
                                Immermann, Karl

                                  Mnchhausen

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                                 Karl Immermann

                                  Mnchhausen

                          Eine Geschichte in Arabesken

                                  Erster Teil

                                  Erstes Buch

                               Mnchhausens Debt

                                Eilftes Kapitel

    Worin der Freiherr seinen Abscheu vor dem Laster des Lgens nicht allein
                       ausspricht, sondern auch bettigt.

Was fr ein schndliches Laster ist das Lgen! Denn erstens kommt es leicht
heraus, wenn einer zu arg flunkert, und zweitens kann jemand, der sich's
angewhnt hat, auch einmal die Wahrheit sprechen, und keiner glaubt sie ihm
dann.
    Da mein Ahnherr, der Freiherr von Mnchhausen auf Bodenwerder einmal in
seinem Leben die Wahrheit sagte, und niemand ihm glauben wollte, das hat bei
dreihundert Menschen das Leben gekostet.
    Wie? riefen der Baron und seine Tochter aus einem Munde.
    Geschtzte Freunde und liebe Wirte, miget euer Erstaunen, versetzte der
Gast, indem er, wie ein Kaninchen, die Nasenflgel zitternd bewegte, und mit den
doppelfarbigen Augen zwinkerte. Nichts natrlicher, als das. Hrt nur zu. Der
besagte Ahnherr war leider Gottes, wie ihr wit, ein ungemeiner und
erschrecklicher Lgensack. Wer erinnert sich nicht der zwlf Enten, die er mit
einem Stcke Schinkenspeck fing, nicht seines halbierten Rosses, welches in
diesem Zustande der Halbheit dennoch eine Nachkommenschaft zu erzielen vermgend
war, nicht des tollgewordnen Jagdpelzes, nicht der im Posthorn eingefrornen
Tne, und - und - oh! oh! oh! - -
    Das blaue Auge des Enkels weinte, sein braunes blitzte von tugendhaftem
Zorne, er konnte nicht weiterreden. Dem alten Baron und seiner Tochter gelang es
endlich, ihn zu beruhigen. Der edle Redner schluchzte noch ein weniges, dann
fuhr er so fort: Es ist meiner Treu recht schlecht von mir, da ich von meinem
in Gott ruhenden Ahnherrn bles rede, aber ehrlich whrt am lngsten. Dieser
Mensch und Lgner hat die historische Wahrheit auf Jahrhunderte hin vergiftete,
und die nachgebornen Geschlechter gewissermaen unter die Botmigkeit jedes
Irrwahns gegeben, der seitdem in der Welt auftrat. Ja, um mich eines
Gleichnisses aus einer seiner abgeschmackten Fabeln zu bedienen, es erging der
Menschheit nachmals mit jedem falschen Propheten wie dem Bren, den der Ahnherr
an die honigbeschmierte Wagenstange lockte, und der sich durch und durch auf
selbige hinaufleckte. Denn es mochte den Leuten etwas noch so Unglaubliches
vorgeschwtzt werden, sie riefen immer: Das mu wahr sein; Mnchhausen hat ganz
andre Sachen erfahren! So leckten sich die Leute vor fnfzig bis sechzig Jahren
auf den Eiszapfen der Aufklrung hinauf, und als sie mit Mhe und Not von diesem
wieder heruntergeschroben waren, und die grimmige Erkltung noch in ihren
Eingeweiden rasselte, da kamen die Franzosen und hielten ihnen den Freiheitsbaum
vor, mit einer Mischung von Sirup und Kognak bestrichen, und die Narren leckten
wieder so tapfer darauf los, da sie bald alle mit Schmerzen an dem stachlichten
Stamme festsaen, und Napoleon mit leichter Mhe sie daran hinter sich herziehen
konnte. Nun, diese Begeisterung nahm denn endlich auch ein Ende mit Schrecken
und gegenwrtig ...
    Gegenwrtig? fragte der Baron erwartungsvoll. Gegenwrtig, versetzte der
Freiherr bedchtig, werden so viele und verschiedenartige Stangen, Bume und
Zapfen, worunter sich auch einige Eisenschienen befinden, mit Honig bestrichen,
da sich noch nicht entscheiden lt, welches dieser Fangmittel die meisten zu
fesseln imstande sein werde.
    Aber das Wort der Wahrheit durch welches Ihr Ahnherr an die dreihundert
Menschen ttete! rief das Frulein Emerentia sanft und dringend.
    Recht so, meine Gndige, erwiderte der Freiherr. Allegorie und
Phantasiespiele sind aus der Mode, gehren der Ramlerschen Zeit an; Stoff!
Stoff! Stoff! ruft die nach Realitten hungrige Welt. Hier ist der meinige.
Mnchhausen, der Ahnher, war trotz seines greulichen Lasters eine selten begabte
Natur. Er hatte mit Cagliostro in Verbindung gestanden, zu seiner Zeit Gold
gemacht, von der Sorte, die man Knallgold nennt, man versicherte, er hre, nicht
im figrlichen, sondern im buchstblichen Sinne, das Gras wachsen, kurz, er
hatte tiefe Blicke in so manches Naturgeheimnis getan. Besonders war an ihm ein
scharfes Ahnungsvermgen fr eigne Krperzustnde ausgebildet worden, und alles,
was nachmals in diesem Betreff von nervsen oder somnamblen Personen erzhlt
worden ist, war Kleinigkeit gegen das, was glaubwrdige Gewhrsmnner mir von
ihm berichtet haben. Er wute an sich selbst jede Befindensvernderung, wie die
Homopathen die Krankheiten nennen, vorauszuspren, und trug, sozusagen, seine
ganze somatische Zukunft, im Geruch vorgebildet, mit sich umher. Da einer
merkt, wenn ein Schnupfen bei ihm im Anzug ist, will nicht viel bedeuten; aber
durch den Schnupfen hindurch die spteren bel, die ihn noch betreffen sollen,
zu merken, ist allerdings nicht jedem gegeben. Theophilus, sagte der Ahnherr
eines Tages zu dem Manne, der mein Vater vor der Welt heit, Theophilus, ich
kriege morgen einen rechtschaffenen Schnupfen, wenn der vorber ist, gibt's ein
kaltes Fieberchen, und darnach wird der Rest der bsen Schrfe als Podagra in
den rechten Fu fahren. Und richtig, so kam es. Er hatte durch den Schnupfen
hindurch das kalte Fieber, durch dieses hindurch das Podagra an sich
abgewittert.
    Sie haben gewi von jenem sdamerikanischen Indianerstamme im Gebiete
Apapurincasiquinitschchiquisaqua gehrt?
    A ... pa ... pu ... rin ..., buchstabierte der alte Baron. Jawohl, jawohl
haben wir von diesem Stamme gehrt, fuhr er nach einigem Besinnen fort. Wer
sollte auch davon nicht gehrt haben!
    Apapurincasiquinitschchiquisaqua, flsterte das Frulein schwrmerisch vor
sich hin.
    Dieser Indianerstamm, sagte der Freiherr, wohnt dreiundsechzigdreiviertel
Meilen sdlich vom quator auf einem Bergplateau zweitausendfnfhundert Fu ber
der Meeresflche. Von den schneeichten Piks der Cordilleras rings geschtzt,
leben jene Menschen ein einfaches Ur- und Naturleben hin. Nie suchte die
Habsucht und Grausamkeit der Konquistadoren sie hinter ihren beschirmenden
Felsenwllen heim. Bume gibt es nicht auf Apapurincasiquinitschchiquisaqua
wegen seiner hohen Lage, aber unendliche Flchen dehnen sich an den
sonnebeschienenen Abhngen der Piks aus, smaragdgrn von einer Grasart, in deren
breiten, fcherartigen Blttern der Westwind, welcher da bestndig weht, ein
melodisches Suseln zu erwecken nicht mde wird. Zahlreiche Herden von
pfirsichbltenen Khen und Stieren (so lieblich scherzt dort die Natur in
Farben), weiden in den grnen Grasweiden; die feurigen Klber sind goldgelb,
erst nach und nach nehmen sie jenen klteren Farbenton an. Dieses Rindvieh ist
der einzige Reichtum der unschuldigen Apapurincasiquinitschchisaquaner. Sie
leben fast nur von der sauren oder sogenannten Schlippermilch, welche ihre
schnen Jungfrauen, vom Antlitz bis zu den Fukncheln ttowiert, mit den
feinen, rot- und gelbbemalten Fingern den strotzenden Eutern der Khe entziehn.
    Ihr himmlischen Mchte, wie reizend! sagte das Frulein, in Gefhl
schwelgend.
    Das heit, erinnerte der Baron, und rieb sich die Stirn, aus den Eutern
gewinnen sie se Milch, und nachher machen sie den sauren Schlipper daraus.
    Nein! antwortete der Freiherr. Der saure Schlipper kommt auf jenem
glcklichen Bergplateau von der Kuh, und nur, wenn er lange gestanden hat, und
dem Zustande der Verdernis sich nhert, dann geht er in Sigkeit ber.
    Hm! Hm! Hm! Ja ... aber - - murmelte der Alte und schttelte den Kopf.
    Erstaunen Sie nicht, hren Sie mich ruhig aus. Ist nicht alles
Ursprngliche sauer? Wie schmeckt die wilde und unverbildete Kastanie? Kannst du
in den jugendgrnen Apfel beien, ohne das Gesicht verzerren zu mssen, oder in
die kindliche harte Pflaume? Geben Trauben, die der buhlerische Strahl der Sonne
noch nicht um ihre Unschuld betrog, etwas anderes, als Essig? Pindar singt: Das
Frnehmste ist Wasser; ich aber sage: Das Ursprngliche ist sauer.
    Oh, das Ursprngliche! seufzte Emerentia.
    Sauer ist daher die Milch jener Naturkhe. Alle Haustiere verlieren
bekanntlich durch den Umgang mit Menschen viel von ihrer ursprnglichen
Ausstattung; Hund und Katze, die in der Wildnis zottige, energische Bestien
sind, werden in unsern Stuben kleine glatte Schmeichler, und so gibt denn auch
unser Hornvieh, weil es in alle Widersprche abschwchender Kultur mit einging,
einen Saft, von welchem wir zwar glauben, er sei das Ergebnis unverstimmter
Krfte, welcher aber gleichwohl in seiner sen Schlaffheit nur die
herabgekommne Konstitution der zahmen oder Kunstkuh anzeigt. Erst wenn diese
sogenannte se, eigentlich aber entnervte Milch eine Zeitlang gestanden hat,
besinnt sie sich wieder auf ihre verscherzte Ursprnglichkeit, fhrt in Reue und
Scham zu den klaren Molken und dem gehaltvollen Schlipper auseinander, den die
Leute in Niedersachsen auch wohl Waddicke nennen, und nun, in diesem biedern
Zustande, wird sie von allen reinen Seelen in der holden Einsamkeit eines
buerlichen Dngerhofes mit Wollust verschlrft. Aber Reue ist keine Unschuld,
und unsre Schlippermilch nicht die, welche auf den Hhen von
Apapurincasiquinitschchiquisaqua warm von der Kuh gezogen wird. - O trnke
wieder jeder deutsche Mann saure Milch ...
    Und rauchte dazu seine Pfeife Tobak ... fiel der alte Baron mit Wrme ein.
     ... ginge dann zwischen Gemsebeeten auf und nieder spazieren! ... rief
der Freiherr.
    Und hrte nichts, als: Alle neun! oder Sandhase! von der benachbarten
Kegelbahn - seufzte der alte Baron.
    Dann wre Germanien wahrhaft restauriert! schlo der Gast mit Emphase.
    Aber um der Gtter willen, rief ein hagrer Mann, welcher whrend dieser
Gesprche eingetreten war, wir erfahren ja noch immer das Wort der Wahrheit
nicht, wodurch Ihr Ahnherr dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte!
    Der Freiherr sah auf seine Uhr, und sagte mit dem Tone geistiger
berlegenheit, welcher ihm eigen war: Es mchte dazu heute zu spt sein. Auf
morgen also, wenn Sie vergnnen. Er stand auf, nahm eine Kerze, und verlie,
allen eine gute Nacht wnschend, das Zimmer.
    Warum fielt Ihr ihm in die Rede, Schulmeister? sagte der alte Baron
verdrielich zu dem Hagern. Einen solchen Mann, mit einem so weltumfassenden
Gesichtskreise mu man nie im Flusse der Worte stren, es kommt immer dabei
etwas zum Vorschein, was unterhlt und belehrt, und am Ende wren wir doch wohl
noch zu dem Worte der Wahrheit seines Ahnherrn gediehen, wenn Ihr ihn nicht
unterbrochen httet.
    Schelten Sie mich nicht, mein Gnner, um diesen Freiherrn von Mnchhausen,
der uns da so unversehens in das Schlo geworfen ist; erwiderte der Hagre. Er
kann den an Krze und Lakonismus Gewhnten schon ungeduldig machen, dieser
endlose Redner und Erzhler, denn er verfllt immer aus dem Hundertsten in das
Tausendste. Krze aber, die krnige Krze der Sparter, ist wie ein Kcher, darin
gar viele Pfeile stecken; indem erstens ...
    Es ist schon gut, Schulmeister, fiel ihm der Alte in die Rede, indem er
ihn mit einem zweideutigen Blicke ma. Warum kommt Ihr heute so spt? Wir haben
alles aufgespeist.
    Der Schulmeister Agesilaus lie seine Augen in die Ecke des Zimmers dringen,
worin ein kleiner Tisch stand, rmlich gedeckt. Die Knochen eines verzehrten
Huhns lagen auf den Tellern verstreut. Es wollte sich in der Eile nicht des
Schilfes genug fr mein Nachtlager schneiden lassen, versetzte er. So bin ich
denn hier nach dem Mahle erschienen, und werde mich zu Hause mit schwarzer Suppe
verkstigen mssen. Er zndete seine Blendlaterne an, schlug den groben,
zerrinen Mantelkragen, den er statt des Rockes trug, fester um sich, und
entfernte sich nach hflicher Verbeugung gegen den Baron und das Frulein.
    Der Alte sah sich um und murrte: Kein zweiter Leuchter mehr hier? Er nahm
aus dem Wandschranke ein Lichtstmpfchen, steckte es in den Hals einer Flasche,
und ging mit dieser Vorrichtung aus dem Stegreife davon, in tiefen Gedanken ber
die Erzhlungen des Gastes, ohne der Tochter weiter zu achten.
    Diese hatte von allen seitherigen Verhandlungen nichts bemerkt, weil sich
nach der Schilderung jenes glckseligen Bergplateaus die romantische Trumerei
ihrer bemchtigt hatte, in die sie nicht selten versinken konnte. Jetzt fuhr sie
aus diesen Entzckungen der Abwesenheit empor, und rief: Groes, ungeheures
Naturbild! Das Smaragdgrn der Wiesen am Abhange der Piks, vermischt mit dem
Pfirsichrot der Khe und dem Goldgelb der Klber, sich abhebend von dem
Schneewei der Cordillerasgipfel im Hintergrunde! O wre ich auf Apapur ... auf
Apapur ... auf der Bergebene mit dem unaussprechlichen Namen!
    Ein Windsto warf das Fenster auf, dessen einer Flgel, nur noch morsch in
seinen Ngeln hangend, zu Boden fiel, und klirrend zertrmmerte. Das Frulein
aber achtete dieses Umstandes nicht sonderlich, sondern hob eine Tischplatte ab,
stellte sie gegen die Lcke, und begab sich dann, gleich den brigen Personen,
zur Ruhe, um von der Bergeb'ne, mit deren langem Namen ich meine Zuhrer schon
so oft habe behelligen mssen, weiter zu trumen.

                                Zwlftes Kapitel



 Der Freiherr bringt zwar die angefangne Geschichte nicht zu Ende, handelt aber
                      von andern auerordentlichen Dingen.

Mnchhausen hob am folgenden Abende ohne Vorrede also an: Der sdamerikanische
Indianerstamm, welcher uns gestern beschftigte, bringt es bei seiner sauren
Milchnahrung meistens zu einem sehr hohen Alter. Es ist unter ihnen gar nicht
selten, da Mnner und Frauen das hunderste Jahr zurcklegen. Weil ihre Sinne
und Sfte nun immer in der unmittelbarsten Gemeinschaft mit der Natur
verblieben, so wissen sie auch durch ein richtiges Gefhl, wenn die Natur sich
ihr Ziel gesetzt hat. Ein solcher Sterbegreis sagt daher ganz genau Stunde,
Minute und Augenblick seines Todes voraus, flicht sich die Strohflasche, worin
er sich zu bestatten gedenkt ...
    Die Strohflasche? fragte der Schulmeister Agesilaus. Die Strohflasche,
erwiderte der Freiherr kaltbltig. Wenn man mir von Anfang an zugehrt htte,
so wrde manche Frage zu sparen sein. Holz haben sie nicht, das sagte ich schon
gestern, Srge knnen sie folglich nicht zimmern, sie mssen sich mit
getrocknetem Grase oder Stroh helfen, um ihre Leichenfutterale zu fertigen. Ein
solches Futteral hat die Form desjenigen Geflechts, worin der Maraschino von
Triest verschickt wird, lnglicht-viereckicht, oben mit einem kurzen, etwas
engeren Halse. Dahinein kriecht nun der Sterbegreis, nachdem er von seinen
Angehrigen Abschied genommen hat, und endet pnktlich in dem vorhergesagten
Augenblicke. Sobald er verschieden ist, binden sie eine Blase ber die Mndung,
und dann setzt sich die ganze Familie im Kreise um das Sterbefutteral her und
it zum Gedchtnis des Verewigten saure Milch. Hierauf tragen sie die
Strohflasche nach der Felsenbank Pipirilipi, dem allgemeinen Begrbnisorte des
Volks. Dort wird sie zu den brigen gestellt. Ich habe jene Ruhestatt selbst
gesehen; sie gewhrt einen schnen Anblick. Wie auf Rayolen in einem
wohlversehenen Keller stehen dort auf der Felsenbank viele tausend Flaschen
nebeneinander, die Vorzeit des Volks ist sozusagen auf Stroh abgezogen.
    Sie waren auch auf dem smaragdgrnen Plateau? fragte das Frulein
einigermaen befremdet.
    Liebe Seele, wo wre ich nicht gewesen! antwortete lchelnd der Freiherr.
Ich war vor einigen Jahren europamde, warum? wei ich selbst nicht, denn es
hatte mir niemand etwas zuleide getan, aber ich war europamde, wie man gegen
eilf Uhr abends schlafmde wird. Beschlo also, zu reisen, so weit weg, wie
mglich. Weil aber heutzutage jeder Mensch, der in Betrachtung kommen will,
absonderlich unterweges, interessant sein und den Spleen haben mu, reiste ich
erst nach Berlin und lie mich dort im Interessantsein unterrichten; dafr
zahlte ich zwei Friedrichsdor Honorar. Dann ging ich nach London, und lernte
dort bei einem Master den Spleen; der Tausendsassa war aber teuer, ich mute
ihm, Sie mgen es mir glauben, oder nicht, zwanzig Guineen entrichten, und
auerdem schwren, das Geheimnis nicht verraten zu wollen.
    Nachdem ich so das Interessante und den Spleen weghatte, glckte es mir
berall recht sehr. Ich trug mich bald als Englnder, bald als Neugrieche,
zuweilen lag ich als Dame auf dem Sofa und hatte Migrne; dabei redete ich ein
Kauderwelsch von Franzsisch und Deutsch, wie es zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts whrend der groen Sprachverderbnis Mode war. In jenen wechselnden
Kostmen, und in diesem Deutsch, gorge-de-pigeon, bestand das Interessante; was
aber den Spleen angeht, so fhrte ich immer Kampfer bei mir, um das Geheimnis
frisch zu erhalten. Davon bekommt man nmlich eine blasse Couleur; ich sah bald
aus, als htte ich schon zehn Jahre im Grabe gelegen. Als ich mich eines Tages
in meinem Toilettenspiegel, deren ich damals, wo ich der Eitelkeit frnte, stets
mehrere besa, zu Gesichte bekam, und meine bleiche Farbe erblickte, ging mir
ein lichter Gedanke im Kopfe auf. Sehe ich nicht wie eine Leiche aus? sagte ich
zu mir selber. Ich will mich den Verstorbenen nennen. Gesagt, getan! Dieser
Einfall hat Wunder gewirkt. Einen Verstorbenen hatten die Deutschen noch nicht
gehabt. Und nun gar ein Verstorbener, der so traulich mit ihnen zu plaudern
wute, und ihnen tausend Geschichtchen erzhlte, die ein Lebender allenfalls
auch in jedem Klatschzimmer der Soziett htte auftreiben knnen! Jung und alt,
Mnner und Weiber, Gelehrte und Idioten drngten sich zu den Leichenspuren des
Verstorbenen; die alte Fabel wurde wieder neu, welche das Volk hinter einem
geschmckten Verwesten jubelnd herwandern lt. Geheime Knste haben es aus der
Gruft emporbeschworen, die Menge zu locken. Die Jnglinge drngen sich
begehrlich heran, mit der buntgeschminkten Frau Venus zu tanzen; immer weiter
lockt die pestdampfende Schnheit, welche ihnen wie Zibet und Ambra riecht, die
Lsternen; endlich auf einem Kirchhofe fallen die Gewnder von den klappernden
Gebeinen ab, und ein scheuliches Skelett faucht ihnen den Spruch zu: Sic
transit gloria mundi. Aber mit mir kam es nicht so weit, vielmehr blieb ich,
obgleich ein duftender Verstorbener, recht inmitten der Gloria Mundi. Nachdem
ich so berhmt geworden war, strich ich durch die ganze Welt, kam auch im
Vorbeigehen durch Afrika; in Algier wurde ich arabisch mit allen Formalitten,
hatte dann gutes Logis bei Vizeknigs von gypten. Er wurde mein Duzbruder, und
ich mute ihm tausend Sachen erzhlen, die er mir alle geglaubt hat. Weiter
oberhalb nach Nubien zu, unfern der groen Katarakte, stie mir ein hbsches
Abenteuer mit einem Nilpferde auf. Ich sitze am Strom im Schilf, in naturalibus,
wie mich der Herr geschaffen hat, denn anders bin ich in Afrika nie gegangen;
esse mein Mittagsbrot in guter Ruhe, siehe da, schiet eine Bestie von
Hippopotamos auf mich zu, und hat mich im Rachen, ehe ich noch rufen kann: Qui
vive! Ich indessen nehme in der Geschwindigkeit mein bichen Geistesgegenwart
zusammen, schreie in dem Rachen, als das Vieh mich eben verschlucken will:
Monsieur! Monsieur! avec permission, je suis son Altesse telle et telle! Was
geschieht? Sie mgen es mir glauben oder nicht: Die gute Seele von Nilpferd
spuckt mich auf der Stelle aus, wischt sich die Trnen aus den Augen ...
    Womit? Womit? rief der Baron.
     ... mit einem Palmblatte, welches die ehrliche Haut in die rechte
Vorderpfote nimmt; errtet, und rennt beschmt davon. So weit haben es
Vizeknigs schon in gypten gebracht, da selbst die Hippopotamoi vor
literarischen Sommitten Respekt bezeigen.
    Ich meine, das Nilpferd nhre sich nur von Vegetabilien, nicht von
Fleisch, wandte das Frulein bescheiden ein.
    Es ist vermutlich kurzsichtig gewesen, und hat mich fr eine Pflanze
angesehen, antwortete der Freiherr. Ich wei, was ich wei; ich habe im Rachen
drin gesteckt. Wahrheit mu Wahrheit bleiben, und ehrlich whrt am lngsten. Wo
blieb ich stehen? Ja, in Afrika. Warum soll ich Sie aber mit solchen
Kleinigkeiten aufhalten? Ich war bald afrikamde, wie ich europamde gewesen
war, beschlo daher nach Amerika zu reisen, vorher aber einen Abstecher nach
Deutschland und England zu machen, wohin mich verschiedne Grnde zuvor riefen.
    Erstens hatte ich das Interessante und den Spleen etwas verlernt, und wollte
daher wieder in Berlin und in London meinen Kursus machen. In Afrika sind die
Leute gar nicht interessant, der Koran begnstigt diese Richtung nicht, eine
arabische Schnauze ist wie die andre, und was den Spleen betrifft, so vertreibt
den der Vizeknig von gypten durch die Bastonade; es gibt kein efficaceres
Mittel gegen Schwermut, als sie. Einmal hatte ich mich mit ihm etwas
brouilliert, wie das unter Freunden wohl kommen kann; da dachte ich an die
mglichen Folgen fr die Fusohlen, und von dem Gedanken schon war aller Spleen
weg, selbst bis auf die Erinnerung. Es kam zum Glcke nicht zu jenen Folgen, wir
vershnten uns und aen noch denselben Mittag Sauerkraut mit Schweineohren
zusammen, denn er ist ein aufgeklrter Trke, und will nchstens in einer
Schrift beweisen, da Mahomet ein Produkt der Glubigen sei. Wo blieb ich
stehen? Ja so; bei dem Spleen. Nun, das Interessante hatte ich aus Mangel an
Anschauungen in meiner Umgebung ebenfalls wieder eingebt. Ich mute also schon
deshalb nach Deutschland und England.
    Diesmal war ich gentigt, in Berlin fr den Unterricht im Interessanten eine
Bonne zu nehmen, die Mre Oye, der es im Rckblick auf Personen und Zustnde
nicht gegangen war wie Lots Weibe bei einer hnlichen Gelegenheit. Denn, anstatt
zur Salzsule zu erstarren, war sie nur immer gesprchiger und merkurialischer
geworden. Viele Leute wollten der guten Mre und Commre etwas am Zeuge flicken;
sie sagten, all ihr Geistreicheln und Interessantisieren sei doch purer
Waschschaum, aber ich mu die Mre Oye verteidigen. Auf hohe Ziele hat sie es
berhaupt nicht abgesehen; sie gedenkt nur ihrer Ahnmtter, die urlngst durch
Schnattern das Kapitol retteten. Und da bt sie nun mittlerweile ihr Organ, um
bei Stimme zu sein, wenn dermaleinst das Kapitol des plattierten Liberalismus in
Deutschland gefhrdet werden sollte.
    Warum gingen Sie aber nicht zu Ihrem alten Lehrer? fragte der Baron.
    Der sa in Paris dazumal und las altfranzsische Manuskripte. Ich reiste
von Algier ber Toulon und jene Hauptstadt, und traf ihn auf der Bibliothek. Da
sah ich nun ein wahres Wunder jetziger Bcherschnellfabrikation oder
Schnellbcherfabrikation. Denn es ist gewi; Sie mgen mir es glauben, oder
nicht, mit der linken Hand schlug er die Bltter des pergamentenen Folianten um,
der vor ihm lag, und mit der rechten schrieb er gleichzeitig ein Buch darber
oder daraus, so da, wenn er links in Folio fertig gelesen hatte, ihm rechts ein
Oktavband abgegangen war. Dazwischen diktierte er noch ein spirituelles Billett
an eine Komdiantin und unterhielt sich mit einem Arrondissementscommissair
grndlich ber das Pariser Grisettenwesen. Er blieb folglich nur drei Stadien
hinter Csars Vielseitigkeit zurck Was aber der zweite Grund meines Abstechers
nach Deutschland war, ich wollte mir dort wieder einen guten Bedienten mieten.
Meinen bisherigen hatte ich abschaffen mssen; er wollte auch interessant sein,
und hielt deshalb bestndig Maulaffen feil. Als Interessanter von Distinktion
glaubte ich Einspruch tun zu drfen, aber da die Gewerbefreiheit berall
herrschte, so war in der Sache nichts zu machen; jeder Lump durfte interessant
sein.
    Nur aus Deutschland wollte ich mir den Ersatzbedienten holen, denn jedes
Land hat seine eigentmlichen Produkte, die man nirgends anders so gut bekommt.
Spanien hat seine Weine, Italien den Gesang, England die Konstitution, Ruland
den festesten Juchten, Frankreich die Revolution, und in Deutschland geraten die
Bedienten am besten.

                              Dreizehntes Kapitel



      Der Freiherr beginnt eine historische Novelle von sechs verbundenen
 kurhessischen Zpfen zu erzhlen, wird aber von dem Ausbruche der Verzweiflung
    bei dem Schulmeister Agesilaus unterbrochen, und verspricht geordnetere
                                  Mitteilungen

Da, wo die buschichten Anhhen des Habichtwaldes gegen Abend, die Hgelketten
des Reinhartwaldes gegen Mitternacht, der felsichte Srewald gegen Mittag zu
einem weiten Tale auseinandertreten, durch welches die Fulda in mannigfachen
Krmmungen von Mittag nach Mitternacht ihre Fluten wlzt, gegen Morgen aber eine
lachende Ebne sich auftut, ber welcher in weiter Ferne der majesttische
Meiner sein blaues Haupt erhebt, liegt Kassel ...
    O ihr heiligen und gerechten Gtter, wohin soll denn nun das wieder
fhren? sthnte der Schulmeister Agesilaus, den die Erzhlungen des Freiherrn
in einen Zustand versetzt hatten, welcher sich schwer beschreiben lt.
     ... liegt Kassel, die Hauptstadt des Kurfrstentums Hessen. Reinliche,
breite Straen durchschneiden die obere oder Neustadt, deren Gebude fast alle
von regelmiger Bauart sind, whrend die untere oder Altstadt mehr dem Schmutze
und der Krmme anheimgefallen ist. Mehrere schne ffentliche Pltze verschnern
jenen schneren Teil der Stadt, unter allen jedoch ist der Friedrichsplatz der
schnste, an welchem sich das prachtvolle Schlo mit seinen langen
Fensterfluchten erhebt.
    Es war um die Zeit, als nach der glcklichen Herstellung der alten
Verhltnisse Kurfrst Wilhelm in die Hallen seiner Vter zurckgekehrt war, und
unter mehreren frheren bewhrten Einrichtungen auch jene Verlngerung des
Haarwuchses wieder eingefhrt hatte, welche man im Deutschen mit dem Namen Zopf
zu belegen pflegt. Auch diese Zeit ist lngst vorber, die Kunde von ihr klingt
fast wie die Mr von dem versunkenen Eilande Atlantis; der historischen Dichtung
aber ziemt es, nichts in der Geschichte verlorengehen zu lassen, nicht einmal
den ehemaligen kurhessischen Zopf.
    Es war spt abends und Kassels Bewohner schliefen schon, oder legten sich zu
Bett. Auf dem Schlosse aber war es im Kabinett des Frsten noch hell. Die Soire
war zwar geendigt, jedoch hielt der alte wrdige Herrscher noch einige seiner
Auserwhlten um sich versammelt. Man hatte sich auf die gewohnte Weise von der
Zwischenregierung und von dem wunderbaren Umschwunge der Dinge unterhalten. Der
Kurfrst, welcher seine Gardeuniform, Klappenweste und steife Stiefeln trug,
stand fest auf das spanische Rohr mit goldnem Knopfe gesttzt, und sagte: Es
bleibet dabei, Ich agnosziere nichts von dem, was Mein Verwalter Jrme
inzwischen angeordnet hat. Wer darunter leidet, mag sich an Meinen Verwalter
halten, dem Wir nicht die Macht gegeben hatten, auf seinen Kopf neue Sachen
einzufhren, und der mithin bei derartigen Tathandlungen Mandatum exzedieret
hat. Wir wissen wohl, da Wir dieserwegen der Zensur etlicher unruhiger Kpfe
unterliegen, aber das lt Uns vllig unangefochten in Unserem Gewissen, und Wir
vertrauen hierinnen gnzlich der gttlichen Providenz, die Uns nach kurzer
berwltigung in Unsre Erbstaaten zurckgefhret, und deutsche Treue und
Redlichkeit auch auf Unsrem Territorio retablieret hat. Habt Ihr das Edikt
verfasset, wodurch den Domnenankufern alle und jegliche Hoffnung, sich in
ihrem unrechtfertigen Besitze zu maintenieren, entzogen wird?
    Das lie ich meine eiligste Sorge sein, versetzte der Angeredete, der
Geheime Rat Vellejus Paterculus. Es war in der Tat hohe Zeit, da deutsche Treue
und Redlichkeit bei uns retabliert wurde.
    Man kennet Mich noch nicht gehrig, fuhr der alte krftige Frst mit
erhobener Stimme fort. Ich habe schon einmal die Gassenkehrer zur Korrektion der
Weichlinge und Schwelger in neumodischen franzsischen Kleidern die Straen
fegen lassen, und es drfte passieren, da sich gleiches oder hnliches
abermalen ereignete, wenn man Uns zuviel rgernis gibt. Dieses Kassel war unter
der Wirtschaft Meines Verwalters ein liederlicher Ort geworden, und alle Zucht
und Sitte hatte Abschied genommen.
    Eine Dame nherte sich dem Frsten und sagte mit schmeichelndem Tone:
Ereifre dich nicht, Vterchen, du hast ja beides, Zucht und Sitte, hier wieder
eingefhrt.
    Sie und der Geheime Rat Vellejus Paterculus wurden hierauf entlassen. Nur
der Baron von Rothschild verblieb noch bei dem Frsten. Er war nach Kassel
gekommen, um mit seinem erlauchten Geschftsfreunde Abrechnung zu halten, und
hatte jetzt zu vernehmen, da der Kurfrst die in des Barons Hnden beruhenden
Fonds ihm nicht lnger zu sieben Prozent lassen knne, sondern auf dem achten
fortan bestehen msse.
    Der Baron von Rothschild war durch diese Nachricht und Erffnung im tiefsten
erschttert. Er schwor bei dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, da ihn eine
solche Maregel in das Verderben strze, da aber sein hoher Glubiger fest
darauf bestand, und ihn fr den Fall des Weigerns mit der Kndigung bedrohte, so
gab der Baron endlich mit blutendem Herzen nach und erwog zu seinem Troste im
stillen, da in seiner Bank das Pfund mit zwanzig Prozent wuchre, ihm sonach
allerdings zwlf noch brig verblieben.
    Der Frst hatte bei der ganzen Verhandlung seine Haltung unerschtterlich
bewahrt. Jetzt stie er das Fenster auf, sah in die sternenklare Nacht und
sagte: Wenn Ich consideriere, da Ich wieder hier im Palais bin, und welche
Interessen Mir die englischen Gelder, die Ich dazumal fr das amerikanische
Corps erhielt, in Seinen Hnden getragen haben, Rothschild, so mu Ich sprechen:
Der alte Gott lebet noch und lsset nicht zuschanden werden.
    Der Baron erwiderte etwas verstimmt: Warum soll nicht leben der alte Gott,
da noch leben Eur' Hoheit? Wie kann man werden zuschanden mit acht Prozent?
    Whrend sich diese Begebenheiten im Innern des Schlosses zutrugen, erzhlten
unten in der Wachtstube die sechs Gebrder Piepmeyer ihren Kameraden
Gespenstergeschichten. Die sechs Gebrder Piepmeyer waren die sechs Shne des
Kastellans Piepmeyer auf der Lwenburg. Dieser Mann hatte, wie es bei solchen
Aufsehern herrschaftlicher Schlsser der Fall zu sein pflegt, die loyalsten
Gesinnungen, und in denselben auch seine Shne erzogen. Man konnte daher von
dieser Familie behaupten, da in sieben Individuen nur ein und dasselbe
hessische Herz schlage. Vater Piepmeyer war derjenige gewesen, welcher sich bei
dem Einzuge des Kurfrsten auf einen Eckstein gestellt, jubelnd seinen durch
alle Verfhrungen der Fremdherrschaft hindurch geretteten Zopf geschwungen und
gerufen hatte: Durchlaucht! Durchlaucht! meiner sitzt noch! was dem alten Herrn
die erste wahre Regentenfreude in seinen Staaten bereitet haben soll. Sobald nun
die sechs Shne Piepmeyer, welche zwei Paar Drillinge waren, die Mutter
Piepmeyer in zwei nacheinanderfolgenden Jahren ihrem Gatten geschenkt hatte, in
das Soldatenalter traten, lie Vater Piepmeyer alle sechs an einem und demselben
Tage in die kurfrstliche Zopf- und Stiefelettengarde eintreten. Sie hatten alle
sechs dasselbe Ma, nmlich sechs Fu, drei Striche; hielten auf die vllige
Identitt ihrer Stiefeletten und Zpfe, und sahen einander berhaupt zum
Verwechseln gleich, so da der Kommandeur sie mit verschiedenfarbigen Strichen
ber der Nase bezeichnen lassen mute, um sie im Dienst unterscheiden zu knnen.
Karl Piepmeyer bekam einen gelben, Heinrich Piepmeyer einen blauen, Ferdinand
Piepmeyer einen roten, Guido Piepmeyer einen orangefarbnen, Christian Piepmeyer
einen grnen, Romeo Piepmeyer einen silbergrauen und Peter Piepmeyer einen
schwarzen Strich ber der Nase. Aber auer dem Dienste, wo sie sich als Menschen
fhlten, wischten sie die Striche ab.
    Diese sechs Brder von der Lwenburg erzhlten den andern hessischen
Wachtmannschaften folgende Geschichte: Ihr mgt es nun glauben oder nicht, aber
so ist der alte Herr alle Jahre, whrend er in der Fremde war, an seinem
Geburtstage jedesmal droben auf der Burg gewesen. An diesem Tage war es von
frhmorgens an schon immer unruhig droben, es tat sich ein Schwirren in den
seidnen Gardinen hervor, die Gardinenbetten knackten, die Harnische in der
Rstkammer rasselten, der Wetterhahn auf dem Turme hat unaufhrlich mit den
Flgeln geschlagen. Schon als Knaben bemerkten wir alles dieses und noch
mehreres, aber wir achteten dessen nicht, bis uns der Vater, nachdem wir
fnfzehn Jahre alt und konfirmiert worden waren, beiseite nahm und uns das
Burggeheimnis entdeckte, welches in nichts anderem bestand, als da der
Kurfrst, wiewohl weit entfernt im bhmischen Lande, dennoch auf seiner Burg
seinen Geburtstag feire. Er komme nmlich um sechs Uhr abends gerade zur Stunde,
wo vorzeiten an der Stndetafel die Gesundheit ausgebracht worden sei, und man
die Kanonen vor der Aue gelst habe, in das gelbe Kommodenzimmer, worin der alte
Fritz als kleiner Junge abgemalt hngt, gegangen, und verlustiere sich dort eine
halbe Stunde lang.
    Das nchste Jahr gab uns der Vater die Sache zu schauen. Nmlich, wir
steckten uns mit ihm sacht hinter den grnen Vorhang im gelben Kommodenzimmer.
Was geschieht? Wie die Glocke auf dem Schloturm sechs schlgt, hren wir auf
dem langen Rittergange, der zum Zimmer fhrt, Tre nach Tre aufklappen, endlich
springt auch die vom gelben Kommodenzimmer auf, und herein tritt der Herr, wie
er leibt und lebt, steife Stiefeln, gekollerte Hosen, Montierung, dreieckichter
Hut, Klebelocken, kurz alles und jedes. Setzt sich an das Fenster, was nach dem
Garten sieht, macht sich eine Pfeife Tabak an, raucht, da der Dampf davongeht,
kuckt unterweilen in den Garten, klopft, wie die Pfeife zu Ende geraucht ist,
dieselbige aus, da wir nachmals noch die Asche auf dem Getfel gefunden haben,
erhebt sich dann, geht still aus dem gelben Kommodenzimmer und so weiter, wo wir
denn die Tren im langen Rittergange nacheinander wieder zuklappen hren. Das
ganze gelbe Kommodenzimmer war voll Rauch, Varinas linker Hand oben, wir haben
alle sieben, wir sechs Brder und unser Vater, deutlich die Sorte gerochen.
    Als die Gebrder Piepmeyer diese Geschichte ihren Kameraden erzhlt hatten,
erhob sich in der Wachtstube ein hitziger Streit; denn ...
    Aber der Freiherr konnte seine Geschichte nicht weiterfhren, denn es erhob
sich auch in dem Zimmer, worin die Gesellschaft versammelt war, ein heftiger
Lrmen. Bei dem Schulmeister Agesilaus brach nmlich in diesem Augenblicke die
Verzweiflung, in welche ihn die Erzhlungen des Freiherrn versetzt hatten, auf
die gewaltsamste Weise aus. Er warf seinen groben und zerrissenen Mantelkragen
ab, und rannte in der kurzen wollnen Jacke, die er unter demselben trug, mit den
Gebrden eines Verlornen im Zimmer auf und nieder. Nein, was zuviel ist, ist
zuviel, und der menschlichen Geduld sind ihre Grenzen gesteckt! rief er
schluchzend aus. Meine hochverehrten Gnner, ich bitte zehntausendmal wegen
dieser meiner Unhflichkeit um Vergebung, aber ich kann mir nicht helfen, ich
mu mir Luft machen, sonst bin ich ruiniert mit Kind und Kindeskind!
Mnchhausens Lgen, Homopathie, kurhessische Zpfe, saure Milch,
Apapurincasiquinitschchiquisaqua, Mama Gans, Rhinozerosse, Verstorbne,
Vizeknigs von gypten, altfranzsische Manuskripte, Grisetten, Juchten,
Rothschild, Varinas linker Hand oben - - wer dabei den Verstand behalten will,
der mu einen weniger geordneten Kopf haben, als ich leider besitze. Herr von
Mnchhausen beginnen zu erzhlen, dann fangen wieder andere Personen an, in
diesen Erzhlungen zu erzhlen; wenn man nicht schleunig Einhalt tut, so geraten
wir wahrhaftig in eine wahre Untiefe des Erzhlens hinein, worin unser Verstand
notwendig Schiffbruch leiden mu. Bei den Frauen, die mit Schachteln handeln,
stecken oft vierundzwanzig ineinander, so kann es frwahr auch hier mit den
Geschichten gehen, denn wer schtzt uns davor, da alle sechs Gebrder Piepmeyer
sich wieder von sechs Wachtkameraden sechs Geschichten vorplaudern lassen, und
da solchergestalt sich die historische Perspektive in das Unendliche
verlngert? Herr von Mnchhausen wollten uns das Wort der Wahrheit vertrauen,
wodurch Ihr Ahnherr an dreihundert Menschen ttete; statt dessen werden wir auf
die Cordilleras und von da nach Afrika gehetzt, und jetzt sind wir wieder in
Hessen-Kassel, und wissen nicht, warum wir da sind. Herr von Mnchhausen, ich
halte Sie fr einen groen, wunderbar begabten Mann, aber ich bitte Sie um die
einzige Gnade, erzhlen Sie etwas geordneter und schlichter. Sie wollen, wie ich
vernehme, unsrem Herrn Baron lnger die Ehre Ihres Besuchs schenken; es mu
Ihnen daher selbst daran liegen, uns nicht schon in den ersten Tagen auer
Fassung zu setzen und geistig zu vernichten.
    Nach dieser Rede entstand eine bedeutende Pause. Der Wirt sah verlegen, der
Gast gro vor sich hin, das Frulein warf einen Blick des Zorns auf den
Schulmeister, einen Blick der begeistertsten Hingebung auf den Freiherrn. Der
Schulmeister stand atmend in einer Ecke, und schien sehr angegriffen zu sein.
    Zuerst redete der Freiherr wieder und sagte: Da ich so brsk unterbrochen
worden bin, tut mir leid. Ich kann versichern, da ich meinen Stoff beherrsche,
und da in meinen Geschichten, wie in meinem Geiste, alles zusammenhngt. Ich
wrde Sie aus der hessischen Wachtstube wieder zu den Indianern auf der
smaragdgrnen Bergebne ...
    O die smaragdgrne Bergebne! rief das Frulein enthusiastisch.
     ... auf der smaragdgrnen Bergebne zurckzufhren imstande gewesen sein,
und Sie wrden bald eingesehen haben, in welcher Verbindung die sechs
verbundenen kurhessischen Zpfe mit dem Worte der Wahrheit stehen, durch welches
mein Ahnherr an die dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte. Freilich
fr manche sind manche Kombinationen zu hoch.
    Jawohl! rief das Frulein scharf und bitter. Kaviar ist nicht fr das
Volk. Anders als sonst in Menschenkpfen malt sich in diesem Kopf die Welt.
    Da sich keine behagliche Unterhaltung wieder machen wollte, sagte endlich
der alte Baron, der dem Schulmeister eigentlich im stillen beistimmte: Das
Schlimmste wre nun, wenn wir Ihrer ferneren, so sehr interessanten Mitteilungen
verlustig gingen, lieber Mnchhausen.
    Mein Geist hat die Eigenheit, erwiderte dieser, da er, wie ein Rderwerk
sofort stillesteht, wenn auch nur ein Zahn, nur ein Federchen gebrochen wird.
Alles, was den Vorfllen in der Wachtstube zu Kassel folgte, die ganze
Ideenverbindung zwischen diesen Ereignissen und meines Ahnherrn Worte der
Wahrheit, von welchem ich ausging, ist nun fr immer verloren und bleibt Ihnen
auf ewig verhllt; das einzige, was ich zusagen kann, besteht darin, da ich die
Geschichte von den sechs verbundenen Zpfen zu Ende erzhle. Dann mu ich, wenn
Sie mich noch weiter hren mgen, auf andre Materien bergehen.
    Der alte Baron rckte ihm freundlich nher, und flsterte ihm schmeichelnd
ins Ohr: Und bei diesen Materien haltet Ihr Euch mehr an der Stange, nicht
wahr, trautestes Mnchhausenchen? Ich bitte Euch nicht der Sache halber darum,
die ist gewi so am besten versorgt, wie Ihr sie gegriffen habt; es ist nur
wegen unsrer schwachen Fhigkeiten, zu denen Ihr Euch herablassen mt, wenn wir
durch Euch aufgeklrt werden sollen.
    Ich will alles Fernere herunterzhlen, trocken wie die Zeitung, erwiderte
der Freiherr. brigens kann ich versichern, da ich mich nach den besten
jetztlebenden Mustern gebildet habe, und meine Darstellung so einrichtete, wie
die Autoren, welche das Zeitalter und die Nation gegenwrtig entflammen und
hinreien, es mich gelehrt haben.

                              Vierzehntes Kapitel



 Die angefangene historische Novelle kommt glcklich, wenn auch auf unerwartete
                                 Weise zu Ende

Nach der Erzhlung der sechs Gebrder Piepmeyer entstand, wie ich sagte, in der
Wachtstube zu Kassel ein groer Streit. Einige Hessen wollten die Wahrheit
derselben bezweifeln, und meinten, da niemand bei lebendigem Leibe umgehn
knne. Ein Skeptiker aus Witzenhausen sagte, kein Geist rauche Tabak, und noch
viel weniger bleibe von seiner Pfeife Asche nach, das Ganze sei daher eine
Einbildungskraft der Gebrder Piepmeyer, wie er sich ausdrckte.
    Dagegen sagten vier Gardisten aus Schaumburg, mit Potentaten verhielte es
sich anders, als wie mit Partikuliers, die htten etwas voraus, sie knnten
berall und doch nirgends sein. Zwei Ziegenhainer riefen: Wenn er da war und
sich verlustieren wollte, so tat er rauchen, und wenn er rauchen tat, so tat
Rauch und Asche darnach kommen. Einer aus Hofgeismar drehte diese Stze um, und
folgerte also: Weil Piepmeyers Asche finden taten, so hat er rauchen getan, und
weil er rauchen getan hat, so hat er auf der Lwenburg sein getan.
    Es nahmen immer mehrere Wachtmannschaften an diesen Debatten teil, und der
Lrmen wuchs von Minute zu Minute. Da rief der kommandierende Fhnrich, ein
junger Herr von Zinzerling, aus einer der ersten Familien des Landes, mit seiner
hohen Diskantstimme in das Getse hinein: Ihr Sakramenter, in dreier Teufel
Namen, rsoniert nicht weiter! - Jede Untersuchung hrte demnchst auf, und alle
Wachtmannschaften enthielten sich aus Subordination selbst der stillen Gedanken
ber den Gegenstand.
    Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frhlichts Raum gegeben,
welche den Ofen und die Bnke der Wachtstube mit gelbrtlichen Streifen sumten.
Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande
eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf
des Feldwebelstocks traf, welcher darber am dritten Haken hing. berall tiefe,
satte Farbentne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine
wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.
    Was Piepmeyers betrifft, so hatten sie ihre Postenstunden abgestanden, sie
durften sich nun einem kurzen Schlafe berlassen. Ruhig lagen sie nebeneinander
auf der Pritsche und schnarchten. Hinter der Pritsche hingen ihre sechs Zpfe
eintrchtig herunter, damit der Wachtfriseur dieselben auch whrend ihres
Schlummers neu einflechten knne.
    Um diese Zeit ereignete sich folgende wunderwrdige Begebenheit. Nmlich der
Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel trat in die Wachstube.
    Darin sehe ich denn eben kein groes Wunder! fuhr der alte Baron
unwillkrlich heraus.
    Alles in der Natur und in der Geschichte hngt zusammen, sagte der
Freiherr mit Wrde. Man hre mich ohne Unterbrechung an, das Wunder folgt dem
kurhessischen Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel auf der Ferse.
    Dieser Isidor ist doch nicht ... sagte das Frulein schchtern.
    Der nmliche Hirsewenzel, welcher seither die deutsche Bhne mit einer so
unermelichen Anzahl von Stcken bedacht hat, versetzte der Freiherr. Unser
Mann und Held, aus einem guten aber herabgekommenen Geschlechte in Olgendorf,
einem Flecken in der Nhe der Lneburger Heide entsprossen, hat einen
sonderbaren Lebenslauf gehabt. Dramatiker wurde er erst spt; von der Natur war
er durchaus zum Lederhndler bestimmt. Der erste Laut, den sein kindlicher Mund
von sich gab, klang wie: Leder! Kein Spielzeug von Holz oder Blech vergngte den
heranwachsenden Knaben, die muntre braun- und gelbbemalte Erbsenflinte war ihm
ein Greuel, mit Abscheu stie er das gefllig konstruierte grne Nrnberger
Wgelchen, das schuldlose Weihnachtsschaf mit den sinnigen roten Lackaugen
zurck, dagegen begannen seine Blicke zu leuchten, wenn er der Peitsche
ansichtig wurde, und der fnfgeflochtenen Schnur, wenn er das lederberzogene
Hottpferd besteigen durfte, wenn man ihm die kleine Scherzpatrontasche umhing.
Spter war er oft halbe Tage lang aus der vterlichen Wohnung verschwunden, und
wo fand man ihn wieder? In irgendeiner der Gerbereien, welche dem Stdtchen die
Hauptnahrung gaben. Ja, einmal war er, kecken Jugendmutes voll, selbst in eine
Lohgrube gesprungen, um zu versuchen, ob er nicht noch lebend seine Haut in den
so hei verehrten Zustand bringen mchte; leider zog man ihn zu frh heraus, als
die Ledrifikation erst halb vor sich gegangen war. Unentwickelt blieb demnach
der hhere Zustand seiner Bedeckungen, indessen wollten die Kundigen versichern,
er habe nach jenem Versuche denn doch immerdar ein dickes Fell behalten.
    O ihr Vter und Erzieher, die ihr die heilige Aufgabe habt, die Keime der
euch anvertrauten Pflanzen in die Blte zu frdern, hieher tretet, und lernt an
einem furchtbaren Beispiele vor den Folgen schaudern, wenn ihr die Stimme der
Natur miachtet, und die Gerte, welche rechts hinaus wachsen will, links hinber
zwingt. Nicht allein macht ihr den Baum zum brandigen Krppel, nein! er wird
auch seine Nebenstmme anstecken, das Ungeziefer, welches die krankende Krone
ausbrtet, wird die Verwstung viel weiter tragen, als ihr ahnen und berechnen
knnt!
    Isidor Hirsewenzel von Olgendorf htte fr Deutschland ein Lederhndler
werden knnen, wie wir ihn noch nicht besessen haben. Mglich, da in der Tiefe
seiner Seele Gedanken schlummerten, wodurch der Dampf vom Throne des neunzehnten
Jahrhunderts gestoen, und die gegerbte Haut zur Weltbeherrscherin erhoben
worden wre! Aber der Vater verstand den Sohn nicht. Er verstand nicht die
zukunftschwangern Regungen des Geistes, der ber Blgen, ber Alaun und
Lohbereitung, ber Smisch- und Kalkgerberei erfindungengebrend brtete. Du
bist ein Narr, Dorus, sagte der harte Vater zu ihm, Leder kann aus der Mode
kommen, die Menschenliebe ist so hoch gestiegen, da sie sich unversehens auf
das Vieh werfen kann; woher aber soll Leder kommen, wenn jeder Hund und Ochs
unser Bruder, jedes Schaf unsre Schwester wird und wir des verwandtschaftlichen
Lebens schonen? Du also wirst das werden, mein Sohn, wozu ich dich bestimmt
habe.
    Isidor weinte, verzweifelte, aber seine Trnen und Seufzer verfingen gegen
den eisenfesten Vater nichts; Isidor mute Perckenmacher werden. Das heit: Vor
der Welt wurde er simpler Friseur, in der Stille aber errichtete er zu seiner
Trstung, um seinem Triebe zum Kompakten zu folgen, um sich durch das zerstreute
Haar, durch die charakterschwache Pomade, durch den gesinnungslosen Puder dem
Zhen, Ledernen wenigstens anzunhern, jene wunderbaren Haargebilde, welche die
Welt lngst ber Schwedenkopf und Naturscheitel vergessen zu haben schien.
    Ich will kurz sein. Sowie der alte Hessenfrst zurckgekehrt war, entstand
ber seinen Wunsch, oder vielmehr Befehl, die grte Verlegenheit. Die Novella
I. de capillis pudrandis zopfificandisque war erlassen, aber es ging mit dieser,
wie mit so mancher Institution, sie hatte ihr Dasein vorlufig nur auf dem
Papiere, und das war die Hauptfrage: Konnte der Zopf eine Wahrheit werden? Denn
man wute niemand, der jene Haarformationen der Urwelt noch zu bereiten
verstand. Der alte Herr besa zwar seinen in diesen Dingen ergrauten Knstler,
allein es widersprach der Rangordnung und Etikette durchaus, da dieselbe Hand,
welche um die Majestt beschftigt war, sich gemeinen Kpfen widmen solle.
    In dieser Not und Bedrngnis sprang unser Meister aus seinem Puderdunste,
wie neas aus der Wolke. Er verstand zu frisieren, Toupets einzusalben und
aufzusteifen, Zpfe von allen Lngen- und Dickenmaen zu flechten. Er wurde
prsentiert, tentiert, approbiert, placiert. Der Staat konnte hiemit fr
organisiert erachtet werden.
    Nun also, dieser Mann betrat die Wachtstube ... sagte das Frulein, welche
bei aller Begeisterung fr den Erzhler sich doch nach einem rascheren
Fortschritte der Geschichte sehnte.
    Noch nicht, meine Gndige, versetzte Mnchhausen kalt, so weit sind wir
noch nicht. Die historische Darstellung erheischt langsame Entfaltung; auf den
Landstraen sind Eilwagen eingefhrt, aber, Sie wissen es ja selbst, unsre
Romanciers fahren in ihren Geschichten noch mit der schsischen gelben Kutsche,
welche sich ehemals zwischen Leipzig und Dresden bewegte, und zur Vollendung
dieser Reise drei Tage gebrauchte, vorausgesetzt nmlich, da der Weg gut war.
    In unsrem Isidor war whrend seiner Lehrjahre eine groe psychische
Revolution vorgegangen. Man sah ihn einsam durch die Wlder streifen, er floh
der Brder wilde Reihn, aber ach! das Schnste suchte er nicht auf den Fluren,
womit er seine Liebe schmckt'! Die Liebe erstarb in diesem Busen, eine sinistre
Falte des Unmuts lagerte sich auf der denkenden Stirn, Entschlsse reiften in
ihm, die zum Schrecken des Geschlechts finstre Taten wurden. Haarscherer durch
Bestimmung, dem inneren Berufe nach Lederhndler, Perckenmacher aus
Resignation, wurde er Tragiker aus Menschenha, dem leider die Reue bis jetzt
nicht gefolgt ist. Ja, meine Freunde, alle jene Trauerspiele, worin entweder der
Held die Stiefeln seines Bruders zu putzen hat, die Geliebte aber ihn auf jene
Welt vertrstet, in welcher er nicht mehr nach Wichse riechen wird, oder worin
der Landrat Friedrich Barbarossa seine Dienstleiden erzhlt, der Steuerexekutor
Heinrich der Sechste sich mit Beitreibung der Gefllereste plagt, oder der
biedre, aufgeklrte Pastor Friedrich der Zweite aus Gielsdorf wegen
Rationalismus verdammte Scherereien mit dem Lyoner Konsistorium hat, die
stuhlsetzenden Kmmerlinge jedoch, also die Abrumer, eigentlich die einzigen
handelnden Personen sind, ja, meine Freunde, alles das, und o Gott! wie
unendlich viel mehr hat nur die Misanthropie Hirsewenzels geboren. Wir wren
damit verschont geblieben, wenn er seinem wahren Berufe htte folgen drfen.
    Knnte man denn nicht noch jetzt dem Fortschritte des Unheils Einhalt tun?
fragte das Frulein, sonderbar verlegen.
    O, meine Gndige! rief Mnchhausen begeistert; es bleibt doch ewig wahr,
das Wort unsres Schiller: Was kein Verstand der Verstndigen sieht, das bet in
Einfalt ein kindlich Gemt! Sie haben da in Ihrer Einfalt einen groen Gedanken
gefunden. Ja, wir wollen, da gegenwrtig auf so vieles subskribiert wird, eine
Subskription durch ganz Deutschland erffnen, zu dem Ende, mit vereinten
Nationalkrften fr Hirsewenzel eine Gerberei in Schlesien unter den
Wasserpolacken anzupachten, ihm so einen heitern Abend des Lebens zu schaffen,
die Bhne aber von ihm zu befrein. Ich bin berzeugt, selbst unsre Frsten,
denen ja Poesie und Literatur so sehr am Herzen liegen, geben etwas dazu, einen
Gulden oder einen Taler, je nachdem sie ber Gulden- oder Talerland herrschen.
Doch fr jetzt nur weiter in meinem Texte.
    Als in Isidor der Gedanke an sein verfehltes Dasein einmal recht zum
Durchbruch gekommen war, da rief er aus: Weil ihr mich im Leben nicht habt zum
Leder kommen lassen, so will ich euch, da ich euch leider nicht ans Leben selbst
kommen kann, wenigstens das Bild des Lebens, die Bhne ruinieren.

... Die Welt
Ist noch auf einen Abend mein. Ich will
Ihn ntzen, diesen Abend, da nach mir
Kein Pflanzer mehr in zehen Menschenaltern
Auf dieser Brandstatt ernten soll.

Meine Vorgnger im Geschft, Iffland und Kotzebue, machten die Misere zu Helden;
ich will die Sache umkehren, und Helden zu miserabeln Personen machen. Mllner
wirkte durch Schuld und Blut, Houwald durch alte Camillen und Bilder, die an den
Galgen gehren, ich will durch Langeweile wirken. Ich will die Langeweile zur
dramatischen Dynamis erheben, der Sandmann in den Augen der Helden soll meine
Katastrophen bewirken. Meine Helden sollen lieber sterben, oder sonst ein
Unglck erleben, als da sie noch lnger meine Redensarten abhaspeln. Ich will
euch ein Stck schreiben, namens Knig Enzian, ein Stck, dessen Perspektive
nicht der Stern der Hoffnung ber dem Grabe, nicht die Nacht des Tartarus unter
den Fen des hinsinkenden Frevlers, nicht die reinliche Entsagung der Wste
oder des Klosters sein soll, sondern eine Chambre garnie im Felsen bei
Zwielicht, oben mit einem Deckel versehen, worin der ghnende Mietsmann mit
seiner ghnenden Geliebten bei hinlnglichem Essen und Trinken nichts zu tun
hat, als Kinder zeugen, die bei der Geburt, anstatt zu schrein, auch schon
ghnen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es wird eine Krankheit ber unsern
Weltteil heraufziehn, geheien die Cholera. Hin und her werden die rzte raten,
woher das Miasma gekommen, welches die Seuche fortleitete, und man soll nicht
erraten, da es aus der Grube aufstieg, in welche ich den Knig Enzian
verspndete. Wehe ber dich Sand-Jerusalem, die du die Juden begnstigest, und
kreuzigest immerdar die Propheten; du sollst zweimal die Cholera kriegen, weil
du meinen Enzian so oft wirst haben spielen lassen! Ich will einundzwanzig
Millionen dreihunderttausend und einen halben Vers, folglich einen halben Vers
mehr machen als Lope de Vega; alle sollen parallel nebeneinanderherlaufen, wie
die lombardischen Pappeln zu beiden Seiten der Chausee von Halle nach Magdeburg,
und dieses Wunder soll nur von dem Wunder der Khnheit bertroffen werden, womit
ich versichern will, da ich nie einen unschnen Vers verfertigtet habe. Nicht
durch Fehler und Ausschweifungen will ich die Bretter reizen; nein, ich will das
Theater nivellieren, entnerven und abmergeln. Es soll aus meiner Feder nichts
kommen, was selbst der Zensur von China verdchtig werden knnte, ich will ein
vllig etatsmiger Poet werden, gleichwohl aber will ich von mir behaupten, ich
sei durch groe Geschichtsepochen, die von keinem Etat etwas wuten, zu Trnen
der Rhrung hingerissen worden, denn Klingeln gehrt zum Handwerk. Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch, es wird die Zeit kommen, da die Schauspieler meine
Rollen im Schlaf abspielen, das Auditorium schlft, und der Kritiker Gottsched
am folgenden Tage whrend seines Nachmittagsschlfchens eine Rezension in die
velinpapiernen Bltter stiftet, worin er sagt, das neuste geniale Werk aus
meiner unermdlichen Feder habe das Publikum zum Enthusiasmus hingerissen. Mit
einem Worte: Ich will Ich sein, und nur mir selber gleich!
    Wie Isidor Wort gehalten hat, das wissen die blasierten Hofrte, Justizrte,
Geheimen Sekretarien und Papierjuden von Sand-Jerusalem, aus welchen gegenwrtig
das dortige Theaterpublikum allein noch besteht. Kein Mdchen schleicht sich mit
einem Bande seiner dramatischen Werke, ernster oder komischer Gattung' (ich wei
nicht, warum er den bezeichnenden Ausdruck: Sorte, verschmht hat?) frhmorgens
oder gegen Abend in die duftende Fliederlaube hinten im Garten, wo das gelbe
Nasturtium blht, und der Convolvulus auf seinen Ranken den Falter wiegt und den
goldgrn glnzenden Kfer, und liest sich an seinen Sachen heimlich-glhend in
die Bekanntschaft mit ihrem pochenden Herzchen hinein; kein Student, der droben
auf dem Weinberge am Flusse von seinem Jugendbruder Abschied nimmt, und mit ihm
das Stammbuchblatt wechselt, schreibt einen Vers von Isidor hinein, keinen
Knstler haben seine sogenannten Gestalten zu einem Bilde entzndet. Wer um
sechs Uhr abends noch eine Spur von Stimmung in seiner Seele fhlt, ja, wer auch
nur die Aussicht auf einen Robber Whist hat, der meidet das Haus, worin Isidor
seine dramatische Suppenanstalt fr Arme errichtet hat, und den Gottsched
befriedigt, und die Blasierten von Jerusalem abfttert. Es ist ihm gelungen,
seine dmonische Drohung in Erfllung zu setzen. Ja, sie dreschen nunmehr das
dreimal gedroschne leere Stroh und worfeln die Spreu, die nicht einmal der
Gastwirt Angely seinen vierfigen Gsten vorgesetzt htte. Die Bhne kam nach
dem etwas derben Ausdrucke der Jugend durch Isidor auf den Hund. Er, er hat es
verstanden, wie man die Deutschen behandeln soll. Denn nicht durch Blitze des
Genius ist diese sogenannte Nation zu entznden - wie kann man nasse Wolle in
Brand stecken? - sondern man mu immerfort dasselbe tun, es mag ausfallen, wie
es will; dann sagen sie: Der mu es doch verstehn. Es ist ihnen berhaupt nur
daran gelegen, da das Inventarium in allen literarischen Wirtschaftsrubriken
vollstndig sei; denn sie sind gute Haushlter. Sie wrden, wenn Hirsewenzel
sich nicht gefunden htte, auch einen zweiten Cronegk, oder Gellert oder Weie
wieder aufgenommen haben. Isidor, hundertmal abends kritisch totgeschlagen,
feierte am andern Morgen seine Auferstehung mit drei neuen mittelmigen
Stcken, die wie ein Echo die ihm vorgerckten Albernheiten wiederholten. Die
Leute aber sagten: Der versteht es, so mu man es machen. Selbst der Heroismus
erlahmte endlich an dieser Beharrlichkeit der Industrie; man lie die Fabrik
zuletzt spulen und schnurren, ohne ferner Eingriffe in ihre tranduftigen Rder
zu versuchen. - Aber in die Walhalla kommt er doch nicht, wenn sie fertig wird
und ihre Bestimmung behlt, und nicht mit der Zeit vielleicht in ein Bruhaus
verwandelt wird. Der Graf von Platen kommt hinein, und der gehrt auch hinein,
trotz aller seiner Torheiten und Migriffe, aber Hirsewenzel kommt nicht hinein
und schriebe er auch noch einundzwanzig Millionen Verse mehr. Doch ist es
freilich noch ungewi, ob er berhaupt sterben, und ob nicht vielmehr der Tod
jedesmal einnicken wird, so oft er ihn sieht.
    Nun, Gott bere das deutsche Theater!
    Melpomene sitzt, von der Szene verscheucht, unten im Keller, da wo die
Arbeitsleute an den Versenkungen und Verwandlungen hantieren, der Dolch ist
ihrer entkrfteten Hand entfallen und rostet im Moder, im Moder liegt die Maske,
welche die gemeinen menschlichen Zge verschnernd bedecken soll; Schimmel
berzieht dieselbe, und einer der Theaterarbeiter hat ihr die Nase platt
getreten. Droben aber ber ihrem Haupte, auf dem Podium, scharrwerkt der
lrmende Emporkmmling mit seinen breitgerhrten und doch hlzern gebliebenen
Jamben. Ach, die Arme! Nicht einmal weinen kann sie mehr. Isidor hat sie mit dem
Stockschnupfen angesteckt, und verlangt nun grausam spottend von ihr, sie solle
Makuba schnupfen lernen, dadurch helfe er sich in allen Nten.
    Das alles ist weltbekannt. Nicht so bekannt ist aber der Umstand, da der
Tragde alle die Stcke, die seitdem wie ein nie versiegender Splicht zwischen
den Kulissen hervorgebrodelt sind, bereits whrend seiner Beschftigung mit
Zpfen und Frisuren in migen Nebenstunden verfertigte. Ja, meine Freunde, er
hat sie smtlich auf den Vorrat gearbeitet; die Manuskripte lagen in seinem
Haaratelier geordnet zwischen den brigen Fabrikaten und Sachen, ungefhr so:
ein Zopf, Die Erdennacht, eine Percke; Genoveva, Pomade; Rafaele, der
Puderbeutel; Die Schule des Lebens, und so weiter. Daher es ihm leicht war,
hernachmals den Markt von Sand-Jerusalem mit seiner Ware zu berfhren.
    Doch meine Farben reichen bei diesem Bilde nicht aus und mein Pinsel ist zu
stumpf; ich fhle das wohl. Solche tiefsinnige sthetisch-poetische
Seelenentwickelungsgemlde abzuwickeln, da sie jedem so klar werden, wie
baumwollnes Garn, mte ich Hotho sein, der in den Vorstudien des Lebens und der
Kunst an seiner eignen Geschichte aufgewiesen hat, da man den Don Ramiro
schreiben, an den sthetischen Artikeln der Jahrbcher fr wissenschaftliche
Kritik, herausgegeben von der Soziett fr wissenschaftliche Kritik,
mitarbeiten, und dennoch sich wichtig vorkommen kann.
    Man sang vorzeiten, als Don Ramiro zur Welt gebracht wurde:

Don Ramiro, Don Ramiro!
Langes Leben spinn' dir Klotho!
Rhmen werden dich die Weisen,
Und dich lesen wird Herr Hotho.

Ich ahme diesem Volksliede nach und singe:

Don Ramiro, Grand zu Hotho,
Du allein, du knntest schildern
Hirsewenzels trag'sches Werden
Dir gem mit Hegels Bildern.

Isidor nherte sich den sechs Gebrdern Piepmeyer mit Kamm und Nadel bewaffnet.
Er kniete nieder, lsete die Bnder, welche die sechs Haarwchse fesselten, so
da sie in sechs Fluten von sechs Nacken herniederwallten, und nachdem er mit
seinem Gerte in diesem Sechsgelock Ordnung gestiftet hatte, ging er daran, zu
strhlen und zu flechten.
    In diesem Augenblicke empfing er in seiner melancholischhumoristischen
Weltanschauung die Gestalt des Till.
    Sie erinnern sich gewi dieser wundersamen Figur, mit welcher unser
damaliger Wachtfriseur, nunmehriger Dichter, so vielen genialen Spa
auszurichten sich bemht hat. Meistens hat der Till es mit einem Barbierer,
namens Schelle, er verschmht aber auch Rtinnen und Polizeidirektoren nicht,
nein! es ist zum Totlachen, was fr Spe der Till angibt, der durchtriebne
Vogel, der Till ... und wenn ich an den Till denke, und an Till und Schelle, und
Schelle und Till ... und an Teil und Schille ... und an alle die Spe von dem
Till, so - - so - -
    Der Freiherr brach bei der lebhaften Erinnerung an Tills Spe in ein
konvulsivisches Lachen aus, welches so klang, als wenn hlzerne Kltzchen in
einer Bchse von Blech hin und her geschttelt werden. Der alte Baron klopfte
ihm den Nacken, Mnchhausen erholte sich wieder und fuhr fort:

     ... so kann ich nur bedauern, da die Meerrettiche, die der Dichter auch
in sechs Paar Trilogien auf seinem Krautfelde ziehen wollte, nicht fertig
geworden sind. Doch vielleicht kommen sie noch nach, denn bei Hirsewenzel ist
nichts unmglich. Bis nun der Meerrettich zum Rindfleisch abgesotten sein wird,
mssen wir uns mit dem Till behelfen, dem ich wohl eine Petersilie wnschen
mchte, das gbe eine Mariage von Kchenkrutern, worber jeder Kchin das Herz
im Leibe poppern wrde.
    Ich habe immer, wenn ich die Tille sah, an einen Menschen denken mssen, den
ich einmal in einem Dorfe zwischen Jterbog und Treuenbrietzen, mich dnkt, es
hie Knippelsdorf, oder so ungefhr, kennenlernte. Die Gegend um Knippelsdorf
ist etwas unfruchtbar, nur bei groen berschwemmungen werden die Felder grn,
dann gibt es groe Festlichkeiten, wobei sich die Leute in Grtze satt essen.
Aber hbsche Kiefern haben sie da, und Windhafer, soviel ihr Herz begehrt. Die
Achse war mir am Wagen gebrochen; ich mute ein paar Stunden im Kruge sitzen,
bis der Stellmacher sie, nmlich die Achse, repariert hatte. Dieser Aufenthalt
zeigte mir Knippelsdorfer Zustnde. Es war neun Uhr morgens und ein schner
heier Julius, indessen schien der Tag durch die runden Fenster der Krugstube
nicht absonderlich hell, sie waren gar zu verschmaucht. In der Stube gingen die
Hhner spazieren, uneigenntzig, denn zu essen gab es da nichts, wie ich erfuhr,
als ich nachfragte. Zu trinken konnte ich bekommen, wenn ich bis zum folgenden
Tage bleiben wollte, da wrden sie Dnnbier von Zahne holen, sagten sie. Es roch
abscheulich in der Stube, aber auf Reinlichkeit hielten sie doch, denn eine Magd
im Neglig mit fliegendem Haar wischte gehrig den langen Tisch ab, und nachher
mit demselben Tuche die irdenen Teller. Eine Anzahl von Fliegen summte in der
Stube, und die schlug ein hhnischer, blasser, verdrossen-schlfriger Mensch
tot, derselbe eben, an den ich mich nachmals immer bei den Tillen erinnerte. Er
trug eine Nachtmtze schief berm Ohr, den tnernen Stummel hatte er im Munde,
in herabgetretenen Pantoffeln schlorrte er auf und nieder. So oft er eine Fliege
mit der Klatsche erlegt hatte, verzog er die schlaffen Lippen zu einem
unangenehmen Lcheln und machte einen Spa ber die tote Fliege. Man konnte sich
darauf verlassen, auf jede tote Fliege kam ein Spa; ich habe sie aber smtlich
vergessen. Die Magd lachte nicht darber, ich konnte auch nicht darber lachen.
Sie sagte mir, als ich mich nach ihm erkundigte, er sei der jngere Bruder des
Krugwirtes und habe nicht gut tun wollen, deshalb msse er jetzt das Gnadenbrot
essen. Seine einzige Beschftigung sei, sich ber die Fliegen aufzuhalten, die
er totgeschlagen habe.
    Der Till also ging dem Hirsewenzel, wie gesagt, auf, als er die sechs Zpfe
der Gebrder Piepmeyer einflechten wollte. Halt, dachte er, hier kannst du
sofort fr diesen komischen Heros die Studien nach dem Leben machen. La uns
eine Verwickelung bilden, die an grenzenloser Lustigkeit und khner Laune alles
hinter sich lt, was Shakespeare, Holberg und Molire ersonnen haben. Ich werde
die Zpfe der Piepmeyers unentwirrbar zusammenflechten, und wenn sie dann
aufstehn, und nicht voneinander knnen, und bei dem Ziehen und Zerren unter
Schmerzen Gesichter schneiden, o welche Flle von komischen Anschauungen werde
ich dann haben, ich sehe schon ganze Dutzende von Tilliaden fertig. Gesagt,
getan; er flocht Peter mit Romeo, Romeo mit Christian, Christian mit Guido,
Guido mit Ferdinand, Ferdinand mit Heinrich, Heinrich mit Karl zusammen, so da
vier Piepmeyers, ein jeder doppelseitig, linker und rechter Flgel aber
einseitig gefesselt waren. Als Isidor sein Werk vollbracht hatte, steckte er
sich hinter den Wachtofen, um die Wirkung dieser Intrige zu beobachten.
    Ruhig schliefen die Opfer Hirsewenzelscher Komik, trumten von Brot und
Fleisch und doppeltem Traktament und hatten kein Arg. Als nun der Tag hher zu
steigen begann, und die Strahlen der Sonne den Ordensstern an der Bildsule
Landgraf Friedrichs des Zweiten auf dem Platze vor dem Schlosse vergoldeten, mit
einem Worte, als es sechs geschlagen hatte, trat der Feldwebel zu der
Piepmeyerschen Pritschabteilung, um die Farbenstriche ber den Nasen der Brder
aus seinem Vorrate zu erneuen, denn die ganze Strenge des Dienstes sollte nun
bald wieder beginnen. Als er indessen einen Blick ber die Pritsche hinaus in
ihr Jenseits tat, und die seltsame Verflechtung der brderlichen
Hinterhaupthaare wahrnahm, da entsank ihm vor Erstaunen der aufgehobene
Malerpinsel und er starrte die Erscheinung einige Sekunden lang lautlos an. In
der Tat war diese auch verwunderlich genug anzuschaun; Piepmeyers sahen von
hinten aus wie ein kurhessischer Garderattenknig.
    Indessen kommt ein Feldwebel immer bald wieder zu sich selber. Auch der
unsrige gewann nach kurzer Ratlosigkeit seine ganze Fassung sich zurck, und
fuhr die Verbndeten mit den wackern Worten an: Kerls! Euch soll ja ein
Kreuzsternschockmilliondonnerwetter sechstausend Klafter tief unter den
Winterkasten in die Erde schlagen!
    Von diesem biedern Zurufe des tchtigen Manns fuhren Piepmeyers gleichzeitig
aus dem Schlummer auf, und wollten sich gleichzeitig erheben. Da ihnen aber dies
Schmerzen verursachte, so sanken sie zurck, tasteten gleichzeitig nach ihren
Zpfen, entdeckten die Ursache der Schmerzen und sagten gleichzeitig wie aus
einem Munde, kalten Blutes: Herr Feldwebel, es mu sich, derweil wir schliefen,
ein dummer Junge in die Wacht geschlichen und einen Jux mit uns verbt haben. -
Auf Ehre, so ist es, sprach der Fhnrich von Zinzerling, der herzugetreten war.
Feldwebel, machen Sie den einen Mann los, und der kann wieder seinen Brdern
helfen. Wo bleibt der Schelm, der Hirsewenzel? -
    Der Feldwebel lste Karl Piepmeyer von Heinrich Piepmeyer ab, Karl trennte
demnchst Heinrich von Ferdinand, Heinrich schied Ferdinand von Guido, Ferdinand
dismembrierte Guido und Christian, Guido setzte Christian mit Romeo auseinander,
Christian endlich stellte den Dualismus zwischen Romeo und Peter her. Nachdem
die sechs Brder solchergestalt wieder in das Frsichsein getreten waren,
vollendeten sie ihre reale Existenz durch wechselseitige Herstellung von sechs
schlechthin gesonderten Zopfindividualitten. Hiemit hatte das Ereignis seinen
Kreis absolut mit Inhalt erfllt, war der Begriff des Vorfalls zum
Von-Sich-Wissen gekommen, oder deutlicher zu reden, das Ding hatte nun ein Ende.
Denn dem Feldwebel, welcher sich an den Fhnrich mit der Frage, ob der Vorfall
gemeldet werden solle? wendete, erwiderte von Zinzerling gedankenvoll: Nein! Wir
leben in bewegten Zeiten, und wollen die Grung nicht fortleiten. Der dient den
Knigen nicht, der ihrem Argwohn dient. Die Sache bleibt ungemeldet, und ich
nehme die Verantwortung auf mich.
    Wie Hirsewenzel unbemerkt hinter dem Ofen entkommen, ist Wachtgeheimnis
geblieben.

                              Fnfzehntes Kapitel



 Zwei Zuhrer sind in ihren Erwartungen so getuscht, wie die Leser, der dritte
Zuhrer fhlt sich dagegen hchst befriedigt. Der Freiherr teilt einige drftige
                            Familiennachrichten mit

Der Schulmeister Agesilaus hatte schon whrend des letzten Teils dieser
Erzhlung deutliche Zeichen hergestellter Zufriedenheit von sich gegeben.
Vergngt hatte er seine Hnde gerieben, sich auf dem Stuhle hin und her gewiegt,
ein Hm! Hm! Ja! Ja! So! So! Ei! Ei! dazwischengeworfen, und den Freiherrn mit
einer Schalkhaftigkeit angesehen, welche eine Schattierung von Tiefsinn
durchschimmern lie. Nachdem nun Mnchhausen zu Ende gekommen war, sprang der
Schulmeister auf, lief zu dem Erzhler, schttelte ihm die Hand, und rief:
Verzeihung, mein hochzuverehrender Gnner, da ich die Standesunterschiede
nicht achte, und Ihnen so geradezu mich nhere, aber wie Not kein Gebot hat, so
achtet die Begeisterung keiner Schranke. Erlauben Sie mir, Ihnen auszusprechen,
wie mich Ihre diesmalige Diatribe, in die Form einer historischen Novelle
gegossen, erquickt hat. So fahren Sie fort, dann sind Sie des Dankes aller Edeln
gewi. Endlich doch einmal Nahrung fr Geist und Herz!
    Ich verstehe Sie nicht, versetzte ernsthaft der Freiherr.
    Oh! Oh! Oh! aber ich verstehe Sie, mein Hochgeschtzter, rief der
Schulmeister. Ja, ja, Erleuchteter, das kommt bei den bertreibungen heraus!
Das haben wir davon, da wir alles auf die Spitze stellen, von allem und
jeglichem das Hchste, berschwenglichste begehren! Nicht wahr, mein
Verehrtester, Sie wollten mit Ihrer anscheinlichen Ironie gegen jenen so oft
verkannten und angefeindeten Mann sagen: Seht, zu solchen malosen Extravaganzen
gelangt man, so berspringt der Spott sich selbst, so fallen die strksten
Hiebe, wenn Leidenschaft sie fhrt, immer ber den zu Hauenden hinaus in das
Leere, und darum lernt euch begngen, ihr Leute, mit dem Vorhandenen, geht
zwischen Ha und Enthusiasmus die Mittelstrae, die von den Weisen aller Zeiten
immer die goldne genannt wurde! Diese und hnliche Lehren wollten Sie durch
Ihren ausschweifenden Angriff einschrfen, wenn ich sonst, nicht oberflchlich
an der Oberflche Ihrer Reden haftend, deren inneren Sinn richtig aufgefat
habe.
    Auf diese Anrede erwartete der Schulmeister etwas Schmeichelhaftes. Der
Freiherr sah ihn jedoch nur mit weitgeffneten Augen starr an, und sagte nach
einem langen Schweigen nichts, als: Herr Professor, Sie sollten uns doch auch
noch einen Kommentar ber den Faust schreiben. - Dann wandte er ihm den Rcken
und suchte die Blicke des Fruleins auf, die ihn aber mieden.
    Diese liebte eigentlich im stillen den Helden der Novelle, weshalb ihr auch
der Vorschlag, seiner unerschrocknen Wirksamkeit ein Ziel zu setzen, nicht vom
Herzen gekommen war. Sie pflegte sich in ihren erregtesten Stunden seine
lombardischen Chausseepappelverse zu ihrer Aufrichtung laut vorzusagen. Nun
hatte sie jedoch auch, wie alle Damen, eine unglaubliche Furcht vor dem
Lcherlichen, und da sie denn doch whrend Mnchhausens Erzhlung sich mit ihrem
Lieblinge in dieser Beleuchtung zu einer Gruppe vereinigt sah, so fhlte sie
sich in ihrem Bewutsein vllig vernichtet, und rang vergebens nach einem Anker
fr ihre ratlose Seele. Zugleich aber ngstigte sie das Schweigen, welches nach
den Verhandlungen zwischen dem Freiherrn und dem Schulmeister in der
Gesellschaft entstanden war, und nicht weichen wollte. Denn ihr Vater schnitzte,
wie er zu tun pflegte, wenn er gnzlich verstimmt war, mit seinem Federmesser
Einkerbungen in den schlechten hlzernen Tisch, um welchen alle saen, und
murrte nur halblaut vor sich hin: Der Schulmeister schnappt noch gar ber! Es
war ja die pure, blanke Gottessatire auf den Hirseschwenzel, oder
Schmirsehenzel, oder wie der Mensch sonst heien mag! Denn Dichterei und
Romanenwesen ist meine Sache nicht, sondern Natur-und Vlkerkunde.
    Der Schulmeister aber sa schweigend und zornrot da. Er hatte zwar
Mnchhausens Antwort nicht eben ganz verstanden, fhlte jedoch, da darin ein
Stich liegen msse. In diesem Punkte war nun nicht mit ihm zu scherzen, denn
seine Eitelkeit war nur seiner unbegrenzten Vorliebe fr die Sitten der alten
Sparter gleich.
    Wer hat nicht einmal die Last solcher Windstillen in der Gesellschaft
erfahren? Die gesamte Soziett sitzt wie eine Flotte, die sich auf dem
unbewegten Meeresspiegel nicht zu rhren vermag. Schlaff hangen die Segel herab,
verzweiflungsvoll schaun alle Blicke nach ihnen hinauf, ob nicht ein frisches
Lftchen sie endlich schwellen wolle. Umsonst! Das ist, als ob ein Rad in der
Schpfung gebrochen, und die ganze Maschine mit Sonne, Mond und Fixsternen in
Stockung geraten sei. So sucht eine in Windstille versetzte Gesellschaft auch
verzweiflungsvoll nach einem Gedanken, nach einer Vorstellung, ja nur nach einer
Redensart, um sie in die Segel der Konversation zu hauchen; vergebens! Nichts
will ber die Lippen, nichts hrbaren Laut gewinnen. Der Mythus sagt, in solchen
Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer, aber nach der Lnge derartiger Pausen
zu urteilen, mssen zuweilen auch Engel diese Flugbungen anstellen, deren
Gefieder aus der bung gekommen ist. Endlich pflegt einer sich zum Opfer fr das
Gemeinwesen darzubringen, er fhrt mit einer ungeheuren Dummheit heraus, und
damit ist der Zauber gelset, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder
klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst,
Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumstnden, Religion und
Karnevalsbllen.
    Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist,
etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in
die heie Sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, bergegangen waren,
sagte das Frulein zu Mnchhausen pltzlich, wie von einem guten Geiste
erleuchtet: Es pflegt doch immer im Sommer schneres Wetter zu sein, als im
Winter.
    Nach dieser Explosion atmeten alle frei auf und fhlten sich von dem Zauber
erlset, der ber ihnen gelastet zu haben schien, nachdem von unsrem
Nationaltragden so viel die Rede gewesen war. Mnchhausen aber kte dem
Frulein die Hand und versetzte: Sie haben da eine tiefsinnige Wahrheit
ausgesprochen, meine Gndigste, und ich kenne auer Ihnen nur noch eine Dame,
welche diese groartige Naturbetrachtung fest im schnen Gemte ergriffen hat,
und sie einem Dichter zu uern pflegt, jederzeit, wo er das Glck hat, ihr zu
nahn. Vergebens, da der Dichter manches ausgehen lie, was der Welt nicht
unbekannt blieb, da man berhaupt mit ihm von allem und jedem sprechen kann,
weil er so ziemlich fr alles und jedes sich interessiert, und ber die Dinge,
von denen er nichts versteht, gern Belehrung empfngt - vergebens alles dieses,
sage ich - die Dame uert, so oft er das Glck hat, ihr zu nahen, nur ihre
berzeugung, da im Sommer das Wetter schner zu sein pflege, als im Winter.
    Unmglich! rief der alte Baron.
    Vielleicht unmglich, aber gewi wahr, versetzte Mnchhausen. Der Dichter
ist mein Freund und hat mir die Tatsache bei seinem Ehrenworte beteuert -
Mnchhausen fuhr heiter fort: Ich wollte Ihnen einige kurze Nachrichten ber
meine Familie geben; hier sind sie. Der sogenannte Lgenmnchhausen ist mein
Grovater, wenn unser Stammbaum in Bodenwerder recht hat. Adolf Schrdter in
Dsseldorf hat ihn jngst gemalt, wie er unter Jgern und Pachtern sein
Pfeifchen schmaucht, und diesen Leuten seine Geschichten erzhlt. Ein dicker
Mann sitzt ihm gegenber und hat den Rock ausgezogen, um besser zuhren zu
knnen, in seinem Gesichte spricht sich die glubigste Hingebung aus, und sein
groer Hund, der neben ihm liegt, sieht im sehr hnlich.
    Adolf Schrdter hat meinen Grovater getroffen, wie kein anderer vor ihm.
Das ist aber auch kein Wunder, denn mein Grovater ist ihm im Traume erschienen,
er hat eine Vision von ihm gehabt. Die frommen Maler haben nicht allein
Visionen, nein! die andern haben die ihrigen auch. Es malt keiner ein paar
Kinder, die von zwei schlechten Kerlen totgemacht werden sollen, oder eine
Kegelbahn, oder auch nur ein Portrt, ohne da er eine Vision von diesen Dingen
gehabt htte. Und das ist der Vorteil dieser weltlichen Gesichte: Man kann immer
da die Vergleichung anstellen, und urteilen, ob die Erscheinungen richtig
gewesen sind, denn berall gibt es unschuldige Kinder und schlechte Kerle und
Kegelbahnen, und Leute, die sich portrtieren lassen; aber bei den frommen
Visionen kann man das nie, und man wei daher auch nicht, ob die lieben Engelein
und Heiligen und die Mtter Gottes so ausgesehen haben, wie die Leute behaupten,
da sie ihnen vorgekommen seien.
    Da Adolf Schrdter eine richtige Vision gehabt, besttigte noch letzthin
ein alter eisgrauer Jger von Bodenwerder, der jetzt mit Ratten- und Musepulver
handeln geht, und der denn endlich auch an den Rhein gewandert war. Er kam auf
die Kunstausstellung, weil er glaubte, dort Geschfte machen zu knnen und rief,
als er das Bildchen sah: Das ist der alte Herr, wie er leibte und lebte, wenn er
von den zwlf Enten erzhlte! - Das Bildchen soll jetzt, Figuren ber
Lebensgre, al fresco fr ******** ausgefhrt werden.
    Meinem Vater tat die Abstammung von diesem Manne Zeit seines Lebens den
grten Schaden. Wenn er Geld erborgen wollte und auf Kavalierparole die
Rckzahlung versprach, sobald sie sich tun lasse, sagten die Wucherer, mit denen
er unterhandelte: Wir bedauern sehr, aber wir knnen nicht dienen, denn Sie sind
der Herr von Mnchhausen. Er trat in Kriegsdienste und machte als
Stabsrittmeister einst einen allerdings unwahrscheinlich lautenden Rapport; der
General glaubte ihm nicht, und davon war die Folge, da eine groe Schlacht
verloren ging. Kabale ber Kabale wurde gegen ihn gespielt; man drehte die Sache
ganz herum, er erhielt in Ungnaden seinen Abschied. Nun widmete er sich dem
Finanzfache, da entdeckte er ein geheimes Mittel, die edeln Metalle zu
vervielfltigen, wollte es dem Staate verkaufen, aber der Staat wies ihn zurck
und sagte, es sei schon gut, man wisse, da er Mnchhausen heie. Auch aus dem
Finanzfache wurde er ungndig dimittiert, weil er ein Schwindler sei, wie es in
dem Entlassungsreskripte hie. Was hat der Staat von seiner Zurckweisung
gehabt? Papiergeld mute er machen.
    Mein Vater aber hatte von seinem Geheimmittel auch nichts; er konnte es fr
sich nicht in Anwendung bringen, die Kosten der ersten Auslagen waren fr einen
Privatmann zu bedeutend. Bei zwlf Fruleins hielt er nacheinander um ihre Hand
an, aber
    Die erste sagte scheu,
    Die zweit' - ein Leu -
    Die dritte spitzig,
    Die vierte witzig,
    Die fnfte hitzig,
    Die sechste zornwinkend,
    Die siebente borntrinkend,
    Die achte stickeiferig sehr,
    Die neunte blickschweiferig mehr,
    Die zehnte rcksteiferig-hehr,
    Die eilft', ein Brbchen, schnipp'sch, zwar weichend, doch gtig,
    Die zwlft', ein Krbchen hbsch darreichend, hochmtig: Herr von
Mnchhausen, wir danken fr die uns zugedachte Ehre; Sie fhren uns doch nur an.
    So schlugen alle meine zwlf projektierten Mtter dem armen Manne sein
Begehr ab, blo wegen seines Namens und wegen der Erinnerung an den Grovater.
Ich wre ohne Mutter geblieben, wenn er nicht zuletzt noch bei einer dreizehnten
Gehr gefunden htte, bei einer Denkerin, die in des Grovaters Lgenbuche einen
geheimen Sinn ahnete, und alles allegorisch und theosophisch auslegte. Sie gab
meinem Vater ihr Jawort, nicht aus Liebe zu ihm, wie sie ihm bei der Verlobung
offen sagte, sondern aus Achtung fr den Grovater.
    ber diese Ehe darf ich mich nicht ausprechen. Sie birgt Geheimnisse, die
wieder tief in andre Geheimnisse meines tiefsten Seins verflochten sind, und
welche mit mir zu Grabe gehen werden. Nur so viel mag ich Ihnen vertrauen: Eine
Ehe aus Achtung fr den Vater des Gatten ist fr diesen die unglckseligste
unter den unglckseligen Ehen. Die unglckliche Ehe aus Delikatesse von Schrder
bedeutet gar nichts dagegen, und Die Heirat durch ein Wochenblatt grndet ein
Paradies, mit der Achtungsehe verglichen.
    Theophilus, Freiherr von Mnchhausen (so heit der Mann, welcher vor der
Welt mein Vater heit), ergab sich ganz den ernstesten Studien, nachdem es ihm
im Leben und in der Ehe so uerst schlecht gegangen war. Er wurde ein groer
Wassertrinker, und ich habe ihn, whrend ich in Bodenwerder verweilte, nur
dreimal lcheln sehen.
    Meine frheste Jugend verlebte ich durch eine seltsame Verkettung von
Zufall, Schickung und Leidenschaft unter dem Vieh, und zwar bei einer
Ziegenherde am ta. Was ich da erfahren, will ich Ihnen spterhin erzhlen, fr
jetzt nur so viel, da ich meine Knabenjahre, abermals durch eine seltsame
Verkettung von Zufall, Schickung und Leidenschaft im vterlichen Hause zubringen
durfte. Da trieb ich denn nun alles und jedes mit dem Manne, dem ich, die
Geheimnisse mgen nun sein, welche sie wollen, doch immer meine Tage verdanke.
    Vormitags: Philologie, Geographie, Alchimie, Technologie, Spezialhistorie,
Generalhistorie, Physik, Mathematik, Statik, Hydrostatik, Aerostatik;
    nachmittags: Literatur, Poesie, Musik, Plastik, Drastik, Phelloplastik,
gemeinntzige Kenntnisse;
    abends: Gymnastik, Hippiatrik, Medizin, insonderheit Anatomie, Physiologie,
Pathologie, Semiotik, Biotik, Materia medica;
    nachts repetierten, experimentierten, disputierten wir.
    Bei diesem Lehrplane konnte ich allerdings manches aufschnappen.
    Und wann schliefen Sie? fragte das Frulein.
    Hin und wieder eine Viertelstunde bei den leichteren Doktrinen, versetzte
der Freiherr. Ich war Schnellschlfer, wie man Schnellufer hat. In wenigen
Minuten konnte ich den Gehalt von Schlafstunden gewhnlicher Menschen
zusammendrngen. Von Schlaf kann berhaupt fr jemand, der sich auf der Hhe des
Jahrhunderts halten will, nach der groen Ausdehnung, welche die Wissenschaft
gewonnen hat, heutzutage wohl nicht mehr viel die Rede sein. - Neben dieser
intellektuellen Bildung, die ich auf Bodenwerder erhielt, wurde mein Charakter,
mein Gemt nicht verabsumt. Ganz besonders brachte mir mein sogenannter Vater
den heftigsten moralischen Widerwillen gegen das Lgen bei, weil der Grovater
durch dieses Laster das ganze Familienglck zerstrt hatte. Er folgte in manchen
Dingen seinen eigenen Grundstzen, mein sogenannter Vater, und hielt erstaunlich
viel auf die Gewalt der ersten sinnlichen Eindrcke in der Jugend. Ich bekam
daher alle Sonn- und Feiertage eine allegorische Figur der Wahrheit, aus
Honigkuchenteig gebacken, zu verzehren, nmlich, eine unbekleidete Person, die
Augen zwei Rosinen, die Nase eine Bamberger Pflaume, auf der Brust eine Sonne
von Mandelkernen. Hatte ich nun diese Allegorie mit Wollust verspeiset, so wurde
mir dabei unaufhrlich wiederholt: S, wie der Honigkuchen, ist die Wahrheit.
Wenn ich mir aber den Magen verdorben hatte, und Rhabarber einnehmen mute, so
hie es im einschrfendsten Tone: Das ist der bittre Trank der Lge.
    Die Richtigkeit der Methode bewhrte sich an mir. Ich bekam wirklich einen
unbesieglichen Abscheu gegen das Lgen und kann wohl sagen, da aus meinem Munde
nie ein unwahres Wort gegangen ist, mit einer einzigen Ausnahme, die aber sofort
sich bitter an mir rchte. Lange Zeit konnte ich der Wahrheit oder gewisser
Wahrheiten nicht denken, ohne da mir Honigkuchen, Rosinen und Mandelkerne und
Bamberger Pflaumen einfielen, endlich erhob ich mich freilich zu gereinigteren
Vorstellungen.
    Was aber die einzige Lge meines Lebens, und ihre Folgen betrifft, so ging
es damit folgendermaen zu. Ich sitze eines Tages in meinem Zimmer am
Schreibepult, und habe eine sehr notwendige Arbeit vor. Der Bediente meldet mir
einen Besuch. Geh hinaus, sage ich, ich wre nicht zu Hause. Der Herr wre nicht
zu Hause, sagt er drauen. Sowie der Mensch seine Botschaft ausgerichtet hat,
und ich hre, da mein Besuch abzieht, spre ich eine Unruhe, die mich am Pult
nicht weilen lt; ich mu aufspringen, es wird mir hei, es wird mir kalt,
jetzt wird mir so, dann wird mir so; der Rhabarber fllt mir ein aus meinen
Jugendjahren und dessen allegorische Deutung, die Phantasie tritt in ihre
ungeheuren Rechte, die geheimen Bezge zwischen Seele und Leib fangen an zu
ziehen, immer wesenhafter, kreatrlicher wchst die Idee des Rhabarbers in mir,
bald bin ich vom Kopf bis zur Fuzehe jeder Zoll Rhabarber, die Natur folgt der
Vorstellung, das bel bricht aus - - Sie erraten das brige! -
    Die Folgen meiner Lge, durch Rhabarber-Allegorie-Erinnerung bedingt, treten
mit einer Strke auf, vor welcher die Wissenschaft scheu zurckweicht.
Vierundzwanzig rzte gab es in der Stadt; alle kommen nach und nach zu der
leidenden Kreatur. Vierundzwanzig Ansichten werden laut, Vierundzwanzig
verschiedene und entgegengesetzte Mittel werden verordnet. Der erste hlt die
Krankheit fr eine Schwche, der zweite fr Hypersthenie, der dritte fr eine
neue Form der Schwindsucht. Der vierte verschreibt Sinapismen, der fnfte
Kataplasmen, der sechste Blhungen; der siebente Adstringentia, der achte
Mitigantia, der neunte Corroborantia; Ipekakuanha! ruft der zehnte, nein,
Hyoscyamus! schreit der eilfte; keines von beiden, sondern Meerzwiebel, sagt
ruhig der zwlfte; dreizehn, vierzehn, fnfzehn, sechszehn, siebenzehn
operieren, skarifizieren, amputieren, evakuieren, trepanieren; Nummer achtzehn
hat in der Diagnose recht, Nummer neunzehn findet die Prognose schlecht; der
zwanzigste gibt Borax, der einundzwanzigste Storax, der zweiundzwanzigste findet
des bels Sitz im Thorax; der dreiundzwanzigste mir Frankenwein bot, der
vierundzwanzigste macht mich Kranken scheintot.
    Aus diesem Zustande erweckt mich ein Homopath mit 1/6000000 Gran Arsenik.
Herr Medizinalrat, flstre ich ihm, entkrftet von vierundzwanzigfacher
allopathischer Behandlung zu, Herr Medizinalrat, ich hab's vom Lgen! - Vom
Lgen? versetzt er. Nichts Leichteres dann als die Heilung. Similia similibus.
Sie mssen verleumden d.h. lgen mit feindseliger Absicht, dann gibt sich die
Krankheit sofort.
    Ein Blitz fhrt durch meine Seele. Nach Schwaben! rufe ich; nach Stuttgart!
Doktor Nachtwchter ist ein Menschenfreund, er wird mir die Liebe erzeigen, und
mich zu meiner Herstellung einige Zeit lang am Literaturblatte mitarbeiten
lassen. - Ich werde in Betten eingepackt, in den Wagen gesetzt, erreiche
Stuttgart halbsterbend. Der Herausgeber des Literaturblattes kommt eben aus der
Stndekammer, worin er von dem Drucke, unter dem die Kirche schmachte, redete,
bei der Beratung der Kammer ber das Moststeuergesetz. Edler Mann, sage ich,
Sie, aus dessen Antlitz Gte und Redlichkeit leuchten, Nachtwchter Sie
Germaniens, der immer abtutet, wie hoch es an der Zeit sei, wenn die Stunde
vorber ist, so und so geht mir's. Ich erzhle ihm den Kasus und trage ihm mein
Anliegen vor. Gern gewhrt, versetzt Nachtwchter, was schiert mich die
Literatur? Er erteilt mir seine Instruktionen fr einen Artikel des Blattes, ich
fange danach an zu schreiben. Bei der ersten Seite verspre ich schon Linderung,
bei der zweiten Minderung, bei der dritten sammle ich Krfte, bei der vierten
bessern sich meine Sfte, mit der fnften kommt den abgemagerten Gliedern die
vorige Rundheit, und die sechste schenkt mir die vollkommene Gesundheit, so da
ich nicht ntig hatte, von Autoren und Bchern, denen etwas versetzt werden
sollte, weiter zu schreiben, und Nachtwchtern die Vollendung des Artikels
berlie.
    So half mir das Stuttgarter Literaturblatt homopathisch von den
durchschlagenden Wirkungen der Lge. Nachtwchter mu in seiner Jugend keinen
Rhabarber eingenommen haben, oder keine Imagination besitzen, sonst wre er an
seinem Blatte lngst verschieden. Ich aber werde mich wohl hten, zum zweiten
Male gegen das Gesetz der Wahrhaftigkeit zu sndigen, denn Nachtwchter hilft
mir nicht wieder, das wei ich. Er schreit ber Undank; ich htte an seinem
Herde gesessen, er htte mich aufgenommen, gastfrei, wie der Capitain Rolando
den Gil Blas in seiner Spelunke aufnahm, und doch wre ich so pflichtvergessen
gewesen, nicht weiter fr ihn lgen zu wollen, als ich mich auskuriert htte.
    Auf diese und hnliche Anklagen fhrt nun freilich ein alter Vers die
Verteidigung, welche also lautet:

Die Wahrheit nur verknpft, die Lge hlt nicht Stich;
Betrgest du die Welt, betrgt der Lgner dich.


           Eine Korrespondenz des Herausgebers mit seinem Buchbinder

                      I. Der Herausgeber an den Buchbinder

Aber, lieber Herr Buchbinder, was fr Streiche machen Sie in jngster Zeit!
Neulich schicke ich Ihnen: Zur Philosophie der Geschichte. Von Karl Gutzkow.
Sie aber setzen hinten auf den Titel: Zur Philosophie der Geschichte von Karl
Gutzkow, so, als ob dieses Buch eine innere Geschichte des Autors enthalte,
ungeachtet er doch darin von den toten Krften und den natrlichen
Voraussetzungen in der Geschichte, vom abstrakten und konkreten Menschen, von
Mann und Weib, von der Leidenschaft, vom Staat, von Krieg und Frieden, von den
Obergangszeiten, von Revolutionen, und endlich vom Gott in der Geschichte
handelt; mithin das ganze Gebiet des historischen Nachdenkens in seinem Werke
durchwandert. Heute aber bekomme ich von Ihnen das erste Buch meiner
Mnchhausenschen Denkwrdigkeiten zurck, und da sehe ich, da Sie die zehn
ersten Kapitel gnzlich verheftet, sie hinter die Kapitel eilf bis fnfzehn
gebracht haben. Ich ersuche Sie unter Rckgabe des Buches eine Umheftung
vorzunehmen.
    Der ich brigens mit Achtung usw.


                     II. Der Buchbinder an den Herausgeber

Ew. Wohlgeboren haben mir schmerzliche Vorwrfe gemacht, die ich so nicht auf
mir sitzen lassen kann. Ich bin lange genug im Geschft, und wei, was es damit
auf sich hat. Heutzutage mu, wenn der Autor sich verpudelt hat, ein
ordentlicher Buchbinder ein bichen auf das Verstndnis wirken, durch Winke auf
den Rckentiteln, oder, wo sie sonst sich anbringen lassen.
    Die Schriftsteller sind etwas konfuse geworden. Die jungen Leute lesen und
lernen zu wenig, aber unsereins, dem sozusagen, die ganze Literatur unter das
Beschneidemesser kommt, und der alle die Nachrichten fr den Buchbinder
durchstudieren mu, deshalb aber gentigt ist, noch rechts und links von den
Nachrichten sich umzuschauen, o der gewinnt ganz andre bersichten. Da mu man
denn helfen, so gut man kann, und oft lt sich der rechte Gesichtspunkt fr ein
Buch feststellen, blo dadurch, da man einen Punkt oder ein Komma weglt, oder
zusetzt, wie denn gerade die Sachen sich verhalten.
    Bei dem Buche von Karl Gutzkow tat es die Weglassung des Punktes hinter
Geschichte. Ew. Wohlgeboren! Ich habe Spittler eingebunden und Schlzer, und
Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit sind mir
wenigstens hundertmal unterm Falzbein gewesen, und jetzt binde ich Ranke viel
ein - ich sage Ihnen, die Mnner schrieben so schne dicke Bcher, und so viele
Noten und Zitate stehen in den Bchern, da man sieht, wie die Verfasser sich's
haben sauer werden lassen mit der Philosophie und der Geschichte - ich sage
Ihnen, es ist rein unmglich, da man auf 305 Seiten, wie Karl Gutzkow getan,
den Gott, und die Revolutionen und den Teufel und seine Gromutter in der
Geschichte abhandeln kann. Aber das ist auch gar nicht seine Absicht gewesen,
wie sich aus dem Vorworte ergibt, welches ich lesen mute, weil ich einen Karton
einzulegen hatte. Denn darin sagt der Autor, er habe keine andere Quellen zur
Philosophie der Geschichte benutzen knnen, als hchstens einige an die Wand
gekritzelte Verwnschungen der Langenweile, oder einige in die Fensterscheiben
geschnittne Wahlsprche zahlloser unbekannter Namensinschriften. Wenn er nun das
Buch, was er vermutlich auch nur schrieb, um sich die Langeweile zu vertreiben,
dennoch herausgab, so konnte das nur in der einzigen Absicht geschehen, Memoiren
ber seine schlechten und mangelhaftigen Studien zu liefern, und der Titel, wie
ich ihn mit goldenen Lettern setzte, ist ganz richtig, nmlich: Zur Philosophie
der Geschichte von Karl Gutzkow.
    Warum ich aber die letzten Kapitel Ihres Buches zu den ersten machte, das
sollen Sie auch gleich vernehmen. Sie hatten die Mnchhausenschen Geschichten
wieder so schlicht angefangen, wie Ihre Manier ist: In der deutschen
Landschaft, worin ehemals das mchtige Frstentum Hechelkram lag, erhebt sich
eine Hochebene usw., hatten dann von dem Schlosse und seinen Bewohnern
berichtet, und waren endlich nach und nach auf den Helden dieser Erzhlungen
gekommen.
    Ew. Wohlgeboren, dieser Stylus mochte zu Cervantes' Zeiten gut und
ersprielich sein, wo die Leser so sacht und gelind in eine Erzhlung
hineinkommen wollten, wie in eine Zaubergrotte, von der die Mrlein singen, da
eine schne Elfe davor sitzt, und den Ritter mit wunderleisen Klngen in die
karfunkelleuchtenden Klfte lockt. Sie stt auch nicht in die Trompete, oder
blst die Baposaune, oder macht Pizzicato, sondern sie hat eine kleine goldne
Laute im Arm; aus deren Saiten quellen unschuldige, naive Tne, wie harmlose
Kinder, die um den Ritter Blumenfesseln schlingen, und eh' er sich's versieht,
ist er umsponnen und durch den Grotteneingang gezogen, und steht mitten in dem
Reiche der Wunder, bevor er nur gemerkt hat, da er aus der Welt da drauen
hinweggegangen ist.
    Aber heutzutage pat die Magie eines solchen sfesselnden Stils gar nicht
mehr.
    Ew. Wohlgeboren, heutzutage mssen Sie noch mehr tun, als die Baposaune
blasen. Sie mssen den Tam-Tam schlagen, und die Ratschen in Bewegung setzen,
womit man in den Schlachtmusiken das Kleingewehrfeuer macht, oder falsche
Quinten greifen, oder vor die Dissonanz die Konsonanz schieben, wenn Sie die
Leute packen wollen, wie es genannt wird.
    Ew. Wohlgeboren, die ordentliche Schreibart ist aus der Mode. Ein jeder
Autor, der etwas vor sich bringen will, mu sich auf die unordentliche verlegen,
dann entsteht die Spannung, die den Leser nicht zu Atem kommen lt, und ihn par
force bis zur letzten Seite jagt. Also nur alles wild durcheinander gestopft und
geschoben, wie die Schollen beim Eisgange, Himmel und Erde weggeleugnet,
Charaktere im Ofen gebacken, die nicht zu den Begebenheiten stimmen, und
Begebenheiten ausgeheckt, die ohne Charaktere umherlaufen, wie Hunde, die den
Herren verloren haben! Mit einem Worte: Konfusion! Konfusion! - Ew. Wohlgeboren,
glauben Sie mir, ohne Konfusion richten Sie heutzutage nichts mehr aus.
    Ich habe, soweit ich vermochte, in diesem Stcke bei den Mnchhausianis fr
Sie gesorgt, und ein bichen Konfusion gestiftet, soviel es sich tun lie, damit
die bentigte Spannung entstehe. Sehen Sie, so wie jetzt das Heft gebunden ist,
kann kein Mensch bisher erraten, woran er ist, wer der alte Baron ist, und das
Frulein und der Schulmeister, und wo sich die Sache zutrgt? Hat sich aber ein
tchtiger Leser erst durch einige Kapitel hindurchgewrgt, dann wrgt er sich
auch weiter, denn es geht den Leseleuten so, wie manchem Zuschauer in der
Komdie. Er rgert sich ber das schlechte Stck, er ghnt, er mchte vor
Ungeduld aus der Haut fahren, aber dennoch bleibt er sitzen, weil er einmal sein
Entregeld gegeben hat, und dafr auch seine drei Stunden absitzen will.
    Also, Ew. Wohlgeboren, ich dchte. Sie stnden von dem Verlangen nach
Umheftung ab. Der ich brigens usw.


                     III. Der Herausgeber an den Buchbinder

Lieber Herr Buchbinder, Sie haben mich berzeugt. Ach, ich lasse mir jetzt von
jedermann raten in meinem Metier, selbst von Ihrem Jungen, wenn er mir etwa
Vorschlge ber das neue Buch machen kann. Es hat mir schon so mancher Junge
Zurechtweisungen erteilt, und ich habe sie nicht befolgt und schwer darob ben
mssen.
    Es soll also bei der Verheftung bleiben, und wenn Sie oder Ihr Junge in der
Folge merken, da ich wieder gegen die Spannung, oder die unordentliche
Schreibart gesndigt habe, dann heften Sie nur nach Gutdnken die Kapitel
durcheinander, und verbessern auf solche Weise das Buch. Ich glaube sogar, da
ich nicht der erste in solchem Verfahren bin; Herr Steffens hat gewi bei seinen
Novellen von Walseth und Leith und den vier Norwegern und Malcolm dem Buchbinder
eine gleiche Vergnstigung eingerumt.
    Vor ein sieben, acht Jahren htte mir noch keiner so etwas bieten drfen,
aber ich bin - -
    - - mde geworden, hatte ich geschrieben, lieber Herr Buchbinder, und recht
im Vertrauen auseinandergesetzt, warum man in der Welt jetzt so mde werden
kann.
    Zwei Damen aber, denen ich den Brief vorlas, sagten, das drfe durchaus
nicht stehen bleiben; der mde und weinerliche Ton zieme sich platterdings nicht
fr mich.
    Sie haben recht. Mag die Welt uns alles versagen, die Geschichte und die
Natur kann sie uns nicht versperren. Ich will die Buben heulen und greinen
lassen ber das Elend, welches sie doch eben hauptschlich machen helfen.
    Nein, Herr Buchbinder, unsere Augen sollen wacker bleiben, und die Wunden
sollen uns schn stehen.
    Aber was halten Sie von dem Mnchhausen, und was meinen Sie, das aus ihm
werden wird?




                     IV. Der Buchbinder an den Herausgeber


Ew. Wohlgeboren, aus dem Mnchhausen wird nichts; da Sie denn doch meine
Meinung wissen wollen. Dieses tut indessen nichts. Ein Buch, aus dem nichts
wird, mehr oder weniger in der Welt, verschlgt nichts. Und dann knnen wir den
einzelnen Abschnitten doch noch in etwa nachhelfen. Fr diesen ersten habe ich
schon so ein Hausmittelchen in Gedanken. Der ich brigens usw.


                      V. Der Herausgeber an den Buchbinder

Welches Hausmittelchen, lieber Herr Buchbinder? Ich bin uerst gespannt auf
Ihre ferneren Mitteilungen. Mit Achtung usw.


                     VI. Der Buchbinder an den Herausgeber

Ew. Wohlgeboren, Briefwechsel sind jetzt beliebt, wenn sie auch nur Nachrichten
von Schnupfen- und Hustenanfllen der Korrespondenten enthalten. Lassen Sie
unsern Briefwechsel im ersten Buche mit abdrucken; der hilft ihm auf.




                     VII. Der Herausgeber an den Buchbinder


Auch unsre letzten Zettel?


                    VIII. Der Buchbinder an den Herausgeber

Jawohl.


                     IX. Der Herausgeber an den Buchbinder

Wohl!


                      X. Der Buchbinder an den Herausgeber

(Kuvert um die Briefe des Herausgebers)

                                 Erstes Kapitel



         Von dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr und seinen Bewohnern

In der deutschen Landschaft, in welcher ehemals das mchtige Frstentum
Hechelkram lag, erhebt sich eine Hochebne, von braunem Heidekraute berwachsen.
Hin und wieder sticht aus dieser dunkeln Flche ein spitziges Gestein hervor,
mit weistmmigen Birken oder dunkeln Tannen umsumt. Nach Mitternacht rcken
die Steinlager so nahe aneinander, da sie fr eine kleine Gebirgskette gelten
knnen. Verschiedne Fupfade laufen durch die Ebne, vereinigen sich aber in der
Nhe der beiden hchsten Felsen zu einem breiteren Wege, der zwischen diesen
Felsen sacht bergan fhrt. Nach einigen Windungen fllt derselbe in eine Strae,
welche ehemals bepflastert gewesen sein mag, nun aber durch ausgerissene Steine
und grundlose Geleise mehr das Ansehen eines gefhrlichen Klippenweges erhalten
hat. Nichtsdestoweniger ist diesem holprichten und halsbrechenden Wege bis auf
die neuesten Zeiten der Name der Schlostrae verblieben. Denn man sieht oder
sah, kurz nachdem man sie betreten, das Schlo, welches die berschrift dieses
Kapitels nennt, auf einem ziemlich kahlen Hgel liegen.

    Je nher man demselben kommt, oder kam, denn am heutigen Tage ist davon nur
noch ein Trmmerhaufen brig, desto deutlicher springt, oder sprang die
ungemeine Bauflligkeit des Schlosses in das Auge. Was zuvrderst die Pforte
betrifft, oder betraf, so standen zwar deren beide steinerne Pfeiler noch, und
auf dem rechten hatte sich sogar der statuarische Lwe als Wappenhalter zu
behaupten gewut, whrend sein Partner von dem linken Pfeiler hinab in das hohe
Gras gesunken war, allein das eiserne Pfortengegitter selbst war lngst
weggebrochen und zu andern Zwecken verwendet worden. Die Gefahr, welche hieraus
fr das Gebude von ruberischen berfllen zu besorgen stand, war aber nur bei
trocknem Wetter vorhanden. Wenn es regnete (und es pflegt oft in jener Gegend zu
regnen), so verwandelte sich bald der Burghof in einen undurchwatbaren Sumpf,
auf welchem, wenn die Geschichte nicht Lgen berichtet, zuweilen selbst
Schnepfen sich hatten betreten lassen.
    Vllig entsprechend diesem Zugange war das uere und Innere des
Schlogebudes selbst. Die Wnde hatten ihre Tnche, ja zum Teil ihren Bewurf
verloren. Nach einer Seite hin war die Giebelwand bedeutend ausgewichen und
durch einen Balken gesttzt worden, der aber am unteren Ende auch schon zu
morschen begann, und daher nur eine geringe Zuversicht gewhrte. Lie man sich
nun durch diesen Anblick nicht abschrecken, in das Gebude eintreten zu wollen,
so bot die Tre immer noch ein groes Hindernis dar. Denn die Feder war in dem
alten verrosteten Schlosse lngst unttig geworden, und die Klinke gab nur
wiederholtem und gewaltsamem Drcken nach, bei welchem sie aber nicht selten aus
ihrer Mutter fuhr und dem Klinkenden in der Hand sitzen blieb. Die Bewohner
pflegten sich daher auch mehr eines nach und nach sehr erweiterten Loches in der
Wand zum Ein- und Ausgange zu bedienen, und dieses nur fr die Nachtzeit durch
vorgesetzt Tonnen und Kasten zu versperren.
    Wenn man die Fenster die Augen eines Hauses nennen darf, so konnte man
dieses sogenannte Schlo mit gutem Rechte zum Teil erblindet heien. Denn nur
vor wenigen und den notwendigsten Zimmern waren jene Augen noch ersichtlich,
viele andere Gelasse waren fr immer durch die zugemachten Lden in Dunkelheit
versetzt worden, weil sich die Scheiben nach und nach aus den Rahmen verloren
hatten.
    Zwischen so morsch gewordnen vier Pfhlen und in kahlen, vernutzten Zimmern
Lauste noch vor wenigen Jahren ein bejahrter Edelmann, den sie in der ganzen
Gegend nur den alten Baron nannten, mit seiner gleichfalls verblhten nachgerade
vierzigjhrigen Tochter Emerentia. Er gehrte zu dem weitluftigen Geschlechte
derer von Schnuck, welches weit umher in diesen Landschaften seine Besitzungen
hatte, und sich in folgende Linien, Zweige, ste und Nebenste spaltete, nmlich
in die

I. ltere, oder graumelierte Linie - Linie Schnuck- Muckelig; gestiftet von
    Paridam, Herrn auf und zu Schnuck-Muckelig.
    1. lterer oder aschgraumelierter Zweig - Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel.
    2. Jngerer oder silbergraumelierter Zweig - Zweig Schnuck-Muckelig-Pimpel.

II. Jngere oder violette Linie - Linie Schnuck- Puckelig, gestiftet von Geyser,
    Burgmannen auf und zu Schnuck-Puckelig.
    1. lterer oder violetter Zweig mit Schttgelb. Zweig
        Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf.
        a. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf-Mottenfra.
        b. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf, genannt aus der Rumpelkammer.
            (NB. Stand nur auf vier Augen.)
    2. Jngerer oder violetter Zweig, genannt im Grtzfelde. Zweig
        Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher.
        a. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher von Donnerton.
        b. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage. Davon der
            Nebenast: Schnuck- Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum
            Warzentrost.

Von diesem Nebenaste war unser alter Baron entsprossen.
    Die vielfltige Teilung des Geschlechts derer von Schnuck hatte eine
bedeutende Teilung des Stammerbes zur Folge gehabt, und namentlich in der
jngeren Linie, welche von jeher durch groe Fruchtbarkeit ausgezeichnet war,
die Gter in eines jeden Erbherrn Hnden merklich gemindert. Man war daher zu
der Erfindung berzugehen gentigt gewesen, da denen von Schnuck alle
Kirchenpfrnden und alle Kriegsmter im Frstentume von Rechts wegen gehren;
eine Erfindung, die um so eher bei den Frsten von Hechelkram Glauben fand, als
die Schnucks, wie gesagt, ber das ganze Land verbreitet waren, und Vetter Botho
sagte, es sei so, Vetter Gnter behauptete, es sei so am besten, Vetter Achaz
einflieen lie, die Schnucks und ihr Anhang bildeten die eherne Mauer um den
Thron, Vetter Bartholomus folgerte, weil es notwendig sei, da die Schnucks
existierten, so mten sie auch die Mittel zu ihrer Existenz, d.h. Pfrnden und
mter, haben, sechsunddreiig andre Schnucks aber noch sechsunddreiig andre
Grnde fr die Richtigkeit der Erfindung zum Vorschein brachten. Die Frsten,
welche nur von Schnucks umgeben waren, und von diesen nichts anderes hrten, als
vorgedachte Reden, muten wohl endlich an die Richtigkeit der Erfindung glauben.
Bedeutend wirkte auch auf die Strkung dieses Glaubens der Umstand ein, da nach
der Verfassung von Hechelkram der jedesmalige Frst seine jedesmalige Geliebte
aus dem Geschlechte derer von Schnuck zu beziehen hatte. Diese Damen waren aber,
wie sich von selbst versteht, im agnatischen Interesse ttig.
    Die Erfindung war daher bald fest begrndet, und gelangte als Anhang in den
Landeskatechismus. Nun konnten die von Schnuck unbesorgt hinleben und ihren
Samen mehren, wie Sand am Meere. Wenn sie das Ihrige verzehrt hatten, so zehrten
sie als Generale auf Regimentsunkosten weiter, und die Shne, auer einem,
lieen sie Prlaten oder Geheime Rte im hchsten Kollegio werden. Denn ich habe
die Erfindung nicht ganz vollstndig vorgetragen: Nach derselben war jeder
Schnuck, wenn er den Zivildienst whlte, geborner Geheimer Rat im hchsten
Kollegio. - -
    Sie stocken ... Sie seufzen ... Herr Herausgeber?
    Ach, meine Gndige, ist es nicht ein Unglck fr einen armen Erzhler, da
er immerfort die alten Geschichten wieder aufwrmen mu? Die Sachen, die ich da
berichte, schienen schon vor fnfzig Jahren durch die Romanenschreiber jener
Zeiten so verbraucht zu sein! Und ich mu den lngstgekochten Kohl doch wieder
zum Feuer rcken!
    Sie erzhlen ja von der Vergangenheit, Herr Herausgeber, und dahinein
gehren allerdings solche alte Geschichten.
    Ich danke Ihnen tausendmal fr diese Erinnerung, meine Gndige. Jawohl, ich
erzhle von der Vergangenheit, von Dingen, die ab und tot sind, wie die weiland
in der Schmiede gewesene Adelskette. Meine Phantasie ri mich nur hin, da ich
mir die Erfindung derer von Schnuck als der Gegenwart oder nchsten Zukunft
angehrig vorstellen mute. Nein, sie wird nicht wieder aufkommen, diese
Erfindung; gegen sie spricht wirklich eine ungeheure Majoritt, die Majoritt
aller rechtlichen Leute, die es sich haben sauer werden lassen in der Welt. Also
nur ohne Stocken und Seufzen weiter in diesen Sagen der Vorzeit!
    Unser alter Baron hatte in seinen jungen Tagen von dem Herrn Vater nur das
Schlo Schnick-Schnack-Schnurr ererbt, welches frherhin ein Pachthof gewesen,
und erst spterhin zu seinem Ehrentitel gediehen war. Es warf jhrlich etwa
zweitausend Gulden ab, oder hchstens zweitausendfnfhundert. Der selige Vater
hatte das Wohnhaus wohl in Fach und unter Dach erhalten, die Wappenlwen standen
recht majesttisch auf den beiden Pfeilern, zwischen denen sich eine eiserne
Pforte befand, wie sie nur sein mute, der Hof war damals auch noch gepflastert,
und in den Zimmern hingen schne bunte Familienbilder, standen rtlich lackierte
Sthle und Kommoden mit goldnen Leisten. Hinter dem Schlosse aber hatte der
Vater einen Garten in streng-franzsischem Geschmack anlegen und Schfer und
Liebesgtter von Sandstein hineinsetzen lassen.
    Zweitausend oder zweitausendfnfhundert Gulden jhrlich sind zwar nur ein
schmales Einkommen fr einen Edelmann, allein unser alter Baron htte sich damit
in seiner lndlichen Abgeschiedenheit doch wohl aufrechtzuerhalten vermocht,
wenn er nur nicht mit dem Gedanken aufgewachsen wre, er sei geborner Geheimer
Rat im hchsten Kollegio. Aber seit seinem vierzehnten Jahre legte er sich mit
dieser Vorstellung nieder, und stand mit derselben morgens wieder auf; sie gab
ihm eine Sicherheit des Bewutseins, welche nichts zu erschttern vermochte.
Gelernt hatte er, die Wahrheit zu sagen, wenig oder nichts, sein Herr Vater war
dagegen, und der Meinung gewesen, viel wissen sei fr einen Kavalier
unanstndig.
    Er hatte eine freie, sorglose und gutmtige Sinnesart; es vergngte ihn,
andern mitzuteilen, und sein eignes Vergngen liebte er nicht minder. Er gab
gern Gastereien, ging gern mit einem Dutzend guter Freunde auf die Rehjagd, und
hielt nach dieser Anstrengung ein, womglich hohes Spielchen mit seinen
Weidgenossen fr die beste Erholung. Auch wenn er allein war, speiste er nicht
gern unter sechs Schsseln, wozu, wie sich von selbst versteht, alter Rheinwein
vom besten gehrte. In Kleidern hielt er sich sauber, Diener unterhielt er nicht
bermig viele, etwa fnf oder sechs fr sich und seine Gemahlin, die aus der
lteren, oder graumelierten Linie, aus der Linie Schnuck-Muckelig-Pumpel
entsprossen war; nebst einer Kammerjungfer und einer Garderobiere fr diese
seine Gemahlin. Letztere hatte nun wieder ihr hauptschliches Vergngen an
Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen, und ihr Gemahl versagte ihr in Beziehung
auf solche Gegenstnde keinen ihrer Wnsche; denn, sagte er, wenn das Zeug auch
viel kostet, so gehrt es einmal zu unserm Stande, und was standesmig ist,
kostet nie zu viel.
    Ermdete unsern alten Baron die husliche Einfrmigkeit, so machte er mit
Gemahlin, Kammerjungfer, Garderobiere, mit den fnf oder sechs Dienern und
diesem oder jenem Hausfreunde, welcher auch der Erholung bedrftig war, und ihn
um Mitnahme ansprach, interessante Reisen in die benachbarten fremden Lnder,
von denen er dann neugestrkt zu seinen Gastereien, Jagden und Spielen
zurckkehrte. Diese stillen Familienfreuden mundeten ihm nach solchen Ausflgen
immer doppelt wohl.
    Der Himmel hatte seine Ehe mit einer einzigen Tochter gesegnet, welche in
der heiligen Taufe den Namen: Emerentia erhielt. Dieses Kind war von jeher
ausnehmend schwrmerischer Art, es verdrehte schon als Sugling die Augen auf
eine wunderbare Weise. Als die kleine Emerentia grer wurde, hrte sie ihre
Mutter fast von nichts andrem erzhlen, als von den Damen der Linien
Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig, welche die Geliebten der Frsten von
Hechelkram gewesen waren. Die Mutter zeigte auch dem Kinde diese Damen unter den
Familienbildnissen; lauter schne Frauenzimmer mit hohen Frisuren, gelben,
grnen oder roten Adriennen, groen Blumenstruen und entblten Schultern! Da
sie nun immerfort von den Geliebten hrte, und die Frauenzimmerbildnisse ihr gar
zu wohl gefielen, so setzte sie sich in den Kopf, da sie ebenfalls zu einem
solchen Berufe ausersehen sei, ein Gedanke, der noch mehr befestigt wurde, als
der Frst Xaverius Nicodemus der Zweiundzwanzigste von Hechelkram das Schlo
besuchte. Er nahm die damals dreizehnjhrige Emerentia auf den Scho, liebkoste
ihr zrtlich, und fragte sie: Willst du mein Brutchen werden? Sie bedachte
sich nicht lange, sondern versetzte rasch: Ja, wie alle die Damen, die da
hangen. Der Frst hob die Kleine vom Schoe und sagte lchelnd zu ihrer Mutter:
Ah, la petite ingnue!
    Die Zeit verwischte zwar den Frsten Xaverius Nicodemus den
Zweiundzwanzigsten, da sie ihn nicht wiedersah, allgemach aus ihrem Herzen,
dagegen setzte sich in ihr die Standesvorstellung, die Vorstellung an sich, da
sie bestimmt sei, mit einem Hechelkramischen Frsten in zrtliche Verhltnisse
zu treten, immer fester in ihr, wobei sie sich durchaus nichts Arges dachte,
woran sie aber mit solcher Innigkeit hing, wie ihr Vater an seinen
Geheimenratsgedanken. Weil nun das Herz nicht in das Leere seinen Drang
versenden mag, sondern gern an liebevoll-gediegner Wirklichkeit ausruht, so
hatte ihre schwrmende Phantasie nach einigem Umherschweifen im leeren Raume
auch bald den sichtbaren Gegenstand gefunden, der ihr den knftigen Liebhaber
unter den Frsten von Hechelkram vorbilden mute. In der Tat war dieser
Gegenstand ganz geeignet, die Einbildungskraft eines fhlenden Mdchens knacken,
der Mund wollte zwar seines Berufes wegen fr die Gesetze reiner Verhltnisse
etwas zu gro erscheinen, aber ein schwarzer Schnurrbart von wunderbarer Flle,
welcher ber den Lippen hing, machte diesen belstand wieder gut. Die groen,
grellen, himmelblauen Augen blickten sanft und grade vor sich hin, und lieen
auf eine Seele vermuten, in welcher die Milde bei der Strke wohnte.
    Bekleidet war dieser idealisch-schne Nuknacker mit einer rotlackierten
Uniform und weiem Unterzeuge; auf dem Haupte aber trug er einen imponierenden
Federhut. Emerentia hatte ihn zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen. Sobald sie
seiner ansichtig wurde, erzitterte sie, erseufzte sie, errtete sie. Niemand
verstand ihre Regung. Sie aber trug den Nuknacker auf ihr einsames Zimmer,
stellte ihn auf den Kamin, blickte ihn lange glhend und weinend an, und rief
endlich: Ja, so mu der Mann aussehen, dem sich dieses volle Herz zu eigen
ergeben soll! Von der Zeit an war der Nuknacker ihr vorlufiger Geliebter. Sie
hielt mit ihm die zrtlichsten Zwiegesprche, sie kte seinen schwarzen
Schnurrbart, sie hatte dem ganzen Verhltnisse eine so tiefe Beseelung gegeben,
da sie jederzeit des Abends, wenn sie sich zum Schlafengehen entkleiden wollte,
schamhaft zuvor ihrem Freunde auf dem Kamin das Haupt mit einem Tuche verhllte.
Nuknacker lie sich das alles gefallen, stand zuversichtlich auf seinen Fen,
und blickte mit den groen, blaugemalten Augen mildkrftig vor sich hin.
    Emerentien hatte diese schne Liebe rasch gereift. Von der Natur war sie,
wenn auch nicht mit Reizen, doch mit blhenden Gesichtsfarben und runden Armen
ausgestattet worden; es konnte ihr daher an Verehrern unter den benachbarten
Landjunkern nicht fehlen. Aber sie schlug alle Bewerbungen von der Hand und
sagte, sie folge ihrem Ideal und gehre der Zukunft an. Unter dem Ideal verstand
sie den auf dem Kamin und unter der Zukunft einen Hechelkramischen Frsten.
    Ihre Eltern lieen ihr ganz freie Hand. Sie sagten, in den Linien
Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefhle seit Jahrhunderten der
heraldisch-richtigen Bahn gefolgt. Es lasse sich also nichts daran ndern und
modeln, was ihre Tochter empfinde.
    Um die Zeit der vielfltigsten und heiesten Bewerbungen machte ihr Vater
mit den Seinigen eine der obengedachten Erholungsreisen zur Strkung auf die
Beschwerden der Jagd und des Spiels. Der Ausflug war diesmal in die Bder von
Nizza gerichtet. Die Familie reiste unter fremdem Namen, denn sechs feurige
Landjunker hatten geschworen, dem Frulein nachzueilen bis an das Ende der Welt,
und sie wollte allein sein, allein mit ihrem Nuknacker, dem heiligen Meer und
den ewigen Alpen gegenber.
    Die Familie hie in Nizza die von Schnurrenburg-Mixpickelsche. Eines Tages
gehen Schnurrenburg-Mixpickels am Strande spazieren; das Frulein geht etwas
voran, den Freund im Ridicle. Pltzlich sehen die Eltern sie wanken; der Vater
springt zu, und empfngt die Tochter in seinen Armen. Bleich ist ihr Antlitz,
aber von Entzcken strahlen ihre Augen, sie liegt wie eine Selige am Busen des
Vaters. Ihre Blicke dringen schchtern in die Ferne, und kehren dann wie mit
goldnen Schtzen der Wonne beladen, in sich zurck. Auch die Eltern erstaunen,
als sie den Blicken der Tochter in die Ferne folgen. Denn von der andern Seite
des Strandes schreitet ihnen eine Gestalt entgegen, Nuknacker zu entznden. Von
schner, gedrungner, proportionierlicher Gestalt, sprach sich in allen seinen
Gliedern mnnliche Kraft aus, aus seinem glnzenden, hellroten Gesichte mit
breiten, festen Kinnbacken leuchtete der Entschlu, auch die hrteste, vom
Geschick ihm vorgelegte Nu zu im groen, weie Unterkleider, rote Uniform,
Federhut, grellblaue, und doch milde Augen, hellrot-glnzendes Gesicht, wie
lackiert, breiter Mund, verborgen von der wunderbaren Flle des schwarzen
Schnurrbarts, eine schne gedrungne Gestalt, Kraft in allen Gliedern, kurz
Nuknacker in jeder Miene, Form, Falte.
    Besorgt tritt er hinzu und fragt, was der Dame fehle? Der Vater fragt ihn
seinerseits: mit wem er die Ehre habe ...? Ich bin, versetzt der Fremde, indem
er die Nasenflgel zitternd bewegt, und mit den Augen zwinkert, Signor
Rucciopuccio, von Geburt ein Senese, in Kriegsdiensten Seiner Majestt, des
Kaisers aller Birmanen, bei den Truppen auf europische Art, Kommandeur der
sechsten Elefantenkompanie.
    Ei der tausend, da sind Sie wohl verteufelt weit her? fragte der alte
Baron. Es geht noch, erwiderte der Fremde, indem er sich in den Hften
zurechtrckte, da die Gelenke knackten.
    Der Alte fragte ihn ber die Birmanen aus, die Mutter musterte die Stickerei
an seinem Kragen, Emerentia flsterte, in einen Abgrund von Glck verloren,
nichts als: O Rucciopuccio!..  So kamen sie in das Hotel der Familie, wo sich
der Fremde nach kurzem Verweilen beurlaubte mit der Bitte, seine Besuche
wiederholen zu drfen, und nachdem er die Augen nochmals bedeutend-zwinkernd auf
Emerentia geworfen hatte.
    Lat mich von ihr schweigen! Der Traum ist Wahrheit geworden, das Herz hat
sich seinen Wunsch verkrpert, und in die Sichtbarkeit ausgeschaffen! Am andern
Tage lt sich der Kommandeur der sechsten birmanischen Elefantenkompanie wieder
anmelden. Wo das Schicksal gesprochen hat, sind die Menschen ber Worte
hinweggehoben. Er tritt in die eine Tre, sie tritt in die andre; er zupft am
Schnurrbart, sie zupft am Schnupftuch; heut wird er bla, und sie wird rot, er
breitet die Arme aus, sie breitet die Arme aus, er neigt sich zu ihr, sie neigt
sich zu ihm, und: Freinander geschaffen! ist der erste Laut, den ihre
glhenden Lippen nach der Wonne des ersten Kusses finden. Freinander
geschaffen! wiederholt Rucciopuccio beteuernd, indem er abermals mit den Augen
zwinkert und die Nasenflgel zitternd bewegt.
    Aber diesem rascherblhten Lenze der Liebe folgte ein verheerender Sturm,
der alle Rosen jhlings zu knicken drohte. In Emerentien erwachte nmlich die
ganze Dialektik feinfhlender weiblicher Herzen, wenn sie nicht wissen, was sie
wollen. Die Arme fhlte sich durch einen scharfen Konflikt der Gefhle
zerspalten. Der Nuknacker war ihr Ideal, ein Frst von Hechelkram ihre Zukunft,
der Birmane Rucciopuccio aus Siena die Gegenwart und Wirklichkeit. Sollte sie
dem Ideale und der Zukunft untreu werden um Gegenwart und Wirklichkeit? Sollte
sie Wirklichkeit und Gegenwart opfern und bei Ideal und Zukunft vielleicht eine
alte Jungfer werden? Bse Wahl, schreckliche Kmpfe, die alle Gtter und Dmonen
ihres Busens aus dem Schlummer weckten! Eine weibliche Feder wird in einem
Anhange zu den gegenwrtigen Erzhlungen diesen Teil von Emerentias Geschichte
ausmalen. Nur eine Schriftstellerin versteht sich auf die Entzaserung aller der
geheimen Fasern und Zasern, welche das Gewebe solcher Nte bilden.
    Endlich siegten Gegenwart und Wirklichkeit ber Zukunft und Ideal. Das
Schicksal rumte nmlich zuvrderst das Ideal hinweg, indem es die Hand der
Mutter leitete. Diese ergriff, als sie einmal sich von der Tochter unbemerkt
wute, den Nuknacker, und lie ihn auf den Kehricht hinter dem Hotel werfen.
Dahin gehrte er auch, nachdem er seine Mission erfllt, und die Idee, deren
hlzerner Trger er gewesen war, volles geschichtliches Leben in Rucciopuccio
gewonnen hatte. Rucciopuccio aber schwor, als er bei seiner Geliebten auf den
Grund des Kummers gedrungen war, ihr mit heiligen Eiden bei dem Affen Hannemann:
er sei eigentlich ein Hechelkramischer Frst, ein vertauschter Knabe, durch
teuflische Kabale nach Siena gebracht, und von dort zu den Birmanen verschlagen.
Bald werde er nach Hechelkram zurckkehren, sein vterliches Reich unter
Vorlegung authentischer Urkunden in Anspruch zu nehmen.

                                Zweites Kapitel


Emerentias Liebe glaubte, was Rucciopuccios Liebe beschworen hatte, besonders da
der Eid auf den Affen Hannemann abgelegt worden war, der in Hindostan eines noch
greren Ansehens geniet, als je einem Affen in Europa, wo sie doch auch viel
gelten, zuteil geworden ist. Alles hatte sich nun in den schnsten Einklang
gesetzt; die Bestimmung der Tchter aus dem Gesamthause Schnuck, das
Nuknacker-Ideal und der Frst von Hechelkram unter der Hlle des kaiserlich
birmanischen Kriegsbeamten aus Siena. Man konnte in diesem Falle sagen, die
Erfllung habe die Erwartung berflgelt.
    War Emerentia in das tiefste Geheimnis ihres Rucciopuccio eingedrungen, so
konnte sie sich dagegen nicht entschlieen, ihm ihren wahren Namen zu entdecken.
Der Geliebte war arglos und schwatzhaft; das merkte sie nach kurzer
Bekanntschaft. Wie leicht war es mglich, da er das Geheimnis ausplauderte, da
es ber die Alpen zu den sechs feurigen Landjunkern drang, da diese ihr Wort
lsten, und nachgesprengt kamen, und dann - ade, du stilles Himmelsglck in
Nizza! Fr Rucciopuccio blieb Emerentia daher die Freiin von
Schnurrenburg-Mixpickel, und hie Marcebille, weil ihr dieser Taufname besonders
s und romantisch klang.
    Es waren nun fr beide Liebende die herrlichen Tage angebrochen, in welchen
die Leute einander bestndig beim Kopfe haben, Lippen auf Lippen pressen, in
welchen, wenn die Geliebte nieset, der Liebende olsharfen und Engelsgesang zu
vernehmen meint, und wenn der Geliebte ein Ghnen verbirgt, die Liebende einen
neuen himmlischen Ausdruck in seinen teuren Zgen entdeckt, in welchen,
lustwandeln sie miteinander, Sonne, Mond und Sterne beschworen werden, auf ihr
Glck herabzuschauen, wenn sie sonst nichts zu sprechen wissen. Rucciopuccio und
Emerentia machten alle diese Krisen der Liebe grndlich durch; besonders gingen
sie viel miteinander spazieren. Er fhrte sie an das Meer, er fhrte sie auf die
Alpen, er fhrte sie in Grten, er fhrte sie in Olivenwldchen, er fhrte sie
bei Tage, er fhrte sie bei Nacht, und zrtlich rief sie oft, noch nie sei sie
so anmutig gefhrt worden.
    Ein leichtes Wlkchen am Horizonte ihrer Freuden war es, da der Prtendent
von Hechelkram nie Geld hatte. Er versicherte sie, er habe soundso viel tausend
Lak Rupien vom Birmanenkaiser an rckstndigem Solde zu beziehen, die jeden
Posttag eintreffen knnten; indessen bis zum Eingange dieser Zahlung mute sie
ihm freilich mit ihrer Sparbchse aushelfen. Als diese erschpft war, sagte er,
es msse nun durchaus ein Wechsel des Schicksals vor der Tr stehen, und um
diesem gleichsam symbolisch vorzuarbeiten, wolle er kleine Papierstreifen
beschreiben, die in der Welt auch Wechsel genannt wrden, weil sie die
wunderlichsten Abwechselungen von Freiheit und Notwendigkeit hervorzubringen
pflegten.
    So flossen abermals einige Wochen in Liebesglck und Wechselverfertigung
hin. Eines Abends gingen sie wieder in einer paradiesischen Gegend spazieren,
angeweht von jenen Lften dort, welche in die Brust des Kranken wie Balsam
dringen, und der Wange des Gesunden gleich seidnen Hndchen schmeicheln. Sie
hatten sich ganz in hohe Ahnungen ber Gott und Unsterblichkeit verloren, sie
sprachen, da es gleich in den Stunden der Andacht htte abgedruckt werden
knnen, da standen pltzlich acht Juden und sechzehn Hscher, denn jeder Jude
hatte sich zwei Hscher auf den Leib gemietet, vor dem seligen Paare. Die Juden
hielten Rucciopuccio ganze Hnde voll symbolischer Papierstreifen unter die
Augen, und die Hscher riefen auf italienisch: Marsch! indem sie ihre Spiee
wie wegweisend ausstreckten.
    Um alle Heiligen, Geliebter! rief Emerentia, was ist dieses? - Nichts,
meine Teuergeschtzte, als eine hllische Kabale, Wechselarrest geheien,
versetzte Rucciopuccio, der keinen Augenblick seine Fassung verlor. Der Kaiser
aller Birmanen ist ein Tyrann. Ein Tyrann, sage ich; ein schmhlicher Tyrann! Er
kann mich nicht entbehren, er reklamiert mich; ich soll ihm auch die siebente,
achte und neunte Elefantenkompanie, die er inzwischen gebildet hat, organisieren
helfen. Auf gradem Wege setzt er es nicht durch, da spielt er denn mit den
ruppigen Juden unter einer Decke (o wie klein fr einen Kaiser!), die mssen
mich hier in Wechselarrest setzen, und von da komme ich auf den Schub von
Gefngnis zu Gefngnis, bis nach Hinterindien; ich sehe es voraus. O
Frstendienst! Frstendienst! **********
    Verlasset euch nicht **** auf die Kinder der Menschen, weil bei ihnen kein
Heil zu hoffen ist!
    Rucciopuccio hob bei diesen Worten die Augen gen Himmel und legte die Hand
auf sein Herz, wie der Graf von Strafford, als man ihm ankndigte, da Karl
Stuart es sich gefallen lassen wolle, da er, Strafford, sich fr den Knig
kpfen lassen wolle.
    Emerentia aber nherte sich ihm zitternd, und rief: Du verlsset mich, da -
- Sie flsterte ihm etwas in das Ohr. ber das hellrotglnzende Antlitz
Rucciopuccios legte sich eine Totenblsse, worauf ein Farbenspiel in demselben
sichtbar ward, welches von allen sonst in menschlichen Gesichtern vorkommenden
Frbungen so sehr abwich, da selbst die Juden und Hscher erstaunt
zurcktraten, und Emerentia auer sich htte geraten mssen, wre sie nicht mit
sich und ihrem Geschick zu sehr beschftigt gewesen.
    Rucciopuccio erholte sich aber bald wieder, und sagte zu Emerentien mit
ruhiger Freundlichkeit: Dieses sind natrliche Folgen natrlicher Ursachen, die
kein weiser Mann bestaunt. Verlasse dich auf mich, Marcebille, ich sprenge die
Ketten des Tyrannen, ich komme wieder als Hechelkramischer Frst, und hole dich
ab von dem Schlosse deiner Vter zu Schnurrenburg. Der Geist legt mir ein
Trostlied auf die Lippen, bewahre es im tiefsten Schrein des Herzens als
heiliges Gemtsgeheimnis; daran wollen wir uns einst wiedererkennen:

Einst liebtest du den Nuknacker,
Nach dem Nuknacker liebtest du mich;
Nun holet das Schicksal, der Racker,
Erst den Nuknacker, dann holt es mich!

Der Nuknacker sank auf den Kehrich,
Und mich rauben die wilden Birmanen;
Nuknacker kehrt nicht, aber kehr' ich,
Hol' ich ab dich vom Schlo deiner Ahnen!

Die Hscher verhinderten die Fortsetzung dieser Ode, indem sie ihn abfhrten.
Emerentia sank in Ohnmacht. Zwei Juden brachten sie ihren bestrzten Eltern.

                                Drittes Kapitel



         Weitere Nachrichten von dem alten Baron und seinen Angehrigen

Als die Eltern nach einer ziemlich trbseligen Reise mit Emerentien wieder auf
dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr angekommen waren, wollten die feurigen
Landjunker ihre unterbrochnen Werbungen erneuern, aber das verstimmte Frulein
wies sie jetzt noch entschiedner zurck, als frherhin. Ihre Gesundheit hatte
offenbar durch den Kummer gelitten, die Zge des Gesichtes nahmen oft einen
seltsamen Ausdruck an, die Speisen machten ihr Widerwillen, sie befand sich hin
und wieder sehr bel. Der alte Baron lie einen Arzt kommen; der Arzt sprach mit
dem Frulein unter vier Augen, kam mit einem lnglichten Gesichte aus dem Zimmer
und sagte zu den Eltern: Die Luft von Nizza ist ihr zu nahrhaft gewesen, das
ist eine Luft fr Schwindschtige, aber nicht fr Vollbltige, es entstand eine
berfllung von Sften in ihr, sie mu in eine zehrende Luft, in ein anderes
Bad, da kommt alles wieder in das Gleichgewicht. Auch allein mu sie reisen,
damit sie Trbsal hat und Sehnsucht, dann zehrt sie um so eher ab. Die Eltern
glaubten dem guten verstndigen Arzte, und lieen Emerentien in ein anderes Bad,
worin eine zehrende und abmagernde Luft wehte, reisen, ganz allein lieen sie
sie reisen, weil der Arzt es so haben wollte.
    Die Kur mute sehr grndlich und nachhaltig vorgenommen werden, wenn sie
anschlagen sollte; das Frulein blieb deshalb viele Monate lang im Bade. Dann
kam sie zurck, gesnder und wohler, als sie je zuvor gewesen war. Auch ihre
Stimmung hatte sich ganz wieder erheitert; sie lebte in dem festen Vertrauen,
da Signor Rucciopuccio als glcklicher Prtendent von Hechelkram eines Tages
ankommen werde, sie aus dem Schlosse abzuholen. Die Mutter sagte: Wenn das ist,
so steht alles wohl, dann hast du in Nizza nur deine Bestimmung erfllt.
    Viele Jahre verflossen seitdem. Der alte Baron war nun wirklich ein alter
Baron, Frulein Emerentia eine alte Jungfer geworden, die alte Baronesse aber
inzwischen an einem erblichen Familienbel des Zweiges Schnuck-Muckelig-Pumpel
gestorben. Die Jahre hatten das Alter gemehrt und die Gelder gemindert, woraus
sich aber der Baron wenig machte. Sagte ihm sein Rentmeister: Herr Baron, die
Pchte und die Zinsen reichen nicht zu, so war die Erwiderung: Tut nichts,
wenn alles aufgezehrt ist, gehe ich in das hchste Kollegium, und lebe von
meiner Besoldung; ich bin geborner Geheimer Rat. Geld mu ich haben, also
verkauft nur einige liegende Grnde, lieber Rentmeister.
    
    Der Rentmeister achtete sich nach diesen Worten, und verzettelte nach und
nach alle liegenden Grnde, die zum Schlosse gehrten, Felder, Wiesen, Triften,
Holzungen. Als er das letzte Stck losgeschlagen hatte, trat er wieder zu dem
alten Baron in das Zimmer und sagte: Ew. Gnaden, mit den liegenden Grnden
wren wir nun fertig; ich begehre meinen Abschied, denn wo keine Renten sind, da
ist kein Rentmeister mehr vonnten.
    Sehr wahr! versetzte der alte Baron, so wahr, als wie, da zweimal zwei
vier tun; ich will Euch ein Attest schreiben ber wohlgefhrte Administration;
was mich betrifft, so gehe ich jetzt in das hchste Kollegium und werde Geheimer
Rat.
    Ach! aber als er nach dem hchsten Kollegio fragte, so war ein solches nicht
mehr vorhanden, und als er nach den Frsten von Hechelkram fragte, so sagte man
ihm, die htten lngst aufgehrt zu regieren, und als er sich bei dem Reichstage
erkundigen wollte, wie er seine wohlhergebrachten Ansprche durchzusetzen habe,
so hrte er, das Deutsche Reich wre schon vor soundso vielen Jahren einmal
unversehens dem Kaiser unter den Hnden weggekommen. Sonderbar! rief der alte
Baron, wie ist das nur zugegangen? Er versank in tiefes Nachdenken, und dachte
mehrere Jahre lang darber nach, wie nur das Deutsche Reich habe wegkommen, der
Hechelkramische Frstenstamm aufhren knnen, zu regieren, und wie es mglich
sein sollte, da er nicht mehr geborner Geheimer Rat im hchsten Kollegio sei?
Fr die beiden ersten Probleme fand er zuletzt noch eine Lsung, aber das
letzte, das Geheimeratsproblem blieb ihm unlsbar, und deshalb kam er endlich
auf den Gedanken, die gegenwrtigen Verhltnisse seien nur ein kurzer bergang,
die alte, gute Zeit stehe schon wieder vor der Tre, und werde bald anklopfen.
Mit diesem Gedanken erhielt er seine ganze Heiterkeit zurck. Er nahm sich vor,
in der daraus entspringenden berzeugung zu leben und zu sterben.
    Inzwischen waren die Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen der seligen
gndigen Frau vertrdelt worden, dann wurde das eiserne Gitterwerk von der
Pforte abgebrochen und, benebst den Pflastersteinen des Hofplatzes, samt allen
entbehrlichen Hausmobilien, nach und nach in Geld umgesetzt. Derweilen bi auch
der Wappenlwe in das Gras, darauf brckelte der Bewurf von den Wnden, und dann
wich die Giebelmauer gefhrlich aus ihrer lotrechten Stellung, ohne da eine
Reparatur versucht werden konnte, weil die rohen Handwerksleute nur, wenn sie
Geld sehen, Hand und Fu regen.

                                Viertes Kapitel



                               Die blonde Lisbeth

In dem nach und nach sotanerweise herabgekommenen sogenannten Schlosse
Schnick-Schnack-Schnurr mute sich der alte Baron mit seiner Tochter Emerentia,
die seit dem Eintritte in die stehenden Jahre so sehr an Flle zunahm, wie die
Mittel abnahmen, kmmerlich und einsam behelfen. Die Jagd hatte natrlich
aufgehrt, weil die Waldgrnde verschwunden waren, in denen dieses Vergngen
sich betreiben lt, und an Spiel war auch nicht mehr zu denken; man htte um
Rechenpfennige die Stiche machen mssen. Allmhlich waren daher auch die Freunde
seltener geworden, zuletzt blieben sie ganz aus, waren auch wohl zum Teil
gestorben. Vater und Tochter htten sich am Ende den Kaffee und die sprlichen
Mahlzeiten selbst bereiten mssen, denn auch die Bedienten und Mgde schlichen
sich allgemach aus Mangel der Bezahlung weg, wre diesem drftigen und
zusammensinkenden Haushalte nicht eine Sttze in der blonden Lisbeth erwachsen,
welche, sobald sie die Hnde zu Dienstleistungen zu regen imstande war, dem
alten Baron und dem Frulein wie die geringste Magd aufwartete, kochte, wusch,
suberte, dabei aber immer hold und freundlich aussah, und wenn sie das
Schwerste verrichtet hatte, so tat, als habe sie nichts getan.
    Die blonde Lisbeth war ein Findelkind. Ein altes Weib hatte einst vor Jahren
eine groe Schachtel, mit kleinen Lchern versehen, auf das Schlo gebracht, sie
einem Bedienten bergeben, und ihm gesagt, darin sei ein Geschenk fr den Herrn,
welches ein guter Freund schicke. Indem nun der Bediente die Schachtel zu dem
gndigen Herrn hineintrug, fing das Geschenk darin an, sich zu regen, und ein
feines Geschrei zu erheben. Der Mensch htte es bald vor Schreck zu Boden fallen
lassen, besann sich indessen doch, und setzte die Schachtel vorsichtig auf einen
Tisch in des gndigen Herrn Zimmer. Der alte Baron ffnete den Deckel, und ein
kleines Mgdlein von hchstens sechs Wochen streckte ihm aus den Lmpchen, womit
der arme Wurm kmmerlich bekleidet war, wie hlfeflehend die rmchen entgegen,
indem die kleine Kehle sich wacker in den ersten Lauten bte, welche die
Menschheit von sich gibt.
    brigens lag das Kindlein weich in Baumwolle gebettet. Sonst aber fanden
sich durchaus keine Amulette, Kleinodien, Kreuze, versiegelte Papiere, welche
auf den Ursprung des kleinen Wesens hindeuteten, und ohne welche ein
wohlkonditionierter Romanenfindling sich eigentlich gar nicht sehen lassen darf.
Kein Mal unter der linken Brust, kein eingebranntes, oder eingetztes Zeichen am
rechten Arme, von welchem sich dermaleinst im Schlafe das Gewand verschieben
konnte, da jemand, der zufllig die Schlafende sieht, Soupon bekommt, und
weiter nachfragt, wie? oder wann? und so fort - kurz nichts, gar nichts, so da
mir selbst um die Wiedererkennung bange wird.
    Nur ein graues Blatt Papier lag in der Schachtel, mit der Nachricht
beschrieben, da das kleine Mdchen christlich getauft sei und Elisabeth heie.
Die Worte waren kaum leserlich; der Schreiber hatte offenbar seine Hand
verstellt. Ringsumher in den Ecken des Blattes wimmelte es von Buchstaben,
Krhen-und Krackelfen, die aber trotz aller Bemhungen, sie zusammenzustellen,
sich denselben ebensowenig fgten, als die Charaktere, welche auf dem
Papiergelde sich zerstreut vorzufinden pflegen. Dieses Blatt war um einen
Zylinder geschlungen, welcher zwei optische Glser einfate. Der alte Baron nahm
den Zylinder, blickte durch das Okularglas, richtete das Perspektiv gegen das
Freie, um sich die Erluterung des Fundes aus der Luft zu holen, aber soviel er
auch richtete und durchblickte, er bekam nichts, als blaue Luft und
verworren-schwimmende Gegenstnde zu sehen.
    ber diesen vergeblichen Anstrengungen, die Krackelfe zusammenzustellen,
und durch das optische Glas die Wahrheit zu entdecken, war wohl eine halbe
Stunde vergangen, whrend welcher der Baron noch gar nicht dazu gekommen war,
sich nach dem Geber der vor ihm liegenden Gottesgabe zu erkundigen. Auch der
Bediente, der mit aufgesperrtem Munde bald das Kind, bald die Anstrengungen
seines Gebieters betrachtete, hatte bisher verabsumt von dem alten Weibe zu
reden. Endlich verfiel der alte Baron auf die unter den obwaltenden Umstnden so
natrliche Frage, der Bediente gab die Auskunft, die er erteilen konnte, wurde
der Spitzbbin nachgesandt, rannte einen halben Tag lang in allen Richtungen
umher, kam aber unverrichteter Sache zurck, denn er hatte weder das alte Weib
gesehen, noch jemand getroffen, der sie gesehen htte.
    Inzwischen waren die Frauen, die alte Baronesse, welche damals noch lebte,
und Frulein Emerentia, in das Zimmer getreten, und der alte Baron, der mit
seiner eigenen Verwunderung noch zu schaffen hatte, mute jetzt dem Sturme von
Ausrufungen und Fragen Rede stehn, welcher ber die Lippen der Gemahlin und
Tochter strich. Eine Dienerin war gefolgt und sorgte, whrend die Herrschaften
ber die Exegese des Ereignisses verhandelten, fr die notdrftige Ftterung und
Stillung des noch immer schreienden Kindes.
    Als dieses still, lchelnd und schlummernd wieder in seiner Schachtel lag,
setzte sich die Familie um den Tisch, worauf letztere stand, zu einer Beratung
nieder, was mit dem Findlinge zu beginnen sei. Der Haus-und Schloherr, dessen
Torheiten nur von seiner unverwstlichen Gutmtigkeit bertroffen wurden, war
sofort der Meinung, da das Kind zu behalten, und wie ein eignes aufzuziehen
sei. Seine Gemahlin leistete ihm einigen Widerstand, bequemte sich indessen doch
bald zum milderen Entschlusse, da ihr einfiel, da der ltere Zweig der
graumelierten Linie, der Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel selbst mtterlicherseits
von einem Findlinge abstamme, in welchem eine Tochter hoher Herkunft gesteckt
habe. Den heftigsten Einspruch hatte er von Emerentien zu erleiden. Das Frulein
war nach ihrer zweiten Badereise so beraus tugendsam, zartsinnig und verschmt
geworden, da auch die entfernteste Beziehung auf die Verhltnisse, durch welche
wir entstehen und werden, sie tief verletzen konnte. Sie mochte die Blumen nicht
mehr leiden, seitdem ihr ein durchreisender Professor die Bedeutung der
Staubfden auseinander gesetzt hatte, sie war vom Tische aufgestanden, als man
erzhlte, da die braune Diane sechs Junge geworfen habe, und hatte vor ihrem
Fenster Scheuchanstalten besonderer Art gegen die Sperlinge anbringen lassen, um
die Schnbeleien nicht mit ansehen zu drfen, womit diese Tiere nach der
Lebhaftigkeit ihres Naturells leider gegeneinander nur zu freigebig sind.
    In dem Findlinge ahnete sie nun, wie sie sagte (und die Ahnung der Frauen
ist stets sicher und wahr), eine Frucht verbotener Liebe. Worte, die sie vor
Scham kaum hervorzubringen vermochte! Sie erklrte, da sie eine solche nur mit
Abscheu anzusehen vermge, da ihr das Verbleiben der Kreatur unertrglich sein
werde. Sie beschwor ihren Vater, das Kind einer ffentlichen Anstalt zu
bergeben. Aber der alte Baron blieb fest bei seinem Vorsatze, und da die
Mutter, wie schon berichtet worden ist, auch auf seine Seite getreten war, so
mute sich Emerentia endlich, wiewohl mit groem Widerwillen, fgen.
    Diesen lie sie aber in der Folge auf jede Weise an dem Kinde aus, und
selbst, als die blonde Elisabeth, oder Lisbeth, wie sie im Schlosse genannt
wurde, heranwuchs, und das beste, zuttigste Wesen wurde, mochte sie sich selten
dazu verstehen, ihr einen gtigen Blick zu gnnen. Lisbeth dagegen war durch
nichts in den sonderbaren Neigungen, die ihr die Natur vorgezeichnet zu haben
schien, irrezumachen. An dem Frulein, die ihr so bel begegnete, hing sie mit
einer unglaublichen Zrtlichkeit, sie verrichtete freudig das Schwerste fr sie,
lie sich von ihr schelten, und lchelte danach noch eins so freundlich, wogegen
sie dem alten Baron, der doch eigentlich ihr alleiniger Beschtzer und Wohltter
war, nur eine Empfindung widmete, welche die Grenzen der Dankbarkeit nicht
berschritt.

                                Fnftes Kapitel



             Der alte Baron wird Mitglied eines Journal-Lesezirkels

In ihm war, als Jagd, Spiel und Gastereien fr ihn aufgehrt hatten, und nur die
Schwalben oder Fledermuse, welche durch die Mauerlcken schlpften, in den
unbewohnten Zimmern des sogenannten Schlosses zu nisten, allenfalls noch fr
Besuche gelten konnten, eine groe Langeweile entstanden, die anfangs auf keine
Weise sich beschwichtigen lassen wollte. Zwar malte er sich zur Unterhaltung
seine Erwartung bestens aus, wie er bald als Geheimer Rat im hchsten Kollegio
sitzen werde, neben sich den Herrn von Soundso und den Herrn von Daundda auf der
Adelsbank, er stellte sich den Prsidenten lebhaft vor, und alle Besonderheiten
des altertmlichen Konferenzsaals, er entwarf das Bild des Sessionstisches mit
den groen Haufen von Schriften und Papieren darauf, die er mit seinen Herrn
Nachbarn nicht zu lesen habe, sondern welche von gelehrten und brgerlichen
Beisitzern durchzustudieren seien; aber als dieses Gemlde von ihm zum
hundertsten Male im stillen vollendet und seinen zwei Angehrigen beschrieben
worden war, wurde es ihm doch zu eintnig, und er sehnte sich nach anderer
Beschftigung. Diese versuchte ihm nun seine Tochter Emerentia zu gewhren,
indem sie ihrerseits eine Schilderung zu liefern begann, wie Frst Hechelkram,
pseudonym Rucciopuccio geheien, pltzlich eines Tages in einem rotlackierten
Wagen mit sechs Isabellen bespannt, ankommen, einen schottischkarierten Lufer
mit Blumenhut und seidenem goldbefranstem Schurz hereinschicken und anfragen
lassen werde, ob Marcebille oder Emerentia, nach der er so lange das ganze
Schnurrenburg-Mixpickelsche Geschlecht vergebens hindurchgefragt habe, bis er
endlich zufllig erfahren, sie sei eine geborne Schnuck-Puckelig - ob sie,
Emerentia, noch an die Stunde denke, die Stunde der Andacht in Nizza? Wie sie
sich fr diesen Fall schon ihre Antwort ausgedacht, also lautend: Gndigster
Herr! In den Bltentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare
unserer Herzen! Fr dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der
Altar blieb stehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer
entznden, fr welches ich ewig, Ihnen gegenber, Vorrat besitzen werde! - Wie
sie dann, mit dem groen goldenen Stiftskreuze begnadiget, ein Schlo in der
Nhe seiner Residenz beziehen, nur seine Freundin im reinsten platonischen Sinne
sein, ihn nie anders als vor Zeugen sprechen, ihn mit seiner Gemahlin vershnen,
berhaupt der segnende Genius des Frstenhauses und des Landes werden wolle.
    Allein den alten Baron unterhielt diese Schilderung auch nicht; er hielt sie
fr ein Carmen wie er sich ausdrckte, und womit er Gedicht sagen wollte. Von
Gedichten war er aber nie ein sonderlicher Liebhaber gewesen. Endlich fiel er
auf den Gedanken, zu lesen, da er gehrt hatte, da damit so viele Menschen ihre
Zeit hinbrchten. Indessen wollten auch die Bcher, deren eine kleine Sammlung
von seinem Vater her noch auf dem Speicher stand, und unter denen er auf gut
Glck jetzt whlte, wenig Trost gewhren. Die Sachen wurden ihm darin alle zu
lang und ausgesponnen abgehandelt; der Autor sagte oft erst auf der
vierundzwanzigsten Seite, was er mit der ersten gemeint hatte, pflegte berhaupt
die Forderung an den Leser zu stellen, da er seine Gedanken zusammenhalten
solle, und dazu konnte sich der alte Baron in seinen vorgerckten Jahren nicht
mehr bequemen. Er wollte Abwechselung, Zerstreuung, mancherlei, wie vorlngst in
seinen grnen und lustigen Tagen.
    Alles dieses fand er auf einmal, da ihm der gute Einfall wurde, in einen
Journalzirkel einzutreten, der alle Wibegierige auf dem Flchenraume der
umliegenden vier Quadratmeilen mit Geistesnahrung versorgte, und dessen
Reichhaltigkeit ihm schon lange gepriesen worden war. Der Unternehmer hatte, um
die Nebenbuhler in der erwhnten weiten Ausdehnung unrettbar daniederzuschlagen,
nicht weniger als smtliche Zeitschriften des deutschen Vaterlandes in seinen
Mappen versammelt. Es fanden sich sonach darin nicht nur die Morgen- die Abend-
die Nachmittags-und Mitternachtbltter, sondern auch die Boten fr West, Ost,
Sd, Nord, Nordwest und Sdsdost; der Gesellschafter und der Eremit; die groben
und die eleganten Journale; die Lesefrchte und die Extrakte aus den
Lesefrchten; die liberalen, die servilen, die rationalistischen,
feudalistischen, supranaturalistischen, konstitutionellen, superstitionellen,
dogmatischen, kritischen Organe; die Fabelwesen: Phnix, Minerva, Hesperus,
Isis; das Ausland, das Inland; Europa, Asien, Afrika, Amerika und die Stimmen
aus Hinterpommern; der Komet, der Planet, das Weltall - kurz, im ganzen
vierundachtzig Hefte, so da jeder Teilnehmer am Zirkel die Woche hindurch in
jeder der zwlf Tagesstunden ein Journal zu lesen bekam.
    Diese Unterhaltung war ganz nach dem Sinne des alten Barons. Endlich, rief
er frhlich aus, als er sich mit dem Umfange der ihm neuerffneten
Vorratskammern bekannt gemacht hatte, endlich doch Gedrucktes, welches einen
belehrt, ohne zu beschweren! In der Tat gewannen seine Vorstellungen durch das
Lesen der Journale bald eine auerordentliche Bereicherung. Hatte ihm das eine
Blatt eine kurze Notiz von dem groen Giftbaume in Indien gegeben, der die
Atmosphre auf tausend Schritte hin ansteckt, so lehrte ihn das folgende, wie
die Kartoffeln im Winter vor Frost zu bewahren seien; in dieser Minute las er
von Friedrich dem Groen, in der nchsten von der Grfenberger Wasserkur, aber
nicht lange, denn gleich darnach erzhlte einer die Geschichte der neuen
Entdeckungen im Monde. Eine Viertelstunde war er in Europa, dann spazierte er
wieder, wie von Fausts Mantel entrckt, unter Palmen; bald hatte er einen
historischen Christus, bald einen mythischen, bald gar keinen; vormittags fiel
er mit der uersten Linken die Minister an, nachmittags war er absolutistisch
gesinnt, abends wute er nicht, wo ihm der Kopf stand, und ging als Juste-Milieu
zu Bette, um nachts vom Taschenspieler Janchen von Amsterdam zu trumen.
    Er htte nie geglaubt, noch so glcklich werden zu knnen. Da seine
Umstnde indessen immer mehr sich verschlimmerten, und da er endlich nur auf
einen kleinen Lehnsstamm, der ihn eben vor dem uersten Mangel schtzte und
unangreifbar war, beschrnkt ward, kmmerte ihn wenig. Sagte ihm die blonde
Lisbeth, das Haus bekomme nach der Giebelwand zu Risse, und knne ber Nacht
einmal einstrzen, so pflegte er zu erwidern: La mich zufrieden. Ich habe noch
sechs Hefte durchzustudieren. Wurde sie dringender, so rief er rgerlich: Ehe
das Schlo einstrzt, bin ich Geheimer Rat! und sie mute unverrichteter Sache
weichen.
    Freilich entstand durch das unendliche Material, welches er tglich zu
verarbeiten hatte, in seinem Kopfe eine groe Verwirrung der Vorstellungen, und
er mute zuweilen das Haupt in beide Hnde nehmen, um sich zu besinnen, ob er
noch in unserem, oder in einem fremden Weltteile, oder ob er berhaupt nur noch
auf der Erde und nicht schon lngst im Sirius sei? Auch begann er von jetzt an,
alles zu glauben, was er hrte, und wenn man ihm gesagt htte, die Vgel sngen
nach Noten. Denn, pflegte er oft gegen die Seinigen zu uern, es kann
heutzutage nichts Dmmeres geben, als den Kopfschttler und Zweifelmtigen zu
machen; man mu nur Mitglied unsres Journal-Lesezirkels geworden sein, um zu
erfahren, da nichts so wunderbar ist, was nicht jetzo vorfllt; die Menschen
und die Sachen und die Erfindungen sind in einem erschrecklichen Fortschritte,
und wenn er noch zunimmt, so erleben wir, da das Wasser Balken bekommt, und da
man mit Extrapost von hier direkt nach Londen fhrt.
    Konnte etwas seine Stimmung trben, so war es der Mangel eines Freundes, dem
er sich htte erschlieen, mit dem er seine Ideen htte austauschen mgen. Die
Sehnsucht nach einem Gleichgestimmten, nach einem frdernden Umgange wurde oft
sehr gro in ihm. Seine Tochter konnte diesem Verlangen nicht gengen, sie hing
nur ihren empfindsamen, ideellen Richtungen nach, und hegte fr Realkenntnisse
wenig Sinn; Lisbeth aber hatte ein fr allemal, da er mit ihr von den Dingen,
die ihn so mannigfach beschftigten, reden wollen, ablehnend erwidert: sie wolle
sich nichts in den Kopf setzen lassen.

