
                             Willkomm, Ernst Adolf

                                Die Europamden

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                              Ernst Adolf Willkomm

                                Die Europamden

                                  Erster Theil

                                       1.

                                 An Ferdinand.

                                             Am Bord des Dampfschiffes Herkules.
                                                                  Ende Juli, 18-

    Die Angabe des Ortes sagt Dir, da meine Wnsche in Erfllung gegangen sind.
- Ja, ich bin frei, zum ersten Male, seit ich mir des Lebens bewut geworden.
Keine Schranke drckt meine Gedanken mehr todt, kein sogenanntes Pflichtgefhl
martert mich in eine Ergebenheit hinein, die ich nie gekannt habe. Und dies sage
ich Dir, dem Friedsamen, hier am Fue der dampfenden Esse, deren nachtdunkle
Rauchwolken die Freiheit und ihre unzerstrbare Kraft beurkunden! Wahrhaftig, es
klingt fast lcherlich, das Edelste, was sich ein Menschenleben bewahren kann,
in einer Maschine finden zu wollen. Und doch ist es so. Die ewige Himmelstochter
hat sich der Zeit ergeben mssen, und erscheint in einem Gewande, das ihr den
leichtesten Eingang bei der argwhnischen Menschheit sichert. So tief
herabgesunken ist das Jahrhundert, da sich sein Genius bequemen mu, eine
heuchlerische Hlle anzulegen, um nicht abgewiesen zu werden wie ein lstiger
Bettler. Ich sehe Dich lcheln und die Achseln zucken, aber ich kehre mich nicht
daran und fahre fort, mein Herz auszuschtten. Die Last, die wie eine
zertrmmerte Welt auf mir liegt, mu ich von mir schleudern, wenn ich fernerhin
noch leben soll in dieser fluchschwangern Gegenwart. Danke Gott, da ich mich
entschlossen habe, weit hinauszuschwrmen in die Welt. Die Heimath hauchte mich
an mit der Pestluft des Drachen in der Fabel, die eng gezogenen Grenzen stillen
Lebens mit ihrer gehbigen Gutmthigkeit und dem freundlich lchelnden Gott
eines verkmmerten Friedens weckten Gelste in mir, deren Befriedigung im Buch
geschriebener Gesetze blutige Marksteine bezeichnet. Es war hohe Zeit,
Ferdinand, da ich floh, zwar nicht mehr rein und schuldlos im Gedanken, aber
noch unbefleckt durch eine That, die der stille Weise verflucht, whrend der
Schmerzenssohn einer ghrenden Weltepoche sie bekrnzt mit dem ernsten Laub der
Eiche oder dem dunkeln Zweige des Lorbeers. -
    Du siehst, meine Dmonen, wie Du die verschwiegenen Folterqualen des Herzens
nennst, haben mich noch immer nicht verlassen. Auch auf dem schimmernden,
goldgrnen Spiegel des Rheines arbeitet mit gleichem Ungestm die Welt in meinem
Innern. Die Natur, die mich in diesem Moment umgibt, lset nicht die Fesseln, in
denen ich verschmachte. Eben rundet das Schiff um die Krmmung an der Marksburg,
die Ufer des Stromes verengern sich, romantisch strzen die Berge in hundert
Thler ab, und tauchen ihre grnen Gewnder in die krystallenen Zauberwellen.
Fernab schimmert Lahneck mit seinen Trmmern, auf dem hohen Stolzenfels flammt
der Freibrief aller Welt, besiegelt vom Glanz der niedergehenden Sonne. Ein
wolkenloser Himmel zittert im dunkeln Blau, wie ein Baldachin, ber diesem
paradiesischen Erdabri. Am Horizont, aus silbernem Nebelglanz, steigt, ein
bleicher, eingeschlummerter Geist des Krieges, der Ehrenbreitstein, und wieder
verbirgt sich stumm und schchtern der momentan freigegebene Gedanke.
    Meine Stimmung ist bei aller Freude, die mich bewegt, eine schmerzliche. Mir
scheint, ich bin nicht der Einzige, den, verfehmt und verspottet von der
brgerlichen Friedsamkeit, dieses Schiff beherbergt. Unter dem lustigen Zelt
treiben sich die Kinder von sechs bis sieben Nationen herum. Jedes lallt in
seinem Sprachidiom - ein buntes Allerlei des Gedankenausdrucks - und Alle sind
vielleicht gerade jetzt glcklich, nicht weil der Augenblick gekommen, wo die
verschiedenartigsten Wnsche sich erfllen, sondern weil die Auenwelt mit dem
Friedensblick ihrer Reize den Schmerz in der Tiefe schweigen lt. - Und dennoch
bin ich unter diesen etwa hundert Menschen, die zugleich mit mir von Mainz
absegelten, ein paar Gesichtern begegnet, die, wie der Abgrund einer versunkenen
Welt, geisterhaft mich anstarrten. Hier nun lse ich mein Dir gegebenes Wort,
auch auf die Gefahr hin, von Dir miverstanden oder als ein abenteuernder
Sonderling verlacht und bemitleidet zu werden. -
    Auf Reisen wird man schnell mit einander bekannt. Die Barrieren der
Etiquette und lcherlicher Convenienz sinken zusammen, sobald wir den
barkettirten Salon mit der Heerstrae vertauschen. Man sucht sich, weil Reisende
in irgend einer Weise immer mit einander sympathisiren. Meine unglckselige
Neigung, mich abzusondern, wenn der Strom freier Weltbewegung seine Wellen um
mich peitscht, ist Dir bekannt. Eben so gut weit Du, da nicht in
aristokratischem Stolze die Ursache dieses Vereinsamens liegt, sondern ganz
allein in dem Ekel, immer und immer nur dem Gewhnlichen wieder zu begegnen. So
kommt es, da ich mich suchen lasse, oder in stiller Beobachtung mir wenigstens
erst aus der Ferne Denjenigen herauslese, an den mich ein etwaiges Interesse
fesseln kann. -
    Der Morgen war heiter, der Rheingau, im Schmuck der Frhlingszier, breitete
sich lngs dem mchtigen Strome hin aus. Links dunkelte der Niederwald und barg
in seine historischen Schatten die versunkene Gre Karls des Groen, der fast
zur Fabel geworden ist wie sein Prachtpalast zu Niederingelheim, von dem man
auch vergebens eine Spur sucht. O, wenn ich zurcksehe in dieses Chaos todter
und begrabener Jahrhunderte, dann bricht erst recht mit vernichtender Gewalt ein
lauter Hohn in mir aus, der Alles verspotten mchte, was je geschehen ist auf
Erden! Dann knnte ich nicht etwa vor Schmerz, sondern vor bitterer, blutiger
Wuth Thrnen vergieen ber die Narrethei der Welt, zu deren winzigem Complement
auch ich gehre. Da seufze, ringe und rase ich nur nach einer That, dem
Einzigen, was der Zeit noth thut; und ein Blick auf die Geschichte, die mit
gebrochenem Auge um uns den ewigen Schlaf der Vergessenheit trumt, gengt doch
schon mich selbst von der vielleicht lcherlichen Thorheit dieses glhenden
Wunsches zu berzeugen. - Was ntzt jetzt Karls Streben und Mhen? Es ist langst
vergessen und eingesargt in den Staub der Bibliotheken, oder wol gar verstreut
in alle Winde. Die Sohle des Wanderers nimmt ein Atom seiner sichtbaren Thaten
mit sich hinweg, damit es vielleicht am andern Morgen der Schuhputzer abstube.
- Und doch, lebt der Name nicht? Hat er nicht fr ein ganzes Jahrtausend
geschaffen, und sind wir nicht zum Theil ein Product seiner Thaten? Da werden
die Felsentrmmer um mich her lebendig, die grauen Ruinen, die den ewigen Strom
bewachen, zeigen wie verwitterte Fragezeichen gen Himmel, als wollten sie dort
Lsung des Rthsels suchen, dessen Deutung auf Erden keiner mehr unternehmen
mag. Sind dies nicht alles Anmahnungen zu neuem Beginnen? Stottert nicht der
Geist der Vergangenheit in diesen Leichensteinen seiner Helden die zornige
Frage: ob denn Alles vorber sei auf ewig, und die Kraft vllig erlahmt, die sie
zu herausfordernden Wahrzeichen aller Jahrhunderte gemacht hat?
    Gefoltert von solchen Gedanken, Trumen, Empfindungen, hatte ich mich an das
Gelnder gelehnt und starrte in die frhlingglnzende Gegend. Der Taunus legte
den dunkelblauen Grtel seiner Berge um die Hften des jungfrulichen Gaues.
Biberich, die alte Abtei Erbach, der Johannisberg mit dem Gold seiner Reben,
wallfahrteten vorber an meinem Auge. Mainz sank in die silbernen Fluthen und
der Rochusberg mit Bingen und dem alten Drususkastell, dem Klopp, drngten sich
nher in den Gesichtskreis. Das Verdeck fllte sich mit Neugierigen, die alle
das Bingerloch von fern schon bewundern wollten. Es ist viel Langweiliges in
diesen Passagieren. Die Meisten sind Englnder, die sich mit breiter
Verdrossenheit auf die Bnke werfen, oder an die aufgeschichteten Koffer lehnen
und die Gegend mit ihren Herrlichkeiten nur im Buche bewundern. Das nennen nun
diese Menschen reisen! Einer sa mit bereinandergeschlagenen Beinen auf dem
Kajtenfenster, die Rheincharte vor sich, das Reisehandbuch daneben. That is
Johannisberg, sagte er phlegmatisch-theilnamlos, und that is Geisenheim! Er
hob kalt das Auge, sah wieder in's Buch und fuhr fort zu murmeln a very
beautiful country! Andere hllten sich in ihre barocken Reisemntel, oder
promenirten wie toll auf dem Verdeck umher. Man mute sich vorsehen, um nicht
von ihnen umgerannt zu werden. Einige Franzosen waren vergnglicher. Sie
schwatzten ohne Ende von den Schnheiten der untern Seinegegenden, und stieen
zuweilen einen komischen Sehnsuchtsseufzer nach Paris aus. Munter bewegten sich
ein paar junge Hollnderinnen unter der Gesellschaft. Die nette, reinliche
Kleidung, das zierliche Mieder, der graue, an unsere Tyrolerinnen erinnernde Hut
mit den bunten hellfarbigen Bndern gaben den freundlich offenen Gesichtern
einen doppelten Reiz. Sie schwatzten allerliebst in ihrer weichen Muttersprache
und waren nicht sprde. Es ist ein gutmthiges Volk die Hollnder, so lange man
ihrem Gelde nicht zu nahe kommt. Ich sah aber alle diese Gestalten nur Schatten
gleich an mir vorberwandeln. Fest das Auge auf die satanische Krone des
Dampfschiffes geheftet, klang die Auenwelt mit ihrem bunten Tongerusch nicht
in reiner Wrme an mein Herz. Unheimliche Gefhle beschlichen mich, mir war, als
sh' ich den Teufel triumphiren ber das wunderliche Menschengeschlecht. Die
Riesenkrone drohte auf dem Schlot wie ein Siegerkranz. Das bse Princip hatte
gesiegt, alle Welt fuhr sicher unter seinem Geleit. Die Satanskrone war das
allgemeine Weltpanier geworden, vor dem sich die Flagge jeder, auch der
stolzesten Nation, willig zusammenfaltete. Eben wollte ich laut ausrufen: Der
Teufel ist Capitain auf der Fahrt durch Welt und Leben, und doch gelingt uns
keine That mehr! - als ein lauter Aufschrei mich aus meinen berspannten
Trumereien emporschreckte. Ich kehre mich um und gewahre eine zarte
Frauengestalt von den schnsten Formen weit hinausgebeugt ber das Gelnder und
ein feines Umschlagetuch von dem Schaufelrade in die Wellen hinabschleudern. Die
Gewalt des Rades, die Schnelligkut des Umschwunges htten sie beinahe ber das
Gelnder gerissen, ehe sie Zeit gewann, das herausflatternde Tuch vollends zu
lsen. Einer Ohnmacht nahe sank sie in meine Arme, die Gesellschaft drngte sich
um uns, zerstreute sich aber sehr bald wieder, als die Gerettete die Augen
aufschlug. Das Dampfschiff legte vor Bingen an und nahm neue Passagiere an Bord.
    Haben Sie meinen Fcher? fragte mit zitterndem Silberklang das schne
Weib, auf dessen Stirn noch die Blasse der Angst lag. Ihren Fcher? Ich habe
keinen bemerkt.
    Ein peinliches Lcheln kte die schnen Lippen. Er liegt im Rhein, sagte
sie kaum vernehmbar, Bald wre ich ihm gefolgt. Sie haben mich gerettet, nehmen
Sie meinen Dank, obwol es vielleicht besser gewesen, ich wre mit ihm
hinabgesunken in den schnen Strom.
    Mir starb das Wort auf der Zunge, ich konnte nur durch einen starren,
fragenden Blick antworten. Die schne Frau mute ihn bemerkt haben, ihre Wangen
berzog ein leises, duftiges Roth. Sie reichte mir den Arm, der noch zitterte
und fhrte mich dem Steuerrade zu. Die Passagiere hatten sich meist nach dem
Vordertheil des Schiffes gedrngt, wir waren allein. Die Fremde setzte sich, ich
nahm Platz an ihrer Seite. Da sie schwieg, hatte ich Zeit genug, sie zu
betrachten. Ich schmte mich vor mir selbst, da ich erst jetzt durch einen
Zufall diese Frau bemerkte. Sie konnte fr ein Ideal moderner Weiblichkeit
gelten, denn sie war in Allem, auch dem Aeuern, ein vollkommener Gegensatz der
antiken. In dieser hohen, bleichen Stirn, an deren Schlfen die blauen Adern wie
hpfende Schlangen bebten, lag alles Leid, Sinnen und Trumen moderner
Weltbewegung. Das Auge schwamm in feuchtem Glanz und verrieth ebensowol eine
unbegrenzte Hingebung an die Seligkeit der Liebe, als der Ausdruck
schwrmerischer Andacht in ihm zitterte. Und nun diese schlanke Gestalt, der
blhende Leib, umhllt von dem schillernden Seidengewande, das sich
verrtherisch schmeichelnd an die ppigen Formen legte!
    Du schttelst mibilligend den Kopf. Deine Unempfindlichkeit, Dein
unerschtterlicher Gleichmuth begreifen nicht, wie die Schnheit des Weibes den
Mann zu schwrmerischer Gluth hinreien kann. Bleibe Dir treu, Rigorist, nur
lasse mir die Seligkeiten des Augenblicks! Mein Himmel kettet sich um die Erde
nicht in der glubigen Schnheit und Kindesanmuth Deiner Dogmen, sondern
angethan mit der Flle natrlicher Grazie. Auch in ihm ist die Liebe das hchste
Gesetz, nur nicht vereist und versteinert in der Kaltwassertaufe heilig
gehaltener Askese.
    Meine Schtzlingin schwieg noch immer, das Dampfschiff flog, gejagt von dem
keuchenden Element, dem Bingerloch zu. Die Wellen tanzten in weien
Schaumbscheln um den fabelhaften Musethurm, berall strudelte der grne Strom
an den Felsenriffen, und Alt und Jung wollte die Gefahren der berhmten Passage
mit Augen sehen.
    Ich fragte meine schne Nachbarin, wie weit sie den Rhein hinabzufahren
gedenke.
    Bis Kln.
    Werden Sie sich lange in der alten Stadt aufhalten?
    Es ist mein Wohnort, gab sie freundlich lchelnd zur Antwort. Und Sie?
    So lange es mir gefllt. Ich bin an keine Zeit gebunden.
    Dann mssen Sie glcklich sein.
    Die Ungebundenheit ist oft der Dieb des Glckes.
    Das sind Gedanken, die ein Mann von Ihrem Alter mit Gewalt verscheuchen
sollte. Will die jugendliche Manneskraft schon ihr tiefstes Leben der Laune
hingeben, so wird ihr das sptere Lebensziel in unerreichbare Ferne gerckt.
    Ein Dritter unterbrach die Ermahnungen der liebreizenden Lehrmeisterin. Wir
kehrten dem Schiffsschnabel den Rcken, um die verschwindende Gegend besser
bersehen zu knnen. Eine sonore starke Mannesstimme sprach:
    Das ist eine bloe Schwachheit mein Herr! Sobald ein vernnftiger Mensch
die Ueberzeugung gewonnen hat, da fr ihn auf Erden nichts mehr zu thun sei,
ist es Pflicht, die Welt zu verlassen.
    Ja, wenn dies in seiner Gewalt stnde, versetzte sein Begleiter. Leider
oder vielmehr glcklicherweise knnen wir den Tod nicht commandiren, wenn es uns
aus Spleen etwa gerade beliebt, mit ihm Bekanntschaft zu machen.
    Ich bin kein Englander, mein Herr, gegenredete der Erste. Was ich sage,
ist immer Ausdruck tiefster Ueberzeugung. Ich hasse das Schwatzen und
Bramarbasiren.
    Dann werden Sie mir auch Recht geben.
    Recht geben! Als ob es mir nicht frei stnde, mich hinabzuschwingen ber
das Gelnder, und diesem Dasein thatenloser Langweiligkeit ein schnelles Ende zu
machen!
    Richard, rief das Weib an meiner Seite, und ergriff des Redenden Hand.
Sprich nicht so, Du weit, es ngstigt mich!
    Warum thun Sie es denn nicht? fragte der Andere.
    Der Fremde von meiner schnen Geretteten mit Richard Angeredete zeigte auf
die reizende Gestalt und winkte seinem Begleiter, ihn allein zu lassen.
    Da es noch solche Affen geben mu, fgte er hinzu. Es thte noth, ihnen
zu Gefallen allemal die Probe auf jede Behauptung, die man aufstellt, gleich mit
in den Kauf zu geben. - Die junge Frau suchte den Blick Richards aufzufangen,
er zog ihre Hand an seinen Mund, und schien sein Auge versenken zu wollen in den
feuchten Glanz ihrer braunen Pupille.
    Mir ist noch kaum eine Gestalt so aufgefallen, wie dieser Richard. Denke Dir
einen jugendlichen krftigen Mann, Ferdinand, tief in die dreiig, hoch
gewachsen, muskuls, aber hager. Eine Salonfigur seinem Aeuern nach; die
Kleidung aus den feinsten Stoffen, nach dem elegantesten Schnitt, nur mit einem
Anfluge genialer Negligenz. Die blthenweien Manschetten lose herabfallend ber
die schngeformten, weien Hnde. Ein buntes Tuch leicht um den Hals
geschlungen, das ovale Gesicht von einem dichten, schwarzen Bart umflossen. Aber
welch' ein Gesicht! Kaum kann ich es glauben, da eine Stirn, wei geglht von
der verzehrenden Flamme des Gedankens, auf so fashionable Hllung herabschauen
mag. Es ist kein Blutstropfen mehr in diesen bleichen, marmorbleichen Wangen,
und dennoch flackert in der Sonnenhelle seines Auges nicht das ungewisse,
irrende Licht, das gewhnlich seinen falben Todtenschein ber die Trmmer eines
verwsteten Lebens wirft. Erschreckend freilich fliegt die finstere Wolke
unergrndlicher Melancholie um das tiefliegende Auge, wie die Motte um ein
Licht, oder der stille Nachvogel um den kalten Schimmer einer offenen Gruft.
Noch wei ich nicht, was dieser Richard, dessen Geschlechtsname Bardeloh ist,
fr eine Rolle spielt in der groen Welt. Meine schne Gerettete ist sein Weib,
sein glckliches Weib, und doch scheinen Beide sehr unglcklich zu sein. Ich
hielt ihn anfangs fr einen Diplomaten, dem aber widerspricht die Offenheit
seines Auges, der ehrliche Schnitt seines Gesichtes, wie die Verachtung aller
Heuchelei, die darin sichtbar ist.
    Nach den ersten Begrungen entspann sich bald ein Gesprch zwischen uns,
das schnell an Interesse gewann und fr mich eine Hinneigung zu den kaum
gesehenen Fremdling zur Folge hatte. Seine Gattin Rosalie scheint ihn zu
umschweben wie ein Genius. Sie allein scheint er zu achten, aber glcklich ist
er dennoch nicht.
    Und kannst Du glauben, da gerade diese Entdeckung mich ruhiger gemacht hat?
So erbrmlich ist der Mensch, da er immer und ewig an den jdischen Trost
Tubals: Andere Leute haben auch Unglck, die elende Htte seines Glckes
anlehnt. Doch zu meiner eignen Ehrenrettung mu ich gestehen, da meine
Beruhigung ihren Grund nicht in einer so gemeinen Gesinnung hat. Nur da ein
gleicher Schmerz diesen Bardeloh das Gemth belastet, und auch er bei uerem
Glck ruhelos umhergetrieben wird, trstet mich, weil es einen Beweis fr meine
Behauptung abgibt, die Welt sei lahm und schwach geworden, und ersticke unter
dem Ekel erregenden Dunst einer raffinirten Civilisation. -
    Watt und Fulton waren doch zwei groe Mnner, begann nach einiger Zeit
Bardeloh. Diese Menschen brauchen sich nicht der Jahrzehnte zu schmen, in
denen sie gelebt haben. Ihrer Thatkraft ist es gelungen, eine totale Umbildung
zweier Hemisphren vorzubereiten. Dampfschiffe und Dampfwagen sind eine
Erfindung, die ihrem Werthe nach nur der Buchdruckerkunst gleichgestellt werden
kann. Haben Sie in Mainz den Gutenberger Hof besucht?
    Ich bejahte die Frage, worauf Bardeloh fortfuhr: Nun dieser Gutenberg war
ein ganzer, vollendeter Mensch. Das ist genug. Mehr darber sagen zu wollen,
wre Frevel. Ich hasse das Zerfasern einer Wahrheit. Aber unsere Zeit will Alles
spinnennetzfein haben. Fr jeden Ausspruch mu der Grund angegeben, mit der
Sonde und ntigenfalls auch mit dem Senkblei untersucht werden, um zu sehen, ob
er denn auch wirklich gleich sei dem Boden; und erst dann, wenn man sich durch
Fhlen und Rechnen hinreichend davon berzeugt hat, begngt man sich. Was halten
Sie von unserer Zeit?
    Sie ist nichts und kann Alles werden.
    Da treffen Sie zum Ziele, versetzte Bardeloh. Rosalie trocknete ihm mit
ihrem Taschentuche die Stirn, auf der groe Schweitropfen standen. Richard,
bat das herrliche Weib, Du bist noch unwohl und gerade diese Gesprche solltest
Du vermeiden. Hast Du die Vorschriften des Arztes schon wieder vergessen?
    Erinnere mich daran, mein Herz, erwiederte Bardeloh, indem er einen Ku
auf Rosaliens Hand drckte. Uebrigens ist es Bedrfni, mich wieder einmal
auszusprechen. Er wandte sich abermals zu mir und fuhr fort: Man spricht heut
zu Tage viel von neuen Lebensbahnen, unerhrten Umgestaltungen, groen Epochen.
Man hat Recht, aber nur bedingt. Ich meines Theils bin berzeugt, dieser
Erdtheil, auf dessen einer Ader wir eben wie ein rollender Pulschlag
fortgetrieben werden, gebiert nichts, oder doch nur wenig von alle dem, was erst
spt hineinleuchten wird in den dunkeln, annoch unerhellten Weltenbau. Europa
kommt nicht heraus aus dem ancien rgime; der Fluch klebt ihm an und hlt es
darnieder in einem halben Todesschlafe, wie der Fluch des kreuztragenden Gottes
das Volk des Unglckes, auf das er herabsank. Wie dieses Volk jetzt noch seufzt
unter der Schattenlast jenes Kreuzes, dessen Brde es dem schuldlos
Verurtheilten nicht wollte ablegen lassen; so hinkt das mattgehetzte Europa
schwindschtig in seinen Gedanken, mit verpesteter Lebenskraft immer und ewig um
sein offenes Grab, und schaufelt es tglich um einige Fu tiefer. Es hat der
Einfachheit der Natur die Thr gewiesen, und an deren Statt das Raffinement der
Gelste eingelassen. Dieser Unhold wird es umbringen und den erdrosselten
Leichnam seines Opfers dann hinwerfen zum Fra fr hungerige Wlfe. Dieser Tag
aber wird der Anfang sein einer neuen Epoche, das Grabgelute bertnchten
Elends, die Wiedergeburt frischer Thatkraft! Nur frchte ich, es sterben zuvor
noch einige Jahrhunderte, aufgezehrt von Gram und Schwche wie wir, der Einzelne
so gut als die Gesammtheit, d.h. diejenigen, die befhigt sind, den Jammer zu
fhlen, weil sie sich einen Rest gesunder Urkraft aufbewahrt haben.
    Ist Ihnen ein Rettungsmittel bekannt, das man den Wenigen bieten knnte?
unterbrach ich hier den Unzufriedenen, oder meinen Sie, es sei blos die Rache
des herausgeforderten Schicksals, gegen die Niemand ankmpfen drfe?
    Was thaten Cato Uticensis und Brutus? Was so viele Andere alter und mittler
Zeit?
    Einen freiwilligen Austritt aus dem Leben zhlt unsere Religion unter die
rgsten Verbrechen. Sie knnen unmglich wnschen, da ein Gedanke, verpestend
und entsittlichend, sich festsetzen solle in dem Gemth unserer Jugend, der
leider ohnehin schon mehr als wnschenswerth ist, die Herzen derselben umstrickt
hat. Mit der Gleichgiltigkeit gegen das Leben zerfllt jede moralische Regung.
Predigen wir den Selbstmord als eine Tugend, so sehe ich nicht ein, wie Rettung
kommen soll fr die Unmndigen.
    Bardeloh war aufgestanden, seine Gattin sa in schmerzliches Sinnen verloren
am Schiffsspiegel und starrte gefhllos in die grne, schumende Fluth. Das
Schiff flog an Bacharach vorber der Pfalz zu. Lngs dem Ufer an die niedrigen
Hgel lehnten sich alte Rmerthrme in groer Anzahl und erzhlten, wie
umhergestreute Todtenschdel, von dem regen Leben frherer Zeiten. Bardeloh zog
mich an's Schiffsgelnder. Junger Mann, sprach er, es gibt keusche, heilige
Snden und daneben auch Tugenden, vor deren roher, schmutziger Unkeuschheit
jedes Herz, das noch im Zustande republicanischer Einfachheit sich selbst
bewacht, errthen und zusammenschrumpfen mu. Sind Sie so bewandert in der
heiligen Geschichte des Menschenherzens, da Sie wagen, dieser gegenber die
Satzung frommer Willkr zu erheben? Den mchte ich sehen, junger Freund, der
sein Herz zerschmetterte, wenn er es retten knnte durch einen zornigen Ausruf
gegen dasjenige Wesen, dem wir die Ehre der Schpfung zugegestehen. Ich wei,
da die Masse lieber die Perle ihres Rosenkranzes kt, als den sen Mund der
Geliebten; da sie frivol wird auf Kosten sanctionirter Untugenden, ehe sie frei
und muthig in dem ewigen Lebenselemente die geschwchten Glieder badet. Halten
Sie dies fr Religion, so frchte ich sehr, Sie reden oder fhlen sich nur aus
Langweiligkeit gewaltsam in ein Weh hinein, von dem Ihr rein menschlicher Theil
nichts empfindet. So lange Sie fest kleben an der Convenienz irgend einer
Societt, entschlagen Sie sich des Gedankens, als seien Sie mit berufen, den
Opfertod zu sterben fr die Befreiung eines Geschlechts, das nur noch ein
Flechten- und Moosleben fhrt. Sehen Sie hinber an das Ufer! Dort liegen die
zersprungener Glieder jener groen Thatenkette, womit die Rmer das Schicksal
einer ganzen Welt an sich banden. Was hat sie zersprengt und rostig
umhergestreut in allen Lndern, wo Civilisation herrscht? Nichts als die That,
die man ihnen entgegenstellte. Wren unsere Vorfahren elende Schwchlinge
gewesen, wie wir, entsittlicht durch das Gift des feigen Gedankens; sie htten
nie der Thatkraft Roms sich widersetzen knnen! Wer etwas vollbringen will, mein
Freund, der darf sich durch die winzigen Scrupel der Gewissenhaftigkeit nicht
beengen und abschwchen lassen.
    Sie sind also in der That willens, den Mord, und zwar Selbstmord, als
Rettungsmittel zu empfehlen fr unsere jetzigen Zustnde?
    Bardeloh lchelte mitleidig-ironisch. O, knnte ich Dir sagen, wie mich
dieses Lcheln zugleich entzckte und zermalmte! Nur die Weltheiligkeit,
umflossen von der Glorie eines Mrtyrthums, wofr die Geschichte bis jetzt noch
keine Belohnung erfunden hat, vermochte sich in diesen Schmerzenszuckungen um
Mund und Kinn zu flechten. Ich beneidete den gedankenbleichen Mann in seinen
mephistophelischen Qualen. Ein Anderer vielleicht wre schchtern mit dem Beben
tugendhaften Abscheu's davon geschlichen, indem er in Bardeloh die Gestalt des
ewigen Verfhrers erblickt htte; mir aber, - ja Ferdinand, ich rufe Dir's zu
unter dem Purpurmantel, den eben die Sonne mildthtig ber die entzckenden
Gefilde dieser Rheinlandschaft faltet - mir erschien er als ein Prophet, als ein
Johannes der Tufer, der vorausgesandt worden dem Christus des neuen
Jahrhunderts! - Da stand der bleiche Mann an dem keuchenden Schlot, unter ihm
seufzte die dmonische Maschine, der schwarze Rumpf des Schiffes durchbrach die
wallende, grne Fluth des Stromes und strmte, wie ein infernalischer Vogel, mit
seinen blutrothen Flossen durch das schimmernde Krystall. Da stand er, der
bleiche, unglckliche Sohn unsres Jahrhunderts, das in unnatrlicher Brunst die
Keuschheit seines Herzens abgetdtet an sich selbst. Ich sank auf das
Kajttenfenster, denn es war mir nie klarer geworden als jetzt, da Tausende und
Abertausende mit diesem Bardeloh sich nicht emporarbeiten knnen zum frohen,
lichten Thatendrange, weil die Kette der Ohnmacht angeschweit worden an das
warme Fleisch ihrer Herzen!
    Nach langem Schweigen trat Bardeloh wieder zu mir und legte seine Hand auf
meine Schulter. Sie sind noch ein schuldloses Kind in Ihrem Jammer, sprach der
seltsame Mann. Ich wrde mit Ihnen sprechen von meinen Hoffnungen und
Befrchtungen, aber ich mu ausrufen wie Christus: Ihr knnt es noch nicht
tragen!
    Mord, Selbstmord! stammelte ich halblaut vor mich hin, whrend Bardeloh's
Worte klagend durch meine Seele schrien.
    Wer spricht von Selbstmord? erwiederte mit der Sicherheit des klarsten
Bewutseins mein neuer Bekannter. Eine That ist kein Mord. Thun Sie etwas,
geieln Sie die Menschen bis auf's Blut zur That, sein Sie ein Despot der
Freiheit, und lassen Sie die scharfen Drachenzhne der Freiheitspeitsche tief
einhauen in das Fleisch der Sklaven fluchwrdiger Erschlaffung; so morden Sie
nicht, sondern befreien blos. Hat ein Mensch die Rckenmarkschwindsucht, weckt
nur der glhende Stahl das verdorrte Lebensmark, oder glauben Sie, da eine
schwindschtige Welt mit Pfefferkuchen und Marzipan zu heilen sei? Schlagt sie
in die glhenden Ketten der Scham, so wird sie gesunden!
    Hier klang wehmthig klagender Hrnerruf von dem linken Rheinufer herber
und hpfte von Fels zu Fels, von Berg zu Berg, vielfach gebrochen auf der
Tonleiter des Echo in die Ferne. Das Schiff steuerte vorber an den Klippen des
Lurlei. Bardeloh's Auge schien die Tne zu trinken; er horchte lange den
fernzitternden Schwingungen der beschworenen Rheinnymphe, sah stumm und kalt das
Schiff ber den Strudel des wilden Gefhrts brausen und stieg dann hinab in den
unteren Raum zur Maschine, in dessen glhender Atmosphre die Arbeitenden wie
Kyklopen von Gluth und Asche gebrunt die bewegende Flamme unterhielten. -
    Rosalie hatte keinen Theil genommen an meinem Gesprch mit ihren Gatten.
Schweigend geno sie die vorberziehenden Reize der Ufer und schien brigens
viel zu sehr mit sich selbst beschftigt, als da sie dem lebhaften Verkehr der
manigfaltigen Fremden htte Interesse abgewinnen knnen. Durch mein
Bekanntwerden mit ihr hielt ich mich fr berufen, sie als eine Schutzbefohlene
zu betrachten und nahm wieder Platz an ihrer Seite. Sie gewahrte mich kaum, als
sie theilnehmend und bewegt nach Richard fragte. Beruhigt durch meine Antwort
fuhr sie fort, mir einiges Nhere ber ihren Gatten mitzutheilen, wobei sie
jedoch mit weiblichem Zartsinn Alles umging, was mich tiefer in die geheimeren
Verhltnisse ihres gegenseitigen Lebens htte blicken lassen. Ich erfuhr, da
sie aus Wiesbaden zurckkehrten, wo sie whrend eines Monates die Heilquellen
gebraucht, um ihre beiderseitig wankende Gesundheit wieder herzustellen. Ihr sei
dies so ziemlich gelungen, bei Richard aber, meinte sie, trfen zu viele Uebel
zusammen, um eine Heilung des Krpers in so kurzer Zeit bewerkstelligen zu
knnen.
    Richard, sprach sie, leidet weniger krperlich als geistig, und auch
dieses geistige Leiden ist nicht wie gewhnlich ein Symptom seelischen
Krankseins, sondern eher der Beweis berkrftiger geistiger Gesundheit. Es wird
Ihnen dies sonderbar vorkommen, sollten Sie aber durch ein lngeres
Zusammenleben mit uns Richard nher kennen lernen, so werden Sie meine
Behauptung besttigt finden.
    Rosalie schien sich zu erheitern, ich war daher bemht, den Moment
aufknospender Gemthsfreudigkeit festzuhalten und wo mglich zu verlngern. Ich
that einige unbedeutende Fragen, die jedoch selten bei einem weiblichen Gemth
ihres Zweckes verfehlen. Ich gedachte der Huslichkeit und der Rckkehr zu
gewohnten, liebgegewonnenen Oertlichkeiten.
    Das wre gewi mein sestes Vergngen, erwiederte Rosalie, wenn fr
Richard nicht gerade daraus der Giftquell neuen Schmerzes trufelte. Alles
Gewhnte und Stillebehagliche hat er mit einem Abscheu, der mich oft besorgt
macht um seinen Geist. Wohl begreife ich, woher sich dieser Ha schreibt, aber
es ist Unrecht, der stillen Freude, die lieblich und mit dem Friedensblick eines
Kindesauges voll gewinnender Unschuld sich uns anschmiegt, bitter
entgegenzutreten. Man soll den Himmel nicht verhhnen, wenn er uns nur den Glanz
der Sterne gnnt, nicht die Flamme selbst, die jene Welten belebt. Warum einen
Frevel begehen an seinem Glck und an sich selbst unter Verhltnissen, deren
Aenderung nicht in die Hand Eines Individuums gegeben ist? Mir scheint es immer,
als schwelle die Qual der Seele zur unertrglichen Bergeslast an, wenn wir zu
stolz oder zu hart sind, den Moment zu erfassen, in dem oft ein wunderbarer
Zauber der Beschwichtigung liegt. Noch hat es - dies ist meine Ueberzeugung -
keine Zeit gegeben, in der sich alle Wnsche erfllten. Hart freilich drckt der
Zwang der Verhltnisse auf die freie und glckliche Entfaltung unserer
Lebenskeime. Die Gegenwart ist zum Alp geworden, der uns ngstigt und selbst den
schnen Frieden eines kindlichen Herzens zerquetscht. Immer jedoch bleibt noch
eine Hoffnung, die zur Rettung werden kann bei sicherem Wagen und vorsichtigem
Umhertasten. Mchte nur die schroffe Mnnlichkeit, die in vielen unserer
bedeutenderen Menschen zu ungebunden hineinschlgt in das Getriebe des
Weltlebens, sich enger verschwistern mit dem weiblichen Theile des Daseins. Der
starke Geist sollte eine stille, heilige Ehe eingehen mit der hingebenden
Sanftmuth weiblicher Empfindung. Wie das Streben so vieler tchtiger Mnner auf
Freibleiben zielt, so verachten sie auch eine geistige Ehe. Man trennt zu viel,
zu schroff, in der Absicht, durch unerbittliches Scheiden die zerrissenen Theile
zu freiwilliger Einigung zu nthigen; aber ich frchte, aus diesem Zerspalten
entwickelt sich ein Clibat, dessen Folgen mit Vernichtung der urewigen
sittlichen Weltordnung endigen werden.
    Wahrlich! das Weib sprach so ruhig und wahr, da ich mich einen Augenblick
vor mir selbst schmte, und nahe daran war, Bardeloh zu zrnen. Rosalie hatte
Recht. Dieses weibliche Element, das sie der modernen Welt gerettet sehen will,
lt man allerdings zu sehr auer Acht, allein wer mag denn die Frage
beantworten, ob es wol jetzt auch schon an der Zeit sei, Rcksichten zu nehmen
auf das sanft Begrenzende, jetzt, wo es ja wesentlich auf ein Niederreien alles
Begrenzten, Abgeschlossenen und Hemmenden ankommt? Nur so viel scheint mir
einleuchtend, da dieser weltstrmende Bardeloh in Rosaliens liebreizender
Engelsgestalt eine Beschtzerin zur Seite hat, die den Ungestmen nicht wird
sinken lassen in den Abgrund eines vlligen Unterganges.
    Mich ergreift ein unaussprechlich schmerzhaftes Weh, ich mchte es das Weh
eines ganzen Welttheils nennen, wenn ich die Zukunft hineinrechne in die
Gegenwart. Zwar sollte ich diese Klage nicht vor das Forum Deines Herzens
bringen, das keinen Puls, kein Gefhl kennt fr dies mein Leid. Inde ich will
es wagen und appellire an Deine Diskretion oder Toleranz, wie Du es nennen
magst. Bist Du bemht, Proselyten zu machen, so wirst Du mir gewi auch das
Recht zugestehen, das fr wahr Erkannte dem Opponenten gegenber zu
vertheidigen. Ist es nicht ein wahnsinniges Beginnen, frische Lebenswege nach
dem Todten, Vergangenen abzumessen? Unsere Zeit siecht an der Epidemie, unsere
eigenen Lebenswirren nach Art langst in Staub zerfallener Epochen schlichten zu
wollen. Darber ist sie in Streit gerathen mit dem ewigen Geist der Geschichte
und dem Gott der Welt. Sie hat nicht bedacht, da ein Vervollkommnen alles Seins
auch alte Zustnde vernichtet. Nun ringt der Geist, eingesunken in den Schlamm
und Moder vieler Jahrtausende, ohne Rast und Erfolg, weil er zu bedenklich ist,
einen Frevel zu begehen, der in sich selbst keiner mehr wre, sobald der Gedanke
sich consolidirte zur That. In diesem Schwanken und Zaudern besteht die
Unmoralitt der Gegenwart wie aller Geschichte. Brechen wir los mit einer ganzen
vollen That, die in ihrer Offenbarung schon sich als Sieg darstellt, so erkennt
alle Welt das als bloen Wunsch fr Unmoralitt Verachtete in seinem Gelingen
als einen moralischen Fortschritt, und folgt willig dem Vorausgegangenen. Moral
ist ein vager, leerer Begriff, die That erst gibt ihr den Freibrief der
Gttlichkeit. Aus den Conflicten fllt die Wahrheit dem zu, der mit dem letzten
Wort den Gegner zum Schweigen bringt. Dies ist das Recht des Strkeren im Reich
der Geister. Es wird gelten, so lange es eine Welt gibt, und darin besteht das
eigentliche Kriterium alles Wahren und Guten, das nur insofern ein absolutes
sein kann, als es sich in den verschiedensten Modificationen nicht als ein
Vernichtetes, Absorbirtes verliert. Die Form allein ndert sich, der Kern bleibt
immer derselbe, aber die Form ist kein Willkrliches, denn sie entspringt aus
der Nothwendigkeit gegebener Begriffe, die ihrerseits wieder von der
jedesmaligen Lage der Societt und der Welt bedingt und bestimmt werden.
    Sollte denn in unsern Tagen die Nothwendigkeit, alles bisher Dagewesene zu
ignoriren und es mithin zu vernichten, nicht klar bemerkbar sein? Warum also
noch lnger zaudern und die Menschheit hinhalten, bis ein gewaltsamer Sto sie
hinreit zu unerhrten Greueln? Htte man immer darauf geachtet, so wrde die
Geschichte weniger Blutbder aufzuweisen haben, aber freilich auch an Interesse
verlieren. Es scheint, das Juste milieu ist verhat im Cabinet des
Weltregierers. Dort herrscht der Radicalismus mit seinen freien, bewegten
Formen, die nie veralten, weil sie sich immer verjngen.
    Ich breche ab, Coblenz liegt vor uns, hinter den weinumzogenen Hgeln der
Mosel sinkt die Sonne. Lichte Schatten flattern herber von den Bergen ber die
schimmernde Fluth. Die Glocken luten, an den mosaikartigen Mauern des
Ehrenbreitstein rinnt, wie ein Blutstrom, der letzte Schein der Sonne nieder.
Ein Dampfboot segelt den Strom herauf, das Verdeck fllt sich, die Brcke fallt.
Das hervorstrzende Leben verscheucht den stillern, verschlossenen Unmuth des
Herzens. Bardeloh ist wieder heraufgestiegen aus dem Raume. Was er dort gebrtet
haben mag! Sein Gesicht bedeckt eine fast noch tiefere Blsse als zuvor; er
sieht krank, lebenskrank, erdenmatt, europamde aus. Nur sein Blick liegt auf
Welt und Menschen um ihn her wie ein Fernrohr, das die stille, sinnende Sphinx
der Zukunft gerichtet hat auf die Gegenwart, dieses colossale Grab alles
bisherigen Lebens, ber dessen Hgel der finstere, blutbefleckte Schatten eines
ungeheuern Kreuzes schwankt. Aber der Leichnam ist herabgestrzt von diesem
Kreuze und nur die Ngel starren noch aus dem Holz. Man sieht nicht mehr den
Umri des hingeopferten, zur Vershung, gestorbenen Gottes, nein, nur seine
Marterbank. Und zu ihr - o Gott, zu ihr allein richtet die bldschtige Welt ihr
scheues Gebet? - -
    Es ist finster, die Passagiere haben groentheils das Schiff verlassen. Die
Nothwendigkeit zwingt mich, zu schlieen. Knnte ich mich doch, ein Geist,
hllen in den silbernen Nebelglanz, der vom grnen, stillen Strome die
Rebenhgel hinanklimmt! Ach, diese Welt wre schn, betete sie nicht
grtentheils nur an am nackten, morschen Stamme des Kreuzes! -

                                       2.



                                 An Ferdinand.

                                                          Kln, am letzten Juli.

    Seit drei Tagen bin ich hier in dieser ehemaligen Reichsstadt, deren Anblick
schon imponirt und die Thaten vieler Jahrhunderte erzhlt. Wie ich geahnt, hat
mich das Verlassen der heimathlichen, stillen Thler nicht der Beruhigung
hingegeben, vielmehr strmt mit lauterem Getse als je die fremde unbekannte
Welt auf mich ein. Nur das Terrain ist ein anderes geworden. Frher whlte ich
mich still und verschwiegen in den Gram meines eignen Herzens, und pflegte die
Angst sorgsam wie eine liebende Mutter ihr Kind, jetzt hat sich das Leid des
Allgemeinen mir zu Fen gestrzt und es sind mir Menschen theuer geworden in
ihrer Qual, denen ich nur verwandt bin durch ein gleiches, menschlich reines
Mitgefhl.
    Ich habe viel erlebt in diesen kurzen drei Tagen. Eine Recapitulation
desselben wird eine heilsame Medicin fr Dich sein und mir selbst vielleicht
einen Ausweg zeigen, so bald es gut ist, dieses Labyrinth eines unheimlichen
Lebens zu verlassen. Ihr Friedsamen und in diesem Frieden so Glcklichen seid
mit all Eurer Toleranz ungerechter gegen die Welt, als Ihr meint. Freilich ist
das nicht sowol Eure Schuld, als die der Zustnde, der Verhltnisse. Herz und
Geist des Menschen sind zwei wunderliche Polypen. Sie wachsen und dehnen sich
aus, je fterer sie verwundet und blutig geritzt werden, aber sie schrumpfen
zusammen und werden eng, wenn sie in steter Sicherheit nur den kleinen Gram
ihres eigenen stillen Selbst zu verarbeiten haben. Will man Gerechtigkeit lernen
und Duldung ben, so mu man die Springfluth des jubelnden Lebens eben sowol,
als das dumpfe Grollen des trauernden, um sich her toben gesehen haben. Ich
fhle jetzt erst, wie erbrmlich wir denken und urtheilen in der Sicherheit
unserer kargen Beschrnktheit. Diese Enge, dieses ungetrbte Stck des
Friedenshimmels macht uns frivol aus Gutmthigkeit und purem Biedersinn. Gerecht
gegen uns selbst zupft unser Eigendnkel die ewige Weltgeschichte bei der Nase,
und meistert Gott und Schicksal. Es ist nichts so entsetzlich, als ein
musterhaftes Leben in der Stille der Abgeschlossenheit. Darin liegt abermals ein
Grund fr unsern Untergang, namentlich fr uns Deutsche. Es seufzt keiner mehr
nach der gehbigen Ruhe des Hauses als der Deutsche; es ist keiner mit grerer
Mhe herauszuhetzen aus seiner Friedenshtte, als abermals der Deutsche. Wo denn
um des Himmelswillen soll Rettung herkommen, wenn der groe Sinn fr
Allgemeinheit unerschlssen bleibt? Nur Erdbeben, Zusammensturz der
Himmelsdecke, knnen uns noch ermuntern und durch Vernichtung gegenwrtiger Ruhe
eine schnere Zukunft sichern.
    Von dem Verlauf der Reise von Koblenz bis hierher will ich schweigen. Ich
gedenke noch mehrere Ausflge zu machen an den Rhein und seine Umgebungen, und
werde dann vielleicht nachholen, was von einigem Interesse fr Dich sein drfte.
- Nur die Ankunft in Kln selbst darf ich nicht mit Stillschweigen bergehen.
Sie war bedeutend, weniger fr mich, als fr meinen Begleiter Bardeloh, in
dessen Hause ich wohne, wie Du Dir leicht denken kannst. Es schwankt ein
dsteres Geheimni um die Person dieses Mannes, und mein Herz zittert wie
galvanisirt, so oft der entsagende Flammenblick seines Auges mit dieser
unaussprechlichen, tief ironischen Melancholie auf mir ruht. Das Gefhl,
unwillkrlich, wie durch Zaubergewalt, in die Lebenskreise eines Fremden
hineingerissen zu werden, hat etwas entsetzliches, und doch liegt in der Tiefe
der Verborgenheit auch wieder ein Reiz, der mit sem Beben die Seele erfllt.
Nicht Neugier mchte ich diesen Rausch der Erwartung nennen, lieber ein
schweigsames Forschen, ein psychologisches Experimentiren einer Seele mit der
andern.
    Die Fahrt, mannigfach belebt durch Menschen und Gegenstnde, ward fr mich
zu einem Ereigni. Rosaliens keusche Anmuth trug zu meiner Erheiterung eben so
viel bei als der Zauber, womit Bardeloh sein Wort zu umspinnen versteht. In
feenhafter Lebensbewegung quellen die Gedanken aus dem kristallenen Born seines
Geistes herauf und schleichen sich mit hinreiender, ungesuchter Beredsamkeit in
das Herz jedes Hrers. Wir sprachen viel, Heiteres, Scherzhaftes und tiefere
Fragen der Zeit Berhrendes. Bardeloh zeigte bei Allem gleiche Theilnahme; ein
hoher, freier Weltton umhllt mit hinreiender Grazie sein zwangloses Benehmen.
Die Welt mag ihm viel gegeben haben und er ihr viel schuldig geblieben sein. So
verstrich der Tag, das Bild von Kln dmmerte in duftiger Schne am Horizont
auf, als eben die Sonne tiefer hinabsank. Um den ungeheuren Torso
mittelalterlicher Thatkraft, dem Colo des Domes, flammte zitternd bewegt,
gleich Tagfaltern mit purpurnen Schwingen, die Abendrthe. Mein Auge hing mit
jener unerklrlichen Sehnsucht an dem halbverwitterten Gestein, die immer das
Ungeheure gegen unsern Willen in uns zu wecken pflegt. Da lief das Schiff in den
Hafen. Geschrei, wildes, hastiges Durcheinanderrennen, Eigennutz und Geldgier
tobten, schlugen, schimpften vom Quai in buntem, unterhaltenden Gemisch.
Hollndische Schiffsknechte, Hafenarbeiter und Packtrger rumorten mit Pffen
und Sten durcheinander. Kaufleute und Aufseher bemhten sich Ruhe zu stiften
und wurden verlacht. Dazu ein Dialect, den, gemischt aus einigen Sprachen und
grndlichem Unsinn, nur ein Eingeweihter verstehen kann.
    Mehrere Waarenkrahne mit ihren weit hinausragenden Tragebalken sind am Ufer
erbaut und geben, fast immer in Thtigkeit, ein erfreuliches Bild regen
Gewerbes. Es fiel mir schon von fern auf, da auf einem dieser
schieferbedeckten, hervorspringenden Arme ein colossaler Mensch von wildem
Aussehen in vlliger Unthtigkeit sa, um dessen wettergebruntes Gesicht das
Haar verworren hing und seine grotesken Zge zum Theil verdeckte. Groe
Wasserstiefeln an den Fen war er nur bemht, zu dem Geschrei der Lasttrger
und Hafenbeamten den Tact damit zu baumeln und jedem Ausgeschifften einen Gru
mit seinem formlosen Hut zuzuwinken.
    Nicht fern von diesem Schifferknechte lehnte zwischen Ballen und Fssern die
hohe Gestalt eines Juden, dessen feine, halb orientalische Tracht ihn als einen
der Begnstigten seines Volkes bezeichnete. Theilnahmlos, mit gekreuzten Armen,
den breitkrmpigen, feinen Castorhut auf dem Kopf, betrachtete er die
Ankommenden. - Nach einigem Zanken und Schimpfen hatten sich die Lasttrger
endlich in unsere Koffer und Schachteln getheilt, Bardeloh wandte sich mit
Rosalie und mir der Stadt zu, als mit einem Male, wie vom Wahnsinn ergriffen,
der Schifferknecht herabstrzte von seinem Krahn, links und rechts mit
Riesenkraft die Menschen auseinander warf und in wenig Augenblicken vor
Bardeloh's Fen niedersank. Mit der Inbrunst eines Benden kte er Fu und
Kleid meines neuen Freundes, drckte dessen Hand an seine Lippe, und ein Blick -
o Ferdinand! ein Blick flackerte aus dem Auge des Knieenden, der wie ein lautes
Wehgeschrei gellend an mein Herz schlug und das Blut erstarren machte. Der
knieende Mann sprach schnell einige Worte, aber in einem Jargon, der mir eben so
unverstndlich als das Arabische war. Bardeloh schien betroffen, sein blasses
Gesicht rthete sich einen Augenblick, er hob den Armen liebreich auf und
reichte ihm eine ansehnliche Gabe. Rosalie ergriff krampfhaft meine Hand. Sie
zitterte heftig. Der Fischerknecht schwenkte johlend seinen Filz, und ehe ich
mich noch recht besinnen konnte, sa die groteske Figur schon wieder auf dem
Krahnarm, grte die Vorbergehenden und war bemht dann und wann durch Ziehen
an der Kette eine Art von Thtigkeit zur Schau zu tragen. Dieser seltsame
Auftritt erregte einiges Aufsehen, obwol sehr Viele, namentlich von den Knechten
und Matrosen, den ganzen Act mit lautem Gelchter begleiteten. Bardeloh suchte
mglichst bald dem Gedrnge zu entkommen. Schon hatten wir den Lrm hinter uns,
da trat der Jude vor und grte Bardeloh mit herzlichem Hndedruck.
    Der Friedrich kann's noch immer nicht begreifen, sprach er, da ein
Unterschied sein soll zwischen Mensch und Mensch. Wre er ein Israelit, wie ich,
er fnde sich besser zurecht mit Zufall und Unglck.
    Sie besuchen mich doch bald, Mardochai? warf hastig Bardeloh ein. Mein
Haus, Sie wissen es, steht Ihnen jederzeit offen. Sie entschuldigen, meine
Gattin ist angegriffen von der Reise - wir mssen uns beeilen. Auf Wiedersehn!
    Ich werde nicht warten lassen auf mich, erwiederte Mardochai, und
erlauben Sie es, so bringe ich den Friedrich mit. Es ist eine ehrliche Haut, und
eine Seele steckt in ihm, die voller Narrheiten ist, wenn man ihm gestattet, sie
herauszulassen. Der Gedrckte wird schchtern, der Mensch zur Maus. Die
Naturgeschichte hat berall einen auffallend engen Zusammenhang.
    Bardeloh gab durch ein stummes Zeichen seine Einwilligung und beschleunigte
noch seine Eile. Vergebens richtete ich mehrere Fragen an Rosalie - ich erhielt
keine Antwort. Nach ziemlich langem Herumgehen in die Kreuz und Quer erreichten
wir Bardeloh's Wohnung, ein alterthmliches Gebude, dessen Aeueres mit der
Miene des vierzehnten oder funfzehnten Jahrhunderts auf das Grellste
contrastirte mit seinem ganz nach dem modernsten Geschmack eingerichteten
Innern.
    Du kannst leicht ermessen, da dies neue Begegni am Hafen meine Theilnahme
an Bardeloh und seiner Gattin noch vermehrte. Zwar wei ich bis jetzt noch
nicht, welcher Zusammenhang besteht zwischen diesem gebildeten Weltmanne und dem
rohen Schifferknechte. Eben so wenig habe ich ermitteln knnen, was den Juden an
meinen Gastftreund fesselt, da aber ein geheimes Band, vielleicht gewunden aus
Schmerz und Gram, diese Menschen sehr innig vereinigt, scheint mir gewi.
    Der Eintritt in Bardeloh's Haus war geeignet, die Welt nur von der
glnzendsten Seite kennen zu lernen. In diesen saalhnlichen Gemchern weht eine
aristokratische Luft, die schreiend contrastirt mit der republikanischen,
bittern Skeptik ihres Besitzers. Gallonirte Diener empfingen uns, und - seltsam!
- Bardeloh spielte mit so grazisem Anstande den vollendeten Aristokraten, da
eine argwhnische Scheu hhnend an mein Herz rhrte, als wolle sie mich mahnen
vor dem Geheimnivollen Dies Alles htte ich jedoch gern und leicht bersehen,
wre nicht dies zersplitterte Dasein von dem grausamsten Miston der eigensten
Art noch unbarmherziger zerrissen worden. Die breite, glnzende Treppe herab
hpfte jubelnd in seliger Freude ein bildschner Knabe von etwa neun bis zehn
Jahren. Dunkle, kastanienbraune Locken fielen in natrlichen Ringeln und dichter
Flle auf den antiken Nacken. Leben und Geist, Kindlichkeit und muntrer
Jugendsinn leuchteten aus dem hellen Auge. Mit bersprudelnder Freude warf sich
der Knabe in die Arme der Mutter, die ihn mit Kssen bedeckte, und ri sich
ungeduldig wieder los, um wie ein Eichhrnchen an dem Vater hinaufzuklettern,
und sich jauchzend wie die ewige, verkrperte Freude an seinen Hals zu hangen. -
    Da zuckte wieder der mephistophelische Zug wie ein Giftzahn um den
festgeschlossenen Mund Bardeloh's, und mit kaltem, schweigsamen Ku der
strmischen Liebe des Kindes begegnend, ri er es von sich los und rief, den
Knaben mir fast gewaltsam entgegenschiebend: Da! dies ist ein liebes, frommes
Kind, das meine Gattin mir geboren hat unter Schmerzen der Liebe. Und doch kann
ich mich dieses Geschenkes des gtigen Gottes nicht freuen, weil meinen
Ansichten zufolge dem Kinde die Gewiheit einer schnen Zukunft fehlt. Und das
drckt schwer, sehr schwer einen liebenden Vater.
    Ich erschrack ber diesen Seufzer, der Knabe schmiegte sich liebevoll an
meine Seite, indem er ngstlich stotternd sprach: Lieber Vater, Du brauchst
nicht bse zu sein, ich habe den ganzen Hafen gezeichnet und auch den nrrischen
Friedrich mit seinen groen Stiefeln. Auch von den Aepfeln habe ich nicht mehr
genascht, die mir doch so gut schmecken.
    Es gehrt zu den Eigenthmlichkeiten Bardeloh's, Gegenstnde, die bei
genauerer Besprechung nur dazu beitragen knnen, eine Spaltung der Meinungen
hervorzubringen, selten mehr als einmal zu erwhnen, so nahm er auch jetzt die
Miene an, als habe er die Antwort seines Kindes gar nicht gehrt, ertheilte den
verschchterten Dienern mehrere Auftrge und suchte sich in seiner Wohnung
heimisch zu machen.
    Felix, so heit der anmuthige Knabe, verga bei seiner Lebhaftigkeit schnell
die fast lieblose Aeuerung seines Vaters. Beschftigt der schweigenden Mutter
beim Auspacken zu helfen, schwatzte er ununterbrochen von dem, was ihm seither
begegnet, oder merkwrdig erschienen war, und vermochte durch diese
unschuldvolle Heiterkeit auch den verdsterten Sinn Rosaliens etwas zu erhellen.
    Bardeloh hatte sich sogleich in sein Zimmer zurckgezogen, das abgesondert
von den brigen nach dem freien Platze hinaussieht, ber dem der ehrwrdige Dom
heraufragt. Schon whrend der Rheinfahrt hatte ich dem geheimnivollen Manne
versprechen mssen, lngere Zeit in Kln zu verweilen, und in dieser Zeit sein
Haus als das meinige betrachten zu wollen. Lag dies auch nicht in meinem
ursprnglichen Reiseplane, so ward ich doch durch die Art und Weise der
gemachten Bekanntschaft an Bardeloh so innig gefesselt, da es mir erwnscht
schien, die Einladung wenigstens so lange zu benutzen, bis ich auf irgend eine
Weise etwas Nheres ber die Verhltnisse des Geheimnivollen erfahren wrde.
Ohnehin vermag Kln mit seiner groen Vergangenheit, mit den Trmmern ehemaligen
Glanzes und unermelichen Reichthums mich im Gedanken hinlnglich eine geraume
Zeit zu beschftigen. So entsagte ich denn meinem frheren Entschlusse nach
England zu gehen, und berlie den ferneren Wechsel meines unruhigen Lebens ganz
dem Zufall.
    Bardeloh lie mich bald durch einen Bedienten ersuchen, auf sein Zimmer zu
kommen. Es geschah diese Einladung aber in einem Tone, der nicht geeignet war
mich zu erheitern. Mein Stolz regte sich, ich war im Begriff, verneinend zu
antworten. Rosalie ergriff meine Hand und flsterte mir schnell zu:
    Kein hartes Wort, lieber Freund! Gehen Sie. Dieser Ruf beweist, da Sie
ganz besonders hoch in der Gunst meines Gatten gestiegen sind. Gewhnen Sie sich
an seine Wunderlichkeiten; dadurch ist es Ihnen vielleicht vergnnt, vielen
Menschen ntzlich zu werden.
    Den Bitten einer schnen Frau habe ich nie widerstehen knnen. Hier knpfte
sich noch die Ahnung zuknftiger Rettung daran, der sich - ich will es nicht
leugnen, ein Schimmer von neugierigem Egoismus zugesellte. Ich trat in
Bardeloh's Zimmer. Wie im ganzen Hause glnzte auch hier Reichthum mit Geschmack
gepaart aus allen Ecken. Die Wnde waren mit modernem Luxus decorirt, die
Meubeln nach der neuesten Facon, englisches Comfort bot dem Leben jede
Bequemlichkeit.
    Grell stach dagegen die dstere Gestalt Bardeloh's ab, die bleich wie ein
Geist unter den Trmmern zerstrter Ueppigkeit umherwandelte. Wir setzten uns.
Da Keiner zuerst sprechen wollte, herrschte geraume Zeit ein ngstliches
Schweigen. Endlich begann Bardeloh.
    Nicht wahr, es gefllt Ihnen in meinem Hause?
    Selbst der verwhnteste Aristokrat, versetzte ich, wrde alle Gelste
befriedigt finden, die Erziehung und Vorurtheil ihm unentbehrlich gemacht haben
im Leben.
    Sehr wahr! Ein Aristokrat von Geburt wrde so sprechen und danach handeln.
Bei mir aber bringt es die entgegengesetzte Wirkung hervor.
    Dann sehe ich nicht ein, weshalb Sie sich mit dem Glanz aller nur
ersinnlichen Modeartikel umgeben?
    Warum? - Hm! Sie sind ein sonderbarer Mensch.
    Dasselbe wrde ich von Ihnen mit Recht behaupten knnen.
    Bardeloh stand auf und drckte gegen eine Tapetenwand, die ohne Gerusch
eine Thr ffnete. In der Nische brannte eine blulich-rothe Spiritusflamme aus
einem Todtenschdel; daneben lagen verschiedene Waffen.
    Das werden Sie weder modern noch aristokratisch-genuschtig finden, sagte
Bardeloh, indem er wieder neben mir Platz nahm.
    Die Thr blieb jetzt geffnet, die Spiritusflamme wehte ein unheimlich
falbes Geisterlicht herein, und spottete mit dem Todenfahl ihres Flackerscheines
das Leben weg aus unsern Mienen. Ich fragte, wozu diese Gegenstze dienen
sollten.
    Sie enthalten die Doctrin des Hasses, versetzte mit einiger Bitterkeit
mein Gastfreund. Liebe ist eine heilige, gttliche Lehre, aber auf Erden nicht
jederzeit angewandt, so lange es noch Benennungen gibt, die einen Unterschied
bedingen zwischen der ewigen Gleichheit des Menschen. Darum be ich hier in
stiller Abgeschlossenheit das Hassen, im Fall ich es fr mich allein einmal
nthig haben sollte. Denn ohne die Mglichkeit des Hasses ist die Liebe
bedeutungslos. Ich verachte und verspotte alle Launen, die der Aristokratismus
mit raffinirtem Schnheits- und Geschmackssinn eingeschmuggelt hat in die
Gesundheit des natrlichen Daseins. Darum umgebe ich mich damit, so viel es
meine Mittel erlauben, und studire die Niedrigkeit dieser Gesinnungen in der
Hoheit ueren Scheines, womit der kahlgewordene Verstand prunkt, wenn er kein
Urtheil mehr besitzt ber Fragen, die das Leben mit allen seinen Zeugungsepochen
an die Ewigkeit weltlicher und menschlicher Bildung stellt.
    Diese Lebensansicht und Beurtheilung unserer Zustnde ist eine outrirte,
entgegnete ich, sie wird und mu Sie elend machen.
    Sehr wahrscheinlich! Glauben Sie aber ja nicht, da mein etwaiger und
mglicher Untergang den Beweis fr die Thorheit meiner Ansichten abgeben wrde.
Es mssen berall Mrtyrer sein. Darum haben Sie Unrecht, wenn Sie meine
Ueberzeugungen outrirt nennen, sie sind nur ungewhnlich.
    Wozu aber diese gespenstische Lampe, diese Spiegelfechterei, die das
Nervenleben stachelt und matt kitzelt? Wollen Sie etwa durch dergleichen
Vorrichtungen ebenfalls eine wollstige Verspottung aristokratischen
Sinnenreizes nachffen?
    Der Blitz jenes mephistophelischen Lchelns setzte abermals momentan das
ganze Gesicht meines so zweideutigen Freundes in Flammen: Sie sollen beruhigt
werden, sprach er, und drckte die Tapetenthr wieder zu. Ich kann es Ihnen
nicht verargen, da Sie einige Abneigung gegen so tdtlich drohende
Vorrichtungen zeigen. Sobald wir uns nher kennen, will ich Sie ber dieses
unter Schlo und Riegel gelegte Geheimni belehren.
    Er schellte, ein Diener zndete die Gaslampe an, die in geschmackvollen
glnzenden Messingrhren das Zimmer mit feenhaftem Glanz erleuchtete. Bardeloh
zog die rothseidenen Gobelins vor die Fenster und langte einige Productionen der
neuesten Literatur aus einem Mahagonischranke.
    Diese Werke kennen Sie ohne Zweifel, fuhr er fort mit einer Ruhe, die eben
so natrlich zu sein schien wie Alles an diesem auerordentlichen Menschen. Um
sie aber ganz zu verstehen, mssen Sie in Kln bleiben. Hier ist der Ort, dem
Leben in's tiefste Herz zu blicken, vorausgesetzt, da berhaupt ein Organ in
Ihnen vorhanden ist, welches diesen Dienst verrichtet. Die Autoren dieser Bcher
eifern gegen Gebrechen der Societt, die allgemein gefhlt, aber schwer gendert
werden knnen. Man sollte nicht gegen Windmhlenflgel zu Felde ziehen, denn man
macht sich lcherlich und verhat. Um die Wunden zu heilen, die an diesem Erd-
und Menschenkrper aufklaffen, bedarf es zuerst des brennenden Eisens, damit das
Gift verzehrt wird, das sie verursacht. Was helfen alle Medicamente und Binden
der ganzen Welt, wenn man dem Uebel nicht auf den Grund geht? Ich kenne ein
Mittel fr all' diese Gebrechen. Wollte man es anwenden, so wre der
Gesellschaft geholfen.
    Und dies besteht? -
    In Vernichtung unserer Selbst.
    Gewi, erwiederte ich bitter-verdrossen, eine solche Radicalcur mte zum
Ziele fhren. Wer den Menschen ausrottet, wird auch die Gesellschaft vertilgen;
nur ist schwer zu begreifen, was an die Stelle der so exstirpirten Menschheit
treten soll.
    Sie sind von schweren Begriffen, sprach Bardeloh. Wer verlangt Vertilgung
alles Lebens? Niemand und ich am allerwenigsten! Nur ein halbjhriges Ruhen der
fortwachsenden Menschheit gebe ich zu bedenken; die Folgen wrden nicht
ausbleiben, und der Gesundheitszustand einer sehr merklichen Vernderung
unterliegen.
    Die Ausfhrung ist nur unmglich.
    Weil Ihr Weichlinge seid, gegenredete mit schlechtverhehlter Heftigkeit der
auergewhnliche Weltverbesserer, warf die Bcher ungeduldig in den Wandschrank
und wnschte mir eine glckliche Nacht.
    So endigte meine erste Unterredung mit einem Manne, der ohne Widerrede einer
der complicirtesten Charactere ist, den die Neuzeit aus den Conflicten ihres
Wollens und Nichtknnens geboren. Ich habe Dir mit Vorbedacht dieses Gesprch
ausfhrlich erzhlt, weil es mir zu bedeutsam schien fr den Widerstreit in
Bardelohs Brust. Ein solches Schwelgen in Glanz und Herrlichkeit der Welt aus
reinem Ekel an der schimmernden Schale ist neu und charakterisirt das Carikirte
an unserer Epoche. Es sucht Jeder seinen Gram auszutoben, aber die Wege und
Mittel, die man ergreift, sind in der That noch unerklrlicher als das Uebel
selbst. Nie bin ich einem solchen Gegner der Civilisation begegnet, wie er sich
in diesem Bardeloh darstellt. Selbst gebildet bis auf den Gipfelpunct der
feinsten Weltsitte, verachtet und hat er diese Bildung, man mchte fast meinen,
aus Idiosynkrasie. Ich will nicht zweifeln, da Bardeloh alle Kraft in sich
besitzt, Groes zu wirken, sich aber gelhmt fhlt in dem Zwange uerer
Schranken. Es gibt Geister, die nur dann in der Sonnenhelle ihrer innern
Reinheit heraustreten knnen in die Welt, wenn auch der leiseste Schimmer eines
behindernden Ansichhaltens verglommen ist. Sie sind zu klar in sich, um im
Sturme eines wilden Genies, unbekmmert um den Erfolg, die flimmernden Meteore
ihres Gedankenlebens von sich zu schleudern, und mssen dann leider eingesenkt
in die Qual des schaffenden Gedankens, mit der unbezwinglichen Gluth einer
groen Lebenskraft sich selbst elend verzehren. Unter diese Unglcklichen rechne
ich Bardeloh. Seine ganze Gestalt, die verglhte Blsse des in Traum gestrzten
Gedankens auf seinem Gesicht sind laute Verkndiger der Pein, die ihn sicher
vernichtet. Und so mu ich ihm recht geben, wenn er, von sich auf Andere
schlieend, das Leben nur wie einen Fluch betrachtet, den das wandernde
Geschlecht noch nicht vllig zu shnen vermocht hat.
    Mit dem Gefhl der Ohnmacht entfernte ich mich und schlich zurck auf mein
Zimmer. Die Unterredung gab Stoff genug zu stillem Denken, und lie ich einen
Blick durch's Fenster auf den Dom fallen, der im Mondglanz still und hehr in den
dunklen Nachthimmel emporstieg, ward die Geschichte lebendig in jedem Schnrkel
und Sulenschaft, an denen Jahrhunderte mit derselben Sonne auf und
niedergegangen sind. Wieder rief es laut in mir nach einer That, diesem einzigen
Retter aus der Verwirrung gegenwrtiger, schlaffer Zustnde. Mchte nur das Wie
herabfallen in die Gemther der Menschen wie ein schner froher Traum! Denn mit
all unserm Ringen wird der heilige Moment nicht erhascht, der doch unentbehrlich
ist zum Gelingen.
    Die Doctrin des Hasses baut Bardeloh an in der verschlossenen Einsamkeit
seiner Zelle. In sie vergrbt er sich, wenn die Nacht mit heiligem Dster die
halbzertrmmerte Stadt umfngt. Dann sitzt der uerlich kalte, innerlich aber
glhende Mann vor dem geffneten Tapetenschranke und rechnet der Welt, beim
Geistesflackern seiner Todtenlampe, die Secunden ihres armen Lebens nach. Dann
brtet er still ber der Mglichkeit einer That, die ihn und, wie er meint, auch
die Gesammtheit retten knnte. Und drauen schleicht und klimmt der Mond wie das
versptete Grubenlicht des ewigen Bergmannes um die Ruine des Domes, diese im
Entstehen zusammengebrochene That von sechs langen Jahrhunderten. Mein Gott, was
keuchen wir Menschen des neunzehnten Sculums denn mit der Hast der
Begehrlichkeit nach Thaten? Lehrt uns denn nicht der Spukgeist der
Weltgeschichte da drauen, wohin es gekommen mit allem Ueberschwenglichen? Warum
klettert von Jahrhundert zu Jahrhundert der Maurer um diese verwitterten Zinnen,
wie der wimmernde Geist des ersten Baumeisters, der keine Ruhe findet im Grabe,
weil er den riesigen Wunsch nicht ausfhren konnte, und er nun unvollendet
bleiben mu, bis ihn das Alter zerstrt oder eine neue Erdrevolution? - Mich
dnkt wir knnten etwas lernen aus diesem Torso einer Menschenthat, wir knnten
auf weise Beschrnkung hingewiesen werden, wenn ein genialer Uebermuth uns
qulend Herz und Seele beengt! -
    Bis tief in die Nacht hinein sa ich am offnen Fenster und lftete alle
Falten, die das Leben gebrochen hatte in mein Innerstes. Ich wollte mich bis in
die geheimsten Tiefen durchforschen, um meines eignen Selbst habhaft zu werden.
Nur den Menschen wollte ich rein behalten fr mich und Alles von ihm ablsen,
was Satzungen, Lehren und Leben als strenden Rost an ihn angesetzt hatten. Mir
will es immer scheinen, als sei blos deshalb das Glck einer erfreulichen That
von uns gewichen, weil wir uns an zu viel Fremdartiges hingegeben. Betrachte
diese Demuth des Einzelnen wie der Gesammtheit einmal recht genau und
vorurtheilsfrei, Ferdinand, und frage Dich dann, wo die Wahrheit und Tugend
liegt, ob im Verschmhen des aus der Fremde Verabreichten oder im Annehmen
desselben? Wir lassen die Kraft und tauschen dafr die Frbitte, die
Oberherrlichkeit einer demthig scheinenden Maxime ein. Wie der Indianer den Rum
ergreift, um die Freiheit seiner vollen Mnnlichkeit dem weien Manne zu
berlassen, und die grnen Jagdgrnde fr einen seligen Rausch aufopfert; so
begeben wir uns der Selbststndigkeit und Gotthnlichkeit aus einer
misverstandenen Demuth. Indem wir uns geistig fr unmndig erklren, machen wir
uns selbst zu Knechten. Diese von Kindesbeinen an nachffende Gesinnung strzt
uns in's Unglck, schwcht die Kraft und erstickt alle Keime groer Thaten. -
Ich frchte Bardeloh hat ein wahres Wort gesprochen. Er grbelte noch, wie ich
aus dem Lichtschimmer seiner Fenster vermuthete, als mich bereits Schmerz und
Unruhe antrieben, in der Vergessenheit des Schlummers einen verdienstlosen
Frieden zu suchen. -

                                                                  Den 1. August.

    Httest Du mir auch nur scherzend zugerufen, da sich hier die Fden meines
Lebens in ein dunkles Gewirr zusammenflechten wrden, ich htte es lchelnd
hingenommen und wre um so sehnsuchttrunkener fortgeeilt. Aber dem Menschen
strzt sich meist Leben und Geschichte unaufgefordert vor die Fe, und zwingt
ihn selbst die Umrisse seiner Biographie zu schreiben oder durchzuleben, bis er
geworden, wozu er bestimmt ist in dem Kettengliede der Geister.
    Bardelohs Haus ist der Sammelplatz alles geistig Regsamen in Kln und der
Umgegend. Hier finden sich die heterogensten Elemente zusammen, und ich
bewundere den Gleichmuth oder vielmehr die jesuitische Freisinnigkeit meines
Wirthes, womit er jede Meinung ruhig hinnimmt, und sich bis zu einem gewissen
Grade die Freundschaft Aller zu erwerben wei. Der Mann htte am Ende doch
Diplomat werden sollen. Bei seiner republikanisch-radicalen Grundgesinnung mte
ihm durch Ausbildung weltlichfeinen Umgangstones Alles mglich werden. Denn da
er es mit sich selbst und der Partei, dessen starrer, marmorgleicher
Reprsentant er ist, ehrlich meint, davon bin ich fest berzeugt.
    Seine Rckkunft aus dem Bade war kaum bekannt geworden, als eine Unzahl
Besuchender ankamen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Protestanten und
Katholiken drngten sich im Vorzimmer, die hchsten Beamten fanden sich ein, und
der Reichthum blieb eben so wenig aus als die Armuth, fr die Bardeloh groe
Summen ausgeben soll. Auffallend war mir bei diesen Besuchen, da nie auf den
Rang Rcksicht genommen ward. Die Anfragenden folgten wie sie gekommen, und ich
bemerkte, da ein hoher Geistlicher bedeutend lange warten mute, ohne sich
dadurch beleidigt zu fhlen.
    Bardeloh ist Katholik, von edler Abkunft, man sagt, der Neffe eines zum
Christenthum bergetretenen Juden. Ich habe zwar noch keine Gewiheit darber,
aber ich glaube es, und kann mir in der Phantasie ein groteskes Bild seltsamer
Schicksale construiren. Du kennst diese meine Liebhaberei an dem Phantastischen
und wirst meinen Glauben sehr natrlich finden. Mich reizt nur die Mglichkeit
einer poetischen Lebenslage; die erkannt poetische macht mir schon Langeweile.
Wie unglcklich eine solche Manie fr mich ist, fhle ich selbst, doch hat sie
das Treffliche, da sie mich jeden Moment glcklich benutzen lt, und oft aus
einem bloen Traumbilde den bleibenden Trost krftiger That gestaltet. Kann man
sich anders retten aus dem Wirbel und Strudel des Tages? Ich lasse meine
Sehnsucht sich ansaugen an den Stumpf einer fast zurckgelegten Epoche, und die
sprlichen Tropfen gierig schlrfen, die Schmerz und Zukung ihr auspressen.
Diese Art das Leben zu fesseln, hlt mich allein noch ber Wasser, und bildet
selbst aus der Dunkelheit der um mich her taumelnden Gestalten etwas s
Bezauberndes, woran ich mich aufrichte. Ich werfe den Zahlpfennig meines
individuellen Lebens in den groen Losungstopf des allgemeinen und hoffe dabei
keine Niete zu ziehen.
    Die Anzeigen sind vielversprechend, nicht gnstig, aber interessant. Mein
Herz klopft heftiger, denke ich an den gestrigen Abend, dessen mhrchenhafte
Glanzesflle mich immer noch wie ein brandendes Lichtmeer umschumt Die Zukunft
greift sich seltsam heran und spinnt an die Gegenwart ihre bestimmenden Fden.
Auch mich will sie nicht verschonen, und so werde ich hineingerissen in diesen
Taumel nur schwach bewachter Leidenschaften, die, wrgten sie ihre Wchter, in
wilder Raserei das Leben unter die Guillotine schleppen knnten. -
    Bardeloh's Reichthum lt den Meinungsverschiedenheiten keinen freien
Spielraum, daher kann man in seinem Hause die unvershnlichsten Feinde ruhig und
anscheinend in brderlicher Liebe neben einander sehen. Ein solches
Vershnungsfest des weltlichen Gottes ward gestern Abend gefeiert. Die alte
Stadt lie alle Elemente einer grndlichen Weltbewegung in den schimmernden
Slen des Bardeloh'schen Hauses zusammenflieen. Der Anblick war seltsam genug,
und streifte an eine rhrende Komik. Dieses Selbstverleugnen und Beherrschen,
dieses meinungslose Eingehen in die Ansicht jedes Dritten, dem es gerade passend
schien ein Wort von sich zu geben; und nun dazwischen die diabolisch lchelnde
Figur des bleichen Wirthes, dem es Vergngen macht, Alle zu rgern, und doch von
Allen wie ein Gott verehrt zu werden, - wahrlich, es war zu abstoend fr einen
der glcklicheren Gewhnlichkeit angehrenden Menschen! -
    Da Bardeloh Katholik ist, so fehlte natrlich die hohe Geistlichkeit nicht.
Allein mein Gastfreund ist zu sehr Weltmann, als da er dem Bekenntnisse die
feine Sitte, den Anstand opfern sollte. Auch der Protestantismus ward durch
mehrere Anwesende reprsentirt. An ihn schlo sich die Lehre Mosis - es fanden
sich Juden ein in der halborientalischen Tracht, wie man sie auf Messen
allerwrts erblickt. Schwerlich wrde der Islam gefehlt haben, htte sich ein
Vertreter desselben in Kln gefunden. Unter diesen nun drngten sich wieder die
Anhnger der neuen, unseligen Weltreligion, die Nichtglubigen, whrend der
Sectengeist in Pietisten und supernaturalistischen Schwrmern, nur mit Mhe
gedmpft, den Anforderungen einer Salon-Andacht entsprach. Eine Schaar junger
Mdchen, voll rheinischer Lebendigkeit und jener elastischen Grazie, die ihren
Gliederbau vor andern ihres Geschlechts auszeichnet, scherzten mit naiver
Bonhomie unter dieser barockernsthaften Gesellschaft, nur dem Uebermuth des
Augenblickes sich hingebend.
    Gewi, Ferdinand, Du wrdest von einem sinnlichen Taumel ergriffen worden
sein, httest Du zugleich mit mir nur diesen Reiz weiblicher Schnheit, diese
Gotttrunkenheit eines weltlichreinen Glcks in dem gewlbten Himmel so vieler
Jungfrauenaugen genieen knnen. Mir gebrach es nur an einer Kleinigkeit, oder
vielmehr, ich hatte etwas Geringes zu viel, ich kannte Bardeloh! - Du lchelst
und nennst mich wieder einen seltsamen, abenteuernden Phantasten. - Immerhin!
Meine Ahnung war ein untrgliches Thermometer fr die gemischten Empfindungen,
die sich unter dem Deckmantel zahmer Geselligkeit feindselig genug stieen.
    Es mochten schon einige Stunden unter Gesprch, Spiel und Gesang vergangen
sein, als mich die Unruhe in eines der Nebenzimmer trieb. Hier fand mich bald
darauf Rosalie, meine glhende Stirn in die Polster des Sopha gedrckt. Sie
setzte sich zu mir.
    Was treibt Sie aus dem lustigen Getmmel so vieler Glcklichen in diese
Einsamkeit? redete sie mich an. Ein junger Mann sollte sich nie zurckziehen,
nie abschlieen. Es wirkt nachtheilig, mein theurer Freund. Auch Sie werden dies
zeitig genug erfahren.
    Lieben Sie Maskenblle, verehrte Frau?
    Als ein Kind dieser Stadt mu ich daran Gefallen finden. Die Gewohnheit,
alle Narrethei, die man whrend eines ganzen Jahres aufgestapelt hat, auf einmal
in vollen Strmen berschumen zu lassen, ist ein Vermchtni mittelalterlichen
Gutes, das man, wie manches andere in der Gegenwart, zu wenig achtet.
    Es kann keinen greren Verehrer alles Narrenthums geben auf Erden als
mich, nur habe ich bisher an der Mglichkeit gezweifelt, auch ohne Kostm eine
Gesellschaft schreckenerregender Charaktermasken zu versammeln.
    Rosalie entfernte sich. Dumpf rauschte aus den nahe gelegenen Slen das
Leben der maskirten Menschheit, an die verschlossene Thr klopfte der Argwohn
charakterloser Gesinnung.
    Die Tne eines Fortepiano klangen in gedmpften Accorden herber zu uns,
eine schne volle Mdchenstimme sang mit hinreiender Gluth die kunstlosen Verse
eines Volksliedes.
    Gibt Bardeloh fters hnliche Gesellschaften? fragte ich mehr aus Instinkt
als aus Bedrfni, denn eine doppelt drckende Atmosphre wirkte betubend auf
alle meine Sinne.
    Das ist seine Schwche, seufzte Rosalie. Ohne diese leidenschaftliche
Lust, die haut vole der Stadt immer um sich zu versammeln, wrde er glcklicher
sein, und selbst den verderbten Grundstzen alter Lebensweise mehr
Gleichgiltigkeit als schweigende Wuth entgegensetzen. Diese Gesellschaften,
zusammengeweht aus allen Winkeln der Stadt, verbittern ihm sein heiligstes
Leben. Mit der Wollust eines Rasenden sucht er umher nach immer grelleren
Gegenstzen, und je verbissener die Wuth der Geladenen sich in feiner
Schmeichelei begegnet, desto glcklicher fhlt er sich in dieser Vernichtung
alles Edlen im Menschen. - Mein Freund, fuhr sie fort, was Sie bei uns
sehen, ist nur ein Experiment, an einem auserlesenen Gliede der Menschheit
gemacht.
    Getroffen! unterbrach Bardeloh's sarkastisch schneidende Stimme dies
Bekenntni eines Wesens, das mit reinstem Edelmuth die vershnende Liebe eines
Engels verband. Er war von uns unbemerkt durch die Seitenthr eingetreten.
Verwirrt stand ich auf, die Ueberraschung lie mich umsonst nach einer Antwort
suchen.
    Halten Sie mich fr ein Kind, sprach Bardeloh, als er meine Verwirrung
bemerkte, da Sie zusammenfahren wie ein Knabe, weil ich Sie im Gesprch treffe
mit meiner Frau? Nicht dieses Alleinsein, Ihr Stolpern ber sich selbst knnte
mich zornig machen. Wissen Sie, junger Mann, da ich kein Purist bin, wie Sie
einige finden dort in meinem groen Studirzimmer der Menschheit. Kommen Sie,
mein Freund, und machen Sie mit mir einen Gang durch jene Schatten, die trotz
aller Verstellung ihre Seelen doch nicht verstecken knnen. Ich halte
allwchentlich ber Sie Reve und erfreue mich meines Generalats. - Rosalie,
besorge fr mich und unsern Freund ein Glas Limonade.
    Wir traten in den Gesellschaftssaal, Bardeloh stellte mich den
ausgezeichnetsten Personen vor und ergetzte sich merklich an den Komplimenten,
die mir nach dem Gesetz der Convenienz gemacht wurden. An den Saal stie ein
halbkreisrundes Cabinet, von dem aus man das Gewhl der Anwesenden bersehen
konnte. Dies kleine Apartement ward durch eine Glasthr von dem Saale
geschieden, war nicht erhellt und lag in desto grerem Dunkel, je blendendere
Lichtflle die Gasflammen durch die brigen Rume wehten. In dies kleine Gemach
fhrte mich Bardeloh. Ungesehen von Andern konnten wir genau jeden Einzelnen
beobachten.
    Hier, mein Freund, befinden wir uns in meiner psychologischen Warte,
begann Bardeloh und warf sich in die Polster einer Ottomane mit einer
verchtlichen Lebensmdigkeit. Sehen Sie, fuhr er fort, sehen Sie nun einmal
unverwandt auf diese gebildete Menge, beobachten Sie ihr Mienenspiel, ihr
Muskelzucken, ihr Augenverdrehen, und sagen Sie dann noch, da wir im Zeitalter
der Civilisation leben.
    Er schwieg, ich antwortete nicht und beobachtete mit klopfendem Herzen die
Gesellschaft. Da stand der stolze Prlat im traulichen Gesprch mit dem
Mennoniten; daneben betete eine pietistisch gesinnte junge Dame mit dem
Madonnaschnitt ihres Gesichtes zu der jugendlichen Kraft eines schnen Mannes,
whrend der begehrerische Blick vergeblich nach jener sen Andacht haschte,
womit die gebte Snderin die Natur eines gesunden Lebens zu bemeistern
versteht. Am glnzend polirten Ofen lehnte der Jude Mardochai mit dem bleichen
Ernst seiner Zge den orientalischen Tiefsinn schweigend hinaussendend in die um
ihn rauschende Menschenwelle. Er stand allein und hhnisch flog zuweilen eine
lchelnde Weltverachtung um den stolzen Mund. Dann griff er mit der
schngeformten Hand in den faltenreichen Talar von schwerer Seide, und warf
spielend eine Menge neugeprgter Goldstcke in die sonnenhelle Atmosphre. Der
Verachtete zeigte kaum die Hostien aus der Monstranz des Gottes der Welt, so
sanken auch schon die Herzen der Versammlung auf die Knie, und die civilisirte
Menschheit betete an vor der Majestt moderner Weltheiligkeit. Viele traten an
Mardochai heran und suchten mit ehrerbietigem Lcheln seine Unterhaltung. Aber
der Sohn des Orients blieb ruhig und ernst. Er spielte von Zeit zu Zeit mit
seinem Golde, antwortete hflich, erniedrigte sich aber nicht, dem zu
schmeicheln, was er hate. Einige katholische Patres drngten sich um einen
protestantischen Geistlichen, den ich an den feingestickten Ueberschlgeln
erkannte, die als Zeichen seiner Wrde ein durchbrochenes Kreuz zur Schau
trugen. Mit diesem ausgehngten Christenthume contrastirte die weltliche
Tournre und der mephistophelische Blick seines schwarzen Auges, das aus den
tiefen Hhlen des eingesunkenen Gesichtes dialectische Fragen an alle Anwesende
that. Dieser Mann ward mir unheimlich, weil ich den Schmerz um die verlorne
Weltheiligkeit aus der dunklen Gluth des eingestrzten Auges herausflackern sah.
Doch schien er froh, heiter gelaunt und voll Befriedigung mitten im Verkehr mit
der glnzenden Welt. Seine pikanten Bemerkungen, nicht selten tiefdunkle Rosen
auf die Wangen vorbeiwandelnder Mdchen zaubernd, sammelten stets einen bunten
Kreis begieriger Hrer um ihn. Einige stille Jnglinge drngten sich sehr in die
Nhe einer ltlichen Dame, die eben so bekannt war durch ihre Heiligkeit wie
durch den Besitz zweier Nichten, deren Schnheit mehr Verehrer zu finden schien
als ihre strengen Blicke. Die Jnglinge waren gut geschult, auch der
Orthodoxeste htte nichts an ihrer Haltung, Handbewegung, an Auge und Mund,
aussetzen knnen. Weniger auffallend zeigten sich die jugendlichen Gestalten der
anwesenden Damenwelt. Hier wetteiferte meistens nur die angeborne Koketterie des
Geschlechts mit unverwstlicher Herzlichkeit und sprudelnder Laune. Necken und
Kichern lauschte aus den schnen frischen Augen, und die blhenden Lippen
mochten nur dann stumme Lgen zerdrcken, wenn sie sich weigerten, einen
begehrten Ku zu erwiedern.
    Haben Sie die Menschheit gefunden in diesem Geschlecht? unterbrach
Bardeloh mein Schweigen. Rosalie brachte uns Limonade. Unterhalte die
Gesellschaft, wandte er sich an die Gattin, ich werde mit unserm Freunde bald
folgen.
    Sei nicht grausam, Richard, bat das schne Weib und verlie uns.
    Zweifeln Sie wol, hob Bardeloh abermals an, da Sie da drauen im Saal
die Blthe europischen Geistes versammelt sehen?
    Ich seufzte.
    O, schmen Sie sich, mimthige Seufzer auszustoen, wenn die Freuden der
Gesittung im schnsten Jubel um uns scherzen! - Er schwieg und schlrfte die
Limonade. Mir wird immer seltsam lcherlich zu Muthe, fuhr er fort, wenn ich
Gelehrte und Ungelehrte sich braunroth streiten hre und sehe ber den Werth der
Universitten in unsern Tagen. Mein Gott, der Gegenstand ist ja nicht der Rede
werth! Schickt die jungen Leute zu mir und gebt mir den zehnten Theil dessen,
was nur eine Universitt Deutschlands jhrlich kostet, so unterrichte ich Euch
die strebende studirende Jugend zehnmal besser als all' Eure Professoren. Hier,
dies ist mein Katheder, dort das Auditorium. Eine Nacht - ich lese blos Nachts -
in diesem Hr- und Sehsaale zugebracht, wiegt zehn Jahre mhsamen Studirens
auf.
    Ist es nicht ein niederschlagender Anblick, den Menschen auf der Hhe der
Cultur doch so tief gesunken zu erblicken? Diese Vornehmigkeit der Civilisation,
die Sie dort drauen sich tummeln sehen, reprsentirt den Zustand unseres
socialen Lebens. Sie finden dort alle Tugenden beisammen, die im Katechismus
eines wohlgesitteten Menschen aufgezhlt werden, und doch bleibt Alles blos
Lehre, Satzung, glnzende Angewhnung. Die Natur ist dadurch verloren gegangen
im Menschen, und er hat sich bewutlos herausgehoben auf den Gipfel der
Gesellschaftlichkeit. Der Mensch ist dem Benehmen gewichen, die Natur der
Schule!
    Soll man nun nicht darber trauern und ernster, als es gewhnlich ist, in
die Zukunft blicken? Ist es die Aufgabe der Civilisation, das Geschlecht zu
vervollkommenen, so darf in der Vervollkommnung selbst kein Rckschritt gethan
werden. Lcken sind nirgends zu vermeiden, auch fllt die Lcke sich aus von
selbst. Die Geschichte handelt hier instinktartig. In unserm Leben aber gibt es
nicht bloe Lcken, hier sind tiefe Schlnde, ber die man vergeblich die
cultivirte Epoche Sprnge machen heit. Der Mensch wrde es wol versuchen, wenn
anders die Kleidung, in die er sich selbst schnrte, es nur erlauben wollte.
Oder meinen Sie etwa, dieser hehre Gott der Schpfung werde unsere
Gesellschaftsmenschen fr sein Ebenbild anerkennen? Mit Seufzen mu ich meinen
bescheidenen Zweifel in dieser Hinsicht gestehen. - Gut freilich hat man
nachgeformt, Zwirn und Steifleiwand sind nicht gespart worden, um dem Urbilde
eines Menschen analog sein nachgeahmtes auszustaffiren.
    Und auf diese Blthe wollen Sie wirklich die schnere Zukunft der Welt
basiren? fuhr bewegt mein Gastfreund fort. Wollen Sie mich noch der
Unmoralitt bezchtigen, wenn ich behaupte, dieses Geschlecht sei nur zu
erretten durch gewaltsames Aufschtteln des Menschlichen, das sich in leisen
Funken noch erhalten hat zwischen den Trmmern, um die sich schmarotzend ein
unbeachtetes Verderben rankt? Um die Welt verstehen zu lernen, mssen Sie die
Meinungen zusammen sperren wie ich dort drauen. Dann erst erkennen Sie, wie
selten eine hohe Gesinnung sich findet. Nicht die Hartnckigkeit der
verschiedensten Meinungen will ich tadeln, die farblose Charakterlosigkeit nur
erbarmt mich, die zu schwach ist, um eine Meinung ffentlich auszusprechen, wenn
der Andere ihr gegenber mit einer heterogenen Ansicht debtirt. Dies nenne ich
unmoralisch. Zusammengetrieben durch Visitenkarten rennen jene Gebildeten hin,
wohin ich sie haben will, berall voll Heuchelei, voll Characterlosigkeit, voll
Schmeichelns und Begutachtens, und nur darin einander gleich, sich selbst mit
lchelndem Munde Buben zu schimpfen, ohne es zu bemerken. Sollte der tiefere
Denker nicht aufgefordert sein, auf ein Mittel zu sinnen, um diesen Krebsschaden
am allgemeinen Krper des groen europischen Weltlebens operiren zu helfen, ehe
er vllig unheilbar geworden ist! Es ist hart, da eine Welt nicht eher todt
ist, als bis auch das letzte Atom des Lebens in unsichtbaren Staub zerfllt. -
Sind Sie davon berzeugt, und wnschen Sie einen Kranken zu heilen, selbst wenn
er, dem Schwindschtigen hnlich, das Umsichgreifen des Uebels fr Gesundheit
halten sollte, so sammeln Sie Ihre Gedanken und wagen Sie Alles daran, den
Getuschten eine richtige Ansicht von seiner Lage beizubringen. Das ist jeder
Edle seinem irrenden Bruder schuldig. Und ich meines Theils will nicht mig
bleiben, sonst wrde ich vor Schmerz sterben.
    Richard stand auf und trat in den Saal, wo die erwhnte Krankheit in Gestalt
liebreizender Masken, anmuthig scherzend, geistreich witzelnd, umhertobte.
    Ein dumpfer Gram raubte mir fast die Besinnung. Bardeloh wandelte drauen im
Saal unter seinen Gsten herum wie ein vor Zorn schweigender Gott. Jede Meinung
zerfiel vor der seinigen, wenn es ihm beliebte, eine andere aufzustellen; denn
der auerordentliche Mann hatte groes Vermgen. Ich kann diese Manie, sich
selbst im tiefsten Elend der Zeit unterzutauchen, kaum begreifen. Mit einer Art
Wollust sammelt dieser Mensch alle Strahlen der Lebenssonne und badet sich in
ihrer fieberzeugenden Hitze. So viel unbestreitbar Wahres Bardeloh auch
aussprach, und so gut es sein mag, die Schlechtigkeit der Welt kennen zu lernen,
so ist es doch auch rathsam, sich vor raffinirter Lust daran zu hten.
    Ich bin wahrhaftig nicht glcklich und so manche Schmach des Jahrhunderts
treibt mir die Schamrthe auf das Gesicht, das einzige Abendroth, das bei den
Besseren noch als verklrender Schimmer ber das Grab ihrer sterbenden
Mutterwelt zittert. Doch so elend als Bardeloh bin ich noch nicht! Gottlob, noch
wre es mir nicht mglich, mein Kind dem Tode verfallen zu wnschen, noch eine
so grauenhafte Gesellschaft zu bitten, blos um mich zu sttigen am Ekel. Ich
frchte, dieser groe edle Geist kann verrucht werden aus Edelmuth. Er will sich
anspornen zur That, und whlt, wie es scheint, ein gefahrdrohendes Mittel. Mge
ihn die ewige Liebe beschirmen, die belebend durch die Nerven der Geschichte
geht und noch keinen verlassen hat, der mit der Andacht tiefster Humanitt sich
ihr unbedingt hingab! -
    Es war mir unmglich, nach dieser Lection meines Wirthes in den
Gesellschaftssaal zurckzukehren. Mir fehlte die Kraft der Heuchelei und
Verstellung, die Bardeloh in einem bewundernswrdigen Grade besitzt. Diese Moral
der Unmoralitt ist leider ein Product der Civilisation, sobald sie zur
Caricatur ihrer selbst geworden. Sie mu, wie die Verhltnisse sich gestalten,
freilich vorhanden sein, nur soll man sie nicht als Mittel anwenden, um das
wahrhaft Moralische wieder zu Ehren zu bringen. Dazu kann nur die reine
Unschuld, die Zauberruthe des ewig Heiligen, gebraucht werden.
    Wieder zu mir selbst gekommen, verlie ich die psychologische Warte
Bardeloh's und ging auf einem Umwege in Rosaliens Zimmer zurck. Ich traf sie am
Arbeitstisch Spielmarken zhlend. Mit dem Lcheln einer tugendhaften Resignation
reichte sie mir die Hand.
    Sie sind bla, sprach sie, Richard hat Ihnen gewi eine seiner Phantasien
erzhlt.
    Es war mehr als bloe Phantasie, theure Freundin!
    Werden Sie spielen?
    Ich pflege es nicht zu thun.
    Dann werden Sie eine Gesellschaft junger Damen unterhalten mssen. Ich will
unterde zum Rechten sehen als Hausfrau, die auch bei den Studien ihres Mannes
die Pflicht ber sich hat, dem Strenden eine Seite abzugewinnen, die nicht
aller Anmuth entbehrt.
    Rosalie verlie das Zimmer und trat in den Saal, dessen bisheriges Gerusch
bald in eine flsternde Stille zusammensank. Ich blieb einige Zeit allein, dann
kam Felix, der schne Knabe, hereingesprungen, dessen Name wie eine Satyre auf
sein Leben klingt.
    Bist Du da, Sigismund? rief er aus und kletterte behend an mir empor, um
mit dem Zeigefinger mir sanft nach den Augen zu stechen. Ich wei nicht, worin
der Reiz dieser unschuldigen Spielerei fr ihn liegen mag, er thut es aber bei
Jedermann, dem er meint vertrauen zu drfen, und je geduldiger man sich der
sanften Berhrung hingibt, desto frhlicher wird das holde Kind. Als ich ihm
seine Augenvisitationen endlich untersagte, war er sehr vergngt, kte meine
Hand, und sprach: Dich hab' ich gern, Sigismund, weil Du mich immer thun lt,
was ich mu.
    Ei, wer treibt Dich denn zu Deinen wunderlichen Unternehmungen?
    Das kann ich so eigentlich nicht sagen. Der Vater spricht: es sei das Gift
der Civilisation, ich glaub's aber nicht, denn ich kenne dieses seltsame Gift
nicht. Und der Vater mag sich's wohl auch nur einbilden, denn letzthin, als ich
Rattengift in der Apotheke holen mute, fragte ich nach dem Civilisationsgifte,
sie lachten mich aber nur aus und meinten, in ihrer Apotheke gbe es keins.
    Schuldloser Engel! rief ich und drckte den braunlockigen Knaben an mein
Herz.
    Hre, Sigismund, ich wollte, Du wrdest mein Vater, schwatzte der
gemthliche Kleine fort. Das ist mir noch nicht passirt, da der Vater mich so
geherzt htte wie Du. Und nach den Augen lt er mich vollends gar nicht
stechen, obgleich ich Niemand damit wehe thue. Die Mutter hat nichts dagegen,
auch die hbsche Tante mag's gern leiden, wenn ich ihr ein bischen nach den
Augen steche.
    Wer ist denn Deine Tante?
    Kennst Du meine Tante noch nicht? Wart', die soll gleich herkommen, und Du
wirst nur sehen, wie hbsch sie ist. Ihr Beide solltet Euch eigentlich
heirathen, weil Ihr so ganz nach einem Sinne seid. La mich! Gleich komme ich
wieder mit Tante Auguste.
    Der allerliebste Schwtzer hpfte mit einer Zierlichkeit hinaus, als ob er
auf elastischen Sohlen ginge und kehrte auch sehr bald mit einer jungen Dame
wieder zurck, deren Schnheit von dem sen Zauber jungfrulicher Befangenheit
noch erhht ward.
    Der da ist's, Tantchen, rief mit schalkhaftem Lcheln der Knabe, den
sollst Du zu Deinem Mann machen, so hab' ich mir's ausgedacht, und das wird
gewi ein prchtiges Brautpaar geben. O, wie freue ich mich, wenn Euch der
Bischof mit dem schnen blauen Bande die Hnde zusammenbinden wird!
    Ich kann Dir gestehen, Ferdinand, da ich nicht wei, wer von uns Beiden
durch diese naive Prophezeiung mehr in Verlegenheit gesetzt wurde. Mein erstes
Begegnen mit Auguste war sehr seltsam. Ich vermochte weder zu sprechen noch
aufzusehen, aus reiner Albernheit prsentirte ich der jungen Dame einen Stuhl.
Inde verflog der Rausch momentaner Betubung, und wir muten beiderseits unsern
sorgfltig verheimlichten Empfindungen Luft machen in einem herzlichen
Gelchter. Felix war darber ganz glcklich und htte uns durch seine
wiederholten Ausbrche kindischer Freudigkeit bald auf's Neue in Verlegenheit
gesetzt. Unablssig klatschte er in die Hnde und rief mit kindlicher Innigkeit:
Sie lachen schon, Sie lachen schon! und Mutter sagt, was sich anlacht und
neckt, das liebt sich.
    Auguste ist Rosaliens Stiefschwester und wie diese katholischer Religion.
Noch ganz Mdchen besitzt sie nicht die stille Sanftmuth, die mehr ein Product
weiblicher Ergebung in das Schicksal als reine Ausgeburt sittlichen Bewutseins
ist. Rosalie fesselt gleich der Madonna durch den lchelnden Schmerzenszug, der
um die bleiche schne Stirn einen Kranz weier Rosen flicht, und mit verborgenem
Stachel die schne Dulderin verwundet; Auguste dagegen reit hin durch die hohe
Unschuld der Weiblichkeit, deren bewltigende Kraft alles Sprde glttet und ein
geschworner Gegner des Gemeinen ist. Je lnger ich in diese braunen Sterne
blicke, die unter dem zarten Seidenflor der Wimper im milden Feuer
hervorbrechen, desto fester wird in mir der Glaube, da nur dem Weibe die
Erlsung mglich werden knne im Leben. Eine unerschpfliche Flle von Kraft und
Strke liegt in dem keuschen Blick des Weibes, und ich mchte jedem feindlich
gegenbertreten, der frech oder gemein genug ist, der Weiblichkeit die sesten
Reize zu rauben, und sie nur dann als begehrenswerth zu schildern, wenn die
Psyche in ihr mit halbgebrochenem Fittig ein Emporschwingen zu erringen sucht.
Das Weib ist die Erlsung, und so wenig ich mich einen Anhnger nenne alles
dessen, was Dogma und Tradition im religisen Leben als errettend aufgestellt
haben, die weltpoetische Mythe von der Geburt des Erlsers knnte ich zum
lebendigen Glauben erheben selbst als Muhamedaner. Nur die keusche Jungfrau
konnte in der Poesie der Mythe Mutter werden des Welterlsers, nur sie kann auch
in unser Tagen, welche die Uebergesittung und der skeptische Hang des
ausschweifend gewordenen Jahrhunderts zu dem blendenden Licht der Unglubigkeit
hinreit, einzig wiederum Gebrerin werden des rettenden Erlsers! - Drfte ich
doch diese fr mich zum Glaubensartikel gewordene Mythe ausbilden in meinem
Sinne, unangefochten von dem Splitterrichter der Bigotterie oder der Angst des
Diplomaten und Staatsmannes, die in jedem ausgehauchten Kusse des Herzens einen
Dolchsto fhlen, der die kalte Berechnung des Verstandes mordet! Mir,
Ferdinand, ist die Erlsung keine abgeschlossene, sondern eine ewig
fortdauernde. So lange das Weib noch webt in dem Himmelsther ihres keuschen
Daseins, zeugt sich in erhabener Sabbathstille von selbst die Welterlsung fort.
Jeder Mann, den die Huld und Wonne des reinen, in junger Liebe erzitternden
Weibes fesselt, baut an dem Dom dieser Erlsung. Das Weib allein in seiner
Unschuld kann dem irrenden Geschlecht, dem zerrissenen Jahrhundert, wiedergeben,
was es verloren hat. Darum heiligt die Liebe, die im Moment der Begeisterung die
Gottheit zwingt, herabzusteigen auf die Welt! Scheidet zwischen dem Gelst, das
Abtdtung sucht, und der heiligen Gluth, die den sterbenden Gott beleben will
und aus dem todhnlichen Schlummer kssen im Arm der Keuschheit! Lasset dem
Weibe seine heiligen Schauer, seine ehrfurchtgebietenden Schutzengel - die
Anmuth, die Grazie und die Sanftmuth, denen jede Kraft sich gern hingibt. Das
Moralische des Weibes ist nur die Liebe, und die Liebe ist die Moralitt aller
Welt! -
    Soll ich mich entschuldigen, da die Einfhrung einer schnen Jungfrau mich
hinri zu einem Glaubensbekenntni, dessen religise Weihe zwar noch keine
Kirche sanctionirt hat? Ich berlasse es Deiner Discretion, entschuldigend oder
verdammend darber zu Gericht zu sitzen, hoffe aber, da sich auch in Dir das
menschliche Herz regen und von selbst eine Antwort geben wird auf Fragen, die in
allen Sprachen auch ohne Dolmetscher verstndlich sind.
    Es war ein Glck fr mich, da nach dieser Introduction bald mehrere junge
Damen eintraten. Einige Mnner folgten, weniger vielleicht aus Neigung als um
der Convenienz zu gengen. Von scherzenden Gesprchen, in die Felix seine naiven
Burleskerien wie zischende Schwrmer warf, ging man zu geselligen Spielen ber.
Es mangelte nicht an beziehungsreichen Zuflligkeiten, die ein klopfendes Herz
so gern fr glckverheiende Zeichen hinnimmt. Der verhaltenen Stimme im Innern
folgt der Blick, der mit sanft verschmtem Licht hinabsteigt in den feuchten
Himmelsglanz des bewegten Auges. Es herrschte eine freudige Ungebundenheit in
unserm Zirkel, die von ergreifender Wirkung gewesen sein wrde, htte man die
ngstliche Hast dagegen gehalten, mit der im anstoenden Saale Leidenschaft und
Heuchelei die Karten zerknitterten.
    Der muntere Felix scherzte von Mdchen zu Mdchen, hielt sich aber
vorzugsweise an Auguste, die seinen Eigenthmlichkeiten am besten zu begegnen
verstand.
    Ihr Andern, sagte er, seid mir zu geziert! Ihr lacht, wenn's gar nicht
pat, und bedankt Euch, wo ich lieber vor Aerger weinte. Tante Auguste aber
spricht immer, wie's ihr im Auge liegt, und Sigismund hlt's eben so. Darum
nenn' ich sie Mann und Frau, was sie auch werden sollen, selbst wenn's der Vater
zu seinem Gift der Civilisation rechnete.
    Es war uns Beiden sehr zu wnschen, da der kleine Redner die Aufmerksamkeit
Aller im hohen Grade erregte. Die Mdchen stritten sich um den braunlockigen
Burschen und fragten ihn, welche von ihnen Allen er zur Frau haben wolle?
    Gar keine, erwiederte er sehr bestimmt, Ihr mtet Euch denn ndern.
    Diese entscheidende Antwort brachte einen allgemeinen Aufstand unter den
muthwilligen Mdchen hervor. Man haschte und jagte sich gegenseitig, um den
Knaben zu fangen, und da sich Felix aus dem Staube machte, so war das Zimmer in
kurzer Zeit leer. Ich sa allein neben Auguste, vertieft in ein Gesprch, dessen
Inhalt sich schwerlich angeben liee. Das Weib ist nie schner, als wenn es sich
ganz dem Liebreiz angeborner Natrlichkeit berlt. Diese grazise Negligenz,
in der doch wieder so viel Wrde und Zurckhaltung liegen, ist Augusten in hohem
Grade eigen. Wenn sie spricht, theilt jedes Glied ihres Krpers die Bewegung,
die aus der erregten Tiefe der Seele heraufzittert. Es ist eine Melodie der
Schnheit im Krper des Weibes, die tnend herausbricht, sobald der Sonnenstrahl
stillen Glckes mit goldenem Glanz Gesicht und Nacken bergiet. Auguste neckt
und lockt wie der schmelzende Laut einer Nachtigall, wenn sie Erinnerungen der
Kindheit in leisem Gesprch erweckt. Dann fluthet wie eine verdichtete Welle des
Rheines das grnseid'ne Gewand um die schnen Formen, und die langen dunkeln
Locken, die das Oval ihres Gesichts halb verstecken, ringeln sich schmeichelnd
um den lebendigen Marmor des Nackens. Dann kssen unsichtbare Grazien ein
lchelndes Lippenpaar in die vollen Schultern, und der Zug des Herzens verbindet
der Enthaltsamkeit die Augen und lt den Mund nach dem Geschenk der
schalkhaften Gttin ein glckliches Suchen anstellen.
    Bardeloh's Eintritt, der meist unerwartet und mit geisterhafter
Geruschlosigkeit erfolgt, strte unser Gesprch, von dem ich nichts mehr wei,
und ich hatte kaum Zeit Augusten einen Besuch in ihrer Wohnung zu versprechen.
    Wieder so ganz allein? fragte mein Gastfreund. Man wird sie knftig an
Ketten in die Welt hineinziehen mssen.
    Das wird nicht schwer sein, antwortete Auguste, denn unser Freund ist von
ungemeiner Elasticitt.
    Da haben Sie mehr entdeckt in wenig Stunden als ich seit mehreren Tagen.
    Sie wissen ja, da Entdeckungen meine Force sind, fiel Auguste lchelnd
ein, und sind Sie es zufrieden, so nehme ich die Verpflichtung ber mich,
unsern Freund in jede Gesellschaft zu fhren, sei sie nun in der groen oder
kleinen Welt. Ich glaube, Sigismund wird diesen Antrag nicht unbedingt von sich
weisen.
    Bardeloh sah mich mit seinem durchbohrenden Blicke an, der glhend und kalt
zugleich ist. Ich fhrte Auguste's Hand an meine Lippen. Der Antrag ist gut,
sagte Bardeloh, nur seid keine Nrrchen!
    Er reichte seiner Gattin, die eben eintrat, den Arm, ich fhlte Auguste's
Herz an meiner Seite klopfen.
    Ersticken Sie die Gemthlichkeit, diese Kleinbrgertugend aller Deutschen,
sprach Bardeloh zu mir und sein Sie einmal ein kalter Verstandesmensch. Wer
seine Zeit und Zeitgenossen will kennen lernen, mu das Thermometer seines
Herzens in der Gewalt haben.
    Wir traten in den Saal, die Gasflammen warfen blendende Helle auf die
verschiedenen Gruppen der Gesellschaft.
    Spiel vereinigt, flsterte mir Bardeloh zu, Spiel ist ein Vershner alles
Zwiespalts, weil es sicher neuen zu erwecken versteht. Als Gott die Vershnung
stiftete, erfand der Teufel das Spiel. - Mir rast allemal der Schauer
wehmuthser Verzckung durch Mark und Bein, wenn ich des Wrfelspiels der
Kriegsknechte gedenke unter dem Kreuze, an dessen Holz der blutende Vershner
Barmherzigkeit und Vergebung mit brechendem zum Himmel gerichteten Auge
predigte. - Da die Weltgeschichte so witzig, so grauenhaft witzig ist! Hier der
sterbende Gott, dort der lachende Teufel, dessen Freude aus jedem Wrfelauge
triumphirt! - Sigismund, geben Sie Acht, ob das Spiel am Kreuzesstamme mehr
Anhnger gefunden hat, als die weinende Mutter und das Stammeln um Vergebung!
    Wir gingen unbemerkt an den Gruppen der Spieler vorber. Die katholische
Geistlichkeit hatte sich zusammengesetzt. Sie war sehr vergngt, das unsichtbare
Haupt ihrer Kirche schien sie zu einigen. Diese Menschen spielten mit der Ruhe
todtgeschlagener Leidenschaftlichkeit.
    Ich beneide diese Herren, weil ich ein Bedauern fr sie empfinde, sagte
Bardeloh. Wo sich dies regen kann, hat das Glck noch immer einen Stein im
Bret.
    Jetzt standen wir in der Nhe des Tisches, an dem jener kleine, blasse
protestantische Prediger Platz genommen hatte. Neben ihm sa die personificirte
Heiligkeit in Gestalt eines demthig frivolen Frmmlers. Gegenber dem
Geistlichen der Jude Mardochai. Auguste's voller Arm zitterte in dem meinigen.
Ich drckte ihre Hand und suchte fragend ihr dunkles Auge.
    Diese drei Menschen sind entsetzlich, rief sie mit unverhehltem Abscheu.
Wenn es deren viele in der Welt gbe, wrde gewi in kurzer Zeit keine Tugend
mehr zu finden sein.
    Bardeloh stie mich an. Die drei Spieler waren so tief in ihre sogenannte
Zerstreuung versunken, da die Auenwelt fr sie nicht vorhanden war.
    Diese Dreimnner lieb' ich, sagte mit unverkennbarem Vergngen Bardeloh.
Sie haben Charakter und reprsentiren die drei furchtbarsten Parteien der
jetzigen Weltbewegung. Hier der Pietist mit seinen aphoristischen Bestrebungen,
den Himmel zum Wohnort geistiger Invaliden zu machen, - er saugt seine
religisen Bedrfnisse aus dem Unterleibe, und redet nicht mit Engelssondern mit
ganz andern Zungen. Daneben der Unglaube, das Kind einer wilden Ehe, die das
Raffinement der Civilisation eingegangen ist mit der Dialektik des
ultrarationalen Protestantismus. Gegenber endlich der Radicalismus religisen
Hasses, ein Produkt fanatischen Bekehrungseifers. Dieser Ha ist der Vater jener
unerbittlichen Rache, die mit Schlangenklugheit und der Scheu einer schuldlosen
Taube mittelst Kssen und Hndedrcken am Christenthume nagt. Mardochai, ein
Sohn des Orients in seinen Leidenschaften wie in seinen glhenden Phantasien,
ist er doch immer ein Kind der Zeit, worin er lebt. Er wuchert heut' mit dem
Aberglauben, nach dem die Bigotterie der orthodoxen Lehre Verlangen trgt, und
verkauft das Bild des Gekreuzigten, an dessen Stamm seine Nationalitt unter der
Verwnschung des neuen Gottes in sich selbst zusammenbrach; und schachert morgen
mit den Zetteln, worauf mitleidige Christen fr die Emancipation des
gottverfluchten Stammes stimmten, whrend er bermorgen die Ideen in seinen
Bettelsack schnrt und damit hausiren geht vor den Thren seiner Unterdrcker.
Dies Alles thut er aus Consequenz, aus Ha, aus unergrndlich blutigem Ha.
Alles bringt ihm Gold - Gold, den Christus aller Welt! Wenn der Ostermorgen mit
harmonischem Glockengetn den Auferstandenen verkndigt und die noch Glubigen
zur Anbetung ruft, schleicht der orientalische Rachegeist an die Pforten der
Mnsterkirchen und erhandelt von dem blden Kinde des Glaubens fr seine
erschlaffende Demuth den Klang des Goldes, das ihm neue Rache erkauft, und auf
dem gekrmmten Finger mit schmelzendem Kindeslaut das Gelut der Glocken
travestirt. - Diese Dreimnner, junger Freund, sind die Sttzen unserer Epoche,
weil sie die Schpfung der Zukunft vorbereiten helfen. Wie gesagt, ich liebe
sie. -
    Bardeloh zog die Uhr, Mitternacht war vorber. Ein Zeichen des Aufbruches
lie die Gesellschaft schnell das Vergngen einer stillen Raserei vergessen. Man
empfahl sich. Bardeloh war wieder der liebenswrdige Wirth, der mit
aristokratischer Feinheit sich in die weltliche Etiquette hineinzuleben
verstand. - Der Jude Mardochai entfernte sich zuletzt, ich folgte dem
Halborientalen, um Auguste nach Hause zu geleiten. Beim Weggange reichte mir
Bardeloh den Hausschlssel.
    Dies ist ein Instrument, das Sie von heute an brauchen werden, sagte der
wunderliche Mensch. Kln hllt sich in hellen Mondnchten in eine mhrchenhafte
Pracht. Ich hoffe, Sie werden nicht versumen, in diesem Genusse zu schwelgen.
Gute Nacht! -
    Da stand ich, den Schlssel in der Hand, ehe ich noch recht begriff, wie ich
dazu gekommen war. Auguste sttzte sich schchtern auf meinen Arm. Vor uns
gaukelte, vom Monde verlngert, der riesenhafte Schatten des Juden, der dem Dome
zuwanderte. Mir schien es, als breche ein hhnisches Lachen aus der tiefen
Nachtstille und klimme verhallend an den Sulenschften des gothischen
Riesenbaues hinan. -
    Was konnte wol Bardeloh fr Absichten haben, mir einen so gefhrlichen
Freundschaftsdienst zu erweisen? Halbtrumend, halb in sem Entzcken
schwelgend, geleitete ich meine schne Begleiterin nach Hause. Ihre Wohnung
liegt dicht am Rhein, mit der Aussicht auf den breiten, belebten Strom, das
Stdtchen Deutz und zur Seite auf die duftige Kette des Siebengebirges mit dem
Drachenfels.
    Als ich Abschied von meiner Begleiterin genommen, hrte ich vom Hafen her in
zitternden Klnge eine Violine, die eine lustige Tanzmusik mit einer
hinreienden Virtuositt in die feierliche Nacht hineinjauchzte. Ich horchte
lange und ngstlich. Das Licht erlosch im Fenster, an dem ich zuvor noch die
Umrisse von Auguste's Gestalt vorberschweben sah. Es ward still. Leise rauschte
der Strom durch die Schiffsbrcke, ungewisse Tne schwirrten wie Gedanken, die
leise Freiheitswnsche stammeln, vom andern Ufer herber. Das Mondlicht schlief
gaukelnd auf den Blthen der Wellen, die lustig schaffend die Fluth aus der
Tiefe hob. Ein feierlicher Friede zog durch die alt-katholische Stadt, nur in
mir war es nicht still. Ich ging noch lange in den engen, winklichen Straen
umher, erst als der Tag im Osten das durchsichtige Augenlid zitternd
aufzuschlagen suchte, trat ich den Fuweg an. In Bardeloh's Zimmer flatterte
noch der bluliche Glanz seiner melancholischen Lampe. Obwol ich eine unruhige
Nacht verlebte, war ich doch sehr, sehr glcklich. -

                                       3.



