihr seid nicht zurckhaltend in Euren Meinungen ber mich, das mu ich
gestehen. Doch mu ich glauben, Ihr gebt mir den Ton an, der unter uns walten
soll. So hrt denn! Ich habe mich aus Freundschaft fr die Familie des Grafen
Crecy-Chabanne der Mhe unterzogen, Leonin, den jungen Grafen und einzigen
Erben, aus einer Verbindung loszumachen, in die ihn Leichtsinn, Unwissenheit
und, wie ich gern eingestehe, Eure schnen blhenden Wangen und die zu
bereitwillige Gastfreundschaft Eures Vaters gefhrt haben; indem der junge Mann
natrlich in seine ehrenvollen, angestammten Verhltnisse nicht zurckkehren
konnte, ohne die Unzulssigkeit dieser anscheinenden Verbindung zu empfinden, da
nie, auf keinem Punkte, weder bei seinen Eltern, weder bei seinem Knige, noch,
und am wenigsten, bei seiner Kirche eine Anerkennung dieses leichtsinnig
geschlossenen Vertrages denkbar ist. - Hiervon Euch, bei Eurer Unkenntni der
Welt, einen Begriff zu machen, habe ich bernommen; zugleich Eure und Eures
Kindes Verhltnisse so sorglos zu stellen, als es Euch zukommt, von einem Manne
zu fordern, der in so unabhngigen Vermgensumstnden ist, als der junge Graf
Crecy.
    Ich kann Euch noch nicht verstehen, entgegnete Fennimor, noch immer ruhig;
denn, was Ihr sagt, ist ja Alles unrichtig - ich wei nicht, was Ihr von
unserer Vermhlung denkt! Freilich soll die Vermhlung bei den Katholiken anders
sein; aber sie mu doch immer dasselbe bedeuten, sonst wre ja die Eurige keine
christliche Verbindung.
    Legt endlich Eure Unerschtterlichkeit ab, mit der Ihr mir unbeschreiblich
lstig fallt! sagte jetzt Souvr, indem er bellaunig aufstand. Ist denn das
nicht zu verstehn, was ich Euch sage? Ihr seid nach katholischem Rechte gar
nicht vermhlt, Eure anscheinende Verbindung in jeder Beziehung vllig ungltig.
Kein Mensch erkennt Euch fr des Grafen Gemahlin, kein Mensch dies Kind fr ein
ehelich geborenes an. Dies soll ich Euch bekannt machen, damit Ihr eine Art
Erklrung darber unterzeichnen knnt, die ich hier bei mir fhre, die Euren
Begriffen nach, eine Art Scheidung auch jener Ceremonie, auf die Ihr Euch zu
sttzen scheint, rechtskrftig bewirkt, und dem jungen Grafen Crecy, der zu
einer hohen Hofverbindung bestimmt ist, seine Freiheit wieder giebt.
    Fennimor stand auf, langsam aber fest, die Stuhllehne krampfhaft haltend -
sie schien zu wachsen - das treulose Blut, was ihr Herz erdrcken wollte,
strmte in ihre Wangen zurck. Die zahllosen Stiche, die sie empfangen und,
zweifelnd, da sie ihr gelten knnten, immer verlugnet hatte, wurden mit diesem
letzten frchterlichen Angriffe pltzlich alle zu reienden Wunden. Sie war
vllig enttuscht! Aber Sprache fand sie erst mit einem kurzen wilden Schrei,
der ihre fest zusammen gepreten Lippen brach - dumpf, aber erhaben sagte sie
dann:
    Du gehrst nicht zu Gott und weit von seinen heiligen Geboten Nichts! In
welchem Namen soll ich zu Dir reden? Unglckliche, verlorne Seele! Der
kleinliche Jammer Deiner Rede richtet Dich so frchterlich, da ich vor Gott
erbebe, der schon Gericht ber Dich hlt in jedem Deiner verstockten Worte!
Armes, elendes Wesen - welch ein schauderhafter Lsterer bist Du! Welch ein
Grauen wird Dich befallen, wenn Gott den Nebel zerstreut, in den Dein armes,
kleinliches Leben noch vor Dir selbst gehllt ist, und Du Dich erkennst! - Wie
knntest Du, verlorenes Werkzeug jener verderbten Welt, aus der Du gesandt
wirst, mir Zweifel einflen gegen die Heiligkeit meiner Verbindung, gegen die
Geburt meines Kindes?
    Wir wissen nicht, warum Souvr diese Rede nicht unterbrach, warum er endlich
halb abgewendet in der Nhe ihres Stuhles stehen blieb, zuletzt die Augen auf
sie richten mute und ein Ansehn gewann, als versteinere sie ihn.
    Fennimor wollte ihn verlassen. Krftigen Schrittes, erhaben in jeder
Bewegung, wollte sie an ihm vorber. Das weckte ihn. Mit Wuth beladen, kam sein
Bewutsein zurck. Sie hatte ihn bezeichnet, wie er war; dies unbedeutende,
unberechtigte Wesen hatte laut genannt, was die neckende Hlle in seinem Busen,
whrend sie es sprach, hohnlachend besttigt hatte - er war vor sich selbst
entdeckt - und: Rache! Rache! war das einzige Geschrei seines beleidigten
Innern.
    Halt, rief er, mit heiserer Stimme und entstellten Zgen, halt! Ihr drft
nicht fort, bis Ihr dies Blatt unterzeichnet habt. Dankt Gott, da ich mich
herablasse, mit Euch zu unterhandeln, die Ihr kein Recht habt an der
Gemeinschaft ehrbarer Personen!
    Fennimor wies das Blatt mit der Hand zurck: Ich werde Leonins erhabene
Mutter befragen, welch einen ehrenvollen Platz sie der Gemahlin ihres Sohnes
zugesteht. Von Euch fordere ich blo Entfernung. Ihr, armes, elendes Wesen,
knnt mich nicht herabwrdigen!
    Die Erwhnung von Leonins Mutter verstrkte augenblicklich den bsen Willen
des Marquis. Thrin, sagte er lachend, das fehlt nur noch an Eurer kindischen
Anmaung! Gerade sie - sie schickt mich, Euch Eure Thorheit vorzustellen; denn
sie hlt Euch fr nichts mehr, als die Geliebte ihres Sohnes, obwol sie alle
Eure getrumten kirchlichen Rechte kennt. Sie hat eine Braut fr ihren Sohn
gewhlt, seiner wrdig, und verachtet Euch vollstndig!
    Fennimor blieb stehen. Sie hob Hnde und Augen zum Himmel auf. - O, Herr
des Himmels, erbarme Dich! Ich frchte, Ihr sprecht eben die Wahrheit. Mein
Vertrauen zu dieser einst so verehrten Frau war durch Manches gesunken, was mir
Leseur erzhlte. O, wie beklage ich sie!
    Beklagt lieber Euch selbst - stie Souvr roh heraus, Ihr habt es
nthiger! Doch hoffe ich, da Ihr Eure Sttzen brechen seht, so werdet Ihr jetzt
nicht zaudern, Eure Unterschrift unter dieses Blatt zu setzen. Ihr entsagt darin
fr Euch und Euer Kind jedem rechtmigen Anspruch an den Grafen Crecy-Chabanne;
Ihr nehmt den Namen Lester wieder an und erhaltet dafr ein anstandiges Vermgen
zur Versorgung fr Euch und Euren Sohn, mit der Freiheit, nach England
zurckzukehren, oder auch hier in Ste. Roche ohne weiteres Aufsehen zu
verbleiben; doch ohne Versuche, die Ruhe der Familie Crecy ferner zu stren, und
ohne dazu das kleinste Recht behaupten zu wollen.
    Das lt mir Leonin's Mutter sagen? rief Fennimor trostlos; - das,
glaubte sie, knnte ich annehmen? Ein Weib fordert das von einem Weibe? Eine
Mutter von einer Mutter? - Nun, so soll diese entartete Welt erfahren, was die
Worte bedeuten, die dort zu Gottes Hohn getragen werden! Mit ein Paar raschen
Schritten trat sie dicht vor den Marquis.
    Geht, geht! sagte sie krftig, sagt Ihr - es lge in keiner menschlichen
Macht, das aufzulsen, was vor Gott geknpft sei durch seinen heiligen Diener -
durch das Gelbde der Herzen, die Gott zusammen gefgt htte an jenem Tage. Sagt
Ihr, ich sei die rechtmige Gemahlin ihres Sohnes! Ich, Fennimor Lester, deren
Vater berdies aus einer vornehmen englischen Familie abstammte und ein Priester
war, sei in Nichts zu gering dafr. Sagt Ihr, da das Kind dieser ehelichen
Verbindung, der allein rechtmige Nachkomme ihres Sohnes, unentuerlich, wie
ich, seine Mutter, den Namen Crecy-Chabanne fhren werde; und wenn sie ein
Zeugni dafr bedarf noch auer dem Blatte des Kirchenbuches, welches Emmy Gray
mit sich genommen und bewahrt hat - so soll sie ihren Sohn fragen und hren, ob
er dies Lust hat zu lugnen!
    Da stieg der Triumph ber sein Schlachtopfer in Souvr's Zgen auf. Mit dem
verwundendsten Lcheln sagte er: Ich glaube, er wird dazu Lust haben! Denn er
gerade wnscht, Ihr mchtet Euch in diese Anordnungen fgen. - Seine Schwche
und Euren heftigen Karakter frchtend, hat er diese ganze Angelegenheit in meine
Hand gelegt - er hofft, ich bringe dieses Blatt unterzeichnet zurck.
    Da sei Gott vor, da Ihr Wahrheit redet! Wo ist Leonin - ich will ihn
augenblicklich selbst Euch gegenber stellen! -
    Souvr zuckte die Achseln. - Dies ist nicht mehr mglich! Seine Rckkehr
war vom Knige befohlen - er mute zur bestimmten Stunde dort sein - dem
peinlichen Abschiede zu entgehn. - Seht dort! Ihr werdet an der Wahrheit nicht
lnger zweifeln!
    Fennimor sah ihn an, als sehe sie einen Geist - sie lie sich selbst von ihm
berhren - nach dem Fenster fhren, und folgte mit den Augen, wohin er deutete.
Da sah sie den Fahrweg durchs Thal Leonin's Reisewagen fliegen, sie erkannte
seinen Postzug - seine Livreen.
    Leonin! Leonin! sagte sie leise gebrochen und griff in die Ranken, die um
das Fenster hingen. So blieb sie stehen - die Augen unverwandt hinaus gerichtet.
- Souvr - wir drfen ihm das einzige Zeichen der Menschheit, was wir an ihm zu
entdecken haben, nicht vorenthalten - schauderte, als er sah, wie sie immer
blsser und blsser, zuletzt blulich erdfarben ward, und die Augen und alle
Zge sich zu versteinern schienen. Er redete sie an, er hoffte selbst auf den
Widerwillen, den er ihr einflte. Es war umsonst - sie hrte nichts mehr. Ihr
Auge haftete an dem immer kleiner werdenden Reisezug - er verschwand. Leonin!
sagte sie dumpf, fast undeutlich - aber sie blieb unbeweglich stehn.
    Da ergriffen die Furien den Marquis de Souvr. Als ob er, von ihrem Anblick
gerichtet, im nchsten Augenblicke des Todes sein wrde, so strzte er aus dem
Zimmer. Emmy Gray sa zusammengekauert vor der Thr. Geht hinein! Geht - geht!
rief er wild und strzte ber die Zimmer und Gnge fort nach den seinigen.
    Emmy wute Alles. Es kostete sie keine Thrne, keinen Seufzer - finsterer
Zorn machte sie jeder sanfteren Empfindung unmglich; selbst fr den ihr ber
Alles theuern Gegenstand hatte sie kein mildes Wort. So mute es kommen! Das
wute ich vorher! Sie bezahlt es mit dem Leben! So mag sie nur erst erlst
sein! - Sie htte sich ihres Todes freuen knnen - sie rhrte sie nicht an, und
Fennimor blieb stehen, bis der Krampf jeden Schlag des Herzens hinderte und die
Fe zusammen brachen.
    Sie glich so sehr einer Leiche, da das Gercht, sie sei gestorben, sich
verbreitete, und der Arzt selbst lange zweifelhaft blieb. Als sie endlich
erwachte, war die schreckliche Nacht vorber. Der Marquis de Souvr hatte
zuweilen nachgefragt; Emmy hatte ihm nie geantwortet. Bis zu dem Bette war er
vorgedrungen; sie hatte nicht gehindert, da er die Leiche sah, wie sie whnte.
Gegen Morgen war er abgereist. Die unangenehmste Reise meines Lebens! sagte er
verdrielich. Was das fr ein krankhaftes Geschpf war - gleich zu sterben!
    Spter erst fiel ihm ein, da dieser Tod Leonin auf dem Gewissen liegen
werde, wenn er ihm auch Freiheit gbe. Damit beruhigte er sich.
    Fennimor ward nicht durch den Tod erlst. Ihr Erwachen war sogleich
vollstndiges Bewutsein. Da Emmy sie nicht entkleidet hatte, erhob sie sich
augenblicklich, und ihre tiefe Seelenangst trat in jeder Bewegung hervor.
    Emmy, sagte sie leise, er hat mich doch so sehr geliebt! Dabei fing sie
eine Wanderung durch das Zimmer an, die Alle im Laufe der Zeit zur Verzweiflung
brachte. Immer dieselbe Linie haltend, von dem Fenster an, wo sie den Todessto
empfangen hatte, bis in den uersten Winkel des Zimmers, und wieder zum Fenster
zurck. Sie hrte Nichts um sich her! Sie sah Nichts! Wenn sie angeredet ward,
blieb sie stehen und sagte zu Jedem: Er hat mich so sehr geliebt! Der Ausdruck
ihres Engelsantlitzes war dabei so, da Niemand ihn ohne Thrnen sehen konnte.
Auch zu ihrem Kinde sagte sie dasselbe. Sie kannte es nicht.
    Emmy schien durch Nichts mehr berrascht. Sie hatte dies Alles lngst in
ihrem argwhnischen Nachdenken durchlebt und that jetzt nur, was sie im Voraus
beschlossen. Eine Buerin erschien gegen Abend, da das Kind dem Verschmachten
nahe, und die Milch der Mutter jeden Falles todtbringend war. Das eigne Kind
verlassend, nhrte das theilnehmende Weib das verwaiste.
    Die Nacht verging - Fennimor wanderte fort. Der Arzt und Emmy saen stumm
einander gegenber. Kein Mensch durfte sie berhren - es schien ihr den grten
Schmerz zu machen. - Wer htte sie auch zwingen mgen? Doch verschwand die
Blsse allmhlig, hohe Rthe stieg in ihre Wangen, die glhendste Fieberhitze
ergriff sie; sie ging heftiger nur.
    Beruhigt Euch, sagte der Arzt zu Emmy - das berlebt sie nicht - sie war
ja noch Wchnerin - die Quellen ihres Busens sind versiegt, das deutet das
Fieber an - es wird ihr Tod!
    Dann sei Gott gepriesen! rief Emmy wild - die scheuliche Welt, in die
sie gerathen, ist nicht werth, da ihr Fu lnger in ihr wandelt!
    Bald ffnete das steigende Fieber den stillen Mund. Erst plauderte sie leise
- dann lauter - sie lchelte - sie hpfte - sie flog, selbst unter der Gewalt
der Krankheit noch reizend schn, und wie ein glckliches Kind auf khlem
Wiesengrunde! - Sie war in Stirlings-Bai - sie rief den Vater und lchelte ihm
zu - kein Andenken ihres spteren Lebens trat hervor - ihre Kinderjahre, Emmy,
der Vater, ihre Bilderbcher, der Wald! Welche anmuthige Arabeske lieblich und
wunderbar durchschlungener Gedanken, bildeten ihre Phantasien! Dies brach Emmy's
Hrte - schreiend fast, schluchzte sie ihren Jammer aus; aber die, welche sonst
ihrem leisesten Seufzer sorgsam nachsprte, hpfte lchelnd und schwatzend an
ihr vorber und sah in den wilden Aufruhr dieser konvulsivisch zuckenden
Gestalt, als ob sie eine schne Blume aus den Wldern von Stirlings-Bai
erblicke. - Da schien dem mit angespannter Aufmerksamkeit sie beobachtenden
Arzt, als ob sie, durch das Fieber bezwungen, Durst empfnde. Dies war, was er
gehofft und erwartet. - Schnell reichte er ihr den bereiteten Becher, der den
Schlaftrank enthielt, auf den allein zu hoffen war. Er tuschte sich nicht; sie
trank mit kindischer Begierde und nannte es: Milch aus Stirlings-Bai. Der Gang
aber ward nun matter und schleppender, die Worte gebrochen; die Augenlieder
sanken. Schon hatte Emmy die Thrnen getrocknet; widerstandlos trug sie den
Liebling ihres Herzens auf das lange verlassene Lager, und bald breitete der
Schlaf seine Segnungen ber die Verwstungen der Menschenhand. -

Die Marschallin von Crecy sa in ihrem Ankleidezimmer und hrte der unschuldigen
Louise zu, welche ihr von dem jungen Marquis d'Anville erzhlte, mit dem sie
gestern bei dem Herzoge von Lesdigures getanzt hatte, und der gar zu heiter und
liebenswrdig war, so da sie immer durch ihn an Leonin erinnert ward, mit dem
sie auch frher so habe scherzen und lachen knnen.
    Die Marschallin hatte Nichts dagegen. Sie wute jetzt genau, wie es mit
Louise stand; diese Brcke, welche Schwestern, die ihre Brder sehr lieben, sich
durch Vergleichungen zu bauen wissen, die sie dann unwillkrlich in ein anderes
Gebiet der Empfindung hinber leiten, war ihr vollkommen bekannt. Der junge
neunzehnjhrige Marquis war ihrer Tochter bestimmt; doch erst nach drei Jahren
sollte die Vermhlung vor sich gehen, der junge Mann bis dahin entfernt werden
durch den jetzigen Krieg, spter durch Reisen.
    Sie lie Louise ruhig plaudern und verstrkte nur durch einzelne Worte den
erregten Eindruck, sich an der harmlosen Uebergabe des holden Kindes innerlich
belustigend - als dieses trauliche Zwiegesprch pltzlich durch den Eintritt
dessen aufgehoben ward, den Louise noch zur Erklrung ihrer Gefhle bedurfte -
Leonin stand vor Beiden.
    Aber wie wenig glich er jetzt noch dem Bilde des frohen, unschuldigen
Marquis d'Anville! Selbst die unerschtterliche Marschallin erschrak bei seinem
Anblick, und wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke: Das ist Dein Werk!
    Louise flog mit einem Freudenschrei in seine Arme. Aber Leonin schauderte,
als er ein anderes weibliches Wesen an die Brust drckte, von der er Fennimor so
eben verstoen. Die Marschallin sah Alles - sie frchtete sich fast vor ihm - da
er da war, mute das vollendet sein, was sie geleitet; damit kam ihr ein kleines
vorbergehendes Grauen an - die Vollendung sthlte sie nicht so, wie der Eifer,
sie zu erlangen.
    Leonin, Du bist krank! rief Louise, als er sich matt und stumm von ihr los
machte, um seine Mutter zu begren, ich erkannte Dich kaum!
    In Wahrheit, mein Lieber, sagte die Marschallin, Sie haben keine gute
Farbe - Sie mssen mit dem Arzte sprechen - Sie haben jetzt keine Zeit zum krank
sein!
    Lieber mit dem Beichtvater, gndige Frau! erwiederte Leonin dumpf und
bitter, es knnte nthiger sein!
    Ganz nach Ihrem Bedrfnisse, sagte die Marschallin, durch diese
vorwurfsvolle Entgegnung erkltet und erzrnt. - Oft ist uns der Seelenarzt so
nthig, als der leibliche. - Der Knig ist bereits zur Armee abgegangen; die
Knigin hat ihr erstes Wiedersehen mit Seiner Majestt in Nancy, dorthin -
    In Nancy? unterbrach Leonin seine Mutter - in Nancy? in der Hauptstadt
des Herzogs von Lothringen? So verfgt man schon ber das Eigenthum des Feindes,
dessen Land man noch nicht einmal betreten hat? -
    Mein Sohn, ich finde Ihren Ton sehr sonderbar; es scheint mir hchst
unpassend, und fr Sie am meisten, als eine zum Hofstaat gehrende Person, sich
mit einer Art - wie soll ich sagen, um es milde zu bezeichnen - einer Art
Erstaunen mindestens, ber diese allerhchsten Beschlsse zu uern. Wer knnte
zweifeln, da Seine Majestt heute schon das Recht htten, sich in Amsterdam ihr
Diner zu bestellen? Die Beschlsse zu der einen oder andern stets passenden
Eroberung sind zugleich Siege!
    Hierin lag etwas Wahres. Die Marschallin hatte nur nthig, das Vorhandene zu
benutzen, um ihrem Sohne zu imponiren. Dieser ganze Krieg war ein voraus
empfundener Siegestaumel, den zu beargwhnen, in der That ein ungehriges Gefhl
und der damaligen Zeit ganz fremd war. Die Naturanlage der Franzosen, sich in
dem anmaendsten Dnkel als die Ersten der Erde zu betrachten, erhielt die
vollstndigste Entwicklung und schlug Wurzeln, zu tief, um je zu ersterben, ein
Sttzpunkt bleibend fr Alles, was die Zeit im mannigfaltigsten Wechsel daran
hinauftrieb - was wir mit giftiger oder segensreicher Vegetation vergleichen
knnten, die immer ein und derselben Wurzel entsprossen.
    Leonin war auch schon auf Kosten alles Andern zu sehr Franzose geworden, um
nicht Ueberzeugungen schnell nachzukommen, die er um so hohen Preis erkauft. Er
fhlte, er hatte sich unpassend geuert, und fragte daher schnell: ob die
Knigin in Versailles anwesend sei? -
    Ihre Majestt haben den Bitten ihrer guten Stadt Paris nachgegeben und vor
ihrer Abreise noch einen Besuch in den Tuillerien gemacht. Paris ist ein Saal
der Freude! Die Straen sind Grten, in denen das Volk tanzt und spielt, die
beiden Kniginnen, von ihrem ganzen Hofstaate umgeben, durchziehen sie in offnen
Triumphwagen, welche die Stadt hat bauen lassen. - Unsere Reisewagen sind
gepackt; wir erwarteten nur Ihre Rckkehr, um das Hotel Soubise zu beziehen;
machen Sie danach Ihre Einrichtungen!
    Ich werde schwerlich mit Ihnen zugleich dem Hofe aufwarten knnen,
erwiederte Leonin - ich fhle mich sehr unwohl - etwas Ruhe ist mir durchaus
nthig!
    Einen Augenblick sah die Marschallin zu ihrem Sohne auf, mit dem Wunsche, zu
widersprechen; aber aufs neue leuchtete ihr die Ueberzeugung seiner sichtlichen
Erschpfung ein. So gern sie sich's gelugnet htte, es war gar nicht zu
bersehen - er war krank - jedenfalls in einer Gemthsstimmung, die eine kleine
Sammlung wnschen lie; da sie ihn wenig so darzustellen verhie, wie es die
Marschallin wnschte.
    So trennte man sich. Kein Wort hatte das berfllte Herz Leonin's
erleichtert. Diese harte Frau, die ihn so ohne Bedenken zu dem Verbrechen
gereizt, das er fhlte begangen zu haben, zeigte eine Gleichgltigkeit, die
nicht einmal nachfrug, ob oder wie es vollzogen. Keine Theilnahme, kein Dank,
Nichts vershnte den ungeheuren Schritt, den er gethan. Zurckgedrngt ward er
mit jeder Empfindung, die ihn fast zu ersticken drohte, als nehme man ihr Dasein
fr unmglich an; und was man ihm dagegen bot, waren die erbrmlichen
Wichtigkeiten dieser uern Welt! Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit
zusammen; ein finsterer Groll gegen sich und die ganze Welt ergriff ihn, ja,
eine Ansicht ber seine Mutter brach sich Bahn, die ganz gegen den kindlichen
Enthusiasmus stritt, den er bisher empfunden. Es war ein frchterliches Gericht
in ihm, und die grte Strafe der Snde erreichte ihn: der Preis, um den er
gesndigt, sank in dem Augenblicke, wie er ihn errungen hatte! - Eine glhende
Hlle schien ihm dies glnzende Treiben des Hofes, welches jede Besinnung
erstickte, jede Regung verstie, die nicht in ihre erknstelten Zustnde pate.
Eine Einde schien sie ihm zugleich, von tdtender Langweile erfllt, ohne Reiz,
ohne Erquickung - der Felsblock des Sysiphus - mhsam tglich emporgewlzt,
tglich zurckstrzend dieselbe Bahn - fr das Erfolglose immer denselben
Aufwand von Mhe begehrend.
    Fast bewutlos sank er auf sein Lager, und Keiner aus seiner Umgebung wagte
mehr, den jungen Erben zu stren, dessen Ansehn so wenig den glnzenden
Aussichten entsprach, die Alle fr ihn erffnet wuten.
    Bald fuhren die Karossen der Marschallin vor, und sie verlie, nach den
passendsten Instruktionen an ihren Arzt und Beichtvater, das Palais Crecy, ohne
da sie selbst ihren Sohn wiedergesehn, oder die Bitte der trauernden Louise um
diese Gunst gestattet htte.
    Dies Mal sollte der Marschall ihr zu Hlfe kommen! Er befand sich bereits in
Paris; aber sie wute es mit Sicherheit, da sie ihm nur zu sagen brauche,
Leonin sei krank in Versailles angekommen, und er werde in der nchsten Stunde
dahin reisen, wo sie dann seinem unbezwinglichen Ungestm vertrauen durfte, der
weder die Einwendungen Anderer hrte, noch sich ihnen fgte, und unfehlbar
Leonin's Krankheit fr nicht bedeutend genug ansehn mute, um ihn lnger von dem
Schauplatze entfernt zu halten, den ihn einnehmen zu sehen, seine ganze Seele
erfllte.
    Dagegen erschien die Marschallin sogleich mit der Miene einer betrbten
Mutter, das Unwohlsein Leonin's der Knigin und seiner nun ffentlich erklrten
Braut mitzutheilen. Da Niemand zur Besinnung kam in dem Taumel, der in Paris
herrschte, der Volk und Hof fast in einem Feste vom Morgen bis Abend zu
vereinigen schien, so fand jede Erklrung geflligen Eingang, die von Niemandem
ein langes Nachdenken oder Zuhren begehrte.
    Nur Viktorine, die sich stets selbst behielt, der diese Dinge nur so nahe
traten, als sie wollte, hrte die Nachricht der Marschallin mit vernderter
Farbe; und als der Marschall in Reisekleidern bei ihr eintrat, um ihr Muth
einzureden, fhlte sie die kindlichste Zrtlichkeit gegen ihn, und Beide
trennten sich mit erhhter Liebe.
    Diese Empfindung war Viktorine berhaupt viel mehr geneigt, ihrem knftigen
Schwiegervater, als der Marschallin zu widmen. Sie mitraute ihr. Dies vollendet
gehaltene Wesen, welches, wie das untrglichste Rechenexempel sich immer in den
Forderungen der groen Welt auflste, emprte ihren offenen Karakter, der durch
freie geistige Entwickelung, so viel es diese Zeit zulie, die Etikette
lsterte. Sie hatte berdies einen ahnenden Verstand. Sie war zu unschuldig, um
manche Dinge wissen zu knnen; aber sie ahnte dann eben, da nicht Alles in
Ordnung sei, und fehlte selten in ihren Voraussetzungen.
    Am nchsten Abend stand sie neben ihrer Schwiegermutter in dem groen
Spielzimmer der Knigin, whrend sich im Nebensaale der glnzendste Ball
entwickelte, welchen die Knigin als Abschiedsfest gab, und an dem Theil zu
nehmen, ihr unmglich war, als die Marschallin pltzlich zusammenschreckte und
einen Augenblick starr nach der Thr blickte. Viktorinens Augen folgten diesem
Blick, und sie konnte die Ursache nicht errathen, bis der Marquis de Souvr ihr
auffallend ward, der sich mit seiner gewhnlichen Dreistigkeit halb lachend,
halb neckend durch die Menge drngte.
    Viktorine glaubte jetzt die Bewegung der Marschallin erklrt. Er kommt aus
Leonin's Krankenzimmer, sagte sie sich; sie selbst fhlte ein tiefes Erbeben und
zugleich ein sanfteres Gefhl gegen die Marschallin, was ihr sagte: sie ist doch
Mutter!
    Souvr stand sogleich vor ihnen. Willkommen, Marquis! sagte die
Marschallin. Wie verlieen Sie meinen Sohn?
    Auf dem Wege, zu den Fen seiner schnen Braut seine Genesung abzuwarten,
erwiederte der Marquis, beide Damen begrend. Doch verlie ich das Terrain in
dem Augenblick, als der Marschall seine Position dort nahm. Einer solchen
bewaffneten Macht gegenber, nehme ich gern sogleich meinen Rckzug - denn er
bleibt stets Sieger - wovon Euer Gnaden auch wohl im Voraus berzeugt waren.
    Der Marschall hat stets den liebenswrdigen Ungestm eines Jnglings,
lchelte die Marschallin - aber ihr Auge lag noch immer durchbohrend auf Souvr,
der, seine Ueberlegenheit fhlend, auch nicht durch die kleinste Aeuerung
verrieth, was sie so sehr zu wissen wnschte.
    Belehren Sie mich, ob ich recht hrte, ist dies ein Abschiedsfest? -
fragte er, sich zu Victorinen wendend - mu Leonin in Wahrheit zu spt kommen,
sich in dem Glanze des Hofes mit seinem unermelichen Glcke brsten zu knnen?
    Ihre Majestt werden von morgen an ihre Andacht bei den Carmeliterinnen
halten und dann nur noch kleinen Zirkel in ihren Privat-Apartements empfangen,
erwiederte Victorine.
    Ach, sagte Souvr, ich lebe auf! So hoffe ich, werden wir auch dort noch
im kleinen Zirkel mindestens einiger hundert Personen, das Vermhlungsfest
meines glcklichen Vetters und seiner schnen Braut erleben!
    Lassen wir das! rief Victorine stolz und gereizt. Soll ich Ihnen etwa die
Feierlichkeiten dabei vorzhlen, damit sie Ihre verschiedenen Hofkleider
ausstauben lassen? Ich passe nicht zum Referiren und setze immer den Takt
voraus, es zu fhlen, ehe ich es selbst andeuten mu.
    Allerliebst! lachte Souvr - also das hat die Liebe noch nicht bewirkt!
So nah' an dem gehorsamsten, demthigsten Zustande - ich meine die Ehe, setzte
er sich verbeugend hinzu - und doch so wild, so gereizt, wie eben aus dem
Kloster entkommen? Schne Viktorine, ich warne Sie - lenken Sie ein! Leonin ist
nur anscheinend ein schwermthiger Schfer, innerlich und wo es gilt, ein
reiender Lwe!
    Die Marschallin horchte auf. Dies schien ihr der erste Wink. Doch Souvr
blickte nur Victorinen herausfordernd an - er schien jene vergessen zu haben.
    Erlauben Euer Gnaden, da ich mich beurlaube! sagte Victorine, sich tief
vor der Marschallin verneigend. Die vortrefflichen Manieren des Herrn Marquis
zwingen hier eine Frau, die Flucht zu ergreifen.
    Fliehen Sie Ihren Sieger? rief Souvr - Sie haben nun einmal Ihre
Stellung in der Welt verloren. Ein Mal besiegt, erleben Sie nichts mehr, als
Niederlagen! Ich, Ihr ltester Freund und Verehrer, mute doch daran meinen
Antheil haben!
    Victorine rollte achselzuckend ihren Fcher vor ihm auf und verschwand in
dem Nebensaale.
    Eben wandte die Marschallin sich zu dem Marquis, entschlossen, ihn zur
Sprache zu bringen, da eilte Souvr, die Herzogin von Bellefond zu begren, die
ihren groen Reinigungszug, wie die Hofleute ihn nannten, wobei sie jeden Fehler
der Etikette rgte, durch den Saal hielt.
    Soll ich Ihnen helfen, meine Beschtzerin - meine Wohlthterin? rief
Souvr. Wie Noth thut sicher hier Ihre glanzvolle Herrschaft im Reiche der
Etikette, wo die gute Stadt Paris mit ihren breiten Manieren dem Hermeline des
Knigsmantels etwas sehr nahe getreten ist. Die Luft ist davon noch etwas
verdorben, wie ich spre!
    Ach, Marquis, Marquis, erwiederte Madame de Bellefonds, mit so heiserer
Stimme, da ihre Rede dem dumpfen Gebrumme eines zornigen Bren glich - das
frchte ich nicht zum zweiten Male zu erleben! Denken Sie! den ganzen Tag auf
der Strae! Ihre Majestt die Knigin sehen zu mssen, wie diese Populace sich
zu ihr drngte - Anreden gestatten zu mssen auf offner Strae, ohne nur die
Namen dieser Geschpfe zu kennen, viel weniger ihren Adelsgehalt - ja, am Ende
lieber Nichts von ihnen wissen zu wollen; da doch nur zu erfahren stand, da sie
aus der Hefe wren. Alle unter dem einen Hute sich bergend, als Brger von
Paris! Brger von Paris, Marquis! Ich htte weinen knnen ber den Wahnsinn, der
sie glauben lie, durch diesen Titel zu dem Benehmen gegen Ihre Majestt
berechtigt zu sein! Und dann die Humanittsideen der hohen Herrschaften!
Niemand, den man in seine Schranken verweisen durfte, wodurch dem Volke der Muth
wuchs bis zur Raserei! Knnen Sie denken, da davon die Rede war, einige von den
Deputirten der Stadt heute Abend einzuladen? So da denn also kein einziger
Platz rein geblieben wre! Aber ich drohte meinen weien Stab in Stcken
zerbrechen zu wollen, wenn man diesen Plan ausfhre, und da unterblieb es, trotz
dem, da der Marquis Fenelon, dieser sogenannte groe Geist, mich fragte: ob ich
dchte, da diese Herren Deputirten, die ein Paar Millionen kommandirten,
weniger Bildung htten, als meine Herzge und Grafen?
    Nun in Wahrheit, lachte Souvr - diese rasende Behauptung htte Euer
Gnaden tdten knnen!
    Fast Marquis, fast war es so weit! Und Ihr hrt es an meiner Stimme, es ist
mir Alles auf die Brust gefallen. Es war meine letzte Anstrengung, und in der
Antwort, die ich ihm gab, schlug die Stimme um. Marquis, sagte ich, um so
schlimmer! So sind es bertnchte Grber, in denen sie nichts zu verdecken
htten, als Hobel oder Elle - und der Bursche, der mir zu den Schuhen Maa
nimmt, hat in meinen Augen mehr Werth, als diese impertinenten Masken, die sich
unsere Vorzge anzumaen wagen.
    Vortrefflich, vortrefflich! rief Souvr; mit welchem Geiste Sie Ihren
Willen auszudrcken wissen. Es mte fr die Nachwelt verzeichnet werden! -
Gottlob, da Frankreich die Herzogin von Bellefond als Wache vor dem Throne
dieser sanften, nachgiebigen Knigin hat! Es ist die einzige Rettung, der
einzige Schutz gegen die andrngende Volksbildung, die, wie ich im vollen Ernste
hrte, sich allerlei Nachahmungen der hheren Stnde erlauben soll; und wie
lcherlich und unglcklich auch solche Versuche sind, sie bleiben doch jederzeit
ein Aergerni und verrathen einen gefhrlichen Sinn, der im Entstehen erstickt
werden mu. -
    Ja wohl, Marquis! Sie haben nur zu Recht; aber ich beschwre Sie, hren Sie
auf davon zu sprechen - ich mu sonst mein Flacon gebrauchen. Ach, Marquis, wer
hatte sonst nur nthig, diese Klasse in den Mund zu nehmen! Wir hatten
Handwerker, die nur unsere Haushofmeister und Kammerfrauen sprachen; und ich
htte es nicht fr mglich gehalten, da ich mich jemals ber einen Brgerlichen
wrde rgern knnen. Aber hren wir auf - es greift mich an, und ich bin
beschmt ber den Gegenstand! -
    Nun so sagen Sie mir etwas Neues vom Hofe, rief Souvr - Sie wissen, ich
war mit dem jungen Grafen Crecy abwesend. -
    Ja, ja, ich erinnere mich! - Doch sagen Sie Marquis, warum sehen wir Sie
allein zurckkehren? Ist man so lau und nachlssig in der Bewerbung um ein
Ehrenfrulein Ihrer Majestt?
    O, Madame, sagte Souvr, welche Voraussetzung! Er ist wie ein
Wahnsinniger Tag und Nacht gereist, als er die Weisung zur Rckkehr erhielt, und
da hat er sich erkltet. Doch, es wird vorbergehn! Euer Gnaden haben sicher
schon ber die Vermhlung des Paares Ihre Dispositionen gemacht; darf ich im
Vertrauen sein?
    Sie sind mein Verzug! erwiederte die Herzogin mit einer steifen Grimasse,
die Lcheln andeuten sollte, und wollen immer Alles voraus wissen. Doch ist es
zu erwhnen, wie Ihre Gesinnung wirklich sich stets unbefleckt rein erhlt, und
ich habe deshalb manche Rcksichten!
    Der Marquis verneigte sich, und Madame de Bellefond fuhr fort: Die Zeit
erlaubt keine Festlichkeiten - Ihre Majestt mu sich bereit halten - Sie
wissen, das erste Hauptquartier wird in Nancy sein - wir mssen uns auf den Weg
dahin begeben, um dann mit Seiner Majestt zugleich einziehen zu knnen.
Natrlich knnen aber der Graf und Mademoiselle de Lesdigures nicht bei
demselben Hofstaat, in derselben Karosse vielleicht, die Reise antreten, ohne
vermhlt zu sein. Das haben denn auch Ihre Majestten erwogen, und ich habe
selbst die etwas streitschtige Lesdigures zum Schweigen gebracht. - Nun soll
es also ein Impromptu werden! Wie ich hre, hat es aber die eigensinnigste
Hofdame, die ich je unter Aufsicht hatte, durchgesetzt, da die Frau Knigin den
Herrn Erzbischof von Noailles um die Abtretung seiner Funktionen an Monsieur
Fenelon, diesen berspannten Pfarrer von St. Sulpice, gebeten hat. Das war
hinter meinem Rcken geschehen; die Knigin wird von dem jungen Mdchen
beherrscht; doch hatte sie die Gnade, sich bei mir deshalb zu entschuldigen. Sie
fhlte wohl, da sie mir ins Amt gegriffen! Doch mein Kind, Sie sehen, wir haben
nicht mehr viel Zeit, und der Brutigam fehlt! Dieser junge Mensch, Marquis, im
Vertrauen, hnelt nicht sehr seinen musterhaften Eltern! Krank zu werden, wenn
man seine Anstellung bei Hofe antreten soll, hat immer etwas gegen den Respekt
und gegen die vollkommene Feinheit, die wir bei solchen Gelegenheiten
vorherrschen lassen mssen. Wer kann mir nachsagen, da ich je krank war? Aber
das ist so der Spuck, der sich gern einschleichen mchte, den alle diese Herren
Dichter, Philosophen und Gelehrte verbreiten, und den sie Menschenrechte, oder
Naturgebote, oder Gott wei wie nennen. Aber ich frage Sie, Marquis, ist es
schicklich, da man so etwas bei Hofe hrt, wo lauter Edelleute vom ersten Range
leben? - Ich frage Sie, mein Lieber - wenn Monsieur Molire im Vorzimmer des
Knigs frhstcken darf, und Seiner Majestt ihn anredet, als wre er ein
Mensch, wie jeder andere, da haben wir freilich nichts Besseres zu erwarten!
Sonst, Marquis, begaben wir uns in die groe knigliche Loge, und vor uns auf
den Brettern, in dieser unberschreitbaren Entfernung, lieen wir alle diese
Herren machen, was sie konnten, und frugen nicht nach, ob es sogenannte Dichter,
Philosophen und Gelehrte waren. Machten sie es gut, wurde geklatscht, machten
sie es schlecht, wurden sie wieder weggejagt. Das erhielt aber die Luft rein! Da
waren unsere Cavaliere ohne jene sonderbaren Manieren, die jetzt einen jungen
Mann in den Zwanzigern erkranken lassen, wenn er eine Hofcharge antreten soll
und sich vermhlen!
    Euer Gnaden zrnen, wie ich merke, sagte Souvr, ich mu Frbitte thun!
Ihr Zrnen wrde nicht allein den Schuldigen unglcklich machen, sondern
besonders die Eltern, die Sie doch anerkennen!
    Sie sind ein gutes Kind, Marquis, ich wei es wohl. Nun sehen Sie, Sie
sollen Recht behalten! Ich gehe und rede die Marschallin an.
    Damit schritt sie auf die inde von mehreren Bekannten umgebene Marschallin
zu; und da bei ihrer Annherung gleich Alles Platz machte, konnte sie, wenn sie
es beabsichtigte, mit Jedem reden, wie in ihrem Privat-Kabinette.
    Marschallin, sagte sie - ich mu so einen kleinen Wink geben. Die hohen
Herrschaften sind voll Gnade fr Ihr Haus, wie dies eine so bedeutende Familie
auch erwarten darf. Es sind Auszeichnungen beabsichtigt, die wir allerdings zu
schtzen und zu wrdigen wissen werden; - aber die Jugend, meine Liebe, man wei
wohl, wie das jetzt geht - die Jugend hat nicht das alte Mark der Ehrfurcht in
den Gliedern, - da mssen wir nachhelfen, bis sie es lernt. Krankheiten sind
immer kein Grund, gegen die Befehle der hohen Herrschaften zu handeln. - Nun,
wem sage ich das? Sie, meine Liebe, sind ja die vollkommenste Dame des Hofes!
Sie werden mich verstehen und darnach Ihre Maaregeln nehmen!
    O, meine theure Herzogin, rief die Marschallin mit dem sesten Lcheln -
wer kann Sie in Ihren anmuthigen Belehrungen bertreffen! Sie haben eine Gabe,
anzudeuten - den Weg zu bezeichnen - die einzig in ihrer Art ist! Glauben Sie
mir, ich habe Sie verstanden - um so mehr, da mein eigenes Gefhl Ihnen lngst
auf diesem Wege entgegen kam.
    Ich wei - ich wei! sagte die geschmeichelte Herzogin - Sie sind
vollkommen zu Hause in der guten alten Welt des Hofes, in der wir wenigstens
noch einige Male vereint mit solchen Mitteln die Brcken abbrechen werden, die
die Populace nach uns hinauf zu bauen trachtet; - doch still, still,
Marschallin, wir wollen das nicht einmal in den Mund nehmen, - es zieht schon
herab, dafr Gedanken haben zu mssen. - -
    Leonin war an der Seite des Marschalls von Crecy in Paris eingetroffen.
    Die Marschallin empfing sie mit einer so mittheilenden Zrtlichkeit, da
Beide vollstndig in ihre Hnde fielen.
    Sie lud den Marschall zur Tafel, da die Stunde dazu heran gekommen war, und
er willigte ein, erweicht durch die Nhe seiner Kinder und die guten Manieren
seiner Gemahlin; - ward aber fast gerhrt ber dieselben, als in dem
Augenblicke, wie er den ersten Becher Wein forderte, im Vorzimmer sein lrmendes
Musikchor, was die Marschallin sonst nie in ihrer Nhe duldete, zu verabscheuen
vorgab, und welches jetzt, von ihr selbst dazu beordert, das Vorzimmer
eingenommen hatte - einen seiner wilden Lieblingsmrsche zu spielen begann.
    Sie sind im Ernste sehr hflich, meine Liebe! sagte er mit der uns
bekannten Grimasse, die Rhrung andeutete - Sie lieben diese frhlichen Stcke
nicht - und ich mu Ihnen meinen Dank sagen.
    Nun, Marschall, erwiederte seine Gemahlin - wir haben, denke ich, auch
nicht oft die Ehre, den Helden der Fronde an unserer Tafel zu sehen. Es ist
billig, unsere Neigung nicht zu befragen, wenn wir es ihn nicht bereuen lassen
wollen.
    Dagegen schickte der ungemein erheiterte alte Herr nach diesem ersten
lrmenden Versuche die ganze Bande in ihr Quartier und lie sich eine Goldbrse
von seinem Kammerdiener bringen, um fr die Dienerschaft seiner Gemahlin auf
jeden Teller, den man ihm wegnahm, in jeden Becher, den er leerte und zum Fllen
reichte, ein Paar Lonisd'or zu werfen.
    So hatte die Marschallin ihre Absicht erreicht, Leonin bei seiner Rckkunft
augenblicklich aus sich herauszureien und den Umstnden, wie sie hier
herrschten und wie bestimmt waren, ihn zu beherrschen, unter zu ordnen. Die
eisernen Formen, die ihn sogleich einschlossen, muten ihn berzeugen, da er
hier nur nachgeben knne. Dieses anscheinend herzlicher hervor tretende
Familienfest sollte dabei seinen idyllischen Trumen - wie die Marschallin sich
ausdrckte - schmeicheln, ihn hier einen Reiz mehr erkennen lassen, um den Werth
des zurck gewiesenen Glckes zu entkrften.
    Gegen Ende der Tafel ward dem Marschalle gemeldet, da sich, wie gewhnlich
bei seinem Diner, bei der Nachricht seiner Rckkehr mehrere Personen in seinem
Vorzimmer gesammelt htten.
    O hierher, Marschall, hierher! rief seine Gemahlin - Alles, wie Sie es
gewohnt sind! - Fort flogen die Diener, und bald erschienen einige der
vornehmsten Personen des Hofes, da der sonst gewhnliche militrische Hofstaat
des Marschalls bereits der Armee gefolgt war. Doch berhrte es Leonin wie ein
elektrischer Schlag, unter ihnen den Herzog von Lesdigures zu bemerken, der mit
aller verwandtschaftlichen Bevorrechtung den Marschall und Leonin umarmte, und
zwischen dem sanft gestimmten Ehepaar in einen herbei getragenen Fauteuil sank.
    Nun, Marschall, wie ich Eure rothen Vorreiter sah, konnte ich dem Vergngen
nicht wiederstehen, selbst von Euch zu hren. Und sagt, wie steht es dort mit
dem neuen Cavalier der Knigin? fuhr er neckend fort, Leonin anblinzelnd; -
mir deucht, die Reise dauerte nicht lange! Das war Diensteifer, Vicomte! Nicht
wahr, blo Diensteifer! -
    Ein schallendes Gelchter des Marschalls und des witzigen Herrn Herzogs
folgte dieser Rede, und Leonin, der pltzlich den Wahnsinn der Rettungslosigkeit
fhlte, griff nach der Maske, die zu dem erwarteten Fastnachtsspiele pate, und
als er das erste Lcheln erzwang, htte der Schmerz seines Herzens ihm fast
einen lauten Schrei ausgepret. Auch die Marschallin hielt den Athem an - der
Moment war entscheidend. Er ward schneller selbst, als sie erwartet hatte, in
die neuen Verhltnisse gedrngt - wie Viel hing davon ab, da er schon die
rechte Strke gewonnen habe! Aber sie sah, da die blasse, hohle Wange sich
pltzlich rthete, das trbe Auge lebendig ward, er den bisher unberhrten
Becher Wein hinunter strzte, und sich dann rasch zum Herzog wendend, mit
berlauter Stimme ausrief: Euer Gnaden werden meinen Eifer doch nicht
mibilligen?
    Nun, nun, sagte der Herzog - man sagt, Mademoiselle de Reetz habe auch
dereinst von unserm hnlichen Eifer erzhlen knnen! Doch merke ich, junger
Herr, das gehrt nicht mehr in mein Departement - nun, ich habe nichts dagegen,
wenn Ihr Euch damit bei Viktorinen meldet! Dabei zog er Leonin in seine Arme
und herzte und kte ihn - und Leonin fhlte, er habe diese schon lngst vllig
abgemachte Sache, an der kein Mensch mehr zweifelte, in diesem Augenblicke
besttigt. Wir drfen nicht verbergen, da die Erinnerung an Viktorinens
jugendliche Schnheit, an ihre Trefflichkeit, in demselben Augenblicke lebendig
in ihm erwachte - und der Seufzer, der ihm entstieg, galt dem Schmerze, ihrer
nicht mehr werth zu sein. -
    Und Souvr sa lachend und jeden Scherz erhhend an derselben Tafel! Leonin
wute noch nicht, was er ausgerichtet hatte, und seine Ehre hing jetzt an dem
Ausspruche dieses Mundes.
    Souvr wute dies Alles, und mit teuflischer Lust qulte er sowol die
Marschallin, als den von ihm so bitter verachteten Knaben; denn vergeblich hatte
seine hohe Verbndete nach ihm gesandt zu allen Stunden; er war zu keiner
zugnglich gewesen und erschien erst, da alle Fragen unmglich waren.
    Doch die Marschallin war lngst entschlossen, jede Unsicherheit abzuwerfen
und die Dinge, die sie nicht wute, so anzunehmen, wie sie zu den Schritten
paten, die jetzt ihrer Ueberzeugung nach nicht mehr ausbleiben konnten. Sie war
daher ungemein erfreut, als sie Leonin eben so getrieben, und ihn den
entscheidenden Augenblick mit einer Fassung bestehen sah, deren grimassenhafte
Weise nur sie zu verstehen vermochte.
    Herr von Dreux und der Marquis Vieuville unterbrachen diese Spannung. Man
hob die Tafel auf; Herr von Vieuville verkndigte die glnzenden Siege der
Armee, die Flucht des Herzogs von Lothringen und den Beschlu der Knigin, am
andern Mittag ihre Reise anzutreten. - Madame de Bellefond, setzte er lchelnd
und heimlich zur Marschallin gewendet, hinzu, ist von der Rckkehr des jungen
Grafen unterrichtet. Sie lt Euer Gnaden sagen, die ganze Familie
Crecy-Chabanne wrde in voller Parre diesen Abend bei der Knigin erwartet.
    Die Marschallin fhlte, da sie kalt ward! Die Wichtigkeit des Moments
entzog sich ihr nicht. Aber, was auch Abweichendes ihr Inneres berhren mochte,
die uere Form war ihr so durchaus die dringendste Anforderung, ihr so bequem
und gewohnt, da sie stets, jeder anders wirkenden Anregung entgegen, den
ungestrten Mechanismus derselben betreiben konnte.
    Meine Herren, sagte sie - sich laut redend gegen Gemahl und Sohn wendend -
Ihre Majestt wollen uns Alle noch diesen Abend empfangen - Frau von Bellefond
befiehlt im groen Hofkostme!
    Wei Gott, ich gehe hin! rief der Marschall - ich will unsere gute,
schne Knigin noch ein Mal sehen, wie wenig das Hofleben auch eigentlich mehr
fr mich pat!
    Schon unterrichtete der Marquis Vieuville den Marquis de Souvr, bei Seite
tretend, von den Absichten der Knigin, und Souvr sah ein, er msse jetzt
Leonin Etwas von seinen Nachrichten geben, wenn nicht ein Aergerni eintreten
solle. - Er benutzte daher den Moment, wo Leonin zu erreichen war, und flsterte
ihm zu: Muth, Muth - Sie sind frei!
    Frei, stammelte Leonin erbleichend - frei! rief er noch ein Mal; und
schon fhlte er den Werth dieses Ausspruches, den neuen ihn bestrmenden
Anforderungen gegenber. - Hat sie eingewilligt? Gott, wie ertrug sie es?
    Spter, spter! rief Souvr - jetzt thut Ihnen nichts so Noth, als Ihre
Freiheit! Darum begngen Sie sich damit, da ich Ihnen versichere, da Sie frei
sind.
    Leonin fhlte diese Wahrheit. Er beruhigte sich damit und flog der neuen
Richtung seines Lebens mit der Hast eines Menschen entgegen, der nicht mehr den
Muth hat, in sein Inneres zu blicken. -
    Als die Marschallin im groen Hofkostme, mit Juwelen beladen, ihr
Ankleidezimmer verlie, um in den Wagen zu steigen, stand der Marquis de Souvr
vor ihr, und sein boshaftes Auge berlief die anmaende Erscheinung der stolzen
Frau - er sann der Hoffnung nach, sie zu erschttern.
    Madame, sagte er - ich darf ber den Gegenstand, um dessenwillen Sie mich
zu sprechen wnschen, nicht im Zweifel sein - beruhigen Sie sich, Ihr Sohn ist
frei!
    Das habe ich vorausgesetzt, sagte sie kalt - was wollte solche Person
auch fr so angemate Rechte hervorbringen?
    So war es nicht, Madame, sagte Souvr scharf - Ihr Recht war in guter
Ordnung. Kein Gerichtshof von Frankreich htte es bezweifeln knnen; - und eher
htte man den Knig bewogen, seine Krone niederzulegen, als sie, diesen Rechten
zu entsagen!
    Ihr scherzt, sagte die Marschallin, etwas herabgestimmt - also mssen wir
wohl Alles Ihrer besondern Klugheit zurechnen? -
    Auch das nicht, Madame.
    Nun, und dann? Ihr sagtet doch, Leonin sei frei! -
    Er ist Wittwer! rief der Marquis mit dem schneidendsten Tone, indem sein
Auge durchbohrend auf seiner gefaten Verbndeten ruhte.
    Doch diese taumelte ein Paar Schritte zurck und schien alle Fassung zu
verlieren. - Todt? todt? Marquis, was habt Ihr gethan? Diese Sache durfte so
nicht enden - das ist gegen unsere Wrde!
    Mit unbeschreiblicher Verachtung blickte der Marquis auf diese hochmthige,
entsetzte Person. Selbst im Sndigen wollte sie noch mit sich coquettiren und
ihren aristokratischen Dnkel behaupten. Sie, die mit langer, sorgfltiger Mhe
und Vorbereitung den Dolch schliff, der ihr Schlachtopfer vernichten sollte, und
ihr Gewissen so eingewiegt hatte, da sie hoffte, sich nie davor erschrecken zu
mssen - sie glaubte sich nun aus ihrer Wrde verdrngt, da sie das gemeine
Schicksal jedes Bsewichtes erfuhr, da blut fliet, wo der Sto trifft!
    Madame, sagte er mit hoher Stimme, ich mu bitten, sich zu fassen, damit
Ihre Aeuerungen keine Beleidigung werden und sie berlegen knnen, da Alles
einfach und nothwendig aus den Bedingungen hervor gehen mute, die ich und
Leonin nach Ihren eignen Angaben genthigt waren, ihr zu machen. Die junge
Grfin Crecy - -
    Halt, halt, nicht diese Benennung! ich dulde es nicht! rief die
Marschallin, auer sich. -
    Und doch, Madame, hatte sie dazu ein unbezweifeltes Recht - doch, wie Sie
wollen! Also, die junge Frau hatte erst kurze Zeit ihr Wochenbett berstanden.
Da sie zart war - und, ich mu hinzusetzen, schn wie ein Engel - da sie
berdies unschuldig war, wie die Sonne, und sich vollstndig rechtmig vermhlt
wute - konnte sie nicht, ohne die heftigsten Erschtterungen, Ihre durch mich
berbrachten entehrenden Erklrungen hren - und da Leonin die Flucht ergriff,
sah ich sie in dem Augenblicke, wo sie dies erfuhr, vor meinen Augen sterben.
    Sterben, sterben! - ein solch brgerliches Mdchen und gleich sterben!
sagte die Marschallin tonlos; - dann wankte sie nach einem Stuhle und fiel fast
darauf hin, in einer Betubung, die sie aller Haltung beraubte.
    Der Marquis lie dies Alles ruhig zu; er wollte es ihr nicht erleichtern -
und vielleicht konnte er es auch wirklich nicht; - denn, obwol er seinen Zweck
im Auge behielt, konnte er doch nicht ein Grauen beschwren, was jedes Mal in
ihm aufstieg, wenn er der wunderbaren Erscheinung Fennimors gedachte und des
Gerichtes sich damit bewut ward, das durch sie in ihm erregt worden war. Nur
nach Auen konnte er Alles beherrschen, ohne Einflu lassen; - innerlich erfuhr
er stets eine Anregung, wie wir sie oben bezeichnet haben. Nach einer Pause, die
ihm lange genug schien, fuhr er fort: Doch Leonin wei davon Nichts - ich sagte
ihm, da er frei sei - doch nicht, auf welche Art. - Vieuville hat mir
mitgetheilt, da die Knigin ihn heut Abend zu vermhlen denkt. Die Nachricht
wrde seine Laune verderben, da er unfhig ist, sich zu beherrschen.
    Ja wohl, seufzte die Marschallin, das darf er nicht erfahren, es brche
ihm vollends das Herz!
    Souvr erstaunte ber die Stimmung der Marschallin. Sie ist lcherlich
auer Fassung! sagte er zu sich. Sie war ihm langweilig - verchtlich. - Ich
mu frchten, Euer Gnaden bereuen das Geschehene - obwol es Ihr Wille war,
sagte er, in der Hoffnung sie zu reizen. Auch kann ich versichern, da die
verstorbene Gemahlin Ihres Sohnes eine bewunderungswrdige Erscheinung war!
Vielleicht, wenn Euer Gnaden sie gesehn htten, wrden Sie selbst ihre Rechte
anerkannt haben! - Dies war wohl berechnet.
    Marquis, sagte die Marschallin - und stand sogleich, wenn auch mit einiger
Schwierigkeit auf - Mitleiden wird mich nicht zur Verletzung meiner Pflichten
als Mutter und als Trgerin zweier gleich berhmten Namen fhren. Es ist genug.
- Das Ende mute so sein - mchte es eine Warnung fr diese unberechtigte
Thrinnen jener niederen Stnde werden, ihr hbsches Gesicht nicht zu benutzen,
um sich in die hheren Sphren der Gesellschaft zu drngen. Ihr Loos mu nach
gltigem Rechte dort immer dasselbe sein!
    So gefallen Sie mir, gndige Frau, sagte Souvr hohnlachend - das ist die
alte Kraft!
    Sie sind sehr freigebig mit Ihrem Beifalle, Herr Marquis, erwiederte die
Marschallin, von seiner Vertraulichkeit sichtlich beleidigt - ich war nicht
darauf aus, ihn einzuernten. Mein Alter, wie meine Stellung pflegen mich gegen
solche Aeuerungen zu schtzen.
    Gewi fehlte auch fr alle Anderen jede Veranlassung dazu, sagte Souvr
sorglos. Nur wer, wie ich, einen Blick auf die geheimen Bestrebungen Euer
Gnaden that, kann so, wie ich, dazu die Berechtigung haben.
    Ich habe keine Zeit, Ihrer Vertraulichkeit Rede zu stehen; wir mssen zur
Knigin! erwiederte die Marschallin, mit unendlichem Grolle sich berzeugend,
sie msse die Beleidigung verschmerzen; doch hatte diese galligte Erregung ihres
Blutes jede Weichheit in ihr zerstrt. Schon lag das Bild ihres Opfers, das
Souvr zu ihrer Krnkung so reizend hervor gehoben hatte, in den Hintergrund
gedrngt. Eifrig eilten ihre Gedanken der Stellung entgegen, die sie jetzt mit
vermehrter Sicherheit einzunehmen vermochte, und die ihr endlich die Erfllung
aller ihrer Wnsche verhie. Dieser khne Gedankenflug erlitt eine kleine
Strung, als sie dem Marschall und Leonin an der groen Abfahrtstreppe
begegnete, wo Beider Karossen standen. Leonin hing wie ein bleicher Schatten in
seinen glnzenden Hofkleidern - sein Gesicht trug den Ausdruck hinsterbender
Apathie.

Man versammelte sich in den inneren Appartements der Knigin Maria Theresia. Wie
der Marquis gesagt - der kleine Zirkel bestand immer noch aus einigen hundert
Personen, und wer heute Zutritt hatte erlangen knnen, hatte sich herbei
gedrngt; denn ohne da es ausgesprochen war, blieben die Andeutungen doch nicht
aus, da sich hier etwas Besonderes ereignen solle. Voll Erstaunen gewahrte man
den Abb Fenelon, der mit ungewhnlich blassem Gesicht sich zurckgezogen hielt.
Man fragte, man trug zusammen und kam der Wahrheit zuletzt ziemlich nahe,
whrend man voll Ungeduld die Knigin erwartete. Dieser Augenblick trat endlich
ein. Mit der grten Huld und Freundlichkeit erschienen Beide - die junge
Knigin, auf den Arm ihrer imposanten Schwiegermutter gesttzt. Ihnen folgten
die Prinzessinnen des Hauses - dann die Kavaliere und Damen der Bedienung. Unter
ihnen fehlte Mademoiselle de Lesdigures, welches sogleich von Allen bemerkt
ward.
    Die Kniginnen hielten mit diesem Gefolge ihren Umzug durch den Saal, und
zeichneten vorzglich die Familie Crecy und Lesdigures durch ihre
Freundlichkeit aus.
    Whrend dem zupfte der Marquis Vieuville Leonin bei Seite; Beide verlieen
den Saal, der Marquis fhrte Leonin durch einen Umweg in das Kabinet der
Knigin. Als Leonin eintrat, erblickte er sogleich die wunderschne Gestalt der
Mademoiselle de Lesdigures, die in reichem Silberstoff, mit Juwelen
geschmackvoll verziert, auf einem Tabouret in der Mitte des Zimmers sa und die
Augen fest auf die Thr geheftet hielt, aus der Leonin und der Marquis Vieuville
jetzt hervortraten.
    Viktorine! rief Leonin - bei ihrem Anblicke sogleich das geheimnivolle
Flstern verstehend, was ihn den ganzen Abend verfolgt hatte, - Viktorine,
meine Braut! meine Geliebte!
    Er strzte mit einer Heftigkeit, die ihn pltzlich aus seiner Apathie
erweckte, auf Viktorine zu, und seine Bewegung war um so strmischer, da sie
mehr einem physischen Nervenreize, als der Wrme seines gemordeten Herzens
entsprang.
    Viktorine sah ihn in unbeschreiblicher Bewegung zu ihren Fen liegen. Sie
war vollstndig geschaffen, die rhrende Wichtigkeit des Augenblicks zu
empfinden, und Thrne auf Thrne fiel aus den schnen, glnzenden Augen auf
Leonin's Haupt, das er in ihren Hnden verbarg.
    Leonin, sagte sie dann sanft, ich bin Ihnen Beides mit voller
Ueberzeugung und von ganzem Herzen - und die Knigin will, da Sie durch mich
erfahren sollen, wie bereit ich bin, Ihnen dies zu besttigen!
    O, Viktorine, rief Leonin, ich bin es nicht werth, Ihr Gatte zu sein!
Bedenken Sie, was Sie thun! - Ich bin Ihrer nicht werth! Sie sind ein Engel -
ich bin ein armer, schwacher, elender Mensch!
    Viktorine sah die Todtenblsse, die eingesunkenen Zge seines schnen
Gesichtes in dem Augenblicke, wie er in der tiefsten Erschtterung den Kopf zu
ihr aufhob; - und wie auch die Welt sie als kalt und gefhllos bezeichnete, sie
war vollstndig Frau; so war auch bei dem Anblicke seiner leidenvollen Zge ihr
erstes Gefhl nur das zrtlichste Erbarmen - und das zweite der schne Muth, ihm
dies Gefhl zu zeigen, ihn schtzend und heilend zu umgeben mit dem Reichthume
weiblicher Hingebung.
    Leonin, sagte sie zrtlich, Sie sind krank - Ihr Ansehn verrth es mir!
Hren Sie auf, in dieser Stimmung so hart und mitrauend ber sich zu urtheilen!
Wenn Sie aber leiden, so nehmen Sie Ihre Viktorine als Sttze, als Trost hin; -
ich fhle in mir die Kraft, Ihnen Beides zu sein.
    O, Geliebte, rief Leonin, ist es wahr? Darf ich noch nach solchem
Erdenglcke die Hand ausstrecken! Ist es mglich, da Viktorine mir gehren
will?
    Schwrmer! lchelte sie ihm entgegen - berzeugen Sie sich denn, ob ich
Ihnen bestimmt bin! Die Kapelle der Knigin ist erhellt - Fenelon erwartet uns
am Altare - die Knigin wollte, da ich Ihnen diese Ueberraschung mittheilen
sollte.
    Leonin antwortete mit einem Schreie. Sein Kopf sank in ihren Schoo. Ueber
ihm hing das edle, zrtliche Mdchen, mit dem seligsten Gefhle des weiblichen
Herzens - denn sie hoffte geliebt zu sein!
    So habe ich es wohl ganz recht gemacht? sagte eine sanfte Stimme. - Beide
fuhren in die Hhe, an dem wohlbekannten, hei geliebten Tone die Sprechende
erkennend. - Maria Theresia und Anna von Oesterreich standen, leise eingetreten,
vor dem so ungleich bewegten Paare.
    Viktorine sank vor der Knigin aufs Knie - Leonin that mechanisch dasselbe.
Beide Kniginnen segneten sie mit Wohlwollen und Rhrung ein.
    Jetzt fllte sich hinter ihnen das Zimmer - Henriette von England umarmte
Viktorine und hie sie niedersitzen. Die Flgelthren nach den mit Hofleuten
gefllten Slen wurden geffnet, um den Anwesenden eine Erklrung des heutigen
Festes zu verschaffen.
    Die Knigin nahm der Herzogin von Bellefond ein Diadem von Brillanten ab und
machte eine Bewegung, es der Braut um die Stirn zu legen. Die schnen Hnde von
Madame vollendeten das Werk, dem sie den bedeutungsvollen Kranz von
Orangenblten hinzufgten. Die Knigin Anna nahm darauf einen Strau von
Brillanten von ihrer Brust, den Madame de Bellefond der Braut befestigte.
    Viktorine kte noch ein Mal knieend die Hnde der liebevollen Frstinnen,
erhob sich dann und zeigte der ganzen Versammlung das schnste Bild einer edeln,
jungfrulichen Braut.
    Herr von Dreur fhrte jetzt den halb bewutlosen Leonin zur Knigin. Herr
von Vieuville reichte ihr das Band des Heiligen-Geist-Ordens. Der Knig wnscht
Ihnen Glck, Graf Crecy! sprach die Knigin - und lt Ihnen sagen, wie auch
ohne den Glanz der Waffen, ritterliche Tugenden zu ben wren! Sie sollen sich
vorerst dem Schutze der Frauen widmen!
    Leonin bebte, als ihn Vieuville fast zur Erde drckte und das blaue Band um
seine Schultern legte. Er hatte es bereits entehrt durch den schreiendsten
Frevel an weiblicher Unschuld und Tugend. Als ob eine glhende Schlange sich um
seine Brust ringelte, so fhlte er das leichte seidne Band.
    Er konnte keinen Laut sprechen - er hatte kaum Kraft, sich zu erheben. Aber
Niemand sah seinen Zustand; zu sehr ward vorausgesetzt, was er empfinden mte,
um zu bemerken, was er wirklich empfand.
    Die Knigin empfing jetzt eine Meldung; sie neigte das Haupt, dann winkte
sie Leonin und Viktorine an ihre Seite und stellte sie so gewissermaen dem
versammelten Hofe vor, whrend der Marquis Vieuville vortrat und mit lauter
Stimme rief: Ihre Majestt die Knigin ladet die Versammlung ein, der
kirchlichen Einsegnung von Leonin, Grafen Crecy-Chabanne, und Viktorine,
Prinzessin von Lesdigures, in der Hofkapelle beizuwohnen.
    Schon traten die Hofchargen voran, und an der Seite Maria Theresia's, von
ihren Fingerspitzen, liebevoll lchelnd, geleitet, schritt Mademoiselle de
Lesdigures der an dieses Zimmer grenzenden Kapelle zu, whrend Anna von
Oesterreich, sich auf Leonin's Arm sttzend, ihnen folgte, nachgedrngt von
allen Gegenwrtigen, denen jedoch Henriette von England in der Mitte der beiden
Elternpaare voranging.
    Wie eine Erscheinung aus hherer Welt, mit der Verklrung eines Heiligen in
dem blassen Gesichte - erwartete Fenelon das Brautpaar auf den Stufen des
Altars. Sein Auge berhrte nur einen Augenblick Beide - dann schien es sich in
himmlischer Anschauung ber die Erde zu erheben.
    Seine Stimme war zu Anfange so verndert, da sie etwas Geisterhaftes hatte,
und Viktorine sie kaum erkannte. Dann ward sie strker - zuletzt gewann sie ihre
volle melodische Kraft - und als er sich endlich zur Braut wandte, schien er ein
feuriger Cherub, gesendet, die Befehle des Herrn zu verkndigen! Viktorine de
Lesdigures, Zierde Deines Geschlechtes, fhle in Deinen Vorzgen die groe
Anforderung des Herrn! Nicht, was Du erlebst, sondern, wie Du es erlebst - das
sei Deine Frage vor Gott! Ihre Beantwortung wird bestimmen, ob Du Deinen
Schpfer ehrst und ihm dankbar bist fr die reichen Gaben, die er Dir gab, und
die Dir zurufen: ein Vorbild zu werden jeder weiblichen und christlichen
Vollkommenheit! - Tusche uns nicht, sagte er, zu ihr gebeugt, und seine Stimme
bebte in Rhrung - Du bist eine schne Hoffnung auf dem Wege Aller, die Dich
kannten und - liebten! setzte er kaum hrbar hinzu. - Nach einer Pause schritt
er zu den kirchlichen Ceremonien - und Beide waren vermhlt.
    Nach den Beglckwnschungen der Kniginnen und Prinzessinnen, zogen sich die
hohen Herrschaften einige Augenblicke zurck, um dem Hofstaate und den jetzt
verwandten Familien Raum zu ihren Gratulationen zu lassen. Spter ward in den
Gemchern der Knigin Anna eine geistliche Musik aufgefhrt, der die
Neuvermhlten, zwischen den Kniginnen sitzend, beiwohnten. - Am andern Mittage
brach der ganze Hof auf. Die junge Grfin Crecy folgte an der Seite ihres
Gemahls, in einer Karosse, mit zwei Kavalieren und zwei Damen der Knigin, dem
Triumphzuge dieser kriegerischen Vergngungsreise nach Nancy, dem ersten
Ruhepunkte des glnzenden Hauptquartieres.

Die Begebenheiten des zweiten hollndischen Feldzuges zu schildern, gehrt der
Geschichte an. Wir haben keine Berechtigung, in das romantische Bild der Zeit
und die Erzhlungen der Schicksale einzelner Privatpersonen, die ihr angehrten,
die groe Katastrophe zu verflechten, die einen fr sich abgeschlossenen,
achtungsvollen Raum begehrt. Nur in so fern diese kleineren menschlichen
Begebenheiten, die uns vorliegen, sich an diese greren Zustnde anschlieen,
sei es uns erlaubt, ihrer zu erwhnen.
    Obwol der Nymweger Frieden, der diesen Feldzug endete, erst sieben Jahre
spter geschlossen ward, so blieb doch der Knig und der Theil seines Gefolges,
der blos als Hofstaffage des Krieges diente, nicht so lange von seinem
glnzenden Schauplatze, von Paris - oder vielmehr von Versailles getrennt,
welches Letztere immer mehr in seinem Werthe die brigen kniglichen Besitzungen
berbot; da die ungeheuern Summen, die an seine Verschnerung verschwendet
wurden, es allerdings nach dem damaligen Geschmacke, zu dem prachvollsten
Knigssitze Europas umschufen. Auch war mit der Gegenwart des Knigs bei der
Armee, die mit dem Winter endete, die Idee, die Frankreich und er selbst nthig
hatte, vollkommen erfllt. Der persnliche Muth, den er bei mehreren
Veranlassungen gezeigt, der glckliche, klare Blick bei schnellen
Entscheidungen, die Gewandtheit, womit er anzuregen und hinzureien verstand,
und die imponirende Hoheit, mit der er wieder eben so dem wildesten Strome, den
heftigsten Ausbrchen der Leidenschaften Einhalt zu thun wute - diese seltene
Vereinigung hatte den Knig in den Augen seines ganzen Volkes zu dem Helden
erhoben, den er nothwendig darstellen mute, um dem Ehrgeize Aller Genge zu
leisten. Jetzt hatten sie ber ihn abgeschlossen, und er konnte fr den
Augenblick thun, was er wollte - er blieb ihnen der erste Held der Erde! Die
Anbetung glich dem Wahnsinne; man fragte den ganzen Reichthum der Sprache nach
einem Worte, ihn zu verherrlichen. Man war mit dem Beinamen des Groen nicht
zufrieden, und htte ihn am liebsten den Gttlichen genannt.
    Auch zog seine Rckkehr die Blicke Aller von der Armee fort - ihm nach!
Dieser blutige, langwierige, mit so groen Kosten gefhrte Krieg, der die
edelsten Sttzen der Nation sinken lie, und das Land seiner krftigen
mnnlichen Jugend auf so lange Zeit beraubte, sank augenblicklich zur Nebensache
herab, als Ludwig seinen berhmten Feldherren die Erringung der groen Erfolge
bertrug, die sie unsterblich machten. Die Pavillons, die an dem Schlosse von
Versailles emporstiegen, die Grten, die Le Notre unerschpflich war, durch neue
Erfindungen umzugestalten, waren weit mehr der Gegenstand aller Mittheilungen
bis in die Provinzen hinein, als das groe und blutige Schauspiel, das
Frankreich auf fremdem Boden auffhrte.
    In den vollsten Taumel dieser Zustnde verflochten, kehrten Leonin und seine
Gemahlin mit der kniglichen Familie zurck. -
    Fennimor's Tod war das Hochzeitsgeschenk, das der Marquis de Souvr ihm den
Tag nach der Vermhlung gemacht! Aber die Maske, die er gelernt hatte
vorzunehmen, um diesen ewig lchelnden Hof nicht zu erschrecken, schtzte ihn
vor dem Verrathe seiner Gewissensbisse - der wahnsinnigen Verzweiflung, die ihn
zerri. Denn der Marquis hatte kein Interesse, ihm Fennimor's angeblichen Tod
als einen Zufall der kaum erstandenen Wchnerin zu bezeichnen, wie die
Marschallin es wnschte. Den Augenblick der Rache versumen, nach so langer
sorgfltiger Mhe, ihn vorzubereiten, hie eine Thorheit verlangen, die er blos
mit Achselzucken hrte, um Leonin alsdann mit dem vollen Gewichte der Nachricht
zu treffen, die ihn in Wahrheit so elend machte, als er gehofft, und seine
reichen Besitzthmer in dem Augenblicke vernichtete, als sie ihn alle zu
umschaaren schienen.
    Viktorine war Alles ganz. Frher schchtern, stolz und jungfrulich
verschlossen, war sie jetzt von der muthigen Zrtlichkeit einer Gattin
durchdrungen. - Scharfsichtig, freilich die Motive verkennend, errieth sie den
geistig und krperlich ungemein leidenden Zustand ihres Gemahls und gab sich ihm
mit allen Mitteln einer edeln, weiblichen Liebe hin. Wie htte er dem vereinten
Zauber so vieler Vorzge und so vieler Liebe widerstehen knnen! Er ergab sich
ihm mit weicher, trumerischer Zrtlichkeit, die ein weibliches Herz so lange
von der Erkenntni ihres wahren Geschickes abzuhalten vermag und lohnte ihr
diese glaubensvolle Liebe doch nicht durch ein ausreichendes Vertrauen, welches
allein ihn noch derselben wrdig machen konnte. So gewann er wieder, was der
verwhnte Zgling der eiferschtigsten Mutter von Jugend auf zu erzielen gelernt
hatte: der Augenblick hllte ihn schonend und liebkosend ein!
    Der Arzt von Ste. Roche ward durch Souvr's Vermittelung mit Summen
versehen, welche berschwnglich ausreichend, die Existenz des Kindes und seiner
Wrterin sichern sollten. Fennimor's Leiche sollte in der alten Kapelle des
Schlosses, in dem Grabgewlbe der Claudia von Bretagne beigesetzt werden - und
Leonin war vorlufig mit diesen Angelegenheiten fertig. Die Abreise trat
dazwischen. Schon hatte er gelernt, diese ueren Pflichten als die
vorherrschendsten, geltendsten anzusehen; er fand schon darin eine
Rechtfertigung, da sie ihn von jenen Interessen abzogen, und die se
Beschwichtigung aller schwachen Karaktere, die Dinge, die sie zu verletzen
drohen, verschieben zu drfen, bte auch ber ihn ihre ganze Gewalt.
    Jetzt war er zurck. Die alten Rume nahmen ihn auf. Das Schlo Crecy war
dem jungen Erben allein bergeben. Der grte Glanz der Verhltnisse, seine
Stellung bei Hofe, die immer angenehmer und anziehender ward, je mehr ihn seine
brige Lage zu begnstigen schien, Viktorinens schne, edle Erscheinung, die
diese einst so den Rume auch geistig zu beleben wute und, indem sie ihn als
zu sich gehrend betrachtete, ihm einen Werth zu geben schien, der ihn zu Zeiten
selbst tuschte und ihm die Verpflichtung, sie glcklich zu machen, immer
natrlicher werden lie - Alles dies vereinigte sich, den Winter an Leonin
vorber zu fhren, ohne ihn ernstlich auf die Verhltnisse hinzuleiten, die, ihm
nur halb bekannt, oberflchlich von Andern besorgt, zu entscheidenderer
Einwirkung aufforderten.
    Das Frhjahr fhrte die rastlos wechselnden Feste des Hofes herbei, die auf
den Genu der schnen Grten berechnet waren, die ein knigliches Lustschlo mit
dem anderen zu verbinden strebten - und endlich forderte Viktorine seine
ausschlieliche Aufmerksamkeit, indem sie ihm in dem Bltenmonate der Erde, wie
sie whnte - den ersten Sohn berreichte.
    Wir werden sein erschrecktes Herz begreifen, wenn wir hinzufgen, da er
keinen Muth hatte, fr dies Kind zu fhlen, was die erste Aufwallung fr
dasselbe andeutete. Er stand stumm davor - ein gerichteter Verbrecher! Es war
dasselbe holde Wesen, das er verstoen - es hatte gleiche Rechte an ihn; - aber
die Wonne, die er bei der Geburt von Fennimor's Sohne empfunden, und die er mit
Verrath und dem schwrzesten Frevel bezahlt hatte, rchte sich jetzt an ihm und
lie ihn verzagen, wie ein Mensch zu empfinden.
    Dagegen war die Geburt dieses ersten Erben fr die Marschallin und ihren
Gemahl der Gipfel des Glckes, und Beide empfanden, Jeder in seiner Weise, dabei
eine noch nie gekannte Erweichung. Das Kind selbst, Viktorine, die Geberin
dieses Glckes, waren ein Gegenstand fast thrichter Liebesweise, und das
herzogliche Aelternpaar blieb gegen die Schwiegerltern ihrer Tochter im
Rckstande.
    Die ganze Familie war nach Paris gegangen. Die junge Grfin mute im Hotel
Soubise ihr Wochenbett halten, und mit dem stolzesten Uebermuthe wurde dies
Glck verkndet, frstliche Geschenke in allen Richtungen vertheilt, und endlich
ein Tauffest vorbereitet, diesen gesteigerten Empfindungen gem.
    Leonin lie sich in der Richtung forttreiben, die um ihn her so bestimmt
angedeutet ward, da sein eigener Wille unthtig bleiben konnte, da Niemand das
Ziel desselben bezweifelte. Aber heftiger, wie je, erwachte Gewissensangst in
seiner Brust, und ein Gefhl, das aus Wehmuth und Sehnsucht zusammengesetzt war.
Er hatte keinen freien Athemzug - keinen heitern Blick - er suchte die
Einsamkeit - und wer ihn unbeweglich aufgerichtet in seinem verschlossenen
Zimmer htte stehen sehen, das Auge in das Leere schweifend, der htte frchten
knnen, den glcklichen Vater, den Gnstling des Glckes habe der Verstand
verlassen. - Aber er hatte in diesen Stunden eine Vision, die ihn vielleicht
rettete! Er dachte an Fennimor - und endlich lste sich aus dem dunkeln Raume,
wohin er starrte, ein leichter Nebel - er schwebte nher - in duftigen, kaum
sichtbaren Umrissen trat Fennimor daraus hervor - zuerst bewegte sie die
schlanke, weie Hand - dann sah er den zarten, leichten Fu, halb schwebend, und
wie nur sie ihn bewegte - dann schaute er das se, bleiche Haupt - die Wangen
mit Thrnen bethaut, aber den Mund von dem harmlosesten Lcheln der Liebe
verschnt - die reichen Locken schienen golden strahlend, und ihr Auge sah ihn
so bittend, winkend an, da er die Arme ausstreckte, der gelhmten Zunge den
geliebten Namen erpressen wollte, und endlich, indem sie verschwand,
niederstrzte und in Thrnenstrmen sich erleichterte.
    Dies wiederholte sich tglich, so oft Leonin die Einsamkeit erreichen konnte
- und nur dies war es, was ihn bei den Anforderungen des Tages erhielt. -
    Die Majestten hatten an dem glcklichen Ereignisse in der von ihnen so
ausgezeichneten Familie den ehrenvollsten Antheil genommen, und die Marschallin
in der Stille eine Hoffnung genhrt, die sie immer zu einer geduldigen Zuhrerin
machte, wenn die Frau Herzogin von Lesdigures mit dem Marschalle ber die
Pathen stritt, die dem Kinde gegeben werden sollten.
    Den dritten Tag nach der Tafel, als schon fr den nchsten die glanzvolle
Taufhandlung angesetzt war, ohne da man unter den zahllosen Gsten die Pathen
bezeichnet htte - trat Leonin, vom Knige kommend, in den Portikus des Hauses,
und ward von einem Knaben angeredet, der ihm ein mit Bleistift geschriebenes
Blatt gab. Er blickte den kleinen Boten zerstreut an, und ihn fr einen Bettler
haltend, gab er ihm einige Stcke Geld und eilte die Treppe hinan.
    Er mute sich ber die Treppen durch die Gnge und Gemcher winden, um zu
seiner Gemahlin zu kommen; denn die Dienerschaft, Tischler, Tapeziere, Grtner
waren mit ihren Vorbereitungen zu dem glnzenden Feste des morgenden Tages in
einer so geruschvollen Thtigkeit, da fr den Augenblick fast jede andere
Rcksicht aufhrte, und Leonin, selbst kaum beachtet und erkannt, sich frmlich
durcharbeiten mute. Erschrocken fast blieb er aber in einem der letzten Zimmer
stehen, weil man hier unter einem Thronhimmel Viktorinens Paradebett auffhrte,
umgeben mit einer in goldenen Rahmen laufenden Glaswand, die sie von den
Personen trennen sollte, welche Pathen des Kindes sein wrden, und die als
solche mit den nchsten Verwandten das Recht hatten, der Wchnerin vor dieser
Glaswand eine Verbeugung zu machen.
    Mein Gott, rief Leonin, ist diese abscheuliche Ceremonie denn durchaus
nthig? Wie gefhrlich, die Mutter solcher Pein auszusetzen, die sogar ihr Leben
bedrohen kann! Das Paradebett ist schrecklich - Grauen erregend!
    Er drckte die Hnde vor's Gesicht - im selben Augenblicke schien es ihm ein
Leichenzimmer - das Bett ward ein Paradesarg! - Gott wie schrecklich! rief er,
auer sich, und strzte an seinem erstaunten Kammerdiener vorber, sich sehnend
nach Viktorinens lebendigem Anblicke.
    Doch die Frauen vertraten ihm leise winkend den Weg - Viktorine schlief. Er
schlich nher - er setzte sich dicht an die Vorhnge - nach und nach erst
tauchte aus dem Dmmerlicht ihre Gestalt auf. Mit welcher Rhrung betrachtete er
die schnen, festen Zge, die, selbst vom Schlafe halb bezwungen, doch noch den
Karakter einer Antike hatten.
    Seufzer auf Seufzer hob sich aus seinem Busen - sein Herz, belastet mit
Schmerz und Angst, die jeder Tag zu steigern schien, ward von der Stille dieses
Zimmers, der unbeweglichen Ruhe Viktorinens in einem Grade erschttert, der ihn
fast zur Verzweiflung brachte. Er konnte es nicht lnger ertragen, schlich leise
fort und athmete auf, als das erste helle Zimmer ihn umfing.
    Mein Sohn, sagte der Marschall, als Leonin in das Gesellschaftszimmer der
Familie trat, wir mssen nun beschlieen, wer Pathe Deines Kindes werden soll.
    Pathe meines Kindes? erwiederte Leonin zerstreut. Der Knig und die
Knigin.
    Das erwartete ich! rief die Marschallin, indem sie unwillkrlich aufstand,
und der Ausdruck der hchsten Befriedigung ber ihr Antlitz glitt.
    Auch der Marschall stand auf, und indem er eine kleine, steife Verbeugung
machte, sagte er: Ich kann nicht darber klagen, da die hohen Herrschaften
vergessen, wer der alte Marschall Crecy-Chabanne ist.
    Jetzt aber erzhlen Sie uns, wie es kam! rief Madame de Lesdigures. -
Ich liebe es, zu hren, wie sie sich bei solcher Gelegenheit haben! Mein
Bruder, der Kardinal Reetz, sagte immer: Und wenn sie auch noch so lange an sich
halten und immer auf eine ganz besondere Art und Weise warten, wodurch sie sich
verstndlich machen wollen, endlich mssen sie doch herausrcken, und dann sind
es dieselben Worte, die auch andere Menschen brauchen, und sie mssen darum die
Lippen ffnen und Athem einziehen und ausstoen nach dem Gebote der Natur! -
Sie begleitete diese fr Crecy'sche Ohren sehr ketzerische Reden mit herzlichem
Gelchter und sah sich nach Leonin um, der neben Louise auf dem Balkon getreten
war und die heie Stirn von dem khlen Abendwinde erfrischen lie.
    Nun, Schwiegersohn, werden wir hren, wie es sich begab? - rief sie mit so
durchdringender Stimme, da Leonin wohl geweckt werden mute.
    Ernst, mit dem kummervollsten Gesichte trat Leonin vor sie hin und fragte
nach ihren Befehlen.
    Mein Sohn, sagte die Marschallin streng, und erzrnt ber sein
gleichgltiges Wesen, Sie vergessen, dnkt mich, die Dehors, die Sie uns und
der Ehre schuldig sind, welche die Majestten unsern Familien erzeigen!
    Diese Stimme hatte immer Einflu auf ihn, sie drang stets wie ein kalter
Windsto durch jede Verhllung seines Innern. Es ist wahr, fuhr er heraus,
ich bin sehr kalt und habe von Ihnen Allen Verzeihung zu erbitten! Der morgende
Tag erfllt mich mit unerklrlicher Angst! Viktorine wird auf eine Weise durch
die vorgeschriebene Etikette geqult werden, die mich fr ihr Leben frchten
lt.
    Mein Herr, sagte die Marschallin kalt - Frauen von Stande sind dieser
Etikette unterworfen gewesen, seit ich denken kann. Ich habe nie Etwas gehrt,
was diese sonderbare Aengstlichkeit, die ein wenig nach Sitten schmeckt, die
hier nicht gelten, rechtfertigen knnte. Haben Sie jetzt die Gte, der Frau
Herzogin zu sagen, auf welche Weise Sie die gndige Willensmeinung der
Majestten erfuhren.
    Gestern Abend, sagte Leonin - er wollte fortfahren; aber drei Stimmen
zugleich unterbrachen ihn. -
    Gestern Abend? Gestern Abend schon war es bekannt? Mein Gott, welch' ein
unverzeihlicher Fehler! rief die Marschallin - wir htten den Herrschaften
Alle aufwarten mssen!
    Die Herzogin lag hinten ber vor Lachen. Nein, sagte sie dazwischen,
solche Tollheiten kann auch nur gerode Viktorinens Mann machen - das knnte sie
auch - und was gebt Ihr, sie lacht sich krank, wenn ich es ihr sage!
    Der Marschall wute nicht recht Position zu nehmen; er lachte gern, wenn er
die alte Herzogin lachen sah, und doch schien es selbst ihm unerhrt von seinem
Sohne.
    Der Knig verbat ja alle Feierlichkeiten von Seiten der Familie! rief
Leonin und richtete seine Rede an die Marschallin, die ihren Zorn kaum zu
bemeistern vermochte und daher lieber geschwiegen hatte.
    Als uns die Knigin gestern Abend beurlaubte, erwhlte sie mich, Seiner
Majestt gute Nacht zu wnschen. Sie fragte dabei theilnehmend nach Viktorinen
und sagte mir: Der Knig wrde mir noch Etwas in ihrem Namen zu sagen haben.
    Wir versammelten uns, wie gewhnlich, in dem Speisesaale, whrend der Knig
en petit couvert zu Abend a. Nach dem Abendessen lehnte er sich gegen das
goldene Gitter des Kamins, und wir durften das Wort an ihn richten; da ich mich
aber zurckzog, lie er mich rufen; er war sehr gndig und that hnliche Fragen
nach meiner Gemahlin.
    Jetzt kam der Augenblick, wo er uns zu beurlauben pflegt, und zugleich der
Moment so vielen Ehrgeizes - Sie wissen, was ich meine. - Der Knig nahm den
kleinen goldenen Leuchter - man drngte sich nher - Jeder hoffte ihn zu
erhalten. Da rief der Knig meinen Namen, und ich erhielt den goldenen Leuchter
und durfte ihm zum kleinen Niederlegen folgen.
    Die Kniginnen, die Prinzen, Prinzessinnen und die Amme waren hier
anwesend. Der Knig, dem ich mit der Ehre des goldenen Leuchters zur Seite
bleiben mute, trat zur Knigin heran und sagte: Wollen Sie bei unserm Vetter,
dem Grafen Crecy-Chabanne, meine Gevatterin sein?
    Die Knigin nickte lchelnd - whrend ich vor Beiden das Knie beugte. Doch
der Knig rief: nicht doch, nicht doch! Niemals mit dem goldenen Leuchter! Ich
stand schon wieder, und der Knig berreichte nun der Knigin nach alter Sitte,
als seiner Gevatterin, einen Strau und ein Paar Handschuhe. Der Strau aber war
von Juwelen, die Handschuhe von der schnsten Perlenstickerei. -
    Wer den goldenen Leuchter am Abende getragen hat, mu am andern Morgen beim
kleinen Lever erscheinen. Hier sagte mir Monsieur, er und Madame wrden
stellvertretend bei der Taufe persnlich zugegen sein. -
    Die Marschallin klingelte. Smmtliche Staatswagen sollen vorfahren! rief
sie, und Alle trennten sich, um in hoffhiger Toilette ihre Aufwartung bei
Madame Henriette und dem Herzoge von Orleans zu machen. -
    Dem Tumulte des vorangegangenen Tages folgte am andern Morgen die feierliche
Ruhe der Vollendung, der Vorerwartung groer Festlichkeiten. - Der vollste Glanz
einer so mchtigen Familie, wie die Crecy-Chabanne-Soubise, trat hervor, und die
Beschreibung der Ausschmckungen des Palastes an diesem Tage wrde, wenn sie uns
noch vergnnt wre, einen vollstndigen Commentar dieser merkwrdigen Zeit mit
ihrem soliden Reichthume, den barocken Erscheinungen ihres geschnrkelten und
berladenen Geschmackes und ihres aristokratischen Dnkels geben.
    Nur einzelne Gruppen geschftiger Diener schlichen noch umher, um am frhen
Morgen dem Ganzen die letzte Politur zu geben, und Grtner trnkten die
kostbaren Blumen und Pflanzen, die einzelne Rume zu feenartigen Tempeln
umschufen.
    Die Schlokapelle, in welcher der Bischof von Noailles die Taufhandlung
vollziehen sollte, war durch eine kostbar drapirte Gallerie mit den brigen
Zimmern fr diesen Tag verbunden, und das Meer von Licht, welches den Altar und
die Kapelle erfllte, war um so berraschender, da die Gste bei der
vorgerckten Jahreszeit, trotz des nahenden Abends, noch im hellen Tageslichte
empfangen werden muten. Wie glanzvoll diese Versammlung war, brauchen wir nicht
weiter zu erwhnen. Wer htte es nicht fr eine Gunst gehalten, sich einem Feste
anschlieen zu drfen, das der Knig besonders ehren wollte?
    Auch blieb der Marschallin kein Wunsch unbefriedigt. Sie mute sich trotz
ihrer hohen Ansprche gestehen, da, auer am Hofe der Knigin, wohl schwerlich
eine glnzendere Versammlung zu denken sei, und - was nicht ohne Werth war, sie
konnte sich sagen, da sie der Mittelpunkt geblieben, da Keiner der Gste daran
dachte, einem Andern, als ihr, die Ehrenbezeigungen der Begrung zu machen. So
vollkommen zufrieden sie jedoch mit diesem Ehrenplatze war, so unertrglich war
es ihr, da Leonin, wie sie glaubte, in seiner gewhnlichen trumerischen Weise
die Stunde vergessen habe. Denn er, der anscheinend seine Gste empfangen
sollte, lie sich noch immer nicht sehen; ja, er war sogar im Palaste nicht zu
finden, wie sein Kammerdiener meldete. Im Ankleidezimmer lagen seine
Staatskleider bereit; aber obwol man ihn eine Stunde frher in dem Zimmer seiner
Gemahlin gesehen hatte, war er jetzt verschwunden. Schon hatte der Marschall,
von den Umstnden gedrngt, umgeben von den vornehmsten Herren der Versammlung,
im uersten Vorzimmer Platz genommen, da jeden Augenblick die Ankunft der
stellvertretenden hohen Herrschaften zu erwarten war, und noch immer kamen die
nach allen Richtungen versendeten Diener mit der Botschaft zurck, da der junge
Graf an keinem Orte zu finden sei.
    Wie viel Fassung bedurfte die Marschallin, um die Qualen ihres Inneren zu
verbergen, die anfnglich blo dem ungemessensten Zorne angehrten, spter durch
die Besorgni um ein Unglck verstrkt wurden, die immer wahrscheinlicher, immer
drohender in ihr aufstieg und den Triumph ihres stolzen Herzens anfing zu
entkrften. Der letzte Augenblick nahte - die Kammerherren des Herzogs von
Orleans erschienen - jetzt muten die hohen Herrschaften folgen - und der Herr
vom Hause, der sie an der Schwelle des Palastes empfangen mute, war nicht zu
finden! - Die Marschallin fhlte eine der Ohnmacht hnliche Schwche, die nicht
gehoben ward, als ihr der Marschall sagen lie, er begebe sich hinunter.
    Maschinenmig bewegte sie sich vorwrts, und kaum hatte sie ihren
vorschriftsmigen Platz eingenommen, da fuhren die Karossen der Herrschaften
unter das Portal des Schlosses.
    Beinahe verzweifelnd blickte die Marschallin noch ein Mal nach ihrem Sohne
umher - er blieb verschwunden. Die Gewohnheit besiegte jetzt auf kurze Zeit den
Tumult ihres Innern. Der glnzende Zug, an dessen Spitze die reizende Henriette
von England an der Seite ihres Gemahls, des Herzogs von Orleans, erschien, bte
die Macht eines Lethe-Tropfens ber die Marschallin aus. Ihr in den Hofformen
wohl erzogenes Herz durfte ihr Nichts, als die Entzckungen der Ehre senden.
    Ah, Madame, sagte der Herzog von Orleans - Seine Majestt der Knig haben
uns versichert, wir drften uns als Ersatz seiner geheiligten Person darbieten.
Knnen wir auf Ihre Zustimmung rechnen?
    Die Marschallin versenkte sich einige Male vor Beiden und kte den Rock von
Madame, die sie alsdann freundlich umarmte. Seine Majestt, stammelte sie
dabei, wei jede seiner Gnadenbezeigungen durch die Weise, wie er sie ertheilt,
zu Ehren zu erheben, die das Herz des Empfngers fast mit ihrer Gre erliegen
machen.
    O, sagte Madame, naiv lchelnd - ich meines Theils, habe mich recht
gefreut, das schne Palais Soubise zu sehen, von dessen prachtvoller Ausstattung
ich so Vieles hrte.
    Madame, erwiederte die Marschallin - heute gerade, schien es mir, besaen
wir Nichts, es seinem Zwecke gem wrdig auszustatten!
    Davon wollen wir uns selbst berzeugen, sagte die schne Frstin - und
schritt nun durch das Spalier der glnzenden Versammlung in die prachtvolle
Zimmerreihe, die ihre Voraussetzungen rechtfertigte.
    Die Herrschaften hatten unter dem Thronhimmel Platz genommen und lieen
einzelne Personen heranrufen, denen sie einige der gewhnlichen Fragen schuldig
zu sein glaubten. Die Marschallin mute, an der Seite von Madame stehend, ohne
Bewegung ausharren, obwol sie jetzt Ruhe erhielt, ihren wieder auflebenden
qualvollen Gedanken nachzugehen. Jeden Augenblick mute sie eine Frage der
Prinzessin in Bezug auf dieses rthselhafte Ausbleiben erwarten, oder die
Wirkungen dieser beleidigenden Nachligkeit von den Umgebungen gergt frchten;
denn auch Souvr, den sie zuletzt abgeschickt, war nicht wiedergekommen.
    Es war dabei gegen die Etikette, nach dem Erscheinen der hohen Gste die
Taufhandlung aufzuschieben; man durfte nicht annehmen, da ihre Gegenwart einen
geselligen Zweck habe, man mute dies wenigstens von ihrer Herablassung erwarten
und jedenfalls die Veranlassung ihrer Gegenwart nur auf die Sendung des Knigs
beziehen. Die Marschallin wute das zu ihrer unendlichen Qual besser, wie einer
der Anwesenden es ihr sagen konnte; - aber wie sollte sie das Zeichen zur
Taufhandlung geben, da der Vater des Kindes fehlte!
    Einen Augenblick hielt Madame jetzt in ihren freundlichen Begrungen inne.
So wenig stolz sie war, sah man ihr doch ein gewisses Erstaunen, eine Erwartung
an. Der Marschallin traten die Schweitropfen auf die Stirn, sie sah den
unbeweglich starren Blick der Herzogin von Bellefond und die zrnende Bewegung,
mit der sie ihren weien Stab vor sich hinhielt. Ein Entschlu mute gefat
werden!
    Der Herzog von Orleans hatte so eben seine Unterredung mit dem Marschalle
beendigt. Sein Auge nahm das verfngliche Umherschweifen an, das Erlaubni zum
Anfange der Feierlichkeit zu ertheilen schien. Die Marschallin wute, da Keiner
diesen Raum mit ihr einnahm, der nicht voll Neugierde so vielen Migriffen
zusah. Sie mute sich sagen, da dies ihren glnzenden Ruf erschttern wrde.
Was ihr bestimmt schien, sie ber Alle zu erheben, mute ein Markstein werden
ihres unbestrittenen Uebergewichtes. Ihr gesteigerter und so verletzter Hochmuth
brachte sie innerlich fast um ihren Verstand - alle Personen schwammen vor ihren
Augen; sie sah aber jetzt, wie die Herzogin von Bellefond sich erhob und den Weg
zu ihr hin ber den leeren Raum vor dem Stuhle der Prinzessin durchschritt. Die
Verzweiflung gab ihr Krfte - sie wandte sich zur Herzogin und bat sie, das
Zeichen zum Aufbruche zu geben.
    Augenblicklich stand Henriette auf; denn auch sie sah den nahenden Paradezug
der strengen Oberhofmeisterin und liebte, wie fast der ganze Hof, ihre
Anmaungen zu durchkreuzen.
    Sollen wir ohne Ihren Sohn - ohne den Vater, liebe Marschallin, den Zug
antreten? fragte sie leise die zitternde Mutter.
    Sie bekam eine Antwort, so dunkel und verworren, da sie sie nicht verstand
und jetzt annahm, der junge Graf werde sie am Eingange der Kapelle erwarten.
    Die Hofchargen arrangirten sich; Alle schritten in angemessener Wrde, nach
der bestimmten Vorschrift, der Kapelle entgegen. - Noch immer hoffte die
Marschallin, hier ihren Sohn zu sehen; - aber er blieb aus! Die Handlung fing an
- Ludwig, Maria von Crecy-Chabanne war mit diesem Namen getauft - der Herzog von
Lesdigures und der Marschall ersetzten die Stelle des Vaters.
    Die Handlung war vorber. Die Marschallin wankte zur Herzogin von Orleans. -
Madame durfte die Beleidigung nicht bersehen; denn sie stand hier im Namen der
Knigin. Sie grte kalt - ohne Glckwunsch - ohne die Marschallin zu umarmen.
    Darf ich fragen, sagte der Herzog von Orleans zu den jetzt angstvoll
zusammen stehenden Elternpaaren, welchem Grunde wir es zurechnen mssen, da
die Auszeichnung, welche Seine Majestt, mein kniglicher Bruder, den Eltern des
Neugebornen zu erzeigen gedachten, gerade von diesen, wie uns scheint, so wenig
beachtet ward, da wir den Vater nicht anwesend sehen? - Wo ist der junge Graf
Crecy-Chabanne?
    Das mag Gott wissen! rief der Marschall mit dem Tone der Verzweiflung
berlaut - und rang die Hnde, sie pltzlich ber seinen Kopf zusammen schlagend
- ich hoffe, im Grabe; - sonst berlebe ich diesen Versto seinerseits gegen
Ehre und Glck nicht!
    Die Marschallin glaubte zu ersticken. Sie hatte auf eine knstliche
Entschuldigung gesonnen - ein tdtliches Erkranken sollte ihn retten; - jetzt
war es damit vorbei. Ihre sonst ihr so getreue Fassung verlie sie, sie wendete
sich seitwrts, um Luft zu schpfen. Der Marquis de Souvr war
herbeigeschlichen. Madame, sagte er leise und fest, hoffen Sie nicht mehr auf
Leonin. Die erste Gemahlin Ihres Sohnes lebt, und Leonin ist zu ihr nach Ste.
Roche abgereist.
    Man hrte einen gellenden Schrei - und die Marschallin von Crecy-Chabanne,
welche noch niemals bei Hofe die kleinste Schwche gezeigt hatte, lag bewutlos
auf dem Boden.
    Darf ich Eure Knigliche Hoheit erinnern, da hier nicht lnger Ihr Platz
ist, sagte die unerschtterte Herzogin von Bellefond; - und da auch die Grfin
von Grammont eine tiefe Verneigung vor Madame machte, so berwand die gutmthige
Frstin ihre schnell erregte Theilnahme und blickte ihren Gemahl an.
    Monsieur zeigte die steife Miene der beln Laune. Wir sind, scheint es, zu
seltsamen Familienscenen hierher gekommen, sagte er, seiner Gemahlin den Arm
gebend und leicht grend an Allen vorber eilend, whrend die voranstrzenden
Kavaliere die Wagen vorfahren lieen, so da die Herrschaften das Hotel Crecy
verlassen hatten, ehe noch die Marschallin ihre Besinnung wieder gewann.
    Als sie die Augen aufschlug, lag sie in einem Lehnstuhle in der Kapelle -
ihre Frauen, der Arzt umgaben sie; - zunchst aber kniete die alte, gutmthige
Herzogin de Lesdigures, trotz ihrer steifen Kleidung und Juwelenlast, und rieb
die Pulse der Erwachenden, whrend der Marschall und der Herzog wie Bildsulen
zuschauten.
    Fassen Sie sich doch, mein Kind! sagte sie gutmthig, als sie das erste
Lebenszeichen sah - es wird sich Alles aufklren. Nur Muth! Muth! Das mu doch
heraus zu bringen sein, wo er steckt!
    Doch, wo htte die Marschallin Trost finden knnen? Was Niemand aus
Besorgni um sie bis jetzt gesehen hatte, sah sie. Das Hotel war leer - Alle
hatten den Ort geflohen, wo eine anscheinende Beleidigung gegen die Majestt an
den Reprsentanten des Knigs geschehen war. Bleiben, htte eine solche Snde
theilen geheien; Niemand konnte nur daran denken! - Die Marschallin wute das,
bei dem ersten Strahle des Bewutseins; aber sie konnte diesen Sturz von dem
hchsten Gipfel der Ehre und Auszeichnung bis zu dieser Aechtung ihres Hauses
nicht ohne eine tdtliche Empfindung des Schmerzes erkennen. Der Arzt erklrte
einen Aderla nthig; die Lakaien ergriffen den Lehnstuhl und trugen die
Marschallin, zur Erhhung ihrer Qual, durch alle die glnzend eingerichteten
Gemcher, durch die groen Speise-Sle, in denen noch alle Zurstungen im vollen
Gange waren, nach dem entfernten Schlafgemache, wo der Aderla endlich den
Zustand von Erstickung hob, mit dem sie rang, und einige Tropfen Opium einen
betubenden Schlaf auf sie niedersenkten.

Leonin hatte den Tag, der um ihn her so glnzende Ansprche an seine Theilnahme
entwickelte, in einem Seelenzustande zugebracht, wie ihn vielleicht nur der
verurtheilte Verbrecher vor seiner Hinrichtung erlebt. So lange, wie mglich,
blieb er in dem Zimmer Viktorinens - ihre klare, edle Stimmung hielt ihn
aufrecht; - sobald er sie verlassen mute, fiel er der Verzweiflung wieder zu,
mit der er vergeblich rang. Mit geheimer Scheu gedachte er der regelmig
wiederkehrenden Vision - er sehnte sich danach und frchtete sie doch zugleich.
Er hatte sie nicht zu erwarten! Es war ihm, als schwebte sie flsternd neben ihm
her - er floh aus den Prunkslen - er erreichte sein einsames Gemach. -
Fennimor, Fennimor, rief er hier, auer sich - ich will ein anderes Kind, als
Dein rechtmiges, mir zuerst gebornes, auf den Platz erheben, von dem ich das
Deinige verstie! Mu ich es nicht mit dem Tode ben, mu dies schwarze
Verbrechen nicht gestraft werden? Ach, an mir selbst - an dem unschuldigen
Kinde, das jenem in den Weg tritt? - Seine Aufregung hatte den hchsten Grad
erreicht - er lag halb auf seinen Knien - er zweifelte nicht, sie wre da, wrde
sich ihm gleich enthllen - seine Augen suchten sie - wie konnte es fehlen, da
er sie sah? Doch nur einen Augenblick! Ihr bleiches, schnes Haupt, mit Thrnen
berschttet, das se vershnende Lcheln um den Mund, tauchte auf. Dann sah er
die Hand, sie winkte ihm - dann war Alles verschwunden, und Leonin konnte
weinen!
    Wie lange er so da lag in einer Vergessenheit, die ihn fast dem Leben
entzog, wissen wir nicht. Als er sich aufraffte, erschrak er vor seinem
Anblicke. Er fhlte, er drfe so nicht erscheinen. Langsam stieg er eine kleine
Treppe hinab, die in den Garten fhrte. Wie bewegte ihn der Anblick der Natur,
dies erste duftende Grn, diese feinen Bekleidungen der saftig dazwischen
durchschimmernden, dunkeln Stmme und Zweige! Die Luft war feucht und warm, eine
brtende Atmosphre fr alle noch eingehllten Keime, aber so beengend fr die
Menschenbrust, die keinen freien Athemzug darin findet. Leonin gab Alles nur
Nahrung fr sein beklemmtes Herz. Seufzend, den Kopf auf der Brust, ging er
mechanisch umher. Da glaubte er eine Stimme zu hren - er sah sich um -
pfeilschnell flog ein Knabe den Weg hinter ihm her. Er blieb stehen - und jetzt
erinnerte er sich, da es derselbe war, dem er am Tage vorher Almosen gegeben
hatte. Was willst Du, Kind? rief er und zog wieder einige Geldstcke hervor -
hat meine Gabe nicht gereicht?
    O, was soll mir doch wohl Euer Geld? sprach jetzt das Kind, ganz auer
Athem vor ihm stehend - leset doch nur, was ich Euch brachte, und sagt dann, ob
ihr mit mir geben wollt!
    Was meinst Du denn, mein Kind? - Ich habe ja Nichts empfangen - nimm dies
Geld - ich kann jetzt nicht mit Dir gehen.
    Mein Gott, - sagte das Kind, fast weinend - ich habe Euch doch gewi den
Zettel gestern in die Hand gegeben. Wo habt Ihr ihn denn gelassen? Nun werden
sie glauben, ich habe ihn verloren, und Ihr werdet nicht mit mir kommen wollen
ohne den Zettel! -
    Leonin erinnerte sich jetzt, da er, zerstreut wie er war, den empfangenen
Zettel nicht gelesen hatte, ihn fr eine Bittschrift haltend und ohnedies das
Almosen ertheilend. Er durchsuchte den leichten Oberrock, den er auch heute
trug, und fand nirgends das Blatt.
    Mein Kind, - sagte er - die Bittschrift habe ich verloren, ich will Dir
aber ohnedies geben, was Du bedarfst. Nur mit Dir gehen kann ich nicht, meine
Gegenwart ist hier nthig.
    Ach, Gott erbarme sich, rief jetzt hellweinend das Kind - so soll der
arme Herr ohne Euch sterben? Einem Sterbenden versagt man doch sonst Nichts -
und er kann und will nicht sterben ohne Euch!
    Ein Sterbender! rief Leonin erschttert - Wen meinst Du? Wer will mich
sprechen?
    Herr Gott, wer anders, als Leseur! sagte das Kind. - Er liegt seit zwei
Tagen im Sterben. Jeden Augenblick soll es vorbei sein; - aber er sagt, er will
nicht sterben, bis Ihr da seid; denn Ihr mtet sonst umkommen in Eurer
Gewissensnoth!
    Groer Gott! rief Leonin. - Was sprichst Du? Leseur sterbend? Wo - wo
ist er?
    Bei sich, lieber Herr, sagte das Kind, noch immer weinend - und wenn Ihr
hrtet, wie er Euch ruft, wie er mit dem frommen Priester, der Tag und Nacht bei
ihm ist, nicht mehr beten kann, weil er Euch immer ruft und glaubt, Ihr werdet
nie selig werden, wenn Ihr nicht noch sein Geheimni erfahret!
    Leseur! Leseur! rief Leonin, von Gedanken-Verbindungen fast berwltigt.
- Was kann er mir zu sagen haben? O, mein Gott! Er, der ihr so nahe stand! Ich
mu hin zu ihm - ich mu ihn sehen. - Weit Du den Weg, so fhre mich!
    Gottlob! frohlockte das Kind mit schnellversiegenden Thrnen - folgt mir
nur, ich wei den Weg!
    Leonin ffnete hastig eine kleine Nebenpforte, die in die Hfe fhrte. Hier
rief er selbst seinem Kutscher zu, ihm schnell ohne Bedienten und Livreen mit
der einfachsten Karosse zu folgen. Wohin? rief er dem Knaben zu.
    Nach St. Sulpice, neben dem Kloster in dem Stiftshause! erwiederte der
Knabe, und Beide eilten davon.
    Das Stadtviertel St. Sulpice war die entlegenste und unscheinbarste Gegend
von ganz Paris. Felder und Grten drngten sich zwischen geringen Anbau.
Einzelne Straen bildeten sich nur in der Nhe der Klster, die ihre reichen
Ansiedelungen hier in groer Menge hatten. Doch waren diese Straen mit
Gewerbetreibenden niederer Klasse berfllt, und die gewhnliche Zugabe der
Armuth, bettelnde Kinderschaaren, gab der ganzen Gegend ein trauriges Ansehn.
Jedem drngte sich die Thatsache auf, wie hier nur um die Erringung der
gewhnlichsten Lebensbedrfnisse gekmpft werde, und da Alles vergessen und
verwildert bei Seite trete, was eine Anforderung darber hinaus enthielt. Die
Klster und Stifts-Herren von St. Sulpice hatten hier die weitlufigsten
Besitzungen und verbreiteten, so viel dies bei ihrem strengen Ordensleben
mglich war, einigen Wohlstand um sich her. Mehr aber noch war ihre geistliche
Sorgfalt, ihre zweckmige Untersttzung und die ernstlichen Ermahnungen, mit
denen sie einzuschreiten wuten, Ursache, da dieser Theil von Paris nicht wie
der rmste, so auch der gefhrlichste Theil der Stadt ward; da die Furcht vor
der strengen Aufsicht dieser achtbaren, geistlichen Herren eine unverkennbare
Herrschaft ber die Verdorbenheit ausbte, die ganz auszurotten, nicht in ihrer
Macht stand.
    Vielleicht hatte Leonin kaum eine Ahnung von dem Dasein dieses Stadttheiles;
wenigstens schien es ihm, als er in fieberhafter Aufregung neben dem rstig
forteilenden Knaben herging, als wre er in einer andern Stadt; Alles, was ihn
seine Stimmung beobachten lie, war ihm vllig fremd.
    Der gute Herr Leseur, hob endlich der Knabe an - ist schon lange in
Pflege bei uns. Jeder glaubte ihn des Todes, als er einzog. Aber die ehrwrdigen
Herren haben ihn gut gepflegt, so da er noch seine heilige Theresia fertig
bekommen hat; obgleich wir oft dachten, er hauche bei der Arbeit den Geist aus.
    Ja, der ist gut, Herr, fuhr er fort - da ist auch nicht Einer, der ihn
nicht liebte! Denn fromm ist er und still wie ein Heiliger! Darum mt Ihr auch
kommen, damit Ihr ihm die letzte Unruhe der Welt von dem Herzen nehmt.
    Mein Gott! mein Gott! seufzte Leonin - von Ahnungen und Befrchtungen
angeregt, unfhig, sich aus dem Andrange so vieler Empfindungen heraus zu
ringen, den nchsten Augenblick instinktartig erwartend und von ihm die Richtung
hoffend.
    Der Knabe erzhlte ihm, da er der Sohn des Pfrtners sei und Leseur Farben
gerieben habe, indem er den langen, beschwerlichen Weg durch die Verfolgung
kleiner Nebengchen krzte, die nur dem gut bewanderten Bewohner dieses
unregelmigen Stadttheiles bekannt werden konnten. - Endlich verfolgten sie
eine lange Mauer, ber die hohe Bume im Abendwinde nickten, welche die Nhe
eines reicheren Besitzes verriethen. An einem Gitterthore schellte der Knabe,
und sie traten in einen ebenmigen Laubgang, der das groe Stiftshaus in der
Perspektive zeigte; auf beiden Seiten die weiten dazu gehrigen Grten, an die
sich links, durch die Bume leuchtend, die Kirche mit den Klostergebuden von
St. Sulpice anschlo. - Leonin athmete auf! Diese Ruhe und Stille, diese
Abgeschiedenheit, die doch in ihrem Inneren eine so wrdige Thtigkeit bewahrte
- es war nicht sogleich nachzuweisen, am wenigsten in Leonin's Ueberzeugung; -
aber der Geist, den die Wahrheit solcher Zustnde ausathmet, umfngt uns und
erreicht unser Bewutsein, ehe der drre Nachweis unseres Verstandes hinzu
tritt. Er hob das Haupt - er blickte erquickt umher - zwischen den Bumen sah er
die schwarzen Gestalten der wandelnden Stiftsherren, und aus der Gegend des
Klosters vernahm er einen mehrstimmigen Gesang, der ihnen zu folgen schien. Der
Knabe blieb stehen. - Ach, da kommen sie! rief er pltzlich, auf seine Knie
fallend. - Sie ziehn nach dem Stiftshause - er bekmmt die letzte Oelung - sie
tragen das Allerheiligste!
    Auch Leonin blickte jetzt um und sah die feierliche Prozession der Mnche,
die in einem zweiten Baumgange, der nach dem Seitenflgel des Stiftes zu fhren
schien, an ihnen vorber zog. Er war unaussprechlich davon ergriffen. Er fhlte,
da es noch eine Rettung, einen Trost fr die Fehler des Menschen giebt. Seine
in verzweifelnder Verwirrung zuckende Seele fand einen Stillstand. Eine Stimme,
die sich aus dem Gesange der Mnche zu erheben schien, rief ihm zu: Ruhe aus
vor Gott in den Armen der Reue! - Er htte sein Gesicht in dem Moose bergen
mgen, das um die alten Bume sein Lager ausbreitete - er htte liegen bleiben
mgen, bis die Zeit ihm Nachdenken gegeben und einen stillen, einsamen Weg ihm
gezeigt, um Frieden mit Gott zu schlieen; - aber, indem er sich diesem Triebe
entzog, aus Angst, Leseur's letztes Begehr zu versumen, tauchte auch die
Furcht vor seiner Verschuldung mit verscheuchender Grausamkeit wieder in ihm
auf; und als er fortwandelte, schien er sich nur der rettungslose Snder!
    Das Stift war ein groer, ehrwrdiger Palast. Sein Bau und seine eben so
alten Gartenanlagen sollten aus der Zeit der Katharina von Medicis herstammen,
und obwol man die Guisen als Eigenthmer dieser Besitzungen nannte, glaubte man
sie doch von der Knigin erbaut und von ihr zu besonderen und geheimen Zwecken
bestimmt. Die Anlage war jedenfalls den stolzesten Ansprchen gem und von
mancher geheimnivollen Einrichtung durchkreuzt, die dem Beobachter sagen mute,
man habe andere Zwecke hier verfolgt, als offenes Haushalten im Glanze der
damaligen Zeit. Jetzt bewohnte wahre Frmmigkeit diese schnen, wohlerhaltenen
Rume; und mit dem Ernste der Wissenschaften benutzte man die Ausdehnung des
Baues, zu andern Zwecken einst empor gefhrt.
    