                                Sechstes Kapitel



   Wie der Dorfschulmeister Agesel durch eine deutsche Sprachlehre um seinen
           Verstand gebracht wurde, und sich seitdem Agesilaus nannte

Einigermaen, wenn auch nicht gengend, wurde die Sehnsucht des alten Barons
befriedigt, sie erhielt sozusagen, wie das Sprichwort lautet, eine Birne fr den
Durst, als der Schulmeister Agesilaus in seine Nhe kam. Dieser Mann, welcher
frher Agesel geheien hatte, und ein alter Bekannter des Barons war, bekleidete
bis zu dem Umschwunge in seinem Schicksale das Amt, die Jugend eines
benachbarten Drfchens im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Er wohnte in
einer Htte von Lehmwnden, die auer der Schulstube nur sein Schlafkmmerchen
fate, hatte dreiig Gulden jhrlichen Gehalt, auerdem das Schulgeld: zwlf
Kreuzer fr den Knaben und sechs fr das Mdchen, einen Grasfleck fr ein Rind
und das Recht, zwei Gnse in die Gemeindeweide mit einzutreiben. Er versah
seinen Dienst ohne Tadel, lehrte die Jugend nach der alten Manier, so wie sie im
Dorfe seit hundert und mehreren Jahren gebruchlich war, buchstabieren: G-e-,
Ge, s-u-n-d, sund, h-e-i-t, heit; Gesundheit - B-e-t, Bet, t-e-l, tel, Bettel,
s-a-c-k, sack; Bettelsack usw. und brachte die fhigsten Kpfe nicht selten so
weit, da sie Gedrucktes ohne sonderliche Anstrengung lesen lernten. Was das
Schreiben anlangte, so ging auch aus seinen Hnden dieser und jener hervor, der
den eignen Namen zustande zu bringen wute, wenn man ihn nicht bereilte,
sondern ihm die ntige Zeit lie.
    In diesem Systeme war unser Schulmeister fnfzig Jahre alt geworden. Da
ereignete es sich, da die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen
neuen Lehrplan im Lande hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend
durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen
Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und
philosophisch begrnden wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige
rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuvrderst aus dem Buche zu
unterrichten, und dann danach die vernderte Belehrung der Jugend anzufangen.
    Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es
von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wute nicht, was er
gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von
Auf- In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute trben und verdnnen lernen,
er sollte durch Suseln, Zischen, Pressen, durch Nseln und Gurgeln die Laute
hervorbringen, er vernahm, da die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er
erfuhr endlich daraus, da das I der reine Urlaut sei, und da dessen Erzeugung
durch starkes Zusammendrcken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.
    Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte
zurck von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der
Brille auf der Nase, um schrfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch
ohne Glser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten
Augen die furchtbaren Rtsel des Daseins, die Sause-Zisch- Pre- Nasen- und
Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, ftterte seine Gnse und gab
einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht
zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschlu fr die
Theorie zu gewinnen. Umsonst. Er a eine Knackwurst, sich krperlich zu strken.
Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er gehrt hatte, dieses Gewrz
schrfe den Verstand. Eitles Bemhen!
    Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider
fhlte er am anderen Morgen, da weder die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm
in den Kopf gedrungen waren. Gern htte er das Buch, wie Johannes jenes vom
Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin,
verschlungen, wre er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche
Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen?
    Die Schule stand still, die Kinder fingen Maikfer, oder jagten die Enten in
den Teich. Die Alten aber schttelten den Kopf und sagten: Mit dem Schulmeister
hat es seine Richtigkeit nicht. Eines Tages, nachdem er sich wieder in seinen
verzweiflungsvollen Bemhungen um den Sinn der Dnnung und Trbung abgearbeitet
hatte, rief er: Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke
beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das brige von selbst! - Er nahm sich
vor, zuvrderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen.
    Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort,
unbekmmert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die Arme in
die Seite, drckte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stie nun die
Tne hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren
hchst sonderbar, und so auffallend, da selbst das Rind vom Grase emporblickte
und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall
herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her.
Gevattern! rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus,
pat einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird? Darauf gab er sich wieder an
die Kehlkopf-Gaumendrckung. Gott behte! riefen die Bauern, und gingen nach
Hause, der Schulmeister ist bergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel.
    Und wirklich stand der arme Schulmeister nahe an der Grenze, ber welche die
Bauern ihn bereits gesprungen glaubten. Die Frist war abgelaufen, welche man ihm
zum Selbstunterrichte gesetzt hatte, er sollte jetzt nach dem Buche lesen lernen
lassen, eine Visitation seiner Schule durch den Herrn Schulrat Thomasius nahte
heran, die Verzweiflung trat ihm zum Herzen, und seine Gedanken begannen zu
schwrmen. Andre sind durch das Brten ber der unbefleckten Empfngnis der
Jungfrau Maria, oder ber dem Geheimnisse der Trinitt, oder von dem Gedanken an
die Ewigkeit verrckt geworden; warum sollte ein Dorfschulmeisterlein nicht
durch eine moderne Sprachlehre den Verstand verlieren knnen? Genug, ich erzhle
es, und wer mir nicht glauben will, frage im Dorfe Hackelpfiffelsberg nach. Da
hat sich die Geschichte zugetragen, und jedes Kind wei dort davon.
    Ein reisender Student kam in jenen Tagen durch Hackelpfiffelsberg, der
kehrte in der Schenke ein, und vernahm von dem nrrischgewordenen, oder
nrrischwerdenden Schulmeister. Es war ein feiner, denkender Kopf, der sich
besonders auf Psychologie verlegt hatte, und der daher eine groe Begierde
versprte, den Kranken kennenzulernen. Er fand ihn in leinenen rmeln sitzen,
die behaarte Brust offen, eine groe weie Nachtmtze auf dem Kopfe. Wie geht
es, Meister? fragte der Student. So, so, Fremdling, versetzte der
Schulmeister. Nicht wahr, die alten Spartaner waren Kerle? Keine mige
Gelehrsamkeit, keine Qulerei mit Umlauten, Inlauten, Brustlauten! Alles auf
Tatkraft, auf das wirkliche Leben berechnet, den Krper abgehrtet, den Sinn
zugespitzt zu Apophthegmen! Mich soll der Henker holen, wenn ich mir nicht alles
in Zukunft lakedmonisch einrichte! Meine wackern Vorfahren! Denn was ist
Agesel? Agesel ist nichts, verstmmelt, verdorben aus Agesilaus, dem tapfern
Knige von Sparta. Die Trken vertrieben die Griechen, darunter waren natrlich
die Nachkommen des Knigs Agesilaus auch, und die haben sich allmhlich bis
hieher verzettelt, die Endsilbe ist aber unterweges verlorengegangen. O, man
mte nicht von den Wurzeln und den Ableitungen die Zeit her die Krnk' gekriegt
haben, wenn man so etwas unglaublich finden wollte!
    Hoho, dachte der Student, steht es dermaen hier? Aber ein anziehender
Fall! Ich mu ihn beobachten. Er blieb den ganzen Tag ber bei dem
Schulmeister, und merkte durch viele Fragen aus seinen krausen Antworten endlich
sich so viel ab, da der Kranke in frheren Jahren eine alte Schwarte ber die
Sitten und Gebruche jenes griechischen Freistaates gelesen hatte, schon damals
von denselben hchlich entzckt gewesen war, da nun gegenwrtig die gleichsam
in Schlummer gelegenen Vorstellungen erwachten und ein fieberhaftes Leben in ihm
gewannen. Abends trug der Student folgendes Notizenschema in seinem Tagebuche
ein: Paralysierung des Denkvermgens in einem beschrnkten Geiste durch
unverdaulichen Denkstoff.

    Allmhliches Denk-Nichts.
    Eintreten einer prgnanten antiken Idee im Vacuo.
    Die Atome des aufgelsten Denkvermgens schieen an dieser Idee an.
    Zustand des Rappelns.
    Konsolidation des Rappelns
    Fixe Idee.
    Auerdem vernnftiger Mensch.
    NB. Nach der Ferienreise weiter auszufhren.

Es mochte ohngefhr ein Vierteljahr nach diesen Vorfllen verstrichen sein, als
der Schulmeister, nur bekleidet mit einem braunen, groben Mantel, in der Hand
eine junge Tanne, vor den alten Baron trat, der in seinem verwilderten
franzsischen Garten hinter dem Schlosse die freie Luft geno. Der Baron wute
im allgemeinen schon von den Dingen, die seinem Bekannten widerfahren sein
sollten, und trat daher drei Schritte vor ihm zurck, besonders da er ihn mit
dem nicht gerade dnn zu nennenden Tannenstamme gerstet sah. Aber der
Schulmeister lchelte, und legte, als ob er die Gedanken des andern erriete, die
junge Tanne ab. Dann machte er dem Baron eine hfliche Verbeugung, und sprach
die blichen Begrungsworte, ohne da in Ton oder Wendung etwas Exzentrisches
hervorgesprungen wre. Der Baron fate daher Mut, ging auf den Schulmeister zu,
ergriff seine Hand und sagte: Nun, wie geht's Euch, alter nrrischer Teufel?
Was fr Streiche habt Ihr denn angefangen, Agesel?
    Agesilaus, wenn ich bitten darf, gndiger Herr, erwiderte der Schulmeister
sanft und hflich. Ich habe diesen meinen guten, ehrlichen Stammnamen wieder
angenommen.
    Der Baron entfernte sich nun doch wieder etwas von seinem Besuche, und sah
ihn mit scheuen Blicken von der Seite an. Der Schulmeister aber fuhr gesetzten
Wesens fort: Ich wei, was Sie von mir denken, mein Gnner. Sie halten mich fr
verrckt. Sie irren sich, Herr Baron; ich bin nicht verrckt. Es sollte mir leid
tun, wenn ich mich in diesem Zustande befnde, denn dann knnten Sie mir mit
Recht dasjenige versagen, um welches ich Sie dringend ansprechen mu. Ich habe
meine fnf Sinne vollkommen beisammen, und wei, da ich ein Nachkomme des alten
Knigs Agesilaus bin, da ich folglich die Verpflichtung habe, spartanisches
Leben und Wesen in mir darzustellen, welches wohl berhaupt ein herrliches
Korrekti-vum fr diese weichliche, abgeschwchte, bergelahrte und sophistische
Zeit sein mchte.
    Der Baron fragte, um nur etwas zu sagen: Ist es denn wahr, was ich gehrt
habe, da Ihr abgesetzt seid, Herr ... Herr ... Agesilaus ... nicht? so nennt
Ihr Euch?
    Abgesetzt allerdings, fortgejagt, wenn Sie so wollen, durch den Schulrat
Thomasius, erwiderte Agesilaus ruhig. Nachdem ich das grammatische Fieber, in
welches ich durch jene Hllen-Lautlehre gestrzt worden war, berwunden hatte,
hielt ich es fr meine Schuldigkeit, die mir anvertraute Dorfjugend
lakedmonisch zu bilden. Ich wies sie daher an, zu stehlen und sich nur nicht
betreffen zu lassen, um ihre List und Khnheit zu ben, ich erregte Streit und
Schlgerei unter ihnen, um ihre Herzhaftigkeit zu prfen, und ich prgelte sie
allwchentlich dreimal ohne Grund ab nach dem Muster der Geielung am Altare der
Diana. Herrlich schlug auch meine Methode an. Die Jungen fanden, da noch nie so
lustig Schule gehalten worden sei, rauften sich, da es eine Art war, ohne zu
mucksen, stahlen ihren Eltern die pfel vor der Nase weg, und lieen sich nicht
erwischen, verschmerzten selbst die grundlosen Prgel wegen der sonstigen
Ergtzlichkeiten, die sie jetzt ungestraft hatten. Aber die dummen Bauern
konnten meinen Plan nicht fassen. Sie schrien, da ich ihre Brut von Grund aus
verderbe, und verklagten mich. Da hat mich nun der Schulrat - nun, er ist auch
keiner von den hellsten Kpfen - von dannen getrieben, und also ereilte mich das
Fatum.
    Ich wundre mich nur, sagte der Baron, der sich noch immer von seinem
Erstaunen nicht erholen konnte, ber alle die gelehrten Anspielungen, die Euch
da so vom Munde stuben, wie Federn vom Kissen, wenn das Bett gemacht wird.
Woher habt Ihr das Fatum und die sophistische Zeit, und was Ihr sonst noch
vorbrachtet?
    Es kommt mir alles dieses und mehreres dergleichen, wenn ich es gebrauche,
wie durch innere Eingebung und Erleuchtung, antwortete der Schulmeister. Seit
die Urerinnerung an meine tapferen und unvergleichlichen Vorfahren in mir
aufgewacht ist, stehen meinem Geiste Dinge zu Gebote, welche freilich vordem in
meinem Dorfleben mir nicht gelufig waren.
    Er trug nun dem Baron sein Anliegen vor, welches darin bestand, ihm Obdach
und notdrftige Leibesnahrung zu gewhren, da er nach seiner Absetzung von allem
entblt sei und nichts besitze, als was er um und an sich trage. Der Baron nahm
Anstand, einen tollen Menschen (denn dafr hielt er den Schulmeister), im
Schlosse zu beherbergen, gleichwohl litt es sein gutes Herz nicht, einen
Drftigen hungern und frieren zu lassen. Er wies ihm daher ein kleines,
verfallenes Gartenhuschen, welches in der entferntesten Ecke des franzsischen
Gartens auf einem Schneckenberge stand, und ehemals grn angestrichen gewesen
war, zum Quartier an. Damit war sein Schutzbefohlner vollkommen zufrieden. Er
zog ein, nannte den Schneckenberg das Gebirge Taygetus, und taufte ein kleines
Wsserchen, welches ziemlich trge unter sogenanntem Entenflott in der Nhe
dahinschlich, zum Eurotas um. Einmal des Tages kam er auf das Schlo, mit den
Bewohnern ihre krgliche Mahlzeit zu teilen; die zweite hielt er in seiner
Behausung ab. Sie pflegte in der Regel aus einer Art von Mehlbrei zu bestehen,
den er auf dem Schneckenberge an Reisigfeuer zurichtete, und seine schwarze
Suppe nannte. Auer seinem Mantel hatte er keine Kleidungsstcke; sein Getrnk
schpfte er vom Brunnen mit einem alten irdenen Topfe, der ihm den spartanischen
Becher oder Kothon bedeuten mute, und von welchem er rhmte, da er, wie jenes
antike Schpfgef, wegen seines eingebognen Randes jegliches Trbe und Unreine
vom Munde abhalte; alle Woche aber holte er vom Schlosse sich frisches Stroh zur
Lagerstatt, und hie dies, sich Schilf im Eurotas schneiden.
    Nach einiger Zeit hatte der Baron alle Furcht vor seinem Gaste verloren.
Denn er bemerkte, da dieser ber jeden Gegenstand so verstndig dachte und
redete, wie der gesetzteste Alltagsmensch, und da auch seine spartanischen
Vorstellungen sich zu einer sogenannten unschdlichen Schrolle, oder zu dem, was
man den Wurm bei einem Menschen nennt, gemildert hatten. In der Tat mute er
gestehen, da unter den Gesetzen Schmalhansens, des Kchenmeisters, die ber
Schlo und Gartenhuschen herrschten, die lakedmonische Einfachheit vollkommen
gerechtfertigt war, und da ihrem Anhnger daher die Zugabe von der Ahnenschaft
des Knigs Agesilaus wohl mit durchgehen konnte. Seine Gesellschaft wurde ihm
nun sehr lieb; er hatte doch jemand, mit dem er in den langen Herbst- und
Winterabenden plaudern konnte; er durfte nicht mehr befrchten, an dem
Ideenreichtume, den die Journale in ihm hervorbrachten, zu ersticken.
    Freilich war, wie wir im Anfange dieses Kapitels sagten, der Schulmeister
nur eine Birne fr den Durst. ber Geschichten und Anekdoten konnte sein Gnner
mit ihm verhandeln, und des lebhaftesten Gesprches sicher sein, wenn er
wichtige Punkte der Historie zur Sprache brachte, wie zum Beispiel: Ob Brutus
recht gehabt habe, Csarn zu erstechen, was aus der Welt geworden sein mchte,
wenn die Franzosen die Revolution nicht zustande gebracht htten, oder wenn
Friedrich der Groe und Napoleon Zeitgenossen gewesen wren, und was dergleichen
mehr war. Dagegen fehlte dem vermeintlichen Abkmmlinge des Knigs von Lakedmon
aller Sinn fr die Kuriositten aus der Lnder- und Vlkerkunde, und aus dem
Gebiete der Erfindungen, Handels- und Gewerbsverhltnisse, denen der Baron
gerade am leidenschaftlichsten sich zuneigte.
    Mit dem Frulein hatte der Schulmeister manchen Streit und sie duldete ihn
eigentlich nur ihres Vaters wegen. Er war ihr besonders durch eine feurige Rede
verhat geworden, in welcher er die Sitte der Spartaner, auch die Jungfrauen bei
den Festen der Gtter nackt tanzen zu lassen, hchlich herausstrich. Ein
Nervenanfall hatte sie nach dieser Rede ergriffen und mehrere Wochen lang
unplich gemacht. Er nahm sich daher auch spterhin eine grere Vorsicht in
seinen Lieblingsreden zur Richtschnur, um den Boden, auf dem er seine Freistatt
gefunden hatte, nicht zu unterwhlen. Andernteils wurde es nach und nach der
allgemeine Grundsatz der drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr, eine zarte
Schonung der gegenseitigen Schoneigungen walten zu lassen.
    In diesen Verhltnissen lebten der alte Baron, das Frulein und der
Schulmeister ihre seltsam-abgeschiedenen Tage hin. Eines Abends sagte der
Schloherr zu seinem Schtzlinge: Ihr seid jetzt weit ruhiger und
gleichmtiger, Herr Agesilaus, als vor Zeiten, wo es Euch doch im Grunde besser
ging, als jetzunder. Damals konntet Ihr streckenlang sehr mrrisch und
verdrielich sein.
    Mrrisch und verdrielich nun wohl nicht, mein Gnner, versetzte der
Schulmeister, aber tiefsinnig und melancholisch. Wenn ich so meine schmutzigen
Jungen in einem fort buchstabieren lie, eine Woche nach der andern, einen Monat
nach dem andern, und sich das ohne Resultate fortsetzte, diejenigen, welche
lesen gelernt hatten, die Schule verlieen, und frische Rangen, die noch nichts
wuten, wieder hineinkamen, und immer, immerdar wieder von vorn dasselbe
angefangen werden mute, da konnte mir das ganze Leben zuletzt vllig dnn und
unzusammenhangend vorkommen, und es gab Nchte, worin mir trumte, das
menschliche Dasein sei nur ein langes, leeres ABC, von dem die Buchstaben XYZ in
der Ewigkeit stnden, und aus welchem nie ein verstndiger Satz, ja nur ein
sinnvolles Wort wrde. Wollte ich mir dann zu meinem Troste sagen, ich sei eben
nur ein armer Dorfschulmeister, die Trbe dieser Meinung entspringe aus meiner
gedrckten Lage, und glcklichere Menschen, wie hohe Obrigkeiten oder gar
durchlauchtige Potentaten seien wohl in dem Falle, ihrer Existenz einen
Zusammenhang zu geben, so war die Beschwichtigung doch nicht lange stichhaltend.
Denn ich mute erwgen, da das Regieren ber Land und Leute doch auch nur so
ein des, langwieriges Buchstabieren sei, und da, wenn man es an irgend einem
Zipfel zum Lesenlernen gebracht habe, dieser verschwinde, und an der andern
Seite ein neues Fibelschtzenwesen zu stammeln beginne. Aber seit ich meine
Ahnen kenne, seit ich wei, welche herrliche Erinnerungen in mir sich
fortsetzen, und durch mich lebendig zu erhalten sind, ist alles in mir Ruhe und
Freudigkeit, haben sich die Bestandteile des Lebens im Kreise um mich her
gestellt, kurz, bin ich zur Klarheit und zum Bewutsein durchgedrungen.
    Sonderbar! rief der alte Baron vor sich hin, als der Schulmeister nach
dieser uerung fortgegangen war. Wie es scheint, mu der Mensch immer einen
Sparren haben, um recht zusammenzuhalten. Die Vernunft ist wie reines Gold, zu
weich, um Faon anzunehmen; es mu ein tchtig Stck Kupfer, so eine Portion
Verrcktheit darunter getan werden, dann ist dem Menschen erst wohl, dann macht
er Figur und steht seinen Mann. Was fr ein Gimpel war der Schulmeister sonst,
und wie gescheit spricht er jetzt, seitdem es bei ihm rappelt. Das Leben ist
doch ein kurioses Ding, und wre ich nicht geborner Geheimer Rat im hchsten
Kollegio, so knnte mir auch vor mir bange werden. Aber da ich der bin, so mu
ich natrlich meinen vollen Verstand besitzen.

                               Siebentes Kapitel



Der Freiherr von Mnchhausen wird auf den Boden dieser Geschichten geschleudert

Die blonde Lisbeth war in das Gebirge gegangen, Zinsenrckstnde von den Bauern
einzutreiben. Sie hatte dieselben zufllig in einem alten vergenen
Rentenregister, welches unter anderem Gerll in einer Polterkammer lag,
verzeichnet gefunden. Ihr Pflegevater war ngstlich gewesen, das Kind so allein
in das Gebirge ziehen zu lassen, sie aber hatte mutig geantwortet: Wer wird mir
etwas tun? Ich schaff' das Geld! hatte sich an des Schulmeisters Eurotas einen
Weidenstecken geschnitten, ein Reisetschchen voll der ntigsten Wsche
umgehngt, Schnrstiefelchen angezogen, einen Strohhut verwegen auf das kecke
Huptlein gesetzt, und war so frba gewandert.
    Whrend ihrer Abwesenheit gingen die drei Zurckgelassenen, der Baron, das
Frulein und der Schulmeister eines Nachmittags in dem verwilderten
franzsischen Garten spazieren. Sie verkehrten aber nicht miteinander, wie dies
meistens bei solchen Gartenwanderungen zu geschehen pflegte, sondern hingen in
verschiedenen Wegen und Stegen ihren eigenen Gedanken nach. Die Pfade um das
Schlo her waren fast berall von Dornen versperrt, oder durch sumpfiges
Erdreich feucht, der trockne Sand, welcher die Gartenstege noch immer
einigermaen bedeckte, verdiente daher ohne Zweifel den Vorzug, wenn man
lustwandeln wollte.
    Damit aber diese gemeinsame Erholung einem jeden seine vllige Freiheit
lasse, und der Stoff der Gesprche nicht zu verschwenderisch eingezehrt werde,
hatte der alte Baron fr die Gartenerholung Aufhebung des geselligen Verkehrs
als Regel festgesetzt. Sollte eine Ausnahme eintreten, und Gesprch herrschen,
so war von ihm ein untrglich andeutendes Zeichen erfunden worden. Er schrieb
nmlich an solchen Tagen einem Genius von Sandstein, der, den Finger auf dem
Munde, vor einer kleinen dsteren Laube stand, und zu den noch am besten
erhaltenen Kunstwerken des Gartens gehrte, mit Kreide das Wort: Colloquium
auf die Brust; eines von den wenigen lateinischen Wrtern, deren er sich noch
aus seinem Jugendunterrichte erinnerte. Sowie daher jemand von der tglichen
Gesellschaft in den Garten trat, sah er nur nach der Brust des Genius, und
schwieg oder redete, je nachdem die Meinung des Schloherrn lautete, denn, in so
groer Armut er sich befand, alle seine Umgebungen waren gewohnt, sich pnktlich
nach seinen Wnschen zu richten.
    Heute stand kein Colloquium auf der Brust des Genius angekreidet. Der alte
Baron war schon seit einigen Wochen in einer trben, sehnschtigen Stimmung,
welche, gerade heute zu besonderer Verdsterung erwachsen, hnlichen Launen bei
dem Schulmeister und Emerentien begegnete, so da beide mit der ihnen
auferlegten Trappistenregel an diesem Tage besonders zufrieden waren. Wie es
wohl zu gehen pflegt; lange Zeit bleiben die eigentlichen Grundempfindungen
eines Kreises von Tagestuschungen berhllt; endlich aber drngen sie sich doch
wie Springfluten unwiderstehlich an die Oberflche hervor.
    Die Gefhle der drei lustwandelnden Personen brachen, da letztere weit genug
voneinander gingen, um sich fr unbelauschbar halten zu knnen, in
Selbstgesprche aus. Der alte Baron schritt zwischen zwei Taxuswnden auf und
nieder, welche ehemals auf ihrer oberen Flche die zierlichste Abwechselung von
Kreuzen, Pfeilern und Urnen dargeboten hatten, nun aber lngst aus aller Schur
gewichen waren, und nur noch unfrmliche, migestaltete Klumpen grner Bltter
und ste zeigten. Sein Schritt war heftig, sein Blick schwer. Ja, rief er aus,
wenn ich einen Mann htte, der mich verstnde, mit dem ich laut denken knnte,
der Sinn fr einen weiten Gesichtskreis bese, dann liee sich herrlich und in
Freuden leben! Immer Neues, Wunderbares mu ich haben, die Journale gengen mir
schon nicht mehr, sie fangen an, mir schal vorzukommen; Hypothesen, Hypothesen
begehre ich, eine gewaltiger als die andre, denn nur Hypothesen lschen den
Wissensdurst, wenn er einmal entflammt worden ist. Was hilft es mir, da ich
heute von den Ungeheuern gelesen habe, die in jedem Wassertrpfchen leben, mit
Kugelleibern, oder tausend Fen, oder Rsseln oder Sgezhnen? Bin ich danach
klger, als zuvor? Nein. Dmmer im Gegenteil. Wie entstehen sie? Was treiben
sie? Was fressen sie? Wie begatten sie sich? Sind es Sugetiere, die lebendige
Junge zur Welt bringen, oder eierlegende Fische? - O fnde ich doch nur einen
Mann, mit dem ich alles so recht durchsprechen knnte, der eine Erklrung auch
fr das Dunkelste gbe, gleichviel welche! Der Schulmeister ist ein ehrlicher
Kauz, aber doch im Grunde ein dummer Teufel mit seinen alten Spartanerflausen.
Ich habe mir einen verrckten Menschen unterhaltender gedacht; der Agesel
beginnt, mich zu langweilen. -
    Er trat verstimmt zu einem steinernen Schfer, der an dem einen Ende der
Taxuswnde stand, und vorzeiten Flte geblasen hatte, nun aber nur noch
vergeblich den Mund spitzte und die Arme in der gezwungenen musikalischen
Haltung leer vor sich hinstreckte, weil die Flte ihnen lngst von der Zeit
entfhrt worden war. Der alte Mann lehnte sich dster an den verstmmelten
Schfer; vor seinem geistigen Gesichte wlzten sich, schossen und kugelten
riesige Infusionstiere umher, bis ihm die Gedanken in das Formlose zergingen.
    Inzwischen umkreisete Frulein Emerentia ein mit Muscheln eingefates
Becken, welches freilich schon seit geraumen Jahren so trocken lag, wie das Rote
Meer, als die Israeliten hindurchgingen. Ein Delphin streckte in der Mitte
dieses Beckens seine aufgestlpte Nase empor. Er hatte von Glck zu sagen, da
er aus Kupferblech bestand; ohne diese Konstitution htte er in solcher Trocknis
rettungslos verschmachten mssen. Auch ein Unbeschftigter! Woher sollte der
Wasserstrahl ihm zuflieen, den er sonst aus den Nstern in die Hhe gesendet
hatte? - Das Frulein umschritt, wie gesagt, das Becken, und sah bald auf dessen
Grund, bald auf den Delphin, bald auf die bunten Kiesel, welche, in Sternen,
Rauten und Blumen eingelegt, den Platz um das Becken zierten, ohne da sie von
einem dieser Gegenstnde Trost fr ihre wehmtigen Empfindungen zugesprochen
bekommen htte. Hartes Los, flsterte sie schwermutsvoll vor sich hin, mit
einem reichen Herzen, mit einem zarten Gemte unter kalten, abstoenden Naturen
leben zu mssen! Wer versteht hier die heilige Sehnsucht, die mich so ganz nach
Rucciopuccio erfllt, dem Frsten von Hechelkram im Geheimen? Ich wei, das
Schicksal, welches unser Leben wendet, will still erwartet sein, und darum
greift kein ungestmes Verlangen im Busen der Entwickelung der Tage vor, nein,
geduldig harrt der glubige Sinn des liebenden Weibes auf den seligen
Augenblick, da der goldlackierte Wagen vor dem Schlosse halten und der Lufer
mit Blumenhut und Schurz in die Tre springen wird, fragend nach Emerentien, die
in den Stunden der Andacht zu Nizza Marcebille hie. Aber eine feinfhlende
zweite Seele, ein sympathetisches Gemt wnschest du dir, und darfst du dir
wnschen, arme Emerentia, die Qual des Harrens zu lindern! Nun, wie steht es um
die Befriedigung dieses Verlangens hier? Welche Personen umgeben dich? Wirst du
in deinen Seufzern von irgend jemandem, mit dem dich dein Los verbunden hat,
begriffen? Der gute Vater ist gut, sehr gut, aber lacht er nicht, wenn du ihm
die Geheimnisse deiner Brust leise und schamhaft enthllst? O wie verderblich
ist die einseitige Verstandeskultur, welche der Mensch von Journalen empfngt!
Wie hhlt sie das Herz aus! Und jener spartanische Pbelnarr - - nein, denke ihn
nicht zu Ende, diesen Narren, dessen zynische Reden schon in der Erinnerung
meine keusche Seele aus tausend Wunden bluten machen. O komm, Mensch, fhlender
Mitmensch, den ich nicht kenne, aber gestaltet vor den Augen meines Geistes
sehe, der du mich verstehen wirst ohne Wort, wie der heilige Mond, wenn ich zu
ihm aufblicke, dem das Unaussprechliche in mir klar sein wird, wie ein Spruch
der Einfalt, komm, Trster, Paraklet, mir meine sen Ahnungen auszudeuten, und
mich in dem zu begreifen, worin ich mich selbst nicht fasse! - Nach dieser
Rede, die Emerentien gewi jeder Leserin von Gemt teuer macht, setzte sie sich
dem Delphin gegenber auf einen unfrmlichen Rasenhgel, der ehemals eine
Bergre gewesen war, und fuhr fort, herzbrechende Seufzer auszustoen.
    Auch der Schulmeister war nicht glcklich. Er kauerte auf seinem Gebirge
Taygetus, oder Schneckenberge, vor einem Feuer, welches der Wind hin und her
wehte, und kochte schwarze Suppe. Denn es hatte zum Mittagsessen auf dem
Schlosse Spinat gegeben, das einzige Gericht, welches er, sonst nicht auf
Leckerei gestellt, zu genieen unvermgend war, weil er behauptete, es schmecke
nach Rauchtabak. Whrend seiner Beschftigung polterte und brummte er folgende
Reden heraus: Schlimm! Schlimm, beim Kuckuck, wenn man mit Ignoranten zu tun
hat! Das Frulein ist eine Mondscheinprinzessin, und der alte Baron, dem
brigens Gott seine Gte an mir vergelten mag, ein Konfusionarius! Ich kriege es
nicht heraus! Bis nach Bhmen kann ich die Spuren meiner Vorfahren verfolgen,
als sie sich vor den Trken flchteten, aber weiter geht's nicht, von da bis
hieher Nacht, Finsternis, unwegsame Wste! Mein Eltervater war aus Buxtehude,
also haben die Spartaner einen Haken bis zur Nordsee geschlagen. Wie reim' ich
nun diesen Haken mit der Niederlassung der brigen Ageselschen oder vielmehr
Agesilausschen Familie in hiesigen Landen zusammen? Und doch, da die Sache ihre
Richtigkeit hat, so mu sie sich auch beweisen lassen. O, ein Gelahrter, ein
Forscher, der mir hlfe, die Vermutungen zusammenstellte, und selbst Vermutungen
htte, wo mir alle Vermutungen ausgehn; o, ein solcher Mann fehlt mir nur
allzusehr! - Er rhrte heftig in der schwarzen Suppe und seine Reden gingen in
einzelne abgebrochne Ausrufungen ber, die von dem Verdrusse seiner Seele
zeugten.
    Nach einigen Minuten erseufzte das Frulein am trocknen Wasserbecken so
laut, da selbst ihr Vater am Fltenblser ohne Flte und der Schulmeister auf
dem Taygetus es vernahmen. Aus Sypathie stimmten sie ihrerseits ein, so stark
sie nur vermochten, und es stieg daher ein dreifacher, gewaltiger Seufzer der
Sehnsucht im Garten des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr empor. Kaum war er
verklungen, so ertnte aus einer Ecke des Gartens, zunchst der einfassenden
Hecke, ein lautes Gerusch, wie wenn jemand von einer nicht unbedeutenden Hhe
herabfalle, ein Hufschlag, wie von einem davoneilenden Pferde, und das Gesprch
zweier Menschen, von denen der eine fragte: Wie ist es, mein gndiger Herr?
Haben Sie sich wehe getan? der andre aber antwortete: Durchaus nicht, durchaus
nicht, du weit ja, da mir kein Sturz etwas tut, auch liegt hier, wie du
siehst, ein weicher Haufen Unkraut und Gras zusammengetrieben, auf den bin ich
gesunken, als ich aus den Lften herniederschwebte. - Soll ich dem Pferde
nachrennen? fragte die eine Stimme. Nein, versetzte die andre, wir sind am
Ziel, welches das Schicksal uns wies. La die Kreatur auch ihrem Ziele
nachlaufen, welches ohne Zweifel in dem Stalle des Verleihers sein wird, aus dem
ich den Klepper im Stdtchen entnahm.
    Der alte Baron, das Frulein und der Schulmeister nherten sich jetzt dem
Orte, wo der Fall und dieses Gesprch erschollen war, und sahen zwei Mnner,
welche sie in nicht geringes Erstaunen versetzten. Der eine war eine stmmige
Figur, deren Eigentmer seine vierzig und mehreren Jahre zhlen mochte, mit
einem durchaus blassen, aber krftig muskulsen Gesichte, aus dem zwei groe
lebhafte Augen hervorstrahlten. An seiner Kleidung zeichnete sich sonst nichts
aus, dagegen konnte ein bermig groer Strohhut mit fubreiten Krempen
auffallend erscheinen, welcher einige Schritte von dem Fremden im Sande lag.
Dieser Strohhut war eigentlich kein Strohhut; seine Form schwankte zwischen
Mtze und Kaskett. In Zukunft soll er, wo er noch vorkommt, der Strohhelm
heien.
    Der andere war noch untersetzter und gedrungener, als der erste, schien mit
ihm in gleichen Jahren zu sein, hatte aber die gewhnliche Gesichtsfarbe eines
gesunden Menschen. Seine Augen waren womglich noch greller, als die des Herrn,
denn in diesem Verhltnis mute wohl der erste zu dem zweiten stehen, da
letzterer in einer eiergelben Livree stak, einen lackierten Bedientenhut auf dem
Kopfe trug und sich um den ersten mit einer Kleiderbrste bemhte, allerhand
Erd- und Grasspuren von dem lichtgrauen berrocke desselben zu tilgen.
    Indem die Gesellschaft vom Schlosse sich den Fremden nherte, blickten diese
auf, der erste sagte dem zweiten etwas in das Ohr, worauf der Diener den
Strohhelm von der Erde erhob und seinem Herrn darreichte. Letzterer trat den
dreien entgegen und sagte mit wunderbaren Muskelbewegungen im Antlitz zum alten
Baron einige hfliche Worte der Entschuldigung, da er so unangemeldet in seinen
Garten gefallen sei. Der Baron versetzte, das habe gar nichts zu bedeuten, und
der Schulmeister machte dazu eine tiefe Verbeugung. Beide musterten erstaunt die
Zubehrungen des Fremdlings, wie man die Papierhefte, Rollen und Streifen wohl
nennen durfte, welche aus den Seiten- Rcken- und Brusttaschen seines Rocks, ja
sogar aus den ffnungen eines ledernen Ranzens hervorsahen, den er an einem
Querriemen ber die Schultern geworfen trug.
    Die Aufmerksamkeit des Fruleins war dagegen in diesen ersten Augenblicken
weit mehr von dem Bedienten gefesselt worden. In der Tat zeigte der Aufzug
dieses Menschen auch so manches von einer gewhnlichen Livree Abweichende. Denn
um von dem Straue wilder Feldblumen zu schweigen, der an seinem Hute duftete,
so mute gewi jedem sonderbar vorkommen, da er einen groen bunten Tuch wie
einen Schurz sich um die Hften geknpft hatte.
    Der Herr war indessen in die Mitte zwischen den Baron und den Schulmeister
getreten, durch diese Bewegung war auch das Frulein veranlat worden, ihn
achtsamer zu betrachten, und sich zu nhern; so bildeten die drei eine Gruppe
von Hrern um den Fremden, welche wie von selbst entstanden war. Lassen Sie
uns, geschtzte drei Unbekannte, nicht zu lange in einem leeren Erstaunen
einander gegenberstehen, hob er mit einer gewissen Feierlichkeit an, welche
jedoch die Wiederholung jener Muskelbewegungen im Antlitz, auf die wir schon
hingedeutet haben, nicht verhinderte. Ich fhle etwas in mir, welches mir sagen
will, da unser Zusammentreffen in diesem verwilderten franzsischen Garten
Folge einer siderischen Konjunktion ist, welcher die Signatur unserer vier
Mikrokosmen entspricht. Ist dem also, so wrde alles gehaltlose Verwundern, und
der eitle Apparat nichtssagender Komplimente, welcher die Vorhalle unbedeutender
Bekanntschaften auszieren mu, nur eine Verschwendung kstlicher Minuten sein.
Hasche nach Minuten, denn auf ihren Fittichen ruht die Ewigkeit! sagt uns ein
weiser Dichter. Die tiefste Ahnung meiner Seele ruft mit vernehmlicher Stimme:
Es war vorbestimmt; die Zeit war dazu reif, da mein Pferd an jener Hecke
bocken, sich bumen und mich zuerst auf jenen Unkrauthaufen schleudern,
demzufolge aber in Ihren freundlichen und empfnglichen Kreis befrdern mute.
    Sind Sie vom Pferde gestrzt? fragte der alte Baron. Jawohl, versetzte
der Fremde; doch eigentlicher zu reden, ich flog mehr und beschrieb in der Luft
eine Kurve, deren Berechnung wohl die Elemente der Ellipse ergeben mchte. Ich
bin auf einer gelehrten Fuwanderung begriffen, deren Zweck es ist, das Mineral
zu entdecken, wodurch man Luft - - - doch still vorderhand noch von diesen
Dingen! Weil ich mich aber ermdet fhlte, nahm ich in der Stadt, vier Meilen
von hier, ein Mietpferd zu dem Abstecher in diese Gegend. Hieher wiesen mich
geheime Andeutungen in manchen Schriften, welche die Menge nicht beachtet, die
aber Krner gediegenen Goldes enthalten. Auch eigne Kombinationen machten es mir
wahrscheinlich, da hier ein Stock des Min - - doch, wie gesagt, still davon!
Ich hing auf meinem Pferde verschiednen Untersuchungen nach, wie es denn meine
ziemlich ausgebreiteten Studien mit sich bringen, da das Verschiedenartigste
mir gleichzeitig durch den Kopf zu laufen pflegt. Ich fand, da die
Infusionstiere, deren konomie mich unter andrem krzlich beschftigt hat,
eigentlich unentwickelte Karpfen sind, und Gedchtnis besitzen ...
    Knnen Sie mir mehr von den Infusionstieren sagen? unterbrach der alte
Baron mit einem schwrmerischen Eifer den Redner.
    Soviel Sie begehren; mit diesen Geschpfen habe ich in dem vertrautesten
Umgange gestanden, erwiderte jener.
    Dazwischen sann ich meinen Hypothesen ber die Vertreibung und Verpflanzung
der alten Nationen durch die Vlkerwanderung nach, bewies mir, da viel
griechisches Blut unter uns rollt, worauf auch schon in der Sprache so manches
hinweiset, wie z.B. Kater, abstammend von katairo, reinigen, subern, weil jenes
Tier die Huser von Musen reiniget; Katze, von der Prposition kata, herab,
gegen, darauf hin, drber hin, durch hin, entlang; denn sind nicht die Katzen in
ihrer geschmeidigen und strmischen Beweglichkeit gewissermaen die lebendig
gewordene Prposition Kat? Springen sie nicht unaufhrlich von Dchern und
Bumen herab? Nicht gegen Mauern? Nicht, wenn ein Vogel im Laube spielt, drauf
hin? Nicht, scheint der Mond auf den Sller, drber hin? Nicht durch dick und
dnn hin? Nicht Kornfelder entlang? Also, griechische Rudera, wohin wir in
Deutschland treten ...
    Spartanische doch insbesondere auch? fragte der Schulmeister mit
funkelnden Augen.
    Die werden sich natrlich ebenfalls sehr leicht entdecken lassen,
erwiderte der Fremde.
    Der Schulmeister drckte dem alten Baron hinter dem Rcken des Fremden
feurig die Hand, und der Schloherr, der an die Infusionstiere dachte, und alle
Standesunterschiede vergessen hatte, erwiderte dieses Zeichen der Begeisterung
mit Wrme. Der Fremde fuhr fort: Diesen und vielen andern Gedanken hing ich auf
dem Rcken meines Tieres mit Bequemlichkeit nach, denn es gehrte zu denen,
welche aufgehrt haben, Freunde von Leibesbewegung zu sein, und konnte nur durch
die Gerte meines nachwandelnden Dieners, womit derselbe die Schenkel des
Lssigen bestrich, im notdrftigsten Gange erhalten werden. Ich erzhle diese
Umstnde so ausfhrlich, weil sie dem nachfolgenden Vorfalle erst seine volle
Bedeutung geben. Nmlich, als ich in den Weg einbiege, der sich dort entlngst
Ihrer Gartenhecke hinzieht, und mein Mietro im gesetztesten Schritte
einherschleicht, ich aber an nichts weniger denke, als mit dem Schlosse und
seinen Bewohnern anzuknpfen, scheut das Pferd, als she es, gleich Bileams
Eselin eine Erscheinung, wirft den Kopf in die Hhe, hebt sich auf die
Vorderfe, bockt mit einer unglaublichen Schnellkraft, schlgt sofort auch
hinten aus, springt mit einem Seitensatze in das Dornengebsche; ich aber,
bgellos geworden, schwebe in der von mir schon beschriebenen Kurve, gem dem
Parallelogramm der zusammenwirkenden Krfte des Bockens, des Ausschlagens und
des Seitensatzes ber die Gartenhecke auf den Krauthaufen. Whrend des Schwebens
aber und bei dem Niederprallen entsteht in mir blitzartig eine intellektuelle
Anschauung, die mit sinnlicher Strke vom Kreuze aufwrts durch das Rckenmark
in die Gehirnnerven steigt, und in Worte bersetzt, lautet: Dies ist ein groer
historischer Moment, ein Ausgangspunkt wichtiger Entwickelungen. Damit Sie aber
erfahren, wer so unvermutet in die Mitte aller Ihrer Beziehungen geschleudert
wurde, so vernehmen Sie meinen Namen, Stand und Charakter. Ich bin der Freiherr
von Mnchhausen, Mitglied fast aller gelehrten Gesellschaften, in die Akademie
der Arkadier zu Rom mit der Bezeichnung: Der nie Verwelkende, aufgenommen.

                                 Achtes Kapitel



    Handelt von dem Bedienten Karl Buttervogel und von der freundlichen und
     ehrenvollen Aufnahme, welche der Freiherr von Mnchhausen im Schlosse
                          Schnick-Schnack-Schnurr fand

Und ich, sagte der Diener, dreist zu den Herrschaften herantretend, bin der
Bediente Karl Buttervogel, brste meinem Herrn die Kleider aus, und putze seine
Stiefeln. Die gndige Dame da sehen verwundert meinen Blumenstrau am Hute, und
dieses Tuch an, welches beinahe wie ein Lauferschurz lt; ja, ich wre so ein
Laufer, den jede Schnecke einholen wrde; ich habe zu schwer hier an meinem
Tornister zu schleppen, worin die Instrumente des gndigen Herrn stecken. Nein,
ich pflckte mir die Blumen aus Langerweile, whrend mein Herr die Luft
untersuchte, und was den Schurz betrifft, so habe ich mir den umgeknpft, meine
Unterkleider vor den verdammten Dornen in acht zu nehmen, durch die der gndige
Herr sich absolut hindurcharbeiten wollte. Ich glaube nicht, da die Schindmhre
vor einem historischen Momente gescheut ist, wie Sie sagen, sondern die Dornen
rissen sie, und davon wurde das Vieh fuchstoll.
    Der alte Baron und der Schulmeister hrten mit Verwunderung diesen
berkecken Reden eines Dieners zu. Mnchhausen suchte mit einem gewichtigen
Blicke den Vorlauten in seine Schranken zurckzuweisen, da aber jener den Blick
ertrug, ohne sich niederschlagen zu lassen, so senkte der Herr die Augen, und
die Zge seines Gesichtes begannen, ein geheimes geistiges Leiden auszusprechen.
In dem Frulein aber war die heftigste Gemtsbewegung entstanden. Ihre Wangen
hatten sich bei den Reden Karl Buttervogels in Purpurglut gefrbt, ihre
fliegenden Blicke schweiften von dem Herrn zum Diener, und von diesem zu jenem,
whrend die Lippen leise Fragen an das Schicksal vor sich hin flsterten, welche
wie: Lauferschurz? Blumenhut? lauteten.
    Der alte Baron lud den Freiherrn von Mnchhausen auf das freundlichste ein,
bei ihm so lange vorlieb zu nehmen, als es ihm gefiele, was Mnchhausen dankbar
annahm. Alle begaben sich hierauf aus dem Garten in das Haus, nachdem der
Schloherr seinem Gaste, der das zerstrte Gebude einigermaen stutzig
anblickte, zuvor erffnet hatte, die Wirtschaft sei in diesem Augenblicke durch
allerhand Zuflligkeiten etwas in Unordnung geraten, auch solle gebaut werden.
Auf der Treppe, die vom Hausflure zu dem Wohnzimmer fhrte, htte der Freiherr
beinahe wieder ein Unglck gehabt. Denn eine von den morschgewordnen Stufen
knackte, als er sie betrat, und brach. Hierauf verlor er das Gleichgewicht,
wollte sich an dem Gelnder halten, fate aber nur in die dnne Luft, weil das
Gelnder vorlngst zu Brennholz verwendet worden war. Er wre gefallen, wenn ihn
nicht der alte Baron am Rockzipfel gehalten htte. So aber kam er doch wieder
glcklich auf seinen Fen zu stehen, und wurde vorlufig in das Wohnzimmer
gefhrt, bis seine Appartements instand gesetzt waren. Diese Einrichtung
besorgte der Schulmeister, da mit dem Frulein nichts anzufangen war. Sie sa
verklrten Blicks in einer Ecke des Zimmers, sah vor sich hin, und ihre Gedanken
schienen abwesend zu sein. Als der Vater zu ihr sagte: Renzel (so nannte er
sie, wenn er besonders guter Laune war), wo kriegen wir den Nachttisch her fr
den Fremden? versetzte sie: O Vater, es wird Tag! und als er sie bat, die
Bettung des Gastes zu besorgen, blickte sie ihm starr in das Antlitz und
verstand ihn nicht. Der Schulmeister, welcher unter sotanen Umstnden sich zum
Haushofmeister anerbot, bewies dagegen eine nicht geringe Anstelligkeit. Er war
whrend seines Dienstes zu Hackelpfiffelsberg sich Knecht und Magd gewesen, und
hatte dadurch die genauste Kenntnis aller kleinen huslichen Geschfte erworben.
- Flink rumte er von der Vorratskammer, die der Schloherr zum Gastzimmer
bestimmt hatte, weil sie das einzige Gela war, welches noch Fenstern hatte, die
getrockneten pfel, die Bohnen und Erbsen hinweg, welche fr den Winterbedarf
dort aufgeschttet lagen, sorgte fr das Haupt des Fremden, indem er die lose
Gipsbekleidung der Decke mit einer Stange abstie, fegte den Estrich rein,
verjagte die Spinnen aus ihren luftigen Schlssern, nahm aus den Betten der
Schlobewohner die noch einigermaen entbehrlichen Stcke, stellte verschiedene
Holzfragmente mittelst Sge, Hammer und Ngel zu einer Art von Sponde zusammen,
und wute selbst noch einen ertrglichen Tisch und Stuhl fr den Freiherrn
aufzutreiben.
    Nach vollbrachtem Werke ging er hinunter und fand den alten Baron um zehn
Jahre verjngt. Mnchhausen hatte ihm die Wirtschaft der Infusionstiere mit so
reizenden Farben geschildert, da sein Zuhrer in Entzckung geraten war, er
hatte ihm ganze Idyllen, Epen und Tragdien vorgetragen, die sich in jedem
Wassertropfen seiner Versicherung nach ereigneten. Als der Schulmeister nun
einige Augenblicke mit Mnchhausen allein gelassen wurde, gab ihm dieser auf
Verlangen sein Wort, da er unfern von Buxtehude in einem Bauerndorfe die
deutlichsten Spuren spartanischer Sitte und Abkunft angetroffen habe, indem die
Leute dort nichts von den Wissenschaften hielten und von Schmutz starrten. Der
Schulmeister ging hchst befriedigt von dannen, um seine schwarze Suppe zu
verzehren, und berlie Emerentien den Freiherrn.
    Nach einer Pause, die so feierlich war, als diejenige zu sein pflegt, welche
die Komdianten vor der groen Szene machen, in welcher die Liebe dadurch ber
die Kabale siegt, da Ferdinand seiner Luise Rattenpulver in Limonade eingibt,
nach einer Pause, lang und lastend, wie die vorstehende Periode, sagte das
Frulein schchtern zum Freiherrn: Herr von Mnchhausen, Sie treten wie ein
mythisches Produkt unsrer Zustnde mit innerer Notwendigkeit in die Burg meiner
Vter. Schon haben Sie sich selbst in Ihrer Gartenrede als einen durch
beziehungsvolle Beziehungen mit unsern Wnschen und Aussichten Verknpften
empfunden. Verargen Sie es daher der schchternen Jungfrau nicht, wenn sie, die
Gesetze der Zurckhaltung, welche sonst meinem Geschlechte eignen, brechend, Sie
herzlich und dringend fragt: Gibt es noch Laufer?
    Ja, meine Gndige, erwiderte der Freiherr mit ernster Rhrung; es gibt
allerdings noch Laufer.
    Pflegen sich wohl Frsten dergleichen Laufer zu halten? fragte das
Frulein, indem sie eine Trne im rechten Auge zerdrckte.
    Nur ein Frst ist dessen fhig! rief Mnchhausen, und fhrte das
Taschentuch an sein linkes weinendes Auge.
    Und nun die letzte Frage an Ihr schnes Herz, edler Mann, eine Frage, in
der Sie meine Seele empfangen: Trgt ein Laufer, wo er erscheint, Blumenhut und
Schurz?
    Blumenhut und Schurz bleiben die Zeichen eines Laufers bis an das Ende der
Tage, sprach der Freiherr erhaben, und streckte, wie schwrend, den Daumen und
die beiden ersten Finger der rechten Hand empor.
    Ich danke Ihnen fr diese Stunde, sagte das Frulein. Mein Leben beginnt
wieder seine Schwingen zu regen. Das Schicksal gibt mir ein Zeichen; auf die
Lippen der Unschuld, auf die Lippen Ihres Karl legte es sein bedeutendes Wort,
wundersamen Tnen meines Tiefinnersten entsprechend, Schtzen des Busens, die
sich eben leuchtend dem Dunkel entrungen hatten. Sie aber, hoher Meister, legten
zart und weise die se Fabel als schlichte, treue Wahrheit aus. O ich wute
wohl, da ich hier verstanden werden wrde!
    Durchaus verstanden! rief Mnchhausen.
    In diesem Augenblicke trat der alte Baron, der inzwischen die Einrichtung
der Gaststube besichtigt hatte, wieder in das Zimmer, und lud Mnchhausen ein,
ihm dahin zu folgen, damit er es sich vorderhand etwas bequem machen knne.
    Emerentia sagte, als sie allein war: Er ist erschienen, der mich ohne Wort
versteht; der Himmel hlt uns die Verheiungen, die er uns in der Sehnsucht
gibt! Bald, bald wird nun auch Rucciopuccio kommen, der Frst von Hechelkram,
seine Freundin im reinsten Sinne des Worts abzuholen.

                                Neuntes Kapitel



     Verstndnisse und Miverstndnisse, Sehnsucht, Orden, Gesinnungen und
Ehrenstellen; Grres und Strau; die Pucelle d'Orleans, Zeichen, Wunder und neue
                                  Geheimnisse

In den nchsten Tagen nach der Ankunft des Fremden ging das schwrmende
Entzcken der Schlobewohner ber den wunderbaren Mann in den ruhigeren, aber um
so festeren Glauben ber, da in ihm der vom Verhngnis bestimmte Heiland ihrer
Wnsche erschienen sei. Denn der alte Baron merkte schon am ersten Abende, an
welchem er Mnchhausens Unterhaltung geno, da mit den Kenntnissen,
Erfahrungen, Schicksalen, Blicken, Ideen und Hypothesen seines Gastes niemand
zwischen Himmel und Erde sich zu messen vermge. Er war, seinen Erzhlungen
zufolge, fast in allen bekannten und unbekannten Gegenden der Erde gewesen,
hatte smtliche Knste und Wissenschaften getrieben, zu Weinsberg Blicke in das
Geisterreich getan, war durch alle Lagen des Lebens abwechselnd als Kchenjunge,
Krieger, Staatsmann, Naturforscher und Maschinenbauer gegangen. Selbst in
auermenschliche Regionen war sein Lebenslos geworfen worden; er lie nach den
ersten Stunden der Bekanntschaft merken, da er einen Teil seiner Tage unter dem
Vieh zugebracht habe.
    Der alte Baron hatte hauptschlich die Abendstunden, in welchen die
Gesellschaft sich im Wohnzimmer zu versammeln pflegte, und bei dem Scheine einer
Kerze auf den hlzernen Schemeln um den kiefernen Tisch sa, sich zu
Mitteilungen erbeten. Fr die Gartenpromenaden war von ihm ein noch strengeres
Silentium festgesetzt worden, als frherhin, denn, sagte er, man mu den Tag
zum Nachdenken frei behalten, darber, was Mnchhausen am Abend erzhlt; des
Stoffes wird sonst zuviel, und wir werden alle drehend, wie die Schafe, von der
Weisheit dieses Mannes. - Aus dem Journalzirkel trat er nun wieder aus; in
seinem Gaste besa er jetzt mehr, als ihm eine Zeitschrift bieten konnte, der
Geist aller Journale erschien in Mnchhausen verkrpert. Immer ging der
wunderbare Mann bei seinen Erzhlungen von etwas Bekanntem und Verbrgtem aus,
erhob sich aber von dieser Grundflche zu den khnsten und abenteuerlichsten
Schwngen, so da man wohl sagen konnte, er stelle recht eigentlich in seiner
Person den gewaltigen Fortschritt unserer Zeit dar.
    Freilich blieb die Empfindung des Schloherrn nicht ganz ohne eine hin und
wieder hervortretende entgegengesetzte Beimischung. Mnchhausen redete auch viel
von Literatur und Poesie, und konnte bei solchen Gesprchen leicht satirisch
werden. Der alte Baron hatte aber an diesen Gegenstnden kein Interesse, und
hate die Satire; weshalb er denn auch derartigen Konversationen sich nur mit
einem gewissen Unbehagen hingab. Wirklich verletzt aber fhlte er sich, wenn
Mnchhausen, wie er nicht selten tat, seine Meinung uerte, alle Menschen seien
gleich geboren, und nur der Wahn, der aber fr immer ab und tot sei, habe den
einen durch seine Geburt zu Vorzgen bestimmt ausgeben knnen, die nicht auch
das Eigentum aller seiner Mitbrder gewesen seien.
    Mit dem Frulein gestaltete sich das Verhltnis des Gastes bald grndlich
und tief in das zarte Verstehen ohne Worte aus, welches unsere sinnigen und
hochstehenden Frauen so sehr lieben. Wenn sie ihm zuflsterte, ein
unaussprechliches Etwas durchwoge sie, so versicherte er, da er sie vollkommen
begreife; und konnte sie fr den Drang ihrer Empfindungen nur Vorderstze ohne
Nachstze finden, so lie er sie ahnen, da letztere in seiner verschwiegenen
Seele ausgesprochen ruhten. Daneben erquickten sie die glnzenden Schilderungen,
welche er von fremden Gegenden gab, im Grunde ihres Herzens, und bis zur
Schwrmerei stieg ihre Regung, wenn er die vierundzwanzigsilbigen Namen, welche
in Mexiko, Peru oder Indien gebruchlich sind, aussprach.
    Zwar fhlte auch sie sich jezuweilen durch ihn verwundet. In dem Glauben
nmlich, ihr dadurch nur noch um so mehr zu gefallen, sprach er einige Male
seine Meinung aus, da nur das Weib ihren Empfindungen treu bleibe, bei dem
Manne aber der Spruch gelte: Aus den Augen, aus dem Sinne! weshalb denn auf
kein von diesen unbestndigen Wesen gegebnes Versprechen jemals zu rechnen sei.
Er konnte freilich nicht wissen, wie ungestm solche Aussprche ihren
Erwartungen entgegentraten. Sie pflegte darauf zu versetzen: Herr von
Mnchhausen, Karls und Ihre Erscheinung widerlegt mir im Sinne hherer Ahnung
zum voraus diesen Satz. Wenn sie nun das sagte, verstand er sie wirklich nicht,
und war auch nicht so dreist, es ihr zu versichern.
    Indessen gingen diese einzelnen Mistimmungen immer bald in dem Gefhle der
Hingebung und Begeisterung unter, welches Vater und Tochter ihm widmeten; ja sie
dienten durch den Kontrast dazu, diesem Gefhle nur noch grere
Leidenschaftlichkeit zu geben. Dagegen war der Schulmeister dem Freiherrn
gegenber in einer eignen Stimmung, die sich nur mit den Scherzbildern
vergleichen lie, welche von der einen Seite angesehen, ein lchelndes Gesicht,
von der andern betrachtet, eine verdrieliche Fratze zeigen. Die Persnlichkeit
Mnchhausens nebst seinen Reden hatte nicht verfehlen knnen, auch auf den
Schulmeister einen tiefen Eindruck zu machen; wir wissen, welche Aussichten fr
die Besttigung seiner teuersten berzeugungen auch er an diesen Mann des
Schicksals knpfte. Nun aber konnte er sich schon nicht mit der
Darstellungsweise Mnchhausens berall einverstanden erklren. Er war von seinem
Elementarunterrichte her an Einfachheit gewhnt; er hatte den Knaben und Mdchen
die Erschaffung der Welt, den Sndenfall, die Opferung Isaaks, und die
Geschichte des keuschen Joseph, ohne Episoden einzumischen, immer schlicht
heraberzhlt. Der Freiherr aber, berwltigt von seinen Erinnerungen, berfllt
mit Bezgen, Rckblicken und Seitenblicken, schachtelte dermaen
Nebengeschichten in seine Hauptgeschichten ein, und verstieg sich oft in ein
solches Labyrinth dabei, da dem armen Schulmeister, welcher notgedrungen den
Theseus in jenen Irrgngen spielen mute, der Faden der Ariadne hufig aus den
Hnden schlpfte. Auerdem hatte er zu bemerken, da Mnchhausen, der ihn fr
einen untergeordneten Mitesser ansah, wie er es denn in der Tat auch war, ihm
keinesweges mit der geflligen Aufmerksamkeit begegnete, wie dem alten Baron und
dem Frulein, ja sich sogar vergebens von ihm anmahnen lie, die Wanderung der
vertriebenen Spartaner nach dem Frstentume Hechelkram urkundlich fr ihn
auseinanderzusetzen.
    Er war daher abwechselnd bse auf den Freiherrn, und hingerissen von ihm. So
wahr ist es, da jeder Prophet schon in seiner ersten Gemeine den Thomas findet,
welcher ihm heute folgt, und ihn morgen verleugnet.
    An einem der Erzhlabende sagte der alte Baron zu seinem Gaste: Wei Gott,
da ich nicht gern an Wunder glaube, und im Grunde auch der Meinung bin, die
Natur sei ein Haus, worin man noch immer jeden Tag neue Zimmer und Kammern
entdeckt, aber wenn ich bedenke, wie Ihr, liebster Mnchhausen, uns
dahergeschleudert wurdet, just, als wir, wie ich nun von Emerentien und dem
Schulmeister herausgebracht habe, gleichzeitig nach einem Manne, wie Ihr seid,
das allerlebhafteste Verlangen empfanden, und auf einen Schu den dicken
Sehnsuchtsseufzer hervorstieen - so wei ich wahrhaftig nicht, ob dergleichen
mit rechten Dingen zugehen kann.
    Und was wre denn daran so wunderbar, wenn Sie, meine Freunde, mich
herangeseufzt htten? rief Mnchhausen. Darber sind wir denn doch nun wohl
aufgeklrt, da dem menschlichen Geiste, wenn er sich recht in einem Punkte
konzentriert, ein gesteigertes Vermgen beiwohnt, wie denn z.B. Grres in einem
beraus glaubwrdigen Buche, in seiner Christlichen Mystik, erzhlt, die heilige
Katharina habe einmal wegen leichter Indisposition nicht kommunizieren knnen,
und deshalb whrend der Altarhandlung in einer entfernten Ecke der Kirche
gekniet; das habe aber gar nichts zu sagen gehabt, denn die Hostie sei ber das
ganze Schiff der Kirche hinweg ihr in den Mund geflogen.
    Nun sage ich immer: Was dem einen recht ist, mu dem andern billig sein.
Knnen die Frommen sich das Venerabile von hundert und mehreren Schritten
herbeibeten, so haben die Weltlichen, wenn sie nur ihr Verlangen auch energisch
auf einen Punkt richten, gewi ebenfalls die Macht, diesen Punkt, bestehe er nun
in Geld, Frauen, Ehre, herbeizuziehn; und jede Partei kriegt auf solche Weise,
was sie wnscht, die Frommen empfangen das eine, was not tut, die Weltlichen das
andre, was hilft. Ich bin also berzeugt, da Ihre drei Sehnsuchten meinem
Mietpferde magische Schlingen um die Fe legten, die es in den Dornenweg
entlngst der Gartenhecke zogen, und da es dann vor der mystischen Gewalt Ihrer
Seufzer scheute, solchergestalt aber durch die nachfolgenden Zwischenursachen
hindurch mich zu Ihnen befrderte.
    Ja, Mnchhausen, rief der alte Baron, Ihr seid gleichsam aus der Luft wie
ein Donnerkeil unter uns geschlagen!
    Mnchhausen fuhr fort: Wie kme es denn, wenn eine solche Macht des
menschlichen Willens nicht bestnde, da so manches gute, schne Mdchen sich
mit dem hlichsten, einfltigsten Tropfe vermhlt? Der Tropf hat es sich einmal
in den Kopf gesetzt, eine schne Frau zu bekommen; er richtet sein ganzes
Verlangen auf eine solche, und sie gibt ihm richtig ihre Hand, ohne selbst zu
wissen, wie es zugegangen ist. Wieder ein andrer hat mehr Liebhaberei an
Ehrenstellen und hohen Posten; er wei nichts, gar nichts, er kann eigentlich
keinem Schreiberdienste vorstehen, aber er ist ein Mann von Gesinnung d.h. nach
der Auslegung, die wir Eingeweihten unter uns dem Worte geben: er besitzt die
strkste Intensivitt des Sinns, sich und seinen Herrn Vettern alles mgliche
Gute und noch etwas mehr zu verschaffen, berzeugt, da, wenn es nur ihm und den
Herrn Vettern wohl gehe, es auch mit dem Glcke des Landes wohl bestellt sei.
    Louis quatorze sagte: l'tat, c'est moi. Wir haben nun gegenwrtig keinen
Louis quatorze, aber eine Clique haben wir, eine schne, vollstndig
organisierte Clique, mit Ober- und Untercliquiers von dauerhafter Gesinnung und
die Clique sagt:
    l'tat, c'est la clique.
    Mais, pour revenir  mes moutons: Ein Gesinnungsmann ohne Kenntnisse und
Verstand wnscht sich in der Stille, solange mit solcher Inbrunst zum
Statthalter oder Minister, bis er eines Tages, also brevetiert, aufsteht. Die
Welt schreit von kleinen Intrigen, die gespielt worden seien; ach, Possen! sie
sollte dafr sich einen Blick in groe Naturgeheimnisse anzueignen suchen. Die
mystische Kraft der Sehnsucht hat gewirkt, da dem Gesinnungsmanne die
Statthalterei in den Mund flog, wie ...
    Eine gebratene Taube! fiel der alte Baron ein.
    Die Hostie der heiligen Katharina, nach Grres; sagte Mnchhausen. Ich
habe mir im Herzogtume Dnkelblasenheim einmal den Landesorden ersehnt; d.h. ich
habe nicht sehnsuchtsvoll, wiewohl vergebens, danach geseufzt, sondern ihn
realiter an meinen Rock herbeigesehnt. Der Herzog ist ein guter alter Mann,
seine Bildung datiert noch von Gellerts Fabeln, darber ist er nicht
hinausgekommen, und in heiterer Rckerinnerung an dieses kindliche Lehrmittel
hat er den Orden vom grnen Esel gestiftet, mit Komturen, Grokreuzen und
Kleinkreuzen. Der Esel frit in einer Umkrnzung von Sternen Disteln, und die
Ordensdevise lautet: L'apptit vient en mangeant. Nun, nach diesem grnen
Eselorden verlangte ich heftig, denn man war in Dnkelblasenheim kaum noch beim
Wege angesehen, wenn man nicht zu den Eseln gehrte; so wurden die Ritter nach
einer abkrzenden Redefigur benannt. Eines Morgens kommt mein damaliger
Stiefelputzer Kalinsky vor mein Bette, hlt mir den Frack, der in der Stube
gehangen hatte, ausgespreitet unter die Augen und ruft: Herr von Mnchhausen,
Sie sind ber Nacht auch ein Esel geworden. Ich sehe hin und erstaune denn doch
ein wenig, denn richtig sitzt im dritten Knopfloch das changeante Band, und
daran hngt das Kreuz mit dem Distelfreunde und der Devise. Ich springe aus dem
Bette, erkundige mich im Hause, ob jemand sich habe einschleichen und den Spa
verben knnen? Aber die Tre war die ganze Nacht ber fest verschlossen
gewesen, Kalinsky war der erste, der von auen kam.
    Der Orden ist da, wo aber stecken deine Verdienste? frage ich mich selbst.
Hast du irgend Verdienste um Dnkelblasenheim? Ich prfte auf das ernsteste mein
Gewissen; ich lste die letztgedachte Hauptfrage in sechs Unterfragen auf:

                                  * * * * * *

Aber auf alle Fragen und Unterfragen mute ich mir mit Nein! antworten. Ich
hatte kein Verdienst, gar kein Verdienst, nicht das geringste Verdienst um jenen
Staat. Um andere Staaten habe ich mir Verdienste erworben, aber nicht um
Dnkelblasenheim. Ich lge Ihnen nichts vor, mein Wahlspruch ist: La vrit,
toute la vrit, rien que la vrit.
    Und der Orden war doch da. Also abermals eine Erfahrung von der mystischen
Kraft der reinen Sehnsucht. Das Wunderbare bei der Sache, und was ich mir noch
nicht habe erklren knnen, war, da nicht allein das Kreuz von meinem Wunsche
herbeigezogen worden war, sondern da es auch seinerseits auf das changeante
Band eingewirkt hatte, so da dieses sich von selbst in das Knopfloch knpfte.
Ich versuchte, den Knoten zu lsen, aber er war so fest geschlungen, da mir
dieses nur mit der grten Mhe gelang. Auch nachher blieb das Band untrennbar
haften, wie Johanna Rodriguez nach Grres' Christlicher Mystik, Band 2 pagina
569 fest am Kreuze haften blieb, auf welches sie sich locker gelegt hatte.
    O wre ich Johanna Rodriguez! fltete das Frulein.
    Dummes Zeug! brummte der Schulmeister.
    In diesem Buche von Grres mssen ja erstaunliche Dinge stehen, sagte der
alte Baron.
    O, rief Mnchhausen, ganz andere Dinge stehen noch darin! Dem heiligen
Filippo Neri schwoll, nach Grres, das Herz vom Beten so an, da es ihm zwei
falsche Rippen zerbrach, nmlich die vierte und fnfte; der heilige Petrus von
Alcantara brannte so in Liebesflammen, da der Schnee um ihn schmolz, und da er
einmal bei Winterszeit, um sich abzulschen, in einen gefrornen Teich springen
mute, worauf das Eis um ihn zischte und kochte, wie in einem Gefe ber groem
Feuer ...
    Hrt auf, hrt auf! rief der alte Baron. Mir schwindelt.
    Feurig fuhr Mnchhausen fort: Grres sagt auch: die Heiligen rchen sehr
schn, besonders wenn sie den Aussatz htten. Was aber das Lieblichste ist: sie
geben l von sich. Die heilige Lutgardis drckte sich das l aus den Fingern,
Christina mirabilis hatte es in den Brsten, und von der btissin Agnes von
Monte Pulciano fllten die Klosterschwestern ganze Krge ab. Grres hat auch
diesen lbildungsproze sehr richtig an den Krper verteilt, wie er denn
berhaupt nichts so roh und unzugerichtet hinschreibt, sondern alle die Sachen,
welche sich an den Heiligen ereignen, aus der hheren Physiologie ableitet. In
den unteren, beschatteten Regionen des Leibes bilde sich das milde oder fette
l, sagt Grres ...
    Verstehe, verstehe, eine Art von Bauml, Salatl, rief der alte Baron
dazwischen und schwenkte seine Mtze; wo aber rechte Heiligkeit herrscht,
grnliches Provencerl ...
    O gbe ich auch l von mir! schmachtete das Frulein.
     ... Oben jedoch, in den hheren Regionen, also etwa vom Zwerchfelle
aufwrts, komme es mehr zur Produktion eines flchtigen ls, Aromas, sagt
Grres. Zuweilen nun, wenn gerade in der Luft eine besondere Beschaffenheit
obwaltet, schlgt sich dieses Aroma als Manna in Form eines Kreuzes nieder, was
dann die Glubigen vom Heiligen abkratzen und aufessen. So hat es sich nach
Grres bei der schon erwhnten btissin Agnes von Monte Pulciano zugetragen.
    Mnchhausen! Mnchhausen! rief der alte Baron, blies die Backen auf, und
stie einen Strom Luft aus denselben hervor, wie er zu tun pflegte, wenn ihm ein
Gedanke zu mchtig wurde - wir leben in einer groen Zeit. berall, durch das
ganze Reich des Wissens hin, stiftet sich Licht und Zusammenhang. Was dem
Filippo Neri mit seinem Herzen begegnete, ist ja in einem hheren Gebiete nur
dasselbe, was sich tagtglich in einer niederen, animalischen Sphre ereignet.
    Wenn doch die Zeiten der Grresschen Wunder ganz wiederkehrten, so knnte
man ja fast alle Haushaltungsbedrfnisse mit einem seiner Heiligen bestreiten,
und ersparte hundert Auslagen, die das Leben jetzt so sehr verteuern! Ein
Grresscher Heiliger heizte uns das Zimmer durch, gbe l, unten fettes, oben
flchtiges, ein paarmal im Jahre auch eine Schssel Manna ...
    Guter, schuldloser Vater! sagte Emerentia und blickt ihren Vater mitleidig
an. - Ob es je dahin wieder kommen wird, wei ich nicht, sagte Mnchhausen,
aber mit dem Grresschen Buche habe ich selbst mein dreifarbiges Wunder
erlebt.
    Der Schulmeister war hinausgegangen. Ihm machten diese Erzhlungen groe
Beschwerlichkeit, denn er war entschiedner Rationalist. Der Baron und seine
Tochter forderten den Freiherrn dringend auf, das dreifarbige Wunder zu
berichten, und Mnchhausen hob wieder an:
    Geschtzte Freunde und Zuhrer, wissen Sie hiemit, da ich das vielbelobte
christlich-mystische Buch auf meinem Bcherbrette neben dem Leben Jesu von
Strau stehen hatte. Doctis pauca sufficiunt; Gelehrten ist gut predigen, ich
brauche Ihnen, mein wrdiger Altvater und Schloherr, nicht des breiteren den
Inhalt der letzteren Schrift auseinanderzusetzen, denn es ist Ihnen aus Ihrer
Journallektre bekannt, da, wie der christliche Mystiker noch bis auf die
neueste Zeit die Ngelmale sich hat reproduzieren lassen, der andere dagegen dem
Heilande nicht einmal sein Dasein in den Evangelien gnnt, sondern behauptet,
die apostolische Kirche sei eine Art von Aktiengesellschaft gewesen, die sich
den Erlser auf gemeinschaftliche Kosten angeschafft habe, weil sie ihn bedurft.
- Es war unvorsichtig von mir, da ich zwei so widerhaarige Bcher
zusammengestellt hatte; ich mute voraussehen, da sie sich nicht vertragen
wrden. Und so kam es auch. Eines Nachts wache ich von einem sonderbaren
Gerusch auf, welches aus meiner Bibliothek tnt. Ich nehme die Kerze, leuchte
hin, und habe einen seltsamen Anblick. Strau und Grres sind in wtendem Kampfe
begriffen, nmlich so, da die beiden einander zugekehrten Buchdeckel
aufeinander zuschlagen, wie die Flgel erboster Truthhne. Der Kirchenrat
Paulus, Steudel, Marheineke, selbst Tholuck, die rechts und links von diesen
beiden Werken gestanden hatten, waren scheu zur Seite gewichen, so da die
Gegner vollen Raum zur Entfaltung ihrer Polemik in den Buchdeckeln gefunden
hatten. Dabei gaben sie sonderbare Tne zu vernehmen. Im Leben Jesu lie sich
ein feines, nagendes Knispern, wie von fressenden Musen hren, dagegen grunzte
und grlzte die dicke Mystik in einer Art von Strohba. Ich nahm meinen armen
Grres, der auch schon ganz warm geworden war, wenngleich nicht glhend, wie der
heilige Petrus von Alcantara, vom Brette, streichelte ihn, redete ihm mit guten
Worten zu, und brachte es denn endlich auch dahin, da sich das Buch von seiner
entsetzlichen inneren Aufregung beruhigte; whrend das Leben Jesu noch immer mit
dem einen Deckel in die leere Luft hineinfocht, gegen einen Wunderglauben, der
ihm gar nicht mehr gegenberstand.
    Wie ich nun aber den Einband von Grres untersuchte, um zu sehen, ob er in
diesem Straue mit Strau nicht Schaden gelitten habe, da erschien mir das
dreifarbige Wunder. Ich hatte nmlich den Grres in Purpur binden lassen, und,
was sagen Sie dazu, meine Freunde? Der Autor hatte vor Alteration zwischen dem
Purpur blaue und weie Streifen bekommen. In der Tat, meine Wertesten, die
Christliche Mystik hatte das alte, wohlbekannte, revolutionre Koblenzer Blau,
Rot und Wei von Anno 1793 angelegt. Ein Farbenkundiger sagte mir nachmals,
diese Trikolore sei die eigentliche Grundfarbe des Autors und trete bei jeder
Erregung, auch bei der mystischen, aus allen anderen berpinselungen immer
wieder siegreich an ihm hervor.
    Nun, dem sei, wie ihm wolle. Ich stellte meinen Grres auf ein andres Brett,
hatte ihm jedoch in der Nachtmdigkeit abermals einen unschicklichen Platz
gegeben, wie ich am folgenden Morgen sah. Nmlich, neben Voltaires Pucelle hatte
ich ihn gestellt. Aber diesem verschollnen Spotte gegenber hat sich die
christliche Mystik sehr mchtig und berwltigend erwiesen. Denken Sie sich, die
Pucelle war in der Nacht von dem frommen Buche bekehrt worden, wahrscheinlich
durch die sich in demselben entwickelnde fette und aromatische lbildung. Sie
mgen es glauben, oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr. Das
frivole Gedicht war in sich geschlagen, der Text verschwunden, und ich hielt,
als ich einen Blick hineintat, ein in Halbfranz gebundnes Buch voll
unschuldigweier Papierbltter in Hnden, statt der gotteslsterlichen Spe von
Charles sept, Agnes Sorel, Dunois, Jeanne und ihrem Esel. Ja, was noch mehr
sagen will, das Papier schmt sich seiner frheren Snden, es liegt ein leiser
roter Schimmer darber, dem Satze zum Trotz; litterae non erubescunt. Ich will
es doch gleich herbeiholen, Sie durch den Augenschein zu berzeugen.
    Mnchhausen lief rasch, wie eine Bachstelze hinaus. Der alte Baron ging, mit
den Hnden in der Luft fechtend, seine Mtze in die Hhe werfend, und sie, wie
einen Ball wieder auffangend, im Zimmer auf und nieder und rief: Ein
Teufelskerl, der Mnchhausen! Man mu ihm nach, man mag wollen oder nicht! Im
Anfang stemme ich mich jederzeit gegen seine Geschichten, aber ehe ich mich
dessen versehe, haben sie mir die Schlinge ber den Kopf geworfen und nehmen
mich mit fort. Was sagst du dazu, Renzel?
    Emerentia versetzte: Ich hoffe, die besondere Luftbeschaffenheit auch noch
zu erleben, und aus meinem Aroma Manna zu erzeugen.
    Eine Nrrin bist du, polterte der alte Schloherr, die immer nur an sich
denkt, und nie ihren Gesichtskreis erweitern mag! Wenn ich nun ebenso wre, und
nichts von heute abend mir zur Ausbeute gewnne, als den selbstschtigen Wunsch,
mir den grnen Esel in das Knopfloch zu sehnen? Denkst du, da dein alter Vatery
nicht auch noch gern in seinen letzten Tagen einen Orden trge, ohne irgendeins
der sechs Verdienste um Dnkelblasenheim? Aber ich bin nicht so enggesinnt; mir
liegt meine Ausbildung am Herzen, und noch heute abend frage ich Mnchhausen
ber seine zweifarbigen Augen und sein Ergrnen aus, denn wir stecken einmal
mitten in den sonderbaren und auerordentlichen Dingen, zudem strt uns auch der
Schulmeister nicht mit seiner einfltigen hhnischen Miene.

                                Zehntes Kapitel



   Das krzeste Kapitel dieses Buches nebst einer Anmerkung des Herausgebers

Die letzteren Reden zu verstehen, mu gesagt werden, bevor Mnchhausen wieder
das Zimmer betritt, da unter den vielen wunderwrdigen Dingen, die den
Schlobewohnern an dem Gaste auffielen, zwei im vorzglichsten Grade ihr
Erstaunen erregten. Er hatte nmlich ein blaues und ein braunes Auge, welcher
Umstand seinem Antlitze einen ungemein charakteristischen Ausdruck gab, um so
charakteristischer, als, wenn seine Seele voll gemischter Empfindungen war, die
verschiedenen Elemente solcher Stimmungen gesondert in den beiden Augen
hervortraten. Fhlte er z.B. eine freudige Wehmut, so leuchtete die Freude aus
dem braunen Auge, die Wehmut dahingegen zitterte im blauen. Denn diesem blieben
die zarten, dem braunen die starken Gefhle zugewiesen.
    Sein Gesicht war, wie ich es schon beschrieben habe, nmlich bleich, mit
einem gelblichen Anfluge, etwa von der Farbe des pentelischen Marmors, oder
eines in Wachs gesottnen Meerschaumpfeifenkopfes, der seinen Raucher noch nicht
gefunden hat. Stiegen in ihm Affekte auf, welche bei uns andern ein Errten
hervorzubringen pflegen, so lief ber seine Gesichtsflche ein grner Farbenton.
Daher hatte der alte Baron auch sehr richtig den Ausdruck: Ergrnen, gebraucht,
und wir werden uns desselben ebenfalls bedienen mssen, wenn Mnchhausen im
Verlaufe dieser Geschichten in Affekt geraten und die Farben wechseln sollte.
    Anfangs hatten die Schlobewohner diese Phnomene mit einem geheimen
Schrecken betrachtet. Bald indessen tilgten die groen Eigenschaften des Mannes
und seine hinreienden Darstellungen den Schrecken, und es blieb nur eine starke
Neugier nach, was es mit jenem Farbenspiele fr eine Bewandtnis haben mge?
Diese Neugier war begreiflicherweise in dem alten Baron am strksten.
    Aber sie sollte auch an diesem Abende noch nicht gestillt werden. Denn
nachdem er mit seiner Tochter eine geraume Zeit auf die Rckkunft Mnchhausens
gewartet hatte, trat statt seiner der Bediente Karl Buttervogel in das Zimmer
und sagte: Mein Herr lt sich entschuldigen; er kann das Buch nicht finden.
Auch mu er - setzte der Mensch geheimnisvoll und halbleise hinzu - seine
chemischen Mittel brauchen.
    Mittel? Chemische Mittel? fragte der alte Baron besorgt. Ist Sein Herr
krank geworden?
    Das nicht, versetzte Karl Buttervogel, aber der Lebenspurze kam in
Abnahme und die Gassen mssen angewendet werden.
    Er will wohl sagen: Lebensproze, und: Gase? sprach der alte Baron nach
einigem Besinnen. Aber was soll denn das bedeuten?
    Ich wei nicht, erwiderte der Bediente mit einer wichtigen Miene. Es ist
noch nicht aller Tage Abend und mit meinem Herrn steht es so so. Ein gescheiter
Herr, ein gelahrter Herr, aber, aber, ich lobe mir Vater und Mutter!
    Der Schloherr drang vergebens in den Menschen, sich nher zu erklren. Das
neue Geheimnis hatte indessen nicht Zeit, in den Seelen der Schlobewohner
Wurzeln zu schlagen, denn Mnchhausens Reden waren gerade in den Tagen, welche
diesem Abende folgten, besonders gehaltreich, so da der alte Baron selbst die
Frage nach den Ursachen des Farbenspiels im Antlitze seines Gastes eine Zeitlang
verga.
    Wir werden im folgenden einige dieser Reden und Erzhlungen zur Kunde der
Lesewelt bringen.




                                   Anmerkung


Hier schlieen sich die Kapitel eilf bis fnfzehn an, welche der wohlwollende
Buchbinder der Spannung halber vorgeheftet hat. Ich habe ber die Ratschlge
nachgedacht, welche mir von diesem Manne heimlicherweise erteilt worden sind,
werde sie befolgen, und kann dem gnstigen Leser in den folgenden Bchern die
allerherrlichsten und kostbarsten Dinge versprechen. Der Mnchhausen wird ein
Buch, bei dem man nicht begreift, wie Gott der Herr, ohne es gelesen zu haben,
mit der Schpfung fertig geworden ist.
    Die deutsche Literatur hebt erst von meinem Mnchhausen an. Der gnstige
Leser glaube diesen Verheiungen! Ich htte mir zu denselben wohl eigentlich
einen von den jungen Leuten in Hamburg, Berlin oder Leipzig mieten mssen, aber
ich dachte zuletzt, eigne oder fremde Fabrik gelte gegenwrtig in diesem Artikel
gleich viel, und darum ersparte ich mir den Heuerlohn und die Komplimente.

                              Sechzehntes Kapitel



  Warum der Freiherr von Mnchhausen grn anlief, wenn er sich schmte oder in
                                  Zorn geriet

Nach so manchen interessanten Abenden fiel dem alten Baron wieder seine Frage
ein, welche er vorlngst hatte tun wollen. Es war eine schne Stunde des
Vertrauens; Mnchhausen hatte seit mehreren Tagen nur Dinge vorgetragen, die den
Schloherrn und seine Tochter auf das angenehmste berhren muten; selbst der
Schulmeister schien von seiner Verstimmung wieder etwas zurckgekommen zu sein.
    Der Wirt rckte daher dem Gaste, nachdem das sprliche Abendessen, bestehend
aus Salat und Eiern, verzehrt worden war, freundlich nher, und sagte: Ihr wrt
recht gefllig, lieber Mnchhausen, wenn Ihr uns heute eine stichhaltende
Hypothese ber Eure zweifarbigen Augen und Euer Ergrnen zum besten gbet.
Unmglich knnen Euch diese Naturwunder entgangen sein; nun seid Ihr aber ein
Mann, der ber alles nachdenkt, also habt Ihr gewi auch darber eine Hypothese
fertig.
    Keine Hypothese habe ich darber fertig, sondern ich wei, wie es damit
sicherlich zusammenhngt, versetzte Mnchhausen und zog die Augenbraunen in die
Hhe, da das blaue und das braune Auge noch gewaltiger hervortrat, als
gewhnlich. - Was die Zwiefarbigkeit meiner Sehorgane betrifft, so leiten sich
diese aus Geheimnissen meiner Erzeugung ab - werden Sie nicht rot, meine
Gndige, ich berhre diesen Punkt nicht weiter - die leider ber ganze Regionen
meines Daseins einen schwarzen Schatten werfen. Wie oft habe ich den Tagelhner
beneidet, der im sauren Schweie seines Antlitzes, bei dem harten Stcke
Schwarzbrot, welches seine Kinnladen zermalmen, doch den sen Trost nimmer
entbehrt: Du bist, wie jeder andre Mensch entstanden, und fhrest dahin, wo
deine Vter ruhn. Aber ich ... oh! - - Doch den Schleier ber diese Abgrnde!
Sie sind tief und schrecklich, armer Mnchhausen!
    Meine Freunde, ich kann Ihnen ber mein blaues und braunes Auge nur
folgendes sagen: Die Sfte, oder Substanzen, oder Materien, oder Spezies - -
Himmel, wie soll ich es anfangen, Ihnen die Sache deutlich zu machen, ohne
meinen sogenannten Vater blozustellen? - -
    Oder die Ingredienzien, oder die Simpla - -
    Meine Teuren, kennen Sie Mischungen?
    Lieber Meister, mhen Sie sich nicht ferner ab, sagte das Frulein weich
und herzlich; ich verstehe Sie ganz.
    O Gott, welches Glck, einander immer ohne Wort zu verstehen! rief
Mnchhausen und kte dem Frulein, wie gewhnlich, die Hand. Ich brauche also
von diesem Gegenstande nicht weiter zu reden, und wende mich gleich zu der
Erklrung des Grnwerdens, um -
    Ja, dabei verlieren wir aber! riefen der alte Baron und der Schulmeister
wie aus einem Munde; denn wir haben Sie durchaus nicht verstanden.
    Mnchhausen rusperte sich, antwortete und sprach:

   Rmische I. 0,208 Glyzerin + 0,558 Wasser + 1,010 Kohlensure bei 110
  getrocknet = Blau.
   Rmische II. 0,035 kohlensaures Natron + 0,312 Chlorwasserstoffsure + 0,695
  Glyzerin bei 108 getrocknet = Blau, zum Nachdunkeln geneigt.
Verstanden?
    Ja, das lt sich eher hren! riefen der Baron und der Schulmeister.
Dabei kann man doch etwas denken.
    Nun also genug von dem blauen und braunen Auge, sagte Mnchhausen. Was
mein Grnwerden betrifft, wenn andere Leute errten, so habe ich das von einem
furchtbar-tragischen Schicksale in der Liebe wegbekommen. Wenn es Sie nicht
ermdet, so will ich Ihnen einen kurzen Abri meiner Liebesschicksale liefern.
    Mnchhausen, Sie in der Liebe, es mu etwas Groes gewesen sein! rief das
Frulein mit leuchtenden Augen.
    Ja, mein Frulein, es war ein auerordentliches Schauspiel, erwiderte
Mnchhausen. Und besonders deshalb war es auerordentlich, weil ich die Liebe
nicht so auf das Geratewohl, wie andere junge Leute, sondern nach einem gewissen
Plane trieb. Ich bin, solange ich denken kann, immer klares Bewutsein gewesen;
alle Seelenkrfte lagen gesondert in mir, wie die Spezies in den Bchsen einer
Apotheke, ich habe Tage erlebt, an welchen ich zugleich mit dem Verstande
Schlufolgerungen machte, mir von der Phantasie goldene Luftschlsser vormalen
lie, und in unbestimmten Gefhlen schwelgte. So gelang es mir denn auch, den
mchtigsten Affekt, der den Menschen sonst berfllt, wie ein Feuer bei Nacht,
aus seinen Bestandteilen in mir aufzuerbauen, und mich auf die eigentliche
Hauptleidenschaft meines Lebens frmlich vorzubereiten. Ich war in die
Entwickelungsjahre getreten, und hatte mir klar gemacht, da die Liebe aus
Sinnlichkeit, Geist, Empfindung und Phantasie, Selbstsucht und Hingebung
bestehe. Also sechs Elemente, die ich nach und nach in mir durchzuarbeiten
versuchen mute.
    Ich hielt mich damals, in diesem Teile meiner wunderlich umhergeworfenen
Jugend im Palaste eines frnkischen Prlaten auf, der bei der gewaltsamen
Umkehrung der dortigen Verhltnisse die Prlatur verloren, die Einknfte
derselben jedoch zum greren Teile behalten hatte, und daher noch immer seine
Tage in Wohlleben hinbringen konnte. Hauptschlich hielt der alte Herr auf eine
leckere Tafel, und diesen Genu ihm vorbereiten zu helfen war auch ich bestimmt.
Ich entzndete das Feuer des Herdes, ich nahm die herkmmlichen Abwaschungen der
dem Dienste geweihten Gefe vor, ich setzte die Maschine in Gang, mit welcher
der Spie zusammenhing, des Bratens Halter; kurz, denn wozu Umschreibungen? ich
war Kchenjunge bei dem Prlaten, aber ich war ein denkender Kchenjunge.
    Der Prlat ging von dem Grundsatze aus, da eine jede Kchin nur die sechs
ersten Monate ihres Dienstes hindurch gut koche, nachher aber sich zu
vernachlssigen pflege. Er schaffte daher auch alle Semester eine neue Kochmagd
an, und ich erkannte bald, da, wenn ich bei ihm nur drei Jahre lang aushielte,
ich alle sechs Elementarstudien der Liebe mit den Kchinnen der sechs Semester
werde durchmachen knnen. Denn es war in dieser Kche hergebracht, da die
Kchin den Kchenjungen lieben mute. Die Sache hatte also keine Schwierigkeit.
    Das erste Vorstudium mute, wie sich von selbst versteht, die Sinnlichkeit
sein.
    Das Frulein wollte sich erheben. Mnchhausen hielt sie zurck und sagte:
Frchten Sie auch jetzt nichts, meine Verehrte, von der Sinnlichkeit, ich habe
von diesem Zeitabschnitte nur zu berichten, was selbst in einer Mdchenpension
mit angehrt werden knnte. Es diente damals in der Kche die alte Wally; wie
man sagte, eine natrliche Tochter von Lucinde Schlegel. Sie hie bei dem
Gesinde die Zweiflerin, weil sie in ihrer Hlichkeit und Welkheit daran
verzweifelte, noch einen Mann zu bekommen.
    Wenn man sie reden hrte, so htte man freilich glauben sollen, da sie ein
ziemlich freies Leben gefhrt habe, denn ihre uerungen klangen frech und
unanstndig genug. Aber der Kutscher, der auf seine Weise ein Sptter war,
behauptete, er habe sie von jeher gekannt; sie sei alle ihre Lebtage ber eine
garstige Person gewesen und schon deshalb von Snde frei geblieben. Ihre Zoten
seien nur wie die Krankheit der Hhner, wenn sie anfangen, zu krhen, ohne
gleichwohl durch solche Stimmbungen jemals die rechte Hahnenhaftigkeit zu
erringen.
    Wir hatten blo ein Titularverhltnis der Kchenordnung gem zusammen; ich
glaube, da wir uns kaum einmal die Hand gegeben haben. Dennoch lernte ich von
ihr, was Sinnlichkeit sei, nmlich der gerade Gegensatz von allem, was die alte
Zweiflerin von sich sehen und hren lie. Nachher hat sie freilich in der Welt
ausgebreitet, wir wren sehr zrtlich gewesen; ich htte, da mein Taufname zu
prosaisch geklungen, ihr Csar geheien, und was dergleichen Schnurren noch mehr
sind, woran kein wahres Wort ist.
    Die Sinnlichkeit hatte ich also nun theoretisch kennengelernt, die Wally kam
fort, und Seraphine wurde Kchin. Sie schimpfte gewaltig auf ihre Vorgngerin
und sagte, in ihr erscheine das wahre echte weibliche Wesen, wovon Wally nur ein
Zerrbild gewesen sei. Sie trug einen graugelben Umschlagetuch und befand sich
leider auch im ehernen Zeitalter, obgleich sie aus Jung-Deutschland stammte. Es
war ein sonderbares echt weibliches Wesen, dieser Seraph Seraphine! Ich schlug
aber mit ihr, oder mit einer Klappe zwei Fliegen, kriegte nmlich bei ihr
zugleich den Geist und die Empfindung in der Liebe weg, hatte sonach groen
Profit von ihr, denn ich sparte durch sie ein Semester. Unser Bndnis kam
folgendermaen zustande. Ich spickte just einen Hasen auf der einen Seite, und
sie tat es auf der andern Seite. Da sah sie verschmt auf, warf mir einen
seelenvollen Blick zu, da sich mir das Herz im Leibe umdrehte, und fragte: Will
Er mich, mit Erlaubnis zu sagen, lieben, Musje? Ich versetzte: Ja, wenn Sie so
befehlen, Jungfer Seraphine. Darauf gaben wir uns ber dem Hasen einen Schmatz
und spickten den Hasen, trunken von Entzcken, fertig. Wie ich sie beschrieben,
so war die Form der Bundschlieung in der Prlatenkche. Die Kchin mute
observanzmig anfangen, der Kchenjunge durfte es beileibe nicht, er htte,
wenn er sich unterstanden, zuerst den Liebesantrag zu machen, von der Geliebten
die schnsten Ohrfeigen gekriegt.
    Die Seraphine war auf zwei Tage mit ihren Gaben eingerichtet. Den einen Tag
war sie nmlich voll Geist, und den andern voll Empfindung und so immer
regelmig einen um den andern Tag abwechselnd. Ich bekam also von ihr den Geist
und die Empfindung in der Liebe. Damit war es aber folgendermaen bestellt. Sie
liebte eine Herzstrkung in der Stille zu nehmen, konnte jedoch nicht viel
vertragen und wurde leicht duselig. In diesem Zustande hatte sie Geist, das
heit, sie sprach Zeug, was kein Mensch verstand. Den andern Tag hatte sie den
Katzenjammer, da war sie voll Empfindung. Ich machte ihr nun alles dieses nach,
um das Verhltnis im Schwunge zu erhalten. Aber unglcklicherweise war es gleich
in der Anlage versehen worden. Ich hatte nmlich an dem Tage, wo sie den
Katzenjammer ausstand, der Flasche zugesprochen, und war geistvoll geworden. Den
folgenden Tag, wo sie wieder Geist bekam, befand ich mich im Katzenjammer und in
der Empfindung, und so ging nun das Verfehlen immer fort, wir paten nie
aufeinander, mein Katzenjammer traf auf ihren Geist, und mein Geist auf ihre
Empfindung. Daraus entstanden natrlich heftige Znkereien, unter denen die
Kchenangelegenheiten litten, so da auch der Prlat sich gentigt sah, sie noch
vor Ablauf ihres Semesters fortzuschicken. Es war ein Glck. Ich bin nie der
strkste gewesen, und kann wohl sagen, da ich auf dieser Liebesstation
jmmerlich heruntergekommen war.
    Die folgende Kchin hie das Kind, weil sie sich selbst so nannte. Warum?
wei ich nicht, denn ich glaube schwerlich, da sie zu denen gehrte, von denen
gesagt worden ist: So ihr nicht werdet, wie diese usw. Die konnte einem was zu
raten aufgeben. Zuweilen war sie stundenlang verschwunden, und wenn wir sie
suchen gingen, fanden wir sie auf dem Dache sitzen, oder sie kam auch wohl
schkernd auf einem Besen den Rauchfang herabgefahren. Es kann kein Menschenwitz
erfinden, was fr Zeug das Kind zusammenzuflunkern verstand. Ihr Hauptkunststck
aber war - Ach, gndiges Frulein, wenn ich nicht irre, wurden Sie drauen
gerufen.
    Das Frulein verstand diesen zarten Wink und ging hinaus, mit dem
dankbarsten Blicke auf Mnchhausen. Er fuhr fort: Das Kind konnte nmlich
radschlagen, oder Purzelbume schieen, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen.
Wie sie es mglich gemacht, wei ich nicht, aber die Sache ist richtig; sie
kehrte ihr Unterstes zuoberst, und alle Kenner und Stimmfhrer, die zusahen,
versicherten einstimmig, sie habe die weibliche Schamhaftigkeit dadurch nicht
verletzt, vielmehr seien ihre Purzelbume eine wahre Bereicherung der hheren
Gemtswelt.
    Bei ihr studierte ich die Phantasie der Liebe. Unsre Liebe war nmlich pure,
klare Phantasie, wir konnten einander leiden wie Hund und Katze; aber die
hochtrabendsten Sachen schrieb sie darber, wahre Hymnen; und hinterher wute
sie mir doch immer so einen recht tchtigen Kniff abzugeben, da ich htte
aufschreien mgen. Die gemeine Sage bleibt wahr, die von den *s, wozu sie
gehrte, behauptet, diese fingen in der Schalkheit da an, wo andere Schlke
aufhrten. Es ist ein Buch ber das Kind verfat worden, worin es das
personifizierte Mittelalter genannt wird. Nun, es hatte denn freilich auch schon
ein mittleres Alter erreicht, und die Schnheit drckte es ebenfalls nicht
sonderlich mehr, als es sich auf kindische Weise der Phantasie in der Liebe
ergab. Ich war recht vergngt, als ich des Kindes quitt war, denn Sie glauben
nicht, wie sehr solche Einzelstudien der Liebe angreifen.
    Die folgenden beiden Kchinnen, Jule und Jette, waren die besten von allen,
sie waren reine Kchinnen, ohne Geist, Empfindung, Phantasie. Bei diesen lernte
ich die Selbstsucht und die Hingebung der Liebe. Nmlich Julen, die den Herrn
betrog, wo sie konnte, brigens aber das rechtschaffenste, gutherzigste Ding von
der Welt war, nahm ich alle ihre Schwnzelpfennige, die sie sich bei den
Markteinkufen machte, ab. Sie schnellte blo fr mich; wahrhaftig, so tat sie.
Ich aber brauchte Geld, ich wollte mir gern einen neuen Rock kaufen und Rumohrs
Geist der Kochkunst, um mich in meinem Fache auszubilden. Ich sagte immer zu
ihr: Gebe Sie nur her, Geliebte; Geben ist seliger als Nehmen; ich gnne Ihr die
Seligkeit, und bin mit dem Geringeren, mit dem Gelde zufrieden. Was hatte ich
davon? Meine fnfte Probegeliebte, die Jette, ein durchtriebener Vogel, hat mir
die ganze Summe wieder gemaust, als wir unter Schwren der Zrtlichkeit
schieden. Nun, Hingebung mu auch sein; ich habe es ihr nicht nachgetragen.
    Mnchhausen machte eine Pause, um sich zu erholen. Das Frulein war wieder
eingetreten. Nach einigem Schweigen, whrenddessen er einen Blick, in dem die
ganze Schwrmerei der Jugend leuchtete, zum Himmel emporgeschickt hatte, fuhr er
also fort:
    O, was ist die gewhnliche, unbewute, roh-zutppische Liebe gegen die
bewute Liebe, gegen die Liebe, die nach Prinzipien liebt? Jahre waren
verflossen, die Kche lag weit hinter mir. Das Spiel des Lebens sah mich heiter
an vom grnen Tisch, wenn stark pointiert wurde, und die Kugel fr die Bank
sprang. Mnchhausen war ein Mann geworden, ein Mann im vollen Sinne des Worts.
Dennoch trafen auch ihn die Zweideutigkeiten des Glcks. Ich hatte eine kleine
Verdrielichkeit gehabt, die mich zwang, inkognito zu leben, weit, weit von
hier.
    Nun mu ich Sie, meine Freunde, mit einer Eigenschaft bekanntmachen, die mit
den Geheimnissen meiner Erzeugung zusammenhngt. Je reifer ich wurde, desto mehr
entwickelten sich in mir gewisse mineralische, oder genauer zu reden,
metallische Bezge, so da ich von Geld nicht reden hren konnte, ohne in ein
Zittern der Ekstase zu geraten. Da sah ich in meinem Inkognito, welches so
streng war, da ich nur verstohlen ausgehen durfte, die, welche alle sechs
Bestandteile der Liebe zu einem groen Ganzen in mir kombinierte. Sie war nicht
schn, sie hatte wenig Verstand und keine Eigenschaften, dennoch - - aber mein
gndiges Frulein, mich dnkt, Sie werden schon wieder drauen gerufen.
    Emerentia stand abermals auf, warf von neuem einen dankenden Blick auf den
Erzhler, und sagte: Mnchhausen, ich habe Sie immer verehrt, aber von heute
bete ich Sie an. Darauf ging sie wieder hinaus.
    Zum Geier! rief der alte Baron, warum schickt Ihr denn heute meine
Tochter immer fort?
    Ihr Zartgefhl zu schonen, versetzte der Freiherr. O knnten wir so alle
Frauen zur Literatur hinausschicken, die getauften und die gyptischen
Marquisen, dann sollten Sie einmal sehen, wie bald alles krftig wieder in Witz,
Laune und Ironie aufblhen wrde!
    Meine Geliebte war also nicht schn, nicht klug, nicht angenehm, aber sie
sagte mir, da sie eine auerordentlich reiche Erbin sei. Und sowie dieses Wort
erklungen war, regten sich in mir die metallischen Bezge, und, Sie mgen es
glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr; es tat in mir
einen Ruck, da mir die Rippen krachten, wie dem Filippo Neri, als ihm das Herz
schwoll, und auf einen Schu, wie sechs Rosen von Damaskus an einem Stengel,
brachen in mir auf
    1. die Sinnlichkeit |
    2. der Geist |
    3. die Empfindung |
    4. die Phantasie  in der Liebe.
    5. die Selbstsucht |
    6. die Hingebung |
    Mich soll der Teufel holen - denn ich werde allemal lyrisch, wenn die selige
Rckerinnerung an diese Tage ber mich kommt - habe ich meine angebliche reiche
Erbin nicht geliebt, wie noch nie eine Frauensperson geliebt worden ist! Ich war
sinnlich, aber nie ohne Empfindung, denn ich weinte immerfort, so da ich mir
eine Trnenfistel zuzog. Geist spendierte ich, da es nur so eine Art hatte; wie
oft rief ich: Arm in Arm mit dir fhle ich eine Armee in meiner Faust! Ich habe
Heroenmut, den alten Sauerteig des Jahrhunderts wegzufegen, und die Kuzlein aus
den Hhlen zu treiben, worin sie noch immer blinzelnd ber ihren verlegnen
faulen Eiern brten, denen nie eine lebendige Wirklichkeit entkriechen wird!
    Mnchhausen! fuhr der Schloherr auf; die Geschichte nimmt eine
unangenehme Wendung. Das Alte ist gut, und man mu wohlerworbene Rechte achten.
Auch er ging hinaus.
    Meine Geschichte mu zu Ende, und da niemand sonst mehr hier ist, so will
ich sie Ihnen auserzhlen, Herr Schulmeister, sagte der Gast des Schlosses
Schnick-Schnack-Schnurr. Hingebung und Selbstsucht fluteten wie zwei Strme
durch unser Verhltnis. Ich gab ihr mein Herz, mehr wert, als eine Million, und
bekam von ihr manchen Louisdor. Schne, freundliche Taille des Lebens, in
welcher beide einsetzten, gewinnend zu verlieren! Da die Phantasie nicht leer
ausginge, ersann ich ein freundlich Mrchen, ich stamme von Frstenblut ab,
sagte ich ihr, sagte es ihr so oft, da ich es endlich selbst glaubte.
    Der Schulmeister warf das Haupt in den Nacken, als habe er einen Schlag vor
die Stirne bekommen. Seine Lippen krempelten sich zu einer Art von Wulst
zusammen; er sah sehr verdrielich aus.
    Mnchhausen aber achtete in seinem Feuer dieses Umstandes nicht. Herrlicher
Traum! warum mute ich aus dir erwachen? rief er. Ich htte ja alles gern
dulden wollen, das Erkalten der Geliebten, die Entdeckung, da sie schon andre
vor mir geliebt, und was sonst noch Widerwrtiges an und von ihr? Warum aber
mutest du mich so hart prfen, Schicksal? Warum berhrtest du die Stelle, wo
ich sterblich war, da du doch meine inneren metallischen Bezge kanntest?
    Es kam der Tag -

o lat von ihm
Sich Hllengeister nchtlich unterreden!

- es kam der Tag, an welchem unheimliche Gestalten in mein Leben traten,
bedrohliche Gewalten mich umspannen mit geisterhaftem Netz und die grause
Trennung befahlen. In den Schaudern jenes Augenblicks sagte sie mir unter andern
Kleinigkeiten, zu denen unser Verhltnis gefhrt hatte, das entsetzliche Wort:
mit der reichen Erbschaft werde es klglich genug ausfallen, denn sie habe
erfahren, da ihr Vater arm, wie eine Kirchenmaus sei. - Das traf! Ich fhlte
meine Sfte gerinnen, ich fhlte, da sie sich nach neuen chemischen Gesetzen
mischten und entmischten. Meine Gebeine schlotterten, und obschon ich bald meine
uere Fassung wiedergewann, so merkte ich doch, da ber meine Wangen ein
fremdes Etwas lief, als ich errten wollte. Die Elemente in mir waren in
Aufruhr, und aus diesem Chaos haben sich denn ganz neue Humoralgruppen in mir
gestaltet.
    Seit jenem Tage sah ich immer bleich aus, und wenn mir nachmals Zorn,
Schreck, Freude, Scham das Blut in das Gesicht trieb, so lief ich grn an.
Dieses Ergrnen kam daher, da ich durch die furchtbare Entdeckung meiner
sechsten oder Hauptgeliebten alle Verwandtschaft mit edlen Metallen einbte,
und da daher eines der unedlen, nmlich cuprum oder Kupfer, mir in das Blut
trat. Kupfer steckt in jedem menschlichen Krper nach den neuesten
Untersuchungen; bei meiner Entstehung aber war etwas zuviel davon verwendet
worden, und der berschu ging mir ins Blut. Wenn ich mir zur Ader lasse, kriegt
der Cruor eine ganz grne Haut. Alle mgliche Mittel habe ich gebraucht, um die
Sache wieder in das Geschick zu bringen, jedoch vergebens. Es ist immer
angenehmer, rot zu werden, als grn. Ich bin durch die Kuprositt meines Blutes
in so manchen unschuldigen Freuden gehemmt. So darf ich nichts Saures genieen,
keine Gabelspitze Salat, denn, habe ich mich einmal in dieser Beziehung
vergessen, gleich schlgt der Grnspan mir an allen Gliedern aus, wie das Manna
an der btissin Agnes von Monte Pulciano. Es ist sehr lstig. Berzelius in
Stockholm, der mich vielfach analysiert hat, warnte mich vor Zinn- und
Zinkgruben, weil Zinn und Kupfer Glockenspeise, Zink aber damit vermischt,
Tombach gibt, und die Ausdnstungen in jenen Gruben mir leicht eine abermalige
metallische Komposition zuziehen knnten. Sie ermessen, wie unangenehm mir bei
meiner Wibegierde und Reiselust solche Beschrnkungen vorkommen muten, und
noch dazu, da ich gerade den Rammelsberg bei Goslar, wo sie auf Zink bauen,
besuchen, und von da nach den Zinnbergwerken von Cornwall reisen wollte. Ich
schlug nachher die Warnung in den Wind und befuhr dennoch die Zinkgrube am
Rammelsberge bei Goslar. Es waren bse Wetter darin, mir wurde hei und schwl.
Als ich mit meinem Steiger wieder an das Tageslicht gekommen war, sah er mich
verwundert an, und sagte; Mein Herr, Sie mssen an Mennige gekommen sein, denn
Sie sind orangegelb im Gesicht geworden. Er wollte mich abwischen; mir aber fiel
die Warnung ein, ich lie mir einen kleinen Handspiegel reichen, und siehe da!
ich war wirklich im Antlitz hochgelb, wie eine reife Pomeranze. Mein Blut war in
der Zinkgrube tombachen geworden. Ich schmte mich vor dem Steiger, sagte ihm,
ich wisse nicht, was es sei, aber abwischen helfe nichts. Recht beschmt ging
ich von dem Grubenhuschen fort, aus dem mir der Steiger mit allen alten und
jungen Burschen, Zimmerhuern und Pochjungen, die gerade zu Tage waren,
verwundert und lchelnd nachsah.
    Das bichen Zink wurde ich zwar glcklicherweise wieder los durch eine
Schmelzkur, aber die Reise nach Cornwall mute ich zu meinem grten Leidwesen
aufgeben. Was wre daraus geworden, wenn mich die Zinndmpfe noch gar in
Glockenspeise umgesetzt, und wenn ich angefangen htte, ohne Privilegium zu
luten?
    Solche metallische Naturspiele im Menschen bleiben also immer hchst
verdrielich. Kupfer im Blute ist so schlimm, als Kupfergeld in der Tasche.
Nicht leicht ward ein Sterblicher gleich mir in der Liebe gezchtigt. Ich habe
aber auch durch dieses Schicksal einen solchen Widerwillen gegen die
Leidenschaft bekommen, da ich mich nachher nie wieder dazu verstehen wollte,
obgleich ich Grfinnen, Frstinnen und Prinzessinnen die Hlle und die Flle
haben konnte. Vornehme Damen haben hufig den seltsamsten Geschmack in der
Liebe. Daher mochte es rhren, da die ganze vornehme weibliche Welt hinter mir
her war, wo ich erschien. Sie wandten den schnsten Adonissen in Dolman,
Ulanencollet und Legationsfrack den Rcken, wenn ich, der schlichte Partikulier,
der unscheinbare Privatgelehrte, dahertrat mit dem pentelischen Marmorkolorit
und grn anlief. Was fr Erklrungen habe ich anhren, was fr Winke berhren
mssen, welches Unheil habe ich gestiftet! In Dnkelblasenheim machte ich grne
Schminke Mode, weil die regierende Herzogin gesagt hatte, in mir sei der
ewiggrne Gott der Jugend erschienen, und die ganze hhere Welt die Andeutung
verstand. Sie waren eben einmal wieder ganz aschgrau geworden in
Dnkelblasenheim; nun strichen sie sich grn an und meinten, sie htten die
Jugend damit. - An einem andern Orte fiel mir die Prinzessin von Mezzo Cammino
da Napoli di Romania zu Fen und bat mich um Gottes willen, ihr nur wenigstens
eine Exspektanz auf mein Herz zu geben. Sie tat mir in der Seele weh - sie war
eine schne Person - aber gebrannte Kinder scheuen das Feuer! Ich hob sie
hflich auf, fhrte sie zum Sofa und sagte: Durchlaucht, es geht nicht. Ich habe
einmal Unglck in der Liebe und wer wei, was durch Sie bei mir in Konfusion
gebracht wrde. Sie dauern mich, liebe Durchlaucht, aber jeder Mensch ist sich
selbst der Nchste.
    Den hchsten Abscheu empfinde ich vor meiner ehemaligen sechsten oder
Hauptgeliebten. Ich habe mir tausendmal gesagt: Sie konnte ja nichts dafr, da
sie keine reiche Erbin war, aber - die Natur lt sich nicht zwingen. Immer und
immer durch Grnspan an die Enttuschung ber seine schnsten Hoffnungen
erinnert zu werden, ist am Ende auch keine Kleinigkeit! Der Mensch bleibt
Mensch. Ich glaube, da, wenn ich die Hauptgeliebte wiedershe, ich mich nicht
wrde fassen knnen, ich, der ich doch sonst so ziemlich mich zu beherrschen
wei.

                             Siebenzehntes Kapitel



Die drei Schlobewohner erteilen dem Freiherrn von Mnchhausen vernnftigen Rat;
  er aber bleibt auch fr den Bedienten Karl Buttervogel teilweise ein Rtsel

Nachdem Mnchhausen seine Erzhlung vollendet hatte, fragte er den Schulmeister,
warum der alte Baron fortgegangen sei, und noch immer nicht wiederkomme?
    Herr von Mnchhausen, versetzte Agesilaus, Sie haben zwar auf eine eben
nicht freundliche Weise in Ihrer Liebesgeschichte meiner teuersten berzeugungen
gespottet, indessen ist meine Sinnesart nicht so beschaffen, andern etwas
nachzutragen, und ich kann ganz gerne Unrecht leiden, ohne mich dafr zu rchen.
Ich will Ihnen, trotz Ihrer satirischen Anspielungen auf mich, in betreff unsres
alten Herrn einen wohlgemeinten Rat erteilen.
    Welche satirische Anspielungen auf Sie, Herr Schulmeister?
    Sie beliebten zu sagen, da Sie jenem Frauenzimmer eine frstliche
Abstammung vorgelogen htten. Ich aber erlaube mir, Ihnen zu versichern, da,
wenn ich eine hnliche Abstammung von mir aussage, damit keinesweges Lgen
vorbringe, welche ich berhaupt herzlich verabscheue.
    Ich beteure, Herr Schulmeister, da meine Seele nicht an Sie gedacht hat.
Groer Gott, kann denn ein Erzhler nicht einmal in dieser Einde den Deutungen
entgehen?
    Wohl, diese Angelegenheit bleibe, wie manches andere, vorderhand auf sich
beruhen, sagte der Schulmeister. Der Rat, den ich Ihnen erteilen wollte, ist
folgender. Unser alter Herr hat sich die Rckkehr frherer Verhltnisse, und die
Hoffnung auf das Amt, welches er sein angebornes nennt, steif und fest in den
Kopf gesetzt. In dieser Beziehung ist er toll, und schon lange qult mich die
Besorgnis, da aus der Geheimeratsidee, wenn wir sie nicht so sehr schonten,
einmal pltzlich der vllig ausgewachsene Wahnsinn hervorspringen wird. Sie aber
rhren unvorsichtig - verzeihen Sie meine Freimtigkeit, Herr von Mnchhausen -
nur zu oft daran, wie es denn heute abend auch noch geschehen ist. Und es wre
doch schlimm, wenn der sonst so vortreffliche und geistesgesunde Mann
mutwilligerweise von uns andern Vernnftigen um seine Besinnung gebracht wrde.
    Die menschliche Seele hat, wie der Krper, nur ein bestimmtes Ma von
Krften des Wachstums, fuhr der Schulmeister fort. Ward dieses erschpft, so
bleibt der Mensch geistig stehen, wie er nach dem zwanzigsten Jahre nicht mehr
leiblich wchst. Deshalb begreift das Alter die Jugend nicht, und ungewhnliche
Ereignisse finden darum immer nur bei denen Anklang, die noch im geistigen
Wachstum stehen. Kann sich nun der Mensch mit allen seinen Seelenkrften
vollstndig in die von der Natur ihm bestimmte Lnge und Breite legen, so wird
er nicht verrckt, sondern er bleibt an einem Ziele stehen, andernfalls aber
geht es ihm wie einem, der in der Entwickelungszeit eine starke Hemmung erleiden
mu; der berschu von Krften schlgt ihm als Krankheit nach innen und er
bekommt einen Stich. Unser alter Herr war durchaus bestimmt, Geheimer Rat auf
der Adelsbank zu werden, da wre er stehen, oder vielmehr sitzen geblieben, und
als vllig vernnftiger Mann zu seinen Vtern versammelt worden. Weil er aber
bis dahin nicht vordringen konnte, so setzte sich ihm der Geheime Rat
gewissermaen als Knoten in die Seele, der, nicht gereizt, vielleicht ein
ruhiges Lebensende herankommen lt, gerieben und entzndet aber, einen
unheilbaren Brand auch ber die noch gesunden Teile des Geistes verbreiten
mchte.
    Der Freiherr wunderte sich ber die Weisheit des Schulmeisters und gelobte,
seinem Rate Folge zu leisten. Darauf zndete Agesilaus seine Handlaterne an und
ging nach dem Gebirge Taygetus, berzeugt, ein gutes Werk getan zu haben.
    Mnchhausen suchte den alten Baron auf und fand ihn drauen im Mondschein
hinter dem Schlosse wandeln. Er wollte ihn um Entschuldigung bitten, der andere
fiel ihm aber in die Rede und sagte: Lat doch die Narrenpossen; ich habe Euch
den Hieb lange vergeben, da ich wei, da Ihr mich nicht absichtlich beleidigen
wolltet. Zudem knnt ihr andern auch gar nicht fassen, was es bedeutet, durch
die Geburt zu einer Ehre, oder einem Vorzuge, oder einem Amte, wie der
Geheimeratsposten ist, bestimmt zu sein. Ihr redet also ber solche Sachen, wie
der Blinde von der Farbe, und man mu euch euer Geschwtz darber nicht so
belnehmen. Nein, ich blieb nur hier drauen, weil ich, aufrichtig gesagt, an
Liebessachen keinen sonderlichen Anteil nehme und dachte, Ihr wrdet wohl so
gtig sein, mir einmal unter vier Augen ohne Umschweif das Ergrnen zu erklren.
berhaupt wnschte ich, bester Mnchhausen, meiner Tochter wegen, Ihr sprchet
von Romanenangelegenheiten wenig oder gar nicht mehr.
    Meine Tochter hat in diesem Punkte einen Sparren, fuhr der Alte mit
leiserer Stimme fort, indem er dicht zu Mnchhausen trat. Es ist immer schlimm,
wenn die Frauenzimmer nicht heiraten, oder keine Kinder bekommen, denn auf
Zrtlichkeit sind denn doch nun einmal die armen Dinger durchaus gestellt, und
die versetzt sich ihnen dann leicht, da sie entweder langweilige, empfindsame
Bcher schreiben, oder mit Papageien und Schohunden quengeln, unertrglich fr
andere. Meine Tochter hlt sich nun weder Schohund noch Papagei, dagegen einen
Gedanken-und Erinnerungsliebhaber, mit dem sie verkehrt, wie mit einer
lebendigen Mannsperson. Besonders im Mondschein, wie jetzo, ist sie immer sehr
aufgeregt, und deshalb htet Euch, Freund, diesen Zustand zu steigern; bedenkt,
was fr ein Elend fr mich alten Mann es wre, wenn ihre Krankheit aus diesem
stillen und sonst unschdlichen Faseln in einen lauten Raptus berginge!
    Mnchhausen fehlte die Zeit, dem Vater beruhigende Versicherungen zu geben,
denn in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens entstand ein Gerusch
und hervor trat Frulein Emerentia, die in der Laube der ganzen Rede zugehrt
hatte. Zum Henker, rief der alte Baron, das habe ich sauber gemacht! Er
entfernte sich eilig in das Schlo.
    Emerentia nherte sich Mnchhausen und sprach mit sanfter Stimme: Es ist
eine zu alte Erfahrung, da die hherstehende Natur von ihren Umgebungen fr
wahnwitzig gehalten wird, als da mich die Worte des Vaters verletzen knnten.
Vergebung daher ihm, und ferne sei es von mir, das Recht der Wiedervergeltung zu
ben und Sie auf seine Einbildungen aufmerksam zu machen.
    Aber Dank bin ich Ihnen schuldig, teurer Meister, fr die unvergleichliche
Zartheit, mit welcher Sie mich heute zweimal aus dem Zimmer sendeten. Eine so
rcksichtsvolle Behandlung tut unendlich wohl. Ich mu Ihnen meinen Dank durch
eine Warnung bettigen. Hten Sie sich vor dem Schulmeister, reizen Sie seine
Ihnen bekannte Verrcktheit nicht durch hingeworfene uerungen, welche er auf
sich und seine fixe Idee beziehen kann. Ich habe Ursache, zu glauben, da die
Krankheit dieses Mannes im Steigen ist; denn er kocht schon die sogenannte
schwarze Suppe, ohne ihrer bentigt zu sein und schlft zuweilen im Freien auf
dem lcherlichen Gebirge Taygetus - Zeichen gewi einer innerlichen Grung.
Welches Unglck, wenn er pltzlich wtend wrde, den Vater, wie leicht mglich,
ansteckte, und beide die Riesenkraft der Raserei entfalteten! Wir Vernnftigen
wren schwerlich imstande, sie zu bewltigen, ja nur uns vor ihnen zu retten.
    Das Frulein fuhr fort: In den Stunden, in welchen ich der Empfindung nicht
nachhing, habe ich viel ber den Wahnsinn nachgedacht und bin auf folgendes
Resultat gekommen. Aller Wahnsinn ist eigentlich eine krankhafte Richtung der
Natur, das Individuum in das Malose zu erweitern, und ber die Schranken
hinaus, welche die Selbstverleugnung und eine edle Ergebung in die Beschlsse
des Schicksals ihm setzt, ihm Gter, Gefhle und Gensse anzueignen. Deshalb ist
die geistige Krankheit auch verhltnismig hufiger bei Personen aus den
geringen Stnden, die so vieles entbehren mssen, und schafft bei ihnen die
Einbildung, da sie Knige, Kaiser, ja Gott seien, oder da sie groe Schtze
besitzen. Auch die Furcht vor Feinden und Verfolgern, welche nicht selten als
uerung des Wahnsinns auftritt, und auf den ersten Anblick meiner Erklrung zu
widersprechen scheint, besttigt sie doch nur. Solche arme und unangesehene
Leute haben nicht selten das geheime, nagende Gefhl ihrer Unbedeutendheit; nun
kann nur ein Zufall, ein Migeschick ihre Seele erschttern, so fangen sie an,
eine ertrumte Wichtigkeit in der Menge von geheimen Feinden, welche ihnen die
schwrmende Phantasie vorgaukelt, zu genieen. Daher kommt es denn auch im
Gegenteil, da Frsten und vornehme Personen, wenn sie ihren Verstand verlieren,
in Stumpfsinn und Hinbrten zu verfallen, oder sich ganz alberne Ideen
einzubilden pflegen, wie z.B. da sie von Glas seien, einen Sperling im Kopfe
tragen und was dergleichen mehr ist. Natrlich; sie haben schon alles, was das
menschliche Herz begehrt, deshalb mu die kranke Seele entweder ber dem
Ungestalteten brten, oder sich mit den abenteuerlichsten, von Wunsch und
Begehren ganz fernen Vorstellungen nhren.
    Die Anwendung dieser allgemeinen Bemerkungen auf den Schulmeister zu machen,
ist sehr leicht. Die Natur hatte ihm eine Beimischung von Selbstgefhl gegeben,
welche mit seinem geringen Amtsberufe nicht in Einklang stand, und diesen
Einklang hat er sich nun durch seine stolze Trumerei von der spartanischen
Abkunft luftschloartig gestiftet und erbaut.
    Mnchhausen erstaunte noch mehr ber diese Rede, als ber die der andern
Personen, welche er heute abend hatte sprechen hren. Er ging auf sein Zimmer,
roch in die Luft hinaus, wie er oft zu tun pflegte, um die Beschaffenheit
derselben fr seine Zwecke zu erkunden, setzte sich auf sein Bett, und lie sich
vom Bedienten Karl Buttervogel, welcher inzwischen mit dem Waschwasser
hereingekommen war und seinem Herrn die Nachtmtze aufgesetzt hatte, die
Stiefeln ausziehen.
    Karl, sagte Mnchhausen, wir sind hier in einem Tollhause. Der alte
Baron, das Frulein, der Schulmeister sind smtlich verrckt. Jeder von ihnen
hat merkwrdigerweise einen klaren Blick in den Zustand des andern, und was noch
merkwrdiger ist, sie reflektieren uerst gescheit ber den Wahnsinn. Aber nimm
dich doch in acht; denn solche Zustnde knnen durch die geringste Veranlassung
gesteigert werden.
    Ich werd' schon, versetzte Karl Buttervogel, indem er seinem Herrn die
Beinkleider abstreifte. Dem Frulein hab' ich lang' was angesehen, sie schiet
zuweilen so verzwickte Blicke auf mich. Aber gndiger Herr, warum sind wir denn
so fortgegangen, wo uns die drei Herren so reichlich in allem unterhielten, und
Sie nichts zu tun hatten, als sich ein paar Stunden von ihnen studieren zu
lassen? Und warum kriechen wir hieher in dieses verwunschene Schlo, wo sich
wahrhaftig keine Maus satt fressen kann? Ich liege in einem dunkeln Loche, weder
von Sonne noch Mond beschienen, und will ein Halunke sein, wenn ich seit drei
Tagen Fleisch gerochen habe! Dazu sind die Wanzen in meiner Spelunk', jeden
Morgen bin ich zerbissen, als htte ich mich mit sechs Jagdhunden herumgebalgt!
Lassen Sie uns je eher, je lieber fort, gndiger Herr, denn so gern ich Ihnen
diene, hier halte ich es nicht lange aus.
    Hier bleibe ich, solange die Ursache dauert, welche mich hergefhrt hat;
erwiderte der Freiherr mit Ansehn.
    Die Ursache, welche hergefhrt hat, sagte Karl Buttervogel, ist doch nur,
da Sie vom Pferde fielen, und diese hat aufgehrt.
    O du Tor und Kurzsichtiger, rief Mnchhausen zornig, der du immer nur den
Sturz vom Pferde erkennst und nicht wahrnimmst - -
    Was, mein gndiger Herr?
    Nichts! versetzte Mnchhausen barsch, warf sich auf sein Bette, da die
Not- und Hlfssponde, welche der Schulmeister roh zusammengefgt, knackte, und
schlief sogleich ein.
    Karl Buttervogel stand mitten im Zimmer, die Kleidungsstcke seines Herrn
auf dem Arme, und sagte, als er ihn schnarchen hrte: Es ist wahrhaftig recht
schlecht von meinem Herrn, da er mir nicht sagen will, warum wir hier in dem
vermaledeiten Neste bleiben? Keinen Lohn kriegt man von ihm, sondern wird ewig
vertrstet auf die Zeit, wo er die Luft wird festmachen knnen, wie sie's in
Paris tun, und dennoch kein ganzes Zutrauen! Ich wei doch, da er nicht mit
rechten Dingen in die Welt gekommen ist, warum sagt er mir denn nicht, was er
hier vorhat?


                                  Zweites Buch

                                Der Wilde Jger

                                 Erstes Kapitel

                                 Der Hofschulze

Im Hofe zwischen den Scheuren und Wirtschaftsgebuden stand mit aufgekrempten
Hemdrmeln der alte Hofschulze und schaute achtsam in ein Feuer, welches
zwischen Steinen und Kloben am Boden entzndet, lustig flackerte. Er rckte
einen kleinen Ambo, der danebenstand, zurecht, legte sich Hammer und Zange zum
Griffe bereit, prfte die Spitzen einiger groen Radngel, die er aus dem
Bruststcke des vorgebundenen Schurzfells zog, legte die Ngel auf das
Bodenbrett des Leiterwagens, dessen Rad er ausbessern wollte, und drehte die
Stelle des Rades, von welcher ein Stck Schiene abgebrochen war, achtsam nach
oben, worauf er durch untergeschobene Steine das Rad in seiner Stellung
festigte.
    Nachdem er wieder ein paar Augenblicke in das Feuer gesehen hatte, ohne da
seine hellen und scharfen Augen davon zu blinzeln begannen, fuhr er rasch mit
der Zange hinein, hob das rotglhende Stck Eisen heraus, legte es auf den
Ambo, schwang den Hammer darber, da die Funken sprhten, schlug das noch
immer glutrtliche um das Rad, da wo die Schiene fehlte, schlug und schweite es
mit zwei gewaltigen Schlgen fest, und trieb dann die Ngel, welche es in seiner
weichen Dehnbarkeit noch immer leicht hindurchlie, an ihre Pltze.
    Einige der strksten und heftigsten Schlge gaben dem eingefgten Stcke das
letzte Geschick. Der Schulze stie mit dem Fue die vor das Rad gelegten Steine
hinweg, fate den Wagen bei der Stange, um das geflickte Rad zu prfen, und zog
ihn ungeachtet seiner Schwere ohne Anstrengung quer ber den Hof, so da die
Hhner, Gnse und Enten, welche sich ruhig gesonnt hatten, mit groem Geschrei
vor dem rasselnden Wagen entflohen, und ein paar Schweine aus ihrem eingewhlten
Lager grunzend auffuhren.
    Zwei Mnner, von denen der eine ein Pferdehndler, der andre ein Rendant
oder Rezeptor war, hatten, unter der groen Linde am Tische vor dem Wohnhause
sitzend und ihren Trunk verzehrend, der Arbeit des alten, rstigen Mannes
zugesehen. Das mu wahr sein, rief jetzt der eine, der Pferdehndler, Ihr
httet einen tchtigen Schmidt abgegeben, Hofschulze!
    Der Hofschulze wusch in einem Stalleimer voll Wasser, welcher neben dem
kleinen Ambosse stand, sich Hnde und Gesicht, go dann das Feuer aus, und
sagte: Ein Narr, der dem Schmidt gibt, was er selbst verdienen kann. Er nahm
den Ambo, als sei er eine Feder, auf, und trug ihn nebst Hammer und Zange unter
einen kleinen Schoppen zwischen Wohnhaus und Scheure, in welchem Hobelbank,
Sge, Stemmeisen, und was sonst zu Zimmer- und Schreinergewerk gehrt, bei Holz
und Brettern mancher Art stand, lag oder hing.
    Indem der Alte sich unter dem Schoppen noch zu schaffen machte, sagte der
Pferdehndler zu dem Rezeptor: Wollen Sie glauben, da der auch alle Pfosten,
Tren und Schwellen, die Kisten und Kasten im Hause mit eigner Hand flickt,
oder, wenn das Glck gut ist, auch neu zuschneidet? Ich meine, wenn er wollte,
knnte er auch einen Kunstschreiner vorstellen und wrde einen richtigen Schrank
zuwege bringen.
    Da seid Ihr im Irrtum, sprach der Hofschulze, der das letzte gehrt hatte
und, das Schurzfell jetzt abgetan, im weileinenen Kittel aus dem Schoppen trat.
Er setzte sich zu den beiden Mnnern an den Tisch, eine Magd brachte ihm auch
ein Glas, er tat seinen Gsten Bescheid und fuhr dann fort: Zu einem Pfosten,
zu einer Tre und Schwelle gehren nur ein Paar gesunde Augen und eine firme
Faust, aber ein Schreiner braucht mehr. Ich habe mich einmal vom Hochmut
verleiten lassen, und wollte, wie Ihr es nennt, einen richtigen Schrank zuwege
bringen, weil mir Hobel und Meiel und Reischiene auch bei dem Zimmerwerk durch
die Hnde gegangen waren. Ich ma und zeichnete und schnitt die Hlzer zu, auf
Fu und Zoll hatte ich alles abgepat; ja, als es nun an das Zusammenfgen und
Leimen gehen sollte, war alles verkehrt. Die Wnde standen windschief und
klafften, die Klappe vorne war zu gro, und die Kasten fr die ffnungen zu
klein. Ihr knnt das Gemcht noch sehen, ich habe es auf dem Sill stehen lassen,
mich vor Versuchung knftig zu wahren, denn es tut dem Menschen immer gut, wenn
er eine Erinnerung an seine Schwachheit vor Augen hat.
    In diesem Augenblicke lie sich ein lustiges Wiehern aus dem Pferdestalle
gegenber vernehmen. Der Pferdehndler rusperte sich, spuckte aus, schlug sich
Feuer an, blies dem Rezeptor eine starke Dampfwolke in das Gesicht, sah
sehnschtig nach dem Stalle und dann gedankenvoll vor sich nieder. Hierauf
spuckte er nochmals aus, nahm den lackierten Hut vom Kopfe, strich mit dem Arme
ber die Stirn und sagte: Noch immer eine schwle Witterung. - Dann schnallte
er seine lederne Geldkatze vom Leibe, warf sie mit Getse auf den Tisch, da der
Inhalt klang und klirrte, lsete die Riemen und zhlte zwanzig blanke Goldstcke
hin, bei deren Anblicke die Augen des Rezeptors zu funkeln anfingen, und nach
denen der alte Hofschulze gar nicht hinsah. Hier ist das Geld! rief der
Pferdehndler, die Faust geballt auf den Tisch stemmend, krieg' ich die braune
Stute dafr? Sie ist, wei Gott, nicht einen Heller mehr wert.
    Dann behaltet Euer Geld, damit Ihr nicht zu Schaden kommt, versetzte der
Hofschulze kaltbltig. Sechsundzwanzig, wie ich gesagt habe, und keinen Stber
darunter. Ihr kennt mich nun die Jahre her, Herr Marx, und solltet daher wissen,
da das Dringen und Feilschen bei mir nicht verschlgt, weil ich nie von meiner
Sprache abgehe. Ich begehre, was mir eine Sache wert ist und tue niemalen
vorschlagen, und so knnte ein Posaunenengel vom Himmel dahergefahren kommen, er
kriegte die Braune nicht unter sechsundzwanzig.
    Aber Gott's Sackerlot, schrie der Pferdehndler erbost, aus Fordern und
Bieten besteht doch der Handel, und meinen eignen Bruder berfrage ich, und wenn
kein Vorschlagen mehr in der Welt ist, so hrt alles Geschft auf!
    Im Gegenteil, erwiderte der Hofschulze, das Geschft kostet dann weit
weniger Zeit und ist schon um deshalb profitlicher, aber auch auerdem haben
beide Teile von einem Handel ohne Vorschlagen vielen Nutzen. Ich habe es immer
erlebt, da, wenn vorgeschlagen wird, sich die Natur erhitzt, und zuletzt
niemand mehr recht wei, was er redet oder tut. Da lt denn der Verkufer, um
nur dem Gehader ein Ende zu machen, die Ware oft unter dem Preise, den er im
stillen bei sich festsetzte, und der Kufer seinerseits in der Begierde und
Brunst des Bietens vertut sich ebenso oftmals. Ist aber gar keine Rede von
Ablassen, dann bleiben beide schn ruhig, und wahren sich vor Schaden.
    Da Ihr so vernnftig redet, so werdet Ihr meinen Antrag jetzt besser
erwogen haben, hob der Rezeptor an. Wie gesagt, die Regierung will alle
Korngeflle der Hfe in hiesiger Gegend in Geld umwandeln. Sie hat allein den
Schaden davon, denn Korn bleibt Korn, aber Geld ist heute so viel und morgen so
viel wert, indessen ist es nun einmal ihr Wille, um der Last des Aufspeicherns
quitt zu werden. Ihr tut mir also den Gefallen, und unterschreibt diese neue,
auf Geld lautende Urkunde, die ich da zu diesem Behufe schon mitgebracht habe.
    Durchaus nicht, antwortete der Hofschulze eifrig. Es ist ein alter Glaube
hierzulande, da wer seinem Hofe eine Last auflegt, dafr zur Strafe nach seinem
Tode auf dem Hofe umgehen mu. Ich wei nicht, wie es damit beschaffen ist, aber
das wei ich: Vom Oberhofe sind seit vielen hundert Jahren nur Krner an die
Gotteszelle gegeben worden, und damit wolle sich also das Rentamt begngen, wie
das Stift sich damit begngt hat. Wchst Geld auf meinem Acker? Nein. Korn
wchst darauf. Woher wollen sie also das Geld nehmen?
    Ihr sollt ja nicht bervorteilt werden! rief der Rezeptor.
    Es mu alles beim alten bleiben, sagte der Hofschulze feierlich. Das war
noch eine gute Zeit, als die Tafeln mit den Verzeichnissen der Lasten und
Abgaben der Bauerschaft in der Kirche hingen. Dazumalen stand alles fest, und
kein Geznk hat sich nimmer darber begeben, wie neuerdings nur gar zu oft.
Hernacher hie es, die Tafeln mit den Hhnern und Eiern und Maltern und Smmern
schadeten der Andacht, und sie wurden hinweggetan. Im Gegenteil, sie hatten
immer zu Predigt und Gesang gehrt, wie Amen und Segen; ich fr mein Teil, wenn
ich sie ansah, besonders beim dritten Teile oder der Nutzanwendung, hatte die
erbaulichsten Gedanken bekommen, zum Exempel: berhebe dich nicht, denn da steht
geschrieben, wieviel Zinsroggen und Schlohafer du geben mut, oder auch so:
Wenn du drauen Lasten zu tragen hast, hier im Gotteshause bist du frei, und was
dergleichen mehr war. Nun aber, als man auf die leeren Stellen sah, gingen die
Gedanken immer wandern und suchen nach den Tafeln, und es dauerte geraume Zeit,
ehe und bevor die Menschheit wieder recht nach dem Pastor hinhrte.
    Er ging in sein Haus. - Das ist ein alter Racker! rief der Pferdehndler,
als er seinen Handelsfreund nicht mehr sah, indem er den lackierten Hut
verdrielich wieder auf den Kopf stlpte. Wenn der nicht will, so bringt ihn
der Teufel nicht herum. Das Schlimmste ist, da der Kerl die besten Pferde in
der Gegend zieht, und sie im Grunde sozusagen billig genug losschlgt.
    Ein starres, widerhaariges Volk hierzulande, sagte der Rezeptor. Ich bin
erst vor kurzem aus Sachsen herversetzt, und merke den Abstand. Dort wohnen die
Leute beisammen und deshalb mssen sie schon hflich und nachgiebig und betulich
miteinander sein. Aber hier sitzt ein jeder auf seinem Kampe, hat sein Holz,
sein Feld, seinen Wiesewachs um sich, als gbe es sonst nichts in der Welt.
Darum halten sie auch auf ihre alten Schnurren und Faxen so steif, die
anderwrts berall abgekommen sind. Was fr Mhe habe ich schon mit den andern
Bauern wegen der dummen Umschreibereien gehabt, aber dieser hier ist doch der
schlimmste.
    Das kommt daher, Herr Rezeptor, weil er so reich ist, bemerkte der
Pferdehndler. Mich wundert, da Sie es mit den andern in der Bauerschaft ohne
ihn durchgesetzt haben, denn der hier ist ihr General und Advokat und alles, sie
richten sich in jeglicher Sache nach ihm. Er bckt sich vor keinem. Vorm Jahre
kam ein Prinz hier durch; wie er den Hut vor dem abnahm, war es wahrhaftig, als
wollte er sagen: Du bist der und ich bin der. Der Mistfink! Fr die Stute
sechsundzwanzig Pistolen haben zu wollen! Aber das ist das Unglck, wenn der
Bauer zu viel Vermgen kriegt. Wenn Sie dort durch das Eichholz hindurch sind,
gehen Sie eine geschlagene halbe Glockenstunde durch seine Felder. Und alles
bestellt, da es nur so eine Art hat. Ich bin mit meiner Koppel vorgestern durch
den Roggen und Weizen geritten, und Gott strafe mich, wenn was anderes als die
Kpfe von den Pferden ber die hren hinbersahen. Ich dachte, ich wrde
ersaufen.
    Woher hat er's denn? fragte der Rezeptor.
    Oh! rief der Pferdehndler, da liegen hier mehrere solcher Hfe herum,
man heit sie Oberhfe; wenn die nicht manchen Edelmann ausstechen, so will ich
nicht Marx heien. Das Erdreich ist von uralter Zeit zusammengeblieben. Und
sparsam und fleiig ist der Nichtsnutz von jeher gewesen, das mu man ihm
lassen. Sie sahen ja, wie er sich abscherte, nur um dem Schmidt die paar
Groschen Verdienst zu nehmen. Jetzt freit seine Tochter einen andern jungen
Geldschlingel; die kriegt mit! Ich bin an der Leinwandkammer durchgegangen, der
Flachs und das Garn, das Gebild, die Wsche und alle mgliche Kramerei ist bis
unter die Decke gestopft. Und dazu gibt ihr der alte Schabhals noch bare
sechstausend Taler mit. Blicken Sie nur um sich; ist es nicht hier, als ob man
bei einem Grafen wre?
    Whrend der letzten Reden hatte der verdrieliche Pferdehndler sacht in die
Geldkatze gegriffen und den zwanzig Goldstcken, gleichsam gleichgltig tuend,
noch sechs hinzugefgt. Der Hofschulze trat wieder in die Tre, und der andre
sagte brummend, ohne ihn anzusehen: Da liegen die sechsundzwanzig, weil es
einmal nicht anders sein soll.
    Der alte Bauer lchelte schalkhaft und sprach: Ich wute wohl, da Ihr das
Pferd kaufen wrdet, Herr Marx, denn Ihr sucht fr den Rittmeister in Unna eins
zu dreiig Pistolen, und mein Brunchen pat Euch dazu, wie bestellt. Ich ging
auch nur in das Haus, um die Goldwaage zu holen, und konnte vorhersehen, da Ihr
Euch unterdessen besonnen haben wrdet.
    Der Alte, welcher in seinen Bewegungen bald etwas ungemein Rasches, bald
wieder die grte Bedchtigkeit zeigte, je nachdem das Geschft war, was er
trieb, setzte sich an den Tisch, wischte langsam und sorgfltig seine Brille ab,
spannte sie ber die Nase und fing nun an, die Goldstcke genau zu wgen. Zwei
oder drei musterte er als zu leicht aus, worber der Pferdehndler ein heftiges
Gezeter erhob, welchem der Hofschulze schweigend und kaltbltig, die Waage in
der Hand behaltend, zuhrte, bis der andre statt der verworfenen vollwichtige
hervorholte. Endlich war die Sache beendigt, der Verkufer packte bedchtig das
Geld in ein Papier und ging mit dem Pferdehndler nach dem Stalle, um ihm das
Pferd zu berliefern.
    Der Rezeptor wartete die Rckkunft der beiden nicht ab. Mit solchem Klotz
ist nichts anzufangen, sagte er, aber wenn du uns nur nicht so ordentlich auf
die Termine bezahltest, wir wollten dich - Er fhlte nach seinen urkundlichen
Papieren in der Tasche, merkte an ihrem Knittern, da sie noch darin seien, und
schlich vom Hofe.
    Aus dem Stalle traten der Rokamm, der Schulze und ein Knecht, welcher zwei
Pferde, das des Rokammes und die erkaufte braune Stute hinter sich herfhrte.
Der alte Schulze sagte, indem er die letztere zum Abschiede streichelte: Es tut
einem immer leid, wenn man eine Kreatur, die man aufzog, losschlgt, aber wer
kann dawider? - Nun, halte dich brav, Brunchen! rief er und gab dem Tiere
einen herzhaften Schlag auf die runden, glnzenden Schenkel.
    Der Pferdehndler war indessen aufgestiegen und sah mit seiner langen Figur
und der kurzen Schojacke unter dem breitkrempigen lackierten Hute, mit seinen
erbsengelben Hosen ber den drren Lenden und den hochhinaufreichenden ledernen
Kamaschen, mit seinen Pfundspornen und mit seiner Peitsche wie ein Wegelagerer
aus. Er ritt, ohne Lebewohl zu sagen, fluchend und wetternd davon, die Braune am
Leitzaum nachziehend. Keinen Blick wandte er nach dem Gehfte zurck, die Braune
dahingegen drehte mehrere Male den Hals um und wieherte wehmtig, als wollte sie
klagen, da ihre gute Zeit nun vorber sei. Der Hofschulze blieb, die Arme in
die Seite gestemmt, mit dem Knechte stehen, bis der Zug durch den Baumgarten
verschwunden war. Dann sagte der Knecht: Das Vieh grmt sich. - Warum sollte
es nicht? erwiderte der Hofschulze, grmen wir uns doch auch. Komm auf den
Futterboden, wir wollen Hafer messen.

                                Zweites Kapitel



                                 Rat und Anteil

Indem er sich mit dem Knechte dem Hause zuwandte, sah er, da der Platz unter
den Linden schon wieder von neuen Gsten eingenommen war. Diese hatten aber ein
sehr verschiedenartiges Ansehen. Denn es saen da drei bis vier Bauern, seine
nchsten Nachbarn, und neben ihnen sa ein bildschnes Mdchen. Dieses
bildschne Mdchen war die blonde Lisbeth, welche im Oberhofe genchtiget hatte.
    Ich werde mich nicht vermessen, ihre Schnheit zu beschreiben; es kme dabei
doch nur auf rote Wangen und blaue Augen hinaus, und diese allerliebsten Dinge,
so frisch sie sich in der Wirklichkeit halten, sind schwarz auf wei etwas
abgestanden. Es denke sich daher jeder Leser seine jetzige oder ehemalige
Geliebte, und jede Leserin blicke in den Spiegel, oder erinnere sich, wie sie an
ihrem Brauttage ausgesehen hat, so wird die Lisbeth vor allen Leuten dastehen,
wie sie leibt und lebt.
    Der Hofschulze ging, ohne sich vorlufig um die langhaarigen, bekittelten
Nachbarn zu kmmern, auf seinen blhenden Gast zu und sagte: Nun? Gut
geschlafen, Mamsellchen?
    Prchtig, versetzte Lisbeth.
    Was haben Sie denn am Finger? Sie tragen ihn ja verbunden? fragte der
Alte.
    Nichts, antwortete das junge Mdchen und errtete. Sie wollte eine andere
Unterredung anfangen. Der Hofschulze lie sich aber nicht irren, ergriff ihre
Hand, an welcher sie den Finger verbunden trug und rief: Es ist doch nicht
schlimm?
    Nicht der Rede wert, versetzte Lisbeth. Als ich Eurer Tochter gestern
abend nhen half, fuhr mir die Nadel in den Finger, und da hat er geblutet, das
ist alles.
    Ei! Ei! sagte der Hofschulze schmunzelnd, und wie ich sehe, ist es sogar
der Ringfinger; das bedeutet was Gutes. Wissen Sie wohl, da wenn eine Jungfer
einer Braut hilft am Brautlinnen nhen und verwundet sich am Ringfinger, sie
noch im nmlichen Jahre auch Braut wird? Nun, ich gratulier' schnstens zum
schmucken Freiersmann.
    Die Bauern lachten; die blonde Lisbeth lie sich nicht aus der Fassung
bringen, sondern rief frhlich: Und wit Ihr auch meinen Spruch, den ich von
der Sprden gelernt habe? Er lautet:

Soweit der Herr die Lilien kleidet,
Und auch die jungen Raben weidet,
Geht mein Hab und Gut;
Drum, wer nach mir fragen tut,
Der soll tun nach mir fragen
Mit vier Pferden vorm Wagen!

Und - fiel der Hofschulze ein -

Er soll mich fangen, wie die Maus
Und angeln, wie einen Fisch,
Und schieen, wie ein Reh -

Ein Schu fiel in der Nhe. Sehen Sie, Mamsellchen, das trifft zu, rief der
Alte.
    Lat jetzt Eure losen Reden, Hofschulze, sagte das junge Mdchen. Ich bin
darum bei Euch eingekehrt, um von Euch Rat wegen der Glten zu bekommen, und den
gebt mir also nun auch ohne Scherz und Possen.
    Der Hofschulze setzte sich, um zu hren und zu reden, in Positur, die
Lisbeth zog ein Schreibtflein heraus und las die Namen der Bauern ab, bei
welchen sie in den Tagen zuvor umhergewandert war, um die Rckstnde der Zinsen
fr ihren Pflegevater einzutreiben. Sie erzhlte dabei dem Hofschulzen, da und
unter welchen Vorwnden sie sich geweigert htten, ihre Schuld abzustoen. Der
eine wollte lngst bezahlt haben, der andere hatte gesagt, er sei neu auf dem
Hofe, der dritte wute von gar nichts, der vierte hatte getan, als hre er nicht
gut, und so fort, so da das arme Mdchen, wie ein Vglein, das bei Winterszeit
nach Futter fliegt und kein Krnlein aufzupicken findet, von Tr zu Tr leer
abgewiesen worden war. Wer aber glaubt, da diese vergebliche Mhe sie in
Kmmernis gestrzt habe, der irrt; ihr konnte nichts etwas anhaben, sie erzhlte
ihre beschwerlichen Wanderungen mit heitrem Munde.
    Der Hofschulze schrieb mehrere der ihm genannten Namen mit Kreide auf den
Tisch und sagte, als sie ihre Liste geschlossen hatte: Was die andern betrifft,
so wohnen die nicht bei uns, ber die habe ich keine Macht, und wenn sie so
schlecht sind, ihre Pflicht und Schuldigkeit zu verleugnen, so streichen Sie die
Schelme nur aus, denn mit Prozessen kriegt man nichts vom Bauer. Aber die in
unserer Gemarke wohnen, gegen die werde ich Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, dazu
haben wir noch Mittel.
    Oho! sagte einer der Bauern halblaut zu ihm; tut Ihr doch, Schulte, als
httet Ihr immer das Strop1 im Rockrmel bei Euch. Wann soll die Heimlichkeit
vor sich gehen?
    Schweigt, Baumschulte, denn solche spttliche Worte mchten Euch zu Schaden
werden, versetzte der Alte mit Ernst.
    Der Angeredete wurde betreten, schlug die Augen nieder und erwiderte kein
Wort. Lisbeth dankte dem Alten fr die zugesagte Hlfe und fragte nach den Wegen
und Stegen zu den andern, die sie noch in der Schreibtafel hatte. Der Hofschulze
bezeichnete ihr den Pfad zu dem nchsten Hofe ber die Pfaffenwiese, an den drei
Mhlen vorbei, durch die Hollenberge. Als sie ihren Strohhut aufgesetzt, ihren
Stecken genommen, fr gute Bewirtung gedankt, und sich solchergestalt zum Gehen
gerstet hatte, bat er sie, bei der Wiederkehr sich so einzurichten, da sie die
Hochzeit ber und bis zum zweiten Tage nach derselben im Hofe bleibe, dann hoffe
er ihr die Versicherung ber die Zinsen oder diese sogar vielleicht selbst
zugleich nach Hause mitgeben zu knnen.
    Als die schlanke und edle Gestalt des jungen Mdchens hinter den letzten
Walnubumen des Baumgartens verschwunden war, sagte einer der Bauern: Wenn der
alte Herr Baron die frher zur Schaffnerin gehabt htte, so wre er nicht so
heruntergekommen und htte nicht zu besorgen, da ihm das Haus einmal ber dem
Kopfe zusammenstrzt. - brigens ist es unrecht, da sie das Kind allein im
Lande herumlaufen lassen.
    Daran sehe ich eben kein Unrecht, erwiderte der Hofschulze. Ich habe noch
nicht erlebt, da einem ordentlichen Mdchen Schlechtigkeiten widerfahren wren.
Eine reine Jungfer kann unter Ruber und Mrder gehen, unter Gesindel und
Betrunkne, sie tun ihr so leicht nichts. Vorigen Herbst, als hier nebenan das
Volk auf der Heide im Lager stand, hatte sich meine Tochter bei einem Gange ber
Feld unter einen marschierenden Trupp verloren. Ja, von niemand war sie
angetastet worden; sie hatten sie, weil sie mde geworden war, ganz sauber auf
einen von ihren Vorspannwagen gehoben, und so wurde sie hier am Hofe richtig
abgesetzt. Ein Frauenzimmer, was die Mannsleute angreifen, pflegt von Hause aus
angreifische Ware zu sein.
    Die Bauern sprachen jetzt von dem Gegenstande, welcher sie zu dem
Hofschulzen gefhrt hatte. Eine neue Straenanlage, die mit der groen Chaussee
Verbindung stiften sollte, bedrohte sie mit dem Verluste einiger kleinen
Wiesenstcke, ber welche der Weg notwendig zu legen war, wenn er zustande
kommen sollte. Gegen diesen Verlust suchten sie sich nun, obgleich die Anlage
zum Vorteil aller umliegenden Bauerschaften gereichte, auf jede Weise zu
schtzen, und wie er abzuwenden sein mchte, darber wollten sie sich bei dem
Besitzer des Oberhofes Rats erholen. Wirklich zeigte sich auch der Hofschulze in
dieser Angelegenheit sehr eifrig und gab ihnen die besten Mittel und Wege an die
Hand, wie sie der Forderung des Staates unter dem Schutze buchstblicher
Vorschriften der Gesetze entgehen, oder doch wenigstens das Nachgeben hinzgern
knnten. Sie mchten nur sagen, die Stcke seien ihnen ganz notwendig, wenn sie
nicht zugrundegehen sollten, mchten einen bermigen Preis auf sie setzen, den
und den angehen, welcher in der Sache abzusprechen habe und welcher, wenn sie
ihn recht zu behandeln wten, schon ein Zeugnis ausstellen werde, da die
Strae auch anders gelegt werden knne, und was dergleichen mehr war, welches
freilich auf eine ganz andere Sinnesweise hinauszulaufen schien, als die wir
schon von dem Hofschulzen in seinem Verkehre mit Menschen kennengelernt haben.
    Indessen wurde aus seinem Gesprche mit den Nachbarn klar, da diese Bauern
sich den Heischungen des Staats zum ffentlichen Nutzen gegenber im Zustande
des Krieges glaubten, welcher bekanntlich alle Mittel, die zum Zweck fhren,
gutheit. Wir werden schon unsre Frucht einfahren und zu Markte fhren knnen,
wie bisher, ohne groe Straen ntig zu haben, und was geht uns alles brige
an? sagte der Hofschulze im Verlaufe der Unterredung. Mgen sie bauen und
graben, was sie wollen, sie sollen uns aber ungeschoren lassen. Wenn es nach
denen ginge, so wren wir bald vom Erb von wegen des gemeinen Nutzens, wie es
heien wrde, fgte er hinzu.
    Guten Tag, wie geht's? rief eine hier wohlbekannte Stimme. Ein
Fuwanderer, ein Mann in anstndiger Kleidung, aber von den grauen Kamaschen bis
zur grnen Schirmkappe bestaubt, war durch den Torweg eingetreten und hatte sich
dem Tische genhert, ohne von den Redenden anfnglich bemerkt zu werden. Ei,
Herr Schmitz, sieht man Sie auch einmal wieder? sagte der alte Bauer sehr
freundlich und lie fr den Ermdeten durch den Knecht das Beste, was sich im
Keller befand, herbeiholen.
    Die Bauern rckten vor dem neuen Ankmmlinge hflich zusammen. Er wurde zum
Sitzen gentigt und bewerkstelligte diese seine Niederlassung mit bedachtsamer
Vorsichtigkeit, um nicht, was er bei sich trug, zu zerbrechen. In der Tat war
ein solches Verhalten auch notwendig, denn der Mann war bepackt wie ein
Lastwagen, und die Umrisse seiner Gestalt glichen einem Konglomerate
zusammengeschnrter Ballen. Nicht allein, da die Rocktaschen, mit manchem
Runden, Viereckten, Lnglichten befrachtet, in sonderbarer Bauschung weit vom
Leibe abstanden, auch Brust- und Seitenbehlter, zu gleichen Zwecken verwendet,
bildeten mannigfach geformte Wlste und Erhhungen, die um so schrfer
hervortraten, als der Sammler, um nichts von seinen Schtzen zu verlieren, den
Rock, ungeachtet der herrschenden Sommerwrme, fest zugeknpft trug. Selbst das
Innere der Kappe hatte zur Aufbewahrung kleinerer Gegenstnde dienen mssen und
erhielt von diesem Inhalte ein krbisartiges Ansehen. Er schlrfte den ihm
vorgesetzten guten Wein mit sichtbarem Behagen, das ltliche, von Wandern und
Hitze aufgedunsene und gertete Antlitz gewann allmhlich seine ihm natrliche
Farbe und Form wieder. Gute Geschfte gemacht, Herr Schmitz? fragte der
Hofschulze lchelnd. Dem Anscheine nach sollte man es glauben.
    Es geht noch, versetzte der Sammler. In der lieben Erde steckt ein
rechter Segen. Nicht allein Korn und Gewchse bringt sie immerdar hervor und
wird nicht mde; auch Altertmer erntet ein aufmerksamer Forscher ihr
fortwhrend ab, soviel auch danach schon gescharrt und gegraben worden ist. Ich
habe denn einmal wieder so mein Gngelchen durch das Land gehalten, kam dieses
Mal bis an die Grenze vom Siegenschen. Nun bin ich auf dem Rckmarsch, will
heute noch zur Stadt, mute aber unterweges bei Euch, Schulze, mich etwas
ausruhen, denn mde ward ich freilich.
    Was bringen Sie denn mit? fragte der Hofschulze.
    Der Sammler klopfte sacht und freundlich auf alle Erhhungen und Wlste
seiner verschiedenen Taschen und sagte: Ei nun, Liebes und Gutes, allerhand
Siebensachen. Eine Streitaxt, ein paar Donnerkeile, Kattenringe, prchtig mit
grnem Rost berzogen, Aschenkrglein, Trnenflaschen, drei Gtzen und ein paar
kostbare Lampen. Dann schlug er mit der umgewandten Hand an seinen Nacken und
fuhr fort: Und ein ganz komplett erhaltenes Stck korinthischen Erzes habe ich
mir hier, weil ich sonst keinen andern Platz mehr hatte, hier im Rcken unter
dem Rocke festgebunden. Nun, es wird sich denn wohl leidlich machen, wenn es
alles erst gesubert ist und in Reihe und Glied steht.
    Die Bauern bezeugten ihre Neugier nach einigen der Sachen; der alte Schmitz
erklrte sich aber unfhig, dieselbe zu befriedigen, weil die Altertmer so
sorgfltig verpackt und mit so ausgeklgelter Benutzung jedes Rumchens
eingesenkt seien, da es schwerhalte, die ganze Befrachtung, wenn sie gelset
worden, wieder zustande zu bringen. Der Hofschulze sagte seinem Knechte etwas in
das Ohr; dieser ging in das Haus. Inzwischen erzhlte der Sammler ausfhrlich
von dem Fundorte der verschiedenen Erwerbungen, rckte dann seinem Gastfreunde
nher und sagte vertraulich: Was aber die allerwichtigste Entdeckung dieser
Reise ist; ich habe nun wahr und wahrhaftig den Ort gefunden, wo Hermann den
Varus schlug.
    Ei, ei, ei, versetzte der Hofschulze und schob seine Mtze hin und her.
    Alle sind sie auf dem falschen Wege gewesen, Clostermeier, Schmid, und wie
sie heien mgen, die darber geschrieben haben! rief der Sammler feurig.
Immer wollten sie den Varus in der Richtung auf Aliso, wovon doch auch noch
kein Mensch ausgeforscht hat, wo es eigentlich gelegen - genug aber
mitternachtwrts - sich zurckziehen lassen, und demnach sollte die Schlacht
zwischen den Quellen der Lippe und Ems, bei Detmold, Lippspringe, Paderborn und
Gott wei wo noch? vorgefallen sein -
    Der Hofschulze sagte: Ich glaube, der Varus mute aus allen Krften suchen,
nach dem Rhein zu kommen, und das konnte er nur, wenn er ins offene Land
gelangte. Drei Tage soll die Bataille gedauert haben, darin lt sich schon ein
Stck marschieren, und so bin ich vielmehr der Meinung, da die Attacke in den
Bergen, die unsre Brde einschlieen, also gar nicht weit von hier vorgefallen
ist.
    Falsch! Falsch, Hofschulze! rief der Sammler. Hier unterwrts war alles
besetzt und verstopft von Cheruskern, Katten und Sikambrern. Nein, weit mehr
nach Mittag ist die Schlacht gewesen, der Ruhrgegend nahe, nicht weit von
Arnsberg. Varus mute sich durch das Gebirg hindurchworgen, er hatte nirgends
einen Ausweg, und seine Gedanken standen auf den Mittelrhein, wohin der Weg quer
durch das Sauerland geht. So dachte ich es mir immer, so, und jetzt habe ich die
untrglichsten Besttigungszeichen entdeckt. Dicht an der Ruhr fand ich das
korinthische Erz und kaufte die drei Gtzen, und da sagte mir ein Mann aus dem
Dorfe, da kaum eine Stunde davon im Walde zwischen den Bergen eine Stelle
liege, wo Knochen in ungeheurer Anzahl zwischen dem Sand und Kies aufgeschichtet
seien. Hui! rief ich, es wird Tag. Ging mit einigen Bauern hinaus, lie
nachgraben, und siehe da, wir fanden Knochen, wie ich sie nur wnschte. Das ist
also der Platz, wo Germanicus sechs Jahre nach der Teutoburger Schlacht die
berreste der rmischen Legionen bestatten lie, als er seine letzten Zge wider
Hermann machte, und folglich habe ich dort das richtige Schlachtfeld entdeckt.
    An die tausend und mehrere Jahre pflegen sich Knochen nicht zu erhalten,
sagte der Schulze und bewegte zweifelmtig das Haupt.
    Sie haben sich versteinert in den Mineralien dort, sprach der Sammler
zorneifrig. Ich mu Euch nur den Glauben in die Hand geben, da ist einer, den
ich mitgebracht habe.
    Er zog einen groen Knochen aus dem Busen und hielt denselben seinem
Widerpart unter die Augen. He, was ist das? fragte er triumphierend.
    Die Bauern starrten den Knochen verdutzt an. Der Hofschulze antwortete,
nachdem er ihn prfend betrachtet hatte: Ein Kuhknochen, Herr Schmitz. Sie sind
auf einen Schindanger gestoen und nicht auf das Teutoburger Schlachtfeld.
    Grimmig steckte der Sammler das bescholtene Altertum wieder an seinen Platz
und stie einige heftige Reden aus, denen der alte Bauer in derselben Weise zu
begegnen wute. Es sah daher nach einem Zanke zwischen beiden Mnnern aus;
indessen hatte es damit nicht viel zu bedeuten. Denn es war schon hergebracht,
da sie ber solche und hnliche Dinge aneinander gerieten, wenn sie
zusammenkamen. Immer aber blieben sie trotz dieser Streitigkeiten gute Freunde.
Der Sammler, der sich das Brot am Munde absparte, um seine Liebhaberei zu
befriedigen, pflegte sich das Jahr hindurch wochenlang bei den gefllten
Fleischtpfen des Oberhofes auszufttern und half wieder seinerseits dem
Gastfreunde mit allerhand Schreibereien in dessen Geschften; denn er war seines
Zeichens ein ehemaliger kaiserlicher geschworner und immatrikulierter Notarius.
    Endlich sagte der Hofschulze nach vielem nutzlosen Hinund Herreden von
beiden Seiten: Ich will mit Ihnen ber den Walplatz nicht streiten, obgleich
ich dabei verbleibe, da Hermann den Varus hier herum geschlagen hat. Es liegt
mir aber berhaupt nicht viel daran, die Sache ist mehr fr die Herrn Gelehrten,
denn wenn der andere rmische General sechs Jahre darauf, wie Sie mir oftmalen
erzhlt haben, schon wieder mit einer Armee in hiesigen Gegenden stand, so hat
die ganze Bataille wenig zu bedeuten gehabt.
    Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze! fuhr der Sammler auf. Auf der
Hermannsschlacht beruht das gesamte deutsche Wesen. Wenn Hermann der Befreier
nicht gewesen wre, so set Ihr nicht so breit hier zwischen Euren Hecken und
Pfhlen. Aber ihr Leute lebt nur von einem Tage zum andern und Geschichte und
Altertmer sind euch nichts ntze.
    Oho, Herr Schmitz, da tun Sie mir doch gro Unrecht! versetzte der alte
Bauer stolz. Wei Gott, was fr Plsier es mir macht, bei Winterszeit die
Chroniken und Historienbcher zu lesen, und Sie selbst wissen, da ich mit dem
Schwerte von Carolus Magnus (der Alte sprach die zweite Silbe lang aus), welches
nun seit tausend und mehreren Jahren im Oberhofe aufbewahrt wird, umgehe, wie
mit meinem Augapfel, folglich ...
    Das Schwert Karls des Groen! sagte der Sammler hhnisch. Freund, ist es
denn nicht mglich, Euch diese Grillen aus dem Kopfe zu bringen? Hrt doch nur
-
    Und ich sage und behaupte, da es das echte und aufrichtige Schwert Caroli
Magni ist, womit er hier auf dem Oberhofe den Freistuhl gesetzet und
eingerichtet hat. Und das Schwert wirket und vollbringet noch heutzutage sein
Amt, obgleich davon nicht weiter geredet werden darf. Der Alte sprach diese
Worte mit einem Ausdrucke in den Mienen und mit einer Gebrde, die etwas
Erhabenes hatten.
    Und ich sage und behaupte, da das eitel Torheiten sind, eiferte der
Sammler. Ich habe den alten Flederwisch an die hundert Male untersucht, er hat
kein halb Jahrtausend erlebt und rhrt vielleicht aus der Soester Fehde her, wo
ihn ein Reisiger des Erzbischofs, der sich hier in den Bschen verkrochen, mag
haben stehen lassen.
    Da dich! rief der Hofschulze und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann
murmelte er vor sich hin: Nun warte! Dafr sollst du heute deine Strafe
kriegen.
    Der Knecht trat aus der Tre. Er trug ein Gef aus gebrannter Erde, von
bedeutendem Umfange und fremdartigem Ansehen, es steif und achtsam mit beiden
Hnden an den Henkeln gefat.
    Ei Gott! rief der Sammler, als es ihm nher zu Gesichte kam, das ist ja
eine prchtige groe Amphora! Woher stammt denn die?
    Ich habe, versetzte der Hofschulze gleichgltig, den alten Topf vor acht
Tagen in meiner Kiesgrube gefunden, als Grand ausgestochen wurde. Es stand noch
mehr des Zeuges umher, was aber die Leute mit den Grabscheiten zerschlagen
haben. Der Topf allein ist erhalten worden. Ich wollte doch, da Sie ihn shen,
da Sie einmal hier sind.
    Mit feuchten Blicken betrachtete der Sammler das groe, wohlerhaltene Gef.
Endlich stammelte er: Ist darber kein Handel zu machen?
    Nein, versetzte der alte Bauer kalt, ich will den Topf mir selber
aufheben. Er gab dem Knechte einen Wink, dieser wollte die Amphora in das Haus
zurcktragen, wurde aber daran von dem Sammler gehindert, welcher, die Augen
nicht von dem Gefe wendend, den Eigentmer mit den mannigfaltigsten und
beweglichsten Wendungen anging, ihm den ersehnten Weinkrug abzustehen. Es war
indessen alles vergebens; der Hofschulze verblieb den eindringlichsten
Bittworten gegenber in unerschtterlicher Seelenruhe und machte auf diese Weise
den unbewegten Mittelpunkt der Gruppe, um welchen die Bauern, die dem Handel mit
aufgesperrten Mulern zuhorchten, der Knecht, der das Gef an den Henkeln
gefat, dem Hause zustrebte, und der Altertmler, welcher dasselbe am untern
Ende festhielt, die aufgeregten Seiten- und Nebenfiguren bildeten. Zuletzt sagte
der Hofschulze, da er in Willens gewesen sei, seinem Gaste den Topf, wie so
manches frher aufgefundene Stck zu schenken, weil er selbst seine Freude daran
habe, die alten Sachen auf den Brettern der Sammlung an den Wnden ringsherum in
Ordnung gestellt, zu sehen, da ihm aber die bestndigen Angriffe auf das
Schwert Caroli Magni verdrielich seien, und da er deshalb auch mit dem Topfe
seinen Willen behalten wolle.
    Kleinlauten Tons versetzte hierauf der Sammler nach einer Pause, da Irren
menschlich wre, da die Waffen des Mittelalters sich nach den Zeitaltern oft
nicht genau unterscheiden lieen, da er auf diese berbleibsel sich weniger,
als auf Rmersachen verstnde, und da allerdings manches an dem Schwerte auf
ein hheres, ber die Soester Fehde hinausreichendes Alter zu deuten schiene.
Vorauf der Hofschultze entgegnete, da ihm dergleichen allgemeine Redensarten
nichts frommen knnten, da er den Zwist und den Zweifel an seinem Schwerte ein
fr allemal abgetan wissen wollte, und da es nur ein Mittel gbe, in den Besitz
des alten Topfes zu kommen, nmlich, wenn der Herr Schmitz auf der Stelle eine
Schrift von sich gbe, worin das im Oberhofe, aufbewahrte Schwert frmlich fr
das wahre Schwert Caroli Magni anerkannt wrde.
    Nach dieser Erffnung hatte der Altertmler freilich einen harten Kampf
zwischen seinem antiquarischen Gewissen und seiner antiquarischen Begierde zu
kmpfen. Er warf die Lippe auf und trommelte mit den Fingern auf der Stelle
umher, wo er den Knochen vom Teutoburger Schlachtfelde stecken hatte. Sichtlich
war sein Bestreben, ber die Anmahnungen des ihn zur Unwahrheit verlockenden
Gelustes Herr zu werden. Endlich aber erhielt dennoch die Leidenschaft, wie
dieses immer zu geschehen pflegt, die Oberhand. Hastig forderte er Feder und
Papier und stellte mit fliegender Eile, zuweilen seitwrts nach der Amphora
schielend, ein unumwundenes Bekenntnis aus, da er nach oftmaliger Besichtigung
des Schwertes im Oberhofe solches fr das des Kaisers Karls des Groen erkannt
und befunden habe.
    Diese Urkunde lie der Hofschulze von den beiden Bauern als Zeugen mit
unterschreiben, und steckte dann das Papier, mehrmals zusammengeschlagen, zu
sich. Der alte Schmitz aber fate heftig nach der auf Kosten seines besseren
Bewutseins erkauften Amphora. Der Hofschulze sagte, er wolle ihm den Topf
andern Tages nach der Stadt schicken; wie htte aber ein Sammler wohl jemals
auch nur einen Augenblick lang die krperliche Innehabung eines teuer erworbenen
Besitzstckes entbehrt? Entschieden lehnte der unsrige jeden Verzug ab, lie
sich eine Schnur geben, zog diese durch die Henkel, und hing sich daran das
groe Weingef ber die Schulter. Sie schieden demnchst im besten
Einvernehmen, nachdem der Sammler noch zur Hochzeit gebeten worden war. Er
gewhrte mit seinen Winkeln, mit den bauschig abstehenden Rockschen und der
hin und her wackelnden Amphora an der linken Seite einen abenteuerlichen
Anblick, als er von dannen zog.
    Die Bauern boten ihrem Ratgeber die Zeit, versprachen, sich seinen Rat
merken zu wollen und gingen dann, ein jeder zu seinem Gehfte. Der Hofschulze,
dem im Laufe einer Stunde mit allen Menschen, die sich bei ihm zusammengefunden
hatten, jegliches Vornehmen geglckt war, trug erst die erwonnene
Anerkennungsurkunde auf die Kammer, worin er das Schwert Caroli Magni verwahrte,
dann ging er mit dem Knechte auf den Futterboden, um den Hafer fr die Pferde
ihm zuzumessen.

                                Drittes Kapitel



                                  Der Oberhof

Westfalen bestund aus einzelnen Hfen, deren jeder seinen eigentmlichen und
freien Besitzer hatte. Mehrere solcher Hfe machten eine Bauerschaft aus, die
gewhnlich den Namen des ltesten und vornehmsten Hofes fhrte. Es grndet sich
in der ersten Anlage der Bauerschaften, da der lteste Hof auch der erste im
Range bleiben und der vornehmere werden mute, wo von Zeit zu Zeit die davon
ausgegangenen Kinder, Enkel, Hausgenossen zusammenkamen und einige Tage feierten
und zechten. Der Anfang, oder das Ende des Sommers war die gewhnliche Zeit
dazu, wo jeder Hofbesitzer etwas von seinen gezogenen Frchten und auch wohl ein
junges Stck Vieh zum Bauermahl mitbrachte. Man besprach sich ber mannigfaltige
Gegenstnde und nahm Rcksprache, Heiraten wurden da geschlossen, Todesflle
angezeigt, und der Sohn als eingetretenes Haupt seines vterlichen Erbes
erschien dann gewi mit volleren Hnden und ausgesuchterem Viehe bei seinem
ersten Eintritt in die Versammlung. An Zwisten konnte es bei solchen
Freudentagen nicht fehlen, dann trat der Vater als Haupt des ltesten Hofes in
die Mitte und legte mit Einstimmung der brigen den Zank bei. Wurden einige
Hofbesitzer whrend der andern Jahrszeit irgendeiner Ursache halber uneins, so
brachten beide bei der nchsten Versammlung ihre Beschwerde vor, und beide waren
damit zufrieden, was ihre Mitgenossen fr gut oder recht fanden. War alles
aufgezehrt, der zur Feier bestimmte Baum ausgebrannt, so hatte das Fest, die
Versammlung ein Ende. Jeder kehrte dann zurcke, erzhlte seinen zu Hause schon
wartenden Hausgenossen die Begebenheiten des Festes und ward mit ihnen lebendige
und stets fortdauernde Urkunde aller Vorflle ihrer Bauerschaft.
    Dergleichen Zusammenknfte hieen Sprachen, Bauersprachen, weil smtliche
Hofbesitzer einer Bauerschaft, um sich zu besprechen, zusammenkamen, und
Bauergerichte, weil hier die Irrungen der schon stillschweigend in einen Verein
getretenen Mnner beigelegt oder zurckgewiesen wurden. Da die Bauersprachen und
Bauergerichte beim ltesten oder vornehmsten Hofe gehalten wurden, so hie
solcher Hof auch Richthof, und die Bauergerichte und Bauersprachen auch
Hofsprachen und Hofgerichte, welche bis auf heutigen Tag noch nicht ganz
verschwunden sind. Der lteste Hof, der Richthof ward nun im vorzglicheren
Sinne Hof genannt, womit man den Haupthof oder Oberhof in der Bauerschaft und
dessen Besitzer als das Haupt oder den Hauptmann der brigen bezeichnete.
    