                                 An Ferdinand.

                                                            Kln, den 4. August.

    Mit jedem Tage spannen sich hier meine Erwartungen hher. Ich selbst gewinne
an Individualitt unter diesen geheimen Sten, seit ich mir nicht mehr allein
angehre. Es ist Alles anders geworden in mir seit dem Abende, wo Bardeloh's
Haus jene wunderliche Gesellschaft versammelte. Noch dmmert jene stille
Mondnacht wie ein glckliches Mhrchen in meiner Seele, in der mir zum ersten
Male das Geheimni gelst ward, von dem Niemand eine Ahnung sprt als
diejenigen, in denen es selbst in seligen Rthseln das Leben erzhlt. Frchte
nicht, da ich dich mit Liebesgeflster langweilen werde. Du sollst von meinem
eignen Sein nur dann etwas erfahren, wenn es sich mit dem Geschick von Personen
verflicht, die in ihren groartigeren Eigenthmlichkeiten einen Theil des
Weltlebens umfassen.
    In den letzt vergangenen Tagen war ich bemht, das Innere der Stadt genauer
zu besichtigen. Kln ist hlich, eng, finster. Ein dunkler Schatten, den die
Bigotterie des Mittelalters zurckgelassen hat, kriecht rastlos ber die Stadt
fort und will sich nicht von ihr scheiden. Diese alt-katolische Atmosphre hat
fr einen Protestanten immer etwas Bengstigendes.
    In Kln fehlt es weder an Kirchen noch Klstern. Auf allen Straen ragt ein
solcher steinerner Zahn gen Himmel, halb zertrmmert oder doch dem Zerbrechen
nahe. Und in dem hohlen Gehuse betet einsam die Andacht ihren Rosenkranz,
Weihrauch dampft als eine Ergnzung des ambrosianischen Lobgesanges um den
Hochaltar, und die Kerzen dunkeln dem Erlschen zu, wie geschwchte Augen, die
das blendende Licht des hereinbrechenden Tages nicht mehr ertragen knnen.
    Ach, mir ward schwer und bang auf meinen einsamen Wanderungen! Gedanken,
vielleicht mehr als gro und unnennbar, weil zu neu, whlten sich aus dem Schutt
der alten Religiositt hervor, und klopften mit dem hellen Puls jugendlich
strmischen Lebens an das bemooste Herz des so verstndig still gewordenen
Menschengeschlechts. Wie mir da seltsam zu Muthe ward! Wie mir in diesem weiten,
eigentlich den Kln die Religion unsers Jahrhunderts so verlassen, beinahe
verfallen erschien! Diese Stadt, noch voll innigen Glaubens an die Lehren des
katholischen Kirchenthums, kommt mir vor wie ein groes, gothisches Grabgewlbe,
das die Entwickelung der Jahrhunderte auseinandergesprengt hat. In den Ri
hinein strzt ein milder Freudenblick des heitern Lebenshimmels und erhellt den
weihrauchstillen Raum, in dem der einbalsamirte Leichnam des Gottes schlft,
dessen Andenken die Welt mit vollstem Recht zur Religion erhob. Aber Himmel, wie
hat sich dieser duldende Vershner verwandelt! Das edle Gesicht ist
zusammengesunken und darauf liegt der bunte Moderstaub von achtzehn langen
Jahrhunderten! Um den Gesalbten aber kniet, betet, stammelt und rchelt das
unglubige Kind der armen Gegenwart, und ist erfreut, wenn der feuchte Stern der
Fulni, der auf der verwesten Pupille sein dmmerndes Licht anzndet, es
anstrahlt mit der Bewutlosigkeit des Todes! - Ja, Ferdinand, komm hierher, in
diese heilige Stadt, da kannst Du erkennen lernen, wohin es gekommen ist mit
unserm verkannten Christus! Ich habe heute gekniet an seinem moderbedeckten
Leichnam, und bin aufgestanden mit gebrochenem Herzen und dem zitternden
Lebensweh: o da doch Rettung erschiene vom Himmel oder der Hlle fr die
verlornen Vlker Europa's!
    Ob du mit mir fhlst, was mich bengstigt? Ob du begreifst, wie in der
Vernichtung des Gttlichen, das so grell berall heraustritt, auch ein
Zusammenbrechen menschlicher Lebenszustnde gegeben sei? Es wird mir immer
gewisser, da alle unsere modernen Verwirrungen nicht von Grund aus zu lsen
sind, wenn wir nicht zugleich die religisen Elemente von dem angehngten
Schmutze zu reinigen suchen. Ein Heimweh des Geistes zieht den Menschen in das
Heiligthum seines Schmerzes, das durchduftet ist von einem Aether, dessen
verschiedene Bestandtheile sich consolidiren zur Religion. Nennt diesen Aether
des Geistes, wie Ihr wollt, es kommt nichts dabei heraus. Immer wird er Religion
bleiben, wo er sich auch zeigen, wie er sich auch gestalten mag. Erscheine ich
unreligis, so ist es nicht die innere Nothwendigkeit, die mich dazu antreibt,
sondern eine unerklrliche Scheu vor diesem uerlich Bindenden, die mir Herz
und Seele in einen Sklavenring zwngt. Wenn ich beten will, so brauche ich keine
Vorschriften. Die Lettern meines Gemths sind dem Gotte verstndlich, zu dem die
Begeisterung meine Worte hinweht. - Freilich ist es mir wohl bekannt, da Ihr,
Du und deine Anhnger, immer nur behauptet, ohne Schale verderbe auch der Kern;
ich mcht' aber nur den Beweis dafr sehen. Gleichnisse fhren hierbei zu keinem
Ziele, und ich bin gewi, da ein der Ueberzeugung des Individuums vllig frei
gegebener Cultus trotz seiner uerlichen Verschiedenheit der innerlich
geeinteste sein wrde. Das Herz ist sich immer gleich, und betet man blos an,
wenn es das Bedrfni erheischt, so gibt es auch nur eine Art der Anbetung. -
    Es kommt vielleicht sehr bald eine Zeit, wo ich Dir Ausfhrlicheres ber
dieses Thema mittheilen kann. Durch den Kirchenbesuch zufllig darauf gefhrt,
kehr' ich jetzt wieder zu meiner Berichterstattung zurck. Auch ohne das
stillere Gedankenleben drang so Vieles mit wundersamer Gewalt auf mich ein, da
ich mich veranlat fhle, davon zu sprechen. Es geschieht nichts ohne Einflu
auf das Ganze, und so trgt auch das krzlich Gesehene und Erlebte bei, Dir
jenes Bild ergnzen zu helfen, zu dem sich mein kleines Leben formt im
Zusammenstoen mit dem anderer und bedeutenderer Individualitten.
    Ich besuchte zuvrderst mehrere katholische Kirchen, unter denen ich als die
historisch merkwrdigsten nur die Peterskirche mit Ruben'schen Gemlden, die
Gereons-, Apostel- und St. Ursulakirche nenne. Letztere fesselt viele Fremde, da
in ihr die Schdel der 11,000 Jungfrauen aufbewahrt werden. Wie gewhnlich jagte
mich von dannen, was Andere hlt. Die Todtenschdel mochte ich nicht bewundern.
Ich liebe das Leben, das mir ohnehin noch zu todt ist, und Jungfrauenschdel
habe ich lieber in lebendiger Frische. Interessanter als diese Schdel war mir
daher auch eine in dunkle Seidengewnder gehllte Gestalt, die in einer
Seitenkapelle anscheinend in Andacht versunken auf den Knieen lag. Die Welt
sprach zu lockend aus den edlen Formen, die unter der dunkeln Verhllung
hervorschimmerten, als da ich unbeachtet der Betenden htte vorbergehen
knnen. Ein Altargemlde betrachtend war ich bemht, den herabfallenden Schleier
mit dem Blick zu durchforschen. Dies schwierige Experiment gelang mir nur zur
Hlfte, doch glaubte ich zu bemerken, da ein paar funkelnde, rheinische Augen
sich mehr der Auenwelt zuwendeten, als in innere Tiefen blickten. Das schlanke
Mdchen erhob sich, ein Fehltritt machte es schwanken, es wre beinahe die
Stufen herabgefallen. Behend erfate ich es am Arm und verschob dadurch den
Schleier. Ein weltlich-frohes Gesicht von dem lieblichsten Oval, das ein
Stumpfnschen noch mehr verschnte, lchelte mit naiver Verschmtheit mich an.
    Danke dem Herrn, lispelte das holde Kind, zog, als wolle es mich necken,
den Schleier wieder herab und verschwand im Schiff der Kirche. An der Thr trat
ein junger Mann zu der Beterin, der lebhaft sprechend mit ihr fortging. Ich
folgte dem Paare durch einige Gassen und merkte mir das Haus, in dem es
verschwand.
    Mde des katholischen Wesens, und von Glck und Unglck gleichermaen
gefoltert, trat ich in die protestantische Kirche, weniger, um in diesem
Augenblicke meinem Bekenntni ein Genge zu thun, als den Contrast recht
innerlich durchzufhlen, der in einer cht katholischen Stadt immer grell dem
Protestantismus gegenber sich heraushebt. Die Kirche war einfach und gnzlich
schmucklos. Es mute eine Frhpredigt oder ein Gebet gehalten worden sein, denn
ich bemerkte den Pastor noch in der Sakristei. - Es gehrt mit zu meinen
Liebhabereien, die Prediger aller Secten mglichst zu beobachten. Daraus lt
sich oft ein ziemlich genauer Schlu folgern auf das Bekenntni selbst, dessen
Vorsteher und Vertheidiger wir in ihnen erblicken. Als der Mann aus der
Sakristei durch das Schiff der Kirche ging, traute ich kaum meinen Augen. Es war
die Gestalt, Haltung, Physiognomie des hagern, erdfahlen Mannes mit den
gestickten Ueberschlgeln, der mir in Bardeloh's Hause so widerlich aufgefallen,
vor dem sich Auguste entsetzt hatte und dessen ausgeprgte Charakterschroffheit
Bardeloh mit Entzcken erfllte.
    Unbemerkt wollte ich mich entfernen, der Geistliche hatte mich gesehen und
redete mich an.
    Sie sind fremd in Kln, nicht wahr? - Ich bejahte die Frage.
    Irre ich mich nicht, fuhr der Prediger fort, so haben wir uns schon im
Vorbergehen kennen gelernt. Waren Sie nicht vor einigen Tagen in der
Abendgesellschaft bei dem Particulier Bardeloh?
    Ich erfreue mich seiner Freundschaft und wohne in seinem Hause.
    Das ist viel behauptet! Bardeloh kennt keine Freundschaft. Dazu ist er zu
gebildet.
    Aus dem Munde eines evangelischen Geistlichen ein solches Wort zu
vernehmen, kommt mir seltsam vor.
    In der That? Nun wenn Sie ein Freund des Seltsamen sind, so knnen Sie bei
mir Befriedigung finden. Mein Haus steht Ihnen jederzeit offen. Ich wohne gleich
neben an und stehe zu Diensten. Jetzt entschuldigen Sie - meine Amtstracht -
    Mit einer stummen Kopfbeugung, begleitet von jenem Glitzern des Auges, das
eben sowol Geist als Geringschtzung wo nicht Verachtung der Welt ausdrckt,
verlie mich der Prediger. Die wenigen Worte, die er an mich richtete, waren
ganz geeignet, eine nhere Bekanntschaft mit ihm zu wnschen. Ich entschlo mich
der Einladung zu folgen, sobald als mglich.
    Die Mittagszeit war bereits herangekommen, als ich den Rckweg antrat. Noch
zu wenig orientirt, verlief ich mich in dem Gewirr enger, dunkler Gassen und kam
in die Nhe eines der Klster, die es hier gibt. Die grauen Mauern, die
schleichende Stille, die aus jedem Steine seufzt, lieen mich das alte, finstere
Gebude eine Zeit lang betrachten. Das Leben schien ausgestorben um diese
Wohnungen des Friedens, wie die Gutmtigkeit religis-barocker Gemther die
Marterkammern des vom Geschick verfehmten Menschen genannt hat. Gerade ber mir
in bedeutender Hhe vor einem schmalen Fenster blhte ein drftiges Rschen, ein
Paar Vergimeinnicht neigten die verweinten Augen schchtern in das klare
Sonnenlicht, dunkle Winde rankte an dem Fensterstock hinan, Epheu mit dem
finstern, scheuen Laube griff sich phantastisch herab vom verwitterten
Schieferdache und umspann zur Hlfte die enge Oeffnung. Dumpfe, hohle
Todtenstimmen begannen die Hora zu singen. Dieser Jammerlaut der Entsagung klang
wie der Verzweiflungsruf und das wste Pochen eines Lebendigbegrabenen an den
mitleidslosen Sarg. Kein lebendiges Wesen auer mir war zu erblicken; am hellen
Tage schrie im Thurm die Eule. Der angeborne Abscheu gegen Klster und Zellen
strzte ber mich, wie der Schauer eines kalten Bades; ich wollte forteilen, als
pltzlich mit humoristischem Tone in den fernen Horagesang eine schreiende,
lustige Mnnerstimme einfiel. Horchend blieb ich stehen. Der Ton kletterte an
den Wnden herab, ich sah hinauf nach dem Fenster - ein eingefallnes, bleiches
Mnchsgesicht leuchtete wie ein gefangener Geist durch das Gewebe des Epheu, das
die Winkelspinne der Weltgeschichte anheftet berall, wo die Dunkelheit ber das
Licht triumphiren will. Anfangs konnte ich nur einzelne Worte verstehen, da aber
der singende Mnch sich selbst zu erheitern schien an seinen Versen, den
wahrscheinlichen Productionen hirnverzehrender Einsamkeit; so gestaltete sich
bald in der Wiederholung ein Ganzes aus den Bruchstcken. Ich mchte Dir gern
eine Probe dieser Klosterzellenpoesie geben, wenn ich nicht frchten mte, Dich
dadurch zu verwunden. Klster sind ganz besondere Verwahrungsorte. Ich mchte
sie als die Bchsen in der Weltapotheke betrachten, in denen unter hermetischem
Verschlusse das potenzirte Gift des Geistes verwahrt wird, wenn die Heiligkeit
des reinen Menschen in ihm zu Tode gekitzelt worden ist. Doch ich bin still und
fge nur noch bei, da der Mnch in seinem Liede weltlich frivole Ausdrcke, die
an die tiefste Gemeinheit grenzten, so barock, so furchtbar ergreifend mit den
feierlichernsten Worten der Hora und des erschtternden alten Kirchenliedes 
dies irae, dies illa zu verschmelzen wute, da auch der klteste Mensch mit
Entsetzen vor diesem Gesange zurckschaudern wrde. Dabei hielt er die Melodie
des angefhrten Liedes mit einer wunderlichen Lustigkeit fest, was dem Ganzen
ein unaussprechlich grelles Gemisch von dmonischem Hohne und verrckter Brunst
verlieh. Nur des letzten Verses kann ich mich noch ziemlich deutlich erinnern.
Ich glaube er schlo ungefhr, wie folgt:

Lustig, lustig, hrt Ihr's girren?
- Ingemisco, tanquam reus -
Dirnen lachen, schkern, kirren
Heil'ge Brder - mit Monstranzen
- Strzen hin im wilden Tanzen -
Culpa rubet vultus meus. -
Lustig, lustig, hrt Ihr's girren?
- Preces meae non sunt dignae -
Sei gegret, holde Schne!
Dich, Maria, mit Gesthne
Bet' ich an - 'nen Ku, 'nen Ku! -
- Sed tu, bonus, fac benigne,
Ne perenni cremer igne.
Deinem Leib fall' ich zu Fu.
Heisa, lustig! dies illa - in favilla - in favilla!

    Wie gefllt Dir das Lied, Ferdinand? Schttle nicht den Kopf, verhlle nicht
Dein Auge! Immerhin la die Thrne rinnen vor dem Angesichte der Welt in den
Kelch der Gnade, den der sterngeschmckte Himmel allnchtlich dem Menschen
herabreicht. -
    Noch zittern mir die Glieder, wenn ich des singenden Mnchs gedenke, dessen
grauenhaftes Lied wie ein Abri des Weltgerichts hereinheult in die vollen,
heiligen Stunden des Lebens. Httest Du ihn singen hren, diesen Mnch, dessen
leise Umrisse ich kaum auffangen konnte! Ist er krank, ist er toll, oder
verpestet die Seuche des vom Gelbde der Keuschheit ausgemergelten Leibes ihm
den Sternenhimmel des Gedankens, der fleckenlos bleiben mu, wie sein Ebenbild,
wenn er in den bald stillen, bald von Leidenschaften erbebenden Dom der
Menschenbrust seine heiligen Schauer senden soll? -
    Das sind Entdeckungen, die gewaltig viel dazu beitragen, mich auf die
sndhafte Trennung hinzufhren, die leider noch immer besteht zwischen Fleisch
und Geist. Auch dies gehrt zu den Folterqualen des europischen Lebens. Man ist
so human gewesen, Daumschrauben, spanische Stiefeln und Hexenproben fr
unvernnftig zu erklren und doch noch nicht darauf gefallen, jener geistigen
Folter ein Ziel zu setzen, die nur Schwrmerei und Bigotterie zu einer Gott
wohlgeflligen Uebung erheben konnten. Sobald einmal etwas erfunden wird, sind
die Menschen wie toll, es sich zuzueignen, tritt aber der Fall ein, da eine
neue Zeit die Nichtigkeit des ehemals Erfundenen erkennt und auf Entfernung
desselben dringt; hlt man es fest mit hundert Hnden, sollte dabei auch die
liebe Vernunft in hunderttausend Fetzen zerreien. Ach, es ist schwer, ein
Mensch zu bleiben!
    Das Kloster suche ich nchstens wieder auf, vielleicht auch erfrage ich
etwas Nheres ber den Mnch von Bardeloh oder dem protestantischen
Mephistopheles. Heut Abend habe ich groe Dinge vor. Wrde ich so glcklich, als
ich in diesem Augenblicke vernichtet bin! -

                                                               Nach Mitternacht.

    Nur in der verschwiegenen Nachtstille kann ich Dir vertrauen, was ich in den
letzten Stunden erlebt habe. Man darf es nur darauf anlegen, Erfahrungen machen
zu wollen, und die Sammlung dieser herzzerreienden Raritten wchst an zu einem
groartigen Kabinet. Schade, da die Mitwelt so stumpf ist, wenig darauf zu
achten! Einer, der es sich vornehmen wollte, sein Leben mit Ausstellungen so
gesammelter Seltenheiten zu fristen, wrde schlechte Geschfte machen. Der
Gedanke wre zu poetisch und im Grunde ist doch nur die verloren gegangene
Poesie in Wissenschaft, Leben und Religion das Aufreibende, Vernichtende im
modernen Dasein.
    Als ich von meiner Morgenwanderung zurck kam, fand ich Bardeloh in einer
ungewhnlich heitern Stimmung. Felix war bei ihm und konnte sich ungestrt
seinen naiven Scherzen berlassen. Dies war ein Blick des geffneten Himmels in
meine gequlte Seele. Ich drngte den individuellen Schmerz zurck, lie die
hinter jedem civilisirten Menschenkopfe herabflatternde Lachmaske - diese
Kaputze des Jesuitismus - ber mein Gesicht fallen und spielte eine ertrgliche
Humoreske.
    Sie mssen unser Nest gut durchstbert haben, sagte Bardeloh. Seit Tages
Anbruch fort kommen Sie eben jetzt erst zurck? Nicht wahr, Kln hat auch einige
Seiten, von denen es fesselt, lange, lange fesselt?
    Das Alterthum versetzte ich, hat es den Deutschen angethan, und mehr oder
weniger hat Jeder von uns seine alterthmlichen Gelste.
    Mich drfen Sie davon ausschlieen.
    Nicht ganz. Ihr Reservoir dort hinter der Tapete fllt mit diesem
nationalen Hange der Deutschen zusammen.
    Bardeloh verfrbte sich und an dem Spiel seiner Finger, das bei jeder
Aufregung sehr lebhaft wird, bemerkte ich ein innerliches leidenschaftliches
Toben.
    Sie mssen Unterschiede machen, lieber Sigismund, erwiederte mein
Gastfreund, die vorige Haltung frischer Ruhe wieder annehmend. Ich sammle
nicht, ich forsche blos; und wenn ich aus der Augenhhle eines Todtenschdels so
glcklich bin, den Lebenslauf eines Jahrhunderts herauszulesen, so werden Sie
diese Fhigkeit nicht zu den Liebhabereien eines Alterthmlers zhlen knnen. Wo
das Lebende nicht ausreicht, psychologisch die Menschheit zu erforschen, zwingt
uns die Noth, das Todte zu Hlfe zu nehmen. Und ich sehe nicht ein, warum nicht
in einem hohlen Schdel so viel Witz stecken soll als in einem mit Gehirn
erfllten.
    Felix, der unterde an der Fensterscheibe den preuischen Zapfenstreich
getrommelt hatte, jauchzte hier laut auf, ri die Fensterflgel aus einander und
rief einmal ber das andere: Guten Tag, guten Tag!
    Was fllt Dir denn ein, Junge? wandte sich der Vater an den Knaben.
    Ach, da hat sich der Friedrich mit seinen groen Wasserstiefeln uns
gegenber an die Laterne gelehnt und stimmt seine Geige! erzhlte Felix. Eine
ganze Schaar Gassenjungen sammelt sich um ihn und gib Acht, Vater, Friedrich
wird einen Tanz loslassen, da die Huser wackeln. Im Geigen thut's ihm nur der
Paganini zuvor.
    Was Du bewandert bist, versetzte Bardeloh. Wei der Junge schon, da es
einen Paganini gibt.
    Ja das kommt von deinem Geplauder, Vater. Du hast den Paganini immer gelobt
und nanntest ihn dazumal den Satansfiedler. Nun der Friedrich bringt's doch noch
weiter. Der wird Dir noch den Todtentanz streichen.
    Still! gebot Bardeloh auf diese Bemerkung. Felix verlie das Fenster und
suchte verschchtert Schutz bei mir. Nun hab ich's wieder ganz versehen beim
Vater, flsterte er mir zu, denn wenn er mich so kalt ansieht, hat er mich
nicht lieb. Du bist aber immer sanft, Dein Auge strahlt blos. Das lieb' ich weit
mehr, als das knisternde Brennen, was ich beim Vater ordentlich hren kann, wenn
ich ihn recht genau ansehe. Hrst Du? Nun geigt der Friedrich.
    Es bedarf wol kaum der Bemerkung, da jener Friedrich kein Anderer war, als
der Schifferknecht, dessen Erscheinung mir am Hafen schon aufgefallen. Die Art
und Weise, die Violine zu handhaben, der Strich des Bogens, die Tanzweise, Alles
lie mich augenblicklich errathen, da ich den Virtuosen vor einigen Tagen in
der stillen Nacht am Hafen gehrt hatte. Wer dieser Friedrich sein mag, will mir
Niemand verrathen. Gewi hat er bessere Zeiten gekannt, und Felix hat in seiner
kindischen Unbefangenheit, ihn Paganini an die Seite zu stellen, nicht ganz
unrecht. Friedrich spielt die Violine nicht nur meisterhaft, sondern sogar
genial. In manchem Tone sieht man das Auge einer lang getuschten Welt brechen
und ein Schluchzen, wie es aus diesen abgerissenen Tnen klingt, kann nur die
Melodie eines verkmmerten Genius aus der seelenlosen Saite weinen lassen.
    Bardeloh's Mienenspiel bei dieser wahnwitzigen Tanzmusik kann ich Dir nicht
schildern. Ein solches Gemisch von Ingrimm, tiefem Weh, frivoler Wollust,
grauenhafter Weltverachtung und fashionablem Anstande habe ich noch in keines
Menschen Gesicht in solch' trauter Innigkeit sich paaren sehen. War dies
Muskelzucken ein Schatten der Vibrationen, die Bardeloh's Herz folterten, so
liegt in diesem Menschen eine Welt verschlossen, die in ihrer naturgemen
Entfaltung geeignet sein wrde, Alles zu vernichten, was ihr entgegentrte und
ber Europa die Sonne einer neuen Thatenra aufglnzen zu lassen.
    Eine Zeit lang hrten wir schweigend zu, ich zugleich meinen Wirth, wie den
Spieler beobachtend. Die Gassenjugend benutzte die Gelegenheit und sprang nach
Herzenslust um den fidelen Geiger. Bardeloh nahm einen Beutel aus dem Secretair
und rief den Buben zu, auseinander zu gehen; er wolle Jedem vier Groschen
schenken. Dem Versprechen folgte die That auf der Stelle. Jubelnd empfing die
Gassenjugend die verheiene Gabe und zerstreute sich. Den Rest des Beutels warf
er dem Geiger zu. Hier, Friedrich, rief er mit kaltem Tone, trinke meine
Gesundheit und spiele nicht auf den Straen. Merke Dir's, Friedrich, sonst lasse
ich Dich einsperren.
    Friedrich nahm den Hut ab und kte den Beutel. Er trat dem Hause nher.
Sein gutmthig-schlaues Gesicht wandte sich dem Sprecher zu, indem er
antwortete: Die Erde lebt vom Sonnenschein. Es hat sich noch keine Maus vom
Speck gemstet, wenn die Katze im Speisegewlbe Reveille schnurrte. Mein Herr
und mein Meister, wre ich nicht arm, so wrde der Himmel ein paar Zwillinge
mehr in seinem Busentuche htscheln. Nach dieser Antwort lief er so eilig als
mglich mit den knasternden Theerstiefeln in die nchste Gasse.
    Ist das nicht eine Shakspearesche Narrenantwort? Wer kann hinter ihren
wahrhaftigen Sinn kommen? - Bardeloh hatte den Kopf sinnend an den Fensterstock
gelehnt, es vergingen fnf peinliche Minuten. Gern htte ich gesprochen, aber
eine unerklrliche Scheu verhinderte mich daran. Selbst Felix, sonst immer
unbefangen, bedeckte mit beiden Hndchen sein Gesicht, als frchte er einem
Geheimni in die geisterhaften Augen zu sehen. Der Eintritt Rosaliens unterbrach
diese peinliche Ruhe. Wir gingen zur Tafel, an der eine unerquickliche
Einsilbigkeit heimisch blieb. Erst bei dem Desert und als der schumende
Moselwein ein knstliches Leben in uns angeregt hatte, begann Bardeloh ein
Gesprch, in das bald der kindlich heitere Felix seine Bemerkungen mischte.
Bardeloh brachte mich abermals auf meine Excursionen, und einmal in's Erzhlen
gerathen, erwhnte ich meines Irregehens und des Klosters. Schnell dazwischen
geworfene Fragen Bardeloh's verriethen ihm bald die Lage desselben und ehe ich
noch selbst das Gesprch auf den Mnch hingeleitet, hatte er mir bereits ein
unfreiwilliges Gestndni entrissen.
    O, da die ewige Gerechtigkeit des Weltenschpfers Feuer vom Himmel regnen
lie, rief er wie verstrt aus, damit doch endlich diesem Unsinn ein Ziel
gesetzt wrde!
    Gottlob, er ist's! seufzte Rosalie dazwischen. - Ich sa wie versteinert,
mein Blut gefror in den Adern; mich zu erwrmen strzte ich ein Glas Wein nach
dem andern hinab.
    Was ist's mit dem Mnch? fragte ich endlich.
    Eine bloe lustige Geschichte, versetzte mit lchelnder Weltverachtung
mein Gastfreund. Wenn Sie bibelfest sind, wie ich, so werden Sie sich erinnern,
da Christus die Krmer gelegentlich einmal aus dem Tempel geielte. Der Brut
geschah ohne Zweifel sehr recht, und es war verdienstlich von unserm Herrn, da
er sich zu dieser Charge selbsteigen degradirte; wissen mchte ich nun aber
doch, was dieser selbige Herr Christus mit dem Gezcht anfangen wrde, das sich
jetzt und zwar seit Jahrhunderten mit seinem vermaledeiten Schacher eingenistet
hat in den Kirchen. Sonst verkaufte man doch nur Tauben und Opfervieh, jetzt
aber legt man sich mit allem Raffinement pfiffiger Entsittlichung auf den Handel
mit Tugend und Moralitt. Setzt sich die heilige Gesellschaft hin und scheert
sich den Kopf halb kahl, um der Erleuchtung nachzuhelfen, und ist doch nicht
klug genug zu bemerken, da zum Gedeihen des Fettwerdens ein Capaunerschnitt
unerllich! Und wenn's nun einen muntern aufgeweckten Menschen zu Kopfe steigt
und das Fett, statt im Wanst sich anzusetzen, nach den Gehirnkammern treibt;
steckt man einen solchen misrathenen Halbkapaun in ein enges Gemach, damit er
sich die unnatrlichen Fettwammen abwimmern kann.
    Es sind fast zehn Jahre, seit wir ihn vermissen, fiel Rosalie dem
Erbitterten in die Rede. Es wre entsetzlich, wenn dies die Rache des
Geschickes fr eine unzeitige, bigotte Rechtglubigkeit sein sollte.
    Mir wr's angenehm, versetzte Bardeloh und hob die Tafel auf. Ohnehin mu
man ja immerfort gestachelt werden, wenn's frisch bleiben soll hier in dieser
Tropfsteinhhle.
    Er legte die Hand auf's Herz und ma das Zimmer mit groen Schritten.
Morgen, mein theurer Sigismund, fuhr er zu mir gewandt fort, morgen mssen
Sie mich zum Prior jenes Klosters begleiten. Dann will ich Ihnen eine Geschichte
erzhlen, die Ihnen beweisen soll, da ein Mensch wie ich in Europa
nthigenfalls wol als Gestorbener aushalten kann, bei Lebzeiten aber den
Leichentuchgeruch doch zu aromatisch findet, um ihn zu ertragen, und wre er mit
klnischem Wasser versetzt. Einstweilen haben Sie Dank fr die Nachricht. Ich
wute wol, da ein Hausschlssel in ihrer Hand zum Dietrich fr Himmel und Hlle
sich gestalten wrde. -
    Damit endigte unser Gesprch und Beisammensein. Neue Zweifel, neue
Erwartungen waren in mir angeregt worden. Bardeloh schlo sich in seinem Zimmer
ein und hielt Zwiesprache mit der List seines Gedankens. Neugier und Unruhe
jagten mich hinaus an den Strom, der, ein ewig strahlendes Hoffnungsauge, aus
der heiligen Grotte der Alpen hervorblickt mit der Verheiung groer Thaten, und
mit bewegtem immer heller schimmerndem Lid durch Deutschlands Auen schweift, sie
deckend, schirmend und beschattend mit weinthauender Wimper. O, wer nie
hineingeschaut in den goldgrnen Himmel dieses Auges, der kennt nicht den
Schmerz und die Freuden der Hoffnung! Ich habe die flsternden Wellen ber mir
zusammenschlagen lassen und mich gebadet lange Tage in dem Glanz der Verheiung.
Bis tief hinein in das Farbenchaos der Nacht stand ich am Bord der zuckenden
Fluth und harrte des Momentes, wo der Puls des Weltalls durch die Schlagadern
des Himmels die funkelnden Stunden der Freude trieb und ihren matteren Abglanz
aus dem Kristall unter meinen Fen vorberjagte. - Ob ich auch nur eine dieser
glnzenden Stunden herausschpfen werde aus meinem Lebensbrunnen? Ob ich
erhasche, was jedem Europer die Geburt verheit, ein befriedigtes Alter nach
bitterm Kindesschmerz und verwstenden Lebensstrmen? - Sei's und werd' es, wie
das Recht der Geschichte will, meiner Hand soll weder Schwert noch Kreuz vor der
geeigneten Stunde entfallen! -
    Die Dmmerung wob ein warmes, farbenschillerndes Netz ber die Trmmer der
vielen Thrme und Kirchen. Ich war den Rhein entlang hinausgegangen bis an den
uersten Thurm, dessen Fu in den Strom hinabsinkt. Duftig lag auf dem Azur des
Himmels das vom Abendroth umflammte Siebengebirge am Horizont, wie das
zerrissene Herz Deutschlands, dem Himmel dargereicht auf blauem Kissen, und
bluttriefend starrte daraus empor der Drachenfels als seine letzte verstmmelte
Schlagader. Dunkler und glhender strzte der Abend herab und der Strom trieb
wie auf grnen Muscheln mit weien Perlen gestickt das eingeschlrfte Blut des
Herzens dem Ocean entgegen. Ich wandte mich der Stadt zu. Aus dem vergitterten
Thurmfenster klagte ein armer Gefangener. Es war schon dunkel als ich an der
Wohnung des protestantischen Predigers stand. Der Besuch ngstigte mich und doch
konnte ich kaum den Eintritt erwarten. Ich mute mehrere Male luten, ehe
geffnet ward. Pastor Gleichmuth war zu Hause. Ich lie mich anmelden und ward
vorgelassen.
    Der Prediger empfing mich in einem comfortable eingerichteten Zimmer, dem es
jedoch keineswegs an den Insignien der Gelehrsamkeit gebrach.
    Es ist mir sehr erfreulich, Sie als Mann von Wort kennen zu lernen, redete
mich der Pastor mit zuvorkommender Freundlichkeit an. Lassen Sie uns ein
Stndchen in traulichem Gesprche zubringen und die Strnisse vergessen, die
sich so gern an glckliche Momente wie neidische Schwmme ansetzen.
    Mit einer civilen Artigkeit, wie das Herkommen eine zur Gewohnheit gewordene
Lge schmeichlerisch nennt, setzte ich mich neben ihn auf's Sopha. Er lie Licht
bringen und eine zwar interessante aber krperlich verkmmerte Dame, die mir als
Frau Pastorin vorgestellt ward, bereitete im Nebenzimmer vortrefflichen Thee.
    Gedenken Sie lngere Zeit in Bardeloh's Hause zu bleiben?
    Wahrscheinlich so lange, als mein Aufenthalt in Kln dauert!
    Und darber drften noch verschiedene Wochen und Monate vergehen, nicht
wahr?
    Schwerlich; doch kann ich darber selbst nichts Genaues bestimmen. Htte
ich immer eine Gesellschaft, wie Sie mir sie bieten drften, so wrde ich wol
auf lngere Zeit gefesselt.
    Sehr verbunden! lchelte mit verachtender Hflichkeit mein Sophanachbar.
Eine Tasse Thee? - Bitte, bedienen Sie sich. - Wir tranken und waren sehr
still. Ich beobachtete den Prediger, auch sein kleines, tief eingesunkenes Auge
funkelte, wie das einer Klapperschlange, aus der braunen Hhlung.
    Bardeloh ist ein guter Mann, begann Pastor Gleichmuth, indem er sich das
Ueberschlgel abband, ein sehr guter Mann, fuhr er rascher, belebter,
ungenirter fort und in sein ganzes Wesen schien ein elektrischer Funke gefahren
zu sein. Ich liebe diesen Menschen, wie er mich, denn er verachtet Alles, was
nur leise zusammenhngt mit einer Doctrin der Willkr. Sein Auge fixirte mich
bei diesen Worten mit der Schrfe eines Tigerblick's.
    Aus Ihrem Munde, Herr Pastor, klingt dies paradox.
    Ich bin nicht Pastor, sagte ruhig, fast kalt der Prediger.
    Wie? Nicht Pastor!
    Der Pastor hat Abschied genommen mit diesen Lppchen, versetzte Gleichmuth
mit einer Ruhe, die seinem Namen Ehre machte. Sie wundern sich, was ich sehr
begreiflich finde. Inde mache ich Ihnen bemerklich, Herr Sigismund, da ich im
Priesterrock und Ueberschlgel Amt und Wrde eines evangelischen Predigers
bekommen und bernommen habe. Der Mensch sa whrend der Ordination freilich
unter der Hlle, ich glaube aber nicht, da er bei mir etwas von den Gelbden
wute, die der Pastor that. Ich schwor, gelobte, versprach als Maske - und was
ich als solche Maske geschworen, gelobt und versprochen habe, das werde ich als
Maske auch immer zu halten wissen. Jetzt sehen Sie in mir den Menschen
demaskirt, suchen Sie auch den Geist, der die Maske belebt, da, wo jene liegt.
    Der Pastor trank eine zweite Tasse Thee, ich folgte seinem Beispiele und
hielt Rath mit meiner Vernunft, die wie ein erschrockenes Kind im Hintergrund
meiner Seele sa.
    Wie gleicht sich denn bei einer solchen Gesinnung der Zweifel zwischen
Glauben, Lehre und Ihrer eigenen Ueberzeugung aus? fragte ich den unheimlichen
Mann.
    Sehr bequem. Als Pastor bin ich nicht mehr Ich. Mein Individuum ist
aufgegangen in den Falten des schwarzen Talars, der Mensch schlft in dem
gestickten Kreuze, das meinen Hals ziert. Nicht das Wort des Menschen, sondern
des Priesters spricht aus meinem Munde. Ich thue nicht mehr und nicht weniger,
als was die Kirche verlangt, ich bin ein Diener, ein doylos toy Ihsoy Xristoy.
Wer Knechtsdienste verrichtet, mte sehr bornirt sein, wollte er dabei zugleich
auch seine eigenen Angelegenheiten verhandeln.
    Dem lt sich weniger logisch widersprechen als menschlich, versetzte ich,
nur bin ich der Meinung, Sie selbst leben in einem Irrthume, der Ihnen weder
ein reines Glck, noch eine wahre Freude vergnnen wird. Als praktischer Theolog
mssen Sie unglcklich sein, da Sie immer lehren, was Sie nicht achten.
    Einbildung, Grillenfngerei! Das Kleid docirt, nicht mein chI, oder wenn
Sie lieber wollen, der in das Kleid eingenhte Geist. Diese feine Substanz kann
nicht heraus, und ngstigt sich ab im Bemhen, zu entfliehen. Die Stoseufzer,
die er vernehmen lt, sind die Trstungen wenigstens meiner Religion.
    Achten Sie sich noch selbst? fragte ich.
    Ich hoffe ein menschliches Antlitz zu tragen, wie Sie, mein Verehrtester.
    Und im Priesterrocke -?
    O, der Geist hat viele Gestalten, in die er zu Nutz und Frommen der
Menschheit sich hllen kann.
    Ich beneide Sie nicht um Ihr Amt, Herr Pastor.
    Bitte sehr, nennen Sie mich schlechtweg Gleichmuth. Der Pastor hngt dort,
das Kreuz und seine Lehren liegen unter meinem linken Ellbogen.
    Gleichmuth's Gattin brachte Backwerk, mir dunkelte es vor den Augen. Einen
solchen Diener des Herrn hatte ich noch nicht kennen gelernt. Ruhig fuhr der
Prediger fort:
    Consequenz, mein Theurer, ist das groe Geheimni, das Alles zum Ziele
fhrt. Die Welt im Allgemeinen ist viel zu gutmthig-bornirt, als da sie an
einer schlau durchgefhrten Consequenz im Geringsten zu zweifeln wagte. Alle
Staaten hielten sich, so lange eiserne Consequenz der Verkndiger ihrer
Tugendhaftigkeit war, sie fielen langsam oder schnell, je nachdem ein
unvorsichtiger Moment die Maske verrckt oder gelftet hatte. Dies erleidet auf
alle Religionen genau dieselbe Anwendung. Ich frage nicht nach dem Werth einer
Religion - denn es taugt keine sehr viel, sobald sie zu einer unwandelbaren Norm
und Form erhoben wird - sondern immer nur nach der Weisheit ihrer Maximen. Dem
zufolge nun ist heut zu Tage der Islam die beste, dem sich am engsten im
christlichen Bekenntni der Katholicismus anschliet. Der Protestantismus taugt
am wenigsten, weil er das Menschliche gutmthig einigen wollte mit dem
Priesterlichen. Das fhrt nur zu Spaltungen, zu Unglck der Einzelnen, wie der
Vlker, und geistigpolitische Ghrungen sind unvermeidliche Folgen. Soll ein
Cultus frommen, so mu er uerlich phantastisch sein und innerlich hohl, oder
der Fanatismus der Leidenschaft, zur Moral erhoben, mu ihn beseelen. Beides
fehlt dem Protestantismus, der in kindischem Wahne das Gesetz der Liebe erfllen
will, whrend die Skepsis seiner Verstndigkeit ihm doch beweist, da man
Schmetterlinge nicht angreifen darf, wenn sie den Schmelz der Farben nicht
verlieren sollen.
    Wie pflegen Sie es denn bei solcher Ueberzeugung zu halten?
    Ich trenne, wei zu scheiden und bin nicht so thricht bigott oder tief
religis verbinden zu wollen, was Gott selbst lcherlich finden mte. Die
Consequenz des Schweigens ist der Talismann meines Erfolgs. Meine Gemeinde
achtet mich und ich dulde sie. Was ich als Mensch, d.h. ohne Priesterrock, thu'
und denke, wird mir nicht eingerechnet in mein Amt.
    Hier freilich nicht bemerkte ich, sollten Sie aber nicht zuweilen in sich
selbst ein Warnen hren, das mit unwiderstehlichem Zittern durch Ihre Seele
bebt?
    Treffliche Anlagen zu einem Buprediger! - Nein, Sigismund. Diese Qual
eines mirathenen Gewissens kenne ich jetzt nicht mehr. Dieser Livreebediente
der ewigen Gerechtigkeit hat bei mir von Jugend auf eine sehr gute Erziehung
genossen, was mir ungemein zu Statten kommt, da er allen Fieberanfllen und
seelischen Epidemien ungehindert widersteht. In mancher Hinsicht freilich reut
mich diese strenge Erziehung, da sie Ursache ist, da ich Vieles an mir jetzt
mu vorbergehen lassen, was doch zum Ausleben des menschlichen Daseins meinen
Jahren erst gehrt. Ich zhle zweiunddreiig (ein bleicher Schatten wehte, wie
die rchende Hand der Snde ber sein eingestrztes Gesicht) und sehe fr dieses
Alter etwas zurckgekommen aus. Wre ich in der Jugend eben so Herr meines
Denkens gewesen, wie jetzt, so drfte dies leicht anders sein. Meine Wnsche
aber tanzten nach der Wnschelruthe lterlicher Machtvollkommenheit. Der Theolog
war geachtet, ein leidliches Auskommen ward jedem gesichert, sobald ein regerer
Lebenssinn ihn nicht hindrngte zu Genssen, die in keinem Verhltnisse stehen
mit der Oekonomie seines Haushaltes. Dies bedachte ich frhzeitig und richtete
darnach mein Leben ein, was mir in meiner jetzigen Wrde einen ungeheuchelten
Ernst oft wider Willen sichert und meine Gemeinde nicht auf den Gedanken bringt,
ich huldige dem Studium der heiligen Geschichte zu wenig. -
    Der Theolog schwieg einige Augenblicke, in mir stritten sich Verachtung und
Bewunderung dieses Mannes um den Vorrang. Ein Zug um den Mund verrieth mir
jedoch das Vorhandensein eines Grames, dessen tiefes Weh nur zu scharf
beobachtet ward, um laut aufzuschreien in der Qual seiner Fesseln.
    Sie scheinen Theil zu nehmen an mir, fuhr der Pastor fort, und nicht
unempfindsam zu sein gegen den Menschen, der sich als Geistlicher erlaubt, einen
Unterschied zu machen zwischen Beiden. Ich will offen sein, um Ihnen nicht
verachtungswrdig zu erscheinen. Schenken Sie mir Ihren tiefsten Ha, so sollen
Sie dagegen von meiner verborgendsten Liebe getragen werden!
    Er stand auf und ffnete einen Wandschrank. Aus einer sorgfltig mit vielen
Schlssern verwahrten Schatulle nahm er ein neunfach versiegeltes Manuskript.
    Hier, mein Theurer, sagte er, die Rolle mir zeigend. Unter diesem
neunfachen Siegel (ich wrde deren sieben darauf gedrckt haben, wenn ich, der
Unglubige, aus Aberglauben diese Zahl nicht hate) liegt der Schmerz eines
dreiigjhrigen Lebens. Lesen Sie diese meine Lebensgeschichte, und lernen Sie
aus ihr die geheime Biographie des theologischen Menschen im Allgemeinen kennen.
Doch versprechen Sie mir, die Siegel nicht am Tage zu lsen, sondern nur unter
dem Schatten der Nacht. Die Keuschheit des Gedankens entsetzt sich vor diesen
Bekenntnissen, und selbst die Pracht der Sterne knnte verschieen und der
Baldachin des Himmels zum Garderobestaat fr die Fastnacht der Erde herabfallen,
wenn Sie nicht behutsam umgehen mit diesem Vermchtni eines auf dem Altar des
Gehorsams geopferten Herzens. -
    Gleichmuth stie das Fenster auf. Sternschnuppen, wie umhergestreute
Schwrmer spielender Engel, strzten in schner Silbergluth ber das Steingeripp
des Domes, der sich vor meinem Auge in der vollendeten Schnheit des ersten
Riesenentwurfes dunkel am Himmel abzeichnete, als wre es eine fata morgana, aus
dem Todtenauge des Werkmeisters heraufzitternd in die Nacht. Gleichmuth ergriff
meine Hand und fhrte mich an's offene Fenster.
    Es ist finster, der Mond wenigstens scheint nicht. So darf ich mich zeigen
vor dem vielleicht Schuldlosen, weil er glcklicher war als ich. - Ein
unentweihtes Kreuz, fuhr er fort, steht am Zenith. Sehen Sie hinauf. (Er
zeigte nach dem Sternbilde des Schwanes, dessen helle Welten ein Kreuz
gestalten.) Um diesen Stamm zittert in schwrmenden Meteoren eine Krone. Bei
diesem Kreuz, umwunden von jener Krone, schwren Sie mir, Ihr Wort nicht zu
brechen!
    Er hielt das Manuscript dem Himmel entgegen. Ich schwur in dumpfen Sinnen.
Ueber dem Krahne des Domthurmes zerschmetterte mit Knistern eine Leuchtkugel.
Gleichmuth schlo das Fenster, wir traten zurck, die Rolle lag in meiner Hand.
    Narr! sprach er, die Hand an die gerunzelte Stirn legend. Htte ich mich
doch kaum selbst fr so kindisch gehalten. - Halb bewutlos eilte ich hinaus in
die weiche, warme Sommernacht. -
    Auf den weniger abgelegenen Straen war es noch lebendig. Menschengruppen,
denen nur der Thyrrsusstab und die Weinranken im Haare fehlten, um fr jubelnde
Bacchanten gelten zu knnen, durchstreiften singend und scherzend die Stadt.
Ungeachtet der nrdlichen Lage hat das Volksleben hier, wie den ganzen Rhein
hinab, eine sdliche Frbung. Die Rebe rankt sich mit ihrem saftigen Freudenauge
hinein in das verschwiegnere Leben und bringt den Strom der Rede in freieren
Flu.
    Es gehrt zu meinen Liebhabereien, an fremden Orten das Leben berall zu
fassen. Nacht und Tag sind mir gleich, und ist der Mensch in mir aufgeregt zu
ppigem Genue, mkele ich auch weniger an der Genossenschaft. Wie berall ist
es auch hier nur der Moment, der mich bestimmt, zum Glck oder zum Unglck, zu
Freude und Lust, oder zu Leid und Trbsal hinreit. Htte nicht ein zu tiefer
Eindruck die Lebenswoge meines Herzens zertrmmert gehabt, ich wrde mich dem
gttlichen Leichtsinn angeschlossen und das Glck geschpft haben aus reinstem
Kristall. Die Unterredung mit Gleichmuth, das Manuscript, dessen Convolut ich in
der Brusttasche fhlte, zogen mich dem Schatten entgegen. Dennoch wagte ich
nicht, schon in dieser Nacht die Siegel zu brechen. Ich wollte mich erst laben
am Sonnenblick der Liebe, strzte die steilen Gassen hinab zum Rhein und stand
mit klopfender Brust an der Wohnung Auguste's. Ihr Fenster war erhellt, ein Zug
an der Klingel ffnete mir den Eingang zum Paradiese.
    Die Hausflur war finster. Ich griff mit umherfahrenden Armen nach der
Treppe, stie aber berall an und fiel endlich polternd ber altes Germpel.
    Ephraim! rief eine warme Frauenstimme von Oben herab, in der ich sogleich
den silbernen Ton Auguste's erkannte. Ephraim Klapperbein, so la doch Dein
Singen und leuchte hinab! Die Menschen zerstoen sich ja Kpfe und Beine an
Deinen Korbflechtereien.
    Whrend ich mich wieder aufzuraffen suchte, schimmerte ein Lichtstreif die
Treppe herab und mit ihm zugleich stolperte die lustige Sangesweise eines
jovialen Liedes an mich heran. Meine Lust am Gesange ist Dir bekannt, so wenig
auch meine eigne Kehle gesangsfhig erfunden wird. Ein lustiges Lied lt mich
auf Augenblicke den Untergang einer Welt vergessen. Mit kindischem Kosen hnge
ich mich in die Locken eines singenden Greises, dessen Jugend glcklicheren,
heiteren Zeiten angehrte, als die unsern sind. Ephraim Klapperbein, ein Mensch,
so curios, wie sein Name, schlappte in Holzpantoffeln langsam die Treppe
herunter, und lie sich nicht im geringsten dabei in seiner Gesangbung stren.
Von seinem Liede verstand ich nur folgende Verse:

Fehlt' mir's nicht an Geld und Wein,
Mcht' ich ewig leben,
Auf und ab den goldnen Rhein
Mit dem Schifflein schweben.

Mt' ein muntres Dirnlein auch
Frei den Mund mir reichen.
'Sist ein guter alter Brauch,
Lockt zu losen Streichen.

Kssen, lieben, trinken, Geld -
Das ist mein Vergngen.
Und wer's mit der Erde hlt,
Dem wird's auch gengen.

Bleibt mir mit dem Himmel fort!
Kommt zurecht noch immer.
Selig bin ich hier und dort
Blinkt mir Weingeflimmer!

    So, sagte Ephraim Klapperbein, ein alter rstiger Greis von einigen
siebenzig Jahren, und beleuchtete mich von allen Seiten, so! Also in meine
Krbe ist der Herr gefallen? Wunderliche Zeit, fremde Leute zu besuchen. Nachts
in der neunten Stunde! Als ich jung war, gingen nur junge Bursche an's Fenster
der Liebsten. Was will der Herr?
    Lieber Alter, meldet mich bei dem Frulein vom Hause.
    Frulein vom Hause! wiederholte der schlaue Fuchs. Ein ganz neues
Geschlecht; gibt keins dieses Namens in ganz Kln. Vor alter Zeit knnt' es
sein, es wre so 'was von dieser Auslnderei hier zu Lande vorhanden gewesen,
dazumal, als das rmisch Zeugs sich mausig machte am Rhein. Heut zu Tage aber
ist's ausgestorben ganz, rattenkahl, auf Ehre!
    Ich frage nach Frulein Auguste.
    Ist mir ganz unbekannt.
    Ephraim! rief es von Oben wieder in demselben lieblichen Fltentone. Was
schwatzest Du denn?
    Gleich, gndiges Frulein, antwortete Klapperbein.
    Das ist die Jungfrau, der ich eine wichtige Nachricht zu bringen habe,
fiel ich ein, ich kenne sie an der Stimme.
    Oberhalb der Treppe ward ein zweites Licht sichtbar, ich drngte den Alten
zur Seite und flog eilig die Treppe hinan. Unten hrte ich den Korbflechter noch
murmeln: Kennt meine Herrschaft an der Stimme! Ueber die Einbildungen! Und ist
doch der Mensch ganz gewi nicht mehr der Jngste. Saubere Geschichten! Ephraim,
Ephraim, Du kmmst in die Jahre und magst Dir den Witz schleifen lassen, wenn er
knftig hin noch schneiden soll!
    Auguste empfing mich mit banger Verschmtheit. Sie machte mir Vorwrfe ber
mein sptes Kommen und geleitete mich mit sanfter Eile in ihr liebliches Zimmer.
Der Genius weiblicher Ordnungsliebe waltete in diesem zierlich ausgeschmckten
Raume. Ein Fortepiano stand am Fenster, darber hing eine Mandoline. Vor dem
einen Fenster duftete ein kleiner Blumengarten. Die warme Nachtluft wehte leis
durch die geffneten Flgel. Ueberall sprach sich ein ses Behagen aus und
reizte zu stillem, verschwiegenem Genusse. Schon wollte ich mich dem
ungebundenen Geschwtz berlassen, als ich bemerkte, da eine dritte Person
gegenwrtig sei. Wie ein pltzlicher Nebel den Himmel, strte diese Erscheinung
meine aufspringende Freude. Mein innerstes Leben, die Ufer bersprudelnd, ebbte
zurck in die Borde zahmer Gewhnlichkeit. Doch nur Minuten dauerte mein Unmuth.
Es war eine volle, verfhrerisch ppig gebaute Mdchengestalt, die Auguste in
die Arme schlo und mich mit lchelndem Gru bewillkommte. Ein Blick gengte,
mir zu sagen, da dieses Mdchen meine jngst durch Zufall neu erworbene
Bekanntschaft aus der Kirche der heiligen Ursula sei.
    Bist Du doch glcklich, Auguste! rief die Fremde mit einem fast komischen
Seufzer aus. Dein Geliebter lt nicht auf sich warten, whrend mein Oskar
grausam genug ist, oft einen ganzen Tag nichts von sich hren zu lassen. Seit
gestern ist er wie verschwunden. Ich glaube, er ist in den Rhein gesprungen. O
Auguste!
    Sie schlang in komischer Angst ihren Arm um Auguste's Nacken, die ihrerseits
durch die naive Vermuthung ihrer Freundin mit schner Purpurgluth bergossen
ward. Auch mir stieg das Blut in's Gesicht.
    Lucie, Du bist nrrisch, sagte Auguste, die Ungestme von sich losmachend.
    Freilich, erwiederte das lebhafte Mdchen, das ist ja eben das Unglck.
Ich wollte lieber ganz toll sein!
    Sie ri alle Fenster auf und setzte sich dann an das Fortepiano, auf dem sie
Tne anschlug, die im Reich der Harmonie noch kein Brgerrecht erlangt haben.
    Auguste sa neben mir. In unsern Blicken lag tausendmal mehr Melodie als in
dem Geklimper Luciens. Die sanfte Gewalt, mit der uns ein jungfruliches Auge in
seinen Kreis zu bannen wei, hat fr mich immer mehr Reiz gehabt, als die
momentan hinreiende Gluth, die aus Wesen, wie Lucie ist, uns berfluthet. Lucie
ist verfhrerisch, Auguste liebenswrdig. In Lucie jauchzt der Triumph, der
Liebe seine vorberrauschenden Dithyramben, durch Auguste's Wesen klingt ein
feierlicher Hymnenton, der den Genu erhebt zur Innigkeit eines dauernden
Glckes. Wie Lucie nur den Moment, der in seiner keuschen Entschleierung heilig
ist, zur Erscheinung bringt, so feiert in Auguste die unschuldige, ewig reine
Weiblichkeit in nackter Schnheit ihre Apotheose. Lucie besitzt nur die neckende
Launenhaftigkeit dessen, was liebenswrdig ist am Weibe, Auguste aber verhllt
diesen bleibenden Reiz unter einer Zurckhaltung, die eine intensivere Wrme
verrth.
    Ich will Dich nicht mit dem unterhalten, was wir mit einander plauderten.
Dazu taugt weit besser die halb natrliche, halb kokette Unruhe Luciens. Denn
diese Art der Liebe ist phantastisch und spricht in ihrer Launenhaftigkeit weit
mehr an, als jene stille Poesie der Liebe, die mit dem Senkblei tieferer
Seelenbeschauung herausgehoben sein will aus dem Perlenmutterschrein der
Keuschheit.
    Oskar ist ein ekelhafter Mensch! sagte Lucie und schlug einen noch nie
gehrten Accord auf dem Fortepiano an, in dessen herzzerreiendem Gewimmer
wirklich ein paar Saiten im Herzen des Instrumentes zersprangen. Sobald er zu
mir kommt, geb' ich ihm Nasenstber.
    Daran thust Du ganz recht, sprach Auguste. Besser aber wr' es noch, Du
lieest ihn gar nicht mehr herein. Wirklich, glaube mir! Der Mensch ist Deiner
Liebe nicht werth.
    Nein, das geht nicht, Auguste; ich mu ihn doch rgern. Das kann ich nur
mndlich.
    Wenn Sie ihm einen Ku geben, fiel ich ein.
    Da mchte er lange warten mssen. Ich hasse das Kssen.
    Immer? fragte ich. Die Erfahrung wre ganz neu.
    O, mein Bester, sagte Lucie, sich vor mich hinstellend, glauben Sie denn
die ganze Welt von Erfahrungen schon hinter sich zu haben?
    Sie beweisen mir das Gegentheil, Frulein Lucie.
    Bei mir sollten Sie zu rathen bekommen!
    Wenn Sie es zufrieden sind, wollen wir einen Versuch mit einander wagen.
    Hier schlug mich Auguste auf den Mund und meinte, ich sei ein
unausstehlicher Mensch. Lucie lachte und lie die Mandoline wie einen
Perpendikel an der Wand hin und herschwanken.
    Mein Gott, rief sie wieder aus, die Hnde angstvoll ber den Busen
kreuzend, wenn er nun aus purem Wahnsinn in den Rhein gesprungen wre! Herr
Gott, was sollte ich anfangen! Gestern schlug ich ihn so heftig mit dem Fcher
auf die Stirn, da er bs ward und von mir ging. Ich wollte doch lieber, ich
htt' ihn todt geschlagen, als -
    Auf der Strae ward ein lustiges Lied gesungen. Lucie sprang an's Fenster,
warf ein paar Blumenstcke, die ihr im Wege standen, in das Zimmer und rief laut
und vernehmlich Oskar! hinunter.
    Was Du fr eine wilde Hummel bist! schalt Auguste, die zerbrochenen Tpfe
aufhebend. Vor Dir hat nichts Ruhe. Erst das Unglck wird Dich vernnftig
machen.
    Lucie hrte nichts mehr. Sie griff nach Hut und Shawl, und htte diesen im
Augenblick zerrissen, als ich ihr beim Umschlagen helfen wollte. Gute Nacht,
Auguste, sprach das wundersamlebhafte Mdchen, die Freundin flchtig kssend.
Dann ri sie an der Klingel, da die Glocke gar nicht lutete und rief dreimal
in einem Athem nach Ephraim.
    Der Alte war sehr schwer aus seiner Ruhe zu bringen. Ehe er erschien, hatte
das muthwillige Kind schon wieder sechsmal vergeblich gerufen und auch eine Art
Dialog mit Oskar auf der Strae improvisirt.
    Du bist also nicht ertrunken? Fragte sie hinunter.
    Ertrunken? wiederholte verwundert Oskar.
    Nun ja doch. Ich dachte, Du httest Dich in den Rhein gestrzt.
    Nein, theuerste, se Lucie, nur in sein glhendes Rebenblut.
    Gut, gut, Oskar! Aber ich war recht bse auf Dich und hatte groe Lust Dir
die Lippen blutig zu kssen.
    O die Nacht ist noch lang, mein ses Leben! Komm nur herab, so wollen wir
nachholen, was wir seit gestern versumt haben.
    Endlich trat Ephraim ein. Wer ist denn die leibhaftige Ungeduld, fragte
der Korbflechter. Das hat ja ein Mndchen und eine Kehle, wie gebohrt. Als ich
noch jung war, muten wir Geduld haben. Ist das Jngferchen bereit, so will ich
ihr den Arm reichen.
    Ueber den alten Gecken! rief Lucie, warf uns Beiden ein Kuhndchen zu und
hpfte zur Thr hinaus.
    Was? Alter Stecken? wiederholte Ephraim. Mein allerliebstes Kind, zwar
heie ich Ephraim Klapperbein, aber so gar steckenartig sehe ich doch noch nicht
aus. Und hren Sie, Jngferchen, wenn Sie einmal in mein Alter getreten sein
werden, so wird sich's auch nicht mehr so rund und voll herumspringen lassen.
    Fr Lucie ging diese Rede verloren. Sie war schon die Treppe zur Hlfte
hinunter. In der Thr drehte sich Ephraim noch einmal um. Und der Herr? Gehen
der Herr mit? Es ist ein Thraufmachen und so ziemlich an der Zeit, nach Hause
zu gehen. In fnf Minuten gehe ich zu Bett und kein Nachtschwrmer soll mich
wieder herausbringen, so wahr ich Ephraim Klapperbein heie und in einem Jahre
zehn Eimer Wein getrunken habe.
    Geh nur, Ephraim, sagte Auguste, meinen Gesellschafter werde ich schon
selbst ber die schwierigsten Passagen unserer Treppe hinwegbringen.
    Wir blieben allein. In den Duft der Blumen mischte sich das Aroma der
suselnden Sommernacht, Feuerfliegen schwrmten herein und glnzten in den
aufgelsten Locken Auguste's wie dunkle Rubinen. Bei allen Schrecken, die ber
mir hingen, verlieh mir doch diese Nacht auch die seligsten Augenblicke. So
verketten sich die Ringe von Glck und Unglck, wie zwei Schlangen,
farbenschillernd, giftschumend und doch bezaubernd im wandelnden Feuer, das auf
ihren Schuppen spielt. -
    Es schlug Mitternacht, als ich Auguste verlie, reich, wie ein Nabob, denn
ich war im Besitz ihres Herzens! - Du fragst, ob dies Alles sei? Ob mich der
heilige Rausch nicht hingerissen habe in seiner glcklichsten Betubung und ich
mich gebadet in der Flammengluth des Fleisches, ber dessen zitternde Wogen die
Psyche mit keuscher Hand den Himmel ihrer Flgeldecken wirft? - Ach, Ferdinand,
Du kennst sie nicht, die wunderlichen Launen der Weiber! Auguste hat mir Alles
gegeben, ihr Herz, den Glanz ihres Auges, in dessen lichter Wlbung ich die
wundersamste Sterndeuterei begann, Lust und Umarmung, aber die Seligkeit auf
Erden -? Das holde Kind meinte, nur die Verheiung sei beseligend. Sie entri
sich mir; es gab noch mehr Unglck unter den Blumenstcken, ich mute mich
beruhigen. -
    Du kannst es ebenfalls. Dein Begriff der Tugend und Unschuld, von dem ich
nie viel gehalten, steht noch sehr leserlich auf meiner Brust geschrieben. Bis
Du Dich an den Gedanken der Vernichtung dieser wundersamen Gottheit gewhnt
haben wirst, soll er Dir bewahrt bleiben. Dann aber will ich ihn ausbrennen und
dennoch mich nicht schmen vor Deiner schneckenkalten Sittlichkeit. -
    Sieh! die Sommernacht neigt sich wieder dem Ende zu. Eine Welt in
Trmmerschutt ihres Chaos habe ich hingeworfen auf das geduldige Papier. Was
sich daraus formen wird, wer mag's bestimmen? Ueber eins aber freue ich mich.
Dies ist der alte Ephraim, der erste rein vergngliche Mensch, der mir seither
begegnet ist. Dieser brave Greis wei nichts vom Schmerz des jugendlichen
Europers. Seine Zeit ist mit ihm alt geworden und die schneren Erinnerungen
aus der Sonnenwelt der Jugend trgt er wie Reliquien mit sich herum, in deren
Kusse er die welke Lippe des Alters frisch badet. Wir Andern alle, die wir uns
hier getroffen, sind mehr oder weniger dem Ungemach der Ghrung hingegeben.
Selbst Auguste und Lucie, gewi noch die Fleckenlosesten aus meiner
Bekanntschaft, fhlen dunkel die Qual, die mit dem Fortwandeln der Tage wie eine
dunkelgefleckte Boaschlange sich auf den Ast des Weltbaumes aufrollt, um sich
auf ihre Opfer zu strzen.
    Der morgende Tag soll neue Rthsel lsen, vielleicht auch schrzen. Die
Geschichte der Ewigkeit ist ber und um mir, wie der ferne, grause Donner des
Malstromes. In seinen Schlund hinab fhrt, dnkt mich, das Schiff der Europa.
Uebermuth mit Schwche und feigem Alter gepaart ist sein Kapitn, Koketterie und
Bedientendemuth sein Steuermann. Glck auf die Reise, du europischer Kolo mit
dem Colosseum deiner tausend und abertausend Heldengrber! Erweckt die alten
Schlfer das Donnergebraus' des Weltenstrudels, so wird dir ein Todtentanz
aufgefhrt, der selbst den Schatten deines versunkenen Leibes noch einmal zur
Welt beleben knnte. Vergessenheit, zerdrcke den Docht meines Geistes, damit
ich nicht gegenwrtig sein darf bei der Grablegung Europa's! -

                                       4.



                                  An Raimund.

                                                            Kln, den 6. August.

    Es ist sehr unrecht von Dir, mich der Saumseligkeit zu beschuldigen. Wei
ich doch, da Ihr Brder so eng in einander verwachsen seid, als wret Ihr
Zwillinge. Nicht nur besteht Gtergemeinschaft zwischen Euch, die Ihr doch sonst
jeden Saint Simonistischen Gedanken unerbittlich verdammt, sondern auch Euer
tieferes Leben mndet sich gegenseitig in die Seele des Andern. Ich lobe und
achte dieses brderliche Vertrauen, wiewol es nicht immer klug sein mag. Briefe
wenigstens sollte man nicht behandeln, wie ein gedrucktes Buch. Ein Brief ist
ein in Aufwallung aller Gefhle, Empfindungen, Leidenschaften verrathenes
geheimes Liebesgestndni an ein Herz, dessen Puls sympathisirende Vibrationen
mit dem unsern haben mu. Hast Du Dich brigens vernachlssigt geglaubt, so wird
Dich dieser lange Brief von dem Gegentheil berzeugen.
    Meine bisherigen Erlebnisse sind Dir bekannt. Dein hohes Intresse an dem
Weltbewegenden, das sich darin ausspricht, wie Du meinst, bewegen mich, an das
schon Gegebene Erffnungen zu knpfen, die das Ansehen von Herzen haben, welche
im Sehnsuchtsdrange nach Thaten zerbrachen. Das ist das Tragische in unserm
Leben. Es kann einer heut zu Tage ein ganz tchtiger Kerl sein, die Conflicte,
das Aufgelste, Zerrissene, machen ihn doch zum Lump. Darum ist nur der
Philister glcklich, dessen Horizont begrenzt wird vom Rande seines Kachelofens.
O, diese s-behagliche Kleinbrgerlichkeit des Deutschen, welch' tiefe,
unergrndliche Schmach hat sie ber die ganze Nation gebracht! -
    Mit neugierigem Verlangen folgte ich an voriger Mittwoch Bardeloh. Meine
Mittheilungen hatten ihn ernsthaft beschftigt. Er verlie den ganzen Tag ber
nicht einmal sein Zimmer und schrieb viel. Von Rosalie erfuhr ich zufllig
Abends beim Schachspiel, da er Schriftsteller sei und zwar mit groem Glcke.
Mehrere seiner Bcher waren sogar verboten worden, was ich aber grade nicht mit
zum Glck rechnen mchte. Der Name schien ihm dabei gleichgiltig zu sein, denn
er hatte smtliche Schriften anonym herausgegeben. Vielleicht auch war es
Klugheit, die ihn dazu veranlate. Ueber den Inhalt von Bardeloh's Bchern
konnte ich nichts erfahren, glaube jedoch zum Ziele zu treffen, wenn ich
behaupte, es seien wichtige Besprechungen europischer und vorzugsweise
deutscher Zustnde in poetischem Gewande, d.h. in einer Prosa, die den khnsten
Gedanken in poetischen Formen leicht und grazis den Lebenden in den Schoo
wirft. Ebenso bekannte sie mir, da er jetzt eben wieder schon seit lngerer
Zeit an einem neuen, groen Werke arbeite, das einen dialektischen Angriff auf
das Kirchendogma der Liebe, insofern es Anwendung erleiden will auf die Praxis
im socialen und politischen Leben, enthalten wird. Es trifft diese Vermuthung
sehr genau mit Bardeloh's eigenen Aeuerungen zusammen und ich wnschte sehr
seine tieferen Gedanken ber dieses Thema kennen zu lernen.
    Ich mu mir heut erst eine Zerstreuung machen, sagte Bardeloh,
angestrengtes Arbeiten hat mich abgemattet. Lassen Sie uns rudern.
    Wir gingen an den Hafen und bestiegen einen Nachen, der leicht wie ein Vogel
ber die stille, hellgrne Flche hinflog. Wir trieben den Kahn erst
stromaufwrts und lieen uns dann von der Gewalt des Wassers hinab zur
Schiffsbrcke schaukeln. Bei unserer Zurckkunft sa Friedrich wieder auf dem
Krahnbalken und strich seine Geige. Er hatte uns kaum erblickt, als er johlend
herabsprang, uns zuwinkte und an Bord stieg. Dann ergriff er zwei Ruder auf
einmal und arbeitete mit einer Kraft den Nachen quer durch den Strom, die mich
in Erstaunen setzte. Dabei wiederholte er mit herzbrechendem Lcheln von Zeit zu
Zeit nur das einzige Wort Lebensfahrt. Was er damit meint, ist schwer zu
errathen. Bardeloh versank, wie immer, wenn er diesem Menschen begegnet, in sein
qulerisches Brten, sa stumm und bleich im Kahn, und spielte mit seinem
Siegelringe.
    Dieses Wasserexercitium hatte etwa eine halbe Stunde gedauert, als es
Bardeloh mit dem Worte in den Hafen unterbrach. Friedrich nickte mit dem Kopf
und landete. Ein Geschenk von Bardeloh nahm er mit seiner gewhnlichen,
excentrischen Freudigkeit hin, schleuderte dagegen das von mir dargereichte in
den Rhein. Bei unserm Abgange sa er schon wieder auf dem Krahn und spielte die
Violine. Der Unglckliche hat etwas Grausenerregendes fr mich, das durch ein
hartnckiges Stillschweigen ber ihn noch mehr Wirkung erhlt.
    Bardeloh fhrte mich ber den Heumarkt dem Dome zu. Noch hatte ich mich aus
einer Art heiliger Scheu nicht in die Majestt dieses Riesenbaues gewagt. Alles
Kleinliche, Beengende wollte ich zuvor beseitigen, um mit reinem, heiterem Geist
eintreten zu knnen in das Pantheon mittelaltlicher Gedankengre.
    Hier gibt es auch noch etwas zu sehen, sagte mein Begleiter. Sobald Sie
Stimmung haben, wollen wir uns einmal in dieser monstrsen Unmoralitt
untertauchen. Man darf jetzt nichts unversucht lassen.
    Diese trockene Bemerkung war mir zu seltsam, um bei meiner damaligen
Stimmung mich in ein Disput mit Bardeloh einlassen zu knnen. Der Dom zu Kln
eine monstrse Unmoralitt! Das ist zu rund, um es begreifen und fassen zu
knnen.
    Nahe dem Dome befindet sich das berhmte Wallraffsche Museum. Dorthin fhrte
mich Bardeloh. Es ist nicht, um Ihnen groe Merkwrdigkeiten zu zeigen, sagte
er,sondern blos der Anregung wegen. Alles, was in diesen Slen gesammelt ist,
trgt mehr den Stempel der Liebhaberei eines vermgenden Privatmannes, als den
einer wahrhaften Kunstsammlung. Aber es rttelt doch auf, und das ist Grund
genug, ihm ein paar Stunden zu opfern.
    Schnell durchwanderten wir die ersten Zimmer, in denen rmische Vasen,
Alterthmer verschiedener Art und einige merkwrdige Gemlde aus der frhesten
Zeit der deutschen Malerkunst aufbewahrt standen.
    Das sind Alles sehr schne Sachen fr einen Kunst-Enthusiasten, sagte
Bardeloh ein Mensch aber mit dem Orden des Weltschmerzes in der Brust kann
unmglich groes Behagen daran finden. Zu Alterthmlern sind wir Modernen
verdorben.
    Ein anderes Zimmer ward geffnet und Bardeloh blieb auf der Schwelle stehen.
Der Kolo des Domes warf seine Schatten herein und hllte die hier aufgestellten
Gemlde in ein Dunkel, das dem Beschauer keineswegs gnstig war.
    Was halten Sie von diesen Gemlden, Sigismund? fragte Richard und lehnte
sich an die Thrpfosten, die Arme ber der Brust kreuzend.
    Jenes uns gegenber ist ein groes Meisterwerk, erwiederte ich und deutete
auf ein Gemlde, das mehr als die halbe Wand einnahm und dessen Figuren eine
fast bermenschliche Gre hatten. Die Dmmerung lie im Anfang Licht und
Schatten sich nicht genau scheiden und ich bemerkte nur, da ein paar Mnche die
Hauptfiguren bildeten.
    Betrachten Sie es genauer, sprach Bardeloh. Sie mssen aber hier stehen
bleiben.
    Ich befolgte seinen Rath und erkannte bald aus Farbenton und Auffassung den
Pinsel Rubens.
    Es ist die Bekehrung des heiligen Franz von Assisi, versetzte Bardeloh,
ein Werk, das viel zu wenig beachtet wird von Knstlern und sogenannten
Kunstkennern. In diesem Gemlde liegt eine ganze Welt. Rubens hat sich selbst
bertroffen, ohne da er es geahnt. Das Bild ist weit mehr werth, als die
Kreuzigung Petri in der Peterskirche, von der jeder Commis voyageur ein Langes
und Breites faselt. Jenes ist ein gutes Experiment, dies ist eine That. Der
ganze religise Wahnsinn mittelalterlicher Heiligkeit ist mit den genialsten
Schlaglichtern in dieses Gemlde verwebt, und Alles, was spterhin Mncherei und
jesuitischer Unsinn ber die getuschte Welt verhngten, das kann man
herauslesen aus diesem zusammenstrzenden Franz und seinen Begleitern. Will
einer erfahren, was es heit, eine weltgeschichtliche Epoche moralisch
auffassen, und an ihr die Unmoralitt der Zukunft nachweisen, der darf nur
dieses Gemlde mit productivem Gemth betrachten.
    Bardeloh lie mir jetzt hinlngliche Zeit, von allen Seiten aus dem
Rubens'schen Gemlde die nthige Aufmerksamkeit zu schenken. Ich will nicht
lugnen, da es dem Knstler gelungen ist, mit groer Genialitt der
Menschengeschichte die verschwiegensten Seelentne abgelauscht zu haben, um sie
als Harmonie durch Auflsung der grellsten Dissonanzen in diesem Gemlde
zusammenzustellen; aber es gehrt eine Bardeloh'sche Art und Weise dazu, die
Dinge zu betrachten, um zu finden, was ihm bednkte. Mir ist es genug, eine That
in dem Gemlde zu erblicken, die, bestehe sie, worin sie wolle, als Schpfung an
sich immer moralisch ist. Das Werden, das Gestalten kann sich dem Unmoralischen
annhern, das Gewordene aber mu, als ein Fertiges, immer moralisch bleiben.
Freilich wird man dies vielfach bestreiten wollen und daraus die Moralitt von
Jedem und Allem ableiten; es soll mich aber nicht irren. Die Kraft ist immer
gut, und die That als Manifestation der Kraft kann auch nur gut sein. Erst der
Conflict mit Zeit und Umstnden erklrt sie fr moralisch oder unmoralisch, wozu
als Ergnzung nicht wenig Vorurtheile, Gewohnheiten, Sitten, Meinungen und
Satzungen beitragen, mit Einem Worte: die Philisterei des zahmen Gedankens gibt
den Ausschlag.
    Gesttigt von Kunst und Ideen verlieen wir das Museum.
    Nun fhren Sie mich nach dem Kloster, wo es so gesangreiche Mnche gibt,
sagte Bardeloh. Ich bin doch neugierig, wie sich ein Mnch des neunzehnten
Jahrhunderts im Gegensatz zu dem in Andacht aufgelsten Francesco ausnehmen
wird.
    Einige Gchen fhrten uns zu dem Gebude. Dieselbe Stille wie vor einigen
Tagen! Grabesruhe lag um das de Gemuer, Todesrcheln schien aus jedem
Quadersteine heraufzusthnen.
    Hier also sitzt der fidele Vogel? fragte Bardeloh. Der Ort ist passend.
Die heilige Schaar ist so klug wie der profane Diplomat.
    Dort an jenem Fenster sah ich den Mann, versetzte ich und deutete nach dem
engen Spalt. - Es blieb Alles still wie ausgestorben. Vor der Pforte wuchsen
Gras und Nesseln.
    Unkraut, murmelte Bardeloh. Gleich und gleich gesellt sich gern. Lassen
Sie uns luten.
    Die Glocke drhnte wie ein lauter, wehmthiger Lebensschrei in den weiten
Gewlben. Ein heiseres Lachen schallte von Oben herab. Es dauerte eine geraume
Zeit, ehe der Pfrtner ffnete.
    Ist der Prior zu sprechen? fragte Bardeloh.
    Tretet herein in das Haus des Herrn, erwiederte der Pfrtner, eine
Gestalt, in der das Menschliche, wie es schien, ohne Widerstreben der Regel
unterlegen war. Dieser Mensch konnte fr eine simple Null gelten. Er fhrte uns
in das Sprachzimmer und entfernte sich dann, um den Prior zu rufen.
    Individuen, wie dieser Pfrtner, taugen ins Kloster, berhaupt zu
gewhnlichen Pfaffen. Es kommt ihnen nicht schwer an, Thoren zu werden und bei
der nothwendigen Metamorphose, die sie innerlich erleiden, geht es ab ohne
Todtschlag, ohne Seelenmord. Mu aber ein ganzer, voller Mensch sich dem
heiligen Wahnsinn der Satzung, des Dogma's fgen, so bleibt diese sogenannte
Moralitt immer ein unmoralisches Factum. Verfehmung der Menschheit in uns, um
sich den sogenannten Himmel zu sichern, ist unsittlich.
    Der Prior trat ein. Bardeloh schrack gleich mir zusammen, als er in dem
Oberen des Klosters einen seiner Abendgste erblickte. Auch dem Prior schien
diese Entdeckung zu geniren. Es war der gewandteste Weltmann im Salon des
Particulier's.
    Durch seine stets lchelnde Miene war er mir schon damals aufgefallen, doch
hatte ich nicht mit ihm gesprochen.
    Was verschafft mir die Ehre Ihres werthvollen Besuches? fragte etwas
verschchtert der Prior.
    Ei, erwiederte Bardeloh, ich konnte doch nicht unterlassen, Ihnen meinen
herzlichsten Glckwunsch zu Ihrer Versetzung abzustatten. - Der Prior horchte
mit offenen Ohren und Augen. - Ihr Avancement vom Weltgeistlichen zum
segenverheienden Vorsteher eines Klosters ist fr mich ein zu bedeutsames
Ereigni.
    Sehr verbunden, sehr verbunden! erwiederte der Prior, mit schlauem Tact in
Bardeloh's Gedanken eingehend. Er drckte meinem Begleiter die Hand, die dieser
mit cht katholisch-andchtiger Grazie an die Lippen fhrte.
    Als alten Bekannten werden Sie mir gewi einen kleinen Gefallen erweisen,
fuhr Bardeloh fort.
    Sie haben zu befehlen, trefflicher Mann, so weit Ihre Wnsche nicht gegen
die Ordensregeln verstoen, die ich als neugewhlter Prior mit groer Vorsicht
beobachten mu.
    O, es ist nur eine Kleinigkeit, Hochwrden! Mein Freund hier, ein ferner
Anverwandter, hat gehrt, es soll sich in diesem Kloster ein Mnch aufhalten,
der aus hohem Stande entsprossen, sich den Unwillen seiner Familie zuzog und um
ihren Verfolgungen zu entgehen, die Priesterweihe empfing. Familienverhltnisse
machen ein Zwiegesprch unter vier Augen nthig.
    Dann wrde ich den Herrn um Mittheilung des Namens bitten.
    Doch nicht! Ein Muttermal wird sicherer zum Ziele fhren, da die
Hartnckigkeit dieses Menschen bekannt ist und ihn wahrscheinlich aus Argwohn
abhalten drfte, seinen Namen anzugeben. Ein Besuch der Zellen ist gewi nicht
verboten?
    Keineswegs, nur mu es in meiner Begleitung geschehen.
    Ein Lichtglanz, wie auf dem Ruben'schen Gemlde, umflo Bardeloh's Gesicht.
Er schien gerade diese Begleitung zu wnschen. - Stillschweigend traten wir
unsere wunderliche Wanderung an. Die meisten Zellen waren leer, das Kloster
schien aussterben zu wollen, wie die bigotte Andacht.
    Treten oft neue Mitglieder in den Orden? fragte ich.
    Seit zehn Jahren ist kein Novize mehr aufgenommen worden. Jetzt kamen wir
an die bewohnten Zellen. Die Mnche begrten uns mit dem scheuen Argwohn, der
Menschen eigen ist, die nie oder hchst selten in die Welt kommen. Es lag in
ihren blassen Gesichtern mehr Stupiditt, als vergramtes Leben. Sie zu
beherrschen konnte nicht schwer sein fr Einen, der nicht ganz an Geist
verwahrlost war. - Unsere Musterung ging zu Ende. Wir verlieen die letzte
Zelle, das Gesicht dessen, den wir suchten, war uns noch nicht vorgekommen.
    Es mu eine Tuschung sein, sagte Bardeloh. Wir bitten um Entschuldigung,
Ew. Hochwrden gestrt zu haben.
    Der Prior sagte eine verbindliche Schmeichelei und ward beredt. Er erzhlte
verschiedene Wundersagen, die im Kloster seit Jahrhunderten heimisch geworden
waren. Die Gnge auf und abwandelnd schlug Bardeloh mit diplomatischer Feinheit
immer diejenigen ein, die wir noch nicht betreten hatten und war so vorsichtig,
bei jeder neuen Wendung einen seinen Rthelstrich unbemerkt an die Wand zu
machen, indem er sich den Anschein gab, als halte er sich daran. Der Prior
bemerkte diese strategische Vorsicht nicht. Pltzlich ward das Gesprch unsers
Fhrers durch ein lautes Lachen unterbrochen, dem unmittelbar eine Strophe aus
jenem mir schon bekannten Liede folgte. Wir waren am Ziele. Dieser Ton
wahnsinniger Lust brach dumpf aus einem Thurme, der vor uns den Gang schlo und
mit einer ei- senbeschlagenen Thr wohl verwahrt wurde. Der Prior erbleichte,
bi die Lippe ein und wollte umkehren.
    Was haben Sie denn da fr einen lustigen Vogel? sagte nachlssig lachend
mein Gastfreund. Lassen Sie uns doch nher treten. In meinem Leben habe ich
noch kein so vergngliches, frivolwitziges Lied in Klostermauern gehrt.
    Der Prior konnte uns nicht hindern. Wir standen an der eisernen Thr. Es
ist ein Toller, sagte unser Fhrer, den wir der Sicherheit wegen in diesen
engen Gewahrsam gebracht haben.
    Ach Tolle, Sie wissen es, Hochwrden, Tolle sind meine wahre Passion! rief
wie verzckt und in ganz verdachtloser Vergnglichkeit Bardeloh aus. Ich bitte,
lassen Sie mich das seltsame Menschenkind sehen! Ohnedies beschftige ich mich
jetzt mit dem Studium der umgekehrten, will sagen, der rckwrts sich
entwickelnden Menschheit, und da knnte mir der Anblick einer solchen Curiositt
von ganz besonderm Nutzen sein. Bitte, Hochwrden, lassen Sie die Thr ffnen!
    Nur auf einen Augenblick, versetzte der Prior, aus seiner Ordenstracht
einen Schlssel hervorziehend. Ich mu hier immer selbst Pfrtner sein, setzte
er hinzu, damit keine Unordnung geschieht.
    Die Thr drehte sich in ihren Angeln, eine abgemergelte Menschengestalt, in
die zerfetzte Ordenstracht gehllt, sa auf einem Block. Eine starke Kette
schmiedete sie an die Mauer. Mehr aber noch als die Gebrechlichkeit seines
Krpers und die irre Gluth, die aus dem tiefliegenden Auge brach, entsetzte mich
eine blutrothe Narbe, die von der linken Schlfe in Form eines Halbmondes bis
auf die Mitte der Stirn herab lief. Gram, Angst und die Zerstrung des Wahnsinns
hatten den Scheitel fast aller Haare beraubt. Der Mensch glich einem lebendig
gewordenen Todtenkopfe.
    Er ist es! rief Bardeloh aus und packte zugleich mit Riesenkraft den
Prior. Sieh mich an, Schurke! fuhr er fort dem Erschrockenen in's Gewissen zu
donnern, und lugne, da wir Brder sind. Er ri den Hut vom Haupt und strich
von der linken Schlfe die Haare zurck, die eine eben solche Narbe, nur weit
kleiner und blsser verdeckten. Das ist mein Zwillingsbruder. Wir tragen das
Schreckenszeichen, dessen Anblick unsrer Mutter das Leben kostete. Ich fordere
das Leben dieses Unglcklichen von Deiner Seele!
    Der Mnch lachte zu diesem Austritt und sang in kurzen Zwischenrumen
Strophen aus seinem Liede. In der Kirche begann eben wieder die Hora. Ja singt
nur, Ihr Heuchler, schrie Bardeloh und warf sich auf die Ketten des
Wahnsinnigen, die seiner Kraft wichen und, morsch wie sie waren, zersprangen,
singt nur und ruft die Strafe des Himmels herab auf die gottverlassenen
Gewlbe, wo die gesunden Sinne zur Tollheit erzogen werden. -
    Entsetzen lhmte den Prior. Der entfesselte Mnch stand mit einem
schluchzenden Gelchter auf, ergriff seine Ketten und umschlang, ehe wir es
hindern konnten, mit den rostigen Gliedern den Prior. Dann fiel er in seinen
Gesang und raste im wilden Tanze unter dem Sterbegelute des Kettengeklirrs mit
seinem Opfer in der Zelle umher. Mir vergingen die Sinne, ich hrte nur noch die
grlichen Worte:

Sei gegret, holde Schne!
Dich, Maria, mit Gesthne
Bet' ich an - 'nen Ku, 'nen Ku! -
- Sed tu, bonus, fac benigne,
Ne perenni cremer igne! etc.

    Da haben Sie die Moral der Rache, sagte Bardeloh, zurckgesunken in die
vernichtende Ruhe eines Menschen, der im Weh des Lebens das Glck verloren hat,
den Schmerz sichtbar werden zu lassen in seinen Mienen. Noch eine kurze Zeit und
der Mnch strzte mit sammt dem Prior zu Boden. Eine bange Stille trat ein. Die
Jammergestalt des Unglcklichen zuckte fieberisch, der Prior, dessen Nacken von
der Kette des Wahnsinnigen umschlungen ward, hob und senkte nur noch die
Augenlider. Fester schnrte sich die Kette um seinen Hals. Das brechende Auge
schleuderte einen ewigen Fluch auf Bardeloh. Der Wahnsinnige ermattete mehr und
mehr, er wiegte sein haarloses Haupt hin und her und stammelte mit lchelnder
Lsternheit die Sylben seines unsittlichen Gesanges.
    Wie wird das enden? seufzte ich aus meinem brechenden Herzen, als die
Blsse des Todes wie ein Leichentuch ber das Gesicht des Priors fiel.
    Sehr gut, sagte mit unerschtterlichem Gleichmut Bardeloh. Bleiben Sie
hier. Ich gehe zu den Confratres, erzhle ihnen, was sie zu wissen brauchen und
legitimire mich bei der geistlichen Behrde. Wie der Mensch gestorben, kann ein
unmndiges Kind begreifen.
    Bardeloh ging fort, ich blieb bei dem Leichnam und dem in Ohnmacht
gesunkenen Mrder desselben. Es war die entsetzlichste Stunde meines Lebens, die
an mir vorberzog. O, knnten wir einen Seherblick thun in die geheime
Geschichte klsterlichen Lebens, es wrde die blutigste Biographie des
Menschenherzens sich herausheben aus verschwiegenem Schutt und Moder, und der
Anfang des Weltgerichts hereinbrechen ber die Erde! Nur der Gedanke, da in der
Gesammtgestaltung des innern Weltlebens ungesucht sich ein Frieden begrndet,
welcher den bittern Widerstreit zwischen dem lauschenden Skepticismus des
Verstandes und den Irrungen des nach Heiligung trachtenden Menschenherzens
ausspricht, kann uns beruhigen.
    In kurzer Zeit erschienen die Brder und knieten in stummen Gebet um ihren
todten Prior. Bald darauf kam Bardeloh zurck mit den Behrden. Die Legitimation
war schnell geschehen, ber die Todtesart des Prior konnte kein Zweifel
aufkommen. Bardeloh erzhlte den Vorgang der Wahrheit getreu mit Verschweigung
Alles dessen, was nachtheilig fr ihn htte werden knnen. Der Wahnsinnige,
behauptete er, habe seine Ketten selbst zerrissen. Dies mute er auf das
Kruzifix beschwren, was er ohne Widerstand that und mit groem Ernste. Er
verlangte hierauf Auslieferung des Bruders, die man ihm um so weniger
verweigerte, als sorgsame Pflege sehr wahrscheinlich das einzige Mittel zu
seiner Genesung werden konnte. Alle Anzeichen, auch die Aussagen der ltern
Brder, besttigten, da der Wahnsinnige gegen seinen Willen in's Kloster
gebracht und darin festgehalten worden sei. Wie weit der Prior daran Theil
gehabt, war schwieriger zu ermitteln, doch schien aus Allem hervorzugehen, da
eine unerbittliche Feindschaft zwischen dem Todten und dem Mnch bestanden habe,
und die Einkleidung des Letzteren eine Art Rache von Seiten des Priors gewesen
sei. Bardeloh beobachtete, wie gewhnlich, ein hartnckiges Stillschweigen, wie
es schien, weil er selbst ber die chten Beweggrnde nicht im Klaren war.
    Nach einer halben Stunde kehrten wir in Bardeloh's Wohnung zurck, etwas
spter ward der Bruder meines Gastfreundes in einer verschlossenen Kutsche,
gefesselt an Hnden und Fen, dem Verwandten bergeben. Ein festes Zimmer ist
seitdem sein Aufenthalt und seine Krfte nehmen sichtlich zu. Er ist geduldig
wie ein Kind und spielt mit unverkennbarer Hinneigung zu Felix mit diesem. Ueber
den unglcklichen Tod des Priors gehen zwar verschiedene Gerchte, doch
entfernen sie sich alle weit von der Wahrheit. Bardeloh ist seitdem noch viel
schwermthiger und schweigsamer geworden, behandelt mich aber mit der
freundschaftlichsten Aufmerksamkeit. Ich habe ihm versprechen mssen, das ganze
Jahr und auch den Winter hindurch bei ihm zu bleiben. -
    Dies waren die Folgen eines unschuldigen, harmlosen Spazirganges Wie seltsam
sich die Schicksale verketten! Fremd, ohne wahrhaftige Freunde zu besitzen, mu
ich die Veranlassung geben zu einem Morde, aber auch einen Unglcklichen
befreien, vielleicht um ihm zu einer nur migen Gerechtigkeit zu verhelfen. -
So Auerordentliches kann sich nur in einer katholischen Stadt ereignen, in
deren rostigen Fesseln die Geschichte immer des Augenblicks harrt, der sie
wieder austreten lat als Schpferin einer That. Der Zwang ist unser Befreier,
die Kette der Laufring, worin die Tugend gehen lernt. Und nebenher trottet die
ewig geduldige Zeit, als gutmthige Amme, die besorgt um das lebhafte Kind den
Ring immer enger zieht, wenn es stolpert. Wann werden wir endlich aufhren zu
stolpern? Gott des Himmels, la uns doch nicht mehr stolpern, sondern krftig
wie junge Lwen umherspringen! Vielleicht macht das Alter die Amme blind. Dann
wird sie sich freuen ihrer Ziehkinder, die Thaten vollbringen, um der Blinden
des Abends, wenn sie ruhen, die Zeit durch Erzhlungen zu vertreiben. Eine That,
ach eine That, die ganze Welt fr eine That! -

                                                                  Den 7. August.

    Es ist wieder Nacht, ich habe das neunfache Siegel gebrochen und einen Theil
von Gleichmuth's Lebensgeschichte gelesen. Wenn der unsicher zitternde Buchstabe
Dich anstarrt aus diesem Briefe, wie das Bangen eines Geheimnisses, so wundere
Dich nicht darber. Selten ist es uns vergnnt, im Herzen des Fremden eine
Lsung fr Rthsel zu finden, die mit ertdtendem Nachsinnen eine halbe Welt von
der heitern That zurckhalten. Ich habe den Prediger schwren mssen, nur in der
Einsamkeit der Nacht Umgang zu pflegen mit seinem Leben, als wre es eine
verschmte Geliebte, die sich nur im Dunkeln dem Freunde hingeben will. Das
Versprechen habe ich gelst. Ob er auch Verschwiegenheit verlangt? Schwerlich!
Denn die Art seiner Erzhlung klingt wie ein Aufruf an alle Welt und kann,
verbreitet, Tausenden zur Rettung gereichen. Auerdem scheint es mir, als wolle
der fernere Verlauf dieser Mittheilungen sich in die Maschen des Lebensnetzes
verwickeln, das der Zufall auch ber mich geworfen hat. Nimmst Du Theil an den
Leiden eines strebenden Geistes, so lies die folgenden Bltter, frchtest Du
aber den Unmuth, der wie ein finsterer Geist Dich umkreisen wird bei dieser
Lectre, so berschlage sie. Nur fr den Bewegten, Freundlosen und vom Weh des
Lebens Gequlten knnen diese Erffnungen einen Trost enthalten. Hier der
Anfang.


   Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Streben Irregeleiteten.