    In dem Augenblicke, als Leonin mit dem kleinen Fhrer sich dem Portale des
Stiftes nahte, verschwand die Prozession der Mnche in seinem innern Raume, und
Leonin eilte dem Knaben voran, wie getrieben, sich dem Zuge anzuschlieen.
    Die Chorherren erfllten den prachtvollen Portikus des Hauses, sie hatten
das Allerheiligste bei dessen Durchzuge begrt. Der Abt, der den Fremden
sogleich fr den erwarteten Grafen Crecy hielt, wollte ihn anreden; aber Leonin,
nur die Prozession suchend, warf seine Augen ngstlich umher; und ohne die
Begrung des ehrwrdigen Abtes zu erwiedern, eilte er, den Mnchen zu folgen,
die ihn an das ungeduldig erwartete Ziel zu fhren versprachen. Niemand hinderte
ihn. Die erfahrenen Menschenkenner verstanden den heftig erregten Zustand, der
sich selbst Hlfe schaffen mute.
    Leonin trat mit ihnen zugleich in ein groes Gemach, welches sich als die
Werkstatt Leseur's verrieth, da in der Mitte desselben, auf einem Gerste, mit
Blumen und Zweigen geschmckt, in kunstreich geschnitztem goldenem Rahmen sich
ein Bild erhob, das, obwol es Leonin die Rckseite zukehrte, ihn vermuthen lie,
da es das letzte Werk des jetzt sterbenden Knstlers sei. - Die drei hohen,
weiten Fensterthren nach dem Garten waren geffnet - der Frhling lag vor der
Schwelle - glnzende Strahlen der Abendsonne vergoldeten das feine, gelbliche
Grn des ersten Laubes und warfen ein belebendes Licht in das schne
alterthmliche Gemach und auf die ehrwrdigen Gestalten der Mnche, die, des
Einlasses harrend, einen Kreis um den Geistlichen bildeten, der, von Chorknaben
umgeben, in stiller Sammlung mit der verhangenen Monstranz, in ihrer Mitte
stand.
    Es war der ehrwrdigste Anblick andchtiger Erhebung - die harmonische
Vereinigung in der Absicht und Darlegung heiliger Hlfsleistung, von der
sinnlichen Auenwelt zufllig auf eine Weise untersttzt, als ob ein Bestreben
eingetreten wre, sich dem Zwecke gem zu zeigen. Wie lange hatte Leonin nichts
Aehnliches erlebt - wie begierig sog er die Erschtterungen ein, die er dadurch
erfuhr!
    Die Thren ffneten sich jetzt vor ihnen und zeigten ein zweites gerumiges
Gemach und, den Thren gegenber, ein Bett mit aufgeschlagenen Vorhngen.
    Leonin war auch hier bis zur Thre gefolgt; aber von dem fungirenden
Geistlichen beordert, gab ihm ein dienender Bruder die Weisung, den Kranken
nicht durch seinen von ihm so hei ersehnten Anblick in seiner geistlichen
Fassung zu stren.
    Leonin sah die Thren sich vor ihm verschlieen. Betubt lehnte er sein
Haupt gegen die Pfosten - horchte den Gebeten und einzelnen Accorden gleichmig
wiederkehrender Responsorien, welche die Mnche abhielten und damit den Fortgang
der heiligen Handlung bezeichneten.
    In jedem Augenblicke entkrperte sich sein Zustand mehr und mehr. Er whnte
in die heiligen Beschwrungen, die in sein Ohr drangen, mit eingeschlossen zu
sein - von ihnen fortgezogen, hatte sich sein deutliches Bewutsein in ein
unbestimmtes, inbrnstiges Verlangen nach dem vershnenden Troste der Religion
aufgelst, und eine krperliche Erschpfung vollendete einen augenblicklichen
Stillstand seiner berspannten Lebensgeister. Erst, als seine Fe unter ihm
wichen, erwachte er, und von einem Gerusche hinter sich erschreckt, raffte er
sich zusammen und erblickte, sich umwendend, vor Leseur's Bilde den Knaben, der
ihn geleitet, in Thrnen auf seinen Knieen liegend und frische Frhlingsblumen
davor ausbreitend. - Langsam folgte er der Richtung. Er stand vor Leseur's
Bilde, ohne es anzusehn, den weinenden Knaben liebevoll betrachtend. Doch dieser
war fertig oder wollte mehr Blumen suchen - er enteilte in den Garten. Leonin
sank in einen Lehnstuhl, in dem Leseur vielleicht sein Bild vollendet hatte. Da
glaubte er sanfte Musik sich nahen zu hren - horchend richtete er sich auf. -
Groer Gott, Fennimor stand vor ihm! - verklrt - auf lichten Wolken schwebend -
um das weie Unterkleid den blauen, duftigen Mantel mit Sternen auf den
Schultern - die Mrtyrerkrone mit dem Heiligenscheine in den goldbesumten
braunen Locken - den tiefen Engelsblick des kindlichen Auges - das se Lcheln
um den schnen Mund - den Palmenzweig in der zarten, weien Hand! Sie schwebte
vor, wie es erschien; der leichte, nackte Fu berhrte kaum den Rand der Wolken,
die sie zu umwlben strebten. Sanft schien sie vorgebogen, den Palmenzweig - das
Friedenszeichen - hlfreich bemht der Welt zu bieten, Trost und Vergebung
kndigend aus der Welt, aus der sie wieder nur gekehrt, Alle liebend einzuladen,
die mhselig und beladen im Erdenjoche keuchten.
    Fennimor, Fennimor, rief Leonin und strzte auf seine Knie - Du ladest
mich zum ewigen Frieden! Zu Dir gehre ich mit dem tiefsten Leben meiner Brust -
Du rufst mich zu unserer Heimat - hier bin ich! Nimm' mich! Erbarme Dich des
Snders! - Selbst im Snd'gen gegen Dich gehrt' ich Dir! Dir allein! Du
geheiligte Liebe meiner Brust, schwebe nieder - nimm mich mit fort!
    Erwartungsvoll sank sein Kopf auf den Blumenteppich vor Leseur's Bild, das
Fennimor's von ihm so hei geliebte Zge, zur Heiligen verklrt, verherrlichte.
Er trumte, hoffte, jauchzte der ewigen Vergebung mit ihr entgegen - da berhrte
eine sanfte Hand den khnen Schwrmer. Er fuhr empor - der ehrwrdige Priester,
der Leseur zum Tode eingeweiht, stand ernst und mild ber ihn gebeugt.
    Ermannt Euch, junger Mann! - sprach er mit weichem Tone - die Pflicht der
Freundschaft ruft Euch an das Lager des Sterbenden! Schon umweht die ewige Ruhe
jener Welt den mden Pilger - lat sie Euch heilig sein und lat, was irdisch
ist, der Welt, die ihm schon entrckt ist! Er ist in schnem Frieden; - doch
begehrt er Euch zu sehen, und ihm mu werden, was er fr die letzte Pflicht der
Erde hlt. Doch seid es werth, den letzten Augenblick der verklrten Seele zu
theilen - versucht, des Friedens theilhaft zu werden, der ihn umweht.
    Hrt meine Beichte! rief Leonin - lat mein Herz vor Euch erleichtert
werden, ehrwrdiger Priester! Gebt mir den Trost, dessen Eure reine Seele voll
ist!
    Jetzt nicht! - sagte ernst der Priester - jetzt nicht, mein Sohn! Die
Augenblicke Deines Freundes sind gezhlt. Erflle erst jene Pflicht und bedarfst
Du dann der Beichte noch, so melde Dich im Kloster St. Sulpice, der Prior
Tronon wird Deine Beichte anhren.
    Leonin nahm alle seine Kraft zusammen - seine Mienen drckten so deutlich
seinen Seelenzustand aus, da der ehrwrdige Prior die Hand auf seine glhende
Stirn legte und ihm fast unwillkrlich, voll erhabener Rhrung seinen Segen gab.
- Leonin sah ihn im Gefolge seiner Brder verschwinden - die Thren des
Sterbezimmers ffneten sich - er stand vor dem verklrten Antlitze Leseur's!
    Leseur blickte auf Leonin, und wie oft er ihn auch verwnscht, wie lebhaft
er ihn gehat, die Verklrung des Todes hatte diese Empfindung schon gemigt,
ehe Leonin zu ihm trat; und als er ihn erblickte, mit den deutlichsten Zeichen
des Schmerzes und der Gewissensangst in dem bleichen Antlitze, erkannte er den
blhenden Mann, den er frher gesehen, kaum wieder und fand wenigstens nicht den
verstockten Hfling, den zu hassen er sich so berechtigt gehalten hatte.
    Ja, ja, ich erkenne es - rief er matt - Gott ist gerecht! Er hat Dich
schon gezeichnet, Du armer, verlockter Snder, und Du thust schwere Bue in
Deinem Inneren.
    Nie, nie genug! - rief Leonin und kniete an dem Bette des Sterbenden; -
und wenn kein Hauch des Lebens je wieder Frieden fr mich bringt - doch ist es
keine zu harte Bue! Leseur, ach, wtest Du, wie ich es jeden Tag mehr und
tiefer fhle - Du httest Erbarmen mit mir! Er barg sein Haupt und hrte einen
tiefen Seufzer neben sich. Am Fuende des Bettes kniete ein Priester im stummen
Gebete - sein Gewand verhllte ihn gnzlich.
    Gro und entsetzlich ist Dein Verbrechen; - aber ich will wissen, in
welchem Maae Du gesndigt - und ich, der ich ihr Freund - ihr Schtzling - ihr
heiliges Werk auf Erden ward - ich will Dich fragen, und Du sollst dem
Sterbenden die Wahrheit enthllen. Willst Du?
    Ich will es! rief Leonin. -
    Was sagte Dir Souvr den Tag vor Deiner Hochzeit? -
    Ich sei frei! - Und als ich mehr zu wissen verlangte, vertrstete er mich
mit der Wiederholung dieser Worte. Erst am andern Morgen erfuhr ich ihren Tod!
    Ihren Tod? rief Leseur, seine Hnde zusammenschlagend - ihren Tod?
Unglcklicher, weit Du nicht, da sie lebte - da sie, Deine einzig,
rechtmige Gemahlin - da sie lebte, als Du das zweite Weib nahmst?
    Ein dumpfer Ton des Entsetzens brach aus Leonin's Busen. Er strzte zuckend
auf das Bett, whrend seine weit geffneten Augen, auf Leseur starrend,
genugsam seinen frchterlichen Zustand verriethen.
    Ja, fuhr der Freund Fennimor's mit erhobener Stimme fort - obwol der Tod
lange ber ihrem Scheitel stand - mute sie dennoch leben! Als endlich der Vikar
die Nachricht davon zu mir gelangen lie, war Alles zu spt - der Frevel
geschehen - Ihr vermhlt, und Fennimor gab schon Zeichen ihrer langsamen
Auflsung! Da beschwor ich die Menschen dort, sie sollten sie belgen - Euch in
den Krieg gezogen schildern - ihr den Glauben geben, da Ihr sie verstorben
hieltet.
    Gott, Gott, rief Leonin - das Ungeheuer, das mich betrog - den ungeheuern
Frevel mich begehen lie!
    Klage Dich an, nicht Andere! rief dumpf der verhllte Priester - Du
wolltest betrogen sein - darum wurdest Du es!
    Betroffen blickte Leonin auf die dstere Gestalt, die seufzend und verhllt
neben ihm lag - schaudernd schien es ihm, als hre er die Stimme seines eigenen
Gewissens. Flehend rief er gegen den Sterbenden: Sage mir, sage mir um der
Barmherzigkeit Gottes Willen - wann starb Fennimor? und wo - wo ist mein Kind?
    Hre mich, sprach Leseur - Du bist weniger schuldig, als ich dachte.
Gewi scheint mir, Du glaubtest an ihren Tod, als Du diese zweite Verbindung
schlossest - und weil Dich das weniger schuldig macht, wie ich Dich hielt, so
will ich Dir einen Tropfen reichen, der vielleicht in Etwas Deine Qualen
dereinst lindern kann. - Hre denn - noch lebt Fennimor - aber am Rande des
Grabes - und ihr einziger - heiester Wunsch ist, Dich noch ein Mal zu sehen!
    Mit einem Schreie war Leonin bei Leseur's letzten Worten aufgesprungen -
seine zweite, Bewegung war, fortzustrzen - fort zu ihr hin - es war der einzige
Gedanke, den er fassen konnte!
    Halt! rief Leseur und ergriff sein Kleid.
    La' mich, stammelte Leonin - ich mu fort, fort zu ihr in dieser Stunde
- ohne Aufenthalt!
    Nicht eher - rief Leseur mit der alten Kraft - als bis Du mir gelobt,
ihre heilige Engelsruhe hier zu schtzen - den Frevel ihr verhllt zu lassen,
der inde begangen. - Willst Du blo hin, um Dein ungestmes Herz vor ihr zu
entladen, so treffe Dich der ganze Fluch des Unglcks, das Du verschuldet!
Niemand wnscht Dich dort zu sehen - und mit Recht; - doch Fennimor's Sehnsucht,
die sie nicht leben, nicht sterben lt, hat den Widerwillen der Anderen, Dich
zu sehen, gebrochen. -
    O, lasse mich fort, fort, fort zu Fennimor, zu meinem heigeliebten Weibe -
ich habe keine heiligere Pflicht - sie soll in mir Nichts finden, als ihren
Gatten!
    Und Viktorine? rief pltzlich die verhllte Gestalt, indem sie sich rasch
vom Boden erhob; - und Fenelon stand vor Leonin, und aus seinem bleichen
Antlitze blitzten zrnende Augen.
    Leonin verhllte sein Gesicht! Doch nur einen Augenblick. Nichts konnte
neben dem, was jetzt in ihm angeregt war, Raum behalten. Und dennoch, dennoch
mu ich fort! Ist es mglich, Fenelon, so schtzt Viktorinen - nicht um
meinetwillen - um ihretwillen - denken kann ich jetzt nicht fr sie - ich habe
nur eine Pflicht - nur ein Gefhl! - Aber betet - betet fr mich, wie Ihr fr
den verurtheilten Verbrecher betet - und lebt wohl!
    Unglcklicher! - rief Fenelon - armes Spielzeug des Augenblickes - zwei
Kronen reichte Dir das Leben zum - zertrmmern!
    Leonin hrte ihn nicht mehr. Auf Leseur's kalte Hand gebeugt, nahm er
Abschied von ihm fr diese Welt - streckte flehend die Hnde gegen Fenelon empor
und strzte zum Zimmer hinaus. Fast besinnungslos trieb es ihn fort - er wre zu
Fu nach Ste. Roche geeilt; - aber sein Wagen stand vor der Thre. Jaques,
rief er dem alten Kutscher zu - Du kennst den Weg nach Ste. Roche - treibe die
Pferde an - la' sie mit Post wechseln - nur schnell, da wir bald hingelangen!
    Der Wagen blieb halten. Dies eine Mal gehorchte Jaques nicht; denn er war
gewi sich zu irren. Nach einigen Augenblicken stieg er vom Bocke und trat
ehrerbietig an den Schlag: Euer Gnaden befehlen nach Hause?
    Nein, Jaques! Nein, nicht nach Hause! - rief Leonin mit einem Ausdrucke,
der Jaques die Ahnung einer ganz ungewhnlichen Begebenheit gab - nach Ste.
Roche! Nach Ste. Roche! Ueberall frische Pferde - und schnell, schnell!
    Jetzt gehorchte Jaques - der Wagen eilte fort und Leonin dachte mit keinem
Gedanken daran, da im Pallast Crecy heute sein Sohn getauft werden sollte.

Den Fahrweg durch das Thal von Ste. Roche entlang flog der einsame Wagen des
Grafen Crecy; ohne Vorreiter, ohne Livreen, ohne berittene Diener oder
Reisegepck. Niemand aus dem Schlosse erkannte daher den Ankommenden. Nur
Fennimor sagte in diesen letzten Tagen oft: er komme jeden Tag zu ihr und weine
lange und hei zu ihren Fen, weil er sich so sehr nach ihr sehne; - aber er
she so bleich aus - und so anders, wie frher, da sie immer weinen msse, wenn
er komme. - Das glaubte ihr Niemand, obwol auch Niemand ihr zu widersprechen
wagte. Aber, wer aus dem Nebenzimmer sie zuweilen betrachtete, wenn sie allein
zu sein glaubte, konnte wohl sehen, da in ihrem Geiste eine besondere
Regsamkeit war. Himmlisch mitleidig blickte sie in den leeren Raum, bis Thrnen
aus ihren Augen niederfielen; sie neigte sich vor, und die feine, weie Hand
schien eine Tuschung, die ihr vorstand, erreichen zu wollen. - Wer htte durch
Gerusch oder Frage sie stren mgen! Alle, die sie seit ihrem Unglck umgaben,
hatten sich die Hand gereicht zu einem Bunde des Schweigens. Jeder bezwang das
schwellende Herz ber ihr Schicksal, wie es wirklich war, und erwartete fast mit
Andacht, was sie daraus machen wrde.
    Lange Zeit hatte die Krankheit sie mit einer Heftigkeit beherrscht, die
wenig Hoffnung fr ihre Genesung lie - und ihr selbst keine Besinnung. Auch war
der Arzt vom Anfange an berzeugt, da diese heftige Strung in der ersten, so
verhngnivollen Zeit einer Mutter, ihre Lebenskrfte verzehren wrde. - Und als
er die erste furchtbare Krankheit gebrochen hatte, wartete er nur, welchen Weg
die Natur zu ihrer langsamen Auflsung einschlagen wrde; denn den Gedanken an
gnzliche Herstellung rumte er weder sich, noch den Anderen ein, wenn er den
fliegenden Puls unter seinem Finger fhlte - und fast war Keiner, der es
wnschte.
    Auch blieb Fennimor's Zustand lange in einer Verhllung, die halb geistig,
halb krperlich war; und zum Erstaunen, zur tiefsten Erschtterung gereichte es
ihren Umgebungen, da sie aus der Gegenwart entrckt blieb und das spielende
Kind in den Buchenwldern von Stirlings-Bai war, mit allen holden Tndeleien und
dem vollen Liebesschatze dieser Zeit.
    Da dieser milde Zustand mit der Genesung enden msse, sagten sich Alle mit
Schmerz, und so war auch ihr erster Ruf: Leonin! ein Symptom der Krisis - mit
denselben Uebergngen kehrte sie zurck - Thrnenstrme flossen nieder - Keinem
gab sie Antwort, als die eine: er hat mich doch so sehr geliebt! Dann trat ein
tiefes Verstummen ein, was sie bei den nthigen Strungen nachgiebig und
verstehend, aber vllig wortlos zeigte. Bis dahin hatte sie weder ihres Kindes
gedacht, noch war es ihr nahe gebracht worden. Da regte der Vikar diese
Erinnerung in ihr an, und nach einigen Wiederholungen sah man ihrem Aufhorchen
an, da ihre Gedanken aus dem Schlummer geweckt wurden. Wie rhrend war es, die
steigende Ahnung in diesem bleichen himmlischen Antlitze zu verfolgen; -
pltzlich rtheten sich die lilienweien Wangen, die Augen gewannen Glanz, und
sie sagte kindlich schluchzend: ein liebes kleines Kind, was mein ist!
    Da legte ihr Emmy das schlafende Wesen in den Schoo und zog den Schleier
von seinem Kpfchen. Sogleich erkannte es Fennimor, und ein heier Strom von
Wonne fluthete noch ein Mal durch dies gebrochene Herz. Mein Kind! mein liebes
kleines Kind! sagte sie immerfort leise, bebend, aber mit einer Innigkeit und
so wunderbarem Ausdrucke von Entzcken, da Beide davon schlichen, um im
Nebenzimmer, schreiend fast vor Erschtterung, sich in die Arme zu sinken und
Thrnen zu weinen, die einem Gemische von Wonne und Schmerz angehrten.
    Lange lie man sie allein - sie bemerkte nichts, als ihr Kind. Als es
erwachte und sich ruhig dehnte, und die klaren Aeuglein mit dem Schlafe kmpfend
so lieblich blinkten, und die kleinen Hndchen das wunderliebliche Hmmern
begannen, sahen sie Fennimor zuerst leise lachen. Sie versuchte es instinktartig
an ihren bleichen Mund zu ziehen; aber die mden, schwachen Hnde hatten dazu
keine Kraft. Das Kind ward unruhig - ein leises Weinen hub an. Fennimor erschrak
und ward roth - sie nahm alle Kraft zusammen und drckte es endlich an ihre
Brust; - aber das Kind weinte nur lauter. Mit Gewalt fast hielt der
herbeigekommene Arzt die Freunde zurck. - Hieran wird sie sich sammeln, strt
sie nicht! sagte der verstndige Mann - Gott ist gro in der Stimme der
Natur!
    Die Angst, es zu trsten, zeigte sich deutlicher; sie hatte nur zu bald eine
Ahnung frheren Glckes empfunden. Mit dem Bewutsein, wie sie es sonst
beruhigt, tauchte die Erinnerung ihrer langen Trennung von ihm auf; - seufzend
lie sie die mden Arme niedersinken - vor ihrem Kinde fand sie ihr Bewutsein,
ihren Schmerz, ihr ganzes Unglck wieder! Als sie laut mit ihrem Kinde zusammen
weinte, traten die Freunde hinzu. - Emmy nahm das hilfsbedrftige Wesen von
ihrem Schooe. Da versiegten Fennimor's Thrnen - sie versuchte aufzustehen, und
da sie es nicht allein vermochte, untersttzten sie der Arzt und Veronika. Wohin
sie begehrte, sagten ihre Augen, die Emmy's Schritten folgten. Der Arzt gab
immer nach; sie trugen Fennimor fast, die von ihrer Hinflligkeit nichts zu
bemerken schien. Im Nebenzimmer fand sie schon die Buerin mit dem Kinde an
ihrer Brust. In tiefen Gedanken blieb sie vor diesem Anblicke stehen - sie
setzten sie leise in einen Lehnstuhl vor der mitleidigen Amme nieder, und
Fennimor sah nun, wie ihr Kind von einer Anderen Leben und Trost empfing. Tiefe
Seufzer stiegen aus ihrer Brust auf - Thrne auf Thrne flo nieder, ein leises,
schmerzliches Wimmern deutete an, da sie ihr groes Leiden langsam zu verstehen
begann. Die Buerin selbst zerflo in Thrnen und kniete dann mit dem rosenroth
gefrbten, s entschlafenen Kinde vor der unglcklichen Mutter. Da verlor der
Schmerz seinen Stachel - der se Athem, der ber die kleinen, rothen Lippen
suselte, stieg erquickend zu ihr auf - das Kind verdrngte mit seiner reichen
Schnheit jede damit verknpfte Beziehung. Fennimor bekam wieder den verklrten
Glanz von Wonne und verlor sich ganz in seinen Anblick. Als es aber unter ihren
zrtlichen Liebkosungen erwachte und sie erst erstaun tansah, dann suchend das
Gesicht der Buerin fand, und das entzckte Lcheln des Erkennens pltzlich
durch den ganzen kleinen Krper zuckte, da richteten sich Fennimors Augen auf
diesen ersten Liebesgegenstand ihres Kindes; - und als sie den zrtlichen Blick
sah, womit das gute Weib dies Erkennungszeichen erwiederte, lchelte auch sie
ihr freundlich zu und strich leise mit der Hand ber das gutmthige, braune
Gesicht.
    Von da an behielt sie eine still versenkte Existenz in ihrem Kinde, ber das
sie oft in rhrenden Gebeten lag, die alle so harmlose, se Gesprche mit Gott
waren, so immer nur ber seine schnen, wunderbaren Werke, da Alle sichtlich zu
verstehen glaubten, wie Gott sie zu sich zge und ihr die Welt verhlle, nur den
Weg zu ihm ihr offen zeigend. Von ihrem eignen, rasch vorschreitenden Zustande
schien sie keine Ahnung zu haben. Sie klagte nicht und doch legte sie zuweilen
die abgezehrte Hand auf die Brust, und wenn der Arzt sie fragte, ob sie
Schmerzen habe, sagte sie freundlich: immer! immer! Auch lie der im Fieber
fliegende Puls und das ftere Erbrechen von Blut keinen Zweifel ber ihr Uebel.
    Gegen Anfang des Frhjahres trat eine Vernderung ihres geistigen Zustandes
ein. Der kleine Reginald hatte eben die ersten Versuche gemacht, sich an dem
Stuhle seiner Mutter aufzurichten, und das Ereigni hatte Fennimor bis zu einem
lauten Ausrufe des Jubels gebracht. Als Emmy herbei strzte, erblickte sie das
unschuldige Glck, was die glhend errthende Mutter erlebte, und sah den
schnen, kleinen Reginald, der fast nicht von seiner bleichen Mutter zu trennen
war, wie er lachend und lallend vor Lust, sein erstes Kunststck zu behaupten
suchte und die kleinen, dicken Hndchen eisenfest um den gedrehten Stuhlfu
krampte.
    Emmy kniete liebkosend neben diesem einzigen Trost ihres verdsterten
Herzens nieder - da hrte sie Fennimor tief seufzen und dann den fast
vergessenen Namen Leonin aussprechen. - Wo er nur bleibt, Emmy? sagte sie; -
ich kann nicht, wie sonst, Alles bedenken; aber er mu lange fort sein - und
doch ist sein Kind so schn, und er luft ihm endlich entgegen, wenn er noch
lange zgert. Emmy schwieg. Zu bitter war ihr Gefhl! Sie hatte gehofft,
Fennimor habe ihren Mrder ganz vergessen. Jetzt erwhnte sie ihn ruhig -
freundlich - wie in ihr ganzes Leben verflochten. Der bleiche Mann, den ich
immer fr die Schlange hielt, fuhr sie indessen fort - der hat ihn von mir
getrieben. Armer Leonin, wie sie Dich wohl qulen mgen in der bsen Welt, in
der Du leben mut! Ach, wie wollen wir Dich lieben, wenn Du wieder kmmst; - nun
hast Du einen mehr, der Dich liebt. Aber dort? Wer liebt Dich dort, wo die
Mtter auch sich verhrten knnen und von Gott abweichen, wie ich jetzt wei. Da
mu Dir das Herz schwer werden! Wo bleibt er wohl, Emmy? - Und ist es lange, da
er fort ist?
    Er ist indessen mit dem Knige in den Krieg gezogen, stammelte endlich
Emmy, die gehssige Lge kaum ber die Lippen zwingend - und Ihr waret ja lange
krank.
    Nur allmlig kamen Erinnerungen und Beziehungen in dem zerschmetterten und
jetzt durch die vorschreitende Krankheit erschpften Geist zurck. Schon sank
das liebliche Haupt ermattet in den Stuhl; der kurze, fieberhafte Schlummer
deckte die glnzenden und doch so tiefe Leiden verkndigenden Augen. Emmy blieb
mit dem Kinde zu ihren Fen. Sein ses Lallen strte nicht mehr diesen kurzen
Schlummer - wenn es zu ihr drang, ward das schlafende Antlitz immer
freundlicher. Auch ihre Trume muten harmlose Bilder enthalten, in welche die
ersten Tne der kleinen Kinderstimme hinein paten und sie vielleicht leiteten
und belebten. Doch war von dieser Stunde an Leonins Bild neben dem ihres Kindes,
und sie begann bei ihren langen, rhrenden Gebeten, ihn einzuschlieen und Gott
anzuempfehlen - ihm vorzustellen, wie er seine Hlfe so nthig habe, da er ihn
doch in Versuchungen fhre. Wie er doch ja seine Seele behten mge und immer
bei ihm sein! Dann schwieg sie wohl; aber wenn sie fort betete, mute man
glauben, Gott habe ihr indessen geantwortet; denn sie sagte: das wute ich
wohl, da Du bei ihm bleiben wirst, und will auch nicht um ihn sorgen, da Du es
allein thun willst!
    Oft beriethen sich die Geschwister mit Emmy und dem Arzte ber das Schicksal
Fennimors, dessen schreckliche Hrte sie durch Leseur erfahren. Immer muten
sie einig darber bleiben, da sie ihr Alles verhllen mten.
    Lange brauchen wir es nicht mehr, sagte der Arzt wehmthig; - das Gras
grnt - die Knospen schwellen - wenn die Blumen kommen, werden sie ber ihrem
Grabe aufblhen!
    In dem Maae, als der Ausspruch des Arztes sich zu erfllen schien,
steigerte sich Fennimors Sehnsucht nach Leonin - und dies ward dann die
Veranlassung der letzten Sendung an Leseur. Die Freunde glaubten zu bemerken,
da Fennimor eine Ahnung von ihrer Auflsung bekam. Sie hatte ihre Schwche,
wenn sie darber zur Erkenntni gelangte, noch immer auf die Geburt ihres Kindes
bezogen. Jetzt wnschte sie zuweilen aufzustehen, um die immer khneren Versuche
des kleinen Reginald untersttzen zu knnen. Sie fhlte nun, da sie es nicht
mehr vermochte und befrug Emmy darum. Ausweichend antwortete das trostlose Weib
ihrem hinsterbenden Lieblinge, und es schienen sich an diesen halben Worten in
Fennimor Folgerungen zu entwickeln, die ihr Gebet offenbarte. Denn keine andere
Mittheilung gab es mehr fr sie - die Freunde erfuhren den Gang ihrer Gedanken
aus den lauten Gesprchen, die sie in ernster, kindlicher Unschuld tglich mit
Gott fhrte. Du httest mich doch bei meinem Kinde lassen knnen! sprach sie -
Du httest nur wollen drfen, und meine Glieder htten wieder Kraft gehabt, ihm
zu folgen - und Leonin - wie wird er weinen, wenn ich bei Dir bin und er mich
nicht mehr sehen kann! Ja, fuhr sie dann fort - freilich weit Du Alles am
besten - auch gehe ich gern zu Dir, wie Du mir auch glaubst. Aber Dein Leben ist
doch auch so schn, und ich mu es lieb haben, so lange Du es mir lt - nur das
Eine lasse geschehen, da ich ihn wiedersehe, ehe ich sterbe. - Du mut ihn
schicken, wo er auch sei - mache ihn los und fhre ihn den Weg zu mir, da ich
mich noch recht erfreue an ihm! Dann hatte sie Antwort bekommen und dankte Gott
dafr, da er ihn schicken wolle. Tglich wiederholte sich dies. Sie wunderte
sich vor Gott, da er nicht komme, und trstete sich dann wieder durch ein neues
Versprechen, das sie vernommen. So lenkte Gott die Herzen ihrer Freunde. Was sie
auch mehr oder weniger Alle gegen Leonin empfinden mochten, Fennimor beugte
ihren Sinn, ohne da sie es wollte, und Alle belebte nur noch der Wunsch seiner
Ankunft, die Leseur ermitteln sollte - die Fennimor jeden Tag schon im Voraus
empfand und die durch die tglich nher rckende Stunde ihrer Anflsung immer
dringender ward. -
    Leonin stieg am Fue des Schlosses aus seinem Wagen und fhlte eine Scheu,
ein Beben, sich dem Sterbebette dieser Heiligen zu nahen, welches ihn heran
schleichen lie, als drfe kein Gerusch seine Ankunft verkndigen.
    Wie schn war Ste. Roche in dieser ersten Frhlingspracht! Es drngte sich
ihm berall auf, ohne da er geneigt war, es zu genieen. Durch die Zimmer,
durch die er leise strich, wehte in die geffneten Thren und Fenster der warme
Hauch des Maitages. Es war der duftendste, reinste Morgen. In den Zimmern
seitwrts hrte Leonin sprechen und das Gerusch beschftigter Personen. Doch
die Zimmer, die vor Fennimors kleinem Kabinette lagen, genossen der Ruhe; - nur
die schne Natur sah in die groen, offenen Fenster!
    Jetzt stand er vor dem letzten Zimmer, welches ihn von Fennimors Kabinet
trennte. Auch hier konnte sie sein - ob er sie nicht vorbereiten msse, drngte
sich ihm auf. Zweifelhaft und horchend blieb er stehen; er hrte ein Gerusch -
aber es war eine Art Lachen und lallendes Krhen. Pltzlich trat eine Ahnung ihm
nher - er drckte leise das Schlo auf und streckte den Kopf in die Thr. Er
hatte sich nicht geirrt! Auf einem grnen Teppiche, der gegen die Fenster hin
ausgebreitet war, lag ein holdes Kind im kurzen, weien Rckchen, das es kaum
bedeckte und Arme und Beinchen, die in groer Thtigkeit waren, frei lie. Es
machte die reizenden, kleinen Versuche, sich eifrig kriechend fortzuschieben, um
die glnzenden Schlchen und Tpfchen, die wahrscheinlich, um es zu seinen
Versuchen anzuregen, an den uersten Enden des Teppichs vertheilt waren, zu
erreichen. Es ruderte mit den reizenden, rosenrothen Fchen mit einer
Schnelligkeit und einem Eifer, da seine blhenden Wangen noch frischer
erscheinen; und je nher es dem glnzenden Gegenstande kam, je lauter lallte und
krhte es vor Lust und Begierde. Neben ihm sa auf einem Kissen eine Frau in
lndlicher Tracht, die, den Rcken nach Leonin gewandt, doch bemerken lie, wie
zrtlich sie das Kind htete; denn, wenn das holde Geschpf ausglitt und einen
Augenblick auf seinem Gesichtchen lag, ehe die starken Aermchen sich wieder
empor arbeiteten, sah man deutlich, wie ihre Hnde ihm gern zu Hlfe gekommen
wren. Auch blickte der kleine, fleiige Ruderer sich dann jedes Mal nach ihr
um, jauchzte aber nur, wenn sie in die Hnde schlug, und ruderte schnell weiter.
    Leonin wute, da es sein Kind sei, und er fhlte vor ihm alle unnennbare
Wonne, den ganzen Wahnsinn einer Entzckung, die uns der brigen Welt entzieht!
Er stand jetzt neben dem Teppiche - jauchzend ergriff eben das Kind das blanke
Tellerchen - da rollte es hinunter auf Leonins Fu. Schon kniete er und hielt es
ihm hin - das Kind blickte ihn erstaunt an, dann lachte es und griff nach dem
Tellerchen. Leonin hielt es ganz bewutlos in die Hhe - da arbeitete sich das
himmlische, kleine Wesen an seinen Knien in die Hhe, und Leonin umschlang es
und hielt es, und es langte um so viel hher nach seinem Tellerchen und ergriff
es jetzt wirklich, laut jauchzend.
    Leonins Herz wollte in Wonne zerspringen! Er hielt sein Kind im Arm; er
fhlte, wie er es sttzte, wie die kleinen Beinchen, so stark und krftig sie
waren, doch noch immer fort einknickten - und er durfte es halten, an sich
drcken, und es scheute ihn nicht!
    Die Buerin sah still zu. Sie wute Alles, wie sie den fremden Herrn sah.
Fr das Natrliche hat der einfache Mensch immer das richtigste Verstehen.
    Bringe ihn mir, Leonin! tnte es da mit einem Male - ein bekannter,
leiser, ach, berirdischer Ton! Aber er lie Leonin erbeben, als ob ein
Donnerschlag ihn trfe - er brach fast zusammen, und seine Erschtterung war so
pltzlich, da das Kind davon erschreckt ward, sich in seinen Armen wand und in
Thrnen ausbrach. Reginald, ertnte dieselbe sanfte Stimme - o komm her!
Leonin, bringe ihn mir! Leonin sprang mit dem Kinde im Arme auf und flog der
Richtung nach. - In einer der offenen Fensterthren, die nach dem Garten gingen,
stand ein hoher Lehnstuhl, der die Richtung nach dem Teppiche hatte. In diesem
Lehnstuhl ruhte Fennimors verklrter Geist - so glaubte Leonin. - Er reichte ihr
den Knaben auf seinen Knien, und als dieser, gewohnt hier Hlfe zu finden, seine
Aermchen um ihren Nacken schlang und sich innig in ihre mden Arme drckte, und
das holde, wunderschne Kind nun in den weien Gewndern ruhte, die Fennimors
Lichtgestalt umgaben, da sah Leonin einen Engel, der mit seinen weien Flgeln
dies blhende Leben in seinem Schooe deckte.
    Aber sie lchelte verscheidend ber das Kind hin ihm zu und hob die bleiche
Hand - und diese winkte ihm. Doch der Unglckliche hatte keine Thrne, keinen
Seufzer, keinen Laut! Seine Augen sogen mit jedem Augenblicke mehr so unnennbare
Qualen ein, da es dafr kein Zeichen in der Sprache giebt: sie starb - sie war
schon halb verklrt - vielleicht sanken im nchsten Augenblicke diese
Augenlieder, und sie war todt!
    Ach, Leonin, ich wute es wohl, wie Du traurig sein wrdest! Aber Gott will
es - er hat mir gesagt, ich knne nicht lnger leben; - aber fr Dich und unser
Kind wolle er sorgen - und da bin ich denn ruhig und will zu ihm gehen, da er es
will. - Nach einer Pause fuhr sie leise fort, indem sie versuchte, den Kopf
gegen Leonin zu beugen: Ich glaube dabei heimlich, die Trennung wird so streng
nicht sein; - denn, obwol mir Gott Nichts sagt, denke ich doch, ich werde noch
zuweilen bei Euch sein. Sie lchelte dabei so s beglckt, als habe sie Gott
dies kleine Geheimni abgelauscht.
    O, nimm mich mit! rief Leonin und strzte sich mit dem Kopfe auf das
Kissen, worauf ihre Fe ruhten. -
    Ja, das dachte ich auch - und wute wohl, wie gern Du es gemocht httest; -
aber Gott will nicht. - Du sollst noch Vieles erleben - ich kann das nie
begreifen; - denn meine Gedanken haben keine Kraft mehr; - aber das wei ich
wohl - Du sollst leben!
    Leonin weinte nun. Er fhlte eine leichte, aber kalte Hand ber seinen Kopf
streichen - er hob sich auf - Fennimor hatte versucht, sich nieder zu beugen; -
noch immer hatte sie die reichen Locken, die wie eine Glorie leuchteten - sie
beschatteten fast ihr feines Antlitz.
    Leonin, sagte sie kaum hrbar - ich wollte Dich noch so herzlich lieben -
weil Dich die Welt da drauen so trostlos lt - Du kamst zu spt, ich habe
keine Zeit mehr!
    Ihr Kopf war auf Leonins Gesicht gesunken - er hielt sie im Arme - das Kind
lag glhend wie eine Rose, mit seinen eignen Hndchen spielend, in ihrem
Schooe. -
    Fennimor, geliebte Fennimor, o stirb nicht - stirb nicht, ehe Du mir
vergeben hast!
    Du hast mich so sehr geliebt und immer liebst Du mich! stammelte sie
leise. - Ich komme, mein Vater! - fuhr sie mit freundlichem Engelslallen fort
- Du hast mein Bitten erfllt - ich habe ihn wieder - nun halte ich auch Wort -
nimm mich hin, mein Gott! - Mein ses, kleines Kind! - Mein Leonin! - Mein
Vater, ich komme! -
    Das bleiche Haupt, das auf seinem Antlitze ruhte, ward kalt und schwer. Er
fhlte ein leises Zittern durch ihren Krper - dann war Alles still und ruhig; -
aber sie ward immer schwerer - er wute Alles - aber er hielt sie fest. - Es war
selbst ihr entseelter Krper noch ein Schild gegen den Wahnsinn, der ihn
bedrohte.
    Da war das Kind leise nach dem Kopfe seiner Mutter hingekrochen; - es wollte
sich an ihr aufrichten; aber der leblose Krper gab nach, das Kind fiel in
Leonins Arme.
    Instinktartig fate er das schne, kleine Wesen, das nun die Locken seiner
Mutter ergriff und im freudigen Lallen an ihr hinaufsteigen wollte. Die Buerin
trat hinzu, sie nahm das Kind in ihren Arm und lehnte Fennimor sanft in den
Lehnstuhl zurck. Da erfuhr auch sie, was geschehen, und winkte den fern
stehenden Arzt herbei, whrend Leonins Kopf auf Fennimors Fe sank in jener
glcklichen Betubung, die uns gegen jeden Schmerz unempfindlich macht. Der Arzt
legte die Hand auf Fennimors kalte Stirn, er suchte ihren Puls - er hatte
aufgehrt zu schlagen! Lange betrachtete er das se, bleiche Engelsantlitz,
dann reichte er dem Vikar die Hand, der indessen mit Veronika herein getreten
war. Gnnen wir es ihr! sagte er milde.
    Lat uns beten! erwiederte der erschtterte Vikar - und Keiner hielt seine
Thrnen zurck.
    Doch ward diese milde Stimmung rauh unterbrochen durch Emmy's pltzlichen
Eintritt. Keiner wagte ihr das Geschehene mitzutheilen; forschend blickte sie
die Weinenden an - sie strzte gegen den Stuhl - sie ergriff Fennimors leblose
Hand und stie einen wilden Schrei aus. Jetzt erblickte sie Leonins fast eben so
leblose Gestalt.
    Mrder! Mrder! schrie sie - bist Du gekommen, ihr den letzten Athem zu
stehlen? Bsewicht, treffe Dich Gottes Gericht - sein Fluch! -
    Halt! rief der Vikar - strt den heiligen Frieden dieses Engels nicht!
Bezwingt Euer ungestmes Herz! Seht Ihr nicht auf diesem Antlitze, da sie
vergebend gestorben ist?
    Vergebend? ihrem Mrder vergebend? schrie Emmy Gray. - Nein, nein, ich
will es nicht denken! Sie darf ihm nicht vergeben! Niemals, niemals darf der
Fluch dieser That von seinem Haupte genommen werden!
    Mit Entsetzen sahen Alle, da der Schmerz, der Ha, den sie, so lange
Fennimor lebte, zurck gepret hatte, jetzt mit der wilden Gewalt der
Verzweiflung hervorbrach. Mitleiden und Entsetzen kmpfte in Aller Brust.
    Emmy's Augen leuchteten wild - sie richtete sie auf Leonins Gestalt, als
hoffte sie ihn damit zu tdten. Bringt ihn weg von ihr! fort, fort! Er hat kein
Recht mehr an ihr! Er darf sie nicht berhren! Sie wird entehrt durch seine
Nhe! -
    Fat Euch! sagte streng der Arzt - Ihr handelt thricht und hart! Seht
Ihr nicht, da er fast des Lebens schon beraubt ist?
    Ha, Ihr tretet auf seine Seite? Ihr habt das Elend schon vergessen, das er
gestiftet? Ihr mgt ihm verzeihen? Nun denn, so seid Ihr so schlecht, als er,
und auch von Euch will ich mich lossagen! Fort von allen Menschen, fort! Aber
mein Fluch bleibt ihm und Allen, die ihn vertreten wollen. Er werde an Allem
erfllt, was er noch zu besitzen und zu lieben wagt! Mein Leben will ich
erhalten zur Mahnung seiner Snde - mein Tagewerk soll sein, ihn mit meinen
fluchenden Gedanken zu verfolgen!
    Sie strzte in das Heiligthum ihres Lieblings, in Fennimors Kabinet. Dort
hrte man einen Fall. Die Frauen wollten ihr nach. Lat das, wehrte ihnen der
Arzt - ihre rauhe, unbezhmbare Natur bedarf des Ausbruches - wir knnten ihr
nicht helfen!
    So lat uns beten! wiederholte der Vikar - und Alle knieten jetzt um
Fennimors verklrte Leiche.
    Der Vikar sprach Gebete aus seinem Herzen, in der Form des gewhnlichen
Sterberituales. Es schien, er sprach sie ber zwei Leichen; denn Leonin blieb
bewegungslos liegen, und ber ihm stiegen dieselben frommen Worte empor, wie
ber Fennimor. Und dennoch hatte der Unglckliche nicht aufgehrt zu leben.
Langsam knpfte sich sein Bewutsein an die Worte wieder an, die zu Anfange blo
sein Gehr erreicht. Aber er schauderte, als er sein wiederkehrendes Leben
bemerkte; denn er fhlte nur die Verzweiflung, die alle Sttzen niederreit und
Nichts, als den Willen brig lt, so elend zu sein, da jede Rettung unmglich
wird. Mitten in den Gebeten des Vikars richtete er sich auf; er blickte Alle an,
und aufs neue sank sein Kopf in Fennimors Schoo. Sein Anblick hatte den
vershnenden Eindruck gewhrt, wenn die gerechte Strafe, als Vergeltung schwerer
Vergehungen, das schuldige Individuum trifft und ihn damit von dem Hasse seiner
Mitmenschen zu erlsen scheint. Das gttliche Mitleiden gewann wieder Raum in
der Brust der schwer beleidigten Freunde Fennimors. - Der Vikar segnete die
Leiche ein und bat alsdann um Gnade fr ihren leidenden Gatten, um Schutz fr
das verwaiste Kind. Die Vershnung lag darin - er setzte voraus, da sie, wie
bei ihm, so bei allen Anwesenden eingekehrt sei, und sprach damit das Gefhl
Aller aus.
    Sie erhoben sich. Die Buerin, die zunchst an Fennimors Seite kniete und
das schlafende Kind an ihrem Busen trug, sagte in ihrer schlichten Weise: Herr
Vikar, ich war dabei, als unsere gndige Frau Grfin ihren Gemahl empfing. Sie
war voll groer Liebe und nur traurig, da sie nicht Zeit behielt, ihn genug zu
lieben. Das wollte ich nur sagen, da wir jetzt des armen Herrn gedenken
mchten, nach ihrem Willen.
    Es soll geschehen, erwiederte der Vikar ernst. - Er nahte sich mit dem
Arzte dem Unglcklichen und redete ihn bei seinem Namen an. Leonin fuhr zusammen
- er blickte entsetzt empor.
    Fennimors Freunde, stammelte der blasse Mund, Ihr knnt kein Erbarmen mit
mir haben! -
    Wir haben kein Recht, Euch zu richten. Gott vollfhrt das in Euch - er mge
uns Allen gndig sein! sprach der Vikar. - Und dieser Engel hat vergeben -
seht, es steht auf ihrer heiligen Stirn!
    Leonin blickte hin - die Locken lagen nun getheilt und zeigten frei das
erblate, himmlische Antlitz. Es hatte den Frieden der hheren Welt - die
Glckseligkeit erreichter gttlicher Gemeinschaft! Es hatte noch immer denselben
Karakter, wie in den Wldern von Stirlings-Bai. Es war ein ses, lchelndes
Kind mit einem Heiligenscheine. Leonin's Blick, der dies Bild vollstndig
auffate, ward die hell leuchtende Fackel, die mit jhem Lichte sein ganzes
Leben berblitzte. Ein inhaltloses Gewebe zwischen Reue und Sndigen trat hervor
- Fennimor sein grtes Verbrechen, sein einziger, hherer Lichtblick!
    Er stand auf und fhlte mit Entzcken, da er krank war. Beide Mnner
hielten ihn. Fennimor, mein Weib, Du hast mir vergeben, und Du bist gercht!
    Er gab nach, als man ihn bat, weg zu gehen - er fhlte sich durch seine
Schuld unberechtigt und scheu, den Freunden zu widersprechen; dabei nahmen
stechende Schmerzen in Brust und Kopf sein klares Bewutsein ein. Er verlie
ihren heiligen Anblick und blieb davon getrennt. Der Arzt sorgte, da er sich in
seinem Zimmer niederlege, und war schnell ber seinen Zustand im Klaren. Lange
schon hatte das Gift der Krankheit ihn durchschlichen, willkommen der
Gelegenheit brach es aus.
    Indessen ordnete Veronika mit jungfrulichem Sinne die Bestattung
Fennimor's. Nur schwer trennten sich Alle von der unverndert bleibenden Leiche.
Das Gewlbe, in welchem die fromme Knigin Claudia in einsamer Stille ruhte, war
schn und heiter aufgerumt. Hier ward Fennimor's Sarg aufgestellt, bis die
Gruft gemauert war, welche die Freunde an der Stelle graben lieen, wo die holde
Frau, wie sie sagten, gestorben war: unter dem Fenster, in dem kleinen blhenden
Garten, den sie selbst angeordnet, und ber den hinweg sie Leonin's Reisezug
verfolgte, als Souvr ihren Blick darauf hinleitete. Unter grnem Rasen, unter
ihren Blumen, die sie so liebte, sollte ihre schne Hlle ruhen.
    Mit groer Sorge erfllte Emmy's Zustand die bekmmerten Freunde. Ihr
Schmerz fand keine Milde - er verhrtete und erbitterte ihr leidenschaftliches
Herz. Sie schien sie jetzt Alle zu hassen und wies mit Zorn und Wildheit jeden
Versuch, ihr nher zu treten, zurck. Das Kind entfhrte sie fast den Uebrigen
und eiferschtig entzog sie es den Blicken Aller. Die Amme mute sich mit ihr
absperren, und nur sie durfte das Nthigste fr die Unglckliche besorgen. Als
die Bestattung vorber war, schlo sie die Rume und wehrte Jedem den Eingang.
    Indessen lag in einem fernen Theile des Schlosses der unglckliche Herr
desselben tdtlich erkrankt darnieder, und Veronika, der Vikar und der Arzt
erfllten theilnehmend die Pflichten der Menschheit gegen ihn. Viele Wochen
verstrichen, der Zustand blieb gleich bedenklich! Alle Boten muten ohne Antwort
zurck, alle Briefe aus Paris blieben unerbrochen an seinem Bette liegen - ihm
fehlte die Besinnung. Endlich erschien sein Kammerdiener; er theilte stumm und
traurig die Dienstleistungen und schrieb den Zustand seines Herrn; denn Niemand
hatte sich geneigt gefhlt, diesen Dienst fr die Verachteten zu bernehmen.
Bald traf der Leibarzt des Hauses Crecy ein - er sah den zweifelhaften Zustand,
mute die Hlfe des Arztes von Ste. Roche fr ausreichend anerkennen und kehrte
zurck.
    Die Jugend siegte; Leonin genas. Aber er ward unter seinem wiederkehrenden
Bewutsein ein Greis. Sein schnes braunes Haar fing an zu erbleichen, seine
Gestalt beugte sich, seine Abzehrung war erschreckend. Er sa Tagelang in dem
kleinen Garten und sah, wie die Arbeiter Fennimor's Gruft gruben. Er fragte dem
brigen Leben nicht nach - der Arzt rieth Allen, ihn zu schonen. Standhaft
weigerte sich Emmy Gray, ihm sein Kind zu zeigen; sie verrammelte ihre Thren,
und nur, wenn er in dem kleinen Garten sa, hrte er zuweilen sein Kind durch
das geffnete Fenster jauchzend lallen. Dann schauderte er zusammen und streckte
die Arme seufzend hinauf; wenn er aber hrte, da Emmy es ihm verweigerte, sagte
er: Ich habe auch kein Recht, es zu fordern! und that die Sehnsucht zu seinen
brigen Schmerzen.
    Er war jetzt einen Monat in Ste. Roche, und der Kammerdiener, durch die
verschiedensten Aufforderungen von Paris gedrngt, versuchte, ihn zur Rckkehr
zu bereden. Leonin schwieg, wie immer, zu diesem Drngen, und der arme Mann
wute sich keinen Rath mehr; er mute glauben, sein Herr habe das Gedchtni
verloren; denn auch die Briefe, die der Kammerdiener ihm berreichte, blieben
unerbrochen und, wie es schien, ohne auch nur entfernt sein Interesse zu wecken.
Endlich glaubte er, die Hlfe des Arztes und des Vikars nicht mehr entbehren zu
knnen - er bat sie um ihren Beistand, und Beide verhieen ihn.
    Leonin hrte sie, vor Fennimor's Gruft sitzend, ruhig an, und sein Auge
schien den Grund durchdringen zu wollen, der nun bald zur Aufnahme des Sarges
bereit war. Sie sollen meinen Sarg einst neben den ihrigen stellen, sagte er
endlich mit groer Anstrengung.
    Diese Bestimmung wird, wenn Ihr es wnscht, leicht zu erfllen sein,
erwiederte der Vikar. Doch lat Allem sein Recht! Habt Ihr ber Euren Tod
bestimmt, so bestimmt jetzt auch ber Euer Leben. Denkt, wie Viele noch
Ansprche an dasselbe haben - wie Viele Eurer Frsorge anvertraut sind!
    Ich sorge, denke ich, am besten fr sie, wenn ich sie nicht wiedersehe!
seufzte Leonin. - Was kann ich ihnen noch sein? Ich finde ein entehrtes Weib,
ein beschimpftes Kind. Ich mte eine Mutter wiedersehen, die mich nie geliebt
und meine elende schwache Natur nur als Mittel zu ihren Zwecken gemibraucht
hat. Was ich empfinde, kann den dortigen Zustnden nicht zu Hlfe kommen; - es
ist besser, ich verschmachte hier, Allen dort ein Geheimni bleibend! -
    Lieber Herr, unterbrach ihn der Vikar - dies ist sicher ein groer
Irrthum! Und ich rede um so ernster und dringender mit Euch, da ich gewi wei
Fennimor, die Verklrte, wrde eben so in Euch dringen. Ihr mt Euch der Liebe,
der Vergebung jetzt wrdig zeigen, die sie Euch ertheilte. Denkt an Eure
unschuldige, jetzt rechtmige Gemahlin! Knnt Ihr Fennimor's gebrochenes Herz
beleben dadurch, da Ihr sie auch hinsterben lat in Gram und Sorge?
    Erschttert blickte Leonin auf. Die arme Viktorine, seufzte er - sie hat
es eben so wenig verdient! - Mutter, Mutter, Du hast alles Bse in mir, in
meinem Schicksale geset! Gott mag es Dir vergeben, ich kann es noch nicht!
    Wie knnt Ihr Euch unvershnlich zeigen, da Fennimor es nicht war? sprach
der Arzt. Es ist Eure Mutter, junger Mann! Die Verpflichtung hrt nie auf, die
Kinder gegen sie haben. Oft werdet Ihr Euren Willen behauptet haben - macht sie
nicht verantwortlich dafr, wo Ihr httet widerstehen mssen!
    Leset diesen Brief, Herr Graf, fuhr der Geistliche fort - er ist seit
lngerer Zeit fr Euch angekommen, - und entscheidet Euch dann fr Eure
Rckkehr!
    Und mein Kind? rief Leonin, indem er den Brief seiner Gemahlin erbrach.
    Herr Graf, sagte der Arzt - wir mssen die Unglckliche schonen, die es
jetzt eiferschtig behtet. Wir htten mehr zu frchten, als wir verantworten
knnten, wenn wir uns jetzt in ihren wilden, harten Schmerz drngten. Gut
aufgehoben sind die ersten zarten Jahre des Kindes bei ihr; wir sind ihr alle
ein besonderes Zeugni ihrer Tchtigkeit schuldig und behalten jedenfalls einen
Ueberblick, den sie mir namentlich, als Arzt nicht entziehen wird; da sie wei,
da sie mich nthig haben kann.
    Leonin schwieg noch immer; aber als die Freunde sahen, da er seine Augen
auf den entfalteten Brief richtete, zogen sich Beide zurck, in einiger
Entfernung ihn beobachtend.
    Die Trennung, in der wir pltzlich leben, schrieb Viktorine - wird mir
nicht hinreichend erklrt durch das, was man mich will glauben machen. Ihre
Abreise konnte nur durch ein besonderes Ereigni motivirt werden. Sie htten
mich um geringer Ursache Willen nicht verlassen, Ihre Familie nicht in
Verlegenheiten gestrzt, die fr Sie wichtig sind. Man sagt jetzt, Sie wren
krank, und hlt mich doch zurck, zu Ihnen zu reisen. Ich werde Ihre Antwort
erwarten und hoffe, da Sie mir selbst die Erlaubni geben, zu Ihnen zu kommen,
wenn Ihre Gesundheit Ihre Abreise verzgert; denn dann ist mein Platz bei Ihnen,
und ich habe keine hhere Pflicht, darf auch meiner eignen Gesundheit jetzt
schon vertrauen.
    Lassen Sie nichts Fremdes zwischen uns treten; - ich wei Ihnen kaum
auszudrcken, wie seltsam mich das berhrt, was wie ein Geheimni pltzlich
zwischen uns tritt. Lassen Sie mich - was es auch sei - den mir zustehenden
Platz Ihrer Freundin einnehmen. Ich traue hier Niemandem, ich hre mit
Widerwillen und Mitrauen, was man mir von Ihnen sagt - ich kann es Niemandem
beweisen, und doch fhle ich, es ist nicht wahr!
    Ihnen will ich glauben und gehorchen - - antworten Sie nicht, reise ich ab.
Gott behte Sie!
                                                                     Viktorine.

    Antworten Sie nicht - reise ich ab, rief Leonin - o nein, das darf nicht
sein! Hier darf ihr Fu nicht rasten - hier kann ich sie nicht wiedersehen!
    So mt Ihr also zu ihr, sagten die beiden Freunde, die wieder nher
traten - dies edle Wesen darf nicht in die Verwirrung verflochten werden, die
ihr hier nicht zu entziehen wre. Schont wenigstens sie noch! Ihr rettet nicht,
was Euch verloren, wenn Ihr sie auch aufopfert.
    Ach, meine Freunde, seufzte Leonin - ich unterziehe mich Eurem
Ausspruche; denn ich habe kein Recht mehr, nach dem Einzigen zu greifen, was mir
wohlthun knnte. Aber der Fluch, den ich auf mein Haupt herabgezogen, wird alle
Verhltnisse berhren, in die ich zu treten wage. Ich werde Viktorine durch
meine Rckkehr zu schtzen suchen; aber mein Anblick, mein zerstrtes Innere
wird ihr nicht zu entziehen sein, und wenn sie Erklrung fordert, werde ich ihr
die Wahrheit verhllen und sie damit von mir fern halten, oder ich werde sie ihr
gestehen und sie damit rettungslos unglcklich machen.
    Die beiden Mnner schwiegen gerhrt - erschttert von dem Zustande des
Unglcklichen, und hauptschlich durch die Ueberzeugung bewegt, da er der Kraft
ermangeln werde, seinem verworrenen Leben eine vershnende Gestaltung zu
verschaffen. Doch waren Beide, so lange er noch mit ihnen zusammen war, bemht,
ihn in seiner abgespannten, dstern Stimmung zu sttzen und ihn zu einer
schonenden Zurckhaltung gegen seine unglckliche Gemahlin zu bestimmen; da sie
nach dem, was sie ber den edeln, aber festen und stolzen Karakter der jungen
Grfin vernommen hatten, nur annehmen konnten, da die Erkenntni ihres
unberechtigten, durch den grten Frevel entweihten Verhltnisses, sie zu einer
entschiedenen Trennung fhren werde, die Beide dann gleich unglcklich machen
mute. Aber Alle blieben ber den Erfolg ihrer Bemhungen unsicher. Es war neben
einer kalten Verachtung des Lebens eine Bitterkeit, eine Geringschtzung gegen
die Menschen und Zustnde, die ihn frher beherrscht hatten, eingetreten, die
sie mit Bedauern seiner geringen religisen Entwicklung zurechnen muten, und
die ihnen wenig Hoffnung fr seine Zukunft gab.
    Wir verlassen ihn hier, um zu erfahren, wie die Verhltnisse sich gestaltet,
denen er in dieser Stimmung entgegen ging.

Wenn wir die Zeit noch ein Mal auffassen, die wir uns bemhten, in ihren
ungewhnlichen Zustnden darzustellen, und wenn wir uns erinnern, welchen
Standpunkt der Knig in dieser Steigerung aller Verhltnisse, mit einer, unsere
Begriffe fast berbietenden Ausdehnung, einnahm, so werden wir vielleicht
begreifen, welchen Eindruck eine persnliche Beleidigung gegen diese geheiligte
Person, eine anscheinende Nichtachtung ihrer Herablassung hervorbringen mute.
    Monsieur erschien augenblicklich, obwol es nicht die Stunde fr ihn war,
beim Knige, und Ludwig war so erstaunt, so zweifelnd an der Mglichkeit einer
solchen Beleidigung, da er unruhige und verlegene Blicke auf die erhitzten Zge
seines Bruders richtete, unsicher, wie es schien, ber das Befinden desselben.
Aber er mute sich endlich entschlieen, diesen Angriff auf seine unbestrittene
Wrde anzuerkennen, und in demselben Momente diktirte er auch zugleich die
Strafe. Der Knig entlie den jungen Grafen seiner Funktionen bei der Knigin -
der ganzen Familie wurde angezeigt, da sie sich des Hofes zu enthalten habe.
    Der Marschall harrte vergeblich mit hartnckiger Verzweiflung an den Stufen
des kniglichen Schlosses auf die Gewhrung der flehenden Bitte: auf seinen
Knieen um Verzeihung bitten zu drfen. Niemand hatte Muth, auch nur den
berhmten Namen des Marschalls zu nennen. An ein solches Majesttsverbrechen
erinnern, hie sich dessen theilhaft machen. Auer der feierlichen Sendung, die
der Familie ankndigte, da sie in Ungnade gefallen, betrat Niemand mehr die
Schwelle des gechteten Hauses, und der Knig schien vergessen zu haben, da es
eine Familie des Namens gbe; er wute, da er sie damit auslschte und
grenzenlos strafte.
    Gedenken wir jetzt der Marschallin von Crecy, so werden wir gestehn mssen,
da sie mit der einzigen Geiel gezchtigt wurde, deren Schlge sie fhlte und
nicht von sich abzuhalten wute. Sie versuchte die beste Stellung zu nehmen, die
noch mglich wre; aber es war nur die eine brig, die sie aus allen bisher
behaupteten Vortheilen und Ansprchen verdrngte und ihr bis in die intimsten
Verhltnisse ihres Hauses, bis zu ihren, jetzt minder ehrerbietigen Domestiken
herab, eine Kette von bitteren Krnkungen bereitete, wie sie das Dasein
derselben fr sich unmglich gehalten hatte. Diese Leiden wurden noch vermehrt,
indem sie jeden Augenblick erwarten mute, der wahre Grund von Leonin's
Entfernung werde zu Tage kommen. Die gutmthige Herzogin von Lesdigures, der
man nicht den Hof verboten hatte, die aber zu stolz und zu ehrlich war, ihn zu
besuchen, whrend die Familie ihrer Tochter in Ungnade war, bestrmte die
Marschallin mit Vermuthungen und Nachforschungen, welche diese, so lange als
mglich, ausweichend beantwortete; endlich aber ihr, wie der bekmmerten
Viktorine erzhlte, da Leonin, von einer seiner hypochondrischen Launen
ergriffen, auer sich, da die Ceremonie Viktorinen schaden wrde, und emprt
ber die Nothwendigkeit, sie zulassen zu mssen, die Flucht ergriffen habe und
ohne Gepck, ohne Bedienten, in einer einfachen Hofkarosse nach Ste. Roche
geeilt sei, wo es sich wirklich gezeigt, da er im Fieberwahnsinne abgereist, da
er dort sogleich tdtlich erkrankt sei. Viktorine wollte ihm jetzt nachreisen;
aber die Aerzte untersttzten die Weigerung der Aeltern. Sie mute zwar
nachgeben und bleiben, aber mit erhhtem Mitrauen und in groer Bekmmerni um
ihren Gemahl.
    Dagegen schlug die Marschallin vor, nachdem die ersten vier Wochen fr ihre
Schwiegertochter vorber waren, da beide Familien sich nach Moncay, dem schnen
Schlosse der Marschallin, was doch einige zwanzig Lieues von Paris lag, begeben
sollten. Schon waren alle Vorkehrungen dazu getroffen, welche die Marschallin
mit Ungeduld betrieben, da sie in der vernderten Existenz, die sie an Paris
band und ihr Versailles, das Feld aller ihrer frheren stolzen Ansprche
verschlo, es kaum zu ertragen vermochte, als sie aufs neue sich in ihren Plnen
durchkreuzt sah, und ihr die wenig gekannte Lehre gegeben ward, von den
Umstnden beherrscht zu werden.
    Am Tage vor der Abreise meldete man ihr, da der Marschall pltzlich in
seinem Zimmer einen bsen Fall gethan habe, und der Hausarzt ihm bereits zur
Ader lasse. Die Marschallin grollte zwar heftig darber, fhlte aber doch, da
sie sich zu ihm begeben msse, innerlich fest entschlossen, diesem Ereignisse
keinen Einflu auf ihre Abreise zu gnnen, da sie sich jeden Tag fast mit
Emprung in Paris erwachen fhlte.
    Mit vollstndig schmollender Miene, fest entschlossen, ihn auszuschelten und
ihm ihre Abreise anzukndigen, trat die Marschallin in seine verhaten Gemcher;
und ihre Laune ward nicht verbessert, als die Domestiken ihres Gemahls, ohne sie
zu beachten, weinend und hnderingend an ihr vorber strzten, wie es schien,
dringende Befehle zu vollfhren. Als sie das Schlafgemach des Marschalls betrat,
blieb sie horchend stehen; der Kaplan mit einigen Gehilfen, der Arzt, knieend
und den Marschall im Arm, umgaben das Bett; - aber das Rcheln des Todes war ein
zu verstndlicher Laut, um Zweifel zu lassen ber das, was vorging. Mit steifen
Knien schob sich die Marschallin nher. Was geht hier vor? rief sie entsetzt,
mit rauher Stimme. - Niemand antwortete. - Marschall, Marschall, was habt Ihr
gemacht? Erholt Euch! Fat Euch! Seid ein Mann! so rief sie, schon von der
Wahrheit berzeugt, ihrer Erregung nur in zrnender Weise sich entledigend.
    Das war er, ein ganzer Mann! sagte der Arzt und legte ihn auf sein hartes
Kissen zurck; - aber Mnner mssen auch sterben!
    Sterben! rief die Marschallin - Herr Doktor, Ihr fabelt, Sterben, er war
diesen Morgen noch gesund - ein krftiger Mann!
    Ueberzeugen sie sich selbst, Frau Marschallin, sagte der Arzt
zurcktretend - hier findet der menschliche Wille eine Grenze, die auch Ihro
Gnaden nicht abndern knnen. Ein Schlagflu hat einen an sich nicht tdtlichen
Fall veranlat - es flo kein Blut mehr, obwol ich schon im Palais war, als der
Zufall eintrat.
    Die Marschallin trat nher und schauderte zurck vor dem starren Gesicht
ihres Gemahls, das sie nie geliebt. Er hatte seine eiserne, zrnende Miene, und
sie konnte sich nicht berwinden, ihn zu berhren; ihre natrliche Hrte war
durch die Erlebnisse der letzten Zeit so gesteigert, da sie um den Preis der
Welt kein mildes Wort, kein Zeichen der Rhrung zu geben vermocht htte. Sie
fhlte blos mit unendlichem Grolle, wie aufs neue ihre Vorstze scheiterten, und
sah in ein Gebiet von Erscheinungen, von denen es noch ungewi blieb, ob sie ihr
gnstig oder strend sein wrden.
    Ein Ehrenmann! ein groer Held! ein vollkommener Edelmann! sprach sie
endlich kalt - eine Sttze des Thrones, von dem doch seine letzte Krnkung
ausging. Jetzt kann man ihm keinen Wunsch mehr abschlagen - jetzt wird sein Name
doch bis zu den Ohren dessen dringen, dessen Kindheit er schtzen half! - Meine
Herren, fuhr sie fort - Sie werden die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten
machen, die in unsern erlauchten Husern Sitte sind - ich werde die
Hausoffizianten kommandiren, Ihnen beizustehen. Der Intendant wird das Schema
der Ceremonie empfangen. - Ihr, Herr Kaplan, werdet in meinem Namen dem Herrn
Erzbischof von Noailles die Anzeige von diesem Todesfalle machen; ich hoffe, er
wird sich erinnern, was er dem Hause Crecy-Chabanne schuldig ist. - Ein Courir
mu nach Ste. Roche abgefertigt werden. -
    Nach diesen Anordnungen verlie sie das Sterbezimmer ihres Gemahls und
schritt mit kalter, strenger Miene an der weinenden Dienerschaft vorber; ehe
sie ihre Gemcher erreichte, hatte sie genau alle Vortheile dieser neuen Lage
der Dinge bersehen, und ohne sich es einzugestehen, fand sie doch, dem alten,
lebensmden Greise sei die Ruhe zu gnnen, und der Augenblick dazu knne den
Umstnden eher gnstig, als nachtheilig werden.
    Ihre erste Sendung war nach dem Herzoge von Lesdigures. Er ward beauftragt,
dem Knige die Meldung dieses unerwarteten Todes zu machen.
    Mit einer Fassung, die ihrem gleichgltigen Herzen sehr natrlich war, gab
sie ihre Befehle zu der groen Umwandlung des Hauses. Vom Portale des Schlosses,
welches das groe Trauerwappen trug und von zwei mit Flor behangenen Herolden
bewacht wurde, bis zu den Wohngemchern hinauf, ward das ganze Haus schwarz
ausgeschlagen. Alle Livreen verschwanden, die dienenden Frauen zeigten keine
Farben, und die Damen der Familien keuchten unter langen Trauerkleidern, Kappen
und Schleiern.
    Der grte Saal des Palais war mit schwarzem Sammet so fest verhangen, da
kein Strahl des Tages eindringen konnte. Hunderte von Kerzen ersetzten das Licht
der Sonne. Die einbalsamirte Leiche des Marschalls stand auf Stufen erhht;
seine Orden, der Marschallstab, Degen, Sporen und Helmsturz ruhten auf Tabourets
um den Sarg vertheilt, an denen zahllose Pagen, mit Trauerflren und Wachskerzen
in den Hnden, in unbeweglicher Stellung Wache hielten.
    Diesen Kreis umgaben den ganzen Tag von frh bis spt eine Abtheilung Mnche
mit einigen fungirenden Priestern, welche die Gebete und einweihenden Funktionen
verrichteten; denn der Erzbischof von Noailles hatte nicht vergessen, was er dem
Hause Crecy-Chabanne schuldig war, und die Meldung dieses Todes war mit den
gehrigen Weisungen an die dazu bestimmten Klster ergangen. Die ganze
Dienerschaft des Marschalls lste sich auerdem noch an dem Sarge ab, whrend
die Chorknaben der Prozessionen in angemessenen Pausen den Sarg mit ihren
Weihrauchbecken umzogen und Alles in betubende Dfte hllten.
    Die Marschallin schien mit groem Takte ihre augenblickliche Stellung zu Hof
und Adel vergessen zu haben. Die Trauerboten zogen mit der Todesmeldung durch
alle Huser, die durch ihren Rang auf diese Auszeichnung Anspruch machen
konnten. Einen Augenblick hielt die ganze Korporation den Athem an und richtete
die Augen nach dem Schlosse von Versailles. Es ward aber sogleich bekannt, da
der Herzog von Lesdigures eine gndige Audienz beim Knige gehabt, und der
gromthige Monarch seinen Unwillen nicht ber das Grab hatte ausdehnen wollen.
Der Herzog von Gvres und der Prinz von Courtenaye bekamen Befehl, zur
Beileidsbezeigung sich in das Trauerhaus zu begeben. Dies war die
wohlverstandene Loosung fr Alle Uebrigen, und die Kniginnen und Prinzessinnen
an der Spitze, die ihren Hofstaat beorderten, belagerte nunmehr der Adel in
allem Pompe der Trauer das Palais Soubise.
    So war dies vor kurzem verdete Haus, jetzt seines Oberhauptes beraubt -
damit zu seinem alten Glanze zurckgekehrt, und die Marschallin fhlte den
bittersten Ha gegen die bezwungene Menge und den stolzesten Triumph ber die
gefgigen Schritte, womit Alle jetzt genthigt waren, ihr entgegen zu kommen,
nachdem sie es gewagt, sie zu verlassen.
    Sie sa unter ihrem schwarz verhangenen Thronhimmel in der lstigen, steifen
Trauerkleidung die blichen Stunden des Empfangs, ohne ein Zeichen des Lebens,
als die jedesmalige Neigung des Kopfes, wenn die herkmmlichen
Beileidsbezeigungen an sie gerichtet wurden. Rechts sa die arme, weinende,
kindlich betrbte Louise - links ihre erschtterte Schwiegertochter. Die nahen
Verwandten schlossen sich sitzend auf beiden Seiten an; - nur die Hofchargen
empfing die Marschallin stehend mit geziemender Ehrfurcht.
    Und der, der bei diesem wichtigen Vorfall am meisten betheiligt war -
Leonin, das nunmehrige Oberhaupt der Familie Crecy-Chabanne, fehlte noch immer!
    Alle Boten, alle Briefe brachten keine Antwort zurck, oder wurden nur von
einigen unvollkommenen Briefversuchen des Kammerdieners erwiedert, die der
Intendant der Marschallin nicht selbst vor die Augen der Familie zu bringen
wagte, und deren Gesammtinhalt, mndlich von ihm mitgetheilt, Alles in einer
solchen Dunkelheit lie, da die Marschallin ihrer vollen Unruhe berlassen
blieb.
    Doch was litt die edle Viktorine in dieser Zeit! Aufs neue durch die Regeln
der Trauer an ihr dsteres Schlo geknpft, gab jeder Tag ihr neue, tiefere
Leiden und hemmte die krftigen Maaregeln, die sie ohne Zweifel ergriffen
htte, wre sie nicht daran behindert gewesen durch dies Ereigni, dessen
bindende Gewalt sie aus Liebe zu dem verstorbenen Marschalle sich doppelt
gezwungen fhlte zu ertragen.
    Jede Stunde, die sie von den Audienzen erlst blieb, brachte sie bei ihrem
Kinde zu, dessen Gesundheit und krftige Gestaltung ihr Trost und Hoffnung
einflte; hier, ber der Wiege ihres Kindes, fand sie auch die einzige Freundin
ihres Herzens, die edle, milde Marquise de Sevign. - Obgleich im Alter weit
auseinander gerckt, wuten doch Beide von diesem Unterschiede nichts. Sie war
die einzige Frau an diesem Hofe, der Viktorine nachgegangen war, und um deren
Aufmerksamkeit und Liebe sie sich kindlich weich und hingebend bemht hatte. Die
edle Frau hatte zu Anfange das lebhafte, kecke Mdchen, die ihr gegenber so
still und demthig ward, mit Antheil betrachtet; als sie ihr verstndiges und
strenges Verfahren als Hofdame der Knigin sah, hatte sie sie geachtet und ihr
endlich ein Vertrauen gewidmet, welches zu einer mtterlich zrtlichen
Freundschaft ward, deren Beweise immer inniger hervortraten und in der
gegenwrtigen Periode, die ihren Liebling in Ungewiheit und Kummer strzte,
diese zu einem Gegenstande ihrer Sorgfalt machten - einer Sorgfalt, die, von dem
Geiste der mildesten Schonung belebt, von Erfahrungen untersttzt, nicht
verweichlichte oder verhrtete, sondern Viktorinens edle, freie Gesinnungen
unverkmmert erhielt.
    Viktorine war eine zu geschlossene, zchtige Seele, um selbst ihrer
vertrautesten Freundin ein Gesprch ber das nhere Verhltni zu ihrem Gemahle
gestatten zu knnen. Die Marquise verstand und ehrte diese keusche, weibliche
Natur und kannte die Gefahren, in der Ehe Vertraute haben zu wollen, zu gut, um
nicht dieser Gesinnung mehr eine Sttze, als ein Hinderni zu sein. Aber es
entging ihr nicht, da Viktorine die Ruhe des Vertrauens verloren hatte, mit der
man allein das Geheimni des Glckes gewinnt. Ueberzeugt, da diese Gabe uns nur
selten auf lange verliehen ist, und uns aufgegeben bleibt, uns zu resigniren und
die wrdige Gestaltung eines ehelichen Verhltnisses damit nicht aufzugeben,
sondern darber hinaus ihm einen so edeln und achtungswerthen Karakter zu
sichern, da die Rckkehr des Glckes immer mglich, wir wenigstens seiner werth
bleiben - bemhte sich die geistreiche Frau, nur mit allgemeinen Andeutungen
Viktorinens Geist in diesem Sinne zu erweitern.
    Es schien mir, meine Liebe, sagte sie zu der wehmthig ber ihr Kind
gebeugten Viktorine - da der Marschall manche Elemente in sich trug, die, von
Ihrer Frau Schwiegermutter nicht bersehen, das eheliche Verhltni dieses
Hauses fr sptere Tage wohl zu einem besseren Zustande htten zurckfhren
knnen, als uns dargelegt ward.
    Gewi, erwiederte Viktorine - der Marschall war ein Felsen, aus dessen
Schachte Quellen zu locken, der glaubensvolle Schlag einer Hand gehrte, die
annahm, sie mten hervor springen! Aber das war es gerade vor Allem, was meiner
Schwiegermutter fehlte, der es berhaupt schwer wird, Menschen von Dingen zu
unterscheiden, und die endlich sich mehr ber die Symptome eines eignen Willens
erzrnt, wie erfreut; da sie auch den leisesten Hauch einer Konkurrenz nicht
vertrgt.
    Sie sind streng, Viktorine, sagte Madame de Sevign lchelnd - doch
weniger, da Sie wahr sind. Aber glauben Sie mir, wenn wir die Marschallin in so
sorgloser Sicherheit bewerkstelligen sehen, was ihr gefllt, und sie weder eine
andere Individualitt achtet, noch ihr einen eignen Willen zu ihrer Entwicklung
zugestehet, so ist das mehr oder weniger berall die trostlose Ursache der
zahllosen unglcklichen Ehen, denen wir begegnen. Die Ehe ist Keinem mehr an
sich etwas - eine gttliche Einrichtung - eine erhabene brgerliche Existenz!
Unsere jungen Frauen wollen blo in einem solchen Verhltnisse genieen, eine
grere Freiheit fr ihre unter Zwang gestellten Neigungen erhalten und fangen
immer damit an, wobei noch kein Verhltni der Erde bestand, von der einen Seite
Alles zu fordern, und gleiche Forderungen an sie gestellt, fr erkaltende
Gefhle des Mannes zu halten.
    Wenn sie nur lieben knnten! sagte Viktorine. - Ich denke oft, das ganze
Geheimni liegt darin, da die Fhigkeit zu lieben in diesen jungen Mdchen
frher zerstrt wird, als das Alter sie zu diesem Gefhle beruft. Es hat keine
mehr Innerlichkeit, der Strudel der Welt treibt sie aus sich heraus; sie lernen
Alles nachmachen, was ihnen Geltung und Auszeichnung verspricht, endlich auch
liebeln, wenn ihnen der Mann, dem es gilt, eine Stellung am Hofe verheit. Wie
sollen sie nun verheirathet nur begreifen, da die Stellung, die sie wollten,
sie zugleich mit einem Manne verbunden, der eine Seele hat - den sie schonen,
ehren - dem sie gehorchen mssen!
    Es ist nicht zu lugnen, erwiederte die Marquise, da diese Entartung
unser Geschlecht nicht allein verfolgt, da allerdings selbst einer besser
vorbereiteten Frau es doch oft sehr schwer werden wrde, das bei ihrem Manne zu
entdecken, was Sie eben mit Seele bezeichneten, und da selbst, wenn sie Liebe
zu ihm zu fassen vermag, dies doch nur eine zweifelhafte Sttze ihres Glckes
wird; da - wenn die Anforderungen derselben nicht mig und vom Verstande
geleitet bleiben, sie leicht ihre mgliche Zufriedenheit noch mehr bedrohen,
wenn sie die erwartete Erwiederung nicht findet. Und dennoch, selbst wenn Sie
lcheln sollten - ich mache es jeder Frau zum Vorwurf, der ihr Gatte untreu
wird!
    Das ist mindestens Viel gesagt! rief Viktorine, ein wenig gereizt. - Die
Marquise fuhr fort: Es ist eine sehr verbrauchte Entschuldigung aller Frauen,
die dies erleben, da das husliche Beisammensein in der Ehe Verhltnisse mit
sich brchte, die Illusionen nothwendig zerstren und die Gattin, gegenber dem
Manne, in ihn verletzende und reizlose Situationen bringen msse. Hiervon glaube
ich gerade das Gegentheil! Keine Frau hat die Mittel in Hnden, einen Mann zu
fesseln, die sich mit denen einer Gattin vergleichen lieen. Aber sie mu
freilich vor allen Dingen ein Weib bleiben, eine zchtige Jungfrau in ihrem
Gemthe - den Schleier der Vesta mu die Flamme der Liebe nicht versengen.
    Ja, ja, rief Viktorine warm - das, das ist das Rechte!
    Ein groer Schriftsteller, fuhr die Marquise fort - sagt irgend wo - und
sein Ausspruch enthlt eine Erfahrung, die es scheinen lassen wird, er habe zu
allen Zeiten gelebt, da er Recht haben wird, und wenn sein Enkel es hundert
Jahre nach ihm wiederholt - indem er uns zwei gleich liebende Wesen von beiden
Geschlechtern vorfhrt, von denen das Weib zuerst einen Mangel, einen Stillstand
in den Gefhlen des Mannes wahrzunehmen glaubt: wenn eine Frau liebt, liebt sie
in einem fort - ein Mann thut dazwischen etwas Anderes?
    Viktorine fuhr schnell mit beiden Hnden empor. Einen Augenblick verhllte
sie ihr Gesicht - dann war es vorber. Die Marquise hatte indessen, von
Victorinen abgewendet, den Vorhang der Wiege etwas gelftet. Viktorine glaubte
sich unbemerkt. - Dies ist eine Wahrheit, sagte die Marquise, die, tief in
der mnnlichen Natur begrndet, jedem Mdchen als Brautgeschenk gegeben werden
sollte; denn es ist zugleich der Schlssel, mit dem die Zweifel zu lsen wren,
von denen wir ein weibliches Herz beschlichen sehen bei der ersten Wahrnehmung,
da der Mann, eben wie jener groe Schriftsteller sagt, dazwischen etwas Anderes
thut!
    Mit glhendem Gesicht und einer leisen Stimme, die in Bewegung bebte, sagte
Viktorine: nur, was dies Andere sei, ist die entscheidende Frage!
    Die Marquise de Sevign, die berhmt dafr war, selbst in die kleinsten
Sorgen der Kinderpflege eingeweiht zu sein, sing an das Wiegenband zu lsen.
    Ich finde doch, meine Liebe, das Band ist zu stark angezogen; ich konnte es
nie leiden, wenn dies kleine Bettchen zu Arm- und Beinschienen wird. Damit
beschftigt, fuhr sie fort: Es scheint mir berhaupt recht schwer, ein Mann zu
sein - und das Gefhl der ihnen zuertheilten, so ungleich schwierigeren Aufgabe
macht mich im Ganzen so nachsichtig gegen die groe Masse unvollkommener Mnner.
Unsere Natur ist mit den sittlichen Gesetzen unserer Bestimmung im Einklange.
Wenn wir diese nicht entarten lassen, sind wir Alles, was wir zu sein brauchen,
und wenn ich denke, da uns Gott gewrdiget hat, Mtter zu werden, so knnte ich
oft trotz meiner Devotion in Versuchung kommen, uns fr zu sehr bevorzugt zu
halten. Etwas wie eine Frage an Gottes Gerechtigkeit, steigt in mir auf. Unsere
Bestimmung ist so unendlich schn, so wichtig berdies! Welch ein Lebensprinzip
brgerlicher - religiser Existenz ist der Heerd, an dem wir die zarten Krfte
pflegen, entwickeln und schtzen, die dann sich ber das Leben nach Auen
verbreiten - die es uns zu danken haben, wenn sie nicht schon im Anbeginne
verkrpeln. Wir spielen in diesem kleineren, geschtzten Kreise in Wahrheit
durch, was der Staat im Groen und in Massen darstellt. Wir halten die Fden in
Hnden, die alle Zustnde leiten; schtzend, sorgend, strafend und lohnend
beherrschen wir sie - der Gesammtblick, welcher alle Verhltnisse dem richtigen
Standpunkte gem leitet, ist die Hhenstufe, die wir erkennen lernen mssen. So
wie wir uns auf dieser umsichtig, der Sache frderlich zeigen, knnen wir einen
Schatz von Wohlthaten entwickeln. Und so reich und schn dies ist, wie in
einander greifend ist es zugleich! Welche Einheit liegt in unserer Bestimmung -
wie ist sie stets geschtzt und eine gewisse, unzerstrbare Heiligkeit an den
Heerd gefesselt, die noch jetzt an die Sitte unserer rohen Urvter mahnt, die
selbst den Feind am Heerde unberhrt lieen - die Stelle nicht zu beflecken! -
    O meine Freundin, unterbrach sie Viktorine - ich frchte, wir haben uns
in unseren sogenannten hheren Stnden sehr weit von dem heiligen Heerde
entfernt, dessen Urbestimmung sich uns wahrhaft offenbaren konnte; und
vielleicht erlahmt dadurch auch die Ehrfurcht davor in der Brust der Mnner, und
wir verlieren damit nach gerade alle unsere Stellung!
    Ich mchte Ihnen nicht unbedingt Recht geben, Viktorine. Es bleibt
allerdings nicht dasselbe, wie berhaupt Verschiedenheit in den Verhltnissen
zur Weltordnung gehrt. Aber Verschiedenheit - Abweichungen heben den
Grundgedanken nicht auf. Sei der Zustand noch so verndert, wir werden uns immer
zurecht finden, wenn wir den Hauptgedanken festhalten: da wir durch Alles, was
in uns liegt, berufen sind, einen wrdigen Hausstand zu erhalten, den
Verhltnissen gem, in die uns Gott gefhrt - und wie Viel wir von der
patriarchalischen Uridee beibehalten oder aufgeben mssen, sie mu immer zu
erkennen sein.
    Und warum sollte es denn den Mnnern so viel hher angerechnet werden, was
sie in ihrer Pflichterfllung leisten? Warum ist denn ihr Beruf so viel schwerer
- warum haben sie ein hheres Anrecht auf unsere Nachsicht? rief Viktorine, mit
weiblichem Zrnen in Blick und Ton.
    Die Marquise lchelte, ohne Viktorine anzublicken. Ich gestehe Ihnen
zuvrderst, da ich nicht sehr viele Theilnehmerinnen meiner Meinung unter Ihrem
Geschlechte habe. Es ist auffallend, wie lange uns eine platt getretene Idee,
die einen augenblicklichen Glanz hat, zu Combinationen verfhren kann, die, an
sich falsch, doch Irrthmer auferziehen, deren wahrer Beschaffenheit wir gar
nicht mehr nachfragen. Wir Frauen werden bei dem Gedanken erhalten, da die
Mnner ein groes Vorrecht vor uns haben, weil sie sich sehr Viel mehr erlauben
drfen, als wir; und wir haben dieses unbezweifelte Recht mit dem Worte:
Freiheit, profanirt. Was knnen wir denn in Wahrheit Freiheit nennen, wenn nicht
die Entwickelung der Seele und des Karakters, die uns die Zustnde beherrschen
lt, uns von Ihnen unabhngig macht, ihnen einen hheren Willen entgegen
stellt. Es ist der einzige Begriff, der diese Idee aus dem Zustande relativer
Willkr in eine feste, dann unangreifbare Stellung bringt, und das Vorrecht der
Mnner hat damit so wenig Zusammenhang, da ich es gerade ihnen hinderlich
erachten mu. Und sollen wir ihnen also den materiellen Besitz der Freiheit so
hoch anrechnen? Ich schme mich fast, da wir dies thun! - Sie werden nun den
Gang meiner Gedanken bald auffinden, wenn ich so nachsichtig bei den Fehlern der
Mnner erscheine. Unbehtet von Jugend auf, werden ihnen Reinheit und
Zchtigkeit der Gedanken nicht bewahrt; in materielle Verhltnisse getrieben,
ungestraft durch ihre sich gleich bleibende Stellung zur Gesellschaft - endlich
von der Natur selbst mit anderen Bestandtheilen des Blutes versehen, die leicht
zu erkennen sind, kmpfen sie mit einer schwierigen Naturanlage und entbehren
dabei den Schutz der huslich-sittlichen Ordnung, die das Weib von Jugend auf
bestimmt ist einzuhegen. Wenn wir noch hinzu rechnen, wie sie eine doppelte
Existenz entwickeln mssen, nmlich die husliche und die ffentliche, und die
eine oft mit der andern im grellsten Widerspruche steht, so erstaune ich billig
ber ihre schwierige Aufgabe und erstaune billig nicht mehr, sie oft ungelst zu
finden. -
    Viktorine schwieg; - dann sagte sie, wie sich berwindend: nicht immer
steht ihre uere Stellung zu ihrer huslichen in Widerspruch; und dennoch sehen
wir sie diese gering achten, nach kurzem Erfassen sie aufgeben, als gehrte sie
nicht zu ihnen.
    Ja wohl, erwiederte die Marquise schnell - die Harmonie zwischen Beiden
herzustellen, erfordert eine so vollkommene, mnnliche Entwickelung, da wir
fast immer das Eine auf Kosten des Anderen bei ihnen erreicht sehen; und diese
mangelhafte Reife macht, da sie die Hand nach dem ueren Leben lieber
ausstrecken und erwarten, das andere werde schon hinterdrein kommen. Wie gro
diese Tuschung ist, da es eine eben so warme Auffassung verlangt, beweist sich
nur zu bald, indem sie die Husliche allmlig ganz damit verlieren - und der
Trbsinn, der Lebensberdru, der nirgends mehr anzuknpfen wei, gewhnlich die
traurige Folge ist. Aber eben so gewi zwingt sie auch in den meisten Fllen das
Leben, erst mit allen Erfordernissen die ffentliche Existenz sich zu erringen;
und oft, ja vielleicht immer, wo diese Existenz auf edle, wrdige Weise erstrebt
wird, bilden sich zugleich Fhigkeiten aus fr das natrlichere Leben des
Hauses, wenn auch das Bedrfni dafr erst spter eintritt.
    Ach, und darauf zu warten! rief Viktorine - vielleicht das ganze Leben
vergeblich darauf zu warten - wie viele Herzen hat das indessen gebrochen!
    Viele! Viele! rief Frau von Sevign gerhrt - denn es ist nur die Aufgabe
fr ein starkes, weibliches Herz, die schwere Prfung zu bestehen und ungestrt
den heiligen Beruf zu verfolgen, den unsere Bestimmung dennoch festzuhalten
erlaubt; - aber zugleich ein herrlicher Triumph, zu Gottes Ehre indessen ein
Weib geworden zu sein in der vollen Pracht unseres Berufs - wie jener schne,
dunkle Baum des Sdens, ber gereiften, goldnen Frchten die duftenden Blten zu
tragen, und dem ermdet zurckkehrenden Gatten, der lange vergessen und
bersehen, was er besa, zeigen zu knnen, ein Weib sei fr sich etwas Groes
und Gttliches, wenn sie ihren Beruf verstanden; - und der Heerd, den er
verschmachtend sucht, sei indessen wohl gehegt, und das gttliche Symbol unseres
Geschlechtes, Milde und Vergebung, sei sein Empfang!
    Viktorine schwieg; aber sie weinte jetzt, den Kopf auf das Bettchen ihres
Kindes gelehnt.
    Die Marquise schien es nicht zu sehen - im leichteren Tone fuhr sie fort:
oft gedenke ich einer liebenswrdigen Freundin, die den lebhaftesten, Liebe
suchendsten Mann der Erde gewhlt hatte. Die Neigung zu Thorheiten aller Art,
die ihr Gemahl besa und die ihn in Versuchung fhrte, sich in jedes neue und
schne Gesicht zu verlieben, hatte mehr gute Eigenschaften an ihr entwickelt,
als seine treuste, sorgfltigste Liebe erzogen htte. Sie erzhlte mir oft mit
der heitersten Laune die Art und Weise, mit der sie dem Uebel gesteuert hatte.
Als sie das erste Mal diese Entdeckung machte, berwltigte sie der Zorn fast;
aber es erwachte zugleich ein Stolz, ein Selbstgefhl, was alle ihre Krfte ins
Leben rief. Die Frau, in die ihr Gemahl sich verliebt hatte, war schn und
geistreich. Sie wurde Beides augenblicklich auch. Nie sa ich lnger vor meiner
Toilette, sagte sie. Aber nicht ich allein - mein ganzes Haus mute meine
Schnheit untersttzen - meine Kche, meine Service, Blumen, Dfte. Ueberall
entlockte ich einen Reiz - eine Annehmlichkeit. Ich war coquett von dem kleinen
Sammetpantoffel an, worin er zuerst meinen Fu erblickte, bis zu dem
Kchenzettel und der Visitenliste. Wie whlte, wie sonderte ich, wie berraschte
ich ihn durch anmuthige Geselligkeit! Die Tonkunst, die er liebte, und die ich
deshalb glaubte bersehen zu knnen - pltzlich beschtzte ich sie; ich sang
selbst ein Lied, was ich mit Thrnen des Zornes einstudirt hatte, ihm lchelnd
vor. Die Beschftigung, die ich durch diese Vorkehrungen hatte, zerstreute mich;
ich blieb frisch, von jener bellaunigen Schwermuth verschont, mit der Frauen
ihre Mnner vollends zum Hause hinaus jagen - und jetzt htten Sie sehen sollen,
wie schnell ich meinen Gemahl aufs neue gefesselt hatte, wie liebenswrdig er
mich fand, wie ich der andern Neigung Rang abgewann; und da er einige Male die
Procedur wiederholte, ich die Mittel, ihn wieder einzufangen, so entwickelten
sich wirklich gute Angewhnungen in mir. Ich bekam Eigenschaften fr mich
selbst, die ich anfnglich fr kleine Hlfsmittel geachtet hatte. -
    Ach, sagte Viktorine - welch' ein Glck, wenn uns der Stolz nicht gegen
uns selbst bewaffnet, wenn er die Kraft wird, mit der Achill den Felsblock
aufhob, um die Waffen hervorzuholen, mit denen er unbesiegbar ward. Ich frchte,
wenn ich in solche Lage kme - der Felsblock fiele auf mein Herz, und die Waffen
verrosteten.
    Das werden Sie mich nicht berreden, erwiederte die Marquise - und eben
erwachte Louis Maria in seiner Wiege. Viktorine rhrte die Glocke, die Wrterin
erschien mit der Amme, und beide Frauen wendeten ihre Aufmerksamkeit den kleinen
Beobachtungen zu, ob das Kind zugenommen habe, ob lustig zur Nahrung sei? So
wichtig, so s und beglckend fr ein mtterliches Herz! -
    Es war der letzte Tag vor der Beisetzung des Marschalls, und die Audienzen
der Beileidsbezeigungen waren auch fr diesen letzten Tag geschlossen. Von
einigen allzu lstigen Stcken ihrer beschwerlichen Trauerkleidung befreit,
saen die Damen des Hauses mit dem Herzoge und der Herzogin von Lesdigures
beisammen, und es waltete ber Allen der Zwang, den leere Trauer-Ceremonien so
ermdend ausben, und denen man sich nicht entziehen darf, ohne gegen eine
hhere Idee zu sndigen, die doch gerade in diesen lstigen ueren Zeichen zu
ersterben beginnt. Alle sehnten sich, von einander loszukommen, um sich nur
einmal der Natur nach regen und wenden zu knnen. Aber es war Sitte, da man in
den inneren Gemchern soupirte und bis dahin zusammen blieb; so hielt Jeder den
Andern im Schache mit einer angenommenen Empfindung, die sich nach Wechsel
sehnte.
    Um diese Zeit fuhr derselbe einfache Wagen ohne Livreen, der einst, blo von
Jaques gefhrt, den Weg nach St. Sulpice zurcklegte, unter dem Trauerwappen der
Familie hindurch in das Schloportal; und das Erste, womit der junge Herr des
Schlosses begrt ward, war das Salutiren der Wappenherolde mit ihren dstern
Fahnen, und schaudernd fhlte er erst jetzt die Wahrheit der erschtternden
Nachricht.
    Schweigend und mit der ngstlichen Spannung, die sein auffallendes Betragen
auch jedem Diener gegeben, ward er in dem dstern Hause empfangen. Ach, die
tiefe Trauer, die er um Fennimor trug, wie wohl pate sie zu den schwarzen
Treppen und Wnden, die ihn bald umfingen!
    Nach dem Trauersaale! stammelte er kaum hrbar. Die Thren ffneten sich -
der schreckliche Pomp lag vor ihm ausgebreitet - der Sohn an den Stufen des
Sarges auf seinen Knieen.
    Sein Gebet war ein zuckend, schmerzhastes Aufblicken zu Gott; mehr eine
Hoffnungslosigkeit, beten zu drfen - mehr ein Ausruhen im Schmerz, als eine
Erhebung zu Gottes Gemeinschaft! Laut hielten die Mnche von St. Sulpice die
Exequien ber die Leiche - der fungirende Priester fgte dem gewhnlichen,
vorgeschriebenen Ritus ein lautes Gebet hinzu: La' Dir auch die Herzen
empfohlen sein, die, belastet von der Noth, die eigne oder fremde Schuld ihnen
gab, in Gram gebeugt vor Dir seufzen. Trste und erhebe sie. Die Vergangenheit
hast Du unwiederruflich gemacht; aber selbst die Schuld in ihr kannst Du
erblassen machen durch den Muth, Deiner gttlichen Gemeinschaft zuknftig
theilhaft werden zu wollen. Es soll Allen vergeben werden, die von Herzen
reumthig sind, und ihre Schuld ihnen nicht folgen auf dem Pfade der Besserung!
Jetzt sprach er den Segen mit einer Kraft und Bewegung, da Leonin ber die
Gewalt erbebte, von der sein Herz aufgerissen ward. Er hob den Kopf - Fenelon,
der blasse Priester von St. Sulpice, stand mit erhobenen Armen und erhobenem
Haupte ber ihm, und schien vom Himmel die Flammen andchtiger Ueberzeugung
hernieder zu rufen, mit denen er die Seelen erwrmte.
    Fenelon, rief er - hast Du den Schlssel zu lsen und zu binden? -
    Der hat ihn, der sich voll Glauben an seine gttliche Kraft dem in die Arme
wirft, der Alle heilt, die reumthig und beladen sind. In seinen Snden
verzweifeln wollen, heit Gottes Allmacht verlugnen! Er hatte dies leise nur
zu ihm, dem Knieenden, gesprochen. Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes
ber ihm und schlo sich dann den Mnchen an, die ihren Umzug hielten. Als die
erhabene Gestalt aber an ihm vorberglitt, hrte Leonin wie einen Lufthauch die
Worte: rette Viktorine!
    Er fhlte sie bis in sein tiefstes Innere, und sie gaben ihm die Richtung,
die er bei den schwachen Angaben seiner Gefhle vielleicht nicht erkannt htte.
    Er erhob sich und folgte dem harrenden Kammerdiener zu den Zimmern seiner
Mutter. Wie lastete die dstere Pracht dieser Gemcher auf ihm! Jedes Zimmer
schien ein Katafalk zu sein. Endlich ffnete sich der kleine Salon, in dem er
seine Familie, fast zur Unkenntlichkeit in Trauergewnder eingehllt, versammelt
sah. - Er kam erwartet; dennoch berraschend. Ein kurzer Aufschrei verrieth ihm
das einzige Wesen, nach dem sein Herz noch eine Richtung hatte; und berwltigt
von der Vergangenheit, die zwischen ihm und seinem Weibe lag, eilte er nicht in
ihre Arme, sondern kniete in demselben Augenblicke zu ihren Fen. Viktorine
hatte sich leise in einen Stuhl gesenkt - ihre Fe bebten, wie ihr Herz. Beide
sprachen nicht; es herrschte von allen Seiten ein verlegenes Stillschweigen;
Keiner verstand das Gefhl des Anderen. Die Empfangenden standen trocken und
mde von einer thrnenreichen Begebenheit, mit der sie fertig waren, und
Leonin's Ankunft, dessen Stimmung Keiner zu errathen vermochte, erregte die
Befrchtung, mit allen Schmerzenszeichen von Vorn anfangen zu mssen. Man schien
von ihm wenigstens die Anregung abwarten zu wollen und behielt eine Stellung,
aus der gleich zu machen war, was sich nthig zeigte.
    Doch fand jeder unnatrliche Zwang bei Madame de Lesdigures immer bald in
ihrer raschen, geraden Gefhlsweise seine Erledigung. Jetzt, Herr Graf
Schwiegersohn, rief sie pltzlich laut - lassen wir das! Kommen Sie zu sich,
und denken Sie, da wir alle von den Qulereien und der ganzen Geschichte
nachgerade mde und matt sind. Wir haben Alle unsere christliche Theilnahme
dargelegt - ging mir auch selbst recht zu Herzen; aber jetzt mu es vorbei sein
- wre dem alten Marschalle selbst zuwider, wenn wir nicht endlich aufhren
knnten!
    Leonin stand auf, nachdem er einen Blick des Schmerzes auf seine blasse
Gemahlin geworfen. Ich verlange gewi nicht, sprach er, durch meine Gegenwart
Euer Gnaden zu Gefhlen aufzufordern, ber deren Dauer mit groem Rechte nur
Jeder selbst bestimmen kann, und der Sohn darf sich gewi in einem Verhltnisse
bekennen, da seine Gefhle nicht zur Richtschnur fr Andere machen kann.
    So, sagte die Herzogin - das nenne ich vernnftig gesprochen. Man kann
oft Ihre absonderlich auffallenden Handlungen gar nicht begreifen, wenn man
hrt, wie verstndig Sie sich zu uern wissen.
    Leonin hatte whrend dieser Worte die Anwesenden stumm und abgemessen
begrt. Es hatte sich seiner bei dem Anblicke seiner Mutter ein so kaltes,
bitteres Zrnen bemchtigt, da er den Ausdruck fr die herkmmliche Weise
verlor; auch gab ihm die Herzogin bald Gelegenheit, sich zu entladen.
    Nun, rief sie - mein Kind, ich habe recht darauf gewartet, Sie
wiederzusehn; denn nur Sie selbst knnen uns das Ereigni erklren, das uns
damals bei der Taufe Ihres Sohnes so sehr erschreckte. Waren Sie denn wirklich
krank und liefen deshalb fort?
    Nein, Madame, erwiederte Leonin gemessen - ich war nicht krank, als ich
abreiste, ich ward es erst spter.
    Nun, sehen Sie, Marschallin, fiel jetzt die Herzogin ins Wort, ich konnte
Ihre Erzhlung gleich nicht glauben; denn kurz vorher hatte ich ihn gesehen, und
mit eins sollte er toll und krank und deshalb davongejagt sein!
    Sagte das meine Mutter? fragte Leonin scharf betonend. - In Wahrheit, ihr
Irrthum ist sehr auffallend, da sie am besten, denke ich, den Grund meiner
Abreise wissen mute!
    Ihre Mutter, Graf? rief die Herzogin - nun, das htte ich nie fr mglich
gehalten!
    Es war vielleicht eine zu groe Schwche von mir, fuhr jetzt die
Marschallin auf, durch Beide gengstigt und erzrnt - da ich die
Unbesonnenheit meines Sohnes auf eine Weise zu erklren trachtete, die in der
Handlung selbst sich mir darzubieten schien. Eine wahnsinnige Handlung dem
pltzlichen Erkranken zuzuschreiben, mchte milder urtheilen heien, als es ein
Jeder in solchem Falle verdient!
    Sie htten Ihre Gnade nicht so weit treiben sollen, erwiederte Leonin
kalt; - aus den Umstnden, die Ihnen bekannt waren, htten Sie annehmen knnen,
wie wenig ich mich geneigt fhlen mte, eine Vormundschaft anzuerkennen, deren
Erfolge ich eben einsehen lernte.
    Die Marschallin bebte vor Zorn. Niemals hatte sie eine solche Sprache von
ihm gehrt! Sie war zuerst um eine Antwort verlegen, die den ganzen tiefen
Ingrimm ihres Herzens auszudrcken vermocht htte. Doch berhob die Herzogin sie
jeder Wahl. Aufs neue rief sie: Kind, ich verstehe dieses Hin- und Herreden
nicht, sagen Sie deutlich, wie es zusammenhing!
    Enschuldigen mich Euer Gnaden, sprach Leonin mit schonender Ehrerbietung -
Sie sind eine zu gefhlvolle Frau, eine zu gute Mutter, um nicht zu wissen, da
Viktorine das erste Recht an mein Vertrauen hat, und ich es abwarten mu, ob sie
mich zur Rechenschaft ziehen will.
    Dagegen lt sich Nichts sagen, erwiederte gutmthig lachend die alte
Herzogin; - das heit: schweige still, Du hast Dich nicht hinein zu mengen!
    Dies mchte indessen nicht der Fall fr Alle sein, sprach die Marschallin
scharf. Der Knig hat eine persnliche Beleidigung, fr die er Ihr Betragen
nothwendig halten mute, mit der Ungnade gegen Ihre Familie bestraft; - und
diese Familie, die whrend ihrer langen Existenz etwas Aehnliches nicht erfuhr,
mchte wohl das unbestrittene Recht haben, einer Handlungsweise nachzufragen,
die so beleidigende Folgen fr sie hatte.
    Zwingen Sie mich nicht, Ihnen augenblicklich diese Erklrung zu geben!
rief Leonin, mit einer Wildheit in Ton und Blick, die Alle erschreckte. - Ich
bin bereit dazu; denn es ist vielleicht so besser, da ich in meiner Empfindung
nicht mehr zu retten bin. Aber Sie - Sie, meine Mutter, - Sie sollten mich nicht
dazu treiben wollen!
    Die Marschallin fhlte, da sie zu weit gegangen war; aber sie hatte noch
keine Beleidigung ungergt erfahren, von ihrem Sohne sollte sie sie hinnehmen,
der ihr bis jetzt noch nie getrotzt? Es war zu viel und dennoch sah sie ein, sie
habe ihn selbst zu der Grenze hingetrieben, von der sie ihn hatte abhalten
wollen.
    Sie sollten mindestens fhlen, sprach sie, sich mit Gewalt bezhmend -
da der Augenblick zu Ihrer leidenschaftlichen Unhflichkeit gegen mich
schlecht gewhlt ist. Ich bin die Witwe Ihres Vaters - vielleicht erinnern Sie
sich, da die Leiche dieses in Ungnade gefallenen, berhmten Mannes noch ber
der Erde ist - und da ich Ihre Mutter bin!
    Leonin stand in dsterem Brten vor dieser kunstvollen Rede; es blieb
ungewi, ob er sie gehrt. Da fhlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter,
und eine Stimme, die ihn zu wecken und sich zu sammeln vermochte, sprach
unsicher und schwach: Glauben Sie nicht, mein Gemahl, da Sie auch mich in der
Stimmung des Zrnens oder der Neugierde gegen sich finden! Wenn Sie mir ein
Recht zugestehen, wie ich eben zu hren glaubte, so lassen Sie es das des
Vertrauens sein, das weder von Ihnen eine Erklrung fordert, noch nthig hat.
Fassen Sie sich aber jetzt. Der Schmerz, der so natrlich in Ihnen ist, sollte
uns Alle zur Schonung gegen Sie auffordern; - vielleicht bedrfen wir sie auch,
setzte sie mit sinkender Stimme hinzu - wir haben Viel gelitten!
    Leonin versenkte sich mit zrtlichem Antheil in die schnen, edlen Zge, die
so bla, so leidenvoll waren. Er fhrte die sichtlich bebende Gestalt zu ihrem
Sitze zurck und nahm knieend neben ihr Platz. Theure, edle Viktorine, seufzte
er, ihre Hand an seine Stirn drckend - Sie sind die Einzige, die ein Recht
htte, mir zu zrnen; - aber Sie werden blo der Engel sein, der ber den
Gefallenen weint! - Und sie weinte bereits.
    Der Herzog von Lesdigures, der ein hchst verlegener Zuhrer dieser
huslichen Scene gewesen war, da er niemals ber gesellschaftliche Verhltnisse
hinaus sich zu denken erlaubte, erfate nun eine Richtung, die er glaubte
erkannt zu haben, und nahte sich seinem Schwiegersohne. Ich bin, sprach er -
nach dem Empfange, den ich bei Seiner Majestt genossen, als ich ihm die
Todesmeldung des Hauses Crecy-Chabanne machte, fast berzeugt, da eine
bestimmte Hoffnung auf Gnade vorhanden ist, und, wenn Viktorine ihren Einflu
bei der gtigsten Knigin anwendet, Ihnen, mein Herr Schwiegersohn, der Knig
Ihren Platz bei seiner erhabenen Gemahlin zurckgiebt.
    So erfuhr Leonin seine Absetzung. Die Marschallin gnnte ihm einige
Alteration und beobachtete ihn scharf. Er erhob sich jedoch sogleich ruhig von
seinen Knieen und indem er dem Herzoge ehrerbietig fr seinen Antheil dankte,
setzte er hinzu: Ich mu diese Absicht bei Seiner Majestt indessen entschieden
ablehnen. Obwol ich meine Verweisung vom Hofe noch nicht kannte, mute ich sie
erwarten; doch dachte ich bisher nicht daran und war entschlossen, den Knig um
meine Demission zu bitten.
    Den Knig darum zu bitten? riefen der Herzog und die Marschallin zugleich.
- Ich bin gesonnen, fuhr Leonin fort - wenn ich ber meine nheren
Angelegenheiten mit meiner Gemahlin die nthige Rcksprache genommen und hier
alle Pflichten erfllt, die meine neue Stellung mir aufnthiget, mich zum
Marschalle von Louxemburg zu begeben und ohne bestimmte Anstellung, um die ich
jetzt nicht bitten knnte, unter seinen Fahnen als Volontair den Krieg
mitzumachen.
    Den Krieg? den Krieg? stammelte Viktorine, whrend Alle ihre Ueberraschung
nicht zu verhehlen vermochten.
    Erschrecken Sie nicht, theure Viktorine! - sprach Leonin, nur zu ihr sich
wendend. Es kann Ihnen nicht entgehen, da mich ein ungewhnliches Schicksal
unerwartet und hart niedergeworfen hat. Gott mag es denen vergeben, die mich
hineinstieen gegen Pflicht und Gewissen! Ich kann es noch nicht - und eben so
wenig auf dieser Stelle Ihnen gegenber aushalten, Viktorine! Lassen Sie mich
jetzt gewhren. Vielleicht rettet mich Anstrengung meiner Krfte, Thtigkeit,
Entbehrung, Mitgefhl bei der Noth des Krieges. Vielleicht komme ich Ihrer
wrdiger zurck; - jetzt ist Ihre Nhe mir ein Vorwurf - ich vermag sie nicht zu
ertragen!
    Genug! rief hier die Marschallin mit ihrer alten Energie und auer sich
gebracht ber die rcksichtslose Sprache ihres Sohnes, die er selbst gar nicht
zu bemerken schien. Es dnkt mich, Sie sind in einer so maalosen Aufregung zu
uns zurckgekehrt, da Sie keine Beurtheilung ber das Gewicht Ihrer Worte
haben. Ich fhle mich unfhig, meinen Sohn lnger in einer solchen Stimmung die
wichtigsten Interessen seines knftigen Lebens absprechen zu hren! Lassen Sie
uns nach dem kleinen Esaale gehen, wo uns einige der genauesten Freunde des
Marschalls erwarten.
    So bitte ich, mich zu beurlauben, sagte Leonin; - ich will mit meiner
Stimmung, die gegen Ihre Absichten luft, Ihnen nicht lnger lstig fallen. Die
Zeit wird lehren, ob sie eine augenblickliche Aufregung ist.
    Er entfernte sich, Alle ehrfurchtsvoll grend - gegen Viktorinen einige
Worte schwrmerischer Verehrung aussprechend. -
    Wenn wir einen Blick in die verschiedenen Gemcher thun, in die sich die
drei Hauptpersonen dieses schweren Abends zurckgezogen hatten, nachdem es ihnen
verstattet, sich zu trennen, so werden wir erfahren, was ihr Loos war, als die
ueren Rcksichten fr sie aufhrten.
    Die Marschallin hatte sich entkleiden lassen, und ihre Frauen warteten im
Vorzimmer. Sie horchte dem Schlieen der Thr, was ihr endlich Alleinsein,
dieses dringendste Bedrfni, sicherte. - Fnf Minuten spter wrden wir die
Marschallin von Crecy, die eben mit stolzer Ruhe ihre Frauen nach dem Vorzimmer
entlie, kaum wieder erkannt haben. Die zurckgepreten Leidenschaften, die
diese letzte, verhngnivolle Zeit ihres Lebens hher, wie jemals gesteigert
hatte, brachen, wie ihres Zgels beraubt, pltzlich hervor. Bald durcheilte sie
mit groen, ungleichen Schritten das Gemach, whrend ihre krampfhaft gepreten
Hnde ihre ungestmen Gedanken ausdrckten; - bald sank sie in ihren Sessel, und
ein kurzes, zorniges Schluchzen rang sich hervor. - Doch, wir halten inne, denn
wir werden genug erfahren haben, um unsere Ueberzeugung anzudeuten, da Jeden
die Vergeltung erreicht, da uns kein uerer Schein tuschen sollte ber die
Gerechtigkeit des Himmels hier auf Erden, die, wenn sie das uere Schaugerst
unberhrt lt, in dem Inneren des trotzigen Herzens erscheint und es beugt und
zerreit und demthigt und die frchterliche Strafe verhngt, mit lchelnder
Miene aufrecht erhalten zu mssen, was, jedes Reizes entblt, eine leere,
tdtende Qual geworden ist und doch der Preis der Snde war.
    Die Marschallin, die nie einem Menschen seine eigene Entwicklung, seine
eigene Ansicht gestattet, die ihr ganzes Leben als eine Aufgabe ihres Willens
gehandhabt, die Menschen, die hineinfielen, ohne jede Rcksicht als Hebel und
Sttzen verbraucht hatte, deren eigene Bedrfnisse bersehend, gering achtend,
oder die ihrigen doch wichtiger haltend; die durch das zeitherige, materielle
Gelingen dieser Bestrebungen zu einer Sicherheit ber den Werth derselben
gelangt war, der sie auf die dnkelvollste Isolirhhe des Stolzes erhoben - ihr
war es pltzlich, als ob der Boden dieses ihr so fest erscheinenden Gebudes ein
Sieb geworden sei, das Alles unter ihren Hnden unaufhaltsam zerrinnen,
zerflieen, in ein Nichts zurcksinken liee, vor dem sie verarmt stehen bliebe,
wie vor dem ganzen Ergebni ihres berechneten Lebens, das ihr damit verloren
erschien.
    Sie erfuhr die Strafe, die ihr die hrteste sein mute, und ihr Zustand, wie
wir ihn andeuteten, war dem gem.
    Sie wollte in dieser qualvollen Stunde etwas erdenken, womit sie sich rchen
knnte. Aber die Beleidigung, die jeden Blutstropfen in ihr vergiftete, kehrte
immer wieder auf den einen Gegner zurck, der alle zahllos erlebten Krnkungen
veranlat hatte; und dieser Gegner war ihr Sohn! Der Sohn, den sie zu ihrem
Dienste erzogen, zur Sttze ihrer ehrgeizigen Plne; er war es, der pltzlich
seine Abstammung nicht gnzlich in sich erloschen zeigte und ihr, ehe sie es
ahnte, mit eigensinnigem, rcksichtslosem Willen entgegen trat. Sie dachte alle
Mglichkeiten durch, ihn noch ein Mal gedemthigt, - ihres Willens Unterthan -
zu sich zurck zu fhren. Sie hatte, ehe sie ihn sah, so sicher darauf
gerechnet; sie hatte ihm ein Zrnen zugedacht, was nur um den Preis einer
gnzlichen Uebergabe Vershnung hoffen lassen sollte, und jetzt kam er in einer
Stimmung des Zrnens zurck, die weder Ausgleichung suchte, noch nthig hatte;
da er sich sogleich damit unabhngig erklrte. Sie konnte nicht einmal irgend
etwas erdenken, worin sie ihm nachgeben konnte! - Nur eine leise Hoffnung blieb
ihr. Souvr war entweder selbst betrogen, oder er hatte sie auch betrogen. Sie
hatte Fennimor's Tod wirklich vor der Vermhlung ihres Sohnes angenommen, und es
war klar, daran zweifelte Leonin - er bezchtigte sie des Frevels, ihn in das
doppelte Verhltni getrieben zu haben! Dieser Irrthum sollte sich nun auflsen.
Die Reue darber - blieb ihre einzige Hoffnung; - aber sie ward dennoch kein
Ruhekissen, worauf die Marschallin den Schlaf gefunden htte. -
    Von ihrem geheimen Leben wenden wir uns nach dem stillen Schlafgemache, aus
dem Viktorine fr die ersten Stunden der Nacht gleichfalls ihre Frauen entfernt
hatte, um, mit ihrem Kinde allein, jedes Zwanges enthoben, sich ihres Zustandes
bewut zu werden. Es giebt Menschen, deren edle Natur sich berall gleich
bleibt; sie behalten eine Decenz des Ausdruckes selbst in ihrer tiefsten
Aufregung, die ihren einsamen Stunden ein Maa verleiht, durch das sie vor sich
selbst gesichert bleiben. Dies war bei Viktorinen der Fall. Sie war sich eine
Achtung gebietende Gesellschaft - die Vertraute, von der wir wissen, nicht
miverstanden zu werden, und deren Billigung wir uns doch zu erhalten wnschen,
da sie uns schwerer zu erreichen scheint, als der Beifall der Welt.
    Sie knieete nieder und beugte sich ber das s schlafende Kind. Schwere
Seufzer deuteten es an, da ein lang bezwungener Zustand sich Luft schaffte;
dann weinte sie lange und schmerzlich, und endlich wurden ihre Empfindungen
Gebete. Als sie aufstand, sagte sie: Weise Freundin, ich habe Dich verstanden!
Du hast mein Schicksal geahnet; - ich werde Dir folgen. Ein Weib ist an sich
etwas Gttliches und Groes; - ich habe einen Heerd! Ich habe ein Kind! Beides
werde ich hten zur Ehre Gottes und der Menschen; - und kmmt er ermdet zurck
und sucht verschmachtend den verlassenen Heerd, dann finde er mein Symbol: Milde
und Verzeihung!
    Als sie ihre Frauen rief, war jedes Wort sanft und gtig. Eine verklrte
Ruhe lag ber ihr ausgebreitet; eine frei gewordene Kraft, die von sich selbst
eine vershnende Ausgleichung des Lebens verlangt. -
    Nicht so Leonin! Halbe Zustnde - Unglck und Glck - Schuld und Unschuld -
wie sie sich in ihm vorfanden, erfordern einen starken Geist, der Alles erfat
und sondert und auf sich nimmt und von sich wirft, der Wahrheit nach, und dann
abschliet und von neuem beginnt. Nicht so Leonin. Er dachte daran, den
Zustnden zu entfliehen, ohne sie vorher zu ordnen. Die jedesmalige Folge dieses
schwachen Waltens trat auch bei ihm ein. Die Erbitterung wuchs auf dem falschen
Wege, der berall unbeseitigte Hindernisse zeigte und die Erholung, nach der er
strebte, fern hielt. Er grollte der ganzen Welt. Die Weichheit, die ihn sonst
gutmthig sein lie, verschwand. Seine Diener erkannten ihren ehemaligen Herrn
nicht wieder. Er war unruhig, heftig, ungerecht; Nichts schien ihm zur
Zufriedenheit gemacht; er forderte und stie das Geforderte zurck; er erzrnte
und krnkte Alle, und der Unfriede schien, was er noch begehrte.
    Unter diesen Umstnden erreichte die Marschallin ihren Zweck nur in dem fr
sie unwesentlichsten Theile. Er berzeugte sich, da so wenig sie, wie Souvr
Fennimor's Wiederbelebung gewut habe. Aber keine Reue gegen sie trat ein. Ihre
Schuld, und mehr noch die Hrte, die ihm jetzt natrlich geworden war und die
sich gegen sie, die er bisher so sklavisch gefrchtet hatte, Bahn gebrochen, sie
sollte motivirt sein in ihrer Schuld - und die Marschallin fhlte bald, wre
jene auch geringer gewesen, als sie wirklich war - er habe einmal die Stellung
gegen sie ergriffen, die eine Art Schild gegen seine eignen Vorwrfe ward, und
gerade die Schwche, die sie in ihm geschtzt und beabsichtigt, erhielt ihn
jetzt in dieser Stellung gegen sie.
    Doch hatte diese Erklrung die Folge, da ein beabsichtigtes Duell mit
Souvr unterblieb; und der gewandte Unterhndler kam zu dem vollen Genusse des
Gelingens, wenn er, wohlbehaglich in einem Fauteuil in Leonin's Zimmern ruhend,
diesen mit der gereizten Wildheit eines gestrten Friedens an sich vorber
streifen sah. - Er berlegte die Resultate seiner Bemhungen und rechnete sich
gleichgltig an den Fingern her: der blhende, schne Mann - ist bleich,
gekrmmt, mit schwindendem Haare - der vornehme Edelmann vom Hofe verbannt - in
die hhnenden Prachtrume eines den Pallastes verwiesen. Der Gatte der
schnsten und vornehmsten Dame hat diese entehrt und seinen Erben zum Bastarde
gemacht, und das ewig heitere, sorglose Kind des Glckes kommt von der Leiche
seines gemordeten Weibes, von dem Anblicke seines rechtmigen und verlugneten
Sohnes mit Kummer beladen, und um Ruhe und Frieden durch Alles, was er erlebt
und gethan, auf immer betrogen! -
    Es war nach der Bestattung des Marschalls nicht schwer, Leonin's
Angelegenheiten zu ordnen; da seine Anwesenheit ein Inkognito bleiben mute, war
er von manchem lstigen Gebrauche befreit. Wie Viktorine ihm in dieser Krisis
gegenber stand, brauchen wir kaum zu erwhnen. Sie war mit dem, was sie sein
wollte, so vertraut, da sie keinen Hauch von Selbstgefhl oder Tugendpathos
zeigte. Sie hrte sich nicht in ihren Worten, ihre Augen suchten weder den
Himmel, noch den Beifall Anderer; sie langweilte und verscheuchte Niemanden,
indem sie sich beispiellos hervorzuheben trachtete und mit ernster Wrde eine
Sprache einzufhren strebte, die den Zustnden der kranken Gemther um sie her
zum Vorwurfe gereichen mute. - Sie war ohne Hochmuth, daher mit ihrem besseren
Zustande vor Gott nicht befriedigt und nicht geneigt, ihn hervorzuheben. Sie war
voll wahrer Liebe, daher ohne das Richtschwert der Verwerfung - sie war edel und
klug, daher den Augenblick und seine krankhaften Erscheinungen schonend, die
auffallenden Mitne berhrend, um ein verderbliches Verstummen zu verhten,
was selbst die Hoffnung der Ausgleichung aufhebt.
    Dessen ungeachtet mute sie bald erkennen, da sie nur auf eine sptere
Zukunft zu hoffen habe und ihre Rechte nur bewahren knne, wenn sie jetzt ihre
Krnkung bersehe, Streit oder Rechenschaft darber ablehne. Vielleicht hatte an
dieser Stellung, die sie nahm, nicht ihr richtig berechnender Verstand allein
Antheil; ein tiefes Grauen vor der Aufklrung der geheimen Geschichte ihres
Gemahls hielt nicht minder ihr ganzes Wesen instinktartig in abwehrender
Migung.
    Ob Leonin den ganzen Werth dieses Verfahrens erkannte, wre schwer zu
bestimmen; doch suchte er die Nhe seiner Gemahlin auf, freilich, um auch bei
ihr wieder in sein dsteres Nachdenken zu verfallen, das jeden Zug seines
Gesichtes beschattet hatte und ihn kaum kenntlich sein lie. Besonders trat dies
hervor, wenn ihm sein Kind gebracht wurde, und er genthigt war, es zu
betrachten. Viktorine entsagte bald auch diesem Glcke; denn ein fast
auffallender Schmerz erschtterte ihn dann und erregte die Beobachtung der
Wrterinnen; muthig erdrckte sie die bangen Ahnungen ihrer Brust und hielt ihr
Kind von da an entfernt.
    In Leonins Verhltni zum Hofe hatte sich Nichts gendert. Die Trauerzeit
verschlo, den Vorschriften nach, die ganze Familie noch in ihrem Palais; die
Marschallin hatte daher noch keine Versuche darber machen knnen, wie weit der
Tod des Marschalls die Vershnung vermittelt habe. Regelmig den achten Tag
erschienen die Hofchargen zu einem kurzen, ceremonisen Besuche im Hotel
Soubise. Dies konnte natrlich nur auf Befehl der Majestten geschehen und blieb
ein Gnadenzeichen, das, wie schon erwhnt, eine Loosung fr den brigen Adel
ward; und so konnte es unter den an sich beschrnkenden Umstnden scheinen, alle
Verhltnisse wren ausgeglichen. Hiervon lie sich die Marschallin jedoch nicht
tuschen, die sehr wohl alle Abstufungen der Gunst kannte und mit einem
mittemigen Zustande der Dinge nicht zufrieden sein konnte; da sie bisher den
ersten Rang erstrebt und erreicht hatte.
    Leonin blieb dagegen hartnckig bei seinem Vorsatze, jetzt keine Begnadigung
nachzusuchen und der Gunst des Marschalls von Louxemburg anheim zu stellen, sein
Erscheinen bei der Armee zu entschuldigen. Da die Maischallin ein Miglcken
eben so frchtete, fand er weniger Widerstand, als er erwartet; und seine
Gemahlin mit ausgedehnten Vollmachten versehend, und ihr jeden Beweis der
Achtung dadurch gebend, verlie er endlich das vterliche Haus und begab sich
zur Armee des Niederrheins, in einem Augenblicke, wo ein ziemlich zweifelhafter
Zustand des Gelingens bei den Armeen obwaltete.