    So htten wir ungefhr die Entstehung von dem ersten Vereine und den ersten
Gerichtsanstalten der westflischen Hfe oder Bauerschaften. Sie kann uns um
desto weniger befremden, wenn man bedenket, da Westfalens ehemalige Gestalt nur
eine langsame Bevlkerung und allmhlichen Anbau verstattete, und dieses
allmhliche Fortschreiten gerade so zu den simplen und einfrmigen
Einrichtungen, als zu der gleichen Bildung, Sitte und Gewohnheit fhrte, die wir
bei Westfalens alten Bewohnern antreffen.
    Diese Stelle aus Kindlingers Mnsterischen Beitrgen fhrt uns auf den
Schauplatz der Handlung. Sie verdeutlicht uns den Helden der letzteren, den
Hofschulzen. Er war der Besitzer eines der grten und reichsten Haupt- oder
Oberhfe, welche in den dortigen Gegenden, freilich jetzt bis zu geringer Anzahl
zusammengeschmolzen, liegen.
    ber diese uralten Wehren freier Mnner ist der Atem der Zeiten
markenverrckend und rechtetilgend hingefahren. Die anfngliche germanische
Genossenschaft, in welche jeder nur eintrat, Leibes und Lebens sicher zu werden,
nicht, Leib und Leben zu verlieren, ist lngst zerstrt; der Vasallendienst hat
an der Freiheit gerttelt, die Ministerialitt hat daran gerttelt, und endlich
sind die Trmmer eigenartiger Selbstndigkeit in den groen Not- und Bergehafen
des modernen Staats getrieben worden. In diesem schwimmen sie (um dem
Gleichnisse treu zu bleiben), stoen und prallen aneinander an, oder sind auch
wohl seitwrts auf das Trockne geworfen. Dort verwittern sie, mit Tang, Flechten
und Schneckenhusern besetzt, nach und nach, whrend jener berzug den Schein
eines neuen Gebildes fortsetzt.
    Aber es ist etwas Merkwrdiges um die ersten Stammerinnerungen, und die
Vlker haben ein so langes Gedchtnis, wie die einzelnen Menschen, denen ja auch
die Eindrcke der frhesten Kinderzeit bis in das hchste Alter hinauf getreu zu
bleiben pflegen. Erwgt man nun, da eines Menschen Leben neunzig whren kann
und darber, da der Vlker Jahre aber Jahrhunderte sind, so ist es weiter nicht
zu verwundern, da in den Gegenden, in welche sich unsere Geschichte nunmehr
begeben hat, manches noch hin und wieder aufstt, welches nach der Zeit
zurckweist, in welcher der groe Frankenkaiser die eigensinnigen Sassen mit
Feuer und Schwert zu bekehren wute.
    Weckt also die Natur da, wo sonst der oberste Richter und Erbe der Gegend
wohnte, wieder einmal besondere Eigenschaften in einem Menschen auf, so kann an
den jahrtausendalten Erinnerungen und zwischen den Grenzen und Grben, die doch
noch erkennbar sind, eine Gestalt erwachsen, wie unser Hofschulze, eine Gestalt,
deren Geltung zwar von den Mchten der Gegenwart nicht anerkannt wird, welche
aber fr sich selbst und bei ihresgleichen einen lngst verschwundenen Zustand
auf einige Zeit wiederherstellt.
    Doch das klingt fr diese Arabeskengeschichte zu ernsthaft. Sehen wir uns
lieber im Oberhofe selbst um! Wenn das Lob der Freunde immer ein sehr
zweideutiges bleibt, so darf man dagegen dem Neide der Feinde vertrauen, und am
glaubwrdigsten ist ein Pferdehndler, der die guten Umstnde eines Bauern
herausstreicht, mit welchem er nicht des Handels einig werden konnte. Zwar lie
sich von dem Hofe nicht, wie der Rokamm Marx sagte, behaupten, es sei darin,
als ob man sich bei einem Grafen befinde, dagegen nahm man, wohin man blickte,
burischen Wohlstand und einen Segen wahr, welcher dem hungrigsten Menschen
zurufen mute: hier kannst du dich mit satt essen, die Schssel ist immerdar
voll.
    Der Hof lag ganz allein an der Grenze der fruchtbaren Brde, da wo sie in
das Hgel- und Waldland bergeht. Die letzten Felder des Hofschulzen stiegen
schon sacht die Anhhen hinauf, und eine Meile von dort war Gebirg. Der nchste
Nachbar der Bauerschaft wohnte eine Viertelstunde vom Hofe. Um diesen breitete
sich alles Besitztum, welches eine groe lndliche Wirtschaft ntig hat, aus;
Feld, Wald, Wiese, unzerstckelt, in geschlossenem Zusammenhange.
    
    Von der Anhhe herab liefen die Felder durch die Ebene, bestens bestellt. Es
war aber um die Zeit der Roggenblte; der Rauch ging von den hren und wallte in
den warmen Sommerlften, ein Opfer der Scholle. Einzelne Reihen hochstmmiger
Eschen oder knorrichter Rstern, zu beiden Seiten der alten Grenzgrbern
gepflanzt, faten einen Teil der Kornfelder ein und bezeichneten, von weitem her
kenntlich, die Marken des Erbes, bestimmter als Steine und Pfhle vermgen. Ein
tiefer Weg zwischen aufgeworfenen Erdwllen fhrte quer durch die Felder,
mndete rechts und links an verschiedenen Orten in Seitenpfade aus und fhrte,
wo das Getreide aufhrte, in ein krftig bestandenes Eichenwldchen, unter
welchem sich erdgelagerte Sue gtlich taten, dessen Schatten aber auch fr den
Menschen erquicklich waren. Dieser Kamp, welcher dem Schulzen sein Holz
lieferte, drang bis wenige Schritte vom Gehfte vor, umfate es von beiden
Seiten und gab so zugleich gegen die Ost- und Nordwinde Schutz.
    Nur mit Stroh war das Wohnhaus, welches sich in seinen wei und gelb
angestrichenen Wnden von Fachwerk zweistckig erhob, gedeckt, aber da diese
Bedeckung immer sehr wohl instand erhalten ward, so hatte sie nichts Drftiges,
verstrkte im Gegenteil den behaglichen Eindruck, den das Gehft machte. Das
Innere lernen wir schon bei Gelegenheit kennen; jetzt sei nur gesagt, da auf
der andern Seite des Hauses um einen gerumigen Hof Stlle und Scheunen liefen,
an denen auch das schrfste Auge keine schadhafte Stelle an Mauer und Bewurf
ersphen konnte. Groe Linden standen vor der Hoftre, und dort, nicht nach der
Waldseite zu waren auch, wie wir schon erfahren haben, die Ruhesitze angebracht.
Denn der Hofschulze wollte, selbst wenn er rastete, seine Wirtschaft im Auge
behalten.
    Gerade dem Wohnhause gegenber sah man durch ein Gittertor in den
Baumgarten. Dort breiteten starke und gesunde Obststmme ihre belaubten Zweige
ber frischem Graswuchs, Gemse- und Salatstcken aus; hier und da ernhrte ein
schmales Beet dazwischen rote Rosen und gelbe Feuerlilien.
    Doch waren solcher Beete nur wenige. In einer echten Bauerwirtschaft bleibt
der Boden dem Bedrfnisse gewidmet, selbst wenn dem Eigentmer seine Umstnde
Luxus mit der Natur verstatten. Deshalb haben wir in solchen Hfen eine
Empfindung froher Ruhe aller Sinne, wie sie Prachtgrten, Parks und Villen nicht
zu erregen vermgen. Denn das sthetische Landschaftsgefhl ist schon ein
Produkt der berfeinerung, weshalb es denn auch nie in eigentlich robusten
Zeiten auftritt. Diese halten vielmehr die Stimmung zur Mutter Erde, als zu der
Allernhrerin fest, wollen und verlangen nichts von ihr, als die Gabe des
Feldes, der Viehweide, des Fischteiches, des Wildforstes.
    So weit das Auge ber den Baumgarten hinausblickte, sah es auch nur Grn.
Denn jenseits des Gartens lagen die groen Wiesen des Oberhofes, auf welchen der
Schulze Raum und Futter fr seine Pferde besa. Ihre Zucht, mit Flei betrieben,
gehrte zu den eintrglichsten Nahrungsquellen des Erbes. Auch diese grnen
Grasflchen waren von Hecken und Grben umschlossen; eine derselben fate einen
Weiher ein, in welchem ausgeftterte Karpfen zugweise umherschwammen.
    Auf diesem reichen Hofe zwischen vollen Scheuern, vollen Bden und Stllen
hantierte der alte, weit und breit angesehene Hofschulze. Bestieg man aber den
hchsten Hgel, zu dem sich seine Felder hinauf erstreckten, so erblickte man
von dort die Trme dreier der ltesten Stdte Westfalens.
    Es ging zu der Zeit, von welcher ich rede, auf eilf Uhr vormittags, und der
ganze weitlufige Hof war so still, da sich fast nur das Rauschen der Lfte in
den Baumwipfeln des Kamps vernehmen lie. Der Schulze ma dem Knechte Hafer zu,
womit dieser, den Sack ber der Schulter, langsamen Schrittes nach dem
Pferdestalle ging, die Tochter zhlte in der Linnen-und Garnkammer ihre
Ausstattung nach, eine Magd besorgte die Kche. Was sonst von Menschen im Hofe
lebte, lag und schlief, denn es ging gegen die Ernte, in welcher Zeit es bei den
Bauern am wenigsten zu tun gibt, und die Arbeiter jede Minute zu benutzen
pflegen, um gewissermaen auf Rechnung der herannahenden schwei- und mhevollen
Tage in voraus zu schlafen. berhaupt knnen die Landleute, wie die Hunde, zu
allen Stunden bei Tage und bei Nacht schlafen, wann sie wollen.

                                Viertes Kapitel



  Worin der Jger einem Menschen, namens Schrimbs oder Peppel seinen Begleiter
                  nachsendet, und selbst auf den Oberhof kommt

Aus den Hgeln, welche die Felder des Hofschulzen begrenzten, traten zwei Mnner
von verschiedenem Ansehen und Alter. Der eine, im grnen Jagdcollet, die kleine
Mtze ber das lockige Haupt geworfen, die leichte Ltticher Flinte im Arme, war
ein blhend schner Jngling, der andere, in stillere Farben gekleidet, ein
ltlicher Mann von treuherziger Miene. Der Jngere schritt rasch wie ein
Edelhirsch dem lteren voran, der seines Orts mehr den langsamen Gang eines
ausgedienten, aber dem Herrn noch stets anhnglich nachschleichenden Jagdhundes
hatte. Als sie auf einen freien Platz vor den Hgeln getreten waren, setzten sie
sich auf einen groen Stein, der dort nebst mehreren andern lag, im Schatten
einer mchtigen Linde. Der Jngere gab dem Alten Geld und Schriften, deutete ihm
die Richtung an, in welcher er nun seinen Weg fortsetzen msse, und sagte zu
ihm: Jetzt Jochem, geh und sei gescheit, da wir des vermaledeiten Schrimbs
oder Peppel habhaft werden, der solche abscheuliche Lgen ausgedacht hat. Und
sobald du ihn entdeckt hast, gib mir Nachricht.
    Ich werd' g'scheit sein, erwiderte der alte Jochem. Ich frage immer so
sacht und unter der Hand in den Flecken und Stdten nach einem, der sich
Schrimbs oder Peppel schreibt, und es mte mit dem Henker zugehen, wenn ich den
Gauch nicht ausfindig machen wollte. Sie halten sich derweile
inkognito-verborgen, bis Sie von mir ein Weiteres vernehmen.
    Wohl, sagte der junge Mann, und nur immer uerst vorsichtig und
bedachtsam gehandelt, Jochem, denn wir sind nicht mehr im lieben Schwabenland,
sondern da hauen unter Sachsen und Franken.
    Die wsten Kerl'! versetzte der alte Jochem. Sie haben halt lang von
Schwabenstreichen gesprochen, sie sollen verspren, da der Schwab auch ein
feiner Vogel sein kann, wann's nottut.
    Immer rechts dich gehalten, mein Jochem, denn dahin weisen die letzten
Spuren von dem Schrimbs oder Peppel, sagte der junge Mann, indem er aufstand,
und dem Alten zum Abschiede herzlich die Hand schttelte. Immer rechts,
versteht sich, erwiderte dieser, gab dem andern die vollgestopfte Weidtasche,
die er bis jetzt getragen hatte, lupfte den Hut, und ging dann zwischen den
Kornfeldern einen Seitenpfad rechts nach der Gegend zu hinab, wo man in der
Ferne eine der im vorigen Kapitel angedeuteten Turmspitzen ragen sah.
    Der junge Mann mit der Jagdflinte ging dagegen gerade gegen den Oberhof
hinunter. Er mochte etwa hundert Schritte weit gegangen sein, als er etwas
keuchend hinter sich herkommen hrte und sich umdrehend sah, da sein alter
Begleiter ihm folgte. Ich wollte Sie noch um eins gebeten und ersucht haben,
rief dieser, tun Sie, da Sie nun allein und sich selbst berlassen sind, da
Schiegewehr von sich, denn Sie treffen doch nichts und richten, wei Gott, noch
einmal ein Unglck an, wie neulich schon beinahe geschehen wre, da Sie nach dem
Hasen zielten und beinahe das Kind niedergeschossen htten.
    Ja, es ist verwnscht, immer zu zielen und nimmer zu treffen! rief der
junge Mann. Ich will mich auch wahrhaftig berwinden, so schwer es mir fallen
wird, denn du weit ja, da es mir von meiner seligen Mutter her anklebt, allein
ich will mich, wie gesagt, berwinden, und es soll kein Schrotkorn aus diesen
Lufen fliegen, solange ich von dir entfernt bin.
    Der Alte bat ihn um das Gewehr. Dem aber weigerte sich der junge Mann, indem
er sagte, da es ohne Gewehr ja gar keine berwindung koste, das Schieen zu
lassen, und seine Handlungsweise dann alles Verdienst einbe. Das ist auch
wahr, erwiderte der Alte und ging nun getrost, ohne einen zweiten Abschied zu
nehmen, da der erste noch vorhielt, seine ihm angewiesene Strae zurck. Der
junge Mann blieb stehen, setzte das Gewehr auf den Boden, stie den Ladestock in
den Lauf und sagte: Es wird hart halten, den Schu herauszubringen, und er darf
doch nicht darin bleiben. Dann warf er es wieder ber die Schulter und schritt
auf den Eichenkamp des Hofschulzen zu.
    Dicht vor demselben von einem schmalen Raine ging eine Kette Feldhhner mit
schmetterndem Flgelschlage und Geschrei auf. Jauchzend ri der junge Mann das
Gewehr von der Schulter, rief: Da werde ich ja gleich der Schsse quitt!
schlug an, es knallte zweimal aus dem Doppelgewehre, die Vgel flogen unversehrt
davon, der Jger sah betroffen ihnen nach, sagte: Diesmal, meinte ich, mte
ich was getroffen haben, nun will ich mich aber auch gewi berwinden; und
setzte seinen Weg durch das Eichenwldchen nach dem Hofe fort.
    Als er zur Tre eintrat, sah er in einem gerumigen, hohen Flure, welcher
den ganzen mittleren Teil des Hauses einnahm, den Hofschulzen mit Tochter,
Knechten und Mgden bei dem Mittagsessen sitzen. Er bot mit seiner sonoren,
wohlklingenden Stimme freundlichen Gru; der Hofschulze sah ihn achtsam, die
Tochter verwundert an, was die Knechte und Mgde betrifft, so sahen ihn diese
gar nicht an, sondern aen, ohne seiner zu achten, weiter. Der Jger trat zu dem
Hofwirte und erkundigte sich nach der Entfernung der nchsten Stadt und dem Wege
dahin. Anfangs verstand der Schulze diese ihm fremdklingende Sprache nicht, die
Tochter aber, welche kein Auge von dem schnen Jger verwandte, half ihm den
Sinn entdecken, und er gab darauf richtigen Bescheid. Diesen verstand wieder der
Jger seinerseits erst nach dreimaligem Fragen, brachte aber endlich doch
heraus, da die Stadt auf dem schwer zu findenden Fuwege unter zwei starken
Stunden nicht zu erreichen sei.
    Die Mittagshitze, der Anblick des vor ihm stehenden reinlichen Mahls und
sein eigner Hunger riefen in dem Jger die Frage auf: ob er nicht hier fr Geld
und gute Worte Essen und Trinken und bis zur Abendkhle Obdach erhalten knne? -
    Fr Geld nicht, versetzte der Hofschulze, fr ein gutes Wort aber
Mittagsessen und Abendbrot dazu und Rast, solange es dem Herrn beliebt; lie
einen spiegelblanken zinnernen Teller, Messer, Gabel und Lffel, ebenso blank
wie der Teller, aufsetzen und ntigte den Gast zum Sitzen. Dieser sprach dem
krftigen gekochten Schinken, den groen Bohnen, den Eiern und Wrsten, woraus
die Mahlzeit bestand, mit allem Appetite der Jugend zu, und fand, da die weit
und breit als botisch verschrieene Landeskost gar so bel nicht sei.
    Geredet wurde von den Wirten wenig, denn der Bauer spricht whrend des
Essens nicht gern, doch erfuhr der Jger von dem Hofschulzen auf Befragen, da
hier herum in der ganzen Gegend kein Mensch, namens Schrimbs oder Peppel,
bekannt geworden sei. Die Knechte und Mgde, welche gesondert von den
Herrenpltzen am andern Ende der langen Tafel saen, waren ganz stumm und
blickten nur auf die Schssel, aus welcher sie mit ihren Lffeln die Speise zum
Munde fhrten.
    Nachdem sie aber abgegessen und sich die Muler gewischt hatten, trat eines
nach dem andern vor den Herrn und sagte: Baas2, meinen Spruch. - Der
Hofschulze teilte hierauf jedem eine sprichwrtliche Redensart oder eine
Bibelstelle mit. So sagte er zum ersten Knechte, einem rothaarigen Kerl: Jach
sein zum Hader, zndet Feuer an, und jach sein zu zanken, vergiet Blut; zum
zweiten, einem dicken, langsamen Menschen: Gehe hin zur Ameise, du Fauler, sieh
ihre Weise an und lerne; zum dritten, einem kleinen schwarzugichten verwegen
blickenden Gesellen: Besser ein Sperling in der Hand, als ein Reiher auf dem
Dache. - Die erste Magd empfing den Spruch: Hast du Vieh, so warte sein, und
trgt dir's Nutzen, so behalte es; und zur zweiten sagte er: Es ist nichts so
fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen.
    Nachdem jeder auf solche Weise bedacht worden war, gingen alle zu ihren
Arbeiten, der eine gleichgltig, der andere betroffen aussehend. Die zweite Magd
war von ihrem Spruche blutrot geworden. Der Jger, welcher allgemach den
ortsblichen Dialekt verstehen lernte, hatte diesem Unterrichte mit Erstaunen
zugehrt und fragte nach dessen Beendigung, was er bezwecke?
    Da sie darber nachdenken, sagte der Hofschulze. Wenn sie heute abend
hier wieder zusammenkommen, so sagen sie mir, was sie sich bei den Sprchen
gedacht haben. Die meiste Arbeit auf dem Lande ist derart, da die Leute
nebenbei noch allerhand Gedanken haben knnen, und da fallen ihnen denn alle die
schlechten Sachen ein, die hernachmals in Liederlichkeit, Lug und Trug
ausbrechen. Beim Pferdefttern denken sie, wie sie Hafer auf die Seite bringen
knnen, und wenn die Magd die Kuh melkt, so steht ihr immer der Liebste vor
Augen. Kriegt aber der Mensch so einen Spruch auf zu raten, so ruht er nicht
ehender, als bis er die Moral davon heraus hat, und derweile ist die Zeit
vergangen, ohne da ihm etwas bles in den Sinn kam.
    Ihr seid ja ein wahrer Weltweiser und Priester! rief der Jger, dessen
Verwunderung hier mit jedem Augenblicke zunahm.
    Es lt sich viel mit dem Menschen ausrichten, wenn man ihm die Moral
beibringt, sagte der Hofschulze bedchtig. Die Moral steckt aber in kurzen
Sprchen besser, als in langen Reden und Predigten. Meine Leute halten sich viel
lnger, seitdem ich auf die Moral verfallen bin. Freilich das ganze Jahr
hindurch geht es mit den Sprchen nicht; whrend der Bestellzeit und in der
Ernte hrt alles Nachdenken auf. Dann tut es aber auch nicht not, denn sie haben
zu Schlechtigkeiten keine Zeit.
    Ihr macht also frmliche Abschnitte in Eurem Unterrichte? fragte der
Jger.
    Bei Winterszeit gehen die Sprche gemeiniglich nach dem Dreschen an und
dauern bis zum Sen, versetzte der Hofschulze. Im Sommer aber werden sie von
Walpurgis bis gegen die Hundstage zugeteilt. Das sind die Zeiten, wo es bei dem
Bauer am wenigsten zu verrichten gibt.
    Der Jger erkundigte sich, was fr ein Bewandtnis es mit dem Rotwerden des
einen Mdchens gehabt habe, und erhielt darauf folgende Antwort: Die hat etwas
auf dem Gewissen, und in solchen Fllen ist es meine Manier, einen Spruch
anzubringen, woraus das rudige Schaf sieht, da ich um den Fehler wei. Wir
wollen abwarten, ob er bis heute abend gewirkt haben wird.
    Er lie den jungen Mann allein, und dieser sah sich in Haus, Hof, Baumgarten
und Wiesen um. Mehrere Stunden brachte er in dieser Beschauung zu, da jedes
einzelne ihn anzog. Die lndliche Stille, das Wiesengrn, die Wohlhabenheit, die
aus dem ganzen Hofe ihm entgegenstrotzte, machte den angenehmsten Eindruck auf
ihn und regte in ihm den Wunsch an, lieber in so weiter Naturfreiheit, als in
den engen Gassen einer kleinen Stadt die acht oder vierzehn Tage zuzubringen,
welche bis zum Empfange der Nachrichten vom alten Jochem verstreichen konnten.
Da er sein Herz auf der Zunge trug, so ging er auf der Stelle zu dem
Hofschulzen, der im Eichenkampe ein paar Bume zum Fllen anschlug, und sprach
sein Begehr aus. Er erbot sich dagegen zu allem, worin er seinem Wirte ntzlich
werden knne.
    Die Schnheit ist eine gar gute Mitgift. Sie ist ein Schlssel, der wie
jener kleine goldne, sieben Schlsser, von denen keins dem andern hnlich sah,
zauberisch ffnet. Ein Pa ist sie, auf den der Trger, ohne da in den
Nachtquartieren Visas genommen zu werden brauchen, frei durch alle Welt geht; in
Romanen und Novellen spannt sich die Schnheit ber alle Klfte und Abgrnde der
Unwahrscheinlichkeit hinweg, wie die siebenfarbige Brcke der Iris.
    Wre der Jger nicht so schn gewesen, was fr weitluftige Motive htte ich
ersinnen und erspinnen mssen, um den Hofschulzen zur Gewhrung des Quartiers an
ihn willig zu machen! So jedoch brauche ich nur zu sagen, da der Alte die
schlanke und doch krftige Gestalt, das ehrliche und dabei vornehm-prchtige
Antlitz des Jnglings eine Zeitlang betrachtete, erst zwar nachhaltig den Kopf
schttelte, dann aber freundlich werdend nickte und zuletzt ihm seine Bitte
erfllte. Er wies dem Jger ein Eckstbchen im obern Stocke des Hauses an, von
wo man nach der einen Seite ber den Eichenkamp nach den Hgeln und Bergen, nach
der andern ber weite Wiesenflchen und Kornfelder sah.
    Freilich mute der Gast anstatt des Mietzinses die Erfllung einer
sonderbaren Bedingung versprechen. Denn der Hofschulze lie auch der Schnheit
nicht gern etwas ganz unentgeltlich zuflieen.

                                Fnftes Kapitel



 Der Jger verdingt sich zum Wildschtzen, und des Abends erzhlen Knechte und
      Mgde die Ergebnisse ihres Nachdenkens ber die moralischen Sprche

Er fragte nmlich den jungen Mann, ehe und bevor er ihm Quartier zusagte, ob er,
wie sein grner Anzug, das Gewehr und die Weidtasche zu lehren scheine, ein
Liebhaber von der Jagd sei? Jener erwiderte darauf, da, solange er denken
knne, er mit Leidenschaft, ja mit einer wahren Raserei gepirscht habe, wobei er
denn freilich verschwieg, da durch sein Pulver und Blei auer einem Sperlinge,
einer Krhe und einer Katze noch kein Gottesgeschpf vom Leben zum Tode gebracht
worden war. Wirklich verhielt es sich so. Er konnte nicht leben, ohne nicht des
Tages einige Male geknallt zu haben, scho aber regelmig vorbei und hatte nur
in seinem achtzehnten Jahre einen Sperling, in seinem zwanzigsten eine Krhe, in
seinem vierundzwanzigsten eine Katze erlegt; das war alles. Ein sonderbares
Ereignis vor seiner Geburt mochte ihm die bei so wenigen Erfolgen sonst
unbegreifliche Neigung, wie ein Mal, aufgedrckt haben. Wenigstens hielt er
selbst dafr, da aus dieser Signatur der Hang abzuleiten sei, ber den er in
besonnenen Stunden hchst verdrielich werden konnte.
    Nachdem der Hofschulze die bejahende Antwort des Gastes empfangen hatte,
rckte er mit seinem Antrage hervor, welcher dahin ging, da der Jger tglich
ein paar Stunden gegen das Wild im Felde liegen solle, welches seinen
Kornbreiten, besonders den die Hgel hinansteigenden manchen Schaden zufge.
Dort in den Bergen, sagte der alte Bauer, sind die groen Jagden der
Edelleute; die Kreaturen haben mir schon in den vergangenen Jahren Saat genug
abgeatzt und daniedergewlzt, aber in diesem ist es erst recht schlimm geworden,
denn der junge Graf drben ist auch ein scharfer Jger und hat seinen Wildstand
vermehrt, so da die Hirsche und Rehe wie die Schafe aus dem Walde treten und
mein' Mhe und Schwei verruinieren. Ich verstehe mich nicht auf die Sache und
den Knechten mag ich es nicht gerne erlauben, weil sie unter dem Vorwande, sich
auf den Anstand zu stellen, mir leicht unordentlich werden knnen, darum haben
die Bestien mitunter gewirtschaftet, da sich einem das Herz im Leibe umwenden
mute. Nun kommen Sie mir gerade zupa, und wenn Sie mir diese vierzehn Tage bis
zur Ernte die Hllenteufel aus dem Korne halten, so sollen Sie damit Ihr
Quartier bezahlt haben.
    Was? Ich ein Wildschtz? Ich ein Wilddieb? rief der junge Mann und lachte
so herzlich und schallend auf, da er den Hofschulzen ansteckte. Noch lachend
strich dieser ber das feine Tuch, aus welchem die Kleidung seines Gastes
gemacht war, und sagte: Eben darum, weil es bei Ihnen wohl keine sonderliche
Gefahr haben wird, wenn Sie auch attrappiert werden. Sie werden sich schon eher
loszumachen wissen, als so ein armer Knecht. Die Fliegen fangen sich in den
Spinnweben, die Wespen schlpfen durch. Doch was ist das berhaupt ein
Verbrechen, sein Eigentum gegen die Ungetme, die es fressen und zugrunde
richten, zu verdefendieren! rief er, indem pltzlich der lachende Ausdruck
seines Gesichts in den des loderndsten Zornes berging. Die Stirnadern schwollen
ihm an, das Blut trat dunkelrot in seine Wangen, die Augpfel verloren ihr
Weies und wurden rtlich; man htte vor dem Alten erschrecken knnen.
    Ihr habt recht, Vater, es gibt nichts Unvernnftigeres, als die sogenannten
Jagdgerechtsame, sagte der Jger, um ihn zu beruhigen. Deshalb will ich die
Snde ber mich nehmen, zum Frommen Eures Gutes am Wildbann der hiesigen
Edelleute zu freveln, obgleich ich eigentlich dadurch - -
    Er wollte etwas hinzusetzen, brach aber schnell ab und ging auf andere
gleichgltige Gegenstnde ber.
    Wer aber glaubt, da die Unterhaltung dieses westflischen Hofschulzen und
schwbischen Jgers so flssig vonstatten gegangen sei, wie meine Autorfeder sie
niedergeschrieben hat, der irrt sich. Vielmehr waren noch oft mehrmalige
Wiederholungen ntig, ehe und bevor ein notdrftiges Verstndnis zwischen ihnen
eintrat. Hin und wieder mute selbst die Finger-und Zeichensprache zu Hlfe
genommen werden. Denn der Hofschulze hatte in seinem Leben nichts von einem: ch
hinter dem: s gehrt, auch brachte er alle Tne hinten aus der Gurgel, oder wenn
man will, aus dem Rachen hervor. Dagegen war dem Jger das gttliche Geschenk,
welches uns von den Tieren unterscheidet, ganz zwischen die Lippen und
Vorderzhne gelegt worden, von wo denn die Laute mit wundersamer
schwertrchtiger Flle und sausendem Zischen ausbrachen. Aber durch diese
fremden Schalen hindurch hatten der alte und der junge Mann bald aneinander
Behagen gefunden. Da sie beide vom echtesten Schrot und gewichtigsten Korn
waren, so muten sie wohl einer des andern Kern erkennen.
    Auf seiner Eckstube hatte jedoch der Jger auch Schalen entdeckt, die ihn
nach ihrem Kerne verlangen machten. Er sah nmlich, als er seine leichten
Habseligkeiten und schweren Goldrollen aus der Jagdtasche nahm, um sich huslich
einzurichten, in der Ecke des Zimmers ein Nachthubchen, ein Tchlein und ein
Rckchen sauber ber die Lehne eines Stuhles gehngt. Alle diese Stcke waren,
wie der Augenschein lehrte, getragen, dennoch leuchteten sie von Schneeweie.
Ei! rief der Jger, hat hier vor mir ein hbsches Maidel gehaust? Da werde
ich schon Glck haben. Er wollte in einer Laune, die ihn pltzlich anstie,
sich das Nachthubchen aufsetzen, es war aber viel zu klein fr sein Haupt. Er
ma an der Zerknitterung der Bnder das Oval des Gesichtes ab und fand dieses
ohne Tadel. Das Rckchen deutete auf den zierlichsten Leib und das Tchlein lie
nach den Falten und nach der Beugung, die es behalten, vermuten, da unter ihm
ein junger, runder Busen geschlagen habe. Pltzlich aber errtete er unter
diesen Spielereien bis hoch hinauf zu den Schlfen, er schmte sich ihrer, die
ihn freventlich bednken wollten, er stellte den Stuhl mit den Kleidungsstcken
hinter einen Schirm, um sie nicht ferner zu sehen, und setzte sich zum Schreiben
nieder, die schweifenden Gedanken in Ordnung zu bringen.
    Als er abends in den Flur hinunter zum Essen gerufen wurde, fand er die
Knechte und Mgde, die ihr Abendbrot schon frher genossen hatten, im vollen
Erzhlen um den Hofschulzen.
    Dieser hatte auch bereits seinen Salat verzehrt, hrte zu, und besttigte
oder bestritt, was seine Moralschler vorbrachten. Der rothaarige Knecht,
welcher die Warnung vor dem Zanken erhalten hatte, sagte: Das ist ein rechtes
Glck, Baas, da Ihr mir gerade heute die Lehre gegeben habt, denn ich
begegnete, wie ich die Pferde in die Nachtweide trieb, dem Pitter vom
Bandkotten, auf den ich schon lngst fuchsfalsch bin, und da habe ich ihm die
Nase braun und blau geschlagen.
    Dieses ging ja aber schnurstracks gegen die Vermahnung! rief der
Hofschulze.
    Behte Gott, versetzte der Rothaarige. Als zum Beispiel, so fhrte ich
einen Zaunpfahl bei mir, um damit die Pferde einzutreiben, und wie ich nun den
Pitter ansichtig wurde und ihn niedergeschmissen hatte, so dachte ich, du willst
dem Hund mit dem Pfahl eins versetzen, da er auf Lebenszeit genug hat, weil er
nmlich an allen Mdchen herumkaressiert, so da man gar nicht mehr ankommen
kann. Aber da dachte ich auch, da ich so viel darber nachgedacht hatte: Jach
sein zum Hader, zndet Feuer an, und jach sein zum Zanken, vergiet Blut, und
gab ihm blo einen Puff auf die Nase und damit gut, und dann noch einen Tritt
ins Kreuz und lie ihn laufen.
    Nun insofern mag es gut sein, aber knftig kannst du auch das Puffen und
Treten unterlassen, wenn du ber den Spruch nachgedacht hast, erwiderte der
Hofschulze.
    Der kleine Schwarzugige, Verwegne sagte: Meiner Treu', es ist und bleibt
wahr, da ein Sperling in der Hand besser ist, als ein Reiher auf dem Dache.
Darum habe ich die Gedanken auf die Gertrud drben eingestellt, weil sie gar zu
hoffrtig ist, und auf Michael einen Verspruch mit dem Wicht3 von Hlschers
getan, die ich kriegen konnte.
    Magst du sie denn leiden? fragte der Hofschulze.
    Ne, erwiderte der Kleine, es wird aber doch schon gehen.
    Der dicke Langsame, welcher zur Ameise geschickt worden war, ihre Weise
anzusehen, erklrte, dabei nichts gelernt zu haben, denn, sagte er, ich bin
auf keine Ameise gestoen. Dagegen sagte die erste Magd: Euer Spruch, Baas,
trifft nicht zu. Hast du Vieh, so warte sein, und trgt dir's Nutzen, so behalte
es. Denn ich habe die Khe zu Abend gehrig gemelkt und abgewartet, und Nutzen
wrden sie mir auch tragen, aber behalten darf ich sie darum doch nicht.
    Der Spruch geht auf eine eigene Wirtschaft, und wenn du eine bekommst, so
wird er eintreffen, antwortete der Hofschulze. Ja so, sagte das Mdchen. -
Aber Ihr habt eine eigene Wirtschaft, Baas, und das Vieh trgt Euch Nutzen und
Ihr behaltet es, und doch wartet Ihr nicht sein.
    Es ist ein Spruch fr Frauenzimmer, nicht fr Mannsleute, antwortete der
Hofschulze etwas barsch. Und nun la dein Fragen und schlie die Milchkammer
zu.
    Das Mdchen, welches am Mittage von dem Spruche: Es ist nichts so fein
gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen, rot geworden war, hatte bisher
seitwrts und in sich gekehrt gesessen, an ihrer Schrze gezupft und scheu vor
sich nieder geblickt.
    Als nun die brigen Knechte und Mgde gegangen waren, schlich sie sich zu
ihrem Herrn, zupfte ihn verstohlen am Rock und ging mit ihm vor die Tre ins
Freie. Nach einiger Zeit kam der Hofschulze allein zurck und sagte zu seiner
Tochter: Es ist richtig, die Gitta4 hat mir's eben gestanden, sie hat sich mit
dem Matthies vergangen. Sprich du weiter mit ihr und sag ihr, wenn sie sich
sonst ordentlich halte, wolle ich sorgen, da der Matthies an ihr seine
Schuldigkeit tue.
    Ich habe mir's gleich gedacht, antwortete die Tochter, ohne ber die
Entdeckung und den ihr erteilten Auftrag verlegen zu werden.
    Nach ihrer Entfernung sprach der Jger seine Verwunderung ber die Gewalt
aus, welche er seinen Wirt in diesem Falle hatte ben sehen. Das ist ganz
leicht, versetzte der Hofschulze. Ein jeder wei, da er nicht bei mir in
Dienst bleibt, wenn ich auf ihn einen Argwohn habe, und er nicht bekennt und zu
Kreuz kriecht. Tut er das aber, so vergebe ich ihm oder nehme mich seiner an. Da
es mir meine Umstnde zulassen, bei allem Lohn einen Taler mehr zu geben, als
meine Nachbaren, so mag keiner vom Oberhof herunter. Kriege ich nun von etwas
Wind, so ziele ich darauf mit einem Spruche hin, und gemeiniglich wird dann
gebeichtet, weil nmlich der Snder wei, da auerdem ihm der Dienst aufgesagt
ist.
    Sie wnschten einander gute Nacht, und der Jger ging auf sein Zimmer. Er
entkleidete sich, schlug die Decke des Bettes zurck und sah an kleinen Fltchen
der brigens blendend weien Leintcher, da die Leute nicht fr ntig gefunden
hatten, dieselben nach dem letzten Besuche, welcher auf dieser Stube geherbergt,
zu wechseln. Eine wunderbare Empfindung durchrieselte ihn; er hatte das Mdchen,
welches hier geruht, schon ganz vergessen gehabt, nun fiel ihm das Nachthubchen
wieder ein, er nahm es vom Stuhl, ma abermals an der Zerknitterung das Oval des
Gesichtes ab, drckte es an seine Wange, wie um sie zu khlen, und brach
pltzlich in heftige Trnen aus. Denn in dieser jungen, saftschwangern Natur
lagen noch alle Widersprche des Ernsten und Nrrischen, welche das Leben spter
bis zur Gleichgltigkeit abdmpft, chaotisch nebeneinander.
    Seine Unruhe, als er sich zwischen den Decken ausgestreckt hatte, wurde
vermehrt, als er sich auf einmal erinnerte, da er bei dem Abschiede von dem
alten Jochem diesem ja gar nicht gesagt habe, wo er whrend dessen Sprfahrt
verweilen wolle.

                                Sechstes Kapitel



           Der Jger schreibt an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde

Mentor, mein Mentor, dem leider der verstndige Jngling Telemachos fehlt, was
wirst Du sagen, wenn Du meine Hand und berschrift des Briefs zu schauen
bekommst? Du, unter Deinen Tannen und Uhrmachern, wirst mich nach Reisen und
Fahrten aller Art endlich weich und still auf meiner Alm im Schlosse meiner in
Gott ruhenden Vter wissen und ausrufen, nachdem Du Gegenwrtiges gelesen:
Unser Wissen ist eitel Stckwerk! Du wirst Dir einbilden und wohlgefllig (Du
Treuer!) Dir sagen, wenn Du abends in der Schreibtafel die Agenda
durchstreichst, weil sie Nummer fr Nummer Akta geworden sind: Endlich wird er
nun sich zur Decke gestreckt haben, des Feldbaus warten, oder eine ntzliche
Anlage, etwa eine Papiermhle, machen, und das heie Blut hchstens an den Sauen
und Hirschen seines Wildbanns auslassen, und ist von allem dem nicht ein
Tttelchen wahr, obgleich ich auch hier, Gott sei es geklagt, auf die Jagd gehe,
aber im Dienste eines westflischen Bauern als Wilddieb gegen meine Herrn
Standesgenossen.
    Ich bitte Dich, verliere die Geduld nicht; denn wenn seltsame Dinge von der
Seele heruntergebeichtet werden sollen, so darf der Snder schon etwas stocken
und zaudern, und der Beichtvater mu es sich gefallen lassen, das Tchel lange
vor dem Antlitz zu halten. In der Ohrenbeicht' aber fhle ich mich trotz meines
guten Tbinger Protestantismus immer Dir gegenber, wenn ich etwas habe
auslaufen lassen, was nicht innerhalb der Schnur war. Die Snde kann ich nicht
verschwren, aber, ist sie begangen, so verspre ich wie ein Glaubiger der
allgemeinen Kirche ein wahres Reinigungsbedrfnis in der Seele, und mein
moralischer Reiniger bist Du. Du hast mich in hundert Nten der Art schon
losgesprochen - - ach nein! das hast Du nicht, Du hast immer bitter gezankt und
gescholten, aber es ist nun einmal mein Schicksal; ich kann die Last nicht bei
mir verschlieen, ich lege sie an der Schwelle des Tempels der Athene, heit des
wohlbekannten Oberamtmannshauses unfern der Hlle (bei Donaueschingen) nieder,
und habe dann neue Kraft und frischen Mut zu Gutem und Bsem. - Also: Iterum
confiteor ohne aufs Absolvo zu rechnen.
    Confiteor ... aber was?
    Seit vierzehn Tagen aus Schwaben, liege ich seit acht hier in einem
sogenannten Oberhofe unweit - -

Ich mute gestern abbrechen, denn nachdem ich geschrieben, wo ich sei, fehlte
mir auf einmal die Brcke zu der Erffnung, warum und weswegen ich hergekommen?
Ich mu also die Sache auf eine andere Weise einleiten. Trotz der bunten
Schreibart, die vielleicht noch mit unterlaufen wird, bin ich ernst, klar und in
mir gefat. Daher sollen Dir Dinge entdeckt werden, die Du wenigstens in dieser
bestimmten Gestalt noch nicht von mir vernommen hast.
    Die Geschichtschreiber pflegen an die Spitze ihrer Werke zuweilen allgemeine
Stze zu stellen, in denen sich der innerste Sinn der Begebenheiten, welche sie
schildern wollen, ausprgen soll. Einige solcher Betrachtungen werde ich jetzt
meiner Geschichtserzhlung voranschicken, weil sie Dir dadurch vielleicht
falicher wird.
    Nach der scharfsinnigen und fruchtbaren Hypothese eines tiefblickenden
Naturlehrers entspringen die Instinkte der Tiere aus traumartigen Vorstellungen
von den Dingen, welche der Instinkt erstrebt. Der Zugvogel trumt von den fernen
Gegenden, in welche er wandert, in traumartigen Umrissen sieht die sibirische
Waldschnepfe die deutschen Sumpfstrecken, die Schwalbe den Kstensaum Afrikas.
Traumartig schweben der Spinne die Umrisse und Radien ihres Netzes, der Biene
die Sechsecke ihres Stockes vor. Es ist eine Hypothese, aber ich nannte sie
sinnreich und fruchtbar, weil sie die Kreatur gerade in dem, was ihre
bedeutendste Ttigkeit ist, aus der Region des Maschinenmigen in ein
gottdurchleuchteteres Gebiet hebt.
    Wir armen bewuten Menschen scheinen nun von dieser gttlichen Sicherheit
des Angreifens und Fassens alles Stoffes entblt zu sein. Aber es ist nur
scheinbar. Alles Genie und Talent ist nichts weiter als Instinkt. Nenne mir den
Knstler, den Dichter, der beides nicht aus sogenanntem dunklem Drange geworden
wre! Wir andern haben freilich so bestimmte Fingerzeige nicht in uns, indessen
sind fast jedem Menschen - vielleicht jedem - auch ganz feste Richtungen,
unverrckbare Punkte eingeboren, welche auen oft als Launen, Grillen,
Seltsamkeiten, Liebhabereien erscheinen, dennoch aber vielleicht auf das
allerfesteste Gesetz der Seele hindeuten. Es sind dieses nicht die sogenannten
Grundstze, Maximen, Lebensweisen, Gewhnungen - das alles kann angebildet und
angelernt werden - nein, was ich meine, ist etwas ganz anderes, aber freilich
schwer zu beschreiben.
    Diese Lichter des innern Menschen sind Halbtrume des Instinkts. Von dem
nchternen Tagesscheine des Verstandes entscheucht, von der whlenden Hand der
Selbstbeschauung zerschlagen, wirken sie nicht so siegreich, wie bei dem
Wandervogel und bei der Biene das unwiderstehliche Mu, glcklich ist aber
derjenige, der die Stimme jener Trume hrt und ihr folgt.
    Das Genie wird geboren, sagt man, und darber ist jeder einverstanden. Ich
fge hinzu: Nicht alle werden als Genies, aber dazu wird jeder geboren, sich
sein Schicksal zu machen. Selbst die willkrlich scheinenden Grillen sind
zuweilen feste Wegweiser zum Glck. Erinnerst Du Dich noch des armen Tagelhners
in Ludwigsburg, welcher, sonst verstndig und fleiig, sich steif und fest
einbildete, im Park lgen Granaten, und der zu jeder Freistunde in den Alleen
danach suchte, Kiesel und Quarz aufhob und betrachtete? Die Leute hielten ihn
fr verrckt, und eines Abends fand er in einem der dunkelsten Gnge, eifrigst
auf Granaten erpicht, eine vollgespickte Brieftasche, die er ehrlich genug war,
dem Verlierer einzuhndigen. Dieser belohnte ihn mit einem Geschenke, welches
seine Umstnde auf Lebenszeit verbesserte. Das Sonderbarste war, da, sobald
jener Fund getan war, sein Suchetrieb in ihm versiegte.
    Ich habe nun auch in mir ganz bestimmte Instinkte, denn ich will sie nur
geradezu so bei mir nennen. Meine Jagdlust mag ich nicht anfhren, denn es
bleibt mit der abenteuerlichen Seite der Region, welche ich Dir bezeichnete,
allerdings immer etwas Miliches, obgleich ich nicht berge, da ich des
Gedankens nicht Meister werden kann, mein bestndiges Schieen und Fehlen msse
doch irgendeinen, mir freilich nicht begreiflichen Zweck haben. Aber lassen wir
diesen weidmnnischen Instinkt, der mir den Spitznamen: der wilde Jger, bei
Euch zugezogen hat, vorderhand auf sich beruhen!
    Aber ein Zweites in mir ist etwas Ernsteres, und doch kein Vorsatz, keine
berzeugung, keine Leidenschaft - sondern ein wahrer Instinkt. Es ist ein
unbeschreibliches Gefhl fr die Frauen. Solange ich denken kann, wohnt es mir
bei. Ich kann es Dir eigentlich nicht schildern. Mich durchsuselt die Ahnung
einer unendlich milden Lsung aller Schmerzen, das Vorempfinden des
berschwenglichsten Erfllens und Ergnzens, sehe ich eine Frau. Und nicht blo
Jugend und Schnheit, Reiz und Anmut bewegen meine Seele in einem Bade so
erquickender Fluten, sondern in der Unscheinbarsten gewahre ich etwas
Gttliches, wenn sie mir begegnet. Oft hat mich ein solches zuflliges und
gleichgltiges Treffen von trben leidenschaftlichen Aufregungen wie mit einem
Zauberschlage geheilt; oft habe ich mich auch scheu vor allen weiblichen Zirkeln
zurckgehalten, weil in mir etwas vorgegangen war, was ich unter Frauen zu
bringen fr unerlaubt hielt. Seit einiger Zeit habe ich angefangen, meine Blicke
auf die Verwickelungen der Welt und Zeit zu richten. Da mu ich Dir nun
gestehen, da unter allen den Dingen, nach deren Rckkehr die Menschen seufzen,
mir die Herstellung des wahren und beseligenden Verhltnisses zwischen den
beiden Geschlechtern als das sehnenswerteste erschienen ist. Aber freilich mag
dieser Friede wohl der Lohn sein, welcher andern, erst in den brigen Punkten
zum Frieden gelangten Zeiten aufbewahrt wird.
    Dich werden diese Bekenntnisse berraschen, denn Du hast mich nicht gar zu
selten rauh und tlpisch im Umgange mit Frauen gesehen, auch war ich noch nie
verliebt. Vielleicht werd' ich es auch nie. Das schlimmste Unrecht ttest Du
mir, wenn Du glaubtest, da aus mir noch gar ein Sling werden knnte. Nein,
dazu passen wir berhaupt bei uns zulande nicht. Nimm meine Worte, wie sie
geschrieben sind - sie stammeln von einem Naturgeheimnis.

Nun genug der Reflexion und jetzt eine schlichte Historie. Als ich eben nach den
Gtern zurckgekehrt war, lernte ich in der Nachbarschaft meine Verwandte,
Baronesse Clelia kennen, die sich frher in Wien aufgehalten hatte. Ich benahm
mich gegen sie, wie es einem schwbischen Vetter geziemte, sie desgleichen, wie
meinem Mhmchen zukam. Keines von beiden dachte an eine Verbindung, wohl aber
mochte der Verwandtschaft eine solche gar palich vorgekommen sein, denn aus
freundlichen Blicken, geselligen Aufmerksamkeiten und zwei oder drei
Hndedrcken, wie sie ein unbefangenes Wohlwollen gibt und nimmt, war bald fr
uns ein Netz zusammengestrickt worden, aus welchem wir schlechterdings als Braut
und Brutigam hervorgucken sollten; und der alte Oheim fragte mich eines Tages
ganz naiv, wann denn die ffentliche Erklrung vor sich gehen werde.
    Wir waren gewaltig betroffen, und wie zwei Leute sonst alles mgliche
anwenden, um einander habhaft zu werden, so lieen wir nichts unversucht, in der
Meinung der Sippschaft voneinanderzukommen, was in der freundlichsten Einigkeit
von beiden Seiten geschah. Mhmchen Clelia hatte bei diesen
Lockerungsbestrebungen ein noch greres Interesse, als ich, denn es lie sich
bald vermerken, da ihr Herz ihr nach Schwaben nur an einem Faden gefolgt war,
den ein schner Kavalier in den sterreichischen Erblanden hielt.
    Bei den Anstrengungen, die wir solcherweise machten, fielen die
lcherlichsten Szenen vor, insbesondere von meiner Seite, der ich fr diese
spitzfindigen Kombinationen der Verhltnisse gar nicht zugerichtet bin. Ich
wollte alle Schuld, da ein Schein von Neigung entstanden war, auf mich nehmen,
verwickelte mich darber in die unsinnigsten Erklrungen, bekannte mich endlich
fr schon anderweit im Auslande verlobt, widerrief diese Lge im nchsten
Augenblicke - kurz, ich stellte bei der ganzen Sache den Helden einer ziemlich
lustigen Novelle dar.
    Indessen wrde diese nur im Kreise der nchsten Bekanntschaft angeklungen
und verklungen sein, wenn sich nicht ein fremder Strenfried herbeigemacht und
sie zur Befriedigung seines schlechten Witzes gemibraucht htte.
    Es hielt sich nmlich damals seit einiger Zeit bei uns ein Mensch auf,
namens Schrimbs, oder Peppel, wie er andererorten geheien hat. Der Himmel wei,
wieviel Namen er berhaupt in der Welt gefhrt haben mag und noch fhrt! Schon
das uere dieses Menschen war hchst auffallend, er sah im Gesichte ganz
verwittert aus, und dennoch konnte man kein rechtes Alter an ihm abnehmen, denn
trotz der Runzeln auf Wangen und Stirn war unter seinen Haaren kein weies zu
entdecken, und seine Haltung ungebeugt, sein Muskelfleisch straff, sein Benehmen
jugendlich-petulant. Ich wei nicht, wie ich Dir diesen Schrimbs oder Peppel
beschreiben soll; er war alles und jedes. Wie der Aal entschlpfte sein Geist
jeglichem Bemhen, ihn in einer bestimmten Lage festzuhalten, wie Quecksilber
zerrann dieses kalte, schwere, und doch unendlich flchtige und trennbare Wesen
unter der leisesten Berhrung in lauter perlende Kgelchen, die denn doch immer
wieder zu einer greren koagulierten. Du mut von ihm gehrt haben, denn er war
nach und nach in vielen Stdten unter den verschiedensten Gestalten. Vielleicht
ist er sogar in Deine Nhe gekommen. In Tbingen machte er den Magister und
focht sich theologisch herum, in Stuttgart abwechselnd den Politiker und
lyrischen Dichter, in Weinsberg half er unserem alten Justinus noch mehr Geister
sehen, als dieser schon mit seinen zwei Augen erblickt.
    Dieser Mensch hatte eine Gabe zu fabulieren und zu schwadronieren, wie ich
sie noch nimmer bei jemand wahrgenommen habe. Er besa einen aristophanischen
Witz, eine gaukelnde Einbildungskraft und eine unerschpfliche Laune, vor allem
aber eine Lust und Freude am Lgen, die wirklich auch genial war. Keiner achtete
ihn und doch war er berall eingefhrt; unsre geschlossenen Gesellschaften taten
ihre Tren vor ihm auf, unsre Familien- Wein- und sonstigen Krnzchen flochten
ihn sich als Blume ein, denn Du weit wohl, da, so schwerfllig und abgesondert
wir uns halten, es doch noch von je alle Scharlatane bei uns mit uns
durchgesetzt haben. Man hielt ihn fr nichts Besseres, als fr ein Stck
honetten Gauners und doch blickte man sehnschtig nach ihm aus, lie er einmal
auf sich warten. Obgleich ich berzeugt bin, da er eigentlich schlechte
Streiche nirgends begangen hat, denn sonst wrde er leiser, versteckter,
knstlicher aufgetreten sein. Eine gewisse theoretische Unwahrhaftigkeit war in
ihm zur andern Natur geworden; gegen die Gesetze wird er sich nicht verfehlt
haben.
    Du fragst: Wodurch fesselte er euch denn? Ja, wodurch? Durch tolle Mrchen,
die er uns erzhlte, durch Sarkasmen, Luftsprnge. In seinen Mrchen griff er
mit unerhrter Dreistigkeit das Nchste auf, oder eine ffentliche Person, und
drehte und wendete und drillte sie so lange, bis sie unter seinen Hnden ein
phantastischer Popanz wurde, der dann, wenn man ihm nher in das Gesicht sah, in
Blasen auseinanderplatzte. Mir war oft bei seinen Geschichten zumute, als sehe
ich eine Wasserhose entstehen, wandeln, sich auflsen. Eine schwache Wolke
schwebt ber dem Meere, diese fat mit einem langen, feinen Finger in den
unendlichen Ozean, aufwrts kocht, wirbelt und tanzt das emporgestrte Wasser,
es pfeift und zischt; Nebel und Schaum rings umher, und Blitz ohne Donner! so
rckt das Phantom, welches nicht Dunst und nicht Woge mehr ist, sprungweise vor,
bis es pltschernd zerbricht.
    Ich sagte zuweilen fr mich: In diesem Erzwindbeutel hat Gott der Herr
einmal alle Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie,
die gemtlose Phantasterei, den schwrmenden Verstand einfangen wollen, um sie,
wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang fr seine Welt stille gemacht zu
haben. Dieser Schrimbs oder Peppel, dieser geistreiche Satirikus, Lgenhans und
humoristisch-komplizierte Allerweltshaselant ist der Zeitgeist in persona; nicht
der Geist der Zeit, oder richtiger gesagt: der Ewigkeit, der in stillen Klften
tief unten sein geheimes Werk treibt, sondern der bunte Pickelhring, den der
schlaue Alte unter die unruhige Menge emporgeschickt hat, auf da sie, abgezogen
durch Fastnachtspossen und Sykophantendeklamation von ihm und seiner
unergrndlichen Arbeit, nicht die Geburt der Zukunft durch ihr dummdreistes
Zugucken und Zupatschen stre. Denn zweierlei war das Merkwrdigste an dem
Vagabunden: Erstens, er trug nicht reine Mrchenpoesie vor, sondern die
grotesken Erfindungen und Gestalten wurden von ihm mit solcher Ruhe, berzeugung
und Ernsthaftigkeit hingestellt, sie saen ihm so in Fell und Fleisch fest, da
man in whrender Erzhlung zu keinem dichterischen Behagen gelangte, man mute
ihn entweder fr verrckt halten, oder an seinen Sachen, wie unsinnig sich das
ausnahm, auf eine Stunde glauben. Zweitens, wenn er auch meistens in seinen
milesischen Fabeln die Toren und Schcher der Zeit durchnahm, so fhlte man bald
- wenigstens ich hatte die Empfindung nach kurzer Bekanntschaft - da der Hohn
nicht aus einer tugendhaft-erzrnten Seele quoll, sondern aus einem Sinne, dem
eigentlich das Verkehrte lieb, notwendig, Bedrfnis und Stoff des Daseins war.
Und darin kennst Du nun meine Grundstze. Ich halt' mich ans Positive.
Begeisterung und Liebe ist die einzig wrdige Speise edler Seelen. Einen Schwank
mag ich wohl leiden. Aber das Sptteln, Nergeln und Grinseln um den Kehricht
her, dem schon viel zuviel Ehre geschieht, wenn er nur genannt wird, ist mir im
innersten Mute zuwider.
    Als ich zurckkam, fand ich ihn in unserm ganzen Kreise eingebrgert. Die
alten hme und Vettern wollten sich ausschtten ber seine Einflle oder
sperrten den Mund so weit auf, als die Muskeln es vertragen wollten, wenn er
ihnen ihre eigenen hausbackenen Personen, in wunderbaren Capriccios diese
zurckspiegelnd, zeigte. Ich hrte mit zu, war wechselsweise von seinen Reden
berauscht und unangenehm ernchtert. Es kann selbst sein, da ich mich Clelien
nicht so genhert haben wrde, htte ich nicht bei den verzwickten Schnurren ein
doppeltes Bedrfnis nach einer einfachen, wahren Geselligkeit empfunden. - Zu
den Abenteuerlichkeiten des Schrimbs oder Peppel gehrte auch, da er sich
regelmig des Tages drei Stunden ber mit drei jungen Leuten einschlo, die
kurz nach ihm eingelaufen waren und die Unbefriedigten hieen. Sie sprachen
nmlich nie ein anderes Wort, als: sie fhlten sich unbefriedigt, und sahen
immer starr und sonderbar vor sich hin. Woher die gekommen waren, wute auch
niemand, da sie aber still und nchtern lebten, so konnten sie nicht verdchtig
erscheinen. Mit den drei Unbefriedigten schlo sich also Schrimbs, wie gesagt,
tglich drei Stunden lang ein. Was sie zusammen trieben, erfuhr keiner. Aber
weder ein Geschft, noch eine Einladung, noch ein Spaziergang mit andchtigen
Zuhrern, noch sonst etwas, konnte ihn abhalten, wenn die Stunde des
Einschlieens kam, alles aufzugeben, und in das Haus zu gehen, worin die
geheimnisvollen Zusammenknfte stattfanden. Wollte man ihn darber ausforschen,
so pflegte er mit seiner abscheulichen Ruhe und Wrde zu sagen, die
Unbefriedigten studierten ihn; wollte man den Sinn dieses rtselhaften Ausdrucks
kennenlernen, so versetzte er gemeiniglich, es sei ihrer Studien wegen, da sie
ihn studierten, und fragte man ihn, was fr Studien diese seien, so war die
Auskunft: diejenigen, weswegen ihn die Unbefriedigten studierten.
    Nun zum Schlu der Geschichte. Unsere ganze Nicht-Liebesnovelle, Clelias und
meine, hatte er mit durchgelebt, schien indessen nicht sehr darauf geachtet zu
haben. Als die Sache aber allmhlich wieder in das Gleiche kam, bringt mir, wie
ich mich zum Besuch in der Stadt aufhalte, Freund Pfleiderer bestrzt ein
lithographiertes Blatt, worauf unser ganzes Verhltnis, alle unsere Wendungen
und Schritte, um ohne Aufsehen in eine gleichgltige Ferne auseinanderzurcken,
zur wildesten Bambocciade verstellt zu lesen sind. Sie hie: Geschichte von
Gnserich und Gnschen, die sich in ihren Herzen irrten.
    Er sagte mir, da das Ding vom Abenteurer herrhre, was auch nach den ersten
Stzen zu erkennen war. Der habe es in einer Gesellschaft erzhlt, es sei
allerliebst befunden worden, ein schnellfassender und schreibender Kopf habe es
aufgezeichnet und auf allgemeines Begehren der lieben Schadenfreude zum Frommen
fr die Mitglieder der Gesellschaft lithographieren lassen. Jeder teile es im
Vertrauen seinen nchsten Bekannten mit, und so mache es schon die Runde durch
die halbe Stadt.
    Ich las und las, und was mich darin betraf, htte ich verschmerzen knnen,
ja ich gestehe, da ich ber manches lachen mute. Aber auch Clelia war
natrlich nicht darin verschont.
    Und das versetzte mich in einen Zorn, der mich taub und blind und rasend
machte. Ich schwor dem Schelme die schrecklichste Rache. Nun htte ich, um diese
zu khlen, mich in seiner Wohnung auf Lauer legen sollen. Aber da siehst Du den
dummen Streich, der sich immer meinem Handeln beizumischen pflegt! Einsiegelte
ich das lithographierte Blatt und schrieb dem Urheber, ich werde dann und dann
mich bei ihm melden und Genugtuung fordern, kurz, eine frmliche
Kriegserklrung. Als ich zur bestimmten Stunde nach seiner Wohnung ging, fand
ich das leere Nest; Hals ber Kopf war er abgereist. Ich hielt es fr eine
Finte, strzte nach dem Hause, worin die geheimnisvollen Zusammenknfte gefeiert
wurden, weil ich ihn dort vermutete, aber da saen die drei Unbefriedigten und
jammerten, da ihnen der Meister, wie sie den Gauch nannten, entschwunden sei.
Vielfltige Nachfragen zeigten mir endlich eine Spur des Flchtigen. Sie wies
hieher, nach Norden, nach Niederland. In den Wagen gesetzt, mit dem alten
Jochem, der noch verwirrter ist, als ich, und von Stadt zu Stadt nachgesprengt,
bis ich denn hier vorlufig vor Anker gegangen bin. Ich habe nmlich den Jochem
allein weiterspren lassen, denn vor allen Dingen ist Inkognito ntig, wenn wir
ihn entdecken wollen, und mich erkannten die Leute berall fr das, was ich war.
Wei Gott, wie es zuging, da ich mir doch alle Mhe gab, mich zu verstellen. Des
Inkognitos wegen ist auch der Wagen in Koblenz stehengelassen worden. Von da
fuhren wir per Post, oder gingen auch streckenweise.

Ich freue mich, wie ein Kind, da ich die Geschichte vom Herzen
heruntergebeichtet habe, denn nun darf ich von Dingen schreiben, die angenehmer
sind. Nicht sagen kann ich Dir, wie wohl mir hier zumute geworden ist in der
Einsamkeit der westflischen Hgelebene, wo ich bei Menschen und Vieh seit acht
Tagen einquartiert bin. Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Vieh, denn
die Khe stehen mit im Hause zu beiden Seiten des groen Flurs, was aber gar
nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat, vielmehr den Eindruck
patriarchalischer Wirtschaft vermehren hilft. Vor meinem Fenster rauschen
Eichenwipfel, und neben denen hin sehe ich auf lange, lange Wiesen und wallende
Kornfelder, zwischen denen sich dann wieder jezuweilen ein Eichenkamp mit einem
einzelnen Gehfte erhebt. Denn hier geht es noch zu, wie zu Tacitus' Zeiten.
Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. Darum ist
denn auch so ein einzelner Hof ein kleiner Staat fr sich, rund abgeschlossen,
und der Herr darin Knig, so gut als der Knig auf dem Throne.
    Mein Wirt ist ein alter prchtiger Kerl. Er heit Hofschulze, obgleich er
gewi noch einen andern Namen fhrt, denn jener bezieht sich ja nur auf den
Besitz seines Eigentums. Ich hre aber, da dies berall hier so gehalten wird.
Nur der Hof hat meistenteils einen Namen, der Name des Besitzers geht in dem der
Scholle unter. Daher das Erdgeborne, Erdzhe und Dauerbare des hiesigen
Geschlechtes. Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein,
doch trgt er den starken groen knochichten Krper noch ganz ungebeugt. In dem
rotgelben Gesichte ist der Sonnenbrand der fnfzig Ernten, die er gemacht hat,
abgelagert, die groe Nase steht wie ein Turm in diesem Gesichte, und ber den
blitzenden blauen Augen hangen ihm weie struppige Brauen, wie ein Strohdach. Er
gemahnt mich, wie ein Erzvater, der dem Gotte seiner Vter von unbehauenen
Steinen ein Mal aufrichtet und Trankopfer darauf giet und l, und seine Fllen
erzieht, sein Korn schneidet, und dabei ber die Seinigen unumschrnkt herrscht
und richtet. Nie ist mir eine kompaktere Mischung von Ehrwrdigem und
Verschmitztem, von Vernunft und Eigensinn vorgekommen. Er ist ein rechter
uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Worts; ich glaube, da man diese Art
Menschen nur noch hier finden kann, wo eben das zerstreute Wohnen und die
altsassische Hartnckigkeit, nebst dem Mangel groer Stdte den primitiven
Charakter Germanias aufrechterhalten hat. Alle Regierungen und Gewalten sind
darber hingestrichen, haben wohl die Spitzen des Gewchses abbrechen, aber die
Wurzeln nicht ausrotten knnen, denen dann immer wieder frische Schlinge
entsprossen, wenngleich sich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln
zusammenschlieen drfen.
    Die Gegend ist durchaus nicht, was man eine schne nennt, denn sie besteht
lediglich aus wellenden Hebungen und Senkungen des Erdreichs, und das Gebirge
sieht man nur in der Ferne; 's ist dieses auch mehr eine finstre Berglehne, als
eine schnliniierte Kette. Aber eben ihre Anspruchslosigkeit, da sie sich nicht
aufgeputzt einem gegenberstellt, fragend: Wie gefall' ich dir? sondern bis in
die kleinsten Partikeln als fromme Schaffnerin dem Anbau durch menschliche Hnde
dient, macht sie mir doch sehr wert, und ich habe gute Stunden auf meinen
einsamen Streifereien genossen. Vielleicht tut der Umstand auch das Seinige, da
mein Herz einmal wieder ganz ungestrt seine Pendelschwingungen ausschwingen
darf, ohne da vernnftige Leute am Uhrwerke rcken und drehen.
    Poetisch bin ich sogar geworden, was sagst Du dazu, mein alter Ernst? Hab'
etwas hingeworfen, wozu mich ein gttlichschner Sonnentag, den ich vor Zeiten
in den Waldgrnden des Spessart verlebte, zuerst anspornte. Ich glaube, es wird
Dir gefallen. Es heit: Die Wunder im Spessart.
    Am liebsten sitze ich droben auf dem Hgel an einem stillen Platze zwischen
den Kornfeldern des Hofschulzen, die dort zu Ende gehen. Man hat eine gerumige
mit Kraut und Brombeergebsch bewachsene Einsenkung des Bodens vor sich; rings
im Kreise um sie her liegen groe Steine, einer, gerade dem Felde gegenber, ist
der grte, ber dem spannen drei alte Linden ihre Zweige aus. Dahinter rauscht
der Wald. Die Stelle ist unendlich einsam und beschlossen und heimlich,
besonders jetzt, wo man im Rcken das mannshohe Korn hat. Da droben bin ich
viel. Freilich nicht immer in sentimentaler Naturbetrachtung, es ist auch mein
gewhnlicher abendlicher Anstandsort, von wo ich dem Schulzen die Reh' und
Hirsch' aus dem Korn schiee.
    Sie nennen den Platz den Freistuhl. Vermutlich hat also dort vor alters das
Femgericht im Schrecken der Nacht seine Verdikte ausgebrtet. Als ich meinem
Schulzen ihn lobte, ging eine Freundlichkeit ber sein Gesicht. Er versetzte
nichts, nahm mich aber nach einiger Zeit ohne Veranlassung mit auf eine Kammer
im obern Stock des Hauses, ffnete dort einen eisenbeschlagenen Koffer und
zeigte mir in demselben ein altes rostiges Schwert liegend. Mit Feierlichkeit
sagte er: Das ist eine groe Raritt; es ist das Schwert Caroli Magni, seit
tausend und mehreren Jahren beim Oberhofe aufbewahrt, und noch in voller Kraft
und Gewalt. Ohne weitere Erklrungen hinzuzufgen, klappte er den Deckel wieder
zu. Ich htte um alles seinen Glauben an dieses Heiligtum nicht zerstren mgen,
obgleich mich mein flchtiger Blick lehrte, da der Flamberg kaum ein paar
hundert Jahre als sein knne. Er zeigte mir aber ein frmliches Attest ber die
Echtheit der Waffe, von einem geflligen Provinzialgelehrten ihm ausgestellt.
    Hier will ich denn nun unter den Bauern bleiben, bis mir der alte Jochem
Nachricht von dem Schrimbs oder Peppel gibt. Es ist zwar die achtzig Meilen her
khler in mir geworden, denn gar viel tut's, wenn vierzehn Tage zwischen dem
Vorsatz und der Ausfhrung liegen, auch steht nun die Frage, welche Rache ich
eigentlich an ihm nehmen soll? aber das wird sich schon alles finden.
    Dieser Brief, wie ich ihn berlese, kommt mir ganz possierlich vor. Vorn
stehen recht hbsche Bemerkungen, hinten dergleichen, ich brauche mich ihrer gar
nicht zu schmen, und in der Mitte ist's, als ob ein dummer Bub' seine
Eulenspiegelei erzhlt.
    Nun, ich werd' ja endlich auch klug werden. - Wenn einen die Leut' nur
verstnden in der Fremde! Alles mu man drei- mal sagen, bevor's gefat wird.
Und wenn man nicht gar ein Stockschwab ist, sondern im Gegenteil in der Welt
umhergekommen, und andere vielfltig hat reden hren, so kann man sich selbst
durch unser Zischen und Prasseln hin und wieder beschwert fhlen. Wir haben doch
Geist, soviel wie die brigen, warum knnen wir denn das Wort nicht gelind,
sanft und zart von uns geben, sondern sprechen immer: Keescht? Aber ich denke,
aus: Keescht kann allezeit durch Abschwchen und Filtrieren: Geist werden,
nicht aber umgekehrt aus Geist, Keescht. Und so wird's der Herr in diesem
Punkt wie in allen andern wohl mit uns brav gemeint haben.
    Mentor, hoffentlich hrst Du bald mehr von
                                                           Deinem Nicht-Telemach
    Schilt ihn aber tchtig aus, darum bitt' ich Dich.

                               Siebentes Kapitel



 Worin der Jger dem Hofschulzen eine alte Geschichte von seinen Eltern erzhlt

Mehrere Tage gingen im Oberhofe auf die gewohnte stille und einfrmige Weise
hin. Der alte Jochem lie noch immer weder von sich noch von dem entwichenen
Abenteurer hren, und seinen jungen Gebieter wollte doch nachgerade eine stille
Unruhe beschleichen. Denn so umspinnt uns alle die jetzige geregelte Zeit, da
niemand, und sei er noch so ungebunden, lange ausdauern kann ohne den Rcken an
ein Geschft, oder an ein Verhltnis zu lehnen.
    Mit dem Hofschulzen verkehrte er zwar, sooft er konnte, und die originelle
Eigentmlichkeit des Mannes behielt fr ihn ihre ganze Anziehungskraft, welche
sie am ersten Tage der Bekanntschaft ber ihn ausgebt hatte, aber teils war der
Alte meistens in seiner Wirtschaft sehr beschftigt, teils hatte er viel mit
andern abzureden, da tglich Menschen im Hofe einsprachen, die ihn um Rat oder
Hlfe angingen. Bei diesen Gelegenheiten bemerkte der Jger, da der Hofschulze
im eigentlichen Sinne des Worts nie etwas umsonst tat. Er war gegen Nachbarn,
Gevattern und Freunde zu allem bereit, aber sie muten ihm immer etwas dagegen
leisten, und wre es nur die unentgeltliche Ausrichtung eines Auftrags nach
einer in der Nhe belegenen Bauerschaft, oder eines andern kleinen Dienstes
dieser Art gewesen.
    Tglich wurde geknallt, freilich immer vorbei, so da der Alte, der stets
ins Schwarze traf, er mochte zielen, worauf er wollte, ber diese fruchtlosen
Bemhungen verwunderte Augen zu machen begann.
    Es war ein Glck fr unsern Jger, da gerade um jene Zeit der
zunchstwohnende Gutsbesitzer sich mit seiner Familie und Dienerschaft auf einer
Reise befand, sonst wrden ihn wahrscheinlich doch einmal die znftigen Schtzen
oben am Freistuhl ertappt haben.
    Gern wre der junge Schwabe in manches eingedrungen, was ihm verhllt blieb.
Der erste Knecht fragte den Schulzen eines Tages, ob das Korn droben am Stuhl
nicht angeschnitten werden solle, da es vollkommen reif sei? erhielt aber von
seinem Herrn den Bescheid, da es bis nach der Hochzeit stehen bleiben msse.
Diese Worte wrden dem Jger nicht weiter aufgefallen sein, wenn er damit nicht
unwillkrlich den Inhalt eines Gesprchs in Verbindung gesetzt htte, dessen
unbemerkter Ohrenzeuge er kurz zuvor geworden war.
    Zwei benachbarte Hofbesitzer, welche seinen Wirt besuchten, hatten ihn
nmlich, so da der Jger es hrte, befragt: Wann das Geding sein solle? und zur
Antwort erhalten: Am zweiten Tage nach der Hochzeit, mit dem Hinzufgen, da
dann zugleich der Schwiegersohn die Losung empfangen werde. Der junge Mann
brachte diese Reden mit der Schonung des reifen Korns am Freistuhl in
Zusammenhang, ohne gleichwohl die eigentliche Bedeutung sich klarmachen zu
knnen.
    Seinerseits sagte der Hofschulze einmal zum Jger, als dieser wieder mit
leerem Pulverhorn und leerer Weidtasche in den Hof zurckkehrte: Wie ist das,
junger Herr? Sie treffen ja niemalen was?
    Der Jger war gerade in einer verdrielichen Stimmung, die zuweilen am
offensten macht. Er versetzte daher kurzweg: Da ich nichts treffe, ist nicht
meine Schuld, und da ich dennoch immerdar schieen mu, liegt auch nicht an
mir, das hngt mir von Mutterleib an.
    Wie? Von Mutterleib? fragte der Hofschulze.
    Ich kann es nicht anders nennen, erwiderte der Jger. Ihr seid ein so
verstndiger Mann, da ich keinen Grund habe, Euch eine Geschichte
vorzuenthalten, welche Euch meine Jgerei, ber die Ihr, wie ich sehe, schon
seit einiger Zeit den Kopf schttelt, einigermaen erklrlich machen wird. Man
hat Muttermler in Form von Sternen, Kreuzen, Kronen, Schwertern, weil die Frau,
welche den Menschen trug, sich an einem groen Orden, an einem Kirchenzuge, an
einer Krnung versah, oder unter Kriegsgetmmel ihre Schwangerschaft abhielt;
warum sollte einer nicht Jger von Mutterleib aus sein knnen?
    Der Hofschulze ntigte seinen jungen Gast an den Tisch unter den Linden vor
der Tre, lie eine Flasche sehr trinkbaren Weins bringen, und der Jger begann
hierauf folgendergestalt seine Erzhlung.
    Meine Mutter hatte sich mit meinem Vater erst nach einem trauer- und
trnenvollen Brautstande verbinden drfen. Die Verwandten und viele Umstnde
waren gegen die Heirat gewesen, indessen hatte die Liebe, welche beide
zueinander trugen, doch endlich obzusiegen gewut, und die Ringe durften
gewechselt werden. Die Folge jenes langen Hinderns und Zurckhaltens war nicht,
wie es oft zu geschehen pflegt, ein rasches Erkalten nach gewonnenem Besitze,
sondern eine uerst zrtliche Ehe gewesen, so da also in diesem Falle der
Wunsch der Leidenschaft sein Recht darwies. Noch in jetzigen Tagen erzhlen
bejahrte Leute, welche meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt
haben, von dem schnen Paare, das immerfort wie Liebhaber und Geliebte
miteinander umgegangen sei. Die Zrtlichkeit meiner Mutter uerte sich nun auch
in einer Sorge um das Leben und die Gesundheit des Vaters, welche freilich oft
in das bertriebene ging. Blieb er von einem Spaziergange oder einem Besuche in
der Nachbarschaft einige Minuten ber die bestimmte Zeit aus, so schickte sie
ngstlich nach ihm; war seine Farbe nicht ganz so munter, wie gewhnlich, gleich
frchtete sie eine schwere Krankheit und wollte den Arzt herbeigeholt wissen, um
alles htte sie ihn nicht in der Nacht reisen lassen, und wo er ging oder stand,
mute er sich vor Zugluft in acht nehmen. Whrend sie fr ihre eigene Person
hart, unbekmmert und mutig blieb, sah sie in jeglichem, was meinen Vater
umgabe, Schreck und Gefhrde.
    Ja, ja, murmelte der Hofschulze vor sich hin, die vornehmen Leute haben
zu dergleichen Zeit. Bei uns Bauern kommt es auf einen Puff nicht an.
    Am instndigsten flehte ihn meine Mutter an, sich der Jagd zu enthalten.
Sie hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe einen verworrenen Traum, von dem sie
sich beim Erwachen nur einer schnen grnen Uniform, worin sie meinen Vater
gesehen, und da ihn in derselben ein Unglck betroffen, zu erinnern wute. Nun
fielen ihr alle die Geschicke, die sich auf Jagden ereignen knnen:
scheugewordene Pferde, unvermutet losgegangene Schsse, Eber, die den Schtzen
anrennen, und was dergleichen mehr war, ein, und sie lie sich daher von meinem
Vater das Wort geben, nie diesem verhngnisvollen Genusse wieder frnen zu
wollen. Er willfahrte ihr gern, denn er sah ihre Liebe zu ihm, und war berhaupt
dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben, obschon er es, wie ihm sonst nach
seinen Verhltnissen zukam, getrieben hatte.
    Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos. Endlich fhlte meine Mutter ihren
Scho gesegnet. Sonst pflegt, wie man mir gesagt hat, in diesem Zustande die
Neigung der Frau zu dem Manne abzunehmen, und sich der verborgen reifenden
Frucht zuzuwenden, meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme. Ihre
Liebe zu dem Vater wuchs noch, wenn sie eines Wachstums fhig war. Zugleich
stellte sich die Erinnerung an den frher gehabten und seitdem fast vergessenen
Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein, dessen eigentliche Bilder ihr jedoch
nicht deutlich werden wollten, obgleich sie stundenlang sich damit abmhte, sie
hervorzurufen. Nochmals mute mein Vater sein frheres Gelbde in ihre Hand
wiederholen.
    Inzwischen rckte der Sankt Hubertus-Tag heran, an welchem der Frst, mit
dem mein Vater eng zusammenhing, die jhrliche groe Jagd zu veranstalten
pflegte. Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwtzt
worden, warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwnden von
den Jagden zurckgehalten habe, endlich hatte man den wahren Grund aufgesprt,
und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich ber den
gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben. Der Frst, derb und zufahrend, wie er
war, nahm sich vor, den Gehorsam zu Falle zu bringen. Es war so Sitte, da schon
an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett auf dem Jagdschlosse gegeben
wurde. Der Saal, in welchem es stattfand, war an den Wnden mit Hirschgeweihen,
Armbrsten und alten Jagdspieen ausgeziert. Da wurde denn, wie man bei uns zu
sagen pflegt, tapfer gebrstet, d.h. gezecht, und wer an dem Bankette teilnahm,
konnte sich natrlich von der Hubertusjagd nicht lossagen.
    Mein Vater wrde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben
haben, wenn ihn nicht der Frst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen
gewut htte. Er lie ihn nmlich unter dem Vorwande eines Geschfts berufen und
hielt ihn in langen Gesprchen hin, bis der Lakai meldete, da serviert sei. Da
wollte mein Vater fortreiten, aber ein zweiter Lakai brachte, ausgesandt, die
Nachricht, der Reitknecht habe verstanden, der Herr bleibe zur Tafel, und sei
bis auf den Abend mit den Pferden nach Hause geritten. Nun, da es so ist, la
dir's gefallen und nimm hier vorlieb, sagte der Frst. Du kannst doch nicht die
zwei Stunden zu Fu nach Hause gehen. - Was sollte mein Vater beginnen? So
unlieb es ihm war, er mute bleiben. Bei Tafel, als es ziemlich lrmend zu
werden anfing, warf einer die Frage hin, ob er morgen mit zur Jagd komme?
    Ohne seine Antwort abzuwarten, rief ein anderer: Nein, er darf nicht, seine
Frau hat es ihm streng verboten. - Ist es wahr, fragte der Frst laut ber die
ganze Tafel hin, da dir deine Frau befohlen hat, kein Gewehr mehr abzudrcken?
Wenn dem so ist, und du gehorchst, so bist du ja ein wahrer Mustermann fr Stadt
und Land. Ein schallendes Gelchter folgte diesen Worten, obgleich darin nicht
viel Lachenswertes steckte.
    Mein Vater rgerte sich, nahm sich aber zusammen und versetzte, da dem
nicht so sei; wie man denken knne, da seine Frau ihm so etwas befehlen werde?
und dergleichen mehr, was ein jeder in seiner Lage und in einer so wilden
Gesellschaft entgegnet haben wrde. - Topp! rief der Frst, das ist recht, so
hilfst du uns also morgen Sankt Hubert Devotion erzeigen - und als mein Vater
sich mit einer Reise, mit Besuch, mit Unplichkeit entschuldigen wollte - Oho!
die Frau Gemahlin steckt doch dahinter! Nun, der Sache mssen wir auf den Grund
kommen! Erinnert mich das nchste Mal, wo ich mit der Gestrengen zusammentreffe,
da ich ernstlich danach bei ihr anfrage.
    In diesem Augenblicke fate mein Vater seinen Entschlu. Er hielt es fr
ntig, der Mutter einen rgerlichen Auftritt, wie er von des Frsten Derbheit
immer zu besorgen stand, zu ersparen, und sagte daher: Damit jedermnniglich
sehe, da an all dem Argwohn nichts sei, so werde ich die Jagd morgen mitmachen.
Ein Beifallsklatschen erscholl, unter Getse wurde die Tafel aufgehoben; der
Frst rief mit etwas schwerer Zunge: Bist du aber morgen nicht um sechs Uhr am
Versammlungsplatze, so holen wir alle dich in corpore aus den Federn. - Mein
Vater nahm kurz und trocken seinen Urlaub, fuhr den lgnerischen Lakaien, der
drauen im Vorgemache ihn verschmitzt lchelnd befragte, ob er nun die Pferde
befehle? barsch an, und ging die Treppe hinunter ber den Hof selbst nach dem
Stalle, wo er den Reitknecht mit den Pferden fand, der sich keinen Augenblick
vom Jagdschlosse entfernt hatte.
    Hieraus ersah nun mein Vater, da das Ganze ein angelegter Plan gewesen sei.
Beim Heimreiten berlegte er den seinigen. Sich von dem gegebenen Worte
zurckzuziehen, war unmglich, denn dann htte er wirklich am nchsten Morgen
den ganzen Schwarm vor dem Hause gehabt zu ngsten und Schrecken der Mutter. Er
beschlo daher die Jagd wirklich mitzumachen, jedoch sobald als nur mglich sich
zu entfernen, und um sein Absein eine Zeitlang vor den brigen zu verbergen,
seinen guten Freund, den Oberjgermeister, dessen finsteres Gesicht Mibilligung
der getriebenen Scherze ausgedrckt hatte, zu ersuchen, da ihm der entfernteste
Stand angewiesen werde, von dem er bei gnstiger Gelegenheit entkommen zu knnen
hoffte. Um aber fr die Zukunft dem Frsten und der ganzen Gesellschaft Respekt
einzuflen, sollten tags darauf schriftliche Erklrungen an die rgsten
Schreier des Jagdschlosses abgehen, welche diese entweder einstecken, oder
worauf sie zu Pistolen greifen muten.
    Zu Hause zog er einen alten verschwiegenen Diener in sein Vertrauen, lie
die prchtige Jagduniform, in welcher jeder Kavalier bei den groen Hofjagden
erscheinen mute, heimlich aus dem Schranke nehmen, und versprte, wie er selbst
lange Jahre nachher, wenn diese Geschichte wieder auf das Tapet kam, zu erzhlen
pflegte, trotz seines Mimuts ein geheimes Behagen, als er das grne,
schimmernde Collet mit den blitzenden Knpfen, der goldenen, reichen Stickerei,
den Achselschnren, den schweren Epauletts aus dem umgelegten Seidenpapier, und
das prchtige Couteau mit glnzenden Steinen am Griff aus dem Futteral
hervorkommen sah, nachdem er so lange den Anblick dieser Gegenstnde entbehrt
hatte. Meiner Mutter sagte er irgendeinen gleichgltigen Grund, weswegen er den
folgenden Tag ber von Hause entfernt sein werde. Es gelang ihm, sie zu
tuschen; sie legte sich ruhig an seiner Seite schlafen.
    In der Nacht aber hatte sie den frheren ngstlichen Traum, auf dessen
Einzelheiten sie sich seither im Wachen nicht zu besinnen vermocht hatte. Sie
sah meinen Vater sich vom Lager erheben, einen Blick der Bekmmernis auf sie,
die Schlafende, werfen, leise auf den Zehen aus dem Zimmer schleichen. Der Traum
fhrte sie hierauf nach der Garderobe. Dort legte mein Vater Stck vor Stck die
prchtige grne Uniform an. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er kam ihr
gar zu schn vor, und doch beschwor sie ihn instndigst und mit der uersten
Herzensangst, von seinem Vorhaben abzustehen. Er lie sich aber nicht hindern,
schnallte das Couteau um, und in dem Augenblicke wieherte ein Pferd. Nun
zerbrach blitzschnell das bisherige Traumgesicht, und mit Entsetzen sah sie
meinen Vater blutigen Hauptes unten im Hofe auf dem Pflaster liegen. Ehe sie
noch sich zu ihm helfend hinbeugen konnte, wieherte das Pferd, welches sie
wunderbarerweise nicht sah, zum zweiten Male, und - sie erwachte, wie es ihr
vorkam, von einem wirklichen Pferdewiehern aus den Schrecknissen des Traumes
geweckt. Schlaftrunken tastete sie umher, um des Vaters Wange sich zur
Beruhigung zu streicheln, aber der Taumel ihrer Sinne wich der angstvollsten
Erinnerung, denn das Bett neben ihr war verlassen, die Decke zurckgeschlagen.
Sie schellte dem Mdchen, fragte, wo der Herr sei? Diese, welche ihn im Gange
verstohlen an sich hatte vorberschlpfen sehen, antwortete zgernd: In der
Garderobe. Nun war sie nicht lnger zu halten, eiligst warf sie ein Nachtgewand
ber und begab sich mehr laufend als gehend nach der Garderobe. Dort die Tre
geffnet, hatten beide Eltern voreinander den gleichen Schreck und meinten zu
Boden sinken zu mssen. Der Vater stand, wie ihn die Mutter getrumt hatte,
prchtig geschmckt, in seinem Glanz und Flimmer von der roten Morgensonne
umspielt, und schnallte eben das Couteau an. Es folgte ein heftiges Fragen und
Erklren, die Mutter wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen, bis er auf die
eindringlichste Weise ihr erwiesen hatte, da fr dieses Mal schlechterdings an
dem Vorhaben nichts zu ndern sei. Indem sie noch miteinander stritten, wieherte
des Vaters gesattelt stehendes Reitpferd unten vom Hof herauf zum dritten Male.
Sie strzte an das Fenster, sah das feurige Tier in den Boden hauen und sich
heben, das bse Ende ihres Traums trat ihr vor die Augen, sie beschwor meinen
Vater bei dem Lebendigen unter ihrem Herzen, wenigstens nicht zu reiten, da sie
die bestimmte Ahnung habe, da ihm heute damit ein Unglck begegnen werde, sich
vielmehr des leichten Wagens zu bedienen. Hchst verstimmt rief er dem Bedienten
zu: So la anspannen! drckte die Mutter sanft nach der Tre zu und bat sie um
Gotteswillen, sich doch nur wieder niederzulegen, da sie ja in ihrem leichten
Gewande von der Morgenklte schwer krank werden knne, und sprang dann, als er
sie auf dem Wege nach dem Schlafkabinett glaubte, rasch die Haupttreppe
hinunter, um nur zu Ro und an diesem vermaledeiten Tage vom Hofe zu kommen.
    Aber meine Mutter, einmal argwhnisch gemacht, schlpfte eine kleine
Seitentreppe hinab, die ebenfalls auf den Hof fhrte, um sich zu versichern, ob
auch der Wagen genommen werde. Indem sie nun unten anlangte, sah sie, da mein
Vater schon zu Pferde sa, und mit dem Tiere, welches er in seinem Verdrusse
heftig behandelt und dadurch unruhig gemacht hatte, kaum zurechtkommen konnte.
Mit einem lauten Geschrei flog sie durch die Tre auf den Hof; das Pferd, von
der pltzlich erscheinenden weien Gestalt bis zur Wut gesteigert, drehte sich
wie toll auf den Hinterfen um, geriet auf eine schlpfrig-abschssige Stelle,
ruschte aus und strzte. Nun lag mein Vater wirklich mit blutendem Kopfe auf dem
Pflaster, meine Mutter aber konnte ihm nicht helfen, denn auch sie sank
ohnmchtig an der Tre zusammen.
    Der Jger hielt atmend inne, bewegt von seiner eigenen Erzhlung, deren
Einzelheiten, wie er nach einer Pause sagte, ihm so lebhaft vorschwebten, weil
der Vorfall mit den kleinsten Zgen von den Dabeigewesenen ihm mehr als
hundertmal berichtet worden sei. - Er sei die Haus- und Familiengeschichte
geworden. Sein Zuhrer strich sich die Haare bedchtig auf der Stirn und sagte
nach einer Weile: Da die Sache keine schlimmen Folgen gehabt hat, stellt sich
dar, denn Sie sitzen da ganz frisch und gesund, junger Herr.
    Glcklicherweise war der Schreck das rgste dabei gewesen, erwiderte der
Jger. Mein Vater hatte sich schnell bgellos zu machen gewut, sein Epaulett
war ihm, von der heftigen Bewegung gelst, unter den Kopf gefahren und schtzte
vor einem zu harten Aufschlagen; er kam mit einer leichten Wunde davon. Auch
meiner Mutter, fr welche das Schlimmste zu befrchten stand, half ihre beraus
krftige Natur. Sie erholte sich und dauerte ihre Zeit aus, obgleich die
Gedanken an jenen Morgen sie keinen Augenblick verlieen.
    Und daher, meinen Sie, rhre Ihre Jagdlust? fragte der Hofschulze.
    Ich kam einige Monate nach dem Ereignisse zur Welt mit einem Male unter dem
Herzen in der Form eines Hirschfngers. Sobald ich zum Buben erwachsen war,
hielt mich keine Vermahnung und Zchtigung ab, mit den Jgern umherzulaufen. Und
so ist das fortgegangen bis auf den heutigen Tag, ohne da ich, wie Ihr ja
leider nun auch gemerkt habt, zu diesem Treiben durch Beute und Erfolg
irgendeine Anreizung empfinge.
    Wenn Ihre Frau Mutter von den Jagdsachen einen solchen Schreck bekommen
hat, so mte sie Ihnen ja ehender einen Abscheu davor eingeimpft haben, sagte
der Hofschulze.
    Nein! rief der junge Jger, und seine Augen begannen in dunklerem Feuer zu
leuchten, wie immer der Fall war, wenn sich die Rede auf solche Gegenstnde
wandte. Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze. Kann ein menschliches Wesen
unwillkrlich auf ein andres durch Blut, Seele und Sympathie wirken, so fllt
diese Wirkung auch ganz in der dunkeln Kammer vor, darin die Krfte nach ihren
eigenen Rechten hin- und herfahren, sausen und weben, und Gebild schaffen,
dessen Figur kein Verstand vorhersieht und auf welches niemand gefat ist.
Abscheu kann Lust, Furcht kann Mut, Sehnsucht Ekel erzeugen, und ist niemand,
der den Stammbaum dieser und hnlicher Zeugungen aufzurichten vermchte.
    Davon verstehe ich wirklich nichts, und geht mich auch nichts an, sagte
der Hofschulze. Aber aus der Geschichte, welche Sie da so plsierlich erzhlt
haben, ziehe ich eine dreifache Moral.
    Ihr haltet sehr viel auf Moral.
    Die Moral unterscheidet uns von dem Vieh, versetzte der Hofschulze
feierlich. Das Vieh hat eigentlich alles besser als die Menschenkreatur, es
findet den Weg sicherer, es hat sein ihm gewiesenes Futter und lstert nicht
nach anderem, es trgt seinen Rock anerschaffen auf seinem Leibe, es frchtet
sich nicht vor dem Tode, es treibt keine unntze Wollust, aber Moral hat das
Vieh nicht; Moral hat nur der Mensch.
    Und in meiner Geschichte stecken drei Moralen?
    Drei. Die will ich Ihnen jetzt auch nicht vorenthalten, junger Herr Jger.

                                 Achtes Kapitel



 Worin der Hofschulze eine dreifache Moral aus der Geschichte des Jgers zieht

Erstens, sagte der Hofschulze, lehret die Geschichte, da, wenn Ihre Passion
wirklich von Ihrer Frau Mutter sich herschreibt, der Herr noch jetzunder seinen
Spruch wahr macht, welcher lautet: Ich will die Snden der Vter heimsuchen an
den Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Denn an und vor sich ist die
Jgerei eine erlaubte und lustige Sache. Nun aber sndiget der Mensch jederzeit,
wenn er sich wider etwas setzt, was Herkommens ist bei seinesgleichen, dadurch
kriegt die Gleichgltigkeit ein Gewicht und hat Folgen, wie Pestilenz darnach
kam, als David sein Volk zhlen lie, weil das nicht Herkommens bei den Juden
war. Ihre Frau Mutter nun verfiel in Snde, weil sie den Herrn Vater nicht auf
die Jagd gehen lassen wollte, da das zu seinem Stande gehrte, und darum ist an
Ihnen eine Torheit gesetzt, das Schieen ohne Treffen. Sie sollten aber suchen,
mit der Gewalt davon loszukommen, weil solche Neigungen nicht aus den Wirkungen
in der dunkeln Kammer, nicht aus den Krften und den eigenen Rechten, wie Sie es
nannten, herrhren, sondern einzig und allein aus der Torheit, durch welche Sie
gro Unglck anrichten knnen. Auch die Mdchen haben mitunter das Gelst, Feuer
anzulegen, sie lassen es aber wohl bleiben, wenn sie scharf zusammengenommen
werden. Es kann und soll aber der Mensch, ber den kein anderer gesetzt worden,
an ihm selber der Herr und Zuchtmeister sein.
    Zweitens tut die Geschichte lehren, da im Ehestande gar zu viel Liebe
schdlich ist. Denn Ihr Herr Vater wrde mit dem Pferde nicht gestrzt sein,
wenn Ihre Frau Mutter nicht so besorgt aus der Tre gesprungen wre. Sie wollte
ihn vor Gefahr hten und brachte ihn eben recht in Gefahr. Wie leicht konnte ihn
einer von den Herrn niederschieen, an die er nach der Jagd Briefe schreiben
wollte! Im Ehestande mu alles moderiert sein, auch die Liebe, weil die Sache
fr die Hitze und den Eifer zu lange whrt. Vorher kann der Mensch tun, was er
will, danach kommt nichts, aber der Ehestand macht einen Abschnitt und gibt ein
Exempel, da mu der Mensch sich zusammennehmen, denn auf Eheleute sieht ein
jeder, und rgernis, welches durch sie kommt, ist doppelt rgernis. Mit einem
losledigen Menschen haben wenige Verkehr, aber auf den Haus- und Ehestand
verlt sich aller Handel und Wandel, Nachbarhlfe und Ansprache, Christentum,
Kirchen- und Schulzucht, Haus und Hof, Rind und Kind, und wie sollen nun alle
diese Sachen in gehriger Ordnung und Verfassung bleiben, wenn die Eheleute
selbst sich wie die Gecken betragen? Bei uns Bauern kommt der Fehler weniger
vor, aber bei den Stadtleuten, mit denen ich vielfltig hier und da hauen
verkehre, und deren Gebruche ich daher kenne, will mir in dem Punkte manches
schlimm gefallen. Wenn ein Mann sein Weib schlgt, oder angrunzt ohne Not, so
gibt er rgernis, denn der Apostel schreibt, da die Mnner ihre Weiber lieben
sollen, wie der Herr Christus seine Gemeine liebt, aber wenn ein Weib ihren Mann
so unterkriegt mit Karessen und sen Reden, da er zwischen guten Freunden vor
Angst nicht mehr zu bleiben wei, wenn die Stunde schlgt, da er hat nach Hause
kommen sollen, oder da er sich von allem zurckhalten mu, was ihm das Herze
frhlich macht, so gibt sie auch rgernis, denn der Apostel Paulus schreibt
nicht minder, das Weib solle den Mann frchten. Die Furcht aber besteht mit
solchem Verhalten nicht, vielmehr treibet sie dahin, da dem Manne sein freier
Wille gelassen werde, denn der Ehestand soll den Mann erbauen, nicht aber ihn
daniederreien, weil abermals der nmliche Apostel Paulus an die Korinther
schreibt: Der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib ist vom Manne.
    Ich habe hier jezuweilen bei guter Witterung groe Gesellschaft von
Stadtleuten, die fr Plsier den Tag im Freien zubringen, und gegen Abend wieder
heimfahren. Da sehe ich nun mitunter, da die Neugeheirateten, die etwa erst im
zweiten Jahre Mann und Frau sind, denn spterhin hrt dieses Wesen gemeiniglich
auf, miteinander ein Anblicken und Anblinzeln, Lffeln und Schlecken treiben,
als seien sie mutterseelenallein und niemand auer ihnen um sie und neben ihnen.
Darin stecken nun wieder drei rgernisse.
    Schade, unterbrach ihn der Jger lachend, da Euch kein Philosoph von
Profession anhrt, Hofschulze. Er wrde die architektonische Symmetrie Eures
Gedankenbaus loben. Drei rgernisse, entsprechend drei Moralen!
    Der Schulze fuhr, ohne sich stren zu lassen, fort: Erstens sind immer in
der Gesellschaft Leute, die gerne freien mchten und nicht knnen, und in denen
stiftet so ein ffentliches Liebeswesen geheimen Neid und stille Abgunst, wovor
der Mensch seinen Nchsten bewahren soll. Dieses ist das erste rgernis.
Zweitens lt, wenn sie sich vor so vielen Leuten nicht scheuen, das zu tun, was
in die Verborgenheit gehrt, vermuten, da sie daheim eine Brinneiferigkeit
haben, welche die Gesundheit ruiniert, und drittens denkt dieser und jener in
der Gesellschaft: Was dem einen recht, ist dem andern billig, geniert ihr euch
nicht, genier' ich mich auch nicht, drft ihr schmatzen, darf ich kratzen; lt
nun alle geheimen Wrmer und Otterngezchte, welche er im Herzen trgt und sonst
bei sich behielte, los, die schlechten, spttischen Reden, die Schraubereien und
Verleumdungen, welche denn wieder von andern aufgefangen und erwidert werden, so
da das ganze Plsier zugrunde geht. Auf diese Weise habe ich es erlebt, da
durch so ein ffentlich lffelndes Ehepaar lauter Zank und Hader in eine
Gesellschaft kam, der immer mehr stieg, je mehr die Eheleute miteinander
karessierten.
    Dagegen ist es eine wahre Freude, bisweilen vernnftige junge Leute zu
sehen, die bescheiden und anstndig sich betragen; das Frauchen sitzt da, und
der Mann da, jedes diskuriert hflich mit seinen Nachbarn, keines scheint auf
das andere zu achten, von Handgeben und Kssen ist nun gar nicht die Rede, und
doch sieht man den roten, muntern Gesichtern an, da sie zu Hause Glck und
Segen miteinander haben; gleichsam zwei pfel sind sie an einem Zweige, die auch
nicht nacheinander umgucken und doch zusammen wachsen, gedeihen und reifen. Der
Ehestand ist ein Segensstand, aber er will mit Vernunft und Geschick und
Manierlichkeit angegriffen sein, sonst macht er, wie der Wein im berma,
trunken, dumm und ungesund. Er ist wie der grne Zweig am Apfelbaum; was darauf
zum Gedeihen kommen soll, mu hbsch still und ruhig sich daran halten bei
Sonnenschein und Regen.
    Eure Moralien klingen zwar ziemlich hausbacken, aber es liegt doch etwas
Wahres darin, sagte der Jger. Der gesunde Menschenverstand behlt immer
recht, obschon er selbst nicht das letzte Recht ist. Was meine Eltern betrifft,
so spricht deren nachheriges Verhltnis auch gewissermaen fr Eure Stze.
    Meine Mutter ist nach dem entsetzlichen Schreck wie umgewandelt gewesen, er
hatte auf sie wie ein Sturzbad gewirkt, der Vater hat spterhin gehen, kommen,
sich kleiden drfen, wie, vornehmen knnen, was er gewollt, und von der Zeit an,
wo ich selbst zum Bewutsein gelangte, erinnere ich mich der Ehe meiner Eltern,
als einer zwar liebevollen, aber freien und ruhigen.
    Ja, ja, sprach der Hofschulze, so mute es sich wenden. Allzuscharf macht
schartig, der Bogen, welcher zu sehr gespannt wird, bricht, und hinter heiem
Wetter kommt khles. Aber Ihnen will ich doch eine gute Lehre geben, junger
Herr. Wenn Sie inkognito bleiben, und wie Sie sich mir verkndiget haben, fr
den Sohn von Brgersleuten gelten wollen, so mssen Sie mir keine Geschichte
erzhlen von Jagdschlssern und frstlichen Banketten und goldenen Uniformen und
Bedienten und Reitknechten.
    Ach, die Lehre kommt zu spt! rief der junge Jger lustig. Das Verstellen
hilft mir nichts, ich sehe es wohl ein, und wenn ich auch wie der Vogel Strau
den Kopf wegstecke, man erblickt mich dennoch. Verratet mich aber nicht; ich
habe meine Grnde zu der Bitte, die Ihr mit gutem Gewissen erfllen knnt, denn
ein Verbrechen habe ich nicht begangen.
    Nein, das soll wohl sein, Sie sehen nicht danach aus, sagte der Hofschulze
lchelnd.
    Jetzt nehmt von meiner Seite eine Lehre an. Ihr seid ein alter, gesetzter
Mann, dem mehr daran liegen mu, seine Absichten fr sich zu behalten, als mir.
Wenn Ihr Eure Geheimnisse, welche Ihr zweifelsohne habt, vor mir und meinem
Nachspren bewahren wollt, so mt Ihr meine Aufmerksamkeit nicht selbst rege
machen, mt mir nicht das Schwert Karls des Groen mit so feierlicher dunkler
Rede zeigen.
    Der Hofschulze richtete sich in die Hhe. Seine groe Gestalt schien noch zu
wachsen, und der Mond, welcher inzwischen aufgegangen war, warf seinen Schatten
lang in den Hof. Er sagte mit tiefem Tone und mit einem Nachdruck, der dem
andern durch Mark und Bein ging: Wehe dem, welcher die Geheimnisse des
Schwertes Caroli Magni sieht oder hrt, wenn es dergleichen gibt! - Darauf
setzte er sich nieder, schenkte seinem Gaste das letzte Glas ein, und tat, als
ob nichts vorgefallen sei.
    Dieser schwieg verlegen. Er merkte, da mit dem Alten in manchen Dingen
nicht zu scherzen sei. Um wieder ein Gesprch in Gang zu bringen, sagte er
endlich: Ihr verspracht drei Moralen aus meiner Geschichte, habt aber bis jetzt
mir nur zwei mitgeteilt.
    Die dritte, versetzte der Hofschulze, ist keine Rede, sondern eine
Handlung und Verrichtung. Mit diesen Worten deren Sinn er nicht weiter
aufklrte, ging er in das Haus.

                                Neuntes Kapitel



                   Der Jger erneuert eine alte Bekanntschaft

Am folgenden Tage zur Mittagsstunde hrte der Jger unter seinem Fenster ein
Gerusch, sah hinaus und bemerkte, da viele Menschen vor dem Hause standen. Der
Hofschulze trat in sonntglichem Putze soeben aus der Tre, gegenber aber hielt
am Eichenkampe ein zweispnniger Karren, auf welchem ein Mann in schwarzen
Kleidern, anscheinend ein Geistlicher, zwischen mehreren Krben sa. In einigen
derselben schien Federvieh zu flattern. Etwas hinterwrts sa eine Frauensperson
in der Tracht des Brgerstandes, welche steif vor sich hin auf dem Schoe
ebenfalls einen Korb hielt. Vorn bei den Pferden stand ein Bauer mit der
Peitsche, den Arm ber den Hals des einen Tiers gelegt. Neben ihm hielt sich
eine Magd, auch einen Korb, mit schneeweier Serviette berlegt, unter dem Arme.
    Ein Mann in weitem, braunem Oberrocke, dessen bedchtiger Gang und
feierliches Antlitz ohne Widerspruch den Kster erkennen lie, schritt mit Wrde
von dem Wagen dem Hause zu, stellte sich vor den Hofschulzen hin, lupfte den Hut
und gab folgenden Reimspruch von sich:

Wir sind allhier vor Eurem Tor,
Der Kster und der Herr Pastor,
Des Ksters Frau, die Magd daneben,
Die Gift und Gabe zu erheben,
So auf dem Oberhofe ruht;
Die Hhner, Ei'r, die Kse gut.
So sagt uns an, ob alles bereit,
Was fllig wird zur Sommerszeit.

Der Hofschulze hatte bei Anhrung dieses Spruchs den Hut tief abgenommen. Nach
demselben ging er zum Wagen, verbeugte sich vor dem Geistlichen, half ihm in
ehrerbietiger Stellung herunter und blieb dann mit ihm seitwrts stehen,
mancherlei Reden wechselnd, welche der Jger nicht hren konnte, whrend die
Frau mit dem Korbe auch abstieg und sich nebst dem Kster, dem Bauer und der
Magd wie zu einem Zuge hinter jenen beiden Hauptpersonen aufstellte. Der Jger
ging, um den Zusammenhang dieses Auftritts zu erfahren, hinunter, sah im Flur
weien Sand gestreut, und die daranstoende beste Stube mit grnen Zweigen
geschmckt. Die Tochter sa darin, ebenfalls sonntglich geputzt, und spann, als
wolle sie noch heute ein ganzes Stck Garn liefern. Sie sah hochrot aus und
blickte von ihrem Faden nicht auf. Er ging in das Zimmer und wollte eben bei ihr
Erkundigung einziehen, als schon der Zug der Fremden mit dem Hofschulzen die
Schwelle vom Flure aus betrat. Voran ging der Geistliche, hinter ihm der Kster,
dann der Bauer, dann die Ksterfrau, dann die Magd, zuletzt der Hofschulze; alle
einzeln und ungepaart. Der Geistliche trat auf die spinnende Tochter, welche
noch immer nicht emporsah, zu, bot ihr freundlichen Gru und sagte: So recht,
Jungfer Hofschulze, wenn die Braut noch so fleiig ihr Rdchen dreht, da kann
sich der Liebste volle Kisten und Kasten erwarten und verhoffen. Wann soll denn
die Hochzeit sein? - Auf Donnerstag ber acht Tage, Herr Diakonus, wenn es
erlaubt ist, versetzte die Braut, wurde womglich noch rter, als zuvor, kte
dem Geistlichen, welcher noch ein jngerer Mann war, demtig die Hand, nahm ihm
Hut und Stock ab und reichte ihm zum Willkomm einen Erfrischungstrunk. Die
andern, nachdem sie Reihe herum die Braut ebenfalls mit Handschlag und
Glckwunsch bedacht hatten und durch einen Trunk erquickt worden waren,
verlieen die Stube und gingen auf den Flur, der Geistliche aber unterhielt sich
mit dem Hofschulzen, der bestndig seinen Hut in der Hand, in ehrerbietiger
Stellung vor ihm stand, ber Gemeindeangelegenheiten.
    Gern htte der junge Jger, welcher, von den brigen unbeachtet, aus einer
Ecke der Stube den Auftritt mitangesehen hatte, schon frher den Geistlichen
begrt, wenn es ihm nicht unbescheiden vorgekommen wre, die Anreden und
Antworten der Fremden und Hofesgenossen, welche trotz der buerlichen Szene
etwas Diplomatisches hatten, zu stren. Denn in dem Diakonus war von ihm mit
Erstaunen und Freude ein ehemaliger akademischer Bekannter wiedergefunden
worden. Jetzt verlie der Hofschulze auf einen Augenblick das Zimmer und nun
ging der Jger zum Diakonus, ihn bei seinem Namen begrend. Der Geistliche
stutzte, fuhr mit der Hand ber die Augen, erkannte jedoch auch den andern
sogleich wieder und freute sich nicht weniger, ihn zu sehen. Aber - fgte er
den ersten Gruworten hinzu - jetzt und hier ist keine Zeit zur Unterhaltung,
kommen Sie nachher mit, wenn ich vom Hofe abfahre, dann wollen wir zusammen
plaudern; hier bin ich ein ffentlicher Charakter und stehe unter dem Banne des
gebietendsten Zeremoniells. Wir drfen voneinander keine Notiz nehmen, fgen
auch Sie sich passiv dem Ritual; vor allen Dingen, lachen Sie ber nichts, was
Sie sehen, das wrde die guten Leute auf das hchste beleidigen. Und diese
alten, festen Sitten, so seltsam sie aussehen mgen, haben doch auch immer ihr
Ehrwrdiges. - Sorgen Sie nicht, versetzte der Jger, aber ich mchte doch
wissen ... - Alles nachher! flsterte der Geistliche, nach der Tre blickend,
durch welche soeben der Hofschulze wieder hereinkam. Er trat vor dem Jger, wie
vor einem Fremden, zurck.
    Der Hofschulze und seine Tochter trugen die Speisen auf dem Tische, welcher
in dieser Stube gedeckt stand, selbst auf. Da kam eine Hhnersuppe, eine
Schssel grner Bohnen mit einer langen Mettwurst, Schweinsbraten mit Pflaumen,
Butter, Brot und Kse, wozu eine Flasche Wein gestellt wurde. Alles dies wurde
zu gleicher Zeit auf den Tisch gestellt. Der Bauer war von den Pferden ebenfalls
hereingekommen. Als alles stand und dampfte, lud der Hofschulze den Diakonus
hflich ein, es sich gefallen zu lassen.
    Es war nur fr zwei Personen dort gedeckt; der Geistliche, nachdem er ein
Tischgebet gesprochen, setzte sich und etwas von ihm entfernt der Bauer. Esse
ich hier nicht mit? fragte der Jger. Ei behte, antwortete der Hofschulze,
und die Braut sah ihn verwundert von der Seite an. - Hier it blo der Herr
Diakonus und der Kolonus, Sie setzen sich drauen bei dem Kster zu Tische. Der
Jger ging in ein anderes, gegenberliegendes Zimmer, nachdem er noch zu seiner
Verwunderung bemerkt hatte, da der Hofschulze und seine Tochter auch die
Bedienung jenes ersten und vornehmsten Tisches selbst bernahmen.
    In dem andern Zimmer traf er den Kster, die Ksterin und die Magd um den
dort gedeckten Tisch stehen, und, wie es schien, mit Ungeduld ihres vierten
Genossen warten. Auch auf diesem Tische dampfte dieselbe Speise, wie auf der
Pastorstafel nur fehlte Butter und Kse, auch zeigte sich dort statt des Weines
Bier. Mit Wrde trat der Kster an den Oberplatz und lie, die Augen in den
Schsseln, abermals folgenden Spruch vernehmen:

Alles, was da fleucht und kreucht auf der Erden,
Lie Gott der Herr fr den Menschen erschaffen werden;
Hhnersuppe, Bohnen, Wurst, Schweinsbraten, Pflaumen sind allerwegen
Gottesgaben, gib, o Herr, dazu uns deinen Segen!

Worauf die Gesellschaft Platz nahm, der Kster obenan. Dieser wurde von seiner
Gravitt nicht verlassen, wie die Ksterin nicht von ihrem Korbe, den sie dicht
neben sich hinstellte. Dagegen hatte die Pastorsmagd den ihrigen anspruchslos
beiseite gesetzt.
    Bei dem Mahle, welches aus wahren Bergen auf den Schsseln bestand, wurde
kein Wort gesprochen; der Kster verschlang in ernster Haltung ungeheuer zu
nennende Portionen, und die Frau blieb wenig hinter dem Manne zurck; am
bescheidensten zeigte sich in diesem Punkte auch wieder die Magd. Was den Jger
betrifft, so beschrnkte er sich fast nur auf das Zusehen; das heutige
Zeremonialessen war nicht nach seinem Geschmack.
    Nach beendigtem Mahle sagte der Kster zu den beiden Mgden, welche diesen
Tisch bedient hatten, feierlich schmunzelnd: Jetzt wollen wir denn, geliebt es
Gott, die allhier erfallende Gebhr und den guten Willen in Empfang nehmen. Die
Mgde hatten vorher schon den Tisch abgerumt und gingen jetzt hinaus, der
Kster aber setzte sich auf einen Stuhl mitten in der Stube, die beiden
Frauenspersonen, die Ksterin und die Magd, setzten sich ihm rechts und links
zur Seite, vor sich die neugeffneten Krbe. Nachdem die Erwartung, welche diese
drei ausdrckten, einige Minuten gedauert hatte, traten die beiden Mgde,
begleitet von ihrem Herrn, dem Hofschulzen, wieder ein. Die erste trug einen
Korb mit weitluftigem Flechtwerk oben, in welchem Hhner ngstlich gackerten
und mit den Flgeln plusterten. Sie stellte ihn vor den Kster hin und dieser
sagte, hineinschauend und nachzhlend: Eins, zwei, drei, vier, fnf, sechs; es
ist ganz richtig. Darauf zhlte die zweite Magd aus einem groen Tuche ein
Schock Eier in den Korb der Pastorsmagd, und sechs Stck runder Kse, nicht ohne
genaues Nachzhlen des Ksters. Dieser sagte, als es geschehen war; So,
nunmehro htten der Herr Diakonus das Ihrige; jetzunder kme der Kster. - Ihm
wurden in den Korb seiner Ehehlfte dreizehn Eier und ein Kse zugeteilt. Sie
prfte jedes Ei durch Schtteln und Geruch, ob es auch frisch sei, und merzte
zwei aus. Nach diesen Verhandlungen erhob sich der Kster und sprach zum
Hofschulzen: Wie ist es, Herr Hofschulze, von wegen des zweiten Kses, welchen
Ksterei annoch vom Hofe zu gewrtigen hat? - Ihr wit selbst, Kster, da der
zweite Kse vom Oberhofe nimmer anerkannt worden ist, versetzte der Hofschulze.
Dieser angebliche zweite Kse ruhte auf dem Baumannserbe, welches vor hundert
und mehreren Jahren mit dem Oberhofe in einer Hand vereinigt war. Hernachmalen
ist die Trennung wieder eingetreten, und es haftet demnach hier auf dem Hofe nur
ein Kse.
    ber des Ksters rotbrunliches Gesicht hatten sich die strksten Falten
gelagert, welche dasselbe nur aufzutreiben vermgend gewesen war, und zerlegten
es in mehrere bedenkliche Abschnitte von viereckter, rundlichter, winklichter
Gestalt. Er sprach: Wo ist das Baumannserbe? Zersplittert und zerspellt wurde
es in den unruhigen Zeitluften. Soll Ksterei darunter leiden? Dem sei nicht
so. Jedennoch, unter ausdrcklichem Vorbehalt aller und jeder
Rechtszustndigkeiten wegen des seit hundert und mehreren Jahren strittigen, vom
Oberhofe erfallenden zweiten Kses, empfange ich und nehme ich hiemit an auch
den einen Kse. Sonach wre die Zinsgebhr an Pastor und Kster abgestattet, und
es kme nunmehr der gute Wille.
    Dieser bestand in frischgebackenen Rollkuchen, wovon sechs in den
Pastorskorb und zwei in den des Ksters gelegt wurden. Hiemit war das ganze
Empfangsgeschft beendigt. Der Kster trat dem Hofschulzen nher und sagte
folgenden dritten Spruch her:

Die Hhner waren alle sechs richtig,
Und die Kse alle vollwichtig;
Die Eier sind befunden worden frisch,
Und was sich gebhrte, stand auf dem Tisch.
Deshalb der Herr Euren Hof bewahr'
Vor Hungersnot und Feuersgefahr!
Bei Gott und Menschen ist beliebt,
Wer Gift und Gaben richtig gibt.

Der Schulze machte darauf eine dankende Verbeugung. Die Ksterin und die Magd
trugen die Krbe hinaus und packten sie auf den Wagen. Zu gleicher Zeit sah der
Jger, da die eine Hofesmagd aus dem Zimmer, worin der Geistliche gespeist
hatte, Schsseln und Teller auf den Flur trug, und sie, indem jener auf die
Schwelle des Zimmers trat, vor seinen Augen wusch. Nachdem sie diese Reinigung
verrichtet, nherte sie sich dem Geistlichen, er holte aus einem Papiere eine
kleine Mnze und gab sie ihr.
    Der Kster lie sich indessen den Kaffee schmecken, und da auch fr den
Jger eine Tasse hingestellt worden war, so setzte sich dieser zu ihm. Ich bin
hier fremd, sagte der junge Mann, und verstehe zum Teil die Gebruche nicht,
welche ich heute gesehen habe; wollen Sie mir dieselben nicht erklren, Herr
Kster? Ist es eine Verpflichtung, da die Bauern den Herrn Diakonus in
Naturalien unterhalten mssen?
    Verpflichtung in betreff der Hhner, Eier und Kse, nicht der Rollkuchen,
welche der gute Wille sind, jedoch auch jederzeit unverweigerlich abgestattet
werden, erwiderte der Kster hchst ernsthaft. Zum Diakonat oder zur
Oberpfarre in der Stadt sind drei Bauerschaften als Filiale eingepfarrt, und ein
Teil der Pfarr- und Kstereieinknfte bestehet in der Zinsgebhr, welche von den
einzelnen Hofesstellen alljhrlich erfllet. Diese nun, wie sie berall seit
undenklichen Zeiten feststeht, einzusammeln, halten wir per Jahr zwei Gnge,
oder Fahrten, nmlich die gegenwrtige Sommer- oder kleine Fahrt, und dann die
Winter- oder groe Fahrt, kurz nach Advent. Bei der Sommerfahrt erfallen die
Zinshhner, die Zinseier und Zinskse, an dem einen Hofe so viel, an dem andern
so viel; erstere Rubrik, nmlich die der Hhner, erfllet jedoch nur pro
Diaconatu, Ksterei hat sich mit Eiern und Ksen zu begngen. - Im Winter
erfallen die Kornzinsen an Gerste, Hafer und Roggen; da kommen wir mit zwei
Karren, weil eine die Scke nicht zu fassen vermglich wre. So halten wir denn
zweimal per Jahr die Rundfahrt durch die drei Bauerschaften.
    Und wohin geht die Reise von hier? fragte der Jger.
    Directe nach Hause, versetzte der Kster, knpfte seinen Oberrock los und
zog ein Federkissen hervor, welches er, ungeachtet der warmen Witterung zum
Schutze seines Magens aufgelegt hatte. Nunmehr aber, nach der starken Mahlzeit
mochte ihm dasselbe doch beschwerlich fallen. - Gegenwrtige Bauerschaft ist
die letzte, und gegenwrtiger Oberhof der letzte Hof in selbiger, auf welchem
denn auch das herkmmliche Zinsessen vor sich geht, sagte er.
    Der Jger bemerkte, da, wie es ihm vorgekommen, in der Mahlzeit, bei den
Begrungen, bei der Empfangnahme der Lebensmittel, ja sogar bei dem Waschen der
Teller und Schsseln eine vorherbestimmte Ordnung geherrscht habe, worauf sich
der wrdige Kster, wie folgt, weiter vernehmen lie: Allerdings; in jeglichem
bei diesen Zinsfahrten ist eine Observanz und ein striktes Recht, von welchem
nicht abgewichen werden darf. Morgens um sechs Uhr rcken wir aus der Stadt aus,
der Herr Diakonus, ich, meine Frau und die Pastorsmagd. Vom Reymannskotten wird,
jedoch auf hfliches Suchen und Erbitten, die Karre gestellt, welche das liebe
Gut ldt, und der Kolonus geht mit und verlt den Herrn Diakonus nun und
nimmer, setzt sich auch, wie Sie gesehen haben, einzig und allein mit ihm zu
Tisch. Den ersten Hhnerkorb nahmen wir aus der Stadt mit, da dieser aber bei
dem ersten Hofe schon voll wird, so leihet nunmehr letzterer einen neuen fr den
zweiten, und so fort bis hieher. Der Kolonus fttert hier seine Pferde mit einem
Scheffel Hafer, der vom Balstrup erhoben und mitgenommen worden ist, und die
Magd, welche die Teller und Schsseln vor den Augen des Herrn Diakonus wieder
rein waschen mu, erhlt dafr ihre drei und einen halben Stber, gleichfalls
heute zu diesem Zweck und Ende erfallen und empfangen auf dem kleinen Beek,
Bauerschaft Branstedde.
    Und die Sprche, die Sie so laut und vernehmlich vortrugen, Herr Kster,
rhren diese auch von alters her? fragte der Jger.
    Ja freilich, versetzte der Kster. Indessen, fuhr er wohlgefllig fort,
habe ich einiges, was darin an die finstern Zeiten erinnerte, weggelassen oder
verbessert, wie es sich fr die Gegenwart schicken will. So lautet der Text in
der Danksagungsrede eigentlich zum Schlu:

Wenn ihr aber uns verkrzen wollen,
So soll euch alle der Teufel holen,
Und fehlt am Ks' ein einzig Lot,
So kriegt ihr gar die Schwerenot!

Diese unschicklichen Reime habe ich nach und nach eingehen lassen, indem ich
Jahr fr Jahr einen nach dem andern bei mir behielt, oder so tat, als ob ich den
Husten dabei kriegte, und was dergleichen Anschlge mehr waren, denn mit den
Bauern mu man freilich bei allen Neuerungen langsam zu Werke gehen. Es hat doch
Widerspruch abgesetzt, und einige von den Dorfmicheln wollen durchaus diese
Grobheiten nicht fahren lassen, weil sie sagen, da selbige einmal dazugehren.
Sie entrichten die Zinsgebhr nicht, wenn ich ihnen den Teufel und die
Schwerenot nicht anwnsche; der Hofschulze ist darin vernnftiger.
    Der Kster wurde abgerufen, denn die Karre war angespannt, und der
Geistliche nahm von dem Hofschulzen und seiner Tochter, die jetzt ebenso
ehrerbietig und freundlich vor ihm standen, wie bei allen brigen Verhandlungen
dieses Tages, mit herzlichen Hndedrcken und Worten Abschied. Nun schwankte der
Zug einen andern Weg, als den er gekommen war, zwischen Kornfeldern und hohen
Wallhecken fort. Der Kolonus mit der Peitsche vor seinen Pferden, die Karre
langsam hinterdrein bewegt, auf ihr jetzt auer den beiden Frauenspersonen der
Kster sitzend zwischen den Krben, und der Frsorge wegen wieder das
Federkissen vor die Magengegend gestopft.
    Der Jger hatte sich bei der Abfahrt bescheidentlich zurckgehalten, war
aber, als die Zinskarre sich eine Strecke weit entfernt hatte, mit raschen
Sprngen nachgeeilt, und fand den Diakonus, welcher ebenfalls hinter seinem
eingesammelten Gute zurckgeblieben war, auf einem anmutigen Baumplatze schon
seiner harren. Hier, frei vom Zeremoniell des Oberhofes, umarmten sie einander,
und der Diakonus rief lachend: Das htten Sie wohl nicht gedacht, in Ihrem
ehemaligen Bekannten, der in jener groen Stadt seinen jungen schwbischen
Grafen so suberlich auf dem schlpfrigen Boden der Wissenschaft und des
eleganten Lebens umherfhrte, eine Figur wiederzufinden, welche Sie an Ehr'n
Lopez in dem Spanischen Pfarrer von Fletcher erinnern mu?
    Ihr Kster ist, wenn auch kein lustiger Diego, doch ein ganzer Mann,
versetzte der Jger. Er hat mir wie ein wahrer Zeremonienmeister der
Zinspflicht das ganze Ritual ausgelegt, und sich bei dem Empfangen, Verwahren
und Spruchsprechen mit solcher Wrde und Klugheit benommen, da ich ihn jedem
bevollmchtigten Minister, welcher eine verwickelte Angelegenheit seines Hofes
zu schlichten hat, als Muster empfehlen mchte.
    Ja, sagte der Geistliche, das ist heute sein Ehrentag, auf den er sich
schon sechs Wochen vorher freut. berhaupt gibt es unter den Kstern noch viele
komische Figuren, welche sonst so sehr jetzt abnehmen. Das bestndige Anhren
hoher und erbaulicher Worte von ihrem Standpunkte der Dienstbarkeit dabei, das
Luten, das Ansagen der Geburten und Sterbflle gibt ihrem Wesen einen
wundersamen Schwung, mit welchem nun wieder ihr glcklicher Appetit, oder besser
zu sagen, ihre malose Fregier seltsam kontrastiert. Denn da sie zu Hause nicht
viel zu beien und zu brechen haben, so versorgen sie sich auf Kindtaufen,
Hochzeiten und Leichenschmusen fr ganze Wochen, und verschlingen die
auerordentlichsten Portionen, aber immer mit einem Anstriche von Salbung, und
nicht selten die hellen Trnen der Mitfreude oder Mittrauer in den Augen. Der
meinige hat nun zu allen diesen Standeseigenschaften noch den Privatcharakter
der Feigheit; er ist ein ausgemachter Poltron und ich habe mit ihm auf einsamen
nchtlichen Wanderungen zu Kranken oder Sterbenden schon die lustigsten Szenen
erlebt.
    Doch lassen wir den Kster und seine Narrheiten. Was die Prozedur betrifft,
welcher Sie heute beiwohnten, so ist es unumgnglich notwendig, da ich mich ihr
in Person unterziehe; mein ganzes Verhltnis zu den Leuten wre gebrochen, wenn
ich zu ekel wre, die alte Sitte mitzumachen. Mein Vorgnger im Amte, der nicht
aus hiesiger Gegend war, schmte sich der terminierenden Fahrten, und wollte
schlechterdings nichts damit zu tun haben. Was war die Folge davon? Er geriet in
die belsten Zwistigkeiten mit diesen Landgemeinen, welche selbst auf den
Verfall des Kirchlichen und des Schulwesens Einflu hatten. Zuletzt mute er gar
um seine Versetzung einkommen und ich nahm mir gleich vor, als ich die Pfarre
erhielt, in allen Dingen mich nach Ortsgebrauch zu verhalten. Hiebei habe ich
mich denn bisher sehr wohl befunden, und weit gefehlt, da der Schein der
Abhngigkeit, welchen mir diese Fahrten geben, meinem Ansehen schaden sollte; es
wird vielmehr dadurch erhht und befestiget.
    Wie sollte es auch anders sein! rief der Jger. Ich mu Ihnen gestehen,
da bei dem ganzen Einhergange, ungeachtet alles Komischen, was Ihr Kster
darber auszubreiten wute, mich ein Gefhl der Rhrung nicht verlie. Ich sah
in diesem Empfangen der einfachsten leiblichen Gaben einerseits, und in der
Ehrfurcht, womit sie anderseits dargeboten wurden, gewissermaen das frmmste,
schlichteste Bild der Kirche, welche zu ihrem Bestande des tglichen Brotes
ntig hat, und das Bild der Glaubigen, welche ihr das irdische Bedrfnis in der
demtigen berzeugung, da sie damit sich ein Hchstes und Ewiges erhalten,
darreichen, so da weder auf der einen noch auf der andern Seite eine
Knechtschaft, vielmehr bei beiden nur die Innigkeit des vollkommensten
Wechselbezuges entsteht.
    Es freut mich, rief der Diakonus, und drckte dem Jger die Hand, da Sie
die Sache so ansehen, ber welche vielleicht ein anderer gespttelt haben wrde,
daher es mir, wie ich Ihnen nun gestehen darf, im ersten Augenblicke auch gar
nicht recht war, in Ihnen unvermutet einen Zeugen jener Szenen zu finden.
    Gott bewahre mich, da ich ber etwas, was ich in diesem Lande gesehen,
spttelte! versetzte der Jger. Ich freue mich jetzt, da mich ein toller
Streich zwischen diese Wlder und Felder geschleudert hat, denn sonst wrde ich
die Gegend wohl nicht kennengelernt haben, da sie auswrts wenig in Ruf steht,
und in der Tat auch nichts Anziehendes fr abgespannte und berreizte Touristen
haben kann. Aber mich hat hier die Empfindung strker, als selbst in meiner
Heimat angefat: Das ist der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein
unvermischter Stamm trat! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im
Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich
mchte ich sagen, entgegen.
    Es ergaben sich aus dieser uerung Reden zwischen dem Diakonus und dem
Jger, welche beide fhrten, indem sie der Karre langsam folgten.

                                Zehntes Kapitel



                   Von dem Volke und von den hheren Stnden

Das unsterbliche Volk! rief der Diakonus. Ja, dieser Ausdruck besagt das
Richtige. Ich versichere Ihnen, mir wird allemal gro zumute, wenn ich der
unabschwchbaren Erinnerungskraft, der nicht zu verwstenden Gutmtigkeit und
des geburtenreichen Vermgens denke, wodurch unser Volk sich von jeher erhalten
und hergestellt hat. Rede ich aber von dem Volke in dieser Beziehung, so meine
ich damit die besten unter den freien Brgern und den ehrwrdigen, ttigen,
wissenden, arbeitsamen Mittelstand. Diese also meine ich, und niemand anders
vorderhand. Aus ihnen aber, und aus dieser ganzen Masse haucht es mich wie der
Duft der aufgerinen schwarzen Ackerscholle im Frhling an, und ich empfinde die
Hoffnung ewigen Keimens, Wachsens, Gedeihens aus dem dunkeln, segenbrtenden
Schoe. In ihm gebiert sich immer neu der wahre Ruhm, die Macht und die
Herrlichkeit der Nation, die es ja nur ist durch ihre Sitte, durch den Hort
ihres Gedankens und ihrer Kunst, und dann durch den sprungweise hervortretenden
Heldenmut, wenn die Dinge einmal wieder an den abschssigen Rand des Verderbens
getrieben worden sind. Dieses Volk findet, wie ein Wunderkind, bestndig Perlen
und Edelsteine, aber es achtet ihrer nicht, sondern verbleibt bei seiner
gengsamen Armut, dieses Volk ist ein Riese, welcher an dem seidenen Fdchen
eines guten Wortes sich leiten lt, es ist tiefsinnig, unschuldig, treu,
tapfer, und hat alle diese Tugenden sich bewahrt unter Umstnden, welche andere
Vlker oberflchlich, frech, treulos, feige gemacht haben.
    Ich werde nicht, wie Levaillant die Tugenden der Hottentotten auf Kosten der
europischen Zivilisation herausstrich, den Lobredner idyllischer Rustizitt und
kleinbrgerlicher Enge machen, ich fhle sehr wohl, da uns allen durch den
Umschwung der Zeiten die Neigung zu glnzenden, geschmackvollen Dingen, zu einer
Art von Aristokratie des Daseins mitangeboren ist, welche auerhalb der
Mittelverhltnisse liegt, und von der wir uns, ohne an der Natrlichkeit unseres
Wesens Einbue zu leiden, nicht losmachen knnen, aber ich mu doch folgendes
aus meiner eigenen Geschichte hier anfhren. Ich war, da ich jenen jungen
Vornehmen zu fhren hatte, whrend ich noch selbst der Fhrung gar sehr
bedrftig war, unter allen den geistreichen, eleganten, schillernden und
schimmernden Gestalten der Kreise, die mir durch mein damaliges Amt zugewiesen
waren, ebenso geistreich, halbiert, kritisch und ironisch geworden, wie viele;
genial in meinen Ansprchen, wenn auch nicht in dem, was ich leistete,
unbefriedigt von irgend etwas Vorkommendem, und immer in eine blaue Weite
strebend; kurz ich war dem schlimmeren Teile meines Wesens zufolge, ein Neuer,
hatte Weltschmerz, wnschte eine andere Bibel, ein anderes Christentum, einen
andern Staat, eine andere Familie, und mich selbst anders mit Haut und Haar. Mit
einem Worte, ich war auf dem Wege zum Tollhaus, oder zur insipidesten
Philisterei; denn diese beiden Ziele liegen meistens vor den Fen der modernen
Wanderer. Und da bin ich denn doch erst hier zwischen den wunderlichen aber
achtbaren Originalen meiner Mittelstadt und unter diesen lndlichen Wehrfestern
wieder zu mir selbst gekommen, habe Posto gefat, den Schaum der Zeit von mir
weichen sehen und Mut bekommen, mir ein liebes husliches Verhltnis zu grnden.
Denn in dem Volke sind die Grundbezge der Menschheit noch wach, da ist das
richtige Verhltnis der Geschlechter noch fest ausgeprgt, da gilt das Geschwtz
noch nichts, sondern das Gewerbe und der Beruf, den jeder hat, da folgt der
Arbeit in gemessener Ordnung die Ruhe, da ist von den Vergngungen das Vergngen
noch nicht verbannt. Hren Sie den Jubel in der Stadt oder auf dem Lande bei
sonntglichen Tnzen, bei Hochzeiten und Scheibenschieen, und urteilen Sie, ob
der Spa so bald in der Welt aussterben wird, wie die grmlichen Jnglinge der
Gegenwart meinen? Es gibt Miggnger, schlechte Ehen und bse Weiber auch hier
in Stadt und Land, aber sie heien bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen
Namen. Jene Mischungen von Langeweile und Begeisterung endlich, wie sie mir
einst ein Freund treffend nannte, aus denen in den sublimierten Kreisen der
Gesellschaft manches Perverse hervorgeht, und aus deren einer derselbe Freund
auch die blutige Tat der armen, schnen, bejammernswerten Frau ableitete, deren
Unglck darin bestand, einen mittelmigen Dichter und groen Selbstling
geheiratet zu haben, liegen dem Volke ganz fern. Das ganze potenzierte und
destillierte Genre, der Hermaphroditismus des Geistes und Gemtes, welchen die
Mue eines langen Friedens hie und da erzeugt hat, wird dem Stock und Stamm der
Gemeinschaft immer fremd bleiben.
    In dieser orthopdischen Anstalt gerader und normaler Verhltnisse legten
sich denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zurecht. Freilich mu man
in der Stille und Abgeschiedenheit von den brausenden Strmungen der Gegenwart
auf sich wachen, denn die Gefahr des Verbauerns steht auch nahe, indessen noch
hange ich durch stille aber feste Fden mit dem Weltganzen zusammen, nur mit dem
Unterschiede, da sie sich jetzt blo um die Gegenstnde schlingen, zu denen
mich ein geistiges Bedrfnis hinweist, whrend ich mir frher manches geistige
Bedrfnis, wie es so manche unserer Zeitgenossen machen, einzubilden wute.
    Der Jger ging nach dieser Rede des Diakonus schweigend und mit gesenktem
Haupte neben ihm her. Was ist Ihnen? fragte sein Bekannter nach einer Pause.
    Ach, sagte jener, Ihr Bild vom deutschen Volke ist wahr, und es macht
mich nur traurig, da teilweise ber dieser Grundflche ein so wenig
entsprechender Gipfel steht. Dieses tchtige Volk wrde bei weitem mehr
ausrichten, es wrde weit entschiedener Front machen, wenn in den hheren
Stnden eine gleiche Tchtigkeit lebte! Schlimm, da ich, ich selbst sagen mu:
Dem ist nicht so.
    Leider, erwiderte der Diakonus, sind unsre hheren Stnde hinter dem
Volke zurckgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Da es viele
hchst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie
befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die
Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des
gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeifhrte, getaucht. Statt
da vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und
Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Groe das Talent fr ihren
natrlichen Feind, oder doch fr lstig und unbequem, gewi aber fr
entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande, in welchen dem
Adel, ein Buch zu lesen, noch immer fr standeswidrig gilt, und er statt dessen
lrmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den Zeiten jener Brgerschen
Parforcejagd-Ballade. Das Aufallendste hiebei ist, da selbst nach der
ungeheuren Lehre, welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten, diese
noch nicht eingesehen haben, es sei mit dem leeren Scheine nunmehr fr immer
vorbei, und der erste Stand msse notwendig sich in sich selber grndlich fassen
und restaurieren. Es war seine erste Obliegenheit, dies zu begreifen, es war die
Lebensfrage fr ihn, ob er sich mit dem Heiligtume deutscher Gesinnung und
Gesittung nunmehr inniglich verbnden, allem wahrhaftquellenden geistigen Leben
der Gegenwart Schirm und Schutz geben mchte, damit das Zauberbad dieses Lebens
seine altersstarren Glieder verjnge. Er hat seine Stellung und diese Frage
nicht verstanden, hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkrftigung
gesucht, und ist darber obsolet geworden. Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand
anders als durch Ideen existiert. Auch den ersten haben Ideen geschaffen und
erhalten, anfnglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue, demnchst die der
besondern Ehre. Gegenwrtig ist durch die Errettung des Vaterlandes, welche von
allen Stnden ausging, die hchste Ehre ein Gemeingut geworden; weshalb denn die
oberen Stnde das Protektorat des Geistes htten bernehmen mssen, wenn sie
wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten.
    Ich habe, sagte der Jger kleinlaut, in einer hohen und vornehmen
Familie, die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte, die
zwanzigjhrigen Tchter auf gut schwbisch mit der Iphigenie bekannt machen
mssen, welche sie noch nie gelesen hatten, weil die Eltern Goethe fr einen
jugendverfhrerischen Schriftsteller hielten.
    Und wer wei, ob das Haupt dieser Familie, welche ich brigens nicht kenne,
nicht eine von den Figuren ist oder sein wird, welcher man Bahnen der Kultur
anvertraut? sagte der Diakonus. Der unbefangene Beobachter hat in dieser
Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen. Nun mssen Sie
einrumen, da ein franzsischer Marquis oder Duc, von dem eine gleiche Barbarei
gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete, in der Pariser Soziett fr
Lebenszeit verloren wre.
    Das Beispiel von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf, sagte
der Jger. Wie kommt es nur, da sich dort ganz natrlich gemacht hat, was bei
uns nie zustande kommen will, nmlich: ein bestndiger Kontakt der Groen mit
den Geistern und mit dem Geiste der Nation, eine zarte Achtung vor dem geistigen
Ruhme der Nation, und eine unbedingte Anerkennung der Literatur, als der
eigentlichen Habe der Nation?
    Die franzsische Nation, ihr Geist und ihre Literatur haben und sind
Esprit, versetzte der Diakonus. Der Esprit ist ein Fluidum, welches die Natur
unter den zu seiner Erzeugung gnstigen Voraussetzungen an ganze Lnder und
Vlker austeilen kann. Es ist also dort in Frankreich eine natrliche Brcke von
dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem Geiste der vornehmen Klassen
geschlagen, letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen
Gleichartige. Wir haben keinen Esprit. Unsere Literatur ist ein Produkt der
Spekulation, der freiwaltenden Phantasie, der Vernunft, des mystischen Punkts im
Menschen. Die Gaben dieser von Grund aus gehenden Arbeit des Geistes sich
anzueignen sind eben nur wieder Geister, welche die Arbeit sthlte, vermgend.
Mit Leichtfertigkeit ist deutscher Art nicht beizukommen. Die Vornehmen arbeiten
aber nicht gern, sie ziehen es bekanntlich vor, zu ernten, wo sie nicht geset
haben. Deshalb ist es wieder natrlich - wenn auch das Verwerfungsurteil ber
die Barbarei des ersten Standes bei Krften stehenbleibt - da er locker mit
deutschem Geiste zusammenhngt; zu einem nheren Bndnisse htte er sich ber
Gebhr anstrengen mssen.
    
    Zu leugnen ist doch auch nicht, da gerade durch die Absonderung des
deutschen Geistes von dem Atem der hohen Soziett ihm manche Tugenden erhalten
worden sind, sagte der Jger; seine Frische, seine eigensinnige herbe
Jungfrulichkeit, sein rcksichtsloses Um- und Vorgreifen. Denn jede Erfindung
der schaffenden Seele, welche vor Augen haben mu, mit gewissen Forderungen der
Gesellschaft zusammenzutreffen, wird notwendigerweise mechanisiert. Unsere
Wissenschaft, unsere Philosophie, unsere Literatur sind Tchter Gottes und der
Natur; mit welchen andern mchten sie einen Tausch solches Stammbaums eingehen?
    Hier wurden diese Gesprche von einem heftigen Schreien, ja Brllen
unterbrochen, welches sich an der Zinskarre erhob. Hinzueilend sahen sie den
Kster in entsetzter Stellung, die Arme wie Wegweiser ausgebreitet, das Gesicht
braun und wei gesprenkelt, den Mund wie Laokoon aufgesperrt. Um ihn her standen
die Frauenspersonen und der Kolonus, der seine Karre zum Stehen gebracht hatte.
Die Ksterin klopfte dem Kster den Rcken, die Magd hatte ihm den Rock halb
aufgeknpft, aus welchem das Federkissen gefhrlich hervorhing. Der Diakonus
forschte nach der Ursache des Auftritts und erfuhr von seiner Magd (denn der
Kster war noch immer sprachlos), da der Kster von der Karre abgestiegen sei,
um, wie er gesagt, der lieben Verdauung wegen etwas zu gehen, da sei ein groer
schwarzer Hund dicht an ihm vorbei quer ber den Weg hinbergeschossen, der
Kster habe aber sofort jenes Geschrei oder Gebrll erhoben, so da beinahe die
Pferde scheu geworden seien.
    In diesem Augenblicke gab die Ksterin ihrem Manne, bei dem das Klopfen
nicht verfangen wollte, mit den Worten: Wenn alles bei der Maulsperre vergebens
ist, so hilft das! aus Leibeskrften eine Ohrfeige. Alsobald flogen die
Kinnbacken des entsetzten Mannes zusammen wie Torflgel, er wischte sich die
Trnen aus den Augen und sagte zu seiner Frau: Ich danke dir, Gertrud, fr
diese Backpfeife, durch welche du mich von schweren Leiden kuriert hast. Und
zum Diakonus sich wendend: Ja, Herr Diakonus, ein wtender, ein toller Hund!
Schweif eingeklemmt, rote und dabei triefende Augen, Schaum vor der Schnauze,
blaue Zunge, heraushngend, taumelnder Gang, kurz alle Kennzeichen der
wasserscheuen Wut!
    Um Gottes willen, wo hat er Euch gebissen? rief der Diakonus erblassend.
    Nirgend, mein Herr Diakonus, versetzte der Kster feierlich, nirgend; dem
Allmchtigen sei Dank dafr. Aber wie leichtlich htte er mich beien knnen.
Ich habe das Ungeheuer, wie andere einen grimmen Wolf durch Geigenspiel in die
Flucht schlugen, durch den Ton meiner Stimme, die mir Gott gegeben, verscheuchet
und verjaget, als es eben im Anspringen auf mich begriffen war. Er stutzete und
schwang sich seitswrts die Wallhecke hinauf. Mir aber blieben von der
bermenschlichen Anstrengung jenes heilsamen Angstrufes die Kinnbacken in der
Maulsperre verfangen und verfestiget, bis meine gute Ehefrau, wie Sie gesehen,
mir die wirksame Backpfeife verordnete. Das ist ein Zinstag, an welchen ich
gedenken werde!
    Der Diakonus und der Jger hatten Mhe, ein Lachen zu verbeien. Die Magd
sagte, sie glaube nicht, da der Hund toll gewesen sei, er mge wohl nur seinen
Herrn verloren gehabt haben, in welchem Falle die Kreaturen sich immer sehr
ungebrdig anstellten. Wirklich sah man den Hund in einiger Entfernung auf einem
Feldwege ruhig und schweifwedelnd hinter einem Packentrger hergehen. Der
Kster, dem diese Bemerkung mitgeteilt wurde, lie sich nicht aus der Fassung
bringen, sondern sprach ernsthaft: Wie leichtlich htte der Hund toll sein
knnen!
    Der Diakonus lie ihn und sein Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzen und
trennte sich an dieser Stelle von dem Jger, da, wie er sagte, ihr Gesprch doch
gestrt sei, und der Kolonus es ihm verdenken werde, wenn er dessen Gesellschaft
auf dem ganzen Heimwege meide. Bei dem Abschiede mute der junge Schwabe seinem
Bekannten das Versprechen geben, ihn auf einige Tage in der Stadt zu besuchen.
Darauf gingen sie nach verschiedenen Richtungen auseinander.

                                Eilftes Kapitel



       Die fremde Blume und das schne Mdchen. Die Gelehrte Gesellschaft

Die Sonne stand noch hoch am Himmel, und dem Jger war es nicht gelegen, so frh
in den Oberhof zurckzukehren. Er trat auf eine der hchsten Wallhecken, sah
sich in der Gegend um und meinte, da er eine Hgelgruppe, welche in geringer
Entfernung ihre buschichten Hupter erhob, wohl noch durchstreifen und doch vor
spt abends wieder in seinem Quartiere sein knne. Das Wiederfinden des Diakonus
und sein Gesprch hatte manche Erinnerungen der frheren Zeiten in ihm
aufgeweckt; er war unruhig und sehnte sich in dieser Stimmung nach Pfaden, die
er noch nicht betreten, nach Bergen und Bumen, an deren Anblick er sich noch
nicht gewhnt hatte. Tief, tief seine heie Seele in das khle Waldesdunkel, in
den feuchten Dunst bemooster Felsen, in den begeisteten Schaum springender
Quellen zu tauchen, danach lechzte er; danach schmachtete er aus der brtenden
Wrme der Kornfelder.
    Der Anblick des Diakonus hatte ihm wohl und wehe gemacht; ihre erste
Bekanntschaft war durch die unerschrockene Gymnastik des Geistes, in welcher die
Jugend ihre ersten berschwellenden Krfte zu tummeln liebt, bezeichnet gewesen.
Jener, lter, und wie erwhnt worden, schon Fhrer eines jungen vornehmen
Schweden, hatte sich dennoch als ein immer fertiger Disputant und Opponent zu
den Studenten gehalten, und manche Stunde der Mitternacht war dem Jger mit ihm
in eifrigem Kmpfen und Ringen vergangen. - Ja, rief er, indem er immer frba
den Hgeln zuschritt, du, mein deutsches Vaterland, bleibst doch der ewig
geweihte Herd, die Geburtssttte des heiligen Feuers! berall, auf jedem
Fleckchen in dir wird dem Dienste des Unsichtbaren geopfert, und der Deutsche
ist ein Abraham, der dem Herrn den Altar baut allerwege, wo er auch nur die
Nacht ber gerastet hat. - Er gedachte der Reden seines Bekannten und der
Situation, in welcher sie vorgefallen waren. - Das wird auch anderwrts nicht
vorkommen, da ein armer Pastor, hinter seiner Hhnerkarre herschreitend, sich
an der unsterblichen Idee der Nation begeistert, sagte er. Lcherlich und
erhaben! Lcherlich, weil das Erhabene auch durch das rmlichste und Kleinste
bei uns hindurchsieht und die Formen des Geringen siegreich zerbricht! Wie reich
bist du, mein Vaterland!
    Sein Fu betrat frisches, feuchtes Wiesengrn, besumt von Bschen, unter
denen ein klares Wasser rann. Dieser vollen, gesunden, jungen Seele taten noch
symbolische Handlungen not, sich und ihrem Drange zu gengen. In kurzer
Entfernung zeigten sich kleine Felsen, ber die ein schmales, schlpfriges
Pfdchen lief. Er ging hinber, klomm zwischen den Klippen nieder, streifte den
rmel auf, ritzte das Fleisch seines Armes und lie das Blut in das Wasser
rinnen, indem er ein stilles, frommes Gelbde ohne Worte sprach. Er legte den
Arm in das Wasser, die Flut khlte ihm mit anmutigem Schauder das heie Blut ab.
So, halb knieend, halb sitzend an dem feuchten, dunkeln, umklippten Orte blickte
er seitwrts in das Offene; da wurden seine Augen von einer prachtvollen
Erscheinung gefangengenommen. Zwischen den Grsern waren alte Baumtrmme
verweset und starrten schwarz aus dem umgebenden lustigen Grn. Einer derselben
war ganz ausgehhlt, in seinem Inneren hatte sich der Moder zu brauner Erde
niedergeschlagen, und aus dieser und aus dem Trumm, wie aus einem Krater, blhte
die herrlichste Blume empor. ber dem Kranze sanfter runder Bltter erwuchs ein
schlanker Stengel, der groe Kelche von unnennbar schner Rte trug. Tief in den
Kelchen stand ein geflammtes zartes Wei, welches in leichten grnen derchen
nach dem Rande zu auslief. Es war offenbar keine hiesige, es war eine fremde
Blume, deren Samenkorn, wer wei, welcher? Zufall in den durch die
Verwesungskrfte der Natur bereiteten Gartenboden getragen, und eine gnstige
Sommersonne auch hier zum Wachsen und Blhen gebracht hatte.
    Der Jger erquickte sein Auge an diesem reizenden Anblicke, der ihn
belohnte, als er das Gelbde getan hatte, mit Leib und Seele dem Vaterlande
angehren und zeitlebens keine Gtter haben zu wollen, als die heimischen.
Trunken von der Magie der Natur lehnte er sich zurck und schlo in sen
Trumereien die Augen. Als er sie wieder ffnete, hatte sich die Szene
verndert.
    Ein schnes Mdchen in einfachem Gewande, den Strohhut ber den Arm gehngt,
kniete vor der Blume, hielt deren Stengel zrtlich, wie den Hals des Geliebten
umschlungen, und blickte, die holdeste Freude der berraschung in den Augen,
tief in einen der roten Kelche. Sie mute, whrend der Jger zurckgebeugt lag,
leise herbeigekommen sein. Ihn sah sie nicht; die Klippen verdeckten ihn, und er
htete sich wohl, eine Bewegung zu machen, welche ihm die Erscheinung
verscheuchen konnte. Aber, als sie nach einer Weile atmend von dem Kelche
emporschaute, fiel ihr Blick seitwrts in das Wasser, und sie gewahrte den
Schatten eines Mannes. Nun sah er sie sich verfrben, die Blume aus ihren Hnden
entlassen, brigens aber regungslos auf den Knieen bleiben. Er erhob sich mit
halbem Leibe zwischen den Klippen, und vier junge, unschuldige Augen trafen
einander mit feurigen Strahlen. Nur einen Augenblick! denn alsobald stand das
Mdchen, Glut im Antlitz, auf, warf den Strohhut ber das Haupt und war mit drei
raschen Schritten hinter den Bschen verschwunden.
    Er kam nun auch aus den Klippen hervor und streckte den blutigen Arm nach
den Bschen aus. War der Geist der Blume lebendig geworden? Er sah diese wieder
an, sie wollte ihm nicht mehr so schn bednken, wie wenige Augenblicke zuvor.
Eine Amaryllis, sagte er kalt, ich erkenne sie jetzt, ich habe sie im
Gewchshause. Sollte er dem Mdchen nachfolgen? Er wollte es, eine geheime
Scheu fesselte aber seinen Fu. Er fate an seine Stirne; getrumt hatte er
nicht, das wute er, und das Ereignis, rief er endlich mit einer Art von
Anstrengung, ist auch so absonderlich nicht, da es getrumt werden mte! Ein
hbsches Mdchen, die des Weges daherkommt und sich auch an einer hbschen Blume
erfreut, das ist das Ganze!
    Er strich zwischen unbekannten Bergen, Tlern, Gelnden umher, solange ihn
die Fe tragen wollten. Endlich mute er an den Rckweg denken. Spt, im
Dunkeln, und nur mit Hlfe eines zufllig gefundenen Fhrers erreichte er den
Oberhof.
    In diesem brummten die Khe, der Hofschulze sa auf dem Flure mit Tochter,
Knechten und Mgden zu Tische und wollte moralische Gesprche beginnen. Aber dem
Jger war es unmglich, darauf einzugehen, es kam ihm alles verwandelt, roh und
ungefge vor. Er suchte rasch seine Stube, nicht wissend, wie er noch lnger in
das Ungewisse hin hier werde verweilen knnen. Ein Brief, den er oben von seinem
Freunde Ernst aus dem Schwarzwalde fand, vermehrte noch sein Mibehagen.
    In dieser Stimmung, welche einen Teil der Nacht dem Schlummer raubte und die
sich selbst am folgenden Morgen noch nicht verloren hatte, war es ihm sehr
erwnscht, da ihm der Diakonus ein kleines Wgelchen schickte, ihn nach der
Stadt abzuholen.
    Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, da der Ort,
einst ein mchtiges Glied im Bunde der Hansa, seine groe, wehrhafte Zeit gehabt
habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und
Kchengrten verwendet. - Sein Fuhrwerk bewegte sich, nachdem das dunkle,
gotische Tor durchfahren war, etwas mhsam auf dem zerschrotenen Steinpflaster
und hielt endlich vor einer freundlichen Wohnung, an deren Schwelle ihn schon
der Diakonus empfing. Er trat in einen heitern, behaglichen Haushalt ein, belebt
von einer munteren, hbschen Frau, und einem Paar lebhafter Knaben, die sie
ihrem Eheherren geboren hatte.
    Nach dem Frhstck machten sie einen Gang durch die Stadt. Die Straen waren
ziemlich menschenleer. Zwischen alten Schwibbgen, Trmchen, Kragsteinen,
Fragmenten von Steinfiguren zeigten sich nicht selten Sumpfstellen, Baumpltze,
Grasflecke. Um ein altes Gebude, mit vier zierlichen Spitzsulen an den Ecken
und einer Krnzung von Rauten und Rosen aus Sandstein sprang ein mutwilliges
Wsserchen; Efeu und wilder Wein hatte sich in den Ritzen des Mauerwerks
eingenistet. Ringsumher die tiefste Einsamkeit. Ist es nicht, als ob man den
Geist der Geschichte leibhaftig weben und spinnen sieht? sagte der Jger an
dieser oder einer anderen ihr hnlichen Stelle. Ja, versetzte der Diakonus,
man wird hier, wie von selbst, zum Altertume hingefhrt, und eine erinnernde
Stimmung bemchtigt sich der Seele. Dazu kommt, da auch ein Teil der
Bevlkerung aus menschlichen Ruinen besteht.
    Wieso? fragte der Jger.
    Weil es hier sehr wohlfeil leben ist, ferner wegen der Stille des Orts und
vielleicht auch wegen seiner dem menschlichen Alter hnlichen Physiognomie
ziehen sich hieher viele bejahrte Leute aus Amt und Geschft zurck, ihre
letzten Tage unter diesem verwitternden Gemuer zuzubringen, sagte der
Diakonus. Greiser Beamten und Offiziere, welche hier ihre Pensionen verzehren,
betagter Rentner, welche das Comptoir jngeren Hnden berlassen haben, gibt es
hier eine Menge. Wenn nun auch viele dieser Ausruhenden nur langweilige alte
Trpfe sind, so stt man doch auch auf manchen, der sich umgetan hat, einen
reichen Schatz von Erfahrung bewahrt und von dem man Dinge zu hren bekommt, die
nicht so allgemein bekannt sind. So erzhlen gewissermaen die steinernen
Trmmer Geschichte und die Menschentrmmer, welche darunter umherwanken,
Memoiren. Hier sollen Sie gleich ein solches Fragment kennenlernen, einen alten
Hauptmann; nur bitte ich Sie, widersprechen Sie ihm in nichts, denn Widerspruch
kann er nicht ertragen.
    Er klingelte an der Tre eines ziemlich gut aussehenden Hauses, welches
hinter Kastanien beschattet lag, ein Diener ffnete und fhrte mit steifer
militrischer Haltung den Besuch in ein Zimmer, welches von Sauberkeit glnzte.
Dann ging er den Herrn zu rufen, welcher, wie er sagte, die Hhner fttere. Der
Diakonus blickte sich flchtig im Zimmer um und sagte dann rasch zum Jger: Der
Hauptmann ist heute franzsisch, also um Gottes willen keine patriotische
deutsche Aufwallung, er mag vorbringen, was er will! Der Jger hatte sich
gleichfalls im Zimmer umgesehen. Alles atmete darin das Andenken an die Taten
des Empire. Napoleon stand als ganze Figur im bekannten Oberrocke, die Arme
gekreuzt, auf dem Schreibschranke, auerdem war er mehrmals in Bsten und
Medaillons vorhanden. Da hing Murat in dem bekannten Theaterkostme zu Ro,
Eugen, Ney, Rapp. Es fehlte nicht der General bei dem Besuche der Pestkranken zu
Jaffa, der erste Konsul zu St. Cloud und der Kaiser bei dem Abschiede von den
Garden zu Fontainebleau. Viele, diesen geme Darstellungen reihten sich ihnen
an. In einer Ecke des Zimmers sah der Jger ein Bcherbrett mit den Werken von
Sgur, Gourgaud, Fain, Las Cases und andern, welche zu dieser Autorenreihe
gehrten.
    Dennoch hatte er die Mahnung seines Begleiters nicht ganz verstanden und
wollte ihn eben um nhere Erluterung bitten, als der Hauptmann das Zimmer
betrat. Es war ein ltlicher Herr in blauem Oberrock, das rote Band im
Knopfloch. Durch das hagere Gesicht zogen sich unzhlige Runzeln und auch einige
Schmarren. Er begrte seine Gste mit trockener Hflichkeit, lud sie zum Sitzen
und lie sich den Namen des Jgers nennen, den der Diakonus ohne Arg aussprach,
ehe sein Trger es verhindern konnte. Ich habe, sagte der Hauptmann, indem er
nachsann, einen dieses Namens bei den Wrttembergern in Ruland gekannt. Der
Zufall fhrte uns mehrmals zusammen, bei Smolensk gerieten wir beide in
Gefangenschaft, halfen uns aber bald wieder heraus.
    Das war mein Oheim, erwiderte der Jger. - Diese Entdeckung gab ihm
sogleich einen nheren Bezug zu dem Hauptmann, dessen ganzes Gesicht sich
erheiterte. Er drckte dem Neffen seines alten Kameraden die Hand und lie sich
nun in seinen Kriegserinnerungen bis zur Schlacht von Leipzig ungemessen gehen.
Dort aber bekamen sie einen Halt und stockten, sozusagen, hinter einem
Schlagbaume, ber den sie nicht hinwegsprangen. Am Schlusse seiner Erzhlungen
sagte er: Es ist um einen groen Mann eine eigene Sache, und die Menschheit
schaufelt sein Bild aus dem Schutte hervor, mag das Unglck diesen noch so hoch
ber ihm aufgetrmt haben. Was haben alle die Siege, die zweimal nach Paris
fhrten, den Siegern in betreff des Nachruhmes geholfen? Nichts. Es sind
Tatsachen geblieben, die alle Welt kalt anhrt und weitererzhlt, aber der
Kaiser, der Kaiser bleibt die einzige Gestalt jener Tage. Er hat die Menschen
geqult, und dennoch vergttern sie ihn, ei, ein wenig Qual ist dem
Menschengeschlechte ntzer als allzu schlaffes Wohlleben! Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: An den gueisernen Monumenten mit den spitzigen Kirchendchern
werden die Invaliden wachen und die Gegitter den reisenden Englndern
aufschlieen, aber nur an der Vendmesule werden jeden fnften Mai frische
Immortellen liegen.
    Der Diakonus erhob sich; der Hauptmann fragte, ob er den Fremden nicht noch
anderweit zu sehen bekomme, was der Diakonus bejahte, da, wie er hinzufgte,
sein junger Freund ihm das Vergngen machen werde, an der Gelehrten Gesellschaft
teilzunehmen. In ihr hoffen wir diesmal stark auf Sie, liebster Hauptmann,
sagte er. - Ich werde euch aus den Papieren meines seligen Freundes einen
Beitrag liefern, welcher euch zeigen soll, welche Jngelchen den groen Kaiser
geschlagen haben wollen, versetzte der Hauptmann ironisch.
    Das ist ja ein wtender Bonapartist, sagte der Jger drauen zum Diakonus.
Tageweise, versetzte dieser. Johann, knnen Sie uns nicht das preuische
Zimmer zeigen? mit diesen Worten wandte er sich an den begleitenden Diener. Der
Mensch sah sich ngstlich um, nach einigem Schweigen antwortete er: Der Herr
wird wohl gleich ausgehen; treten Sie nur sacht hinein, ich will hier auf Posten
bleiben. - Der Diakonus ging mit seinem Gaste ber den Flur nach der andern
Seite des Hauses und tat ihm ein Zimmer auf, vor dessen Fenstern Weinranken
einen grnen Schimmer verbreiteten und welches eine anmutige Aussicht auf
blhende Gartenbeete hatte. Das erste, was dem Jger auffiel, weil es der Tre
gerade gegenberstand, war ein Tropon auf hohem Postamente, zusammengefgt aus
Kanonen, Waffen, Fahnen, Kriegesgert. An dem Postamente glnzten in goldenen
Ziffern die Jahreszahlen 1813, 1814, 1815 und ber dem Tropon an der Wand
prangten in einer Einfassung von goldenen Sternen die Namen der
Befreiungsschlachten auf weiem Grunde. Die Wnde dieses Zimmers waren von den
Bsten der verbndeten Herrscher und ihrer Feldherrn geschmckt. Da sah man den
Abschied der Freiwilligen, Blcher und Gneisenau in ihren Regenmnteln nach der
Schlacht an der Katzbach ber die Heide reitend, den Einzug in Paris, die Plane
von Leipzig und Belle-Alliance. Und um den symmetrischen Gegensatz zu dem
franzsischen Zimmer zu vollenden, so fehlte auch hier eine kleine Sammlung von
Kriegsbchern nicht, von Deutschen in deutschem Sinne geschrieben.
    Nun sagen Sie mir, was bedeutet das? fragte der Jger, welcher die
Gegenstnde umher mit Verwunderung betrachtete. Ist Ihr Hauptmann ein
Amphibium? - Ein Stck davon, erwiderte der Diakonus. Ich hre eben die Tre
klinken, er hat das Haus verlassen, ich kann Ihnen mit Mue die Kontraste
auslegen, ber welche Sie erstaunen.
    Er ntigte seinen Gast auf ein Canap, dann fuhr er so fort: Unser
Hauptmann ist ein rechtwinklichter, schroffer und unvermischter Charakter.
Deshalb haben sich seine Erinnerungen wie zwei mathematische Figuren
auseinandergelegt. Er diente bei den Franzosen mit groer Auszeichnung; Sie
haben gesehen, da ihm unter jenen Adlern das rote Band zuteil geworden ist.
Nach der Schlacht von Leipzig wurde sein Corps aufgelst, er war als Deutscher
sich selbst und den vaterlndischen Verhltnissen zurckgegeben. Indem nun das
Kriegsgetmmel weiter raste, und alle Welt gen Frankreich zog, wre es
unnatrlich gewesen, wenn der alte Degen htte zurckbleiben sollen; er nahm
daher preuische Dienste, und kmpfte mit so vielen andern Tausenden nun auf
derselben Seite, welche er noch vor wenigen Monaten zu vernichten sich bestrebt
hatte. Auch unter diesen Fahnen war seine Tapferkeit belobt, namentlich soll er
spterhin in den mrderischen niederlndischen Schlachten wie ein Lwe
gestritten haben. Er empfing zu dem Kreuze der Ehrenlegion das Eiserne, jenem so
feindlich gewordene.
    Nach dem Frieden blieb er nur noch kurze Zeit im Heere; seine Strapazen und
Wunden hatten ihn mrbe gemacht. Hieher zog er sich mit seiner Pension zurck,
welche ihm ein anstndiges Auskommen gewhrte. Indem nun jedermann um ihn her in
den wiedererworbenen westlichen Teilen des Vaterlandes sich mit seinen Gefhlen
einzurichten wute, die Sympathien des gestrzten Reichs und der neuen
Deutschheit amalgamierte, oder wenigstens zusammenschweite und ltete, wollte
es unserem armen strrigen Hauptmann nicht so wohl gelingen. Den Degen in der
Faust hatte er ohne Reflexion darauf losgeschlagen, fr oder wider; aber in der
Mue und im Nachdenken des Friedens berfiel ihn eine Spaltung und Verwirrung,
welche ihn fast toll machte. Er konnte es nicht in sich beherbergen, da er
binnen Jahresfrist ein tapferer Franzose und ein tapferer Preue gewesen sein
sollte, da er bis zum Oktober la perfidie du cabinet de Berlin habe zchtigen
und nach dem Oktober das Vaterland retten helfen. Mit seltsamen Blicken
betrachtete er die beiden Orden, die streitbaren Lwen, welche wie friedliche
Lmmer nebeneinander auf seiner Brust ruhten. Er stie Reden aus und verbte
Handlungen, die seinen Bekannten bange um ihn machten.
    Ich wei von diesen Dingen nur durch andere, denn ich war damals noch nicht
hier. Mglich, da der Zustand durch die Nachwirkung seiner Kopfwunden und des
russischen Eises befrdert worden ist, doch bin ich berzeugt, da die Ursache
desselben im Geistigen, in dem Leisten- und Fachartigen seines ehrenwerten
Sinnes gelegen hat. Endlich nahm sich ein Fieber seiner an, machte ihm Leib und
Seele frei. Unmittelbar nach der Herstellung richtete er die sonderbare
Lebensweise sich ein, deren Zeichen und Spuren Ihnen aufgefallen sind, und in
dieser habe auch ich ihn erst kennengelernt.
    Er stiftete nmlich militrische Ordnung in seinen Erinnerungen und teilte
sie, sozusagen, in zwei abgesonderte Corps ein, die fr sich agieren. Eine
Zeitlang ist er Franzose und ganz versenkt in die Herrlichkeit der
Napoleonischen Zeit, dann wird er wieder eine Zeitlang ebenso entschiedener
Preue und Lobredner des Aufschwungs jener groen Epoche der Volksbewegung.
Diese Phasen treten abwechselnd ein, je nachdem ihn eine Vorstellung, die dem
einen oder andern Kreise angehrt, in Beschlag nimmt, und sie dauern so lange,
bis der Stoff der Vorstellung sich abgesponnen hat. Es versteht sich, da er
auch immer nur einen Orden, entweder den preuischen, oder den franzsischen
trgt. Diesem Turnus gem hat er denn auch die beiden abgesonderten Wohngelasse
sich ausgerstet, und neben jedem ein besonderes Schlafgemach. Drben unter den
Marschllen bringt er zu, wenn er Franzose ist, und hier bei dem Tropon
verweilt er, wenn er die preuischen Tage hat. Nicht wahr, wir besitzen
hierzulande gute Originale?
    In der Tat, versetzte der Jger, man fhlt sich bei Ihnen wie in der Welt
des Tristram Shandy. brigens kann ich nicht sagen, da mir die Manier des guten
Hauptmanns, so barock sie auch aussieht, gerade unvernnftig vorkme. Mancher
Deutsche, welcher eine geraume Zeit lang selbst nicht gewut hat, was er
eigentlich war, Franzose oder Deutscher, wrde durch sie seinen Charakter reiner
und einfacher erhalten haben. - Wie das Gemt ihm unbewut einen Streich
spielte! Zu dem vaterlndischen Zimmer erwhlte er das bestgelegene mit grner
lieblicher Aussicht, whrend das franzsische unerquicklich an der kahlen, den
Strae liegt.
    In einem Punkte ist der Hauptmann hchst achtbar, sagte der Diakonus, in
dem, da, wenn auch seine Phantasie tage- und wochenweise an den fremden
Erinnerungen haftet, dennoch nie der leiseste Wunsch nach der Zeit des
allgemeinen Elends in ihm aufkeimt. Fr unsere Gelehrte Gesellschaft ist er vom
grten Nutzen, denn er besitzt einen wahren Schatz an einem Hefte persnlicher
Denkwrdigkeiten eines verstorbenen, ihm innigst verbunden gewesenen Freundes,
eines Offiziers.
    Man lernt aus denselben das Kleinleben des Krieges kennen, was die
eigentlichen Geschichtsbcher, Schlachtbeschreibungen und militrischen Berichte
gar nicht enthalten, und weil ein Mensch von hinreiendem Gefhl und treuer
Beobachtungsgabe jene unbefangenen Notizen aufgeschrieben hat, so ist mir nicht
selten bei einzelnen Partien zumute geworden, als rolle sich vor mir eine neue
Ilias und Odyssee ab. Wenigstens leidet und handelt darin der Einzelne trotz des
passiven Gehorsams und der mechanischen Kriegsfhrung unserer Tage, wie ein
homerischer Held. Von diesen Denkwrdigkeiten liest nun zuweilen der Hauptmann
in unserer Gesellschaft Abschnitte vor.
    Der Jger erkundigte sich nach der Gelehrten Gesellschaft, deren Dasein er
in dieser Stadt nicht vermutet hatte, und der Diakonus erzhlte ihm, indem er
ihn aus dem Hause des Hauptmanns weiter durch die Stadt fhrte, lchelnd und
heiter von ihrer eigentmlichen Gestalt, ihren Gesetzen und ihren produktivsten
Mitgliedern, unter denen auer einem Dichter ein Sammler und ein Reisender von
Profession vorkamen. Er sagte ihm, da er ihm schon deshalb heute den Wagen
geschickt habe, damit er einer Sitzung beiwohnen knne, die auf den Abend
bestimmt worden sei und ihm vielleicht einige angenehme Stunden bereite.
    Unter diesen Gesprchen waren sie zu einem gerumigen Wiesenplatze gekommen,
welcher aber gleichwohl noch innerhalb der Ringmauern der Stadt lag. Auf
demselben erhob sich eine alte gotische Kirche, grn wie die Wiese. Der Jger
konnte an ihrem Anblicke sein Auge nicht ersttigen. Teils war schon die Farbe
des Sandsteins, wie sie bezeichnet worden, uerst eigen; teils aber hatte die
Natur auch ihr willkrlichstes Spiel mit dem lockeren und mrben Material
getrieben, und in dem reichen Pfeiler- und Schnitzwerk, an den Kanten und Ecken
durch Regenschlag und Nsse ganz neue Figurationen hervorgebracht, so da das
Gebude wenigstens stellenweise aussah, als sei es nicht aus des Menschen,
sondern aus ihrer Hand hervorgegangen. - Wie sonderbare Symbole werden oft um
uns her gestellt! rief der Jger. Hier steht die Kirche, an welcher,
mindestens an deren Ornamenten sich nicht unterscheiden lt, was davon der
Baumeister gewollt, und was Zeit und Wetter hinzugefgt haben, und gestern
erschien mir an einer Blume im Walde ein schnes Mdchen.
    Der Diakonus fragte nher nach, und der Jger erzhlte ihm mit glnzenden
Augen und bewegter Stimme sein Waldabenteuer. Nach Ihrer Beschreibung zu
urteilen, sind Sie mit der blonden Lisbeth zusammengetroffen, sagte jener. Das
liebe Kind streift im Lande umher, ihrem alten faselnden Pflegevater Geld zu
verschaffen; sie war auch bei mir vor einigen Tagen, wollte sich aber nicht
verweilen. Wenn sie es war, so hat Ihnen die Natur wirklich ein Symbol gezeigt,
denn auch das Mdchen ist in Moder und Verfall aufgeblht, wie Ihre Wunderblume
aus dem alten Baumtrumm. ber ihr halten schirmende Geister die Hnde, sie ist
das liebenswrdigste Aschenbrdel und ich wnsche ihr nur den Prinzen, der sich
in ihren kleinen Schuh verliebt.
    Auf dem Rckwege sollten der Sammler und der Reisende besucht werden, beide
waren aber nicht zu Hause. In der Wohnung des Diakonus hatten sich dagegen bei
der Frau mehrere Freundinnen eingefunden, anscheinend zufllig, eigentlich
jedoch wohl in der Absicht, den jungen hbschen Fremden in Augenschein zu
nehmen. Sein munteres trauliches Wesen brachte ihn bald mit allen den
Frauenzimmern, unter denen keine einzige Hliche war, in naive Berhrung, und
es schadete ihm bei ihnen nicht, da sie hin und wieder ber seine Zischlaute
heimlich lcheln muten.
    Er hatte sich bei Tische seiner Verschwiegenheit gerhmt. Als man
aufgestanden war, zog ihn die Wirtin rasch beiseite und flsterte ihm zu: Sagen
Sie den beiden - sie zeigte auf zwei ihrer Freundinnen, welche zum Essen
geblieben waren - nichts vom heutigen Abende, es soll daraus eine berraschung
fr sie gesponnen werden. - Sie meinen, versetzte er, die Gelehrte
Gesellschaft des heutigen Abends. - Dieselbe, erwiderte die Frau schalkhaft,
und verschweigen Sie, wenn Sie sich auch sonst verschnappen sollten, wenigstens
den Ort der Zusammenkunft, wie heit er doch nur gleich?
    Er nannte ihr harmlos den Ort, den er zufllig auch bereits vom Diakonus
erfahren hatte. Richtig! rief die Frau, eilte zu ihren Freundinnen, und alle
drei verlieen flsternd und lachend das Zimmer.