    Meine Kindheit war ein langer Fluch in Mandelmilch aufgelst. Ich trank den
sen Saft, ohne zu merken, welches Gift ich geno. Erst im dreizehnten Jahre
zeigten sich fhlbare Spuren der verschlungenen Mixtur. Dieser Fluch war die
bertriebene Frmmigkeit meiner Aeltern, wie man damals die Unbewutheit zu
nennen beliebte, die sich in unbedingter Hingabe an Altberliefertes ausspricht.
Dagegen hatte ich selbst nichts einzuwenden gehabt; denn dasjenige, was durch
Gewohnheit berzeugende Kraft gewonnen, lt sich schwer ausrotten. Der Fehler
lag nur in meiner unglcklichen Constitution. Mein frommer Vater hatte,
unbeschadet seiner Frmmigkeit, der Liebesgttin zu tief in die feuchten Augen
gesehen, als der Himmel sein gndiges Gedeihen gab zu einer ungleichen Liebe in
rechtmiger Ehe. Das Kind der Ehe ward - seltsam genug - als ein Kind der Liebe
geboren, und kam auf die Welt mit farbigen Flgeldecken, die nur nothdrftig den
Muth des Lebens und die Freude an heiterem ungenirten Genusse dieses Erdenlebens
verbargen.
    Die Liebe ist blind, selbst bei frommen Aeltern. Die meinigen bemerkten zu
spt, da ihre Liebe zu mir sie das Berupfen meiner Schwungfedern hatte
vergessen lassen. Man wollte nachholen, was nur in einem einzigen glcklichen
oder unglcklichen Augenblicke gelingt; es war zu spt, die Federn lieen sich
nicht mehr ausziehen! Meine Aeltern gingen fleiig zu Kirche und Abendmahl und
schenkten dem heiligen Geiste zwei silberne Leuchter, wahrscheinlich, damit er
mich gndig mit dem sanften Licht seines Taubengesichtes erleuchte. Diese
heilige Kur schien aber bei mir schlecht anzuschlagen, wie alles Heilige. Von
Stund an wuchs meine Lebenslust, die Gedankenzwiebel fing an zu keimen und ihr
narkotisches, neunhutiges Gewand duftete so stark, da meine Aeltern Kopf- und
Verstandesschmerzen davon bekamen. Ich dachte schon damals Dinge, die vor
zweihundert Jahren in der Schmelzgluth eines Scheiterhaufens gelutert worden
wren.
    Diese Wahrnehmung brachte groe Besorgni in unser Haus. Es ward ein Rath
versammelt und die Friedenspfeife angezndet. Als ihre heiligen Dampfwolken
einen dichten Nimbus im Zimmer bildeten, beschlo man, mich der Kirche zu
offeriren. Dieser Beschlu ward mir bekannt gemacht und ich nahm ihn hin, wie
jeden andern. Konnte ich doch nebenbei thun und denken, was ich wollte. Das
Bewutsein der Gttlichkeit hoffte ich mit der Zeit ebenfalls in mich
hineinzubringen.
    Dreizehn Jahre alt ward ich in die Schaar der erwachsenen Christen
aufgenommen. Die Confirmationshandlung unterhielt mich. Es vereinigte sich dabei
viel unnthiger Flitter und einige Reprsentation. Ich hatte selbst eine Art
ffentlicher Charge, konnte mich zeigen, und diese erste Probe von Ostentation
schmeichelte meinem ruhmschtigen Herzen. Das Heilige, wovon mir zwar endlos
vorgeschwatzt worden, dessen Wichtigkeit Lehrer und Aeltern mir salbungsvoll
eingeredet hatten, ohne mir doch das Warum? desselben auch vernunftgem darthun
zu knnen, dieses Heilige blieb mir leider vllig unbegreiflich! Auch lebe ich
noch heut der festen Ueberzeugung, da alle jene andchtigernsten Gesichter
selbst nichts davon ahnten. Ihre Gutmtigkeit, ihre Glaubensschwche oder
Strke, ihre gottserbrmliche Gabe, sich an etwas Gegebenes eher anzuschlieen,
als aus sich selbst etwas Neues, diesem Gegebenen Entgegengesetztes zu
entwickeln, vermochte sie dazu.
    Unter solchen Verhltnissen nthigte mich die Confirmation zu einer Art
Meineid und die erste Abendmahlsfeier konnte ich - entsetzlich genug - spterhin
nur als meine erste Gotteslsterung betrachten. Sicher aber wird der gndige
Gott mir diese Todsnde nicht hoch anrechnen. Wie konnte auch der weltlich
gesinnte Knabe mit der schumenden Sinnenlust Geheimnisse begreifen, die ein in
Heiligkeit und beschaulichem Leben abgetdteter Mensch noch dunkel und
rthselhaft genug findet! Mein einziger Genu bei dieser kirchlichen
Feierlichkeit war, da ich Zeit dabei gewann, mich recht innerlich in meinen
eignen Gedanken zu ergehen. Nach der Handlung selbst wollte ich eine lustige
Geschichte erzhlen; da nahm mich der Vater bei der Hand und sagte
feierlich-ernst: bedenke, was Du heut vorgehabt, mein Sohn! Ach, du lieber
Himmel, ich hatte ja gar nichts vor, und das war eben die Ursache meiner
kindlich-frommen Heiterkeit. Inde schwieg ich und war im Ernst bemht, mich
hineinzuheucheln in den feierlich-trbseligen Ton der Uebrigen.
    Es vergingen Jahre, ehe mir der heilige Wahnwitz dieser Menschen deutlicher
ward. Noch aber wei ich mich des Tages sehr wohl zu erinnern, weil an ihm die
Urkunde meines ferneren Lebensunglckes von mir selbst besiegelt wurde. Ich
gelobte nmlich meinem Vater, ein Gottesgelehrter werden zu wollen, ein
Versprechen, das ich bitter bereut habe, weil meine innerste Natur in einer
feindseligen Verfassung gegen dasselbe sich befand, und dadurch genthigt ward,
zum Schlimmen zu kehren, was unter anderen Umstnden das Herrlichste htte
entwickeln knnen. Gut, mein Sohn sagte der bewegte Mann, Du hast mein Herz
beruhigt, strke Dich an heiliger Sttte. - Ich ging zur Beichte, und Tag's
darauf zum Tische des Herrn. -
    O wie brach an jenem Tage der Himmel ber mir zusammen und bedeckte mich mit
dem Funkennebel seiner zertrmmerten Sterne! Von nun an sollte ich ja
ausschlielich mein ganzes Dasein diesem geschftigen Dunkel widmen, das ich nie
begreifen konnte, und grbeln ber unbewuten heiligen Tand! Ich fhlte, da der
Drang meines Herzens nicht dahin sich wendete, sondern der entgegengesetzten
Seite zu, wo das heitere Leben sich bewegte mit dem blhenden Scherz und der
offenen, unverhllten Menschlichkeit! Ich begann zu sinnen und durfte nicht
lange nach einem Ausgange aus diesem Labyrinthe suchen. Beruhigt that ich
fortan, was man gewhnlich Pflicht nennt und war dabei weder kalt noch warm. Es
war der erste Moment, wo ich anfing, im schlimmen Sinne ein Protestant zu
werden. In dieser Zeit bildete sich stillschweigend in mir ein eigenes
philosophisches System aus, das sich wesentlich von allen andern, ltesten und
neuesten, unterschied. Es ist zwar nicht gedruckt worden, doch sicher unter
vielen meiner lieben Amtsbrdern sehr bekannt. Dieses System ist das jenes
Protestantismus, der nie gepredigt wird. -
    Abermals war eine kleine Reihe von Jahren an mir vorbergezogen. Sie
verwandelten nicht meine Denkart, sondern boten nur Stoff zu deren
eigenthmlicher Ausbildung. Im Streit mit Allem, was Verjhrung und altgewohnte
Sitte zum Gesetz gestempelt hatte, ward ich ein Sohn jener freieren
Weltbewegung, die erst zehn Jahre spter Europa durchzitterte. Nur mit Mhe und
der Angst stiller Selbstbeherrschung konnte ich die Lehren ohne Widerspruch
hinnehmen, die uns als die alleinige Wahrheit von verschiedenen Seiten her
geboten wurden. Es war sogar wenig Fruchtbringendes in diesem schalen Einerlei.
Die Gedanken schwammen mit gebrochenen Augen darauf herum und wurden still
begraben im Zugu des neuen, wasserdnnen Nichts. Mir hpfte das Herz vor
Freuden, als die Hochschule endlich meinen Forschungen einen greren Spielraum
fr Befriedigung meiner geistigen Gelste verhie.
    Strotzend von gesunder Lebenskraft betrat ich den Schauplatz der Welt. Mein
Geist schlief nicht, er tobte mit Ungestm gegen die Fesseln, die Schulzwang,
unverstndige kindliche Liebe und gepredigter Gehorsam wohlwollend ihm angelegt
hatten. Sie zersprangen von selbst, als die erste Welle des freien Lebens die
rostigen Glieder berhrte. Es begann ein schnes Leben, voll blhender
Hoffnungen, voll sen Glckes. Das Reich des unerschpflichen Gedankens schlug
seine Flgelthore mit zauberischem Klange aus einander und neugierig,
erkenntnischtig stieg der unbefangene Sohn der Natur in diese reichen Gnge
voll unbekannter, seltsam gestalteter Erze. Wie mit tausend Geisteraugen stammte
die neue Geheimniwelt - ein zweiter Sternenhimmel - um mich und ber mir; aber
auch dieser sollte bald getrbt werden durch die Doctrin neuer Satzungen.
    Hatte mich in der frhesten Jugend das Gemessene im Betragen, das Verlangen,
jede Regung einzudmmen in die eng gezogenen Grenzen des sogenannten
Schicklichen, erbittert, und dem Erfinder solcher Widersinnigkeiten fluchen
lassen; so wandte sich jetzt mein Zorn mit dem ganzen Grimm der erwachenden
Mnnlichkeit gegen ein Dogma, das, so fhle ich, dem Menschen seine Wrde, dem
Herzen seine seligsten Freuden raubte. Der Mensch, immer geneigt, dem Scheine
zuerst zu huldigen, ehe die gesunde Vernunft ihm das Unhaltbare desselben zeigt,
hatte dem Vernichtenden die Hand gereicht, und im Lauf der Jahrhunderte auf zwei
Doctrinen, die allbekannt sind, das ganze Gebude der neuen Religion gesttzt.
Die Hauptlehre des Christenthums die Liebe ward unerbittlich, obwol unmerklich,
aufgehoben durch jene beiden. Eigennutz und Ehrsucht ermangelten nicht, daran zu
bilden und zu feilen, bis ein knstliches Netz entstand, in dem sich bequem der
Mensch gefangen nehmen und die Heiligkeit seines Wesens einspinnen lie unter
der Vorspiegelung, er werde dadurch gotthnlicher gemacht.
    Frher, mehr beschftigt mit der Profangeschichte als dem Kirchenleben, war
mir dies so gut wie unbekannt geblieben. Nun aber schlug mit der
Kirchengeschichte sehr oft ein zweitausendjhriger Jammer sein wahnsinniges
Gelchter vor mir auf, und alle Vlker Europa's wimmerten im Chor das Echo
dieses entsetzlichen Weh's. Umsonst schlo ich die Augen, umsonst trocknete ich
den Schwei von der erbleichenden Stirn, das Weh gebar sich immer wieder von
selbst aus jedem hinsterbenden Jahrzehnd, und wucherte fort, je dichter die
Leichname ber einander hinstrzten. Ist denn das Christenthum? fragte ich laut
und leise den Gram meiner Seele, und sollst denn Du ein Lehrer werden dieses
Wahns? - Aber es erfolgte keine Antwort auf meine Fragen, nur das Aechzen der
sterbenden Jahrzehende weinte aus der weiten Todtenhalle, und der Duft der
modernden Jahrhunderte hing seine feuchten, glnzenden Siegesfahnen in kaltem
Farbenschmuck ber den hinsterbenden Vlkern auf. - Dort auf dem Katheder aber
standen die schwarzen Mnner mit den verwimmerten Gesichtern, in denen kein
frisches, frhliches Leben mehr seine heiligen Rosen erblhen lie, und docirten
als geschichtliche Facta, als heilige Vermchtnisse groer Vergangenheiten, was
mein seltsam gebildeter Verstand nicht fassen konnte.
    Nie war ich unglcklicher gewesen, nie grimmiger im Leben.- Das also sollte
ich mir aneignen, um eine Carriere zu machen? Das war der tiefe Sinn einer
Wissenschaft, die sich in terroristischer Demuth eine heilige nennt? -
    Ueberall sprach man von dem Gesetz der Liebe und nirgends fand sich eine
Anwendung desselben in der Praxis. Diesem zur Seite stand die Toleranz, die aber
nur gebt ward in dem unmoralischen Sinne, der versteckt liegt in ihr. Ueber
beiden aber schwankte triumphirend das Gespenst der Ascese.
    Das Unglck macht den Menschen eben so oft verschlossen als gesellig. Man
will die Last abwerfen in der Rede zu Anderen, die gleiches Bedrfni haben, und
mit dem Lichte des Verstandes beleuchten, was der Glaube in seinen dunstigen
Schleier hllt. Nach langem, einsamen Denken schlo ich mich an einige Menschen
an, die ich bald kennen gelernt hatte und deren Wesen mich anzog, ohne da es
mich gerade hinri zur innigsten Freundschaft. Diese jungen Mnner waren von den
verschiedensten Naturen, alle mehr oder minder geistig begabt, aber in ihrem
Denken eben so getrennt, als in den religisen Bekenntnissen, denen sie
angehrten. Um eine klare Darstellung von dem zu geben, was als Folge aus diesem
Umgange fr mich nothwendig hervorgehen mute, sehe ich mich veranlat, meine
damaligen Freunde einzeln zu charakterisiren.
    Am nchsten stand mir in frherer Zeit ein katholischer Jngling, dessen
tiefes Gefhl wohlthtig auf mich wirkte durch den Contrast, welchen es bildete,
mit meiner Superioritt des Verstandes. Eduard gehrte keineswegs jenen bigotten
Alltagsmenschen an, die man noch immer hufig genug unter Katholiken jedes
Ranges und Standes trifft. Er hatte sich aus Neigung dem Studium der Medicin
ergeben und wrde dadurch allein, auch ohne ein tiefer liegendes Bedrfni, zu
einer Anschauung von Welt und Zeit gekommen sein, die einem hoch ausgebildeten
geistigen Liberalismus entsprechend gewesen wre. Eine derbe gesunde
Sinnlichkeit, die wol im Scherz die Grenzen der Convenienz bersprang, machten
mir ihn besonders werth. Es war nichts in ihm krankhaft, und wo ihm nur die
Ahnung einer Schadhaftigkeit beschlich, war er gewi sogleich auf die Vertilgung
derselben ernsthaft bedacht.
    Bei dieser Freisinnigkeit war mir auffallend, wie er unerbittlich an der
Vortrefflichkeit der katholischen Kirchenlehre festhalten und diese sogar mit
Geist und schlauer Dialektik vertheidigen konnte. Am meisten Streit verursachte
zwischen uns die Lehre von der Ascese, deren beseligende, sittliche Kraft Eduard
unablssig anpries, ohne doch, wie ich gewi glaube, von der Wahrheit seiner
Behauptung berzeugt gewesen zu sein. Er war unerschpflich in Aufzhlung von
Grnden und Beispielen, die alle dahin zielten, die Abtdtung des Fleisches zu
apotheosiren. Die ganze Geschichte der Heiligen wurde durchgegangen und an ihr
scharfsinnig nachgewiesen, wie ohne Ascese ein gottgeflliges Leben unmglich
sei. Um ihn zu rgern oder mindestens zu einem Ziele zu drangen, ermahnte ich
zur Nachahmung solcher Werkheiligkeit, und bestrmte sein Gemth so lange und
heftig, bis ein unverkennbarer Trbsinn ihn befiel, seine Besuche seltener
wurden und fast jede Spur frherer Gesundheit sich gnzlich an ihm verlor.
    Von meinen sonstigen Freunden hrte ich, da er seit einiger Zeit engen
Umgang pflege mit einem katholischen Theologen, dessen Ruf ein hchst
zweideutiger war. Man nannte mir damals den Namen dieses Mannes, die Zeit aber
hat ihn aus meinem Gedchtnisse verwischt. Die allgemeine Stimme Aller, die ihn
kannten, vereinigte sich dahin, da jener Theolog ein vollendeter Jesuit sei und
eine glnzende Laufbahn ihm wol nicht entgehen werde.
    Eines Tages kam Eduard verstrt zu mir. Gleichmuth, redete er mich an,
bist Du noch immer nicht berzeugt von dem Werth der Ascese, wie ihn die
katholische Kirche lehrt?
    Nein, Liebster, versetzte ich, vielmehr sehe ich immer mehr die
Unmoralitt dieser Doctrin ein, und sieht man Dich an, Eduard, so knnte man
sehr leicht auf den Gedanken kommen, Du seist seit einiger Zeit von der Theorie
zur Praxis bergegangen. Eduard, Du siehst sehr krank aus.
    Ich bin es, weil ich erkannt habe, da die Snde an mir haftet.
    Du bist ein Narr! fuhr ich heraus.
    Womit willst Du diesen Beweis fhren? fragte Eduard, anscheinend
gleichgiltig.
    Den Beweis Deiner Narrethei?
    Ja, wenn ich bitten darf.
    Es gilt!
    Nun?
    Wenn ich verlange, Eduard, fuhr ich fort, nur mit Mhe ein sardonisches
Lcheln unterdrckend, Du sollst die Moralitt Deiner so gepriesenen Ascese
durch Selbstausbung derselben an Dir darthun, bist Du dann geneigt, dieser
Forderung zu entsprechen?
    Eine hohe Rthe berflog Eduards Gesicht. Ohne Antwort zu geben, ri er die
Kleidungsstcke von seinem Krper und zeigte mir eine Schulter, die von
Geielhieben grausam zerrissen war. Du siehst, setzte er hinzu, Charlatanerie
liegt nicht in meinem Charakter. Was ich behaupte, kann ich auch beweisen, und
damit Du diese Pnitenz nicht etwa blo fr eine vorbergehende Grille hltst,
verspreche ich Dir, fnfzehn Jahre lang der Welt zu entsagen und in einem
Kloster die Frivolitt meines frheren Lebens zu ben.
    Vergebens bot ich jetzt meine ganze Beredtsamkeit auf, um den Unglcklichen
von diesem Entschlusse, den ich groentheils veranlat hatte, zurckzubringen.
Eduard beharrte darauf, berief sich auf die heiligen Ermahnungen eines
wohlwollenden Priesters seiner Kirche und schied, meiner verhindernden Maregeln
ungeachtet, in wenig Tagen aus dem Kreise meiner Bekannten, um als Novize in ein
Kloster zu treten. Nach fnfzehn Jahren wollte er mir Nachricht geben und durch
die gewonnene Seelenruhe und Herzensheiterkeit meine Zweifel fr beseitigt
erklren. - Er verschwand und ich habe seitdem kein Wort mehr von ihm gehrt.
Seine Verwandten hielten ihn fr todt; Allen blieb sein Verschwinden ein
Rthsel, mir aber gab es genug ber den Wahnwitz schwrmerischer Gemther zu
denken.
    Von ganz entgegengesetzter Denkart und fast roh in Allem, was er that, war
ein Anderer meiner Freunde, Casimir. Selten ist mir ein Mensch von so
urkrftiger Natur wieder begegnet. Ihm galt nichts Fremdes, nichts Erworbenes,
nur das Eigenthmliche hatte Werth fr ihn und war sein Gott. Ohne viel zu
sprechen, gab er doch durch das Wenige, was er in geselligen Zirkeln etwa
uerte, dem Gesprch damals noch eine glnzende Frbung; spterhin, wo sein
Denken sich wster gestaltete, verlor sich dies. Jedes seiner Worte war ein
geborner Gedankenriese, oft wunderlich verwachsen, die ungeheuern Glieder noch
wild durch einander geschlungen. Casimir war Dichter und einer von denen, die
schon damals einen Ekel an dem Bestehenden offen aussprachen und ohne Anhnger
demokratischer Regierungsmaximen zu sein, Rettung europischer Zustnde nur in
vlligem Umsturz des Alten fr mglich hielten. Seine riesenkrftige Natur
verlangte nach raffinirten Genssen, und konnte eine Scheidung des Menschen in
Geist und Materie durchaus nicht vertragen. Es grenzte an das Colossal-Burleske,
wenn er von dem Genieen des Lebens sprach, was immer in den abenteuerlich
genialsten Bildern und Gleichnissen geschah. Jedem Anderen wrde ein hnliches
Gebahren als Mnchhauserei vorgehalten worden sein, bei Casimir aber verknpfte
sich der Gedanke immer mit der That. Er lebte genau, wie er sprach. Sein Leben
war so colossal, wie sein Wort.
    Dieser grauenhaft-erhabene Mensch fesselte mich wie ein Dmon in den Ring
seines Zaubers. Jeder, auch nur migen Enthaltsamkeit Feind, verfluchte er die
Ascese in nicht zu wiederholenden Ausdrcken, und entwarf ein Bild von den
Folgen derselben, das geeignet gewesen wre, einem nervenschwachen Menschen
Convulsionen zuzuziehen. Auch lebte er selbst in der That nichts weniger als
ascetisch und verlockte durch seine Ausschweifungen viele Schwache zu groen
Extravaganzen. Machte man ihm darber Vorwrfe, so erwiederte er ganz
gleichgiltig: Lat die Ratten umkommen, so zernagen sie nicht den groen
Herzbeutel der Welt, die Erde. - Einige Jahre whrte unser Umgang, Casimir
machte sich bekannt durch originelle Dichtungen, verlor sich aber in spterer
Zeit ganz aus dem Gesichtskreise und ist gegenwrtig fr mich so gut als
gnzlich verschwunden. Starb er, so ist sein Tod gewi eben so originell
gewesen, als sein ganzes briges Leben, und sollte er noch leben, so frchte
ich, hat die zu groe Originalitt seiner Natur das Nivellement der neuesten
Zeit kaum ertragen knnen. Casimir war prdisponirt zu jener Gttlichkeit des
Wahnsinnes, die bei ausgezeichneten Geistern immer durch die Monstrositt der
Erscheinung selbst wie ein vulkanischer Gluthstrom hindurchleuchtet.
    Durch Eduard lernte ich noch einen Dritten kennen, dessen hohe
Eigenthmlichkeit in der Consequenz lag, womit er das an sich Unmoralische zur
Doctrin und damit selbst zu einer Art Moral erhob. Dieser Mann, ebenfalls
Mediciner, war ein Jude und hie Mardochai. Spter fanden wir uns wieder, er
mich als protestantischen Geistlichen, ich ihn als Handelsmann. Unsere
Freundschaft besteht jetzt, wie damals, in bloem Beharren auf den Principien
unserer gegenseitigen Systeme. Diese durchaus morgenlndische Erscheinung
verschmolz das Charakteristische ihrer Nation mit der verderbten Schlauheit,
wozu tausendjhrige Verfolgungen sie gezwungen, zu einem hchst pikanten
Allerlei, an dessen Duft man sich berauschen konnte. Mardochai stellte der
Hauptlehre des Christentums, der Liebe, die Sigkeit des Hasses entgegen, und
verstand die Heiligkeit seiner individuellen Doctrin, an deren Verallgemeinerung
ich freilich nicht ganz zweifeln will, mit so diabolischer Dialektik
durchzufhren, da Mancher verstummte und der Jude als Sieger das Feld
behauptete.
    Mit mir hatte dieser Todfeind alles christlichen Lebens und Denkens manchen
harten Straus zu bestehen. Mardochai versumte nie, das Christenthum die
Religion des Bldsinns, der Schwindsucht, der Schwche, des geistigen Miswachses
zu nennen, und beantwortete unsere heftigen Einwrfe nur mit einem zuckenden,
halb mitleidigen Lcheln.
    Ihm zur Seite in sehr innigem Verhltnisse stand ein Musiker, Friedrich
Saindorf. Dieser Mensch, der mit schwrmerischer Liebe an Beethoven hing, hatte
sich so ganz in Mardochai's Wesen hineingelebt, da er mir oft wie eine
Schmarotzerpflanze erschien, die ohne den Stamm, um den sie sich rankt, kein
selbstndiges Leben zu fhren vermag. Wenig thtig bei unseren hufigen
Disputationen, war er nur unablssig geneigt, auf seiner Violine Tne
hervorzuzaubern, die mir oft wie ein Tanz nackter Mdchengestalten alle Sinne
betubten und mich in eine Gedankenwollust hinrissen, die mir wahrhaft grlich
erschien. Bemerkte nun Mardochai die Wirkung dieses Spiels, so rieb er sich
lachend die Hnde und berlie mich dem Stachel der aufgeregten Sinne, indem er
sagte: Nun bleiben Sie doch einmal ein moralischer Rigorist! Nehmen Sie Ihre
christliche Liebe zur Sttze und bndigen Sie die Rache der Natur, die wthend
all' Ihre Nerven zerreit.
    Beide Mnner verloren sich erst spter aus meinem Gesichtskreise, und als
ich ihnen wieder begegnete, war, wie bemerkt, der Eine ein jdischer
Handelsmann, der Andere ein bldsinniger Schifferknecht geworden. Das Warum?
habe ich nie erfahren knnen, wenigstens nicht die Veranlassung zur
Verstandesabwesenheit des Letzteren. -

    Hier breche ich einstweilen ab und verschiebe die Mittheilung des Ferneren
auf ein andermal. Ist es aber nicht seltsam, da ich hier mit Mnnern bekannt
werden mu, die auergewhnlich in ihrem innern und uern Leben mich
unwillkrlich zum Mitwisser schmerzlicher Geheimnisse machen. Mardochai und
Friedrich, diese beiden Gestalten, sind bereits in den Kreis meines Lebens
getreten, nicht um ihn zu erhellen, sondern nur dunkle Schlagschatten ber die
wenigen Lichter zu decken, die etwa noch darin aufflackern. Wer mag entrthseln,
ob nicht auch noch die brigen Figuren, die Gleichmuth mit leichten
Pinselstrichen entwirft, mir begegnen in diesem verwirrten Aufenthalt? Eine
drckende Ahnung beschleicht und hindert mich, weiter zu lesen in dem
verhngnivollen Manuscript. Die ganze Gesellschaft haucht mich an, wie die
Atmosphre um ein Pesthaus Es' ist nichts Gesundes in ihr, es ist der Schmerz
und Gram einer mden, dem Leben schon halb abgestorbenen Societt. Da ich
Aehnliches fhle, kann mich nicht veranlassen, in engere Bekanntschaft mit ihr
zu treten, nur die Theilnahme an Gleichmuth's Schicksal, das tragisch ist in
seiner stillen Gre, und eine Art Neugier, von der sich Keiner ganz
freizusprechen vermag, zwingen mich, fortzufahren in der begonnenen Lectre.
    Das sind nun die Glanzseiten unseres gesitteten Lebens! Mssen wir uns nicht
schmen gegenber der gesunden Kraft, die in Afrika's Wste sich entwickelt zur
plastischen Schnheit? Oder in Arabiens Felsenklften sich die Unabhngigkeit
des Geistes mit der krperlichen Kraft und Gewandheit bewahrt? Wrde nicht der
dunkle Sohn in Amerika's Urwldern den Giftschaum seiner Rede aussprudeln ber
die Entartung unserer Sinnesweise, she er die Natur in ihrer heiligen Schne
zusammenbrechen unter der zierlichen Last der Convenienz, der Bildung, der
unchten Civilisation? Warum opfern wir der Einbildung so viel auf von unserer
Gttlichkeit? Sind wir denn wirklich so ertrunken in dem Parfm der Cultur, da
wir keinen Sinn mehr haben fr das ewig Schne, Groe und Herrliche? Erst der
Vergleich unseres armen Glanzes mit dem Reichthum jener natrlich groen
Einfachheit lt uns die Versunkenheit erkennen, in die uns die Verweichlichung
hinabgestrzt hat. Es ist kein Wohlsein, kein wahres Behagen, in dem wir uns
bewegen. Knstlich nur erhebt sich der gefallene Geist auf dem Aroma der
Verfeinerung, weil seinen berreizten Nerven die Gesundheit nicht mehr gengt.
Politik, Religion, sociales Leben, diese groe Dreieinigkeit, aus der alles
Volksglck erwchst, ist in Europa zum Raffinement geworden, und wer dies
erkannt hat, ist mde dieser unnatrlichen Zustnde. Die Zahl der Europamden
wird sich vermehren von Monat zu Monat, und wohl denen, die alsdann in der Tiefe
ihres Geistes ein Mittel entdecken, da sie diesem Mdesein an dem Welttheile
entreit, bevor es ausartet in eine Weltmdigkeit!
    Da singt der verrckte Mnch wieder sein tolles Lied in die stille Nacht
hinein, diese bleiche Sphinx, deren beredte Zunge vielleicht das Dunkel erhellen
knnte, das ber meiner eigenen Zukunft liegt. - Bardeloh hat seit zwei Tagen
sein Arbeitszimmer nicht mehr verlassen, Rosalie, eines jener schweigsamen
Gemther, die Alles ber sich ergehen lassen, ohne zu murren und den Schmerz nur
einsenken in ihr groes Herz, bewacht in lautloser Stille den Lebensgang ihres
Gatten.
    Soll ich auch schweigen, verkmmern, hinsiechen in unbekannter Stille? -
Vielleicht! Doch jetzt lockt mich die Verheiung der Liebe zur Strkung meiner
Krfte. - Auch ich, Raimund, bin matt und mde dieser europischen Versumpfung,
aber ich habe einen Rettungsstern am Himmel der ewigen Gerechtigkeit erkannt -
und gewi, er wird mich nicht tuschen! - O, knnte ich es hineinrufen in die
Herzen aller Zerrissenen, vom Weh der Gegenwart Verstrten und Niedergedrckten,
da es fr jeden grern Erdenschmerz nur eine lindernde Arzenei gibt, bereitet
von der Welt - die vershnende Liebe! Die heilige, keusche, kindlichreine
Unschuld des Weibes! Nur die Liebe kann uns herausheben aus dem Strudel moderner
Lebensverschlammung. Drckt ein liebendes Weib an Euer Herz, ihr europamden
Mrtyrer, und die Dornenkrone wird Rosen treiben, deren ser Liebesathem sich
befruchtend um die arme Erde legen und sie einhllen wird von neuem in das junge
Morgenroth Eurer Kraft! Mag von Auguste's Munde die gleiche Kunde sich in meine
Seele einschmeicheln! Ihr Ku soll mir die Gewiheit stammeln von der nahen
Welterlsung; an ihrem Busen will ich mich zum Leben wieder hinanfhlen, das mir
entflohen ist unter der Angst verborgener Strme. Heiligt die Weltheiligkeit mit
dem Kusse der Liebe, so wird sich die alte Europa wieder erheben in
jungfrulicher Schnheit, und als ewige Jungfrau den blhenden Kranz der
Unvergnglichkeit unverwelkt auch hinbertragen in die dereinstige Geschichte
der Zukunft! -
    Der Mond weht seine khlen Strahlen herein in mein Gemach, ein hoher Friede
stickt am Knigsmantel der Nacht seine flammenden Gebilde. - Ob nicht noch
schnere Sternbilder am dunklen Himmelsbogen in Auguste's Auge fr mich
aufsteigen sollten? - - Ich will heut keine Blumenstcke zerbrechen, mein Mund
nur soll, ein sanft schmeichelnder Meiel des Phidias, um den Marmorglanz ihres
Nackens gleiten und eine Kette brennender Rosen darein graben. Sie bat mich
letzthin um einen Rosenkranz - o, wie will ich lauschen, wenn sie an meinem
Geschenk den sen Fehl eines weltheiligen Lebens abbt! Ave Maria! Heilige
Mutter der Liebe, bitte fr uns! -

                                       5.



                                 An Ferdinand.

                                                           Kln, den 19. August.

    Heut ist der Geburtstag des muntern Felix und ein origineller Genu wartet
mein. Ich schreibe diese Zeilen aus der psychologischen Warte Bardeloh's, die
ich mir zum Aufenthaltsort von ihm erbeten habe fr die Dauer des heutigen
Abends. Es ist groe Gesellschaft geladen, und eingeweiht, wenigstens zum Theil
in die Geheimnisse des hiesigen Lebens, will ich Beobachtungen anstellen, deren
Erfolge fr mich eben so belehrend als genureich sein werden. Du kannst auf ein
lebensvolles Bild mit Sicherheit rechnen, denn ich werde mit Gewissenhaftigkeit
aufschreiben, was mich der Fernblick durch diese Spiegelfenster erkennen lt.
    Schon ist es Abend, die gallonirten Diener Bardeloh's gleiten, wie gewichste
Gespenster, in den Slen auf und nieder, fegen und putzen, znden die
Kronleuchter an, und ordnen Sthle und Ottomanen. Bardeloh und Rosalie sind
bemht, zum Rechten zu sehen, Ersterer mit der Miene einer weltverachtenden
Ironie, Letztere nur den Dank erfllter Mutterwnsche auf den Zgen der
Entsagung. Es bettet sich auf dieser sanften Stirn die Anmuth des Weibes mit
allen verwandten Tugenden in die Kissen der Vershnung. -
    In den letzten Tagen war Bardeloh ausschlielich mit Durchsicht der Papiere
beschftigt, die sich in dem Klosterarchive fanden und etwa Aufschlu ber das
Schicksal seines Bruders geben knnen. Der unglckliche Mnch lebt still hier im
Hause. Noch hat er kaum ein Wort gesprochen, nur zu Felix scheint er ein
unbegrenztes Vertrauen zu haben. Dieser bringt oft stundenlang bei ihm zu und
erzhlt, was ihm eben in den Sinn kommt. Dann lacht der Unglckliche vergngt,
summt die Melodie seines unseligen Liedes und zhlt die wenigen Haare, die ihm,
wie Dornenbschel, ber die Stirne herabhngen. Die Dienerschaft ist
verschchtert durch diesen neuen Hausgenossen und hlt sich mglichst fern von
dem Zimmer, das er bewohnt. Mich selbst, ich lugn' es nicht, berluft zuweilen
ein Frostschauer, wenn ich alle die Mglichkeiten durchdenke, die ein etwaiger
Ausbruch wilder Raserei bei dem Mnche zur Folge haben knnte. Bardeloh wird
ohnehin noch manchen Angriff abwehren mssen, den offen und versteckt die
erbitterte Geistlichkeit gegen ihn leiten drfte. Zwar frchtet man die
Verbindungen des geheimnivollen, reichen Mannes nicht minder, als seine
geistige Ueberlegenheit; dennoch aber kann es den jesuitischen Rnken und
Kniffen gelingen, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Der Pfrtner des Klosters
scheint Zeuge gewesen zu sein von dem unseligen Auftritte, und die beleidigte
Kirchenautoritt wird gewi nicht sumen, Rache dafr zu nehmen. Man sagt, das
auerordentliche Ereigni werde genau untersucht werden und dann knnten sich
groe Schwierigkeiten fr Bardeloh ergeben, wenn nicht etwa Furcht vor
Entdeckung mancher Geheimnisse Kirche und Geistlichkeit zu groer Vorsicht
nthigt. -
    Es gibt kein greres Unglck, Ferdinand, als das Vermgen zu tief in die
Welt und ihre Geschicke blicken zu knnen! Das ist der wahre Gram des Lebens,
der Alles, auch das Schnste gnzlich vernichtet. In dem sen Namen Vater
schliet sich gemeiniglich die irdische Seligkeit ein. Der Geburtstag eines
Kindes ist der Sonnenblick im Leben. Er glttet die sorgenvolle Stirn des Vaters
und um die schmerzentstellte Lippe legt sich sanft lchelnd der Rosenkranz
junger Hoffnungen. - Aber glaubst Du, da Bardeloh Aehnliches empfinde? Gott im
Himmel, diesem Manne des Geschickes ist der heutige Tag blos ein neuer,
gewaltiger Schlag auf sein blutendes Herz! Unter seiner Last schleicht er
geistig gekrmmt einher, wie die verkrperte Bue der Welt. Seine ganze
Erscheinung ist ein einziger, entsetzlicher Seufzer!
    Httest Du das Auge gesehen, als ihn heut Morgen beim Frhstck das
glckliche Kind begrte. Die schuldlose, strahlende Hoffnung beugte sich vor
dem Modergeruch des Grabes. Rosalie kte den Knaben mit der Innigkeit
mtterlicher Liebe und schenkte ihm Blumen und andere Kleinigkeiten, Bardeloh
aber fate die Hand seines Sohnes und fragte ihn, ob er sich freue. Auf das
Bejahen dieser wunderlichen Frage versetzte der Vater: Nun, so wisse, da ich
mich nicht freue! Zwar ist mir es lieb, da Du mein Sohn bist, besser aber war'
es, Du httest das Licht der Welt nicht erblickt! Denn so lange die Zeit Zeit
bleibt, ist Fluch und nur Fluch der Segen fr ein europisches Menschenleben!
Dies bedenke, Felix, und nimm die Zeit wahr. Damit Du es kannst, empfange diese
Uhr. Je krzere Zeit Du davon Gebrauch machen darfst, desto besser wird es sein
fr Dein eignes Heil. -
    Mit diesen Worten berreichte ihm Bardeloh eine werthvolle, goldene Uhr.
Felix nahm sie, zitternd vor Angst, hin und kte die Hand des Vaters. Groe
Thrnen hingen an seinen kastanienbraunen Wimpern, er eilte fort und erst
Mittags sahen wir ihn wieder.
    Nach diesem unerhrten Auftritte hatte ich eine Unterredung mit Bardeloh.
Warum knnen Sie sich noch wundern ber meine Aeuerungen, sagte er, da Sie
doch von meiner Weltansicht einen hinlnglichen Theil kennen?
    Nicht die Aeuerung, nur die Grausamkeit derselben dem Kinde gegenber
entsetzt mich.
    Schwachheit! Der Junge mu bei Zeiten erkennen lernen, da Leben nichts
ist, als eine Uebung in allen Arten von Qualen.
    Felix ist noch zu sehr Kind, um dies zu begreifen.
    Es gibt kein Kind in Europa!
    Ein starkes Paradoxon, dessen Beweis Ihnen schwer fallen wrde.
    Mir? Lieber Sigismund, mir fllt nichts schwer, was sich mit einem bloen
Beweise abthun lat. Ich will Ihnen so strict und firm beweisen, Sie seien ein
Grashpfer, da Sie sich nur darber wundern sollen, wie Sie schon nicht lngst
selbst zu dieser Einsicht gekommen sind.
    Sie lcheln, fuhr er nach kurzem Schweigen fort, und doch ist noch nichts
Wahreres als jener Ausspruch behauptet worden. Europa kennt weder Kinder noch
Menschen, es trgt nur noch Caricaturen. Wie also wollen Sie von Unschuld reden
und mir Vorwrfe ber meine Grausamkeit machen? Nichtgeborensein ist jetzt das
einzige Glck, was sich ereignen kann in Europa.
    Daran sterben wir ja eben, fiel ich ein. Es wird keine That mehr
geboren.
    Freilich, versetzte Bardeloh, ich sprach aber von Menschen. Ein
nichtgeborner Mensch ist Alles, ist glcklich, weil er nichts ist. Fr die That
wird gesorgt werden.
    Haben Sie Hoffnung auf Erfolg?
    Genug. - Der Mnch lie seinen Gesang in diesem Augenblicke erschallen,
Bardeloh erhob die Hand. Hren Sie's? Dort lallt die Hoffnung. Macht aus dem
alten Welttheil ein solch fideles Ungethm und Ihr habt Alles errungen. In
geistigem Todtschlage liegt die neue Zeugung.
    Damit verlie er mich und verschlo sich wieder in seinem Zimmer. Es nimmt
Alles mehr und mehr die Form der Zerrissenheit in ihm an. Selten gibt er einen
ganzen, ausgeborenen Gedanken, es sind bloe Gedanken-Embryone. Diese Verwstung
seines tiefsten Lebens mu zu irgend einer gewaltigen Eruption fhren. Es keucht
und tobt Alles in Bardeloh nach einer That, und ich glaube mich nicht zu irren,
wenn ich behaupte, da er mit sich zu Rathe geht, um diese vorzubereiten. Er
schreibt und liest viel. Oefters hrt man ihn auch laut mit sich selbst reden,
namentlich des Nachts; dann dringen die Laute seiner abgerissenen Gedanken, wie
irregulre Pulsschlge eines Fieberkranken, bis in mein entlegenes Zimmer. Eben
jetzt sitzt er noch emsig an seinem Pult. Der geheime Wandschrank steht offen,
die fahle Lampe loht empor aus dem weissen, glnzenden Schdel, und in einem
Doppelkreuz darber senkt sich eine Menge glnzender Dolche. Schwerlich ahnet
er, da ich ihn beobachte. Ein kleines Fenster in der Thr, die aus der Warte
nach Bardeloh's Studirzimmer fhrt, ist wahrscheinlich durch ein Versehen offen
geblieben. Vor ihm liegen mehrere Bcher und eine Menge Manuscripte. Alles um
ihn ist so geordnet, da es eine knstliche Aufregung der Seele verursachen mu.
Weihrauch steigt, wie bei der Messe am Hochaltar, von einem Kohlenbecken aus der
geheimen Nische auf und bildet seltsame Formen. Aus dem mephistophelischen Zuge
um Bardeloh's Lippen lt sich schlieen, da auch dieses nur eine Mummerei sei,
angestellt, um den Ekel an dem zu vermehren, was er nicht mit Unrecht die
verstandesschwache Nachgeburt des bercivilisirten Europa nennt. Nochmals sage
ich, wir sind Alle europamde, Bardeloh aber ist unter den Mden der Mdeste und
darum auch der Thtigste! - Jetzt erlischt die Lampe, Richard hat seine
weltverfluchenden Studien beschlossen.

                                                            Zwei Stunden spter.

    Die Sle fllen sich, die blendenden Gasflammen strmen Tageshelle weit
umher. Flsternd schleicht das in die Seidenstoffe der Convenienz gehllte
Europa ber das Parquett, weich und biegsam, bleich und schmiegsam wie eine
Seele, die ihre Zeugungskraft abgetdtet. O, ich knnte hier einen Vergleich
hinschreiben, der treffend wre und zerschmetternd, wie ein Donner in den
Hochgebirgen Mexikos, aber ich mu schweigen aus Etiquette. Bardeloh und Rosalie
spielen die grazisen Wirthe. Fr jeden Ankmmling ist eine neue Redeblume
bereit, wie ein abgewrgtes Leben wirft man sie den Gsten vor die Fe, die
ihrerseits die Schuhsohlen daran putzen. Es liegt eine hllische Malice in
diesen Empfangsfeierlichkeiten! - Verdient es aber das befrackte Geschlecht
anders? Kann man wol einen ganzen Menschen herauslesen aus diesem verstmmelten
Habitus, der nichts weiter ist, als ein trefflicher Schnitt fr den
zusammengeschrumpften Geist?
    Wenn diese Menschen wten, da ein Geheimschreiber ihre Physiognomien
belauschte und auf die Lippen achtete, an deren Bewegung die Heuchelei saugt,
wie ein Blutegel! Das ist ja nothwendig die Folge der Unmoralitt, da sie Alles
um sich her mit hineinreit in ihre Strudel, und die Menschheit zur Huldigung
zwingt, um das Gefhl der Versunkenheit wieder in ihr zu wecken. -
    Buntgeschmckte Damen flattern, wie farbige Schmetterlinge, um die
strahlenden Lstres. Auch Lucie und Auguste sind bereits eingetreten. Lucie ist
die scherzende Nymphe, die sich auf der sprudelnden Silberpalme der Freude und
Lust hinaufschaukeln lt in die zusammenstrzende Krone, und jauchzend wieder
herabfllt, um das se Spiel von Neuem zu beginnen. Auguste scheint verstimmt.
Ihr braunes Auge fliegt, ein fragender Liebesku, von Gruppe zu Gruppe; es
klopft mit flsterndem Licht an die trgerische Spiegelwand und bricht, wie ein
zu frh ausgesprochener Wunsch, schchtern zusammen, um in sich selbst einen
Ausgang ber gegenwrtige Hindernisse zu finden.
    Gleichmuth, das Kreuz am Halse, wie eine Kette, die ihn hinrichten soll,
bringt seine frommen Wnsche dem berraschten Felix. Ihm folgt der fromme
Pietist, Steinhuder, dann der junge Mann, an dem Lucie ihr lustiges Herz
verschenkt hat, der Mennonitenprediger und Mardochai, der morgenlndische
Rachegott in einem abendlndischen, christlich frivolem Salon. Eine Fluth von
Dandies und lieblichen Grazien schwrmen berall umher, whrend Bardeloh mit
diplomatischer Schlauheit den Heitern spielt, und Rosalie das Glck erfassend,
ber den Moment die dstre Leerheit eines langen Lebens vergit. - Jetzt mu ich
lauschen, vielleicht errathe ich die hohe Gesinnung eines gebildeten Publicums
im Prachtsalon eines feinen Europers.
    Frulein N. hat heute Abend eine sehr anmuthige Toilette gemacht, sagte
ein junger Mann seinem Nachbar in's Ohr. Ich finde, da fallende Locken sie
besser kleiden, als festgesteckte.
    Ja, Frulein N. wei, wodurch sie fesselt, antwortet der Nachbar. Beide
gehen vorber, eine Gruppe Mdchen drangt sich nach dem Spiegelfenster und
kokettirt im Vorbergehen mit ihren Fchern.
    Als mich Otto jngst auf dem Rhein nach Mhlheim hinabfuhr, war er wirklich
ganz allerliebst.
    Ich begreife Deinen Geschmack nicht, Marie, erwiederte ihre Gefhrtin.
Otto geht nie nach der neuesten Pariser Mode gekleidet.
    In der That, vier Wochen ist er immer zurck in der Weltgeschichte, fallt
eine dritte, allerliebste Blondine ein.
    Das ist gerade meine Passion, betheuert Marie. Nur das Augenblinzeln
sollte er sich abgewhnen.
    O, er geht auch mit einwrtsgewandtem Fu!
    Darum gewi tanzt er nie eine Francaise.
    Ja es hat Alles seine Ursachen.
    Sie gehen vorber, Matronen wallfahrten an meinem Dionysiusohr vorbei, sie
nseln, aber so geheimnivoll, da ich nichts verstehen kann. Abermals ein Trupp
verliebter Dandies, fashionable gekleidet und gebrstet, vom Wirbel bis zur Zeh.
    Es wird getanzt, Mardochai sagt' es und der wei immer, was vorgeht im
Hause dieses Nabob.
    Wenn er nicht so reich wre, mchte ich ihn am liebsten nasenstbern,
versetzt ein junger, neidblasser Mensch mit gelddummem Gesicht. Ich glaube der
Laffe ist Zahlbrett in einem Wechselgeschft, denn seine ganze Physiognomie ist
eine abgegriffene Mnze, die das Aussehen eines tombackenen Zahlpfennigs hat.
Pfui! steckt eine Menschenseele in dem ausgebgelten Schneidergeschpf? - Die
Lstlinge haben eine Entdeckung gemacht am andern Ende des Saales, sie drngen
sich mit civilisirter Anmuth durch den bunten Menschenwald. Gern mchte ich
diese Kreuzritter in einem amerikanischen Urwalde sich winden und wenden sehen;
was sie wol fr affenverwandte Gesichter schneiden wrden! -
    Hinweg jetzt mit Scherz und Bitterkeit! Mardochai kommt Arm in Arm mit
Bardeloh herauf, die brige Gesellschaft strkt sich in umhergereichten
Erfrischungen. Felix hat sich an Auguste geschmiegt, die Unschuld an den Engel.
Der Mensch ist immer glcklich, kann er sich und die Welt vergessen mit all'
ihren Schmerzen in der Erinnerung an das Lallen der Kindheit, und ihren schnen,
heiligen Zaubermhrchen.
    Sie haben also meinen Bruder gekannt? fragt Bardeloh den Juden.
    Wir waren oft beisammen. Unsere Studien und Neigungen lieen uns bald enger
mit einander bekannt werden und es entstand eine Art Freundschaft, die der
Blutsverwandtschaft nahe kam, wodurch unsere Vorfahren sich frher berhrten.
    Dies ist vorbei, Mardochai. Ueberdies wissen Sie, da ich jedes Bekenntni
hasse, wenn es bevorzugt sein will.
    Ich auch, Richard, das meinige ausgenommen!
    Gut. Davon ein andermal. Wie zeigte sich mein Bruder in jener Zeit?
    Wie ein Mensch von gesunder Vernunft. Er hate Europa, als die Made, die
sich selbst verzehrt.
    Weiter, Mardochai.
    Wir hatten oft lange Gesprche ber die Wiederbelebung des Fleisches im
Geiste. Woher kommt es, sagte Eduard, da Ihr Juden Alle regsamer, spekulativer
und in einem gewissen Sinne auch productiver seid als wir Christen? Daher,
antwortete ich, weil wir gedrckt und gegeielt von Euch, die Kraft in uns
zusammenraffen und nur einen einzigen Zweck bei allen unsern Handlungen haben,
den Ha! Wir Juden setzen die Consequenz des Hasses dem Terrorismus entgegen,
und dieser Ha wird siegen, weil er ein Kind der Liebe unserer
sechstausendjhrigen Nationalitt ist. Ein Jude ist immer Jude, ein Christ aber
ist nur Christ, wenn er Appetit dazu hat.
    Sehr schn, Mardochai. Wie kam es denn aber, da Eduard so pltzlich seine
Gesinnungen nderte?
    Es gab damals einen jungen Mann in Bonn, der hinsichtlich seines Geistes
nur Ihnen gleich kam. Dieser Mann hielt sich eng an Eduard, weil sein
Widerspruchsgeist die Skepsis seiner eigenen Brust schrfte und seine Seele
geielte. Auch ich lernte ihn kennen, gewann ihn lieb, weil ich ihn gern gehat
hatte - denn wir lieben, wenigstens unter den Mnnern, nur die, welche wir
hassen mchten - und so entdeckte ich in ihm alle Anlagen zu einem Reformator.
Dieser Mann unterhlt sich eben mit dem frommen Kopfhnger dort. Es ist der
Pastor Gleichmuth.
    Bardeloh fhrt zusammen wie vom Blitz getroffen. Schon haben sich beide
unter die Gesellschaft gemischt. Das fernere Gesprch ist mir entgangen. - Die
Feder schwankt hin und her in meiner zitternden Hand, der Vorhang, der bisher
die schlafenden Dmonen verhllte, ist pltzlich gerissen. Der unglckselige
Mnch ist jener Eduard, der, verlockt durch die Schlauheit eines jesuitischen
Priesters, die entsetzliche Wette einging mit Gleichmuth. Tausend Zweifel legen
sich wie gefleckte Schlangen um mein Herz, ich mu hinaus, mu Bardeloh, mu
Gleichmuth sprechen, und wenn ich zur Entdeckung der priesterlichen Schleichwege
beigetragen habe, dann fort aus dieser blendenden Pracht. In Auguste's Armen
will ich wieder finden den Menschen, den ich verliere, sobald der gleinerische
Basiliskenblick des siechen Europa mich anlchelt, wie das sndengeschwchte
Auge einer verbuhlten Dirne. Gib mir Leben, Liebe, Seligkeit, Du Himmelsglanz,
der in Deinen Augen zittert, bebt, flammt und Frieden webt ber jedes Erdenleid!
Bedecke mich, Auguste, mit den dunklen Flechten wie mit den Schatten der Liebe,
und la mich mitten in dieser schmachvollen Zerrissenheit erkennen, da es einen
Frieden gibt im Ku der Geliebten! -

                                                                   Gegen Morgen.

    Endlich haben sich die Strme wieder gelegt, es ist still, todtenstill um
mich. Nur in mir klingen die erregten Tne im schmerzlichen Vibrationen aus. Ich
mchte schweigen, um nicht die Unschuld des jungen Morgens zu entweihen mit
Dingen, die besser nie hereinbrchen in den vollen Tag des Lebens; aber mein
eignes Herz zwingt mich, die Qual von mir zu stoen, soll es nicht brechen und
sich selbst verzehren. Es ist eine niederschlagende Erscheinung, da sich Lust
und Leid im modernen Dasein so grauenhaft eng verketten! Bald wird es kein Fest
mehr geben, wo nicht die Sorge verstohlen umherschleicht, und die stillgenhrte
Snde ihr kahles Haupt ausruht auf dem Polster schuldloser Freuden.
    Die Verkettungen, in denen mich ein seltsames Ungefhr zu handelndem
Mitgliede ausgesucht, spornten mich an, Bardeloh's Verhltni zu dem Juden
Mardochai nher zu erforschen. Das gesellschaftliche Umhertreiben verliert bald
seinen Reiz, wenn nicht Schnheit und Grazie ihren Doppelkranz unablssig
darber schwingen. Das Leben in dem Salon meines Gastfreundes bot zu so enger
Verschwisterung dieser beiden Erdengttinnen wenig Gelegenheit. Ein finsterer
Unhold kroch durch den bunten Tand; er zerdrckte jede Freude, die jubelnd
aufspringen wollte, und verzerrte den Nachtigallenschlag der Liebe in das
Wimmern eines Gefolterten. Wenn das Leben in Gesellschaften zu ernst wird,
zerbrechen die Staubfden der Freuden in sich selbst. - So bei Bardeloh. Das
Heitere, Ungenirte, Harmlose zog sich bald zurck in enger begrenzte Rume, nur
dem lchelnden Verdacht blieb das bunte Parquett. Die Schlange mit dem
civilisirten Gebi kokettirte im Schillern ihrer Farben auf der gefleckten Haut
der knstlichen Erde, von der allein sie ja nur leben kann.
    Bardeloh war nicht habhaft zu werden. Mit der leichten Tournre eines
Weltmannes hatte er Angst, Sorge, Verdacht und Verachtung schnell aus seinen
Zgen entfernt, und den Sonnenstrahl gutmthiger Gastlichkeit in den
lebenswilden Falten sich anhngen lassen. Ich suchte die frohe Geschwtzigkeit
der jungen Damenwelt. In einem Nebenzimmer, den glcklichen Geburtstger in der
Mitte, berlie sich das lustige Vlkchen den Eingebungen anmuthiger Scherze.
Felix hpfte, froh, des Zwanges berheben zu sein, von Einer zur Andern und bte
sein wunderliches Augenstechen.
    Wer am lngsten ausdauert, sagte er, der hat das meiste Herz.
    Es war leicht zu begreifen, da Alle gleich viel Herz haben wollten. Der
Knabe konnte seine Liebhabereien bis zur Ausgelassenheit treiben. Das Schauspiel
war amsant und wurde desto interessanter, je mehr Mnner sich nach und nach um
den Herzensprfer versammelten. Als der kleine Held des Tages sein Mthchen
gekhlt hatte, wurden Spiele vorgeschlagen und Schabernack getrieben nach
Herzenslust. Wir vergaen das Beengende, Rosalie gesellte sich von Zeit zu Zeit
zu uns, und bald verbreitete sich eine allgemeine Heiterkeit. Man gab das
Zeichen zum Tanz. Rosalie spielte das Fortepiano. Mit dem Springquell der Musik
stiegen die Empfindungen auf den Gipfel der Verzckung. Ich war sehr glcklich,
zog mich aber nach einigen Touren wieder zurck in Bardeloh's Warte. Es war
keine Absicht in diesem Absondern, nur der Trieb, eine Welt, berauscht im Aether
der Musik und dem Zittern aufgeregter Gefhle, sich buntfarbig durch einander
winden zu sehen, wie einen brennenden Blumenkranz, lie mich den Tummelplatz
lautklopfenden Lebens verlassen, um zu beobachten. Auch im Tanz lassen sich
Studien machen.
    Ein unterdrckter Ausruf des Erstaunens im Nebenzimmer wandte meine
Aufmerksamkeit ab von dem Gewimmel der Tanzenden. Ich erblickte durch das schon
erwhnte Fenster Auguste vor dem geffneten Wandschranke in Bardeloh's
Studirzimmer, mit neugieriger Hast die ungewhnlichen Dinge betrachtend. Die
Gasflamme go ihren vollen Glanz herab auf die schlanke Gestalt, die ein dnnes
Rosaseidenkleid, wie das Morgenroth der Liebe, durchsichtig umflatterte. Der
schngeformte Nacken stieg blendend wei aus der blassen Rosenwelle, die
schlanke Schulter winkte zum Ku mit sem Beben. Das dunkle Haar legte sich in
zierlich losem Gelock um Nacken und Schultern und ein heimliches Verlangen hob
in frhlicher Bewegung den sanft verhllten Busen. Instinct trieb mich vom
Beobachten zum Handeln. Meine Hand suchte das Schlo zur Tapetenthr, ein leiser
Druck ffnete es - ich stand hinter der in se Trume Verlorenen. Wenige
Augenblicke und eine heie Umarmung weckte sie aus den beschaulichen Sinnen. Sie
wollte rufen, aber das bange Sehnen der Liebe bog mit schalkhaftem Finger das
gefaltete Rosenblatt ihrer Lippe zum reizenden Lcheln der Vergebung. Wir hatten
keine Worte, die Flgeldecken der Liebe drckten uns mit sanfter Gewalt
schmeichelnd in die schwellenden Kissen. Wie eine volle Rose brach die weiche
Frische der reizenden Krperflle aus den zuckenden Gewndern. Unter uns sank
die Erde ein mit ihrer irdischen Qual, der Himmel warf seinen Sternenschleier
auf uns herab. Wir glaubten selig zu sein, als eine kalte, drre Hand an meine
glhende Brust klopfte. Todesschauer durchrieselte mich, der Frost des
Entsetzens setzte sich wie Reif an in den Kanlen des Lebens. Ich schreckte
empor, Auguste sank mit verdecktem Auge zurck wie vom Schlage getroffen. Hinter
mir stand das bleiche Geripp des Mnchs. - Die Kutte hatte sich verschoben, eine
kncherne, von Geielhieben in tausend Narben zerwhlte Brust, ward sichtbar -
das unfruchtbare Ackerfeld blder, grauenhaft misverstandener Demuth! - Auf
seinem fahlen Gesicht stand das versteinerte Lcheln jahrelang einsam gehegter
Wollustgedanken. Die Runzeln der Haut buhlten blutschnderisch mit der Ohnmacht
ihres ausgemergelten Lebens. Sein Blick, starr, bleich, von momentanem Glhen
grlich erleuchtet, schien uns durchbohren zu wollen, die Lippen, zwei ber zu
frh begrabenem Leben eingebrochene Sargwnde, bebten wie im stummen Gebete, und
wie aus weiter Ferne wimmerte aus der den Brusthhle die Melodie des bekannten
frechen Liedes.
    Der Entsetzliche wrde in der Raserei des Augenblicks, die ihm
bermenschliche Krfte verlieh, vielleicht mir und Auguste gefhrlich geworden
sein, htte nicht ein abermaliges Ungefhr - Du wirst es die ewige Vorsehung
nennen - mich und die Geliebte gerettet. Eine Violine, durchdringend, jauchzend
in klagender Wehmuth, weinte herber aus dem Saale. So konnte nur ein Einziger
den Bogen fhren und die leblosen Saiten ertnen lassen. - Der Mnch stutzte, er
lie den Dolch, nach dem seine Knochenhand schon gegriffen, wieder fallen, und
laut den letzten Vers seiner unkeuschen Dichtung wiederholend, strzte er fort -
ein Bild des wahnsinnig gewordenen Todes. -
    Auguste lag regungslos, die vollen, weien Glieder quollen marmorrein aus
den aufgelsten Seidengewndern. So steigt der Tag aus dem Flammenbade des
Morgens! Eine unwillkrliche Bewegung bedeckte die keusche Aphroditengestalt.
Ich beugte mich ber sie, meine Ksse weckten sie auf zu neuem, warmem Leben.
    Haben Sie schon die neun Siegel des anvertrauten Manuscripts erbrochen?
fragte eine bekannte Stimme, die selbst in ihrer stillen Sanftmuth wie das
Grollen eines fernen Donners klang. Pastor Gleichmuth stand neben mir; auf den
schwarzen Rock fiel das weie, kreuzgeschmckte Zeichen seines Standes. Ich fand
keine Worte und nahm Auguste am Arm.
    Lassen Sie das jetzt, mein Bester, fuhr Gleichmuth fort. Es wird besser
sein fr Sie, wenn Sie sich entfernen und das Frulein meiner zrtlichen
Sorgfalt anvertrauen.
    Ihnen! rief ich mit schlecht verhehltem Unmuth, in dem sich ein leiser
Abscheu mischen mochte.
    Ja mir, lieber Sigismund. Frulein Auguste ist sicherer bei mir, als bei
Ihnen. Denn von mir hat kein Weib, und wr' es das schnste, das Geringste zu
frchten. Lesen Sie das Manuscript!
    Ich verstand den Unglcklichen. Sein wehmthiges Lcheln, in das der Triumph
der Hlle seinen faunischen Hohn, wie zuckende Lichter, verstreute, lie mich
das Entsetzliche errathen. Im Saal entstand ein wilder Lrm, Frauen schrien laut
auf, Mnnerstimmen tobten dazwischen, die Tanzmusik verstummte, nur die Violine
jammerte, johlte, sprang und raste in allen Tonnancen, wie der tollgewordene
Genius der Musik, durch den hundertstimmigen Lrm.
    Ich trat in den Salon und noch jetzt, indem ich mir das Bild allgemeiner
Bestrzung zurckrufe, lhmt Entsetzen all meine Krfte.
    An eine Thrpfoste gelehnt stand Friedrich, der bldsinnige Virtuos. Seine
Tracht war die gewhnliche; groe, betheerte Wasserstiefeln reichten weit ber
die Knie herauf, schmutzige Matrosentracht deckte den brigen Krper, ein
breitkrempiger Hut, gestaltlos, beschattete das Gesicht. Anscheinend unbekmmert
um den Wirwarr, den sein Erscheinen in der Gesellschaft angerichtet hatte,
spielte er den schreiendsten Wahnsinn heraus aus der Violine, in genialer
Wildheit aus einer Tonart berspringend in die andere. Es war kein Spiel mehr,
es war ein Whlen und Rasen in allen Tnen und Accorden. Auf's Rad der Folter
geflochten wurden den Aechzenden die Herzen gebrochen und zuckend vor den
sterbenden Augen hin und hergeschwenkt. Es war der Ausbruch einer neuen
Revolution; die Schreckenszeit begann im Reich der Musik, und Friedrich war
Richter und Henker zugleich, und mordete mit kaltem Gleichmuth Alles dahin.
    Neben ihm stand, ein neuer Mephistophiles, Mardochai. Behaglich strich er
sich mit der Hand den vollen Bart, das einzige Stck Vaterland, das sich das
Volk der Unruhe gerettet hat aus dem allgemeinen Untergange. In seinem dunklen
Auge glaubte ich die Sttigung einer langgenhrten Rache lesen zu knnen.
Shylock konnte nicht mit grerer Begier auf den Moment harren, wo des Richters
Wort ihm das bedungene Pfund Fleisch zuerkennen werde, als Mardochai auf das
Schauspiel hhnisch lchelnd herabsah, das seine suffisante Schlauheit
angerichtet hatte. - Denn whrend Alles unsttt und verstrt durcheinander
rannte, Frauen und Mdchen, wie verscheuchte Rehe sich flchteten, und umsonst
an den wie durch Zufall verschlossenen Thren rttelten, tobte ganz allein in
der Brunst fleischlicher Lust die Gestalt des wahnwitzigen Mnch's mit Luciens
voller Krperschne in abenteuerlicher Tanzimprovisation durch die gasbestrahlte
Halle des Salons. Spieler und Tnzer schienen zu wetteifern in der Poesie der
Raserei. Tne, die kein Mensch gehrt, weinten aus den Saiten der Violine,
Accorde, die grell und doch harmonisch in das Wirrsal dieser unkeuschen
Belustigung hereinschrieen, lsten sich in den sesten Wohllaut auf. Wie
glhende Ksse schwammen sie durch den Saal und fielen als Rosen der Scham
nieder auf Nacken und Busen der unfreiwilligen Tnzerin. Die eisernen Glieder
des Mnchs hielten die Ohnmchtige umschlungen und zerrten die leichten Gewnder
in eine bedenkliche Unordnung. Entfesselt wogte die milchweie Welle des Busens
und schaukelte wie in gaukelndem Scherz eine duftige Rosenknospe. Darein fiel in
Pausen die parodirte Hora des Mnchs, dessen Lebenskraft zu wachsen schien mit
den Klangen der Musik.
    Nach langem vergeblichen Mhen gelang es endlich Luciens Geliebten, mir und
Bardeloh dem Rasenden seine Beute zu entreien. Oskar schumte, man mute ihn
halten, um Blutvergieen zu verhindern. Der Mnch ward gleichfalls berwltigt
und in seinen Gewahrsam zurckgebracht. Zum ersten Male sah ich Bardeloh
herausgerissen aus seinem felsenfesten Gleichmuth. Er wollte wissen, wer
Eduard's Gefngni geffnet habe - Alles schwieg. Da trat mit der Offenheit
bewuter Schuldlosigkeit Felix zum Vater und bekannte sich als den Thter. Der
arme Mann rief mich, sagte der Knabe, und als ich die Thr aufschlo, und die
Musik im Saale begann, verga er mit mir zu spielen und lief singend davon.
    Bardeloh schwieg und stie den Knaben von sich. Er trat zu Lucien, die
todtenbla, ohnmchtig in meinen Armen hing. Mehrere Frauen schafften sie in ein
Nebenzimmer. Gleichmuth trat ein und lispelte mir in's Ohr Auguste ist
geborgen. Sie knnen Sie in ihrer Wohnung besuchen, zuvor aber - lesen Sie das
Manuscript.
    In einer Fensterbrstung stand der Pietist und brach die Hnde. Der gute
Mann konnte nicht begreifen, da die Welt an seltsamen Conflicten eben so reich
ist, als an religisen Narren. Er sprach vom Untergange Sodoms und Gomorrha's,
von der Rotte Korah und vielen andern alttestamentlichen Raritten. Der Mnch
war mir furchtbar, der Violinspieler ergriff mich dmonisch, dieser Pietist aber
regte meinen ganzen Abscheu gegen alles frmmelnde Sectenwesen bis zum Ekel in
mir auf. Erst spter erfuhr ich, da er Luciens Onkel ist und Oskar als einen
Freigeist wie die Pest frchtet. Dabei steht er mit den bigotten Katholiken auf
freundschaftlichem Fue.
    Bardeloh setzte sein Examen fort und begehrte zu wissen, wer die Thren zu
den brigen Zimmern so pltzlich verschlossen habe? Frauen und Mdchen
entfernten sich eiligst, bald waren nur noch lauter Mnner zugegen. Friedrich
spielte, aller Verbote spottend, unablssig seine infernalische Geige.
    Mardochai hatte bisher einen stummen Zuschauer abgegeben. Jetzt verlie er
seinen Platz und trat in die Mitte der Mnner zu Bardeloh.
    Richard, sagte er, die Hand fest auf seine Schulter legend, Richard, das
war ein amsantes Stck Christenarbeit. Ich bin zwar nur ein elender Jude, aber
ich mu gestehen, da mir bis heut Ihre Religion noch nie in so schner
Mrtyrerglorie erschienen ist. Der furise Mensch war ein guter Christ - wer
will's lugnen? - Die hbsche Tnzerin war eine schne Christin - habt Ihr 'was
dagegen? - Der hnderingende Mann dort am Fenster ist ein frommer Christ. - Wer
kann sagen: Nein! - Pastor Gleichmuth mu ein auerordentlich trefflicher Christ
sein - wer mchte daran zweifeln, da er Priester ist? Und der arme Mensch dort,
das Geigengenie mit dem hirnverrckten Schdel - ist's nicht ein Christ nach
Noten? - O, ich beuge mich tief in den Staub vor der Majestt Eurer vielfaltigen
Religion! Sie hat viele, groe Tiefen; es liegt ein unergrndlicher Abgrund der
Tiefsinnigkeit in ihr, den ich erst heut Nacht erkannt habe. Seltsam, da sie
verschlossene Thren so nackt zeigen und brnstig machen!
    Mardochai, sprach Bardeloh, hast Du die Thren verschlossen?
    Ich mut' es, Richard, versetzte mit der Ruhe eines Geschftsmannes, der
einen Handelsbrief unterschreibt, der Jude, sonst wre ich in Gefahr gekommen,
fr den engagirten Violinisten dort mein Geld umsonst ausgegeben zu haben. Der
Schwank trgt mir berhaupt keine reellen Zinsen.
    Du hast also auf ideelle gerechnet? fragte zitternd mein Gastfreund.
    Du sagst es! sprach kalt Mardochai. Sie sind mir in der That reichlich
geflossen! Sieh fuhr er fort, und streckte die lange, weie Hand aus wie ein
Prophet ber die schweigenden Mnnergruppen,sieh! Das ist Europa, umarmt vom
Christenthume, und hier steht eine Trmmer meines von diesem Christenthume
zertretenen Stammes. Bardeloh, ich rufe Dich auf zum unparteiischen Richter! Wer
ist der Gesndere? Ich bin ein Jude und versammle ich hunderttausende meiner
Brder um mich, so ist jeder Einzelne ein Jude, wie ich; keiner mehr, keiner
weniger. Wir sind krank, tief krank, wir kranken noch an dem Kreuziget ihn!
unserer Vorfahren. Wo ist hier die Consequenz? Ist Eure Liebe so arm, da sie
sich nicht auch erstrecken kann ber das kleine Huflein eines sterbenden
Volkes? Und wo ist Eure Einheit in Liebe? Hier stehen dreiig Christen und mehr.
Wer ist gleich dem Andern? Wer glaubt und vertheidigt in seinem Glauben, was
sein nchster Bruder lehrt? Und doch nennt Ihr Euch Christen? Wehe, wehe, Eure
Religion ist verkuflich! Wer da zahlt am glnzendsten, dem ist der heilige
Geist am gndigsten! Das beweist der Katholicismus auf eine grauenhaft prgnante
Manier. Und wollt ihr entgegnen: hier steht der Protestantismus, so strecke ich
meine Hand auch aus ber ihn, und frage: Wo ist in ihm die Liebe, das weiche
Sterbekissen Eurer ganzen Religion? Die Liebe grbelt und lugnet nicht, sondern
glaubt und sttigt sich an der stillen Hingebung zu dem aufflatternden Himmel.
Eure Religion aber ist nicht belebt von der Liebe, die Ihr predigt; der
Gleichmuth nur, die Kette des Verstandes, sind es, die sie erhalten haben
bisher. Was Ihr so nennt, das ist die Religion der Welt, wenn sie herabsinken
wird zum bloen Wechselgeschft. Sie wird zur Weltreligion aufsteigen, wenn das
letzte Herz verwelkt ist in der Welt. Ich beneide Keinen darum, der es erlebt,
zuvor aber will ich sterben als Jude, in mir ein Herz bewahrend, das zwar
gebrochen wurde von der Perfidie der Weltgeschichte, aber doch noch frisch genug
blieb, um bis zum letzten Schlage mit Liebe zu verehren den Stolz seines Volkes.
Werdet stolzer, ihr Christen, und Eure Religion wird gewinnen an innerem Leben.
Der Bettlermantel der Demuth, der Euch um die drren, lieblosen Schultern
flattert, deckt nicht mehr Eure Blen! - Schlaft wohl, christlich liebende
Brder! Mardochai, der arme, vernachlssigte Jude wollte nur sehen, wie eine im
Christenthum geborne Civilisation sich gebehrde, wenn bei verschlossenen Thren
ein durch die sogenannte Liebe gebrochenes Herz spiele, ein anderes tanze und
ein drittes in wahrhafter Liebe weinendes dirigire. Mardochai hat genug gesehen.
Der Jude bleibt immer noch stolz auf sein armes, verspottetes Bekenntni; er mag
nichts wissen von Eurer Religion der falschen Liebe!
    Still und stolz wie ein Prophet ging der Sohn des Morgenlandes durch die
verblfften Secten der Christenheit. Ihm folgte spielend der bldsinnige
Friedrich. Bardeloh und Gleichmut waren die Einzigen, welche dem Verschwindenden
in unterdrckten Seufzern den Hauch der Vershnung nachsandten. Die Uebrigen
sprachen, nickten und blickten ein finsteres Anathem ber und auf ihn herab.
    Fnf Minuten spter war ich mit Bardeloh allein, die Diener lschten die
Lichter. Sigismund, sprach Richard, Gleichmuth hat Ihnen seine
Lebensgeschichte gegeben, wie er mir sagte. Wir wollen diese zusammenlesen, aber
nicht hier. In ein paar Tagen reisen wir den Rhein hinaus. Ich mu Luft
schpfen, wenn ich nicht ersticken soll im Gram dieses schmachvoll costumirten
Europismus!
    Auf der Strae weinte Friedrich's Violine noch immer ihre dmonischen
Accorde. Wir schieden. Das Resultat meines nchtigen Lebens ist in diesen
Blttern bewahrt. Denke der Liebe, wenn Du sie gelesen und schleudere keinen
Fluch, auch nicht einmal im Gedanken, auf denjenigen, der zu schreiben wagt, was
das Leben sich nicht schmt zu gebren. Ist die Geburt erlaubt, so konnte auch
die Zeugung nicht sndhaft sein. Warum also davon schweigen? Wahrlich, das
Unmoralische wird nur in der Jmmerlichkeit unseres abgestumpften, demuthfrechen
Geistes geboren! -

                                       6.



                                  An Raimund.

                                                           Kln, den 21. August.

    Haben Sie schon das Innere des Domes gesehen? Mit dieser Frage brachte mir
gestern Rosalie ihren Morgengru. Ich war verstrt und wst von den Erlebnissen
der vergangenen Nacht und konnte mich kaum besinnen. Der Bischoff liest heut
die Todtenmesse fr den verstorbenen Prior, fuhr Rosalie fort, finden Sie
Vergngen an der Kunst, so begleiten Sie mich. Des Cultus halber, den Sie gewi
lngst genau kennen, will ich Sie nicht bemhen.
    Ich sagte dankend zu. Der schmerzliche Vorwurf in den letzten Worten des
duldenden, schnen Weibes traf mich hart, weil unverschuldet. Es scheint,
Rosalie lebt des Glaubens, ich verachte jeden Cultus. Das ist eine Tuschung.
Mir kann der Cultus heilig werden, nur verlange ich mehr Innerlichkeit, weniger
Tand! Und gesetzt, ich wie jede Erinnerung daran als Individuum von mir, so
will ich damit nicht die Aufhebung des Cultus fr die Gesammtheit ausgesprochen
haben. Lat der Gemeinde, was ihr frommt, aber bekehrt Euch selbst zuvor und
anathematisirt nicht den Eklektiker!
    Wir frhstckten ganz allein mit Felix. Bardeloh erschien nicht. Er
arbeitet sich zur Ruhe, sagte Rosalie, unter ein paar Tagen wird er sich
schwerlich sehen lassen. Felix war der unbefangene Knabe wie immer.
    Sigismund, sprach er und kletterte auf meinen Schoos, nun bin ich schon
zehn Jahre und einen halben Tag alt, wenn ich noch einmal so lange gelebt habe,
werde ich ein Mrtyrer sein. Lchelnd, ohne den tragischen Sinn des Wortes zu
fassen, grub er seine zierlichen Finger in meine Augen. Das blitzt! fuhr er
fort. Wenn Auguste hier wre, kriegte ich gewi einen Ku von ihr; denn das
nrrische Mdchen behauptet, jeder Ku sei ein Blitz der Liebe. Da mu die Liebe
oft blitzen.
    Ich fragte, warum er denn in zehn Jahren ein Mrtyrer zu sein glaube.
    Das ist so ein Einfall des Vaters, erwiederte Felix mit rhrender
Harmlosigkeit. Auch will ich's ihm gern zu Gefallen thun, wenn's nun eben sein
mu, nur mag ich mich nicht auf dem Rost braten lassen, wie's ehemals Sitte
gewesen sein soll im Mrtyrerleben. Kann man denn nicht lustig bleiben und
lachen, wenn man ein Mrtyrer wird?
    Mir war es unmglich, dies Gesprch ohne Erschtterung fortzusetzen. Die
letzte Frage blieb ich dem Knaben schuldig und suchte seine Aufmerksamkeit auf
etwas Anderes zu lenken.
    Begleitest Du die Mutter in die Messe?
    Ich soll, lieber Sigismund oder Mund des Sieges, wie Auguste spricht
(ich htte den Knaben vor Seelenfreudigkeit mit Kssen ersticken mgen fr seine
kindische Offenheit. Die Verrtherei eines Kindes ist erhaben und heilig!) aber
ich will nicht.
    Und warum denn nicht, mein Herzenskind?
    Weil ich zu oft fromm sein mu.
    Wie denn das?
    O Du stellst Dich entsetzlich albern, lchelte Felix. Weit Du denn
nicht, da in einem Todtenamt aller zwei Minuten ein- und mehrmal gelutet wird
zum Niederknieen und Bekreuzigen? Das aber ist mir langweilig, denn ich bin oft
gar nicht betselig, wenn die steinerne Kuppel so sinnend ber mir hngt. Da hat
der Vater einmal Recht! Der spricht, wenn der Weihrauch dampft und die Glocke
ruft, schmoren die Snder ihr Gewissen.
    Du knntest Dir ganz andere Lehren des Vaters merken, fiel Rosalie ein,
aber Du hast nur Ohren fr die Bitterkeiten, die der Vater nicht Dir, sondern
mir sagt.
    Ja, siehst Du, Mutter, das ist wieder nicht meine Schuld. Du gibst mir
immer nur Ses und Angenehmes zu hren und zu essen, und wenn nun der Vater zu
uns kommt, merke ich mir immer blos das Bittere und Wunderliche, weil mir das
etwas ganz Neues ist. Versuch's einmal und kehre die Gewohnheit um, da wirst Du
Dich ganz wundern, wie ich mich dann ber Deine Sigkeiten erfreuen werde.
    Rosalie kte des Knaben Stirn und entfernte sich, um Toilette zu machen.
Da siehst Du's, wandte sich Felix an mich, war das nicht hbsch von der
Mutter? Htte ich dem Vater so was gesagt, so wrde ich blos ein finsteres
Gesicht dafr gekriegt haben. Ach, Sigismund, wenn Du den Vater heiter und
lustig machen knntest, ich wollte Dich kssen, so herzlich wie Auguste.
    Der tiefgefhlte Schmerz des so gut als verwaisten Kindes ergriff mich
tiefer als manch' anderes, allgemeineres Weh. Es ist hart, da ein schuldloses
Kind in den Blthenmonaten seines Lebens so gewaltsam hineingerissen werden mu
in den groen Trauerzug, der eine halbe Welt zu Grabe geleitet. Dieses Ertdten
der zarten Kindlichkeit erscheint mir grauenhafter als Alles, was uns bedrckt,
und wollte man unsere Zustnde durch alle ersinnlichen Fechterstreiche der
Dialektik zu rechtfertigen suchen, ein einziges Kindesherz, das gebrochen und
zerquetscht wird von den stillen, innerlich whlenden Kmpfen, beweist die
Verdorbenheit unseres Lebens. Jetzt erst fasse ich den Gram Bardeloh's, der ihn
wie ein Erzittern der Nerven an der galvanischen Batterie durchbebt beim Anblick
seines Kindes. Er fhlt, da keine Rettung gegeben ist fr ein harmloses
Kindesherz, und da die Pflicht, der Allgemeinheit zu Hilfe zu eilen, mchtiger
ist als die specielle Vatersorge. Ein Mensch wie Bardeloh sollte nicht Vater
sein! Dieser ironische Zufall kann den groen Menschen zu einer That verleiten,
die gewi immer eine unsittliche bleiben wrde, wenn auch der Conflict, aus dem
sie geboren wird, ein milderndes Urtheil fllen mchte. Versetze ich mich an
Bardeloh's Stelle, nehme ich mit seinem Geist und seiner Stellung auch all'
seine Schmerzen in mich auf, so fhle ich tief, da ich als Vater entweder ein
Tyrann aus Liebe sein knnte gegen mein Kind, oder freiwillig aus dem Leben zu
scheiden fr die grte meiner Pflichten ansehen wrde. - Wahrhaftig, kann der
Einzelne, dem im Tiefblick seines Geistes die Monstrositt der Weltlage in
zwerghafter Verkrppelung klar geworden ist, nichts thun zur Errettung des
Ganzen, so ist es wol an der Zeit zu sterben. Ach, es ist weit gekommen in
Europa! -
    Felix begleitete uns nach dem Dome. Eine unzhlbare Menschenmenge drngte
sich durch das Portal, den langen Gang hinab, dessen linke Seite von
riesenhaften Fenstern durchbrochen wird, die uns in den brennendsten Farben die
Kunst der Glasmalerei bewundern lassen. Man fhlt sich niedergedrckt,
vereinsamt in diesem gigantischen Baue. Der ungeheure Raum verschlingt den
Blick, das Oede, Trmmerartige weckt tragische Empfindungen. Ein Gebude wie der
klner Dom ist eine Tragdie des Mittelalters, die nicht fertig geworden und nun
von allen Jahrhunderten besprochen und befhlt wird, ob sie sich wol vollenden
lasse. Es ist aber eine abgeschmackte, gotteslsterliche Thorheit, sich mit
einem solchen Gedanken nur zu tragen. Unserer Zeit fehlt die religise
Begeisterung zur Vollendung, ja zum Verstndni eines solchen Baues. Unsere Dome
sind langgestreckte, dnnleibige Fabrikgebude. Die Begeisterung fr das
Materielle, reell Nutzbare harmonirt wenig mit dem erhabenen Schwung einer
mittelalterlichen Phantasie. Dazumal hatte der productive Mensch in seinen
Gedanken noch etwas Riesenmiges, Himmelstrmendes. Er baute seine Wnsche aus
zu Himmelsstiegen, die auch in ihrer Zertrmmerung noch groartig genug sind, um
den nachgebornen Geschlechtern Stoff zu klugen und unklugen Diatriben zu geben.
    Wir traten in den hohen Chor, den einzigen vollendeten Theil des Domes. Wie
heie Dankgebete strzen sich aus der Tiefe der Muttererde die Springquellen der
Sulen hinauf zum Himmel und vereinigen sich in tausend auseinander wachsenden
Armen zur Palmenkrone des Gewlbes. Ein religises Gemth mu beten knnen unter
dieser steinernen Himmelsdecke, wem aber die Seele erkaltete in der
Mattherzigkeit des Weltlebens, oder, wer sich mit Ekel abwendete von der
Profanation des Gttlichen, die wol auch hie und da Jahrhunderte lang vollzogen
ward in solchen Tempelrumen; der fhlt sich wie unter einem steinernen
Sargdeckel begraben.
    Ich wei nicht mehr, mit welchen Empfindungen ich diesen Chor betrat, aber
eine unaussprechliche Angst ergriff mich, als die Bigotterie kniebeugte und
Kreuze schlug, und an dem Hochaltare, von tausend Kerzen erhellt, in den Nimbus
des sndenverdeckenden Weihrauchduftes gehllt, der amthaltende Bischoff sein
lateinisches Formular herlallte Der Opferduft stieg hinauf in den ungeheuern
Raum und kruselte in blauen Wolken an der Wlbung.
    Macht uns denn dieser Rauch andchtiger? fragte Felix.
    Gewi, wenn wir glauben. Darum, Kind, bestrebe Dich nur zu glauben, so
wirst Du Dich nie unglcklich fhlen.
    Da sprichst Du grade, wie der Vater, meinte der Knabe.
    Ein Kirchendiener stie mich an und fragte, ob ich das Grab der Heiligen
drei Knige sehen wolle. Diese Menschen haben eine merkwrdige Gabe, die Fremden
aus Hunderten und Tausenden heraus zu erkennen. Ich bemerkte, da uns das
Hochamt wol daran verhindern mchte.
    Keineswegs, Herr Baron, versetzte der Cerberus der heiligen drei
Schdelknochen, ich bin jederzeit zum Herumfhren disponirt.
    Das,Herr Baron, kitzelte zwar meine echt deutsche Seele, dennoch lie ich
mich nicht verfhren. Ich wie den dienstfertigen Geist ab und suchte eines
andchtigen Gedankens habhaft zu werden.
    Gib acht, Sigismund, sprach Felix, der Bischoff hat schon die Monstranz
in den Hnden.
    Der aufmerksame Knabe hatte richtig prophezeit. Lautes Gelut brach sich an
dem Gewlbe, die Menge strzte blindlings auf die Knie, wider Willen ward ich
mit niedergerissen. Als wir uns wieder erhoben, fuhr Felix fort zu plaudern:
    Wissen mchte ich doch, ob im Himmel auch Messe gelesen wird?
    Es kann uns gleichgiltig sein, versetzte ich.
    Nein, Sigismund, erwiederte der Knabe, mir wr's gar nicht gleichgiltig.
Denn ich sehe nicht ein, wo die Menschen alle hinsollten mit dem Kniebeugen, und
wenn sie bereinander fielen, mt's doch recht curios lcherlich sein im
Himmel.
    Ist das Dein Ernst, Felix?
    Ja, Sigismund, man darf's aber nicht laut sagen. -
    Mir ward zu eng. Der dampfende Weihrauch erregte mir Schwindel, ich wandte
mich dem Ausgange zu. Mutter, rief Felix leise, wir gehen fort, ich mag den
Leib des Herrn nicht ruchern sehen.
    Rosalie lag in Andacht hingesunken im Betstuhl. Sie hrte die kindische
Bemerkung ihres Sohnes nicht, sie war in der That noch glcklich! Nur das Weib
in der Reinheit seines geistigen Seins, auch hier die Empfangende, kann sich
ohne Argwohn der Innigkeit einer knstlich erregten Begeisterung berlassen. Dem
Manne, diesem suchenden, forschenden und zerstrenden Ableger der Gottheit, sind
jene knstlich-stillen Freuden des Seelenlebens nicht mehr verstattet in der
Gegenwart. Ich meines Theils glaube sogar, es gibt von Natur gar keinen
religisen Mann mehr, und was sich in ihm noch dafr halten lt, ist zur
Religion gewordene Gewohnheit oder ein Aufnehmen des Weiblichen durch Entsagung
krftiger Mnnlichkeit. Auch besteht die Religion des Mannes jetzt mehr in der
That, als im Gebet, und nur, weil unsere Zeit zu weibisch geworden, ist sie zu
schwach zur Production einer gewaltigen That. Der Mann, welcher den Dom zu Kln
erbaut hat, ist gewi kein Frmmler, kein religiser Beter im Sinne der
Gewhnlichkeit gewesen. - Niedergeschlagen, schweigsam, und fast, mcht' ich
sagen, zerrissen, weil ich nicht glcklich sein konnte, wie Rosalie, kehrte ich
an ihrer und Felix' Seite nach Hause zurck.
    Es war gut, da der Knabe mich durch sein kindisches Plaudern unterhielt.

                                                                     Des Nachts.

    Indem ich jetzt in heiliger Nachteinsamkeit das heut Morgen an Dich
Geschriebene wieder berlese, beschleicht mich der Gedanke, ich sei zum
Gotteslsterer, zum Heretiker geworden, ohne es zu wissen und zu wollen. Die
Unergrndlichkeit unserer geistigen Natur ist die Sugamme unseres Elends! Wir
Alle suchen umher in den verstecktesten Winkeln des Lebens nach einem
Rettungswege aus diesen dunklen Labyrinthen, die Weltirrthum und Weltforschung
ber uns hingebreitet. Der Zorn ber unsere eigene Ohnmacht zupft die liebe
Vernunft bei der Nase, und im liebevollen Hingeben unseres Selbst an das
vermeint Gttliche brechen wir die Sulen wie der blinde Simson und begraben uns
unter ihren tnenden Trmmern. Es mu, scheint mir, noch viel gelstert werden,
Raimund, ehe der Tag neuer Weltheiligung ber unser unglckliches Jahrhundert
heraufleuchten wird. -
    Wenn ich hinausschiele durch das Fenster und die graue Masse des Domes
emporsteigen sehe in den sternenbesten Nachthimmel; so beugt sich der
friedliche Gott meines Herzens vor dem Heiligenschreine, den sich eines groen
Mannes Begeisterung ausgemeielt hat fr seinen Gott. Dieser Bau weckt groe
Gedanken; der Angstruf einer verschtteten Welt stammelt wie ein Sterbender in
mir, ich mchte gern helfen und retten in dem allgemeinen Unglck, aber die
Kraft will sich nicht erheben, weil der Einzelne in sich zu keiner
Selbstbegeisterung mehr emporwachsen kann. Diese Impotenz ist entsittlichend und
verweichlichend, weil durch sie die Mnnlichkeit anschwillt zur trgen,
phlegmatischen Fettmasse. Bleibt wol noch etwas anderes brig, als Bardeloh's
verzweifelnde Verachtung, Mardochai's auflsender Ha, des Mnches Wahnwitz,
Friedrich's Bldsinn oder Gleichmuth's raffinirte Selbstentweihung? Hier liegt
der Todtschlag des Jahrhunderts, der Mord unserer Kinder, die Selbstentleibung
eines mden, lebensmattenund satten Welttheils! O mir strzen die Thrnen ber
die Jammergestalt unserer Zeit, ber mich, ihr unseligstes Kind, in die
berwachten Augen! -
    Es ist an der Zeit, Dir wieder ein Bruchstck aus Gleichmuth's
Lebensgeschichte mitzutheilen. Anatomischer hat noch kein Gelehrter sein
Seelenleben zergliedert. Da es mir vergnnt wre, diese Biographie von
Religion, Cultus und krftiger Menschlichkeit aller Welt in die tauben Ohren zu
schreien! Vielleicht lernte sie wieder hren und bekm' ein helles Auge und
besseren Geschmack. Eine Restauration der gesunden fnf Sinne knnte ihr nur von
Nutzen sein.


   Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Streben Irregeleiteten.

                                 (Fortsetzung.)

    Das Verschwinden Eduard's stimmte mich anfnglich beraus lustig. Es war
mir neu, zu sehen, wie ein Mensch, hingerissen von der finstern Macht einer
fixen Idee, die heitere Welt mit ihren spielenden Freudenklngen verlassen und
freiwillig einer funfzehnjhrigen Sklaverei sich hingeben konnte, aus der die
Rckkehr zu den grten Unwahrscheinlichkeiten gehrte. Viele meiner sonstigen
Bekannten spotteten gleich mir ber den bigotten Schwrmer, waren aber in's
Geheim der Meinung, der Verschwundene werde einmal unversehens in unserm
lustigen Kreise wieder erscheinen. Das Letztere traf nun zwar nicht ein, wol
aber erhielten wir unsichere Nachrichten von Eduard, die uns seinen Eintritt in
ein Kloster sehr wahrscheinlich machten.
    Die Jugend hlt sich nicht gern an Vergangenes; ihr grter Reiz liegt im
Erfassen des Augenblicks, der sie hinweghebt ber Angst und Sorge des Lebens.
Nach einigen Wochen war Eduard vergessen, nur meine Wette trieb unruhig, wie ein
Nachtvogel, in dstern Trumen um meine verdmmerten Sinne.
    Die Notwendigkeit oder, wenn man lieber will, ein ironisches Pflichtgefhl,
zwang mich, dem Studium der Theologie Zeit und Krfte zu opfern. Anfangs
vermeinte ich noch immer, es wrde sich, aller Widersprche ungeachtet, die der
wahrhafte Mensch in mir gegen die starre Inquisitionsmiene dieser und jener
Lehre erhob, ein Weg stiller Vereinigung ausmitteln lassen, doch mein Hoffen
blieb vergeblich und erfolglos. Die Lehrer waren zu sehr befangen in
Engherzigkeit. Das, was ich das Urmenschliche nennen mchte, und was zugleich
der glnzendste Abdruck der Gotthnlichkeit in uns ist, war lngst erblindet von
unablssigem Gebrauch, den die solide Gewhnlichkeit davon gemacht hatte. Mangel
an schpferischer Gedankentiefe und ein Hang zur Bequemlichkeit, die jedem
Gelehrten anhngt, lieen sie nicht den Zwiespalt erkennen, der zwischen dem
Gelehrten und dem Angeborenen entstehen mute. Freilich war auch die Mehrzahl
derer, an die das todte - gewhnlich sagt man das lebendige - Wort gerichtet
ward, von zu gemeiner Constitution, um zu erkennen, woran es gebreche. Die Masse
der Menschen, auch der gebildeten, will nichts, als sich Fremdes zu eigen
machen. So Zugeeignetes, wenn es das Aussehen geistiger Frbung hat, nennt man
Gelehrsamkeit, und wer die grten Schober davon um sich aufhuft, erhlt den
Beinamen eines tchtigen Kopfes, eines talentvollen Menschen. O, der Schmach und
Verlumdung des Heiligsten in uns! Als ob der Esel, welcher vermge seines
Knochenbaues im Stande ist, die grere Last zu tragen, dadurch auch befugt
werde, einer hhern Ordnung der Geschpfe anzugehren. Wahr ist es freilich, er
bekommt weniger Pffe! -
    Mir regte diese Art, Vorgetragenes als wahr hinzunehmen oder durch fteres
Betrachten dafr zu halten, die Galle auf, und je deutlicher ich sah, da, wie
fast in allen Wissenschaften - die Medicin etwa ausgenommen - nur das
Mechanische als das Groe und Wahre auch in der Theologie docirt, abgefragt und
geachtet werde, desto heftiger ward die Opposition dagegen in mir. Da ich keinen
fand, der mir Rede stehen wollte, meine Zweifel lste und die verzehrende Unruhe
stillte; so ging ich mit mir selbst zu Rathe. In stiller Einsamkeit fand ich nun
geschieden den reinen Menschen von dem starren Theologen, und in wie fern dieser
als bevorzugter Reprsentant aller christlichen Lehrstze betrachtet ward,
zugleich auch von dem gewhnlichen Christen. Denn es konnte mich nicht
beruhigen, da Reinchristliches von dem Dogmatisch-Begrndeten eben so weit
abstehe, als die Sonne von der Erde.
    Ich emprte mich oft vor mir selbst, wenn ich meine gesunde Vernunft
hinableuchten lie in diesen Wust von Satzungen, wo jede Gesundheit des Geistes
verkmmert. Ich konnte mich eines bitter-wehmthigen Lachens nicht enthalten,
wenn ich das Auge aufschlug zu dem blauen Himmelsgewlbe, das tiefsinnig wie das
niedergeschlagene Augenlid der Gottheit ber mir hing, sich schmend der
Geschpfe der Erde! - Gern wre ich umgekehrt und htte einen Weg verlassen, der
nach allen Seiten hin mich nur zu einem abgeschwchten, eingebildeten Glck,
oder zu einem elenden Untergange fhren mute. Schon war ich entschlossen, ihm
zu entsagen; da bedachte ich, da es wol grer und edler sei, darauf zu
verharren, vielleicht wre ich bestimmt, beizutragen zur Aufklrung dunkler
Zustnde. Der bse Geist eines zweideutigen Ruhmes umdsterte mich, ich gab
nach, ich sah mich als Mrtyrer fr das geistige Wohl einer halben Welt
dastehen, und schwur Treue dem, was ich doch von ganzem Herzen nicht achten
konnte.
    Dies war meine erste Ordination zum Geistlichen, zum Gottesgelehrten. Mein
Entschlu stand fest - ich wollte ganz Mensch sein und ganz Theolog - wie sich
beides bei meiner zerbrckelnden Characteranlage mit einander werde in Einklang
bringen lassen, blieb mir noch unklar.
    In dieser Zeit innerer Zerrissenheit, in der die Unschuld des Menschen mit
der Beflecktheit der geschichtlichen Theologie rang, trat der Jude Mardochai
langsam meinen Kreisen nher. Es hatte dieser Mann mit der Jugendlichkeit seiner
morgenlndischen Phantasie etwas Bewltigendes fr Alle, die in engere Berhrung
mit ihm kamen. Mardochai war voll geistiger Regsamkeit; ich habe nichts gekannt,
was seiner Fassungskraft zu schwer gewesen wre. Er liebte die Kunst, namentlich
die Poesie und Musik und whlte seine Freunde so, da diesen mannigfachen
Gelsten durch die Wahl selbst schon eine Befriedigung erwuchs. Seine
unablssigen Begleiter waren Friedrich, Casimir und ich; doch schien er bei
dieser Auswahl sein geheimstes Augenmerk nur auf mich gerichtet zu haben,
whrend die andern Beiden mehr das aufflackernde Kunstmoment nhren und
unterhalten muten. Mardochai war bewandert in den heiligen Bchern seines
Volkes, er kannte genau die Lehren des Talmud und hielt sich streng an die
Vorschriften seiner Religion. Dies fiel mir auf, da ich wol bemerken konnte, da
nicht Ueberzeugung, sondern nur Gewohnheit, wo nicht gar schlaue Berechnung, ihn
zu so widersinniger Pflichtbung vermochten. Seltsamer Weise deuteten einige
Bemerkungen in unsern Gesprchen darauf hin und Mardochai berhrte mit frivoler
Grazie Gegenstnde, die eine sinnliche, leicht erregbare Natur zu wilder Gluth
entstammen muten. Der beabsichtigte Eindruck blieb nicht aus; er sah mich
zittern, vernahm meine Seufzer, die mehr unterdrckten Flchen als Gebeten um
Abwendung der Verfhrung glichen. Seine Ruhe blieb dieselbe, nur einzelne, wie
zufllig hingeworfene Fragen, muten mich beredt machen und ihm das Geheimni
entlocken, an dem mein begehrerisches Leben freudlos verkmmerte.
    Wir hatten unsern gewhnlichen Spaziergang angetreten, die dunklen
Kastanienalleen entlang, die nach Poppelsdorf fhren. Der Kreuzberg lag, gehllt
in sonnige Nebelschleier, vor uns, die Kapelle glnzte wie ein ins Grab
strzendes Kreuz. Wir stiegen den Berg hinan, immer tiefer in ernste Gesprche
uns versenkend.
    Sind Sie ein wunderlicher Mensch, sagte Mardochai, als ich offen die Ursache
meines gramvollen Lebens ihm enthllt hatte. Nichts leichter, als hier Einigung
und Befriedigung. Sie kennen gewi die Geschichte ihrer Kirche besser, als ich,
der Jude, Sie werden auch als Protestant nicht fremd sein in der Geschichte der
katholischen Kirche. Sagen Sie mir doch offen, was Sie von den Heiligen dieses
christlichen Bekenntnisses halten?
    Die Frage war mit so liebevoller Harmlosigkeit gestellt, da ich ohne
Argwohn meine Meinung dahin gab. Ich erklrte die gesammte Geschichte fr ein
Denkmal bald aufrichtiger, bald erheuchelter Schwrmerei und bedauerte nur, da
bei so viel Poesie, die unbestritten darin liege, so wenig Erklekliches fr die
Menschheit daraus hervorgegangen sei. Wre ich Dichter, fgte ich noch hinzu, so
wrde mein tiefstes Bemhen darin bestehen, das Weltpoetische in dieser
Erscheinung menschlich zu lsen. Es gibt kein reicheres Feld, Ruhm zu rndten,
und Groes und Bleibendes zu wirken fr den Dichter, als ein Aufsuchen und
knstlerisch-poetisches Ordnen der seinen psychologischen Fden, die verborgen
liegen in der Geschichte der Heiligen. Daraus wrde eine Geschichte des
Menschenherzens sich gestalten, an der sich der sinnende Mensch eben so erfreuen
als belehren knnte.
    Darin will ich Ihnen recht geben, versetzte Mardochai, nur glaub' ich die
Heiligkeit selbst auf ganz andere Grnde zurckfhren zu mssen.
    Wir standen an dem Kloster, die Sonne neigte sich dem Untergange zu, der
Rhein quoll, ein dunkelgrner Knigsmantel, aus der Schlucht des Siebengebirges
in die freie Ebene, die wie ein Unterthan seinen Saum mit liebender Lippe
berhrte. In der Kapelle ward die letzte Messe gesungen.
    Da drin, fuhr Mardochai fort, lebt auch noch ein Rest aussterbender
Heiligkeit. Was gibt ihnen das Vorrecht zu diesem Titel?
    Ihr Gelbde.
    Freilich! Wenn man nur nicht wte, warum das Gelbde dem Menschen
verbietet, sein Herz als Herz schlagen zu lassen.
    Diese Bemerkung verstehe ich nicht.
    Sonderbar! rief Mardochai, ein Theologe versteht nicht, was er selbst
beklagt! -
    Es trat eine Pause ein, ich versank ber die Worte des Juden in tiefe
Gedanken. Wir hatten uns auf die Treppenstufen gesetzt, die zur Klosterkirche
fhren. Vor uns lag das Siebengebirge mit den Ruinen des Drachenfels und
Godesberg. Es war ein Abend, mit Wollustreiz berstrmt, und wenig geeignet fr
Gesprche, wie das unsrige.
    Es mu ein eigener Kitzel sein, begann mein Begleiter, der den Geist in
gnzlicher Scheidung von aller sinnlichen Erregung Befriedigung finden lat. Ob
nur diese Menschen keine Sinne besitzen?
    Wer wei, erwiderte ich, welch' Unglck die Meisten zur Verlugnung
irdischer Freudigkeit getrieben haben mag!
    Ja, wer wei es! wiederholte Mardochai und schwieg abermals. Einige Zeit
darauf fuhr er fort: Bei alle dem hat das Klosterleben doch mancherlei fr sich,
z.B. ist es gar nicht zu tadeln, da dem Weltmden ein Asyl geboten wird, wenn
er, geschwcht vom Genu, sich einem stillgeweihten Leben in Gott berlassen
will. Und meiner Ansicht nach kann ein Leben in Gott, ja berhaupt ein
theologisches Leben erst nach vorhergegangenem Schwelgen in allen Freuden der
Welt wahrhaft fruchtbar werden.
    Glauben Sie das wirklich? fiel ich dem Redenden mit einiger Heftigkeit in's
Wort.
    Wahrhaftig! Auch habe ich an mir selbst schon erfahren, da Einigung des
geistigen und sinnlichen Menschen nicht denkbar, Scheidung beider aber
vernichtend ist. Sollte es da nicht weise sein, der Natur freien Lauf zu lassen
und diese geschiedenen Elemente fr das Leben aufzufassen jedes zu seiner Zeit?
Namentlich hart ist mir es erschienen, da die Kirche von dem Gottesgelehrten
eine immerwhrende Enthaltsamkeit oder doch groe Migung fordert, die
gewhnlich nachtheilig selbst auf die freisinnige Entfaltung des Geistigen
einwirkt. Ich habe immer gefunden, da die unbedeutendsten kirchlichen Lehrer
auch die enthaltsamsten waren. Sehr natrlich! Es kann Einer leicht, was man
sagt, fromm sein, wenn keine Leidenschaft ihn verzehrt und der Leidenschaftslose
ist immer ein Simpler. Kommt es aber zufllig vor, da ein geistig lebendiger,
gedankenreicher Mensch sich dem heilig genannten Studium hingibt, so mu er auch
dem sinnlichen Lebensreize auf irgend eine Weise den natrlichen Tribut zollen,
oder es entstehen unnatrliche Laster. Mir als Juden werden Sie es verzeihen,
wenn ich alle Klster die versteinerte Lasterhaftigkeit der gegen den Willen der
Natur unterdrckten Sinnenlust nenne. Diese Mauern sind stumm, aber ein
geistiges Ohr kann sie seufzen hren.
    Was folgern Sie daraus? warf ich ein, denn eine bange Scheu hielt mich
zurck, das selbst zu sagen, wonach mein eignes Leben doch verlangte.
    Folgern! lchelte Mardochai. Ich bin Arzt und verweise aus
Gewissenhaftigkeit den Menschen immer an die Natur. Was die Natur verlangt, ist,
jedem Sittengesetz oft zum Trotz, immer das Weltmoralische. Man versuche es und
zwinge ihr Fesseln auf, sie rcht sich frher oder spter! Gibt es nun Satzungen
in der Welt, die Klugheit und Politik fr nothwendig erachteten, oder an deren
Befolgung gegenwrtig das Geschick ganzer Nationen gebunden ist - gut: so
befolge man sie als ffentlicher Mensch! Die Natur hat ihren Tempel fr sich,
ihre Priester und Priesterinnen. Habt Ihr keine Scheu, dem Gesetz der Klugheit
die verborgene Sittlichkeit Eures individuellen Menschen aufzuopfern, so sehe
ich nicht ein, was Ihr anstehen wollt, im vollen Arm der Natur einen
Freudenbecher zu leeren, der Euch die Leiden und Mhen eines erknstelten,
angelernten Lebens leichter ertragen lt. Scheidet das Gesetz, sei's heilig
oder profan, den Menschen in zwei Wesen, so ist es Pflicht der Natur, die
Geschiedenen in neuer Schpfung zu vereinigen. Als Theolog - das Bekenntni wre
fr mich kein Hinderni - wrde ich in den Jahren, wo es meine Kraft erlaubte,
den Reiz der Weltlust, dem sinnlichen Leben geben, was es verlangt, um spter
desto freier, umsichtiger, durchlebter, der stillen Gottesbetrachtung obliegen
zu knnen.
    Die Liebe ist das hchste Gesetz unserer Religion, seufzte ich laut in die
dunkler herabstrzende Dmmerung.
    Das ist's, was mich von jeher zum Christenthum hingezogen hat, versetzte
Mardochai. Wre ich nur nicht ein wunderlicher Kauz, so wrde ich mich taufen
lassen, allein - ich halte nichts von Ceremonien bei einem Religionswechsel.
Ohne Taufe will's nicht gehen, gut, so bleib' ich Jude.
    Ich frchte, Mardochai, Sie verwechseln den Begriff der christlichen Liebe
mit dem der weltlichen.
    Diesen Einwurf konnte ich erwarten, ich will Sie aber beruhigen. Scheinbar
mag ein Unterschied bestehen zwischen geistiger oder christlicher und weltlicher
oder sinnlicher Liebe. Der Unterschied liegt aber nur in der Einbildung.
Scheidet nicht, so habt Ihr Einigung, und wollt Ihr consequent sein in der
Befolgung Eurer Vorschriften, so mt Ihr auch sinnlich lieben knnen mit einer
Andacht und Inbrunst, die der geistigen Liebe nichts nachgibt.
    Daraus wrde eine wollstige Religion entstehen.
    Nichts weniger, fuhr Mardochai fort. Liebt Ihr Euren Nchsten wie Euch
selbst, so werdet Ihr doch wohl auch die Nchste nicht ausschlieen von dieser
demokratischen Gesinnung. Liebe ist Hingebung, Aufgehen des. Einen in den
Andern, sei's im Geist, sei's in der Gluth sinnlich zitternder Andacht! Und wre
ich ein christlicher Lehrer, ich wrde mich hineinstrzen in die glhendste Woge
der Liebe, um in der Lust bebender Sinne, in Ku und Umarmung einen Mastab zu
finden fr meine dereinstige geistige Liebe, die ich predigen soll dem Volke der
Verblendung. O, da ich kein Christ bin, ich Elender! Da ich nur die Eine Liebe
kenne und nicht die Seligkeit der Andern, die erst emporsteigt aus dem Genu,
der ihre Mutter ist! Das ist der Fluch Eures Gottes oder Propheten, der jeden
Einzelnen meines Volkes verfolgt bis an das verachtete Grab. Danken Sie Ihrem
Gott, da er Sie zum Christen erschuf und Ihnen das Glck der Liebe erffnete in
all seinen entzckenden Reizen!
    Whrend dieses Gesprchs waren wir langsam wieder herabgestiegen von dem
Kreuzberge. Die gesunde Begehrlichkeit meiner Natur regte sich immer lauter und
forderte ungestm Gehr. Mardochai erbarmte mich, ich lie mich hinreien von
unzeitiger Weichheit und forderte ihn mit fieberischzitterndem Hndedruck auf,
fortzufahren. Die Dunkelheit der Nacht verbarg mir sein Mienenspiel, ich hrte
nur den Sohn des rthselhaften, ewig jungen Morgenlandes. Er sprach, was ich
lngst mir zu gestehen nicht gewagt, aber von einem Dritten zu hren sehnlichst
gehofft hatte.
    Sie werden es erfahren in Ihrem sptern Leben, fuhr der Jude fort, da
beinahe alles Verbotene das Erlaubte ist, nur hingestellt, um den Muth des
Menschen zu erproben. So war's schon zur Zeit der Schpfung. Ohne den
berchtigten Apfelbi fehlte uns alle Geschichte, mindestens alle Romantik des
Lebens. Das fr sndhaft Gehaltene ist das Poetische, die Schallheit der
tagesflachen Wirklichkeit Heiligende. So auch mit der Moral. Versuch' Einer
erst, diese Moralitt in schnen Leichtsinn seines gttlichen Bewutseins
einzuhllen und mit ihr davon zu laufen; glauben Sie wohl, es erfolge irgend
eine Reue darauf? Nur die Schwche bereut, weil sie nicht productiv ist in sich
und das Erschaffen eines Neuen weder begreifen noch ertragen kann. Wollten wir
moralisch, tugendhaft, religis sein im strengen Sinn dieser Worte; so wre jede
Productivitt des Geistes eine Snde, weil sie immer eng verknpft ist mit dem
Zertreten eines Festen, Gegebenen. Jeder Fortschritt wre dann unmoralisch, denn
in ihm liegt die Verachtung des eben Geltenden; jede neue That wre eine
Lsterung der Geschichte, weil sie so frei ist, ohne Compliment sich neben oder
ber das Vorhandene zu stellen. Es drfte berhaupt nichts Gedankliches mehr
geduldet, alles eigentlich Lebendige mte todtgeschlagen werden, und heilig
allein, tugendhaft und religis wre nur der Automat und die Maschine. - Dies
fhre ich nur an, um zu beweisen, da jedes Verbot eine versteckte Aufforderung
ist, es zu bertreten. Seid muthig, keck, dreist und Niemand wagt es, Euer Thun
unmoralisch zu nennen; wollen Sie mir aber Einwrfe machen, so bin ich so frei,
Ihnen zu sagen, da alsdann Ihre ganze Religion, das Christenthum mit seinen
hundert Ablegern und Aesten, als die consequenteste Unmoralitt in der
Geschichte der gttlichen Schpfung dastehen wrde, weil grade durch diese
grte That des Geistes alles frher fr heilig Geachtete umgestoen und
vernichtet wurde. Es ist nichts leichter als dies, aber auch nichts
wahnsinniger, als ein solcher Einfall. Nur im ewigen Umsturz des als absolut
moralisch Hingestellten und von den Schergen des Verstandes, der Orthodoxie und
Bigotterie, gehllt in die aschgraue Livree der Bornirtheit, Vertheidigten,
liegt die ewig wandelbare und eben nur im Wandel heilig bleibende Moralitt der
Weltgeschichte.
    Diese Deduction, mit der schlauen Unbefangenheit jdischer Skepsis
vorgetragen, entschied ber mich. Mardochai dolmetschte meine Gedanken, Gefhle,
Empfindungen. Die Sinnlichkeit brach wie ein Orkan in mir an und eh' eine Stunde
verging, lag ich zum ersten Male vor dem Altar einer Gottheit, dessen Namen zur
Bezeichnung leiblicher Schnheit in allen Welttheilen bekannt ist. Vielleicht
wre ich nicht gefallen, htte nicht Mardochai den Stachel der Lust listig zu
schrfen verstanden durch die Poesie der Situationen. Als es lngst zu spt war,
begriff ich erst, mit welchem Vorbedacht mich dieser schweigsam zrnende Mensch
verfhrt hatte. -
    Eine dmmernde Mondnacht zitterte ber Flur und Stadt. Mardochai sprach mit
so folternder Ruhe, da ich ihn vor Ungeduld htte ermorden knnen. Er fhrte
mich in ein abgelegenes Haus. Ringsum die geheimnivollste Stille. Ein Zimmer,
klein, reinlich, von Ambraduft durchzogen, ffnete sich. Auf dem Ofen, der in
Adlergestalt sich erhob, glommen noch die Ueberreste der Kohlen, von denen das
Rucherwerk verzehrt ward. Kein Licht brannte, nur der Mond dmmerte still und
heimlich durch die halbgeschlossenen Jalousien. Am Fenster stand ein Bett, mit
weiem Seidenstoff berzogen.
    Treten Sie nher, sagte Mardochai, wenn es Ihnen hier gefllt. Mit sanfter
Gewalt stie er mich hin zum Lager. Eine geschickte Handbewegung schlug die
Jalousien am Fenster zurck, das volle Mondlicht erleuchtete Zimmer und Bett,
ich erblickte in stillem Schlummer eine schne Frauengestalt. Eugenie! rief
Mardochai laut. Die Schlummernde regte sich, im nchsten Augenblick umschlang
sie mich mit warmem Arm - ich erlag der Aufregung - Eugenie, das schnste Weib,
das je mein Auge erblickte, gab mir den Himmel, um mein Herz der Hlle als Pfand
zu berreichen. - Mardochai war verschwunden. Ich hrte seine Stimme erst
wieder, als die Morgenrthe mich bergo mit dem erborgten Purpur der Scham, die
ich nicht mehr kannte. Eugenie ruhte neben mir; - es htte ein Gott straucheln
knnen bei diesem Reiz der Schnheit! -
    Mardochai! rief ich, Mardochai, wo bin ich!
    Wo Sie fortan immer sein knnen, wenn Sie in dieser Nacht gefhlt haben, da
ein muthiges Uebertreten weniger schmerzhaft ist, als ein feiges Folgen.
    Und von Stund' an ward Eugenie, Mardochai's Geliebte, wie ich erst spterhin
erfuhr, auch die Meinige. Die Eifersucht kannte Mardochai nicht, ob aus
Klugheit, Diplomatie oder sonstigen Grnden, habe ich nie ermitteln knnen. -
Das sinnlich glhende Fleisch ward nunmehr meine Speise, die ich von Stund an in
weltheiliger Begeisterung mir reichen lie von der schnsten Priesterin der
Natur. Ich hing in ser Verzckung an den Brsten, die Weisheit spendeten in
der Gluth ihrer schwellenden Bewegung. Ich betete an in Liebe die Schnheit
fleischgewordener Gttlichkeit und suchte den Himmel mit seiner therischen
Liebe zu begreifen in auflsender Umarmung. Ich ward ein Schler Mardochai's und
folgte doch nur meiner Ueberzeugung. Die Lehre der Ascese zu verstehen, das
Geheimni heilig gewordener Menschen zu fassen, lebte ich wie ein Bacchant in
unstetem Rausche. Kein Gedanke der Reue warnte mich vor diesem gefhrlichen
Dasein. Es war Liebe und nur Liebe, die mich fhrte, trieb, geielte von Genu
zu Genu. Ich glaubte tief zu fhlen, da nur derjenige das Leben verstehen
knne, der es genossen habe wie ich; ob ich nach solchen Wollustbdern auch ein
Lehrer der Liebe wrde sein knnen, daran dachte ich nicht, wenn die schumende
Fluth des Genusses in tausend scherzenden Perlen ber mich zusammenstrzte. -
    Es lag eine hohe Poesie in diesem Leben. Keine sptere Zeit hat mich so
duftig umhaucht, wie jene, ganz an die Unschuld der entfesselten Leidenschaft
hingegebene. Mich ri nicht die Gemeinheit an den wollstigen Leib der
Schnheit, sondern eine Anschauung der Welt, die irrig sein mochte, aber mir
doch erhaben schien. Erst spter, als sich eine Art Besonnenheit, wie der Spion
umherschleichender Satanstcke in den Rausch mischte, ergriff mich ein Schwindel
der Feigheit. Ich sah mich umgeben von hnlich Handelnden, aber anders
Denkenden. Da schauderte ich, zog mich zurck, ward schwermthig. Der Leichtsinn
meiner Genossen suchte mich auf, es kam zu Erklrungen. Meine Fragen wurden mit
bornirter Gutmthigkeit beantwortet oder mit ekelhaft gemeiner Frivolitt. Diese
Rotte schnobberte am sinnlichen Leben umher, wie ein Hund, der die Kche wittert
am Duft der Speisen. Das war keine Poesie, kein ses zauderndes Entschleiern
der Geheimnisse der Menschennatur - das war nur gemeines Schwelgen in grober,
entarteter Sinnenlust. -
    Man mu sich's mitnehmen, weil es Gelegenheit gibt, spter tritt die
Ernsthaftigkeit und die Strenge der Lebensregeln ein.
    So sprachen Hunderte der Jnger des Herrn, unbewut den Fluch ausstoend
ber sich selbst und ihre Genossenschaft. Es war die nackte Wahrheit, nur in
grasser Wirklichkeit hingestellt wie ein Skelett! -
    Betubung, Ekel, Widerwillen am Leben und Forschen hielten mich lange in
tiefster Einsamkeit. Mardochai rttelte mich endlich aus diesem dumpfen
Hinbrten auf.
    Geht Ihre Poesie schon zu Ende? redete er mich mit derselben
zurckgehaltenen, leidenschaftlichen Wrme an, die ihm eigen war. Sie fangen an
zu karthusern, ein unpassendes Spiel fr einen Protestanten.
    Ich erzhlte ihm meine Erfahrungen und legte offen und blos den mit Asche
bedeckten Heerd meiner Gedanken. Das ist ein Gemlde unserer christlichen Welt,
schlo ich, an solch wurmgefriges Holz lehnt sich die Kirche.
    Diese Entdeckung ist nicht neu, erwiederte Mardochai. Betrachten Sie die
Sache jedoch ruhig, als Christ, mit Liebe, Duldung und unparteilichem Auge!
Gehen Sie Lehre und Leben durch und ziehen Sie Parallelen zwischen beiden. So
lange Sie trennen, wird keine Einheit geboren. Das Leben im Genu sinnlicher
Lust, ist's etwas anderes, als die in heiliger Umzunung verrckt gewordene
Liebe? Mgen Sie's dem Menschen verdenken, da er an der Natur sich erheben
will, wenn ihn zuvor die Unnatur herabgewrdigt hat durch Demuth zur Carikatur
des Hundes? Lieber Freund, ich finde, Sie sind ungerecht! Harte Gesetze
verlangen raffinirte Witze, um sie unschdlich zu machen. Bese ihre Kirche
keine Wissenschaft der Moral, so htten Sie keine Unmoral zu bekmpfen; ohne
Ascese gb' es keinen outrirten Wollustgenu. - Wo wollen Sie hin mit Ihrem
Seufzer ber Sndhaftigkeit? Es ist keine Snde, was sich der gesunden Vernunft
als nothwendige Folge einer thrichten Vorschrift zeigt. Auch der begabte Mensch
thut aus Instinkt, was aus Freiheit zu thun ihm seine papiernen Herrscher
verbieten. Es ist blos das jus talionis, das er an sich selbst, dem
ursprnglichen Frevler, vollzieht. Da Untergang des Gestraften oft eng damit
verknpft ist, gehrt unter die vielen tragischen Witze, die der Schalksnarr
Gottes oft auf Kosten seiner eigenen Ehrlichkeit an dem Rande der Weltgeschichte
reit. Auch Gott ist humoristisch, wenn er verdrielich wird! -
    Mit diesem vernichtenden Troste verlie mich Mardochai. Ich begann zu feiern
in der Poesie des Liebesgenusses und suchte mein gefoltertes Herz im Forschen
nach Wahrheit zu erfrischen. Das Leben der Vergangenheit und Gegenwart brachte
ich unter die Lupe meines vernichtenden Gedankens. Beide nahmen gleiche Gestalt
an, die Geschichte war und blieb Kokette von Anfang bis zu Ende, das christliche
Element schmckte sie nur aus zu haltbarer Liebenswrdigkeit. Mardochai's Worte
fanden Besttigung in allen Nuancen - ich war beruhigt; denn geschieden auf
immer ward von Stund an in mir Mensch und Priester.
    Die Liebe lag, wie eine Jungfrauenleiche mit gebrochenen schnen Augen auf
dem blutrothen Sarge meines Herzens. Ueber sie gebeugt streute die Unschuld die
letzten Sonnenfunken ihrer Herrlichkeit, dann sank sie zusammen, ein farbloser
Schleier. Sie ward zum Grabtuch fr Liebe und Herz. Eins verging und verweste
mit dem andern.
    Von jener Zeit an datirt sich die Zeit meines ungetrbten Glcks.
Leidenschaftlich bewegt fr alle Interessen der fortschreitenden Menschheit, war
ich theilnahmlos als Lehrer derselben. Ich konnte nicht mit Ueberzeugung Christ
sein, weil ich ohne Ueberzeugung Kirchendiener war. Das Menschenthum stand
ausgeschlossen von beiden, wie ein betender Zllner an der Schwelle des Tempels.
Ein dumpfer, schrillender Ton fuhr wie Memnonsklingen durch die gewitterschwle
Luft meiner Gedanken, und schlug die Rosenflgel eines neuen Morgens auf in
meinem Herzen. Heuchele, sprach die Stimme des Gottes der Welt in mir, heuchele
der Moralitt zu Liebe und erringe auf protestantisch-jesuitischem Wege der
Zukunft und ihren Kindern, was Offenherzigkeit dem bornirtem Umherblinzeln der
Gegenwart nicht anbieten darf. Schicke dich in die Zeit, sei klug und in der
Klugheit glcklich!
    Es fehlte mir nicht an Gelegenheit, die Trefflichkeit dieses Grundsatzes
praktisch zu erproben. Die Meisten von denen, welche sich der Theologie ergaben,
waren geistesarme, beschrnkte Menschen, denen eine dereinstige Anstellung und
leiblich solides Auskommen das hchste Ziel aller Wnsche blieb. - Glckliche
Einfalt, Gttin der Dummheit, warum verehrst du nicht Jedermann bei Zeiten eine
warm wattirte Schlafmtze, dieses Ruhekissen der Gedanken, unter deren Knistern
wohlthtiger Schlaf auf die armen Schlucker herabfallt? - Die Wenigen, deren
gleiche Zweifel die Seele zerrissen, wuten nur auf hnlichem Wege mit mir
Befriedigung zu finden. -
    Immer damit beschftigt, ein Mittel ausfindig zu machen, das geeignet sein
knnte, die Welt aus jener milichen Lage zu befreien, in die sie gerckt worden
ist durch verstellte Frmmigkeit und unbegriffenen Bekehrungseifer, glaubte ich
es gefunden zu haben in dem stillen Untergraben der Glubigkeit. Man darf nur
gleichgiltig, theilnahmlos auftreten, um Klte zu erzeugen. Das tdtet, das
mattet wenigstens ab, und wo Schlaffheit eintritt, ist der umgestaltenden Kraft
bedeutend vorgearbeitet.
    Mit dieser Ueberzeugung ward und blieb ich Theolog. Mein Leben unterwarf ich
keiner Aenderung. Ich setzte es jetzt aus Verachtung der zuknftigen
Abgeschlossenheit fort, wie ich es frher begonnen in begeisterter Liebe.
Seltsam nur und bitter ironisch war mir der Gedanke, da ich gerade im
Gegensatze von dem, was Eduard als Heiligendes und Vollendendes anerkennen zu
mssen glaubte, meine Heiligung und Vollendung ohne langes Suchen gefunden
hatte. Ich sehe mit Verlangen dem Ablaufe des fnfzehnjhrigen Cyclus entgegen,
um Gewiheit darber zu erlangen, wer von uns beiden der Glcklichere geworden
sein wird. -

    Hier breche ich abermals ab, Du wirst ohnehin genug zu denken finden an dem
Mitgetheilten. Der Arme, er ahnt noch nicht, da ein unseliges Geschick ihn
selbst triumphiren lie ber den frommen Wahn des Andern. Eduard ist jener tolle
Mnch Bonifacius, den ich aus dem Kloster gerettet habe, den die rasend
gewordene Sinnlichkeit, zum Mrder seines Priors gemacht, in dem ich seinen
Verfhrer zu erkennen glaube.
    Mardochai aber, Mardochai, Du bist ein entsetzlicher Mensch! Denn glaube
mir, Raimund, da nur Rache an dem Christentum diesen stolzen Geist einen
Glauben erfinden lie, der bei einzelnen Wahrheiten ein blendendes Gewebe
verfhrerischer Dialektik ist! Ich kann nicht glauben, da Gleichmuth, dieser
Mensch der Besonnenheit, jetzt den Betrug nicht merken sollte. Mardochai hat
sich in der That Shylok zum Muster genommen und sein Pfund gerissen aus der
Brust des Christenthums als Zinsen der Rache. Er hat einen seiner edelsten Shne
an den Rand des Verderbens gelockt und als Aschenhaufen mit kmmerlicher Flamme
wie ein Irrlicht daran herumgaukeln lassen, um ewig zu zittern vor der Angst des
Todes! Es ist eine groe, poetische Rache des Judenthums, aber dennoch
entsetzlich! Und nun ist dieser Mardochai ein Handelsmann geworden! Wie liegt
hier Ironie neben Ironie; wie springt ein verzweifelter Humor mit hellem
Gelchter durch die Lebensgeschichte zweier Religionen in ihren Reprsentanten!
    Morgen oder bermorgen verlasse ich diese Stadt der Dumpfheit auf einige
Tage. Unterwegs will ich Bardeloh das Manuscript mittheilen, er soll mir
entrthseln, was noch im Dunkeln liegt. Das Ende dieser Verkettungen, alle
geboren aus der Unnatur europischen, religisen, socialen und politischen
Lebens, kann kein friedliches sein. Ich beklage mich oft selbst, da ich ein
Kind heie dieser Zeit und dieses Erdtheils! - Aber wohin fliehen, um dem Gift
misverstandener Civilisation, verkannter Glaubenslehren und boshaft verdrehter
Menschenrechte zu entgehen? Kein Land ist so rein und heilig, da die Gemeinheit
sich nicht anranken knnte mit dem kletternden Finger ihrer reizenden
Frivolitt. Wie die Einfachheit das Bezaubernde der Tugend, so ist die Grazie
das Verfhrerische des Lasters. Unschuld besticht durch Natrlichkeit, Snde und
Verderben durch den Glanz einer erheuchelten Natur, der Koketterie! Dieser
Verfhrerin entgeht kein Land und kein Volk, nur der sittliche Gedanke, dieser
Augenstern der wahren Gottheit, mag sie verscheuchen, so lange er nicht ganz
verdunkelt wird von der Trunkenheit des Augenblicks. -
    Da erhalte ich einen Brief - er ist von Auguste! - Alles Elend wird mir
entrckt, in weite, weite Ferne. Wie ein Wstenbild nur steht es drohend am
Horizont der umwlzenden Zeit, und wieder als leitender Magnet, zitternd bewegt
und doch friedlich still, glnzt die Liebe mir entgegen und hllt mit tausend
sen Trumen mich ein in das beseligende Sterbekissen aller Welt! - Ja, es ist
und bleibt wahr - die Geliebte ist mein Erretter! -

                                       7.