Fnf Jahre waren verflossen. Der Nymweger Friede war geschlossen, die Armeen
kehrten nach Frankreich zurck. Durch alle Provinzen des Landes vertheilt,
erreichten die Truppen ihre Heimath, ohne da damit eine Auflsung der Armee
verbunden gewesen wre, die Ludwig der Vierzehnte schon damals nicht fr
politisch erkannte und damit dem brigen Europa, dem die Mittel fehlten, diese
Maaregel nachzuahmen, ein stets furchtbarer und berlegener Gegner blieb,
dessen Freundschaft zu erhalten, die gefgigsten Schritte gethan wurden, die dem
Uebermuthe, der damals schon Ludwigs Gesinnung ausschlielich zu beherrschen
begann, einen schrankenlosen Spielraum gaben.
    Nach fnfjhriger Trennung kehrte Leonin als Adjudant des Marschalls von
Louxemburg zu seiner Familie zurck. Die Marschallin war Oberhofmeisterin der
Prinzessin von der Pfalz geworden, der zweiten Gemahlin des Herzogs von Orleans.
Sie lebte fast immer am Hofe, obwol ihr jede Freiheit zugestanden war, die sie
sich selbst geben wollte. Immer mehr jedoch war der Hof eine Art Kultus
geworden, dessen Dienste sich weihen zu drfen, der Inbegriff aller Wnsche,
aller Bestrebungen ward. In dem Maae, wie sie durch die ihr gewordene
Auszeichnung ber alle ihre Feinde triumphirte, hoffte sie, ihre Familie auch zu
dem alten Glanze zurckzufhren, der durch die zweifelhafte Stellung ihres
Sohnes noch immer in Schatten gestellt blieb. Obwol unter den zahlreichen
Nachrichten von der Armee die gnstigsten ber Leonins Verhalten, seinen Muth,
seinen rastlosen Eifer einliefen, nimmer war eine Gelegenheit zu finden,
dieselben bis zu dem Knige zu fhren. Auer in diesem Zauberkreise
schmeichelten Alle der stolzen Mutter damit; in Gegenwart des Knigs aber
schwiegen Alle davon, weil Jeder wute, da, als einst Madame mit ihrer kecken,
deutschen Weise, die viel Gnade vor Ludwig fand, auf diesen Gegenstand kommen
wollte, der Knig sie verwundert angesehen, und als ob sie Deutsch mit ihm
gesprochen, ihr gar nicht geantwortet und ihr den Rcken zugekehrt habe.
    Jetzt sammelten sich die hohen Hupter der Armee wieder um den Knig, und
der Monarch, getragen und gehoben von dem Ruhme seiner Armeen, spendete Ehren,
Vermgen, Gunst und Auszeichnung jeder Art an seine Helden. Die Eroberung von
Mastricht und die Schlacht bei Montcastel, kurz vor dem Frieden, diesen so
bedeutend erleichternd, gaben dem Herzoge von Louxemburg ein besonders frisches
Andenken und ein eingerumtes Recht an die Gunst seines Knigs.
    Es war daher der Herzog von Louxemburg, der das Eis brach, auf dem Alle zu
fallen frchteten, und den Knig um die Erlaubni bat, ihm seinen Adjudanten,
den Grafen Crecy-Chabanne, dem er das Leben auf dem Schlachtfelde von Montcastel
verdanke, vorstellen zu drfen.
    Die Form war gut gewhlt, und diese beherrschte Ludwig immer despotischer;
er ward dadurch an nichts der Vergangenheit Angehriges erinnert, diese in seine
Willkr gestellt, und fr seine Erlaubni, im Fall er sie geben wollte, eine
Brcke gebaut, die blo den Marschall zu ehren schien und so gar nicht bersehen
werden konnte, ohne diesen zu krnken. Er neigte daher einwilligend das Haupt
und ging augenblicklich zu dem Ereignisse sebst ber, indem er den Herzog von
Louxemburg fragte, bei welcher Gelegenheit er in so dringender Gefahr gewesen
sei.
    Der Marschall hatte jetzt Veranlassung, Leonins Verdienst hervor zu heben,
welches er mit der hfischen Vorsicht that, welche es vermeidet, eine Meinung
bestimmen oder lenken zu wollen und nur, wie von dem Gegenstande gezwungen, die
Dinge vorzutragen scheint. Der Knig glaubte durchaus seine Ansicht hierber dem
Hofe entzogen und seiner Willkr berlassen, whrend schon Alle sicher waren,
Leonin werde sich eines gndigen Empfanges zu erfreuen haben. Doch tuschte
Ludwig, erfindungsreich in Nancen des Ceremoniels, welches immer mehr zur
karrikaturartigen Uebertreibung ausartete, auch hier seine Hflinge. Zwar durfte
Leonin die geweihte Schwelle des kniglichen Audienzzimmers betreten und in die
Reihen der gleich berechtigten Cavaliere treten; aber der Knig schien ihn
dennoch nicht zu sehen, obwol er bei seinen verhngnivollen Wanderungen ihn
sehen mute. Als er jedoch an dem Marschalle von Louxemburg vorber schritt und
dessen besonders bekmmerte Miene sah, rief er: Ah, Marschall, wir sollten den
Retter Ihres Lebens kennen lernen!
    Leonin beugte das Knie; der Knig betrachtete ihn einen Augenblick stumm,
dann hie er ihn aufstehen und jetzt sprach er zu ihm, wie zu einem vllig
fremden, nie gesehenen Manne; und indem er seine Handlungsweise lobte, verrieth
doch nicht die kleinste Aeuerung, da er ihn je frher gesehen habe. So
demthigend dies war, mute Leonin es doch fr eine Gnade ansehen; auch erhielt
der Herzog fr ihn ohne Einwendung die Besttigung zu einer Oberstenstelle, die
ihn jedoch nicht von der Person seines Generals trennte.
    Die Knigin empfing ihn dagegen ohne alle Zeichen der Empfindlichkeit.
Viktorine nahm ihren Platz unbestritten bei ihr ein, und niemals htte sie den
Gatten derselben zu krnken vermocht.
    Dazwischen sehen wir Leonin, sobald er Mue finden kann, den Weg nach St.
Sulpice einschlagen. Mit unbeschreiblicher Bewegung erreicht er das Gitterthor;
aber als es ihn einlt, verfolgt er nicht den Weg nach dem Stiftshause, sondern
wendet sich links und hat sich bald in die Klostergnge verloren, in denen ihm
ein voran schreitender Laienbruder die Zelle Fenelons ffnet.
    Tief athmend bleibt Leonin auf der Schwelle stehen. Es ist gegen Abend - die
Sonne scheint mild durch Rebengelnder in das geffnete Fenster. Auf einem
hlzernen Stuhle sitzt Femelon vor einem einfachen Tische, mit Bchern und
Schreibgerth bedeckt. Auf einem Bnkchen neben ihm steht ein Knabe von sieben
Jahren und liest nach Fenelons Anweisung in einem lateinischen Breviere. Der
Knabe wendet ihm den Rcken zu; aber er darf nur den reichen Heiligenschein
goldbesumter, brauner Locken sehen, um zu wissen, da vor ihm Fennimors Sohn
steht! Fenelon streckt dem Erwarteten, ber den Knaben hinweg, die Hand
entgegen. Auch dieser hrt den Eintretenden; er blickt zu seinem Lehrer auf,
dann wendet er rasch den Kopf, sieht den Fremden und ist mit einem Satze von dem
Bnkchen gesprungen. Auer sich, aber stumm vor Bewegung, steht Leonin vor
seinem Sohne! Er wagt nicht, ihn an sein Herz zu drcken; die maalose Wonne,
die ihn bei seinem Anblicke durchstrmt, ist zugleich der wahnsinnigste Schmerz.
Es sind Fennimors tiefblaue Augen; das zarte Oval mit dem s gerundeten Kinne;
dieser volle, lchelnde, blhende Mund mit den kleinen, weien Zhnen, dieser
Ausdruck zwischen Ernst und Schelmerei, dieser bezaubernd warme Farbenglanz!
    So sah er ihr Antlitz, als sie noch auf der Grenze der Kindheit ihm zuerst
entgegen trat! Der Knabe trug ein offenes Hemd, das ber Schultern und Brust
aufgeschlagen war wegen der Wrme des Tages und besonders anmuthig zu einem
Pagenkleide von blablauer Seide pate. So wie er seinen Satz gemacht hatte,
griff er nach seinem Barett und machte dann eine der kleinen, zierlichen
Verbeugungen, die kein Tanzmeister und Erzieher lehrt und die nur aus der
Schnheit des Krpers - aus dem befiederten Geist eines Kindes hervorzutreten
vermgen. Es war wieder Fennimors unaussprechlich schwebende Anmuth, ihr
wunderbarer Pathos zugleich!
    Fat Euch, sprach Fenelon mild - und umarmt dies Kind Eurer seligen
Freundin. - Reginald, fuhr er fort, sich zu ihm wendend, dieser Herr ist Dein
Vormund, den Du so liebst, weil er Dich hier erziehen lt.
    Das dachte ich! rief Reginald - und im Augenblicke sprang er Leonin um den
Hals. Jetzt hatte er ihn im Arme! An seine Brust gedrckt, durfte er ihn kssen,
ihm die sesten Namen geben - ber ihm die ersten Thrnen der lang
vertrockneten Augen weinen! - -
    Wir erzhlen inde, wie er hierher kam. - Als Reginald sein viertes Jahr
zurckgelegt, erklrte der Vikar Emmy Gray's Dienst bei ihm erledigt. Er
predigte tauben Ohren. Sie wollte das Kind nicht herausgeben, und fate den
finstersten Ha gegen den Vikar und seine Schwester, die sie zu diesem Schritt
in Gte bereden wollten. Reginald hatte sich krperlich und geistig krftig
entwickelt; aber Emmy hielt ihn wie einen Vogel im Kfig, und da sie selbst
weder schreiben, noch lesen konnte, so waren auch diese ersten Grundlagen dem
Kinde nicht von ihr beizubringen. Aber gerade, weil sie gegen diese Einwrfe
nichts zu erwiedern wute, verbaute sie ihren Willen mit dem hartnckigsten
Eigensinne; und die Geschwister, die Fennimors Kind nicht aufgeben konnten,
wendeten sich an den Grafen Crecy selbst, obwol dieser noch bei der Armee war.
    Dies brachte einen Entschlu in Leonin zur Reife, den er schon lange
genhrt. Er trat mit Fenelon ber die Erziehung seines Sohnes in
Unterhandlungen. In St. Sulpice wurde eine kleine Anzahl Kostgnger aufgenommen,
die den sehr ausgezeichneten Unterricht der Mnche und ihre moralische Leitung
genossen. Unter diese Zahl Reginald aufzunehmen, flehete Leonin Fenelon an. Doch
fand er hier den auffallendsten Widerspruch. Fenelon uerte die entschiedenste
Abneigung, sich in diese geheime Angelegenheit zu mischen. Er sagte ihm, da es
ihm unertrglich sei, ein Geheimni, von dem Viktorinens Lebensglck abhinge, zu
kennen, und da er wenigstens nichts damit zu thun haben wolle, da er es nicht
habe verhten knnen, so Viel davon zu erfahren. Doch Leonin lie nicht nach in
seinen Bitten, und endlich willigte Fenelon ein, aber nur unter folgenden
Bedingungen: Niemals sollte Viktorine das Verhltni des Kindes zu Leonin
erfahren - niemals dies Kind selbst, da Leonin sein Vater sei! Er untersttzte
diese Forderungen durch Grnde, die genugsam bewiesen, da selbst dem
aufgeklrtesten Katholiken immer die Stunde schlgt, wo er in dem Dnkel seiner
ihm allein berechtigt erscheinenden Kirche die Grenze findet fr christliche
Gesinnung; da vornmlich der Priester stets darauf zurckkommt, jede andere
Form des Bekenntnisses, als die seine, fr unzullich, ohne bindende Kraft
anzusehen, und da die Entscheidung ber Rechte - wie klar sie auch christlich
und sittlich der andern Kirche zugehren mgen - doch immer die Sttze der
ausschlieenden Berechtigung entbehren wird, die eben, als untrglich
angenommen, keiner Frage des Gewissens mehr unterworfen wird, und mit der
angewhnten Ueberzeugung zugleich die kaum eingestandene Furcht vor den
Zwangsmitteln dieser Kirche verbindet, mit welcher die kleinste Abweichung von
ihrer konsequenten Despotie sogleich unrettbar entzweit.
    Fenelon deutete wirklich an, da er Leonin's erste Verbindung nicht fr
gltig halten knne; darber aber dennoch Viktorinen, als ihr Beichtiger, die
Entscheidung erspart wissen wolle. Er forderte Leonin auf, dies Kind
vortheilhaft zu dotiren; doch durch keine weiteren Zugestndnisse sein Gemth in
falsche Richtung zu bringen - und Leonin gab nach!
    Der Vikar bekam Fenelon's Brief und Leonin's Entscheidung. Herr St. Albans,
der bejahrte Kastellan von Ste. Roche, entfhrte halb mit Gewalt das holde Kind
den Armen der verzweifelnden Emmy Gray und lieferte dasselbe in die Fenelon's.
    Leonin lie Emmy die Wahl, zurckzukehren oder zu bleiben. Doch wild wies
sie den ersten Vorschlag von sich. Sie hatte Nichts geliebt, als Fennimor; - mit
Widerwillen dachte sie an John Gray, ja, selbst an ihre kleine Tochter. Sie
sagte oft: Ich kann Nichts mehr lieben! Was sollen sie mit mir! Sie blieb im
Schlosse und bewachte die Zimmer, in denen ihr Liebling einst gelebt und htete
sie, und blieb der ganzen brigen Welt unzugnglich und bitter grollend.
    Dagegen blhete das herrliche Kind unter Fenelon's weiser Hand trefflich
empor. Er strzte sich auf den Unterricht, den er erhielt, mit der Begierde
eines Hungrigen; und sein Lehrer fhlte bald eine so warme, innige Zrtlichkeit
fr ihn, da er ihn in Allem selbst zu unterrichten anfing. -
    Nachdem Leonin den Rausch des Herzens durchgemacht, theilte ihm Fenelon mit,
da Viktorine, die ihre Andacht in St. Sulpice hielt, ihn gebeten habe, ihren
Sohn den Kostgngern des Klosters zuzugesellen. Er habe die Entscheidung
hinzuhalten gesucht bis zu seiner Rckkehr und frage jetzt um seine Meinung.
Augenblicklich willigte Leonin in diesen Plan, der ihm eine se Hoffnung gab,
die Brder vereinigt zu erziehen, vielleicht Freunde aus ihnen werden zu sehen.
Dies hoffnungsvolle Kind, sprach Fenelon - hat Viktorine mit dem Wunsche
erfllt, beide Knaben mit einander verbunden zu sehen, da Ludwig, ihr Sohn, von
zarterer Natur und von geringeren Fhigkeiten ist.
    Diese Nachricht war der erste Trost fr Leonin's darbendes Herz, und er
kehrte mit so verndertem Wesen zu Viktorinen zurck, da diese sich tief
gerhrt fhlte, da sie es dem Vergngen glaubte zurechnen zu mssen, mit welchem
Leonin ihren Plan fr die Erziehung ihres Sohnes auffate und mit ihr die
Ausfhrung desselben verabredete. Gottlob er liebt sein Kind noch! rief sie in
Thrnen der Freude, als sie allein war; dies Gefhl wird die Brcke werden, die
ber die Tiefe zwischen uns aufsteigen und sie verdecken mu!
    Auch gab es auerdem Familienfeste, denen Leonin sich nicht entziehen
konnte. Louise de Crecy sollte jetzt mit dem Marquis d'Anville, der den Feldzug
mitgemacht und nach dem Frieden zu seiner Familie zurckgekehrt war, vermhlt
werden. Das Glck, das ihrer wartete, schlo Louise nur noch inniger an ihren
Bruder. Sie konnte es nicht fassen, warum ihr sonst heiterer, immer mit ihr
scherzender Leonin so finster und ernst sei. Sie hing sich mit der jugendlichen
Hoffnung an ihn, sie werde ihn erheitern knnen, und Leonin mute sich
wenigstens in Etwas theilnehmend zeigen, um das geliebte Wesen nicht zu
schmerzlich zu tuschen. Er durfte sich berhaupt diesen Anforderungen nicht
entziehen, da es ihm, als Oberhaupt der Familie, zukam, seiner Schwester die
Honneurs zu machen. Man konnte in dieser Zeit nichts Schneres sehen, als den
Marquis d'Anville mit seiner Braut, und der Hof nahm selbst den
schmeichelhaftesten Antheil an dieser Erscheinung, welche Lebrun in einem
ausgezeichneten Bilde verewigte.
    Nach den vollzogenen Vermhlungs-Feierlichkeiten beurlaubte sich das junge
Ehepaar vom Hofe, und Leonin hatte nun Zeit, fr seinen Sohn die Einrichtungen
in St. Sulpice zu betreiben. Bald zeigte sich die geheime Hoffnung Leonins
erfllt. Beide Knaben schlossen sich mit grter Liebe an einander, und
besonders hatte Ludwigs Liebe fast etwas Leidenschaftliches und Schwrmerisches
fr Reginald; denn, sei es das eine Jahr, was dieser lter war, sei es ihre
auffallende Karakterverschiedenheit, genug, ungesucht wurde ihr Verhltni das
eines Beschtzers und eines Beschtzten.
    Wir verlassen hier den Kreis, den wir bisher Schritt vor Schritt verfolgten.
Es kommen in dem Leben jeder Familie Zeiten vor, die leer erscheinen und erst
mehrerer Jahre bedrfen, um Resultate zu zeigen. Eine solche trat hier ein. Es
wird weniger ermdend sein, uns aus den angegebenen Stellungen der Karaktere und
der Verhltnisse, die wachsenden Zustnde selbst zu erklren, als ihnen an der
kleinen Stufenleiter reizloser Begebenheiten nach zu klimmen - und so wollen wir
erst da wieder unsere Mittheilungen beginnen, wo wir Thatsachen anfhren knnen,
die ein Resultat der Vergangenheit sind und neue Katastrophen herbeifhren.

                                 Dritter Theil


Obwol Fenelon nicht mehr persnlich die Erziehung in St. Sulpice leitete, da
seine groen Fhigkeiten, nach mehreren, besonders durch den Knig ihm
bertragenen Missionen, ihn jetzt zum Erzbischofe von Cambray berufen hatten, so
behielt er dennoch ein leitendes Auge fr die dortigen Angelegenheiten, und vor
Allem fr Reginald und Ludwig - er erklrte die Erziehung der beiden jungen
Leute fr vollendet!
    Reginald hatte sein einundzwanzigstes, Ludwig sein zwanzigstes Jahr
erreicht; Fenelon fgte als Rath fr Beide hinzu, sie nicht zu trennen, sondern
vereinigt, wie ihre Herzen waren, sie auch gemeinsam auf Reisen zu schicken.
Dieser Vorschlag ward von dem Grafen Crecy und seiner Gemahlin mit vollstndiger
Zustimmung aufgenommen; - er verschob fr den Grafen den gefrchteten
Augenblick, den Jngling Reginald, der unter dem Titel des Chevalier de Ste.
Roche, als sein Mndel, bis jetzt noch von jeder Nachfrage seiner Verhltnisse
abgehalten war, zu einem neuen Lebensabschnitte gefhrt zu sehen, der die fast
nothwendige Frage enthalten mute, welcher Platz ihm zustehe, in der Welt
einzunehmen. Obwol der Graf Crecy einundzwanzig Jahre Zeit gehabt hatte, diesen
Augenblick zu berlegen, so hatte er ihn doch, seinem Karakter gem,
heranschleichen lassen, ohne fr seine Anfrage eine Antwort finden zu knnen;
und gnzlich beruhigt durch die Freigebigkeit, mit der er beide junge Leute
gleichmig ausstattete, war er sich nur bewut, diese sorglose Freiheit des
Reichthums ihm erhalten zu wollen, die nthige Form, in der sie ihm zu erhalten
wre, von seinem alten Troste, dem Zufall, erwartend. - Wir mssen annehmen, da
seine Gemahlin ebenfalls Grnde hatte, sich mit Fenelons Rath einverstanden zu
erklren, da wir ihr groes Vertrauen zu ihrem ehemaligen Lehrer kennen; doch
hatte die geheime Geschichte der zurckgelegten zwanzig Jahre, bis auf einige
Punkte, sie der Wahrheit immer nher gefhrt, und sie in Reginald einen Anspruch
an ihren Gemahl anerkennen lassen, den sie leise zu schtzen und zu frdern
suchte, und dies unbezweifelt aus einem Triebe ihres Edelmuthes; aber - wir
mssen es gestehen - zugleich auch, um sich dadurch jede mgliche Erklrung oder
Rechtfertigung abzuhalten; denn hier fhlte sie bestndig die Grenze ihrer
Selbstbeherrschung. Sie zitterte sogar vor sich selbst bei dem Gedanken, dies
unglckselige Geheimni wirklich zu kennen, und sie war zweifelhaft, ob sie es
ferner dann in Reginalds Erscheinung werde ertragen knnen oder drfen; da ihre
Vermuthungen nie so weit gingen, die Rechtmigkeit seiner Ansprche zu ahnen.
    So hatte denn der Graf Crecy volle Freiheit, die Dinge sich von selbst
machen zu lassen, und fand sich sogar berall von seiner. Gemahlin hierin
untersttzt.
    Die auffallende Thatsache, da Reginald den Namen der besonders dem Grafen
gehrenden Besitzung Ste. Roche fhrte, schien ihr nie auffallend. Sie zhlte
Reginald so bestimmt zu ihrem Hausstande, nahm so fest an, da jene Besitzung
ihm gehre, ohne diese merkwrdige Annahme je entschieden auszusprechen, da
damit viele andere Nachfragen, nach den Eltern oder den Berechtigungen
Reginalds, von selbst wegfielen.
    Auch mute die Marschallin von Crecy bei diesen Verfgungen, die sie
anfnglich mit dem grten Zorn erfllten, da sie ihr den unberechtigten
Jngling, dessen greres Recht sie hartnckig vor sich lugnete, viel zu sehr
begnstigten, endlich verstummen. Denn nachdem ihre Schwiegertochter jede
Anregung darber berhrt hatte, traf sie bei einem direkteren Angriffe hier auf
einen so maalosen Ausbruch von Zorn und Heftigkeit, mit so drohenden
Aeuerungen verbunden, da sie schnell einsah, eine deutlichere Erklrung wrde
die Gemahlin ihres Sohnes zu den uersten Schritten treiben, - sie wrde sogar
glauben, sie thun zu mssen - und die Marschallin hatte kaum noch Zeit, indem
sie jede erfahrene persnliche Beleidigung der Erzrnten bersah,
beschwichtigend einzuschreiten, wodurch die junge Grfin nun auch von dieser
Seite vllig Ruhe bekam. - Mit zarter Hand hatte Fenelon dagegen seine edle
Schlerin in dieser Prfung zu leiten und zu schtzen gesucht; selbst die
Beichte hatte nie den Namen fr das Geheimni des belasteten Herzens aufgedeckt;
allgemein war das Vertrauen des tief wohnenden Schmerzes, allgemein der Trost
des wrdigen Freundes! Beide kannten sich vollstndig, und es fehlte ihnen in
dieser schonenden Form nicht an ausreichendem Verstndni. -
    Nur der Gegenstand so vieler Vorsicht und Selbstberwindung blieb vllig
unbefangen und sorglos, diesen Verhltnissen gegenber. Er sah sich als eine
Waise an, dessen Eltern der Graf Crecy gekannt, und daher sein Vormund und
Verwalter seines Vermgens, wofr er die Besitzung Ste. Roche hielt, deren Namen
er trug, geworden war. Mit kindlicher Liebe hing er an dem Grafen Crecy, aber
fast noch mehr an der Grfin; denn das dstere, gedrckte Wesen seines Vormundes
pate viel weniger zu seinem raschen, glhenden Feuergeiste, als der lebhafte
Geist der Grfin. Auch liebte die Grfin ihn wirklich; sie liebte ihn mit der
schnen Unparteilichkeit, die sie seine seltenen Fhigkeiten erkennen lie; sie
liebte ihn zugleich als den Freund, als den Beschtzer ihres eigenen Sohnes, der
mit einer zarteren physischen Bildung, auch geringere geistige Gaben besa.
    Dieser Jngling lebte nur von der befruchtenden Glut seines geliebten
Reginald; er ward ergnzt, getragen, belebt durch ihn, und seine scharfblickende
Mutter sah bald den ganzen Vortheil dieser innigen Verbindung, und war Reginald
in der Stille dankbar fr einen Dienst, den jener nicht ahnte, und den beide
Jnglinge durch ihre innige Zuneigung fr einander sich bezahlten.
    Nur ein Wesen gab es in dieser friedlichen Ausgleichung, welches, jedem
friedlichen Zustande zrnend, am wenigsten ihn einem Hause gnnte, dem es
grollend gegenber blieb - es war der Marquis de Souvr, welcher trotz Alles,
was er erreicht, sich doch noch nicht genug gethan hatte und nie das Auge von
der Hoffnung abwendete, mit einem pltzlichen Schlage die Mine, die, von Allen
so sorgfltig verdeckt, dennoch unter ihren Fen weglief, dereinst in die Luft
sprengen zu knnen. Er war, wie zu erwarten stand, durch zunehmende Jahre nur
verhrteter und bswilliger geworden; von tausend ehrgeizigen Plnen
verscheucht, verachtete er Alles, was er erreicht, um seine vollstndige
Bitterkeit gegen die Welt fortsetzen zu knnen. Er rchte sich fr jede ihm
fehlgeschlagene Absicht an der ganzen Summe der menschlichen Gesellschaft; das
Individuum galt ihm fast gleich; denn jedes Gelingen beleidigte ihn, und er trat
demselben entgegen, so viel es mglich zu machen war. Ja, dies ward nach und
nach eine grere Beschftigung fr ihn, als seine eignen Angelegenheiten, da
er, ohne es sich einzugestehen, den Fluch der Snde erfuhr, gegen alle
erstrebten Vortheile mit Gleichgltigkeit und Ekel erfllt zu sein.
    Seit dem Tode der Knigin machte er Madame de Maintenon den Hof und gehrte
zu ihrem kleinen Zirkel, hier eben so, wie frher bei Madame Henriette und der
Knigin, gefrchtet und geschont. Er hatte den heiligen Geistorden und den
Kammerherrn-Schlssel, und Ludwig der Vierzehnte verfehlte niemals, wenn er ihn
sah, zu sagen: Was hat uns unser geistreicher Herr Marquis mitzutheilen? Er
mute sich selbst eingestehen, er werde es schwerlich hher treiben, und deshalb
gewann sein Karakter in der angedeuteten Richtung Strke und Dauer, und die
Menschen blieben ein tief von ihm verachtetes Werkzeug, mit dem er sich
herablie, nach Laune und Willkr zu spielen. Wir werden begreifen, da der
Marquis de Souvr aus dem Leben gemacht hatte, was er als seinen Inhalt annahm,
und da seine ganze Erfahrung eine fortgesetzte Besttigung dieser Annahme
schien. - Nur einen Punkt in seinem Leben gab es, an den er nie ohne ein
unfreiwilliges Erschrecken denken konnte; - es war die Erscheinung Fennimors! -
Wie sehr er sich auch bemht hatte, ihre wunderbare Ueberlegenheit zu
verlugnen, sie gering zu schtzen, sie zu besptteln und zu verachten, es
zeigte sich Alles unzureichend, wenn in unbewachten Stunden der Augenblick vor
ihm auftauchte, wo sie vor ihm stand, wie ein leuchtender Engel mit dem feurigen
Schwerte der Gerechtigkeit, und mit ihrem erhabenen Mitleiden und religisen
Grauen ihm ein Bild seines eigenen Zustandes vorhielt, in dem er sich,
berwltigt von der furchtbaren Gewalt der Wahrheit, erkannt hatte, und vor dem
ihn eine stets gelugnete Ueberzeugung seiner Verworfenheit ergriffen hatte. Er
erlebte, ohne es hindern zu knnen, die Strafe, sich an jedes Wort, jeden Zug
ihres Gesichtes, jede Bewegung erinnern zu knnen. Er mute der Erscheinung in
seinem Innern, wie gefesselt stille stehen; er hrte den Ton ihrer Stimme, er
mute sie begleiten, bis sie vor seinen Augen, wie er damals glaubte, starb. Er
hatte nie Aehnliches erlebt - dieser Tod hatte ihn nicht befriedigt, nicht an
ihr gercht; es schien umgekehrt - er lag wie eine Rache, die er erlitten, in
seiner Seele. - Er selbst war von diesem Platze entflohen, von einer Macht in
die Flucht geschlagen, die strker war, als er; er nahm die ganze Last einer
Verwerfung und Herabwrdigung mit sich, die er nie zu erleiden gedacht, und er
nahm sie mit, ohne sich seiner Empfindung nach gercht zu haben. Kam Souvr
Jahrelang nachher an diesen Punkt seiner Erinnerung, fuhr er in die Luft, wie
von dem giftigen Bisse eines Skorpions verletzt. Er konnte es kaum fassen! Da es
aber dasselbe blieb in seiner Ueberzeugung, warf er prfend den Blick umher und
suchte den Gegner zu entdecken, der mit diesem unverscheuchbaren Eindrucke
seiner Seele zusammen hing. Er fand ihn nur zu bald in dem Hoheit blickenden
Jngling mit den tief blauen Augen und dem braunen, goldbesumten
Heiligenscheine seines Lockenhaares. Wenn dieser Jngling, der ihn bestndig
reizte, alle Dmonen seines frivolen Geistes spielen zu lassen, ihn dann
pltzlich ernst und ruhig anblickte, fhlte er den Blitz, den Fennimor einst
ber ihn entzndete; und wenn er ihn hassend und zrnend doch selbst zu locken
schien, als ob der Dmon in ihm unter den Augen dieses Jnglings in Zuckungen
verfiele, so gelobte er sich eben so oft, diese einzige Gewalt seines Lebens,
die ihm ungebeugt gegenber gestanden, sollte dennoch von ihm gebrochen werden.
    Dies blieb auch das wohl befestigte Band zwischen ihm und der Marschallin
von Crecy. Beide waren auf der Geistesbahn, die sie erwhlt, nicht stehen
geblieben. Bitter grollend stand die Marschallin, eben wie Souvr, der Welt
gegenber, die es gewagt, statt siegreichen Gelingens, ihr so viel gescheiterte
Plne und Wnsche zu geben. - Obwol jetzt in hohem Alter, hatte sie noch keine
Schwchen desselben zu erleiden; und verknchert in den Formen ihres
Hofdienstes, schien sie fast dieselbe zu bleiben. Aber wo war der Glanz ihres
Hauses, den ihr Sohn um jeden Preis aufrecht erhalten sollte? Niemals hatte
derselbe seinen Hofplatz wieder eingenommen, also auch sein Ansehen in den
Zirkeln, die sie einst beherrschte, nie wieder erlangt. Seit dem Tode der
Knigin lebte ihre Schwiegertochter ebenfalls ganz vom Hofe entfernt; und da
Leonin dem Marschalle von Louxembourg nicht wieder in den Krieg gefolgt war,
setzten Beide ein, wie es der Marschallin schien, hchst unwrdiges Privatleben
fort, das sie vergeblich zu verndern getrachtet hatte und nur von Zeit zu Zeit
wieder zu stren versuchte, um mit derselben beleidigenden Ueberzeugung sich
zurck zu ziehen, da ihr Einflu hier an dem finster grollenden Eigensinne
ihres Sohnes und der kalten Ruhe ihrer Schwiegertochter scheitern msse. Dessen
ungeachtet entzogen sich Beide der Geselligkeit in dem Hause der Marschallin
nicht, und scheinbar blieb das vollkommenste Einverstndni. Aber wenn die
Marschallin, von immerwhrender Mibilligung gereizt, bedachte, wem sie das
Scheitern aller ihrer ehrgeizigen Plne danke, dann kam sie scharfsichtig
kombinirend endlich zu dem kleinen, unscheinbaren Punkte, den sie so tief
verachtet, so leicht zu erdrcken dachte, wie den Wurm unter ihrem Fue -
Fennimor, dies unberechtigte, geringe Wesen, dessen Ansprche ihr kaum der
Widerlegung werth geschienen, hatte doch mit seinem unbedeutenden Leben den
Boden untergraben, auf dem sie fest zu stehen glaubte; und sterbend noch schien
sie die Rache, alle Plne umzustrzen, die auf ihren Untergang berechnet waren,
vollfhrt zu haben. Von Leonin's Flucht bei der Nachricht ihres Sterbens, mute
die Marschallin den Verfall des Glanzes ihres Hauses herrechnen. Wenn sie an den
Morgen des Tauftages dachte, mute sie sich sagen, da ihr Herz, in stolzer
Befriedigung schwellend, ihr fast die Brust beklemmt habe; und wenige Stunden
nachher war Alles in einem Grade verndert, den sie in ihren Verhltnissen fr
unmglich gehalten hatte.
    Wir haben hier noch einmal die Veranlassungen zu ihrem Gemthszustande
berhrt, um uns dann um so deutlicher denken zu knnen, mit welchen Empfindungen
sie Reginald, mit dem beleidigenden Zunamen Ste. Roche, ansehen mute, der, wenn
ihm auch sein wahrer Name damit geraubt war, dennoch eine Begnstigung schien,
gegen die sie noch immer Vertilgungsmittel in ihrem Geiste aufsuchte, nie die
Hoffnung aufgebend, ihn aus Berechtigungen zu verdrngen, durch welche sie ihr
Haus fr beschimpft hielt.
    So viel als mglich, leugnete sie seine Gegenwart ganz. Sie hatte eine
Weise, ber ihn wegzublicken, ihn nie zu hren, jede Anregung Anderer
hinzunehmen, als sei sie auf diesem Punkte taub und blind, da es bis jetzt
unmglich geblieben war, den jungen Mann ihr vorzustellen, wodurch sie jede
Ermuthigung verhinderte, und ihr die Freiheit gesichert schien, ein nie
anerkanntes Verhltni zur gelegenen Stunde mit unvergebener Strke angreifen zu
knnen.
    Dessen ungeachtet ward es ihr nicht erspart, den Jngling so oft, als ihren
angebeteten Enkel sehen zu mssen. Da die jungen Leute an keiner Gesellschaft
Theil nahmen, war es nur der Mittagskreis beim Grafen Crecy, in welchem sie zu
gewissen Tagen erscheinen durften, und wo sie nur die nchsten Freunde und
Verwandte fanden, und welche Tage die Marschallin zuletzt nicht mehr versumte,
um sich mit Uebergehung Reginald's an ihrem Enkel zu entzcken.
    So bitter nun Souvr selbst den Chevalier de Ste. Roche hate, so war ihm
doch seine Gegenwart ein unendliches Ergtzen, der stolzen Marschallin
gegenber; und er hatte tausend kleine Kunstgriffe, um die feste Stellung seiner
geehrten Freundin zu erschttern oder das Maa des Unwillens, woran sie zehrte,
zu vermehren.
    Auch war Reginald selbst wie dazu geschaffen, diesen bsen Willen zu
untersttzen; denn es gab kein freieres, sorgloseres Betragen als das seinige.
Er bersah jede Unfreundlichkeit; denn er hielt sie fr unmglich. Kein Zug
seines Gesichtes oder seines Karakters erinnerte an seinen Vater; er war das
vollstndigste Bild seiner Mutter. Sein Anstand war so ausgezeichnet, da er
Jedem eine Art Erstaunen einflte; seine bezaubernde Hflichkeit, die von einem
seelenvollen Ausdrucke der Gte untersttzt ward, machte auf die ltesten und
vornehmsten Personen einen Eindruck, der sie unwillkrlich jede seiner
Aeuerungen mit einer Art Verbindlichkeit aufnehmen lie. Ohne da man
nachweisen konnte, wie es geschah, nahm er bald berall einen ausgezeichneten
Platz ein. Es war kein Zug von Anmaung in ihm; aber seine Unbefangenheit lie
ihn den Platz einnehmen, der ihm eingerumt ward. Er hatte die unschuldige
Freude der Entwicklung und schien seine jungen Krfte auf jedem Platze mit Lust
und Frische zu prfen. So ergriff er auch mit einer rhrenden Wrme und
Hingebung das Verhltni zu der Gemahlin des Grafen Crecy und zu dem jungen
Grafen Ludwig. Er nahm mit der sicheren Voraussetzung ihrer Liebe, ihr Vertraun,
ihre Theilnahme in Anspruch, und gab dafr mit reichen Hnden Alles, was er
selbst besa. Beide junge Leute waren unzertrennlich; Ludwig betete seinen
jungen Freund an, und Viktorine wute, da dies Gefhl bei ihm strker sei, wie
bei Reginald; denn sie hatte lngst erkannt, da dieser sie am meisten liebe.
Ebenso war Reginald im Kloster bei seinen Lehrern und Erziehern besonders
ausgezeichnet; er war ihr Stolz, ihr Triumph. Die jungen Leute aus der Fremde,
besonders aus England, aus den vornehmen Familien, die mit den Stuarts sich
verbannt hatten, und von denen einige den Vorzug erlangten, ihre Shne den
berhmten Mnchen von St. Sulpice anvertrauen zu drfen, fanden alle in dem
jungen Chevalier de Ste. Roche ein Vorbild, dem sie sich anschlossen. Seine
Ueberlegenheit sttzte sie Alle, und ihr ganzes Leben unter seiner heitern und
doch so edeln und sittlich festen Leitung fand Genu, ohne Tadel zu erwecken.
    Als die Marschallin von Crecy die Absicht erfuhr, beide junge Leute auf
Reisen zu schicken, that sie noch ein Mal Alles, was ihr an Macht im Hause ihres
Sohnes zustand, um diese unbegreifliche Unschicklichkeit zu hindern. Aber sie
drang auch dies Mal nicht durch und entschlo sich endlich, diesen Gegenstand
fallen zu lassen, um einen anderen, ihr wichtigeren verfolgen zu knnen.
    Sie fand nmlich bei der sorglosen und unwrdigen Art, wie beide Eltern die
hchst wichtigen Verhltnisse ihrer Familie vertraten, da sie in ihrem Enkel,
so viel es noch die ihr zugetheilten Lebensjahre zulieen, retten und schtzen
msse, was ihm dereinst zur vollen Aufrichtung des alten Glanzes dieses Hauses
behlflich werden knne; und dazu hielt sie eine Vermhlung fr das geeignetste
Mittel. Die Grfin La Fajette half aus eignem Familienstolze diese Wnsche
untersttzen. Ihre Tochter, die Grfin d'Aubaine, die Freundin Louise de
Crecy's, der jetzigen Marquise d'Anville, hatte glcklicher wie Louise, welche
mehrere Kinder verloren und erst jetzt zwei kleine Knaben heraufzog, drei
blhende Kinder, einen Sohn, den Aeltesten der Familie, und zwei hold
heranblhende Tchter, von denen die lteste, Franziska, diejenige war, welche
die Marschallin ihrem Enkel bestimmte. Dieser Plan fand bei den Eltern des
jungen Ludwigs keinen Widerspruch; doch verlangte die Grfin Crecy, da keine
Vorherbestimmungen statt finden sollten, den jungen Leuten freie Wahl bleiben
msse, und keine Kenntni dieser elterlichen Wnsche ihnen die nthige
Unbefangenheit rauben solle. Diesen Bedingungen gab die Marschallin mit stolzer
Geringschtzung nach und verfgte, da die Reise, die nunmehr festgesetzt ward,
mit einem Besuche bei Louise auf dem Schlosse Arconville, und mit deren Familie
vereinigt, alsdann bei dem Grafen d'Aubaine in Ardoise, anfangen solle. Bis
dorthin sollte der Marquis de Souvr die jungen Leute begleiten; dann sollten
sie sich zuerst nach England und Schottland begeben, und zwar in Gesellschaft
eines Freundes aus dem Collge von St. Sulpice, der, obwol bedeutend lter, als
beide Jnglinge, doch mit dieser Reise eine Zugabe seiner fr vollendet
erklrten Erziehung zu machen wnschte und in dieser Zeit der zrtlichste Freund
Reginald's ward. - Der Tod seines Vaters, der ihn zum Lord Duncan-Leithmorin
gemacht, forderte seine Rckkehr nach England, wohin ihn die Freunde, mit
Einwilligung des Grafen und der Grfin Crecy, zu begleiten versprochen hatten.
    Mit musterhafter Standhaftigkeit ertrug die Grfin Crecy den Abschied von
ihren beiden Lieblingen; denn ihre schnell herabgekommene Gesundheit gab ihr
eine schmerzliche Ahnung, da diese Trennung fr immer sein wrde. Aber wie sie
ihren Sohn aus ihren Armen lie, legte sie Reginald's Hand in die seinige, und
indem sie Beide segnete, sagte sie: Reginald, Sie werden meinem Sohne ein
treuer, liebevoller Freund sein - ich vertraue Ihnen mit vollster Zuversicht die
zartere Natur meines theuern Sohnes.
    Mit welchen Gefhlen kniete Reginald da vor der Frau nieder, die er am
meisten liebte, und sah sie mit glhendem Antlitze an - wollte ihr antworten -
und hatte Nichts, als feurige Thrnen, die er ihr nicht verbarg! Sie verstand
ihn, bog sich nieder und kte mtterlich seine Stirn.
    Beide traten ihre verhngnivolle Reise an. Wir finden die jungen Leute erst
in Ardoise wieder, wo sie in dem Kreise junger liebenswrdiger Gefhrten den
vollen Reiz der Jugend kennen lernten. Die Marquise d'Anville und ihr Gemahl,
der Graf und die Grfin d'Aubaine waren so vom Glcke begnstigt, so heiter und
sorglos, da sie noch jnger erschienen, als ihre Jahre angaben; und begnstigt
von der Freiheit eines lndlichen Aufenthaltes, theilten sie das frhliche Leben
ihrer Kinder und erhhten dadurch ihre Freude. Der junge Graf d'Aubaine hatte
sein zwanzigstes Jahr vollendet, die Grfin Franziska trat ihren sechzehnten
Sommer an, und eine vierzehnjhrige Schwester war das Schookind Aller, der
Armand und Leonce, die kleinen Knaben der Marquise d'Anville, sich anschlossen.
Auerdem zogen liebe Gste aus und ein. Der junge Lord Duncan ward von Allen zur
Familie gerechnet, und er fhlte sich hier um so weniger fremd, als er zwei
liebenswrdige Landsmnninnen fand. Gegen den Vater der einen, einer Mi Lester,
der jngeren Tochter eines Geistlichen, hatte Graf d'Aubaine eine Verpflichtung
der Dankbarkeit; da der wrdige Mann ihm bei seinen Reisen durch England in
einer gefhrlichen Krankheit durch treue Pflege das Leben gerettet hatte. Sie
blieben von da an in immerwhrendem Briefwechsel, und der wrdige Herr Lester
entschlo sich endlich, den Wunsch des Grafen d'Aubaine zu erfllen und seine
geliebte Margarith, die mit Franziska in einem Alter war, auf einige Zeit nach
Frankreich zu schicken. Dies geschah in Begleitung einer Mi Ellen Gray, die als
Pflegekind mit Margarith erzogen ward, und, bedeutend lter, ihr eine Art Schutz
werden sollte.
    Nur zu schnell verflossen hier ein Paar der glcklichsten Monate, und fast
Alle fhlten sich berrascht, als der Moment da war, der die lange festgesetzte
Trennung forderte.
    Aber man trennte sich nicht, wie man sich zusammen gefunden hatte. Das Loos
war geworfen. In dem heiteren Reigen der Jugend, in dem scherzenden Vertndeln
der Stunden, in einer Lebenszeit, die den Ernst und die Wichtigkeit desselben in
den Hintergrund drngt, hatte doch Jeder unbewut das Loos empfangen, was ber
seine Zukunft entschied; und erst, als die Stunde der Trennung schlug, erkannten
die Betheiligten, was sie erlebt!
    Auch hier hatte Reginald den ersten Platz eingenommen. Wie mit Zauber lenkte
er die Gemther! Nicht allein die Jugend hing ihm in Allem vertrauend an, selbst
die Aeltern theilten dies Gefhl. Jauchzend, voll Jugendlust flog Reginald,
jeder Anforderung gengend, von einem Platze zum anderen. Jede krperliche
Geschicklichkeit, nicht fr ihn allein, fr alle Anderen ausreichend, fhrte ihn
in das Interesse eines jeden Anwesenden. Seine Schnheit schien hier noch eine
neue Entwicklung zu erfahren; es trat jenes bezaubernde, glhende Feuer hervor,
welches das erste Stadium der Jugend berschritten anzeigt, und jeden Blick,
jede Bewegung zu einer khnen Herausforderung an das Leben macht, gegen dessen
geheimnivollen Inhalt eine zrnende Begierde hervortritt, die sich des Streites
mit ihm zu erfreuen denkt; und ohne da er es wute, jagte sich der kindlichste
Witz mit der glnzendsten Flle der Gedanken und Gefhle ber seine Lippen. -
Fenelon's Schler hatte Unterricht erhalten, der seine Geistesfhigkeit frei
entwickelt hatte - und ihr Zweck und Ordnung gegeben, die ihm schon jetzt ein
Resum von Bildung gab, das der Jugend oft so schwer wird, aus wst
eingehandelten Kenntnissen zu gewinnen, die nur zu oft ein ganzes Leben hindurch
einen beschwerten Zustand zurcklassen, der sich vergeblich auf das mhsam
gesammelte Material sttzt, das doch nicht Bildung werden will. Hiervon war
Nichts in Reginald; von der todten Masse der Eingangsform schon erlst, hauchte
das Wissen sein geistiges Fluidum in ihm aus und belebte und erzeugte das
Gegebene zu eigener Gestaltung; der Nachweis fand sich in seinen entwickelten
Gedanken, nicht in Jahreszahlen und Namensregister.
    Louise und ihr Gemahl ahnten sein besonderes Verhltni zu ihrer Familie;
die merkwrdige Dotation von Ste. Roche muten sie nothwendig darauf fhren.
Alle Uebrigen kannten diesen Umstand nicht; und die Besitzung Ste. Roche, die
fast nie als Crecy'sches Eigenthum genannt ward, schien selbst dem Grafen
d'Aubaine unbekannt, in dessen Nhe sie lag; es wurde ihm daher leicht, den
jungen Mann als Besitzer anzuerkennen, da Graf Crecy, als Vormund, ihn unter
diesem Titel ihm empfahl. Doch wurde er Veranlassung, da Reginald selbst darauf
aufmerksam ward; und ohne ber die auffallende Art nachzudenken, mit der sein
Vormund ihm die Nhe seiner angestammten Besitzung verschwiegen hatte, sprach er
seinen Wunsch aus, sie kennen zu lernen. Graf d'Aubaine untersttzte dies um so
mehr, da eine der jungen Englnderinnen, Mi Ellen Gray, sich verpflichtet
fhlte, ihre Mutter aufzusuchen, die, aus unbekannten Grnden, dort ihren
Aufenthalt hatte; was es fr sie sehr wnschenswerth machte, die Reise unter
Reginald's Schutz anzutreten. Doch hier schritt der Marquis de Souvr auf das
Entschiedenste ein. Er erklrte diesen Besuch ganz gegen den bestimmten
Reiseplan, fr den er, wenigstens so lange sie auf franzsischem Boden wren,
einzustehen habe; und Reginald, der stets eine ehrerbietige Nachgiebigkeit gegen
Aeltere hatte, fgte sich in diesen Ausspruch.
    Mi Ellen Gray reiste daher allein nach Ste. Roche ab, und Reginald schob
die Besichtigung seiner Besitzung bis zur Beendigung seiner Reise auf, indem er
sich von Ellen, die noch vor seiner Abreise zurckzukehren hoffte, versprechen
lie, recht Viel davon zu erzhlen; da er es sehr wnschte, damit die frhesten
Eindrcke seiner Kindheit aufzufrischen, die ihm immer einen reizenden
Aufenthalt in Mitten eines Waldes vorspiegelten, wo er an einem seltsamen
Schlosse kleine Treppen erklettert war, die um einen Thurm liefen, von einer
alten Frau behtet, welche ihm dann schne Frchte schenkte.
    Auch traf Mi Ellen Gray einen Tag vor der Abreise der jungen Leute in
Ardoise wieder ein, wie es schien, wenig befriedigt von ihrem Aufenthalte; da
Mistre Gray, ihre Mutter, keine Freude bei ihrem Wiedersehen gezeigt hatte und
mehr ihre Abreise, als ihr lngeres Bleiben zu betreiben schien. Auffallend war
es, wie der Marquis de Souvr Mi Gray bei ihrer Ankunft ausschlielich in
Anspruch nahm und die kleine, unbedeutende, gebrochen franzsisch sprechende Mi
Gray zum Gegenstand einer Aufmerksamkeit machte, als habe er erst jetzt ihr
Verdienst erkannt und sie damit zu gleicher Zeit zu seiner ausschlielichen
Gefhrtin erhoben. Es ging aber aus dieser besonderen Auszeichnung natrlich
hervor, da er berall in ihrer Nhe blieb und ihr ziemlich ungeschicktes
Bestreben, sich Reginald zu nhern, abzuwhren wute. Doch scheiterte der
Marquis endlich mit seiner ganzen Feinheit an der listigen Beobachtungsgabe
dieses etwas derben und dreisten Mdchens, die sehr bald, seine Aufmerksamkeiten
fr Spott und Hohn haltend und blo die Absicht darin sehend, sie von ihren
jungen Freunden zu trennen, ihm den Streich spielte, whrend einer kurzen
Unterredung des Marquis mit einem Anderen, ihm zu entwischen, ohne Bedenken zu
Reginald hinzulaufen, ihn mit sich nach der Bibliothek zu ziehen und diese eilig
hinter sich zu verschlieen. O hrt, hrt, ehe der listige Mann mir wieder
nachrckt! rief sie athemlos; meine Mutter ist die alte Frau, die Euch in
Eurer Jugend pflegte; sie beschwrt Euch, nicht abzureisen, ehe Ihr nach Ste.
Roche gekommen seid; - sie hat Euch ein groes, wichtiges Geheimni zu
entdecken, von dem Euer ganzes Lebensglck abhngt. Aber Ihr mtet selbst
kommen - und solltet Euch um Gotteswillen vor dem abscheulichen Marquis de
Souvr hten; denn er habe Eure Aeltern ins Unglck gestrzt!
    Reginald blickte das kleine, hastige Mdchen, das so unweiblich lebhaft und
bereilt ihm ihre Mittheilungen machte, mit einem nicht zu beherrschenden
Ausdrucke von Mibehagen an, und es ward ihm fast unmglich, darauf einzugehen.
Sie waren so geheimnivoll, Argwohn erregend, da sie ihn aus seiner ganzen
bisherigen Stellung und Gemthsstimmung zu reien drohten, wenn er ihnen Glauben
schenkte. Er, der bis zu diesem Augenblicke das Mitrauen nur dem Namen nach
kannte, konnte es unmglich durch diese Mittheilungen in sich aufnehmen. Er
hrte daher nur hflich zu, ohne die Alteration des jungen Mdchens theilen zu
knnen, und bat sie endlich, ihre Mutter von der Unmglichkeit zu unterrichten,
jetzt nach Ste. Roche kommen zu knnen; da die Abreise nach England fr den
andern Morgen festgesetzt sei, und es nicht mehr in seiner Macht stehe, dies
abzundern. Bei seiner Rckkehr werde er dagegen den Besuch von Ste. Roche als
eine Pflicht ansehen und sich dann sehr freuen, seine alte Pflegerin
wiederzusehen.
    Ellen Gray hatte einen Anlauf zu ihren Mittheilungen genommen, der ihr
vollstndig durch die Wichtigkeit, die sie denselben beilegte, gerechtfertigt
schien; jetzt sah sie sie ziemlich kalt und ohne das erwartete Erstaunen
aufgenommen. Sie fhlte sich dadurch beschmt und ward bei ihrem empfindlichen
Karakter sehr beleidigt.
    Ganz nach Ihrem Belieben, mein Herr! sagte sie, hochroth werdend; ich
habe blo meine Schuldigkeit gethan, blo den Befehl meiner Mutter erfllt, die
allerdings klger scheint, als manche anderen Leute, und durch ihre Jahre wohl
berechtigt, Dinge zu wissen, von denen die Jugend sich Nichts trumen lt.
Jetzt mu ich berdies sehr um Verzeihung bitten; denn ich habe noch die letzten
Stunden mit Grfin Franziska gestrt.
    Vergeblich war Reginald bemht, die Beleidigte aufzuhalten oder zu
vershnen. Sie enteilte, ihn empfindlich grend, und hatte die Gesellschaft
erreicht, ehe der Marquis ihre kurze Abwesenheit inne ward.
    Dagegen mssen wir gestehen, da Reginald von dem ganzen Zusammensein mit
Mi Gray nichts behalten hatte, als ihre letzten Worte. Das Nahen der Abreise
hatte sein Herz erfat und die Ueberzeugung, Franziska d'Aubaine mit allen
Krften seiner Seele innig zu lieben, besttigt. Seit diesem Morgen ihrer
Gegenliebe gewi, trug er in seinem hochschwellenden Busen das hchste Glck,
bedroht von dem Schmerze der nahen Trennung! - Es war kein Augenblick, sein
Interesse in Anspruch zu nehmen fr eine trbe, Argwohn erweckende Richtung.
Viel nher lag es ihm, dem Grafen d'Aubaine in die Arme zu eilen und um seine
Tochter ffentlich zu werben; aber seine Jugend machte ihn schchtern; er hielt
sich des Glckes nicht werth, das er begehrte - er wollte durch Reisen
entwickelter werden und dann seine Stellung zu erheben suchen fr den Anspruch,
den sein Herz machte. Auch war dies die Bitte der von ihren Gefhlen
berraschten, kindlichen Franziska; und sie entschied ber ein Schweigen, so
heilig und s, wie die Andacht ihrer unschuldigen Herzen!
    So verlieen die jungen Leute, in Gesellschaft Lord Duncan's, Ardoise, das
sie erst nach zwei Jahren wiedersehen sollten; und wir mssen es gestehen, alle
Drei das Bild der schnen Franziska d'Aubaine im Herzen tragend.
    Der Marquis de Souvr aber eilte nach Paris zurck.
    Madame, sagte er zur Marschallin von Crecy, Ihr Enkel hat mir seine Liebe
zur jungen Grfin d'Aubaine gestanden und ist entzckt ber die Plne seiner
Gromutter.
    Er hielt inne und lie sie erst den Triumph verrathen, den das Gelingen
ihres Planes ihr machte - dann fuhr er fort: Doch, wie berall, steht auch hier
der Chevalier de Ste. Roche im Wege - entschieden war der Vorzug, den die junge
Dame dem sterblich in sie verliebten jungen Manne gab, und der Zufall machte
mich zum Zeugen ihrer gegenseitigen Liebeserklrung.
    Mit verbindlichem Lcheln beobachtete er das aschfarbene Erbleichen der
Marschallin, welches pltzlich, durch die Schminke durch, sich in glhende Rthe
verwandelte.
    Und Sie - Sie lieen das zu? stotterte sie endlich.
    Ich kannte Ihre Absichten nicht - ich frchtete voreilig zu sein!
erwiederte Souvr lchelnd.
    Die Marschallin verstand vollkommen seine Absicht und war schnell gefat.
Sie hatten Recht, Marquis, sagte sie ruhig, ich werde Alles selbst ordnen und
darf um so weniger an dem Gelingen zweifeln, da es nicht die erste Angelegenheit
ist, die ich nach meinem Willen lenkte.
    Ohne Zweifel werden Euer Gnaden es ganz in Ihrer Willkr haben, erwiederte
Souvr verbindlich, wenn man an das glnzende Beispiel denkt, welches das
Schicksal Ihres Herrn Sohnes darber zum Belege fhrt.
    Ein glhender Blick bitteren Hasses fuhr aus den Augen der Marschallin. Aber
sie durfte Souvr nicht verstehen, um nicht noch mehr in Nachtheil zu kommen;
und wnschte auch zu lebhaft, von den Vorfllen in Ardoise unterrichtet zu
werden, um ihren bswilligen Vertrauten nicht schonen zu wollen.
    Sie erfuhr nun den glnzenden Eindruck, den Reginald in Ardoise
hervorgebracht, ohne alle Schonung und Milderung, und eben so auch die
Anwesenheit der beiden jungen Englnderinnen, die, in einem gefhrlichen
Zusammenbange mit der Bewohnerin von Ste. Roche stehend, ihr eine nicht
ungegrndete Besorgni einflten; doch, bevor noch der Marquis seine Erzhlung
geendet, hatte die Marschallin ihren Plan entworfen, dessen Resultat uns nicht
erspart bleiben wird.