                                Zwlftes Kapitel



                               Brief und Antwort

                       Der Oberamtmann Ernst an den Jger

Wenn Du mich Mentor nennst, so steckt Pallas Athene in mir, und wenn ich dann
trotz meiner Gttlichkeit immer noch an dem unfolgsamen Telemach hange, so mu
wohl das unerbittliche Schicksal daran schuld sein, dem Gtter und Menschen sich
beugen.
    Sage mir, was bist Du? Wo fngt bei Dir die Vernunft an, und wo hrt die
Torheit auf - Mischwesen? Willst Du ewig ein Kind bleiben? Kommt es denn immer
in Dir nur zu Blten und setzen sich nie Frchte ab? Ich dchte, man wrde alles
mde, absonderlich dummer Streiche, und Du httest den Reiz der Neuheit in
dieser Materie allgemach berwunden.
    Allerdings glaube ich, da der Mensch von dunkeln Instinkten manches zu
erdulden hat, und insonderheit mag Deinem Blute durch die schwrmende und
bertriebene Zrtlichkeit Deiner Eltern, welcher Du Deine Entstehung verdankst,
der Kitzel eingeimpft worden sein, von Abenteuern zu Abenteuern fortzustrudeln.
Wenn Du aber meinst, da aus solchen instinktelierenden Ansten irgend etwas
Groes, ja da nur etwas Gutes und Gescheites daraus hervorgehen knne, so bist
Du gewaltig im Irrtum, ich habe immer die Handlungen der Menschen erst anfangen
sehen, wo diese Region dmmriger Willkrlichkeiten hinter ihren Fen lag. Von
der Geschichte Deines Ludwigsburger Granatensuchers hast Du das Ende vergessen.
Der Mensch gewhnte sich nach dem kleinen Glcke, welches ihm sein Raptus
gebracht, das Trinken an, ging oder taumelte einmal bei spter Abendzeit in der
Gegend umher und fiel in den Neckar, aus dem man am andern Morgen seine Leiche
zog. Ihr Ritter der Nachtseite der Natur greift aber immer aus den Tatsachen nur
das heraus, was in euren Kram pat, und woran ihr kapuzinerhaft euren Spruch
demonstrieren knnt.
    Dein Umherschweifen hat Dir manche schne Stunde und viele tausend Gulden
unntz geraubt, mit Deinem verwnschten Schieen wirst Du einmal bel ankommen;
was Deine Verehrung der Frauenzimmer betrifft, so ist diese Andacht fr mich
eine neue Bekanntschaft, ich hatte bis jetzt in der Hinsicht nichts
Absonderliches an Dir verspren knnen. - Beinahe krank bin ich aber von Deinem
Briefe geworden, denn es gibt nichts Verhngnisvolleres, als wenn ein Mensch in
Deinen Jahren und Verhltnissen noch Streiche macht, die man kaum einem
heimatlosen Studenten verzeiht. Die Leute glauben nicht an die Torheit, sie
suchen und finden in solchen Eulenspiegeleien Grnde und Absichten. Was die
Deinige zur Folge gehabt hat, will ich Dir kurz und praktisch vorhalten. Man
steht bei Deinem einmal hingeworfenen Worte fest, Du seist schon im Auslande
versprochen, man setzt Deine Reise mit diesem Geschwtz in Verbindung, sagt, Du
habest nur einen Vorwand ergriffen, um zu entrinnen, und werdest unversehens mit
einem aufgelesenen alten akademischen Liebchen wiederkehren. Frulein Clelia ist
durch Deine Ritterschaft aufs uerste blogestellt und ganz trostlos. So
erzhlte mir Pfleiderer, der von Stuttgart hier durchreiste. Auerdem hat die
Sache verblmt schon im Merkur gestanden, und was der Merkur wei, da wei
bekanntlich ganz Schwaben.
    Ich habe mich nun kurz resolviert. Deiner seligen Mutter versprach ich
einst, fr Dich Sorge tragen zu wollen bei allen Exzessen, zu denen Dich Dein
strmisches Temperament verleiten mchte; und als guter Geschftsmann will ich
mein Wort halten. Die Sommerferien stehen vor der Tr, eine Bewegung tut mir auf
die ewige Schreiberei auch not, der rger, wenn ich Dich treffe, wird die Motion
verstrken - kurz, in acht Tagen schlie' ich mein Oberamt zu, reise den Rhein
hinab, biege nach Deiner Tacitischen Germania, wo Du unter Bohnen, Schweinen und
Bauern so genureiche Tage verlebst, hinber, fasse Dich, wo ich Dich finde, und
will dann sehen, ob Du mich wirst allein zurckreisen lassen.
    brigens bin ich, wie immer
                                                               Dein Freund Ernst

                                       *


                       Der Jger an den Oberamtmann Ernst

Ich sende Dir diese Zeilen nach Stuttgart entgegen, wo sie in Wilhelms Hnden
fr Dich beruhen bleiben, denn Du wirst als ein wahrer Glaubiger gewi erst in
unserer National-Kaaba Dein Gebet verrichten, bevor Du hinausziehst in die
Fhrlichkeiten des falschen Auslandes.
    Nun ist mir erst wohl. Du hast mir die Lektion gegeben, und so steht alles
in gehriger Ordnung. Da Du mir nachrennst, entzckt mich, denn ich sehe
daraus, da Torheit ansteckt und mchtiger ist, denn Vernunft. Wenn Du kommst,
will ich mit Dir, geduldig wie ein Lamm heimreisen, sofern sich nicht inzwischen
der Schrimbs oder Peppel noch findet, wozu freilich wenig Anschein. Knnte ich
nur des alten Jochem erst wieder habhaft werden! Wer wei, wo der arme Kerl
umherrennt? Ich habe schon in verschiedenen ffentlichen Blttern nach ihm
Erkundigung getan, jedoch bis jetzt vergebens.
    Hier in dieser altertmlichen Stadt verweile ich seit mehreren Tagen bei
einem guten Bekannten, den ich unversehens wiedergefunden habe. Eine gar hbsche
Huslichkeit und ein angenehmer Kreis umgibt ihn. Auch hier habe ich nrrische
Sonderlinge kennengelernt, welche doch dabei gute, schtzbare, unterrichtete
Menschen sind, so da man ber sie lcheln und ihnen zugleich von Herzen zugetan
sein kann. Welche Masse von Bildung, Wissen und Eigenartigkeit ist bei uns
berallhin verbreitet! Wenn diese Reise auch weiter keinen Nutzen hat, so wird
sie mir schon dadurch, da sie mir jene berzeugung recht in die Hand gab,
heilsam sein.
    Der Gipfel unserer Geselligkeit war der vorgestrige Abend, wo ihre Gelehrte
Gesellschaft (lache nicht!) eine Sitzung hielt. Sie haben eine Akademie zusammen
gestiftet, in welcher die verschiedenartigsten Aufstze vorgelesen werden. Diese
sind aber statutenmig bis auf weiteres aller Verffentlichung durch den Druck
streng entzogen. Jeder mu Strafe zahlen, der sich zur Untersttzung einer
vorgetragenen Meinung auf eine Flugschrift oder ein Zeitblatt beruft, und von
den Zusammenknften bleiben die Frauen ausgeschlossen. In dieser Gesellschaft
brachte ich einen wahrhaft platonischen Abend zu, denn wenn wir alle auch lange
nicht so schn redeten, wie die Griechen, so kam doch so viel Urteil,
Beobachtung, Scherz und Laune zum Vorschein, da Du Dich verwundern wirst. Ich
schreibe nmlich in den Morgenstunden die Geschichte dieses Abends unter dem
Titel: Ein Gastmahl, fr Dich nieder. Eine unvermutete Wendung hatte ich der
Sache zubereitet, indem ich in meiner Unschuld gegen die Frauen zum Verrter der
Zusammenkunft geworden war, und diese dem Abende einen phantasievoll
humoristischen Abschlu gaben.
    Ach, Lieber! es ist mir zumute, als stehe mir die Poesie des Lebens so nahe,
da ich sie hinter jedem Busche jetzt und jetzt werde mit Hnden greifen, aus
jedem Blumenkelche in mich hineinsaugen knnen! Da, dort, berall guckt die Elfe
hervor und sieht mich mit Liebesaugen an. Ward denn jegliches Dasein bestimmt,
wie eine der verwickelten algebraischen Gleichungen nur annherungsweise ein
Analogon von Auflsung darzubieten, oder gibt es nicht auch schlichte, plane
Existenzen, die aus Sehnsucht und Erfllung ein reines Fazit ziehen? - Und was
denkst Du Dir bei diesen geschraubten Worten, die da unwillkrlich meiner Feder
entflossen sind?
    Ich bin so wenig ein Dichter, als Du ein Schwarzwlder Uhrmacher bist, aber
bisweilen bricht die Poesie aus jedem, wie die Trne aus der Rebe im Lenz. Das
sind dann schicksalsschwangere Momente, Momente, in denen unsere Sterne sich
rhren, und dadurch die Krfte unsres kleinen Selbstes rhren und regen. Ich
schrieb Dir von dem Spessarter Mrchen, welches ich da hingeworfen, und nun
ist's sonderbar, da sich einzelne Elemente dieser Erfindung, z.B. das
unvermutete Treffen eines Freundes, ein kurioses Waldabenteuer, krperlich
hinstellen, freilich ganz verschieden von meinem Poem, aber im innersten Sinne
doch verwandt, so da es ist, als wollten mich meine Spessarter Zauberfiguren
mit Wirklichkeit necken.
    Hiebei mut Du Dir gar nichts Besonderes vorstellen; es gibt nur so
wunderbare Stimmungen, in denen man mehr seine Gedanken, als sein Leben lebt. So
will mir das Waldgefhl nicht aus dem Sinn, es flutet grn und khl mit frischem
Borkengeruch durch meine Seele, und gelbe Funken kreuzen den stillen,
trstlichen Schein.
    In Leben und Tod, mein alter Ernst,
                                                                       Dein Narr

N.S. Die arme Clelia dauert mich herzlich. Wie schlecht, da ich ihrer erst
jetzt gedenke! Was mich betrifft, so mgen sie von mir schwtzen, was sie
wollen.


                              Dreizehntes Kapitel

                          Der Jger schiet und trifft

Immer wurde unser junger Schwabe von seinen schwrmerischen Empfindungen wieder
durch einen ueren Eindruck abgezogen, der ihm etwas Neues zufhrte. So
besuchte er den Sammler, den wir auf dem Oberhofe kennengelernt haben, einige
Tage, nachdem er den Brief an seinen Freund geschrieben hatte. Der alte Schmitz
hatte ihm schon hin und wieder ein saures Gesicht gemacht, da seine Schtze
noch nicht frher in Augenschein genommen worden waren, indessen erheiterte sich
dieses jetzt bald, als der Jger, angelegentlich fragend, in der kleinen, engen
und dunkeln Wohnung mit ihm durch die aufgestapelten alten Klosterbilder,
Pergamenthaufen, Waffen, Urnen und Gefe hindurchwanderte, und den gelegentlich
erfolgenden Auseinandersetzungen: Wo Hermann den Varus geschlagen? ein
aufmerksames Ohr lieh. - Der Jger sah manches ihm Neue und wrde von der ganzen
Beschauung noch mehr Nutzen gehabt haben, wenn ihm sein Fhrer Mue gelassen
htte, die einzelnen Stcke genauer zu betrachten. Allein, sobald er einige
Sekunden lang bei einem verweilt hatte, ri ihn der Ungeduldige mit schreienden
Worten zu einem andern hin, in der Besorgnis, da irgend etwas bersehen bleiben
mchte.
    Er lebte, nach Sammlermanier, ganz einsam und nur seinen Seltenheiten
hingegeben. Ein groer, schwarzer Kater, welcher ihm treu anhing, machte seine
ganze Hausgenossenschaft aus. Dieser ging denn auch heute, wie es seine
Gewohnheit war, ernsthaft durch die Zimmer hinter den beiden menschlichen
Beobachtern, wie ein dritter Altertumsfreund einher.
    Der Alte war eigentlich infolge einer unglcklichen Liebe Sammler geworden.
In seiner Jugend hatte er einem schnen Mdchen sein Herz zugewandt, welche, zu
frh elternlos, unter der Obhut oder vielmehr Nichtobhut eines schwachen,
nachlssigen Vormundes stand und bei ihrem Leichtsinn zu unabhngig war, um
verstndig bleiben zu knnen. Nachdem sie den treuen Verehrer vielfltig durch
Grillen und Zweideutigkeiten gekrnkt hatte, setzte sie ihrem Benehmen durch
offenbare Untreue die Krone auf. Der Himmel strafte sie aber doppelt dafr; er
lie sie ihr Herz an einen Unwrdigen hngen und bald hernach in eine schwere
Krankheit verfallen, von welcher sie nicht wieder erstand. Auf dem Totenbette
trat die Reue ihren wankelmtigen Busen an, sie schickte nach dem Verlassenen,
es erfolgte eine Ausshnung, und sie setzte ihn zum Erben ihres Nachlasses ein.
Unter diesem befand sich eine Menge goldener, silberner, emaillierter, seidner
Kleinigkeiten, die das lebhafte Ding zusammengekauft, erbettelt, erstoppelt
hatte, da ihr Auge, wie das der Elstern, an allen glnzenden Dingen hing, und
ihre Hand besitzen mute, was ihrem Auge gefiel. Der Hinterbliebene stellte nun
daraus ein kleines Kabinett sehr ordentlich zusammen, aber bald wollte ihm das
Vorhandene nicht mehr gengen, die Medaillen, die Figrchen, die gemalten
Portefeuilles und Mappen forderten Gesellschaft, und er gab sie ihnen durch
Mnzen, Metallsachen, Siegelkapseln, schn geschriebene Pergamenturkunden.
Dergleichen greift aber immer weiter um sich, es zieht gewissermaen magnetisch
das Gleichartige an, und ehe er es sich versah, hatte daher seine Umgebung und
sein Leben die nachherige Gestalt bekommen. Da nun die Liebhaberei bei ihm
gefhlvollen Urspungs war, so gab sie ihm auch nicht das Trockene und Leblose,
wodurch die Sammler in der Regel der Abdruck ihrer Sachen werden; er behielt
vielmehr eine freundliche und milde Sinnesart.
    Der Jger hatte neben einigem Guten viel Geringes besichtigen mssen. Jetzt
fiel sein Blick in eine Ecke, worin die uns bekannte Amphora mehr versteckt als
gewiesen stand. - Wie? Und dieses herrliche Gef zeigen Sie mir nicht? Das ist
ja leicht das schnste Ihrer ganzen Sammlung! rief er erstaunt.
    Eine Traurigkeit beschattete das Antlitz des Sammlers, seine gelufige Zunge
stockte, er ging in die Ecke, streichelte die Amphora, wie ein Vater sein
krankes Kind streichelt, und erzhlte dem Jger zutraulich die Geschichte ihrer
Erwerbung. - Seit der Zeit nun, fuhr er fort, da ich gegen mein Gewissen dem
Hofschulzen ein Attest ber sein falsches Karls-des-Groen-Schwert ausstellte
und mir durch diese Unwahrheit die Amphora zueignete, macht mir oft die ganze
Sammlung keine rechte Freude mehr. Denn bei Altertmern beruht alles auf der
Wahrheit, und wer fr ein fremdes gelogen hat, der kann auch leicht den Glauben
an seine eigenen verlieren. Es geht mir schon hin und wieder so; ich sehe die
Donnerkeile zweifelnd an, ich habe bereits getrumt, meine so schnen Brakteaten
seien nachgemachte Scharteken. Das Ende vom Liede wird wohl sein, da ich die
Amphora zurckgebe und mir mein falsches Attest wieder aushndigen lasse, wenn
ich gleich nicht wei, wie ich den Verlust des prchtigen Gefes werde
berstehen knnen.
    Der Jger mute ungeachtet des kummervollen Gesichtes, welches der alte Mann
machte, lcheln, und sagte: Mit Ihrer Gewissenhaftigkeit wre nie ein Museum
zustande gebracht worden. - Aber sagen Sie mir, was fr eine Bewandtnis hat es
eigentlich mit dem Schwerte, auf welches der Hofschulze einen so
auerordentlichen Wert legt?
    Hierauf gab der Sammler dem Jger folgende wundersame Auskunft. Da hier
auf unserer roten Erde der geweihte Boden der Freigerichte, welche man nur sehr
uneigentlich Femgerichte genannt hat, war, wissen Sie, sagte er. Freigerichte
waren sie, und Freigerichte blieben sie trotz aller spteren Entstellungen und
Mibruche, nmlich die Gerichte der ursprnglich freien Markengenossen, die so
unbeschrnkt auf ihrer Wehr saen, als der Knig in seiner Pfalz. Das aber
werden Sie nicht wissen, da in mehreren Distrikten und so auch nahe hiebei
manche Hfe, welche das Freischffenrecht hatten, immer noch die Tradition
dieses Besitzes erhalten, und da dieselbe vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf
den Enkel fortgepflanzt wird. Natrlich ist jetzt die Sache zu einer bloen
Spielerei herabgesunken. Aber Wissende gibt es wirklich noch immer, die von Zeit
zu Zeit sich bei den alten Freisthlen versammeln, und durch Mitteilung der
geheimen Erkennungszeichen und des Rituals neue Wissende machen. Anfangs nahmen
einige Behrden von dem Hokuspokus Notiz, wollten in die Mysterien eindringen,
aber das gelang ihnen nicht, die Bauern trieben ihr Wesen nur um so vorsichtiger
und blieben gegen alle Anmutungen, den Sinn der Losung zu verraten, standhaft.
Seitdem bekmmert man sich nicht mehr darum.
    Der Oberhof gehrt nun recht eigentlich zu den alten Freischffengtern.
Nach dem Bauernglauben war es Karl der Groe, der die Gerichte einsetzte, und
das Gewaffen, was in dem Hofe aufbewahrt wird, gilt fr das Richtschwert,
welches der Kaiser zum Zeichen der Investitur dem ersten Besitzer gegeben habe.
Der Hofschulze, der ein gar schlauer Vogel ist, hat, sein Ansehen zu steigern,
sich diesen Glauben zunutze gemacht, und spielt nun eine Art von Freigrafen. Er
soll nicht selten mit den Schffen der umliegenden groen Hfe am Freistuhl
zusammenkommen. Ja man spricht, da durch ihn in die leeren Possen wieder ein
Gehalt gebracht worden sei, da sie ber manche Sachen wirklich ihre geheimen
Urteile fllen. So viel ist wenigstens gewi, da die Gerichte sich selbst ber
die wenigen Streitigkeiten wundern, die aus jener Gegend vor sie gebracht
werden, obgleich unser Land sonst die Heimat der Prozekrmer ist.
    Aber wie ist das mglich, da ihnen ja jede Macht der Ausfhrung fehlt?
fragte der Jger, den diese seltsame Entdeckung ganz trumerisch bewegte.
    Nun, sagte der Sammler, sie knnen freilich keinen Widerspenstigen mehr
am Baume aufknpfen, aber wenn sie ihm nun Hlfe, Beistand, Vorschub versagten,
es durch ihren Einflu, da sie die Reichsten in der Gegend sind, dahin brchten,
da ihn auch die andern mieden, keiner mit ihm im Kruge trnke, Knecht und Magd
nicht bei ihm aushielte; wie dann? Wre das nicht auch ein Zwang, zwingend
genug? Was vermag nicht die Meinung von Standesgenossen ber den Menschen? Es
werden mitunter dort umher einzelne in auffallender Art freunde- und
genossenlos, das dauert eine Weile, dann nhert sich ihnen wieder alles. Man
spricht, diese seien Verfemte, und nur ihre Nachgiebigkeit hebe den Bann wieder
von ihrem Hause.
    Der Jger reimte nunmehr sich manches zusammen, was ihm bisher
unverstndlich geblieben war. Er teilte seine Vermutung, da binnen kurzem am
Freistuhl etwas vorgehen werde, dem Sammler mit, und fragte ihn eifrig, ob es
nicht mglich zu machen sei, einem solchen heimlichen Gerichte aus der
Verborgenheit zuzuschauen? Damit wollte indessen der Sammler als mit einer
gefhrlichen Sache nichts zu tun haben.
    Der Fuhrmann trat ein, welcher den Jger nach dem Oberhofe befrdern sollte
und sagte, da der Wagen vor der Tre stehe. Der Jger hatte nmlich mit dem
Diakonus die Absprache genommen, sich in der Stadt einquartieren zu wollen,
hielt es jedoch fr ziemlich, seinem alten Wirte in Person Dank und Lebewohl zu
sagen. Einen Teil des Weges ber hatte er weder auf diesen, noch auf das
Fuhrwerk acht, da seine Gedanken um den Freistuhl und die Geheimnisse des
Femgerichtes schwebten, die noch immer schattenartig in der Gegenwart
fortlebten. Sonderbares Land, rief er fr sich, in welchem alles ewig zu sein
scheint! Wie kommt es, da aus dir noch kein groer Dichter hervorgegangen ist?
Diese Erinnerungen, welche von dem Boden nicht weichen wollen, diese alten
Sitten und Gebruche muten doch wohl imstande sein, eine Einbildungskraft zu
entznden! Er bersah, da das Talent keine Feldfrucht ist, sondern wie das
Manna in der Wste vom Himmel fllt.
    Als er auf die Auendinge wieder zu merken begann, nahm er wahr, da sein
Wglein sich schneckenartig fortbewegte, weil das eine Pferd stark lahmte. Er
entschlo sich kurz, lie das Fuhrwerk heimgehen und machte den brigen Weg zu
Fu. Freilich konnte er nun nicht, wie er gewollt, am nmlichen Tage zur Stadt
zurckkehren, mute sich vielmehr bequemen, die Nacht auf dem Lande zuzubringen.
    Er fand den Hofschulzen an einem Scheurentore zimmern. Als dieser von seiner
Arbeit die blitzenden Augen unter den weien Brauen gegen ihn emporhob, kam er
ihm nach den erhaltenen Aufschlssen wie der Alte vom Berge vor. Der Jger
meldete ihm seinen bevorstehenden Abzug. Jener erwiderte: Das ist mir lieb, das
Frauenzimmerchen, welches vor Ihnen die Stube hatte, lie mir sagen, sie wrde
heute oder morgen zurckkommen; der mten Sie doch weichen, und ich knnte Sie
nur unbequem logieren.
    Der ganze Hof schwamm in dem beginnenden roten Abendlichte. Eine reine
Sommerwrme durchdrang die von keinem Dunste beschwerten Lfte. Es war ganz
einsam zwischen den Gebuden; alle Knechte und Mgde muten wohl noch auf dem
Felde zu tun haben. Auch im Hause sah er niemand, als er nach seinem Zimmer
ging. Dort ordnete er, was er an diesem Orte zuweilen aufgeschrieben hatte,
packte seine wenigen Sachen zusammen und sah sich dann nach dem Gewehre um.
    Dieses war jedoch verschwunden. Er begriff nicht, wer es ihm fortgenommen
haben knne, und ging, bei dem Hofschulzen Erkundigung einzuziehen, ber den
Gang nach der Treppe zu. In einem Gelasse seitwrts glaubte er ein Gerusch zu
vernehmen - vielleicht ist eine Magd darin, die dir es auch nachweisen kann -
dachte er und klinkte die Tr auf. Er war aber in die Schlafkammer der Tochter
geraten und sah erschreckt eine unzweideutige Gruppe. Herzklopfend schritt er
rasch nach seinem Zimmer zurck; der Brutigam, ein junger starker Bauer, folgte
ihm dahin nach. Das mssen Sie nicht fr bel nehmen, sagte dieser. Denn das
zweite Aufgebot ist gewesen, und nchsten Donnerstag ist die Hochzeit, und wenn
es soweit ist, so hat sich keiner um so etwas zu bekmmern, und der Pastor und
der eigene Vater fragt nichts darnach. Es wird diese Nacht bei uns im Hofe Korn
gesackt, deshalb mute ich meine Braut heut zu Nachmittage besuchen.
    Mich geht das nichts an, antwortete der Jger verwirrt, wenn ich nur
wte, wo mein Gewehr ist. - Dieses will ich Ihnen sagen, antwortete der
junge Bauer, der Schwiegervater hat es heimlich weggenommen und dort hinter dem
groen Schranke versteckt, denn er sagte, der dritte Choral aus Ihrer Geschichte
wre -
    Was? Choral? Ihr wollt wohl Moral sagen?
    Jawohl. Also der dritte Choral aus Ihrer Geschichte wre, da man einem
Fehlschtzen von Mutterleib aus kein Schiegewehr unter Hnden lassen msse. Ein
gewhnlicher Fehlschtz wre wenig zu stimieren, aber ein Fehlschtz von
Mutterleib knnte groen Schaden anrichten.
    Der Jger hrte nicht lnger auf diese Reden hin, warf vielmehr seine
Weidtasche um, eilte nach dem Schranke, zog hinter demselben das Gewehr hervor,
lud, und war mit zwei Schritten aus dem Hofe nach dem Freistuhl, sich die
unruhig wogenden Bilder aus der Seele zu schieen. Schon im duftigen goldenen
Dmmer des Eichenkamps hatte er seine Lebensgeister wieder beisammen. - Nun das
mu wahr sein, rief er, die Idyllenschreiber haben uns die Bauernwelt arg
verzeichnet! Sowohl die schferlich-zarten, als die knolligen Kartoffelpoeten.
    Sie ist eine Sphre, so mit derber Natur, wie mit Sitte und Zeremonie
ausgefllt, und gar nicht ohne Anmut und Zierlichkeit, nur liegt letztere
woanders, als wo sie in der Regel gesucht wird. Ist der Bursch aus
Unenthaltsamkeit vor der Zeit in sein Recht getreten? Gewi nicht. Es ist so
Herkommen, lieblicher, lustiger Brauch, und sein Mdchen wrde sich vielleicht
fr verachtet halten, wenn er ihn nicht mitmachte.
    Droben auf dem Hgel am Freistuhl ward ihm sehr wohl. Das Korn wiegte
suselnd die hren, schwer von Segen, des Vollmondes groe glhrote Scheibe
stieg am Ostrande des Himmels auf und noch wirkte der Widerschein der in Westen
abgeschiedenen Sonne. Die Atmosphre war so rein, da dieser Widerschein
gelbgrn glnzte. - Er empfand seine Jugend, seine Gesundheit, seine Hoffnungen.
Hinter einen groen Baum am Waldrande stellte er sich; heute will ich doch
erproben, sagte er, ob das Geschick nicht zu beugen ist. Ich schiee nur, wenn
mir etwas bis auf drei Schritte vor dem Rohre nahekommt, und da mte es ja mit
Zauberei zugehen, wenn ich fehlen sollte.
    Im Rcken hatte er den Forst, vor sich die Senkung mit den groen Steinen
und Bumen des Freistuhls, gegenber umschlossen die gelben Kornfelder den
einsamen Ort. In den Wipfeln ber ihm gurrten noch einzelne verlorne Tne der
Turteltaube, durch die ste der Bume am Freistuhle fingen die wilden
Lindenschwrmer an mit den grnroten Flgeln zu schwirren. Allgemach begann es
auch im Walde am Boden sich zu rhren. Ein Igel kroch schlfrig durch das Laub;
ein Wieselchen zog den geschmeidigen Leib aus einer Steinspalte, nicht breiter,
als der Kiel einer Feder, hervor. Buschhslein sprangen mit vorsichtigen Stzen,
zwischen jedem innehaltend, sich duckend und die Lffel legend, ins Freie, bis
sie, mutiger geworden, auf dem Rain am Kornfelde sich emporhoben, tnzelten,
miteinander spielten, und die Vorderlufe zu scherzenden Schlgen brauchten.
    Der Jger htete sich wohl, dieses Hasenvolk zu stren. Endlich trat ein
schlankes Reh aus dem Walde. Klug die Nase in den Wind streckend, links und
rechts aus den groen, braunen Augen umherschauend, schritt das Tier auf den
feinen Fen mit leichter Grazie einher. Jetzt war das Zarte, Wilde, Flchtige
dem Geschosse des Versteckten gegenber angelangt, es war so nahe, da es fast
nicht gefehlt werden konnte, er wollte abdrcken, da schreckte das Reh zusammen,
tat einen Sprung in vernderter Richtung gerade auf den Baum zu, hinter welchem
der Jger stand, sein Schu ging los, das Wild setzte in gewaltigen Sprngen
unverwundet waldein, zwischen dem Korne aber war ein Schrei erschollen, und
wenige Augenblicke nachher kam eine weibliche Gestalt auf einem schmale Pfade,
der in der Linie des Schusses lag, aus den Feldern hervorgewankt.
    Der Jger warf die Flinte weg, strzte auf die Gestalt zu und meinte
vergehen zu mssen, als er sie erkannte. Es war das schne Mdchen von der Blume
im Walde. Sie hatte er statt des Rehes getroffen. Sie hielt die eine Hand auf
der Gegend zwischen Schulter und linker Brust, dort quoll unter dem Tuche
reichlich das Blut hervor. Ihr Antlitz war bleich und etwas von Schmerz
verzogen, doch nicht entstellt. Sie holte dreimal tief Atem und sagte dann mit
sanfter und matter Stimme: Gottlob, es mu nichts gefhrlich verletzt sein,
denn ich kann Atem holen, wenn es mir auch Schmerzen macht. - Ich will
versuchen, fuhr sie fort, den Oberhof zu erreichen, zu dem ich auf diesem
Richtwege gelangen wollte, wo mich nun das Unglck treffen mute. Geben Sie mir
Ihren Arm. - Er fhrte sie einige Schritte hgelabwrts, da zuckte sie zusammen
und sagte: Es geht doch nicht, die Schmerzen sind zu heftig, ich knnte
unterweges ohnmchtig werden. Wir mssen schon an diesem Orte aushalten, bis
Leute herbeikommen und eine Tragbahre verschaffen knnen.
    Trotz ihrer Wundschmerzen hielt sie ein Pckchen fest in der linken Hand,
dieses reichte sie ihm jetzt und sagte: Verwahren Sie es mir, es ist das Geld,
welches ich fr den Herrn Baron eingesammelt habe, ich mchte es verlieren. -
Wir mssen auf lngeres Bleiben uns gefat machen, fgte sie hinzu. Wenn es
Ihnen mglich wre, mir ein Lager zu bereiten und etwas Wrmendes zu geben, da
die Klte nicht zur Wunde schlgt!
    So hatte sie die Besonnenheit fr sich und ihn. Er stand sprachlos, bleich
und starr, wie eine Bildsule; die Verzweiflung whlte in seinem Herzen und lie
kein lautes Wort ber die Lippen. Jetzt gab ihm ihre Aufforderung Bewegung, er
eilte nach dem Baume, hinter dem er seine Weidtasche abgelegt hatte. Dort sah er
auch das unglckliche Gewehr liegen. Wtend ergriff er es und schlug es mit
solcher Kraft gegen einen Stein, da der Schaft zersplitterte, die Lufe sich
bogen, und die Schlsser von ihren Schrauben lossprangen. Er verwnschte den
Tag, sich, seine Hand. Zu dem Mdchen zurckgestrzt, welches sich auf einen
Stein des Freistuhls gesetzt hatte, fiel er ihr zu Fen und flehte, den Saum
ihres Kleides kssend, unter heftigen Trnen, die nun aus seinen Augen mit
Gewalt brachen, sie um ihre Vergebung an. Sie bat ihn, doch nur aufzustehen, er
habe ja nicht dafr gekonnt, die Wunde sei gewi nicht bedeutend, er mge ihr
nur jetzt helfen. Er richtete ihr nun einen Sitz auf dem Steine zu, indem er die
Weidtasche auf denselben legte. Um ihren Hals band er sein Tuch, um ihre
Schultern legte er locker und lose seinen Rock. Sie setzte sich auf den Stein,
er nahm neben ihr Platz und bat sie, zu ihrer Erleichterung ihr Haupt an seine
Brust zu neigen. Sie tat es.
    Der Mond war in vlliger Klarheit ber einen Teil des Himmels gedrungen und
beschien fast taghell die beiden durch einen rohen Zufall einander so
Nahegerckten. In der vertraulichsten Nhe sa der Fremde mit der Fremden, sie
stie leise Schmerzenstne an seiner Brust aus, und von seinen Wangen flossen
unaufhaltsame Trnen. Rings aber um sie her verbreitete sich nach und nach das
Schweigen und die Einsamkeit der Nacht.
    Endlich wollte es das Glck, da ein spter Wanderer durch die Kornfelder
ging. Der Ruf des Jgers erreichte sein Ohr, er eilte herzu und wurde nach dem
Oberhofe geschickt. Bald darauf lieen sich Futritte hgelan Kommender
vernehmen; es waren die Knechte, welche einen Tragsessel mit Kissen brachten.
Der Jger hob die Verwundete sanft hinein und so gelangte sie spt in der Nacht
unter das Obdach ihres alten Gastfreundes, der sich freilich sehr verwunderte,
die Erwartete in diesem Zustande ankommen zu sehen.


                                  Zweiter Teil

                                  Drittes Buch

                         Acta Schnickschnackschnurriana

                                 Erstes Kapitel

                            Gegenseitige Offenheiten

Diese Ziegen am Helikon -
    ta wollt Ihr sagen -
    Nein, Helikon will ich sagen, ich habe mich frher versprochen. - Diese
Ziegen am Helikon, unter welche ich als Knblein geriet, hatten ehedem einen
Bund zur Verfeinerung ihrer Wolle gestiftet; uerte Mnchhausen.
    Es freut mich, rief der alte Baron, da wir jetzt unter das Vieh kommen!
Auf diesen Punkt in Euren Historien war ich immer noch einigermaen gespannt,
denn das andere, was Ihr seither vortrugt, wollte mir nicht mehr recht
unterhaltend scheinen - nehmt mir's nicht bel, Mann, aber Offenheit mu unter
Freunden sein.
    Versteht sich am Rande, sprach Mnchhausen feierlich. Die Ziegen also
...
    Guter Meister, kannst du mir zusichern, da in der Geschichte nichts
vorkommt, was mein Zartgefhl beleidiget? fiel das Frulein ein. Sie nannte
Mnchhausen seit einer erhebenden Szene, die sich zwischen ihnen vor einigen
Tagen zugetragen hatte, du.
    Nicht das geringste, Diotima-Emerentia, antwortete der Freiherr. Zu jener
Viehart gehren zwar der Ordnung der Natur gem Bcke, auch kommen diese in
meiner Geschichte vor, ich werde aber delikat sein und sie die Gatten der Ziegen
nennen. Ferner tritt ein Mistkfer auf, der soll das Ro des Trygos heien;
eine Schmeifliege flicht sich ein - du wirst mich fassen, wenn ich von der
blauen Schwrmerin spreche.
    Ich werde dich ganz fassen, mein Meister, antwortete das Frulein mit
einem ihrer unbeschreiblichen Blicke. - Ja, sagte Mnchhausen, darin bist du
du, und deinen Schwestern gleich. Wenn nur der Bock der Gatte der Ziegen heit,
so knnen sie alles anhren.
    Hrt, Kinder, rief der alte Baron halb scherzend, halb rgerlich, dieses
du und du, und du du klingt ein wenig, als wenn der Kuhhirt dutet. Ich dchte,
ihr bliebet beim Sie, es ist ein feinerer, spitzerer Laut. Ich liebe dich,
Renzel, und ich schtze Euch, Mnchhausen, deshalb will ich fr euch beide klug
sein. Eine Mariage wre nichts mehr in euren Jahren.
    Mariage! rief das Frulein und errtete. O, wie verstehen Sie, mein
Vater, mich einmal wieder recht grndlich mi! Sie ging aus dem Zimmer.
    Mariage! rief der Freiherr und ergrnte. Nein, mein wrdiger Altvater,
befrchten Sie keine Mariage. Ich knnte Ihre unschtzbare Tochter tausend Jahre
lang du nennen und dchte nicht an Mariage. Zur Mariage gehrt Amour; ich spre
keinerlei Amour fr meine Diotima-Emerentia. Es ist der Ort und ist die Stunde,
Ihnen eine wichtige Entdeckung zu machen. Ich fhle eine Achtung fr jenes reine
weibliche Wesen, die in das Unermeliche geht, sie lt sich nur mit der
Begeisterung Khnes fr Theodor Mundt vergleichen. Wenn Emerentia nieset, so ist
das fr mich ein Gedicht; aber meine Empfindungen stehen zu derselben Zeit
abgesondert, gleichsam geronnen, fr sich, sie haben keinen Verkehr mit der
Achtung, sie fhren ihren eigenen Haushalt; kurz, denn Offenheit mu ja, wie Sie
selbst herzlich und bieder aussprachen, unter Freunden sein - Ihre gttliche
Tochter ist mir trotz aller Wertschtzung, die ich fr sie empfinde, durchaus
zuwider.
    Eigentlich sollte ich das belnehmen, ich als Vater, sagte der alte Baron.
Aber mir liegt hauptschlich nur daran, da zwischen euch keine Mariage
zustande kommt, und deshalb ist es mir lieb, da Ihr Renzeln nicht leiden knnt.
Nennt sie denn also in Gottes Namen du. Unter uns, heit das, nicht vor dem
Schulmeister. Anfangs wrt Ihr mir als Schwiegersohn wie eine erwnschte Sttze
meines Alters vorgekommen, aber seit Ihr so manches Naturspiel an Euch
entfaltet, hat sich die Sache gendert. Zwar erschrecke ich vor nichts mehr an
Euch. Wenn Ihr nach Euren geheimen Experimenten oft verteufelt mineralisch
riecht, wie Nenndorf, Pouhon und Aachen durcheinander, pflege ich zu sprechen:
Tut nichts, groe Mnner haben ihre Eigenheiten, und nehme eine strkere Prise
Doppelmops. Ich halte Euch wirklich fr einen groen Mann, aber - zum dritten
Male sei es gesagt: Unter Freunden mu Offenheit sein - obschon ich Eure
Qualitten wahrhaft anerkenne - Ihr seid nachgerade fr mich ein Kerl geworden,
vor dem ich eine stille Aversion verspre.
    Mnchhausens Wangen nahmen die Farbe des Smaragds an, die doppelfarbigen
Augen zwinkerten zum Teil, zum Teil leuchteten sie von Trnen. Er griff in hoher
Bewegung nach der Hand seines Wirtes, fhrte sie an sein Herz und rief: Wie
danke ich Ihnen fr dieses rckhaltslose Gestndnis! Ist das nicht eine andere
und mnnlichere Gesinnung, frei heraus zu sagen, was einer auf dem Herzen hat,
als jene altbackene Empfindsamkeit und hfliche Scheu, die Schlangen im Busen
nhrt und auf die Lippen Nachtigallen schickt?
    Kann denn nicht der deutsche Mann zum deutschen Manne sagen: Du bist ein
Schafskopf - und dennoch mit ihm in Ruhe und Frieden leben? rief der alte Baron
eifrig.
    Kann ich Sie denn nicht fr einen alten Einfaltspinsel halten, und
nichtsdestoweniger Sie herzlich lieben? schrie Mnchhausen.
    Bruder! schluchzte der alte Baron und fiel seinem Gaste um den Hals, Gott
soll mich verdammen, wenn deine Gesellschaft mir nicht von Herzen abschmeckend
zu werden anfngt. Ich meinte, du wrdest mir die Journale ersetzen, aber du
kommst mir nach und nach alberner vor als irgendein Journal.
    Glaubst du denn, Bruder, versetzte der Freiherr und gab seinem Wirte einen
Ku, da ich eine Stunde lnger bei dir und bei deiner schrumpflichten Tochter
verghnen wrde, wenn ich nur irgendwo anders Obdach und etwas zu beien und zu
brechen htte?
    Die bewegten beiden Mnner lagen einander lange sprachlos in den Armen.
Zuerst erhielt der Wirt notdrftig seine Fassung wieder und stammelte: Mein
Bruder also?
    Dein Bruder! flsterte der Gast -
    Und in des Worts verwegenster Bedeutung!
    Der Schulmeister trat ein. Die neuen Freunde wischten ihre Augen, der
Schulmeister aber sagte: Das gndige Frulein lt anfragen, ob, wenn sie
wiederkomme, keine Anspielungen, die ihr unangenehm wren, weiter vorfallen
wrden? Ihr Vater sandte den Boten mit der beruhigendsten Erklrung hinaus,
welcher die Nachricht hinzugefgt wurde, da nichts als die grte gegenseitige
Offenheit im Zimmer herrsche.
    Als das Frulein, noch eine leichte Rte auf den Wangen, erschien, ging ihr
Mnchhausen entgegen, kte, wie er pflegte, ihr die Hand und sagte ernst:
Keine Mariage, meine Diotima-Emerentia!
    Keine Mariage, mein Meister, erwiderte das Frulein in wrdiger Haltung.
    So standen die beiden jungen Leute ohne Liebes-und Heiratsgedanken einander
gegenber; ihre Hnde blieben verbunden. Der Vater trat zwischen sie, legte
seine Rechte, wie segnend auf die verbundenen Hnde, blickte gen Himmel und
rief: Nie in diesem Leben eine Mariage!
    Die Rhrung des Abends war gro. Der Ziegen am Helikon wurde nicht weiter
gedacht. Keine der drei Personen, welche auf dem Wege der Offenheit einander so
nahegerckt waren, mochte einen Bissen in den Mund nehmen. Der Schulmeister,
welcher nichts von dem ganzen Hergange begriff, a alles auf.
    Von den tiefsinnigen Bemerkungen, welche Mnchhausen an diesem Abende
mitteilte, hat die Geschichte folgende bewahrt.
    Die Zeit verlangt Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Es
mu noch dahin kommen, da keiner dem andern eine Ohrfeige belnehmen darf,
wofern letztere nur aus einer teuren berzeugung entsprang. Kein Briefgeheimnis,
kein Hausgeheimnis! Alle diese obsoleten Begriffe mssen fallen! Alles mu
ffentlich sein! Die Spalten der Zeitungen drfen sich selbst den Beobachtungen
ber die Vorgnge des Orts, wohin niemand schicken zu knnen Kaiser Karl der
Fnfte bedauerte, nicht verschlieen.
    Was fr ein Ort ist dieser, mein Meister? fragte das Frulein.
    Er heiet auf Ebrisch Gehenna, versetzte der Freiherr. Ah so, sagte das
Frulein und tat, als ob sie Mnchhausen verstehe.
    Dieser fuhr fort: Alles mu ffentlich sein fr das neue priesterliche
Geschlecht der Wahrheit! Gott der Herr hat zwar Herz und Hirn unter Hllen von
Knochen, Huten und Fleisch gesetzt, und deshalb meinte die Menschheit lange
Zeit, sie drfe manches, was Herz und Hirn ihr beschftige, unter Hllen
verwahren, aber sie hat im Irrtum gestanden, es ist ein Versehen bei der
Schpfung vorgefallen. Brust und Kopf sollten eigentlich mit Glasschiebern
erschaffen werden, was nur damals im Drange der Geschfte bersehen worden ist.
Ich wei dieses von Nostradamus, den ich krzlich sprach, und der es von Gott
unmittelbar hat.
    Wer ist Nostradamus? fragte der alte Baron.
    Ein emeritierter Professor der Naturgeschichte zur Leiden, antwortete der
Freiherr, nahm ein Licht und empfahl sich.
    Nach Mnchhausens Abgange sagte das Frulein zu ihrem Vater: Damit nie
wieder eine Anspielung der Art, wodurch ich heute aus dem Zimmer gescheucht
ward, verlaute, bin ich im Begriff, Ihnen, mein Vater, sobald der Herr
Schulmeister sich entfernt haben wird, eine groe Erffnung zu tun. Der
Schulmeister ging und murmelte: Ich werde heute meinen Entschlu fassen. Der
alte Baron, welcher eigenen Gedanken nachhing, hrte auf seine Tochter nicht
hin, sondern verlie mit den Worten: Es ist eine Scheidewand gefallen und ich
werde mir nun Licht schaffen; das Zimmer.
    Emerentia hatte sich - wie sie sagte, aus weiblicher Schamhaftigkeit, und um
den Blick des Vaters zu meiden - mit dem Antlitze der Wand zugekehrt, als sie
sich anschickte, die groe Erffnung zu tun. Sie bemerkte daher den Abgang ihres
Vaters nicht und sprach eine geraume Zeit die tiefsten Herzensangelegenheiten
der tauben Wand gegenber aus, bis sie, hingerissen von ihrem Feuer, sich
pltzlich umwendete und sah, da es ihr an einem Hrer fehle und, wie sie nun
vermuten mute, immer gefehlt habe. Da blieb ihr das Wort zwischen den Lippen
haften und der Rest ihrer Erffnung im Herzen stocken; stumm und verdrielich
suchte sie ihr Lager auf.

                                Zweites Kapitel



                  Der Autor gibt einige notwendige Erklrungen

Die Geheimnisse des Schlosses, welches ich auch wohl fernerhin
Schnick-Schnack-Schnurr nennen mu, weil ich ihm, wie vielem, was in dieser
Geschichte vorkommt, leider nicht den rechten Namen geben darf - die Geheimnisse
des besagten Schlosses, sage ich, nicht ber die Gebhr undurchdringlich zu
machen, mu hier teilweise berichtet werden, was die drei handelnden Personen
mit ihren Reden gemeint hatten.
    Mnchhausen war nicht sobald auf der Stammburg derer von
Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost warm geworden,
als seine Anwesenheit in dem Gemte des Barons, seiner Tochter und des
Schulmeisters groe und verschiedenartige Bewegungen hervorbrachte, wie denn ein
bedeutender Mensch niemals in einen Kreis tritt, ohne da von ihm in den
Verhltnissen des Kreises Umwandelungen ausgehen. Der Kreis unseres Schlosses
hatte sich bis zu Mnchhausens Ankunft von seinen leidenschaftslosen
Einbildungen still ernhrt, es fehlte aber viel, da dieser idyllische Zustand
seitdem noch fortdauerte, vielmehr wurden die drei Akademiker von
Schnick-Schnack-Schnurr in entzcktem Herzklopfen, brennender Neugier und
ernster Selbstbetrachtung umgetrieben.
    Emerentien war das entzckte Herzklopfen zugefallen.
    Sie hatte Rucciopuccion, den Birmanen aus Siena, der eigentlich der
Prtendent von Hechelkram war, durch alle niederen Hllen hindurch, welche Laune
oder tiefberechnete Absicht ihn anzulegen getrieben, erkannt. Das Herz der
Frauen ist in solchen Dingen ein sicherer Wegweiser; Damayanti sah dem
Wagenlenker des Knigs Rituparna sofort an, da in ihm ihr Gatte Nala die
Peitsche schwinge, Theodolinde von Bayern merkte gar bald, als sie dem
angeblichen Freiwerber den Becher kredenzte, da er ihr bestimmter Brutigam
Autharit, Knig von Lombardien sei, und es whrte nicht lange, so wute
Emerentia, woran sie mit - dem Bedienten Karl Buttervogel war.
    Erschreckt nicht, meine Teuren! Die Sache hatte sich ganz natrlich
zugetragen, nmlich folgendermaen. Anfangs war die Gestalt des so sehnlich
zurckerwarteten Geliebten wie ein Traumbild vor ihr auf und nieder gewallt,
nach und nach hatte das Traumbild bestimmte Zge angenommen, endlich wich jeder
Zweifel und machte der gewissesten Gewiheit Raum.
    Denkt an Emerentiens Bewegung, als die beiden Fremdlinge die Burg ihrer
Vter betraten, als aus dem Munde des Dieners die verhngnisvollen Worte:
Blumenhut und Lauferschurz, erklangen, als der Diener selbst mit dem
improvisierten Blumenhute und Lauferschurze vor ihr stand! War ihrem Geiste
nicht seit so vielen Jahren der Laufer als Vorlufer des Frsten von Hechelkram
erschienen? Da stand nun ein Laufer vor ihr, das bunte Taschentuch als Schurz um
die Hfte gewunden, den Strau von Feldblumen am Hute, kein gewhnlicher
gemachter Laufer, nein, ein unwillkrlich zusammengefgter, ein
Schicksalslaufer!
    Es durchzuckte ihr Herz. Wenn sie in diesem Augenblicke den Wink der
himmlischen Mchte nicht begriffen htte, so wrde sie sich selbst haben
verachten mssen. Aber vorsichtig, Emerentia, flsterte sie dem pochenden
Herzen zu, vorsichtig, da die letzte Tuschung nicht die schlimmste werde!
    Sie richtete jene tiefsinnig prfenden Fragen an Mnchhausen, welche er so
wenig verstand, als die unglcklichen Leser des ersten Teils dieser Geschichten
sie werden verstanden haben. Mnchhausen aber gab ihr darauf die
befriedigendsten Antworten. Jetzt war sie versichert, da ihr durch Blumenhut
und Schurz die Erscheinung des Frsten von Hechelkram angekndiget worden sei.
Aber wo, wo weilest du? fragte ihre sehnschtige Seele.
    Mnchhausen begann zu erzhlen, ein Tag nach dem andern verstrich,
Rucciopuccio blieb unsichtbar. Ihr Gemt litt unter der unruhigen Erwartung.
Endlich fate sie sich ein Herz (was wagt nicht ein liebendes Weib?) und
schchtern sagte sie zu dem Diener Karl Buttervogel eines Tages, gerade als sie
ihn den Rock Mnchhausens ausklopfend fand: Karl, sein Sie wahr gegen mich! Wo
weilt der Grere, in dessen Dienste Sie eigentlich stehen?
    Karl Buttervogel lie den Klopfstock sinken, ri die Augen auf, spuckte, wie
gemeine Leute bei Verlegenheiten zu tun pflegen, aus, und sagte: Mich soll der
Teufel holen, wenn mein Herr grer ist, als ich, und ich kenne keinen Greren,
und mit meinem Dienen hat es zum lngsten gewhrt.
    Wie? fragte das Frulein in hchster Spannung.
    Denn diese Kondition gefllt mir nicht, und ich werde mich bald auf meine
eigene Hand setzen, fuhr Karl Buttervogel fort.
    Was? rief das Frulein, von einem berwltigenden Gedanken erschreckt. Sie
wankte und war einer Ohnmacht nahe. Mnchhausen, dem der Diener mit dem Rocke zu
lange machte, kam in Hemdrmeln die Treppe heruntergestolpert und fing die
Freundin auf. Schlingel, was trdelst du wieder? Lauf jetzt und hole Essig fr
das gndige Frulein! rief er Karln zu. Dieser versetzte trotzig: Ich bin kein
Schlingel, denn Sie geben mir keinen Lohn, aber Essig tue ich holen aus
Barmherzigkeit. - Mnchhausen, flsterte Emerentia in den Armen des
Freiherrn, Sie sehen mich in meinem Schmerz und zeigen mir ein menschlich Herz.
Schmerz nenne ich diese Stimmung, denn auch das berma der Freude kann wehe
tun. Ich bin in einer unaussprechlichen Verfassung und beschwre Sie, mir zu
sagen: Sind Sie und Ihr Karl die Vorlufer jemandes, oder sind Sie ...
Mnchhausen fuhr seltsam zusammen, zitterte mit den Nasenflgeln, sah sich scheu
um, lie Emerentien nicht ausreden, sondern stotterte hastig: Was Vorlufer?
Lassen Sie sich doch nichts in den Kopf setzen, meine Diotima. Gott verdamme
mich, wenn uns jemand nachgelaufen kommt. Wir sind da, ich und mein Taugenichts
von Bedienten, und man mu uns nehmen, wie wir sind, und nicht whnen, da noch
ein anderer uns folge und hier auf dem Schlosse ankommen knne.
    Also ist es klar und entschieden, mein Glck! rief das Frulein. Der
Bediente Karl Buttervogel kam mit Essig. Emerentia spreche sich und ihr Glck
jetzt selbst aus.

                                Drittes Kapitel



                        Bltter aus Emerentias Tagebuche

Was Vorlufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen - und: Ich kenne keinen
Greren, diese Kondition gefllt mir nicht, ich setze mich auf meine eigene
Hand. - So hat denn also des Schicksals Zeichen recht. Blumenhut und
Lauferschurz deuten nicht in die ungewisse Ferne, nein, in der nchsten Nhe
hlt sich, den meine Seele ewig lieben wird, mein Frst, mein Freund, der
Birmane von Nizza! Nach langen Prfungsjahren schlgt die Stunde der
Wiedervereinigung, die Augen meines Freundes suchen mich unter den Tchtern von
Zion, und Sulamith schlft nicht, die Taube. Niemanden sendet er voraus, gleich
kommt er selbst, er ist im Schlosse, denn es luft ihm ja niemand nach - er ist
da, denn er kennt ja keinen Greren. - Glckliche Emerentia!

                                       *

Aber welcher von beiden ist's? - Ist's der Freiherr, oder bis du es, Karl? Hier
prfe, hier sei bedachtsam, hier zeige deinen ganzen Scharfsinn, Herz! -

                                       *

Ach, das Herz ist stumm. Mnchhausen und Karl sind mir beide gleichgltig. Das
ist nun herrlich fr die ferneren Beschlsse des Geschicks, da ich dem Frsten
nur Freundin im reinsten Sinne des Worts sein will, aber bel fr den
Augenblick.

                                       *

Denn ich erkenne den Plan des Prtendenten von Hechelkram. Unter der Verkleidung
will er seine Emerentia erforschen, und wie herrlich wrde sie ihre Aufgabe
lsen, wenn sie pltzlich vor den Wahren trte und sprche: Frst, Sie sind
erkannt; Liebe sieht mit Adlersblicken, Treue hlt, was sie gefat, teuren
Hauptes leisestes Nicken kndet den ersehnten Gast!

                                       *

Da mir beide so gleichgltig sind! - Eigenartige Qual, seltsame Verwirrung,
festgeschrzter Knoten!

                                       *

Ich glaube, der Freiherr ist's. Wir standen heute am Entenpfuhl, friedlich
fischte das Gefieder nach dem grnen Flott zu unsern Fen, ein erquickender
Landregen fiel sanft vom grauen Himmel, der Freiherr erzhlte mir eine seiner
sinnigen Geschichten, wie er vorlngst durch ein Senfpflaster, auf das Haupt
gelegt, und dessen Ziehkraft sich ein ausgefallenes Bein wieder eingerenkt habe
- mein Busen wurde so weit, mir wurde so wohl und so weh, so - so -
    Dumme Strung! Da werde ich gerufen, um Speck auszugeben. Wo die Lisbeth nur
bleibt, die Landstreicherin, das unntze Geschpf? Kommt sie wieder, soll sie es
entgelten.

                                       *

Nein! Nein! Nein! Das Geheimnis ward offenbar, Karl ist Rucciopuccio! Da sitze
ich in der tiefen Stille der Mitternacht auf meiner einsamen Kammer und vertraue
euch stummen Blttern die wundersame Post. Ja, wundersam mu ich wohl diese
Fgung nennen, welche zum zweiten Male den Nuknacker entscheidend in mein Leben
blicken lt.
    Ich stand heute in der Frhe schon mit einer Flle von Ahnungen von meinem
Lager auf. Die Strmpfe sahen mich so bedeutend an, in den Pantoffeln war ein
stilles Wesen und Weben, die lange Schnuppe des Nachtlichts, welches
herabgebrannt war, wies tiefsinnige Figuren. Ist es mir doch einmal bestimmt,
da nichts gewhnlich um mich sein kann, bin ich doch in allen meinen Tagen das
Spielwerk dunkler, hoher Mchte gewesen!
    Mein Haupt war wirr und wst! Ich stie das Fenster auf, die glhende Wange
im Morgenwinde zu khlen. Von Nizza hatte ich in der Nacht getrumt, vom Meer,
von den Alpen. Die beiden Juden hatte ich auf dem hchsten Gipfel gesehen, die
mich nach der schrecklichen Katastrophe den Eltern brachten. Sie standen in
einer Glorie von Sonnenstrahlen, hatten Schmerz in den Zgen, und ich hrte den
einen zum andern sagen: Da man uns gemacht hat zu guten Staatsbrgern, das ist
die Trauer von unsren Leuten in der Gegenwart, woraus sie malen Bilder und
schreiben Verse. Die alte Zeit, die alte Zeit war besser, Jakob, wo wir
rumliefen, wie unsre Vter in der Wste Sin, die da lieget zwischen Elim und
Sinai.
    Ein bedeutender Traum, ein prophetischer Traum! Was wei ich von der Wste
Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai? Im Traume lernte ich diese
ebrischen Namen; die hhere Hand wollte mir einen Wink geben: Siehe, ich bin
da und werde wirken ein Wunder in deiner Nhe.
    Ich sah zum Fenster hinaus.
    Karl trat unten in den Hof. Himmeltausend Sakrament! rief er, kriege ich
heute wieder nichts zu fressen? - Entsetzliche Ausdrcke fr das Tagebuch eines
zarten Mdchens! aber ich mu ja alles treu mit den kleinsten Zgen berichten.
    Der Laut jener Worte brachte mir alte Erinnerungen zugetragen. Wie aus
weiter Ferne drang es, gleich der Stimme, die mir einst lieb war, in das Ohr!
Diese sonderbare hnlichkeit der Tne, das Fluchen - der Frst pflegte auch
bisweilen zu fluchen, doch bediente er sich mehr der sogenannten schweren Angst
- mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wste Sin, die Zeichen am
Nachtlicht, das Pantoffelwesen, die bedeutenden Strmpfe - - -
    Karl setzte sich auf einen Stein im Hofe, sagte: Ich mu mal in den Taschen
suchen - suchte in der linken Jackentasche, rief: Na, wenigstens noch ein paar
alter, berjhriger Nsse gegen das Verhungern - griff in die andere Tasche,
zog daraus hervor - - -
    Ich hielt mein Herz mit bebender Hand, ging in die Speisekammer und schnitt
fr Karin ein Butterbrot - -
    Ich kann nicht weiter schreiben - die Erinnerung berwltigt mich - meine
Pulse fliegen - -

                                       *

Ich bin ruhiger. Gestern schwamm der Segen, der mir geworden, ein
buntverwirrender Farbenschimmer vor meinen Augen, heute hat er sich zum
entzckenden Landschaftsbilde auseinandergesetzt, in welchem jeder Baum spricht:
Mein Schatten gehrt dir, und die gemalte Quelle flstert: Schwester, ruhe an
meinem Borde!
    Ich trat mit dem Butterbrote leise hinter Karl Buttervogel. Zum letzten Male
stehe der Name in den Blttern! Er hatte mich nicht kommen hren und knackte
ruhig mit dem Instrumente, welches er aus der rechten Jackentasche gezogen
hatte, seine Nsse auf.
    Ich sah ihm ber die Schulter. Aber ach! da wankten meine Kniee, ich lie
das Butterbrot fallen, Karl lie den Nuknacker fallen, ich hob den Nuknacker
auf und Karl hob das Butterbrot auf! Ich drckte den Nuknacker an meine Lippen.
Er war es, er war es! - Der alte, treue Knacker, die erste, auf Rucciopuccio
hindeutende Liebe! O ihn, ihn hatte ich gleich erkannt. Und htte ich ihn denn
auch verkennen knnen? Des Menschen Antlitz und Gestalt wandelt sich leider mit
den Jahren, ein Nuknacker bleibt, was er war.
    Ach, bitter-schmerzlich war dennoch dieses Wiedersehen! Das teure Heiligtum
meiner Jugend sah mich an, wie eine Ruine. Von dem Rot der Uniform war der
brennende Glanz gewichen, die Farbe der Unterkleider lie sich kaum noch
erkennen, erloschen waren die schnen, grellblauen Augen, der Mund hatte durch
das bestndige Knacken seine beste Kraft verloren, einen Hut trug er kaum noch,
nur den Schnurrbart hatte die Migunst der Zeiten verschont; er hing schwarz und
voll wie in jenen goldenen Tagen ber den alt und mde gewordenen Lippen.
    Ein Strom von Trnen befreite die Brust. Dann fate ich mich und dachte an
mich und mein Geschick. Karl hatte das Butterbrot verzehrt und sah mich gro an.
Gelt, rief er (ich mu ja seine eigenen Worte brauchen) das ist ein
nrrischer Kerl? - Ich habe den Schurken einmal vor vielen Jahren in einem
italienischen Badenest auf'm Kehricht hinterm Hause gefunden. Ich steckte ihn zu
mir und brauche ihn seitdem fortwhrend, und der Racker (ich erliege fast der
Qual solche Worte zu schreiben) ist immer noch ganz. Dazumal diente ich bei
vierzehn Berliner Edelleuten, die das Bad brauchten und sich zusammen einen
Bedienten hielten.
    Frst, sagte ich ernst und gehalten, verstellen Sie sich nicht lnger.
Weder Ihre Bedientenjacke noch die scheulichen Ausdrcke, zu denen Sie Ihre
edeln Lippen zwingen, um unerkannt zu bleiben, tuschen mich ferner. - Was
Vorlufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen, und: Ich kenne keinen Greren,
die bedeutenden Strmpfe, das Pantoffelwesen, die Zeichen an der Schnuppe des
Nachtlichts, mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wste Sin, die da
lieget zwischen Elim und Sinai, das waren schon Symbole, welche nicht trgen
konnten. Nun die Melodie Ihrer Stimme, Ihr Fluch, jetzt gar der geliebte
Nuknacker in Ihrer Hand, und endlich, da Sie von dem Kehricht wissen und von
der finstern Tat meiner verklrten Mutter, welche Nuknackern in jenes Elend
verstie - - alles das - - mein Gott, leugnen Sie doch nicht weiter, hufen Sie
nicht unntze Qual auf ein armes Mdchen, die immer Ihrer wert geblieben ist!
Sein Sie gut und liebevoll, lassen Sie die Maske fallen und sprechen Sie:
Emerentia, ja, ich bin es.
    Was soll ich denn sein? rief er. Ich bin kein Es. Ich bin, was ich bin -
Donnerwetter!
    Seine rauhe Festigkeit machte mich doch einen Augenblick wieder zweifelhaft.
Wenn Sie es nicht sind, sagte ich entschlossen, so ist es Ihr Herr, denn
einer von Ihnen beiden mu es sein.
    Ich wollte gehn. Karl hielt mich aber am Kleide zurck. Mein Mittel hatte
gewirkt. Ich sehe wohl, sagte er, da es Ihnen ein Ernst ist, wenn ich es
bin. Also wollte ich Sie nur fragen, was daraus wird, wenn ich es bin?
    Wenn Sie es sind, versetzte ich, so bin ich Ihre Freundin im reinsten
Sinne des Worts. Mein ganzes bisheriges Leben war eine Vorbereitung auf diesen
groen Moment. Gndigster Herr! In den Bltentagen der Jugend opferten wir der
Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Fr dieses Opfer ist uns der
Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb bestehen; lassen Sie uns auf
demselben der Freundschaft ein Opfer entznden, fr welches ich ewig, Ihnen
gegenber Vorrat besitzen werde.
    Karl kratzte sich im Kopfe (der Ungeheure! so tat er) und sagte: Ich denke
nur immer noch, Sie haben mich blo zum besten. Indessen aber will ich's
versuchen, und wer mich anfhrt, den soll der Teufel holen. Das heit also, Sie
sind meine Freundin, heit nmlich, wenn Sie meine Freundin sind, so mssen Sie
auch dafr sorgen, da ich mehr zu essen und zu trinken kriege. Wenn Sie auf
diese Manier meine Freundin sind, so will ich's sein. Dann sehen Sie nur gleich
heute zu, da ich einmal ein rechtschaffen Stck Fleisch kriege.
    Er spielte frchterlich mit mir. Da er seinen wilden Humor selbst in diesem
groen Momente nicht ablegte! O Mnner, Mnner, wie geht ihr mit uns um! - Eine
Lustigkeit der Verzweiflung ergriff mich, und in den Bahnen seiner
ausschweifenden Laune ihm folgend, rief ich: Sie sollen heute zwei Pfund
Rindfleisch haben!
    Das erschtterte ihn. Er sah mein Leiden, welches durch den Scherz
schauerte. Trnen traten in sein Auge, er sagte: Sie sind doch sehr gut, und
ich bin's denn also. Er ging, bermannt von edler, menschlicher Rhrung.
    In seinen Trnen fand ihn mein Gefhl, wie mein Verstand ihn schon frher
erkannt hatte. Seiner Rolle blieb er sonst treu. Mittags meldete er sich um die
zwei Pfund Rindfleisch. Ich gab sie ihm und bereitete fr uns einen Pfannkuchen,
den Vater tuschend mit der Nachricht, die Katze habe das Fleisch gefressen. Er
hat es rein aufgegessen; seine Verstellung mu ihm doch schwergefallen sein.
    Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag, der Aschenbrdel? Mit dieser Welt im
Busen mu ich nun jetzt am Feuerherde stehen! Auch war der Pfannkuchen versalzen
und ungeniebar.

                                       *

Heute ist es zu einer vollstndigen Erklrung zwischen uns gekommen. Ich
erinnerte ihn an unsere Spaziergnge bei Nizza, so an die Wechselverfertigung,
an die sechste Elefantenkompanie und an die Kabale des Kaisers aller Birmanen.
Ich erinnerte ihn an Hechelkram und an seine Rechte darauf. Ich nannte ihm den
sen Namen jener Zeit: Rucciopuccio. Ich fragte ihn, ob er wohl an alles das
noch denke? Er sagte zu allem ja.
    Auch in dieser vertrauten hingebungsvollen Stunde blieb er Bedienter in
Wort, Gebrde, Haltung. Ich bat ihn herzlich, er mge doch mir gegenber diese
hliche Hlle aufgeben und der Frst sein. Er versetzte, es gehe nicht an, ich
mchte ihn um Gottes willen zufriedenlassen. - Ich will nicht weiter in ihn
dringen, er frchtet vermutlich, da, wenn er sich vor mir demaskiert, er sich
auch sonst vergessen knne, denn welche unendliche Mhe mu den Hohen dieses
angelegte niedere Wesen kosten!
    Sein Inkognito hat vermutlich einen Doppelzweck. Mich wollte er unerkannt
prfen, und dann will er auch im Verborgenen abwarten, welchen Erfolg seine
Verwendungen an einige Mchtige des Hofes um Hechelkram haben werden. Ich sagte
ihm diese meine Vermutungen in das Antlitz, und er antwortete: Es sei alles so,
wie ich meine.
    Wie es ihm nur mglich gewesen ist, mich zu finden, da ich in Nizza
Marcebille von Schnurrenburg-Mixpickel hie? Darber werde ich ihn doch
nchstens befragen.
    Die Entwickelung unserer Angelegenheit mu in Geduld abgewartet werden.
Erfolgt seine Anerkennung als Frst, so wird sich auch fr mich das Stift
finden. Ich erflle mein Schicksal und bin ruhig.
    Eins geht mir aber im Kopfe umher. Er hat keine Gemahlin. Das wird meiner
Stellung eine ihrer Blten abstreifen. Ich wollte ja der segnende Schutzgeist
seines Hauses sein, die Gatten miteinander vershnen. Das fllt nun weg. So hlt
uns das Leben doch nie ganz Wort.

                                       *

Da er so gar nicht Rucciopuccion hnlich sieht! - Vergebens mhe ich mich ab,
einen Zug der Vorzeit in seinem Gesichte zu ersphen. Aber freilich ist es denn
auch einige Jahre her, da wir auseinanderkamen -
    - Die dumme Lisbeth hat mir vor ihrem Abzuge mein Schreibzeug verkramt, ich
mu mich mit Federn behelfen, die alle bequemen schriftlichen Ergieungen
unmglich machen. Sie ist ein abscheuliches Geschpf -
    - und dann hat er viel auszustehen gehabt. Er bekam selbst hin und wieder
von seinen Herrn Schlge. Natrlich! Die indischen Frsten sind Barbaren.
    Auch Mnchhausen ist mir nun entziffert. Dieser hohe Geist, dieser neue
Prophet der Natur und Geschichte wird der Kammerherr des Frsten sein, oder sein
Adjutant, oder sein Hofstaatssekretr, oder eine andre dieser reinen, idealen
Gestalten.
    Auch ihm wird seine Rolle schwer, ich sehe es wohl. Sein schmerzliches
Zucken, wenn er den Gebieter zum Scheine anfahren mu! Neulich tat er so, als ob
er den Stock gegen ihn brauche, und der Frst tat, als schreie er.

                                       *

Mnchhausens Geschichten werden mir jetzt klar. Der Vater nimmt sie wrtlich und
glaubt daran zum Teil. Ich ahnete gleich eine geheime Bedeutung - und habe mich
nicht getuscht. Die smaragdgrne Bergebene Apapurin ... usw. ist unsere Jugend,
goldgelbe Klber der Empfindung grasen auf ihr, die Gedanken der Jungfrau sind
pfirsichrot und alle uerungen ihres Wesens herb und keusch, wie
Schlippermilch. Nachher spaltet sich die Welt ihres Inneren, diese Spaltungen
und Unterspaltungen werden durch die sechs Gebrder Piepmeyer angedeutet,
einander zum Verwechseln hnlich, wie unsere Spaltungen, dann kommt die Prosa
des Lebens unter dem Bilde des Wachtfriseurs Hirsewenzel und flicht den groen
Knoten widerstrebender Verhltnisse, den Rattenknig gemischter Empfindungen.
    Manches einzelne bleibt mir freilich in jener Symbolik noch dunkel. Welcher
Moment des weiblichen Lebens wird z.B. durch die Folgen der einzigen Lge
Mnchhausens dargestellt?

                                       *

Ein kstlicher Genu ist es, zu sehen, wie das Hohe, das Gttliche unter der
Knechtsgestalt, in welcher es hin und wieder erscheinen mu, siegreich fr den
Kundigen hervorblitzt. Wiewohl mein erlauchter Freund den Bedienten zum
Erschrecken natrlich spielt, so lt sich Frstenblut dennoch nicht verleugnen,
und davon wurde mir heute die Erfahrung.
    Der Prtendent von Hechelkram putzte die Stiefeln seines sogenannten Herrn.
Ich habe nun wohl sonst bemerkt, wenn ich die Diener dieses Geschft verrichten
sah, da sie es in unedler gebckter Stellung, mit widerlich kurzen, schnellen,
heftigen Bewegungen ausfhrten - ein unerfreulicher Anblick!
    Ganz anders, was ich heute sah.
    Karl sa. Er hielt sich vornehm nachlssig zurckgebeugt, er sah kaum den
Stiefel an, langsam fuhr seine Hand mit der Brste ber diesen, der so tief
unter seiner Wrde war, hin und her - und berhrte das gemeine Leder obenhin,
nur zum Schein.
    Freilich wurde der Stiefel nicht ganz blank, und Mnchhausen schalt Karln,
sich verstellend, Faulpelz. - Das ist eine der schwersten Prfungen, welche mir
dieses Verhltnis auflegt, da ich, um es in seiner ganzen Wahrheit zu zeichnen,
so viele gemeine Fluch- und Schimpfwrter, euch, o ihr meine reinen Bltter,
aufdrngen mu!
    Der Frst hat einen unglaublichen Appetit. Heute verzehrte er wieder eine
ganze Bratwurst, und sie gehrte zu den greren im Kreise ihrer Schwestern! Das
indische Klima wird so an ihm gezehrt haben. Wenn sie ihm nur bekmmt!

                                       *

Vor meinen Ohren summt ein altes Lied:

Einst liebtest du den Nuknacker,
Nach dem Nuknacker liebtest du mich ...

So weit kann ich's, aber die folgenden Verse wollen mir nicht beifallen, wie oft
ich's auch fr mich hin singe. Dabei uns zu erkennen war in der frchterlichen
Stunde, wo uns die Juden schieden, das heilige Gelbnis. Ich habe den Frsten
daran erinnert, aber auch er kann die folgenden Verse nicht finden.
    Mir ist es unmglich geworden, dem wilden Humor, der in dem Namen: Karl
Buttervogel flattert, mich ferner zu fgen. - Bin ich denn nicht ein Weib, d.h.
ein Wesen ohne allen Sinn fr Ironie; tiefem, schlichtem Ernste einzig
hingegeben? Um mich nicht aus dem Bilderkreise, den der Frst gewhlt, zu
entfernen, nenne ich ihn vor den andern Karlos den Schmetterling. Der Vater
lachte, als er diese Bezeichnung zum ersten Male von mir hrte. Er versteht mich
nie. Mnchhausen begriff mich wieder ganz, begriff mich, ohne da ein Wort der
Erklrung zwischen uns gewechselt wurde.
    Er sagte: Wenn der Esel (o Gott, wie leide ich!) nur dadurch nicht stolz
wird! Ja freilich wird, wenn so nach und nach ber ihm das Licht verklrender
Beziehungen und Bezeichnungen aufgeht, der angestammte Stolz sich herrlich
zeigen!
    O Mnchhausen, Mnchhausen, groer Herzenskndiger!

                                Viertes Kapitel



                   Bltter aus dem Tagebuche eines Bedienten

Auch Karl Buttervogel fhrte ein Tagebuch. Da er sich viel in der Welt
umhergetrieben und bei hundert Herrschaften gedient hatte, so war es ihm zur
Gewohnheit geworden, kleine kurze Notizen in seine Brieftasche einzutragen, die
sich denn dort vermischt mit Anzeichnungen seiner Auslagen fanden. Die
Brieftasche hatte Decken von ehemals rotem Schafsleder. Denn ihre Farbe war
durch die rauhe Faust der Zeit allgemach ausgetilgt worden; sie sahen jetzt fast
aschgrulich aus. Vier Bltter gelben, oftbenutzten Pergamentes, auf welchem der
Bleistift kaum noch eine Spur nach sich lassen wollte, waren eingeheftet; die
Seitentasche enthielt eine gemalte Blume, mit einem Reime darunter, einen
kleinen immerwhrenden Kalender und einen Kamm.
    Dieses ehrwrdige Altertum schlo folgende Herzensergieungen Karlos' des
Schmetterlings in sich:



                                  Erstes Blatt


Den sechzehnten Juni: Ausgerissen von Stuttgart.
    Hab' mein Putzzeug im Wirtshaus stehenlassen.
    Von der Rieke keinen Abschied nicht genommen. Ging zu rasch.

                                       *

Den zweiundzwanzigsten Juni: Angekommen auf'm Schlo durch Pferdsturz.
    Sehr viel Hunger und Durst gelitten. Flh', Wanzen und sonstiges Ungemach.
    Gefallt mir hier gar nicht.

                                       *

Vor Wachs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Stber
Vor blauen Zwirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Stber
Vor Sachen aus der Apotheke . . . . . . . . 18 Stber
Vor einen Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Stber
Vor waschen zu lassen . . . . . . . . . . . . . . . 8 Stber
Vor meinem Herrn vor eine
 gemeinntzliche Kollekte . . . . . . . . . 3 Heller
was mir alles mein Herr noch zahlen mu.
Seit Lichtme keinen Lohn nicht gekriegt. Tut drei Gulden sechs Kreuzer per
Monat, zusammen zwlf Gulden vierundzwanzig Kreuzer.

                                       *

Den sechsundzwanzigsten Juni: Seit drei Tagen nichts zu fressen gehabt. An mein'
Rieken kontinuierlich immerwhrend gedacht. Ist kaum noch auszustehen. Sichtlich
mager geworden.

                                       *

O Rieke, dein Getreuer
Aus Schwaben oder Bayern,
Dem ist es nicht gegonnen,
Wenn abends sinkt die Sonnen,
Da er an deiner Brust
Dich kut nach Herzenslust.

Vorstehenden Spruch gemacht gestern nacht als den achtundzwanzigsten Juni, da
ich nicht schlafen konnt' von wegen Hunger und Flh'.

                                 Zweites Blatt


Den fnften Juli: Lange nichts eingeschrieben in die Brieftafel. War zu
beschftigt die Zeit her. Auerordentlich mich verbessert in meiner ganzen Lag'
und Kondition. Frulein verliebt in mich.
    Durchaus nicht gewit und erfahren, wie sich's zugetragen. Gefragt und
getribeliert und endlich auf den Kopf mir zugeschworen, ich sei's.
    Nicht ausweichen gekonnt und endlich zugesichert, ich wollt's sein, wenn und
wofern ich meine gehrige Verkstigung erlange.
    Meinen alten Nukracher mir fortgenommen und dazu geweint. Glaub', sie ist
verrckt.
    Sogleich am nmlichen Tag zwei Pfund Rindfleisch gegessen. Sehr schnes
Gefhl danach gehabt. Zum erstenmal wieder in Ruh' an mei' Rieken gedacht.

                                       *

Den siebenten Juli: ber alles und jedes befragt, als zum Exempel von Frst und
Hechelkram und seligen Spaziergngen in Nitze und von Rutscheputsche. Kein Wort
verstanden, indessen aber mir alles gefallen gelassen und immerdar ja gesagt.

                                       *

Den achten Juli: Groe Gewissensbisse gehabt um mei' Rieken. Bratwurst gessen,
wornach sich die Bengstigung gemindert.
    Nicht dafr gekonnt, da ich in dies Malheur verfallen.

                                 Drittes Blatt


Den neunten Juli: Schnes Gefhl empfunden durch die neue Lieb. Sehr
geschmeichelt gefhlt von der Lieb vornehmer Person. Gar nicht mehr den
Bedienten gefhlt in der neuen Lieb. Stiefeln in diesem Gefhl geputzt.
Angeschnauzt von meinem Herrn und abgeschwartet5 in der Still', weil Stiefeln
nicht blank gewest. Alles verschmerzt im Gefhl der Lieb.
    Abends zwlf harte Eier gessen. uerst selig zu Bette gangen.

                                       *

Vor Flecke aus dem Tuch zu bringen nimmt man Toback, kocht ihn ab und schmiert's
Tuch mit ein. Dann gebrstet und am Sonnenschein getrocknet, ist alles 'raus.

                                 Viertes Blatt


Den zwlften Juli: Heut meinen Entschlu gefat nach langem Kampf. Mich
risalfiert, Rieken ewig zu lieben und das Frulein zu heiraten, wofern mir mei'
fernere gute Verkstigung zugesagt wird.
    Alle Andenken verbrannt von Rieken, um nicht wieder Kampf zu leiden.
    Dennoch uerst viel Furcht gehabt vor dem alten Baron, von wegen zum
Hausnausschmeiens, wenn's 'rauskommt.
    Vier Stber vom Frulein geschenkt gekriegt, um mir ein' Erholung zu machen.

                                       *

Angespielt heute von ferne auf fernerweite gute Verkstigung, wofern geheiratet
werden soll. Miverstanden geworden. Mich entschlossen, nchstes Mal mich
deutlicher zu machen.

                                       *

Den vierzehnten Juli: Knftigem Schwiegervatern heute vor Plsier die Stiefeln
ausgezogen. Ihn dabei bedeutsam angeblickt, um die Entdeckung vorzuspielen. Auch
nicht verstanden worden. Nachgerade bnglicht.
    Gar keine Lust mehr zum Dienen bei Mnchhausen. Gar zu viel gewit von
seinen Geheimnissen und seit jeher keinen rechten Respekt nicht vor einem
chemisch-prparierten Menschen gehabt. Durch die neue Lieb' vollends ganz stolz
geworden. Mich erniedrigt gefhlt durch die einfrmigen Rockausklopfereien und
sonstigen Amtsverrichtungen. Will Frst von Hechelkram werden, wann's nicht
anders ist und das Frulein darauf besteht. Soll mir sagen, wo's Frstentum
liegt, damit ich drum einkommen kann.

                                       *

Am selbigen Tag, nachts: Mein Herr von Mnchhausen heute abermals seine
Schmierereien vorgenommen und mir dadurch ganz widerwrtig geworden. Mir
vorgenommen, bei erster Gelegenheit grob zu werden, um auf eine feine Manier aus
dieser Sklaverei zu kommen.
    Gefllt mir jetzt recht wohl hier. brigens doch eigne Lag', und wei der
Schinder, was draus werden soll.

In ein so wunderbares Verhltnis war Frulein Emerentia mit ihren Gedanken,
Trumen und Empfindungen geraten. Man kann sich daher vorstellen, wie es ihr
Bewutsein verletzen mute, als der Vater die Besorgnis vor einer Mariage
zwischen ihr und Mnchhausen uerte.
    brigens wute sie kaum noch, ob sie auf der Erde wandelte. Sie dachte und
sah nur den Prtendenten von Hechelkram, den Altar der Freundschaft und das ihr
winkende Stiftskreuz. Der kleine Haushalt litt freilich sehr unter dieser
glcklichen Entwirrung schwieriger Verhltnisse. Auf die Suppe mute nach und
nach ganz verzichtet werden, da sie niemals zu genieen stand, oder der
Schulmeister hatte mit seiner schwarzen auszuhelfen. Alles Fleisch aber stahl
regelmig die Katze, weil der maskierte Frst unersttlich war. Der alte Baron
wnschte sich hundertmal des Tages ber verdrielich seine Lisbeth zurck. Wo er
die Katze, die vermeintliche Ruberin der Speisen sah, schlug er nach ihr; ach,
er wute nicht, da Karlos der Schmetterling die Schlange war, die er am Busen
nhrte. Nannte nun gar seine Tochter diesen Namen (und sie nannte seit der
groen Entdeckung Buttervogeln nie anders) so wollte er, nachdem er einige Male
ber den blhenden Tropus gelacht hatte, schier verzweifeln, denn er begann zu
frchten, da sein armes Kind sich mit starken Schritten einer unglckseligen
Verwandlung nahe.

                                Fnftes Kapitel



              Der Autor fhrt fort notwendige Erklrungen zu geben

Aber der alte Mann hatte noch andern Verdru. Es ist eine bewhrte Erfahrung,
da der Mensch Leckerbissen, wie Kaviar und Gansleberpasteten schleunig mde
wird und nur die einfachste Speise, das Brot, immer essen mag. So geht es auch
mit den Nerven des geistigen Gaumens. Sie stumpfen sich rasch gegen den
wollstigsten Kitzel ab; Erschtterung und Staunen werden ihnen bald trivial.
Wer Mrchen hrte, sehnt sich doch wieder bei Gelegenheit nach der trockensten
Zeitung; woraus abzunehmen, da alle, welche mit Wundern auf die Menschen wirken
wollen, mit Wundern sparsam sein mssen.
    Wie gro war dem alten Schloherrn sein Gast im Anfang vorgekommen, wie
hatte seine Seele sich in dessen Erzhlungen so ganz befriedigt gefhlt, und wie
bald erlosch dieser Genu! Es liefen nicht vierzehn Tage ins Land, so fhlte
sich der Baron von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum
Warzentrost unmustern, wie damals, als er seiner Erwartungen mde zu den
Journalen griff, und damals, als er der Journale mde, sich nach einem
gleichgestimmten Freunde sehnte, und damals, als er des gleichgestimmten
Freundes, nmlich des Schulmeisters mde, heftig nach, er wute selbst nicht
wem? verlangte. Zuerst glaubte er, es liege ihm im Unterleibe und nahm ein
Brechmittel ein. Das Mittel wirkte, sein Zustand blieb aber derselbe. Allgemach
erkannte er die wahre Ursache - Mnchhausen war ihm langweilig geworden, wie
seine Erwartungen, die Journale, der Schulmeister.
    Seine Geschichten klangen ihm jetzt lange nicht seltsam genug, die
ausschweifendsten Abenteuer kamen ihm schal vor. Er pflegte nunmehr, wenn
Mnchhausen einen Bericht vollendet hatte, zu versetzen: Ist noch gar nichts,
Liebster, Bester, mir ist einmal ganz etwas anderes widerfahren. Worauf er
seinerseits sich bemhte, berbietendes vorzutragen, freilich selten ber den
ersten Anlauf hinausgelangte.
    Der Freiherr hatte nach der Novelle von seinen sechs Geliebten viel und
mancherlei hren lassen, was leider durch das Sieb der Geschichte gefallen ist.
Einiges ist indessen aufbehalten geblieben.
    Mnchhausen erzhlte von dem Frstentume Sprenkel, worin er einstmals, da
man nach Stnden verlangend gewesen, Stnde aus Bltterteig verfertiget habe.
Diese Reprsentanten von Bltterteig htten allen verfassungsmigen Nutzen
gebracht, bis der Nachfolger gekommen wre und sie aufgegessen htte, weil er
willens sei, neue von Spritzkuchenteig backen zu lassen.
    Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts, Bltterteig knne ein jeder
essen. Er habe einmal gesehen - - -
    Mnchhausen erzhlte von dem Kaisertume Kleinchina, rechts von Grochina im
Stillen Weltmeere ber Formosa hinaus belegen, worin der Patriotismus im Frieden
so stark geworden sei, da alle Jahre am Geburtstage des groen Goldfisches (so
heie nach orientalischer Sprechsitte der Kaiser von Kleinchina) die Mandarinen
der ersten drei Rangklassen in den Thronfarben anliefen, nmlich braun und blau.
    Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts; die Frbung der Haut mge wohl
von einem Ausschlage, von einer Art Nesselsucht herrhren; dergleichen pflege
sich rasch wieder zu verlieren. Er habe einmal gesehen- - -
    Mnchhausen erzhlte vom tiefsinnigen polnischen Starosten, der ein
tiefsinniges Buch ber die Kunst der Gegenwart geschrieben, und selber aus
Kunstenthusiasmus in Tiefsinn verfallen sei, worin er sich fr einen Pinsel
gehalten habe und zwar fr den Pinsel seines Lieblingsmalers. Die Geschichte war
wirklich anmutig und lieblich anzuhren, denn sie lehrte weiter, da der
tiefsinnige Pole oder polnische Tiefsinn als Pinsel gerade so sich benommen und
ausgedrckt habe, wie frherhin, so da zwischen dem ehemaligen Starosten und
nachmaligen Pinsel durchaus kein Unterschied bemerkbar gewesen sei. Er folge,
sagte Mnchhausen, in diesen Angaben nur dem Kammerdiener des Polacken, dem
grimmen Hagen aus Nibelungenland, welcher fr eine Zulage von sechs polnischen
Gulden zum Jahresliedlohn das tiefsinnige Buch seines Brotherrn den Deutschen
zugnglich gemacht habe.
    Der alte Baron versetzte: Es sei gar nichts, da ein Mensch sich fr einen
Pinsel halte, da so viele Pinsel berzeugt seien, Menschen zu bedeuten. Er habe
einmal gesehen - - -
    Mnchhausen sagte, wenn ihm diese Geschichte keine Verwunderung abzwinge, so
werde ihn doch ein Beweis seines eigenen Genies in Erstaunen setzen. Er habe
nmlich bei dem jetzigen Aufschwunge knstlerischer Begabung auch in sich das
plastische Element gefhlt und sei deshalb Diszipel einer berhmten Akademie
geworden. Die Methode und Influenz habe sich zum Erstaunen an ihm bewhrt, denn
er sei in der ersten Woche schon Leonardo da Vinci, in der zweiten Michelangelo,
in der dritten Raffael gewesen - ffentlichen gedruckten Nachrichten zufolge. In
der vierten sei aus ihm eine Komplikation von Vinci-Angelo-Raffael geworden.
Spterhin habe er sich auf das Niederlndische geworfen und nach vierundzwanzig
Stunden der kleine Rembrandt geheien.
    Mich ennuyierte aber die Malerei, fuhr Mnchhausen fort, beschlo
Bildhauer zu werden und zwar frs erste Phidias. Natrlich auch durch hhere
Richtung, Vorsatz und Erleuchtung von oben. Ich schlief eines Abends mit diesem
Gedanken in einem Butterkeller ein. Wie ich hinein gekommen, gehrt nicht zur
Sache; genug, ich schlief im Butterkeller. In der Nacht hatte ich Trume von
Gtter- und Heldengeschichten, merkte wohl, da ich mit den Fusten
umherhantierte, wute aber doch nicht, was ich eigentlich machte, weil ich immer
halb im Schlaf blieb. Am andern Morgen kam der Butterhndler in den Keller, mit
der Lampe, leuchtete umher und schrie: Herrjemine, was ist aus der Butter
geworden! - Ich wachte nun auf, sah mich um und erstaunt' ein wenig, denn siehe
da, ich hatte im Schlaf, blo mit der Hand die Gruppe der Zentauren und Lapithen
gebildet aus Butter, im ersten, strengen, erhabenen Stil. Die Tpfe waren alle
leer, so hatte ich in der Butter gewirtschaftet. Mein Butterhndler wollt'
anfangs keifen, nachher beruhigte er sich, weil er merkte, da mit dem Werke ein
gut Stck Geld zu verdienen sei. Wir trugen die Buttergruppe vorsichtig die
Treppe hinauf und setzten sie in die Sonne, um ihr die rechte Beleuchtung zu
geben. Das war aber nicht wohl bedacht, denn in der Sonne schmolzen die Figuren,
erst die Lapithen und dann die Zentauren. War das nicht wundersam?
    Was? Da Sie Zentauren und Lapithen aus Butter machten, oder da dieses
Gebilde, als Sie ihm die rechte Beleuchtung gaben, schmolz? fragte der alte
Baron. - Letzteres, erwiderte Mnchhausen. Um ein solches Kunstwerk htte der
Himmel schon einmal den Gang der Naturgesetze unterbrechen knnen. Da die
Butter in der Sonne zerging, da kein Wunder geschah, finde ich wundersam.
    Der alte Baron versetzte: Das ist vollends nichts, denn es lautet zu
subtil.
    So wollte keine Erzhlung vor dem Sinne des Schloherrn mehr Stich halten.
Mnchhausens Genie hatte sich in der Meinung seines Wirtes rascher abgebraucht,
als ein Ministerium des Julithrons verwittert. Kann er mir denn nicht echte
Merkwrdigkeiten erzhlen? rief der alte Mann oft bitterbse, wenn ihn sein
Gast verlassen hatte, so etwas - so etwas - - was sich gar nicht erzhlen
lt?
    Nur zwei Abenteuer waren es, auf welche die Wibegierde des alten Barons
sich noch einigermaen gespannt hielt: Mnchhausens Fata unter dem Vieh,
insbesondere unter einer Ziegenherde am Helikon, und dann, wie er unlngst in
Schwaben Poltergeister und Dmonen kennengelernt. Auf beide hatte der Freiherr
zu fterem im voraus hingewiesen, immer aber war die Erzhlung durch zufllige
Ereignisse verschoben worden, wie denn noch jngst das erste Kapitel dieses
Buches nicht halten konnte, was seine ersten Worte versprachen.
    In seiner gelangweilten Stimmung warf der alte Baron ein Auge forschender
Verdrielichkeit, oder verdrielichen Forschens auf die Person des Freiherrn,
und da wurde ihm nun so manches Gegenstand der Verwunderung. Die ergrnenden
Wangen und die doppelfarbigen Augen muten freilich durch die Erluterungen
Mnchhausens fr vorlufig beiseitegestellt gelten, dagegen hatten sich an dem
auerordentlichen Manne neue geheimnisvolle Phnomene in Menge aufgetan. Schon
da der Freiherr stets traurig und dunkel sprach, wenn er im allgemeinen der
Umstnde bei seiner Erzeugung gedachte, war ein seltsames Ding, hiezu kam aber
noch das ungewhnliche Verhltnis zwischen Herrn und Diener, welches sich bald
im Schlosse bemerklich machte.
    Es ist eine weitverbreitete Klage der Zeit, da ihre Fortschritte auch den
bermut der Dienstboten gesteigert haben. Unter den vielen schlechten Bedienten
aber, welche die Gegenwart gebiert, war Karl Buttervogel (denn fr uns behlt er
diesen Namen) sicherlich einer der schlechtesten. Wenn ihm sein Herr etwas
befahl, so tat er es auf das erste Gehei gar nicht, auf das zweite auch noch
nicht, und auf das dritte tat er es zwar, aber so, als tue er es um Gottes
willen. Den Rock klopfte er dem Gebieter aus, wenn er Lust hatte, und alles
brige, was zu seinem Dienste gehrte, verrichtete er, insofern er dazu Belieben
trug. Fuhr ihn aber sein Herr an, oder drohte er, ihn zu schlagen, so warf der
Bursche mit so spitzigen, frechen und sonderbaren Reden um sich, da auch der
Argloseste darber erstaunen mute.
    Einstmals sagte der alte Baron, als er Zeuge eines derartigen Auftritts
geworden war, bei welchem Karl Buttervogel ausgerufen hatte, Mnchhausen solle
sich hten, er wisse ja wohl, da - - zum Freiherrn: An Eurer Stelle, Freund,
jagte ich den Unverschmten fort. - Ich darf nicht, versetzte Mnchhausen,
schmerzlich gen Himmel blickend, weil - -
    Da? - - Weil? - - Was fr ein Da? Was fr ein Weil? murmelte der alte
Baron.
    An einem andern Tage hatte Mnchhausen im Zorn wirklich den Rcken des
Widerspenstigen bestrichen. Karl Buttervogel lief fort, schimpfte wie ein
Rohrsperling und wiederholte unaufhrlich: Mich prgeln? So ein Munkel?
    Munkel? fragte der alte Baron. Was ist ein Munkel? - Es lag am Tage,
dieser Bediente wute etwas von seinem Herrn, was nicht fr jedermanns Ohr
taugte.
    Die Geheimnisse Mnchhausens fanden ihren Gipfel in seinen heimlichen
Experimenten. Er schickte nmlich wchentlich Karln in die Apotheke der nchsten
Stadt, darauf nahm er ihm die Spezies ab, verschlo sich in seiner Stube,
verhing die Fenster, und dort hinter Schlo und Riegel und nesseltuchnen
Vorhngen tat er Dinge, welche nur das Auge Gottes sah. Es verbreitete sich,
wenn er so experimentierte, durch das Schlsselloch ein feiner mineralischer
Dunst im Hause; da Mnchhausen selbst hernach wie eine starke Schwefelquelle
duftete, haben wir schon aus dem Munde des alten Barons gehrt. Einst hatten die
Bewohner des Schlosses whrend eines solchen geheimen Experiments einen groen
Schrecken. Es geschah nmlich in der Stube ein starker Knall, Mnchhausen stie
heftig die Tre auf, Dampf quoll heraus, Dampf erfllte die Stube, im Dampfe
aber stand Mnchhausen bleich und entsetzt. Allerhand Flaschen- und sonstiges
Gerte, mit seltsam schillernden Feuchtigkeiten erfllt, stand auf dem Tische
umher. Mnchhausen rumte es eilig und verstrt hinweg, als er nach einigen
Augenblicken sich wieder zu sammeln wute.
    Dieser Auftritt vollendete die Spannung des alten Barons. Alles Interesse,
welches er frher an den Erzhlungen seines Gastes gehabt hatte, bertrug sich
nun auf dessen Person. Und so gewann der Held durch die Grobheit seines
Bedienten, durch mineralischen Geruch, durch Dampf und Knall den Anteil, welchen
er auf dem einen Felde eingebt hatte, auf dem andern sich zurck. Ein
langweiliger Erzhler, aber eine merkwrdige historische Person, vielleicht das
einzige Exemplar seiner Gattung! sagte der alte Schloherr.
    Leider blieb seine brennende Neugier ohne Befriedigung, denn niemand konnte
ihm ein Licht ber den Mann anznden, der unter den Menschen kaum seinesgleichen
zu haben schien. Mnchhausen wich mit siegreicher Gewandtheit allen Versuchen,
ihn bis ber einen gewissen Punkt hin zu erforschen, aus. Den Bedienten aber
ber den Herrn zu verhren - diesen Gedanken hatte er, als er flchtig in ihm
einstmals emporgestiegen war, weit von sich hinweggewiesen. Trotz aller seiner
Narrheiten war der Baron von Schnuck ein Mann von altdeutscher Sitte und
Hflichkeit. Noch niemals hatte er vergessen, was er seinem Gaste schuldig war.
So, zwischen Verlangen und Unmglichkeit, den Schleier zu heben, umgetrieben,
wurde sein Herz bis zum Rande voll von Unruhe und Verdrielichkeit.
    Der Schulmeister endlich war in den Zustand ernster Selbstbetrachtung
hineingeraten. Er begann sich noch mehr, als frher, von den Zusammenknften der
Schlobewohner fernzuhalten, und sa tagelang einsam auf dem Gebirge Taygetus,
wie ein indischer Ber seine Nasenspitze betrachtend.
    Kam er dann doch wieder einmal zu den brigen, so zog er sich immer bald
wieder zurck, denn niemand achtete seiner, Mnchhausen nicht, weil er den
Abkmmling des Knigs Agesilaus nicht bedurfte, das Frulein nicht, weil sie,
wie wir wissen, allem Irdischen berhaupt bereits entrckt war, der alte Baron
nicht, weil er ber den Munkel nachsann.
    Was Mnchhausen betrifft, so erhielt sich dieser wunderbare Charakter zwar
uerlich die Fassung, in welcher er so stark war; durch seinen Busen aber
strmten auch manche Sorgen. Da er den alten Schloherrn mit seinen Erzhlungen
langweile, hatte er schon seit geraumer Zeit bemerkt, da sich ein gefhrliches
Grbeln an seine Person zu heften beginne, mute er nun gewahr werden. Dieses
war ihm unangenehm. Ihm lag daran, noch eine Zeitlang als ruhiger, wenn auch
hchst geistreicher und vielerfahrener Privatmann das Obdach und die Speise des
Schlosses zu genieen. - Er nahm sich daher vor, einen wahren Heroismus im
Erzhlen zu entfalten und den Baron dadurch womglich abzulenken, solchergestalt
aber dem Schicksal die freie und mnnliche Stirn zu weisen, welche von keinem
Schlage bisher zu zerschmettern gewesen war.
    Whrend auf diese Weise die Bewohner des Schlosses sich entscheidenden
Begebenheiten nherten und ihre Charaktere zu reifen begannen, war Karl
Buttervogel der einzige Glckliche. Er a Rindfleisch, Bratwurst und Eier,
soviel ihm das Frulein von diesen Nahrungsmitteln zustecken konnte, bediente
seinen Herrn mit der berzeugung, da es nur von ihm abhange, denselben zu
strzen, und empfand alle Zauber einer geheimen, hohen Liebe.

                                Sechstes Kapitel



                  Die Ereignisse eines Abends und einer Nacht

An jenem Abende, an welchem Mnchhausen und der Schloherr gegenseitig offen
geworden waren, lie sich Karl Buttervogel fnfmal rufen, bevor er zu seinem
Herrn kam, der sich entkleiden wollte. Als er endlich erschien, holte der Herr
mit den Worten: Du Gauch! Du Bestie! nach ihm aus, der Diener aber ergriff
einen Stuhl, hielt ihn zu seiner Verteidigung vor sich hin und schrie, als ob er
am Spie stke. Auf dieses Geschrei eilte der alte Baron im Nachtkleide die
Treppe hinauf, Emerentia aber, tief in ihre Welt versunken, hrte davon nichts,
sondern fuhr in ihren Erffnungen gegen die Wand fort, in welchen sie noch
begriffen war. Der alte Baron, das Nachtlicht in der Hand, fragte: Was gibt es
denn hier schon wieder? Mnchhausen versetzte: Mit diesem Racker ist nichts
mehr anzufangen, jeden Tag wird er fauler, ich wei nicht, was dem Ungeheuer im
Kopfe steckt! - Liebe steckt dem Ungeheuer im Kopfe! schrie der Mensch
erbost; Liebe von einer ganz vornehmen Person, und es gibt Schwiegervter, die
noch von nichts wissen und sich sehr verwundern werden, wofern fernerweite gute
Verkstigung ausgemacht wird.
    Ist der Kerl verrckt? sagte der alte Baron.
    Und am Dienst habe ich keinen Geschmack mehr, und am allerwenigsten mag ich
so einem Munkel noch ferner dienen, der mich noch berdem prgeln will! rief
Karl Buttervogel. Und ich begehr' meinen Lohn, zwlf Gulden, vierundzwanzig
Kreuzer seit vier Monaten, und was ich ausgelegt habe, tut auch zweiundvierzig
Stber, drei Heller, und das begehre ich und fordre ich, und dann gehe ich
gleich fort, denn ich kriege doch auerdem mein gutes Essen und Trinken durch
meine Konnexionen, und wenn mir noch ein Wort zu nahe gesagt wird, so gebe ich
alles an bei meinem Schwiegervater von der unnatrlichen Erzeugung und den
chemischen Schmierereien -
    Mnchhausen setzte sich erschpft auf sein Bett. Er zitterte, wie
gewhnlich, mit den Nasenflgeln, seine Miene war uerst leidend.
Schreckliches Verhngnis, welches mich in die Hand eines Buben gibt! sthnte
er. O warum schwieg ich nicht auch gegen dich, Unmensch, wie ich gegen jeden
sonst geschwiegen habe? Ich ffnete dir mein Herz, ich bedurfte einer Seele, die
ich in die Apotheke schicken konnte, und du wirst hingehen und mich verraten.
    Alteriere dich nicht, Bruder, sagte der Schloherr. Dieses Individuum
bleibt ewig ein Bedienter; ber solches Pack mssen sich Mnner unserer
Extraktion nicht rgern. Freilich, was die unnatrliche Erzeugung und das
Chemische angeht, da wre ich uerst verlangend -
    Mnchhausens Gebrde wurde gro. Verlange nicht danach, sagte er erhaben.
Ich kenne dich, du bist schwach, Baron Schnuck, du kannst Offenheit ertragen,
du kannst ertragen, da der deutsche Mann zum deutschen Manne sagt: Schafskopf!
aber das wrdest du nicht ertragen. Du hngst an Ideen, die du mit der
Ammenmilch eingesogen hast, du willst den Menschen menschlich gezeugt. Die
Entdeckung, welcher dein unseliger Frwitz zusteuert, wrde dich deinen Freund
kosten! Er warf mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Kleidungsstcke ab und
sah im Hemde zum Fenster hinaus, den Anwesenden den Rcken kehrend.
    Karl Buttervogel rief, ohne sich stren zu lassen, in dieses Konzert: Und
es ist schndlich von so einem Herrn, wenn so ein Herr immer lgen tut. Das
Lgen ist fr uns geringe Leute, wir knnen oft nicht darber hin, und der liebe
Gott vergibt es uns, weil wir sonst unser Brot nicht haben, und wenn ich erst
meinen gndigen Schwiegervater besitze und auf meine fernerweite gehrige
Bekstigung rechnen darf, so will ich's auch lassen, und von so einem Herrn, wie
von meinem Herrn von Mnchhausen ist es sehr unrecht, und allen Leuten lgt er
etwas vor, und allerorten hat er gelogen, und sie sind so dumm und glauben ihm
auch immer, obgleich kein wahres Wort aus seinem Munde geht.
    Es ist gut, Karl, bringe das andere drauen an, sagte Mnchhausen, sich
umwendend. Der Ton seiner Stimme war sanft aber fest geworden. Er band einen
rot- und gelbseidnen Tuch mtzenartig um den Kopf, so, da die Zipfel an seinen
Ohren herunterfielen. Gute Nacht, Bruder Schnuck, du hast recht, man mu sich
ber dergleichen Leute nicht rgern. Ich werde mich ohne Diener zu behelfen
wissen. Du kannst gehen, Karl, ich brauche dich nicht weiter, deine zwlf Gulden
vierundzwanzig Kreuzer sollst du morgen ausgezahlt erhalten. Geh, Karl, folge
deinen hheren Sternen, du kannst nun gut und gern deinen Anteil an der
Luftverdichtungsaktienkompanie, den ich dir zugedacht hatte, entbehren.
    Karl Buttervogel machte ein langes Gesicht, lie den Stuhl, den er bis jetzt
noch immer vor sich hin gehalten hatte, sinken, und sagte, so kleinlaut, als er
vorher trotzig gesprochen hatte: Wie, mein Herr von Mnchhausen?
    Luftverdichtungsaktienkompanie? fragte der alte Baron.
    Ja, antwortete Mnchhausen und streifte den Strumpf vom linken Beine, in
Paris haben sie ein Mittel gefunden, die neueren Chemiker, Luft krperlich zu
machen, sie in fester Gestalt darzustellen.
    Krperlich? In fester Gestalt?
    In einer Masse zwischen Schnee und Eis, ungefhr wie steifer Brei. Als ich
von der Sache hrte, lie ich mich nher in sie ein und berzeugte mich sehr
bald, da die also krperlich und fest gemachte Luft, vermge Przipitierens,
Kalzinierens, Oxydierens und gewisser anderer Mittel, die vorderhand mein
Geheimnis bleiben, in eine solche Dichtigkeit, Hrte und Schwere zu treiben sei,
da sie sich vom Steine nicht unterscheide.
    Vom Steine nicht unterscheide?
    Nein. Warum erstaunst du, Schnuck? Was Brei ist, kann doch auch Stein
werden. Willst du die Probe? Karl, erzeige mir die Freundschaft, denn befehlen
darf ich dir nichts mehr, und bringe aus der Reisetasche mir die grne Kapsel
Nummer vierzehn.
    Karl Buttervogel, dessen ganzes Benehmen sich, seitdem von der
Luftverdichtungsaktienkompanie die Rede war, in die fgsamste Demut verwandelt
hatte, lief beflissentlich nach der Reisetasche und holte die grne Kapsel
Nummer vierzehn, aus welcher Mnchhausen einen faustgroen Stein nahm. Er zeigte
dem alten Baron den Stein und fragte ihn, was er wohl glaube zu sehen?
    Der alte Baron versetzte, indem er den Stein gegen das Nachtlicht hielt und
ihn blinzelnd beschaute: Meines Erachtens ist das ein Feldquarz.
    Fest gemachte, przipitierte, kalzinierte, oxydierte und durch gewisse
andere geheime Mittel versteinerte Luft ist es, sagte Mnchhausen ghnend und
tat den Stein wieder an seinen Ort. Er streifte den Strumpf auch vom rechten
Beine und fuhr fort: Du siehst nun mit deinen Augen; haue mit Stahl dagegen, so
gibt der Luftstein Feuer, solche Festigkeit hat derselbe.
    Das ist ja eine ganz ungeheure, unermeliche, unberechenbare Erfindung!
rief der alte Baron.
    Ziemlich wichtig ist sie allerdings, sagte Mnchhausen kalt. Gebaut wird
allenthalben jetzo zu Friedenszeiten, Huser, Brcken, Straen, Palste,
Narrenhuser, Monumente. Das Material ist nur in manchen Gegenden zu teuer. Das
will ich denn fr solche steinarme Landstriche liefern, nmlich versteinerte
Luft. Luft ist berall zu haben. Die Bereitungskosten sind so gar gro eben
nicht, es kommt hauptschlich bei dem ganzen Prozesse auf die Beschaffenheit der
Luft selbst an, und der rechten Steinluft glaube ich hier auf der Spur zu sein.
Deshalb rieche ich und schnffle ich so viel im Winde umher. Hier wollte ich die
Fabrik anlegen; die Mutterfabrik, von der dann gelegenen Orts die
Tochterfabriken ausgehen sollen, quantum satis. Das Unternehmen wird auf Aktien
gegrndet, die Besttigung des Statuts habe ich in der Tasche. Es mu, wenn das
Geschft einigermaen schwunghaft getrieben wird, schon nach einem Jahre,
schlecht gerechnet, eine Dividende von einhundertsechsunddreiig drei achtel
Prozent geben. Dieses ist denn die Luftverdichtungsaktienkompanie, nach welcher
du fragtest. Zwei Direktoren werden angestellt mit offenem Kredit, zwlf
besoldete Verwaltungsrte; die Zahl der Sekretre und der brigen Unterbeamten
ist vorlufig auf einige und vierzig bestimmt. Karln da, meinen ehemaligen
Diener, wollte ich zum technischen Mitdirektor machen - nun, das geht denn nun
jetzt nicht mehr an, und ich mu mich nach einem andern umsehen.
    Hier stie Karl Buttervogel einen solchen Seufzer aus, da die Stube
widerhallte. Der alte Baron aber blies die Backen auf, warf seine Nachtmtze
gegen die Decke und tat einen Schritt, den man einen Satz nennen konnte, so da
seine Kerze wild aufflackerte. Hast du noch Aktien? fragte er Mnchhausen, der
sich gleichgltig zu Bette legte.
    Alle untergebracht, versetzte dieser, die Decke ber sich ziehend, stehen
schon hher als pari. Ich will dir aber doch deine Gastfreundschaft vergelten,
Schnuck. Dein Schlo ist etwas baufllig; sobald meine Fabrik und die
Aktienkompanie ins Leben getreten ist, baue ich dir ein neues aus meinem
Material.
    Der alte Schloherr setzte heftig sein Licht weg, scho auf den im Bette zu,
nahm ihn mit beiden Hnden beim Kopfe und rief: So werde ich ja knftighin
gleichsam in einem Luftschlosse wohnen, du Mordkerl!
    Meinetwegen kannst du es so nennen, alter Junge, antwortete Mnchhausen.
Reie mir nur die Ohren nicht ab. Siehst du, das ist ja eben das Groe in der
Gegenwart, da so vieles, was lange nur als uraltes Mrchen, Bild oder Gleichnis
galt, aufgebracht durch die Kinderphantasie der Anfangszeiten, nunmehr durch die
Forschungen der Wissenschaft sich als historische Realitt ausweiset. Und so
kommt denn auch das verjhrte Sprichwort von Luftschlssern durch meine
Aktienkompanie zur Wrde wahrer Existenz. Luftbauten werden nicht mehr
phraseologisch gemeint sein, sondern die Menschen werden wirklich ihr Geld
hineinstecken. Aber geh zu Bette, Schatz, ich bin mde und will schlafen.
    Mnchhausen wendete sich um und schlief ein. Der alte Baron murmelte: Das
gewinnt denn freilich jetzt eine andere Gestalt, wir kommen ins Praktische. Er
mu - er mu - - der Alte ging in so tiefen Gedanken fort, da er selbst sein
Nachtlicht mitzunehmen verga.
    Von dem Scheine dieser Kerze dster beleuchtet, blieb Karl Buttervogel neben
dem Bette stehen. Sein Gesicht war von Bestrzung ganz aufgelaufen, bisweilen
schlich eine dicke Trne die Nase entlang, regungslos stand er da, wie eine
Bildsule, und lie die Trnen, ohne sie abzuwischen, still flieen. Der Urheber
der Betrbnis schnarchte dazu. Nachdem der traurige Diener ber eine Stunde also
gestanden, gab er sich daran, die Kleidungsstcke des Freiherrn, welche am Boden
und auf den Sthlen zerstreut umherlagen, sacht zu erheben. Er legte sie
sorgfltig geordnet an die ihnen bestimmte Stelle, nahte sich auf den Zehen dem
Bette, zupfte den Freiherrn am Hemde und flsterte: Gndiger Herr!
    Mnchhausen fuhr auf, rieb sich die Augen und sagte: Warum weckst du mich,
Impertinenter?
    Ich wollte Sie nicht wecken, erwiderte Karl Buttervogel schchtern,
sondern nur fragen, wann Sie morgen frh befehlen, geweckt zu werden?
    So! rief Mnchhausen. Willst wieder bei mir im Dienst bleiben, du Vieh?
Nein, mein Sohn, halte fest an deinem Entschlusse, geh, geh von dem Lgner, sei
nicht so dumm, ihm zu glauben, ihm, dem kein wahres Wort aus dem Munde kommt,
mit einem Worte: pack dich, du Schuft!
    Karl Buttervogel sank am Bette auf seine Kniee, ergriff die Hand des
Freiherrn, kte sie, heulte und schluchzte, da es einen Stein htte erbarmen
mgen, selbst einen aus Luft, und rief: Gndiger Herr, ich wei ja, da ich ein
Schuft gewesen bin. Aber ich will es in meinem ganzen Leben nicht mehr tun. Ach,
vergeben Sie mir doch nur dieses eine Mal, damit ich technischer Mitdirektor
bleibe, ich habe schon so sehr auf diesen Posten und auf dieses gute Brot
gerechnet, und wre ein geschlagener Mann, wenn mir's entginge, denn mit dem
Herrn Schwiegervater kann es noch im weiten Felde stehen, und wer wei auch, ob
mir die fernerweite gute Verkstigung ausgemacht wird, wofr ich's allein tue,
und ich will nimmer wieder von der unnatrlichen Erzeugung plappern und vom
Munkel und von den chemischen Schmierereien, weil ich sehe, da es Sie krnkt,
und von Lohn, und was ich ausgelegt, soll gar keine Rede mehr sein, nein, alles
gratis, Aus- und Anziehen und Wasserholen und sonst, und ich wollte doch so gern
Ihr Bedienter bleiben.
    Dein scheulicher Eigennutz lt dich so eifrig diese Bitte aussprechen,
sagte Mnchhausen ernst. Die technische Mitdirektorschaft ist es allein, welche
dir im Sinne liegt. Aber trste dich, mein Freund, du wirst nichts verscherzen,
wenn du von mir gehst. Wie sollte ein Lgner jemals Wahrheit sagen? Auch die
Luftverdichtungsaktienkompanie habe ich nur vorgespiegelt.
    O nein, nein, nein! rief Karl Buttervogel laut und begeistert. Ich lass'
mich nicht irremachen. Nein, wenn der gndige Herr auch sonst jezuweilen aus
Liebhaberei 'n bissel flunkern, damit hat es seine volle Richtigkeit. Ach, ich
sehe wohl, der gndige Herr prfen mich nur noch und spaen schon; und ich
bleibe bei Ihnen.
    Nun denn, sagte Mnchhausen, fr dieses Mal will ich dir verzeihen; es
ist aber das letzte Mal. Ob du indessen technischer Mitdirektor wirst, hngt
lediglich von deiner ferneren Auffhrung ab. Und nun hole mir den Stock da her,
du Spitzbube, denn der neue Kontrakt, welchen wir beide abschlieen, will seine
Bekrftigung und Draufgabe haben.
    Karl Buttervogel brachte den Stock, welcher in der Nhe des Bettes stand,
getragen, sein Herr zog ihm damit einige sogenannte Jagdhiebe ber den Buckel;
der Diener chzte zwar unter der Last dieser Streiche, schttelte sich aber
nachher und sagte getrstet: Es wird einem doch gleich wieder so wohl, wenn man
wieder seine feste Anstellung hat.
    Nach seinem Abgange blieb der Freiherr im Bette emporgerichtet sitzen und
sprach: Erstaunlich, was fr eine Gewalt ich ber meine Umgebungen ausbe! Er
warf sich auf sein Kissen nieder, wandte sich um und schlief abermals ein.
Indessen sollte ihm noch keine dauernde Nachtruhe gegnnt sein. Denn nachdem er
etwa eine halbe Stunde geschlummert haben mochte, erwachte er wieder von einem
Gerusche am Fenster. Im ersten Augenblicke meinte er, da Diebe sich zum
Einsteigen rsteten; halb schlaftrunken fuhr er aus den Federn und an das
Fenster, sah aber, nun durch den khlen Nachtwind vllig geweckt, unten im Hofe
eine dunkle Gestalt, mit einer berlangen Stange in der Hand. Wer ist da? Und
was soll das? rief Mnchhausen die Gestalt an.
    Dieser erwiderte: Ich bin es, der Schulmeister, auch Agesilaus geheien,
und diese aus mehreren Bohnenstiefeln zusammengefgte groe Stange klopfte an
Ihr Fenster, um Ihre Aufmerksamkeit mir zuzuwenden, Herr von Mnchhausen, da
mein leises und bescheidenes Rufen Ihres werten Namens nicht verfangen wollte.
Noch Licht in Ihrem Zimmer sehend, hielt ich es nicht fr unhflich, eine
Zwiesprach mit Ihnen zu begehren, welche ich denn hiemit begehrt haben will.
Mich verlangt sehnlichst nach einer Unterredung ber einen mir hochwichtigen
Gegenstand. Wollen Sie mir wohl leise, auf da die Hausbewohner nicht erwachen,
die Tre ffnen und den Zutritt in Ihr Gemach verstatten?
    Zum Teufel, Herr, das werde ich bleibenlassen! rief Mnchhausen rgerlich.
Wer erlaubt Ihnen, die Leute aus dem Schlafe zu stren? Was Sie mir zu sagen
haben, knnen Sie mir von da unten sagen.
    Auch dieses, versetzte ruhig der unten mit der Stange. Die Unterredung
aber mu vor sich gehen, damit ich heute noch meinen Entschlu fassen kann.
Krze, die krnige Krze der Sparter sei mein Muster, denn es zieht hier etwas
stark an der Ecke. - Herr von Mnchhausen, der Mensch, welcher berhaupt diesen
Namen verdient, hat Gedanken. Diese Gedanken haben einen Inhalt und dieser
Inhalt kann wahr oder falsch sein. Falsch ist er, wenn er der Wirklichkeit
wider-, wahr, wenn er ihr entspricht. Was nun die Wirklichkeit sei, ist zwar
schwer zu sagen, indessen, bis dieses groe Geheimnis entdeckt wird, mssen wir
mit dem, was andere Menschen ber unsere Gedanken denken, uns behelfen. Deshalb
ist es so beraus wichtig, letzteres zu erfahren, weil wir dadurch zwar noch
nicht die Wirklichkeit selbst, aber doch gleichsam eine Anweisung auf sie in die
Hnde bekommen. Eine solche Anweisung wnschte ich gegenwrtig von Ihnen zu
empfangen, Herrn von Mnchhausen.
    Herr, kommen Sie zur Sache! Nennen Sie diese Umschweife Krze? rief
Mnchhausen zornig, denn es fror ihn am Fenster.
    Zur Sache denn! Ich begehre Ihre Gedanken ber meine Gedanken. Ich denke
mir noch immer, da ich meine Abkunft von den Lakedmoniern und insonderheit von
jenem ihrem groen Knige herleiten darf. Was aber denken Sie ber diese meine
Gedanken?
    Mnchhausen ri die Geduld. Ich denke, da Sie ein Narr sind! rief er und
wollte das Fenster zuschlagen.
    Einen Augenblick erbitte ich mir noch Gehr. Ihre uerung macht mir klar,
da Sie meine mir bis jetzt teuerste berzeugung fr unrichtig halten. Wren Sie
wohl so gefllig, mir den Beweis der Unrichtigkeit zu fhren, mir
auseinanderzusetzen, warum die Agesels nicht von jenem griechischen Volke
abstammen knnen?
    Nein. Sein Sie, was Sie wollen, Athener oder Spartaner, mir gilt es
gleich! - Mnchhausen schlug das Fenster zu, murrte: Das ist ja heute eine
verhenkerte Nacht! sprang wieder in sein Bette, wandte sich zum dritten Male um
und schlief zum dritten Male ein.
    Jetzt aber lie ihn der Geist, welcher heute spuken ging, kaum eine
Viertelstunde rasten. Er war kaum wieder eingeschlummert, als er sich derb am
Arme gerttelt fhlte. Auffahrend mit den Worten: Sackerlot, was gibt es nun
schon wieder? sah er zu seinem groen Erstaunen bei dem Schimmer der Nachtkerze
den alten Baron abermals vor dem Bette stehen, noch gekleidet, wie frher,
nmlich an den Fen gelbe Pantoffeln und den Leib in einen roten kattunenen
Schlafrock mit grnen Weinblttern eingehllt. - Bruder Mnchhausen, sagte der
Schloherr und setzte sich auf den Stuhl vor dem Bette, nimm es nicht bel, da
ich dich stre, aber ich kann kein Auge schlieen. Du hast mir mit deiner
Luftentreprise eine Unruhe in das Blut geworfen, da ich in meiner Kammer nicht
zu bleiben vermag. Sieh mir einmal recht steif ins Gesicht, und sage mir dann,
Kavalier gegen Kavalier: Hast du mir nichts vorgelogen?
    Schnuck ...
    Ich bitte dich, habe mir nichts vorgelogen! Ich glaube dir gern; es wre
schrecklich, wenn du gelogen httest, denn meine ganze Seele ist schon bei dem
Unternehmen, die Freude meines Alters wre dahin, wenn nichts aus der Sache
wrde. Und an und fr sich ist sie auch nicht unglaublich, da so viele andere
staunenswerte Erfindungen neuerdings gemacht worden sind, als zum Beispiel:
Licht aus Unrat zu ziehen, und Essig aus Holz, Zitronensure aus Kartoffeln und
Zucker aus Urin. Warum sollen sie also nicht Steine aus Luft machen knnen?
Fllt sie uns doch oft schwer genug auf die Brust! Dein Wort wird mir daher
gengen, dein Manneswort: Hast du mir nichts vorgelogen?
    Der im Hemde mit dem Zipfeltuche um das Haupt sah seinen Wirt starr an und
sagte feierlich: So wahr du geborener Geheimer Rat im hchsten Gericht wirst,
so wahr tritt die Luftverdichtungsaktienkompanie ins Leben.
    Wohl, versetzte der im roten kattunenen Schlafrock mit den grnen
Weinblttern, nun bin ich beruhigt.
    Der Freiherr bat seinen Wirt um Gottes willen, ihn denn auch ruhen zu
lassen, der Alte aber war auer aller Fassung und blieb unter erhitzten Reden
auf dem Stuhle sitzen. Du mut mir einen Gefallen tun, Mnchhausen, rief er.
Abweisen lasse ich mich nicht von deiner Kompanie, denn die Zeiten sind schmal
und einhundertsechsundreiig drei achtel Prozent nach dem ersten Jahre stehen
nicht zu verachten. Wenn mir Lisbeth die Zinsen bringt, kriege ich eine runde
Summe, eine Aktie zu bezahlen - ich will und will und will eine haben.
    Verfluchter Aktienschwindel! rief der Freiherr. Ich habe dir ja gesagt,
da keine mehr zu kaufen ist. Geh doch um aller Heiligen willen zu Bette!
    Und zu Bette gehe ich nicht! kreischte der aufgeregte Alte. Versagst du
mir die Luftaktie, so la ich dich morgen zum Hause 'nauswerfen!
    Das ist ja eine schne Erfahrung, die ich an dir mache! sagte Mnchhausen
und lehnte sich matt zurck. Seit wir einander du nennen, kommen nichts als
Grobheiten zwischen uns zum Vorschein. Es bleibt also doch wahr, da manche
Freundschaften durchaus nur auf: Sie eingerichtet sind und diesen Terminus ohne
Gefhrde nicht verlassen drfen.
    Der alte Baron, der von seiner Aufregung zurckgekommen war, bat seinen Gast
um Verzeihung, und es sei nicht so bel gemeint gewesen, sagte er. Dann ersuchte
er ihn, ihm wenigstens eine besoldete Anstellung bei der Kompanie zu geben,
damit er doch einigen Vorteil von der Unternehmung ziehe. - Ja, was soll ich
aus dir machen? fragte Mnchhausen. Das Direktorium ist besetzt, der
Verwaltungsrat vollzhlig, Sekretariats- und Botengeschfte passen nicht fr
dich; das einzige Syndikat, das Richteramt fr die Streitigkeiten unter den
Luftaktionren, ist noch offen - willst du das haben?
    Ei! rief der alte Baron, dieses wrde mich ganz trefflich kleiden. Es
wre eine Zwischenbeschftigung, eine gute Vorbung auf die Zeit, da die alten
Verhltnisse wiederhergestellt werden, und ich meinen geborenen
Geheimerratsposten im hchsten Gericht antrete. Ja, das nehme ich mit Freuden
an.
    Topp! rief Mnchhausen. Du sollst Richter unter den Luftverdichtern
werden und einen Gehalt von sechsmalhunderttausend Pfund Luftsteinen jhrlich
beziehen. Denn wir haben, wie man in China mit Reis, als dem gangbarsten
Produkte der Landeskultur bezahlt, die Verfgung getroffen, nur in unserem
Produkte, nmlich in versteinerter Luft alle Besoldungen zu entrichten.
    Sehr vernnftig, versetzte der alte Baron. So spart ihr bar Geld. Ich bin
damit zufrieden. Nur bitte ich mir probemige Luftsteine aus und verwahre mich
gegen allen Mll und Abfall.
    Mnchhausen mute hierauf dem neuen Syndikus noch ein Langes und Breites von
der Bereitung der Luft erzhlen, wobei er sich freilich die eigentlichen
Fabrikgeheimnisse vorbehielt.
    Damit aber war sein Zuhrer noch nicht zufrieden, sondern er forschte auch
grndlich nach der Verfassung der Kompanie, nach den stimmfhigen und stimmlosen
Mitgliedern, nach dem Gesellschaftskapital, nach der Geschftsfhrung, nach den
Universal-, General-, Partikular- und Spezialversammlungen, damit er, wie er
sagte, beizeiten alles erfahre, was zu seinem Amte ihm zu wissen not tue.
    Mnchhausen gab ihm ber jeden dieser Punkte, obgleich er lieber geschlafen
htte, notgedrungen die bndigste Auskunft, so da er sich ganz heiser sprechen
mute. Endlich ging der Alte.
    Die Nacht war ber diesen Vorfllen und Gesprchen verstrichen. Phbus mit
dem goldenen Haar sah in das Fenster. Erschpft legte sich Mnchhausen abermals
zurck, um wenigstens noch eine Stunde Morgenruhe zu genieen. Es ist doch
bel, wenn man bei den Leuten allzuviel Ideen anregt, sagte er vor dem
Einschlafen.
    Aber bald erhob sich unter seinem Fenster das Getse einer eifrig
arbeitenden Sge; der Ton, welcher vom erschrecklichsten Schrillen in einem
unausgebildeten Sopran zum schauderhaftesten Schnurren in einem verdorbenen Alt
regelmig sich senkend, bekanntlich auch den Taubsten erwecken kann.
Mnchhausen sagte anfangs zu sich selbst: Es ist nur Tuschung, und stopfte
sich tief in die Kissen hinein; dann sagte er: Es ist zwar keine Tuschung,
aber ich will diesen sinnlichen Eindruck durch Abstraktion berwinden. - Er
begann daher von dem Schrillen und Schnurren seine Gedanken mit Macht seitwrts
zu fhren, und wrde vielleicht bei der groen geistigen Kraft, die ihm
beiwohnte, des Sinneneindrucks Meister geworden sein, wenn sich nicht pltzlich
mit dem Sgegerusche ein heftiges Rumoren ber seinem Haupte verbndet htte.
Es lie sich nmlich ein Gepolter ber seiner Stube vernehmen, als ob der ganze
Sller umgekehrt wrde. Zwischen Sgegerusch und Sllergepolter eingeklemmt,
konnte er es nicht lnger aushalten. Er rief: So ist es und bleibt es demnach
unmglich, heute zu einem leidlichen Schlafe zu gelangen! und sprang mit beiden
Fen aus dem ruhelosen Bette. Er schellte und lie sich von seinem technischen
Mitdirektor, der zugleich Prtendent von Hechelkram und Karlos der Schmetterling
war, ankleiden.
    Von der durchwachten Nacht sah er sehr gelbgrnlich aus, und die Augen
standen ihm wst im Kopfe. Das Sgen aber rhrte vom Schulmeister und das
Rumoren vom alten Baron her.

                               Siebentes Kapitel



         Warum der Schulmeister sgte und warum der alte Baron rumorte

Der Schulmeister war, nachdem der Freiherr das Fenster zugeworfen hatte, mit
einem Seufzer und dem Ausrufe: Nicht einmal eine Widerlegung! in seine Wohnung
auf dem Taygetus gegangen. Dort blieb er, kopfschttelnd und sinnend, die kleine
Blendlaterne vor sich auf den Tisch gestellt, einige Stunden lang sitzen. Er
blickte unverwandt in das Licht der Laterne und hatte seine beiden Arme auf die
Kniee gestemmt. Nachdem er so lngere Zeit gesessen, erhob er sich, strich mit
der Hand langsam ber sein Kinn und sagte: Ja, es ist so, ich bin darber nun
im klaren und habe meinen Entschlu gefat. - Er ging in die Ecke, worin sein
Lager aufgeschttet war, und sprach, es mit untergeschlagenen Armen betrachtend:
Dieses ist Stroh, und zwar krummes, keinesweges aber Schilf. - Er nahm die
Laterne, begab sich mit ihr hinaus, leuchtete auf dem Platze vor dem
Gartenhuschen umher und sprach: Ein gewhnlicher Schneckenberg, und was da
unten murmelt, ist ein Wsserlein ohne Namen. - Er holte den Becher oder
Kothon, das heit, den alten irdenen Topf aus dem Gartenhuschen und
zerschmetterte ihn mit den Worten: Du sollst mich nicht mehr verfhren! durch
einen heftigen Wurf. Dann sank er auf sein Strohlager zu einem festen und
erquicklichen Schlummer nieder. Nach wenigen Stunden, als das Frhlicht
angeglommen war (denn er brauchte wenig Schlaf), erhob er sich wieder, rckte
ein altes Schreibzeug zurecht, fand glcklicherweise einen Bogen Papier und
schrieb an den Schulrat Thomasius.
    Mit diesem Briefe in der Hand trat er hinaus in das Morgenrot. Er freute
sich der aufsteigenden Sonne und rief: Es ist denn doch ein anderes Ding, die
liebe Gottessonne, als der lngst begrabene Heidengtze Helios. - Guten
Morgen, Agesel! rief eine Stimme von unten ihm zu. O glckliche Vorbedeutung!
sagte der Schulmeister, ich werde wieder bei meinem Taufnamen genannt, ja, den
Agesilaus htten wir wohl hinter uns. Hinabblickend sah er den Kreisboten,
welcher, seinen braunen Stecken in der Hand und die schwarzlederne
Skripturentasche ber den Rcken gehngt, lngst des Gartens durch die Dornen
seinen Dienstweg schritt. Halt! rief der Schulmeister und warf den Brief
hinunter, nehmt das an den Herrn Schulrat mit, Rittersporn, aus Geflligkeit.
    Er ging nach dem Schlosse, wo er das Frulein, welche auch wenig geschlafen
hatte, schon munter fand. Knnte ich nicht eine ntzliche Beschftigung
erhalten? fragte er sie. O ja, war die Antwort, es ist Holz zu sgen und
kleinzumachen. - Frhlich ging der Schulmeister nach dem Holzstall, stellte den
Sgebock unter dem Fenster des Freiherrn auf und begann nun jene geruschvolle
Arbeit, von welcher im vorigen Kapitel die Rede gewesen ist, emsig und
unverdrossen, sich schon freuend auf das Hacken, wenn das Sgen vorbei sein
mchte.
    Letzteres wre sonach erklrt, mit dem Rumoren aber hatte es folgende
Bewandtnis. In den alten Baron war durch die industriellen Entwrfe der Nacht
ein unauslschliches Feuer gedrungen. Vor seinen Augen erhoben sich Brcken,
Kunststraen, Palste, ja ganze Stdte aus versteinerter Luft. Er hatte sich
zwar, nachdem er Mnchhausen verlassen, abermals niedergelegt, konnte jedoch
jetzt ebensowenig schlafen, als vorher, sondern wlzte sich, die Luftbauten vor
den brennenden Augen, schlaflos von einer Seite zur andern. Nicht lange whrte
es, so wurde er bei seiner Lebhaftigkeit des unangenehmen Bettes mde, sprang
auf und ging, einen nrrischen aber festen Plan im Busen, auf den Sller.
    Es war ihm nmlich eingefallen, da die Streitigkeiten unter den
Luftaktionren hklicht und spitzig ausfallen knnten, und da es daher, um das
Syndikat mit Auszeichnung zu verwalten, rtlich sein drfte, im voraus den
Scharfsinn auf gerechte Urteilsfllungen einzuben. Er beschlo daher, sich eine
vorlufige Gerichtsstube einzurichten, und zwar fern von strendem Gerusche,
oben auf dem Sller in der sogenannten Polterkammer, in welcher Lisbeth die
Notizen ber die Zinsrckstnde gefunden hatte. Mnchhausen sollte, das war sein
Entwurf, ihm erdichtete Rechtsflle, wie sie die jungen Studenten im Praktiko
nach den Pandekten ausklauben, vorlegen, und er wollte sie dann nach der ratio
nunquam scripta des Luftrechtes entscheiden.
    Er schlo die Polterkammer im ersten Dmmer auf. An der schrgen
Dachwandung, wo gebrochene Lichter sich zwischen den Ritzen der Ziegeln und
Schindeln hindurchstahlen, stand ein ehemaliger L'hombretisch mit eingelegten
Holzfiguren auf drei Beinen, den ernannte er zur Gerichtstafel. Er mute, um zu
ihm zu gelangen, einige Reihen leerer Champagnerflaschen, drei alte zerbrochene
japanische Vasen, ein messingnes Papageienbauer und ein verbogenes Jagdhorn
wegrumen; Zeugen und Denkmler einstiger glcklicher Tage. Hierauf lie sich
der Tisch bequem in die Mitte der Polterkammer bringen und mit Hlfe eines
Guridons von vergilbtem Alabaster, der sich dort auch irgendwo fand, auf einen
sicheren vierten Fu stellen. In einer andern Ecke stand ein orangeplschener
Grovaterstuhl, den schob er als Richterstuhl hinter die Gerichtstafel. Nun
fehlten nur noch die Akten, die Bcher und das Richterkostm, um dem Ganzen das
gehrige ehrwrdige Ansehen zu geben. Akten und Bcher fanden sich leicht, denn
es lagen da ganze Bndel alter Papiere und Haufen schweinslederner Bnde auf dem
Boden umher. Er nahm verschiedene Konvolute unbeantwortet gebliebener Mahnbriefe
auf und bedeckte damit die Gerichtstafel. An deren Rndern ringsherum stellte er
den Abb de la Pluche, Schelmuffskys Reisen, das Curieuse Welttheater und
die Asiatische Banise samt dem Leben der weltberchtigten Frau Neuberin als
richterliche Hand- und Hlfsbibliothek auf. Das Kostm lie sich schwerer
entdecken, doch war er auch in dieser Beziehung zuletzt glcklich. Denn als er
von der der Dachwand entgegengesetzten einen Bettschirm mit Schfern aus Geners
Idyllen hinweggetan hatte, sah er eine Reihe alter Kleidungsstcke an den
Ngeln hangen. Unter diesen erblickte er einen schwarzen Domino, von dem er sich
erinnerte, ihn auf der Vermhlungsredoute des letzten Frsten von Hechelkram
getragen zu haben, eine Sammettoque, in der seine Gemahlin einst einen
englischen Herzog bezaubert hatte, und eine abgelegte Spitzenfraise, deren
Geschichte ihm entfallen war. Er nahm diese drei Stcke, welche ihm
Richtermantel, Barett und Kragen bedeuten muten, und hing sie an einem Pflocke
der Gerichtstafel gegenber auf.
    Nachdem der Schloherr, also rumorend, die Gerichtsstube eingerichtet hatte,
setzte er sich in den orangeplschenen Grovaterstuhl, legte die Hnde auf die
Gerichtstafel und freute sich ber sein zustandegebrachtes Werk.
    Das hat mir gefehlt! rief er. Eine feste praktische Beschftigung
mangelte mir! Darum fhlte ich ungeachtet aller Studien bisher eine so
peinigende Leere. Denn wie gefllte Blumen zwar die schneren zu sein scheinen,
eigentlich aber krnkeln und frher absterben, als die einfachen, so ist ein
unbeschftigter Mensch, wenn er seinen Geist auch noch so herrlich schmckt, im
besten Falle doch nur einer gefllten Blume gleich. Die Krfte seiner Seele
vergeuden sich in eitler Bltterflle und abgesehen davon, da nach ihm keine
Frucht bleibt, so erstickt er auch selbst bald an dem bermae migewandter
Sfte. Dagegen leitet ein ttiger Beruf die Geister, welche das Leben nhren, in
die rechten Rhren und Kanle, von denen sie dann in gesunden und gottgeflligen
Bildungen als schlanke Stengel, frische Bltter, duftige Blten ausgehen. Alle
migen Menschen, und seien sie die bestgearteten, haben oder bekommen eine
Neigung, andern wehe zu tun, nur um doch mit etwas ihre Tage auszufllen,
whrend der Flei, der durch Geschick oder durch Vorsatz auferlegte, auch
geringere Seelen zu veredeln pflegt. Nicht mit Unrecht kann man sagen, da er
wie ein Magnet durch fortgesetztes Tragen unglaublicher Lasten mchtig wird,
whrend die Trgheit ein Stahl in der Scheide ist, den zuletzt doch der Rost
zernagt. Auch ist ferner zu sagen, da die emsigen Bienen, obzwar ihnen die
Natur einen scharfen Giftstachel gegeben hat, nur gereizt stechen, und den
Nichtbeleidiger unbeleidigt durch ihren Schwarm hindurchgehen lassen, wogegen
die nicht sammelnden Wespen jeden, auch den Ruhigsten mutwillig anzufallen
pflegen. Weshalb der Flei ein Freund seiner selbst und anderer genannt werden
darf, die Faulheit aber als Feindin an sich und jedermann handelt. Und darum ist
es mir so lieb, da meine letzten Tage nunmehr aus dem migen Schwrmen,
welches mich ganz aushhlte und vernichtigte, in eine rhmliche Ttigkeit sich
retten, bei welcher ich mit gutem Gewissen und starkem Bewutsein geduldig die
Rckkehr der alten Verhltnisse und meinen Eintritt in das hchste Gericht
erwarten kann. Auch da der Wohlstand sich wieder hebt, ist keinesweges gering
zu schtzen. Sechsmalhunderttausend Luftsteine sind ein schnes Einkommen, denn
wenn ich das Tausend Steine auch nur auf zehn Taler anschlage, so gibt das eine
jhrliche Revenue von sechstausend Talern. Von diesen will ich viertausend
verzehren, und den Rest zurcklegen, halb fr meine Tochter und halb fr mein
Pflegekind Lisbeth zu einer Aussteuer.

                                 Achtes Kapitel



                      Rechtsflle und Auseinandersetzungen

Als der Syndikus und Luftverdichter diese Rede vollendet hatte, hrte er jemand
auf den Sller kommen, rief ihn an und sah, da es Karl Buttervogel war, der,
wie er seinen Namen rufen hrte, ein Stck Wurst, welches ihm zum Frhstck
dienen sollte, schnell in die Jackentasche steckte. Der begnstigte Diener
pflegte nmlich auf dem Sller seine heimlichen Mahlzeiten zu halten, weil ihm
das Frulein dieses ausdrcklich vorgeschrieben hatte, solange sein verlarvter
Zustand dauern wrde.
    Sieh, sieh, mein Freund! rief der alte Baron, der fr Ewaren ein scharfes
Auge bekommen hatte, seitdem er sich so beraus mager behelfen mute, was hat
Er da? Schmecken Ihm so frh schon die fetten Bissen? - Ja, versetzte
Buttervogel, ich hab' die Wurst der Katz' abgejagt, die damit aus der Kche
sprang. - Nun, dann sei Ihm dieselbe gegnnt, antwortete der alte Baron, es
ist mir lieb, da das Ungeheuer auch einmal merkt, wie es tut, wenn einem der
Brocken vor dem Munde weggeschnappt wird.
    Karln war es gar nicht recht, da der Sller seine Einsamkeit verlieren
sollte. Er stand, kratzte sich im Kopfe, seufzte und sagte endlich: Werden der
gndige Herr von nun an hier fters sitzen? Auf die bejahende Antwort des Alten
seufzte der bisher wohlverkstigte Prtendent noch lauter, so da der Schloherr
neugierig wurde die Ursache dieses Grams zu erfahren, jedoch aus dem Bedienten
nur eine Rede von stiller Beschftigung, gegenseitiger Strung, gutem Brote,
vornehmer Liebe und Heiratserbieten, wenn fernerweite Verkstigung zugesagt
werde, bringen konnte - ein Gemengsel, in welchem er sich nicht zurechtzufinden
wute. - Was will Er eigentlich und warum sieht Er mich immer so sonderbar an?
fragte er Karln, der keinen Blick von ihm verwandte.
    Gndiger Herr, sagte der Schmetterling mit der Wurst in der Tasche, es
geht nun und nimmer mit zwei Verrichtungen an einem Orte! Wo ein Webstuhl steht,
kann keine Hobelbank stehen. Wofern Sie hier sitzen bleiben, ist's aus mit all
meiner Freude auf Schnick-Schnack-Schnurr, und Schwiegervter haben sonst auf
Schwiegershne einige Rcksicht genommen und ihnen nicht ihr Brot verdorben,
besonders wenn Schwiegershne mit dem gehrigen Respekt sich betragen, und ich
kann sagen, da noch kein unrechter Gedanke gegen Sie in dieses mein Herz
gekommen ist, und neulich verstanden Sie mich nicht, als ich Ihnen die Stiefeln
auszog und Sie bedeutsam anblickte, und heute wird's auch wohl noch dunkel
bleiben zwischen uns, das tut aber nichts, wenn das Herz nur was taugt, und Gott
sieht nicht den Rock an, sondern den Mann, und ich wollte Sie so gern schon
einmal vorlufig kindlich verehren, und deshalb bitte ich, reichen Sie mir Ihre
Hand zum Kusse und dann tun Sie mir den Gefallen, vom Sller zu gehen!
    Von allem Seinem Gewsche verstehe ich blo, da Er mich so gern von hier
fort haben will, von welchem Verlangen ich nun aber wieder den Grund nicht
einsehe, sagte der Baron. Hier hat Er indessen meine Hand. Er scheint mir
dennoch ein guter Kerl zu sein, und spricht vermutlich so dummes Zeug, weil Er
auch nicht geschlafen hat, denn die Nacht war unruhig. Der Alte reichte dem
Bedienten die Hand zum Ku, dieser ergriff sie seufzend und drckte mit den
halblauten Worten: Was hilft mir die Hand, wenn ich den Sller nicht behalte?
einen Ku darauf, worber der Schloherr gerhrt wurde und einige Trnen vergo.
Er befahl hierauf seinem Verehrer, den Herrn zu ihm zu rufen, da er notwendig
mit diesem sprechen msse, und er solle auch wieder mitkommen. Karl Buttervogel
ging die Sllertreppe hinab und murrte: Das wei ich schon, auf all mein Glck
legt der Teufel seinen Schwanz; wo soll ich nun in Zukunft meine stillen
Mahlzeiten halten?
    Er suchte seinen Herrn in der Stube, im Hofe; endlich fand er ihn im Garten
in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens. Dort hatte Mnchhausen, um
dem unermdlichen Sgen des Schulmeisters zu entrinnen, seinen Kaffee getrunken,
und war dann auf der Moosbank etwas eingenickt. Abermals erweckt, machte er ein
erbarmenswrdiges Gesicht und hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Diener
auszuschelten. Denn er konnte keine Nachtwachen vertragen; der Schlaf war sein
einziges Bedrfnis, auer diesem hatte er fast keins. Als er die Bestellung
gehrt, rief er: Ist denn der Alte ganz des Teufels? und machte sich mit dem
verdrielichen Bedienten verdrielich auf den Weg zu seinem Wirte. Unterweges
gingen sie an dem Sgebocke des Schulmeisters vorbei, an welchem dieser im
Schweie seines Antlitzes hantierte. Er warf dem Freiherrn einen gerhrten Blick
zu, hielt einen Augenblick mit seiner Arbeit inne und sagte: Obgleich Sie mich
nicht lieben, Herr von Mnchhausen, so haben Sie mir doch die grte Wohltat
heut zu Nacht erwiesen. Ich verdanke Ihnen mein Leben! - Da ich nicht wte,
antwortete Mnchhausen betroffen. Im Hausflur schnitt das Frulein Bohnen. Sie
lie das Messer ruhn und sagte zu Mnchhausen:
    Verstehst du mich in diesem Augenblicke, Meister? - Nein! fuhr
Mnchhausen unwillkrlich heraus. - Wie!? rief Emerentia berlaut und lie vor
Schreck die Bohnenschssel auf den Boden fallen, da das Geschirr zerbrach.
    Auf dem Absatze der Sllertreppe lehnte sich der Freiherr erschpft an
seinen Bedienten und sagte: Karl, ich frchte eine Katastrophe. Der eine
verdankt mir sein Leben, dem ich ber Nacht gesagt habe, er sei ein Narr; die
andere hat es nun weg, da ich sie nicht immer verstehe, und in den dritten ist
der Teufel der Industrie gefahren. Die Fden beginnen mir aus der Hand zu
schlpfen.
    Sie sind etwas herunter, mein Herr von Mnchhausen, erwiderte Karl
Buttervogel, Sie haben sich lange nicht chemisch geschmiert, ich mu bald in
die Apotheke gehen. brigens ist mir alles gleich, wenn ich nur technischer
Mitdirektor werde.
    Niedergesetzt, Mnchhausen, mir gegenber, und gleich einige Rechtsflle
aus der Luftmaterie mir vorgelegt, und Er, Buttervogel, kann als Aktuarius das
Protokoll fhren! rief der alte Baron den Eintretenden entgegen. Der Freiherr
sah mit Verwunderung die Anstalten in der Polterkammer und nunmehrigen
Gerichtsstube. Er wollte sich ein Ansehen geben und sagte ernsthaft zu seinem
Wirte, derartiges Strmen liebe er nicht, Fabrikanlagen seien mit der grten
Besonnenheit zu grnden, Hast und Leidenschaft strze dabei in dasjenige
Verderben, welches Defizit heie. Karl Buttervogel aber, der endlich gern seines
Stckes Wurst froh geworden wre, wandte bescheidentlich ein, er verstehe nicht
so flssig zu schreiben, um dem von ihm erforderten Dienste gewachsen zu sein.
    Der alte Baron lie sich aber nicht abweisen. Was! rief er in seinem
Fieber; erlahmst du Grnspecht eher als ich Graukopf? Schme dich! Allons!
Munter geblieben, die Augen aufgehalten! Und was Ihn betrifft, Buttervogel, so
tue Er blo so, als schreibe Er, wenn Er mit der Feder nicht rasch fertigwerden
kann. Er sitzt nur der Vollstndigkeit wegen mit da.
    Mnchhausen mute sich fgen und an der andern Seite der Gerichtstafel dem
alten Baron gegenber auf einem hlzernen Schemel Platz nehmen. Der Bediente
setzte sich mit einer Feder in der Hand zur schmalen Seite der Tafel.
Mnchhausen schttelte den Rest seiner Geisteskrfte zusammen und legte dem
alten Baron folgende Rechtsflle vor:
    Die Luftverdichtungsaktienkompanie kommt wegen widriger Umstnde nicht
zustande. Frage: Was geschieht mit den gezahlten Einschssen?




                            Urteil des alten Barons


In Betracht; da widrige Umstnde widrige Umstnde sind, wofr niemand kann:

In Betracht; da vor allen Dingen gehabte Mhe und Anstrengung zu belohnen ist,
damit niemand den Mut verliere, abermalen gemeinntzige Plane zu entwerfen:

behalten Direktoren, Verwaltungsrte und Syndikus die Einschsse und teilen sich
darin ratierlich. Syndikus mit doppelter Portion.
                                                                          V.R.W.

Vortrefflich! rief Mnchausen, du dringst zum Erstaunen schnell in die
Geheimnisse der Praxis ein. Es bleibt eine ewige Wahrheit, Amt gibt Verstand.
    Mit diesem Bescheide bin ich als technischer Mitdirektor ebenfalls
zufrieden, sagte Karl Buttervogel.
    Nun ein zweiter etwas verwickelterer Fall, sprach Mnchhausen.
    Her damit! rief der alte Baron. Mir wird keine Nu zu hart sein.
    Trebaz soll Mven ein Haus bauen. Auf Steine lautet der Pakt. Trebaz baut
ein regelrechtes Haus aus Steinen, im Bruche gehauen. Mv weigert Bezahlung,
weil er Luftsteine gemeint. Frage: Wer hat recht?


                            Urteil des alten Barons

Mv. Der Ausdruck: Steine ist zweifelhaft. In dubiis res ad minimum redigenda
est. Minimum ist Luft. Darum soll in Zukunft bei Baukontrakten allezeit die
Vermutung pro interpretatione aeriori, fr die luftigere Auslegung streiten, und
wer das bisher bruchlich gewesene sogenannte solide Material genommen, den
Schaden haben. Trebaz unterliegt, bekommt kein Geld und zahlt Kosten.
                                                                          V.R.W.

Deine Weisheit setzt mich in Erstaunen, Bruder Schnuck, sagte Mnchhausen.
Jetzt aber nimm dich zusammen, denn der dritte Fall spielt einigermaen in das
Gesellschafts- und Strafrecht.
    Zwei Luftaktionre bekommen miteinander Streit und der eine schilt den
andern: Windbeutel. Frage: Ist darin eine Injurie enthalten?




                            Urteil des alten Barons


Da Wind Luft ist, nur Luft in Bewegung;
    Da Luft, mithin auch Wind, recht eigentlich den Stoff darstellt, welcher zum
Metier der Aktienkompanie gehrt;
    Da niemand durch etwas, was zu seinem Metier gehrt, beschimpft werden kann,
der Ausdruck: Beutel aber ganz unverfnglich ist;
    ergehet Sentenz, da die Aktionre einander Windbeutel nennen drfen, ohne
dafr Genugtuung begehren zu knnen.
                                                                          V.R.W.

Das finde ich ungerecht, sagte Karl Buttervogel, und wer mich als technischer
Mitdirektor so nennt, dem gebe ich eine Ohrfeige.
    Der Aktuarius macht sich zu laut, sagte der alte Baron. Gehe Er hinaus,
Buttervogel, ich habe berdies an Seinen Herrn eine Frage zu richten, bei
welcher ich Seine Anwesenheit nicht wnsche. Karl entfernte sich eiligst.
    Der Schloherr holte aus einem Winkel drei alte bestubte Familienbildnisse
hervor, nmlich einen Mann im Harnisch mit Tressenhut und Kommandostab, einen im
schwarzen Mantel und weien Halskragen und einen im lichtblauen Hofkleide;
stellte sie vor Mnchhausen auf und sagte: Diese sind meine Ahnen: Athelstan,
Florestan und Nerestan von Schnuck-Puckelig. Athelstan war Generalfeldmarschall,
Florestan Kanzler, Nerestan Oberzeremonienmeister. Kann ich es nun vor ihnen
verantworten, da ich, als Edelmann von alter Familie mich ttig bei einer
Unternehmung bezeige, welche denn doch am Lichte besehen, keinen andern Zweck
hat als Handel und Wandel und Geldprofit, und an welcher allerhand Leute
geringer Herkunft teilnehmen werden, ja, der sogar ein Bedienter als technischer
Mitdirektor vorstehen soll? Leiden die Standesbegriffe nicht dabei, welche sonst
erheischten, da der Adel keine Handelschaft und kein Gewerbe treibe? Sieh, der
Zweifel ist mir in whrender Verhandlung aufgestoen.
    Mnchhausen versetzte, da in gedachter Beziehung der Adel mit der Zeit
fortgeschritten sei, es marchandiere heutzutage jedermann, Graf, Freiherr und
Frst, wie die geringste Krmerseele, unbeschadet der Standesbegriffe. Der Stand
sei wie der geweihte Charakter der Priesterschaft ein unauslschlicher, ein Graf
drfe an der Brse wuchern und den Juden das Brot vor dem Munde wegnehmen und
bleibe nichtsdestoweniger ein so unversehrter christlicher Graf, wie einer, und
wenn etwa noch ein Kreuzzug nach Jerusalem zustandekommen sollte, werde ihn
keiner der Seinigen von der Entreprise zurckweisen. - Indessen, setzte er
hinzu, wenn du darin zu delikat bist, so folge diesem schnen Gefhle, denn wir
haben freilich bei unserem Luftverdichtungsgeschfte mit unterschiedlichem Pack
zu tun, und zarter ist immer zarter.
    Nein, rief der alte Baron, was andere sich erlauben, das ist mir
unverboten! Ich habe in solchen Dingen gar kein Privat- sondern nur ein
Standesgewissen. So wre denn alles in Ordnung; nun wollen wir aber auch auf
nichts denken und sinnen, als wie wir dem Geschfte den schwunghaftesten Betrieb
geben. - Er nahm die drei Familienbildnisse und trug sie wieder in ihren
Winkel. Diesen Augenblick, als der alte Aktienschwrmer den Rcken wendete,
benutzte Mnchhausen und entwischte. Er eilte die Treppe hinunter in sein
Zimmer, stlpte hastig den Strohhelm auf das berwachte, glhende Haupt, lief
ber den Flur zur Tre, ber den Hof zwischen den beiden Wappenlwen, dem
stehenden und dem liegenden hindurch in das Freie, und suchte irgendeine einsame
Bauerhtte, oder auch nur einen abgelegenen Platz in Wald oder Feld, um endlich
Ruhe zu finden fern von dem Schlosse, in welchem er unvorsichtigerweise die
industrielle Begeisterung entzndet hatte.

                                Neuntes Kapitel



 Der Freiherr von Mnchhausen beginnt einen Heroismus im Erzhlen zu entfalten

Einige Zeit wartete der Schloherr auf die Rckkunft seines Freundes, da diese
aber nicht erfolgte, so begab er sich in sein Zimmer, legte die Nachtkleidung ab
und seine gewhnlichen Tageskleider an, welche in einem kurzen polnischen
Schnrrocke von grnem Sommerzeuge, in strohfarbenen kurzen Hosen und schwarzen
Kamaschen bestanden. Er setzte dazu seine gelb und schwarz gefleckte
Seehundsmtze auf, und ging, ein spanisches Rohr mit porzellanenem Knopf in der
Hand, da ihn die Unruhe daheim nicht leiden wollte, in das Freie, um allerhand
Fabrikanlagen vorlufig an Ort und Stelle zu berdenken.
    Drauen roch ihm die Luft natrlich ganz anders, als frherhin, wo er ber
ihre steinernen Bestandteile noch nicht aufgeklrt gewesen war. Ihr Geruch, den
er durch vielfaches Riechen und Schnffeln ausprfte, kam ihm so kalkicht und
gipsern vor; er wute nicht, wo er frher seine Nase gehabt hatte, solches nicht
zu merken. Ein Bauer, der am Schlohofe vorberging und den alten Baron bei dem
einen Wappenlwen stehen sah, die Nase sprend gegen die Wolken erhoben, grte
ihn hflich und sagte: Es stinkt verflucht. - Merkt Ihr auch etwas? fragte
der alte Baron freudig. - Wer sollte das nicht merken? rief der Bauer; sie
brennen drben Kalk in der Grube, der Stank zieht im Winde weit umher.
    Der Syndikus der Luftverdichtungsaktienkompanie verachtete herzlich die
drftige Auslegung dieses armseligen Bauern und ging quer durch die Dornen ber
Gras und Anger nach einem freien Platze, der ihm zur Anlegung der Fabrik
besonders tauglich zu sein schien, weil dort weit und breit umher die frischeste
Luft wehte. Er ma den Platz in der Lnge und in der Quere durch Schreiten ab,
notierte die Raummae in seiner Brieftasche, erwog, wo das Laboratorium stehen
sollte, wo das Magazin fr die Luftsteine und wo das Comptoir. Hierauf brachte
er eine flchtige Handzeichnung mit Bleistift zu Papiere, die ihm sehr wohl
auszusehen deuchte, und worin das Magazin die Form einer Null hatte. Er war
recht zufrieden mit diesen Vorarbeiten und rgerte sich nur darber, da ihn
Mnchhausen bei denselben im Stiche lie. Indem er zufllig nach der Abdachung
des Platzes, welche von einigen wilden Kastanien und Zwergeichen bestanden war,
hinuntersah, bemerkte er, da ein Mensch von seiner Raststtte unter einem der
Bume aufsprang und dann fortlief. Dieser Flchtling kam ihm, obgleich er ihn
nur von hinten sah, wie Mnchhausen vor. Er rief ihm nach; der Lufer hrte aber
nicht, sondern rannte querfeldein.
    Wirklich war es Mnchhausen, dem auch dort das erzrnte Geschick noch keinen
Frieden gnnen wollte. Ich verspreche aber den Lesern, ihn nun ruhig
irgendwoanders ausschlafen und ihn vor Abend nicht wieder erscheinen zu lassen.
    Der alte Baron hatte noch viel an jenem Tage zu tun und lief im Freien hin
und her. Am meisten machte ihm die Ermittelung eines Weges zu schaffen, auf dem
die Luftsteine zur nchsten groen Handelsstrae geschafft werden knnten, denn
das Land war ringsumher beraus uneben und hckricht. Nachdem er die Pfade, die
der groen Strae zuliefen, grndlich an mehreren Stellen untersucht hatte,
entschied er sich kurzweg fr Anlegung einer Eisenbahn mit etwa zwlf Tunnels
und fnfzehn gewlbten Brcken. Denn, sagte er, wer gewinnen will, mu sich
vor den ersten Auslagen nicht scheuen. Er berschlug, da der Personentransport
die Kosten mit einbringen helfen werde, denn natrlich kommen, sagte er,
jahraus jahrein viele tausend Reisende, um diese so sehr merkwrdige Fabrik zu
besuchen, die Sehenswrdigkeiten meines Schlosses gar nicht einmal in Anschlag
gebracht.
    Nichts war ihm verdrielicher, als da die Fabrik nicht bereits stand. Erst
gegen Abend kam er in die Burg seiner Vter zurck, ermdet, schweitriefend,
aber im Herzen frhlich. Den ganzen Tag ber hatte er an Speise und Trank nicht
gedacht, und nun mute er mit einem ziemlich oberflchlich behandelten Rhrei
nebst einem versottenen halben Grashechte frliebnehmen. - Wer mich zwischen
diesen kahlen Wnden, an dem schlechten kiefernen Tische, dem ausgekochten
Fischlein und der brenzlichten Eierspeise gegenber sitzen she, mte mich fr
einen verlorenen Mann und Hungerleider halten, schmunzelte er. Wo ist da,
menschlichem Gedenken nach die Hoffnung irgendeiniges Glckes ersichtlich? Und
doch steht das Glck nahe, ganz nahe, denn sechsmalhunderttausend Luftsteine hat
noch nie ein Schnuck zu beziehen gehabt. Wahrlich, es ist ein eigenes Ding um
das Geschick des Menschen. Der Mensch kann durch Unmut zur Verzweiflung
gebracht, in seinem Zimmer die Pistole laden, sich zu erschieen, whrend unten
an der Tre schon der Postbote klopft, ihm den Brief mit der Nachricht von der
reichen Erbschaft des unbekannten Vetters aus Surinam zu bringen. In
gegenwrtiger Zeit ist nun der erfindende Geist des Menschen, der in einem
Augenblicke Leid in Freude, Klage in Jauchzen verwandeln kann, der reiche Vetter
aus Surinam; unterdessen freilich schmeckt dieser Grashecht sehr zhe und fast
wie Leder.
    Etwas spter kehrte Mnchhausen heim, ausgeschlafen, neugestrkt, mit
hellen, grellen Augen. Er fhlte in sich Kraft und Mut, dem Alten die Spitze zu
bieten, und war entschlossen, ihn heute abend nicht zu Worte kommen zu lassen,
sondern ihn, sozusagen, daniederzuerzhlen. Es freute ihn, als er hrte, das
Frulein sei unpa und werde deshalb nicht von der Gesellschaft sein; so durfte
er sich auch vor ihren Fragen und Bemerkungen sicher halten. Weil aber ein
Vorleser den Faden ununterbrochener in seiner Hand zu behalten vermag, als ein
Erzhler, stopfte er auf seinem Zimmer sich einige geschriebene Hefte voll der
ungereimtesten Erzhlungen in die Brusttasche seines Rocks, und trat so gerstet
zu seinem Wirte ein, der eben von Karl Buttervogel den halben Grashecht abrumen
lie, von dem er nur ein Weniges hatte genieen knnen.
    Aha, rief der Alte Mnchhausen entgegen, kommt der Ausreier endlich? Ich
habe mit Ihm noch ein Hhnchen zu pflcken. Lt da Seinen Vertrauten und
Kompagnon in der Sonnenhitze allein die Arbeit tun! Wenn Ruhe zu dergleichen
Unternehmungen gehrt, so knnen sie doch auch ohne Betriebsamkeit nimmer
geraten. Vergnne mir, dich daran zu erinnern. Und nun setze dich her, sieh hier
den Grundri, den ich entworfen, und la uns darber in eine umstndliche
Beratung treten, damit der Bau begonnen werden kann.
    Lngst hatte Mnchhausen ein Heft aus seinem Busen gerissen, es entfaltet,
und auf seinen Augenblick gewartet. Jetzt, als der alte Baron eine Pause machte,
um Atem zu schpfen, setzte er rund und rasch ein und las mit unhemmbarer
Schnelligkeit, wie folgt.


                                      Ich

                       Fragment einer Bildungsgeschichte

Mein sogenannter Vater, welcher den huslichen Unfrieden, von dem ich die
unschuldige Ursache war, nicht lnger ertragen konnte, sagte zu meiner
angeblichen Mutter: Desdemona, es mu geschieden sein. Ich habe es geduldet,
da du mir tglich einige und dreiigmal sagtest, du seiest meine Gattin nicht
aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung fr meinen seligen Vater, den Lgner,
geworden; geduldet sechzehn Jahre und neun Monate lang, aber da du diesen armen
Wurm, den ich mir habe sauer genug werden lassen, bestndig knuffst, wo du ihn
siehst, verletzt mein Gefhl allzusehr. Lebe wohl, Desdemona, wir wollen
einander nicht fluchen, wir wollen aneinander schreiben, aber miteinander leben
knnen wir nicht lnger.
    Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch
nicht gehen und stehen konnte, obgleich ich brigens bereits klger war als
mancher Dreiiger, in seine linke Rocktasche und strzte ab, whrend die
verlassene Gattin sich im Gefhle weiblicher Wrde an das Fortepiano setzte und:
Nach so viel Leiden usw. sang.
    Mein Vater strzte die Dorfstrae hindurch, er strzte auf die Strae nach
Braunschweig. Ich bat ihn langsamer zu gehen, die heftige Bewegung mache mir
Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe die Nase an seinem Beine,
gegen welches die linke Rocktasche flog. Er aber hrte nicht auf mich, sondern
strzte immer heftiger fort, unter Trnen rufend: Du solltest ein Opfer jenes
bsen Weibes werden, du sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das
Produkt meiner tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz!-
Ich litt unaussprechlich bei den Ausbrchen dieser heftigen Zrtlichkeit und bei
den durch sie hervorgebrachten strmischen Bewegungen der Rocktasche. Damals
schpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, da die Menschen, wenn ihre
Liebe recht hei ist, dem Gegenstande derselben hundsbel machen knnen.
    Zum Glck kam ein Postillion halben Weges mit einer leeren Extrachaise von
Braunschweig retour gefahren; den bestach mein sogenannter Vater, der Schwager
verriet fr einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm uns auf, kehrte um
und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete mein Vater einen Hauderer, der
uns ber Scheppenstedt, Magdeburg, die Walachei hindurch nach Thessalonich fuhr.
In Scheppenstedt sollte gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie
errichtet werden, in Magdeburg war Landestrauer, weil die Kle in dem Jahre
nicht geraten wollten, in der Walachei werden lauter Wallachen gezogen, bei
Thessalonich kommt man schon in das Trkische.
    Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche htte sitzen mssen! Ich hatte
den brennendsten Drang nach Selbstndigkeit, nach unumschrnkter Beobachtung,
und mute da immer zwischen Schinken und Semmel und Sauerbraten verchtlich
zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein Frhstck in die linke Rocktasche
zu senken, und ich durfte nur so eben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu
meinem Vater in jedem Nachtquartiere: Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an,
lassen Sie mich neben Ihnen sitzen. Er aber gab mir dann jederzeit einen
vterlichen Ku und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie er sagte, auer
der Tasche verlorengehen knne. Mein jugendlicher Frohsinn schwand in der
Tasche, ich fhlte, da ich mich selbst mndig sprechen msse, und wartete auf
die erste gnstige Gelegenheit, diesen Entschlu auszufhren.
    In Thessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der Hauderer
erhielt gute Rckfracht, nmlich einen gefhlvollen, liberalen Russen mit seinen
vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen. Bei Thessalonich geht wie
gesagt, schon das Trkische an. Mein Vater wollte dort ein Mittel gegen die
Emanzipation der Frauen ausfindig machen, und ich sollte Kadett bei den
Janitscharen werden, sobald ich gehen und stehen knne. Wir hatten
Empfehlungsbriefe nach der Trkei von Hannover mitgenommen. Indessen wendete das
Schicksal alles gar anders.
    Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: Sogenannt, hinzufgen,
versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren, hauptschlich um
meinetwillen, um, so sagte er, mir frh Empfindung fr die schne Natur
beizubringen, berlegte nur nicht, da ich in der linken Rocktasche von der
schnen Natur wenig zu sehen bekam und ihm daher in meiner Finsternis auf das
Wort glauben mute, wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen
durchguckend, in welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht,
von der gttlichen Aussicht, von der blauen duftigen Ferne und dem goldenen
Morgen-oder Abendrote laut schwrmte. Eine recht verkehrte Erziehung! Ich bat
ihn flehentlich, er mge mich doch wenigstens in einen seiner Stiefeln stecken,
wie die Samojeden ihre Kinder bei sich fhren - er trug weite Schlappstiefeln
mit seidenen Troddeln vorn - jedoch vergebens. Auch aus den Stiefeln frchtete
er mich zu verlieren. Meine Lage wurde allgemach unertrglich und ich weinte oft
die linke Rocktasche ganz na.
    Eines Tages sa mein Vater mit dem Rcken gegen einen lbaum gelehnt, sah
die Sonne untergehen und war auer sich ber ihren purpurnen Widerschein im
Meerbusen von Thessalonich. Sonst pflegte er bei allem Enthusiasmus die Hnde in
der Tasche zu halten, so da kein Entrinnen gedenkbar war. Dieses Mal bermannte
ihn aber seine Begeisterung, er schlug unter Interjektionen die Hnde ber dem
Kopfe zusammen, und ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlpfen.
Da sah ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft. Ich
kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glcken wollte, whrend mein
Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte. Ich war eben in der Furcht vor
Schlgen auf dem Rckwege nach der Tasche - denn mein Vater zchtigte mich
ungeachtet aller Liebe sehr oft in der empfindlichsten Art - als das Verhngnis
mit mir die wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange fortsetzen und mir
die eigentmlichsten Erfahrungen geben sollten.
    Pltzlich fhle ich mich nmlich von einem groen, dunkeln Etwas
berschattet, hre einen Lrmen, wie wenn ein Baum knattert und fllt, fhle ein
rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe, sehe mich pfeilschnell
erfat, in die Lfte gefhrt, wolkenhoch emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne
ich mein Los, und rufe mir zu: Du bist in den Fngen eines Lmmergeiers, du
armer, deinem Vater so sauer gewordener Wurm! Warum, Unglcklicher, verlieest
du die Tasche? - Die Lage des Kindes war schaudervoll! ber mir der goldgelbe
Bauch und die korallenrot glhenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und
Wolken oder Schwrme folgenden und krchzenden Gefieders, welches dem Geier
seine Beute mignnt, tief, schwindlicht tief unten Land und Meer wechselnd als
dunkele und blanke Streifen! - Der Geier fliegt und fliegt; er ist ein Geier,
der auf Reisen geht und sich seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das
Ungeheuer schreit bestndig: Pfy! Pfy! - Da rufe ich mit dem Witze der
Verzweiflung: O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst ber dich
Pfy! aus, abscheulicher Franz Moor der Lfte; Pfy! ber deine mehr als
unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fllst du zuweilen
ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich nicht das
gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst Kinder, Barbar? Jammert
dich der Vater nicht, der drunten mit dem Rcken gegen den lbaum gelehnt sitzt,
vermutlich noch immer die Sonne sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche
glaubt?
    Ich war, man sieht es hieraus, ber meine Jahre gereift. Der Geier kehrte
sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.
    Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermelicher Hhe strze ich hinab; mir
vergeht Hren und Sehen. Als ich von meiner Betubung erwache, liege ich weich
gebettet, und ohne da mich eines meiner Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf
dieser Lagersttte um; sie ist ein Carbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt
zwischen zwei Tamarisken. Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bumen, die
abgeschossene Perkussionsflinte in der Hand, der frchterliche Geier liegt
einige Schritte davon blutig am Boden, schlgt mit den Flgeln und zuckt und
schnappt in letzten Zgen. Etwas weiterhin graset, abgezumt, ein Reitpferd.
    I killed the vulture, sagte der gromtige Brite nachdenklich, hob mich
vom Carbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse hin und fuhr
gleichgltig fort: You shall stand indebted for it all your life, Sir. Adieu.
    Er zumte sein Pferd auf, schlug den Carbonaro malerisch um die Schultern,
bestieg den Klepper und ritt fort. Um Gottes willen, Mylord, habt Ihr mich
darum gerettet, um mich in dieser Einde dem Hunger, dem Durst, den wilden
Tieren preiszugeben? rief ich. Bei der Gnade des Himmels! nehmt mich auf der
Kruppe Eures Pferdes mit. - You would deprive me of my comfort, versetzte der
gromtige Englnder kalt und ritt wirklich fort, so da ich ihn bald aus dem
Gesichte verloren hatte. - Elender, sagte ich dumpf, ist dieses die Gromut
Albions? Du dachtest an dein Jagdvergngen und nicht an das gebildete Kind
gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters, als du
schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt! Bewaffne dich
mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher Knabe, verwerfe dich!
    Durch diesen Monolog fhlte sich meine Seele erhoben und gekrftigt. Ich
empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier schuldig war,
der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm und sagte: Ein anderes
Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich haben, Federvieh! Die Naturgeschichte
erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf Hirtenknaben zu stoen, nicht aber auf
gebildete Kinder gebildeter Eltern. - Der Geier drehte seinen borstigen
Schnabel matt nach mir um und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger
Reue in den Augen.
    Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine ber der
andern, und in der Ferne noch hhere Kuppen! Flechten, Moose und Heiden
bedeckten den Stein, Alpenrslein zeigten die roten Kronen, wilder Lorbeer,
Tamarisken, Johannisbrotstauden standen in leichten, dnnen, malerischen Gruppen
umher. Ich war auf einer bedeutenden Hhe, denn die Luft zog scharf und khl,
allem Vermuten nach auf einem der berhmten griechischen Berge, denn der Geier
war mit mir sdwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in der
peinigendsten Ungewiheit ber diesen Punkt, weil ich einsah, da es vor allen
Dingen ntig sei, mich rtlich zurechtzufinden, um den richtigen Weg nach
Thessalonich und der linken Rocktasche einzuschlagen, die mir bei den schweren
Erfahrungen, welche ich in so kurzer Zeit ber Geier und Englnder gemacht
hatte, schon jetzt wie ein verlorenes Paradies vorkam.
    Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die Gegend schien so einsam, da kein
Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken lie. Ich wollte anfangs das
Geschick befragen und an meinen Jackenknpfen abzhlen, ob ich auf dem ta,
Parna, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf aber dieses Auskunftsmittel
als zu kindisch und meiner nicht wrdig.
    Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger und Durst
begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer allein da droben, ich und
der tote Geier die einzigen lebenden Wesen in jener Einde! Mich fror in meiner
leichten trkischen Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte
machen lassen! Sie bestand in weien Pumphschen, in einem auf europische Art
zugeschnittenen roten Collet mit gelben Litzen und in dem Turban, der damals
noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Sbel klirrte an meiner Seite
und einen Schnurrbart trug ich auch, vorlufig einen mit Kohle gezeichneten.
    Um wenigstens meinen Durst zu lschen - denn gegen den Hunger gab es da
freilich nichts, als Stengel, Bltter und Alpenrosen - kroch ich zu einer
Quelle, welche zwischen grnlichen Klippen hervorsprudelte und an diesem ihrem
Ursprunge von einigen der schnsten Lorbeern berstanden war. Ich ahnete, da es
mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben msse, denn Gewalt und Klarheit
wohnten in ihm so nahe beieinander, da es kein gewhnlicher Spring sein konnte.
Zischend und schumend drang der Strahl unter dem moosigen bekruterten Steine
an das Licht, als koche er, und einen Schritt weiter flo schon das klarste
beryllgrnste Na ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.
    Ich bckte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde mir da!
In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein Wallen, in meinen
Gliedern ein Glhen, in meinem Herzen ein Klopfen, in meinem Haupte ein
Schwrmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen mir vor den Sinnen
umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform kam mir vor wie das rote
Meer, meine weien Pumphschen leuchteten mir wie der Schnee der Alpen und mein
kleiner blecherner Sbel gemahnte mich wie das Schwert des Alexander. Ich
ffnete die Lippen, und sie sprachen unwillkrlich:

Gesperret lange Zeit in eine Tasche,
Selbstndigwerdenwollend ausgekrochen,
Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,
Dem Albions Gromut drauf den Hals gebrochen,
Und als dir nun gesunken die Courage,
Fhlst du in Grimmen, Glhen, Wallen, Pochen
Dein Herz gelset fluten gleich der Trne
Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!

Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach am
Helikon! Meine Lippen ffneten sich abermals und skandierten unwillkrlich:

Sauerbereiteter Wurm des gtigsten Vaters,
Fr die Kadettenanstalt des gresten Sultans
Mit dem Sbel aus Blech bewaffneter Knabe,
Streife das rote Collet und die weien batistnen
Hschen vom Leibe dir ab und glnze in reiner
Klassischer Nacktheit!

Wirklich warf ich Sbel, Collet, Turban, Pumphschen, kurz alles und jedes ab,
wlzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkrlich, von dem Musenwasser
getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in meine Seele und Weisen auf
meine Lippen gedrngt; ich sang:

Feinsliebchen, wenn du suchest mich,
Trala!
Du findest mich ganz sicherlich
Sasa!
Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'
Ein Liedchen fr den Almanach!

Feinsliebchen, weit du, was das ist?
Trala!
Ein Bchlein voll von Jesu Christ
Sasa!
Und Blmelein und O! und Ach!
Das ist der Musenalmanach!

Ich hatte rasch den Entschlu gefat, einen Musenalmanach zu schreiben, ganz
allein ich selbst; um mir mein Brot zu verdienen, denn - rief ich -

Warum denn andre brauchen und deren Instrumente?
Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.
Er blst mit seinem Munde, dem Finger fnfe dienen,
Das lippenhauchgenhrte, das Flteninstrumente,
Und streichet mit dem Bogen, geknpft am Ellenbogen,
Das saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,
Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stet
Das Kindern klingklangwerte, das Beckeninstrumente,
Und Klpfel an den Knieen mit mut'ger Rhrung rhren
Das kesselbauchbeschwerte, das Paukeninstrumente,
Von seinem Haupte aber die Glcklein schwingend bimmelt
Das Roschweif' nie entbehrte, das Halbmondinstrumente.
So mit Gebls' und Streichen, mit Stoen, Rhren, Bimmeln
Sah ich, als sein der Meister fnf da der Instrumente,
'Nen einz'gen jngst noch spielen am Markt das mannigfalte
Flt- Geige- Becken- Pauken- und Halbmondinstrumente.

Damit war meine Begeisterung noch nicht erschpft. Formen und Verse, Weisen und
Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen, Dezimen, Kanzonen,
Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwrtliches, Afrikanisches,
Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und Sendebltter, Runenstbe,
Gepanzertes und Geharnischtes, Bltter und Blten, Schutt - alles dieses und
noch unendlich viel mehr entquoll meinen unermdlich vom Wasser bewegten Lippen,
so da ich glaube, ich armes nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an
jenem Abende in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen
meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich wei nicht, ob ich mich nicht
totgeschrieen haben wrde und ein lyrisches Opfer geworden wre, htte nicht das
Schicksal, welches mich schon aus den Fngen des Geiers rettete, nunmehr mich
auch von den Folgen jenes hippokrenischen Sauerbrunnens befreit.
    Auf einmal nmlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste
eines enthaupteten Hottentotten auszustrmen, fhlte ich mich von allen Seiten
angerannt, bergerannt, beschnoppert, beleckt, befhlt, bestoen, betrampelt. Zu
Boden geworfen, sah ich nichts ber mir und um mich als gelbe Augen, drre
Beine, rauche brtige Gesichter. Eine Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein
zum Orte gekommen und bte an mir diese etwas strmische Bewillkommung aus. Mein
anfnglicher Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr
bald, da ich gutmtigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur durch ihre
Individualitt bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude ber den Fund des
kleinen Lyrikers zu uern. Das waren keine blutdrstige Lmmergeier, es waren
sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie riefen alle im Chore: Ach, der
arme Kleine! der Verlassene! Da liegen seine Hute, er mu eine frchterliche
Krankheit gehabt haben, wovon sie sich abgeschlt haben, nun sieht er wie
geschunden aus. Lat uns seine Wunden lecken! der Jammervolle! Ich mute im
stillen ber diese unerfahrenen Ziegen lcheln, welche meine
Janitscharen-kadettenuniform fr einen abgestreiften Balg und meine heile, weie
Haut fr geschunden ansahen, beschlo indessen Achtung vor dieser Volksmeinung
zu haben und nicht bereilt mir durch Erffnung einer hheren Wahrheit bei den
Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald gentigt, Einspruch zu tun, denn
alle Ziegen leckten in ihrer wohlttigen Absicht so eifrig an mir umher, da ich
es vor Kitzel nicht lnger aushalten konnte. Ich ergriff daher das rechte
Vorderbein derjenigen Ziege, welche mir die lteste und verstndigste zu sein
schien, mit meinen kindlichen Hnden, drckte es an mein Herz und sagte:
Ehrwrdige Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der
Natur, und berlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht zufolge
wunden und geschundenen Haut! - Wirklich lieen die gutmtigen Ziegen, sobald
sie meinen Wunsch vernommen hatten, von ihrer Leckkur ab.
    Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit possierlichen
Mienen und Gebrden umstanden hatten, drngten sich jetzt, entsetzt seitwrts
blickend, den Mttern so innig an, wie die jngste der Niobiden dem Schoe, der
sie doch nicht vor den schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie
schrieen meckernd: Der Geier! der bse Geier! und zitterten und bebten, als ob
jener tote Bsewicht sie noch fressen knnte. Anfangs schauerten auch die Mtter
bei seinem Anblicke zusammen, indessen faten sie sich bald und beruhigten die
Zicklein mit verstndigem Meckern. O, rief eine der Ziegen, wie vielen Dank
sind wir diesem armen kleinen Findlinge schuldig! Ohne ihn wrden wir
wahrscheinlich den Verlust eines von euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben!
Der Lmmergeier sah aber ihn und nahm ihn an eurer Statt in die Lfte! - Hier
erwachte mein ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke
auf der Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: Meine
Damen, Sie sind im Irrtum. Da jener Ruber mich fr einen Hirtenknaben hielt,
den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen darf, war schon
unverzeihlich von ihm, da er mich aber gar fr ein Ziegenlamm htte halten
sollen, dazu traue ich ihm denn doch zuviel Verstand zu. - Das Wundfieber
phantasiert aus ihm, riefen alle
    Ziegen, er wei nicht, was er spricht. - Meine Schwestern, hob die
lteste der Ziegen an; uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen
erfordert unsere Ziegenpflicht; um so mehr, da es ein Opfer fr eines unserer
Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und spterhin
wollen wir berlegen, was von uns fr ihn geschehen kann!
    Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mtter voran, die Zicklein folgend.
Die Mtter stieen mich mit ihren Kpfen vorwrts; ich weinte und schrie, da
ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder anziehen wolle, denn die
klassische Nacktheit beginne mir frostig zu werden, davon aber wollten die
Ziegen nichts wissen, sondern hielten es fr eine neue Fieberphantasie, da ich
in jene kranken Hllen kriechen wolle. Ich mute mich daher fgen, klammerte
mich zwischen zweien der Gesetztesten mit den Hnden an deren Zottelpelzen an,
und konnte so notdrftig mit der Herde mich fortbewegen.
    An Abgrnden vorbei, auf rauhen Pfaden, ber welche meine tierische
Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer groen Felsenhhle, dem von der
Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Rumlich und wohnlich war die
Hhle, ein warmer Hauch schlug aus der tiefen Wlbung meinem frierenden Krper
wohltuend entgegen, der Boden und die Seitenwnde waren mit weichem Moose
ausgepolstert, das ertastete ich, als wir hineingingen. Der se, aromatische
Duft des Thymians, welcher auf jenem Gebirge berall blht, drang in die Hhle,
kurz, dieser Aufenthaltsort konnte nicht trstlicher gedacht werden, wenn man
einmal von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.
    Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr
Wiederkuungsgeschft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter, und sogen,
aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen in diesem
Kreise? Traurig sa ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen, hungerte und
durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige Milchnahrung, wenn die
Kinder des Hauses gesttigt sein mchten. Glaubst du denn, rief die lteste
der Ziegen, welche die andern Sisi nannten, da wir dich nicht lngst auch zu
unsern Nahrungsquellen herbeigelassen haben wrden, wenn wir nicht wten, da
dein Wundfieber jede berladung des Magens tdlich machen kann? - Ich bat sie
bei den Huptern ihrer hoffnungsvollen Lmmer, es darauf zu wagen, ich
verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte
Verhandlung ber die Zulssigkeit oder Nichtzulssigkeit des Sugens in meinem
Zustande ergab, welche in den Beschlu auslief, da mir ein weniges an Milch
wohl verstattet werden mge. Froh ber diese Entscheidung kroch ich zur
barmherzigen Sisi und sog die ersehnte, heilsame Nahrung in mich. Als ich aber
im besten Saugen war, wurde ich schon wieder abgestoen, weil ein mehreres, wie
die um mich besorgten Ziegen ngstlich ausriefen, mir sicherlich schaden wrde.
Ich war daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr
geschtzt.
    ber meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche ein
Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so liebevoll gesinnt,
da jede mich in ihren Pfoten erwrmen und keine mich der andern gnnen wollte.
Ich mute voraussehen bei diesem Liebesfeuer die ganze Nacht ber ungewrmt zu
bleiben, rief daher: Wohlttige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren
kleinen Lyriker, lat ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen! - Dieser
Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre Pfoten, dann die
Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi, dann die Lili, dann die
Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die Didi, dann die Wiwi, dann die Kiki,
endlich und zuletzt morgens gegen vier Uhr die Zizi, die jngste dieser
meckernden Grazien. Denn diese Namen, alle in i endigend, fhrten die zwlf
Ziegen, aus denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gesprche zufllig
erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn ich hatte
fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder aufzustehen, indessen
erfror ich doch nicht.
    Wundert ihr euch, da ich das Gemecker der Ziegen so bald verstehen lernte?
Ihr httet euch eher darber verwundern sollen, da ich den Englnder verstehen
konnte.
    Betrachtungen ber mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen
Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwlf Wohltterinnen allenfalls noch htte
verstatten mgen. So bist du denn, dachte ich, indem du deine Selbstndigkeit
erringen wolltest, in die Klauen eines Usurpators und darauf nach kurzem
lyrischem Taumel unter das Vieh geraten, von welchem du nicht einmal fr voll
angesehen wirst.

Erlaube mir, rief hier der alte Baron, da Mnchhausen einen Augenblick
innehielt, diese hirnlosen Geschichten zu unterbrechen und mit dir von unserer
Fabrik -
    Sogleich, versetzte Mnchhausen, meine Erzhlung geht zu Ende.

In den nchsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und ihren
Zicklein die Weide. Ich mu ihnen das Zeugnis erteilen, da sich die
Ziegenmtter gegen mich immer gtig und liebevoll betrugen, und da auch ihre
Kinder nicht allzuarg mit mir umgingen, obschon diese freilich, mutwillig, wie
die Jugend einmal ist, allerhand neckende Possen trieben, welche auf mich Bezug
hatten, z.B. sich gegen mich bumten, mir ber den Kopf wegsprangen, nach mir
stieen, und was dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes
Kind gebildeter Eltern nur verachten konnte. Du bist unter Ziegen, sagte ich
zu mir selbst, wenn der Grimm in mir berwallen wollte, vergi das nie, kleiner
Mnchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters. Ich fhlte, da ich mich
dem Zustande, in den mich nun einmal die Fnge des Geiers und die Kugel des
gromtigen Englnders geworfen hatten, anbequemen msse, versuchte also
zuvrderst auf allen vieren zu laufen, da ich ohnehin auf meinen beiden kleinen
menschlichen Fen noch nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich
auerdem, auf jene bumenden, springenden, stoenden Scherze einzugehen,
freilich nicht ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem fhren sollte.
    Wenn die gtigen und liebevollen Ziegenmtter sich nur nicht von vorgefaten
Ideen so sehr htten leiten lassen! Aber es war meinen Bitten unmglich, sie zu
bewegen, da sie mir meine Janitscharenkadettenuniform zukommen lieen; sie
blieben steif und fest dabei, da dieses Collet, diese Hosen, dieser Turban
berbleibsel krankhafter Hutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb
ich, so da mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich
fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den
erkltenden Einflu der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch bekam ich
immer nur halbe Portionen aus Sorge um mein angebliches Wundfieber. Oft knurrten
meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem war ich der Liebling der ganzen Herde
und smtliche zwlf Ziegen auf i nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich
hatte meine Verwunderung darber, so viel Menschliches unter dem Volke zu
finden, welches doch, wie ich aus allen Reden und uerungen, die ich hrte,
abnahm, in einer vlligen Einsamkeit und Absonderung von der brigen Welt auf
diesen helikonischen Hhen erwachsen war, und gegen die Menschen, von denen es
nur durch Hrensagen wute, eine so tiefe Verachtung hegte, wie die tugendhaften
Houyhnhnms des Dechanten Jonathan Swift gegen die sndlichen Yahoos.
    Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel Schnes.
Der erste Frhstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht kennt, in unsere
Hhle und beleuchtete ihre moosigen Klfte, vor denen nach dem Tage zu leichte
Geflechte wilden Weines und bunter Winden hingen. Rote Lichter und farbige
Schatten umspielten die Herde, die umher an den Steinen und Mooswlsten noch lag
und schlummerte, bald aber sich erhob und die Glieder dehnend in den Morgenwind
hinausschritt, der die Waldreben und Winden suselnd bewegte. Wie herrlich
glnzte dann der hohe Gebirgsrcken mit seinen tausend Zacken und Klippen vor
uns, wie nagte geschftig der scharfe Zahn an den wrzigen Krutern, die ihn
bedeckten, wie leckmulerig wurde, wenn diese Kost genossen war, emporstrebend
die aromatische Rinde der Stauden und Bume abgeschlt, wie labte nach solcher
Speise die se Khle der gttlichen Quelle! Die Lfte wehten erquicklich und
labend ber diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet
und erzhlten die Sagen der alten schnen Gtterwelt. Tief drunten in weiter
Ferne lagen die Stdte der Menschen mit dem gemeinen Wuste ihres Wesens; zu
diesen seligen Hhen drang der Schrei des Bedrfnisses nicht und nicht der
Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem Gestein, umsprot von wilden Rosen
und Feigen, der melodische Schall der Steindrossel oder tnte aus den Heiden und
Thymusbschen der goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner,
unschuldiger in der Nhe des Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufri,
denn alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Grser, Blumen, Bsche, Bume,
welche das schumende und doch so ruhige Na benetzte, oder auch nur mit seinem
feinen Dufte erreichte, standen stolzer und vornehmer da, als die Gewchse der
Flche. Wenn der Alpenhauch ihre Spitzen und Kronen rhrte, beschrieben die
Stengel und Zweige schne, dem Auge wohltuende Linien in den Lften. So war
jegliches da droben verfeinert, abgeklrt und selbst im Krftigen zart;
Scheltworte, zu denen etwa einmal eines gegen das andere sich verga, adelten
die Winde des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nhe bot,
die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die gttlichen Hupter des Pindus,
Parnassus und Kithron.
    Mittags rasteten wir gewhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann kamen die
Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche. Sie bewohnten eine
andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite des Berges und fhrten eine
abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen beiden Geschlechtern bestanden hier die
edelsten und keuschesten Verhltnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der
Jugend, welchen nur in dem niedern Zustande gemeiner zahmer Ziegen die
herabwrdigende Bezeichnung von Bockssprngen zukommen kann. Hier war in diesen
Spielen feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings im
Kreise gelagert freuten sich die sanften Mtter und die ernsten, ehrwrdigen,
bebarteten Vter der herrlichen berquellenden Lust und dachten ihrer einstigen
Zeit. Meldete sich nun wieder der Glubiger unter dem Zwerchfell, der nie die
Schuld einzufordern vergit, d.h. wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas
fressen, so schied man mit herzlichem Grue und dem frohen, getrosten Worte:
Auf Wiedersehen! Beide Geschlechter gingen zu ihren Weidepltzen, und nun
wurde noch ein leichtes Vesperfutter abgerupft. Wenn aber die dmmernde Eos mit
Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den klassischen Boden zu netzen begann,
schritten wir lieblich meckernd heimwrts, erreichten vor der vlligen
Finsternis die bergende Hhle und streckten uns saugend oder wiederkuend in
ihrer behaglichen Wrme auf dem sammetnen Moose aus. Bald go ein leichter,
trumeloser Schlummer seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und
Wiederkuen ein Ende.
    Ich sage: Wir, ich sage: Uns, ich sage: Unserem. Mit mir war nmlich
eine wunderbare Vernderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu Tage flinker auf
allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen Spielen der Jugend, bei welchen
ich mich anfangs hchst ungeschickt betragen hatte, allgemach immer dreister
teil und rannte eines Tages erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem
Bcklein, welches mich zu diesem Stokampfe herausgefordert hatte, so tapfer
zusammen, da das Bcklein strzte, ich aber stehen blieb, worber alle Ziegen
und ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelchter aufschlugen. Ich hatte, da mir
die Milchnahrung nicht gengte, mich an das Nagen von Grsern und Knabbern von
Baumrinde gegeben, zuerst den heftigsten Widerwillen gegen diese Speise
versprt, allmhlich aber ihn schwinden sehen und gefunden, oder zu finden
gewhnt, da Gras wie grner Kohl und Rinde wie Krautsalat schmecke - alles das
war in mir vorgegangen, aber ich hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht
ber mich nachdachte. Ein unvorhergesehener Vorfall entzndete endlich in mir
die Fackel der Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand
verstehen.
    Eines Abends liege ich in der Hhle neben der Ziege Quiqui. Die Zicklein
sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mtter kuen wieder und
unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich schlafe noch nicht. Es geht
mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu nennen wei, es ist ein formloses
Etwas, was sich nach und nach durch die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt
und dort ein losgebundenes Leben fr sich anfngt. Meine Kinnbacken beginnen
sich kreuz und quer bereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten
ohne Gegenstand auszufhren; bald ergreift die angrenzenden und dann die unteren
Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr bel, Dinge, die ich fr immer abgetan
glaubte, steigen in mir auf, ich wei nicht, was das bedeuten soll, ich
befrchte, einen gefhrlichen Magenkrampf zu haben, ich chze, ich sthne.
Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und fragt, was mir fehle? So gut ich unter
dem unaufhaltsamen Schieben und Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich
ihr den Zustand; und wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui,
Trnen vergieend und mich zrtlich an sich drckend, ausruft: Heil dir und
Segen, herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du kust wieder! - Ihr
Gtter! rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mythologisch) was ist
aus mir geworden? Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen fortzusetzen,
denn alle eilf andern Ziegen, welche den Freudenschrei der Quiqui vernommen
haben, drngen sich um mich, und sind wie auer sich, die Lili leckt mich, die
Pipi neckt mich, die Riri schmiegt sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi
will mich kssen, die Wiwi htte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki
scherzen, Mimi, Nini herzen; von dem Jubel erwachen die Zicklein und Bcklein,
hren halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun erbrauset erst der rechte
bacchische Taumel. Das springt, bockt, bumt, stt, rennt um mich her, das
schttelt sich, rttelt sich, tnzelt, schwnzelt, hnselt, da keine Phantasie,
und wre sie die khnste und leichtfertigste, diese tolle Szene, beleuchtet von
einem zweifelhaften Mondschein, sich vorzustellen vermchte. Nur die ehrwrdige
Sisi behielt einigermaen ihre Fassung, legte, als sie durch das Gewirre zu mir
dringen konnte, ihre mtterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: Mgen
dich Pan und alle Faunen beschtzen, du junger Geretteter!
    Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer. Ich
aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Kpfen, Buchen, die mir
Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich das meiste gewesen, denn
keines der gutmtigen Tiere hatte mir wehe getan, sie hatten sich vor jeglicher
Roheit zu hten gewut. Nur das Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte
nicht wieder gelufig in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die
Heftigkeit der Neigungen, die ich erdulden mssen, gehemmt worden, ich empfand
einige Strungen im Verdauungsgeschfte.
    Aber wie wenig bedeuteten diese Unbequemlichkeiten gegen den Seelenschmerz
und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht durchzudulden hatte! Ist es
mglich, da du unter Ziegen aufgehrt haben solltest, ein Mensch zu sein?
sprach ich zu mir selber. - Warum hast du dich gehenlassen, warum deine
angeborene Wrde nicht im Auge behalten, nicht treu und fest im Auge behalten
die schreckliche Gefahr herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit?
Noch zitterte in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, da alles nur Tuschung
sein mge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewiheit bringen
mute, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten Schimmer der
Morgenrte schlpfte ich, whrend die Herde noch ruhte, aus der Hhle, rief:
Bedenke, da du Mensch bist! und wollte aufrecht einherschreiten, aber, o ihr
Himmlischen, es ging damit nicht; ich war gentigt, auf allen vieren zu laufen,
auf allen vieren zur Quelle Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte.
    ber ihren klaren und gttlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, da alle
schwarzen Ahnungen recht hatten, da das Entsetzliche geschehen war. Ich sah aus
ihrer Flut einen mit zottigem Vlies bedeckten Leib mir abschreckend
entgegenstarren, dnn und knchern gewordene Gliedmaen, die, als ob sie Scham
empfnden, sich in Fell hllten, ich sah spitz-und steifgewordene Ohren und ach!
jene von meinem Umgange mit der Herde mir so bekannte Physiognomie, in welcher
der Mund sich zum breiten Maule verzogen, die Nase die lcherliche Streckung
nach vorn angenommen hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen,
nach den Seitenbeinen des Schdels auseinandergewichen waren; mit einem Worte,
denn wozu so viele? Im Spiegel der Poesie sah ich mich als jungen, wenigstens
werdenden Bock.
    Dahin also ist es gekommen! rief ich, und suchte zu verzweifeln. Bist du
darum deinem Vater so sauer geworden, darum aus seiner Tasche gekrochen, um als
Gehrnter und Beschweifter zu enden? - Denn die Musenquelle hatte mir auer
allem, was ich beschrieben, auch an Stirn und Rckgrat Keime gewiesen, welche
mit den Jahren, wenn das Wetter gnstig war, zu Horn und Schweif erblhen
konnten.
    Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Strkung, oder tat es die
Nchternheit des Morgens? genug, ich mute fressen, und schlte einen der
Lorbeerbume ber der Hippokrene ab. Die bitterlich-herbe Rinde bekam mir wohl.
Ich suchte jetzt abermals zu verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte,
mindestens mein Los zu bejammern. Auch das glckte nur zum Teil. Wie verstehe
ich das? fragte ich mich. Du hast deine Menschheit zum greren Teile
eingebt und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tchtigen
Jammer zuwege bringen?
    Da machte ich eine Entdeckung in meinem Inneren, die noch schlimmer war, als
die ueren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben hatte. Ich merkte
nmlich, als ich mich scharf prfte, da ich den Verlust meiner Humanitt
eigentlich nur der Form wegen und ehrenhalber betrauere, im Grunde aber mit dem
Fell an Leib und Gliedern, mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten
Nase, den seitwrts abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Rckgrat
wohl zufrieden sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der
Verbockung begriffen. - O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache
ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch zum
Vorschein, wenn ihr nicht unablssig auf euch achtet.
    Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als die
Ankunft der Herde mich in denselben strte. Die guten Ziegen waren schon besorgt
um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der Hippokrene denkend und grasend
fanden, die unverstellteste Freude, so da nicht viel an einer Wiederholung der
nchtlichen Auftritte gefehlt haben wrde, wenn ich nicht Rhrung und
Erschtterung ber mein neues Glck vorgeschtzt und sie ersucht htte, meine
durch das Wiederkuen etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. Ja, er bedarf
der Ruhe, riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Muler von
mir. Der Platz an der Hippokrene wurde fr heute zur Weidestelle ersehen, und
ich hrte sie lange, whrend sie fraen, in erhhter Stimmung und in einem
sogenannten schnen Stile mein Glck preisen, da ich endlich vernnftig und
einer der Ihrigen geworden sei.
    So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von
welchem ich glaubte, da er nur meinen ehemaligen Kameraden, den Menschen,
angehre! dachte ich bei diesen Gesprchen. - Erst wenn sie jemand zu sich
heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart vernichtet haben, glauben sie,
da er vernnftig geworden sei, und einer der ihrigen zu heien verdiene. So
zerklopft der Wegewrter an der Chaussee die groen Steine und pflastert dann
mit den kleinen Brckelchen die gemeine Heerstrae des tglichen Verkehrs zu
Fu, zu Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel.

Erlaube mir, rief der alte Baron hier abermals dazwischen, diese hirnlosen
Geschichten nunmehr zu unterbrechen, und la uns von unserer Fabrik -
    Sogleich, versetzte Mnchhausen. Meine Erzhlung dauert kaum noch eine
Viertelstunde.

Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edlen Ziegen am Helikon.
Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder; natrlich, ich war ja das
Kind ihrer Wahl und hatte fr sie auerdem das besondere Interesse, da noch
einige Reste der Menschheit in mir staken, welche ihre fernere Erziehung
ebenfalls auszutilgen berufen schien und hoffen durfte. Sie bildeten und
besserten unaufhrlich an mir, d.h. sie leckten und putzten mich bestndig, um
den vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu -putzen, und jedes Fnkchen
widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich mute mir das gefallen lassen,
obgleich ich es gern gesehen htte, ein Stckchen Mensch zu bleiben, der
mglichen Flle halber, in welchen ein zweites Metier von groem Nutzen sein
kann. Auch meine Sprache war ihnen noch nicht akademisch genug; sie meinten, es
sei nicht das reine toskanische Meckern. Ich mu hier einschalten, da ich mich
deshalb so rasch mit meinen Wohltterinnen hatte verstndigen knnen, weil meine
erste Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war, und
ich daher nur bekannte Tne hrte, als ich zu den Ziegen kam, nur bekannte Tne
im Gesprch mit ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen, wie gesagt, mein
Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es mochte wohl noch in etwa den
Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege Pipi gab sich daher an das Werk und
unterwies mich im Meckern nach den Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und
fand, da das Ziegenidiom einen groen Reichtum an eigentmlichen Wendungen fr
unklare Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein drfte,
um darin die Geschfte des ffentlichen Lebens abzuhandeln.
    Tage kamen und Tage gingen, daraus wurden Wochen und aus den Wochen stellten
sich Monate zusammen, ohne da unser idyllisches Leben auf dem Helikon
irgendeine bedeutende Strung erlitten htte, auer da wir Zicklein mitunter
von den Mttern zu sehr allein gelassen wurden und in einer dieser
Verlassenheiten zwei junge Bcke einbten, welche, den ersten ein Steinadler,
den andern ein Goldadler auffra. Unser Gefhl wurde von diesen Verlusten
schmerzlich berhrt, obschon die Ziegen Fifi und Riri durch glckliche
Entbindungen fr den Ersatz sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein
und die Einbue der beiden Bcklein machte die Reste der Menschheit in mir
nachdenken. Ich fragte, wenn wir so uns selbst berlassen umherirrten, kein
gutes Futter finden konnten, oder uns durch unberlegte Sprnge die Fe
verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gnzlich abgekommen waren, wo
denn die Mtter seien? und erhielt zur Antwort, da sie ihre Sitzungen hielten.
Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende diese Sitzungen
stattfnden? so erwiderten mir meine Altersgenossen, es seien die Sitzungen des
Wohlttigkeitsvereins. Freilich blieb ich durch solche Antworten so klug als
vorher; ich schrfte indessen das Auge der Beobachtung und kam auch binnen
kurzem der Sache auf den Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse
Schattenseiten an dem sonst so liebenswrdigen und vollkommenen Zustande der
helikonischen Ziegenherde.
    Die wohlttigen und rechtschaffenen Mtter hatten nmlich einen Verein zur
Linderung des Elendes leidender Naturwesen gestiftet. Dieser Verein war aus den
Trmmern eines frheren, untergegangenen entstanden, welcher auf die
Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte. Ein reisender Waldesel war nmlich
einstmals ber den Helikon gekommen, hatte aus der Hippokrene gesoffen und
darauf von dem wundervollen Gespinste der Tbetziege phantasiert, aus welchem in
Kaschmir die herrlichen und kostbaren Schals gewebt werden. Der phantasierende
Esel hatte weder Tbetziegen noch Kaschmirschals selbst gesehen, sondern im
Walde einen armenischen Kaufmann davon reden hren, der zwar mit den Schals
bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein genommen hatte, sondern nur
von seinem verstorbenen Bruder gehrt haben wollte, es gebe dergleichen. Die
Phantasie des Esels entzndete aber die Phantasie der Mtter und befruchtete
ihren Geist mit dem Ideale einer tbetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe
Bild brachte in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dnkten
ihnen seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im
hheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womglich bis zu
Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was schnen Seelen
ihr Gemt ist.
    Das Leben im hheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das Werk
gerichtet werden, da sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten abbrachen und die
Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten nun die ganze Herde mit dem
Untergange, und als die Seufzer der Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen
die Gefahr einleuchtend gemacht hatten, so muten sich die hochherzigen Ziegen
entschlieen, dem schnen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn
wie es ihnen vorkam, war whrend der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder darbten,
ihr Pelz schon merklich feiner geworden.
    Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der Verein zur Linderung des
Elendes leidender Naturwesen hervorgegangen, weil das hhere Selbst der
helikonischen Ziegen Befriedigung wollte und fr die Einbue Ersatz heischte.
Der neue Verein bekmmerte sich um jedes Unglck und half allen Insekten, Vgeln
und kleinen Sugetieren, die in Not staken. Er hielt wchentlich seine
regelmigen Sitzungen; ich habe mehreren derselben beigewohnt, da man mich als
Bcklein von guten Anlagen fr wrdig hielt, so edle und gemeinntzige
Tathandlungen kennenzulernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle
des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukuen; die verstndige
tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhhten Steine in der Mitte des Kreises
ruhte, fhrte in diesen Konferenzen das Prsidium. Whrend des Wiederkuens
wurden denn nun Notflle der verschiedensten Art in barmherzige Erwgung
gezogen, als z.B. wie einer Hummel zu helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in
das Wasser fallen sehen? ob man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine
Art Hackbrettlein aus Blttchen und Drnchen zurichten lassen knne, um ihr die
Ausbung ihrer Kunst fr die Zukunft wenigstens einigermaen mglich zu machen?
oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter fr sich und ihre
Jungen geschafft werden mge, von der die Ziegen wuten, da sie ohne
Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten war, und was dergleichen
wohlttige Manahmen mehr waren, welche den helikonischen Ziegen und ihrem
Vereine einen fast gttlichen Namen bei allem notleidenden Geschmeie zuwege
gebracht hatten. Ich sage: Bei dem Geschmeie, denn was die edleren Geschpfe
betrifft, so wollten diese von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die
Steindrossel hrte auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nhe ihres Busches
ratzuschlagen begannen, eine weie Hinde, welche zuweilen besucheshalber auf den
Berg kam, wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den
Wohlttigkeitsverein zu treten, statt aller Antwort nur den stolzen Rcken, und
die Lorbeerbume, unter welchen die Sitzungen vor sich gingen, habe ich oft die
Kronen hochmtig schtteln sehen, wenn die Reden der Ziegen im tnendsten
Schwunge und ergiebigsten Flusse waren. Ja, einer jener geweihten Bume mute
die Nhe der barmherzigen Ziegen selbst krperlich nicht vertragen knnen. Er
bekam ein krankes Ansehen und ging endlich ganz aus.
    Auch erreichten die Mtter nicht in allen Fllen ihre tugendhaften Zwecke.
Es war streng verboten, da von irgendeiner Ziege privatim, ohne Aufsehen, aus
dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert werden durfte; nein, alle
Wohlttigkeit sollte seit der Stiftung des Vereins im Geschftswege verwaltet
werden, und die Einzelziege war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches
sie traf, vorberzugehen und ber den Fund nur dem Vereine zu berichten. Auf
diese Weise wollten die helikonischen Mtter die gemeine, instinktartige Milde
ausrotten und an deren Statt die hhere, selbstbewute, die administrierende
Milde pflanzen. Da es nun aber immer mit einiger Weitluftigkeit verknpft war,
eine Sitzung zustande zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitluftigste
bei der ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wiedermeckernd
gleichsam auer ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkuten, so kam oft
alle Hlfe zu spt. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle zugeworfenes Blatt
das Leben gerettet htte, war whrend der Reden ber die Pflicht, sie zu retten,
untergegangen, und die Maus, der die vorbergehende Einzelziege ein paar Krner
htte zuscharren knnen, bis es zum Gesamtwirken fr sie kam, Hungers gestorben.
    Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging. So konnte
fast keine der lahmen Grillen mit den Kunsthackbrettchen fertig werden. Am
schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe, die langen und weitluftigen
Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins fr uns Zicklein und Bcklein. Wenn
wir whrend derselben ohne Weg und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn
Gefahren und Raubtiere uns Auerachtgelassenen drohten, da konnten wir armen
Schluckerchen nicht selten unsere bitteren Trnen darber vergieen, da die
Mtter an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Muse dachten und uns
vergaen. Indessen waren solche Trnen und jene Miglckungen im ganzen
unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich durch den Verein in ihrer
Vortrefflichkeit immer mehr fhlen und an ihrer eigenen Tugend begeistern, und
darauf kam es doch hauptschlich vor allem an.
    Ich habe lange nicht gewut, auf was Art diese Stimmung, welche die eigene
Familie um Geschmei hin und wieder vernachlssigen lehrte, und eine schlichte
und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glnzenden Geschfte aufzublasen
antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war. Endlich konnte ich mir das
Rtsel erklren. Die helikonische Herde soff nmlich, wie wir wissen, aus der
Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei allen, welche sie trinken, die
gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den durch das Schicksal dazu Vorbestimmten
jenen reizenden Wahnsinn, den wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das
Wasser und schafft entweder die abscheulichsten Wrfelreime, wie bei mir der
Fall war, so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen
Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blhende Prosa des Lebens nennen
knnte.
    Die helikonischen Ziegen gehrten nicht in die Reihe der zum reizenden
Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu unntigen
Tugenden und berflssigen Wohlttigkeiten. Ihr Zustand war blhende Prosa.
Dieser Zustand rhrte von versetzter Hippokrene her.
    Wie oft mute ich, als ich nachmals mehr unter Menschen kam, und ihre
geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen fr und um das Erbrmliche
kennenlernte, still fr mich ausrufen: Versetzte Hippokrene! - Wo diese mit
der blhenden Prosa in ihrem Gefolge auftritt, da stirbt das melodische Getn
der Steindrossel, da weiset die stolze weie Hinde vornehm den Rcken, da
schttelt der Lorbeer zornig die Krone, oder geht aus.
    Auch die Gatten der Ziegen soffen fr gewhnlich aus der Hippokrene und
wollten hinter den Gattinnen nicht zurckbleiben. Sie gehrten ebenfalls nicht
in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten, was mir gewi jeder, der
einmal einen solchen Gatten gesehen hat, auf mein Wort glaubt. Da nun die
Gattinnen ihnen schon das Elend des Geschmeies weggenommen hatten, so waren sie
auf dessen Laster beschrnkt und stifteten unter sich einen Verein zur Rettung
sittlich verwahrloseter Naturwesen. Der Zweck desselben war, durch moralische
Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum Guten alle
die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beien, kratzen, stehlen, oder
sich von schmutzigen Dingen nhren, zu einem unschdlicheren und reineren Leben
anzufhren. Nach der Absicht der Stifter sollte, wenn der Verein wirklich
durchgriffe, die Mcke ihrem Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen
lernen, die Elster auf den Diebstahl verzichten, Wrmer und Maden aber von Unrat
und Aas sich entwhnen.
    Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen, wie
weit der Besserungsverein mit seiner Ttigkeit gediehen war, als ich auf den
Helikon kam. Ich wei nur, da allerhand Geziefer auch auf diesem heiligen Berge
stach, bi, kratzte, stahl und Unaussprechbares fra, wei aber nicht, ob es
gebessertes oder ungebessertes war. Einer einzigen Versittlichungsgeschichte
Augen- und Ohrenzeuge bin ich geworden, von ihr will ich berichten, mu ich
sogar berichten, da sich eine Katastrophe mit ihr verband, welche zu weiteren
Schicksalen Mnchhausens des Kindes, damals Bckchens, fhrte.
    Die vereinigten Bcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der
wohlttigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an den Ort
gekommen, wo der gromtige Englnder sein Pferd hatte grasen lassen und der
tote Lmmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie einen Kfer mit
schwarz-glnzenden Flgeldecken, einen der Art, welche bei Aristophanes die
Knechte des Trygos dem Herrn fr den Ritt zu Zeus auffttern, und die Deutschen
Mistkfer nennen. An dem Halse des Geiers aber bemerkten sie die stahlblaue
Fliege, Schmeifliege geheien. - Ich will, Bruder Schnuck, ungeachtet deine
gttliche Tochter nicht zugegen ist, dennoch den Kfer aus Rcksicht auf deine
Delikatesse nur das Ro des Trygos und die Fliege die blaue Schwrmerin
nennen, sagte Mnchhausen, vom Manuskripte aufsehend.
    Erlaube - rief der alte Baron fast wtend.
    Erlaube mir, sagte Mnchhausen, dir die Geschichte von dem Kfer und der
Fliege vorzutragen. -
    Dreht sich einem nicht das reine Herz im Leibe um, rief einer der Gatten,
zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brder, lat uns hier helfend
einschreiten, lat uns diesen Gefallenen die rettende Klaue reichen, entwhnen
wir den Kfer von seinen blen Neigungen, die Fliege von der Leidenschaft,
selbst die ungeborene Zukunft ihres Stammes einem verdorbenen Elemente
einzupflanzen, machen wir Kfer und Fliege zu anstndigen Leuten, die in der
guten Gesellschaft fortkommen knnen!
    Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschlo man, das Ro des
Trygos und die blaue Schwrmerin sollten sittlich und anstndig werden, sie
mchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte der Redner, der Ziegengatte Solon
(sie hatten sich lauter Namen von weisen und erhabenen Mnnern des Altertums
beigelegt), den Kfer von seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in
eine Felsritze, die sofort durch einen vorgewlzten Kiesel zum Besserungsgemache
erschaffen wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn
ehe ein Kfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen und
Halsrecken. Schlauer mute man mit der Fliege zu Werke gehen, der
wohlbeschwingten Schwrmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato, einem
Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die zu Bessernde zu
beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und zwischen denselben nach
dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen, worin sie durch einen vorgestopften
Pflock verspndet wurde. Man teilte das freudige Ereignis bei der nchsten
Zusammenkunft den Gattinnen mit, welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des
Vereins den lebendigsten Anteil zu nehmen. Auf diese Weise erhielt ich von der
Sache Kunde. Wir Zicklein und Bcklein muten nun den Ort, wo das Pferd des
gromtigen Englnders gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde strzte
aber den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den beiden
eingesperrten Zglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum Laster zu
entfernen.
    In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, untersttzt jezuweilen
von den brigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und Ermahnungen an das
Trygosro und die blaue Schwrmerin. Solon lag vor der Felsritze und hielt
seine Schnauze an ein federspulenkleines Lchlein, welches der Kiesel unbedeckt
lie; Plato stellte sich an dem Feigenbaume auf die Hinterfe, hielt sich mit
den Vorderfen am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um
sich verstndlich zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die beiden
Bcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht fraen, der eine die Feigen des
Baumes, der andere das junge Laubgespro, welches an der Felsritze gerade in der
wucherndsten und saftigsten Flle wuchs.
    Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu
sttigen? sprach Solon zum Kfer, wenn er von dem Genusse des Laubes ausruhte.
- Fhlst du denn nicht, du armer Gesunkener, da uns alle, Ziegen, Kfer und
Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brtenden Mutter ausste, die Speise
aus der Hand der Gtter, nicht aber sie aus der Pforte, die da stets nur auslt
und nimmer ein, zu empfangen? Schreckliche, unbegreifliche Verirrung, das, was
Trift und Gefilde heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu
verachten, und erst dann danach zu streben, wenn es, in den Hades gestoen, dem
gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehrt! Liebst du
des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer? Gelstet dich nach dem
Spro des Grases, weshalb beiest du nicht in Gras? Was reizt, was verfhrt
dich, das alles erst umgestimmt, entmischt, abgentzt zu mgen? Hre dieses
freudige Knirschen und Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem
saftigen, fetten Portulak, in der wilden bittern Kresse, in dem erfrischenden
Sauerklee schmause. Knntest du denn nicht, wenn du frei wrest, neben mir
brderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Bltter dich
erfreuen, als einige Schritte weiter zurck, ein Helot und Barbar, zu harren, ob
dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde? Oder sagst du: Ich bin Kfer, du
bist ein Ziegengatte? Nun so blicke auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine
rote zirpende Schelm das sduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit
kupferbraunen Flgeln und grnem Schilde im Schoe der Rose schwelgt! Denen
folge, denen schliee dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Fri Lilien, wenn du
nicht Hafer, fri Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und Sauerklee fressen
willst!
    Nach diesen Reden fhlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite
versehen und war zu erhhter Ttigkeit an den Bergkrutern aufgelegt. Plato,
wenn er vom Feigenfra rastete, hielt Ermahnungen ungefhr des nmlichen Inhalts
an seine Schlerin. Auch er riet der Fliege auf das eindringlichste, verdorbenes
Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu
legen. Er suchte besonders auf das Muttergefhl zu wirken und in glnzenden
Bildern ihr vorzustellen, welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden
wrde, wenn sie statt in Dust und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem,
lftegewiegtem Zweige auskme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder
Feigen, solange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die Zweige ab,
so da der Baum ein ziemlich verwstetes Ansehen zu bekommen anfing.
    Das Ro des Trygos und die blaue Schwrmerin lebten bei diesen Ermahnungen
in ihren Besserungslchern ein trauriges Leben. Sie waren beide schlichte, rohe
Naturwesen ohne alle Theorie, praktischen Trieben ergeben. Anfangs rasten sie
wie wahnwitzig brummend und schnurrend in den Kerkern umher, da ihnen dieses
aber nichts half, so wurden sie still und hrten den Reden ihrer Verbesserer zu.
Von denen verstanden sie nun aber nicht das mindeste, als, da der Kfer Lilien
und Rosen fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle - Zumutungen, die Ro
und Schwrmerin auer sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste dnkten,
was ihnen nur gesagt werden konnte. Seelenverkufer! Seelenverkufer! brummte
der Kfer. - Warum soll denn unsereins nicht fressen, was unsereinem schmeckt?
- Ich such', such', such' Geruch! summte die Fliege. Am meisten rgerte es die
beiden Kandidaten der Sittlichkeit, da sie ihre Besserer drauen behaglich in
Laub und Feigen knarpen hrten, und da denen die tugendhaften ermahnenden Reden
gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine Bewegung zu
machen. Indessen nahmen die Dinge fr beide eine sehr ernste Gestalt an, denn
sie bekamen natrlich nicht das allergeringste zu essen und fielen daher whrend
ihrer Bearbeitung zu einem reineren Leben jmmerlich ab. Das Trygosro wurde so
matt, da es kaum noch auf den Fen stehen konnte; die blaue Schwrmerin lie
kraftlos die Flgel hngen.
    In dieser traurigen Verfassung berkam sie der den Tieren eingepflanzte
schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor zu heucheln, und gaben
klgliche und melancholische Tne von sich. Hre! rief Solon dem Plato zu
(denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); das Laster schlgt in
sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spren. - Meine arme Gefallene
chzt auch schon ber ihr Unheil, versetzte Plato. Nach einiger Zeit prften
die beiden ehrwrdigen Ziegengatten den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein
Stckchen Feige, welches noch am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch
schob, Solon aber ein Lilien- und Rosenblttchen unter den Kiesel in die
Felsritze zu bringen wute.
    Ro und Schwrmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung abscheulicher
Antrge, wie sie ihnen vorkommen muten. Die Schwrmerin wich entsetzt vor dem
Feigenstcklein in die letzte Ecke des Astloches zurck, das Ro stie die
Bltter, deren Geruch ihm den Atem raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu
verpesten schien, mit den kurzen, krftigen Beinen von sich ab. -
Niedertrchtiger Gestank! brummte es. - Sollte man's glauben, da es Narren
gibt, die an dem greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine
Ambrosia! - Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp! tosete die
Schwrmerin.
    Aber ihre Lage war zum uersten gediehen. Die Besserer drauen, das
begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen, konnten es bei guter Nahrung mit
ansehen, wenn sich das Geschft auch noch so sehr in die Lnge zog. Hunger tut
weh, Verstellung tat not, die drauen zu tuschen. Der Kfer berwand sich und
fra unter Verwnschungen und Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber
alsobald wieder von sich gab, so bel bekam ihm der hhere und reinere
Lebensgenu! Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemt und verrichtete ber der
Feige einigermaen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen der Tugend
gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an dem Gerusche, welches
drinnen entstanden, abgenommen, da etwas Entscheidendes vorgefallen sein msse.
ffnend jetzt die beiden Verliee, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das
Feigenstcklein beschmeit, Ro und Schwrmerin aber halb ohnmchtig auf dem
Rcken liegen. Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und
riefen: Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen dieser
sittlich Verwahrloseten gewichen, sie werden nie wieder in ihre schimpflichen
Angewhnungen zurckfallen!
    Der Jubel drang zu den brigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer
Ehrwrdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in den khnsten
Sprngen feierten. Auch die Mtter und uns Zicklein und Bcklein zog das Getse
herbei. Die Mtter wurden mit wenigen freudigmeckernden Worten von dem Gelingen
der Versittlichung in Kenntnis gesetzt, sahen Ro und Schwrmerin die Fe von
sich strecken und vergossen Trnen der Rhrung. Wie die Frauen denn immer mit
blitzschneller Ahnung das Hchste, Richtigste treffen, so ging auch in den
helikonischen Ziegen damals die Blte des versittlichenden Wirkens auf. - Lat
uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar machen! riefen die
Ziegen begeistert. Verheiraten wir sie miteinander, und als Aussteuer geben wir
ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen, als sie am Helikon finden knnen!
    Ein unglaublicher Sturm des Entzckens folgte diesem Vorschlage. Zwar wollte
der ehrwrdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges Ehebndnis wohl
fruchtbar ausfallen mchte, und der kritische Bion erst die Neigungen von Braut
und Brutigam prfen; aber die erwhnten Bedenken fanden keinen Anklang,
vielmehr rief der Chorus der brigen einhellig: Wo die Tugend zusammenfhrt,
kommt es auf Neigung und Fruchtbarkeit nicht an!
    Man wollte sogleich zu diesen Hymenen im Namen der Sittlichkeit schreiten.
Plato und Solon nahmen das Trygosro und die blaue Schwrmerin auf ihren
Rcken. Sie schritten voran, die ehrwrdigen Gatten folgten ihnen paarweise,
denen folgten die rechtschaffenen und wohlttigen Mtter, hinter den Mttern
sprangen wir Zicklein und Bcklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze
an der Hippokrene in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.
    Dort angekommen, nahm die alte verstndige Sisi das Ro zwischen ihre
Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwrmerin. Sie trugen
demnchst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die beiden jungen Leute,
welche von der freien Luft erfrischt, wieder stehen konnten und berhaupt mit
jedem Augenblicke munterer zu werden schienen, auf den Stein nebeneinander, und
darauf schlossen wir alle, jung und alt einen weiten Kreis um das Paar. Das in
der Eile entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge
derselben an: Strophe; Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe; Zeremonie,
Schlugesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.
    Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem
Kunsthackebrettlein aus Blttchen und Drnchen hatte fertig werden knnen, war
zur Festsngerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich gebildet hatte,
schritt oder hpfelte vielmehr diese Dichterin des Wohlttigkeitsvereins zur
heiligen Quelle, netzte darin ihre Frezangen ein weniges, verdrehte darauf die
goldgelben ugelein im Kopfe, erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig
einer Tamariske, nach vergeblichen Bemhungen, auf einen der Lorbeerbume, den
niedrigsten unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die
Frezangen an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein schlagend,
begeistert folgende:


                                    Strophe

Der Kfer ist ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Die Fliege hat sechs Beinichen,
Summ! Summ!
Die Fliege hat den Kfer lieb,
Der Kfer ist ein Herzensdieb;
Summ! Summ! Brumm! Brumm! Brumm! Brumm!

Herrliche Poesie! Nahrung fr Gemt und Gefhl! meckerten die Ziegen. -
Reines Gefhl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch! murmelten die
Bcke. - Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar und redeten
nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die Schndlichkeit seines
frheren Lebenswandels vor, dann fhrten sie aus, da die Gttin der Tugend eine
gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen bereit, dann kamen sie auf Lilien und
Rosen, Feigen, Felsritzen und Astlcher. Im ersten Teile machten sie das
Brautpaar herunter, im zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wuten sie
selbst nicht mehr, was sie wollten - ihre Sermone htten gleich als Muster von
Kasualreden abgedruckt werden knnen.
    Ich glaubte zu bemerken, da das Brautpaar auf die Reden nicht achte,
sondern nur Leib und Flgel einzuben scheine, teilte diese Beobachtung meinen
Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Wrde des Festes versenkt, meiner Worte
nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende




                                  Gegenstrophe


Und ist er denn ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Und hat sie denn sechs Beinichen,
Summ! Summ!
So reicht einander jetzt die F'
Und sei der Ehestand euch s;
Brumm! Brumm! Summ! Summ! Summ! Summ!

Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte, und die Ziegen Sisi und Quiqui
das Paar ersuchten einander die Fe zu geben, nahm die Feierlichkeit eine
pltzliche unerwartete und unglckliche Wendung. Denn zur Rechten wurde in der
Entfernung der Hufschlag eines Pferdes hrbar, und zur Linken kroch unten durch
einen Bergspalt ein Fuchs, oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich wei
nicht, was dem Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der
uersten Linie des Kreises stand, da das Raubtier ein Stck Fleisch im Rachen
trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine
konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lfte von weitem
verfhrerische Botschaft zu, Ro und Schwrmerin sammelten ihre letzten von der
Sittlichkeit verschont gebliebenen Krfte, spreiteten die Flgel aus, und mit
dem Gebrumm: Mist! Mist! Mist! und mit dem Gesumm: Luder! Luder! Luder! flog
der Brutigam rechts, die Braut links davon, ungerhrt von Besserungsversuchen,
Reden, Rhrungen, Strophen und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu
beginnen.
    Die entsetzte berraschung der Freier, als Odysseus pltzlich aus
Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die ttenden Pfeile vor
sich hingo, kann nicht grer gewesen sein, als der Schreck der Mtter und
ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher ebenfalls sozusagen die Hoheit der
Natur aus Lumpen hervorscheinen machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr,
regungslos, gleichsam ein groes Viehstck aus Stein, dann aber ergriff sie der
haltungsloseste Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls
auseinander, entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen
wollten, oder auch nur berschattet von dem Dmon, welcher sich ungeheurer
Augenblicke zu bemchtigen pflegt. Die Zicklein und Bcklein folgten, so da die
den Gipfel hinan und hinunter rennenden, springenden, stolpernden, strzenden
Tiere demselben ein Ansehen gaben, wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen
Zauberberges, als der heiteren musischen Hhe glich.
    Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurckgeblieben. Warum sollte
ich hinter Kfer und Fliege herlaufen? Mein eigenes Schicksal machte mich bange.
Ich frchtete die Rckkehr der Herde.
    Die Mtter hatten mir nmlich schon vor einigen Tagen angekndigt, da, um
auch die letzten Reste der verhaten Menschlichkeit in mir auszutilgen, ich
nchstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und den Hnden der Gatten
bergeben werden solle. Dagegen strubten sich nun aber jene Reste mit aller
Macht und vielleicht ebenso heftig, wie die Neigungen des Trygosrosses gegen
Lilien und Rosen. Denn mir blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten
beiwohnen, so sehr ich ihre ehrwrdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere
hatten gewisse natrliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und ich
empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer Atmosphre so
nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge in den Sternen
geschrieben.
    Der Hufschlag des Pferdes nherte sich, und es kam ein ltlicher, dicker
Mann, dem ein dnner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich stand. Der Mann
trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe Hose und eine gelbe Weste,
sah sehr bla und aufgedunsen und uerst verdrielich aus. Schon sein Ansehen
und der vllig gleichgltige Blick, mit dem er die Gegend berschaute, wrde
mich gelehrt haben, von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch
nicht sobald htte reden hren. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, fhrte
ihn zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, lie ihn
niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen Knopf unter
sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die Statue eines gefhllosen
Naturbeschauers zu. Der Herr lie nmlich alles phlegmatisch mit sich vornehmen
und antwortete nur sprlich auf die Reden des Dieners, welcher ziemlich
gesprchig war.
    Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, da der gelbe Dicke ein reicher, vom
Geschfte zurckgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam und eine
Stunde von Haarlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich die Anflle des
Podagras bei ihm mehrten und gewisse Vorboten der Wassersucht erschienen, so war
ihm von seinem Arzte eine Reise in die sdlichen Lnder verordnet worden. Dazu
wollte sich denn auch Mynheer van Streef verstehen und erklrte seine
Bereitwilligkeit, bis in den Reichswald bei Kleve zu reisen. Der Arzt erklrte
aber dagegen, er sei miverstanden worden und nannte ihm die ungeheure
Meilenzahl, welche er wenigstens abzureisen habe. Der Hollnder war hierber
anfangs, soweit sein Naturell dies zulie, in einige Verzweiflung geraten,
jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnckiger Altniederlnder
war, und seinem Patienten mit grter Fassung Todestag, ja Todesstunde
vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste, gentigt gewesen, sich zu fgen,
und an die Reise zu denken, die er in sdstlicher Richtung vornehmen mute, da
er sdlich auf der Karte die verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.
    Um dies zu verstehen, mu gesagt werden, was ich aus den Gesprchen
heraushrte, da nmlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen in gerader
Richtung, ohne durch Umwege und Absprnge ihre Zahl zu erfllen, verreisen
wollte. Denn da ihm die Reise uerst zuwider war, so hate er alles, was ihr
den Schein einer Wanderung zum Vergngen htte geben knnen. Er zog deshalb auf
seiner Karte von Europa nach dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam
nach Sdosten, ma daran die Meilen, fand, da ihre Zahl sich genau auf dem
Gipfel des Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend,
und weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg
gekommen.
    Hier trstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in einzelnen
Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den Gedanken an die
Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz aufzurichten, mit dem
Ausrufe:
    Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen geht es nach unserem schnen
Welgelegen zurck.
    Gottlob, sagte der Hollnder, der sich bei dem Gedanken an sein Landhaus
ein wenig erheitert fhlte, und ich will, wenn wir nach Hause gekommen sind,
ein Lusthaus anbauen und das soll heien: Vreugde en Rust. Und aus der Ruhe will
ich nicht wieder gehen, mchte auch meine Wassersucht so berhandnehmen, da
alle Deiche von Seeland bedroht wren. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als
diese griechischen Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern
kommt, wo man keine Aussicht auf Kanle und Wiesen hat, und der Himmel die
unnatrliche blaue Farbe nicht los wird.
    Es kann nicht berall Altniederland sein, versetzte der Diener und stopfte
sich eine kleine tnerne Pfeife; es mu auch solche nichtsnutzige Striche
Landes geben.
    Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte, fuhr Mynheer van Streef
fort, der jetzt etwas gesprchiger wurde, obgleich sein Gesicht so verdrielich
blieb, wie frher, was fr eine andere Gegend ist das! Nebenan liegt Mynheer de
Jonghes Schoone Zieht und auf der andern Seite Mynheer van Tolls Vrouw
Elizabeth, und mitteninne liegt Welgelegen. Ich will nun gar nicht reden von
meinen innerlichen Schnheiten und bequemen Dingen, von der Menagerie, von
meinem mit bunten Steinen gepflasterten Hofe, vom Muschelhuschen, von der
Voliere, von den Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend
wild wachsen - aber Sebulon, denke nur an die schne Aussicht auf den Kanal,
ber den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten von den
Jgerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese dahinter, in der dann
doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so gro wie ein Maulwurfshgel ist,
und den Hintergrund von zwlf Windmhlen im Gange! Und dann sieht man das nicht
alle Tage, nein, einen um den andern Tag nebelt oder regnet es, so da die
Entbehrung das Glck, um sich blicken zu knnen, erhht, und der Himmel bleibt
immer, auch wenn es helles Wetter ist, bescheiden, mig und grau. Wie wird dir
denn Sebulon, wenn du an alles das denkst?
    Abscheulich wird mir zumute, rief Sebulon und warf zornig seine Pfeife an
den Boden, da sie zerbrach. Hole der bse Feind diese verdammten griechischen
Wsten!
    Ereifre dich nicht, Sebulon, sagte der Herr schlfrig, mit verdrossenem
Mundhngen. Ein Hollnder ereifert sich nicht, oder er prgelt wenigstens
jemanden dabei, auf da der Eifer einen Nutzen habe. Mache mir jetzt Tee, das
Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu sein, wie es in diesem
vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich, Wasser von Utrecht ist es nicht.
Ich will unterdessen in der Elektra unseres groen Vondel lesen. Er nahm ein
Buch aus der Tasche, schlug es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die
Anfangsverse der Vondelschen Elektra:

O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,
In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,
Nu zietge zelf het ge, daer staegh uw hart naer haeckte.
Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte.
Dit's't woud van J zelf, dat dolgeprickelt dier.
Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier,
En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde,
Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde ...

Ja, ja, unterbrach sich Mynheer van Streef, das ist denn freilich etwas
griechischer, als diese helikonische Knppeldammwirtschaft. Er summte sacht in
seinem Vondel weiter.
    Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr berall mit
hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer angezndet, Wasser aus der
Hippokrene geschpft, es gekocht und grnen Tee aufgeschttet. Als das
unentbehrliche Getrnk bereitet war, reichte er seinem Herrn eine Tasse.
    Mynheer van Streef fhrte sie so langsam und mrrisch zum Munde, wie er in
allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete, die
schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er bedchtig den
Inhalt der Tasse hinunter, und sagte; Sebulon noch eine. - Sebulon sah seinen
Herrn bedenklich an und schttelte den Kopf. Die zweite Tasse trank Mynheer van
Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen bekamen whrend des Trinkens eine Art
von Glanz und er sagte: Sebulon noch eine. - Sebulon reichte ihm zitternd und
eine groe Unruhe in seinen Zgen die dritte Tasse. Diese strzte Mynheer van
Streef beinahe hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.
    Ach, Mynheer! rief der Diener besorgt, was ist Euch widerfahren? Sonst
braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht es wie mit
Extrapost in den Magen.
    Der alte Hollnder sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach langem
Schweigen: Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser als der auf meinem
Landhause Welgelegen eine Stunde von Amsterdam.
    Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: O wehe mir, wehe!
Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswrdigen Berge toll geworden; sein Tee
schmeckt ihm dahauen besser als daheim; er lobt die Fremde auf Kosten von
Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven und Altniederland.
    Sebulon erhitze dich nicht, sagte der Herr gleichmtig und freundlich.
Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weit du, was Schwrmerei bedeutet? Es
ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von Franzosen, und der Bull von
Englnder oft befindet, und der deutsche Muff fast immer, Altniederland aber
niemals. Die Sache sollte aber zur Probe auch einmal an uns kommen, denn bei
Gott ist kein Ding unmglich. Ich liefere die Probe. Ich schwrme, Sebulon, das
ist das Ganze. In dem Tee mu etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwrmer
geworden, denn ich mu es noch einmal sagen; er schmeckt wahrhaftig besser, als
der auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen.
    Nur mit Mhe gelang es dem schwrmerischen Hollnder, seinen Diener zu
beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, da aller Wahrscheinlichkeit
nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise seines bels sei, da die
Wassersucht durch die Schwrmerei eine Stopfung erhalten habe. Der alte
Schwrmer stand auf und schickte sich zum Rckwege an, Sebulon packte das
Teegert zusammen. Mynheer van Streef sah sich um und sagte: Ich mchte wohl
ein Angedenken an diesen ziemlich ertrglichen Platz und an die schne Stunde,
in welcher mir der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an
die hiesige Schwrmerei. - Was sollen wir mitnehmen? versetzte Sebulon noch
immer ziemlich kleinlaut, wir knnen doch nicht die Boompges (er meinte die
Lorbeeren) oder die groen Klinker (er meinte die Klippen) einpacken. - In
diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem Felsen den schwrmerischen
Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor und rief: Was fr eine Kreatur ist
das? Der schwrmerische Hollnder besah mich, und sagte dann langsam: Wirf dem
Vieh einen Strick um den Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an
diese schne Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehren; Mynheer
de Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf Java
vorkommt.
    Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht mglich, auch mu ich
bekennen, da die Reste der Menschheit in mir einige Freude darber empfanden,
wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime dstere Ahnung mir
zuflsterte, da die Schwrmerei des Hollnders mir drckend werden knne. - Ich
lie mir das Fangseil geduldig um den Hals schlingen und verlie mit meinem
neuen Herrn, der sacht voranritt, und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich
her fhrte, den Berg, auf welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem
Abmarsche hatte Sebulon die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen,
mit Wasser der Hippokrene fllen mssen zu einem nochmaligen Tee auf dem
Landhause Welgelegen.
    Am Fue des Berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso verdrielich,
wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch whrend der ganzen Reise. Wir
setzten dieselbe, nachdem wir in ebnere Gegenden gekommen waren, zu Wagen fort,
d.h. Herr und Diener saen im Wagen, und ich lief nebenher - ihr mgt mir es
glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber wahr mu wahr bleiben - ich
habe die paar hundert Meilen zu Fu zurckgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke
des Adriatischen Meers, die wir auf einer sklawonischen Schebecke
durchschnitten. Ja, neben hollndischen Schwrmern lt sich schon zu Fu
fortkommen!
    Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurck. Denn die Herrschaft
von Altniederland ist die hrteste, die es gibt. Ich wurde behandelt wie eine
Kolonie, fr mein Futter mute ich selbst sorgen, auf der sklawonischen
Schebecke bekam ich, Gott verdamme mich, nichts zu genieen als den Duft von
Hyazinthenzwiebeln, die Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben
meinem Verschlage lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem
Bleistiftstrich! Denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rckfahrt. Die
meisten Merkwrdigkeiten der rter lernt man oft nur zur Hlfte kennen. So z.B.
habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebude nicht zu sehen bekommen, weil unser
Strich durch die Judengasse ging.
    Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen in
Amsterdam und eine Stunde spter auf dem Landhause Welgelegen ein. Bei dem
Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwlf Windmhlen, endlich bei dem
Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen Fenstervorhngen, mit dem
buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere aus vergoldetem Draht und mit dem
grnen, eingezunten Flecke, auf welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem
Getier spazierengingen, vergo Mynheer van Streef zwei runde Trnen und sagte zu
Sebulon: O Welgelegen! weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich vor
dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu kssen und versetzte: Welgelegen ist
Welgelegen, Mynheer van Streef. In der Pforte standen sechs nordhollndische
Mgde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle wei und rund und sauber
gekleidet, da sie glnzten. Sie machten einen Knicks, kten ihrem Herrn die
Hand und sagten: Viel Glck und Heil zur Rckkunft, Mynheer. Ihren Kreis
trennte ein kleiner Mann, roten Antlitzes, aber ganz wei und ehrwrdig
eingepudert, schttelte dem Heimkehrenden die Hand und sprach: Ich habe davon
erfahren, da Ihr heute kommen wrdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur
angeschlagen habe. - Doktor, ich schwrmte auf dem Helikon, danach wurde mir
besser, und ich bin vllig hergestellt, versetzte der Patient. Der Doktor hatte
ihn inzwischen prfend beschaut und erwiderte kaltbltig: Nein, Mynheer van
Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als da Ihr abreistet, Ihr mt deshalb von
neuem auf Reisen gehen, sonst sterbt Ihr dann und dann. Er nannte den Todestag.
    Hier aber sah und hrte ich, wenn ich frher hollndische Schwrmerei
kennengelernt hatte, was hollndische Wut heien wolle. Denn das Gesicht von
Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern schwollen an, da sie
Baumwurzeln glichen, und er go ber den Doktor eine solche Flut von Scheltreden
aus, da ich ber den Reichtum der Landessprache in derartigen Wendungen
erstaunen mute. Der Doktor seinerseits fhlte auch in sich eine niederlndische
Begeisterung erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den
Doktor, die erste Nordhollnderin schimpfte auf Sebulon, da er sich in den
Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, da sie auf Sebulon
schimpfe, die dritte auf die zweite, da sie auf die erste schimpfe, die vierte
auf die dritte, da sie auf die zweite schimpfe, die fnfte auf Sebulon, die
erste, zweite, dritte und vierte insgesamt, die sechste schimpfte auf niemand
insbesondere, sondern im allgemeinen. Es erinnerte mich dieses verwickelte
Schimpfgemlde durchaus an den gegenwrtigen Zustand der deutschen
Tagesliteratur.
    Auf so laute und strmische Weise ging der Empfang des schwrmerischen
Hollnders in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die
Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere schrieen
in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott wei, ob nicht noch
Ttlichkeiten das Fest gekrnt haben wrden, wenn nicht pltzlich in der
Entfernung das reitende Jgerchen, und hinter ihm am Seile vom Pferde gezogen,
das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wre. Bei diesem Anblicke ebneten
sich die zornigen Wellen, aller Antlitz begann friedlich und freundlich zu
leuchten, und wie aus einem Munde riefen Doktor, Patient, Sebulon und sechs
Nordhollnderinnen: Die fnfte Schuite! - Kommt aber heute zwei Minuten zu
spt, setzte Mynheer van Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. - Er ging
freundlich in sein Landhaus; der Doktor bestieg besnftiget die Schuite nach
Amsterdam.
    So schlichtete der Anblick der fnften Schuite von Haarlem diese
niederlndischen Wirren. Ich war, als gehre ich zur Familie, meinem Herrn bis
auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich unsanft von den
Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern, wo ich gestanden hatte,
obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben mu, da ich mich sehr anstndig auf
dem Flure von Welgelegen benommen habe. Sebulon sperrte mich auf einem der
grnen Pltze zu den Gold- und Silberfasanen ein, d.h. ich kam nicht zu diesem
Gefieder unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie denn
auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders abgesteckten und
eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer van Streef selbst bei den
Tieren hollndische Neigungen voraussetzte. Ich fand ziemlich gute Weide, wenn
auch nicht so aromatische Kruter, wie am Helikon, fra mich endlich einmal in
Mue wieder satt und verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus
bergroer Ermdung von dem langen Reisewege. Erst etwa eine Woche spter bekam
ich sonach die Fhigkeit wieder, aufzumerken, ber meine Umgebung und mich
nachzudenken.
    Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines
hollndischen Rentenierers, der sich vom Geschft zurckgezogen hat, grndlich
kennenlernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart unter den Fenstern des
Lusthuschens, welches durch den Hof von dem Haupthause getrennt, dem Herrn des
Landhauses zu seinem tglichen Vergngungsorte diente, es mochte Sonnenschein
oder Nebel, Sturm oder Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern
etwa vier Fu hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen
kletterte ich hufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem Lusthuschen
vorging, das meiste auch hren, was darin gesprochen wurde, da die Fenster, wenn
das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach der Menagerieseite zu, offen zu
stehen pflegten. Nach der Kanalseite aber waren sie stets geschlossen und auch
verhngt bis auf eine kleine, zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige
ffnung.
    Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmig in sein Lusthaus
gegangen. Er trug dann seinen Frhanzug von zeisiggrnem Kamelott und eine rote
Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem Teegerte folgte ihm die erste
Magd, denn zu Hause lie er sich nur von den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war
nur auf der Reise zum Diener erhht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er
seine Stellung als Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van
Streef trank nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich,
wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er langsam den
Rauch aus der angezndeten Pfeife blies und in geregelten Zeitabschnitten
wechselweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und nach uns, seiner Menagerie,
aussah. Sonst nahm er whrend dieser Zeit nichts vor, denn er war der Meinung,
da jedes Geschft fr sich betrieben werden msse. Nach dem Frhstcksgeschfte
schickte er sich zu dem zweiten an, nmlich den Text seiner Kansbilletts, die er
in der roten Mappe verwahrte, Stck vor Stck, obgleich derartige Schriftwerke
bekanntlich gleich lauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte sich dazu die
Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mhen pflegten die zwlfte Tagesstunde
heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus dem Landhause Schoone Zicht und
einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte einen hflichen Gru von Mynheer de
Jonghe und Mynheer van Toll und die Anfrage ihrer Herrn: Wie Mynheer van Streef
geschlafen habe und sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer
berlegung jeden Tag dasselbe; da die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das
Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten abgefertigt
waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zieht und der Vrouw
Elizabeth entsendet mit hflichem Grue von Mynheer van Streef an Mynheer de
Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger Anfrage, wie diese beiden Herren
geschlafen htten und sich befnden?
    Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschpften
Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des zurckkehrenden
Sebulon entgegengenommen. Darauf ging Mynheer van Streef in das Haupthaus, kam
angekleidet zurck in den Hof, stellte sich vor die Voliere und demnchst vor
jeden Abschlag der Menagerie, sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes
von uns eine geraume Zeit lang bedchtig an, schttelte auf jeder dieser
Stationen das Haupt und sagte, sooft er schttelte: Unvernnftige Tiere! -
Dieses tat er jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur
whrend dieser geringschtzigen Betrachtungen den Regenschirm ber.
    Waren die Allokutionen an die Voliere und Menagerie geendiget, so ging er
wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier Uhr nachmittags
sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und kehrte, abermals eine Mappe
unter dem Arme, jetzt aber eine grne, sechs Uhr abends in das Lusthaus zurck.
Er trank nunmehr seinen dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht,
abermals dazu und las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grnen
Mappe verwahrte. Darber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef klappte
ghnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verlie hierauf das
Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zurck. Sobald es vllig dunkel war,
schlo Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in den Fenstern des Hauses eine
kurze Zeit lang leuchteten, erloschen allgemach - ein Zeichen, da Herr und
Dienerschaft in ihren Betten von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das
tiefste Schweigen und die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.
    Ich habe unter den Beschftigungen des Tages anzumerken vergessen, da
Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs Schuiten, welche
tglich von Haarlem nach Amsterdam vorberfuhren, auf einer schwarzen Tafel,
welche im Lusthuschen hing, zu notieren pflegte, und aus den Unterschieden
wchentlich eine mittlere Zeit herausrechnete. Ich hrte ihn zuweilen sagen, es
sei sein grter Kummer, da diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn
er sie auf Monate, ja selbst Jahre schlge, und da daher die rechte mittlere
Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlsbares Rtsel wre.
    So ging ein Tag wie der andere hin.
    O Herr! seufzte ich bei diesem niederlndischen Leben in Freude und Rast
oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr der
Mythologie) was fr eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur eine Stufe ber
dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem stolz-empfindlichen Rosse,
dem rhrigen Hunde, obschon er Kansbilletts und Amsterdamer Stadtobligationen
liest? Und doch dnkt er sich was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu
besitzen, und doch behandelt der schwrmerische Barbar uns Tiere mit
Verachtung! - Es war natrlich, da sich auf solchem Wege kein Verhltnis der
Zuneigung zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Hollnder war nicht
geeignet, Liebe zu erwecken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rcken zu, wenn
er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen Langeweile von
Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen Nachbarn in der Menagerie
Umgang anzuknpfen. Ich hatte recht leidliche Leute zu Nachbarn, links einen
Goldfasan und rechts einen Silberfasan, hinter mir ein paar Schildkrten in
einem groen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen Schwanz in Wasser hing.
Es wre mir interessant gewesen, mit so Vgeln, Amphibien und amphibienartigen
Geschpfen auch einmal meine Ideen auszutauschen, aber dazu wollte sich hier
keine Gelegenheit finden. Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der
ber Welgelegen lastete, so gebeugt, da alle meine Versuche, ihnen
nherzutreten, mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung
keinen Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flgel
gesteckt, dumpf hinbrtend da, die Schildkrten zogen sich, sobald sie sich an
ihrem Kohle satt geknabbert hatten, unter ihr Schild zurck, der Biber hatte fr
nichts Sinn als fr das kalte Wasser um seinen Schweif.
    Meine Pein zu schrfen diente die berufene hollndische Reinlichkeit. Es
wurde nmlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten, welche bei ihrem
Mitgesinde Dreck-Griete hie, weil ihr anbefohlen war, die uerste Sauberkeit
unserer Wohnsttten in Obacht zu nehmen. Sie brachte den Tag ber in einer Art
von Portierhuschen am Eingange des Haupthauses zu und lugte bestndig auf die
Menagerie hinaus. Lie nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas
vor, was nicht zu vermeiden stand - lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! -
alsobald scho diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson, bewaffnet
mit einem langen Borstbesen hervor, ri den betreffenden Verschlag auf und
suberte vermge des Besens die Stelle. Meine Kollegen waren zu sehr Vieh, um
sich hieraus etwas zu machen, aber in mir hatte der Mensch teil an dergleichen
Verkommenheiten, in mir schmte sich der Mensch vor einer solchen berwachung
seiner eigensten und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der grten
Verlegenheit zwischen Mssen und nicht Mgen, zwischen natrlichen Wnschen und
der Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen
greifenden Dreck-Griete!
    Die Langeweile - die Isolierung - die ewig drohende Kehrmagd - meine Lage
wurde von Tage zu Tage frchterlicher! Mnchhausen war damals unglcklich, ganz
unglcklich! Das Schicksal hatte mich zu hart angefat, ich war ein Opfer kalter
Schwrmerei geworden; das ist das Schrecklichste, was es zwischen Himmel und
Erde gibt.
    Eine tragische Verzweiflung bemchtigte sich meiner. Ich sann auf
Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise enthalten,
wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer unterschlagen - lange
- fr immer! - - Denn ich fhlte, da, mit Heldenmut den Entschlu durchgefhrt,
der Organismus untergehen msse. Diese Weise, zu enden, dnkte mich die
erhabenste, reinste, sie kam mir neu und unnachahmlich vor.
    Ich hielt mich still fr mich. Zwei Tage lang rastete das Trschlo meines
Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich sphend. Ich dachte:
Schleich du; ich sterbe!
    Am dritten Tage lie Mynheer van Streef die Spherin rufen und fragte sie,
was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhngerig da? Griete berichtete
dem Herrn, was sie wute. - So mu man abwarten, ob es sich bis morgen mit ihm
bessert, sprach mein fhlloser Gebieter, und wenn das nicht geschieht, so gebt
ihm -- Er verordnete das schnelle und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in
solchen Fllen selbst der Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen wrde.
    Nein, es ist zu viel! meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem
ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heie Stirn wider diese Klinker
stie. Nicht leben knnen, und nicht sterben drfen! - Ich sah schon im Geiste
den Augenblick, der meinen Entschlu gewaltsam brechen wrde, und das furchtbare
Instrument in Grietens Hand, ich sah mich schon wieder schamrot, entwrdigt, in
die alten Konflikte zurckgeworfen, denen meine freie Seele sich entronnen
whnte.
    Ach, der nmliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen! Wie
schwach steht es um die sogenannten groen Vorstze! Bittere und demtigende
Erfahrung, die ich an mir selber machte!
    Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen Nachbarn
de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhuser Welgelegen, Schoone
Zicht und Vrouw Elizabeth pflegten einander nur einmal im Jahre gegenseitig zu
besuchen. Die Tage waren ein fr allemal festgestellt, und sonst sahen einander
die drei Hollnder nicht, obgleich die Landhuser kaum fnfhundert Schritte
voneinander entfernt waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen
Gsten den Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van
Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf eine
Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie am meisten.
    Nachdem die drei Freunde im Lusthuschen Tee getrunken hatten, fhrte mein
Gebieter seinen Besuch zu unsern Verschlgen und fragte de Jonghen, der, wie wir
wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine Tiersorte, wie die meinige, auf
Java kennengelernt habe. Schon bei dem ersten flchtigen berblicke, den mir der
Naturaliensammler widmete, fingen seine Augen an zu glnzen, und seine farblosen
Wangen wurden von einer leichten Rte berflogen. Ich mute mich erheben,
Mynheer de Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch
nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte mein
Vlies, guckte mir in den Rachen, befhlte meinen Schdel.
    Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines
glcklichen Besitzers zu. Nach vielfltigem Anschauen und Tasten war Mynheer de
Jonghe zu dem Bekenntnisse gedrungen: Nein, diese Tiersorte kommt nicht auf
Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der kleine gefleckte Hirsch, moose-deer,
welchen man auf Ceylon findet, aber der Bau des Schdels widerspricht dieser
Annahme. Der Schdel hat etwas vom Affen, der ganze brige Leib gehrt in das
Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir mssen eine neue
Spezies ernennen. Dieses Geschpf, woran Ihr, Mynheer van Streef, eine gar groe
Seltenheit besitzt, mu der Bockaffe, capra simiae proxima, heien.
    Ich fand ihn, versetzte Mynheer van Streef, auf einem griechischen
Platze, in einer unvergelichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, da wir
heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den dritten Tee
trinken wollen, wofern es sich frischgehalten hat. Ich mchte sehen, wie es auf
Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt.
    Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinthen, welche die zweite Stelle in
seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei dem
Bockaffen zurckbleiben zu drfen. Als er sich mir gegenber allein sah, sagte
er: Da Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir ablt, ist nicht zu
denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen sein, folglich mu ich dich
stehlen lassen.
    Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem zweiten
Freunde von den Hyazinthen zurck. - Wie ich Euch sagte, Mynheer van Streef
sprach Mynheer van Toll es hlt sich auf Vrouw Elizabeth seit einigen Tagen ein
fremder Maler und Chemikus auf, der eine besondere Mischung der Farben entdeckt
hat, wodurch auch auf dem Porzellan das vollkommene Helldunkel von Rembrandt
sich erzielen lt. Ich wollte durch ihn eine groe Vase in dieser Manier malen
lassen, und alle Anstalten des Glhens und Einbrennens sind auch schon gemacht,
nur war ich ber den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz neuen fr die
neue Manier zu haben wnschte. Gar gerne mchte ich nun den sogenannten
Bockaffen in Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil den gewi noch niemand hat,
und ich bitte Euch daher, da Ihr mir die nachbarliche Geflligkeit erzeigen
wollet, meinem Chemikus diese Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er
soll an dem Tiere bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser
Beleuchtung eine Farbenskizze von ihm entwerfen.
    Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an, versetzte der Hausherr. Die
nchtliche Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestrt werden. Ihr
knnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in Helldunkel abzeichnen
lassen. - Gertruid ging mit dem Teegerte nach dem Lusthuschen. - Kommt
hinein, fuhr Mynheer van Streef fort, ich will Euch, meine Freunde und
Nachbarn eine neue Sorte Tee zu kosten geben.
    Wieder also sollst du gestohlen werden! dachte ich fr mich. Bist du denn
so kostbar? - Inzwischen war es im Lusthuschen sehr lustig geworden, freilich
nur auf niederlndische Weise. Offenbar hatte das Wasser der Hippokrene durch
die Reise seine Kraft nicht verloren. Die drei Freunde waren nach der ersten
Tasse vom Teetische aufgestanden und gingen, phantastisch erregt, ohne sich
umeinander zu bekmmern, im Stbchen auf und nieder. De Jonghe versuchte,
whrend er ging, einen Pas aus der Menuet  la Reine zu bewerkstelligen, van
Toll sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den
Vorhang des Kanalfensters auf, ffnete letzteres selbst und verga, die eben
vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren.
    Statt eines drei hollndische Schwrmer! Wunderbares Wasser! Selbst eine
Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee verkocht! - Bald sollte
die Schwrmerei wieder mich in ihre Kreise reien, mich, den
schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten Bildungsgeschichte, welche
jemals die Erde sah. Van Toll trat an das Menageriefenster des Lusthuschens und
flsterte hinunter: Nach Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem
Nachschlssel her, dich abzureien. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase in
Rembrandtschem Helldunkel! - Er trat zurck, de Jonghe nherte sich hierauf dem
Fenster und rief, mit einem sehnschtigen Blicke auf mich, halblaut hinaus:
    Stehlen lass' ich dich noch vor Mitternacht und dann auf der Stelle
ausstopfen!
    Ausstopfen!? - - Nein, nein, das geht in das Ungeheure! Du sublime au
ridicule - - Meine Sinne schwanden.
    Als ich wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein vor meinem
Verschlage und Sebulon neben ihm. - Sebulon, sagte mein Gebieter, der Besuch
ist nun fort, und da kann also etwas geschehen, was sich vor Fremden nicht
ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder in die helikonische Stimmung
gekommen. Ich mchte der ganzen Welt helfen und rasch! Sage der Griete, sie
knne auf der Stelle mit dem fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem
frheren Befehle erst morgen vorgenommen werden sollte.
    Wird wohl nicht mehr ntig tun, versetzte Sebulon trocken. Es scheint
wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprnge es macht.
    Ach nein, es war nicht mehr ntig! - Die grliche Perspektive, ausgestopft
zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmrderischen Gedanken in mir
vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wiedergegeben und die gewaltigste
Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie unsinnig im Verschlage umher, das
nannte jener hollndische Hausknecht Lustigkeit, ich stie entsetzliche Tne
aus, mich verstndlich zu machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten
anzukndigen, darber lachten die Blinden!
    Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schlo die Pforte. Unglcklicher, lege
auf die Mauer, ber welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte steigen lassen
wird, Selbstschsse und Fuangeln! Durch die Pforte kommt hchstens der
unschuldige Chemikus, euren armen kleinen Bockaffen im Helldunkel seiner
harmlosen Laterne abzureien! schluchzte ich. Wie wird er sich betrben, der
Getuschte, wenn er statt seines Studienobjektes nur die leere Sttte findet!
Jammer ber dich Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir
gestohlen siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabeth, deine Vase bleibt unbemalt!
    Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die Bande de
Jonghes nach Mitternacht? So wrde der Chemikus noch bei Laternenlicht zeichnen,
wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen, und diese Nacht wre wenigstens
gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener Wrfelspieler! Tolles Rtsel des
Daseins, grimmiger Wust chaotischer Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo
eilest du? Eile herbei, deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten,
Schrecklichsten zu erretten! Du bist wibegierig und reisest viel, mein guter
Vater, vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de Jonghe,
und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen unglcklichen Sohn
vielleicht zwischen einer Fischotter und einem sibirischen Eichhorn siehst! -
Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich rede irre - du wirst mich nicht erkennen!
    Ausgestopft zu werden! - Gedanke, der das Hirn sieden macht, und alle Sehnen
krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus glsernen Augen dumm und starr zu
schauen, und ewig den Draht in Rcken und Beinen zu fhlen, als einzigen
haltenden Grundsatz! Neben sich nur Blge zu haben, und diese ganze trockene
Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer und Spiekl gegrndet!
    In solchen jmmerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener merkwrdigsten
Nacht meines Lebens hin. Ich fhlte zugleich, da die uerste Bengstigung in
meinem Krper Folgen hervorbrachte, denn ich konnte, da ich im Verlauf meines
Kummers als Mensch mir vor die Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit
meinen Vorderbeinen bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die
Haare fielen ab, sowie ich sie nur berhrte, endlich schien in meinem Antlitze
ein frmliches Umziehen und Quartierverndern von Maul, Nase und Augen vor sich
zu gehen, so rckten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles dieses hatte
ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem Ausstopfen.
    Gegen Mittemacht Gerusch drauen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen einer
Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber und
Schildkrte vorsichtig hindurch - - Ich sitze (denn ich vermochte auch schon
wieder zu sitzen) stumm da, und raufe mir vollends alles Fell ab; seine rauhe
Tatze ergreift mich - hui und davon mit mir ber die Mauer! Ich hange
schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in seinen Armen. - Was, zum Teufel,
habe ich denn da gefat? Das ist ja kein - murrt er, whrend er einige Schritte
lngst des Kanals nach dem Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende
gesprochen, strzt ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst
gebildeten Stimme heftig: Steh du Dieb, ich sah dich ber die Mauer steigen!
und haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb - Snde gibt keinen Mut - lt
mich fallen und luft davon. Ich falle in den Kanal, jener unbezahlbare Retter
springt, immer den Degen in der Faust, mir nach, holt mich heraus, ruft: Wie,
ein nacktes Kind? und trgt mich, dem von diesen jhen Abwechselungen das Haupt
schwindelt, zu einer Laterne hin, die etwa hundert Schritte von der Stelle am
Kanale brannte. Bei dem Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in
das Antlitz, und - wer fat's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? - Es
ist - - mein Vater, mein sogenannter Vater!
    Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es. Ich
finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber doch
verstndlich, ist: Vater! Vater! Dein Kind! mein erstes Wort. Mit heien
Trnen strze ich an seine Brust, er erkennt mich, wie ich ihn erkannt, und -
doch schweige, Lippe! falle, Vorhang ber diese unbeschreibliche Szene!
    Stumm vor Rhrung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke
Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen mir in
jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Frhstck darin; ich versuche, es zu
essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst essen! Ich bin ein Mensch
wieder, das gebildete Kind gebildeter Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater
trgt mich in das Lusthaus Vrouw Elisabeth. Er ist's ja, er ist der gute
Chemikus, der sich dort aufgehalten, der mit dem Nachschlssel zu mir kommen,
mich nach Mitternacht bei Laternenlicht abreien wollte, aber von einer
unerklrlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so strmisch geklopft
hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen zu sich steckte, weil das
Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal Zeuge des Diebstahls wurde.
    Wie ich diese ersten Erklrungen der wunderbaren Geschichte empfangen, ich
wei es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche hinunter,
worin ich sa, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns durch Naturlaute. - Aber
warum machtest du nicht Lrmen, mein Vater, als du den Dieb ber die Mauer
steigen sahst? fragte ich in einem ruhigen Augenblicke. - - O Sohn, versetzte
er, um einen Menschen zu retten, haben sich wohl schon grere
Unwahrscheinlichkeiten begeben mssen, als da man einen Dieb erst einsteigen
und dann wieder herauskommen lt. - Du konntest nur gerettet werden, wenn diese
Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich frher Lrmen, so erwachte das
Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt, du bliebst mir unsichtbar und in
den Hnden von Mynheer van Streef. - Diese Antwort stellte mich vollkommen
zufrieden.
    Wir waren unter solchen und hnlichen Gesprchen vor Vrouw Elizabeth
angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier, der ihm
sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen und
Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei voller Mue.
Vater, wie sehe ich aus? war meine erste Frage.
    Abscheulich, mein Sohn, versetzte er. Deine Zge sind in einer
wunderbaren Unordnung, es ist, als wren Nase, Mund und Augen bei dir berauscht
gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht gehren. Die Ohren mssen
wir vor allen Dingen stutzen, sie haben sich etwas zu ppig gen Himmel erhoben,
an den Extremitten sind dir berflssige Haarbschel gewachsen, auch deine
Sprache schmettert sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du
kommst mir vor wie eine durcheinandergeworfene Bibliothek oder Garderobe, die
einzelnen Bestandteile deiner Totalitt sind richtig vorhanden, aber es fehlt
die Harmonie.
    Alles nichts, mein Vater, sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel getreten
war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. - Er brannte, meine
Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in groen Umrissen. Er glaubte, ich
habe getrumt. Sieh mich an, versetzte ich, und sage dann noch einmal, da
dies Trume gewesen seien. Das letzte Wunder, so schlo ich meinen Bericht,
war das grte. Hat man auch nur noch ein Fnkchen Humanitt in sich, und soll
man ausgestopft werden, so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Fnkchen
zusammen und man restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst,
Grauen, Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweiten Male
geboren und die Tierhlle durch Seelenkmpfe abgestreift.
    Streife jetzt nur auch eine anstndige Hlle ber! rief mein Vater, ging
zu einer Kommode und holte daraus die weien Pumphschen, das rote Collet, den
kleinen blechernen Sbel und den Turban hervor. Groer Gott! die
Janitscharenkadettenuniform war auch da! Wo fandest du sie? fragte ich ihn.
Im griechischen Gebirge, welches ich nach dir verzweiflungsvoll, wie Ceres
Proserpinen suchte, durchrannte, antwortete er. Ich fand die Stcke auf einem
Felsenabhange und glaubte, da dich ein Raubtier gefressen habe. - Aber mein
Vater, sagte ich, indem ich die Hosen anzog, an den Kleidungsstcken war ja
kein Blut, woher also dieser Glaube? Konnte dich das Raubtier nicht rein
herausgefressen haben? erwiderte er, etwas verstimmt ber meine kritischen
Zweifel. - Er mute mir nun auch seine Geschichte erzhlen. Sie war einfach. Aus
Schmerz ber meinen Verlust hatte er, nachdem er jede Hoffnung aufgegeben, mich
wiederzufinden, sich noch eifriger den chemischen und physikalischen Studien
ergeben, wie frherhin, und unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis
entdeckt, welches ihn dem Hollnder van Toll so wert machte. In der Heimat litt
ihn der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als dsterer,
zerrissener Porzellanmaler. Unterweges traf er mehrere Kollegen. Durch die
allerseltsamste Fgung brachte uns das Schicksal wieder zusammen. Er ging bei
Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn.
    Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabeth fort, denn mein
Vater fhlte wohl, da, da er dem Eigentmer das fremde Tier nicht auf die Vase
liefern knne, seine Rolle im Landhause ausgespielt sei. Wir benutzten die erste
Schuite nach Amsterdam, und dort die erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir
im Wagen saen, ich wie in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke
an Frau von Mnchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich
teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: Wird so es uns nicht gehen, wie
Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum zweiten Male auf
Reisen geschickt werden sollte?
    Nein, mein Sohn, erwiderte er, die vortreffliche Frau ist bereits vor
sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlnglich beweint worden. - Ich
zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachtrgliche Zhren.
    Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner
Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte erhellt,
schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch meinem Wissen an
Zusammenhang, der jetzt erzielt werden mute. Einen Augenblick dachten wir daran
- denn ich gab zu meinem Bildungswerke auch jederzeit meine Stimme - mich nach
Lorinsers Ideen ohne Griechisch und Lateinisch blo durch Haus- und
Wirtschaftskenntnisse zum Manne zu machen, allein es entstand die Besorgnis, da
ich bei dieser Methode leicht wieder in meinen frheren Zustand versinken
knnte, und es dann vielleicht nicht einmal bis zum Bock, sondern nur bis zum
Schps brchte. Wir lieen also Lorinser Lorinser sein und mein Unterricht wurde
in der Art geregelt, welche ich in einer meiner frheren Erzhlungen zu
schildern versucht habe.
    Noch oft unterredeten wir uns ber die Einzelheiten meiner auerordentlichen
Geschichte. - Sage mir nur, mein Sohn, sprach mein Vater eines Tages, welche
historische Lehre ziehst du aus allen diesen unglaublichen Vorfllen? -
Vater, versetzte Mnchhausen das Kind, die Geschichte ist erhaben ber alle
Lehren. Willst du aber aus der meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es
die einfache Wahrheit, welche jeder Student fhlt - da die Shne auf die
Taschen ihrer Vter angewiesen sind.

Hier machte der alte Baron noch einen letzten Versuch, den Strom Mnchhausens zu
hemmen, denn seine Krfte waren schon halb gebrochen. Der Freiherr hatte aber
auch jetzt Rat und Strke, ihm zu begegnen, denn ehe der Schloherr seinen
Spruch vorbringen konnte, war bereits das zweite Manuskript entfaltet und die
Geschichte von den Poltergeistern in und um Weinsberg angefangen.
    Als der Freiherr auch diese zu Ende gelesen hatte, schlief der alte Baron,
erschpft von den Anstrengungen der letzten vierundzwanzig Stunden und den
ausgezeichnet albernen Erzhlungen seines Gastes einen festen und gesunden
Schlummer. Der Freiherr stellte sich triumphierend neben den Sessel des
Schlafenden und rief mit gedmpfter Stimme: Habe ich dich endlich unter mir, du
alter Nachtschwrmer und Ruhestrer?
    brigens ist meine Lage auf diesem Schlosse bedenklich geworden, fuhr er
ernsthaft fort. - Theoretisch darf man den Leuten so viele Dinge, welche der
Pbel Lgen nennt, vorsagen, als man will, aber wehe dem, der ihnen etwas in den
Kopf setzt, woran sich ihr Eigennutz heften kann! Sie glauben's, sie glauben's,
und die Schler treiben den Meister in die Enge. Ich frchte, da ich einen
Fehler begangen habe, als ich die Luftverdichtungsaktienkompanie hier zur
Sprache brachte, und der wrde schlimmer sein, als ein Verbrechen.

                                Zehntes Kapitel



    Die Gesellschaft des Schlosses beginnt sich in ihre Elemente aufzulsen

Whrend des ganzen Tages, an welchem der alte Baron ruhelos umhergetrieben, und
das Frulein unpa geworden war, hatte der Schulmeister Holz gesgt und darauf
gespalten. Am folgenden Morgen empfing er durch den Kreisboten, welcher ihn in
aller Frhe auf seinem Strohlager weckte, eine Antwort von dem Schulrate
Thomasius, die ihn sehr froh machte. Er warf sogleich seinen braunen
Mantelkragen um, suberte das Gemach des Gartenhuschens von allen Spuren der
Bewohnung, stellte den schlechten Tisch und den hlzernen Schemel, welche Stcke
die einzigen Meubles dieses Gelasses waren, in Ordnung, den Tisch nmlich an die
Wand und den Schemel mit dem Sitze unter den Tisch, und schrieb darauf mit
Bleistift nicht ohne Mhe und Nachdenken folgende Zeilen an die Wand:
    Allhier habe ich, Christoph Agesel, weiland Schulmeister auf und zu
Hackelpfiffelsberg neun Monate lang in schwerer Krankheit zugebracht, welche mir
durch eine unverstndliche Sprachlehre angetan worden war. Nachdem der
grundgtige Gott mir meine Gesundheit wieder verliehen, scheide ich von diesem
Orte, an welchem ich manche schne Stunde verlebte, mit Dank fr die
Vergangenheit und mit Hoffnungen fr die Zukunft.

Wie reizend ist doch die Empfindung
Ganz wieder bei Verstand zu sein,
Er bleibt die herrlichste Erfindung,
Schtzt uns vor leeren Trumerein;
Man wird damit auf Erden fast
Bereits zu einem Himmelsgast.

Nach dieser Schferstunde seiner Muse schritt der Schulmeister hinaus in den
Garten, wo ber allen Verwilderungen und Trmmern der wolkenlose blaue Himmel
leuchtete, warf einen dankenden und abschiednehmenden Blick den ausgewachsenen
Taxusfiguren, dem Genius des Schweigens, dem Fltenblser ohne Flte und dem
Delphin ohne Wasserstrahl zu, und ging dann in das Schlo, um dem Herrn
desselben seine vernderten Entschlsse kundzutun.
    Dem alten Baron schmerzte noch von den phantastischen Erzhlungen
Mnchhausens das Haupt. Um von diesen wesenlosen Dingen seine Vorstellungen zu
befreien, war er, ohne vorher den gewohnten Frhgang durch den Garten zu machen,
sogleich nach dem Verlassen des Bettes zur Gerichtsstube hinaufgestiegen. Dort
sich an die Tafel setzend, gelang es ihm auch, seine Gedanken zu sammeln.
    Er sttzte den Arm auf die Tafel, legte das Haupt in die Hand und sagte:
Ich merke recht wohl, wo dieses hinaus will. Es reut ihn, sein
Luftverdichtungsgeheimnis in einem unvorsichtigen Augenblicke dahingegeben zu
haben, darum sucht er mir durch die unsinnigsten Faxen zu entschlpfen. Nein,
mein kluger Freund, das soll dir nicht gelingen. Zum Glck kennen wir deine
schwache Seite, und gegen diese habe ich bereits meinen Operationsplan
entworfen. Unter Freunden soll Offenheit herrschen, nach diesem Grundsatze werde
ich verfahren und hinter deine Heimlichkeiten zu kommen suchen, du
unaufhaltsamer Schnurrenerzhler! Unbegreiflich, woher der Mensch alles das Zeug
nimmt! Er mu ein sonderbares Leben gefhrt haben; mitunter ist es mir, als habe
ich ihn schon irgendwo gesehen, ich wei nur nicht, wo?
    Der Schulmeister betrat den Sller, bot seinem bisherigen Beschtzer einen
ehrerbietigen guten Morgen und ersuchte ihn dann ohne weitere Vorrede um einen
seiner alten, abgelegten Rcke. Auf die verwunderte Frage des alten Barons, wie
er gerade jetzt auf dieses Verlangen falle, da er sich so lange mit dem braunen
Mantelkragen beholfen habe, erwiderte der andere, da letztere Bekleidung ihm
als Menschen in seiner Zurckgezogenheit wohl erlaubt gewesen sei, sich aber
nicht mehr ziemen wolle, wenn er, wie jetzt der Fall, in das ffentliche Leben
wieder einzutreten gedenke. In diesem werde nur der Rock anerkannt. Ich habe,
fuhr er fort, indem er einen Brief hervorzog, gestern an meinen verehrten
Vorgesetzten, den Herrn Schulrat Thomasius unter unumwundener Darlegung meiner
frheren und jetzigen Gemtsverfassung geschrieben und ihn ersucht, mir einen
Lehrposten von neuem anzuvertrauen, da ich mich vollkommen fhig fhle,
denselben zu bekleiden, nur nicht auf einem Dorfe, wo jene furchtbare
Sprachlehre eingefhrt sei, sondern etwa weit hinten im Gebirge, wohin diese
Geiel Gottes noch nicht Zugang gefunden habe. Darauf antwortet mir nun der
wrdige Mann mit dem rckgehenden Boten, da ich, wenn er bei einer persnlichen
Zusammenkunft sich von der Wahrheit meiner Behauptungen berzeuge, sogleich nach
Hackelpfiffelsberg heimkehren knne, indem mein Nachfahr im Amte mit
vorberhrter Sprachlehre auszukommen gleichfalls unvermgend, vor kurzem habe
abgesetzt werden mssen, weil er aus Kummer und Unruhe, zwar nicht wie ich in
Einbildungen, jedoch in Trunk und unduldbare Ausschweifungen versunken sei.
Unvonnten sei es aber, mich vor der Sprachlehre selbst noch zu frchten, da sie
neuerdings bei einer abermaligen Umgestaltung des Schulplanes auch schon wieder
abgeschafft worden sei. So bin ich denn also hier, mein gtiger Gnner und
Schirmherr, Ihnen fr alle mir erwiesene Gromut den empfundensten Dank zu
sagen. Sie um die von mir erwhnte letzte Gabe anzusprechen, und mich Ihnen
hierauf, jedoch hoffentlich nicht fr ewig, gehorsamst zu empfehlen.
    Der alte Baron war vom Kopf bis zu den Fen Erstaunen und sagte: Seid Ihr
denn, Herr Agesilaus -
    Vllig bei mir, allerdings, fiel der geheilte Schulmeister ein. - Ich
bitte Sie aber instndigst, mich fortan Agesel zu nennen, denn ein Agesel war
ich, ein Agesel bin ich, und ein Agesel werde ich sein, und gewesen sein, dahier
und in jener Ewigkeit.
    Nein, das ist aber nicht auszuhalten! rief der alte Baron und schlug
zornig auf die Gerichtstafel. Gestern lgt mir Mnchhausen vor, er sei ein Bock
gewesen und aus Verzweiflung wieder Mensch geworden, und heute wird in Wahrheit
und vor meinen sichtlichen Augen ein Verrckter vernnftig. So darf man denn auf
niemand sich verlassen und knnte ber solche Streiche selbst nrrisch werden,
htte man nicht so viele Geschfte im Kopf.
    Es schmerzt mich, da ich meinem Gnner Kummer bereite, sagte der
Schulmeister sanft. Das in Ihren Augen unangenehme Ereignis ist auf ganz
natrlichem Wege herbeigefhrt worden, und alle hochschtzbaren Bewohner dieses
Schlosses haben daran ihren Teil.
    - Wie? Natrlich? - Es ist unrecht von Euch, Schulmeister, wiederhole ich.
Konntet Ihr nicht bleiben, was Ihr wart? Warum wollt Ihr nun fortlaufen? Wir
lebten hier so eintrchtiglich zusammen, man hatte sich aneinander gewhnt,
eines lehnte sich an das andere; nun kommt ein Ri in den schnen Kreis.
    Wenn etwas meine Freude ber mich und mein hergestelltes Selbst zu trben
vermag, so ist es das Gefhl, Sie verlassen zu mssen, antwortete der
Schulmeister. - Gndiger Herr, ich kann nicht dafr, da ich meinen Verstand
wiederbekommen habe. Mangel an Anerkennung ist daran schuld. Ich bin nie unter
Ihnen anerkannt worden. Gleich zu Anfang, als ich die Ehre hatte, bei Ihnen zu
sein, fand ich fr meine Idee von spartanischer Abstammung und Lebensweise weder
bei Ihnen noch bei dem gndigen Frulein Anklang oder Widerspruch, sondern man
lie mich und meinen Wurm gehen, als vllig unschdlich und keiner Beachtung
wrdig. Diese Klte steigerte sich aber zur verletzendsten Gleichgltigkeit, als
der Freiherr von Mnchhausen, welchen Gott Ihnen gesegnen mge, Gast des
Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr wurde. Whrend er der Empfindsamkeit des
Fruleins schmeichelte, Ihren Geheimenratsbegriff abwechselnd hochstellte oder
reizte, und whrend Sie beide fortfuhren, von Ihren ungewhnlichen Gedanken
gegenseitig aufmerkende Kunde zu nehmen, bekmmerten weder Sie noch der Freiherr
sich um die Vorstellungen eines armen Dorfschulmeisters -
    Ihr werdet ausfallend, Schulmeister! rief der alte Baron. Nach Eurer
Folgerung wre ich also selbst -
    Mein Gnner verstehe mich, unterbrach ihn der andere. Die Sprache fhrt
in ihrem Eigensinne derartige verfngliche Wendungen herbei, welche der
Sprechende keinesweges beabsichtigte. Ich folgere nicht; meine einzige Absicht
ist, mich Ihnen aufzuschlieen. - Weder durch eingehendes Lob gehoben, noch
durch Widerspruch gekrftigt, entbehrte sonach die Pflanze meines Wahnwitzes (um
bildlich zu reden) des befruchtenden Regens sowohl, als des Sturmes, der ihre
Wurzeln im Boden befestiget htte. Sie mute also nach und nach in solcher Drre
vertrocknen, welken und absterben. Dies schlich lange in mir umher; Sie wrden,
wenn Sie mich nher zu beobachten nicht unter Ihrer Wrde gehalten htten,
gesehen haben, da ich schon seit geraumer Zeit still und nachdenklich
einherging. Ich fhlte die spartanische Idee in mir von Tage zu Tage bleicher
und farbloser werden. Durch eine unumwundene Erklrung des Freiherrn von
Mnchhausen in vorgestriger Nacht wurde ihr vlliges Verscheiden hervorgebracht,
und seitdem bin ich der Dorfschulmeister Agesel von niederer deutscher Herkunft.
    Anerkennung, mein Gnner, braucht jedermann. Der grte Held und der hchste
Dichter bleiben ohne sie - und zeigte sie sich auch nur durch wtende
Feindseligkeit - gewi nicht Held und Dichter. Es ist tricht, wenn kalte
Menschen einen in dieser Beziehung Darbenden auf sein eigenes Bewutsein
verweisen, weil gerade die besten und tchtigsten Seelen immerdar an sich
zweifeln, und von andern eine so groe Meinung haben, da sie in deren Schtzung
ihr Gericht finden. Alle Eigenschaften knnen durch tote Gleichgltigkeit der
Umgebungen zugrunde gerichtet werden.
    Anerkennung, Herr Baron, braucht auch der Narr, wenn er Narr bleiben soll.
Er will entweder gebunden und in die Zwangsjacke gesteckt, oder in seiner
eigentmlichen nrrischen Vorstellungsart angesprochen sein. Lt man ihn aber
laufen, so wird er bald vernnftig, er mag wollen oder nicht.
    Schulmeister, rief der alte Baron, Ihr sprecht da groe Dinge aus.
Demnach wre alle Unvernunft -
     ... sehr bald zu heilen, ja vielleicht schon ganz in der Welt ausgegangen,
wenn nicht darauf geachtet wrde, sagte der Schulmeister. - Ein Satz, der
nicht nur im Privatleben ernstlich erwogen, sondern auch Frsten und
Gewalthabern zum Nachdenken anempfohlen zu werden verdient. - Der Lrmen und das
Geschrei um widersinnige Vorstellungen und Handlungen rhrt auch meistenteils
nicht aus einem Widerwillen gegen sie, sondern daher, da jeder Mensch in sich
den Narren fhlt, und ihn liebt und zu erhalten wnscht. Er macht daher ber den
Narren seines Nchsten so groes Aufheben, oder richtiger zu reden: er widmet
ihm Anerkennung, weil er bei sich denkt: Was du willst, da dir die Leute tun
sollen, das tue ihnen zuerst.
    Der alte Baron verwunderte sich jetzt wie schon frher einmal ber die
Weisheit des Schulmeisters, die ihm geblieben war, obgleich er wieder den Sinn
eines gewhnlichen Menschen angelegt hatte. Als er etwas der Art aussprach,
meinte der Schulmeister, dieser Tiefsinn, der ihm allerdings nicht recht eigne,
mge ihm wohl noch als Nachbel seines Zustandes anhaften, indessen hoffe er
auch davon bald befreit und gewhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des
Wortes zu werden.
    Da der Schloherr sah, da es seinem Gaste voller Ernst war, zu scheiden, so
erlaubte er ihm, von mehreren abgelegten Rcken, welche an den Pflcken in der
Gerichtsstube umherhingen, sich einen auszuwhlen. Der Schulmeister war lange
unschlssig, ob er einen leberfarbenen Frack oder eine veilchenblaue Pekesche
mit Sammetvorsten nehmen sollte, entschied sich aber endlich doch fr die
Pekesche, weil sie den Regen besser abhielt, als der Frack.
    Als er sie eben vom Pflocke nahm, trat Karl Buttervogel mit einer
ngstlichen Miene in die Gerichtsstube. Gndiger Herr, sagte er, wie ich
jetzt unten durch die Stube linker Hand, worin Sie Ihre Familienurkunden
aufbewahren, ging, sah ich, da die Wand gegenber der Giebelwand einen groen
Spalt und Ri bekommen hat, woraus ich abnehme, da die Giebelwand noch weiter
ausgewichen ist, als frher, und wahrscheinlich anfngt, das Dach mitzunehmen.
    Ganz wohl, versetzte der alte Baron. Ich wollte nur, ein Teil des Hauses
strzte ein, ohne da eine merkliche Gefahr fr uns andere daraus entstnde,
denn dann wre dein Herr gezwungen, Ernst zu machen, und vorlufig fr die
hiesigen notwendigsten Reparaturen zu sorgen.
    Ja, aber bis da die Sache zustande kommt, mchte ich wohl ausziehen,
sprach der Bediente. Und ich wollte den gndigen Herrn gebeten haben, mir das
Logis auf dem Schneckenberge zu geben, da der Herr Schulmeister es nun geleert
hat, und es wre doch schade, wenn die angenehme Sommerwohnung nicht benutzt
wrde, und mein bisheriges Loch liegt dicht neben der Wand mit dem Sprunge, und
auerdem liebe ich die freie Luft und eine Aussicht ins Grne, und mag gerne
mitunter vor mich sein, und auch das gndige Frulein kann mich dort ungestrter
sprechen, und wenn man seine Wurst nicht mehr in Ruhe essen darf, so ist alles
husliche Vergngen zum Henker, und hier oben haben nun der gndige Herr Ihr
Gerichtsregiment und -
    Schweige, schweige! rief der alte Baron. Bei dir wachsen wirklich, wie
ich in einer englischen Komdie las, die Grnde gemein wie die Brombeeren; die
Hlfte von dem, was du sagtest, gengt. Du bist ein Poltron, und denkst nur, wie
ihr geringen Leute alle zu tun pflegt, an dein teures Leben. Schlafe ich nicht
auch in der Nhe jener geborstenen Wand? Aber ziehe nur auf den Schneckenberg,
es ist mir selbst lieb, wenn jemand dort wohnen bleibt, der doch wenigstens halb
und halb zu uns gehrt. Du sollst mir ein Trost fr den Schulmeister sein.
    Dieser bereitete sich zum Abgehen. Der alte Schloherr reichte ihm nicht
ohne Rhrung die Hand, welche der Schulmeister mit dankbaren Trnen kte. Gott
lohne Ihnen alles Gute, was Sie mir erzeigt haben! rief er. Er segne Ihre Tage
und schenke Gedeihen allem, was Sie vornehmen!
    Schulmeister, sagte der Alte und legte ihm feierlich die Hand auf die
Schulter; wenn ich mir es reiflich berlege, so geht Ihr im rechten
Augenblicke. Groe Umgestaltungen der Lebensverhltnisse sind immer
zerstrerisch fr den bisherigen Umgang. Das Schlo wird der Schauplatz
wichtiger Unternehmungen werden, in denen Ihr keine Stelle fndet und angesichts
derer Ihr Euch unbehaglich fhlen wrdet.
    Unter uns - behaltet es aber bei Euch: An dem Geheimeratsposten liegt mir so
viel nicht mehr. Wit Ihr, was Luft ist? - Wenn Euer Schulhaus baufllig werden
sollte, so erffnet mir die Sache vertrauensvoll, es soll Rat geschafft werden
fr Material zum selbstkostenden Preise. Unglaublich ist, was wir hier vorhaben,
und dennoch ist es wahr, denn ein Kavalier hat es dem andern zugesichert, und
aus Unrat machen sie jetzt Licht und aus dem, was man sonst weggo, Zucker. -
Noch eins; Euer Weg fhrt Euch nahe am Oberhofe vorbei, erkundigt Euch doch
dort, ob sie etwas von der Lisbeth wissen, sie wollte bei dem Hofschulzen
vorsprechen. Mich verlangt von Herzen nach dem Kinde, besonders jetzt, wo ich
ihr die Freude machen kann, ihr eine gesicherte Zukunft zu versprechen.


                                  Viertes Buch

                       Poltergeister in und um Weinsberg

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                  Das Juliusspital und die beiden alten Weiber

In Wrzburg angekommen, war mein erster Gang nach dem Juliusspitale. Das
prchtige Gebude, die Reinlichkeit und Stille der groen Hfe, Gnge und Sle,
das zufriedene Aussehen der Alten und Rekonvaleszenten welche im freundlichen
Garten ihren Sonnenschein genossen - alles das machte einen wohltuenden Eindruck
auf mich. Ich lie mich in die Kellerei fhren, pries die werkttige
Menschenliebe Julius Echters von Messelbaum und leerte auf sein Andenken eine
Flasche Leisten, eigenes Wachstum des Spitals. Ich wurde gesprchig, der
Kellermeister, welcher mir trinken helfen mute, wurde es auch, ein Wort gab das
andere, und im Laufe dieser Gesprche sagte ich zu ihm: Es ist hier bei Ihnen
so anmutig, da man wnschen knnte, zu Ihren Alten und Siechen zu gehren.
    Ja, es lt sich schon im Juliusspital leben, versetzte der Kellermeister
behaglich und strich seinen Bauch. - Wir haben die schnsten Lagen und davon
erhlt jeder, der zu seiner Gesundheit schweren, feurigen Weines bedarf
ohnentgeltlich, die Flasche mag fnf oder sechs Gulden kosten. Auch fr
gewhnlich bekommt Mann und Weib sein Ma Landwein tglich und Brot, Fleisch und
Zugemse, soviel bewltiget werden mag. Die Leute werden daher auch, sobald sie
die Pfrndnerschaft hier erlangt haben, gesund, still und frhlich, wenn sie
vorher noch so krnklich und verdrossen gewesen sind. Zank und Hader fllt kaum
unter uns vor, und da gar einer aus dem Juliusspital sich wieder in die Welt
gesehnt htte, ist unerhrt geblieben, bis auf einen Fall, von dem aber auch
noch immer gesprochen wird, obgleich seitdem manches Jahr verstrichen ist.
    Ich erkundigte mich nher nach diesem unerhrten Falle und erfuhr a simple
story, da vor lngerer Zeit ein Paar alter Weiber, die immer zusammengehockt
und ein Zischeln und Plaudern miteinander gehabt htten, aus dem Spitale
fortgelaufen und nicht wieder entdeckt worden wren. Man habe weder im Main noch
weiterhin in der Tauber oder im Kocher damals Leichname aufgefunden, die alten
Weiber seien auch nicht in ihrer Heimat gesehen und alle Nachforschungen
vergeblich gewesen, so da es ihnen allen gedeucht, die Erde msse sie
verschluckt haben. Ich fragte, ob an diesen beiden alten Weibern irgend etwas
merkwrdig gewesen sei? worauf mir der Kellermeister verneinend antwortete und
hinzufgte, es seien eben nur zwei gewhnliche alte Weiber gewesen.
    Nichtsdestoweniger war das Ereignis in diesem Kreise von solcher Schwere und
Bedeutung, da sich ein Gehlfe und ein Aufseher, welche whrend unserer
Unterredung die Kellerei betraten, sobald sie den Gegenstand, worber wir
sprachen, vernahmen, auch in ihrer Weise darber uerten. Ich hrte also noch
zweimal die Geschichte von den zwei weggelaufenen alten Weibern mit
verschiedenen Nebenumstnden, die der Gehlfe und der Aufseher wuten. So
erzhlte der Aufseher, das Zischeln und Plaudern der Mutter Ursel und Mutter
Beth' habe sich um lauter Rockenstubengeschichten gedreht, in denen sie
unerschpflich gewesen seien.
    In der Zerstreuung schlug ich ein Buch auf, welches auf dem Tische lag und
fand die berhmte Seherin von Prevorst. Mein Erstaunen war nicht gering. Denn
dasselbe Werk hatte ich schon in zwei andern Gelassen des Spitals liegen sehen.
Ei, sagte ich zum Gehlfen, beschftigen Sie sich hier auch mit diesen
Dingen? Das wre mir lieb; da knnten wir heute abend, wenn Ihre Geschfte
vorbei sind, und Sie mir die Ehre erzeigen wollten, im Wirtshause mein Gast zu
sein, ein Stndchen in Handwerksgesprchen verplaudern. Ich bin halber Doktor;
da es aber (wei der Himmel, wie es zuging?) mit meinen Rezepten nicht recht
klecken wollte, verfiel ich auf die geheimen, heiligen und mystischen
Behandlungen, um es womglich bis zur Produktion einer in die unsere
hereinragenden hheren Welt zu bringen. Ein paar Lichtschimmer, hie und da ein
Stckchen sphrischer Musik, oder ein unmotivierter Knall gelang mir auch
glcklich unterweilen, der kleinen Lappalien von Brieflesen mit dem Nabel und
Gucken durch dicke Bretter natrlich zu geschweigen. Aber die recht groen
Sachen, die eigentlich zusammenhangenden Darstellungen aus dem Mittelreiche habe
ich noch nicht zustande bringen knnen, und deshalb wollte ich denn jetzt vor
die rechte Schmiede gehen, nmlich nach Weinsberg, um die Sache aus dem Grunde
zu erlernen. Wie wrde es mich freuen, wenn ich schon unterweges in Wrzburg
einen Mann gefunden htte, von dem ich Licht und Belehrung in dieser schwierigen
Materie mir erhoffen drfte!
    Sie irren sich in mir, mein Herr, versetzte der Gehlfe. Ich beschftige
mich nicht mit Geister- und Sehersachen. Wenn man den ganzen Tag akute und
chronische bel unter Hnden hat; greifliche Leiden, wie Gicht, Hektik und
Kachektik, so will sich keine Zeit fr die hhere Welt und das Mittelreich
finden, auch mu ich gestehen, da erstere noch nie in unsere Krankenstationen
hereingeragt hat, und da wir mit Chinin, islndischem Moos, Merkur, und was
dieser Potenzenreihe anhngig ist, ausreichen. Die mehreren Exemplare des
Prevorstischen Werkes, ber welche Sie vielleicht bei Ihrem Gange durch unsere
Anstalt sich verwundert haben, rhren von einer auffallenden Zusendung her. Es
wurde nmlich unbegehrt auf einmal wohl ein Dutzend ohne Begleitungsschreiben in
das Juliusspital geschickt, und wir haben durchaus nicht ermitteln knnen, wer
uns dieses sonderbare Geschenk (denn niemals hat jemand dafr Bezahlung
verlangt) gemacht hat. Ein Unbekannter hatte das Paket dem Trwrter in die Hand
geschoben und war dann verschwunden.
    Ohne mir etwas dabei zu denken, fuhr mir die alberne Frage zwischen die
Lippen: Waren die beiden Ihnen so teuren alten Weiber damals noch im Spital,
als dieses Werk Ihnen von anonymer Hand zuging?
    Der Kellermeister, der Gehlfe und der Aufseher sannen nach und versetzten
dann einhellig: Nein, es war weit spter; die alten Weiber waren schon mehrere
Jahre zuvor entsprungen.

                                      II.



                     Erste Ankndigungen einer hheren Welt

Am andern Tage fuhr ich ber Mergentheim, Knzelsau, hringen nach Heilbronn. Es
war bereits etwas dunkel, als ich ankam. Wie weit ist Weinsberg von hier?
fragte ich einen Fuhrmann, der auf der Strae seine Karre trieb. Zwei Stunden,
war die Antwort. Oho, dachte ich, da wre es wundersam, wenn mir nicht hier
schon etwas begegnen sollte. Die letzten schwchsten Wirkungen des Weinsberger
Pandmoniums mssen mindestens bis hieher sich erstrecken. Also pa auf,
Mnchhausen. - Mnchhausen war damals kein gebildetes Kind gebildeter Eltern
mehr, er war Jngling, schwrmerischer Jngling voll Ahnung und Sehnsucht nach
dem Jenseits.
    Ich pate auf und - erlebte etwas. Neben der Kilianskirche fliet in einer
Vertiefung der Brunnen, von welchem Heilbronn den Namen erhalten hat, weil durch
sein Wasser einst ein alter Schwabenherzog geheilt worden sein soll. Ich stieg
zwischen der steinernen Umfassung die Stufen hinunter, und setzte mich den
Rhren, aus welchen die Quelle sprudelt, gegenber auf einen Stein. Bald fhlte
ich in den unteren Teilen meines Krpers eine Klte und auch oben wehte es mich
khl an. Nun, da haben wir es! sagte ich zu mir. Seid ihr schon da, ihr
anhauchenden Geister? Ich blieb noch eine Weile sitzen und merkte, da Klte
und Wehen immer strker wurde. Sie machten zuletzt einen frmlichen Wind. Als
ich den Stein befhlte, auf dem ich gesessen, fand ich ihn feucht, woraus zu
entnehmen ist, da die abgeschiedenen Seelen sich auch durch Nsse ankndigen. -
Ich ging ins Wirtshaus, wo schon die Lichter angezndet waren. Unterweges hatte
das Wehen und Blasen und das Nasse noch stets zugenommen, und ein in der Tre
seines Ladens stehender, in den Schranken des Zerebralsystems befangener
Heilbronner Speditionshndler sagte: 's ist a wst Wetter. -
    Du armer Blinder!
    Im Wirtshause a ich Feldhuhn und Krautsalat. Die Feldhhner tragen sie dort
allerliebst auf mit dem unberupften Kopfe und um den Hals ein papiernes
Krgelchen. Den Oberkellner, der mir ein sinniger Mensch zu sein schien,
forschte ich nach Weinsberg aus, und erfuhr zu meiner Freude, da es jetzt recht
lebhaft dort sei, und das Zwischenreich sich im vollen Gange befinde.
    Haben Sie nicht hier im Gasthofe ein Zimmer, worin etwas erscheint? fragte
ich ihn im Vertrauen. Der Oberkellner versetzte, er habe seinem Herrn schon
lngst geraten, sich fr die immer strker werdende Nachfrage von Liebhabern
unter den Reisenden ein Geisterzimmer einzurichten, allein der wolle sich nicht
darauf einlassen, weil er die Sache fr eine vorbergehende Mode halte und sage,
sein Haus knne durch eine Stube mit Zwischenreich in Verruf kommen.
    Ich halte mir aber fr meine eigene Rechnung ein Gemach, worin es bei Nacht
wenigstens etwas poltert oder schnurrt, und wenn Sie einen Gulden auf die
Rechnung zulegen, steht es Ihnen zu Dienst; flsterte er mir zu. Mit Freuden
schlug ich ein, mute ihm aber das Geheimnis ber die Sache versprechen, denn,
sagte er, wenn sie auskommt, so bin ich um meinen Posten, oder mu von der
Geisterstube Abgaben entrichten, welche sie nicht einbringt. Sonst trieb ich
einen kleinen Handel mit Seifenkugeln, Zahnbrsten, wohlriechenden Wassern und
Patentrasiermessern, wie das in Wirtshusern so gebruchlich ist, aber die
Steuern waren zu schwer, und deshalb lie ich das Geschft eingehen und
etablierte als stillen Nebenverdienst die Stube mit Geistergepolter.
    Wir gingen vorsichtig zum Hinterhause hinaus und durch einen finstern Gang,
worin allerhand Gertschaften und Weintonnen standen, nach einem kleinen
Seitengebude, welches vermutlich das Waschgela in sich fate, denn es roch
nach Seife aus dessen offenstehenden Fenstern. Darin schlo mir der Oberkellner
eine Kammer auf, in der eine herrlich verdorbene Luft brtete. Er wollte diese
Atmosphre entschuldigen, ich aber unterbrach ihn und fragte, ob er sich nicht
besser auf das Metier verstehe? Gerade ein solcher mffiger Dunst und Schwaden
sei der rechte Geisterbrodem.
    Es war ganz darin, wie es da sein mu, wo das Kernbeier-Eschenmichelsche
Wunderwesen sein Quartier aufschlagen soll; die Wnde sahen wie verwitterte
Dmonen aus, und von der Decke hatten die Poltergeister den Kalk abgetrampelt.
Ich lie den Oberkellner gehen, hing meine Kleidungsstcke an den Nagel, merkte,
da nach der guten Abendmahlzeit, die ich eingenommen hatte, die heilige
Ttigkeit meiner Unterleibsnerven beginne, war sonach reif zum hheren Schauen,
blies deshalb die Kerze aus und rannte im Dunkel auch gleich gegen einen recht
groben Geist an, der sich wie eine Tischecke anfhlte. Darnach legte ich mich zu
Bette, und es blieb eine Zeitlang still. Nur war mir's sonderbar, da mein Kopf
immer tiefer sank und meine Fe immer hher zu liegen kamen. Aha, dachte ich,
ihr zieht die Federn weg, wohin sie gehren, und stopft sie dorten hin, wo sie
nicht am Platze sind, ihr unruhiges, sndhaftes Gesindel! Ich konnte ber diese
Ttigkeit der Dmonen nicht lange nachdenken, denn mit einem Male verbreitete
sich durch eine Ritze in der Tre ein Lichtschimmer im Gemache, es war, als ob
jemand drauen gehe, die Stiege neben meiner Kammer emporwandle, und sich ber
mir zur Ruhe begebe. Ich rief mit lauter Stimme: Wenn das da drauen kein
Weinsberger Geist, sondern ein Hausknecht ist, so antworte es! Es antwortete
aber niemand, und bald darauf hrte ich den Geist frchterlich schnarchen. Nun
trat wieder ein Schweigen von wohl einer Stunde ein, whrend welcher Zeit ich
die Augen und Ohren offenhielt, wie ein Hase. Da auf einmal hrte ich ein
brckelndes Gerusch an der Wand, wo ich meine Kleider aufgehngt hatte, und ein
Fallen. Zugleich sprte ich das Aufsteigen von Staub. Jetzt seid still,
Dmonen! rief ich, ich habe nun genug neue Erfahrungen eingesammelt. Ihr knnt
euch wie Regentropfen ankndigen, ihr zieht einem die Federn unterm Kopfe weg,
ihr trampt wie ein Hausknecht und rhrt Staub auf - ich bitte mir nun Ruhe aus,
Kerls, denn ich will schlafen.
    Wirklich schlief ich, nachdem die Geister auf diese Anrede muckmausestill
geworden waren, ein. Allein noch vor Tagwerden erwachte ich wieder von
unendlichen Beklemmungen, welche der dmonische Brodem in der Kammer und dann
auch meine unnatrliche Lage mit dem Kopfe unten, mit den Fen oben, mir
verursachte. Das Blut war mir so zu Kopfe gestiegen, da ich zu ersticken
meinte, ich hielt mich aber ganz still und dachte: Stickst du, so stickst du
als Opfer fr die Ausbreitung hherer Erkenntnis. - Endlich wurde es denn doch
Tag, ohne da ich erstickt wre, und da sah ich ein noch viel greres Wunder,
als dasjenige gewesen wre, wenn die Geister mir die Federn unterm Kopfe
weggezogen htten. Ganz umgekehrt hatten sie mich; vermutlich whrend des
Schlafes. Ich lag mit dem Kopfe drunten am Fuende, und die Beine ruhten droben
auf dem Kopfkissen; ein in den Schranken des Zerebralsystems Befangener wrde
gesagt haben, da ich am Abend zuvor mich verkehrt niedergelegt habe. Ich stand
auf und sah, da das fallende Gerusch von meinen Kleidungsstcken entstanden
war, welche die Geister mit dem Nagel von der Wand herabgeworfen hatten. Dessen
Ausziehen konnte ihnen freilich keine groe Mhe verursacht haben von wegen der
brcklichten Umstnde, worin sich, wie schon angefhrt worden ist, die Wand
befand.
    Ich trank meinen Kaffee, dann zum zweiten Frhstck eine Flasche
Affenthaler, fhlte meine Glaubenskraft hierauf in der gehrigen Verfassung, gab
dem Oberkellner seinen Gulden, erklrte mich mit seiner Bedienung vollkommen
zufrieden, versprach die Kammer neben dem Waschgelasse allen
Hhererwelthereinragungsmnnern meiner Bekanntschaft bestens zu empfehlen, und
rollte dann den blauen Bergen zu, zwischen denen Weinsberg liegt.

                                      III.



                             Der magische Schneider

Nicht weit vom Orte in einem engen Talwege, von wo ich bereits deutlich die
Weibertreue ragen sah, bemerkte ich, da ein spindeldrrer Mensch vor meinem
Wagen auf der Landstrae hin und her wankte, der nach gemeinen Begriffen fr
betrunken gelten konnte, denn er taumelte in der Tat auerordentlich und fiel
nach einigen Versuchen, Grund und Boden dennoch fest unter den Fen zu halten,
nebenan in den Graben. Seine Lage da unten zwischen Wegerich, Nesseln und
Vogelkraut war nicht die eines gewhnlichen Menschen, denn ganz symmetrisch war
er gefallen, mit dem Rcken und Kopfe genau in die Mitte des Straengrabens, die
Arme und Fe aber rechts und links auf die Rnder des Grabens gestreckt, so da
der Meridian gerade durch sein Zentrum ging. Dieses auerordentliche Schauspiel
regte meine besondere Teilnahme an, ich stieg vom Wagen, hob mit Hlfe meines
Fuhrmannes den Sinnlosen hinauf, und dachte, in Weinsberg werde sich wohl ein
Ort finden, wo er ausschlafen knne.
    Endlich waren wir angelangt, und Doktor Kernbeier, dem ich schon empfohlen
worden war, empfing mich recht freundlich. - 's ist gut, sagte er, da Sie
kommen. Fr zwei Mann wird der Sache zuviel, wir brauchen junge Krfte, um die
Geisterwelt gehrig bestreiten zu knnen, 's ist heute einmal wieder ein tolles
Getreibe hier und das Zwischenreich ganz des Henkers. Das ist ein Gerutsche,
Gebrumme, Gepoltre, Gedusele, Gedudele, Geschreite, Gewinsele und ein Gerumore
durcheinander, da man nicht wei, wo man zuerst anfassen soll. Ich helf'
herzlich gern meinen Nebenmenschen in der unsichtbaren Welt, aber es kann einem
auch zuviel werden. Der eine will erlst sein, der andere hat'n Schatz
vergraben, der ein Geheimbuch ber die Seite gebracht, dazwischen fallen die
Sonnenkreise ab, wie reife Maulbeeren, dem soll man was vorbeten, dem auf'm
Klavier was vorspielen, wir wissen beide nicht, ich und mein Freund
Eschenmichel, wo uns der Kopf steht.
    Ich bat ihn, sich zu beruhigen, was an mir sei, werde geschehen, ihnen
Aushlfe zu geben. - Wir gingen in das Haus, welches mit seinem freundlichen
Garten an die Stadtmauer stie. Drinnen rief uns Eschenmichel, der eben eine
Somnamble bestrich und vor Eifer mich gar nicht begrte, an: Kommt der Drr?
- Nein, versetzte Kernbeier, vorderhand bring' ich nur den Mnchhausen. -
Wer ist der Drr? fragte ich. - Der magische Schneider, versetzte
Kernbeier, den wir uns zum Sukkurs verschrieben haben. Ein Satan von Kerl! (O
Gott, verzeihe mir meine Snde und dieses Fluchwort!) Er hat mehr Gewalt ber
die Dmonen, als wir beide zusammengenommen, er schnauzt sie an, da es nur so
eine Art hat und bringt sie zur Rson. Er sollte uns beistehen und hatte auch
sagen lassen, da er heute kommen wolle. Gott hat ihm den Sinn wunderbarlich
aufgeschlossen und mit herrlichen Krften gerstet; er steht im Zentro der Dinge
und sieht von da die Radien ausstrahlen in die Peripherie, wo sie die Schale und
die Kruste und die Figur der sogenannten ueren Welt bilden, ber welcher dann
die himmlischen Wolken wie suchende und liebende Mtter schweben. Diese streben
mildregnend bis zum Zentro einzudringen, da Himmel und Kreatur eins werde in
ewiger Lsung und Bindung, und -
    Schwtz nit so viel, Kernbeier! rief hier Eschenmichel dazwischen; ich
kann vor deinem Gets' die Strunz hier nicht vernehmen, welche soeben beginnt
mit der inneren Sprach' mir das Geheimnis des Jngsten Tages
auseinanderzusetzen.
    Ich mu doch dem Mnchhausen den Drr beschreiben! rief Kernbeier
zugleich zornig und ermattet. - Immer strst du mich im Aufschwung. Nun ist
meine Anschauung zerbrochen, meine Kraft dahin, und ich bin fr den Rest des
Tages nur noch ein Lump. - Haben Sie den Drr nicht unterweges erschaut?
    
    Ich wollte eben verneinend antworten, als der Fuhrmann eintrat und fragte,
was denn mit dem toten Menschen auf dem Wagen werden solle. Ich bat Kernbeiern
um einen Aufbewahrungsort fr meinen Schtzling. Er sagte ihn gern zu, ging mit
hinaus, um den Menschen vom Wagen heben zu lassen, schlug aber wie auer sich
die Hnde ber dem Kopfe zusammen, als er ihn, der wirklich wie tot auf dem
Grunde des Fahrzeuges lag, ansichtig wurde, und rief: Das ist ja der Drr! das
ist ja der Drr! das ist ja der magische Schneider! O Himmel, mu ich dich
wieder in diesem Zustande sehen, Drr? - Schauen Sie, sagte er zu mir, dieses
ist die einzige Schwche des auerordentlichen Menschen; er besuft sich einen
um den andern Tag, woran aber freilich sein reizbares Nervensystem schuld ist.
In dieser Verfassung kann er nun von allen seinen schnen magischen Gaben keinen
Gebrauch machen, und so geht die Hlfte seines Lebens fr die hhere Welt
verloren. O Drr! Drr! Drr! - Aber, was kann's helfen? Nehmt ihn suberlich
herunter und legt ihn auf Stroh, da er ausschlafe.
    Der magische Schneider, den ich so unwissend aus dem Straengraben in das
Hauptquartier des Geisterreiches befrdert hatte, wurde in einen Stall getan,
ich aber zog nunmehr bei den Thaumaturgen ein. Bald nachher setzten wir uns ohne
vorgngiges Wunder zu Tisch.

                                      IV.



           Der Gergesener - Die innere Sprache - Das Examen Rigorosum

An dieser ersten Mittagstafel nahm auer den Hausgenossen ein Mensch mit wilden
Blicken teil, von dem ich schon gehrt hatte, da er seines Zeichens ein
Besessener sei und hin und wieder grunze. Dieses war natrlich, denn es sa in
ihm der Teufel einer, welche einstmals in die Gergesener Sue gefahren waren.
Auf dem kurzen Wege, welchen er in einer solchen Behausung bis zum Teiche
machte, wo hinein sich die Herde damals strzte, hatte er das schweinische Leben
so lieb gewonnen, da er noch immer von Zeit zu Zeit jene Tne hren lie.
berdies verlangte er mitunter nach Schweinefutter, insbesondere nach
Gerstenschrot. Wir geben's ihm aber nicht, er mu Hausmannskost essen, wobei er
oft jmmerlich brllt und zuckt, sagte Kernbeier. - Ich habe von ihm die
wunderbarsten Aufschlsse erhalten, sprach Eschenmichel im Seherton. Die Zeit
ist aber fr solche Mitteilungen noch nicht reif.
    Wie steht's heut, Pochhammer? fragte er den Besessenen. - Bis jetzt noch
so ziemlich, Herr Doktor, versetzte dieser sehr hflich und in der Sprache
eines gewhnlichen Menschen, aber es wird leider nicht lange dauern, er kullert
schon etwas unterm Zwerchfell, es ist ihm wieder eine Ratz' durch den Kopf
gelaufen, o weh - da steigt er auf - da sitzt er in der Kehle schon - da - da -
oih! oih! oih! - So fing er an zu grunzen, und dazwischen schrie er
unaufhrlich mit rauher Stimme: Kleien! Schrot! Kleien! Schrot! Eschenmichel
betete, Kernbeier sagte tolle Knittelreime auf den Gergesener her, und die
brigen Tischgenossen aen ruhig fort, denn dergleichen gehrte hier zu den
alltglichen Dingen, aus welchen niemand mehr ein Aufhebens machte.
    Whrenddem trat der Knecht, den ich im Hofe gesehen hatte, ein, und sagte:
Der Drr ist erwacht und begehrt zu trinken. - Ei, was hat der Schliffel ein
Gefll, rief Kernbeier. Er soll sich hereinscheren und hier erst seine Arbeit
verrichten, und dann wollen wir weiter sehen. - Ja, schicke den Magischen zu
uns, sage ihm, der Gergesener grunze heute ausnehmend; fgte Eschenmichel
hinzu. - O ihr himmlischen Krfte, welche Finsternis mu doch da drunten in der
Hlle sein! Gott bewahre uns alle vor dem Abgrunde, darin Astaroth heult, und
Beelzebub einen feurigen Reif schlgt!
    Der magische Schneider trat ein, noch unsicheren Ganges, mit roten Augen,
die Zunge zwischen den trockenen Lippen hin und her bewegend. Kernbeier und
Eschenmichel gaben ihm zum Willkomm die Hand und forderten ihn auf, den
Gergesener zu beschwren. Den wollen wir bald zahm kriegen, sagte der
Schneider, und trank ein groes Glas Neuen aus. Er krempelte die Rockrmel auf,
reckte seine spindeldrren Glieder, vor den Besessenen tretend, aus, hielt ihm
die geballte Faust vor den grunzenden Mund und rief: Bist gleich ruhig! Ich,
der Drr, befehl's dir, kraft meiner magischen Gewalt. Was fr Sitten sind das,
du Schweinteufel? Kannst du nicht sprechen, wie die andern, oder hast auf dem
Weg nach dem Wasser deinen teuflischen Dialekt vergessen? Ich an deiner Stelle
wrde mich doch schmen, den Schweinen nachzuahmen. Bist gleich ruhig, ich
befehl's dir! Hast du keine Dankbarkeit nicht, da dir einstmals vergnnt ward,
dein Logis nach deinem Gefallen zu whlen? Kreuch 'nunter auf der Stell', oder
ich haue den Pochhammer so lang', bis da du's fhlen sollst.
    Auf diese Anrede und besonders auf die letzte Drohung wurde der Gergesener
Teufel stiller, das Grunzen ging in ein Gequiek, wie das eines Ferkels ber, und
verlor sich hierauf nebst dem Geschrei um Kleien und Schrot allmhlich ganz.
Pochhammer wischte sich den Schwei von der Stirne, gab dem magischen Schneider
die Hand und sagte: Ich danke Ihnen gehorsamst, Herr Drr, er sitzt nun ganz
verzagt unten und schluchzt, wie ein Kind. - So sind sie all', sprach der
Magische, hochmtig und obenaus, aber wenn man sie brav kuranzt, fallen sie
zusammen, wie eine aufgestochene Fischblas'. Gebt mir zu trinken.
    Pochhammer verlangte nachtrglich vom Braten, der whrend der dmonischen
Szene ihm vorbergegangen war, und a wacker. - Bekommt nun davon der
Gergesener etwas ab? fragte ich. - Behte, versetzte Eschenmichel, die
Teufel nehmen keine irdische Speise zu sich, ich zweifle selbst, da dieses
Geschrei um Kleien und Schrot anders als symbolisch gemeint ist, wenigstens
wrde, wenn Pochhammer dergleichen hinunterwrgte, nur der Geist, sozusagen, des
Schweinfutters an den Dmon in ihm gelangen.
    Inzwischen hatte Kernbeier dem magischen Schneider zrtliche Vorwrfe
gemacht. O Drr, sagte er, was fr ein wster Kerl bist du auerordentlicher
Mensch! In welche Tiefe warst du wieder heute verfallen! - Ich wei nicht, ob
es ein Graben, oder eine Lehmgrube war, worein ich verfallen gewesen, rief der
Magische. - Ein Graben, verehrtester Meister, sagte ich. Ich freue mich
auerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, und da ich so glcklich gewesen
bin, Ihnen gleich eine kleine Geflligkeit haben erweisen zu drfen.
    Ihr Narren denkt immer, unsereiner knne halt stets nchtern und leer sein,
und dabei doch die groen Ding' verrichten, sprach der magische Schneider. Das
geht so nicht. Die Teufelsbannungen und Beschwrereien ziehen einem greulich den
Nervengeist ab, und wenn man nicht nachgiet, wrde man bald fertig sein. Ich
hatt' im Dorf berm Wald heut eine Dienstmagd zu besprechen, in der ein
mordbrennerischer Schwed' aus dem Dreiigjhrigen Krieg sitzt; der Gauch wollt'
durchaus wissen, ob in dem von ihm angezndeten Hause, was er mir selbst nicht
nennen konnte, seine lederne Feldflasch' mit verbrannt sei, die er seitdem
vermisse; eher knne er nicht zur Ruhe kommen. Das Geschft hatte mich stark
angegriffen, denn der Schwed' lie sich erst gar nicht bedeuten. Hernach mute
ich mich strken, und von der Strk' geriet ich darauf in einige Schwachheit.
    Nach Tische besah ich mit Kernbeier das ganze Etablissement. In den Stuben
umher saen und schliefen sechs bis sieben Hellseherinnen, ich wurde mit ihnen
in Rapport gesetzt und erhielt die wichtigsten Aufklrungen ber die geheimsten
Dinge, als zum Beispiel, wann ich die erste Uhr geschenkt bekommen habe, welchen
Namen mein groer Hund fhre, den ich zu Hause gelassen, wieviel ich dem Wirt in
Ulm schuldig verblieben sei? - Bei einigen rutschte, klpfelte, tppelte,
klaschte, polterte es in den Stuben, dazu war ein Regen an den Fenstervorhngen
und hin und wieder ein bichen Lichtschimmer, auch das Gerusch, wie wenn man
Papier oder Kalk an die Erde wirft. Im ganzen waren damals drei Geister und zwei
Geistinnen auf den Beinen, doch ich irre mich; ein Kind gehrte auch noch dazu,
welches einmal im Leben sein Butterbrot hatte fallen lassen, und sich darber in
jener Ewigkeit nicht zufriedengeben konnte. Der eine Geist trug einen schwarzen
Rock, der andere eine Art von Schanzlooper, der dritte hatte Stiefeln an; von
dem kam das Poltern. Wie die Geistinnen gingen, ist mir entfallen, das Kind aber
hatte das Zeichen im Gesicht, ungeachtet welches Werther vorzeiten Lottens
jngsten Pflegebefohlenen kte. So natrlich geht es im Zwischenreiche zu. Wer
hienieden Stiefeln trug, zieht jenseits keine Schuhe an, und so weiter. Taten
uns brigens alle nichts, die Geister, nur die Hellseherinnen litten von ihnen,
denn die sollten ihnen helfen. Das ging bis zu dem Kinde hinab, welches sein
hienieden fallengelassenes Butterbrot jmmerlich schreiend verlangte.
    Als wir in den Hof kamen, hrte ich den Knecht zur Magd sagen: Schnuckli
buckli koramsi quitsch, dendrosto perialta bump, firdeisinu mimfeistragon und
hauk lauk schnapropp? - Die Magd versetzte: Fressaunidum schlinglausibeest,
pimple, timple, simple, feriauke, meriaukemau.
    Ich hatte Ziegen und Englnder verstanden, aber diese Mundart war mir
dunkel. Auf Befragen erfuhr ich, da es die innere Sprache der Seherin von
Prevorst sei, die Ursprache der Menschheit, die sie in ihren Verzckungen
gefunden. Wir bedienen uns ihrer seitdem, wenn wir innig werden ber
Angelegenheiten, die uns besonders zu Herzen gehen. - Und was sagte der Knecht
zur Magd? - Er fragte sie: Hast mir Kndel aufgehoben? und sie versetzte: Ja.
    Ich sollte mein Gutachten ber diese Sprache abgeben, und erklrte, sie
komme mir in manchen Wurzeln verwandt mit derjenigen vor, worin Asmus seine
Audienz bei dem Kaiser von Japan gehabt habe. brigens scheine sie mir ein wenig
weitschweifig zu sein. - Ja, sie knnt' halt krzer sein, erwiderte
Kernbeier. Dafr ist aber die innere Schrift, oder die Urschrift der
Menschheit, welche die Seherin auch gefunden hat, desto prziser. Kennen Sie
dieselbe? - Ich kenne sie, sie ist ja mit abgedruckt, versetzte ich. Ich
schreibe gegenwrtig an einem Aufsatze, worin ich sie gegen den Einwurf der
Sptter, da sie aussehe, als htten die Hhner auf dem Papiere gekratzt,
verteidige, und die feinen, jedoch kenntlichen Unterschiede zwischen dem
Sanskrit von Prevorst und den Hhnercharakteren an den Tag bringe.
    Kernbeier umarmte mich und sagte: An Ihnen haben wir einen wahren Freund
und Bruder gewonnen. Eschenmichel aber, der uns nachgeschlichen war, zog ihn
beiseite, und ich hrte ihn die halblauten Worte zu jenem sprechen: Du bist
immer zu rasch, wir wollen ihn erst prfen, bevor wir ihn in unserer
Gemeinschaft aufnehmen. - Kernbeier schttelte den Kopf ber Eschenmichels
Zweifelsucht, doch mute er sich fgen, und die beiden Doktoren nahmen mich nun
nach dem Garten mit. Dort setzten wir uns in die Laube, und das Examen rigorosum
nahm seinen Anfang.
    Vor dieser Prfung hatte ich einige Scheu getragen, denn ich traute mir die
rechten Kenntnisse in der Geisterlehre noch nicht zu. Indessen lief sie
glimpflich genug ab. Zwar auf Eschenmichels Fragen, wie hoch der Himmel und wie
tief die Hlle sei, wieviele Himmel und wieviele Quartiere in der Hlle es gebe,
welches die verschiedenen Klassen der Dmonen seien, und wie eine jede aussehe,
konnte ich nur notdrftige Antworten geben, weil ich alle die Dinge erst hier
lernen wollte. Desto besser bestand ich bei Kernbeier. Denn dieser fragte mich,
woher jegliches Bse, die schlechten Leidenschaften, der Hochmut, die falschen
Begriffe und die oberflchlichen Kenntnisse unter den Menschen rhrten? Darauf
antwortete ich herzhaft: Aus dem Kopfe. - Weitere Frage: Wodurch dringen wir
in das Sein und Wesen der Dinge ein, erfahren, was im Himmel und auf Erden
vorgeht, und heiligen uns zu Gefen Gottes? Antwort: Durch den Unterleib.
    Die Examinatoren erklrten hierauf, es seien zwar in meinen Kenntnissen noch
Lcken bemerklich geworden, aber den Glauben habe ich, und der sei die
Hauptsache. Ich wurde sonach auf das Gangliensystem in Eid und Pflicht genommen
und dann zum Mitgliede des Weinsberger Geisterbundes ernannt. Eschenmichel
sagte, man habe eine wichtige Unternehmung vor, wovon ich den nchsten Tag mehr
hren solle. In der Freude meines Herzens erzhlte ich, da das Geisterwesen
etwas still geworden zu sein schien, von allerhand profanen Dingen, die mir
whrend der Reise begegnet waren, kam dann auch auf Wrzburg, das Juliusspital
und die beiden entlaufenen alten Weiber. Davon aber wollten meine Meister nichts
wissen, sie unterbrachen mich heftig und riefen, ber Wrzburg solle ich nun und
immerdar schweigen, der Ort sei ihnen unangenehm und rege ihnen widrige
Erinnerungen auf.

                                       V.



      Himmel und Hlle zgern anfangs zu Weinsberg in Konflikt zu geraten

In den nchsten Tagen lernte ich nun die Sinnesart der beiden Doktoren genauer
kennen. Kernbeier war ein gemtlicher alter Knabe, der sich hin und wieder
selbst ber die Dmonen lustig machte, einem fleiig vom Alten und Neuen
einschenkte und dabei komische Schnurren erzhlte, wie sich das Geisterpack
mitunter so hundstoll betrage. Darber konnte er lachen, da ihm der Atem
verging. Er gefiel mir sehr wohl - in der hheren Welt mu alles vorrtig sein,
auch ein Schwnklein und Splein.
    Eschenmichel dagegen hielt sich mehr zurck und hatte etwas Lauerndes in
seinem Wesen, er sah nicht geradeaus, sondern seitwrts, oder schielte von unten
empor. Er war immer in Ekstase, ich habe ihn den Bissen nicht in das Salz
tauchen sehen, ohne da ihm die Augen verzckt im Kopfe umherrollten. Wre er
kein Prophet gewesen, man htte ihn leicht fr einen Schelm halten knnen, da er
aber ein Prophet war, so konnte er, wie sich von selbst versteht, kein Schelm
sein.
    Bald teilte er mir den Plan mit, auf welchen er frher hingewiesen hatte,
und dieser bestand in nichts Geringerem, als darin, einen Poltergeist zu
bekehren. Das ist noch grer, rief ich, als ein Trygosro und eine blaue
Schwrmerin versittlichen zu wollen!
    Es hat jede Kenntnis und Beschftigung ihre Stufen, versetzte er. Fr den
Anfang war das bloe Geistersehen, und da man erfuhr, wie es im Zwischenreiche
zugeht, hinreichend. Nach diesem trat der Magische mit seinen gewaltigen Krften
in unser Werk ein, der hat nun schon Macht ber den Spuk, beschwrt ihn und
bringt ihn zur Ruhe, aber dabei darf die Sache auch nicht stehenbleiben. Wir
mssen, wie gesagt, eine der Kreaturen, die um uns her schwrmen, wie die Mcken
ums Licht, fromm machen; auf diese Weise setzen wir Fu in Bgel, und knnen
darauf in diesem dritten Stadio der Thaumaturgie weiterkommen.
    Nmlich, rief ich, hingerissen von dem Gedanken aus, wenn wir die
Poltergeister in den Himmel gebracht haben, so machen wir uns sacht an die
llichsten Verdammten, zu denen vom Zwischenreiche aus doch wohl auch eine
Hintertre sich entdecken lassen wird, beginnen bei denen unsere
Missionsgeschfte, und so immer weiter und weiter hinunter, hinunter!
    Wir werden es nicht erleben, sprach Eschenmichel mit verdrehten Augen,
aber unseren Nachkommen ist es vorbehalten, selbst den Teufel zum Christen zu
machen.
    Kernbeier lachte, da er sich nicht zufriedengeben konnte und rief: 's ist
schad', da du dann nicht mehr auf Erden weilest, Bruder Eschenmichel, denn wenn
der Teufel erst von Gottes Gnaden sein wird, so wrdest du gewi Leibarzt von
des Teufels Gnade werden. - Er hatte berhaupt mancherlei gegen diesen
Fortschritt der Thaumaturgie einzuwenden, meinte, es mchte nicht gut sein, so
tief die Hnde in das Geisterreich zu stecken, man wisse nicht, was man
aufwhle, Poltergeister seien Poltergeister - bis ihn Eschenmichel anfuhr und
gewaltig bedrute.
    So bist du immer, erwiderte Kernbeier schmollend, wenn es nach dir
ginge, wrde jedermann, der sich einen Einwurf gegen dich erlaubte, gehngt oder
gerdert! - Du irrst dich gnzlich in mir, sprach Eschenmichel, ich bin die
Sanftmut selbst. - Ja, im Geist der Inquisition, flsterte Kernbeier.
    Indessen fgte er sich, wie immer, wenn sein Kollege den Kopf aufsetzte. Er
war berhaupt so sanft, gutmtig und inkonsequent, als der andere den Eifer, die
Hrte und Folgerichtigkeit besa, welche zum Seher- und Feuergeiste gehren.
    Es wurde also nun von uns dreien der Plan des Bekehrungsgeschftes
festgestellt. Die erste Sorge mute sein, das Objekt herbeizuschaffen, nmlich
den zu bekehrenden Geist. Leider war unter dem Vorrate des Etablissements nichts
Taugliches. Mit dem Gergesener, als einem eigentlichen dickhutigen Teufel zu
beginnen, erschien milich, die Sache konnte durch den ersten Versuch, wenn er
nicht gelang, zu sehr blogestellt werden. Die anderen aber, die drei Geister,
zwei Geistinnen und das Kind lieen sich auch schwerlich verwenden, denn erstens
standen sie nur auf einem hflichen Besuchsfue mit den Hellseherinnen, hatten
sich bei ihnen nicht eigentlich einquartiert, und zweitens war nichts
Schlimm-Dmonenhaftes in ihnen; sie hatten nur Dinge von dem Belang der
schwedischen Feldflasche oder der Butterbemme im Kopfe.
    Wir dachten hin und her, wie wir Rat schaffen und eines handfesten, vom
Hllenfeuer mindestens aus einiger Entfernung angesengten Bengels habhaft werden
sollten. Unendlich bedauerten Eschenmichel und ich, da wir des magischen
Schneiders und seiner Hlfe in solcher Not entbehren muten. Aber dieser groe
Mensch lag fast immer im Stalle auf Stroh wegen des einzigen Fehlers, womit die
Natur ihn belastet hatte. Was Kernbeier angeht, so hatte er sein Vergngen an
ihm, trstete uns auch, wenn wir klagten und sagte: Lat's gut sein. Der Drr
gehrt, wie der Tell, nicht in den Rat, er ist der Mann der Tat. Haben wir den
Heiden von Dmon erst, so wird keiner krftig sein im Werke, gleich der
nimmersatten Gurgel.
    Ich dachte im stillen: Diese schwbischen Kindskpfe sind gut zum Erfinden,
aber dann die Sache gehrig einzurichten, ihr eine Regel, Ordnung und Form zu
geben, dazu bedarf es eines norddeutschen Verstandes. Ist's genug, da in und um
Weinsberg die Geister wild wachsen wie Wegerich? Htte man sie nicht in Kultur
legen knnen? Das Terrain in Schlge verteilen? Nach den Regeln von der
Spargelzucht sie in Beeten ziehen, da wenn man einen braucht, man ihn stche? -
Gott segne mir doch meine heimatlichen Gefilde an der Elbe, Oder und Weser!
Diese Sddeutschen werden nie klug werden.
    Du mut hier die Ehre Norddeutschlands retten und das Ding zum Ende fhren,
dachte ich. Klebte und pappte mir also aus den Prevorstischen Blttern, der
Seherin von Groglattbach und anderen Sachen dieses Schlages eine Art von
Geisterfalle zusammen, in Form einer gewhnlichen Mausefalle und ging damit an
alle entlegene Orte der Gegend, auf Kirchhfe, hinter alte Mauern, in verfallene
Keller, ja selbst in heimliche Gemcher, stellte meine Falle auf und murmelte
dazu folgenden Spruch in der inneren oder Ursprache:
Rummeldebummeldefimmeldepippeldehusseldebusseldekimmeldelmmelde - schwips!
was sich auf deutsch nicht genau wiedergeben lt, aber in der Umschreibung
ungefhr soviel bedeutet, wie: Ist's gefllig? Ich sa stundenlang bei der
Falle, es wollte sich aber nichts fangen.
    Weil alle Bestrebungen der Vorsteher auf diesen einen Punkt gerichtet waren,
so begann das Etablissement zu verfallen. Das Grunzen des Gegeseners wurde
seltener, mehrere der Hellseherinnen schlichen sich im stillen weg, da sie keine
regelmige Behandlung mehr fanden, mit ihnen verloren sich die drei Geister,
die zwei Geistinnen und die Hlfte vom Kinde, denn im Zwischenreiche kann auch
ein halber Geist fr sich bestehen. Das Gerusch, Poltern und Schlurfen
verklang, und nur die dem Hause treugebliebene andere Hlfte des Kindsgeistes
wimmerte noch ein wenig; es lie sich aber der Tag vorhersehen, wo auch dieser
Laut ersterben und das Weinsberger Etablissement ohne allen Geist sein wrde.
    Whrend dieser Verlegenheit hrte ich eines Tages aus Kernbeiers Munde
sonderbare Worte. Ich sa, versteckt von einem Holunderbaume hinter einem
Vorsprunge der Stadtmauer lauernd bei meiner Geisterfalle. Kernbeier kam in den
Garten, sah mich nicht, ging heftig auf und nieder und rief endich: Ich sag's
und hab' es stets gesagt, sie strzt uns ins Verderben. Sie stellt die Ding'
allzusehr auf die Spitz'. Hier wurde er meiner ansichtig, erschrak heftig und
fragte mich, ob ich seine Worte verstanden habe. Als ich verneinte, schpfte er
Atem und erklrte sie fr die Reminiszenz aus einem Schwanke.

                                      VI.



                            Die engbrstige Nhterin

Wenn ich, die Geisterfalle in der Tasche, durch die Strae nach dem Tore zu
wanderte, war mir vor einem kleinen Huschen hinter Rebstcken eine
Frauensperson aufgefallen, welche regelmig, sofern das Wetter nur einigermaen
hell war, drauen neben der Tre sa und im Freien nhte. Sie sah sehr bla aus,
und hielt sich zusammengekrmmt, auch wenn sie von ihrer Arbeit emporblickte.
Ihre Augen strahlten von einer eigenen Blue, und in ihrem ganzen Wesen bleichte
etwas, was an die Blumen erinnerte, welche eigentlich fr Sonnenschein bestimmt,
zufllig im Schatten aufbrechen muten. Ich hatte mich mit ihr in das Gesprch
gelassen und von ihr erfahren, da sie eine arme Nhterin sei, von Jugend auf an
Krmpfen gelitten habe, und schon seit lngerer Zeit von fortwhrender
Engbrstigkeit geplagt werde, weshalb sie denn auch, sooft es nur angehe, ihr
Tagwerk im Freien verrichte, weil die Stubenluft sie bedrcke.
    In den Antworten dieser Person zitterte hin und wieder eine ngstlichkeit,
zu welcher kein uerer Grund vorhanden war. Als ich einst in sie drang, mir zu
sagen, warum sie so hufig ohne Veranlassung seufze und in gewhnliche Worte
einen schmerzlichen Ton lege, wollte sie anfangs mit der Sprache nicht heraus,
entdeckte mir aber endlich, da sie, seitdem in dem Kernbeierschen Hause das
Wesen so mchtig geworden sei, gar keine Ruhe mehr habe. Durch alle die Dinge,
welche sie von Freunden und Gevattern ber die dortigen Ereignisse vernommen,
sei sie in die grte Furcht gesetzt worden, da sie, wie sie sich ausdruckte,
auch einmal so werden knne, was sie nach ihrer Sinnesart fr das schrecklichste
Unglck halten msse. Der Gedanke daran lasse ihr Tag und Nacht keinen Frieden,
und sie bete unablssig, da der Herr sie damit verschonen wolle. - Haben Sie
denn irgend schon Anwandlungen in sich gesprt? fragte ich sie. - Ach nein,
versetzte sie, es ist bei mir bis auf meine krnklichen Umstnde alles wohl in
Ordnung, ich wei, wohin der Hohlsaum gehrt und wohin die Doppelnaht. Aber es
wird so viel von den Sachen gesprochen, und sie sollen hier berall in der Luft
umherschweben, und wie leicht ist es da mglich, da sich auch einmal etwas auf
eine arme Nhterin setzt, besonders wenn sie viel sich drauen aufhalten mu. Es
kann einen anfliegen, man wei selbst nicht wie, besonders wenn man einen Vater
gehabt hat, der nicht viel auf Gottes Wort hielt. Ich tue daher auch, wenn ich
irgend Mue habe, in der Bibel lesen, um mich zu bewahren. Htte ich nur Geld
und an einem andern Orte Arbeit zu gewrtigen, da reist' ich nach Reutlingen zu
meiner Bas' und zge ganz weg aus der hiesigen Gegend.
    Um die Zeit, da die Engbrstige mir dieses Vertrauen schenkte, kam ich eines
Tages zum magischen Schneider in seinen Stall. Er war gerade nchtern und sa
auf dem Stroh emporgerichtet. Meister, sagte ich zu ihm, wre es Euch
wirklich so gar unmglich, einmal mehrere Tage hindurch in der leeren Verfassung
zu bleiben? - Das heit ohne Strich? fragte er. - Ihr trefft meine Meinung,
versetzte ich. - Wenn es um das Himmelreich ginge, wollte ich versuchen, mich
zu zwingen, vorausgesetzt, da ich dann geraume Zeit lang gnzlich
zufriedengelassen wrde, sagte er.
    Ich stellte ihm die Not vor, worin wir uns befnden, und da er allein uns
helfen knne.
    Sein Ehrgeiz war erregt. Er stand auf, konnte sich so ziemlich auf den Fen
halten, reckte mit heftiger Gebrde die Faust aus und rief: Das mt' ja mit
dem Henker zugehen, wenn ich nicht so einen Kujon auftriebe! Ich will's Zechen
verschwren, bis wir einen haben und wissen, wo die Bekehrung anzugreifen steht.
Fr das Himmelreich kann ich alles, nur beding' ich mir aus, so viel unterweilen
zu kriegen, als ntig tut, die Krft' zusammenzuhalten und in die Sft' keine
Stockung zu bringen. Gebt mir ein Nel Alten, Herr von Mnchhausen.
    Ich lief in das Haus, sagte Kernbeiern und Eschenmicheln, da uns ein Stern
der Hoffnung zu leuchten beginne, man solle mich nun aber ganz allein mit dem
Magischen schaffen lassen. Dann brachte ich letzterem das begehrte Nel,
welches er auf einen Zug leerte.
    Nach diesem war er seiner Krfte mchtig worden. Folge mir nun keiner!
rief er; vorderhand werde ich Weinsperg absuchen, und sehen, ob sich hier noch
ein unbekannter Dmon verkrochen hat. - Kernbeier und Eschenmichel traten in
den Stall. - Gebt mir Zechgeld mit, rief der magische Schneider. Kernbeier
gab ihm einen Gulden und sprach: O Drr, du auerordentlicher Mensch, besauf
dich aber nicht, und verabsaume darber das groe Werk, da es denn einmal nach
meines Freundes Willen zustand kommen soll! - Was denkt Ihr von mir? schrie
der Magische ergrimmt. Ich schwr', um das Himmelreich an mich zu halten. Ihr
seht mich entweder gar nicht, oder mit einem Dmon wiederkommen. Er wollte
gehen. Eschenmichel schickte sich an, ihm einen Segen voll Salbung zu erteilen.
Lat's Geschwtz weg! rief der magische Schneider. Hier braucht's Fust', und
keiner Redensarten.
    Nach seiner Entfernung blieben wir drei im Stalle zu innigem Gebete
vereiniget fr den glcklichen Erfolg dieser Sendung. Ich betete in der
Ursprache, Eschenmichel mischte in sein Gebet einige Verwnschungen der Gegner,
Kernbeier sagte zum Schlu des seinigen: 's ist 'ne verwnschte G'schicht',
da die ganze Hoffnung der hheren Welt gegenwrtig auf einem Schneider beruht!
- Dein Humor, dein unheiliger Humor wird uns zugrund richten, fuhr ihn
Eschenmichel an. - Was uns zugrund richten wird, lehrt die Folge, versetzte
Kernbeier. Ich sag's und bleib' dabei, man mu nichts bertreiben. Das
Zwischenreich war in gehriger Ordnung und Verwaltung, nun soll es ber die
Gebhr angestrengt werden; wir wollen sehen, was dabei herauskommt und wer
zuletzt das Bad bezahlt.
    Schweig! rief Eschenmichel. Ich schweig' schon, versetzte Kernbeier.

                                      VII.