                                 An Ferdinand.

                                                           Kln, den 23. August.

    Sind die Weiber doch wunderliche Geschpfe! Wenn sich alle Gefhle in ihnen
nach Hingebung an den Geliebten sehnen, springt die Laune, dieser unablssige
Begleiter aller Weiblichkeit, herbei und dictirt Bedingungen, Vorschriften,
Verhaltungsregeln, als glte es die Erhaltung eines knstlich regierten Staates.
Glaube aber Niemand, da in solchem Thun Enthaltsamkeit liege; es ist nur
Steigerung des Reizes, Vorgenu der heiligsten Lust.
    Die Weiber sind die Gtter der Erde, die lebendig gewordenen Gesetze jener
schnen Religion, die allein unangefochten bleiben wird fr immer. Unsere
Religion nennt sich die Religion der Liebe. Seltsam! Die Religion der Klte
wrde zuweilen bezeichnender sein. Liebe ist nicht denkbar ohne Hingebung, und
wo diese mglich sein soll, mu Gluth, Begeisterung und Auflsung in heilige
Lohe als erstes und letztes Gesetz anerkannt werden. Gibt es eine Religion, die
uns dies gewhrt, die sich die Schnheit der Form zum Muster genommen fr innere
und uere Ausbildung? Mir scheint, dem Gesetz der Liebe fehle zuweilen das
Ueberzeugende. Die Sucht, recht therisch und erhaben zu werden, hat die
Flachheit geboren; es ist Alles kahl, glatt, sogar solid langweilig geworden!
Nur die pulsirende Wrme des Fleisches kann Leben und Seele diesem zu geistigen,
idealistisch-todten Wunderbau wieder einhauchen. - Aber hre, was mir Auguste
schreibt, das seltsame Mdchen, voll unschuldiger Koketterie, ein Weib in jedem
Gedanken!


                             Auguste an Sigismund.

    Wir werden uns nicht wiedersehen, trauter Freund, bevor Du nicht Bue
gethan hast. Du sollst zwar immer wissen wo ich bin, meine Thr aber wird fr
Dich verschlossen sein. Bist Du bse, mein Geliebter? Ich ksse das Wort, um
Dich zu vershnen. Aber was denkst Du von mir, da es Dir in den Sinn kommen
konnte, unter heidnischem Jubel und Wahn so mir nichts Dir nichts meinen vollen
Besitz erstrmen zu wollen? Jedes Mdchen ist ein verschleiertes Bild zu Sais.
Kein Ungeweihter darf mit roher Gewalt den Schleier lften, er sinkt sonst
ohnmchtig zu Boden und seine Ruhe ist dahin fr immer. -
    Es ist unglaublich, Sigismund, was ich mir Alles einbilde. Was glaubst, was
denkst, was rthst Du wol? - Ich will Dir helfen. Da halte ich mich zum Beispiel
fr recht hbsch und sttze mich dabei auf Dein eignes Urtheil; auch klug bin
ich zuweilen, schlau immer und boshaft nicht selten. Am meisten be ich diese
letzte se Tugend meines Geschlechts Dir gegenber, trauter Freund! Ich mu
necken, stacheln und reizen knnen, was ich lieben soll. Ihr Mnner rgert Euch
freilich darber, und das ist mir gerade recht. Dir, Geliebter, mache ich gewi
das unbedeutenste, ungraziseste Compliment in Gesellschaft, weil mich's
ergtzt, ein eiferschtiges Grbeln ber Deine Mienen hinwegklettern zu sehen.
Ein Fegefeuer vor dem Eintritt in den ganzen Himmel unserer Gunst ist Euch
harten Seelen sehr zutrglich. Eure Ksse sind dann wrmer, dauernder,
beseligender. Es sind Sterbekissen unserer Seelen mit Goldfunken umsumt. Auch
die meine hofft sich darauf einzuwiegen in den wonnedurchflsterten Traum des
reinsten, glckseligsten Lebens! -
    Nun, wirfst Du mir jetzt noch Zurckhaltung vor, Du bser Verfhrer? - Sieh,
wenn ich des vorgestrigen Abends gedenke, so schlgt die Gluth meines brennenden
Herzens hell leuchtend an den bleichen Himmel meiner Stirn, und die
Jungfrulichkeit meiner Empfindungen versteckt sich in die tiefsten Falten des
Mieders, wie ein Kind, das sich vor der Strafe frchtet. Es war sehr, sehr bs
von Dir, Sigismund, da Du Deinen Mund so misbrauchen konntest und bald eine
neue Firmelung fr Dich nthig gemacht httest! - Aber ich kann Dir nicht lange
zrnen, schmollen ist langweilig und mein ehrenwerther Cerberus, Klapperbein,
hat einen so richtigen Blick, da er sogleich wei, ob ich auf der rechten oder
linken Brust Schmerzen empfinde.
    Willst Du mich besuchen, Sigismund? - Bitte, komm, aber nur bis an die
Thrschwelle. Wart', ich will nachsehen im Kalender, wie lange Deine Bue dauern
soll. Nicht barfu im Schnee und im Hemd sollst Du Bue thun, sondern recht
anstndig verhllt, ganz sittsam und in der verzehrenden Gluth der Erwartung. -
Sehr gut - sechs Tage dauere diese Qual, mein geliebtes Herz! Dann will ich den
Riegel, wie von Geisterhand gelftet, niederklirren lassen und farbiger
Dmmerschein, wogend auf dem Blthenaroma meiner Lieblingsgewchse, soll Dich
umschmeicheln. Dann suche, suche und irre umher in der durchdufteten Halle! Du
stehst am Hochaltar der Liebe, die Natur schwenkt in ihren Blumenkelchen tausend
Weihrauchfsser, und die glimmernden Kerzen der Feuerfliegen leuchten mit
sanftem Glanz zu dem heiligen Lebensfest. - Der Hohepriester aber legt das
Gewand der Hohheit an. In stiller Andacht, wonnebeglckt, sehnsuchtumrauscht,
wirst er das schwellende Gewand der Menschheit um sich. Es verschwindet die
hemmende Sitte und nur die Natur waltet frei. - Es ist Alles bereit zum
erhebendsten Liebesdienst, und es liegt nur an Dir, mein Sigismund, wenn Du
nicht hinsinkst in die Andacht des Genusses, betubt, ohnmachts,
wonneschwelgend.
    Hinweg mit aller Heuchelei zwischen Herzen, die ihren Pulsschlag schon
gefhlt in unmittelbarster Berhrung! Prderie ist der Tod aller Liebe - Willst
Du mein Glaubensbekenntni hren? Es ist einfach, so einfach wie ich, der
Abdruck meiner innersten Gedanken. Nicht wahr, Sigismund, Du bist, was man so
Protestant nennt? Versteh' ich das Wort recht, so bin ich eine sehr starke
Protestantin, obwol ich mich fr eine gute und fromme Tochter der
alleinseligmachenden Kirche halte. Ich protestire eifrig gegen alle zierlichen
Verhrungen und liebe die Freigeisterei, die Keckheit in der Liebe. Freilich ein
sonderbares Gemisch von Rechtglubigkeit und Frivolitt, die mir aber ganz
wohlgefllt, weil sie reizt.
    Liebe, mein glhender Freund, heit das erste und letzte Wort meines
Katechismus. Das ist ein vieldeutiger, schwer zu interpretirender Ausdruck, und
dennoch bin ich so leicht damit fertig, wie mit einem Kusse Kann dieser nicht
die Stelle eines langen Commentars vertreten? - Ach, ist dies ein langweiliges
Leben jetzt! Und nun vollends, seit ihr Mnner so trbsinnig zerfallen seid mit
dem Dasein und an nichts mehr eine heitere Freude findet! Was sucht ihr denn,
Thrichte? Freiheit, Ausgleichung verworrener Zustnde, politische Reformen,
eine Umbildung des socialen Lebens. Ich glaube, so ungefhr lauten die Titel zu
den Klageliedern, die Ihr nun schon seit Jahren in verschiedenen Tonarten
variirt. Sigismund, ich sage Dir und Allen, die Dir gleichen, da ihr Thoren
seid, rechte blde, mondschtige Thoren! - Liebt, und Ihr seid frei, aber liebt
menschlich-natrlich, nicht weltlich-frivol. - - Ach Du lieber Himmel, da hab'
ich so eine Art Lsterung geschrieben, ich kann sie aber unmglich wiederrufen,
wenn ich ehrlich bleiben soll. Und nicht wahr, Ehrlichkeit gehrt auch zu den
Tugenden der Frauen?
    Hast Du mich verstanden, Sigismund? Ich bin ziemlich unerfahren, schlicht
und wenig bekannt mit der Qual des mnnlichen Lebens, aber eben deshalb glaub'
ich ein Recht zu haben, schuldlos und unparteiisch meinen Rath hinwerfen zu
drfen in dieses freudenlose Schwanken und Irren. Versucht zu lieben, ihr
Unglcklichen, liebt mit aller Genialitt des Geistes, der in Euch bewegter ist,
als in frheren Geschlechtern, und Ihr werdet gesunden!
    Wir Weiber sind seltsam, wir fhlen auch das Unglck der Zeit, aber uns
drckt es nicht nieder, wie den Mann. Das Weib hat Kraft, Alles zu ertragen, so
lange sie lieben kann; nur mit der Fhigkeit zu lieben endigt ihr Dasein.
Frevelt nicht, ihr europamden Mnner, an der Allmacht der Liebe, sonst vertilgt
Ihr Euch selbst und Euren Thatendrang. Frei werdet Ihr sein, sobald Ihr es wagt,
frei zu lieben.
    Die Liebe ist die Religion der Welt. Dies sollst Du lernen, Sigismund, nach
abgelaufener Buezeit. Warum schlingt sich diese Weltreligion so fest an einen
gemachten Himmel, jenen unbestimmten Begriff alles Ungewi-Schnen,
Traumhaft-Erhabenen? Warum ist die Liebe so feig gewesen, sich binden zu lassen
mit drren Binsen versengter Gesinnung? Warum hat sie sich erniedrigt und ist
hingesunken unter das kalte Douchebad verstndiger, gut gemeinter Gesetze? Das
Leben bewegt und gestaltet sich am schnsten, wenn ihm wohlwollend alle Wege der
Entwickelung geffnet werden, und jede Schranke fllt, die nicht begrndet ist
in der Natur. Ist Liebe etwas anders als die Umarmung zweier Flammen, die sich
auflsen in eine? Bedarf ich Ermahnung, wo Alles glht? oder Migung, wo sie
allein sittenlos, fluchwrdig und Lsterung des Lebens wre? Sieh, mein
Geliebter, das ist es, was ich der Mnnerwelt rathe zu bedenken. Genialitt in
der Liebe gebiert Genialitt im Leben. Aus der Gewohnheit, und htte sie sechs
Weihen empfangen, wird kein Sprling erwachsen, von Sonnenduft und Aetherglanz
umwallt. Nur die Freigeisterei der Liebe erzeugt den Heroen der Freiheit!
    Ach, was ich muthig bin und doch so traurig! Sigismund, mir bangt, wir
werden uns nicht gar lange besitzen. Dringe nicht in mich, verlange nicht zu
schnell das Band der Ehe um meine auf freien Flammen sich wiegende Seele gelegt!
Nicht etwa, da ich etwas gegen die Ehe habe, ich achte und ehre sie und wnsche
dereinst ihr Glck zu genieen, aber die Erinnerung an die freie Vergangenheit
wrde meine Liebe schwchen und die Begeisterung herabsinken zu gewhnlicher
Liebelei. Und wre dies nicht entsetzlich, entwrdigend? - Sei nur nicht bse
ber meine Zweifel. Es kommt mir nun einmal so vor. Irre ich, so belehre mich
eines Besseren!
    Die Menschen haben wunderliche Begriffe von Wahrheit, Tugend, Religion und
Sittlichkeit. Ich fhle, wie ich blutdrstig werden knnte als Mann, wenn mir
das Gesetz die Heiligkeit des Lebens vorschreiben oder zum Verbrechen machen
wollte, sobald ich unbegrenzt forderte, wozu die Vernunft ein Recht hat!
Gottlob, da ich ein Weib bin und nicht zurechnungsfhig! Stimme nicht fr die
Emancipation der Frauen, Sigismund, ich gebe Dir statt hundert Kssen hundert
Ohrfeigen, die Zinsen nicht mitgerechnet! Ich mag nicht emancipirt sein zur
Gebundenheit mnnlicher Qual! Ich will kindisch bleiben und eigenwillig, um
lieben zu knnen, frei, begeistert, ohne Ma, genial, wie der Augenblick es
heischt, der mein Gott und mein Heiland ist! Sigismund, tausend Ksse Deinem
Sieg begehrenden Munde! Diese Rosenbltter hier nimm statt verkrperter
Liebeshauche. Ich habe sie alle geweiht im Duft meiner heiesten Gedanken. Wenn
Du ein liebendes Auge besitzest, findest Du in jedem ein getreues Conterfei des
Lippenpaares, dem Du vertraut hast, da es keinen Gott gibt im Himmel und auf
Erden, ohne die Liebe. Es war ein ses Gestndni, es hatte meinen Beifall.
Nicht allein Gott ist die Liebe, sollte es heien, sondern auch: die Liebe
ist Gott! -

                                                                  Deine Auguste.

    Nein, Raimund, noch bin ich nicht unglcklich. Wer ein Wesen an seiner Seite
fhlt, wie dieses Mdchen, der hat noch zu hoffen Groes, Schnes, Ewiges in der
Welt. Auguste hat recht, sie lst spielend, wie die Unschuld immer, die
schwierigsten Probleme weltlicher Gestaltung. So lange die Weiblichkeit rein
bleibt und frei, steht der Menschheit mit ihren tausend Schmerzen noch kein
Untergang bevor. Wre uns nur vergnnt, das auch eben so leicht zur
Allgemeinheit der Anschauung zu erheben, was die Genialitt des liebenden Weibes
in ihrer gttlichen Unmittelbarkeit erkennt. Aber das ist es ja eben! Wir
verkmmern in der Einsamkeit unseres Wunsches, dem kein Hebel gegeben zur
Thatgestaltung. Es fehlt an einer Basis, die Frucht jahrhundertlangen Denkens
gro zu wiegen zur Jugend. Die Kinder der Thaten sind vorhanden, aber sie
ersticken am Zulp, den ihnen das Zeitalter der Priesterherrschaft, mit saurem
Brei gefllt, in den Mund gedrckt hat. Die Zeit kriegte die Schule davon und
stirbt nun an Krmpfen. -
    Whrend ich dies schreibe, fhle ich im Stillen, da nur die Schrift der Weg
ist, ber dem die Verdorbenheit und Unnatrlichkeit der Gegenwart das neu zu
gebrende Leben hinberfhren mu in den Paradiesesgarten der neuen Unschuld.
Sperrt die Gedanken in eherne Laternen mit geschliffenen Glsern, damit sie
leuchten, wie Gasflammen in einem Mikroskop, und sendet sie hinaus auf den Markt
der Nationen. Es wird nicht an Buben fehlen, die mit den Kieseln der Gemeinheit
nach den hellen Lichtern werfen und die Laternen zertrmmern. Aber kmmert Euch
nicht um die Brut, das Licht ist eben so ewig, als die Wahrheit. Verdmmern
knnt Ihr es, aber nie ganz verlschen.

                                                                  Am 14. August.

    Mir ist ein groes Unglck begegnet. Die Verheiung hoher Seligkeit in
Auguste's Brief versetzte mich in eine der Trunkenheit verwandte Stimmung. Wer
mag auch ruhig und gemessen bleiben, wenn tausend Freuden unser Herz beengen?
Ich verga Alles um mich her, nur der warme Himmel, der sich herabstrzen zu
wollen schien, lockte mich, denn er war gleich mir, trunken von
Liebesbegeisterung. Ich eilte hinaus, unbekmmert um Offenes und Geheimes.
Gleichmuth's Manuscript, dieses vieldeutige Rthsel einer verkmmerten Societt,
lag auf dem Tisch; ich verga es einzuschlieen - es ist entwendet,
verschwunden! - Zwar will es Niemand gesehen, Keiner mein Zimmer betreten haben,
um die kostbaren Bltter zu erbeuten, aber ich traue Keinem, am wenigsten meinem
Gastfreund Bardeloh. Sein Lugnen macht ihn nicht ehrlich in meinen Augen. Der
Wahrheit zu Liebe befiehlt uns die gesunde, natrliche Vernunft, hundert Lgen
zu ersinnen, und wir freuen uns nur ber unser eigenes Poetentalent. - Auch kann
ich mich unmglich grmen ber den Verlust; denn ich besitze ja ein Herz, das
Herz Auguste's, diesen sprudelnden Brunnen unerschpflicher Liebe! Was geht mich
im Genu dieser Gewiheit die Welt noch an mit ihren groen und kleinen
Erbrmlichkeiten? Ach, ich fhle es, die Liebe macht egoistisch, rigoristisch,
aristokratisch, Alles, Alles, nur nicht kosmopolitisch! Ich werde ganz irre am
Laufe der Welt, an Demokratie und Freiheit. Ich wei nicht mehr, was ich halten
soll von mir und dem Streben derer, denen ich so gern meinen brderlichen Ku
eindrcken mchte in ihr tiefstes Herz! Ach, Auguste, ich werde Dich noch
hassen, weil Deine Liebe mich zur Apostasie verfhrt! -
    Eben komm' ich zurck von meiner zweiten Bufahrt, gestern hielt ich die
erste, die seste! Glaubst Du, Raimund, da mich Hunderttausende beneiden
wrden, knnten sie nur im geringsten ahnen, mit welchen tnenden Fittigen die
Stunden um mich fliegen, die Nachtigallen der Zeit, whrend eine ewige Dmmerung
um Himmel und Erde ihre heiligen Grotten baut? Erst im Zaudern der Geliebten
lernen wir das Glck kennen. Die Erwartung ist der schpferische Gott, der
Genius aller Begeisterung, das Erlangen ist nur se Ermattung, keine reine,
ewige Freude!
    Aber Auguste ist consequent, reizend consequent, eine Philosophien nach
allen Regeln der Logik, die im Katheder ihres Herzens der wunderliche kleine
Professor, Eigensinn und Laune, mit meisterhafter Virtuositt vortrgt. Ephraim
Klapperbein begegnete mir auf der Flur, sein Lcheln weissagte nichts Gutes. Er
flocht einen Korb und hielt ihn mir, ziemlich fertig, entgegen, ein lustiges
Lied vor sich hinbrummend. Eine halbgeleerte Flasche Moselwein stand auf einem
umgestrzten Fasse, beinerne Wrfel lagen daneben, Karten, Spielmarken, Bohrer
und Pfriemen bunt unter einander. Mir ward gar seltsam- unheimlich, als ich den
halbfertigen Korb erblickte. Gebe der Himmel und die Liebe, seufzte ich in der
stillen Kirche meines Herzens, da diese Symbole keine Bedeutung fr mich haben
mgen! Ephraim mochte meine Gedanken errathen, er bi die Lippen und lud mich
ein, mit ihm auf die Gesundheit des Frulein Auguste zu trinken.
    Wollen Sie eins riskiren? fragte Ephraim, griff nach einem Stckchen
Weibrod und drehte die Krumen zu Kgelchen. Dazwischen flocht er an seinem
Korbe, trank Wein und brummte sein joviales Lied.
    Was soll ich denn riskiren?
    Nur 'nen Wurf. Mgen sehen, ob Sie Kreuz kriegen oder keins.
    Gott behte mich; es ist ohnehin Kreuz genug in der Welt! Wir schleppen
seit Menschengedenken entsetzlich viel Kreuz mit uns herum, und werden weder
froh noch satt davon.
    Schaun's! rief Ephraim, ich hab' doch 'n Kreuz geworfen und das freut
mich, der Korb wird allerliebst werden!
    Hole der Teufel Dich und Deinen Korb! sprach ich im Stillen und griff nach
den Brodkgelchen. Denn jetzt erst fiel mir's ein, da es mit dem Kreuzwerfen
eine ganz eigene Bewandni habe. Am Rhein werfen alle Mdchen ihre Wnsche in
Kreuze, und geht's nicht, rcken sie die verzogene Figur sehr naiv in die rechte
Form. Das ist allerliebst von den rheinischen Mdchen. Wer doch so harmlos sein
und auch Kreuze werfen knnte, um aus den gelungenen, graden oder schiefen die
Erfllung seiner heiesten Wnsche zu lesen! - Nun ich warf lauter schiefe
Kreuze von der curiosesten Art; es wollte keins nach Wunsche gelingen, und doch
fehlte es wahrhaftig nicht an Wnschen. Von Oben herab hrte ich Auguste's
Silberstimme singen:

Kommt er nicht, so lt er's bleiben
Grm' ich mich doch nicht zu todt,
Andern auch gefllt mein Fchen,
Meiner Wangen duftig Roth.

    Es ist gut, da mein Korb bald fertig ist, sagte Ephraim. Ich will mich
dazu halten, damit Sie nicht warten drfen. Denn Sie kriegen im Leben nicht, was
Sie wnschen.
    Ich stie das Fa um sammt Wrfeln, Karten, Wein und Glsern und strzte die
Treppe hinauf. Ephraim lachte, jeder Andere wrde geflucht haben. Die
Rheinlnder sind aber gebildete Leute, sie trinken keinen Schnaps, und das
schtzt sie vor brutaler Gemeinheit. Grob sind sie dessenungeachtet, aber es ist
eine aromatische Grobheit. Sie duftet immer nach einer Art Grazie.
    Vor der Thr angekommen, klopfte ich. Niemand rief, herein! auch die
muntre Sangesweise war verklungen. Ich rief Auguste's Namen. Sigismund?
fltete die Stimme, deren Echo nie verklingt in meinem Herzen, des Nachts die
wunderlichsten Variationen anstimmt und klimpert auf dem Harmonikord meiner
zitternden Seele, Sigismund, willst Du Bue thun?
    Nein, rief ich, kssen will ich Dich und nicht ben! Ich rttelte an
der Thr, sie war verschlossen. Meine lose Peinigerin lachte und sang wieder:

Kommt er nicht, so lt er's bleiben.

    Beinahe hatte ich angefangen zu schimpfen, doch hielt ich es fr
angemessener, mich auf's Bitten zu legen. Ich drckte meine fieberglhende Stirn
an den Messingbeschlag der Thr und bat in den beglckendsten Schmeichelworten
um Erla der Bue. Nur den Hauch ihres Mundes sollte sie mich fhlen, ihre Lippe
sehen lassen, den Blick ihres Auges untertauchen in den sich trbenden Schimmer
des meinigen!
    Das ist billig, kicherte die Muthwillige, der Schlssel klirrte im Schlo,
mir ward ein Blick vergnnt in das blumendurchduftete Heiligthum. Niederknieend
verdammte ich hundertmal alle Schlosser in den Abgrund der Hlle, der
Lichtschimmer erlosch, Auguste legte den Mund an die Oeffnung; nur unser Athem
berhrte sich warm und lind. So, nun ist's genug, sagte Auguste und ich sah,
wie sie im durchleuchtenden Kleide von Rosaseidengaze durch das Zimmer hpfte,
und sich in die Kissen des Sopha warf in der reizendsten, kindlich
unbefangensten Stellung. Ein liebendes Mdchen ist grausam, je liebgeglhender
desto grausamer! Auguste verschlo mir nicht die Einsicht in ihr Zimmer, sie
marterte mich mit dem hingebendsten Lcheln, aber sie lie mich drauen vor der
Thr warten, seufzen, bitten! Bue mu sein! lallte sie liebreich vergebend,
nach sechs Tagen erhre ich mich selbst.
    Sie lste die blauseidenen Schuhe, die mild und warm, wie ein Stck
Frhlingshimmel ihren schnen Fu umspannten. Sinnend grub sich die weie Hand
in ihr dunkles Haar. Mit dem nackten Fu zeichnete sie meinen Namen auf den
buntfarbigen Teppich, legte sich dann zurck in das Sopha, und lie die warmen
Lfte mit den Blumenstaubfchern sie einwiegen in sanften Schlaf. Ein Luftzug
spielte in wunderlichem Necken mit der leichten Kleidung. Eine unschuldige Venus
lag sie in der Flle jugendlicher Schnheit wie unter Rosen begraben. Dann
tauchte ein zweiter Hauch die schlummernde Anadyomene wieder in den Rosenschaum
der schmeichelnden Gewnder.
    Glcklich, sie doch gesehen zu haben, schlich ich die Treppe hinunter.
Ephraim berreichte mir den fertigen Korb, den ich zum Dank unter meinen Fen
zerbrach und die Stcke dem alten Manne recht derb auf sein graues Haar drckte.
Ephraim versteht Scherz; er lachte und hie mich wiederkommen, denn ber Nacht
sei der Schade schon wieder herzustellen. Zwar ist mir der schadenfrohe Wchter
heut nicht begegnet, aber der Verlauf meiner Bufahrt blieb ziemlich derselbe,
nur ward ich nicht durch eine gleich reizende Ein- und Aussicht wie gestern
entzckt. Auguste ist unerbittlich; sie hlt erstaunlich viel auf ihre eigenen
Gesetze. Dabei unterlt sie nicht, fr Andere zu denken. Sie ist zrtlich
besorgt fr das Wohl ihrer Freunde und Freundinnen, und erinnerte mich an eine
Pflicht, deren Vernachlssigung ich nur dem Drange meiner Liebe Schuld geben
mu. Auguste trug mir auf, Lucie zu besuchen, von deren Zustande ich seit dem
verhngnivollen Abende nichts mehr gehrt hatte.
    Eine Viertelstunde spter lie ich mich anmelden. Ich ward vorgelassen und
traf auer Lucien ihren Geliebten Oskar, den Pastor Gleichmut! und jenen
Pietisten, dessen ich schon einmal Erwhnung gethan habe. Diese Gesellschaft
fiel mir auf. Was suchte der Pietist bei Lucien, der Katholikin? Oskar erklrte
mir mit wenig Worten den Zusammenhang. Der Pietist, ein reicher Kaufmann, Namens
Steinhuder, ist Luciens Vormund, gleich bewandert im Wechselgeschschft des
Himmels wie der Erde, und ein Todfeind des reinen Protestantismus. Ich begreife
recht wohl, wie der bigotte Katholicismus und der evangelische Pietismus sich
umarmen knnen. Sie haben beide ein Ziel, wenn sie es auch nicht immer ahnen.
    Lucie hatte sich lngst wieder erholt. Sie war flatterhaft, von schalkhafter
Laune, wie immer, und ich kann nur nicht begreifen, wie der verstndige Oskar,
ein junger Jurist, dieser heiteren, gesunden Sinnlichkeit gengen kann. Doch ist
mir Oskar noch zu fremd, als da ich ein bestimmtes Urtheil ber ihn fllen
knnte. In seinem Auge glht Leidenschaft, nur der Nebel der Vorsicht scheint
bld und gleichgiltig darber hinzustreifen.
    Wie geht's denn meinem unberufenen Chapeau d'honneur? fragte Lucie, indem
sie mir den Arm reichte. Ich mchte nicht zum zweiten Mal eine Extratour mit
ihm tanzen, er ist zu feurig, zu wild, flammender als Ihr jungen Herren, die Ihr
Euch schmen solltet! - Sie gab mir mit dem warmen, feuchten Hndchen einen
Schlag auf die Wange. Ich kte ihr die Hand.
    Das ist gut, fuhr sie fort. Aus Ihnen kann noch etwas werden; ich an
Ihrer Stelle htte mir jedoch die Lippe zum Ruhepunkt gewhlt.
    Oskar stand am Fenster und warf heimliche Blicke auf uns. Die beiden
christlichen Mnner saen am runden Tisch und disputirten eifrig ber Sein und
Nichtsein des Himmelreiches.
    Lieber Sigismund, sprach Lucie, was halten Sie denn um der Liebe willen
von dem Himmelreich? Seit drei langen Stunden brechen sich diese beiden
vortrefflichen Menschen im Geiste die Hlse und zwar um die liebe Zukunft nach
dem Tode! Ich mu zwar lachen, aber 's wird mir auf die Dauer doch gefhrlich;
und wenn nun gar der sehr ehrenwerthe Steinhuder Recht hat, so bin ich in groer
Versuchung, mich ganz gehorsamst fr dies sein Himmelreich zu bedanken. Will der
Mann nichts wissen von einem liebevollen Leben in seinem Himmel, nur gebetet,
gesungen, gekopfhngert, und in einem fort biblische Geschichte soll darin
gelesen werden.
    Ich suchte sie dadurch zu beruhigen, da ich ihr versicherte, eben so wenig
in diesen Himmel der Frmmler zu kommen, als sie, deshalb wrde Gott wol ein
Einsehen haben und den Himmel in zwei Theile zerfallen lassen, um die
allzustrengen Anhnger einer immerwhrenden kalten Ernsthaftigkeit von den
Verehrern einer freudigeren Art von Seligkeit zu scheiden. Denn anders wre es,
menschlich betrachtet, kaum mglich, einen fortdauernden Frieden aufrecht zu
erhalten.
    Lucie bekreuzte sich aus purer Gewohnheit, denn sie mute lcheln ber meine
Interpretation des Himmelreichs. Scherzend hpfte sie durch's Zimmer, kte in
ausgelassener Freude ihren Oskar, und erklrte ihm rund und nett, da er ganz
und gar nicht auf eine langweilige Liebe bei ihr rechnen sollte. Sigismund
gefllt mir, sagte sie, und wer mir gefllt, den lieb' ich. Wie lange, geht
mich nichts an. Heut bin ich gut, wen ich morgen hassen kann. Wie mein Puls
geht, schlgt meine Liebe. Der Puls ist der Stundenzeiger und Thermometer meiner
Leidenschaft. Ich habe groe Lust, den Sigismund einmal von ganzem Leibe zu
lieben.
    Oskar mochte wol wissen, da Luciens Worte keine Thaten seien, denn er mute
nur lachen ber die drollige Betheuerung. Das verdro aber seine Verlobte. Mein
lieber, holder Junge, sagte sie und klopfte mit ihrem heien Finger die Lippe
des jungen Mannes. (Pfui, wer wird so unanstndig sein und Alles beien und
essen wollen, wie die Kinder!) Wenn ich nur Zeit htte und nicht gar so
aufgeregt wre, so machte ich meine Worte wahr, blos um Recht zu haben. Ich will
Recht haben, mein Bester! Nicht wahr, Du lieber, allerwunderlichster,
verliebtester Oskar, ich habe immer Recht?
    Es ist gefhrlich, mit einem geliebten Mdchen rechten zu wollen. Die Liebe
ist der parteiischste Richter und der schlechteste Advocat von der Welt. Wenn
Auguste von mir verlangte, ich sollte Seiltnzer werden und mit verbundenem Auge
auf einem Seile ber den Rhein laufen, so wrde ich sagen: Nrrchen, das ist
unmglich, ich purzele hundertmal in den Strom; beharrte sie aber darauf und
betheuerte, da es ein Leichtes sei oder ich liebe sie nicht, so wrde ich unter
hundert Kssen bei ihren leuchtenden Augensternen schwren, da sie Recht habe,
und wir wren gegenseitig zufrieden und lachten uns zwei Frhlinge mit allem
Schmelz ihres klingenden Lebens in die lichtfunkelnden Augen hinein.
    Gleichmuth's unerschtterliche Ruhe hatte das Himmelreich des Pietisten zum
Wanken gebracht. Steinhuder stand auf und schlug mit der Faust auf die
aufgeschlagene Bibel. Das ist Ketzerei, Herr Pastor! rief er aus,
gottverfluchte, in alle Ewigkeit vermaledeite Ketzerei! Was! Keine Engel sollte
es geben? Und doch steht's klar und deutlich geschrieben: ich werde aussenden
meine Engel. -
    Nun denn, fiel Gleichmuth ein, wenn Sie durchaus ohne Engel kein
Himmelreich haben wollen, so mgen sie Ihnen bleiben, nur mu ich Ihnen
bemerklich machen, da mit diesem Beweis auch zugleich die Nichtexistenz der
Pietisten im Himmel klar dargethan ist.
    Das mcht' ich wissen! rief Steinhuder. Bin ich nicht, und ist mein Sein
nicht gewichtiger als das von tausend Andern?
    Alle Achtung vor Ihrer Gewichtigkeit! In der Bibel, Ihrer einzigen
Autoritt, ist aber weder der Pietisten, noch Ihrer, Herr Steinhuder, jemals
Erwhnung gethan worden, also -
    Ha! seufzte der Frmmler und sank in der Positur eines vollwichtigen
Wollsackes auf seinen Sitz. Engel gibt's doch und ich werde auch einer werden
-
    Und sollen die Posaune blasen beim jngsten Gericht, fiel Lucie ernsthaft
ein. Sie haben ohnehin immer eine Anlage zu solchen Instrumenten gehabt, das
wird sich dann vollends ausbilden zur wahren Virtuositt. Ach, wie freu' ich
mich darauf, wenn mein lieber Vormund mit muntern Bausbacken seine himmlischen
Fanfaren wird erschallen lassen!
    Die Frmmigkeit der recht eingefleischten Pietisten ist immer bis auf einen
gewissen Grad dumm. Steinhuder war sehr vergngt ber den freundlichen Trost
seiner Mndel, streichelte sie herzlich und wandte sich triumphirend gegen
Gleichmuth, indem er ausrief: der Sieg ist mein, Herr Pastor, denn was ein
unschuldiges Kinderherz spricht, das ist Wahrheit und der ewigen Gttlichkeit
Stimme! Abgemacht - es gibt Engel und ich werde die Posaune blasen!
    Gleichmuth hielt eine Antwort fr berflssig. Ich empfahl mich dem
Frmmler, und fhrte Luciens Hand an meinen Mund. Das ist ungezogen, sprach
sie, wenn Sie wiederkommen, geben ich Ihnen zur Strafe den Backen zu kssen.
Nicht wahr, Oskar, Du erlaubst es?
    Buben und Unzchtige! rief Steinhuder dazwischen. Habt Ihr vergessen, was
da steht im Worte des Herrn? Die Unreinen lassen sich betasten die Brste
etc. Ksse sind sndlich; Liebe ist eine Schndlichkeit der Natur, eine bloe,
dumme Affenwirthschaft, die sich der gefallene Mensch nebenbei angewhnt hat.
    Sie sind sehr gtig, sprach Oskar dazwischen.
    Ein reiner Mensch, fuhr Steinhuder fort, der nun einmal wieder im Zuge
war, ein frommes Geschpf liebt Niemand als Gott, den Heiland, und die heilige
Jungfrau Maria. Ein Mensch nach dem Herzen Gottes kt nur fein sittsam,
zierlich und mit sanftem Errthen sein rechtmiges Ehegemahl, mit andchtigem
Aufblick zum Himmel und innigem Dankgebet zu Gott, dem Allmchtigen, fr solch
groe Gnade!
    Da thut er sehr recht dran, brummte Oskar und zog Lucien an sich.
    Gehen wir? fragte Gleichmuth. Es ist schwer, ruhig zu bleiben, wenn man
die Tollheit so sanftmthig rasen sieht.
    Im Weggehen warf mir Lucie eine Menge Kuhndchen zu trotz dem
hochrothglhenden Posaunenengelgesicht ihres Vormundes. -
    Es war ein schner, weicher Sommerabend. Die Lust wehte sanft und lind;
weie, leichte Wolken zogen ber den Himmel, die Sonne sank glhend hinter dem
Dome hinab und hllte ihn in einen dunklen Purpurmantel. Wir gingen ber die
Rheinbrcke hinber nach Deuz.
    Diese Menschen, sagte Gleichmuth, sind wie das Ungeziefer. Sie buhlen mit
ihrer eigenen Frmmigkeit und diese Art ist fruchtbar wie Froschlaich.
    Nach mancherlei Gesprchen fragte mich der Pastor nach seinem Manuscript;
ich versprach es ihm nchstens wiederzugeben.
    Behalten Sie es an sich, entgegnete der Geistliche, ich glaube, dies
Vermchtni guten Hnden bergeben zu haben, und sind Sie der Meinung, es knne
durch Mittheilung meiner Lebensgeschichte der Menschheit ein wesentlicher Dienst
geleistet werden, so soll es Ihnen unverwehrt sein, der Offentlichkeit davon zu
bergeben, was Sie wollen. Nur Verschweigung meines Namens bedinge ich mir aus.
Es ist der Sache, nicht meinetwegen.
    Ich war sehr erfreut durch dieses Vertrauen. An Bardeloh's stillem Hause
schieden wir. Ich bin neugierig, sagte Gleichmuth, wie unser beiderseitiges
Leben endigen wird.
    Ruhiger als wir vielleicht meinen.
    Sehr mglich; doch wnschte ich das Gegenteil. Denn sterben wir einmal
sanft und selig, so hat die Welt wieder umsonst Hoffnungen gehegt, die im Thau
des Himmels ertrnkt worden sind. Irdische Seligkeit ist unter Verhltnissen,
wie die der Zeit, eine Perfidie des eigenen Geistes. Ich wollte Niemand gelnge
es mehr, sich diese zu erwerben, so wren wir reif zu neuen Schpfungen!
    Er sah hinauf nach Bardeloh's Zimmer. Der Mann dort oben, fuhr er fort,
ist der Einzige, von dem ich gewi wei, da er nicht selig stirbt. Darum ist
er der Grte. Sein Andenken verflucht zwar vielleicht die zahme kopfhngerische
Nachwelt, Alles das aber macht ihn nur grer. Geben Sie ihm Terrain und er wird
ein moderner, zeitgemer Napoleon. Jede That von ihm wird eine Schlacht sein.
Wie abgeschmackt, da die blasirte Sittlichkeit der Civilisirten von einem
groen Manne verlangt, er solle gleich dem dmmsten Leinweber auch ein
gutmthiger Hansnarr, ein fideler Kerl und ein regulrer Kirchgnger sein! Als
ob das Groe je Brderschaft machen knnte mit der vergnglichen Gutmthigkeit
des Kleinen!
    Meine Hand heftig schttelnd versank die drre Gestalt in den Schatten der
hohen Huser. Es ist ein seltsam-mystisch-dmonischer Mensch, dieser
protestantische Gottesgelehrte.
    Indem ich dies schreibe, entsteht ein heftiges Hin-und Herlaufen der
Dienerschaft. Bruder Bonifacius singt wieder einmal den Rachegesang seiner
Sinne, Bardeloh gibt laut und strmisch Befehle!
    Neben mir hr' ich, wie Rosalie ihrem schnen Sohne Felix mit mtterlicher
Liebenswrdigkeit Unterricht in der Geographie ertheilt.
    Gibt's in Amerika auch so groe und alte Stdte wie Kln? fragt das
glckliche Kind.
    Nein, mein Liebling, erwiedert die Mutter, dort ist Alles jung, neu und
frisch; aber die Menschen haben keine Herzen.
    Wie fangen sie's denn da mit dem Leben an? Kann man denn auch leben ohne
ein Herz zu haben?
    Weit besser, mein Sohn, als mit einem Herzen. Menschen ohne Herzen fhlen
nichts. Sie empfinden keine Schmerzen und keine Freuden; sie haben keine Poesie
und keine Kunst, nur Dampfboote, groe Schiffe, Wlder und Wildpret die Menge
und sehr, sehr viel Geld.
    Da knnen sie sich ja wol ein Herz kaufen? Warum kommen sie nicht herber
zu uns nach Europa, wo es so viele Herzen gibt, die nichts haben und gewi recht
gern einiges Geld fr ihr armes Herz geben wrden?
    Lieber Felix, das Herz ist Niemand feil fr Gold.
    Vater sagt aber doch, uns Allen wre geholfen, wenn wir den Verstand
Amerika's htten.
    Und der Vater hat Recht, wenn er hinzusetzt, und unser europisches, durch
eine sechstausendjhrige Geschichte erprobtes Herz behalten.
    Das ist nrrisch Mutter! Ich mchte doch gern einmal so einen herzlosen
Amerikaner sehen. Wie kann man frei und froh sein ohne Herz, ohne einen alten
Dom und ohne die wunderlichen Geschichten, die mir so warm und s im Herzen
liegen?
    Ich hrte, wie die glckliche Mutter das harmlose Kind mit Kssen der Liebe
bedeckte. Meine Thr ward heftig aufgerissen, Bardeloh trat ein. Verstrt
stammte sein dunkles Auge, er war bleich, wie immer, die seine Kleidung in
Unordnung.
    Sigismund, halten Sie sich bereit, Morgen reisen wir. Ich habe vor kurzem
einen Brief erhalten, der mich zwingt, schnell den Rhein hinauf in einer
ehemaligen Abtei einen Besuch zu machen. Sie werden sich europisch dabei
amsiren, denn unser Besuch steht in innigem Zusammenhange mit dem, was diese
Bltter enthalten. Lchelnd legte er hierbei Gleichmuth's Manuscript auf den
Tisch.
    Also Sie hatten doch -
    Ja, ich fand das Manuscript auf Ihrem Pult. Geheimnikrmereien lieb' ich
nicht; es gibt deren ohnehin schon viele. Gleichmuth ist ein Mann nach meinem
Sinn. Werden Sie schlecht, wie er, so zwingen Sie die Menschheit, gut zu werden!
Das ist der einzige Weg, Leben und Gesundheit in ein blos noch vegetirendes
Geschpf zu bringen. Ehe ein Jahr vergeht, bin ich im Sinne der Alltagswelt
grundschlecht, ein Verbrecher - und das wird gut sein fr das Allgemeine. Die
Tchtigsten mssen alle Begriffe umndern, wenn die groe Maschine, die man Welt
nennt, groentheils nur von Miasmen lebt, welche entstehen aus den Ausdnstungen
der Gesinnungslosigkeit und der Schwle des zrnenden Gedankens. Gute Nacht!
Morgen um sechs besteigen wir das Dampfboot.
    Eine schlaflose Nacht gab mir hinlnglich Zeit, ber Bardeloh's fast an
Wahnsinn grenzende Worte und den stillen, sanftmthigen Unterricht Rosaliens
nachzudenken.

                                       8.



                                 An Ferdinand.

                                                                Bonn, im August.

    Ueber Deine Antwort habe ich recht lachen mssen. Bist Du doch ein
sonderbarer oder vielmehr, ordinrer Mensch! Ist es denn sogar schwer,
herauszutreten aus seinem engen Kreise und zwei Schritte in die Welt zu thun?
Wie kannst Du mir ein sndhaftes Leben vorwerfen, weil sich die Liebe mit
heiligen Kssen in mein Herz drngt? Und auch Auguste wagst Du zu schmhen!
Wisse, da ein Liebender jede Gotteslsterung gering zu achten im Stande ist,
den zweideutigen Tadel seines geliebten Gegenstandes aber nie vergibt. Ich bin
ganz wie ein Anderer, nur etwas heftiger. Ich rche mich an Dir fr Dein
schlechtes Zutrauen, und zwar auf eine Art, von der ich wei, da sie Dich am
tiefsten rgern wird. Ich setze einen Brief her, den ich an Auguste schrieb.
Dies sei Deine Strafe fr Deine bse, bornirte und deshalb, trotz der sittsamen
Verhllung, sehr unsittliche Meinung. Wenn Du nicht so gar fromm wrst, so wrde
ich Dich dumm nennen. Zur Dummheit aber gehrt auch eine Art Genialitt, wenn's
auch nur eine umgekehrte ist. Sei nicht bs, lieber Ferdinand, ich bin Dir doch
gut blos der Soliditt wegen, die Dich nie zum Schuldenmachen hat kommen lassen.
Lies diesen Brief und nimm Dir ein Exempel daran, wenn Du so unsittlich sein
solltest, Dich vor lauter Sittlichkeit zufllig einmal zu verlieben. Ein Schema
ist gar nicht zu verachten, das hilft aus vielen Verlegenheiten.


                             Sigismund an Auguste.

    Meinen Ku zuvor, holdselige Schwester in der Liebe! Du hast mich verdammt
zu sechstgiger Bue fr meinen begangenen Frevel, ich verdamme mich aber selbst
zu einer zwlftgigen und hoffe Dir damit zu zeigen, da ich nicht aller
Geschicklichkeit ermangle, Deinem seidenen Pantoffel zu entgehen. Du bist zwar
allerliebst anzusehen, wenn Du den Scepter Deines Hausrechtes auf dem Goldfinger
der linken Hand balancirst, und ich verstehe mich lebensgern zum Pantoffelku,
weil ich immer so klug bin, statt des Absatzes die warme Muskel Deines hbschen
Ballen zu kssen. Dabei wei ich auch noch andere Knste in aller
Geschwindigkeit zu ben, denn ich habe frher Unterricht genommen bei einem
Taschenspieler. Lachen magst Du, nur nicht weinen; denn dann flattern die
Amouretten um Deinen schwarzbraunen Lockenkopf wie arme, verscheuchte
Nachtvgel, wiewol Deine schlanke Schulter beim Schluchzen ein allerliebstes
Grbchen bildet, um, wie ich mir einbilde, meine Liebesseufzer aufzufangen.
    Ich gehe auf Reisen, mein ses Leben, aber ich vergesse nicht, Dich ganz
und gar im Schrein meines Herzens mitzunehmen. Ach, bin ich ein arger
Gtzendiener! Da kniee ich nieder vor Dir, wie weiland vor dem silbernen
Kruzifix in der Pfarrkirche, wo ich confirmirt und unter die guten Christen
aufgenommen wurde von der segnenden Hand des Priesters!
    Wo ich hingehe, mchtest Du wissen? Fort in die Welt, um zu sehen, ob Du mir
lieb bist. Und verlasse Dich darauf, ich kehre nicht heim, ohne mit zwanzig
hbschen Mdchen gescherzt zu haben; denn ich wei, da Du mich deshalb nur noch
lieber hast. Ein Mdchen, das von ihrem Geliebten verlangen kann, er solle mit
keinem anderen tndeln und kosen, ist eine christliche Kokette, die widerlichste
Creatur, die sich denken lat. Die Geliebte mu den Schnheitssinn lieben an
ihrem Geliebten. Kt er sie nur am ftersten, inbrnstigsten und kehrt immer
mit grerer Lust zum Spiel dieser Seelenmundharmonika zurck, so mu sie
glcklich sein, weil sie ffentlich als eine Gttin der Schnheit von ihm
hingestellt wird. Und die Liebe ist der Weihrauch, der aufdampft um die
angebetete Schnheit. Ksse sind die lutenden Chorknaben, die den stillen
Weltdienst der Liebe ansagen den betend hingebeugten Empfindungen. In Andacht
zitternd liegen alle schnsten Gefhle auf dem pulsirenden Mosaik des Herzens,
und die Seele spielt in leisen Zaubertnen die Orgel, und Hymnen und jauchzende
Dithyramben springen herab aus dem Irisbogen der beschwingten Psyche in die
aufflackernde Wolke des Weihrauchs. Und erst, wenn durchduftet von dem Aroma der
Liebe auch die rosigen Chorknaben gebeugt niederstrzen vor dem Altar der
Lippen, verstummt in heiligster Feier des Hochamtes Orgelton und Glockengelut,
und geweiht und vershnt im Opfer der Liebe erhebt sich die Schnheit zu neuer
Anbetung.
    Freue Dich, Auguste, auf diese Feier! Geschmckt mit den schnsten Gaben
unbegrenzter Verehrung hebt sich der Tempel in meinem Innern empor. Seine
Baumeister sind Schnheit und Liebe. Heiterkeit wird wohnen in seinen lustigen
Bogenschwingungen, alle Dsterheit dieser oder jener Sectenvorschrift wird
verdrngt von Scherz und Glanz eines freien menschlichen Lebens. - Du mut aber
nicht blde sein, Auguste! Deine braunen Augen mssen berall hin als lchelnde
Sonnen fliegen und einen Kranz munterer Sterne flechten um die dunkelglhende
Kuppel unserer Liebeskapelle Besinne Dich auf eine recht auserlesene Forderung,
die schwer von mir zu leisten ist, und wenn ich nicht thue, was Dein fragender
Liebesstern verlangt, so verwandle Dich in einen Basilisk und blicke mich zu
Tode!
    Die phantastischen Morgenlnder haben eine Sage, nach welcher die hchste
Liebe im Stande sein soll, den Gegenstand ihrer Leidenschaft auseinander zu
blicken. Ja, das ist lcherlich, mein ses Leben, aber ich wollte doch, es wre
wahr, und ich knnte, wie ich nun hier sitze, durch die Mauer hindurch bis in
Dein Zimmer hinein blicken, und Dich mit liebe- wthendem Auge zerreissen und
heranziehen an mein Herz! Es soll gar nicht schmerzhaft sein, Gustchen, die
ganze morgenlndische Operation soll auch morgenlndisch wollstig,
mhrchenhaft- s und beglckend sich vollziehen lassen. Wahrhaftig, ich
bedauere von ganzem Herzen, da ich kein morgenlndisch-magnetisches Auge
besitze und kein so phantastischer Narr bin! Wir Abendlnder sind viel zu kalt,
nur braune Augen, von dem perlenden Blut der Rebe mit sonnigen, belebten
Gardinen umhangen, wie die Deinigen, knnten vermgend sein, mich aus einander
zu reissen, wenn ich nicht so gar leicht wre. Das ist ein glckseliges Unglck
und hat mich ganz in Dein Herz hinein gebracht. Sieh nun zu, wie Du noch Platz
darin behltst, die Lebenselemente zu ordnen. Denn Ordnung, mein Auge, mu sein,
sonst gibt's einmal eine schlechte Haushaltung.
    Wirst Du denn milder geworden sein bei meiner Rckkunft. Ich werde Deines
Zuspruchs bedrfen; denn ich frchte, diese improvisirte Reise wird mich viel am
Stege reif gewordenes Unglck sehen lassen. Darauf bin ich gar nicht begierig,
denn Gottlob, fr Unglck darf ich kein neues Gebet ersinnen! Das ist mir von
jeher ganz unvermuthet unter die Beine gesprungen. Neugierig bin ich aber
dennoch, weil es mein fester Glaube ist, da Deine Liebe mich retten wird aus
aller Kreuzes- und Lebensnoth. Der Jammer soll zwar erst recht angehen, da ich
vorlufig noch nicht einmal in Gethsemane bin. Heut Abend ist diese Mission
angesagt worden. Nun nimm Vernunft an, Auguste, ich bitte Dich, und schicke mir
keinen neuen Judas auf den Hals, denn ich wre ohne Zweifel zu wenig christlich-
sanftmthig gesinnt, als da ich dem Kuruber nicht den Hals durch einen
raschen Griff umdrehen sollte. Bitte fr mich, kleine Heilige, mit dem klugen,
bewegten Gazellenauge; zur nchsten Frhmesse bringe ich Dir ein in lebendigem
Feuer brennendes Herz.
    Bleibe treu und untersage dem alten Ephraim das Korbflechten! Ich mag's
nicht leiden, da in Deinem Hause, wo die Liebe ihre genialsten Gedanken
gebiert, und in der schnsten Gestalt ihrer ewigen Poesie den Morgen einer
schnern und menschlicheren Welt verkndigt, die Prosa des Lebens ein so fatales
Geschft betreibt.
    Lucie ist munter; in ihrer Ausgelassenheit gefllt sie mir momentan besser,
als Du, meine Schnste! Dann ksse ich Sie und bin ihr gut. Mache Du's eben so
mit Oskar, wenn Du Flecken finden solltest an mir. Diese poetisch gehandhabte
Eifersucht wird uns zu sehr guten Menschen und unwandelbar treu Liebenden
machen. Nur kein Erkalten des Herzblutes zu ekler Prosa! La' Deine Sonnen
leuchten, Auguste, Du heilige Gttin der duftig umsponnenen Welt, und glhend
herabsinken ihre Strahlen auf die Reben unserer sich umarmenden Herzen, damit in
purpurner Pracht der schumende Perlenthau sich in den Kelch unseres Lebens
strze! Hebe die Schale, Auguste, und geniee Himmelsfunken, Erdenglck,
Lebensschaum! Genu ist Alles, Genu ist Himmel, Genu ist Gott! Htte Gott
nicht genossen und sich berauscht im Aether seines heiligsten Gedankens, so gbe
es keine Welt, keine Sterne, keinen Tag und keine Nacht! Es gbe keine Liebe,
diesen ewigen entzckenden Rausch des Gottes in seinem geliebtesten Kinde, dem
Menschengeschlecht!
    Ohne Ma und Ziel, unaufhrlich schwelgend im Rosenduft Deines Mundes,
umarmt Dich

                                                                Dein Sigismund.

    Solltest Du dies etwa blos fr Tirade halten, wie meist alles poetisch
Empfundene, so nimm den Fond meiner ganzen aufgeregten Bosheit zu
unvergnglichem Erbe dahin, denn ich kann eben so unbegrenzt hassen als lieben.
-
    Bardeloh verga nicht, mich zur festgesetzten Zeit abzuholen. Felix
begleitete uns mit einem Diener bis an den Hafen und bedauerte nur, da er
daheim bleiben msse. Komm hbsch wieder, Sigismund, sprach er, sonst gibt's
bei uns lauter Elend. Er schwenkte sein Htchen so lange, bis das Dampfboot aus
dem Gesichtskreise verschwand.
    Der Morgen war heiter und warm. An den Ufern des breiten Stromes zogen die
Landleute der Stadt zu. Die Landmdchen sind in diesen Gegenden meist von hoher
Statur und vereinigen mit gesunder Grazie etwas Majesttisches in Gang und
Haltung. Viel mag dazu die Gewohnheit thun, Alles in zierlich geflochtenen
Krben auf dem Kopfe zu tragen. Ein voller schlanker Wuchs, gehoben durch eine
gefllige Kleidung, gibt einer solchen Mdchen-Caravane einen phantastisch-
heiteren Anstrich. Die Rheinlnderinnen sind weder wortkarg noch blde. Die
Traube der Mosel lacht in jedem Mdchenauge, ihr leichter ser Schaum perlt in
der rosigen Wange, und freundlich geben sie den Gru des Fremden zurck. Am
liebsten scheinen diesen Hebegestalten die strohhuttragenden Fremden zu sein.
Scherz und Gru springt von Gruppe zu Gruppe, man vergit die tieferen Aengste
des Lebens und glaubt wieder an ein heiteres, freudenerlaubtes Dasein.
    Ein Musikchor auf unserm Schiff spielte lustige Sangesweisen, die
Reisegesellschaft, wieder bunt zusammengewrfelt aus allen Nationen, um nicht zu
sagen Welttheilen, summte erst leis dann lauter die Melodie, als aber das
Rheinweinlied mit vollem Jauchzen der Instrumente: Am Rhein, am Rhein, da
wachsen unsr'e Reben etc. angestimmt ward, fiel jeder deutsche Passagier lustig
in den beglckenden Gesang, und eilte auf dem dmonischen Wasserro den grnen
Rebenhgeln zu, die nah und fern schon ihre lockenden Ranken uns
entgegenstreckten. Ein paar Citronen- und Pomeranzenbume, am Mast aufgestellt,
grten mit dunkelglhender Frucht die laute Freude, der Sden schien sich
vereinigen zu wollen mit dem Norden. Ein Lorbeerbaum stieg zwischen beiden ernst
und sinnend in die Luft und darber hisste die Industrie die schwarze
Todtenflagge auf, als wolle sie die Vergangenheit shnen mit ihren stilleren
uneigenntzigen Bestrebungen. Die Morgenlerchen warfen ihre gellenden Triller in
den Gesang der Menschen herab, die Sonne steckte hellfarbige Rosenbnder halb
lchelnd halb verdrlich um ihre goldenen Locken und zerbrach die rasche Fluth
in funkelnd dahinrollende Erzstufen. Ein ungeheuerer Chrysopras schimmerte der
Strom, eingefat in den Reif silbernen Nebels.

    In wenig Stunden lag Bonn vor uns, das Siebengebirge mit seinen romantischen
Thlern in blauen Duft gehllt am Horizont, der Drachenfels starrte hinein in
die Gegend, wie das blde Auge eines greisen Burgwarts. Was wrde ein solcher
Thurm erzhlen knnen, drfte er auch nur beim Frhroth ertnen auf wenige
Secunden! Die zahlreichen Ruinen am Rheim erscheinen mir immer wie verzauberte
Seufzer, die vergeblich von Jahrhundert zu Jahrhundert auf den Erlser warten.
Einzelne Pulsschlge der Vergangenheit, die sich bei dem entfliehenden Leben
versptet haben und in Stein verwandelt worden sind. O, es ist nicht gut, wenn
irgend ein Mensch oder eine Sache zu lange lebt! Je frher gestorben, desto
ser und traumloser ist die Ruhe! -
    Als das Schiff bei Bonn anlegte, vermite ich Bardeloh. Ich fand ihn, dem
Ansehen nach eingeschlafen am Vordertheil auf dem Glockengestell sitzen, aber er
grbelte nur ber Gedanken der Zukunft, wofr die Gegenwart noch keine Furche
zur Aussaat aufgerissen hat. Er hatte nicht den geringsten Antheil genommen an
Freude und Lust der brigen Reisenden. Mich beschftigte die naive Laune eines
hbschen Landmdchens mit frischem Gesicht und muntern lebenslustigen Augen. Sie
erzhlte mir, da sie einen Schatz habe, der Winzer sei, aber gar jammervoll arm
und so blieb's immer nur bei einem Kusse, den er ihr Sonnabends regelmig mit
herzlicher Freude gebe. Das sei aber langweilig, meinte Nanette, und ich gab ihr
recht. Zur Abwechselung bot ich ihr auch einen Ku. Sie lachte hell auf, ich
lie nicht auf mich warten und sie schien ber meine Freiheit nicht eben sehr
bse zu sein. Bei der Einmndung der Sieg lie sich Nanette ausschiffen, ich
versprach sie zu besuchen und das liebe Kind lachte und grte mich noch aus der
Ferne, bis sie an's Ufer gestiegen war. Es haust ein munterer, natrlicher
Menschenschlag an dem glcklichen Strome.
    Bardeloh fragte gleichgiltig, ob wir schon in Bonn seien, und verlie mit
mir das Schiff. Wir bezogen einen freundlichen Gasthof und gingen dann aus, ich
um die heitere Lage der Stadt mir einzuprgen, Bardoloh mehr aus Gewohnheit und
um doch sprechen zu knnen, wenn die Stunde der Mittheilung fr ihn kommen
sollte. Oft scheint es mir, als sei Alles an diesem Menschen Instinct, aber ein
hherer, intensiverer. Es hat selbst das Seltsame, Abschreckende in seinem
Handeln etwas Gttliches. Es ist das Abnorme vermenschlichter Gttlichkeit, was
bald laut und offen, bald geheimnivoll verschwiegen, wie das dumpfe Donnern
einer Lawine, losbricht in dem Eisgletscher der Brust dieses Menschen. Doch
glaube ja Keiner, Bardeloh sei herzlos! Sein Herz ist nur so dicht mit Wunden
bedeckt, da Niemand die ursprngliche Gestalt aus dieser zitternden Muskel des
Schmerzes erkennen kann.
    Durch Gleichmuth's Selbstbiographie war mir Bonn merkwrdiger geworden als
durch seine Sehenswrdigkeiten. Da Beethoven hier geboren, wute ich, die Stadt
selbst aber mit ihren Bewohnern schien wenig Notiz davon zu nehmen. Die uralte
gothisch- byzantinische Mnsterkirche mit der vortrefflichen Statue der Kaiserin
Helena, die ihre Grnderin gewesen, mag fr Liebhaber der Baukunst interessanter
sein, als fr einen Menschen, der dem Leben abzugewinnen sucht, was ihm bisher
entzogen blieb - freie Bewegung. Freundlich strzt uns die Natur in die Arme auf
der prachtvollen Rheinterrasse, zum alten Zoll genannt. Hier wirst der
verschwenderische Rheingau die letzten Blthen aus seinem Fllhorn der
Landschaft zu Fen, und der Strom ergiet sich mit kniglicher Pracht in die
weite Ebene.
    Bardeloh fhrte mich nach Poppelsdorf hinaus, dem Kreuzberge zu. Das Schlo
Clemensruhe liegt wie schlummernd unter dem Schirmdach hundertjhriger
Kastanien, hinter ihm steigt der Weg an zum Theil niedergestrzten
Stationenbildern den Berg hinan. Die Kapelle liegt friedlich in heiterer Lust.
    Das ist ein verhngnivoller Weg, sagte Bardeloh, wenn Pastor Gleichmuth
Wahres erzhlt in seinem Manuscript. Sie haben es doch gelesen?
    Noch nicht ganz; der Lebensabschnitt, welcher sich eng anschliet an diese
Partie, ist mir bekannt.
    Es ist Kraft in Gleichmuth, wenn auch keine gesunde. Was berhaupt kann
jetzt noch gesund sein! Wir athmen ja lauter bsartige Dnste; ist's da ein
Wunder, wenn die Seele Pestbeulen treibt und der Schwei des Geistes
krystallisirtem Arsenik gleicht?
    Gleichmuth mu sehr unglcklich sein, versetzte ich, wenn er auch das
Gegentheil versichert.
    Wie Sie wollen! Oder meinen Sie, er wrde glcklicher sein, wenn er weniger
gesndigt htte, wie die gewhnliche Welt seine moralische Experimentalphysik
nennen wrde? Das kann Ihnen nicht einfallen. Sind Sie glcklich, der gegen
jenen Mann Unschuldige? Bin ich es, weil ich nur sndige im Zorn und Fluch
meines stillsten Gedankens? Es ist gleich, wie wir leben, thun wir es nur fr
einen Zweck!
    Das sind jesuitische Grundsatze, die Sie selbst verwerflich finden mssen.
    Nichts finde ich verwerflich, mein moralisirender Freund. Gott hassen ist
bei mir eben so erhaben, als Gott lieben - es kommt dabei nur auf die Zustnde
an. Ich mchte ein Buch schreiben himmlische Zustnde. Das sollte sehr belehrend
sein, aber bitter wie Galle und kitzelnd wie Niewurz. Die Welt ist verschnupft,
gebt ihr starke Priesen, das Prosit wird sie sich selbst rufen.
    Die Kapelle lag vor uns, ein milder Wind spielte auf der schnen Hhe. Die
Aussicht war bezaubernd. Ein Heller Himmel breitete sich sanft und wrmend ber
das Land, Fernen und Nhen lagen in scharf gehobenen Tinten, glnzend bewegt, um
und unter uns, ganz fern ragte Kln mit seinen vielen Thrmen und dem Bruch des
schpferischen Menschengedankens, dem Dom, aus violettem Duft und weilich
glimmernden Nebelstreifen. Die ganze Stadt ist ein zerbrochener Satz von Typen,
der von der religisen Begeisterung des Mittelalters auf das Gedenkbuch des
Herrn, die Erde, gedrckt wurde. - Es liegt viel Beruhigendes, aber auch nicht
minder Entnervendes in solcher Betrachtung. Unser eigener geistiger Tod tritt
vor den Blick, grell, ohne Schminke, ein Fratzenbild des Geistes, der sich gern
jugendlich maskirt. Meine Hoffnung fliegt allemal auf wie eine verschchterte
Taube, wenn die Vergangenheit mit ihrem Gelchter, das sich nur in der
vernderten Miene kund gibt, mein Ohr zerreit.
    In der Kapelle war Alles still. Keine Hora, wie vor zehn Jahren, erklang in
der Kirche. Die Heiligkeit schien ausgestorben zu sein mit den Mnchen, die sie
herumtrugen und wiegten unter ihren Kutten. Was soll auch ein Klosterbruder
anders thun? An Etwas mu die Liebe sich anhangen; hat das Vater stammelnde Herz
kein Kind zu wiegen, so hegt und pflegt es irgend einen Gedanken als todten Balg
verkmmerter Vaterschaft! Ach, es gibt viel, sehr viel Elend auf Erden!
    Auf den Stufen der Kirche sa ein steinalter Greis. Weies Haar umfluthete
das freundliche Gesicht, wie zu Schaum geschlagene Gedanken von Sanftmuth und
Liebe. Ein Krckenstab lag neben ihm, er spielte mit einem jungen Dachshunde,
der sich klffend gegen uns wandte, sogleich aber wedelnd zu seinem Herrn
zurckkehrte.
    Wir grten den Alten und fragten, ob wir das Innere der Kapelle sehen
knnten.
    Gleich, gleich, meine Herrn, versetzte der Greis und erhob sich mhsam mit
Hilfe des Krckenstabes. Es geht langsam bei mir, fuhr er fort, aber desto
sicherer. Ich bin dreiundneunzig Jahre alt und hab's noch nicht satt das lustige
Leben. Zehn Jahr seh' ich mir's noch mit an. Ich mchte schon wissen auf meine
alten Tage, was das junge Geschlecht noch anfangen wird mit dem Bischen Leben.
    So alt und so neugierig! sagte Bardeloh. Grelle Gegenstze, die man nicht
erwarten sollte unter dem silbernen Kppchen, das Euer Haupt bedeckt.
    Ja, ja, mein Herr, lchelte der Alte, dessen obwol etwas gekrmmte Gestalt
doch noch Rstigkeit und Lebenskraft beurkundete. Alles, wie's Gott will und die
Natur. Das Kind ist neugierig, der Greis ist's - ein allerliebstes Gespann.
Kinder und Greise vertragen sich am besten bei allen Spielen. Ich hab' noch den
Vortheil, da ich glcklich genug bin, mit mir selber spielen zu knnen. O,
meine Gedanken sind lustige, purzelbumig gesinnte Bursche! Laufen herbei, wenn
ich sie rufe und wir kollern eins zusammen, ich alter Narr und meine
Kindeskinder, das luftige Volk des Gehirns -, da es eine Lust ist! Mein Haar
aber, setzte er ernster hinzu mit einem zufriedenen Lcheln, das ist ehrlich
verdientes Silber und ich bin wahrhaftig stolzer darauf, als mancher junge Mann
es sein kann auf seine Brille und geborgten Locken. - Bitte, liebe Herrn, treten
Sie ein.
    Der Mann gefiel mir. Das Alter, blickt es zufrieden und ohne Schmerz zurck
auf ein bewegtes, lang hingestrecktes Leben, ist ehrwrdig, rhrend,
beneidenswert! Das eben ist der Fluch unserer Zeit, da sie zu carikirt, zu
spirituell-besoffen und materiell-dickwanstig geworden ist, um eine reine Freude
aufkommen zu lassen in der Jugend. Wir mssen unglcklich werden schon
frhzeitig, weil uns das Glck, zur Ruthe geflochten, gepeitscht hat. Es liebt
keiner ein Instrument, das ihn zchtigte.
    Ob es nur wirklich noch Menschen geben kann, die von jetzt an gerechnet
neunzig Jahre erreichen mchten, ohne wahnsinnig, dumm, niedertrchtig oder
Gtter zu werden? rief Bardeloh aus. Gib mir Vernunft, Vater der Skepsis, damit
der Docht nicht einst noch fortglimmt, wenn die Speise der Flamme lngst schon
verzehrt ist!
    Der Greis war auf einen Augenblick in sein Zimmer gegangen, um die Schlssel
zur Kapelle zu holen. Er kehrte zurck mit einem brennenden Lichte.
    Gab's hier nicht Mnche in frherer Zeit? fragte ich den freundlichen
Kastellan.
    O ja, genug! Aber seit ein paar Jahren ist's aus mit dem Mnchthum Sie sind
alle gestorben und ich hab' sie alle in den Sarg gelegt, ihnen Rosenkranz und
Kruzifix in die Hnde gegeben und sie begraben helfen drin in der Kapelle?
    Seid Ihr denn Todtengrber?
    So ein Stck davon; ich thu', was verlangt wird, d.h. wenn's manierlich
geschieht und wie sich's gehrt.
    Er schlo die Kirche auf, und fhrte uns in den stillen, friedlichen Raum.
Da ist was gebetet und gesungen worden, fuhr der redselige Greis fort, und
manch Gelbde hat junges, frisches Blut gethan hier am Altar, da mich's
manchmal dauerte, wenn das Auge des Novizen halb brach in Verzckung, halb in
Schmerz und Gram ber die verlorene Welt!
    Habt Ihr dies oft erlebt?
    Ost genug, um eine Chronik davon zu schreiben. Es war aber nie meine
Passion, ber Dinge nachzudenken, die ich nicht ndern konnte; auch bin ich ein
gut katholischer Christ.
    Sind Alle bereits gestorben, die ihr Gelbde hier ablegten in die Hand des
Priesters?
    Die Meisten, lieber Herr, die Meisten; und nun ruhen sie da unten aus von
der berstandenen Drangsal des Heiligseins - Gott hab' sie selig! Er stampfte
mit seinem Krckenstocke auf eine hlzerne Thr zu unsern Fen. Mancher
freilich mag wol auch noch leben, erzhlte der Kastellan weiter, wenn ich's
auch nicht gerade behaupten will. Nur wissen mcht' ich gern, was aus dem Einen
geworden ist, der vor zehn Jahren ungefhr, ja richtig! an Maria Reinigung
waren's runde, glatte zehn Jahre - hier am Altar das Gelbde that. Liegt mir
doch das Gesicht des jungen Mannes noch so deutlich vor Augen, als htt' ich ihn
gestern erst gesehen.
    Warum nehmt Ihr so groen Antheil an dem gelobenden Mnche? fragte ich.
    Je nun, 's ist so 'ne Art Liebhaberei bei mir aus dem Blick beim Schwur die
Zukunft zu lesen. Lacht immer, lieber Herr, lacht, ich habe so meine Art zu
prophezeien, die nicht ohne Vernunft ist. Und gerade jener Novize hatte Blicke,
ach Blicke, lieber Herr, zum Erbarmen! Ich glaube, 's ist nicht ganz richtig
geblieben unter der Stirn.
    Wie! rief Bardeloh dazwischen, der unterde die wenigen, unbedeutenden
Gemlde theilnamlos betrachtet hatte, was toll - wer soll toll sein!
    Behte der Himmel! erwiederte der Kastellan! 's war pure Schwrmerei, was
man so Ideenaction nennt, weiter nichts. Toll! Wo denken Sie hin! Hunde sind
toll, nicht Menschen. - Und nun vollends ein christkatholischer Klosterbruder!
Der Greis bekreuzte sich und sah mit klug lchelndem Auge in Bardeloh's bleich
gegrmtes, lebenverglhtes Gesicht.
    Und doch ist die Welt immer toll, seufzte Bardeloh.
    Wenn ich nur wissen sollte, wie ihr jungen Mnner es anfangt, um so jung
schon, so welk, so lebendig, und doch so matt zu werden? Das war zu meiner Zeit
ganz anders, und wir lebten doch auch nicht wie die Heiligen im Himmel.
    Wit Ihr Euch nicht mehr auf den Namen jenes Mnchs zu besinnen? warf ich
ein, um das Gesprch nicht lstig werden zu lassen fr beide Theile.
    Doch, doch! Jener junge Mnch hie Eduard und ward Bruder Bonifacius
genannt in der Umfirmelung.
    Eduard! Bonifacius! riefen ich und Bardeloh beide in einem Moment.
    Sie scheinen den Mann zu kennen, sagte der Greis und hob die Fallthr zur
Gruft, um uns in das Todtengewlbe zu fhren. Wir stiegen zitternden Herzens
hinab; denn es blieb kein Zweifel, der Ort war gefunden, wo der unglckliche
Eduard sein Lebenselend besiegelt hatte.
    Haben Sie etwa irgend eine Nachricht erhalten vom Bruder Bonifacius?
fragte mit freundlicher Gutmthigkeit der greise Todtenwchter. Freilich ist's
Neugier, aber gewi sehr verzeihliche, und es liegt mir was dran, meine
Reputation zu behalten, namentlich solchen Herren gegenber.
    Das ist sehr kurz zu erklren, versetzte Bardeloh, der nie Anstand nahm,
das Entsetzlichste mit den bezeichnendsten Worten zu nennen, wenn er sich selbst
retten wollte aus dem Druck eines zu groen Jammers. Bruder Bonifacius oder
Eduard ist toll geworden aus Heiligkeit. Er war mein Bruder.
    Dem Greise entfiel der Krckenstock, die Gebrechlichkeit des Alters rttelte
an seinem morschen Krper, er sank auf die Leiche des Mnches, dessen geffneter
Sarg ihm zunchst stand. Der Staub des Todes bedeckte mit fahlem Schleier den
silbernen Scheitel, die freie Stirn des Alten schlug tief in die vermoderte
Brust des schlafenden Klosterbruders. Ich sprang ihm zu Hilfe und richtete ihn
auf.
    Eine ergreifende Wehmuth schlug ihre Wimper auf in dem Lcheln, das ber des
Greises runzelvolles Antlitz bebte. Mein Gott, sprach der wankende Mann, wer
htte mir vor siebzig Jahren vorausgesagt, da ich meine alte mde Stirn heut
baden solle in dem Staub gewordenen Herzen dieses Mnches, des ersten, welchen
ich mit eigener Hand in den Sarg gelegt habe! Grade das Herz habe ich ihm
zerbrochen, und noch dazu aus Kummer ber das Unglck des Letzten, dem ich die
Ordenskleidung anlegen half und die Haare aufhob beim Scheeren der Tonsur!
Nrrisch, sehr nrrisch; aber wir wollen munter bleiben, da wir ja doch nur
einmal leben!
    Das ist der erste wahrhafte Philosoph, der mir in dem philosophischen
Deutschland begegnet, sagte Bardeloh. Und stellt ihr den Greis auf's Katheder,
so lacht der ganze Schwarm der Zuhrer, und nennt ihn einen verrckten Faseler.
Klare Faselei gilt nicht mehr, sie mu recht compact sein in der Verrcktheit.
Da bringe Beelzebub Methode hinein.
    Wir gingen durch die Reihen der Mnche, die alle in offenen Srgen wohl
erhalten, nur morsch gebeizt von der Gewalt des Moders, in langen Reihen hier
den ewigen Tod schlafen oder dem Aufblicken des neuen Lebensmorgen
entgegenharren. Der Castelan hatte bei fast Jedem eine Bemerkung zu machen,
etwas aus dem stillen Leben des Verstorbenen zu erzhlen und einzelne
Curiositten einzuflechten. Die Meisten hatte er selbst begraben helfen. Lieb
wr' mir's gewesen, schlo er seinen Bericht, wenn Bruder Bonifacius auch noch
von mir bestattet worden wre. Da hatte ich sie doch Alle beisammen, die ich
gekannt, mit denen ich gebetet, gescherzt und gelacht, die ich so oft begleitet
habe in die Stadt hinunter und mit denen ich mich nicht selten neckte, wenn sie
ein paar Minuten zu spt von einem Spaziergange zurckkamen. Es fehlt mir nur
der Bruder Bonifacius, der gerade, weil er wirblich geworden ist - verzeih'
mir's Gott! - besonders gut mit die Lcke fllen hilfe, die noch offen steht.
Denn einen Verrckten suchen Sie vergeblich unter diesen Todten. Andere
Absonderlichkeiten gibt's zwar! Da z.B. ist einer, der an der Maulsperre starb,
weil der wunderliche Narr sich vorgenommen hatte, eine ganze Nacht mit offenem
Maule ein Madonnenbild anzustaunen. Der Narr meinte, das sei die chte, heilige
und glubige Anbetung und Verehrung eines christlich-katholischen Menschen! Nun
zwei Tage darauf war er verhungert, weil's Maul nicht mehr zuschnappen wollte.
Der schnurrige Esel, Gott hab' ihn selig! - Und so knnt' ich Ihnen noch andere
wundersame Geschichten erzhlen von diesen Todten. Allein die Kirche hat's nicht
gern, da man von ihr schwatzt. Auch strt man die Ruhe der Seligen, und da mein
Licht abgebrannt ist, meine lieben Herrn, so rathe ich zum Rckzuge. Wollen Sie
mir die Stufen hinauf ein wenig helfen, soll's Ihnen Gott lohnen. Bei drei und
neunzig Jahren sind Treppen berflssige Erfindungen fr dem, der auf ihnen
wandeln soll. Wenn aber Bruder Bonifacius strbe, ging ich doch ganz allein und
ohne Krckenstock mit ihm hinab in das Gewlbe.
    Von den besten Wnschen des Greises begleitet, verlieen wir Kapelle und
Kreuzberg. Bardeloh hoffte bei dem hartnckigen Schweigen des sinnverwirrten
Bruders spter noch Nheres ber ihn von dem Castelan zu erfahren. Nach Bonn
zurckgekehrt fragte mich Richard, ob ich schon in einem Irrenhause gewesen sei?
    Ich deutete rund um mich. Sehr wahr, sagte Bardeloh, es fehlt hier nur an
Intensitt. Morgen wollen wir eins besuchen. Sie werden einen Bekannten daselbst
kennen lernen, der Ihnen von Neuem beweisen soll, da die Tchtigen mde sein
mssen dieses Erdtheils. Mein Gott, war's anders wo nur besser! Aber ich bin
neugierig auf die unbekannte Bekanntschaft. -

                                       9.



                                 An Ferdinand.

                                                                Bonn, im August.

    Krperlich und geistig abgemattet sollte ich zwar nicht schreiben wollen,
aber wohin mit der Unruhe? Wie sie bewltigen ohne lindernde Mittheilung? Hlst
Du mich doch ohnehin fr siech, warum also anstehen, Deine Meinung von mir
besttigen zu helfen? Was Dir ungeniebar erscheint, kannst Du ja berschlagen,
wenn nicht das Interesse fr die Sache der Menschheit das Unbequeme der
Erzhlung berwindet.
    Gestern Abend verlie ich mit Bardeloh unsern gegenwrtigen Aufenthaltsort.
Richard hatte einen Segelkahn gemiethet, der uns bei einem sanften Winde rasch
stromabwrts fhrte. Die Sonne war schon untergegangen, als die niedrigen
Hgelreihen am Ufer des Siegflusses mit Rosenflor und duftigem Nebelwei
umglnzt aufstiegen. Die Nacht versprach hell und warm zu werden. Das erste
Mondviertel lag, wie eine zerbrochene Hostie im Heiligthum der sterngestickten
Weltmonstranz. Anbetend sank in demthigem Gewande Lebendiges und Todtes nieder
als knieende Schatten und wartete des vorberwandelnden Gottes.
    Bei der Einmndung der Sieg legte der Schiffer an, wir stiegen aus und
gingen den Flu entlang in das Thal hinein, dessen Hgel bald anschwellen zu
niedrigen Bergen. Der Mond streute funkelnde Lichter durch die Gebsche; auf dem
Flusse gab es noch viel Leben. Heimkehrende Arbeiter grten freundlich und
sangen muntere Lieder in einem Jargon, der, obwol sehr unverstndlich, doch naiv
und gutmthig klang. An diesen Menschen war kein Lebensberdru, kein Weltekel
zu entdecken. Ich glaubte bisweilen die Erfahrung Anderer besttigt zu finden,
da dieser Vorzug nur den Gebildeten, der feinern Gesellschaft verliehen worden
sei. Laut rief es in mir: kehrt zurck zur einfachen Natrlichkeit und ihr
werdet glcklich sein, wie diese. Bildung soll nicht der Todtengrber der
Herzensruhe sein, sondern ihr Brautfhrer.
    Nach zweistndigem Gehen lag Siegburg vor uns, ein freundliches Stdtchen,
an dem nichts merkwrdig, als die alte Abtei, in deren Zimmern jetzt Geistesirre
aufbewahrt und geheilt werden. Dieses Umkehren der ursprnglichen Bestimmung
eines Gegenstandes, oder einer Sache rechne ich allemal zu den Spen der
Geschichte, die unbewut und mit einer Art vergnglichen Bldsinn's von ihren
gallonirten Bedienten, den Menschen, aufgefhrt werden. Es gibt keinen bessern
Ort fr Wahnsinnige, als ehemalige Mnchszellen und Refectorien. Der Kreuzgang
dient zur Spazierhalle, wo die neumodischen Mnche ihre Siesta vertrumen. Der
Irrsinn ist nur die Kutte moderner Mncherei, die der heilige Geist der Zeit
ber die tonsurirten Scheitel seiner liebsten Kinder stlpt. Im Wahnwitz betet
der Weltwitz seine unzeitigen Geburtsschmerzen ab. Geistesirre sind Heilige der
Neuzeit, Mrtyrer der civilisirten Menschheit. Da ihre Herzen im Kopfe
schlugen, hat sie so elend gemacht! Deshalb mssen sie das blasse
Cisterziensergewand, die schimmernde Toga des um Erhrung bittenden Geistes,
ber die Fetzen des weltarmen Lebens werfen. O seht, wie sie einhergehen die
stolzen neuen Rmer, deren Gedanken nicht Thaten werden knnen, weil das
Tribunat jetzt unter die antiquarischen Merkwrdigkeiten gehrt.
    Hier wollen wir Htten bauen, sagte Bardeloh und lehnte sich an eine
breitstige Linde, deren duftende Blthenlocken der Mond mit keuschen Kssen
durchwhlte. Ringsum herrschte tiefe Stille. Die Sieg brach ihre hellen Wellen
flsternd an den Fischerkhnen, aus Erlengebsch und Birkenwaldung rief die
Nachtigall ihre melancholischen Klagetne herber. Finster lag die Abtei vor
uns, wie eine groe Lavaschlacke. Auf dem Dach hing grnes, ppiges Moos, dies
saftlose Gewchs aller Grber. Im Schatten der Buchen bemerkte ich ein
Liebesprchen schwatzend und kosend auf- und abspazieren. Einen Augenblick
traten die Liebenden in das helle Mondlicht. Ich erkannte Nanette, die ein
glckliches Stndchen mit ihrem Partner verlebte.
    Einem Vernunftlosen kann hier wohl sein, sprach Bardeloh und ging in's
Stdchen, wo wir die Nacht ziemlich unruhig zubrachten. Noch kannte ich nicht
den Zweck unserer Wanderung. Richard blieb, wie fast immer einsylbig, oder warf
nur bittere Brocken in das Gesprch, als wolle er mir den Appetit damit
verderben.
    Im Gasthof ward eine Hochzeit gefeiert. Gesang, Spiel und Tanz whrten die
ganze Nacht und raubten uns den Schlaf. Bardeloh stand stundenlang am geffneten
Fenster und sah hinber nach der ehemaligen Abtei, in dessen Scheiben sich der
Mond lchelnd bespiegelte.
    Am frhen Morgen lieen wir uns bei dem Irreninspector melden und baten um
einen Besuch. Ich habe immer gefunden, da Zuchthausund Narrenhaus-Inspectoren
gegen Fremde die humansten Menschen der civilisirten Erde sind, da aber diese
Humanitt sich auch auf ihre Untergebenen erstrecke, will ich nicht behaupten.
Die chronique scandaleuse erzhlt wunderbare Geschichten. Man darf ihr nicht
trauen; denn sie ist eine Verlumderin aller Gerechtigkeitspflege und strenger
gewissenhafter Pflichterfllung.
    Bardeloh konnte nur mit Mhe eine ngstliche Unruhe bemeistern. Er hatte
etwas Schweres auf dem Herzen. Der Inspector empfing uns mit der freundlichsten
Zuvorkommenheit, denn wir trugen feine Kleider, hatten ein nobles Ansehen und
konnten recht gut fr reisende Englnder gelten. Bardeloh berreichte dem
Irreninspector eine Schrift, die dieser mit groer Aufmerksamkeit las und uns
hierauf bereitwillig den Narren vorstellte.
    Verlange nicht etwa, da ich Dir eine Beschreibung des tiefsten menschlichen
Elends geben soll. Dies berlasse ich Anderen, die weniger fhlen, aber desto
mehr schwatzen knnen bei dem Anblick zerrissener Menschenherzen. Geistesirre
gleichen Schmetterlingen, die an den Fensterscheiben auf- und abflattern. Sie
denken, das Helle sei der freie, warme Himmelsraum, und jemehr sie sich gefangen
fhlen, desto heftiger mhen sie sich ab. Der heilige Staub verschwindet von den
Flgeldecken, farblos, eine dunkle Ahnung des Gewesenen, hngen sie herab, nur
das Flattern dauert fort, dieser bewutlose Drang nach Leben ohne die Kraft, es
zu knnen. Geistesirre sind Psychen, die unaufhrlich mit den staublosen
Flgeldecken ihres Geistes an den Fensterscheiben der Welt sitzen und sich
wundern, da die Luft so compact geworden ist und doch ihren Glanz behalten hat.
    Wir gingen an verschiedenen stillen Gruppen vorber, die uns meist
ignorirten, nur Einzelne sprachen uns zuvorkommend an. Man htte sie fr
gescheit halten knnen, wre der Blick nicht Verrther der spukenden Seele
gewesen, die in ihrer eigenen Wohnung umgeht und sich grauliche
Gespenstergeschichten erzhlt. Es ist unglaublich, wie gro die Productionskraft
des menschlichen Geistes ist, wie unendlich viele Variationen er auf sich selbst
spielen kann!
    Der Inspector ffnete die Thr einer hbschen Zelle. Wir traten ein. Das
ist Herr Casimir, sagte unser Fhrer. Es steht Ihnen frei, sich ungehindert
mit ihm zu unterhalten. Was man mir befiehlt, thu' ich; die Folgen fallen nicht
auf mich zurck. Ich inspicire blos, ich urtheile nicht.
    Wahrhaftig der Mann war geboren zum Inspektor und nebenbei auch zum
Deutschen. Gib mir Geduld Himmel, damit ich sein ruhig bleibe und nicht Lust
kriege, Urtheile zu fllen. Ein Deutscher gehorcht, aber urtheilt nicht.
    Am Fenster sa ein Mann, dem Ansehen nach in Bardeloh's Alter. Um seine hohe
Stirn legten nur wenig hellbraune Locken einen drren Kranz. Die Lippen, fest
zusammengebissen, schienen im Begriff zu fein, die Welt in einem Sturzbad von
Hohn und Spott zu ersaufen. Das Auge, beschattet von dnnen Brauen, glnzte wie
das Wetterleuchten eines ausgetobten Vulkans aus der schwermuthdunkeln,
verachtunggesttigten Hhlung.
    Casimir! rief Bardeloh und trat dem schweigenden Manne nher, der, ein
Buch vor sich, beide Fe auf Papierbndel sttzte. Sein ganzes Aeuere lie
errathen, da Cynismus aus Grundsatz oder Misachtung ihm zur andern Natur
geworden sei. Casimir, wiederholte Bardeloh, da der irrsinnige Mann noch kein
Lebenszeichen von sich gegeben, Casimir, kennst Du mich nicht mehr?
    Der Angeredete hob jetzt verdrossen das Auge, sah meinen Begleiter scharf an
und rief: Richard?
    Richard Bardeloh, sagte mein Gastfreund, ich komme als lebendige Antwort
auf Deinen Brief. Du bist frei und wirst mich begleiten.
    Frei! wiederholte Casimir verchtlich. In Eurer Welt ist nicht einmal der
Witz frei, wenn er nicht Hosen trgt; oder glaubst Du, es sei erlaubt, nackt zu
sterben? Behte, Du mut den letzten Heller fr einen Fetzen Tuch ausgeben. Eure
angejackte Freiheit sollte man knuten, bis die Jacke zerri und das Fleisch
blutige Thrnen fr den Ritz bezahlte, durch den man hineinsehen kann in die
Freiheit.
    Beruhige Dich, versetzte Bardeloh. Bei mir kannst Du jeden Wunsch Deines
Herzens befriedigen, Niemand soll Dich hindern. Ich bin reich und brauche nicht
zu sparen; ich bin gefrchtet, denn ich hasse Alles, was ein eingebildetes
Wohlsein heuchelt; man gehorcht mir, weil ich Geld habe, und darum fluche ich
mir selbst! Aber das Alles soll Dich nicht stren. Thue und vollbringe, wozu
Dich die Neigung treibt, vielleicht findet Dein Streben Anklang.
    Den mcht' ich hren, erwiederte der Irre. Er stand auf und zerschlug mit
der Faust das Fenster. Sieh, fuhr er zu Bardeloh gewandt fort, was ist das
hier herum? Wie sieht das aus?
    Die Gegend ist schn, sprach Bardeloh. Nicht jeder hat eine solche
Aussicht.
    Das trifft. Nur der Todtengrber kann mich beneiden. Ich sehe immer nur
einen hohlen Schdel - die Erde, die Jahr aus Jahr ein von dem Todtengrber der
Zeit herber und hinber gekollert wird und tglich mehr schadhafte Stellen
kriegt. Er hat sich den Kopf abgebissen vor Wuth ber das thrichte Herz.
Gebleicht von der Hitze der Jahrtausende liegt er nun modernd im Weltraum, der
Gott kollert ihn hinber herber, aber es bleibt immer ein Schdel. Schlgt er
ihm die Backenknochen, so ghnt das hirnlose Ding und weist ihm die Zhne, auf
denen Haare gewachsen sind, die Knsteleien des Friseurs der Verwesung. Gibt das
Anklang? Hat ein hohler Schorb ein Echo? Wenn doch der Welt ein neuer Kopf
wchse!
    Das wre allerdings sehr wnschenswerth, lieber Casimir, inde, da es nun
einmal nicht geschieht, so la uns mit Hand an's Werk legen.
    Das Geschft der Barbiere ist mir immer zuwider gewesen, versetzte
Casimir. Ich mchte nicht einmal den Heiligen ihre Brte verstutzen, wie viel
weniger - - brr! bleib mir vom Leibe.
    Du bist ungerecht, Casimir, und machst Dich unglcklich durch das
unverhllt Grandiose, das in Dir lebt. Schleife den Riesenedelstein Deines
Geistes, so trgt Dich die Welt auf Sternenkrnzen zum Himmel.
    Soll ich eine Eisenbahn aus mir machen lassen, damit jeder
Schornsteinfegerjunge Nutzen ziehen kann von mir? Das vermaledeite Nivelliren
ist der Blutegel des Genie's. Geht's so fort, wird bald eine Zeit kommen, wo ein
Genie so theuer ist und rar, wie eine pommerische Gnsebrust. Euer
demokratisches Hsteln taugt nichts. Es ist die Schwindsuchtcur der Vlker.
Kranke Lungen sollen am Besten heilen im Dunst der Viehstlle. Da mt Ihr
gesund werden bei Zeiten, denn Euer ganzes Treiben ist eine
Viehstallwirthschaft.
    Dich zwingt Niemand Demokrat zu sein, erwiederte Bardeloh. Besingst Du
den Stolz und Glanz kniglicher Zeiten, wird keiner Dich tadeln; aber fasse das
Gold des Gedankens in einen silbernen Reif. Ohne Scheidemuze kommt Keiner mehr
durch die Welt.
    Ei so will ich ein Goldfresser werden und mich msten mit meinen eigenen
Gedanken. Der Abfall meines Leibes wird dann die goldschtigen Leute gierig
machen.
    Was hast Du denn da unter den Fen? fragte Bardeloh.
    Meine Eingeweide.
    Und Du zitterst nicht vor dem Gedanken dieses geistigen Selbstmordes?
    Wer sagt das! Nicht ich! Ich mache Wrste d'raus. Gedankenwurst ist noch
nicht dagewesen; ein neuer Gastwirth knnte sein Glck damit machen.
    Ich werde nicht zugeben, lieber Casimir, da Du Dich selbst zu Tode
folterst Diese Papiere lasse ich drucken auf meine Kosten und Du wirst berhmt
werden.
    Am Galgen? fragte Casimir mit wegwerfenden Lcheln. Ich wollte -
    Was? unterbrach ihn Bardeloh.
    Eine Ratte wollte ich sein, und die Sterne herunterfressen vom Himmel.
Durch dieses Manver wrde die Natur doch gezwungen, wieder einmal etwas Neues
zu schaffen. Das Alte ennuyirt mich. Bardeloh seufzte und lehnte sinnend am
Fenster. Der Bewohner des Zimmers las wieder in dem Buche. Zufllig ward er
jetzt erst mein ansichtig. Was ist denn das fr ein zweibeiniges Geschpf?
fragte der unerbittlich Harte meinen Gastfreund.
    Ein Freund von mir und Dir.
    Ich bin nicht so niedertrchtig, Jedermann Freund zu nennen. Wer dieser
Mensch ist, kmmert mich wenig.
    Jetzt hielt ich es an der Zeit, mich in das Gesprch zu mischen.
Entschuldigungen, Einleitungen und andere Complimente, die unter dem Theile der
Menschen, der fr civilisirt gelten will, nthig sind, waren hier nicht am Orte.
Ich versuchte es daher, durch sackgrobe Dreistigkeit zu imponiren. Ohne zu
wissen, ob ich wirklich jenen Casimir vor mir sehe, dessen Erwhnung gethan ward
in Gleichmut's Manuscript, nahm ich es auf gut Glck an und flocht in die kurze
Anrede dies mit ein.
    Der Kerl ist orientirt in der Geschichte, murmelte er halb beruhigt, halb
verdrossen zwischen den Zhnen, man mu ihn doch anerkennen. Nun dann guten
Tag, wenn Ihr mich kennt, fuhr er fort, und bind' Euch der Teufel an seinen
Schwanz und schleppe Euch in einer Sekunde neuntausendmal durch alle Morste
rund auf der Erde, wenn Ihr ein Lump seid, wie hunderttausend Andere. Die
Menschen sind weich und matt, wie gequirlte Heringsmilch.
    Du wirst gestehen, da dies ein Gru ganz neuer Art war; inde ging ich auf
die Redeweise meines neuen Bekannten ein und wir wurden in einem gewissen Sinne
fidel. Casimir bewies, da er nicht geistesirr, wohl aber ein Monstrum geistiger
Kraft sei, deren ungeglttete Erscheinung eine dem Wahnsinn nicht unhnliche
Hlle annahm.
    Der seltsame Dichter erkundigte sich nach Gleichmuth, dem Juden Mardochai
und Friedrich. Bardeloh gab ber jeden die nthige Auskunft und wiederholte dem
als wahnsinnig Bewachten sein Anerbieten.
    Da ich hier fort komme, nehm' ich an, erwiederte der Dichter, versucht
aber nicht, mich in die Uniform Eurer Cultur kleiden zu wollen sonst werden die
zierlichen Nhte platzen und mit den blinkenden Knpfen werfe ich mir die Sterne
vom Himmel herunter. Deinen Jungen aber will ich unterrichten, Richard, das soll
ein ganzer Mensch werden und kein Wollsack fr das kommende deutsche Parlament.
Auch die demokratischen Mucken will ich bei Zeiten todtschlagen in seinem Kopfe.
Der Absolutist allein, der strenge Monarchist, ist der chteste Mensch!
    Dein Glaubensbekenntni will ich nicht corrigiren, versetzte Bardeloh,
mein Kind aber wird entweder frei und unglcklich werden, wie sein Vater, oder
als Demokrat sterben auf dem Rosenbeet der glcklichsten Jugend. Zum Hofmeister
bist Du verdorben, Casimir.
    Dummheit! brummte der Dichter. Ein geschichtlicher Mensch kann kein
Demokrat werden, das ist nur Sache der ungeschichtlichen Ignoranz. Ich sterbe
als Monarchist auf dem Throne, wenn es auch keine Kreatur glauben will. Das
Ungeziefer wird nie Verstand kriegen.
    Das Eintreten des Inspectors unterbrach ein Gesprch, das unter die
seltsamsten gehrt, die ich je erlebt habe. Mann des Wortes, redete Casimir
den Eintretenden an, Du siehst, da ich wahr gesprochen habe und mein Arm
weiter reicht als Dein demthiger Blick. Du hast blos Gallert im Auge, kein
Licht; als Dich Gott schuf, klebte er Dir eine herabgefallene Sternschnuppe in's
Gesicht; darum phosphorescirst Du auch des Abends! Armer Mensch, ich beklage
Dich Deiner Stellung wegen, denn es ist eine verwirrte Stellung. Du sollst aber
einmal geheimer Finanzminister werden bei der Wiedergeburt des deutschen
Reiches, wenn Dir's glckt, die groe Menge pickender Uhren in diesem Gebude
tactmig zu tractiren und in geflliger Einheit zu erhalten. Du sollst den
Orden des durchlauchtigsten Gehorsams dafr empfangen. Bleibe treu und sei kein
Hund, glcklichster, begabtester Frosch, den der Himmel geschaffen hat in
Ermangelung besserer Substanzen.
    Ist nun da Vernunft d'rin, meine Herrn? seufzte achselzuckend der
Inspector.
    Ja, piepsende Ente, fiel Casimir ein weit mehr Vernunft, sage ich, als in
Deiner Frage.
    Kraft des Erlaubnischeines, den Bardeloh berreichte, folgte uns der
unglckliche Dichter. Seine Eingeweide, wie er die vorhandenen Scripturen
nannte, nahm er unter den Arm. Bardeloh hatte einen Wagen besorgt, der uns
schnell aus Siegburg entfhrte. Gegen Mittag bereits trafen wir in Bonn wieder
ein. Die freie Luft, eine Art Zutrauen zu mir und die Aussicht, dem Walten
seines seltsamen Genius sich hingeben zu knnen, machten aus Casimir einen weit
heiterern Menschen, als ich erwartet hatte. Er scherzte, nur etwas ungewhnlich.
Denn jeder Scherz ballte sich in seinem Munde zum Kolo zusammen, und es gehrte
eine geistige Konstitution, wie die seines Erfinders dazu, um solche Scherze nur
ertrglich zu finden. Es ist mir nie einleuchtender gewesen, als whrend jener
kurzen Fahrt, wie eine ganze Generation ungerecht gegen einen groen Geist sein
kann, wenn er es verschmht, den Gedanken in fashionable Formen zu kleiden. Auch
der Geist bedarf der Hlle, wenn er die prde Menge nicht zurckschrecken soll.
    Casimir sah sich nicht sobald an dem Orte seines frheren
kameradschaftlichen Lebens, als ihm die Jugendlust wie eine verwelkte,
abgerissene Rose an's Herz sank. Eine lebendige Sphinx lehnte er am Fenster und
stierte die bekannten Gassen und Pltze an. Seine Muskeln waren versteinert, das
Gesicht hing wie ein in Falten gebrochener Mumienabzug gelb und nerventodt an
dem fast kahlen Haupte, nur die Augen whlten - zwei glhende Salamander - in
den tiefen Schdelhhlen, und hhnend sprang der Gott der Dichtung, als
cynischer Faun gekleidet, um den einsinkenden Altar der Schnheit.
    Eduard, rief er, im lindernden Thau der Erinnerung Herz und Auge badend,
Eduard, Friedrich, Mardochai, Gleichmuth! Wo seid Ihr hin? Hat Euch allesammt
die Boaschlange der Zeit gefressen, deren sterngeflecktes Abbild allnchtlich am
Himmel glhend aufrollt? Was taugt eine Erde, die Menschen verschlingt wie Euch
und mich langsam zerreibt, an dem doch jedes Haar ein knigliches Scepter ist!
    Das Ma ist bald voll, sagte Bardeloh zu mir gewandt. Das ist nun ein
Mann, geschieden von allen neuweltlichen Bestrebungen, und doch ist er mde, wie
wir. Es ist ihm gleichgiltig, ob Dampf die Welt bndigt und die Wuth der
Elemente, oder die Geiel des Vogtes, die Kette der Gewalt. Ihm ist jeder
Schmuck verchtlich, trage ihn nun die Gemeinntzigkeit, oder Eigenliebe und
Selbstsucht. Die Industrie mit ihren vulkanischen Krften der Bewegung kmmert
ihn wenig. - Der neue Heuchler des Jahrhunderts, der tnende Groinquisitor
aller Nationen, Gold mit seinem Schergen, dem Eisen, beide die Henker des
menschlichen Herzens, sind ihm so uninteressant, wie zwei Hunde, die nach ihrem
Schwanze laufen - und dennoch liegt der Fluch ber dieses Dasein auf seiner
dnnen Lippe giftiger zusammengekrmmt, als in unserm Gemth. Dieser Mensch ist
Royalist, Monarchist, Absolutist und doch mde Europas - denn in ihm ruft nach
Freiheit der verhungernde Geist eines Dichters! Sein Sie nicht ungerecht,
Sigismund! Der Mann thut mit seinem stammenden Geiste nur, was Gleichmuth
vollzog an der Gluth seiner Sinne - Beide stutzten sich fr diese Welt zurecht
und Beide gehen dabei zu Grunde. Zustutzen macht Caricaturen, keine freien
Menschen. -
    Es erfolgte eine lange Pause. Ich beobachtete scharf die Figur Casimir's,
der noch immer regungslos hinabsah auf die belebten Straen. Es lag viel
Modernes in diesem Dichter. Die ganze dramatische Poesie feierte ihr
Leichenbegngni in seinem zerlodderten Krper. Es war eine Hekatombe,
dargebracht den Gttern in innerlichem Verbrennen eines groen Menschen.
    Wie machst Du's denn, Richard, fragte Casimir, da Dich die Menschen
verstehen, wenn Du schreibst?
    Ich lge.
    Bist ein Lump! Hat uns der Herrgott deshalb gelaicht aus dem Schlamme der
Sndfluth, da wir Lschpapier aus unsern Herzen machen sollen, um die
Tintenklekse einzusaugen, die der sudelnde Sekretair der wohl geschulten
Weltordnung auf die Schreibtafel seines Herrn macht? Ich sage die Wahrheit -
    Und wirst fr einen Narren gehalten, ergnzte Bardeloh.
    Besser als Narr aufsteigen zum Olymp, als in Dampf verbraucht werden von
der Speculation, weil einer Gold zu Kohlen gebrannt hat der Dummheit zu Liebe.
Wenn ich sterbe, krepirst Du.
    Das ist verstndlich, erwiederte Bardeloh, Du kannst es aber nur einmal
sagen im Salon der Welt.
    Verdammt! schrie Casimir. Soll ich Respect haben vor Euren Salons, so
mt ihr sie parketiren knnen mit Sternen und Sonnen. Ich tanze nur auf
bewegten Sphren oder auf den gaukelnden Schwibbogen meiner Phantasie. Eure
Salons sind zu flach, um mich zu fassen.
    Ich schlug einen Spaziergang vor, da der Abend in Purpurglanz ber das
Rheinthal flog. Bardeloh war es zufrieden, Casimir respectirte die Natur unter
Allem noch am meisten, so sehr er sich auch oft ber sie ennuyirte. Auch sie
ist stach geworben und lt sich alle Tage gltter rasiren! Dies war seine
stehende Redensart. Wir verlieen die Stadt unter dem Gelut der fnf
Mnsterglocken, die einem Verstorbenen das letzte irdische Ave Maria nachbeteten
in's Grab.
    Casimir schlug ungefragt den Weg nach dem Kreuzberge ein. In den breiten
Alleen dmmerte manch unerfllter Wunsch, leis umschlichen uns die Abendlfte,
wie verlockende Dirnen. Ihre weichen Lippen entrissen der Seele Gestndnisse,
die sich vor dem Tage scheuen. Schmerz und Lust sanken vereint an den Busen
ihrer gemeinsamen Mutter, das in heien Pulsschlgen schluchzende Menschenherz.
    Auf diesem Wege habe ich dem Jahrhundert Schrpfkpfe gesetzt, begann
Casimir, das Aas aber hatte kein Blut mehr, es schwitzte nur Salzwasser.
    Fand sich denn berhaupt ein Mensch, der mit Dir Umgang pflog? fragte
Bardeloh. Wenn unser Einer mit bunten Steinchen spielt, nimmst Du Granitblcke
und wirfst sie Einem an den Kopf. Das nennst Du dann freundschaftliche
Neckereien.
    Es ist nicht meine Schuld, da Andere statt Schdelknochen nur behaarte
Eierschaalen tragen. Dem Schpfer mu der Stoff ausgegangen sein.
    Mardochai, glaub' ich, war in jener Zeit Dein Freund.
    Was Freund! Ich hatte nie einen Freund. Der eine war mir zu rund, der
andere zu dnn, der dritte zu lang. Man sah das Zeug ja kaum, wenn man's nicht
unter die Lupe brachte.
    Du mut mit kolossalen Augen begabt sein, meinte Bardeloh.
    Mein Auge ist das Sehrohr meines Gedankens, und wenn dieser nach ganzen
Sonnensystemen umherirrt, mu ich die Atome nur fr Staub ansehen, der auf- und
niederfllt innerhalb der bewegten Atmosphre. - Aber Mardochai und Gleichmuth
waren immer noch ertrgliche Trmmerstcke. Die Kerl's konnten doch nichts sein,
wenn sie wollten, und darauf geb' ich was, denn es gehrt 'ne groe, aschgraue
Malice dazu.
    Ich wrde nicht fertig werden und Dich vielleicht langweilen, wollte ich
Alles wiedererzhlen, was auf diesem Spaziergange Seltsames zwischen meinen
Begleitern verhandelt wurde. Gesprch konnte man dies Hin- und Herspringen wild
gewordener Gedanken nicht nennen. Wie rasende Bestien strzten die kolossalsten
Einflle aus Casimir's Munde, erfreuten sich eine kurze Zeit der Freiheit und
legten sich dann wie das leibhaftige Ennui mig in den tiefsten Schmutz.
    Nach Verlauf einer Stunde saen wir auf den Stufen der Kreuzberg-Kapelle.
Was das nun fr Heiligenschreine sind, sagte Casimir, wahre Amulets, die sich
der liebe Gott an den Grtel gehangen hat, um, die Apathie gegen seine
sublimsten Geschpfe damit zu unterdrcken. Es mu langweilig werden, immer Ein
Amt zu verwalten. Ich mchte den Schpfer einmal in einem andern Geschft sehen,
das wrde ihm bei mir mehr Reputation verschaffen.
    Warst Du vielleicht zugegen, fiel Bardeloh ein, als mein Bruder die
Weihen empfing hier in der Kapelle?
    Der Narr! lachte Casimir. Kam der Mensch aus purer Commiseration mit sich
selbst auf den famosen Einfall, sich die Gedanken aus zustreichen! Hat das noch
eine vernnftige Menschenseele gehrt in unsern Tagen? - Nein Richard, ich
versprach dem Narren, zu derselbigen Zeit, wo er das Gelbde ablegen wrde, mich
in sen Schlaf einwiegen zu lassen auf den Armen eines Weibes, und so gewi ich
meinen berwchsigen Witz nicht vor Jedermann abspielen darf, ohne fr toll zu
gelten, ich hab's ehrlich gehalten, wie 'n deutscher Spitz! Unser Einer wird
dumm vor Treue.
    Kanntest Du den katholischen Geistlichen, der vor der Einkleidung Eduard's
in enger Freundschaft mit ihm lebte?
    'S war 'ne H .... seele, rief Casimir, die nur warm ward, wenn man sie
kitzelte.
    Weit Du seinen Namen? fragte Bardeloh gleichgiltig weiter.
    Das Wiesel schwnzelte sich bei guter Zeit in ein warmes Priorat hinein und
soff der erhaltenden Weisheit die Eier aus, als wr's Moselwein. Ich hoffe, wenn
die Vogelscheuche noch lebt, wird sie bald auseinander fallen.
    Vortrefflich! sagte Bardeloh zu mir. Die Rache hat dem Elenden die Seele
bereits aus den Lumpen seines Fleisches geschttelt. Jetzt bin ich beruhigt. Der
zerschmetterte Prior war der Geistesmrder meines unglcklichen Bruders.
    An der Klosterthr erschien der Kastellan. Guten Abend, meine Herren, rief
er uns grend zu. Es ist eine sanfte, milde Luft, die einem alten Manne wohl
thut. Erlauben Sie's, da ich eins mit Ihnen plaudere? O wie schn ist die Welt!
Wie herrlich, erfrischend ein einziger stiller Sommerabend! Ich mchte doch um
Alles nicht sterben in der schnsten Jahreszeit, und ich denke, der liebe Gott
wird ein Einsehen haben und mein Gebet erhren! Wie die Pappeln duften - die
Schmetterlinge still sich wiegen auf den Strahlen der Sonne, hier tief blau,
dort purpurn und sammetgrn funkelnd! Das sind gewi umherfliegende Engelsaugen,
die der heilige Gott aussendet als seine Boten, um sich zu erkundigen nach dem
Befinden seiner lieben Menschen.
    Bei meinem drren Gebein, rief Casimir, die Hand an die vergelbte Stirn
legend, der unverwstliche Mensch lebt noch immer, und ist heut noch eben so
versessen auf das Leben, wie vor zehn Jahren. Der Kerl mu eine Amphibie sein,
halb auf Erden, halb im Himmel vegetirend. Hast's noch nicht berdrssig,
Alter?
    Was? Ueberdrssig? Lieber Herr, seht nur hinunter, wenn Ihr noch gesunde
Augen habt, (er deutete mit dem Krckenstocke rings aus die Gegend, in der hin
und wieder Nebelflocken aufflatterten,) wie kann da ein Mensch aufhren zu
bewundern! Meine Freude liegt hier rings um uns. Siebenzig Jahre und darber
habe ich den Strom wie einen immergrnen Lenz die Landschaft begren sehen, der
unerschpflich neue Blumen brachte. Und da soll ich mich nicht freuen, Herr, so
lange meine Augen frisch und krftig bleiben?
    Das mache den Maulwrfen wei, die blind sind von Geburt an, weil sie so
frech waren, die Augen aufzuschlagen, ehe sie aus ihrer Mutter Leibe krochen.
Wenn Du siehst, ewiger Mensch, warum kennst Du mich nicht?
    Sie? sagte der Greis und ffnete weit das erden-und himmelgetrnkte Auge.
Er schttelte das silbergelockte Haupt, rieb sich die Augen, legte die Hand an
seine Stirn und fgte dann mitleidig hinzu: es kann nicht an meinen Augen
lieen, da ich Sie nicht kenne.
    Nun dann liegt's an der Sonne, sprach Casimir, denn ihr Blick lag immer
wie ein fauler Bassa gyptisch hei auf meinem Gesicht. Davon bin ich
dunkelhutig geworden. Wenn Du mein Gesicht aber schlen kannst, wie eine
Zwiebel, ohne Thrnen zu vergieen, so wirst Du eine europisch menschliche
Couleur darunter entdecken. Das Huten hab' ich den Schlangen noch nicht
abgelernt.
    Nochmals beleuchteten des Greises Augen die schwefelgelben Narben des
Dichters, die der Meiel des Gedankens und die heisse Pulvergluth des Herzens
hineingeschlagen hatten in sein Gesicht, dann sank er mit einem lauten Seufzer
an die Mauer.
    Nicht wahr, es steckt etwas in mir, das sich nicht vergessen lt?
    Ich denke, sagte der Kastellan, Sie sind der Iudenfreund, der einmal
Hostien aus der Monstranz entwendete, um ein paar zrtliche Briefe damit zu
siegeln.
    Du sollst Chronikenschreiber werden, wenn ich Kaiser bin, versetzte
Casimir, denn Du hast ein gutes Gedchtni.
    Der Greis stand auf und trat einige Schritte zur Seite. Um ihn dampfte das
Abendroth, ber dem Siebengebirge zog ein Gewitter auf und warf grelle Lichter
in die Thler. Armer Herr, sagte der Kastellan, auf seinen Krckenstock
gelehnt, Jugend hat nicht Tugend, ist ein altes Sprichwort, das immer
eintrifft, und vergeben und vergessen ist ein christlicher Brauch, den ich gern
ben will bis an's Grab; aber lieber Herr, wenn Sie sich im Spiegel besehen, so
fragen Sie, ob die entwendete und entweihte Hostie nicht alles Blut aufgezehrt
hat in Ihrem Angesicht!
    Lieber Alter, versetzte Casimir, dem Greis nachffend, das hat der Witz
gethan, der sich selbst fressen mute.
    Der Greis schlug ein Kreuz; von fern strzte der Donner brllend in die
Thler und schleuderte die hundert Briareusarme seiner Blitze hell leuchtend
ber die Berge. Nebel flogen wie verscheuchte Nymphen an den Hgeln hin und
versteckten sich hinter die grnen Schleier der Weinranken. Auf dem Strome lag
tiefes Dunkel.
    Bardeloh stand auf. Hast Du einen Auftrag an Bruder Bonifacius? fragte er
den Greis.
    Ja, lieber Herr, versetzte dieser. Sagt ihm, er solle hierher kommen und
sterben. Es ist Zeit, sich zur Ruhe zu legen, wenn die Hostien verbraucht
werden, um Briefe damit zu siegeln.
    Ich verspreche Dir wenigstens seine Leiche, erwiederte Bardeloh. Denn ob
auch unsere Ansichten eben so weit von einander abliegen mgen, als Sonne und
Mond, der Zwischenraum ist geebnet und verbunden durch ein unsichtbares Band der
Verschwisterung. Als Du anfingst, zu glauben, war dieses Glauben eine hohe
Tugend, als es aber mir gelehrt wurde, hatte man mit dem Glauben schon
mancherlei Mibrauch an geweihten Schwellen getrieben. Dieser Glaube war gefrbt
und voll Unrath, wie ein Kleid, das durch langes Tragen farblos geworden. Ist es
Deine Pflicht zu sterben im Anschaun Deiner unbefleckten Tugend, so ist es auch
die meinige, das unsaubre Kleid abzuwerfen und ein neues, reines an dessen Statt
anzulegen. Was dabei eher zerreit, das Herz, dessen Blut keucht und sthnt nach
dem Frieden der That, oder das Kleid, welches fest geworden im feuchten Schmutz
- das liegt so tief im Dunkeln, da nicht einmal jene Blitze es hell beleuchten
knnen. -
    Wir stiegen langsam den Berg hinab und sahen noch lange die hohe Gestalt des
ehrwrdigen Greises im aufflammenden Himmel stehen.
    Casimir versank wieder in sein sphinxartiges Hinstieren. Es ist, als wolle
er die Geburt der kommenden Geschichte herauslesen aus den Schatten, die jetzt
verblat an dem Sonnenzeiger der Zeit vorbereilen. -
    Morgen in der Frhe kehren wir zurck nach Kln. Alle Personen, die
Gleichmuth's Manuscript erwhnt, sind nun vereinigt in einem stillen Kreise. Was
die Confrontation Aller auf Alle und jeden Einzelnen in's besondere fr eine
Wirkung hervorbringen wird, sollst Du spter erfahren. Ich frchte, es werden
einige Herzen dabei ihr letztes Blut hinstrmen mssen.