                                     * * *

Ein Jahr nach der Abreise ihres Sohnes blieb ber den Zustand der Grfin Crecy
kein Zweifel mehr, und das Frhjahr des zweiten Jahres senkte die ausgezeichnete
und edle Frau in ihr frhes Grab. Ihre Aeltern waren ihr Beide vorangegangen,
und sie hatte in der Marschallin nie einen andern Anspruch anerkannt, als den
der ueren Sitte. Ihr Gemahl betrauerte sie mit der ganzen dsteren Melancholie
eines Gemthes, das sich kaum das Recht zugesteht, was den Schmerz selbst zu
einem sen Eigenthume machen kann. Fenelon hatte ihre letzten Stunden beseligt
und den Athemzug gehrt, der sie vom Leben trennte; er hatte keine Thrne fr
die Verklrte - begeistert schaute er ihr nach! Eine se Befriedigung lag in
dem Glauben, da sie ihn jetzt ganz erkennen werde - und er schmckte seine
Seele mit Frieden und Seligkeit, um wrdig zu sein, wenn sie sich zu ihm nieder
neige.
    Der Schmerz der Abwesenden war gro - und mit der ganzen Energie der Jugend
hielten sie ihn fest, und bertrugen ihn lange auf alle ihre Zustnde.
    Der Graf Crecy zog sich in die tiefste Einsamkeit zurck; er ward immer
dsterer, menschenscheuer und argwhnischer; aber die Marschallin fing nach dem
Tode seiner Gemahlin wieder an, in ihrem Einflusse zu steigen, und da sie kluger
Weise sein Bedrfni nach Ruhe nicht strte, berlie er ihr die Handhabung der
Verhltnisse, die darber hinausreichten; und so gewann sie das Feld, was sie
nthig hatte.
    Mit kluger Umsicht bestimmte sie die Familie d'Aubaine, den Winter am Hofe
zu leben; sie hoffte dadurch sowol Franziska, als ihren Aeltern die Weihe fr
ihre Plne zu geben und sie den wahren Standpunkt, auf den sie ihr Rang und ihre
Ansprche beriefen, erkennen zu lassen; da sie frchtete, da ihr lndlicher
Aufenthalt sie etwas den Ansichten entzogen haben knnte, die zu behaupten, ihr
die erste Pflicht einer solchen Familie schien. Auerdem mute dies nothwendig
eine Folge haben, die sie sehnlichst wnschte - entweder die beiden englischen
Mdchen, deren Rang ihnen keinen Anspruch an die Hofverbindungen der Familie
gab, ganz von ihnen trennen und sie nach ihrem Vaterlande zurckfhren, oder, im
Falle sie dieselben bei sich behielten, doch eine Trennung von ihren
Verbindungen in Ste. Roche veranlassen. Dieser letztere Fall trat ein; Mi
Lester und Ellen Gray begleiteten die Familie, und es ist leicht zu denken, mit
welchen Augen die Marschallin zwei Mdchen betrachtete, die in so naher
Verbindung mit dem Schicksale ihres Hauses standen. - Unter diesen Umstnden
gereichte es ihr zur ungemeinen Erleichterung, da ihr Sohn sich whrend des
ganzen Winters aller Geselligkeit bestimmt entzog; und wenn sie auch mit
Unwillen sah, wie sein Karakter verwilderte, so hatte sie doch immer mehr die
Plne ihres Ehrgeizes in ihm geliebt, als ihn selbst, und indem sie diese auf
ihren Enkel bertrug, verlor ihr Sohn, der gewagt sie darin zu betrgen, die
Kraft, sie durch seinen Zustand zu krnken.
    Nicht ganz so glcklich war sie in Bezug zur Familie d'Aubaine. Nicht, wie
sie gehofft, lie sich dieselbe fr das ganze Jahr am Hofe festhalten, sondern
bezog, nachdem sie den Sommer auf dem Stammschlosse zugebracht, gegen den Herbst
das in jagdreichen Wldern versteckte Ardoise. Doch hielt der Graf dessen
ungeachtet die verabredete Verbindung fr abgeschlossen und erlaubte seiner
Gemahlin, der Grfin Franziska die Absichten der Aeltern mitzutheilen.
    Betubt von Schmerz und Schrecken, bis ins tiefste Innere erschttert, hrte
die unglckliche Franziska diese Erklrung, die sie von allen Hoffnungen ihres
jungen Herzens fr immer zu trennen drohte; und zu aufrichtig und natrlich, um
sich beherrschen zu knnen, erfuhr die Mutter in demselben Augenblicke ihr
Geheimni.
    In der Zeit, in welcher diese jungen Leute sich durch ihr Herz wollten
leiten lassen, gab es fast keine andere Art ehelicher Verbindung, als die,
welche Aeltern unter einander beschlossen, und keine anderen Ueberlegungen, als
die dabei zu bedenkenden ueren Verhltnisse. Nicht Bildung, nicht Gte des
Herzens oder Liebe zu den Kindern vernderte dies ruhig geordnete System aller
vornehmen Huser, und die daraus entstehenden Schein-Ehen, die in dem
berhandnehmenden Zustande der Sittenlosigkeit der hheren Stnde vollkommen
Platz fanden und ihre Ausartungen untersttzten, machten Niemanden aufmerksam
auf diese gewissenlose Procedur. Hier trat jedoch eine kleine Abweichung ein,
die besonders Reginald's Persnlichkeit zuzurechnen war. Beide Aeltern hatten
ihn selbst so ausgezeichnet gefunden, da eine Art von Verstehen mit dem Gefhl
ihrer Tochter, eintrat. Sie htten sich zufrieden gefhlt, wenn Reginald der
Graf von Crecy gewesen wre - und hatten Theilnahme fr die Wnsche Franziska's.
Es konnte jedoch nur in so fern davon die Rede sein, da sie erwarten wollten,
ob bei der Anwesenheit der beiden jungen Leute, wie aller Familienhupter, sich
eine Auskunft treffen lasse, vorausgesetzt, da die Familienverhltnisse des
ziemlich unbekannten jungen Mannes eine solche Mglichkeit berhaupt denkbar
machten. Diese gromthige Zusicherung der Aeltern, die sie ber ihr Jahrhundert
erhob, rettete Franziska's Herz vor dem langsam zehrenden Gifte hoffnungsloser
Liebe und lie sie greres Vertrauen fassen, als es den Aeltern mglich gewesen
wre, erwecken zu wollen.
    Die Ankunft der Marschallin von Crecy, die, wie sie vorgab, in Ardoise ihren
Enkel empfangen wollte, belebte diese Hoffnungen nicht sehr; denn sie trat
sogleich mit der entschiedenen Haltung auf, die ein festgestelltes Verhltni
andeutet, und Franziska fhlte, da sie von ihr als ihre Enkelin behandelt
wurde, als wre keine Zurckhaltung mehr nthig.
    Die gefate Frau bersah den Vortheil, den die Gegenwart ihr bot, fest
entschlossen, eben so die Zukunft zu bewachen und keine Strungen mehr zu
dulden. Zwei lstige Zugaben waren wenigstens entfernt; Mi Lester war nach
England zurckgekehrt, Ellen Gray war als Braut zwar geblieben; aber jetzt
bereits mit dem Sohne des verstorbenen Kastellans St. Albans verheirathet. -
Dessen ungeachtet begehrte die Marschallin von ihrem Sohne, da er an Reginald
den Befehl schicke, den Grafen Ludwig nicht nach Ardoise zu begleiten, sondern
zu ihm nach Paris zu kommen.
    Gewi wrde Reginald den Befehl seines Vormundes erfllt haben, wie schwer
es ihm auch in diesem Falle gewesen sein wrde; aber die Botschaft des Grafen
verfehlte ihn.
    Die Sehnsucht, Ardoise zu erreichen, die Beide uneingestanden in gleichem
Maae fhlten, hatte sie ihre Reise so beeilen lassen, da sie um zwei Tage
frher eintrafen, als sie erwartet wurden.
    Dieses pltzliche Erscheinen brachte den Plan der Marschallin, durch einen
schnellen Abschlu der Verlobung Alle zu berrennen, zuerst aus dem Gleise. Die
ganze Sache ward nun in eine natrlichere Bahn geleitet. Franziska und Reginald
sahen sich in einem Zeitpunkte der Jugend wieder, wo zwei Jahre Trennung nur
vortheilhafte Vernderungen mit sich fhren. Erstaunen und Entzcken war der
leuchtende Gru ihrer Augen; - und die Marschallin konnte nicht hindern, da ein
flchtiges Wort die unvernderte Gesinnung verrieth, welches Franziska, noch von
leisen Hoffnungen genhrt, anhren durfte.
    Aus dem Empfange, der Reginald von der ganzen Familie zu Theil ward, stieg
eine unbeschreiblich zrnende, befrchtende Stimmung fr die Marschallin auf;
und nach einer kurzen Ueberlegung mit dem Marquis de Souvr, der sie begleitet
hatte, lie sie den Vater Franziska's zu sich einladen.
    Graf d'Aubaine, hob sie sogleich an - ich habe Ihnen eine Entschuldigung
zu machen, indem ich frchten mu, da Sie, bei der groen, unbedachtsamen
Schwche des Grafen und der verstorbenen Grfin Crecy, fr den jungen,
unberufenen Menschen, den Sie Chevalier Ste. Roche nannten, mich beargwhnen
knnten, ich mache mich derselben theilhaft, indem ich seine Anwesenheit hier
gut heie. - Dem ist indessen nicht so. Ich habe diesen jungen Menschen, der gar
keine Anrechte hat, sich in unsern Zirkel zu drngen, nicht allein stets so
behandelt, wie es mir zukam, sondern auch jetzt darauf gedrungen, da er sich
hier nicht abermals in Ihr Haus eindrnge und ihm der Befehl entgegen geschickt
werde, direct nach Paris zu gehen. Der junge Mensch giebt indessen vor, diesen
Befehl nicht erhalten zu haben, was ich genthigt bin zu glauben, da es mein
Enkel besttigt; so ist seine Anwesenheit zu erklren, und hoffentlich rechnen
Sie mir diese unpassende Gesellschaft nicht ferner zu.
    Ich bin nicht wenig erstaunt, meine Gndigste, erwiederte Graf d'Aubaine
mit wirklicher Unruhe, eine solche Erklrung ber einen jungen Mann zu hren,
den ich, wegen der Vorzge, die man ihm in Ihrer Familie gestattete, allerdings
durch seine Geburt fr dazu berechtigt hielt. Ich kann nicht lugnen, da ich es
nicht ganz zu entschuldigen wei, da Graf Crecy mir darber nicht frher einen
Wink gab; da ich ohne Zweifel seine Verhltnisse zu uns alsdann vorsichtiger
gestellt haben wrde. Doch sagen Sie mir, Frau Marschallin, wer ist dieser junge
Mann?
    Das mag Gott wissen, sprach die Marschallin entschlossen; - irgend ein
Findling, ein Sprosse unerlaubter Verbindung, ber die meine Schwiegertochter
oder mein Sohn Grund zu schweigen hatten. Sie wissen, da Beide voll
berspannter Ansichten waren. - Anstatt aus einer so dunkeln Kreatur einen
Kammerdiener meines Enkels zu bilden, zogen sie es vor, einen Spielkameraden
daraus zu machen, ihn endlich erziehen zu lassen, als habe er Ansprche, und die
Unschicklichkeit hinzu zu fgen, ihn zu den Gesellschaftskreisen ihres Sohnes zu
erheben.
    Ich gestehe, sagte Graf d'Aubaine, aus mehr als einem Grunde gekrnkt -
da ich dies eben so wenig, wie Euer Gnaden billigen kann. Der junge Mensch
selbst wird diese Ueberhebung zu ben haben! Er ist jetzt in dem Alter, wo
seine Berechtigungen geprft werden, und es ihn dann sehr berraschen wird, sie
in Nichts zerfallen zu sehen.
    Mag er denn die Strafe seines Uebermuthes tragen, erwiederte die
Marschallin kalt, wenn wir nur unsere Gesellschaft gegen solche Befleckungen
rein erhalten! Ich wrde ihm befehlen, augenblicklich nach Paris abzureisen,
wenn ich nicht dadurch gezwungen wrde, von meinem bis jetzt gegen ihn befolgten
Systeme, ihn berhaupt nie zu bemerken, abzugehen; denn bis jetzt habe ich seine
usurpirte Gegenwart noch durch keinen Blick, oder gar durch Worte anerkannt. -
Da der Aufenthalt meines Enkels berdies nur zwei Tage dauern kann, weil die
Zeit der groen Prsentation in Versailles damit herangerckt ist, so denke ich,
beachten wir, wenn Sie bis dahin diesen Migriff zu lenken bernehmen, seine
Gegenwart nicht; und in Paris, bei der Stellung, die der junge Graf dort
einnehmen wird, mssen sich ihre Wege von selbst trennen, und wir werden diesem
Menschen nicht mehr begegnen.
    Wie, rief der Graf d'Aubaine, nur so kurze Zeit wird die Anwesenheit des
Grafen Crecy dauern? Wissen Sie wohl, meine Gndigste, fgte er lchelnd hinzu
- da wir bis dahin noch Viel zu thun haben?
    So scheint es, mein lieber Graf, erwiederte die Marschallin geschmeichelt;
- und da ich Sie nicht miverstehen kann und als Reprsentantin des Werbenden
billig zuerst reden mu, so wollen wir uns, wenn es Ihnen beliebt, zur Grfin
d'Aubaine begeben - ich will dort meinen Vortrag halten.
    Er bot ihr den Arm, und Beide begaben sich, vllig eines Sinnes, zu dieser
so wichtigen, so entscheidenden Zusammenkunft, die das Lebensglck zweier
Menschen bestimmen sollte, ohne da man ihrer Ueberzeugung nachgefragt htte.
Dem Grafen d'Aubaine kam in der That nach dem, was er so eben vernommen, kein
Zweifel ber die Stellung ein, die er allein noch fr passend halten konnte;
denn indem wir ihm das Zeugni des besten Menschen und Vaters geben mssen,
konnte er doch unmglich seiner Zeit so entwachsen sein, um durch persnliches
Verdienst den Standesunterschied fr ausgleichbar halten zu knnen. Er fhlte
mit Unwillen den Migriff, diesen jungen Mann ohne voran gegangene Sicherheit so
nahe gezogen zu haben und dachte mit vterlicher Liebe daran, Franziska die Last
der Beschmung zu erleichtern, die es ihr, wie er voraussetzte, machen mute,
wenn sie erfuhr, wie unberechtigt der Gegenstand war, dem sie Einflu auf ihr
Gefhl zugestanden hatte. Um jedoch seiner unvorbereiteten Gemahlin einen
lenkenden Wink zu geben, hob er nach den Empfangsfeierlichkeiten sogleich an sie
zu bitten, auch ihrerseits die Frau Marschallin ber ihre Besorgnisse in Bezug
auf den Begleiter des jungen Grafen Crecy zu beruhigen, indem er das
herabsetzende Bild, welches die Marschallin entworfen, noch ein Mal vor seiner
Gemahlin aufrollte. - Die Wirkung konnte bei ihr nicht viel anders sein, wie bei
ihrem Gemahle. Die Marschallin hllte sich in einen Schwall von Worten und
schien weiter nichts zu sehn; aber sie bemerkte sehr wohl den Blick, mit dem
beide Ehegatten sich mit einer Art von Entsetzen verstndigten, und sah darin
die Besttigung, wie nthig dieser beeilte Schritt gewesen.
    Als die Eltern darauf in aller Form den Heirathsantrag ihres Enkels von der
Marschallin entgegen genommen und ihre Einwilligung ohne weitere Beschrnkung
auf Franziska gegeben, ward der junge Graf Ludwig gerufen, und die Marschallin
verkndigte ihm sein Glck, was er mit dem vollen Entzcken eines jungen,
verliebten Mannes aufnahm.
    Damit mute er sich jedoch vorlufig begngen; denn die Grfin d'Aubaine
wollte ihre Tochter, wie sie sagte, erst auf den Besuch ihres Verlobten
vorbereiten, und der junge Graf war genthigt, die Abendtafel an der Seite
Franziska's zuzubringen, ohne seine Gefhle verrathen zu drfen.
    Als man sich fr die Nacht getrennt hatte, beschied die Grfin d'Aubaine
ihre Tochter nach ihrem Zimmer, und hier erfuhr die unglckliche Franziska, da
sie mit dem Grafen Crecy verlobt sei! Die Grfin d'Aubaine sah, wie ihre Tochter
unter ihren Worten erbleichte und mit trben, hinsterbenden Blicken das
mtterliche Auge suchte; sie eilte daher, ihr Alles zu sagen, was sie fr
hinreichend hielt, die migeleiteten Wnsche derselben auszulschen, und es
erfolgte eine Erklrung ber Reginald, nach der Angabe der Marschallin.
    Das war zu Viel! Denn Franziska war in den Ansichten ihres Standes erzogen;
sie wute, da es gegen einen solchen Makel der Geburt, wie hier angedeutet war,
keine Rettung gab - da der Tod sie nicht sicherer trennen knnte, als solche
Stellung zum Leben. Aber dieser Gewiheit gegenber stand Reginalds Bild in
einer Bevorrechtung der Natur, die jeden Vorzug, den ihr Herz und ihr Verstand
ihm eingerumt, so vollstndig rechtfertigte, da sie sich sagen mute, ein
Irrthum sei es nicht gewesen, nur ein entsetzliches Schicksal! Dies Gefhl
erfate sie mit vollster Strke, und schluchzend strzte sie zu den Fen ihrer
Mutter.
    Ob die sanfte Grfin d'Aubaine ihre Tochter ganz verstand, bleibt dahin
gestellt; vielleicht glaubte sie auch, Franziska weine aus Beschmung; - und es
waren milde, gtige Worte, die sie, mtterlich erweicht, ziemlich ins Ungewisse
hinein ber die heftig Weinende sprach. Jedenfalls erzeigte sie ihr die
Wohlthat, ihre Thrnen nicht durch voreilige Ermahnungen zu hemmen; - und so
weinte die Unglckliche die erste Herbigkeit des Schmerzes vor ihrer Mutter aus.
    Wie die Nacht gewesen, die dieser spten, traurigen Entdeckung folgte, war
dem leicht zu errathen, der am anderen Morgen das bleiche Antlitz der schnen
Franziska erblickte.
    Aber es ward theils mit Absicht, theils aus Unbefangenheit bersehen; die
Verlobung der beiden jungen Leute ging vor sich, und Franziska sah in einem
trumerisch betubten Zustande so ruhig und kalt, wie ihre Hand in die des
ungeliebten Jnglings berging, als sehe sie einer fremden, ihr durchaus
gleichgltigen Ceremonie zu. Wenn Etwas diesen Schritt Franziska erleichterte
und Etwas dem Glcke des jungen Grafen Crecy fehlte, so war es die Abwesenheit
Reginalds, die schon am Abende vorher bemerkt ward. Fr den andern Morgen war
die Abreise Beider festgesetzt, und sein pltzliches Verschwinden um so
auffallender, da er Ludwig nichts darber gesagt hatte und die Mittagstafel
bereits vorber war. Frostig ging Graf d'Aubaine endlich auf die Bitten seines
neuen Schwiegersohnes ein, nach dem jungen Manne auszusenden; und da auch diese
Boten gegen Abend, ohne Nachricht von ihm zu bringen, zurckkehrten, lie sich
Graf Ludwig durch Nichts abhalten, seine Nachforschungen selbst anzustellen.
Auch sollten diese glcklicher sein; denn Reginalds Vorliebe kennend, eilte der
Graf zuerst in den Wald, der an den Park grenzte, und hier wohl bekannte Signale
und Anrufungen gebend, erhielt er ungefhr in der Mitte des Waldes, an einen
alten Steinbruch gelangt, die wohl bekannten Antworten. Auer sich vor Freude,
strzte er der Gegend zu, woher er die Antwort vernommen, und in demselben
Augenblicke flog Reginald, aus der entgegen gesetzten Richtung des Waldes
kommend, ihm entgegen.
    Beide strzten sich in die Arme, als wren sie Jahre getrennt gewesen, und
noch inniger selbst, als Ludwig, schien Reginald's Liebe und Zrtlichkeit von
einer ungewhnlichen Stimmung angeregt. O, Ludwig, geliebter, theurer Ludwig,
wie glcklich macht mich Deine Liebe, Deine Treue, selbst wenn sie Dir Sorge
verursachte! - So beantwortete er die zrtlichen Fragen und Vorwrfe des
Grafen, und Arm in Arm erreichten sie eben eine offene Stelle des Waldes, wohin
der Mond mit Tageshelle schien. Hier hielt Reginald an und wendete den Grafen
gegen den hellen Schein des Mondes, um ihn anzublicken, als habe er ihn noch nie
gesehen! - Zur selben Zeit bemerkte der Graf, wie bleich und verndert Reginald
war - wie heftig bewegt sein Inneres - wie er kaum sich zu fassen wute.
Reginald, sprach er, Dir ist etwas ganz Besonderes geschehen!
    Morgen! morgen! rief Reginald, und warf einen bedeutungsvollen Blick auf
das Gefolge, das der Graf mit sich gefhrt, und besonders auf den Kammerdiener
des Marquis de Souvr, der sie mit sphenden Blicken verfolgte.
    Doch Ludwig hatte dem geliebten Vertrauten selbst so Viel zu sagen, da er
befahl, man solle vorangehen und ihre glcklichen Erfolge den Herrschaften
anzeigen. Aber auch, als Beide allein waren, schien es Reginald unmglich,
seinen Bericht zu machen.
    Schone mich, Ludwig! sprach er - ich habe so Ungeheures erfahren, da ich
wie verwirrt von der erlebten Aufregung bin; doch sei gewi, das, was ich
erfuhr, kettet uns nur noch inniger, noch fester aneinander; es besttigt unsere
innige Liebe und wird groes Unrecht vershnen! -
    Das bin ich gewi, da Nichts unsere Liebe beeintrchtigen kann, theurer
Reginald - darum fragte ich nicht; nur voll Erstaunen bin ich, da Du etwas
erleben konntest, was Dich so besonders betrifft! -
    Es betrisst mich nicht besonders! Es enthlt Dein, wie mein uns bis jetzt
vorenthaltenes Schicksal! - Doch la' mich - es pret mir das Herz ab. - Nur das
Eine hre noch: ich mache Dir Bedingungen - die eine ist, da wir Beide ber
Ste. Roche nach Paris gehen, daher noch in der Nacht abreisen - und da wir ber
diesen Umweg das tiefste Schweigen beobachten; denn erfhrt die Marschallin oder
Souvr unsere Absicht, wrden wir auf jeden Fall daran gehindert werden.
    Das ist seltsam Reginald! rief Ludwig - und nur ungern gehe ich darauf
ein, da jede Heimlichkeit mir schwer wird. -
    Auch mir, theurer Ludwig! Und doch habe ich es mir gelobt, Dich dahin zu
bringen. Denke also, wie mich die Umstnde bewltigen mssen, und lse mein mir
selbst gegebenes Wort!
    Das will ich - es sei beschlossen, und weiter keine Rede davon! rief
Ludwig; - und da Du mir fr den Augenblick so wenig zu sagen vermagst, so hre
denn, was mich verlangt, Dir auszusprechen. Ich - Reginald, bin glcklich! Seit
heute Morgen ist mir Franziska verlobt, und Nichts hat meinem Glcke gefehlt,
als Du - Deine Abwesenheit war mir fast unertrglich!
    Heftig fuhr Reginald an Ludwig's Seite zusammen - er blieb stehen - er
blickte zu ihm auf. Der Weg, auf dem sie jetzt wandelten, war wieder dunkel - er
sah den Glcklichen nur undeutlich, der ahnungslos den Liebling tdtlich
getroffen. Franziska, Franziska Dir verlobt? rief er gebrochen. Es ist nicht
mglich! Noch gestern - nein, Ludwig - nein, Du neckst mich - es ist nicht
mglich - nein! Franziska kann Dir nicht verlobt sein - sage nein! Sage die
Wahrheit - der Scherz ist zu grausam!
    Was ist das? rief Ludwig ahnend und tief erschrocken. - Reginald fasse
Dich! Sprich offen, deutlich zu mir - Gott, welche Ahnung! Warum erfllt Dich
mit Schreck und Schmerz, worin ich nur Veranlassung zur Freude fr Dich whnte?
    Sage mir, sprach Reginald - verlobt bist Du? Sie hat sich Dir verlobt -
sie hat Dir ihre Liebe gestanden? - Antworte, Ludwig, oder ich verliere den
Verstand!
    Nein, Reginald, nicht sie - sie hat sich mir weder verlobt, noch mir ihre
Liebe gestanden - und jetzt fhle ich erst, was das sagen will - jetzt erst
erkenne ich, wie mich die eigenen Wnsche verblendet haben; da ich die von den
Eltern vollzogene Verlobung fr die Erfllung meiner Wnsche hielt! O Reginald,
was haben wir gethan, so innig uns geliebt und doch das Wichtigste uns
verschwiegen! O, sage mir - sage, was ich ahne - Du besitzest mehr, als ich, in
dieser Verlobung?
    Ludwig, rief Reginald, an seine Brust strzend, ich besa ihr Herz; -
schon vor zwei Jahren gelobten wir uns Treue - schweigen mute ich auch gegen
Dich; denn sie verlangte es so!
    Aber jetzt, jetzt, stammelte Ludwig - sprachst Du sie nach Deiner
Rckkehr? -
    Noch gestern gestand sie mir ihr unverndertes Herz! -
    Ludwig wendete sich von ihm, und heie Thrnen strzten aus seinen Augen.
Ich verstehe Alles, sagte er gebrochen - ihr todtenbleiches Angesicht - ihre
leblose Ergebung - Gott, warum erkannte ich es nicht frher!
    Es entstand eine schmerzliche Pause - dann erhob sich Ludwig zuerst, und den
Liebling suchend, sank er an seine Brust.
    Ludwig, sagte Reginald - wir knnen jetzt keinen Entschlu fassen, als
den einen, uns nicht fremd zu werden und gemeinschaftlich, treu und redlich mit
jedem Opfer das theure Wesen zu schtzen! Wie es kommen mag, ich wei es nicht!
Aber wenn sie ihren Eltern gehorsam sein mu, so rechne auf mich, ich werde dann
allein zu leiden suchen; - knnen wir ihr Herz retten, so verbinde Dich mit mir
zu gleicher Verzichtleistung!
    So sei es! rief Ludwig, erhoben und getrstet durch einen edeln Entschlu,
der ihn nicht von dem Freunde trennte, sondern nur noch inniger mit ihm verband.
Beide hielten hier inne; denn ein Gerusch, wie das eines Davoneilenden, lie
sie frchten, belauscht worden zu sein. Ihrem Anrufe erfolgte jedoch keine
Erwiederung, und sie waren zu lebhaft durch sich selbst beschftigt, um lange
bei dieser Strung verweilen zu knnen.
    Sie kamen erst spt nach dem Schlosse von Ardoise zurck; nur der Graf
d'Aubaine war noch im Gesellschaftssaale; er empfing Beide etwas trocken und
schien einige Worte der Entschuldigung von Reginald kaum zu beachten.
    Ludwig fhlte augenblicklich die Krnkung fr den Freund und gewann dadurch
mehr Sicherheit, dem Grafen ihre schnelle Abreise anzukndigen und ihm die
Empfehlungen an die Damen zu bertragen. Es schien den Grafen d'Aubaine
sichtlich zu beleidigen; und nachdem er einige Versuche gemacht, diesen Eindruck
hervorzuheben, widersprach er ihrem Vorsatze nicht und nahm augenblicklich
Abschied.
    So trennte man sich in sehr seltsamer Stimmung, und die des lebhaftesten
Erstaunens, von Seiten des Grafen d'Aubaine, war in mehr als einer Hinsicht
gerechtfertigt; denn die jungen Leute ahnten in ihrer groen Gemthsbewegung
nicht, wie auffallend ihr Betragen war. Schon ihr Aeueres konnte befremden, da
es bei Reginald besonders eine groe Aufregung zeigte und solche tdtliche
Blsse und Entstellung seiner Zge, da der Graf ihn als einen Verzweifelten
ansehen mute und sehr betrbt war, wenigstens einen Theil dieser Stimmung auf
Ludwig bertragen zu sehen, deren Ursache zu errathen, ihm allerdings mit
einigem Widerstreben mglich ward.
    Auf ihren Zimmern angelangt, hrten die jungen Leute, Grfin Franziska sei
erkrankt, doch bereits in besserem Zustande.
    Vor allen Dingen mssen wir fort, rief Ludwig schmerzlich - das sehe ich
ein. In Paris mssen wir mit Fenelon und dem Vater Alles beschlieen!
    O, warum lebt Deine Mutter nicht mehr! seufzte Reginald schmerzlich. - -
    In derselben Nacht verlieen die jungen Leute mit ihrem Gefolge Ardoise, und
wechselten von da an in rastloser Anstrengung die Pferde, so oft sie deren
finden konnten, um, wo mglich, noch am andern Abend Ste. Roche zu erreichen.
    Whrend dieser traurigen Reise versuchte Reginald seine Bewegung so weit zu
berwinden, um seinem Freunde eine Erklrung dieses heimlichen und beeilten
Schrittes geben zu knnen. Aber es ward ihm schwer; denn er schien ganz
berwltigt von besonders inniger Zrtlichkeit gegen Ludwig, und von einer
Wehmuth - von einer innern Angst verfolgt, die ihn mehr geneigt machte, den
Augenblick in stummer Hingebung zu durchleben. Gebrochen - in Zwischenrumen
trat endlich hervor, was wir hier im Zusammenhange mittheilen wollen.
    An dem Abend, als Reginald zuerst vermit ward, hatte ihm ein Diener des
Hauses gemeldet, es sei so eben ein Bote im Schlosse gewesen, der ihn gesucht,
um ihm zu sagen, da im Walde am Frsterhause Jemand auf ihn warte, der ihn
beschwre, augenblicklich dort hinzukommen.
    Da Reginald vor der Abendtafel keine Hoffnung hatte, Franziska d'Aubaine im
Salon zu sehen, so schien ihm der Waldweg eine anmuthige Zerstreuung; auf das
Geheimnivolle dieser Aufforderung gab er sehr wenig Acht, dagegen bedenkend,
da er, um den Waldweg zu erreichen, den Theil des Schlosses berhren mute, wo
Franziska wohnte. Auch gelang ihm, was er gehofft; die Thren nach dem niedrigen
Balkon waren geffnet - von fern schon sah er den bla-blauen Atlas ihres
Kleides und die weien Rosen in ihren dunkeln Locken. Diese Kleidung war an sich
wie ein Zeichen der Treue; denn er hatte sie zuerst darin gesehen, und sie
wute, wie sehr er sie liebe. Als sie ihn bemerkte, und er, von Zweigen gedeckt,
aufs Knie sank und die Hnde aufhob, wie um ein Zeichen ihrer Liebe bittend, sah
er, wie sie eine von den Rosen lste, dann Hrchen aus ihren Locken an einander
knpfte, an denen sie die zarte, weie Rose langsam ber den Rand des Altans
herabschweben lie, um dem Glcklichen Alles zu geben, was er glaubte nthig zu
haben. - Froh entfloh er in der Richtung nach dem Forsthause.
    Wir werden ihm vergeben mssen, da er ganz vergessen hatte, was er dort
sollte, und als er eintraf, sich erst besinnen mute, was der Frster damit
wollte, da er ihn nach hinten hinaus, in ein kleines, abgelegenes Stbchen
fhrte.
    Doch erkannte er, noch geblendet und deshalb nicht recht sehend, wenigstens
sogleich die helle, schneidende Stimme mit dem breiten, entstellenden Dialekte,
die augenblicklich anhob: blo um meiner Mutter gehorsam zu sein, bin ich hier;
denn die Art, wie Ihr mich das erste Mal abwieset, war gnzlich hinreichend,
mich von solchen Sendungen abzuhalten!
    Mi Ellen Gray! rief Reginald - wie bin ich berrascht, Euch hier zu
finden!
    Ueberrascht oder nicht, erwiederte sie schmollend; - es ist Eure
Angelegenheit, nicht die meinige, um deretwegen ich hier bin - und ich heie,
wenn's Euch beliebt, nicht Ellen Gray, sondern Madame St. Albans. -
    Verzeiht, Madame, und seid meiner Dankbarkeit gewi! Auch rechnet mir nicht
zu, wenn ich Euch beleidigt habe; denn ich erinnere mich, da Ihr mir vor meiner
Abreise eine Mittheilung machtet, die meine unbedachtsame Jugend berhrt hat.
-
    Ja, ja, berhrt! rief sie heftig - berhrt, weil natrlich eine so
unbedeutende Person, wie Ellen Gray, nichts mitzutheilen haben konnte, was
wichtig genug war, um es zu behalten.
    Vielleicht, erwiederte Reginald, herzlich gelangweilt durch dies Betragen
- vielleicht kann ich jetzt gut machen, was ich damals verschuldete, und Euern
ungerechten Verdacht widerlegen.
    Das will ich wnschen! rief sie, pltzlich in einen jener Thrnenstrme
ausbrechend, die so leicht die Theilnahme entkrften, da sie ein Gemisch von
Rhrung und jener gewhnlichen, weiblichen Empfindlichkeit sind, die, ohne
Erweichung der Gesinnung, mehr ein fortgesetzter Versuch zu zrnen ist - und
glaubt mir, fuhr sie fort, es wird Euer Schade nicht sein; denn - und sie
schluchzte noch immer - meine Mutter, die Wrterin Eurer Kindheit, die Ihr so
schn vergessen habt, da Ihr auf ihre Bitten nichts geben wolltet das erste
Mal, diese lt Euch auffordern, mir augenblicklich nach dem Kloster Tabor zu
folgen, bis wohin sie Euch entgegenkommen wird.
    Jetzt? heute? rief Reginald erstaunt. -
    Ist das wieder zu Viel verlangt? Pat es wieder nicht? Habt Ihr gar keine
Verpflichtungen, als Euch dort bei den hochmthigen Leuten zu vergngen?
    Ihr thut mir Unrecht, Madame St. Albans! Ich bin gegen die Verpflichtung,
der Wrterin meiner Kindheit dankbar zu sein, nicht gleichgltig. Aber Ihr
drft, ohne ungerecht zu werden, nicht bersehen, da meine Entfernung sehr
unhflich sein wrde, da wir nur zwei Tage bleiben knnen.
    Ach, meine arme, arme Mutter! rief Madame St. Albans mit einem so wahren
Ausdrucke von Schmerz, da jetzt erst Reginald's Theilnahme erregt ward. - Sie
berlebt es nicht, wenn sie abermals getuscht wird! Herr, ich bitte Euch -
berlegt, was Ihr thut! Wenn Ihr die Frau kenntet, die Euch begehrt, da wrdet
Ihr gehen, so weit sie Euch riefe. Seht, sie sagt nie ein Wort umsonst, und
Jeder, der sie kennt, gehorcht ihr. Da sie nun Euch fordert, wie noch nie einen
Menschen - da sie mich schickt, Euch zu treiben - und so voll Todesangst ist,
als hinge Euer Leben daran - da seid sicher, es ist wichtig. - Lat Alles, Alles
fahren und brecht auf mit mir; ich habe im Walde ein kleines Fuhrwerk aus dem
Kloster; fahren wir gleich ab, knnen wir noch in der Nacht eintreffen, und Ihr
knnt um Mittag wieder zurck sein!
    Reginald schwankte. Mit einem Male - er wute selbst nicht, ob durch Ellen's
Grnde oder ob aus freier Wahl - fhlte er sich getrieben - er sagte es ihr und
wollte den Frster auf das Schlo schicken, ihn zu entschuldigen.
    Doch dem widersetzte sich Ellen auf das Bestimmteste. Niemand drfe ihre
Anwesenheit ahnen, das gerade habe die Mutter bestimmt geboten, und auch der
Frster, der ihrer Mutter zugethan sei, werde nicht gegen ihre Befehle handeln.
    Nach einigen Minuten sa er neben Ellen in einem kleinen Wgelchen, in
welchem die Mnche zu ihren Pfarrkindern fuhren, und rollte rasch dem Kloster
Tabor zu, ohne von Ellen's Unterhaltung belstigt zu werden, die in einem
bellaunigen Schweigen verblieb, gelegentlich ihre linkische Empfindlichkeit
darthuend.
    Doch graute der Morgen bereits, ehe Beide das alte Kloster erreichten, von
dessen Bewohnern sie freundlich empfangen wurden und benachrichtigt, da Mistre
Gray bereits angekommen sei und ihrer in den Gemchern des Priors harre. - Als
Reginald in das hohe, gewlbte Gemach eintrat, das vollstndig den Reichthum
bezeichnete, welcher dem Oberhaupte der Abtei zustand, sah er den ehrwrdigen
Prior vor einer Frau stehen, die in einem hohen Lehnstuhle vor ihm sa, ein
bleiches, abgezehrtes, strenges Antlitz zu ihm aufhob und, wie es schien, sehr
mifllig seinen Worten zuhrte.
    Bedenkt und berlegt wohl, was ich Euch sagte, sprach er, wie zum Weggehen
bereit - ein Wort ist bald gesprochen; - aber das Gesprochene nie zu
widerrufen. Sobald der Andere es vernommen, ist es sein Eigenthum mit allen
seinen Gefahren, mit allen Folgen, die kein Wort mehr abzuhalten vermag.
    Die Frau neigte kalt das Haupt. Ihr habt Rath ertheilt, wie es Euch trieb,
und Ihr hattet Recht dazu - ich thue gleichfalls, wie es mich treibt, und thue
gleichfalls Recht!
    Der Prior hrte diesen schroffen Worten, die noch durch den trockenen Ton
der Stimme und eine mangelhafte Aussprache verstrkt wurden, mit einem leisen
Schtteln des Kopfes zu; aber in seinem Blicke lag zugleich die
Hoffnungslosigkeit, diesen festen Sinn zu ndern.
    So sei Euch Gott gndig und segne Eure Vorstze! sprach er sie grend und
blieb, indem er sich wendete, berrascht vor Reginald stehen, der an der Seite
des Laienbruders, der ihn gefhrt hatte, im Hintergrunde des Gemaches stehen
geblieben war. Ich glaube, Mistre Gray, sprach er sich umdrehend - dies ist
Euer Zgling!
    Die unglckliche Frau folgte der Richtung, die der Prior ihr gab; - und wie
htte sie ihn verkennen knnen, der in jedem Zuge Fennimor's Sohn war!
    Sie richtete sich heftig in ihrem Lehnstuhle auf, als wollte sie ihm
entgegen; dann hielt sie sich pltzlich an seiner festen Lehne und starrte
Reginald an, der sich ihr mit dem freundlichen Lcheln nahete, das ihn Fennimor
nur noch hnlicher machte.
    Um Gott, Madame, rief der Prior jetzt, fat Euch - und setzt Euch! - Die
Gestalt der frh Gealterten wankte, und ihre Augen schlossen sich. Der Prior
untersttzte sie beim Niedersitzen; aber er sah, sie kmpfte mit einer Ohnmacht,
und der wohlwollende Mann hielt ihr selbst ein erfrischendes Elixir vor, das
auch bald die starken Lebensgeister dieser heftig empfindenden Frau sammelte.
Unwillig fast wies sie die Bemhungen zurck; - sie schien von ihrer Schwche
berrascht und ihr zrnend. Lat das, sagte sie rauh - es war Nichts!
Schwche in den Fen - die Reise - so Etwas bin ich nicht gewohnt - es war ein
Schwindel.
    O, gute Liebe, rief hier Reginald, der ihr Bild wie einen Traum in sich
auftauchen fhlte - sieh' mich doch nur an - Du mut mich gewi wiedererkennen,
da ich es vermag! Sag', heit Du nicht Emmy?
    Die harte Frau zuckte bei dem ersten Tone seiner sanften, liebevollen Stimme
zusammen. Der Prior trat seitwrts, und Emmy sah den Jngling dicht neben ihrem
Stuhle knien und das volle Morgenlicht jeden Zug seines schnen, ihr so
erinnerungsreichen Angesichtes erhellen. Sie legte die Hand auf seine vollen
Locken, und ihre Augen wurzelten prfend auf seinen Zgen. Sie verga sich
gnzlich selbst; schmerzlich sthnend, hob sich zuweilen ihre Brust, und groe
Thrnen rollten einzeln ber ihre Wangen; aber sie ahnte nicht, wie sie ihre
Gefhle darthat. Reginald mit seinem edeln, verstehenden Herzen strte sie
nicht; liebevoll lchelnd, hielt er das lange Examen ihrer trostlosen Augen aus,
ohne sich zu regen; nur der Prior strte endlich diese stumme Scene, die er
nicht mehr verstand.
    Mit ihrer alten, kecken Weise fuhr jetzt Emmy, wie sie ihn, den Vergessenen,
als Zeugen ihrer Empfindungen sah, ohne Bedenken auf: Ihr hier, Prior? Ich
dachte, Ihr httet mir ungestrtes Beisammensein zugesagt? - Nun, es sei! Wenn
wir Euch hier zu viel sind, so weist uns einen andern Platz an.
    Beruhigt Euch, lchelte der Prior gutmthig, ich werde gehen, und Ihr
sollt nicht weiter gestrt werden.
    Nun so thut das, rief sie ungeduldig - die Zeit wartet nicht auf uns!
    Als der Prior sich zurckgezogen hatte, sprang Reginald von seinen Knieen
auf und fiel der vollstndig wieder erkannten, alten Wrterin mit dem Ungestme
eines Kindes um den Hals. O Emmy, liebe Emmy, wie habe ich Dich so vergessen
knnen, da mir Alles einfllt, nun ich Dich wiedersehe? O, wie danke ich Dir,
da Du mich gezwungen hast, Dich zu sehen - wie von Herzen froh werde ich nun
sein, mit Dir schwatzen zu knnen - all' die lieben Erinnerungen meiner Kindheit
mit Dir zu sammeln!
    Emmy's Gesicht bekam fast einen Ausdruck, als wollte sie lcheln; aber zu
tief hatte sie den Schmerz sich mit jeder Faser ihres Wesens verketten lassen -
es ging nicht mehr! Selbst die Wonne, die der Anblick dieses Lieblings ihr gab,
ri nur in heftigen Erschtterungen erstarrte Schmerzen wieder lebendiger
hervor.
    Reginald! Reginald! geliebtes Kind! theures Andenken Deiner seligen
Mutter! rief sie - wir haben Wichtigeres - Ernsteres zu thun! Lange - lange
schon mutest Du wissen, was ich Dir erst jetzt sagen kann; - aber die Barbaren
rissen Dich von mir; denn sie frchteten, was in meine Gewalt gegeben war Dir zu
sagen. Wo sollte ich Dich finden in dem schrecklichen Sodom, wohin sie Dich
schleppten - und als Ellen Dich sah, Du zuerst in meine Nhe gekommen warst - da
hast Du Dich geweigert, meinem Gebote zu folgen. Die thrichten Leute dort
hielten Dein Herz fest, und Du vergaest Deine Pflicht gegen mich! -
    O vergieb doch nur und halte mir nicht mehr vor, was mich so tief betrbt.
Sieh', ich hatte Dich ja vergessen! -
    Vergessen! vergessen - wiederholte Emmy bitter - vergessen! Das ist eine
Ader aus dem Herzen Deines Vaters - Deine Mutter wute davon Nichts. Ha, junger
Bursche, wenn ich dchte, Du httest noch mehr von diesem Vater in Dir! Sie
starrte ihn so wild an, da er fast davor schauderte.
    Sag' mir, Emmy, hob er an, um sie zu zerstreuen - - kanntest Du meinen
Vater so gut - und willst Du mir von beiden Aeltern sagen, von denen ich nie
erfuhr? -
    Das will ich, mein Sohn! Darum kam ich her und entbot Dich zu mir. Aber
freue Dich nicht darauf; - was Du hren wirst, wird Deinen Herzschlag hemmen und
Deine Jugend welken lassen. - Und doch mut Du es wissen; denn Du mut Recht
fordern fr Deine Mutter, von Deinem Vater entehrte Mutter!
    O Emmy, rief Reginald, von ihrer Stimmung unsicher gemacht und an ihren
klaren Sinnen Zweifel bekommend; - schone die Todten! Er wird schon vor Gott
das ewige Gericht erfahren haben, hat er gefehlt; - la' den Sohn nicht Richter
werden ber den Verstorbenen!
    Den Verstorbenen? - rief Emmy heftig - ha, Gott hat ihm zu seiner Strafe
das Leben gelassen. - Ja, er lebt; und ich hoffe so elend, wie er es verdient!
Sag' mir, fuhr sie fort, ohne von Reginald's Entsetzen Kenntni zu nehmen -
sag' mir, ob sie mir recht gesagt hat, das plappernde Ding, die Ellen, lebt der
Graf Crecy in finsterer, menschenfeindlicher Zurckgezogenheit und findet weder
Trost, noch Freude?
    Was willst Du mit ihm, Emmy? rief Reginald bebend; - was kmmert Dich der
unglckliche Mann, der mein Wohlthter war von Jugend auf, und dessen Trbsinn
ich schmerzlich beklage?
    Ha, schweig', rief Emmy - und spare Dein thricht Mitleiden! Dieser
Wohlthter, wie Du ihn zu nennen wagst, ist der Ruber Deines Namens, Deines
Ranges - der Mrder Deiner Mutter - der grte Bsewicht der Erde und Dein
rechtmiger Vater - Du sein erstgeborner, ehelicher Sohn!
    Mit einem Schrei sprang Reginald von seinem Platze auf - wild, auer sich,
ergriff er Emmy - er schttelte sie mit einer Kraft, da sie bebte, und bleich,
mit Schweitropfen die Stirn bedeckt, schrie er auf, als wolle ihm das Herz
brechen. Weib, Du bist wahnsinnig! stie er endlich hervor - oder Du lgst -
wo bin ich - wer rettet mich vor dem Gifte ihrer Worte! Er strzte zu Boden und
verhllte sein Angesicht.
    Emmy sah dem Allen ohne Erschtterung zu, wie einem lngst Erwarteten -
Unabweislichen. Endlich sagte sie fast ruhig: Ja, ja, Du hast Recht - es wre
besser, ich wre wahnsinnig - besser selbst, ich lge - als da es Wahrheit,
schreckliche Wahrheit ist! Auch war es nah' daran, mein Kind - und nur Du hast
mich vor Wahnsinn bewahrt, nur Dein unschuldig Kinderauge, Dein Lcheln, Dein
erstes Stammeln, Deine kleinen Schritte - daran blieb ich ein Mensch! Sie
seufzte tief und schwieg, ruhig, wie es schien, den ersten Schmerzin Reginald
abwartend. Sie brauchte nicht viel Zeit; er sprang empor, gereizt von der
angeregten Qual. Aber sie hatte Recht gesagt - sein Herzschlag war gehemmt -
seine Jugend schien zu welken!
    Gieb mir Rechenschaft, sagte er hohl - beweise! Es ist schwer - sehr
schwer, was Du da sagst - das tdtet Viele; - und ich - ich kann dann nie wieder
froh sein!
    Was liegt an Allen! sagte Emmy hart - wenn Du nur Deine Mutter rchst -
wenn Du nur, Du einzig rechtmiger Graf Crecy, diesen Namen wiederforderst und
ihn behauptest, um der Ehre Deiner Mutter willen!
    Und der jetzige Graf Crecy, Ludwig? rief Reginald mit Schmerzenslauten. -
    Ist ein Bastard! Ein verworfenes, von allen Gesetzen im Himmel und auf
Erden verdammtes, rechtloses Kind!
    Aber mein Bruder! rief Reginald. - Mein Bruder! - Ludwig mein Bruder!
Dieser Gedanke rettete ihn. Es war der Sonnenblick der Liebe, der dies in der
Erstarrung seufzende Herz seinem Elemente zurckgab. Ludwig war sein Bruder; -
welch' eine Wonne! O, vergeben wir ihm, da er weniger Sohn als Bruder war!
Sollte er doch jenes um den frchterlichen Preis des Hasses und der Rache werden
- schien ihm doch der Bruder der einzige Trost dieses entsetzlichen
Augenblickes!
    Mibilligend betrachtete ihn Emmy Gray. Er entsprach ihrem zrnenden Herzen
nicht. Sie hatte keinen Maastab fr ein junges, edles Gemth, von bser Sucht
noch unberhrt. Doch fate sie sich. Noch kannte er das Schicksal seiner Mutter
nicht; - damit mute ihm die Stimmung kommen, die sie erwartete.
    Setze Dich, sagte sie gebietend - wir haben noch Viel vor uns - Viel -
Viel mut Du hren - mit vollen, klaren Sinnen hren und wohl bewahren in Deinem
Gedchtnisse, damit Du den Teufelsknsten stehen kannst, die Dir entgegen treten
werden.
    Schaudernd folgte Reginald ihrem Gebote. Der jhe Zustand, den das bis jetzt
Erfahrene in ihm erregt, lie ihn keine Richtung festhalten; er beschlo, das,
was er hren mte, streng zu prfen. Einer Unwahrheit beschuldigte seine
frchtende Seele die alte, gebietende Frau nicht; aber er dachte an eine
Entstellung durch ihre leidenschaftliche Stimmung. O, wie schn und warm belebte
ihn das jugendliche Verlangen, zu vershnen und zu entschuldigen!
    Wir wissen, was ihm von Emmy Gray mitgetheilt werden konnte; und indem wir
hinzusetzen, da sie Nichts verschwieg, Nicht mit ihrem gegenwrtigen Verstande
versumte, was die Dinge zur anschaulichen Thatsache erhob, werden wir begreifen
knnen, wie Reginald sich zuletzt um alle seine frommen Hoffnungen betrogen
fand. Immer bleicher und bleicher werdend, starrte er die rchende Frau vor sich
an, in deren harten Zgen kein Hauch von Schonung oder Mitleiden neben der
zornigen Anklage Raum fand. Das frhe Alter hatte ihr Antlitz gefurcht, ihre
Gestalt gebeugt; sie trug schwere, steife Trauerkleider, und ihre Bewegungen
waren durch die Wichtigkeit der Gedanken, die sie erfllten, tragisch und edel.
Eine solche Persnlichkeit untersttzte, ohne da er darber zum Bewutsein kam,
was sie sagte. Reginald fhlte die Macht der Wahrheit; er hrte blo noch, und
nahm auf, was sie ihm gab, er urtheilte nicht mehr darber. Auch sagte sie nur
die Wahrheit - sie war inhaltsschwer genug! - Als sie geendet, wurzelte ihr
durchdringendes Auge auf Reginald. Er sprang auf und rief, die Hnde zum Himmel
streckend: Mutter, Mutter, ich will Dein Sohn sein vor Gott und Menschen! O,
sieh' herab; denn ich bin damit dem Unglcke geweiht!
    Das Grab meiner Mutter will ich sehen! rief er dann hastig, zu Emmy
gewendet - Ste. Roche will ich sehen! - Groer Gott, diesen Namen trage ich!
Er verstummte; - dann fuhr er wieder auf: Doch Ludwig bleibt mein Bruder - mein
unschuldiger Bruder! Ha, Emmy, den werde ich schtzen und retten, der soll nicht
entehrt und dem Auge der Welt zum Hohn werden - hrst Du, Emmy? Meine Mutter,
rief er die Hnde zum Himmel hebend - ich will den Bruder schtzen und die
damit ehren, die Deinen Sohn geschtzt und geliebt hat! Emmy, fuhr er fort -
morgen bringe ich Dir meinen Bruder, Du wirst ihm selbst Alles, Alles sagen,
wie mir.
    Ha, dem Bastarde? rief Emmy - dem, der Dich verdrngte von Deinem
angestammten Platze?
    Schweig! rief Reginald, mit der Heftigkeit des ersten Schmerzes - und
wage nicht, ihn noch ein Mal so zu nennen! Mein Bruder ist Ludwig; - er soll so
rechtlich geboren sein, wie ich selbst, und nur theilen will ich mit ihm!
    Emmy verbldete einen Augenblick mit geheimer Lust vor der heftigen
Entschlossenheit des jungen Mannes. Es war ihr schon recht, da er selbst ihr
Trotz bot, und sie erlebte von dem Zglinge gern, was sie von Niemandem duldete.
    Die Dokumente, das Blatt des Kirchenbuches ber die Vermhlung meiner
Eltern und meinen Taufschein, den hebe mir auf. Ich mu Ste. Roche sehen - ihr
Grab - ihr Grab! O, ich habe Nichts frher auf dieser Welt zu thun! - Erst ihr
Grab, rief er - und dann das trostlose Leben!
    Pltzlich siegte die Wehmuth; er brach in Thrnen aus, und sie, die selbst
keine mehr zu ihrer Erleichterung weinen konnte, sah in tiefem, ernstem
Schweigen zu, wie sein junges, zertrmmertes Herz sich abarbeitete. Sie freute
sich dabei seines ganzen Wesens - wie ihn der Schmerz nicht entkrftet hatte,
und wie er den Vater nicht ein einziges Mal genannt.
    Endlich sprang er auf, er schttelte die nassen Locken aus dem Gesichte und
nahete der alten Freundin: Geh zurck nach Ste. Roche, Emmy, und erwarte mich
morgen dort; - ich komme mit meinem Bruder Ludwig - ich werde ihn vorbereiten;
denn er hrt das besser von mir; und ber ihrem Grabe werden wir das Weitere
beschlieen. Ich verspreche Dir dabei, da ich der Marschallin und Allen, die es
ihr verrathen knnten, verbergen werde, wohin wir gehen; - ihr werde ich keine
Einmischung gestatten, darber sei sicher.
    Es war die hchste Zeit, da man sich trennte, wenn Reginald Ardoise noch
erreichen wollte, ohne Verdacht zu erregen; aber trotz seines schnellen
Aufbruches war die Zeit unter den traurigen Mittheilungen doch rasch verflossen,
und Reginald erreichte erst das Forsthaus, nachdem, wie uns bekannt, seine
Abwesenheit von Allen bemerkt worden war. -
    Was wir hier in seiner Folge ruhig nach einander erzhlten, trat in vielen
Zwischenstzen mit dem reichen Gefhlswechsel in beiden Jnglingen, wie er
nothwendig in dieser Mittheilung begriffen sein mute, hervor; - aber in Beiden
siegte die rein getheilte Freude, Brder zu sein; und so fest, so sicher waren
sie sich, da Keiner dem Anderen eine Versicherung gab, Beide durch ihre Liebe
geschtzt, die nur noch erhhter, noch gerechtfertigter schien durch die neuen
Bande.
    Die Auenwelt erinnerte sie erst wieder an sich, als sie zum Pferdewechsel
die Gastfreundschaft des Klosters Tabor in Anspruch nahmen. Der Himmel war nicht
allein von dem nahenden Abend umdstert - ein Gewitter hing mit schweren,
bleifarbenen Wolken-Gebirgen ber ihren Huptern. Dringend luden die Mnche die
jungen Mnner zum Verweilen ein, ihnen den Weg durch die Wlder von Ste. Roche
in der Nacht fast unwegsam schildernd; vergeblich waren diese Abmahnungen,
Reginald wies sie alle zurck, mit dem dsteren und heftigen Ungestme, den
seine Erregung mit sich fhrte. Der gutmthige Prior konnte endlich nichts thun,
als ihren Wagen mit einigem Proviante zu fllen und die besten Pferde und den
kundigsten Wegweiser hinzuzufgen.
    Doch begriffen sie bald selbst die angedrohten Schwierigkeiten, als sie den
Wald erreicht hatten. So lange die Blitze ihren Weg erhellten, zeigte sich der
Wegweiser ntzlich, und der Wagen bewegte sich langsam vorwrts; aber sie hrten
auf, ohne da der Mond durch die schwarzen Wolken dringen konnte, und jetzt
strzte der Regen in Strmen herab. Der Weg ward zum Giebache, Fackeln und
Windlichter erloschen, und die Pferde an den Zgeln fhrend, bewegten die Leute
den Wagen nur unter groen Schwierigkeiten vorwrts. Wie langsam und
beschwerlich ihre Reise unter solchen Umstnden vor sich gehen mute, ist leicht
zu bersehen. Oft lieen sie halten, oft kehrten sie um, wenn sie in vllig
unwegsame Bahn gerathen waren; und es glich mehr einem Wunder, da sie endlich
das Ende des Waldes erreichten, als einem erwarteten Resultat ihrer oft so
vergeblichen Anstrengungen.
    Mitternacht war indessen vorber, als sie die gelichteteren Stellen des
Waldes, die das Schlo Ste. Roche erkennen lieen, erreichten. Der Regen hatte
aufgehrt; aber der Sturm wlzte sich heulend und mit furchtbarer Gewalt ber
den zitternden Boden. Die jungen Leute hatten den Wagen verlassen, sie wollten
sich selbst den Eingang zum Schlosse suchen; denn ihre Diener hatten mit den
erschpften Pferden zu thun, und der Wegweiser erklrte, da er um keinen Preis
das alte Geisterschlo betreten wrde und that Alles, was seine plumpe
Ueberredungsgabe vermochte, die jungen Herren gleichfalls davon abzuhalten.
    Herr, Herr, sprach er - das ist ein Unglckshaus; noch Niemand hat es
unbeschdigt verlassen, die Meisten fanden ihr Grab darin und litten vorher
viele hllische Qualen. Ruber sollen auch darin hausen! Und was Wunder - seit
St. Albans, der alte Kastellan, verstorben ist, und der Sohn die Pachtung vom
Kloster Tabor bernommen, steht Alles verlassen; die Thore und Gitter sind auf,
ohne Wchter, ohne Schlo und Riegel. Was Wunder, da sich einnistet, wer
finster Werk treibt; denn die alte bse Hexe, die sich dort abgesperrt, die wird
es nicht hindern!
    Dessen ungeachtet machte diese Rede nur bei der Dienerschaft Eindruck; die
jungen Mnner befahlen, da man den Mundvorrath, nach dem sie anfingen, einiges
Verlangen zu tragen, ihr nthiges Gepck und die Windlichter nachbringen mchte,
der Wagen langsam den Eingang suchen sollte, und eilten Arm in Arm dem Schlosse
zu. Jetzt standen sie an einer terrassenartig ansteigenden Befestigung, die,
durch Grben getrennt, mit kaum wahrzunehmenden Brcken berbaut waren, hinter
welchen sich die dunkle Masse des Schlosses zeigte, die gegen den Nachthimmel,
der, mit zerrissenen Wolken bedeckt, die, vom Sturm gejagt, einen schauerlichen
Wechsel trieben, wahrhaft drohend und gebietend abstach.
    Beide blieben stehen, lebhafter von seinem Anblick ergriffen, als sie
erwartet hatten. Wei Gott, rief Reginald - man mchte zu den bsen Dingen
Glauben fassen, die ber dies alte Schlo in dem Munde der Nachbaren sind; es
sieht aus, als riefe es Jedem eine Warnung vor seinem Bereiche zu!
    Ja, sprach Ludwig bewegt - wie das riesige Grabmal eines ganzen
Geschlechtes sieht es aus! Die Valois erbauten es, wie Du mir sagtest; - sie
htten mit allen ihren Snden darunter Raum!
    Sie schritten vor und erreichten trotz des wthenden Sturmes, der sich wie
Menschenhnde ihnen entgegen drngte und sie zurck zu schleudern schien, die
Eingangsbrcken. Dieser Nacht werde ich gedenken bis an mein Ende! rief
Reginald und ergriff das Gitter, was den dstern Hof mit Theophims Grabmal
umschlo. Er zog Ludwig nach sich, der, matt und erschpft, ihm kaum folgen
konnte; und Beide traten nun durch das offene Gitter in den Schlohof, der ihnen
wenigstens einigen Schutz verlieh, obwol das Geheul des Sturmes sich nur noch
schauerlicher gegen alle die Ecken und Giebel brach, die, mit eisernen Gittern
und Wetterfhnchen besteckt, ein wunderliches Konzert bildeten.
    La uns Quartier machen, wo wir zukommen! sprach Reginald. - So spt, so
ber Mitternacht hinaus, erwartet uns die alte Freundin nicht mehr; wir wollen
sie nicht beunruhigen und werden doch Dach und Fach finden fr die wenigen
Stunden.
    Ja, erwiederte Ludwig - la uns Schutz suchen ohne Zeitverlust, ich fhle
mich erschpft; - vielleicht besttigt sich das Gercht, da die Thren
aufblieben. -
    Beide berschritten nunmehr den Hof, und ihre Erwartung erfllte sich. Sie
traten ohne Hinderni in die weitlufige Halle des unteren Geschosses; und
nachdem die Diener Windlichter angezndet hatten, sahen sie, wie von hier aus
schwere, eichene Treppen, mit groem Aufwande von Raum, in die oberen Gemcher
fhrten.
    Hier ist nicht Bleibens, trotz der alten Kamine, die vielleicht unseren
Leuten ntzlich werden, sprach Ludwig; - es ist hier kalt und feucht; wir
wollen hher steigen, wir finden oben wohl bessere Rume.
    Die Diener leuchteten, und man erreichte den oberen Treppensaal, der, mit
dunkelm Marmor getfelt, an eben solchen Wnden mit Portraitstatuen umstellt war
und rechts und links groe Eingangsthren zeigte, die, von Eichenholz,
schwerfllig und berladen verziert, in Einfassungen von schwarzem Marmor
liefen.
    Das sind finstere Eingnge, rief Ludwig - wie die Pforten zu einer
Gruft!
    Reginald schauderte. La uns lieber den Theil des Schlosses suchen, wo Emmy
wohnt! rief er lebhaft. Zu Entdeckungen in diesen dstern Rumen sind wir
nicht hergekommen.
    Nein, rief Ludwig - das Bedrfni nach Ruhe beherrscht mich
ausschlieend! La uns eintreten - rechts oder links - ich strecke mich sogleich
nieder, wre es auch auf den Stufen eines Grabmals. - Leuchtet, wir treten hier
ein!
    Die Diener gingen zgernd voran, Ludwig schob sie weg; er selbst drckte das
kunstreich umschnrkelte Schlo; es gab nach, und sie traten in ein schmales,
hohes, gewlbtes Zimmer, welches, mit breitem Kamin und herumlaufenden Bnken,
einem groen steinernen Becken in der Wand und daneben befestigtem Schenktisch,
als ein Vorzimmer zum E- oder Banket-Saal, zu erkennen war.
    Das zweite Zimmer wird besser sein! rief Ludwig, jetzt thtiger werdend,
als Reginald, der mit unbeschreiblicher Gemthsbewegung und hchst widerwillig
nur dem Grafen folgte. Halt, sagte er, die angelehnte Thr aufstoend - das
ist ein Prunkgemach - und offenbar noch kniglichen Ursprunges. Sieh den
Thronhimmel mit der Krone und den kostbaren Purpurbehngen!
    Die Lichter erhellten nur sparsam den groen Prachtsaal frherer Zeiten;
denn dem damaligen Geschmacke gem, war berall dsteres Material, wie
schwarzer Marmor, Ebenholz, eichenes Getfel und von der Zeit leicht geschwrzte
Vergoldungen zu abenteuerlichen und gigantischen Verzierungen verbraucht. Doch
waren hier bequeme Sthle, Kamine, die vielleicht die Feuerung vertrugen, und
was sie mit nherem Forschen ersphen konnten, machte diesen Raum fr furchtlose
Gemther zu einem tadellosen Ruhepunkte weniger Stunden. Ludwig schob sogleich
einen der groen, damastenen Lehnsthle gegen einen Kamin, und indem er befahl,
von einigen zusammengestrzten, auf dem Heerde aufgehuften Mbeltrmmern Feuer
zu machen, verrieth seine abgebrochene Rede, seine todtenhnliche Farbe, wie
gro seine physische Erschpfung sei. Obwol dies fr Reginald, wie fr ihre
Diener nichts Ungewhnliches war, regte es doch auch jedes Mal den guten Willen
Aller an, ihm zu Hlfe zu kommen. Whrend die Diener sich mit dem Feuer
beschftigten, bemhte sich Reginald, von den alten Sthlen und ihren bauschigen
Kissen Ludwigs Stuhl bequemer zu machen, und als der ihn stumm, aber dankbar
anlchelnde Bruder ruhte und mit warmen Mnteln berdeckt war, zog er ein
klirrendes, schreiendes Tischchen von getriebenem Kupfer herbei, das seine
Staubdecke rumen mute, und auf dessen mit knstlichen Bildern eingelegter
Platte Reginald mit jugendlich gelenkiger Geschicklichkeit die Mundvorrthe
ausbreitete, die der gute Prior ihnen mitgegeben. Bald war so eine Art
Bequemlichkeit eingetreten, die wenigstens als Gegensatz des drauen wthenden
Sturmwindes so genannt werden konnte; da der Kamin wirklich in hellen,
prasselnden Flammen die zertrmmerte Pracht des vorigen Jahrhunderts verzehrte
und damit in seiner Nhe wohlthuende Wrme verbreitete. Ludwig griff nun auch,
sichtlich erquickt, zu den Speisen, die der Klosterkche Ehre brachten, und
fhlte sich besonders von dem starken, alten Weine neu belebt, welcher ihnen in
einer Berechnung zugetheilt war, die den Maastaab des dort zuerkannten
Bedrfnisses verrieth.
    Jetzt, rief Reginald - bin ich erquickt, und unsere Leute werden es auch
sein. Ruhe Du hier, mein Lieber - ich will mit den Leuten und unseren Pistolen
die nchsten Rume untersuchen; denn ein offenes Haus will ein nthiges Bedenken
erregen. Behalte Du eine von Deinen geladenen Pistolen hier, mit den anderen
bewaffnen wir uns.
    Ludwig war es zufrieden, und Reginald durchsphte zuerst ihren Aufenthalt.
Das Zimmer war mit kostbaren, aber verwitterten Gobelins behangen, darunter
standen fest und unversehrt verschlossene Schrnke, die eine fortgesetzte
Skulptur in Ebenholz waren und, mit Gold, Silber und Elfenbein untermischt,
Gegenstnde aus dem alten und neuen Testamente darstellten. In der Gegend des
Thronhimmels stand eine lange, eben so kostbar gearbeitete Tafel, ber der ein
verstaubter Teppich von purpurrothem Sammet mit goldenen Frangen hing. Auer der
Eingangsthre befanden sich noch zwei kleinere in diesem Zimmer; die eine
ffnete sich nach einer offenen Gallerie, von der ihnen sogleich der Sturm
entgegen wehte, der sie der festen Thre froh werden lie. Dagegen war neben dem
Thronhimmel eine vierte, grere Thre, die Neugierde und Verdacht in ihnen
erweckte; da sie mit mehreren Schlssern und eisernen Balken verwahrt war, die
nach einigen Versuchen, sie zu ffnen, sich als zu stark befestigt zeigten, um
den Eingang mglich zu machen. Dies machte auf Reginald einen sehr unangenehmen
Eindruck, und er fhlte damit Sorge und Unruhe in sich angeregt; obwol er bemht
war, sie zu verbergen, da er Ludwigs eintretende Ruhe zu stren frchtete. Um so
viel sorgfltiger untersuchte er die anstoenden Rume; und alle zeigten sich
durchaus beruhigend. Er befahl einem der Diener, mit dem Pistol in der Hand im
Vorsaale zu lagern, den zweiten lie er vor die Thr nach der Gallerie sich
legen; er selbst aber nahm Ludwig gegenber am kupfernen Tischchen Platz, so da
er die geheimnivolle Thr im Auge behielt. Er hoffte, Ludwigs leichten,
krankhaften Schlummer bewachen zu knnen, trank mehr Wein, als gewhnlich, um
sich munter zu erhalten; und da das sonderbare, wehklagende Geschrei der vom
Sturm umwehten Zinnen und Thrme in dem mannigfachsten Wechsel seine Phantasie
anregte, fhlte er sich auch der Mdigkeit widerstehend, die ihn von dem
Augenblick an bedrohte, als Ludwig vor ihm in gleichmigeren, ruhigeren Schlaf
versank. Er fate das scharf geladene Pistol fest in die rechte Hand und sich in
den Lehnstuhl zurcklehnend, blieben seine Augen, wie gefesselt, an der
verschlossenen Thre haften. O, wie sammelte die Ruhe, die fr seine Gedanken
eintrat, die Bilder, die aus Emmy's mchtiger Rede ber das Verhngni dieses
Hauses in ihm niedergelegt waren! Von der Gruft der Claudia von Bretagne an, bis
zu dem blhenden, schnen Bilde seiner kindlichen Mutter, durchlief seine
angeregte Phantasie nach Emmy's strenger Anordnung alle Begebenheiten. Wie
schmerzlich und qualvoll stieg ihr und sein Schicksal in ihm auf, und wie
dmonisch wuchs besonders Souvr's Gestalt in diesem Bilde an, von dem er sich
erst jetzt eingestand, wie sehr er ihm in der Stille abgeneigt geblieben war.
Wie verhngnivoll erschien ihm dies Schlo selbst, das in seinem Bereich immer
nur Unglck und Schuld ber seine Bewohner hufte; denn Emmy hatte nicht
unterlassen, die Gruel der Katharina von Medicis, des Theophim von Crecy, des
Spinola zu berhren, wenn auch nur, um den Vorwurf zu verstrken, da man
Fennimor eine so entweihte Wohnung angewiesen. - So reihete sich Bild an Bild
und erregte fieberhaft sein wallendes Blut. Der khne Jngling, der die Furcht
noch erst erfahren sollte, lernte pltzlich ein Gefhl kennen, fr das er, da es
ihm neu war, den Namen nicht wute. Er blickte in dem ungeheuren, dunkeln Raume
mit klopfendem Herzen umher; das tiefe Schweigen, was jetzt hier herrschte,
schien ihm entsetzlich; dieser Schauplatz geselliger Lust, ohne Zweifel von
allen und den verschiedensten Bewohnern zu diesem Zwecke benutzt, zeigte keine
Spur mehr seines frheren Lebens. Die Sessel blieben unbesetzt, die Tische leer,
und die ungeheuren Schrnke verhllten ihren Inhalt, zum Dienste jener Zeit
gehrend. O, rief Reginald pltzlich unbewut - dies Schweigen ist
unertrglich! Besser, es belebte sich Alles mit den Gestalten der
Vergangenheit!
    So folge mir! rief eine hohle, ernste Stimme hinter ihm. Entsetzt wandte
er sich und sah, da er bei seinem Umherblicken die Richtung nach der
verschlossenen Thr aufgegeben hatte, die jetzt geffnet war; von da her, das
bersah er mit einem Blicke, war die Mnnergestalt gekommen, die diese Worte zu
ihm sprach. Aber Reginald fhlte seinen Athem stocken; und doch konnte er es
nicht nachweisen, warum ihn eben diese Gestalt so entsetzte. Seine Zge waren
nicht ganz zu erkennen; ein spanischer Hut mit breiter Krempe, nur seitwrts mit
einer Agraffe aufgeschlagen, beschattete sein Gesicht; doch schien es Reginald
gelb und bleich. Um seine Schultern hatte er einen kurzen, feuerfarbenen Mantel,
der drei groe Lcher auf der Brust zeigte; brigens schien er in schwarzem
Sammet altspanisch gekleidet, und trug ein breites Schwert in reicher Scheide
eng an sich gedrckt.
    Immer deutlicher trat es Reginald hervor - er hatte die ganze Gestalt, so
wie sie jetzt vor ihm stand, noch so eben unter den Portaitfiguren auf dem
Treppensaal erblickt; dazwischen schien es ihm, er she Souvr's Zge, und die
Gestalt nur widersprach in ihrer Gre dem flchtigen Gedanken. - Und dieser
Mann aus einem anderen Jahrhunderte forderte ihn auf, ihm zu folgen; Reginald
fhlte sich wie von einer unabweisbaren Autoritt beherrscht! Ohne es deutlich
sehen zu knnen, glaubte er das stechende Auge des rothen Mannes zu fhlen; er
wandte sich ngstlich nach Ludwig um. Aber dieser war nicht allein schon
erwacht, es schien sogar, er war frher aufgefordert worden, als er selbst; denn
er stand bereits eben so willfhrig, als Reginald.
    Gesellschaft sollt Ihr finden, fuhr der rothe Mann fort - und fr zwei
Grafen von Crecy, an deren Leben die Erhaltung des Hauses Crecy-Chabanne hngt,
soll es passende, unterhaltende Gesellschaft sein! Ihr frchtet Euch doch
nicht? setzte er hhnisch hinzu.
    Dies schreckte Reginald empor. Jetzt erst fhlte er den erstarrten Zorn sich
in seiner Brust beleben. Wer seid Ihr? rief er. Welch ein Recht habt Ihr, in
unserem Schlosse eine Einladung an uns zu richten, als wret Ihr der Herr
desselben?
    Eine Art Schnauben, wie es der Zorn zuweilen bei sehr wilden Menschen hren
lt, ging voran, dann folgte ein hhnendes Lachen. Kind, halte ein mit Deiner
Wichtigkeit, rief dann der rothe Mann - und hte Dich, mich zu reizen, da Du
nicht gleich erfhrst, welche Macht ich hier habe - eine solche, die in ihrem
Alter und in ihrer Rechtmigkeit die Deinige berbieten knnte!
    Und Reginald - der khne, hochherzige Jngling - schwieg. Ihm war so fremd
und erdrckt zu Muth; als er sprach, fhlte er keine Kraft, seinen Worten Ton
und Strke zu geben; sein Athem war so kurz, sein Kopf schien ihm nicht frei; -
nur die Nhe Ludwigs beruhigte ihn. An seiner Seite folgte er dem voran
schreitenden, rothen Manne, willenlos - wie durch Zauber ihm nachgezogen, und an
Ludwig dieselbe Gewalt wahrnehmend.
    Als sie die Schwelle der jetzt geffneten, frher so fest verschlossenen
Thr berschritten, blieb der rothe Mann stehen; und indem er zurckschaute,
sagte er: Ihr hattet, denke ich, groe Lust, diese Rume zu betreten! Als ich
Euch an den Schlssern hmmern hrte, konnte ich denken, wer es war. Ihr hattet
Recht, hier Einla zu wnschen; - nur kam es mir zu, Euch hier willkommen zu
heien; denn es ist so recht eigentlich mein Bezirk. - Auch wartete ich schon
lngst auf Euch, Ihr Grafen von Crecy-Chabanne! Ein kurzes, feindliches Lachen
folgte, und die erschtterten Jnglinge eilten ihm nach, der mit geruschlosen
Schritten ber das dunkle Getfel voranglitt.
    Sie fanden erleuchtete Rume, ohne den Moder der Zerstrung, doch in dem
Geschmacke des Jahrhunderts eingerichtet, dem der Mann im rothen Mantel
anzugehren schien. Sie kamen erst durch einige kleinere Wohnzimmer, durch ein
Schlafzimmer mit einem groen Bette, gegen dessen verschlossene, schwersammetne
Vorhnge ihr Fhrer wild drohend die Hand erhob - und wie glich er jetzt Souvr!
Dann ffneten sich weite Sle, und die Jnglinge erstaunten ber die Ausdehnung
des Schlosses und den Glanz der Ausstattung. Diese Rume wurden jedoch von einer
Schaar geschftiger Diener und Dienerinnen belebt, die in einer ungewhnlichen
Thtigkeit umhersausten; doch ohne anderes Gerusch vernehmen zu lassen, als da
sie die Luft zu bewegen schienen, die oft schneidend und kalt an den Jnglingen
vorberstreifte, und auch die zahllosen Kerzen in einer bestndig wehenden
Bewegung erhielten.
    Der rothe Mann hatte mit Allen zu verkehren, und Beide behielten Zeit, das
zahlreiche, wunderliche Personal zu betrachten, das, einig und in derselben
Richtung wirkend, doch durch das Kostm so getrennt erschien, als lgen zwischen
den einzelnen Gruppen Jahrhunderte. Das Erstaunen Beider verschlang jede Frage;
sie waren im Sehen aufgelst und von groer Beklemmung und einem nicht zu
beherrschenden Grauen erfllt; denn diese wort- und geruschlosen Geschpfe
nderten jeden Augenblick mit Blitzesschnelle ihre Pltze, und die
abenteuerlichsten, lngst vergessenen Kostme, die, schwerfllig und beladen,
jede Bewegung zu hindern drohten, wurden hier mit einer Leichtigkeit getragen,
als wren es Gewnder, von Staub und Luft gewoben. Die Jnglinge wurden von
Niemandem bemerkt, von Niemandem berhrt; obwol sie von der groen Anzahl immer
umkreist waren und ihren kalten Lufthauch fhlten. Alle waren beschftigt, eine
Tafel zuzurichten; von den alten Geschirren in den kostbarsten Metallen, die sie
herbeischleppten und ordneten, waren einige kaum in ihrer Bestimmung zu
erkennen, so fern mute die Zeit ihres Gebrauches liegen; dazwischen kamen
neuere Gegenstnde; die kstlichsten Geschirre und Becher, zu deren
vervielfltigten Modellen Benvenuto Cellini als Erfinder genannt wird. Dann das
leichte, florartige Glas der Venetianer mit Wappen, Farben und Vergoldungen; -
jedes Jahrhundert, schien es, hatte seine Geschirre und seine ihm zugehrende
Bedienung.
    Vergeblich rang Reginald mit der wahnsinnigen Verwirrung, in die er sich
gestrzt fhlte; die Dinge behielten ihre Gestalt und zogen ihn endlich in einem
Maae an, da die Ueberlegung in ihm erstarb; - nur Ludwig's Arm, sein
antwortendes Auge, das er zuweilen suchte, gab ihm ein Gefhl von Haltung und
Ruhe.
    Jetzt winkte ihnen der rothe Mann, ihm zu folgen, und Beide traten mit ihm
in den nchsten Saal, welcher glnzend erhellt und von groer Ausdehnung, aber
mit einer Masse von Gestalten beinah' berfllt war. - Doch waren sie frher den
Dienern begegnet, standen sie hier unverkennbar den Gebietern gegenber. Wohin
in dieser glnzenden Versammlung zuerst das Auge richten - wie den Reichthum
fassen, der hier den Glanz aller erdenklichen Kleiderpracht mit dem Zauber von
Schnheit und Jugend vereinigt zeigte? - Die Jnglinge waren geblendet - ihre
Phantasie war berboten; sie fhlten eine schchterne Hingebung und schienen
sich kaum berechtigt, zu einer so anspruchsvollen Versammlung gehren zu wollen.
Doch auch hier fiel Reginald bald die chronologische Folge auf, auch hier
zeigten sich aus der Gesellschaft verschwundene Kostme, oder solche, die nur
noch in alten Bildwerken bewahrt wurden; und bei ruhigerer Betrachtung sah er
zwei Frauen, die wie schroff bezeichnete Zeitabschnitte sich gegenber standen
und einen ganzen Kreis hnlicher Gestalten um sich versammelten. Es ist ein
Maskenscherz, wollte Reginald denken; aber er glaubte an dem Gedanken zu
ersticken. Der Athem blieb ihm stehen, er wollte laut aufschreien, sich die Qual
zu erleichtern; - aber der Laut erstarb - die Lippen blieben tonlos. - Da trat
der rothe Mann, der Alle wie seine Gste zu leiten schien, zu ihnen; er fhrte
sie umher. Sie wurden vorgestellt - er hrte viele Namen - und sich und Ludwig
immer gleich als Grafen Crecy bezeichnen; doch schien es ihm, der rothe Mann
spreche kein Wort, und hier, wie bei den Dienern, herrsche lautlose Stille.
Dennoch wute er, die blasse hagere Frau mit den tiefgesenkten Augenliedern, mit
der ruhigen Stirn und dem Ernst einer Heiligen, sei Claudia von Bretagne. Sie
trug den thurmhohen Bau eines steifleinenen Kopfputzes, jener Mode, woran
radfrmig Halskrause und Brustlatz liefen, die keine Ahnung einer menschlich
weiblichen Gestalt zulie. Von grobem aschfarbenen Wollenzeuge hingen die
Gewnder in festgenhten Falten ohne Grtel bis zum Boden; nur die Hnde sahen
mit den Fingerspitzen aus den aufgeschlagenen Aermeln hervor; sie waren schn
und fein, doch gelblich wei, und umschlossen ein schwarzes Kruzifix. Aus den
Falten des Rockes hing ein Spindel nieder, und nur auf der hchsten Spitze des
widrig steifen Kopfputzes sa die kleine Knigskrone; sie hatte aber einen
Schein wie Sternenlicht, und so auch leuchtete ein Kreuz von Edelsteinen, was
auf dem Brustlatze ruhte. Um sie standen junge, bleiche Frauenbilder in der
entstellenden Tracht der Zeit, mit Angesichtern, so still, so mienenlos und
kalt, als sei das Buch des Lebens mit seinem ganzen Inhalte vor ihnen
verschlossen geblieben. Sie standen um die stille, unbewegliche Herrin, die
ihrer nicht zu achten schien; dazwischen sah man Ritter mit unbedecktem Haupte,
Pagen in Wappenfarben, gleich Gersten dieser Abzeichen, geschmacklos berladen
mit bunten Farben und ungeflligem Schnitte der Kleider. Klein jedoch nur war
die die Zahl, die um die Knigin kenntlich zu erblicken war; denn nur die
Bezeichneten traten deutlicher hervor. Hinter ihrem Stuhle schwirrte noch ein
ganzer Knuel verbundener Gestalten, die lebendig um einander glitten und bei
dem unsicheren Lichte der wehenden Kerzen immer zu wechseln schienen.
    An einen groen, weitlufigen Kamin gelehnt, in dessen Heerd die jhe
Flamme, in Regenbogenfarben spielend, nach allen Seiten zngelte - so nah, da
der Rand der reichen Gewnder in jedem Augenblicke von den hervor schlpfenden
Flammen besumt ward, stand ein Weib von mchtiger Schnheit! Sie hatte wohl die
starre, kalte Weise der brigen Frauen; doch ihr, wie allen um sie versammelten
Schnen glhte ein fremdartig, schimmerndes Roth auf den Wangen. Der Kopf war
unbedeckt; in vollen Ringeln flo das dunkle Haar bis auf die marmorbleichen
Schultern; auf der Mitte ihres Hauptes aber ruhte eine groe, mchtige Krone von
Brillanten; - es war Katharina von Medicis! - Sie schaute mit den glhenden
Augen in die Ferne. Ihr Gewand war purpurrother Sammet; es deckte um die volle
Taille kaum die preisgegebene Schnheit ihrer Formen. So waren alle Frauen ihres
Kreises schn und zum Erschrecken fast enthllt. Dazwischen bewegten sich
zahllose Mnnergestalten in den prachtvollen Kostmen der Valois zur Zeit der
Medicerin. - Die Namen der Geschichte wurden den beiden Jnglingen genannt, sie
sahen ihre belebten Gestalten, es schien, als habe Alle, die nacheinander dieser
Zeit gedient, ein Hoffest hier vereinigt. Es waren die Sitten, die damals
geltenden, bewunderten Formen der Geselligkeit; Alles diente, empfing,
erwiederte; und man sah Alle gruppenweis in gesellschaftlicher Beweglichkeit.
    Die Jnglinge wurden wie im Wirbel fortgetrieben; ob es Sekunden, ob es
Stunden waren, sie wurden sich dessen nicht mehr bewut; mit berspannter
Neugierde ernteten sie mit ihren Augen die Wunder ein, die sich ihnen
enthllten. - Bald waren sie getrennt, bald waren sie vereint; - doch Keiner
sagte dem Anderen mehr ein Wort; es schien, als verlren auch sie die Sprache.
Denn, wie sehr auch Reginald sich mhte, klar zu werden, ob dieser glanzvolle
Kreis durch Worte sich verstndige, es gelang ihm nicht; - er verlor den
Gedanken daran; oder die Anstrengung, ihn festzuhalten, verging in angstvoller
Betubung, die endlich in dem Anblick unterging, der so berauschend war. - Da
ergriff sie pltzlich der rothe Mann, zog sie zum Kamin und stellte sie dicht
vor die Knigin; - er nannte ihre Namen und starrte hhnend auf sie hin. Sie
fuhr zusammen; - einen Schrei des Schmerzes glaubten sie zu hren. Die Flammen
des Kamins umzngelten wie ein Saum das glnzende Gewand; - sie strubte sich
und strich die Flammen mit den Hnden ab. Da sah Reginald, wie ihre, Fe nackt
und bis zum Knchel roth gefrbt waren; - sie wehrte die Jnglinge ab, der rothe
Mann jedoch hielt sie vor ihr fest und forderte eine hohe, in Goldstoff
gekleidete Gestalt, die hinter Katharina stand, heraus, hervorzutreten;
hohnneckend zeigte er ihr die Jnglinge, dann hob er den rothen Mantel auf und
zhlte die runden Lcher: eins - zwei - drei; - da taumelte der Andere und sank
zusammen. - Es war Theophim, Graf von Crecy! Im nchsten Augenblicke wurden die
glnzenden Tischchen von getriebenem Kupfer mit sammetnen Beuteln zum Spiele
eingerichtet, herbeigerollt. Die verschiedensten Partieen wurden schnell
geordnet. - Alles sa - die Knigin Claudia ausgenommen; sie hatte die Spindel
los gemacht und zog die feinen Fden, langsam durch die bunten Reihen wandelnd,
als sei sie hier allein.
    Reginald erblickte Ludwig mit Katharinens schnen Frauen beim Brettspiele;
heftig erregt, suchte er zu ihm zu kommen; aber die Luft schien in schweren,
hindernden Schichten zwischen ihnen zu liegen; er konnte ihn nicht erreichen.
Dagegen stand er mit einem Male zur Seite der Medicerin; sie spielte mit
Theophim von Crecy ein mystisches Spiel mit goldenen und silbernen Figuren; auf
der kupfernen Platte des Tisches waren Bilder eingelassen, nach deren Zeichen
sich die Spieler zu richten schienen. Schrecklich war ihm Theophim's Bild -
bleich - das Gesicht mit grnen Flecken berset - die Hnde mit goldgestickten
Handschuhen bedeckt, die so grauenhaft schlotterten, als ob sie eine drre
Knochenhand bedeckten.
    Unruhig auch war der Knigin Betragen, und schaudernd - zuckend - fuhr sie
oft zusammen. Da sah Reginald mit Entsetzen, da in den reichen Locken die
rothen, schwarzgefleckten Wrmer krochen, die den lebendigen Leib der Menschen
fliehen und nur bei Todten hausen; - er sah, wie aus den Falten des Sammtes, aus
dem Juwelenplatze sie ihren Weg lustwandelnd ber die reine Wlbung des schnen
Halses nahmen - wie sie den runden Arm entlang bis zu den Fingerspitzen krochen
- und wie die Knigin ohne Weigern ihrem Treiben sich ergab.
    Doch schien es ihm, das Auge werde ihm stets klarer und deutlicher, die
Gegenstnde zu erfassen; - die Frauen, so schn, so reizend und glnzend anfangs
erscheinend - erstarrten pltzlich - sie hatten keinen Blick im Auge - sie
glitten pfeilschnell ohne Schatten, ohne Schritt oder Bewegung ber den Boden. -
Claudia ging, als ob der Fuboden sich langsam mit ihr fortzge. Keiner berhrte
den Anderen; - seufzend, wie fernes Geheul, durchfuhr den ganzen Raum
schneidender Zugwind; - berhaupt wehte eine kalte und belastende Luft, die bis
zum Herzen die Kraft zu hemmen drohte. Reginald erwartete immer bestimmter einen
Hauptmoment, ein Entsetzliches - das alles Grauenhafte vor ihm berbot. Doch
schien es auszubleiben; - die Thren ffneten sich, die Tafel war gerstet, der
Dienerschwarm eilte herein; wie rollender Sand durchdrang er blitzschnell die
jetzt fast ganz erstarrten Gruppen der stolzen Versammlung. Alles schob sich
vor, die Herren und die Damen, wie getrieben, wie gejagt von dem sturmschnellen
Dienertrosse. - Zwischen ihnen Beiden stand hohnlachend der rothe Mann am
Eingange des Banketsaales, und ngstlich schaudernd drngten die Eindringenden
sich zusammen, als ob sie seine Berhrung frchteten. Er aber zeigte mit dem
langen, drren Finger auf den Einen oder Anderen, bald Mann, bald Frau; und
jeder der Bezeichneten trug ein hnliches Merkmal, als er selbst - ein Paar
runde Lcher im Mantel oder Wamms, die Frauen in dem zarten Mieder. - O, wie
gern htte sich Reginald der Einen in Silberstoff, mit dem Halsbande von
niedertropfenden Rubinen, genaht! Es war Eudoxia Nemours; - sie deckte mit der
lilienweien Hand die Stelle in dem Mieder, wohin der unerbittliche Rothmantel
hhnend deutete. Doch kreiste die Besinnung wieder in Reginald, berwltigt von
den Gegenstnden und ihrem fabelhaften Gemische. - Er sa an der Tafel neben
schnen starrblickenden Frauen; er sah am oberen Ende derselben Ludwig an der
Knigin und Teophim's Seite sitzen und ward umsaust von der rastlosen Bedienung.
Er wute selbst nicht, ob man Speisen gab und nahm, ob die Becher leer oder
gefllt die Tafel umkreisten; - immer qualvoller, immer bnger ward sein
physischer Zustand - Todesangst hemmte jeden Pulsschlag - er glaubte Modergeruch
wahrzunehmen - er schauderte, die starren Weibergestalten mit den schnen,
leblosen Armen und Hnden, die dicht neben den seinigen auf der Tafel ruhten,
sich bewegen, ihn berhren zu sehen - er wollte aufspringen, Ludwig aus dieser
Gesellschaft reien, mit ihm entfliehen! Er schaute nach ihm hin - er fehlte.
Jetzt schien das Maa gefllt. Er sprang mit Riesenkrften, die er nthig hatte,
auf - er stand vor dem Manne im rothen Mantel mit Souvr's Zgen. Bleib'! rief
dieser - und lhmte so die Kraft des Jnglings. Die Zeit der Rache ist
gekommen, erloschen in diesem Augenblicke das Geschlecht der Crecy-Chabanne; -
denn so Du lebst, blht es in Dir nicht weiter. - Ich bin Spinola! Der von
Deinem Ahnherrn Theophim beraubte und ermordete Spinola; - - und ich lebe fort
in Souvr, dessen Mutter eine Spinola und meine Enkelin war! Hier hast Du den
letzten Grafen Crecy-Chabanne! - Er schlug den Mantel zurck - im Arme trug er
Ludwig's bleiches, blutiges Haupt!
    Ein Schrei der Wuth rang sich aus Reginald's Brust; - er fhlte mit
Entzcken das Pistol in seiner Hand - er hob es auf - der Schu fiel. - In
demselben Augenblicke zerstob Alles um ihn her; - tiefe Dunkelheit umgab ihn -
er fhlte, er war erwacht. - Traum war das entsetzliche Erlebni! -
    Keuchend hob sich noch die Brust, der Angstschwei flo von seiner Stirn,
die Besinnung schien ihm noch zu mangeln; noch glaubte er leises Gewimmer -
Todesrcheln zu vernehmen, sein Krper schien ihm steif und gelhmt - doch
meinte er, der Schu sei gefallen; denn er erwachte, wie seine Hand mit dem
Pistole noch in der Luft schwebte.
    Jetzt hrte er eine Thre sich ffnen - er hrte Schritte - Lichtschein
drang ein - mehrere Personen standen vor ihm - der Schein der Kerzen traf ihr
Gesicht. - Es war der Marquis de Souvr, bleich, entstellt durch Sturm und Regen
- von vielen Dienern gefolgt. Ha, rief Reginald - Du bist der Rachegeist des
Spinola! - Souvr sprang entsetzt zurck; - Reginald glich einem Wahnsinnigen.
Fort! schrie Reginald, wild den Marquis bedrohend - Du hinderst mich nicht
mehr, mein Werk ist gethan, die ewige Gerechtigkeit wird siegen, mein Bruder ist
Ludwig! - Alles fuhr zurck - er strzte vor nach Ludwig's Stuhle - jeder Blick
folgte ihm. -
    Ungeheuer, schrie Souvr - was hast Du gethan? Mrder! Mrder!
    Das Licht beleuchtete so eben scharf, ohne Tuschung Ludwig's erbleichtes,
im Todeskampfe zuckendes Gesicht. Der Schu hatte ihn getroffen. Aus der tiefen
Wunde seiner Brust flo das Blut in vollen Strmen dahin; - rchelnd hob sich
der nur selten noch wiederkehrende Athem - es war vorbei - der letzte Augenblick
hing ber ihm!
    Starr blickte Reginald - versteinert in dies geliebte Antlitz. Er hatte eben
so Entsetzliches erfahren - es war gewichen; zum zweiten Male sagte ihm eine
Stimme: kannst Du trumen - es wird nicht sein! Umsonst, die Wahrheit trgt eine
andere Farbe - sie berzeugt uns schnell!
    Bsewicht, schrie Souvr - bekenne - gleich hier bekenne - Du bist sein
Mrder!
    Ich bin's! rief Reginald mit schrecklichen, erschtternden Lauten. - Ich
bin Dein Mrder, Ludwig! Mein Bruder - Ludwig - hre mich! stirb nicht! erwache!
sieh' mich an! - Mein Bruder, ich habe Dich gemordet!
    Es war, als ob der Sterbende auffuhr - Reginald war ber ihn gestrzt - sein
Blut berstrmte ihn - Ludwig rang mit dem letzten Seufzer - seine Leiche sank
ber ihm zusammen. -
    Souvr ri Reginald schnaubend vor Wuth in die Hhe. Dieser hatte das
Bewutsein verloren; er schleuderte ihn zu Boden, er wagte es, ihn mit seinen
Fen fortzustoen. Sein Ha, seine Wuth brach aus allen Schranken hervor.
Bindet ihn - weckt das Dorf - ruft den Richter herbei! rief er wie rasend.
Seine Natur trieb ihn an, frher an Reginald's Bestrafung, wie an Ludwig's
mgliche Rettung zu denken.
    Doch die Diener der beiden jungen Leute, innig von der entsetzlichen
Begebenheit ergriffen, versahen das Werk der Menschlichkeit. Der Kammerdiener
Ludwig's ri ihm die Kleider auf, er wusch das Blut von der Wunde; doch ein
Blick reichte bin, von jedem Rettungsversuche abzustehen. - Mit der grten
Sorgfalt htte der beste Schtze sein Ziel nicht sicherer treffen knnen, als
Reginald's im Schlaf abgeschossenes Pistol, das mitten durch das Herz traf!
    Als die treuen Diener diese traurige Ueberzeugung erlangt hatten, legten sie
die hei beweinte Leiche ihres jungen Herrn auf die groe Tafel des Banketsaales
und beschftigten sich nun mit Reginald, der noch immer leblos auf dem Boden
lag; denn Niemand theilte die Meinung des Marquis - Niemand hielt den jungen,
verehrten Herrn des Mordes fhig!
    Souvr war indessen zu den gewaltsamen Mitteln geschritten, die seinem
Grolle zusagten. Er lie von seinen Leuten die Thre bewachen und Andere
schickte er nach dem Flecken, die Gerichtspersonen zu holen. Was indessen in ihm
vorgehen mochte, als er den alten Saal, den Schauplatz so vieler Schrecken, auf
und nieder wandelte, werden wir begreifen, wenn wir denken, da er, sobald die
Abreise der jungen Leute der Marschallin bekannt ward, dieser das erlauschte
Gesprch seines Kammerdieners mittheilte, woraus hervorging, da Beide den Weg
nach Ste. Roche genommen hatten, von welchem Orte Reginald, wie aus dem mit
Ludwig gefhrten Gesprche sich ersehen lie, wichtige Mittheilungen mute
erhalten haben. Diese Reise wollte die Marschallin um jeden Preis hindern, und
Souvr, dem Jnglinge so bitter zrnend, entschlossen, ihm jeden Vortheil zu
rauben, war schnell erbtig, sie einzuholen, und dann entweder ihre Rckkehr zu
erzwingen, oder Ludwig allein nach Paris zu fhren. Der Vorsprung, den Beide
hatten, ihre jugendliche Eile, das bse Wetter, welches den Marquis noch
heftiger getroffen, verzgerte seine Ankunft bis wenige Augenblicke vor der
entsetzlichen Katastrophe, die das Lebensglck so Vieler entschied.
    Schon brach der Morgen mit seinem fahlen Lichte an; der sturmdurchwhlte
Himmel sandte einen verwirrenden Wechsel von Licht und Dunkelheit; die Kerzen
verglommen. Reginald regte sich; der Unglckliche sollte erwachen! Nicht lange
blieb sein Bewutsein aus. Betubt - seufzend blickte er die treuen Diener an,
die sich weinend um ihn bemhten; er richtete sich auf, und mit dem ersten Blick
umher, stie er einen wilden Schrei aus, der selbst Souvr durch alle Nerven
drang. Ludwig, Ludwig! rief er, halb ahnend, halb fragend, und ergriff
krampfhaft die Arme der mitleidigen Diener, die ihn halten wollten.
    Lat ihn nicht entfliehen! rief Souvr, als sie vor dem hastig
Vorschreitenden zurcktraten, der Bsewicht mu in Ketten gelegt werden! Aber
Reginald hrte und verstand ihn nicht, ja, er erkannte ihn wohl kaum; denn der
schwchliche Marquis flog wie ein Zweig, den man zurckschlgt, von seiner Hand
bei Seite, als er ihm in den Weg treten wollte.
    Wie ein Gespenst, mit Blut berdeckt, bleich und entstellt, eilte der
unglckliche Jngling vor und suchte den Bruder. Noch war seine Vorstellung
nicht klar, nur wie von einer dunkeln, schweren Last fhlte er sich
niedergebeugt und suchte ahnungsvoll den Bruder, damit Erklrung erwartend. Er
erblickte den Kamin, an dem Beide gesessen; aber indem er darauf zustrzen
wollte, streifte er die Tafel, worauf der Entseelte ruhte.
    Er strzte wildschreiend darauf hin - er rief mit allen Tnen der
Verzweiflung seinen Namen, er ergriff seine Hnde, sein Haupt und verwechselte
den entsetzlichen Traum mit der Wirklichkeit. An Ludwig's Tod begann er zu
glauben; - aber wie es geschehen, konnte er nicht fassen. Hnde ringend blickte
er Alle an. Wer - wer - hat das gethan? rief er mit erschtterndem Jammer.
Spinola? Das Ungeheuer, unter seinem Mantel trug er das Haupt! - Aber -
Ludwig's Haupt liegt nicht getrennt - aus der Brust fliet das Blut - sagt,
sagt, habe ich geschossen? Ja, ich hatte das Pistol! - Ich - ich habe den Schu
gehrt! Spinola, Spinola, Du hast meine Hand gefhrt! Du - Du bist sein Mrder!
Auer sich strzte er auf Souvr zu, der in demselben Augenblicke mit den
Gerichtspersonen des Fleckens Ste. Roche nher trat. Wthend fate er den
Marquis: Gestehe, gestehe, Deine Mutter war eine Spinola! Rache, Rache hat Dich
geleitet - Du hast den Erben der Crecy-Chabanne getdtet - Du wolltest dies
unschuldige Geschlecht ausrotten, dem Ahnherrn zur Shne! Doch zittere, zittere!
Ich lebe - ich bin der lteste Graf Crecy-Chabanne - ich werde ihn rchen,
Ludwig - Ludwig meinen theuern Bruder! Hier tauchte sein Gefhl in dem tiefsten
Schmerz unter; er strzte aufs neue ber Ludwig's Leiche, und krampfhaftes
Schluchzen erstickte jedes weitere Wort.
    Mein Herr, sagte der Richter von Ste. Roche zu dem Marquis de Souvr, der
von Reginald's letzter Rede wie vom Blitze getroffen stand - soll das der mir
bezeichnete Mrder sein?
    Ich glaube, sagte Souvr zerstreut und kaum hrbar. Fennimor's Sohn hatte
aufs neue den Schleier von seinem Inneren weggerissen, den er sich selbst kaum
zu lften gewagt. Zwei Mal, unter demselben Dache, von der Mutter und dem Sohne,
ward der jhe Blitz der Wahrheit in seine schwarze Seele geschleudert, da er
sie erkennen mute! - Ja, seine Mutter war eine Spinola, die Enkelin des hier
gemordeten Spinola; oft hatte sie dem Sohne die Geschichte des Ahnherrn erzhlt,
oft ihr Eigenthumsrecht ber das Besitzthum der Crecy ausgesprochen, und in
Souvr's Herzen hatte sich mit der Begierde zum Reichthume und der
Unmglichkeit, ihn in Rechtsanspruch zu nehmen, der finstere Groll genhrt gegen
dieses ihn beraubende Geschlecht. Doch berdeckt von der gesellschaftlichen
Bequemlichkeit, die dies zu Glanz und Ehre erhobene Haus gewhrte, hatte schon
die Mutter ihm die Anweisung zur Verstellung gegeben, die er lauernd, Bses
schrend, zu benutzen wute, wie wir es erfahren haben. - Doch woher wute der
Jngling dies? Souvr hatte den zuflligen Streit vergessen, der zwischen ihm
und Fenelon in Gegenwart der Jnglinge einst vorfiel, und worin er, von seinem
Hasse berrascht, sich seiner Anrechte auf das von Ste. Roche stammende Vermgen
gerhmt; er aber glaubte berall die Andeutungen vermieden zu haben, als kenne
er das Schicksal der Seinigen. Wie konnte es nun der Jngling wissen? - Ein
Grauen fate ihn unwillkrlich; er wre gern entflohen! Fennimor's Sohn trieb
den sicheren Streiter eben so, wie sie einst, aus der festen Bahn, da ein
Stillstand im raschen Vorschreiten eintrat - ein lstiges Erschrecken vor sich
selbst.
    Mein Herr, Sie mssen sich erklren! wiederholte der Richter das oft
Gesprochene. Bleiben Sie dabei, diesen Jngling als den Thter, als
vorstzlichen Thter zu bezeichnen?
    Ja, rief Souvr, jede Unsicherheit abschttelnd, mit dem Siege der Hlle
in der frohlockenden Stimme - ja, er ist der Mrder! Hierher hat er ihn, gegen
den Willen der Seinigen, absichtlich gelockt, die schwarze That zu vollfhren; -
und zu spt mute ich kommen, sie zu verhindern.
    Der Richter warf einen prfenden Blick auf Souvr, dann sagte er kalt: Ich
habe blos den augenblicklichen Thatbestand zu Protokoll zu nehmen. Die
unglckliche Begebenheit wird bald in andere Hnde bergehen. Sie scheint mir
sehr verwickelt; doch mu ich darauf aufmerksam machen, wie wichtig das erste
Zeugni ist, wie sehr wir uns hten mssen, mit vorgefater Meinung hier zu
Werke zu gehen; denn erwiesen ist hier nur der Tod!
    Erwiesen, rief Souvr - ist absichtlicher Todtschlag! Denn wir fanden den
jungen Bsewicht mit dem Pistol in der Hand vor dem schlafend Ermordeten.
    Der Richter schwieg und blickte auf die weinenden Diener: Haltet Ihr den
jungen Herrn dort fr den Mrder?
    Nein, nein, unmglich! Sie liebten sich so sehr! so erscholl es aus Aller
Munde.
    Souvr wollte sprechen; doch seine Klugheit kehrte zurck - er hielt ein. -
Mein Herr, hier handelt es sich nicht um unsere Meinungen, rief er,
anscheinend ruhig - untersuchen Sie!
    Der Richter beorderte den Schreiber mit seinen Papieren an dasselbe kupferne
Tischchen mit eingelegten Bildern, an dem einst Katharina von Medicis mit
Spinola und Theophim zu spielen pflegte, an dem die jungen Leute so eben in
brderlicher Eintracht gesessen, und an welchem jetzt der Eine zum Mrder des
Andern erklrt werden sollte. Die Aussagen der Diener waren bald verzeichnet.
Sie konnten, so widerstrebend es ihnen auch war, ein bses Motiv unterzulegen,
doch nicht ablugnen, da Reginald hauptschlich mit Hast und Ungeduld die Reise
betrieben und die Bitten des Priors im Kloster Tabor, dort das Ungewitter
abzuwarten, zurckgewiesen habe. Dagegen bezeugten sie freudig das innige
Einverstndni der beiden jungen Leute, erzhlten die Sorgfalt Reginald's fr
den ermdeten Ludwig und berzeugten den Richter bald, wie viel mehr bei diesen
Aussagen ihre Neigung und Ueberzeugung zusammenfiel. - Und dieser Schmerz,
sagte der Richter ernst - bezeichnet er wohl den Mrder?
    Ha, rief Souvr - es ist die Reue, die natrlich der jetzt ertappten
Schandthat nicht fehlen kann!
    Der Richter nahete sich inde dem Angeklagten, der im wahnsinnigsten
Schmerze noch immer laut schluchzend ber der Leiche lag.
    Richtet Euch auf, junger Mann, rief der Richter - antwortet uns!
Reginald fuhr empor.
    Ja, ja, rief er mit der schrecklichen Zerstreutheit, die der Vorbote des
Wahnsinnes zu sein pflegt - sprecht zu mir! O, sagt mir die Wahrheit - Ihr habt
weies Haar - Ihr drft nicht lgen - o, das ist schn - das Alter ist auch
weise, und was vorgeht in der Welt, hat es geprft. Sagt mir, ich bitte Euch bei
Eurer Seele Seligkeit - habe ich ihn getdtet, oder Spinola, der schreckliche
Rothmantel, der Ahnherr des Marquis de Souvr?
    Er bog sich weit vor, um forschend das Gesicht des Richters zu prfen, und
als dieser in ernstem Schweigen vor ihm stehen blieb, fuhr er bittend fort:
Sag', das Pistol - das Pistol, sag', wie war das? Der Rothmantel brachte mir
Ludwig's geliebtes Haupt. - Gott der Barmherzigkeit, da scho ich! Habt Ihr's
gehrt? Habt Ihr den Schu gehrt? - Sprich, alter Mann! Dir will ich glauben -
hat dieser Schu meinen Bruder getroffen? Ein lautes Geschrei - krampfhaft
zerrissen von Schluchzen - brach bei diesen Worten aus seinem Munde.
    Der Richter schttelte schmerzlich das Haupt. Gott wei, sagte er halb vor
sich hin - der beging keinen absichtlichen Todtschlag! - Junger Mann, fuhr er
dann lauter fort - sammelt Eure Lebensgeister! Ihr mt mir Antwort geben - wir
wollen nicht Schuld - wir wollen Wahrheit entdecken! Ich - ich hrte den Schu
nicht - und wei nicht, ob er aus Eurem Pistol kam.
    Nicht? nicht? Du hrtest ihn nicht? Du sahest mich nicht? schrie Reginald,
auf ihn zustrzend; - o, dann - dann bin ich es vielleicht nicht - dann fiel
vielleicht kein Schu - wenigstens nicht aus meinem Pistol!
    Wozu die Heuchelei! schrie Souvr, emprt ber die milde Weise des
Richters - ich hrte - ich sah es! - Elender, ich traf Dich, das Pistol auf
Deinen Freund gerichtet - ich hrte den Schu, ehe ich die Thr ffnete.
    Aber ehe der Richter noch antworten konnte, strzte Reginald auf Souvr zu,
er griff ihn und schttelte ihn mit der Gewalt des Wahnsinnes.
    Ungeheuer, rief er - Du lgst! Dein ganzes Leben ist Lge und Verbrechen!
Du hast meine Mutter getdtet - Du hast ihren Gatten zum Verbrechen gefhrt - Du
hast mich, den rechtmigen Erben, zum Bastard gemacht - Dein Zeugni gilt
nicht! Denn Du bist die Lge selbst - Du bist der Rachegeist des Spinola - des
frchterlichen Rothmantels, der es mir so eben selbst gesagt!
    Bis dahin hatte keiner der Diener den Marquis zu befreien gesucht. Niemand
liebte ihn, und die gehssige Stellung, die er hier, einem Geheimnisse und dem
angebeteten Jnglinge gegenber, einnahm, lie ihnen den heftigen Ausbruch
desselben fast zur Befriedigung gereichen. Doch eben hatten sie Worte vernommen,
die zu sichtlich den Stempel des Wahnsinnes trugen; - erschrocken befreiten sie
den zitternden Marquis.
    Bindet ihn! Bindet ihn! schrie Souvr, fast erstickt in Wuth - er ist
wahnsinnig - wahnsinnig!
    Und um so weniger vielleicht schuldig! rief der Richter. -
    Genug, mein Herr, genug! - Ich erklre sie ihres Geschftes hier
dispensirt; - das Recht wird sich finden - es wird ohne Sie gehandhabt werden.
    Souvr ergriff die unvollendeten Bltter des Protokolls. Der Richter
verneigte sich und schied schweigend und erschttert aus seiner Nhe, die Blicke
noch voll Rhrung auf das nothwendige Opfer dieser schrecklichen Begebenheit
gerichtet. - Der Marquis befahl augenblicklich, die Leiche in einen der
Reisewagen zu tragen, und Reginald gebunden und bewacht daneben zu setzen.
Langsam sollte dieser Zug erfolgen - er wollte nach Ardoise voran, um die
traurige Vorbereitung zu bernehmen.
    Doch, ob die Bemhungen der Diener nur gering - ob Reginald's Widerstand so
mchtig war - sie erklrten dem Marquis, ihn zu binden sei unmglich; - und da
er ihres guten Willens bedurfte und das Hinderni in ihnen argwhnte, so
begngte er sich mit dem Befehl an seinen eignen Kammerdiener, ihn im Wagen zu
bewachen. Es war ein unntzes Gebot! Fest hielt Reginald die theure Leiche
umklammert; - ohne auf eine Vorstellung zu achten, schien er das unerklrliche,
das schreckliche Geheimni dieses Todes nur an dem leblosen Busen des Lieblings
ergrnden zu wollen, hier allein von der wahnsinnigen Angst erleichtert zu
werden, die seinen Verstand bedrohte. So ging die Reise langsam, aber
unaufhaltsam fort. Souvr eilte voran; doch erreichte er erst am anderen Morgen,
bei vorgeschrittener Zeit, Ardoise. Hier mute er zu seinem groen Verdrusse
erfahren, da smmtliche Herrschaften Tag's vorher nach Mont-Ral, dem
Stammschlosse der Familie d'Aubaine, aufgebrochen seien, und man sie erst zur
Tafel zurck erwarte. Um diese Zeit mute auch die Leiche eintreffen; Souvr sah
die Gefahr der Ueberraschung ein und beschlo, augenblicklich ihnen entgegen zu
reisen, und mit Hlfe des Grafen die Uebrigen aufzuhalten, bis sie das
Unvermeidliche erfahren. Doch der geschftige Zufall drngte sich auch hier
zwischen die Beschlsse des Marquis!
    Die Familie war schon frher von Mont-Ral aufgebrochen, um ein seitwrts
liegendes, erst krzlich vom Grafen d'Aubaine erbautes, kleines Jagdschlo zu
besehen, welches die Damen noch nicht kannten. Dies machte, da sie den Marquis
de Souvr verfehlten, der erst spter einigen auf geradem Wege zurckkehrenden
Dienern begegnete und von ihnen die Abschweifung der Herrschaften erfuhr. Damit
war wahrscheinlich Alles verloren! Souvr lie, so rasch die Pferde laufen
konnten, umwenden; wir werden erfahren, wann er eintraf. -
    Die Marschallin, Madame d'Aubaine und ihre beiden Tchter fuhren in einer
bequemen Jagdkarosse, wie sie in Versailles Mode waren, von der Besichtigung des
kleinen Waldschlchens nach Ardoise zurckkehrend, durch den schnen,
herbstlich kolorirten Buchenwald, der in den Park berging, und an ihrer Seite
ritten die beiden Grafen d'Aubaine, Vater und Sohn, begleitet von Jgern und
Stallleuten.
    Franziska reizte durch ihre tief bekmmerte Stimmung die ble Laune der
Marschallin in hohem Grade; sie kannte die Ursache dazu - und zugleich ber
Souvrs Sendung in hchster Spannung, trachtete sie nur darnach, Alles zu
verbergen, was in ihr vorging, und fhrte mit besonderer Lebhaftigkeit die
Unterhaltung. Als man in den Schlohof einfuhr, erkannte die Marschallin die
Reisekutsche ihres Enkels, welche angespannt im Hofe stand.
    Mein Enkel ist zurckgekehrt! rief sie, sichtlich erfreut - Souvr
wahrscheinlich auch!
    Dagegen bemerkte der Graf d'Aubaine mit Erstaunen, da die Diener aus dem
Hause nicht, wie es Sitte war, zum Empfange ihrer Herrschaften ihnen entgegen
eilten, um den Wagen zu ffnen, sondern da die bestaubte Reisebegleitung diesen
Dienst versehen mute. Franziska verlie zuerst den Wagen. Ihr ahnendes Herz
durchbrach die strengen Formen, die sie am Wagen festgehalten htten - sie eilte
mit flchtigen Schritten der Entscheidung ihres Schicksals entgegen. Der
Portikus des Hauses war mit allen Bewohnern gefllt, Niemand beachtete das
Gerusch der ankommenden Herrschaften; in eine Gruppe zusammengedrngt, umgaben
sie einen Gegenstand in ihrer Mitte. Doch die junge Grfin erkannte Reginalds
laute Stimme, der in einer Heftigkeit, die ihren Ton seltsam vernderte,
einzelne Worte und Reden ausstie.
    
    Um Gottes Willen, was ist hier geschehen? rief sie mit der hchsten
Seelenangst - und der Kreis der bestrzten Menge wich bei ihrer, Allen so
eindringlichen Stimme zurck. Sie stand jetzt vor Reginald, der glhend im
Fieberwahnsinne, die Leiche des von der Reise bereits entstellten Ludwig, mit
Riesenkrften an seine Brust gedrckt hielt.
    Reginald, rief Franziska berwltigt - was ist geschehen? Um Gottes
Willen, wer ist das?
    Franziska, sagte er, seufzend vor ihr niederknieend - und alle Wogen
seines brausenden Innern sanken bei ihrer Anrede zusammen. - Dich will ich
fragen! Du - Du wirst es begreifen - Du wirst es mir erklren - ob Souvr, der
Rothmantel - oder ob ich der Mrder bin?
    In diesem Augenblicke theilte sich der Kreis; die Herrschaften standen alle
vor der entsetzlichen Scene!
    Reginald, rief Graf d'Aubaine - Chevalier - stehen Sie auf! fuhr er
heftig fort - zu welcher unschicklichen Scene gebrauchen Sie hier meine
Tochter!
    Unschicklich? rief Reginald - Thor, sage entsetzlich! schrecklich! Ist
denn sein Tod unschicklich? O, sage lieber - das jammervollste, grausamste Elend
der Erde!
    Wer - wer ist die Leiche, die der Wahnsinnige hlt? stammelte die
Marschallin und drang mit Heftigkeit vor. Doch Graf d'Aubaine vertrat ihr den
Weg - er wollte sie wegfhren, aufhalten; die entsetzliche Wahrheit, da dies
ihr Enkel sei - wie entstellt er auch war - tagte in ihm! Er bat, sich rasch an
seine Gemahlin wendend, da die Damen die Halle verlassen mchten; doch nur
Madame d'Aubaine war dazu bereit; mit Eifer stie die Marschallin den Grafen
zurck, whrend Franziska wie am Boden gewurzelt vor Reginald stand und keine
Aufforderung hrte, die an sie erging.
    Es hatte sich inde der Kammerdiener des Marquis de Souvr dem Grafen genaht
und ihm einen Theil der Wahrheit flchtig mitgetheilt. Die Marschallin hrte
einzelne Worte - sie schritt vor. - Mein Enkel, sprach sie zitternd - ein
Mord sagst Du - wer - wer - wo ist Dein Herr?
    Ich glaubte ihn hier zu finden, sprach der Kammerdiener. Ja, riefen
mehrere Stimmen - er war hier - und fuhr der Herrschaft nach Mont-Ral
entgegen.
    Fragen Sie den Menschen dort? sprach die Marschallin, am ganzen Krper
zitternd und auf Reginald zeigend. Doch ein Blick dahin zerstrte die wenige
Fassung, die sie noch behaupten wollte; - sie strzte vor - ri die Leiche
selbst von Reginalds Brust, die sie ihr verhllte, und erkannte trotz der
Entstellung die Leiche des Enkels - den einzigen ihrem Ehrgeize noch lebenden
Grafen Crecy-Chabanne!
    Ihre Zhne schlugen zusammen; sie hatte keinen Laut in der Kehle. Ja, es
ist Ludwig - Dein Enkel! rief Reginald. Er ist todt - ermordet; - mein theurer
Bruder ist todt - und Niemand wei, ob Souvr oder ich ihn ermordet habe! -
    Du - Du, Elender - Du sein Mrder? Mit diesen Worten, den ersten, die sie
ihm jemals gnnte, brach der Starrkrampf ihrer Lippen. - Mein Enkel todt -
todt! Durch Dich getdtet! Schlange, die Du Dich unter uns genhrt - warum hast
Du ihn Deiner Bosheit geopfert? -
    Halt! rief Reginald und lie seine Arme langsam los, da mehrere Diener
sich bemhten, die Leiche ihm zu entwinden. - Arme alte Frau, Du dauerst mich
um Deiner Schmerzen Willen! Aber Du weit nicht, was Du sprichst; - ich werde es
Dir sagen - spter - spter - doch jetzt bin ich krank - mein Kopf ist wst! Ich
war ja sein Bruder - Du weit es! - Sein ltester Bruder war ich - an dem Du
Dich so sehr versndigt hast, bse alte Frau!
    Die Marschallin sah das ruhige, hinsterbende Antlitz Reginalds, und ihr
klarer Verstand berraschte sie gegen ihren Willen mit der Ueberzeugung - er sei
der Mrder nicht! Wer ist der Mrder? stammelte sie.
    Reginald fate an seine immer bleicher werdende Stirn. - O, sprach er mit
den herzzerreiendsten Tnen des Schmerzes - das kann ich nicht ergrnden, so
sehr ich mich darum bemhe! Wer mir das sagte! Wer mir sagte - ich sei es nicht!
Aber Einer mu es sein - entweder der Rothmantel, der Spinola, oder Souvr, der
Bsewicht, der schon meine Mutter tdtete - oder ich selbst!
    Da stie Franziska einen Schrei aus - sie trat dicht vor ihn hin -
Reginald, rief sie, Du bist es nicht; - nein, nein, Du bist kein Mrder!
    Und doch - und doch ist er der Mrder! schrie pltzlich eine nur zu
kenntliche Stimme - und Souvr stand unter ihnen. Graf d'Aubaine, ich fordere
Sie auf, augenblicklich gerichtlich ber diesen Menschen zu bestimmen; - er ist
der Mrder des Grafen Crecy! - Ich kam zu spt, das Verbrechen zu hindern. - Er
hatte ihn nach Ste. Roche gelockt - ich kam in dem Augenblicke an, wo der Schu
fiel, und fand ihn noch mit aufgehobenem Pistol vor seinem Opfer.
    Sag' - sag' Du - rief Franziska mit brechender Stimme - ich will nur Dir
glauben - sag' - antworte ihm - ermanne Dich! Nein, Du bist der Mrder nicht!
    Gebe Gott, da ich es nicht bin! seufzte Reginald; - aber es war mein
Pistol - und Alle haben den Schu gehrt. Er schien sich noch ein Mal aufraffen
zu wollen; - pltzlich brach er zusammen. Leblos strzte er zu Franziska's
Fen.
    Uebergebt dies Ungeheuer den Gerichten! rief die Marschallin - subert
die Luft von dieser Pest!
    Graf d'Aubaine schwieg; Souvr befahl, den Verbrecher aus dem Schlosse zu
bringen.
    Vater, rief Franziska, er ist dennoch der Mrder nicht!
    Zornig fuhr der Graf auf. Er befahl ihr, augenblicklich sich hinweg zu
begeben. Alle Frauen wurden von seinen Worten erschreckt. Selbst die Marschallin
lie sich hinweg fhren; nur Franziska blieb, als habe sie nichts gehrt, neben
ihrem Vater stehen; und als er dies sanfte, folgsame Kind so sicheren
Widerspruch mit so festem Vertrauen gegen ihn behaupten sah, wendete er sich
sanft und gerhrt zu ihr, indem er seine Hand auf ihr kaltes, entstelltes
Gesicht legte: Vertraue mir, Frauziska, und zeige Dich fest und wrdig; auch
ich glaube nicht, da er der Mrder ist, und werde ihn danach behandeln!
    O, welch ein Blick herzzerschlagener Ergebung traf ihn da aus ihren trben
Augen! Nach einigen vergeblichen Versuchen zu sprechen, lallte sie endlich:
Denn er ist krank, Vater - und von Sinnen!
    Ja, ja, mein Kind! Geh' jetzt - auch Du bist krank. - Diese Worte
vollendeten den Zustand, der nur bis dahin von der Seelenangst bewltigt war;
sie schlo die Augen; ihre Frauen trugen sie nach ihrem Zimmer. -
    Der Graf d'Aubaine stand als Hausherr in dem wild kreisenden Strudel von
Anforderungen, die, einem so entsetzlichen Ereignisse gem, alle eine
leidenschaftliche Uebertreibung zeigten, die ihn zwar nur zufllig, aber dennoch
unabweislich in den verschiedensten Richtungen, zu Entscheidungen nthigte, da
er sich, wenn auch selbst tief getroffen, doch fr den Besonnensten, den
Absichtslosesten erkennen mute. Es kam in diesen ersten, unbewachten
Augenblicken dabei Manches zur Kenntni des Grafen, was ihn berraschte und
seine Vorsicht und Beobachtung schrfte.
    Die Marschallin machte so heftige krperliche und geistige Zustnde in Zeit
von vierundzwanzig Stunden durch, da der Zgel der Selbstbeherrschung, den sie
sonst nie aus der Hand verlor, kein Bndiger ihrer so jh aufgestrten
Leidenschaften war, und Graf d'Aubaine hatte bei aller Theilnahme doch mit
Widerwillen einen bsen Sinn, ein mehr rachschtiges, als kummervolles Herz
erkannt. Durch diesen Eindruck ward es ihm auch leichter, dem Marquis de Souvr
zu begegnen, der, umsichtiger als die Marschallin, den Grafen zu bersehen
glaubte und seine Schritte seinem Willen gem zu lenken hoffte. - Die
Marschallin war nmlich mit sich einig geworden, diesen Mord so ffentlich, als
mglich zu machen, um dadurch einen unauslschlichen Makel auf Reginald zu
werfen, der ihm vielleicht das Leben kosten konnte - wenn nicht, doch den
brgerlichen Tod unbezweifelt bereiten mute. Sie glaubte, eine solche Schranke
um so nthiger auffhren zu mssen, da sie ihn von seiner Geburt unterrichtet
halten mute, diesen Mord als eine Folge ansah, und in der Schwche seines
Vaters eine wahrscheinliche Gefahr ahnte, da die Zeit seine bedrohlichen
Ansprche noch dereinst ans Licht ziehen knnte. Dazu war sie aber ohne den
kleinsten Zweifel entschlossen, lieber den berhmten Namen Crecy-Chabanne
aussterben zu sehen, als ihn in diesem durch seine Mutter ihr entehrt
scheinenden Abkmmling fortbestehen zu sehen. Diese Ansprche jedoch berhaupt
als leere Erfindungen zu lugnen, ihre geringste Kenntni derselben wenigstens
bestimmt abzuweisen, und dadurch auch ihre Berechtigung in Zweifel zu stellen,
wenn sie ihr je bis zu Erklrungen nahe gerckt wrden, war die vorlufige
Richtung, die sie ihren Gedanken gegeben hatte, nachdem die maalose Aufregung
der ersten Stunden von ihrer Geisteskraft wieder eingefangen war.
    Es blieb ihr ein groer Trost, da der Graf d'Aubaine die Aeuerungen
Reginald's, die, bei dem ersten Zusammentreffen mit der Marschallin, auf seine
Geburtsansprche hingewiesen hatten, entweder berhrt, oder auf die Rechnung
des Wahnsinnes geschoben hatte, von dem er ihm ergriffen geschienen. Sie schonte
ihn dagegen eben so, indem sie ihm keine Frage ber Franziska that, die aus dem
trben Kreise der Hausbewohner verschwunden war. Dagegen hatten ihre raschen
Schritte nach Auen hin den Widerstand des Grafen zu erfahren, indem er mit mehr
Scharfblick, als sie ihm zugetraut, die traurige Weitlufigkeit eines Prozesses
darthat, der, fast zwecklos, nur mehr Leiden herbeifhren mute und kaum eine so
bestimmte Entscheidung erwarten lie, da die traurige Thatsache auer Zweifel
hervortreten werde. Aber die Marschallin hatte Grnde, diesen Proze
herbeizufhren, die sie aber nicht aussprechen durfte; und der Graf d'Aubaine
hatte fr diese Oeffentlichkeit Befrchtungen, die er verschwieg, weil sie sein
eigenes Interesse berhrten und die in der Mglichkeit beruhten, da bei der dem
Richter zustehenden Erforschung der Grnde, die dem Angeklagten zur Last fallen
mten, seine Tochter erwhnt werden knnte; da er selbst die Liebe der beiden
jungen Leute, die sich in einem Gegenstande begegnet war, heimlich als ein
wahrscheinliches Motiv dieser entsetzlichen Katastrophe ansah. Da Beide so mit
verdeckten Karten gegen einander spielten, mute nothwendig die Marschallin
gewinnen; denn sie hatte schlagendere Wendungen zu machen - und sie versumte
keine! -
    Der Courier war abgesendet, der zugleich dem unglcklichen, wenig geschonten
Vater die Meldung des Todes, mit der Bezeichnung Reginald's als Mrder, machte
und eine Anzeige anbefahl, die den Kriminal-Hof von Paris zur gerichtlichen
Einmischung aufforderte.
    Bei allen diesen raschen und gebieterischen Handlungen zeigten sich die
beiden Verbndeten, der Marquis de Souvr und die Marschallin, nicht vollkommen
einig, und Ersterer sah das zornige Dahinstrmen derselben mit Besorgni und
nicht, ohne sich dagegen aufzulehnen. In einer ihrer geheimen Zusammenknfte
sagte er deshalb: Wir spielen doch ein gewagtes Spiel, diese Kreatur aus ihrem
Dunkel zu ziehen! Wenn dieser Mensch durch Emmy Gray von seiner Geburt
unterrichtet ist, wird er durch diese gerichtliche Procedur von uns eigentlich
erst dahin gestellt, wo er auch zugleich seine Ansprche geltend machen kann;
was er nur wnschen wird. Denken Sie, Madame, welch' ein Aergerni, wenn Sie
diese auch nur bekmpfen mten!
    Ha, mein lieber Marquis, worauf sttzen sich denn solche Ansprche? Hat mir
denn nicht Lord Gersey sein Wort gegeben, da er das Zeugni des Kirchenbuches
in Stirlings-Bai vernichten lie? - Und hier - das Zeugni von der Geburt dieses
Geschpfes, was beweist es anders, als da es ein Kind war, dem der wahre Name
nicht zustand! Haben Sie mir das nicht selbst gesagt?
    Gut, Madame; aber welche Sicherheit giebt Ihnen Ihr Herr Sohn? Wird er
nicht, von diesem jungen Bsewichte gedrngt, Alles eingestehen? Und wird das
Eingestndni des Grafen nicht alle Kirchenbcher hinlnglich ersetzen? -
    Ich werde ihm mit meinem Fluche drohen, wenn er dies wagt! rief die
Marschallin, auer sich; - aber ich werde ihn entfernt halten, da das nicht
mglich ist; man macht ihn krank - man verdchtigt seinen Verstand; - glauben
Sie mir, ich werde Mittel finden, dies von mir abzuhalten!
    Ich darf daran allerdings nicht zweifeln, sagte Souvr hhnisch - da Euer
Gnaden ber die Mittel nicht schwierig sind, wie ich hre. Doch besser wre es
gewesen, den guten, schwachen Leonin auf seinem Schlosse zu lassen; wozu ihn
hierher berufen, wenn seine Anwesenheit Gefahren bringt?
    Welch' Geschwtz! rief die Marschallin ungeduldig; - bleibt der Gemordete
nicht sein Sohn? Kann ich den Schutz der Gesetze aufbieten und den Vater dabei
bergehen? Auerdem wute ich, da ein bedeutendes Erkranken ihn an das Bett
fesselt. Ich beklage das in diesem Augenblicke nicht; - die Form ist beobachtet,
und die Sache wird nicht durch ihn gestrt werden.
    Sie berbieten mich immer, meine Gndigste! erwiederte Souvr. - Man kann
Ihnen in Ihren khnen Combinationen nicht folgen; vorzglich, wenn man noch
immer so, wie ich, einen lcherlichen Rest von Menschlichkeit mit sich herum
schleppt und so mauvais ton ist, mtterliche Weichheit in Euer Gnaden
anzunehmen.
    Ich dispensire Sie von Ihren Reflexionen ber mich, Herr Marquis, sagte
die Marschallin mit dem Versuche, ihm zu imponiren. Wer, wie ich, die Ehre
einer Familie, die dem Throne so nahe steht, zu schtzen hat, kann von Personen
in anderen Verhltnissen nicht immer verstanden werden.
    Vollkommen richtig, sagte der unerschtterliche Marquis - ich - zum
Beispiel - verstehe weder diese Ehre, noch die Mittel, sie zu schtzen. Doch das
thut Nichts. Immer jedoch, Madame, komme ich darauf zurck, da wir diesen
jungen Menschen reizen werden, Alles zu sagen, was er irgend hervorbringen
kann.
    Und ich zweifle nicht, da dies Geschwtz eines unbekannten Menschen, der
so sehr verdchtig ist durch die Anklage, die so eben ber ihm schwebt, nicht
aufkommen wird gegen das Zeugni einer Frau, die meine Stellung in der Welt
einnimmt. Wir behalten immer Recht, wenn ein Zeugni aus diesen niederen
Stnden, zu denen seine Mutter, also auch er gehrt, gegen uns aufzutauchen
wagt. Lehren Sie mich unsere Stellung nicht kennen!
    Diese Unterredung endete, wie jede frhere. Man trennte sich mit erhhtem
Hasse, mit dem Gefhle der Last und der nothwendigen Hlfe, die man an einander
hatte; und Jeder behielt seine Meinung. -
    Unterdessen schien es, da das Opfer dieser Maaregeln, von Gott selbst aus
der Gewalt seiner Feinde erlst werden sollte. Ein hitziges Fieber zerstrte die
Jugendblte des unglcklichen Jnglings, der noch wenige Tage frher eine Zierde
der Menschheit, ein verschwenderisch ausgestatteter Liebling des Himmels schien.
Ihm ward die Sorgfalt und Pflege, die in einem so edlen Hause zu erwarten stand;
der Graf lie ihn behten und bewachen; ja, er selbst nahm zuweilen in dem
Zimmer des Kranken Platz und hrte mit Erstaunen, den Wahnsinn des Gequlten die
fern liegendsten Dinge mit der Gegenwart und mit Einbildungen ber dieselbe, wie
der Graf whnte, verknpfen, die jedoch alle theils von Liebe fr den
Verstorbenen, theils von Schmerz ber seinen Tod erfllt waren.
    Von da wandelte der unglckliche Vater nach den stillen Gemchern
Franziska's. Er fand hier tglich dieselbe rhrende Erscheinung. Sie ward nicht
krank; es war ihr wenigstens nicht zu beweisen, da sie es war. Sie lie sich
jeden Abend entkleiden und bestieg ihr Bett; aber nach kurzem Schlummer sa sie
dann, bis der Morgen anbrach, in ihrem Bette aufrecht, ohne ein Zeichen der
Theilnahme. Ihre alte Amme, die sie allein zu hren schien, ffnete dann die
Fenster; und aus ihrer Hand nahm sie ein wenig leichte Nahrung. Dann schien sie
alle Tage von derselben Idee getrieben zu werden; sie stand hastig auf und
begehrte dasselbe blaue Atlaskleid und die weien Rosen zum Haarputze, und
erwartete so angezogen, an dem niederen Balkon sitzend, ihren Vater. Sobald er
eintrat, ging sie ihm entgegen und schmiegte sich an seine Brust - mit einem
Lcheln, das dem schon fest eingegrabenen Schmerzesdruck auf Stirn und Auge
einen Werth der Liebe verlieh, den der unglckliche Vater tief empfand, und der
ihn weicher und hingebender machte, als er es je in sich gekannt. Er sagte
einige Worte ber Reginald's Befinden - und fr diesen Augenblick schien sie
gelebt zu haben! Dies Erwarten des Vaters, dies Aufhorchen seiner Worte war das
einzige Eigenmchtige an ihr; dann blieb sie nur ein zwischen Gehorsam und
sanftem Widerstande getheiltes Werkzeug in fremder Hand, in tiefes, unablssiges
Nachdenken versunken.
    Es ward indessen dem Grafen kaum mglich, der Marschallin zu beweisen, da
eine gerichtliche Vorbereitung der Sache von seinen Gerichtsbeamten unzulssig
sei; da der Angeklagte, als Fieberkranker, unmglich in Verhr genommen werden
knnte. Sie war in ihrem Schmerze von allen Dmonen ihres Inneren so verfolgt,
da sie um jeden Preis eine Thtigkeit herbeizurufen trachtete; und Reginald's
Krankheitszustand, der sowol den Proze, wie sie selbst aufhielt, und sie an
diesen einfrmigen Landaufenthalt fesselte, da sie ber Alles doch selbst Wache
halten wollte, lie sie mit Jedem zrnen, der sie auf die Unmglichkeit einer
schnelleren Entwickelung hinwies.
    So hrte sie denn mit grausamem Vergngen endlich die Nachricht, da die
Krankheit des Unglcklichen sich gebrochen habe, und seine Genesung bei seiner
Jugend nicht lange zu erwarten stehe. Wenige Tage spter fuhr zu ihrer maalosen
Ueberraschung der Reisewagen ihres Sohnes in den Hof, der von einigen
Kriminal-Richtern und dem nthigen Gefolge in einem zweiten Wagen begleitet
ward. Von zwei Dienern gesttzt, in den Hnden einen Stock, der ihn aufrecht
erhalten mute, so wankte Leonin, Graf von Crecy-Chabanne der Vater des
Gemordeten und des angeklagten Mrders, dem theilnehmenden Grafen d'Aubaine
entgegen, der, tief erschttert von seiner traurigen Verfallenheit, ihn in einem
Lehnstuhl in die fr ihn bereiteten Zimmer tragen lie.
    Wir bergehen die verschiedenen Scenen des Wiedersehens, die keinen
vershnenden Anklang fr uns enthalten wrden, da Keiner die Gefhle des Anderen
theilte, und zwischen Mutter und Sohn eine nicht mehr zu berdeckende Klte
obwaltete, die noch auffallender in einem Augenblicke ward, der Liebe und
Theilnahme aus ihrem tiefsten Verstecke htte hervorheben mssen.
    Die Marschallin hatte Zeit gehabt, sich mit ihrem Schmerze einzurichten, und
das gewohntere Gefhl, jede erlittene Unbill an irgend wem zu strafen, machte
das Gefhl der Rache gegen Reginald zu einer ihr zusagenden Thtigkeit. Sie
wute daher ihr kaltes Herz unter religisen Floskeln von Ergebung und Vertrauen
zu verbergen und trat ihrem Sohne begierig, mit ihren fertigen Plnen zu
Reginald's Vertilgung, entgegen. Aber entweder war sein Schmerz, oder seine
krperliche Abspannung zu gro, um sich zu bestimmten Aeuerungen erheben zu
knnen; keinesfalls gelang es der Marschallin, eine Theilnahme zu erwecken, wie
sie ihr nthig war; und nachdem sie mit Souvr vergeblich alle Mittel versucht
hatte, ihn zu lenken, beschlossen Beide bei ihrer vertraulichen Mittheilung, von
ihm Nichts mehr zu erwarten, sondern die Gerichtspersonen in Thtigkeit treten
zu lassen, und ihn, so viel als mglich, auer Wirksamkeit dabei zu setzen.
    Der Graf d'Aubaine mute daher einwilligen, einen Saal des unteren Schlosses
zu den Verhandlungen in Bereitschaft setzen zu lassen. Reginald war bereits
auer dem Bette, bei vollstndig wiedererlangter Geisteskraft, und bot kein
Hinderni mehr dar. Auch nhrte der Graf eine Sehnsucht, hiermit eine so
trostlose Belstigung seiner Familie endlich aufgehoben zu sehen; da er
allerdings die Nothwendigkeit einer ersten gerichtlichen Verhandlung in seinem
Schlosse, von wo der Angeklagte ohne Gefahr noch nicht zu entfernen war, und bei
der greren Nhe des trostlosen Schauplatzes dieses Vorfalles, wie aller zu
versammelnden Zeugen, einsah und sich ihr nicht zu entziehen wute.
    Whrend dieser Vorbereitungen hatte er Reginald nur auf kurze Zeit gesehen,
um ihm die bevorstehenden Verhre mit der menschlichen Gte anzukndigen, die in
seinem Herzen vorwaltete. Er fand ihn stets ruhig, mit dem tiefsten Ausdruck
eines mnnlichen Schmerzes, ohne Absicht, auf die Theilnahme des Grafen
einzuwirken, oder die Anklagen zu berhren, denen er, nach einzelnen
Andeutungen, mit einer festen Ueberzeugung entgegen ging, die er eben so bei
Anderen vorauszusetzen schien, ohne sie nher zu bezeichnen.
    Als der Graf d'Aubaine am Tage des Verhrs bei dem unglcklichen Kranken
eintrat, fand er eine Pflegerin dort, von der seine Leute ihm nichts zu sagen
wuten, als da Herr St. Albans aus der Pachtung Tabor mit seinem Fuhrwerke sie
hergebracht; und, nachdem er sich auf ihr ausdrckliches Gebot sogleich habe
zurckziehen mssen, sei sie nicht mehr von dem Kranken gewichen.
    Sie war in steife, etwas fremdartige Trauerkleidung gehllt und trug einen
auffallenden Ausdruck von kalter Strenge und finsterem Kummer in ihren
verfallenen Zgen. Der Graf konnte sie nicht ohne Theilnahme betrachten, wozu er
hinreichend Zeit behielt, da sie, in ihre eigenen, schwermthigen Gedanken
vertieft, auf nichts zu achten schien; denn der Kranke, an dessen Bette sie sa
und an dessen entstellten Zgen ihre Augen hafteten, lag in einem leichten
Schlummer, der ihre Thtigkeit fr ihn eingestellt hatte. Nachdem der Graf sie
hinreichend beobachtet, trat er so nah, da sie ihn bemerkte. Sie richtete einen
einen dsteren, prfenden Blick auf ihn; dann zeigte sie auf den Kranken, als
gebiete sie ihm Stille. - Sie machte dem Grafen einen imponirenden Eindruck;
ihre Persnlichkeit bte die Gewalt, die von einem entschiedenen Karakter
ausgeht, und weder von Rang, noch Reichthum ihre Macht zu borgen hat. Die
Sicherheit, mit der solche Personen ihren Weg verfolgen, macht ihnen
unwillkrlich die minder starken Naturen dienstbar, und rumt ihnen eine
Herrschaft ein, die sie berall zu erwarten scheinen.
    Doch in demselben Augenblicke machte der Kranke so unruhige Bewegungen, mit
so ngstlich sthnenden Lauten verbunden, da sie ihm die Hand auf die Stirn
legte, um ihn zu erwecken. Ob Du den elenden Schlummer genieest oder nicht,
sagte sie mit dsterem harten Tone, und wie nur zu ihm redend - das ist nur
eine andere Art von Qual, und eine, aus der Du Dich noch weniger retten kannst.
- Graf d'Aubaine, fuhr sie dann, sich zu ihm wendend, fort - glaubt Ihr auch,
da der arme Knabe dort ein Mrder ist?
    Es lag in der Frage und in dem Blicke, mit dem sie von ihm fort zum wieder
entschlummerten Reginald sah, eine verchtliche Herausforderung an die ganze
Welt, die That ihr zu beweisen, die jede Sylbe ihrer Worte, jedes Zucken ihrer
Muskeln verwarf; und die auf halbem Wege stehen gebliebene Ueberzeugung des
Grafen ward dadurch mit fortgerissen, so da sie sich aus seiner Brust
hervordrngte, wie ein frei gewordener Strom, ihn selbst berraschend, als er
sein festes, ruhiges: Nein! hrte. -
    Da seid Ihr Euch denn selbst gerecht und erzeigt Euch einen grern Dienst,
als Ihr jetzt begreifen mgt; denn Gottes Fluch mu die treffen, welche die Hand
noch gegen dies Kind ausstrecken. -
    Ihr scheint diese unglckliche Begebenheit sehr genau zu kennen, erwiederte
der Graf - der junge Mann scheint Euch nahe anzugehen?
    So ist es! erwiederte sie, mit einem rhrenden Zucken von Schmerz; - und
Euch will ich sagen, wie der Zusammenbang ist. - Setzt Euch, fuhr sie fort -
und befehlt Euren Leuten, da sie uns ein Weilchen mit ihren albernen
Gesichtern verschonen. Ich will nicht gestrt sein, wenn ich an meinem Herzen
reien mu.
    Der Graf that, wie sie befahl. Ihre unbeugsame Weise verrieth sich so
bestimmt, da er ihr nachzukommen trachtete, ohne ihrer Berechtigung zu
gedenken.
    Als er sich ihr gegenber gesetzt hatte, sagte sie sogleich: Meiner
Tochter, Ellen Gray, habt Ihr einst Gastfreundschaft erzeigt; ich theile nicht
die Meinung dieser Thrin, die Euch und die Eurigen fr hochmthig hielt, und
Ihr habt eben meinen Glauben besttigt. Ich war die unglckliche Dienerin,
welche die Mutter dieses Knaben, die rechtmige Grfin Crecy-Chabanne, aus
England nach diesem verfluchten Lande begleitete, wo man ihr Ehre und Leben zu
nehmen trachtete.
    Wen, rief der Graf - wen meint Ihr damit? Ihr sagtet, die Grfin
Crecy-Chabanne!
    Und ich sagte recht! fuhr Emmy finster blickend fort - ich sagte die
Wahrheit, Graf d'Aubaine! Die Mutter dieses Kindes war in England rechtmig an
Leonin, Grafen von Crecy-Chabanne vermhlt. Als seine Gemahlin folgte sie ihm
hieher, und er vergrub sie in das dstere Schlo Ste. Roche; - er verlugnete
vor dem Altare sein rechtmiges Kind und raubte ihm seinen Namen; - und whrend
er vor Gott nach gltigen Gebruchen vermhlt war, heirathete er ein anderes
Frulein in Paris und betrog so Beide und hatte zwei Frauen. Aber dem Bastarde,
den er dort erzeugte, gab er den Namen: Ludwig, Graf von Crecy-Chabanne, whrend
er seinem rechtmigen Kinde den Namen Ste. Roche beilegte.
    Der Graf sprang auf. Drr, trocken und hart hatte das unglckliche Weib die
Worte herausgestoen. Wie frher Reginald, so zweifelte jetzt der Graf an ihren
klaren Sinnen. Frau, rief er, Ihr sprecht frchterlich sicher die
schrecklichsten Anschuldigungen aus! Wit Ihr, was Ihr sagt?
    Ich wei es! sagte sie fest - obwol ich selbst nicht begreife, da ich so
viel Elend mit gesunden Sinnen berlebte. Doch Gott wird mich aufgespart haben,
Zeugni abzulegen; und es wird wahr sein und richtig, als stnde ich vor meinem
ewigen Richter, und wird doch Allen, wie Euch eben jetzt, das Haar zu Berge
treiben.
    Emmy, Emmy, rief jetzt der erwachte Reginald - was hast Du vor mit Deinem
khnen Einschreiten? Wage es nicht, mich leiten zu wollen - ich wei, was mir
zusteht. Die Gerechtigkeit, die Du mich gelehrt hast erkennen, werde ich
fordern, um des heiligen Andenkens meiner Mutter willen - und dieselbe
Gerechtigkeit wird ihren dann anerkannten Sohn vernichten und den Namen
begraben, an dem so schwerer Fluch hngt!
    Herr Graf, sprach er dann, indem er sich auf dem Lager aufrichtete, auf
dem er angekleidet geruht hatte - ich bin bereit - ist das Gericht versammelt?
    Noch nicht, erwiederte der Graf verwirrt und erschttert; - ich wollte
mich selbst berzeugen, ob Ihr zu den Verhandlungen fhig wret.
    Ich bin es! rief Reginald mit Festigkeit. Meine Krfte werden die kurze
Zeit ausreichen. Seid gewi, Herr Graf, was ich zu sagen habe, wird die
Verhandlungen abkrzen; wir werden bald zur Entscheidung kommen.
    Unglckliches Kind, rief Emmy, hier einfallend, - zu welchem Wahnsinne
bist Du entschlossen? Kannst Du Dich Deinen Henkern, die Dich von Jugend auf
verfolgten, ausliefern wollen, damit sie Recht behielten, und ihnen Alles
gelnge, was sie beschlossen seit Anbeginn?
    Reginald fate sanft ihre Hand und sah ihr fest in die trostlosen Augen:
Emmy, ich kann das Letzte nicht von Dir abhalten - trste Dich Gott!
    Junger Mann, sagte Graf d'Aubaine theilnehmend, Gerechtigkeit ist, da
wir auch gegen uns selbst nicht voreilig entscheiden, wenn ein groer Schmerz
uns um unsere Lebenshoffnungen gebracht hat. Das Leben ist lang, die Zeit
schreitet ein; wir knnen noch oft von Vorn anfangen, wenn wir auch von dem uns
bis dahin angewiesenen Wege verschlagen werden.
    Ich danke Euch! sagte Reginald. Ihr wrdet gewi mein Vertrauen
zurckweisen mssen, darum nthigte ich es Euch nie auf; bald werdet Ihr mich
hren!
    Mit der tiefsten Bewegung verlie der Graf Beide. Neue, traurige Anklagen
hatte er vernommen, und immer mehr fiel sein Herz den Anklgern heimlich ab,
immer lebhafter schlo er den Jngling darin ein.