     Grobschmidt oder Meister? - Eine Frage an euch, ihr himmlischen Mchte

Drei Tage vergingen, ohne da wir vom Magischen etwas anderes hrten, als was
uns Leute zubrachten, die hin und wieder von ungefhr in das Etablissement
kamen. Sie erzhlten uns, da er in alle Lcher und Spelunken krieche, nach
kurzem Verweilen aber daraus wieder hervorkomme und zuweilen murre: Es sitzt
nichts drin.
    Am vierten Tage war er aus Weinsberg verschwunden und zufolge der Aussage
eines Ehinger Spitzenkrmers, der durch die Stadt hausieren ging, nach dem
Gebirg wandernd gesehen worden. Wir muten nun dem Himmel das Weitere
anheimstellen, und ich schlenderte hufig durch die Gassen des Stdtleins, da
ich bei erloschenem Geisterwesen sonst dort nichts zu beginnen wute.
    Auf einem dieser Gnge fiel es mir auf, da die engbrstige Nhterin nicht
mehr vor ihrem Hause sa. Ist die Jungfer Schnotterbaum krank? fragte ich
einen Nachbar. O nein, versetzte der Mann, aber sie mu Betrbnis haben, denn
wir hren sie den ganzen Tag ber in ihrer Stube seufzen und mit sich selbst
reden. - Ei, sagte ich, da will ich zu ihr gehen und sie trsten. - 's
geht nicht, erwiderte der Nachbar, sie hlt sich eingeschlossen und hat sogar
das Schlsselloch verstopft.
    In diesem Augenblicke fuhr die Nhterin von innen an ihr Fenster, sah nach
uns mit unheimlichen Augen und scho dann wieder in die hinterste Ecke ihres
Zimmers. - Der Person fehlt etwas, sagte ich, man mu doch suchen, ihr zu
helfen. - Ich ging ins Haus. - Jungfer Schnotterbaum, tun Sie auf, sagte ich,
nachdem ich vergebens an der Tre geklinkt hatte. Nein! rief sie, er kommt
sonst mit und setzt sich auf mich. - Wer denn? fragte ich. - Mein Vater, der
Magister, versetzte sie. Jetzt kann er nicht hereindringen, denn Fenster und
Tren sind verschlossen, und im Schlsselloche stickt ein Pfropfen. Aber sobald
ich nur ein weniges ffne, kreucht er ein. - Haben Sie ihn denn gesehen?
fragte ich. - Nein, rief sie, aber der Drr hat ihn gesehen. Der garstige
Balg tat, sooft er dieser Tage hier vorbeikam, nach mir ein greulich Blicken,
da es mir durch die Seele fuhr, und gestern brllt' er mich an: Dir steht's
nah! Wahr' dich! - Das, und meine Angst zuvor - es ist gewi, er geht um und
wird sich auf mich setzen, und dann knnen die Geheimnisse an den Tag kommen,
die mich zeitlebens unglcklich machen werden! O du arme Anna Katharina
Schnotterbaum, womit hast du das verschuldet?
    Da alle meine Versuche, Einla zu bekommen, umsonst waren, wandte ich mich
zu dem Nachbarn zurck, und bat ihn um Aufklrung ber diese dunklen Reden. Er
versetzte, er wisse nicht, was der Schneider mit der Nhterin vorgenommen habe,
brigens knne der magische Kerl, wie er ihn nannte, den Menschen anschauen, da
ihm Hren und Sehen vergehe. Es ist ein Unglck, fuhr dieser Mann fort, da
der Polterkram sich hier etabliert hat. Man ist gar nicht mehr sicher, da man
nicht auch einen Geist in der Familie besitzt, der bei Gelegenheit Sachen
ausschwtzt, die nicht vors Publikum gehren. Ist man einmal begraben, so mu
die Sach' fr hienieden vorbei sein, wenn aber darnach alte Geschichten
herfrgeplappert werden, so gibt's nichts als Prozess' und Unruh' und
Verfeindungen. Als zum Beispiel, ich bin Spezereihndler, habe in meinem
Geschft den erlaubten kaufmnnischen Vorteil genommen. Nun fahren mir aber da
drben Skrupel in den Sinn, weil man jenseits nichts zu tun hat, fange an, zu
rumoren im Gewlb' und im Laden, werfe die Ksten durcheinander, stoe die Lden
am Magazin auf, da das Salz vom Einregnen feucht wird, errege meinen Erben
Beschwer und Gewissenszweifel - was kommt dabei heraus? Ich wnschte wahrhaftig,
da die Regierung ein Einsehen tte, und da durch Hchste Entschlieung das
gesamte Zwischenreich Landes verwiesen wrde.
    Mir waren diese aus der einseitigen Ttigkeit des Zerebralsystems
entspringenden Plaudereien sehr langweilig, ich drang daher in den Nachbar, mehr
von der Schnotterbaum, ihrem Vater und ihren Geheimnissen mir zu sagen, auf
welche sie auch schon bei frheren Gesprchen mit mir angespielt hatte. - Ihr
Vater, sagte er, war ein Magister, der noch seine fuchsrote Percke trug, sie
ist, da ich es Ihnen nur entdecke, ein Jungfernkind; der Alte hatte sich mit
der Aufwrterin eingelassen, da er Przeptor im Stift war. Ein verwetterter,
leichtfertiger Kamerad, der seine Schraubereien ber alles hatte und selbst
Gotteswort nicht verschonte, weshalb ihn die Leute fr einen Atheisten hielten
und ihn mieden. Er wurde auch seiner Przeptorschaft entsetzt wegen des
rgernisses mit der Aufwrterin und wegen der gottlosen Reden. Nach dem strich
er viel umher, hatte die Nas' hier und andererorten in jedem Kohl und suchte
sich von seinen Schreibereien kmmerlich zu ernhren. An der Anna Katharina hat
er aber doch rechtschaffen gehandelt, er nahm sie auf seine alten Tage zu sich,
da sie ihm wasche und koche. Da sie aber von Jugend auf sehr fromm gewesen, so
mgen ihr die lsterlichen Reden, die der Alt' auch noch in seinen letzten
Jahren nicht lassen konnte, eine groe Trbsal erschaffen haben, und dazu kommt,
da er einige Zeit vor seinem Ende in eine groe Unruhe verfallen ist, wie diese
sich immer bei den bsen Christen zu begeben pflegt, wenn der Tod anfngt, die
Sens' zu schleifen. Er ist ohne Nachtmahl verstorben. Das alles hat sich die
Anna Katharina, seine Tochter, zu Gemt gefhrt, und meinte sie gleich nach
seinem Abscheiden, er knne nicht selig geworden sein. berdies hat er sie mit
einem Geheimnis belastet, und das ist's, worauf die Schnotterbaum zielt. Was es
ist, wei niemand aus ihr herauszuholen, sie sagt nur, es sei derart, da kein
Mensch sich dessen versehe, und ganz Schwabenland erstaunen werde, wenn es an
den Tag komme. Ihr Vater habe den einen Teil seiner Entdeckung auf einer seiner
Streifereien, den andern aber hier zu Weinsperg im Kernbeierschen Etablissement
gemacht. Das Geheimnis sei auch von ihm niedergeschrieben worden in einer
versiegelten Schrift, die er sein Testament genannt, und die hinterlegt worden,
wo? will sie oder kann sie nicht sagen. Gegen uns war sie berhaupt in der
letzteren Zeit schweigsam geworden, vermutlich weil sie die vielen Fragen
ngstigen.
    Hier wurden unsere Unterredungen von einem dritten Manne unterbrochen, der
vom Tore herkam und uns eifrig zurief: Wit's was Neues? Wit's was Neues? Ja,
wann die Ehinger nicht wren, ihr erfhrt euer Lebtage hier nichts Neues. Der
Drr ist droben in der Teufelsschmied' und hmmert, als sollten heut noch zwlf
Paar Hufeisen fertig werden. Und dazwischen fhrt er grimmig auf den Geist ein,
den er auf dem Ambosse hat. - Was ist das, und was bedeutet die
Teufelsschmiede? fragte ich. - Eine alte verfallene Schmiedewerkstatt,
versetzte der Nachbar, die schon seit hundert Jahren wst lag, weil niemand
drin arbeiten mochte. Sie sagen, diese Werkstatt habe einem Grobschmidt
zugehrt, der in Untaten hingefahren sei. Der letzte, welcher sich an die
Gesprche nicht kehren wollte und das Gemuer bezog, soll einen solchen
Schrecken darin bekommen haben, da er selbst sein Schmiedewerkzeug im Stich und
darin lie.
    Nun, dem Himmel sei Dank, rief ich, jetzt wird der Magische wohl Rat
geschafft haben! Wollt ihr mich, meine Freunde, hinauf in die Teufelsschmiede
begleiten? - Der Ehinger schtzte Verhinderung in Spitzengeschften vor, der
Nachbar aber erklrte sich zum Mitgehen bereit. So machten wir uns auf die
Wanderung. Unterweges schlossen sich, als sie hrten, wovon die Rede war, noch
sechs bis sieben Straenjungen uns an.
    Wir stiegen bergauf, kamen, nachdem die Rebhgel in unserem Rcken lagen, in
eine wilde, einsame Gegend, wo sich nach einem beschwerlichen Klimmen ber Fels
und Steingerll ein Trupp rmlicher Htten zeigte, der ein Dorf hie. Etwas
abseitig wies mir mein Begleiter einen Kamp von Schwarztannen und sagte,
darunter liege die Teufelsschmiede. Unter den Bumen war es sehr finster, ein
dunkler Tmpel stehenden Wassers, der in der Mitte des Platzes zwischen
hochaufgewehten Haufen gelber Tannennadeln stockte, spiegelte nichts zurck,
hinter demselben sah ich die vier Brandmauern eines Gebudes ragen, aus welchen
der Hals des Schlotes wie ein Zeigefinger emporwies; denn das Dach war
eingestrzt. In diesen Trmmern hrten wir heftige Schlge auf den Ambo.
    Wir traten hinein und sahen den Magischen in voller Arbeit. Er hatte den
Rock abgeworfen, die Hemdrmel zurckgestreift und schlug mit einem rostigen
Hammer unaufhrlich auf den Ambo. Sein Gesicht war von Ru, der sich hier herum
noch stellenweise an den Wnden erhalten hatte, geschwrzt, aus dieser
Finsternis brannten seine roten Augen, die weit aufgerissen, ihm wild im Kopfe
rollten, die drren Glieder flogen whrend des Hmmerns wie die Teile des
Kinderspielzeuges, welches Hampelmann genannt wird. Unsere Begleiter, die
Jungen, lachten, als sie ihn sahen, der Nachbar nannte den Anblick scheulich,
ich fand ihn erhaben.
    Zwischen dem Hmmern rief er jezuweilen: Bist endlich mrb, du Mordgeist?
- Anfangs sah er uns, in seine Arbeit vertieft, gar nicht, als er uns aber
erblickte, lie er den Hammer sinken und sagte: Nun hastu genug, nun bistu
zahm! Wie sehr im Irrtum waret Ihr, Herr von Mnchhausen, mir von meiner
gewohnten Lebensweise abzuraten! In jener elendigen Nchternheit konnten meine
abgeschwchten Krfte durchaus keinen Geist entdecken, sobald ich mich aber, wie
gestern abend geschah, einmal wieder tapfer anfllte, war auch meine Begabung in
ihrem vollen Flor wieder beisammen. Ich wei nicht, wie ich in diese wste
Gegend, und zwischen diese Trmmer geraten bin, auer, da es mir wahrscheinlich
ist, durch bernatrliche Fhrung hineinbefrdert zu sein. Heute in der Frhe
nun, sobald ich die Augen aufschlug, stand er vor mir dort an der Esse, ruig,
das Schurzfell vorgebunden, wollte grob sein, fragte, was ich in seiner Schmiede
tt', ich sollte mich 'naus scheren -
    Wer? fragten wir alle.
    Wer? Wer sonst, als der Grobschmidt, der hier umgehen tut? - Aber ich nahm
ihn wacker zusammen, sagt', ob er nicht wiss', da ich der Drr sei, schmi ihn
auf seinen eigenen Ambo, und arbeitet' ihm mit dem Hammer so lange auf die
luftigen Knochen los, bis er klein beigab, zu winseln begann, mir seine
verborgene Missetat bekannte und auch schon einige Lust, erlset zu werden,
spren lt. Nur sei hier der rechte Ort nicht, den Heilsweg zu betreten, es sei
hier oben zu einsam, er msse mehr unter Menschen, sagte er.
    Wo ist er? fragten die Straenjungen. Ich will ihn euch zeigen, rief der
Magische, packte den grten Jungen bei den Haaren, stie ihn mit der Nase auf
den Ambo und rief:
    Siehst ihn nun?
    Ja, ja, schrie der Knabe, dem das Blut aus der Nase drang, ich sehe ihn.
Die andern Jungen versicherten zitternd, sie shen ihn ebenfalls, ich hatte ihn
von Anfang an gesehen, sobald der Magische ihn nur genannt hatte, ob der Nachbar
ihn gesehen, wei ich nicht. - Mit der Nas' mu man diese ahitophelschen,
antichristischen Zeiten auf die Geister stoen, sonst sind sie blind bei
sehenden Augen! rief der Magische.
    Er horchte nach dem Ambosse hin, rief dann: Willst wandern und dir Quartier
suchen? Wohl, voran! Sa sa, nur voran! Immer voran! Darin mu man euch freie
Hand lassen. - Er schritt, die Glieder ekstatisch reckend und schttelnd, zur
Trmmerschmiede hinaus, mit starren Blicken dem Grobschmidt folgend, der durch
die Lfte voranflog. Es war so dunkel geworden, da man keine Hand vor Augen
sehen konnte, dennoch erblickte ich ihn ganz deutlich, als ich mit der Stirn
gegen einen Baum fuhr, denn da sprhten die hellen Schmiedefunken mir vor dem
Gesicht umher.
    Es ging immer bergunter nach Weinsberg zu, die Jungen waren vorangesprungen,
die ersten der Glaubigen. Wegen der Finsternis waren zum Glck nicht viele Leute
mehr auf den Straen, sonst htte es gewi einen Auflauf gegeben. Unweit des
Hauses der Nhterin rief der magische Schneider berlaut: Aha! Schlupfst da
hinein? sprang in das Haus, sprengte mit einem heftigen Futritte die Tre und
war schon in Zeichen und Wundern mitten inne, als ich etwas spter die Stube
betrat. Der Nachbar hatte sich voll Furcht und Zittern entfernt.
    Die Schnotterbaum lag an der Erde, verdrehte ihren Krper, chzte und
sthnte. Der Magische kniete ber ihr, hielt ihr die Faust geballt vor den Mund
und polterte: Hab' ich's Euch nicht angesagt? Ist er nicht eben in Euch
hineingefahren? - Ach wohl, winselte die Nhterin, es mute ja so kommen!
Als Ihr die Tre sprengtet, fuhr er mir wie ein kuhler Wind in den offenen Mund.
Tut mir die Gnade, und befreiet mich von ihm, er stt mir fast das Herz ab.
    Das werde ich wohl bleiben lassen, versetzte der Magische, es ist mir
sauer genug geworden, den Hund fr die beiden Herren zu erwischen, nun soll er
sich erst in Euch zum Glauben bekehren.
    Das tue ich mein Tage nicht, rief der Dmon aus der Schnotterbaum, ich
bin ein gottloser Magister, und ein solcher will ich leben und sterben!
    Diese Antwort setzte mich in das grte Erstaunen. Meister, sagte ich zum
Schneider, ist uns denn etwa der Grobschmidt unterweges abhnden gekommen?
Diese Jungfer Schnotterbaum scheint anstatt seiner ihren verstorbenen Herrn
Vater zur Einquartierung empfangen zu haben.
    Nichts als Winkelzg'! rief der Magische. Solche Hllenbrut wechselt in
einem Augenblicke sechzigmal die Farb', um nur ein Schnippchen zu schlagen. Ein
Grobschmidt und kein Magister sitzet und wohnet in der Schnotterbaum, und zwar'n
der Grobschmidt oben aus der Teufelsschmiede, der seinen Knecht mit dem Hammer
erschlagen und dann in den grundlosen Tmpel gestrzt hat, allwo seine Knochen
noch tief unter Schlamm und Moder liegen.
    Weinend und schluchzend sagte die Nhterin: O Gott, mu ich einen so
furchtbarlichen Geist in mir beherbergen? Ich glaubte zum wenigsten, mit meinem
seligen Herrn Vater davonzukommen. - Ja, Jungfer, sprach der Schneider und
half ihr vom Boden auf, dawider hilft nun nichts. Wem ein Dmon beschieden ist,
der bekommt ihn. brigens werdet Ihr wohl einsehen, da fortan Eure Stelle nur
in dem Etablissement der Herren Doktoren Kernbeier und Eschenmichel sein kann.
    Traurig und erschpft antwortete die Schnotterbaum: Dem ist so. Die
Schickungen mssen nun ihren Gang gehen. - Sie packte ein Bndelchen Wsche
zusammen und gab ihrem Hnfling Futter auf acht Tage. Dann legte sie ihre
Nhsachen in sauber gefaltete Pakete, reichte diese einem Jungen und hie ihm,
sie den Leuten zurckzubringen, mit der Bestellung, sie knne nicht mehr
arbeiten, denn sie habe einen Dmon im Leibe.
    Whrend dieser kleinen Beschftigungen kamen Kernbeier und Eschenmichel,
denen schon etwas angesagt worden war. Drr, welcher, als die beiden Doktoren
eintraten, mitten in der Stube stand, sagte gro und ruhig, wie Falstaff, als er
den Percy bringt: Da habt ihr den Dmon!
    Wir fhrten die Schnotterbaum im Triumph nach dem Etablissement und gaben
ihr ein kleines Familienfest aus dem Stegereif. Drr ging oder taumelte vielmehr
bald nach seinem Stalle, worin er ein fr allemal seine Wohnung aufgeschlagen
hatte, der auerordentliche Mensch. Kernbeier lie zur Ehre der Magie den Stall
mit bunten Lampen erleuchten.
    Sehr glcklich sanken wir alle auf unser Lager. Wir glaubten ber alle Berge
zu sein. Eschenmichel stand nur in Zweifel, ob er den Dmon katholisch oder
evangelisch machen solle. Die Schnotterbaum lag die Nacht durch in wtenden
Krmpfen, was uns weiter nichts anging, denn wir hatten es nicht mit ihr,
sondern mit ihrem Mietsmanne.
    Die folgenden Tage und Wochen waren freilich strmisch, und wir sahen, da
wir noch nicht einmal die Vorhgel des Berges, geschweige den Berg erstiegen
hatten. Der magische Schneider blieb dabei, da der Grobschmidt aus der
Teufelsschmiede in die Schnotterbaum gefahren sei, und kmpfte wie ein Held fr
diese Wahrheit, die er, sooft er nchtern war, dem Dmon unter frchterlichen
Bedruungen in das Antlitz sagte, oder vielmehr in den Mund der Besessenen
hinein. Dagegen versicherte der Dmon, er sei kein Grobschmidt, sondern ein
Magister, habe keinen Knecht mit dem Hammer erschlagen, sondern nur ber dies
und das frei gedacht.
    Es war wohl das erstemal, da das Zwischenreich so mit sich selbst in
Konflikt geriet. Denn einer von beiden konnte doch nur recht haben, der Seher
Drr, oder der Dmon. Die Schnotterbaum verhielt sich dabei leidend. Sie pflegte
zu sagen: Ich bin dermaen herunter, da mir's gleich ist, wen ich in mir
trage, den Grobschmidt oder den Magister, meinen Vater. Ist's der letztere, dann
haben sich die Herren eine Rute gebunden, als sie mich ins Haus nahmen, denn der
Magister wird eine Bosheit auslaufen lassen, von welcher ihnen nichts trumet.

                                     VIII.



       Der Geist eines Grobschmidts mit den Erinnerungen eines Magisters

Endlich nach unablssiger Bedruung, vielem und oftmaligem Anschreien,
Beschwren in dem Idiome der inneren oder Ursprache, schrecklichem Gebrden und
Einwirken durch Augenrollen brachte es der magische Schneider dahin, da der
Dmon in sich schlug und anfing der Wahrheit, wenn auch noch nicht Gotte die
Ehre zu geben.
    Eschenmichel hatte dazu durch fleiige Vorhaltungen in seiner
logisch-scharfen Manier wacker mitgeholfen. So zum Beispiel sagte er eines Tages
zum Dmon: Wenn wir sehen, da du ein Grobschmidt bist, so kannst du doch kein
Magister sein, begreifst du das nicht, Verworfener? - Dmon wurde dazumal ganz
still und schmte sich vermutlich seiner Dummheit.
    Am vierzehnten September abends sieben Uhr erfolgte die erste offene
Beichte. Das Leibliche der Jungfer Schnotterbaum lag damals, von den
unaufhrlichen Krmpfen und Anspannungen bestrmt, fast im Zustande der
Auflsung. Der Dmon aber sprach aus ihr, zwar mit schwacher jedoch mit
vernehmlicher Stimme, ja, er wolle es nur gestehen, er sei der Grobschmidt
Bumpfinger aus der Teufelsschmiede und nicht der Magister Schnotterbaum, von
Hall brtig. Gestand hierauf auch alles ein, was wir bereits von ihm wuten.
    Die folgenden Tage wurden nun verwendet, den Dmon in seiner wahren Gestalt
recht fest werden zu lassen. Denn, sagte Drr, schlgt er wieder in den
Magister zurck, so geht die Arbeit von vorn an. Er mute deshalb wohl
zwanzigmal seine Grobschmidtsgeschichte vom ermordeten Knecht wiederholen,
dergestalt, da die Schnotterbaum von diesen Anstrengungen ungeduldig wurde und
einstmals ausrief: Liebe Herren, lat es nun gut sein, er hat es ja schon so
oft dargelegt, und im brigen wird er doch nicht mehr sagen, als ihm mein Vater
eingibt.
    Diese Rede klang dunkel, wir sollten aber bald die Aufklrung empfangen.
Denn nchsten Tages wurde auf Eschenmichels Antreiben ein scharfes Verhr mit
dem Dmon erhoben, dessen Zweck dahin ging, allerhand nhere Ausknfte ber
hllische Dinge und ber Eigentmlichkeiten des Zwischenreichs zu erlangen. Ich
will die Hauptfragen und die darauf gegebenen Antworten hieher verzeichnen.

ESCHENMICHEL: Wie bist du in das Zwischenreich gelangt?
DMON: Wie man vom Fleck kommt. Guckt' erst ein wenig in die Hll', konnten mich
aber da nicht brauchen, weil ich nicht an sie glaubt', die Hll' berhaupt
dummes Zeug ist.
ESCHENMICHEL: Dummes Zeug?
DMON: Ja, dummes Zeug.
MAGISCHER SCHNEIDER: Wie sieht die Hll' aus?
DMON: Sie sieht gar nicht aus.
MAGISCHER SCHNEIDER: Gar nicht aus?
DMON: Nein, gar nicht aus.

    Hier machte das Verhr eine Pause. Wir sahen einander voll Erstaunen an.
    Kernbeier rief: All mein Lebtage macht ihr diesen Dmon nicht zu einem
  regelmigen und aufrichtigen Grobschmidt! Kein Grobschmidt wird sagen, die
  Hlle sei dummes Zeug und sehe gar nicht aus. Fr solche Zweifel hantiert er
   selbst zuviel im Feuer. - Nur still, sagte Eschenmichel, man mu nicht
          verzagen. - Das Verhr nahm folgendermaen seinen Fortgang.

MAGISCHER SCHNEIDER: Hastu was vom Teufel erfahren?
DMON: O ja, die ganze Wahrheit.
ESCHENMICHEL: Wie sieht der Teufel aus?
DMON: Er hat auch kein Aussehen nit.
KERNBEISSER: Wie denn so?
DMON: Er ist auch nix. Er ist auch dummes Zeug.
MAGISCHER SCHNEIDER mit frchterlicher Gebrde: Bistu denn kein Grobschmidt nit?
DMON zitternd: Ach wohl bin ich der, aber von Hll' und Teufel denk' ich just
wie der Magister Schnotterbaum.

's ist klar! 's ist klar! rief Kernbeier, der Grobschmidt kann sich von den
Erinnerungen, Gedanken und Zweifeln des Magisters noch nicht losreien! - Drr
fluchte und wetterte, da man die Ncken des Zwischenreiches nie auslerne. -
Das ist ja eben das Erhabene und Gttliche, sprach Eschenmichel mit Salbung,
da in diesem Gebiete sich immer tiefere Tiefen austiefen, und unter dem
Abgrunde der Abgrund grndet. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind zu gleicher
Zeit zwei Geister in die Schnotterbaum gefahren, der Grobschmidt und der
Magister; diese haben sich nun in ihr unauflslich miteinander verwickelt und
verschlungen und verknotiget, so da man nicht mehr wei, wo der Schmidt anfngt
und der Magister aufhrt. Demnach tritt denn der groen und merkwrdigen
Erfahrung, die wir an dem halben Kindsgeiste haben, diejenige nicht kleinere und
unmerkwrdigere Tatsache symmetrisch entgegen, welche wir hier erleben, nmlich,
da im Zwischenreiche auch eine vllige Konfusion der Geister mglich ist.
    Nach dieser tiefsinnigen Bemerkung bat ich um die Erlaubnis, allein mit der
Schnotterbaum reden zu drfen, welche mir auch gegeben wurde, da niemand Lust
bezeigte, das Verhr jetzt fortzusetzen, und der Dmon daher, seines Zwanges
entledigt, aus dem Halse wieder in die Magengegend hinabsank, wie unsere Kranke
sagte. Als die andern das Zimmer verlassen hatten, befragte ich sie, ob sie mir
nicht den wunderbaren Vorgang erklren knne. Ach, versetzte sie weinend, ich
lebe in groer Qual. Ich werde von Tag zu Tag schwcher, und sehne mich
inbrnstig nach meiner Nhstub', und nach meinem sonnigen Platz unter den
Rebstcken, da meine ich, wrde mir gleich wieder wohl werden bei Hohlsaum und
Doppelnaht. Nun wei ich freilich wohl, denn die Herren und der Drr sagen es
mir ja tglich, da dieses schwache und sndliche Gedanken sind. Wer einmal ein
Gef der Wunder ist, mu aushalten, und so will ich denn auch, ich armer,
elendiger Mensch.
    Ich denk' den ganzen Tag ber an die Gottlosigkeiten (der Himmel verzeihe
mir, da ich so sprechen mu!) meines seligen Herren Vaters, und da ich ein sehr
gutes Gedchtnis von jeher gehabt, und daher nichts vergessen habe, was mir von
demselben zu Ohren gekommen ist an lsterlich-leichtfertigen Sachen ber Bibel
und Christentum, so drngt sich das alles nun jetzt zuhauf in mir empor, und die
Sachen werden laut in mir, die ich so sehr verabscheue. Und da der Grobschmidt,
den ich bei mir fhren soll, von nichts weiter in mir hrt, als von diesen
Magistersnden, so mag es wohl daher kommen, da in den schrecklichen
Abendstunden, wo der Drr und die beiden Herren ihr schweres Werk mit mir
beginnen, wo ich zwischen Beten, Singen, Ausfragen, Faustdrohen, Anschnarchen
und Anbrllen nicht wei, wo mir der Kopf steht, wo es mir grn und gelb vor den
Augen wird, meine Sinne sich verwirren und ich wie im hitzigen Fieber rede -
    Wie? Jungfer Schnotterbaum?
    Ach, ich bitte Sie, mir das unbedachte Wort nicht belzunehmen und es ja
nicht den andern Herren zu verraten. Nein, ich wollte vielmehr sagen, wo,
whrend ich im hitzigen Fieber liege, das Ding in mir zu reden anfngt, da
dann, sage ich, der Grobschmidt auch nur Magistersachen zu sagen wei, und der
Affe des Magisters ist. Eine Erklrung kann ich Ihnen nicht geben. - Was war
damit erklrt? Die Auslegung erschien doch gar zu drftig. Und so blieb dieses
groe Rtsel der Geisterwelt ungelst.
    Wurde sogar mit jedem Tage dunkler. Befragten wir nmlich den
Grobschmidtsdmon, ob er sich der Vorflle aus seinem Erdenleben wohl noch
erinnere, so antwortete er: O ja, er wisse die Stunde noch ganz genau, da er im
Stift zum ersten Male lateinische Stunde gegeben. Erkundigte man sich, was ihm
in gegenwrtiger Zurckgezogenheit am leidesten tue, versetzte er, da er seinen
Juvenal nicht bei sich habe.

                                      IX.



    Tatsache: die Erlsung eines Dmons hngt von tausend Zuflligkeiten ab

Obiger Satz ist aus Eschenmichels Diario abgeschrieben, der gleich mir seit dem
ersten Tage dieser magischen Behandlung genau Buch fhrte. Wir hatten uns in die
Schriftverfassung geteilt. Ich brachte die historischen Tatumstnde zu Papier,
und er zog aus denselben die bernatrlichen Folgerungen. Nun merket das neue
Wunder! Ohne da wir vor dem Schreiben uns besprachen, pate jederzeit seine
Folgerung auf mein Faktisches wie ein Handschuh auf den andern. Daraus ist zu
schlieen, da diejenigen, welche von der hheren Welt berichten, unter dem
Flgelschlage der Inspiration schreiben, erhaben ber alle Kritik.
    Eschenmichel sagte am dreiigsten Oktober: Lat uns, da mit diesem
halbschlchtigen Geiste sonst nichts zu beginnen ist, jetzunder an seine
Bekehrung gehen. Kernbeier entgegnete: Wolltest du, Bruder, mich nicht lieber
die Schnotterbaum kurieren lassen? die Person verfllt sichtlich. - Nein,
rief Eschenmichel, auf den Dmon kommt es an, nicht auf die Schnotterbaum!
    Am folgenden Tage, den ersten November spuckte der magische Schneider in
seine Hnde, wie er zu tun pflegte, wenn er Schwieriges vorhatte, und nachdem er
durch krftige Formeln den Dmon von der Magengegend in den Hals hinaufgebracht,
redete er ihm ins Gewissen, sagte ihm, er solle sich schmen, ob ihm nicht das
lausige, lumpichte Zwischenreich zum Verdru sei? schilderte ihm die himmlischen
Freuden, malte diese mit Pastoralklugheit etwas doppelfarbig, so da sie den
Grobschmidt wie den Magister anziehen konnten, sagte unter anderem, da droben
bleibe das Eisen immer warm, was geschmiedet werden solle, und fr jede
lateinische Stunde gebe es drei Kreuzer mehr, als auf Erden, sprach endlich
geradezu davon, da hier nicht gefackelt werden drfe, sondern der Dmon sich
erlsen lassen msse.
    Auf diese Bupredigt war Dmon anfangs sehr grob. Sagte, wir sollten uns
alle packen, wir besen nicht soviel Verstand im ganzen Leibe, wie er im
kleinen Finger. Was uns sein Heil angehe? Er sei mit dem Quartier in der
Schnotterbaum zufrieden. Glaubt ihr auch in den Himmel zu kommen? fragte er. -
Ja, riefen wir einhellig. - Nun, dann ist das schon ein hinreichender Grund
fr mich, hauen zu bleiben, versetzte er. Denn solche Trpfe, wie ihr seid,
wrden mir die ewige Seligkeit verleiden. Bekmmert euch um eure Siebensachen,
lat mich ungeschoren, ich will platterdings nicht erlst sein.
    Er fgte noch allerhand Spttereien hinzu, die ich nicht nachschreiben mag.
Aber sie waren wirklich, cerebraliter genommen, das Gescheiteste, was hier seit
Monaten sich laut gemacht hatte. Eschenmichel, Kernbeier und ich konnten
dagegen nichts aufbringen, hllten uns folglich schweigend in unser hheres
Bewutsein. Aber der Schneider war der Mann nicht, sich von einem tckischen
Geiste einschchtern zu lassen. Zeigte sich der Dmon grob, so wurde der
Schneider grber, auf ein Schimpfwort hatte dieser zehn strkere, und mit
Grnden, die der Dmon hinterlistigerweise brauchen wollte, lie er sich gar
nicht ein; er sagte nur, wenn solche Sophismen sich in die Unterredung
einschleichen wollten, mit donnerndem Ton: Halt's Maul!
    Nachdem Schneider und Dmon einander wohl eine Stunde lang wie die
Rohrsperlinge ausgeschimpft hatten, wurde der Dmon wirklich kleinlaut und
brummte: Der Vernnftigste gibt nach. Mit solchem verwetterten Bgeleisen ist
ja gar nicht auszukommen. Gut, ich will mich erlsen lassen, aber wie soll ich's
anfangen? Ich hab' ja keine Hnd' und F', etwas Gutes zu schaffen. - Du
dummer Dmon! rief der Magische, was braucht's da Hnd' und F'? Du wirst
erlst, damit gut. - Nur nicht immer so ungeschliffen! erwiderte der Dmon.
Ihr knnt doch mit Geistern manierlich umgehen, besonders wenn man in einer
Frauensperson sitzt.
    Siehstu deinen guten Engel neben dir stehen? fuhr ihn der Schneider an, da
ein Lichtstrahl durch das dunkle Zimmer scho. Nachher hrten wir, der Knecht
sei zur nmlichen Zeit unten mit der Stallaterne ber den Hof gegangen. Wie
wunderbar, da der himmlische Bote gerade diesen natrlichen Vorfall whlte,
seine Erscheinung eindringlicher zu machen! - Ich seh' alles, was ihr seht; ihr
habt mich schon fast ebenso verstutzt und verdutzt gemacht, wie die
Schnotterbaum, antwortete der Dmon auf die Frage des Schneiders.
    Letzterer fragte den Dmon, wie der Engel aussehe? und erhielt zum
Bescheide: So, wie ein Engel sich trgt; ein Habit, wei, von Nessel, blaue
Flgel mit Gold verbrmt. - Dmon gab diese und mehrere dergleichen Nachrichten
mit murrender, unwilliger Stimme; offenbar belstigte ihn der himmlische
Geschftstrger. Im Verlaufe der desfalls gepflogenen Unterredungen sagte er
einmal: 's ist doch grausam, da ich nun noch gar einen Engel auf den Pelz
krieg', da ich nimmer an Engel geglaubt habe! - Hier aber brachte ihm
Kernbeier, der sich sonst in der ganzen Sache als handelnde Person zweiten
Ranges darstellte, einen Kernschu bei. Er warf ihm nmlich rasch ein, da Dmon
seiner Denkungsart zufolge ja auch nicht an ein Leben nach dem Tode geglaubt
haben knne, und nun stecke er doch selbst mit Haut und Haar mitten drin. -
Dieser Grund traf den Dmon, machte ihn zahm, und von jetzt an lie er den Engel
ber sich ergehen.
    Letzterer wurde nun beauftragt, sich gehrigen Orts zu erkundigen, wann die
Erlsung des Grobschmidt-Magisters zu gewrtigen stehe? Er versprach, gleich
dieserhalb abzureisen, und, da die Wege noch so ziemlich seien, nach dreien
Tagen abends sieben Uhr wieder einzutreffen mit hoffentlich gnstiger
Resolution.
    Die drei Tage gingen in stiller Erwartung hin. Der Engel bildete, das
begriff jeder, eine neue Katastrophe in diesem Wunderdrama. Eschenmichel schlug
alles nach, was er in der Kabbala, bei den Gnostikern und bei Emanuel von
Swedenborg ber Engel finden konnte, Kernbeier sah mit trnenden Blicken in die
Wolken und dichtete schne Lieder, in deren einem er den seelenvollen Ausdruck
eines Kalbsauges pries. Die Schnotterbaum, welche kaum noch vom Lager
aufzustehen vermochte, zupfte still an der Bettdecke, schaute seltsam vor sich
hin, und ich hrte sie zuweilen wie unwillkrlich sagen: Was der Dmon
verschwieg, der Engel bringt's an Tag.
    Wer aber am dritten Tage abends sieben Uhr ausblieb, war der Engel. Dmon
kam, wie gewhnlich, folgsam aus der Magengegend heraufgestiegen, wute auf
Befragen nicht das mindeste ber den Ausgebliebenen zu vermelden, hielt sich
etwas kurz und fast spttisch in seinen Antworten und uerte, da sehe man, da
auf solche Leute kein Verla sei. - Der Magische ergo hierauf einen Regen von
Fluch-, Beschwrungs- und Schimpfworten ber den Nichterscheinenden, in der
Meinung, ihn dadurch herbeizuzwingen. Es war aber alles vergebens. Bis nach
Mitternacht wurde jegliche thaumaturgische Kunst fruchtlos angewendet; der
nichtsnutzige Dmon lachte und schrie unaufhrlich: Ich bleib' unerlst! Ich
bleib' unerlst! Juchheirassasa! Juchheirassasa! - Endlich wurde die
Schnotterbaum von diesen Dingen schwach und drohte, fr tot liegenzubleiben. Da
fing Kernbeier des Magischen aufgehobenen Arm, welcher schon wieder eine
Himmelszwangsgebrde ausfhren wollte und rief: Du bist zu heftig, du
auerordentlicher Mensch; deine Gaben und Krfte sind fr die verworfenen
Geister eingerichtet, aber diese sen, seligen, rosigen Flgelknaben wollen mit
Zartheit behandelt sein. Deshalb ist mein Vorschlag: Du behltst den Dmon, und
berlssest mir und meinem Bruder Eschenmichel, der mich mit seinen Kenntnissen
untersttzen wird, den Engel.
    Diese Geschftseinteilung fand den Beifall des Magischen und wurde auch
sogleich ausgefhrt. Kernbeier setzte sich vor die Besessene hin und sang mit
sanfter Stimme:

Du lichtes, leichtes Wesen,
Wo suseln deine Schwingen?
Wir drsten, zu genesen
An deines Fluges Ringen.

Bist du denn nicht ein Trumen
Aus unsern ersten Tagen?
Wie lange willst du sumen,
Von ihnen uns zu sagen?

Von unsern Kinderreden,
Und kindlichem Gelste?
Du fhrtest uns durch Eden,
Fhr' uns auch durch die Wste!

Darin nur eine Quelle
Den Schmachtenden erquicket:
Die fromme, heil'ge Welle,
Die unter Wimpern blicket!

Die Kranke schluchzte, und der Engel war sogleich da. Er entschuldigte sein
sptes Erscheinen und sagte, sein allzugroer Eifer trage Schuld. Er sei
nmlich, wie eine in unaufhaltsamem Fluge begriffene Kugel ber das Ziel, den
himmlischen Raum, hinausgeschossen immer weiter und weiter in das sogenannte
groe Nichts, habe freilich, sobald er des Irrtums innegeworden sei, kehrt
gemacht, indessen doch durch seinen bermigen Schu Zeit und Weg verloren. Was
die Erlsung betreffe, so werde diese am dreizehnten Dezember Schlag acht Uhr
erfolgen. - Engel empfahl sich darauf. Dmon lachte und sagte: Wenn ich am
dreizehnten Dezember erlset werde, so will ich Hans heien. Ich habe noch etwas
auf dem Herzen und ehe das nicht herunter ist, kein Gedanke an Erlsung.
    Was hast du auf dem Herzen? fragte Kernbeier. Herr, fraget nicht
danach, antwortete der Dmon, es ist ein verfngliches Ding, keinem ntz,
zweien zu groem Schaden! Eschenmichel wurde verlegen und bat Kernbeiern, von
weiterem Eindringen abzustehen, man msse auch gegen Dmonen diskret sein.
Nein, sagte Kernbeier, wenn er etwas auf dem Herzen hat, da wird nicht eher
Ruhe, als bis es herunter ist.
    Ach, der Dmon hatte wohl recht gehabt! Am dreizehnten Dezember abends acht
Uhr keine Erlsung! Er kam bis auf die Lippen, da fiel ihm auf einmal wieder ein
blasphemischer Gedanke ein, und alsobald rutschte er auch wieder hinunter, so
da ein jeder von uns das Gerusch hrte. Es war, wie wenn ein Sack auf den
Fuboden fiel. Der magische Schneider rief: Sein guter Engel mu es doch aber
wissen, mu auch den blasphemischen Gedanken vorhersehen, wie darf er denn die
Leut' so anfhren? Der Engel, durch Kernbeiers sanften Gesang berufen, kam,
bat um Vergebung, er msse sich im Datum geirrt haben, es sei droben gar zu viel
zu tun, und er setzte nun den Termin fr die Erlsung auf den fnften Januar,
dann, als auch dieser fruchtlos verstrich, auf den dritten Februar, und so, bei
immer wiederkehrenden Fehlschlagungen der Erlsung nacheinander auf sechs
verschiedene Tage in den Monaten Mrz, April, Mai.
    Der Dmon blieb fest in der Schnotterbaum sitzen, die nun schon Anflle von
Bewutlosigkeiten hatte. Ja, was ist das? sagte Eschenmichel, wir mssen denn
doch den Engel darber ernsthaft zur Rede stellen. - Wie kannstu uns so oft
tuschen? fragte Kernbeier sanft und freundlich den Engel. - Dieser erwiderte
mit holder, ser Stimme aus der Schnotterbaum auf englisch, d.h. in der
Engelssprache nichts weiter als:
    Ppbel.
    Es war das erstemal, da er sich dieses Idioms bediente; vorher hatte er
immer Deutsch mit uns gesprochen. Kernbeier und Eschenmichel mhten sich
vergebens um den Sinn jenes Wortes ab. Da berkam mich pltzlich die Inspiration
und ich verdeutschte ihnen Ppbel folgendermaen: Meine Herren, ich kann
frwahr nicht dafr, da so viel Irrtum in dieser Geschichte vorgeht. Die
Erlsung eines Dmons hngt von tausend Zuflligkeiten ab, die sich nicht
berechnen lassen. Seit Sie das Zwischenreich so sehr in Erregung gebracht haben,
und allerorten und -enden die hhere Welt in die niedere hereinragt, kann man
sich auf nichts mehr verlassen, und alle Naturgesetze sind durchlchert. Die
ganze Atmosphre ist voll von Wirkungen in die Ferne und Blicken in die Weite,
Luft und Licht wissen nicht mehr, wo aus oder ein? Die Schwere hat sich auf den
Fu der Leichtigkeit gesetzt und die Materie ist unter die Husaren gegangen.
Zentripetal- und Zentrifugalkraft spielen miteinander Kmmerchenvermieten, die
Farben klingen und die Tne leuchten, der Nervengeist aber fliet wie eine groe
Brhe berall umher. In einer so durcheinandergeworfenen Natur hlt kein Element
mehr Stich. Der Dmon besitzt also gar kein sicheres Transportmittel mehr zu
seiner Befrderung, dazu rappelt es, rutscht es, quietscht es ihm bestndig vor
seinen Augen von andern Poltergeistern, so gert er denn in rger, wird in
seinem rger wieder gottlos, und die Vorsehung selbst kann an ihm ihr Exempel
nicht lsen.
    Nach dieser meiner Rede in gutem Deutsch blieben die beiden Thaumaturgen
lange stumm, ernsten Betrachtungen hingegeben. Engel hatte sich gleich nach dem
Ppbel entfernt. Endlich sagte Eschenmichel: So knnte es also dahin
kommen, da die Magie sich selbst aufhbe. - Tun wir nicht besser, innezuhalten
und die Sache bei dem Bisherigen bewenden zu lassen?
    Nein vorwrts! rief der Schneider. Vorwrts! wiederholte Kernbeier, der
mit Eschenmichel die Rolle getauscht zu haben schien und seit dem Eingreifen des
Engels ebenso khn und leidenschaftlich sich bezeigte, als er frher bedenklich
gewesen war.
    Vorwrts! sprach zu unserer aller Erstaunen auch der Dmon aus der
Schnotterbaum mit dumpfer Stimme. Ich werd' der Sach' ein End' machen und mich
selbst erlsen, Nchstknftigen Mittwoch soll's geschehen.

                                       X.



      Tatsache: in Gegenwart der Polizei erscheint weder Dmon noch Engel

Ein Zwischenfall, der sich an einem der folgenden Tage ereignete, wandte auf
einen Augenblick unsre gespannten Erwartungen von dem nchstknftigen Mittwoch
ab. Mit dem wachsenden Flor der Schnotterbaumschen Wunder hatte sich nmlich das
Etablissement nach und nach wieder zu bevlkern angefangen. Zuerst war der
Gergesener aufs neue grunzend geworden, dann kehrten mit den Hellseherinnen die
drei Geister und zwei Geistinnen zurck, nur die zweite Hlfte des Kindsgeistes
mute sich verirrt haben, denn sie blieb aus. Unser Lager war demnach wieder
vollstndig assortiert, und wir taten uns nicht wenig auf unsern Reichtum
zugute.
    Aber nicht blo bei uns herrschten die besten dmonischen Umstnde, auch
ber das ganze Stdtchen hatte sich der Segen ergossen. Es gab in ganz Weinsberg
fast kein Haus mehr, worin es nicht spkte; ein Poltergeist begann, sozusagen,
zur Einrichtung einer ordentlichen Wirtschaft zu gehren. Darber kamen nun
freilich manche Geschfte in Stockung, denn zur Dmmerungsstunde wollte niemand
mehr gern allein wohin gehen, weil trotz des Gewhnlichen, welches die Sache
erhielt, die Furcht noch immer den Sinn der Menschen befing. Auerordentliche
Dinge erzhlte man sich; so sollte zum Beispiel in der Teufelsschmiede den
glaubwrdigsten Nachrichten zufolge der Hammer, womit der Schneider den Dmon
zuerst auf dem Ambosse bearbeitet hatte, noch immer im Hmmern begriffen sein
ohne Arm, der ihn regierte, recht wie der Hegelsche Gott in der Geschichte.
    Wie nun das Heilige stets, bevor es selbst zu weltlicher Macht gelangt, dem
Arme der weltlichen Obrigkeit verfllt, so geschah es auch hier. Die Behrden
nannten in ihrer rohen Weise das Hereinragen der hheren Welt in die Gassen von
Weinsberg einen lsterlichen Unfug, und ihre Hand begann drckend ber dem
Wirken und Weben der zarten Sphre zu lasten. Bei zehn Gulden Strafe wurde
verboten, einen Geist zu sehen, geringere Leute, die sich dessen unterfingen,
sollten mit brgerlichem Arrest gebt werden. Hart lag der Druck ber
Dschinnistan; der Hammer hmmerte nur noch bei Nacht, wo niemand ihn hrte.
    Auch dem Etablissement war ein Besuch der Polizei angekndigt worden und
nicht lange dauerte es, so erschien der Beamte. Der Schneider hatte uns allen
aber Mut eingesprochen chen, wir erwarteten daher gefat jenen Boten der Gewalt.
Auch war dessen Persnlichkeit ganz geeignet unsere Zuversicht zu steigern. Wir
sahen in ihm einen noch nicht bejahrten Mann von geflligem ueren erscheinen,
der sein Kommen sozusagen entschuldigte und um Verzeihung bat, da er den Befehl
der Oberen ausfhren msse. Glauben Sie mir, meine Herren, da ich den Kreis
Ihrer verehrungswrdigen Bestrebungen aus eigenem Antriebe nie stren wrde,
sagte der hfliche Beamte. Die Polizei darf keine Feindin der Wunder sein, sie
mu selbst jezuweilen Wunder tun, mu Dinge sehen, die niemand sonst sieht, zum
Beispiel Verschwrungen gegen Thron und Altar und was dergleichen mehr ist. Also
nur ein weniges bernatrliches, meine Herren, whrend ich anwesend bin, und ich
will zufrieden sein und weit mehr glauben.
    Die Schnotterbaum lag entkrftet auf dem Bette, warf dem Beamten aus ihren
matten Augen einen sonderbar lchelnden Blick zu und sagte: Ich kenne Sie recht
wohl. - Und ich Sie auch, Jungfer Schnotterbaum, versetzte der Beamte. Ich
habe mich hin und wieder mit Ihrem seligen Herrn Vater sehr angenehm
unterhalten, obgleich seine Grundstze nicht in allewege die meinigen sein
durften. Wenn ich nicht irre, so beruht auch noch in unserem Archive -
    Hier unterbrach ihn der Magische, welcher die Zeit kaum erwarten konnte,
eine Probe seiner Gaben abzulegen, rief: Jetzt wollen wir einmal dem Herrn den
Glauben in die Hand geben! tat das, was ich von ihm schon mehrere Male
berichtet habe, sich mit Kraft zu salben, und begann das thaumaturgische Werk.
Aber die Schnotterbaum blieb ruhig liegen, sagte mit ihrer natrlichen, nicht
mit der dmonischen Stimme hin und wieder: Was fr Seitenstiche, die ich
verspr', sie sind mein Letztes; weiter aber nichts. Der Dmon kam nicht. Der
Schneider, auf dem der Beamte sein Auge still und hflich ruhen lie, griff sich
noch strker an, warf die grlichsten Blicke, deren er mchtig werden konnte,
umher, und gebrdete sich wie ein schaumbedeckter Schamane. Aber die
Schnotterbaum blieb ruhig liegen und kein Dmon erschien. Pltzlich schnappte
der Magische in einer ungeheuren Formel, die er unvollendet lie, kurz ab, rief,
den Beamten zornig anblickend: Wenn ich immer beguckt werde, dann weichen die
beiden Geister der Strk', welche mir helfen! und rannte aus der Stube.
    Der Beamte sprach jetzt noch hflicher als zuvor: O meine Herren, ich sehe
wohl, da Sie mich fr meine Zudringlichkeit bestrafen wollen. Drfte ich
nichtsdestoweniger Sie Herr Doktor Eschenmichel wohl ersuchen, mir geflligst
den Dmon vorzustellen, der hier so oft seine Aufwartung gemacht hat? -
Eschenmichel zog die Achseln in die Hhe, ging gleichwohl zur Schnotterbaum und
sprach mit dem Dmon auf kabbalistisch und swedenborgisch. Aber die
Schnotterbaum blieb ruhig liegen und der Dmon kam nicht. Eschenmichel folgte
darauf dem Schneider, indem er sagte, da Geschfte ihn abriefen. Ich bin
untrstlich, sagte der Beamte, da ich diese Strungen in Ihren
Geschftsbetrieb bringe. Wre es nicht zu vermessen, so wrde ich mich
gleichwohl ermiget sehen, auch Sie Herr Doktor Kernbeier zu bitten -
    Doch nicht, da ich den Dmon herbeischaffe? rief Kernbeier, der durch
alle Verlegenheit hindurch ein Lcheln hatte blicken lassen. Sein Humor verlie
ihn auch in dieser drangvollen Lage nicht. Er fuhr fort: Der mu nunmehr in
contumaciam zum Tode verurteilt werden. Aber, sprach er weinend (denn die
bergnge von Lachen zu Trnen waren bei ihm unglaublich rasch); das liebe
Englein wird kommen, der zarte Bub', er tut mir schon den Gefallen, er lt
seinen alten Kernbeier nicht im Stich.
    Er setzte sich zum Bette, nahm die Hand der Kranken in die seinige und sang
mit sanfter Stimme:

Ich wei, da du vorhanden
Im ew'gen Lichte webest,
Wei auch, da du zu Banden
Des Ird'schen niederschwebest!

Ich mte ganz zerbrechen,
Zerbrche mir mein Schauen!
So hart knnt ihr nicht rchen
Ein glubiges Vertrauen.

Es blieb aber alles still in der Schnotterbaum. Nach einer Pause sagte sie,
nmlich die irdische Person Schnotterbaum: Gebt Euch keine Mhe, lieber Herr,
auch er kommt heute nicht.
    Kernbeier stand auf und sah sehr verwirrt aus. Vielleicht ein anderes Mal,
Herr Doktor, wird es besser gelingen, sagte der Beamte in der mildesten,
trstendsten Art. Lassen Sie sich darber keine grauen Haare wachsen. Aber Ihr
Herr Kollege wird nach Ihnen verlangen. - Kernbeier ging.
    Sollten Sie vielleicht ein Mittel besitzen, Herr von Mnchhausen? fragte
mich jener humane Offiziant. - Nein, mein Herr, erwiderte ich, ich bin hier
nur Lehrling und Handlanger. - Nun dann ... Es war deutlich, er wollte mit
der Schnotterbaum allein sein. Ich fgte mich seinem Winke.
    Der Beamte blieb ber eine Stunde bei der Kranken. Ich kam, weil ich nicht
annehmen konnte, da er noch bei ihr sei, und weil ich mich nach ihrem Befinden
erkundigen wollte, unversehens zu der Unterredung, von welcher ich noch die
letzten Worte hrte. Die Schnotterbaum fragte den Beamten:
    Ist es auch keine Snde? und er erwiderte: Nein, gewi nicht; Sie tun
vielmehr ein gutes Werk damit.
    Herr von Mnchhausen (mit diesen Worten wandte er sich an mich) Sie sind
hier Zeuge einer merkwrdigen Tatsache auf dem Gebiete der hheren Welt
geworden. - Jawohl, versetzte ich, es ist die Tatsache:

           In Gegenwart der Polizei erscheint weder Dmon noch Engel.

Ich werde nicht ermangeln, dem Herrn Doktor Eschenmichel sie bemerkbar zu
machen.
    Wirklich schrieb Eschenmichel, als ich davon zu ihm redete, sie in seinem
Diario nieder. Er hatte schon wieder Mut gefat.

                                      XI.



                         Bekenntnisse einer Sterbenden

Kernbeier war zerbrochen und vernichtet. Drr schlief. Ich war stark im Glauben
und hoffte auf den nchstknftigen Mittwoch.
    Aber die Entscheidung sollte noch rascher heranrcken. Gegen zehn Uhr abends
lie uns die Schnotterbaum rufen. Wir fanden sie vllig entkrftet und kaum noch
fhig zu reden. Die Magd wurde herbeigeholt, untersttzte sie mit ihren Armen,
und so halb emporgerichtet, gab sie uns, oft unterbrochen von ihrer Schwche,
folgendes zu vernehmen:
    Ihr Herren, es geht mit mir zu Ende. Die Geistersachen haben mich zu sehr
mitgenommen. Vielleicht htt' einige irdische Arznei meinen schwachen und
gebrechlichen Leib lnger hingehalten; indessen sei es fern' von mir, an den
Pforten der Ewigkeit jemand anzuklagen.
    Ich werd' den nchstknftigen Mittwoch schwerlich erleben. Ob der
Grobschmidt oder der Magister, mein seliger Herr Vater, in mir gesessen, ich
wei es nit, nehm' auch keinen Anteil mehr daran. Ich mu ohne sie oder einen
von beiden vor Gott. Der Magister hat mir etwas anvertraut, worber er auf einer
seiner Wanderungen Licht erhalten, und welches derart ist, da kein Mensch sich
dergleichen denken kann. Es hat mich beraus sehr geqult, ist aber nicht ber
meine Lippen gekommen. Ich hielt's auch meistenteils fr eine Schnurr', darin
der Magister von jeher stark war. Wei auch noch nit, ob etwas Wahres daran ist.
    Nun aber hret und vernehmet, Ihr Herrn. Der Magister hat mir auch erzhlt,
da er diese verborgene Sache zu Papier gebracht, und das verschlossene Papier
sein Testament benamset habe. Bisher wute ich nun dessen Aufbewahrungsort
nicht. Vor kurzen jedoch ist mir offenbart worden, da es im hiesigen
Polizeiarchive und zwar in dem Gefach S unter verschiedenen nicht mehr
brauchbaren und staubigen Papieren hinterlegt worden sei, und dorten allerdings
noch beruhe.
    Nun aber Ihr Herren tut mit meiner Entdeckung und in betreff des bisher
unbekannt gebliebenen Testamentes, was Euch gut dnkt. Mich lat mit mir allein
und schickt mir, wenn ich bitten darf, geistlichen Beistand.
    Die Magd mute sie zurcklegen, und ihre Brust begann zu rcheln. Wir
verlieen das Zimmer und sandten nach dem Geistlichen. Keiner von uns legte sich
nieder. Gegen Mitternacht kam die Magd und sagte, da sie verschieden sei. Kurz
vor ihrem Ende habe sie geuert: Es steht kein Engel bei mir, aber ich bin
dennoch getrost. Das Unheil ist ohne meinen Willen ber mich gekommen; es wird
mir vergeben werden.
    Also wieder eine, die in die Stricke des Zerebralsystems zurckfiel! rief
Eschenmichel. Dieser Umstand, meine Herren, bleibt vorderhand unter uns.
    Alle unsere Gedanken wendeten sich mit Macht gegen das Testament des
Magisters Schnotterbaum. Nach kurzer Verfinsterung durch den dunkeln Krper der
Polizei schien die Sonne der hheren Welt nur um so sieghafter leuchten zu
sollen. Denn Eschenmichel schrieb auf der Stelle an den Beamten, teilte ihm die
Entdeckung mit, und bat ihn um die Erlaubnis fr die Etablissementsgenossen, an
dem bezeichneten Orte nach dem Testamente suchen zu drfen. An dem Rande des
Grabes, so schlo der Brief, in dem Augenblicke, wo der scheinbare Tag weicht
und die heiligen Finsternisse ihre Lichter anznden, trat die Welt der Geister
wieder in ihre unzerstrlichen, urewigen Rechte ein. Aus ihr erscholl die
Stimme, welche einen Moment lang zum Schweigen gebracht worden war, um den
Glauben am Zweifel zu prfen. Hat sie Wahrheit gesprochen, so mssen alle
Staubwirbel, welche die Geschftigkeit des modernen Unglaubens aufwhlt, sich
zerstreuen und verschwinden.
    Eigentlich ist's nicht ganz richtig, sagte Kernbeier, als er den Brief
berlesen hatte. Denn der Magister hatte ihr bei Lebzeiten vom Testament
gesagt, soweit ich die gute Schnotterbaum verstanden habe. - Schweig! rief
Eschenmichel, und siegelte den Brief.
    Zwischen der Leiche im Hause und dem verhngnisschwangern Polizeiarchiv
eingeklemmt verbrachten wir den Rest der Nacht in einer wild-unruhigen,
verworrenen Stimmung. Wir wollten dieses sagen, und unsere Lippen sprachen
jenes. Wir wollten jubelnde und triumphierende Reden ber den Sieg der
Thaumaturgie halten, und ehe wir uns dessen versahen, schlugen sie in
Klagelieder um. Wir wollten lachen und muten heie, schmerzhafte Trnen von den
Wangen wischen. Ein Geist, vielleicht mchtiger, als alle bisherigen
Poltergeister in und um Weinsberg ging durch das Etablissement.
    Frhmorgens sandte Eschenmichel seinen Brief an den Beamten. Sehr bald kam
eine Antwort von diesem, worin er auf die allerverbindlichste Weise seine Freude
ber die hergestelte Ttigkeit der Wunder ausdruckte und meldete, da er, um
allen Unterschleif zu vermeiden, sofort das Polizeiarchiv habe unter Siegel
legen lassen. Er bestimmte die Stunde der Nachsuchung und schlo damit, da er,
um dem ganzen Einhergange die grtmgliche Offenkundigkeit und feierlichste
Wrde zu geben, mehrere Honoratioren des Stdtchens und einige Fremde von
Auszeichnung dazu einladen lassen werde.
    Eschenmichel mhte seinen Geist in Vermutungen ab, was das mystische
Testament enthalten werde. Vielleicht die Entdeckung, wo er die Kleider des
erschlagenen Knechts gelassen, sagte er unter anderem. - Du vergissest,
erwiderte Kernbeier, da es ja nicht der Grobschmidt, sondern der Magister
geschrieben hat. - Mir ist hoch zumut! rief Eschenmichel. - Mir angst,
sagte Kernbeier.
    Drr schlief noch immer. Ich packte im stillen meinen Koffer. Warum? wei
ich nicht. Mir war, als msse ich packen. Gewi auch noch ein dmonischer
Einflu zu guter Letzt.

                                      XII.



                   Das Testament des Magisters Schnotterbaum

Als die Stunde gekommen war, gingen wir nach dem Rathause. Vor demselben hatte
sich eine groe Menge Volks versammelt, welches sich ehrerbietigst verneigte und
uns Platz machte, als wir uns nherten. Auf dem Vorsaale erwartete uns der
Beamte, welcher zur Feier des Tages sich in seine Staatsuniform geworfen hatte,
mit mehreren Honoratioren, unter denen ich den Spezereihndler bemerkte. Von
ausgezeichneten Fremden sah ich freilich niemand als den Ehinger Spitzenkrmer.
Es mochten wohl an fnfzig Menschen aller Art oben versammelt sein, in deren
Gesichtern Neugier, Befremden, Spannung sich auf die mannigfaltigste Weise
kundgaben. So weit wie heute hatte sich die Thaumaturgie noch nicht in die
Kreise des profanen Lebens gewagt; schon das mute alle Erwartungen entfesseln,
dazu aber kam noch der Tod der Jungfer Schnotterbaum. Dieser setzte selbst die
Leidenschaften in Bewegung.
    Der Beamte empfing die beiden Geschftstrger der hheren Welt mit einer
Artigkeit, die fast an Demut grenzte, und sagte zu einem seiner Dienenden leise:
Achten Sie auf Drr. - Irgendeine Auszeichnung, wahrscheinlich das
Ehrenbrgerrecht der Stadt, wird wohl die Folge der Sache sein, dachte ich.
Vielleicht bekommst du auch etwas ab.
    ber dem Schlselloche der Archivstube lagen Papierstreifen mit Siegeln,
diese wurden fr unverletzt erkannt und sodann hinweggenommen. Der Beamte lie
die Stube ffnen; wir nahmen den staubigen Schrnken und Repositorien gegenber
Platz. Fr Kernbeier und Eschenmichel waren auf einer Erhhung in der Mitte des
Gemachs zwei eilig herbeigeschaffte Ehrensessel hingestellt worden. So saen sie
denn, allen Blicken sichtbar, ber uns andere erhht, da.
    Indem ich mich zufllig whrend dieser vorbereitenden Handlungen umwandte,
sah ich jemand in unserem Rcken durch die offene Tre herein und hinter eine
spanische Wand schlpfen, welche zunchst der Tre stand. Da ich etwas neugierig
bin, benutzte ich einen Augenblick, in welchem ich mich fr unbeachtet halten
durfte, um mich auch hinter der spanischen Wand umzusehen. Zu meinem
allergrten Erstaunen aber fand ich hinter derselben einen Bekannten, den ich
auf der Stelle mir erinnerlich zu machen wute, nmlich - den Gehlfen aus dem
Wrzburger Juliusspital, mit dem ich mich ber die Seherin von Prevorst und
die beiden entlaufenen alten Weiber unterhalten hatte. Ich wollte meiner
Verwunderung durch einen Ausruf Luft machen, der Gehlfe hielt mir aber den Mund
zu und sagte: Erregen Sie kein Aufsehen, die vorseiende heilige Handlung darf
nicht gestrt werden, ein Zufall fhrt mich auf dieser meiner Reise durch
Weinsperg, und es war wohl natrlich, da ich ein Zeuge des merkwrdigen
Ereignisses zu werden wnschte, von welchem ich, sobald ich im Wirtshause
abgetreten war, zu hren bekam. Was den Umstand betrifft, da ich hier hinter
der spanischen Wand zuzusehen, oder vielmehr zuzuhren wnsche, so ist dieses
letztere eine Liebhaberei von mir, die sonder Zweifel zu den vllig unschuldigen
gehrt.
    Ich wei nicht, welcher abermalige geheime Einflu mich trieb, nach dieser
Entdeckung trwrts zu schleichen, um in das Freie zu entgleiten. Der Mensch ist
dunkeln, unerklrlichen Ansten so hufig unterworfen. Aber zwei Trsteher
wiesen mich zurck und sagten: Niemand darf das Gemach verlassen, bis die
Handlung vorbei ist. - Ei! Ei! dachte ich, werden die Geistersachen nun mit
solcher polizeilichen Strenge behandelt?
    Der Beamte hatte inzwischen der Versammlung ihren Anla in einer bndigen
Rede auseinandergesetzt, und forderte eben, als ich zu dem erhhten Sitze der
beiden Doktoren der Geisterwelt zurckkehrte, diese auf, das Fach zu bezeichnen,
worin das Testament des seligen Magisters Schnotterbaum nach dessen Angabe
liegen solle. Eschenmichel gab mit herzhafter Stimme das Fach an. Nun merket
wohl auf, meine Mitbrger, sprach der Beamte. Liegt das Testament des
verstorbenen Magisters, so wie behauptet wird, in dem Fache S unter
verschiedenen nicht mehr brauchbaren und staubigen Papieren, so habt ihr ein
Wunder, mit Hnden zu greifen. Denn selbst seine Tochter, die tugendsame, durch
die beiden Herren so zweckmig behandelte und nun in der Ewigkeit versierende
Jungfer Anna Katharina Schnotterbaum wute von dem Aufbewahrungsorte nichts,
weil ihr seliger Vater ihr denselben keinesweges entdeckt hatte. Er war vielmehr
nur zweien Menschen auf Erden bekannt, dem Testator und mir, dem der alte
Schker einstmals in einer Weinlaune das versiegelte Papier eingehndiget hatte,
ohne gleichwohl dessen Inhalt mir zu offenbaren. Es sind also nur zwei Flle
mglich. Entweder mu ich mit den beiden Herren unter der Decke gespielt, und
ihnen den Ort verraten haben, oder er ist durch den Geist des Magisters aus
jener Welt heraus kundgetan. Der dritte Fall lt sich nicht gedenken -
    Wenn ich reden drfte - sagte ich, von neuem durch geheimen Ansto
hingerissen.
    Nein, Herr von Mnchhausen, sprach der Beamte mit Ansehen, Sie drfen
hier nicht reden. Sie sind ein Auslnder und haben bei uns keine Stimme. Er
warf einen so bezeichnenden Blick auf sein Dienstpersonal, da der innere
Impuls, weiter zu sprechen, pltzlich in mir verschwand. Wissen Sie einen
dritten Fall, meine Herrn? fragte er Kernbeier und Eschenmichel. Ich bin
berzeugt, da es Ihnen nur um Wahrheit zu tun ist.
    Nein, versetzte Eschenmichel mutig. Nein, erwiderte Kernbeier
schchtern.
    Wit ihr einen dritten Fall, versammelte Schwaben? rief der Beamte in das
Publikum hinein. - Nein! war die einstimmige Antwort der Menge. - Glaubt ihr,
da ich den beiden Herrn Doktoren die Sache gesteckt habe, da die Polizei ein
falsches Wunder hier verfertigen hilft? - Abermaliges strmisches Nein.
    So wre also der Tatbestand mit vlliger Gewiheit hergestellt, und nur der
Geist des Magisters kann den beiden erleuchteten Mnnern die Notiz haben
zuflieen lassen, sagte der Beamte. Wir werden aber unter solchen Umstnden,
und da noch im Jenseits, in dem Lande, wo alle Tuschung schwindet, von dem
Testamente Rede gewesen ist, seinem Inhalte die allerernsteste Beachtung zu
widmen haben. Gewi erlebt die Thaumaturgie heute einen hohen Triumph. Wie
beklage ich, da ich fr ihre wrdigsten Priester die Ehrensessel bei dieser
erhabenen Feier nur auf dasjenige Gerst stellen lassen konnte, von welchem
herab wir leider mitunter auf dem Markte andere Personen dem Volke zeigen
mssen. Der Herr Doktor Eschenmichel brachte uns aber die Dmonophanie zu rasch
ber das Haupt, und so muten wir in der Hast zu jener allerdings
standeswidrigen Vorrichtung greifen, weil keine andere im Augenblick zu
ermitteln war.
    Er gab einem Schreiber den Befehl, im Fache S nachzusuchen. Aller Herzen
pochten vor Unruhe. Der Schreiber ging, suchte, warf erst einige gebrunte Hefte
aus dem Fache, da eine Wolke Staubes aufstieg, zog dann ein vergilbtes Kuvert
hervor, und las mit vernehmlicher Stimme dessen Aufschrift ab, welche also
lautete:

Hierin ist enthalten der letzte Wille Jodoci Zebedi Schnotterbaums, lebzeitig
Magisters der Freien Knste, aus Hall in Schwaben brtig.
    Dem ernannten Exekutor, dem Zufall, wird die Publikation bertragen.
    Ein allgemeines: Ah! der befriedigten Erwartung wurde hrbar. Eschenmichel
sa wie ein Triumphator auf seiner Bhne, Kernbeier wurde immer bleicher, je
deutlicher sich der Sieg auf die Seite des Wunders neigte.
    Ein groer schwarzer Rabe kam in diesen Augenblicke in das Archiv gehpft
und auf den Tisch, an welchem der Beamte sa. Er setzte sich zutraulich vor ihn
hin und blickte wie ein Eingeweihter nach den Thaumaturgen. Sieh! Sieh! mein
alter Claus, du Unglcksvogel, was willst du hier? sagte der Beamte und
streichelte den Rcken des zahmen Tieres, welches seinem Herrn berallhin
folgte.
    Die Siegel des Testaments wurden gleichfalls als unverletzt anerkannt, der
Schreiber brach sie auf Befehl und hob, deutlich, da niemandem ein Laut
entging, folgendermaen zu lesen an:


                       Zwischenbetrachtung des Erzhlers

- O Menschenschicksal! Menschenschicksal! An welchen jhen Abgrnden taumelst du
wie ein Nachtwandler hin! Durch das goldene Tor von Byzanz trumst du, zu
schreiten, dem Pfauenthrone des Moguls in Delhi whnst du, dich zu nhern, da
tnt der weckende Ruf, und du liegst zerschmettert unten, herabgestrzt von der
Firste des Dachs, ber welche du bewutlos klettertest! Wie hatte Kernbeiers
Blsse recht, wie hatte der schwarze Rabe recht, wie hatte ich recht, als ich
von der Mglichkeit eines dritten Falls reden wollte!
    Das Testament des Magisters Schnotterbaum enthielt folgende Bestimmungen und
Aufschlsse.
    Da der Tod eine gewisse, Zeit und Stunde desselben aber eine ungewisse
Sache ist, so habe ich mich entschlossen, bei allbereits merklicher Abnahme
meiner Krfte, jedoch vllig gesundem Verstande meinen letzten Willen
aufzurichten. Ich habe immer zu den Leuten gehrt, welche auf Erden ihren Willen
nicht haben sollten, aber meinen letzten will ich haben und durchsetzen.
    Blutarm bin ich in die Welt gekommen, blutarm bin ich auf derselben gewallt
und blutarm werde ich sie aller Wahrscheinlichkeit nach verlassen. Aber ein
Testament darf auch der rmste machen, und daran kann ihn kein Tyrann
verhindern. Ich hoffe nicht miverstanden zu werden, wenn ich daran erinnere,
da des Menschen Sohn, welcher nicht hatte, da er sein Haupt hinlegen sollte,
ein Testament errichtete, aus welchem die Geschlechter zweier Jahrtausende
Erbgenahmen worden sind. Diesen Menschensohn, genannt Jesus der Christ, habe ich
zeitlebens liebgehabt, aber ganz in der Stille; nicht wie Regan und Goneril
ihren Vater liebten, sondern gleichsam  la Cordelia, oder da ich generis
masculini bin,  la Cordelius. Ich wurde deshalb fr einen bsen Christen und
Atheisten gehalten, welches ich mir wohl gefallen lassen konnte, da ich die
Liebe der Regans, Gonerils, der Edmunde und Cornwalls an ihren Frchten
erkannte.
    Ich besitze an zeitlichen Gtern drei Stcke, nmlich meinen sterblichen
Leichnam, eine natrliche Tochter und einen alten von mir durchaus zerlesenen
Juvenal, Gttinger Ausgabe von Vandenhoeck vom Jahre 1742. ber meinen Leichnam
erffne ich die Sukzession der Aszendenten, vermache ihn nmlich der Mutter
Erde, und mag er zusehen, wie er darin zu seiner Auferstehung kommen will;
vorderhand wnsche ich, zu schlummern. Meine natrliche Tochter vermache ich
ihrer Nhterei, welche ich sie habe mit allen Feinheiten dieser Kunst erlernen
lassen. Um meinen Juvenal sollen die Hauptstdte der Welt wrfeln, und welche
die niedrigsten Augen wirft, ihn haben und behalten als immerwhrendes
Fideikommi.
    An ewigen und unzeitlichen Gtern besitze ich eine groe Wahrheit und deren
Besttigung durch ein eminentes Exempel, welches wieder mit einem unglaublichen
Geheimnisse zusammenhngt. Diesen Zusammenhang von Wahrheit, Exempel und
Geheimnis verlasse und vermache ich allen Leuten von gesunder Vernunft. Da die
genaue Bezeichnung des Erben zu den Hauptstcken eines gltigen Testaments
gehrt, so merke ich hier an, da unter den titulo honorifico Bedachten nicht
gemeint sind:

1. die sogenannten groen Kpfe
2. die edeln Charaktere
3. die bedeutenden Menschen
4. die gefhlvollen Seelen
5. diejenigen, welche man
    a. die Hochverdienten, oder
    b. die Allverehrten und Allgeliebten nennt;

sondern meine Erben sollen sein die Leute von gesunder Vernunft, eine leider
neuerdings nur zu sehr herabgekommene und unscheinbar gewordene Sekte.
    Denn die Vernunft, welche ich meine, bietet ihren Anhngern nur Armut und
Nichtachtung, sie selber geht auch nicht in Sammet und Seide, sondern in einem
schlichten weien Gewande. Puffen, Bnder und Schmelz fehlen ihrem Anzuge ganz,
auf den Wangen brennt ihr nicht die bei den meisten beliebte hektische Rte,
sondern die reine Farbe der Gesundheit steht auf denselben, die fr den
verwhnten Geschmack zu derb und frisch ist; kurz, sie hat nichts, was reizen
und verfhren kann.
    Die groe Wahrheit, welche ich besitze, ist: da es keine Tollheit, keinen
noch so verrckten Sparren und keine Einfaltspinselei gibt, welche jemals
wirklich strbe unter den Menschen. Vielmehr ist das Abtun der allergreulichsten
Irrtmer immer nur eine Scheinttung und sie leben zu gehriger Zeit stets
wieder auf, nicht etwa mit gewechselter Garderobe, o nein! in solche Unkosten
setzt sich ihr Knig und Oberfeldherr nicht, sondern, wie sie waren, erstehen
sie wieder und in der alten, elendigen, bettelhaften Gestalt. Wenn ein Reich
durch die Dummen und Memmen gestrzt und durch die Klugen und Tapfern gerettet
worden, so beginnt einige Tage nach der Rettungsstunde ganz sicherlich die
Herrschaft der Dummen und Memmen wieder. Wenn es Millionen Male vorkam, da die
Sklaven ihre Herren beraubten und ermordeten und nur die Treue des Freien
fromm-schtzend die Hand ber Gut und Haupt des Gebieters hielt, so stellt sich
die alte Liebhaberei fr Sklaven jederzeit wieder ein, und wenn der menschliche
Geist endlich auf den Punkt gediehen zu sein schien, die Geisterwelt im Geist zu
erfassen, so ragt unversehens das verjhrte, jmmerliche, krpplichte Zeichen-,
Wunder- und Gespensterwesen, der mffigste mystische Trdel in die nur scheinbar
befreit gewesene Welt herein.
    Empfanget in der Erluterung dieser letzten Worte, meine teuren Erben, die
Besttigung durch das eminente Exempel. Wir haben die Reformation gehabt und
demnchst eine groe Philosophie und Literatur. Wir glaubten, endlich dahin
gekommen zu sein, Fetische, Amulette, Poltergeister und andern Polterkram fr
abgeschafft erachten zu drfen. Endlich meinten wir, dahin wenigstens gekommen
zu sein, das Empyreum sowohl als den Hades nur in der adquaten Sphre des
aufgeschlossenen menschlichen Bewutseins wirkend zu erblicken und in dessen
uerem Leibe, in der Geschichte. Aber mitnichten. Im neunzehnten Jahrhundert
rhret sich pltzlich wieder das erstunkene, erlogene, sichtbar-unsichtbare
Gelichter; die gespenstischen Weinschrtter, Kellerasseln und Grabwrmer
kriechen aus ihren Lchern, der heilige Name Gottes und des Menschensohns wird
in diesen ekelhaften Stank und Dampf hineingerufen, die Mysten und Epopten, den
Narren oder den Schalk im Busen, verdrehen die Augen und entblden sich nicht,
Worte des ewigen Lebens ihren Faseleien an die zerrttete Stirn zu setzen. Der
Bauch der Vetteln soll pltzlich mehr wissen, als das Haupt und das Herz der
Weisen, und alles dieses Zeug, dieser Wasch und Klatsch, wofr man ebensowohl
Prtorii Wnschelrute, Erasmi Francisci Hllischen Proteus und den Vielfrmigen
Hinzelmann als Gewhrsleute anfhren knnte, wird von einem nicht unzahlreichen
Pbel aller Stnde geglaubt und sanftselig weiter verbreitet.
    Ei, werdet ihr, meine Erben, sagen, was fr ein schlechtes Legat
hinterlssest du uns? So stehen ja die Hexenprozesse vor der Tre. Geduld, ihr
Teuren! Es ist allerdings sehr mglich, da unsere Enkel abermals Hexenprozesse
erleben, indessen ganz nahe stehen sie doch noch nicht bevor, und zwar von wegen
des unglaublichen Geheimnisses, welches mit dem eminenten Exempel verbunden ist.
Ihr wit, liebe Erbgenahmen, da die Herren Doktoren Eschenmichel und
Kernbeier, welche hauptschlich den Geistertrdel in schwunghaften Betrieb
gebracht haben, von der Welt fr gelehrte und wrdige Mnner gehalten werden,
und fr Mnner haltet auch ihr sie wahrscheinlich. Wenn es nun aber an den Tag
kommt, was mir bekannt ist, da dem nicht so sei, so kann es kaum fehlen, da
die dmonischen Geschfte in einigen Verruf geraten, die Sache, bildlich zu
reden, eine Posse wird, und unsere Nachkommen vielleicht doch in den nchsten
dreiig Jahren noch vor der Rckkehr der Hexenprozesse bewahrt bleiben.
    Meine teuren Erben, die Herren Doktoren Kernbeier und Eschenmichel sind
nicht mnnlichen Geschlechts.
    Auf einer meiner Streifereien, die ich unternahm, um mir mein Bettelbrot zu
verschaffen, kam ich durch eine Stadt, worin sich ein weltberhmtes Spital fr
Alte und Sieche befindet. Es ist eine geraume Reihe von Jahren her. Ich lie mir
die Anstalt zeigen und durchwanderte die langen Reihen der alten Mnner und
Frauen, welche ihre letzten Tage da zubrachten. Wie es nun wohl zufllig kommen
kann, da sich unserem Geiste die Gestalt eines Baumes, Felsens, Hauses
untilgbar einprgt, so wollte es der Zufall (denn es sei ferne von mir, diese
Geschichte irgend romantisch aufzuschmcken), da mir zwei alte Frauen, welche
von den ndern sich gesondert hielten und sehr eifrig miteinander verkehrten,
besonders auffielen. Es war weiter gar nichts Merkwrdiges an den beiden Alten.
Gewhnliche alte Weiber, wie es deren Tausende gibt, aber ihre Statur und
Physiognomie machte dennoch einen unauslschlichen Eindruck auf mich, so da mir
gleich damals klar wurde, ich wrde sie wiedererkennen, wo und wann ich sie
jemals she.
    Nach einigen Jahren und mehreren Schicksalen gelangte ich in dieses unser
Stdtlein, entschlossen, hier nunmehr fr Lebenszeit zu rasten. Ich hrte
sogleich von der Anlage und von dem Fortgange des Kernbeierschen Etablissements
und erbat mir natrlich unverweilt Zutritt zu dieser grten Sehenswrdigkeit
des Ortes. Allein wie wurde mir, geliebte Erben, als mir der Herr der Anlage mit
seinem Freunde entgegentrat! Ich meinte, der Boden schwanke unter meinen Fen
und das Haus tanze mir vor den Augen, denn man mag auf alles gefat sein, wenn
man zu frommen Wunderttern geht (sie haben uns an vieles gewhnt); allein
darauf ist man nicht gefat, in zwei Mnnern der hheren Welt zwei alte Weiber
wiederzuerkennen.
    Ja, meine Erben, es ist ausgesprochen, das groe Wort des Rtsels. Wenn die
Natur nicht das nur von Komdienschreibern erfundene Spiel der Menchmen
nachahmt, wenn sie, die unerschpflich erfindende Gttin jedem Exemplare,
welches sie aus der Form wirft, einen Zug besonderer Ausstattung mitgibt, so
habe ich mich nicht irren knnen, lebe vielmehr und will sterben in der
berzeugung: Die Herren Doktoren Kernbeier und Eschenmichel sind zwei alte
Weiber, die ich vor lngerer Zeit im Juliusspitale zu Wrzburg gesehen habe.
    Wie und wann sie aus demselben entkommen, auf welche Weise ihnen der Gedanke
an das unter ihren Hnden erblhte Etablissement geworden, das habe ich nicht
erfahren knnen. Nur so viel lt sich einsehen, da sie, wenn sie ihre
Rockenstubengeschichten fr Wahrheiten verkaufen wollten, gentigt waren,
Mannskleider anzulegen, ihren Diskant zum Ba zu verstellen, und berhaupt das
zu scheinen, was sie nie waren.
    Das Geheimnis wre sonach gegenwrtig hier deponiert, und damit htte das
ganze Legat seine vollstndige Stiftung erhalten. Die frommen und sen Seelen
werden es ein lsterliches nennen; in meinem Sinne jedoch ist es recht
eigentlich eins zu frommen Zwecken.
    Den Zufall aber ernenne ich zum Testamentsvollstrecker, und soll es von ihm
abhangen, ob und wann dieser letzte Wille erffnet und die Erbfolge nach
demselben angetreten wird. Ich halte sehr viel vom Zufall, seit ich gesehen,
welche erbrmliche Fratze die Menschen aus der Vorsehung machen. Es bestimmt
mich auch noch ein anderer Grund. Ich wei, da im Rachen des Lwen Erbarmen
wohnen kann und aus den Krallen des Tigers Rettung gefunden werden mag, da aber
keine Gnade ist bei den Propheten. Bei meinem Leben kommt es daher nicht heraus.
Aber, wie ich meiner Nachwelt die Wissenschaft nicht unterschlagen darf, so will
ich doch auch die Kunde nicht beschleunigen. Der Zufall verwalte alles und gebe
das Zeichen, wann es an der Zeit ist. Denn die Propheten werden auch meinen
toten Staub nicht ungerhrt lassen, wenn sie erfahren, da ich ihr Geschlecht
entdeckt habe. Von einem derselben wei ich es wenigstens gewi.
    Die grten Verfolgungen, geliebte Erben, sind von jeher ber diejenigen
ergangen, welche im Lehrstuhl, auf der Kanzel, im Staatsrat und im Heerbefehl
die alten Weiber ausfindig machten!
    Ich bete dich an, Vernunft, Tochter Gottes, Schirmherrin der Mnner, Atem
der Seele! Ich bete dich an im Geist und in der Wahrheit. Du erschtterst mir
Herz und Nieren; fhre mich, bleibe bei mir bis an das Ende meiner Tage! - Ein
schlichtes, farbloses Gebet, ein Gebet in Knechtsgestalt! Ich will damit
auszukommen suchen.
    Vorstehendes ist mein letzter Wille ohne Ort und Datum, denn ich wnschte,
da er allerorten und zu jeder Zeit glte.
                        Jodocus Zebedus Schnotterbaum
                                   A.A.L.L.M.
                        Requiscat anima mea in pace!


                                  Nachschrift

                             (Mehrere Jahre spter)

Ich erlebte das Ende der Szene nicht. Als bei den bezglichen Worten des
Testaments zuerst ein atemloses Schweigen des Todes im Archive eintrat, dann
aber Jubel, Hohn, Schreck, Unwille, Entsetzen, Spott, Schimpf, kurz jeglicher
Affekt sich in Blick, Miene, Schrei Luft machte, und die Doktoren, wie von einem
Kernschusse vernichtet, in die Sessel zurcksanken, benutzte ich diesen Moment
und entwischte. Mit drei Sprngen war ich im Etablissement, empfahl dem Knechte
mein gepacktes Kfferchen zur Nachsendung, die er auch redlich bewerkstelligt
hat, und lief spornstreichs zum Tore hinaus, denn die Sache, das fhlte ich
wohl, war hier aus, rein aus. - Auf der Strae rannte ich an dem Magischen
vorbei, den eine finstere Macht fortbewegte. Der gemeine Mann nennt sie den
Schub. Er wute aber noch von seinen Sinnen nichts und hat daher nachmals mit
Recht behaupten knnen, er sei aufgehoben und von dannen gefhrt worden in der
Entzckung.
    Spter erfuhr ich den weiteren Verlauf der Dinge. Freilich gingen mir
darber zwei ganz verschiedene Berichte zu. Der eine lautete folgendermaen:
Sobald nmlich der Magister Schnotterbaum von jenseits zu Ende gesprochen, sei
der Gehlfe hinter der spanischen Wand hervorgetreten und dem Testamente mit den
Worten: Ei Mutter Ursel und Beth', sieht man euch so unerwartet hier wieder?
ein gewichtiger Besttiger geworden. Der Beamte habe hierauf mit seiner
immerfort noch steigenden teuflischen Sanftmut und Hflichkeit zu den Propheten
gesagt, er fr seine Person halte das Schnotterbaumsche Testament fr einen
sarkastischen Scherz des alten bsen Magisters und glaube, da der fremde Herr
Doktor, getuscht von einer flchtigen hnlichkeit sich irre, indessen gebiete
ihm freilich in der Sache allein seine Pflicht, da er zugemessene Befehle habe,
das Ereignis in jeder Richtung festzustellen. Es liege auf der Hand, da selbst
in betreff der Wunder viel darauf ankomme, ob sie ein Mann, oder ob sie ein
altes Weib erzhle, und da zuflligerweise gerade ein Sachverstndiger anwesend
sei, so msse er - zwar mit blutendem Herzen und die beiden Herren inniglich
verehrend - sie den-noch ersuchen, sich mit dem fremden Doktor behufs weiterer
Veranlassung geflligst hinter die spanische Wand zu begeben.
    Der Beamte habe alles wtenden Widerstandes ungeachtet seinen Willen
durchzusetzen gewut und nach einer Viertelstunde sei von dem Gehlfen aus
Wrzburg auf dessen Ehre und Gewissen das Gutachten abgestattet worden, da der
Magister Schnotterbaum mit keiner Lge belastet das Zeitliche gesegnet habe.
    Nach dem zweiten Berichte war alles mit der Publikation des Testaments
vorbei. Die aufgeregten Affekte gingen in ein schallendes Gelchter ber; der
Gehlfe trat lachend hervor und konnte vor Lachen kein bestimmtes Wort ber die
Anerkennung oder Nichtanerkennung der Helden dieses Tages aussprechen. Das
Gelchter war so ansteckend, da der alte drollige Kernbeier endlich selbst mit
einstimmte und rief: 's ist der ausbndigste Schwank, der zu erdenken gewesen,
beweist aber nichts gegen das Zwischenreich. - Diese allgemeine Heiterkeit des
Ausgangs soll um so anmutiger gewesen sein, als, wie versichert wird, der Beamte
auch in diesen Momenten seinen wahren oder angelegten unzerstrlichen Ernst
beibehalten hat. Von Untersuchung hinter der spanischen Wand keine Rede.
    Indessen verfehlte das Testament des Magisters nicht, seine Wirkung
nachhaltig zu uern. Denn wohin ich seitdem kam, berall hatte sich die
Volksmeinung gebildet, da der alte Schnotterbaum das Geschlecht der Koryphen
des Geisterglaubens wirklich entdeckt habe.
    Dadurch aber hatte in der Tat, wie sich deutlich spren lie, die hhere
Welt, nmlich die Kernbeier-Eschenmichelsche, einen Sto erlitten. Die Erben
des Magisters aber traten die Erbschaft nach seinem Testamente ohne Vorbehalt
an.


                                  Dritter Teil

                                  Fnftes Buch

                          Hochzeit und Liebesgeschick

                                 Erstes Kapitel

 Worin der Hofschulze dem einugigen Spielmann auseinandersetzt, warum er keine
                       seiner neun Jacken einben wolle

An einem klaren Augustmorgen brannten im Oberhofe so viele Kochfeuer, als ob die
Bevlkerung smtlicher Ortschaften in der Runde zum Mittagsmahle erwartet werde.
ber der Herdflamme, durch groe Kltze und Scheiter zu ungewhnlicher Gre
entzndet, schwebte an dem eingezahnten eisernen Haken der mchtigste Kessel,
welchen die Wirtschaft bewahrte. Sechs oder sieben eiserne Tpfe umstanden mit
ihrem siedenden und brodelnden Inhalte diese Gluten. Auf dem Platze vor dem
Hause nach dem Eichenkampe zu prasselten, wenn die Geschichte die Wahrheit sagt,
neun Feuer, und ebenso viele, oder hchstens eines weniger auf dem Hofe in der
Nhe der Linden. ber allen diesen Kochsttten waren Bcke oder Roste errichtet,
auf welchen Bratpfannen standen, oder an welchen Kessel von nicht geringer Gre
hingen, obschon keiner derselben sich mit dem Umfange dessen, der ber dem Herde
seine Pflicht leistete, vergleichen durfte. Die Gluten verbreiteten in dem Hause
und um dasselbe eine starke Hitze, rote Funken sprhten allenthalben empor und
flogen auch wohl unter das Strohdach, erloschen aber unschdlich inmitten des
gefhrlich Brennbaren, gleichsam, als wollte das Element dem arglosen Zutrauen,
welches die Hofesbewohner in seine Treue setzten, dankbar entsprechen.
    Die Mgde des Oberhofes gingen mit Schaumlffeln oder Gabeln zwischen den
Kochsttten geschftig hin und her. Es durfte, sollte die Speise den Gsten
munden, nicht gefeiert werden mit Abschumen und Umwenden, denn in dem groen
Kessel ber dem Herde gaben acht Hhner die Kraft zur Suppe her, und in den
brigen dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Tpfen, Kesseln oder Pfannen sotten
oder brieten sechs Schinken, drei Truthhne, fnf Schweinsbraten, nebst der
entsprechenden Anzahl von Hhnern.
    Diesem Geflgel war nmlich das bevorstehende Fest am verhngnisvollsten
geworden. Der Hahn, welcher die gelichteten Reihen seiner Teuren ber die
Nhrpltze des Hofes fhrte, sah sich unterweilen wehmtig um, oder blickte
zornig nach den Feuern, die sein Liebstes fr fremde Freuden zurichteten, und in
einer entfernten Ecke des Hofes bewegte der Morgenwind einen groen Haufen
brauner, gelber und weier Federn, hin und wieder eine derselben bis in die Nhe
der Feuer wirbelnd.
    Whrend die Mgde in den Bratpfannen nachgossen, die Schinken anstachen,
unter den Truthhnen die Glut erfrischten, von den Hhnern und der Suppe den
Schaum hinwegnahmen, waren auch die Knechte fleiig an ihrem Werke. Der
schwarzugige Verwegene richtete im Baumgarten mit Bcken, Blcken und Brettern
eine gewaltige lange Tafel zwischen den Blumenbeeten und unter den Fruchtstmmen
zu, nachdem ihm ein hnliches Gerst bereits im Flure gelungen war. Der dicke
Langsame bekleidete die Pforten des Hauses, die Wnde des Flures und die Tren
der beiden Zimmer, in denen wir den Diakonus und seinen Kster einstmals haben
speisen sehen, mit grnen Birkenstmmen. Er seufzte nachdrcklich ber diese
grne und lustige Arbeit, auch fiel ihm, wie es schien, die Glut beschwerlich.
Dennoch war ihm ein nachgiebigeres Geschft zugefallen, als seinem Mitknechte,
dem zornigen Rothaarigen. Denn er hatte doch nur mit schmiegsamen Maien zu tun,
jenem aber lag ob, das Vieh festlich zu zieren. Den Khen nmlich und Rindern,
welche an der einen Seite des Flurs hinter ihren Krippen standen, vergoldete der
Rothaarige mit Schaumgold die Hrner, oder band ihnen bunte Schleifen und
Quasten um dieselben. In der Tat war dieses eine verdrieliche Arbeit besonders
fr einen jhzornigen Menschen. Denn manche Kuh und dieses und jenes Rind wollte
schlechterdings nichts von dem Feste wissen, schttelte mit dem Kopfe oder
schwang die Hrner seitwrts, sooft ihm der Rothaarige mit dem Leimpinsel und
den Schaumgoldblttern nahte. Er bezwang lange seine Natur und gab nur zuweilen
ein dumpfes Murren von sich, wenn ihm ein Horn den Pinsel oder die Bltter aus
der Hand schlug. Laute, welche die allgemeine Stille, womit alle Beschftigte
ihre Arbeit verrichteten, kaum unterbrachen.
    Als aber die Zierde des Stalles, eine groe Weigefleckte, mit welcher er
sich wohl schon eine Viertelstunde lang umsonst abgemht hatte, endlich sogar
heimtckisch ward und ihm einen gefhrlichen Sto versetzen wollte, da ri dem
Rothaarigen die Geduld. Er sprang zur Seite, ergriff jenen Zaunpfahl, mit dem er
einst den Pitter vom Bandkotten verschont hatte, und der sich zufllig in der
Nhe befand, und gab dem widerspenstigen Tiere mit dem dicksten Ende des Pfahls
einen so gewaltigen Schlag in die Weichen, da die Kuh aufsthnte. Ihre Seiten
begannen zu fliegen und ihre Nstern zu schnauben.
    Der Langsame lie die Maie, welche er in der Hand hielt, sinken, die erste
Magd sah vom Kessel auf, und beide riefen wie aus einem Munde: Gott beht' uns!
Was tust du?
    Wenn so ein Aas keine Rson annehmen will, und will sich nicht mit Manier
vergolden lassen, so soll ihm das Donnerwetter die Knochen zerschmeien! rief
der Rothaarige. Er ri der Kuh das Haupt herum und schmckte sie nun schner als
alle ihre Gefhrtinnen. Denn das Tier, in seinen Schmerzen sanftmtiger
geworden, stand jetzt ganz still und lie mit sich vornehmen, was der rauhe
Knstler wollte.
    Das kann Euch eine teure Hochzeit werden, sagte die erste Magd. Denn die
Blsse ist melk, und wenn sie verkalbt, so seid Ihr vom Hof.
    Und wenn Ihr noch ein einziges Mal Euren Rachen aufreit, so kriegt Ihr
auch den Zaunpfahl an den Hirnkasten! rief der Zornige. - Denn der Baas hat
mir lange keinen Spruch mitgeteilt und jach sein zum Hader tut auch mitunter
gut, und an so einem Ehrentage mu man keinen Menschen kujonieren. - Er gab der
geschmckten Blsse einen Schlag auf die Hften und sagte: Nun stehe gerade und
halte die Hrner steif, damit du nach etwas aussiehst, wenn die Herrschaften
hier speisen.
    Whrend auf diese nachdrckliche Weise unten die Hochzeitsanstalten
betrieben wurden, legte der Hofschulze oben in der Kammer, worin er das Schwert
Karls des Groen verwahrte, seinen Staat an. Das hauptschlichste Stck des
Feierputzes, welches die Bauern der dortigen Gegend tragen, ist die Menge der
Jacken, welche sie unter dem Rocke anziehen. Je reicher der Bauer ist, um so
mehrere Jacken zieht er bei auerordentlichen Gelegenheiten an. Der Hofschulze
besa deren neun, und alle waren von ihm bestimmt, sich am heutigen Tage auf
seinem Leibe zu versammeln. Er hatte sie hinter einem Saatlaken, welches wie ein
Vorhang den einen Teil der Kammer von dem andern schied, der Reihe nach an
Pflcken nebeneinander aufgehngt, erst die unteren von wollenem geblmtem
Damast, silbergrauem oder rotem, dann die oberen von braunem, gelbem, grnem
Tuche. Diese waren mit schweren silbernen Knpfen geziert. Hinter dem Saatlaken
besorgte der Hofschulze seinen Anzug.
    Er hatte sein weies Haar sauber gekmmt, und das gelbe, frischgewaschene
Antlitz leuchtete darunter hervor wie ein Rbsenfeld, ber welchem im Mai Schnee
gefallen ist. Der Ausdruck natrlicher Wrde, welcher diesen Zgen eigen war,
hatte sich heute noch um ein groes vermehrt; er war Brautvater und fhlte das.
Seine Bewegungen waren noch langsamer und gemessener als damals, wo er mit dem
Rokamm feilschte. Sorgfltig prfend beschaute er jede Jacke, bevor er sie von
ihrem Pflocke nahm, und legte sie darauf bedachtsam eine nach der andern an,
ohne sich bei dem Zuknpfen irgend zu bereilen.
    Eben war er mit den damastenen fertig geworden und wollte zu denen von Tuch
bergehen, als drauen vor der Tre der Kammer ein Leierkasten erklang, und
folgendes Lied aus einer von Trunk und Heiserkeit verwsteten Kehle zu tnen
begann:

Fordre niemand mein Schicksal zu hren,
Dem das Leben noch wonnevoll winkt;
Ja wohl knnte ich Geister beschwren -

Weiter lie der Hofschulze den Schwanengesang Kosciuszkos nicht kommen, sondern
rasch hinter dem Saatlaken hervortretend, ging er zur Tre und rief rgerlich
hinaus: Was soll das? Was soll das Geplrr im stillen Hochzeitshaus?
    Ich wollt' mich nur anmelden, erwiderte die heisere Stimme, indem die
Pfeife des Leierkastens, welche bei dem letzten Worte des Liedes in Ttigkeit
gewesen war, auspfiff. Herein trat, oder vielmehr drngte sich eine
migewachsene, kahlkpfige Gestalt, in eine kurze, grobe Jacke und zerrissene
Hosen gekleidet, mit Holzschuhen an den Fen. Es war der einugige Spielmann,
der bei den Bauern in der Gegend der Patriotenkaspar hie, weil er in den
Unruhen von 1787 als fnfzehnjhriger Knabe zu den hollndischen Patrioten
gelaufen war. Er wute viel von Schoonhoven, Gorkum und Nieuwpoort zu erzhlen;
jener Feldzug war die groe Zeit seines Lebens gewesen. brigens galt er fr
einen schlechten Menschen, dem man nicht gern begegnete, schtzte sich vor dem
Hungertode durch den Pfennigerwerb seines Leierkastens, und lag oft wochenlang
unter freiem Himmel, oder in einsamen Schoppen und Stllen, denn ein eigenes
Obdach besa er nicht, obgleich er in seiner Jugend ein artiges Erb angetreten
hatte, welches ihm aber in sonderbarer Weise verlorengegangen war. Neben seinem
Singen schner neuer Lieder, gedruckt in diesem Jahr, trieb er auch einen
kleinen Handel mit Schriften, wie: Des Herzogs von Luxemburg Verbndnis mit dem
Satan oder Die schne Caroline als Husarenoberst, welche auf dem Leierkasten
zur Anreizung der Wibegierigen ausgebreitet lagen, wenn er sang und spielte.
    Der Hofschulze war, verdrielich ber die Unverschmtheit des
Patriotenkaspars, zurckgetreten, stemmte die Arme in die Seiten und rief: Wer
ruft Euch? Schert Euch vom Hofe! Hier wird Euch nichts gereicht.
    Nein, versetzte der einugige Spielmann, indem er das unversehrt
gebliebene Auge tckisch unter den dnnen Brauen zusammenkniff, hier wird mir
nichts gereicht, das wei ich wohl, Hofschulze. Ihr lat mich durch den Hund vom
Hofe herunterhetzen, wenn ich hier anstimmen will: Auf! Auf, ihr Brder, und
seid stark! oder das Mantellied, oder: Das Kanapee ist mein Vergngen. Ja, so
tut Ihr, und wenn es nach Euch ginge, wre ich lngst vor Hunger
zusammengeschnurrt, wie eine Backpflaume. Dieses verrichtet Ihr an mir, obgleich
Ihr wohl wit, da Ihr derjenige seid, welcher einstmals mir Haus und Hof
abfeimte und mich zu diesem Leierkasten darniedergebracht hat.
    Der Hofschulze warf einen Blick auf den eisenbeschlagenen Koffer, worin sein
Richtschwert lag, dann trat er dem einugigen Spielmann einen Schritt nher, sah
ihn lange gro und gelassen an, und fragte ihn darauf: Wer ist schuld, da der
Oberhof nach meinem Tode in die fremde Freundschaft bergeht und nicht bei
meinem Samen bleibt?
    Ich, antwortete der Spielmann, und drehte am Leierkasten, da dieser
einige Mitne von sich gab. Ich habe Euch dazumal Euren Jungen und Erben
totgeschlagen. Ihr wit aber wohl, was der Junge wider mich ersonnen hatte, und
wie ich um mein linkes Auge gekommen bin. Und deshalb httet Ihr nicht so mit
mir verfahren drfen, wie Ihr verfahren seid, denn man darf den Menschen wohl
abtun, aber ihn nicht elend machen.
    Seid Ihr anders als gehrig geheischen und geladen worden? fragte der
Hofschulze kalt. Habe ich Euch nicht nach richtigem Freistuhlsrecht und
Knigsbann vermaledeiet und Euch gewiesen echtlos, rechtlos, friedelos, ehrlos,
sicherlos, mittig? - He?
    Nein, versetzte der Spielmann und lachte hhnisch. Mein Fleisch und Blut
und Gebein ist, wie es sich gebhret, gewiesen und zugeteilt den Krhen und
Raben und den Vgeln und andern Tieren in der Luft, meine Seele aber dem lieben
Herrgott, wenn sie derselbe zu sich nehmen will.
    Amen, sprach der Hofschulze. Warum rhrt Ihr diese Dinge auf?
    Es sind alte Geschichten, sie mgen schlafen, sagte der Spielmann,
ingrimmig eine seiner fliegenden Schriften zerreiend, welche auf dem Deckel des
Leierkastens lag und das hllische Verbndnis des Herzogs von Luxemburg
enthielt. Ich komme wegen Hungers zu Euch. Mich hungert. Ich hab' seit drei
Tagen nichts gefressen. Die Leute wollen mir nichts mehr geben, weil sie der
Lieder berdrssig sind. Hochzeitshaus ist offen Haus. Deshalb habe ich das
Recht auf die Befugnis, auf den Oberhof zu kommen. Ich wollte Euch gebeten
haben, da Ihr mich zum Spamacher fr heute nachmittag annehmet und mir dafr,
wie Recht, Speise und Trank reichen lasset.
    Der Hofschulze besah den unglcklichen Spamacher von oben bis unten und
sagte dann langsam: Ihr habt nicht die Statur und Manier, da die Leute ber
Euch lachen knnen. Auch ist Steinhausen bereits genommen worden und mit zwei
Spamachern gibt es Zank.
    Steinhausen, rief der Spielmann zornig, wei nicht halb die Spe, wie
ich! Ich habe die besten und neuesten, von denen sich Steinhausen nichts trumen
lt.
    Dennoch bleibt es bei Steinhausen, erwiderte der Hofschulze, ohne die
Miene zu verziehen, denn er hatte im Laufe des Gesprchs seine gewhnliche Ruhe
bald wiedergewonnen. Er fgte aber dem abweisenden Bescheide hinzu, da der
andere sich fern von den Gsten in den Eichenkamp setzen drfe und dort der
Stillung seines Hungers gewrtig sein knne.
    Aber in diesem sonderbaren Volke lebt selbst bei den Gechteten und
Ausgestoenen ein gewisser Stolz fort. Der Spielmann warf auf das letzte
Anerbieten seines rauhen Feindes trotzig den Nacken empor und rief: Umsonst
habe ich noch nie Brot gegessen, und wenn Ihr mir nicht vergnnen wollt, fr
Euch zu arbeiten, so will ich fortfahren zu hungern.
    Er wandte sich und ging der Tre zu. Der Hofschulze wartete seine vllige
Entfernung nicht ab, um hinter das Saatlaken zurckzutreten. Der Spielmann blieb
aber in der Tre stehen, und als er sah, da sein Widersacher ihn nicht bemerken
konnte, setzte er leise seinen Leierkasten ab, schlich auf den Zehen unhrbar
wieder in die Kammer, blickte sich sphend um, flsterte: Hier mu es irgendwo
herum stecken! Wo steckt es?
    Der Koffer erregte seine Aufmerksamkeit, er schlug sacht den Deckel zurck
und htte beinahe seine Freude durch einen Schrei verraten, als er das rostige
Gewaffen darin liegen sah. Nun ist es gut, nun will ich dir schon einen Tort
antun, den du zeitlebens nicht verwinden sollst, murmelte er. Ohne Gerusch zu
machen, klappte er den Deckel zu, bewegte sich leise nach der Tre, zog den
Schlssel von derselben, warf den Leierkasten an dem Tragriemen ber die
Schulter, trat jetzt, als kehre er noch einmal zurck, hart auf und rief mit
lauter Stimme: Hofschulze, noch ein Wort!
    Der Hofschulze, der gerade mit seinem Hochzeitsputze fertig geworden war,
schritt in diesem Augenblicke hinter dem Saatlaken hervor. Sein Ansehen war
hchst stattlich. Ein lichtblauer offenhngender Tuchrock mit weiten, gerumigen
rmeln gab der groen, markigen Gestalt Umfang und Flle, darunter saen die
neun Jacken, die er nur so weit zugeknpft hatte, da alle, eine unter der
andern, sichtbar blieben. Auf das Haupt hatte er sich den dreieckichten Hut mit
breitem Rande, an der Seite in die Hhe gekrempt, gedrckt, an den Fen trug er
leinene Kamaschen, glnzend von Weie, und ein groer Stock bewehrte die braune,
runzlichte Faust. Erstaunt ber die vermeintliche Wiederkehr des Spielmanns
blieb er einige Augenblicke schweigend stehen, der Spielmann schwieg ebenfalls,
weil er sich an dem Anblicke seines Feindes, dem er einen tdlichen Verdru
bereiten zu knnen sich bewut war, wie an dem eines aufgeschmckten Opfers, im
stillen weiden mochte. So standen einander der Reiche und der Bettler des
Standes schweigend gegenber; der Reiche voll Verachtung, der Bettler mit dem
Gefhle, da auch ihm eine Macht ber den Reichen geworden sei.
    Endlich fragte der Hofschulze: Was wollt Ihr noch?
    Hofschulze, versetzte der Spielmann mit erheuchelter Demut, Hunger tut
doch gar zu weh und Standhaftigkeit hlt nicht vor gegen knurrende Eingeweide.
Ich wollte Euch nur noch sagen, da ich im Eichenkampe heute nachmittag sitzen
und auf die Brocken warten werde, die von Eurem Tische fallen.
    Ich dacht's wohl, sagte der Glckliche stolz. Hochzeit macht alle satt,
ist ein Sprichwort, es soll bei Euch auch zutreffen. - Er wollte gehen. Der
Spielmann vertrat ihm den Weg. Erlaubt, sagte er, da ich Euch noch einen
Augenblick betrachte. Ihr seid trefflich gekleidet. Der Rock kostet seine Mandel
Taler. Aber eine Sitte will mir nicht gefallen, die mit den neun Jacken. Wenn
man herumgekommen ist in der Welt, wenn man dabei war,wie die alte Orange
dazumal in Schoonhoven vermolestiert wurde6, und bei der bergabe von Gorkum und
hernach auch noch allerhand Dieses und Jenes in der Fremde gesehen hat, so lobt
man nicht jegliches, was die Leute daheim tun. Neun Jacken, eine unter der
andern - darin knnt Ihr Euch ja gar nicht rhren, und werdet mssen, besonders
beim Essen, eine Hitze ausstehen, nicht zu ertragen.
    Fr Plsier wird dergleichen berhaupt nicht angezogen, antwortete der
Hofschulze feierlich. Sondern weil ich neun Jacken bezahlen kann, so trage ich
neun Jacken, und weil es so hergebracht ist seit hundert und mehreren Jahren,
und die gute Sitte es erfordert, und mein Vater und mein Grovater immer neun
Jacken trugen auf allen Hochzeiten und Kindelbieren. Wie viele sollte ich denn
nach Eurem Rate anziehen, Kaspar?
    Der Patriotenkaspar dachte nach und sagte dann: Etwa sechs.
    Gut. Also die siebente, achte und neunte lege ich ab, wenn ich Eurer
Meinung folge. Nun kommt aber einer, dem die sechste Jacke nicht gefllt, und
ein anderer, dem die fnfte mibehagt, und wieder einer, dem die vierte anstig
ist. Dieses geht nun so fort. Es werden sich, wenn ich erst bis zur dritten
Jacke herunterprozessiert bin, stets Leute finden, die mir diese, und Freunde,
die mir die zweite widerraten. Kein vernnftiger Grund ist aber vorhanden, warum
ich diesen Leuten abschlagen soll, was ich Euch gewhrte. Jetzt trage ich also
noch eine Jacke und meinen Rock darber. Weil ich jedoch einmal in das Ausziehen
gekommen bin, und weil mir in der Sommerwrme berhaupt alles und jegliches Zeug
auf dem Leibe Beschwernis macht, ei, so bleibe ich vielmehr in der bung, werfe
erst den Rock ab und dann die letzte Jacke, und wofern die Hitze einigermaen
stark ist, auch noch endlich das Hemde, gehe dann also splitterfaselnackt umher,
wie ein gerupfter Sperling, was eine Schande ist und nicht gut lt.
    In allen Sachen mu man daran halten, wie sie eine Ordnung und ihren Bestand
haben und des Herkommens sind. Wret Ihr nicht zu den hollndischen Patrioten
und noch sonst allerwrts herumgelaufen, sondern hbsch im Kolonate sitzen
geblieben, so wren Euch die dummen Dinge und Hoffrtigkeiten aus dem Kopfe
geblieben. Weil Ihr aber die alte Orange drauen mit hattet vermolestieren
helfen, so dachtet Ihr, Ihr drftet uns hier auch Molesten machen, die Welt
gehre Euer und auerdem noch etwas. Ihr erhobet Eure Augen zu meiner Tochter,
was Ihr als Kolon nicht durftet, und daraus entsprang Snde und Schande,
Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Ich mute an Euch Recht nehmen, Ihr seid bis
zum Leierkasten heruntergekommen, und ich trage noch meine neun Jacken. Wer dazu
die Macht und Gewalt hat, der soll sich auch die neunte nicht abdisputieren
lassen, denn er wei wohl, womit er anfngt, aber nicht, wo er aufhrt, und
dieses ist die Moral von der Sache.

                                Zweites Kapitel



               Ein Topf luft ber und eine Braut wird geschmckt

Der Hofschulze war nach seiner Rede langsam aus der Kammer und die Treppe
hinuntergegangen, gefolgt von dem Spielmann, der auf die Schlufolgerungen des
Alten nichts zu erwidern wute und sich unten aus dem Hofe schlich. Im Flur
berschaute der Hofschulze die getroffenen Anstalten; die Feuer, die Kessel, die
Tpfe, die grnen Maien, die bebnderten und vergoldeten Hrner seines
Rindviehs. Er schien mit allem zufrieden zu sein, denn er nickte mehrere Male
wohlgefllig mit dem Kopfe. Er schritt durch den Flur hofwrts und dann nach der
Seite des Eichenkamps, sah die dortigen Feuer lodern und gab gleiche Zeichen des
Beifalls, jedoch immer mit einer gewissen Hoheit. Wenn der weie Sand, womit der
ganze Flur und der Platz vor dem Hause dick bestreut war, unter seinen Fen so
recht lebhaft rauschte und knackte, schien ihm dies ein besonderes Vergngen zu
machen.
    Jetzt war er von seinem beaufsichtigenden Gange in die Nhe des Herdes
zurckgelangt. Ein Topf, welchen die Mgde zu tief in die Gluten geschoben, war
im berkochen begriffen und drohte, seinen Inhalt zu verschtten. Schon war ein
Teil des letzteren in das Feuer gewallt, welches sich zischend gegen diesen
Feind wehrte. Von den Mgden und Knechten war eben zufllig niemand im Flur, da
sie im Baumgarten sich mit der Tafel beschftigten. Der Hofschulze htte nun
allerdings dem Fortschritte des Unheils durch Abrcken mit eigener Hand Einhalt
tun knnen, aber er war weit entfernt, so die Haltung des Brautvaters, welche
ihm verbot, irgend etwas an diesem Tage selbst anzufassen, zu verlieren.
Vielmehr stand er ruhig neben dem berkochenden Topfe, ruhig wie jener spanische
Knig, welcher die glhende Kohle lieber seinen Fu versengen lie, als da er
sie etikettewidrig selbst weggenommen htte. Er begngte sich damit: Gitta! zu
rufen, auch nicht hastig und leidenschaftlich, sondern langsam und ruhig. Es
dauerte daher einige Zeit, bevor die Magd Gitta herbeikam, und als sie endlich
gekommen war, erschien die Hlfe zu spt, denn der Topf hatte nichts mehr zu
verschtten.
    Der Hofschulze lie sich diesen Verlust nicht kmmern, die Magd mute ihm
einen Stuhl vor das Haus setzen, er nahm dort, dem Eichenkampe gegenber, Platz,
und erwartete, die Schenkel gerade vor sich hingestreckt, Hut und Stock in der
Hand, von der goldenen Sonne prchtig beleuchtet, still und wacker den weiteren
Fortgang der Dinge.
    Inzwischen schmckten zwei Brautjungfern die Braut auf ihrer Kammer. Rings
um sie her standen bunt mit Blumen bemalte Laden und Packen in Leinwand, welche
die Ausstattung an Gebild, Betten, Garn, Wsche und Flachs enthielten. Selbst in
der Tre und bis weit auf den Gang hinaus war alles besetzt. Inmitten dieser
Reichtmer sa die Braut vor einem kleinen Spiegel, hochrot und ernsthaft. Die
erste Brautjungfer legte ihr die blauen Strmpfe mit roten Zwickeln an, die
zweite warf ihr den Rock von schwarzem, feinem Tuche ber, und lie diesem
Stcke die Jacke gleichen Stoffes und gleicher Farbe folgen. Darauf
beschftigten sich beide mit dem Haare, welches zurckgestrichen und hinten in
einer Art von Rad zusammengeflochten wurde.
    Whrend dieser Zurstungen sagte die Braut kein Wort. Desto gesprchiger
waren ihre Freundinnen. Sie lobten den Putz, priesen die aufgestapelten Schtze,
und hin und wieder lie ein verstohlener Seufzer ahnen, da sie lieber
Geschmckte als Schmckende gewesen wren. Unerschpflich waren sie in
Hochzeitsgeschichten, welche jedoch smtlich darauf hinausliefen, da die und
die dasselbe angezogen habe, was nun auch die Tochter vom Oberhofe der
Landessitte gem zu tragen hatte. Als diese Erzhlungen endlich doch
versiegten, kam das Ausbleiben der dritten Brautjungfer an die Reihe. Sie hatte
sich unpa melden, jedoch zugleich sagen lassen, sie werde wohl noch imstande
sein, zu kommen, wenn auch spter als die andern. Nun war es aber schon zehn Uhr
vormittags, in einer halben Stunde mute die Glocke anfangen zur Trauung zu
luten, es war die hchste Zeit, da die dritte erschien, ohne welche die Braut
fr nicht gehrig begleitet gelten konnte. Sie kommt gewi߫, sagte die zweite
Brautjungfer, an so einem Tage macht sich ja kein Mensch etwas daraus, wenn ihm
auch etwas schlimm ist. - Und was wollt ihr mit mir wetten, rief die erste,
da sie nicht kommt? Ich wei, was ich wei, wei, mit den Schmerzen ist es so
weit nicht her, aber der Verdru ist zu gro, und sie kann sich nicht zwingen;
das hat ihr von jeher gefehlt.
    Ei Gott, sagte die Braut, welche hier zum ersten Male ihre Sprache fand,
ngstlich, das wre ja ein erschreckliches Unglck, und wenn sie ausbliebe, so
wrde aus der ganzen Hochzeit nichts. - Sie wrde lieber den Brutigam gemit,
als die dritte Brautjungfer entbehrt haben.
    Wenn du mir folgen willst, Kordelchen, so la uns auf den Notfall denken,
sprach die zweite Brautjungfer, ein flinkes, anstelliges Mdchen. Ich pack'
deinen zweiten Feiertagsanzug aus, wir warten noch ein Stckchen, und wenn die
Sibyll' dann nicht da ist, so kleid' ich die Stellvertreterin fr sie ein.
    Ohne die Antwort der Braut abzuwarten, hatte das Mdchen eine der Laden
aufgetan und aus derselben den saubern neuen Staat mit allem Zubehr an Bndern
und Krausen genommen. Ihre Gefhrtin stie whrenddessen durch das Radgeflecht
der Haare einen silbernen Pfeil, und dann brachten beide Mdchen mit feierlichen
Mienen der Braut die Krone zugetragen. Denn die Mdchen der dortigen Gegend
tragen an ihrem Ehrentage keinen Kranz, sondern eine Krone von goldenen und
silbernen Flittern. Der Kaufmann, welcher ihren Putz liefert, leiht die Krone
nur dar und nimmt sie nach dem Hochzeitstage zurck. So wandert sie von einem
brutlichen Haupte zum andern. Es liegt etwas Schnes und Wahres in diesem
Gebrauche und ich mte mich sehr irren, wenn er nicht aus dem gttlichen
Instinkte des Volkes entsprungen wre, der freilich darin, wie in allem, worin
er schpferisch hervortritt, nur unbewut gewaltet hat. Das Hchste, Einzige,
was nur einmal das Leben zieren kann, soll nie als Eigentum in Besitz genommen
werden, soll stets nur leihweise die Stirn des Glcklichen berhren. So darf der
Lorbeerkranz um die Scheitel des Helden und Dichters, so darf das Blatt, welches
sich, wann Vater und Mutter weinend segnen, durch die Locke der Jungfrau
schlingt, nur Gunst und Zeichen eines Augenblicks sein. O es wre zu wnschen,
da mancher unserer stdtischen Damen versagt wre, mit anspruchsvollem Stolze
die welke Myrte zu betrachten, die sie im geschmckten Kstchen unter dem groen
Spiegel verwahren, da sie sich vielmehr htten gewhnen mssen, gleich den
westflischen Buerinnen die Krone morgen auf einem andern Haupte zu erblicken,
welche sie heute trugen, und welche gestern ebenfalls eine andere getragen hat!

                                Drittes Kapitel



   Worin der Autor fortfhrt, die Vorbereitungen zur Hochzeit zu beschreiben

Die Braut senkte ihr Haupt ein wenig, als die Freundinnen ihr die Krone
aufsetzten, und ihr Antlitz wurde, als sie die leichte Last auf ihrem Haare
fhlte, womglich noch rter als frher. Es ist schn im Menschenleben, da
jeder einen Augenblick erlebt, worin alle knigliche Macht und Majestt vor ihm
zunichte wird. Diesen Augenblick erlebt nicht nur der Feldherr, der durch einen
Sieg die Hauptstadt rettet, oder der Kanzler, der mit einem Federzuge die
Grenzen des Reichs um das Doppelte zu mehren wei; es erlebt ihn jeder einmal,
er msse sich auch sonst Tag fr Tag durch ein gedrcktes Dasein hindurch beugen
und winden. Der Tagelhner hat ihn, der sein neugeborenes erstes Kind auf den
Arm nimmt und selbst der todkranke Bettler empfindet ihn, wenn ihm ein
pflichtgetreuer und gewissenhafter Priester die heilige Kommunion reicht.
    Auch unsere Braut, von der sonst nicht viel zu sagen ist, fhlte diesen
Augenblick, als sie die Krone auf ihrem Haupte empfing. In dem dunkelschwarzen
Haare, welches sie ausnahmsweise mitten unter dem blonden Volke besa, funkelten
die goldenen und silbernen Flitter gar lustig. Sie richtete sich, angefat von
ihren Freundinnen auf, und die beiden breiten golddurchwirkten Streifen, welche
zur Krone gehren, fielen ihr lang auf den Rcken hinunter. Die Knechte standen
schon vor der Tre, um die Ausstattung in den Flur hinabzuschaffen, die
Brautjungfern nahmen ihre Freundin bei der Hand, eine erhob das Spinnrad,
welches bei den nachfolgenden Zeremonien ebenfalls seine Bestimmung hatte, und
so gingen die drei langsam die Treppe hinunter zum Brautvater, whrend die
Knechte die Laden und Packen ergriffen und sie in den Flur zu tragen begannen.
    Inzwischen hatte der Hofschulze unten vor der Tre Gelegenheit gehabt, seine
Fassung zu beweisen. Denn kaum war er drauen einige Minuten lang gewesen, als
ein junger Bursche, der Hochzeitbitter, langsam durch den Eichenkamp gegen das
Haus zu geschritten kam, dessen verlegene Miene mit seinem Putze und mit dem
lustigen Busche von gewi fnfzig farbigen Bndern am Hute wenig bereinstimmte.
    Nun, was ist das? fragte ihn der Hofschulze. Was soll das traurige
Gesicht? Passierte ein Unglck?
    Ach, versetzte der junge Hochzeitbitter, werdet mir nicht bse,
Hofschulze. Hlscher will nicht kommen.
    Der Alte lie vor Schreck seinen Hut fallen und seine Zge verwandelten
sich. - Wie? rief er nach einigem Schweigen. Hlscher will nicht kommen? Mein
nchster Nachbar? Ei, das wre ja dem ganzen Plsier und Feste ein groer
Schimpf. Und warum will er nicht kommen? Du bist gewi in deiner Rede
steckengeblieben.
    Nein, das nicht, versetzte der Hochzeitbitter. Ihr wit, an Maulwerk
fehlt mir's nimmer, und ich bringe auch alles immer heraus, gehrig geschrieen,
wie es sein mu. Ich kann die Rede aufs Schnrchen, wie ich sie allerorten
hersagte, und so auch bei Hlscher:

Ihr lieben, guten Hochzeitsleute,
Kommt morgen auf den Hof, nicht heute;
Der Brutigam und auch die Braut,
Die werden vom Herrn Pastor getraut,
Und wenn getraut ist, geht's zu Tisch,
Darauf wird sein viel Fleisch, kein Fisch,
Es wird da sein auch ein Stck Wurst,
Ist gut fr den Hunger und weckt den Durst.
Auch findet ihr einen oder mehrere Schinken,
Auf welche sich sehr gut lt trinken,
Ein Mostertstck wird nicht vergessen,
Das sollt ihr dann mit Mostert essen,
In der Suppe sind Hhner, die nicht krhn,
Das Beste sind vier Puterhhn',
Die lagen fnfzig Jahr' an der Kett'
Davon sind sie geworden fett,
Kommt ihr zum Oberhofe nicht,
So seid ihr alle schlechte Wicht' -

Der junge Bursche wrde noch lange in diesen Versen, die er laut schreiend mit
eintnigem Fall der Stimme vortrug, fortgefahren haben, wenn ihn nicht der
Hofschulze ungeduldig unterbrochen und zu ihm gesagt htte: Ich brauche deinen
Spruch nicht. Warum bleibt Hlscher aus?
    Weil ich ihn statt gestern, erst heute frh eingeladen habe, erwiderte
kleinlaut der Hochzeitbitter. Sie hatten mir gestern berall so viel
eingeschenkt, da ich gegen Abend duselig geworden war und einschlief und
Hlscher ganz verschlief, wo ich denn nun heute frh nachholen wollte, aber ...
    Hlscher lie das nicht gelten und sagte, es schicke sich nicht, erst am
Hochzeitmorgen gebeten zu werden, es gehre sich sptestens den Tag zuvor, nicht
wahr? fiel der Hofschulze ein.
    Jawohl, antwortete der Bursche, und er sagte auch, es heie in dem
Spruch:
    Kommt morgen auf den Hof, nicht heute-
    wenn er aber morgen komme, so habe er das leere Nachsehen.
    Der Hofschulze bohrte seinen Stock tief in die Erde. Das Blut war ihm
dermaen in das Antlitz getreten, da seine Stirnadern geschwollen starrten. Er
sah den Hochzeitbitter mit einem furchtbaren Blicke an, vor dem dieser den Hut
abnahm und drei Schritte zurcktrat. Dann sagte er: Wenn ich mich nicht
menagieren mte, absonderlich heute, so kriegtest du diesen Stock hinter die
Ohren, da du das Aufstehen vergessen solltest. Hlscher kommt nicht, das wei
ich, ich kenne ihn darin, er ist einer, der sich nicht vernegligieren lt. Und
wenn ich selbst zu ihm ginge, was sich aber auch durchaus nicht schickt, er
wrde es abschlagen. Jedermann wird nun nach Hlscher fragen, das wird ein
Kujonieren geben, ei! ei! ei! - Was fr einen Schaden hast du mir an der
Hochzeit gestiftet! Knnt ihr denn das verruchte Zechen nicht lassen? Denkt ihr
immer, ohne das gediehet ihr nicht? Sieh mich an, ich werde zu Martini
neunundsechzig und fasse alles noch stramm mit an, und doch soll der noch
auftreten, der mir nachsagen kann, er habe mich anders wie gewhnlich gesehen.
    Ihr seid auch was Apartes, mit Euch kann sich niemand in Vergleichung
stellen, sagte der junge Bursche schchtern.
    Ei was! fuhr der Hofschulze auf. So wie ich bin, hat der liebe Herrgott
alle Menschen haben wollen, und es ist nur Eure Schlemmerei und Liederlichkeit,
die Euch nicht so werden lt.
    Whrend dieses rauhen Auftrittes hatten die Knechte mit den Packen und Laden
auf der Treppe und im Flur ein groes Gerusch gemacht, und es war sonach die
frhere Stille des Oberhofes sehr unterbrochen worden. Jetzt trat die Braut,
gefhrt von den beiden Brautjungfern, in die Tre, das Haupt fest und steif
unter der zitternden Goldkrone haltend, als ob sie frchte, den Ehrenschmuck zu
verlieren. Sie reichte dem Vater die Hand und bot ihm, ohne aufzusehen, den
guten Morgen, worauf der Alte ohne alle Rhrung Schn Dank versetzte und seine
frhere Positur wieder annahm. Die Braut setzte sich an die andere Seite der
Tre, nahm ihr Spinnrad vor sich und begann eifrig zu spinnen, in welcher Arbeit
sie observanzmig bis zu dem Augenblicke, wo der Brutigam sie zum Brautwagen
fhrte, fortfahren mute.
    Der nachlssige Hochzeitbitter hatte sich unterdessen verstohlen entfernt.
Die zweite Brautjungfer unterrichtete den Hofschulzen von dem Ausbleiben der
Sibylle, woran, wie sie hinzufgte, keine Unplichkeit, sondern das boshafte
Wesen schuld sei, weil sie nmlich selbst ein Auge auf den Wilhelm, den
Brutigam, gehabt habe. Die Glocke begann eben zum ersten Male zu luten, und es
war nun durchaus keine Zeit zu verlieren. Der Hofschulze, der seit einer
Viertelstunde aus einer Verdrielichkeit in die andere gestrzt wurde, murmelte
tiefsinnig vor sich hin: Wenn nur alles klug geht bei dieser Hochzeit! - Alle
die Scherereien - hm! hm! ei! ei! - Indessen mu der Mensch seine Kontenance
behalten. - Er gab, wiewohl sehr ungern die Erlaubnis, anstatt der boshaften
Eiferschtigen Lisbeth als dritte Brautjungfer einzukleiden, mit welchem
Bescheide sich die zweite entfernte, um den Putz zu Lisbeth zu tragen. Auch die
erste ging, im Baumgarten den Strau fr den Brutigam zu pflcken.
    In der Ferne lieen sich schon einzelne Tne der Musik hren, welche das
Herannahen des Brautwagens verkndigten. Aber auch dieses Zeichen, da der
entscheidende Augenblick bevorstehe, der ein Kind vom Hause der Eltern lset und
den Vater bei dem Kinde in den Hintergrund der Anhnglichkeit schiebt, brachte
keine Regungen in den Personen hervor, welche wie Musterbilder alter Bruche an
den beiden Seiten der Hoftre saen. Die Tochter spann, hochrot aber
gleichgltig aussehend, unverdrossen fort, der Vater sah gerade vor sich hin,
und beide. Braut und Brautvater, wechselten miteinander kein Wort.
    Die Brautjungfer suchte unterdessen im Baumgarten den Strau fr den
Brutigam zusammen. Sie whlte sptblhende Rosen, Feuerlilien, orangegelbe
Sternblumen, Blumen, welche sie dort Jelngerjelieber, an andern Orten
Jesublmlein nennen, und Salbei. Gro, da man drei Hochzeiter hherer Stnde
damit htte ausstatten knnen, geriet dieser Strau, denn bei den Bauern mu
alles in das Gewicht fallen. Auch nicht ganz lieblich duftete er, denn die
Salbei verbreitete einen starken, die Sternblume sogar einen beln Geruch;
indessen durfte beides, insbesondere die Salbei, nicht fehlen, sollte der Strau
herkmmliche Vollstndigkeit besitzen. Als sie ihn fertig hatte, hielt ihn das
Mdchen mit stolzer Freude vor sich hin, und verknpfte ihn dann mit einer
breiten dunkelroten Schleife. Darauf ging sie ihren Posten bei der Braut
einzunehmen.

                                Viertes Kapitel



                            Der Jger und sein Wild

Whrend das Zeremoniell so durch den ganzen Oberhof waltete, waren auf dem
Zimmer, welches der wilde Jger frher bewohnt hatte, zwei junge Leute ohne
alles Zeremoniell beisammen. Vier warme Wangen hielten keine bestimmte Farbe,
sondern spielten bald in Purpur, bald in Rosenrte, bald in einem fliegenden
Bleich; vier blaue Augen suchten einander, und wenn sie sich gefunden, zogen
sie, wie erschrocken ber ihr Wagnis, den Vorhang der Wimpern vor sich nieder;
zwei Lippenpaare htten gern gemeinsame Beschftigung vorgenommen; da diese
ihnen aber noch versagt war, so zuckten sie fr sich in wundersamer, unruhiger
Ttigkeit, die des eigentlichen Ziels entbehrte.
    Das junge Mdchen sa am Fenstertischchen und sumte ein schnes Tchlein,
welches der Jngling fr sie in der Stadt gekauft und ihr zum Festputz verehrt
hatte. Sie stach sich heute noch fter in die Finger als an dem Abende, da sie
der Braut am Linnen nhen half, denn wenn die Augen die Nadel nicht berwachen,
so geht diese ihre eigenen boshaften Wege.
    Der Jngling stand vor ihr und hatte eine Arbeit fr sie unter Hnden. Er
schnitt ihr nmlich eine Feder. Denn endlich, hatte das Mdchen gesagt, msse
sie doch Nachricht geben, wo sie geblieben sei und um Erlaubnis bitten, noch
einige Tage im Oberhofe verweilen zu drfen. Er stand an der andern Seite des
Tischchens, und zwischen ihm und dem Mdchen duftete eine weie Lilie und eine
Rose, frisch abgeschnitten, im Glase. Mit der Arbeit bereilte er sich nicht, er
fragte, bevor er das Messer anlegte, das Mdchen vielfltig, ob sie lieber mit
weicher oder mit harter Spitze schreibe, fein oder stumpf, ob er die Fahne
stutzen oder lang lassen solle? und richtete noch mehrere dergleichen Fragen an
sie, so grndlich, als solle ein Schreibmeister mit der Feder ein
kalligraphisches Kunstwerk liefern. Auf diese umstndlichen Fragen gab das
Mdchen mit halber Stimme viele und unbestimmte Antworten, bald sollte die Feder
so und bald sollte sie so geschnitten werden, und dann sah sie ihn zuweilen an
und seufzte jedesmal, wenn sie das tat. Der Jngling seufzte noch fter, ich
wei nicht ob ber die unbestimmten Antworten, oder ber sonst etwas. Einmal gab
er ihr die Feder in die Hand, damit sie an der zeigen sollte, wie lang sie die
Spalte wnsche. Sie tat es, und als sie ihm die Feder zurckreichte, empfing er
noch etwas mehr, nmlich ihre Hand. Diese wurde von der seinigen so ergriffen,
da die Feder darber zu Boden fiel und eine Zeitlang ihnen aus dem Gedchtnisse
kam, weil alles Bewutsein in die beiden Hnde gefahren war, die einander sanft
streichelten oder drckten - darber lauten meine Quellen verschieden.
    Ich will euch ein groes Geheimnis verraten. Der Jngling und das Mdchen
waren der Jger und die schne blonde Lisbeth. Und wenn ihr einmal recht
freundlich gegen mich sein, mich nicht immer so bezweifeln und bemkeln wollt,
wodurch ihr manches Gute in mir, und euch manche Freude zerstrt habt, so tue
ich euch jetzt den Gefallen, und erzhle euch, wie es den beiden jungen Leuten
im Oberhofe ergangen war, nachdem der Jger die Lisbeth statt des Rehes
geschossen hatte.
    Die Verwundete war in jener Nacht auf ihr Zimmer getragen worden und der
Hofschulze, der ganz verstrt, was ihm selten begegnete, aus seiner Kammer
hervorkam, hatte sogleich nach dem nchsten Chirurgus geschickt. Dieser Mann
wohnte aber anderthalb Stunden vom Oberhofe, er schlief fest und ging ungern bei
Nacht aus. Der Morgen war daher schon angebrochen, als er endlich mit seinen
notdrftigen Instrumenten anlangte. Er nahm das Tuch von den Schultern,
betrachtete die Wunde und machte ein uerst schwieriges Gesicht. Indessen
mssen selbst die Bedenklichkeit eines Dorfchirurgen vor der offenbaren
Geringfgigkeit eines Falls weichen. Der Schu des jungen Schwaben hatte Lisbeth
glcklicherweise blo gestreift, nur zwei Schrotkrner waren in das reine,
jungfruliche Fleisch gedrungen, aber auch nicht tief. Der Chirurgus zog sie
heraus, legte einen Verband auf, empfahl Ruhe und kaltes Wasser und ging mit dem
stolzen Gefhle nach Haus, da, wenn er nicht so schleunig herbeigerufen worden
wre und nicht so unverdrossen bei Nacht seine Pflicht getan htte, unfehlbar
der kalte Brand zu der Wunde htte treten mssen.
    Lisbeth war whrend des Harrens auf die Hlfe gefat gewesen, und hatte kaum
geklagt, obgleich ihr totenblasses Gesicht verriet, da sie Schmerzen litt. Auch
die Operation, welche durch die schwere Hand des Chirurgen peinigender wurde,
als ntig, hatte sie mutig ausgehalten. Sie lie sich die Schrotkrner geben und
schenkte sie dem Jger mit einem Scherze. Es seien Treffkrner, sagte sie zu
ihm, er solle sie aufheben, er werde damit glcklich sein.
    Der Jger nahm die Treffkrner, wickelte sie in Papier und lie das Haupt
seines schnen Wildes, weil es schlummern wollte, aus den sanft umfangenden
Armen. In denen hatte Lisbeth seit dem Eintritte in die Stube des Oberhofes mit
ihren Schmerzen geruht, wie droben am Freistuhl. Unverwandt hatte er mit
kummervollem Auge in ihr Antlitz geschaut und war zuweilen einem freundlichen
Blicke begegnet, welchen sie, wie um ihn zu beruhigen, zu ihm emporschickte.
    Er ging in das Freie. Unmglich konnte er jetzt den Oberhof verlassen, er
mute, so sagte er, doch die Heilung der armen Verletzten abwarten, das
erforderte die Menschlichkeit, fgte er hinzu. Im Baumgarten fand er den
Hofschulzen, der, da er erfahren, da keine Gefahr vorhanden sei, seinen
Geschften nachging, als habe sich nichts ereignet. Er bat den Alten, ihm noch
lnger Quartier zu geben. Der Hofschulze sann nach und wute kein Gela fr den
Jger. Und wenn es auch nur ein Verschlag auf dem Speicher wre! rief der
Jger, der auf die Entschlieung seines alten Wirtes mit einer ngstlichkeit
harrte, als hange davon sein Schicksal ab.
    Nach langem Besinnen fiel diesem endlich ein solcher Verschlag auf dem
Speicher ein, worin er Frucht bewahrte, wenn die Ernte fr die gewhnlichen
Rume zu ergiebig ausgefallen war. Jetzt war er leer und diesen wies nun der
Alte seinem jungen Gaste an, setzte aber hinzu, da es ihm da droben wohl nicht
gefallen werde. Der Jger ging hinauf, und obgleich der kahle und verdrieliche
Raum nur von einer Dachluke sein geringes Licht empfing, und zum Sitzen sich da
nichts vorfand, als ein Brett und ein Kasten, so gefiel es dem Jger doch dort
oben wohl. Denn, sagte er, alles ist mir einerlei, wenn ich hier nur bleiben
darf, bis ich darber sicher bin, da ich mit meinem verwnschten Schieen
keinen Schaden angerichtet habe. Es ist schnes Wetter, und ich werde nicht viel
oben zu sein brauchen.
    Er war auch wirklich nicht viel oben in seinem Verschlage, sondern mehr
unten bei Lisbeth. Er bat sie so oft wegen des Schusses um Verzeihung, da sie
ungeduldig wurde und ihm mit einem Stirnfltchen des Verdrusses, welches ihr
allerliebst stand, sagte, er solle das nun sein lassen. Nach fnf Tagen war sie
vollkommen geheilt, der Verband konnte abgelegt werden und nur leichte rtliche
Pnktchen an der weien Schulter deuteten noch die Stellen der Verwundung an.
    Sie blieb im Oberhofe, denn sie war vom Hofschulzen, wie wir wissen, schon
frher zur Hochzeit gebeten worden. Diese versptete sich um einiges, weil die
Ausstattung zum bestimmten Tage nicht fertig werden wollte. Der junge Jger
blieb auch, obgleich ihn der Hofschulze nicht einlud. Er lud sich aber selbst
zur Hochzeit, indem er eines Tages dem Alten sagte, die Landesgebruche seien
ihm so merkwrdig, da er sie auch auf einer Hochzeit kennenzulernen wnsche. Er
sagte dies, nachdem er schon vielfltig unten bei Lisbeth gewesen war. Und als
er es vorbrachte, flammte sein Gesicht und er konnte das Verlangen nach
Erweiterung der Kenntnisse nicht so recht ohne zu stocken kundtun.
    Bald hatte der Jger zwei Tageszeiten, eine unglckliche und eine
glckliche. Die unglckliche war, wenn Lisbeth, und sie tat es alle Tage, am
Brautlinnen half. Der Jger wute dann gar nicht, was er mit seiner Zeit
beginnen sollte. Nun sahen ihn die Bume des Gartens und die Eichen des Kamps
erst recht wie sein Waldmrchen an. Zuweilen blickte er gen Himmel, aber noch
fter zur grnen, schwellenden Erde nieder, die er hin und wieder htte kssen
mgen, so lieb war ihm der Boden geworden, auf dem er gar manches erlebt hatte.
Wenn seine Gedanken Worte wurden, so lauteten sie: Das schne Mdchen an der
schnen Blume - und dann ihr liebes Blut droben am Freistuhl - und nun - und nun
- -
    Aber das alles fllte ihm die Seele nicht aus. Er bedurfte einer
Gesellschaft, freilich war ihm nicht jede recht, denn dem Hofschulzen wich er
eher aus, wenn er ihm begegnete. Aber nach der Linnenkammer war er oft
unterweges, worin er die Mdchen plaudern hrte und worin Lisbeth still half.
Hatte er aber die Klinke in der Hand um aufzudrcken, dann berzog sein Antlitz
dunkle Glut, er wandte sich stolz und ging trotzig, wie ein Lwe, die Treppe
hinunter, zum Hofe hinaus, weit, weit in das Feld, ohne sich umzusehen.
    Die glckselige Zeit begann, wenn Lisbeth von ihrer Arbeit ruhte und frische
Luft schpfte. Dann war es gewi, da beide zusammentrafen, der Jger und sie.
Und wre er noch so weit hinten im Gebsch gewesen, es kam ihm dann vor, als
sagte ihm jemand: Jetzt ist Lisbeth im Freien. Dann flog er hin, wo er sie
vermutete, und siehe, seine Ahnung hatte ihn nicht getuscht, denn schon von
weitem erblickte er die schlanke Gestalt und das liebliche Antlitz. Sie pflegte
sich dann wohl seitwrts nach einer Blume zu bcken, als achte sie seiner nicht.
Vorher hatte sie freilich nach der Gegend gesehen, woher er kam.
    Nun gingen sie zusammen durch Feld und Aue, denn er bat sie darum herzlich,
da es ihr wie eine Snde vorkam, ihm die kleine Bitte abzuschlagen. Und je
weiter sie sich vom Hofe in die wallenden Felder, in die grnen Wiesen verloren,
desto freier und frhlicher wurde ihnen zumute. Und wenn die rote sinkende Sonne
alles ringsumher und ihre jugendlichen Gestalten mit verklrte, dann meinten
sie, es knne ihnen keine Angst und Pein mehr im Leben kommen.
    Der Jger tat der Lisbeth auf diesen Gngen alles zu Gefallen, was er ihr
nur an den Augen absehen konnte. Wenn sie zufllig nach einem Busche wilder
Feldblumen sah, die entfernt vom Wege auf einer hohen Hecke blhten, so hatte er
sich auf die Hecke geschwungen, ehe noch der Wunsch nach den Blumen in ihre
Seele gekommen war. Und wo der Weg sich etwas abschssig senkte, oder ein Stein
im Wege lag, oder wo es ein geringes Wsserlein zu berschreiten gab, da
streckte sich sein Arm ihr sttzend und fhrend entgegen und sie lachte ber die
unntige Dienstfertigkeit, und - nahm den Arm dennoch, und lie ihren noch eine
Zeitlang in dem seinigen, auch wo der Weg wieder eben geworden war.
    Auf diesen stillen und anmutigen Gngen hatten die jungen Seelen einander
viel mitzuteilen. Er erzhlte ihr von den schwbischen Bergen, von dem grnen
Neckar, von der Alb, vom Murgtale und von dem Berge Hohenstaufen, auf dem das
groe Kaisergeschlecht entsprossen sei, dessen Taten er ihr auch erzhlte. Dann
sprach er von der groen Stadt, worin er studiert habe, und von den vielen
klugen Leuten, die ihm dort bekannt geworden seien. Und endlich erzhlte er ihr
von seiner Mutter, wie er diese so zrtlich lieb gehabt habe, und wie es daher
wohl kommen mge, da ihm nachher jede Frau teuer und wert erschienen sei, weil
er bei jeder an seine selige Mutter gedacht habe.
    Die Lisbeth mute dagegen von ihrem einfachen Leben erzhlen. Darin kamen
keine groen Stdte und keine klugen Leute vor und - auch keine Mutter! - Und
dennoch meinte er, nie etwas Schneres gehrt zu haben. Denn jede niedere
Pflicht, die sie geleistet, hatte sie durch Liebe geadelt, und von dem Frulein
und dem alten Herrn Baron wute sie tausend rhrende Zge anzugeben, auf allen
Pltzen im Schlogarten und hinter demselben waren ihr Geschichten begegnet, und
aus den Bchern, die sie sich verstohlen vom Sller geholt, hatte sie
erstaunliche Dinge ber fremde Vlker und Lnder herausgelesen, und sonderbare
Vorgnge zu Wasser und zu Lande, und alles hatte sie behalten.
    Wohl hatte der Diakonus recht gehabt, als er die Lisbeth mit der Blume
verglich, die in Dust und Moder erblht war. Die Natur hatte an diesem blonden
Mdchen ihre Allmacht bewhren wollen. Sie hatte sich in einem Maienrausche
vorgesetzt, durch die Tat zu sprechen: Sehet da mein Werk! Eure Erziehung ist
Stckerei und Flickerei. - In der Seele dieses Mdchens war alles neu, ganz,
frisch, jungfrulich. Dieses Mdchen war verstndig, wie ein Rechenmeister, und
hatte mit den Bauern um den letzten Zinsgroschen sich gestritten, den sie ihrem
Pflegevater verschaffen wollte, und dieses Mdchen war doch auch ganz lyrisch,
ganz hingerissen, ganz quellendes und wiedergebrendes Empfangen. ber ihr
Antlitz zogen die Geister der Dinge, die sie sah und hrte, ein sichtbarer
Reigen. Wenn der Jger ihr von den klugen Gesprchen der Weisen erzhlte, so lag
ein feines Verstehen um die Lippen, wenn er ihr sagte, da Karl von Anjou mit
finsterem unbeweglichem Gesichte zugesehen, als er den jungen unschuldigen
Konradin hinrichten lassen, so faltete sich die reine Stirn und Trnen flossen
unter diesen lieben zornigen Falten; aber eine se Trunkenheit, ein seliger
Sonnenschein durchleuchtete das Antlitz, wenn er ihr das grne, wilde Murgtal
schilderte und dazu mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme das Lied sang:

Ser, goldner Frhlingstag!
Inniges Entzcken!
Wenn mir je ein Lied gelang,
Sollt' es heut nicht glcken?

Alles, was er in diese unberhrte Brust ste, das keimte, sprote, wurzelte
darin, blhte und trug Frucht. Der Jger ward nicht mde, ihr aus seinem Vorrate
zu geben, denn er empfing wieder das hundertste Korn; seine Welt kam ihm
verklrt, gelichtet, vergttlicht zurck aus dem Lcheln Lisbeths und von ihren
frischen Lippen. So wogte es zwischen ihnen hin und wider, ein Seliges,
Unausgesprochenes, Unaussprechliches und war der Wonne kein Ende. Jegliches
gefiel ihm an ihr. Wenn er ihr an einer schlimmen Stelle des Weges die Hand
reichte und wohl fhlte, da der leise Druck leiser erwidert wurde, so
durchschauerte ihn die Freude, und wenn er ihr dann gleich wieder die Hand
drckte und die ihrige nun regungslos in der seinigen blieb, gleich als wollte
sie sagen: Verschwenden wir das Beste nicht! so gefiel ihm das auch. Ebenso
war es mit den Blicken. Ihr Auge ruhte einmal oder zweimal des Tages hingegeben
an ihm und dann nicht wieder, er mochte es mit dem seinigen auffordern, wie
dringend er wollte. Da sie in allem Ma hielt, gefiel ihm so sehr. Ja, es
gefiel ihm sogar, da ihre Oberlippe ein klein wenig zu kurz war, und die
weiesten Zhne zum Vorschein kamen, wenn sie lachte oder lebhaft sprach. Denn
dieser Mangel gab in seinen Augen ihrem Gesichte etwas reizend Kindliches,
lieblich Unfertiges, was wie alles in ihr auf die letzte, seste Vollendung
durch den Hauch der Zrtlichkeit harrte.
    So gingen ihnen die Tage hin, einer nach dem andern im Oberhofe. Der
Hofschulze sah freilich mit andern Augen drein, mute zwar geschehen lassen, was
er nicht hindern konnte, aber er schttelte hufig den Kopf, wenn er seine
jungen Gste so viel miteinander gehen und verkehren sah. Dann pflegte er fr
sich zu sagen: Es ist unrecht von so einem Junker. - Seine rauhen Gedanken
flogen wie ein widriger Sturm um diese reine Knospe, die zur Blte aufbrechen
wollte. Er nahm sich vor Lisbeth bei erster gnstiger Gelegenheit zu warnen.
    Wovor? - Zwischen ihr und ihrem Freunde war alles Unschuld, Demut, der
keuscheste Traum eines guten Geistes. Noch war das Wort Liebe nicht ber ihre
Lippen gekommen und gekt hatten sie einander auch noch nicht. Wenn er zu Nacht
in dem elenden Verschlage auf sein Strohlager sank, so hatte er vorher die Luke
aufgestoen und die Sterne schienen ihm wie Lisbeths Augen tief in das Herz
hinein, bis er entschlummerte. Wenn sie ihr Bettchen unten im Stblein suchte,
so kniete sie am Stuhle vor dem Bettchen nieder, und faltete die Hnde und
meinte, ein schnes Gebet zu sprechen, obgleich ihre Lippen kein Wort sagten. Er
rief oben leise fr sich hin, wenn seine Wimpern sich schlossen: Der ganzen
Welt mchte ich vertrauen, wie sie mir so wohl gefllt. - Sie flsterte, indem
sie sanft ihre Wange an das Kissen drckte: Er ist der beste Mensch, den ich
noch gesehen habe - und dann schliefen sie beide ein und die harmlosen Gedanken
besuchten einander in den webenden Schatten der Nacht.
    Das waren die Tage, von welchen geschrieben steht: Sie blhen einmal und
nicht wieder!

                                Fnftes Kapitel



                Die Strung. Was sich in einer Dorfkirche zutrug

Endlich hatte der Jger die Feder geschnitten. Er schob Lisbeth ein Blatt Papier
hin und bat sie, zu versuchen, ob sie schreibe. Sie tat es, konnte aber damit
nicht zurechtkommen, sie habe Zhne, sagte sie. Er sah, was sie geschrieben, es
war ihr eigener Name in den klarsten, ebensten Zgen. Die feinen Buchstaben
entzckten ihn. Ich glaube, an der Feder liegt es nicht, stammelte er, ich
wollte wohl, ohne sie zu kappen, ein ganzes Gedicht damit niederschreiben. -
Tun Sie es, versetzte Lisbeth und schlug die Augen nieder, Sie sagten mir ja
berdies, da Sie mir das Tuch mit einem Scherze haben schenken wollen.
    Oh - der Scherz wird wohl ausbleiben - rief der Jger, nahm Feder und
Papier, setzte zu dem Worte: Lisbeth das Wrtlein: An, und schrieb einige
Reimzeilen nieder.
    Lacht nicht ber sie! - Der Jger konnte seinen guten, runden schwbischen
Vers machen, und htte bessere zustande gebracht, wre er freieren Herzens
gewesen.

Ich wollte dir mit leichten Scherzen
Die arme kleine Gabe reichen;
Da trat mir ein Gefhl zum Herzen,
Das jene Scherze machte weichen.
Es war die fromme sanfte Rhrung,
Wenn man durch guter Genien Fhrung
Die lieblichste Natur erblht,
Und aus sich selbst entfaltet sieht.

In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehrst du dir nach holdem Rechte;
Was deine frischen Lippen sprachen,
Es ist das Deine, drum das Echte:
Wo solche Zauber im Gemte,
Folgt das Geschick, wie Frucht der Blte,
So lebe, lebe immerzu
Dein Los, dir eigen, hold wie du!

Er hatte diese Verse mit fliegender Feder geschrieben, denn die Glocke lutete
schon, und Lisbeth, die im Hochzeitszuge nicht fehlen durfte, schien unruhig zu
werden. Jetzt reichte er das Blatt mit abgewandtem Gesichte ihr hin und trat von
ihr hinweg an das andere Fenster. Nach einigen Sekunden hrte er hinter sich
tief atmen und dann leise schluchzen. Rasch wandte er sich und hatte den
rhrendsten Anblick. Lisbeth stand, etwas gebeugt, als drcke sie die Verehrung,
welche sie empfangen, und hielt das Blatt in der reizendsten Unbehlflichkeit
mit beiden Hnden vor sich hin, wie ein Kind, das die glnzende
Weihnachtbescherung sich noch gar nicht anzueignen wagt. Die hellen Trnen
flossen ihr unter den Wimpern, dabei lchelte sie, und sah den Jger mit dem
glubigsten Vertrauen an, als wollte sie sagen: Wenn du einen armen Findling so
hbsch besingen kannst, so mut du es wohl recht herzlich mit ihm meinen. -
Endlich fand ihre Empfindung ein lautes Wort und sie lispelte: Sie machen
zuviel aus mir und ich werde noch ganz eitel durch Sie werden.
    Er trat, fest seinen flammenden und doch so sanften Blick auf sie heftend,
ihr entgegen und wollte ihre Hand kssen. Sie war kssenswert, diese Hand. Es
ist, als ob manchem nichts schaden knne. Trotz aller Arbeit war die Hand weich
und zart geblieben. Lisbeth entzog sie seinem Munde und bot ihm, die Augen
schlieend, die Lippen dar. Jauchzend wollte er mit den seinigen sie rhren, da
ffnete sich die Tre und die Brautjungfer trat mit dem Putze und ihrem Anliegen
ein. Die Gestrten traten erschreckt auseinander, Lisbeth zu ihrem Tchlein, der
Jger, ohne sie anzusehen, an das Fenster, von wo er dann mit niedergeschlagenem
Blicke aus dem Zimmer schlich. Denn das Gefhl ist auch darin nur sich selbst
gleich, da es mit dem Bewutsein der reinsten Tugend die Furcht des
lichtscheusten Verbrechens paart. - Du denkst an das geliebte Mdchen zugleich
mit deinen Gedanken an Gott, du sagst, wie der Jger in deinen einsamen
Entzckungen: Knnte ich diese Liebe, wie meine beste Tat, von den Dchern
rufen! und dann verleugnest du sie wie Petrus den Herrn der ersten Basenfrage,
und rufst, ob man von dir glaube, da du so tricht seist? -
    Drauen war unter dem Glockengelute die Musik immer nher gekommen, und
jetzt wurde der Brautwagen, gezogen von zwei starken Pferden am andern Ende des
Weges, der durch den Eichenkamp leitete, sichtbar. Die erste Brautjungfer stand
mit ihrem dicken, zum Teil belriechenden Straue ehrbar neben der Braut, die
Knechte standen bei den Packen und Laden im Flur, zum letzten Anfassen bereit;
der Hofschulze schaute unruhig nach der zweiten und nach der improvisierten
dritten Brautjungfer sich um; denn wenn diese nicht vor der Erscheinung des
Brutigams den Platz, den ihnen der Tag anwies, nahmen, so war es nach seinem
Gefhle um die ganze Feierlichkeit geschehen. Doch da kamen die beiden
Erwarteten eben noch zur rechten Zeit die Treppe herunter und stellten sich zu
der ersten, als der Wagen gerade auf den freien Platz vor dem Hause
hinauslenkte.
    Gleichmtig im Gesicht, wie alle Hauptpersonen dieses Festes, stieg der
Brutigam vom Wagen. Junge Leute, seine nchsten Freunde, folgten ihm bebndert
und bestraut. Er schritt langsam auf die Braut zu, die auch jetzt noch nicht
emporsah, sondern immerfort nur spann und spann. Nun befestigte ihm die erste
Brautjungfer den groen Strau, worin Sternblume und Salbei dufteten, vorn auf
der Brust an dem hochzeitlichen Kleide. Der Brutigam empfing diesen Schmuck,
ohne zu danken, denn der Dank gehrte nicht zum Herkommen. Er reichte seinem
Schwiegervater stillschweigend die Hand, dann sie ebenso stillschweigend der
Braut, die sich darauf erhob und zu den Brautjungfern stellte, zwischen die
erste und zweite und vor die dritte.
    Whrenddessen hatten die Knechte die Ausstattung auf den Wagen geschafft.
Die Szene bekam etwas Wildes, denn indem die Menschen mit dem Gepck zwischen
den Kochfeuern hindurchliefen, wurde mancher brennende Klotz von seinem Orte
hinweggestoen, knisterte und sprhte in dem Wege, den das Brautpaar zu gehen
hatte. Nach dem Linnen, dem Flachs, den Betten, den Kleidungsstcken nahm die
Braut mit ihren drei Jungfern und dem Spinnrade, welches sie selbst trug, auf
dem Wagen Platz. Der Brutigam setzte sich abgesondert von ihr in den hintersten
Teil des Fahrzeuges, und die jungen Bursche muten diesem zu Fue folgen, da die
Ausstattung zu viel Raum einnahm, um ihnen noch Sitze zu gestatten. Hierber
machte der eine hergebrachte Spe gegen den Hofschulzen, auf welche dieser
schmunzelnd antwortete. Er ging hinter den jungen Burschen her, und zu ihm
gesellte sich der Jger. So gingen zwei zusammen, welche an diesem Tage die
entgegengesetztesten Empfindungen hegten. Denn der Hofschulze dachte an nichts,
als an die Hochzeit, und der Jger an nichts weniger, als an sie, obgleich seine
Gedanken um den Brautwagen flogen.
    Fahre dieser nun langsam nach dem Hofe des Brutigams, wo schon die ganze
Hochzeitsgesellschaft, Mnner, Frauen, Mdchen, junge Bursche aus allen
umliegenden Wehren, und berdies die Freunde aus der Stadt, der Hauptmann und
der Sammler seiner warten. Dort wird abgeladen; wir gehen inzwischen voran zur
Kirche, die in der Mitte der ganzen Bauerschaft auf einem grnen Hgel,
beschattet von Walnubumen und wilden Kastanien liegt. - In der Sakristei
beschftigte sich der Diakonus still mit seinem Texte. Er gehrte zu den
glcklichen Geistlichen, deren innerste Glaubenskraft vom Zweifel, welchen die
neuere Wissenschaft erst recht grndlich ausgeschaffen hat, nicht berhrt wird.
Die verflchtigenden Vorstellungen, welche in das Christentum eingedrungen sind,
waren ihm nicht fremd geblieben, und sein Geist mute zu sich sagen, da darin
mehr Wahrheit sei, als in dem Buchstaben des Orthodoxen. Aber es ging ihm mit
der heiligen Geschichte, wie es uns mit unsern Eltern geht. Wir erkennen ihre
Schwchen und sind doch, wo es auf etwas ankommt, immer ihre Kinder. Denn er
wurde gleich ein anderer, wenn er das Heiligtum betrat; zwischen dessen Wnden
verschwand ihm die Klte, er empfand das Evangelium in allen seinen
Ausstrahlungen, Wundern und Widersprchen als eine ewige Tatsache, und als eine
wirkliche, nicht als eine gemachte. So war er denn nie in der Kirche
Lippenglubiger, sondern erbaut, um andere zu erbauen.
    Auch heute war er in den Gegenstand seiner Predigt fromm vertieft. Indessen
strte ihn einigermaen der Kster, welcher, ohne noch dort ein Geschft zu
haben, auch in der Sakristei verweilte, seinen Oberen mit verlegenen Blicken
anschaute und dazu unablssig seufzte. Der Diakonus sah sich endlich gentigt,
ihn zu fragen, was dies zu bedeuten habe?
    Beklemmung, Bengstigung, ein ungemeines Blutwallen und Zudringen der Sfte
nach dem Kopfe hat es zu bedeuten, Herr Diakonus, versetzte der seufzende
Kster.
    Es ist nicht zu verwundern, da Ihr beklommen seid, antwortete lchelnd
der Diakonus. Dieses Kopfkissen, welches Ihr jahraus, jahrein, sobald wir die
Stadt verlassen, eingeknpft auf dem Unterleibe tragt, die Witterung mag so
schn sein, wie sie will, mu Euch das Blut wallen machen und die Sfte zu Kopfe
treiben.
    Es ist nicht dieses, mein Herr Diakonus, erwiderte der Kster, indem er
seinen ausgestopften Unterleib streichelte, welcher sich in sonderbaren
Wellenlinien, Wlsten und Knoten darwies, weil der Inhaber die Federn des
Kissens nicht ganz gleich verteilt und verstrichen hatte. Es ist nicht dieses.
Besser bewahrt, wie beklagt, ich wei ja, was eine hartnckige Verkltung auf
sich hat. Das Kissen ist gleichsam ein Teil von mir geworden und ruht mir ohne
die mindeste Beschwer auf dem Herzen. Aber weshalb ich beklommen bin, das ist
die Furcht vor einer Herabsetzung meines Ansehens und vor einer Schndung
sozusagen des ganzen Ksterstandes, welche mir auf dieser unglckseligen
Hochzeit bevorsteht.
    Wie denn so?
    Der Herr Diakonus wissen, da der Schulmeister loci vor nunmehr beinahe
acht Tagen verstorben ist, und seine Stelle noch keine Besetzung gefunden hat.
So fehlet also dieser Hochzeit der zweite observanzmige Aufwrter7, und da hat
nun der Hofschulze, dieser alte eigensinnige Mann sich nicht entbldet, mir
gestern an- und zumuten zu lassen, ich solle statt des fehlenden Schulmeisters
aufwarten, weil Kster und Schulmeister miteinander die meiste hnlichkeit und
Verwandtschaft htten, worber ich denn die ganze Nacht hindurch kein Auge
zugetan habe. Annoch kann ich vor Herzklopfen mich nicht zufriedengeben.
    Freilich wrde bei der Aufwartung die eigene Leibesnahrung nicht so wohl
gedeihen, sagte der Diakonus.
    Dieses nebenbei, sprach der Kster sehr ernst. Ntigenfalls wrde durch
Bndelschnren und Serviettenverpackung dafr gesorgt werden, da Ksterei in
ihren Gerechtsamen keinen Schaden erlitte. Aber da die Wrde eine
Beeintrchtigung dulden mte und die Freiheit der Stelle von allen und jeden
Aufwartediensten eine Verletzung erfhre; dieses ist die Hauptsache. Und ehe ich
ein solches Prjudiz aufkommen lasse, wodurch mittelst fernerer Nachlssigkeit
der Amtsnachfolger Ksterei einer immerwhrenden Last unterzogen werden knnte,
sterbe ich lieber, obschon ich einsehe, da meine Weigernis einen
furchtbarlichen Lrmen hervorbringen kann, denn der Hofschulze ist in allem
fest, was er sich vorsetzte. Daher entsprieet denn wohl nicht ohne Grund
einiger Kummer.
    Der Diakonus, der durch das Geschwtz des nrrischen Ksters sich in seinen
Gedanken unangenehm geirrt fhlte, beschwichtigte ihn mit der Versicherung, da
er seinen Einflu verwenden werde, um den Hofschulzen von dem rechtswidrigen
Verlangen abzubringen. Der Kster ging, etwas erleichtert, da es Zeit war, und
die Menschen sich schon in der Kirche versammelt hatten, hinaus und begann auf
der Orgel die hergebrachte Schlacht von Prag zu spielen. Er kannte nmlich nur
ein Prludium, und dieses war jene verschollene Schlachtmusik, an welche sich
vielleicht noch einige ltere Leute erinnern, wenn ich ihnen in das Gedchtnis
zurckrufe, da das Tongemlde mit dem Aufmarsche der Zietenschen Husaren
anfngt. Von diesem Aufmarsche wute der Kster dann immer mit freilich nicht
selten khnen Gngen sich in die gangbaren Kirchenmelodien hinberzuschwingen.
    Whrend des Liedes betrat der Diakonus die Kanzel, und als er die Augen
zufllig auf die Versammlung warf, hatte er einen unerwarteten Anblick. Ein
vornehmer Herr vom Hofe stand nmlich mitten unter den Bauern, deren
Aufmerksamkeit er zerstreute, weil sie von ihrem Gesangbuche immer empor- und
nach seinem Sterne schielten. Der vornehme Herr wollte mit irgendeinem Bauern in
das Gesangbuch sehen, um in das Lied einzustimmen, da aber jeder, sowie der Herr
vom Hofe sich ihm nherte, ehrerbietig auswich, so gelangte er nicht zum Zwecke
und erregte nur eine fast allgemeine Unruhe. Denn wenn er in eine Kirchenbank
sich setzte, so rutschten auf der Stelle smtliche darin sehafte Bauern bis in
die uerste entgegengesetzte Ecke, und entflohen der Bank gnzlich, wenn der
Vornehme ihnen nachrutschte. Dieses Rutschen und Entrutschen wiederholte sich in
drei bis vier Bnken, so da der Herr vom Hofe, der in der besten Absicht diesen
Dorfgottesdienst besuchte, es endlich aufgeben mute, zu einer ttigen Teilnahme
an demselben zu gelangen. Er hatte Geschfte in der Gegend und wollte die
Gelegenheit nicht verabsumen, durch Herablassung die Herzen dieser Landleute
fr den Thron zu gewinnen, dem er sich so nahe wute. Deshalb war in ihm, sobald
er von der Bauernhochzeit hrte, der Vorsatz entstanden, ihr leutselig von
Anfang bis zu Ende beizuwohnen.
    Den Diakonus berhrte der Anblick des Vornehmen, den er aus den glnzenden
Zirkeln der Hauptstadt kannte, nicht wohltuend. Er wute, welche sonderbare
Sitte der Predigt folgen werde, und frchtete den Spott des Vornehmen. Seine
Gedanken verloren daher von ihrer gewhnlichen Klarheit, seine Gefhle waren
etwas bedeckt und er kam, je weiter er redete, um desto weiter aus der Sache.
Seine Zerstreuung wuchs, da er bemerkte, da der Vornehme ihm verstehende Blicke
zuwarf und bei einigen Stellen beifllig mit dem Haupte nickte; meistenteils da,
wo der Redner mit sich am unzufriedensten gewesen war. Er beschnitt daher die
einzelnen Teile der Traurede, und eilte sich, zur Zeremonie zu gelangen.
    Das Brautpaar kniete nieder und die verhngnisvollen Fragen ergingen an
dasselbe. Da trug sich etwas zu, was den vornehmen Fremden in den uersten
Schreck versetzte. Denn er sah links und rechts, vor sich und hinter sich,
Mnner und Frauen, Mdchen und junge Bursche dicke Knittel, aus Sacktchern
gewunden, hervorziehen. Alles war aufgestanden, zischelte untereinander und sah
sich, wie es ihm vorkam, mit wilden und heimtckischen Blicken um. Da es ihm nun
unmglich war, den richtigen Sinn dieser Vorbereitungen zu erraten, so verlie
ihn alle Fassung, und weil die Knittel doch unwidersprechlich auf jemand
deuteten, der Schlge empfangen sollte, so kam ihm der Gedanke, da er der
Gegenstand einer allgemeinen Mihandlung sein werde. Er erinnerte sich, wie
scheu man ihm ausgewichen war, und er bedachte, wie roh der Charakter des
Landvolkes ist, und wie die Bauern vielleicht, weil ihnen seine herablassende
Gesinnung nicht bekannt sei, sich vorgenommen htten, den ihnen unbequemen
Eindringling zu entfernen. Alles dieses ging blitzschnell durch seine Seele und
er wute nicht, wie er Wrde und Person vor dem entsetzlichen Angriffe wahren
sollte.
    Als er noch ratlos nach Entschlssen rang, schlo der Diakonus die
Feierlichkeit, und es entstand augenblicklich der wildeste Tumult. Smtliche
Knitteltrger und Knitteltrgerinnen strzten schreiend und tobend und ihre
Waffen schwingend nach vorwrts, der Herr vom Hofe aber war ber mehrere Bnke
mit drei Stzen seitwrts nach der Kanzel zu gesprungen, erstieg dieselbe im Nu
und rief von diesem erhhten Standpunkte mit lauter Stimme in die tobende Menge
hinunter: Ich rate euch, mich nicht anzutasten! Ich hege die besten und
herablassendsten Gesinnungen gegen euch, aber jede mir zugefgte Beleidigung
wird der Monarch ahnden, wie eine ihm selbst widerfahrene.
    Die Bauern aber hrten nach dieser Rede nicht hin, von ihrem Vorhaben
begeistert. Sie rannten dem Altar zu, und unterweges bekam schon dieser und
jener unabsichtliche Prgel, bevor das eigentliche Ziel derselben erreicht war.
Dieses war der Brutigam. Die Hnde ber den Kopf schlagend, bahnte er sich mit
aller Anstrengung eine Gasse durch die Menge, welche ihre Knittel auf seinem
Rcken, seinen Schultern und berhaupt allerorten, wo Platz war, tanzen lie. Er
lief, sich gewaltsam Raum schaffend, nach der Kirchtre zu, hatte aber, bevor er
dieselbe erreichte, gewi ber hundert Schlge empfangen, und kam so, wacker
zerblut an seinem Ehrentage aus dem Heiligtume. Alles lief ihm nach; der
Brautvater, die Braut folgten, der Kster schlo unmittelbar hinter dem letzten
die Tre ab und verfgte sich in die Sakristei, welche einen besonderen Ausgang
in das Freie hatte. In wenigen Sekunden war die Kirche leer geworden.
    Noch stand indessen der vornehme Herr auf der Kanzel. Der Diakonus aber
stand vor dem Altare, sich gegen den Vornehmen mit freundlichem Lcheln
verbeugend. Dieser hatte, als er auf seinem Felsen Ararat sah, da die Prgel
nicht ihm zugedacht waren, beruhigt die Arme sinken lassen, und fragte, als
jetzt Stille eingetreten war, den Diakonus: Sagen Sie mir um des Himmels
willen, Herr Prediger, was bedeutete dieser wtende Auftritt und was hatte der
arme Mensch seinen Angreifern getan?
    Nichts, Ew. Exzellenz, versetzte der Diakonus, der ungeachtet der Wrde
des Orts Mhe hatte, ein Lachen ber den Hfling auf der Kanzel zu verbeien.
Dieses Abklopfen des Brutigams nach der Trauung ist ein uralter Gebrauch, den
sich die Leute nicht nehmen lassen. Sie sagen, er solle bedeuten, da der
Brutigam fhle, wie weh Schlge tun, damit er sein knftiges hausherrliches
Recht wider die Frau nicht mibrauche.
    Ja, das sind denn doch aber wunderbare Sitten ... murmelte die Exzellenz
und stieg von der Kanzel. Unten empfing sie der Diakonus sehr hflich und wurde
von ihr mit drei Kssen auf der flachen Wange beehrt. Dann fhrte der Geistliche
seinen vornehmen Bekannten in die Sakristei, um ihn von dort in das Freie zu
entlassen. Der noch immer Erschrockene sagte, er msse erst berlegen, ob er an
dem ferneren Verlaufe der Festlichkeit teilnehmen knne. Der Geistliche
bedauerte dagegen auf dem Wege nach der Sakristei unendlich, da er nicht frher
von dem Vorhaben Seiner Exzellenz Kunde erhalten habe, weil er dann imstande
gewesen sei, Nachricht von der Prgelsitte zu erteilen und so Furcht und Schreck
abzuwenden.
    Nachdem beide sich entfernt hatten, war Stille und Schweigen in der Kirche.
Es war ein artiges Kirchlein, reinlich und nicht zu bunt; ein reicher Wohltter
hatte manches dafr getan. Die Decke war blau gemalt mit goldenen Sternen, an
der Kanzel zeigte sich knstliches Schnitzwerk und unter den Leichentafeln der
alten Pfarrer, welche den Fuboden bedeckten, befanden sich sogar zwei oder drei
von Messing. Reinlich und sauber wurden die Bnke gehalten, auch darauf hatte
der Hofschulze mit seinem groen Einflusse hingewirkt. Eine schne Decke zierte
den Altar, ber dem sich ein geschlungenes marmoriert angestrichenes Sulenwerk
erhob.
    Hell fiel das Licht zu dem Kirchlein ein, die Bume suselten drauen und
zuweilen bewegte ein gelindes Lftchen, das durch eine zerbrochene Scheibe
drang, die weie Schrpe, womit der Engel ber dem Taufbecken bekleidet war,
oder die Flitter der Kronen, welche, von den Srgen der Jungfrauen genommen, die
Pfeiler umher schmckten.
    Braut und Brutigam waren fort, der Brautzug war fort, und doch war es nicht
ganz einsam in dem stillen Kirchlein. Zwei junge Leute waren darin
zurckgeblieben und wuten nicht voneinander und das war so zugegangen. Der
Jger hatte sich, als die Hochzeitleute die Kirche betraten, von ihnen
abgesondert und war still eine Treppe zu einer oberen Prieche hinaufgegangen.
Dort setzte er sich auf einen Schemel ungesehen von den andern, abgewendet von
ihnen und von dem Altar, ganz fr sich und allein. Er schlug sein Gesicht in
seine Hand, aber das konnte er nicht lange ertragen, die Wange und Stirn glhte
ihm zu stark. Das Kirchenlied drunten fiel mit seinen ernstgezogenen Tnen wie
ein khlender Tau in seine Glut, er dankte Gott, da endlich, endlich ihm das
grte Glck beschieden sei, und in die frommen Worte da unten sang er
unaufhrlich seine weltlichen Verse hinein:

In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehrst du dir nach holdem Rechte! ...

Ein kleines Kind, welches sich neugierig heraufgeschlichen hatte, nahm er sanft
bei der Hand und streichelte diese. Dann wollte er ihm Geld geben, aber er lie
es sein, drckte es an sich und kte ihm die Stirn. Und als das Kind, ngstlich
von den heien Liebkosungen, die Treppe hinuntergehen wollte, fhrte er es sacht
hinab, da es nicht falle. Dann kehrte er zu seinem Sitze zurck und hrte
nichts von der Rede und nichts von dem Lrmen, der ihr folgte, in tiefe, selige
Trume versunken, die ihm seine schne Mutter zeigten und sein weies Schlo auf
grnem Berge und ihn und noch jemand in dem Schlosse.
    Lisbeth war in ihrem fremdartigen Anzuge verlegen und scheu hinter der Braut
hergegangen. Ach, dachte sie, in dem Augenblicke, wo der gute Mensch von mir
sagt, ich wre immer natrlich, mu ich geborgte Kleider tragen. Sie sehnte
sich in die ihrigen zurck. Die Bauern, die Leute aus der Stadt hrte sie hinter
sich zischelnd ihren Namen nennen, der vornehme Herr, welcher vor der Kirche dem
Zuge entgegentrat, besah sie lange prfend durch seine Lorgnette. Das alles
mute sie erleiden, als sie eben so schn besungen worden war, als ihr Herz von
Freude und Entzcken berflutete. Sie trat halbbetubt in die Kirche ein und
nahm sich vor, bei dem Rckwege von dem Zuge zu bleiben, damit sie auf keine
Weise wieder der Gegenstand des Gesprchs oder gar der Scherze werde, ber
welche sie sich seit einer Viertelstunde weit hinaus fhlte. Auch sie hrte von
der Rede wenig, so sehr sie sich zwang, dem Vortrage ihres verehrten geistlichen
Freundes zu folgen. Und als die Ringe gewechselt wurden, da erregten ihr die
gleichgltigen Gesichter des Brautpaares eine sonderbare Empfindung, gemischt
aus Wehmut, Neid und dem stillen Unwillen, da ein so himmlischer Augenblick an
stumpfen Seelen vorbergehe.
    Nun entstand der Tumult und da entfloh sie unwillkrlich hinter den Altar.
Als es wieder still geworden war, holte sie tief Atem, zupfte an ihrer Schrze,
strich sich eine Locke, die ihr auf die Stirn gefallen war, sacht zurck und
fate sich ein Herz. Sie wollte sehen, wie sie unbemerkt auf Nebenwegen zum
Oberhofe zurckgelangen und der leidigen Kleider quitt werden mchte. Mit
kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen ging sie durch einen Seitengang
nach der Tre zu.
    Aus seinen Trumen endlich erwacht, kam der Jger die Treppe hinunter. Auch
er wollte die Kirche verlassen, wute aber freilich nicht, wohin dann? Sein Herz
bebte, als er Lisbeth sah; sie schlug die Augen auf und blieb schchtern und
fromm stehen. Dann gingen sie, ohne einander anzuschauen, stumm der Tre zu, auf
deren Drcker er seine Hand legte, sie zu ffnen. Sie ist verschlossen! rief
er mit einem Laut des Entzckens, als sei ihm das hchste Glck widerfahren.
Wir sind in der Kirche eingeschlossen!
    Eingeschlossen? fragte sie voll sem Schreck. - Warum macht Sie das
bestrzt? Wo kann man besser aufgehoben sein als in einer Kirche? sagte er
seelenvoll. Er schlug sanft seine Arme um ihren Leib, mit der andern Hand fate
er ihre Hand, so fhrte er sie nach einer Bank, ntigte sie darauf nieder und
setzte sich neben sie. Sie sah in ihren Scho und lie die Bnder an dem
buntfarbigen Jckchen, welches sie trug, durch die Finger gleiten. Er hatte
seinen Kopf auf dem Betbrette aufgesttzt, sah sie von der Seite an und berhrte
das Hubchen, welches sie trug, wie um den Stoff zu prfen. Er hrte ihr Herz
klopfen und sah ihren Hals gertet. - Nicht wahr, es ist ein abscheulicher
Anzug? fragte sie nach langem Schweigen kaum hrbar. - Oh! rief er und
knpfte seine Weste auf, ich sah nicht nach dem Anzuge! - Er fate ihre beiden
Hnde, drckte sie strmisch gegen seine Brust und zog sie dann von der Bank.
    Ich ertrag's nicht so still zu sitzen! Lassen Sie uns die Kirche besehen!
rief er. - Hier ist wohl nicht viel Sehenswrdiges, versetzte sie zitternd. Er
ging mit ihr zu dem Taufsteine, auf dessen Grunde noch etwas von dem heiligen
Na stand, denn es war vor der Hochzeit schon eine Taufe in der Kirche gewesen.
Sie mute mit ihm auf den Grund und in das Wasser hinabsehen. Dann tauchte er
den Finger hinein und netzte erst ihre und dann seine Stirn.
    Um Gottes willen, was machen Sie? rief sie ngstlich und wischte rasch die
ihr frevelhaft dnkende Befeuchtung ab. - Wiedertuferei treibe ich, sagte er
wunderbar lchelnd. - Dieses Wasser weiht die Geburt zum Leben, und dann geht
das Leben so fort - lange, lange, heit Leben und ist keins - und dann bricht
das wahre Leben auf, und man sollte dann von neuem taufen. - Sie wurde
ngstlich in seiner Nhe und stammelte: Kommen Sie, ein Ausgang wird durch die
Sakristei zu finden sein. - Nein, rief er, erst die Totenkronen wollen wir
besehen; zwischen Geburt und Grab erlebt unser Leben sein Leuchtendes, sein
Schnes! - Er fhrte sie zu der stattlichsten Totenkrone am gegenberstehenden
Pfeiler und murmelte auf dem Wege mit trunken-irren Blicken die Stelle von Gray,
welche mit seinen brigen Gedanken nicht zusammenhing, und auf welche ihn nur
der Ort bringen konnte: Viel Tropfen reinsten Glanzes bergen des Meeres dunkele
unermessene Tiefe, viel Blumen brachen auf, um ungesehen zu blhen und ihre Se
an die de Luft zu verschwenden!
    Dachte er an das Mdchen, von dessen Sarge die strahlende Totenkrone war? -
Ich wei es nicht. - Flittern und glnzende Ringe hingen an dnnem Zindel
herunter. Er ri zwei Ringe ab und flsterte: Ihr seid nur schlechte Reifen,
aber zu kstlichem Gold will ich euch weihen und heiligen! - Er steckte, ehe
die Lisbeth es verwehren konnte, ihr den einen und den andern darauf sich an.
Dabei sah er zornig aus, seine Lippen schrzte ein erhabener Unmut, er legte
seine geballte Faust dem Mdchen auf den Nacken, als wollte er sie zchtigen,
da sie seine Seele ihm entwendet habe. In diesem starken jungen Gemte ri die
Liebe, wie ein Waldstrom im Gebirge, tiefe Schluchten und Spalten.
    Oswald! rief sie und trat vor ihm zurck. Es war das erstemal, da sie
seinen Vornamen nannte. - Wir knnen das ebensogut tun, wie die dummen Bauern,
sagte er, und sind keine anderen Ringe zur Hand, so nehmen wir sie vom
Sargschmuck, denn das Leben ist strker als der Tod. - Nun gehe ich, seufzte
sie atmend und wankte. Ihr Busen flog, da das Mieder wild bewegt wurde.
    Aber schon hatten seine starken Arme sie umstrickt und aufgehoben und vor
den Altar getragen. Dort lie er sie nieder, die halb ohnmchtig an seiner Brust
lag, und stammelte schluchzend vor Liebesweh und Liebeszorn: Lisbeth! Liebe!
Einzige! Entsetzliche! Feindin! Ruberin! Vergib mir! Willst du mein Du sein?
Mein ewiges, ses Du?
    Sie antwortete nicht. Ihr Herz schlug an seinem, sie schmiegte sich ihm an,
als wollte sie mit ihm verwachsen. Ihre Trnen flossen auf seine Brust. Nun hob
er ihr Haupt empor, und die Lippen fanden sich. In diesem Kusse standen sie
lange, lange.
    Dann zog er sie sanft neben sich auf die Kniee nieder, und beide erhoben vor
dem Altare betend die Hnde. Sie konnten aber nichts vorbringen als: Vater!
lieber Vater im Himmel! Und das wurden sie nicht mde, mit wonnezitternder
Stimme zu rufen. Sie riefen es so zutraulich, als ob der Vater, den sie meinten,
ihnen die Hand reiche.
    Endlich verstummte dieses Rufen und sie legten das Gesicht schweigend an das
Altartuch. Mit dem Arme aber umschlang eines des andern Nacken, die Wangen
glhten, eine an der andern, und die Finger spielten sanft in den Locken. Es war
keine Unruhe mehr in den Herzen; sie schlugen still und gleichmig.
    So knieten die beiden eine Zeitlang vereinigt lautlos im Heiligtume.
Pltzlich fhlten sie ihre Hupter leise angerhrt und sahen empor. Der Diakonus
stand zwischen ihnen mit leuchtendem Antlitz und hielt seine Hnde segnend auf
ihren Scheiteln. Er war zufllig aus der Sakristei noch einmal in die Kirche
getreten und hatte mit gerhrtem Erstaunen die Verlobung gesehen, die hier
abseitig der Hochzeit und im Angesichte Gottes zustande gekommen war. Auch er
redete nicht, aber seine Augen sprachen. Er zog den Jngling und das Mdchen an
seine Brust und drckte seine Lieblinge herzlich an sich.
    Dann ging er mit dem Paare, es fhrend, in die Sakristei, um es von dort zu
entlassen. So gingen die drei aus der kleinen, stillen, hellen Dorfkirche.