                                                               Einen Tag spter.

    So eben hat mich Richard ber den Zusammenhang des jngst Erlebten belehrt,
und ich bin nun wenigstens im Stande durch Vergleichung und Combination das noch
Fehlende zu ergnzen. - In seinem frheren Leben ward Bardeloh durch ein
unruhiges Umherschweifen in der Welt angezogen, und er berlie sich diesem
Hange rcksichtslos. Die Mittel, jede, auch die ausschweifendste Reiselust, zu
befriedigen, fehlten ihm nicht, und fand er auch nicht hinreichende Befriedigung
in dem ununterbrochenen Wechsel, so gewhrte die damit verknpfte Zerstreuung
doch eine Art Befriedigung.
    Auf diesen Reisen begegnete er auch Casimir, dessen groteske Erscheinung ihn
fesselte. In ihm fand er, was er lange vergeblich gesucht hatte, einen Menschen,
der alle Krfte besa, um Ungeheures zu leisten, durch die Unnatur der
Verhltnisse aber an deren Entfaltung verhindert, jedes Vermgen dadurch
vernichtete, da er es im Ueberbieten zu einer colossalen Fratzenhaftigkeit
verzerrte. Casimir gab Bardeloh den ersten Ansto zu seinen nachmaligen Studien,
aus denen er sich nur Groll und einen langsamen, aber sicher um sich greifenden
geistigen Tod sog. Der Ideenreichthum in Casimir berwog Richard's eigenen,
tiefen Schatz von Gedanken. Casimir schleuderte in brockenweis verstreuter Rede
Gedanken um sich, die einem Gott entsprungen schienen, aber, weil sie des
Lichtes entbehrten, in zackiges Krystall verwandelt, wol blenden, nur nicht
beglcken konnten.
    Mehrere Tage verlebte Bardeloh in traulichem Umgange mit Casimir, der eben
damals, nach Richard's Bericht, im Begriffe stand, einen Ausflug in die neue
Welt zu machen. In jener Zeit hatte die Vereinsamung des Denkens, wie es sich in
Casimir gestaltete, noch nicht so sehr um sich gegriffen, da seine Erscheinung
dem gewhnlichen Menschenschlage allzu auffallend gewesen wre. Noch wute er
sich im Fall der Noth zu zhmen, wiewol mit groer Anstrengung. Ihn konnte das
allgemeine Leid stundenlang bewegen und durch Theilnahme daran von seiner
colossalen Art, zu denken und zu sprechen, abhalten. Casimir war noch nicht
untergegangen im Stolz auf sich selbst, wozu ihn spter die Flachheit der Masse
getrieben haben mag.
    Schon damals hatte Casimir meinem Gastfreunde viel erzhlt von Mardochai,
den er ihm jedoch mehr als eine jdische Curiositt schilderte. Denn es lag
nicht in Casimir's Denkungsweise, den Menschen so tief in die Seele zu blicken,
da er ihr Thun und Wollen genau htte erkennen sollen. Richard ward durch diese
Schilderung gefesselt. Er erinnerte sich eines fernen Verwandten dieses Namens
und beschlo mit Mardochai in eine engere Verbindung zu treten, um, wo mglich,
durch ihn fr die Emancipation der Juden gemeinsame Schritte zu thun. Einen
Antrag, den er dem Dichter machte, ihn zu begleiten, schlug dieser aus, und so
schieden Beide von einander mit dem Versprechen, da derjenige, welcher zuerst
die Untersttzung des andern bedrfen mchte, diese Kunde davon ungesumt
entweder brieflich, oder auf dem Wege der Oeffentlichkeit an ihn gelangen lassen
solle.
    Die natrliche Art, sich der Gewhnlichkeit gegenber zu benehmen, die
Ausdrucksweise und ein geflissentliches Vernachlssigen aller hergebrachten
Gewohnheiten verdchtigten Casimir in den Augen Aller. Sein Reiseplan zerschlug
sich; er trieb sich in Deutschland umher, von dem Wenigen, was er besa, lebend,
und als auch dies endlich aufgezehrt war, liebte er es, sich im Cynismus
auszuzeichnen. Der Ansto, den er dadurch der feinen Sitte gab, und die Art und
Weise, seine unbegriffenen Gedanken an den Mann zu bringen, brachte die Mehrzahl
zu der Ueberzeugung, die gesunde Vernunft sei dem wunderlichen Manne abhanden
gekommen. Der Staat fand sich veranlat, mildthtig aufzutreten, und lie dem
unverstandenen Casimir eine Wohnung im Irrenhause anweisen. Ein Jahr und drber
ergtzte sich der Dichter an den Narren, die ihn umgaben. Er machte Studien an
ihren Physiognomien, notirte ihre Reden und Einflle und schuf aus diesen und
seinen eigenen ungeheuerlichgenialen Gedanken seine sogenannten Eingeweide.
Erst, als ihm der Spectakel zu toll ward und er sich alles Ernstes unter allen
Narren als den Gewichtigsten behandelt und bewacht sah, trieb ihn der Stolz auf
seine geistige Gre zu dem Briefe an Bardeloh, dessen fester Aufenthaltsort ihm
bekannt war. -
    So brachten Zufall und eigenthmliche Schicksalsfgung eine Figur in unsern
an sich schon merkwrdigen Zirkel, die gewi auf die fernere Gestaltung dieser
verworrenen Verhltnisse nicht ohne bedeutenden Einflu bleiben wird. Ein Glck
war es, da Bardeloh zuvor Gleichmuth's Manuscript lesen konnte. Durch dieses
stieg seine Theilnahme an Casimir, und ich irre mich wol nicht, wenn ich
behaupte, da Richard durch den Dichter manches zum Ziele zu drngen versuchen
wird, was ohne diese Mittelsperson vielleicht sehr schwer zu erlangen sein
mchte. Freilich wird dieser Mensch an eigenen Fden geleitet werden mssen!
Aber Bardeloh versteht das Versteckspielen und bersieht in seiner Ruhe auch
Geister, die an Schpferkraft ihm weit berlegen sind.
    Begierig fast geb' ich mich der Zukunft willenlos hin. Ich mu einmal
versuchen, wohin das Folgen fhrt, wenn es kein knechtisches ist. Wie seltsam
Casimir schon in der frhesten Zeit den Personen nahe trat und welch furchtbare,
abenteuerliche Rolle er in ihren Lebensschicksalen spielte, dies lehrt der an
Raimund eingeschlossene Brief, in dem sich der Schlu von Gleichmuth's
Autobiographie befindet. Lies diese Blatter mit dem Willen, Vershnung zu finden
auch im Frevel. Wir Alle mssen dies, sonst wrden wir uns bald gezwungen sehen,
die Weltgeschichte als eine in's Unendliche hinauswachsende Unmoralitt zu
verdammen. Und davor behte uns Gott und die Heiligkeit unseres eigenen Geistes!

                                      10.



                                  An Raimund.

                                                                Bonn, im August.


    Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Leben Irregeleiteten.

                                   (Schlu.)

    Es gibt nichts so Seltsames, Unnatrliches, Widervernnftiges, das nicht
durch consequente Skepsis zum Gesetz und dadurch zur Lebensregel erhoben werden
knnte. Aeuerlichkeiten bestimmen auch hier viel, wie bei Allem, und bernehmen
das Amt eines Schulmeisters oder Zuchtknechtes. Mir hat mein Lebenlang nicht in
den Sinn gewollt, da irgend ein Individuum verpflichtet sei, der Willensmeinung
eines andern seine geistige Freiheit zu opfern. Und dennoch strebt unsere ganze
Erziehung darauf hin, die krftige Gottesnatur mglichst frhzeitig aus uns
herauszutreiben. Die unglckliche Maxime: man mu dem Kinde frhzeitig den
Willen brechen, ist Lebensregel geworden und hat heiligende Gesetzeskraft
erhalten. Wir leben sehr curios, wenn wir Alles thun, was uns von Kindesbeinen
an als Grundsatz vorgepredigt wird.
    Fr ein freies, vernnftiges Geschpf kann es nichts Heiligeres geben, als
sich einen festen Willen zu bewahren. Jedes Titelchen davon, das ihm abgeht, ist
ein Verlust an seiner Gottheit. Wir drfen, Andern zu gefallen, nichts von
unserm Willen opfern, nur, insofern Beschrnkung aus Ueberzeugung eine
moralische Frderung sein mag, ist es uns anheimgestellt, ob wir uns freiwillig
derselben unterwerfen wollen.
    Es mssen sehr schwache Seelen gewesen sein, die zuerst auf den Gedanken
gekommen sind, mit der Liebe zu verfahren, als sei es eine Waare. Knnen wir
schachern mit dem Gott in uns? Darf die Erde eine Psalmensngermiene annehmen,
wenn es der Sonne gefllt, einen berschwenglichen Lichtstrom auf sie
herabzugieen? Es gibt nirgend etwas Uberflssiges, nur die nackte Armuth, der
beschrnkte Verstand kann sich rgern ber den Reichthum und Abzugskanle fr
ihn erfinden. -
    Diese Gedanken wurden mir von Tage zu Tage gelufiger in dem Leben, das ich
von jetzt an fhrte. Ich mag nicht vertheidigen, was der Taumel aufgeregter Lust
in mir beging; aber ich gewann durch das Zgellose sinnlicher Bewegung doch eine
Freiheit des geistigen Ueberblickes, die mich selbst berraschte. Durch sie
verga ich Druck und Gram schwacher Momente, lernte aber leider die Neue als ein
lebentdtendes Ungethm auffassen! - In meiner Stellung war dieser Gewinn
offenbar ein Verlust zu nennen; denn er entzweite mich tglich mehr mit dem
Gesetze, dem ich meinen Willen unterthnig machen sollte. Nach der gewonnenen
Ueberzeugung konnte ich diesen Forderungen nicht entsprechen, ohne mir selbst
das Verdammungsurtheil zu schreiben. Dennoch sah ich ein, da die Gegenwart nur
dauern knne, wenn sie in der schlaffen Willenlosigkeit fortgeschoben werde, die
nun einmal Leiterin ihrer Schritte geworden war. Wie schon frher, fhrte mich
auch dies wieder auf das Spalten des Menschen von dem Diener des gemachten
Lebens. Ich wollte mir selbst, als einem Atom der Gottheit, den Kreis des
Wirkens nicht verengern, aber dem irdischen Zwiespalt geben, was er forderte.
Der Gehorsam in mir sollte Mittel werden, ihn zu vertilgen in der Menschheit.
Ich wollte Theolog sein, um den Menschen zu retten, nicht durch die anerkannte
Heiligkeit der Doctrin, sondern durch ein allmhliges Aufdecken des
Widerspruchs, worin eine menschlich geordnete Wissenschaft mit der freien Kunst
des religisen Gemthslebens steht. Ein Mrtyrer zu werden fr die Erlsung
eines Theiles der Gemeinde aus den Fesseln selbst auferlegter Beschrnkungen
ward Ziel meines Lebens.
    Die Leidenschaftlichkeit meiner Natur legte mir hierbei tausend Hindernisse
in den Weg. Zum Mrtyrer taugt nur ein Schwrmer, wie zum Reformator
Besonnenheit allein und ein fester Charakter befhigen. Ich ging still mit
meinem Leben zu Rathe. Anatomisch zerlegte ich jede Faser meines Herzens, prfte
jeden Gedanken und wog ihn ab mit gewissenhafter Pedanterie auf der Wage des
redlichsten Willens. Ich fand mehr spezifische Schwere in ihnen als therische
Schwungkraft, und mein Muth wuchs, je lauter die Nothwendigkeit einer Aenderung
mir aus allen Enden der Welt in die Ohren schrie. Allein Leben, Lust und Reiz
hatten sich schon zu tief eingewhlt in das Mark meiner Seele, als da eine
heftige und schnelle Scheidung von diesen fr mich mglich gewesen wre.
Auerdem umschlich jeden meiner Schritte ein unheimlicher Geist und ma ihn aus
mit heimtckischem Lcheln, ohne da es doch in meiner Macht stand, ihm
zuzurufen: Du bist ein Schurke!
    Dieser Geist war Mardochai. Er lie nicht von mir und umkreis'te mich, wie
mein eigner Schatten. Immer stand er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite.
Mardochai besuchte mich, ging in meine Plne ein, gab vor, selbst wirksam dafr
zu sein und wiederholte unablssig seinen Refrain: Wollen Sie bleibend wirken,
so mssen Sie zuvor auch jede Gemeinschaft mit irgend einer Secte vllig in sich
vernichtet haben. Sie mssen ein freier Sohn der Natur werden, der Alles thun
kann, wenn er will, und Alles lassen, wenn er nicht will. Sie mssen auch Alles
erprobt haben, weil Sie sonst in Diesem und Jenem irrige Ansichten Ihren Zwecken
unterschieben knnten. Studium ist nie Snde, und das Laster selbst, nur so
lange verchtlich, als es aus den Lsten geboren, wird Tugend, wenn es fr die
Tugendhaftigkeit gebt werden kann. Lassen Sie uns zusammen studiren, sagte er,
ich halte es fr die Pflicht eines aufgeklrten Juden, den Christen ihre
Ungerechtigkeiten gegen unsern Stamm zu vergelten durch Liebe.
    Ich ging darauf ein, weil es mir nicht mglich ward, den seltsamen Menschen
zu entfernen. Auch wrde dies wenig gentzt haben, da mein ganzes Wesen schon
auf das Innigste mit jener Zweideutigkeit des Genusses verwachsen war, die immer
Produkt eines zerbrochenen Gewissens ist. So setzte ich meine sinnlichen
Ausschweifungen fort, ohne dem Geist die ppigste Nahrung zu entziehen. Der
Geist war mchtiger, als meine Sinne und fruchtbarer als sie. Die physischen
Krfte erschpften sich nach und nach, aber die geistigen wuchsen und tobten um
so ungestmer, je sprlicher sie einen Gegensatz und Widerstand fanden im Tumult
sinnlichen Rausches. Mardochai stand treu ausharrend an meiner Seite. In seinem
dunklen Auge lag ein eigner Glanz. Nicht die Sonne der edlen Freiheit schien
dieses Licht entzndet zu haben, sondern irgend ein Dmon. Die Gluth warf keinen
Schimmer auf den Himmel, aus dem sie herabflammte, vielmehr spielte die Blsse
eines ewiges Todes mit winterlich kltendem Hauch um das edelgeformte Antlitz.
Ein abstoender Ernst lag auf den kalten Zgen, eine zurckhaltende Scheu
dmmerte oft um sein Auge und schien Traumgebilde zu formen, die nicht Leben
empfangen hatten am Busen der Liebe und Schnheit.
    Bald zog Mardochai auch Casimir in unsern seltsamen Bund. Nun ist die
Dreieinigkeit fertig sagte er, als wir zum ersten Male beisammensaen und die
Rettung der Menschheit besprachen aus dem Tod fesselnder Gesetze. Casimir war
aber eher ein strender, als helfender Gefhrte. Diesem Menschen lag in der
Bizarrerie seines ganzen Daseins mehr daran, Unerhrtes vorzuschlagen, als
ernstlich auf ein rettendes Mittel zu sinnen fr die trbselig dahin sterbende
Menschheit. Dennoch strubte sich Mardochai immerdar, den einmal Angeworbenen
wieder zu entlassen.
    Solche Kuze sind nthig, um unsere zu groe Zahmheit immer zu stacheln,
meinte er. Casimir vertritt die Stelle eines Sporns. Er haut uns die Weichen
wund und treibt die deutsche Sentimentalitt aus unsern Leibern.
    Ich gab mich zufrieden und lebte dem Ziele entgegen, das ich mir gesteckt
hatte. Mardochai begleitete mich berall hin. Sein Geist war unermdlich, selbst
in Dinge einzudringen, die ihm vllig fremd geblieben. Mit erstaunenswerther
Pfiffigkeit erlauschte er die Schwchen der christlich- theologischen Doctrin,
indem er zugleich feine, ich mchte sagen, grazise Blicke der Misbilligung auf
Christum warf. Ich wrde mich wundern, pflegte er dann wol zu sagen, wie es
mglich gewesen, da einer meiner frheren Stammesgenossen so leise dem Irrthum
nahe treten konnte, htte nicht die Liebe zu allgewaltig gesprochen in seinem
Herzen. Liebe frommt und treibt zu bewundernswrdigen Thaten, es ist aber doch
gut, sich nicht von ihr beherrschen zu lassen. Dadurch gibt man zu leicht der
Rache Gelegenheit und dem Hasse, sie mindestens zu kecken Neckereien zu
verlocken. Ware ich ein Prophet, die Religion meiner Liebe wrde eine gepanzerte
Jungfrau sein!
    Und ist die unsrige das nicht? warf ich fragend dazwischen.
    Nein, Gleichmuth, Eure Religion ist ein unschuldiges Mdchen. Man kann es
bethren durch unbefangene Zrtlichkeit. Es wre ein tragischer Scherz, wenn ein
Jude so liebenswrdig bezaubernd, so galant siegreich sein knnte, da diese
unschuldsreine Heilige seinen Einflsterungen Glauben schenken und sich ihm in
freudiger Hingebung berliefern knnte.
    Sapperment, fiel Casimir ein, ich wollte die Unschuld seufzen lassen und ihr
blutige Thrnen auspressen. Die Lust ist eine Schraube ohne Ende in der
nachgiebigen, weichen Mutter der Dummheit. -
    Solche Fratzenschneidereien der Gedanken wrden mich verletzt haben, wren
sie nicht aus Freundes Munde gekommen und ein Beweis gewesen fr das
Gefallensein unserer ganzen Verbrderung. Auch trug das abgestumpfte Nervenleben
dazu bei, mich vor nichts mehr errthen zu lassen. Ich hielt fr Gleichmuth
weisen Ueberblick und ein grenzenloses freies Denken, was doch nur Ergebni war
einer langsam gesuchten und erlangten Entsittlichung. Die Heiligkeit des
gttlichen Ebenbildes war mit Schleiern in mir bedeckt, die nur aufstiegen vor
dem zitternden Auge, wenn es die Wollust berhrte mit dem schmeichelnden Finger
der Dunkelheit. Es war ein grauenvoller Irrthum, in dem ich mich selbst zu Tode
tobte, aber der Irrthum war verzeihlich, ja sogar natrlich; denn ihn hatte
geboren die Unnatur des Seelenlebens, in dessen heiligen Schlingen die Religion
des Herzens unter Wonneschauern abgewrgt wird.
    Mardochai mochte ahnen, da meine Physis sich erschpfe, theils durch die
Zgellosigkeit, der ich mich anfangs berlassen hatte, theils durch das geistige
Ueberspannen aller Krfte, das aufreibend wirken mute auch auf den Krper. Ich
brach zusammen, wie eine Eiche, an dessen Stamm der Zahn der Vernichtung feilt.
Mardochai rieth zur Migung, der er selbst sich hingab. Dieser Mensch war nie
enthaltsam aber immer mig. Es gibt keinen mehr auf Erden, den ich so
zerrttet, so durchpeitscht gesehen habe von Leidenschaften, als diesen Juden.
Die entsetzlichste seiner Leidenschaften war aber doch die Ruhe. Und nur so kann
die Rache gro sein, weil sie eine Errettung erzielt.
    Ungeachtet ich Mardochai's Rath befolgte, mute ich doch mit innerm
Entsetzen wahrnehmen, da sich die Natur und Gott in ihr nur einmal foppen und
hhnen lasse. Ich ward physisch, was bei geistiger Ermattung der Bldsinn ist.
Die Lust der Sinne erlosch, weil die Kraft erschpft war, aus der sie
hervorgetobt. - Noch hielt ich es fr Tuschung und Mardochai bestrkte mich
darin. Als Arzt vertraute ich ihm, bat um Hilfe, und ein Lcheln, das den
bleichen Schleier seines Gesichtes zerri, wie das Erdbeben beim Tode Christi
den Vorhang vor dem Allerheiligsten des Tempels, schlug eine Oeffnung in das
Herz Mardochai's, durch die ich nur einen Augenblick lang hinabschauen konnte in
die unerforschten Geheimnisse, die darin ihre stammenden Hupter trumerisch zu
Boden gesenkt hielten.
    Ich kenne ein Mittel, sagte er, aber Sie werden sehr wahrscheinlich
anstehen, es zu gebrauchen, schon deshalb, weil ein starker Glaube an die
Unfehlbarkeit desselben durchaus unerllich ist. Sie glauben nicht mehr, da Sie
wissen, darum. -
    Der Unglubige ist mindestens aberglubig, fiel ich ein, und die
Verzweiflung gebiert zuweilen eine Gedankenfestigkeit, die an Glauben grenzt.
Sollte sie nicht dieselbe Kraft haben?
    Gewi, versetzte Mardochai, und sind Sie im Stande sich einige Tage lang
mit diesem Gedanken zu tragen, so will ich Ihnen das Mittel sagen.
    Ich war es zufrieden. Der Schmerz, vielleicht weniger um meine Unschuld,
als um die Entbehrung einer Snde, die mich im Genusse den Ekel vergessen lie,
womit das bloe Leben mich sonst berhrte, steigerte meine Unglubigkeit zu
wahrhaftigem Glauben. Mit Ungeduld erwartete ich den Tag, wo Mardochai als ein
zweiter Schpfer meines Ich's mir die verlorne Hlfte des Lebens wiedergeben
wollte. Der Tag erschien, es war ein Butag - und indem ich dies schreibe,
wthet noch die Erinnerung daran, wie ein Tiger in allen meinen Nerven, und ich
flehe Denjenigen, dessen Auge zuerst diese Bekenntnisse berfliegt, in der Angst
meines ohnmchtigen Gewissens an, Gott zu bitten um ein Verhllen der Sonne und
Sterne, damit Niemand belausche die Zornrthe auf seiner reinen Stirn, und ist
er selbst ein Frevler, die Schamgluth, die purpurn fllt ber sein Angesicht!
    Mardochai trat in mein Zimmer, zum ersten Male in der Tracht des Orients,
als Jude, als Hoherpriester seiner Brder. Ihm folgten Casimir, in einem langen
Mantel, unter dem er ein Harlekinskleid trug. Der Dritte war Friedrich mit
seiner Geige. - Ich war verwundert ber diesen Aufzug und verlangte den Grund
davon zu wissen.
    Sind Sie bereit? fragte der Jude. Ich bejahte dies. Dann kommen Sie mit uns.
Unterwegs sollen Sie erfahren, was zu Ihrer Gesundheit dient.
    Dmmerung umhllte schon das Thal, als wir die Stadt verlieen. Mardochai
fhrte mich die Allee hinaus nach Poppelsdorf. Um das Kirchlein des Kreuzberges
flogen die Funken der niedergehenden Sonne, wie brennende Rosenbltter aus dem
Brautkranz der Natur. Casimir und Friedrich gingen uns voran, ich folgte mit
Mardochai in einiger Entfernung.
    Lieber Gleichmuth, hob der Jude an, im Fall Sie nicht der starke Geist sind,
den ich immer in Ihnen zu erblicken glaubte und der mich so fest an sich
kettete, da ich selbst Liebe und Freundschaft Ihnen gegenber fhle; so mu ich
bitten, abzustehen von dem, was ich verlange und sich in Ihr Schicksal zu
ergeben. Es trgt unser jetzt durch Noth gebotenes Handeln den Schein der Snde,
doch, ruhig betrachtet, es ist keine, berhaupt nichts, als ein Hingeben an die
Natur, die ja etwas Anderes nie verlangt, diese aber stets fordert. Es ist
nthig, Gleichmuth, da Sie jetzt einmal den Glauben und die Natur des Glaubens
lieben, wie Sie die Schnheit umarmt und an ihren Brsten der Natur einen zu
reichen Zoll gegeben haben.
    Wie soll ich dies verstehen? fragte ich meinen Begleiter.
    Einfach und mystisch zugleich, wenn Sie wollen, fuhr der Jude fort. Durch
Sympathie heilt die Natur leichter und sicherer Uebel, die von einer Art
Sympathie erzeugt wurden, als durch andere knstliche Mittel. Diese Heilung will
ich an Ihnen versuchen und sie wird gelingen, wenn Sie Glauben haben.
    Wahrlich den Hab' ich! rief ich betheuernd aus. Nur schnell gesagt, wodurch
mir geholfen wird!
    Ruhe ist auch beim Glauben zu empfehlen, fiel Mardochai ein. Sobald wir an
Ort und Stelle sind, werden Sie das Uebrige erfahren.
    Unter zitterndem Bangen erreichte ich Poppelsdorf. Mit der Last einer
einstrzenden Welt auf dem Herzen erstieg ich an Mardochai's Hand den Kreuzberg.
In der Kirche hatte die letzte Messe begonnen, viele Menschen lagen vor der
Kirchthr auf den Knien. Andacht senkte ihren Fittig schtzend ber den Tempel
und die dmmernde Natur.
    Wir sind zur Stelle, sprach Mardochai. Er rief Casimir herbei und flsterte
ihm einige Worte ins Ohr. Der grauenhaft-geniale Mensch lachte und ging in die
Kirche. Der Jude setzte sich an die Erde neben die heilige Treppe, die nahe der
Kirche liegt und von welcher der letzte Glubige auf den Knien herabstieg.
    Aus der Kirche hallte dumpf das Benedicite! das Dominus vobiscum! Der ganze
tnende Stolz der Messe zog im Echo vorber an meinen umdsterten Sinnen. -
    Ich hrte Casimir zurckkommen, er lachte und warf einige jener colossalen
Gedanken bedachtlos in die warme Abendluft, wie sie ihm nun einmal zur Natur
geworden waren. Unterde trug Mardochai in kalten, skeptischen Reden mir die
Notwendigkeit gewisser Lebensversuchungen vor, und wute seine Gedanken dabei
doch in eine so fromme Mystik zu hllen, da ich momentan sogar die Ueberzeugung
gewann, mein geheimnivoller Freund und Rathgeber sei, wann nicht lngst schon
Christ, doch nahe daran, es zu werden. Lauschend seinen mild erwrmenden Worten,
ergab mein selbststndiges Denken sich dem Willen meines Begleiters. Ehe ich es
noch ahnte, hatte Mardochai docirend, erzhlend, Mhrchen dichtend, oft seine
Seele in schluchzender Wehmuth auszittern lassend, mein ganzes Wesen auch so
vllig in sein goldenes Sndennetz verstrickt, da ich zusagte und unversumt
zuletzt that, was er verlangte.
    Es wre mir eine Erleichterung, hier auszusprechen, worin dies bestand,
allein auch der in den Schlamm der Verbrechen tief Hinabgesunkene bewahrt sich
doch immerdar jene Weihe der Scheu, die ihn erst verlt, wenn der letzte
gttliche Funken in ihm erloschen ist. Und, Gottlob, noch fhle ich, wenn auch
nur schwach, das belebende Flimmern desselben still und vergebend in mir pulsen.
Darum bleibe verschwiegen, was ohne mich selbst zu entweihen, meine Feder nicht
aufzeichnen kann. Es gibt Thaten, die geschehen knnen, ohne da die Geschichte
errthet und der Tag erbleicht, an dem sie entweihend sich einschleichen in die
offenen Hallen, wo die Vergangenheit zur Auferstehung der Zukunft sich ordnet,
aber ein offenes, wenn auch reuiges Wiedererzhlen derselben verbreitet
pestartige Dnste um sich. Darum sei mir vergnnt, hier nur schweigend zu
sprechen, stumm zu bekennen, im Gebehrdenspiel einer wach gewordenen Angst
abzuben den Frevel einer unseligen, im Rausch des Schmerzes und dem
Sirenengesange der Verfhrung vermaledeiten Lebensstunde!
    Noch lebt ein Zeuge jener That, der Kastelan, dessen Aufsicht die Kapelle
anvertraut ist. Er wei, wer an jenem Abende dem Priester administrirte, und was
dieser Administrant vollzog whrend des erschlichenen Dienstes. Seine That und
meine durch Mardochai bewerkstelligte Wiederbelebung des erschlaffenden
Naturlebens hingen sehr eng zusammen. Ware Casimir noch am Leben, so wrde er in
der ungenirten Weise, sich zu offenbaren, dem Fragenden wol schwerlich eine
Antwort versagen. Es war eine herzbrechende Farce, die Mardochai, Casimir und
Friedrich, diese letzten Beiden freilich, ohne zu wissen, mir zum Heil
auffhrten. - Genug, Mardochai kam zu seinem Ziele und ich erlangte, wonach ich
begehrte. Der Jude reichte mir den Arm und fhrte mich langsam den Berg hinab,
whrend Friedrich aufregende Melodien, heitere, ergtzliche Lieder zu spielen
schon frher beauftragt worden war. Mardochai blieb dabei ruhig, wie immer, er
sprach von Unsterblichkeit, Glaube, Liebe und andern erhabenen Gegenstnden,
whrend in meinen erhitzten Adern eine Raserei der Lust tobte, wie ich sie in
diesem Grade nie gefhlt hatte.
    Mein Wille war vllig gefangen whrend dieser Begebenheiten. Mardochai blieb
mein Begleiter oder vielmehr Fhrer in der darauf folgenden Nacht, aber die
Trefflichkeit seines Mittels ward auer Zweifel gesetzt. Ich gesundete, und erst
spter erlag ich fr immer der strafenden Rache der Natur. O, damals ahnte ich
noch immer nicht, warum Mardochai so gehandelt hatte! Die spteren Jahre erst
lieen mich erkennen, da ich Teilnehmer einer Rache geworden sei, wie sie nur
ein zweitausendjhriger Ha und ein gleich langes Dulden der himmelschreiendsten
Ungerechtigkeiten ausbrten konnte.
    Allein jene Rache hatte auch einen Zweck, einen heiligen Zweck, der
ebenfalls, bei mir wenigstens, erreicht wurde, obwol mein Handeln dafr der
trotzigen, dummen Menge gegenber nur von geringer Wirkung geblieben ist. Von
diesem Zwecke zu reden, kommt jedoch nur dem zu, der fr ihn keine Snde
scheute! Die Zukunft wird auch diesen dereinst bekannt werden lassen. - -
    Mardochai sprach nicht mehr von dieser Geschichte, denn seine Ruhe ist
gleich mchtig in ihrer Consequenz, als der Ha unaustilgbar, den er in sich
nhrt und dessen Befriedigung seine eigenste Religion zu sein scheint. Mardochai
ist entsetzlich, aber doch ein groer Mensch! Denn er steht als strafender
Rachegott auf fr sein Volk, treu seiner Lehre, die in Gott ja nur einen
starken, eifrigen Gott erkennt. Obwol ich Mardochai's Opfer geworden bin, ahne
ich doch in ihm den reinen Menschen und wei ihn zu sondern von dem Henker, wozu
ihn das Jahrhundert berufen hat in der Nothwendigkeit seiner luternden
Auswchse. -
    Es vergingen einige Tage und Mardochai lie sich nirgends blicken. In mir
stritten sich Ingrimm, eine lcherliche Verzweifelung und entschiedener Hohn
gegen Alles, was bisher der Gewohnheit lieb und werth gewesen war, um den Besitz
meines Herzens. Des Juden ausgesuchte diabolische Rache an dem Heiligsten, was
unser Glaube geboren hat, schreckte mich auf aus dem Traume geistiger
Vernichtung. Ich wollte den Schrecklichen meiden, aber ich hatte weder die
Kraft, ihm zu fluchen, noch den Muth, zu behaupten, seine Handlungsweise sei die
schandbarste, welche je geschehen unter der Sonne. Und dann - hatte er mich
nicht gerettet, wieder hergestellt? Ein neues Leben durchwrmte ja mein
frierendes Nervenmark! Ich fhlte mich ganz wieder Mensch, frei und stolz auf
die Kraft einer vollen Mnnlichkeit. Es war ihm leicht, mich der niedrigsten
Undankbarkeit zu beschuldigen, - sich als Retter, als gromthiger Freund mir
gegenber hinzustellen! Htte nur der furchtbare Blick nicht noch immer meinen
zerrissenen Herzenshimmel, wie ein blendender Blitz, zerspalten! Ich zweifelte
an der Rache des Juden und fand mich beruhigt, indem Gleichgiltigkeit bald den
tiefern Eindruck verwischte.
    Als ich endlich Mardochai wieder sah, ging er gekleidet, wie am Tage der
Entheiligung. Er trauerte und meldete mir ruhig, Eugenie, seine Geliebte, sei
gestorben. Diese Nachricht erschtterte mich, obwol ich furchtbar drohend die
Vergeltung auch hier die Fahne des Sieges schwingen sah. Mardochai zeigte sich
von nun an immer auch in seinem Aeuern als Jude. Mich befremdete dies und ich
forschte nach der Ursache. Mein zweideutiger Freund zuckte die Achseln und
schwieg. Spterhin bemerkte ich, da er mehr als frher mit seinen
Glaubensgenossen umging. Er stand in vielfachen Verbindungen und mir schien es,
als betreibe er neben seiner medicinischen Praxis noch ein Geschft.
    Ich habe immer gefunden, da Juden, wenn sie sich den Wissenschaften widmen,
das Studium der Medicin erwhlen. Der Grund davon ist leicht zu ermitteln. Als
Arzt findet der Nichtchrist auch bei den Christen noch immer das sicherste Aus-
und Unterkommen. Man vergit ber der Geschicklichkeit des zu Rathe Gezogenen
den Makel des Bekenntnisses, den alle Aufklrung der Neuzeit noch immer nicht
ganz zu tilgen vermocht hat. Dennoch wagt nicht jeder Ort und jede Bevlkerung,
sich selbst zu diesem so beschrnkt liberalen Standpunkte zu erheben. Ich habe
Stdte gekannt, in denen keine Familie, weder aus den hhern noch niedern
Stnden sich je entschlossen haben wrde, die Pflege der Gesundheit einem
jdischen Arzte anzuvertrauen. Die Tyrannei der Angst, die Geiel der
Beschrnktheit, sind kaum zu vernichten.
    Mardochai, bereits der Praxis sich hingebend, machte aus Stolz und geistiger
Ueberlegenheit kein Geheimni von seinem Judenthume, eher setzte er eine Ehre
darein, gegenber einer oft sehr bornirten Christenheit mit den Funken seines
Geistes das Jmmerliche, dem Menschen so tief Herabwrdigende gewisser
moralischer Maximen so stark zu beleuchten, da sie am Ende in Asche aufgelst
niedersielen Weil er den Menschen in sich achtete und auch in Andern
hervorsuchte, entzog man ihm die Gegenachtung. Viele zuckten die Achseln, wenn
des geistreichen, scharfsinnigen Mardochai gedacht wurde und bedauerten, da er
ein so starrer Jude sei.
    Man mu anstehen, ihn in Gesellschaft zu bitten bei seinen Grundstzen,
sagte irgend ein Kirchenrath, denn der sonderbare Mann ist im Stande, laut zu
gestehen, da er Jude ist. Man kommt in Verlegenheit bei Umherreichen der
Speisen und mchte jedesmal Waschwasser an der Tafel herumgehen lassen.
    Diese Stimmung ward bald allgemein. Die Weiber hatten zwar gern sein
schneidendes und dabei doch galantes Wesen, allein den Juden konnten sie ihm
nicht vergeben, weil er ihn nicht vergessen mochte. Mardochai sah sich auer
Connexion gesetzt, eh' er selbst noch daran dachte. Die Freisinnigsten, genugsam
bekannt mit seiner Gesinnung, riethen ihm zum Uebertritt, fanden sich aber
sarkastisch abgewiesen.
    Mein Stamm handelt mit allen Lumpen, die es auf Erden gibt, sagte er, mit
seiner Religion aber hat er noch nie geschachert. Ein Jude wird Alles zu Gelde
machen, weil er es mu. Er wird ein Hund sein, ist es seit Jahrhunderten gewesen
und ist es noch, aber ein Schuft ist er nicht. Christen sind Apostaten geworden
aus elendem Ehrgeiz, Geldsucht und andern Erbrmlichkeiten, ein wahrer Jude aber
wird als Held sterben, wenn ihm Jemand den Antrag macht, entweder seiner
Religion zu entsagen, oder des elendesten Todes zu verbleichen. Ich bin stolz
auf meinen Stolz.
    Es war natrlich, da diese Art, offen zu sein, nicht frdernd wirken konnte
auf seine Carrire. Die Familien suchten sich ihm fern zu halten, man nahm
Anstand, einen solchen Juden Blicke in das Hauswesen und Familienleben thun zu
lassen, die Vertrauen voraussetzten, und um der unangenehmen Nothwendigkeit zu
entgehen, schied man sich lieber ganz von dem Hartnckigen und berlie ihn
seinem Schicksal.
    Keiner seiner nhern Freunde wrde irgend etwas davon erfahren haben, htte
nicht die pltzliche Aenderung in den ueren Gewohnheiten auf eine Revolution
im Innern Mardochai's hingedeutet. Nicht allein das Anlegen jdischer Kleidung
fiel auf, auch sein Vernachlssigen der Wissenschaft mute befremden. Er machte
Reisen, blieb Wochen lang fern, kehrte dann wieder, und setzte seinen Umgang mit
mir, Casimir und Friedrich fort. Unser Forschen fhrte zu nichts. Das Schweigen
Mardochai's blieb sich gleich, seine Gesinnung war unwandelbar, seine Ruhe
tdtend. So oft ich auch noch mit ihm zusammentraf, immer vertheidigte er nur
die Moral der Consequenz, nicht ihre Basis. Es kam ihm nie auf das Was? an,
sondern nur auf das Warum? Und Mardochai war und blieb Jude, und wollte Jude
sein, weil er Jude geboren war.
    Mit mir stand er fortwhrend in engem Verkehr und zeigte nach jener Handlung
der Rettung eine zrtliche Anhnglichkeit. Dabei aber unterlie er nie, in jedem
Gesprch Gift in meine Seele zu trufeln und jeden Gedanken der Reinheit in mir
zu verpesten. Er erklrte mir das jdische Gesetz mit einer Schlauheit der Ruhe,
versteckter Liebe und grimmigen Hasses, die Bewunderung verdiente. Ihm entging
kein Zug der Schwche in unserm Religionsbekenntni, und so oft er nur einen
leisen Zweifel in mir aufsprte, versumte er gewi nicht, ihn anzuschwellen zum
Gebirge, das drckend meine Seele belastete. So stie mich dieser bse Dmon des
Christenthums immer tiefer in die Entsittlichung meiner selbst, angeblich um
mich zur Erlsung der gesunkenen Religiositt zu strken, eigentlich aber zum
Kampf fr die Emancipation der Juden zu treiben. -
    Casimir entschwand mir in dieser letzten Zeit des Zusammenlebens mit
Mardochai aus dem Gesicht. Seine colossalen Snden des Gedankens gegen die
Zimperlichkeit des parfmirten Zeitalters trieben ihn fort in die Welt. Ich
erhielt noch einige Briefe von ihm aus der Umgegend, den letztern aus H., wo er
sich eine Zeit lang aufhielt, und mir seinen Enschlu, nach Amerika zu gehen,
meldete. Ich fge diesen hier bei, um einer sptern Zeit etwas von
Urmenschlichkeit aufzubewahren, wenn sie lngst keinen Begriff mehr davon haben
wird.

                                     H. am Tage der lutherischen Gedankenallianz
                                     gegen die ppstliche Heiligen .... cht 18 -

                                 Fromme Bestie!

    Ich habe meinen Leichnam begraben unter den Schuhsolenstaub unserer Ahnen.
Diese Lage bekommt ihm gut und er conservirt sich sehr wohl, namentlich gefllt
der Wildleder-Duft meiner Nase ganz ausnehmend. Sonst ist es sehr langweilig
hier, wie berall. Es liegt Alles krank an herrnhutischen Gedanken. - Mich hat
der Teufel, will sagen, ich bin ein ganzer Kerl, und ich rathe Dir, nimm auch
die neue Kokarde, damit Du Deinem ausgeschwefelten Gesicht etwas Farbe wieder
eintttowirst. Ich wrde Dich fr den Handschuhmacher seiner infernalischen
Majestt halten, wrst Du nicht englischer Schneidergeselle geworden in der
Werkstalt Michaels des Ewigen. Guten Appetit zum Manehmen! Doch pa' auf und
nimm's glatt, damit die Tugendhaftigkeit nicht Falten wirst und das Laster eine
Hecke d'rin anlegt! -
    Ich bin ein steiiger Gott, was ich an meinem Gehirn verspre, mit dem das
des Ewigen nicht Schritt halten kann im Kreisen. Er schuf eine Welt in sechs
Tagen und ich sechs in einem Tage. Das will was heien und mattet einen
ehrlichen Kerl ab, der keine Zeit hat, sich an irgend einem Fixstern den mden
Leib auszuruhen. Es bedarf dessen nicht.
    Das Vieh gedeiht hier zu Lande gut, wie allerwrts, am besten aber das
Hornvieh. Ein Drechsler mte gute Geschfte machen, wenn er alle Ehemnner zu
Kunden kriegte. Ich wrde ihm in dieser Hinsicht sehr gute Empfehlungsbriefe
mitgeben knnen, weil ich's aus dem Fundamente kenne. Es mu Alles einen festen
Grund haben.
    Morgen breche ich ein in das Allerheiligste des Sternenhimmels. Ich brauche
einen Dom, der mir leicht hinfliegt ber den Scheitel, da ein groes Geheimni
in ihm verborgen liegt. Ich schreibe eine Tragdie Besuch Gottes in der Hlle
und einen Roman Neuigkeiten aus dem Boudoir stiller Frmmler. Das ist himmlisch
galantes Zeug und soll meine Landsleute packen. Den Pfaffen flechte ich dabei
einen Knochenkranz, um ihnen ihre hohlen Hirnkasten zusammenzuquetschen Meine
Seele aber trumt himmlische Trume, und sugt sich gro und reich an den
Brsten der Sternenwelt. Gestern Nacht sah ich's, da die Milchstrae weniger
hell glnzte. Mein Seelen-Soff hatte sie geebbt. Ja, Gleichmuth, Casimir wre
ein groer, erhabener Gott, wenn er nicht zufllig bei dem heiligen Geist in
Ungnade gefallen wre. - Ich gehe nach Amerika, um dort eine neue Poesie zu
stiften, und schreibe ein Prairiendrama, in dem Bffel die Rolle des Narren
spielen sollen. Es werden stige Narren werden und die Erde soll zittern vor
ihren Witzen.
    Gott befohlen, mein lieber Hostieur - sieh das Wort recht an, denn es ist
ganz buttersemmelweich - und sei kein Narr, wenn der Teufel die Meglocke zieht.

                            Dein collossaler Mensch,
                                                               genannt Casimir.

    Von meinen sonstigen Bekannten war jetzt nur noch Friedrich brig
geblieben. Dieser Mensch, der von Mardochai's Geist aufrecht gehalten ward, floh
mich seit jener entsetzlichen Nacht, wo er die Geige spielte, whrend ich den
sndengebrochenen Leib wieder aufftterte mit der dargereichten Arzenei. In ihm
hatte die Natur nicht so viel trotzige Kraft gelegt, da vermgend gewesen wre,
jedem gewaltigen Eindrucke zu widerstehen. Er ward still und schlich um die
Kirchthren, wie die reuige Snde, die ihren Gott sucht, an dem sie einst
glaubte. Es vergingen einige Wochen und Mardochai sagte mir, Friedrich sei ein
Frommer geworden, ein Pietist! Er hielt lange Reden in den Versammlungen der
Feinen, wie man die Auserwhlten des Himmels nannte, und war angesehen bei
ihnen. Zuweilen unterhielt er die fromme Schaar auch durch sein vortreffliches
Geigenspiel, in dem allein noch eine frische Weltlust lebte.
    Mardochai htte bei diesem Abfall eines seiner vertrauten Freunde eigentlich
den Kopf schtteln oder sich krftig in's Mittel legen mssen. Dennoch geschah
von alle dem nichts. Vielmehr schien diese Art, sich dem Leben zu entfremden und
den eigenen Geist einzusargen in die schwle Atmosphre einer tdtenden Liebelei
der Seele mit dem heiligen Geiste, ganz nach seinem Sinne. Der entsetzliche
Mensch, glaube ich, ahnte, wohin es kommen wrde mit Friedrich. Das
Geschehenlassen war nur ein Grundstein mehr zu dem groen Colosseum, das sich
seine raffinirte Rache erbaute auf und im Christenthume.
    Mein eigenes Leben, abgeschwcht in sinnlichen Genssen, raffte sich
zusammen und gebar aus Trotz eine Opposition, die selbst Mardochai gegenber
ihre Kraft bewhrte. Ich war, obwol krperlich erschlafft, doch geistig regsam
genug, um nun aus Verzweiflung an mir, an dem Leben, an Gott und Christenthum,
ein eifriger Streiter zu werden fr das, was mir doch nur als schner Tand vor
dem Auge flimmerte. Als ich nicht mehr sndigen konnte, durfte ich getrost ber
die Snde zu Gericht sitzen. Ich war ein unparteischer Richter. - Todt und
begraben lag in mir die Heiligkeit des ewigen Menschen. Auf seinem Leichnam
schwebte hin und her, wie der lige Dunst eines Irrlichtes auf feuchtem Moor,
der Geist meines Lebens, halb beleuchtend mit dem getrbten Scheine die
Grabsttte seines Friedens, und halb hinaufbetend mit flammender Zunge zu dem
gnadenreichen Himmel. Ich ward ein sehr frommer Mann, weil ich ohne Leidenschaft
lebte. Ich hatte ja keine Sinne mehr, nur der Geist noch tobte in wunderlichen
Sprngen durch die entweihten Zellen, in denen einst die Gttlichkeit des
Menschen gebetet und geweint, geschluchzt und gekt hatte von dem ewigen
Christus die welterlsenden Thrnen. - Es bedurfte keines halben Jahres, mich
als Theolog auszuzeichnen. Ich ward angesehen, meine lderliche Gesichtsfarbe
machte mich interessant, der Schmerz um den Verlust meiner Menschenwrde konnte
fr die Folge groer Studien gelten. Da ich unglcklich geworden, weil ich
geboren war in einer Zeit, die vom Christenthum nichts gerettet haben will, als
den Namen und die Maske, das wute freilich nur der Traum, dies Weltgericht
Gottes, das allnchtlich sich einschlich in mein elendes Leben. -
    Ich verlor Mardochai aus dem Gesicht. Als ich zufllig einmal das Bedrfni
fhlte, mich nach ihm zu erkundigen, erfuhr ich, da er seit Wochen schon die
Stadt verlassen habe. Friedrich war mit ihm gegangen, man wute nicht, wohin. Es
war mir gleichgiltig. Von Casimir hrte ich auch nichts mehr. Er, wie Eduard,
waren verschollen.
    So stand ich allein, als Ruine eines Menschen, der das Gefhl verloren hat,
aber das Bewutsein gerettet, um Zeuge zu sein von dem Einstrze einer ganzen
Epoche, eines groen Erdtheiles. Ich fand, da es berall zugehe, wie in mir
selbst. Ich war der Spiegel des siechen Europa, das seine Lste gebt und nur
noch den frivolen Theil des Geistes gerettet hatte, um mit ihm die Blen des
geschichtlichen Lebens aufzudecken.
    Der Mangel an leidenschaftlicher Kraft machte mich zum stillen Beobachter
und sogar - zufrieden, glcklich! Ein Mensch, wie ich, taugte in dieses Europa;
ich war sein wrdigster Brger. Krank, wie das heilige Land, eine Lebenstrmmer,
wie dieses, frivol witzig, raffinirt, cultivirt, geistig sublim und sinnlich
ohnmchtig, ein zrnender Eunuch, der nur noch tauglich ist zum Beaufsichtiger
der Tugend, die anderwrts eingesperrt wird im groen Harem der Welt. -
    So war ich berufen zum Moralisten. Ich betrieb im Kleinen, was ich eben so
gut in ein en gros Geschft verwandelt haben wrde, htte sich die Gelegenheit
dazu geboten. Nur so, wie ich jetzt war, konnte ich mich wohlbefinden, mich
fhlen als ein europischer Mensch. Ich durfte nicht anstehen, in mir einen
Helden zu sehen, den Helden einer Carrikatur der Civilisation! Wo das Heldenthum
zur Hure geworden ist, da kann der Held nur als kraftloser Wstling ihr
Liebhaber sein. Ich fhlte es, da ich in dieser Lage wenigstens negativ
beitragen knne zur Erhebung, zur Aufrttelung des nervenschwachen Geschlechts.
Ich entschlo mich dazu und bildete im Stillen den Entschlu aus zur That. Der
sittenlose Teufel bernahm das Geschft der erlsenden Kraft.
    Nach zwei Jahren trat ich das Amt eines Seelsorgers an auf dem Lande. Mein
Vortrag gefiel, ein leises Durchklingen von Ironie zog die gebildete Welt
herbei, die sich so gern an dem geistigen Kitzel erfreut. Zwei Jahre spter
bezog ich die Stadt und lebte nun dem heiligen Berufe, der wahrhaftigen ewigen
Lehre des gekreuzigten Christus wieder Boden zu gewinnen. Mancherlei Anzeichen
lieen mich hoffen, da meine Bemhungen nicht unfruchtbar blieben. Ich that,
was ein Gottesgelehrter in Europa allein zu thun hat, ich predigte das
Evangelium. Ich fllte meine Zeit aus und meinen Platz, weil ich jene begriffen
hatte, und ward nun glcklich, da die Kraft zum Unglcke aus meinem Krper
gewichen. Ich will und werde aber auch in Europa, dem mden Welttheile, sterben
und Todtengrberdienste verrichten oder Leichenrednersein so lange, bis Alles
verloren oder Alles gewonnen ist. Weil ich selbst so grenzenlos glcklich
geworden bin durch den Verlust des Unglcks, wnsche und flehe ich ein lautes,
zerfleischendes Unglck herab auf alle meine Brder und rufe denen, die es
bereits in sich tragen, zu: Fliehet, fliehet aus dem den, dumpfen Welttheil, wo
man die Gedanken lebendig eingrbt in den Sarg des Herzens, und den Segen
darber spricht und das Rauchfa schwenkt! Fliehet und gehet hin in alle Welt,
um zu lernen von den Heiden, was ihr verloren habt in Euren verpallisadirten
Lehren! -
    Ich habe mich spter verheirathet. Ob meine Gattin glcklich ist? Gewi,
denn sie fhlt nicht in ihren Gliedern die Mdigkeit des Welttheiles, unter
dessen Tchter sie sich zhlt. Meine Frau ist ein tugendhaftes Weib, sie ist
sehr gut, sehr edel, aber auch etwas einfltig. - Nur eine solche Frau konnte
ich brauchen. Frauen von Geist und Sinnenfrische mssen eben so europamde sein,
als wir Mnner, und knnen ihr Treibhausleben auch nur durch gleiche Mittel
fristen. Die Snden der Welt sind die Folgen der fluchwrdigen Verhltnisse, die
geboren wurden aus socialer Unnatur, mystischer Heuchelei - weil man den Sinn
aller Religiositt von Anfang an misverstand - schwchender Knechtsgesinnung und
schlaffer Lebenssitte, die Alles mit der Schminke der Etiquette besudelte. Daran
stirbt Europa, dadurch wird es der Sclave werden des Westens, in dem es zwar
Snden gibt und Laster, aber nur Snden der Kraft und des Uebermuthes. Diese
erobern und gewinnen, denn sie sind - weil zur Tugend fhig - gottebenbrtig,
aber die Snden der Schwche - und diese gehren Europa an - bedingen den
Untergang. Der Geist allein wird uns nicht retten, weil er ein Sclave geworden
der Skepsis, die Natur nur kann die Unnatur bekmpfen, und sie selbst ist
geflohen aus Europa! Drben aber ber den Wogen des atlantischen Oceans liegt
das Land der Verheiung im heiligen Schatten des Urwalds gebettet, der es
umfngt und mit den Locken der Hoffnung umschmeichelt, wie eine Mutter ihr
lchelndes, kraftvolles Kind! Dorthin hat sich geflchtet die Natur, als Europa
sie vertrieb. In der durchsichtigen Fluth des Ohio bespiegelt sie sich,
schuldlos, weil sie stark, und fromm, weil sie frei ist. Ueber ihr aber zittert
das Auge Gottes, und Freudenthrnen rollen als Welten ber ihr hin, und
Amerika's Shne blicken hinauf zu dem groen Tempel, den der freie Gott in ihnen
gewlbt hat zur allgemeinen Verehrung. Und sie beten arbeitend und arbeiten
betend, und es ist kein Elend unter ihnen, weil keine Armuth sie drckt. Sie
sind froh, glcklich, fromm, glubig, weil die Freiheit den Orden der Menschheit
in sechs und zwanzig silbernen Sternen auf ihre Brust geheftet hat. Die Flagge
ihrer Nation ist das Abbild des Himmels, und es mu sich schn und gro leben
lassen in einem Erdtheile, wo der Himmel mild hinzieht ber den Scheitel eines
Jeden, und milder und sanfter noch sich wiederspiegelt in dem Herzen eines
Jeden!
    Ich aber bin ein Europamder, ein protestantischer Gottesgelehrter, der die
Liebe sucht und sie nicht findet, weil fein Land sie verstoen und entweiht hat
in ihm, wie in Jedem, der Treue gelobt hat der Scholle, die ihn geboren. Nur
eine frische junge Natur, geholt aus Amerika's Wldern, wie wir entlehnt haben
von dorther die bewegende Kraft des Dampfes - nur eine solche Natur kann Europa
erlsen, und wieder zu Gttern beleben sein geschwchtes und gebrochenes, aber
auch im Sterben noch edles Geschlecht! - Mge es der Reine erleben, ich der
Unreine will sterben in Frieden, wenn mich das Glck Europa's zum
Unglcklichsten der Sterblichen machen wollte. -

                                                                    Gleichmuth.

    Gewahrst Du durch den dmmernden Schleier Deines Auges die Thrnenflecken,
die wie die Siegel des Schmerzes dieses Testament eines Herzens unterzeichnet
haben, das dem Henker eines Erdtheils zum Opfer fiel? Wenn Du noch Mitgefhl
hast, Raimund, so halte es fest in Dir, denn wahrlich, es ist eine Zeit, ber
die Gott Ursache htte zu trauern! - Und um so entsetzlicher, als nun Tausende
kommen werden, um diese Bekenntnisse zu lstern, gebe ich sie erst der Welt
preis, wie ich gesonnen bin. Warum verschweigen, was ihr die Augen ffnen kann?
Ist nicht Jeder berufen mitzuarbeiten an der Erlsung, die so schchtern
umherschleicht und nur im Dunste des Mondlichtes noch ungestrt um das groe
Grab des Lebens zu wanken wagt? Aber ich will nicht schweigen, ich will handeln!
Und Bardeloh soll mir die Hand reichen zum Werke. - Raimund, Du wirst mich nicht
wiedersehen - ich gehe nach Amerika! Bardeloh soll mich begleiten, er besitzt,
was uns Unabhngigkeit verschafft in jenem Lande, wo im Anfange nur der Besitz
Achtung gebietet. Meine Geliebte, der verwstete Casimir, Friedrich, der
Pietist, den die heilige Demuth geistig so impotent gemacht hat, wie
Gleichmuthen physisch - sie Alle sollen mich begleiten und am Ohio genesen von
dem Fieber, das Europa verpestet, seine Frechheit ihnen eingeimpft hat von
Jugend auf!
    Dann, Raimund, denke ich zurck in hohem, heiligen Schmerz an meine
Mutterwelt, die ich fliehen mute, um ein Mensch zu bleiben, und greife zur
Feder, die ich dem Schweif des Flamingo entreie, und schreibe die Schmerzen
Europa's, decke auf seine Gebrechen, singe seinen Jammer und heile sein Weh,
indem ich seine Kinder zum Bewutsein ihres Unglck's bringe. - Schon fhle ich,
wie ein neuer Tag seine tausend Ksse mir als Kreuz um mein zitterndes Herz
bindet, brennend hei und glckverheiend, wie die Ksse meines Mdchens. Fort
nur trage ich aus Europa, als einzigen Raub vom Busen der Mutter, meine
Geliebte. Ich will Europa's poetische Liebe verpflanzen in Amerika's poetische
Urwelt. Da soll ein Geschlecht entstehen mit deutschem Blut, deutscher Ausdauer,
deutschem Gemth und deutscher Glaubenskrftigkeit, das sich Leben gesogen hat
aus dem unversiegbaren Born der Freiheit. Hinter mir schon seh' ich die
Leuchtfeuer der Kste versinken, dunkel schattet die Nacht ber dem Meere, aber
der Morgen zndet an einer neuen Kste die begrenden Flammen an. Die
Apallachen sprhen im Morgenroth wie Riesenhelme empor, zum Himmel strmen die
Zypressen am Missisippi, und tragen die stolze Frage hinauf: ob es wol erlaubt
sei, auf Erden gttlich frei zu sein neben Gott? -
    Raimund, ich werde glcklich sein, weil ich mein Unglck begreife. Mit
Ehrfurcht ksse ich das Manuscript, in Scheu beuge ich mich vor Gleichmuth's
Todtenantlitz. Genug, ich gehe nach Amerika, und will von dort herber wirken
und handeln fr mein armes, geliebtes Europa, fr meine unglcklichen Brder,
fr mein Mutterland - das heilige Grab der modernen Welt! -


                                 Zweiter Theil

                                      11.

                                 An Ferdinand.

                                                             Kln, im September.

    Durch Raimund wirst Du meine Erlebnisse vom vergangenen Monat erfahren
haben. Sie werden Dich, wie ich hoffe, ergreifen, aber nicht ungerecht stimmen
gegen Welt und Menschen. Um zu erkennen, wie unerforschlich die Weisheit der
Vorsehung ist, mu man Kleines und Groes zusammenfassen, die Lcken ausfllen
mit Ergnzungen, die erst oft die Zukunft spendet, und so weit dies Menschen
erreichbar ist, von so humaner Gesinnung sein, wie Gott selbst. Oft wnschte ich
mir eine Professur der Weltgeschichte, um den Wibegierigen nachzuweisen, was
eigentlich heilig und profan sei in Zeit und Ewigkeit. Ich wrde aber schwerlich
lange dabei aushalten, denn ich frchte, die Masse bleibt nach wie vor roh und
unbildsam, und handhabt immer nur das zunchst Liegende als Elle, um der
werdenden Geschichte eine taugliche Hanswurstjacke damit anzumessen. -
    Seit einem Monate bin ich wieder hier. Gleichmuth's Manuscript ist der
Schlssel geworden zu einem Gewlbe, in dessen Innerm man Todte lebendig werden
sieht. Dieses Spuken des Vergangenen am hellen Tage mit seinen neuen Reizen ist
das wahrhaftige Weltgericht. In Bardeloh's Hause wird nun bald ein solches
Tribunal seine Sitzungen halten, und es mte eine Lust und ein Grauen zugleich
sein, diesen beizuwohnen. Ein solches Parlament mte sich dann nirgends mehr
auf Erden finden.
    Sie sind nun alle beisammen, die Zufall oder Schicksal oder der Geist der
Vorsehung in seiner Voraussicht zusammenberufen hat, um wirksam zu sein bei der
Ausgleichung moderner Wirren. Es ist eine seltsame Gesellschaft, in der sich
eigentlich drei Knige bewegen, Bardeloh, Mardochai, Gleichmuth. Die brigen
drei sind Vasallen, von denen Friedrich noch immer die Schleppe des Juden trgt,
der tolle Mnch sicher dem Pastor zufallen wird und Casimir in glcklich
ruhigeren Momenten Bardeloh's Meinung untersttzen drfte. Von mir selbst kann
ich nicht sprechen, denn ich stehe am Ende doch allein, so sehr ich getragen
werde vom Schicksal Aller. Mein minder groes Unglck berechtigt mich
vielleicht, bei geeigneter Zeit noch am sichersten das Ziel zu erreichen, nach
dem die Andern in leidenschaftlicher Angst streben.
    Um nicht zu Fremdartiges unter einander zu mischen, mu ich auf meine
Rckkehr von der Reise nach Bonn zurckkommen. Casimir begleitete mich und
Richard nach Kln. Mein Herz schwoll ber vor Wehmuth und stolzen Gedanken.
Gleichmuth's Lebensgeschichte hatte zu tiefe Wunden in mein Gemth geschlagen.
Seine letzten Seufzer schrieen noch immer laut auf in mir, und und ungeachtet
mich der grelle Farbenton des ganzen Gemldes als Mensch von dem entschieden
zurckstie, der unter dem Formellen die Natrlichkeit begraben hat, so mute
ich doch die Wahrheit anerkennen, die in der Tiefe dieser Gestndnisse laut
aufschrie zum Himmel um Gerechtigkeit. Mein Entschlu wurzelte immer fester,
Amerika blieb der Endpunkt meiner Wnsche. Von dort herber mu, dnkt mich, dem
kranken Europa die heilende Medicin gereicht werden. Die Aerzte aber mssen
Europer sein und auswandern, um nicht zu frh zu sterben den Mrtyrertod der
neuen Erlsung. Denn dieser mchte jetzt nicht retten und shnen, wie jener! Nur
das Leben kann eine Besiegelung sein fr die Unfehlbarkeit und Wahrheit der
neuen Weltbestrebungen. Hierin liegt ein hoher Trost; denn wir mgen daraus
erkennen, wie nahe die Zeit ist, wo die Gesammterlsung fr vollendet betrachtet
werden kann.
    Bardeloh war darauf bedacht, Casimir, dieses Phnomen unter den jetzt
lebenden Menschen unbemerkt in sein Haus zu fhren. Diese Vorsicht war
nothwendig, denn eine unzeitige Begegnung mit Eduard htte zu den unerhrtesten
Scenen Veranlassung geben knnen. Es war tiefe Nacht, als wir unbemerkt das Haus
betraten. Casimir brtete dumpf ber seinen colossalen Einfllen, von denen sich
zuweilen einzelne Brocken ablsten, und wie Mauertrmmer eines einst
majesttischen Baues in die heimliche Stille der Nacht hinabrollten. Als er die
glnzende Einrichtung in Bardeloh's Hause bemerkte, blieb er auf der Treppe
stehen.
    Bei Dir riecht's kniglich, sagte er. Das gefllt mir zwar, ich liebe es
aber nicht, denn es ist Zwang dabei nthig. Glanz und Dreck, wie in Polen, das
wre so mein Geschmack.
    Du sollst's haben, wie Dir's behagt, versetzte Bardeloh. Befiehl und es
geschieht.
    Du gehst trchtig mit Complimenten, spr' ich; da sieh nur zu, da Dir die
Hagelsaat meiner Wortschlachten nicht den Schlachtplan verdirbt. Wo ist mein
Stall? Ein Knig, voll Kraft wie ich, darf nur in einem Stalle wohnen.
    Bardeloh wie ihm ein Zimmer an, das nur durch eine dnne Wand geschieden
ward von seinem eigenen Kabinet. Auf der entgegengesetzten Seite lag Eduard's
Gefngni.
    Zu nobel fr einen Poeten, sprach Casimir, als er eintrat. Was soll nun
ein Kerl von meinem Kaliber anfangen mit diesem Gepolster, das Ihr
moslemitischen Gefhlsstmper Ottomanen nennt? Gebt mir einen Strohsack, damit
eine solide Seele sich die unbequemen Gedanken darauf zurecht legen kann. Wer
auf solchen vermaledeiten Polstern seine Knochen herumwirft, verliert alle
Originalitt des Gefhls. Die immenseste Gre liebt das Einfache, und ich zum
Beispiel, an dem doch zwei Jahre lang gearbeitet worden ist, bin ein Freund der
Lumpen. Fort also mit diesen Venuscommoditten! Ich kenne das Alles und habe die
Natur doch auf Stroh und bloer Erde immer am schnsten gefunden in ihrer
Nacktheit. -
    Der seltsame Mensch gab sich nicht eher zufrieden, als bis Bardeloh durch
einige Diener die Bequemlichkeiten eines civilisirten Lebens hatte entfernen und
an deren Stelle einen rohen Tisch, ein paar Schemel und einen Strohsack bringen
lassen. Sobald dies geschehen war, ri Casimir das Fenster auf, da die Scheiben
in Stcke brachen und warf sich auf den Strohsack. So ist's recht, sagte er.
Nun will ich sehen, wer zuerst die Augen zudecken wird, ich, oder der Himmel
mit seinen Wolkenwimpern! Er zeigte nach dem gestirnten Himmel, sttzte sein
zerwhltes Gesicht auf die Hand, und starrte unverwand hinauf in den flimmernden
Sternenbrand.
    Packt Euch, rief er uns zu, die wir dieser neuen Art sich einzuquartieren
mit einigem Staunen zugesehen hatten, oder denkt ihr, ein Kerl, wie ich, hat
alle Minuten Zeit, sich mit englischer Bastardrace abzugeben? Ich bin ein
Deutscher, wit's, Einer von denen, die an keiner Grobheit ersticken. Prosit!
Sobald Ihr Menschen sein werdet, bin ich bereit, Euch eine Audienz zu
bewilligen. -
    Der Morgen brachte einmal eine reine Heiterkeit in unsern kleinen Zirkel.
Rosalie war glcklich, den geliebten Gatten wieder zu sehen, Felix hatte viel zu
erzhlen, brachte mir tausend Gre von Auguste, die er besucht hatte, und bi
mir fast die Augenlider ab. Ja das mu sein, sagte der schne Knabe, Auguste
hat mir's befohlen, Dich so lange zu kssen und zu beien, bis Du ganz boshaft
wirst, weil Du dann erst recht liebevoll werden sollst. Ich hatte jetzt nichts
mehr gegen seine zhneknirschenden Zrtlichkeiten einzuwenden. -
    Bardeloh unterrichtete seine Frau von den jngsten Erlebnissen, so weit sie
diese wissen durfte, und suchte ihr den Character Casimir's mit mglichster
Schonung zu entwerfen. Diese war nthig, denn ich bin berzeugt, kein Weib htte
Casimir in seiner barocken Genialitt mehr um sich geduldet. Ein weibliches
Gemth schtzt das Seltsame und Pikante am Manne, wenn es umgeben ist mit einem
idealischen Duft und getragen wird von der Schwrmerei der Lebensansicht. Ein so
ungenirtes Herabfallen aber in die fast schmutzige Barbarei verwundet die Anmuth
und erzeugt eher Abscheu, als Duldung.
    Noch an demselben Tage besuchte ich Gleichmuth. Das verhngnivolle
Manuscript trug ich bei mir. Jetzt erst konnte ich diesen Mann des Jammers mit
wahrhaftem Mitgefhl betrachten. Ich fand ihn an seinem Pult, beschftigt mit
den Vorarbeiten zu einer Geschichte der Heiligen. Helyot's Geschichte der
Klster- und Ritterorden lag vor ihm aufgeschlagen. Er las emsig in der
Lebensgeschichte des heiligen Franz von Assisi und prfte die Schlsse, welche
die Consequenz der Heiligkeit aus den ersten angeblichen Wrden zu entwickeln
sich berufen fhlte. Freundlich kam mir der unglckliche Mensch entgegen. Seine
Hand war kalt, sein Schritt unsicher. Ich fragte, ob er krank sei?
    Nein, versetzte er, nur etwas aufgeregt. Sie mssen wissen, da ich der
Praxis nunmehr ganz entsagt habe. Von heut an werde ich gar nicht mehr predigen,
was ich auch frher immer nur hier als Gast, ich mchte sagen, aus einer
Liebhaberei, die Reue in mir fhlbar zu machen, gethan habe. - Ja, fuhr er
fort, Sie staunen, ich aber freue mich des Entschlusses. Ich habe mich selbst
des Priesterrockes entledigt, den ich zu tragen nicht mehr wrdig bin. Ich werde
ferner nur als Theoritiker zu wirken suchen und hoffe dabei auf weit grern
Erfolg. Hier liegt die Geschichte der Heiligen vor mir - ein Lcheln berflog
sein Gesicht - und wahrlich, wollte ich mich zurckversetzen in das sechszehnte
Jahrhundert, ich wrde nicht der Kleinste geworden sein unter ihnen. Sobald der
Geist sich rcht an der Natur, bumt diese empor und gebiert monstrse Formen.
Die Heiligkeit ist oft nur ein gewaltiger Ueberwuchs der Natur, der an das
Erhabene streift. Nun sagen Sie selbst, ob ich dann nicht der Mann dazu wre,
eine recht pikante Secte neuer Heiligen zu stiften?
    Als Antwort berreichte ich ihm das Manuscript. Sehr gut, sagte der
ehemalige Pastor. Diese Wendung ist sein und macht der europischen Etikette
Ehre. Aber behalten Sie dies Testament eines Herzens, das menschlich genug war,
um glhend zu sndigen, und nicht so ganz verlassen von der Gttlichkeit der
Natur, um im Sndigen unterzugehen. - Ich wei, was es sagen will, Lehrer zu
sein, wenn man sich verworfen fhlt, aber immer noch reiner, als der
Gesammtinhalt von schielenden Worten, die unserer Befleckung Mutter sind. Was
sie beschlieen ber Ihre Zukunft, darf ich nicht erfragen. Mge sich aber Ihr
Leben auch gestalten, wie es immer wolle, dies Manuscript halten Sie werth,
nicht heilig! Seine Benutzung kann ihm vielleicht erst spter Anspruch auf
Heiligsprechung verschaffen.
    Unser Gesprch stieg nun in die Tiefen religiser Anschauungen und berhrte
Manches, was keiner Mittheilung unterliegen kann. Sehr richtig bemerkte
Gleichmuth, da ein Befreien Europa's, solle es dauernd sein, nur durch eine
neue Reformation mglich werden knne. Denn, sagte er, Politik und
Kirchenthum sind in der Gegenwart so fest durch ihre Auswchse in einander
verschlungen, da sie das wahre religise, wie politische Leben durch die
Wechselwirkung ihres Zwanges niederhalten. Darin liegt die Gedrcktheit aller
europischen Vlker, die vielleicht auf den Mchtigen noch schwerer lastet, als
auf den Brgern. Ich klage nicht die Gewalt an, sondern die Verhltnisse, die
sie bedingen, und nur in so fern die Macht zu bequem, oder zu furchtsam ist,
sich selbst einmal geistig zu entthronen, ist sie verbrecherisch. Wollte man so
khn und frei sein, recht vollkrftig die Dmme zu durchstechen, so wrde eine
frische Lebensfluth durch den kranken Erdtheil pulsiren, und es wre gerettet
die Religion, die Gesellschaft und der Staat! So aber feilt einer am andern und
jeder an sich, und das Elend wchst nur mit der Verzweiflung. Darum wird der
Verzweifeltste einmal in der Geschichte des knftigen Europa der Tugendhafteste
genannt werden.
    Diese Reden fhrten uns wieder auf den Inhalt des Manuscriptes, auf die
Personen, die eine so entsetzliche Rolle darin spielen, und ich erffnete
endlich dem Pastor, da smmtliche Charactere noch am Leben seien und zwar an
Einem Orte mit ihm und mir.
    Gleichmuths Angesicht berzog sich mit der Farbe des Todes. Es ist nicht
mglich, Sie irren sich, sagte er. Dieser Casimir kann nicht mehr leben und
noch weniger Eduard. Die Uebrigen kenne ich, und es luft nicht gegen die Natur,
da sie noch das Licht der Sonne schauen und trinken.
    Die Aufregung und Abspannung des siechen Mannes hielt mich ab, ihm noch mehr
zu entdecken. Ich schied von ihm und bat ihn um einen baldigen Besuch. Er sagte
ihn auf den dritten Tag zu. Nun, dann sollen Sie berzeugt werden, sprach ich
und verlie ihn in einer Unruhe, wie ich sie einem durch's Leben gehetzten
Menschen kaum zugetraut htte. -
    Bei meiner Zuhausekunft fand ich ein Briefchen von Auguste. Sie hatte meine
Ankunft erfahren und schrieb mir:

                             Auguste an Sigismund.

    Ich bin sehr bse, weil Du sehr garstig bist. Schon ist ein ganzer Tag
vergangen und noch habe ich von Dir nicht einmal selbst erfahren, da Du wieder
zurckgekehrt bist von Deiner Entdeckungsreise. Zrnen sollte ich Dir, doch
verzeihen will ich, Du sollst nicht Ursache haben, mich zu groer Schwchen
anzuklagen.
    Aber was ist denn das? Was habt Ihr denn wieder fr neue Narrenzufuhr
angeschafft? Ist's doch, als sei Bardeloh's Haus ein Sammelplatz fr alle Tolle
in ganz Deutschland! Hatten wir denn nicht schon bergenug solch Gelichter?
Gengst Du Dir nicht selbst? Denn, sei nicht bs, mein geliebter Freund, aber Du
hast eine recht ehrliche Anlage zu einem Narren, die nur ausgebildet werden
darf, um sich auszuzeichnen in der Welt.
    Die Zeit ist mir sehr lang geworden, holder Freund! Es ist sehr leicht
Befehle zu geben, sie aber selbst halten, finde ich, bleibt eine entsetzliche
Aufgabe. Sigismund, ich knnte martialische Dinge thun, wenn ich ein Gesetzgeber
wre. Oder seid Ihr Mnner etwa ruhiger, als wir Mdchen? Manchmal mag's so
scheinen, doch Du - nun Du bist eben auch ein Schalk, wie Alle. Htte ich Dich
nur hier, wie wollt' ich Dir die Locken zerzausen und Dich strafen fr Dein
impertinentes Wartenlassen durch eine Lavine von Kssen.
    Es mu anders werden mit uns, ich ertrage dies Leben nicht mehr! Bardeloh
ist zu entsetzlich ruhig, und Rosalie, das arme Weib, grmt sich im Dulden zu
Tode. Warum mute diese Frau gerade an diesen Mann verfallen? Oft hat es den
Anschein, es freue sich der schadenfrohe Zufall, die fremdartigsten, geistig
verschiedensten Personen zusammenzuknpfen durch einen Blick, einen Moment, um
sie an diesem Funken langsam hinschmelzen zu lassen auf der Folterbank eines
ewigen Schweigens. Das ist grlich, das ist lieblos, das ist europisch, wie
ich fhle. Nur hierin hat Bardeloh recht und Du oben drein. Aber ich bitte mir
aus, mich nicht etwa auf gleiche Weise zu behandeln! Sigismund, Du kmst dabei
ganz in das Hintertreffen! Mein Arm ist stark, meine Hand sehr elastisch, meine
Lippe verfhrerisch - aber sie verbirgt sehr spitze Zhne. Diese frchte, mein
Theurer, und noch mehr die Angst meines Herzens. - Garstiger, warum kannst Du
mich auch so lange warten lassen!
    Bitte, Sigismund, heute Abend - darf ich glcklich sein im Hoffen? -
Klapperbein flicht heut keine Krbe. Er ist nach Mhlheim gefahren und wird uns
nicht stren. Weit Du schon die Geschichte mit Lucie? Das kommt Alles her von
dem unseligen Kopfhngen. Wenn wird wol die Zeit vom Himmel herabfallen, in der
es erlaubt ist, heiter zu sein ohne Entschuldigungsgrnde?
    Wenn Du recht liebenswrdig bist, habe ich Dir etwas Groes zu schenken. Nun
rathe! - Du rthst es aber doch nicht. - So lockt man hungrige Vgel.

                                                                  Deine Auguste.

    Ich war sehr glcklich, Ferdinand, glcklicher als ich je gewesen in meinem
ganzen Leben. Die wenigen Tage schienen das reizende Kind mit neuem Glanz
bergossen zu haben. Diese hohe Gestalt war werth, die Knigin eines
Nichteuropers zu sein. Ich war so frei, mich in dem Stolze meiner Hoffnungen
als weit verschlagen aus Europa zu betrachten, und sog vom Munde der Geliebten
die Kraft fr ein hundertjhriges Wirken. Und Auguste hatte mir etwas Groes zu
schenken und schenkte mir es. Und ich war ein Gott in ihrem Arm und der Himmel
war mir zu dunkel, die Sonne zu kalt. Liebe, Ferdinand, denn Liebe erls't! Da
wir so tief gesunken sind, daran ist nur der Verlust der wahrhaftigen Liebe in
unserm Europa schuld. Der Poesie der Zukunft mu es vorbehalten sein, diese
wiederzugeben dem Leben. Auguste hat Recht, wie jedes Weib, das frei und rein
ist in seiner unschuldigen Weltanschauung. Ehe man nicht allgemein erkannt hat,
da ohne ein unbedingtes Hingeben an die Natur der Liebe all unser
Emancipationsbestreben blos eine Experimentalphysik der Weltgeschichte ist, darf
keiner auf einen glcklichen Ausgang hoffen. Die Hoffnung ist berhaupt todt und
farblos, nur die Liebe macht stark, ruft auf zur Handlung und schiebt der
Zukunft das Polster der Freiheit unter das trumende Haupt. Rege die Hand,
Ferdinand, damit Du Theil haben kannst an dem Freudenruf, der sich erheben wird
beim ersten Aufblick des heiligen, lang verschlossenen Auges der Trumenden! -

                                                                 Ende September.

    Gestern erhielt ich Deinen Brief, fr den ich Dir eben so herzlich danke,
als Dich beglckwnsche. Ich gestehe gern, da ich Dich fr weniger unparteiisch
gehalten habe, als Du Dich jetzt zeigst. Es liegt aber grade in diesem
Hingerissenwerden zu lauter Anerkennung der Wahrheit das grte Bedrfni
unserer Zeit. Darum gebe ich Dir vollkommen recht, wenn Du sagst: Der Irrthum
Gleichmuth's wrde, allein und aus dem Zusammenhange gerissen mit den Freveln
seines Jahrhunderts, die unerhrteste Gotteslsterung sein, die je gewagt worden
ist. Ein feiger Lgenknecht oder ein bornirter Moralist, den es nie um den
Zusammenhang, sondern immer nur um die Thatsache zu thun ist, wrde deshalb das
Anathema aussprechen ber einen solchen Menschen. Ich gestehe, da mein eignes
Bewutsein mich kaum freisprechen mchte von einem hnlichen, harten Urtheil,
aber ich bin nicht so verwimmert in den Gebrechen meines Standes, da ich nicht
herauslesen knnte, wo hier der Grund zur Schuld und wo die Nothwendigkeit der
entsetzlichen Snde liegt. Nur dies spricht Gleichmuth frei. Er steht da als ein
Mittel der Ausgleichung; denn er sndigt fr die Shne der Zukunft und
Vergangenheit. Und so nehmen seine Gestndnisse durchaus den Rang einer hohen
moralischen Lehre ein. In ihnen enthllen sich leicht und natrlich die Snden
eines Jahrhunderts, das sich im Streben zu leichtsinnig abzuwenden beginnt vom
Geiste Christi, weil leider die Masse seiner Stellvertreter keinen Begriff mehr
von ihm hat.
    So, lieber Ferdinand, drcke ich Dir von Herzen die Hand. Ich erkenne, da
die Hoffnung noch nicht aufgegeben werden darf. Brchte man nun nur alle oder
doch die meisten Deiner Genossen zu derselben Ansicht, so wrde Alles gewonnen.
Aenderung dieser oder jener Lehre, ein greres Freigeben des Denkens in
religisen Dingen, und vor Allem ein Anerkennen der Entdeckungen des
unparteiisch prfenden Laien, ist Erhebung und ewige Befestigung des
Christenthums.
    Nach diesem Beweise Deiner innigsten Theilnahme an meinen Begegnissen theile
ich Dir von Neuem mit, was sich hier gestaltet. Das Individuelle nimmt die Form
einer Welt an. Zufall und Zusammentreffen von Umstnden lassen grade auf meinem
Lebenswege eine Formgebung zu, die anderwrts sehr wahrscheinlich eben so
entschieden herausgetreten sein wrde.
    Des blden Friedrich's Figur tauchte bisher nur in unsichern Umrissen aus
dem trben Chaos auf, das sich um mich her bewegte. Erst Gleichmuth's Manuscript
stellte diesen Menschen entschiedener hin, ohne mich doch ihm selbst nher zu
bringen. Ich hatte mir vorgenommen, dem Zufalle das Weitere zu berlassen, da
grade diese Person mich am wenigsten fesseln konnte. Denn das Passive, selbst
wenn es durch die Folgerichtigkeit des Nichtsthuns sich zum Handeln erhebt, hat
mich niemals angezogen.
    In diesen Tagen nun, durch Auguste's scheue Erffnungen ber Luciens
miliche Lage dazu bewogen, besuchte ich das heitere Mdchen. Von Luciens
Vormunde habe ich wol schon einmal gesprochen und seines bigotten Pietismus
gedacht. Ich traf den reichen Steinhuder ganz allein. Rechnungsbcher lagen vor
ihm, Gebetbcher, Hauspostillen und was sonst noch zur Oekonomie eines
Privatfrommen gehrt, auf allen Tischen und Sthlen. Abgeschmackte Bilder, die
eine Parodie auf die Kunst zu sein schienen, hingen in den prachtvollsten
goldenen Rahmen an den Wnden und verunzierten das Zimmer. Diese Verzerrung des
Schmerzes und heiliger Andacht zur Carikatur bildete eine stumme Farce, die nur
ein so befangener Pietist erbauend finden kann. Jeder wahre Mensch sieht auf den
ersten Blick, da eine solche genothzchtigte Kunst Product der Unsichttlichkeit
des pietistischen Lebens ist. Aber das Volk sprt den Teufel nie!
    Steinhuder empfing mich mit einer salbungsvollen Anrede, die ich mglichst
abzukrzen suchte. Lucie, im Nebenzimmer beschftigt, hatte kaum meine Stimme
erkannt, als sie in leidenschaftlicher Aufregung die Thr aufri und laut
rufend: Retten Sie mich! Retten Sie mich! an meine Brust sank. Ich war
berrascht, in Verlegenheit. Ihr warmer Athem berhrte mir Lippen, Wange und
Stirn. Heftig umschlang sie mich mit den vollen Armen. Ich mute sie zum Sopha
fhren.
    Noch hatte ich nicht Zeit gehabt, nach der Ursache dieser Scene zu fragen,
als Steinhuder bereits geharnischt mit Sprchen und Verdammungsworten auf mich
und das arme Mdchen anrckte. Gott wei, was er Alles salbaderte, Sinn und
Unsinn durch einander, wie's ihm einfiel; erinnern kann ich mich nur noch, da
seine ganze Rede aus Bibelsprchen zusammengesetzt war. Denn diese geistlosen
Menschen glauben jeden Andern damit aus dem Felde schlagen zu knnen, und
bedenken gar nicht, da der krftige Mensch nie sich hingibt an eine Autoritt,
kme sie auch unmittelbar aus dem Munde des geistvollsten Stellvertreters.
    Luciens Ermattung dauerte nicht lange. Der fromme Unsinn ihres Vormund's
regte ihren Unwillen auf. Schweigen Sie, rief sie erzrnt aus und stampfte mit
dem zierlichen Fchen heftig auf den Boden. Sie sind ein gemeiner Mensch und
so albern wie Ihre Trakttchen und neumodischen Heiligen. Ich mag keinen Narren
und keinen Frommen zum Manne! Ich will einen Gottlosen, Ihnen zum Trotz, mein
Herr Vormund.
    Da Dir die Zunge verdorrete! rief Steinhuder. Wer sich dem Vater
widersetzet, und der Mutter spottet, den werden die Raben am Bache aushacken und
-
    Genug, genug! fiel Lucie ein. Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihrem
alttestamentlichen Zeter; er rhrt mich eben so wenig als Ihr Augenverdrehen.
Und kurz und gut, ich will nicht! - Oskar ist mein Geliebter!
    Oskar ist Einer von denen, predigte Steinhuder, die da sitzen bei den
Spttern! Seine Seele wird brennen in dem Pfuhl, wo nicht aufhret Heulen und
Zhnklappen. Denn verdammt ist, wer nicht achtet des Alters und Spott trgt auf
seiner Zungenspitz.
    Sie fallen aus der Rolle, gestrenger Herr Vormund. Ihr Gedchtni wird
lchericht, die besten Bissen, womit Sie Ihre Heiligkeit nhren, fallen durch.
    Du bist anvertraut meinen Hnden, Deine Seele ist befohlen worden meinem
Gewissen, fuhr der Kaufmann fort. Ich will wachen ber Dich, wie die Henne
ber ihre Kchlein und der Esel ber seine Fllen. Darum befehle ich Dir zu
gehorchen und abzulassen von dem Scheusal, das einherschleicht, wie ein Engel in
Lichtgestalt und doch ist ein Teufel, gehllt im Pelz der Unschuld. Oskar nennet
sich dieses Ungethm, sein wahrer Name aber ist Legion, das heit: Teufel ohne
Zahl!
    Mir ward drehend. Lucie tobte vor Ungeduld und Zorn gegen sich selbst. Unter
ihren Hnden lockerte sich das Haar und wiegte sich entfesselt in glnzend
schwarzen Locken ohne Zwang auf den Schultern. An der Wand hing eine Reitgerte.
Schnell ri sie Lucie herunter, schlug nach dem Spiegel, der ihr ein
zornglhendes Gesicht entgegenhielt und klirrend strzten die Stcke zu Boden.
    Da ward die Thr geffnet und wunderbar sanfte Tne zogen, wie um Friedend
bittend, durch das Zimmer.
    Auf der Schwelle stand Friedrich mit seiner dmonischen Geige. Das leere
Lcheln des Bldsinns dehnte sich gemchlich aus auf seinen markirten, aber
geistlos verworrenen Zgen, der zergriffene Filzhut hing nur lose auf dem
ungeordneten Haar und der Mensch selbst schien bei seinem Spiel ohne alle
Theilnahme zu sein.
    Lucie sank schwer aufathmend in's Sopha, Steinhuder aber ging dem Geiger
entgegen und fhrte ihn freundlich herein.
    So recht, spiele was, Friedrich, redete er den Blden an. Es ist zwar
keine Gitith des frommen David, die da vertrieb den bsen Geist vom Haupte
Sauls, aber eine Geige ist doch ein Saiteninstrument, welches das Herz erquickt,
und die Seele still und hungrig macht nach himmlischem Manna. Komm, spiele
Deiner Braut einen Psalm vor, ich will Dich begleiten mit Lispeln und Lallen.
Denn Harfenspiel und Psalmgesang gefallen Gott wohl.
    Friedrich lie sich geduldig zu Lucien fhren, die ihrerseits ein paar
Sthle vor das Sopha schob und sich so gegen einen etwaigen Angriff bestens
vertheidigte. Ein Blick ihres schnen Auges rief mich zum Beistande auf. -
Kannst Du es glauben, Ferdinand, da der Pietist diesen bldsinnigen Friedrich
alles Ernstes Lucien zum Gatten bestimmt hat? Man knnte lachen ber einen
solchen Einfall, wre die Erscheinung nur nicht so betrbend. Diese flach
getretene Frmmigkeit errthet vor nichts mehr. Sie hlt fr unmittelbare
gttliche Eingebung, was scheinbar ihr heilloses Treiben zu frdern verspricht,
und es gibt nichts so Abgeschmacktes auf Erden, das ein rechter eingefleischter
oder eingeseelter Pietist nicht auszufhren im Stande wre.
    Der blde Spieler machte dem reichen Steinhuder eine tiefe Referenz.
Sinnlichkeit lag nicht in seinen Mienen. Das Auge war gebadet in jener dstern
Nebelwelle, die eine sichere Verkndigerin ist des gefangenen Gedankens. Und
dennoch funkelte eine Begeisterungsflamme aus diesem getrbten Himmel, wie
Meteorgeflimmer, wie unsicheres Umherwanken eines Nordscheines. Es war der
letzte Rest der Gttlichkeit, der sich in das trbe Auge rettete, wenn der Ton
die Trauerklage in der besaiteten Violine weckt. Friedrich spielte - keine
Psalmen, keine Kirchenlieder - nein, Dithyramben, die den Wahnsinn apotheosirten
und dem Irrthum nutzloser Werkheiligkeit den Staupbesen gaben. Nackt und blos
unter dem gellenden Gelchter des vergnglichen Pbels peitschten die Tne aus
Friedrichs' Geige die seichte Tugendhaftigkeit durch die Welt, bis sie keuchend
niederstrzte und die Menge achtlos ber sie hinschritt. -
    Ich wei nicht, ob Friedrich auch nur dunkel eine Ahnung hatte von dem
Geiste seines Spieles, doch zweifele ich daran. Und dies ist das Unerforschliche
in der menschlichen Seele, da sie, gemisbraucht und abgestumpft in ihrer vollen
Thtigkeit, doch gern das tiefste Vermgen, womit sie begabt von Natur war, auch
noch beim Versinken in das Gemeine allein in einen sichern Winkel zu flchten
sucht. Dort baut sie sich an, bildet heimlich und unbewut an der eigenen
Gttlichkeit und wird nicht selten zum Rcher an dem, was die Veranlassung gab
zu ihrem Ruin. Thrichte, geistig schwache, verrckte Musiker sind eine
gewhnliche Erscheinung. Es ist dies nichts Zuflliges, sondern eine nothwendige
Folge der geistigen Construction eines durchaus musikalischen Menschen.
Friedrich nun, glaub' ich, hat nur das ihm ganz und allein Ursprngliche in den
Hintergrund seines Daseins geflchtet, als Zuflle und Lebensverwickelungen ihm
den hellen allgemeinen Glanz des Geistes verhllten. Der Bldsinn ward zur
Ironie in seinem musikalischen Menschen, und wenn dieser geschiedene Gott, der
wie auf einem lichten Sterne lebt in der Nacht des brigen Daseins, sich erhebt;
dann weint er die Trauer um den brigen verlornen Menschen hinaus in die Welt,
und scherzt und kos't in tollen Bajazzosprngen um seinen eigenen Leichnam, ihn
bekrnzend mit Kssen und Rosen. -
    Whrend des Spiels kam Oskar. Friedrich, ohne sein stereotypes Lcheln zu
verndern, drehte sich tanzend mit den knarrenden Theerstiefeln auf der
gebohnten Diele. Lucie lag, einen trkischen Schawl ber das Gesicht gezogen,
auf dem Sopha. Steinhuder mit salbungsvollem Blick und gefalteten Hnden brummte
den 109 Psalm, dessen Inhalt zu Friedrich's Musik pate, wie ein Faunentanz zu
der Arie Wie sie so sanft ruhn. - Kme nun Einer und veranstaltete einen
solchen burschikosen Gottesdienst, so schrien alle Heiligen Wehe! schleicht
sich aber der Schalksnarr der Weltgeschichte hinter die Percke der Kopfhnger
und treibt allerlei seltsame Dinge, so verbietet sich das Zetern von selbst. In
solchen Conflicten erblickt man die Gerechtigkeitspflege der Vorsehung, die gern
im furchtbarsten Ernste eine spahafte Miene annimmt. Mchten doch unsere
modernen Dichter dies der Weltpoesie ablauschen, die im Leben offen zu Tage
liegt, und deren lebendiger Commentar die fortschreitende Menschheit selbst ist!
    Eine kleine Weile sah und hrte Oskar dem tollen Treiben ruhig zu, als dem
Gesinge und Getanze aber kein Ende ward, trat er entschlossen zu Steinhuder'n,
schlug ihn derb auf die Schulter und sprach: Treiben Sie keinen Gtzendienst
und schicken Sie augenblicklich diesen bldsinnigen Geiger fort, oder ich zeige
Sie der geistlichen Behrde an.
    Dies half. Steinhuder'n blieb erschrocken der Mund offen, und Friedrich
spielte sich tanzend selbst zur Thr hinaus, whrend er mit unaussprechlicher
Vergnglichkeit hohl in sich hineinlachte. Ich hrte ihn noch auf Treppe, Flur
und Strae spielen, und glaube gewi, er hat die Geige gestrichen bis in seine
Wohnung am Hafen.
    Lucie, von dem unheimlichen Liebhaber befreit, gab sich jetzt in der ganzen
Natrlichkeit ihres Wesens an Oskar hin. Steinhuder aber begann abermals die
Litanei seiner Secte abzusingen, schwor beim Wunderthier in der Offenbarung St.
Johannis, da Friedrich Luciens Gatte werden solle und Oskar, als ein ketzerisch
gesinnter Freigeist, nie seine Mndel heirathen drfe. Ermattet von Zorn und
Aerger verlie er endlich das Zimmer, und als Lucie alle nur erdenklichen
Zrtlichkeiten an Oskar verschwendet hatte, befahl sie ihm kurz und bestimmt,
jetzt solle er sich packen.
    Diese Launenhaftigkeit ist bei Lucie so hinreiend liebenswrdig, da sich
niemand davon beleidigt fhlt. Ohne dieselbe wrde das Mdchen matt, gewhnlich
erscheinen, und nichts Entsetzlicheres fr einen Mann von Geist, als eine
gewhnliche Frau! Die Gewhnlichkeit allein ist in der Liebe unsittlich, denn
jede chte Liebe wird als Kind eines genialen Gedankens geboren. Genialitt
vertrgt immer nur die selbst bestimmte Schranke, wie die Gewhnlichkeit sich,
um leben zu knnen, anschmiegen mu an die von fremder Hand gezogene. Darum
liegt das Moralische und Unmoralische von beiden gerade auf der
entgegengesetzten Seite. Natrlich! Von Gott fordert man, was dem Menschen
verboten wird, und das Geniale ist das Gttliche im Menschen. -
    Oskar und ich muten dem grillenhaften Mdchen nachgeben. Als ich ihre Hand
kssen wollte, schlug sie mir eine sanfte Ohrfeige. Wol etwa fr den tapfern
ritterlichen Beistand, den Sie mir geleistet haben whrend der frommen
Bnkelsngerei? sagte sie. Wenn Sie wieder kommen, sein Sie anfangs khner,
dann werde ich beim Abschiede zrtlicher sein. Die Hand war zu weich und warm,
ich konnte dem bsen Kinde nicht zrnen, und an der Thr erhaschte ich doch
einen Ku. Zum Fenster herab warf sie eine ganz frisch aufgeblhte Lilie mir
in's Gesicht und wollte sich ganz auer Athem lachen, als mir der Blumenstand
in's Auge flog, und mich am Sehen und Gehen eine Zeit lang verhinderte. -
    Der farbige Herbstabend war mild und warm. Wir lustwandelten durch die
Straen in's Freie hinaus, durch Laubgnge dem Rheine zu. Von Holland herauf war
ein Dampfboot angekommen. Der schwarze Rauch zog in dicken Wolkenwirbeln ber
den Strom hin. Es war mit Passagieren berfllt, die sich am Zoll drngten und
stieen. Unter den Ankmmlingen befanden sich ein paar Mohren, wie es schien,
Diener reicher Amerikaner, deren das Schiff Einige in das alte Europa
herbergetragen hatte. Wir erkannten sie schon von Ferne an ihrer Tracht, nach
der sie Pflanzer vom Missisippi oder irgend einem Nebenflusse dieses Stromes
sein mochten. Ehe wir noch den Hafen erreichen konnten, hatten sich die Fremden
bereits in die Hotels zerstreut. Die Matrosen erhoben ihren eintnigen,
melancholischen Gesang und wogen die Waarenballen aus dem Schiffsraume herauf.
Ich stellte mich mit Oskar auf die Brcke und sah dem geschftigen Treiben in
stillem Behagen zu. Als es dunkler wurde, lie sich Friedrich's Geige wieder
hren, die Hafenarbeiter, Schifferknechte und Matrosen begrten die
willkommenen Tne mit einem Freudenruf, den Friedrich durch jenes unnachahmliche
Gelchter beantwortete, vor dem die Majestt des Geistes selbst in ihrer
erhabensten Sicherheit noch erschrickt. Der unglckliche Mensch sa wieder auf
dem Krahnbalken, baumelte mit den Beinen und spielte Melodieen, als wolle er
alles Herzeleid der ganzen Welt darin aufgehen lassen.
    Wie sind Sie doch mit diesem Thrichten in nebenbuhlerische Conflicte
gerathen? fragte ich meinen Begleiter, dem des Bldsinnigen Geigenspiel
sichtbar ergriff.
    Das mchte sich schwer beantworten lassen, versetzte Oskar. Sie kennen den
alten Steinhuder und sein pietistisches Nrgeln und Kopfhngen. Solche Menschen,
selbst halb bldsinnig, haben oft wunderliche Grillen. Steinhuder war mir nie
gewogen, weil ich ihm zu freisinnig, zu menschlich, zu modern bin, und sobald er
meine Neigung zu Lucie entdeckte, begann er zu intriguiren. Nun mu der Zufall
mich noch arm machen, um dem Jmmerlichen eine Sttze fr seine Plne zu geben.
Friedrich schien ihm der geeignetste Mensch fr seine Mndel. Er lt sich
leiten, zu Allem gebrauchen und so erwhlte sich der pietistische Geizhals ihn
zum Mann fr Lucie.
    Um des Himmels Willen, rief ich aus, besitzt denn Friedrich Vermgen!
    Er ist arm wie eine Kirchenmaus. Das bringt der Pietist jedoch bei seinen
sonstigen geistigen Vorzgen, wie er den dummen Glauben des Bldsinnigen nennt,
nicht in Anschlag. Wre ich dem geistigen Narrenthum so verwandt, wie Friedrich,
so zweifelte ich gar nicht an meinem Glck.
    Man knnte vor Lachen sterben, sprach ich, wenn eine solche Erscheinung
nicht gar zu niederschlagend wre und die Versunkenheit des Zeitalters wieder
von einer neuen Seite dem umsichtigen Geiste nher brchte.
    Ja wahrlich! seufzte Oskar, und gebe der Himmel, da der Alte Vernunft
annimmt, denn bei Gott, erlaubt sich der blde Narr, in dem bei aller Dummheit
zuweilen doch eine gesunde Sinnlichkeit die geistige Schwche aufhebt, nur eine
einzige Freiheit, so ist er meiner gewissesten Rache verfallen!
    Keine Uebereilung, bat ich den Heftigen. Friedrich kann Ihnen nicht
gefhrlich werden.
    Doch, doch! betheuerte dumpf der Liebende. Wten Sie, was ihn thricht
gemacht hat, Sie wrden meine Unruhe mit mir theilen.
    Erzhlen Sie, bat ich, indem mein Gedchtni Alles wiederholte, was ich
jngst in Gleichmuth's Biographie ber diesen noch so rthselhaften Menschen
erfahren hatte. Sagen Sie mir, fuhr ich fort, was Sie von Friedrich's
Schicksalen wissen, vielleicht steht es dann auch in meiner Macht, Ihnen
Aufschlsse zu geben und zu Ihrer Beruhigung beizutragen.
    Guten Abend! sprach dicht neben uns eine sonore Mnnerstimme. Die hohe,
dunkle Gestalt des Juden im faltigen Kaftan strich wie ein Schatten in der
Dmmerung an uns vorber. Mardochai ging dem Krahne zu, neben dem viele mit dem
Dampfboot angekommene Kisten und Ballen standen.
    Kennen Sie diesen? fragte Oskar.
    Ich glaube genauer, als Sie, und tiefer, als er selbst es ahnt.
    Dann wenden Sie sich an ihn. Er allein kann die Hlle von Friedrich's
bldem Leben ziehen, wenn er Lust dazu hat.
    Wollen wir ihn aufsuchen?
    Halten wir uns in seiner Nhe, bis er jene Ballen gezeichnet und in
Sicherheit gebracht hat. Es sind neue Handelsartikel vielleicht aus beiden
Indien und Gott wei, woher sonst noch! Sobald er seine Geschfte beendigt hat,
folgen wir ihm auf dem Fue nach seiner Wohnung. Ich hoffe er wird aufrichtig
sein. Mardochai ist kein gewhnlicher Jude.
    Ich wute das Letztere genau genug und wartete mit Ungeduld auf das Ende der
Besichtigung, die der Jude den Kisten und Ballen mit ungemeiner Sorgfalt zu
Theil werden lie. Die Nacht brach darber ein, der Strom ward stiller, nur
wenige Khne gauckelten mit ihren weien Segeln noch ber die bewegte Flche,
aus der die Sternbilder dunkel heraufleuchteten. Glockengelut scholl von
Mhlheim her und ward durch den Abendwind verweht. Nur die Klnge aus
Friedrich's Geige schluchzten immer lauter, greller, ungestmer, und brachten
die Wirkung einer Musik hervor, deren Entstehung sich nicht entrthseln lt.
Dieses Spiel bte eine eben so dmonische Gewalt aus ber die gesundesten Sinne,
wie etwa ein gespenstisches Heranflattern krperloser Schatten, die ein
rthselhaftes Leben in sich tragen.
    Mardochai, den orientalischen Kaftan enger um sich zusammenschlagend, trat
jetzt den Rckweg an. Er gab mehreren Knechten Befehl, einige der Ballen
sogleich in seine Wohnung zu schleifen. Als er uns noch immer an der vorigen
Stelle antraf, schien er betroffen zu sein, blieb stehen, grte nach
orientalischer Weise und sprach: Die Nacht wird erquickend, da die Jugend sich
ihr so lange aussetzt.
    Ist dies eine so seltene Erscheinung? entgegnete ich.
    Heut zu Tage gewi, erwiederte der Jude. Wer kann auch wissen, mit
welchen Stoffen die Nachtluft geschwngert ist? Vorsicht kann nie schaden, mit
Vorsicht lt sich selbst der Teufel tuschen.
    Er schritt an uns vorber, da wir ihm aber folgten, migte er die
Schnelligkeit seines Ganges und war bemht ein gleichgltiges Gesprch
anzuknpfen. Grade diese Vorsicht aber machte ihn, vielleicht zum ersten Male,
unvorsichtig und brachte uns schnell dem Ziele nher, das wir erreichen wollten.
Friedrich geigte noch immer und zwar in so grauenhaft-barocken Tnen, da sie
Mark und Bein, wie galvanische Schlge, durchschtterten. Auch Mardochai mute
so etwas fhlen, er seufzte einigemal tief und sprach endlich: Der Mensch dort,
wer er auch immer sein mag, spielt wie eine vor Gram und Gewissensbissen toll
gewordene Seele!
    Sollten Ihnen diese Melodien so neu, ihr Schpfer so ganz unbekannt sein?
versetzte ich, gleich ihm die Arme kreuzend und ruhig neben ihm herschreitend.
    Mardochai ward zwar durch diese Frage berrascht, wute dies aber geschickt
zu verheimlichen. Sie wohnen bei dem Particulier Bardeloh? fragte er mich.
    Seit lnger als zwei Monaten. Auch lernte ich whrend meines Aufenthalts
einen gewissen Gleichmuth kennen, mit dem ich genauer bekannt zu werden
Gelegenheit hatte. Dieser starke Mensch, der dem Geiste eines noch Strkeren vor
etwa zehn Jahren erlag, hat mir Ereignisse mitgetheilt, die geeignet wren,
Himmel und Erde in Trmmer zu schlagen. Ein jdischer Arzt war dabei im Spiele,
ein Virtuos auf der Violine that zugleich mit einem barocken Dichtergenie
Bajazzodienste, und jener Virtuos, glaub' ich, ist eine und dieselbe Person mit
dem Spieler, dessen wahnwitzige Melodien in dunkler Nacht ihre Silenensprnge
machen.
    Mardochai war stehen geblieben. Die Krner und Trger schleppten die Ballen
an uns vorber. Schafft sie in mein Haus, rief er ihnen zu, ich komme
sogleich nach, den Lohn wird Euch meine Tochter auszahlen.
    Seine Tochter! Diese Entdeckung berraschte mich. Als die Trger uns aus dem
Gesicht waren, wandte er sich zu mir und fuhr fort: Haben Sie ber eine Stunde
in Ihrer Zeit frei zu gebieten?
    Ich bin Herr meiner Zeit, wie meines Lebens.
    Dann begleiten Sie mich in mein Haus, falls Ihnen die Wohnung eines Juden
nicht zu gering ist. Es drfte nthig sein, dem, was Sie erfahren haben, noch
einige Worte der Erluterung beizufgen.
    Kann uns ein Dritter begleiten? fragte ich den Rcher des Judenthums.
    Wenn er Mann genug ist, um nicht zu errthen vor einem nackten Geheimni.
    Oskar begleitete mich und den Juden, dessen Haus wir in wenig Minuten
erreichten. Dunkle Gnge waren berfllt mit Waarenballen, Kisten und Kasten.
Ueberall herrschte Ordnung, aber auch eine de frstelnerregende Todtenstille.
Ein gerumiges Gemach nahm uns auf, ausgeschmckt mit allen Luxusgegenstnden
modernen Lebens. Lange, niedrige Ottomanen zogen sich an den Wnden hin, mit
purpurrothem Sammet berspannt, persische Teppiche bedeckten den Fuboden.
Tische und Sthle waren vom feinsten Mahagony mit schwarzem Ebenholz zierlich
ausgelegt. Auf einem derselben vor der Ottomane standen zwei Armleuchter von
gediegenem Silber, auf denen weie Wachskerzen brannten. Das Zimmer war leer,
durchduftet von einem angenehm reizenden und das Gemth erheiternden
Wohlgeruche.
    Mardochai legte sich nach orientalischer Sitte auf die schwellend weichen
Kissen und lud uns ein, ihm zu folgen. Ich lebe nach den Vorschriften meiner
Vter, sagte er, und erfreue mich so an dem knstlich geschaffenen Vaterlande
der Verheiungen, die der Gott Abraham's seinen Nachkommen gegeben. Dieses
Morgenland, das mich hier umgibt, l manche andere Annehmlichkeiten vergessen.
Unsere Nationalitt ist hartnckig und der Einzelne kann sich ihr nicht ganz
entziehen, wenn er nicht laut als Apostat geschmht sein will. Er schellte,
eine fein gefugte Thr ffnete sich und ein Mdchen von hchstens funfzehn
Jahren, cht orientalisch gekleidet, von den edelsten Formen, trat ein, sich vor
dem Juden tief verbeugend.
    Sara, sprach Mardochai, bringe unsern Gsten Wasser und besorge das
Nachtessen. - Die schne Jdin verlie das Zimmer und kehrte sogleich wieder
zurck mit einem glnzenden silbernen Waschbecken und feinen Linnen. Sie bot
zuerst ihrem Vater das Becken, dieser wi sie jedoch zurck und mir zu. Obwol
ein Feind aller Ceremonien konnte ich doch der reizenden Jdin den Dienst nicht
abschlagen. Ich tauchte die Hand in die krystallene Welle, aus der in zitternder
Bewegung Sara's schnes Profil mich ansah. Nach der Abluition dankte ich dem
holden Wesen, das in glcklicher Kindlichkeit die ganze Flle seiner Schnheit
meinem prfenden Auge preis gab. Sara trug ganz die Zge ihres furchtbaren
Vaters, nur gemildert durch des Weibes anmuthvolle Grazie und die schuldlose
Sanftmuth ihres Alters. Das schwrzeste Haar quoll unter dem blau- und
weiseidenen Turban hervor, und legte sich weich und schmeichelnd an den
alabasterweien Nacken. Ohrringe von orientalischen Perlen, eine unheimliche
Flamme in sich tragend, schaukelten hin und wieder, wenn sie den Kopf bewegte.
Das groe, schwarze Auge beschatteten die lngsten und zartesten Wimpern, die
ich je gesehen hatte, und das feine Lid hob und senkte sich wie eine
Wolkenflocke um den Glanz eines schnen Sternes. Gelbe Stiefeln schmiegten sich
an den kleinen Fu und das feine Knchel, dessen Zartheit durch das weite
Beinkleid noch mehr bemerkbar ward, das unter dem reichen Ueberwurf
hervorlauschte.
    Hast Du die Lasttrger abgelhnt? fragte Mardochai, eine lange trkische
Pfeife, die neben der Ottomane lehnte, anbrennend.
    Ich bin gehorsam gewesen Deinen Befehlen, antwortete Sara und verschwand,
wie sie gekommen, in der Thr. Ich glaubte in ein Mhrchen aus tausend und eine
Nacht versetzt zu sein, und htte bald den Zweck vergessen, der mich in
Mardochai's Zauberhhle fhrte.
    Whrend Sara fr unsern Krper Sorge trgt, begann Mardochai, wollen wir
selbst unser geistiges Heil bedenken. - Er blies weie Rauchwolken aus seiner
Pfeife und legte sich bequem wie ein trkischer Bassa in die Kissen. Wenn Sie
lngere Zeit mit Gleichmuth verkehrt haben, fuhr er fort, so werden Ihnen auch
die frhern Schicksale Friedrich's nicht unbekannt geblieben sein. Vieles
freilich wei Gleichmuth selbst nicht, und ich, der sich nur gezwungen, aus
Noth, Politik, Vorsicht, oder wie Sie's sonst nennen mgen, in die
Angelegenheiten Fremder mischt, fhle mich jetzt gedrungen, ber Friedrich's
Zustand ein Wort zu sprechen, um sehr nahe liegenden Verlumdungen vorzubeugen.
    Wir lebten vor vielen Jahren in Bonn zusammen, ich als Arzt, Friedrich als
Musiker. Gleichmuth, ein Mensch voll Leidenschaft, aber von dem launenhaften
Zufall bestimmt, Theolog zu werden, schlo sich eng an uns an. Andere kamen dazu
und es bildete sich ein kleiner Kreis, der originell genug war und sobald wol
nicht wieder in dieser widerstrebenden Curiositt zusammentreten mchte. Es ward
Manches probirt, was der Gemeinheit frevelhaft erscheinen knnte. Wir studirten
das Leben der Nationen, den Geist der Religionen und den Ungeist der Culte.
Dabei wurden denn Entdeckungen gemacht, die nicht zu den gewhnlichen gehrten.
Auch ohne Streit und heftiges Widersprechen ging es nicht ab. Mancher schied
aus, um die besprochene Theorie in die Praxis zu bersetzen, ja ein Narr war so
begeistert von den witzigen Einfllen, womit einige gutmthige Schwachkpfe vor
vielen hundert Jahren einmal die Weltgeschichte ergtzten, da er augenblicklich
beschlo, ein Mrtyrer zu werden.
    Dies Alles gehrt inde wenig zu dem, was ich Ihnen mitzutheilen habe. Eng
an mich und Gleichmuth drngte sich Friedrich und ein gewisser Casimir, der seit
langer Zeit verschollen ist. Friedrich war mir nchst Gleichmuth der
Interessanteste, nicht, weil seine geistige Kraft berwiegend der meinigen sich
opponirte, sondern des unwiderstehlichen Hanges wegen nach tiefer religiser
Befriedigung. Es gehrt zu meinen geheimen Inclinationen, dasjenige frdern zu
helfen, was in irgend eines Menschen Natur sich durcharbeiten will, aber nicht
genug eigne Kraft dazu besitzt. Hier trete ich gern mild helfend in's Mittel und
suche durch Wort oder That die Schleuen der Natur zu ffnen, um in freiem
Strome das Leben sich austummeln zu lassen. Denn Leidenschaft gehrt zum
wahrhaftigen Leben, und ein irdisches Dasein kann nur dann dem Himmel Brger
erziehen, wenn es sich in Genu und That selbst zu begreifen sucht. Der
Erdenmensch sollte im Stillen zu der Einsicht kommen, da er in einem gewissen
Sinne mchtiger sein knnte als Gott, weil er aufhren darf, in diesem Dasein zu
leben, sobald es ihm gefllt, Gott aber gebunden wird an Seine Existenz durch
den errungenen Sieg der Unsterblichkeit. In dieser schaffenden Schranke
aufgefat, knnte man, als Skeptiker, Gott wol den Diener seiner eigenen
Unsterblichkeit nennen. Eben darum aber, weil Gott als ein Unsterblicher fertig
ist, braucht man ihn nicht zu frchten. Nur das Werdende bringt Gefahr, ist
aufgelegt zu Revolutionen und mu daher untersttzt werden im Entfalten, nicht
im Vollenden.
    Nach diesem Grundsatze, der blo ein Ergebni meiner naturhistorischen
Studien war, indem ich diese nicht als todte Sache, sondern als ein groes Leben
behandelte, dessen Seelenregungen ich belauschen wollte am Tact ihres Pulses, am
Tritt und Klang ihres ewigen Schaffens, suchte ich auch das Leben Anderer
psychisch zu durchfhlen. Ich trieb angewandte Psychologie, wie man angewandte
Mathematik lehrt. Die Menschheit war das groe Rechenexempel, an dem ich den
Witz der Schpfung oft zu Tode zu hetzen Lust versprte, und der Mensch selbst
diente mir zum Magister Matheseos.
    Nun fanden sich grade in Gleichmuth und Friedrich zwei Individuen zusammen,
die in ihrer natrlichen Opposition meine Experimentirlust reizten. Beide wurden
getragen von schwrmerischer Leidenschaftlichkeit. Sie beherbergten viel
europische Poesie in sich, die aber in Keinem zu rechter Reife gedeihen konnte.
Das erbarmte mich. Tyrannisch in die Brust eines Andern zu greifen und ihm zu
sagen: das steckt in Dir, Mensch! diese Verfahrungsart liebe ich nicht. Semiotik
war von jeher mit Eifer von mir betrieben worden, und psychische Semiotik blieb
nun gar meine specielle Liebhaberei. Ich sprte bald, woran es beiden gebrach.
Sie hatten sich mit der Vorsehung schon in der Wiege berworfen. Das mute
ausgeglichen und wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Ich that, was mir -
als Arzt - oblag, und Beide gestanden mir, da sie sich wohl befnden bei den
ditetischen Verhaltungsregeln, die ich ihnen anrieth, und die, bei Moses und
den Propheten! nicht gar sehr streng waren. Gleichmuth kam frher zum Ziele, als
Friedrich, und da ich voraussetzen kann, da sie ziemlich genau bekannt sind mit
Gleichmuth's Lebensbekehrung, so halte ich mich hier blos an Friedrich und sein
Schicksal.
    Sara's Eintritt unterbrach hier Mardochai's Erzhlung und gab mir Raum, die
Gefhle wieder in wohlgezogene Ordnung zu stellen. Denn Du wirst es natrlich
finden, da jede unverdorbene Faser meines tiefsten Menschen in aufrhrerische
Bewegung gerieth bei der Erzhlung dieses gttlich-dmonischen Juden. Es gehrte
diese Schlauheit, diese Ruhe, diese fein nancirte Ueberredungskunst dazu, um
einen zwar leidenschaftlichen, aber geistig so hell sehenden Menschen, wie
Gleichmuth ist, so consequent zu bethren. Mardochai ist wahrlich ein Gott in
der Rache, und gibt es Belohnungen, Kronen fr solche Thaten, so mu sie alle
dieses Juden Scheitel einst schmcken. Als Sara den Tisch gedeckt und sich
wieder entfernt hatte, fuhr unser Gastfreund fort:
    Friedrich betrieb, wie schon gesagt, die Musik, und zwar mit Talent und
Glck. Musikalische Naturen sind immer in einem gewissen Sinne von
schwrmerischer Gemthsart, und wird dies nicht immer sichtbar, so liegt es blos
an der Nichterweckung der Schwrmerei. Sie schlft in jedem Musiker, und es
sollte mir, wollte ich meine Experimentirbungen fortsetzen, nicht gar schwer
fallen, Diesen und Jenen zu einen vollendeten Schwrmer zu erziehen. Ein Musiker
ist selten unglubig, meist aberglubig, zuweilen auch Beides. Nichts leichter
nun fr einen psychisch gewandten Arzt, als den Unglauben durch langsames
Aufrollen des Aberglaubens zu erdrcken. Friedrich glaubte an nichts, als an die
Gttlichkeit der Musik, doch konnte er meinen tieferen Blick nicht tuschen. Ich
bemerkte, da die Gttlichkeit seiner eigenen Musik in der Mystik religiser
Ahnungen ruhe. Dies war mir genug; ich wartete nur auf die gnstige Stunde, um
ihm dies selbst fhlen zu lassen.
    Sie kam, als unerwartet ein katholischer Jngling aus unserm Kreise schied,
um Mnch zu werden. Friedrich erstaunte, war tief ergriffen und schrieb auf der
Stelle eine Messe, in der eine unendliche Mystik die wehmthige Ahnung seiner
eigenen Seele an meinen klaren Verstand verrieth. Als er mir diese Tne
vorspielte auf seiner Violine, mit jener Begeisterung knstlerischen Aufgehens
in der eigenen Schpfung, klopfte ich dem Virtuosen auf die Schulter und sagte:
Friedrich, das ist Dein Fach! Du mut ein christlicher Componist werden.
Schreibe, wenn ich Dir rathen darf, Messen, Cantaten - schreibe musikalische
Seelenmessen; doch la immerhin ein wenig frivoles Weltgetmmel hineinschreien
in Deine Melodien. Das wird Dich erst recht belehren, wie Du so ganz zur
Kirchenmusik geboren bist.
    Friedrich's Auge glnzte in Begeisterung, er sah lange Zeit prfend in das
meinige, sank dann an meine Brust und rief aus: Du hast immer Recht, Mardochai,
man mu Dir gehorchen, ohne es zu wollen. So waltet Gott ber seiner Schpfung,
und bedrfte er eines Stellvertreters, Du knntest ihm vorgeschlagen werden.
Schade da Du ein Jude bist! - Es war Schade, ich mu Friedrichen noch jetzt
Recht geben, aber es war auch gut. Der Jude eben befhigte mich, der Versuchung
zu entgehen, die mir Friedrich's zu wohlwollende Gte zudachte.
    Zu jener Zeit lebte ein wohlhabender, aber schwachkpfiger Mann in der Nhe
Bonn's, der zuweilen auch mich besuchte. Dieser Mann, schon bejahrt, ward von
der jngeren Mnnerwelt seiner religisen Einbildungen wegen gewhnlich nur der
veilchenblaue Engelhter genannt; denn er behauptete mit unerschtterlicher
Festigkeit, alle Engel trgen im Himmel veilchenblaue Roben mit rosarothen
Bndern, und ein ehrwrdiger Greis in weien Strmpfen mit gelben Zwickeln fhre
sie frh und abends durch den Himmel spaziren. Es war mir nun zwar ziemlich
gleichgiltig, was der Mann von sich hielt und den Amusements in seinem Himmel,
nur durch Friedrich's Aufmerken ward er mir interessant und sogar bedeutsam. Sie
wissen, Christus ritt unter dem Jauchzen des Volkes, von Palmzweigen umweht,
ber ausgebreitete Teppiche auf einer Eselin in Jerusalem ein, um ein paar Tage
spter gekreuzigt zu werden von meinen harthrigen Vorfahren, warum sollte denn
nicht ein moderner Virtuos an der Hand eines Pietisten dem Ziele seines Lebens
entgegengehen?
    Jener Mann hie Steinhuder und hatte Geld die Flle.
    Steinhuder! rief ich und Oskar zu gleicher Zeit.
    Sie haben richtig gehrt, fuhr Mardochai ruhig fort. Der Mann ging und
kam; ich vermochte Friedrichen, sich mit ihm zu unterhalten - denn Steinhuder
sprach nur himmlische Dinge, und diese auch in himmlischer Weise. Bald fand
Friedrich Gefallen an diesem Umgang, wie ich bestimmt glaube, weil er durch jene
mystisch-dunklen Gesprche eine Begeisterung in sich aufflammen sah, die seine
musikalisch schpferische Natur zu bisher ihm unbekannten Tongebilden hintrieb.
Musik will an andern Gegenstnden gro gezogen werden, als die Poesie. Ein in
Knechtschaft ergebenes Gemth wird musikalisch Greres schaffen, als die
Freiheitsbegeisterung eines radikalen Republikaners.
    Von jetzt an componirte Friedrich die herrnhutisch mystischen Lieder des
Grafen von Zinzendorf, das Monstrum aller religisen Geschmacklosigkeit, die
lcherlich-ekelhafte Wundenlitanei und andere in ihrer Manie heilig sein zu
wollen profan und frivol gewordene Gesnge z.B. den Seelenbrutigam.
Gewissenhaft theilte er mir diese Compositionen mit, und ich lobte oder tadelte
seine Producte, je nachdem ich es nthig fand. Dabei unterlie ich nie, den
Virtuosen consequent fortzustoen auf seinem Pfade, der ihm angewiesen war von
der Vorsehung oder - wenn Sie wollen - von dem Zorne des Himmels. Friedrich
gehorchte. Sein Gemth erschlo sich in jener Thrnenfluth, die eine
misverstandene Sentimentalitt in berreicher Flle ber die Erde ausgiet. Er
besuchte die Versammlungen der Frommen, bei denen der reiche Steinhuder
prsidirte. Die Gesangstcke wurden von Friedrichen componirt, genial-barock,
mystisch-verrckt, aber mir zu unendlicher Freude! - Bleiben Sie ruhig, meine
Herren, das Ende wird Ihnen die Gerechtigkeit meiner Freude schon erklren.
    Whrend dieses allmhligen Uebertretens zum Pietismus von Seiten Friedrich's
ward Gleichmuth durch ein Hineinstrzen und leidenschaftliches Durchtoben seiner
Lebensphasen der Vollendung entgegengerissen. Ich konnte nur mattherzig wirkend
eingreifen, um ihn zu verhindern an gnzlichem Abschlu. Dazu bedurfte ich einer
kleinen Charlatanerie. Friedrich mute thtig dabei sein, bereute aber spter
seine Theilnahme und legte nun seine schmerzerfllte Seele in einen Zuckergu
von pietistischer Frmmelei zur Ruhe. Ich hatte hier abermals hindernd
eingreifen knnen, aber ich wollte nicht. Dieser Lebenslauf war Friedrich's
psychische Bestimmung. Nur zur Rundung mute ich noch Hand anlegen, und so weit
meine Krfte reichten, war ich nicht mig. Steinhuder ward meinem Geiste
zinsbar durch seinen Ungeist. Ich pfndete ihn aus, wenn er mit Friedrich nicht
gebahrte, wie seine Natur es verlangte, und - Steinhuder frchtete in mir - den
Juden. -
    So kleidete sich Friedrich immer tiefer ein in die Harlekinsjacke einer
Frmmelei, die halb aus protestantischen Dogmenflittern, halb aus katholischer
Mystik zusammengesetzt war. Sein Gemth sank zusammen, wie ein bergangener
Mehlteig auf einem heien Ofen, er ward etwas beschrnkt, schwerfllig von
Begriffen, aber eminent und erhaben in Stegreifcompositionen auf der Violine.
Als er ein vollendeter Dummkopf geworden, als seine Seele brach lag auf dem
Acker der Weisheit und stiller Forschung; da befahl ich Steinhuder'n, er solle
diesen durch seine potenzirte Religiositt verpfuschten Brger der Erde
ernhren, und ich lie mir von ihm einige tausend harte Thaler geben, um mit
ihrer Hilfe fr die Erlsung Israels zu arbeiten nach meiner Weise.
    So ward Friedrich bldsinnig. Heilig allein und gttlich unverflscht blieb
in ihm nur die Musik. Unbewut schafft jetzt der Genius derselben in wilden
Inprovisationen, was kein Sectengeist tdten, aber wol zu sndhafter Aufreizung
anspornen kann. Friedrich spielt die originellsten Parodien auf die mystische
Composition seiner Wundenlitanei, und ich sporne ihn an zu immer heller
aufjauchzendem Frevelspiel, weil anders fr Euch und mich keine Rettung ist.
    Hier wurde der kalte Erzhler durch den Eintritt eines Dieners, der die
Abendmahlzeit auftrug, unterbrochen. Sara folgte, Mardochai lie das Thema
fallen, nderte seine ganze Redeweise und ward der heiterste Wirth. Er erzhlte
artige Scherze aus seinem Leben als Handelsmann, Verwechselungen und
Tuschungen, wie sie ihm wiederholt auf Reisen begegnet waren. Ein feiner Humor,
der nur leise, aber doch treffend die bedeutendsten Fragen der Zeit berhrte,
wrzte das Mahl. Der Ernst schien aus des Juden Gesicht vllig gewichen zu sein,
und wer ihn zum ersten Male in solcher Umgebung gesehen htte, wrde ihn eher
fr einen sanguinisch vergnglichen Lebemann gehalten, als jenen vernichtenden
Feind des gng und geben christlichen Denkens in ihm entdeckt haben.
    Mit seiner schnen Tochter scherzte und neckte er sich mit liebenswrdiger
Schalkhaftigkeit. Und Sara war auch in der That so zurckhaltend launig, so
lockend verfhrerisch, da wol selbst ein Vater, der so hohe Zwecke in seinem
Handeln verfolgte, wie Mardochai, von dem Liebreiz des schnen Geschpfes
hingerissen und dem tdtenden Ernst des tglichen Strebens entzogen werden
konnte.
    Es wunderte mich, da die Speisen streng nach den Vorschriften des Mosaismus
bereitet waren. Aus Gleichmuth's Lebensgeschichte htte ich in Mardochai eher
einen Verchter so nichts sagender Regeln gesucht. Der Jude mute, gewhnt an
ein schlaues Durchforschen aller Begegnenden, etwas Aehnliches in mir argwhnen,
denn schnell sich zu mir wendend, sprach er: Sie wundern sich wahrscheinlich,
da ich streng an dem Gesetz meiner Vter halte und es doch keineswegs verachte,
in Dingen des Luxus der neuesten Zeit groe Opfer zu bringen. Es ist dies
nthig, weil wir in Europa sind. Der Ekel an dem, was anbrchig ist in dieser
Zeit und Welt, treibt uns wider Willen entweder zu gnzlicher Entsagung oder zu
einer scheinbaren Verehrung. Da jene oft zweckwidrig bleibt, so hlt man sich an
diese. Ich befolge das Gesetz meiner Vter, nicht weil ich es fr untrglich
halte, sondern dem Zwecke zu Liebe, den ich damit verknpfe, und dieser ist gro
und heilig! - Aber wozu solch' Geschwtz? - Lassen Sie sich's wohl schmecken bei
einem Juden, und Du Sara, unterhalte die Herren mit Deinen Knsten.
    Sara stand lchelnd auf. Mit einer grazisen Verbeugung, noch gehoben durch
die naive Verschmtheit, die sie begleitete, schlpfte das reizende Kind fort
und verschwand hinter einem Vorhang von schwerer grner Seide. Bald darauf
rauschte die Hlle zurck, Sara ruhte nach orientalischer Sitte in der
anmuthigsten Stellung auf einem Divan von himmelblauem Sammet, ber dem eine
weie Marmorbste aus der Wand ragte. Sie schien mir Aehnlichkeit mit Moses zu
haben, wie er gewhnlich abgebildet wird. Von oben herab fiel ein blendendes
Licht auf die schne Gestalt. Sara hielt eine Zither im Arm, und spielte und
sang mit gleicher Geschicklichkeit ein sanftes Lied. Als sie geendigt, sprach
Mardochai: Nicht diese melancholischen Klnge unsern werthen Gsten! Etwas
Heiteres, Lustiges, und zeige, da Du auch gebt bist in der Kunst, den Krper
melodisch zu bewegen, wenn Harmonieen die Luft in den vollsten Schwingungen
erbeben machen. Die schne Jdin schlug scherzhaftere Klnge an, ihr schlanker
und doch ppig gerundeter Krper erhob sich, je mehr die Tne anschwollen, zu
Lust und Scherz. Bald jubelte eine ausgelassene Freude aus den Saiten der
Zither, und Sara schwebte mit Silphydenleichtigkeit nach dem Tact des Spieles in
dem schimmernden Boudoir, wie eine krperlose Erscheinung umher. Auf einen Wink
Mardochai's fiel der Vorhang wieder zusammen und das berraschende Intermezzo
war vorber. Sara kam wieder zur Tafel. Sie reichte eingemachte Frchte umher.
Das Echauffement hatte ihre Schnheit mehr gehoben. Ich suchte ihren Blick
aufzufangen, Sara unternahm ein hnliches Manver, und das kurze
Vorpostengefecht, das sich bei diesem Wollen und Nichtsollen zwischen unsern
recognoscirenden Blicken entspann, war ganz dazu geeignet, uns beide in eine
bedenklich glckliche Lage zu versetzen. Sara hatte alle Leidenschaftlichkeit
geerbt von ihrem Vater, und nur die empfindliche Eitelkeit ihres Geschlechtes
von der Natur noch mit in den Kauf bekommen. Sie errthete, begann zu zittern
und verschttete die Sigkeiten, als sie mir die geschliffene Krystallschale
reichen wollte und zufllig dabei meine Hand berhrte.
    Du kannst uns nun verlassen, Sara, sprach Mardochai, dessen Blicke
basiliskenartig Alles durchsphten. Sara gehorchte, sie schied mit einer
Verbeugung, die schnen Hnde auf dem Busen kreuzend. Ich folgte ihr mit den
Augen. An der Thr wandte sie sich, Mardochai sprach mit Oskar, schnell warf mir
das schne Kind des Morgenlandes ein paar Kuhndchen zu und schlpfte
geruschlos in das anstoende Gemach. Da stand Mardochai auf und sprach laut zu
Oskar. Kommen Sie und berzeugen Sie sich, wie elend sich ein Jude behelfen
mu, um sein Leben zu fristen, weil Ihr Christen immer noch kein Gehr habt fr
eine gnzliche Emancipation des unglcklichen Volkes.
    Mardochai ergriff einen der silbernen Armleuchter und fhrte uns durch
lange, schmale Gnge und Gewlbe in ein Hinterzimmer. Hier standen die neu
angekommenen Kisten. Die Fenster waren dicht verschlossen, so da kein
Lichtstrahl hereinfallen konnte in dieses verborgene Gemach. Rings an den Wnden
hingen eine Unzahl zierlich geschnitzter Kreuze und elfenbeinerner Kruzifixe.
Auch lange Tafeln waren damit bedeckt, Heiligenbilder, wie sie noch immer in
katholischen Lndern von den niedern Volksklassen gern gekauft werden, lagen in
hohen Sten aufgeschichtet am Boden. Viele waren schlecht auf ganz gemeines
Fensterglas gemalt, andere roh in Cedernholz geschnitzt. Doch gab es auch
Arbeiten von sauberster Feinheit, die wahrhaftigen Kunstwerth hatten.
    Des Juden Gestalt schien sich zu heben, sobald die Thr hinter uns in's
Schlo gefallen war. Er zndete mehrere Wandleuchter an, die ich ihrer Form nach
fr Trkenkpfe mit Turbanen umwunden hielt und den Wachskerzen zu Dillen
dienten. Als nun ein magischer Lichtglanz das Zimmer erfllte, schritt der Jude
wie ein zrnender Gott durch die Reihen der Kisten und Ballen, die theils offen,
theils verschlossen, den Raum des Gemaches erfllten.
    Mit solchem elenden Schacher mu sich ein verachteter Jude behelfen, sagte
Mardochai, seine hohe Gestalt stolz aufrichtend in dem schimmernden, weien
Seidentalar, den er vor der Mahlzeit angelegt hatte. Er stand da gleich einem
Hohenpriester Israels zur Zeit seines Glanzes. Ich will doch sehen, was mir da
meine Handelsfreunde zugesendet haben.
    Ein kleiner Hammer ffnete eine der Kisten mit wenig Schlgen. Wohlriechende
Krner rollten am Boden. Der Duft frischer Myrrhen erfllte das Zimmer mit
sem, betubendem Aroma.
    Wohl bedient, sagte Mardochai, die Krner sammelnd und sie behutsam in
eine silberne Schale legend. Man mu vorsichtig mit so edlem Gut umgehen, denn
wer kann wissen, ob nicht jedes dieser verdampfenden Krner eine Seele mehr
hinaufkruseln hilft zum Himmel, der minder casuistisch gesinnt ist, als die
Erde.
    Die dunklen Worte lagen wie Blei auf mir, meine Zunge war gebunden, Oskar
lehnte, einer Marmorgestalt gleich, an der Thr.
    Sie glauben nicht, fuhr Mardochai fort, indem er eine zweite Kiste
besichtigte, wie gesucht meine Artikel sind. Der wunderliche Jude, der alle
Jahre eine Reise durch Deutschland und Frankreich macht, sagt man fern und nah,
hat doch eine recht lobenswerthe Anhnglichkeit an Alles, was nur irgend dem
kirchlichen Leben frderlich sein kann. Ein Wort schon gengt, und man wird
versorgt, nicht direct, aber doch immer durch seine Verwendung. Der gute Mann
mu recht unglcklich sein, da ein jdisches Kleid seine Glieder umfliet. Sein
Blick ist so sanft melancholisch, sein Gesicht so bleich. Und doch bleibt er
immer derselbe, immer ruhig, heiter, gefllig, ohne gehorsamst zu danken oder
den Hut zu ziehen. - So, meine Herren, spricht man von mir, und, ich meine, mit
einigem Recht. Denn das Bischen Wohlstand, was ich mir zusammengehandelt,
verdanke ich blos dem Geschft, auf das mich ein glcklicher Gedanke fhrte.
Ohne brigens Rcksicht zu nehmen auf den reellen Profit, sehe ich darin auch
einen ideellen. Das Christenthum profitirt von dem Judenthum ein Stck geistiger
Force, und das Judenthum vom Christenthum mehr klingengen Halt. So bildet sich
zwischen beiden eine recht lustige Harmonie aus, die gar nicht zu verachten ist.
Ein speculativer Kerl geht nie zu Grunde, wr's auch nur ein armer jdischer
Arzt, der als Mann der Wissenschaft nicht bestehen konnte, weil er seinen
Appetit nicht ganz emancipiren wollte und der Humor ihm deshalb Bauchgrimmen
verursachte. Der Zufall ist witzig, meine Herren, und mich hat mein Nichtappetit
wohlhabend gemacht, doch bei Gott, nicht zu meinem eigenen Nutzen! Es gilt,
Greres zu vollbringen.
    Den Hammerschlgen hatte sich die Kiste geffnet. Eine feine Substanz, von
durchsichtiger Weie, fiel ber die Rnder heraus. Halt, sprach Mardochai und
sein Gesicht zuckte zusammen in einer Mischung diabolischer Schadenfreude und
schluchzender Wehmuth, Halt! da nichts verloren geht von dieser gebleichten
Krperlichkeit.
    Ich ri die Augen weit auf, Mardochai's Blick begegnete dem meinigen, sein
Auge glnzte und glhte, er griff mit der ringgeschmckten Hand in die feine
Substanz und bestreute mir mit dem Mehlstaube das Haupthaar. So, sagte er,
ich sollte meinen, eine Decke solchen Staubes mte fr jeden etwaigen
revolutionren Gedanken ein undurchdringlicher Panzer sein. - Ich fr mein
Theil, fuhr er fort, habe dabei nur gelernt, wie leicht es ist, mildthtig zu
werden, wenn der Geist der Speculation gewaltiger ist, als das Gewissen, oder
der stille Groll eines tief verwundeten Volksherzens heftiger klopft, als das
Rauschen der Gerechtigkeit, deren Zhne beim Kusse sich verbissen haben in die
tnende Schaale! Mardochai, meine Herren, mchte gern Mensch sein, und das fllt
ihm schwer! Darum wnsche ich Ihnen eine gute Nacht. -
    Unter den letzten Worten hatte er eine verborgene Thr geffnet. Die khle
Nachtluft wehte herein. Auf den Kpfen, die sich wie jammernd hervorbumten aus
dem Wandgetfel, und deren Turbane ich jetzt erst fr Dornenkronen erkannte,
stammten die hellen Kerzen. Das Wachs rann herab ber sie und bohrte sich ein in
die Augenhhlen des grten Propheten. - Mein Herz schwoll auf in furchtbarem
Zorn. Ich erhob die Hand, um einen heftigen Schlag gegen den Entsetzlichen zu
fhren, allein Mardochai war gefat auf Alles. Ein rasch gefhrter Sto mit dem
Hammer lhmte meinen Arm, der Luftzug blies die Kerzen aus, nur der weiseidene
Talar des Juden flatterte gespenstisch in der dunklen Kammer. Er stie uns
hinaus in's Freie und rasselnd schlug die Thre hinter uns zu. Ich glaubte ein
dmonisches Gelchter zu hren, dann ein tiefes wehklagendes Schluchzen. Doch
hatte ich mich wahrscheinlich geirrt. Der Nachtwind murrte um die Giebel und das
Schluchzen hallte herber vom nahen Rhein, dessen eilende Wellen sich an den
Kielen der Schiffe brachen.
    Die halbe Nacht irrte ich mit Oskar, dessen ganze Seelenkraft gebrochen war,
in der Stadt, am Ufer des Stromes und den einsamen Spaziergngen umher. - Ja ich
seh' es, da Gleichmuth in seinen Ahnungen mit Friedrich nahe zum Ziele
getroffen hat. Mardochai ist ein Teufel unter den Gttern und ein Gott unter den
Teufeln. Wer aber mag den ersten Stein aufheben gegen ihn und wer es wagen, zu
sprechen: Du allein bist der Verworfene? Mardochai ist so gut, wie wir Alle, ein
Kind der Nothwendigkeit. So gut es Christen gibt, die sich abwenden mchten vom
Dienst, den Worte gebieten, weil blos ein finsterer Schatten den Ort bezeichnet,
wo einst der wahrhaft hehre Tempel der Heiligung sich zum Himmel erhob, warum
sollten sich nicht eben so gut Juden finden drfen, die im Herzen ledig und baar
ihres Mosaismus, blos durch die Schmach der Gegenwart noch zu erheucheltem
Festhalten an das Gesetz gezwungen werden? Starre Juden sind schon fertige
christliche Proselyten. Wollten wir nur das unglckliche Volk emancipiren, so
pfropften wir frische Reiser auf den welkenden Baum der Religiositt, und ein
neuer, reinheiliger Geist wrde die absterbende Masse wieder beseelen. Aber die
solide Bequemlichkeit der Privilegirten mag nichts davon wissen. Und htte
Pilatus hundert Leben, und knnte mit tausend Stimmen fragen, er wrde laufen
mssen durch die ganze Welt bis zum jngsten Tage ohne Antwort zu erhalten auf
seine Frage: Was ist Wahrheit?
    Es ergeht mir, wie Jedem mit diesem Juden. Ich hasse ihn grimmig und liebe
ihn doch mit erschtternder Wehmuth. Ein Mensch wie Mardochai kann nicht Jude
sein und darf nicht Christ werden. Er hat zu viel Gttliches neben dem
Dmonischen in sich. Das bloe Menschenthum aber kann nicht gengen, weil es den
heiligen Glanz verloren hat im Umhertoben der Geschichte. Es trgt nur noch den
Kampfrock, bespritzt mit Blut und Staub, zerfetzt vom Getmmel der Schlacht. Das
Menschenthum wird erst dann an die Stelle des Christenthums treten drfen, wenn
dieses zurckgekehrt ist zu seiner ursprnglichen Reinheit und in seine Lehren
die Stze aufgenommen hat, die ein zweitausendjhriger Fortschritt der
Geschichte unbeachtet in das Gedenkbuch des Himmels eintrug. -
    Ob dies mglich ist auf europischem Boden wie er jetzt sich gestaltet hat?
- Nein, Ferdinand! Glaube an Gott, an Christum, Glaube an die Allmacht der Liebe
und Erlsung, an diesen Wahn aber glaube nicht! Europa wird durch den Schmerz,
den es fhlt ber seine verlorene Ewigkeit und Freiheit, beitragen zur Schpfung
einer neuen, aber nur der Schleppentrger dieser Freiheit und Religion wird es
sein, nicht ihr eigenster Besitzer. Und diese Freiheit ist die Freiheit von
Leben und Gedanken, und diese Religion nennt sich die Religion der Humanitt!
Sie beide aber bringt nicht die Morgenrthe, sondern nur der duftige, warme
Glanz des Westens, der die Lippe der Atlantis bewegt und tnen macht das noch
ungeahnte Lied einer freien Religion und einer religisen Freiheit - vielleicht
aber auch ein neuer Stern, der mit hellem Licht bestrahlt die Trmmer der alten
Burg Zion im Lande Palstina! -