Da die Marschallin erklrt hatte, den Verhandlungen beiwohnen zu wollen, sah
sich die Grfin d'Aubaine genthigt, sie zu begleiten, und beide Damen
erschienen daher, in tiefer Trauer, von ihren Frauen umgeben. Der Gerichtssaal
war dem Zwecke gem wrdig eingerichtet. Am oberen Ende, der Eingangsthre
gegenber, stand in der Breite eine schwarz behangene Tafel mit dem Kruzifix,
hinter welchem der Kriminal-Rath, Herr von Mauville, Platz genommen hatte; ihm
zur Seite saen zwei Assistenten. An den beiden Enden der Tafel befanden sich
die Protokollfhrenden Schreiber. Links von der Tafel, unter der Fensterreihe,
sa der Marquis de Souvr, hinter ihm standen seine Domestiken als Zeugen; ihm
zur Seite nahm man den Prior des Klosters Tabor wahr, hinter ihm die Mnche, die
mit den jungen Leuten verhandelt hatten; weiterhin befand sich eine Gruppe, die
der Arzt des Schlosses mit den ihm beigegebenen Gerichtspersonen aus Ardoise und
dem Richter von Ste. Roche bildete. Diese hatten den Zustand der Leiche am
Morgen in dem Erbbegrbnisse, wo sie vorlufig beigesetzt war, untersucht. Ihnen
allen gegenber hatten die Damen ihre Pltze genommen; zunchst der Tafel sa
Graf Leonin, bleich, wie vom Fieber geschttelt, mit halb geschlossenen Augen;
er hatte es bestimmt verweigert, als Klger aufzutreten, und so war die
Marschallin in seine Stelle eingerckt. Theilnehmend sah man die beiden Grafen
d'Aubaine an seiner Seite. In der Mitte des Zimmers stand ein einzelner
Lehnstuhl; er war noch leer; der Angeklagte ward erwartet.
    Alle Anwesenden waren in Schwarz gekleidet, und die ganze Versammlung trug
einen ernsten, feierlichen Karakter, der selbst in den Zgen sich ausdrckte.
Der Kriminal-Rath, Herr von Mauville, empfing die Meldung, da Alle versammelt
waren; er erhob sich und erklrte die Sitzung fr erffnet. Der Graf Crecy, der
nur gefhrt zu gehen vermochte, sprang pltzlich auf und rief, wie auer sich:
Ich kann nicht bleiben, ich mu fort! Doch diese Anstrengung der Verzweiflung
sttzte den gebrochenen Krper nur einen Augenblick; er sank in den Stuhl zurck
und verhllte sein Gesicht; mitleidig von den beiden Grafen gedeckt, ward er den
Blicken der Anwesenden entzogen.
    Die Thren ffneten sich; man sah den Angeklagten, von zwei Dienern
untersttzt, daher wanken! Reginald war selbst in den Verheerungen dieser
letzten Ereignisse seines Lebens noch er selbst geblieben; aber er sah wie seine
schne Leiche aus. Ueber der Stirn, den gedrckten Augenliedern hatte der
Schmerz seinen unverkennbaren Stempel eingeprgt, und die sonst frhlich sich um
seine Stirn kruselnden Locken hingen jetzt weich und mde um das schmale,
bleiche Antlitz. - Als er die Schwelle berschritt, schien die Wichtigkeit des
Momentes ihn zu erfassen; man sah, wie die Kraft, an den Gedanken in seiner
zuckenden Stirn sich entzndend, sich durch alle Muskeln seines Krpers ergo;
er verlie, mit der alten Anmuth seinen Fhrern dankend, ihren Arm und ging
allein vor bis zur Lehne des Stuhls. Hier blieb er stehen; und als er den
schnen Kopf aufhob, schien er von der ganzen Versammlung Nichts zu sehen, als
das hoch vor ihm aufgerichtete Kruzifix. Ein feines Roth trat hervor, ein Blick
der Begeisterung durchbrach den Druck des Schmerzes, eine Flle
unaussprechlicher Anbetung entwickelte sich in dem Schler Fenelon's, eine
entzckende Rhrung ber den Segen, der ihm von dort aus zu Theil ward, beugte
sein Haupt in Dank und Demuth - Alle schwiegen; Jeder fhlte, er bete!
    Mit sanfter, gehaltener Stimme begann Herr von Mauville alsdann seinen
Vortrag, nachdem er den Angeklagten aufgefordert, sich niederzusetzen. Es
handelt sich hier, fuhr er nach der schicklichen Anrede gegen die Anwesenden
fort, um ein Attentat, welches in seiner geheimnivollen Verwicklung zu
verfolgen, eine doppelte Pflicht wird; da es nicht allein eines der berhmtesten
Geschlechter Frankreichs in seinem einzigen, hoffnungsvollen Erben erlschen
macht, sondern zugleich der menschlichen Gesellschaft einen entehrenden Makel
aufzunthigen scheint, indem in dem Angeklagten uns ein Jngling bezeichnet
wird, der, in dem Falle der Ueberweisung, alle menschlichen Bande, die
heiligsten Verpflichtungen der Dankbarkeit zerrissen hat. Wir finden hier von
den bis jetzt damit beschftigten Gerichtspersonen Fakta gesammelt, die man uns
bergeben hat, um an Ort und Stelle eine vorbereitende Uebersicht zu
veranlassen, die dem hohen Kriminal-Hofe von Paris zur letzten Prfung vorgelegt
werden kann. Wir wollen, indem wir diese ernste und heilige Pflicht auszuben
uns berufen finden, uns alle ermahnen, unsere Seele von dem Vorurtheile frei zu
erhalten, welches gehufte Wahrscheinlichkeiten gegen den Angeklagten erzeugen
knnten, damit wir geneigt bleiben, die mgliche Rechtfertigung mit eben der
Treue und Sorgfalt zu verfolgen, als wir gefat sein mssen, die Vergehung zu
finden und zu bestrafen.
    Jetzt erfolgte eine ruhige und klare Erzhlung der Thatsache, in wie weit
sie den Richtern vertraut sein konnte. Wir bergehen sie um so eher, da wir
nicht gesonnen sind, unsere Mittheilungen in den geschlossenen Formen einer
gerichtlichen Verhandlung zu machen. Indem wir auf die Erinnerungen des selbst
mit Durchlebten den Leser verweisen, werden wir die daraus entstehenden
Ansichten nur in der Weise mittheilen, wie sie zur vollstndigen Theilnahme des
Folgenden verhelfen wird.
    Unbezweifelt lag in den wohlgesammelten und geordneten Anschuldigungen eine
auffallende Wahrscheinlichkeit fr den bezeichneten Thter; selbst der
Unbefangenste, Wohlwollendste konnte dies nicht in Abrede stellen. Der
Kammerdiener des Marquis erzhlte das erlauschte Gesprch, in welchem Reginald
durch die dringendsten Bitten den jungen Grafen zu der Reise nach Ste. Roche
bewogen hatte. Der hier sich anknpfende Verdacht ward besonders dadurch
gesttzt, da Reginald die Geheimhaltung dieses Schrittes verlangt und die
Furcht ausgesprochen hatte, da man sie sonst daran verhindern werde. Die Reise
selbst sei nun mit einem Ungestme und einer Uebereilung vorgeschritten, die
selbst die ungern nur zeugenden Domestiken der beiden jungen Leute nicht lugnen
konnten; ja, die, nach ihren Aussagen, hauptschlich dem Angeklagten zur Last
fiel. Dieser Verdachtgrund ward durch den Prior des Klosters Tabor, wie durch
dessen Mnche verstrkt. Durch ihn erfuhr man Reginald's Anwesenheit im Kloster,
am Tage vorher; durch ihn die lange, von Seiten Reginald's, mit heftigen
Ausbrchen endende Unterredung mit der alten Bewohnerin des Schlosses Ste.
Roche, welche der Prior, als das Haus Crecy aus unbekannten Grnden bitter
hassend, bezeichnete. Weiter ward der Ungestm erzhlt, mit dem Reginald bei dem
heftigsten Gewitter und dem nahenden Abende, dennoch die Fortsetzung der Reise
betrieben hatte; und selbst der Wegweiser mute diese Anschuldigungen
fortsetzen, da er seine Abmahnungen erwhnte, und wie der Angeklagte dessen
ungeachtet den anderen jungen Herrn sich nachgezogen hatte, um das Schlo zu
erreichen.
    Vor Allem freilich erhielt nun die Aussage des Marquis de Souvr, deren
Inhalt uns hinlnglich bekannt ist, die Wichtigkeit, alle bereits vorhandenen
Verdachtgrnde in einen Zusammenhang zu bringen, der dem Angeschuldigten fast
keine Ausflucht gestattete und ein Eingestndni erwarten lie, da in den
Thatsachen schon klar enthalten schien.
    Als alle Einzelheiten verhandelt waren, kam der, von allen Anwesenden mit
Spannung und den verschiedensten Empfindungen erwartete Moment, der den
Angeklagten zu seiner Vertheidigung oder seinem Eingestndnisse aufforderte.
    Mit Ruhe und Sammlung hatte der junge Mann, ohne durch Worte oder Bewegung
eine Unterbrechung auch nur anzudeuten, dieser langen und schrecklichen
Vorbereitung beigewohnt. Was in ihm vorging, blieb auch den ihn nher kennenden
Freunden unergrndlich. Der Schmerz, der mit dem verrtherischen Wechsel der
Farbe sein Geprge so verstndlich in seinen Zgen ausgedrckt hatte, war doch
entfernt von Verzweiflung oder Gewissensangst. Herr von Mauville, der erfahrene
Rath eines so wrdigen Gerichtes, als der Kriminal-Hof von Paris, htte doch,
trotz aller Beweisgrnde, die er sich bemhen mute darzulegen, schwren mgen:
der Jngling sei der absichtliche Thter nicht. Und da er fand, da die Zge des
Angeklagten weder Schrecken, noch Unruhe zeigten, frchtete er, der Jngling
bersehe die Gre der Gefahr und werde dadurch vielleicht weniger sorgsam sein,
zu seiner Vertheidigung die ihn noch mglicherweise entschuldigenden Umstnde zu
sammeln. Er erhob sich demnach und leitete seine Aufforderung zur Vertheidigung
an den Jngling auf eine Weise ein, die seine Achtsamkeit wecken sollte.
    Obwol sich aus den eben beendigten Angaben der vorhandenen Zeugen eine
traurige Wahrscheinlichkeit entwickelt hat, die das Attentat mit Ihnen, mein
Herr, in einen kaum zu trennenden Zusammenhang bringt, mu ich Sie doch darauf
aufmerksam machen, wie viel hierbei dennoch im Dunkeln bleibt, was in demselben
Maae die Wahrscheinlichkeit zu widerlegen scheint und Widersprche erzeugt, die
wir geneigt sein werden, zu Ihren Gunsten erklrt zu sehen. Sie werden, indem
wir Sie auffordern, Ihre Erklrungen abzugeben, die Wichtigkeit derselben nicht
bersehen und sich mit Besonnenheit sammeln; da, trotz Ihrer Jugend, die
Ueberweisung eines solchen Verbrechens nur mit dem Tode bestraft werden drfte.
So sehr ich nun bemht war, den vorhandenen Akten meine Aufmerksamkeit zu
widmen, ist es mir doch nicht gelungen, eine Hauptsache heraus zu finden:
nmlich die Veranlassung - die Nothwendigkeit einer solchen Handlung. Ihr
Verhltni zum Grafen Ludwig war von Jugend auf das der zrtlichsten
Freundschaft; Ihre Diener beschwren, da Ihre gemeinschaftlichen Reisen die
innigste Einigkeit verschnte. Sie waren berall die Sttze des schwcheren
Grafen. - Dies Verhltni hat sich bis in die Mauern von Ste. Roche erstreckt;
auch hier verschafften Sie dem Freunde erst Ruhe und Bequemlichkeit; und das
Pistol, was man nachher in Ihrer Hand fand, hatten Sie nach Aussage der Diener
ergriffen, den schlafenden Freund zu bewachen. Auerdem waren Ihre brgerlichen
Verhltnisse auer aller Berhrung mit denen des Grafen Ludwig; Sie besaen ein
unabhngiges Vermgen und konnten durch den Tod des Grafen keinen Vortheil
erreichen, da Sie in keinem verwandtschaftlichen Grade mit einander standen. Wo
also - da Liebe und Eintracht bis zum letzten Augenblicke erwiesen sind, wo
bleibt die Veranlassung zu einem so frchterlichen Verbrechen, da in Ihrem Leben
kein Nachweis bsartiger Leidenschaften vorliegt? - Indem ich Sie pflichtmig
auf diese Umstnde aufmerksam mache, fordere ich Sie nunmehr auf, die
vorangehenden, nthigen Erklrungen ber Ihren Namen und Ihre Geburt zu geben
und dann den Eid zu leisten, mit dem Sie sich vor Gott verpflichten, die
Wahrheit hher zu achten, als irdischen Vortheil.
    Mein Herr, Sie heien Reginald, Chevalier de Ste. Roche, sind in Paris in
dem Stadttheile St. Sulpice geboren, in dem Kloster St. Sulpice unter der
Vormundschaft des Grafen Crecy-Chabanne erzogen. Haben Sie diesen Notizen noch
etwas ber Ihre Eltern und Familie hinzuzufgen, von denen ich hier keine
weitere Erwhnung finde?
    Wir werden die Aufregung begreifen, die diese nthigen und doch von den
Anklgern bersehenen oder vergessenen Aufforderungen bei den Anwesenden erregen
muten. - Graf d'Aubaine blickte mit ungetheilter Erwartung auf den bleichen
Jngling, der jetzt den Versuch machte, sich zu erheben, und langsam an dem
Stuhle sich sttzend, endlich aufrecht stand und das schwermthige Auge
aufschlug, um das Antlitz des Richters zu suchen, der eben so mild und
menschlich zu ihm geredet. Da traf sein Blick zuerst auf Franziska's Vater, und
der Jngling erbebte, als wolle er zurck sinken - dann war es vorber! Er
prete krampfhaft einen Augenblick die Hnde vor die Stirn, dann richtete er
sich fest auf. Graf d'Aubaine ahnte die Ursache dieser heftigen Bewegung nicht,
und Wenige auer Reginald sahen sie, so gespannt war die Aufmerksamkeit Aller; -
und so blieb Franziska d'Aubaine, welche whrend der Rede des Herrn von Mauville
leise durch eine Seitenthre eingetreten war, ohne Strung, an den Stuhl ihres
Vaters gelehnt, stehen. Mit der sorglosen Ruhe und Sicherheit, die bei so
zarten, weiblichen Naturen immer das Zeichen einer Geistzerstrenden
Gemthsbewegung ist, schlo sie sich einer Verhandlung an, die weder fr ihr
Alter, noch fr ihr Geschlecht passen wollte. Doch werden wir die Wirkung fr
Reginald begreifen; nach der ersten Erschtterung fhlte er nur eine Steigerung
seiner Empfindungen dadurch eintreten. Es schien ihm, Gott habe den Engel
gesendet, der ihn trsten und strken solle; - auch glich sie einer solchen
Erscheinung mehr, als einem irdischen Wesen! Ihr schnes, todtenbleiches Antlitz
war von ihrem reichen Haare umwallt, und drei weie Rosen schienen die seltene
Flle halten zu wollen. Von ihrer hohen, schlanken Gestalt flo das
bedeutungsvolle Kleid von blablauem Atlas nieder; und um so glnzender hob sich
ihre Erscheinung hervor, da Alles um sie her in die tiefste Trauer gehllt war.
    Herr von Mauville wnschte, dem Jnglinge nur ber das erste Wort hinweg zu
helfen. Mein Herr, sagte er, die Formalitt, die Ihre Identitt beweisen
soll, erfordert Nichts, als ein besttigendes: Ja! Es wird an Eides Statt
angenommen werden, und es bleibt Ihnen frei, dem hohen Gerichtshofe spter
darber die dort nthigen Anzeigen zu machen, wenn Sie sich jetzt zu bewegt dazu
fhlen sollten.
    So kann ich diese Besttigung nicht geben! rief pltzlich Reginald, indem
er sich frei aufrichtete.
    Mein Herr, sagte Herr von Mauville - Sie miverstehen vielleicht meine
Frage! Es handelt sich hier blo um die einfache Besttigung, da Sie der
Chevalier de Ste. Roche sind.
    Ich habe Sie vollkommen verstanden, entgegnete Reginald; - doch soll
meine Antwort an Eides Statt gelten, so kann ich sie nicht besttigend geben;
denn der Name und Titel: Chevalier de Ste. Roche gehrt mir nicht wirklich,
sondern ward mir mit bser Absicht bei meiner Geburt untergeschoben.
    Verweisen Sie den Lgner dort zur Ruhe! rief hier pltzlich die
Marschallin von Crecy, indem sie auer sich aufsprang; - er will die
Angelegenheit verwirren, indem er etwas Fremdes - Ungehriges hinein mischt!
    Herr von Mauville verneigte sich. Das Verhr darf nicht unterbrochen
werden, Madame! Wir sind genthigt, den Angeklagten zu hren; zweifeln Sie
nicht, Madame, da wir die Dinge werden zu ordnen wissen.
    Die Marschallin setzte sich in der grten Emprung, da sie einsah, nicht
durchdringen zu knnen.
    Reginald hatte sie keines Blickes gewrdigt; er blieb ruhig gegen die
Richter gewendet. Als eine augenblickliche Stille eintrat, sagte er: Ich habe
Gott vor Augen und achte die Wahrheit hher, als irdischen Vortheil, darum habe
ich diese Erklrung abgeben mssen. Aber diese Angelegenheit, die ich
entschlossen bin, um der verletzten Ehre meiner tugendhaften Mutter willen, der
Wahrheit nach, an das Licht zu ziehen, hat nur einen vorber gehenden Einflu
auf die Angelegenheiten, die ich hier zu erklren habe. Daher bitte ich, mir die
Angabe meines wahren Namens zu erlassen; - meine brigen Erklrungen werden bald
darthun, wie wenig ich geneigt bin, dieselben zu meinem Vortheile zu lenken.
    Ich glaube, mein Herr, sprach Herr von Mauville, nach kurzer Besprechung
mit den beisitzenden Richtern - da wir um so eher in Ihren Wunsch einwilligen
knnen, da Sie nicht vor dem hohen Gerichtshofe selbst stehen, und wir unsere
Verhandlung nur als ein vorbereitendes Verhr ansehen knnen, indem die endliche
Entscheidung nach Paris gehrt; wenn unsere ungewhnliche Sendung hierher
allerdings schon der Rcksicht gegen eine der ersten Familien des Knigreiches
zuzurechnen ist.
    So mu ich ferner erklren, fuhr Reginald fort, da ich zu gleicher Zeit
auer Stande bin, die Ursachen anzugeben, warum ich den Grafen Ludwig bewog, mit
mir nach Ste. Roche zu gehen. Doch dies wird alles Ihre Funktionen als Richter
nicht stren; denn mein Eingestndni lt alle Beweisgrnde weit hinter sich
zurck; - und so verzeichnen Sie denn, meine Herren, da ich der Mrder des
Grafen Ludwig bin, da mein abgeschossenes Pistol ihm das Leben geraubt hat!
    Der Angeklagte lehnte sich nach diesen Worten sehr bleich und kurz athmend
an seinen Stuhl. Er hrte eine tumultuarische Bewegung um sich her; es schien
ihm, Graf Leonin werde an ihm vorber aus dem Saale getragen. Als er sich wieder
gesammelt hatte, sah er den Stuhl des Grafen Leonin leer; - sonst hatten Alle
ihre Pltze behalten. Auf ein Zeichen des Herrn von Mauville trat Stille ein.
    Junger Mann, rief er mit starkem, berredenden Tone - ich ermahne Sie,
sich zu sammeln! Sie waren krank, Ihre Geisteskrfte waren geschwcht;
vielleicht sind Sie noch ohne klare Anschauung und verfallen in den oft sich
zeigenden Fehler der Jugend, sich lieber bei dem ersten Verdachte, der ihren Ruf
angreift, aufzugeben, als zu einer verstndigen Vertheidigung berzugehen, die
Geduld und Selbstbeherrschung erfordert.
    Weiser, verstndiger Richter, rief hier eine rauhe, trockene Stimme laut
und hart - Dich segne Gott! Du bist der Erste, der auf dem verfluchten Boden
Frankreichs die Rede eines Christen hren lt!
    Unglckliche Frau, rief Reginald, zu Emmy Gray aufblickend, was willst Du
hier? wie kamst Du hierher?
    Als sie ihn hinaus trugen, den sein Gewissen gerichtet, fand ich den Weg
offen; und hier bin ich mit allem Rechte, Zeugni abzulegen, rief sie fest -
da Deine Lammsnatur das Schwert in der Scheide lt, und Du den hungrigen Lwen
die Speise vorwirfst, nach der sie trachten! Sagt, sprach sie, bis zur Tafel
vorschreitend und die Hand gegen den Richter aufhebend, stehe ich vor einem
christlichen, berechtigten Gerichtshofe? Wird hier Zeugni angenommen - und
unverflscht vor Gottes Angesicht gerichtet?
    Herr von Mauville blickte mit Erstaunen auf eine Gestalt, die, wie aus einem
anderen Jahrhunderte, an ein lebendig gewordenes Bild jener Zeit erinnerte, und
die in Wort und Bewegung eine Kraft des Willens ausdrckte, untersttzt von dem
dstersten Ausdrucke des Zrnens, wodurch sie den vollkommensten Antheil
erregte. Zweifelt nicht, da Ihr vor Christen stehet, die von Gott die Kraft
erwarten, recht zu richten, sagte er mild - was habt Ihr uns zu sagen?
    Meine Herren, schrie hier der Marquis de Souvr, heftig aufspringend -
diese Frau kann kein Zeugni vor Gericht ablegen; es ist die Bewohnerin von
Ste. Roche, die schon lngst dem Wahnsinne verfallen ist und wahrscheinlich
durch ihren thrichten Einflu den jungen Menschen zu dem bereits eingestandenen
Verbrechen verfhrt hat!
    Herr Marquis, rief Reginald, mit einer Energie, die sein frheres
Verhalten nicht angedeutet hatte, Sie haben am wenigsten das Recht, die klaren
und gesunden Sinne dieser ehrwrdigen und unglcklichen Frau zu schmhen. Reizen
Sie mich nicht durch Beleidigungen gegen dieselbe, die ich nie dulden werde, sie
mit den Mitteln zu vertheidigen, die mir, wie Sie wohl wissen, zu Gebote
stehen!
    Ja, sagte Emmy Gray, welche den Marquis mit kalter Verachtung betrachtet
hatte; - jetzt erkenne ich das Gesicht des Snders wieder; und der, der den
Namen des Mrders verdient, wie kein Anderer, wagt, als Zeuge Dir gegenber zu
treten? Gott wird den Engel der Vergeltung senden und den Boden verwsten, wo
sein Fu weilte! - Richter, der Du Dich rhmst, hier im Namen Gottes zu richten,
la den Bsewicht nicht Zeugni sprechen - und hre von mir, wie schwarz seine
Seele ist!
    Herr von Mauville, sagte die Marschallin mit der kalten Anmaung, welche
ihren hohen Rang in Erinnerung bringen sollte - wir wollen nicht Zeuge sein von
den Ausbrchen einer elenden Geisteskranken; und ich mu Sie erinnern, da die
traurige Veranlassung, die uns pflichtmig hier gegenwrtig sein lie, durch
das Gestndni des Verbrechers beendigt ist; ich fordere Sie auf, das Verhr zu
schlieen.
    Wrdevoll erhob sich Herr von Mauville gegen die Marschallin. Madame,
sagte er - die Gegenwart Euer Gnaden ist eine freie Wahl, welche weder von uns
verlangt, noch verweigert ward; daher ist die Entfernung Euer Gnaden gewi Ihrem
eignen Ermessen berlassen; doch kann ich damit das uns vorliegende Verhr um so
weniger fr beendigt erklren, da das Gestndni eines Angeklagten immer nur
dann die Entscheidung mit sich bringt, wenn es mit den verschiedenen Anklagen
zusammen fllt und dieselben vollstndig erklrt. Dies ist hier nicht der Fall.
Das Gestndni, welches unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, hllt sich in
ein Dunkel, das wir aufzuhellen trachten mssen; da wir nicht allein berufen
sind, Schuldige zu entdecken, sondern auch Unschuldige zu beschtzen. Jeder
Nachweis, der sich dazu uns darbietet, mu von uns benutzt werden, und das
Auftreten dieser Frau ist, wenn auch auer der Form, doch bei einem bloen
Verhre, welches Beweise zu sammeln hat, vollstndig zulssig.
    Es kostete der Marschallin einen sichtlichen Kampf, diese hfliche
Zurckweisung hinzunehmen. Sie wnschte wenigstens, durch Entfernung ihre
Beleidigung hervorzuheben; aber das brennende Verlangen, hier noch lenkend, oder
abwehrend einzuschreiten, hielt sie zwischen Gehen und Bleiben in Aufruhr
zurck, bis sie entschlossen auf ihrem Platze verblieb.
    Herr von Mauville wendete sich nach seiner kurzen Entgegnung an die
Marschallin, gegen Emmy Gray, und fragte sie, ob das Zeugni, das sie hier
anbte, im Zusammenhange stehe mit der unglcklichen Begebenheit, die hier
verhandelt werde; sonst mge sie den Gang des Gerichtes nicht durch Einmischung
fremder Interessen stren.
    Meine Aussagen gehren dazu, wie Eure Augen zu Eurem Kopfe! rief Emmy Gray
- darum gebt mir Raum, Richter, damit ich Euch sagen kann, was Ihr von ihm
schwerlich erfahren werdet.
    Emmy, sagte Reginald mit Ernst - Du hast nicht Wort gehalten und bist
doch in groem Irrthume, weil Du den zu retten hoffst, der von Deinen Aussagen
doch keinen Vortheil ziehen kann; - denn die eine Thatsache steht fest: Graf
Ludwig fiel von meiner Hand!
    Nun, um so besser, mein Kind! rief die Alte, heftig vorschreitend; - so
hast Du schon gerecht Gericht gehalten, und Du bist nun der einzige, rechtmige
Graf Crecy-Chabanne!
    O, Emmy, rief Reginald, sein Gesicht verhllend; - wozu hier die Schande
meines Vaters aufdecken! Es entstand indessen ein begreiflicher Tumult. Viele
Stimmen riefen zugleich; Souvr, die Marschallin berhuften Herrn von Mauville
mit Vorwrfen, der Wahnsinnigen, der Betrgerin das Wort gestattet zu haben.
    Herr von Mauville sa indessen still und mit klugem Auge, wie Jemand, dem
pltzlich ein heller Lichtstrahl sichtbar wird. Er hrte und erwiederte
Niemandem, - einzelne Worte mit den beisitzenden Richtern wechselnd. Er lie der
Aufregung eine Zeit lang ihren Gang, dann stand er pltzlich auf. Er wiederholte
das Gebot zum Stillschweigen mehrere Male, laute Schlge gegen die metallene
Scheibe fhrend, die vor ihm stand; seine Stimme, die mchtig und tnend war,
berbot dabei das Gemurmel der Menge und die einzeln erzrnt Redenden.
    Frau, rief er mit zorniger Weise gegen Emmy Gray, - wer bist Du? Was
wagst Du hier gegen die ersten Familien Frankreichs zu behaupten? Was hast Du
fr Rechte, fr Beglaubigungen zu Deinen Behauptungen?
    Lat sie schweigen, sagte Emmy, - ich habe lange nicht unter so viel
Volks gestanden; ihr rohes Geschrei betubt meinen Kopf!
    Es trat Ruhe ein; die Marschallin unterlag fast der Qual, bleiben zu mssen;
sie kam sich ber alles Maa hinaus beleidigt vor. Aber es stand zu Viel zu
verlieren, und sie zweifelte nicht, Alles verdchtigen und unterdrcken zu
knnen, was hier hervortreten wollte. Emmy dagegen lehnte sich an die
Gerichtstafel, Allen den Rcken kehrend, und sagte nun so laut und fest, da
jedes Wort den Saal durchdrang:
    Ich bin Emmy Gray, diejenige, die aus England die rechtmige Gemahlin des
Grafen Leonin von Crecy-Chabanne nach Frankreich begleitete. Das Kind dieser
rechtmigen Ehe ist der hier anwesende, arme, verfolgte Knabe; der, zu dessen
Mrder ihn Alle machen wollen, war ein Bastard; denn die erste Gemahlin lebte
noch ein Jahr nachher, als der Graf die zweite geheirathet hatte.
    Die Marschallin, Souvr erhoben sich wieder; aber Herr von Mauville winkte
beruhigend: Ich bitte, fhren Sie keine Strungen herbei, ich erkenne die Sache
so gut, wie Sie, und verspreche Ihnen Gerechtigkeit. Beide hofften, Herr von
Mauville sei auf ihrer Seite, und begaben sich zur Ruhe.
    Begreifst Du, alte Frau, was Du da herausgestoen? rief er hart; - denkst
Du, wir werden Dir glauben ohne Beweise, da Du einen Mann, wie den Grafen
Leonin, angreifst, dessen Rechtlichkeit auer Zweifel steht?
    Er war auch nur eine elende, leidende Kreatur in der Hand Anderer! rief
Emmy Gray; - er war zum Guten, wie zum Bsen zu schwach, ein verchtliches,
halbes Ding von Mensch; aber er hatte ein bses Weib zur Mutter, die wute um
Alles, - und einen Teufel zum Freunde, der hier steht, und der vollfhrte, was
sie beschlo!
    Thrin, rief Herr von Mauville; - denkst Du wirklich, da man Dir ohne
Beweise glauben wird? Du bist den Gesetzen wegen boshafter Verlumdungen
verfallen!
    Mein Herr, sprach Reginald, - ich mu Ihrem Eifer Einhalt thun! Obgleich
ich das Hervortreten dieser unglcklichen Angelegenheit mibillige, und diese
tief gebeugte Frau mein ausdrckliches Gebot, hier nicht aufzutreten,
berschritten hat, mu ich sie doch jetzt gegen jede unverdiente Beleidigung in
Schutz nehmen. Sie ist keine Thrin, mein Herr! Sie wird nur zu wohl beweisen
knnen, was sie sagt; und da die Schranke berschritten ist, die ich mir aus
Achtung fr den Namen, den ich rechtmig trage, auferlegt hatte, so gebe ich
den Umstnden nach und erklre ebenfalls laut und bestimmt, da ich der einzige,
rechtmige Graf Crecy-Chabanne bin!
    Mein Herr, rief die Marschallin, zitternd vor Zorn; - ich erklre einer
Procedur nicht lnger beiwohnen zu wollen, in der man jede Achtung gegen mich
und meine Familie aus den Augen setzt, und Gaukler und Betrger zum Zeugnisse
gegen uns zult! Sie wollte, sich erhebend, ihren Platz verlassen; doch
Reginald sollte ihr den Beweis geben, da das Blut der Crecy in seinen Adern
fliee! Lebhaft, mit glhendem Antlitze trat er ein Paar Schritte gegen sie vor.
    Bleiben Sie, Madame, rief er in einem gebieterischen Tone, und nehmen Sie
Ihren Platz wieder ein! Sie haben kein Recht, Beschimpfungen gegen mich
auszustoen; denn Sie vor Allen sind fest von der Wahrheit der eben vernommenen
Aussagen berzeugt. Sie, Madame, haben den Namen Crecy-Chabanne entehrt; - Sie,
Madame, haben Ihren Sohn, meinen Vater, zu dem Verbrechen doppelter Ehe - zur
Beraubung seines rechtmigen Kindes verfhrt; - Sie, Madame, haben durch Ihre
unmenschliche Grausamkeit, durch Ihren Agenten Souvr das Herz meiner
engelgleichen Mutter, Ihrer allein rechtmigen Schwiegertochter, gebrochen! Sie
- Sie haben das edle Haus Lesdigures zu einer beschimpfenden Verbindung mit dem
Gemahl einer Anderen vermocht und auch das Herz dieser edeln, betrogenen Tochter
jenes Hauses gebrochen!
    Bleiben Sie, rief er, da die Marschallin, aus der Erstarrung ihres
Schreckens erwachend, zu enteilen trachtete; - Sie sind hier noch nthig. Ich
befehle Ihnen, zu bleiben! Sie haben gewagt, mich Betrger zu nennen. Sie htten
vor dem Worte zittern sollen! Ich, der ich es ber die Nchsten ausrufen konnte,
habe es zurckgedrngt, aus Achtung fr den Namen, den meine reine Mutter trug.
Jetzt, Madame, ist das Siegel von Ihnen selbst gelst; - ein Crecy-Chabanne darf
nicht Betrger genannt werden. Tritt vor, Emmy Gray, entfalte die Dokumente, die
Alles darthun; und Sie, Madame, werden Kenntni davon nehmen und alsdann
widerrufen - gegen mich widerrufen!
    Die Marschallin stand, wie unter einem Zauber gebannt, starr - besinnungslos
fast vor dem glhenden, zrnenden Jnglinge. Auch schien mehr oder weniger die
ganze Versammlung in ein rcksichtsloses Zuhren aufgelst, whrend Herr von
Mauville ein scharfer Beobachter blieb, und mit Willen das Kreisen dieser
leidenschaftlichen Zustnde nicht zu hindern suchte, ihnen die Fingerzeige
ablauschend, die die Wahrheit zu enthllen versprachen.
    Was wagt Ihr? stammelte endlich die Marschallin; - was fr Rechte habt
Ihr an mich, als die der Verachtung und des Abscheues? Wem soll ich gerecht
werden? Dem Mrder meines Enkels, dessen ganze Anklage gegen uns nur eine neue
Besttigung seines absichtlichen Todtschlages ist!
    Absichtlich! Absichtlich! schrie Reginald, als ob alle Saiten seines
Innern mitnend zerrissen wrden; - ich absichtlich Ludwig getdtet - ihn, der
wenige Stunden zuvor mein Bruder ward - ihn, der auf meine Liebe, auf meinen
Schutz angewiesen war durch meine lteren Rechte an den Rang und Namen, den er
getragen? Ich - ihn absichtlich morden? Heiliger Gott, dieser Gedanke konnte nur
in Euch entstehen!
    Indessen hatte Emmy Gray den Trauschein aus dem Kirchenbuche von
Stirlings-Bai, dessen sie sich vor der damaligen Abreise heimlich zu bemchtigen
gewut, ehe Lord Gersey seine Vernichtung vollfhren konnte, und aus dem
Kirchenbuche von Ste. Roche das Tauf-Attest Reginald's und den Todtenschein
Fennimor's ausgebreitet. Herr von Mauville prfte Beide und gab sie dann den
anderen Richtern.
    Madame, sagte Herr von Mauville dann zur Marschallin, die Dokumente
mssen allerdings genauer geprft werden; - doch haben sie einen glaubhaften
Anstrich!
    Wie, entgegnete die Marschallin, - eine Ceremonie des ketzerischen
Priesters dieser abtrnnigen Sekte, die wir angehalten sind, nicht als Christen
anzusehen, - sie sollte einen Rechtsanspruch enthalten? Bei wem, glauben Sie,
wird das Anerkennung finden?
    Bei Allen, Madame, entgegnete Herr von Mauville, die mit einer besonderen
Bevorrechtung der schottischen Kirche bekannt sind, welche, aus der Zeit der
Knigin Maria herstammend, die Priester dieser Kirche als befhigt anerkannte,
kirchliche Einsegnungen zu vollziehen; damals in der Hoffnung erlassen, die
Confessionen durch Vermischung endlich der rmischen Kirche wieder zu gewinnen.
Sie haben dadurch einen rechtskrftigen Grund erhalten, den wenigstens der
pbstliche Hof nicht verwirft.
    Die Marschallin verlor einen Augenblick die Fassung. Sie blickte auf Souvr
- dieser lehnte sich kalt und hochmthig gegen die Gerichtstafel. Madame,
beantwortete er den Blick der Marschallin - es scheint mir, Sie lassen sich zu
sehr herab, diese verworrene Verhandlung mit Ihrer Gegenwart zu beehren.
Erlauben Sie mir, da ich Ihnen den Arm gebe; Sie werden in Paris ein
geeigneteres Gericht finden, was so ausgesuchte Beleidigungen abweisen und
bestrafen wird. Wenigstens ich habe mit diesen Angelegenheiten Nichts mehr zu
thun.
    Er nahete sich der Marschallin, und diese lie sich hinwegfhren, ohne
sprechen zu knnen, ganz um ihre gewhnliche, stolze Haltung gebracht; die
Grfin d'Aubaine folgte ihr; denn sie sah ihre arme Tochter nicht, welche auf
einem Sessel hinter dem Stuhle ihres ebenfalls ahnungslosen Vaters sa, und mit
der Gemthsbewegung zuhrte, die sie gnzlich ber ihre auffallende
Handlungsweise hinweghob.
    Als diese strenden Elemente sich entfernt hatten, ergriff Herr von Mauville
wieder die oft unterbrochene Verhandlung. Junger Mann, redete er Reginald an;
- der Augenblick, in dem Ihre alte Beschtzerin sie zwingt, sich einer so
mchtigen und vornehmen Familie als ein nah berechtigtes Mitglied derselben zu
zeigen, ist durch die traurige, vorangebende Veranlassung dieses Verhrs, ein
sehr ungnstiger zu nennen. Dessen ungeachtet glaube ich annehmen zu knnen, da
mit dieser Entdeckung, die gegen Ihren Willen gemacht ist, und die Sie frher
verweigert haben, der Grund weggefallen ist, der Sie abhielt, uns zu entdecken,
warum Sie den Grafen Ludwig veranlaten, mit Ihnen nach Ste. Roche zu gehen.
Ueberhaupt, mein Herr - ich sage es mit Bedauern, aber es bleibt dennoch wahr -
diese neuen Entdeckungen sind Ihnen nachtheiliger, als frderlich; denn die
Frage wird jetzt wichtig, ob Sie, der Angabe nach, wirklich der ltere Graf
Crecy-Chabanne sind, oder der bisher dafr geltende Jngling; denn Ihre hiernach
als unterdrckt erscheinenden Rechte knnten auf ein Verhltni zwischen Ihnen
und dem Gemordeten hinweisen, da sein Leben oder seinen Tod fr Sie wichtig
machte. Sammeln Sie sich daher und erzhlen Sie aufrichtig den Verlauf der
Begebenheit.
    Mein Herr, erwiederte Reginald sogleich, ohne Zgerung - ich bersehe
meine Lage ohne Tuschung, daher ohne Hoffnung. Der Tod Ludwig's durch meine
Hand schliet berdies jede Mglichkeit wieder zu erlangenden Glckes gnzlich
fr mich aus! Mein Leben mu eine Shne fr sein schnes, frh geknicktes Dasein
werden; - ich ersehne dies mehr, als da ich ihm zu entrinnen trachte.
    Ein rchelnder Seufzer stieg hier aus Emmy's Brust; sie taumelte erbebend
vor den festen Worten ihres Lieblings zusammen. Herr von Mauville befahl ihr
einen Stuhl zu geben; starr blieb sie von da an sitzen, die Augen fest auf
Reginald gerichtet.
    Was ich weiter von diesem entsetzlichen Verhngnisse zu berichten habe,
fuhr Reginald fort, ist von so ungewhnlicher Art, da ich entschlossen war, es
ganz zu verschweigen; da es unmglich in den Augen meiner Richter sich zur
Wahrheit erheben kann, und mich dieser daraus entstehende Zweifel gegen meine
Wahrhaftigkeit doch tief krnken wrde.
    Sie mssen Vertrauen haben zu Ihren Richtern, junger Mann, entgegnete Herr
von Mauville; wir sind nicht in der Absicht gekommen, Sie schuldig zu finden,
und gewhnt, das Ungewhnliche zu hren. Kraft meines hohen Amtes fordere ich
Sie auf, Alles auszusprechen, was Sie auf Ihrem Herzen haben.
    Nach einer Pause schmerzlichen Nachdenkens rief Reginald: Es sei! Ich stehe
vor einem edeln Manne, das fhle ich dankbar; - aber vor Allem fhle ich Gottes
Nhe!
    Reginald erzhlte jetzt mit Umsicht und Ruhe. Er berichtete die Unsicherheit
ber seine Familie, der er nicht nachgefragt habe in dem schtzenden
Verhltnisse zu der Familie Crecy. Graf Leonin habe sich seinen Vormund genannt,
und jede Auskunft fr ihn bis nach zurckgelegter Reise verschoben. Dann
erzhlte er Emmy Gray's erste Aufforderung vor der Reise, die er abgelehnt; dann
ihre zweite, welche ihn nach Tabor rief, und mit sichtlichem Widerstreben
entdeckte er Emmy's Mittheilungen. Emmy verlangte, ihm in Ste. Roche die
Dokumente zu bergeben - ihn trieb das Herz nach dem Grabe seiner Mutter -
Ludwig sollte ihn begleiten. Er konnte Nichts von ihm getrennt denken; er sollte
mit ihm, von den Dokumenten und Aussagen der Alten untersttzt, dort Alles
bedenken und beschlieen helfen! Dies, mein Herr, fuhr Reginald fort - ist
der wenig haltbare Grund, weshalb ich Graf Ludwig zu der Reise nach Ste. Roche
bewog, den aber nur der begreifen kann, der wei, wie wir uns liebten - wie kein
Geheimni unter uns waltete.
    Doch ist dies dennoch viel wahrscheinlicher, als was ich weiter zu erzhlen
habe. Er berhrte jetzt den aufgeregten Zustand, in dem er, Ludwig zu bewachen,
mit dem Pistol in der Hand, vor ihm gesessen habe und endlich, von unbewuter
Mdigkeit berwltigt, entschlafen sei, wo ihn dann der Traum erfat, den er mit
der Gewalt des tiefsten Grauens, das jetzt noch seine Seele zu berwltigen
drohte, ergreifend vortrug. - Lautlose Stille herrschte im Saale. Vielleicht war
Keiner in der ganzen Versammlung, der nicht den Jngling als unschuldig und des
tiefsten Mitleids wrdig erkannt htte.
    Erschpft und todtenbleich lehnte sich der Unglckliche, nachdem er
geendigt, von der Anstrengung fast berwltigt, in den Lehnstuhl zurck.
Mauville's Augen ruheten auf diesem rhrenden Opfer, mit dem Wunsche, er mge so
enden; denn der erfahrene Richter wute, da er nicht zu retten war.
    Da sagte der beisitzende Richter zu Herrn von Mauville: Sie vergessen die
Aussage des Kammerdieners, der uns noch von einem Liebesstreite der beiden
jungen Leute erzhlte. Gleichfalls eine wichtige Mglichkeit, so rasche That zu
erzeugen!
    Ein mibilligender Blick des Herrn von Mauville traf ihn; doch ungehindert
davon, fuhr er fort: Die Neigung Beider traf dasselbe Frulein aus diesem
Hause; Graf Ludwig war am Morgen mit derselben verlobt worden. Das erfuhr der
Angeklagte!
    Halt, rief Reginald - mein Herr, um Gottes Willen halten Sie ein!
Konvulsivisch war er aufgesprungen; noch ein Mal jagte das Blut ber das
sterbende Antlitz. Mischen Sie in mein elendes Schicksal nicht den heiligen
Namen dieser Dame! Sprechen Sie es aus, das vernichtende Wort: berfhrt,
schuldig! - Aber um Gotteswillen, diesen neuen Beweisgrund nicht - ich will ihn
nicht hren - wiederholen Sie es nicht bei Ihrer Seele Seligkeit!
    Da schwankte pltzlich Franziska vor den entsetzten Blicken ihres Vaters
vorber; sie wandelte leichten Schrittes auf Reginald zu, der bis an seinen
Sessel vor ihr zurck wich. Dicht vor ihm blieb sie stehen und sagte mit einer
weichen, tonlosen Stimme ohne Ausdruck und Kraft, whrend schwere Seufzer jeden
Satz unterbrachen: Warum verlugnest Du mich, edler, unschuldiger Reginald? Ich
war es, die Du liebtest - ich werde ewig daran gedenken! Die Welt hat uns
getrennt - doch blieben wir treu - und Ludwig, der arme Bruder, wre nicht
zwischen uns getreten! - Nun bin ich Braut von Dir und ihm - und Eure Witwe! -
Leb' wohl - auf Wiedersehen!
    Sie reichte ihm, wie zum heiteren Spiele, die blasse, marmorkalte Hand - er
widerstand nicht - er kniete nieder - laut schluchzend prete er ihre Hand an
seine Lippen - er, sah zu dem schnen, starren Gesicht empor, aus dem die Augen
so abwesend niedersahen. Da senkte sich das blaue Atlaskleid wie verhllend um
ihn her; die schne Gestalt sank langsam zusammen; sie glich einem Engel, der in
einer Wolke den bleichen Jngling verhllen wollte. - Der Vater hob die
Bewutlose sanft aus den Armen Reginald's, der in diesem Augenblicke der
Trennung das Todesurtheil erlitt. Er sah ihr nach, als wre sie sein letzter
Lebensathem - und in demselben Augenblicke fhlte er sich mit Liebe an ein warm
schlagendes Herz gedrckt. Es war Franziska's Bruder!
    Herr von Mauville hob das Verhr auf. - Reginald ward mit zrtlicher
Sorgfalt hinweggefhrt. Hart trat Emmy Gray den Richtern in den Weg; sie wollte
bitten; - aber der unbeugsame Sinn lernte nicht so spt die nie gekannte
Aufgabe. Sprecht Recht! Sprecht Recht, Ihr Richter, schrie sie mit Todesangst,
und ergriff hart den Arm des Herrn von Mauville; - er ist ja unschuldig - rein,
wie an der Brust der Mutter!
    Arme Frau! sprach Herr von Mauville - ich werde ihn der Gnade des Knigs
empfehlen!
    Gnade? Gnade? rief Emmy wild - Recht, Recht! keine Gnade - Recht mu ihm
werden!
    Vom Rechte darf er nichts hoffen, sagte der zweite Richter; - jeder
Gerichts-Hof wird ihn verdammen. Trume sind keine gltigen Zeugen!
    Sie zogen an ihr vorber; sie starrte ihnen nach; ihr grtes Elend war, da
sie diese Gerechtigkeit nicht verstand. Sie stie ein frchterliches - wildes
Geschrei aus! - Die mitleidigen Mnche erfaten die Unglckliche, die in
Konvulsionen fiel.

Die Marschallin reiste noch denselben Abend mit dem Marquis de Souvr nach Paris
ab. Die Trennung von der Familie d'Aubaine war kalt und zeigte von gegenseitigem
Mitrauen. Das entschiedene Betragen der Marschallin war zurckgekehrt; es lag
eine Verachtung gegen die erfahrenen Anschuldigungen in ihrem Wesen, die sie
unbedeutend machen sollten. Graf d'Aubaine war zu edel und zu stolz, sich die
Richtung seiner Meinungen angeben zu lassen; er zeigte sich in gemessener
Haltung. Graf Leonin folgte seiner Mutter - fieberkrank - gebrochenen Herzens!
    Spter fuhr dem Wagen des Herrn von Mauville eine verschlossene Kutsche
nach; sie brachte Reginald nach der Bastille. Um Mitternacht rollte langsam ein
Rstwagen mit der Leiche des Grafen Ludwig dem trostlosen Zuge nach; er ging
langsam nach dem Erbbegrbnisse in dem Schlosse Moncay.
    Lange blieb Franziska d'Aubaine geisteskrank, fast ausschlielich von ihrem
Vater gepflegt, dessen Nhe allein ihr Ruhe gab; jeder Andere bengstigte sie.
Jahrelang dauerte dieser Zustand. Langsam genas sie, eine Fremde sich fhlend in
der Welt. Ihr Vater that keine Forderung, die sie auf gewhnliche Weise dem
Leben anzuschmieden trachtete; er forderte Nichts, als die Wiederkehr einer
wrdigen Geistesthtigkeit. Indem er die Geselligkeit der groen Welt von ihr
abhielt, fhrte er sie doch zuweilen nach einem Schlosse in der Nhe von Paris
und versammelte dort die Heroen der Zeit, an deren Geist Franziska aufstrebend
sich entwickelte, wenn auch ohne Wunsch, ohne Zweck. So ward sie dem Leben leise
wieder zugefhrt - seine schne, uneigenntzige Gefhrtin! -
    Die Marschallin wute ihre weitverzweigten Verbindungen sehr wohl zu
benutzen. Reginald's Proze ward in eine Art von Geheimni gehllt, welchem sie
den Schein der Migung zu geben wute. Es schien, als ob ihre schmerzbeladene
Seele vor Allem ffentliche Verhandlungen scheue; - sie wies mit leisen
Andeutungen auf ihren Sohn. Man konnte denken, Leonin sei geisteskrank.
Vergraben auf ein fernes Crecysches Gut, blieb sein Zustand zweifelhaft.
Zuweilen schien er zu rasen; er wollte dann Souvr umbringen und verwnschte
seine Mutter. Dann brachte er Tage und Nchte auf seinen Knieen zu - er sah
Geister! Viktorine an Fennimor's Seite erschien ihm; er redete mit ihnen, und
dies war der Uebergang jener Raserei. Er sank dann auf den Teppich des
Fubodens; hier fand er ein Paar Stunden Schlaf, bis ihn neue Verzweiflung
weckte.
    Nach einem Jahre, in welchem das Schlo Ste. Roche mit der ganzen Situation
noch ein Mal erforscht war, die Richter die Aussagen der wilden Emmy Gray, ohne
Glauben an ihren Verstand, angehrt, alle Zeugen vernommen, und bald fr, bald
wider beschlossen hatten, fiel das Erkenntni, wie zu erwarten stand, gegen
Reginald aus. Er ward zum Tode verurtheilt und - der Knig unterzeichnete das
Todesurtheil.
    Diesen Moment der Sicherheit hatte die Marschallin erwartet. Sie fuhr in
tiefer Trauer nach Versailles und zeigte ihrem ganzen Zirkel vorher an, da sie
die Gnade des Knigs anzurufen denke fr den Feind, fr den Mrder ihres Hauses!
Alles drckte Erstaunen und Bewunderung fr die erhabene Tugend der ehrwrdigen,
gromthigen Frau aus. Es war das Signal fr Alle, ihr nach Versailles zu
folgen; man fragte der Stunde ihrer Abfabrt nach; es schien ein Festzug. Eine
Karosse mit rothem Himmel - ein Vorrecht der Familien hchsten Ranges - hinter
der anderen rollte auf dem groen Wege nach dem Schlosse.
    Der Prinz von Courtenaye bat beim Knige zur Zeit der Audienz-Stunde fr die
Marschallin von Crecy um Gehr. Der Prinz, der, gerade im Dienste, sich diesem
Auftrage unterzog, hatte einigen Blicken Ludwigs zu begegnen, die ihn unruhig
machten. Der Knig fragte nach dem Inhalte des Audienz-Zimmers - wie man dies zu
nennen pflegte. Herr von Courtenay nannte die ersten Namen des Landes. O,
sagte der Knig, mit einem stolzen Lcheln - der ganze Zirkel! - Sie sehen,
fuhr er fort, sich zu einem Geistlichen wendend, der im Hintergrunde stand, man
hat uns einen Platz in der letzten Scene des Trauerspieles zugedacht. - Dieser
Geistliche war Fenelon, der Erzbischof von Cambray. - Mein Herr, sagte der
Knig darauf zum Prinzen - die Versammlung ist uns genehm; wir werden sie
spter empfangen.
    Herr von Courtenaye wute jetzt gewi, da der Knig in Zorn war. Als er,
ganz bleich vor Schrecken, in das Audienz-Zimmer trat, erschien am anderen Ende
die Marschallin mit eben so verndertem Gesichte. Sie hatte Madame de Maintenon
ihre Aufwartung machen wollen, welche sie von fern in einem Damenkreise auf der
groen Terrasse lustwandeln sah; der meldende Lakay brachte aber die Antwort
zurck: die Frau Marquise wren beschftigt und knnten die Frau Marschallin
nicht empfangen. Die Marschallin traute ihren Sinnen nicht; die anwesenden
Damen, die sie wie ein Hofstaat begleiteten, wurden auerordentlich verlegen;
und als sie das Audienz-Zimmer erreichte, war von dem frheren Gefolge Niemand
an ihrer Seite.
    Welche qualvolle Stunde folgte jetzt! Den Fremden schien der Abend heran zu
nahen, die Einheimischen starben vor Neugierde und Ungeduld; immer mehr wuchs
der Kreis, die Feinde der Marschallin rckten an. Sie wute genau, da sie
herbei gerufen waren; selbst Souvr war so berrascht, da ihm das Nachdenken
darber seinen gewhnlichen Witz kostete. - Da ffneten sich die Thren; die
dienstthuenden Cavaliere schritten voran, dann kamen die Prinzen des Hauses;
Alle stellten sich an der Thr auf. Man sah in dem Saale zunchst den Knig
daher kommen, langsamen Schrittes, mit der imponirenden Wrde, die von einer
ihm, im hohen Mannesalter, noch treu bleibenden Schnheit gehoben ward. Die
daraus hervorgehende, vollstndige Anmuth der Bewegungen machte ihn zu dem
Vorbilde, welches er fr ganz Europa war. Etwas hinter ihm, an seiner linken
Seite ging Fenelon, der Erzbischof von Cambray; Ludwig sprach zu ihm mit dem
Wohlwollen und der feinen Hochachtung, die Alle, die es erfuhren, berauschte.
Die Marschallin fhlte, da ihre Knie bei Fenelon's Anblicke schnell zusammen
schlugen; heftig richtete sie sich nur noch gerader in die Hhe; Souvr schien
ihr Platz machen zu wollen - er zog sich noch weiter zurck.
    Athemlos harrten die Anwesenden, bis der Knig die Schwelle berschritten;
in demselben Augenblicke setzte er einen kleinen Hut auf, den er unter dem Arme
trug, nahm ihn nach einigen Sekunden ab, grte die Versammlung und setzte ihn
dann wieder auf.
    Die Gemeldeten haben den Vorrang! rief der Prinz von Courtenaye.
    Das war der entscheidende Moment! Aus der Masse lsten sich die Bezeichneten
und naheten, in einen Kreis sich stellend. Rechts, dem Knige zunchst, hatte
die Marschallin mit dem khnsten Muth ihren Platz eingenommen. Ludwig grte
noch ein Mal, indem er den Hut einen Augenblick abnahm, dann redete er den
Grafen Villeroi an und schien Heiterkeit und Wohlwollen zu athmen, wenn auch nie
die imponirende Wichtigkeit des Knigs dabei zu vergessen war. Wer htte ihn
aber nicht lieben mssen, als er sich der alten achtzigjhrigen Herzogin von
Gvres nahete, die, an einen goldenen, mit Juwelen verzierten Krckenstock
gelehnt, herbei gekommen war, dem Knige fr eine ihrem Enkel erwiesene Gnade zu
danken. Mit dem Hut in der hocherhobenen Hand stand der Knig vor der alten
munteren Frau, die ihr dankbares Herz mit der grten Lebhaftigkeit vor ihm
ausstrmen lie. Er schalt sie dagegen mit einer hinreienden Gte, da sie
gekommen war, und rief mit lauter Stimme: Ein Tabouret! ein Tabouret! und als
es herbeiflog, rief er noch ein Mal: Mein Bruder - ein Tabouret! Monsieur
verstand dies augenblicklich und legte herbeieilend die Fingerspitzen daran,
whrend der Knig der alten, in Wonne strahlenden Matrone den Arm gab und sie
niedersitzen lie; dann begrte er den harrenden Kreis weiter. Aber trotz
dieser weichmthigen Scene lie sich Niemand ber die Stimmung des Knigs
tuschen. Er hatte einen kleinen, rothen Fleck unter dem rechten Auge, und Jeder
wute, da er ber etwas in Zorn gewesen. Schon bezeichnete man den Gegenstand
desselben; denn der Knig war an der Marschallin von Crecy vorbergegangen, ohne
sie zu begren.
    Die Audienz, welcher der brige Hof blo als Zuschauer beiwohnte, war bis
auf die Marschallin und Souvr, die der Knig nicht angeredet hatte, vorber.
Der Knig richtete sich stolz empor und rief: Meine Prinzen, ich glaube, Sie
haben Ihre Bekannten in diesem Kreise.
    Das war ein Zeichen, da der Knig fertig war. Der Prinz von Courtenaye
durfte in diesem Augenblick, im Falle der Knig Jemanden bersehen hatte, die
Personen bezeichnen. Er trat vor und nannte die Marschallin und Souvr; der
Knig neigte kaum merklich das Haupt, und die Marschallin trat vor, allein noch
von ihrem Zorne Kraft erhaltend.
    Madame, begann der Knig, den Hut gleichgltig abnehmend und die Hand
damit niederhngen lassend, welches ein niederer Grad von Attention war - wir
bedauern um so mehr, Sie erst so spt zu begren, da wir Ihnen eine Mittheilung
machen knnen, die fr Sie allerdings von groer Wichtigkeit ist. Wir haben auf
die Bitte Ihres Sohnes, durch den Herrn Erzbischof von Cambray vermittelt, den
jungen Mann begnadigt, der, unter dem Namen Chevalier Ste. Roche, ein
beklagenswerthes Opfer der Verirrung ward, die, wie ich denke, Andere mehr, als
er selbst verschuldet.
    Sire, sprach die Marschallin mit gehobener Stimme - ich harrte hier mit
derselben Bitte um Gnade! Nicht Rache an dem Uebelthter kann das berhmte,
erlschende Geschlecht der Crecy-Chabanne retten; - wir suchten nicht Shne
durch Blut!
    Das ist uns lieb zu hren! erwiederte der Knig, mit unerschtterlicher
Klte; - wir werden es, Madame, unserer Frau Schwgerin melden lassen. Sie hat
uns diesen Morgen ersucht, die Frau Marschallin ihres Dienstes als
Oberhofmeisterin entheben zu drfen.
    Sire, rief die Marschallin - ist Unglck, wie es unser Haus verfolgt, ein
Grund, uns zu entehren?
    Madame, sagte der Knig - vergessen Sie Ihre Stellung nicht! Unglck fand
in uns Schutz und Hlfe; wir beweisen es, indem wir den jungen Mann begnadigen,
der durch unerhrte Vergehungen um Alles betrogen ward, was wir an irdischem
Besitze zu schtzen haben: um rechtmige Ansprche an einen vornehmen Namen und
den damit verknpften Besitz groer Reichthmer!
    Mit Schmerz sehe ich, entgegnete die Marschallin, noch immer ungebeugt -
da meine Feinde Zeit hatten, mich zu verdchtigen! Ich darf es sagen, Euer
Majestt sind falsch berichtet!
    Der rothe Fleck auf Ludwigs Wange begann zu leuchten, das strahlende Auge
des Knigs durchbohrte die Marschallin. Falsch berichtet? rief er; - hten
Sie sich, Madame, und wissen Sie, da Ihr eigner Sohn und der Erzbischof von
Cambray unsere Berichterstatter waren!
    Die Marschallin wankte zurck. -
    So wahr ich Knig von Frankreich und Nachfolger des heiligen Ludwigs bin -
wre der unglckliche Jngling nicht so ffentlich eines Mordes bezchtigt
gewesen, ich wrde hier ganz anderes Recht geschafft haben! - Und Sie, Madame,
die Sie fortan auer Zweifel sein werden, da wir unterrichtet sind, wie Sie bis
dahin uns zu tuschen wagten - Sie, denke ich, werden dem Minister der Polizei
bis heute Abend anzeigen, welches Kloster, zwanzig Meilen von Paris entfernt,
Sie zu Ihrem Aufenthalte gewhlt haben.
    Die Marschallin wankte hin und her; sie wollte noch reden. Der Knig setzte
den Hut auf und wendete sich ab; in demselben Momente war die Marschallin, von
den Hofleuten verdeckt, zurckgedrngt; sie schritt steif und fest durch alle
Sle, stieg in den Wagen mit rothsammetenem Himmel und sagte kaum hrbar: Nach
Moncay!
    Nun, Herr von Courtenaye, rief der Knig dem Prinzen zu; - was giebt es
noch?
    Der Prinz hatte kein Wort gesagt. Ah', ich verstehe, sagte der Knig -
der Marquis de Souvr! Sagt ihm, die Luft am Hofe passe nicht mehr fr ihn. Wir
glauben, er wird sich in England besser befinden; wenigstens wird seine
Korrespondenz mit Wilhelm von Oranien dann geringere Schwierigkeit haben! Sein
Name fllt unangenehm in unser Ohr!
    Souvr, der von Niemandem geliebt und geachtet war, selbst in dem Sinne, wie
es bei Hofe gilt, wartete nicht, bis man ihn aus dem Salon stoen wrde. Er
hatte schon lange das Versprechen, in England Schutz zu finden, wenn seine
Spionerien entdeckt wrden; er eilte nach dem Hotel Crecy, wo er wohnte, um
seine Reise sogleich anzutreten. Die Polizei empfing ihn, seine Papiere waren in
ihren Hnden. Nach einem kurzen Prozesse beschlo er sein Leben in der Festung
Rochefort.
    Der Erzbischof von Cambray eilte nach Beendigung der Audienz durch die
Gemcher des Knigs nach einer offenen Gallerie, die in den Garten von
Versailles fhrte. Bald sah er den Gegenstand, den er suchte. Auf zwei Diener
gesttzt, versuchte Leonin, Graf von Crecy-Chabanne, ihm entgegen zu eilen. Der
gromthige Fenelon beschleunigte seine Schritte und hielt, die Seelenqual des
Unglcklichen abzukrzen, mit freudigem Antlitz ein Pergament hoch in die Luft.
Begnadigt! begnadigt! - rief er - schlieen Sie jetzt Ihren Frieden mit Gott;
Ihr Knig verzeiht Ihnen! Leonin stie einen chzenden Seufzer aus; Fenelon
schlo ihn an seine Brust. -
    Wenige Tage spter erschien um Mitternacht vor den Thoren der Bastille ein
verschlossener Reisewagen, mit einer kleinen Eskorte Bewaffneter in einfacher
grauer Reisetracht. Nach Abgebung der Parole fuhr der Wagen in den innern Hof.
Ein Herr, in seinen Mantel gehllt, stieg aus und ward nach Reginald's Zimmer
gefhrt.
    Mein Herr, sprach er, sich vor Reginald verneigend - ich bin beauftragt,
Sie laut Befehl des Knigs hier wegzufhren!
    Wegzufhren? rief Reginald; - ist mein Proze entschieden?
    Reginald war fnfundzwanzig Jahr; er hatte ein Jahr hinter den Mauern der
Bastille geschmachtet. Luft! Luft! - eine Wiese - ein Baum - eine Blume nur!
seufzte seine schmachtende Seele. Jetzt sollte er fort - diese Mauern verlassen
- aber zu welchem Zwecke? Sollte sein Todesurtheil vollstreckt werden? Sollte
eine neue Festung ihn umschlieen?
    Fenelon hatte seinen Schler in dieser schweren Zeit nicht verlassen; er
hatte das Gefhl der Unschuld in ihm verstrkt, da er das Gefhl des Unglcks
nicht aus seiner Seele nehmen konnte. Er stellte ihn klar zum Leben, in der
geheimen Hoffnung, ihn fr dasselbe wieder zu gewinnen. Von der Jugend
untersttzt, konnte er in freier Thtigkeit, im Fleie, in ntzlicher
Bestrebung, nach und nach das Leben sich ihm erhalten denken.
    Ihr Proze ist entschieden, erwiederte der Herr - und ich bin Ihnen
hoffentlich keine feindliche Erscheinung. Reginald erkannte Herrn von Mauville.
    O, nein! rief er lebhaft - Sie waren vom ersten Augenblick an mein guter
Engel! -
    So folgen Sie mir auch jetzt voll Vertrauen! - In kurzer Zeit war Reginald
zur Abreise gerstet; Beide bestiegen den Wagen. Die Thore von Paris lagen weit
hinter ihnen, als der Morgen anbrach. Da erblickte Reginald bei den ersten
Strahlen der Morgensonne die lang ersehnte Natur. Der Eindruck war
berwltigend! Mit trunkenen Blicken sog er einige Minuten die Gegenstnde ein;
dann wendete er sich zu Herrn von Mauville, der mit antheilvollem Ausdrucke der
Zge den schnen blassen Jngling betrachtete. Den liebevollen, vterlichen
Blick erkennend, warf Reginald sich laut weinend an seine Brust. Fremde Arme
umschlangen den Jngling! Er hatte von allen reichen Liebesbanden, die ihn seit
seiner frhesten Jugend umgaben, Nichts behalten, als seinen Richter, der ein
Mensch war!
    In einer Hafenstadt machten die Reisenden Abends Halt. Reginald schlief
einen langen, erquickenden Schlaf. Am anderen Morgen fand er Herrn von Mauville
in besonders feierlicher Stimmung. Bis hierher, sprach dieser, habe ich mich
verpflichtet, Sie zu begleiten, theurer junger Mann! Man hat mich durch das
Vertrauen geehrt, mit dem man mir die Vollziehung dieser Maaregel berlie. Der
Knig hat Sie begnadigt! Sie sind frei! Der Erzbischof von Cambray hat mir
diesen Brief fr Sie mitgegeben; er wnscht, da Sie von Ihrem Vaterlande, bis
auf die Erinnerung, Abschied nehmen mgen! Er fordert Sie auf, keine Verbindung
mit demselben zu unterhalten, selbst der brieflichen Mittheilungen zu entbehren.
Nur so, glaubt er, kann es Ihnen gelingen, ein neues Leben zu beginnen. Ihr
Vater -
    Mein Vater? rief Reginald, und eine glhende Wallung zeigte sich auf
seiner Stirn. Mein Vater wird den Wunsch meiner gnzlichen Vernichtung, der
Beraubung aller Bande, die dem Menschen heilig und theuer sind, und ihn an sein
Vaterland knpfen, untersttzen! Er hat von mir Nichts mehr zu frchten! Da ich
es aufgeben mute, fr meine heilige Mutter Gerechtigkeit zu fordern, so hrt
fr mich jeder Anspruch an ihn auf!
    Wehmthig blickte Herr von Mauville den Jngling an. Er wute ihm wenig zu
sagen und frchtete sein zrnendes Gefhl durch Widerspruch noch heftiger zu
erregen. Der Graf Crecy war es, fuhr er sanft fort - der, durch die
Vermittelung des Erzbischofs von Cambray, dem Knige das ganze Geheimni Ihrer
Geburt, Ihres traurigen Geschickes entdeckt; - und so drfen Sie sagen, ist
Ihrer Mutter Recht geschehen!
    Reginald's erglhtes Auge ruhte einen Augenblick voll Befriedigung auf Herrn
von Mauville. So mag ihm Gott verzeihen, wie ich ihm verzeihe! rief er
pltzlich tief bewegt.
    Darum sollte ich Sie bitten! sagte Herr von Mauville; - der unglckliche
Vater fhlte keinen Muth, dem tief beleidigten Sohne selbst zu nahen.
    Reginald verhllte sein Gesicht mit beiden Hnden; Fennimor's Sohn weinte
ber den unglcklichen Vater. Sagen Sie meinem Vater - sagen Sie ihm - Da
Sie ihm verziehen haben! ergnzte Herr von Mauville die schluchzend
herausgestoenen Worte des Erschtterten.
    O, welch' ein Wort gegen einen Vater! seufzte Reginald. Sagen Sie ihm,
da ich gedenken wolle, er habe einst meine Mutter geliebt; - da ich ewig
gedenken will, wie er mich mit Sorgfalt erziehen lie und wie viel Liebe er mir
bewiesen. Aber wenn ich voll Schmerz zugleich behalten mu, wie er den Lockungen
der vornehmen Welt mit ihren emprenden Anforderungen und erlogenen Rechten
erlag, so sagen Sie ihm, da ich ihr einen tiefen, unvershnlichen Ha
geschworen; da ich seine unnatrliche, entmenschte Familie hasse, und da es
mein Stolz sein soll, sie zu verlugnen und mich nicht mehr zu ihr zu zhlen!
    Ich darf Sie nicht fragen, wohin Sie zu gehen gedenken, entgegnete Herr
von Mauville; - meine Bestimmungen lauten, dies nicht wissen zu wollen. Aber
ich bin ein alter Mann; Sie sollen ihr Vaterland nicht verlassen, ohne den Segen
eines Herzens, das Sie lieb gewonnen hat, wie einen Sohn.
    Reginald strzte an seine Brust; Herr von Mauville segnete ihn in tiefer
Rhrung mit einer erschtternden Flle hochherziger Worte. Dann entri er sich
pltzlich seiner Umarmung und enteilte dem schmerzlich bewegten Jnglinge.
    Lange blieb Reginald regungslos auf seinem Platze. Wir knnen sagen, er
erlebte einen groen Entwickelungs-Moment. Von allen Seiten nahete sich das
Vorbereitete und ward zum Bewutsein, das schnell die neue Form des Daseins
bildete, und sie mit dem Inhalt einer ernsten, mnnlichen Erkenntni erfllte.
Aber dessen ungeachtet seufzte das junge Herz: Du bist allein!
    Als der Abend sank, redete ihn in schchternen Lauten eine bekannte Stimme
an; erschrocken fast sprang der Einsame auf. Es war sein treuer Kammerdiener,
der sich ihm zu Fen strzte: Nehmen Sie mich mit, gndiger Herr! Verstoen
Sie mich nicht, sonst bricht mir das Herz!
    Wie, rief Reginald; - Du willst den Verstoenen - den Verbannten
begleiten? -
    Ja, Herr, bis in den Tod! Lat mich nicht zurck, ich berlebe es nicht! -
    So komm mit! rief Reginald, und ein warmes Gefhl durchstrmte sein Herz.
Er war nicht mehr allein!
    Die Reise war von dem sorgsamen Diener mit einer Umsicht vorbereitet, die
seine Instruktionen verrieth. Als Reginald in den Wagen stieg, berreichte ihm
der Kammerdiener ein Portefeuille; es enthielt ein bedeutendes Vermgen in
Wechseln und Gold. Auf dem Umschlage standen die Worte: Das Vermgen von
Fennimor Lester, verehelichten Grfin Crecy-Chabanne.
    Schaudernd verschlo Reginald die versptete Urkunde der Gerechtigkeit. -
Hrtest Du nie von Emmy Gray? fragte Reginald spter. Es sei die letzte Frage
ber die Vergangenheit; aber ich mu sie beantwortet haben, ehe ich das Land
verlasse. -
    Sie lebt - aber sie hat der Welt unerlschlichen Ha geschworen; auch Euch
wollte sie nicht wiedersehen! Der Herr Graf von Crecy lassen fr sie sorgen, wie
fr eine Prinze. -
    Reginald nderte jetzt seinen Namen und blieb von da an verschwunden. Alle
Bemhungen, ihn aufzufinden, scheiterten, wie wir es bereits wissen.