                                Sechstes Kapitel



                  Die ferneren Ereignisse eines Hochzeittages

Unterdessen hatte sich das Hochzeitgefolge mit den Musikanten und dem Brautpaare
wieder im Oberhofe eingefunden, und alles stand und sa im Flur, Hof und Garten
umher. Noch immer loderten die Feuer und waren die Mgde geschftig. Die
farbigen Jacken der Mdchen, die sonderbar geformten Schneppenhauben der Frauen
und die lichtblauen Rcke der Mnner gaben der Szene ein buntes und fremdartiges
Ansehen. Der Oberhof hatte sich ganz mit Menschen erfllt, denn es waren wohl an
die hundert Personen versammelt, welche der Brautvater hatte einladen lassen.
Steinhausen, der Spamacher, war auch schon unter ihnen, verhielt sich aber noch
still, denn seine Stunde sollte erst nachmittags kommen. Um das Brautpaar
bekmmerte sich niemand sonderlich. Der Brutigam half den Tisch im Flure
decken. Die Braut sa mit den beiden ihr treugebliebenen Brautjungfern fr sich
und in einiger Entfernung von den brigen Frauen unter den Linden im Hofe.
Zuweilen und insoweit sie sich von ihrem Getrnke abmigen konnten, spielten
die Musikanten, denen ein besonderer Tisch im Baumgarten angewiesen worden war,
kurze Stcklein, ohne jedoch eine eigentliche Aufmerksamkeit zu erregen, denn
die meisten hielten ihren Sinn nur auf die weibedeckten Tafeln geheftet, auf
welchen nun die Mgde allgemach anzurichten begannen.
    Der Brautvater hatte unterdessen von neuem Gelegenheit gehabt, seine Fassung
zu erweisen. Zwar, da ihm der Diakonus, als er in den Hof kam, verkndigte, die
fremde Exzellenz, welche er soeben im Kruge bekomplimentiert, sei von ihm
ungeachtet des Schrecks in der Kirche dennoch veranlat worden, die Hochzeit zu
besuchen, konnte seinem Stolze nur behaglich sein. Aber sonst ging so manches
bei dem Plsier, wie er fr sich hinmurmelte, nicht in der gehrigen Manier.
Schon da seine Voraussagung eintraf und da ihn bei der Rckkehr in den Oberhof
ein jeder befragte, warum Hlscher nicht komme? war ihm sehr verdrielich
gewesen. Dann verdro es ihn, da die dritte Brautjungfer Lisbeth
zurckgeblieben war und nicht, wie sich gebhrte, bei seiner Tochter sa. Der
Hauptmann, der heute seinen preuischen Tag hatte und das Eiserne Kreuz trug,
steigerte den rger. Nach uralter Sitte war nmlich fr die vornehmen und
stdtischen Gste im Flure gedeckt worden, und fr die geringeren Leute im
Baumgarten. Denn der Bauer, welcher nicht zum Vergngen, sondern in Last und
Plage viel drauen sein mu, hlt das Obdach des Hauses fr den besten Segen und
glaubt den zu ehren, dem er dieses anbietet. Der Hauptmann aber, der rasch
einsah, da der Aufenthalt in der heien und dumpfen Enge unangenehm sein werde,
ordnete an und kommandierte, da er mit der Braut, dem Pastor, dem Brautvater
und dem Sammler im Baumgarten speisen wolle, lie auch sofort die Gabeln, welche
die vornehmen Gste ausnahmsweise bekamen, nach der Tafel im Freien tragen. Es
war dies schon geschehen, als der Hofschulze hinzukam und mit groem Unmute die
abermalige Abweichung vom Hergebrachten gewahrte. Er stie einen tiefen Seufzer
aus, welches bei ihm ein Zeichen verhaltenen Zornes war, bezwang sich indessen
und uerte gegen den Hauptmann, der ihn militrisch kurz fragte, ob er des
Henkers gewesen sei, da er seine Freunde aus der Stadt habe am Herde rsten
wollen? mit gehaltener Hflichkeit: Wie die Herrschaften es sich am liebsten
einrichteten, so sei es ihm auch recht und angenehm.
    Aber dem Diakonus, der ihn darauf beiseite nahm, um eine Angelegenheit von
Wichtigkeit mit ihm zu ordnen, hielt er desto hartnckiger Stich. Der Diakonus
wollte nmlich seinen unglcklichen Kster von dem Aufwartedienste frei haben,
weil er wirklich befrchtete, da das Ehr- und Rechtsgefhl dieses Mannes es auf
den uersten Widerstand ankommen lassen und vielleicht die vllige Strung des
ganzen Hochzeitfestes herbeifhren werde. Bei diesem Punkte fhlte sich jedoch
der Hofschulze zu fest in seinen begrndeten Ansprchen und verblieb
unweigerlich dabei, da der Kster die Gste bedienen msse, da der alte
Schulmeister gestorben und ein neuer noch nicht angekommen sei. Aus seinen Reden
ging hervor, da er einen Kster nur fr die Spielart eines Schulmeisters hielt,
wie denn in der Tat auch an vielen Orten beide Posten in einer Person vereinigt
zu sein pflegen. Der Geistliche suchte mit aller Gelassenheit ihn durch
verschiedene Grnde auf andere Gedanken zu bringen, und schlug endlich vor, den
Spamacher Steinhausen zum zweiten Aufwrter zu ernennen. Dieser Vorschlag
verletzte aber recht eigentlich den Hofschulzen, er erklrte dem Diakonus, da
er nur deshalb, weil der Herr noch nicht lange in der Gegend sei und darum die
Manieren nicht innehaben knne, ihm die Rede hingehen lasse. Denn erstlich sei
nicht die mindeste hnlichkeit zwischen einem Schulmeister und dem Spamacher,
und zweitens werde es ja fr seinen Eidam im hchsten Grade despektierlich sein,
einen solchen Kompagnon zu haben.
    Die Debatte dauerte zwischen beiden Mnnern unentschieden fort. Sie wurde
mit Anstand und Ruhe gefhrt, aber ein Ende und Ziel lie sich nicht
voraussehen. Dies war um so beklagenswerter, als bereits die meisten Suppenkbel
und Schsseln auf den Tafeln dampften, und alles nach der Mahlzeit verlangte,
die doch ohne die gehrige Aufwartung nicht zustande kommen konnte.
    Der Kster hatte sich, da er seine Sache in guten Hnden sah, aus Politik,
um nicht persnlich berrumpelt zu werden, auf einige Zeit vom Oberhofe
entfernt. Er ging zwischen den Wallhecken spazieren, und mit ihm ging einer der
fremden Hochzeitgste, ein alter Schirrmeister, der im nchsten Postorte gerade
seine zehn Ruhestunden geno, und die Gelegenheit nicht hatte vorbeigehen lassen
wollen, vom Hochzeitbraten zu kosten - ein weitluftiger Anverwandter des
Hofschulzen. Er gehrte zu den ausgedienten Kriegsknechten, die nach vielen
Mhen und Strapazen einen sogenannten Ruheposten bekommen. Der Ruheposten
unseres Schirrmeisters gestattete ihm viermal im Monat sein Bette aufzusuchen,
sonst lag er bei Nacht und bei Tage auf der Landstrae. Er hatte so viel Kupfer
auf der Nase, als ein rechtschaffener Schirrmeister haben mu, war ein
Fnfziger, d.h. hoch in den Fnfzigen, rstig und wacker, und litt nur von
seinen Feldzgen her an der Gicht, die ihn zuweilen ganz kontrakt machte.
    Der Kster und der Schirrmeister unterhielten sich in dieser Zwischenzeit
vor Tische vom menschlichen Leben und vom hchsten Gute. - Wenn man so wie ich
auf vielen Hochzeiten gewesen ist, sagte der Kster, wenn man sieht, wie die
jungen Leute einander heiraten, nach neun Monaten ein Kind kriegen, und dann
immer so fort, jedes Jahr ein frisches Kind - nun stirbt dieses und jenes Kind,
und die, welche leben bleiben, heiraten nach mehreren Jahren auch, und zuletzt
stirbt alles miteinander, und hat das, wenn man seine sechzig Jahre auf den
Schultern trgt, wie gesagt, einige Male mit durchmachen mssen, so kommt einem
das menschliche Leben ganz einerlei vor und wie eine Kugel, die sich immer
umdreht.
    Das menschliche Leben kommt mir mehr gleichsam als wie eine Reise vor,
sagte der Schirrmeister.
    Der Kster sah seinen Gefhrten lange erstaunt an und sprach darauf: Dieser
Gedanke ist ganz neu, denn ich fand ihn noch nirgends in den vielen Bchern, die
ich doch gelesen habe.
    Der Schirrmeister fhlte sich geschmeichelt und versetzte: Unterweges fllt
unsereinem allerhand ein. Es soll mir ganz recht sein, wenn dieser Gedanke noch
nirgendwo geschrieben steht, denn Bcher zu lesen habe ich freilich keine Zeit.
    Der Kster fuhr in seinen Betrachtungen folgendermaen fort: In dieser
vernnftigen Fassung ber das menschliche Leben snftigen sich auch die
menschlichen Wnsche. Ich war zu meiner Zeit in der Jugend sehr obenaus und
wollte platterdings Theologie studieren. Frhprediger mute ich wenigstens
werden; das stand fest. Es war aber dazumal mit dem Unterrichte eine verkehrte
Sache, und die Lehrer hatten nicht die Manier, da man etwas begreifen konnte.
Ich begriff nichts und wurde so nach und nach Kster, wozu man freilich auch
nicht ohne Gaben sein darf. Gegenwrtig habe ich eigentlich nur noch drei
Wnsche auf dieser Welt.
    Und die sind? fragte der Schirrmeister.
    Erstlich wnsche ich, da jemand einmal ein ordentliches und ausfhrliches
Buch von Kstersachen schriebe und darin auseinandersetzte, worin das Amt und
die Wrde eines Ksters besteht, was man ihm mit Fug zumuten darf und was nicht.
Denn alles will uns jetzt zu Leibe, und es gibt keinen angefochteneren Stand,
weshalb es dann ein wahres Bedrfnis der Zeit wre, da in den Vorstellungen
ber Kster und Kstereien einmal wieder bessere Ordnung gestiftet wrde.
    Was ich mir wnsche, ist geringer, sagte der kupfernasige Schirrmeister.
Ich bin mit meinem Posten ganz zufrieden, man lernt auf jeder Station andere
Menschen kennen, es gibt immer etwas Neues, und die fremden Gegenden auf dem
Kurs verschaffen einem auch bestndig Abwechselung. Hat man einmal Langeweile,
nun, so liest man zur Unterhaltung seinen Personenzettel, kurz, ich mchte
diesen Beruf mit keinem anderen vertauschen und wre ganz glcklich, wenn ich
nur ein einziges Mal tchtig schwitzen knnte.
    Tut Ihnen das so not und kommen Sie nie dazu? fragte der Kster.
    Not sehr, denn das Reien in den Gliedern von meinen Strapazen her nimmt
von Jahr zu Jahr zu. Das ist auch ganz regulr, denn dergleichen bel mehren
sich immer, wenn man bei jedem Wind und Wetter hinaus mu. Knnte ich aber
einmal so recht von Grund der Seele schwitzen, ich htte wohl auf einige Zeit
Ruhe. Dazu gelange ich indessen nie, weil ich nur viermal im Monate zu Hause
schlafe.
    Dann knnten Sie ja doch schwitzen, sagte der Kster.
    Keine Mglichkeit. Habe es versucht, aber die Gedanken lassen den Schwei
nicht vorbrechen, versetzte der Schirrmeister. Nmlich, wenn ich eben ein paar
Stunden im Bette gelegen habe und der Fliedertee nun seine Wirkung tun will, so
fange ich an zu denken: jetzt fttern die Pferde, die du vorgelegt kriegst,
jetzt wird schon der Wagen geschmiert, nun stehen der Herr Sekretr auf, nun
sehe ich sie in ihrem Warschauer Schlafpelz sitzen und die Charten und Papiere
fertig machen, alleweile ist der Briefzettel geschrieben, und alleweile die
Personenkarte - da schlgt es sechs, und ich mu aufstehen, trocken, wie ich
mich hinlegte, denn wenn man seine vllige Ruhe nicht hat und an andere Dinge
denken mu, so lst sich die Natur nicht, und wenn man den Fliedertee eimerweis
trnke. Dieses fehlt also an meiner vlligen Zufriedenheit, und so ist das
menschliche Glck nie vollkommen.
    Ja, sagte der Kster, es mangelt immerdar etwas, welches auch heilsam
sein mag, denn sonst verlangten wir nicht nach dem Himmel. - Mein zweiter Wunsch
wre, da doch endlich ein Einsehen getan wrde und alle Hunde abkmen, oder
wenigstens mit Knppeln vor den Beinen umherlaufen mten, wegen der mglichen
Tollheit. Hier an dieser Stelle, Schirrmeister, war es, wo ich durch eine solche
Kanaille, die von jener Wallhecke herabsprang, am letzten Zinstage einen
Todesschreck hatte. Man sollte berhaupt seinen Nebenmenschen vor Alterationen
mehr behten und bewahren. Tolle Menschen lt man auch viel zu frei umhergehen.
So habe ich zu meinem Erstaunen gehrt, da der bergeschnappte Schulmeister von
Hackelpfiffelsberg, welcher eine Zeitlang bei dem alten Herrn Baron eingesperrt
war, seit gestern frank in der Gegend gesehen worden ist. Wenn einem nun
unversehens dieser Wtige begegnete -
    Aber der Kster konnte seinen Satz nicht enden, denn es ereignete sich
etwas, was selten vorzukommen pflegt, nmlich: der Wolf in der Fabel erschien.
Um die Ecke herum trat nmlich pltzlich mit einer Flinte bewaffnet der
Schulmeister Agesilaus oder vielmehr Agesel in der veilchenblauen Pekesche mit
Sammetvorsten. Er ging munteren und beherzten Schrittes auf die beiden Mnner
zu, denn er war auf dem Wege nach dem Oberhofe. Aber ihn sehen, einen Laut des
Schreckens ausstoen, sich blitzschnell umkehren und mit gewaltiger
Schnelligkeit entfliehen, war bei dem Kster eins.
    Er lief, die Hnde vorgestreckt, spornstreichs nach dem Hochzeithause und
strzte mit dem Geschrei: Rettet euch! unter die Gste, die alsobald
aufgestrt, teils den Kster in bewegten Gruppen umwogten, teils zum Flchten
Anstalt machten. Der Hofschulze, welcher von der allgemeinen Unruhe nicht
angesteckt wurde, trat fragend zum Kster und erhielt von ihm den Bescheid, da
einer oder mehrere Tolle, ja vermutlich das ganze Irrenhaus in der Nhe
ausgebrochen sei, und die verrckte Gesellschaft, furchtbar mit Flinten und
Keulen bewaffnet, sich nahe.
    Die Weiber erhoben ein Geschrei, der Hofschulze, welcher von sich auf andere
schlo und nicht annehmen konnte, da die Furcht in dem Mae bertreibe, wie
hier der Fall war, machte zum ersten Male in seinem Leben ein verlegenes
Gesicht, und alles war in Bestrzung - als der Schirrmeister mit dem
vermeintlichen Tollen in den Hof trat.
    Agesel! riefen alle, die ihn kannten, und deren waren nicht wenige. Ist
dieses das ganze entsprungene Irrenhaus? fragte der Hauptmann. Ihr seid und
bleibt ein Poltron, Kster! - Man kann noch nicht wissen - stammelte der
zitternde Kster, der seinen Versteck hinter der Exzellenz vom Hofe, die
indessen auch unter den Gsten eingetroffen war, genommen hatte, vermutlich weil
er im Schutz des Vornehmsten am sichersten zu sein glaubte. Die Exzellenz sah
verwundert umher und wute abermals nicht, woran sie war.
    Agesel warf einen wehmtigen Blick auf die Versammlung, einen schmerzlichen
gen Himmel und sagte dann seufzend:
    Ich ahne recht wohl, was dieser Vorgang zu bedeuten hat. Ja, wer einmal
einem gewissen Unglck unterworfen gewesen ist, vor dessen Schritten fleucht
immerdar die Furcht her und ruft:
    Geht aus dem Wege! - Meine Herren aus der Stadt! Ich kann Sie versichern,
da ich gewhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes bin. Euch
Bauern, die ihr dies vielleicht nicht verstehen wrdet, sage ich, da es bei mir
keinesweges rappelt, sondern da ich auf den Oberhof komme, um mich nach der
Pflegetochter vom Schlosse zu erkundigen. Wer mir das glauben will, der tut wohl
daran, und wer es nicht glauben will, der kann es bleiben lassen. Die Flinte,
welche den Kster vielleicht erschreckt hat, habe ich droben am Freistuhl, bei
dem ich vorbeikam, im Walde gefunden. Schaft und Rohr lagen gesondert und zum
Teil beschdigt an verschiedenen Stellen, mich jammerte das gute Eisen und Holz,
ich band es notdrftig mit Bast und Bindfaden zusammen, und stellte so den
Anschein einer Flinte dar, welcher aber, wie der Augenschein lehrt, durchaus
unschdlich ist.
    Er zeigte das zusammengeflickte Schiegewehr vor, welches, wie man leicht
errt, das des Jgers war. Wer es zu sehen bekam, berzeugte sich mit einem
Blicke, da es keine Gefahr bringen knne. Die gesetzten Reden des Schulmeisters
brachten ein allgemeines Zutrauen in seinen hergestellten Verstand zuwege. Dem
Diakonus kam pltzlich ein Gedanke, durch den so unvermutet in die Hochzeit
eintretenden Agesel den ganzen Streit ber das Aufwarten beizulegen. Er sagte
dem Hofschulzen seine Meinung, dieser billigte sie, und beide richteten an den
Schulmeister das Ersuchen, als zweiter Aufwrter bei der Mahlzeit zu dienen.
Nichts konnte dem Manne erwnschter sein. Er versetzte, da sein ganzes
Bestreben jetzt dahin gehe, ntzlich zu wirken, da er daher mit Freuden die
Gelegenheit, die ihm heute dazu durch das Bedienen der Gste gewhrt werde,
ergreife, und in diesem anscheinend zuflligen Ereignisse eine wahre Fgung des
Himmels erkenne, indem er nicht verschweigen knne, da der Herr Schulrat
Thomasius ihm gewisse Aussicht auf die Schulmeisterstelle der Bauerschaft
gegeben habe, daher das vorlufige Aufwarten gleichsam schon den Anfang des ihm
zugesagten Dienstes darstelle. Nach dieser Rede band er sich hurtig eine weie
Schrze vor, holte mit Geschicklichkeit einen gekochten Schinken vom Feuer und
setzte ihn anstandsvoll auf die Tafel im Baumgarten.
    Sonach waren alle Hindernisse beseitiget, und die ganze Hochzeitgesellschaft
nahm auf eine gereimte Einladung des Burschen, der Hlscher zu bitten vergessen
hatte, Platz. Die Braut, die Brautjungfern, der Diakonus, der Brautvater, die
stdtischen Freunde, die Exzellenz, der Schirrmeister und die grten
Hofesbesitzer mit ihren Frauen stellten sich um die Tafel unter den Bumen im
Garten, die geringeren Leute und die jungen Bursche und Mdchen unter Anfhrung
des Ksters um die im Flur. Der Diakonus sprach an seinem Tische ein Gebet, der
Kster eins an dem seinigen. Hierauf wurde an beiden Tischen ein geistliches
Lied angestimmt.
    Fr Lisbeth war zwischen den Brautjungfern ein Platz offengelassen worden.
Der Hofschulze sah sich unruhig nach ihr um. Sie kam nicht. Dagegen kam whrend
des Gesanges der Jger, berblickte die Tafel, fand fr sich keinen Platz offen,
weil die zwei unerwarteten Gste, die Exzellenz und der Schirrmeister, schon
allen Raum hinweggenommen hatten, Lisbeths Platz aber unbesetzt. Freudeglnzend
wurde sein Antlitz, er schlich sich sacht seitwrts nach dem Hause, um sein
Mdchen aufzusuchen. Sie trat ihm bei den Linden entgegen, umgekleidet, in ihrem
gewhnlichen Anzuge, den Strohhut auf dem Haupte. - Nun ist mir wohl, nun bin
ich wieder wie ich sein mu! rief sie freundlich. - Ich wei߫, sagte er, du
magst dich nicht verstellen, du wolltest neulich nicht einmal leiden, da ich
dir an deinem Haare zeigen durfte, was fr Zpfe die schwbischen Mdchen
tragen.
    Nein, sagte sie, niemals was vorstellen, was man nicht ist.
    Sie wollte nach dem Tische im Baumgarten gehen, der Jger hielt sie aber
zurck und rief: Wie? In dem leichten stdtischen Kleidchen willst du dich als
Brautjungfer an den Tisch setzen! Da erwarte nur, da dich der Hofschulze, der
streng auf Ordnung und Kostm hlt, fortweiset! - Ja, was soll ich beginnen?
fragte sie verlegen; das hliche steife Zeug lege ich nimmermehr wieder an.
    O meine Geliebte, sagte der Jger zrtlich, wollen wir denn unser Glck
unter die Bauern tragen? Dasitzen und rohe Spe anhren und langweilige Bruche
mit anschauen? Ist's denn nicht der Tag unserer Tage? Gehrt er nicht ganz uns
unter Gottes liebem Himmel und auf Gottes grner Erde? Mssen wir zwei nicht
allein beieinander bleiben, fern, fern von den anderen Menschen? Ich wollte dich
bitten, mit mir zu gehen, den Hgeln zu, den Platz suchen, wo ich dich zum
ersten Male fand bei der schnen Blume!
    Wie darf ich das? Was wrden sie von mir im Oberhofe sagen, versetzte sie
scheu. Sie entfernte sich von ihm.
    Wohl! Wohl! rief er halbzornig. So setze dich denn nieder bei deinen
Kameradinnen; fr mich ist aber nicht gedeckt, ich gehe zu Wald! - Er ging
trotzig einer Seitenpforte zu, die in das Freie fhrte. Ein stechender Schmerz
sa ihm im Herzen. Um nichts, wenn ihr wollt. Das ist die Liebe. - Aber er hatte
noch nicht die Pforte erreicht, als er seine Schulter leise angerhrt fhlte. Er
wandte sich um; Lisbeth war ihm nachgefolgt. - Wenn sie dir nichts zu essen
geben wollen, da mag ich auch nichts, und wo du bleibst, bleibe ich auch; sagte
sie herzlich und zog ihn, bevor er etwas erwidern konnte, nun selbst durch die
Pforte in das Freie. Er umfate sie und beide sprangen durch Wiese und Feld.

                               Siebentes Kapitel



Der vornehme Herr vom Hofe macht vergebliche Anstrengungen, sich herabzulassen.
             Der Spamacher Steinhausen wird jedermann verstndlich

Die Braut sa quer vor dem Tische und rhrte keinen Bissen an. Der Brautvater,
welcher dem Auftritte zwischen dem Jger und Lisbeth aus der Entfernung
zugeschaut hatte und infolge desselben den Platz der dritten Jungfer leer
bleiben sehen mute, flsterte gekrnkt und ingrimmig: Dieser Untugend werde
ich noch vor Abend mit der Manier ein Ende machen. - Auch er a wenig. Desto
angelegener lieen die Bauern sich dieses sein, hatten ihre Messern, ein jeder
das seinige aus der Tasche hervorgezogen, womit sie ohne Gabeln fertig zu werden
wuten, und sprachen den Hhnern tapfer zu, ohne darber ihre mutigen Vorstze
auf Schinken, Mostertstcke und Braten daranzugeben. Eine unendliche Last von
Ebarem dampfte auf den Tafeln, fast schien es selbst diesen Appetiten
gegenber, unmglich, alles zu bewltigen, wenn nicht dennoch die Schnelligkeit,
womit die ersten Gnge vom Angesichte der Welt verschwanden, dazu die Aussicht
gegeben htte. Alles schrotete, kute, schluckte, und es ist nicht erlogen -
denn ich bin ja nicht Mnchhausen, oder wenigstens nur zur Hlfte er -, wenn ich
sage, da mancher Bauer binnen wenigen Minuten ein ganzes Huhn berwunden hatte,
und da ein Schinken fr sechs Mann nur so eben zureichte. Auch die Stdter
lieen sich die reinliche, derbe Kost trefflich munden, der Schirrmeister aber
a fr zwei Bauern und trank fr drei. Was das Getrnk betrifft, so mu ich
leider, wie undichterisch dies klingen mag, von Bier berichten. Jeder hatte
seinen irdenen Deckelkrug gefllt vor sich stehen, und wenn derselbe geleert
war, so klappte der Inhaber auf eine eigene landesbliche Weise mit dem
zinnernen Deckel, worauf frische Fllung erfolgte. Selbige besorgte der erste
Aufwrter, der Brutigam, aus einer mchtigen Schleifkanne eingieend, mit
welcher er, eine weie Serviette vorgesteckt, die Tafeln umkreiste. Dieser Knig
des Festes hatte von seinem Ehrentage nichts als Prgel vorhin und Mhe anjetzt,
denn die Deckel klappten unaufhrlich, bald hier, bald da. - Nur der Diakonus
und die stdtischen Gste erhielten Wein vorgesetzt. Der Schulmeister lag der
Aufwartung in betreff des Festen ob, flink und gewandt, recht heiter in diesem
Geschfte.
    Es gab unter den Gsten nur zwei, welche die allgemeine Befriedigung nicht
ganz teilten, der eine aus Verlegenheit, der andere aus Furcht. In Furcht befand
sich nmlich der Kster und in Verlegenheit der vornehme Herr vom Hofe. Dem
Kster htte der grte Irrenarzt von Europa ein schriftliches Zeugnis
einhndigen knnen, da der Schulmeister bei Sinnen sei, es wrde ihm doch nicht
wohl geworden sein in der Nhe dieses Menschen, der mit so gefhrlichen
Werkzeugen, wie Schsseln, Tellern, Messern, unbewacht um ihn her hantierte. Er
dachte im stillen an alle die Flle, worin ein Verrckter, lange Zeit scheinbar
hergestellt, pltzlich wieder wtend geworden ist, und nun mit dem, was er
gerade in der Hand hat, dem nchsten, besten die Hirnschale zerschmettert.
Diesem Schicksale wenigstens einigermaen vorzubeugen, setzte er unter dem
Vorwande, da es in dem von Hitze glhenden Flure khl ziehe, seinen Hut auf,
obgleich dies allgemein auffiel. Wirklich war der arme Kster in einer traurigen
Lage. Seine Elust berstieg womglich noch die des Schirrmeisters, der heutige
Tag war ein solcher, an dem er hatte zeigen wollen, was Kinnbacken zu leisten
vermgen, und nun ging ihm dieser schne Traum so hlich aus. Denn nichts
hindert den Menschen mehr am Schlucken als Furcht und Angst. Der Kster fhlte
sich unglaublich gehemmt. Hatte er eben auch in einem selbstvergessenen
Augenblicke einen starken Bissen zum Munde gefhrt, etwa eine Hhnerkeule oder
einen Streifen Rindfleisch von der Mchtigkeit einer halben Hand, siehe! so flog
hinter ihm der aufwartende Schulmeister, vielleicht eine Kelle in der Faust,
vorbei, und Hhnerkeule oder Rindfleischstreifen saen ihm auf der Stelle fest,
verzaubert, wie Schiffe auf dem Lebermeere, zwischen den Zhnen. - Umsonst
suchte er durch hufiges Trinken die hinabfhrenden Wege geschmeidiger zu
machen; der Schreck erhielt seine Kehle in Trocknis trotz alles Gieens. So,
zwischen Entsetzen und Appetit, glich er, wenn dieses Gleichnis nicht zu niedrig
klingt, dem Hunde, der vor einer erwischten Bratwurst sitzt, vor Wollust
zittert, sie zu verschlingen, und dabei scheu nach dem Herrn sieht, der aus der
Entfernung bereits mit der Peitsche herbeieilt.
    Der vornehme Herr vom Hofe machte unterdessen vergebliche Versuche, sich
herabzulassen, und geriet darber in Verlegenheit. Er sa zwischen dem
Hofschulzen und dem Diakonus und hatte gegenber zwei Bauerfrauen, die bei ihren
Mnnern saen. Als das gewaltige Essen begann, fhlte er wohl, da er in diese
Ttigkeit nicht einzugreifen vermge, auch erregten ihm die Speisen keinen
Hunger und er begngte sich, nur zum Schein etwas auf den Teller zu nehmen. Dort
aber blieb es unberhrt liegen, ungeachtet der Hofschulze, der seine Kost nicht
gern verschmht sah, ihn mit einiger Empfindlichkeit ntigte, auch zu essen. Das
konnte er nicht, jedoch bestrebte er sich, leutselig zu sein, denn zu diesem
Ende und um das Volk, soviel an ihm war, durch hinreiende Manieren fr den
Thron gewinnen zu helfen, war er ja nur wieder unter die Bauern gekommen.
    Um in diese Manieren einen gewissen Fortschritt vom Geringeren zum Greren
zu bringen, sah er die gegenbersitzenden Bauern mit einer sen Freundlichkeit
an und winkte dazu gndig mit dem Haupte, als wollte er sagen: Nun, schmeckt's,
ihr ehrlichen Landleute? - Darber lachten aber die Bauern, und einer stie
seinen Nachbar an mit den Worten: Ist der Kerl verrckt? - Der vornehme Herr
vom Hofe glaubte, als er des Lachens inneward, seine Huld nicht deutlich genug
von sich gegeben zu haben, er beschlo daher, zuvrderst das andere Geschlecht
zu gewinnen, lie sich zwei Teller geben, stellte sie vor sich hin, schnitt zwei
gute Stcke von dem vor ihm stehenden Truthahne ab, legte sie auf die Teller und
reichte diese Leckerbilein den beiden Bauerweibern, die noch ziemlich rund und
hbsch waren. Die Weiber, zugleich mit einer artigen Redensart, welche ihnen
unverstndlich blieb, angesprochen, guckten verlegen, rot und stumm auf die
Teller, ohne die Gaben der Courtoisie anzurhren. Ihre Mnner aber sahen mit
sonderbaren Blicken nach dem Geber hinber; der eine nahm seiner Frau den Teller
mit den Worten: Du brauchst nicht von anderer Leute Tellern zu essen, du hast
deinen eigenen; weg und reichte ihn dem soeben geschftig vorbeifliegenden
Schulmeister. Der andere warf ihn sogar rgerlich mit der Befrachtung unter den
Tisch, indem er halblaut rief: Was zu grob ist, ist zu grob! - Der vornehme
Herr vom Hofe begriff durchaus diese Einhergnge nicht, er suchte sich rechts
und links, gerade und schrge hinber so liebenswrdig als mglich zu machen,
aber alles war vergebens, weil er immer mit holder Ungezwungenheit, die zwischen
die festgestellte Ordnung der Tafel trat, dartun wollte, da es ihn gar nicht
beenge, unter so geringen Leuten zu sitzen. Aber das erschien den buerlichen
Tischgenossen eben wie die grte Unart, und bis zum Schweinsbraten hatte sich
flsternd so ziemlich die Meinung festgestellt, da man vornehme Leute fr
hflicher gehalten habe. Der umsonst sich Herablassende, welcher uerlich die
Fassung des Hofes behielt, obgleich ihm innerlich immer bler zumute ward, sagte
endlich zum Hofschulzen: Ihr habt hier recht eigentmliche Sitten, Alterchen.
    Auf diese huldreiche Anrede ma der Hofschulze seinen vornehmen Gast mit den
Augen und versetzte dann stolz und bedchtig: Ich wei nicht, Herr, ob die
Sitten hier anders sind, als anderer Orten, denn ich bin nie ber Brde und
Haarstrang hinausgekommen, habe auch niemalen Lust dazu gehabt. Richtig ist es,
da hier alles mit der Manier zugeht, alles und jedes seine Ordnung, Zeit und
den gewiesenen Platz hat, jedermann die ihm gebhrende Reverenz geniet, so da
ich den Halbhfner, den Ktter, und wer es sonst sein mag, jeden bei seiner
Gebhr nennen mu, freilich aber auch prtendiere, da mich niemand anders als
Hofschulze nennt, das heit, versteht sich, von meinesgleichen, denn, Herr,
hinter den Bergen mgen wohl andere Sitten und Gebruche herrschen.
    Es war gut, da in diesem Augenblicke das letzte Gericht der Mahlzeit, der
Rollkuchen, verzehrt war, und von weiterer Herablassung seitens des vornehmen
Herren nicht mehr die Rede sein konnte, denn man kann nicht wissen, bis zu
welchen unangenehmen Auftritten dieselbe noch gefhrt haben wrde. Der Diakonus
sprach das Gratias, abermals ertnte ein geistliches Lied, und darauf ging alles
von den Tischen, die gleich einem Schlachtfelde nur noch Knochen, Gerippe und
Schwarten zeigten. Die Weiber tranken Kaffee, die Mnner setzten ihr Biertrinken
fort, die Musikanten stimmten allgemach ihre Instrumente. Steinhausen, der
Spamacher, begann sein Amt, indem er von einer Gruppe zur andern ging, hier das
Rtsel aufgab: wann der Hase ber die meisten Lcher laufe? dort einen Rotkopf
warnte, er solle nicht so nahe an die Scheune gehen, um nicht Feuer anzulegen,
einem dritten Haufen die Geschichte vom Prinzen Pralle erzhlte, der gefallen
sei vom Stalle, htte weinen wollen, aber keine Augen gehabt, und was
dergleichen mehr war an Rtseln, Schwnklein und Psslein, die er auf jeder
Hochzeit anbrachte und die nie ihre Wirkung verfehlten. Die Bauern lachten, da
die Hofesmauern htten Risse bekommen mgen; wen er recht entzckte, der gab ihm
einen Puff, nicht eben allzu sanft, worauf Steinhausen einen Klaps zurckgab,
oder mit den Fen ausschlug, wie ein Pferd, ohne da diese Ttlichkeiten
irgendeine Strung des guten Vernehmens und des allervollkommensten
Verstndnisses hervorbrachten, welches zwischen dem Spamacher und seinen
Zuhrern herrschte.
    Whrend man so dort einander durchaus begriff, dauerten in einer andern Ecke
des Hofes die Miverstndnisse fort. Der vornehme Herr hatte sich nmlich mit
dem alten Hauptmann in ein Gesprch eingelassen, welches eine patriotische
Frbung erhielt. Der Alte war sehr gesprchig ber die Affren, denen er auf der
vaterlndischen Seite beigewohnt, und erging sich mit Behagen in diesen
Kriegesgeschichten. Jener Kavalier war vorzeiten dem Hauptquartiere attachiert
gewesen, und konnte also so ziemlich folgen. Im Verlaufe dieser Unterredungen
rief er pltzlich mit einem feucht verklrten Blicke: Diese groe Zeit, die der
Herr segnete! Was fr herrliche Frchte hat sie aber auch gebracht! - Er
faltete die Hnde dabei.
    Das Gesicht des alten Hauptmanns wurde so trocken, wie ein Sandfeld, welches
seit sechs Wochen keinen Regen gesehen, und er versetzte: Frchte? Ei!
    Ein Vaterland! rief der Hofmann mit Pathos.
    Der alte Hauptmann hatte etwas zuviel Wein getrunken. Er schttelte sich,
als ob er, mit Erlaubnis zu reden, an Ungeziefer litte und polterte dann
rcksichtslos: Vaterland! - Schwere Angst! Und alles vergessen oben, was
geschehen, mit Schlauchspritzen die Feuer ausgespritzt, und wenn wir knftiges
Jahr das Jubilum feiern, vermutlich damit wegkriechen mssen beiseite, nur
damit so geduldet werden, keine Anerkennung, keine Untersttzung von - -
Donnerwetter! Verzeihen Exzellenz, da ich Sie stehen lassen, aber ich kann die
Pfeife nicht entbehren und will sie mir dort bei den Bauern anstecken.
    Er ging und lie den Kavalier stehen, dessen Beziehungen im Oberhofe
anfingen mythisch zu werden. Im Grunde war es ihm lieb, da der alte Offizier
sich so brsk von ihm entfernte, denn er erwog, da der angeregte Gegenstand zu
zarter Natur sei, um ihm, in seiner Stellung so nahe dem Throne, ein ferneres
Gesprch zu verstatten.
    Ein Unwille hatte sich seiner Seele bemeistert, er nahm sich vor, geeigneten
Ortes ein Wort ber den in diesen Gegenden herrschenden schlechten Geist fallen
zu lassen, vorderhand aber seine Rolle rein auszuspielen. - - Wenn diese
Bestien die feineren Andeutungen von Gte und Huld nicht verstehen, so will ich
mich gleichsam encanaillieren, sagte er fr sich. Er trat zu einer Gruppe von
Bauern, welche Steinhausen eben verlassen hatte, fate zwei bei der Hand (denn
er konnte sich dazu verstehen, weil er Handschuhe trug) und rief im biedersten
Hoftone, dessen er mchtig werden konnte: Wie freut man sich, wenn man immer in
Zwangsverhltnissen leben mu, darf man einmal unter euch gemtliche, von jeder
Fessel der Konvenienz entbundene Naturmenschen treten!
    Dieses Lob klang den Bauern wie Chaldisch, und sie begannen sich nun vor
ihrem Gnner zu frchten, denn sie meinten, er habe ihnen eine neue Steuer
ankndigen wollen. Sie wichen daher, wie in der Kirche, scheu vor ihm zurck,
und die beiden an der Hand Ergriffenen steckten die Hnde in die Rocktaschen. -
Der Diakonus, welcher die ganze Zeit ber den Mhwaltungen seiner vornehmen
Bekanntschaft mit Behagen gefolgt war, trat zu dem unglcklichen Herablassenden
und sagte: Exzellenz, die Leute sind zu dumm, um Sie zu fassen. brigens bin
ich der untertnigen Meinung, da Sie, wofern Sie lnger unter ihnen verweilten,
bald von Ihrem Glauben zurckkommen wrden.
    Wieso?
    Gemtlich sind die Bauern gar nicht. Exzellenz, die Leute haben keine Zeit
zum Gemt. Gemt kann man nur haben, wenn man wenig zu tun hat, der Bauer aber
mu sich zuviel placken und schinden, um sich auf das Gemt legen zu knnen. Er
ist durch und durch gerader Verstand, Ernst, Eigensinn und erlaubter Eigennutz.
Weil diese Mischung nun aber wie fr die Ewigkeit bei ihm zu sein scheint, so
hat sie etwas Ehrwrdiges, etwas so Ehrwrdiges wie der Granit, der auch, hart
und schwer, die Erde hlt. Der Bauernstand ist der Granit der brgerlichen
Gemeinschaft.
    Sie mssen sie besser kennen. - Wenigstens aber hatte ich darin recht, da
ich sie von den Fesseln der Konvenienz gelste Naturmenschen nannte.
    Im Gegenteil - Exzellenz verzeihen - der Bauer ist zwar viel im Freien,
aber nichts weniger als ein Naturmensch. Er hngt so sehr von Konvenienz,
Herkommen, Standesbegriffen und Standesvorurteilen ab, wie nur die hchste
Klasse der Gesellschaft. Im Mittelstande allein gilt die Freiheit des
Individuums, in diesem Stande fliet einzig der Strom der Selbstbestimmung nach
Charakter, Talent, Laune und Willkr. Der Bauer denkt, handelt, empfindet
standesmig und hergebrachterweise. Die Abstufungen werden in den Drfern
wenigstens ebenso festgehalten als in den Schlssern und Palsten. Ich
unterstehe mich, Ihnen zu versichern, da dieser Hofschulze auf den Kolonen mit
demselben Stolze hinuntersieht, wie nur der reichste Majoratsherr auf den
Briefadel von gestern blicken kann. Ich wollte es keinem Burschen aus einem
kleinen Hofe raten, um die Tochter aus einem Oberhofe zu freien. Dieselben
Verwickelungen wrden entstehen, als in dem Falle, wenn ein Kaufmannsdiener zu
einer Erbgrfin emporblickt. Gerade hier - vom Oberhofe - geht eine alte
halbverklungene Sage umher, die den schauderhaften Ausgang einer solchen
migewandten Neigung meldet. Durch meinen nahen Verkehr mit diesen Leuten hat
sich die Ansicht bei mir festgestellt, da der Bauernstand nur einen zweiten ihm
hnlichen hat, den sogenannten alten oder hohen Adel, wo ein solcher nmlich
noch wahrhaft besteht. Der Mittelstand ist eine von beiden ganz verschiedene
Schicht. Bauer aber und hoher Aristokrat stimmen darin berein, da ersterer
sowohl als letzterer weniger sich, als ihrer Gattung angehren, zuvrderst Bauer
sind und Aristokrat und erst nachher Mensch.
    Der mythische Kavalier, welcher diese unerwartete Parallele zu hren bekam,
schwieg einige Zeit tiefsinnig. Dann versetzte er: Sie haben, Herr Prediger,
dieses mehr aus Bchern. Ich versichere Sie, da wir mit der Zeit
fortgeschritten sind. Wir heiraten sogar Jdinnen.
    Exzellenz, fuhr der Diakonus mit aller Vergessenheit eines deutschen
Gelehrten heraus, der Adel, den Sie meinen, ist ein reines Garnichts und kommt
mir hchstens vor wie der Schwamm im Hause.
    Hierauf wollte die Exzellenz ein Gesicht machen, welches erhaben aussehen
sollte; es lie sich jedoch nur vornehm an. In diesem Augenblicke kam sein
Privatsekretr und meldete, da der Wagen, zur Weiterreise fertig, vor dem Hofe
halte. Er ging hierauf, sehr hflich von dem Hofschulzen und dem Diakonus
geleitet, zur Pforte, wo er beide entlie. Gedanken hatte er nicht ber das
Vorgefallene, sondern nur die Absicht, auch den Diakonus als unruhigen Kopf bei
Gelegenheit zu denunzieren.
    Dieser ging mit dem Hofschulzen still lchelnd zurck, sagte aber nichts. Im
Baumgarten spielten die Musikanten auf und der Tanz begann. Der Brutigam,
welcher nun endlich auch zu einem Vergngen gelangte, fhrte zuerst die Braut
auf, dann brachte er sie den nchsten Anverwandten, einem nach dem andern zu, um
auch ein Gngelchen mit ihr zu machen. Erst tanzten sie Menuett, einen Munteren
darauf, und dann den sogenannten Schustertanz mit seinen possierlichen Sprngen.
Das Gras im Baumgarten war bald niedergetanzt und der Boden so glatt geworden
wie eine Tenne. Die Kpfe hatten sich erhitzt, die Mnner jauchzten, die Mdchen
kreischten und es war viel Lrmens, Springens und Jubilierens im Oberhofe.

                                 Achtes Kapitel



                         Eine Idylle in Feld und Busch

Indessen liefen der Jger und sein Wild durch den Eichenkamp nach den
Kornfeldern, Triften und Hgeln. Das Wild floh nicht vor dem Schtzen, es lie
sich kssen und streicheln; es war ein sehr zahmes Wild geworden. Der Jger
trieb tausend Possen mit dem Wilde, er ringelte die gelben Locken sich um die
Finger, und dann kte er sie, er drckte, wenn die weien Zhne seines Mdchens
zwischen den Lippen zu sehr hervorschienen, die Lippen sanft zusammen und sagte,
das Gesichtchen sei nicht fertig geworden und er msse es vollenden. Er fate
das feine Ohrlppchen, und kniff es etwas, doch nicht allzusehr. Dann zupfte er
sie auch wohl am Kleide und wendete sich um und tat, als habe er es nicht getan.
Solche kindische Possen trieb der erwachsene Mensch. - Lisbeth ging still mit
freudeschwimmendem Gesicht fr sich hin und ihre Hnde falteten sich oft
unwillkrlich wie zum Gebet. Zuweilen flsterte sie: O du! Aber weiter sagte
sie nichts. Trieb der Jger seine Possen zu arg, so drohte sie ihm mit dem
Finger, dann sah er sie aus seinen dunkelblauen tiefen Augen so ernst an, als
zgen Gedanken der Ewigkeit durch seine Seele. Dann lachte sie und rief: Ich
frchte mich vor dir, und er schmeichelte: So flchte dich in Sicherheit! und
breitete die Arme aus. Das tat sie denn auch. Sie strzte mit heftiger
Zrtlichkeit wider seine Brust, da die Locken schtterten und manche sich
lsete, und dann ruhten sie lange umschlingend umschlungen, er in ihr und sie in
ihm, der einige, ganze, vollkommene Mensch.
    Er nannte sie sein Herz, sein Mdchen, sein Reh. Sie nannte ihn nur Oswald,
aber immer mit einem anderen Ausdrucke, und alle Tne auf der Laute der Liebe,
vom schwrmerischen Entzcken bis zum scherzenden Schmeichelgeflster klangen
und zitterten in dem einen Worte. Sie hatte keine eigentlich schne Stimme, es
lag darin etwas Bedecktes, Rauhes, aber seit heute quoll etwas unendlich Ses
aus dieser Umhllung hervor. Es war, als ob auch die Psyche ihrer Tne erwacht
sei und die Flgel nach Entfaltung rngen.
    Jeder dieser Scherze, alle diese Possen und die kleinsten Kleinigkeiten
hatten einen Engel, der nahm sie und legte sie am Throne Gottes nieder. Denn es
war die erste Liebe, die echte, die einzige, die in diesen beiden jungen,
unschuldigen Herzen brannte und klopfte! In der Flle ihrer Vorahnungen, von
gesunder, treibender Hoffnung schwanger, hatten sie einander gefunden, kein
Entsagen, keine Tuschung hatte sie noch um einen Tropfen warmen Blutes
gebracht, vollendet, wie Aphrodite aus dem Schaume des Meeres, erstand ihnen das
Glck. Das ist die Liebe, die wie jene Wunderpflanze aus Osten, vor unseren
sichtlichen Augen wchst.
    Diese Liebe kmmert sich nicht um die Landesstege und -wege. Der Jger und
sein Wild hatten nach der schnen Blume gehen wollen, vergaen aber diesen
Vorsatz, ehe sie noch fnfhundert Schritte vom Hofe waren. Sie gingen, liefen,
schwankten umher, sie wuten nicht, wo? War der Himmel nicht berall blau, war
die Erde nicht allerorten grn? - Es gingen Leute vorber, die sahen sie nicht;
zuweilen hatten sie gar keinen Weg unter den Fen, des achteten sie nicht.
Zufllig kamen sie so Hand in Hand auf die Hhe am Freistuhl. Ei! rief der
Jger, das ist schn, wie fromme Pilgrime sollen wir alle Stationen besuchen.
- Er fhrte sie zu dem Steine, darauf sie in jener Schmerzensnacht zusammen
gesessen hatten.
    Das berreife Korn, welches der Hofschulze noch immer nicht hatte schneiden
lassen, knickte fast unter der Brde seiner hren, die Sonne schwamm wie ein
zerflossenes Gold in diesem Segen, und doch war die Stelle khl und frisch, denn
aus dem Forste wehte ein gelinder Wind. Die Kronen der Linden ber ihnen
schauerten leise. Da saen sie nun wieder, glcklich vereinigt und schauten ber
die helle freundliche Gegend hin und freuten sich, da sie auf der Welt waren. -
Ich will deine Wunden um Verzeihung bitten, sagte der Jger, nahm ihr das Tuch
ab und kte die feinen roten Pnktchen zwischem dem Busen und der glnzenden
Schulter. Sie duldete es ohne Struben, sie hatte die kleinen Hnde kreuzweise
auf ihren Scho gelegt, so sa sie da, ein ergebenes Opfer der Liebe, aber sie
sah ihn schamhaft bittend an. Den Blick ertrug er nicht, Trnen strzten ihm aus
den Augen, wie damals, als er mit ihrem Hubchen sein Spiel trieb, er legte ihr
hastig das Tuch um Busen und Schulter, fiel ihr zu Fen, drckte ihre Kniee
wider sein Herz und lief dann eine Strecke von ihr weg auf den Rain, um seiner
Bewegung Meister zu werden.
    Als er zurckkam, fand er sie nicht mehr auf dem Steine. Bestrzt blickte er
umher. Da erscholl ein leises Kichern aus einer der alten Linden. Er sah
erstaunt nach dem Baume und machte eine Entdeckung, die er frher bersehen
hatte. Der Baum war hohl und bot in seinem Inneren gerumigen Platz fr ein
Versteckens dar. Er zog sein Mdchen scherzend und schkernd heraus.
    Nun stand sie vor ihm, und er ma ihre Gre an der seinen. Sie reichte ihm
gerade bis zur Brust, hatte also das rechte Ma, denn der Kopf des Weibes soll
nur bis zum Herzen des Mannes reichen, dann gibt es den echten Bund, den rechten
Bund. Er fate sie bei beiden Hnden, sah ihr liebevoll in die klugen, treuen
Augen, und fragte sie; Sag mir an, meine Lisbeth, wie ist es nur zugegangen,
da du so geworden bist, so eigen, tief und sonderbar?
    Wie bin ich denn? fragte sie unschuldig. Ich bin, wie ich bin, wie soll
man anders sein? Ich tat, was mir oblag, viel verdanke ich auch dem Frulein und
dem alten Herrn Baron, die beide so klug und gebildet sind. Was in den Bchern
stand, die ich fr mich las, behielt ich, und dann hatte ich jederzeit schon als
Kind ber alles meine Gedanken, von denen ich gar nicht wute, woher sie kamen.
    Die werden wohl das Beste an dir getan haben, meine Lisbeth. Wollen wir nun
zur schnen Blume gehen? Mich dnkt, sie blht nahebei.
    Sie nahm seinen Arm, bat ihn aber, nun vernnftig zu sein. Sie gingen durch
den Forst, kleine grne Stege hinab. Sein Herz, ihr Herz war ruhiger geworden,
sie genossen sich und ihre Seligkeit gesnftigter; eine Sabbatstille hatte sich
in ihre Busen gesenkt. Von gleichgltigen Dingen sprachen sie, dazwischen von
ihrer Zukunft, die wie ein rosenroter Traum vor ihnen schwebte. Sie sagte ihm,
er mge nur alles so einrichten, wie ihn gut dnke, wenn er wolle, sei sie die
Seinige; an der Einwilligung ihrer Pfleger zweifle sie nicht.
    Ich auch nicht! rief er mit unwillkrlichem stolzem Jauchzen. Sie sah ihn
fragend und erstaunt an. Er erschrak und suchte sich mit einer bel erfundenen
Ausrede zu helfen, die nur ein liebendes Mdchen glauben konnte. Von seinen
Verhltnissen wute sie nichts, sie hatte auch eigentlich nie so recht danach
gefragt. War nicht sein Blick treu, seine Rede ehrlich und verstndig, der Druck
seiner Hand sanft und bieder? Hie er nicht Oswald Waldburg? Was brauchte sie
mehr zu wissen? - Er aber hatte sich einen Streich heute ausersonnen, einen
Streich - bei dem Gedanken an das Gelingen dieses Streiches schwindelte ihm der
Kopf vor Freude. Er wollte die Wonne genieen, sein Liebstes mit einer Flle von
Glck zu berraschen.
    An der Senkung des Forstes, da wo er in die Wiesen auslief, begegnete ihnen
eine Frau mit einem Korbe voll frher pfel. Er kaufte ihr einige ab, denn,
sagte er, wir mssen doch an unsere Wirtschaft denken. Wenn wir noch ein
Stckchen Brot dazu htten, so knnten wir eine Herrenmahlzeit halten. - Damit
will ich Ihnen dienen, sagte die Frau, ich habe Weibrot aus der Stadt
mitgenommen, um es in den Kotten umher zu verkaufen, wenn Sie mir aber etwas
abnehmen, brauche ich es nicht weiter zu tragen. Sie ffnete ein weies Tuch,
welches sie nebst dem Korbe trug und er nahm zwei Brtchen heraus.
    Nun gingen sie quer durch die Wiesen und nicht lange, so sahen sie ihren
lieben Platz, den sie seit dem ersten Zusammentreffen noch nicht wieder besucht
hatten. Als sie die Bsche erblickten, die kleinen Felsen und die schwarzen
Baumtrmmer, freuten sie sich wie die Kinder. Ihr erster Gang war nach der
Blume. Die war aber inzwischen verwelkt und die roten Kelche hingen bla und
erschpft vom Stengel herunter. Lisbeth seufzte, er aber sagte: Die Blume
starb, die Liebe lebte auf, geben wir der Blume ein Grab im Heiligtume der
Liebe! Er streifte die Kelche vom Stengel, pflckte das Blatt einer wilden
Lilie, bereitete daraus ein Rllchen, steckte das Verwelkte hinein und reichte
Lisbeth den kleinen grnen Sarg. Sie sah ihn, eine Trne im Auge, an, dann schob
sie ihn unter ihr Tuch und bestattet ihn an ihrem Busen.
    Es war zwischen Nachmittag und Abend und das Wasser unter den kleinen Felsen
schickte berauschenden Duft empor. Nun wollen wir speisen wie die Knige! rief
er frhlich. Bist du hungrig? - Ei ja, versetzte sie lachend, es ist nicht
wahr, da die Liebe von der Luft lebt. - Hre, mein Herz, sagte er, da hast
du eine khne Wahrheit ausgesprochen, wirst es aber mit allen Romanschreibern zu
tun bekommen. Im Vertrauen: Mich hungert auch! - Es ist doch ein Unterschied,
sagte sie lchelnd. Sie nahm jetzt seinen Ohrzipfel, wie er frher ihren, legte
die Lippen an sein Ohr und flsterte: Man hungert wohl, aber der Hunger tut
nicht so weh.
    Sie wollte sich auf einen Baumtrumm ihm gegenber setzen, er zog sie auf
seinen Scho. Sie a aus seiner Hand, und er a aus ihrer, und so vollbrachten
sie ihr kleines Mahl von Brot und pfeln. Dann setzten sie sich unter einen
Haselstrauch am Bache und sahen den klaren Wellchen zu und den Fischlein, die
darin hin und her scherzten. Du knntest mir jetzt einen Gefallen tun und mir
dein Waldmrchen erzhlen, wovon du mir schon fter sprachest, sagte sie.
Ach! rief er, haben wir nichts Besseres zu tun, als erzhlen und vorlesen?
Er wollte sie umarmen, sie entzog sich ihm aber, legte einen Zweig von der
Haselstaude zwischen ihn und sie und sagte: Da bleib jenseits sitzen und
erzhle, zum Kssen haben wir immer noch Zeit genug.
    Er zog die Bltter und Blttchen, auf welche er das Mrchen geschrieben
hatte, und die er zufllig bei sich trug, aus der Tasche, las und erzhlte frei,
wechselsweise. Wenn er ein Blatt zu Ende gelesen hatte, so warf er es in den
Bach, da trugen es die Wellen davon. - Was tust du? fragte Lisbeth. - Es hat
seine Bestimmung erfllt, wenn du es gehrt hast, versetzte er. - Die Wellen
lieen es aber nicht verlorengehen, sie trugen es zu mir; ihr sollt es nachher
hren.
    Anfangs hrte sie achtsam zu und lie sich manches erklren, was sie nicht
verstand. Spterhin schien sie zerstreut zu werden. Sie flocht ein Krnchen von
Blumen und Gras, wie um durch diese Arbeit ihre Gedanken zusammenzuhalten. Auch
er eilte zum Ende, seine Fabel gefiel ihm nicht mehr. Dieser Wirklichkeit
gegenber schien ihm sein Ersonnenes matt und schal.
    Als er auserzhlt hatte und sie nichts sagte, fragte er sie, wie es ihr
gefallen habe. - Ja sieh, erwiderte sie schchtern, es ging mir eigen mit
deinen Wundern im Spessart. Ich glaube, ich htte sie in der Stube hren mssen,
da wrde ich mir den Wald hinzugedacht haben, aber hier unter den grnen
Blttern, bei den wehenden Winden und dem flieenden Wasser kam mir alles so
unnatrlich vor, und ich konnte nicht recht daran glauben.
    Die Antwort machte ihn froh, als habe er das begeistertste Lob vernommen. -
Aber deinen Lohn sollst du dennoch erhalten, denn manches hat mir sehr darin
gefallen. Ich hab' dir ein Krnlein geflochten, damit will ich dich krnen als
meinen Knig und Herrn, sagte sie liebreich.
    Er sank vor ihr nieder, drckte sein Gesicht an ihren Leib und empfing die
Blumenkrone von ihr auf seinem Haupte. Zu ihr aufschauend mit verklrten Blicken
rief er: Weihe meine Lippen, da sie immer Reines reden! Lege deine Finger auf
sie! - Ihre Hnde hatten die Eigenheit, da sie oft pltzlich erkalteten, was
freilich auf ein warmes Herz deutete. So war es auch jetzt. Er fhlte die reine
Khle an seinen heien Lippen, er sog sie ein; sie schauerte ihm wie
Tempelschauer bis in das tiefste Herz. Lieblich fhlte sie dagegen ihre Finger
von seiner Lippenglut erwrmt.
    Das Abendrot glnzte durch die Klippen und Bsche. Trunken gingen sie lngs
des Baches auf und nieder. Ein Lied fiel ihm ein, er sang:

Meine Liebe, meine Lieb' ist ein Segelschiff,
Auf hohem Meer zwischen Bank und Riff;
Der Kiel so stark und der Wind so gut,
Und das Schiff fhrt weiter und weiter voll Mut.

Meine Liebe, meine Lieb' o du Segelschiff,
Und frchtest dich nicht vor Bank und Riff? -
Ich frchte mich nicht vor Riff und Bank,
Mich treibet hindurch guten Windes Drang.

Meine Liebe, meine Liebe, und weit du denn,
Wohin die khnliche Fahrt soll gehn? -
Wei nicht, wohin mich fhret der Wind,
Wei nur, da die Segel blhet der Wind.

Der Pilot, der schlief am Steuer ein,
Trumt von Wundergestaden, vom Palmenhain,
Statt seiner fate das Steuer ein Gott,
Nach Wundern und Palmen der beste Pilot!

Sie hatte dem Liede fast ngstlich zugehrt. - Ei, wie bist du darauf
gekommen? fragte sie. Das pat nicht auf unsere Liebe, unsere Liebe ist ein
Nachen, der auf dem Spiegel eines klaren Weihers schaukelt. - Es ist auch
nicht auf unsere Liebe gemacht, versetzte er, es ist das Lied eines Freundes,
meines besten Freundes, an dessen gefhrliche Liebe ich in meinem Glcke denken
mu. Sein Liebesschiff fhrt dahin durchs wste Meer, und mge ein Gott an
seinem Steuer stehen, wie er gesungen hat!
    Ach, das mu wohl eine verwegene frevelhafte Liebe sein, die Liebe deines
Freundes, deren Schiff so dahinfhrt!
    O nein, Lisbeth, eine fromme Liebe, eine heilige Liebe, und dennoch starren
die Widersprche ringsum sie her, wie Klippen!
    Kann denn auch die fromme Liebe ein solches Schicksal haben? fragte sie. -
O Kind! Kind! rief er, von einem seltsamen Schauer gefat, la uns nicht
weiter davon sprechen! Gebe der Himmel, da unsere Liebe nicht - Ich will dir
etwas sagen. Ich gehe gleich nach dem Schlosse zu deinen Pflegern und bringe
unsere Sache in Ordnung. Noch vor vlliger Nacht erreiche ich wohl den Ort auf
der Hlfte des Weges, da schlafe ich, und bin morgen in der Frhe am Ziel und am
Abend wieder bei dir.
    Er wollte sie erst nach dem Oberhofe zurckgeleiten. Nein, sagte sie, la
uns hier auseinandergehen, hier wo wir so froh waren! - Er gab ihr eine Rolle
Gold, die er jetzt immer bei sich tragen mute, weil er keinen Verschlu dafr
hatte, und bat sie, ihm sie zu verwahren.
    Sie schieden. Als sie eine Strecke auseinandergegangen waren, sahen sie sich
um, eilten noch einmal zurck, umschlangen sich inniglich, ohne zu reden, und
gingen dann stumm ihre verschiedenen Wege, der Jger ber die Klippen der Gegend
zu, wo das Schlo lag, Lisbeth durch die Wiese nach dem Oberhofe.

                                Neuntes Kapitel



                                  Jher Sturz

Nur das Weib wei, was Liebe ist, in Wonne und Verzweiflung. Bei dem Manne
bleibt sie zum Teil Phantasie, Stolz, Habsucht; das Weib wird durch den Ku ganz
Herz vom Scheitel bis zur Fusohle. Da ist keine Fiber, kein Nerv, der nicht
jubelte, oder - jammervoll zuckte!
    Lisbeth kam nach dem Oberhofe, ohne zu wissen, wie. Ihr Busen klopfte, ihre
Wangen waren hei, sie drckte die Rolle Gold zrtlich an ihr Herz, denn er
hatte sie ihr ja gegeben. Unaufhrlich flsterte sie: Er ist gar zu gut; und
wute weiter nichts zu sagen. Ach, das Wrterbuch eines liebenden Mdchens
enthlt nur diese fnf Worte und dann das Wrtlein: du! aber was ist der
Reichtum aller Sprachen gegen die selige Armut dieses Wrterbuches?
    Im Oberhofe tosete das Tanzgelag. Alles hatte sich nun nach dem Baumgarten
gezogen, wo man Lichter und Laternen angezndet hatte, weil die Dmmerung
bereits eingebrochen war. Die Gste, welche nicht tanzten, saen und standen
umher. Lisbeth wurde durch den Lrmen zuerst aus ihren Trumen geweckt, sie
schlpfte von der Seitenpforte, durch welche sie wieder in den Hof eintrat,
rasch in das Haus, um nicht bemerkt und dann wohl gar zum Tanze aufgefordert zu
werden.
    Sie ging nach ihrem Stblein und zndete arglos das Lmpchen an, obgleich
sie sich htte sagen knnen, da der Schein durch das Fenster ihre Anwesenheit
verraten msse. Aber sie hatte zu diesem und allem hnlichen keine berlegung.
Ihre Seele wallte, flutete, es war ihr zumute, als stehe sie auf einem hohen
Berge, rote Wolken zu ihren Fen, rote Wolken, so weit sie blickte, und in der
Ferne ragten goldene Kuppeln aus den roten Wolken hervor. Nun wute sie, was
Glck ist, sie konnte es aber nicht aussprechen.
    Sie setzte sich an das Tischchen im Fenster, sah die Blumen an, die dort im
Glase blhten, dann hob sie ein Blatt der Lilie auf, welches abgefallen war und
vereinigte es wieder sanft mit dem Kelche, dann warf sie durch das Fenster einen
Ku ihrem Wanderer nach und bat die Lfte, den Ku ihm zuzubringen.
    Sie stand auf und ging hin und her, denn ihr Gemt war zu sehnsuchtsvoll und
unruhig. Sie wollte das grne Srglein aus ihrem Busen nehmen, da rhrte sie mit
ihrer Hand an die junge Brust, und es berflog sie bei dieser Berhrung ein
Schauer der Ehrfurcht vor ihr selbst. Ihr Leib kam ihr geheiligt vor, denn sie
war geliebt.
    Aber nicht lange blieb sie in dieser erhabenen Stimmung. Scherzender Jubel
ergriff sie. Sie fate ihre Schrze mit beiden Hnden und machte zu dem Schrei
der Musik da drauen fr sich ein Tnzchen rund um das Zimmer. Dann fiel ihr die
Goldrolle wieder ein, welche sie auf das Tischchen gelegt hatte. - Was sein
ist, ist mein, ich mu doch sehen, wieviel er geerbt hat! rief sie. Er hatte
ihr gesagt, er sei ein Frster aus Schwaben, der nach der hiesigen Gegend
gereist sei, um eine Erbschaft zu heben. Als sie die Rolle ffnete, sah das Gold
sie mit blitzenden Augen an. Sie zhlte und zhlte, das wollte fr sie kein Ende
nehmen. Nimmermehr htte sie geglaubt, da so viel Gold auf Erden sei. - Ach,
ist er so reich? rief sie frhlich in die Hnde klopfend, als sie die hundert
und etlichen Doppelpistolen auf den Tisch gezhlt hatte.
    Da bauen wir uns ein eigenes Haus mit Milchkmmerchen und einem Brnnlein,
klar und kalt! jauchzte sie. Jetzt aber la sehen, wie sich das Gold in eine
Reihe gezhlt ausnimmt, so auf dem Haufen sieht man gar nicht, wieviel man hat.
Ich will es am Boden in einer langen Reihe aufzhlen, und die Lampe stelle ich
dazu, so geht mir nichts verloren.
    So badete der arme schne Findling oben in den Wellen der seligsten Lust.
Der Hofschulze aber sagte zum alten Schmitz, dem Sammler, der auch, wie er, den
ganzen Tag ber verdrielich gewesen war und ihm jetzt erffnete, da er ihn
notwendig ber die Amphora und das Schwert Karls des Groen zu sprechen habe:
Nach diesem, Herr Schmitz, jetzt habe ich eine notwendige Verrichtung. - Er
hatte den Schein des Lmpchens in Lisbeths Stube wahrgenommen und sich sogleich
vorgesetzt, zu ihr zu gehen, um, wie er fr sich sagte, Ordnung in dem Handel
zwischen ihr und dem Jger zu stiften. Ich werde dem Kinde sagen - sprach er,
indem er seinen Hut auf dem Haupte und den Stab in der Hand, langsam und
bedchtig durch den Flur schritt. Bei seinem Vieh stand er einen Augenblick
stille, denn die prchtig geschmckte Blesse sthnte ungeachtet ihres Putzes an
Stirn und Hrnern erbrmlich, und als er hinleuchtete, stand das arme Tier ganz
krumm zusammengezogen. Was ist denn das nun wieder? rief der Hofschulze. -
Was wird es sein? versetzte der Rothaarige, der aus einer dunkeln Ecke des
Stalles hervorkam, trotzig, das Vieh hat seinen Eigensinn, davon ist es krank,
ich habe ihm aber schon was eingegeben. - Der Hofschulze beschaute mit zornigem
Schmerz die Leiden seines besten Stcks; aber auch dieser Anblick entlockte ihm
kein Fluch- oder Scheltwort, sondern er stie nur sein gewhnliches Ei! Ei!
Ei! aus und setzte dann dumpf hinzu: Diese Hochzeit, auf welche ich gespart
und gehofft habe, nimmt ein bles Ende.
    Er stieg die Treppe empor und trat so hart auf, da die Stufen drhnten.
Dann ffnete er die Tre von Lisbeths Stube fest und rauh. Sie hatte die Lampe
in der Hand und in dem Schrzchen die Goldstcke, mit denen sie ihr kindliches
Spiel treiben wollte. Bei seinem pltzlichen Eintritte erschrak sie, fate sich
jedoch und blieb ruhig am Tischchen stehen.
    Etwa eine Viertelstunde mochte er mit ihr in einem Gesprche gewesen sein,
welches sie anfangs gar nicht verstand, als jemand, der unter dem offenen
Fenster vorbeiging, einen Schrei, ein Klingen wie von fallendem Gelde und ein
Gerusch hrte, wie wenn einer zu Boden strzt und dabei ein Gert hart berhrt.
Zugleich erlosch der Schein. Der Mann blieb stehen und gleich darauf kam der
Hofschulze aus dem Hause. - Was gab es da droben? fragte ihn jener. - Eben
nichts, versetzte der Alte. Junge Frauenzimmer sind schreckhaft, wenn man
ihnen die Sache in aller Manier bei dem rechten Namen nennt. Besser Leid tragen,
als Schmach tragen. Er ging in den Baumgarten und gab der ersten Brautjungfer
den Auftrag, hinaufzugehen.
    Das Mdchen verstand ihn in dem Getse nicht recht und meinte, sie solle
Lisbeth zum Tanze herunterholen. Sie sprang rasch hinauf und rief, um sich nicht
zu lange von ihrem Vergngen abzumigen, in die dunkele Stube hinein: Sind Sie
hier? Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen! erschrak aber heftig, als ihr
aus der Ecke des Zimmers ein inniges Schluchzen antwortete. Bestrzt rannte sie
hinab, fand unten ihre Gefhrtin, und beide Mdchen kehrten darauf mit einem
Lichte zurck.
    Nun hatten sie einen Anblick, der selbst diese rohen Geschpfe erschtterte.
Denn an der Stelle, wo noch vor einer Viertelstunde eine Jubelnde und
Frohlockende gestanden, lag nun eine Zerbrochene. Lisbeth war an dem Tische
niedergesunken in ihre Kniee, ihre Arme hingen schlaff herab, schlaff ruhte der
Leib in den Hften, die blonden Locken hatten sich gelst und umflossen das
gebeugte und weinende Gesicht. Das Gold war ihrer Schrze entfallen und hatte
sich, eine blanke Saat, um sie ausgestreut, nicht weit von ihr lag die
ausgelschte Lampe.
    Die Mdchen standen eine Weile verlegen und stumm. Sie wuten mit diesem
Bilde des tiefsten Schmerzes nichts anzufangen. Eine erhob die Lampe, zndete
sie wieder an, und stellte sie auf den Tisch, die zweite wiederholte schchtern
die Worte: Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen.
    Hierauf hob Lisbeth ihr Antlitz gegen sie empor, und nun zogen sich die
Mdchen voll Grauen aus der Stube zurck. Denn die Wangen waren leichenwei
geworden und die Augen in ihren Hhlen zurckgetreten und so voll Trnen, da
sie strmenden Quellen glichen. Die Brautjungfern gingen hinunter zum Tanze,
tanzten, hatten den Vorfall bald vergessen, und Lisbeth blieb allein. Denn
niemand sprach unten von ihr, sonst wre der Diakonus wohl zu ihr gegangen, da
er sie sehr lieb hatte.
    Als sie allein war, begann sie ein Werk, so ernst und traurig, als ihre
Spiele von vorhin frhlich und ausgelassen gewesen waren. Mit einem Blicke des
Ekels und Abscheus sah sie das Gold am Boden an, dann berwand sie sich dennoch,
raffte mit zitternden Fingern die Stcke auf, die nun nur noch ihre Schande
widerspiegeln sollten, und rollte sie wieder ein, indem ein erhabener Hohn ihren
Mund umzuckte. Dann warf sie die Rolle verchtlich in einen Kasten, und
verchtlich warf sie das grne Srglein dazu, und deckte dann ein Tuch ber das
Hingeworfene. Sie fand das Blatt mit den Versen Oswalds an sie; da brachen noch
einmal heftige Trnenfluten aus ihren Augen; es waren die letzten Zhren, welche
sie heute abend weinte. Dann hielt sie das Papier an die Flamme der Lampe, und
sah kalt es verlodern. Das Tuch, welches der Jger ihr geschenkt, zerschnitt sie
und lie die Stcke zu Boden fallen, da, wo die Asche von dem Papiere lag. Nun
nahm sie an sich entshnende Handlungen vor. Sie wusch ihre Finger, die sie auf
seinen Mund hatte legen mssen. Dann wusch sie die Lippen, welche seine Ksse
geduldet und wiedergegeben hatten.
    Alle diese Handlungen verrichtete sie schweigend, nicht einmal einen Seufzer
stie sie aus. Ihr Schmerz war so gro, da er auch nicht durch ein
Selbstgesprch sich erleichtern mochte. - In den Kelch der Rose, den der seste
Hauch soeben aufgeschmeichelt, war ein tzendes Gift getropft worden - fhlt
ihr, wie die Rose in ihren keuschesten Tiefen zucken mute? - Fragt ihr mich, ob
sie dem glauben konnte, was der alte Bauer ihr gesagt, so antworte ich, da ich
es nicht wei. Denn alles wei der Dichter zwischen Himmel und Erden, aber eines
wei er nicht: das Innerste, Feinste, Heimlichste eines liebenden Mdchens.
    Das kann ich sagen: Sie mute ihre Seele schnden lassen, als diese nackt
dalag vor Gott und Oswald, weil sie nichts von ihrer Seele fr sich behalten,
sondern alles an Gott und den Geliebten ergeben hatte. Nur in Gott und in ihrem
Geliebten wollte sie ihre Seele noch besitzen, da hrte sie, da dieser Wille
eine Snde gewesen sei und eine Torheit.
    Sie weinte nicht mehr, ihre Augen waren hei und trocken geworden. Ihre
Gestalt hatte sich gestreckt, sie hielt sich gerader als sonst, ihre Bewegungen
waren langsamer geworden, sie sah vornehm aus. Ruhig ordnete sie ihr Haar unter
dem Mtzchen, welches sie aufsetzte, dann verhing sie das Fenster und
entkleidete sich still und zchtig. Sie lschte die Lampe und bestieg ihr Lager,
auf dem sie sich gerade ausstreckte, die Hnde ber der Brust gefaltet. In
dieser Lage, worin sie kein Schlummer besuchte, obgleich sie die Wimpern
geschlossen hielt, lie sie, ohne da ein Laut von ihr hrbar wurde, wie eine
schne Leiche, die Krfte in sich whlen, welche ein neues Leben der
Auferstehung in ihr entznden wollten.

Whrend die Geliebte so traurige Abend- und Nachtstunden zubrachte, strmte der
Liebende durch das Dunkel frhlich der Gegend zu, die er am andern Morgen
erreichen wollte. Er hatte noch immer sein Blumenkrnchen auf dem Haupte und
noch immer sang er das Schifflied seines Freundes, freilich in lyrischer
Unordnung, oft die letzte Strophe zuerst, und die erste zuletzt, auch wohl Verse
der einen Strophe in die andere hinein. Nun wute er, warum die Frauen ihm stets
eine so wonnevolle Ahnung erweckt hatten, sie waren ihm die Traube gewesen aus
dem Kanaan der Liebe, darin Milch und Honig fliet. An meine Mutter werde ich
freilich nun weniger denken! rief er - oder noch fter als sonst - setzte er
gleich darauf hinzu. Sein Dasein war ihm voll, ganz, gerndet worden.
    Er freute sich seines Streichs, seines Schwabenstreichs. Es ist im Grunde
sehr gleichgltig, da sie Grfin Waldburg-Bergheim wird, sagte er, aber eine
Lust wird es doch sein, wenn ich sie aus dem Wagen hebe in die Fhre ber den
Neckar und sie nun drben auf der grnen Hhe das Schlo mit den beiden
Seitenflgeln sieht und mich fragt: Ei, Oswald, wem gehrt das prchtige Schlo?
- Ich werde dann sprechen: Meine liebe Lisbeth, dem reichsten Kavalier der
Gegend, und ich wollte dir eine unverhoffte Freude machen, ich bin sein Frster,
wir wohnen auch auf der schnen Hhe, dort, sieh, in der kleinen Dienstwohnung,
die du neben dem Schiefertrmchen schaust. Vorlufig bring' ich dich aber ehrbar
zu meiner Frau Base, die bei der Herrschaft Ausgeberin ist. - Nun steigen wir
aus und gehen den Weg durch den Park sacht den Schloberg hinan. Die Leute, die
uns begegnen, gren gar ehrerbietig, da fragt die Lisbeth: Du mut hier gute
Freunde haben, Oswald? - O ja, versetze ich, die Leute halten etwas von mir,
haben aber auch gar manches durch mich. - Nun sind wir am Schlo, gehen durch
eine Hintertre ein, da kein Aufsehen entsteht. Ich bring' sie ins purpurne
Damastzimmer, da wird sie wohl etwas staunen ber die Teppiche und die
Vergoldungen und meinen, sie drfe in dem prchtigen Raume nicht bleiben. -
Bleibe immerhin und mache dir's bequem, Lisbeth, sage ich, der gndige Herr ist
gut und dir schon gewogen, ich habe ihm von wegen deiner geschrieben, werde mir
nur nicht untreu um seinetwillen. - Jetzt habe ich eigentlich vor, da ich aus
dem Zimmer gehen und nach einiger Zeit wiederkehren will, aber ich glaube, da
ich mich nicht werde halten knnen, sondern ich werde mich unter der Tre
umwenden und sprechen: Hr' Lisbeth, noch ein Wort. Nimm mir's nicht bel, ich
hab' dich doch betrogen. Ich bin leider nicht der Frster, sondern nur der Graf
Soundso. Willst du die Frau Frsterin daran geben und seine gndige Frau Grfin
werden? - Da bin ich denn begierig, was fr ein Gesicht sie machen wird. Und
meine Hauptfreude ist, da ich mir denke: sie wird nach dem ersten Schreck eben
gar kein verlegenes oder absonders freudiges machen, sondern sanft und liebevoll
antworten: Du sollst mir so lieb sein, wie der Frster. - Es ist, wie gesagt, an
allem dem wenig gelegen, aber es freuet einen doch, wenn man sein Lieb in Sammet
und Seide kleiden kann, und ihm Perlen um den Hals hngen, und Brillanten in das
Haar stecken und den Fu der Trauten auf Teppiche von Brssel setzen darf.
    So schwrmte und scherzte sich der Jngling die Bilder der lachendsten
Zukunft zusammen. Es war hoch Mitternacht geworden und sein Krper denn doch der
Ruhe bedrftig. Auf der Hhe des Gebirges fand er einen einsamen Schoppen. Er
ging hinein und fhlte, da der Raum voll Heu war. Abgehrtet durch seine Reisen
und in den letzten Wochen nicht verwhnt, stellte ihn dieses einfache Lager
vollkommen zufrieden. Er beschlo die Nacht in dem Schoppen zuzubringen. Als er
die Augen schlo, sagte er: Jetzt wird sie trumen und dich auch im Traume mit
lieben Namen nennen!
    Das sagte er vielleicht in dem Augenblicke, als Lisbeth in ihrem Bette von
den wtenden Schmerzen berwltigt, sich krampfhaft krmmte und endlich doch in
ein leises und jammervolles Sthnen ausbrach.


                             Die Wunder im Spessart

                                  Waldmrchen

Bist du wohl schon, Lisbeth, an einem klaren Sonnenmorgen durch einen schnen
Wald gegangen, zu dem der blaue Himmel durch die grnen Kronen einblickte, wo
dich der Otem der Bume wie ein Hauch Gottes anwehte und dein Fu von den
Spitzen der Grser tausend blitzende Perlen streifte?
    Wohl bin ich das, Oswald, erst noch neulich, als ich durch das Gebirg nach
den Zinsen und Glten ging. Es ist gar herrlich im grnen, frischen Wald; ich
knnte tagelang hindurchwandern, ohne einem Menschen zu begegnen, und frchtete
mich nicht. Der Rasen ist der Mantel Gottes, man ist von tausend Englein
beschirmt, man stehe oder sitze darauf. Jetzt ein Hgel und dann eine Ecke; ich
lief und lief, weil ich immer dachte, dahinter schwebe der Wundervogel mit
blauen und roten Schwingen und dem Goldkrnchen auf dem Haupte. Ich lief mich
hei und rot, und nicht md'; man wird nicht mde im Walde!
    Und sahst du hinter Hgel und Hecke den Wundervogel nicht schweben, so
standest du atmend still und hrtest weit, weit aus dem Eichental herauf den
Schall der Axt, die Uhr des Forstes, die da ansagt, da auch in solcher lieben
Einde dem Menschen seine Stunde rinne.
    Oder weiterhin, Oswald, die freie Sicht den Hang hinauf zwischen dunkeln,
runden Buchen und oben doch wieder der Kamm der Halde von hohen Stmmen
beschlossen! Da weideten rote Khe und schwangen die Glcklein, der Tau im Grase
gab der Senkung im Sonnenlicht einen silbergrauen Schein, und die Schatten der
Khe und der Bume spielten darauf Versteckens miteinander.
    An einem solchen sonnenklaren Morgen begegneten vor vielen hundert Jahren
zwei Jnglinge einander im Walde. Es war in dem groen Waldgebirge, der Spessart
genannt, welches die Markscheide zwischen den lustigen rheinischen Gauen und dem
gesegneten Frankenlande macht. Das ist dir ein Wald, liebe Lisbeth, der zehn
Stunden in der Breite und zwanzig in der Lnge, Ebenen und Berge, Tler und
Klfte bedeckt.
    Auf der groen Heerstrae, die querdurch vom Rheinlande nach Wrzburg und
Bamberg luft, begegneten einander die Jnglinge. Der eine kam von Abend, der
andere von Morgen. Ihre Tiere waren so verschieden als ihre Wege. Der vom Morgen
sa auf einem gelben frhlich tanzenden Rlein und stolzierte gar stattlich im
bunten Wappenrock unter rotem Sammetbarett, von welchem die Reiherfedern
herabwallten; der vom Abend trug eine schwarze Kappe ohne Abzeichen, einen
langen Schlermantel gleicher Farbe, und ritt auf einem bescheidenen Maultiere.
    Als der junge Ritter dem fahrenden Schler sich auf Rosseslnge genhert
hatte, hielt er seinen Gelben an, bot dem andern freundlich die Zeit und sagte:
Guter Gesell, ich wollte soeben absteigen und meinen Morgenimbi halten. Da nun
aber zur Minne, zum Spiele und zum Mahl zwei gehren, wenn diese drei lustigen
Dinge gehrig vonstatten gehen sollen, so wollte ich Euch fragen, ob Ihr nicht
auch absteigen und mein Partner sein wollt? Eurem Grauen wrde ein Maulvoll Gras
nicht minder schmecken, als meinem Gelben. Der Tag wird hei werden, und den
Tieren ist einige Rast vonnten.
    Der fahrende Schler war mit dem Vorschlage zufrieden. Beide stiegen ab und
setzten sich an der Strae auf dem wilden Thymian und Lavendel nieder, von
welchem, wie sie sich setzten, eine ganze Wolke Wohlgeruchs emporstieg und
hundert Bienchen, die in ihrer Arbeit gestrt wurden, sich summend erhoben. Ein
Knapp', der mit einem schwerbeladenen Gaule dem jungen Ritter gefolgt war, nahm
die beiden Tiere in Empfang, reichte seinem Herrn aus dem Schnappsack Flasche
und Becher nebst Brot und Fleisch, kandarte die Tiere ab und lie sie seitwrts
vom Heerwege grasen.
    Der fahrende Schler fate in die Seitentasche des Mantels, zog die Hand
verdrielich zurck und rief: O ber meine ewige Zerstreuung! Hatte ich mir
doch heute morgen in der Herberge das Frhstck so sauber zurechtgelegt und
eingewickelt, da mu mir etwas anderes eingefallen sein, und ber diesen
Gedanken habe ich meine Kost vergessen.
    Wenn es weiter nichts ist, rief der junge Ritter, hier ist genug fr Euch
und mich! Er teilte Brot und Fleisch, schenkte den Becher voll und reichte
Festes und Flssiges dem andern hin. Hiebei fate er ihn schrfer ins Auge, und
so tat der andere auch, und da entfuhr ihnen beiden ein Ausruf des Erstaunens.
Seid Ihr nicht ... - Bist du nicht ... riefen sie. Freilich bin ich der
Konrad von Aufse! rief der junge Ritter. Und ich Petrus von Stetten! der
andere. Sie umarmten einander und konnten sich vor Freude ber dieses
unvermutete Wiedersehen kaum fassen.
    Es waren Spielkameraden, die sich zufllig im grnen Spessart trafen. Die
Vter hatten auch Freundschaft miteinander gehabt, die Shne hatten zusammen
Ball geschlagen, sich hundertmal des Tages gezankt und ebenso oft vershnt. Der
junge Petrus war aber von jeher stiller und nachdenklicher gewesen als sein
Gefhrte, dem nichts im Kopfe sitzen blieb, als die Namen der Waffenstcke und
des Reitzeugs. Endlich hatte Petrus dem Vater erklrt, er wolle gelahrt werden,
und war gen Kln gezogen, zu den Fen des berhmten Albertus Magnus zu sitzen,
der aller bekannten Wissenschaften Meister war, und von dem das Gercht sagte,
er sei auch in geheime Knste tief eingeweiht.
    Eine geraume Zeit verflo seitdem, in welcher keiner etwas von dem anderen
hrte. Nachdem der erste Sturm der Freude sich jetzt gelegt hatte, und das
Frhstck beseitigt worden war, fragte der Ritter den Schler, wie es ihm denn
gegangen sei?
    Darauf, mein Freund, kann ich dir eine sehr kurze und mte ich dir eine
sehr lange Antwort geben, versetzte der Schler. Eine kurze, wenn ich dir blo
die uere Figur und Schale meines zeitherigen Lebens vorzeichnen soll; eine
lange, o eine unendlich lange, begehrst du, den inneren Kern aus dieser Schale
zu kosten!
    Ei, Nrrchen, rief der Ritter, was fr schwere Reden fhrst du da! Gib
mir die Schale und ein Stckchen vom Kern, wenn die ganze Nu zu gro fr eine
Mahlzeit ist.
    So wisse, erwiderte der andere, da mein sichtbares Leben zwischen engen
Ufern rann. Ich wohnte in einem kleinen dsteren Gchen bei stillen Leuten, im
Hinterhause. Mein Fenster ging auf den Garten hinaus, dessen Bume und Stauden
ihren ernsten Hintergrund von den Mauern des Tempelhauses erhielten. Ich hielt
mich sehr einsam und fr mich, knpfte weder mit den Brgern, noch mit den
Schlern Umgang an. So ist es gekommen, da ich von der groen Stadt nichts
kennengelernt habe, als die Strae von meinem Huschen nach den Dominikanern, wo
mein groer Meister lehrte.
    Wenn ich nun in meine Klause zurckgekehrt war und die Mitternacht bei der
Studierlampe herangewacht hatte, so blickte ich wohl aus dem Fenster, um die
erhitzten Augen an dem dunkeln Sternenhimmel abzukhlen. Dann sah ich nicht
selten in dem gegenberliegenden Tempelhause Licht; bei dem Scheine roter
Fackeln zogen die Ritter in ihren weien Ordensmnteln wie Geister durch die
Galerien, verschwanden hinter den Pfeilern und kamen dann wieder zum Vorschein;
im uersten Eck des Flgels wurden vor den Fenstern Vorhnge niedergelassen,
durch deren dnne Stellen aber ein wundersamer Schein drang, und hinter welchen
sich Weisen vernehmen lieen, welche s und schaurig wie verbotenes Gelste
durch die Nacht drangen.
    So gingen meine Tage hin, unscheinbar von auen, innen aber ein glnzendes
Fest aller Wunder. Albertus zeichnete mich bald vor den brigen Schlern aus;
nicht lange, so merkte ich, da er gewisse Worte, die den andern unbeachtet
vorberschlpften, gegen mich mit einer besonderen Betonung zu wiederholen
pflegte; Worte, die auf den geheimnisvollen Zusammenhang alles menschlichen
Wissens und auf eine tief unten in dunkler Verschwiegenheit treibende gemeinsame
Wurzel des groen Baumes hinwiesen, welcher da droben am Lichte seine gewaltigen
Zweige als Grammatik, Dialektik, Redekunst, Zahlenlehre, Geometrie, Astronomie
und Musik auseinanderlegte. - Sein Auge ruhte bei solchen Worten durchdringend
auf mir, und meine Blicke lieen ihn erkennen, da er eine tiefe Sehnsucht nach
den letzten und grten Schtzen seines Geistes in mir entzndet hatte.
    So kam es denn allgemach, da ich der Vertraute seiner heimlichen Werkstatt
und der Lehrling wurde, auf den er einen Teil seines Pfundes als kostbares
Vermchtnis vererben wollte. - Es gibt nur ein Mark der Dinge, welches hier im
Metall lastet und wieget, dort in der schwankenden Pflanze, im leichtsinnigen
Vogel vom Urkern sich abzulsen ringt. Alles wandelt und verwandelt sich; Gott
wirkt zwar in der Natur, aber die Natur wirkt auch fr sich, und wer der rechten
Krfte Meister ist, der kann ihr eigenes und selbstndiges Leben hervorrufen,
da ihre sonst in Gott gebundenen Glieder sich zu ganz neuen Regungen entfalten.
- Mein hoher Meister fhrte mich an sicherer Hand dem Brunnen zu, wo jenes Mark
der Dinge quillt. Ich tauchte meinen Finger hinein, da wurden alle meine Sinne
voll bermenschlichen Schauens. In der ruigen Schmelzkche saen wir seitdem
oft zusammen und schauten in die Gluten des Ofens; er vorn auf niedrigem
Schemel, ich hinter ihm kauernd, mich fest an ihn drckend und ihm die Kohlen
oder die Erze darreichend, die er mit der Linken in den Tiegel warf, denn mit
der Rechten hielt er mich liebreich gefat. Da wehrten sich die Metalle, die
Salze und die Suren prasselten, wie in einer festen Burg wollte sich der hohe
Knig, der alle Welt regiert, inmitten scharfwinklichter Kristalle verteidigen,
zornig entbrannten die roten, blauen und grnen Vasallen und streckten uns die
glhenden Speere abwehrend entgegen, aber wir brachen die Werke und kmpften die
Mannen danieder, und ber Schlackentrmmer hinber lieferte sich uns demtig der
glnzende Frst aus. Das Gold an sich ist nichts fr den, der sein Herz nicht an
Irdisches hngt, aber diese teuerste und kstlichste Gabe der Natur in allem und
jedem, auch in dem Geringfgigsten und Unscheinbarsten zu erkennen, das gilt dem
Weisen viel. Zu andern Stunden wiesen uns die Sterne ihre Kreise, die als
Geschichte sich ablsten und zur Erde sanken, oder die innigen Verwandtschaften
der Tne und der Zahlen wurden wach, und zeigten uns die Bndnisse, welche zu
schildern kein Wort gengt, die sich vielmehr nur wieder in Zahl und Ton
offenbaren. In allem diesem geheimen Wesen und Weben aber schwebte, da es nicht
wieder zu kalter klebriger Gestaltung gerinne, ewig verbindend und ewig lsend,
sich in dem Hader nie verwelkender Jugendkraft in sich und an den Dingen
entzweiend, das Groe, Unergrndliche; der dialektische Gedanke.
    O selige, gengliche Zeit des erschlossenen Verstehens, des Wandelns durch
die inneren Sle des Palastes, an dessen metallener Pforte die andern vergeblich
anklopften! Endlich - -
    Der fahrende Schler, dessen Lippen bei der Erzhlung sich in einem dunkeln
Rote immer glhender gefrbt hatten, und dessen Augen von einem seltsamen Feuer
blitzten, hielt hier, wie aus seiner Begeisterung pltzlich ernchtert, inne.
Der Ritter wartete vergeblich auf die Vollendung der Rede, dann sagte er zu
seinem Freunde: Nun? Endlich -
    Endlich, versetzte der Schler mit einem gezwungen- gleichgltigen Tone,
muten wir uns doch trennen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Mein hoher Meister
schickt mich jetzt nach Regensburg, aus der Sakristei des Domes gewisse
Schriften zu erbitten, die er als Bischof dort zurckgelassen hat. Ich bringe
sie ihm und werde dann freilich meine Tage, wenn es angeht, bei ihm verleben.
    Der junge Ritter trpfelte den Rest des Weins in den Becher, sah hinein und
trank den Wein bedchtiger als er frher getan hatte. Du hast mir da wunderbare
Sachen vertraut, hob er nach einigem Schweigen an, Sachen, in die ich mich
nicht wohl zu finden wei. Gottes Welt scheint mir so schn geputzt zu sein, da
es mir kein Vergngen machen wrde, diese lieblichen Schleier abzustreifen, und,
wie du sagst, in das Innere der Kreatur zu schauen. Der Himmel blaut, die Sterne
leuchten, der Wald rauscht, die Kruterlein duften, und ist dieses Blauen,
Leuchten, Rauschen und Duften nicht das Allerschnste, hinter welchem es kein
Schneres mehr gibt? Verzeihe mir; aber ich bin nicht neidisch auf deine geheime
Wissenschaft. - Du Armer! Rot macht sie nicht, diese Wissenschaft. Deine Wangen
sind ganz bleich und eingefallen.
    Einem jeden werden seine Pfade gewiesen, dem einen dieser, dem andern
jener, versetzte der Schler. Nicht der Sprung des Blutes macht das Leben aus;
wei ist der Marmor, und Marmorwnde pflegen die Rume einzuschlieen, in
welchen Gtterbilder aufgerichtet stehen. - Doch genug davon, und nun zu dir.
Was hast du denn getrieben, seit wir uns nicht sahen?
    Ach davon, rief der junge Ritter Konrad mit seiner ganzen Lustigkeit, ist
wenig zu vermelden! Ich stieg zu Ro und stieg wieder herunter, fuhr an manchen
guten Frstenhfen umher, verstach manchen Speer, gewann manchen Dank, mite
manchen Dank, schaute in manches minniglichen Weibes Auge. Meinen Namen kann ich
schreiben, meinen Degenknopf drcke ich daneben in Wachs ab, ein Lied kann ich
reimen, wenn auch nicht so gut, wie Meister Gottfried von Straburg.
Schwertleite und Waffenwacht brachte ich hinter mich und empfing den
Ritterschlag zu Forchheim, jetzt reite ich gen Mainz, wo der Kaiser das Turnier
halten will, mich ba zu tummeln und des Lebens zu freuen.
    Der Schler sah nach dem Stande der Sonne und sagte: Es ist traurig, da
wir nach diesem herzlichen Treffen uns so bald wieder trennen sollen. Aber doch
wird es, wenn wir unser Ziel heute zu erreichen wnschen, notwendig sein.
    Komm mit gen Mainz! rief der andere, indem er aufsprang und den Schler in
einer sonderbar gerhrten Stimmung, die gleichwohl ein Lachen zulie, ansah.
La das finstere Regensburg und den Dom und die Sakristei; erheitere dein
Antlitz unter frhlichen Gesellen am runden Tisch in der Weinlaube und vor den
Blumenfenstern lieblicher Mdchen, la deine Ohren durch Flten- und
Schalmeienklang reinbaden von den schauerlichen Vigilien der Tempelherren, die
ja in der ganzen Christenheit fr arge Ketzer und Baffometuspriester gelten.
Komm mit gen Mainz, mein Petrus!
    Die letzten Worte sprach er schon im Sattel. Er streckte dabei wie flehend
seine Hand nach dem Freunde aus. Dieser wandte sich seitwrts ab und zog seinen
Arm verweigernd zurck. Was fllt dir ein? rief er unwillig lchelnd. Ach,
mein Konrad, htte ich nicht vorher gesagt, da jedem seine Strae gewiesen sei,
so wrde ich dir zurufen: Kehre du um, du Leichtsinn, du Fahrlssiger! Die
Jugend vergeht, der Scherz verklingt, das Lachen will eines Tages pltzlich
nicht mehr gelingen, weil das Antlitz zu starr geworden ist, oder grinset
widerwrtig aus welken Runzeln! Wehe dem, wessen Scheuren dann nicht voll,
wessen Kammern nicht gerstet sind! Ach! es mu etwas Trbes um so ein kahles,
verarmtes Alter sein, und das Sprichwort hat wohl recht, welches sagt: Zu lustig
am Morgen, schafft abends Kummer und Sorgen. Wenn ich dich so ansehe, mein
Jugendbruder, kann mir recht bange um dich werden, o wer wei, wie verwandelt
ich dich wiedertreffe!
    Der Ritter schttelte dem ernsten Schler herzlich die Hand und rief:
Vielleicht bist du verwandelt, stoen wir wieder aufeinander, prunkst in Sammet
und Seide, und tust's uns allen zuvor! - Er sprengte davon, und aus der Ferne
hrte der Schler ihn noch ein Lied singen, welches damals von Mund zu Munde
ging und ungefhr so lautete:

Die schnste Rose, die da blht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Sie tut sich erst als Knospe kund,
In sich geschlossen, und bemht,
So recht fr sich zu bleiben!

Der Mai kt alle Rosen wach,
Auf rosenfarbnen Mund der Ku:
Die Lippe kommt zum Blhen;
Drum keine Lippe ohne Ku,
Und jedem Ku an seinem Tag
Der schnsten Lippen Glhen!

Ein Schmetterling flog vor dem Schler auf. Ist das Leben der meisten Menschen
nicht dem Flattern dieses Falters zu vergleichen? sagte er. Bunt und leicht
prunkt er dahin und doch sind seine Freuden so kurz und de. Mit gewaltigen,
groen Augen blickt er umher, aber die matten Spiegel empfinden nur eine leere
Abwechselung von Licht und Schatten, nicht die volle Gestalt, die feste Farbe.
- Der Wald sah ihn aus seinen grnen Tiefen mit unwiderstehlichem Blick an. Was
tut's, rief er, wenn mein geduldig Tier auf diesem Rasen eine Weile allein
zurckbleibt! Es luft mir nicht davon, ich spre so eine innige Sehnsucht, ein
Stndchen da hineinzuwandern, wie labend mu es da tief drinnen sein!
    Er schritt seitab von der Landstrae auf einem engen Pfade, der sich nach
kurzem Gehen zwischen den hohen Stmmen zu Tale senkte, in den Wald und war bald
in einer vlligen Einsamkeit, in der es um ihn her rauschte, flsterte,
schwirrte, und nur einzelne Sonnenlichter, grnlich gebrochen, wie Irrlichter
ihn umspielten. Zuweilen war es ihm, als ob sein Name hinter ihm aus der Ferne
gerufen werde, er wute selbst nicht, der Ruf kam ihm widerwrtig und
hassenswrdig vor, dann hielt er den Ton auch wohl wieder fr eine Tuschung,
aber er mochte dies oder das denken, frba schritt er nur immer tiefer in den
dunkeln Forst. Groe knorrige Baumwurzeln lagen wie Schlangen quer ber den Weg
hin gespannt, da der Schler beinahe ber sie gestolpert wre, Hirschkfer
standen wie Edelwild im Moose. Aus kleinen Felsgrotten leuchtete der
Psittichglanz des Goldmooses. Der Schwei stand ihm vor der Stirne, wie er so
immer hastiger sich in das Dickicht hineinarbeitete und vor der lichten
Sonnenwelt da drauen floh. Aber es war nicht blo der Gang, der ihm hei
machte, auch sein Gemt arbeitete unter der Last schwerer Erinnerungen. -
Endlich kam er, nachdem ihm der Pfad lngst unter den Fen geschwunden war, auf
einen schnen, glatten, dunkeln Platz unter mchtigen Eichen. Noch immer hrte
er aus der Ferne seinen Namen rufen. Hier wird mich der rohe Laut von da
drauen nicht mehr erreichen, sagte er, hier werde ich still geborgen sein.
Er sank an einem groen moosbedeckten Steine nieder, seine Brust wogte, er
kmpfte mit einem gewaltigen Gelste. Vergib mir, hoher Meister, meinen
Frwitz, rief er; aber es gibt ein Wissen, dem die Tat folgen mu, sonst
erdrckt es den Sterblichen! Hier, nher dem Herzen der groen Mutter, wo unter
dem Sprieen und Wachsen schon vernehmlicher ihre Pulse klopfen, hier mu ich es
aussprechen, da Zauberwort, welches ich von deinen schlafenden Lippen
ablauschte, als du es im Traume sprachest; das Wort, auf dessen Ertnen die
Kreatur den Schleier hinwegwirft, die Krfte sichtbar werden, die unter Rinde
und Haut und im Kerne des Felsens arbeiten, und die Sprache des Vogels dem Ohre
verstndlich klingt.
    Seine Lippen zuckten, das Wort zu sprechen, aber noch hielt er inne, denn
vor sein Auge trat der kummervolle Blick, mit dem ihn sein groer Meister
Albertus gebeten hatte, nach seinem Beispiel von der zufllig erlangten Kunde
keinen Gebrauch zu machen, da schwere Dinge dem Menschen bevorstnden, der mit
Absicht das Zauberwort sprche.
    Pltzlich jedoch rief er es, wie von dem Verbote und von der Furcht nur um
so gewaltiger vorwrts gestoen, laut in den Wald, indem er seine Rechte
ausreckte.
    Alsobald tat es in ihm einen Schlag und einen Ruck, da er meinte, der
Blitzstrahl habe ihn getroffen. Seine Augen erblindeten, und es wahr ihm, als ob
ihn ein reiender Wirbelwind im Kreise durch den unermelichen Raum schleudere.
Als er entsetzt und schwindlicht mit den Hnden umhergriff, fhlte er zwar den
moosigen Stein, an dem er gestanden, und kam dadurch in seinem Innern wieder zur
Erde zurck, aber nun geschah an ihm ein neues unheimliches Zeichen. Denn wie er
vorher gleich einem Sandkorn durch das All geschleudert worden war, so kam es
ihm nun vor, als ob sich sein Leib in das Unendliche ausdehne. Unter furchtbaren
Schmerzen trieb die neue in ihm aufgewachte Kraft seine Gliedmaen zu ungeheurer
Gre, da er meinte, er msse an den Himmel rhren. Die Wnde seines Hauptes
und seiner Brust wurden tempelweit, in sein Ohr fielen Tne, fremd, zerreiend,
himmlisch, und er sagte zu sich: Das ist der Gesang der Sterne in ihren
goldenen Bahnen. Endlich machten die Schmerzen einer prickelnden Wollust Raum,
in welcher er seinen Krper wieder zu gewhnlichem Mae zusammenschrumpfen
fhlte, whrend die Riesengestalt wie eine uere Schale oder eine Art von
Atmosphre in luftigen Umrissen um ihn stehen blieb. Die Finsternisse wichen von
seinen Augen, indem sich groe, gelbglnzende Lichtflchen, wie bei dem Gefhle
der Blendung, von den pfeln ablsten und in die Augenwinkel zogen, wo sie
allmhlich verschwanden.
    Whrend er so wieder sehend wurde, sang ein feiner, sstimmiger Chor um ihn
her - er wute nicht, waren es die Vgel allein, oder gaben auch Zweige, Stauden
und Grser ihren Beitrag? - ganz vernehmlich:

Wir drfen's ihm sagen,
Er mu es ertragen;
Gehrt uns nun eigen,
Wird balde
Im Walde
Erkalten und schweigen.

In dem moosigen Felsblock murrte es leise aber hrbar, es war, als ob der Stein
sich regen wollte und knnte es nicht, wie ein Scheintoter. Der Schler blickte
auf die Flche des Steins, ach! da liefen die grnen und roten Adern zu einem
uralten Antlitz zusammen, welches ihn aus mden Augen so wehmtig und
hlfeflehend anschaute, da er sich erschttert abwandte und bei den Bumen,
Pflanzen und Vgeln Trost suchte.
    Unter denen war auch alles verwandelt. Wenn er auf das kleine braune Moos
trat, so chzte es und schrie ber den unsanften Druck, und er sah, wie es die
behaarten Hndchen rang und die gelben oder grnen Huptlein schttelte. Die
Stengel der Pflanzen und die Stmme der Bume befanden sich in einer
immerwhrenden schraubenfrmigen Bewegung, und zugleich lie ihn die Rinde oder
die uere Haut in das Innere blicken, worin feine Geisterlein zartglnzende
Trpfchen in die Rhren schtteten. Dann stieg das klare Na von Rhre zu Rhre,
indem sich unaufhrlich Klappen ffneten und zuschlossen, bis es oben in den
Haarrhrchen der Bltter zu einem grnen Dufte wurde. Leichte Verpuffungen und
Feuer entzndeten sich nun in dem Geder der Bltter; ein therisches,
Flammendes spieen unaufhrlich ihre feingeschnittenen Lippen aus, whrend ebenso
unaufhrlich der schwerere Teil jener feurigen Erscheinungen in weichen
Dampfwellen durch die Bltter hin und her schlich. In den blauen Glockenblumen,
die auf dem feuchten Waldgrunde standen, war ein Klingen und Singen; sie
trsteten mit einem schnen Liede das arme alte Antlitz im Stein und sagten,
wenn sie nur vom Boden los knnten, so wrden sie ihm herzlich gern die Erlsung
bringen. Aus den Lften blickten den Schler sonderbare grne, gelbe und rote
Zeichen an, die immer sich zum Bilde fgen wollten und dann wieder
auseinanderbrachen, von allen Seiten kroch und schritt das Gewrm und Gekfer an
ihn heran und trug ihm verworrene Anliegen vor; der eine wollte dies sein, der
andere das, der eine begehrte eine neue Flgeldecke, der andere hatte sich den
Rssel abgebrochen; was in den Lften zu schweben pflegte, bettelte um
Sonnenschein, das Kriechende dagegen um die Feuchtigkeit. Dieses ganze Gesindel
nannte ihn seinen Herrgott, so da ihm fast wieder die Sinne zu schwanken
begannen.
    Auch bei den Vgeln war des Zwitscherns, Plapperns und Erzhlens kein Ende.
Ein Buntspecht kletterte an der Borke einer groen Eiche auf und nieder, hackte
und pickte nach den Wrmern und ward nicht md' zu schreien: Ich bin der
Frster; ich mu fr den Wald sorgen! - Der Zaunknig sagte zum Finken: Es ist
gar keine Freundschaft mehr unter uns; der Pfau will nicht leiden, da auch ich
ein Rad schlage, er meint, er habe allein das Recht dazu, und hat mich verklagt
beim hchsten Gericht, und ich kann doch ein so schnes Rdlein schlagen mit
meinem braunen Schwnzlein. - Der Fink versetzte: La mich zufrieden. Ich
fress' mein Korn und kmmere mich sonst um nichts; ich hab' ganz andere Sorgen,
zu meinem Waldschlag lern' ich die eigentlichen kunstmigen Weisen nur hinzu,
wenn sie mich blenden; es ist aber schrecklich, da aus einem erst was Rechtes
wird, wenn man so hart verstmmelt worden ist. - Von Diebsthlen plauderten die
andern und von Mordtaten, die niemand gesehen, als die Vgel:

Sie fliegen wohl ber den Kreuzweg hin,
Schaut keiner nach ihnen hin!

Dann setzten sie sich auf den Zweigen straff zurecht, kuckten den Schler
spttisch an und zwei freche Kohlmeisen riefen: Da steht der Zauberer und hrt
uns zu und wei nicht, was mit ihm geschieht; nun, der wird Augen machen! -
Der wird Augen machen! schrie der ganze Haufen und flog mit einem Gezwitscher
davon, welches wie ein halbes Lachen klang.
    Indem bekam der Schler einen Wurf in das Gesicht, er blickte empor, da sah
er ein ungeschliffenes Eichhorn, das hatte ihm die hohle Nu auf die Stirne
geworfen, lag platt auf seinem Aste auf dem Bauche, stierte ihm ins Gesicht, und
rief: Die hohle fr dich, die volle fr mich! - Ihr ungezogenes Gesindel,
lat den fremden Herrn doch zufrieden! rief eine schwarz und weie Elster, die
wackelnd durch das Gras herzugeschritten kam. Sie setzte sich dem Schler auf
die Schulter und sagte ihm ins Ohr: Ihr mt nicht uns alle nach jenen
unhflichen Bestien beurteilen, gelahrter Herr, es gibt auch unter uns
wohlgezogene Leute. Da seht einmal durch die ffnung hindurch jenen weisen Mann,
das Wildschwein, wie es ruhig steht und seine Eicheln verzehrt und dabei im
stillen seine Gedanken hat. Herzlich gern will ich Euch Gesellschaft leisten und
Euch erzhlen, was ich nur wei, das Reden ist mein Vergngen, besonders mit
alten Leuten.
    Wenn das ist, so wirst du bei mir deine Rechnung nicht finden, ich bin noch
jung, versetzte der Schler.
    Ach Himmel, wie sich die Menschen tuschen knnen! rief die Elster und sah
ganz gedankenvoll vor sich hin.
    Indem war es dem Schler, als hre er aus noch grerer Tiefe des Waldes ein
Seufzen, dessen Ton ihm durch das Herz drang. Er fragte seine schwarz und wei
gesprenkelte Gesellschafterin nach der Ursache, die sagte ihm aber, sie wolle
zwei Eidechsen darum ausforschen, die dort ihr Morgenbrot en. Er ging nun mit
der Elster auf der Schulter nach dem Orte, wo diese Tierchen sich befinden
sollten. Da hatte er eine wunderhbsche Schau. Die beiden Eidechschen waren
gewi vornehme Frulein, denn sie saen unter einem groen Pilze, der wie ein
prachtvolles Schirmzelt sein goldgelbes Dach ber ihnen ausspannte. Dort saen
sie und schlrften mit den braunen Zngelchen den Tau vom Grase, dann wischten
sie sich die Mulchen an einem Hlmlein ab und gingen miteinander im anstoenden
Lusthain von Farrenkrutern spazieren, welcher vermutlich der einen zugehrte,
die ihre Freundin bei sich zum Besuch hatte. Schack! Schack! rief die Elster;
der Herr mchte gern wissen, wer geseufzt hat? Die Eidechschen hoben die
Kpfchen empor, wedelten mit den Schwnzchen und riefen:

Prinzessin in der Laub' am Bronnen,
Der Kanker hat sie eingesponnen. -

Hm! Hm! sagte die Elster und wackelte mit dem Kopfe, da man so vergelich
sein kann! Ja freilich, in der nahen Hainbuchenlaube schlft die schne
Prinzessin Doralice, die der bse Knig Kanker eingesponnen hat. O mchtet Ihr
sie erretten, gelahrter Herr! - Den Schler trieb das Herz, er fragte die
Elster, wo die Laube sei? Der Vogel flog voran von Zweig zu Zweig, den Weg zu
zeigen; so kamen sie an eine stille Wiese, rings eingeschlossen, durch welche
ein Bchlein, aus einer Felsenspalte springend, flo, wo gar artige Lublein von
Hainbuchen standen. Die Bumchen hatten ihre Zweige zur Erde geschlagen, so da
sie den Boden wie ein Dach berwlbten, durch diese Dcher aber stachen die
Fcherbltter des Farrenkrauts und schufen den Laubhuslein die Lucken und
Giebel. Die Elster sprang auf eins der Laubhuslein, schaute durch eine Lucke
und flsterte geheimnisvoll: Hier schlft die Prinzessin. - Mit klopfendem
Herzen trat der Schler hinzu, kniete vor der ffnung der Laube nieder und
blickte hinein - ach! da wurde ihm ein Anblick, der ihm Sinn und Seele in noch
gewaltigeren Aufruhr jagte, als da er das Zauberwort aussprach. Auf dem Moose,
welches wie ein Pfhl die schne Last umquoll, ruhte die reizendste Jungfrau und
schlummerte. Ihr Haupt lag etwas erhht, den einen Arm hatte sie unter den
Nacken geschoben, die weien Finger leuchteten aus dem Goldbraun der Locken,
welche in langen weichen Fluten sich zrtlich um Hals und Busen schmiegten. Mit
unsglicher Wonne und Wehmut schaute der Schler in das herrliche Antlitz, auf
den Purpur der Lippen, auf die Blte der Glieder, von denen ein verklrender
Widerschein auf das dunkele Mooslager fiel. Da die Schlferin, wie von einem
geheimen Drucke belastet, in ser Angst zu atmen schien, machte sie in seinen
Augen nur noch verlockender, er fhlte, da sein Herz auf immerdar
gefangengenommen sei, und nur an diesem Munde sein Lechzen stillen knne. Ist
es nicht schade, sagte die Elster, die durch die Lucke in die Laube gehpft
war, und sich der Schlferin auf den Arm setzte, da eine so schne Prinzessin
sich hat mssen einspinnen lassen? - Wie? Einspinnen? fragte der Schler;
sie ruht ja, in ihren weien Schleier gehllt. - O Torheit! rief die Elster,
ich sage, es sind Spinnweben und der Knig Kanker hat sie eingesponnen. - Wer
ist der Knig Kanker?
    Im menschlichen Zustande war er ein reicher Garnspinnerherr, versetzte die
Elster, indem sie wohlgefllig mit dem Schwanze wippte. Er hatte seine
Garnspinnerei nicht weit von hier, auer dem Walde, am Flchen, und an die
hundert Arbeiter spannen unter ihm. Das Garn wuschen sie im Flchen. Darin
wohnt aber der Nix, und der war ihnen schon lange bitterbse, weil sie mit der
ekelhaften Wsche seine klaren Fluten trbten, und weil alle seine Kinder, die
Schmerlen und die Forellen, von der Beize abstanden. Er wirrte das Garn
untereinander, die Wellen muten es ber den Rand des Ufers schleudern, er trieb
es abwrts in die Strudel, um den Spinnerherrn zu warnen, aber alles war
vergeblich. Endlich, am Johannistage, an welchem die Flugeister Macht haben, zu
schrecken und zu schaden, spritzte er der ganzen Garnwscherzunft und ihrem
Haupte, da sie eben wieder ihre Wscherei recht frech und gewissenlos trieben,
Feienwasser in das Antlitz, und, wie wilde und blutdrstige Menschen Werwlfe
und Werkater werden knnen, so sind die Garner und ihr Haupt Werkanker geworden.
Sie liefen alle vom Flchen zum Walde und hangen mit ihren Geweben berall an
Bumen und Struchen umher. Die Spinner sind gewhnliche kleine Kanker geworden,
fangen Fliegen und Mcken; ihr Herr aber hat fast seine frhere Gre behalten
und heit der Kankerknig. Er stellt den schnen Mdchen nach, umspinnt sie,
betubt sie mit seinem giftigen Dunste und saugt ihnen dann das Blut vom Herzen.
Zuletzt hat er diese Prinzessin berwltigt, welche von ihrem Gefolge im Walde
abgekommen war. Sieh dort - dort - dort regt er sich zwischen den Bschen.
    Wirklich war es dem Schler, als sehe er durch die Zweige gegenber einen
riesigen Spinnenleib schimmern, zwei haarige Fe, dick wie Menschenarme
arbeiteten sich durch das Laub; eine entsetzliche Angst um die schne Schlferin
ergriff ihn, er wollte dem Ungeheuer entgegenstrzen. Umsonst! rief die Elster
und schlug mit den Flgeln; alle verzauberte Menschen haben furchtbare Krfte,
das Ungetm wrde dich in der Umknotung ersticken, aber streue deiner Schnen
Farrensamen auf die Brust, der macht sie unsichtbar vor dem Kankerknig, und
solange nur ein Stubchen davon liegt, dauert der Segen aus. Eiligst streifte
der Schler den braunen Staub von der unteren Flche eines Farrenblattes ab und
tat, wie ihm der Vogel gesagt hatte. Indem er sich hiebei ber die Schlferin
beugte, rhrte ihr Othem seine Wange. Verzckt rief er: Gibt es kein Mittel,
dieses geliebte Bild zu befreien? - Oh! schrie der Vogel und scho wie toll
in Zickzackflgen um den Schler, wenn Ihr mich um so ein Mittel befragt, das
gibt es wohl. Unser weiser Alter in der Kluft hat den Eibenbaum in Verwahr, wenn
Ihr davon einen Zweig bekommt und mit demselben die Stirne der Schnen dreimal
berhrt, so weicht alle Fesselung von ihr,

Denn vor den Eiben
Die Zauber nicht bleiben;

sie wird in Eure Arme sinken und Euch, als ihrem Retter, angehren. In diesem
Augenblicke war es, als ob die Schlafende die Reden des Vogels vernhme. Ihr
schnes Gesicht wurde von einer zarten Rte berzogen, ihre Zge nahmen den
Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht an. Fhre mich zum weisen Alten! rief der
Schler halb von Sinnen.
    Der Vogel sprang in die Bsche, der Schler eilte ihm nach. Die Elster
flatterte einen engen Felsenweg empor, der bald nur noch ber Morast und wild
umhergeworfene Steinblcke gefhrlich hinanleitete. Von Block zu Block mute der
Schler klimmen, wollte er nicht im Sumpfe versinken. Seine Kniee zitterten,
seine Brust keuchte, seine Schlfe bedeckte kalter Schwei. Er rupfte in der
Eile Blumen und Bltter ab und streute sie auf die Steine, damit er den Weg
wiederfinden mchte. Endlich stand er auf bedeutender Hhe vor einem gerumigen
Felsenportal, aus dessen dunkelem Schlunde ihm eine Eisluft entgegenstrich. Die
Natur schien hier noch in der uralten Grung zu sein, so frchterlich und
zerrissen starrte das Gestein ber, neben, vor der Hhle.
    Hier wohnt unser Weiser! rief die Elster, indem sich ihre Federn vom Kopf
bis zum Schweife strubten und krausten, so da sie ein unheimliches und
widerwrtiges Ansehen bekam. Ich will dich bei ihm anmelden und fragen, wie er
ber deinen Wunsch gesonnen ist? mit diesen Worten schlpfte sie in die Kluft.
Sie kam aber gleich wieder herausgesprungen und rief: Der Alte ist mrrisch und
eigensinnig, er will nicht anders dir den Eibenzweig geben, als wenn du ihm alle
Ritzen der Hhle verstopfest, denn er sagt, die Zugluft sei ihm empfindlich.
Aber ehe du damit fertig wirst, kann manches Jahr vergehen. - Der Schler
raffte des Mooses und Krautes zusammen, soviel er fassen konnte, und ging nicht
ohne Schauder in die Hhle. Drinnen sahen ihn von den Wnden Tropfsteinfratzen
an, er wute nicht, wohin er sein Auge vor den abscheulichen Gestalten retten
sollte. Er wollte tiefer in den Felsging dringen, da schnarchte es ihm aus der
hintersten Ecke entgegen: Zurck! Stre mich nicht in meinen Forschungen,
treibe da vorne dein Wesen! Er wollte entdecken, wer da spreche, sah aber
nichts als ein Paar glhroter Augen, die aus dem Dunkel leuchteten. Nun gab er
sich an seine Arbeit, stopfte berall Moos und Kraut ein, wo er eine Spalte sah,
durch welche ein Schimmer des Tageslichtes drang, aber das war ein schwieriges
und, wie es schien, unendliches Werk. Denn, glaubte er mit einer Spalte fertig
zu sein und sich zu einer anderen wenden zu knnen, so fiel das Eingestopfte
wieder heraus und er mute von vorn beginnen. Dazu schnarrte das Schnarchende im
Hintergrund der Hhle Tne und Laute ohne Sinn ab und lie nur bisweilen
verstndliche Worte ausgehen, die so klangen, als ob es sich seiner tiefen
Forschungen berhme.
    Die Zeit schien dem Schler im reienden Fluge unter seiner
verzweiflungsvollen Arbeit vorberzueilen. Tage, Wochen, Monate, Jahre kamen, so
dnkte ihm, und schwanden, und dennoch sprte er weder Hunger noch Durst. Er
glaubte sich dem Wahnwitze nahe und wiederholte sich still mit einer Art von
rasender Leidenschaft die Jahreszahl und da er am Tage Peter und Paul zu Walde
gegangen sei, um nicht gar aus aller Zeit zu treten. Wie aus weiter Ferne sah
ihn das Bild seiner geliebten Schlummernden an, er weinte vor Sehnsucht und
Trauer und doch fhlte er keine Trne ber die Wangen rinnen. Auf einmal war es
ihm, als sehe er eine bekannte Gestalt sich der Schlferin nhern, entzckt sie
betrachten und sich dann wie zum Kusse ber sie beugen. In diesem Augenblicke
bermannten ihn Schmerz und Eifersucht, alles um sich her vergessend strzte er
gegen den dunkeln Hintergrund der Hhle. Den Eibenzweig! rief er heftig. Da
wchst er! antwortete das Glhende, Schnarchende, und zugleich fhlte er die
Zweige eines Baumes in der Hand, der aus einer finsteren Spalte der Grotte
emporstand. Er brach an einem Zweige, da tat es ein Winseln um ihn her, das
Glhende schnarchte strker als jemals, die Hhle schwankte, schtterte, strzte
zusammen, Nacht wurde es vor den Augen des Schlers, und unwillkrlich rief es
aus ihm hervor:

Vor den Eiben
Kein Zauber tut bleiben.

Als seine Augen wieder helle wurden, sah er sich um. Ein drrer, sonderbar
mifarbiger Stecken lag in seiner Hand. Er stand zwischen Gestein, welches sich
zu einer Kluft wlbte, die aber nicht eben mchtig war. In der Tiefe klangen
schrillende, pfeifende Tne, wie sie die groen Eulen von sich zu geben pflegen.
Die Gegend umher war wie verwandelt. Es war eine mige Anhhe, kahl und
rmlich, mit unbedeutenden Steinen berset, zwischen denen auf der einen Seite
nach der Tiefe zu durch feuchtes Erdreich der Weg hinableitete, den er
heraufgekommen war. Von den groen Felsblcken war keiner mehr zu erschauen. Ihn
fror, obgleich die Sonne hoch am Himmel schien. Es bednkte ihn, als habe sie
denselben Stand, wie damals, als er ausgegangen war, den Zweig zu holen, der nun
zum drren Stecken in seiner Hand geworden war. Er ging den Pfad ber die Steine
hinab, das Wandern fiel ihm beschwerlich, er mute sich auf den Stecken sttzen,
das Haupt hing auf die Brust hinab, er hrte seinen Otem, der mhsam aus ihr
hervordrang. An einer schlpfrichten Stelle des Pfades glitt er aus und mute
sich am Gebsch halten. Dabei kam ihm seine Hand dicht vor das Auge, die sah
grau und runzlicht aus. Herr Gott! rief er, von einem Schauder gepackt, bin
ich denn so lange - -? Er wagte seinen eigenen Gedanken nicht auszusprechen.
Nein, sagte er, sich gewaltsam beruhigend, es tut die khle Waldluft, da
mich so friert, matt bin ich von der Anstrengung geworden, und das gebrochene
fahlgrne Licht, welches durch die Bsche fllt, gibt den Hnden die seltsame
Farbe. Er schritt weiter und sah auf den Steinen die wilden Blumen und Bltter
liegen, welche er bei dem Hinaufklimmen dahin gestreut hatte, den Weg zu merken.
Sie waren frisch, als seien sie eben hingelegt worden. Damit war ihm ein neues
Rtsel gesetzt. Ein Khler hockte seitwrts vom Wege im Gehlz und schnitt ste
ab, den fragte er nach dem Tage.
    Ei Vater, versetzte der Khler, seid Ihr ein so bser Christ, da Ihr
Apostelntag nicht kennt? Wir haben Peter und Paul, wo der Hirsch aus dem Wald
ins Korn tritt. Ich will meinem Jungen da aus dem Maserast ein Spielwerk
schneiden, sonst arbeit' ich nicht an dem Tag, aber das ist zur Lust und
Ergtzlichkeit, und die ist erlaubt, sagt der Kaplan.
    Ich bitte dich, Gesell, rief der Schler, den das Grauen immer strker
durchrieselte, sag' mir an, welche Jahrzahl schreibt ihr in der Christenheit?
Der Khler, von dem auch die Feiertagswsche den Ru nicht hatte bringen mgen,
hob sich mit seinen mchtigen Gliedern schwarz zwischen den grnen Bschen
empor, und sprach nach einigem Besinnen die Jahreszahl aus. - O du mein
Heiland! schrie der Schler und strzte, von seinem Stecken nicht gehalten, auf
den Steinen zusammen. Dann schleuderte er den Stecken hinweg und kroch zitternd
den Steinpfad hinab.
    Verwundert trat der schwarze Khler, den Maserast in der Hand, aus den
Struchen auf die Steine, sah den Stecken liegen, bekreuzte sich und sprach:
Der ist von der Eibe, die da droben wchst im Eulenstein, wo der Schuhu
horstet. Sie sagen, sie schaffe den Zauber, und lse geschaffenen Zauber. Gott
behte uns! der Alte hatte bse Dinge auslaufen lassen. - Dann ging er in die
Bsche zurck, seiner Htte zu, um das Spielwerk fr seinen Knaben zu schnitzen.

Unten auf der lustigen Waldwiese neben der Hainbuchenlaube, am klaren
Wsserlein, welches dort seine Rnder zu einem breiten Becken auseinandergesplt
hatte, saen der junge Ritter Konrad und die Schne, welche er ohne magische
Knste aus dem Schlummer geweckt hatte. Lieblich drngten sich rote, blaue und
gelbe Kelche aus den Grsern um sie her, und das Paar blhte in Jugend und
Schnheit, der Ritter in seinem bunten Schmuck, die Jungfrau in ihren
silberglnzenden Schleiern, als die herrlichste Blume aus diesem Schmelz empor.
Er hatte seinen Arm sanft um ihren Leib gelegt und sagte, ihr treu und zrtlich
in das Auge sehend: Bei der Asche meiner lieben Mutter, und bei dem heiligen
Zeichen auf dem Griffe dieses Schwerts, ich bin, der ich mich dir genannt habe,
Herr meiner Schlsser und meiner Tage, und beschwre dich nun, du holdseliges
Wunder dieses Forstes, da deine Lippen das Wort sprechen, welches mich auf ewig
dir in den Besitz geben wird, den der Priester vor dem Altare weihen und segnen
soll. -
    Was fr ein Wort begehrst du noch? sagte die Schne leise, indem sie
zchtig die Wimpern senkte. Hat nicht mein Auge, meine Wange, mein klopfender
Busen alles gesprochen? Minne ist eine gewaltige Knigin; sie fhrt daher
unversehens und ergreift, den sie mag, ohne Widerstand zu dulden. Bringe mich,
bevor der Tag sinkt, nach dem Kloster am Odenwald zur frommen btissin, sie wird
mich unter Schirm nehmen, dort will ich zwischen stillen Mauern harren, ob du
kommen und mich heimfhren willst. Sie wollte aufstehen, der junge Ritter hielt
sie aber sanft zurck und sagte: La uns an diesem Platze, wo meine Seligkeit
wie ein goldenes Mrchen emporsprote, noch einige Augenblicke verweilen.
Frchte ich doch noch immer, da du mir, gleich einer reizenden Waldnymphe
verschwindest! Hilf mir, da ich an dich glaube und an deine holde
Sterblichkeit. Wie bist du hergekommen? Was war mit dir?
    Ich war, versetzte die Schne, heute morgen zu Walde geflohen vor meinem
Vormunde, dem Grafen Archimbald, dessen Absichten pltzlich, ich wei nicht, ob
auf mich, oder auf meine Gter, bs und erschreckend hervorgetreten waren. Was
hilft der Jugend und dem Weibe reiches Erbe? Es ist immerdar schutzlos und
verlassen. Ich wollte mich zur btissin flchten, ich wollte den Kaiser in Mainz
antreten, kaum
    wute ich selbst, was ich wollte. So kam ich in diese grnen Baumhallen.
Mein Herz war nicht auf den Helfer gerichtet, meine Gedanken haderten mit dem
Himmel.
    Auf einmal, wie ich diese Wiese schon vor mir liegen sah, war mir, als wrde
da drben in den Bschen etwas gesprochen, worauf ich mich und alles um mich her
verwandelt fhlte. Ich kann dir das Wort, oder den Laut nicht beschreiben, mein
Geliebter! Der Gesang der Nachtigall klingt heiser gegen seine Sigkeit und das
Rollen des Donners ist, mit ihm verglichen, nur ein schwaches Flstern. Es war
gewi das Geheimste und Zwingendste, was es zwischen Himmel und Erde geben kann.
Auch auf mich bte es eine unwiderstehliche Gewalt, da es in meinen
fassungslosen Geist, in das Getmmel meiner Sinne fiel und kein Gedanke des
Heils ihm in mir entgegentrat. Meine Augen schlossen sich und doch sah ich den
Weg vor meinen Fen, den die Fe, wie von unsichtbaren, weichen Hnden
gelenkt, wandeln muten. Ich schlief und schlief doch nicht, es war ein
unbeschreiblicher Zustand, in dem ich endlich unter jener Laube auf weichem
Moose niedersank. Es sprach und sang alles um mich her, in mir fhlte ich den
Wogenschlag der jubelndsten Wonne, jeder Tropfen Blutes leuchtete und tanzte
durch die Adern und doch sa mir im tiefsten Herzen das alleruerste Grauen vor
dieser Verfassung und die heieste Bitte um Erweckung aus meinem Schlafe. Aber
ich sprte, da von dem Grauen nichts in mein Antlitz trat, wunderbarerweise
konnte ich mich selbst schauen und sah, da meine Wangen von der Wonne
lchelten, als wrden mir himmlische Freudenlieder zugesungen. Immer weiter
griff die Wonne in mein Herz, immer weiter drngte sie das Grauen zurck, eine
furchtbare Angst befiel mich, da dieses Pnktchen ganz aus mir getilgt und ich
eitel Wonne werden wrde.
    In dieser Not, und dem Verschwinden alles Bewutseins nahe, gelobte ich mich
dem, der mich erwecken und befreien werde, zu eigen. Ich sah nun durch meine
geschlossenen Augenlider eine dunkele Gestalt sich ber mich beugen. Das Antlitz
war edel und gro, und doch fhlte ich einen tiefen Widerwillen gegen diesen und
es flog wie ein Schatten durch meine Empfindung, da er es gewesen sein mchte,
der das verdammliche Wort gesprochen habe. Aber immer rief ich stumm in mir und
doch laut fr mich: Wenn er dich weckt und befreit, so mut du ihm fr diese
berschwengliche Wohltat angehren, denn du hast es gelobt. - Er hat mich nicht
geweckt!
    Ich, ich habe dich geweckt, mein teures Lieb, und nicht mit Zauberspruch
und Segen, nein, mit heiem Ku auf deine roten Lippen! rief der junge Ritter
entzckt und hielt die schne Emma fest umschlungen. - Das sind wohl rechte
Wunder im Spessart gewesen, die uns zusammengefhrt haben. Ich hatte mich
drauen am Heerweg von meinem geliebten Freunde Petrus getrennt nach seltsamen
verfnglichen Gesprchen. Als ich einige hundert Schritte geritten war, berfiel
mich noch einmal eine groe Sorge um ihn, ich sa ab und wollte wiederholt ihm
ans Herz legen, seine dunkelen Wege zu lassen und mit mir gen Mainz zu ziehen.
Als ich mich wandte, sah ich ihn in den Wald schlpfen. Ich rief seinen Namen,
er aber hrte mich nicht. Die Sporen verhinderten mich am raschen Gehen; ich
konnte ihm nur von weitem folgen, doch lie ich nicht ab, hinter ihm her zu
rufen, was aber vergeblich blieb. Endlich verschwand mir sein schwarzer Mantel
zwischen den Bumen. Auch ich sah die schne grne Wiese schimmern und wollte
mir den lichten Blumenschein besehen. So kam ich her, nachdem ich noch die Kreuz
und Quer nach meinem Freunde gesucht hatte. Auch mich umgab es hier im Walde aus
den Lften wie ein Whlen und Schwingen, das Gewrm war in einer Bewegung, die
Vgel verfhrten ein so eigenes Flattern und Zirpen. - Weil ich aber an die
helle gute Strae dachte, auf die ich den Petrus gern bringen wollte, so hat mir
vermutlich das Wesen nichts anhaben knnen. Als ich dich schlummernd fand, drang
mir mit der Gewalt der sesten Liebe ein ungeheures Mitleid um dich in das
Herz, ich frohlockte und weinte doch Trnen, die heiesten, die je aus meinen
munteren Augen gekommen. Ich glaube, da mir vergnnt war, in den Winkel zu
schauen, wo dir das Grauen wohnte. Schluchzend und lachend rief ich:

Die schnste Rose, die da blht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Am Ku des Mai'n die Ros' erglht,
Es soll der schnste Rosenmund
Nicht ungeksset bleiben!

und da boten meine Lippen in Gottes Namen den deinen ihren Gru ...
    Und die Fesseln fielen ab von mir, ich erwachte, und mein erster Blick traf
in dein treues weinendes Auge, rief die schne Emma. Ich dankte Gott, auf
dessen Namen ich mich jetzt wieder besann, da ich erlset sei, und dann dankte
ich ihm, da du es gewesen, der mich befreiet habe, und nicht jener Dunkle.
    Der junge Ritter war nachdenklich geworden. Ich frchte, sagte er, alle
diese geheimnisvollen Waldwunder stehen mit Petrus in Zusammenhang. Ich frchte,
da ich an dem Tage, wo ich meine Liebe gewann, meinen Freund verloren habe. Wo
mag er nur geblieben sein?
    Das Paar fuhr erschreckt auseinander; denn sie sahen in dem Wasser zu ihren
Fen zwischen ihren blhenden Huptern ein eisgraues, greises abgespiegelt.
Hier ist er, sagte ein zitternder, gebeugter, schneeweier Alter, der hinter
ihnen stand. Er trug den neuen, schwarzen Mantel des Schlers.
    Ja, sagte der Alte mit schwacher, erloschener Stimme; ich bin dein Freund
Petrus von Stetten. Ich stand schon lange hinter euch und hrte eure Reden, und
die Geschicke sind klar geworden. Es ist noch der Peter- und Paulstag, an dem
wir uns trafen und trennten drauen auf dem Heerwege, der kaum tausend Schritte
weit von hier luft und seit wir voneinander gegangen sind, mag eine Stunde
verstrichen sein, denn der Schatten, den der Strauch da auf den Rasen wirft, ist
nur um ein Geringes gewachsen. Wir waren vierundzwanzig Jahre alt vor dieser
Stunde, du bist darin um sechzig Minuten, ich aber bin derweile um sechzig Jahre
lter geworden. Ich habe vierundachtzig. - So sehen wir uns wieder; ich habe es
freilich nicht gedacht.
    Konrad und Emma waren aufgestanden. Sie schmiegte sich scheu an den
Geliebten und sagte leise: Es ist ein armer Irrsinniger. - Nein, du schne
Emma, sagte der Alte, ich bin nicht irre. Dich habe ich geliebt, mein Zauber
fiel auf dich, und ich htte dich haben knnen, wre es mir vergnnt gewesen, in
Gottes Namen dir den roten Mund zu kssen, was der einzige Segen ist, womit
schne Minne erweckt wird. Statt dessen mute ich nach dem Eibenzweige gehen und
dem Schuhu seine Klause vor Wind und Wetter verwahren helfen. Nun, wie es
gekommen ist, so mute es kommen. Er hat die Braut, und ich habe den Tod
davongetragen.
    Konrad hatte immerfort starr in das Gesicht des Alten gesehen, um durch die
Runzeln und Falten hindurch ein frheres Lineament des Jugendfreundes zu
entdecken. Endlich stammelte er: Ich beschwre dich, Mensch, uns zu verknden,
wie diese Verwandlung hat zugehen knnen, damit uns nicht ein Schwindel fat und
zu schrecklichen Dingen treibt!
    Wer Gott versucht und die Natur, ber den strzen Gesichte, an denen er
rasch verwittert, antwortete der Alte. Dabei bleibt der Mensch, wenn er auch
die Pflanzen wachsen sieht und die Reden der Vgel verstehen lernt, so einfltig
wie zuvor, lt sich von einer albernen Elster Fabeln von der Prinzessin und vom
Kankerknige aufbinden, und sieht Frauenschleier fr Spinnweben an. Die Natur
ist Hlle, kein Zauberwort streift sie von ihr ab, dich macht es nur zur grauen
Fabel.
    Er schlich langsam in die Waldgrnde. Konrad wagte nicht, ihm zu folgen. Er
leitete seine Emma aus dem Schatten der Bume nach der heiteren Strae, wo das
Licht in allen Farben um die Kronen der Stmme spielte.
    Noch einige Zeit lang hrten die Wanderer im Spessart hinter Felsen und
dichten Baumgruppen zuweilen mit einer hohen und geisterhaften Stimme Reime
sprechen, die dem einen wie Unsinn, dem anderen wie tiefe Weisheit klangen.
Gingen sie dem Schalle nach, so fanden sie den Alten, der noch so wenige Jahre
zhlte, wie er, erloschenen Auges, die Hnde auf die Kniee gesttzt, starr in
die Weite blickte und die Sprche vor sich hinsagte, deren keiner aufbehalten
geblieben ist. Nicht lange aber, so wurden sie nicht mehr gehrt, und auch den
Leichnam des Alten fand man nicht.
    Konrad freite seine Emma; sie gebar ihm schne Kinder und er lebte bis zu
spten Jahren mit ihr in groer Freude und Lust.


                                 Sechstes Buch

                            Walpurgisnacht bei Tage

                                 Erstes Kapitel

                                  Wache Trume

Als der Jger am Morgen nach seinem schnsten Tage im Heu erwachte, schmerzte
ihn heftig sein Kopf. Denn man sei so verliebt, als man will, der Duft von
frischem Heu nimmt den Kopf ein, und er htte den Tod von der unvorsichtig
gewhlten Lagerstatt haben knnen. Anfangs zwar hatten die lieblichsten Trume
von Lisbeth sein Hirn umgaukelt. Ihm trumte, ein Bauer trete mit einem
verschlossenen Korbe zu ihm und sage, darin sei ein Geschenk, der Herr wisse
wohl, von wem? Nun ffnete er den Korb, und ein weies Tubchen war darin mit
purpurroten Fchen und purpurrotem Schnabel. Er erstaunte ber die Weie und
Schnheit des Tierchens und hatte seine groe Freude daran. Wie wurde ihm aber,
als das Tierchen sein rotes Schnblein ffnete und zu ihm sprach:
    Lisbeth schickt mich zu dir und lt dir sagen - die Taube redete aber
nicht aus; sie wurde ngstlich, flatterte scheu fort, und er bekmmerte sich im
Traume darber, da er nicht zu erfahren bekam, was sein Mdchen ihm durch den
zarten Boten hatte sagen lassen wollen.
    Nach diesem hatte er verworrene Gesichter und gegen Morgen eins, was ihm
kaum noch wie ein Traum vorkam, es schien ihm Wirklichkeit zu sein, die in seine
vom Heuduft umwlkten Sinne fiel. Es war ihm, als ob - oder vielmehr, es war in
der Tat so. In einer anderen Ecke des Schoppens begann es sich zu rhren, und
der Jger sah, wie eine dunkele Gestalt sich reckte, er hrte, wie sie ghnte
und darauf sprach: Mein' Treu, ich glaub', 's ist halber sieb'n. Die Stimme
war eine ihm ganz bekannte. Die Gestalt erhob sich, tastete umher und kam an den
Ort, wo der Jger lag, befangen von dem Dunste des Schoppens und unfhig, ein
Glied zu bewegen, ngstlich starr unter der Last des Alps, der ihn drckte. -
Ei, was a wster G'sell rief die Gestalt. Hast nit heime finden knnen? Bist
ins Heu gekrochen? Nun, schlaf aus, ich verstr' dich nit weiter.
    Mit diesen Worten entfernte sich die Gestalt. Der Jger wollte: Jochem!
rufen, konnte aber keinen Laut aus der zusammengeschnrten Kehle bringen. So lag
er noch eine Zeitlang. Endlich setzte sich das stockende Blut doch wieder
gewaltsam in Bewegung, er konnte seine Arme und Fe regen. Hastig sprang er von
dem gefhrlichen Lager auf und eilte in das Freie, um Gottes reine Luft
einzuatmen.
    Drauen pfiff ihm ein rauher Nordostwind entgegen. Ein brenzlichter Geruch
schwebte in der Luft, und ein Bauer, der vorbeiging, sagte: Es gibt heut
Haarrauch. Er fragte den Mann nach dem nchsten Wirtshause, welches ihm in
einiger Entfernung auf einer Hhe gezeigt wurde. Sein Weg lief ber ein hohes,
braunes Heideland, in geringer Entfernung in der Tiefe sah er aber grne Wiesen,
durch welche sich der Flu, der sie speiste, in zwanzig Windungen schlngelte.
Scharen von Landleuten waren mit dem zweiten Hiebe auf den Wiesen beschftigt.
Auf manchen Wiesen wurde die Grummet auch schon gewendet.
    Im Wirtshause heilte sich der Jger von seinen Kopfschmerzen durch das kalte
Wasser, in welches er sein brennendes Antlitz eintauchte. Aber er blieb
nichtsdestoweniger unwohl. In der Brust fhlte er ein eigenes Drcken und
Whlen, was ihn zwar nicht ngstlich machte, aber ihn doch an den Blutsturz
erinnerte, den er als Achtzehnjhriger gehabt hatte und dem hnliche
Empfindungen vorhergegangen waren. Sein Arzt auf der Universitt hatte ihn
damals nach der Herstellung gewarnt und ihm gesagt, er msse sich vor
unordentlichem Leben und Gemtsbewegungen in acht nehmen, denn so vollsaftigen
Konstitutionen, wie der seinigen, droheten bestndig Rckflle des bels, wenn
es einmal sich Bahn gebrochen habe. Nun war seine Lebensweise in den letzten
Wochen freilich nicht die ordentlichste, seine Stimmung aber nur eine
Gemtsbewegung gewesen.
    Er nahm Speise und Trank um dadurch die erregten Lebensgeister zu beruhigen.
Wirklich fhlte er sich auch danach besser. Er fragte nach dem Schlosse, wo es
liege? Da hrte er nun seltsame Dinge. - Sie mssen bald fertig sein da droben,
der alte Herr Baron und das gndige Frulein und der fremde Herr, sagte der
Wirt. Denn man sieht sie kaum noch auer dem Hause. Das sieht auch ganz
gefhrlich aus, und der Landbaumeister, der gestern hier vorsprach, sagte, wenn
nicht bald repariert werde, so msse die Obrigkeit Einsehen haben und auf
Abtragung des Dinges dringen, welches jeden Tag einstrzen knne.
    Der Jger verwunderte sich ber diese Reden, die mit Lisbeths Beschreibungen
in so groem Widerspruch standen. Die Anwesenheit eines Fremden in dem
sogenannten Schlosse kam ihm strend vor; er fragte den Wirt: was fr ein
Fremder das sei?
    Oh, versetzte der Mann, diesen Menschen kann keine Menschenseele
beschreiben; ich glaube aber, da er Gold macht.
    Der Jger schttelte den Kopf ber die nrrischen Nachrichten, die er hier
empfing und machte sich rasch auf den Weg, denn ihn drngte es, das Geschft,
was seiner Liebe beigesellt war, zu Ende zu bringen. An diese dachte er mit
aller Freude des Herzens und dennoch - schlich ein tragischer Hauch ber die
reinen Wellen, welche in seinem Busen wallten. Denn so ist es mit der Liebe. Am
Tage nach der sesten Erklrung wirst du, all dein Glck inniglich
durchfhlend, verlegen sein, auer Fassung, in Zwiespalt mit dir und der Welt.
Du wirst es nicht sagen, weder laut noch leise, aber einen Gedanken wirst du
haben und zrnen, da du ihn nicht unterdrcken kannst - den Gedanken: Wre es
noch vorgestern! - Das ist keine Reue, das ist kein Wankelmut, aber du fhlst,
vorbei sei das alte Leben, ein neues beginne. Und was dieses dir bringen werde,
wissen nur die Spinnerinnen, deren Gesang du hrst, deren Werk aber erst in
deiner Todesstunde offenbar wird.
    In so unruhiger Bewegung machte der Jger seinen Weg. Er glaubte einen
Nachtraum seines Traumes zu erleben, als er auf einmal nicht weit von der Strae
drei junge Leute unter einem Baume sitzen sah, in welchen er, wenn nicht alle
hnlichkeiten trogen, die drei Unbefriedigten wiedererkannte, von welchen in dem
Briefe an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde die Rede gewesen ist. Sie trugen
noch, wie damals in Stuttgart, grne Sammetrcke, grne Sammethosen und groe
grne Sammetschirmkappen, und ihre Gesichter waren im Gegensatz zu dieser
hoffnungsfarbigen Tracht auch noch so bleich und leidend wie damals. Der Jger
stand einen Augenblick still und hrte den einen zu den andern sagen: Mut,
Brder, wir sind am Ziele, oder alle Zeichen, die wir eingesammelt haben und die
auf unseres Meisters Nhe deuten, trogen. - Der Jger wollte sich ihnen nahen,
denn er hatte hin und wieder mit diesen Unbefriedigten sich in Stuttgart
unterhalten. Er wollte sie fragen, was sie so unvermutet in diese Gegend fhre?
Aber da standen sie alle drei auf und schlugen einen anderen Weg ein. Ihnen
nachzugehen hatte er aber keine Lust. Vielmehr verfolgte er seine Strae.
    Er war jedoch nicht lange gegangen, so sah er einen neuen Bekannten, oder
wenigstens einen Landsmann, wie das erste Gruwort ihm den Wanderer als solchen
zu erkennen gab. Ein untersetzter Mann, der einen Packen auf dem Rcken trug,
kam ihm derben Schrittes entgegen. Da er sich schwbisch angesprochen hrte, so
blieb der Jger bei dem Landsmanne stehen und fragte ihn nach Herkunft und
Gewerbe. Ei, versetzte der Packentrger, ich bin ja der Ehinger Spitzenmann.
Ja, die Ehinger wandern berall umher, mut' einmal auch diese Gegend besuchen.
Zudem hab' ich noch ein apartes Geschft hier, wann ich meine Spitzen bei
einigen Bauern herum ausgeboten hab'. Ich such' was oder wen in dem Schlo
nah'zu, darf nicht davon reden, denn die Sach' betrifft eine Ehinger
Heimlichkeit, aber wie ich mein', ist die Spur nach dem Schlo richtig.
    Der Ehinger Spitzenkrmer trennte sich darauf von dem Jger. Letzterer hatte
abenteuerliche Gedanken ber den Fremden im Schlosse, der ein Goldmacher sein
sollte und den sein Landsmann suchte, konnte jedoch denselben nicht lange
nachhangen, denn bald fesselte ein Anblick der unerwartetsten Art seine
Aufmerksamkeit. Der Weg kreuzte die groe Heerstrae, welche den Osten
Deutschlands mit dem Westen verbindet, und auf dieser sah er ein wundersames
Fahrzeug sich langsam heranbewegen. Gezogen wurde es von zwei Ochsen mit Bgeln,
woran Schellen klingelten, den Wagen selbst aber htte man von weitem fr einen
sogenannten berdeckten Wurstwagen halten knnen. Er war dieses aber nicht,
sondern ebenfalls ein stliches oder wenigstens ostartiges Gefhr. Auf Sttzen
ruhte ein Dach von rotem Tuch mit gelben Troddeln ber einem weitluftigen
Kasten, den schmale Borde umschlossen. In diesem Kasten lagen orientalische
Polster, und auf den Polstern sa mit gekreuzten Beinen ein Trke und hielt den
Bernsteinknopf seiner Pfeife am Munde. Nicht allein war dieser Trke in dem
Kasten, sondern verschiedenes anderes Getier teilte denselben mit ihm; ein Paar
Affen in Kfichen und drei oder vier Papageien. Neben den Ochsen ging ein junger
Neger in weien Hosen und roter Jacke, lenkte sie, wo es ntig war, trieb sie
jedoch nicht sonderlich an, so da das Fuhrwerk sich nur langsam fortschob.
    Der Jger begriff nicht, wie der Orient pltzlich hieher komme, sein
Erstaunen wuchs aber, als der Trke, dessen blasses und geistreiches Gesicht
etwas ungemein Gelangweiltes offenbarte, ihn in reinem Deutsch nach der
Entfernung des Schlosses fragte, dem der junge Liebende ebenfalls zustrebte. Als
er den Fremden bei der Antwort nher ansah, scho ihm pltzlich eine Erinnerung
durch den Kopf. Ein sehr hnlicher Kupferstich, den er kurz vor seiner Abreise
aus Schwaben gesehen hatte, fiel ihm ein, und es wurde ihm klar, da er so
glcklich sei, zwischen den Affen und Papageien den berhmtesten Reisenden der
Gegenwart zu erblicken, den Liebling aller modernen Damen und Herren.
    Als der Jger bescheiden seine Vermutung aussprach, wurde ihm die
Besttigung aus dem Munde des deutschen Trken und Semilasso gab sich sogleich
mit dem jungen Grafen in ein geistreiches Gesprch. Er erzhlte ihm, da er aus
dem Morgenlande zurckkehre, um den Abend jetzt mit seinen gewonnenen
Erfahrungen aufzuklren. - Die Journale haben verbreitet, sagte er, da ich
noch eine Zeitlang in Smyrna verweilen werde; ich pronierte auch dieses Gercht
und reiste in der Stille ab, teils um den Okzident zu berraschen, teils um
einen Streit unter den Gelehrten anzufachen ber die Frage, wo ich nun
eigentlich sei, ob in Ost oder in West? Die einen werden sich auf Augenzeugen
berufen, die mich in Smyrna gesehen, die anderen werden meine Karte abdrucken
lassen, die ich ihnen sandte. Es kann, sagte Semilasso mit feierlicher
Leichtigkeit und anmutigem Ghnen, eine interessante Debatte werden, welche das
Publikum ein paar Monate lang beschftigt, denn das will immer angeregt und
gekitzelt sein. -
    Der Jger befragte ihn ber seine Reiseroute, worauf Semilasso versetzte:
Ich bestieg in Smyrna ein sterreichisches Schiff, fuhr quer durch das
Mittellndische Meer an den Sulen des Herkules vorbei, um Portugal herum durch
die Biskayische See, lenkte in den Kanal ein und debarkierte in Havre. Die
gerade Linie ist so langweilig; es lebe die krumme! Mein Dromedar und der Hengst
von Dongola folgen mir um einen Tagemarsch. Mein Kammerdiener geht, armenisch
gekleidet, als Furier voraus, und so haben die Leute an jedem Orte, den die
Reise berhrt, drei Tage lang von mir zu reden, einen, wo der Furier ankommt,
einen, wo ich ankomme, und einen, wo der Dromedar und Hengst ankommen.
    Der Jger sah verwundert das Ochsengefhr an. Semilasso erriet seine
Gedanken, lachte und sagte: Meine Ochsen sind Ihnen auffallend. Ich kaufte sie
in der Normandie; im Orient fhrt man fast nur mit diesen Tieren, sie paten in
meine jetzige Liebhaberei und in mein System. Denn seit alle Welt sich
blitzschnell fortbewegt, ist es bei mir Prinzip geworden, nur Schritt zu fahren,
habe daher, um mich nicht von der plebejischen Eile verfhren zu lassen, diese
Ochsen vorgespannt und mache so tglich hchstens vier Meilen. Von Havre bin ich
drei Wochen unterwegs. Theodor Mundt wird - if possible - an dieses
Schrittfahren tiefsinnige Untersuchungen ber Weltfragen und wichtige Probleme
der Zivilisation knpfen. In diesem Theodor erlebe ich berhaupt mein
eigentliches Reflexions- und spekulatives Leben. Ich kann sagen, da ich manches
aus Laune und in unbewuten Ansten getan habe. Aber Theodor rckt alles
welthistorisch und bedeutend zurecht - im kleinen auf seinem Studierstbchen.
Theodor und ich stellen eine umgekehrte telegraphische Anstalt dar. Ich mache da
droben im Freien wunderbar arbeitende Bewegungen, welche die Hand Theodors, des
Telegraphisten, regieren, so da sie unten im Turmgemache ein niedlich Figrchen
meiner Winkel und Charaktere nachzeichnet. Er hat mich sogar zu einem Stilmuster
gemacht. Darber habe ich doch lachen mssen. Denn an meinen Stil glaube ich
nicht. Ich will eher glauben, da Theodor eine Komdie machen knne, als da ich
glaube, ich schreibe einen Stil. Wie kme ich zu Stil? Gehre ich denn zur
Rotre? Meine Wappenvgel fliegen ber allen Stil hinaus. - Aber, passons l
dessus, Theodor sagt, ich habe Stil, es mag also drum sein. - Wenn er mich nur
nicht kopierte! Ich habe ihm ausdrcklich gesagt, als ich ihn bei der ersten
Bekanntschaft zum Handku zulie, da er sich nicht unterstehen solle, nun auch
offiziell reisen zu wollen. Dennoch hat er sein Wort gebrochen und ist auch ein
Spaziergnger und Weltfahrer geworden. Nichts lassen diese Leute einem ber. Was
will so ein Ding erspaziergngern und erweltfahrern? C'est un singe, qui a fait
ses tudes.
    Der Halbtrke Semilasso hatte sich in einen solchen rger ber seinen
getreuesten Anhnger hineingeredet, da ihm die Pfeife ausgegangen war. Er fate
sich jedoch bald wieder und sprach von dem Zwecke seiner heutigen Reise.
Abermals vernahm der Jger mit Erstaunen von einem, der mit ihm dasselbe Ziel
hatte. Auch Semilasso wollte auf dem Schlosse seinen Besuch abstatten.
    Als der junge Jger fragte, wen Semilasso dort kenne oder zu finden hoffe?
glitt der berhmte Reisende darber hin und sprang, wie es schien, von einer
pltzlichen Erinnerung berwltigt, zu Betrachtungen allgemeiner Art ab, die mit
seinen vorigen uerungen keinen erkennbaren Zusammenhang hatten. - Ich habe
immer, rief er angenehm lebhaft, im stillen lachen mssen, wenn man sich, wie
es jetzt Mode ist, den Kopf darber zerbricht, durch welche styptische Mittel
der allgemeinen Erschlaffung des Menschengeschlechtes entgegenzutreten sei. Das
Abnchtern und Versanden der Jetztlebenden ist ein ziemlich konstatiertes
Faktum. Das will man nun mit Religion, Patriotismus, Philosophie,
Naturbetrachtung, mit, was wei ich noch? hemmen. Es hilft nichts, da liegt der
Trost nicht, er steckt ganz woanders, ist mit Hnden zu greifen, und niemand hat
ihn gefat, es geht damit wie mit dem Ei des Kolumbus.
    Wie entstehen die Menschen? Wie entstehen sie denn, mein Bester? Der
Schwchling heiratet die krftige Jungfrau, der krftige Mann die
Bleichschtige, hufig kommen auch Hektik und Hektik zusammen. Was fr Kinder
mu das geben? Auf das Physische wird gar nicht mehr gesehen, es ist, als ob wir
nichts als Geist, Rcksicht, Verhltnis, Geld wren. Daher rhrt denn das matte,
aschgraue, totlebendige Geschlecht.
    Sehen wir uns dagegen unter den Tieren um! Gehen wir in die
Stammschfereien, in die Gestte, ja, besuchen wir nur einen tchtigen konomen,
der auf sein reines friesisches Vieh hlt. Wie macht man es denn da? Man hlt
auf Vollblut. Und eine edle Rasse folgt der andern. Da sitzt es. There's the
rub. Will man wieder ein munteres, geistreiches, poetisches, lebensfrisches
Menschengeschlecht haben, so mu man vor allen Dingen fr Vollblut sorgen, man
mu Rasse stiften. Reine Kreuzungen, reine Kreuzungen, junger Freund, darauf
kommt es an! Da aber diese nicht mglich sind, wenn wir gewisse veraltete
Meinungen und Formalitten festhalten, leuchtet ein.
    Lange mit diesen Ideen beschftigt, fand ich in gypten das Genie, welches
sie befruchtete. Ich sage nichts, qui a compagnon, a matre, aber unter uns:
Haben mich hier meine Vermutungen nicht getrogen, so werden Sie binnen
Jahresfrist von einem Institute unter den Kassuben auf meiner Herrschaft hren,
gegrndet nach dem Muster von Trakehnen. Suffit! Ich kann sagen, ich schwrme
dafr, mein Dromedar ist mir nicht so lieb wie dieser Gedanke, von dessen
Ausfhrung ich mir ungeheure Resultate verspreche.
    Semilasso, der diese Gedanken mit groem Feuer vortrug, lie unerrtert, ob
er auch bei seinen Standesgenossen Vollblut zu schaffen fr mglich halte,
Vollblut, nicht im aristokratischen, sondern im physischen Sinne. Aber mit
grazisem Lcheln setzte er hinzu: Ich bedaure nur eins, da ich nicht mehr in
den Jahren bin, um selbst praktisch die Sache angreifen zu knnen, ich werde
mich leider auf die Verwaltung beschrnken mssen, auf die trockene Verwaltung.

                                Zweites Kapitel



                         Eine berraschung eigener Art

Den jungen Jger widerten diese Auseinandersetzungen an. Sobald es die
Hflichkeit erlaubte, machte er Semilasson eine Verbeugung und eilte, dem
langsamen trkischen Fahrzeuge voranzukommen, was auch seinen raschen Fen
gelang. Der Deutschtrke blieb im Schritte, so da der Jger ihn bald weit
zurckgelassen hatte. Dieser sah nach einer Stunde das sogenannte Schlo auf
seinem kahlen Hgel liegen. Schon die Strae mit den ausgerissenen Steinen und
den grundlos gewordenen Geleisen hatte ihn sonderbar berrascht, noch mehr aber
setzte ihn das Ansehen des Gebudes in Erstaunen. Er zweifelte einen Augenblick,
ob er auch an der rechten Stelle sei. Als er aber die beiden Wappenlwen sah,
den stehenden und den liegenden, so mute er sich davon berzeugen. Nun schritt
er ber den Schlohof auf das Haus zu. Es war ganz still in demselben und um
dasselbe her; nur die Bachstelzchen liefen an der Pftze im Hofe auf und nieder.
Er klinkte an der Tre; sie war zwar nicht verschlossen, aber von innen
verrammelt, und Lrmen wollte er doch nicht gleich zur Erffnung der
Bekanntschaft machen. Er lie also von weiteren Versuchen gegen diesen Eingang
ab. Das Loch neben der Tre war ebenfalls mit Tonnen und Kisten verstellt; auch
hier htte er nur polternd und ungestm eindringen knnen; er glaubte das
gleichfalls unterlassen zu mssen. Selbst die Fenster des Hauses, nmlich die
praktikabeln, nicht die mit Brettern oder Lden geblendeten Fensterhhlen waren
smtlich verschlossen, nur eins stand offen, und er hrte in dem Zimmer, zu dem
es gehrte, heftig schnarchen, ein Beweis, da ein Lebendiger in dem Zimmer war.
Eine Leiter stand in der Nhe, so da die Mglichkeit vorhanden war, sich mit
diesem Lebendigen in Verbindung zu setzen. Indessen konnte ihm auch dies nicht
recht anstndig vorkommen. Er beschlo daher, geduldig in einem Hofe der
Nachbarschaft zu warten, bis das verwnschte einsame Kastell zugnglich werden
wrde. Vorlufig aber setzte er sich auf einem Stein, der im Hofe lag, zur
kurzen Rast nieder, denn der Weg seit frh morgens - und jetzt ging es schon auf
Mittag - hatte ihn ermdet. Von diesem Steine berblickte er den Schauplatz. Er
sah den verwilderten unordentlichen Platz voll Nesseln, Disteln und Wegerich,
die zerstrte Pforte, das elende, klftige, verfallene Haus mit dem
durchlcherten Dache. Alles das sah in dem nun schon heranwehenden grauen
Haarrauche noch unheimlicher und jammervoller aus, als gewhnlich.
    Und dennoch ergriff unseren jungen Jger bei dem Anblicke dieses
bettelhaften Elendes eine fromme Rhrung, welche die zwiespltigen Empfindungen
in seiner Brust verwischte, die von den sonderbaren Begegnissen des Morgens
hervorgerufen worden waren. Denn er erinnerte sich an die anmutigen
Beschreibungen, die ihm Lisbeth von dieser Zerstrung gemacht hatte, die er nun
vor Augen sah. - So gibt es denn Gemter, fr welche das Hliche nicht da ist,
weil sie in allem nur das Schne erblicken! rief er freudig aus. So blht eine
Unschuld des Geistes, welche rosengleich auch den desten Schutt berwchst und
zudeckt. - Ich las einmal in einem Aufsatze von Ranke, der alte, ehrwrdige Pius
sei ein Charakter gewesen, der in allem nur das Trstliche gesehen habe. Ich las
das damals, wie man manches liest, ohne mir dabei eben viel zu denken. Nun aber
habe ich etwas hnliches erlebt und nicht an einem alten Manne, sondern an einem
jungen Mdchen, und was das Seste bei der Sache ist, an meinem Mdchen.

                                Drittes Kapitel



            Die drei Unbefriedigten treten mehr in die Handlung ein

Kaum hatte der Jger einige Minuten den Hof verlassen, als derselbe von neuen
Wanderern betreten ward. Die drei Jnglinge in grnem Sammet kamen nmlich aus
den Dornen neben dem Garten und krochen durch eine ffnung der Hofmauer, weil
sie ihre Brillen nicht aufgesetzt hatten und wegen Kurzsichtigkeit die offene
Pforte nicht sahen. Das Haus erblickten sie indessen notdrftig, sie nherten
sich demselben, versuchten zu ffnen, aber auch ihnen wollte das nicht gelingen.
Sie seufzten und klagten, da vielleicht nur wenige Schritte sie von ihrem
ersehnten Meister trennten, und eine verrammelte Tre ihrem Drange ein Ziel
setzte. Traurig gingen sie vor dem Schlosse auf und nieder.
    Die Geschichte dieser drei unbefriedigten Jnglinge in grnem Sammet war
einfach aber lehrreich. Sie waren Brder, Shne eines reichen Bankiers in
Hamburg und hieen Karl Emanuel, Karl Nathanael und Karl Gabriel. Ihr Vater
hatte ihnen die sorgfltigste Erziehung geben lassen, weil er wnschte, drei
ausgezeichnete Mnner erzeugt zu haben. Sie wuchsen in geistreicher Gesellschaft
heran, denn in dem Hause des alten Bankiers versammelte sich alles, was auf den
Namen eines klugen Mannes Anspruch machen konnte.
    Die Fhigkeiten der drei Knaben entwickelten sich auch frh in der
entschiedensten Weise. Karl Gabriel lief jeden Abend in die Komdie, hatte in
seinem vierzehnten Jahre einen kleinen Roman mit der Tnzerin Rosamira, stand in
den Zwischenakten am Bffet, a Eis oder trank Punsch und gab danach Kritik von
sich. - Karl Nathanael ging dagegen auf das Kaffeehaus, las Zeitungen und
spekulierte, als er den Cornelius Nepos exponierte, in den Fonds, Karl Emanuel
war ein stiller Junge, der am liebsten zu Hause sa, gern Bratpfel a und bei
allen Dingen nach dem: Warum? fragte. - Der alte Bankier beobachtete diese
Erscheinung, lie eines Tages, als er seine Tasse Morgenschokolade trank, die
Shne vor sich treten und sagte zu Karl Emanuel: In dir steckt ein Philosoph;
zu Karl Nathanael: Aus dir wird ein Staatsmann; zu Karl Gabriel: Du bist zum
Dichter geboren. Dieser Beruf war ihm nicht ganz erwnscht. Er htte lieber
einen groen Maler in der Familie gehabt, weil die Maler jetzt besser bezahlt
werden als die Dichter. Indessen lie er sich, da es nun einmal nicht anders
sein sollte, auch den Dichter gefallen. Die drei Brder aber hielten sich nach
jenem Tage fr das, wozu sie der Vater bestimmt hatte, und wurden in ihrer
Meinung von einigen Schauspielern, Doktoren der Philosophie und von einem
dimittierten Legationssekretr untersttzt, welche Personen bei ihrem Vater
offenes Couvert hatten.
    Karl Gabriel studierte in Berlin, um durch keinen Natureindruck von der
Poesie abgezogen zu werden, Karl Nathanael in Mnchen, der tiefen politischen
Weisheit wegen, welche er da immer vor Augen haben konnte, Karl Emanuel in
Gttingen, weil er glaubte, da Mettwurst die Spekulation strke. - Als sie in
die Jahre gekommen waren, worin der Mensch seine Taten zu vollbringen anfngt,
schrieb ihr Vater an sie drei gleichlautende Billette des Inhalts, er erwarte
jetzt von ihnen Groes. Karl Emanuel setzte sich darauf hin, um ein neues System
zu erfinden, Karl Nathanael griff zur Feder, um eine nie erhrte politische
Wahrheit zu offenbaren, Karl Gabriel ging im Tiergarten spazieren, um ein
Trauerspiel zu ersinnen, welches die Reformation der Bhne bewirken sollte. Sie
gaben sich die grte Mhe jeder in seinem Fache, aber sie war umsonst. Nicht
einmal den Titel zu einem Trauerspiele fand Karl Gabriel trotz seiner vielen
Spaziergnge im Tiergarten, er begriff nicht, wie einen geborenen Dichter die
Musen so im Stich lassen konnten. Karl Nathanael brachte nach langem Sinnen den
Satz heraus: Die Staaten teilen sich in Monarchien, Aristokratien und
Demokratien. Aber ein kundiger Freund, dem er davon sprach, riet ihm, mit
dieser politischen Wahrheit nicht hervorzutreten, weil sie kaum ganz neu zu
nennen sei. Karl Emanuel machte es, wie Karl Gabriel, nmlich, er machte nichts.
    Als sie die Vergeblichkeit ihrer Bestrebungen einsahen, zerfielen sie mit
dem Leben. Gabriel nannte die Quelle der Dichtung berhaupt versiegt und knpfte
in diesem Unmute ein kurzes verdrieliches Verhltnis mit Gervinus an, bis sie
sich auch wieder trennten, weil ein Malcontenter dem anderen bald unausstehlich
wird; Emanuel hatte einen Augenblick Lust, fromm zu werden, konnte aber dazu
nicht recht gelangen, weil sein Gedchtnis schwach war und die Frommen viele
Redensarten auswendig behalten mssen. Am glcklichsten war noch verhltnismig
Nathanael, er resignierte und legte sich in seinem zweiundzwanzigsten Jahre auf
den reinen Papierwucher. Freilich klagte auch er, wie seine Brder, da der
Himmel dumm und die Erde abgeschmackt sei, indessen machte er doch guten Profit.
    Die drei Brder hatten sich, als ihre Hoffnungen scheiterten, zusammengetan.
Sie klagten einander vor, wenn ihr Ghnen es zulie. Auch darin waren sie
unglcklich, da niemand sonst ihr Weh mitempfand. Emanuel pflegte zu sagen:
Nichtiges Dasein; Nathanael: Nchterne Zustnde; Gabriel: Kahles,
vernutztes Leben. - Viele Leute hielten sie fr Narren. Ich aber sage: Es ist
ein groes Migeschick, wenn ein Jngling kein reformatorisches Trauerspiel
machen, kein neues philosophisches System erfinden, keinen Umschwung in den
politischen Ideen des Zeitalters hervorbringen kann.
    Als sie am tiefsten herunter waren, stand ihnen jedoch die Hlfe am
nchsten. Sie lernten nmlich einen Mann kennen, einen wunderbaren Mann, einen
Mann, der mehr zu sein schien als ein Mensch. Nach wenigen Unterredungen, die in
geheimnisvollen Worten gefhrt wurden, hrten sie, da dieser bermenschliche
Mann das Mittel besitze, ein klassisches Trauerspiel zu verfertigen, dem
Philosophen aber und dem Politiker auch zu helfen.
    Die Existenz dieses Mannes war ein Geheimnis und ein Wunder. Sie erfuhren in
einer Stunde der Weihe von ihm, was sie vor Erstaunen beinahe starr machte. -
Der Umgang mit dem Meister bte auf die drei Unbefriedigten den wohlttigsten
Einflu. Damals war es, wo sie grnen Sammet anlegten, das Kleid der Zukunft und
der Erwartung. Karl Gabriel fand sogar den Titel und die Begeisterung zu einem
Trauerspiele, welches Das Trauerspiel heien und das Tragische an und fr sich
ohne Rcksicht auf ein bestimmtes Ereignis behandeln sollte.
    Aber die Hlfe blieb nicht nahe, sondern verschwand in die Ferne. Seit
diesem Trauertage liefen die drei Unbefriedigten umher wie Frauen mit falschen
Wehen. Die falschen Wehen leiteten indessen nach einiger Zeit auf die wahre
Spur, die wahre Spur jedoch leider nur bis zu einer verrammelten Tre
vorderhand. ber dieses symbolische Ereignis ergingen sich die drei grnen
Sammetrcke in Betrachtungen. Karl Gabriel sagte, er wolle den Helden seines
Trauerspiels: Das Trauerspiel, auf eine erschtternde Weise an einer
verrammelten Tre niederstechen lassen, in welche er hineingewollt, aber nicht
hineingekonnt; Karl Emanuel behauptete, alle Philosophie bestehe eigentlich
darin, zugemachte Tren nicht aufzumachen, wogegen Karl Nathanael versicherte,
die hchste Maxime der Staatsweisheit sei, alte Tonnen und Kasten von innen
vorzuschieben, wenn Schlo und Riegel nicht mehr halten wollten.
    Als sie, ich wei nicht zum wievielsten Male vor dem Schlosse und vor der
Fronte seiner Bauflligkeit auf und nieder gegangen waren, stie der Dichter mit
seiner Nase an die gegengelehnte Leiter und entdeckte dadurch dieses Motiv. Der
Philosoph setzte die Brille auf und sah das oben offenstehende Fenster, der
Staatsmann aber, der von dieser doppelten Entdeckung hrte, schlug vor, auf der
Leiter emporzuklimmen und zum Fenster einzublicken. Denn auch sie hrten oben
schnarchen und zogen daraus den Schlu, da dort jemand sein msse, der
schnarche. Vielleicht lie er sich erwecken und mglich, da man dann mit ihm
ber die Erffnung des Schlosses unterhandeln konnte.
    Diese Idee war wohl eine glckliche zu nennen und sie wurde sogleich
ausgefhrt. Karl Gabriel stieg zuerst die Leiter hinauf, die andern Brder
folgten und alle drei reckten sich oben so hoch empor, da sie in das Zimmer
sehen konnten. Als dieser Moment gekommen war, lie sich ein dreifaches Ach!
des Entzckens von ihnen hren. Mit sanfter Stimme riefen sie nun einen groen
Namen vergebens, darnach riefen sie lauter, jedoch umsonst; endlich schrieen
sie, es war indessen fruchtlos. Dieser Schlaf schien ein Totenschlaf zu sein.
    Karl Gabriel, der khne Dichter, schlug darauf vor, den Schlummernden mit
einigem Kalk zu bewerfen, wogegen sich aber Karl Emanuel und Karl Nathanael
erklrten, indem sie sagten, da man einen solchen Mann nicht mit Kalk werfen
drfe. - Bisweilen kommt es mir vor, sagte Gabriel, als blinzle er. -
Optische Tuschung, mein Bruder, versetzte Nathanael, warum sollte er sich
gegen uns, seine treuesten Anhnger, verstellen?
    Als Nathanael das gesagt hatte, knackte es unter ihnen. Die alte Leiter,
welche ber die Jahre hinaus war, das Gewicht von drei Unbefriedigten tragen zu
knnen, bekam einen gefhrlichen Sprung und eiligst stiegen sie und erschrocken
hinab, nicht gewillt von der Hhe ihres Standpunktes zu strzen. Sie gingen in
den verwilderten franzsischen Garten, um dort das Weitere zu erharren.