                                      12.



                                 An Ferdinand.

                                                             Kln, Ende October.

    Ungeachtet Deiner Verstimmung fahre ich doch von Zeit zu Zeit fort in meinen
Berichten. Du hltst noch zu sehr an dem Herkmmlichen und bist furchtsam, wo Du
muthig sein solltest. Grade wie es jetzt hergeht in der Welt, hat ein recht
frischer Muth nichts zu frchten. Die Hoffnung auf das Gelingen hlt das zagende
Herz immer aufrecht und lt es die schweren Stunden des Kampfes vergessen. So
wenigstens fhle ich, seit der Wille der Vorsehung mich in diese Wirren gestellt
hat. Ich finde, da am Ende kein Zustand vllig unertrglich werden kann, mag
man sich nur im Geiste eine Aussicht in die Zukunft frei erhalten. Das ist
freilich unklug gesprochen, aber die unbewute Politik des Menschenherzens
drngt frher oder spter jeden Einzelnen dazu hin. Ich gehre gewi nicht unter
die Mattherzigen, aber das immerwhrende Hereinbrechen zerstrender Lebensstrme
hat mich abgehrtet und seit einiger Zeit mit grerer Besonnenheit dem Ziele
entgegenstreben lassen. Was ich will, ist mir klar, das Wie? kann allein von den
Verhltnissen bestimmt werden.
    Seit meinem nheren Zusammentreffen mit Mardochai haben sich die Dinge hier
fortgeschoben in dem breiten Gleis der Gewhnlichkeit. Ein unaufmerksamer
Beobachter wrde nichts Auffallendes entdecken, mein Auge ist jedoch fr die
geheimen Lebensregungen geschrft worden, und so kann ich aus dem stillen
Fortschieben der Tage eine nahende Krisis herauslesen.
    Bardeloh kommt wenig aus. Er arbeitet viel, wie er mir sagt, an seinem
Testamente. Dieser Ausdruck mchte wol schwerlich in dem gewhnlichen Sinne zu
verstehen sein; er schreibt an der Gestaltung der Welt, wie sein ungestmer
Geist diese sich in der Zukunft denkt. Niemand darf ihn stren, selbst seine
Gattin nicht, die ein wahrhaft kummervolles Leben fhrt. Felix nur hlt das
beklagenswerthe Weib aufrecht und beglckt es auf Augenblicke. Warum mute doch
grade Rosalie die Frau dieses Mannes werden! Sie wr glcklich gewesen auer der
Ehe.
    Eduard oder Bonifacius hat dann und wann eine Art lichter Augenblicke. Ich
besuche ihn fters und wei man ihn zu behandeln, so ist es nicht eben schwer
mit ihm zu verkehren. Nur einzelner Worte darf man sich nicht bedienen, sonst
kommt der Geist des Irrsinns mit Furienwuth ber ihn und das Leben eines Jeden
ist dann gefhrdet. Diese Worte sind Kloster, Liebe, Gelbni,
Priestereid, Mnch und der Name Gleichmuth. - Eine Zeit lang machte mich
dieser Abscheu gegen den nicht minder unglcklichen Pastor unmuthig, da ich von
ganzem Herzen eine Confrontation dieser beiden Menschen zu bewerkstelligen
wnschte. Mich trieb nicht Neugier dazu, sondern eine Art Instinct, der mich
erwarten lie, ein pltzliches Sehen derjenigen Person, die den Armen vermocht
hatte, das unselige Gelbde zu thun, werde wie eine heilsame Medicin auf den
Irren wirken. Ein unerwarteter Schreck kann bei Geisteskranken Wunder thun, und
grade Bonifacius schien mir seiner ganzen Natur nach geeignet, durch ein solches
Mittel allein den Gebrauch seines Verstandes wieder zu erlangen. Die Gelegenheit
blieb lange ungnstig, Gleichmuth begierig auf die Lsung meines gegebenen
Wortes, bestrmte mich jedoch tglich, ihn der Ungewiheit zu entreissen und ich
wagte endlich einen Versuch. Zuvor unterrichtete ich Bardeloh von meinem Plane
und schlug vor, auch Casimir Theil nehmen zu lassen an der Erkennungsscene. Mein
Gastfreund war es zufrieden und Tag und Stunde wurden festgesetzt.
    Du wirst Dich vielleicht wundern, da ich hier von einer Confrontation
zweier Menschen spreche, die sich schon vor lngerer Zeit begegnet sind. Du
magst aber nur bedenken, da jene Begegnung zu einer Zeit sich zutrug, wo
Gleichmuth wenig Acht darauf hatte und Eduard durch die lange Kerkerhaft und
seine furchtbaren Seelenleiden jede frhere Aehnlichkeit gnzlich verloren
hatte. Jetzt verliehen ihm Ruhe und liebevolle Behandlung wieder ein
menschliches Aussehen, und ein prfendes Auge mag wol sogar einige Aehnlichkeit
mit Bardeloh in ihm entdecken, auch ohne jenes furchtbare Muttermal dabei zu
Rathe zu ziehen.
    Es war ein heiterer Abend, die Sonne beschien warm und malerisch die alten
grauen Thrme und Giebeldcher. Aus dem Garten, in den die Fenster von Eduards
Zimmer hinabsehen, stieg Blumenduft in die Atmosphre auf. Der Mnch war ganz
heiter, sein Auge bekam Leben und Licht, die Angst der Seele schien gnzlich von
ihm gewichen zu sein. Guter Hoffnung voll holte ich Gleichmuth ab, der tglich
siecher wird und mir ngstlicher Hast an seiner Geschichte der Heiligen
arbeitet. Bardeloh war bereit; in seinem fast Jedermann verschlossenen Cabinet
fanden wir bereits den dramatischen Dichter und den heitern Felix.
    Casimir ist nach seiner Weise zufrieden. Er schreibt an einem neuen
wunderlichen Werke, lebt dabei ganz nach Belieben, cynisch, wie's ihm recht ist,
und kann seinen Unmuth ungestrt auslassen. Mehr verlangt dieser colossale
Mensch eigentlich nicht, und ist man ihm dabei zu Willen in Kleinigkeiten, so
ist schon ein Auskommen mit ihm. Er stelzte auf eine hchst scurrile Weise in
dem feinen Gemache Bardeloh's umher und fluchte dabei still fr sich hin, da
die Erde htte weinen mgen. Um nur etwas zu haben, woran er sich halten konnte,
ergriff er einen der drei Todtenschdel, womit Bardeloh seinen Schreibtisch
verziert hat, und die ihm des Nachts zu Lampen dienen. Es ist dies nun einmal
seine Liebhaberei.
    Kerl, sagte er eben zu Bardeloh, als ich mit Gleichmuth das Zimmer betrat,
httest Du nicht diese Gehuse hier um dich aufgepflanzst, so hielt ich Dich
fr eine gewichste Lavendelseele. Daraus aber erkenne ich, da eine solide
Wildheit noch immer auf Dich wirken kann. Kaum ward er Gleichmuth's ansichtig,
als er den Schdel dem Pastor gerade vor das Gesicht hielt und fort fuhr: So
soll mich doch der Satan zu einem Mdchen machen, wenn Du nicht einer
verschtteten Leichenpredigt so hnlich siehst, wie ich einem Narren! Gelt, Du
bist eine ambulirende Predigt?
    Ist's mglich, sagte Gleichmuth, Casimir, Du lebst noch?
    In Sack und Hose, wie ein europischer Kernphilister, aber weniger sauber.
Urdr... ist mein Element, denn aus ihm hat - offen gesprochen - Gott die Welt
gemacht. -
    Und Du hltst Dich wol fr seinen Substituten? warf Gleichmuth fragend
ein.
    Behte der Teufel! Ich bin blos sein Spucknapf. Zu Substituten taugen nur
solche Lumpensammler, wie Du, Kerl. Du bist ein wahrhaftiger Leichdorn an der
kleinen Zehe des Allmchtigen!
    Wenn Sie bereit sind, unterbrach Bardeloh das Gesprch der beiden alten
Bekannten, so wollen wir einen Dritten besuchen. Dir, Casimir, befehle ich
Ruhe, oder ich werfe Dich unverzglich aus dem Hause!
    Ein majesttischer Spruch wird immerdar respectirt, versetzte Casimir.
Denkt so eine parfmirte Schneiderseele, brummte er fr sich, sie sei reif,
neue Staaten zu grnden und Republiken auszuspeien, und schleppt doch noch die
Eierschalen aller aristokratischen Teufeleien an den Fersen mit sich herum. Da
Du znftig wirst, macht Dich noch nicht gro.
    Bardeloh schickte seinen Sohn zuerst in das Gemach des Mnches. Aus den
wenigen Worten, die er mit dem Knaben sprach, lie sich eine glckliche Stimmung
errathen.
    Treten Sie ein, Gleichmuth, sagte Richard, Ihnen gebhrt hier der
Vortritt. -
    Der Pastor berschritt mit mir zugleich die Schwelle. Der Mnch sa am
offenen Fenster, eine Laute lag vor ihm auf der Tafel, denn zuweilen verlangt
ihn nach Musik und er klimpert dann ohne Harmonie auf den Saiten. Felix kniete
auf einem Schemel und strich dem Wahnsinnigen die wenigen greisen Locken aus der
scharf hervortretenden Stirn. Gleichmuth blieb erschrocken stehen. Wer soll
dieser Mann sein? Doch nicht etwa Einer, den ich frher kannte?
    Fassen Sie ihn in's Auge, sprach Bardeloh, und wenn Sie ihn dann
erkennen, so gedenken Sie nur der richtenden Geschichte!
    Gleichmuth und Eduard sahen einander unverwandt an, ohne das geringste
Zeichen einer frheren Bekanntschaft zu geben. Endlich sprach der Pastor
kopfschttelnd: Ich kenne den Menschen nicht; es mu ein Irrthum sein.
    Dann ist Ihre Lebensgeschichte eine Lge! sprach Bardeloh.
    Bei Stola und Pritsche, fiel Casimir ein, Du hast Recht. Denn dieser von
Gebeten auseinandergetriebene Schdel dort hat die Weihen da empfangen, wo ich
das Tabernakel plnderte.
    Himmel und Erde! rief zusammenbrechend Gleichmuth, Eduard, der
Vertheidiger der Askese? Er, der meine Wette annahm? - Du bist unglcklich, ich
seh's an Deinem versunkenen Auge! - Du hast ein elendes Dasein hingeschleppt als
Kette, die der Fluch der Natur an Deinen Eid schmiedete. Eduard, Eduard, kennst
Du mich?
    Der Aufgeregte strzte sich auf den bisher theilnahmlos gebliebenen Mnch.
Er ergriff in krampfhafter Wuth seine Hand, suchte in seinen Zgen die Leiden
eines mehr als zehnjhrigen Lebens zu lesen und bedeckte dann, um Vergebung
bittend, die Hand des Wahnsinnigen mit heien Kssen.
    Da schien eine grauenhafte Erinnerung hhnisch lebendig zu werden in
Eduard's wahnwitziger Seele. Ein gellendes Gelchter lief schreiend und
hnderingend an den Wnden hinan; er nahm die Guitarre, griff mit den knchernen
Fingern hinein, da schrillend die Saiten zerrissen, und wirbelnd sich im Kreise
drehend, heulte er den letzten Vers aus seinem Liede, bis er ohnmchtig zu Boden
sank. Felix kniete neben ihm nieder, in der Unschuld Thrnen das Gesicht des
Wahnsinnigen badend. Auch Gleichmuth verlieen die Krfte. Sein siecher Krper
konnte wol eine in ruhiger Migung genossene Seelenqual ertragen, nicht aber
den Sturm aufgerttelter Leidenschaften. Er kniete auf die andere Seite des wie
todt Hingestrzten, und seine Hand auf die Stirne des Mnchs legend, sprach er:
Du hast verloren wie ich, gewonnen hat allein der tragische Witz des
Schicksals. Du fielst ein Opfer der Enthaltsamkeit und ich der entfesselten
Begierden. Am Ende aber bist Du doch noch glcklicher als ich. Denn Dein ist nur
der Wahn, und Dein Wehe kam aus einem reinen Herzen, mich aber erdrckte die
Lust des Gedankens und der umherwandernde Rachegeist des gemihandelten,
urltesten Volkes der Erde.
    Nicht doch, Hochwrden, fiel hier eine mir wohl bekannte Stimme mit
eiskalter Ruhe ein. Es waren Studien, Experimente, angestellt mit der Physis
der Seele, zu Nutz und Frommen der Nachwelt. Da der Physiker dabei geschickter
war, als sein Famulus, war Sache der Vorsehung. Wenn ich mich rche, so baue ich
an der Zukunft der Welt, indem ich wohl wei, da das Fertigwerden dieses neuen
Vlkerdomes den Tod des Baumeisters bedingt. Doch haben Sie noch je ein Kind aus
dem Stamme Juda's thricht gesehen? Mardochai kann elend sein, dumm ist er
nicht! Mardochai stirbt weder am Christenthum, noch unter Christen. Er stirbt
allein am Tode des Mosaismus und der Unbarmherzigkeit derer, die sich brsten,
das Privilegium der Barmherzigkeit zu besitzen.
    Der Jude stand hinter uns und musterte die Umgebung. Lauter alte Bekannte,
wie ich sehe, fuhr er fort, Casimir's Hand krftig schttelnd, die er zum
ersten Male wieder sah.
    Der Sinn ist Canaille geblieben, sagte dieser, nur die Jacke hat sich
gendert. Nun darauf geb' ich nichts, die Hauptsache ist immer, da einer nicht
dumm wird an eingemachten Liebesseufzern. Alter, wie geht's Dir? Bist Du munter
und schacherst Du noch immer mit gut angelegten Gedanken?
    Das Gewerbe blht, sprach Mardochai, aber ich hoffe, nicht mehr gar
lange! Die geistigen Zungen der Vlker sind gewhlter geworden.
    Bravo! Trffelsauen fr das Pack! Jude, ich sage Dir, geh' in die Pilze.
Du bist der Kerl darnach, die giftigsten herauszulesen zur Betubung dieser
sublimen Himmelsfliegen. - Er deutete auf die kniende Gruppe.
    Casimir kam immer tiefer in seine Redeweise hinein, und da Mardochai ihm
keinen Widerstand leistete durch vieles Dazwischenreden, so gab uns seine Laune
noch Dinge zu hren, wofr keine Schriftsprache Worte besitzt. - Der Mnch
erholte sich unterde wieder, allein das Bewutsein war dahin. Wilder und
glhender als je, irrten seine Augen in den tiefen Hhlen, er murmelte nur
unverstndliche Worte, Gleichmuth's Namen allein konnte man deutlich aus dem
Wirrwarr heraushren. Da sich eine heftige Tobsucht seiner bemchtigte, mute er
gefesselt werden. Erschttert verlieen wir alle den Schauplatz des Jammers.
Gleichmuth war wie vernichtet, Bardeloh brtete still fr sich hin. Felix hing
sich weinend an meinen Arm. Nur Casimir lie sich den Humor, wie er es nannte,
durch diese gut durchgefhrte Farce der unvermgenden Weisheit nicht verderben
und Mardochai stand einsam da in der Gre seiner Ruhe, wie ein prophetisches
Bild, fr dessen Sprache die Stunde noch nicht gekommen ist.
    Meine Absicht scheiterte an der unheilbaren geistigen Zerstrung Eduard's. -
Ich begleitete den Pastor nach Hause und schlich mich dann unter Sternenschein
in die Nhe von Mardochai's Wohnung, um irgend wo die liebliche Sara zu
entdecken. Ich hatte seit jenem Abende die schne Jdin nur ein einziges Mal
gesprochen, konnte aber zu kurze Zeit bei ihr verweilen, um sichere Schritte fr
meine Plne zu thun. Auch werde ich mich keineswegs durch vorschnelles Handeln
bereilen. Ist doch ohnehin Alles bereits so weit zum Abgrunde hingerissen, da
es jetzt wahrlich nicht auf ein Dutzend Elendigkeiten mehr oder weniger viel
ankommt! Dem Juden kann ich nicht zrnen, so entsetzlich er mir auch ist. Sein
Zweck ist vielleicht eben so edel, als der meinige, aber diese Zerklftung des
Menschen und der Secten nthigen ihn, zu Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, die
vielleicht in der schpferischen Begeisterung eines Gottes noch als Frevel
erschienen.
    Sara war nirgends zu entdecken, dagegen leuchteten die Fenster Auguste's so
liebelockend und sehnsuchtswarm, da ich nach langer Entsagung wieder einmal
ganz dem ungebundesten Glck anzugehren fr ein nothwendiges Opfer meiner Natur
hielt. Klapperbein, schon gewohnt an mein unvorhergesehenes Kommen und Gehen,
wird nach und nach gefger. Der alte Narr macht mir Spa, und wollen wir beide
recht kindlich glcklich sein, so mu sich der alte Ephraim zu uns setzen und
Sagen und Schnurren erzhlen. Darin ist er denn Meister, immer vergngt,
sangeslustig und weinselig von frh bis in die Nacht hinein. Erst, wenn man eine
so kernfrische Natur sieht bei der Bleichsucht, die unser ganzes Geschlecht
ergriffen hat, fhlt man, wie unendlich tief uns diese knstlichen Lebensmaximen
herabgestoen haben von der reinen unverflschten Menschlichkeit; und immer
heit der Refrain all' meines Wnschens und Denkens: Wiedereinsetzung der Natur
in ihre Rechte, oder Auswanderung dahin, wo sie noch thront, und lebt und
schafft in ihrer ganzen, ungeschwchten, heiligen Kraft! Wte ich nur, wie man
schnell diesem so lebenbedrftigen Europa das Nthige wieder geben knnte! Aber
hier sind wir Alle mit unserer Weisheit zu Ende, und nur die Geschichte kann
retten und erlsen, was der Misbrauch derselben auf das Rad der Schmach und des
Entsetzens geflochten hat. -

                                                                    Im November.

    Das Kirmesfest in Deuz fhrte in den jngst vergangenen Tagen eine groe
Anzahl Fremder daselbst zusammen. Nicht allein die Bewohner Kln's wallfahrteten
hinber nach den ffentlichen Vergngungsorten, auch die nahe gelegenen
Ortschaften entsandten eine Menge frhlicher Menschen zu dem heiteren
Volksjubel. Die Tage waren warm und sonnig. Der Herbst schien in einem kurzen
Sptsommer nochmals aufleben zu wollen.
    Ich hatte viel reden hren von den bei dieser Festlichkeit gewhnlichen
Volksbelustigungen, und fand mich deshalb bei guter Zeit an Ort und Stelle ein.
Felix begleitete mich, er war froh einmal aus der gewitterschwlen Atmosphre
des vterlichen Hauses in die freie Luft heraustreten zu knnen. Unterwegs
begegnete uns Mardochai mit seiner Tochter, die auer dem Hause die
Liebhabereien des Vaters dem Modegeschmacke zum Opfer bringt. Seit unserm
feindlichen Zusammentreffen hlt mich ein unheimliches Gefhl ab, in engerem
Verkehr mit Mardochai zu leben. Wir gingen daher ruhig grend an einander
vorber, nur Sara wechselte ein paar bedeutungsvollere Blicke mit mir. Das
wunderliche Mdchen ist in der That zu verfhrerisch, um es mit kaltem Blute
betrachten zu knnen. Es lag eine offene Einladung in ihrem Blicke, ihr ganzes
Auge war eine mit Lcheln dargereichte Visitenkarte. Ein Wink von mir diente als
Antwort und ruhig ging ich weiter mit dem plaudernden Felix.
    Das ist recht meine Lust, sagte der Knabe, als wir der Bellevue
vorbergingen. Unter lustigen Menschen bin ich lebensgern, lache und springe und
singe mit ihnen, und vergesse alles Hliche, was mich zu Hause immer so
trbsinnig macht. Begreifen kann ich's doch nicht, warum der Vater immer so
verdrielich ist und die Mutter weinen macht. Wir knnten recht lustig sein,
wenn wir viel spazieren gingen und die Natur mehr liebten.
    Freilich, erwiederte ich, die Natur aber kann nicht jeden Mangel
ersetzen, liebes Kind, den wir im Herzen fhlen, und dessen Ursprung in dem zu
finden ist, was man Leben und Welt nennt.
    Nun das mag sein, Sigismund, ich kann es aber nicht glauben, da ein Mensch
heiter werde, so lange er blos in der trben Stube sitzt.
    Eben darum nehme ich Dich mit in die offene Natur, unter Volksjubel und
Festesfreuden. Du wirst Dir schon Heiterkeit sammeln fr die nchsten acht
Tage.
    Schade, da wir den Bruder Bonifacius nicht mitgenommen haben, fiel der
Knabe ein. Dem wrde die Luft erst recht gut thun und das Lachen und Scherzen
der Kinder. La mich umkehren, Sigismund, ich will ihn herberbringen.
    Wenige Worte gengten, den gutmthigen Knaben davon zurckzubringen. Wir
hatten die Gesellschaftsorte erreicht, Spiel, Gesang, Festjubel schallte uns
entgegen, bunte, lachende Menschengruppen wandelten sorglos umher, die
blinkenden Rmer in den Hnden.
    Felix war unermdlich, er hpfte von Laube zu Laube, knpfte mit Jedermann
ein Gesprch an und ward Allen lieb und werth. Viele der Anwesenden kannten den
Knaben schon und bedauerten mit Achselzucken, da grade Bardeloh sein Vater sei.
Der Mann ist zwar unermelich reich, sagten sie, aber nicht minder unermelich
unglcklich. Das kommt heraus vom Kosmopolitismus und bertriebener
Menschenliebe.
    Ja, fiel ein dicker Weinkper ein, dies kosmopolitische Unwesen taugt
nicht hier in unser Land. Wir wollen trinken und leben, uns nicht um die
Elendigkeiten von Hinz und Kunz viel bekmmern. Reines Haus halten war immer die
Hauptsache und wird's bleiben, so lange ein ehrlich geflltes Weinglas Herz und
Auge erfreut. Bleibt mir mit der Kosmopolitik vom Leibe, die pure, simple
Politik macht mir schon Kolikbeschwerden.
    Es fanden sich viele solche echtdeutsche Sauerkrautphilister zusammen, und
kme es bei einem wahrhaftigen Urtheilsspruch auf die Menge der Muler an, so
wrde sich die Zahl der Stimmfhigen auf ein sehr kleines Huflein reducirt
haben. - Mir lag wenig daran, Politik zu verhandeln und alle Miseren des Lebens
abermals durchzukosten. Der Nachgeschmack entgeht einem ja ohnehin keinen Tag.
Schon Felix zu Liebe gab ich mich der Unbefangenheit hin und war einmal kindisch
froher Mensch, so weit dies in unserer Zeit mglich ist.
    Gegen Abend ward das Menschengedrnge immer heftiger. Bunte Laternen wurden
angebrannt, die Weinlust warf Schwrmer in die Luft und ergetzte sich am Zeter
der furchtsamen Mdchen, die in reicher Anzahl versammelt waren. Ich zog mich
zurck aus dem rgsten Getmmel, um in der Dmmerung meinen kleinen
Schutzbefohlenen nicht zu verlieren. Der Abend war warm und still. Auf dem
breiten Strome schwammen unzhlige Gondeln. Das Ufer entlang schwrmten singende
Gruppen. Unter den Spazierengehenden fiel mir eine krftige Mnnergestalt auf,
die in Gang, Haltung und Tracht etwas Fremdartiges hatte. Der Mann war muskuls
gebaut, hoch gewachsen, sein Haar zwischen blond und braun. Die Kleidung sehr
fein, aber durchaus nicht europisch. Dabei schien weltmnnische Bildung ihm
nicht fremd zu sein. Da er ohne Begleitung ging, gesellte ich mich zu ihm. Auf
seinem Gesicht lag eine Heiterkeit, wie ich sie fast noch nie gesehen hatte. Es
war nicht jener scherzend lose Frohsinn, wie ihn der Sanguiniker unseres
Schlages gewhnlich zur Schau trgt, es lag mehr Kraft, mehr Bewutsein
mnnlicher Strke in diesen offenen Zgen. Das Gesicht war stark gebrunt, aber
schn, einige leichte Falten umzogen die hohe Stirn, der Mund sprach Festigkeit
aus, das Auge blickte frei und besonnen umher. Keine Tcke bog sich verstohlen
in den glnzenden Himmel hinein.
    Eine solche Physiognomie macht den nmlichen Eindruck, wie jene
melancholisch-tiefsinnigen Gesichter, denen wir, namentlich in Deutschland, so
oft begegnen. Die gedankenbleichen Gesichter unserer Jnglinge ziehen an, aber
wecken auch ein Schmerzgefhl in uns, das mit einem Male jede wahrhaftige Freude
lchelnd umbringt. Man kann sich nicht erfreuen an diesem Tiefsinn eines
grbelnden Lebens, er drckt nieder, so interessant er ist, es ist der Tod
unseres Volkes, der uns auf jedem Schritte heimlich nachschleicht.
    Der Fremde blieb an einer Krmmung des schmalen Fupfades stehen und
betrachtete den Strom, die Stadt mit ihren alten vielen Thrmen und dem
ungewohnten Leben, das herber und hinber zog ber die Schiffsbrcke. Sein Auge
blieb heiter, ein sanftes Lcheln bewegte in glcklichem Stolz die mnnlich
reifen Zge, die starke Brust schien nie geschwcht worden zu sein durch
angstvolles, fteres Seufzen.
    Das Volk ist heut einmal recht vergngt, sprach ich, zu dem Fremden
tretend, man findet eine solche ungebundene Frhlichkeit nicht alle Tage.
    Es ist ein mchtig lustiges Leben, erwiederte der Fremde in reinem
Deutsch, aber mit fremdartigem Accent. Das mchtig lustig, lie mich sogleich
den freien Sohn Nordamerika's in ihm erkennen. Eine junge Hoffnung scho ppig
auf in meinem Herzen bei dieser Wahrnehmung. Es war der erste Amerikaner, den
ich sprach, und die letzten Wochen hatten mir das ferne Land im Westen so nahe
gebracht, so eng in den Kreis meiner Wnsche und Lebenserwartungen eingesponnen,
da ich mich selbst einen Brger dieses fabelhaften Weltreichs fhlte.
    Haben Sie Ihr beratlantisches Vaterland schon lngst verlassen? fragte
ich, in der Absicht des Fremden Stolz zu wecken und dadurch zu einem Gesprch
ber Amerika zu nthigen.
    Woher wissen Sie, da Amerika mein Geburtsland ist?
    Ihr freies Wesen, ihr mnnlich froher Blick verriethen es mir.
    Wahrlich, Sie verrathen mir gleichermaen, erwiederte der Amerikaner, da
Sie ein Europer sind. Das ist ein mchtig schmeichelndes Volk, unbehaglich fr
uns mehr als grade, etwas derbe Menschen. Warum schmeicheln Sie mir, der ich Sie
eben so wenig kenne, wie Sie mich?
    Es ist beschmend, gestehen zu mssen, da ich nicht im mindesten die
unbewut ausgesprochene Schmeichelei gefhlt hatte. So unnatrlich sind wir
geworden durch die Verhltnisse, da selbst die offenste Ehrlichkeit nicht mehr
fhlt, wenn sie aus Ehrlichkeit unehrlich wird. Complimente sind so dicht
verwachsen mit unserm Leben und Denken, da ein glcklicher Gedanke gewi das
Halsbrechen riskirte wenn er nicht in gehrigem Schritt dem Leben Reverenz
machen drfte. Es ist zum verzweifeln! Du glaubst nicht, Ferdinand, wie
erbrmlich klein ich mich fhlte mit all meiner sublimen Bildung gegenber der
Gradheit dieses ehrlich stolzen Amerikaners. Ich machte keine Entschuldigung,
sondern gestand offen und frei meinen Fehler. Dies gefiel dem Amerikaner. Wie
heien Sie? fragte er, meine Hand tchtig schttelnd. Ich nannte meinen Namen.
Schn, sprach er, und der meinige ist Burton. Ich bin aus Cincinati am Ohio.
Kommen Sie. Der Rhein ist ein mchtiger schner Strom, mit dem Ohio aber kann er
sich nicht messen.
    Wir gingen den Strom entlang. Der Jubel des Volks versank in die Ferne. Die
Sterne blinkten mild herab vom blauen Himmel, in stillem Glanz stieg der Mond
auf und berstrahlte das alte Kln mit duftigem Schimmer. Felix, der bisher den
Amerikaner von allen Seiten betrachtet hatte, ergriff jetzt Burton's Hand, indem
er sagte: La' mich sie kssen, Amerikaner! Vater hat immer gesagt, ein
Amerikaner sei ein ganzer Mensch, und das ist einmal ganz wahr gewesen vom
Vater. Ich bin Dir gut, Amerikaner, und ich mchte wol auch einer werden, wenn
die Mutter es nur erlauben wollte. Du siehst grade aus, wie ein ganzer Mensch.
    Ein liebes Kind, sprach Burton, nur etwas idealisch. Das taugt nichts, am
wenigsten fr Amerika. Inde der Knabe wrde sich schon ndern.
    Auf dem Ohio wrde ich Schiffe bauen, sprach Felix und damit in den
Missisippi fahren. Das mu ein recht groer Strom sein.
    Es ist ein mchtig groes Wasser, der Vater der Gewsser, mein Sohn.
    Nach einigem Hin- und Herfragen erfuhr ich von Burton, da er bereits seit
zwei Jahren sein Vaterland verlassen habe, um Europa und vor allem Nordamerika's
Mutterstaat, England, zu besuchen. Handelsverbindungen und die Lust, Menschen
und Lnder kennen zu lernen, hatten ihn jngst nach Deutschland gefhrt, dessen
Volk ihn vor allen europischen am meisten anzog. Er hatte in seiner Heimath
deutsche Ansiedler gesprochen und in ihrem Umgang unsere Sprache erlernt. Das
tiefe Gemth jener Menschen, die durch harte Entbehrungen und unermdliche
Ausdauer alle Schwierigkeiten siegreich berwunden und sich zuletzt zu einem
Wohlstand heraufgeschwungen hatten, wie er selten in so geordneter Schnheit
sich findet, weckten den Wunsch in ihm, das eigentliche Vaterland dieses im
Dulden so groen Volkes kennen zu lernen. Allein noch war ihm bis jetzt jene
Lebenskraft nicht begegnet, die er an den Ausgewanderten bewundert hatte. Es
ward ihm unheimlich unter diesem gutmthigen Ceremonienwesen, das nicht Product
einer freien Gesinnung, sondern blos Auswuchs einer schiefen Stellung zur
Weltgeschichte ist. Der freie, naturfrische Sohn Amerika's konnte nicht fassen,
wie es eine Convenienz geben msse, um mhselig durch's Leben zu schleichen.
Dieses hstelnde Herumpinseln nach irgend einer lockern, schon im Entstehen aus
einander fallenden That, widerstrebte dem Stolz seiner Mnnlichkeit, und er war
nahe daran, den Stab zu brechen ber die ganze Nation, weil er den Geist des
Wollens so wenig sich kund geben sah in Aeuerlichkeiten. Bereits hatte er den
Rhein bereis't bis Straburg hinauf, war erst vor Kurzem wieder zurckgekehrt,
und stand eben im Begriff, auf einige Zeit nach Paris zu gehen, um an den
dortigen Zustnden die Zukunft des europischen Festlandes zu erproben. Aus
Allem sprach ein gesunder, heller Verstand, gro und stark geworden im Kampf mit
der riesigen Natur. Kein sanftes Heucheln bog die Lippe zum Gestndni einer
wohl erzogenen Lge, wie der Europer sie so gern hrt. Das Auge heftete fest
auf den Dingen und erhob aus dem kalt Reellen nur die Zukunft der Welt zu einer
idealen Gestalt. Es ist wahr, Burton hatte fr Vieles keinen Sinn, womit des
Europers ganzes Dasein auf das Engste zusammengewachsen ist. Die Kunst schien
ihm ein vllig thrichter Tand zu sein. Das ist ein mchtig verweichlichendes
Geschft, sagte er, diese Kunstliebhaberei! Dabei kommt nichts heraus, das
bildet weder Brger, noch Menschen, das macht nur idealische Schwtzer.
    Man kann dies zugeben, ohne einem Amerikaner deshalb ein Recht zu
berliefern, das er in Anwendung bringen knnte gegen Europa's geistige
Civilisation. Es wre sogar lcherlich, wollte man von dem jungen Nordamerika
verlangen, es solle in Kunst und Wissenschaft sich messen mit Europa.
Nordamerika ist frei geworden, ohne den blutigen Krankheitslauf einer
tausendjhrigen Weltgeschichte durchgefhlt zu haben. Es ward frei und ein Mann,
als ihm die Geschichte die ersten Zhne ausri. Es mute dies werden, weil die
Erinnerung an die europische Weltgeschichte als drohendes Gespenst es anspornte
zur That. Nun aber sollte Europa sich von ihm borgen die weise Nchternheit des
im Kampf und Freiheit erstarkten Geistes, um seiner zerbrechlichen Natur wieder
aufzuhelfen, und von den tieferen, poetischeren Gtern seines Lebens
hinberflchten in den groen Tempel der Natur und in die Walhalla der Freiheit,
was in Europa nur schwchend und demoralisirend wirken, in Amerika aber dem
materiell starken Leben einen heiligeren Geist einhauchen kann. Europa wre
geholfen mit einem ehrlichen Tauschhondel und Amerika knnte dabei auch nur
gewinnen.
    Das lebhafte Intresse, welches ich an Amerika's Lebensgestaltung nehme,
entging Burton nicht. Meine Theilnahme schlo sein Herz auf und lie ihn
Zugestndnisse machen, die ich kaum erwartet htte.
    Der Europer, sagte er, tuscht sich oft, wenn er unser glckliches Land
betritt. An den Ksten wohnt nicht die Freiheit im schnsten Schmuck ihrer
jugendlichen Unschuld. Wie das Treibholz vom Nordpol sich ansetzt an Islands
kahle Kstenstriche, an die Farer und Shetlands-Inseln, so steigen rings am
Strande des Hudsons, Delaware, Susquehannah, Connectitut, die grau gewordenen
Laster aus, die in Europa nicht mehr hinlnglichen Spielraum finden fr ihr
lsternes Leben. Die Kstenstriche Nordamerika's sind blos die Vorhfe der
wahren Freiheit. Da treibt sich allerhand Gesindel umher, und wenn auch der
Congre des Volkes Heil berth nahe an dem Wogenschwall der donnernden Atlantis,
die wahre Wohnung der Freiheit mu man suchen im stillen unentweihten Innern
Amerika's. Darum, wen aus Europa der Schmerz vertreibt und wer Heilung sucht fr
sein brechendes Herz, der fliehe die groen volkreichen Stdte, in denen, wie
berall, wo die Menschheit sich stt, der Egoismus herrscht und die Sucht nach
Gewinn und eitlem Tand. Schnell dringe er vor in das Innere. Die Staaten
Tenessee, Ohio, Indiana, Illinois bieten die ungeheuersten Lnderstriche dar fr
ein glckliches Leben. Nur thtig mu Jedermann sein, das Trumen darf er nicht
mir herberschiffen ber den Ocean. Wir knnen jetzt nur mchtig fleiige
Menschen gebrauchen, die moralisch aufleben, weil sie krftig natrlich bleiben.
Vielleicht nach hundert Jahren bietet dann auch das amerikanische Familieenleben
mehr Knste des Friedens dar.
    Mit Freuden hatte ich den Amerikaner sich aussprechen lassen. Wie schmerzte
es mich, da ein hnliches Lob ohne Lge nicht ber meine Lippe gehen konnte von
meinem Vaterlande! Ich erffnete Burton, da ich willens sei, in einiger Zeit
nach Amerika zu gehen.
    Thun Sie dies, erwiederte er. Sie kommen fort, Sie sind noch jung und
hoffnungskrftig. Ich werde Ihnen forthelfen, wenn Sie mir Vertrauen schenken
wollen.
    Ich gehe aber nicht allein, sagte ich, mich sollen noch Mehrere
begleiten, Mnner und Frauen. Es lebt hier eine Gesellschaft, die nur todt in
Europa Frieden finden kann. Sie sind geistig und physisch zerbrochen worden von
dem tdtenden Rade, das Europa zermalmt.
    Diese Menschen mcht' ich kennen, versetzte Burton. Das wrde mir einen
klaren Begriff beibringen von europischer Civilisation, die mir noch gar nicht
recht zu Sinne will. Die Leute sind hier mchtig gescheidt, aber doch im Grunde
wenig klug. Ihr seid allesammt zu gelehrt. Ihr habt viel Geschichte, aber wenig
Leben.
    Diese Distinction war amerikanisch verstndig und sehr bezeichnend. Die
berhand nehmende Dunkelheit hatte uns zurckgefhrt nach Deuz. Das Kirmesfest
ging ruhig seinen Gang, in mir aber fanden sich keine verwandtschaftlichen
Regungen mehr. Ich berschritt an Burton's Seite die Schiffsbrcke. Felix merkte
genau auf unser Gesprch und lie sich von dem Amerikaner fhren.
    Wo wohnen Sie? fragte ich meinen neuen Bekannten, als wir den Brckenzoll
erlegten.
    Gleich hier am Rheinberge, erwiederte Burton, wenn Sie aber weiter in der
Stadt logiren, so begleite ich Sie noch eine Strecke. Der Abendwind wehte ein
paar wehmthig auszitternde Violinentne vom Hafen herber, ein Fieberfrost
berlief mich kalt, Burton blieb stehen.
    Was ist das fr ein seltsamer Spieler oder Virtuos, sagte der Amerikaner.
Beinahe alle Abende und oft tief in die Nacht hinein hre ich das Wehklagen
seiner Geige, in das sich nicht selten ein so berlautes Jubeln, fast ein
Orgiengejauchz von wild tobenden Melodien mischt, da ich mich einer Wehmuth
nicht enthalten kann, die doch sonst meinem ganzen Wesen sehr fremd ist. Ich
verstehe wenig von Musik und dennoch wittere ich etwas Geniales heraus aus
diesem Spiele! Knnen Sie mir Auskunft darber geben?
    Spter, sagte ich, nur so viel mgen Sie erfahren, da jener Spieler
einer von denen ist, die ich gern hinber retten mchte nach Amerika.
    Sie machen mich neugierig, erwiederte Burton. Ihre Bekanntschaft wird
mich lnger in Kln aufhalten, als ich vor Kurzem willens war.
    Es wre dies sehr viel Ehre fr mich - fiel ich ein, doch der Amerikaner
unterbrach mich und legte seine krftige Hand so derb auf meine Schulter, da
ich erschrack.
    Keine Ehre, Sir, sprach der Sohn des freien Amerika. Wenn ein Mann offen
gesteht, da ihm eines Fremden Bekanntschaft freut, so begreife ich nicht, wie
dies diesem zur Ehre gereichen kann. Es ist Pflicht, Wahrheitsliebe, das zu
sagen und weiter nichts. Kein Geschwtz und keine Blumen, Sir, sonst geh' ich.
    Abermals erkannte ich meinen geschminkten Menschen im Spiegel einer
gesunden, urkrftigen Natur. Burton begleitete mich an Bardeloh's Haus. Hier
also wohnen Sie? sagte er und kte den Knaben auf die freie Stirn. Ein
schnes germanisches Kind, ich beneide den Vater darum.
    Das wrden Sie nicht, wenn Sie ihn kennten!
    Wie, ist der Knabe nicht Ihr Sohn?
    Ach ich mchte es wol sein, fiel Felix recht wehklagend ein, aber
Sigismund meint, es ginge nicht und der Vater hat mich doch gar nicht lieb.
    Wie kann ein Vater sein Kind nicht lieb haben, und nun gar ein so liebes,
talentvolles!
    In Europa kann dies vorkommen. Ja, Sie zittern, Burton, und knnen das
Entsetzliche dieses Wortes nicht fassen. Jetzt erschrecken Sie vor einer
Wahrheit, die eines Europer's Blut schon lngst nicht mehr in Aufruhr bringen
kann. Der Sohn wird den Vater, oder der Vater den Sohn hassen, weil es die
Verhltnisse bedingen. Es ist der Wille der Weltgeschichte, gegen deren Walten
Niemand auch nur einen Finger erheben darf. Bedenken Sie, Burton, da Sie in
einer zweitausend Jahr alten Stadt Europa's wandern! Da liegt viel begraben und
mancher Todte knnte mit seinen Seufzern selbst das feste Amerika in seinen
Grundfesten erbeben machen.
    Ihr Europer seid grauenhaft, wenn Ihr prophetisch werdet! sprach Burton.
Das Prophezeihen, ja, wahrhaftig, das ist Eure Strke! Ihr seid mchtig gro im
Wort und mchtig klein im Umbilden des Wortes zur That! - Nun, und wer ist denn
der Vater dieses schnen Kindes?
    Der Besitzer dieses Hauses, der reiche Particulier Bardeloh.
    Bardeloh, Bardeloh! wiederholte der Amerikaner. Ist mir's doch, als htte
ich einen Gru aus England an diesen zu berbringen gehabt. Bardeloh! Hm! Und
das Geschft des Mannes?
    Die Erziehung des Grames ber sein Volk zum rettenden Engel fr dasselbe.
    Ein europisches Geschft! seufzte Burton. Ich hrte ihn zum ersten Male
seufzen, man merkte dem Tone an, da er noch nicht gebt und gebildet war zur
Virtuositt. Und das Ihrige, Sir?
    Ich vertrete Famulusdienste bei Bardeloh und bin nebenbei Sprhund, um die
Hasen aufzujagen.
    So, so! Und Sie leben? -
    Von unsern Renten.
    Warum betreibt Ihr dabei kein eintrgliches Geschft?
    Sie kennen das eintrglichste fr arme Europer. Unser bestes Geschft ist
ein unablssiges Sinnen auf Erlsung!
    Ihr seid krank, Alle, sagte Burton, aber ich besuche nchstens Sie und
diesen Bardeloh. Amerika wird Euch brauchen knnen! - Wir schttelten uns die
Hnde und schieden. -

                                                                 Am 3. November.

    Als ich am nchsten Morgen zum Frhstck kam, fand ich Rosalie in einer
glcklich heiteren Stimmung. Felix kniete auf dem Tabourettchen vor ihr, und
lachte die Mutter so freundlich und kindlich berzeugend an, da es mich
dauerte, diese Friedensscene abzukrzen. Felix hatte mich jedoch schon bemerkt,
hpfte auf mich zu und sprach:
    Nun, da ist ja der Sigismund. Frage ihn nun selbst, Mutter, ob es nicht
wahr ist, da mich gestern Abend ein schner Amerikaner auf die Stirn gekt
hat?
    Rosalie zog den Knaben an sich, einen fragenden Blick auf mich heftend. Sie
besttigen des Knaben Behauptung, sagte sie, wie aber kmen Amerikaner mit
meinem Knaben in Berhrung.
    Ja siehst Du Mutter, das ist so meine Freundlichkeit, die mir alle fremden
Menschen an den Hals wirft. Frage nur den Sigismund, der kann Dir's haarklein
erzhlen, wie lieb mich der Amerikaner hat. Auch soll ich mit ihm nach dem
schnen Lande gehen, da will er einen freien Mann aus mir machen, und mir einen
Vater geben, der mich lieb hat.
    Armes Kind, seufzte Rosalie, Du begreifst nicht, da Dein Vater Dich von
sich stt aus Liebe. - Sie wandte sich zu mir und bat mich um nhere
Aufschlsse ber die neue Bekanntschaft. Ich erzhlte ihr unser Zusammentreffen
mit Burton und was sich daraus gesprchsweise ergeben habe.
    Ich bin neugierig den Mann kennen zu lernen, erwiederte Rosalie. Nach
dem, was Sie mir von ihm sagen, mu er den Gebildeten seiner Nation angehren.
Ich gestehe, da mein europischer Sinn diesem Volke nicht gern Zugestndnisse
macht, die erniedrigend sind fr uns selbst. Ein Mann kann anders fhlen, wir
Frauen aber vermgen nicht, uns altgewohnten Verhltnissen so ganz zu entziehen,
selbst wenn dies erforderlich wre zu einer unparteiischen Gerechtigkeit. Seid
Ihr oft hart und streng im Verwerfen des Verjhrten, so sind wir nicht minder
hartnckig im Festhalten der berlieferung.
    Bardeloh trat ein, still wie immer. Er grte mich nur im Vorbergehen,
fhrte mehr aus Gewohnheit als Zrtlichkeit die Hand seiner Gattin zum Munde,
und wehrte entschieden und kalt seinen Sohn von sich ab. Geh', sprach er, was
thu' ich mit Dir? wozu die Fratzen!
    Felix kam zur Mutter zurck und nahm stillschweigend das Frhstck ein.
Unsere Stimmung war gestrt, wie ein kltender Reif legte sich die
melancholische Theilnahmlosigkeit Bardeloh's um unsere so vollen Herzen. Da mein
Gastfreund in kein Gesprch zu ziehen war, hielt ich ein vlliges Ignoriren
seiner Person fr angemessen und fuhr fort, mit Rosalie ber Burton und Amerika
zu sprechen. Diese Frau knnte einen jeden Mann glcklich machen, lebte sie in
einer Atmosphre, deren duftiger Hauch der Seele mehr Nahrung zufhrte, als die
unsrige.
    Was Sie da sagen, sprach sie, das wrde mich beglcken, wre es mehr als
eine bloe jugendliche Schwrmerei der Hoffnung. Sie kennen mich zu genau, um in
mir ein Weib zu finden, das sich der Chimre mit Leichtsinn hingibt. Die Welt
hat mich frhzeitg gefunden und durch Prfungen mein tieferes Wollen erprobt.
Ungerecht mag ich nicht sein und mich deshalb beklagen. Es gibt Tausende, die im
Elende verschmachten, ich kann mich hllen in Purpur und Seide. Und dies ist
nichts werthloses in unseren Tagen. Hher als Alles mu ich aber doch den
Frieden achten, welcher am Herde seine Wohnung errichtet. Dieser geht mir ab
durch die Zustnde, in die nun einmal die ganze Zeit hinabgestoen worden ist.
Ich wei dies ruhig zu ertragen, mich sogar zu begngen - kann dies aber den
Ungestm der Mnner zgeln? Euer strmisches Verbessern reit jede Sttze
nieder, an der sich die allgemeine Schwche zu einem ertrglichen Ziele
schleppt. Freilich nennt Ihr das kleinlich, aber seid doch nur gerecht und Ihr
werdet den Menschen mit Leichtigkeit aus der Schwche herauserkennen.
    Haben Sie etwas von Casimir gehrt? fragte Bardeloh. Mein Bedienter sagte
mir, er sei die ganze Nacht ber nicht nach Hause gekommen.
    Ich wute gar nicht, da er ausgegangen war. Die alberne Festlichkeit
drben in Deuz, fuhr Richard fort, lockte ihn mit hundert andern Narren, und
ich glaube, das ist recht sein Element, um sich zu sttigen in barocken
Thorheiten.
    Wir waren auch dabei, Vater, fiel Felix ein, und da haben wir einen
Amerikaner gefunden.
    So, sprach Bardeloh. Einen Amerikaner? Ich hre, es sind Einige
angekommen. Erwecken die Menschen Interesse?
    Es kommt auf uns an, versetzte ich. Ein Amerikaner sollte keinem Europer
gleichgiltig sein. Sehen wir doch in ihnen die Vorbilder dessen, was wir suchen
und nicht finden knnen.
    Ein Narr, wer noch sucht, ein Schwchling, der nicht lngst gefunden hat!
Mit dieser dictatorischen Grobheit stand Bardeloh auf und wollte das Zimmer
verlassen. An der Thr stie Casimir auf ihn in einer Verfassung, die eben nicht
geeignet war, ihn liebenswrdig zu finden. Die Spuren einer durchschwrmten
Nacht zeigten sich deutlich auf seinem ohnehin schon leidenschaftlich
zerrissenen Gesicht. Weindunst schien noch seine Sinne zu umnebeln, er fate
Bardeloh an der Brust und taumelte mit ihm zugleich auf einen Sessel.
    Willst Du denn durchaus an der Gemeinheit zu Grunde gehen? sagte Bardeloh,
sich losmachend aus Casimirs Umarmung.
    Ich bin Casimir der Vogler, erwiederte lallend der Dichter, das wird mir
der vermoderte Heinrich nicht bel nehmen. So lang' es Vgel gibt, mssen Vogler
sein. Ich find' es richtig und wollt Ihr's nicht glauben, fragt 'mal nach bei
Abrahams Schwiegersohne. -
    Der Mensch ist weintrunken, sprach Bardeloh und rief einigen Dienern, um
ihn auf sein Zimmer zu schaffen. Casimir lie sich fortfhren, perorirte aber
ungenirt weiter und rief einmal ber das andere: Mardochai ist dumm, sehr dumm,
und Casimir ein ungeheurer Elephant in der Klugheit. Ein Esel, wer Casimir nicht
fr den Frsten der Weisheit anerkennt!
    Was soll dies Geschwtz? sagte Rosalie, der Mensch scheint etwas auf dem
Herzen zu haben. - Vergeblich sann ich nach, was Casimir wol mit dem Juden
verhandelt haben mchte. Von irgend Einem dieser beiden Menschen selbst etwas zu
erfahren, war mehr als unwahrscheinlich, und am Ende sprach doch aus Casimir nur
der Wein und seinen Worten fehlte die tiefere Bedeutung.
    Richard zog sich wieder auf sein Zimmer zurck. Kommen Sie, sprach
Rosalie, und lassen Sie uns noch eins plaudern. Wir setzten uns auf den Divan,
Felix spielte Dame mit sich selbst und blieb natrlich jederzeit Sieger. Sie
wissen, fuhr Rosalie fort, da mein Gatte Schriftsteller ist, aber pseudonym.
Was er eigentlich schreibt, ist mir unbekannt, so viel aber wei ich, da es das
Testament seines Gedankenlebens an die Zukunft Europa's enthalten wird. Von
frherer Zeit her wird es Ihnen noch erinnerlich sein, da Richard von einer
Doctrin des Hasses sprach, die er gegenber der Doctrin der Liebe zu errichten
fr nothwendig hielt. Ich kenne Bruchstcke aus diesem Product, und ich mu als
wahrheitliebende Frau offen bekennen, da die darin niedergelegten Gedanken eine
Art Cultus begrnden knnten, weil sie die Grundzge sind einer neuen Religion.
Wissen Sie, Sigismund, welchen Namen diese Religion fhrt?
    Kann es einen bezeichnenderen geben, als den der modernen?
    Man sollte daran zweifeln, versetzte Rosalie, Bardeloh jedoch hat einen
andern zu erfinden gewut. Er nennt diese Religion, in der Ha und Liebe gleiche
Rechte haben, die Religion der Ausgleichung oder der Humanitt.
    Und wer soll ihr Verkndiger werden?
    Europa's Tod! hauchte Rosalie leis und zitternd. Bardeloh sagt in seiner
Doctrin des Hasses: fr das Christenthum starb sein heiliger Verkndiger,
Christus, fr die Humanitt wird auf dem Golgatha der Welt Europa seinen Geist
aushauchen. Denn Europa hat Christi Kreuz auf sich genommen und es fast
zertrmmert durch den Fanatismus, in welchen es die verkndigte Liebe sobald zu
verwandeln suchte. Darum erhebt sich jetzt der Fluch, welcher lastet auf dem
irrenden Volke Juda's, und schlgt an's Kreuz der neuen Vershnung, die eine
Vershnung aller Vlker und aller Welt sein mu, den Erdtheil, welcher frevelte
am heiligen Geist der Geschichte. Und so stirbt Europa den Kreuzestod fr die
Erlsung zweier Welttheile, und sein Opfertod ist die Besiegelung der Wahrheit
derjenigen Religion, die sich mit dem Tode Europa's erhebt!
    Nicht die Wahrheit, sondern die poetische Erhabenheit dieses Gedankens ri
mich hin zu einer Art glubigen Bewunderung. Einen Welttheil zum Opferlamm zu
machen fr die Entshnung der ganzen Welt, dies - Du wirst es zugeben - ist
gro, und nur ein Europer, reif und tief geworden im Schmerz seines
geschichtlichen Lebens, konnte diesen Gedanken fassen. Aber es liegt auch eine
jammernde Verzweiflung verborgen in dieser letzten Hoffnung, die dicht an den
Wahnsinn hinstreift. Lassen wir fnf Jahrhunderte noch vergehen und in dieser
Zeit den in der Einsamkeit gebornen Rettungsgedanken Bardeloh's zur Mythe sich
gestalten; dann frage ich, ob diese Mythe nicht mit dazu beitragen wird dem
fortschreitenden Menschengeschlecht die Gttlichkeit begreiflich zu machen,
welche in der Idee der Erlsung allerwrts zur Erscheinung kommen will?
    Wie jetzt die Sachen stehen, fuhr Rosalie fort, kann ich kaum auf eine
befriedigende Endschaft hoffen. Es ergeht Bardeloh wie Jedem, der seiner Zeit
vorauseilt in Bildung und gedanklicher Weltgestaltung. Sie Alle, die sich hier
zusammengefunden haben, sind entweder verloren, oder sie mssen mit dem Fluch
der Vernichtung sich Bahn brechen. Deshalb bitte ich Sie, Sigismund, suchen Sie
Bardeloh zu bestimmen, bevor er zum Aeuersten schreitet, eine Probefahrt nach
Amerika zu unternehmen! Reisen zerstreuen, Reisen knnen retten, Reisen sind
nicht selten auch schon Bekehrer geworden. Ist Bardeloh, sind Sie krank in Herz
und Geist, so werden Sie gesunden durch den Anblick einer fremden Welt. Ist es
Europa und seine Vlker, so haben Sie nichts verloren, wenn Sie Ihren gesunden
Geist flchten aus dem Pesthause. Ich bin bereit Sie zu begleiten. Und nun
still, Sigismund. Gehen Sie, bedenken Sie meine Worte. Ich mag den Gedanken
nicht fassen, da ein Vater seinem Kinde verloren sein sollte, weil er begreift,
es ist kein Boden fr ein freies Leben in dem Lande, worin es geboren wurde.
    Rosalie drckte zitternd meine Hand und verlie schnell das Zimmer. Felix,
ganz hingegeben an sein Spiel, hatte nicht auf unser Gesprch gemerkt und
wunderte sich, da die Mutter fortgegangen war.
    Sigismund, redete er mich an, wenn besuchst Du denn den Amerikaner? Nicht
wahr, Du nimmst mich mit? Denn wenn Ihr nach Amerika geht, so mu ich doch auch
ein Wort mit drein reden. Die Mutter sagt immer, ein Kind habe die klgsten
Anschlge.
    Ich versprach ihm, was er verlangte, und sann nur ber die Art und Weise
nach, wie Bardeloh am leichtesten zu einer Reise nach Amerika zu bewegen sein
mchte. Es fiel mir ein, da er jeden Donnerstag Abend ganz allein einen
Spaziergang um die Stadt macht, und ich entschlo mich, ihn hier, wie durch
Zufall zu begegnen, um mein Anliegen vorzubringen. Burton lt sich vielleicht
auch bewegen, mich zu begleiten, und ist es nur mglich, Richard's tief liegende
Phantastik der Hoffnung aufzuregen, so kann ich auf einen erwnschten Erfolg mit
Gewiheit rechnen.

                                      13.



                                  An Raimund.

                                                          Kln, den 6. November.

    Die Hoffnung ist nicht ein bloer Ersatz fr ein glckliches Sein, sondern
das einzige und wahrhaftige Glck. Ich habe dies frher bestritten, eifrig,
leidenschaftlich, hartnckig, wie es meinem Naturell angemessen war. Seit ich
aber so tief untergesunken bin in der Trauer ber das Nichtdasein des Ersehnten,
fhle ich, wie nur die Hoffnung glcklich machen kann. Es wird mir wunderselig,
wenn ich der Zukunft gedenke, die ich jetzt nur noch jenseits des Oceans suchen
kann unter Cypressenwaldungen, im Schatten tausendjhriger Eichen, umweht vom
lebendigen Gelock des wunderbaren Tillandsea. In dieser Freiheit der Sehnsucht
lsen sich auch die Ketten, an denen mein heies Herz angstvoll klopft und
vergeblich der Freiheit wartet in reinem Glanze. Ich kenne kein Elend mehr auf
Erden, die verworrene Societt, die unsern natrlichen Menschen erdrckt hat
unter frivolen, heuchlerischen Kssen, streicht unbeachtet an mir vorber. Das
politische Unwesen, eben so mannigfach zerrissen, wie die Secten, wodurch man
Gott zu verehren whnt, lt mich kalt, weil ich in der Hoffnung bereits ein
Brger bin jenes unbekannten Landes, dessen Bestimmung die Erlsung der profanen
Welt ist. Nimm auch Theil an dieser Hoffnung, Raimund, so zhlt die unglckliche
Welt einen Glcklichen mehr!
    Und, Gottlob, die Stunden eilen vorber in der rthselhaften Schnelligkeit,
womit der Dampf die Zeit beschwingt hat. Nicht glaube ich mehr ein Jahr lang die
Last des alten Joches zu tragen, das Europa's Glieder zermalmt. Es stoen sich
die Begebenheiten, wider Willen drngt Alles dem Ausgange zu, ich mu scheiden,
sei's freiwillig oder als gezwungener Flchtling; denn anders seh' ich nur Tod
fr mich und die, an dessen Geschick auch das meinige von jetzt an eng geknpft
ist.
    Vor zwei Tagen unternahm ich eine Spazierfahrt nach Dsseldorf, um Auguste,
Lucie und Oskar zu zerstreuen. Diese armen Menschen trumen auch so hin im
Nichtsthun, weil eben Alles erschlaffen mu in dieser Flachheit der Gesinnung.
Auguste wird zwar weniger bedrngt von der allgemeinen Noth der Ueberfeinerung.
Sie ist frei, vermgend, liebt und liebt glcklich, nicht weil sie mich liebt,
sondern weil sie mit feinem Sinn den Geist der Liebe zu erfassen wei. Nur, da
sie mich umstrickt sieht von den Verhltnissen, macht sie unruhig. Mit Freuden
ging sie ein in meinen Vorschlag, Amerika zu besuchen. Es soll einstweilen blos
eine Probefahrt werden, keine vllige Uebersiedelung, wiewol ich eine Rckkehr
nicht ahne.
    Gedrckter lebt Lucie, deren Unglck noch gesteigert wird durch ihre
zgellose Heftigkeit. Ihr Vormund und Onkel Steinhuder hat nicht angestanden,
Oskarn geheimer Verbindungen verdchtig zu machen. Der Zufall will es, da Oskar
aus jugendlichem Frohsinn frher einer erlaubten Verbindung angehrte und als
Mitglied derselben mit der Burschenschaft correspondirte. Sein spteres Leben,
das sich ungebundener auf Freiheitsgedanken in eine ideale Welt emporschwang,
harmonirte zum Theil mit jenen chimrischen Plnen. Oskar schrieb, lie drucken
und sprach scharf ber die Milichkeit unserer politischen Lage. Er stand mit
franzsischen Propagandisten in Briefwechsel, flchtige Deutsche in Paris
ergriffen mit Eifer die Gelegenheit und suchten durch ihn auf ihre Landsleute zu
wirken. In der letzten Zeit erregte der hufige Briefwechsel mit Paris die
Aufmerksamkeit der Behrden. Oskar's Amtlosigkeit und sein starrer Sinn trugen
noch mehr zur Verdchtigung bei. Es ward eine Haussuchung angeordnet und seine
Papiere in Beschlag genommen. Gleich nachher ergab es sich, da Steinhuder durch
Lucie's Aeuerungen veranlat den ganzen schlimmen Handel angestiftet hatte.
Oskar war auer sich, er vergriff sich thtlich an dem Kaufmann und kam noch in
der frchterlichsten Aufregung zu Bardeloh und mir, um wenigstens fr den
Augenblick einer precren Sicherheit gewi zu sein.
    Dieser Handel ist schlimmer, als er scheint. Du weit es, wie man jetzt
ngstlich darauf bedacht ist, jeden den Eintritt in den Staatsdienst zu
verschlieen, der auch nur einmal als Knabe im Gedanken gegen die Legitimitt
einer Einrichtung gesndigt hat. Diese unselige Maxime, den Staat innerlich zu
sichern gegen uere Angriffe, setzt jetzt oft die besten Kpfe auer
Thtigkeit. Mangel und Armuth, beleidigtes Ehrgefhl, die geschmhte
Menschlichkeit empren sich und der Staat gibt auf diese Weise, ohne da er es
will und ahnt, wol gar Anla zu Unruhen.
    So stehen die Sachen berall, im In- und Auslande. Nie sind eine solche
Menge fhiger Kpfe auer Connex gesetzt worden mit der Bedrftigkeit des
Zeitlebens, als heut zu Tage. Mein eigener Kreis von Bekannten ist zwar nur
klein, aber doch ausgedehnt genug, um zu erkennen, woran der Staat krank liegt.
-
    Der erste Sturm nun ging freilich vorber, denn ob auch die Behrden Oskar's
Versteck ahnen mochten, Bardeloh's Name, sein unheimliches Wesen erregen noch
immer eine wunderbare Scheu. Und wahrlich, Bardeloh wrde in seinem Hause gewi
keine Haussuchung geduldet haben!
    Am unglcklichsten war Lucie gestellt. In ihrer Heftigkeit verga sie Alles,
berhufte Steinhudern mit Schmhungen und verwundete den unglcklichen
Friedrich gefhrlich mit einem Messer, als ihr Onkel abermals den jmmerlichen
Menschen ihr als Brutigam vorstellte. In der Angst entrann sie und strzte,
kaum ordentlich gekleidet, zu Rosalie in's Zimmer, als ich eben der besonnenen
Frau einige Stellen aus Thomas Paine vorlas. Schnell ward der Entschlu gefat,
das Geschehene wenigstens vorlufig durch Entfernung der Betheiligten vergessen
zu machen. Ich eilte zu Burton, der, wie ich seitdem von ihm erfuhr, Kapitain in
Diensten der freien Staaten ist, und bat ihn, die Fhrung eines kleinen
Segelkahns zu bernehmen. Denn mit dem Dampfboot abzureisen, war nicht rthlich;
Burton verstand sich gern dazu und noch an demselben Tage spt Abends hatten wir
uns unterhalb Deuz eingeschifft. Obwol der Amerikaner das Strombett nicht
kannte, hat ihm lange Erfahrung doch einen so richtigen Blick erworben, da wir
ohne den geringsten Ansto einige Meilen den Strom hinabschifften, und hier das
am andern Morgen ankommende Dampfboot erwarteten. Dieser Umstand verhinderte ein
Zusammentreffen mit Bardeloh, um diesen fr unsern Plan zu stimmen. Auf der
andern Seite war damit aber auch wieder eine sehr bedeutende Frderung
verbunden. Die Wasserfahrt gab mir hinlngliche Gelegenheit, mich mit Burton zu
besprechen, jedes Fr und Wider reiflich zu berlegen und meinen gefaten
Entschlu zu befestigen. -
    Wir waren erst einige Stunden in Dsseldorf und trieben uns am Ufer des
Stromes unter dem geschftigen Leben herum, als eine Menge Auswanderer nach
Amerika ankamen. Es waren meist arme Leute, zum Theil schon hoch in die Jahre.
Kummer und Gram, das Brandmahl, welches die Armuth ihren Kindern eindrckt,
prangte mit seinem blassen Todtenfahl auf den Gesichtern derselben. Burton
mischte sich unter sie, fragte, in welchem Staat sie sich niederzulassen
gedchten, welche Mittel ihnen zu Gebote stnden und Anderes. Die Antworten
fielen sehr drftig aus. Nur Wenige konnten mit Mhe die Ueberfahrtskosten
bestreiten. Die ganze Gesellschaft hatte in Rotterdam ein Schiff gemiethet, das
sie der neuen Welt entgegen fhren sollte. Burton kannte das Fahrzeug, es war
leck, im hchsten Grade gebrechlich und nur beim unwahrscheinlichsten Glck,
noch dazu so spt im Jahre, eine gnstige Fahrt denkbar.
    Es ist entsetzlich, sprach der Amerikaner, mit welchem Leichtsinn man die
Auswanderer den Launen des Meeres bergibt. Die sittenlose Speculation der
Rheder verdiente mit Todesstrafe belegt zu werden, und bten die Behrden immer
mit mildem Sinn und nach dem Buchstaben die Gerechtigkeit aus, so mten sie
darauf sehen, denjenigen ihrer Unterthanen, die Noth und Unglck aus dem
geliebten Mutterlande vertreiben, auch ein sicheres Geleit ber das Meer zu
geben. Man glaubt es kaum, wie viele Tausende elend zu Grunde gehen! Der
Leichtsinn nimmt mchtig sehr berhand, alle Jahre steigt die Zahl der
unglcklichen Opfer, die durch die Sorglosigkeit egoistischer Speculanten
entweder den Wellen oder dem Hunger Preis gegeben werden. Diese Armen hier
werden ein gewisser Raub des Elementes, wenn sie sich jenem Fahrzeug
anvertrauen. Allein es soll nicht geschehen! Ich kenne den Besitzer, ich werde
ihm schreiben und ber ein anderes Schiff disponiren, das fest und ein
Schnellsegler ist. Den Armen soll geholfen werden. Es sind mchtig brave Leute.
Solcher Menschen bedarf Amerika. Ihre Nachkommen werden dereinst Europa wieder
segnen helfen. -
    Die edle Uneigenntzigkeit des Amerikaners erwarb ihm meine hchste Achtung.
Ich zweifle gar nicht, da ein so krftig gesunder Sinn nicht Allgemeingut der
Nordamerikaner ist, in ihm aber spricht sich die unerschtterliche
Tugendhaftigkeit eines wahrhaftigen Republikaners aus, das heit eines Menschen,
der frei ist in politischer, socialer und religiser Beziehung; und solche
Menschen kennt nur Amerika. -
    Burton zauderte nicht. Er lie sich den Anfhrer der Gesellschaft
vorstellen. Es war ein Greis von beinahe siebenzig Jahren. Er hatte sein kleines
Gtchen verkauft in Wrtemberg und mit seinen Kindern und Enkeln, einer
Seelenzahl von einigen Dreiig, den Entschlu gefat, nach Amerika zu gehen.
Land hatte er noch nicht gekauft, nur vorlufig sich am Delaware bei einem
frheren Auswanderer auf zwei Monate ein Unterkommen ausbedungen. Der Mann hie
Tannenstdt.
    Mir wird's freilich schwer, sagte der Greis, mein liebes Deutschland zu
verlassen. Was kann's aber helfen? Die Zukunft ist so dster, da ich frchten
mu, meine Kinder und Kindeskinder verwnschen mich noch im Grabe, wenn sie
einst bettelnd von Thr zu Thr schleichen. Es ist nicht mehr mglich, als
ehrlicher Mann durch die Welt zu kommen in jetziger Zeit. Alles bricht zusammen,
die Armuth macht widerspenstig und irreligis. Wir sind nicht gewohnt, herrlich
zu leben und in Freuden, nur das liebe tgliche Brod verlangen wir, und ein
stilles sicheres Pltzchen fr den arbeitsmden Leib. Nun, was mich anlangt, so
bringe ich mich wol durch. Was aber soll aus meinen Kindern werden? Ich seh's
ein, da wir uns nur Elend erwarten. Nun, sagt' ich da, in Gottes Namen, Kinder,
gehen wir hinber nach Amerika. Ein Pltzchen fr mich zur ewigen Ruhe wird sich
in dem weiten Lande wol finden, und Ihr habt die gewisse Aussicht, eine schne
Zukunft zu erleben. Auch plagen wird man Euch nicht mehr mit berflssigen
Abgaben. Darum auf und davon! Der Deutsche Gott ist auch Amerika's Vater.
    Also auch in den niedern Stnden ist das Gefhl heimisch geworden, da in
der bloen Ausdauer, und werde sie getragen von der edelsten Tugendhaftigkeit,
keine Erlsung mehr zu hoffen ist. Der arme Bauer und Brger ist eben so
europamde, als der gebildete Weltmann. Nur da bei jenen der geistige Ekel
nicht so berschwenglich zu Tage liegt und in Ironie und Hohn sich ausgeifert.
Diesen bedauernswerthen Vorzug hat bis jetzt blos der feine Weltmann, weil er
eine grere Last der Snden in sich beherbergt, als das schlichte Kind der
Natur.
    Burton war gerhrt von der Ehrlichkeit des Alten. Er schrieb einige Briefe
an amerikanische Kaufleute und gab sie dem Greise mit dem Bedeuten, sie ja wohl
zu verwahren, und kme er glcklich an mit den Seinigen auf dem
nordamerikanischen Festlande, sie in Washington an das bezeichnete Handelshaus
abzuliefern. Den Vorschriften, welche darauf an ihn ergehen wrden, solle er
unbedingt vertrauen. Sie wrden ihm eine heitere Zukunft und herzliche
Theilnahme sichern.
    Gerhrt dankte der Greis mit seinen Kindern dem Amerikaner. Alle kten
Burton die Hand, und ehe noch der Abend herankam, war das Schiff in der Ferne
unsern Augen entschwunden. Meine Sehnsucht hing sich als Wimpel an seine
schwanken Maste und brachte die ersten wrmsten Schlge meines strmischen
Herzens dem Lande der Hoffnung, dem Erdtheil der Erlsung.
    Diese guten Menschen werden dennoch mchtig zu leiden haben in meinem
Vaterlande, sagte Burton. Sie sind zu sehr gewhnt an den Bckling des
Gehorsams. Das Gespenst einer berlieferten Gewalt hockt auf ihren Schultern,
der Schatten des gebrochenen Joches, das so lange als Schmuck enger Gebundenheit
sie begleitete, legt sich noch immer um den der Freiheit ungewohnten Nacken. Das
mssen sie verlernen, wollen sie geachtet sein von meinen Landsleuten. Der
Deutsche ist der beste der Ansiedler, aber der am wenigsten geachtete von dem
Amerikaner, weil er zu fest an seinen alten Gewohnheiten hngt. Doch wird sich
auch dies verlieren, denn wir Amerikaner sind mchtig derbe Menschen.
    Wohl hatte Burton recht, mein eigenes Gefhl sagte mir dies, und so wenig
ich selbst ein Freund bin des berlebten Alten, diese Untugend deutscher
Tugendhaftigkeit wird auch mich nicht sogleich verlassen wollen. Doch Hoffnung,
Hoffnung ist mein Glck und dieses Glck steht so fest, als das Firmament.

                                                                 Um Mitternacht.

    So eben komme ich von einer langen Unterredung mit Burton. Ich habe meine
Zukunft erbaut an dem groen Weltherzen dieses Menschen, der frei ist und
glcklich, und doch theilnehmend und empfnglich fr den Schmerz Anderer. Burton
will mit Bardeloh sprechen; er ist nicht abgeneigt, selbst den wahnsinnigen
Mnch nach Amerika berzusiedeln. Die Seelust, sagte er, kann ihn heilen, und
wo nicht, die Unbegreifbarkeit der groartigen Natur meines Vaterlandes.
    Darber kann ich nicht entscheiden, die gesunde Vernunft aber findet nichts
Unwahrscheinliches in einer solchen Behauptung. Auch Casimir und Friedrich,
dessen Geschichte, soweit ich sie selbst kenne, der Amerikaner von mir erfuhr,
werden und begleiten. Eine mir selbst unbegreifliche Anhnglichkeit an Mardochai
lie mich auch diesen vorschlagen. Burton stutzte, und zum ersten Male glaubte
ich eine nicht ganz menschliche Regung in ihm zu entdecken.
    Sigismund, erwiederte er nach kurzem Schweigen, bestehen Sie darauf, so
will ich Ihnen nicht zuwider sein, etwas aber gebe ich Ihnen zu bedenken. So wie
Sie mir diesen auerordentlichen Mann geschildert haben, frchte ich entweder,
da er den Antrag hhnisch ausschlgt oder, nimmt er ihn an, die Ruhe strt, die
Gesellschaft in Gram und Angst des Kummers und alter, bitterer Erinnerungen
niederdrckt. Wofr auch Mardochai immer gehandelt haben mag, er hat mchtig
gesndigt an dem Einzelnen, um das Ganze zu shnen. Knnen wir wissen, ob den
tiefwurzelnden Ha des Sturmes Toben und die leuchtende Geisterflamme des Oceans
in ihm auszubrennen im Stande sind? Ein nationaler Ha scheint mir unaustilgbar
zu sein, ein persnlicher lt sich vershnen. Bei Mardochai haben sich beide so
seltsam verzweigt, da nur der Tod shnend dazwischen treten kann. Darum,
Sigismund, rathe ich nicht nur, den Juden zurckzulassen, sondern ihm auch
unsern ganzen Plan zu verschweigen. Ohnedies ist ja Ihr Freund Bardeloh noch
erst dafr zu gewinnen, was, dnkt mich, eine mchtig schwierige Aufgabe sein
wird.
    Ein ruhiges Ueberlegen der Verhltnisse und des geistigen Zusammenhanges
dieser seltsamen Lebensverwickelungen, mute Burton Recht geben. Ich bin
entschlossen, gegen Mardochai ein Geheimni daraus zu machen. Nun meldet sich
aber ein eigenes Mitgefhl in mir, das mich bedauern lt, auch Sara, dies
liebliche Geschpf, der hiesigen Sumpfluft zum Opfer fallen zu lassen. Es ist
nicht Liebe, was ich empfinde, mein Herz gehrt ganz nur der Gttin meines
Lebens, Auguste, zu eigen. Die Unschuld allein besticht mich, die
Hilfsbedrftigkeit des Weibes, die sich unmglich an Mardochai's starker Hand
krftig fhlen kann. Und wer soll Sara retten, wenn der Zug des Geschickes uns
fortreit ber die unermelichen Meere? Wird Sara Christin werden, wird sie
Jdin bleiben und einem Gatten die Hand reichen, der wol die Aeuerlichkeit von
dem Streben Mardochai's begreift, aber nicht hineinsehen kann in den Abgrund
dieser speculirenden Seele? Hier bin ich mir unklar und wei noch nicht, was ich
thun oder lassen soll. Inde vertraue ich abermals der Hoffnung und Auguste's
schwesterlicher Liebe. Vielleicht wei das Gemth des Weibes in seiner
Unmittelbarkeit eher einen Rath, als der berechnende Verstand des Mannes. -
    Oskar und Lucie glhen verlangend nach Amerika's Freiheit. Beide wollen
nicht wieder zurck nach Europa, sie gehen mit dem festen Entschlu zu Schiffe,
sich jenseits des Weltmeeres ein neues, schneres Vaterland zu suchen. Jetzt, wo
das Unglck schnell und unvorgesehen Oskar's Seele berhrt hat, steht der
krftige Mann in ihm auf. Es ist unglaublich, wie rasch das Unglck den innern
Menschen hintreibt zu einer schnen Reife. Bisher fand ich in Oskar nur den
verliebten Jngling, der hinschwankte zwischen Leidenschaft und einem unstten
Wollen und Suchen. War auch sein Sinn gerichtet auf das Hhere und Zuknftige,
was verborgen nur zuweilen die prophetischen Augen aufschlgt im tobenden
Gerusch des Tages, so fehlte es ihm doch an jener Elasticitt eines
unternehmenden Geistes, die allein im Stande ist, die fesselnde Schmeichelei des
Jahrhunderts an den Pranger zu stellen. Dies ist mit einem Male verschwunden,
seit die Willkr der Macht seinen persnlichen Willen berhrt hat. Und daraus,
lieber Raimund, leite ich einen neuen Beweis her fr die europische
Entsittlichung. Wir sind klug genug zu begreifen, da wir hinsiechen im
Nichtsthun, in der Lauigkeit unseres Herzens, aber die Tugend ist viel zu lumpig
geworden unter den gewaltsamen Sten, als da sie fr die Allgemeinheit sich in
Kampf und Tod strzen knnte. Erst, wenn der Egoismus berhrt wird mit
unheiligem Finger, dann weckt die kleine Beleidigung das Sittlichkeitsgefhl
auf, und die Unmoralitt mu so geners sein, der Tugend die Schleppe aufzuheben
und ein Uebriges zu thun fr die Weltgeschichte. Bilde Dir ja nicht ein,
Raimund, da unser Kosmopolitismus ein Verdienst sei unserer Ehrlichkeit; bei
Leibe! Es ist nur das Gewinsel des Geprgelten, der im Schmerz groe
Heldenthaten verspricht. O, pfui dieser Tugend! Aber wir drfen eigentlich nicht
murren; denn eine niedergehaltene Kraft lehrt erkennen, wie stark sie werden
kann, wenn der Absolutismus derselben wieder Geltung gewinnt.
    Wir haben beschlossen, Oskar soll sich in der Nhe von Dsseldorf bis zu
unserer Abreise aufhalten, die im Mai des knftigen Jahres angesetzt ist. Lucie
bleibt bei einer Verwandten Auguste's. Beide Mdchen sind hier sicherer und in
einer ihrem Geschlecht angemessenern Stellung. Oskar hat sich vorgenommen, eine
sehr freie Darstellung des Rechtszustandes in Deutschland auszuarbeiten und noch
vor seiner Auswanderung in Druck zu geben. Ich rieth ihm ab, da ich es weder fr
zweckmig noch edel halte. Allein wer mag dem beleidigten Zorne widerstehen!
Oskar beharrt darauf und so mag er immerhin seinen Ingrimm noch aussprudeln.
Auch dies kann Europa's Genesung oder schnelleren Tod herbeifhren, wo dann ja
eine Wiedergeburt nicht so gar fern sein wird. Es ist merkwrdig, wie seit
langer Zeit schon die Unmoralitt an sich als ein Heilmittel aufgegriffen wird
fr die krankhaften Zustnde. So wird der Vergiftete nur durch Gift gerettet!
    Oskar's Arbeit drfte viel Gutes enthalten. Sein Sinn ist klar, er besitzt
eine scharfe Combinationsgabe, die Wuth macht ihn bitter, lange erduldetes
Unrecht gebiert jenen schneidenden Witz der Ironie, der vorzugsweise leider eine
Geburt unserer Zeit genannt werden mu!
    Auguste will nicht wieder zurck nach Kln. Mich schmerzt dies tief, doch
kann ich mich durch die Aussicht beruhigen, fters einmal mit dem Dampfboote den
Rhein hinabzuschwimmen. Ein lebhafter Briefwechsel wird ohnedies unsere Herzen
immer in engster Verbindung erhalten. - Einige Tage werde ich noch hier bleiben,
um einleitende Briefe nach Amerika zu schreiben. Von Kln aus erhltst Du
ebenfalls einige an meinen Geschftsfhrer. Ich trage ihm auf, mein kleines
Besitzthum im Gebirge zu veruern. Die Kaufsumme mag aber darauf stehen
bleiben. Von Amerika aus gebe ich Dir oder Ferdinand dann bestimmtere
Verhaltungsregeln.
    Beobachte ein tiefes Stillschweigen gegen meine Geschwister und den Vater.
Sie sollen nichts erfahren von meinem Vorhaben; es wrde ihnen die Ruhe rauben.
Abschied mag ich nicht nehmen, um die Sentimentalitt unserer Nation nicht auch
in mir wieder aufleben zu lassen. Die Trennung ist unerllich. Auerdem kennst
Du ja meine Lage und Stellung zu den Meinigen. Das Herz gehrt ihnen, mein Geist
und Streben der Welt. Hier mu geschieden werden streng und unerbittlich, sonst
frevele ich an beiden. Freilich werden dies weder Vater noch Geschwister
begreifen. Ihr Gott ist nicht der meinige, ihre Hoffnung mein Sterbegelut. Das
ist hart, ich fhl' es, aber es ist europisch, und dies trstet mich wieder. -
    So bald ich zu Schiffe steige in Rotterdam, sende ich einen Brief ab mit
meinen wrmsten Gren. Was mein Herz dabei fhlen wird, mag ich mir selbst
nicht gestehen. Hoffnung und Liebe begleiten mich, und sollen diesen beiden
Engeln des Lebens nicht alle brigen weichen? -
    Dies einstweilen Dir, um die nthigen Vorkehrungen zu treffen. Ich frchte
nur den Winter, mehr aber Bardeloh's Gram und Mardochai's diabolische
Spionirkunst. Errth er unsern Plan, so lt sich immer nichts Bestimmtes sagen
ber unsern Ausgang.
    Gute Nacht! Burton tritt ein, um mich zu einem Spazirgange abzuholen. So
spt in der Nacht spazirengehen? Ja, Raimund. Ein wunderherrliches Nordlicht
berstreut den nchtlichen Himmel wie mit blhenden Rosen. Ich habe es noch
selten so gesehen, dem Amerikaner ist die Erscheinung fast ganz neu. Europa hat
auch seine mchtig sen Reize, sagte er, aber Amerika's Freiheit berstrahlt
doch alle, und die Flagge mit ihren sechsundzwanzig Sternen, sollte sie nicht
eben so schn anzusehen sein, als das Mitleid des Himmels, das er herabflattern
lt in verheiendem Glanz ber das berwachte, lebensschlaffe Europa?
Nord-Amerika for ever!
    So spricht ein freier Mann, darum schweige ich. Denn noch lebt kein
Europer, der sich ganz frei und gro fhlen knnte, wenn ein Sohn Amerika's das
thatenfrische Auge aufblitzen lt in den euerflammenden Himmel. -

                                      14.



                                 An Ferdinand.

                                                          Kln, Anfang December.