                                     * * *

Wir wollen zu einer anderen Zeit dem Eindrucke nachfragen, den die Erzhlung des
Marquis d'Anville auf seine Zuhrer machte; nher liegt uns das junge Frulein,
das wir, von dem Arzte zu Madame St. Albans Hilfe herbeigerufen, in dem Vorflure
des kleinen Thurmes verlieen, der in die Zimmer der Mistre Gray fhrte.
    Trotz dem, da der Arzt sie berufen, schienen dennoch ber ihren Eintritt
Schwierigkeiten obzuwalten; denn Elmerice hatte hinreichend Zeit, das
ergreifende Schauspiel eines mit heftigen Ausbrchen wild ber die Erde dahin
ziehenden Gewitters zu beobachten, und erst, als eine gleichmig graue
Wolkenlage einen frhen Abend herbeifhrte, und der niederfallende feine und
warme Regen die erschreckte und zerrissene Vegetation zu heilen schien, trat
Asta zu der Harrenden und flsterte ihr zu: Bald! bald!
    Elmerice fhlte ihr Herz aufwallen; sie trat der Eingangsthre nher und
athmete bedrftig den Duft, der aus tausend kleinen, erquickten Kelchen
balsamisch zu ihr aufstieg. Ihre Augen wurden na, trotz dem, da sie sich
innerlich ber eine Empfindung schalt, die ihr durch Nichts motivirt schien. Sie
ward ungeduldig und wnschte um so lebhafter, in den bangen Zauberkreis
eingefhrt zu sein, den sie bald zu berwinden dachte durch Dienste, die sie
leisten wollte. Auch sollte ihr Wunsch jetzt erfllt werden. Asta war zurck
geschlichen, mit ihr erschien der alte Arzt und fhrte sie stumm und leise durch
die breite Flgelthre, die sich geruschlos in den Angeln drehte.
    Obwol ein hoher, lang ausgestellter Schirm die Uebersicht des Zimmers
hinderte, sah Elmerice doch an der weit ausgebreiteten Decke, da sie in ein
ungewhnlich groes Zimmer trat. Der hohe Schirm bildete, wenige Fu von der
Wand abgestellt, einen verdeckten Gang, und als sie ihn, hinter dem Arzte
hergehend, zurckgelegt, sah sie sich vor dem Bette der Madame St. Albans, die,
auf Kissen gesttzt, leise sthnend darin ausruhte.
    Ach, Kind, Kind, ich habe es nicht gewollt, da man Dich rief! schluchzte
Madame St. Albans leise. Du armes Kind, wrest Du doch bei Deiner Grfin
geblieben! Was kommt nun Alles ber Dich! Zwei Leichen wird es in kurzer Zeit
geben; denn weder sie, noch ich, Keine von uns Beiden bersteht die Leiden!
    Darum gerade ist es gut, da ein Gesunder bei Euch ist, erwiederte
Elmerice freundlich, - Ihr sollt bald erfahren, was gute Pflege thut.
    Ach, sagte Madame St. Albans, fast verdrielich, - seid nicht so hflich
mitten in dem Elende! Das kann Euch nicht von Herzen gehen; und ich habe nie den
Leuten getraut, die so sehr hflich waren. Grmlich lehnte sie sich in die
Kissen zurck, als wolle sie Ruhe haben.
    Elmerice wendete sich ab, wenig ermuthigt durch diesen Empfang, und sah in
das Antlitz des alten Arztes, der, wie es schien, kaum ein lautes Gelchter
bezwang.
    Da habt Ihr's! sagte er, sie gegen eins der hohen Fenster fhrend, das mit
dem Bette der Erzrnten in einer Reihe lag und eins der vier groen, breiten
Fenster war, die diese Seite des Riesengemaches einnahmen. Aber, fuhr er fort,
- daran mt Ihr Euch gewhnen; ich habe lange gezaudert, ehe ich Euch zu
diesen verrckten Weibern herbeschied; denn die Albans ist eine so kleine,
jmmerliche Seele, die sich Wunder wie klug deucht, wenn sie Anderen nichts
Gutes zutraut. Ich sage, solche sogenannte stille Leute, die immer thun, als
wollten sie mit keinerlei Art von Verdienst in die Schranken treten, das sind
innerlich die Tollsten, die sehen auf Alles mit Verachtung, was sie nicht
verstehen; ihr Hochmuth macht sie bsartig.
    Obwol ich Madame St. Albans blo fr launisch und nicht fr bsartig
halte, sagte Elmerice - habe ich doch von ihrer Weise schon manche Erfahrung
gemacht, die mir jetzt zu Hilfe kommen wird.
    Nur nicht zu gut, mein Kind! Schreit sie ein Paar Mal tchtig an, das hilft
mehr, als nachgeben. Bleibt Ihr immer sanft und freundlich, das versteht so ein
Gemth nicht. Weil sie selbst schreien und heulen wrde, wenn man sie
behandelte, wie sie Anderen thut, so hlt sie Jeden, der es hinnimmt, fr seiner
Schuld berfhrt oder fr falsch.
    Und doch, lchelte Elmerice, belustigt von dem alten, klugen Manne, -
doch mu ich schon bei meiner Weise bleiben; es ist nicht so wichtig, da sie
mich versteht; aber ich wrde mich selbst nicht verstehen, wenn ich ihr eben so
erwiedern wollte, wie wir es ja an ihr nicht billigen. Ich werde weniger dadurch
verletzt, wenn ich nicht darauf eingehe, und mu es leiden, wenn sie mich
deshalb falsch schilt.
    Ja, ja, sagte der Alte, sie wohlgefllig anblickend, - es giebt auch
solche Weiberherzen! Ich kann sie wohl leiden, wenn ich dagegen den Anderen gern
etwas auf den Leib hetze. Nun, mein Kind, ich werde zusehen, wie sie's machen,
und komme schon zu Hilfe. - Jetzt will ich Euch sagen, da Keine von den Beiden
sterben wird, wenn sie im Bette bleiben; aber sehet, sie sind so krumm gezogen,
so voll Gliederschmerzen, da, wenn sie da nicht bleiben, ich fr Nichts
einstehen kann; denn alle Augenblicke wird es entzndlich, und die Alte liegt
immer im Fieber. Das hlt Einer in den Siebzigern auch nicht lange aus, wenn er
gleich solchen Riesenkrper hat, wie sie. Bedurfte nun die Alte Etwas, was Asta
nicht zu besorgen verstand, dann stand die Albans auf und that es; und da blieb
die Geschichte, wie sie war, und Beide kommen mir von Krften und knnen daran
sterben.
    Und hofft Ihr denn, lieber Herr, rief hier Elmerice, angenehm berrascht,
da Mistre Gray sich von mir wird pflegen lassen? -
    Davon kann vorerst bei Tage nicht die Rede sein; denn sicher litte sie es
nicht. Aber sehet, in dem groen Himmelbette, da wird sie Euch nicht so bald
entdecken, und nun ist Euer Geschft, wenn ich nun doch einmal ber Euch
bestimmen soll, der Asta beizustehen, damit die Frau dort zu Bette bleiben kann,
wenn es heit, Umschlge kochen, Suppe oder Thee brauen, Wsche wrmen, und was
sonst noch vorfllt am Krankenbette. Asta ist klug genug, es der Alten
beizubringen; aber vorher will doch immer noch eine andere Hand dabei sein. -
Und dann, mein Kind, des Nachts, da werdet Ihr zuweilen die Aeuglein aufhalten
mssen; da tritt bei der Alten das Fieber ein, dann will sie aus dem Bette und
redet Manches, worauf Ihr Nichts geben mt; doch in dem Falle wird sie nicht
merken, da Ihr eine Fremde seid, und Ihr werdet sie beruhigen und im Bette
festhalten knnen; denn sie ist schwach wie ein Kind. Der Frau aber da deutet
an, ihre unntze Geschftigkeit wre verboten; und weil Ihr entschlossen seid,
von ihr zu leiden, so duldet ihren Widerspruch, aber haltet sie im Bett; ich
werde dem Allen den gehrigea Nachdruck geben. - Und so segne Euch Gott, mein
Kind! fuhr er fort, und strich pltzlich mit der Freiheit eines alten Mannes
ihr die Locken von der Stirn, und betrachtete sie zurckgebogen einen Augenblick
mit seinen forschenden, runden Augen. Dann schttelte er den Kopf und trat
wieder an das Bett der Madame St. Albans.
    Frau, sprach er - betragt Euch jetzt vernnftig; ich habe Euch hier nicht
das arme Frulein hergeholt, da Ihr an ihr Eure Launen und Tcken auslat. Was
sie Euch sagt, mt Ihr thun; denn das ist mein Wille, sonst knnt Ihr ins Gras
beien, und Herr Albans heirathet eine Andere. Na, das dachte ich wohl, nun geht
das Weinen an; auf dem Punkte sind wir sehr empfindlich! Nun, ich sage Euch ja,
thut, was ich von Euch fordere, und Ihr sollt tanzend und springend zum Herrn
Gemahl zurckkommen!
    Ohne die schluchzende Entgegnung der Beleidigten abzuwarten, kehrte er sich
um, und Elmerice, die noch immer an dem Fenster lehnte, sah mit Herzklopfen, wie
er die Vorhnge des Bettes zurckschlug, in welchem die geheimnivolle Alte
ruhte.
    Schickt die Ellen nach Haus, Doktor! sagte eine rauhe, heisere Stimme; -
ich hre sie schon wieder schluchzen; ich will das lstige Weib nicht mehr um
mich haben.
    Zum nach Hause schicken gehren Zwei: Einer, der schickt, und Einer, der
geht; zum Gehen aber gehren Beine, und die hat Ellen jetzt nicht; denn sie
liegt lang aus, und hat das Gliederreien, wie Ihr.
    Da Gott erbarm'! Warum kam sie denn her, wenn sie nicht besser war, als
ich selbst?
    Seid nicht undankbar, Emmy! rief der Arzt; - schon oft habe ich Euch
gesagt, sie hat wie ein gutes Kind gethan; eine Andere, die so wenig von ihrer
Mutter htte, wie Ellen, wrde nicht vom Krankenlager aufgestanden sein, um zu
Euch zu kommen.
    Jmmerliches - jmmerliches Menschenvolk! rief die Alte. Alles soll man
Euch anrechnen! Geht - ich will nichts von Euch! Habe ich Euch doch oft gesagt,
Ihr sollt mich lassen; denn ich kann Keinem mehr was sein und will daher auch
Nichts annehmen; denn was thtet Ihr wohl umsonst? Fr Alles soll man Euch
dankbar sein - und hier ist Alles trocken in mir - ich habe fr Euch Nichts
brig!
    Wir wissen das, sagte der Arzt - Ihr seid eine halbe Wilde; - und Gott
richte es! Nehmt nur ordentlich ein, dann habt Ihr uns bald Alle nicht mehr
nthig. Dann bog er sich nieder; er schien ihren Puls zu fhlen. Das Fieber
kommt schon wieder; haltet Euch ruhig, das darf nicht oft mehr kommen! -
    Lat es kommen, so oft es will! Gottes Wunder, da es noch in diesem
morschen Leibe was auszudorren findet! Es ist ein schlechtes Fieber, wovon Ihr
solch' Aufhebens macht; es thut nicht seine Schuldigkeit; ich bin's mde und
satt und mchte es frdern, statt lindern. -
    Alte Snderin! rief der Doktor ungeduldig und ri die Vorhnge zu. Kurz
grte er darauf Elmerice und war aus dem Zimmer verschwunden.
    Ein augenblickliches Grauen beschlich diese, als sie sich ohne seinen
krftigen Beistand hier pltzlich allein fhlte. Die Reden der alten Frau, so
bs und finster, hatten sie tief bewegt; sie fhlte, wie schwer es sein mte,
diesem Herzen zugnglich zu werden; aber sie htte Viel darum gegeben, wenn sie
den Versuch htte machen drfen. Dieser tiefen Verachtung, diesem Mitrauen
entgegen zu treten, sie zu vershnen - diese jugendliche Schwrmerei erfllte
ihr Herz und Kopf.
    Doch strte das fortgesetzte Schluchzen der Madame St. Albans ihr
Nachdenken. Sie trat daher zu ihr, und ohne den Gegenstand ihrer Trauer weiter
zu berhren, sagte sie ihr, sie mchte sich doch die Vorhnge lften lassen, und
that es zugleich, indem sie ihr auch die Kissen besser legte, das Haar unter die
Haube schob und ein Getrnk reichte, was Asta ihr stillschweigend andeutete.
    Dies hatte bald die Folge, da Madame St. Albans ruhiger ward; und obwol
kein gutes Wort ber ihre Lippen kam, so schien sie doch nachgiebiger in ihren
Bewegungen zu werden. Auch blieb das letzte Beruhigungsmittel endlich nicht aus,
und sie lag bald schlafend vor Elmerice's Augen. Jetzt gab diese ihrem Verlangen
nach, sich mit dem Raume bekannt zu machen, der sie mit so besonderem Interesse
erfllte.
    Es war ein so ungewhnlich groes Zimmer, da es nothwendig die ganze Tiefe
des Seitenflgels, in welchem es lag, einnehmen mute. Dies schienen zwei groe
Flgelthren zu besttigen, die zu beiden Seiten eines riesigen, marmornen
Kamines lagen und die Wand einnahmen zwischen den Fensterwnden, und die in das
Innere des Baues fhren muten, wahrscheinlich zu verschiedenen Zimmerreihen
gehrend, die von beiden Seiten des Flgels Licht bekamen; denn jetzt sah
Elmerice auch, da, den geffneten Fenstern gegenber, eine eben solche Reihe
angebracht war, die vermuthlich in den Hof sah, doch jetzt mit Lden dicht
verschlossen war.
    Die Decke war ein Kuppelgewlbe, so schwer mit Stuckatur und geschwrzten
Gemlden verziert, da man ohne Schauder kaum die kolossalen Engel
niederschweben sehen konnte, die, an schweren Blumenketten hngend, jeden
Augenblick herabzustrzen drohten. Die Tapeten aber, von hochrothem Damast, mit
weien Blumen durchwirkt, waren noch wohl erhalten; eben so zeigten die Vorhnge
der Fenster, des groen Himmelbettes von demselben Stoff, alle ihren Werth in
ihrer Dauer. Wunderlich stach dagegen die Einrichtung ab, die das Bedrfni der
alten Frau hinzugefgt. Im Kamine stand ein Schrnkchen mit hellpolirtem Zinn,
Brennholz war daneben aufgehuft und hlzerne Gerthe. Auf der anderen Seite
bildete ein hoher Lehnstuhl von Ebenholz, mit Gold und Silber ausgelegt, den
Gegensatz. Die Kissen waren, wenn auch verwittert, doch von kostbarem Stoffe;
davor stand auf einem trkischen Teppich ein werthvolles Spinnrad mit
aufgezogener Wolle, daneben ein kunstreiches Tischchen mit einigen
Andachtsbchern; weiter entfernt befand sich ein Gestell, wo hinter wenig
zureichenden Vorhngen die geringe Garderobe aufbewahrt war, und daneben zeigte
sich ein prachtvoller Schrank mit vielen Schlssern, der in seiner kostbaren
Arbeit zu dem Armstuhl und Tischchen zu gehren schien.
    So bildete Alles, was sich dem Auge darbot, einen Gegensatz, der unter
anderen Umstnden Elmerice vielleicht verletzt htte; jetzt aber nur ihren
Antheil weckte und den lebhaften Wunsch erregte, sich allen diesen Dingen nahen
zu drfen. Besonders aber hafteten ihre Augen auf den fest geschlossenen Thren,
von denen sie wute, da sie in die Gemcher der ehemaligen Gebieterin der alten
Mistre Gray fhrten. Doch trat bald eine Dunkelheit ein, die ihr die
Gegenstnde entzog; und da Madame St. Albans durch Seufzen und Sthnen ihr
Erwachen andeutete, versuchte sie der Leidenden Hlfe zu leisten.
    Asta dagegen lief ab und zu an das Bett der alten Frau, welche endlich
begehrte, da Feuer in den Kamin gelegt werde, um Licht zu bekommen. Es geschah,
und wurde fr Elmerice eine groe Wohlthat, da die hoch aufwallende Flamme jeden
Winkel erhellte.
    Asta wies ihr nun freundlich bedienstlich ein altmodisches Sopha, mit
Polstern und Decken belegt, das hinter dem Schirme stand, zur Nachtruhe an, und
ffnete ein kleines Wandthrchen, das in ein kaum zehn Fu messendes Kmmerchen
fhrte, worin sie auf einem kleinen hlzernen Tisch einige einfache Mundvorrthe
aufgestellt hatte, die wahrscheinlich Veronika gesendet. Dieser ganz leere, von
rohem Mauerwerk aufgefhrte Raum hatte eine Wohlthat fr Elmerice - ein fast bis
zur Erde reichendes Fenster, das geffnet war und die warme Nacht genieen lie,
die mit vllig aufgehelltem Himmel und einem Meere glnzend funkelnder Sterne
erquickend zu ihr niederschien. Asta hatte das Tischchen dicht vor das
Fensterbrett geschoben, auf dem Elmerice sich niedersetzen mute, da kein Mbel
weiter vorhanden war; und sie fhlte zu sehr, wie das geschickte Kind bemht
gewesen, ihr Angenehmes zu erzeigen, als da sie nicht der kleinen Mahlzeit
zugesprochen htte. Auch hier war dieselbe widersprechende Ordnung: ein
silberner Teller und ein hlzernes Geschirr mit Milch, ein feines, damastnes
Tuch und ein irdenes Gef mit Honig, ein goldener Lffel und ein eisernes, aus
der Scheide gebrochenes Messer; das Brod lag in einer japanischen Vase und die
Butter in grnen Blttern auf dem zerbrochenen Deckel derselben. - Asta sah
dennoch wohlgefllig auf ihr Tischchen hin; - ihre junge Gefhrtin lobte Alles
sehr freundlich und geno von Jedem, der Kleinen ihr Theil aufnthigend. Auch
lag fr Elmerice ein besonderes Interesse in dem Anblick dieser Gegenstnde; und
als htte ein Alterthmler in den Schachten der Erde die Reste eines vergessenen
Jahrhunderts gefunden, so betrachtete sie Alles und hielt die werthvolleren
Geschirre zum Fenster hinaus, um sie besser erkennen zu knnen; und besonders
erforschte sie, wie ein Heraldiker, das Wappen des Tellers, das die ihr doch
unbekannten gekrnten Geier des Crecy'schen Hauses enthielt.
    Endlich erinnerte Asta sie an ihre nchste Pflicht; denn das arme,
berwachte Kind, fr das Niemand gesorgt, schlief nach der erquicklichen
Mahlzeit und von Elmerice's Nhe in Ruhe versetzt, bald fest ihr gegenber ein,
und sie umschlingend, fhrte sie die Kleine halb bewutlos nach dem Sopha, das
fr sie bereitet war, und flsterte der ngstlich Ankmpfenden zu, sie werde fr
sie wachen.
    Tiefe Stille umgab Elmerice nun. Leise, mit groen Umwegen schlich sie nach
dem Kamin und legte seitwrts einige strkere Schichten Holz auf, das Ausgehen
der trstlichen Flamme zu verhten. Sie nahm dann ihren Platz so, da sie beide
Krankenbetten beobachten konnte, und lie die Stunden vorberstreichen, ohne
Mdigkeit zu empfinden. Madame St. Albans schien zu schlafen; aber Elmerice sah
mit unbeschreiblicher Spannung, da sich die Vorhnge vor dem Bette der alten
Gray bestndig bewegten, als regte Jemand sich dahinter hin und her; dann blieb
es einen Augenblick ruhig. Allein pltzlich ffneten sich die Vorhnge
vorsichtig; ein wunderlich vermummter Kopf fuhr hervor und wendete sich in allen
Richtungen, wie es schien, um zu sehen, wie es auer dem Bette stnde. Obwol
Elmerice jede Bewegung sah, wute sie sich doch hinter den bauschigen
Fenstervorhngen hinreichend verborgen und lauschte mit klopfendem Herzen, was
weiter geschehen wrde. Die gemachten Beobachtungen schienen der Kranken
zuzusagen; denn sie nickte mit dem Kopfe und schob behutsam die Vorhnge weiter
von einander. Elmerice sah deutlich eine aufgerichtete Gestalt, und nach wenigen
Augenblicken schob sich eine alte, gekrmmte und dennoch groe Frau hervor, die
einen weiten dunkeln Pelzmantel um sich geschlagen hatte, und deren Fe mit
Tuchsocken bezogen waren, die ihre Wanderung, die sie jetzt mhselig antrat, so
geruschlos machten, da sie ein krperloses Wesen zu sein schien. Hier wre der
Moment gewesen, wo Elmerice, den Bestimmungen des Arztes zu Folge, htte
einschreiten mssen; aber hierzu fehlte ihr um so mehr der Muth, da die Handlung
von ihr offenbar eine wohlberlegte, nicht durch Fieberhitze eingegebene war;
und so blieb sie eine unthtige bange Zeugin dieses Verfahrens.
    Die Alte schien in ihrem groen Hause von Bett Alles verborgen zu haben, was
sie zur Ausfhrung ihres Willens nthig hatte; denn auerdem, da ihre Kleidung
warm und ausreichend war, sah Elmerice auch jetzt einen Stock in ihrer Hand,
dessen Spitze vorsichtig umwickelt war. Und doch trug er sie kaum! Mit welchem
Antheile sah Elmerice, wie sie wankte, oft wie zusammenbrechend stehen blieb und
so mhvoll den weiten Weg zurcklegte, der sie gegen die Thre fhrte, die
zunchst den unverwahrten Fenstern lag. Wie gern wre sie ihr zu Hlfe gekommen
und htte sie gesttzt; denn schon fesselte das geheimnivolle Wesen so ihr
Herz, da sie ihrem Willen sich unwillkrlich zuneigte, ihn hher achtend, als
ihre empfangenen Vorschriften.
    Die Alte blieb jetzt seitwrts am Kamine stehen, ffnete eine Feder in dem
schnen Schranken, die ein Fach hervortreten lie, aus welchem sie eine dicke,
gelbe Wachskerze und einen Schlssel zog; mit Mhe zndete sie das Licht an dem
Feuer an und ruhete dann gnzlich erschpft, wie es schien, einen Augenblick in
dem hohen Lehnstuhle. Welch' ein schauerliches Bild war ihr Anblick! Ihr
starres, abgezehrtes Gesicht war von der Kerze in ihrer Hand scharf beschienen,
whrend das Feuer eizelne, grellere Lichter darber hinjagte. Sie hatte die
Augen geschlossen, und die Ermattung der Krankheit rang mit der fast
krampfhaften Festigkeit, mit der sie Kerze und Schlssel gefat hielt. Bald
ffnete sie auch wieder die kleinen, versunkenen Augen, und noch ein Mal prfend
umherblickend, erhob sie sich mhsam und erreichte die geheimnivolle Thre. Der
Schlssel fate geruschlos das Schlo, die Thre ffnete sich, die Alte schritt
ber die Schwelle; und ehe sie dort Fu gefat, blieb Zeit genug, den geffneten
Raum zu erkennen. Aber tiefe Nacht herrschte dort; die eine Kerze erhellte nur
die Thre, die von Innen, wie von Auen reich vergoldet war - dann schlo sie
sich hinter der Alten. -
    Mit welcher Bangigkeit harrte Elmerice ihrer Wiederkehr! Es schien ihr eine
Stunde - da ffnete sich abermals die Thre; das Licht beschien den gramvollen
Ausdruck des bleichen, alten Gesichts. Langsam ward Alles verwahrt, und nach
einiger Zeit verhllten die Vorhnge des Bettes das ganze geheimnivolle
Treiben. -
    Elmerice wute sich kaum Rechenschaft zu geben von der Empfindung, mit der
sie am anderen Morgen das Erlebte gegen den alten Arzt verschwieg, da sich
Veranlassung genug zeigte, es ihm mitzutheilen. Schon fhlte sie sich der
unglcklichen Alten verbindet; es schien ihr, sie habe eine Berechtigung zu
ihrem Verfahren, das Andere nicht zu beurtheilen verstnden; und das wider
Willen abgelauschte Geheimni verpflichte sie zum Schweigen.
    Auch war die Aufmerksamkeit des Arztes an diesem Morgen mehr auf Madame St.
Albans gerichtet, die, vom Fieber immerfort bewegt, ihn zu beunruhigen schien.
Er sa sinnend, ngstlich ihren Puls prfend, nahm endlich Elmerice in das
kleine Nebenstbchen und schttete ihr seine Gedanken aus.
    Das ist seit gestern nicht mehr dasselbe, sagte er; - das wird ein
Zehrfieber! Eine schlimme Sache, mein Kind - und welche Lage fr so ein
Krankenbett! Damit ntzt sie der Alten nicht, und Beide belstigen einander. Was
fangen wir aber an - verdreht wie Beider Kpfe sind?
    Sprecht mit Veronika, lieber Herr, rief Elmerice - ob sie nicht Madame
St. Albans zu sich nehmen will und pflegen; dann bleibe ich bei der alten
Mistre Gray und pflege sie allein.
    Wo denkt Ihr hin? lachte der Arzt; - Ihr kennt die Alte nicht; das
brchte sie nun vollends zum Rasen; - dem kann ich Euch nicht aussetzen, das hat
sie noch nie geduldet.
    Wagt es dennoch! sagte Mi Eton lebhaft; - ich habe eine Zusage in mir,
da sie mich dulden wird. Madame St. Albans mu gerettet werden; eine andere
Pflege ist bei der armen Alten nthig, und also Gott befohlen! Ueberlat es mir,
ich werde durchsetzen, was ich will. Sie mu - sie soll - sie wird mich dulden!
    Der Arzt sah in Elmerice's sich rthendes Angesicht; er erstaunte ber die
Energie des jungen Mdchens, und Elmerice, die seine Gedanken aus seinen Zgen
lesen konnte, lchelte und sagte: Das dachtet Ihr nicht! Ihr wollt mir den Muth
nicht zugestehen, den ich habe. Nun, erfahrt es denn durch das, was ich leisten
werde; lat alle Zweifel ruhen und thut lieber ohne Zeitverlust, was nthig
ist.
    Du bist ein prchtiges Mdchen! rief der Arzt. - Wei Gott, Du sollst
Deinen Willen haben! Ordentlich neugierig bin ich, wie Du es treiben wirst; -
und es ist wohl mglich, da, soll es wem gelingen, es Dir gelingt! -
    Von Madame St. Albans Einwilligung konnte nicht die Rede sein; sie hatte
kein klares Bewutsein. Veronika war zu Allem erbtig, obwol voll Sorge fr
Elmerice.
    Am Nachmittage stand ein Lehnstuhl an Tragstangen gebunden, in dem kleinen
Vorflure; in Betten und Decken gehllt, ward die Kranke hinein getragen, und der
Zug nach dem Pfarrhause begann unter Aufsicht des Arztes und der treuen
Veronika.
    Als Elmerice sich mit ihrer kleinen Gefhrtin allein sah, kam eine
wunderbare Ruhe, ja, mehr wie das, eine Befriedigung und Freude ber sie, deren
Grund sie nicht nachfragte, sondern mit dieser Kraft in ihrer neuen Stellung
ganz vertraut zu werden suchte. Zierlich wute sie die Verwirrung zu beseitigen,
die sich nach und nach um zwei Krankenbetten angesammelt hatte. Der kleine Raum,
der ihr zum Ezimmer diente, war unschtzbar wegen seines Luftstromes, seiner
sonnigen Helle. Veronika hatte ihr ein frisches Bett - einige Bcher - ihren
Schreibapparat herbei geschafft; Alles ward dem vorhandenen, ausreichenden Raume
mit seinen reichen Mbeltrmmern angepat und gewann bald ein klares, wohnliches
Ansehen. - Der Abend war so ber Beide unmerklich hereingebrochen, und die Alte
hatte in dieser Zeit keine Strung veranlat, da es die Zeit ihres Schlafes war.
Asta verlie nun das Schlo auf Veronika's ausdrcklichen Befehl, um
Mundvorrthe einzuholen, und Elmerice hatte sich auf den breiten Fensterrand in
das kleine Kabinet gesetzt, und das Tischchen mit Schreibzeug vor sich gestellt,
um ihr Tagebuch an Marie Duncan fortzusetzen. Wie wohl that es ihr dabei, da
sie das Lager der alten Menschenfeindin hatte umschleichen knnen, so Manches
fr sie bewirken drfen, ja, der fest Schlafenden eine blhende Rose durch die
Vorhnge schieben knnen, deren sen Duft sie nun wider Willen einathmete. Den
silbernen Becher hatte sie ihr zuerkannt; er stand auf dem silbernen Teller, mit
wohlschmeckendem gemischtem, frischem Quellwasser; umher lagen einige der
schnsten, reifen Frchte, welche ein Aroma verbreiteten, wie Blumen. Alles war
auf dem feinen Ebenholztischchen so aufgestellt, da eine leicht verschobene
Falte des Vorhanges es ihr zeigen mute, wenn sie erwachte. Elmerice lachte vor
Freude, als sie damit fertig war, und ihre Augen wurden na. Dies uneigenntzige
Werben um das arme, versteinerte Herz that ihr so wohl, als ob es mit Banden des
Blutes an sie geknpft sei.
    Ehe sie aber zum Schreiben berging, nahm sie die Aussicht wahr, die sich
ihr von dort aus darbot, und sie sah, da sie einen Theil des Bauwerkes
bersehen konnte, unbehindert des weiten Blickes, den sie in das Thal von Ste.
Roche hatte. Vergessen war die Feder. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
suchte sie, was sie ber das alte Schlo erfahren, an das anzuknpfen, was sie
von dem Baue vor sich erblickte. Die lange Reihe der Fenster, zu der auch das
gehrte, worin sie sa, endete an einem runden, vortretenden Thurm, an dessen
mittleren Fenstern ein kleiner Altan hervorsprang. Elmerice hielt den Athem an;
ihre Wangen glhten; - das mute der Eudoxien-Thurm sein! Am Fue desselben
grnte und blhte ein schmales Grtchen, welches auf der hohen, wallartigen
Untermauerung, die in das Theil reichte, angelegt war. Es war nicht knstlerisch
von Grtners-Hand geordnet; doch hatte es der Pflege nicht entbehrt. Der Eingang
dazu mute aus Fensterthren sein, die in der verschlossenen Zimmerreihe lagen,
die Emmy Gray behtete. Zwischen Rosenstmmen, die, angebunden und beschnitten,
von einer sorgenden Hand zeigten, sah Elmerice sich einen Hgel wlben, mit
zartem Rasen berdeckt; darauf ruhete ein Gegenstand - leuchtend - wei; - er
hob sich von der Erde ab, wie Menschenformen! Ihr Athem stockte; undeutlich
verwirrten sich in ihr Begriffe und Gefhle. Die Brcke der Phantasie, wie wir
mit kluger Wgung auch den Ankergrund ihr rauben, ist nie ganz zerstrt; sie
harrt der Gelegenheit, um immer wieder leicht, von unbekanntem Material erbaut,
sich aus dem tiefen Grunde des sehnschtigen Herzens vor uns zu erheben und,
Sicherheit verheiend, den schnen Bogen in das Wunderland der Fabel hin zu
senken, den Weg uns lockend zeigend, den wir bereit sind einzuschlagen, ohne
Nachweis zu fordern vom warnenden Verstande, dessen ganzes Reich die zarte
Brcke in den Lften berwlbend deckt. Elmerice hoffte; wer mag um Rechenschaft
sie fragen? Sie stand auf dem leichten Brckenbogen der Phantasie - und Alle,
die dort stehen, hoffen, der Verstand habe sich geirrt! - Auf der
Fensterbrstung stehend, die schlanke Sule des Fensterkreuzes umschlingend,
sich an ihr vorbeugend - so waren ihre Augen auf den geheimnivollen Gegenstand
gerichtet, whrend Stimmen und frhliches Gelchter zu ihr drang, dem sie noch
immer das Recht der Aufmerksamkeit versagte. Doch nher kam es; Pferde wieherten
- sie schrak zusammen - ihre Augen folgten den Tnen - einem Wunder glich auch,
was sich jetzt ihr darbot! Eine frhliche Gesellschaft zu Pferde, von Herren und
Damen in reicher modischer Tracht, von Dienern in kostbaren Livreen gefolgt, zog
durch den Thalweg am Fue des Walles vorber. Erstaunt blickte sie zu ihnen
nieder; da ward ihr klar, da sie der Gegenstand der Beobachtung Aller sei, da
ihr weies Kleid, vom Abendwinde leicht bewegt, die Blicke zu ihr hingezogen,
da vielleicht in dem verfallenen, menschenleeren Theile des Schlosses ihr
Anblick bei den Vorberziehenden gleiche Gefhle erregte, als die, deren sie
sich eben bewut geworden war. Obwol die Hhe ein Erkennen unmglich machte,
schrak doch ihr Herz zusammen, und schnell tauchte sie nieder und dankte Gott,
als die Gebsche sie verhllten. Nicht so schnell schien man unter ihrem Fenster
sich zu beruhigen. Sie hrte lnger noch den Wechsel lebhaft sich
unterbrechender Stimmen und wagte, obgleich hinreichend verborgen, doch erst
frei zu athmen, als sie den Hufschlag der davon eilenden Pferde hrte. So
vernahm sie mit wahrer Erleichterung Asta's leises Klopfen an der stets
verschlossenen Thr, und auch diese trat so bang bewegt herein, als werde sie
verfolgt, und Elmerice gewahrte, da die kleine Eingangsthre zur Treppe schon
fest verschlossen war.
    Was ist geschehen? fragte sie das bewegte Kind; - was hast Du? Und Asta
htte die Frage zurckgeben knnen, so bewegt sah Elmerice auf ihre kleine
Gefhrtin, so sicher trug sie die Spuren ngstlicher Neugier.
    Ach, sagte Asta, - was mu im Schlosse los sein? Zur Nacht soll es in
einem Feuer glnzen, als hielten Geister dort ihr Fest; - und bei Tage gehen
Gestalten aus und ein, wie Keiner sie je gesehen - welche ganz von Gold - Andere
in bunten Kleidern, wie die Feen sie tragen! Dann singen sie und halten Tafel; -
ach, und das Alles uns so nah - wie schrecklich! Was soll aus uns wohl werden?
Da hlt ja kein Schlo, wenn sie wollen! Gut, da ich das Stckchen Kohle hatte
- ich habe das Kreuz ber die Thr gezogen - das ist die einzige Rettung!
    Sinnend hrte Elmerice den Bericht an, und nachdem sie ihn in ihre Sprache
umgesetzt hatte, erkannte sie, da das Schlo von der Gesellschaft bewohnt sein
msse, die sie so eben am Fue des Walles erblickt habe. Aber wer konnte das
sein? Sie hatte von der Herrschaft dieses Schlosses noch nie gehrt; - wer
anders konnte jedoch mit so groem Eigenthumsrechte hier walten?
    Beruhige Dich, Asta, sagte sie - das sind Menschen, die das Schlo
bezogen, wenn ich auch nicht wei, wer hierzu das Recht hat. Eben vom Fenster
sah ich sie zu Pferde einherziehen; sie hatten ein eben so menschliches Ansehen,
als Du und ich; sie waren nur, wie reiche Leute hohen Standes, kostbar
gekleidet.
    Asta wagte einen Blick zu Elmerice, der alle die Zweifel des erschreckten
Kindes, so wie die schchterne Warnung enthielt, doch so Natrliches nicht zu
glauben! Doch schwieg sie bescheiden, heimlich wohl sich mehr auf das Kreuz
verlassend, als auf die Einsicht ihrer jungen Gefhrtin.
    Diese empfand jedoch in anderer Beziehung eine Unruhe, die Asta freilich
nicht theilen konnte; denn pltzlich schien ihr ihre ganze Lage unpassend,
besorglich. Die bngste Befrchtung fr ein weibliches Herz - unbeschtzt in
zweideutige Verhltnisse zu gerathen - ergriff sie. Diese waren mglich, wenn
der Eigenthmer pltzlich die Rechte Emmy Gray's verletzte und den Raum in
Anspruch nahm, der bis dahin mit seinen unangerhrten Rechten auch Elmerice und
ihr gewagtes Unternehmen verhllte. Doch war sie zu jung, als da nicht diese
ersteren Gedanken sich von der Frage durchkreuzt gefunden htten, wer die
zierliche Gesellschaft sein knne, die sie wieder in die Kreise zurck versetzt
hatte, die sie seit dem Abschiede von Ardoise entbehrt.
    Nher rckte ihr inde ihr jetziges Verhltni durch den harten, lauten Ruf
der Alten, die nun zur Nacht, aus ihrem Schlaf erwachend, ihr krankhaftes
Treiben zu beginnen schien.
    Asta, rief sie - wer hat dies aufgestellt? - Ist Ellen aus dem Bette?
    Asta sagte, sie wte Nichts davon, und Madame St. Albans sei zu Veronika
gegangen, weil sie das Fieber strker bekommen. -
    Nun, wer gab denn das? Warst Du der kecke Page, der wider meinen Willen
sich hier breit gemacht? -
    O nein! o nein! rief Asta; - ich wei Nichts davon! -
    Schweige, Thrin, rief die Alte, - die Furcht macht Dich zur Lgnerin!
    Die Kleine schwieg. Wieder mute sie das Feuer schren, dann gebot sie ihr
zu gehen.
    Elmerice wies Asta stumm ihr Lager von vergangener Nacht und setzte sich an
ihrem Bette nieder, um dem armen Kinde die erregte Furcht abzuwehren. Bald
schlief sie sanft, und Elmerice setzte sich nun an das Lager der alten Emmy, von
den dichten Vorhngen, die es umgaben, verdeckt.
    Kein Schlaf kam mehr ber die Kranke, und Elmerice konnte die ungewhnliche
Gemthsbewegung der Alten erkennen, die in einzelnen Worten ausbrach, und zwar
in Worten der alten Heimat-Sprache, von schweren Seufzern unterbrochen: Asta
war es nicht, - ich glaube es - sie log nicht - Ellen ist weggebracht - wer
bleibt nun brig? - Gerade, wie mein Engel es that - die Rose - und dann die
Frchte - ach, mein Engel, warst Du hier? Warum erquicktest Du mein Auge nicht -
bin ich es nicht werth, da ich Dich auch schaue - die Rose zeigt doch Deine
Liebe - Dein Mitleiden! - Sprich, hab' ich Recht?
    Ja! sprach Elmerice, von ihrem Gefhl berrascht, in derselben Sprache; -
ich mchte Dich gern trsten!
    Ein Entzckenslaut, Schreck-gebrochen, war die Antwort. Sprich, sprich noch
ein Mal - das ist ser, wie Engelgesang! La' mich den lange ersehnten Ton noch
ein Mal hren! - Kaum war die Stimme Emmy's, die so kindlich bat, in dem
weichen, belebenden Tone zu erkennen.
    Elmerice glhte vor Liebe und Eifer; sie eilte vor und knieete jetzt schon
neben dem Bette. Fasse Dich! Vertraue mir! Ich bin gekommen, um Dich mit Gott
und Menschen zu vershnen durch meine reine, uneigenntzige Liebe!
    O mein Engel - la' die Menschen! rief Emmy - beflecke damit Deine reinen
Lippen nicht; - sag' mir nur das Eine - drfte ich Dich wohl schauen? Bist Du
blo ein ser Ton - oder umgiebt Dich noch ein wenig von dem lieben, schnen
Engelsleibe? - Darf ich Dich sehen?
    Und wenn Du mich siehst, sagte Elmerice - wirst Du nicht erschrecken?
Werden Dir meine Zge nicht fremd und strend sein?
    O nein - nein! rief Emmy dringend - Deine liebe Stimme ist ja dabei!
    So ziehe den Vorhang auf - ich kniee an Deinem Bette.
    Elmerice in ihrem weien, faltigen Kleide, das schne, von Bewegung erblate
Angesicht von braunen Locken, wie von einer Glorie, voll umspielt, die tiefen
blauen Augen mit der schnen Begeisterung der Menschenliebe zu ihr
aufgeschlagen, kniete in dem hellen Lichte des Feuers, glnzend wie ein Cherub,
vor den anbetenden Augen der in starres, entzcktes Anblicken aufgelsten, alten
Frau.
    Beide schwiegen lange. Elmerice schien sich bis in den tiefsten Grund dieser
kranken Seele drngen zu wollen. Emmy sog mit langen, durstigen Zgen den
Anblick ein, der die den, verschmachteten Jahre lschen sollte in dem alten
Wonnerausche - gefesselt von der geheimen Angst, er werde ihr im nchsten
Augenblick entschwunden sein.
    Da rollten aus den blauen Augen des holden Wesens groe Thrnen ber die
bleichen Wangen, und die Alte erbebte vor diesem Zeichen der Sterblichkeit.
    Du weinst, sagte sie; - weint man denn dort, woher Du kommst, dieselben
Thrnen?
    Ach, sagte Elmerice - woher denkst Du, da ich komme? In Deinem England,
woher ich komme, weint man dieselben Thrnen.
    Emmy zuckte zusammen und ergriff mit beiden Hnden ihre Stirn. Kann es denn
sein? fragte sie zagend. O sprich, fuhr sie leise bebend fort - bist Du mein
Herzenskind - der Abgott meines Lebens - bist Du Fennimor?
    Fennimor? Fennimor hie meine Gromutter, rief Elmerice.
    Deine Gromutter? - Du - Du bist nicht Fennimor? sthnte Emmy Gray, -
Bedenke Dich, Kind, rief sie mit halber Geistesverwirrung - Du hast ihre
blauen Augen - das sind ja ihre braunen Locken - ihre runden Kinderwangen - ihre
langen, weien Finger - so trug sie den Kopf halb zur Seite geneigt. Ach, sage
doch - gestehe es doch ein - sieh, das sind ja Fennimors Thrnen - da schimmern
ja ihre kleinen, weien Zhne! - Du wirst doch nicht nein sagen? Denke doch -
denke doch! Ein lautes, krampfhaftes Schluchzen zerri Emmy's Brust - sie
verhllte ihr Gesicht.
    Elmerice bebte und dachte an Nichts, als an den Trost, den sie mit ihrer
Liebe ihr zu geben trachtete, mochte sie ihr auch gelten, fr was sie wollte.
    Emmy, Emmy Gray! Ich will Alles sein, was Du willst; - Deine Fennimor -
oder ihre Enkelin - ich will Dich lieben, wie Beide! Nur weine nicht mehr - und
vertreibe mich nicht von Dir; - la mich bei Dir - nie will ich von Dir gehen -
nur weine nicht; - das bricht mir das Herz.
    Die Alte gab den zarten Hnden nach, welche die ihrigen wegzogen, und
erfate mit neuem Vertrauen den sen Wahn, den jeder Zug, jeder Ton des
lieblichen Wesens ihr besttigte.
    Komm, mein Engel! sagte sie leise - ich schlie Deine Zimmer auf - Du
sollst sehen, wie gut ich sie gehtet habe - da ziehst Du ein - Du, die Herrin
dieses Schlosses! Ich will aufstehen und Dir Dein Bettchen machen - es ist Alles
gelftet, an die Sonne gekehrt und geklopft - ich lege Dir das kleine Kissen
unter Dein Kpfchen, wie Du es liebst - der Fuschemel mit der seidenen Decke
steht vor dem Bettchen. Ach, weit Du wohl noch, wie Du mit Deinen kleinen Fen
darauf schlugst, als wolltest Du unartig sein und lcheltest doch dazu, da ich
all Deine kleinen, weien Zhne sehen konnte! Komm nur, mein Engel - hast Du
auch schon Deine Milch getrunken und Dein Obst gegessen? - Komm nur - ich bringe
es Dir - ich habe Dir Alles aufgehoben - Deine schnen Tellerchen und Tchen -
es ist spt - Du mut schlafen gehen.
    Unaufhaltsam, wie ihr ganzer Karakter, folgte Emmy dem Strom ihrer
Phantasie. Diese blhende, jugendliche Fennimor, die kein Zeichen der Krankheit
trug, versetzte sie schnell in die Zeit der Jugend ihres Lieblings, wo sie ihrer
Pflege allein anvertraut war, und der neckende Frohsinn dieses lieblichen,
jungfrulichen Kindes ihr Herz entzckt hatte. Mit leisem Drucke wies sie
Elmerice von ihrem Lager, um aufzustehen und auszufhren, was sie so eben
ausgesprochen.
    Die Taufe, die diese so eben mit Fennimors Namen bekommen, schien sie auch
in den Bann von Emmy's Gefhlswelt zu ziehen. Wir sehen sie stumm, freundlich
hingebend an die Phantasien der armen Alten sich anschlieen und betrachten ihre
Hingebung, ohne sie mit anatomischen Finger berhren zu wollen; selbst eine
Ahnung ihres Busens, die sie in vergeltender Liebe der Alten unterordnete, gern
mglich haltend.
    Bald stand Emmy, wie in vergangener Nacht, gerstet; aber sie wankte nicht,
obwol Elmerice durch Nichts gehindert ward, sie zu sttzen. Was in ihr angeregt
war, trieb sie, von dem heftiger wiederkehrenden Fieber gesteigert, anscheinend
mit der alten Kraft vorwrts. Bald hatte sie Kerze und Schlssel ergriffen, und
Elmerice ward der geheimnivollen Thr entgegen gezogen.
    Mit welchem Herzklopfen trat sie in die verhngnivollen Zimmer, die sie mit
tiefem Dunkel umhllten. Denn was vermochte das Licht einer Kerze in diesen
groen Rumen! Selbst Emmy's leitende Hand verlie sie bald, und sie hrte sie,
immerfort leise und freundlich redend, nach einer andern Gegend des Zimmers zu
gehen. Bald entzndeten sich mehr und mehr vielfach vertheilte Kerzen, und die
Wohlthat, sich durch eigne Anschauung zurecht zu finden, kam ihr zu Hilfe. In
dem Maae schwanden auch die Schrecken. Wie htten sie sich hier sollen
anknpfen lassen, wo die sorgfltigste Liebe mit Flei und Ausdauer eine schne,
mit Geist und Geschmack geordnete Einrichtung behtet hatte? Hier war nicht die
eingeschlossene Luft lang unbewohnter Rume; nicht Moder, nicht Staub hatte hier
Platz gefunden. Neben dem dauernden Geruche, den kostbare Mbel von edlem Holze
verbreiten, waren hier in schnen, reichen Gefen aus Japan und China die
kstlichsten, frischen Blumen aufgestellt, deren Duft die Luft erfllte, und
welche, als die einzigen Bewohner dieser stillen Rume, ein um so ungestrteres,
frischeres Leben fhrten. Daneben standen die breiten, bequemen Mbel, wie der
Glanzpunkt des Luxus unter Ludwig dem Vierzehnten sie hervor rief; alle geordnet
oder ungeordnet, wie der Gebrauch es herbeigefhrt hatte, so lebenswarm, so
bewohnt scheinend, da Elmerice, pltzlich erschrocken, von ihren Beobachtungen
ablie, der Alten nachblickend, die in einem Nebenzimmer dieselben Vorkehrungen
mit dem Anznden der Kerzen zu machen schien, wie hier, und die sie jetzt mit
dem geheimnivollen Bewohner wiederkehren zu sehen, fast erwartete.
    Doch Emmy kehrte allein zurck - und auf Elmerice zueilend, fhrte sie diese
mit froher Geschftigkeit in das nchste Gemach. Hier waren groe Fensterthren
nach dem kleinen Grtchen geffnet; die sternenhelle Nacht, die herein sah,
untersttzte das Licht der Kerzen; es war hell und von dem wunderbaren
Gegensatze dieser Beleuchtungen magisch verklrt. Gegen die mittlere Thr stand
ein hoher Lehnstuhl, als sei dies ein besonders bezeichnetes Lieblingspltzchen.
Rosen blhten in schnen Gefen umher; am Boden aber, nach der Mitte des
Fensters zu, war ein Teppich ausgebreitet, auf dem glnzendes, silbernes
Spielzeug lag.
    Welch eine gediegene Pracht athmete dies hohe Gemach! Diese seidenen
Tapeten, mit Spiegeln und Goldarbeiten unterbrochen; diese schweren, goldenen
und silbernen Gueridons, die Tischchen und Bchergestelle von Gold, Marmor oder
seltenen Holzarten und endlich das kleine Positiv, von Engeln getragen, und das
knstlich geschnittene, hohe Lesepult von Eichenholz - dahinter die Sitzbank von
gleicher Arbeit - Alles jetzt von brennenden Kerzen beleuchtet!
    Sieh - sieh! rief Emmy immer fort; - ist es Dir so recht - bist Du
zufrieden - sag mir - sag mir - habe ich Alles gut besorgt?
    O, schn - schn, wunderbar schn ist es bei Dir! rief Elmerice, ganz
berauscht von den Eindrcken, die ihr im wahnsinnigen Eifer aufgenthigt wurden
- und sah dabei liebevoll zu der Alten auf, die, so wie sie die Lippen ffnete,
wie angerhrt von neuem Entzcken, horchend stehen blieb und ber das alte,
gefurchte und vergrmte Antlitz alle Sonnenlichter des Glckes, die auf diesen
verhrteten Boden noch wirken konnten, treiben lie.
    Nun gehrt Dir das Alles wieder! sagte sie dann seufzend und sinnend - Du
wirst das Alles wieder bewohnen - und ich werde Dir dienen - und werde Dich
sehen - Deine Engelsstimme hren - Deine hellen Augen sehen - und horchen, wie
der Boden so leise knistert, als fhle er es gern, wenn Deine kleinen Fe
darber hinfliegen! Alle Nchte habe ich Deine Blumen begossen - den anderen
frisch Wasser gegeben, die welken verscharrt - und Alles gelftet und den Staub
ausgekehrt. Sieh nur, wie es da drauen in Deinem Grtchen ist! - Sie zog sie
zur Thre hinaus, und pltzlich stand Elmerice vor einem grnen Hgel, unter dem
Schatten blhender Rosenstruche - und vor ihr ruhete auf einem Ruhebette von
schwarzem Marmor die schne, runde Gestalt einer jugendlichen Frau, in weiem
Marmor gebildet. -
    Gott, rief Elmerice - wer ist das? O Emmy, Emmy, ist das Deine Fennimor?
    Das ist meine Fennimor! erwiederte Emmy sthnend und sank ber das schne
Bild. - Du weit ja, er lie nach Leseur's Bilde Deinen Grabstein mit Deiner
lieben Gestalt hier meieln - da - da - hier unten lagst Du so lange! Sie
sthnte herzzerreiend. - - Elmerice ward hingerissen; es strmte in ihrem
Busen; sie wute nicht mehr, ob sie Fennimor sei, ob nicht; aber sie war geneigt
es zu glauben und fhlte ein inniges Bedrfni, hier mit dieser Stelle so
vertraut zu sein, als Emmy es begehrte. Eine Flle von Liebe sprang aus reicher
Quelle in ihrem Busen auf. Wie liebte sie diese schne, kalte Fennimor, diese
treu ergebene Emmy mit ihrem finstern poetischen Schmerze; - wie einem Kinde der
Eltermutter, schlug ihr Herz ihr entgegen! Sie kniete zu ihr - sie umschlang sie
- sie legte ihr warmes Haupt an die erkaltende Wange der Alten, die auf
Fennimors Marmorhand ruhte.
    Emmy! sagte sie erst leise, dann immer dringender flehend - endlich mit
allen weichen Lauten der Liebe: siebe auf und liebe mich - ich will Dich ja
lieben, wie Deine Fennimor!
    Emmy schien aus ihrer Betubung zu erwachen, und die letzten Worte trafen
ihr Bewutsein.
    Ha, Mdchen, wer spricht da? rief sie wild, und ri Elmerice mit sich
empor - war das meines Engels liebe Stimme - Fennimor redet, sagte sie sinnend
- und ist doch so lange todt, da braune Locken wei wurden, und Jugend zum
Greise - sag, wie kam das? fuhr sie fort und schritt vor, Elmerice mit fester
Hand sich nach in das Gemach zurckziehend. Sie sah vor sich nieder; ihr starker
Verstand wollte die magische Gewalt brechen, von der sie beherrscht war; - sie
sann und sann, und blieb vor dem hohen Lehnstuhl in der offenen Thre stehen. -
Hier starbst Du - hier sah ich Dich als Leiche - Du warst todt - ich war jung
damals - und jetzt im hchsten Alter - das ist Alles richtig!
    So weit hatte sie sich durchgearbeitet, da sagte Elmerice: Ach, liebe doch
mich, die Lebende!
    Sie zuckte zusammen - ihre Augen folgten dem Tone; - da stand das schne
Abbild ihrer Fennimor hell von den Kerzen umstrahlt, von dem Nachthimmel mit
blauen Lichtern therisch angehaucht. - Ha, rief Emmy, alte Thrin! - Mein
gttlich Kind, da bist Du ja! Und ich - wo war ich? - Sag mir, Du bist da, und
ich will nach Nichts fragen; - nein, schweig, mein Engel, sage nichts! - Die
falschen Menschen schwren - beflecke Deine Lippen nicht damit - sehe ich Dich
doch - Du bist da - mir wiedergeschenkt - ich darf Dich haben - sehen - Dich
pflegen und warten. O, wie Du kalt bist! rief sie pltzlich, mit ihrer
fieberheien Hand ihre Hnde fassend. Gern gehst Du frh in Dein schnes
Bettchen - das blieb Dir zu lange heut aus - deshalb bist Du so bla; - ach, wie
lange habe ich nicht bei Dir gewacht! und doch hattest Du das so gern - ach, wie
Du mich immer hinhieltest - bald Dies, bald Jenes fordertest, damit ich bleiben
sollte; und lachtest dann unter der Decke, wenn ich wieder umkehrte und Dir den
Willen that, als merkte ich Deine kleinen Unarten nicht - ach, wie sah ich das
so gern! Heute bleibe ich gewi bei Dir, mein liebes Kind! Darum komm nur, komm,
es ist lngst Schlafenszeit! -
    Emmy zog sie gegen eine offene Thr, die ein gleichfalls erleuchtetes Zimmer
zeigte; und als Elmerice eintrat, sah sie ein eben so kostbar eingerichtetes
Schlafgemach und, mit einem nicht zu migenden Schauer, ein Bett mit reichen,
grnen Damastbehngen in dem Hintergrunde. Emmy schritt vor und zog die Behnge
zurck; das Bett lag wei, wie tglich gepflegt, dahinter; die seidenen Decken,
mit Rosen berstreut, einen sen Duft ausathmend, waren zierlich aufgeschlagen,
bereit, den erwarteten Schlfer angenehm zu decken; der kleine Fuschemel mit
der seidenen Decke stand daneben. - Alles athmete auch hier fortgesetztes Leben.
    O Emmy, hier ist es schn! sagte das junge Mdchen. Das Grauen war von der
Schnheit und dem rhrende Sinne der Liebe berwltigt, der hier, den
Zerstrungen der Zeit zum Trotze, zu erhalten verstanden hatte.
    Ja, sagte Emmy - ich habe Alles bereit gehalten - ich mute wohl, wer
kommen wrde - nun ist es erfllt. Sieh, wie Alles frisch ist - gerade, wie Du
es liebtest - nicht? Auch Deine schnen Kleider - Deinen Schmuck habe ich gehegt
- morgen sollst Du die Wahl haben.
    So glcklich, mit Erinnerungen wahnsinnig spielend, taumelte Emmy Gray in
dem Zauberkreise ihres frheren, ihres einzigen Glckes umher, und ihre junge
Gefhrtin fhlte nur das Bedrfni, nachgebend diesen heiligen Wahnsinn nicht
roh zu stren, furchtlos von der Zeit die Erledigung eines Zustandes erwartend,
von dem eine ahnende Stimme ihr sagte: er wrde, auch von Fennimors Bild
entkleidet, dennoch verhngnivoll ihr Leben erfassen. Und doch glaubte sie
schon im nchsten Augenblicke erliegen zu mssen; denn Emmy, die, vom Fieber mit
Jugendkraft beflgelt, im Zimmer redend hin und her schritt, forderte sie nun
auf, sich nieder zu legen; ja, sie machte, als Elmerice anstand, ihr zu folgen,
eine Bewegung, sie in ihren Armen aufzuheben, wie sie dies vielleicht frher
Fennimor gethan. Erschrocken sa nun Elmerice sogleich auf dem Rande des Bettes,
und stellte die Fe auf das kleine Schemelchen. Da kniete die Alte vor ihr hin,
und ahnend, was sie wollte, aber zitternd vor Verwirrung, lste Elmerice nun
selbst die Fubekleidung mit rascher Hand unter den langen Gewndern und stellte
dann verschmt die kleinen, weien Fe vor Emmy auf das Schemelchen.
    Still sa sie davor auf der Erde und sah sie an, als ob ein Himmel
unschuldiger Freude vor ihr lge; - leise strich sie ein Mal mit der Hand
darber, und ein mhsames Lcheln wollte die in Schmerz erstarrten Zge brechen.
Doch es ging nicht, und sie seufzte nur, als wre ihr wohl. Dann sah sie auf und
raffte sich empor, legte die Decken zurck, und schchtern nachgebend, legte
sich Elmerice nun in das weiche, herrlich duftende Bette. Emmy rckte und zog
und schob daran umher, wie sie es frher dem Lieblinge gethan; dann senkte sie
den einen Vorhang, hing den anderen halb aufgeschlagen um einen groen, mit
Kissen fast zum Bette umgeschaffenen Stuhl und nahm darinnen Platz, mit einer
Decke sich umhllend. Siehst Du, sagte sie leise und matt - hab' ich's nun
recht gemacht? Nun, la mich auch ruhig bei Dir bleiben diese Nacht - und
schlafe Du unter Gottes Segen bis zum hellen Morgen!
    Das will ich, erwiederte Elmerice nachgiebig; denn sie sah, das Fieber
sank in seiner Heftigkeit, Ermattung trat ein, sie durfte sie nicht stren. Eben
so wenig konnte sie hoffen, ihre Lage zu ndern; denn Emmy hatte das ganze Bett
verbaut; auch hatte sie die zweite Nacht bis jetzt gewacht, sie war jung, das
Lager weich und schn. Schon schlief die Alte fest; da verwirrten sich die
Bilder, einen Augenblick nur glaubte sie die Augen zu schlieen - jugendlich
sank sie damit dem Schlafe in die Arme. -
    Dagegen erwachte Asta am frhen Morgen und fand, nachdem sie mit ihrem
treuen Eifer sich aufgerafft, Niemanden, der ihrer Hilfe oder Frsorge benthigt
war. - Sowol das Bett der Alten, wie das Lager ihrer jungen Gefhrtin war leer.
Starr blieb das arme Kind nach dieser Wahrnehmung in ihrem Schrecken gefesselt;
dann ergriff die Furcht vom vergangenen Abende ihr Herz. Sie war sicher, die
Geister, die das Schlo bewohnten - sie waren eingedrungen und hatten Beide
davon gefhrt, und nur ihr Kreuzchen hatte sie behtet! Auer sich vor Schreck
und Entsetzen, ergriff sie nun die Flucht. Ach, wie erwiesen war Alles! Hingen
doch Schlsser und Riegel unter dem Schutze ihres Kreuzes unversehrt; also auf
andere Weise, durch die Luft - den Rauchfang waren sie entfhrt! Whrend dem
flogen die Schlsser und Riegel unter Asta's zitternder Hand auseinander, und
die Thren weit hinter sich aufschlagend, flog sie, durch den Wald laufend, wie
gejagt, um das Pfarrhaus, um den alten Arzt zu erreichen, der oft schon frh den
ersten Besuch bei Madame St. Albans zu machen pflegte.
    Um diese Zeit bogen sich die Gebsche zurck, die um den Eingang des kleinen
Thurmes ihre zarten Zweige wlbten. Ein blhendes, weibliches Angesicht lauschte
mit dem anmuthigen Ausdrucke von Neugier und Frohsinn daraus hervor; endlich
folgte die schlanke, elastische Gestalt, sie erstieg die Treppe; offene Thren
luden sie zum Nhertreten ein, leichten, schchternen Schrittes schwebte sie
herein - Alles leer! Doch jene Thren - und die eine blo angelehnt; - leise
schob sie sie auf, erst sah der Kopf herein, bald folgten die Fe. Welch ein
Zauberland lag hier aufgerollt! Offene Thren nach dem kleinen Garten, blhende
Blumen, brennende Kerzen, die im Tageslichte schon erblindeten, berall der
Hauch des Lebens! Das zweite Zimmer ebenso; Schnheit, Reichthum, Geist - in
jeder Falte, jedem Schnrkel ein Gedanke! Doch das nchste Zimmer! So lange es
noch Neues gab, wozu hier weilen? Ein Schlafgemach, ein aufgeschlagenes Bett! -
Die Lichtgestalt blieb an der Schwelle stehen, das leichte Gewand des Busens hob
sich so hoch, so schnell; wir wissen nicht warum. Dann glitt sie leicht ber den
leichten Boden und blickte auf das schne Engelsbild, das, tief schlafend mit
dem Ausdrucke eines lchelnden Kindes, in dem grnen Zelte schlummerte, von
einer Greisin bewacht, deren tief gefurchte Zge und wunderlich verhllte
Gestalt an jene Fabeln erinnerte, die von Zauberinnen erzhlten, welche
Knigskinder entfhrten und bewachten zu geheimen Zwecken. Es war, als ob der
Engel der Schlummernden sie besuchte. Wie antheilvoll, wie hoch entzckt, wie
ganz verloren in dem Anblicke stand das zarte Wesen zu ihr hingebeugt! Da rckte
die Alte das gesunkene Haupt empor; entflohen war das Lichtbild - spurlos
verschwunden - nicht einmal der Ambra-Duft, den Engel sonst zurcklassen sollen,
war hier zu spren!
    Spter trat der alte Arzt mit Asta zaudernd in den offenen Raum. Geschlafen
hast Du noch, Du Thrin! Von der Hexenfurcht am Abende bist Du noch besessen,
und lt die Thren auf und versumst ber Deine Furcht Deine Pflicht.
    Asta that dagegen nichts als schluchzen, und die Arme nach allen Ecken
ausstreckend, zeigte sie die leeren Rume. Unwirsch strzte der Alte nun auf die
Betten zu und suchte, als ob er Gnomen vermisse, in jeder Falte. Vergeblich, er
fand sie nicht.
    Was ist denn das fr neuer Unsinn? schrie er wild und blickte Asta halb
fragend, halb verlegen an - hast Du denn Nichts gehrt?
    Sagte ich's Euch doch! schluchzte diese; - wie konnte ich's denn hren,
sind denn Thren gegangen? War es denn natrlich Werk?
    Thren? rief der Alte, und drehte sich rasch auf dem Absatz um. Er hatte
die Richtung bekommen. Die Thre, die sich seit Jahren Keinem geffnet, war nur
angelehnt. Sogleich erfate Besorgni fr das, was Elmerice erfahren haben
knnte, sein theilnehmendes Herz; er eilte der Thre zu, indem er Asta befahl,
zurck zu bleiben; denn er selbst berschritt nur ungern diese so streng
behtete Schwelle, die er, seit Reginald als Kind davon hinweg getragen ward,
nie mehr betreten hatte. Doch hielt das Gefhl der Achtung fr den dsteren
Willen dieser armen Unglcklichen das Gefhl der Pflicht nicht auf, was ihn zum
Schutze des jungen Wesens trieb, das hier so verlassen zu haben, er sich jetzt
zum ernsten Vorwurfe machte. Er blieb von dem Anblicke dieser wohlerhaltenen,
erinnerungsreichen Gemcher nicht ungerhrt; aber er wollte erst erfahren, was
neuerdings hier geschehen war, und eilte rasch bis zum Schlafgemache vor. Wer
beschreibt sein Erstaunen, als er hier die tiefste Ruhe - eine Scene des
Friedens und offenbar vorhergegangener Liebesbeweise vorfand! Er blieb wie
eingewurzelt stehen und fragte endlich mit seinem klaren, gebten Verstande der
stummen Scene vor sich ihren ganzen Hergang ab. Was war nun weiter zu thun? Er
sah an dem blassen Gesichte der Alten, das Fieber habe sie verlassen; - was
konnte nun das Schicksal des jungen Mdchens werden, wenn vielleicht bei voller
Besinnung die Illusion nicht vorhielt, welche die Alte bis zu diesem Grade der
Hingebung whrend der Nacht gebracht hatte?
    Er schttelte den Kopf, und ungewi ber das Nchste, was sich hier begeben
konnte, beschlo er in der Nhe zu bleiben. Mitleidig, wie er unter der rauhen
Hlle aber war, eilte er erst zurck zu Asta, die in der Mitte der Stube auf den
Knieen kauerte, ihr Schrzchen ber das Gesicht gedeckt und eifrig ihren
Rosenkranz betend.
    La' das Geschrei, schalt er, aber dennoch freundlich blickend - und sei
endlich vernnftig! Sie sind gefunden - Beide gesund, wie Vgel im Neste. Lauf
nach der Vikarei, und sag', es stnde Alles gut; sie htten nur die Schlafsttte
verndert; ich bliebe und brchte ihnen nachher selbst Nachricht.
    Asta stand gehorsam auf und zog das Schrzchen von dem verweinten Gesichte.
Und - und - stammelte sie, es ist ihnen nichts geschehen?
    Nichts, nichts, mein gutes Kind! sagte der alte Arzt und strich ihr
gutmthig mit rauhem Finger die Locken unter das rothe Mtzchen; - sie
schlafen, wie die Dchse! Nun fort - fort - hast Du doch Alles dort in Brand
gesteckt; - fort! fort! mach' es wieder gut - die Albans schreit sich sonst den
Hals ab!
    Fort war Asta, und der Arzt kehrte auf seinen Posten zurck und setzte sich
so, da er Alles, was vorgehen wrde, sehen konnte, ohne doch selbst gesehen
werden zu knnen.
    Er brauchte nicht lange zu harren; die Sonnenstrahlen erreichten das
Fenster; sie fielen bei nicht verschlossenen Lden gerade auf das Bett, und
indem sie durch die grnseidenen Vorhnge schienen, erhellten sie blendend das
Innere des Bettes mit seinen weien Kissen und farbigen seidenen Decken.
    Dies brach die Augen der Alten; sie erwachte, doch schien es, sie sah im
Anfange nichts, sie sthnte nur, sich aus bequemer Lage vorsichtig aufrichtend.
Aber jetzt fate ihr scharfes Auge die Gegenstnde; - wo fand sie sich? Sie
schaute einige Augenblicke verstrt umher; aber ihr erster Blick nach dem Bette
- nach der sen Schlferin, verschnt von der erquickenden Ruhe, weckte ihre
Erinnerung. Sie wute den Inhalt der Nacht, wie uns ein Traumbild bei Tage
erscheint, wahr, lebendig, mit allem Zauber des Gefhls nachhaltig uns
beglckend, oft gerade um der Mglichkeit Willen, die Wahrheit zu betrgen, die
uns oft nicht mehr geben kann, was der Traum uns glaubhaft an einander reihet.
Aber hier war der Traum nicht wesenlos verschwunden; hier wollte Wirklichkeit
bleiben, was doch nicht wahr sein konnte! Es war vielleicht zu viel fr einen
Geist, der seit einigen vierzig Jahren nur eine Richtung der Gedanken und
Gefhle gekannt hatte; er mute straucheln an der Schwelle der Vernunft, wenn
sie noch in vollem Rechte anzunehmen war, da wo der Geist mit starkem Willen der
ganzen Ordnung der Natur entgegentrat, wie zum Trotze die Zeit mit aller ihrer
Macht verlugnend, bezwingend, um der einen Richtung zu dienen in abgttischer
Hingebung! Wie gering konnte die Versuchung sein, die hier den Geist gnzlich
abzuleiten vermochte - und sie war nicht gering! Das Zeugni, wie gro sie war,
stahl sich aus den Augen des alten Arztes, der einst Fennimor als junger Mann in
diesen Rumen bedient und sich jetzt ungestrt in den Anblick der Schlafenden
versenkte und von dem Zauber der Erinnerung selbstvergessen berwltigt ward.
    Die Alte war indessen auf den Rand des Bettes gerutscht - immer nher -
immer nher. Wie seufzte sie so laut und schwer! Dann rang sie die Hnde und
forderte Rath von ihrem berwltigten Geiste. Emmy - die den verwnscht htte,
der ihr die Mglichkeit abgesprochen, den Liebling einst in diesen Rumen noch
wiederzusehen - Emmy rang - von der anscheinenden Erfllung ihres eigensinnigen
Glaubens berwltigt - mit dem Einla dieses Wunders in ihrem Geist.
    Der alte Arzt schaute klug dem Kampfe zu; er nickte mit dem Kopfe und
dachte, sie knne es nun allein abmachen, was sie so lange allein verschuldet.
    Dazu war Emmy Gray auch stets bereit, und die Weise ihres Verfahrens gehrte
ihr gewi allein - so tief, so unheilbar die ganze Welt zu verachten, um des
einen, hei geliebten Wesens Willen.
    Auch hier arbeitete sie sich dahin, wohin sie trachtete. Was frage ich -
sagte sie wie zrnend zu der Welt, von deren Widerspruche sie sich ahnend
verletzt fhlte - welch' ein Wunder mir zu Gunsten kam? Bist Du es denn nicht
in jedem Zuge - jedem Gliede - bist Du nicht warm, und ist Dein Athem nicht so
s - hast Du nicht die Lippen eben so, wie sie, geffnet, da die kleinen Zhne
dmmern? Nein, nein, Du bist Fennimor - mein Kind - mein Engelsbild; - und Alles
wird nicht wahr sein - das Alter und die Zeit, von der sie schwatzen - die
Thoren mit ihren Einbildungen!
    Heftig verhllte sie ihr Gesicht - sie schien in einem neuen, gewaltsamen
Kampfe zu liegen. Da erwachte Elmerice ber ihr; und auch ihr war die
Begebenheit der Nacht so vertraut geblieben, da sie augenblicklich wieder im
vollen Zusammenhange war.
    Als die Alte, die Bewegung sprend, sich hastig aufrichtete, sah sie in
zwei, liebevoll auf sie blickende, blaue Augen, die ihr eine Gewiheit ihres
khn behaupteten Glckes zu geben schienen, welche ihr zugleich die seligste
Freude ward.
    Es wird so sein, sagte sie, wie zu sich gewendet - rede nun zu mir, mein
Engel; - denn in der Stimme liegt Wahrheit.
    Ich will Dich nicht tuschen, liebe Alte, sagte Elmerice; - aber nimm Dir
Alles, was Du von mir zu Deinem Glcke gebrauchen kannst - ich will gern sein,
was Du wnschest.
    Die Alte hrte sinnend diese Worte, und der Ton berckte, obwol noch
derselbe, doch nicht mehr ihre Sinne so gnzlich, um nicht zu fassen, was sie
ausdrckten. Fennimor's Stimme war das, sagte sie, fast fragend - ach, wie
soll ich das fassen?
    Knnte ich Dir doch helfen! seufzte Elmerice. Gott wei, wie ich Dich
schon jetzt so liebe, wie ein Kind, wie Deine Fennimor es nur konnte. Ich mchte
gestorben sein - ein Engel - ein Geist von der, die Du so geliebt hast. -
    Und Du wrest das nicht? O, mein Kind, ich frchte ja keine Geister - auch
wenn Du ein Geist von ihr bist - gestehe es! Es soll mir dasselbe sein!
    Fhl' doch nur meine Hand, meine Stirn, sagte Elmerice kleinlaut - es ist
ja Lebenswrme darin. Ich frchte, ich sehe Deiner Fennimor nur sehr hnlich; -
und - weil meine Gromutter so hie - so bin ich vielleicht ihre Enkelin!
    Athemlos hatte Emmy zugehrt, und es malte sich ein so wahnsinniger Ausdruck
in ihren Zgen, da Elmerice fast vor ihr erbebte. Aber bald kehrte das
Vertrauen zurck, sie werde nie von ihr zu frchten haben, und damit auch Ruhe
und Hingebung.
    Ihre Enkelin? sagte Emmy endlich, und konvulsivisch hob sich ihre Brust; -
ihre Enkelin? - Fennimor's Enkelin! Dann - dann fliet doch ihr Blut in Deinen
Adern - dann httest Du doch alle Deine lieben, schnen Gliederchen von ihr
geerbt! Und dies Alles - und Du gehrtest ihr - es wre fast, wie sie selbst!
    Es war ein frchterlicher Moment, als Emmy hier pltzlich von einer
Thrnenfluth berrascht ward, die mit ihrem gewaltsamen Ausbruche sie fast zu
zerreien drohte. Sie sank mit ihrem Kopfe in Elmerice's Schoo. Thrnen! - sie
kannte an sich ihr Dasein nicht mehr - wie fremd, wie erschttert fhlte sich
die arme Alte in diesem neuen Zustande! Aber sanft weinte auch Elmerice ber ihr
und strich liebevoll mit ihren zarten Hnden ber den bebenden Krper. Darum
wirst Du mich doch nicht hassen! Wenn ich Fennimor's Enkelin bin, dann bin ich
ja eben auf Deine Liebe angewiesen - dann mut Du mich schtzen!
    Schtzen! rief Emmy, sich aufrichtend; - schtzen! Ja, wei Gott, Du hast
Recht - schtzen mu ich Dich - dann, dann htten wir es ja! Dann wrst Du ja
ihre Erbin - die groe, mchtige Erbin dieses Hauses! Aber - fuhr sie fort,
ihren Kopf in ihre Hand sttzend - hilf mir, mein Kind - ich bin heraus aus der
Welt; - kann ich doch nicht zusammenbringen, wie Du ihre Enkelin geworden bist.
- Ach, Kind, Kind, rief sie eifrig und voll Angst, als knnte ihr das Glck
wieder geraubt werden - Du bist es - Du bist entweder Fennimor - oder, wie Du
sagst, ihre Enkelin! Aber wie wissen wir es denn?
    Wie soll ich Dir das erklren! seufzte Elmerice - Als Du mich Fennimor
nanntest, fiel mir ein, da auf dem Einbande meines Thomas a Kempis, Fennimor
Lester steht, und da mein Vater mir dies Buch schenkte und mir sagte, es sei
von meiner Gromutter.
    Heiliger Gott, rief Emmy, auer sich - so ist Alles wahr - und Du bist
Reginald's Tochter - Fennimor's Enkelin!
    Sie sprang auf - sie streckte beide Arme, wie eine begeisterte Prophetin, in
die Luft - ihre gebeugte Gestalt richtete sich auf - ein neuer Lebensstrom
schien ihre Gebeine zu durchrieseln.
    Gerecht, gerecht willst Du dieser Unschuld werden, Herr des Himmels! Deine
Wege werden Feuerstrme vor meinen Augen; - ich kann ihren mchtigen Lauf
verfolgen von Anbeginn; - die Wste der Welt hat sie nicht verschtten knnen; -
das Menschengewrm ist mit seiner Snde darin verschlungen worden, und die
Unschuld hast Du geschtzt und zu der rechten Stelle gefhrt - wo Du die
aufgespart hast, die ihr Recht schaffen wird!
    In gleicher Begeisterung wendete sie sich zu Elmerice: Sei mir gegrt,
Nachkommin meiner heiligen Fennimor und jetzt meine Herrin; berufen zu
vergeltender Gerechtigkeit schrecklicher Schuld - rechtmige Grfin
Crecy-Chabanne - Herrin dieses Schlosses und aller seiner groen Besitzthmer!
Herr des Himmels, auch hier wirst Du die Wege zeigen und erkennen lassen, die
wir zu wandeln haben - und aus Staub und Asche wird - neues Leben erstehen.
Fennimor's Enkelin, befiehl Du bis dahin ber mich und gebiete in diesen Rumen
- Dein vorlufiges, kleines Erbtheil, an welches sich die groen Gter Deines
Hauses anschlieen werden - und empfange hiermit den Segen derjenigen, die
Deinen Vater an ihrem Busen trug, und deren Herzenskern Deine Gromutter war!
    Feierlich kte sie Elmerice auf die Stirn und fing dann sogleich an, die
Vorkehrungen der Nacht aus dem Wege zu rumen, behnde und in geschickter
Thtigkeit weder Alter, noch Krankheit verrathend.
    Unmglich war es Elmerice gewesen, den Strom der Worte und Gefhle, der sich
aus Emmy's begeisterter Seele hervordrngte, unterbrechen zu knnen. In
sprachlosem Erstaunen hatte sie ihr zugehrt und in sich eine Gewalt angeregt
gefhlt, die sie selbst fast ber das Maa hinaus bewegte. Tausend Stimmen in
ihr wollten ihr zuflstern, da sie Wahrheit gehrt habe; und dennoch - wenn sie
die betagte Alte vor sich sah, und des Wahnsinns gedachte, dessen Spielwerk sie
seit vergangener Nacht war, behielt sie keinen Muth, ihr zu glauben, und fhlte
nur das Eine, da sie vorerst dem Willen dieses kranken Sinnes nicht entgegen
treten drfe. Ja, dies ward ihr leichter, als der Zweifel; denn es war mit den
verhngnivollen Worten der Alten etwas Neues in ihr erweckt: eine stolze
Hoffnung, ein Gefhl der Berechtigung zu einer hohen Stellung des Lebens, die
wie ein belebender Sonnenstrahl auf begrabene Wnsche fiel.
    Ha, rief die Alte, indem sie sich umwendete - Ihr hier?
    Der alte Arzt sa in dem Lehnstuhl, in welchen er sich gleich zu Anfang
postirt hatte, und schaute mit seinem klugen Angesichte in die wunderbare Scene,
die vor ihm aufgefhrt ward. Er nahm jetzt den kleinen, dreieckigen Hut ab,
stie mit dem hohen Stocke, dessen Goldknopf weit ber die Hand vorsah, auf den
Fuboden, und aufstehend und sich gegen Emmy verneigend, sagte er: Zu Befehl,
Madame! Wenn die Patienten Tollmannswerk treiben und davon laufen, haben die
Aerzte das unbequeme Vergngen, hinterher gehen zu mssen. Darf man fragen, wie
einer Fieberkranken die Nacht auer dem Bette bekommen ist?
    Lat Euer Geschwtz! entgegnete Emmy Gray; - ich bin nicht darauf aus,
mich von Euch hofmeistern zu lassen; Ihr knnt alle Zeit gehen, ich bedarf Euch
gar nicht mehr.
    So, sagte er, und ein unterdrcktes Lachen spielte um seinen Mund; - also
jetzt bedrft Ihr mich nicht mehr; und dann ist das Nchste, da Ihr mir die
Thr weiset; - nun, es ist nicht das erste Mal! - Ich mu Euch aber sagen, da
ich dies Mal hier mehr, als Euch zu besorgen habe; denn das junge Frauenzimmer
dort, das Ihr, in einer Eurer liebenswrdigen Launen, in diese seidenen Windeln
gewickelt habt, um sie zu Eurer Spielpuppe zu machen, die ist mir anvertraut,
ich habe fr ihr Wohlergehen einzustehen, und werde nicht leiden, da Ihr
fortfahrt, Eure Thorheiten ihr in den Kopf zu setzen. He, Madame, habt Ihr mich
verstanden? Ich habe die ganze Historie mit angehrt.
    So ist es gut! rief Emmy unerschttert; - denn obwol Euch Niemand zum
Zuhren berief, mgt Ihr, als Fennimor's ehemaliger Diener, immer zuerst den
Vorzug genieen, ihre Enkelin mit der Ehrfurcht zu begren, die ihr hier in
ihrem Eigenthume gebhrt.
    Emmy, Emmy, rief der Alte ungeduldig - bist Du denn vergeblich alt und
grau geworden; - hat sich denn nach so vielem nutzlosem Hassen und Zrnen, nach
all den Jahren dauernden Rachegedanken, die alle an der Ohnmacht Deiner geringen
Welterfahrung scheiterten, hat sich denn darnach die Quelle des alten Wahnsinnes
dennoch unversiegt erhalten, und willst Du jetzt ein neues Opfer bezeichnen,
indem Du dies schne, unschuldige Geschpf diesen Kmpfen preis giebst?
    Alter, rief Emmy, mit gemildertem Ausdruck auf ihn zuschreitend - denke,
was Du sagst! - Sieh' sie an - sieh' sie an! Sag', ist nicht das Vermchtni
ihrer Ansprche in jedem Gliede ihres Krpers ausgedrckt? Hre ihre Stimme,
Alter! Ruft sie Dir nicht mit Fennimor's Tone zu, ihre Enkelin anzuerkennen? Ja,
ja, nenne mich wahnsinnig - aber sage auch - wenn Wahnsinn erlaubt ist - so ist
es hier!
    Du hast Recht, armes Weib, sagte der erweichte Arzt: ehe Du sie sahst,
hatte ich schon gedacht, was Dich jetzt so verwirrt. Aber was hilft Dir und ihr
die traurige Entdeckung, da ihre Ansprche auf immer verloren gingen, und Du und
ich mit allen Gefhlen fr die unglcklichen Opfer, die ich mit Dir betrauern
werde, so lange ich lebe, doch den Bann nicht aufheben knnen, der sie vor den
Augen der Welt ihrer Rechte beraubte. Unglckliche, sagte er und zog sie nher,
ihr leise zuflsternd: vergi nicht, da Fennimor's Sohn, als Mrder, aller
brgerlichen Rechte auf Frankreichs Boden fr sich und seine Nachkommen beraubt
ward, und ihm kein Erbe zuerkannt werden darf.
    Die Alte taumelte bei diesen Worten, die sie aufs neue dem hoffnungslosesten
Elende preisgaben, fast zur Erde. Der Arzt fhrte sie zu einem Stuhl, und
sogleich kam der Gegenstand ihrer schmerzlichen Unterredung zu seinem Beistande
herbei, und vor ihr niederknieend und ihre kalten Hnde erwrmend, sie mit
rhrenden Blicken ansehend, redete Elmerice leise zu der trostlos zu ihr
niederschauenden Emmy.
    Bleib' dennoch bei mir, mein Kind - meiner Fennimor lebendiges Ebenbild!
stammelte sie endlich mhsam. Wir wollen Alles - Alles besprechen. Alles -
Alles sollst Du mir sagen - und hier - hier sollst Du sein, was Du wirklich
bist. Hier reicht der Schwefeldunst der Welt nicht hin, und die Gruel der
Menschen sollen Dich hier nicht erreichen. - Sag', da Du willst, und ich will
Alles vergessen - Nichts denken, als da Fennimor's Hnde mir die Augen
zudrcken und dann das reiche Erbe, das ich hier gesammelt, in Empfang nehmen
werden.
    Der alte Arzt nickte Elmerice zu, ihr zu gewhren, und diese konnte aus
voller Seele einwilligen; denn mit Zauberbanden fhlte sie sich hier gefesselt,
und die Welt schien auf dieser Stelle alle Rechte an sie zu verlieren.
    Dies go Frieden in Emmy's schwer getroffenes Herz; und die krftige Weise,
wie sie sich nun erhob und den Arzt mit sich fort in ihr eigenes Zimmer rief,
war ihm eine merkwrdige, fast rgerliche Wahrnehmung, wie der Geist des
Menschen ber die Beschwerden des Krpers zu siegen vermag, und rztliche
Ansichten, ihre Mittel, ihre Prophezeihungen, in solchen Augenblicken zu
verhhnen scheint.
    Nach einer langen Berathung, in welcher der Arzt die ganze Energie seines
Karakters dem eben so unbeugsamen Willen seiner alten Gefhrtin entgegen setzte,
hatte er die Befriedigung, sie wieder in ihre frhere Muthlosigkeit
zurckgedrngt zu haben. Denn was er sich auch selbst vorgenommen haben mochte,
Emmy's Wirksamkeit mute er dabei frchten, da ihr ewig zrnender Pathos, einmal
in Lauf gerathen, so schwer aufzuhalten war, wenn die Umstnde, wie dies zu
erwarten stand, kein gnstiges Resultat zulassen, und das geruschloseste
Zurckziehen dann das Nthigste sein wrde.
    Erstlich also, fuhr er fort - mssen wir wissen, ob sie das wirklich ist,
was sie uns jetzt scheint, nmlich die Tochter des verschollenen Reginald.
    Elende, kurzsichtige Zweifel! murmelte Emmy verchtlich; - solche
Zeugnisse fertigt Gott nicht umsonst aus, wie sie auf ihrem Angesichte trgt -
und habe ich es Euch nicht gesagt, da ich Reginald, als sie ihn mir damals als
liebes Kind raubten, das Buch mit dem Namen seiner Mutter in das Gepck steckte,
und da ich auf meine Frage von ihm hrte, wie sie ihn hatten glauben lassen, es
sei der Name seiner Kinderfrau! Aber lgt nur, Ihr Heiden und Heuchler! Wenn
Gott will, taucht auf, was Ihr noch so tief versenkt habt - und legt Zeugni
gegen Euch ab!
    Das wird sich ja zeigen, erwiederte der Arzt; - sie wird doch von ihrer
Jugend wissen, sie wird doch sagen knnen, bei wem wir etwa noch in England
nachfragen knnten; selbst die Grfin d'Aubaine mag Auskunft zu geben wissen.
    O, all dies fremde Volk, was Ihr da hineinmischen wollt, rief Emmy - wie
hasse ich Alle schon im Voraus fr den bsen Willen, den sie haben werden! Wenn
Ihr denkt, Einer wird Recht sprechen - tuscht Ihr Euch!
    Nun - und was alsdann? rief der alte Arzt ihr entgegen. Sprecht Ihr nicht
selbst die Schwierigkeiten aus, die ich erwarte? Und werden sie nicht gerade
dadurch noch grer. da zuerst, nach so langen Jahren, die Erben des Grafen
Leonin hier eingezogen sind?
    So erfuhr denn Emmy mit maalosem Unwillen die Ankunft des Marquis
d'Anville; und wir bergehen billig die Ausbrche ihres Zornes, da wir uns sehr
wohl denken knnen, wie sie diesen Besuch beurtheilen mute, den sie vllig
unberechtigt, fr einen ruberischen Einbruch in fremdes Eigenthum ansah. Dessen
ungeachtet wute ihr endlich der alte Arzt zankend und zrnend klar zu machen,
sie msse sich ruhig verhalten. Ja, er machte sie glauben, da selbst die
Sicherheit ihres Schtzlings von der Art abhngen werde, mit der sie sich hier
so verborgen, als mglich, halte. Er wolle dagegen, wenn sie ihm nach ihrer
Unterredung mit Elmerice noch bereinstimmende Anzeichen geben knne, dann auch
das Seinige thun, die Herrschaften zu sondiren. Beim Vikar wolle er dagegen
versichern, da hier Alles gut stehe und sie die Pflege der jungen Person
angenommen habe.
    Ja, setzte Emmy hinzu - und macht, da Ellen wieder wohl wird - und lat
sie dann abreisen; denn sie ist mir hier lstig. Ich mag ihr trockenes
Pflichtgeschrei nicht leiden; ich soll ihr das Alles mit Worten bezahlen, und
die habe ich nicht brig!
    Der alte Arzt nickte lachend und beeilte sich, diesen pltzlich so wunderbar
umgestalteten Boden zu verlassen.
    Was sich jetzt hier im Laufe der Zeit entwickelte, nahm in seinen
Erscheinungen nicht an fabelhafter Gestaltung ab, sondern steigerte sich in dem
Grade, als Emmy, sich immer mehr ihren Erinnerungen hingebend, sie der Gegenwart
aufzunthigen trachtete. Der alte Arzt schlug oft die Hnde zusammen, wenn er
sah, was hier entstand. Aber er hatte nicht die muthwillige Rohheit, das
ungewhnliche Treiben seines Nchsten darum zu verspotten, weil es nicht seine
eigene Weise war. Er fragte erst nach, ob ihr kein wichtiger Nachtheil
nachzuweisen sei, und konnte, darber beruhigt, mit gromthiger Neugier
zusehen, wie verschieden das Bedrfni der Menschen ist.
    Mit wahrem Antheil blickte er aber auf das junge und schne Wesen, ber die
sich der Strom dieses phantastischen Treibens so unerwartet ergossen, und die in
stiller, sinniger Stimmung diesen Erscheinungen einen Inhalt abgelauscht zu
haben schien, der sie zu einer neuen Richtung oder Entwicklung ihres Inneren
fhrte, der sie sich mit Wohlgefallen, mit Berechtigung hinzugeben schien. Sie
bewohnte die Zimmer Fennimor's, wie ein Geist, so leise und spurlos und doch so
vllig darinnen zu Hause und zur Ruhe gekommen! Emmy lag in ihrem groen
Eingangszimmer, wie der Riegel davor. Seitwrts war eine vergessene, verrammelte
Kche geffnet, und Emmy hatte eine erwachsene, weibliche Hlfe, die darin
tausend Dinge bereiten mute fr den Schatz, den sie bewachte. Ihre eigene
Erscheinung hatte sich gleichfalls verndert; ihr weies, starkes Haar ward
jeden Tag von Asta sorgsam gekmmt und um die hohe, gefurchte Stirn gescheitelt;
darber wurde dann die saubere, vielfach betollte, kleine weie Haube gesetzt;
ein Kleid von geblmtem Moor, nach lngst vergessener Mode, mit steifer Taille
und Aermeln, mit feiner Wsche und feinem gefalteten Halstuche, bekleidete
tglich die alte, hagere Frau; und wenn sie auch um ein halbes Jahrhundert
zurcktrat, so entbehrte doch ihre Gestalt und ihr ganzes Benehmen nie die Wrde
eines starken Karakters, wodurch sie gegen jede Lcherlichkeit geschtzt blieb.
Sie vollfhrte ihre gewhnliche Usurpationen der Zeit mit so stolzem Ernst, da
ihr unwillkrlich Jeder einen Grund zu dem, was sie that, zutraute; und so
flte sie immer eher Erstaunen und Neugier ein, als da sie Tadel und
Spottsucht erregt htte.
    Wenn Elmerice von dieser Gewalt mit fortgerissen ward, war dies doch keine
Nachgiebigkeit. Es war Trieb, Sehnsucht, mit Emmy in die Vergangenheit
einzudringen; sie wollte in ihr den Boden ihrer Heimat ergrnden; sie wnschte
ihre Berechtigung zu der Stelle, die ihr Emmy anwies, aufzufinden, und bald
schien ihr, mit der jugendlichen Ueberspannung, die wir ihr zugestehen mssen,
die sonderbare Herbeifhrung ihrer Lage der Wille des Himmels zu sein, der an
ihr die Unbill gut machen wollte, die ihre theure Vorfahrin erlitten. Noch war
es jedoch nicht zu den Mittheilungen gekommen, die Emmy ihr versprochen, und die
sie darber htten aufklren knnen; denn trotz dem, da diese ihre Krankheit
wie eine lstige Hlle abgeworfen hatte, war ihr eine Abspannung wohl
anzumerken, die, nach der ihr neu gewordenen Lebensweise, gerade in den Stunden
eintrat, die zu diesen Mittheilungen geeignet waren; und dann ward sie von
Elmerice so sorgfltig geschont, da sie an Emmy selbst fast unbemerkt
vorberging.
    Auerdem eilte Elmerice, ihrem Verhltnisse nach Auen Gltigkeit zu
verschaffen; denn jedenfalls wnschte sie vorerst die arme Alte nicht zu
verlassen, und mit diesem Wunsche war eine geheime Hoffnung verknpft, da sich
aus den Andeutungen, die sie gehrt, eine neue Bestimmung fr ihr Leben
entwickeln werde.
    Sie konnte der Grfin d'Aubaine ihre Anwesenheit in St. Roche nicht lnger
vorenthalten; sie sagte ihr, da sie Madame St. Albans aus den uns bekannten
Grnden hierher begleitet habe und bei ihrem ernstlicheren Erkranken, in die
Stelle der Pflegerin bei deren Mutter bergegangen sei. Dies Verhltni,
schrieb sie weiter - ist jedoch weit entfernt, fr mich eine Belstigung zu
sein; ja, ich bin kaum noch eine Pflegerin zu nennen, da mich Mistre Gray mit
einer geheimnivollen Liebe berschttet, deren Grund in ihrem frheren Leben zu
suchen ist; mir aber bis jetzt noch unbekannt blieb, da es mit erschtternden
Begebenheiten zusammenhngen soll. Ihre Liebe rumt mir groe Vorzge ein; ich
bewohne schne Rume, und sie nthigt mir Bedrfnisse auf, und hegt und pflegt
mich, wie in frheren Tagen einen Liebling ihres Herzens, mit dem sie mich in
Zusammenhang hlt. Ich fhle mich selbst zu dem wunderbaren, hochbetagten Wesen
hingezogen, als gehre sie auf irgend eine Art zu mir; und die Ueberzeugung, ihr
mit meiner augenblicklichen Entfernung einen vielleicht tdtlichen Kummer
einzuflen, lt mich bitten, da meine theure Beschtzerin mir ihre
Einwilligung zu diesem verlngerten Aufenthalte giebt, und zugleich die
Erlaubni, ihr von dem Verlaufe der hiesigen Verhltnisse Nachricht geben zu
drfen. Ich halte dieselben bis jetzt fr vollkommen anstndig, da sie mich in
ein strenges Geheimni gehllt haben und mir die grte Einsamkeit sichern.
    Dagegen enthielt ihr an Lady Marie Duncan abgesendetes Tagebuch die
vollstndigste Darlegung des Erlebten; und nun stand ihr nur noch der Abschied
von Madame St. Albans bevor, die, jetzt hergestellt, mit Ungestm ihre Abreise
verlangte. Der alte Arzt hielt ihre vllige Genesung auch nur in ihrem eigenen
Hause, untersttzt von ihren alten Gewohnheiten fr mglich; und so kndigte er
Elmerice ihren Besuch an, da Mistre Gray kalt in diesen Abschied eingewilligt
hatte.
    Madame St. Albans kam sehr bler Laune an dem bezeichneten Tage nach dem
Schlosse; denn sie hatte mit dem neuen Prior des Klosters Tabor um die Pachtung
unterhandelt, welche sie dem Kloster abzukaufen wnschte. Nachdem sie mit dem
verstorbenen Prior einig gewesen war, die Kaufsumme in jhrlichen Abzahlungen
entrichten zu knnen, ward sie jetzt von seinem Nachfolger mit dieser
Einrichtung abgewiesen, welcher die Kaufsumme auf ein Mal bezahlt verlangte,
wodurch sich die Unterhandlung, an die Madame St. Albans so viele Hoffnungen
geknpft, mit einem Male ganz zerschlug.
    Ihre schnell umherrollenden Augen faten bald den vernderten Zustand in
diesen einst so dsteren Gemchern auf; und vor Allem berraschte sie die
Umwandlung ihrer Mutter, welche, kalt und steif in ihrem Eintrittszimmer
sitzend, die Tochter empfing, sehr mibilligend auf Elmerice blickend, die mit
ihrer gewhnlichen Freundlichkeit Madame St. Albans entgegen gegangen war und
sie neben sich auf dem Ruhebette, einst Asta's Schlafstelle, niedersetzen lie.
    Bitte, bitte, bemhen Sie sich nicht, sagte sie zu Elmerice; - ich
glaube, es ist Ihnen hier nicht mehr erlaubt, sich um Andere zu bemhen! Wie ich
hre, werden Sie hier bedient - und wie mir scheint, wie eine Grfin oder
Frstin! -
    Sie wissen bereits, liebe Madame St. Albans, da Ihre Frau Mutter sehr
gtig gegen mich ist! -
    Ja, sehr gtig, so scheint mir selbst! entgegnete die sich erzrnende
Frau. Man sollte, wenn man das, was man von dem Aufwande, der hier getrieben
wird, hrt, und es mit dem zusammenhlt, was man sieht, nicht glauben, da man
zu der Mutter einer so armen Frau kmmt, der man es wegen Mangel einer kleinen
Summe Geldes abschlgt, einen kleinen Lndererwerb zu machen! Nach diesen
Worten hatte sie sich hinreichend erweicht, um mit gertheten Augen ein baldiges
Schluchzen anheben zu knnen.
    Ellen, rief Emmy jetzt rauh - betrage Dich vernnftig und halte vor Allem
Deine Thrnen an! Ist Dir Deine Mutter bereits zu glcklich, da Du sie oder den
Gegenstand ihres Glckes mit Neid betrachtest? Du bist eine kleine Seele - und
ich wute immer, was ich von Deinem guten Herzen und Deiner Weichmthigkeit
denken sollte; die hlt mit Heulen und Weinen und lstiger Bedienstlichkeit so
lange vor, wie Einer so elend bleibt, da Nichts an ihm ist; - aber wird es
besser, und zeigen sich einige Lebensgter, so mchten Deine neidischen Augen
gleich Alles verschlingen. - Nun la' das! Ich werde Dich nicht mehr ndern; -
so leb' denn wohl. - Gott wei, wie es Dein rechtschaffener Mann mit Dir aushlt
- ich beneide ihn nicht; - leb' wohl, Ellen - reise glcklich! Ich glaube, Du
hast eine gute Eigenschaft von mir - Du bist verschwiegen! Denk daran, da ich
darauf rechne.
    Wie hoch auch die ungestmen Gemthswellen in Madame St. Albans Karakter
gehen mochten, ihre Mutter fuhr mit einigen Worten nie umsonst darber hin -
sogleich legten sie sich.
    Nun - nun seht nur, wie Ihr wieder bse seid! sagte sie, mit dem Versuche
freundlich zu sein; - denkt doch, da es ein Abschied heute sein soll! Da mt
Ihr mich doch gut entlassen.
    Schon gut! schon gut! Ich habe Nichts dagegen, sagte Emmy kalt; - ich
habe stets gute Wnsche fr Dich, aber lasse mich aus dem Spiele.
    Madame St. Albans zuckte die Achseln und beendigte dieses kurze Wiedersehen,
so schnell sie konnte; da sie die leicht wachsende Ungeduld ihrer Mutter zu
frchten hatte, welche sie ruhig Stirn und Hand kssen lie und sie dann, von
Elmerice begleitet, laut schluchzend davon gehen sah.
    Es mu wohl wehe thun, sagte sie, sogleich ihre Thrnen von ihrem Unwillen
besiegen lassend - wenn man sich von einer Fremden bei der leiblichen Mutter
verdrngt sieht! Ja, ja, mein Schatz, Sie haben so einschmeichelnde Manieren und
knnen so hbsch um den Berg herum gehen; da kann unser eins nicht mit, der
immer gewohnt ist, offen und gerade aus zu gehen.
    O, sagte Elmerice - versndigen Sie sich doch nicht aufs Neue durch so
arges Mitrauen gegen mich! Sie wissen ja durch den alten Arzt, fr wen mich
Ihre arme, alte Mutter hlt, und da ich ihren Wnschen nachgebe, um sie nicht
zu krnken.
    Nun, mein Schatz, ich mu Ihnen sagen, da ich das Alles sehr thricht und
unberlegt von der alten Frau finde. Sie werden sich da hochmthige Gedanken von
Grfinnen und groen Gtern in den Kopf setzen; und wie Ihr vornehmer Umgang Sie
schon ein Bischen oben hinaus macht, so wird das noch zunehmen mit solchen
Einbildungen. Ich rathe Ihnen, Kind, schlagen Sie sich das aus dem Kopfe und
suchen Sie bei Zeiten Ihr berspanntes Wesen los zu werden; da werden Sie gesund
bleiben und ein Mal einen rechtschaffenen Mann so glcklich machen, wie ich
Herrn St. Albans, der auch nicht die berspannten Frauenzimmer liebt, wenn
solche auch am Ersten thun, als knnten sie Bcher lesen und haushalten in einem
Athem.
    Elmerice schwieg. Sie blickte mitleidig auf ein Verfahren, dem sie Nichts
entgegen zu setzen wute.
    Da die gehoffte Entgegnung ausblieb, sah Madame St. Albans kopfnickend zu
ihr auf und setzte noch hinzu: Und dann sich bei einer Mutter verdrngt sehen
zu mssen!
    Elmerice errthete jetzt vor Unwillen. Ich dchte Madame St. Albans, sagte
sie - in dem Verhltnisse zu Ihrer Mutter htte sich unmglich etwas ndern
knnen; da es niemals besser war, als es jetzt ist.
    Wirklich? wirklich? sagte sie berrascht und verlegen; - ich dchte doch!
Indessen, wir wollen uns trennen, meine schne junge Dame, und ich will denn von
Herzen wnschen, da Sie die groe Herrschaft wirklich werden, von der Sie
trumen. Doch denken Sie an mich; - es hngt starker Makel an dem vornehmen
Namen!
    So ward auch der Abschied der beiden ungleichen Frauen sehr steif und kalt,
und Elmerice athmete auf, als sie den Bann aufgehoben fhlte, den diese Frau
stets ber sie verhngte.
    Dagegen hatte die erfahrene Aufregung in Emmy Gray die Kraft geweckt, ihre
schwere, inhaltreiche Erzhlung zu beginnen. Nur von der kurzein Sommernacht
unterbrochen, fhrte sie mit groer Energie und mit Lebendigkeit des Geistes
ihre Erzhlung bis zu ihrem Ende fort, und legte damit in die junge Brust ihrer
Zuhrerin einen Schatz von Lebensansichten und Erfahrungen, die, nur auf
traurige Thatsachen gesttzt, uns in diesem zarten Alter den Werth das Daseins
zu rauben scheinen.
    Elmerice hatte Mhe, sich aus ihrer schmerzlichen Aufregung heraus zu
reien. Ach, wie war mit dem gesunkenen Wunsche, diese mit Verbrechen
bezeichneten Ansprche geltend zu machen, auch der Muth, ihren Besitz zu
erlangen, verschwunden, wenn ihr auch eine ahnende Stimme sagte, ihr Vater sei
dieser edle und verfolgte Jngling Reginald. Zugleich fhlte sie eine tiefe
kindliche Scheu, nach seinem Tode, vielleicht gegen seinen Wunsch, in diese
verhngnivollen Geheimnisse seiner Jugend eingedrungen zu sein; und sie gestand
Emmy auch diese angeregten Empfindungen und das innige Verlangen, so traurige,
verfolgte und mit Verbrechen bedeckte Ansprche nicht aus ihrem Dunkel hervor zu
ziehen, da sie nicht zweifeln drfe, ihr Vater wrde dies gemibilligt haben; es
wrde ihn beleidigen, seine Tochter Rechten nachjagen zu sehen, von denen er
verwiesen ward.
    Emmy hrte ihr still und sinnend zu. Sie berlegte in ihrem Geiste, ob
Fennimor, die in Blick und Ton zu ihr redete, auch so gedacht haben wrde; und
als Fennimors andchtiges Pflichtgefhl gegen ihren Vater vor ihr auftauchte,
seufzte sie und schwieg, und ein breiter Schatten von Schwermuth deckte ihr
erregtes Antlitz.
    Da erfate Elmerice den Augenblick, der armen, aufs Neue gekrnkten Freundin
Fennimors ihre eigene Geschichte mitzutheilen; und von dem tiefen und
verstehenden Gefhle der Alten hingerissen, von der wunderbaren Situation, die
sie fast der Welt entrckt zu haben schien, sicher gemacht, ward ihre Hingebung
bei dieser Mittheilung vollstndiger, als sie es fr mglich gehalten. Wir
knnen uns dies jugendliche, von Weisheit und Liebe geschtzte Leben aus den
Mittheilungen an die Grfin d'Aubaine hinreichend vergegenwrtigen und finden
uns erst als Zuhrer ein, wo die Erzhlung Gegenstnde berhrt, denen die Grfin
d'Aubaine nicht nachzufragen wagte.
    Nur ich, Emmy, sagte Elmerice, ihre Erzhlung fortsetzend - nur ich habe
das ruhige, ungekrnkte Leben, das dieser herrliche Vater fhrte, ein Mal durch
meine Schuld unterbrochen; und doch war ich ahnungslos, da ich ihn krnken
wrde, und vielleicht jetzt erst begreife ich die ungewhnliche Strenge, mit der
er mir entgegen trat. Denn, wenn Reginald mein Vater war, wie viel Grund hatte
er dann, jede Verbindung mit einer stolzen franzsischen Familie zu hassen und
von mir abzuhalten! - Auf dem Schlosse Leithmorin - fuhr sie mit bewegter
Stimme fort - bestndig von Gsten des In- und Auslandes belebt, befand sich
einige Monate lang ein junger franzsischer Edelmann, der erst nur dem Lord
Duncan, mit dem seine Familie befreundet war, einen Besuch machen wollte; spter
- glaube ich - ward ich Veranlassung, da seine Abreise sich verzgerte. Meine
jungen Freunde, die Kinder des Lord Duncan, sahen mich wie eine Schwester an;
ich gehrte zu ihren Beschftigungen, wie zu ihren Vergngungen, wir theilten
Alles; und ich sah daher den jungen Mann tglich.
    Emmy, ich kann mir nicht zrnen, da ich seine Vorzge anerkannte! Er besa
so viel ausgezeichnete Tugenden, er wute so Viel, er war so kindlich und gut,
so heiter - so heiter, Emmy - bis er von Lord Duncan die gnzliche Abweisung
meines Vaters erfuhr. Ich wei nicht, aber ich glaube fast, sein tadelloses
Wesen - und da Lord Duncan ihn wie einen Sohn liebte, hatten mich glauben
lassen, die Bewerbung des jungen Mannes werde von meinem Vater gnstig
aufgenommen werden. Wir waren sicher geworden in dieser Hoffnung - und auch ich,
Emmy, war damals glcklicher, als jemals spter! Dieser Erklrung aber folgte
eine schwere, leidenvolle Zeit. Mein Vater war in einem Grade davon erschttert,
da er mehrere Tage das Zimmer nicht verlie, und meine Mutter Tag und Nacht an
seiner Seite wachte. Spter bekam Lord Duncan Zutritt. Ach, Emmy, mich wollte er
erst gar nicht sehen! Aber der Gedanke seines Zornes hatte so auf mich gewirkt,
da meine arme Mutter meiner Verzweiflung nicht mehr Einhalt thun konnte; und
als sie meinen Zustand dem Vater enthllte, lie er mich augenblicklich zu sich
rufen.
    Nie werde ich diese Unterredung vergessen! Als er mich so verndert, so
aufgelst in Schmerz, so trostlos bei dem Gedanken sah, ihn gekrnkt zu haben,
dachte er zuerst nur daran, mir Muth einzusprechen, mich seiner Liebe zu
versichern, mich - und selbst den Jngling, der um mich warb, schuldlos an dem
Schmerze zu erklren, den er empfand. Dann, als ich in seiner Liebe wieder
auflebte und zur Besinnung kam, machte er mich mit den Hindernissen bekannt, die
unvermeidlich zwischen uns stnden. Emmy, es waren Grnde, die denselben Boden
hatten, wie das Elend, das Du in Deiner Erzhlung vor mir ausgebreitet hast! Er
schilderte mir die Vorurtheile der Stnde, wie ich sie bis dahin nicht geahnet,
und weckte meinen Stolz und mein Ehrgefhl, indem er mir die nie endende
Geringschtzung vorhielt, die ich in einer solchen Familie und in ihrem ganzen
Gesellschaftskreise wrde erleiden mssen, weil mich Alle durch meine geringere
Geburt fr unberechtigt halten wrden, zu ihnen zu gehren; und wie das
entwrdigteste Mitglied jener Kreise, das wir als ausgestoen anshen und mit
unserer Verachtung bezeichneten, dennoch von Allen geduldeter sein und ihnen
berechtigter erscheinen wrde, als meine Stellung, wenn ich sie auch durch jeden
ueren und inneren Vorzug rechtfertigte.
    Er sagte mir, da mich mein Gatte nicht dagegen zu schtzen vermchte; da
die mitleidigen Duldungs-Beweise in so schicklichen Grenzen gehalten sein
wrden, da mir das Herz daran erstarren, mein Gatte in ohnmchtigem Zorne
darber vergehen knne, ohne da ihm aus den leisen Beleidigungen das Recht
erwachsen werde, Genugthuung zu fordern. Er war berzeugt, da keine Liebe, auf
diese Bedingungen hin, in den hheren Stnden dauern werde, da er von der Macht
des schlechten Beispiels eine sehr traurige Vorstellung hatte. Lord Duncan hrte
das Ende dieses Gesprches und versuchte, meinem Vater mildere Ansichten
einzuflen. Es gelang ihm nicht! O Duncan, Duncan, rief er - von Dir diese
Worte! Von Dir, der Du mein ganzes Schicksal kennst - der Du weit, da ich
Wahrheit sage - Du redest einem Jnglinge aus dieser Familie das Wort, die ich
fast angelobt habe zu verachten!
    Sie werden Deine Elmerice mit Freude unter sich aufnehmen, rief der gute
Lord, wenn Du nur auch etwas nachgebender sein wolltest!
    Ach, rief mein Vater - und nie sah ich ihn heftiger - ihnen gilt Nichts
hher, als ihre Geburtsrechte; sie haben kein wahres, inneres, sittliches
Bedrfni! So lange die Sittenlosigkeit noch von einem leidlichen Deckmantel
usurpirter, gesellschaftlicher Haltung und Vorzge berkleidet ist, bleibt ihnen
das ehrloseste Individuum, trotz dem, da sie von seinem Gehalte unterrichtet
sind, eine eben so hflich gehandhabte Figur, als die Tugend selbst es fordern
knnte. Der Schein ist's, was sie wollen, worauf sie halten; er bildet den
Korporationsgeist, der sie durch einander sich schtzen lt und sie namentlich
gegen das Richtschwert des Urtheils verbindet, das sich aus jenen geringeren
Stnden erheben knnte und ihr falsches, leeres Treiben mit dem rechten Namen
nennen!
    O Emmy, rief Elmerice - diese Worte sind, wie diese ganze Unterredung, in
mich eingegraben; denn sie entschieden das Schicksal meines ganzen Lebens! Ich
gelobte eine feierliche Verzichtleistung und trennte mich in Gegenwart des Lord
Duncan von dem Manne, der mich liebte, und den ich gelobte, als einen Fremden
anzusehen! -
    Wenn Emmy achtzehn Jahr gezhlt htte, wre ihr Antheil, ihr Mitgefhl nicht
inniger zu denken gewesen; sie blickte so bang, so liebevoll bang in die
bewegten Zge der Erzhlerin, da diese sich ihr laut schluchzend in die Arme
warf und Alles, was sie erlitten und so tief in sich verschlossen, auszuweinen
wagte.
    O, mein armes, armes Kind! seufzte Emmy; - und doch glaube mir, Dein
Vater war ein weiser Mann - und ich zweifle nicht, es war mein Reginald - der
Sohn meiner Fennimor; - er hat Dich vor einem gleichen Elende bewahrt, wie meine
Fennimor traf. O, sagte sie mit einem rhrenden Ausdrucke von Liebe - knnte
ich Dich doch trsten! Wollte Gott, Du wrest nicht mehr unglcklich, weil dies
Elend von Dir abgewendet ist! Richte Dich auf - fasse Muth - und sage mir, wie
das Buch meiner Fennimor, das ich vollstndig wiedererkenne, Dir von Deinem
Vater gegeben ward; ob er Dir Nichts sagte, was noch nher seinen Zusammenhang
damit bezeichnete? -
    Er gab es mir an dem Tage, wo ich von einem katholischen Geistlichen in den
Schoo der Kirche aufgenommen ward. Er sagte mir, es sei ihm das heilige
Vermchtni seiner geliebten Mutter, die er nicht gekannt habe; er bat mich, den
Inhalt zur Richtschnur meines Lebens zu machen, wie er daraus Trost und
Belehrung geschpft habe zu allen Zeiten. Dann zeigte er mit dem Finger hieher
und sagte mit groer Bewegung: dies ist der Name Deiner unglcklichen
Gromutter! -
    O, rief Emmy hier - was zweifeln wir noch? Du bist sicher und gewi die
Tochter meines Reginald, und Eton war der Name, den er annahm! Wenn nun
Margarith Lester, die Freundin von Ellen, Deine Mutter war, so wird es gewi,
da er zu dem Bruder seiner Mutter, zu Herrn Lester floh, als ihn dies treulose
Land verbannte, und nach einigen Jahren, als er die jngste Tochter seines
Oheims geheirathet hatte, sich nach Schottland zu Lord Duncan begab, der seit
langer Zeit die innigste Freundschaft fr ihn zeigte.
    Wir werden die Ueberzeugung beider Frauen, die an dem Schlusse dieses
Gesprches sich in ihnen befestigte, nicht tadeln knnen, da sich die
Wahrscheinlichkeit dafr bei dem Austausch ihrer Berichte so bedeutend vermehrt
hatte. Mit einem stolzen Triumph sah Emmy nun auf Elmerice, die sie trumte, in
ihre Rechte eingesetzt zu haben, mit Verachtung der ganzen brigen Welt. Wie sie
dabei das Bedrfni ihres jugendlichen, dem Leben noch gehrenden Lieblings
verkannte, mssen wir ihr billig nachsehen, wenn wir denken, da sie kaum je ein
anderes Leben, als das der tiefsten Einsamkeit, gekannt hatte; und was sie Leben
nannte, sich ihr nur als eine Pflanzschule der Verbrechen zeigte, aus der
Elmerice errettet zu haben, ihr ein dankenswerthes Verdienst um sie schien. Auch
erfuhr sie bei ihrer ausschlieenden Besitznahme durch Elmerice keinen
Widerspruch. - Wenn unser Herz den eben bezeichneten Kummer erleidet, scheint es
uns nicht schwer, von dem brigen Leben Abschied zu nehmen, mit dessen, uns als
werthvoll aufgenthigten, Gtern wir in einen traurigen Widerspruch gerathen,
den die Einsamkeit uns dagegen schonend verhllt. War doch die von ihren Eltern
ihr angewiesene Heimat selbst kein beruhigender Aufenthalt mehr, und dagegen
dieser jetzt aufgefundene, wunderbare Ruhepunkt wie geschaffen, sie und ihren
Kummer auf immer der Welt zu entziehen. Dies schrieb sie auch ihrer geliebten
Marie Duncan und forderte sie auf, ihren Vater zu seiner Einwilligung in diesen
Lebensplan zu bewegen.
    Von da an fate sie ihre ganze Lage mit der Liebe gegen einen dauernden
Besitz auf, und theilte bald die rhrende Schwrmerei Emmy's, die die ganze
Vergangenheit zurckzurufen trachtete, und in krankhafter Aufregung sich ber
Gegenwart und Zukunft immer mehr verwirrte.
    Elmerice hatte ihren Bitten nachgegeben und, uneingedenk des Modewechsels,
ihre eignen Kleider mit den Prachtkleidern vertauscht, welche aus Fennimor's
Garderobe, von Emmy gehegt und gepflegt, als ihr rechtmiges Erbtheil ihr von
derselben bergeben waren. Als sie zuerst in einem schweren Seidenstoffe von
gewssertem Moor, mit Spangen von reichen Steinen auf Schultern und Brust
befestigt, vor Emmy dastand, sank diese vor ihr, wie vor einer himmlischen
Erscheinung, nieder und dankte Gott in einem lauten, feurigen Gebete fr die
Gnade, ihr gttliches Kind, ihre Fennimor noch einmal vor Augen zu sehen.
    Ach, sagte Elmerice - ist es denn wirklich wahr, da ich dieser schnen
Fennimor so hnlich sehe? Wtest Du, wie ich meine ganze Liebe zu Dir aufrufen
mute, um die Kleider anzulegen, die von dem herrlichsten Wesen der Erde in der
kurzen Zeit ihres Glckes getragen wurden, Du wrdest meine Beschmung
begreifen, die mich frchten lt, ihren heiligen Schatten damit beleidigt zu
haben.
    Frchte das nicht, mein Engel, sagte Emmy - sie wrde Dich selbst damit
schmcken - sie wrde Dich mit Ueberzeugung fr ihre geliebte Nachkommin erklrt
haben! Aber auch Du sollst nicht lnger in Zweifel bleiben, da sie Dein
Ebenbild ist; - und da Du zufllig einen Anzug gewhlt hast, in dem Leseur sie
gemalt hat, so sollst Du mein heiligstes Heiligthum, den Eudoxien-Thurm sehen,
worin ich ihr Bild aufgestellt habe, an dem Platze, mo sie stets mit ihrem
Harfion sa. - Dann wirst Du sehen, da Du selbst aus dem Bilde hervortrittst -
dann wirst Du mir, ohne Dir Vorwrfe zu machen, das Glck gnnen, Dich ganz so
zu sehen, wie sie ehemals vor mir stand.
    O, rief Elmerice - vergieb mir meine Zaghaftigkeit und denke von meiner
Liebe zu Dir nicht geringer; ich will Dir glauben und von jetzt an Dir folgen.
    Vielleicht nur noch kurze Zeit, sagte Emmy ernst, - und Fennimor gnnt
mir dies Glck - und segnet Dich dafr!

Wir verlassen hier auf einige Zeit diesen Schauplatz des wunderbarsten
Phantasielebens und kehren in den gegenberliegenden Theil des Schlosses ein,
das heitere Treiben der jungen Personen verfolgend, die hier dem Leben, so Viel
an ihnen lag, allen Reiz abzufordern trachteten.
    Indem wir uns jedoch die Eigenthmlichkeit der Hauptpersonen zurckrufen,
werden wir eingestehen mssen, da der frohe, heitere Lebenssinn des Marquis
d'Anville und seiner jungen Gemahlin doch gerade deshalb so berstrmend
hervortrat, weil in ihnen ein sicherer Grund von ernstem Gefhle lag, und eine
durch Grundstze befestigte Karakterbildung. Wir drfen daher erwarten, da die
Geschichte des Grafen Leonin, mit der wir uns beschftigt haben, und die der
junge Marquis so vorzutragen wute, da ihr Hauptinhalt durch die leichtere Form
der Erzhlung nicht geschwcht ward, einen ernsten Hintergrund in den Herzen
seiner Zuhrer zurcklie, und das bersprudelnde Leben jugendlicher Heiterkeit
dadurch leise eingedmmt erschien. Leonce hatte nicht nthig, an sein System des
Maaes zu erinnern; vielleicht war aber das Maa der Liebenswrdigkeit gerade
dadurch in beiden Frauen erfllt.
    An dem letzten Abende, als der Marquis seine Erzhlung mit dem spurlosen
Verschwinden Reginald's schlo, und die Gesellschaft nach einigen Worten, die
ihre Erschtterung ausdrckten, sich frher, als gewhnlich, getrennt hatte,
ffnete sich einige Zeit spter die Thr zu dem Zimmer des Marquis d'Anville,
und seine junge Gemahlin trat mit der ihr stets bleibenden, anmuthigen
Schchternheit einer Jungfrau ein. Aber ihr liebliches Angesicht war so bleich,
wie ihr weies Nachtkleid; und als ihr der Marquis liebevoll entgegeneilte, fiel
sie ihm in die Arme und weinte die ganze erfahrene Gemthsbewegung, wie ein Kind
an dem Busen der Mutter, in den Armen ihres Gemahls aus.
    Armand, sagte sie, nachdem sie den rhrenden Ausdruck ihrer Gefhle in
etwas beherrscht hatte - versprich mir, da wir nicht Besitzer werden wollen
von dieser traurigen Erbschaft; da wir alle unsere Krfte, alle unsere
Verbindungen, alle unsere Mittel noch ein Mal in Bewegung setzen wollen, jenen
armen, gekrnkten Reginald oder seine Erben zu entdecken!
    Du sprichst aus meiner Seele! rief der Marquis, sie an seine Brust
drckend - die Zeit hatte den Eindruck in mir gemiget; die Fruchtlosigkeit
meiner Nachforschungen hatte mich endlich damit abschlieen lassen; fast htte
ich jetzt das Provisorium ber diese Gter aufgehoben und mich zum Erben
erklrt; aber indem ich Euch jetzt Alles erzhlte, stieg, aufs neue belebt, die
ganze Gewalt dieser groen Verschuldung in mir auf, und unmglich schien es mir
seit den letzten Tagen, hier wirklich als rechtmiger Besitzer aufzutreten und
damit fast in die verwerfliche Bahn einzulenken, die unser armer Oheim verfhrt
ward, zu betreten.
    Das stand auf Deiner Stirn, Armand, sagte Lucile, ihre Thrnen vllig
trocknend. Auch kam ich nicht in der Meinung, ich knne Dir das Rechte erst
durch meine Bitten entdecken helfen. Ich wollte - ich hatte den Austausch
unserer Gedanken so nthig; mein Herz will mir zerspringen, wenn ich an das
Schicksal dieser Fennimor denke - dieses unglcklichen Reginald. - Ich habe ein
Gefhl, als knne diese wunde Stelle in unserer Brust - dieser Flecken auf
unserem Wappenschilde nicht eher verschwinden, als bis wir dies Erbe den
rechtmigen Besitzern bergeben haben.
    Sieh' hier, Lucile! rief der Marquis jetzt, und zog sie gegen den
Schreibtisch; - und mge dieser Brief, den ich noch heute Abend zu beschlieen
denke, Dir eine ruhigere Nacht bereiten und Deine Trume mit der gromthigen
Hoffnung fllen, da Du Reginald wieder findest und ihm die reichste Erbschaft
des Landes ausliefern kannst.
    Lucile hrte in freudiger Bewegung, als Armand sie in einen Lehnstuhl
gesetzt hatte, was er seit ihrer Trennung geschrieben:
    An Lord Duncan-Leithmorin.
    Euer Herrlichkeit haben wiederholte und dringende Aufforderungen zur
Mitwirkung meiner jahrelangen Bemhungen, um die Auffindung Ihres Freundes
Reginald de Ste. Roche, stets unbeantwortet gelassen; und ich habe lange
geglaubt, da meine Briefe an Euer Gnaden verloren gingen, oder Ihre mglichen,
lngeren Abwesenheiten von Leithmorin sie nicht in Ihre Hnde lieferten. Obwol
meine Nachforschungen dadurch nicht gnzlich gehemmt wurden, und ich sie in
allen Richtungen fortsetzen lie, knpfte ich doch immer im Geheimen meine
grte Hoffnung an Sie, als dessen Freund; - und - erlauben Sie mir, es
hinzuzusetzen - ich verdiente von Euer Herrlichkeit eine weniger mitrauische
Aufnahme!
    Sollten meine Hoffnungen, da dieser, mein unglcklicher Verwandter sich
nach England flchtete und in Ihrer Nhe lebt, oder Sie Kenntni seines
Aufenthaltes haben, sich erfllen, so fordere ich Sie im Namen der Menschheit
auf, Ihr ungerechtes Mitrauen gegen mich aufzugeben und mir beizustehen, um
eine spte, aber immer gleich heilige Gerechtigkeit gegen meinen unglcklichen,
verfolgten Verwandten ausben zu knnen. Ich bin in Ste. Roche und werde hier
Ihre Antwort abwarten, indem ich mich der Couriere bediene, diesen Brief in Ihre
Hnde zu liefern. -
    Lucile erhob sich mit einem unaussprechlichen Ausdrucke von Stille und
Verehrung in ihren Zgen. Sie beugte sich ein wenig gegen ihren Gemahl vor - sie
ffnete die Lippen, als wollte sie reden - dann schwieg sie schchtern, kte
sanft seine hohe, helle Stirn und sagte endlich ganz leise: Armand, ich liebe
Dich!
    Lucile! rief er entzckt, als habe er es zuerst gehrt - und vielleicht
hatte das erste Mal sein Herz nicht mit hherer, andchtigerer Wonne erfllt!