    Ich irre umher, wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat und nicht wei,
wo er ihn suchen soll. Der Sinn der Zeit ist mir abhanden gekommen; wohin ich
auch gehe und nachspre, ich finde berall nur den Unsinn oder die
Gesinnungslosigkeit anstatt des Gesuchten. Seit ich hier allein stehe, nur
umgeben von Figuranten des Komdie spielenden Jahrhunderts, wird mir so kahl und
kalt, da ich wirklich verzweifeln knnte, bese ich noch so viel unverflschte
Tugend. Aber auch diese sitzt nicht mehr in den Falten meines glnzenden
Frack's, und gern will ich sie umherlaufen lassen, bis ich Abschied genommen
habe von meinem Geburtslande.
    Bardeloh mag nichts hren von einer Fahrt nach Amerika. Zwar gibt er mir und
dem hellsehenden, verstndigen Burton vollkommen Recht, aber mit Gleichmuth
behauptet er auch, da er nichts mehr tauge fr das Land der Freiheit. Und -
fhle mit mir den Schmerz dieses Bewutseins - ich kann ihm nicht widersprechen!
Das gerade ist unser eigentlicher Tod, da die edelsten Krfte die Weihe der
That verlieren durch die abschwchenden Umgebungen. Bardeloh wrde, in Amerika
geboren, mit jedem Tchtigsten gewetteifert und dem Siege niemals die Fersen
gezeigt haben, so aber ging er unter in der Grbelei, die, wenn auch im
Einzelnen ntzlich, doch fruchtlos bleibt fr das Ganze. Was ntzt es nun, da
er durch die Speculation dahin gelangt ist, auf ein Haar zu bestimmen, was
unserm Welttheile mangelt, wenn mit diesem Gewinn jener groe Verlust sich
einschlich in sein Leben, da nur Gleichgiltigkeit geduldig das Elend ertragen
knne? Diese Niete aus der weltgeschichtlichen Existenz zu ziehen, bedurfte es
kaum so raffinirter Mittel. -
    Bei alle dem sehe ich die Nothwendigkeit einer vernderten Stellung fr
Bardeloh deutlich genug ein. Wie Csar von Cassius sagt: er sei gefhrlich, weil
er dnn und schmchtig, und zu viel denke und grbele, so lt sich auch von
Bardeloh Aehnliches behaupten. Du mtest diesen Menschen sehen, um zu
begreifen, da nie in einem Geiste mehr Gttlichkeit verloren ging an die
Versunkenheit eines Zeitalters und seiner schlaffen Genulosigkeit, als in
diesem. Ich frchte fr Bardeloh allein, fr Niemand sonst. Die Unbarmherzigkeit
des Tageslebens hat ihn bereits so gleichgiltig gemacht, da das Allgemeine nur
in so fern noch an ihn tastet, als er ein Glied der groen Kette ist, die sich
erwrgend um den Hals des Jahrhunderts legt. Bardeloh brtet ber einer witzigen
Rache, frcht' ich, die seinem Tode mit der Farbe des Pikanten zugleich den
Anschein der Kraft geben soll. Es wird aber am Ende doch eine bloe scandalse
Rauferei, wobei die Tugend Haare lassen mu, und das Laster als lustiger, geiler
Bock ber die Hecke springt, die den Paradiesesgarten umfriedet. Dabei kommt im
Leben nichts heraus, und ich will vereint mit Burton Alles aufbieten, um Unheil
zu verhten.
    Gleichmuth ist nicht mehr thtig. Er kann als abgetreten vom Schauplatz
betrachtet werden. Der Schatten seines seltsamen Charakters nur ragt herein in
die Dmmerung des Werdenden und wehrt, gleich einem umgekehrten treuen Eckardt,
Jedermann ab, Theil zu nehmen an diesen aufreibenden Bestrebungen.
    Seit der Zusammenkunft mit Casimir und Eduard bin ich ihm nicht mehr auf
offener Strae begegnet. Er arbeitet ruhig fort an der Geschichte der Heiligen
und scheint mit einiger Unruhe auf etwas Gewaltsames zu warten. Ich besuche ihn
oft. Gestern war ich des Abends bei ihm, wir sprachen von unserer bevorstehenden
Reise und ein Funke des niedergebrannten Lebensglckes glomm auf in seinem Auge.
    Es freut mich, sagte er matt, aber herzlich, da meine Lebensgeschichte
so viel zu diesem Entschlusse beigetragen hat. Darauf hoffte ich im Stillen
schon, als ich diese Bekenntnisse niederschrieb. Ich wute zwar nicht, wer
berufen sein wrde, durch diese Wunderlichkeiten gerettet zu werden, inde die
Ahnung war doch einmal da. Ein feiner Instinct lie es mich errathen und
Beruhigung in meinem Gedanken finden. Und so mchte ich der Vorsehung, oder mir
selbst, oder auch gar dem Juden danken fr all' das frevelhafte Beginnen, dem
ich erlag. Ich sehe jetzt eine nothwendige, weltgeschichtliche Consequenz in
diesem moralischen Versumpfen, und gesetzt auch, darin lge mehr Islamismus als
Christenthum, so bleiben sich die Folgen doch immer gleich. Eine recht
furchtbare Immoralitt ist die sicherste Erweckerin der vergessenen Moral. Nur
die Werkzeuge sind zu beklagen, in so fern jedoch, als sie eben Werkzeuge der
Besserung werden, auch wieder zu beneiden. Sie sehen, Sigismund, die Skepsis hat
nie ein Gewissen und wei sich in jedem Falle zu trsten.
    Bei alle dem, fiel ich ein, kann ich noch immer nicht begreifen, warum
Sie so hartnckig darauf bestehen, in Europa zu sterben. Das Glck kann Sie
nicht halten, dem Unglcke haben Sie keinen Tribut mehr abzutragen. Ihr
Wirkungskreis schlo sich von selbst ab, die Hoffnung versank, nur jenes Land in
der Ferne knnte belebende Streiflichter nochmals in Ihren Geist werfen.
    Meine Antwort, versetzte Gleichmuth, liegt schon in Bardeloh's Weigerung
- und doch ist er ein Gott an Reinheit und Kraft mir gegenber! Nein, Sigismund,
ich will doch sterben auf dem zerbrochenen Throne meiner Herrlichkeit.
    Meine Einwrfe fruchteten nichts, der starre Mann, an consequentes Handeln
gewhnt, beharrte bei seinem Entschlusse und ermahnte mich nur wiederholt,
Bardeloh's sich gestaltende Handlungsweise genau zu beobachten.
    Er zimmert, sagte er, und zwar an dem Sarge seines Liebsten. - Nher
wollte er nicht darauf eingehen, vielleicht um meine eigene Wachsamkeit zu
vermehren. -
    So lange ich auch wieder zurck bin von Dsseldorf, ich habe den Juden noch
nicht wieder gesprochen. Begegnet bin ich ihm oft, aber er scheint mich
absichtlich vermeiden zu wollen. Vielleicht sieht er dunkel in mir einen Feind
seines geheimen Schaffens. Desto fterer komme ich mit Sara zusammen. Dieses
Mdchen scheint aus jdischem und christlichem Blute entsprungen zu sein.
Verschiedene Anzeichen lassen mich dies vermuthen, ohne da ich mich nher
darber aussprechen mchte. Das seltsame Kind hat eine Neigung zu mir und -
erstaune - zugleich auch zu Casimir gefat! Dieser Nebenbuhler macht mich
beinahe lachen. Doch finde ich es nicht unnatrlich, da ein so ganz seiner
eigenen Natrlichkeit berlassenes Kind sich angezogen fhlt von der
Ursprnglichkeit in Casimir's Wesen. Nimmt sich nun der Mensch noch zusammen,
was er in seinen reinsten Momenten wol im Stande ist, so kann er sogar einem
Mdchen interessant werden.
    Ich sprach mit dem lieben Kinde davon; denn Sara macht gar keine Geheimnisse
aus ihren Herzensregungen.
    Ob mir Casimir gefllt, wollen Sie wissen? antwortete die Jdin. Das
kommt mir nicht in den Sinn! Aber er hat so was Phantastisches und das kann ich
wol leiden. Er heitert mich auf durch seine Possen.
    Und wei es Dein Vater? -
    Pst! fiel sie ngstlich ein und legte ihre weiche Hand an meinen Mund.
Der Vater darf nichts wissen, er wrde mich sonst morden. Nur Friedrich wei
darum und fhrt Casimir sicher herein, denn Friedrich ist klug, wenn er auch so
albern aussieht.
    Bist Du mir gut, Sara? fragte ich, um ber ihre Neigung Gewiheit zu
erlangen und sie selbst vor Unglck zu bewahren.
    Ja, Dich liebe ich, versetzte sie anmuthig lchelnd, darum schmcke ich
mich auch immer mit den schnsten Kleidern meines Vaterlandes, das ich nicht
kenne. Als ich Dich zum ersten Mal sah, klopfte mein Herz so ngstlich und doch
so munter, wie ein Vglein, das sich freut, eine se Nahrung gefunden zu haben.
Du warst so ernst und doch wieder so heiter im Auge, und das hab' ich gern.
Darum that ich auch dem Vater den Willen und spielte und tanzte. Und wenn Du mir
nur auch gut sein willst, so vergesse ich, da ich eine Jdin bin - ein
verfluchtes Geschpf, wie der Vater sagt.
    Gut bin ich Dir, Sara, erwiederte ich, aber lieben darf ich Dich nicht,
denn ich habe mein Herz schon an ein anderes Mdchen verschenkt.
    So? lchelte die Jdin und zeigte ein paar Reihen Zhne, die wie Perlen
durch die Rubineinfassung der Lippen glnzten. Theil's doch, so kannst Du mich
auch lieben.
    Wenn ich es auch theilen knnte, so wrde dies Auguste nicht zufrieden
sein.
    Auguste? Wer ist Auguste?
    Meine Geliebte - ich htte bald gesagt - meine Gattin.
    Auguste ist ein hbscher Name.
    Der schnste, den ich kenne! Es gibt keinen herrlicheren, keinen
glckverheienderen Namen.
    Auguste - Auguste - ich mchte wol so heien. Aber Sara klingt auch recht
artig. Sara klingt so wehmthig, wie Alles Jdische. Liebst Du Auguste heiter,
so liebe mich traurig. Das ist erlaubt, es ist morgenlndisch. Liebe mich
morgenlndisch, Sigismund.
    Konnte das schuldlose Kind gengsamer, reizender sein in dieser
Gengsamkeit? Ich lie sie dabei und versprach sie halb so viel zu lieben, als
Auguste. Darber ward sie ganz ausgelassen glcklich, nahm die Zither, spielte
und tanzte vor mir auf dem persischen Teppich und verga ganz die beschrnkte
Lage, in der sie sich befand. Ehe ich sie verlie, bat ich nochmals, sie solle
behutsam umgehen mit Casimir und ihm in keiner Weise Freiheiten erlauben, denn
ich frchte dieses Menschen Tollheiten, wenn grade einmal der Teufel der
liederlichen Genialitt ber ihn kommt. Sara versprach mir zu gehorchen und
kte mir beim Fortgehen Hand und Kleid.
    So komme ich alle Tage in seltsamere Verwickelungen und Situationen. Sara
meine Geliebte! Gott im Himmel, das Kind verdient einen Bessern, als mich, und
doch ist es unmglich, sie davon zurckzubringen. Ich halte es sogar fr nthig,
einstweilen ganz ernstlich die Rolle des Begnstigten zu spielen, um andere
Lsterne vor dem Unerlaubten zurckzuschrecken.
    Aus einzelnen Andeutungen vermuthe ich, da Sara's Mutter eine Christin
gewesen ist. Ob diese gestorben oder von Mardochai verlassen worden sein mag,
kann ich noch nicht ermitteln. Auer dem Kreise der Wahrscheinlichkeit lge es
wohl nicht, wenn dieser raffinirte Rachegeist alle nur denkbaren Auswchse
seines angebornen Talentes berall hin htte greifen lassen, um das Terrain sich
mglichst zu erweitern. Sei dem auch, wie ihm wolle, schuldlos, ein reines Kind
glcklicher Unbefangenheit, steht Sara vor meinen Augen. Sie hat ihre Mutter nie
gekannt. Friedrich, der nicht ohne Mitwissen zu sein scheint, ist vielleicht zu
bewegen, Winke ber die frhern Verhltnisse Mardochai's zu geben, und knnte
dies geschehen, so liee sich wol auch gegen ihn machiniren, ohne mit Gewalt
seine fein geschrzten Netze zu zerreien.

                                                               Den 17. December.

    Man sollte kaum glauben, da eine im Ganzen doch aufgeklrte Bevlkerung so
lange und hartnckig an alten Gebruchen fest halten knnte. Zwar liegt wenig
daran, die Cultur wird nicht niedergehalten, aber es fllt doch auf. In frherer
Zeit gab es in Kln einen ausgezeichnet frhlichen Carneval. Groe Maskenzge
wurden angeordnet, an denen vorzglich die Geistlichkeit, wie Du weit, regen
Antheil nahm. Die neuere Zeit hat diese Maskenfahrten zwar vielfach verwischt,
aber doch nicht ganz zu tilgen vermocht. Mir nun gefllt dies, so wenig mein
eigener Sinn am Alten sich sttigen kann. Ein Stck romantischer Poesie aus den
Zeiten des Mittelalters greift vermittelst dieses Spieles noch herein in unser
ernchtertes Zeitalter, und sucht man dies, wenn auch nur knstlich, fest zu
halten, so ist der Instinct, der es thut, sogar lobend anzuerkennen. Es sollten
dergleichen Festlichkeiten heut zu Tage nur mit mehr Geist angeordnet werden, so
knnten sie sogar Form und Gestalt einer Volksbelehrung annehmen. In die bloen
Farcen mu man jetzt Tiefe zu bringen suchen, sonst werden sie fade und
widerlich.
    Schon seit einiger Zeit spricht man von dem bevorstehenden Carneval, ohne
sich zu etwas Groartigem zu vereinigen. Wie Alles bei uns, wird auch dies nur
stckweise betrieben und Jeder folgt seinen eigenen Eingebungen,
Privatliebhabereien und philisterhaften Albernheiten, wobei dann freilich ein
Harlekinswesen zu hchster Ergtzlichkeit des Pbels herauskommen mu.
    Auffallend ist mir hierbei nur die groe Thtigkeit Mardochai's. Luft der
Mann von frh bis in die Nacht hinein Gass' auf, Gass' ab, als gelte es dem
Wiederaufbau Jerusalems! Und kein Mensch erfhrt, was er schmiedet, wonach er
eigentlich rennt. Ich kann nicht glauben, da ihn der Schwank selbst so gewaltig
interessirt, denn wahrhaftig, die Juden kamen nicht allezeit ungehnselt hinweg!
Der feige Schmerz ward oft bitter verhhnt, und unternahm der Pbel auch nicht
grade etwas Widerrechtliches, so war er doch auch nicht jederzeit in den Grenzen
erlaubter Scherze zu halten.
    Mir kommt dieses unstte Wesen Mardochai's sehr gelegen. Oft, fast tglich
wiederhole ich meine Besuche bei Sara und komme dadurch Friedrichen nher, der
brigens unbefangen bleibt wie immer, wenig auf uns achtet, desto mehr aber auf
seiner Geige spielt. Wre ich diese Tne nicht schon gewohnt, so wrde mich
entweder ein halber Wahnsinnstaumel erfassen, oder vollendete, colossale
Narrheit wre das Ende meines Lebens. So aber gleicht sich Alles auf das
Einfachste aus, die Gewohnheit macht mir sein Spiel gleichgiltig und Sara's
naives Geschwtz wiegt mich in heitere Trume einer lngst verloren gegangenen
Kindlichkeit.
    Vor einigen Tagen war Sara besonders scherzhaft gestimmt. Sie zeigte mir
alle Knste, die sie im schnen Miggange erlernt hatte und gefiel sich
namentlich darin, sich vor meinen Augen schnell und fast unmerklich zu
verwandeln durch ein wunderbar geschicktes Handhaben ihres Shawl's und des
faltigen Oberkleides. Dieses harmlose Spiel ergtzte mich eben so sehr als das
Mdchen. Dabei erzhlte sie mir orientalische Mhrchen, voll Duft und
scherzhaftem Kinderglauben, spielte dazwischen die Zither oder fhrte auch einen
kurzen Tanz auf. Friedrich kam dazu, und geigte. Glcklich gestimmt, hatte er
Neigung zu sprechen, was er sonst fast nie thut, oder doch nur sehr lakonisch.
    Sara tanzt heut', wie ihre Eugenie, sagte er dumpf vergnglich in sich
hineinlachend, und strich seine Geige so possirlich, da ich selbst ebenfalls
lachen mute. Ich denke, gescheidte Menschen lachen nie, fuhr er fort, etwas
beleidigt, wie es schien. Das soll ja nur den Dummen und Narren frei stehen. Es
ist ihr Monopol; 's kostet ihnen eine ganze, splitternackte Seele.
    Wer war denn Eugenie? fragte ich den Bldsinnigen.
    Eugenie? wiederholte er, pfiffig und doch auch einfltig dazu lchelnd.
Ja, Eugenie war ein Wesen, das Niemand kennen darf, als zwei Menschen.
    Und diese zwei, Friedrich? Sieh, dies schne Goldstck, ist's nicht mehr
werth, als ein albernes Geheimni?
    Mardochai gab mir zehn solche Goldstcke, damit ich schweigen kann, nur
zehn andere, wenn sie recht glnzen, heben sich.
    Ich warf ihm die blinkenden Dukaten zu. Besinne Dich Friedrich!
    Besinnen? Eugenie war Bardeloh's Schwester.
    Und was ist sie jetzt?
    Er warf die Geige auf den Teppich und ahmte, durch das Zimmer gehend, die
Haltung eines Leidtragenden nach.
    Was hat denn Eugenie in's Grab gebracht? fragte ich weiter.
    Die dumme Liebe, sagte der Blde und fing wieder an zu geigen. Wer hie
es auch dem albernen Dinge, einem Juden zu vertrauen! Dafr mute sie bei guter
Zeit die Welt verlassen.
    Ist Eugenie kinderlos gestorben?
    Nun das freut mich, erwiederte der Geiger und unterbrach abermals sein
Spiel. Nun kenne ich doch einen, der noch dmmer ist, als fr gewhnlich der
Allerweltsesel Friedrich gehalten wird. Dieser wei doch wenigstens, da Sara
Eugenien's Tochter ist, aber der Mensch kann auch das nicht begreifen. O ber
diese dummen Klugen! -
    Ein weiteres Ausfragen hielt ich fr unnthig. Ich war zufrieden und
berlie Friedrichen wieder seiner Gedankenlosigkeit. Sara hatte kaum auf unser
Gesprch geachtet, das oft unterbrochen wurde, indem immer lange Pausen zwischen
Frage und Antwort eintraten. Da sie ohnehin ihre Mutter nicht kannte und den
Geiger fr eine bloe willenlose Creatur ihres Vaters hielt, den man sich durch
Goldspenden vergewissern konnte, so legte sie berhaupt gar keinen Werth auf
sein Geschwtz. Mir aber gengte die erhaltene Auskunft. Ich nahm mir vor,
Bardeloh zu sprechen, um ihn von meinen Entdeckungen in Kenntni zu setzen. -
    Noch an demselben Abend traf ich mit ihm zusammen. Er war in einem Gesprch
begriffen mit seinem Bruder. Eduard fngt seit einiger Zeit an zwar nicht
verstndiger, aber doch umgnglicher zu werden, und in glcklichen Momenten ist
eine Unterhaltung mit ihm mglich. Freilich kreuzt der Irrsinn sich oft
wunderbar genug mit einem lichten Gedanken. Sein frheres Leben streicht dann in
haltungslosen Bildern an ihm vorber. Erinnerungen blitzen auf und verschwinden
wieder im Entstehen. Dann reibt er sich das blutrothe Muttermal, schttelt den
kahlen Scheitel und wundert sich ber die seltsamen Besuche, die ihm der lichte
Tag abstattet.
    In einer solchen Stimmung traf ich ihn. Beide Brder saen einander
gegenber, Bardeloh dster und schweigend, Bonifacius in heitere Spiele loser
Phantastik aufgegangen.
    Das magst Du glauben, mit dem Frommsein ist's ein gefhrlich Ding; sagte
der tolle Mnch. Das fngt gar wunderlich an sich zu melden im Menschen. Erst
prickelts wie Nadelstiche am ganzen Krper, im Herzen meldet sich eine Art
Wehmuth, die vertrackt viel von Blutgier an sich hat. Darum gibt sie den Frommen
auch sogleich die Geiel in die Hand. Nun geht der Tanz los, bei dem der Geist
Director ist und Tactschlger. Was aber sonst noch drum und dran hngt, das
drischt drauf los auf die taube Seele, bis sie Vernunft annimmt und Krner aus
ihr herausfliegen. Der drre Gevatter Tod aber grinst die schnsten Fratzen und
unterhlt den jungen Frommen mit lauter schaurigen Geschichten. Zuckt der Leib
und mauzt die Seele, so fangen die lieben Engel an zu zimbeliren, und Juchhei!
mitten in den Himmel hinein springt die gepeitschte Menschenhaut, da der
Erzengel Michel, der in der Ecke sitzt und den hungrigen Frommen Honigbemmen
streicht, zusammenfhrt vor Entsetzen, und die Bemmen auf's Gesicht fallen lt.
Darum mssen auch alle neue Heiligen so viel Hunger leiden, und aus Hunger
werden sie toll, wild. Der Himmel mag nichts von ihnen wissen, Petrus klopft
ihnen mit dem Schlssel auf die nackten Schdel und schmeit sie kopfber wieder
hinaus aus der lieben Seligkeit, und pardautz! da geht's wieder hinein in
Kellergewlbe unb Klosterzellen, und die Hora wird gebrummt, damit man das
Quicken der Lust nicht hrt, das in allen Nerven zwitschert und wimmert, wie
geprgelte Kinderseelen. - Siehst Du, Bruder, das mu Einer nur begreifen
knnen, um's erst heilig zu finden. Kinder schreien, sie mgen nun wirklich
herumlaufen in der freien Luft, oder noch in Saft und Blut sitzen. Wer sie
nicht'raus kriegen kann, dem geht's hllisch schlecht. Das Fleisch juckt ihn und
die Seele windet sich wund und blutig im Nesselfieber. Manchen macht das
Gequicke toll, und ich habe einen Narren gekannt, der sehr gescheidt gewesen
wre, htte er statt des Peitschens sich einen vergnglicheren Zeitvertreib
whlen drfen.
    So konnte der Unglckliche stundenlag fortschwatzen, tollen Unsinn gemischt
mit bittern Wahrheiten. Es wurde jedem Zuhrer seelenangst dabei, nur Bardeloh
verzog keine Miene, antwortete kaum auf etwaige Fragen des Verrckten, und
notirte sich diese oder jene Bemerkung des Mnchs in sein Taschenbuch.
    Ich wunderte mich nicht wenig, als ich auf meine Erzhlung von Bardeloh blos
ein gleichgiltiges: Das wei ich, erhielt. Auch war der rthselhafte Mann
durchaus nicht zu bewegen, auf eine weitere Errterung einzugehen. Er blieb
dabei: Eugenie sei Mardochai's Geliebte gewesen mit seiner Bewilligung, und Sara
ihr Kind, nach dessen Geburt sie bald gestorben. - Nun finde sich ein Mensch in
dieses Gewirr! - Von Rosalie war noch weniger zu erfahren, da sie Bardeloh zu
jener Zeit noch gar nicht gekannt hatte. Ich mu daher annehmen, Mardochai sei
ehrlich, wie er es oft scheint, und Friedrich spreche in der That mehr aus
Instinct, als aus Bedrfni. Es ist trostlos, wenn man von Dummen und Verrckten
die Wahrheit begreifen lernen soll.
    Felix kam bald nach mir in des Mnchs Zimmer. O, wie freu' ich mich, rief
er aus, da ich Dich wieder einmal finde, Sigismund! Gib nur acht, wie mein
Onkel klug spricht, so toll er auch immer ist. In dem Menschen steckt ein gar
wunderlicher Geist, der sich gar nicht um des Vaters schne Redensarten kmmert,
sondern so frisch von der Leber weg rsonnirt, da es gar gar eine Lust ist,
zuzuhren. Onkel Eduard macht's beinah so arg, als der schmutzige Casimir dort
drben.
    Bardeloh beharrte in seinem Schweigen und der Mnch fing wieder an, in
seiner Weise zu erzhlen, Erlebtes und wste Einflle bunt durch einander zu
werfen, wie's kam und ihm Behagen gewhrte.
    Einstmals war ich ein fideler Kerl, fuhr Bonifacius fort, da kam ein
Pfiffiger Lutheraner und sprach: Deine Religion ist nichts werth, denn sie
verduftet sich. Haltbar mu Alles sein und recht nchtern; das macht gescheidt,
das nhrt und schtzt vor Drsengewchsen. Ich wollt's ihm anfangs nicht
glauben, weil ich viel auf schimmriges Poetenzeug hielt, und so wurde ich ein
rundkpfiger Heiliger. Der Lutheraner hatte so unrecht nicht, vielleicht aber
lag's auch in meinen Nerven. Das ungezogene Gespinnst wollte immer Schultert's
Gewehr! spielen, sicherlich weil ich im Befreiungskriege mit gefochten habe. Das
brachte die Heiligkeit bei mir in Miscredit, und so ward ich lieber
Obercommandant der Nerven und commandirte, da mir die Lunge schmerzte:
Prsentirt's Gewehr! Bei alledem kam's zu keinem richtigen Einhauen und
Bajonettgefecht, sondern 's blieb eben beim bloen Prsentiren. Und das machte
mich rgerlich und so, was man sagt, etwas wirblich im Kopf. Merk Dir's, Bruder,
Nervenobercommandant zu sein, ist ein sehr kitzliches Generalat, und trgt
nichts ein, als grobe Kutten und schwere Ketten. Weil ich ein neues Land
entdeckt hatte, schlo man mich an, wie den Allerweltscapitain Columbus.
    Onkel, das war auch ein tchtiger Mensch, fiel Felix ein, und wenn mir
der hbsche Amerikaner Burton das Schifferhandwerk lehrt, so will ich schon auch
einmal eine Welt entdecken und mich nicht in Fesseln schmieden lassen.
    Es wre auch sehr unnthig, sprach Bardeloh, Du liegst so fest drinn, da
ich nicht wte, wo man noch eine anbringen wollte.
    Sigismund, sagte der Knabe zu mir, das bildet sich der Vater wieder
einmal ein, gerade wie sein Civilisationsgift, das auch kein Apotheker kennt.
Ich und Fesseln! Kann ich nicht springen und laufen, wie mir's gefllt? Hat der
Vater wunderliche Einflle! Ach wenn er dadurch nur nicht so gar traurig und
dster wrde! Da mu die Mutter weinen und ich frchte mich, und dann freilich
ist mir's, als ob ich Ketten trge.
    Gewhne Dich an den Gedanken, sprach Bardeloh, so kannst Du sie noch
einmal abschtteln.
    Ketten sind ein schlechtes Geschmeide fuhr Bonifacius fort, fr die
Heiligen wt' ich aber doch kein besseres. Das hlt einen so warm und treibt
jeden Gedanken hinein in seine eigene Hlfe, da man ihn zuletzt gar nicht mehr
sehen kann. Und so mu es sein! Ein wahrer Heiliger darf keinen Schimmer seines
eigenen Gedankens in sich spren, ein chter Mansch eben so wenig. Das mu Alles
in das unsichtbare Blut und Fleisch aufgehen, von dem der Geist lebt. Und wenn
wir so diese Gedankenspeise hinunterschlingen, da geht einem der Himmel erst
auf, wie alle fnf Wunden des Heilands, bluthroth - o das ist eine Lust! Werdet
Heilige, wie ich! Ihr Lumpengesindel sollt schon noch Gott erkennen lernen!
    In dieser Manier sprach der bedauernswrdige Mnch noch lange, und ich wrde
nicht mde geworden sein, ihm zuzuhren, wre mir nicht ein Brief von Auguste
berbracht worden, die mir ihre Lage in Dsseldorf schilderte und nichts
sehnlicher wnscht, als die Herankunft des Frhjahr's, um der neuen
hoffnungverheienden Welt entgegen zu schwimmen. Damit Du nicht aus dem
Zusammenhange gerissen wirst, schreibe ich Dir ab, was Dich interessiren kann
und sich mittheilen lt. Denn nun wir so innig mit einander verbunden sind,
fngt die Geheimnikrmerei erst an. Liebende, die dem hchsten Glck
entgegenharren, werden egoistisch. Ich mag keine Ausnahme machen von dieser
Regel, eine der wenigen, die ich respectire und auch in die neue Welt
hinberretten will. Man mu das Gute dem Alten vollends ganz entreien und in
sicheren Gewahrsam bringen; denn anders fehlt es dem Neuen an dem Poetischen des
Vergehenden, und diesem wird die Mglichkeit benommen, sich im Gefhl gnzlicher
Nichtigkeit wieder zur wahrhaftigen That empor zu schwingen. Hier ein Auszug aus
Auguste's Schreiben:

                             Auguste an Sigismund.

    Unser Leben gestaltet sich hier recht heiter, geliebter Freund. Ich bedaure
nur, da die Nhe des Winters uns meist in's Zimmer verweist, was ich nicht
liebe. Kleine Ausflge an heitern Tagen in die Umgegend haben wir zwar nicht
unterlassen, und ich bin sogar ein paar Tage in Pempelfort gewesen, wo ich,
angeregt durch die Erinnerung an die Vergangenheit, die Schriften Jakobis zu
lesen begann. Sie knnen mich jedoch nicht mehr so recht fesseln. Dergleichen
hat seinen eigentlichsten Werth verloren fr uns moderne Unglckskinder.
    Ganz anders erfat mich Brne, in dessen Briefen aus Paris uns Oskar des
Abends viele Stunden lang vorliest. Ich kann nicht mde werden, diesen
gttlichen Menschen zu lieben, der es wagt in dem Bewutsein seiner reinen
Tugendhaftigkeit den Schleier von dem Antlitz der Zeit zu heben und dem lebenden
Geschlecht zu zeigen, was fr ein fahler Todtenkopf darunter verborgen ist. Gabe
es auch nur diesen einzigen Brne in Europa, so lge in ihm schon der schlagende
Beweis, da dieser Erdtheil sehr krank sei. Brne ist nicht als Deutscher
aufzufassen, sondern als ein Product des europischen Lebens. Und ihm zur Seite
wandeln bereits Jngere, die freilich dem Titanen erst bis an die Knie reichen.
Solche wittere ich in manchen gegenwrtig Verfehmten, und wenn Du's nicht bel
nimmst, mein Geliebter, so behaupte ich, diese Menschen werden noch einmal hoch
verehrt werden von der Nachwelt, und zwar ihrer angeblichen Frevel halber. -
    Bitte, bitte, lies weiter und vergib meinen Ketzereien! Ich armes Ding kann
ja doch nichts thun, als die Brosamen meiner Gedanken mhsam zusammenlesen und
sie Dir zu beliebiger Verspeisung vorlegen. Einen Willen mcht' ich aber gern
haben.
    Whrend Oskar an seiner Brochre ber die Rechtszustnde in Europa und
vorzugsweise in Deutschland arbeitet, bin ich mit der ausgelassenen,
muthwilligen Lucie beschftigt, fr mich und Dich Pflanzerkleidungen zu
verfertigen. Ach, ich freue mich wie ein Kind auf unsere amerikanische Zukunft!
Aber ich bitte Dich, Sigismund, la nicht ab, Bardeloh zuzureden. Ohne Rosalie
und Felix kann ich mir in der neuen Welt keine Existenz denken. Ich bedarf
europischer Gesichter, um die fremden Physiognomien ertrglich zu finden. Ich
will Parallelen ziehen und vergleichen.
    Du solltest mich sehen in meinem leichten Pflanzeranzuge. Ich gehe wie ein
lustiger Bursch, der sich verwandelt hat in ein frhliches Mdchen. Mu das eine
Lust sein, so aller Mode fremd nur seinem Behagen zu leben, und zu wissen, es
gibt keinen Zwang, so weit Dein Auge reicht, und Deine Gedanken! Die Freiheit
ist das Greste, was der Mensch erstreben kann! Ich will Jedem Alles vergeben,
ich will Mrder und Sptter umarmen, wenn sie nur die Freiheit ehrten und
liebten, fr die Freiheit als zrnende Titanen, Blasphemien donnerten! Ich fhle
amerikanische Freiheitslust durch meine Adern sprudeln, und mein armes, kleines
Mdchenherz erhlt in seiner Schchternheit die Ahnung eines Kosmopolitismus,
den ich in Worten nicht ausdrcken kann. - - -
    Letzthin kam ein Brief von Steinhuder an Lucie. Er nahm sich aus, wie eine
mit Rosmarin, Beifu und Salbeiblttern gespickte Gans. Ein Psalmist, wenn er
sich in Buttermilch betrunken hat - falls dies mglich sein sollte - knnte
seiner Feder keinen erhabneren Schwung geben. Ein solches
Storchschnabelgeklapper von forcirtem Unsinn kann es unmglich mehr geben auf
Erden. Lucie soll zu ihm zurckkehren und sich einen andern Brutigam selbst
erwhlen drfen. Nur von Oskar soll sie lassen. Unter diesen Bedingungen
verspricht er ihr, den Oelkrug der Verzeihung und die kstliche Nardenmixtur der
vormundschaftlichen Gnaden ber ihr sndiges Haargeflecht auszuschtten und zu
baden das verpestete Fleisch ihres Fues in der Melodie ser Gewsser. Es ist
rhrend, wenn ein Mensch so dumm wird. Ach Gott im Himmel, wie dank' ich's
meinem Gott, da er mir keinen solchen Vormund bestellt hat!
    Du httest Lucien sehen sollen. Ein wildes Fllen kann nicht tollere
Sprnge machen. Die kleine, schne, bse Grazie setzte sich augenblicklich an
den Sekretr und schrieb ihre Willensmeinung, die schwerlich den Mystiker
erfreuen wird. Mag er sich doch seinen Plunder behalten, sagte sie, mein
Erbtheil kann er mir nicht schmlern und das reicht auch hin, mir in Amerika ein
Besitzthum zu erwerben.
    Lucie's Brief wird zugleich mit diesem bei Euch eintreffen. Ich mchte schon
Steinhuder's Mimik belauschen, um daraus zu ersehen, ob ein Frmmler Europa's
oder ein Wilder Amerika's den Preis des ausgezeichnetsten Grimassenschneidens
gewinnen wrde. So etwas kann mich ergtzen und auf ein paar Tage heiter
stimmen.
    Gib mir nur recht oft Nachricht von dem, was Ihr treibt, nur hlle Dich
nicht zu sehr in den Schleier der Wehmuth. Das mag ich nicht leiden, das gefllt
mir nicht am Manne. Du mut immer krftig sein, denn Du kannst es, und gegen
eine fernere Zerrissenheit will ich Dich schtzen. Bin ich doch schon - - - -.
Nun komme nur erst wieder her, verjage den Winter rufe den Lenz herauf mit
seinem blhenden Helmsturme - dann soll es Freude geben auf Erden, weil noch
eine Zukunft vorhanden ist!
    Adieu, adieu, mein ser Freund. Sei nicht bse, da ich abbreche. Oskar
kommt, um mir und Lucie wieder aus Brne vorzulesen. Da ich Dich Brnen jetzt
nachsetze, wirst Du bei meiner Unparteilichkeit sehr verzeihlich finden. Werde
erst ein so starker Mensch wie Brne, und Du sollst erstaunen, wie ich Dich
neben meiner grenzenlosen Liebe auch noch grenzenlos verehren werde. Ich bin
sehr bewandert im Scheiden, wie Du siehst. Distinctionen sind meine Force.
Trume von mir. Meine Augen will ich sanft betten an Deinen Schlfen, damit sie
Dein Denken durchsphen knnen. Ich bin sehr bse, Theurer.

                                                                  Deine Auguste.

    Wenn die Frauen Brne lesen und so gerecht sind, ber den Charakter selbst
die Liebe zu vergessen, dann steht Groes zu hoffen. Wte ich nur, wie viele
Frauen so geistig schn sich bilden knnten in Deutschland, da sie Brne's
Erhabenheit ganz begriffen. Wren es auch nur tausend, diese Tausend schon
wrden mich veranlassen, noch eine Reihe von Jahren in Europa zu bleiben, um die
Wiedergeburt desselben sich vorbereiten zu sehen. Aber so - ich zweifle sehr! -
und darum flchte ich mich hinber, wo der Gedanke fessellos sich ausdehnen
darf.

                                                               Den 23. December.

    Vor sechs oder sieben Tagen trug sich ein originelles Schauspiel zu in
Bardeloh's Hause. Wir waren um den Frhstcktisch versammelt, als pltzlich mit
groem Ungestm die Thr aufgerissen ward und zornglhend, die Kleidung in
Unordnung, Steinhuder hereinstrzte. Bardeloh, der sich nicht leicht aus der
Fassung bringen lt, ging ihm entschlossen entgegen und fragte nach seinem
Begehr.
    Da, da, rief der Frmmler auer Athem, zerrte einen Brief aus der Tasche
und hielt ihm Bardeloh vor die Augen, da, sagte er, da, lesen Sie! Ist dies
die Sprache einer Tochter Zions? Darf ein Mdchen so reden und schreiben, wenn
nicht einstrzen sollen die Mauern der Tempel und wehe schreien die Todten in
den Grbern?
    Nein, versetzte Bardeloh ganz ruhig, eine Tochter Zions drfte so
wahrscheinlich nicht schreiben, wie dieser Brief geschrieben sein mag, den ich
nicht lesen kann, weil Sie ihn mir nicht geben, aber einer Tochter unserer Stadt
darf so etwas wol erlaubt sein.
    Erlaubt, sagen Sie, schrie der Pietist, erlaubt! Was ich hren mu!
Dacht' ich's doch. Freilich! freilich! Hier ist das Gehennah der neuen Welt, wo
ausgebrtet werden die Teufeleien der Vernunft! Sie sind der Satan, der da
verfhret alle Kinder des Lichtes und umhergehet nicht wie ein brllender Lwe,
sondern wie ein schleichender Fuchs und suchet, welch' Mgdlein er verfhre mit
seinem Streicheln. Da Dich zermalme die Brut Deiner Gedanken! Da Du
vermaledeit werdest von dem Fluch Deines eigenen Geistes! Sie sind schuld an
meiner Mndel Verworfenheit, denn hier hat sie kennen gelernt den Gabriel,
welcher ihr verkndigte den Wahnwitz der Freiheit. Jetzt habe ich Dich erkannt
und will prickeln an Deinem Leibe, bis er zusammenfllt, wie ein Hufchen Asche,
das da nichts ist, als gar Nichts -
    Bemhen Sie sich nicht, lieber Steinhuder, fiel Bardeloh dem Eifernden in
die Rede, an dessen Gesalbader sich der kleine Felix kniglich ergtzte. Was
Sie thun, ist mir gleichgiltig. Eifern und Schimpfen hlt die Welt nicht auf in
ihrem Gange, und wenn Lucie so frei und krftig gewesen ist, sich Ihrer Macht zu
widersetzen, so mu ich das Mdchen nur achten. Denn es gehrt wahrlich eine
hohe Tugend dazu, rein zu bleiben unter solchen ffischen Grimmassen, wie Sie
uns hier eben zum Besten gegeben haben. -
    Steinhuder war entwaffnet durch diese offene Erklrung. So, sagte er,
zusammenklappend, wie eine Claque, so! Ich sehe mich also am Ziele und darf
nicht ferner hoffen, Sie zu bekehren!
    Ganz und gar nicht, warf Bardeloh ein. Darf ich Ihnen etwas gerucherten
Lachs anbieten?
    Danke, danke - ich will nicht essen mit den Gottlosen.
    Ganz nach Belieben. Sehen Sie nicht, wie sich mein Junge ber Ihre
Thorheiten freut?
    Darob ihn Gott strafen wird an seinem sterblichen Leibe!
    Danke fr Ihre gute Meinung von Gottes Barmherzigkeit!
    Vater, sprach Felix, da las ich einmal in einem Buche von Eulenspiegel,
der ein ganzer Narr gewesen sein soll, und auch hier in Kln. Ist Steinhuder
vielleicht eine verbesserte Auflage dieses Eulenspiegels?
    Die Kinder werden klug und die Alten einfltig, rief der Pietist, das ist
die Zeit, von der geschrieben stehet: sehet Euch vor, denn der Welt Untergang
ist nahe! -
    Mit diesem heroischen Entsagungsspruche zog sich Steinhuder zurck. Wir
erfuhren am nchsten Tage, da Lucie von ihm enterbt sei. Ihr eigenes Vermgen
hat er gerichtlich an Bardeloh gegeben, und den blden Friedrich zu seinem
Universalerben eingesetzt, damit er ruhig seine Geige stimmen und spielen knne
zum Lobe des Herrn lautet die Formel.
    So wre denn ein Knoten gelst. Lucie ist frei, Steinhuder fr uns nicht
mehr als vorhanden zu betrachten, nur durch Friedrich hngt er unmittelbar noch
zusammen mit unserm Kreise. -
    Nchstens erhlt Raimund von mir einen Brief. Er wird Dir mittheilen, was
sich ferner begibt. Ich bin mde des Wartens und sehne mich nach der Stunde der
Befreiung. Dieses Hoffen ist peinigend und erzeugt in mir eine Angst vor dem
Nchsten, die mich wie eine dstere Prophezeihung auf jedem Schritte verfolgt.
Mchte nichts Gewaltsames geschehen und Bardeloh noch bewogen werden, uns zu
begleiten. Rosalie ist sehr betrbt, da sie nun allein zurckbleiben mu. So ist
auch die gerechteste Freude nicht denkbar ohne das bitterste Schmerzgefhl! -

                                      15.



                                  An Raimund.

                                                              Anfang Januar 18 -

    Mit innigem Dank seh' ich die Zeit immer nher herankommen, wo ich vom
Hoffen zum Handeln bertreten werde. Ein solches Renegatenthum ist wohl noch
erlaubt in unsern Tagen, so geringen Beifall es auch bei der groen Menge finden
mchte. Aber ich bin auch bereits freiwillig aus allen Banden geschieden, die
mich noch fest verknpften mit dem europischen Leben. Im Herzen traure ich um
den Verlust meiner Heimatherde, aber der Geist erhebt mich hoch ber die Qual
des Augenblickes und lt mich der Zukunft goldene Trume in feste Formen
zwingen. Das ist meine amerikanische Thatenlust, die erst erwachen kann, sobald
ich gnzlich todt bin fr Europa. - Darum begrte ich auch den ersten
Sonnenstrahl dieses neuen Jahres mit einem stillen Jauchzen, in dem die
Verheiung einer neuen Lebensra fr mich lag. Nicht ohne Schmerz war dies
Gefhl, aber es war nur der Schmerz der Gre, der mich bewegte. Er drckt nicht
nieder, sondern erhebt, und erhaben wandele ich seitdem auf den Palmenzweigen
meiner eigenen Gedanken. -
    Nach den stillen Beobachtungen, die ich in den letzten Wochen angestellt
habe, reut es mich fast, da ich Bardeloh zur Auswanderung nach Amerika zu
bewegen suchte. Er war frher zwar sinnender, mehr dem finstern Grbeln ergeben,
als jetzt, aber es verbreitete sich doch auch eine gewisse Ruhe ber sein ganzes
Wesen. Dies hat sich in der letzten Zeit verloren. Der stille Mann scheint aus
seinen eigenen Charakter herausgejagt zu sein. Unser schneller Entschlu,
gereift durch Gleichmuth's Lebensgeschichte und das pltzliche Erscheinen
Burton's, wird ihm unbequem. Ein Durchkreuzen seiner Plne mu fr ihn darin
liegen und dies stt sein stilles Brten zu einem hastigen Thun. Knnte ich nur
ermitteln, was er bezweckt, wohin er zielt und wem sein geheimnivolles Begehren
gilt!
    Du kennst meine Abneigung gegen Mardochai, die freilich vielleicht mehr eine
Geburt der Furcht, als der Verachtung ist. Aber ich entsetze mich nun einmal vor
diesem Menschen, weil ich begriffen habe, was eine misbrauchte geistige Kraft
fr entsetzliche Frevel begehen kann, wenn sie die Vergangenheit sich zum Leiter
erwhlt fr die Gegenwart. Und gerade mit diesem Menschen verkehrt Bardeloh
jetzt mehr als sonst. Er wei, da ich den Juden nicht leiden mag, da ich sogar
im geheim ihn beaufsichtige, und dennoch lt er unverhohlen seine Vorliebe zu
ihm durchblicken. Mardochai besucht fast jeden Abend meinen seltsamen
Gastfreund. Eingeschlossen in Richard's Kabinet verkehren sie bis tief in die
Nacht hinein mit einander, und Niemand erfhrt, was sie sinnen und trumen. Ich
frchte aber, es wird das Erwachen entsetzlich genug sein, denn gestern Mittag
sagte Bardeloh ganz unaufgefordert mit einem unbeschreiblichen Lcheln: Nun bin
ich bald fertig mit meiner Doctrin des Hasses, in etwa vier Wochen will ich eine
Probevorstellung geben. Ich stutzte, auch Rosalie zeigte einige Ueberraschung
und Felix lag mit kindischer Neugier dem Vater um das Wie? an und bat, ihn ja
dabei nicht zu vergessen. Richard schien erschrocken ber sich selbst, wute
sich aber bald zu fassen und versetzte auf das Bitten seines Sohnes: dazu kann
Rath werden, liebes Kind. Vielleicht darfst Du Dich ganz besonders eigenen, eine
Hauptrolle bei der Probe zu bernehmen.
    Das wre prchtig! rief Felix aus. Das Schauspielern habe ich immer
geliebt. Ich wollte meine Rolle gewi recht gut auswendig lernen. Gib mir sie
nur bei Zeiten, Vater.
    Zu gehriger Zeit, versetzte Bardeloh und lenkte das Gesprch auf andere
Gegenstnde.
    Eine unbezwingbare Unruhe trieb mich fort. Ich ging zu Gleichmuth, um von
ihm zu erfahren, was er etwa selbst wissen konnte. Ich erzhlte dem Pastor
Bardeloh's Aeuerung, erwhnte seines hufigen Verkehrs mit dem Juden und der
Besorgnisse, die ich daran zu knpfen mich bewegen fhlte.
    Lassen Sie geschehen, was immer will, versetzte Gleichmuth. Dies allein
kann hier oder dort zum Ziele fhren. Nur kein eigenmchtiges Eingreifen in das
Handeln Anderer! Es steht jeder Einzelne in der Hand der Weltgeschichte, die ihn
fhrt und leitet, und die Gerechtigkeit fllt so von selbst aus dem Conflict der
verschiedensten Handlungen heraus, da es wahnsinnig sein wrde, wollte hier
Dieser oder Jener hemmend oder beschleunigend eingreifen. Ich ahne Bardeloh's
Thun, aber ich werde kein Thor sein und es verrathen. Es ist gut, weil es der
Nothwendigkeit, der Krisis der Zeitbewegung, angehrt.
    All mein ferneres Experimentiren blieb vergeblich. Der Pastor schwieg
hartnckig ber dieses Thema und sprach von seiner Geschichte der Heiligen.
Diese Arbeit, sagte er, wird meinem Namen dereinst Renome verschaffen bei
den Deutschen. Darber vergit man sogar mein Leben. O, es ist gar nicht so
bel, mit wissenschaftlichem Charpie die Wunden seines zerschlagenen, geistigen
Lebens sauber zu verstopfen!
    Wich verdrossen die ausweichenden Antworten des Pastors. Aergerlich besuchte
ich Sara, die noch immer auf ihrem sen Wahne beharrt. Das Kind erbarmt mich
und doch kenne ich kein Mittel, es zu heilen. Wre Mardochai ein Anderer, so
wre dem Mdchen schnell geholfen; ich kann aber diesem stolzen Rachegeist nicht
die Schuhriemen lsen. Hrte gebiert Hrte, und mte Sara, dieser Engel der
Unschuld, als Shnopfer fallen fr viele, himmelschreiende Frevel, es knnte
mich nicht bewegen auch nur ein heimliches Wort dem Juden zu gnnen.
    Die Liebe plaudert gern aus, Sara verrieth mir, was sie wute von dem Thun
ihres geheimnivollen Vaters. Du glaubst es gar nicht, sagte das liebe Kind,
wie beschftigt der Vater jetzt ist. Alle Tage kommen eine groe, groe Menge
von Deinen Brdern zu ihm, um zum groen Firmelungsfeste oder wie sie's sonst
heien, blanke Schmucksachen zu kaufen. Und der Vater ist so freundlich dabei
und so gut! Du solltest ihn nur sehen, wie glcklich er lchelt und wie er
manchmal ein Stck Geld wieder zurckgibt. Alle Christen handeln gern mit meinem
Vater, das magst Du glauben! - Letzthin kamen auch die Kleinhndler wieder, um
zum Feste ihre Einkufe zu machen. -
    Was verkauft ihnen denn Dein Vater, fiel ich der Schwtzerin in's Wort.
    Alles, was sie gern haben und brauchen: kleine Marienbilder,
Heiligenscheine, Kruzifixe und solche Korallenbnder, wie Ihr sie tragt, wenn
Ihr betet. - Nun ja, fuhr sie fort, wenn nun erst die Fastnacht herankommt,
dann soll's gro hergehen, sagt mir der Vater. Es wird ein groer Aufzug
geschehen und recht viel Scherz dabei getrieben werden. Der Vater ist ganz
glcklich darber und rennt von frh bis in die Nacht hinein, da er oft ganz
ermattet zurckkommt. Wenn ich ihn dann liebkosend den Schwei von der bleichen
Stirn trockne, spricht er: la das, Sara! Es geschieht Alles zur Ehre unseres
Gottes. Wir werden bald frei sein. Ich verstehe ihn aber nicht; denn so hat er
schon oftmals gesprochen und ich habe doch hinterher nie eine Aenderung
wahrnehmen knnen.
    Dies und Anderes erzhlte mir Sara. Meine Neugier stieg mit dem Verdacht,
welchen ich seit dem Tage gegen Mardochai hegte, wo er mich und Oskar in sein
Waarenmagazin fhrte. Was die Unschuld des Mdchens nicht ahnte, das errieth der
Argwohn meiner Furcht. Ich witterte irgend einen neuen Streich in der ausgesucht
pikanten Manier, wie sie Mardochai bereits zur Genge bewiesen hat. Mglichst
bald verlie ich das holde Kind des Morgenlandes, diesmal weniger aufgelegt,
mich seinen liebenden Tndeleien zu berlassen, als gewhnlich. Ich eilte nach
Hause. Schon von fern bemerkte ich in Bardeloh's Cabinet den falben Schimmer,
den die knstlich bereitete Spiritusflamme gegen die Fenster strahlte. Behutsam
schlich ich die Treppe hinan - der Argwohn macht den Besten zum Schurken -
Niemand begegnete mir, ich kam glcklich an des Mnches Zimmer vorbei, den ich
harmlos mit Felix plaudern hrte. Auch Casimir's Stimme klang von der andern
Seite herber. Er declamirte ein Bruchstck aus seinem colossalen Werke: Besuch
Gottes in der Hlle, mit Donnerstimme, in die sich oft ein helles Gelchter
mischte, ich wei nicht, ob aus Freude ber das Gedichtete oder aus Verachtung
ber die Zeit, die es mglich machen kann, solchen genialen Wahnsinn zu Tage zu
frdern.
    Vor Bardeloh's Zimmerthr stand ich einige Secunden lauschend. Es war um die
Zeit, wo der Jude gewhnlich kommt. Sein Klopfen hatte ich ihm lngst
abgehorcht. Mit heuchlerischem Finger berhrte ich die Thr, Bardeloh rief laut
sein herein! Ich folgte dem Rufe, der Mantel verhllte mein Gesicht, den Hut
hatte ich in die Augen gedrckt. Ehe noch Bardeloh ahnen konnte, wer ihn strte,
war ich eingetreten, hatte rasch die Thr hinter mir verriegelt und stand mitten
im Zimmer.
    Bardeloh sa am Pult. Der geheimnivolle Wandschrank war geffnet. Eine
Pyramide von zehn Todtenkpfen grinste mich schauerlich daraus an. Aus dem
obersten brannte eine blendende Gasflamme und verbreitete Tageshelle rings
umher. Im Hintergrunde der Nische lagen eine sehr groe Menge Maskenanzge,
Larven, falsche Haare, darunter lange Locken, wie sie die Altdeutschen trugen
oder der Kopf des Johannes abgebildet wird, kurz ein ganzer Theatertrdel.
    Nur wenige Augenblicke waren mir zum Ueberschauen dieser Dinge vergnnt.
Bardeloh kam auf mich zu und rief ein guten Abend, Mardochai, als er seinen
Irrthum erkannte und mit zitternder Lippe verstummte. Ich war gefat auf einen
bittern Gru und hatte mich deshalb mit Grnden hinlnglich gewaffnet. Allein
die Tiefe von Bardeloh's Leidenschaftlichkeit hatte ich nicht mit eingerechnet
in meinen Plan. Kaum wute er, wer sich unberufen zu ihm geschlichen hatte, als
er mit Blitzesschnelle einen Dolch ergriff, deren eine groe Anzahl die
Todtenschdelpyramide wie ein Wald spanischer Reiter umhegten, eben so geschwind
die Tapetenthr zudrckte und mich mit riesenstarker Faust so unversehens
erfate, da ich dem Grimm des Beleidigten erlag. Der Mantel hinderte mich an
der Gegenwehr, ich taumelte, niedergehalten von Richard, auf die Ottomane,
Bardeloh stmmte sein Knie gegen meine Brust und setzte mir mit wildem Blick den
Dolch darauf.
    Sind Sie des Lebens so berdrssig, raunte er mir leise murmelnd zu, da
Sie mit Gewalt es verscherzen wollen? Wer hie Sie eindringen in mein Heiligthum
zu einer Zeit, wo Sie wissen, da nur Einer erscheinen darf?
    Ich bin ein Christ, stammelte ich.
    Ein Schurke sind Sie, rief Bardeloh und drckte heftiger den scharfen
Stahl gegen meine Brust, und es wre am Ende wohlgethan von mir, wenn ich Ihnen
augenblicklich jedes fernere Schleichen und Lauschen verbitterte. Was wollen
Sie?
    Warnen.
    Vor wem?
    Vor Unrecht und Wahnwitz.
    Blder Thor! versetzte Richard und lie ab von mir. Spricht der Mensch,
als kme er erst hinter dem Grovaterstuhl hervor. Sind Sie denn umsonst ein
halbes Jahr bei mir gewesen?
    Um einen Mord schn zu finden, allerdings! versetzte ich. Auch glaube ich
in sofern auf unbedingtes Vertrauen Anspruch zu haben, als ich noch nicht Handel
trieb weder mit dem Geiste des Christen- noch Juden- noch Menschenthums. Ich
lebte blos der Freiheit und war bemht, Sie zu eben diesem Leben herber zu
ziehen.
    Und was soll dies Alles hier und eben jetzt?
    Es soll Ihnen die Augen ffnen. Hren Sie mich, fuhr ich eifriger und
warmer fort, und achten Sie das Wort eines Christen wenigstens eben so hoch,
als die schlaue Rede eines zweideutigen Juden. Mardochai ist ein groer Geist,
aber kein edler Mensch. Mardochai lebt blos der Rache!
    Glauben Sie mir denn damit etwas Neues zu sagen?
    Nicht im Allgemeinen, wol aber im Speciellen.
    So reden Sie!
    Mardochai, fuhr ich fort, sinnt auf irgend eine That, womit er der groen
Menge ffentlich Ansto geben kann, wie er dies schon frher in der Stille
gethan hat. Erinnern Sie sich an Gleichmuth's Manuscript!
    Ich habe ein sehr gutes Gedchtni, lieber Sigismund. Was haben Sie sonst
noch entdeckt?
    Ist das Gesagte nicht genug? Oder wollen Sie etwa auch ein bloes Werkzeug
der Rache werden in der Hand des Juden?
    Ein verchtliches Lcheln spielte um Bardeloh's Mund. Dieser Sorge htten
Sie sich doch wol entschlagen knnen, erwiederte er. Mich fft kein Mensch,
nur der Zeit knnte es gelingen, durch einen schnellen Umschwung meine
Berechnungen zu vernichten. Darber wrde ich mich aber freuen. Ich wei, was
ich will, Sigismund, wei, was der Jude treibt und bin einig mit ihm. Und nun,
Lieber, schweigen Sie still und stren Sie nicht meine festgezogenen Kreise.
Gehen Sie nach Amerika, wenn Sie zu feig sind, auszuhalten bis zum letzten
Athemzuge in unserm hilfsbedrftigen Vaterlande. Der Starke versucht Alles,
bevor er Alles aufgibt. Das ist mein Glaubensbekenntni, dem sich das
Mardochai's anschliet, obgleich dieser Mann des Schicksals nicht nur die
Gegenwart zu berichtigen, sondern auch noch die Vergangenheit zu shnen hat.
Gehen Sie, ich hre ihn kommen. Sie werden es noch erleben, da ich kein
Feigling bin, noch weniger ein Betrogener. Gehen Sie! Ihre Gegenwart wre
berflssig bei unsern Verhandlungen, weil Sie wol die Zeit begreifen, aber noch
lange nicht ihre unendlichen Schmerzen in sich durchgelebt haben.
    Fast gewaltsam drngte mich der rthselhafte Mann fort. An der Thr
begegnete ich dem Juden. Ich war froh, als die Unheimlichen meinen Blicken
entschwanden. -
    So scheitert an der unerbittlichen Hartnckigkeit dieses Mannes jeder
Versuch, ihn zu stillem, besonnenen Handeln zu nthigen, in dem ich, wie nun
eben die Zeit vorliegt, doch das einzige sichere Heil erblicke, so wenig auch
mein eigenes Naturell sich mit langsamem Umhertasten vereinbaren lt. Gern will
ich zugestehen, da es beleidigend ist fr einen reifen Geist, immer nur die
Feinde siegen zu sehen, aber wo hinaus mit dem Sturm und Drange, selbst, wenn er
nur heimlich sich austobt? Die Betrachtung der Welt hat Bardeloh auf den Punkt
getrieben, wo er selbst des Sohnes nicht mehr schonen wrde, wollte er sich ihm
- und sei es aus wahrhaftiger Gte - widersetzen. Dies mu unglcklich enden!
Denn ein solches Erfassen der Umstnde ist selbst schon ein fertiges Unglck,
das nur in sich selbst hinein seine Thrnen weint. Wahrhaftige Mnnlichkeit
vermag ich nicht zu erblicken in solchem Thun. Auch muthige Ausdauer liegt nicht
im Harren und Hoffen, wo eben jedes Hoffen ein bloes Morden des heiligsten
Gedankenlebens ist! Darin kann ich nicht stimmen mit Bardeloh. Was er bei mir
Feigheit nennt, das halte ich fr rstige Kraft, seine Kraft aber ist krankhaft
und wird, bricht sie aus, nur verwstend, gleich einer Pest, Alles um sie her
ergreifen. Raimund, mir graut vor dem Grimm des starken, europamden Mannes!

                                                               Drei Tage spter.

    Ein Brief des Amerikaners aus Paris meldet mir seine Zurckkunft in etwa
vierzehn Tagen. Burton hat ganz Frankreich durchstreift und sich lngere Zeit an
den wichtigsten Orten aufgehalten, um die Sitten und den Willen des Volkes
kennen zu lernen. Mit groen Erwartungen trat der Mann die Reise an, und arm
daran kehrt er zurck. Burton hat sich bitter getuscht gefunden, nur wenig
Hoffnung ist ihm geblieben. Die Franzosen von heut, schreibt er mir, sind
nicht mehr die Franzosen von 1789. Der Heldenmuth ist zum Speculanten geworden,
der nur nach Pfunden die Freiheit abwiegt. Das Volk scheint mir gegenwrtig sehr
erschlafft zu sein und wird es tglich mehr durch den scheinbaren Wohlstand, den
die Klugheit Philipps der Hauptstadt zu geben wei. Jammer und Elend aber nisten
im Innern der Provinzen. Ein Anblick, wie ihn Lyon bietet, war mir neu, obwol
ich die Welt kenne und gewohnt bin an Schreckensscenen. Das war ein schweigender
Schrecken, der mir in dieser Stadt begegnete, und ich wundere mich nur wie der
lebhafte Geist des Volks diesen Jammer so geduldig ertrgt. Solche Armuth ist
kein Zeichen der Freiheit, denn wo wahre Freiheit wohnt, da verhungert Niemand.-
- - Die Politik behandeln die Franzosen gegenwrtig wie eine
Boulevard-Liebschaft. Sie ist ihre Grisette, sie mssen mit ihr tndeln und
wr's auch blos zum Zeitvertreib whrend des Frhstck's. Aber wohin ist der
republikanische Ernst, der in den Zeiten der Revolution mit Blitz und Donner die
Welt erschtterte? Schauspiele und Gassenemeuten, gleich dazu eingerichtet, um
sie am nchsten Tage im Guckkasten fr einen lumpigen Sou dem Pbel zu zeigen;
das sind die schmachvollen Vergngungen der groen Nation. - O, wohin ist es
gekommen mit den blhenden Hoffnungen der Julisonne von 1830! - Oder wre auch
dies blos eine allgemeine St. Simonistische Liebschaft des ganzen Volkes
gewesen? Es scheint beinahe so, und mein Argwohn, der nie viel Gutes hoffen
konnte von dieser dreitgigen Farce in der europischen Weltgeschichte, steigert
sich, je lnger ich den Geist des Volkes erforsche. Zwar lebt noch die alte
Lust, die alte Hoffnung in diesem Geschlecht, aber sie liegt verschleiert unter
einer merkwrdigen Apathie, die mir eine vllig neue Erscheinung bleibt an den
Franzosen. Eine recht eclatante Dummheit knnte sie wol wieder zur Vernunft
bringen, oder irgend ein vielversprechender Krieg. Nur mit der Industrie allein
ist den Franzosen nicht geholfen, berhaupt dem ganzen Europa nicht. Der
europischen Freiheit fehlt es noch immer an dem allseitig Beglckenden, doch,
hoffe ich, wird ihr auch dies mit der Zeit zu Theil. Gegenwrtig lt sich aber
auf nichts mit Gewiheit bauen. Wer darauf warten will, kann zu Grunde gehen und
als ein gutmthiger Narr der Zeit sterben. Mir wird mchtig bange in Europa, und
ich fange an einzusehen, da die Jugend nicht Unrecht hat, wenn sie eine
schnere Gestaltung der Zustnde herbeiwnscht, oder sich offen und frei als
mde dieses Daseins erklrt. Bitter beklage ich, da ein so mchtig schnes Land
dem Zorn, ich wei nicht welchen Geistes, erliegen mu. Und doch kann ich immer
noch nicht an den Untergang glauben. Es ist gewi nur eine Krisis, die
vielleicht bald vorbergeht. Dann wird sich der alte Welttheil wieder erheben in
seiner ganzen Pracht, und eine Art Instinct lehrt mich frchten fr mein schnes
Vaterland. Denn schwerlich erhlt sich Amerika's Freiheit so lange, als Europa's
Kampf um dieselbe. Und tritt irgend wie einmal ein neuer Umschwung ein, dann
erfolgt eben so schnell auch wieder eine neue Vlkerwanderung. Ueberhaupt glaube
ich, das Wandern der Vlker wird permanent werden. Sollte dies wirklich
geschehen, dann wre aller Welt geholfen, denn nur im Wandel liegt die
unerschtterliche Sttigkeit aller Freiheit. - - -
    So schreibt mir Burton. Ich enthalte mich aller Anmerkungen. Du magst sie
selbst machen, wenn Du glaubst, es bedrfe deren. Jedenfalls ist es interessant,
die Ansicht eines freien Amerikaners ber Europa's gegenwrtige Lage und seine
etwaige Zukunft zu vernehmen. Ein Brief ist kein Buch, aber doch der
unmittelbare Abdruck eines tiefen augenblicklichen Empfindens. Und darin liegt
immer eine groe Wahrheit, die man nie ganz unbercksichtigt lassen sollte. -
    Hier dauern die geheimen Machinationen fort. Ich habe es aufgegeben,
Bardeloh zu gewinnen, suche aber Rosaliens Mismuth durch stten Hinweis auf die
rettende Zukunft zu verscheuchen. Eine Art Instinct lt mich ein merkwrdiges
Vertrauen auf meine Worte setzen, das vielleicht nur Ergebni der Sicherheit
ist, die sich jetzt meines nchsten Lebens bemchtigt hat. Man kann sich nie
genaue Rechenschaft ablegen ber das heimliche Spiel der Seele mit Ruhe und
Unruhe. Ueberdies glaube ich wirklich, Rosalie wird mich mit Auguste und den
Andern begleiten. Bis zum Mai ist es ja noch lange hin!
    Seit Bardeloh so bestimmt fast jeden Verkehr mit mir abgebrochen hat, macht
es mir ein peinigendes Vergngen mich etwas angelegentlicher mit Casimir, Eduard
und Friedrich zu beschftigen. Das ist ein Triumvirat, wie es wol nicht gleich
wieder zusammentreten mchte. - Casimir wird zu Grunde gehen! Das fhle ich tief
und schmerzlich, aber er kann nicht ausdauern in unserer Zeit, selbst nicht in
Amerika. Es gibt eine Art des geistigen Versinkens in geniale Tollheiten, das
fast eben so widerlich ist, als ein sinnlich-thierisches Verschlammen. Sobald
sich ein Mensch heraus nimmt, mit dem Geist der Weltgeschichte (Gott mag ich
hier nicht sagen) Kmmerchen vermiethen zu spielen und dabei unanstndige
Geberden zu machen, wahnsinnige Fratzen zu schneiden, so schttelt er die
Menschheit freiwillig ab. Hat er Glck bei diesem Manver, so wird er ein
groartiges Vieh! Hher aber kann er es nicht bringen. Auf diesem Punkt ist
Casimir angekommen. In ihm waltet eigentlich nichts wahrhaft Heiliges mehr, nur
einzelne Funken, die sich vom rein Gttlichen etwa noch in ihm herumtreiben,
blitzen zuweilen durch die scheuliche Nacht seines chaotisch gewordenen
Geistes. Das ist kein Wahnsinn, auch nicht Bldsinn, es ist die Brunst eines
Genies, das geil geworden ist in unerlaubt raffinirten Schpfergedanken.
Casimir's Geist - erlaube den etwas starken Ausdruck - meckert sich selbst an,
wie ein brnstiger Bock - kann dabei etwas Anderes herauskommen, als das pure
Nichts? Eine geistige Schpfung Casimir's ist eine Zote, die aussieht, als htte
sie die ungezhmte Geistigkeit, oder die schaffende Natur gerissen, in einem
Augenblicke, wo die ordnende Kraft sich von ihr entfernte. Und auf diese geniale
Seelenraserei bildet sich der ideenbesoffene Mensch noch etwas ein! Seinen
Besuch Gottes in der Hlle, eine Tragdie mit umgekehrten Lettern, wie er das
Ding nennt, hlt er fr das grte Product, was je geboren worden ist. Das
confuseste, vielleicht auch das wahnsinnigst genialste mag es unbedingt sein,
aber nur kein Kunstwerk, nur nicht schn! Es ist das Hlichste, was ich kenne,
es kann die Grundzge entwerfen helfen zu einer wissenschaftlich scharfsinnigen
Lehre vom Hlichen. - Und das Ding will Bardeloh drucken lassen! Es mu in die
Welt, sagt der starre Mann, damit Europa sieht, was aus ihm werden kann, wenn
eben nichts aus ihm wird. -
    Das ist sehr witzig von Richard und um diesen Preis mu man dem tollen
Treiben schon billiger zusehen. Vielleicht bewege ich Casimir zur Mittheilung
seiner Schpfung. Dann sollst Du sie spterhin erhalten, und wre es mir auch
erst mglich, Dir sie von Amerika aus zuzusenden.
    Dabei zeigt sich Casimir ruhiger als frher. Nur seine Redeweise bleibt
dieselbe auch, wenn er Sara besucht, die den widerlichen Menschen immer
gewogener wird. Oder lge es wirklich in der Natur der Unschuld, da sie so
etwas ganz auer allem Gewohnten Stehendes anziehend finden knnte, und darin
nur das Gewaltsame der Natrlichkeit erblickte, nicht das Monstrse der
Carikatur, hervorgerufen durch den Gegensatz, der in der Verfeinerung der Zeit
zu Tage liegt? Es mu doch irgend so etwas sein.
    Ich treffe ihn fters bei der schnen Jdin und halte dann Gesprche mit
ihm, die ich lebensgern von irgend einem Geheimschreiber nachgeschrieben
wnschte. Denn das Wenige, was sich etwa im Gedchtni davon aufbewahren lt,
ist doch kaum nennenswerth. Zuweilen kommt auch noch Friedrich dazu, der jedoch
nie spricht, wenn er nicht mit Gewalt dazu aufgefordert wird. Er spielt uns
wunderliche Tnze, Serenaden, Jammeriaden und andere Dinge vor und wei manchmal
auf eine merkwrdig passende Weise unsere Gedanken zu accompagniren.
    Casimir erbarmt mich. Dieser Mensch, so ganz abgestorben dem Leben der Zeit,
fr das er in dem Sinne von uns Modernen durchaus keine Sympathie hat, fhlt
doch das Bedrfni, sich anzuschlieen. Er hat von jeher Alles unter die Fe
getreten und sich dadurch innerlich mit aller Welt verfeindet. Leidenschaft und
Verachtung, selbst der Natur, lieen ihn ausschweifen ber die Gebhr und am
Ende auch den reinen Genu verachten. Nun aber rcht sich die Sehnsucht darnach
und die naive Natrlichkeit in Sara's Wesen hat einen Eindruck auf ihn gemacht,
der, wie die Ahnung der Liebe, sein theilnahmloses Gemth gefangen hlt. Casimir
wird unwiderstehlich hingezogen zu Mardochai's Tochter und wrde vielleicht
Erhrung finden, wre er minder Cyniker und Mardochai nicht Sara's Vater! Ich
begreife nicht, wie sich hier irgend ein dauerndes Verhltni gestalten soll.
Und so oft ich auch diese geschiedenen Naturen betrachte, und von Mitgefhl
hingerissen, beide verbunden wnschte, so oft zerreit Friedrich's parodirendes
Spiel immer von neuem wieder das fertige Netz meiner Entwrfe.
    Neben diesen Beiden rumort Eduard auch wieder nach seiner Weise. Der Mensch
wird jetzt von Tag zu Tag beredter und mag es gern leiden, wenn wir ihn hufig
besuchen. Die gesunde Vernunft geht in einem Tollen eigentlich nicht unter, sie
verpuppt sich nur. Eduard spricht vernnftig, wenn man die Wortmaskerade, die er
dabei aufzufhren sich erlaubt, durchschauen kann. Solche toll gewordene Narren
sind die Schalksnarren des Himmels, ihnen steht es gar wohl an, die
entsetzlichsten Dinge auszusprechen, ohne da sich die ehrsame
Hausbrgerlichkeit der Tugend die Schrze vor die Augen zu halten braucht. Ein
Narr spricht immer noch anstndig, wenn ein Mensch mit gesunden fnf Sinnen
bereits als ein gemeiner Strick von aller Welt geflohen werden mte. Das ist
die gttliche Grobheit des Narrenthums, die allein unangefochten bleibt in
Europa. Es lebe die Narrheit, hoch! Stimme mit ein, Raimund, es geht mir recht
warm von Herzen. Abermals hoch die Narrheit, und nochmals hoch! -

                                      16.



                                 An Ferdinand.

                                                             Den 29. Januar 18 -

    Du erhltst in der Beilage die nthigen Briefe, um meine Angelegenheiten zu
ordnen. Aengstige Dich nicht, Lieber! Es ist nothwendig, da man streng wird
gegen sich selbst. Den Brief an meinen Vater gibst Du erst ab, wenn Du definitiv
den letzten von mir erhalten haben wirst. In einem Vierteljahre ist auch dies
geschehen. Dann zeige Dich wrdig Deiner Stellung und mache Deinem Amte Ehre,
wenn es nthig sein sollte! Mein Vater wird des Trostes bedrfen. Mich schmerzt
schon jetzt sein Kummer, aber ich kann nicht anders. Dieser Gram ist unerllich
und mu sich noch hunderttausend Mal wiederholen, wenn Europa gerettet werden
soll. Die brigen kleinen Zettel gib nach ihren verschiedenen Adressen ab. Du
kannst Dir Zeit nehmen, da es nicht eilt.
    Gestern ist Burton zurckgekommen von Paris. So wenig Muthlosigkeit in dem
Charakter eines chten Amerikaners liegt, so niedergeschlagen erschien mir doch
dieser freie, starke Mann. Dies erst kann uns lehren, wie gewaltsam die Schwche
eines Erdtheils auch den Tchtigsten zu erlahmen im Stande ist. Ich hatte mich
ber den Grund von Burton's Mismuth nicht geirrt. Ein Gesprch, das ich heut
morgen mit ihm hielt, bewies mir dies. Seine Worte besttigten jede Zeile seines
Briefes.
    Machen Sie sich bereit, sagte er zu mir, denn wir mssen reisen, sobald
als mglich. Hier breche ich in mir selbst zusammen, weil Alles gehemmt ist. Ihr
habt ja nicht den Willen, glcklich zu werden. Wie knnt Ihr da leben und
wirken! Nichts wundert mich mehr, als die Zhigkeit, wodurch Ihr das frhliche
Schaffen einer freien Natur manchmal klug genug zu ersetzen wit. Fr mich taugt
dies nichts, auch Sie werden ohnmchtig dabei, oder zum Schurken. Sammeln Sie
also, was Sie bedrfen. Wer uns begleiten will, schliee vorlufig ab mit der
alten Welt. Ich habe nach Rotterdam geschrieben, wo man mir die Fhrung eines
Schiffes anvertrauen wird. Ich erwarte nur bestimmte Antwort, um alsdann
sogleich in See zu stechen.
    Unverzglich setzte ich Auguste davon in Kenntni. Meine eigenen
Angelegenheiten sind bereits ziemlich in Ordnung gebracht. Am meisten Kummer
verursacht mir Rosaliens Trauer ber die Hartnckigkeit Bardeloh's. Nochmals
haben wir alle vereint ihn gebeten, er solle sich losreien von seinem
Vaterlande, das ihm ja doch nichts gibt, als Qualen und Schmerzen, aber dieser
Mann hat ein Herz von kaltem Marmor, oder geht noch mit etwas Groem schwanger
in seinem dstern Geiste. Bald werde ich fast daran glauben, wenn ich seine
abgerissen hingeworfenen Worte zusammenstelle, sein geschftiges, aber geheimes
Thun betrachte und des hufigen Verkehrs mit dem Juden gedenke. Casimir will
thun, was ihm einfallen wird, Eduard kann nicht ohne Bardeloh's Einwilligung
fortgebracht werden, und Friedrich ist so eng an Mardochai gekettet, da es
grausam wre, ihn aus dem gewohnten Kreise herauszureien. So mu ich beinahe
vllig unthtig dem Zufall Alles anheim stellen.
    Die Aufmerksamkeit der Bewohner richtet sich jetzt brigens ausschlielich
auf den nahe bevorstehenden Carneval. Bardeloh hat, wie gewhnlich, bei den
Anordnungen der Festlichkeiten eine Charge und betreibt diese Spielereien mit
einer seltsamen Ernsthaftigkeit. Mehre angesehene Mnner kommen zu ihm, um sich
ber Dies und Jenes zu besprechen, Bardeloh gibt Rath, thut Vorschlge und
befiehlt doch eigentlich, wie immer. Seiner besondern Aufsicht ist der groe
Saal in dem alterthmlichen Kaufhause anvertraut, der Dir gewi bekannte
Grzenich. Letzthin forderte mich Richard auf, ihn dahin zu begleiten. Auch
Felix durfte mitgehen. Der Saal ist nichts weniger, als schn, aber gerumig und
interessant durch seine Bauart. Die Sulen, auf denen das mchtige Gewlbe ruht,
stellen Champagnerglser vor, aus denen statt des Schaumes wunderliche
Carikaturen hervorquellen. Bardeloh lt nun Alles geschmackvoll drappiren, die
ringsum laufende Galerie mit Devisen lustig verzieren, die in Rthselform
abgefat sind. Ueber den Inhalt hat er mir noch nichts gesagt, gewi aber ist er
nicht ohne tiefere Bedeutung. Sein hhnisches Lcheln verrieth es mir.
    Das Fest in diesem Saale, der wohl einige tausend Menschen fat, soll
groartig sein und einem wahrhaftigen Volksfeste nahe kommen. Der Carnevalsjubel
schliet allemal in dieser alterthmlichen Halle, und da es jeder Maske erlaubt
ist, zu treiben, wozu Lust und Laune sie aufreizen, so mangelt es selten an
freien Scherzen, zu denen das so beengte Leben sonst sich nicht oft erheben
kann.
    Ein groer Maskenzug soll das Fest erffnen, und wie ich hre, ist fr
dieses Jahr Bardeloh's gerumige Wohnung zum Sammelplatz bestimmt worden. Daraus
kann ich mir die vielen Maskenanzge erklren, aber noch nicht das Heimlichthun
meines Gastfreundes, der mir immer vorkommt, als handele es sich noch um etwas
ganz Besonderes. Mein Gott, was lt sich denn viel aus einer Maskerade bilden,
und noch dazu bei uns, in unserm lieben Deutschland! Nun, Gott besser's!
    Ein paar Tage vor dem Carneval soll eine groe Feierlichkeit, ich glaube
eine Firmelung, im Dome gehalten werden. Auf diese kirchliche Feier freue ich
mich mehr, als auf den Fastnachtsspectakel. Wol erinnere ich mich, frher einmal
als Knabe einer Firmelung beigewohnt zu haben, aber damals wute ich weder den
tieferen Sinn dieses Sacraments zu erfassen, noch den Gedanken eine Richtung in
die Zukunft der Geschichte zu geben. Beides wird diesmal nicht schwer sein, um
so mehr, als es wol der letzte Act kirchlicher Weihe sein mchte, dem ich in
Europa beiwohne. - Wie sonderbar mir doch bei dem Gedanken an die nahe Abreise
mein ganzes bisheriges Leben erscheint! Mir ist nicht anders, als finge ich
jetzt erst an, in die Welt zu schauen und den Tag zu begreifen mit seinen
tausend widersprechenden Wnschen. Scheiden ist schwer, ich fhl' es, und fr
einen Deutschen immer ein halbes Sterben. Aber die Hoffnung hlt mich aufrecht,
und aus dem Saum der Zukunft, der kaum erkennbar hereinflattert in die
Gegenwart, bilde ich fr den neuen Krper meines unbekannten Lebens auch ein ihm
angemessenes Kleid zurecht. Ich will glcklich sein, wenn ich das Unglck meines
armen Mutterlandes unbehindert werde erzhlen knnen den Vlkern der Zukunft! -

                                                                 Den 31. Januar.

    Ein unerwarteter Zufall hat mich tief bewegt. Aus ihm kann ich lernen, wie
oft wir die Handlungen der Menschen falsch beurtheilen, weil uns die Beweggrnde
derselben nicht bekannt sind. In Lndern, wo die Einfachheit allgemeine Sitte
ist, geschieht dies freilich weniger, aber bei uns, die wir ja fast einzig und
allein nur im Knstlichen noch bestehen knnen, ereignet sich ein so
bedauernswerther Fall fast tglich. Darum fort, fort! Ich will nicht
verschmachten in erkltender Dmmerung, in der Atmosphre eines gesinnungslosen
Gerusches, das man flschlich fr Leben hlt! -
    Trumerisch, wie dies oft einem europischen Menschen geschieht, war ich
hinausgegangen am Rhein. Der Wind wehte scharf von Holland herauf, Schneeflocken
schwankten zitternd und glnzend in der Luft. Der Rhein trieb einzelne dnne
Eisschollen, zum ersten Male in diesem Winter. Mein Geist war in Amerika, die
Zukunft bog sich herein in meine Brust und steckte einen schnen, warmen
Lebenshimmel ber dem zusammenbrechenden alten auf. Ich hatte die Rheinbrcke
berschritten und mich in den kahlen Alleen von Bellevue verloren. Vor mir sah
ich auf einer der hher gelegenen Terrassen eine dunkle Gestalt hin und her
schwanken. Ich hielt es fr Tuschung und kmmerte mich nicht weiter darum. Die
nchsten Tage ngstigten mich, Bardeloh's geheimes Walten ergriff wie
Fieberhitze mein ganzes Wesen, ich glhte, fing an murmelnd zu phantasiren und
fhlte mich recht elend. Da hrte ich einen tief gezogenen Seufzer in meiner
Nhe. Die Dunkelheit ist geneigt, durch jeden ungewohnten Laut unser
Nervensystem in eine zitternde Bewegung zu versetzen. Meine Gedanken flohen wie
schchterne Rehe in das Dunkel ihrer Wohnsttte, ich lauschte aufmerksam und
gewahrte, den Rcken mir zugekehrt, auf einer Bank der obersten Terrasse einen
Mann sitzen. Gestalt, Haltung und Kleid lieen mich Mardochai erkennen. Die
Wolken enthllten auf einige Zeit die wankende Sichel des Mondes, ein heller
Strahl fiel auf des Juden bleiches Gesicht - ich glaubte eine tiefe Bewegung
darauf zu lesen.
    Neugier und eine Art Theilnahme, die fast an Freundschaft grenzte, so wenig
ich mir dies selbst gestehen mochte, trieben mich an, dem Rthselhaften nher zu
treten. Eine Zeit lang bemerkte er mich nicht - dumpf vor sich hin murmelte er
Worte, und Seufzer, die mir gleich unerklrbar blieben, stiegen schwer aus der
beengten Brust. Ein Gerusch, das ich absichtlich machte, verkndigte ihm meine
Anwesenheit.
    So allein? fragte er, die Maske der Gleichgiltigkeit mit gewohnter
Verstellungskunst seinen Mienen anlegend.
    Allein, wie Sie, versetzte ich. Unruhe macht menschenscheu, Unglck
trumerisch. Deutschland ist so trumerisch geworden, weil es so lange nach dem
Glcke rang.
    Das ist eine sehr trgerische Psychologie der Lnder, die Sie da zum Besten
geben, erwiederte Mardochai, stand auf und ergriff meinen Arm. Wre
Vlkerunglck wirklich geeignet, Trume zu erzeugen, so mte mein Volk am
meisten daran leiden. Und das werden Sie doch wol nicht behaupten wollen?
    Ich wrde es, hielt Ihr Volk die Rache, der Ha und andere Leidenschaften
nicht von dem trumerischen Wesen zurck. Ich habe auch schon trumerische
Israeliten gekannt.
    Sie wollen mich foppen, sagte Mardochai, ich verstehe. Begleiten Sie
mich; grade heut knnte es gut sein, wenn wir uns etwas tiefer gegenseitig in's
Herz blickten. Es ist schade, da Sie Christ sind.
    Nicht mehr, als da Sie Jude bleiben, entgegnete ich und drckte
krampfhaft die Hand meines Begleiters.
    Auch mglich, sehr mglich! Doch knnen Sie jetzt eben die Sonne scheinen
lassen?
    Warum?
    Nun stnde dies in Ihrer Macht, so wrde ich wol auch ein Christ sein
drfen.
    Der ganze Starrsinn dieses grbelnden Mannes sprach sich in dieser Antwort
aus. Wir gingen schweigend nebeneinander her ber die Brcke nach Kln hinber.
Am Rheinberge wollte ich mich von dem Juden trennen.
    Sind Sie so eilig? fragte er mich mit einer Stimme, die fast liebevoll
bewegt klang. - Ich zauderte einen Augenblick, meine Hand ruhte in der seinen.
Mardochai ging fort und zog mich fast willenlos mit sich. Begleiten Sie mich in
mein Haus, sprach er in demselben Tone, es wre mir peinlich, wenn grade Sie
einen falschen Begriff von mir festhielten. Ich bin nicht Alles, was ich
scheine.
    Ohne zu antworten, folgte ich der Einladung. Mardochai fhrte mich in das
lngst bekannte Zimmer. Sara war nirgends zu sehen, berall tiefe Stille. Der
Prunk war verschwunden, an die Stelle des orientalischen Luxus war
abendlndische Nchternheit getreten. Es befanden sich Kisten und Ballen auch in
diesem Zimmer, mit einer unzhligen Menge von Kleinodien bedeckt, wie die
katholische Kirchenandacht sie um wenige Kreuzer an allen Straenecken und sehr
oft auch in den Hallen ihrer Tempel selbst verkauft.
    Dieser Anblick weckte meinen Stolz, mein Selbstvertrauen. Ich stie unwillig
die Hand des Juden von mir und blieb mit finstrer Stirn unter dem Krame stehen.
    Nun ja, sagte Mardochai achselzuckend und seufzend, indem er auf einem
einfachen Sessel Platz nahm und mir ein gleiches Mbel zurecht stellte, so seid
Ihr Christen alle, und doch verlangt Ihr, es solle besser werden! Die alten
Versndigungen, die wir uns gegenseitig nicht vorzuwerfen, sondern zu verzeihen
haben, sollen vergeben und vergessen sein!
    Juda's Stamm will es nicht, fiel ich ein, selbst wenn die Christen groe
Opfer dafr bringen.
    Mich wundert's, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hren, gegenredete
Mardochai, nicht weil mir diese Bemerkung neu ist, sondern weil Sie ein
Heuchler sind. Ihr Herz schlgt anders, als Ihre Zunge. Jenes tnt
Nachtigallmelodieen und diese zwitschert wie ein dummer Staar.
    Mein Herr, fiel ich entrstet dem Juden in's Wort, Sie erlauben sich
Redensarten, die -
    Ihnen das Blut zu Kopfe steigen lassen, ergnzte Mardochai. Sehr richtig,
und das bezwecke ich grade. Bald werde ich mir noch ganz andere Dinge erlauben,
damit Ihren Brdern Zorn und Schamrthe zugleich das Blut in's Gesicht jagen.
Anders kann man nicht mehr Eindruck machen und Gutes stiften. - Indessen lassen
wir das. Ich will Ihnen nur einige Neuigkeiten theils zeigen, theils erzhlen.
    Ein Wandschrank ffnete sich unter dem Druck seiner Hand. Mardochai nahm die
silbergestickte, feine und weischimmernde Thalis aus der Vertiefung, wickelte
sie auf und lie einige Papierrollen daraus zu Boden fallen. Betrachten Sie
diese Schriften, sagte er ruhig zu mir, indem er das Zeichen der Andacht leise
mit den Lippen berhrte und sorgfltig wieder im Schranke verwahrte.
    Aufmerksam betrachtete ich die Rollen. Es waren mit vielem Geist und
Scharfsinn verfate Petitionen an verschiedene Regierungen, in denen auf eine
eben so einfache, als bescheidene Art und Weise die Grnde fr die
Nothwendigkeit einer baldigen Emancipation der Juden aus einander gesetzt
wurden. Diesen beigefgt waren die abschlgigen Antworten darauf. Und wozu
zeigen Sie mir diese Schriften? fragte ich. Es ist allgemein bekannt, da
nicht allein die Regierungen, sondern auch die Vlker auf diese Vorschlge nicht
eingehen knnen.
    Sagen Sie lieber: nicht eingehen wollen, erwiederte Mardochai. Allein
davon abgesehen, fuhr er fort, was, glauben Sie, mu ein Volk thun, das ohne
Vaterland, ohne Staatsverfassung, zerstreut auf der ganzen Erde umherirrt, und
dem es nicht nur Sache der Existenz, sondern auch des Herzens ist, sich ein
Vaterland zu erringen, wenn ihm jeder Weg vermauert wird, der es zu einem
solchen Besitzthum fhren knnte?
    Die Antwort ist sehr einfach, sprach ich, obwol mit Zagen und nicht aus
voller Ueberzeugung, dieser Stamm mu Theil der Vlker werden durch den
Uebertritt zur Religion dieser Vlker.
    Wren Sie nicht zu verstndig, um die Albernheit Ihrer Behauptung selbst
einzusehen, so wrde ich Sie thricht schimpfen, versetzte mit Lcheln der
Jude. Angenommen inde, Ihre Aeuerung sei Ihnen auch Ueberzeugung, so
vernehmen Sie meine Erwiederung darauf. - Mardochai rollte die Papiere wieder
zusammen und legte sie vor sich auf eine der Kisten.
    Ihr Christen werft den Brdern meines Stammes vor, sie hingen zu fest und
innig an einander, um ihnen durch eine Gestattung gleicher brgerlicher Rechte
einen Vortheil zu gewhren ber die minder einige Brderschaft der Christen.
Diese Folgerung ist richtig, doch wahrlich nicht eben sehr ehrenwerth fr Euch.
Spren wir nun dem Grunde dieser Erscheinung nach, ganz unbefangen, ohne
Bitterkeit. - Der Jude ist seit Jahrhunderten gedrckt, gepeinigt, gehhnt
worden von den Christen und hatte dieser grlichen Qual nichts
entgegenzusetzen, als den Stolz der Ausdauer, den Muth einer erheuchelten
Demuth, geschminkt mit dem Herzblut des furchtbarsten Hasses. Consequenz ward
des Juden Religion, das Bewutsein, listiger zu sein als menschlich, entwrdigte
ihn ffentlich vor dem Auge der Welt, ehrte ihn aber doch in der Tiefe seiner
Seele. Der Adel einer Rache, deren Ausfhrung abzweckt auf Befreiung aus den
himmelschreiendsten geistigen Fesseln wird nur von groen Herzen gefhlt, von
tiefen Geistern begriffen. Die Juden erduldeten Alles, um damit jene Snde
abzuben, die sie meinethalben begangen haben mgen durch die Kreuzigung des
Gottmenschen. Ich will und mag darber nicht sprechen, es sind achtzehnhundert
Jahre vergangen, und gbe es einen Gott, der so lange strafen knnte - wahrlich,
so wie ich dies mein Kleid hier zerreie, so vernichtete ich den Gedanken in mir
an diesen Gott! Mit den Seelenschmerzen eines Volks darf auch ein durch Irrthum
einmal verhhnter Gott nicht Wucher treiben! -
    Sagen Sie nicht etwa, die Christen hatten den Juden irgend etwas geschenkt
fr jenen Frevel an ihrem Gott. Die Juden haben hohe Zinsen dafr gezahlt. Die
Zeiten, sagt man, sind milder geworden, der Ha ist verjhrt, die Gerechtigkeit
der Weltgeschichte verlangt eine Ausgleichung. Sehr wohl, ich bin es zufrieden.
Die Edelsten von Euch sind geneigt, den Juden zu gestatten, was der Mensch
fordern mu, wenn er sich selbst als Mensch achten will, aber Millionen schreien
Wehe! wie ehemals der Wahnsinnige auf den Mauern Jerusalems. Woher erschallt
dieses entsetzliche Wehe? Aus der ledernen Kehle eurer Geldbeutel! - O,
erschrecken Sie nicht, ich will blos verstndlich sprechen! Der verachtete Stamm
Juda's bittet um Ertheilung der Menschenrechte, in soweit diese von den Christen
selbst besessen werden. Er stellt diese Bitte im Gefhl seines religisen
Schmerzes, nicht aus Eigennutz. Die Christen aber bringen nicht jene Wehmuth in
Anschlag; sie berechnen nur den Zinsfu, betrachten die Brsenlisten und
vergleichen genau den Stand der Metallique's, der Staatsschuldenscheine, des
goldenen Kalbes, um das die Welt in wilden Sprngen tanzt. - Sein Sie gerecht,
Sigismund, und urtheilen Sie selbst, wer hier edler verfhrt! - Ich will meine
Stammesbrder nicht vertheidigen. Es ist ein schmutziges, feiges, oft
nichtswrdiges Gesindel, aber nach der Ursache dieser Erniedrigung sphe ich
gern umher, und ich finde sie in den Verwnschungen, die man ber Israel's
Kinder aussprach.
    Gehen Sie noch einen Schritt weiter mit mir. Viele von Ihnen fhlen, da es
grausam ist, den Edlen unsers Stammes eine Emancipation gnzlich abzuschlagen.
Man will mild sein und lt Gnade fr Recht ergehen, etwa wie der gerechte Frst
einen zum Tode Verurtheilten mit lebenslnglichem Kerker beschenkt - man schlgt
vor, uns zum Theil zu emancipiren! - Ich htte ein solch nchternes, unedles
Spiel den christlichen Vlkern nicht zugetraut. Diese Gnade ist entsetzlicher,
als die grausamste Ungerechtigkeit! - Andere sagen: werdet Christen und Ihr seid
gleich den Geringsten unter uns! Wiederum sehr wahr; doch bedenkt man nicht, da
eine Religion, die sich so lange aus ihren Schmerzen Trost gesogen hat, etwas
Hochheiliges in sich bewahren mu, wenn man auch nicht Rcksicht nehmen wollte
auf die Lieblosigkeit einer derartigen Forderung, noch dazu von Vlkern, deren
ganzer Glaube nur auf Liebe gegrndet sein soll.
    Mardochai schien ergriffen, er legte die Hand an seine Stirn und verdeckte
eine kleine Weile sein Gesicht mit dem dunklen Talar. Ich betrachtete den
trauernden und doch so stolzen Mann, Mitleid und Furcht bewegten mich gleich
stark.
    Warum aber, fiel ich ein, warum wollen Sie nicht, eingedenk Ihres ersten
Frevels, auch einen entgegenkommenden Schritt thun? Knnen Sie nicht Beruhigung
und Trost finden selbst fr tausendjhrigen Kummer in der Religion der Liebe?
    Langsam enthllte Mardochai sein Antlitz. Das schwarze Gewand sank nieder,
wie Lavaasche, unter der hervorleuchtet der glhende Kegel eines feuerflammenden
Gebirges. Mardochai's Antlitz schien Funken zu sprhen, noch nie hatte ich die
erhabene Herrlichkeit des Zornes in so gttlicher Schnheit bewundern knnen.
    Und Sie wagen es, ein solches Wort auszusprechen? flsterte mit
zornbewegter Zunge der geheimnivolle Jude. Sigismund, fuhr er fort und stand
auf, seht, das ist es, was mich von Euch und Eurer Religion zurckschreckt.
Wret Ihr Christen so einig, so ganz, so im Hasse verbunden, so liebebegeistert
einig, Ihr knntet nie eine hnliche Frage thun! Aber Ihr prahlt mehr mit dem
hohen Geschenk des erbarmenden Gottes, als Ihr es achtet. Ihr pocht auf Euer
Vorrecht, das Ihr ohne Mhe gewonnen habt durch den Zufall der Geburt, wir Juden
aber lieben und ehren unsern Glauben, obwol er nur Schmach und Verachtung ber
uns gebracht! Wer ist der Grere?
    Stolz und Hartnckigkeit ist nicht Gre, fiel ich beschmt ein, ohne es
merken zu lassen.
    Freilich nicht, sagte Mardochai, dennoch finde ich mehr Adel in diesem
Stolz, der sich sttzt auf Glaubensmysterien, als in jener kleinlichen Neckerei,
die wie ein ungezogenes Kind blos den Willen behalten will, ohne auf die
Heiligkeit der Weigerung zu achten, die uns abhlt, Gebrauch zu machen von den
gethanen Vorschlgen.
    Mardochai, unterbrach ich den Redenden, ich wei Ihre Grnde zu ehren,
darum verlange ich auch von Ihnen Gerechtigkeit. Ihre Glaubensgenossen sind
grtentheils eben so bld und kurzsichtig, als die meinigen, nur den pecuniren
Gewinn mgen sie schlauer zu handhaben verstehen. Der gemeine Jude ist
hartnckig aus Gemeinheit, und wol auch tief wurzelndem Hasse, wie der gemeine
Christ. Es knnen also bei der Emancipationsfrage nur die Edlen zu Rathe gezogen
werden. Nun denn, so verlange ich von dem hochgebildeten Juden, da er Christ
werde, um dadurch die Emancipation factisch befrdern zu helfen und seine minder
gebildeten Glaubensbrder zu hnlichen Schritten zu veranlassen.
    Du wirst den Kopf schtteln ber diese Worte, die Du mit meinen sonstigen
Ansichten wol schwerlich in Einklang bringen mchtest. Und daran thust Du recht.
Ich war nicht ehrlich, whrend ich so sprach, aber ich wollte den Juden zwingen,
sich ganz vor mir zu enthllen, und ihn durch Opposition zu Gestndnissen
bewegen, die sonst wol schwerlich ber seine Lippen gekommen wren. Meine
Absicht wurde zum grten Theile erreicht.
    Auf diesen Vorschlag, sprach Mardochai, sage ich blos, da ich ihn
unmoralisch finde und deshalb verwerflich. Der Fhrer darf seine ihm anvertraute
Heerde nicht verlassen. Das wissen Sie eben so gut, als ich. Unsere
Glaubensbrder wrden uns nicht folgen, sondern uns blos strafen mit Verachtung.
Ihre Hartnckigkeit aber wrde wachsen und die Fessel der Satzungen alle
Herrlichkeit, allen tieferen Geist in ihnen vollends erdrcken. Die Sache liee
sich einfacher lsen und naturgemer. Wollt Ihr Christen uns wirklich
betrachten als einen Volksstamm, der Euch nachsteht an innerer Civilisation,
gut, thut es! Doch zeigt Euch dabei als liebende Christen, und seid als solche
Menschen! Drckt dem Philisterthum, der Kleinigkeitssucht, der Pedanterei, die
Augen zu, setzt Euch selbst der Gefahr aus, reell bervortheilt zu werden von
der Schlauheit unseres Stammes, die Folge einer in Schmutz entstandenen
Entsittlichung ist. Es wird Euch Ehre bringen und Frchte. Emancipirt uns und
Ihr macht alle Juden dadurch allein schon reif zum Christenthume. Indem Ihr den
Juden gleiche Interessen einflt mit Euch, kettet Ihr sie an Euch, der Ha
verliert sich, schlgt um in Liebe, die Macht der Satzung fllt, weil sie keinen
Haltpunkt mehr hat in der frheren Abgeschlossenheit, und wenige Jahrhunderte
werden gengen, die Juden zur Taufe eilen zu sehen, jetzt nicht mehr aus
weltlichen Rcksichten und blos zum Schein, sondern aus innerm Herzensdrange! -
Und warum ist man nicht darauf eingegangen? Warum hat Niemand den Schmerz
empfinden wollen, den ich als ein Kind dieses unglcklichen Volkes fhle und
auszusprechen wagte, um es zu retten? Glaubt man uns durch die Verweigerung
einer nur menschlichen Forderung zu zwingen? O, der Schmerz ist allmchtig, wie
die Rache! Er ist das Samenkorn der Rache, das aufschiet aus ihm und noch
grauenhafte Frchte tragen wird! - Sigismund, ich that Alles fr mein Volk; ich
war ruhig, ich war ein Knecht, ich bat, ich flehte, ich kroch mit zitternder,
angstgebrochener Lippe von Thron zu Thron und berhrte den Purpursaum der
Majestt, das Hoffnungsroth fr mein Volk - aber ich fand kein Gehr, keine
Erwiederung meines bittenden Schmerzes! - Da ging ich heim in meine Kammer und
zog zu Rathe den Geist, der sich nhrte im Giftschaum jener Leiden, die
Jahrtausende lang der Uebermuth der Christen ber uns verhngte. Ich ging zu
Rathe, sage ich, mit Blut und Fluch und Tod, mit den Seufzern, begraben in den
Hhlen der Folterkammern, verpuppt im trben Gespinnst, das sich ansetzt an den
ekelfeuchten Wnden der Kerker. In diesen Nestern, wo der Schmerz meines Stammes
vergeblich sich versteckte, fand ich die Nothwendigkeit, gewaltsame Schritte zu
thun, um Gerechtigkeit zu erlangen noch whrend meines Lebens. Funfzehn Jahre
und drber bltterte ich in den Anhngseln der Weltgeschichte herum, um mir
Gewiheit zu verschaffen ber das, was wir gelitten haben. Mein Muth wuchs mit
meinem Zorne. Ich ward zum Lsterer fr das Heil meiner Brder; ich sndigte
furchtbar vor dem Herrn, ich ward ein Verworfener fr die zuknftige
Emancipation der Juden. -
    Mardochai hatte die letzten Stze mit strafendem Prophetenfeuer gesprochen.
Jetzt schien eine Wehmuth ber ihn zu kommen, vor der sich selbst der Stolz und
die Kraft seiner irdischen Bestimmung auf kurze Momente zurckziehen mute.
Gesammelt erfate er meine Hand.
    Letzthin, fuhr er fort, fhrte ich sie mit Ihrem damaligen Begleiter in
ein Gemach, wo Liebe und Ha sich stritten um den Vorrang. Damals haben Sie mir
geflucht, ich wei es; jetzt erinnere ich Sie nochmals daran und frage zugleich,
ob Sie nunmehr Gleichmuth's, Casimir's, Friedrich's Lebenswege begreifen? -
    Er schwieg, sein dunkles Auge ruhte forschend auf mir, mit der weien Hand
spielte er mit dem schimmernden lang herabwallenden Barte. Entsetzlicher! rief
ich aus, Deine Snden waren grlicher als Deine edlen Absichten, durch die
jene hervorgerufen wurden.
    Das ist ein Irrthum, versetzte Mardochai, und ich glaube nicht daran.
Wren Sie ein Jude, htten Sie, wie ich, sich bemht um das Recht, Mensch sein
zu drfen bei dem Bewutsein, es mehr als hunderttausend Andere zu verdienen,
und htte mit der Bitte sich jede erdenkliche That schchtern, aber doch sicher
vereinigt; so wrden Sie nach jeder neuen zerschlagenen Hoffnung auch wie ich
rachedster umhergeschlichen sein auf dieser Erde. Ich nhrte meinen gerechten
Ingrimm mit altem Schmerzensweine. Ich trank zu viel davon, ich ward halb
wthend, und in dieser Halbraserei des zrnenden, gemihandelten Menschen that
ich, was Sie wissen! - In meiner Rache wirkte ich liebend fr die Zukunft meiner
Brder. Ich schacherte mit des Christenthums Geist fr die Befreiung Juda's aus
seiner Sclaverei. Meine Rache verschaffte mir die Mittel und meine Liebe wei
sie zu ntzen fr einen Zweck, den nur die Zukunft der Geschichte begreifen
wird! -
    Mardochai, rief ich aus, als die Scheu vor dem Gestndnisse ihn in sich
selbst erbeben machte, Mardochai, hren Sie auf, der richtenden Geschichte
vorzugreifen! Es ist schon zu viel gefrevelt worden, und nimmer kann der Friede
ihre Schritte begleiten!
    Friede! wiederholte grollend der Jude. Den suche ich nicht, den mag ich
auch nicht. Mein Amt ist die Vorbereitung der Erlsung meiner verachteten
Brder. Darum ward ich ein gemeiner Schacherjude und verkehrte mit dem Auswurf
der Menschheit, ohne nach ihrem Bekenntni zu fragen. Erst, wenn ich errungen
habe, was ich bezwecke, will ich rasten, und das Uebrige der Langsamkeit des
Ewigen berlassen.
    Ich sollte meinen, Sie wren lngst am Ziele, versetzte ich, weil ich noch
ein Geheimni enthllen zu knnen glaubte.
    Noch nicht, doch bald.
    Lassen Sie ab! rief ich halb bittend, halb befehlend, und erfate
Mardochai's beide Hnde. Genge es Ihnen, da Sie zwei Christen elend gemacht
haben durch Ihre Rache und einen bewegen, Sie zu bitten, wie ich.
    Sie sind kein Christ im Sinne jener, sagte er kalt und entzog mir seine
Hnde. Ueberdies lasse ich mich nie von Andern bestimmen. - Wir standen uns
wie zwei Todfeinde gegenber, die beide die Tapferkeit, den Muth, den Stolz der
Gesinnung im Andern achten.
    Finden Sie Befriedigung in Ihrem Cultus? fragte dumpf Mardochai.
    Mein Leben gibt Ihnen Antwort.
    Warum sagen Sie sich nicht los von der Gemeinschaft, offen, entschieden?
    Die Grnde liegen in Ihrem eigenen Festhalten an Moses Lehre.
    Nur zum Theil, sagte der Jude, denn unser Bekenntni ist schn in seinen
Irrthmern, das Ihrige aber sollte ganz davon frei sein. Sie alle fhlen dies,
wagen aber kein Wort darber auszusprechen. Die Feigheit macht Sie zu Tyrannen,
ungerecht, sclavisch, gotteslsterlich, irreligis, zu Feinden der Freiheit des
Gedankens, zum Henker desselben Gottes, den Sie anzubeten vorgeben! Wie glauben
Sie diesem grauenhaften Unfuge steuern zu knnen?
    Ich zuckte die Achseln. Hoffnung, die Zukunft, - Geduld. -
    Nein, schrie Mardochai mit einer Stimme, die noch jetzt in meiner tiefsten
Seele fortwimmert, nur eine That kann helfen und zwar - eine recht grauenhafte!
Euch mu man hhnen! Gott mu sich von Euch abwenden, die Wolken mssen wie ein
sprudelnder Giftschaum des emprten Himmels ber Eure Hupter hinstreifen, sonst
seid Ihr nicht zu retten! Hohn aber wird Euch wieder aufrtteln und lehren, da
Ihr nichts besitzt, als die schalste, dmmste Ergebenheit. Was ist das hier?
    Mardochai hatte eine Schnur ergriffen, die jenen Vorhang zusammenhielt,
hinter dem ich zuerst Sara in den reizendsten Stellungen einer Odaliske, nur
umflossen vom Zauber der Unschuld, erblickt hatte. Der Vorhang fiel auseinander.
Die Maske eines lebensgroen Christuskopfes mit wunderbarer Geschicklichkeit auf
in Wachs getrnkte Seide gemalt, ward sichtbar. Sie verdeckte die Bste, die ich
schon frher bemerkt hatte, und ward von starken, seidenen Schnren an derselben
festgehalten. Erstaunt sah ich den Juden an. Was soll Ihnen dies? fragte ich.
    Mich aufrecht halten und Euch Christen zu der Ueberzeugung bringen, da ihr
wirklich sehr mhselig seid und an dieser Krankheit hinsiechen werdet, knnt Ihr
Schein von Wahrheit nicht unterscheiden.
    Der Vorhang fiel wieder zusammen, ich sank auf den Stuhl zurck und
verdeckte mein Gesicht. Ich war nicht im Stande, Mardochai's Worte zu deuten.
Der Jude berlie mich meinen schmerzlichen Gedanken, ich hrte ihn langsam auf
und nieder durch das Zimmer schreiten. Drauen an der Thr vernahm ich ein
Schlrfen, als entferne sich Jemand behutsam. Auch ein gewaltsam unterdrcktes
Lachen glaubte ich zu hren. Der Jude achtete nicht darauf. -
    Es mochte wol eine Viertelstunde vergangen sein, die uns beiderseits mit dem
Belauschen unserer verborgensten Gedanken beschftigte, als Mardochai's Hand
sich kalt an meine Stirn legte. Unwillkrlich fuhr ich zusammen. Gehen Sie,
redete er mich an, unser gegenwrtiges Zusammensein mu Ihnen gengen knnen,
um mich zu begreifen. Sie haben die Wahrheit gehrt, es drngen sich keine
schwlstigen Geheimnisse mehr zwischen unsere Herzen. Was auch noch geschehen
mag, bevor Sie Europa fliehen wollen, ich hoffe von Ihnen auf eine gerechte
Beurtheilung. Die Zeit ist unsere Mutter; da sie aber klirrend in hundert Ketten
einhergeht, so rasseln auch wir mit diesem Geschmeide. Wer sich am wildesten
schttelt, der ist der lustigste Gaukler. - Das bedenken Sie, dann entgehen Sie
der Misdeutung Ihres eigenen Herzens.
    Als ich, berwltigt von dem auerordentlichen Gemisch von Edelmuth,
Hochsinn und zgelloser Rachsucht in diesem Charakter den Juden verlie, sah ich
von der Hausthr eine Gestalt hinweg schlpfen und mit schnellen Schritten in
den Straen der Stadt verschwinden. Ich hielt den Schatten fr Friedrich und
hatte kein Arg. In Bardeloh's Hause war Alles ruhig, mein Gastfreund schien noch
beschftigt. Erschttert, von den widersprechendsten Gedanken gengstigt,
verlebte ich die Nacht und war froh, als die spte Morgensonne wieder Licht in
das Dunkel meiner Seele go.
    Wider alles Erwarten berraschte mich am frhen Morgen Casimir durch einen
Besuch. Diese Ehre war mir noch nie wiederfahren. Es mute eine eigene Bewandni
haben, wenn Casimir sich die Mhe nahm, irgend Jemand ohne zehnmalige
Aufforderung zu besuchen. Er sah berwacht, zerrissen aus. Seine Augen glhten
und waren entzndet. Ohne Complimente trat er vor mich hin und sprach:
    Was thut ein Mensch, wenn ihn ein toller Hund gebissen hat?
    So viel ich gehrt habe, soll er meistentheils in die Hundswuth verfallen.
    Das heit kurz und bndig, dieser Gottheitsharnisch, Kopf genannt, findet
es billig, sein Inneres mit Bestialitten auszustopfen, und das Blut kochen und
glhen zu lassen, bis der ganze Plunder zum Vieh wird. Rasen und Toben sind
keine menschenwidrigen Dinge.
    Man erlebt's wenigstens oft genug, warf ich ein, verwundert ber dieses
Gesprchsthema.
    Das Beien ist einem hundstollen Menschen doch auch erlaubt? fragte
Casimir.
    Wenn einer die Jacke der Vernunftlosigkeit anzieht, lieber Casimir,
versetzte ich, so finde ich es sehr praktisch, da er consequent die Rolle
durchfhrt, die er nun einmal bernommen hat.
    So denk' ich auch, und das ist gut! Wie denn aber, kann ein hundstoller
Kerl nicht auch beien, zerknirschen und zermalmen, wen er will? Oder darf er
sich just nur an das bissige Beest wenden, dem er die Toll-Virtuositt zu
verdanken hat?
    Mich begann diese hundstolle Verhandlung zu ergtzen. Casimir, sagte ich,
meines Erachtens darf sich ein genialer Rasender ganz und gar nicht geniren,
ich wenigstens wrde mich jedem Gelst hingeben, und zerbeien, zermalmen und
zerknirschen, was mir eben in den Weg kme. Das finde ich gentil gehandelt von
einem Tollen. Ich halte ein solches Gebahren fr das vollendetste Dandyleben
eines Hundstollen.
    Gut, erwiederte Casimir, das wollte ich nur wissen. Nun wundere Dich aber
nicht, wenn die Tollwuth recht bald ganz genialiter sich gebehrden wird. Ich bin
hundstoll und habe sehr viel zu zerbeien. Fleisch und Knochen, Haut und Haar.
'S wird sich ein hllisches Gequick erheben. - Kerl mit den genialen Ohren, Du
solltest mein Obersattelmeister werden bei dem Ritte, den ich mir jetzt eben
bestellt habe, wre die Natur nicht eiferschtig.
    Lachend verlie er mich nach diesem unverstndlichen Kauderwelsch, in das
ich jetzt noch keinen Sinn zu bringen wei. Es mu ihm irgend etwas Bitteres
begegnet sein, der Himmel mag wissen, durch welchen Zufall! Uebrigens zeigt er
sich seit dieser Stunde ernsthafter und gemessener als frher. Er bleibt auf
seinem kniglichen Glterstalle, wie er sein Zimmer nennt, arbeitet nach
seiner Weise fleiig und geht nur Abends auf wenige Minuten aus, um dreimal um
den Dom zu laufen. Dies thut er meist im Schlafrocke, ohne sich im geringsten zu
geniren, ohne Hut, oft auch ohne Stiefel oder Schuhe. Die Nacht ber schreibt er
wieder, oder spielt das Geschriebene, es laut declamirend, sich selber vor.
Bardeloh sagte mir erst heute, da er hre, wie er sich seines Talentes freue.
Einen Mimen wie mich, hat er letzthin gesprochen, knetete noch keine Zeit
zurecht. Ich wrde Deutschlands Bhne retten, wollte man mich nur spielen
lassen, wie der Geist meiner Arbeiten es mit sich bringt.
    Darin will ich ihm Recht geben, der Geist seiner Arbeiten bringt es aber mit
sich, da ein Schauspieler von gewhnlichem Talent eben gar nichts mit einer
solchen Rolle anzufangen wei. -
    Lege nun auch diese neuen Mittheilungen liebend zu den frhern. Bald wird
sich die Reihe derselben schlieen und Du alsdann zurcksinken in den alten
Frieden, der Dich beschirmte, ehe die Leidenschaftlichkeit meiner Natur den
schimmernden Nebelschleier zerri. Mein nchster Brief soll wieder Deinem Bruder
angehren; ich selbst bin begierig, wie der Stoff dazu sich gestalten wird, ob
glckverheiend oder unglckdrohend. Diesen Ku Deinem Herzen, das ich zu
schtzen wei, selbst wenn seine Schlage nicht die Pulse des meinigen zu zhlen
vermgen. Ich bitte nur um stille Duldung, eine laute wrde ich zurckweisen,
weil ich selbst ffentlich nichts weniger als mild und nachgiebig auftreten mag.
-

                                      17.



                                  An Raimund.

                                                           Kln, den 8. Februar.

    Dicht am Pulverfa glimmt die Lunte, der Vulkan, auf dem wir stehen, fngt
an zu zittern, jede Minute kann ihn ffnen und in Rauch und Flammen weit und
breit Verwstung ausspeien lassen. - Diesen Eingang wirst Du nicht verstehen,
und wohl Dir, wenn Dein Lebensweg Dich immer fern hlt von diesem Verstndni.
Oder soll ich wehe rufen? Fast bin ich mir selbst nicht mehr klar ber den Werth
oder Unwerth des groen Schmerzes, der ein Vater ist jener Weltpoesie, von
welcher schon die ersten blhenden Klnge in die Zukunft hineingren. -
    Das Fest der Firmelung ist vorber. Ich wrde schweigen, beging ich dadurch
nicht einen Verrath an der Geburt, die sich unter furchtbaren Wehen an den Tag
der Freiheit drngt. Raffe Deinen Mannesernst zusammen, knpfe die Enden der
Schellenkappe als Fhlfden der kommenden Lust um die finstern Falten der
schwlen Gegenwart, und so, halb Faust, halb Don Juan, halb Eulenspiegel, strze
Dich mitten in den heulenden Schlund, in dessen Tiefe die Grauen der
Gerechtigkeit zu Gericht sitzen ber die Frevel der Vlker. -
    Die Stadt war allgemein festlich bewegt, selbst Bardeloh, sonst kalt und
schneidend hhnisch, zeigte eine Art passiver Theilnahme. Er wehrte Felix nicht,
mit mir den Dom zu besuchen. Der Vormittag verging mir recht angenehm unter
Gesprchen mit Rosalie und Burton, der seit einigen Tagen unser Gast ist. Felix
nahm, wie gewhnlich, auf seine harmlose Weise daran Theil. So begierig der
Amerikaner auch ist, einen tiefern Blick in die verschiedensten Zustnde unseres
deutsch-europischen Lebens zu thun, lange festhalten kann man ihn nicht. Man
sieht es dem krftigen Menschen recht an, wie fremd und gewissermaen abstoend
diesen rein thatkrftigen Naturen das bloe Besprechen ist. Sie haben keinen
Mastab fr diese unsere Pein. Sie begreifen kaum, da der Zwang der
Verhltnisse uns allen nur die Rede als Schmerzensstiller, statt der entrissenen
That in die krampfhaft zuckenden Hnde gegeben hat. Ich bemerkte irgend etwas
derartiges, um Burton's Meinung zu hren.
    Ich kann nicht widersprechen, antwortete er mir, eben so wenig, als ich
Euer vieles Reden zu billigen vermag. Wenn Ihr nun einmal ein Abkommen trft
unter einander, es sollte Jeder nur ein paar Monate hindurch die halbe Zahl der
gewhnlichen Worte verbrauchen und dafr grade die Hlfte mehr thun, glauben Sie
nicht, da von selbst, ganz ungerufen, gewaltige Thaten geschehen wrden?
    Nein, versetzte ich, nimmermehr! Sie gehen von ganz falschen Grundstzen
aus. Hindern Sie uns am Reden, so wissen wir uns im Trumen zu entschdigen, bis
zur That aber kam' es gewi nicht.
    Das ist traurig, mchtig traurig!
    Ich mu unserm Freunde beistimmen, fiel Rosalie ein. Im Allgemeinen hat
Sigismund recht, ausnahmsweise aber wrde ein solches Experimentiren, um eine
That zu gebren, hchstens misglckende Revolutionsversuche erzeugen, wie wir
dies ja oft genug schon erlebt haben; oder im allerbesten Falle wahre
Misgeburten von Thaten, Riesen im Entwurf am Kopfe, Zwerge an den Gliedmaen,
deren Anblick nur Schreck einflen kann und von einer allgemeineren Theilnahme
jeden Besonnenen zurckhlt.
    Als Rosalie mit jener schnen weiblichen Ruhe, die ihr so ganz zu Gebote
steht und sie schmckt, wie selten ein Weib, diese Worte sprach, ahnte sie wol
kaum, da sie noch an demselben Tage als Prophezeihung in Erfllung gehen
wrden.
    Sie fhlen dies so tief, erwiederte Burton, und knnen es doch ber sich
gewinnen, in dieser Unthtigkeit selbst zu erlahmen?
    Rosalie lchelte bitter. Sie drckte Felix an ihre Brust. Sind Sie Vater?
fragte sie den Amerikaner.
    Vater von drei mchtig muntern Kindern, sprach Burton mit glnzendem Auge,
zwei Knaben und ein Mdchen nenne ich mein.
    Dann wissen Sie, weshalb ich verkmmere, seufzte Rosalie. Lebte mir
dieser Knabe nicht, so wrde ich Alles ertragen, vielleicht gleichgiltiger,
vielleicht auch theilnehmender.
    Dennoch sollten Sie mir folgen, versetzte Burton. Wollen Sie nur recht,
Ihr Gatte wird sicher nicht zurckbleiben.
    Meine Frau hat ihren freien Willen, sagte Bardeloh, der eintretend die
letzten Worte gehrt hatte. Unsere Ehe war glcklich, sollt' ich meinen, hing
aber nie an Kleinigkeiten. Nicht wahr, Rosalie?
    Ein bittender Blick traf Bardeloh's Auge. Bewegungslos hielt er ihn aus.
Gewi, Richard, Du hast wieder die ganze Nacht hindurch gearbeitet. Tglich
wirst Du bleicher; warum doch folgst Du gar nicht mehr meinen Ermahnungen?
    Weil ich wnsche, Du mgest so unabhngig leben, wie ich.
    Siehst Du, Mutter, fiel Felix ein, da sagt es Dir der Vater ja ganz
deutlich, da Du mit mir nach Amerika reisen sollst.
    Mit Dir nicht, erwiederte Bardeloh, allein aber knnte es sich wol noch
treffen.
    Diese rthselhafte, dstere Klte lhmte uns allesammt. Burton, obwol fern
aller Sentimentalitt, erschrak doch vor einer solchen Art und Weise, das
Theuerste, was ein Mann besitzen kann, zu behandeln. Er empfahl sich von
Rosalie, nahm meinen Arm und fhrte mich mit sich in seine Wohnung.
    Es ist zu entsetzlich, rief er aus, ich mag's nicht mehr ertragen! Und
doch schlgt mich noch weit mehr, als die Erscheinung selbst, die Ueberzeugung
nieder, da bedeutende, wenn auch nicht leicht erkennbare Grnde vorhanden sein
mssen, da solche Auswchse sich bilden knnen! Bardeloh ist reich, besitzt
ausgezeichnete Geistesgaben, ein liebendes Weib, ein glckliches, aufgewecktes
Kind - und doch verschwinden vor seinem Auge alle diese groen Reichthmer, weil
er, sei's mit Grund, sei's aus Ueberspannung, fr die Zukunft besorgt ist. Es
fat's Keiner der es nicht selbst gesehen hat - aber ich begreife jetzt die
Auswanderer! Es gehrt Muth und Tugend dazu, als ein Europer mit menschlicher
Ausdauer, mit liebendem Herzen zu sterben!
    Den Rest des Vormittags brachte ich bei dem Amerikaner zu. Whrend meines
Dortseins empfing er Briefe aus Rotterdam, in deren einem sein Kapitnspatent
zur Brigg die Hoffnung sich vorfand. Die Zeit des Absegelns war seinem Willen
berlassen.
    Jetzt knnen Sie ber mich verfgen, sagte er, mir das Patent zeigend.
Wir knnen eilen oder zaudern, je nach Ihrem Gutdnken, doch scheint mir,
Beschleunigung wird in keinem Falle schdlich sein. Je eher Sie Amerika's Boden
betreten, desto mehr gewinnen Sie an Lebensfrische.
    Da Burton schnelle Antwort geben sollte, benutzte ich die Zeit, um einige
Zeilen an Auguste zu schreiben. Flchtig meldete ich ihr, wie nahe der Zeitpunkt
gekommen sei, wo wir fr immer vereinigt sein wrden. Die milicher werdende
Lage verschwieg ich ihr ebenfalls nicht, indem ich zugleich bat, Alles fr die
Reise vorzubereiten. Denn es war mir immer, als msse noch irgend etwas
geschehen, das einen pltzlichen Aufbruch wnschenswerth machen knnte. Du
kennst ja meine Ahnungsgelste, die mir schon oft gramvolle Tage bereitet haben.
    Unterde nahte sich die Mittagszeit. Auf Burtons Einladung speiste ich mit
ihm, cht amerikanisch, indem ich mir nur von Amerika erzhlen lie. Es gewhrt
mir dies einen unbeschreiblichen Genu. Burton ist begeistert, wenn Amerika's
Glck in schnen Bildern vor dem hellen Spiegel seines Gedchtnisses
vorberwandelt. Der entschlossene, praktische Mann wird Dichter, ohne es zu
wissen. Sein Geist baut Welten auf, die er wol schwerlich selbst ahnt, und grade
in dieser Unwillkrlichkeit liegt ein hoher Reiz, ein Genu, der namentlich
einen Europer bezaubern mu. -
    Zum nahen Carneval finden sich bereits viele Fremde aus der Umgegend ein.
Mancher kommt wol auch, um dem kirchlichen Feste beizuwohnen. Schon seit einigen
Tagen war die Anzahl der Fremden bedeutend gestiegen, heut wollte es gar nicht
mehr aufhren. Die dem Rheine nahe gelegenen Hotels sind berfllt. Dennoch
sperrt man zusammen, so Viele sich irgend unterbringen lassen und jeder gibt
gern nach, wenn es mglich ist. Noch sa ich mit Burton zu Tisch, als der
Kellner den Amerikaner fragte: ob er wol eine kleine Kammer auf einige Tage
entbehren knne? Ein sehr ehrwrdiger Greis, der alljhrlich um diese Zeit hier
einspreche, sei eben angekommen und nirgends wolle sich ein Pltzchen fr ihn
finden. Burton war es zufrieden, dankend entfernte sich der Kellner und bald
darauf hrten wir den neuen Ankmmling im Nebenzimmer sprechen. Die Stimme
schien mir sehr bekannt, doch wute ich nicht, wo ich ihm frher begegnet sein
mochte und verga ber den Erzhlungen des Amerikaners auch schnell wieder den
momentanen Eindruck.

                                                                         Abends.

    Frhzeitig schon drngte sich eine zahlreiche Menschenmenge in die Nhe des
Domes. Individuen von allen Religionsbekenntnissen wollten dem feierlichen
Kirchenact beiwohnen und vergaen leicht im Taumel einer neugierigen
Lsternheit, was zahllose Menschenalter ihnen nicht entreien konnten. So ist
der Mensch immer und ewig. Fest hngt er an Vorurtheilen, ob sie auch noch so
thricht sein mgen, nur der Reiz einer augenblicklichen Aufregung kann, wie ein
spottender Harlekin, ihn herausjagen aus seiner seltsamen Ernsthaftigkeit. -
    Grade noch zu guter Stunde fand ich mich in Gesellschaft Bardeloh's nebst
seiner Gattin und Felix mit dem Amerikaner ein, um in der Nhe des Eingangs eine
behagliche Stelle zu erobern. Aus dem Innern des Doms wehte schon ein
betubender Weihrauchduft, die Hallen selbst waren geschmckt mit Blumen,
zwischen denen geweihte brennende Kerzen in blassem Zitterlichte
hervorleuchteten. Unter der andrngenden Menge wanderten mit einiger Mhe arme
Knaben herum, um deren Schultern geflochtene Strohkrbchen hingen, angefllt mit
Heiligenbildern, Rosenkrnzen, kleinen Kruzifixen und andern Dingen, die einem
katholischen Gemthe zu Krcken der Andacht dienen. Laut riefen diese Knaben
ihre Kleinigkeiten aus unter dem gaffenden Volke.
    Kauft schne, blanke Kruzifixe! Neue, geweihte Rosenkrnze! Kauft, kauft,
schne Herren! - Alles billig - Stck fr Stck nur drittehalb Silbergroschen!
    
    So schrieen wol dreiig Kehlen bunt durcheinander, die glnzenden Waaren den
Umstehenden vor den Augen hin und her schwenkend. Die betriebsame Jugend machte
ein leidliches Geschft, denn Viele kauften, um die Strenfriede nur los zu
werden, der bigottere oder meinethalb auch andchtigere Theil der Anwesenden wol
auch aus einem tiefern Bedrfni.
    Mir fiel diese Betriebsamkeit, die kirchliche Feste in eine Art Jahrmarkt
verwandelt, nicht auf. Aehnliche Scenen hatte ich oft erlebt, da ich von Jugend
auf in katholischen Lndern viel verkehrte und mit den Sitten und Gewohnheiten
seiner Bewohner vertraut war. Grade da, wo sich die Anhnglichkeit an dem
katholischen Ritus am unumwundesten ausspricht, wie in Bhmen, findet man auch
am hufigsten diese an eine frivole Parodie grenzende Leichtfertigkeit, mit dem
Heiligsten des Herzens einen gewinnschtigen Handel zu treiben. Anders
betrachtete der Amerikaner die ihm vllig neue Erscheinung. Auf sein Gesicht
trat ein zrnender Ernst, mehrmals stie er die zudringlichen Buben zurck und
nur, als Niemand seinen Widerwillen gegen diese Art, Geschfte zu machen, mit
ihm zu theilen schien, kaufte er endlich einem schwarzlockigen Jungen ein
Kruzifix und auch einen Rosenkranz ab.
    Wie heit Du? fragte ich den kleinen Burschen, als er ihm die Mnzen
gereicht hatte.
    Benjamin, der Sohn des blinden Salomo, erwiederte der Bursche und drngte
sich, wie ein Wiesel durch die Menge, von neuem mit lauter Stimme rufend:
Gndige Herrschaften, schne Frulein, kauft Kreuze, silberne, goldene! Kauft
Rosenkrnze, schn geschnitzt, rund und glatt, und auch kleine Josephel, kauft,
kauft, kauft, meine gndigen Herrschaften!
    Das ist mchtig seltsam! flsterte mir Burton in's Ohr, eine Erscheinung,
wie sie mir noch nie vorgekommen. Wir leben doch in einem freien Lande, aber
ich bin gut dafr, da ein Volksaufstand ausbrechen wrde, wagte irgend Einer am
Eingange zum Heiligthum mit der Industrie zu tndeln. Ihr Europer scheint
gerade da Freiheiten zu besitzen, wo Zwang besser wre. Euch verwundet es nicht,
das Bild des Gekreuzigten feil geboten zu sehen an der Schwelle des Tempels, in
dem Ihr zu ihm fleht, wenn aber einer auf offenem Markte es sich einfallen
liee, die ganze Freiheit auszurufen und feil zu bieten, so frchte ich, wre
Mord und Todschlag das Ende. Wahrhaftig, Ihr habt eine mchtig verderbte
Civilisation!
    Ich konnte nur die Achseln zucken und schweigen.
    Kauft blanke, schne Kreuze! rief es wieder, kauft, kauft meine gndigen
Herrschaften, kauft!
    Und was fr einer Menschenklasse sind denn diese Kleinodien in die Hnde
gefallen? sprach der Amerikaner. Jener Knabe nannte sich Benjamin, sein
Aussehen kam mir asiatisch vor.
    Jetzt erst fielen auch mir die umherlaufenden Knaben auf. Mein Auge suchte
finstern Blickes in der wogenden Menschenmenge, ich sah Niemanden der Verkufer,
nur unablssig traf der schnarrend singende Ton des Kauft, kauft, meine
gndigen Herrschaften! mein betubtes Ohr. Gedankenlos, wie man Altgewhntes
meist hinzunehmen pflegt, hatte ich die schachernden Knaben an mir vorbergehen
lassen. Ich war zu tief in die nichtssagende Civilisation verstrickt, um in
einem so grellen Auswuchse irgend etwas Anstiges zu entdecken. Jetzt aber
angeregt und gleichsam neu gekrftigt durch die gesunde Frische einer
jungfrulichen Natur, fhlte ich pltzlich mit einer erschtternden Wehmuth den
ganzen Schmerz einer verloren gegangenen Welt rein menschlicher Unschuld. Aber
es gesellte sich auch noch ein tiefergreifendes Weh dazu. Ich gedachte meiner
Unterredung mit Mardochai, meines Gesprches mit der holden Sara, und erblickte
in den handeltreibenden Knaben nicht mehr die bloe industrielle Betriebsamkeit
der Zeit und der Hebrer, sondern eine eigenthmlich sich gestaltende Rache. Und
als wolle der Himmel mich bestrken in der Qual meines Gedankens, entdeckte ich
in demselben Augenblicke, wo sich der Zug der geschmckten jungen Christen
nahte, die hohe Gestalt des Juden hinter der gaffenden Menge umherschleichen.
Mehr als grell stach sein feiner, schwarzseidener Talar gegen den Glanz der
Freude ab, womit Jung und Alt sich umgeben hatte. Ein langer Zug von Priestern,
in dem schimmernden Schmuck der kirchlichen Festgewnder, nahte dem Dome. In
ihrer Mitte der Erzbischoff unter dem rothsammtnen Baldachin, den Krummstab in
der Hand. Die Glocken luteten, feierlicher Gesang erscholl, umdampft von
Weihrauchdften trug der heilige Mann die von Edelsteinen strahlende Monstranz
in den Dom. Kauft, kauft, schne Herrschaften, kauft, kauft! rief es mitten in
den feierlichen Gesang der Chre, die dunkellockigen Buben mit den pfiffigen
Gesichtern hpften wie Kobolde an dem Zuge der jungen Christen vorber, die
ausgerufenen Kleinodien darreichend zum Verkaufe.
    Vor meinen Blicken liefen die Gegenstnde durcheinander. Mir erschien der
ganze feierliche Aufzug wie ein groes Schattenspiel, von unsichtbaren Hnden
geleitet. Fest drckte ich Burton's Arm an meine Brust. Was ist Ihnen? fragte
er mich. Dort, stammelte ich zitternd, zhneknirschend, und deutete nach dem
Hintergrunde. Was wollen Sie? Ich sehe doch nur Menschen, geistlos gaffend,
sich freuend des lebhaften Gedrnges.
    Kauft, kauft hallte es abermals in der Ferne.
    Im Gedrnge war Bardeloh mit den Seinigen von unserer Seite gerissen worden,
die Menge stie uns der Domthr zu, ich wandte mich nochmals um. Wie ein
gespenstischer Schatten wandelte langsam und stolzen Schrittes Mardochai mit dem
ernsten, weien Antlitz ber den Domplatz. Ihm nach liefen die schachernden
Knaben, den Vorbergehenden noch immer ihre Formel zurufend. -
    Gebckt wie Sclaven, schlichen sich meine Gedanken an das Licht des Tages.
Die Musik schwirrte gleich pfeifenden Geielhieben um mich und grub blutige
Spuren in mein zitterndes Herz. Der Weihrauchdampf verwandelte sich in eine
erstickende Sandwolke, die vom Samum ausgewirbelt den Sonnenstrahl vom Himmel
raubt, um mit ihm die lechzende Seele der armen Menschheit noch furchtbarem
Qualen hinzugeben. Eindruckslos blieb fr mich die hehre Feier. Ich war weit
hinweggefhrt von dem Orte, wo ich stand; ich lag an der Stelle, wo einst die
Burg von Zion ihre schimmernden Sulen emporhob und khlte meine brennenden
Glieder in dem Staube, geheiligt von Blut und Thrnen eines Erlsers und eines
hinsterbenden Volkes. -
    Die Handlung war zu Ende, der Strom der Zuschauer stie uns zur Thr. Am
Ausgange trafen wir durch Zufall wieder auf Bardeloh, Rosalie und Felix. Der
Amerikaner redete den verschlossenen Mann freundlich an und nahm den
herbeispringenden Knaben bei der Hand. Ein solches kirchliches Schauspiel, hob
er an, hat mchtig viel Bestechendes fr die Menge. Ich fhle, wie ein nur
irgend schwrmerisches Gemth glcklich sein kann im Katholicismus. Dieser Pomp
berrascht, bewltigt und zwingt das Gemth nicht zur Andacht, sondern zu einer
Verzckung, die ungefhr denselben Erfolg hat.
    Es gehrt Phantasie dazu, sagte Bardeloh trocken. Frher war ich jedesmal
von einer solchen Handlung entzckt, schon seit langen Jahren aber lt sie mich
kalt und erweckt sogar ein Gefhl des Widerwillens.
    Mir gefllt der flunkernde Schmuck, sagte Felix. Denn es ist doch gar zu
hbsch, von einem so schn gekleideten Manne, wie dem Bischoff, erst mit dem
Weihwedel besprengt zu werden und dann irgend einen lieblichen Namen zu
erhalten, von dem man doch wei, woher er gekommen ist. Wann werde ich denn
gefirmelt, Vater?
    Uebermorgen.
    So bald? Wie soll denn das zugehen?
    Erwart's in Geduld, so bist Du nicht davon berrascht.
    Mutter, sagte Felix, ich halte mich zu Dir. Bleibst Du bei mir, dann mag
meinethalb ich und Alles um mich her gefirmelt werden. -
    Ich fhlte mich zu aufgeregt, um einer Einladung Rosalien's, den Thee bei
ihr zu nehmen, folgen zu knnen. Burton sagte zu, ich empfahl mich an der Thr
und ging an den Rhein hinab. Es lag mir viel daran, den Juden noch heute zu
sprechen. Ich hatte so viel auf dem Herzen und doch so wenig Worte dafr! Was
mich bewegte, konnte nur ein Augenblick heiliger Begeisterung berzeugend dem
Manne vortragen, in dessen Augen es nichts der Schonung Wrdiges mehr gab.
    Auf dem Wege zur Wohnung des Juden bemerkte ich einen steinalten Greis, der
mit Hilfe seines Krckenstabes und eines ebenfalls schon bejahrten, aber doch
noch rstigen Mannes, in dem ich auf den ersten Blick den lustigen Klapperbein
erkannte, vor mir her ging. Es war der greise Castellan vom Kreuzberge. Eifrig
unterhielt er sich mit Ephraim, und der Klang der Stimme verrieth mir, da
dieser Ankmmling derselbe sei, welcher in einem der Gemcher des Amerikaners um
Aufnahme nachgesucht hatte.
    Ich mag wol gestehen, ohne deshalb fr charakterschwach zu gelten, da der
Anblick und die Begegnung dieses ehrwrdigen Greises in der Stimmung, die eben
mein ganzes Wesen erfllte, etwas sehr Beruhigendes fr mich hatte. Heiter
grend trat ich zu dem Castellan und schttelte ihm auf derbe deutsche Weise
die Hand. Der heiter-rstige Greis erkannte mich sogleich wieder und war
erfreut, mir nochmals zu begegnen. Da er zu den wenigen Glcklichen gehrte, die
in einem langen Leben nicht den Glauben an die Gte der Menschheit und das
Vertrauen zu jedem Einzelnen verloren haben, so erfuhr ich nach wenig
einleitenden Worten, da er regelmig alle Jahre zur Carnevalsfeier die alte
Stadt besuche. Einmal in's Reden gekommen, erzhlte er von den Festlichkeiten
frherer Jahre und, wie er in der Zeit der ungeschwchten Kraft oft selbst mit
Theil genommen habe an den ergtzlichen Thorheiten.
    Jetzt ist das Alles anders geworden, fuhr er fort. Seit die
Unzufriedenheit als Modeartikel im Leben mit feil geboten wird, denken die Leute
gar nicht mehr so recht von ganzem Herzen an die pure, sich berstrzende
Lustigkeit. Sie schwatzen ein Langes und Breites von Absichten und Zwecken, die
Gott wei, welche groe Dinge, hervorbringen sollen, whrend die Fastnacht nun
doch einmal blos fr's ehrliche Lustigsein da ist. Ich bin ein Mann von Glauben,
der ganz und gar das lustige Leben nicht missen will, aber diese Kopfhngerei
auf der einen Seite, und die frivole Dsterheit auf der andern, die heut zu Tage
aller Orten sich misbilligend begegnet und stt; die mein lieber Herr, ist von
groem Uebel!
    Bei den ersten beiden Weinkpern, Noah und Bachus! rief Klapperbein aus,
Du hast recht, alter Kumpan. Beten und Singen ist gut und ein gar schnes Ding
um ein armes Herz, aber Absicht darf man keine dabei haben. Ich bete just, wenn
mir's ankommt. Das ist bei mir, wie der Hunger. Verspre ich Leerheit, so mu
ich drauf denken, wie ich ihr abhelfen kann. Und in diesem Punkte hat die Seele
oder das liebe Gewissen eine erstaunliche Aehnlichkeit mit dem Magen.
    Es sind nun wol schon zehn Jahre her, fuhr der Castellan fort, da mich
die groe Narrethei nicht mehr recht erfreuen will. Ich knnte nun freilich
wegbleiben, alt genug war' ich ohnehin, inde, was man so ein siebenzig Jahre
und darber unter den seltsamsten Lebens- und Weltereignissen mitgemacht hat,
dabei mu ein ehrlicher Kerl aushalten so lange es nur mglich ist. Erfreue ich
mich nicht mehr an dem Spectakel, den Zwecke leiten, so macht es mir doch Spa,
wie der Schalks- und Koboldsgeist solcher Tage, der im Spae versteckt liegt,
den groen, klugen Weisheitshelden die bermthigsten Rbchen schabt. Und das
bleibt niemals aus und wird auch Heuer nicht fehlen.
    Mglich wre es doch, erwiederte ich, denn die Anordnung der diesmaligen
Festlichkeiten liegt in den Hnden des ernsthaftesten Mannes -
    Desto besser, desto besser! sprach lchelnd der Castellan und stie
wiederholt mit seinem Krckenstabe auf's Pflaster. Grade den Ernsthaftesten
wchst der Fuchsschwanz am Rockkragen fest, und je hhere Zwecke diese
Grohndler der Weltgeschichte verfolgen, desto sicherer kann man auf die
Nichterreichung derselben bauen.
    Mir ist's all eins', meinte Klapperbein, wenn's nur auch eine Rammelei
dabei gibt; und dafr, denk' ich, ist diesmal gesorgt.
    Wie so? fragte ich.
    Curiose Frage, das! Es ist ja die ganze Hetze der Frommen rings aus der
unendlichen Nachbarschaft hergekommen, um einmal zu sehen, wie die Gottlosen
ihren Sabbath feiern, und wenn die Bcke mit ihrem Widerspiel zusammentrafen, da
hab' ich immer gesehen, da es an ein ergtzliches Hrnerwetzen ging.
    Etwas Aehnliches hatte ich bereits gehrt und zwar mit dem Beisatze, man
habe absichtlich eine Art Einladung an die strengen Sittenprediger ergehen
lassen. Jetzt trug dies nicht wenig bei, mich noch heftiger als frher zu
beunruhigen. Ich knpfte Bardeloh's hingeworfene Worte mit Mardochai's laut
ausgesprochenen Verwnschungen zusammen, gedachte des nur zur Hlfte gesehenen
Apparats und tausend anderer Dinge. Davon aber gegen die beiden Alten etwas zu
uern, hielt ich fr indiskret und unklug.
    Wie geht's denn meinem Novizen? fragte der Castellan. Ich mchte den
armen Narren doch lebensgern noch einmal sehen; mein Herz hngt ordentlich an
ihm. Und sollte er frher sterben als ich, so mag sein trbselig reicher Bruder
nur immerhin sein Wort halten.
    Ich erzhlte dem Greise, was ich etwa sagen zu drfen glaubte, ohne ihn gar
zu sehr zu betrben. Gut, erwiederte der Castellan, und da, wie Sie mir sagten,
auch Bardeloh mit zu schaffen hat beim Carneval, so komme ich in sein Haus, und
dann halte ich mich an Sie. Meinen Bonifacius mu ich sehen.
    An der Brcke schieden wir. Der pfiffige Klapperbein steckte mir beim
Weggehen ein Briefchen zu und flsterte mir in's Ohr, da, ginge sein liebes
Frulein wirklich auer Landes, er allein nicht im Lande bleiben werde. Der
Brief kam aus Dsseldorf. Ich steckte ihn zu mir und beeilte mich, den Juden
aufzusuchen, voll seltsam strmischer Gedanken und s beglckender
Herzensregungen. Es dunkelte schon sehr stark, als ich an seine Wohnung kam.
Friedrich sa auf einem Steine vor der Thr mit der Geige auf dem Schoo. Den
Kopf hatte er in beide Hnde gesttzt, den Blick zur Erde gesenkt. Er schien zu
schlafen, da er mein Ruspern durchaus nicht beachtete. Ich stie ihn an und
fragte, was er hier treibe.
    Ei tausend, erwiederte er mit wichtiger Miene, sehen Sie mir's denn nicht
an, da ich ein stiller Wchter bin?
    Hast Du mich nicht gehrt?
    Fhlen und hren ist bei mir all' eins.
    Was bewachst Du denn?
    Narr und Nrrchen.
    Ist Mardochai zu Hause?
    Ich will des Teufels werden, wenn er drinnen ist, und das wre mehr als ein
rechtschaffener Christ werden soll, denn jetzt bin ich noch durch und durch des
Gottes.
    Nun so steh' auf, Friedrich, und la mich hinein.
    Das luft gegen Controlle und Parole. Ei tausend, kennst Du denn meine
Parole?
    Freilich kenne ich sie, Du hast mir sie ja gesagt. Die Geige fhrt die
Narrheit spazieren. Nicht wahr ich habe ein gutes Gedchtni?
    O ja, versetzte der Bldsinnige, heut aber trgt meine Parole eine
poetische Narrenjacke, sie heit: tolle Hunde beien Unschuldige und werden
geil, wenn die Lerchen im Himmel zwitschern. Gefllt Dir der Spruch?
    Der Spruch ist gut, der ihn erfunden hat, aber gefhrlich.
    Das will ich meinen, lachte Friedrich, denn vor einer halben Stunde gab's
ein lustiges Lachen da drin. Als ich noch Junggeselle war, hrte ich den Ton
gern. All' meine lustigen Lieder gingen aus diesem Tone. Es war der Jungfernton
- jetzt aber spiel' ich Alles aus dem Strohwittwertone, und der ist recht lappig
und ohne alle Sprung- und Schwungkraft. Es ist ein gewallachter Ton.
    Friedrich, rief ich dem blden Geiger laut und erschrocken zu, indem ich
ihn, der noch immer ruhig vor der Thre sa, heftiger schttelte, Friedrich,
wer ist im Hause?
    Mein Himmel, wer denn sonst, als Tubchen und Tubrich.
    Hast Du Casimir gesehen?
    So lustbetrunken, wie noch nie.
    Die Huser wankten vor meinen Augen. Mit mchtiger Faust zerrte ich
Friedrichen von der Thr hinweg und wollte sie ffnen. Sie war verschlossen.
Voll Angst und Wuth schlug ich erfolglos mit beiden Fusten dagegen; Friedrich
stimmte, vergnglich lachend, seine Geige. Ich bat ihn, er solle mir helfen die
Thr einschlagen. Das bedarf's nicht, erwiederte er, Fromme sind
unangreifliche Naturen. Aber warte nur, meine Geige soll die Mauern Jericho's
schon umstlpen, wie eine Schlafmtze.
    In diesem Augenblicke erschien Mardochai. Kalt und ruhig fragte er, weshalb
ich einen solchen Lrm an seiner Thr mache? Ich bat ihn, schleunigst zu ffnen,
ein Blick auf meine Mienen, in denen Angst und Erwartung des Entsetzens mit
scharfen Krallen, wie Nachtvgel an die Gitter eines erleuchteten Fensters, sich
festgeklammert hatten, bewog ihn meiner Bitte zu willfahren.
    Aber, lieber Sigismund, was fllt Ihnen denn ein?
    Die Rache, schrie ich, die Rache, Mardochai, nimmt Rache an der Rache!
    Diese jedem Andern unverstndliche Redeweise galvanisirte die Hand des
Juden. Klirrend flog der Schlssel in's Schlo, die Thr auf Wir traten in die
dunklen, von Wohlgerchen durchdufteten Gnge. Friedrich folgte, bald laut
auflachend, bald ein paar Accorde mit grellen Bogenzgen der Violine entlockend.
Es war das Schluchzen der Erwartung, das aufrchelte in bitterer Angst, whrend
das Auge gebrochen zurcksank in seine Hhle.
    Ich rttelte an der Thr des Zimmers und fand auch dieses verschlossen.
Seltsam, sagte Mardochai, mit bebender Stimme, was bedeutet dies? Ohne
Antwort zu geben, rief ich laut: Sara, Sara! - Mir war es, als vernhme ich ein
leises Seufzen, erdrckt von einem dumpfen Hohnlachen.
    Ja immer ruft, sagte Friedrich, das wird aber nicht gleich Antwort
geben.
    Wir traten in's Zimmer. Eine einzige trb brennende Lampe beleuchtete mit
unsttem Flackern die Gegenstnde. Es war Alles still, wie in einer Todtenhalle.
Der laute Ruf: Sara, bebte zu gleicher Zeit von meinen und Mardochai's Lippen.
Hinter dem Vorhange, der die Nische verhllte, schien sich etwas zu regen,
Mardochai zndete schnell ein paar Kerzen an, ich ri den Vorhang aus einander
und blieb erschrocken regungslos stehen.
    Auf derselben Ottomane, die vor wenig Monden Sara zum reizenden Ruhekissen
diente, um in die Zauber ihres Spiels die hinreiende Anmuth ihrer unschuldigen
Grazie zu flechten, ruhte das schne Mdchen, aber bleich. Ihr Auge war,
obgleich es offen stand, gebrochen. Um ihren Hals hing fest die silberglnzende
Thalis geschlungen. - Es konnte Niemand in Zweifel bleiben ber das, was sich
hier zugetragen hatte. - Mich lhmte Zorn und Entsetzen, Mardochai stand mit
gekreuzten Armen regungslos, ohne zu wanken, keine Wimper zuckend. Er lste
seinen weien Talar, der an der Wand hing, und sanft, wie der Schleier der
Vershnung, sank er herab auf sein lebloses Kind.
    Da erst regte es sich im dunklen Hintergrunde unter der maskirten Bste, die
mir jngst Mardochai bei so ergreifenden Gesprchen gezeigt hatte, und Casimir's
verwstetes Gesicht ward erkennbar. Mit zweideutigem Lcheln erhob er sich
langsam, kniete auf den Divan neben die Jdin, und sprach, seine Hand
ausstreckend gegen den Juden:
    Mardochai, wir sind fertig mit einander. Als Du vor zehn Jahren mich
veranlatest, das Tabernakel zu plndern, that ich's, weil's mir gefiel, als ein
raffinirter Witz, seitdem ich aber von Dir selber hrte, da Du den ganzen
Spectakel angestiftet habest, um Deinen Zorn abzukhlen, da stieg mir die
poetische Raserei meines Herzens in's Gehirn. Ich dachte nach, wie eben ein
Mensch, wie ich zu denken vermag, den allerhand satanische Spitzfindigkeiten in
die Livree eines lderlichen Commdianten gekleidet haben, und fand, da es doch
sehr burschikos sei, liee sich ein gewitzigter Christ von einem Juden
ungestraft die Ohren reiben. Ich hab's nicht vertragen, wie Du siehst.
    Trotzig ri der furchtbare Rcher der vor Jahren verbten Gotteslsterung
die Thalis von der Jdin. Sieh, rief er und entfaltete sie vor Mardochai's
Augen, jetzt bin ich fertig, ich wei, wofr ich lebte, denn ich habe einen
sehr klugen Juden doch noch berlistet. Morgen schick' ich einen Eilboten in den
Himmel. Sein Ordner soll ein Langohr in der Welten Tagebuch brechen, damit der
Tag dieser Wiedervergeltung nicht vergessen werde in seinem Reiche!
    Mit diesen Worten schwang er hoch die schimmernde Thalis, um sie Mardochai
in's Gesicht zu schleudern. Zufall oder Gottes ewige Gerechtigkeit lieen es
aber geschehen, da sie sich im Schwunge um die Bste schlang, die ber der
Ottomane stand. Die Gewalt des Schwunges ri diese herab und donnernd strzte
der marmorne Block nieder auf den Unglcklichen. Die Maske aber lste sich ab,
und die Hlle, auf welche mit Meisterhand die Zge des Erlsers gemalt waren,
fiel leis, wie ein vershnender Ku, auf den Busen Sara's, whrend die marmor'ne
Statue - Mardochai's eigenes Bild darstellend - Casimir's Brust zerschmetterte.
    Lautlos brach der Dichter zusammen, die Thalis zitterte, eine schillernde
Schlange, um Hand und Haupt des Unglcklichen. Da erhob sich Mardochai, dessen
feste Ruhe ihn keinen Augenblick verlassen hatte. Ich lag ber Sara's bleichen
Busen gebeugt und suchte mit dem heiesten Schmerzenskusse das Leben wieder in
die weiblauen Lippen des schuldlosen Opfers zu hauchen.
    Casimir, sprach Mardochai, wenn Du sterben willst, la mich's wissen. Ich
will Dir einen Priester schicken. Gleichmuth, schrie er im Ton tiefster
Seelenpein und wildester Verzweiflung, Gleichmuth mag Deine Beichte hren. Doch
ich trste mich, setzte er ruhiger hinzu, war's doch mein Ebenbild, das ihn
zerschmetterte.
    O, ich sterbe noch nicht, stotterte Casimir rchelnd. Den Triumph sollst
Du nicht haben. Hat mein Witz Dich gepritscht, soll mein Tod auch die Meglock
lauten zu Deiner Sterbestunde. Beim Fluch meiner civilisirten Snden, zerzaust
sollst Du werden, wie ein Frosch! -
    Die Krfte des Sterbenden wichen. Ich wlzte die schwere Bste vollends ab
von seiner Brust. Sie war tief eingedrckt, Blut quoll aus seinem Munde. Gott -
in der - Hlle, murmelte er zwischen den Zhnen, will sehen - wie weit - ich -
richtig - portrtirt - habe. - - Gott - Gott! - - Sein Haupt sank zurck, ein
krampfhafter Frost schttelte alle Nerven, wie ein Windsto die Wipfel der
Bume, die hohe Stirn berhrte mit kaltem Finger der Tod - Casimir verschied. -
Wenige Minuten vorher hatte sich Friedrich auf den Tisch des Zimmers gesetzt; er
fing an mit den Fen zu baumeln und spielte unter lustigem Lachen die Melodie:
O du lieber Augustin etc. Mardochai erschrack. Auf dem Kreuzberge, sagte er
dumpf vor sich hin, ward das Ding auch getanzt. - Gott ist doch mchtiger als
ein Mensch!
    Ich hatte unterde die Maske von Sara's lebloser Gestalt gehoben. Mardochai
verbarg sie sorgfltig und versuchte seine Tochter durch strkende Essenzen zu
beleben. Allein um ihr Auge flo nicht mehr der Thau des neuen Lebenstages, sie
war verschieden.
    Was gibt es? fragte Mardochai, ein Gerusch beachtend, das sich im Zimmer
erhob. Ich wandte mich mit flchtigem Blick um; - zur Thr herein trat ein Zug
von Knaben, Krbchen um die Schultern tragend, jeder einen Beutel in der Hand.
Ich hatte genug gesehen. Es waren die betriebsamen Handelsleute am Dome. Sie
wollten Rechenschaft ablegen und dem groen Rcher, der Gott in sein Amt zu
greifen gedachte, den Gewinn einhndigen. Mardochai winkte den Buben, sich zu
entfernen. Zum ersten Male trat eine Thrne - ich glaube, der Neue - in sein
Auge, er zerri sein Kleid und verhllte schluchzend an dem zerbrochenen Krper
der geliebten Tochter niederstrzend, sein Angesicht. So kniet die Schuld an dem
Opfer, das ihrer eigenen Shne fllt! -
    So furchtbar, Raimund, endigte dieser Tag. Wie ein Taumelnder schlich ich
zurck nach Bardeloh's Wohnung. Hell glnzte, als die erhabene Stirn der Welt,
durch deren majesttische Wlbung die Sternbilder als des Gedankens
unauslschliche Flammen leuchteten, der Himmel ber mir. Aber ich hatte kein
Auge fr diese stille Pracht des schaffenden Gottes, fr das Schwanken und
Schwrmen, Funkeln und Sprhen dieser Ideen einer weltumfassenden Zukunft. Mein
Herz war gebrochen vom Gewicht des Augenblicks. -
    Der Amerikaner unterhielt sich noch lebhaft mit Rosalie. Auch Bardeloh that
sich Gewalt an und sprach theilnehmender, als sonst. Mein Eintritt, noch mehr
mein Aussehen, brachte eine groe Strung hervor. Von hundert Fragen bestrmt
rief ich meinen Gastfreund und Burton in Richard's Warte und theilte ihnen mit
wenigen Worten das Vorgefallene mit. Der Amerikaner wich entsetzt zurck,
Bardeloh sagte blos: Schade! Warum konnte der Mensch nicht noch zwei Tage
lnger leben? Und Mardochai? setzte er fragend hinzu. Ich erzhlte das
Nothwendigste.
    Nun, wenn Er nur lebt, erwiederte, von Neuem auflebend der mir
Unbegreifliche. Dann ist ja nichts verloren! Da Casimir untergehen wrde auf
irgend solch eine Weise, habe ich mir lngst gedacht. - Lebt Sara noch, meine
Nichte?
    Eine bestimmte Antwort hierauf konnte ich nicht geben. Armes Kind, rmer
noch als deine Mutter! fuhr Richard fort, fr sich sprechend. So strebt doch
Alles zu einer gerechten Vershnung hin, selbst durch Frevel und Verbrechen.
Diese Welt ist ein wunderlicher Guckkasten! - Ich gebe meine Schwester dem
Juden, weil sie ihn liebte, Mardochai gebraucht sie, wie ein Mbel, die Lust der
Rache schon in sich tragend, und das Kind dieser liebenden Rache mu wieder der
Rache zum Opfer gebracht werden! Das ist seltsam, sehr seltsam! - Man knnte
zweifelhaft werden. - Doch nein! Nein! Nein! rief er laut aus, und die Stimme
sogleich wieder abdmpfend zu leisem Gemurmel, setzte er hinzu: Es liegt ja
Alles blos an unsern verdorbenen Zustnden. Darum vorwrts! Ohne Zaudern,
sicher, fest, dem Ziele entgegen! Dieser Granitblock bedarf furchtbarer Hebel,
wenn er in Schwung gerathen soll. -
    Bald darauf wnschte uns Bardeloh eine gute Nacht, ich begleitete Burton
noch eine Strecke, der mich ermahnte, Alles zur Abreise bereit zu halten.
    Als ich zurckkam, hrte ich den Mnch wieder einmal singen, doch nicht
brnstig, eher mit groem Wohlbehagen. -

                                      18.



                                  An Raimund.

                                                           Kln, den 6. Februar.

    Heut Morgen sah ich Casimirs hinterlassene Papiere durch, die ich
unordentlich durch einander geworfen auf seinem Zimmer fand. Das Meiste ist
bedeutungslos, wenigstens fr die Welt, ein so wichtiger Beitrag es auch sein
wrde zur geheimen Geschichte der menschlichen Seele. Nur zwei Papiere haben
Werth fr mich; in dem einen findet sich das fertige Manuscript seiner Tragdie
mit umgekehrten Lettern Besuch Gottes in der Hlle. Das andere enthielt einen
Brief an mich, den Casimir in einer Ahnung seines baldigen Todes geschrieben
haben mu. Aus ihm erklrt sich genau die entsetzliche Katastrophe. Eingeweiht
in den Lebensabri, der nun bald hinter mir liegt, theile ich Dir dieses letzte
Testament des unglcklichsten und doch auch begabtesten Sohnes unseres an
Widersprchen berreichen Zeitalters unverkrzt mit.

                             Casimir an Sigismund.

    Du hast mir geantwortet, wie ich es wnschte, und ich bewundere dabei nur
Deine capricise Ehrlichkeit. Ein Hundstoller, hast Du mir gesagt, tobt, beit
und zerreit, was ihm vor die Zhne kommt. Brav gesprochen! Du sollst Dich an
meinem Gebi ergtzen. Sollten mir zufllig dabei die giftigen Hauer ausfallen,
oder fromme Zuckungen der nervenschwachen Erde einen kleinen Spectakel im
Weltall improvisiren, so nimm's nicht bel, da ich den frechen Gedanken einen
frechen Ausdruck gebe auf dem gewalkten Leichentuche, dessen grauester Zipfel
den weisesten Kopftheil Europa's bedeckt.
    Ich habe Deine Unterredung mit Mardochai, meinem frheren Bundes-, Studien-
und Sndengenossen angehrt, nicht aus Neugier - denn ich erliege dieser
Schwche nicht, weil ich allmchtig genug bin, um ihr zu trotzen - sondern durch
Zufall. Ich ward hflich, gesittet, wie Du's nennst, und fand dabei, was sich
aus jeder Zurckhaltung und Rcksichtnahme ergibt, die Pbelhaftigkeit der
Gesinnung. Mein Ohr hrte, da Mardochai aus Liebe zu seinem Stamme recht
pfiffig gehandelt habe mit dem Symbolischen in unserm Bekenntnisse. Ich strich
mir eine anziehende Ohrfeige, aus Verdru ber meine Dummheit. Ich war ein
gehrnter Siegfried, aus jenem Affentanz vor der Kapelle die vermaledeite
Gesinnung des Juden nicht herauszuschmecken. Das verdro mich als Mensch, als
Christ und als Poet. Rache mu sein, heit mein Wahlspruch, und je raffinirter
desto ser. Der Jude hat uns wahrlich keine Limonade eingeschenkt, warum sollte
man ihm eingemachte Apfelsinen bieten? Nein! Fluch wider Fluch! Gift wider Gift!
So lieb ich's, als ein deutscher Sappermenter. Darum will ich den Juden seinen
Witz beschneiden.
    Sara ist ein frisches Kind. Sie hat ses Fleisch. Die Juden halten sammt
und sonders groe Stcke auf ihre Nachkommenschaft. Sie bewachen und pflegen das
Fleisch ihrer Tchter eben so sorgsam, als sie das von einem andern Geschpfe
verachten. Da hab' ich nun einen erbaulichen oder vielmehr einen zuschnrenden
Plan vor. Das Ding konnte sich nur gestalten im Kopfe Casimir's des Dichters der
barocken titanenhaften Tragdien. Rthst Du's? - Nein, Kerl, das rthst Du
nicht, sonst wrst Du ja gleich mir, und ich geriethe in einen Streit, ich wei
nicht, mit wem.
    Sara soll mir zur Grundlage einer lustigen Tragdie dienen. Ich wei, das
wird den Juden packen und zausen, wie weiland der hilfreiche Ast Absalom's Zopf.
Sara ist mir zuweilen gut. Das benutze ich, obwol ich nicht als parfmirter
Liebhaber, sondern als bissige Hyne ihr meine Liebesantrge machen will. Ich
werde umwunden mit dem wunderlichen Lppchen, das alle Juden in der Synagoge
tragen, vor ihr erscheinen, und sie damit so fest umschlingen, da ihr die
Verbindung beschwerlich wird.
    Nun, wie gefllt Dir das, Du amerikanischer Zetteltrger? s' Ist 'n Bischen
schweflig ausgedacht, mit spanischem Pfeffer und Lauch gewrzt; aber so taugt's.
Die Juden lieben ja das Narkotische. Wei Gott, ich bin eben kein sehr frommer
Hans, aber die Juden la ich mir nicht ber mein Glaubenszeug kommen. Mardochai
hat's gethan, dafr soll er schnattern, da ihm die Weichen klappern, wie
Windmhlenflgel. Mein Bekenntni mu gercht werden und wr's durch die
ausgesuchteste Snde! Ich bin der Kerl dazu! Mir ist's ganz gleich, wodurch ich
zum Ziel gelange. Nur kleine Seelen erschrecken vor dem Furchtbaren, die groen
Geister znden sich an den glhenden Nstern der Hlle ihre Cigarren an. Also
prosit Jude!
    Im Fall der Engel Raphael mich unter die Cherubim versetzen sollte, nimm
dies als meinen letzten Gru. Ich habe Dich immer geliebt, weil Du so helle
Taubenaugen hast. Diese sind meine Passion.
    Auf Himmel- oder Hllenwiedersehen, je nachdem! - Da ich kein Siegellack
besitze, klebe ich das Ding mit Speichel.

                                                          Dein starker Casimir.

    Die Glossen zu diesem Schreiben kannst Du Dir selbst machen. In ihm enthllt
sich, was mir verborgen war in den furchtbaren Augenblicken, wo ich das Traurige
erlebte. Man knnte rechten mit der Weltgeschichte und ihrem ordnenden Geiste,
lge nicht grade in dem Zusammentreffen so ungeheurer Verbrechen die ewige
Shne! Dies mu auch Mardochai gefhlt haben, denn ein Brief, den er mir vor
kurzem schrieb und den ich Bardeloh mittheilen soll, lt mich erkennen, da
noch weit grere Frevel, als die bisher verbten, im Werke waren. Du wirst
sagen, es sei unmglich, allein verworrenen, unnatrlichen Zustnden ist nichts
unmglich. Das ghrende Chaos kann in jeder Stunde mit der hohen Besonnenheit
des Schpfers in die Schranken treten. Diese Extreme berhren sich, wie alle
andern, und unsterblich und unbesiegbar sind Gott und der Tod, - ewiges Schaffen
und ewiges Zerstren! Was sich ereignen sollte, erzhlt unumwunden genug
Mardochai's Schreiben, in dem der alte klare Geist, umwunden mit dem Dornenkranz
des Vlkerschmerzes, wie frher spricht, schafft, Entsetzen erregt und zur
Bewunderung hinreit. Nochmals mu ich es laut bekennen, ich liebe diesen
seltenen Menschen, weil mein tiefstes Gemth sich danach sehnt, ihn hassen zu
knnen. So rgert sich der gewaltige Geist ber die gttliche Kraft und droht
mit seiner kleinen Faust und dem Geifer seines Mundes hinauf zum ruhigen Himmel,
weil er die Lust fhlt, Gott sein zu wollen und doch die Schwche ahnt, die ihn
an der Verwirklichung des unerlaubten, aber doch natrlichen Gedankens
verhindert.
    Auch diesen Brief theile ich Dir mit, vielleicht spricht er eben so gewaltig
zu Deinem Herzen, wie er mich bewegt hat in Schmerz und zrnendem Grimme.

                            Mardochai an Sigismund.

    Der Stolz meines Volkes liegt gebrochen vor meinem Auge und der Gott
Israels trauert, weil heimgegangen ist der letzte Spro aus dem Stamme Davids!
    Ich klage nicht, denn ein Mann kann sich fassen, wenn auch ber ihn der
Himmel seine Flammen donnernd zusammenschlgt und unter ihm die Erde sich
bewegt, wie ein Blachfeld rollender Schdel. Noch sehe ich ja leuchten in ihren
Augenhhlen die Pracht des jungen Morgenlandes, als leuchtende Opale wandeln mit
flimmerndem Fu die Zaubermhrchen meines Mutterlandes um die bleichen Stirnen,
und das Morgenland lebt immer, wie auch das Abendland aufschieen mge in Blthe
und Frucht. -
    Mein Leben war der Vershnung gewidmet, der Vershnung, die achtzehnhundert
Jahre vergeblich zu stiften suchten zwischen Juden und Christen. Ich hielt mich
berufen, als ein Messias aufzutreten unter meinem Volke, ich bat, ich flehte,
ich dachte fr sein Heil. Meine Trume klangen wie das Rasseln verrosteter
Ketten - ich suchte sie zu lsen, aber in meinem Wachen sah ich blank
geschliffene Panzer um den Leib Israels schlagen, nicht um ihn zu rsten,
sondern zu erdrcken. Was ich darauf that, Sie wissen es. Als ich Ihrer
ansichtig wurde, stieg die Furcht auf aus dem Boden und ringelte, eine bleiche
Schlange, sich um mein Haupt. Ich hate Sie, weil ich Sie frchtete; aber ich
gestand es mir selbst nicht. Ihr Umgang mit Bardeloh, noch mehr mit Gleichmuth,
lieen mich eben sowol Hoffnungen fassen, als Zweifel in mir entstehen. Die
Klte und schneidende Schroffheit des Erstern konnte Sie abschrecken, die
ausgebrannte Ruhe des Letzteren anziehen. Ich hatte mich nicht geirrt, aber auch
nicht geglaubt, da Gleichmuth seine Geschichte Ihnen mittheilen wrde. Sobald
ich dies erfuhr, reute mich, dem Pastor den tiefer liegenden Zweck meines
Wirkens nicht entdeckt zu haben. Bardeloh's wachsender Ekel an europischer
Civilisation bewogen mich, mit ihm zu complotiren und einen letzten,
verzweifelten Versuch zu einer gewaltsamen Aufregung eines im Ganzen schnell
erregbaren Volkes zu machen.
    Ich wei, dem Deutschen ergreift nichts mehr, berhrt nichts tiefer das
Gemth, als ein Angriff auf religise Institutionen. Dies fate ich auf mit
Bardeloh, und wir beschlossen, in einem Maskenzuge das Thrichte und vllig
Todte der uerlichkeiten im Cultus so ergreifend zu verspotten, da ein
Aufstand unmglich unterbleiben konnte. Htte nun dieser begonnen, dann wollte
Bardeloh mit der berzeugenden Macht seiner Rede auftreten und dem erhitzten
Volke vorhalten, was nothwendig sei, wolle es sich retten aus einem langsam
hereinbrechenden Tode. Damit hofften wir etwas Groes zu bewirken, ein
europisches Aufsehen zu erregen, und den Grundstein zu legen zu einer neuen
aber gewaltigeren Reformation. Ich wollte aus Pikanterie und - gesteh' ich's
offen - vielleicht auch aus einem weniger edlen Antriebe die bedeutendste Rolle
dabei bernehmen. Gedenken Sie der Maske hinter dem Vorhange, gedenken Sie aber
auch des Strafgerichtes, das unter ihrem blinden Auge sich dort ereignete! -
    In Casimir's That erschien der Racheengel des Himmels frher als ich sein
erschtterndes Amt bernehmen konnte. Diese That mit ihren unmittelbaren Folgen
hat meine Welt der Zukunft mit hohen Lavaschichten bedeckt. Ich habe eingesehen,
da ein Mensch sehr gro sein kann, es aber nie wagen darf, dem Gange der
Weltgeschichte voraneilen zu wollen. In ihrer Hand allein ruhen die
Lebensstunden der Vlker. Die Thrnen dieser sind ihr Rosenkranz, der glnzend
an ihrem Halse zittert, und es erfolgt kein Frieden, bis die Zahl dieser Thrnen
nicht vollzhlig geworden ist! Aber wir unruhigen Shne der Zeit, die wir
geboren wurden im Nervenfeuer der Begeisterung, wir knnen nicht ruhen und
rasten, wir wollen strmen und schlichten, zertrmmern und bauen, und mten wir
auch die Sterne uns dazu vom Himmel herabreien.
    Ein groer Irrthum ist jedoch schner und erhabener, als eine gewhnliche
Wahrheit. Am Irrthum wird die Welt gro, von ihm wird sie reich. Der Irrthum ist
die Weltpoesie! - Darum reut mich mein Wollen und Streben, ob es auch oft sndig
war, nicht; denn es war nothwendig, weil es vollbracht wurde im Auftrage der
Weltgeschichte! - Doch jetzt trete ich ab vom Schauplatze. Nach dem Gericht in
meinem Hause, in dessen blutigem Ausgange Christus und Moses sich vershnten,
bin auch ich vershnt worden, nicht mit der flachen Masse, sondern mit dem
Geschicke. Ich fhl' es, da fr mich die Zeit der That vorber ist. Die Frucht
meines unsttten Lebens ist nicht unbedeutend - mein Volk wird dies dereinst
fhlen und mich segnen dafr. Aber Europa kann mich nicht trsten, nicht retten,
nicht vershnen. Ich will es verlassen, damit ich nicht noch einmal genthigt
bin, mit orientalischer Phantasie die Gluth meiner Rache zu vereinigen und
abermal zu hhnen, was doch nur Bewunderung verdient!
    Sie gehen nach Amerika, habe ich gehrt. Thun Sie es, Amerika ist nicht ein
Land fr jedermann, wol aber fr die Meisten. Die Freiheit kann auch Sie frei
machen, die dortige industrielle Macht Ihnen geben, was grade dem Europer fehlt
- die Frische der Speculation, die Verstndigkeit eines geregelten Naturlebens,
die gesunde Prosa des Herzens. Verschmelzen Sie diese drei Gaben des fernen
Westens mit den beglckenden Trumen, dem Ueberreiz Ihrer hoch gesteigerten
Cultur und der unergrndlichen Poesie des deutschen Gemthes; so kann jenes
hchste Erdenglck nicht ausbleiben, das ein phantasiereicher Mensch mit dem
Worte Eden am besten bezeichnet. -
    Mein Eden, lieber Sigismund, ffnet seine Pforten nicht in Amerika. Ich
kenne jenes Land, denn ich war schon einmal dort. Es ist eben so wenig ein Land
fr den Juden, als Europa. Aber die Wiege der Freiheit aller andern Vlker wird
es sein und bleiben, wenigstens fr die nchste Zukunft - nur der irrende Sohn
aus dem Stamme Juda ist von jenem Glck des freien Daseins ausgeschlossen. -
    Ich gehe zurck nach dem Orient, nach Syrien, nach Jerusalem!
    Theilen Sie diese Zeilen Ihrem Freunde Bardeloh mit. Der Maskenzug mu
unterbleiben, wenigstens kann der angeordnete nicht Statt finden. Ich mag und
kann nach dem Geschehenen keinen Theil daran nehmen. Die Kraft zu verschwenden
an der lchelnden oder ghnenden Ohnmacht ist Thorheit. Hten wir uns also vor
den Folgen dieser Thorheit.
    In wenig Tagen verlasse ich Deutschland und Europa. Nur meine Tochter will
ich noch bestatten, d.h. ich werde sie durch Specereien der Verwesung entreien.
Sie soll im Boden ihrer Vter ruhen. Ehe ich scheide, sehe ich Sie noch.

                                                                     Mardochai.

    Nach diesem Gestndnisse schweige ich, weil Niemand berechtigt ist, zu
sprechen, wo der Geist Gottes selbst so sichtbar die fertigen Netze der Menschen
zerreit. Darum also hufte Bardeloh Masken und Larven in seiner Wohnung auf und
whlte sich allnchtlich ein in die blutigen Trume seiner wirren Gedanken? Nun
fasse ich auch seine Wuth bei meinem unvermutheten Eintritte in sein Kabinet,
seinen Apparat von Dolchen und andern Waffen, seinen ganzen Kirchhofs- und
Beinhauspomp! Gottlob, da der ungeheure Plan in sich selbst zerfiel, obwol ich
glauben mchte, ein solcher Sto wrde nicht erfolglos unser wankendes Leben
berhrt haben.

                                                    Fastnacht, in der Dmmerung.

    So eben ist Casimir's Leichnam in Bardeloh's Wohnung geschafft worden. Mir
bangt vor dem Tage; der Pbel ist unruhig; die Freuden der Fastnacht tragen noch
mehr dazu bei und ich mu bekennen, da ich nicht ohne bange Besorgni dem
Abende entgegensehe.
    Bardeloh hat Mardochai's Brief gelesen. Ich war zugegen, es malte sich ein
furchtbarer Kampf auf Richard's Mienen. Lange Zeit sprach er kein Wort, er ma
mit groen Schritten das Zimmer, sann, runzelte die Stirn, sprach dumpf vor sich
hin und lie zuweilen den niederschmetternden Hohn um seine feinen Lippen
spielen, der diesem Mann das Aussehen eines idealen Dmon gibt.
    Haben Sie den Brief aufmerksam gelesen? fragte er mich endlich. - Ich
bejahte.
    Nun was meinen Sie denn zu unserm Plane, denn nun Mardochai seine Humanitt
so weit getrieben hat, steht es mir wol auch frei, Ihre Ansicht darber zu
hren.
    In wenig Worten sprach ich mich frei darber aus und verhehlte gar nicht
meinen Widerwillen gegen so verzweifelte Mittel.
    Sie haben die Gesprche vergessen, erwiederte Bardeloh, die wir bei
unserm ersten Begegnen auf dem Dampfboote fhrten. Wissen Sie nicht, da ich
damals sagte, ein halbjhriges Zwingen der europischen Menschheit zum Tode oder
zum Handeln sei die alleinige Rettung fr sie?
    Dies Alles wei ich recht wohl, versetzte ich, doch bin ich auch noch
heut der Meinung, da ein solches Handeln wol vorbergehend eine That erzwingen,
ihr aber nie jene heiligende Flamme einhauchen wrde, ohne welche jede
Unternehmung nur ein Schritt weiter zum Untergang ist.
    Und deshalb wollen Sie nach Amerika gehen? warf Bardeloh ein.
    Aus Lebensmuth, nicht aus Todesfeigheit.
    Nun ja, der Eine nennt es so, der Andere so! - Wann gedenken Sie Europa zu
verlassen?
    Sehr bald; nur Mardochai's Abreise und Casimir's Bestattung will ich noch
abwarten. - Begleiten Sie mich, nicht mir zu Gefallen, Ihrem Weibe, Ihrem Sohne
zu Liebe!
    Hm. Vielleicht! Bardeloh machte wieder ein paar Gnge durch's Zimmer, und
lie die Tapetenthr aufspringen. Wie gefllt Ihnen jetzt mein Studirzimmer?
    In der Nische standen die Todtenkpfe wie immer, auf dem obersten lag eine
vielfach versiegelte Rolle. Ich schwieg und beobachtete scharf Richard's
Mienenspiel.
    Mit diesen Boten des Hasses, fuhr Bardeloh fort, auf die Rolle deutend
glaube ich heut mein Testament verkndigen zu knnen. Der Zufall hat es anders
beschlossen. Sei's darum!
    Ruhig lie er die Tapetenthr wieder in's Schlo fallen. Ein abermaliger
Gang durch's Zimmer gab seinen Gedanken eine andere Richtung. Sigismund, sagte
er und ergriff mit herzlichem Druck meine Hand, da dieser Gedanke zur Bekehrung
der Welt, an den ich doch mein ganzes Leben hingegeben habe, auf eine so
verrckte Art und Weise vernichtet worden ist, so bitte ich Sie, thun Sie mir
einen Gefallen. Wollen Sie?
    Von Herzen gern.
    Genug; nur keine langen Betheuerungen! Uebermorgen wollen wir Casimir's
Leiche bestatten. Ich traure um ihn so gut, wie um meine Nichte, Mardochai's
Tochter. Ich knnte Ihnen noch mehr darber sagen, aber wozu? Es kann uns Beiden
nicht weiter helfen. Aus dem Maskenzuge wird nichts, das ist so gut als
entschieden. Die Bevlkerung aber verlangt einen Scherz. Sie mag ihn haben. Ich
mache einen Anschlag am Grzenich und lade, so viel deren Raum haben, auf heut
Abend zu einem Souper in mein Haus. Es mag dieses Gastgebot zugleich Ihre,
meine, unser aller Abschiedsmahl, das Abendmahl der Zeit sein, wenn Sie wollen.
Aber ich bedinge mir aus, da Jedermann schwarz gekleidet erscheine! Wir feiern
auch ein Todtenfest. Gehen Sie zu Mardochai?
    Ich verneinte es.
    Es ist auch besser, fuhr Mardochai fort, ich werde ihm ein paar Zeilen
schreiben und ihn ebenfalls nochmals zu mir einladen. Casimir's Leiche soll im
Hausflur auf den Katafalk gestellt werden. Die Besorgung dieser Angelegenheit
bertrage ich Ihnen, wie die Anordnung des etwaigen Schmuckes, wie er diesem
sonderbaren Geiste ziemen mag. Sprechen Sie meiner Frau Trost zu, ich gehe ganz
sicher aus Europa, auch Felix! Rosalie wird dann nicht zurckbleiben. - Um
Mardochai's Brief bitte ich noch einige Zeit. -
    Mit einer Art religiser Freudigkeit verlie ich Bardeloh. Ich wrdigte im
Stillen Casimir's That und Tod, und eilte auf Rosaliens Zimmer, um ihr sogleich
den trstlichen Entschlu ihres Gatten mitzutheilen. Ruhig hrte mich das
duldende, schne Weib an und schien einiges Mistrauen in meine Worte zu setzen.
Auch meine wiederholten Betheuerungen nahm sie ganz in gleicher Weise auf.
    Sie meinen es gut und ehrlich, erwiederte sie, darum krnkt Sie mein
Zweifel. Allein nicht in Ihr Wort, nur in Richard's Willen setze ich Argwohn.
Thun Sie inde, was Sie fr Recht halten, auch ich will durch Zaudern der
Mglichkeit einer glcklichen Vollendung des gefaten Entschlusses nicht
vorbeugen. Schicken Sie mir Felix, das arme Kind wird sehr glcklich sein.
    Diese Muthlosigkeit des Gemthes lhmte meine Krfte. Wenn Frauen aufhren
zu hoffen, dann mssen sie das Zittern des Bodens, das dem Erdbeben vorangeht,
unter ihren Fen bereits fhlen.

                                      19.



                           An Ferdinand und Raimund.

                                  Einige Tage spter, am Bord der amerikanischen
                                                            Brigg: die Hoffnung.

    Ein grauer Nebel schwimmt auf dem Meere, die Luft ist still, eintnig
schlagen die Wogen gegen den Kiel des Schiffes. So habe ich Zeit, ein letztes
Wort Euch zuzurufen, wie ich versprach. Ich thue es, obwol noch immer
schmerzlich bewegt, doch mit weit leichterem Herzen, denn eine Vershnung hat
das ausgleichende Schicksal eintreten lassen, wie ich sie nimmer geahnt htte.
Glaubt aber nicht, es bestehe dieselbe in einer glcklichen Ruhe! Die Ruhe wird
erst jetzt langsam aus dem Toben der Leidenschaften sich erheben. Ich will mir
nicht vorgreifen, um Euch und mich selbst zu schonen, und, wie ich es bisher
gethan habe, als mglichst unparteiischer Berichterstatter den Ereignissen einen
Weg zu Euren Herzen bahnen.
    Mein letztes Schreiben erzhlte Euch die unerwartet eingetretene
Katastrophe, der Casimir und und Sara erlagen. Ich frchtete sogleich irgend
eine Gewaltsamkeit, da Mardochai's briefliche Mittheilung an mich den
Machinationen ein Ziel setzte, die eben sowol seinen als Bardeloh's Geist bewegt
hatten. Es war der Klugheit gem, irgend etwas geschehen zu lassen, und Richard
ergriff auch sogleich geeignete Maregeln. Sein Plan war durch des Juden
Weigerung, daran Theil zu nehmen, vllig zerstrt, und wenn mich darber Freude
bewegte, so werdet Ihr mir nicht zrnen knnen. Der starre, nur dem Wink der
Consequenz und seinem ungeheuren Zwecke lebende Jude hatte freiwillig sich jedes
ferneren Eingreifens in das Richteramt der Geschichte begeben. Diese Demuth des
Stolzes ward mir werthvoll, und konnte ich frher einen argen Abscheu selbst
gegen die Person Mardochai's nicht vllig besiegen; so sprach jetzt unverhohlen
die Milde menschlichen Erbarmens, christlicher Liebe fr den reuigen, wenn auch
groen Frevler. Ich hielt mit einiger Zuversicht fest an dem Glauben, auch
Bardeloh werde in sich gehen, und jetzt, nach so vielen gewaltsamen Auftritten,
die mehr oder minder theils als Producte ungestmen Strebens, theils als
Ergebnisse trauriger Lebenswirrnisse betrachtet werden mssen, endlich zu der
Einsicht kommen, da dem Einzelnen auch bei der berwiegendsten geistigen Kraft
doch nie ein volles Recht zustehe, zu richten, wenn die Gesammtheit ihre
Einstimmung noch nicht dazu gebe.
    In dieser Hoffnung, die noch an Werth gewann durch verborgene Befrchtungen,
sah ich ruhig den Vorbereitungen zu, die zum Empfang der Fastnachtsgste
getroffen wurden. Das Briefchen, welches mir der ehrliche Klapperbein am Abend
der erschtternden That einhndigte, war von Auguste, die eine alte Sehnsucht
der Kindheit zum Carneval zurck in ihre Vaterstadt trieb. Auch Oskar und Lucie
meldeten ihre Ankunft und baten vorlufig um bereitwillige Aufnahme. Sie kamen
frhzeitig am Tage der Volksbelustigung an, noch gnzlich unbekannt mit dem
Vorgefallenen. Da ein kalter Schrecken sich Aller bei der Benachrichtigung
desselben bemchtigte, werdet Ihr natrlich finden. Lucie inde, in ihrer
raschen Beweglichkeit, wute doch sehr bald den Eindruck wieder von sich
abzuschtteln und betrachtete mit der ihrem Naturell eigenen Neugier die
schwarzen Tapeten, womit Bardeloh die Hausflur ausschlagen lie. Da es nun
einmal hie, es werde ein Fastnachtsmahl angeordnet, so hoffte Jeder auf
Zerstreuung und ausgelassene Lustbarkeiten. Auguste blieb jedoch ngstlich. Eine
bange Unruhe lie sie fast krankhaft erscheinen, und ich ward besorgt fr die
schon mannigfach Aufgeregte. Rosalien's mtterliche Milde allein konnte sie
beruhigen und glckliche Bilder dem schwarzen Maskengrauen unterschieben, das so
bang und kalt durch die glnzenden Rume des ganzen Palastes wankte.
    Der Anschlag Bardeloh's war von sehr erfreulicher Wirkung. Ungeachtet die
Klugheit es befahl, die Art und Weise von Casimir's Tode geheim zu halten, hatte
doch die heimliche Verrtherei des Gerchtes ungewisse, aufreizende Worte unter
die Bevlkerung verstreut. Die Masse liebt es, dem Unverbrgten zuzufallen,
schon weil ein dunkles Gefhl unzulnglicher Lebensbefriedigung sie gern die
Gelegenheit ergreifen lt, sich auf Augenblicke zu erobern, was sie fr
gewhnlich und dauernd entbehren mu. So lief denn auch frhzeitig genug die
Sage von einem Morde um, der in der Wohnung eines Juden verbt worden sein
sollte, und als eine Unterbrechung oder wenigstens Abnderung in den
Festlichkeiten angekndigt ward, reihte man Mgliches und Unmgliches rasch
zusammen und construirte sich ein wundersames Bild, in denen die Hauptfarben
genug des Grellen und Blutigen an sich trugen. Sobald inde nur der Scherz auf
den Straen in alter Weise begann, verga man ungezwungen die Geheimnisse des
huslichen Unglckes und begngte sich mit Spen, wie der Augenblick sie
erfand. Diese Improvisationen waren brigens gar nicht zu verachten, und gaben
von Neuem einen Beweis, wie die Natur immer die glcklichste Schpferin bleibt,
wenn sie ungestrt sich frei bewegen darf. Ohne eigentliche Anleitung bildete
sich ein hchst ergtzlicher Maskenzug, der, wie gewhnlich, zuletzt noch Besitz
nahm vom Grzenich. Nur krzere Zeit whrte der Scherz, der freilich zuweilen
die Derbheit etwas in zu groer Ungenirtheit an den Nchsten verhandelte.
    Ein eigenes Interesse nahmen die groe Menge der Pietisten, an Bardeloh's
Einladung. Mit sicherm Takt hatte mein Gastfreund die Eitelkeit unter der
demthigen Kopfbinde bei diesen Menschen herausgefhlt, und deshalb eine ganz
specielle Aufforderung, sein Fest zu besuchen, an sie ergehen lassen. Da er
dabei schwarze Kleidung sich ausbedang, erhob ihn noch mehr in ihren Augen; denn
sie vermeinten darin gewissermaen den Widerschein der Reue zu erblicken, die
bereits im Herzen des stolzen Mannes sowol ber sein frheres Leben, als ber
den Schwank des gegenwrtigen Tages sich zu uern beginne.
    Der Abend war herangekommen und in besonnener Eile jedes Nthige besorgt
worden. Bardeloh lie noch eine besondere Einladung an Mardochai ergehen, Theil
zu nehmen an dem Feste. Er schrieb ihm ein kurzes Billet, das er mir zeigte,
bevor er es abschickte. Die Worte lauteten: Da Sie der Zufall genthigt hat,
zum ersten Male der Allgemeinheit nicht Wort zu halten, hoffe ich, da Sie
mindestens den Freund, den Einzelnen, nicht versumen werden. Das Fest der Shne
wird gestrt, da Sie nicht Theil daran nehmen mgen. Halten Sie also vereint mit
mir das Trauermahl und vergessen Sie nicht, durch den Ueberbringer dieser Zeilen
mir die Maske zurckzuschicken, die Sie eigentlich heut zieren sollte!
    Mardochai sagte bereitwillig zu, indem er zugleich meldete, da die
Einbalsamirung seiner Tochter geschehen und berhaupt sein ganzes Hauswesen
bestellt sei. In einem Packet berreichte der Diener meinem Gastfreunde die
verlangte Maske. Ueber Bardeloh's Gesicht flog ein Zucken, das wie die Freude
wilder Dmonen seine mnnlich schnen Zge nur auf Sekunden verunstaltete. Ich
erschrack, ohne das Warum zu begreifen; ich hatte keine Ahnung von dem Inhalt
des Packets.
    Unterde war der Salon geordnet, die Divane mit schwarzem Stoff berzogen,
statt der bunten Teppiche schwarzwollene aufgerollt worden. Bardeloh selbst, so
wie alle Hausgenossen und Dienstboten hatten tiefschwarze Kleidung angelegt. Der
Lrm am Heerde contrastirte grell genug mit diesen Todesschauern.
    In der Hausflur war der Katafalk errichtet. Hohe Kandelaber standen um den
Sarg, aus dessen schwarzer Tiefe das bleiche Gesicht des todten Casimir, hnlich
einer Wachsmaske, hervorsah. Einen Lorbeerkranz im sprlichen Haar, eine Lyra in
der Linken, verbarg die Rechte einen Dolch. Um den Sarg schritten ernste
Wchter, um jeden Neugierigen in die Schranke der Sitte zurckzuweisen.
    Die anberaumte Stunde erschien, und mit ihr die zahlreich geladene
Gesellschaft, der sich anschlieen konnte, wer Lust hatte, sobald er sich nur
schwarz gekleidet zeigte. Schon die ersten Ankmmlinge stutzten beim Anblick des
Katafalks mit Sarg und Leiche. Es erfolgte inde, was ich erwartet hatte. Jeder
hielt diese Anordnung fr einen pikanten Scherz des Hausherrn und sah in dem
wirklichen Leichname nur eine meisterhafte Maske. Da nur Wenigen Casimir
persnlich bekannt war, lie die Tuschung sich um so leichter bewerkstelligen,
und zeigte auch dann und wann ein allzu Neugieriger Lust, den Sarg einer
genaueren Besichtigung zu unterwerfen, so wiesen den Zudringlichen die Wchter
noch zu rechter Zeit in die Schranken der Migung zurck. Es unterblieb daher
jede Strung, so arg der Zudrang war. Eine Menge migen Gesindels fand sich
ebenfalls ein, ber die Kleidung der Drftigkeit den pomphaften Staat der Trauer
geworfen, nicht selten verschossen oder gar Lumpen hnlicher als Kleidern. Die
kecke Zudringlichkeit dieser Menschenklasse wute Bardeloh auf das glcklichste
zu stillen. Es fehlte weder an Speise, noch Trank, und die beliebten Spirituosen
wurden reichlich, doch mit Vorsicht, umhergereicht. Das ganze Erdgescho war fr
die Belustigung der lauten Volksmenge vorgerichtet, und es whrte auch nicht
lange, so war der Scherz im vollen Gange und Niemand dachte sehr an das strend
ernste Gerst auf der Flur.
    Bardeloh sah, in feinstes Schwarz gekleidet, diesem Staunen, verblfftem
Lcheln, der unablssigen Mischung von geahntem Schreck und gewnschter Freude,
im Hintergrunde zu, wo er die feinere Gesellschaft begrte, die alsdann nach
den oberen Gemchern sich verfgte, wo die sinnende Rosalie sie freundlich, wenn
auch befangen, empfing. Schon hatten sich Gleichmuth und Steinhuder mit dem
ganzen langen Schweif seiner Anhnger eingefunden, denen er hier gleichsam zum
Fhrer diente. Er war demthig-hflich, kriechend heiter, und wute sogar seinen
Zorn beim Anblick Lucien's und Oskar's zu unterdrcken. - Von den Geladenen ward
nur Mardochai noch immer vergeblich erwartet, Bardeloh zeigte einige Unruhe,
traf aber zugleich Anstalt, die Tafeln ordnen zu lassen. In einem Vorzimmer
sammelte sich das Orchester.
    Gleichmuth suchte mich allein zu sprechen, wir traten zusammen in die
psychologische Warte. Sigismund, sprach der schwer Geprfte, was ist dies fr
ein Fest? Wissen Sie, was Bardeloh beabsichtigt? Oder sollte ich mich irren in
dem Argwohne, der das Leben mit seinen tuschenden Scheinfreuden mir
zurckgelassen hat? Unten der Katafalk, die Leiche, von der man nicht wei, ob
sie Maske oder Wirklichkeit ist, und hier die wandernde
Leichenbittergesellschaft, die umher schleicht, als glte es die Grablegung der
Menschheit! Geben Sie mir Aufklrung!
    Es gilt, zu vershnen, erwiederte ich. Sie ahnten das Rechte in Bardeloh,
aber die Vorsehung ist mchtiger gewesen, als die leidenschaftliche Aufregung
geistig groer Menschen. Im Sarge liegt Casimir's Leiche! -
    Gleichmuth mute sich an das Getfel lehnen, um Kraft zu sammeln. Bardeloh
trat mit seinem Sohne Felix in die Versammlung. Ich setzte den Pastor mit kurzen
Worten von dem Vorgefallenen in Kenntni.
    Mein Gastfreund begrte mit bitterm Lcheln seine zahlreichen Gste. Ich
bedauere, sprach er mit der Ruhe eines umsichtigen Diplomaten, der seinen Zweck
um jeden Preis erreichen will, ich bedauere, da ich das Vertrauen, welches man
mir zu schenken so wohlwollend war, auf eine so wenig gengende Art und Weise
rechtfertige. Ein trauriger Vorfall hat die Freude meines Hauses gestrt, eine
geliebte Nichte von mir ist auf eine hchst betrbende Weise aus dem Leben
geschieden. Mein Herz fhlte sich zu tief verwundet, um in dieser Stimmung mit
Glck die Leitung eines heitern Festes bernehmen zu knnen. Doch mute ich auf
irgend eine passende Weise der einmal bernommenen Verpflichtung nachzukommen
suchen, und dies bezweckte ich, indem ich Sie, meine Verehrten, zu mir lud.
Ueberlassen Sie sich jetzt der Heiterkeit, ich selbst will dazu beitragen.
Wohlan, es beginne die Lust!
    Richard klatschte in die Hnde, die Flgelthren sprangen auf und ein
Bacchuszug schwrmte jauchzend herein und durch den Saal. Der Scherz und Humor
wrde vollstndig gewesen sein, htte nicht die durchaus schwarze Tracht auch
dieser Darsteller dem berreizt Lustigen einen Anstrich finstern Ernstes
verliehen. Anstatt wahrhaft zu erheitern, wirkte dieser Jubelchor mit umflorten
Thyrsusstben fast dmonisch. Man ahnte ein Grauen hinter der Tollheit der Lust,
das drckend auf die Versammelten niederfiel. Dazu noch das berlaute Getmmel
der Menge im Erdgescho, die nur den Augenblick des reichsten Genusses fest
hielt und jeder Laune frei den Zgel schieen lie. Noch hatte der Zug den Saal
nicht wieder verlassen, als ein durchdringender Aufschrei unzhliger Stimmen
etwas Auerordentliches verkndigte. Eben so schnell trat eine lautlose Stille
ein, nur dumpf unterbrochen von dem fernen Gemurmel der neugierig gaffenden
Menge. Ein paar Diener traten bestrzt ein, und raunten Bardeloh einige Worte
zu. Dieser verlie den Saal, ich folgte. Auguste hatte sich an meinen Arm
festgeklammert. Alles drngte nach, ernste und lustige Gesichter, da Viele die
lcherlichsten Masken trugen. Von unten her wuchs der Lrm. Die Luft schien zu
brausen, wie vor dem Ausbruch eines zerstrenden Orkanes.
    Zugleich mit Bardeloh erreichte ich die Hausflur. Ein Anblick, der noch
jetzt in der Rckerinnerung mich tief ergreift, machte uns Alle stutzen. Nahe am
Sarge Casimir's stand die ehrwrdige Gestalt des neunzigjhrigen Castelan's.
Seine Linke auf die Brust des Todten gelegt, mit der Rechten den Krckenstab
gegen die gierige Menge, halb drohend, halb besnftigend erhebend, sah er mit
der Ruhe eines Mannes umher, den kein noch so trbes Ereigni den fest
gewurzelten Glauben an Gott und die ewige Gerechtigkeit hat entwenden knnen.
    Casimir ich vergebe Dir! sprach jetzt laut und vernehmlich der Greis, und
Euch Allen, die Ihr hier gaffend und zrnend mich umgebt, sage ich als der
Aelteste, es gibt kein Verbrechen auf Erden, das sich nicht selbst strafte!
Dieser Todte, dessen Hlle im Prunk des Sarges noch hhnt, war ein groer Mensch
und ein groer Snder. Er plnderte das Heiligthum aus reinem Uebermuth, aus
Lust und Freude am Seltsamen, und dafr hat das sanfte Auge Gottes seine Seele
geplndert und ihr den Frieden entwendet, von dem jeder wahre Mensch einen
kleinen Theil in sich tragen mu, soll er glcklich werden. Ruhe aber und
Vergebung dem Todten! Es lebt ein Gott, es sitzt zu Gericht sein heiliger
Geist! -
    So ist es! sagte eine feste, mnnliche Stimme, und die hohe Gestalt
Mardochai's schritt, im schwarzen, faltigen Talar, ernst, bleich, mit
geisterhafter Ruhe durch die dicht geschaarte Menge der Zuschauer. Er trat neben
den Greis. Kennst Du mich, Castelan? fragte er den zitternden Alten. Das
Werkzeug starb, der Werkmeister lebt noch. Ich befahl dem da die Snde, weil ich
wute, sie wrde ihn reizen in der Monstrositt seines Geistes. Und dieser
Mensch nahm Rache an mir, weil der Herr der Welt es zulie. Friede seiner Asche,
Ruhe seiner Seele! Mir wird sie vielleicht zu Theil werden an der Schwelle des
heiligen Grabes. -
    Der Jude, der furchtbare Jude! lispelte der Greis. Burton, der auch dazu
gekommen war, sttzte den Wankenden, an dem Mardochai vorber auf Bardeloh
zuschritt. Sie wnschten meine Gegenwart. Hier bin ich, sprach er zu seinem
Geistesgenossen. Bardeloh reichte ihm die Hand, sein Gesicht zuckte fieberhaft
zusammen. Sie schritten die Treppe hinauf. Langsam folgte der Greis und
Gleichmuth.
    Bis dahin hatte Staunen und eine Art Scheu die erregte Menge ruhig gehalten,
jetzt aber faten die Einzelnen und Argwhnischsten Worte und halbe Stze
zusammen, und bildeten daraus ein trbes Bild, dessen dunkle Fratze sie
erstarrte und zur Wuth hinri. Man drngte mit Gewalt die Wchter zurck vom
Sarge, um den Leichnam zu sehen. Einige erkannten den Todten; denn Casimir hatte
es wol zuweilen geliebt, in die niedrigsten Winkel des geselligen Verkehrs
herabzusteigen, um, wie er sich auszudrcken pflegte, die Genialitt der Zoten
zu studiren. Halb rasend fielen die einmal Erhitzten ber die Leiche her. Sie
entdeckten den Dolch und glaubten, man habe ihn damit ermordet. Sogleich rissen
ihm ein paar die Oberkleider ab. Man sah die eingeschlagene Brust, fhlte die
zerbrochenen Rippen. Geschrei, Getmmel, erfllte die Hausflur. Der Jude hat
ihn ermordet - Casimir wollte sich rchen - Mardochai ist ein Mrder! - Nieder,
nieder mit ihm! - So tobte Alles wst durcheinander. Im Gedrnge ward der
Katafalk verrckt, die Kandelaber wurden umgestrzt. Dunkel lodernd brannten sie
trb fort unter der finstern Bahre. - Die Leiche ward von den Neugierigen fast
zerrissen, die Lichter ergriffen die Bahrtcher, durch Rauch und Qualm starrten
die Gesichter der Erbitterten. Man wollte in die obern Gemcher - da erschienen
Bardeloh und Burton. Beiden gelang es, die Tobenden zu besnftigen, indem sie
klar und ruhig die Thorheit der Annahme darthaten. Die rohe Menge zog sich
murrend zurck, und entfernte sich auf Bardeloh's Befehl, grollend im Herzen,
und die Kleidung des todten Dichters fast in kleine Fetzen zerreiend. Der
Tumult ward gestillt und beruhigt traten wir wieder in die Versammlung. Jetzt
erst ward Bardeloh in einem gewissen Sinn lebhaft. Er klopfte mir vertraulich
auf die Achsel, indem er sprach: Nun ist's gut. Die Zeit der That ist
gekommen. -
    Die Menge der Gste verhinderte mich, lnger mit Richard zu sprechen. Es
drngten sich so viele an den unergrndlichen Mann, da immer Einer dem Andern
weichen mute, um nicht nach unserer Ausdrucksweise unhflich zu erscheinen.
Whrend nun die schwarz gallonirten Diener die Tafel bereiteten, benutzte ich
die Gunst des Augenblickes und plauderte mit Auguste. Lucie und Oskar hatten
sich ebenfalls in eine Fensternische zurckgezogen und berlieen sich harmlosen
Scherzen und verliebten Neckereien, wie sie dem Naturell des ungewhnlich
lebhaften Mdchens zusagten.
    Zu mir und Auguste gesellte sich bald wieder Felix, der in seiner schwarzen
Sammetkleidung ganz allerliebst unter der burlesken Ernsthaftigkeit so vieler
Erwachsenen herumlief.
    Tante, sprach er, heut soll ich eigentlich gefirmelt werden, wenn der
Vater sein Wort hlt, ich wei aber immer noch nicht, wie er es anstellen will.
Denn das sieht mir curios aus und gar nicht besonders heilig. Willst Du Dich
nicht mit firmeln lassen, Tante? So allein mag es mir gar nicht recht gefallen.
    La das gut sein, liebes Kind, erwiederte Auguste. Der Vater spricht oft
Worte, die wir nicht verstehen, und da wird es mit Deiner Firmelung wol auch
nicht anders gemeint sein.
    Vielleicht ist es grade so, wie mit dem Civilisationsgift, das der Vater
ordentlich recht im Leibe hat.
    Das hat er, sprach nahe bei uns Bardeloh's starke Stimme, ich sage Dir
aber, Kind, heut Abend noch wird es ihn verlassen. Hierauf wandte er sich mit
seiner gewhnlichen grazisen Leichtigkeit zu Auguste, und reichte ihr den Arm.
Kommen Sie, liebe Schwgerin; die Tafel ist bereit, fr Toaste gesorgt.
Sigismund, meine Frau wartet auf Sie.
    Die brigen Versammelten folgten unserm Beispiele und ordneten sich um die
lange Tafel, die fast in Form eines Kreuzes sich durch den weiten Saal hinzog.
Am obersten Ende war fr Mardochai ein Sitz bereitet. Ihm zur Rechten sa
Steinhuder, zur Linken Gleichmuth. Grade gegenber am untersten Theile nahm
Bardeloh selbst Platz zwischen Auguste und Felix. Ich sa mit Rosalie in der
Mitte des Saales, uns gegenber der greise Castelan. Neben ihm Lucie, der
lustige Ephraim, Oskar und Burton. Auf beiden Seiten gemischt die recht-, irr-
und unglubige brige Gesellschaft. Von den Bekannten vermite ich nur
Friedrichen und den Mnch. Ich fragte Rosalien, weshalb diese beiden nicht Theil
nhmen an dem Mahle, da sie doch in der letztern Zeit meistentheils eine
anstndige Ruhe zur Schau getragen htten.
    Richard hat ber sie verfgt, antwortete sie achselzuckend. Bangigkeit lag
in ihrem Auge, aber auch die Zuversicht eines gewissen, wenn auch noch fernen
Glckes.
    Es herrschte Anfangs eine etwas peinliche Einsylbigkeit. Nur einzelne
sprachen, doch meist leise mit ihren nchsten Nachbarn. Unter die Lautesten
gehrte Klapperbein, der sehr bald seine gewhnlichen Spahaftigkeit ein paar
bermthige Sprnge machen lie und dadurch herzliches Gelchter erregte.
    Heut ist Fastnacht, das heit, es fehlt nur noch ein Linschen, so ist's ganz
Nacht. Man sieht's aber nicht, weil's zu hell ist, und eben darum wollen wir
lustig sein und trinken. Alle tausende fllt mir da ein Lied ein, just ein
Studentenlied. Es thut jedoch nichts, auch ein alter Kerl mit einem ganzen
Herzen darf's immer noch mit singen. Heda, eingestimmt! Jung und Alt, Gottlos
und Fromm. Es ist Fastnacht, wo Jeder sagen darf, was er will. Wohlan denn,
Glselein klinget:

        Stot an,
        Mann fr Mann,
        Wer den Flammberg schwingen kann etc.
Und nun sang der alte, rstige Bruder Lustig mit so munterer Kehle, als sei er
noch keine zwanzig Jahre alt. Es stimmten Viele mit ein, wenn es auch nicht
Jedem von Herzen ging. Inde bewirkte dieser frische Anfang ein schnelleres
Erwachen einer zum Theil freilich nur erzwungenen Lust, und Lieder bald
humoristischen, bald ernsthaften Inhalts wurden von Diesem und Jenem angestimmt.
Dadurch erheiterte sich auch Burton's Laune. Man lie Amerika leben und ein
allbekanntes Nationallied ward mit steigendem Entzcken von der ganzen
Gesellschaft gesungen.
    Der Castelan sah diesem Treiben mit nicht sehr billigenden Blicken zu, und
wirklich lag auch in dem Kontrast, welchen die Lustigkeit Einzelner mit der
Trauergewandung Aller hervorbrachte, fr einen stillen Beobachter etwas
unaussprechlich Beengendes. Dagegen zu reden, wre freilich unntz und, wenn man
will, fr den Wirth sogar beleidigend gewesen.
    Nach den ersten Gngen trat die Musik aus dem Nebenzimmer in den Saal, wo
eine besondere Estrade fr sie errichtet worden war. Alle Musiker waren schwarz
gekleidet, trugen aber buntfarbige Bajazzokappen mit Schellen, was einen so
allgewaltig komischen Eindruck auf die ganze Versammlung hervorbrachte, da sich
ein unauslschliches Gttergelchter erhob. Da jeder Einzelne maskirt war,
versuchten wir umsonst die Gesichter zu mustern. Bardeloh befahl inzwischen
einen Straussischen Walzer, und bald flogen die Fiedelbogen, da alle
Mdchenfe in zuckende Bewegung geriethen.
    Die Meisten der hervorragenden Anwesenden, unter Andern auch Steinhuder und
Oskar, hatten Toaste ausgebracht, die sich freilich in feindseliger Rstung
trotzig gegenber standen. Die Fastnacht war und blieb der allgemeine Vershner.
Wein und sonstige Aufregung hatte die Gemther entflammt. Lauter ertnten die
Stimmen, man wog nicht mehr das Wort und gestattete dem Gedanken eine
ungewhnliche Freiheit. Da erhob sich Bardeloh, ruhig, ernst, mit spttischer
Lippenbewegung. Schweigen fiel herab auf die Versammelten, denn man erwartete
nicht mit Unrecht etwas Bedeutsames aus dem Munde des Geheimnivollen zu
vernehmen.
    Es ist Fastnacht, begann mit unsicherer Stimme der bleiche Mann, und da
ist es von jeher erlaubt gewesen, die Wahrheit zu sagen, ein Narr zu sein, ein
Allerweltsnarr! Auch ich fhle heut die Lust dazu in mir, bin aber nicht
geneigt, viele Worte zu machen. Ich erhebe nur das Glas, und fordere meine
ehrenwerthen Gste auf, mit mir vereint die Idee leben zu lassen, welche in dem
heut unterbliebenen Maskenzuge zur Erscheinung kommen sollte. Wer ein Freund der
Wahrheit ist, der flle sein Glas und stoe mit mir an! Heda, Musik! Es lebe
diese verschleierte Idee!
    Die Musiker begannen zu spielen. Sie hatten die Masken abgeworfen, ich
erkannte in ihrem Dirigenten den bldsinnigen Friedrich, dessen Bogenstriche
brigens jetzt in alter Weise sich wieder kenntlich machten. Die Gesellschaft
war aufgestanden, doch rief es von allen Seiten wiederholt: Sag' an die Idee! -
Was sollte sie verwirklichen? -
    Wie zerstreut fuhr sich Bardeloh mit der Hand ber die Stirn, griff im Busen
und zog - Mardochai's Brief an mich hervor. Lchelnd reichte er denselben einem
der zunchst Sitzenden. Es war ein Pietist. Der Mann gebot Ruhe und begann laut
das Schreiben vorzulesen. Bardeloh erfate die Hand seines Sohnes, Mardochai
stand ruhig auf, nherte sich unserm Gastfreunde und sprach fest, aber
erbleichend: Richard, was thun Sie? - Was ich mu, erwiederte der Gefragte.
Nach Gewiheit verlangt meine Seele. Ich mu noch in dieser Stunde erfahren, ob
meine Gedanken auch die der Welt sind. -
    Der Segen Abrahams sei mit Dir! flsterte Mardochai, doch frcht' ich, Du
hast nicht gut daran gethan. -
    In diesem Moment erhob sich ein Murmeln, Schimpfen, Drohen. Der Pietist
hatte den Brief fast zu Ende gelesen. Alles stand auf. Lsterung! Lsterung!
schrien die Frmmler, Steinhuder an ihrer Spitze. Ergreift sie! tobten Andere.
Den Juden fat! - Den reichen Nabob tdtet! - - Schleppt sie vor Gericht! -
Nein, nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen! -
    Alle Schrecken des bigottesten Fanatismus schritten zgellos durch die
schimmernden Sle. Mardochai war schon erfat worden, er wute sich zu befreien,
und schritt zwar fliehend, aber doch mit stolzer Haltung, der Thr zu, die nach
Bardeloh's Kabinet fhrte. Dieser selbst bahnte sich, seinen zitternden Knaben
im Arm, rasch den Weg eben dahin. Die Stimme des greisen Castelans sprach Worte
des Friedens, die Frauen baten und suchten die Aufgeregten zu beruhigen, sich
fest an sie klammernd. Burton, Oskar und ich, auch Gleichmuth, wir Alle boten
die Kraft des Wortes auf, um die emprten Gemther zu besnftigen. Allein der
Aufstand war zu allgemein, die Gemther verletzt in ihrem verborgensten
Heiligthume. -
    Bardeloh ffnete die Thr seines Cabinets und strzte mit Felix hinein, am
Boden kniete in schwarzem Mnchsgewande, den Rosenkranz in der Hand, Bonifacius.
Ein Druck gegen die Wand spregten die Tapetenthr, und es ward der bekannte
Apparat sichtbar, beleuchtet von den dunkel flatternden Spiritusflammen. Hastig
ergriff er einen Dolch, ri seinen Sohn zu sich empor, drckte ihn fest gegen
seine linke Brust, und dann den blinkenden Stahl schwingend, rief er drohend
gegen die Heranstrmenden, in deren Mitte ohnmchtig Mardochai gegen hundert
Arme kmpfte: Ich seh's, Euch ist nicht zu helfen. Die Wahrheit mgt Ihr nicht
hren, selbst die Fastnacht darf sie nicht mehr laut aussprechen. Ihr lebt in
der Lge, im Wahn, in Unfreiheit! Ich und mein Sohn aber, wir wollen frei sein.
Gott sei Deiner Seele gndig!
    Der Dolch zuckte in der Luft und fuhr gegen die Brust des Knaben. Doch ein
gewaltiger Sto Oskar's, der hinter Bardeloh gesprungen war, schleuderte in
demselben Augenblick das zitternde Kind aus des Vaters Hand. Es strzte vorwrts
auf einen Divan, der mit Gewalt gefhrte Sto aber traf des Vaters eigene Brust.
Drhnend sank Richard zusammen auf die Pyramide und ber ihn rollten die Schdel
zu Boden. Ein Blutstrom kroch, wie eine rothe Schlange, ber das Parquett.
Friedrich's Geige aber jauchzte in wunderbaren Tnen - ich gedachte des Knaben
Worte: der Friedrich, Vater, wird Dir noch den Todtentanz streichen. -
    Mehrere sprangen dem Gefallenen bei, allein noch war es nicht Zeit, Ruhe zu
suchen. Der Tumult dauerte fort, des Juden Krfte wichen unter den Hnden seiner
Verfolger. Mit dem kalten Blick der Verzweiflung sah Mardochai umher, ob nirgend
ein Mittel der Rettung sich darbte. Hinter der eingestrzten Pyramide erhob
sich eine Art Altar. Darauf lag eine versiegelte Rolle; drber gebreitet jene
bedeutungsvolle Maske. Die Angst des Entsetzens, das sichere Gefhl von der Nhe
des Todes lassen den Bedrngten zu jedem Mittel, auch dem abenteuerlichsten
greifen. Mardochai erblickte nicht sobald jenes Bild, als ein Lichtstrahl der
Hoffnung ber seine Mienen zog, wie der Bogen des Friedens und der Vershnung.
Er bersah rasch seine Verfolger - es waren lauter Pietisten - eine gewaltige
Anstrengung machte ihn frei. Mit heftigem Sprunge schwang er sich zu der
Erhhung hinauf, die unter seiner Schwere zerbrach, ergriff das wohlgemalte
Maskenbild, und es schnell ber sein Haupt herabziehend, streckte er die Hand
aus und rief laut dem gereizten Haufen die Worte zu: Ecce homo!
    Ein paar Secunden trat eine schwle Stille ein, dann aber brach ein grelles
Zetergeschrei aus, Steinhuder und viele Andere ergriffen den unglcklichen Mann,
und die Schnren an der Maske zusammenziehend, sank Mardochai mit leisem Rcheln
langsam zurck gegen die Wand. Seine Finger zuckten krampfhaft, aber kein Laut
entschlpfte seinem Munde. Das Haupt neigte sich auf die Brust, der Dornenkranz
sank tiefer und tiefer. Der Mann, welchem die Geschichte zu langsam war in ihrer
Gerechtigkeit, schied lautlos aus der Reihe der Lebendigen.
    Jetzt aber ergriff auch die erhitzten Henker die Furcht. Sie flohen Saal und
Haus, das Toben sank herab zur Ruhe des Todes. Auf dem Divan lehnte Felix
weinend am Busen seiner Mutter. Die Leiche seines Vaters hatten Oskar und Burton
aufgehoben und neben die ruhig lchelnde Gestalt seines irren Bruders gelegt,
der in glckliche Gedanken versunken nur mit leisem Finger die blutende Wunde
berhrte und eben so ruhig, als ergeben sprach: Das ist Dir gut, Bruder. Blut
vershnt und bndigt die Leidenschaften. Ich wei es am besten, denn ich habe
was Ehrliches fr diese Bndigung geblutet. Nun Du so ruhig bist, Bruder, wollen
wir zusammen schlafen gehn in's Kloster. -
    Der lebensmde Mann erhob sein Haupt und fuhr fort, den Rosenkranz zu beten.
Vor ihm, mitten unter uns, stand der greise Castelan. Die Erscheinung dieses
ehrwrdigen Alten, auf dessen gefurchter Stirn mit schnen Lettern die Nachricht
eines ber alle Strme der Welt errungenen Sieges zu lesen war, berhrte auch
mich wie die Erscheinung eines vershnenden Engels.
    Friede sei mit Euch! sagte zitternd bewegt der edle Greis, und von der
grauen Wimper herab flo der Thau mildernder Thrnen. Friede sei mit Euch! rufe
ich nochmals, wenn ich auch kein geweihter Priester bin. Aus Nacht und Nebel
erhebt sich immer wieder das Licht des Tages. Ihr alle wandeltet in Nacht, ein
greller Blitz hat die Dunkelheit zerrissen und Einige getdtet. Das war keine
Strafe, das war die Liebe Gottes! O, werdet ruhig, Ihr, die Ihr zurckbleibt,
und bedenkt, da es Aergerni geben mu, der aber nicht zu beneiden ist, von
welchem es kommt. Friede sei mit den Lebenden, Friede mit den Todten! Den Mnch
nehme ich in meinen Schutz. Er gehrt mir zu; sein todter Bruder hat ihn mir
bergeben.
    Gebrechlicher Greis, fiel Gleichmuth ein, frchtest Du nicht einen
Schuldigen, der aber seine Schuld bereut, so folge ich Dir ebenfalls, nicht
etwa, um Klosterbruder zu werden, sondern um fern vom Sturme der Welt mein
ganzes Leben wiederzufinden.
    Der Castelan legte seine zitternde Hand auf den Scheitel Gleichmuth's - es
war, als sprche dieses Handauflegen eine vollstndige Absolution aus ber
Jedermann, ber die ganze Welt. -
    Ich hatte unterde die Maske von Mardochai's Haupte gelst. Sein Gesicht
trug die nmliche trotzige Ruhe des Stolzes, die ich immer an dem Manne
bewundert hatte. Nur die Augen standen halb offen, als hafteten sie noch auf den
Irrthmern der Welt. Mit Schmerz drckte ich sie dem eigenthmlich groen Manne
zu. Da lschte ein Luftzug die Lichter, tiefe Finsterni sank ber den Todten.
Felix hing sich an meinen Hals und rief zrtlich: Nicht wahr, jetzt wirst Du
mein Vater werden? -

    Ich habe nichts mehr zu erwhnen. Zwei Tage spter, nachdem Alles so gut als
mglich geordnet worden war, beschlossenen wir brig Gebliebenen, durch so
wunderbare Ereignisse hart Geprften, aber auch dem stillen Frieden der
Verheiung Wiedergegebenen, das Vaterland zu verlassen. In Mardochai's Wohnung
fand sich eine Kiste mit einer sehr groen Menge von Schriften und Documenten,
alle auf die Emancipation seiner Brder abzweckend. Sie wurden dem Ober-Rabbiner
in H. gesendet, fr den ein Zettel von Mardochai sie, im Fall seines Todes,
bestimmt hatte. Reiche Legate fr Christen, die Juda's Schmerz mitfhlen und
Balsam fr seine Wunden bereiten, hatte der seltsame Mann ebenfalls ausgesetzt.
- Die Rolle, welche auf dem altarhlichen Tischchen in Bardeloh's Cabinet lag,
enthielt seine Doctrin des Hasses, von der sich vielleicht spter Einiges
mittheilen lt.
    Sara's Leichnam war bereits gegen die Verwesung gesichert. Rosalie wnschte
dasselbe ihrem Gatten und Mardochai. Wir willfahrteten den Bitten des armen,
aber doch im Besitz ihres hoffnungsvollen Sohnes glcklichen Weibes. Burton
besorgte ein Fahrzeug zur Aufnahme der drei Leichen, und am dritten Tage nach
dem traurigen Ereignisse, noch in neblicher Dmmerung geschah die Einschiffung.
    Gleichmuth, der Greis und Bonifacius standen schweigend am Ufer. Sara's und
Bardeloh's sterbliche Ueberreste waren bereits am Bord, die Matrosen hissten
eben Mardochai's Sarg herauf. Im Osten dmmerte der erste Strahl des neuen
Tages. Da zerri ein seltsamer Zufall das eine Tau, der Sarg schlug um und
versank in den Wogen des Stromes. Schluchzend strzten die Wellen darber
zusammen, der Greis faltete die Hnde und sprach ein nochmaliges: Friede seiner
Asche! -
    Der Anker ward gehoben, in schnellen Sten flog das Schiff den Rhein hinab.
Wir alle standen auf dem Verdeck, Rosalie, Oskar, Lucie, Auguste, Felix, ich und
Ephraim, und grten mit thrnenschwerem Auge die Zurckbleibenden so lange wir
sie erkennen konnten. Als der Morgennebel ihre Umrisse verhllte, vernahmen wir
die Tne aus Friedrich's Violine, und die Melodie eines alten, tief ergreifenden
Kirchenliedes flog zu uns herber, wie ein Segensruf Gottes. Da trat die Sonne
hinter den Wolken hervor, und als wolle sie alle Schmerzen stillen, allen Kummer
in Freude verwandeln, bergo sie mit vershnendem Strahle die Erde, so weit
unsere Blicke reichten.
    Wir schieden vershnt mit dem Geschick, mit der Menschheit vom Vaterlande,
und wankten auf der Brigg die Hoffnung, gefhrt von Burtons erfahrener Hand,
hinaus auf die unermelichen Meere. Der Anblick des gewaltigen Elementes erhob
unsere Gemther; geeint in Liebe, riefen wir dem in den Wellen versinkenden
Vaterlande ein lautes, herzliches Lebewohl zu, den hohen Trost mit uns nehmend,
da die Liebe vershnt und der Glaube errettet, wenn sie beide das Product einer
in tiefster Brust ewig verschlossenen Wahrheit sind.
    Lebt wohl in Europa! Vom Ufer des Missisippi schreib' ich Euch wieder.

                                  Nachschrift.


Ehe ich diesmal von meinen Lesern Abschied nehme, habe ich ihnen noch ein Wort
zuzuflstern. Bcher sind oft seltsamen Schicksalen unterworfen und zwar
meistentheils blos deshalb, weil Autor und Leser auf einem ganz verschiedenen
Standpunkt der Betrachtung stehen. Kann auch die Masse der Leser, als
Reprsentant einer stimmberechtigten Gesammtheit, von dem Autor verlangen, er
solle fr sie schreiben und also in einer Weise, die Allen gleich leicht
verstndlich, bequem und erquicklich sei; so hat doch der Autor auf der andern
Seite auch wieder hhere Zwecke zu verfolgen, wenn er berhaupt schreibt, weil
er die Weihe dazu von der Natur empfangen zu haben berzeugt ist. Hier Jedem zu
geben, was Rechtens sein mag, hat seine groen Schwierigkeiten. Ein
Schriftsteller von heut, der seine Stoffe dem unmittelbaren Leben entnehmen
will, um die Mistne auflsen zu helfen, an denen es leider noch so reich ist,
kommt in vielfache Conflicte. Nicht nur mit sich selbst hat er zu ringen, Stoff
und Form zu bercksichtigen, sthetischen Feinschmeckern auf die Lippen zu
sehen; auch die Freunde, die Bekannten, die sogenannten Gleichgesinnten (wiewol
es manchmal scheint, als sei dies ein leeres Wort), die Prderie der
Gesellschaft, die Schminke der spazierengefhrten Tugendhaftigkeit, die
umherstolzierende Anmaung der liberalen Quacksalber, die groe Menge, gemischt
aus tausend sich widersprechenden Atomen, und endlich die Idee, diese Sonne, an
deren Strahl die Zukunft lebendig wird, soll ein Autor der Gegenwart beachten!
Dabei knnen aber die Gedanken selbst sich verlieren, und es macht sich daher
oft nthig, aus Liebe zur Wahrheit Dies und Jenes unbercksichtigt zu lassen.
Schleicht sich darber die Lckenhaftigkeit ein, so sei man billig und bedenke,
da auch ein productiver Mensch doch immer nur Mensch ist und als solcher nicht
Jedermann nach dem Munde reden kann. Auch mge man noch die etwas milichen
Verhltnisse betrachten, unter denen es nicht erlaubt ist, den Gedanken in der
geeignetsten Weise auszusprechen. Mit dem Wegfall der Gedanken verliert aber
auch die Form, denn wo ich die Seele einer allgemeinen Beschneidung unterwerfe,
da kann sie nicht den Krper so durchleuchten, wie es zu wnschen wre. Findet
nun dieser oder jener Leser oder Kritiker hnliche Verwundungen an meinem Buche,
so bitte ich, er mge sich dafr andern Ortes bedanken oder beschweren. Ich
wasche meine Hnde in Unschuld; ich kann die Sonne nicht scheinen lassen; denn
ich fhle die Schwachheit meiner Menschennatur, und bin auch blos ein allein
stehendes Individuum.

    Es kommen vielleicht einige geschickte Kreuzer, deren es allerwrts
bergenug gibt, und schreien mir die Ohren voll ber Grades und Ungrades, was
angeblich in meinem Buche zu finden sein soll. Diesen habe ich blos zu sagen,
da ich kein Kreuzer bin, in der Kunst des Lavirens berhaupt schlecht
bewandert, vielmehr nur mit vollen Segeln durch Wetter, Sturm und brausende See
steuere, oder lieber ganz im Hafen bleibe. Ich wei, da ich mir keinen Dank
damit verdienen werde; doch von Dank will ich auch nicht leben. Meine Speise ist
die Wahrheit, die ungeschminkte. Sie ist aber auch mein Wimpel, an dem die
Hoffnung flattert, frisch und krftig in die blaue Luft der Zukunft hinein. Auf
meine Gegenwart will ich keine Actie nehmen, ich frchtete baldigen Bankerott,
auf die Zukunft aber, so viel man will; auf sie basire ich das Glck von Vlkern
und Lndern. Und diese Zukunft ist licht in meinem Buche, wie in meiner Seele,
wenn auch sonst schwarze Wetterwolken drin blitzen und donnern.
    Den Gehbigen werden meine Charaktere nicht gefallen. Die etwas radicale
Menschennatur, die heut zu Tage in Vanillenthee, Himbeereis und Bonbons zu
Grunde gegangen ist, wird den guten Leuten viel zu schaffen machen. Sollten sie
Choleraschmerzen darber bekommen, so bitte ich, sie mgen nicht mich, sondern
ihre schwache, verdorbene Constitution deshalb anklagen. Mir verursacht die
Natur, und wenn sie auch grotesk sich zeigt, keine Indigestionen, nur die
geschminkte widert mich an. Meine Charaktere aber, wie sie in Mardochai,
Gleichmuth, Casimir, Friedrich, Steinhuder, Bardeloh, Lucie, Rosalie etc. zu
Tage liegen, tragen keine Schminke. Sie sind Menschen, wie sie aus der
Verworrenheit gegenwrtiger Zustnde, sobald man diese concentrirt, von selbst
hervorwachsen. Auf den Kreuzwegen und Straen freilich laufen sie uns nicht in
die Arme, in der mit der Aeuerlichkeit der perfiden Gewohnheitssitte grollenden
Stille des Hauses aber begegnen sie dem Forscher. Mir wenigstens sind sie
begegnet; denn ich habe nur portrtirt; versteht sich, mit Benutzung der
Licenzen, ohne welche sich nun einmal Charaktere nicht wol anschaulich zeichnen
lassen. Man sei deshalb nicht bse, und zrne, fhlt man sich berhaupt dazu
berufen, mit der Welt, nicht mit mir. Ich wrde bei solchem Zorne schweigen.
Nachdenken und Anschauung von Welt und Zeit, und ein gewagter kecker Blick in
die Zukunft haben mich die Feder eintauchen lassen. Die Eitelkeit hat keinen
Theil daran.
    Wer mein Buch als Kunstwerk auffat, gerth in die Brche. Ich habe ein Bild
groer Lebensschmerzen, kein Kunstwerk schreiben wollen. -
    Sollten diese Mittheilungen Freunde finden, nicht solche, die gerne sich in
se Trume wiegen lassen auf den rhythmischen Wellen anmuthig geschrzter
Perioden, sondern solcher, welche aufzuwachen geneigt sind, so werde ich seiner
Zeit die Fortsetzung derselben folgen lassen. Dann verlege ich die Scene an den
Missisippi, und dort, unter dem Schirm der sternbesaten Flagge, wird jeder
Zwiespalt vollends ausgeglichen werden, falls die von mir beabsichtigte
Vershnung am Ende dieser Bnde vielleicht noch nicht mit vollem lichten Strahl
aus Schmerz und Leidenschaft sich erhoben haben sollte. - Dies heut mein
Abschiedsgru an die Leser, wobei wir uns, denk' ich, von Herzen die Hnde
drcken.

    Leipzig, im September 1837.