Meine theure Lucile, rief Leonce am anderen Morgen, als man sich in dem
kleinen Burggarten, der an der anderen Seite des Schlosses und an den jetzt
bewohnten Gemchern lag, zum Frhstcke versammelt hatte - ich mu um Gnade
bitten; denn ich bin auf Ihre Unkosten liebenswrdig gewesen.
    Ich glaube, das ist am Ende eine von Ihren seltenen und dann superfeinen
Galanterien, rief Lucile. In welchem Reichthume von Liebenswrdigkeit mssen
wir uns befinden, wenn Sie darauf Gebrauchsanweisungen schreiben; - und nicht
allein die Quantitt, sondern die Qualitt mu es auerdem sein, die sie an
Ihren eigenen Schtzen vorbergehen lt. Ah, Armand, wir sind mit Deinem Bruder
zufrieden!
    Dann gebe nur Gott, da Sie es auch bleiben, lachte Leonce; - denn Ihre
Gunst hat mich noch nie lnger, als eine Sekunde vor dem Anfange unserer
diversen Unterhandlungen beglckt. -
    Aber Sie, mein theurer Widersacher, unterlieen auch stets, Ihre
Unterhandlungen, wie heute, mit einer einflureichen, kleinen Schmeichelei zu
beginnen! Selten fhle ich mich daher so sanft, so hingebend, so geneigt, Alles
allerliebst zu finden, was Euer Liebden in weiser Herablassung geneigt sein
werden, vorzutragen.
    Nun, mich dispensire nur vom Zuhren! rief Margot und stand mit zwei
luftigen Springen auf dem Rande einer alten, marmornen Treppe, die
terrassenartig in den Wald fhrte, der dem Burggarten gegenber lag.
    Nein, rief Leonce und setzte der flchtigen Gestalt eben so gewandt nach -
Sie drfen nicht entwischen; denn auch Sie sind bei meiner Verhandlung mit
Lucile eben so betheiligt, wie diese; ich habe auch Ihre Gnade in Anspruch zu
nehmen.
    Gott, was ist geschehen? rief Margot, mit erheucheltem Erschrecken; - wie
tief mu Leonce sich verschuldet haben, wenn er sogar meine Gnade gebraucht! Ha,
Armand, kommen Sie zu unserm Schutze herbei; - er hat uns an Ruber verkauft -
ihn gereut eine Verschwrung, die er angezettelt - ich frchte Alles! das
Schrecklichste, Entsetzlichste, Abscheulichste, da er meine Gnade anruft!
    O, rief Leonce, mit ein wenig dreister Heiterkeit Margot in die Augen
blickend; was gbe ich darum, wenn ich wte, ob Sie mich um das, was ich
gethan, abscheulich und entsetzlich finden werden!
    Hier ist immer Einer unartiger, wie der Andere! rief Armand, sehr ergtzt
durch seine jungen Freunde. Wen soll ich hier schtzen? Meine Ritterpflichten
kommen ins Gedrnge, wo die Natur ihre Rollen gewechselt zu haben scheint. Die
Damen sind offenbar die Strkeren, und Leonce sieht aus, als wolle er
unterliegen.
    Ja gewi, rief Lucile - hier ist Niemand artig, als ich allein, was Du
wahrscheinlich vorher zu bemerken vergaest. Es ist ein schweres Geschft, so
groe, so widerspenstige Kinder in Ordnung zu halten; aber ich mu mich daran
geben, denn, kommt Margot so zu ihrer Mutter zurck, wird die gute Grfin
d'Aubaine glauben, ich habe meine ganze Soliditt verloren, und man wird
bedenken, ob man vorsichtig genug in der Wahl meines Gatten war.
    Armand nahm hier die leichte, weie Hand gefangen, die whrend dieser mit
Pathos gehaltenen Rede beschftigt war, die verschiedenen Gegenstnde des
Frhstckes, welche das reich besetzte Tischchen bedeckten, in Umlauf zu
bringen. Und am Ende, sagte er, sie kssend - schickst Du mich fort, damit
Deine Erziehung nicht durch schlechtes Beispiel leidet.
    Und am Ende, wiederholte sie, im Begriffe zu scherzen; aber gegen ihren
mit Ehrfurcht geliebten Gatten leicht in dem Tone der Neckerei aufgehalten,
brach sie pltzlich ab und rief: ich fange mein strenges Regiment mit Ihnen an,
Leonce - ich erklre Ihre Chokolade noch zu hei, um sie jetzt schon
hinunterzustrzen; - sie wird sich warm halten bis Sie uns endlich vertraut
haben, was wir Ihnen aufs neue vergeben mssen.
    Ach, rief Leonce - denken Sie weniger an mich - obwol ich dieses
herrliche Waldhuhn gern erst zerlegt htte; aber gnnen Sie unserer armen,
kleinen Margot das stille Vergngen, ohne Gemthsbewegung den zarten Brei von
Erdbeeren, Brod und Milch und einigen zwanzig, kleinen Zuthaten dieser vor ihr
aufgepflanzten Bchsen, zu verspeisen - dann fange ich an - sogleich! sogleich!
    Das gttliche Vorrecht der Jugend, ber Nichts zu lachen, ergriff Alle, bis
auf die Verspottete. Sie war mit ihrer gewhnlichen Dit junger Mdchen, die vor
Fleisch und dessen Erscheinungen, wie vor den Gebruchen wilder Vlker,
zurckbeben und ihren kleinen, heien Magen unter der engen Schnrbrust mit
Milch, Obst und Confituren baden, ein immerwhrender Gegenstand fr Leonce's
Spttereien und fhrte nicht selten, um ihm zu trotzen, auf ihrem Teller die
wunderlichsten Gesellschaften sich widerstreitender Nahrungsmittel zusammen.
    Nachdem der angenehme, kleine Lachschauer vorber war, erklrte Margot,
diese neue, grausame Sptterei habe ihr gnzlich ihre schne Morgenspeise
verleidet; Leonce knne daher anfangen, wenn anders seine wilden Gebruche, die
unschuldigen Thiere des Waldes zu verschlingen, ihm dazu Raum gben.
    Ach ja, rief Leonce - es sei so! Denn ehe die Beklommenheit des Herzens
nicht aufgehrt hat, eher wird der Segen eines guten Frhstcks nicht an mir in
Erfllung gehen. Ich habe einen Freund, rief er mit Pathos und zog einen Brief
hervor. Wie ich zu diesem Glcke kam, wird vielleicht nicht besonders
schmeichelhaft fr meine Eitelkeit sein. Jetzt ist vors Erste unsere Verbindung
die allerfeurigste der Welt - wo ich nicht bin, ist ihm die Erde eine erkaltete
Leiche, ein ausgebrannter Krater - mein Athem belebt den seinigen - mein Auge
ist der Stern, der ihm die Nacht des Lebens erhellt - mein Lcheln ist der
Sonnenschein, der alle Keime seines Wesens grnend und blhend hervorruft - der
Ton meiner Stimme ist die Melodie, die er wiederklingen fhlt durch alle Saiten
seiner Brust - meine Gedanken ergnzen die seinigen - meine Neigungen passen zu
seinem Karakter - mein Herz, so weich, so khl dabei, wie Sie es alle kennen,
strkt und erquickt das seinige, was leidenschaftlich von besonderem Feuer
belebt wird - ach, ich mu inne halten! Wo gbe es eine Sprache, um eine
Leidenschaft zu bezeichnen, die nach langer, sprder Drre, pltzlich dem
gefundenen Ideal gegenber, in ihrer vollen Strke hervorbricht. -
    Ein lautes Gelchter aller seiner Zuhrer unterbrach hier den muthwilligen
Sptter, und nur mit Mhe unterdrckte er seine Neigung, darin einzustimmen.
    Ach, fuhr er fort - findet denn Nichts hier Anklang, was, aus der Welt
der Ideale hernieder gestiegen, Glauben verlangt an ein hheres Bedrfni? Sind
diese Wunder der Seelenverwandtschaft, die keinen hheren Nachweis fordern, als
ihr geisterhaftes Erscheinen vor uns - sind sie Ihnen denn alle fremd? - Lucile,
gefhlvolle Gattin - und Ehrendame der Knigin, hat Ihr Herz nie diesen Takt
geschlagen? - Armand, Kmmerer des Reichs - Marquis aus den Zeiten Arthur's und
der Tafelrunde - ging die Welt der Seligkeit, die in einem Dir ganz gehrenden
Freunde schon Homer's und Pindar's Gesnge verherrlichen, an Dir ungekannt
vorber? - Und Sie, Margot - voll Jugend und Unschuld - eine schne Knospe, um
die alle Bltter, zur Vollkommenheit entwickelt, sich eiferschtig ber dem
sen Dufte gewlbt haben, der darin sein Aroma bereitet - ahnt Ihnen nicht
wenigstens der verhngnivolle Augenblick, wo sie berlistet von ihrem Vetter -
oder - um in der Bildersprache dieser schnen Gedankenoperation fortzufahren -
wo - sage ich also - ein Sonnenstrahl Sie so lange bescheinen wird, bis Sie
aufblhen - und der gttliche Duft so schwrmerischer Liebe oder Freundschaft,
als mein Freund fr mich fhlt, die Luft durchdringen wird?
    Nein, nein, Leonce, rief hier Margot, sich durch das allgemeine Gelchter
mit ihrer feinen Stimme Bahn brechend - auch im Spae kann und will ich Ihre
abscheuliche Empfindsamkeit nicht ertragen! Lucile, er reizt mir das Blut bis in
die Fingerspitzen; - alles Gefhl, bis zum kleinsten Atome, mchte ich aus mir
herausjagen, um auch Nichts, keinem Sonnenstaube Aehnliches, in mir davon zu
haben!
    O Knospe, Knospe, rief der unerbittliche Leonce - dieser Zorn ist Symptom
Deines Aufblhens! Sollte der Sonnenstrahl schon ber Deinen Blttern stehen?
    Wild und glhend bis zum Scheitel, sprang Margot auf, und jetzt setzte sie
so schnell ber die marmorne Treppe, da sie eine Stufe verfehlte; und htte
Leonce sie nicht, eilig zuspringend, in demselben Augenblicke im Arme
emporgerissen, so wre sie die baufllige Treppe hinab gefallen.
    Als er sie ansah, erblickte er dicke Thrnen in ihren Augen, und sie schlug
fast nach ihm; so ungestm dachte sie daran, sich von ihm zu befreien.
    Nein, nein, Margot, verzeihen Sie mir erst! rief er mit seiner vollen
Gutmthigkeit; - ich war zu ausgelassen, ich habe Ihnen wehe gethan und fhle
mehr, wie Sie ahnen, den Schmerz, Sie beleidigt zu haben! Nein, nein, ich lasse
Sie nicht eher los, bis Sie mir verzeihen!
    Alles, Alles, rief Margot - nur lassen Sie mich los, ich sterbe sonst auf
der Stelle! Und noch einmal versuchte sie, ihre kleinen Hnde zu befreien, und
entschlpfte Leonce, der sie los lie, und verbarg sich hinter Lucile, die
vergeblich zur Ordnung gerufen hatte.
    Ich bin ganz Deiner Meinung, Margot, rief Lucile lachend, da die Thrnen
ihr in den Augen standen - Leonce ist ganz unertrglich - und ich wnschte, wir
wten seine pendantische Rede ber das Maa noch auswendig, um sie ihm jetzt
vor halten zu knnen; denn ich merke, die Nutzanwendung hrt bei seinem eigenen
Verfahren auf - wie das bei allen Bu-Predigern der Fall sein soll.
    Sein Sie jetzt nicht zu streng, Lucile! erwiederte Leonce ich habe Etwas
in den schnen Augen meiner kleinen Muhme gesehen, was allen Uebermuth in mir
ausgelscht hat. Ich bin fr heute bestraft genug und will Ihnen jetzt ganz
einfach referiren; ja, ich bin so eingeschchtert, da ich, um nicht mehr von
meinen Gefhlen verfhrt werden zu knnen, die Veranlassung weder nennen, noch
bezeichnen will, Ihrem Scharfblicke das Weitere berlassend. - Der junge Graf
von Bussy, der so eben seine Vermhlung mit Mademoiselle de Guiche in Versailles
gefeiert hat, ist auf dem Wege nach seinem schnen Schlosse Rabutin und kommt so
nahe an Ste. Roche vorber, da er, von unserer Anwesenheit unterrichtet, mir
gestern einen Boten sendete, mit der Bitte, seinen Besuch bei meinen
liebenswrdigen Verwandten zu vermitteln.
    O, rief Lucile, freudig ihre Hnde zusammen schlagend - das ist eine
allerliebste Nachricht - nun sollen Ihnen alle Ihre Unarten vergeben werden!
    Auch, wenn ich bereits zugesagt habe? fragte Leonce. Der Bote traf mich
auf dem Wege nach dem Kloster Tabor, dessen Bibliothek ich einen Besuch machen
wollte; da gedachte ich des Beifalles, den Sie, liebe Lucile, der jungen Grfin
Guiche stets gezollt, und ich hatte entschieden, ehe ich die Schwierigkeiten
berlegt, Ihnen diesen Vortrag zu machen.
    Nun, ich bin vershnt, rief Lucile; - denn ich finde diesen Besuch
allerliebst! Und ich argwhne, Leonce - mein Armand war mit Ihnen im Komplotte
bei dieser Uberraschung!
    Zufllig war Armand mit mir, als uns der Bote erreichte. lachte Leonce.
Doch er ist so schchtern, wie ich, seiner holden Tyrannin gegenber;
wenigstens hat er mir die ganze Verantwortlichkeit zugeschoben.
    Nun, erwiederte Lucile - was meinst Du, Margot, sollen wir ihm vergeben?
    Thue Du, was Du willst, sagte diese von weit ber; denn sie war leise
hinter Lucile fort bis an das niedere Gelnder der Terrassen-Brstung
geschlichen und schaute, Allen den Rcken zukehrend, in die Gegend. Ich werde
mich darauf noch ein Weilchen besinnen und namentlich auf seine fernere
Auffhrung Acht haben, ehe ich Frieden schliee.
    Dann habe ich Ihre Vershnung sicher, antwortete Leonce, - besonders,
wenn Sie mir erlauben, Sie jetzt anzusehen.
    Nein, nein! Armand, leiden Sie es nicht! rief Margot; - ich springe hier
hinunter, wenn er mir nahe kmmt!
    Sein Sie ruhig, antwortete Armand - jetzt nehme ich Sie in meinen Schutz.
Doch sagen Sie, darf ich Ihnen nahe kommen? Und wollen Sie uns beistehen, im
Schlosse die Zimmer auszuwhlen, die wir fr unsere zahlreichen Gste bereit
halten mssen?
    Sogleich komme ich, sagte Margot; - doch hier in der Ferne entdecke ich
etwas - ich mu es erst heraus haben, was es ist.
    Ich will Ihnen helfen, Margot - rief Leonce aufstehend; - ich wei
vollkommen in der Gegend Bescheid.
    Nein, nein, sagte sie, rasch herunter springend - ich wei jetzt, was es
ist; - und mit einem Satze war sie zwischen Armand und Lucile und mute nun ihr
glhendes Gesicht den lachenden Augen ihrer jungen Freunde preisgeben.
    Kommen Sie, Margot, rief Armand und gab ihr mitleidig den Arm - wir
verstndigen, alten Leute gehen voran - diese jungen Sptter mgen uns folgen.
    So durchzog man erst den anmuthigen, kleinen Burggarten, der unter den
Fenstern der von ihnen bewohnten Zimmer lag und von einer hohen Brstung
untermauert war, an deren Fue sich die schnen, grnen Waldwege anschlossen,
die wenig von der Kultur erfahren hatten und mit kurzem, saftigem Waldmoose
bedeckt waren. Dieser Platz, den sie heute zuerst besucht hatten, ward fr
wrdig erkannt, auch den Gsten zur Frhstcksstunde zu dienen, da er Schatten
und Khlung versprach. Dann wandelte man durch die bewohnten Gemcher, um die
Haupttreppe zu erreichen, die in die oberen Zimmer fhrte, welche ber denselben
lagen.
    Hier, auf dem alten, mit Marmor-Statuen geschmckten Treppenflure blieben
Alle, berrascht von ihren Erinnerungen an d'Anvilles Erzhlung, stehen; und die
Nacht, in der die beiden unglcklichen Brder zu einer so frchterlichen
Katastrophe ihres Lebens diese Treppen erstiegen, stand Allen so lebhaft vor
Augen, da sie ihren frohen Lebenshauch aufhielt.
    Nein, rief d'Anville - mein Herz wird nicht eher ruhig schlagen, bis
diesem armen, edeln Reginald Recht geschehen ist!
    Und, setzte Lucile mit dem lieblichen Ernste ihrer pltzlich erblaten
Wangen hinzu - meiner heiligen, herrlichen Tante Fennimor! O, Armand, ich buhle
mit ihrem Schatten, der diese Rume heiligt, um die Gunst ihrer Liebe; - ich
will, sie soll mich gern als ihre Verwandte anerkennen!
    Vielleicht segnet sie unsere Absichten, sagte Armand; und unwillkrlich
hing Lucile's Arm in dem ihres Gemahls; - und Margot war so erschttert, da sie
sich ohne Weigerung von Leonce auf der Treppe untersttzen lie, weil sie ihren
ganzen Streit mit ihm vergessen hatte.
    Die Zimmer ber den unsrigen sollen von den verschiedenen Besitzern stets
im wohnlichen Stande gehalten sein, erzhlte Armand - in ihnen mssen wir
unsere Einrichtungen treffen.
    Und berhren wir damit den Bankettsaal? fragte Lucile. -
    Nein, dieser Theil des Schlosses bleibt uns links, wir wenden uns auf dem
oberen Treppensaale rechts.
    Sie fanden hier eine alterthmliche, aber reiche Ausstellung von vielen,
wohl an einander hngenden Gemchern, und Leonce, der bestndig die Chronik und
den alten Plan des Schlosses studirte, sagte ihnen, dies seien die
Gesandten-Zimmer. Katharina von Medicis habe sie noch mit ihren kostbaren,
vergoldeten Ledertapeten, zum Empfange der polnischen Magnaten einrichten
lassen, die sie dort in der Stille fr ihre Sache zu gewinnen suchte.
    Wir werden doch wohl mit diesen Zimmern ausreichen? fragte Armand Leonce.
    Nun, wie viel Gste erwartest Du denn? sagte Lucile. -
    Ich hre, es werden sich einige Freunde des jungen Ehepaares in seinem
Gefolge befinden, und ich habe Alle hierher eingeladen; denn ich hoffe, wir
fesseln sie so eine Zeit lang an unser altes Geisterschlo.
    Und wie ich hoffe, Leonce, sagte Lucile - befindet sich unter ihnen auch
Ihr junger, feuriger Freund, der Sie so beraus empfindsam stimmt, und den Sie
uns jetzt doch nennen werden?
    Nein, nein, liebe Lucile, das soll Ihrem Scharfsinne berlassen bleiben;
ich verrathe ihn nicht und will Acht geben, wer von Ihnen beiden, ob Sie - oder
meine kleine Muhme Margot ihn zuerst errathen wird. -
    Sein Sie sicher, da ich Ihre Freunde nicht zum Gegenstande meines
Nachdenkens machen werde - am wenigsten aber begierig bin, diesen empfindsamen
Jngling kennen zu lernen! Mit diesen lebhaften Worten rannte Margot schnell
aus der Nhe ihrer Freunde, welche sie erst vor einer Portrait-Statue auf dem
Treppensaale wiederfanden. Sie schauderte zusammen, als man sie anredete, und
wies mit unverholener Bangigkeit auf die khne, drohende Gestalt, vor der sie
stand. Es ist Spinola, sagte sie, kaum hrbar.
    Alle theilten ihre Ansicht; und hingerissen von den Erinnerungen, die hier
berall ihren Schauplatz fanden, trat bei Jedem der Wunsch hervor, dennoch die
verhngnivollen Gemcher zu betreten, wo ihrer so viel Grauen Erregendes
wartete, und Lucile besttigte ihren frheren Ausspruch: Sie habe nichts
dagegen, sich ein wenig zu grauen, wenn sie dabei recht gesichert wre - und so
schien Margot auch zu denken. Doch nahm sie abermals und, wie es dies Mal
schien, ohne alle Zerstreuung den Arm ihres bsen Vetters Leonce an.
    Es war gewi ein erschtternder Eindruck, diesen alten verfallenen Saal zu
betreten, der seit der letzten gerichtlichen Untersuchung verschlossen gewesen
war. Keine Hand hatte Willen oder Berechtigung gefhlt, hier die Spuren des
Vorgefallenen, die frher sogar erhalten werden muten, zu vertilgen; - und der
Marquis und Leonce bereueten fast, von eigener Neugier verfhrt, den Damen so
viel zugemuthet zu haben. Da standen gegen den Kamin die beiden Lehnsthle, der
eine mit Kissen bedeckt, deren heller Atlas jetzt mit dunkeln Flecken fast
verdeckt ward - und daneben das schrillende Tischchen von getriebenem Kupfer,
mit der wunderlich eingelegten Platte. - Beide Damen standen mit unterbrochenem
Athem davor; selbst die Mnner blickten mit Ernst und Grauen auf diese
verhngnivollen Pltze; doch Leonce, der zugleich wnschte, die erblaten Damen
wegzufhren, eilte nach dem Ende des dsteren Saales, und leicht gelang es ihm,
die Thre nach der Gallerie zu ffnen, die er hier, gut vertraut mit dem Plane
des Schlosses, vorzufinden sicher war.
    Er fand die Thre nur angelehnt, und als er sie aufstie, glaubte er eine
weibliche Gestalt am Ende der Gallerie verschwinden zu sehen; doch war diese so
mit kleinen, selbst geseten Gebschen bewachsen, da ihm kein freier Durchblick
gestattet war, und er fast beschmt seine forschenden Augen zurckzog,
berzeugt, es sei ein Spiel seiner eben so lebhaft erregten Phantasie. - Es
drang indessen ein Strom von Luft und Sonnenlicht durch die geffnete Thre, da
sich Alle der erfreulichen Richtung zuwendeten. Aber indem sie ihr entgegen
eilten, muten sie an der groen, eichenen und noch immer behangenen Tafel
vorber, auf der Ludwig sein Leben ausgehaucht; und das scharfe Licht, was jetzt
durch die Thre strmte, erhellte sie und den dunkeln Fuboden davor.
    Was ist das? rief Lucile, berrascht stehen bleibend - dies ist ein Grab,
mit Blumen berdeckt!
    Man nahete sich. Die Vegetation der so schmerzlich gedngten Stelle war
nicht zu lugnen; der feuchte Saal hatte die traurige Aussaat begnstigt; aber
ein frischer Kranz von Epheu und Cypressen konnte diesem Stillleben der Natur
nicht zugerechnet werden; und Alle blieben schweigend vor dem nicht erklrbaren
Ereignisse stehen.
    Nun, sagte Leonce - wir wissen ja, da wir nicht die alleinigen Bewohner
dieses Schlosses sind. So mu denn Emmy Gray diesen Kranz hierher gelegt haben,
und dieser Theil des Schlosses mu mit ihren Gemchern im Zusammenhange stehen.
    Das ist wenigstens so prosaisch, als mglich, erklrt! rief Margot - ich
schwre aber darauf, die Alte war es nicht. Denn mit achtzig Jahren, wie sie
bald sein kann, ist man nicht mehr so sentimental; und da sie schon seit einigen
zwanzig Jahren diesen traurigen Ort ber sich wute, so ist es unwahrscheinlich,
da sie erst jetzt ihren Kranz fertig bekommen haben sollte; - denn es ist der
einzige hier und ein vllig frischer!
    Ach, sagte Lucile - denkt doch an die Erscheinung, die wir in den ersten
Tagen unseres Hierseins hatten, wie wir unter der alten Terrasse hinritten, die
vor Emmy's Zimmer liegt, und am Fensterkreuze die reizende Gestalt im weien
Gewande schweben sahen, die sich lange genug zeigte, um von uns Allen gesehen zu
werden, und dann pltzlich, wie ein Geist, verschwand! O, ich bitte Euch, lat
mich von hier fort auf die sonnenhelle Gallerie treten - wenn ich Luft habe,
will ich beichten. Ihr werdet hier meine Neugier nicht verspotten, und ich kann
nicht lnger schweigen - selbst, wenn Ihr mich Alle auslachen solltet. Ach,
Armand, sagte sie, sich an ihn lehnend - man ist nicht umsonst in diesem
Geisterschlosse - ich erwarte berall Fennimor zu finden, ich wnsche es so
brennend, da mein Geist sich dabei verwirrt, und ich es fr mglich halte.
Deshalb, fuhr sie fort, whrend der Marquis die holde, berspannt blickende
Frau nach der Gallerie fhrte, wte Emmy Gray, wie ich ihre Fennimor liebe,
wie ich mich nach den Ueberresten ihres heiligen Engellebens sehne - sie nhme
mich bei sich auf, sie wrde mich anerkennen als Fennimors Verwandte!
    Wir haben ja dazu noch Hoffnung, meine Liebe, sagte der Marquis
beschwichtigend. Auch ich denke, unser Entschlu, endlich hierher zu kommen,
soll uns noch gute Resultate bringen; ich knnte hier nicht eher fort, bis etwas
Vershnendes geschehen ist; obgleich ich gestehen mu, da ich noch nicht wei,
wie es zu machen sein wird. Fast geht es mir, wie Dir; auch ich sehe umher, als
erwartete ich etwas, wenn auch nicht Fennimor, den sanften Engel, dem ich seine
hhere, nhere Vereinigung mit jener Welt, ohne einen egoistischen Wunsch fr
unsere Herzen, gnne.
    So ist es, meine theure Lucile, sagte Leonce, freundlich seiner bewegten
Schwgerin nahend - diesen Standpunkt mssen Sie festhalten - denken, wie diese
hier schon verklrte Fennimor die hchste Seligkeit genieen mu, dann werden
Sie Ihr schnes Gleichgewicht wieder erhalten, und wir werden uns Alle dem Leben
um so theilnehmender zuwenden, da es uns so heilige Pflichten auferlegt gegen
ihren berechtigten Erben.
    Ja, sagte Lucile, ihm ihre schne Hand reichend - ich wute wohl, da
Leonce eben so wenig an diesem Erbe Freude haben knnte, als wir selbst; doch
ist es gromthiger von Ihnen, wie von uns, da wir auerdem so viel reicher
sind, wie Sie. -
    Theure Lucile! Wenn wir die Rollen eben tauschen knnten, wrden Ihre
Gesinnungen gewi nicht damit wechseln! Habe ich doch, wie Armand, was mir von
diesem Vermgen zufiel, bisher nicht zu meinen Revenen zugezhlt - und ich
hoffe, setzte er lchelnd hinzu - Sie haben mich stets elegant und
vortrefflich eingerichtet gefunden. -
    Sinnend drckte Lucile dem geliebten Verwandten die Hand. Aber wer war es
denn, fuhr sie pltzlich empor - wenn es Fennimor nicht sein kann?
    Leonce sah unwillkrlich die Gallerie hinauf - aber Lucile fuhr fort: Unser
Streit an dem Abende, nachdem wir Alle jene Erscheinung in Emmy's, nur als von
ihr bewohnt bezeichnetem Zimmer gehabt hatten, trieb mich am anderen Morgen frh
aus meinem Bette, und ich wandelte hinaus - ich glaube fast, schon in der
Absicht, in Emmy's Wohnung einzudringen. Durch Gebsche mich durchdrngend,
stehe ich vor dem kleinen Eingangsthurme - und diese mir als verschlossen und
verrammelt geschilderte Wohnung liegt pltzlich mit geffneten Thren vor meinen
Augen.
    Sagt, war es nicht verzeihlich, da ich eintrat? Ach, ich habe nur einen
allgemeinen Eindruck erfahren; Einzelheiten kann ich Euch nicht anfhren; mein
Herz, meine Sinne waren in der Erwartung gespannt, Emmy jeden Augenblick
begegnen zu knnen. Nur so viel wei ich, ich durchwandelte frstlich
eingerichtete Rume - alle im frischesten Glanze - das Ganze, wie zum Feste, mit
blhenden Blumen geschmckt - ein Paradies - oder vielmehr ein wrdiger Raum,
sich Fennimor gegenwrtig zu denken. Da sah ich endlich Emmy Gray. -
    Wie, riefen Alle, Du sahst sie? -
    Ja, aber sie mich nicht! In tiefem Schlafe ruhete sie in einem Lehnstuhle
vor einem groen prachtvollen Bette. Diese in Alter und finsterem Gram
erstarrten Zge konnten nur Emmy Gray gehren! Aber wen bewachte sie in diesem
Bette? Gott, fuhr sie fort, indem sich ihre Augen fllten - Armand, Du hast
uns Fennimor so genau beschrieben, Du sahest ihr schnes Bild so oft bei Deinem
armen Oheim, ich hatte Deine Worte so lebhaft aufgefat, da ich kaum den lauten
Schrei bezwang, wie ich in dem grnen Damastzelte des Bettes Fennimors
schlafendes Engelsbild erblickte. -
    Lebend? Einen lebenden Gegenstand? riefen Alle. -
    Ja, lebend! - Wenn die reinste Farbe, die der gesunde Schlaf auf unsere
Wangen malt - wenn das Lcheln des halb geschlossenen Mundes - wenn der leichte
Kinderathem, der jugendlich ihren Busen hob; - wenn dies anders Lebenszeichen
sind! - Dabei der braune Lockenschmuck - die schmale, weie Hand, die Du
gerhmt; - ach, Armand, rief Lucile, in seinen Armen sich verbergend - es war
Fennimor! Denn wen - wen wrde Emmy Gray sonst bewachen, wie Wrterinnen an der
Wiege des geliebten Kindes wachen?
    Sonderbar - unbegreiflich! riefen Lucile's Anverwandte. Sie hatte von
Niemandem Spott zu frchten - Alle theilten ihre Bewegung.
    Aber weiter - weiter! rief Armand, nun die tiefe ungewhnliche Bewegung,
die er in der letzten Zeit an ihr bemerkt, erklrt findend. Sag', geliebte
Lucile, geschah Dir auch nichts? - Sie an seinem Herzen haltend, konnte er sich
kaum berzeugen, da sie ohne Schaden davon gekommen sei.
    Ich wei nicht, fuhr Lucile fort, das bewegte Gesicht erhebend - wie
lange ich, in dem schnen Anblicke verloren, so vor der Schlummernden stand. Da
hob Emmy den im Schlafe niedergesunkenen Kopf in die Hhe, und obwol sie nicht
erwachte, ergriff ich doch die Flucht und kam unbemerkt zurck. - Vergebt mir,
da ich es Euch verschwiegen, setzte sie, fast flehend zu Armand emporblickend,
hinzu. Oft habe ich es versucht; aber ich war beschmt ber mich selbst, ich
wollte Eure gute Meinung nicht verlieren, ich wollte besonders mich nicht Euren
Neckereien aussetzen.
    Da nehmen Sie den Vorwurf hin! sagte Margot zu Leonce. Ihre Neckereien
sind es, die meine liebe Lucile zu dieser Heimlichkeit verfhrt haben; ich
hoffe, Sie bereuen!
    Mehr, wie Sie denken! erwiederte Leonce, ernster, als der Vorwurf es
verdiente. Glauben Sie mir, theure Lucile, ich unterliege, wie Sie, dem
Einflusse dieses Schlosses und dem Nachklingen seiner Begebenheiten, die Armand
uns so lebhaft vorgetragen. Es ist mit dem Gedanken an Fennimor in meiner Brust
ein unaussprechliches Gefhl von Sehnsucht und Schmerz erweckt. In solcher
Stimmung bertreibt man leicht, wenn man nicht einzugestehen wagt, da man
ernster ist, als die gnstigsten Umstnde es rechtfertigen; darum verzeiht mir
Alle!
    Nun, lachte Margot - hier ist ein frmliches Beichtesitzen - eine Demuth
- ein Abbitten; - nur mein Bekenntni fehlt noch, da ich eben so oft weinte,
wie lachte und Euch das Erstere auch nicht sehen lie.
    Es scheint mir, wir haben Alle Ursache, unsere Gste willkommen zu heien;
hob jetzt Armand freundlich an; - ich habe mit meiner Erzhlung Euch Allen den
frohen Lebensmuth getrbt! Unter unbefangenen Freunden, denen wir als Wirthe
unsere Aufmerksamkeit schenken mssen, werden wir alle unsere eigne Natur
wiederfinden.
    Nun hat Armand auch eine Snde gegen uns gebeichtet, rief Margot. - Wir
sind also Alle schuldig, und ich fange hiermit an und vergebe Allen!
    Freundlich blickte Jeder auf das reizende, feurige Mdchen, die, um sich den
Blicken zu entziehen, durch die wilde Vegetation hindurch drang, die, ber den
Rand der Gallerie sich schleichend, nachgerade den ganzen Raum usurpirt hatte.
    Mechanisch folgten ihr die Andern, und pltzlich die Lage erkennend, rief
Leonce: Wissen Sie, meine Damen, da wir vor dem Eudoxien-Thurm stehen?
    Das habe ich gedacht, entgegnete Lucile. - Lat uns denn nher gehen -
sein Anblick wird doch von uns allen heimlich ersehnt!
    Schon rief Margot: Ich bin an der Thr, und sie ist nur angelehnt!
    Armand hielt Lucile einen Augenblick zurck. Sein Herz trieb ihn, ihr im
Geheim ein liebevoll trstendes Wort zu sagen. Leonce eilte daher an ihnen
vorber, und trat hinter Margot in das Eudoxien-Gemach.
    Doch dauerte die herzliche Zwiesprache zwischen Lucile und Armand nicht
lange. Ueberrascht blickten sie auf Leonce, der, aus dem Zimmer zurck auf den
Marquis zustrzend, diesen mit Heftigkeit am Arme ergriff. Armand, rief er,
whrend Todtenblsse und hohe Rthe sein schnes Gesicht abwechselnd berlief -
Armand, was kann das sein? Sie - ihr Bild! - Er stammelte, er war gnzlich
auer Fassung.
    Was ist geschehen? rief Armand erschrocken - was kann Dich so
berraschen?
    O kommt doch - kommt doch! tnte Margots helle Stimme aus dem Gemache.
Schon flog Lucile der Richtung entgegen. Als sie die Thr aufstie, stand Margot
ganz vertieft in den Anblick eines lebensgroen, weiblichen Bildes, und als
Lucile davor hintrat, stie sie mit einem Schreie der Ueberraschung die Worte
aus: Heiliger Gott, das ist sie!
    Ja, in Wahrheit, rief Armand, der schon hinter ihr stand; - das ist das
Bild Fennimors! Zwar nicht dasselbe, was mein Oheim bei sich hatte; aber dennoch
ihr treues, unverkennbares Abbild!
    Und das meiner Schlafenden! rief Lucile. - Ja, ja, ich tusche mich nicht
- es gleicht ihr Zug fr Zug; und gewi sind die Augen mit den langen, schwarzen
Wimpern, die ich geschlossen sah, so tief blau, wie diese! Ja, wendete sie sich
zu Leonce, der, athemlos ihr zuhrend, dennoch Zeit gehabt hatte, sich zu fassen
- ich begreife Ihr Erstaunen! Auch ich glaubte, die lebende Fennimor kme mir
entgegen, als ich hier eintrat.
    Nicht wahr, sagte Leonce zerstreut - es kann selbst starke Nerven
erschttern? Sehen Sie hier - damit wir auer Zweifel sind - diese Unterschrift:
Fennimor Lester, vermhlte Grfin Crecy-Chabanne - gemalt im Jahre der Gnade
1670 von Eustace Leseur.
    Das ist also das zweite Bild, was er malte, welches wahrscheinlich Emmy
Gray fr sich zurck behielt. Ihr werdet Euch dessen erinnern, fuhr Armand fort
- Graf Leonin sagte mir immer, es habe die grte Mhe gekostet, nur Eins von
den Bildern zu erhalten, die Leseur damals machte; und erst, als er seinen
Wunsch aussprach, einen Grabstein darnach anfertigen zu lassen, willigte Emmy
Gray ein, oder lie sich vielmehr das eine, ihr minder liebe Bild wegnehmen.
    Whrend dieser Worte betrachteten Alle das wundervolle Bild des
unsterblichen Leseur. Jeder entdeckte neue Vorzge; Jeder fhlte, es sei mit
Liebe und Begeisterung bis in die kleinsten Einzelnheiten ausgefhrt worden.
    Fennimor war in einem weien, gewsserten Moorkleide gemalt, welches ber
Schultern und Brust mit Agraffen von bunten Steinen befestigt war. Sie sa auf
der von Eichenholz knstlich geschnittenen Bank, die zu dem dazu passenden
Lesepulte gehrte, welches, zur linken Seite geschoben, mit Fennimor in
Verbindung stand; denn ihre eine schlanke, weie Hand ruhte darauf und auf dem
kleinen Andachtsbuche, worauf man Worte las, die es als das neue Testament
bezeichneten. Sie selbst schien sich nur eben davon weggewendet zu haben und
sah, en face genommen, ganz aus dem Bilde heraus, mit einer so wunderbar
anziehenden Stellung des Kopfes, da Jeder fhlte, das habe der Maler nicht
erfunden - die Natur habe es ihm vorgemacht. Ihre tiefen, blauen Augen blickten
mit einem ernsten, begeisterten Feuer; der volle, kindliche Mund, der die
schnste Bogenlinie bildete, war so gut und berredend halb geffnet, da er
erst den Ausdruck der Augen vollstndig erklrte; darber die feine Nase, die
wie von Marmor gemeielt, und ohne dem lieblich runden Gesichte seinen
kindlichen Zuschnitt zu benehmen, dennoch ein reines, griechisches Vorbild war.
Aber die braunen Locken! Man konnte erkennen, da sie Leseur zur Verzweiflung
gebracht hatten. Man htte glauben knnen, er habe sie endlich mit Gold bermalt
und dann blo die Schatten hinein gesetzt; sie glnzten wirklich, und die
Wellenlinien, die ihre zarte Stirn umgaben, hatten erkennbare, feine goldene
Linien. Und dieser Engelskopf ruhte ahnungslos ber dem schnsten Krper! Dieser
vorgebogene, schlanke Hals, wie fein war er auf den Schultern angesetzt - wie
sorglos hielt die Spange die Falten, die ber dem Latze die feinen Formen
umhllten! Keine ppige Flle - eine Psyche, die auf den eben entfalteten
Flgeln noch den zarten Blthenstaub trgt, den selbst Zephir sich zu berhren
scheut!
    Auf einem kleinen Fuschemel stand ihr linker Fu ziemlich hoch, so da die
Bewegung des Oberleibes wie darber hinausgebogen erschien, was ihr einen
bezaubernden Ausdruck von kindlicher Naivitt gab. - In ihrem Schooe lagen
Rosen, als habe sie dieselben im Kleide gesammelt, und die rechte Hand mit dem
reizenden Arme, der unter dem Robenrmel vorsah, hielt oder sttzte sich auf ein
fremdartiges Instrument, das man auf alten Bildern in den Hnden der Engel wohl
als kleine Harfen sieht. Dieses ruhete in den Falten des lang niederfallenden,
reichen, seidenen Gewandes; - und der Hintergrund schien der Purpursammet einer
Tapete.
    Ach, rief Margot - nie sah ich etwas Aehnliches! Ich wollte, wenn sie
lebte, zu ihren Fen liegen! Sie mu, wenn sie gesprochen hat, die Geheimnisse
des Himmels verrathen haben!
    Aber, rief Lucile - sie lebt! Ich sah sie! Ich bitte Dich, Armand - denke
Dir, da die, welche ich in Emmy's Bereiche sah, lebt; da sie vielleicht eine
Verwandte - Gott, da sie vielleicht Fennimors Verwandte ist! Ich bitte Dich,
la uns daran denken, der Alten nher zu kommen; sie mu uns den Eintritt
gestatten - sie darf sich uns nicht lnger entziehen!
    Nein, theure Lucile, la uns in unserem Eifer nicht zu weit gehen! Ihr
knnt mir den Widerstand, den ich, so lange wir hier sind, Eurem Andringen
entgegen setzte, nicht als Eigensinn auslegen. Es ist die Heiligkeit des
gegebenen Wortes, die mich fest sein lt! Die unanrhrbare Stellung, die mein
Oheim dieser armen, gekrnkten Seele auch nach seinem Tode zu sichern suchte,
war von dem vielen Unglcke, das er verschuldet hatte, das einzige, was in
seiner Macht lag, vershnend zu gestalten. Es war ihm gleich, was aus allen
seinen Besitzthmern ward; aber Emmy's Lage zu sichern, mit allen Launen, mit
allen Anforderungen und Thorheiten, die sich im Laufe der Zeit bei ihr einfinden
konnten, dazu schien ihm keine Instruktion bindend, ausreichend genug; - und
wenn er Alles schriftlich und gerichtlich besttiget hatte, nahm er doch auf
eine rhrende und mir unvergeliche Art mich dann noch persnlich in Anspruch,
und ich mute immer wieder aufs Neue ihm das Versprechen geben, sie wie ein
Heiligthum zu ehren.
    Ach, das wollen wir ja eben! rief Lucile. Ich will sie ehren, als stnde
sie wie meine Eltermutter an der Spitze meiner Familie! -
    Vergi nicht, meine Theure, da wir sie nicht nach unserer Weise beglcken
oder ehren knnen! Bedenke, nach dem, was Du weit, die nothwendige Gestaltung
ihres Karakters! - Als ich nach dem Tode des Grafen Leonin ihr zuerst unter
meinem Namen ihre Revenen auszahlen lie, schrieb ich ihr in englischer
Sprache, der einzigen, die sie liest, ich glaube mit dem Ausdruck eines Sohnes
an seine Mutter. Ich bat sie, mir zu gestatten, da ich ihr ausreichendere
Pflege senden drfe; ich bat sie, ihr einen Besuch machen zu drfen! Alles
verfehlte jedoch seinen Zweck. Ich will von Euch Allen Nichts, als ungestrte
Ruhe, und da Niemand meine Rechte in diesem Schlosse anrhrt! Dies stand kaum
leserlich auf einem alten, vergelbten Blatte, das mein Bote mir zurck brachte.
Kinder waren dabei die Mittelspersonen gewesen; Niemand hatte Emmy selbst zu
sehen bekommen.
    Beruhige Dich, fuhr er fort, sich Lucile nahend, die sichtlich durch diese
Rede beschmt und verlegen war. Dein kleines Vergehen, das berdies so spurlos
vorber ging, qult mein Gewissen nicht und belastet Dich weniger, da ich mich
vielleicht niemals so ausreichend ber meine Verpflichtungen aussprach.
    Nun, sagte Margot - es ist immer gut, da Ihr es thatet; denn ich
gestehe, da ich noch einen kleinen Groll gegen Euch im Herzen hatte, wegen
Eures ungestmen Widerstandes, wie wir am Tage nach der Erscheinung am Fenster,
durchaus die Alte besuchen wollten.
    Gewi verdiene ich auch Ihre Verzeihung - erwiederte Armand. Uebrigens
wird es Sie freuen, zu hren, da mir eine andere Aussicht erffnet ist.
    Etwa in dem liebenswrdigen, alten Vikar - oder in Veronika? rief Lucile.
-
    Sie stehen in keiner Verbindung mehr mit Emmy Gray; ich sprach mit Beiden
darber. Die einzige Person, die sie zuweilen sieht, ist ein sehr alter Arzt,
dessen tchtigen Karakter mir die beiden edeln Geschwister sehr loben, und von
dem sie glauben, da er selbst Neigung habe, mich kennen zu lernen. Ich wrde
ihn schon gesehen haben; aber er hat das Physikat des ganzen Kreises, und ein
wichtiges Geschft rief ihn gerade an dem Tage, wo er sich hatte bei mir
anmelden lassen, zu einem fernen Krankenhause der soeurs grises, in welchem sich
bedenkliche Symptome gezeigt haben sollen. Doch enthielt sein Brief eine
ziemlich bestimmte Aufforderung, seine Rckkehr abzuwarten. -
    Die ferne Hoffnung auf den alten Arzt trstete die Damen ber ihre khneren,
durch Armand's Festigkeit vereitelten Plne, und jetzt gewannen sie erst Augen
fr den Eudoxien-Thurm.
    Wir kennen dessen Ausstattung. Fennimor's Sorgfalt hatte zuerst den
Zerstrungen der Zeit entgegengewirkt, in derselben Weise fuhr Emmy gewissenhaft
in seiner Pflege fort, und so war hier Viel zu betrachten; denn auch der Harfion
ruhete in einem Chorstuhle von geschnitztem Holze, und das Betpult der armen
Eudoxia, was, von der Zeit gerttelt, kaum noch wagerecht stand, war dennoch von
jeder Spur der Vernachlssigung frei und lange den wehmthigen Blicken Aller
ausgesetzt.
    Doch entdeckten sie von hier keinen Ausgang weiter, und man trat den Rckweg
an, aufs neue lebhaft von dem Wunsche ergriffen, Emmy in ihrer eigensinnigen und
jetzt so geheimnivollen Einsamkeit nahen zu drfen.
    Zur Zeit der Tafel kam der voraneilende Courier des Grafen von Bussy und
meldete die Annherung der Herrschaften, und die geschickten Diener des Marquis
d'Anville meldeten zugleich die vollendete Einrichtung der Gastzimmer. Nach der
Tafel bestiegen die Herren ihre Pferde, und die Damen besuchten mit gehrigem
Gefolge die Gastzimmer, um eine letzte Uebersicht zu halten und die ihnen
nachgetragenen Blumenvasen nach ihrer Anordnung aufstellen zu lassen.
    Begreifst Du den Zustand, in den Leonce gerieth, wie er das Bild von
Fennimor erblickte? fragte Margot ihre Cousine, als sie, auf einen Balkon
tretend, sich niederlieen, whrend in den Zimmern ihre Befehle ausgefhrt
wurden.
    Ein rascher, fast neckender Blick aus Lucile's Augen traf Margot, die
pltzlich errthend, ihr Gesicht nach dem geffneten Zimmer wendete.
    Nun, sagte Lucile - was weiter - er ist empfnglich fr weibliche
Schnheit; und - gestehen wir es nur - diese Fennimor schlgt Alles nieder, was
an uns selbst in diesem Fache zu loben sein mchte. Doch trsten wir uns, mein
Mhmchen, Bilder sollen uns nicht gefhrlich werden!
    Davon ist auch nicht die Rede, sagte Margot ziemlich ernst. Du mtest
ein seltsames Gemth haben, wenn Armand sogar Deine Eifersucht erregte. Ich
denke, Fennimor knnte leben, und Deine Ruhe wrde an ihrer Seite doch
unangefochten bleiben.
    Lucile lchelte mit inniger Befriedigung. So ist es, meine holde, kleine
Weisheit - und Du hast gut Schlsse machen, da er selbst Deinen schnen Augen
gegenber den standhaften Prinzen machte.
    La' den Spott, Lucile, sagte Margot - wir wollen ein wenig vernnftig
reden. Ich gestehe Dir, Leonce gefllt mir nicht - es fehlt ihm Etwas - glaube
mir, ich habe ihn schrfer beobachtet, als Ihr Alle!
    So! sagte Lucile lachend. Ein seltsames Geschft fr ein junges Frulein
von achtzehn Jahren! Solche Beobachtungen sind, wenn sie scharf sind, leicht
gefhrlicher Natur. Was fangen wir an, wenn Du mit so bedenklichen Dingen Dich
beschftigst?
    Du willst nicht vernnftig sein, Lucile, und ich wre es so gern einmal.
Leonce flt mir den grten Antheil ein; aber ich fhle, da ich ihm nicht
helfen kann; und da ich sehe, da Ihr Alle taub und blind seid, so wollte ich
Dich darauf aufmerksam machen - vielleicht, da Armand durch liebevolle Fragen
ihm zu Hlfe kommen knnte!
    Vielleicht, lchelte Lucile - da Du selbst ihm durch einige liebevolle
Fragen zu Hlfe kommen knntest, auf die er Dir gewi die Antwort nicht schuldig
bleiben wrde. Genug! Du hast Deine Absicht, mein besonderes Interesse fr ihn
zu wecken, nicht verfehlt; doch so leichtsinnig, wie Du glaubst, waren weder
Armand, noch ich. Auch wir sind einig, da ihm Etwas fehlt, auch wir finden, da
er verndert ist; aber wir finden zugleich, da wir ihm nicht geben knnen, was
ihm fehlt, und haben lngst beschlossen, ihn Dir zu berantworten. Da Du ihn nun
so scharf beobachtet hast, so zweifle ich nicht, eine liebevolle Frage
Deinerseits wird Dir sein ganzes Vertrauen erwerben.
    Und Du? rief Margot, bis unter den Scheitel erglhend, indem sie,
ungeduldig mit dem Fue stampfend, aufsprang - Du bist heute nicht zu einem
vernnftigen Worte tauglich! Ich habe Alles vergeblich an Dich verschwendet und
stehe wie ein albernes Kind vor Dir und mu Deine ausgelassene Laune ertragen,
als httest Du Recht! -
    Wenn Euer Gnaden etwas weiter vortreten, werden Sie den Reisezug der
Herrschaften durch das Thal kommen sehen. sprach der Haushofmeister, sich am
Eingange der Thre zeigend.
    Sogleich folgte man der Anweisung, und mehrere Reisewagen, von einigen
Herren zu Pferde begleitet, zeigten sich den erfreuten Damen.
    Noch ein Mal durchliefen sie die Zimmerreihe, die nun, so viel dies in den
Gemchern von Ste. Roche mglich war, ein ansprechendes Ansehen gewonnen hatten,
und eilten dann hinab, ihre Gste zu empfangen.
    Heloise von Guiche, die jetzige Grfin Bussy, war mit Lucile in demselben
Kloster erzogen worden, und spter hatten sie zu gleicher Zeit ihren Platz als
Ehrendamen der Knigin erhalten. Oft verschchtert von den herrschenden Sitten
bei Hofe, hatten Beide ihren Trost in einander gefunden und Beide schtzten sich
mit der ruhigen Zuneigung, die man allein der Achtung schuldig wird.
    Die blonde, jugendliche Heloise hatte die regelmige Schnheit, mit der wir
nach einigen Augenblicken des Erstaunens fertig werden, wenn wir uns berzeugt
haben, da die Seele, die dahinter lebt, ein eben so regelmiger Krper ist,
der auf der Auenseite nie eine Vernderung hervorrufen wird, nach der wir doch
anfangen uns zu sehnen, wenn wir Zeit behalten, unsere Ansprche ber das
Vergngen der Anschauung hinaus zu richten. Man konnte nichts Vollstndigeres
sehen, als ihre rein griechische Gesichtslinie, ihr Haar von hochblonder Farbe,
ihre bewundernswrdige Hautfarbe und die hohe Gestalt, welche die gewhnliche
weibliche Gre berragte und, von einer antiken Flle verschnert, immer an die
Statuen erinnerte, denen wir die Bekanntschaft mit der alten Gtterwelt
verdanken. Dazu kam die plastische Ruhe ihrer Bewegungen, die vorzglich
karakteristisch in der Unbeweglichkeit ihrer wunderschnen Arme und Hnde
hervortrat - genug, sie war eine erstaunenswerthe Erscheinung, der man eher
einen Tempel zur Wohnung, ein Piedestal zum Ruhepunkt angewiesen htte, als das
Gesellschaftszimmer und den Fauteuil. Doch war ihr hierzu Alles anerzogen, was
nthig war, und das immer gleiche, verbindliche Lcheln, der Gebrauch, stets
leise rieselnd zu sprechen, die groe Geflligkeit, Andere nie durch Fragen oder
Gedanken zu belstigen und immer hflich zuzuhren, wenn gesprochen ward, hatten
ihr allgemeine Bewunderung erworben. Lucile de Maurepas wute jedoch, da auer
dieser bequemen, ueren Erscheinung, ihr ein festes, tugendhaftes Herz inne
wohnte, da sie Gefallsucht und Eitelkeit aus reinem weiblichen Instinkte
verabscheute und mit unerschtterlichem Muth alle Verfhrungen abgewiesen hatte,
die an dem Hofe Ludwigs des Fnfzehnten jeder ausgezeichneten Schnheit drohten
und leider mit nur zu viel Bereitwilligkeit von den ersten und vornehmsten
Familien des Adels entgegen genommen wurden, die eine so hoch herkommende
Entehrung aufgehrt hatten, unter sich so zu benennen.
    Dennoch waren beide Frauen, seitdem Lucile de Maurepas, Marquise d'Anville
ward, fast ganz aus einander gekommen, und die bescheidene Heloise, die fr
Lucile eine beinah schwrmerische Bewunderung fhlte, wagte nicht, sich selbst
anzumelden, sondern berlie dies ihrem Bruder, dem jungen Grafen Guiche, der
mit Leonce und Armand befreundet war.
    O, Madame, sagte sie jetzt, von Armand gefhrt, mit der anmuthigsten
Bescheidenheit sich vor Lucile verneigend - was werden Sie zu meinem Besuche
sagen?
    Da Sie immer noch dieselbe Treue und Liebenswrdigkeit besitzen, die ich
wohl bewundern und lieben konnte, aber nie erreichen! Hiermit umarmte Lucile
die schne Heloise und stellte ihr Mademoiselle d'Aubaine vor, welche noch nicht
prsentirt und der Grfin Bussy daher fremd war:
    Meine kleine Muhme, die eben so unartig, als schn, eben so gutmthig, als
ausgelassen ist! Wollen Sie sie unter ihren Schutz nehmen?
    Ach, Madame, wer Ihren Schutz geniet, wird den der ganzen Welt entbehren
knnen, und Ihre schne Muhme soll mich lehren, wie man Ihren Beifall verdient.
- Doch der Graf Bussy wird mir zrnen, ihm so lange den Weg zu Ihnen vertreten
zu haben.
    Graf Bussy war eben so schwarz, als seine Gemahlin wei, und in der Gre
berragte er sie bedeutend. Auf seiner breiten Brust ruhte ein Firmament von
Sternen; denn er hatte in Spanien mit Auszeichnung gedient, und war Oberster
eines Reiter-Regiments. Er hatte den Ernst eines Kriegers auf der breiten Stirn
und blickte muthig und freundlich zugleich, wie das eine so schne
Eigenthmlichkeit dieses Standes zu sein scheint; nur seine Lippen waren zu
stark emporgedrngt; sie bezeichneten den Stolz der Bussy-Rabutin. Er war der
passendste Gemahl fr Heloise de Guiche; denn er war sicher, nie seine
Heftigkeit durch sie erregt zu sehen, nie Grillen oder Widerspruch begegnen zu
mssen, was er Beides nicht gelernt hatte zu ertragen. Dafr schtzte er sie,
wie eine Mutter ihr Kind. Er hatte eine unablssige Aufmerksamkeit fr sie; er
umgab sie mit der hchsten Liebe und war glcklich, ihre schchternen, kaum
wahrnehmbaren Wnsche zu errathen und zu erfllen.
    Angenehm ward die Marquise d'Anville durch die Begleitung von der Prinzesse
de la Beaume, einer alten Tante der Grfin Guiche, berrascht, und mit ihr
stellten sich Graf Guiche und der Chevalier de Vardes vor, Beide gleich
ausgezeichnete Bekannte ihres Gemahls und Schwagers.
    Das Audienz-Zimmer der Katharina von Medicis nahm diese angenehm gemischte
Gesellschaft auf, und Mademoiselle de la Beaume unterlie nicht, nachdem sie von
Leonce Alles erfragt hatte, die Erinnerungen hervorzurufen, die hier so nahe
lagen.
    Ueberhaupt, meine liebe Marquise, fuhr sie fort - halten Sie sich nicht
durch mein weies Haar gegen meine Neugier gesichert; ich bin mit dem
vollstndigsten Willen hierher gekommen, sie so viel, als mglich, zu
befriedigen! Glauben Sie mir, Versailles verga einen ganzen Tag lang, ber den
neuen Hofstaat der Marquise de Pompadour zu scherzen, als wir unser Glck
verkndigten, Ihnen aufwarten zu drfen; und wer nicht irgend ein Wunder von
Ste. Roche zu erzhlen wute, war den Tag nicht de bon ton!
    Dem Himmel sei Dank, Madame! rief Lucile. Der Marquis d'Anville wird aufs
neue Hoffnung fassen fr meine noch mgliche Entwicklung, wenn er an Ihnen
beobachten kann, da die hchste Liebenswrdigkeit sich mit etwas Neugier
vertrgt! Ich war gar zu sehr in Mikredit gekommen; denn ich hatte denselben
Vorsatz, wie Euer Gnaden, und ihn zum Theile schon ausgefhrt.
    O, rief Mademoiselle de la Beaume - wie allerliebst, da ich in Ihnen
eine Verbndete finde! Der Marquis ist wahrscheinlich schon mit Allem, was
Neugier heit, durch Sie vershnt, und wir haben seine Untersttzung sicher. -
Sagen Sie mir nur das Eine, ob wir auch ein wenig graulich wohnen werden; denn
es wre doch entsetzlich, wenn wir nicht in der Nacht ein noch nie erlebtes
Ereigni htten!
    O, ma princesse, rief die Grfin Bussy - darnach trage ich gar kein
Verlangen! Doch, wie kann ich sie annehmen, wo meine theure Marquise herrscht!
    Theure Grfin, lachte Lucile - bis jetzt beherrschen die Phantasien
dieses Schlosses mich mehr, als ich sie! Wir haben uns gestern noch gestanden,
da ber uns Alle ein besonderes Wesen gekommen ist, dem Jeder von uns einen
kleinen, ungewhnlichen Tribut zahlen mute; und wir sahen Ihrer Ankunft mit dem
Vertrauen entgegen, in Ihrer Nhe alle unsere Trumereien zu vergessen. Die
Zimmer brigens, die Sie, ma princesse, bewohnen werden, sind leider mit keinem
besonderen Attentate bezeichnet. Katharina von Medicis lie sie fr die
polnischen Magnaten, die hier vor der Wahl des Herzogs von Anjou ihren
heimlichen Besuch machten, einrichten; und auer Liebestrnken und goldenen
Netzen, wird sich hier nicht Viel nachweisen lassen.
    Ich hoffe doch! sagte die heitere alte Dame - das wird der glorreichen
Frau Knigin nicht Alles nach Wunsche gegangen sein! Irgend einer von den
anwesenden Herren hat sich gegen ihren Willen gestrubt; da ist er denn
verunglckt - von dem Altan gefallen - zwischen den Tapeten verschwunden - der
Nachttrunk hat ihm einen Schlagflu zugezogen - geschweige denn die nothwendigen
Liebesopfer, die Katharina gerade so, wie Gift und Dolch anzuwenden verstand -
genug - ich hoffe, wir erleben etwas!
    Ich bleibe die ganze Nacht auf, sagte die Grfin Bussy - wenn Sie mich so
ngstigen, ma chere tante!
    Still, still, mein Engel! lachte die alte Dame, indem sie sich erhob -
die schnen, polnischen Magnaten werden selbst mit dem Kopf unter dem Arme, Dir
den Respekt nicht versagen, den Deine Schnheit befiehlt.
    Alle erhoben sich nun, um im Hofdamen-Zimmer die interessanten Portraits aus
jener Zeit zu betrachten. -
    Als Margot d'Aubaine am Abende dieses Tages ihre Kammerfrauen entlassen
hatte, ffnete sie, wie es ihre Gewohnheit war, das niedere Fenster, das nach
dem Burggarten fhrte, und setzte sich auf den Fensterrand.
    So viele Gedanken und Gefhle wogten in ihr! Die groen, feurigen Augen
glnzten feucht und blickten so ernst, da man hier kaum das gaukelnde Kind des
Tages wieder erkannt htte. Da flog pltzlich eine Rose so gut gezielt und so
geschickt hinein, da sie Margot wider Willen in der Hand behielt. Leonce!
rief sie unwillkrlich; denn - waren ihre Gedanken mit ihm beschftigt gewesen -
war ihr diese Art, sich anzukndigen, bekannt - genug, sie zweifelte nicht, wer
es sei.
    Nun Sie mich erkannt, drfen Sie weder nach Hlfe rufen, noch vor Schreck
in Ohnmacht fallen, sagte er leise - sondern Sie mssen mir Erlaubni geben,
hinter der Hollunderwand hervorzukommen und mit Ihnen von Herzen zu reden.
    Das werde ich nicht thun, rief Margot, ohne sich vom Fenster zu rhren -
ich werde Ihr unschickliches Verfahren nicht aufmuntern.
    Gut, sagte Leonce - so will ich Ihnen die Verantwortung ersparen! und in
demselben Augenblicke sa er vor ihr in der andern Ecke des Fensters, das er von
Auen mit einem Satze erreicht hatte.
    Jetzt, sagte er, lachend die Arme in einander schrnkend - kann unsere
Gouvernante die Distancen messen und wird Alles in bester Ordnung erklren
mssen.
    Margot senkte den Kopf, um ihr Lcheln zu verbergen. Sie hatte weder zum
Billigen, noch Mibilligen das Herz.
    Und nun, fuhr er fort - theure, liebe Margot, die Masken vom Gesichte!
Nein, wenden Sie sich nicht von mir weg! Denken Sie, da ich diesen tollen
Streich, aus meinem Fenster zu steigen, um das Ihrige zu erreichen, gewagt
htte, wenn mir der Gedanke Ruhe gelassen htte, da ein Miverstndni zwischen
uns treten knnte? Sagen Sie mir, theure Liebe, erkennen Sie mein Herz? Sind wir
uns Beide verstndlich geblieben - und vertrauen Sie meiner treuen Liebe?
    Margot schwieg einen Augenblick - dann fuhr sie rasch empor. Beide kleine
Hnde streckte sie nach ihm aus und rief so innig und zrtlich, wie sie
vermochte: Nein, nein, guter, lieber, edler Leonce, ich verkenne Sie nicht!
Mein Herz begreift Ihre Absichten und - lassen Sie es mich gestehen - mit den
sichersten Hoffnungen fr meine glckliche Zukunft!
    In demselben Augenblicke sprang Leonce auf, und ehe sich Margot besinnen
konnte, umschlang er sie und gab ihr einen herzlichen Ku.
    Ungeheuer! schrie Margot, auer sich vor Schreck; aber schon sa er ihr in
der grten ruhe gegenber.
    Sie haben Nichts mehr von mir zu frchten, sagte er - aber Ihr
allerliebstes Gestndni machte mich zu glcklich!
    Nun, hren Sie weiter! - - Hren Sie nur, rief Margot, zitternd vor
Schreck - man hat uns belauscht - wir sind verrathen!
    Auch Leonce hatte auf dem Altan ber ihrem Fenster die Thren ffnen hren
und erinnerte sich, da hier die Zimmer von Mademoiselle de la Beaume waren.
Still! sagte er leise - sein Sie ganz still - wir werden durch die
Geisterfurcht der alten Dame gerettet werden!
    Ach, Euer Gnaden, rief eine zitternde Stimme - wagen Sie sich nicht so
dreist - Sie haben es selbst gehrt - es ist nur zu gewi, nicht hier drauen
war das Gerusch - hier innen, hinter dem groen Bilde - ach, mein Gott, lassen
Sie mich die anderen Herrschaften wecken, da sie uns zu Hlfe kommen!
    Schweig', Thrin, erwiederte Mademoiselle de la Beaume; - hier von Auen
kam das Gerusch! Ich habe nicht durch tolle Furcht mein Gehr verloren.
    Ach, so sei Gott Euer Gnaden gndig! - Nicht einmal den Rosenkranz haben
Sie am Arme - nun so soll der meinige Euer Gnaden schtzen! - Jetzt hrte man
eine Stimme, wahrscheinlich den Rosenkranz murmeln. Mademoiselle de la Beaume
stand indessen auf dem Altan - eine stille, horchende Beobachterin; - und die
jungen Leute kauerten unten so eingeschchtert, da sie ihren Athem zu frchten
schienen.
    Es ist gewi, da von Auen und zwar unter diesem Balkon das Gerusch sich
hren lie, hob jetzt Mademoiselle de la Beaume mit einer sehr lauten und
ernsten Stimme an. Aber ich sehe ein, da ich nicht berufen bin, diesem
Geheimnisse nachzuspren; nur das Eine mag man sich nicht einbilden, da man
mich durch Gespensterfurcht von der Wahrheit ablenken kann; - kein
berirdisches, sondern ein sehr irdisches Gerusch von Menschen drang an mein
Ohr. Komm', fuhr sie, wahrscheinlich gegen ihre betende Kammerfrau, fort - ich
bin dieser Scene berdrssig!
    Die Thren fielen zu. Beide junge Leute athmeten auf; Margot brach jedoch in
Thrnen aus und rang die Hnde. Ich bin verloren, rief sie - es ist klar, da
sie dort oben Alles gesehen und gehrt hat - ihre Strafrede war an mich
gerichtet! - O, wie unglcklich bin ich durch Ihren unbesonnenen Streich!
    Fassen Sie sich, Margot! rief Leonce, besorgt und bekmmert ber den
Schmerz des guten Kindes. - Ich schwre Ihnen bei meiner Ehre, da Ihr Ruf
darunter nicht leiden soll! Ich wei, da Mademoiselle de la Beaume ein edles,
gtiges Wesen ist; ich eile morgen, ehe wir uns versammeln, zu ihr, und entdecke
ihr unser wahres Verhltni.
    Nein, nein, rief Margot weinend - um Gotteswillen nicht! Ehe mein Vater
Alles wei - ehe er einwilligt und mir vergiebt, darf Niemand darum wissen. -
    Nun, so mssen wir das ungerechte Mitrauen eine kurze Zeit tragen! - Jetzt
zum Hauptzwecke meiner khnen That! Ihr Bruder ist von seiner Wunde fast
genesen; an ihn, wie an Ihren Vater habe ich geschrieben, und von Ersterem
gestern eine vllig gengende Antwort erhalten; er selbst ist auf dem Wege nach
Montreal, um Ihrem Vater die Ursache des Duelles selbst zu erzhlen und der
Wahrheit nach die Schuld des ganzen Vorfalles auf sich zu nehmen; - dann, hoffe
ich, werden meine Grnde Eingang finden und dann - -
    Gehen Sie, Leonce, rief Margot ngstlich, die Hnde vorsteckend; denn sie
schien seine schnellen Manieren zu frchten - ich hre Ihnen schon viel zu
lange zu.
    Aber, sagte er neckend - Sie haben nun doch gerade so lange zugehrt, um
Alles zu erfahren, was Sie selbst gern wissen wollten. Adio, Mhmchen, jetzt
hoffe ich, trocknen Sie Ihre Thrnen und trumen von Ihrem Vetter - oder -
    Fort, fort! Kein Wort mehr! rief Margot, sprang in ihr Zimmer hinein und
schlo, da Leonce im Nu verschwunden war, vorsichtig die Fensterflgel. -
    Wer zur Sommerzeit auf dem Lande, in einem Kreise liebenswrdiger Menschen,
begnstigt von ueren Annehmlichkeiten, eine kurze Zeit zubrachte, wird wissen,
da Jahre in der Stadt, mit denselben Menschen verlebt, nicht so zu nhern
vermgen, als einige solcher lndlichen Wochen.
    Es war, als ob von Allen sich die Hemmungen ablsten, die sich nach und nach
in den geselligen Zustnden der Stadt anknsteln. Der Schlepprock und der Fcher
wich dem bequemen Kleide, welches der Promenade, dem Fahren und Reiten und auch
dem vorkommenden leichten Sprunge, oder dem geschickten Rennen gnstiger war,
und der Sonnenhut ersetzte den Fcher, um die Hand frei zu lassen fr die
kleinen Spiele des Federballes oder der seidenen Reifenschnur. - Die Herren
hatten keine Uniformen, keine Orden mehr; der leichte seidene Rock zeigte nur
bei Tafel Stickerei und den sthlernen Galanteriedegen.
    Und wie diese ueren Pallisaden nach und nach verschwanden, so trat auch
Geist und Gefhl ohne Reifrock in natrlicherer Grazie hervor - und die
glckliche Mischung der Gesellschaft gab ein ungemein angenehmes Zusammensein.
    Dennoch fhlten Margot und Leonce mitunter den scharfen Blick von
Mademoiselle de la Beaume; ja, selbst die hfliche und bestimmte Weise, mit der
sie das unter der Dienerschaft verbreitete Gercht einer nchtlichen Strung von
sich abwies, enthielt fr Beide die demthigende Gewiheit, da das Frulein
ihrer Sache sicher zu sein glaubte und sie zu schonen dachte.
    Dies trbte zuweilen die Stimmung der kleinen Margot, die - ein Gegenstand
von drei gleich eifrigen Bewunderern - sonst ein ganz heiteres Leben fhrte.
Auch waren die beiden jungen Fremden ganz dazu geeignet, Leonce in Athem zu
halten, wenn er darauf bedacht war, ihnen den Rang abzulaufen; denn der
Chevalier de Vardes war, ungeachtet eines fast hlichen, von den Pocken
verdorbenen Gesichtes, doch in hohem Grade liebenswrdig durch Witz, Heiterkeit
und tausend kleine, gesellige Geschicklichkeiten und, wie es schien, von
Margot's schnen Augen bezaubert. Gefhrlicher aber noch erschien der junge Graf
Guiche. Er war seiner Schwester sehr hnlich, und Beide htten, ohne Ausstellung
der Kritik, fr das schne Geschwisterpaar der alten Gtterwelt gelten knnen.
Aber der junge Guiche besa auch die belebende Schnheit des Geistes und eine
wrdevolle Ruhe des Karakters, die mit seiner plastischen Schnheit aus einem
Gusse schien. Er war nicht, wie Vardes, der haschende, flatternde Schmetterling,
der die Blume ewig neckend umspielt - er erinnerte an den Sonnenstrahl, von dem
Leonce gescherzt, der ruhig und in gleicher Wrme auf der Knospe ruht,
sehnschtig ihre geschlossenen Bltter betrachtend.
    Es war, als ob Margot vor diesem Blicke, dessen Ursprung sie mdchenhaft zu
errathen schien, sich zuweilen zu flchten suchte, als knne sie ihn nicht mehr
ertragen; und als ob sie dann nur bei Leonce Zuflucht fnde, so eilte sie zu
ihm, der sie immer schon zu erwarten schien. Besonders aber hatte eine
unbedeutende Veranlassung die Gefhle des jungen Guiche so sehr verrathen, da
Margot seitdem vor ihm floh, um jede weitere Veranlassung zu vermeiden. Eine
Flucht wilder Tauben hatte nmlich die Reiter auf einem Waldwege beinah
berfallen, und Margot, die den Zug anfhrte, war in den ersten Schwarm gekommen
und fast von ihnen bedeckt. Ganz auer sich, Alles vor sich niederrennend und
stoend, war Guiche in diesem Augenblicke, wo er sie bedroht hielt, an ihre
Seite gestrmt. Er hatte ihren Vornamen mit Accenten einer Leidenschaft genannt,
die von Niemandem wieder vergessen wurden; fand aber zu seiner groen Verwirrung
ein ganz ruhiges Pferd und eine, nur durch seine Heftigkeit, bestrzte Reiterin,
die ihn kalt zurckwies und jede Gefahr ablugnete.
    So standen die Verhltnisse, als eines Morgens ein Bote aus Ardoise einen
Brief an die Marquise d'Anville brachte, in welchem sich eine Einlage mit der
Adresse: an Mi Elmerice Eton, befand. Die Tante schrieb der Marquise auf das
zrtlichste und liebevollste und bat sie, diesen Brief an ihre junge Freundin
Mi Eton abzugeben, von der sie so eben hre, da sie sich in Ste. Roche bei
Mistre Gray befinde. Ich sage Dir nicht, was ich wnsche, fuhr dieser
liebenswrdige Brief fort; denn ich wei, was meine Lucile nach Empfang dieser
Nachricht thun wird; ich wnsche Dir blos Glck zu der Dir und mir gleich
unerwarteten Gelegenheit, meine liebenswrdige, junge Freundin kennen zu lernen,
und wnsche und hoffe, da Du ihr die schwermthige Einsamkeit, mit der sie eine
Piett gegen die alte, ihr wunderbar ergebene Frau zu erfllen denkt, in Etwas
durch Dein Hinzutreten erleichterst.
    Unbeschreiblich war der Jubel, mit dem Lucile, den Brief in der Hand, zu
ihrem Gemahle lief. Jetzt, jetzt, mein Lieber, habe ich den Schlssel zu Emmy's
Heiligthume! Jetzt ist mein Geist erklrt - jetzt kenne ich den schlafenden
Engel in Emmy's Gemache - Elmerice Eton ist es, an die ich einen Brief von Tante
Franziska in Hnden halte!
    Nach einigen Erklrungen theilte der Marquis die Freude ber die gute
Nachricht und begann mit Lucile Plne zu entwerfen, wie man sich Elmerice nhern
sollte.
    Lucile stimmte endlich ein, sich mit Margot nach dem Frhstcke zu Veronika
zu begeben und von ihr den Weg zu erforschen, diesen Brief in die Hnde der
jungen Dame zu bringen; bis dies geschehen und die Antwort erfolgt sei, wollten
sie den Uebrigen ihre Entdeckung verschweigen.
    Es gab nichts Lieblicheres, als die junge Marquise bei Veronika einkehren zu
sehen. Dem Alter gegenber, entuerte sie sich all ihrer Vorrechte und war wie
ein liebenswrdiges Kind, das, aus der Schule kommend, die Gromutter
umschwrmt. Dagegen erschwerte Veronika ihr diese Hingebung auch nicht durch
eine frostige oder ironische Zurckhaltung, die so oft, blos aus Hochmuth und
Ungeschick zusammengesetzt, geringere Frauen zu den vielen Migriffen verleitet,
die es den hheren Stnden mit Recht verleiden, ihren Umgang zu suchen; da sie
durch solche Manieren, mit anscheinender Uebergehung ihrer menschlichen
Verdienste, immer an die Aeuerlichkeiten ihrer Vorrechte erinnert werden, und
um so mehr, da einem solchen Benehmen die leicht durchblickende, hochmthige
Versicherung zum Grunde liegt, da man seine Rechte durch freundliches
Entgegenkommen beeintrchtigt frchte und sich glaube entbehren zu knnen, wenn
nicht von der anderen Seite Alles zuerst geschehe.
    Veronika hatte, den hheren Stnden gegenber, die Naivitt eines edeln
Naturells, und ihr war in diesem, wie in jedem anderen Stande, Jeder lieb, der
etwas Rechtes war; und sie sah keinen Grund, ihr Wohlwollen zurckzuhalten, weil
es zufllig einen Adligen traf.
    So hatte sie auch mit Lucile und Margot eine Art mtterliches Liebhaben und
innige Freude an Beider schnem Naturell. Sie hatte schon gelernt, ihnen eine
Freude zu machen; und wenn man durch die Blumenbeete ging, sah man kleine Mtzen
von weiem Papiere sich auf den schlanken Stengeln schaukeln, und Rose und
Nelke, oder sonst eine zarte Blume, muten ihre Reize schonen, bis die lieben
Damen vom Schlosse kamen. Dann fhrte Veronika sie vor die Beete und nahm den
Blumen hflich ihre Mtzchen ab; und wenn sie ihr schnes Kpfchen, von der
Sonnenglut unversehrt, hervorstreckten, klopften die jungen Frauen vor Freude in
die Hnde, und Veronika schnitt sie dann vom Stock und machte ihnen zur Tafel
Strue davon.
    Heute sa Jede schon mit ihrem Strau in der Hand in der khlen Halle vor
Veronika und beeiferte sich, von den lieben Gsten zu erzhlen, und Veronika
begleitete ihre Erzhlung mit Ausrufungen, Fragen und wohlgeflligem Nicken
ihres kleinen, weien Kopfes.
    Jetzt erzhlte ihr die Marquise von ihrem Besuche bei Emmy Gray. Auch
Ihnen, liebe Mademoiselle Veronika, habe ich meine Snde verborgen; denn wie
mute ich Ihnen vollends vorkommen, die Sie von allen solchen Thorheiten frei
sind.
    Ach, lchelte Veronika - das hat Alles seine Zeit, liebe Marquise! Ich
bin alt geworden mit den Dingen dort, und Geheimnisse sind es so eigentlich fr
mich nicht; - aber irgend wie und wo regt sich in uns Allen einmal die Neugier!
Zum Beispiel jetzt, da gbe ich viel darum, ich knnte einen Blick in die alten
Gemcher thun. Denn, sehen Sie, die junge Schnheit, die Sie dort gesehen haben,
an der hngt mein Herz, und ihre Lage will mir gar nicht gefallen. -
    Ist es mglich! Sie kennen Mi Eton - fr die wir heut Morgen von Tante
Franziska einen Brief empfingen und die Aufforderung, sie aus ihrer Einsamkeit
zu ziehen? -
    Ja, meine lieben Damen, ich kenne sie; - und wer sie kennt, wird sie nie
vergessen! Dann erzhlte sie ihnen, was wir bereits wissen, und verschwieg
ihnen auch nicht die wunderbare Aehnlichkeit mit Fennimor, welche eben die
leidenschaftliche Zuneigung der alten Mistre Gray erregt habe.
    Aber, sagte die Marquise - wie machen wir es nur, um Mi Eton den Brief
zuzustellen? Mssen wir warten, bis der alte Arzt zurckgekehrt ist, oder knnen
wir ihn der kleinen Asta anvertrauen?
    Beides ginge wohl, erwiederte Veronica; - aber Anderes habe ich seit
lange beschlossen, und diese Veranlassung soll es zur Ausfhrung bringen. Wollen
Sie mir den Brief an Mi Eton anvertrauen, so will ich versuchen, ihn selbst zu
bergeben.
    Wirklich? riefen Beide berrascht; - und glauben Sie Eintritt zu
erlangen? -
    Ich werde durch Asta Mi Eton schriftlich darum bitten, sie besuchen zu
drfen; - und fast glaube ich, die Alte wird mich nicht zurckweisen, wenn Mi
Eton es fr passend hlt, meinen Besuch zu wnschen. - -
    Das gebe denn Gott! rief Margot - und, liebste Veronika - sehen Sie sich
Alles recht genau an; behalten Sie sich Alles, was Sie sehen, und erzhlen Sie
es uns dann recht genau wieder. Sie glauben nicht, welch Verlangen ich nach
diesen Geschichten habe; sie stren oft meine Nachtruhe!
    Ach, lachte die alte Veronika schelmisch - die Nachtruhe wird wohl durch
das Getreibe dort nicht in Aufruhr kommen! Ich habe so allerlei gehrt, mein
kleines, schnes Frulein, was mir dazu einen anderen Schlssel giebt. Nun,
werden Sie nur nicht so glhend roth, mein Liebchen - es hilft Ihnen doch nichts
und es ist zum Freien und Gefreitwerden eine schne Zeit. Sehen Sie nur, wie
prchtig meine Orangen blhen! Wei Gott, ich schneide Ihnen die schnsten
Zweige heraus, wenn Sie mit dem lieben jungen Marquis herunter kommen und sagen:
wo hast Du nun Deinen Kranz?
    Lucile lachte ausgelassen; doch Margot winkte der Alten ungeduldig, zu
schweigen, und rief dann Gott und Menschen zu Zeugen ihrer Unschuld. - Da war
jedoch Niemand, der ihr glaubte, und sie schalt nun liebkosend die alte
Veronika, die mit Lucile fortfuhr, sie auszulachen.

Elmerice fhrte indessen ihr Schwermuth nhrendes Leben mit der ergebenen
Schwrmerei fort, die fast von ihrer Gefhrtin verlangt und auch durch die
wunderliche Situation untersttzt ward. Seit dem Tage, wo wir sie mit Emmy auf
dem Wege zu dem Eudoxienthurme verlieen, hatte sich ihre schwermthige Ansicht
des Lebens und ihre Abneigung, in die Welt zurck zu kehren, noch erhht.
Nachdem sie Fennimors Bild gesehen, berraschte ihr eignes Spiegelbild sie mit
der Aehnlichkeit, und sie weigerte sich von da an nicht mehr, sich fr die
Enkelin der gekrnkten Grfin Crecy zu halten; aber zugleich hrte sie, da die
unrechtmigen Erben gekommen seien, das Eigenthum ihres Vaters in Besitz zu
nehmen. - Und als sie die verhngnivollen Namen erfuhr, flehte sie Emmy aufs
Neue an, sie nicht in diese Ansprche hinein zu ziehen, sondern sie zu schtzen
und zu verbergen, damit auch jede Berhrung mit jenen Bewohnern unmglich werde.
    Doch hatte sich ihr Spielraum im Schlosse erweitert. Der Eudoxienthurm ward
ihr Lieblingsaufenthalt. Zur Nacht, wenn gegenber in dem anderen Flgel des
Schlosses die Lichter angezndet wurden, schlich sie an Emmy's Seite auf den
kleinen Altan, der von hier in den Hof sah, und blickte in die erleuchteten
Rume, in denen sie nach gerade die Verwandten der Grfin d'Aubaine aus ihrem
Betragen zu einander, kennen und unterscheiden lernte. Ach, welche Schmerzen sog
sie ein; - wie verfolgte sie besonders das junge, schne und glckliche Mdchen,
das Margot d'Aubaine sein mute; - und wie hielt sie die, ihr durch den Brief
der Grfin Franziska verrathenen Wnsche der Familie bereits erfllt, wenn sie
die zrtliche Aufmerksamkeit sah, die ihr von ihrem jungen Vetter Leonce zu
Theil ward! Sie dachte an Leithmorin, an den Kreis ihrer jungen Freunde, und wie
sie damals, wie Margot jetzt, der Gegenstand der Liebe Aller war. Dann kam sie
sich alt und von der ganzen Welt verlassen vor und gelobte sich, fr das theure
Wesen zu leben, das sie mit so uneigenntziger Liebe umfing. Wenn dann die
Lichter erloschen, und die geselligen Rume wieder in Dunkel gehllt waren,
blieben Elmerice's Augen noch lange darauf ruhen und schienen immer noch zu
sehen, was sich dort eben bewegt hatte!
    Mit unermdlicher Geduld sa ihr Emmy Gray die langen, schweigsamen Stunden
gegenber. Fr sie war das Anblicken ihres Lieblings die seste Unterhaltung; -
und Jahre lang von jeder Mittheilung entwhnt, hatte sie das Wort nicht mehr
nthig. Aber Elmerice lie ihren Empfindungen nie so eigenntzig Raum, da sie
die Zustnde Anderer darber aus den Augen verloren htte, liebreich zur Alten
gewendet, wute sie mit ihnen wieder abzuschlieen, um ihren Ideenkreis zu
erfllen. Dagegen unterrichtete Emmy sie nach gerade von allen Geheimnissen des
Schlobaues; und so hatte Elmerice durch die ganz verfallenen Hofdamen-Zimmer
die geheimen Eingnge kennen gelernt, die nach dem Eudoxienthurme und nach den
Geheimzimmern der Katharina von Medicis fhrten. Mit der romantischen
Liebhaberei der Jugend suchte sie diese Rume auf und wute mit Emmy's Hlfe
wenigstens, den Jahrhunderte alten Staub und Moder in Etwas zu vertreiben, wenn
sie auch ihr Zerstrungswerk, in Gesellschaft der Holzwrmer, nicht mehr
aufhalten konnte.
    Dennoch waren diese Zimmer eine Ausbeute fr den nachdenkenden Geist einer
jungen, gebildeten Person. Die unsterblichen Snger ihres Vaterlandes
begleiteten die stolze, italienische Frstin berall; ihre Werke standen in
prachtvollen Einbnden, die, wie Kstchen von kostbarer Arbeit, die
Pergamentbltter bewahrten, in Bchergestellen, die, von unverwstlichem
Zederholze kunstreich geschnitzt, ihre Schtze fest zu halten gewut hatten.
Hier fand Elmerice die zu jener Zeit modernen, damals schon vergessenen,
franzsischen Dichter, die alten Minnesnger, die Provenalen mit ihren reichen,
poetischen Schtzen; daneben seltene und wichtige Geschichtsbcher, Schriften
staatsrechtlichen Inhalts, eine kleine Anzahl geistlicher Bcher: die Lehren der
Jesuiten an Knige und Staatsmnner, pbstliche Breven - Auszge aus Schriften
ber ihre hierarchische Wirksamkeit; - und endlich eine im Verhltnisse sehr
kleine Anzahl Gebetbcher, alle im Geiste der damaligen Zeit, mit herrlichen
Miniaturen verziert.
    Tagelang fand Elmerice hier Beschftigung, und ihre Kenntni der
italienischen Sprache ward unwillkrlich wieder erweckt. Dazu kam, da sie sich
hier - wenn sie, von der geheimen Unruhe ihres Herzens getrieben, Fennimors
Zimmer verlassen wollte - gesicherter fand; denn den Eudoxienthurm wagte sie
nicht wieder zu betreten, da ein Besuch, der sie bis zum Banketsaale gefhrt
hatte, fast mit ihrer Entdeckung geendigt htte; indem sie es war, deren davon
eilende Gestalt Leonce damals an seinen Sinnen zweifeln lie. - Emmy war fast
immer ihre Begleiterin; sie gewhnte sich, ihre Spindel mitzunehmen und sa
Stunden lang neben ihrem lesenden Liebling und geno vielleicht noch alles
Glck, von dem sie je getrumt hatte. Dadurch ward auch im Ganzen ihre Seele
milder, sie verlor ihren starren Willen; ja, sie schien oft zu wnschen, ihre
stille, engelgleiche Gefhrtin mchte ihr irgend einen Befehl geben, eine
Anordnung treffen, der sie sich fgen knne. Aber sie ahnte nicht, wie klein die
Wnsche eines Herzens sich zusammen falten, das, in seiner strksten,
jugendlichen Empfindung zurckgedrngt, sich berdies gekrnkt und verrathen
glaubt.
    So umsonst schien ihr jeder Besitz - so gleichgltig vor Allem, was ihr
davon zu Theil ward, da, was sie empfing, immer ausreichend war und ihre
Wnsche und Ansprche berbot!
    Als sie Veronika's Briefchen erhielt, fragte sie Emmy, ob sie wolle, da sie
die gute Alte empfinge; Emmy glaubte einen Wunsch zu errathen und willigte
augenblicklich ein.
    Wie wenig Veronika auch die Empfindungen der Madame St. Albans theilte,
konnte sie doch kaum ihr Erstaunen unterdrcken, als sie die Vernderung
wahrnahm, die hier vorgegangen; denn obwol Veronika seit Fennimors Todtenfeier
nie mehr das Schlo betreten hatte, so kannte sie doch durch ihren alten
rztlichen Freund die bisher hier herrschende Einrichtung hinreichend.
    Ja, ja, Veronika, die Zeit hat Euch nicht verschont, sagte Emmy, von ihrer
Spindel aufblickend; - ich kann es bezeugen, Ihr blhtet wie Eine! Mein Engel
sagte oft, Ihr wret ein wahres Rschen; - und sie hatte doch an sich den
Maastab, was dazu gehrte, denke ich!
    Nun, Emmy, was thut es? rief Veronika heiter - mir ist mein Alter
bequemer, wie meine Jugend! Ich hatte ein Hasenherz in der Brust und frchtete
mich vor jedem dreisten Blicke, da ich in die Wlder htte rennen mgen! Jetzt,
Emmy, lt mir mein weies Haar schon Ruhe. Da kmmt die alte Veronika, hre ich
sagen; man grt und dankt und nimmt von mir, ohne mich dabei zu beugeln. Da
bin ich meinerseits viel freundlicher und redseliger, und mir ist damit eine
Brde von den Schultern.
    Soll wohl sein! erwiederte Emmy; - und lang ist es auch, da wir uns
nicht sahen! Ihr habt damals Viel fr meinen Engel gethan - und zuletzt die
kleinen weien Glieder in den Sarg gelegt - ich danke Euch dafr, Veronika!
    Selbst mochte sie fhlen, wie versptet dieser Dank nachkam; denn prfend
blickte sie zu Veronika auf und suchte, weiter sprechend, ihre Gedanken zu
errathen. Ein spter Dank, nicht? fuhr sie fast freundlich fort. Nun, Jeder
hat seine Art - und Emmy's Art wird nicht Vieler Art sein! -
    Doch jetzt lebt Ihr auf, Emmy, und unser liebes Frulein giebt Euch dazu
Veranlassung. Nun, das ist schn! Euch ist eine Herzenserquickung wohl zu
gnnen!
    Mit diesen Worten verlie sie Emmy, welche ihr wohlgefllig nachsah, und
setzte sich zu Elmerice, die sie noch ein Mal herzlich begrte.
    Eine rechte Herzenssehnsucht hatte ich nach Ihnen, mein liebes Kind, sagte
Veronika; - aber ich wei wohl, wie es hier steht; man darf nicht viele
Versuche machen; - doch, hoffe ich, geht es Ihnen gut.
    Ja, gut! Gewi, sehr gut! sagte Elmerice bewegt; - so viel Liebe, wie mir
hier entgegentritt - wie sollte sie mich nicht beglcken!
    Emmy erhob sich bei diesen Worten und verlie das Zimmer; Veronika bergab
Elmerice den Brief der Grfin d'Aubaine und legte ihr den Wunsch der
Schlobewohner vor, sie bei sich in ihren Kreis aufzunehmen. Elmerice errthete
und erblate abwechselnd so oft bei diesen Worten, da Veronika besorgt nach
ihrer Gesundheit fragte.
    Sie ist vollkommen gut, antwortete Elmerice, mit gesenkten Augen und kaum
Athem findend. Der Brief meiner theuren Grfin bewegt mich nur! -
    Ei, ei, mein Kind, Sie sind doch sehr reizbar, wie mir scheint! Es kann ja
nur Liebes und Gutes darin stehen. Aber ich sehe wohl, die weise Dame hat Recht!
Sie ist sehr besorgt um Ihr einsames Leben; und wnscht lebhaft, Sie in den
Kreis ihrer Familie aufgenommen zu sehen. -
    O, niemals, niemals! rief Elmerice heftiger, als sie selbst wollte. Nein,
theure Veronika, setzte sie dann gefater hinzu - hier werde ich bleiben -
hier ist mein Platz! Wenn ich diesen verliee, mte ich augenblicklich zur
Grfin d'Aubaine zurck. Diese heiteren, geselligen Kreise sind nicht fr mich;
- ich fhle die entschiedenste Abneigung dagegen! Nein, ich bitte Sie, Veronika,
vermitteln - entschuldigen Sie meinen unwiderruflichen Entschlu, hier in der
Einsamkeit bei Emmy Gray zu leben und jeden Umgang abzulehnen, der meine alte
Freundin beunruhigen knnte und ihren kaum gemigten Gemthszustand aufs neue
aufregen.
    Das ist sehr edel, mein Kind - sehr aufopfernd, sagte Veronika; - doch
thut es mir herzlich leid, da Sie sich selbst dabei so ganz vergessen. Emmy
Gray hat eine wunderliche Art und Weise - wird es auch die rechte sein fr ein
junges, reizbares Wesen, wie Sie?
    Zweifeln Sie nicht, sagte Elmerice - es ist kein Opfer - ich bleibe gern,
aus eigner Neigung; - ich wrde jetzt sogar weniger gern zur Grfin d'Aubaine
zurckkehren.
    Und doch, sagte Veronika - wenn Sie die lieblichen Frauen dort nur
kennten, wrden Sie es vielleicht nicht so bestimmt ablehnen, mit ihnen
umzugehen. Ach, die Marquise, wie mte sie zu Ihnen passen! Ich habe eine
rechte Liebe zu ihr; - und von der kleinen, holden Margot knnte ich mir
ordentlich Aufheiterung fr Sie versprechen; denn das liebe Kind ist ein Bild
des Glckes und der Heiterkeit.
    Ach, dann pat sie nicht zu mir, rief Elmerice, in Thrnen ausbrechend -
und ich mu ihre Nhe fliehen, um ihr Gemth durch meine Schwermuth nicht zu
verletzen.
    Liebes Kind, rief Veronika - wie sind Sie so unglaublich hypochondrisch -
wie beunruhigt mich Ihre Stimmung, und wie ganz anders wrde sie sein, wenn Sie
ein wenig Theilnahme htten fr meine jungen Freunde! Sie, die Alles so
mitfhlen - wie wrde Sie eine glckliche Ehe, wie dort an Zweien zu sehen ist,
erfreuen; - und dann das Andere, was im Werke mit der kleinen Margot! Man sagt,
sie ist die Braut des Marquis Leonce; und das sieht sich doch hbsch mit an,
wenn so gut geartete, junge Leute sich lieb haben und endlich suchen und
finden!
    Genug, theure Veronika! sagte Elmerice pltzlich kalt und ernst. Ich
bitte Sie um die Erlaubni, whrend Ihrer Anwesenheit einige entschuldigende
Worte an die Frau Marquise schreiben zu drfen, die Sie ihr dann in meinem Namen
geben wollen.
    Also keine andere Entscheidung? sagte Veronika, schmerzlich getuscht.
Das pat doch kaum zu der Gte und Sanftmuth, die ich an Ihnen kenne! Was ist
das, mein liebes Kind? Sein Sie offen; - hat Emmy schon in Ihrer schnen Seele
Unheil angerichtet?
    Vielleicht, sagte Elmerice, mit einem unverkennbaren Anfluge von Stolz -
vielleicht wrden Sie mir selbst rathen, so zu handeln, wenn es mir erlaubt
wre, Ihnen die Grnde auszusprechen, die mich dazu bestimmen. Emmy Gray hat
keinen Einflu auf meine Abneigung, mich dieser Familie anzuschlieen; und der
Werth derselben, von dem ich selbst berzeugt bin, vermag eben so wenig meinen
Entschlu zu ndern. - Meine Achtung fr Sie und Ihre Theilnahme kann es allein
entschuldigen, da ich so Viel sage; nehmen Sie es jedoch wie ein Geheimni
zwischen uns!
    Veronika blickte wehmthig in die wunderschnen Zge des tief bewegten
Mdchens. Sie hatte sie noch nie so gesehen; aber es lag eine solche Wahrheit
der Empfindung, ein so fester Entschlu, ein so edles Selbstgefhl in ihrem
Wesen, da Veronika sich berzeugt fhlte, sie msse so handeln; - und
gromthig gab sie ihre Absicht auf, den Vorsatz des jungen, verlassenen
Mdchens zu erschttern.
    So gebe Gott, da es das Rechte ist! sagte sie liebevoll; - ich will mir
nicht anmaen, ferner darber urtheilen zu wollen. Gehen Sie, mein Kind -
schreiben Sie Ihren Brief an Madame d'Anville, ich werde Sie hier erwarten. -
    Als sich Elmerice vor Fennimor's kleinem Schreibtische niedersetzte,
forderten die zurckgedrngten Empfindungen des jungen Mdchens ihren Tribut. In
Thrnen ausbrechend, fhlte sie noch ein Mal die namenlose Gre ihres
Entschlusses; und die heiesten Schmerzen der Jugend - die eines gekrnkten und
verrathenen Herzens - waren hier in der Einsamkeit nicht in demselben Maae, wie
eben vor Veronika, von ihrem edeln weiblichen Stolze behtet; - sie verlangten
noch ein Mal ihre ganze Herrschaft ber dies junge Herz! -
    Wir wollen die Minuten nicht zhlen, die ihr so vergingen, und denken, da
sie sich schnell genug zu retten wute, da sie, gegen sich selbst treu und wahr,
immer von dem edeln Stolze beseelt ward, dessen Element die Selbstachtung ist.
    Fennimor, sagte sie, sich aufrichtend - Dich konnte in Deiner hohen,
menschlichen Stellung Keiner erreichen, der mit dem Scheine der weltlichen
Vorrechte Dich blenden und verschchtern wollte. Du bliebest, was Du warst - ein
erhabenes Vorbild Deiner standhaft behaupteten Rechte! Ich bin Deine Enkelin,
und so wahr mir Gott helfe, ich will vor Deinem Andenken nicht errthen mssen!
    Sogleich schrieb sie:
    Euer Gnaden haben, veranlat durch die Aufforderung der Grfin d'Aubaine,
mich mit der Erlaubni beehrt, Ihnen aufwarten zu drfen. Indem ich dem
Ausdrucke meiner grten Verehrung fr Euer Gnaden, die Versicherung meiner
Dankbarkeit hinzufge, bin ich zu gleicher Zeit genthigt, diese Auszeichnung
ablehnen zu men, da meine augenblicklichen Verhltnisse mir jede Vernderung
meiner Lebensweise verbieten.
    Voll Hochachtung mich empfehlend
                                                                 Elmerice Eton.

    Ein stolzes, mitleidiges Lcheln berflog Elmerice's schnes Gesicht, als
sie ihren Namen unterschrieb; und sie ging mit diesem Briefe in der Hand, festen
Schrittes zu Veronika zurck, die sie an Emmy's Seite und vertraulicher mit ihr
redend fand, als die alte, harte Frau es wohl wenige Wochen frher fr mglich
gehalten htte. Auch war ihr eine gewisse Verlegenheit anzumerken, als Elmerice
vor ihnen stand. Sie war selbst berrascht, in die gewhnliche Menschenweise
bergegangen zu sein; - ja, es schien ihr vor Elmerice, als habe kein Anderer
ein Recht an sie - als sei sie ihr damit zu nahe getreten.
    Nun, nun, sagte sie - meinem Engel gehrt meine Zeit und Alles, was so
eine alte Frau von Liebe noch in ihrem Herzen hat. - Ihr seid eine Schwtzerin
geworden, Veronika; - und mit Zuhren und Antworten kmmt denn so Etwas heraus!
    Gutmthig lchelte diese, wohl verstehend, was in Emmy vorging, und war
daher auch zugleich bereit, ihren Besuch zu beendigen, um nicht einen Eindruck
hervorzurufen, der ihrem Wiederkommen hinderlich wrde, was sie Elmerice's
wegen, die ihr bedenklich gestimmt erschien, herzlich wnschte.
    Aufs neue aber betrbte sie die abschlgliche Antwort ihrer jungen Freundin,
als sie die liebenswrdige Ungeduld der Marquise d'Anville sah, die sich bei
Lesung des kleinen Billets bald in gutmthige Besorgni auflste.
    Meine liebe Veronika, rief sie - was werden wir nun machen? Das thut
nicht gut. Die Antwort ist eben so hflich, als kalt abweisend - sie verdeckt
etwas! Meine Tante Franziska wird sehr beunruhigt werden, und wir drfen,
frchte ich, unsere Bemhungen noch nicht aufgeben.
    Lassen Sie uns warten, bis der alte Arzt kmmt, sagte Veronika sinnend. -
Er ist nicht umsonst in so hohem Alter; vielleicht fllt ihm das Rechte ein.
Auch hat er den Ungestm, der oft recht wohlthuend Bahn bricht da, wo
feinfhlende Menschen lange vergeblich umher gehen.
    Die Damen saen in dem Salon, in welchem man sich zur Mittagstafel
versammelte. In diesem Augenblicke trat Leonce ein, und erfreut, Veronika zu
sehen, eilte er, an ihrer Seite Platz zu nehmen.
    Wenn Sie Anderes im Sinne htten, als Margot zu necken und mich damit zu
krnken, rief Lucile - wrde ich Ihnen mein Vertrauen schenken; - aber so - -
    Versuchen Sie es, erwiederte Leonce freundlich - ich bin nicht so ganz in
einer Richtung verloren, da ich nicht durch Sie in eine andere bergefhrt
werden knnte.
    Nun, sagte Lucile - so will ich es versuchen! Mit einigen Worten
unterrichtete sie ihn von dem Briefe der Grfin d'Aubaine und von den Schritten,
die sie durch Veronika gethan hatte. Doch sehen Sie - das ist das ganze
Ergebni unserer Bemhungen - fuhr sie fort und reichte ihm das Billet, was ihr
Veronika gebracht.
    Sie hatte nicht Ursache, ihrem jungen Verwandten ber Mangel an Theilnahme
zu zrnen. In sprachlosem Erstaunen, schien es, hrte er ihr zu, und lange hielt
ihm Lucile das Billet hin, ehe er es nahm. Wei Gott, rief die Marquise - er
hat von unserer ganzen Mittheilung Nichts gehrt und erwacht jetzt aus irgend
einem Traume!
    Nein, nein! rief Leonce, schnell aufstehend - Sie thun mir Unrecht - ganz
Unrecht! Ich bin aufs tiefste von Ihren Mittheilungen bewegt; - ein so junges,
schnes, von unserer Tante geliebtes Wesen in unserer Nhe zu wissen und ihr
nicht all' die Aufmerksamkeit beweisen zu drfen, die sie verdient - in
zweifelhaften Verhltnissen sie zu denken - unter der Aufsicht einer vielleicht
Geisteskranken - es ist unertrglich! ganz unertrglich! Lucile, Sie knnen
nicht wollen, da ich dabei gleichgltig bleibe. Theure Veronika, helfen Sie
uns; - ich knnte den Verstand verlieren, wenn ich an die Lage des jungen
Mdchens denke!
    Auer sich, drckte er dabei das Billet in seinen Hnden und strzte an das
fernste Fenster, um es zu lesen.
    Lucile sah ihm einen Augenblick ziemlich erstaunt nach; als sie ihren Blick
abwendete, sah sie auf Veronika's Gesicht dasselbe Erstaunen ausgedrckt. So
sind die Mnner, meine Liebe, sagte sie lchelnd - immer ber das Maa hinaus!
Aber das macht die Verehrung fr Tante Franziska!
    In demselben Augenblicke erschien der Vikar und die brigen Gste, und man
begab sich zur Tafel. Doch war Leonce nicht, wie sonst, die Seele der
Unterhaltung. In der grten Unruhe schien er die Dauer der Tafel zu ertragen
und bald, nachdem sie aufgehoben war, verlie er die Gesellschaft. - -
    Ein Gewitter, welches mit erquickendem Regen den Nachmittag anhielt,
verhinderte einen beabsichtigten Besuch in der schnen Abtei Tabor; und nach
einer Zerstreuung suchend, machte die alte, unternehmende Prinzessin de la
Beaume Allen den Vorschlag, die verschobene Besichtigung des Schlosses zu
unternehmen.
    Als man, mit Sorgfalt vorschreitend, den Banketsaal erreicht hatte und hier
von dem ziemlich bekannten unglcklichen Ereignisse an Ort und Stelle sich
theilnehmend unterhalten hatte, zeigte der Marquis d'Anville den Damen an, da
er die mit eisernen Schlssern und Querbalken verwahrte Thr zu den ehemaligen
Gemchern der Katharina von Medicis habe wegnehmen lassen, und da es in ihrer
Macht stehe, sie zu betreten.
    Alle hielten einen Augenblick inne. Was in ihre Willkr gestellt war, ward
nun erst ein Gegenstand ihrer zweifelhaften Ueberlegung, und Lucile, die es
veranlat, durfte als Frau vom Hause nicht, wie sie wnschte, entscheiden; da
besonders das schne Gesicht der Grfin Bussy zu Marmor erblat war.
    Endlich erklrten die Herren, sich theilen zu wollen. Einige wollten die
Zimmer betrachten, die ihre Neugier reizten und so leicht erreichbar nun vor
ihnen lagen. Andere wollten bei den Damen in dem dsteren Banketsaale bleiben.
Lucile bat, sich den Herren anschlieen zu drfen, die die weitere Forschung
wagten, und trat, von ihrem Gemahle, von dem Grafen Bussy und dem Chevalier de
Vardes begleitet, vor die verhngnivolle Thr.
    Nun, Lucile? fragte der Marquis d'Anville; - denn so leise sie Alle zur
Thre geschlichen waren, stand doch Lucile mit dem Drcker der Thr in der Hand
und wagte nicht einzutreten. Willst Du Deine kleine Hand als Riegel da
vorgeschoben lassen und uns den Muth benehmen, diesen wegzuschieben, wie wir mit
jenen eisernen thaten, die, von Rost zerfressen, wenig Widerstand leisteten?
    Gleich, sagte Lucile mit leiser Stimme und wendete ihr holdes Gesicht,
zwar lchelnd, aber seiner frischen Farbe beraubt, zu ihrem Gemahle - mir war
eben, als hrte ich sprechen! -
    Dann tritt zurck, mein theures Kind, es greift Dich dennoch an. Die
Phantasie rcht sich fr Deine khne Herausforderung! -
    Nein, sagte Lucile - sie soll nicht strker sein, als ich! - Die Thr
ffnete sich, Alle traten in ihren weiten Bogen ein - und Allen widerfuhr
dasselbe: ein an Schrecken grenzendes Erstaunen.
    Wir wurden schon ein Mal, an Fennimor's Seite, in dies Geheimzimmer der
Knigin Katharina gefhrt, und werden uns an die eigenthmliche, finstere Pracht
desselben erinnern knnen. Es war wohl geeignet, wenn das Andenken der
grauenvollen Bewohnerin den Geist ergriff, eine Bewegung des Schreckens zu
rechtfertigen, da, wo die Spuren ihrer Missethaten noch so vollstndig erhalten
waren! Aber wie sehr mute sich fr Alle der Eindruck steigern, als hinter dem
groen Schreibtische der Knigin, der auf weiem Marmor ruhend, vollstndig
erhalten war, eine wunderschne, weibliche Gestalt aufgerichtet stand, die,
todtenbleich und mit starren Augen auf die Eintretenden blickend, ganz einem
schnen Geiste glich, der in diese unzugnglichen Rume gebannt war. Dazu kam
die fremdartige Kleidung, die niederhngenden, glnzenden, braunen Locken, ohne
die Entstellung der damaligen Frisur, das schne Mieder von weier Seide, mit
den kostbaren Juwelen-Spangen, das sich anschmiegende, in reiche Falten
niederfallende Kleid, das die Form des Krpers nicht entstellte, der Aermel, der
aufgeschnitten hinten ber hing und den schnen Arm, die schlanke, weie Hand
enthllte, die auf der Lehne des Stuhles ruhete, whrend die andere fast
krampfhaft in die schwarzen Marmor-Schnrkel der Tischeinfassung griff. Dahinter
sa, in schweren grauen Damast gekleidet, ein Wesen im hchsten Alter, spukhaft
von Ausdruck, das weie Haar von einer fremdartigen, kleinen Haube kaum bedeckt.
Die Spindel und der Faden in der drren Hand schien versteinert; sie selbst, wie
die jugendliche Gestalt, ohne Athem und Leben!
    Wir werden begreifen, da hier ein lautloser Augenblick eintrat, in welchem
Niemand etwas Anderes, als anblicken konnte. Doch mit der greren Leichtigkeit
des Geistes, die den Frauen eigen ist, sich in den Zustnden zurecht findend,
war auch Lucile die Erste, die sich dem schnen Wunder nahete. Mit dieser
Annherung schien das Leben in dem reizenden Geiste wiederzukehren! Die Brust
hob sich, ngstlich flog der Athem ber die Lippen, und die erste Bewegung war,
da der schne Kopf mit seiner Lockenflle sich auf den Busen senkte.
    Lucile blieb bei diesen Zeichen einer groen Gemthsbewegung einen Schritt
noch von ihr, besorgt stehen; da erhob sich die Alte und vorschreitend und die
Marquise mit den Augen bewachend, rief sie rauh und streng: Frchte Dich nicht,
mein Engel! Sie drfen Dir Nichts thun, sie haben kein Recht an Dir.
    Noch immer schwieg die junge Person, obwol sie die Hand von dem Stuhle zog
und sie leise, wie abwehrend, gegen die Alte aufhob, die sogleich verstummend
zurcktrat.
    In welcher Weise drfte auch Mi Eton ihre Freunde frchten? fragte nun
Lucile mit dem gewinnenden Laut ihrer Stimme; - denn so stolz sie sich uns auch
entzogen hat, darf ich dennoch nicht zweifeln, da mir der Zufall gnstig ist,
und ich die Freundin meiner Tante d'Aubaine vor mir sehe. Erlauben Sie mir,
Ihnen meinen Gemahl, den Marquis d'Anville, vorzustellen.
    Madame, sagte Elmerice, noch immer mit bebender Stimme - entschuldigen
Sie meine Ueberraschung! Ich ahnte nicht, Ihnen in diesen verdeten Gemchern
hinderlich werden zu knnen!
    Das mchte auch in Wahrheit unmglich sein, rief der Marquis d'Anville.
Was knnten wir uns fr einen glcklicheren Zufall wnschen, da er unser
lebhaftes Verlangen erfllt, uns Ihnen vorstellen zu drfen.
    Elmerice verneigte sich mit einer so edeln Wrde, da der Marquis das Wort,
welches ausblieb, nicht entbehrte.
    Aber jetzt, sagte Lucile, whrend sie Elmerice ganz nahe trat und die
schne, kalte Hand von den Marmorblumen, die sie noch immer festhielt, wegzog; -
jetzt haben wir Sie, und Sie werden sich uns nicht mehr entziehen knnen - oder
wenigstens abwarten mssen, ob wir uns nicht Ihre Gesellschaft verdienen!
    Madame, sagte Elmerice, die ihre Besinnung wieder zu erhalten schien; -
ich war so frei, Euer Gnaden meine nothwendige Bestimmung darber mitzutheilen.
Wenn ich jetzt den Muth habe, sie zu wiederholen, mu ich es mir selbst zum
Verdienst anrechnen, da ich das Glck Ihrer persnlichen Bekanntschaft geniee.
    Wie, Sie wollten nicht mit uns leben? sagte d'Anville, gutmthig nher
tretend; - o, versuchen Sie es! Wir sind alle jung, heiter, ich darf sagen, gut
geartet. Warum wollten Sie nicht in den Kreis eintreten, zu dem Sie in jeder
Beziehung gehren?
    Ich habe eine heilige Pflicht gegen eine theure, alte Freundin bernommen;
erwiederte Elmerice; - ich darf mich davon nicht ablenken lassen, wie ehrenvoll
es auch sein mte, Ihre Gte anzunehmen.
    Da zuckte sie zusammen; denn auf ihre weie Schulter legte Emmy Gray die
verkncherte Hand, und sagte in ihrer gebrochenen Redeweise: Kind, Kind, stoe
diese dort nicht zurck, sondern tritt ein in ihre Kreise und siehe zu, was sie
beschlieen werden. Wohl gehrst Du zu ihnen, und ich mu Dich dort wissen, ehe
mein letzter Tag kmmt.
    Elmerice wendete sich und sprach, wie es schien in englischer Sprache, leise
bittend zu ihr, whrend der Marquis sich der Alten nahte.
    Mistre Gray, sagte er freundlich; - erlaubt, da ich Euch in Ste. Roche
willkommen heie. Immer habt Ihr meinen Besuch abgelehnt; und doch htte ich
gern selbst nachgeforscht, ob es mir nicht mglich wre, Euch irgend eine
Erleichterung Eurer Lage zu verschaffen.
    Lat das, Herr, sagte Emmy trocken; - Ihr habt keine Macht, mir Etwas zu
gewhren; mit Eurer Familie habe ich abgeschlossen! Ich wohne in dem
rechtmigen Erbe meiner ehemaligen Gebieterin und wei vollstndig, was mir
darin zustehet, zu meiner Erleichterung zu verfgen. - Fragt, ob Emmy Gray Euch
hier willkommen heien mag!
    Diese Rede schien Niemanden, als Elmerice zu verletzen. Alle waren auf
Emmy's abenteuerliche Weise so vorbereitet, da ihnen auch Strkeres erwartet
gekommen wre.
    Thut es immer, Mistre Gray, antwortete der Marquis, ohne das ironische
Lcheln, mit dem verletzte Eitelkeit sich herablassend zu rchen wei, wenn sie
sich anscheinend zu bezwingen sucht - Ihr werdet mir dadurch mehr
Eigenthums-Gefhl geben, als ich bis jetzt empfinden konnte.
    Emmy blickte trbe zu ihm auf; und dieser Blick, der aus den tief gesunkenen
Augen drang, war scharf und klug.
    Wir werden sehen, - ich werde ja hren, wie Ihr seid, sagte sie dabei; -
Louise, Eure Mutter, war so bel nicht - Leseur rhmte sie oft; - nun, wir
wollen sehen! -
    Und Sie? - fragte nun Lucile, mit Armand herzlich zu Elmerice tretend.
Selbst Ihre alte Freundin, der Sie sich so gromthig widmen, redet unserem
Vorschlage das Wort - und Ihre jugendlichen Wangen, die blsser sind, als sie
sollten, fordern Sie gleichfalls auf, unter Menschen zu leben, die mit ihrer
Heiterkeit versuchen wrden, ihnen wieder Farbenglanz zu geben.
    Ach Madame, erwiederte Elmerice, fast berwltigt von der Qual dieser
dringenden Anforderungen; - wie wenig passe ich in Ihre harmlos glcklichen
Kreise! Glauben Sie nicht, da ich Ihre Gte weniger empfinde, wenn ich sie
ablehne; aber ich mu mir diese Zurckgezogenheit als eine Gte von Ihnen
ausbitten. Vielleicht haben Sie Recht; - und mein krankes Ansehen verrth nur zu
sehr, da ich leidend bin und also der Ruhe bedarf.
    Lucile und Armand betrachteten mit dem grten Antheile das schne Wesen,
das so berechtigt erschien, durch die Vereinigung von Geist, Bildung und uerm
Reize! Ihre Weigerung war keine eigensinnige, ungeschickte Laune; sie kam tief
aus ihrem Herzen, sie schien dabei zu leiden - das fhlten Beide. Sie konnten
ihre Bemhungen nicht aufgeben!
    Wir wollen nicht unbescheiden werden, rief Lucile - Sie sollen in Ihre
Einsamkeit zurckkehren knnen, wenn Sie wollen; nur mssen Sie uns nicht ganz
verwerfen, Sie mssen uns alle erst kennen lernen, genug, ich mu eine kleine
Brcke zu Ihnen hinber haben; denn schon jetzt fesseln Sie mein ganzes Herz,
und ich knnte Sie nie wieder vergessen!
    Diese letzten Worte erschreckten Elmerice fast, denn sie sprachen aus, was
sie gegen die Marquise anfing zu fhlen. Beide blickten sich daher mit
zrtlicher Ueberraschung an, und ohne es selbst zu wissen, folgte sie der
liebenswrdigen Frau, die sie sanft mit sich zog. Sie finden in den
Nebenzimmern alle meine Freunde, die wahres Verlangen tragen, Sie zu sehen, und
entzckt sein werden, Sie kennen zu lernen.
    Jetzt erst, wie sie sich mit diesen Worten der Thre nherten, an der Bussy
und Vardes in sprachlosem Erstaunen stehen geblieben waren, erinnerte sich
Elmerice ihrer auffallenden Kleidung. Sie zgerte abermals und rief ngstlich:
Madame, betrachten Sie mich! Ich kann in dieser Kleidung nicht vor Ihren
Freunden erscheinen; - ich legte sie an, fuhr sie beschmt und verwirrt fort,
um dem Herzen meiner alten Freundin wohl zu thun, die damit ihr heiliges
Erinnerungsfest feiert; - aber dies, wie mein ganzes Verhltni, war auf die
tiefste Einsamkeit berechnet - setzen Sie mich nicht dem Tadel oder dem Spotte
Anderer aus! -
    Nein, nein, Alle werden entzckt sein, das herrliche Kostm zu sehen -
Allen werde ich erklren, wie es zusammenhngt - Niemand wird diese fromme
Nachgiebigkeit verkennen. -
    Vardes hatte schon die Thre geffnet; - sie standen in derselben der aus
den entfernteren Gemchern zurckkehrenden Gesellschaft beinahe gegenber.
    Da fhlte Elmerice, da jedes Zurcktreten unmglich sei, und ihr edler
Stolz erwachte. Sie wollte ihre vollkommene Herrschaft ber sich wieder haben -
und die Anstrengung gelang.
    Doch wer knnte das Erstaunen der Gesellschaft beschreiben, als aus den
Zimmern der Katharina von Medicis, an der Hand der Marquise d'Anville, eine
wunderbare Schnheit hervortrat, deren Kostm, jener Zeit gehrend, vereinigt
mit ihrem marmorblassen Gesichte, sie als eine aufgefundenen Bewohnerin aus
diesen Rumen eines vergangenen Jahrhundertes erscheinen lie! Niemand regte
sich von seinem Platze; Elmerice hatte Zeit, Alle zu erkennen. Margot war nicht
dabei; sie lehnte seitwrts an einem der merkwrdigen Schrnke des Saales, und
vor ihr, den Rcken gegen die Eintretenden gewendet, stand der Marquis Leonce,
zu eifrig redend, um zu gewahren, was hinter ihm vorging.
    Wir sind so glcklich gewesen, mehr und Besseres zu finden, als wir
suchten, sagte der Marquis. Mi Eton - die Freundin meiner Tante Franziska,
die sich uns so sprde entzogen hat.
    Jetzt muten die Damen sich eingestehen, da das schne Bild lebe; Elmerice
zeigte die vollkommenste Haltung und eine so anmuthig verbindliche Miene, als
sie die Begrungen erwiederte, da die gnstigste Meinung von ihrer Erziehung
den Eindruck ihrer Schnheit erhhte.
    Sie sind in Allem glcklich, liebe Marquise, sagte die alte Prinzesse de
la Beaume; - whrend wir hier verlegen und beschmt umher wanderten, verschafft
Ihnen Ihr Muth eine so reizende Bekanntschaft.
    Ja, meine Damen, erwiederte die Marquise - ich bin stolz darauf, und noch
mehr wie stolz, ich bin sehr glcklich! Bald werden Sie mir fr Nichts so
dankbar sein wollen, als fr diese Probe meines Muthes!
    
    Alle fhlten, die Marquise wolle ihrer jungen Begleiterin eine mglichst
gehobene Stellung geben, und Alle beeiferten sich, einen Kreis um sie zu
schlieen.
    Indessen nahte sich Armand seiner Muhme Margot. Kind, rief er - lassen
Sie Ihr tte  tte und kommen Sie zu uns, wir haben Mi Eton entdeckt, die in
jenem Zimmer weilte; und es ist unseren Bitten gelungen, sie hierher zu fhren.
    Als ob ein Pistol an Leonce's Kopfe abgeschossen wrde, so fuhr er bei den
Worten seines Bruders in die Hhe. Er wendete sich schnell und sah Elmerice in
dem Kreise der Damen stehen, mit Ruhe und Unbefangenheit redend, aber mit einer
Blsse bedeckt, die sie wie einen Geist erscheinen lie.
    O Leonce, rief Margot, sich auf seinen Arm sttzend, haben Sie je eine
wunderbarere Erscheinung gehabt? Und das ist unser lebendig gewordenes Bild aus
dem Eudoxien-Thurme!
    Nun so begren Sie, wie wir Alle, das herrliche Wesen mit Achtung und
Gte, rief Armand, und fhrte sie Beide der Gruppe zu.
    Ach, da kommt meine Muhme Margot! rief Lucile. O komm', mein Liebchen -
sieh', unser Wunsch ist erfllt! Mi Eton, das ist wieder eine Nichte Ihrer
Freundin d'Aubaine, die Tochter des einzigen Bruders unserer lieben Franziska!
    Elmerice hatte sie mit ihren Begleitern sich nahen sehen, sie begrte sie
mit besonderer Freundlichkeit, und verzgerte die Vorstellung des Marquis
Leonce, indem sie lebhaft ausrief: Wissen Sie auch, da Ihre Cousine mich recht
eigentlich auf Ihre liebenswrdige Heiterkeit angewiesen hat? Da ich also mit
ganz besonderem Antheil um Ihr Wohlwollen bitten mu?
    O Mi Eton, lchelte Margot - da hat man Ihnen verschwiegen, da ich den
ganzen Tag - von der ganzen Gesellschaft gescholten werde, und da nicht Viel an
mir bleibt, als an einem unartigen Kinde, mit dem man sich einrichten mu, wie
es gehen will.
    Erlauben Sie mir den Versuch, erwiederte Elmerice verbindlich - die ganze
Gesellschaft scheint sich mit Ihnen sehr wohl zu befinden! -
    Sie wollen mich durch Gte erziehen, da alle Anderen darauf bedacht sind,
es mit Strenge zu thun; und gewi, Sie sollen in mir eine willige Schlerin
finden; denn die Bewunderung, die ich schon seit lange fr Sie hege, kann Ihre
persnliche Bekanntschaft nur erhhen. -
    Aber, Margot, wollen Sie Ihren armen Vetter ganz verdrngen? rief
d'Anville; - seine Verbeugung dauert schon so lange, als Sie vor ihm stehen!
Nun, Mi Eton, rief er freundlich, als Margot lchelnd zurcktrat - nehmen Sie
meinen Bruder gtig als Ihren Bewunderer auf!
    Leonce erhob sich hier aus seiner gebeugten Stellung, und mit raschem
Entschlusse vor Elmerice hintretend, sagte er fast stolz: Mi Eton wird geneigt
sein, die Bewunderung einer so unbedeutenden Person zurck zu weisen, und Jeder
wird vor ihr die Schranken fhlen, hinter denen er sich zurckziehen mu. Das
zufllige Glck, Mi Eton hier zu sehen, wird gewi auf das lebhafteste von mir
empfunden!
    Elmerice verneigte sich ernst, ohne zu sprechen; als sie ihr gesenktes Auge
vom Boden erhob, streifte es eine leichte, schwarzseidene Schlinge, in welcher
Leonce noch immer den frher gebrochenen Arm trug. Ihr Auge blieb daran haften,
und ihre Zge verriethen den lebhaften Wechsel ihrer Empfindungen. Sie ffnete
zwei Mal die Lippen - endlich sagte sie kaum hrbar: Sie waren verwundet, Herr
Marquis? Grfin d'Aubaine schrieb mir, da Sie einen Unfall hatten.
    Leonce hatte jedes Wort von ihren Lippen verschlungen. Es war ein sehr
unbedeutender Unfall! rief er; und als sie schwieg, fuhr er mit Lebhaftigkeit
fort: ich segne die Veranlassung - und habe zu viel wirklichen Schmerz
erlitten, um dies Ereigni dazu rechnen zu knnen!
    Der Zufall wollte, da sie sich bei diesen Worten fast allein gegenber
standen, da die Uebrigen sich besprachen, jetzt die Zimmer der Knigin, die alle
Schrecken verloren hatten, zu besuchen. Leonce schien nach seiner Erwiederung
eine Antwort zu erwarten; - Elmerice stand noch in derselben Stellung. -
Pltzlich richtete sie sich auf, blickte ihn ernst und flchtig an und wendete
sich, ihn grend, dann zu den Uebrigen.
    Als man die Zimmer betrat, hatte sich Emmy Gray daraus zurck gezogen,
welches fr Elmerice eine Erleichterung, fr die Anderen eine unangenehme
Tuschung war. Leonce trat an den Schreibtisch, vor dem Elmerice gesessen - und
betrachtete bewegt das aufgeschlagene Prachtwerk, in welchem sie gelesen.
    Wenn Blicke sich ahnen, so finden sie sich durch alle rtlichen Hindernisse
hindurch; - Elmerice und Leonce blickten sich an, durch viele Personen von
einander getrennt!
    Wir bergehen den Eindruck, den die weitere Besichtigung der Zimmer bei der
Gesellschaft hervorrief. Als man sich anschickte, sie zu verlassen, entstand ein
neuer Kampf mit Elmerice, welche zu ihrer alten Freundin zurckkehren wollte und
dennoch, von Allen liebevoll gedrngt, sich der Gesellschaft anschlieen mute.
    Mit unbeschreiblicher Schwermuth sah sie sich pltzlich in dem Zirkel, den
zu fliehen, sie so viel Grund zu haben glaubte - sah sich unter heitere,
sorglose Menschen versetzt, deren Leben glcklich und sicher begrndet schien,
whrend sie mehr, wie je, sich heimathlos, ohne ausreichenden Schutz, ohne
Anspruch an eine feste Lebensstellung fhlte! Dabei hatte sie, trotz aller
Schonung ihrer Umgebungen, dennoch eine vornehme Neugier zu ertragen, die mit
tausend Hflichkeiten doch zu ergrnden trachtete, ob eine Mi Eton, die auch
nicht zur englischen Aristokratie gehrte, wirklich den Anforderungen einer
hheren Geselligkeit Stich halten werde; und die berraschte Bewunderung, mit
der man gnstige Wahrnehmungen aufnahm, hatte fr wahres Zartgefhl etwas
Beleidigendes. - O, wie Recht hatte mein Vater, seufzte sie - mit ihrer
Hflichkeit erstarren sie mein Herz!
    Freilich machten hiervon Lucile und Armand, ebenso wie die kleine Margot
eine ehrenvolle Ausnahme. Diese hatten die Hflichkeit des Herzens, die immer
den rechten Ton zu finden wei, und Elmerice zeigte bei jenen aus Stolz und hier
aus wirklich dankbarem Gefhle, eine schickliche Theilnahme an der lebhaft
angeregten Unterhaltung.
    Dazwischen war ihre Kleidung ein Gegenstand des Entzckens fr alle Damen,
dem sich mit einiger Zurckhaltung die Herren anschlossen, die alle heimlich
einander beschuldigten, an Mi Eton ihr Herz verloren zu haben; denn selbst
Armand, der treueste Paladin seiner Dame, sollte sich zu hingerissen gezeigt
haben.
    Bald hatten die Damen heraus gefunden, da diese Kleidung auf dem Lande und
in diesem alten Schlosse viel passender sei, als die, welche jetzt herrschende
Mode war; und Elmerice zeigte sich willig, sich in einem Nebenzimmer den Blicken
aller herbei gerufenen Kammerfrauen darzustellen, die sich verpflichten muten,
auf das schnellste mit den vorhandenen Kleidern der Damen diese Metamorphose
vorzunehmen.
    Mi Eton, wie allerliebst wird uns morgen die Mittagstafel kleiden! rief
Margot. Wenn wir geschmckt sind, kommen wir alle in Prozession und holen Sie
ab!
    Ja, und Jeder nimmt einen Namen an aus den Zeiten der Knigin, deren
Kleider wir nachahmen! rief Mademoiselle de la Beaume.
    Dann mten Sie Katharina selbst sein, sagte Armand. - Gut, lachte die
alte Dame - Katharina bekam so gut weies Haar, wie ich. Doch kann ich blo
eine stolze Knigin darstellen; denn ihre brigen Nancen kann ich nicht
ergrnden!
    Vergessen Sie nicht, sagte Armand - da sie gesellschaftlich, geistreich
und liebenswrdig war, worin ihr keine Frau ihrer Zeit gleich kam, und da dies
gerade meinen Vorschlag bestimmte. - Aber Sie mssen sich jetzt eine Tochter,
eine Margarethe von Valois whlen!
    Sehen wir sie nicht vor uns? rief Mademoiselle de la Beaume - Grfin
Bussy mu meine Tochter sein!
    Nun, rief Lucile - so will ich Johanna von Navarra whlen, die stolze
Bearnerin, die ich so liebe, und Leonce soll mein Sohn sein! Und Sie, Mi Eton,
mssen Eudoxia Nemours vorstellen, die eigentliche, wenn auch geheime
Beherrscherin dieses Schlosses zu jener Zeit!
    Mi Eton schauderte bei dieser Wahl unwillkrlich zusammen. Frchten Sie
Nichts, lachte die alte Prinzessin - mir lebt kein Gemahl zur Seite; und ich
verspreche, weder selbst, noch durch Andere Gift und Dolch zu fhren.
    Ach, Madame, sagte Elmerice, zu ernst fr den Maskenscherz - der Tod ist
nicht das Schimmste! Aber haben Sie die Thrnenspur auf dem Betpulte des
unglcklichen Fruleins vergessen? Soll ich dieselbe Stelle einnehmen?
    Wir mssen uns Alle das Wort geben, rief Mademoiselle de la Beaume,
Elmerice lachend in die Augen schauend - da wir unseren jungen, schnen Gast
von seiner viel zu ernsten Stimmung heilen. Sie sollen nicht umsonst die Hofdame
der lebenslustigen Katharina geworden sein.
    Elmerice errthete lebhaft und trat fast erschrocken hinter den Stuhl ihrer
neuen Gebieterin; und dennoch sah sie, als sie Leonce seitwrts erblickte, wie
sein Auge mit so vielem Ausdrucke auf ihr ruhte. Mit welchem Ausdrucke - das
wute sie nicht zu deuten; doch fhlte sie eine Schchternheit dadurch erweckt,
die ihre Haltung bedrohte. - Inde fuhr die unermdliche Mademoiselle de la
Beaume fort, ihren Hofstaat zu ordnen. Und Sie? - Margarethe von Valois, meine
knigliche Tochter, ich prsentire Ihnen hier die berhmte Claudia von Guise als
Ihre Hofdame! Doch vergessen Sie nicht, da Ihr Gemahl, Ihrer schnen Augen
wegen, fast der ganzen Hugenotten-Partei abfiel. Ich mache Ihnen ein
gefhrliches Geschenk, fuhr sie fort und zog Margot vor sich hin; - und mein
einziger Trost ist, da Ihr Gemahl auch fr die Schnheiten meines Hofes Augen
zu haben scheint, die kleine Claudia aber verdecktes Spiel sehr gut versteht und
dem verliebten Bearner nicht nachstehen wird.
    Nun ward eben so viel gelacht, als errthet. - Die brigen Herren wurden
ebenfalls vertheilt. Armand war Heinrich von Guise - Vardes wollte Benserade
sein - Graf Bussy Coligny - und Guiche der Busenfreund von Heinrich von Navarra,
der schne jugendliche Cond!
    Ach, sagte die Prinzessin lachend - die letzte Wahl gefllt mir. Cond
und Navarra hatten immer ihre kleinen Intriguen! Das pat sich. Aber htet Euch
jetzt vor Eurer Knigin; - sie hatte bestndig ein Auge auf diesen Prinzen und
entdeckte alle seine Geheimnisse! -
    Diese Scherze belebten den Kreis und sicherten eine freie Bewegung; Jeder
konnte so viel Geist und Phantasie zeigen, als er besa, und Alle fhlten sich
aufs Hchste erheitert und entzckt.
    Und dennoch schien es derjenigen, die dazu Veranlassung gegeben, als sei sie
auf das schmerzlichste dadurch verletzt. Als sie endlich bei dem Aufbruche der
ganzen Gesellschaft in Fennimors Gemcher trat, in denen sie ihre alte Freundin,
trotz des vollen Kerzenscheins, den sie stets darin verbreitete, neben Fennimors
Sterbeplatze fest eingeschlafen fand, sog sie dies Bild der Ruhe und des
Friedens mit vollen Zgen ein, und eine schwere, unertrgliche Last schien von
ihr genommen. Nein, sagte sie leise, ber der Schlafenden die Hnde ringend -
ich kann nicht bei Euch bleiben, ich gehre zu Dir - Du bist die Einzige, die
ich noch beglcken kann - dort hat Jeder erreicht, was er wnscht, und was ihn
erfreut - beneiden will ich es ihnen nicht; - aber weshalb soll ich mit
lachendem Munde die tiefe Wunde meiner Brust so harter Berhrung preisgeben?
Warum das Kostm, was Du, meine heilige Fennimor, trugest, was Dich schmckte -
zum Fastnachtsscherze verbraucht sehen, da es den Schein der Aehnlichkeit mit
der Tracht jener verufenen Zeit der Medicerin hat? Nein, hier will ich bleiben
und Dir dienen, Emmy, mit dem Schein-Glcke, nach dem Dein armes Herz so
begierig griff!
    Gekrftigt, beruhigt durch diesen Entschlu, trat sie hinaus an Fennimors
Grab. Sie kniete nieder, und drckte ihr glhendes Angesicht gegen den kalten
Marmor. Sie konnte nicht weinen, trotz der tiefen Wehmuth ihres Herzens - ihr
Nachdenken war von allen Rckerinnerungen ihrer frheren Tage in Leithmorin
erfllt, es streifte vergleichend das eben Erlebte und erhhte das bange Klopfen
ihres Herzens. Ach, Fennimor, sagte sie, sich erhebend - Deine Enkelin wird
nicht glcklicher werden, als Du! Mchte ich erst sein, wo auch Du nur Ruhe
fandest!
    Sie kehrte zu der Alten zurck, die, auf einem niederen Sitze ruhend, ihren
Kopf auf die Armlehne von Fennimors Stuhl hatte sinken lassen, und betrachtete
das alte, dstere Gesicht, worin der Schlaf Nichts aufheiterte, sondern nur
tiefere Linien zog, mit einem kindlichen Antheile, der sie auch bald gewahren
lie, da Emmy nicht den Athem der Gesundheit hatte. Sie kniete nieder und
berhrte ihre Stirn - kalter Schwei stand darauf. Jetzt rief sie besorgt ihren
Namen. Die Alte fuhr erschrocken in die Hhe und starrte ihren Liebling mit
glsernen Augen an. Fennimor, sagte sie - Reginald ruft seine Tochter! Jene
sollen kein Recht haben an ihr, Du sollst sie zu mir hierher bringen! - - Sie
raffte sich empor; ihre Bewegungen waren immer heftig, gigantisch. Trotz des
hohen Alters zeigte sich der starre Sinn, der jede Hlfe entbehren wollte.
    Emmy, sagte Elmerice sanft - Du sprichst es aus, was ich gedacht! Ich
will bei Dir bleiben - Jene sollen kein Recht an mir haben - Fennimors guter
Geist hat schon Dein Begehren erfllt - er trieb mich zu Dir zurck - ich will
Dir allein gehren! -
    So, so! sagte die Alte, sich besinnend - Du bist ja mein Engel! Doch
fhlte Elmerice berrascht, da sie ihren Arm fate; - pltzlich brachen ihre
Knie, und sie sank ohnmchtig in Fennimors Stuhl. Auer sich, strzte Elmerice
ber sie hin; - sie glaubte, ein pltzlicher Tod habe ihre alte Beschtzerin
dahin genommen. Doch bald sah sie, da sie sich noch bewege, und sogleich
bemhte sie sich, ihr Hlfe zu verschaffen. Sie lste ihre Kleider, sie rieb ihr
Schlfe und Pulse und nte ihre Stirn mit kaltem Wasser. Bald erwachte die
Alte; aber sie war zu schwach, um sich erheben zu knnen, und hielt doch
Elmerice's Hand fest in der ihrigen, als wolle sie sie verhindern, Hlfe herbei
zu rufen. Als sie nach einiger Zeit die Sprache wieder erhielt, sagte sie:
Kind, la uns allein, ich will bei Dir sterben! La mich kein Gesicht mehr
sehen aus der Welt, die sie getdtet hat - und halte Du sie Dir auch ab. Morgen
bin ich wieder wohl, fuhr sie fort, als sie die Thrnen ihres Lieblings sah; -
sei nur getrost, mein Engel, es ist so schn, wenn wir allein sind, da werde
ich bald zu Krften kommen!
    So blieb sie bis gegen Morgen, von Elmerice bewacht, im Lehnstuhle sitzen;
ihr Zustand erregte dieser groe Besorgni, da ein banges Keuchen eintrat, das
den Ausbruch einer neuen Krankheit frchten lie. Gegen Morgen machte sie den
Versuch, von Elmerice gefhrt, ihr Bett zu erreichen, aber es trat eine neue
Ohnmacht ein, die den Rest ihrer Krfte mitzunehmen schien; denn von da an lag
sie in bewutloser Ruhe.
    Elmerice sendete nun Asta zu Veronika, und als diese sogleich mit ihr
zurckkehrte, sprach sie gegen diese den Wunsch aus, da sie den Marquis
d'Anville um ein Pferd und einen Boten an den alten Arzt bitten mge und der
Marquise ihre Entschuldigungen berbringen, da sie Emmy nicht verlassen knne,
und deren Ruhe durch Nichts gestrt werden drfe. Zu Allem bereit, beeilte sich
Veronika, den Herrschaften aufzuwarten, die sie smmtlich in der heitersten
Laune beim Frhstcke antraf. Die Nachricht, die sie brachte, wurde mit der
grten Theilnahme angehrt, und der Marquis gab augenblicklich Befehl, da ein
reitender Bote sich nach dem Kloster aufmache. Dort konnte man den alten Arzt
vermuthen, und, wenn er schon fort war, ber seine weiteren Streifereien
Auskunft erhalten.
    Und mu man sich wirklich damit begngen? rief die Marquise wehmthig -
kann man dies liebe, uns so nah angehrende Wesen durch Nichts in dieser
traurigen Lage untersttzen?
    Sie wenigstens, theure Marquise, erwiederte Veronika - Sie wenigstens
nicht! Denn die alte Emmy ist in diesem Punkte hartnckiger, wie irgend ein
anderer Mensch. Doch habe ich Hoffnung, da sie mich ertragen wird, und dann
kann ich nicht allein unser liebes Frulein untersttzen, sondern, wenn sie noch
ausreichendere Hlfe bedarf, auch Sie davon in Kenntni setzen.
    Dies trstete Lucile in Etwas, da sie schon anfing das lebhafteste Interesse
fr Elmerice zu empfinden und an dies Zusammenleben eine Hoffnung knpfte, die
seit der Bekanntschaft mit Elmerice sich beiden Ehegatten aufgenthigt hatte.
    Die auffallende Aehnlichkeit derselben mit Fennimors Bilde, und die eben so
auffallende Liebe der alten, menschenfeindlichen Frau zu Elmerice, hatte die
Betrachtung geweckt, wie wenig sie eigentlich von Mi Eton wten; wie sie in
den Gesprchen der Tante eigentlich nie erfahren, welcher Abkunft sie sei, und
stillschweigend angenommen, sie gehre zu den vielen auswrtigen Freunden der
Grfin, mit denen diese durch Briefwechsel eine stete Verbindung zu erhalten
wute.
    Diese unzureichende Auskunft, muten sie sich gestehen, war nicht
absichtlich so gegeben; sie war von Seiten der Tante gewi nur eine Folge der
Voraussetzung, da sie mehr wten; von ihrer Seite jugendlicher Leichtsinn oder
Zerstreutheit, welche sie an der Ungekannten nur das Interesse nehmen lie, da
ihr Umgang die geliebte Tante beglckt hatte. Jetzt, wo der neu erweckte Wunsch,
Nachkommen des unglcklichen Reginald zu entdecken mit Elmerice's auffallender
Erscheinung zusammenfiel, beschlossen sie, bei der Tante den nheren
Verhltnissen derselben nachzufragen. Armand wollte sich mit Leonce darber
berathen, und dieser oder er selbst sollte nach Ardoise zurckkehren und
Nachrichten von der Grfin Franziska einholen, sobald ihre Gste sie verlassen
htten. -
    Auerdem wird es Zeit, - sagte Armand - da wir Leonce zur Erklrung und
zu einem berechtigten und ffentlichen Verhltnisse mit Margot bringen; denn
sichtlich ist die Gemthsbewegung, in der er sich seit gestern befindet, durch
Margot unschuldiger Weise veranlat, deren unbefangenes Herz aber sicher nicht
interessirt war.
    Nun, rief Lucile - auch ich sah ihn gestern Abend, als ich am Fenster des
Vorsaals Luft einathmete, ganz auer sich, wie es mir schien, auf dem alten Hofe
des Theophim auf und nieder strzen; und als ich ihn diesen Morgen damit necken
wollte und ihm sagte, ich htte geglaubt, er habe Emmy Gray entfhren wollen,
bekam ich eine ganze Ladung zorniger Blicke aus seinen dsteren Augen, und die
Rthe bestieg seine Stirn, wie ein Feuerzeichen, was Kampf bedeutet! Ich hielt
mir die Augen zu, als ob ich mich frchte, und doch war mir innerlich bei dem
Scherze nicht wohl zu Muthe; denn ich ahnte, da Etwas Ernstes ihn qule.
    Er ist, frchte ich, eiferschtig auf Guiche, sagte Armand; - und was mir
auffallend ist und ich fast unzart nennen mchte, ist, da Guiche seine Neigung
fr Margot kaum verbirgt. Als wir gestern die alten Zimmer verlieen, blieben
sie weit zurck; - Margot hatte es mit der Statue des Spinola auf dem
Treppensaale zu thun, und Guiche wollte ihr ein Pendant dazu zeigen in dem
Zimmer der Grfin Bussy. Erst folgte ihnen Leonce, und wie mir schien, schon mit
sehr bellaunigem, wenigstens auffallend blassem Gesichte; pltzlich aber strzt
er auer sich zurck - die Treppe hinab - ohne mich zu sehen, obwol ich eben
erst aus dem Banket-Saale trat, wo ich mit dem Hausverwalter einige
Verabredungen getroffen und ihn in dieser Zeit durch die offene Thre beobachtet
hatte.
    Ja, rief Lucile - jetzt erinnere ich mich! Die Anderen hielten es fr
eine gewhnliche Galanterie, wie wir sie an Leonce kennen: wir waren nmlich
voran gestiegen und schon im unteren Flure, da rief Mademoiselle de la Beaume
laut nach Mi Eton, die wir eben vermiten; und in demselben Augenblicke schrie
ich laut auf, weil irgend ein Bewohner dieses feuchten Raumes ber meinen Fu
schlpfte. Das hatte Leonce gehrt. Was ist geschehen? rief er, die Treppe
hinauf strzend; - wo ist Mi Eton? Sie stand fast erschrocken neben ihm, und er
rief nun: Lucile, ich erkannte Ihre Stimme! Aber er war so auer sich, da wir
ihn alle auslachten und ich gleich dachte: weder diese fremde Mi Eton, noch
Dein Schrei bringt ihn so auer Fassung!
    Ich zgerte an der Treppe, mit den Domestiken sprechend, fuhr Armand fort
- um Margot abzuwarten. Da sie aber so wenig, wie Guiche erschien, trat ich in
das Zimmer, in welches sie verschwunden waren; da standen Beide in lebhaftem
Gesprche, und eben ri Margot ihre Hand los, die, wie es mir schien, Guiche
zwischen den seinigen hielt. Die kleine Unvorsichtige war bei meinem Anblicke
ganz auer Fassung; ich gab ihr den Arm und fhrte sie hinab. Wir schwiegen aber
Beide; es schien mir, sie war sehr beschmt; Guiche folgte uns gar nicht und
traf erst spter bei der Gesellschaft ein. - Von da an ist Leonce aber nicht
wieder zu erkennen, und ich mu ihn auffordern, offen mit mir zu reden. Er ist
von den Verhltnissen des Grafen Guiche zu gut unterrichtet, als da er nicht im
Stande sein sollte, ihn von seinem unvorsichtigen Werben um Margot abzuhalten.
Graf Guiche steht nmlich in diesem Augenblicke sehr unangenehm zur Familie
d'Aubaine. Margots Bruder ist mit Guiche bei demselben Regimente, das Bussy
kommandirt; eine Abtheilung dieser garde du corps hat den Dienst in Versailles;
eine der tausendfltigen Kleinigkeiten, von denen man angenommen hat, da sie
die Ehre eines Offiziers verletzen, glaubt d'Aubaine von Guiche erfahren zu
haben. Diese Dinge drfen sich nie entkrften, selbst nicht an der innigsten,
treuesten Freundschaft; denn in diesem Verhltnisse waren Beide und eben aus
Montreal von einem Besuche bei Margots Eltern zurck gekehrt. Es mute also Blut
flieen; und obwol Leonce sich bemhte, sie zu vershnen, forderte doch
d'Aubaine das Duell. Da Vardes sein Sekundant war, ward Leonce der Sekundant von
Guiche, und leider ward d'Aubaine gefhrlich verwundet. Du kannst Dir den Zorn
Deines Onkels denken, wie er die Nachricht von der Gefahr seines einzigen Sohnes
bekam, und wie aufgebracht er auf Guiche war, dem er in der Partheilichkeit des
Schmerzes allein die Schuld zuschob! Jetzt erholt sich der junge Mann und Leonce
sucht Guiche mit dem alten Grafen zu vershnen; da er den Ersteren sehr liebt
und alle Schuld d'Aubaine giebt. Doch hat er selbst, als Sekundant des Gegners,
den Zorn Deines Onkels zu erfahren gehabt; obwol ich nicht denken kann, da dies
bei dem alten Herrn einen nachtheiligen Einflu auf unsere Wnsche ausben
wird.
    Nun, dann kann ich auch nicht glauben, da sich Guiche um Margot bemht!
rief Lucile; - denn dann kennt er Leonce's Wnsche und wird blo Margot's
Verzeihung in Bezug auf den Bruder gewinnen wollen.
    Wir knnen das abwarten! rief Armand; - doch mu ich mich gegen Leonce
erklren - es erregt zu sehr meine Ungeduld. -
    Diese Erklrung fand sich jedoch nicht. Die Geselligkeit und Leonce's
sichtlicher Wunsch, Armand zu vermeiden, hielt die Brder entfernt.
    Es war berhaupt eine Strung wahrzunehmen. Zwar waren die Kostms fertig
und bereits angelegt; aber Elmerice's Verschwinden, die traurige Veranlassung
desselben hatte die Lustigkeit gelhmt, die man erst von diesem Maskenscherze
erwartete. Es war, als ob mit ihrem Ausscheiden sich die Berechtigung dazu
vermindert habe, und Mademoiselle de la Beaume erschien am zweiten Morgen in
ihrer gewhnlichen Kleidung und versicherte, sie habe die ganze Nacht von ihrer
Toilette Fieber gehabt; denn Katharina von Medicis habe ihr in Person Unterricht
geben wollen, sich ihrem Kostme gem zu betragen, und da habe sie zusehen
mssen, wie sie nach und nach in ihrer Seele eine wahre Hlle eingerichtet habe.
- So erschienen nur noch die jungen Damen zuweilen bei Tafel in ihren Miedern
und niederhngenden Locken, die ihnen allen auffallend schn kleideten. Die
Herren hatten dagegen ihre Rollen nicht weiter verfolgt, und die Damen wurden
auch nur gelegentlich durch Anrufung ihres Namens daran erinnert.
    Indessen traf am anderen Mittage die Nachricht ein, der alte Arzt sei
angekommen und bereits in den Zimmern der Mistre Gray. D'Anville stellte an der
ueren Thre des Thurmes sogleich einen Diener auf, der den alten Herrn zu ihm
fhren sollte, wenn er von der Kranken zurckkomme; und wir berlassen Alle
dieser Erwartung, um zu erfahren, was sich indessen an einer anderen Stelle fr
diese besonderen Verhltnisse vorbereitete.

Die Grfin d'Aubaine war, nach der Abreise ihrer jungen Freunde von Ardoise, mit
der uneigenntzigen Ruhe, die der Hauptzug ihres geluterten Karakters war, zu
ihrem einsamen Leben zurckgekehrt. Lebhaft angeregt durch die Erscheinungen der
geistigen Welt, die sie aus ihrer gesicherten Ruhe mit antheilvollen Blicken
verfolgte, nahmen die Zusendungen aller in Paris entstehenden, neueren Schriften
ihre Zeit ausreichend in Anspruch - wenn wir noch hinzufgen, da sie das
geistvolle Resum der ihr daraus erwachsenden Betrachtungen mit absichtslosem
Fleie, sich selbst zur Prfung, in schriftlichen Aufstzen sammelte. Doch
behielt sie nach Auen den vollstndigsten Antheil fr alle ihr nher gerckten
Verhltnisse, und unter ihnen standen ihr die ihrer jungen Freundin jetzt am
nchsten, gegen welche sie sich heilig verpflichtet hielt durch das Vertrauen,
mit dem die Aeltern sie ihr als Vermchtni bergeben hatten. Die zrtliche
Freundschaft, die das junge, anziehende Wesen ihr eingeflt, gab ihr eine
genaue Kenntni ihres feinen, leicht verletzlichen Sinnes, und lie sie ber die
zweifelhaften Verhltnisse, in denen sie sich jetzt befand, eine berechtigte
Unruhe empfinden. Doch hoffte sie noch immer, durch die Anwesenheit der Marquise
d'Anville in Ste. Roche, einen ausreichenden Schutz fr ihren Liebling annehmen
zu drfen, und fhlte sich schmerzlich getuscht, als sie die Nachricht zurck
erhielt, wie bestimmt Elmerice sich jeder Gemeinschaft mit ihr entzogen habe,
wie fest diese neuen Verhltnisse sie zu fesseln schienen.
    Sie hatte darber ein langes Nachdenken und fragte die Erinnerungen ihrer
Jugend um Auskunft ber Emmy Gray. Aber es war ein undeutliches Bild, was sie
vorfand, und weniger hatte die Zeit dies bewirkt, als die damalige Zerstrung
ihres Geistes, und da nach ihrer Genesung die ganze traurige Begebenheit wie
mit heiligen Siegeln in dem Munde Aller verschlossen war, die sie umgaben. - Was
sie darber spter erfuhr, war ihr durch Madame St. Albans mitgetheilt, die
durch ihren Besuch, wie durch die Erwhnung der Nhe des Klosters Tabor, sie
wieder zu einigem Antheile erweckt und manche Erinnerungen in ihr aufgefrischt
hatte, die sie mit ihren brigen Schmerzen fest hielt und aus denen sie jetzt
einen Begriff von der Lage ihrer Elmerice schpfte.
    Die finstere, feindselige Stimmung, die Emmy Gray zu der ganzen Welt trug,
war fr die Grfin eine Ursache mehr, ihre junge Freundin als ein Opfer ihres
Mitleidens anzusehen; und wie sie diese weit getriebene Theilnahme mindern
solle, das war der Gegenstand ihrer Ueberlegungen. Sie entwarf hierzu in einem
Tage mehr Plne, als ihr ganzes briges Leben aufzuweisen hatte, nur immer
wieder verworfen oder verndert durch ihr groes Zartgefhl. Die Furcht, mit
einer Autoritt aufzutreten, die sie zu edel und uneigenntzig war geltend zu
machen, wenn sie nicht durch wirkliche Nothwendigkeit erzeugt ward, machte, da
sie bis zu dem Gedanken gelangte, selbst nach Ste. Roche zu gehen, um durch ihre
Nhe Elmerice, die sich ihr sicher nicht entziehen konnte, zu zerstreuen, ohne
sie ganz der Theilnahme fr ihre alte Freundin zu berauben.
    Aber die war freilich ein groer Entschlu, den die edle Franziska trotz
der Aufopferungen, deren sie fhig war, doch nicht ohne eine groe, innere
Bewegung fassen konnte, und von dem sie eben so lebhaft wnschte, er mchte ihr
erspart werden. Denn Ste. Roche war der Markstein ihres irdischen Glckes! Ste.
Roche hatte das unschuldige und tugendhafte Dasein des einzigen Mannes, den sie
je geliebt, auf immer zerstrt! Wenn sie dorthin dachte, schien es ihr ein
riesiges Grabmal, das Alles bedeckte, was ihr je an irdischem Besitze gehrte, -
und dennoch kam der Gedanke immer wieder; denn nur ihrem Pflichtgefhle rumte
sie eine ausschlieliche Herrschaft ber sich ein und schon erlie sie einzelne
Fragen an Lorint ber den Bestand der Reiseequipagen, welche die ganze
Dienerschaft in Erstaunen setzten, da die Grfin seit zehn Jahren das Schlo
nicht verlassen hatte. -
    In einem jener zierlichen Bltterklosets, welche die Gartenkunst des
damaligen Jahrhunderts bestrebt war, mit mglichster Tuschung der Natur
abzuringen, ruhte die Grfin d'Aubaine und sah durch den hohen Bogen des grnen
Eingangthores eine groe, schnurgrade gepflanzte Allee riesenhoher Platanen
entlang, die mit einem malerischen Prospekte auf das Schlo endete, als sie
Monsieur Lorint gewahrte, der mit den wei seidenen Strmpfen, dem gestickten
Scharlachrocke und der kleinen weien Stutzpercke, eine kleidende Staffage
dieser einsamen Bltterarchitektur ward. Als er nher trat, bemerkte sie den
Glanz des silbernen Tellers in seiner Hand und war nun gewi, er brchte ihr
Briefe. Sie hoffte aus Ste. Roche - und stand auf, um, ihm entgegengehend, sie
frher in Empfang nehmen zu knnen.
    Der alte, etwas korpulente Herr beeiferte sich bei dieser Bewegung seiner
angebeteten Gebieterin, sie so schnell, als mglich, zu erreichen, und bald
stand er, ganz auer Athem, mit dem reich belegten Teller vor der Grfin.
    Zwei Briefe von meiner Nichte? rief die Grfin. -
    Ja, Euer Gnaden, durch zwei sich schnell folgende Boten; auerdem befindet
sich noch ein Courier anwesend, der Euer Gnaden eine fremde Herrschaft
anzumelden kmmt. -
    Nun, und wenn? sagte die Grfin zerstreut und, schon in den ersten Brief
ihrer Nichte vertieft, kaum Lorint's Worte beachtend. Lorint schwieg daher, sich
vor das Kloset zurckziehend.
    Mit welcher Freude nun auch die erste, begeisterte Erzhlung der Marquise
von der Bekanntschaft mit Elmerice und den wunderbaren Verhltnissen derselben,
das zrtliche Herz der Grfin erfllte, da Lucile, von Empfindungen der
Bewunderung berstrmend, ihrer schnell erweckten Zuneigung mit Ausdrcken
erwhnte, die in ihrem eigenen Herzen einen nur zu lebhaften Anklang fanden - so
wurde diese Freude doch eben so rasch niedergeschlagen und in Besorgni
verwandelt, als sie den zweiten Brief erbrach und die Krankheit der alten
Mistre Gray und Elmerice's schnelles Zurckziehen erfuhr.
    Mein Gott, sagte sie lebhaft - das geht nicht mehr so! Ich mu dennoch zu
ihr; - mein armes, theures Kind, ich kann Dich nicht lnger verlassen!
Vielleicht that ich es schon zu lange und habe das heilige Vertrauen verletzt,
das Deine Eltern in mich setzten. - Sorgt, Lorint, sagte sie, sich zu ihm
wendend - da wir morgen abreisen knnen; ich werde nach Ste. Roche zu meiner
Nichte gehen!
    Lorint verbarg sein Erstaunen, welches ihm das Blut in das Gesicht trieb,
durch eine tiefe Verbeugung. Ich komme nach dem Schlosse zurck, fuhr die
Grfin fort, da Monsieur Lorint noch immer stehen blieb - richtet vorlufig das
Nthigste zu meiner Abreise ein.
    Zu Befehl, Euer Gnaden! erwiederte Lorint; - ich wollte nur unterthnigst
an den Courier erinnern, der auf Antwort harret!
    Ein Courier? sagte die Grfin berrascht, da sie jetzt erst die Nachricht
hrte - ein Courier aus Ste. Roche?
    Nein, Euer Gnaden, ein Courier, der eine fremde Herrschaft anmeldet, welche
sich aber nur der Frau Grfin selbst nennen will, und ber die der Bursche keine
Auskunft zu geben wei, da er von dem nchsten Posthause kmmt, wo die
Herrschaft erst vor wenigen Stunden eintraf und ihn absendete, um die
Anwesenheit Euer Gnaden zu erfragen und diese allgemeine Meldung zu machen.
    Das ist sonderbar, sagte die Grfin; - ich mu aber dennoch Bekannte
annehmen, obwol ich kaum wei, wer sich dieser eigenen Form bedienen knnte.
Doch darf dieser Besuch keinen Einflu auf meinen Entschlu haben. Besorgt zu
morgen meine Equipagen und sagt dem Courier, ich wre im Begriffe abzureisen,
doch bis morgen bereit, Jeden willkommen zu heien.
    Auch, glaube ich, knnen dies Euer Gnaden ohne Bedenken, fuhr Lorint mit
der Vertraulichkeit alter Domestiken fort; - denn die Herrschaft ist, dem
Aufwande nach, mit dem sie reist, von hohem Range.
    Wir werden dies erwarten, sagte die gtige Grfin lchelnd; - gebt die
nthigen Befehle zu ihrer Aufnahme!
    Doch lange noch blieb sie allein in der schnen Einsamkeit, die sie umgab;
sie vertiefte sich in die Mittheilungen ihrer Nichte und suchte sich dadurch in
ihrem Vorhaben zu strken, das sie, bei aller pflichtgetreuen Festigkeit ihres
Sinnes, dennoch mit einem geheimen Bangen erfllte, ber das sie nicht Herr zu
werden vermochte. Wie Viel sich an diese Empfindungen anreihen mochte, was von
der Zeit und ihrem starken Willen verdeckt lag, wre auf dem schnen, frh
gealterten Gesichte zu verfolgen gewesen, obwol es die feine Hand, welche das
denkende Haupt sttzte, halb verbarg.
    So mochte die Zeit schnell an ihr hin gestrichen sein, und vielleicht hatte
sie selbst die Abreise und mehr noch den angekndigten Besuch bereits vergessen,
als sie die Stimme von Monsieur Lorint vernahm, der, dicht vor dem Eingange des
grnen Gemaches stehend, einige unterthnige Worte murmelte. Sie zog die Hand
von ihrem Angesichte und sah hinter Lorint eine hohe, mnnliche Gestalt stehen,
und an ihrer Seite eine jngere, weibliche, die Beide der Grfin vllig fremd
erschienen und sie an ihre erwarteten Gste erinnerten.
    Sogleich erhob sie sich, und mit ihrem edeln und gewinnenden Anstande nahete
sie sich den Fremden, die Monsieur Lorint versucht hatte, ihr vorzustellen. Wer
htte sich nicht in dem Augenblicke, als sich die hohe, leichte Gestalt, so
wrdig von den reichen Falten des schwarzen Kleides umhllt, ihnen nahete, sagen
mssen: sie habe die unverwstliche Schnheit der Seele, deren Dasein wir beim
ersten Blicke empfinden, und die an dem Krper, der wie ein durchsichtiger, aber
farbloser Schleier den Geist umgiebt, keinen greren Verfall zult, als die
Verflchtigung der Jugendreize!
    Der Fremde schien, von hnlichen Betrachtungen bewegt, ihren vollen Anblick
genieen zu wollen; denn er blieb in derselben Entfernung vor ihr stehen und
lie sie in ihrer ganzen edeln Erscheinung auf sich zu kommen; aber sein groes
Auge, das unter starken, schwarzen Augenbraunen feurig hervorleuchtete, sagte
ohne Worte: ich bewundere Dich! Der Fremde zeigte eine sichere, wrdevolle
Haltung; die Schnheit eines alten Mannes, der sich seiner Jugend ohne Errthen
erinnern darf. Sein weies Haar hob sich noch voll um die freie Stirn, und die
Feinheit der schnen, griechischen Nase verstrkte den edeln Ausdruck seines
Kopfes. Er war ber der gewhnlichen Gre, ohne Korpulenz, in reicher,
einfacher Tracht, die aber nicht die der franzsischen Mode war; seine ganze
Erscheinung flte Achtung und Vertrauen ein.
    An seiner Seite stand eine junge, weibliche Gestalt, die fast andchtig ihre
sanften Augen auf die Grfin d'Aubaine gerichtet hielt und eins der zarten,
blonden Mdchen war, an deren materielle Existenz wir kaum Glauben fassen
knnen.
    Die Grfin gewann die von uns dargelegte Ansicht mit einem Blicke ihrer
klugen, erfahrenen Augen; und in der angenehmen Erwartung, einen Namen zu hren,
der dieser interessanten Erscheinung entsprche, nahete sie sich mit jener
verbindlichen Miene, welche die Frage ausdrckt, die der Mund noch zurckhlt.
    Madame, sagte der Fremde, jetzt ehrerbietig ihr entgegentretend - ich
erkannte Euer Gnaden augenblicklich wieder, obwol so viel Zeit zwischen diesem
und unserm letzten Beisammensein liegt, da mein einst schwarzes Haar Zeit
hatte, mich zum Greise zu stempeln; - auch damals geno Lord Duncan-Leithmorin
Gastfreundschaft in Ardoise, und Grfin Franziska d'Aubaine war die Heilige, die
er anbetete.
    O, Lord Duncan, rief Grfin d'Aubaine - Sie fhrt in Wahrheit Gottes
besondere Gte zu mir! Stets konnten Sie der Freude gewi sein, die Ihre Ankunft
hier erregen mute; und doch ist sie niemals erwnschter gewesen, als gerade
jetzt, wo sie fast zur Nothwendigkeit geworden ist; und in dem Augenblicke, wo
ich Sie sehe, fhle ich erst recht die Wohlthat, die mir Ihr Rath gewhren
wird.
    Das habe ich fast erwartet, Frau Grfin, erwiederte Lord Duncan; - und
dennoch thut mir Ihre offene, gtige Erklrung darber unendlich wohl; denn sie
hebt den letzten Zweifel, der mich noch beunruhigen konnte. An Sie bin ich nun
in jeder Hinsicht verwiesen, da Sie selbst meine Sendung anzuerkennen scheinen.
    Lassen Sie mich erst diesen Engel begren! rief jetzt die Grfin, deren
Augen schon lngst auf das holde Wesen an seiner Seite geblickt hatten.
    Marie Duncan sehnte sich, Ihre Hand zu kssen, sagte der Lord und fhrte
das errthende Mdchen zur Grfin, die ihr die Arme entgegenstreckte und sie
zrtlich an ihre Brust drckte. Freundin meiner Elmerice, weit Du, da sie mir
mtterliche Rechte einrumte? Willst Du mir einen hnlichen Antheil gnnen?
    Ach, Madame', rief Marie, seelenvoll zu ihr aufblickend - mchte ich ein
so groes Glck verdienen lernen!
    Aber Du findest Deine Elmerice nicht! fuhr die Grfin fort. - O, Lord
Duncan, werden Sie nicht Rechenschaft von mir fordern und mich fr einen
schlechten Haushalter erklren, da ich den mir anvertrauten, kstlichen Schatz
von mir lie, schutzlos in fremde, unheimliche Verhltnisse bergehend?
    Nein, meine theure Grfin! erwiederte Lord Duncan; - ja, eben diese
augenblicklichen Verhltnisse des von mir vterlich geliebten, theuern Mdchens
sind die Veranlassung, da ich nach Frankreich kam; - und wie ich ohne Ihren
Rath, Ihren Beistand keinen Schritt vorwrts thun kann oder will, so mu ich
einrumen, da Sie mich eben so nthig haben werden; und da ich Ihre Reiseplne
schon kenne, denke ich, wir reisen, wenn Sie mich gehrt haben, spter
zusammen.
    O, gern, gern! rief die Grfin, nachdenkend und bewegt; denn jetzt fhlte
sie, Lord Duncan msse wichtige Mittheilungen zu machen haben, und in dem
augenblicklichen Verhltnisse seines Mndels mehr sehen, als sie, die ihre Sorge
nur auf die Gemthsstimmung ihrer jungen Freundin gerichtet hatte. Hoch athmete
sie bei diesem Nachdenken auf. Wie viele Jahre waren schonend an ihr hingezogen,
und heute ward ihre Erinnerung fr die Vergangenheit geweckt - und wie lebhaft
durch Lord Duncan ihr Gefhl angeregt, den sie als Freund Reginald's kannte, und
dessen Bekanntschaft die glcklichste Zeit ihres kurzen Jugendlebens umschlo!
    Lord Duncan errieth die Bewegung seiner edeln Freundin und suchte sie von
ihren Empfindungen abzulenken. Die Grfin verstand schnell seine wohlmeinende
Absicht; man trat den Rckweg nach dem Schlosse an, und hier Alles geschickt und
schnell vorbereitet findend, fhrte die verbindliche Wirthin ihre Gste selbst
in die schnen, wohnlichen Gemcher, ihnen nach einer eiligen Reise die
erwnschte Ruhe gnnend.
    Erst zur Tafel fanden sich die Gste wieder bei der Grfin d'Aubaine ein,
und Lord Duncan fllte diese Zeit der Unterhaltung mit Erzhlungen ber sein
Familienleben, das, der Grfin fremd, ihre ganze Theilnahme in Anspruch nahm
Doch hrte sie fast mit Schreck, da Lord Astolf, der jngste Sohn des Lord
Duncan, bereits verlobt sei, und wie sich die junge Marie darauf freute,
Elmerice mit dieser Nachricht zu berraschen. Denn noch immer glaubte sie, ihr
Liebling trage eine unglckliche Neigung zu jenem Jnglinge, und seit lange
hatte sie sich gewhnt, die Schwermuth derselben dieser Ursache Schuld zu geben.
    Lord Duncan hatte die Grfin um eine ungestrte Unterredung gebeten; man hob
die Tafel deshalb zeitig auf, und da Marie Duncan alle Pltze kennen lernen
wollte, von denen das Tagebuch ihrer Elmerice so lebhafte Schilderungen
enthielt, hatte die Grfin dafr gesorgt, da das sanfte Reitpferd, welches Mi
Eton zuweilen gebrauchte, der jungen Lady zugefhrt wurde. Der alte Frster von
Ardoise und ein vllig zuverlssiger Reitknecht bekamen den Auftrag, Mi Duncan
zu allen Punkten hinzufhren, welche die junge Dame nennen wrde.
    Nachdem man das junge, heiter lchelnde Mdchen mit ihrem Gefolge hatte
abreiten sehen, fhrte die Grfin d'Aubaine ihren Gast nach dem abgelegenen,
grnen Kabinet, welches wir bereits kennen; und als sie in den offenen
Balkonthren, die einen begrenzten Blick in die einsamsten Baumpartien des
Gartens darboten, Platz genommen hatten, trat eine Pause ein, in der Beide sich
zu beherrschen suchten. Die Grfin fhlte, sie wrde mit Lord Duncan nicht
zusammen sein knnen, ohne durch gemeinschaftliche Erinnerungen den wunden Punkt
in ihrer Brust zu berhren, und Lord Duncan sah sich hnlich bewegt; wir werden
aus seinen Mittheilungen erfahren, wie viel Recht er dazu hatte.
    Lassen Sie uns offen gegen einander sein, theure Grfin, sprach er
endlich; - wir fhlen Beide, da, was ich Ihnen zu sagen habe, schmerzliche und
ewig theure Erinnerungen wecken wird. Aber wenn ich dennoch den Entschlu gefat
habe, Sie auf diese Weise zu erschttern, so geschieht es in dem festen
Vertrauen, da Ihnen, wie mir, eine Pflichterfllung zu wichtig ist, um nicht
das Opfer zu bringen, das ich jetzt fordere, indem ich Sie bitte, mich
anzuhren.
    Die Grfin reichte ihm schweigend die Hand, die er fast knieend an seinen
Mund drckte. Ihre blassen Lippen bebten in einer Empfindung, der sie keine
Worte gestatten wollte; aber Lord Duncan zweifelte nicht an ihrer Einwilligung
und hob mit ruhiger Fassung seine Mittheilungen an:
    Als Reginald - aus seinem Vaterlande verjagt ward, suchte er das Vaterland
seiner Mutter auf. Er erreichte England mit gebrochener Jugendkraft, und als er
das Haus seines Onkels, des Herrn Lester in Yorkshire, betrat, zeigten sich
schon Symptome der Krankheit, die ihn bald darauf danieder warf. - Sie haben oft
von dem Vater Ihrer Jugendfreundin gehrt; er war in Wahrheit einer der
Ausgezeichnetsten seines Standes. Er besa eine reiche Probstei, und seine
vornehme Familie, die den Vater aufgegeben hatte, suchte durch diese ansehnliche
Pfrnde den Sohn zu heben. Mehr, als sie ihm geben konnte, gab er sich selbst
durch seinen wrdigen Karakter! Seine tiefe Gelehrsamkeit machte ihn zu einem
gesuchten und geachteten Gegenstande; er hatte auf der Universitt den
Doktorgrad erhalten, war Mitglied der ausgezeichnetsten, gelehrten
Gesellschaften, und stand dadurch in den weitverzweigtesten Verbindungen. Eben
so bedeutend war seine Gemahlin, eine Mi Eton, deren Vater Bischof in Kalkutta
gewesen, und die ihrem Gemahle in jeder Beziehung gewachsen war. Nach dem Tode
ihres Vaters hatte sie sich, als die Letzte ihres Namens, mit Herrn Lester
vermhlt, und nachdem sie mehrere Kinder verloren, blieb ihr nur Margarith, die
jngste Tochter, die Ihre Freundin ward, theure Grfin!
    Nur ein Mal habe ich mit Herrn Lester ber Fennimor, seine unglckliche
Schwester, gesprochen. Er war bis zu Reginald's Ankunft ber ihr eigentliches
Schicksal in Zweifel geblieben. Wie wir alle, mute er sie rechtmig vermhlt
halten; auch bekam er bis zu der Geburt ihres Sohnes nur glckliche Nachrichten
von ihr und empfing daher die Anzeige ihres Todes, die ihm Graf Leonin selbst
machte, mit der schmerzlichen Trauer um ein zu frh aufgelstes Glck. - Ob ihr
Sohn, von dem jene Todesnachricht Nichts erwhnte, lebe oder der Mutter gefolgt
sei, konnte Herr Lester nicht erfahren; da alle seine Briefe von da an
unbeantwortet blieben. So machte die Zeit, da er jene Verhltnisse, als fr ihn
nicht mehr bestehend, nach und nach zu vergessen begann. Emmy Gray's Weigerung,
nach England zurckzukehren, und die flchtige Erwhnung seiner Tochter, bei
ihrer Rckkehr aus Ardoise, ber ihr wunderliches Leben, berraschte Herrn
Lester nicht, da er Emmy von Jugend auf als finster und halsstarrig gekannt
hatte, und John Gray, der auf der Jagd verunglckte und einen frhen Tod fand,
kein Band mehr fr sie war. Dies eine Mal, da ich nach der Entdeckung, die ihm
Reginald gemacht, den unglcklichen Bruder dieses geopferten Engels sprach, wird
mir unvergelich sein! Er hatte damals schon jeden Gedanken an Genugthuung
aufgegeben und rang mit seinem Schmerze um christliche Fassung und Ergebung;
aber es war ein Kampf, dem er so oft unterlag, als er davon zu sprechen wagte,
und ich habe ihn niemals wieder dazu aufgefordert.
    Reginald wute durch Emmy Gray's verhngnivolle Mittheilung von dem Dasein
seines Onkels und von dessen Aufenthalt. Er suchte ihn zu erreichen; aber sein
Diener brachte den todtkranken Jngling bewutlos in das verwandte Haus. Noch
ahnte die edle Familie nicht, wen sie aufnahm, obwol Margarith augenblicklich in
ihm den Jngling wieder erkannte, den sie unter dem Namen Chevalier de Ste.
Roche in Ardoise gesehen hatte; dessen ungeachtet geno er jede Pflege und die
zarteste Theilnahme, die endlich den leidenden Zustand brach und ihn dem Leben
zurckgab, das er nur noch mit Ergebung ertrug, von jedem frohen Gefhle des
Glckes und der Jugend auf immer geschieden.
    Als er sich seinem Oheim entdeckt hatte, und die ereignireiche Erzhlung
seines grausamen Schicksales das Herz dieses edlen Verwandten mit dem Unglcke
seiner Schwester vertraut gemacht hatte, erfllte Beide eine tiefe und gerechte
Verachtung gegen die Familie Crecy-Chabanne, deren rechtmiges Oberhaupt durch
so grausame und hartnckige Verfolgungen, um jedes Vorrecht der brgerlichen
Gesellschaft betrogen, aus seinem Vaterlande vertrieben ward. - In Folge dieser
Empfindungen, und von dem lebhaften Verlangen gedrngt, dieser Familie spurlos
entzogen zu bleiben, willigte Reginald ein, den erlschenden Namen seiner Tante
anzunehmen; - und er nannte sich von da an - Eton!
    Lord Duncan brach hier ab; er sah das hinsterbende Lcheln auf dem Gesichte
seiner edeln Freundin. Beide schwiegen. Langsam flo endlich Thrne auf Thrne
aus ihren gesenkten Augen. Lord Duncan erhob sich, er wollte sich entfernen; -
aber ihre reine und erhabene Seele hatte schon gesiegt; sanft streckte sie die
Hand nach ihm aus. - Bleiben Sie, theurer Freund! rief sie, unter strker
rinnenden Thrnen - o, ich weine mehr aus Freude, wie aus Schmerz! So war sein
Schicksal weniger traurig, als ich es erwarten mute - so geno er Liebe, treue
Hingebung an der Seite der edelsten Menschen! Ach, und er verga mich nie; denn
- sprechen Sie es aus - sein Vermchtni war Elmerice!
    Gerhrt unterbrach Lord Duncan den beruhigenden Ergu ihrer Gefhle nicht.
Still und voll Ehrfurcht blickte er auf diese schne, wrdige, weibliche
Erscheinung, die mit allen Zustnden Frieden schliet und ihnen ihren Stachel zu
nehmen wei.
    Lord Duncan, sagte sie nach einer kleinen Weile - welches Licht giebt mir
dieser Augenblick ber mich! Wie unwahr sind wir noch immer gegen uns - und
neben welchen absichtslosen Tuschungen gehen wir her, als ob wir sie nicht
shen! Was Sie mir jetzt aussprechen, ist die Ahnung der langen Vergangenheit,
seit Margarith Lester mir in schchternen Andeutungen ihre Liebe, ihre
Vermhlung mittheilte. Seit ich Elmerice sah, und aus ihren Erzhlungen ber
ihren Vater Manches mir erschien, als ob eine liebe Hand den Schleier von einem
unverwischlichen Bilde wegzge - seitdem belebte sich diese Ahnung aufs neue! O,
Lord Ducan, nehmen Sie mein Bekenntni an: selbst das schne Antlitz meiner
Elmerice rief theure Zge in mir zurck; - und dennoch, dennoch hllte ich mich
schchtern gegen die Wahrheit ein! Aber ich liebe dies theure Kind so zrtlich,
so hingebend, wie ich nur vermocht htte, wenn mir die Wahrheit aufgedeckt
gewesen wre; und all meine Einrichtungen fr ihre Zukunft nach meinem Tode,
gestalteten sich so, wie es der Witwe Reginald's - mein schnster Titel blieb
dies immer - zukam! O Mylord, wie froh bin ich, sagen zu knnen: ich war vor
Ihrer Ankunft entschlossen, nach Ste. Roche zu gehen; und nicht alle meine
Pflichten habe ich aus krnklicher Schonung meines verwhnten Gefhles
vernachliget.
    Reginald - hob hier Lord Duncan an - kannte Sie so genau, theure
Freundin, da er gerade so, wie es geschehen ist, den Gang Ihrer Empfindungen
voraussetzte. Nicht ich sollte Elmerice begleiten; und da seine Gemahlin ihn
berlebte, sollte auch diese erst der Tochter nach Frankreich folgen! Elmerice
sollte alle Nachrichten ber sein Leben ahnend in Ihnen vorbereiten, und wir nur
hinzutreten, um das zu geben, was Ihnen dann noch fehlen wrde.
    So fahren Sie fort, sagte Franziska d'Aubaine mit Fassung. Aber sie
sttzte ihr Haupt mit der Hand und entzog ihr Gesicht, damit dem Lord die
Zeichen ihres tief erregten Gefhles beschmt verhllend. Mit einer edlen
Schonung erzhlte Lord Duncan weiter:
    Nachdem Herr Lester zu einiger Fassung zurckgekehrt war, richtete er seine
ganze Aufmerksamkeit auf seinen unglcklichen Neffen und bemhte sich, ihm eine
Sttze zu werden. Sie begreifen, mit welcher Liebe und Bewunderung er den reich
angebauten Geist, das edle Herz desselben erkennen lernte; wie stolz er im Laufe
der Zeit auf ihn ward und wie er ihm seine achtungsvollste Freundschaft
schenkte.
    Doch sein und Reginald's dringendstes Verlangen, einen Wirkungskreis, eine
Thtigkeit zu finden, scheiterte wiederholt an Reginald's zerstrter
Lebenskraft. Sein Aufenthalt in der Bastille, die er unter den heftigsten
Seelenleiden, nach einer kaum berwundenen Krankheit, ohne die nthige Pflege
bewohnen mute, hatte eine hartnckiges Siechthum veranlat, das ihn viele Jahre
nach einander zu derselben Zeit aufs Krankenlager warf und endlich die Aerzte zu
dem Ausspruche nthigte, da die Luft in England diesem Zustande nachtheilig
werde. Doch konnte Reginald in jener Zeit nicht an seine Abreise denken; denn
sein geliebter Oheim verlor nach kurzem Krankenlager die wrdige Gefhrtin
seines Lebens.
    Auf ihrem Sterbebette vertraute sie Reginald die Liebe ihrer Tochter und
sagte ihm, sie wnschte, da er sie heirathe; denn Margarith mache keinen
Anspruch an seine Liebe, die er ja doch niemals fr ein anderes weibliches Wesen
werde empfinden knnen - Margarith werde wie seine Schwester ihm zur Seite
bleiben, seine schwankende Gesundheit sttzen und das Leben ihm liebevoll
erleichtern. Doch verbat sie sich jede Zusicherung des erschrockenen Reginald
und verlie bald darauf die Welt.
    Von da an lernte unser Freund erst Margarith kennen; denn bei ihrer ersten
Bekanntschaft in Ardoise hatte Reginald keinen Raum gehabt fr die Wahrnehmung
einer anderen weiblichen Erscheinung; aber er nherte sich ihr mit dem Wunsche,
durch sein Vertrauen sie von den Gefhlen abzulenken, die erregt zu haben, ihm
Kummer machte. Aber seine Annherung hatte andere Folgen! Jetzt erst trat
hervor, was Margarith bisher bescheiden ihm entzogen, da sie noch immer die
Freundin, ja, die Vertraute der Grfin Franziska war - da ihre Liebe mit der
seinigen um den Rang stritt, und sie das Band werden wrde, das ihn mit dem
einzigen Glcke seines Lebens in Verbindung erhalten knnte. Sie waren von da an
unzertrennlich; - und wie er fhlte, da er die Neigung des edeln Mdchens,
statt sie zu verringern, gesteigert habe, bot er ihr seine Hand an und
wiederholte ihr, was sie wute, da er ihr kein Herz zu geben habe.
    Schon damals kannte ich seine Anwesenheit in England; Herr Lester hatte mir
ausfhrlich sein Schicksal mitgetheilt. Zu derselben Zeit wiederholten sich die
Versuche des Grafen Leonin, Reginald auszuforschen; da, nach dem im Kloster
erfolgten Tode der alten Marschallin, wahrscheinlich sein Verlangen erwachte,
sich den Sohn wiederzugewinnen. Auch ich bekam Aufforderungen und ich gestehe,
da ich es versuchte, meinen Einflu auf Reginald zu benutzen, um ihn fr die
Vortheile dieser Stellung empfnglich zu machen. Aber ich fand ihn
unerschtterlich. Das Andenken an seine gekrnkte Mutter vertrat jeden Weg der
Vershnung mit seinem Vater, an den er zwar ohne Ha dachte; aber sich doch
vllig unfhig fhlte, in ein kindliches Verhltni zu ihm zu treten.
    Ueberdies war er verheirathet - er durfte Nichts mehr hoffen, und er
verachtete Rang und Stand, der zu so vielen Verbrechen Anla gegeben, mit einer
fast an Ha grenzenden Bitterkeit.
    Gleich nach der geruschlosen Hochzeit folgten sie mir nach Schottland,
welches Herr Lester lebhaft wnschte, da die geforderte Luftvernderung noch
immer verschoben worden war; und bei mir, in Leithmorins Bergen, in den grnen
Thlern mit ihren zahllosen Quellen erfrischte sich die Lebenskraft unseres
theuren Freundes. Dessen ungeachtet fhrte ihn sein Pflichtgefhl zu Herrn
Lester zurck; denn er errieth die immer verhehlten Wnsche seines liebevollen
Weibes, die nur mit Sorge den alternden Vater allein wute; auch brachte
Reginald in Wahrheit bessere Lebenskrfte mit und berhob seine Familie fr
einige Jahre der Sorge fr sein Leben. Er bereitete sich in dieser Zeit vor,
einen Ankauf in England zu machen, der ihm eine wrdige Thtigkeit sicherte, als
der pltzliche Tod seines Schwiegervaters und die erneueten Nachforschungen des
Grafen Leonin ihn diesen Plan aufgeben lieen, und seine Freundschaft fr mich
ihn bestimmte, sich nach Schottland zurckzuziehen.
    Hier lebte er bis zu seinem Ende in der innigsten Gemeinschaft mit meiner
Familie und theilte seine Zeit in die Kultur seines kleinen Gutes und die
Erziehung seiner einzigen Tochter - unserer Elmerice!
    Doch erwachte nach der ersten Vernarbung seiner schweren Seelenwunden eine
tiefe Sehnsucht nach dem schnen Frankreich, seinem berhmten Vaterlande, in
ihm; und es gehrte sein festes Abschlieen mit dem Leben dazu, um ihn davon
entfernt zu halten. Als er aber seine Krfte sinken sah und sich selbst nur zu
richtig ein frhes Ende prophezeihte, erwachte ein Gedanke in ihm, der seine
letzten Jahre erheiterte - Ihnen nach seinem Tode seine Tochter und Gemahlin als
ein Vermchtni zu bersenden, und Elmerice auf dem Boden einheimisch werden zu
sehen, den er dennoch am liebsten sein Vaterland nannte - und durch Sie das
theuerste Andenken seines Lebens!
    Was htte Margarith nicht in ihrem edeln, von ihr angebeteten Gatten
verstanden? Wo wre ihr Antheil je ausgeblieben, wenn er ihn zu erwecken suchte?
Die Erziehung Elmerice's nahm von da an diese vorbereitende Wendung, und sie
ward in Schottland schon eine Brgerin Frankreichs.
    Doch eben so fest suchte er zu der damaligen Zeit alle Bestimmungen so zu
ordnen, da Elmerice ber das eigentliche Schicksal ihres Vaters stets in
Ungewiheit bliebe und ihrer Familie auf immer entzogen. Wir Alle waren durch
die heiligsten Eide gebunden, dies von ihr abzuhalten. Ein Brief an Sie, theure
Grfin, flehte Sie um dieselbe Zusage an; denn er fhlte eine Art eiferschtigen
Zrnens, wenn er sich das herrliche Kind, auf das er mit Stolz und Entzcken
blickte, in den Hnden einer Familie dachte, die vielleicht mit zweifelnder
Miene auf ihre Vorzge sehen und ihnen die volle Berechtigung weigern knnte.
    Ein spteres Ereigni jedoch, das ich Ihnen zu einer anderen Zeit
mittheilen werde, vernderte in etwas diese hartnckigen Bestimmungen; - sie
sollten nur so lange Geltung behalten, als das Lebensglck dieses geliebten
Kindes nicht wesentlich darunter litte. Ich bekam Erlaubni, seiner Tochter in
Jahresfrist nach Frankreich zu folgen, selbst die Verhltnisse zu prfen, in die
sie alsdann getreten sein wrde und den Umstnden gem nachgiebig zu sein, oder
das Geheimni ber ihre Geburt fortbestehen zu lassen, wenn die Lage der Sache
sich seinen Anforderungen nicht entsprechend zeigte.
    So war die Reise hierher ein alter Beschlu, ein Versprechen sogar; aber
sie ward durch die Nachrichten, die Marie Duncan von Elmerice erhielt,
beschleunigt. Um mit dem geliebten Kinde im sicheren Zusammenhange zu bleiben,
hatte ich in beiden Mdchen die Idee erregt, fr einander eine Art Tagebuch zu
schreiben, und bei der Liebe, die Elmerice zu mir hatte, ward es mir nicht
schwer, die Erlaubni der Theilnahme an demselben zu erhalten. Ich schrieb
selbst in dem Tagebuche meiner Tochter - und Elmerice beantwortete dies;
ungesucht erfuhr, ich so, was ihr begegnete, und behielt eine Uebersicht, die
mich leiten mute, wenn ich frher, als das Jahr abgelaufen war, es nthig
finden sollte, meine Reise anzutreten. Dies schien mir jetzt der Fall, seitdem
sie durch eine jener wunderbaren Fgungen, die wir uns vielleicht sehr mit
Unrecht gewhnt haben, Zuflligkeiten zu nennen, zu dem eigentlichen Brtheerde
ihres Schicksals gelangt ist! Emmy Gray, die, wie eine Nemesis ber ihrer Rache
wachend, das gekrnkte Leben zu erhalten wute, hat sogleich den verwandten Zug
mit Fennimor Lester erkannt, ihr deshalb Liebe und Vertrauen geschenkt, ihre
Ahnungen in ihr niedergelegt und sie mit dem harten Schicksale ihrer Gromutter
und ihres Vaters bekannt gemacht. Von da an zeigen die Briefe des armen Kindes
eine tiefe Schwermuth, die sie dem Leben absterben lt; denn sie will die
Vorzge der Geburt, die ihr bei der Aufdeckung ihrer Rechte zustehen wrden,
niemals gelten lassen, da sich so viele Verbrechen an deren Raub knpfen. Ja,
sie frchtet vor Allem, das Andenken ihres Vaters zu beleidigen, wenn sie das zu
besitzen trachtete, was er nicht zu besitzen vermochte. -
    O meine Elmerice, unterbrach hier Franziska d'Aubaine ihren Freund - wie
wrdig bist Du, seine Tochter zu sein! -
    Die Anwesenheit des Marquis d'Anville, den sie als Ihren Verwandten kennt,
theure Grfin, hat diesen Vorsatz nur befestigt. Wie sollte sie ein Eigenthum
besitzen wollen, das in diese Hnde bergegangen ist? Dagegen hlt sie es fr
eine heilige Pflicht, bei Emmy Gray auszuhalten, die von der Aehnlichkeit lebt,
die Elmerice mit Fennimor hat, und nach so langer, trostloser Vereinsamung durch
den Gedanken befriedigt ist, da sie die rechtmige Erbin Fennimors in Ste.
Roche eingesetzt hat, und ihr diese die Augen zudrcken wird. Elmerice fgt sich
allen ihren Phantasien; sie trgt Fennimors Kleidung sogar, um der armen Alten
die hchste Illusion zu gewhren.
    So, liebe Grfin, denke ich, kann es nicht lnger bleiben! Wir mssen dem
edeln Kinde, das es so wohl verdient, jetzt vlliges Vertrauen schenken. Sie
theilt Emmy's Ueberzeugung; denn, wenn sie auch aus ihrem Leben keine Gewiheit
hinzufgen kann, widerspricht doch auch Nichts ihren Annahmen; und da Mi
Lester ihre Mutter, ward besttigt durch ihre Vermuthungen, die auch Emmy sehr
natrlich erklrt hat.
    So ist denn jetzt noch mehr, wie frher, meine Ueberzeugung besttigt, da
auch ich nach Ste. Roche mu, sagte die Grfin d'Aubaine; - denn ich werde am
besten all die kleinen Schranken durchbrechen knnen, die zu groes,
gegenseitiges Zartgefhl dieser Angelegenheit nachtheilig werden lie. Ich habe
natrlich wenig von den Gesinnungen des Marquis d'Anville ber diesen Gegenstand
gehrt; da meine lieben, nur zu gtigen Verwandten Alles in Schweigen hllten,
was auf diese schmerzliche Epoche meines Lebens hinzuweisen vermochte. Doch
erfuhr ich, da er nach Reginald selbst oder nach dessen Verwandten eifrig
forschte - und da er darin nicht glcklich war, ist mir durch Ihre
Mittheilungen erklrt. -
    Ja! sagte Lord Duncan - hier ist sein letzter Brief; er ist aus Ste.
Roche datirt und lt keinen Zweifel ber seine uneigenntzigen Gesinnungen. Ich
habe ihm geantwortet, wie er es verdient - und ihn auf meine baldige Ankunft
verwiesen. Doch mssen wir wohl berlegen, was wir mit Elmerice wollen; wird es
ein Glck sein, sie in ihre Rechte einzusetzen?
    Das steht in Gottes Hand, Lord Duncan, - sagte die Grfin warm; - wir
haben ein Unrecht gut zu machen - wir drfen nicht weiter fragen, da das Nchste
klar vor uns liegt! Die sptere Frage ist nicht so sehr, wie es erscheinen will,
an Aeuerlichkeiten gebunden. Nehmen wir Elmerice den Druck ab, der durch ihre
halbe, gekrnkte Stellung entstanden ist, und erwarten wir voll Vertrauen und
Achtung, wie sie selbst mit ihrem schnen Willen dann eine wrdige Haltung
behaupten wird. -
    Der Marquis d'Anville, hob nach einer Pause Lord Duncan an - hat einen
Bruder -
    Frchten Sie Nichts von diesem! unterbrach ihn die Grfin schnell. Leonce
ist allerdings nicht reich - und ich wei, da d'Anville beschlossen hatte,
durch die Art, wie er den Nachla des Grafen Leonin jetzt zu theilen dachte,
diesen Mangel auszugleichen. Doch tritt der Fall ein, da Leonce mit der Tochter
meines Bruders fast so gut wie verlobt ist und diese ihm Reichthum bringen wird,
da Graf d'Aubaine nur zwei Kinder hat.
    Schnell stand hier Lord Duncan auf und trat mit einer sonderbaren Heftigkeit
auf den Balkon hinaus. Die Grfin war jedoch zu sehr in den angeregten
Empfindungen vertieft, um es zu bemerken; Lord Duncan ward freundlich und mit
dankbaren Worten von ihr entlassen, da er ihr bis zur Abendtafel Ruhe zu gnnen
wnschte, und diese Zeit den erinnerungsreichen Pltzen um Ardoise widmen
wollte. Doch mssen wir gestehen, da er die Grfin d'Aubaine mit viel
geringeren Hoffnungen fr das Glck der von ihm so vterlich geliebten Elmerice
verlie, und oft hren wir ihn wiederholen: Reginald, Reginald, Deine
Nachgiebigkeit kmmt zu spt!

In dieser Zeit hatte Elmerice an dem Krankenlager ihrer alten Freundin trbe
Stunden! Sie konnte sich nicht verhehlen, da ihr Leiden ernster Art war und
vielleicht das letzte ihres Lebens sein werde. Aber der Gedanke, Emmy zu
verlieren, war ihr in einem Augenblicke, wo sie dieselbe als ihre einzige Sttze
ansah, fast unertrglich. Mit leidenschaftlicher Angst erwartete sie daher den
alten Arzt, und als er endlich ankam, eilte sie ihm mit einem so gesteigerten
Grade von Schmerz entgegen, da er sie erstaunt anblickte und, whrend er ihre
Hand wie blos freundschaftlich drckte, doch heimlich und schnell den
Zeigefinger an ihren Puls legte, um ihren Gesundheitszustand zu ergrnden. Mute
er nun auch ihre Bewegung auf ihre Theilnahme allein schieben, berzeugte ihn
doch der Zustand der Alten, da die grte Besorgni fr dieselbe vorhanden sei.
Er hatte kaum den Wunsch, ihr ein Medikament zu geben; da ein ruhiges
Einschlafen der gnzlich abgelaufenen Lebenskrfte zu erwarten stand. Um sie
jedoch der armen Elmerice, die sie fortwhrend fr ihr letztes Lebensglck
erklrte, so lange wie mglich zu erhalten, verordnete er ein Mittel, welches
die Fieberbewegungen aufheben sollte.
    Es war Elmerice nicht gelungen, sich den brigen Schlobewohnern ganz zu
entziehen; die Pforte, die einst Emmy Gray mit so eiferschtiger Strenge
bewachte, schien Schlo und Riegel verloren zu haben, und es blieb Elmerice
keine Schutzwehr in ihren Verhltnissen, da von Pflege der Alten fast nicht die
Rede sein konnte; indem ihr stiller, trumerischer Zustand kein Symptom zeigte,
das einen thtigen Beistand erfordert htte. Die Damen wurden durch diese
Beobachtung ermuthigt, der liebenswrdigen Mi Eton ihre Besuche zu machen, und
besonders schien der Marquis d'Anville es seit einiger Zeit von seiner Gemahlin
zu fordern; er selbst zeigte sich jeden Morgen vor Elmerice's Thr, um von Asta
zu erfahren, wie ihre Gebieterin geschlafen habe.
    Er hatte lange Unterredungen mit dem alten Arzte - sendete Boten nach Paris,
die ihm Papiere brachten, die er mit dem alten Herrn bei verschlossenen Thren
zu prfen schien, und dennoch erfuhr Niemand etwas Bestimmtes von ihm; und
Alles, was er seiner jungen Gemahlin mittheilte, war der achtungsvolle Brief des
Lord Duncan, der seine Ankunft verhie.
    Man hatte an einem der nchsten Tage so eben die Tafel aufgehoben und
schweifte durch den schnen Audienzsaal der Knigin Katharina, um in dem
Burggarten die freie Luft zu genieen, als die gegenberliegenden Flgelthren
sich pltzlich ffneten, und, ohne vorhergehende Meldung einige Fremde
eintraten, unter denen sich eine Dame auszeichnete, deren hohe, schlanke Gestalt
von langen, schwarzen Gewndern umflossen war, und deren Gesicht ein Schleier
den Anwesenden entzog. Sie ging schnell den Anderen voraus und blieb dann stehen
- ihre Hnde ausstreckend, als verlange sie, da man sie ergriffe. Der Marquis
und Lucile traten ihr auch schnell entgegen, und in demselben Augenblicke schlug
sie den Schleier zurck. Mit einem Schrei des Entzckens strzte Lucile in ihre
Arme, whrend Alle jetzt die Tante Franziska d'Aubaine erkannten, und Margot,
der Marquis, Leonce - ganz auer sich vor Freude und Entzcken - Sich mit dem
Ungestme kindlicher Berechtigung um sie drngten.
    Wie war das Herz der Grfin dazu geschaffen, einen solchen Moment der Liebe
zu fhlen und die rhrenden Beweise derselben durch die holdesten Worte und
Liebkosungen zu erwiedern!
    Doch schon zu lange, rief sie, sich heiter lchelnd losmachend - geniee
ich eigenmchtig das Glck, Euch wiederzusehen. Ich komme nicht allein - ich
bringe einen alten Freund mit mir - Lord Duncan-Leithmorin und Lady Marie, seine
Tochter!
    Der Marquis erfllte nun mit der liebenswrdigen Courtoisie, die ihm eigen
und so wohlkleidend war, die Pflichten des gastfreundlichsten Willkommens, und
Lucile untersttzte ihn mit ihrer bezaubernden Anmuth, whrend die Grfin
d'Aubaine von dem brigen Kreise begrt ward, der eben so entzckt war, wie
ihre Verwandten, der seltenen Erscheinung der hochgefeierten Grfin Franziska
theilhaftig werden zu knnen. Mademoiselle de la Beaume war eine alte
Jugendbekannte von ihr - die Eltern der Grfin Guiche waren ihr befreundet -
Graf Bussy hatte sie als Knaben oft gesehen - den schnen Grafen Guiche aber, zu
Aller Ueberraschung, aus der Taufe gehoben! Genug, es entstand ein Freudentaumel
um die hohe, edle Frau, die eine so kindliche, naive Heiterkeit zeigte, da
Jeder Muth gewann, ihr sein Herz zu Fen zu legen.
    Und dennoch begreife ich mein Glck nicht, theure Tante! rief Lucile. - 
Sie reisend? Sie wo anders, als in Ardoise? Es scheint mir ein Traum, und ich
frchte zu erwachen!
    Dies Mal nicht, meine theure Lucile! sagte die Grfin. Ich habe in vollem
Ernste meine schwerfllige Ruhe aufgegeben, um bei Euch zu sein; doch gestehe
ich ein, ich suche auer Euch noch meinen lieben Flchtling - meine theure
Elmerice auf, und zhle auf Euren Beistand, sie uns fr immer wiederzugewinnen!
    O gelnge Dir doch, theure Tante, was wir nicht zu erreichen wuten, ohne
eine Art von Zwang gegen ihr tiefes, rhrendes Pflichtgefhl auszuben! Doch Dir
wird sie nicht widerstehen - und dann wird unserem Glcke Nichts fehlen!
    So lat mich sogleich zu ihr, sagte die Grfin und erhob sich. - Doch
will ich nicht gemeldet sein - ich will ihr Herz berraschen.
    Wem htte nicht Alles, was die Tante Franziska beschlo, das Beste
geschienen! Ihre Liebesflle, von so viel Einsicht und tiefem Menschenblicke
untersttzt, brachte einen sich immer wiederholenden Segen ber Alles, was sie
ergriff. Jeder war im voraus berzeugt, ihr knne Nichts milingen; und nur die
Ehrfurcht fr ihre Ruhe machte, da man ihre Einmischung so selten begehrte, da
sie dieselbe nie versagte, und ihr doch die schchterne Zurckhaltung anzufhlen
war, die sie immer erst mit ihrer Menschenliebe berwinden mute; da sie die
Meinung Anderer ber sich nicht theilte, sondern geneigt war, sich unpassend und
unzureichend fr die an sie gerichteten Wnsche zu halten. -
    Elmerice sa an dem Bette der schlummernden Alten. In ihrem Herzen war eine
solche Flle von Schwermuth, da sie ihr Beschftigung schien und sie ber die
trostlose Unthtigkeit tuschte, in welche diese Stimmung sie strzte, den
Trbsinn nhrend, der nichts wollte, als ein stetes Nachdenken ber die
Schmerzen ihrer jungen Brust.
    Wie seufzte sie, da ihr Leben noch lang sein sollte; - da es doch, wenn das
schwache Wesen vor ihr versunken sei, fr Keinen mehr Werth haben werde! Sie
schauderte bei dem Gedanken, diese stille Welt, in der sie so viel Anklang fr
ihr leidendes Herz gefunden hatte, vielleicht bald verlassen zu mssen,
unberechtigt - wie sie Allen erscheinen mute - hier um eine Stelle fr ihr Grab
zu bitten. Genug, sie gestaltete in sich das ganze Martyrium der Jugend, die, in
den Wnschen des Herzens gekrnkt und getuscht, immer ein vollstndiges Unglck
in sich zu schaffen sucht, um vom Leben Abschied nehmen zu knnen und sich
berechtigt halten zu drfen, alle Gter der Erde farblos, ohne Reiz, ohne Werth
zu finden. - Wer das schne, blasse Gesicht der jugendlichen Elmerice beobachten
konnte, wie es so ermattet gegen die Lehne des Stuhles gesunken war, der mute,
mit nur einiger Welterfahrung - erkennen, da sie das Opfer des bezeichneten
Zustandes zu werden drohte; und wir knnen das Gefhl der edeln Grfin d'Aubaine
begreifen, mit dem sie, leise hereingetreten und seitwrts stehen bleibend,
ihren Liebling betrachtete.
    Sie kannte und hatte es erfahren, was sie in Elmerice's Zgen las! Wie
hoffnungslos ihr Schicksal in dieser Beziehung sein werde, hatten ihr Lord
Duncan's Mittheilungen ber Lord Astolf besttigt, und sie fhlte das tiefe,
mtterliche Mitleiden, was nach Hlfe aussieht und mit dem Geiste der Erfahrung
die Mittel ergreift, die der Zeit in die Hnde arbeiten, welche keine Wunde
unvernarbt lt und die allerheiesten Schmerzen, von der ersten Stunde an,
schon ihrem Ausgleichungsgeschfte verfallen erklrt und sie mit ihren leisen
Pendelschwingungen endlich in ewige Ruhe wiegt. - Nein, nein, sagte sie zu
sich selbst; - Du bist zu etwas Besserem bestimmt; - nicht daran darfst Du zu
Grunde gehen! Du mut Dir selbst die Wrdigkeit zu einem neuen Leben zuerkennen
lernen; diesen edeln Stolz bist Du berechtigt, in Dir zu entwickeln. - Mit
diesem tugendhaften Muth trat sie nher, und Elmerice fhlte eine leichte,
sanfte Hand auf ihrer Schulter. Ach, mit welcher Erschtterung blickte sie in
die edeln Zge der theuern Frau, die von einer hingebenden Zrtlichkeit belebt
waren, die Alles verhie, was ein leidendes Herz bedarf!
    O, Grfin d'Aubaine, sprach Elmerice - und lag, hingerissen von ihrem
Anblicke, in demselben Augenblicke zu ihren Fen; - Sie finden ein armes,
trostloses, undankbares Wesen wieder, das Ihre Liebe verga und sie deshalb nie
verdiente!
    Das glaube ich nicht, mein ses Herzenskind, sagte die Grfin sanft und
zog sie an ihre Brust. - Dein Gefhl lag nur verdeckt von den wunderlichen
Eindrcken, denen Du hier unterworfen warst. Du hast, ohne liebevolle Warnung
und ganz selbst berlassen, Dir ein kleines Martyrium von Pflichtgefhlen
geschaffen; das entfernt uns immer von dem natrlichen Leben und macht uns
einseitig und verringert die wahre Liebe des Herzens, die wir ausreichend in uns
entwickeln mssen.
    Mit der schnellen Umwandlung, welche unverdorbene Jugend, einer hheren und
besseren Erkenntni gegenber, so leicht und wohlthuend erfhrt, fhlte Elmerice
beschmt die egoistische Hrte, die sich neben ihrer anscheinend berechtigten
Handlungsweise in ihr Herz geschlichen hatte.
    Theure, mtterliche Freundin, ich habe gewi Ihren Tadel verdient, sagte
sie belebter, inniger, als sie es noch wenige Augenblicke frher fr mglich
gehalten haben wrde; wie schwer ist es, auf der rechten Bahn zu bleiben, wenn
man jung ist! Aber jetzt werde ich wieder Ihren Rath genieen; und selbst, da
ich fehlte, wird nur ein Grund mehr sein, da Sie mich nicht verlassen!
    Ja, Elmerice, Du verstehst das Wesen der Liebe, und ich bin stolz darauf,
zu fhlen, da Du mir nicht zu viel thtest, selbst in dem Falle, den Du
annimmst, und den ich hier noch nicht erkenne. Doch jedenfalls la' uns nicht so
im Allgemeinen unsere Gefhle aufregen. Es ist Nichts so leicht, als das Maa zu
berschreiten, und doch ist das Geheimni alles Schnen und Guten, Maa zu
halten! - Sag' mir von Deiner alten Freundin, und glaube nur, ich erkenne in
hohem Grade Deine Pflichten gegen sie an. Nur das Maa - das Maa! lchelte sie
und kte dem andchtig zu ihr aufblickenden Mdchen zrtlich die Stirn.
    Beide traten nher an das Bett der Kranken, die in einem Halbschlummer lag,
der jeden Augenblick ihr Aussehen vernderte, was dem alten Arzt als ein
sicheres Zeichen ihrer nahen Auflsung galt.
    Ich glaube, mein theures Kind, sagte die Grfin d'Aubaine, nachdem sie die
Zge der Alten geprft - die Natur wird hier bald fr immer ausruhen; - und
wahrhaft herrlich scheint es mir, da Gott Dich hierher fhrte, um heilige
Rechte der Dankbarkeit an dieser Frau zu erfllen, gegen die Deine ganze Familie
unerlschliche Verpflichtungen hat!
    Elmerice wechselte bei diesen Worten schnell die Farbe. Wie schienen sie bei
der Grfin eine frher nicht angedeutete Kenntni ihres Schicksals zu verrathen!
Diese Verpflichtung besteht wenigstens fr meine Ueberzeugung, sagte sie daher
leise - und es macht mich recht glcklich, wenn Sie mir beistimmen, theure
Grfin! Doch wird auch dieser Trost mir oft dadurch verkmmert, da ich fhle,
wie Emmy's Wahrnehmung sich nachgerade vermindert, und sie in mir nicht mehr die
theure Erinnerung sieht, der ich eigentlich diene.
    So la' diese Ueberzeugung den Uebergang werden zu den Verhltnissen, die
Deiner auerdem harren. Meine Elmerice - meine Tochter, Du hast Pflichten auch
gegen mich; ich nthige sie Dir auf, denn Du hast mich mit Deiner Liebe zu sehr
verwhnt, um sie je entbehren zu knnen.
    Elmerice schmiegte sich in ihre Arme. Wie fhlte sie die gromthige Absicht
der edlen Frau, ihr eine Pflicht, ein Bedrfni aufnthigen zu wollen; - und wie
wahr, wie gefhlvoll war doch dabei ihr Ausdruck! Ueberredend schien er ein
wirkliches Bedrfni anzudeuten.
    Waren diese innigen Tne des Gefhls zu der Schlferin gedrungen, war sie
von selbst erwacht - genug, Emmy's Augen ffneten sich und hafteten mit ihrer
eigenthmlichen Schrfe auf Beiden.
    Das wird Deine Grfin d'Aubaine sein, sagte sie dann mit ihrem rauhen
Tone. Es ist schon gut, da sie da ist - ihr will ich wohl das Weitere sagen; -
sie hat, wie ich, um meinen Liebling getrauert; - oft habe ich an sie gedacht; -
sie mu wissen, was leiden heit. -
    Und wir sind uns, wenn auch getrennt, dennoch in manchem hnlichen Gefhle
begegnet, gute Emmy, sagte die Grfin d'Aubaine, sich auf den Rand des Bettes
setzend. - Auch in unserer Liebe zu Elmerice; - und recht eigentlich bin ich
gekommen, um Dir den Trost zu geben, wie innig ich sie liebe.
    So schafft ihr auch Recht! Denn wer kann besser, als Ihr, erkennen, da es
Reginald's Tochter ist! -
    Niemals hrte Franziska d'Aubaine diesen theuern Namen ohne eine groe
innere Bewegung. Seltsam aber traf er sie in diesem Augenblicke, wo sie ihn von
der alten, treuen Wrterin des geliebten Mannes aussprechen hrte. Feierlich
streckte sie die Hand nach ihr aus und sagte: Lebe nur noch einige Tage, so
wird die Sehnsucht Deines Herzens erfllt werden! Sie wurde von der
eigenthmlichen Lage fortgerissen und fhlte, da sie mehr gesagt hatte, als sie
sicher war, halten zu knnen. So ward auch sie von Emmy's gebietendem Wesen
beherrscht, und es erregte daher ihren ganzen Antheil, als sie Elmerice neben
sich niedergleiten sah, aufs tiefste von den entstandenen Erklrungen
erschttert.
    Nein, nein, Emmy, stammelte das junge Mdchen - das Recht, von dem Du
trumst, ist fr Fennimor's unglckliche Enkelin nicht da! O, meine
Wohlthterin, gehen Sie in Emmy's eigenschtige Plne nicht ein! Nie - niemals
trete ich Ihren Neffen entgegen; - ich will Nichts vom Leben, als ruhige
Zurckgezogenheit! Sichern Sie mir diese an Ihrer Seite, und ich habe Alles, was
ich noch begehre!
    Was aber das Leben von Dir begehren wird, geliebtes Kind, sagte die Grfin
- das mchte im Widerspruche damit stehen. Denn glaubst Du, da wir ihm nichts
schuldig sind? Glaubst Du, wir drfen sagen, es solle kein Recht mehr an uns
haben? Nicht also. Der Himmel hat uns ausgerstet - er fordert die Erledigung
der Aufgabe, die er uns diesen Krften gem gestellt hat. Es ist vergeblich,
wenn wir uns verbergen - er sucht und findet uns; - darum mssen wir ihm muthig
entgegen treten und ihm seine Aufgabe abfragen, in freudigem Gehorsam - mit
edler Willenskraft, die, wenn auch kein Glck, doch eine wrdige, menschliche
Entwickelung begehrt.
    Folge ihr! sagte Emmy matt - und sank schlafend zurck.
    Thue das, mein geliebtes Kind! rief die Grfin aufstehend. Asta soll den
Schlummer Deiner alten Freundin bewachen, und an der Thre soll ein Bote harren,
der Dir sogleich Nachricht bringt, wenn mit ihrem Erwachen auch Bewutsein
zurckkehrt. Du aber folge mir zu meinen Verwandten, die Dich mit Sehnsucht
erwarten.
    Wohl fhlte die Grfin, wie Elmerice bei diesem Vorschlage in ihren Armen
zusammen zuckte; aber sie war entschlossen, sich nicht abweisen zu lassen, und
die mtterliche Sicherheit, mit der sie verfuhr, bte eine beruhigende Gewalt
ber Elmerice aus, der sie sich um so weniger entzog, da hiermit auch das
rathlose Gefhl der Vereinsamung aufhrte - So kehrte die Grfin d'Aubaine in
den Salon zurck, wo man sie mit der Spannung der Ungewiheit erwartete. Als die
edle, majesttische Gestalt erschien, ihren Liebling an der Hand, drngte sich
aus Aller Munde ein Laut der Freude. Noch trug Elmerice die schne, ideale
Tracht Fennimor's, jetzt ihr so gewohnt, da sie derselben nicht mehr gedachte,
und so hatte Beider Persnlichkeit etwas so hchst Ausgezeichnetes, da Alle
einen Augenblick zurckgehalten wurden, als msse das Auge erst sein Recht
genieen - als wre ihre schne Erscheinung kaum ein Gut, das man sich
anzueignen wagen drfe!
    Hier, hier! rief die Grfin jedoch, lchelnd voreilend; - hoffentlich
werdet Ihr alle die alte Tante loben, der es gelungen ist, Euren Flchtling zu
Euch zurck zu bringen.
    Elmerice! rief eine zrtliche Stimme - und Maria Duncan flog in die Arme
der Ueberraschten.
    Das Entzcken, die theure Freundin so unerwartet wiederzusehen, machte auf
Elmerice einen unbeschreiblichen Eindruck; und indem es sie von ihrem
augenblicklichen Verhltnisse zur Gesellschaft abzog, gab es sie ihrer eigene,
wahren Natur zurck. Ihr Engelsantlitz strahlte von Liebe und Heiterkeit - ihre
Bewegungen zeigten wieder die elastische Anmuth, die kindliche Schmiegsamkeit,
die ihr zrtlich hingebendes Herz verrieth; und man htte den Pinsel Leseur's
herbei wnschen mgen, um den schnen Eindruck zu verewigen, als jetzt die hohe
Greisengestalt des Lord Duncan zwischen die zarten Mdchen trat, und Beide, wie
an ihren Vater, sich in seine Arme drckten.
    Wie reich war Elmerice in kurzer Zeit geworden! Als sie an Lord Duncan's
Brust die Augen zur Grfin Franziska aufschlug, kam sie sich gesichert und auer
Zweifel gestellt vor; und ein stolzer Muth erhob sich in ihrem kranken Gemthe,
der sie mit einem Hauche von Glck anwehte.
    Wie war auch Alles dazu geschaffen, dies neue Leben und diese Ansprche
ihres jungen Herzens zu nhren! Ueberall kam man ihr entgegen, Jeder wollte sie
nach seiner Art zu fesseln suchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken, von
seinen wohlmeinenden Gesinnungen sie berzeugen; und leichter trat dies hervor,
in dem Maae, als der Gegenstand so vieler Bemhungen Alles bemerkte, erwiederte
oder mit dem bezaubernden Lcheln der Freude und Dankbarkeit hinnahm.
    Sie bte eine Gewalt ber die Gesellschaft aus, von der sie keine Ahnung
hatte; Mademoiselle de la Beaume bezeichnete sie, indem sie sagte: Wenn auch
meine eigenen Augen nicht immer hinter Mi Eton herreisten, wrde ich doch jedes
Mal wissen, wo sie sich befindet; denn wenn sie den Platz ndert, wenden sich
alle Kpfe wie auf ein Kommando ihr nach; - und ich verdenke es Niemandem und
bin nicht einmal eiferschtig, da man darber meine Schnheit und Jugend
vergit!
    Aber Einer blieb brig in diesem Kreise, der nur gezwungen die heitere
Stimmung der Gesellschaft theilte, wenn wir ihn auch nicht als gleichgltig
gegen Mi Eton bezeichnen wollen. Es war Leonce! - Die Peinlichkeit seines
Zustandes verrieth sich in jedem Zuge, und seine auffallende Blsse htte ihn
vielleicht sogar Mi Eton verrathen, wenn sie nicht, wie ein schchternes Reh,
den Kreis mit ihren Augen geflohen htte, wo er sich am meisten aufhielt; da er
von den anderen jungen Mnnern umgeben war, deren leuchtende Blicke sie
verscheuchten.
    Von da an blieb Mi Eton dem heitern Kreise zugesellt, bis auf die
Zwischenstunden, die sie mit treuer Ergebung an dem Lager der armen Alten
zubrachte. Der Arzt prophezeihte ihr ein sanftes, schmerzloses Ende und benutzte
ihr meist bewutloses Trumen, um Elmerice langsam von ihrem Lager zu entfernen;
da in ihrer Gegenwart, wie er behauptete, eine aufregende Gewalt lge, die
diesen friedlichen Zustand leicht zu einer Krisis bringen und ihren Tod
schneller und unter heftigen Zufllen veranlassen knnte.
    Am anderen Morgen jedoch, nach dem heiteren Frhstcke, fhrte der Marquis
d'Anville Lord Duncan, den alten Arzt und den ehrwrdigen Vikar nach seinen
Zimmern, wohin ihnen bald die Grfin Franziska und Leonce folgten.
    Helfen Sie mir jetzt Alle, rief der liebenswrdige Marquis, mit einem
Tone, der aus dem Herzen kam, als man um ihn her Platz genommen hatte; - helfen
Sie mir Recht stiften und geben Sie mir den Trost, da Sie mir glauben wollen,
wie ich auf das lebhafteste wnsche, ein schmachvolles Unrecht, das meine
Vorfahren begingen, gut zu machen! - Hierher, mein Leonce! La' Deine umwlkte
Stirn - die irgend einem Privatinteresse gilt, dessen Widerstand ich bald
besiegt zu sehen hoffe - la' diese trbe Stirn keinen Zweifel ber Deine
Gesinnungen erregen, deren edle Uneigenntzigkeit ich am besten kenne.
    O, rief der Marquis Leonce, lebhaft auf Lord Duncan zueilend, whrend hohe
Rthe pltzlich sein Angesicht frbte - o, wre es das? Ist es mglich, haben
Sie an mir gezweifelt? Waren Sie, theurer Lord, deshalb so kalt gegen den
Jngling, den Sie einst wie einen Sohn liebten? O, womit habe ich das verdient?
    Mein Gott, sagte der Lord, berrascht und verlegen - welche
Voraussetzungen! Ich wte nicht, da ich Etwas versah; bitte aber fr Alles um
Verzeihung, was Sie beleidigt haben knnte, Herr Marquis. -
    Das ist nicht die Sprache des vterlichen Wohlwollens, die ich einst aus
Ihrem Munde gewohnt war. Sie weisen mich mit der Sprache der Welt zurck; - und
doch htte ich gerade Anspruch auf Ihre Theilnahme - Sie, Lord Duncan, mten
den Unglcklichen nicht verlassen! -
    Meine Theilnahme, Herr Marquis, hat jedenfalls durch Ihre Frsorge eine
andere Richtung bekommen, erwiederte der Lord. Ich habe, denke ich, jetzt nur
Gelegenheit, an Ihrem neu entstandenen Glcke Theil zu nehmen; das werde ich
gewi mit der Zeit. Doch zrnen Sie dem Alter nicht, da es nicht so schnell,
wie die Jugend seine Zustnde wechselt. Ich sehe es ein, es war zu viel
verlangt, als ich Sie bat, ein Jahr auf meine Ankunft hierher zu warten! -
    Und womit habe ich den Verdacht Eurer Herrlichkeit verdient, - sprach
Leonce, jetzt seinerseits etwas stolz zurcktretend; - da ich ein gegebenes
Wort gebrochen, was mir unter allen Umstnden heilig sein mute? Sie wissen
berdies, da es ein Wort war, an welchem die letzte Lebenshoffnung meines
schwer getroffenen Herzens hing - dessen Erfllung ich mit einer Sehnsucht
erwartete, die mir dies Jahr zu einer Ewigkeit ausdehnte. -
    Lord Duncan's Blicke richteten sich bei diesen Worten, die ein tief bewegtes
Gefhl verriethen, forschend auf den jungen Mann, und seine vorher so kalten
Zge zeigten wenigstens Antheil, wenn auch noch kein Wohlwollen. Leonce, sagte
er pltzlich - ich hatte vielleicht Unrecht, Sie ungehrt anzuklagen, Sie
sollen mich nicht umsonst an mein vterliches Wohlwollen erinnert haben; ich
will Sie hren, und Sie sollen den vterlichen Richter finden; doch vergessen
Sie nicht, da er Sie streng richten wird, wenn Sie jetzt oder frher
leichtsinnig Hoffnungen erweckt haben, die sich mit dem Glcke der Betheiligten
nicht vereinigen lassen.
    Ich fange an Sie zu verstehen, sagte Leonce, und wrde Sie bitten, mir
eine augenblickliche Erklrung zu erlauben, wte ich nicht, da uns mein Bruder
hier zu einem gemeinsamen und wichtigen Beschlusse zusammen berufen hat, und
wre ich nicht jetzt noch durch ein heiliges Wort gebunden, was es nicht zult,
mich so gengend zu erklren, als es nthig sein wird, um Ihr schweres Mitrauen
zu zerstreuen.
    Schnell grten sich Beide, und Lord Duncan's Gesicht hatte sich bei den
letzten Worten des jungen Mannes aufs neue merklich verfinstert, wogegen Leonce
einen heiteren, freieren Ausdruck gewann.
    Bei dieser Unterredung, die auf frher sehr innige und jetzt, wie es schien,
gestrte Verhltnisse hindeutete, unterdrckten die Zuhrer ihr Erstaunen, um
Beiden Zeit zu einer schnellen Sammlung zu lassen.
    Grfin d'Aubaine und Sie, meine Herren, hob nun Lord Duncan sogleich an; -
ich mu um Verzeihung bitten, wenn ich Ihnen, ein unfreundlicher, wilder
Insulaner, hier so eben erschienen bin. In Ihrem feinen, gesitteten Frankreich
hoffe ich, ist man immer darauf gefat, den berseeischen Freunden ein Conto auf
ihre rauhen Naturuerungen zu schreiben - und so lassen Sie mich denn zur Sache
bergehen. Ich glaube, meine Freunde, wir sind Alle auer Zweifel, da Elmerice,
unter dem Namen Eton, die Tochter Reginald's, des rechtmigen Grafen
Crecy-Chabanne ist; - und hier bin ich - der Freund ihres Vaters, dieses
unglcklichen Reginald's, in dessen Armen er seinen edeln Geist aushauchte - um
diese Wahrheit mit Allem zu vertreten, was Ihr schner Eifer nur wnschen kann,
meine Herren!
    Gottlob, rief der Marquis d'Anville, - so haben wir das Letzte, was uns
fehlte: die Identitts-Erklrung eines vollstndig glaubhaften Mannes!
    Sie haben mehr, mein Herr! sagte heiter der alte Lord; - Sie haben
gerichtliche, vllig beglaubigte Zeugnisse darber. Da wir, der englische
Bischof, Herr Lester, der Oheim des Grafen, und ich, ihn nicht zur Wiederannahme
seines Namens und Ranges bewegen konnten, sicherten wir doch, als er sich
vermhlte, hinter seinem Rcken den Nachkommen durch die Urkunden, die seine
Person nachwiesen und versicherten, die Mglichkeit eines gerichtlichen
Beweises. Erst kurz vor seinem Tode, da das Glck seiner Tochter durch eine
entstandene Frage ber ihren Rang und Titel bedroht erschien, entdeckte ich ihm
unsere vorbereiteten Schritte; er gab meinen Bitten nach und erklrte sich nun
selbst vor den dazu nthigen Gerichtspersonen fr den Grafen Crecy-Chabanne und
lie die Dokumente darber ausfertigen.
    Mit freudeleuchtenden Augen empfingen die beiden dadurch enterbten Brder
die wichtige Urkunde, und fast mit Andacht sahen sie die schne Unterschrift
Reginald's neben dem alten Crecy'schen Wappen.
    Wie glcklich bin ich, Mylord, rief endlich d'Anville - Ihnen jetzt ein
eben so wichtiges Dokument einhndigen zu knnen. Hier: Ludwig der Fnfzehnte,
unser allergndigster Knig, hat die Bitten seines ehemaligen Pagen, meines
Bruders, erhrt und ihm diese Vollmacht in seinem hohen Namen ausfertigen
lassen! Sie erklrt den in jenen unglcklichen Proze verwickelten Grafen
Reginald fr vllig unschuldig an absichtlichem Todtschlag, und indem sie die
Vermhlung seiner Aeltern als gerichtlich rechtskrftig besttiget, befugt es
ihn oder seine Nachkommen zur unbestrittenen Erbfolge aller daher oder daraus
entstandenen Besitzthmer der Crecy-Chabanne! Hier - lesen Sie die ausreichenden
Bestimmungen dieses wahrhaft kniglichen Gnadenbriefes!
    Doch dies that Lord Duncan vors Erste nicht; - er eilte auf Leonce zu und
schlo ihn mit Wrme in die Arme. Edler, junger Mann, rief er mit feuchten
Augen; - mchte ich in allen Beziehungen Ihnen so meine vollste Bewunderung
schenken knnen - es wre mir der grte Trost! - Reginald, rief er dann, die
gefalteten Hnde andchtig auf seine Brust legend, whrend sein thrnenschwerer
Blick den Himmel suchte; - Reginald, mein erhabener Freund, Dein Name steht
jetzt so rein vor der Welt, wie Deine Seele vor Gott! O, welche Wohlthat fr
mein altes, stolzes Herz - das der Himmel mir in Gnaden vergeben wolle!
    Ja, und warum erlebte die alte Frau Marschallin nicht diesen Moment? rief
hier der alte Arzt, polternd von seinem Stuhl aufspringend; - wie htte ich ihr
gegnnt, den Sohn Fennimors mit der Crecy'schen Grafenkrone zu sehen!
    Alle konnten hier, trotz ihrer feierlichen Stimmung, ein kurzes Lcheln
nicht unterdrcken, was der alte, muthwillige Herr auch beabsichtigt hatte, da
fr seinen Sinn die Erweichung ihm zu sehr berhand genommen hatte.
    Jetzt, sagte die Grfin d'Aubaine - lassen Sie uns keinen Augenblick
anstehen, Elmerice ihren Rechten zurckzugeben.
    Gut, edle Grfin, sagte der alte Arzt; - ich gehe und hole sie.
    Besser, sagte Franziska - wir begeben uns Alle selbst zur Grfin Crecy
und begren sie als unsere theure Verwandte.
    Alle stimmten freudig ein, und man trat sogleich den Weg zu den Gemchern
Emmy Gray's an.
    Eine Nachtruhe, die wohlthuend auf Emmy's Krfte gewirkt hatte, gab ihr an
demselben Morgen einen jener klaren Geisteszustnde zurck, die oft die letzten
Tage solcher Kranken so berraschend unterbrechen. - Sie begehrte Luft und
Blumen. Asta mute ihr schweres weies Haar unter reinen Binden befestigen; sie
schmckte sich und ihr Bett mit umsichtiger Anordnung; und als Elmerice endlich
hinzukam, staunte diese ber das fast festliche Ansehen des Krankenzimmers.
    Auf dem Rande des Bettes nahm sie ihren gewohnten Platz ein, und die Alte
sagte freudig: In kurzer Zeit werde ich bei Fennimor sein und ihr sagen knnen,
da ihre Enkelin mir die Augen zudrckte und meine letzten Tage fast glcklich
machte. Dafr wird Dich ihr besonderer Segen erreichen - und Du wirst von da an
glcklich und geehrt sein - und Alles wird sich erfllen nach Gottes Gebot, der
die Menschen mit ihrer Bosheit in den Abgrund schlgt.
    Bin ich dahin - so bist Du meine Erbin. In Fennimors Kleiderzimmer siehst
Du eine gemalte Kiste von Zederholz; sie ist mit den Goldstcken der Crecy's
gefllt; denn ich sammelte fr Reginald den reichen Tribut, den sie mir zahlen
muten. Jetzt gehrt er Dir. Du bist meine Erbin! Ellen, die Kinderlose, mit
ihrem kleinen Herzen, hat genug irdisch Gut; - dies soll nicht zum schlechten
Gebrauch dienen!
    Emmy, sagte Elmerice - ich will Deine Erbin sein; aber gieb mir
uneingeschrnkte Vollmacht, mit meinem Erbe nach meiner Einsicht verfahren zu
drfen - und sollte es auch zu Ellens Gunsten sein. Doch soll sie durch meine
Hand das empfangen, was ich ihr fr gut halte; nicht das rohe Gold, weil es sein
knnte, da es ihr nicht diente.
    Ja, so bist Du! - ich dachte es wohl! seufzte Emmy. Aber wer hat Willen,
wenn die Augen sich fr immer schlieen; - und viel Anderes htte sie auch nicht
gethan! Sie hatte immer ihren Eigensinn gegen mich und konnte schelten, als wenn
ich ihr Kind wre; - und ich sah Dich eben dasselbe Gesicht machen, was sie dann
hatte - die Augen, da kein Blick herausdrang - und den Mund fest geschlossen.
Doch la das und denke nicht, da ich Dich schelten will - nimm nur zuerst das
Geld, damit ich fhle, Du hast es von mir ererbt - dann mache nachher, was Du
willst - und la mir neben Fennimor das Grab graben - und la keine Menschenhand
ber unser Heiligthum kommen! Ziehst Du hier fort mit der Grfin, die, denke
ich, ein menschlich Herz hat, so la Moder und Staub und den Holzwurm ihre
Arbeit machen; aber Menschenhand wehre ab. - Du weit, ich habe mit ihr nichts
zu thun, und sie soll auch nachher fern bleiben! -
    Was ich dann noch hier von Einflu haben werde, soll zur Erfllung Deiner
Wnsche dienen, Emmy! -
    Und er wird gro sein! sagte die Alte, sich gleich einer Sybille
aufrichtend und die Arme in die Luft ausstreckend. Sie werden kommen und Dich
einsetzen; - und Fennimors Enkelin - Reginalds Tochter wird im Rechte sein ber
Alle!
    Ihre Augen erfaten dabei mit der grten Ruhe, als erlebte sie das
Erwartete, die Grfin d'Aubaine, welche, leise den Mnnern voran getreten,
gerade jetzt sich den Blicken Emmy's zeigte. Eben traten auch die bezeichneten
Herren hinter ihr ein; und als Elmerice die wehmthig gesenkten Augen aufschlug,
schien es ihr, als habe die Alte einen Zauber beschworen.
    Kommt nher, sprach Emmy mit ihrer alten Energie - hier ist, die Ihr
suchet! Und aus den Hnden Emmy Gray's empfanget die rechtmige Erbin der
Crecy-Chabanne!
    Elmerice erhob sich, und ihren Blick fest auf Alle richtend, sagte sie, edel
und stolz auftretend: Ich habe dieser ehrwrdigen Frau in diesen Gemchern den
Anspruch zugestanden, den fr mich zu nhren, ihr hchstes Glck war. Ich wei
auch, da die Natur mich zu diesen Ansprchen berechtigt, und indem ich die
Kenntni ihres Daseins Ihnen Allen gegenber offen eingestehe, wird mein Wille
und meine Ueberzeugung, ihnen zu entsagen, vielleicht meine Gesinnungen auer
Zweifel stellen.
    Lassen Sie mich hoffen, sagte der Marquis d'Anville, verbindlich
vortretend - da Sie diesen Willen, der durch Unkenntni Ihrer wahren
Verhltnisse bestimmt ward, ndern werden, wenn Sie uns gehrt haben. Wir sind
in Wahrheit hier, Sie als unsere theure Verwandte zu begren, und damit als die
rechtmige Erbin der Crecy-Chabanne!
    Elmerice nderte zwar die Farbe; - aber sie fuhr sogleich entschlossen fort:
Wenn Sie mir den ersteren Rang zugestehen wollen, Herr Marquis, so wird die
Waise den sesten Trost empfangen, lassen Sie mich hinzusetzen: sie wird dies
als eine Shne fr die theuren Verstorbenen in Empfang nehmen; - doch damit mu
ich zugleich Alles erfllt erklren, was uns Beiden zu geben und zu nehmen
ansteht.
    Mein Kind, rief hier Lord Duncan - willst Du mich, den Freund Deines
Vaters, anhren?
    Ja, Mylord, rief Elmerice; - denn Sie sind mein zweiter Vater! Aber Sie
werden es auch der Tochter Ihres Freundes ersparen, die Grnde nennen zu mssen,
die ihn auf immer von dieser entsetzlichen Erbschaft trennten.
    Ihre Aufregung war bei ihrer Sanftmuth und Bescheidenheit so ungewhnlich
gro, da Alle mit innigem Antheil auf die schmerzvolle Tiefe des Gefhls
schlieen konnten, die von ihrem edeln Stolze jetzt nach Auen getrieben ward.
Grfin Franziska blickte mit Entzcken auf die Tochter Reginalds, die ihr so
ganz genug that. Sie htte ihr auch nicht mit einem Blicke zu Hlfe kommen
mgen; - sie geno den schnen Eindruck, so junge, zarte Krfte so hoch und
stark aufgerichtet zu sehen.
    Indessen war Lord Duncan nher zu ihr getreten. Elmerice, sagte er - Dein
Vater gab mir Vollmacht, ber Deinen knftigen Namen und Rang zu entscheiden. Er
selbst bekannte sich kurz vor seinem Tode zum rechtmigen Sohne Fennimors und
zum Grafen Crecy-Chabanne!
    Mein Vater? sagte das muthige Mdchen mit sinkender Stimme - wohl,
Mylord; aber
    Und wir, mein Bruder Leonce und ich, sprach der Marquis - sind hier,
Ihnen Ihr groes Erbe unverkrzt zu Fen zu legen.
    O, nein! o, nein! rief Elmerice leidenschaftlich - Sie knnen von dem
Namen, den Sie mir geben wollen, nicht das schreckliche Zeichen des
ffentlichen, wenn auch ungerechten Makels lschen. O, wie knnte die Tochter
solche Erinnerungen ber ihren Vater wecken wollen!
    Auch dies ist vertilgt, nahm der Lord noch ein Mal voll Rhrung das Wort;
- Dein Vetter Leonce bewirkte diesen kniglichen Brief von Ludwig dem
Fnfzehnten. Dein Vater, mein Kind, ist von jedem Makel dadurch frei gesprochen;
die Vermhlung seiner Eltern rechtskrftig anerkannt.
    Das war zu viel! Elmerice nahm mit leuchtenden Augen das heilige Dokument;
dann flog sie an Emmy's Bett, welche eine ruhig Zuhrende geblieben war: Emmy,
Emmy, hast Du es gehrt? Fennimors Vermhlung ist rechtskrftig anerkannt; -
Reginalds - meines Vaters Unschuld ist erklrt! - Auer sich drckte sie die
alte, steife, ernst und stolz blickende Gestalt in ihre jugendlichen Arme. Dann
ri sie sich empor; ihr Gesicht glhte; die feurigen, blauen Augen strahlten
durch heilige Thrnen. Sie hob den Arm - die Hand zu den Versammelten in die
Hhe und rief mit klingender, freudiger Stimme: Jetzt bin ich Grfin
Crecy-Chabanne; - doch Louisens Shne theilen mit mir das Erbe!
    In demselben Augenblicke eilte die Grfin Franziska auf Elmerice zu und
drckte sie mit lebhafter Zrtlichkeit an ihre Brust. Elmerice, mein geliebtes
Kind, wrdige Tochter Reginalds! La mich Dir zu Nichts Glck wnschen, als zu
Deinem edlen Herzen!
    Ich will Dich segnen, Fennimors Enkelin! Reginalds Tochter! sprach Emmy
Gray mit ihrer ernsten Feierlichkeit, und Franziska d'Aubaine fhrte Elmerice
selbst zu dem Bette zurck, und diese kniete unter den Hnden der Alten demthig
nieder. Jetzt, Herr, sprach sie, nach ihrem feierlichen Segen - ist mein
Tagewerk beschlossen. Diese Augen haben die Gerechtigkeit des Herrn gesehen! -
Rufe jetzt Deinen mden Knecht und la ihn eingehen in Deine Herrlichkeit! Amen.
- Jetzt zeige mir den Jngling, der Reginald bei seinem Knige vertrat, ich will
ihm den Segen einer Sterbenden geben!
    Elmerice erhob sich langsam; aber ihre Augen blieben am Boden. Sie wendete
sich zu der theilnehmenden Gruppe hinter ihr und hob schchtern, ohne zu
sprechen, die Hand auf, als wolle sie eine andere damit erfassen. Leonce strzte
vor - er ergriff die zarte, bebende Hand, und lie sie nicht wieder los, als er
vor Emmy niederkniete. So geschah fast unvermeidlich, da Elmerice noch ein Mal
niedergezogen ward, und nun Beide den Segen der Alten vereinigt empfingen.
Scheide Dich jetzt von mir, Tochter, und gehe die Wege des Lebens! sagte Emmy
ermdet; und dann in Ohnmacht verfallend, sank sie hinten ber. Leonce und
Elmerice fingen sie in ihren Armen auf - der alte Arzt trat hinzu - einen
Augenblick betrachtete er sie, dann sagte er: sie stirbt noch nicht; aber Ruhe
ist ihr nthig. - Ihr mt hier fort, liebe, junge Dame, wendete er sich zu
Elmerice. Leonce hielt noch immer ihre Hand, er half ihr sich aufrichten.
Elmerice, sagte er - nur einen Blick der Gte!
    Sie lie ihm die Hand; - aber die Augenlieder waren schwer wie Blei. - Als
sie endlich sie bezwang, jagte der holdeste Engelsblick an ihm vorber - und
sich schnell losreiend, eilte sie in Lord Duncans Arme und rief mit einem
Strome von Thrnen: Mein Vater, haben Sie ihm gedankt - meinem Vetter Leonce?
    Und giebt Reginald's Tochter dazu einem Anderen, als sich selbst den
Auftrag? -
    Nein, nein, sagte Elmerice, sich zu Leonce wendend und ihm abermals die
Hand reichend: Sie - Sie, mein Vetter - mein Bruder von heut' an - Sie haben
mir mehr, als das Leben gegeben! -
    Ich habe seit der letzten, trostlosen Zeit von der Hoffnung gelebt, dies
auszuwirken; und wenn Sie Nichts fr mich brig haben, als diese kleine
Erinnerung meines Eifers, so wird es doch mehr sein, als das ganze brige Leben
mir bieten kann. Doch, wie ich diese Schmach unserer Familie auszulschen
suchte, ahnte ich noch nicht, wie nahe diese Handlung Sie anging; damals war es
nur zwischen mir und Armand beschlossen, an der Vergangenheit gut zu machen, was
in unsern Krften stand. -
    O, Leonce, sagte der Lord, whrend er ihn mit trber Zrtlichkeit
anblickte - wie gern liebte ich Dich mit der alten Liebe!
    Wenn Sie mich einmal Ihrer Liebe werth hielten, so habe ich noch heute
denselben Anspruch daran, rief Leonce, den feurigsten Blick seiner
schwermthigen Augen auf Elmerice und den Lord richtend - ich halte die Prfung
aus!
    Wir wollen sehen, sagte der alte Lord, sichtlich erweicht. Doch unsere
edle Grfin harret auf uns - wir mssen Elmerice ihrer brigen Familie
vorstellen.
    So bitte ich um den Arm meiner geliebten Muhme, rief Armand und eilte mit
freudigem Lcheln auf Elmerice zu. Als er sie leichten Schrittes hinwegfhrte,
sagte er: Wie froh, wie leicht bis in den kleinsten Blutstropfen hinein, ist
mir jetzt! Nun sind wir alle Ihre Gste. Nun behalten Sie mich blo als Ihren
Seneschall, als Ihren Haushalter. - O Elmerice, Ihnen fliet ein schner Segen
zu - ffnen Sie ihm Ihr Herz, blicken Sie froh, damit Sie Frohe machen knnen.
Denken Sie nicht gering von der hohen Stellung, die Ihnen Gott anvertraut! Sie
ist herrlich, wenn wir ein offenes Herz, einen gesunden Sinn mit uns bringen.
Beides haben Sie; deshalb sehe ich so froh Alles in Ihre Hnde bergehen, und -
deshalb theilen Louisens Shne das Erbe nicht.
    Die Antwort, welche Elmerice ihm geben wollte, ward durch Leonce
unterdrckt, der pltzlich auer sich auf sie zustrzte, indem er ausrief: Die
beiden Grafen d'Aubaine sind angekommen! O, Armand - o Elmerice, jetzt - jetzt!
Mit diesen Worten war ein so leidenschaftlicher Ausdruck verbunden, da Elmerice
schchtern zurckwich. Doch schon eilte er ohne Entschuldigung davon, - und
Armand sagte: Auch ich danke Gott, da die Beiden endlich fr Leonce die
Entscheidung bringen, die Liebe zu Margot wird ihn noch toll machen! -
    Wie sehr mu ich Ihre Entschuldigung in Anspruch nehmen, sagte der ltere
Graf d'Aubaine, whrend er dem Marquis d'Anville entgegentrat - da ich Sie
unvorbereitet um Ihre Gastfreundschaft ersuche.
    Mein theurer, verehrter Onkel, sagte der Marquis heiter - Ich selbst bin
seit diesem Morgen hier nur noch Gast! Hier steht die rechtmige Besitzerin von
Ste. Roche; - doch sage ich gut, da Sie auch ihr willkommen sind.
    Voll Erstaunen blickte Graf d'Aubaine auf Elmerice, von deren Gesichte so
alle Farbe, alle Bewegung verschwunden war, da sie einem Geiste glich; doch
konnte ihre Schnheit durch nichts beeintrchtigt werden und erregte, wie ihr
reiches, fremdes Kostm, die hchste Bewunderung des Grafen.
    Der Marquis krzte die augenblickliche Spannung ab, indem er Elmerice in die
Arme seiner jungen Gemahlin fhrte, die, Alles sogleich errathend, sie mit
inniger Liebe empfing. Da er die ganze Gesellschaft in einem Kreise
erwartungsvoll um sie gedrngt fand, rief er lebhaft:
    Wnschen Sie mir und meinem Bruder Alle Glck! Es war uns vorbehalten, die
alte, schwere Schuld unseres Hauses, die Sie genugsam kennen, zu shnen. Die
rechtmige Erbin unseres Oheims, des Grafen Leonin, ist, durch das Hinzutreten
des edeln Lord Duncan vollgltig legitimirt, uns wiedergegeben. Mi Eton ist
unsere theure Cousine und die Tochter des Grafen Reginald Crecy-Chabanne, dessen
rechtmige Geburt aus der Ehe des Grafen Leonin und der Mi Fennimor Lester auf
das vollstndigste von unserm Allergndigsten Knig anerkannt worden ist! - So
helfen Sie mir denn, fuhr er fort, in die alte heitere Laune bergehend - der
jungen Erbin zu huldigen, und bedenken Sie Alle wohl, da Sie jetzt ihre Gste
sind, und ich mich hchstens noch vermittelnd erweisen kann.
    Elmerice bezwang hier alle Gefhle ihres Herzens, um den Anforderungen
gengen zu knnen, die ihr so nahe gerckt wurden. Sie hob ihren Kopf von
Lucile's Schulter, und hold im Kreise herum grend, sagte sie: Junge Rechte
werden nie respektirt, ich bertrage sie daher meinem Vetter Armand aufs neue.
Vielleicht lerne ich unter seiner Anweisung, wie man die Ehre verdient, solche
Gste besitzen zu drfen.
    Man war mit ihrer Antwort zufrieden. Alle beglckwnschten nun das schne
Mdchen, deren ungewhnliches Schicksal die allgemeinste Theilnahme erregte; -
und in kleinen Partien getheilt, wurde der Rest des Morgens mit Fragen,
Antworten und Erzhlungen hingebracht, die endlich die wichtige Sache fr Alle
vollstndig erklrten, bis man sich zum Umkleiden zurckzog, welches die Damen
im Kostme der Schloherrin zu besorgen versprachen.
    Als ein Theil der Gesellschaft sich zur Tafel um die zuerst erschienene,
junge Wirthin versammelt hatte, fiel Allen die feierliche Art auf, mit der jetzt
der Graf d'Aubaine eintrat, an seiner Hand die hochrothe Margot, deren Augen
noch von Thrnen glnzten. Er fhrte sie zur Grfin Franziska, und als sich
Margot ihrer Tante in die Arme warf, rief er: Sie, liebe Schwester, werden
durch das Gestndni der kleinen Schelmin dort berrascht sein. Das Kind will
heirathen! und ich habe nach alter, schwacher Vter Weise, Ja dazu gesagt.
    Nun, sagte die Grfin Franziska lchelnd - wir sind Ihnen, lieber Bruder,
deshalb nicht abgeneigt und haben selbst heimliche Wnsche dafr genhrt. Bei
diesen Worten streckte sie liebevoll ihre Hand nach Leonce aus, der dicht neben
dem alten Grafen stand; - doch dieser trat schnell zurck und fhrte den schnen
Grafen Guiche vor, der knieend die Hand der Grfin zu erbitten schien.
    Wie? rief Franziska erstaunt - Graf Guiche? - Graf Guiche? riefen
Mehrere laut, und manches Herz im Stillen!
    Bin ich Ihnen denn so ganz unwillkommen? Gnnen Sie mir dies schne Glck
nicht? sagte der junge Mann, demthig zur Grfin aufblickend.
    O nicht doch, nicht doch! sagte die Grfin Franziska gtig und doch
verlegen - ich verstehe es nur nicht!
    Aber, sagte der Graf d'Aubaine lcheln - wer sollte denn der Brutigam
sein?
    Vielleicht ich, mein theurer Graf! rief Leonce; - denn so lange meine
kleine Muhme gegen ihren Brutigam stolz that, war der arme Vetter ihre beste
Zuflucht! Der Graf d'Aubaine lachte, und wie man sah, war er glcklich und
heiter. Jetzt hatte sich auch Grfin Franziska gesammelt; und da auf dem Antlitz
ihres lieben Leonce keine getuschte Hoffnung zu lesen war, begrte sie den
jungen Guiche mit der gewinnendsten Freundlichkeit. Doch wer malt das Erstaunen
von Lucile und Armand! Leonce schien es voraus zu setzen und eilte zu ihnen.
    Ich habe Euren Irrthum oft mit Bedauern gesehen, rief er. Vergebt mir,
geliebten Freunde! Ich war der Vertraute aller Parteien; ich hatte
Stillschweigen gelobt. - Die Achtung fr Margot's Vater legte es uns auf; denn
er hatte die Bewerbung des Grafen Guiche nach jenem Duell ausdrcklich verbeten.
Aber ich kannte alle Parteien zu gut, um nicht eine endliche Vershnung zu
hoffen; - und so blieb ich zwischen Allen der Unterhndler und durfte vor dem
Gelingen meiner Bemhungen nicht sprechen. Doch Margot's Bruder, selbst von
seinem Unrecht berzeugt, ist zu seinem Vater geeilt, und ihm verdanken wir die
endliche Ausgleichung dieser Angelegenheit.
    Nein! nein! riefen beide Grafen d'Aubaine und der junge Guiche zugleich.
Leonce gebhrt die Ehre! Wir htten es gewi nicht so klug einzuleiten
verstanden, htte er nicht mit unablssiger Mhe uns endlich Alle zur Vernunft
gebracht!
    Aha, sagte Mademoiselle de la Beaume - jetzt erinnere ich mich der
kleinen Nachtscene, die ich zu den Spukgeschichten von Ste. Roche zhlen sollte!
Das waren der Herr Unterhndler, der Rapport machte. Nun, so oder so, es nahm
ein gutes Ende - und ich bin im Vortheile; denn mein Neffe hat einen Engel zur
Braut bekommen. - Und Sie, mein junger Herr, fuhr sie zu Leonce fort, Sie
mssen erfahren, da ich eben meine gute Meinung von Ihnen reparire; denn
seitdem ich als Knigin Katharina meinen Hofstaat eingerichtet hatte, machte ich
Bemerkungen, die mich glauben lieen, es wrde mit doppelten Karten gespielt.
    Lngst wute Leonce, da ihn die alte, kluge Frau errathen habe. Tief
errthend kte er ihre Hand und entschlpfte ihren ferneren Worten.
    Und Sie? rief er, sich leise neben Lord Duncan schleichend - repariren
Sie jetzt auch Ihre Meinung von mir?
    Aber warum bist Du denn unglcklich, wenn Du ein lieber ehrlicher Junge
bist? rief dieser mit dem alten Tone vterlicher Vertraulichkeit.
    Weil sie mich nicht mehr liebt! sagte Leonce. Lord Duncan lachte laut auf.
Ach, sagte er, das alte Lied von zwei eiferschtigen Verliebten! Sie soll wohl
die Schmachtende spielen, wenn Du wie toll einer Anderen nachlufst. -
    Nein - nein, Lord Duncan! Ich sah sie zuerst in Ardoise wieder, wo ich sie
von einem armen Wahnsinnigen errettete. Aber mein schner Traum - wie ich sie
damals mit so groer Freude in meiner Familie aufgenommen sah, wurde nur zu bald
durch ihre gnzliche Zurckweisung vernichtet, und bei ihrer schnellen
Entfernung von Ardoise erwachte sogar mein Stolz! Ich machte thrichte,
vergebliche Versuche, sie zu vergessen und -
    Warest, wie alle Mnner - Gott wei, ich mu es eingestehen, obwol ich
selbst zu ihnen gehre - immer geneigt, die unvernnftigsten Forderungen zu
machen, um an die Liebe eines Mdchens Glauben fassen zu knnen, deren
schchterne Zurckhaltung, die sie doch nur mit dem bittersten Tadel vermissen
wrden, ihnen das grte Recht zu geben scheint, sich ber Hartherzigkeit und
Klte zu beklagen. Ueberall hatte Elmerice Recht - fuhr er fort - aber
besonders deshalb, weil sie noch nicht wute, da ihr Vater Dir durch mich das
Ja-Wort aufgehoben hatte, wenn Du Dich bewhrtest.
    Er wollte mehr sagen; aber Leonce verlor den Kopf und drckte den alten Lord
mit so unmiger Gewalt an sein Herz, da dieser nicht mehr zu Worte kommen
konnte. Als er ihn loslie, sah er zuerst den blarothen Seidenstoff von
Elmerice's Kleide. Er dankte es der starken Hand des Lords, der ihn aufhielt,
sonst wre er augenblicklich ihr zu Fen gesunken; - aber er sah sie an mit
einem Ausdrucke des Entzckens, von dem sie ihre bewegten Augen abwendete.
    Sie sollen mich zu Tische fhren, mein theurer Lord, sagte sie mit einem
bebenden und doch klaren Tone der Stimme - und da man mir das Vorrecht der
Hausfrau damit zugesteht, mssen Sie sich mit mir aufstellen, bis unsere Gste
vorber gezogen sind.
    Wie schn sah sie aus! Ihre Blsse war verschwunden; seit Margot sie bei der
Gratulation so lange gekt, da es wie Geschwtz erscheinen konnte, hatte sich
die feinste Rthe auf ihre Wangen gelagert, und die braunen Locken, die an den
Schlfen mit Agraffen von Perlen aufgenommen waren, zeigten den vollen Ausdruck
ihrer himmlischen Augen, in denen ein Schein leuchtete, der wie inneres Glck
aussah.
    Lucile's scharfer Blick merkte Alles, und als sie an Leonce's Arm
vorberging, sagte sie zu ihm: Nun, meine Hoffnung, Ihre langweilige Natur
durch einen frhlichen Hausstand mit Margot umzuschaffen, wird, denke ich, in
anderer Weise bald seine Erledigung finden!
    O, sprchen Sie wahr! rief Leonce und drckte ihren zarten Arm so heftig,
da sie um Hlfe schreien wollte. -
    Als Elmerice nach der Tafel in dem stillen Zimmer Emmy's an ihrem Bette,
dicht vor ihren Augen sa, und Emmy alle ihre Sehkraft sammelte, um noch
zuweilen das liebliche Bild ihrer Fennimor aufzufassen, ffnete sich die Thr
und Lord Duncan trat an Elmerice's Seite.
    Das ist unser Landsmann, sagte Emmy, als sie ihn sah - ich kann ihn unter
all' den Anderen heraus kennen, die wenig wissen, was einen Mann kleidet.
    Es ist Lord Duncan, Emmy - sagte Elmerice - er war der Freund meines
Vaters - jetzt ist er der meinige.
    Ich kam her, Dich daran zu erinnern, erwiederte der Lord - und Emmy's
Gegenwart wnsche ich dabei. Sieh', sagte er - seit heute Morgen trgst Du den
alten, berhmten Namen dieses Hauses, und ich ruhte nicht eher, bis Du ihn
annahmst. Wie findest Du mich, da ich jetzt schon an Nichts angelegentlicher
denke, als ihn Dir zu nehmen, oder vielmehr Dir daneben noch einen anderen zu
geben.
    Elmerice wurde glhend roth; aber wir gestehen - Dank Margot's Ku! - sie
hrte das Erwartete. Nach einer Pause fuhr Lord Duncan fort: Aber wird Dir der
Name auch recht sein?
    Elmerice lchelte jetzt; denn sie fhlte, wie Lord Duncan schelmisch
blickte. Das kmmt freilich auf den Namen an, sagte sie endlich.
    Gewi, sagte der Lord; - aber wenn er nun wie - d'Anville klnge?
    Elmerice fuhr zusammen. Sie fhlte, es knieete Jemand neben ihr nieder. -
Ich habe ihn seit lange lieb, sagte sie endlich schchtern. - O, Elmerice,
rief Leonce, der Knieende - darf ich diesem Himmelslaute vertrauen? Soll meine
heie, innige Liebe diesen Lohn erhalten?
    Ja, Leonce! sagte das edle Mdchen. Er, der uns einst trennte, segnet uns
jetzt; - ich war Ihnen treu und ich wei, da Sie es mir geblieben sind.
    Sie unterbrach den Sturm seiner Gefhle, indem sie sich zu Emmy wendete:
Emmy, willst Du mir Deine Zustimmung geben zu der Wahl meines Herzens?
    Ich will es! sagte Emmy; - er hat ein uneigenntziges Herz! Das ist das
Einzige, warum es sich lohnt, einen Menschen von dem anderen zu unterscheiden. -
Herr, rufe jetzt Deinen Knecht - er ist mde!
    Es waren Emmy's letzte Worte. Von da an blieb sie schlafend, bis der Tod
seine Hand sanft vollendend nach ihr ausstreckte. Doch fr den Augenblick
verlie Elmerice sie ohne Ahnung ihres damit beschlossenen Lebens.
    Die Verlobten wurden durch Lord Duncan der versammelten Familie vorgestellt;
und gewi ward nie eine fehlgeschlagene Hoffnung in Franziska, Lucile und Armand
vollstndiger vergtet, als jetzt durch die Vereinigung dieser beiden von Allen
so zrtlich geliebten Personen. Der Familienkreis, der sich hier nun bildete,
war der reichste, segensvollste Mittelpunkt fr das Glck aller Betheiligten;
und der rchende Geist, der so lange drohend und zchtigend ber dem alten
Schlosse Ste. Roche geschwebt, mute sich vershnt zurckziehen, und lie keinen
weiteren Nachweis zurck! -
    Mit tiefer Rhrung ward Emmy's Leiche an Fennimors Seite gebettet; - doch
war auch dieser Tod vershnend und beruhigend.
    Vier Wochen spter segnete der alte Vikar von Ste. Roche in der schnen,
kleinen Kirche, in der Elmerice zuerst mit so schwerem Herzen gebetet, seine
junge geliebte Herrin mit Leonce d'Anville und Margot d'Aubaine mit dem jungen
Grafen Guiche ein.
    Zu dieser Feierlichkeit waren Herr und Madame St. Albans eingeladen und
erschienen, da die Letztere bei dem Hinscheiden und Begrbnisse ihrer Mutter
nicht gegenwrtig gewesen war. Auch hier gab Madame St. Albans ihre milaunige,
kritische Weise nicht auf, whrend die feine Erscheinung ihres Gatten ihm das
allgemeine Wohlwollen zuzog.
    An dem erwhnten Hochzeitstage fand Elmerice Gelegenheit, Madame St. Albans
allein zu sprechen. Jetzt mssen Sie mir erlauben, sagte sie - Sie mit dem
letzten Willen Ihrer Frau Mutter bekannt zu machen.
    O, ich bitte! unterbrach sie Madame St. Albans; - dieser letzte Wille,
denke ich, ist in der ganzen Gegend bekannt. Euer Gnaden haben nun einmal Glck
in Erbschaften; - aus der Tochter meiner Margarith - hier trat ihr Schluchzen
ein - der einfachen Mi Eton, die unter meinem Dache schlief, an meinem Tische
sa, ist nun eine vornehme, gromchtige Grfin geworden, die, trotz ihrer
Millionen, nicht verschmht hat, die alte Mistre Gray zu beerben, die ihr eigen
Kind deshalb verstie!
    Elmerice hrte ruhig lchelnd diesen Ausbruch an; sie hatte nicht
gezweifelt, da sie ihn erleben wrde und deshalb gewnscht, mit ihr allein zu
sein. Ja, Madame St. Albans, sagte Elmerice nach einer kleinen Pause - ich
habe es nicht verschmht, diese Erbschaft anzunehmen; denn meine Weigerung htte
Ihrer Mutter das Herz gebrochen. Aber sie gab mir Vollmacht, Alles nach meinem
Gutdnken anzuwenden; - und eben darber wnschte ich mit Ihnen zu sprechen. Die
Erbschaft bestand aus einem baaren Vermgen in Golde, welches, in Beisein des
Pfarrers und des Arztes, in der bezeichneten Kiste gefunden ward. Hier ist der
Inhalt aufgeschrieben; aber nicht so wnschte ich Ihnen den Nachla Ihrer Mutter
zu bergeben - nehmen Sie hier den vom Prior vollzogenen Kaufkontrakt von Ihrer
bisherigen Pachtung Tabor; sie ist jetzt mit dem dazu gehrenden Walde Ihr und
Ihres Mannes unbestrittenes Eigenthum.
    Heiliger Gott, die ganze Pachtung - und den Wald noch berdies! rief
Madame St. Albans. - Nun, solch Gut knnte ja einem Baron gehren. Ach, das
kann unmglich sein, dazu langte das Vermgen meiner armen Mutter nicht hin!
    Machen Sie sich deshalb keinen Kummer, erwiederte Elmerice, erleichtert
durch die Freude der wunderlichen Frau; - Margarith Eton, ihre Freundin, besa
Vermgen genug, das Fehlende zu decken.
    Nun, das nenne ich gromthig! rief Madame St. Albans. Tausend, mein Kind
- Sie verstehen die Grfin zu spielen! Doch verzeihen Sie, ich verga ber der
Freude, meinen Dank abzustatten. Nein, wirklich viel - viel zu viel Gte - ich
wei gar nicht, ob ich es annehmen darf!
    O, nehmen Sie es, sagte Elmerice herzlich - und lassen Sie uns nicht mehr
davon sprechen! Gewi, ich bin Ihnen Dank schuldig fr die Freude, die Sie mir
jetzt gewhren. -
    Ei, ei, meine liebe Frau Grfin - das ist nun ein wenig zu fein ausgedrckt
fr so eine einfache, natrliche Frau, als ich bin! Doch das ist nun einmal Ihre
Art, und schickt sich jetzt auch besser fr Ihre hohen Zirkel, worin Jemand
nicht pat, der einfach vom Herzen wegspricht. Also noch ein Mal meinen
allerunterthnigsten Dank!
    Elmerice eilte, diese peinliche Unterredung zu endigen, und hatte eine
schne Genugthuung durch die edle, ruhige Weise, wie Herr St. Albans ihr reiches
Geschenk aufnahm. Beide genossen noch lange ihre schne Besitzung, die sich in
allen Zweigen der Kultur auf das Musterhafteste verbesserte.
    Zuerst folgten Elmerice und Leonce der Grfin d'Aubaine nach Ardoise; - von
da gingen sie nach Ste. Roche zurck und suchten es mit der vollstndigsten
Piett fr das Andenken, was daran haftete, herzustellen. Emmy's Zimmer wurden
von Elmerice selbst behtet, wobei ihr Asta zur Hand ging, die, in der nchsten
Stadt zur ersten Dienerin vollstndig und sorgfltig ausgebildet, ihre junge
Gebieterin nicht mehr verlie.
    So blieb Ste. Roche noch lange ein wohl behtetes Denkmal vieler
Jahrhunderte; denn neben den wieder hergestellten, einfachen Gemchern der
Claudia von Bretagne, ihrer Betkapelle und Begrbnigruft, stiegen die
Prachtsle und Gemcher der Katharina von Medicis, wie der frheren Grafen
Crecy-Chabanne, mit ihrem alten Glanze empor. Nur der verhngnivolle Banketsaal
vernderte seine Gestalt! Schwarze sammetne Vorhnge umzogen seine Wnde;
herrliche farbige Scheiben zierten die riesigen Fenster mit symbolischen Bildern
und den Wappenschildern der Crecy's; und ber der schauerlichen Tafel, die einst
Ludwigs Leiche trug, erhob sich in glnzend weiem Marmor ein von Engeln
gesttztes Ruhebett, worauf Ludwigs und Reginalds Statuen, nach guten Gemlden
gebildet, Hand in Hand ruhten. Wo aber sonst der Thron der Katharina von Medicis
stand, hing hinter einem groen Vorhange - Fennimors Engelsbild! Eben so war der
schauerliche Platz am Kamine verschwunden; vor seinem kunstreich verschlossenen,
mit schwarzen Marmorbasreliefs verzierten frheren Heerde, standen zwei
Betsthle, und hier wurde bei der Gegenwart der Herrschaften stets ein
feierliches Todtenamt gehalten.
    Durch zweckmigen Ausbau war dieser Saal auer aller Berhrung gesetzt,
whrend die luftige Gallerie, die daran stie und zum Eudoxienthurme fhrte,
wieder schon und alterthmlich hergestellt war. Die sich anschlieenden
Hofdamen-Zimmer waren zu heiteren, luftigen Gemchern aus dem Glanzpunkte dieser
Epoche umgeschaffen.
    Der Eudoxienthurm blieb aber Elmerice's Eigenthum - ein mit jugendlich
schner Empfindsamkeit gehegtes kleines Bijou, zu welchem nur Leonce in
einzelnen glcklichen Stunden Zutritt hatte - wo sie ihr Glck berlegten und
Gott dafr dankten!
    Nur selten, und nur auf wenige Monate bezogen sie ihre reichen Palais in
Paris und Versailles - und immer nur, wenn Armand und Lucile, Margot und Guiche
mit ihnen dort zusammen trafen. Dazwischen unterhielten die gastlichen Zge
dieser Familien von einem Schlosse zum anderen, bei welchen selbst die Grfin
Franziska nicht fehlen wollte, das herzlichste und genureichste Familienleben,
das durch nachfolgende Ereignisse nur immer reicher und schner ward. Waren die
Familien aber in Ste. Roche, so erschien nicht selten Lord Duncan mit einigen
seiner Kinder, als jubelnd empfangener Gast; und immer gehrten zu den
theuersten Freunden die Greisengestalten des Vikars, des Arztes und der edeln
Veronika, wenn ihr hohes Lebensziel ihnen auch nur noch kurze Zeit gewhrte.
    So war ein allseitiger, groer Besitz auf gutem Grunde erbaut - auf dem
sittlichen Werthe seiner Besitzer! Und wir verfolgen von hier an ihre Schicksale
nicht weiter und getrsten uns des Motto's:
    Nicht, was wir erleben, sondern, wie wir es erleben, dies entscheidet ber
Glck und Unglck!

                                    Funoten


1 Wir werden uns erinnern, da Leseur im Winter abreiste.