                                Viertes Kapitel



     Ein chronischer Schlfer und ein seltenes Beispiel von Bediententreue

Whrend dieser Begebenheiten sa der alte Baron, unwissend noch ber die
Verrammelung des Schlosses, etwa eine Viertelstunde von diesem in einem krausen
und durcheinandergewirrten Busche von Hagdornen, Eschen und Birken, der auf
einem kleinen Hgel wuchs. Er hatte den Ort in seinen wohlhabenden Tagen zum
Vogelherde benutzt; es stand aber von der frheren Vorrichtung nichts mehr als
der Pfahl fr den Lockvogel nebst den vier Pfosten, zwischen welchen die Htte
erbaut gewesen war. Das Dach und Bretterwerk war lngst verfault oder von armen
Leuten gestohlen. An diesem stillen und wsten Platze sa der Schloherr und
lauerte auf einen gleichsam Vogel, aber nicht auf einen Finken, Hnfling oder
Kreuzschnabel, sondern auf den Bedienten Karl Buttervogel.
    Die Strae nach der Stadt zog sich nmlich unter dem Hgel durch. Karln
hatte er vor kurzem auf ihr fortwandern sehen, und sogleich war von ihm
beschlossen worden, dem Bedienten bei der Heimkehr, die mittags zu erwarten
stand, den Weg zu verlegen, ihn auf den Vogelherd zu rufen, mit ihm dort,
begnstigt von der Einsamkeit des Ortes, ein scharfes Verhr anzustellen und
dadurch womglich hinter die Geheimnisse Mnchhausens zu kommen.
    Der alte Herr hatte lange ber diesen Entschlu mit seinem Zartsinne
gefochten, endlich aber war er doch zu dem Resultate gediehen, da er ihn
unbeschadet seines Gewissens ausfhren drfe, weil ein so dankvergessener Gast,
wie der Freiherr von Mnchhausen, durchaus keine Rcksicht verdiene.
    Die Verhltnisse im Innern des Schlosses hatten sich nmlich folgendermaen
gestellt:
    Durch den Abzug des Schulmeisters waren die Akademiker von
Schnick-Schnack-Schnurr desjenigen Individuums quitt geworden, welches einer
jeden menschlichen Gemeinschaft not tut, nmlich des Sndenbockes. Irgendeiner
mu in jedem Hause vorhanden sein, an welchem die beln Launen, die
Zornmtigkeiten und die verdrielichen Stimmungen ausgelassen werden drfen.
Ohne einen solchen Abzugskanal lt sich ein dauerhafter huslicher Friede gar
nicht denken. Ich habe ein Hauswesen gekannt, in welchem so lange zwischen der
Herrschaft und den brigen Hauptpersonen eine vortreffliche Einigkeit bestand,
als ein dummes und ungeschicktes Mdchen, eine entfernte Verwandte, tagtglich
auszuschmlen war. Herr und Frau begingen aber den Torenstreich, dieses Mdchen
fortzuschicken aus dem Grunde, weil der rger und Lrmen mit ihr im Hause zu
gro sei. Und von Stund an hrte alle Vertrglichkeit auf; es war, als ob in der
Dummen und Ungeschickten der Schutzgeist des Herdes verscheucht worden sei, der
Mann zankte mit der Frau, die Frau schmollte mit dem Manne, der erwachsene Sohn
und die mannbare Tochter hatten ein bestndiges Schrauben und unangenehmes
Reiben miteinander; selbst die Hausfreunde bekamen Augen fr die Schwchen ihrer
Wirte und erkalteten, kein Gesinde wollte mehr bleiben, weil es die erschwerte
Last der beln Behandlung nicht zu tragen vermochte - kurz, es war eben mit
allem Komfort zwischen jenen vier Pfhlen vorbei, als man rechten Komfort darin
stiften wollte. So knnen sich die Menschen ber ihre nchsten Verhltnisse und
Umgebungen tuschen. Und in der groen Welthistorie geht es mitunter nicht
anders zu. Einem Volke tut ein tchtiger Feind not, nur solange es ihn besitzt,
ist es in Flor. Solange Rom sich mit Karthago herumbi, setzte es alles bse
Wesen drauen ab, als aber die Nebenbuhlerin in Trmmern rauchte, ging die
innerliche bse Wirtschaft an; von Napoleon hat nicht einer blo gesagt, er sei
fr uns viel zu frh gefallen.
    Doch um von Rom und Karthago und Napoleon und uns zum Schlosse
Schnick-Schnack-Schnurr zurckzugelangen - solange der Schulmeister auf dem
Gebirge Taygetus sa, wuten der alte Baron und seine Tochter, wohin mit ihren
verdrielichen Stimmungen, und als er abzog, wurde es buchstblich wahr, was der
Schloherr gesagt hatte: Es kam eine Lcke in den schnen Kreis. Das Glck war
bekanntlich nicht die Gttin des dortigen Herdes, es gab also viel Anla zu
Verstimmungen, an wem sollten sie nun ausgelassen werden? Htte das Frulein
Lisbeth gehabt, so wre wenigstens ihr geholfen gewesen, so aber wie die Sachen
standen, gab es durchaus keinen Rat. Vater und Tochter waren zu sehr aneinander
gewhnt um miteinander hadern zu knnen. Der Bediente Karl Buttervogel war fr
Emerentien Karlos, der geliebte und verehrte Schmetterling, fr den alten Baron
ein zu geringfgiges Individuum. In dieser Not und Verlegenheit sank der
Freiherr von Mnchhausen von einem langweiligen Erzhler, der er fr den alten
Baron bereits geworden war, zum Sndenbock herab.
    Ja, es ist richtig, wenn auch betrbt; dieser groe und wunderbare Charakter
war bald dahin gediehen, wo der verachtete Schulmeister Agesel gestanden hatte;
er wurde wechselweise von dem alten Baron und seiner Tochter ber die Achsel
angeschaut. Das war nmlich so zugegangen.
    Der Baron Schnuck-Muckelig in der Boccage zum Warzentrost verbracht einige
unmutige Tage nach dem Abzuge des Schulmeisters und suchte sich durch
wiederholtes Besichtigen des freien Platzes, wo die Luftverdichtungsfabrik zu
stehen kommen sollte, leidlich hinzuhalten. Er dachte, Mnchhausen werde
rcksichtsvoll genug sein, auch ohne Erinnerung ihm das Geheimnis der Bereitung
kundzutun. Mnchhausen schwieg. Hiernchst spielte er von ferne auf Pflichten
der Gastfreundschaft an, welche nicht verabsumt werden drften. Mnchhausen
schwieg. Darauf gab er die Sache nher und sagte, es sei nicht gleichviel,
jemandem etwas in den Kopf zu setzen, man msse auch Wort halten knnen.
Mnchhausen schwieg. Endlich wurde er klar und rief: Wenn du mir nicht die
Luftfabrik machst, so bist du kein ehrlicher Mann! Mnchhausen seufzte und
schwieg.
    Emerentien war die Zeit ebenso lang geworden, wie ihrem Vater. Der
Prtendent von Hechelkram a Wurst, Eier und Rindfleisch, soviel ihm von diesen
Dingen die Hand der Liebe reichte, blieb aber nach wie vor Bedienter, die
Gemeinheit seiner Maske tuschend in Worten und Werken festhaltend. Unglaublich
war es, bis zu welchem Grade sich dieser maskierte Frst verstellen konnte,
besonders seitdem er fern von den vornehmeren Personen dieser Geschichte in dem
Gartenhause auf dem Taygetus wohnte und bis auf die zu leistenden Dienste sein
eigener Herr geworden war. Emerentia begann zu zittern, wenn sie, die Wurst
unter der Schrze, das Stiftskreuz im Herzen, nach dem verfallenen
Schneckenberge ging, und war eines Tages bei einem unbeschreiblichen Anblicke
gentigt gewesen, zu Karln zu sagen: Frst, spielen Sie nicht zu natrlich. -
Bei dieser Gelegenheit hatte Karl Buttervogel erwidert: Immer und ewig sich
genieren mssen, tut keinem Menschen gut. Wofr bin ich hieher in des
Schulmeisters seine alte Kabache gezogen, wenn ich meine Freiheit nicht haben
soll? Ich verlange und bestehe darauf, da wofern ich es platterdings sein soll,
mir meine fernerweite Verkstigung drauen hingesetzt wird, stillschweigend,
ohne Ansprache und Bekmmernis um mich.
    Emerentia wurde hochrot vor Zorn, denn diese Antwort war zu grob, um sie
selbst einem Frsten hingehen zu lassen. Sie rief: Und ich bestehe darauf, da
Ew. Durchlaucht nunmehr bald aus Ihrem Inkognito hervortreten, denn meine Lage
wird Ihnen gegenber von Tage zu Tage zrter und peinlicher. - Gndiger Herr,
erwacht denn nicht Ihr Mitleid mit einem armen Mdchen, dessen Lebenshoffnung
Sie sind? setzte sie weicher werdend hinzu, und einige Trnen liefen ber ihre
Wangen. Karl a schon die Wurst, die ihm Emerentia gebracht hatte, und da sein
Herz der Rhrung immer am offensten war, wenn er Wurst a, so tat ihm die
Weinende leid, er trat daher, das letzte Stck in der Hand, zu ihr und sagte:
Ich bin ja, wei Gott, kein schlechter Kerl, und Frauenspersonen mu man alles
zu Gefallen tun, was nur menschenmglich ist. Wenn ich also nur wt', wie ich's
anfangen sollte, so geschh's ja alsobald. Wofern aber mit meinem Herrn
Rcksprach' genommen wrde, so knnt' es sein, da ich's wrde, denn er wei fr
alles Rat und hat mehr Grtz im kleinen Finger als wir beide im ganzen Leib,
sonst wr' er nicht vermglich, so schreckbar zu lgen, wie er lgen tut. -
Ich verstehe Ihren Wink, versetzte das Frulein, wischte sich die Trnen ab
und ging getrstet vom Taygetus.
    Dieser Vorfall ereignete sich an dem Tage, an welchem der alte Baron gegen
den Freiherrn klar geworden war. Emerentia hatte sich seit der Stunde, wo sie
Mnchhausen zum ersten Male nicht verstanden, in einer stillen Entfernung von
ihm gehalten, welche jedoch die Fortdauer achtungsvoller Empfindungen noch nicht
ganz ausschlo. Jetzt war es ihr sogar lieb, eine Gelegenheit zu finden, mit ihm
wieder anknpfen zu drfen. Sie setzte sich daher nieder und schrieb folgenden
Brief an ihn:

Mnchhausen!
    Ich nenne Sie nicht mehr du, denn schmerzlich habe ich einsehen lernen, da
wir einander doch nicht ganz so nahe standen, als schne Trume mir sagen
wollten. Denken Sie an den Augenblick, da ich die Bohnenschssel fallen lie,
weil Sie mich nicht begriffen. Indessen ist mir ein hohes Gefhl von Ihnen
geblieben, und das Schicksal lehrt uns wohl, uns begngen, wo uns die volle
Befriedigung versagt wird.
    Mnchhausen, Karl hofft auf Sie. Sie haben, wenn Sie wollen, alles in der
Hand; einem Manne, gleich Ihnen, ist nichts unmglich. Erinnern Sie sich Ihrer
Verpflichtungen gegen ihn, helfen Sie ihm zu dem Seinigen. Ich sage nichts
weiter.
                                                                       Emerentia

Mnchhausen rieb sich die Augen, als er diesen Brief berlesen hatte. Er las ihn
zweimal, bevor er einen Sinn finden konnte, endlich glaubte er doch einen
solchen gefunden zu haben und rief: Die Bestie hat mich also endlich auch noch
bei meiner Anbeterin wegen des rckstndigen Lohnes verklagt. Schlimm, schlimm,
schlimm! Aber man mu schon in den sauren Apfel beien, denn es gibt nichts
Gefhrlicheres fr die weibliche Verehrung, als wenn der Verehrte seinem
Bedienten etwas schuldig bleibt.
    Er hatte eben eine kleine dnne Einnahme von fernher empfangen. Traurig ri
er das Kuvert mit den fnf Siegeln auf, zhlte, was er notdrftig entbehren
konnte, wehmtig ab, rief den Schmetterling und gab ihm das Geld mit einer Flut
harter Reden. Karl hrte nicht auf die Beschimpfungen hin. Wenn er Geld bekam,
so war er gegen alles andere gleichgltig, er dankte dem Himmel, der ihm
abermals so unerwartet half. Freudetrunken lief er in den verwilderten
franzsischen Garten und zhlte sein Geld auf dem Postamente des Schfers ohne
Flte ber.
    Mnchhausen schrieb an Emerentien:

Diotima!
    Denn das bleibst Du mir. Nenne Dich Emerentia, mir bleibst Du Diotima. Karl
ist bezahlt. Ich war ihm allerdings seit Lichtme Lohn schuldig. Vielfache
Gedanken und unter diesen hauptschlich die tiefe Seelenbewegung, in welche mich
Dein Umgang und Geist versetzt hatten, bewirkten, da mir die Kleinigkeit aus
dem Sinne gekommen war.
    Dank fr Deine Erinnerung. Wie ich nie, oder nur ein einziges Mal in meinem
Leben log, so bezahlte ich auch stets meine Schulden; denn Ausnahmen von dieser
Regel befestigten sie eben. Deine Wnsche sind Befehle
                                                              Deinem Mnchhausen

Emerentia wurde starr, als sie diesen Brief empfing. Sie hatte darauf gerechnet,
da der Freiherr durch seine groen diplomatischen Verbindungen die Restauration
des Frstentums Hechelkram bewirken solle, und - er gab dem Prtendenten Lohn! -
Zerstrt ging sie in den Garten. Karl sprang ihr vom Schfer entgegen,
schttelte in einem ledernen Beutelchen den klingenden Inhalt und rief
jauchzend: Ich hab' mei' Geld, ich hab' mei' Geld! O was fr ein glckseliger
Tausendsassa bin ich! Ich mcht' den ganzen Markt von Cannstatt auskaufen. -
Emerentia versetzte nichts; sie stand bleich und entsetzt da. - So ist es denn
also wahr, sagte sie, nachdem Karl fort und auf seinen Schneckenberg gesprungen
war, da ein fortwhrendes Rollespielen mit der Rolle identifiziert. Dieser
Frst wird mir noch innerlich zum Bedienten, wenn ich nicht bald die
Entscheidung herbeifhre. Frs erste aber soll das gekrnkte Weib zu jenem
Verderblichen reden, ber den ich mich so hart enttuscht sehe.
    Sie ging nach ihrem Zimmer und schrieb an Mnchhausen:

Mein Herr!
    Ich bin fortan fr Sie weder Diotima noch Emerentia, sondern das Frulein
von Schnuck. Die Linie, der ich angehre, ist die Linie Muckelig. Verstehen Sie
mich? Nein, Sie verstehen mich nicht. Ich aber durchschaue Sie. Sie wollen mich
erniedrigen. Sie wollen, da mir der Bediente Bedienter bleibt. Armer Sptter!
In dem vollen Gefhle meiner Wrde, erhaben ber Ihre Possen
                                          Emerentia, Freiin von Schnuck-Muckelig
                                                                                
                                                  in der Boccage zum Warzentrost

Mnchhausen verwnschte sein Los, als er diesen Zettel erhielt. Das Geld an den
Schlingel weggeworfen und nun das noch! rief er. Was will denn dieses
verrckte Frulein, die mir wahrhaftig so unleidlich zu werden anfngt als -
Pst! Still, Mnchhausen - Der Alte lt mir keine Ruhe, ich wei mir nicht Rat
gegen seine verdammten Luftgedanken, und nun be ich auch diesen letzten
Sttzpunkt ein. - O Mnchhausen, Mnchhausen, knntest du doch nur - -
    Er wollte sagen: Von deinen Renten leben - vollendete aber nicht, sondern
schrieb gleich ein zweites Billet, welches nichts als das Wort enthielt:

                                   Diotima?!

Aber er fand es nach einiger Zeit unerffnet vor seiner Tre wieder.
    Der alte Baron und Emerentia begegneten einander drauen in der Gegend
zwischen dem Schlosse und dem Platze, wo die Luftsteinfabrik stehen sollte. Der
Vater sah verdrielich und zerstrt, die Tochter kalt und stolz aus. - Ich
frchte, Renzel, sagte der Alte, wir haben einen Phantasten im Quartier. Noch
hngt meine Hoffnung an einem dnnen Faden, Gott gebe, da der nicht reit! -
Meine Hoffnung ist bei den Toten, versetzte das Frulein erhaben. Edle Seelen
werden leicht betrogen, ich schme mich nicht, da mich ein drftiger Witzling
tuschen konnte. Die Schuppen fallen mir von den Augen, nur Gemeines sehe ich
noch, wo ich sonst gutmtig bewunderte. - Ich verachte ihn auch bereits recht
herzlich, sagte der alte Baron, es ist nur der Punkt hier in Erwgung zu
ziehen, da auch solche Haselanten im Besitze wichtiger Fabrikgeheimnisse sein
knnen, und wenn denn das doch der Fall wre und man htte ihn, ohne die Sache
zu erfahren, aus dem Hause getrieben, so wre es auerordentlich schlimm.
    Wir wollen ihm daher unsere Gesinnungen fhlbar machen, Renzel, aber so, da
ihm noch eine Hintertre offenbleibt, damit womglich seine Ambition erweckt
wird, und mir das Syndikat nicht entgeht. Nur wenn alle Aussicht verschwindet,
wollen wir ihm sagen, da er sich packen knne.
    Nach diesem Tage gaben der alte Baron und das Frulein dem Freiherrn ihre
Gesinnungen zu erkennen, d.h. sie behandelten ihn schlecht. Mnchhausen, welcher
fhlte, wie sehr er durch seine politischen Fehler sich die Stellung im Schlosse
Schnick-Schnack-Schnurr verdorben habe, machte verzweifelte Anstrengungen sie
herzustellen und lie das glnzendste Brillantfeuer seines Witzes in tausend
Einfllen, wunderbaren Capriccios und Mren spielen. Das Frulein aber zeigte
sich um so gelangweilter, je brillanter Mnchhausen wurde. Sie wandte ihm bei
den Colloquiis im Garten den Rcken, fiel ihm hufig mit einer Bemerkung ber
schlechtes Wetter in die Rede, oder sagte, wenn sie ihn hatte aussprechen
lassen, weiter nichts, als: Spae fr den Volkskalender. - Ihr Verhalten
drckte unbedingte Geringschtzung aus. Der Schloherr knpfte dagegen die
seinige noch an Bedingungen. Die Summe seiner Reden ging dahin, da er an den
Erzhlungen des Gastes, ehe und bevor die Fabrikangelegenheit in Ordnung
gebracht sei, wenig Geschmack zu finden vermge. Zuweilen hrten beide
Schlobewohner gar nicht zu, sondern sprachen miteinander von
Wirtschaftsangelegenheiten, whrend der Freiherr die buntesten Wunder vortrug.
    So gingen mehrere Tage hin. Die Situation war fr den Helden immer
peinlicher geworden. Doch die Krfte seines Geistes waren unerschpflich und
gerade in Verlegenheiten entfaltete sich erst deren ganzer Reichtum. Eines
Abends, wo das Frulein auf ihrem Zimmer an ihrem Tagebuche schrieb, der alte
Baron und er aber stumm lange Zeit nebeneinander im Versammlungsgemache auf und
nieder gegangen waren; brauchte er die Rhrung als groes, heroisches Mittel. Er
fing nmlich pltzlich an heftig zu schluchzen, und da der alte Baron sich
erstaunt umwandte, so stellte er sich mit den strmenden doppelfarbigen Augen
vor seinen Wirt, nahm dessen beide Hnde, sah ihm bewegt in das Antlitz und rief
mit einer von Weinen gehemmten Stimme: Knnt ihr es ber das Herz bringen, du
und deine gttliche Tochter, euren Freund so zu mihandeln, wie ihr tut? Nennen
wir uns nicht du? Bin ich nicht dein Bruder in des Worts verwegenster
Bedeutung?
    Eben darum, weil wir uns du nennen, mu Offenheit herrschen, versetzte
trocken und ungerhrt der alte Schloherr. Ich merke schon, was diese
Krokodilstrnen bezwecken sollen. Du bist ein Krokodil - ein Chamleon will ich
sagen. Ich lasse mich nicht lnger foppen, nicht lnger lasse ich mich an der
Nase herumfhren. Von deinen Ziegen und deinen Hollndern und deinen
Poltergeistern habe ich den Pfifferling gehabt. Darum ein Wort fr tausend:
Kannst du Luft versteinern?
    Bruder, sei nicht so hart - -
    Hart bin ich, hart will ich sein, steinhart wie Luftstein. Wisch dir die
Trnen von der Nase, sie erweichen mich nicht. Du hast mir den Geheimen Rat
verleidet und die trstlichen Gedanken an das hchste Gericht durch dein
Luftprojekt, du Luftspringer! Die Ruhe meines Alters hast du vergiftet. Nun sind
zwei Flle mglich. Entweder kannst du Luft versteinern oder du hast mir's
vorgelogen. Im ersten Falle soll dir alles vergeben sein, ich werde Syndikus,
kriege fr sechstausend Taler Fabrikat jhrlich und damit basta. Hast du mir's
aber vorgelogen, so wollte ich dich ersuchen, dich an deine vielfachen
anderweitigen Verbindungen in der Welt zu erinnern, die sich gewi schon lange
nach dir sehnen und dir es belnehmen wrden, wenn du lnger dein Pfund in
diesem abgelegenen Schlosse vergraben wolltest. - Hierber sehe ich morgen
deiner bestimmten Erklrung ohne alle Einkleidungen, Geschichten und Carmina
entgegen.
    Mit diesen unzweideutigen Worten trennte sich der Wirt von seinem Gaste.
Letzterer blieb im Zimmer stehen, legte die Hand an seine Stirn und sagte nach
tiefem Besinnen: Behaupten mu ich mich noch eine Zeitlang hier, es geht nicht
ohne dieses. Ich mu ihn erwarten hier, ihn, meinen Freund, meinen Kurator. Kann
ich mich nicht durch Worte und Trnen halten, so mu ich es durch den Zustand
des Epimenides versuchen. - Er ging auf sein Zimmer und legte sich
augenblicklich nieder.
    Am folgenden Vormittage um eilf Uhr fragte der alte Baron Karl Buttervogeln,
der von des Freiherrn Gemache herabkam: Ist Sein Herr noch nicht aufgestanden?
- Nein, versetzte Karl, er schnarcht, da es nur so eine Art hat, wenn das so
fortgeht, kann es lange dauern. - Der Schloherr stellte sich vor das Zimmer
seines Gastes und hrte wirklich ein ungemein krftiges Schnarrwerk da drinnen.
    Um ein Uhr bei Tische, wo sich nur Vater und Tochter zusammenfanden, warf
Emerentia nachlssig die Worte hin: Dieser Mensch scheint uns heute zu
verschmhen. - Karl wurde berufen, hinaufgesandt und brachte den Bescheid, der
gndige Herr habe sich eben so weit ermuntert, um allenfalls etwas Suppe und
Gemse zu sich nehmen zu knnen, wenn man die Gte haben wollte, ihm davon zu
senden. - Emerentia gab dem Bedienten das Verlangte, der alte Baron lie
hinaufbestellen, er bitte, da der Freiherr aufstehe. Nach einiger Zeit kam Karl
mit den leeren Tellern zurck und sagte: Mit dem letzten Bissen im Munde wieder
auf die linke Seite gefallen und weiter geschnarcht. - Zum Henker, was
bedeutet das? rief der Schloherr. - Um vier Uhr nachmittags ging er, da kein
Mnchhausen sichtbar wurde, selbst hinauf. Mnchhausen schlief. Der alte Baron
rief ihn an, rttelte ihn, schttelte ihn, Mnchhausen richtete sich etwas auf,
sah ihn schlaftrunken an, lallte mit schwerer Zunge: Warum weckst du mich? und
fiel auf den Rcken. Um sechs Uhr, um acht Uhr abends hatten gleiche
Weckversuche die gleichen Erfolge, oder vielmehr Nichterfolge. Mnchhausen
schlief.
    Der erste Tag war sonach verschlafen. Am andern nahm der alte Baron
allerhand lrmende Geschfte vor, er brachte z.B. schweres Gert und Mbelwerk
von der Gerichtsstube herab und hatte dessen kein sonderlich Arg, wenn ein Stck
donnernd gegen Mnchhausens Stubentre flog. Denn, brummte er ingrimmig, ich
will diesen verruchten Kerl denn doch wohl wachkriegen! Alles vergebens.
Mnchhausen schlief auch den zweiten Tag hindurch mit Ausnahme kurzer Epausen.
Karl Buttervogel berichtete, sein Herr sei zwar aufgestanden und habe sich
angekleidet, aber immer mit halbgeschlossenen Augen und mit Ghnen. Sobald er
das letzte Stck angezogen gehabt, sei er wieder in einen Stuhl gesunken und
sitzend eingeschlafen.
    Am dritten Tage schnarchte Mnchhausen strker, als je zuvor. Der alte
Baron, der die ganze Nacht schlummerlos zugebracht hatte, sa bekmmert auf der
Gerichtsstube. Emerentia sang unten im Hause auf Befehl ihres Vaters. Denn
dieser meinte, was sein Rtteln und Rumoren nicht zuwege gebracht, werde der
helle und durchdringende Gesang der Tochter bewirken. Als sie ihre besten Gnge
und Kadenzen von sich gegeben hatte und eine Pause entstand, stellte sich der
Schloherr an die Sllertreppe und rief hinunter: Karl! - Karl Buttervogel
trat aus des Freiherrn Dormitorium. Ist er wach? fragte der alte Baron. - Ich
hab' mir die Ohren zugehalten, denn ich bin kitzlig gegen Musik, versetzte der
Bediente, mein gndiger Herr aber legten sich auf die andere Seite und
lchelten im Schlaf wie ein Engel. Jetzt eben verlangen sie mit zugemachten
Augen Waschwasser, werden also wohl aufstehen wollen, um sich dann zum Schlummer
niederzusetzen. Glauben mir der Herr Baron, Sie treiben es mit meinem Herrn
nicht durch, was der sich vornimmt, das fhrt er aus, wachend oder schlafend.
    Zornig lief der alte Baron in die Gerichtsstube zurck, rannte mit groen
Schritten auf ihr hin und her, stie an den Tisch, da ein Teil der
aufgestellten juristischen Handbibliothek herabfiel und polterte: Da habe ich
mir einen schnen Strenfried und eine wackere Rute Gottes in das Haus geladen!
Das ist nun der Gipfel des Unglcks! Ich sehe es kommen! Ich sehe es kommen!
Dieser Mensch schlft uns allen Schlaf weg in und um Schnick-Schnack-Schnurr!
Wie ein starker Fresser eine ganze Wirtschaft auszehren kann, so wird uns der
Schnarcher an Schlummer bankerott machen. Schon tue ich die Nacht kein Auge zu.
- Der Henker hole die Stunde, in welcher der Snder in unsere Mitte geschleudert
wurde!
    Er stieg die Treppe hinab und fand unten auf dem Vorsaale Emerentien, welche
wieder beginnen wollte zu singen. - La nur das Geplrr! fuhr sie der Vater
an, Sankt Ursel mit den eilftausend Jungfrauen snge den nicht auf. -
Verachten wir ihn, mein Vater, erwiderte Emerentia, und lassen wir ihn sich
der Vergessenheit entgegenschlummern! - Ich kann doch den Schlummerbalg nicht
immer im Hause behalten und ihn unntz fttern! fuhr der alte Baron auf.
    Wenn er nur wenigstens die Estunden auch verschlummerte! Aber zum
Frhstck, Mittags- und Nachtmahl ist er regelmig wach! Folglich darf ich ihn
nicht verachten. Verachten kann man nur den, der einen nicht inkommodiert. Und
Mnchhausen ist mir jetzt zur grten Beschwer und ich wrde den fr meinen
besten Freund halten, der mir diesen Gast vom Halse schaffte.
    Er ging in das Zimmer des Freiherrn. Dieser sa auf seinem Stuhle und das
Haupt hing ihm auf die Brust hinab. Er schlief fest und tief. Der alte Baron
nahm eine Feder, setzte sich vor ihn, kitzelte ihn mit der Feder um den Mund und
rief;
    Mnchhausen, wach auf!
    Einer kitzelnden Feder mute selbst der beharrliche Schlummer des Freiherrn
weichen. Er kratzte sich an der gekitzelten Stelle, ri die Augen weit auf, sah
seinen Wirt wst an und fragte dann matt und verdrossen: Was willst du,
Schnuck? Warum lssest du mich nicht in Ruhe?
    Ich wnschte von dir zu erfahren, wie lange du hier noch zu schlafen
gedenkst? sagte der alte Baron sehr ernst.
    Ich wnschte, da du mich lieber fragtest, woher dieser chronische
Schlummer rhrt? versetzte in gedehntem Tone der Freiherr.
    Ich wnschte allerdings, da du auch darber mir eine Aufklrung geben
mchtest, sprach der alte Baron.
    Ich wnschte, da du dich an meine Jugendbildungsgeschichte erinnertest,
die ich dir einst vortrug, versetzte der Freiherr, schon wieder lallend und nur
noch das braune Auge offenhaltend; denn das blaue war ihm bereits von neuem
zugefallen. - Habe ich dir nicht erzhlt, da mein sogenannter Vater mich in so
vielen Sprachen und Wissenschaften unterrichtete, da an gewhnlichen,
ausreichenden Schlummer damals nicht zu denken war? Es blieb also in meiner
Jugend aller Schlaf, welchen andere Menschen zu der Zeit abmachen und
entwickeln, in mir unabgemacht und unentwickelt stecken. Dieser versetzte und
zurckgehaltene Schlaf bricht nun jetzt in meinen Mannesjahren aus, er entfaltet
sich unaufhaltsam und wird nicht eher zu Ende sein, als bis ich nachgeholt habe,
was ich in der Jugend versumte. Dieses ist die natrliche Erklrung meines
gegenwrtigen Zustandes, ber den mich ein Traum inspirierte.
    Wohl. Wer mit dir verkehrt, mu sich immer auf Wunderdinge gefat halten.
Kalt will ich also bei dieser inspirierten Ankndigung bleiben, ganz kalt, und
dich nur in aller Seelenruhe fragen: Wie lange dauerte jener anstrengende
Jugendunterricht, und wieviel weniger als andere Menschen schliefest du whrend
desselben?
    Drei Jahre. Mig angeschlagen, bte ich Nacht fr Nacht sechs Stunden
Schlummer ein, erwiderte der Freiherr kaum hrbar und trumerisch das Haupt hin
und her wiegend.
    Der alte Baron schob seinen Stuhl an den Tisch, nahm ein Stck Kreide,
welches dort lag, und rechnete auf dem Tische. Nachdem er den Strich unter den
Zahlen gezogen hatte, sagte er: Vorausgesetzt, da unter jenen drei Jahren kein
Schaltjahr war, so hast du whrend derselben sechstausendfnfhundertundsiebenzig
Stunden Schlafdefizit gehabt und wrdest folglich neun Monate, drei Tage und
achtzehn Stunden jetzt bei mir nachschlummern mssen. Wie?
    Er wendete sich um, da er keine Antwort bekam und sah, da der chronische
Zustand seines Gastes schon wieder eingetreten war. - Stolz erhob er sich und
rief: Keine Rcksicht der Gastfreundschaft und Hflichkeit kann mich
verpflichten, einen Menschen neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden bei mir
schlafen zu lassen. Ich habe an dir gehandelt, wie ein Kavalier sich gegen den
anderen benehmen soll, die Geduld ist aber nun erschpft, und - hre es oder
hre es nicht - ich kndige dir hiemit Krieg und Fehde an. Darunter verstehe
ich, da ich dich aus dem Schlosse zu bringen wissen werde, in dem du nichts als
Unheil und Verwirrung gestiftet hast.
    Nach dem Abgange des Schloherrn ffnete Mnchhausen die Augen und sagte zu
Karl Buttervogel, der ein stummer Zeuge dieser Szene gewesen war: Karl, willst
du mir treu bleiben? - O mein gndiger Herr, rief Karl Buttervogel, wie
knnte ich es wohl ber das Herz bringen, Ihnen untreu zu werden, da Sie mir
soeben noch vor kurzem meinen vollen Lohn gegeben haben, zwlf Gulden
vierundzwanzig Kreuzer. Nein, wenn der Mensch Geld kriegt, so mu er treu sein,
wie ein Hund, und Huser mu man auf ihn bauen knnen, und so lange wie der
letzte Kreuzer vorhlt, mu er an seinem Herrn halten, denn dafr ist er
Bedienter, und ein Bedienter, der seinen Herrn verrt, der ihn ordentlich
bezahlt, ist kein Bedienter nicht, sondern ein Schuft.
    Schweige! rief Mnchhausen. Rede nicht, sondern handle, Buttervogel. Es
liegt mir jetzt alles daran, allein im Schlosse zu sein, aus dem mich der Alte
forttreiben will. Locke daher das Frulein ins Freie -
    Das wird nicht ntig sein, fiel Karl Buttervogel ein, denn sie hat sich
selber schon, ganz blmerant aufgetakelt, ins Freie gelockt, ich habe sie eben
mit einem groen Dinge unter der Schrze nach meinem Schneckenberge gehen
sehen.
    Gut, das halbe Werk ist sonach getan. Locke denn also noch den Alten ins
Freie.
    Ich will so tun, als ginge ich nach der Stadt in die Apotheke fr Sie, um
wieder Spezies zu holen frs chemische Schmieren, und wenn ich an ihm im Hause
vorbeigehe, so will ich munkeln: Ja, wenn ich sprechen drfte - so wird er mir
nachgegangen kommen, um mich auszufragen.
    Tue das, Karl, mache mir das Schlo rein von allem lstigen Personal, ich
will daraus eine Festung fr mich schaffen, sprach der Freiherr von Mnchhausen
mit seiner ganzen ihm so eigentmlichen Wrde.

Auf dem Vogelherde sa also, verlockt von dem scheinbaren Stadtgange des
Bedienten, der alte Baron, whrend Emerentia dieses nmlichen Bedienten, der fr
sie kein Bedienter war, mit einem leckeren Gerichte am Schneckenberge harrte.
Der Schloherr hatte seinen Plan entworfen. So geradezu jemand aus dem Schlosse
zu bringen, der sich darauf versteift zu haben schien, bei ihm neun Monate, drei
Tage und achtzehn Stunden mit den Wachpausen fr Essen und Trinken abzuschlafen,
konnte milich erscheinen. Der alte Baron wnschte daher nichts mehr, als
irgendeinen Umstand zu erkunden, welcher ihn allenfalls berechtigte, die
ffentliche Macht gegen den Propheten anzurufen, der ihm nun wie ein Tagedieb
vorkam. Einen solchen Umstand hoffte er von dem Bedienten Karl Buttervogel
herauszubringen, denn das Wort Munkel und die bestndige Erwhnung von
ungeheuren Geheimnissen, welche um die Persnlichkeit des Freiherrn nebelten,
deutete nach seiner Meinung offenbar auf Verschuldungen oder wenigstens auf
Verwickelungen hin, die ihm den Arm der Polizei, so hoffte er, wider den
chronischen Schlfer willfhrig machen sollten.
    Er hatte sich mit diesen Gedanken unter eine Vogelbeerstaude gesetzt und
berlegte die Mittel, mit denen er Karl Buttervogeln plaudern machen wollte. Der
Mensch hatte ihn immer so freundlich und gerhrt, wir wissen weshalb? seither
angesehen, da er hoffte, auf sein Gefhl wirken und seinen Mund durch Liebe und
Dankbarkeit aufschlieen zu knnen. Er nahm sich daher vor, ihn auf bewegliche
Weise zu bewegen.
    Karl sa indessen, um seinen Stadtgang glaublich zu machen, eine halbe
Stunde vom Vogelherde in einem Kruge und vertrank einen Teil des Lohnes, den ihm
die diplomatischen Miverstndnisse zwischen dem Frulein und seinem Herrn
gespendet hatten. Dem alten Baron wurde darber die Zeit lang und da er an
seiner Kriegslist nichts mehr zu denken fand, so nahmen seine Vorstellungen eine
andere Richtung, welche folgendes Selbstgesprch offenbarte.
    Ich habe mich resigniert, sagte er. Der heutige Tag zeigt mir meine Lage
im wahren Lichte. Mnchhausen erscheint mir als das, was er ist, als ein groer
Frevler. Vielleicht ist er der Vater von Kaspar Hauser. Mglich auch, da er ein
berchtigter Giftmischer ist wegen der bestndigen chemischen Experimente. Auf
jeden Fall ein Mann, dem zu vertrauen bedenklich sein mu. Ein unnatrlicher
Charakter, abnorm in jeder Beziehung. Welcher Mensch auer ihm, sammelt Schlaf
von seiner Jugendzeit auf fr neun Monate, drei Tage, achtzehn Stunden. Es ist
zwar eine Klage manches Schulmanns, wie ich gelesen habe, da auch die jetzt gar
zu sehr angestrengte Jugend nachher schlfrig werde, aber dann schlafen sie mit
offenen Augen, die Jungens werden rein dumm vom vielen Lernen, natrlichen
Nachschlaf kriegen sie aber deshalb nicht. Dieser Nachschlaf ist folglich wieder
ganz eine Veranstaltung  la Mnchhausen.
    Ich traue ihm nicht mehr. Seit heute verlasse ich mich auf meine gesunden
Sinne und nicht auf Flirren und Flausen. Luft ist Luft und wird mein Tage nicht
Stein. Das ganze Projekt ist Windbeutelei und die Luftverdichtungsaktienkompanie
nicht so viel wert.
    Der alte Baron blies bei den letzten Worten ber seine flache Hand hin,
senkte dann tiefsinnig das Haupt und sprach nach einer Pause: Wunderbar! - Wie
demjenigen, der eine groe Wahrheit entdeckt, zugleich viele andere Wahrheiten
mit einem Schlage aufzugehen pflegen, so zerstrt die Zerstrung eines groen
Irrtums auch seine Nachbarn. Seit ich nicht mehr an versteinerte Luft glaube,
bin ich auch mitrauisch geworden ber die Rckkehr der alten Verhltnisse und
meinen Eintritt in das hchste Gericht als geborener Geheimer Rat. Es ist zuviel
Gras darberhin gewachsen, meine Tage sind gezhlt; ich erlebe es nicht mehr,
das fhle ich wohl.
    Und so wre ich denn ein armer, alter, zerbrochener, abgebrauchter Mann? -
Nein! Mitnichten. Schon regen sich neue Gedanken in mir, die jugendliche Krfte
aufwecken. Das ist eben der wunderbare Segen der Gegenwart, da niemand
untergehen kann, der sich mit rstigem Arm und beherzter Brust in ihre Fluten
wirft. Erlischt hier ein Licht, so flammt es da wieder auf, die unendliche
Mannigfaltigkeit der Mittel, Gedanken und Anregungen macht jede welkende
Hoffnung zu einem Phnix, der sich zwar bestattet, aber aus dem Feuergrabe immer
wieder auflebt.
    Ich habe schon wieder Aussicht, Mut, eine Zukunft. Ich glaube nicht mehr an
den geborenen Geheimen Rat, ich glaube nicht mehr an die
Luftverdichtungskompanie; ade Syndikat! Ade ihr sechsmalhunderttausend
Luftsteine, mit denen ich salariiert werden sollte - - Fahret wohl, ihr
nichtigen Trume und Schume und macht einem soliden Geschfte Platz. - Das
religise Bedrfnis ist mchtig erwacht in der Zeit und schmachtet nach der
Herstellung der Hierarchie. Diesem Bedrfnisse zu gengen, mu ein groartiges
Institut in das Leben gerufen werden. Ich werde Jesuiten auf Aktien kommen
lassen. Schon morgen reise ich, um die ntige Protektion und Frderung mir zu
verschaffen, wenn ich inzwischen Mnchhausen loswerden kann, nach -
    Der alte Baron gab nicht an, wohin er reisen wollte, denn es unterbrach ihn
ein Gerusch unten auf der Strae. Er sah den Bedienten kommen und rief ihn an.
Karl Buttervogel murmelte fr sich, indem er dem Rufe auf den Vogelherd folgte:
Treu bin ich meinem Herrn bis fnf Taler, wenn er aber mehr geben will, da kann
der Mensch nicht widerstehen.
    So kamen beide auf dem Vogelherde zusammen; der Bediente mit der Absicht,
sich um mehr als fnf Taler bestechen zu lassen, der Schloherr in der Meinung,
ihn durch Gte zu rhren, denn auer Gte hatte er nichts bei sich.
    Er hat wohl auch von dem Wege viel Mhe gehabt bei der Wrme, mein Freund?
Setze Er sich mir da gegenber unter die Rster - sagte der Schloherr im
gtigsten Tone. - Ich kann schon stehen, versetzte der Bediente, ich wrde
unter der Rster sitzen wie auf Kohlen und mir, mit Respekt zu melden, das Ges
verbrennen, wenn ich in Gegenwart von einem so gndigen Herren sitzen tun
sollte. Jeder an seinem Platze und an seinem Orte, das ist so das beste, der
Herr Baron sitzend und ich hier stehend in alle Ewigkeit.
    Es kommt mir so vor, als halte Er etwas auf mich, sagte der alte Baron
nach einer Pause, whrend welcher er vergeblich nach einem schicklichen
Anknpfungspunkte suchte.
    O gndiger Herr, rief Karl Buttervogel erregt, beugte sich zu dem
Schloherrn nieder und kte dessen Rock, wie ich Sie liebe, das kann keine
Menschenzunge aussprechen. Denn warum sollte ich Sie denn auch nicht lieben, da
Wurst und Eier bis jetzt nicht gemangelt haben, und da ich gewi fernerweit gute
Verkstigung kriege, und der gndige Herr so ein ehrwrdiges Ansehen haben und
die ganze Positur so etwas Martialisches und da die nhere Verbindung
bevorsteht, und Schwiegershne Schwiegervter schon aus Pflicht lieben mssen,
und da-
    Nun wohl, Buttervogel, rief der alte Baron, lass' Er die vielen Grnde,
die mir auch zum Teil dunkel sind, denn ich wei nicht, was Er mit der Wurst und
mit den Eiern und den Verbindungen und den Schwiegervtern und Schwiegershnen
sagen will. Wenn Er wirklich auf mich etwas hlt, so kann Er mir einen Gefallen
tun, und ich ersuche Ihn darum.
    Tausend Gefallen fr einen, gndiger Herr! rief Karl Buttervogel. Soll
ich Ihnen den grnen Rock ausbrsten, oder an dem Schlafrock mit den Weinranken
das Loch im rmel zunhen, oder -
    Nichts von allem dem. Sondern mich interessiert Sein Herr bis in die
kleinsten Umstnde seines Lebens und ber manches mchte ich Aufschlu haben.
Erinnere Er sich nun, wie gut ich an Euch gehandelt habe, sei Er dankbar fr so
viele Gastfreundschaft, erwge Er, was Er mir fr meine Gte schuldig ist, und
wenn dadurch in Ihm ein richtiges Gefhl entstand, so sage Er mir, warum Sein
Herr Seine Grobheiten vermischt mit geheimen Anspielungen duldet? denn dahinter
mu notwendig etwas stecken.
    Dahinter steckt auch etwas, sagte Karl Buttervogel ernsthaft. Und ich
wollte mich wohl verfhren lassen aus Liebe und Erkenntlichkeit zu dem gndigen
Herrn Baron und zum Delinquenten an meinem Herrn von Mnchhausen werden, wenn
nur ... Er sah starr nach der Hosentasche des alten Barons.
    Was, Karl? Spreche Er Sich deutlich aus, mein Sohn.
    Karl Buttervogel machte eine krumme Hand und sah den Schloherrn dabei
gerhrt an. Sie haben als Vater an uns gehandelt, und wer so ist, wie Sie, der
macht mich weichherzig und da kenne ich gar keine Pflichten und lass' meinen
eigenen Bruder im Stich. Aber insofern ...
    Aber insofern? - Stocke Er doch nicht so oft. Heraus mit der Sprache! Was
versteht Er unter dem Munkel, wie Er Seinen Herrn nennt, und unter den
Geheimnissen der Erzeugung?
    Karl Buttervogel spuckte vor sich nieder, sah dann wieder nach der
Hosentasche des alten Barons, machte den Gestus des Geldzhlens und fuhr darauf
pltzlich, als der Schloherr diesen Gebrden stumm und verwundert und ohne auf
den Sinn ihrer Forderung einzugehen, zusah, mit der Frage heraus:
    Haben Sie wohl ber fnf Taler bei sich?
    Nein, versetzte der alte Baron etwas verlegen. Ich trage kein Geld bei
mir.
    So bleibt auch das Geheimnis bei mir, sagte Karl Buttervogel.
    Der alte Baron rief entrstet: Also aus Liebe zu mir will Er mir nichts
sagen, aber fr Geld wrde Er Seinen Herrn verraten!
    Ja, rief der Bediente, fr Geld kann man alles kriegen, denn die Zeiten
sind teuer und ohne Nebenverdienst geht es einmal nicht in der Welt, und weil es
in der Freundschaft bliebe, so wre es auch kein Verrat, und die Liebe zu Ihnen
ist zu gro, und Sie knnten es mir gewissermaen befehlen von wegen der
kindlichen Ehrfurcht, die ich gegen Sie haben tun mu, und warum fngt mein Herr
solche Sachen an und ich wrde es auch nicht fr ein paar Groschen tun, denn das
wre schimpflich, aber fnf Taler machen einen Unterschied, und das Hemde ist
mir nher als der Rock, und Bestechung ist nur ein Vorurteil, aber ohne Geld und
Gaben bin ich meinem Herrn so treu wie Gold, und keine Menschenmacht soll mich
von meiner Schuldigkeit abwendig machen, und das knnen Sie mir auch gar nicht
verdenken, denn Sie wrden sich auch so einen ehrlichen Kerl zum Bedienten
wnschen, der alles mit sich in die Sterbegrube nhme, wenn Sie sich chemisch
schmieren mten, weil nmlich -
    Schweige Er! rief der alte Baron, welcher befrchtete, da Karl
Buttervogel sich in ein neues Meer von Grnden strzen wrde. Verdrielich ri
er Bltter von den Stauden, zwischen denen er sa, und zerpflckte sie. Karl
Buttervogel entfernte sich gleichfalls verstimmt ber die unverletzte Treue, die
er seinen Grundstzen gem dem Herrn bewahrt hatte, von dem Vogelherde.

                                Fnftes Kapitel



 Wofr Semilasso von dem Ehinger Spitzenkrmer angesehen wird. - Der alte Baron
rennt nach einem Brgermeister und a public character im braunen Oberrock tritt
           auf, dessen Erscheinung die wenigsten Leser vermuten mgen

Das trkische Fahrzeug war langsam bis an den Fu des Schloberges oder -hgels
gediehen, konnte jedoch dort nicht weiter auf der holprichten Strae vordringen.
Semilasso sah sich daher gentigt, abzusteigen und zu Fu bergan zu gehen. Der
Ehinger Spitzenkrmer holte ihn ein und gab sich mit ihm in ein vertrauliches
Gesprch, weil er ihn wegen der fremdartigen Kleidung, worin der berhmte
Reisende sich zeigte, fr seinesgleichen oder vielmehr fr etwas noch
Geringeres, als er selbst war, hielt, nmlich fr einen Kunstreiter oder fr den
Inhaber einer Tierbude. Denn zwischen diesen beiden Vermutungen schwankte der
Ehinger in seinen Gedanken.
    Semilasso hielt es bei seinem freien Weltblicke nicht unter sich, mit den
verschiedenartigsten Leuten ohne Zwang zu verkehren. Er gab daher der Ansprache
des Ehingers leichte und natrliche Erwiderung, redete mit ihm ber die
Spitzenklppeleien in dem Distrikte, woher der Ehinger gebrtig war und die er
auf seinen Reisen besucht hatte. Den Standesunterschied bewahrte er nur
insofern, da er nicht auf der Seite des Weges gehen mochte, den die Fe des
Spitzenkrmers traten. Vielmehr wollte er gern die ganze Breite der Strae
zwischen sich und dem Ehinger sehen. Kam daher dieser zu ihm hinber, so kreuzte
Semilasso die Strae nach der anderen Seite zu. Da aber der Ehinger die geheime
Absicht dieser ausweichenden Bewegungen nicht kannte und am liebsten dicht neben
seinen Reisebegleitern gehen mochte, so folgte er dem vornehmen Trken
berallhin und beide waren daher die Schlostrae hinauf in einer bestndigen
Zickzack- und Schlngelwanderung begriffen.
    Oben stand Semilasso still und wischte sich mit einem Taschentuche von
feinem Batist den Schwei von der Stirn. Der Ehinger zog eine Branntweinflasche
aus dem Rnzel, nahm einen derben Schluck und bot seinem Genossen, dessen
Eigenschaften ihm so unbekannt waren, die Flasche gleichfalls dar. Semilasso
wies aber mit einem Zuge des innigsten Widerwillens in dem feinen blassen
Gesichte den Schnaps zurck und schien berhaupt nachgerade den Ehinger lstig
zu finden. Seine Neigung zu dem Manne stieg nicht, als dieser mit der Frage sich
an ihn wandte: Sagt mir, Landsmann, wo Ihr Eure Bude stehen habt? und als er
durch verwunderungsvolle Erkundigung von ihm herausbrachte, wofr er angesehen
wurde. Voil ce qui est bien drle! sagte er mit einer ssuerlichen Mischung
im Tone der Stimme und suchte dem Ehinger zu entkommen, der ihn aber mit
wiederholentlichen Fragen nach der Bude bis vor die Tre des Schlosses
verfolgte. Denn er hatte viel Geld gelst und wollte sich nun auch in der Tier-
oder Bereiterbude ein Vergngen machen.
    An der Schlotre nahm jedoch die Verrammelung derselben die Aufmerksamkeit
beider Wanderer statt alles anderen in Anspruch. Sie riefen, sie pochten, sie
rttelten, aber im Innern des vereinsamten Schlosses antwortete niemand, niemand
kam von innen an die Tre, sondern es schnarchte da drinnen nur taub und
gefhllos weiter. Zuletzt muten sie sich wie die brigen an der Tre Gewesenen
auch von der Notwendigkeit des Wartens berzeugen. Zufllig hatten sie einander
von dem Zwecke ihrer Wanderung nichts mitgeteilt, sie gingen auch jetzt ohne
nhere Erklrung nach verschiedenen Seiten ab. Semilasso schlug, da der Ehinger
mit ihm wieder die Schlostrae hinunterwandern wollte, einen Nebenweg in das
Gebsch ein, um nur von diesem Plebejer sich loszumachen. Er brauchte dabei
einen wahrscheinlichen Vorwand; die Geschichte hat ihn aber vergessen oder Scheu
getragen, ihn aufzuzeichnen. Der Ehinger stellte sich dagegen unten am Fue des
Hgels zu dem trkischen Fahrzeuge und suchte sich die Zeit, so gut es gehen
wollte, mit den Affen und Papageien zu vertreiben. Auch mit dem jungen Neger
sprach er. Dieser redete gebrochen Deutsch und antwortete auf die Frage, wo sein
Herr die Bude stehen habe? nachdem er ihren Sinn gefat hatte: Kein Herr mein
Bud' halten - wollt' sagen - Mein Herr kein Bud' halten - Furst sein - heien -
nicht aussprechen kann den Namen schwierig.
    ber diese Auskunft wollte sich der Ehinger des Todes verwundern, lachte aus
vollem Halse und rief: O, was fr ein Ansehen sich so ein Volk geben kann! Der
Junge lgt wahrhaftig schon wie gedruckt und wenn ich den Herrn nach seinem
Stand' frag', ist er ein Knig wenigstens.
    In diesem Augenblicke ging der alte Baron rasch an dem Gefhr vorber. Er
war so verdrielich, da ihm selbst der fremdartige Anblick des Fahrzeuges
keinen Blick abntigte, er stieg vielmehr, ohne sich umzusehen, die Schlostrae
empor. - Landsmann, rief der Ehinger, der alle Vlker der Erde fr seine
Kompatrioten hielt, dem Alten nach, Euer Laufen hilft Euch nit, Ihr kommt oben
nit ein, die Zugng' sind verbollwerkt. - Der Baron wandte sich um, fragte, was
das bedeuten sollte? und erfuhr zu seinem grten rger, was wir schon wissen.
    Nein! rief der alte Baron knirschend vor Zorn, was zu arg ist, ist zu
arg! Ich fttere den Hasenfu, er verrckt uns allen die Kpfe und zum Beschlu
und zur Krnung der Schandtaten treibt er die rechtmigen Eigentmer aus dem
Hause und setzt sich darin fest. Das ist offenbare Gewalt, Friedensbruch und
Beschdigung mit gemeiner Gefahr, und auf der Stelle laufe ich zum
Brgermeister, denn jetzt, jetzt tut Polizeihlfe not. - Mit einer
Schnelligkeit, die man seinem Alter nicht htte zutrauen sollen, lief der
Schloherr zurck und bog in den Weg, der nach dem Dorfe fhrte, worin der
Brgermeister wohnte.
    Als er aber rasch um eine Hecke schwenkte und nichts im Sinn und Auge hatte,
als den ihm nun so verhat gewordenen Duzbruder, rannte er heftig mit einem
andern zusammen. Dieser andere war ein Mann, der in entgegengesetzter Richtung
dahergeschritten kam und wegen seiner Kurzsichtigkeit oder aus Zerstreuung auf
den alten Baron nicht geachtet hatte. Da er auch sehr rasch ging, so war das
Zusammenprallen, wie gesagt, ein heftiges, der Schloherr verlor seine
Seehundskappe vom Haupte, der Mann im braunen Oberrock (denn einen solchen trug
der zweite) den Strohhut. Nachdem beide ihre Kopfbedeckungen aufgerafft hatten,
machten sie einander gegenseitige Entschuldigungen, denen der im braunen
Oberrock die ironische Bemerkung hinzufgte, da diese Art Bekanntschaften zu
knpfen die glcklichste sei, weil sie mit dem Gefhle beginne, da einer dem
anderen etwas nachzusehen habe, der erste Moment derselben daher sich von aller
berspannung in den Erwartungen fernhalte.
    Mit wem habe ich die Ehre ...? fragte der alte Baron.
    Ach, versetzte der im braunen Oberrock, lassen wir meinen Namen
unausgesprochen! - Durch eine seltsame Laune des Schicksals, deren es mehrere an
mir bte, ist mir auch ein Name zuteil geworden, der mehr versprach, als meine
geringe Persnlichkeit zu halten imstande gewesen ist. Aber vergnnen Sie mir
dagegen eine Frage: Wissen Sie nicht, ob sich ein gewisser Freiherr von
Mnchhausen hier herum in der Nhe aufhlt?
    Der alte Baron sah den Fremden gro an. Haben Sie auch durch ihn gelitten?
Knnen Sie mir irgendeinen haltbaren Verdacht wider ihn liefern, mittelst
welches ich ihn vor die Gerichte bringe? fragte er darauf mit Eifer.
    Mein Herr, versetzte der andere, was denken Sie von mir? Ich habe mit
diesem Freiherrn von Mnchhausen ganz eigene und zarte Beziehungen, die mir die
Lippen ber ihn versiegeln wrden, selbst wenn ich etwas Schlechtes von ihm
wte. - Sonach kann ich nur meine Frage wiederholen: Hlt sich dieser Mann hier
in der Nhe auf?
    In meinem Schlosse sitzt der Spitzbube und hat sich verbarrikadiert! rief
der alte Baron. Dort geht die Strae hinauf, und ich bin in diesem Augenblicke
auf dem Wege, die Polizei wider ihn zu Hlfe zu rufen. - Er lief eilig seine
Strae nach dem Dorfe weiter.
    Halten Sie an! rief der Fremde mit starker Stimme dem Davoneilenden nach.
Der Freiherr ist zwar ein groer Schalk, gehrt aber doch nicht in die
Kategorie der Spitzbuben und ist ber die Angriffe der Polizei erhaben. - Der
alte Baron hrte aber nicht auf ihn, sondern rannte spornstreichs seinen Weg. -
O der Unselige, in welche Verwickelungen hat er sich gebracht! sagte der
Fremde. - Ich mu sehen, wie ich ihn rette, setzte er murmelnd hinzu und lief
die Schlostrae hinauf.
    Denn auch er lief mehr als er ging, was einen ziemlichen Kontrast mit seiner
Figur abgab, die man schon zu den korpulenten zhlen konnte. Es war ein
breitschulteriger untersetzter Mann, dieser Fremde im braunen Oberrock, der
seinen Wanderstock bei jedem Schritte mit Energie auf die Erde stie. Er besa
eine groe Nase, eine markierte Stirn, deren Protuberanzen jedoch mehr Charakter
als Talent anzeigten und einen feingespaltenen Mund, um den sich ironische
Falten wie junge spielende Schlangen gelagert hatten, die jedoch nicht zu den
giftigen gehrten. Seine Augen wurden in den Reisepssen gewhnlich als graue
bezeichnet. Sie lagen auch wirklich wie hellgraue Perlhhner in ihren Hhlen
unter Brauen eingewhlt, die trockenem gelbbrunlichem Reisig glichen. Mehrere
Damen seiner Bekanntschaft aber, die ihm wohlwollten, behaupteten, diese Augen
htten einen angenehmen blauen Ausdruck, und seit der Zeit glaubte er selbst an
ihre Blue. Nicht allein in dem Antlitze dieses Mannes, der nach seinem Habitus
ein Vierziger zu sein schien, sondern berhaupt in seinem gesamten Wesen war
eine eigene Mischung von Strke, selbst Schroffheit, mit Weichheit, die hin und
wieder in das Weichliche berging, sichtbar.
    Es wre ja traurig, wenn dieser merkwrdige Charakter in einem elenden
Abenteuer umkme, man mu sehen, man mu sehen ... flsterte der braune
korpulente Laufende, als er die beiden Wappenlwen erreicht hatte.

Da die Absicht der gegenwrtigen Geschichten nicht sein kann, den Leser
beizeiten ber jenen Fremden zu unterrichten ...




                    Brief des Herausgebers an den Buchbinder


Hiebei, lieber Herr Buchbinder, Manuskript des Mnchhausen, soweit ich
geschrieben habe. Nicht wahr, hier wre wieder so ein Ort, ber den Braunen eine
ungemeine Spannung zu stiften? Geheimnisvoll ... dunkel ... Andeutungen usw. Sie
verstehen mich. Ich wollte doch aber nicht ohne Ihren Rat verfahren. Der ich mit
aller Achtung usw.

                            Antwort des Buchbinders


Ew. Wohlgeboren!
    Beileibe jetzt keine Spannung mehr. Spannung genug durch Semilasso, den
Jger, die drei Unbefriedigten, den Ehinger Spitzenmann und den alten Herrn
Baron, der zum Brgermeister luft. Zuviel Spannung berspannt; die Leser
mchten Ihnen am Ende gar abgespannt werden. Nein, jetzt durch eine tchtige
Entdeckung Effekt gemacht, je unerwarteter, desto besser. Mit besonderer
Hochachtung usw.


                           Fortsetzung der Erzhlung

Da die Absicht der gegenwrtigen Geschichten nur sein kann, den Leser beizeiten
ber jenen Fremden zu unterrichten, indem die Folter lngst abgeschafft ist und
nur noch in englischen Romanen durch dreibndelange Spannung
mibruchlicherweise angewendet wird, so ist hier zu sagen, da der korpulente
Mann im braunen Oberrock niemand anders als der bekannte Schriftsteller
Immermann war.
    Er befand sich auf einer seiner jhrlichen Ferienreisen, whrend welcher die
eine Hlfte seiner Dsseldorfer Freunde ihn da, die andere dort versorgt. Er
kommt aber immer wieder nach Dsseldorf zurck, weil - - - -
    So kommt er denn immer wieder von diesen Kreuz-und Querzgen durch
Deutschland zurck, nachdem er durch Berge, Tler, Hhlen und Klfte, Htten,
Palste, Kirchen und Grber geschweift ist, ein weltdurstiger und weltfroher
Odysseus, den keine Kalypso zurckzuhalten fr gut fand.
    Gegenwrtig befand er sich auf einer Wanderung nach den Extersteinen, die er
noch nicht gesehen hatte. In der Nhe der Stadt, worin der Diakonus wohnt, bog
er jedoch von der geraden Strae ab, um den Helden dieser Geschichten
aufzusuchen, mit welchem er wirklich Beziehungen der eigensten Art hatte, und
dem er wichtige Mitteilungen machen wollte, entscheidende Mitteilungen fr
seines Schtzlinges Geschick. Denn in diesem Verhltnisse stand Mnchhausen zu
Immermann. Immermann bte eine Art von Kuratel ber den Freiherrn aus.

                                Sechstes Kapitel



Der bekannte Schriftsteller Immermann fhrt eine sehr ernste Unterredung mit dem
 Freiherrn von Mnchhausen. Karlos der Schmetterling entschliet sich, bewogen
   durch den Anblick eines Sauerbratens und die Zuredungen seiner Geliebten,
                          endlich die Maske abzuwerfen

Der Schriftsteller lief, als er den Schlohof erreicht hatte, gerade auf das
Haus zu, indem er fortwhrend fr sich murmelte: Htte ich ihn nur erst aus
dieser Klemme! Sich so zu verfahren und zu versteigen, gerade in dem
Augenblicke, wo ich ihm ein anstndiges und sicheres Brot verschaffen kann! Wenn
sie mein Wort nur gelten lassen! - Er drckte an der Klinke der Tre. Da sie
sich aber so nicht ffnen lassen wollte, so stemmte er sich mit der ganzen
Gewalt seiner Schultern gegen sie, und da ihn die Natur mit einer ziemlichen
Leibeskraft ausgestattet hatte, gelang ihm, was Semilasson und den drei
Unbefriedigten so wenig, als dem Jger mglich gewesen war. Die morsche Tre
wich nmlich aus den Angeln, einige innen vorgesetzte Tonnen und Kisten fielen
um, die Tre fiel auf sie und in das Innere des Flurs, der Schriftsteller fiel
auf die Tre, wenigstens halb, und solchergestalt, fast mit der Tre in das Haus
fallend, erffnete er gewaltsam den Zugang zu dem Schlosse
Schnick-Schnack-Schnurr, dessen Inneres ohne seine Dazwischenkunft vielleicht
lange unzugnglich geblieben wre. Einen Augenblick sich erholend und im Flure
stehenbleibend hrte er oben das heftige Schnarchen. - Der Schker! Was hat er
nun da vor! rief der Schriftsteller lachend und eilte die Treppe hinauf. In
Mnchhausens Zimmer standen mehrere Flschchen und Glserchen mit den
seltsamschillernden Feuchtigkeiten, deren schon einmal Erwhnung geschehen ist,
gefllt, auf dem Tische. Der Inhalt war hin und wieder verschttet und ein
scharfer mineralischer Dunst wrzte die Luft. Nahe bei dem Tische schlief aber
der Freiherr auf einem Stuhle, das Haupt zur Seite hngend, den festesten und
gesundesten Schlaf, obgleich der Apparat auf dem Tische anzudeuten schien, da
er noch wenige Minuten zuvor gewacht haben msse. Ganz beraus schnarchte er und
lchelte wirklich, wie Karl Buttervogel gesagt hatte, gleich einem Engel in
seinem Schlummer. Der Schriftsteller berblickte einige Augenblicke schweigend
und ironisch schmunzelnd den Schlfer und die chemischen Zurstungen, dann
setzte er seine Brille auf, wie er immer vor wichtigen Momenten zu tun pflegt,
schlich sich auf den Zehen zu dem Freiherrn, schlug ihm auf die Schulter und
flsterte ihm in das Ohr: Keine Verstellung gegen mich, alter Freund!
    Das hangende Haupt des Freiherrn fuhr rasch empor, so da er gegen die Nase
des Schriftstellers anstie und die Brille aus ihrer richtigen Stellung brachte,
die Augen Mnchhausens ffneten sich weit, starrten mit dem Ausdrucke eines
unglaublich freudigen Erstaunens den Besuch an und schienen zu sagen: Nun, das
mu wahr sein, wenn die Not am hchsten, ist die Hlfe am nchsten. Er blieb
aber sprachlos.
    Der Schriftsteller nahm die Brille ab, wischte die Glser mit seinem
Taschentuche rein und rief dann mit der Brille in der Hand lebhaft
gestikulierend, dem Freiherrn zu: Nun sagt mir, Erzkauz und Herzog der
Phantasterei, Marquis von Traumland und Knig aller modernen Zigeuner und
Bettelstudenten -  ... gefrsteter Abt in qualitate qua, Herr zu Irrlicht,
Nebeltau und Wildfeuer, Baron des unheiligen Reichs der Motten, Ziegenmelker und
Karpfenschwnze8, Grand aller bhmischen Drfer, Erbbelehnter in smtlichen
knftigen neuen Entdeckungen, Gropensionr von Lirum Larum etc. etc. etc. fiel
der Freiherr seinem Kurator in die Rede. Ihr seid im Zuge mit Euren
gewhnlichen unaufhaltsamen Bezeichnungen, und ich will Euch darin helfen,
setzte er hinzu.
    Nein, Herr von Mnchhausen, erwiderte der Schriftsteller, der pltzlich
ernst geworden war, kalt. Vergeuden wir die edle Zeit nicht mit migen Spielen
des Witzes! Ich bin mit Ihnen sehr unzufrieden. Immer noch sah ich Sie auf der
Hhe der Wogen, jetzt aber scheinen Sie gnzlich unter der Flut zu sein. Was
soll dieses Schlafen? Was soll das Verrammeln in einem Hause, welches nicht
Ihnen gehrt? Fhlen Sie denn nicht, da Sie durch solche Eulenspiegeleien sich
fallenlassen?
    Herr Immermann, Sie irren, versetzte Mnchhausen. Ich schlief ein, als
ich mir gegen den alten Narren, meinen Wirt, durchaus nicht anders mehr zu
helfen wute. Darin ahmte ich nur das Stratagem erfinderischer Kpfe nach. Ich
versichere Sie, man wird vielleicht bald von dem chronischen Schlummer mehrerer
Projektenmacher hren, wenn ihr Latein erschpft ist.
    Und das Trverrammeln?
    Konnte ich denn wissen, da Ihre gewichtige Kraft mir so nahe sei? Ich
wollte Zeit gewinnen, eine halbe Stunde entscheidet oft alles, in einer halben
Stunde kann der Himmel einfallen und dann sind wir durch jegliche Erdennot
hindurch. Und wirklich habe ich recht gehabt. Sie sind da, der alte Baron nicht,
der sonst vielleicht schon hier wre und alle ruhige Besprechung unmglich
machte.
    Mein Herr, lassen Sie diese possenhafte Betrachtung einer intrikaten Lage!
fuhr der Schriftsteller seinen Klienten barsch an. Der alte Baron luft nach
dem Brgermeister, um Polizeihlfe herbeizuschaffen! Begreifen Sie nun Ihre
Position? Sorge ich darum vterlich fr Sie, schicke ich deshalb gewissenhaft
die Flschchen der von Ihnen bereiteten Tinktur an den Oberkammerherrn, schreibe
ich mir, um Ihnen endlich ein sicheres Brot bei dem geistreichen Erbprinzen von
Dnkelblasenheim zu verschaffen, beinahe die Finger lahm, damit Sie nun
schmachvoll in dem Protokolle irgendeines obskuren Polizeibeamten endigen? Nein,
Mnchhausen, ich kann Sie fast nicht mehr achten, Sie sind doch ein gar zu
verlogener Schelm.
    Der Freiherr hatte whrend dieser harten Anrede sacht unter seinen
Kleidungsstcken gewhlt. Jetzt zog er daraus einen schwarzen Frack hervor und
einen kleinen zusammengelegten Klapphut. Was sehen Sie? fragte er seinen
rauhen Beschtzer in einem ruhigen, man mchte sagen, berlegenen Tone.
    Einen Frack und einen Klack! rief der Schriftsteller noch immer zornig,
obgleich diese harmlosen Gegenstnde keine Entrstung verdienten.
    Mnchhausen zog an dem kleinen Klapphute, da wurde er grer, er griff
dehnend in die ffnung, da wurde er dreieckicht, er nahm aus den Seitenwnden
einen weien Federbusch und steckte ihn auf, da war es ein Offizierhut, wie er
nur sein mute. Dann krmpelte er den Frack um, hkelte das seidene Unterfutter
los, da kam berall rotes Tuch zum Vorschein und am Kragen und an den
Aufschlgen weies mit Goldstickerei. Er warf seinen Rock ab, zog diese
phantasievolle Uniform an, setzte den Hut auf und ein Offizier in fremden
Diensten stand vor dem Schriftsteller.
    Dieser betrachtete die neue Gestalt, welche sich wie durch Zauberei vor ihm
gebildet hatte, mit Erstaunen. So sind Sie denn also wirklich - was ich noch
immer nicht glauben wollte - Sie sind ... St! mein Lieber -, rief der
Freiherr pltzlich ngstlich werdend. Sprechen Sie ein gewisses Wort nicht aus;
es ist das einzige, was mir Schrecken erregt! Ich wollte Ihnen nur zeigen, da
meine Mittel nicht erschpft sind. Aus jenen Westen, Jacken und Tchern, die Sie
da liegen sehen, kann ich auf Verlangen Neugriechen, Matrosen, Jockeis
herstellen mittels Knpfens, Wendens, Steckens - ein ziemlich gewandter Proteus.
Und so mge der alte Baron und ein Brgermeister, der Teufel und seine
Gromutter gegen dieses Schlo heranrcken, mir soll das Herz nicht abwrts
sinken. - Sie haben mich in Ihrer rauhen Manier angefahren, Sie haben einen
hohen Ton gegen mich angestimmt, als seien Sie wunder wie weit ber mir und ich
nur eine mediokre Figur. Ich bin gegen solche Beleidigungen empfindlich. Deshalb
frage ich Sie jetzt, womit habe ich sie verdient? Wissen Sie einen einzigen
schlechten Streich von mir, mein Herr?
    Der Schriftsteller versetzte nach einigem Besinnen: Nein. Wahrheit mu
Wahrheit bleiben. Einen eigentlich schlechten Streich wei ich allerdings nicht
von Ihnen. Wie htte ich mich auch mit einem Escroc so weit einlassen mgen?
    Nun denn! rief Mnchhausen, und seine Gestalt, von der roten Uniform
gehoben, nahm eine Art komischer Erhabenheit an. Ich habe phantasiert, ja! Ich
habe tolle Streiche ausgehen lassen, ja! Ich habe es mit der Wahrheit ziemlich
oder vielmehr unziemlich leicht genommen, ja! Ich war berall und nirgends, mein
Name war mir stets so gleichgltig wie der Rock, den ich gerade zufllig trug -
aber mein Ehrenwort hatte ich mir darauf gegeben, alles dieses Schwrmen,
Phantasieren, Fabulieren, Vagabondieren uneigenntzig zu treiben, und obgleich
ich der Freiherr von Mnchhausen heie, dieses Ehrenwort habe ich gehalten. Die
Kasse manches Narren stand mir zu Gebote und blieb unberhrt von mir; hchstens
erlog ich mir hin und wieder Obdach und freie Bekstigung, wenn ich sonst nicht
wute, wohin mein Haupt legen und was beien oder brechen?
    Waren Sie stets so uneigenntzig? fragte der Schriftsteller mit scharfem
Akzent.
    Nein, rief Mnchhausen pltzlich wieder kleinlaut, ich will mich gegen
Sie nicht besser machen, als ich bin. Einmal habe ich einer einfltigen Gans
Liebe vorgelogen, um zu ihres Vaters Geld und Gut zu gelangen und da mute ich
zuletzt erfahren, da kein Geld und Gut vorhanden sei. Diese eigenntzige Lge
ohne Erfolg brachte nun eine ganz greuliche und ekelhafte Nachwirkung in mir
hervor. Denn es gibt kein abscheulicheres Gefhl fr einen Charakter, wie ich
bin, als Witz und Phantasie umsonst ausgespendet zu haben. Und da gab ich mir
eben das Ehrenwort, fortan in der reinen unselbstischen Erfindung zu schwelgen.
    Doch im Grunde eine traurige Schwelgerei! sagte der Schriftsteller.
    Die lieblichste und ppigste! rief der Freiherr begeistert. Seine Zge
nahmen ein Geprge an, wie es noch niemals in ihnen gesehen worden war. Seine
Augen leuchteten wunderlich und schrecklich, durch die Irrgnge seiner
Lineamente schlichen Schelmerei, Spott, trunkenes Behagen, wie schne Mdchen,
die in einem vernachlssigten Park spazierengehen. Mit den Fingern griff er in
die Lfte, als wollte er da tausend lustige Erinnerungen sich greifen, er sah
wie der Geist Capriccio aus. - Was ist das se Feuer, welches die Traube in
unsere Adern giet, was sind die veratmenden Ohnmachten des hchsten
Liebesrausches gegen das selige Behagen, mit allen stolzen Torheiten der Zeit zu
tndeln, zu scherzen, zu spielen und des Witzes urkrftige Blitze in alle
Spelunken hinableuchten zu lassen! Man fhlt sich wahrhaft als Schpfer;
    eine neue Welt ersteht, durch welche man als Knig und Wohltter hinzieht,
denn hinter den Rdern des Siegeswagens blhen in den Geleisen phantastische
Blumen auf, welche dem Gefolge lieblicher duften als Rosen und Jasminen. Ich
habe viele Narren glcklich gemacht und da die Welt aus Narren besteht, so habe
ich die Welt beglckt, so weit mein streifender Fu sie betrat.
    Was soll ein gescheiter Kerl jetzt anders tun als lgen, die Prahlhnse zum
besten haben, umherlaufen, sich wandeln und verwandeln? In Kriegsdienste gehen?
- Napoleon hat das Heldentum ausgebeutet, wie er selbst ungefhr mit den
nmlichen Worten auf Sankt Helena sagte, fr fnfzig und mehrere Jahre, es ist
heutzutage als she man bleierne Soldaten aufgestellt, darunter ist auch immer
noch einer als General und mehrere sind als Hauptleute lackiert, aber bleierne
Soldaten sind sie alle. In der Staatskunst sich versuchen? Auch da verlangt man
nach einem Chef, der's ist, der nicht blo so heit. Zeigt mir einen Richelieu,
oder nur einen schlauen, geschminkten Mazarin und ich werde Legationsrat. In
Papier spekulieren? Pfui! Ich bin ja kein Jude. Den Tiefdenker machen, das
Original, den Sonderling, den Unglcklichen? Abgebraucht. Was bleibt brig?
Lgen, Flirren, Flausen produzieren. Ein Lgner war ich, ein Lgner bin ich, ein
Lgner will ich sein! Ich habe auf Tollheiten spekuliert, das ist das hchste
und nobelste Hasardspiel, was es gibt. Lucian ist mein Evangelium und Ebu Seid
von Serug mein Herr und Meister!
    Und da ich ein solcher bin, wie knnen Sie, mein Herr, sich herausnehmen,
mir so unhflich zu begegnen?
    Was! rief der Schriftsteller Immermann, du emprst dich, Geschpf, wider
deinen Schpfer?
    Alter Freund, versetzte der Freiherr mit ruhiger Hoheit, Ihr seid nicht
der Mann, einen Mann wie mich zu schaffen. Ihr habt einige meiner Abenteuer
aufgeschrieben und demnach ein Stck meiner Biographie geliefert, das ist das
Ganze, und wer wei noch, ob mir und meinem Rufe damit sehr gedient gewesen ist,
denn Ihr habt wenig Kredit in der Literatur. Ihr besorgt mir die Flaschen mit
der Hhneraugenessenz an den Oberkammerherrn, und wollt mir durch dieses und
andere Mittel mein sicheres Brot bei dem Erbprinzen von Dnkelblasenheim
verschaffen. Ob ich Euch dafr zu danken habe, wei ich erstlich noch gar nicht,
denn vielleicht sagt mir die gebundene Lage nicht zu. Wre das aber auch, so
sind jene Dienste kleine Geflligkeiten, die ich Euch dadurch reichlich vergtet
habe, da ich Euch erlaubte, aus mir ein Buch zu machen.
    Sie behaupten also im vollen Ernste, ein selbstndiger Charakter zu sein?
fragte der Schriftsteller befremdet.
    Freilich. Ich wei gar nicht, wie Sie mir vorkommen. Nehmen Sie sich nur in
acht, da Sie nicht ganz gegen mich verschwinden, da Sie nicht fr eine
Erfindung von mir gelten. Was htten Sie mir geben oder leihen knnen? - Sie
sind kein Genie -
    Nein, versetzte der andere ohne alle Ironie oder Empfindlichkeit.
    Sie sind hchstens ein Talent, doch sind Sie auch das nicht, sondern nur
ein Nachahmer. Sie ahmten immer nach, erst Shakespeare, dann Schiller, zuletzt
Goethe. In Ihren Arbeiten ist mehr Witz, Phantasie, Reichtum als in denen der
andern, die Ideen strmen Ihnen aus ergiebigeren Quellen zu als den andern, aber
Sie sind ein mittelmiger Kopf und ein seichter Geist. Adel und Hoheit der
Weltanschauung kann man Ihnen nicht absprechen, wenn Sie nur nicht so trivial
wren. Sie haben einige Figuren in vollendeter Wahrheit geschaffen, knnten Sie
sich an eine Erscheinung hingeben, so wre Ihnen vielleicht geholfen. Sie waren
stets ein Dichter von Gesinnung, leider aber ohne alles Gefhl und ohne Liebe.
    Der Schriftsteller schttelte dem Freiherrn die Hand, lachte und sagte: Ich
hatte schon gemeint, da Ihr ernsthaft mit mir anbinden wolltet, nun sehe ich
aber, da Ihr Spa macht, alter Sptter. Ihr habt den Ton meiner ffentlichen
Beurteiler ziemlich lustig kopiert. Jetzt bestehen allerhand Leute hauptschlich
darauf, da ich mehr Liebe haben solle. Sie fordern es aber so entsetzlich grob,
da die Liebe, welche ein scheues, feines Kind ist, sich weinend versteckt, oder
schleicht, sie ahnen nicht, wohin?
    In diesem Augenblicke sah er durch das Fenster und erschrak. Denn er
erblickte den alten Baron in der Ferne, der mit dem Brgermeister herbeikam.
Wir schwatzen hier Allotria! rief er hastig, und da naht schon das Corps
Ihrer Angreifer! Rasch einen Plan der Verteidigung und des Ruckzuges aus diesem
Kastelle ersonnen. Wie wre es -
    Wenn wir improvisierten! fiel Mnchhausen ein und warf die rote Uniform ab
benebst dem Hute. - So gelingt alles am besten. Das ganze Leben ist ein
Impromptu. Er verwandelte das militrische Kleid in den Frack und den
dreieckichten Hut in den Klack zurck, forderte auch, da sein Biograph sich
entferne, denn er wolle, sagte er, allein seinen Mann stehen. Dieser aber
schwor, da er seinen Helden nicht verlassen werde und so mute er sich die
Waffenbrderschaft gefallen lassen, wohl die ungewhnlichste, die seit langer
Zeit vorgekommen ist. Freilich aber hatte der Schriftsteller noch auer seinem
zrtlichen auch ein groes egoistisches Interesse dabei, da der Freiherr von
Mnchhausen in diesem Kampfe nicht umkam. Denn um von tausend Grnden nur einen
anzufhren: Er hatte Herrn Schaub in Dsseldorf die Fortsetzung der
Mnchhausenschen Abenteuer versprochen, und wo blieben die Abenteuer, wenn
Mnchhausen unterging?
    Schriftsteller und Held verabredeten in der Eile doch einige allgemeine
Maregeln. Wir aber berlassen vorderhand die Ereignisse im Schlosse ihrer
Entwickelung und verfgen uns nach dem Schneckenberge. Auf diesem Gebirge
Taygetus sa das Frulein mit feierlicher Miene und im ungewhnlichsten Putze,
der aus einem ehemals rosenfarbenen Seidenkleide, einem weien Flortuche, einer
Schrpe, worauf der Tempel der Liebe gestickt war, und grnen Atlasschuhen
bestand. In der Hand hielt sie einen elfenbeinernen Fcher mit der Geschichte
Amors und Psychens, und ihr Haar zierte ein Paradiesvogel, dem nur vor Alter die
Schwungfedern ausgefallen waren. Einen Ridicule von sogenannten
Freundschaftslppchen zusammengefgt, trug sie an einem Arme und eine
Tndelschrze von schwarzem Taffent mit Phantasieblumen eingefat, hatte sie
vorgebunden.
    In diesem Aufzuge stellte sie die verschollene Freiin von
Schnurrenburg-Mixpickel aus den Bdern zu Nizza dar. So kostmiert war sie dort
mit Rucciopuccio gelustwandelt und den Juden in die Arme gefallen, als die
verhngnisvolle Stunde der Trennung schlug. In frommer Erinnerung an die seste
und schwerste Zeit ihres Lebens hatte sie den ganzen Staat aufbewahrt und er war
durch alle Strme der Zeiten, durch das ganze Elend der Verarmung hindurch
gerettet worden. Heute hatte sie ihn mit erhabenem Lcheln aus dem Koffer
hervorgeholt, und ihn, nachdem sie ihr Werk in der Kche besorgt, angelegt, denn
ihre Seele brtete einen groen Entschlu und sie wollte mit starken Mitteln auf
den maskierten Frsten wirken. Sie sa vor einem kleinen Tischchen, welches der
Schulmeister aus einem alten Brette und mehreren abgestumpften Zaunstacken da
droben zusammengefgt hatte, um, wenn das Wetter schn war, seine schwarze Suppe
im Freien genieen zu knnen. Auf dieses Tischchen hatte sie einen Korb
gestellt, der mit einer weien Serviette zugedeckt war. Gnzlich in die Welt
ihrer Trume verloren, achtete sie der drei unbefriedigten Jnglinge nicht,
welche nach ihr in den Garten gekommen waren. Diese achteten ihrerseits wieder
nicht auf Emerentien, und so nahm keiner von dem anderen Notiz, was bei
idealistischen Naturen fter vorzukommen pflegt, auch wenn sie im engsten Raume
zusammen sind. Die Unbefriedigten saen alle drei um das trockene Wasserbecken
und sahen den kupfernen Delphin ohne Strahl tiefsinnig an. Emerentia dagegen
wiegte sinnend ihr Haupt, da der nicht recht fest eingesteckte Paradiesvogel
zuweilen nach der Wange zu eine trunkene Bewegung machte, und faltete spielend
den elfenbeinernen Fcher auf und zu.
    In diesem Sinnen, Wiegen und Spielen hatte ihre Seele die reizendsten und
glnzendsten Bilder der Vergangenheit hervorgezaubert, als sie pltzlich durch
den Ruf: Alle Donnerwetter! aus ihren Phantasien erweckt wurde. Karl
Buttervogel stand vor ihr. Er war auf seinem Rckwege vom Vogelherde durch ein
Loch in der Hecke unter dem Schneckenberge gekrochen, denn er ging, wie alle
Bedienten nicht gern auf dem geraden Wege nach Hause, sondern pflegte sich, wo
es nur mglich war, einen heimlichen Katzensteig zu bahnen.
    Nichts in der Welt htte ihn mehr berraschen knnen, als was er jetzt vor
seiner Wohnung zu sehen bekam. Er stand, eine starre Bildsule vor Emerentien,
musterte mit rollenden Augen ihre Gestalt und ihren bunten Putz, der Mund lief
ihm voll Wasser und: Alle Donnerwetter! waren die einzigen Worte, die er von
Zeit zu Zeit hervorbringen konnte.
    Emerentia sah, wie sie auf den Prtendenten von Hechelkram wirkte. Ihre
Brust schwoll von dem sen Triumphe, den sie erlebte. Nach einer Pause, whrend
welcher sie sich an seinem Entzcken geweidet hatte, lispelte sie, ihr Antlitz
hinter dem Fcher verbergend: Nun? O Nizza!
    Nitze! Nitze! schrie Karl Buttervogel berauscht. O meine vierzehn
Berliner Herrn! Was wrden meine vierzehn Berliner Herrn sagen, wenn sie mich
jetzt shen, mich glckseligen Esel und Kerl.
    Karl Buttervogel war nicht gefhllos. Rieke in Stuttgart hatte wirklich sein
ganzes Herz besessen, und wenn er ihr auch um die bessere Verkstigung im
Schlosse untreu geworden war, so wissen wir aus seinem Tagebuche, welche Kmpfe
ihn dieser Wandel gekostet hatte. Emerentiens Neigung war nun, die Wahrheit zu
sagen, bisher mehr seiner Eitelkeit und seines Appetites Schmeichlerin gewesen,
erwidert hatte er sie bis heute nicht. Aber als er das Frulein so wunderbar
geschmckt sah, ging in seinem Busen eine Umwlzung vor. Ganz richtig hatte sie
ihn geschtzt; es bedurfte starker Reize, um diesen Schmetterling zu vermgen,
seine Flgel zum Fluge der Liebe zu entfalten. Das rote Kleid, die grnen
Schuhe, die gelbe Schrpe, der Paradiesvogel, der ganze bunte Putz - - alles das
machte ihn wirblicht und er schwor bei der Asche seiner Vter, da er noch nie
eine so prachtvolle Person, wie sein stummes Wort ber sie lautete, gesehen
habe. Nach langem Staunen, Mustern und Seufzen schleuderte er seinen lackierten
Hut weit hinter sich, wischte sich das Maul und tat einen Schritt gegen
Emerentien, unfehlbar in der Absicht, ihr den Handschuh zu kssen, denn bis zu
ihren Lippen verstiegen sich seine khnsten Gedanken nicht.
    Emerentia streckte den Fcher streng und zurckweisend ihm entgegen. Er
blieb bestrzt stehen, sah sie verlegen an und wute nicht, was diese
Sprdigkeit bedeuten sollte. Auch sie schwieg, denn sie hatte beschlossen, die
Gre dieses Momentes nicht durch rohe Worte herabzuziehen, sie wollte nur durch
Zeichen mit ihrem Verehrer reden. - Gndiges Frulein, rief Karl Buttervogel
endlich mit klagender Stimme, dieses ist sehr unrecht, und heit einen armen
Schuft auf den Geruch von einem Braten einladen. - Doch wie ist mir denn? Alle
Donnerwetter! Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt der Kujon! Auch ein
Braten mu hier in der Nhe sein, denn meine Nase trgt mich nicht und es steigt
ein Dftlein auf und in dem Korbe - hol' mich dieser und jener -
    Emerentia gab mit dem Fcher ein Zeichen, welches Karln berechtigte, die
Serviette von dem Korbe zu erheben. Er tat es und nun ereignete sich etwas, was
erfunden in einem Gedichte zu den grten Fehlern gezhlt werden wrde; zwei
Motive wurden nmlich fr die Handlung gleichzeitig in Bewegung gesetzt. -
Sauerbraten! rief Karl Buttervogel und lie die Serviette fallen. -
Sauerbraten! wiederholte er jubelnd. In der Tat lag ein lecker zubereiteter
Sauerbraten, Karls Lieblingsessen, auf der Schssel in dem Korbe. Seine Augen
gingen wie trunkene Wanderer zwischen dem Frulein und dem Sauerbraten hin und
her, seine Seele spaltete sich in zwei Hlften und in jeder schlug sein Herz,
endlich berwog die eine Hlfte, er ri ein Messer aus der Tasche und wollte
damit dem Sauerbraten eins versetzen. Da schlug ihm aber Emerentia mit dem
Fcher auf die Hand und zwar nicht sanft, sondern empfindlich, ihm zugleich mit
dem Zeigefinger der andern Hand drohend.
    Der zurckgeschreckte Prtendent geriet in eine Art von Wut. Alle Hagel!
schrie er, erbost mit dem Messer nach dem Braten stechend, was soll das
bedeuten? Denn sich so aufzudonnern, da es einem rot und grn und gelb vor den
Augen wird, und man gar nicht wei, wo man vor Angst und Herzeleid bleiben soll,
und einem Sauerbraten dazu aufzusetzen und noch dazu mit Zwiebeln, und dann das
Zurckweisen und Fchergeschlage ist nicht auszuhalten. Denn entweder, oder.
Alle Geschichten und Siebensachen in der Welt haben ihren Grund, oder sie haben
ihren Grund nicht. Und also entweder soll ich den Sauerbraten fressen oder ich
soll ihn nicht fressen. Und entweder wollen das gndige Frulein nunmehr recht
liebreich gegen mich sein, oder Sie wollen es bleiben lassen. Und fr die
Langeweile stehe ich hier nicht mit meinem Herzeleid und mit dem erbrmlichen
Hunger im Leibe, sondern wissen mu der Mensch, woran er ist, und was er tun
soll, und das will ich auch tun, wie ein rechtschaffener Kerl, wenn ich nur erst
wei, was.
    Emerentia warf auf die Maske dieser Gemeinheit einen ihrer leidendsten und
zugleich verchtlichsten Blicke. Dann beschrieb sie mit dem Fcher eine stolze
schwungvolle Linie in der Luft, hierauf deutete sie mit demselben nach dem
Schlosse und endlich gab sie das Zeichen, womit eine Dame andeutet, da jemand
sich entfernen knne.
    Karl Buttervogel folgte mit gespannter Aufmerksamkeit allen diesen Zeichen.
Seine Seelenkrfte waren durch die Ekstase des Augenblicks geschrft; er
verstand den Sinn seiner Herrin. - Ich hab's! Ich hab's! rief er und drehte
sich auf den Abstzen um. Denn da ich mich immer so gemein gemacht habe und so
niedertrchtig, das gefllt gndigem Frulein nicht, und ich soll's jetzo sein,
Frst und Hechelkram und so weiter, wofern fernerweite gute Verkstigung
ausgemacht wird, und nach dem Schlosse soll ich gehen und es dem gndigen Herrn
Baron ansagen, denn der mu es doch vor allen Dingen wissen und die Heimlichkeit
und das Gepuschele unter der Hand gefllt gndigem Frulein nicht mehr, und wenn
ich das getan habe, dann machen wir uns frei ffentlich ber den Sauerbraten
her, und gndiges Frulein lt mich die Hand kssen und die ganze Sache wird,
wie gndiges Frulein wollen und befehlen, mit mir nichtsnutzigem
Tausend-sappermenter in Ordnung gebracht.
    Karlos! rief Emerentia, vor Freuden, sich so ohne Worte verstanden zu
sehen, ihr Gelbde brechend, endlich lassen Sie also die Maske fallen! Also
fhlen Sie doch nun selbst, da dieses geheime Verhltnis, welches zwischen uns
bestand, fr ein zartes Mdchen lnger nicht tragbar war, da wenigstens der
Vater Sie kennen und in der Sache klar sehen mu! Ja, Sie haben begriffen, was
ich meinte. Gehen Sie, Frst, zu meinem Vater, entdecken Sie sich ihm; ich will
Ihrer hier mit der Speise warten, welche Sie so lieben und die ich Ihnen lieber
als uns gnnen mochte.
    Den Augenblick gehe ich zu ihm, und wenn er mit Gte nicht will, so werde
ich sackgrob sein, denn ich bin in einer ausnehmenden Rage, denn wenn man sich
so rausstaffiert, wie gndiges Frulein, und den fremden Kuckuck da ins Haar
steckt, so mu das einen Menschen ganz toll machen und die Natur in Unordnung
bringen und der Braten tut freilich auch das Seinige dazu! rief Karl
Buttervogel. - Bleiben gndiges Frulein nur hier oben bei dem Braten, damit
ihn die Katze nicht holt und ich will mich unten am Schmerlenbach ein wenig
renovieren, damit alles mit der Sauberkeit geschieht, und der gndige Herr Baron
gleich sehen, wenn ich auftrete, da mit mir nicht zu spaen ist. Das Gesicht
wasch' ich mir unten am Schmerlenbach, und mit meinem Kamm, den ich bei mir
hab', kmm' ich mir das Haar glatt, und den Rock stub' ich aus, und - -
    Genug, Frst! rief Emerentia. Ich brauche Ihre Toilette nicht nher
kennenzulernen. Gehen Sie, Ruhe meinen Tagen und Schlummer meinen Nchten
zurckzubringen!
    Der Prtendent und Schmetterling raffte seinen lackierten Hut auf, sprang
den Schneckenberg hinunter und kroch wieder unten durch die Hecke in das Freie.
Emerentia lchelte wohlgefllig und flsterte: Erste Liebe, einzige Liebe!
Dann deckte sie den Korb mit der Serviette zu, denn die Fliegen waren, weil man
August schrieb, etwas zahlreich und zudringlich. Hierauf wiegte sie wieder
sinnend das Haupt und spielte abermals mit dem Fcher, ihn auf und zu faltend.
Sie begleitete diese Gebrden mit der Abschiedsode von Nizza, nmlich mit den
ersten beiden Zeilen derselben, denn die folgenden hatte sie vergessen. Anfangs
summte sie dieselben leise, nach und nach fing sie an, lauter zu singen.

                               Siebentes Kapitel



  Der Mann im braunen Oberrock beginnt sein allgemeines Vermittelungsgeschft

So wollen wir also die Sache angreifen! mit diesen Worten schlo die eilige
Unterredung zwischen dem Freiherrn von Mnchhausen und dem Schriftsteller
Immermann.
    Und Sie haben mein Patent in der Tasche? fragte Mnchhausen.
    Den eigenhndigen Brief des Erbprinzen, versetzte der Schriftsteller. Tun
Sie mir jetzt den Gefallen und schlafen Sie wieder ein, derweile ich fr Sie
wirke. - Mnchhausen wollte Einwendungen machen. - Lieber, keine Worte
weiter! rief sein Bundesgeno. Die Garde wird aufgespart fr die Hhe und den
Gipfel des Gefechtes, zu frh die Kerntruppen verbrauchen, heit die Niederlage
mutwillig herbeifhren. Mich also lassen Sie ja die ersten Schwrmfeuer, Chocs
und Chargen fr Sie machen, es kommt vielleicht der Augenblick auch, wo Sie ins
Feuer mssen. - Er ging eilig die Treppe hinunter und Mnchhausen warf sich
halb unwillig in seinen Kleidern auf das Bette.
    Rasch, um Terrain zu gewinnen, machte der Schriftsteller unten eine Bewegung
ber den Hof und trat dem alten Baron und dem Brgermeister schon in der Nhe
der Wappenlwen entgegen. Dem Brgermeister folgte ein Polizeisoldat von
ziemlich grimmigem Ansehen. Der Schloherr erstaunte ber den fremden Mann in
seinem Hofe, noch mehr aber ber die Bresche, welche in den Umschlieungen der
Burg entstanden war. Er wollte auf den Schriftsteller zrnen, als dieser sich zu
der gewaltsamen Erffnung bekannte, wurde aber durch dessen Auseinandersetzung
besnftiget, da manche Hindernisse nicht zart zu behandeln seien und man hin
und wieder, um nur vorwrts zu kommen, die Tre einrennen msse.
    Indessen winkte er dem Brgermeister, ihm in das Schlo zu folgen. Der
Brgermeister winkte seinerseits dem Polizeisoldaten, der blo ein Bandelier
aber keinen Sbel trug, denn diesen hatte er whrend der letzten Prgelei unter
den Bauern, wobei er einhauen mssen, verloren. Der Polizeisoldat griff
ingrimmig nach der Stelle, wo der Sbel sitzen sollte, zog aber nichts hervor
und empor als seine eigene leere jedoch zusammengeballte Faust, die er druend
nach vorwrts in die Luft schlenkerte. Hierauf rckte die feindliche Kolonne
gegen das Schlo vor und der Beschtzer Mnchhausens wich, Schritt vor Schritt
ihr Raum gebend, gegen die Bresche zurck.
    Whrend dieses Rckzuges suchte er alle Mittel hervor, die entschlossenen
Gegner von ihrem Vorhaben abzubringen. - Was wollen Sie eigentlich? rief er
den alten Baron an. - Den schlummerkpfigen Haselanten, den Hanswurst von
Trenverrammler einstecken lassen! versetzte der Schloherr. - Einstecken
lassen, wiederholte der Brgermeister. - Lassen, sagte der Polizeisoldat und
schob seine Dienstmtze verwegen auf das linke Ohr. Der Brgermeister wendete
sich mit Ansehen zu seinem Untergebenen um und sagte: Es ist wohl gut,
Marzeters, da Ihr die Worte Eures Vorgesetzten aufhebt, aber immer hbsch mit
Umsicht verfahren! Ihr lat ihn nicht einstecken, sondern Ihr steckt ihn ein. -
Ein. Ganz wohl, Herr Brgermeister, sagte Marzeters.
    Schloherr und Behrden drangen weiter vor. Mnchhausen schnarchte oben, da
die Luft unten zitterte. - Schnarch du nur! rief der alte Baron hinauf zum
Fenster. Lebendig oder tot, wachend oder schlafend mut du fort. Knnt Ihr wohl
einen schlafenden Menschen tragen, Marzeters? - Marzeters sagte:
    Wenn er nicht gar zu fest schlft, denn dann wird die Kreatur so schwer wie
ein Bleiklumpen, so trage ich ihn hinweg und wre er drei Mann hoch da. - Der
Schriftsteller befand sich in der hchsten Verlegenheit. Gerade in diesem
Augenblicke, wo seinem Kuranden ein glnzendes Glck bevorstand, mute ihm alles
daran liegen, da dessen Name von keinem ffentlichen Skandal unangenehm berhrt
werde. Er hatte in der Tasche, was die Feinde, wenn sie es erblickten,
augenblicklich zurckschrecken mute, und dennoch wagte er nicht, davon Gebrauch
zu machen, weil ja die neue Stellung Mnchhausens keinen ostensiblen Charakter
haben sollte. Wahrlich diplomatische Verwickelungen der eigensten Art! - Er war
unter denselben bis an die eingebrochene Tre zurckgewichen. - Knnen Sie es
denn vor Ihrem Gefhle verantworten, so redete er in dieser letzten Not den
Schloherrn an, einen Mann, der, wie ich vernommen, von Ihnen so hochgeschtzt
worden ist, in dieser harten Manier zu behandeln? - Eben darum, weil ich ihn
ganz beraus verehrt habe, soll er nun sitzen, erwiderte der alte Baron. Der
Schriftsteller fand diese Entschlieung natrlich, nur nicht trostreich. -
Kennen Sie mich, Herr Brgermeister? fragte er den Beamten. O ja, Herr -,
versetzte dieser und gab ihm seinen vollen Titel und Namen. Wir waren ja noch
krzlich in - dings - da - zusammen. - Nun denn, ich verbrge mich fr den
Freiherrn von Mnchhausen und verspreche, Ihnen denselben in jeder anstndigen
Art zu gestellen; lassen Sie nur jetzt von ihm ab!
    Ihre Brgschaft in Ehren fr jeden sicheren Mann, von dem man wei, woher?
und wohin? erwiderte der Brgermeister, aber der Mnchhausen da hat, wie ich
hre, weder Pa noch sonstiges Legitimationspapier, deshalb kann ich Sie nicht
fr ihn gut sprechen lassen, denn er ist Vagabonde im rechtlichen Sinne des
Worts. - Worts, sagte der Polizeisoldat Marzeters.
    Nun denn! rief der Schriftsteller, der bereits in die Trffnung selbst
zurckgedrngt war und in diesem Extreme seine ganze Entschlossenheit wiederfand
- alle menschlichen Mittel sind erschpft - treibt mich nicht zum uersten!
Ehe ich den Freiherrn verhaften und beschimpfen lasse, mit dem ich es mir habe
so sauer werden lassen, ehe breche das Verderben ber uns alle herein! Ihr seht,
unbarmherzige Verfolger meines Schtzlings, ich habe ziemlich starke Arme, zwar
bin ich kein Simson, aber dieses Schlo ist auch nicht das philistervolle Haus
zu Gasa; sondern geborsten, zerspalten und kaum noch in seinen Wnden stehend.
Ich fasse diese Pfosten an und neige mich vorwrts, wenn ihr beharret, und die
Sprnge und Wandrisse hier herum mten mich sehr tuschen, oder es gelingt mir,
einen Teil des Mauerwerks auf mich und euch zu strzen, und mge Mnchhausen
dann mit herabfallen, immerhin! Denn es ist besser, da er ehrlich von Freundes
Hand sterbe, als da er schmhlich in die Fesseln der Polizei gerate!
    Er fate die Trpfeiler an. Der Brgermeister rief ngstlich:
    Um Gottes willen, Herr Baron, zurck! Er macht Ernst; man kennt ihn darin.
Er pflegt zu seinen Bekannten zu sagen, da er bis auf einen gewissen Punkt
Geduld habe wie ein Lamm, aber ber den Punkt hinaus sei es mit dem Lamme fr
ewige Zeiten vorbei.
    Was wollen Sie denn? fragte der alte Baron zitternd vor ohnmchtigem
Grimme. Marzeters war ber die mutmaliche Fallweite des Schlosses
zurckgesprungen, und wiederholte zum ersten Male in seinem Leben
entsetzenshalber nicht das letzte Wort des Vorgesetzten. Der Schriftsteller
begehrte kalt einen Waffenstillstand von einer Stunde, whrend welcher ihm, wie
er sagte, hoffentlich etwas einfallen werde, wodurch sich alle Teile
zufriedenstellen lassen mchten. Widrigenfalls sollten die Feindseligkeiten dann
aufs neue beginnen. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Dem Schloherrn
gestattete der Verteidiger, zu der Burg seiner Vter einzugehen, doch mute er
sich auf Ehrenwort verpflichten, innerhalb seiner vier Wnde nichts Feindliches
wider den Freiherrn vorzunehmen und mit Ablauf des Waffenstillstandes sich
wieder hinauszubegeben. Dem Brgermeister und dem Polizeisoldaten wurde ihr
Standquartier auf dem Hofe angewiesen.
    Der Schriftsteller ging stirnreibend in das Schlo. Das war ein groer
Fehler. Er bte damit den besten strategischen Vorteil ein. Vor dem Schlosse
beherrschte er den Kampf, nun aber wurden Ereignisse mglich, welche dem ganzen
Gange der Operationen eine von seinem Willen unabhngige Wendung gaben.
    Immer heftiger war der Wind geworden. Er hatte den unheimlichen Nebel
herangeweht, Haarrauch geheien. Man konnte nicht vierzig Schritte weit sehen.
Unter dem Schutze dieses Dunstes rckten, als kaum der tapfere Kommandant von
Schnick-Schnack-Schnurr das Zimmer seines Kuranden betreten hatte, von allen
Seiten, gefhrt durch den blinden Zufall, Massen gegen das Schlo vor, welche
den Waffenstillstand nicht mit abgeschlossen hatten und folglich den Burgfrieden
keinesweges zu achten brauchten.

                                 Achtes Kapitel



                         Entdeckungen ber Entdeckungen

Es war ein Uhr mittags. Der alte Baron hatte heute noch nicht einen Bissen
genossen. Ihn hungerte trotz alles rgers. Er suchte Emerentien, sie war aber
freilich weder im Wohnzimmer noch in ihrem Schlafgemache zu finden. In der Kche
sah er ein verglimmendes Feuer. Mich dnkt, wir sollten heute Sauerbraten
bekommen, sagte er, vielleicht ist er gar und ich kann mir immer schon ein
Stckchen abschneiden fr den ersten Angriff. - Es roch recht lieblich und
nahrhaft da zwischen den Brandmauern, aber ach, die Tpfe und Schsseln auf dem
Herde waren leer. Auf dem Schemel lag die Hauskatze, eine von den schwarz- und
gelbgestreiften, ruhig und harmlos, mit zugekniffenen Augen spinnend. Der alte
Baron sah grimmig von den leeren Schsseln nach der Katze, von dieser nach
jenen. Er hielt sich nicht lnger und mit dem Rufe:
    Ich will dir Bestie denn doch endlich das Fressen wohl verleiden! gab er
der armen Unschuldigen einen so heftigen Schlag, da das treue Haustier
schreiend aufsprang und winselnd forthinkte, denn eine Pfote war ihm von dem
Stockschlage gelhmt worden.
    Der Blick des zornigen Hausherrn fiel auf ein Buch, welches neben dem Herde
lag. Er erkannte Emerentias Handschrift, wurde neugierig und begann darin zu
lesen, nur die letzten Bltter, so da er nicht den ganzen Zusammenhang von
seiner Tochter Gedanken und Gefhlen daraus entnehmen konnte, aber leider erfuhr
er schon durch das, was er las, ein neues, nur zu groes Unheil.
    Es war Emerentias Tagebuch. Sie pflegte, was sie am Abend geschrieben, am
Morgen darauf in der Kche zu ihrer Erholung sich vorzulesen. Nun hatte sie in
den letzten Wochen, da sich der Schatz ihrer anderweitigen Vorstellungen und
Erinnerungen ausgeleert haben mochte, nur eingezeichnet, was sie an
Lebensmitteln dem maskierten Frsten zugesteckt hatte, den sie aus einer
zrtlichen Grille gerade auf diesen Blttern nur Karlos nannte, also mit dem
Namen, der ihrem Vater entzifferbar war. Zu seinem Entsetzen las er demnach, da
der Bediente Karl Buttervogel die Katze gewesen war, welche das Schlo in
Hungersnot versetzt, da sein eigenes Fleisch und Blut dieses husliche Elend
gestiftet hatte.
    Ohne ein Wort zu sagen, lie er das Tagebuch fallen. Heimlich murmelnd ging
er die Treppe nach dem Sller hinauf in seine Gerichtsstube, als msse ihm da
irgendein Gedanke kommen, der ihm Luft in die Brust schaffen knne. Mnchhausen
hatte er fast vergessen. Karlos, den Schmetterling oder die Katze, wie man ihn
nun nennen will, abzustrafen, nicht mit Worten, sondern mit Werken, dahin
zielten alle seine Gedanken. Oben musterte er irren Blickes die abgelegte
Garderobe seiner Gemahlin, die an den Pflcken umherhing. Man htte sehen
knnen, da seine Vorstellungen nicht bei diesen Roben, Spenzern und
Taffentmnteln waren, die Augen suchten nur mechanisch Gegenstnde, um sich
anzuheften. Er ri, ohne zu wissen, was er tat, ein altes Kleid vom Pflocke,
dahinter wurde ihm ein Paar Pistolen an Ngeln aufgehngt, sichtbar, und neben
den Pistolen hing ein Pulverhorn. Die Pistolen von den Ngeln nehmend, versuchte
er ihre Schlsser. Sie waren gut eingelt gewesen, die Hhne knackten und die
Steine gaben lustig Feuer. Er schttelte das Pulverhorn, es war nicht leer. Er
lud die eine Pistole, und wrde zum Verhngnis vielleicht auch noch eine Kugel
gefunden haben, wenn er nicht in seinem gefhrlichen Werke von jemand
unterbrochen worden wre, und zwar von dem, den er in seinem erbitterten Sinne
trug.
    Karl Buttervogel betrat nmlich, gerade als der alte Baron die Pistole mit
Pulver geladen hatte, ohne vorher anzupochen, die Gerichtsstube, um die Gebote
seiner Dame auszufhren. Er betrat die Stube mit den Empfindungen eines Frsten,
eines Liebenden und eines Elustigen. Hechelkram schwebte zwar seiner Seele
immer nur noch in unbestimmten Umrissen vor, desto fester zeichneten sich die
Gefhle des Liebenden und Elustigen in ihm. Stolz und keck trug er sich, hatte
Stiefeln und Rock rein abgebrstet, den lackierten Hut in der Hand, und das rot
und wei geblmte Halstuch von Zitz vorn in einer bermig groen Schleife
zusammengebunden. Zum Zierat war von ihm in dem Knopfloche ein Tannenreis und
eine gelbe Malve befestigt worden.
    So trat er hchst mutvoll und sicher, denn ihn strkte die Erinnerung an
Emerentias rotes Kleid, zu dem Manne ein, dessen Schwiegersohn zu heien jetzt
sein heiestes Verlangen war.
    Die Zge des alten Barons nahmen bei Karls Erscheinen den Ausdruck einer
giftigen Sigkeit an. Er setzte sich in seinen Lehnstuhl, legte die Pistolen
vor sich auf den Tisch, holte tief Atem und sagte dann: Er kommt mir gerade
recht, mein Sohn.
    Allerdings Sohn, nichts als Sohn und so weiter Sohn, versetzte Karl sich
ruspernd.
    Trete Er doch etwas nher hieher zu mir, sagte der alte Baron, indem die
Finger seiner rechten Hand unruhig auf dem Tische spielten.
    Niemals vor jetzt, erwiderte Karl Buttervogel und setzte seinen lackierten
Hut auf, denn er glaubte als Frst und glcklich Liebender sich diese Rcksicht
schuldig zu sein. - Sondern hier stehenbleiben und der Tisch zwischen uns,
whrend die Anhaltung geschieht und Maske fallen gelassen wird. Denn alles mu
seine Ordnung haben, und wenn keine Ordnung mehr in der Welt ist in Frsten- und
Heiratssachen, so wre der Mensch ein Dummerjahn und ein rechter Flegel. Also
hier stehenbleiben aus der Entfernung, in dieser Distanz und Augenma von zehn
Fu wird Rede gehalten und nachher noch Zeit genug zum Hingehen und Niederfallen
und Handkssen, wenn Rhrung ausbricht, geschluchzt wird und Schwiegervater
Schwiegersohn umarmt, insofern nmlich nichts weiter als dieses auer allem dem
Sonstigen platterdings unmglich wenngleich schwierig und wirklich effektiv.
    Der alte Baron sah den Bedienten, der in diesen fremden Zungen redete,
sprachlos an.
    Da man nmlich Frst ist -
    Der Schloherr fate seinen Kopf mit beiden Hnden. Karl fuhr, ohne sich
stren zu lassen, die Hnde in die Hosentaschen steckend (denn er hielt dies fr
vornehm), und sich auf den Fen hin und her wiegend (das kam ihm nmlich
erhaben vor), fort: Da man nmlich Frst ist, so wird Hechelkram sich finden,
wenn auch verborgen vor jetzt und in Zukunft. Maske wre hiemit fallen gelassen,
hier oben wie unten im Garten. Nach diesem Schwiegersohnsangelegenheit sehr
ntig und fast schon zu spt. Nichtsdestoweniger, weil nmlich berhaupt und
dennoch gndiges Frulein sehr von mir angegriffen gewesen, und durchaus
gewollt, ich soll's sein, zugesagt darauf, immer Wurst und Eier und Rindfleisch
gegeben, und jetzt sich meisterhaft angezogen, Sauerbraten gekocht, so wird
Widerstand unmglich und wofern fernerweite gute Verkstigung ausgemacht wird,
mu sich Rieke in Stuttgart das Maul wischen und obgleich keine Bestechung
erfolgt ist, was schmerzlich war und unrecht, einen Bedienten fr nichts und
wieder nichts verfhren zu wollen, so wird hiemit um die Hand gebeten und
gnzlich entschlossen ist man, Frulein unten im Garten zu heiraten.
    Er will sich mit meiner Tochter verbinden? stammelte der alte Baron.
    Dieses wre die Absicht und Contentement, wofern Heirat zur Verbindung
gehrt, sagte Karl.
    Komme Er jetzt wenigstens, mein Shnchen, schmeichelte der Schloherr in
einem keuchenden Tone. Komme Er jetzt wenigstens zu mir.
    Ganz wohl, versetzte Karl Buttervogel. - Man sieht, da Rhrung im Gang
ist und Trnen nicht ohne sein werden. -
    Er ging zu seinem Schwiegervater, der die Zeit kaum erwarten zu knnen
schien, um sich an dem Schwiegersohne zu letzen. Den Hut auf dem Kopfe
behaltend, kniete er vor dem alten Baron nieder und sagte: Folglich bte man
hiedurch um Ihren Segen!
    Da hast du den Segen, du Racker, du Spitzbube! schrie der Alte und reichte
dem Liebenden eine der schwersten, klatschendsten und schmerzhaftesten
Ohrfeigen, welche wohl jemals in Deutschland geschlagen worden sind. Der Hut
fiel dem Geohrfeigten vom Kopfe, er sprang heulend auf, hielt die blutige
feuernde Wange mit beiden Hnden und strzte nach der Tre. Der grimmig-gereizte
alte Mann aber strzte ihm, die eine Pistole ergreifend nach zur Treppe,
berlaut rufend: Tot schie' ich den Halunken! den Hund! die Katze, die ganz
Schnick-Schnack-Schnurr kahlgefressen hat!
    Der Bediente voran auf der Treppe, der alte Baron hinterher - -
    Hier verrichtet unsere Erzhlung das Mirakel, welches einst jenem
Wundertter, dessen Name mir entfallen ist, gelang. Er war in ein Sterbehaus
berufen, um einen Toten aufzuerwecken, unterweges sah er einen Schneider aus dem
Fenster strzen, den hie er, weil er keine Zeit fr ihn brig hatte, so lange
in der Luft schweben, bis er vom Toten zurck wre, tat hierauf im Sterbehause
was seines Amtes war, kehrte darnach zu dem schwebenden Schneider zurck und
lie ihn snftlich zur Erde nieder kommen.
    Unsere Erzhlung hat dringende Geschfte in Mnchhausens Zimmer, sie fixiert
daher den Bedienten Karl Buttervogel und den alten Baron Schnuck im Herabstrzen
von der Treppe und luft zum Freiherrn, wo sie in dem engen Stbchen vor den
vielen Menschen, die es inzwischen erfllt haben, kaum noch ein Unterkommen
finden kann. Denn unter dem Mantel des Haarrauches waren die drei
Unbefriedigten, der Ehinger Spitzenkrmer und Semilasso in das Schlo
eingedrungen. Froh ber die ffnung, die nach ihrem Abzuge entstanden war,
hatten sie nicht aufeinander geachtet, waren, vom Instinkt geleitet, die Treppe
hinauf und in das Zimmer gegangen, worin sich nun groe und merkwrdige
Entdeckungen zutragen sollten. Ja, er ist es! riefen die drei Unbefriedigten.
    C'est lui, sagte Semilasso.
    's ist der nmliche, sprach der Ehinger Spitzenkrmer.
    Diese Personen umstanden in verschiedener Stellung das Bette des Freiherrn.
Der Ehinger klopfte nmlich mit seinem Stocke den Schlfer sanft unter den
Fusohlen, um ihn zu erwecken, Semilasso sah ihn mehr von weitem durch seine
Glser an, die drei Unbefriedigten hatten die Hnde des Schlafenden inbrnstig
gefat und Karl Gabriel der Dichter war neben dem Bette auf die Kniee gesunken.
Mnchhausen lie sich von dem klopfenden Stocke des Ehingers nicht erwecken,
sondern behielt sein Engelslcheln bei. Der Schriftsteller, welcher sich so
hatte berrumpeln lassen, sa mit einem verlegenen Gesichte hinter dem Tische
und zeichnete mit der Feder allerhand seltsame und inkorrekte Arabesken auf
einen Bogen Papier, welcher vor ihm lag. Die Fremden aber ergingen sich in
freudigen Ausrufungen ber das Glck, ihre Vermutungen besttigt zu finden, Karl
Gabriel sprach von der poetischen Divination, die ihm Schnick-Schnack-Schnurr
als das leuchtende Grab gezeigt habe, worin dieser Merlin des neunzehnten
Jahrhunderts ruhe und Orakel spende, Karl Emanuel sagte, er habe sich, als der
Meister ihnen in Schwaben jammervoll abhanden gekommen sei, a priori
konstruiert, da er in Westfalen sein msse, Karl Nathanael sprach von einem
glcklichen politischen aperu, welches ihm den Weg gewiesen, der Ehinger
schwatzte von seinem Vetter Bestelmeier, der hausierend hier durchgekommen und
ihm in Aschaffenburg auf der Schloterrasse erzhlt habe, so ein grngelber
Teufelskerl, wie damals einer bei ihnen zu Ehingen gewesen, sei ihm allhier zu
Pferd sichtbar geworden, der vornehme Deutschtrke wollte durch Korrespondenten
in Bonn die Nachricht erhalten haben, welche ihn gleichzeitig mit den anderen
nach diesem Schlosse gezogen hatte.
    Nach so freudigen Reden schien aber die Szene ernster werden zu wollen. Denn
der Ehinger, welcher die drei Unbefriedigten wie die Kletten an dem Freiherrn
hangen sah und ihn mit seinem Stocke nicht erwecken konnte, meinte vermutlich,
dies durch ein herzhaftes Schtteln bei den Hnden sicherer bewerkstelligen zu
knnen, rief ihnen daher zu: Marsch, ihr Grnrck'! Was tut ihr so nahe bei
meinem Captain, lat mich hinzu, denn das Hemd ist ihm nher als der Rock! und
wollte Karl Gabriel wegziehen. Karl Gabriel stie aber mit der anderen
verwandten Hand den Ehinger zurck, der Ehinger wollte Gewalt brauchen, Karl
Nathanael und Karl Emanuel schtzten den Bruder, der Ehinger tobte und
schimpfte, die drei Brder riefen: Was will der Mensch bei unserem Meister?
und alles schien sich zu einer Znkerei oder gar Schlgerei anzulassen.
Semilasso litt whrend dieser lauten Vorgnge sehr. Auch er hatte die
schmerzliche Sehnsucht nach dem Freiherrn und wute ja, da er nur ihm angehre.
Dennoch verbot ihm ungeachtet seiner Genialitt das angestammte Wappengefhl
sich zwischen so niedere Persnlichkeiten zu drngen, von denen er leicht einen
Sto oder Schlag erhalten konnte. Er sah sich daher ngstlich nach dem
Schriftsteller um und sagte zu diesem, whrend die anderen um den Freiherrn, wie
um den Leichnam des Patroklus sich stritten: Mein Herr, Sie scheinen hier der
einzige Unparteiische zu sein, ich ersuche Sie, das Richteramt zu bernehmen und
jene Franken und Unglubigen dort von meinem Doktor durch die Kraft vernnftiger
Zuredungen zu entfernen, denn mein ist er und mir gehrt er an!
    Meine Herren! rief hier der Schriftsteller, froh, wieder zu der Leitung
der Angelegenheiten berufen zu werden, mit seiner Stentorstimme. Die Streitenden
lieen ab und horchten auf. Meine Herren, dieser wundersame Mann, der trotz des
Lr-mens, welchen Sie zu erregen so gefllig sind, seinen Schlummer fortsetzt,
scheint eine alte Bekanntschaft von Ihnen zu sein. - Nun freilich! versetzten
alle.
    Gleichwohl will es mir vorkommen, als walteten noch etliche und zwar nicht
geringe Miverstndnisse in betreff der Persnlichkeit ob, fuhr der
Schriftsteller fort.
    Kein Miverstndnis nit, nit das mindeste Miverstndnis, kein Gedank' von
einem Miverstndnis, eiferte der Ehinger Spitzenmann. Er ist kein
Miverstndnis nit, sondern der Captain Gooseberry, wie er sich selbst genannt
hat, in Diensten der Knigin der Koralleninseln im Stillen Weltmeer, welcher
letzthin bei uns auf der Schwbischen Alb war, und uns das groe, profitliche
Auswanderungsprojekt vorlegte, mir und meinen fnfzig Freunden zu Ehingen.
    Je proteste hautement contre toute atteinte, qu'on voudroit porter  mes
droits, lispelte Semilasso. Der Mann tuscht sich auf eine eklatante Weise.
Ich versichere bei meiner Ehre, da ich das Vergngen habe, in diesem Schlfer
den Doktor Reifenschlger wiederzuerkennen, den groen produktiven Kopf, dessen
Bekanntschaft ich vor kaum einem Jahre in gypten machte. Er war es, der meine
Ideen von Rasseveredelung unter den Menschen durch reine Kreuzungen gesunder
Exemplare ohne weitere Formalitten, ausbildete und in vierundzwanzig Stunden
den Plan zu einem Vollblutsinstitute - vorlufig unter den Kassuben - entwarf.
Ich verlor ihn zufllig bei der Pyramide des Cheops aus den Augen und nachmals
hrte ich, er habe sich in Alexandrien eingeschifft, von wo mir denn aber
spterhin eine Zeitlang alle Spuren ausgingen.
    Grenzenlose Irrtmer! riefen die drei Unbefriedigten. - Lat mich reden,
Brder, sagte Karl Emanuel, denn als Philosoph werde ich die Fassung behalten,
welche hier not tut. - Schlummernder vergib, da ich vor solchen Ohren es
entweihe! Nein, Packenmann Ihr und Morgenlnder Ihr, der Mann da, der mehr als
Mensch ist, dieser heilig Ruhende ist weder ein elender Captain Gooseberry von
den Korallenriffen, noch der Vollblutsdoktor Reifenschlger bei der Pyramide des
Cheops, sondern kein anderer, als - - Er hielt atmend inne.
    Wer? fragten alle voll der hchsten Spannung.
     ... der grte Mann der Zeit, kein Mann eigentlich mehr, sondern der
Begriff des Mannes, oder der mnnliche Begriff, vielleicht noch zu konkret ist
dieses gefat, abstrakter gegriffen mu es von ihm heien, der Begriff ...
    Mnchhausen niesete im Schlummer. - Zur Gesundheit! riefen die Anwesenden.
     ... griff, riff, iff, ff, fuhr Karl Emanuel fort. O, knnte ich ihn doch
nur abstrakt genug nennen! Der reine Begriff, riff, iff, ff; scheinbar nur
gestorben am vierzehnten November 1831 an den Folgen der Cholera, scheinbar
begraben auf dem Kirchhofe drauen vor dem Tore, wo in dem Sarge statt seiner
das Nichts liegt, welches wieder das Etwas ist, in der Tat fortlebend, Tabak
schnupfend und Whist spielend, also nicht blo mit dem subjektiven Fhlen,
Meinen und Whnen gefat, sondern wirklich und folglich vernnftig - mit einem
Worte: Der groe, unsterbliche, ewige Hegel, welcher ist der Paraklet, das heit
der Geist, zur Vollendung der Zeiten versprochen, mit dem anhebt das
Tausendjhrige Reich, in welchem herrschen sollen die Hegelianer.
    Erlauben Sie, sagte der Schriftsteller, dieses wird mir selbst etwas zu
transzendental. Wie verstehen Sie das eigentlich, mein Allerwertester?
    Rede du in Bildern, Gabriel, zu der Menge, sprach Karl Emanuel. Die
Ausdrcke des Systems klingen unbeschnittenen Ohren dunkel.
    Karl Gabriel, der Dichter, sagte: Der groe Mann fhlte nmlich, da sein
Werk vollendet sei auf Erden fr den groen Haufen. Er fhlte, da es Zeit sei,
sich in die heilige Unsichtbarkeit zurckzuziehen und in dieser fr wenige
Eingeweihte durch die letzten und hchsten Wunder des Geistes zu wirken. Er tat
daher mit Hlfe einer grandiosen Intrige, welche die Redner am Grabe spielten,
so, als sterbe er und werde begraben, wurde aber aufgehoben von seinen Jngern,
nahm bei Nacht Extrapost nach Zehlendorf und weiter, und geht nun umher in der
Verborgenheit, sich einzelnen Erwhlten offenbarend und diesen die innersten
Arkana der Weisheit enthllend.
    Uns drei Brdern manifestierte er sich auf einem Spaziergange bei Stuttgart,
stillte alle unsere Schmerzen, befriedigte unser Sehnen und spielte mit uns
Whist. Dann verschwand er uns, und endlich nach Jammer und Leid sehen wir ihn
hier wieder, zwar schlafend, aber auch im Schlafe als Gott.

                                Neuntes Kapitel



 Der Schriftsteller Immermann erffnet das Protokoll ber die Frage Mnchhausen

Die Erffnungen Karl Emanuels und Karl Gabriels wrden bei nur einigermaen
ruhigen Menschen die grte Sensation hervorgebracht haben. Aber in dem erregten
Kreise, welcher sich um das Bette des schlafenden Freiherrn gebildet hatte,
verhallten sie fast wirkungslos. Alle drngten auf den Schriftsteller ein und
verlangten, ein jeder an seinem Teile, er solle die anderen aus dem Zimmer
entfernen, wobei jedoch, wie sich von selbst versteht, die drei Unbefriedigten
nur fr einen Mann standen. Keiner kannte den erwhlten Schiedsrichter; das tat
aber nichts; denn es kam ihnen nur auf einen Richterspruch an. So geschah hier,
was allenthalben unter hnlichen Umstnden geschieht. Wenn ein paar Menschen
sich tchtig zanken, so rufen sie einen zufllig Vorbergehenden zur
Entscheidung auf, weil jeder meint, da diese unmglich wider ihn ausfallen
knne.
    Der Schriftsteller sah auf seine Uhr und erschrak, weil nur noch fnfzehn
Minuten vom Waffenstillstande brig waren. Er sagte den Interessenten an
Mnchhausen in fliegender Hast, der Gegenstand ihrer Liebe und Verehrung liege
gewissermaen da wie Polen vor der ersten Teilung oder heutzutage Luxemburg und
Limburg9. Er wolle daher ber die allseitigen Behauptungen, Ansprche und
Befugnisse Protokoll erffnen, bitte aber, sie deutlich und vor allen Dingen
kurz zu fassen.
    Damit waren alle einverstanden. Semilasso bat nur mit einem feinen Lcheln,
einige Arrirepenses haben zu drfen. - Immermann faltete den Bogen, auf den er
die Arabesken gekritzelt hatte, schrieb an den Kopf des Bogens: Actum dann und
dann, und verzeichnete zwischen den Schnrkeln, Ranken, Vogelkpfen und
Fratzen, womit das Papier bedeckt war, folgende Erklrungen der Anwesenden10.
    Semilasso gibt historisch zu erkennen, da Schlummernder, welcher kein
anderer sei, als der Doktor Reifenschlger von der Pyramide des Cheops, ihm
versprochen habe, das Vollbluts- und Menschenveredelungsinstitut auf seinen
Gtern in der Lausitz einzurichten. Verlangt daher, da Schlummerer, sobald er
erwache, mit ihm in Schritt ab- und nach der Lausitz fahre, wo die Fonds fr das
Institut schon bereitgestellt seien.
    Ehinger Spitzenkrmer: Captain Gooseberry, der da schlft, hat ihm und
seinen fnfzig Ehinger Freunden im Auftrage der Knigin der Koralleninseln Land
auf dem Stillen Weltmeere zugesagt. Wer dreiig Morgen nimmt, bekommt vierzig
Gulden Belohnung. Geld braucht keiner mitzubringen, denn es ist alles an Ort und
Stelle umsonst zu haben. Man lebt dort meistens von Pasteten, die der groe
Pastetenbaum trgt, die Landespflanze. Er kommt wild fort, trgt dann aber warme
Pasteten, die geringere Frucht. Wird einige Kultur an den Baum gewandt, so trgt
er die wohlschmeckenderen kalten Pasteten und, je nachdem der Dnger ist, mit
Rebhhner- oder Hasengefllsel. Die Knigin der Koralleninseln wird die
Kolonisten Reihe herum heiraten; nach der Hochzeitnacht erhlt der jedesmalige
Gatte ein Paar baumwollener Strmpfe, eine schwarzseidene Nachtmtze, einen Rock
von Zwillich und heit Prinz von Geblt. Die Kolonistinnen kriegen Minister und
heien dann brgerliche Madamen. Verlangt, da Captain Gooseberry sich baldigst
nach Bremen begebe, ihm und seinen fnfzig Ehinger Freunden das Schiff anzeige,
mit welchem sie absegeln knnen, ihnen zugleich Reisegeld und Landscheine
berschicke.
    Die drei Unbefriedigten durch den Mund Karl Gabriels: Bitten wrtlich ihre
Erklrungen zu Protokoll zu nehmen. Wir waren bodenlos unglcklich, das Leben
sah uns drr an wie die Wste Sahara und trieb uns Staubwirbel in die Augen. Wir
lechzten wie trockene Eimer in der Sonnenglut, denn ich Karl Gabriel konnte kein
Trauerspiel machen, Karl Nathanael keine nie erhrte politische Wahrheit, Karl
Emanuel kein neues System. Da erschien uns jener schlummernde Gottmensch,
vernahm unsere Nte, entdeckte sich uns und die Geschichte seiner wunderbaren
Entrckung in die Unsichtbarkeit, erlste uns von der Pein der
Nichtbefriedigung. Er offenbarte uns nmlich, da seine Philosophie da drauen
in der Welt nur die Hlle einiger geheim abgezogener Formeln sei, mit Hlfe
welcher man alles zustande bringen knne, selbst Butter und Kse. Mir, dem
Dichter, gelobte er die Formel fr das reine und abstrakte Trauerspiel, welches
ich Das Trauerspiel nennen solle, dem Staatsmann verhie er die Formel fr die
nie erhrte politische Wahrheit, dem Philosophen machte er kund, da zwar ber
sein eigenes System hinaus, wie fr sich klar sei, nichts liege, da er ihm aber
die Formel geben wolle, wonach es verstndlich werde. Wir beiden anderen sprten
einen stillen Neid auf Karl Emanuel, denn offenbar war diesem das grte
Geschenk verheien worden.
    Inmitten der vorbereitenden Weihen verschwand er, entschwand er, schwand. -
Wir verlangen, da man uns allein lasse bei ihm, zu kssen seine leuchtenden
Fe, zu fassen den Zipfel seines Mantels, zu harren, bis er aufwacht und uns
die drei abstrakten Formeln mitteilt.
    Es waren nur noch zehn Minuten vom Waffenstillstande brig. Der
Schriftsteller befand sich in der sichtlichsten Verlegenheit, denn smtliche
Interessenten an Mnchhausen riefen ihn jetzt zur Entscheidung auf, die, das sah
er vorher, sie mochte ausfallen, wie sie wollte, ihm die Interessenten nicht vom
Halse schaffen, sondern sie ihm erst recht auf den Hals bringen wrde. Immer
dichter zog sich der Knuel der Anwesenden um ihn zusammen, da rief er in einem
Anstoe von Verzweiflung: Ich setze hiemit ein Provisorium fest, denn nur die
Zeit kann die Schlichtung so verschiedenartiger Forderungen bringen. Jener groe
Mann und angebliche Reifenschlger-Gooseberry-Hegel bleibt auf gemeinschaftliche
Kosten liegen, smtliche Herren, welche ihn fr sich reklamieren, ziehen sich
vor das Schlo zurck und auch ich halte mir Protokoll offen fr die Ansprche
des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre habe. Dieser
wunderbare Schlfer ist nmlich weder der Doktor Reifenschlger, noch der
Captain Gooseberry, noch der in die Unsichtbarkeit aufgehobene unsterbliche
Hegel, sondern - -

                                Zehntes Kapitel



                            Ein Munkel! Ein Munkel!

Ein Munkel, ein Munkel! schrie Karl Buttervogel, entsetzt hereinstrzend und
den Kopf mit beiden Hnden haltend. Ein Schu fiel dicht vor der Tre, alle
Anwesende erschraken und zogen sich in eine Fensterecke zurck, der alte Baron
aber trat wtend mit der abgeschossenen Pistole in der Hand zur Tre herein.
    Karl Buttervogel war auf den Schu gegen den Tisch gestrzt, hatte diesen
umgerannt, die Glser zerbrochen, die chemischen Flssigkeiten rauchten am Boden
umher oder tzten Lcher in das Arabeskenprotokoll - bei dem Eintritte seines
Verfolgers aber taumelte er aufheulend hinter das Bette des Freiherrn, kauerte
sich dort nieder und ergo sich in einer unhemmbaren Flut von Grnden, Bitten
und Gestndnissen, denn die Todesfurcht hatte seine Zunge zu wundersamer
Gelufigkeit entbunden, und er schwatzte unaufhaltsam vermutlich deshalb, weil
er glaubte, so lange als er rede, noch nicht totgeschossen zu sein.
    Der Schriftsteller, der in diesem Dunst, Dampf, Knall, Getmmel kaum sich
selbst vor dem Umgeranntwerden zu bewahren vermocht hatte, trat ber den
umgestrzten Tisch, das teilweise durchlcherte Konferenzprotokoll und die
rauchenden Flssigkeiten hinweg heftig auf den alten Baron zu und rief, die Uhr
ihm vor die Augen haltend: Diesen grblichen Bruch der Vertrge mge Ihnen das
Vlkerrecht verzeihen, Herr Baron, ich kann es nicht. Sie haben die
Feindseligkeiten dreiig Sekunden vor Ablauf des Waffenstillstandes begonnen.
    Mein Herr, polterte der alte Baron, der Sie sich hier einmischen, ohne
da ich begreife, mit welchem Rechte, ich habe es nicht mit Ihrem albernen
Waffenstillstande, noch mit jenem verruchten Nachschlfer von neun Monaten, drei
Tagen und achtzehn Stunden zu tun, sondern ich verfolge mein Recht wider den
Kerl von Bedienten, der mich noch grblicher beleidigt hat, als der Herr, der
Trenverrammler! Erst mich abgefressen, und kahlgefressen; die Katze, das
unschuldige Tier, in schndlichen Verdacht und Prgel gebracht, und dann zu
guter Letzt mich und meine Tochter noch durch freche Reden beschimpft - der
Gaudieb - -
     ... in Rhrung gewesen, ganz aufgelst fast vor Trnen, nichts als
Schwiegersohn vom Kopf zum Fu, hingekrochen wie ein Hund zum gndigen Herrn, um
den Segen gebeten, und dann statt des Segens Ohrfeigen gekriegt, oh, oh, oh, das
schmerzt, das tut weh ... wimmerte Karl Buttervogel dazwischen.
    Also hinweg, mein Herr, und hindern Sie mich nicht in meinem Hausrechte!
rief der alte Baron. Diese Pistole war nur blind geladen und ich scho ab, weil
Donner und Knall das Herz des Mannes erfrischt, aber den Schuft da will ich
hinter dem Bette seines Schelms von Gebieter hervorholen und ihm mit dem Kolben
der Pistole so lange den Rcken dreschen, bis er genug hat, und das soll kein
leerer Lrmen sein.
    Nun dann in Gottes Namen! rief der Schriftsteller. Ich sehe, die
Gegenwart ist zu einer planmigen Behandlung groer Angelegenheiten nicht
geeignet. Vergebens, da man ber eine Frage der Zeit den Bogen zum Protokolle
bricht und alles in den schnsten Gang bringt - in der Nachbarschaft fangen ein
Paar Narren miteinander Spektakel an, blind wird geknallt, der eine Narr
flchtet sich auf neutrales Gebiet, der andere hinterdrein und umgeschmissen ist
Protokoll, Konferenz, Tisch, und die Sache steht auf dem Kopfe, die eben noch
auf den Fen stand. So walte denn du weiter, Macht der Umstnde! Ich ergebe
mich in deine Fgungen. - Er trat zur Seite, einen wehmtigen Blick auf den
Schlummernden werfend.
    Der alte Baron nherte sich mit starken Schritten dem Bette und rief Karl
Buttervogel mit donnernder Stimme zu: Will Er wohl gleich dahinter
hervorkommen?
    
    Nein, niemals dahinter hervor! rief Karl, der inzwischen unaufhrlich
fortgesprochen hatte, ohne da auf ihn gehrt worden war, zitternd. - Niemals
dahinter hervor, denn so ein Pistolenkolben sieht nicht, wohin er schlgt, aber
alles andere dem gndigen Herrn zu Gefallen tun, wie gerne! Denn durch so eine
Ohrfeige wird das Menschenkind schon klug gemacht und alle schlechten Gedanken
gehen ihm aus dem Kopfe von Frst und Hechelkram und vornehmer Lieb' und es sein
wollen, wenn fernerweite gute Verkstigung zugesagt wird, und Riek' in Stuttgart
ist vor mich gut genug und keine andere, und auf diesen Herrn da, der schlft,
ganz und gar keine Rcksicht zu nehmen ntig, denn wer so seinen Bedienten in
der Not verlt und einschlummert, wenn man blind geladen totgeschossen worden
ist, der ist gar kein Herr nicht, sondern nur ein schlechter Munkel.
    Was? Der Doktor Reifenschlger? Der Captain Gooseberry? Der unsterbliche
Hegel? riefen die Interessenten an Mnchhausen dazwischen.
    Munkel! Munkel! Munkel! Nichts als Munkel, so hat er sich selbst genannt,
wenn er mir von seiner Erzeugung die verfluchten und ganz unmenschlichen
Geschichten erzhlte! schrie Karl Buttervogel lauter.
    Der Mensch will vermutlich Homunkulus sagen, sprach der Schriftsteller.
    Und ich wei doch, was der gndige Herr Baron da mit der Pistole bedeuten
wollen und wornach Ihr Sinn steht, und Not bricht Eisen und fr nichts und
wieder nichts verrate ich meinen Herrn nicht, aber fr fnf Taler htte ich's
schon heut morgen getan und sein Leben mu der Mensch retten und wenn einem das
Wasser bis an den Kragen geht, so schreit die Kreatur, und niedertrchtig ist es
dabei hergegangen, wie mein Herr entstanden ist, und wenn der Mensch nicht mehr
von Vater und Mutter abstammt, so hrt aller Verla auf; denn blo so
zusammengekocht zu werden, wie mein Herr, das ist nichts und kann ein jeder. Und
weil meines gndigen Herrn sein gndiger Herr Vater mit seiner gndigen Frau
Gemahlin keine Kinder zuwege bringen konnte, weil die gndige Frau den gndigen
Herrn nur aus Achtung fr den alten Lgen-mnchhausen, den gndigen Herrn
Grovater von meinem gndigen Herrn geheiratet hatte, was eine trockene Ehe
gibt, und der gndige Herr Vater doch so gern einen Herrn Sohn gehabt htten
ganz vor sich und apart und ohne schnen Dank an die gndige Frau und so viel
verstanden haben von Apothekerwissenschaften und unnatrlichen Schnurralien, so
haben sie da meinen Herrn einstmals aus verschiedenem Jux und Siebensachen,
Gassen, Kochsalz, Salpeter und was wei ich sonst noch alles von Teufelskram
zusammengebraten, geschmort, gekocht, geschmolzen, gerstet, abfiltriert,
worber sie eine beraus ausnehmende Freude gehabt, aber in schrecklichen
Verdru mit der gndigen Frau gekommen, die den sogenannten Herrn Sohn aus dem
Schmelztiegel und der Bratpfanne gar nicht vor Augen haben leiden mgen, denn
das knnen die Weibsleute nicht vertragen, so etwas, und alles mu seinen
regulren Gang gehen bei ihnen, und deshalb auch immer nachmals mein gndiger
Herr sich chemisch geschmiert, mit den Sachen, die ich aus der Apotheke geholt,
um sich wieder aufzufllen und herzustellen, und mir alles dieses vor Jahren
schon entdeckt aus Bedrfnis nach einem liebenden Freunde, weil sie auch sehr
betrbt gewesen sind ber diese Geheimnisse und nur mit Schmerzen an ihren Herrn
Vater gedacht, und da fliet sie ja noch heute am Boden umher die chemische
Schmierung und also ist es nun heraus und am Tage, was mein gndiger Herr
eigentlich sind, und weil ich doch nun meinem ehemaligen Herrn Schwiegervater
ganz umsonst einen so schnen Gefallen getan habe, so bitte ich gehorsamst, da
Sie die Absicht aufgeben mit dem Pistolenkolben, denn ich bin unglcklich genug,
und von Wurst und Eiern und Rindfleisch wird wohl nichts weiter gebrummt werden,
weshalb mir noch der technische Mitdirektor bleibt und das ist gewi und
wahrhaftig, da er kein natrlich entstandener Menschenchrist ist, wie wir alle,
sondern ein von seinem chemischen Surenvater, wie er ihn auch unterweilen
nannte, zusammenprparierter Munkel, dieser Herr von Mnchhausen.
    Mnchhausen? riefen die Interessenten erstaunt.
    Mnchhausen heit der Mann, der Ihnen das Menschenrasseveredelungsinstitut
organisieren, Ihnen Land auf den Koralleninseln verschaffen, Ihnen die drei
magischen abstrakten Formeln mitteilen wollte, sagte der Schriftsteller. - Es
drften noch mehrere Plane und Projekte von ihm an das Tageslicht kommen, die er
unter verschiedenen Gestalten zum Wohle der Menschheit ersonnen, wenn einmal
sein Leben vollstndig beschrieben werden wird. Aber wer ist er denn
eigentlich? fragten alle. Sein eigener Vater und Grovater, der nie gestorbene
nimmer verwelkte ehemalige Jagd- und Pferdegeschichtenerzhler Freiherr von
Mnchhausen auf und zu Bodenwerder, sagte der Freiherr, der sich hier zum
Erstaunen der Versammlung starr und steif von seinem Bette emporrichtete, mit
hohlem Ton und weitgeffneten glsernen Augen. - Im Besitz eines Lebens- und
Verjngungselexiers; dadurch erhalten, restauriert und nach Magabe der Zeiten
metamorphosiert schon seit nunmehro zwei Menschenaltern, was jener Tropf von
Bedienten miverstndlich aufgefat hat, wie denn berhaupt der Freiherr von
Mnchhausen oft so unglcklich gewesen ist, miverstanden zu werden.
    Nach dieser neuen Erklrung schlo
Reifenschlger-Gooseberry-Hegel-Homunkulus-Mnchhausen die Augen und fiel
abermals zu dem Schlummer des Gerechten nieder. Unter den Anwesenden aber
zeigten sich Symptome, da ihr Verstand solchen Vorfllen nicht gewachsen sei.
    Der alte Baron stand abseitig und stie mit der Fuspitze an die Scherben
der Glser, als wollte er deren Inhalt untersuchen. Er hatte, sobald Karl
Buttervogel seiner wundersamen Entdeckungen quitt geworden war, die Pistole
sinken lassen und seine Augen nahmen allgemach einen seltsam-irren Ausdruck an.
Zuweilen warf er dem Schlfer einen scheuen Blick von der Seite zu und murmelte
dabei: Nicht einmal ein Mensch, nur ein Munkel, o pfui, und ihn du genannt -
pfui - pfui! - Die Interessenten rieben mit sonderbaren Gebrden die Stirnen,
Semilasso rezitierte franzsische Verse, der Ehinger hieb mit dem Stocke auf den
Boden, die drei Unbefriedigten kehrten ihre Sammetkappen um, so da die Schirme
hinten zu sitzen kamen. Drauen pfiff der Wind, das alte Schlo bewegte sich in
seinen Grundfesten und die Sonne sah durch den weien Dunst, in ihrem
Strahlenlichte geschwcht und entstellt, wie ein riesiger gelber Eidotter zum
Fenster herein. Alle fhlten, da ihre Vernunft im Schwanken war, und nur Karl
Buttervogel war mit seinem Lose zufrieden. Er sa hinter dem Bette und dankte
Gott, da er durch einen Verrat zur rechten Zeit dem drohenden Pistolenkolben
entgangen war.
    In dieser allgemeinen Not und Bedrngnis erschien der Schriftsteller wieder
als der einzige noch brige Halt; und alle wiederholten ihre Frage an ihn: Wer
ist er denn eigentlich?
    Meine Herren, versetzte der Schriftsteller, ich wei es nicht.
    Wie?
    Mir ist vielleicht mehr von seinen Lebensumstnden bekannt als Ihnen,
sagte Immermann, wer er aber eigentlich ist, das wei ich so wenig, als Sie.

                                Eilftes Kapitel



          Der Brief eines Erbprinzen rettet den Helden vor der Polizei

Wenn er nur erst sitzt, so wollen wir es bald herauskriegen - mit diesen
Worten betrat der Brgermeister, den kein Waffenstillstand mehr hemmte, gefolgt
von seinem Untergebenen, die Stube. - Denn solche Angaben, wie ich zum Teil
unten vor dem Fenster gehrt habe, streiten gegen alle Wahrscheinlichkeit und
dadurch lasse ich mich nicht irremachen, setzte der entschlossene Mann hinzu
und gab dem Polizeisoldaten Marzeters den Befehl, Mnchhausen, wenn er nicht
erwachen wollte, aufzuheben und fortzutragen. Marzeters nherte sich dem Bette.
In diesem Augenblicke aber erwachte der ganze Enthusiasmus der Anhnger. Ohne an
ihre Spaltungen zu denken, die unheimlichen Entdeckungen ber des Freiherrn
Persnlichkeit vergessend, scharten sich die Unbefriedigten und der Ehinger um
das Lager, entschlossen zum uersten Widerstande gegen die ffentliche Macht,
welche ihnen den Helden ihrer Hoffnungen und Aussichten rauben wollte. Selbst
Semilasso verga seinen Stand und stellte sich als Kamerad dicht neben den
Ehinger, denn er dachte nur an sein Institut nach dem Muster von Trakehnen und
an weiter nichts sonst. Vergebens war es, da der Brgermeister Gehorsam dem
Gesetze forderte, die Interessenten riefen, dieser Mann sei ber dem Gesetze.
Der Brgermeister aber, der in seinem Amte nicht mit sich scherzen lie, sagte
zu Marzeters: Der Kerls sind zu viele und wir stehen gegen die bermacht, also
lauft und holt Bauernhlfe, Landsturm aus der nchsten Nachbarschaft! Haben
mssen wir ihn! - Ihn, wiederholte Marzeters und lief fort. Auch die Drohung
schreckte indessen die Anhnger nicht, ihre Mienen wurden nur noch
entschlossener. Die Unbefriedigten krempelten ihre Rockrmel auf, der Ehinger
schwang seinen schweren Prgel, Semilasso zog sogar einen trkischen Dolch, von
dem er behauptete, er sei an der Spitze vergiftet. Alles redete durcheinander
und die Szene schien sich zu einem Blutvergieen anzulassen, wenn die
aufgebotene Hlfe wirklich herbeikam. In diesem Gewirre hatte sich der
Schriftsteller dem Kopfende des Bettes genhert und der Freiherr flsterte ihm
aus seinem Schlummer unhrbar fr die anderen zu: Es hilft nicht, das letzte
Mittel mu gebraucht werden, brauchen Sie es! - Als nun das Getse am
heftigsten tobte und der Brgermeister schon rief: Da kommen ja die Bauern!
zog der Schriftsteller rasch einen Brief mit groem Siegel aus der Tasche und
sprach mit lauter Stimme: Im Namen des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich
zu stehen die Ehre habe, bitte ich um Ruhe und Gehr.
    Der Lrmen verstummte, das Siegel wurde besehen, von Semilasso und von dem
Brgermeister in seiner bedeutenden Eigenschaft anerkannt, von den anderen nicht
bezweifelt. Der Brgermeister rief den Bauern, die inzwischen vor dem Schlosse
angekommen waren, zu, sie sollten unten warten, der Schriftsteller aber
erffnete der ganzen Versammlung, da dieser Mann, an den sich so viele
Forderungen und Erwartungen knpften, fernerhin nicht mehr dem Privatleben
angehren knne, am allerwenigsten ein Gegenstand polizeilicher Verfolgung sei,
sondern zu hohen Dingen, zu einer ffentlichen Stellung berufen, nunmehr in eine
ganz andere Sphre bergehe. Der geistreiche Erbprinz von Dnkelblasenheim whle
ihn nmlich zu seinem Gesellschafter und Vertrauten.
    Obgleich nun das Gebiet, auf dem sich unsere Geschichte ereignete, nicht zu
Dnkelblasenheim gehrte, und obgleich die Anwesenden, auer Semilasso, kaum
frher von dem Lande Dnkelblasenheim gehrt hatten, so wirkte doch die bloe
Erwhnung eines Hofes mit magischer Kraft auf die Loyalitt smtlicher
Versammelten. Kein Wort wurde laut, in den Mienen sprach sich Hingebung und
Unterwrfigkeit unter die Beschlsse irgendwelches Erbprinzen aus; der
Brgermeister nahm seine Mtze ab.
    Der Schriftsteller erbrach den Brief und las folgendes Berufungsschreiben
vor:
    Ich erwarte Sie mit Ungeduld. Nie habe ich mich auf jemand so gefreut, wie
auf Sie. Seitdem ich Sie im Bade zu * sah, nahmen Sie mir Kopf und Herz, wie
eine Geliebte ein. Sie kennen die schwierigen Verhltnisse, unter denen Sie hier
vorderhand auftreten mssen, der Oberkammerherr wird aber Ihre Schritte leiten,
er beherrscht das Terrain und Sie drfen ihm vertrauen. Ich mag nicht gern
versprechen, hoffe aber, da Sie mit mir zufrieden sein sollen, wenn die Toten
ihre Toten begraben haben werden und das Leben an das Tageslicht kommt.
    Mnchhausen, hren Sie das Wort eines Mannes, dessen Hnde leider noch
gebunden sind: Ihnen wird er die Zukunft des Landes anbefehlen. - Inzwischen
wollen wir ber den alten Sauerteig lachen, schne Plane bilden, einander von
Tage zu Tage mehr werden. Sehen Sie in mir nicht den Herrn; ich bin stolz
darauf, den geistreichsten und liebenswrdigsten Mann unserer Zeit meinen Freund
nennen zu drfen. Unser Unterhndler hat sich die Brgerkrone damit verdient,
da er Sie hieher zu bringen wute.
    Empfindungen verschiedener Art erregte dieses Schreiben. Erstaunen,
Verehrung und Schmerz machten sich durch halbe Reden, Ausrufungen, Seufzer Luft.
Am krzesten fate sich der Brgermeister, denn nachdem er noch einmal das
Siegel angesehen hatte, machte er vor dem Schlfer eine tiefe Verbeugung, bat
den Schriftsteller, er mge, wenn der Freund des ihm unbekannten Erbprinzen
aufwache, ein gutes Wort fr ihn einlegen und ihm sagen, wie zart er sich
benommen habe, denn Gunst am Hofe, liege dieser, wo er wolle, knne nicht und
niemals schaden. Dann ging er hinunter, sagte zu den Bauern und zu Marzeters,
sie mchten nach Hause gehen, es sei ein Irrtum vorgefallen, der Fremde sei kein
Vagabonde, sondern ein angesehener Mann und eine groe Kreatur, und begab sich
dann selbst nach Hause.
    Aber die drei Unbefriedigten und der Ehinger Spitzenkrmer wehklagten, da
ihre Freude so kurz gedauert habe. Sie fragten auch mit niedergeschlagenen
Blicken, ob denn alle Hoffnung verschwunden sei, da der Wiedergefundene nicht
dennoch der Captain Gooseberry von den Koralleninseln, oder der unsterbliche
Hegel sein knne, und der Name Mnchhausen nur eine Larve sei? worauf der
Schriftsteller ihnen erwiderte, da ihm zwar jene Charaktere problematisch zu
sein schienen, da aber dadurch der wunderbare Gehalt des auerordentlichen
Mannes durchaus nicht geschmlert werde, da man vielmehr fest glauben msse, er
werde halten, was er versprochen. Der Schriftsteller fgte trstend hinzu, sie
mchten demnach nur mit Vertrauen der Anweisungen auf Land in den
Koralleninseln, wo die warmen und kalten Pastetenbume wchsen, sowie der
abstrakten drei Formeln harren, er werde bei seinem groen Freunde die Sache in
Anregung bringen, sobald dieser die ersten Wochen am Hofe berwunden habe.
Mnchhausen werde nach wie vor der Heiland der nach dem Unerhrten verlangenden
Menschheit bleiben.
    Damit muten sich die abgewiesenen Interessenten nun freilich
zufriedengeben, aber das Scheiden tat ihnen doch weh. Die drei Unbefriedigten
waren noch bleicher geworden, als sie gewhnlich aussahen; sie kten dem
schlummernden Meister die Hnde. Karl Gabriel hauchte einen leisen Ku auf seine
Lippen und flsterte: O sei dennoch Hegel und gib uns die drei Formeln! und
dann gingen sie aus der Stube und htten gern geweint, wenn sie vor Trockenheit
dazu vermgend gewesen wren. Der Ehinger schlug mit seinem Stocke abermals
sanft gegen die Fusohlen des Freiherrn und sagte: Adieu! - Ei, was werden die
fnfzig Ehinger Freunde sagen! und ging dann auch.
    Semilasso war zurckgeblieben. - Reifenschlger oder Nichtreifenschlger,
sagte er; das Institut richtet er mir ein, das wei ich, denn mag er den
anderen Leuten etwas vorgeflunkert haben, mit mir meinte er es wahr, die Idee
von der Veredelung der Menschenrasse hatte ihn wahrhaft ergriffen.
    He took a french leave d.h. er wollte abziehen, wie Katz' vom Taubenschlag,
doch unter der Tre wandte er sich um. Er nherte sich dem Schriftsteller und
sagte: Apropos, die Anstellung an dem Hofe, in dessen geheimen Diensten Sie zu
stehen die Ehre haben, hat noch ein dessous des cartes, bekennen Sie das nur.
Mir sind die Verhltnisse jenes Hofes so ziemlich klar, ich wei, wie abhngig
der Erbprinz ist, niemals htte er gewagt sich selbstndig einen Gesellschafter
anzuschaffen, also mu der alte Herr seinen Konsens gegeben haben; wie aber pat
unser Held fr den?
    Nun freilich, versetzte der Schriftsteller, die Sache hat allerdings noch
ihren Haken. Mit Ew. Gnaden kann man schon frei reden, Sie verstehen sich auf
solche Feinheiten. Vor den geringen Leuten mochte ich nicht davon sprechen.
Mnchhausen wird nur anonymer Gesellschafter des Erbprinzen, eigentlich Geheimer
Hhneraugenessenzbereiter bei dem alten regierenden Herrn ohne offiziellen
Charakter wegen der Rcksichten, die auf den Obersanittsrat zu nehmen sind.

                                Zwlftes Kapitel



                    Eine wundersam verwickelte Hofgeschichte

Geheimer Hhneraugenessenzbereiter? fragte Semilasso mit einem feinen Lcheln.
    Geheimer Hhneraugenessenzbereiter, sagte der Schriftsteller. Wenn Sie
die Verhltnisse des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre
habe, kennen, so werden Sie wissen, da der alte Herzog in dem Spleen seiner
vorgerckten Jahre nur noch ein Interesse an seinen Hhneraugen nimmt, die ihn
in der Tat auch arg plagen. Ohne diese Pein aber wrde dennoch die ganze
Existenz des alten Herrn zusammenbrechen, denn der Verdru gehrt ihm zum Leben
notwendig hinzu; er ist einer von den Charakteren, die aus Liebhaberei
verdrielich sind. Diese maussade Laune erleichtert brigens die
Staatsverwaltung auerordentlich. Die Regierungsgeschfte werden in
Dnkelblasenheim auf eine hchst einfache Art getrieben; nmlich wenn den alten
Herrn die Hhneraugen zu heftig schmerzen, so schlgt er etwas ab, und wenn es
leidlich damit steht, so genehmigt er, auf solche Weise motivieren sich die
unerwartetsten Entschlieungen ganz natrlich. Das Schneiden der Hhneraugen war
daher auch von jeher eines der wichtigsten Geschfte am Hofe; der
Obersanittsrat war damit begnadiget, nun ist der Mann auch alt geworden, hat
blde Augen bekommen und in den letzten Jahren den Herzog mehrmals in das
Fleisch geschnitten, woraus denn strenge Regierungsmaregeln entsprangen. Der
alte Herr verlangte daher schon seit einiger Zeit nach einer Abhlfe dieses
belstandes.
    Semilasso lchelte noch feiner, und der Erzhler fuhr fort:
    Dem Vater gegenber steht nun der Erbe, ein von jenem durchaus
verschiedener Charakter, witzig, phantasievoll, ein geistreicher Herr, gleichsam
ein Genie, oder - kurz - ja - hm ...
    Semilasso lchelte immer feiner, und der Erzhler fuhr fort:
    Er langweilt sich auch, denn er mchte gern regieren. Seine gewhnliche
Gesellschaft war ihm etwas abschmeckend geworden und es mochte dies ungefhr zu
derselben Zeit sich ereignet haben, als der Obersanittsrat den Vater am
hufigsten in das Fleisch geschnitten hatte. Er begann daher sich nach einem
anregenden Umgange zu sehnen, nach einem Universalkopfe, der ihn bestndig
beschftige, gerade als der Vater nach einer sanfteren Behandlung seiner
Hhneraugen verlangte.
    Semilasso lchelte nun so fein, da keine Feder die Feinheit dieses Lchelns
mehr beschreiben kann. Der Erzhler kam dadurch beinahe aus der Fassung, die
jedem Erzhler not tut, fuhr indessen doch fort:
    Der Oberkammerherr hatte die Wnsche des regierenden und zuknftigen Herrn,
welche ihm Befehle sein muten, zu vernehmen. Der Oberkammerherr hat eine sehr
zarte Stellung zwischen Gegenwart und Zukunft. Der Oberkammerherr hatte mit den
grten Schwierigkeiten nach allen Seiten hin zu kmpfen. Die offenbarste war,
dem Erben zu gengen. Niemals, wie Sie sehr richtig ahneten, wrde der
regierende Herr zugelassen haben, da der Erbe sich ein Genie zum
Ideenaustausche halte, denn von Ideen und Genie mag er berhaupt nichts wissen.
    In dieser Verlegenheit konnte ich dem Oberkammerherrn helfen. Da
Mnchhausen der Mann fr den Erbprinzen sei, darber waren wir bald einig, es
wre aber hiemit noch nichts gewonnen gewesen, wenn dieser seltene Charakter,
der nichts unter seiner Wrde hlt, nicht zufllig einer neuen Hhneraugenessenz
auf der Spur gewesen wre und sie wirklich endlich entdeckt htte, ein probates
Mittel, welches das bel zwar nicht zu heben vermag, da es berhaupt unheilbar
ist, aber es doch bedeutend lindert, so da der alte Herr, der schon mehrere
Flaschen derselben verbraucht hat, sich seitdem nur in dem Zustande einer
fortwhrenden Semi-Verdrielichkeit befindet. Durch diesen glcklichen Zufall
war der Ausweg gebahnt. Mnchhausen geht nmlich an den Hof von Dnkelblasenheim
und der alte Herr wei nicht anders, als da er blo seiner Hhneraugen wegen
komme. Nur unterderhand wird er das Gesellschaftsgenie des jungen Herrn, der an
ihm, wie an einer verbotenen Frucht naschen will. Man fhlt aber wohl, da eben
wegen dieser Heimlichkeit sein Einflu unberechenbar werden mu, und da er
recht eigentlich dazu bestimmt ist, knftig eine groe Rolle im Herzogtume zu
spielen. Ich habe mir daher auch schon ein Heft weien Papieres einbinden lassen
und den Titel darauf gesetzt: Mnchhausen am Hofe; denn meine Feder soll seinen
Schritten auch in dieser hohen Sphre mit der Zeit folgen.
    Sie sagten aber, wenn ich nicht irre, da auch seine Anstellung bei dem
regierenden Herrn keinen offiziellen Charakter haben werde?
    Ja, das ist eben das Schnste. Der Umstand, den ich nun zu berichten habe,
bot die zweite interessante Schwierigkeit dar. Der alte Herr hngt nmlich an
dem Obersanittsrat, nicht aus Liebe, sondern aus Gewohnheit, wie an einem alten
Stck Meuble, weil der Mann denn doch seine vierundzwanzig Jahre hindurch das
Amt versehen hat. Er befahl daher ausdrcklich, da der Obersanittsrat von dem
Substituten und dessen Mittel nichts erfahren drfe. Dieses Gehei war nun in
der Tat schwer auszufhren. Endlich fanden wir dennoch Rat, der Oberkammerherr
und ich. Der Obersanittsrat bekommt nmlich alle Sonnabende, welche von jeher
die gewhnlichen Schneidetage waren, ein stumpfes Messer in die Hand geschoben,
womit der dem Herzoge weder helfen noch schaden kann und damit bildet er sich
denn ein sein Amt zu verrichten. Wir hatten fr diese List Antezedentien, denn
es gibt ihrer mehrere in Dnkelblasenheim, welche sich die Illusion machen, mit
stumpfen Messern ihre Pflicht zu tun.
    Der alte Herr ist aber ganz glcklich darber, da er zum ersten Male in
seinem Leben ein Geheimnis vor Hof und Staat hat, da bisher Hof und Staat nur
Geheimnisse vor ihm hatten. So ist diese Intrige in mehreren Gngen und
Stockwerken, einem ber dem anderen, gleich den Stollen in dem Salzbergwerke von
Wieliczka oder den Totenkammern in den Katakomben ausgehhlt und ausgetieft, und
man wird immer recht den Kopf zusammennehmen mssen, um die Beziehungen, in
welchen Mnchhausen nur Geheimer Hhneraugenessenzbereiter und in welchen er
geheimster Gesellschafter des Erbprinzen ist, klar auseinanderzuhalten.
    Aber irgendeinen ffentlichen und anerkannten Charakter mu er doch haben,
um Figur in Dnkelblasenheim machen zu knnen, sagte Semilasso. Car sans titre
vous n'y tes rien du tout.
    Der Herzog hat ihm den Schatz bertragen, versetzte der Schriftsteller. -
So hat er Ehre und kann doch keinen Schaden tun, denn im Schatze von
Dnkelblasenheim ist nie etwas. Ew. Gnaden sehen nun zugleich, fuhr der
Schriftsteller fort, indem er einen bedeutenden Blick auf die Glasscherben und
auf die Flecke, welche die inzwischen verdampften chemischen Flssigkeiten in
das Arabeskenprotokoll eingefressen hatten, warf, wie fr uns Eingeweihte das
Homunkuluswunder, welches dieser seltene Schwrmer seinen nchsten Umgebungen
vorgeredet hatte, oder seine Umgebungen sich hatte einbilden lassen, natrlich
ausgeht. - Hhneraugenessenzbereitungsversuche! Nichts als
Hhneraugenessenzbereitungsversuche!
    Schade! rief Semilasso und seufzte. Ich hatte mir schon gedacht ... Er
vollendete nicht, sondern ging nach einem zweiten Seufzer und einem Blicke auf
Mnchhausen, in dem sich eine gemischte Empfindung spiegelte, von dannen. - In
seiner Seele war durch den Wunderbericht Karl Buttervogels eine groe Bewegung
entstanden; er war der einzige in dem Kreise der Interessenten gewesen, der ihm
eine gewisse Sympathie, wenigstens eine Hinneigung zur Sympathie gewidmet und
schon im stillen erwogen hatte, ob nicht statt des
Menschenrasseveredelungsinstitutes eine chemische Menschenfabrik zu grnden sein
mchte. Denn Semilasso hielt so wenig als irgendein Kavalier auf die Wunder des
Evangeliums, um desto mehr aber auf die modernen Wunder. Nun an der Quelle
unterrichtet, da Mnchhausen kein sich mit Gas und Suren auffllender
Homunkulus, sondern nur ein Wirklicher Geheimer Hhneraugenessenzbereiter war,
fhlte er sich etwas enttuscht, ging in dieser Stimmung die Schlostrae
hinunter, setzte sich verstimmt zu seinen Affen und Papageien in die trkische
Ochsenkarre, fuhr im Schritt durch Sturm und Nebel davon, fror und htte heute
gern im Dampfwagen auf der Eisenbahn oder auch nur in der Schnellpost gesessen,
denn er begriff, da es Lagen des Lebens gibt, in welchen man am liebsten warm
sitzt und wie andere gewhnliche Menschen rasch vom Flecke kommt.

                              Dreizehntes Kapitel



      Der einzige praktische Charakter dieses Buches erreicht seinen Zweck

Die letzten Verhandlungen zwischen dem Schriftsteller und Semilasso waren ohne
einen anderen Zeugen als den schlafenden Helden, um dessen Ruhestatt die
Ereignisse sich in so strmischem Wirbel drehten, vor sich gegangen. Der alte
Baron war nmlich noch vor dem Scheiden der Interessenten stillschwrmend aus
der Stube gewankt, mit den Fingern vor sich hin gestikulierend, die Sllertreppe
hinauf. Sein altes Gehirn stand dem vereinten Angriffe so vieler Abenteuer nicht
lnger, es wich und gab der Zerstrung nach. Oben auf der Gerichtsstube begann
er ein gefhrliches Werk, unbemerkt, denn in dem Schlosse achtete jetzt keiner
auf den anderen.
    Karl Buttervogel hatte sich dagegen, als die Interessenten an Mnchhausen
und der Brgermeister sich zum Kampfe rsteten, in dieser Aufregung und
Verwirrung leise hinter dem Bette empor und in das Fenster geschwungen, wo die
Leiter von den drei Unbefriedigten her noch angelehnt stand. Katzengeschwinde
setzte er seine Fe auf dieses erwnschte Fluchtmittel und klomm darauf mit
ungemeiner Schnelligkeit drauen hinunter, festen Willens, das Schlo, in
welchem er so trbe Erfahrungen gemacht hatte, nie wieder zu betreten. Auch in
ihm war whrend der vorangegangenen drangvollen Momente eine groe Vernderung
geschehen. Die Ohrfeige, welche er zum Segen empfangen, und dann der angedrohte
Pistolenkolben hatten ihn gnzlich hergestellt und in die ihm gewiesenen
Schranken zurckgefhrt. Karl Buttervogel war ein durchaus praktischer
Charakter; die Tuschungen des Gefhls und der Einbildungskraft konnten ihn auch
wohl eine Zeitlang mitnehmen, aber die Wirklichkeit blieb seine Lehrerin und
Freundin.
    Sein Streben ging jetzt nach dem Gartenhause auf dem Schneckenberge, aber
die grte Furcht hatte er, dem Frulein zu begegnen. Denn alle Gedanken an eine
Verbindung mit ihr, an seine Frstenwrde und an Hechelkram waren aus ihm
herausgeohrfeigt worden und selbst auf fernerweite gute Verkstigung wollte er
lieber verzichten, als immer einem Manne gegenberstehen, der auf eine so
schmerzliche Art sich weigerte, ihm Vater zu werden.
    Der Himmel hilft dem, der mit Ernst sich vorsetzt, ein neues Leben zu
beginnen. - Als er von der Seite in den Garten lugte, sah er den Schneckenberg
von seiner Geliebten unbesetzt. Sie war in ihrer ungeduldigen Erwartung auf die
Entscheidungen aus dem Schlosse aufgestanden, hatte den Berg verlassen und ging
unten im Garten zwischen den ausgewachsenen Taxuswnden mit groen Schritten hin
und her, immerdar die ersten beiden Verse ihres Schicksalsliedes singend.
    Karl Buttervogel schlich, um ganz sicher zu verfahren, entlngst der Hecke
auen durch die Dornen, kroch abermals durch das Loch in der Hecke, rutschte, um
nicht gesehen zu werden, auf dem Bauche den Schneckenberg hinan, fand zu seiner
grten Freude oben den Sauerbraten unversehrt, nahm ihn eiligst und schlpfte
damit schleunigst in sein Gartenhuslein. Dort geborgen dankte er zuvrderst
Gott, da ihm in dem Schiffbruche seiner Hoffnungen wenigstens dieser Trster
geblieben sei. Dann aber fate er den Entschlu, der ihm wie durch eine
Erleuchtung von oben kam. Er beschlo nmlich, die Verbindung mit dem Freiherrn,
die zu seinem Naturell und Wesen ihm immer unpassender zu werden schien, zu
lsen, mit anderen Worten, unverweilt und auf der Stelle ganz und gar
fortzulaufen. Es gibt Orte, an welchen die Leute, wie in der Hhle des
Trophonius, erhabenen Wahnsinn zu sprechen anfangen, wenn sie dieselben
betreten; dieses Gartenhaus schien dagegen bestimmt zu sein, die Insassen zur
gesunden Vernunft zurckzubringen. Der Schulmeister Agesel hatte darin einst
sich und seinen Verstand gefunden, Karl war der zweite, dem zwischen diesen
Wnden ein Licht ber seine eigentliche Lage aufging.
    Er entsagte der Aussicht auf die technische Mitdirektorschaft und fhlte
blo, da er ein Bedienter sei, dem sein Herr vor wenigen Tagen den Lohn voll
ausbezahlt habe, und der ein Paar Stiefeln von jenem in Verwahrung fhre, die
ihm fr das seitdem Verfallene Bezahlung seien. Rasch seine Siebensachen
zusammenpackend, den Tornister auf den Rcken hngend, die Stiefeln Mnchhausens
darber geschnallt, den Sauerbraten nicht vergessend, sondern ihn in die
Serviette strzend, ersphte er den Augenblick, wo Emerentia zwischen den
Taxuswnden dem Gebirge Taygetus den Rcken wendete. Jetzt sprang er mit
Tornister, Stiefeln und Sauerbraten zum Gartenhause hinaus, das Gebirge
hinunter, kroch wiederum, nun aber zum letzten Male durch das Heckenloch, fhlte
sich im Freien und frei, hielt sich aber nicht auf, sondern lief was er laufen
konnte durch Dornen, Disteln und Gestruch, bis er atmend eine freie Anhhe
erreichte, auf der er stillstehend sich umblickte. Er sah niemand in der Nhe
und beschlo daher die Wanderung nun gemtlicher fortzusetzen, vorher aber sich
durch eine Mahlzeit zu strken.
    Es war die Anhhe, auf welcher die weiland Luftfabrik zu stehen kommen
sollte. Jetzt setzte sich Karl Buttervogel darauf nieder und a dort seinen
Sauerbraten, der keine Luftgestalt war. So hatte dieser praktische Mensch einen
wahren und reellen Vorteil aus dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr
davongetragen, an dem Tage, an welchem den brigen, die mit groen Erwartungen
in dasselbe einzogen, dort nur Verfehlung, Enttuschung, Schmerz ber den groen
Mann, der vor ihren Augen zwar nicht zum Himmel aber doch zu Hofe emporgehoben
wurde, aufging. - Nachdem er den Sauerbraten verzehrt hatte, dankte er abermals
Gott und ging dann, sich der ersten Herrschaft, die er auf seinem Wege finden
mchte, als einen treuen und geschickten Menschen, der auch mit Pferden
umzugehen wisse, anzubieten. Unterweges trug er sich nach seiner Manier wohl an
die hundert Grnde vor, warum er weglaufe; gengend erschien schon der einzige,
da er sich vor ferneren Prgeln im Schlosse frchtete.

                              Vierzehntes Kapitel



                      Eine furchtbare Laune des Geschicks

Triumph! rief der Schriftsteller, als Mnchhausens Zimmer rein geworden war.
    Triumph! rief der Freiherr und sprang vom Lager auf. Das war eine
Schlacht, wie die an der Moskwa, und schlafend habe ich sie gewonnen, blo durch
meinen General habe ich gesiegt.
    Lassen wir die sinistern Erinnerungen ruhen! versetzte der Schriftsteller.
Sie wollten Euch zerreien, wie die Bacchantinnen den Orpheus und jeder wollte
sich seinen Teil zueignen, aber ich habe Euch ganz, unzerteilt, unzerstckelt
erhalten. Reifenschlger, Gooseberry usw. usw.
     ... Professor Pips, Lord Drum, Mr. Raquette, Legationsrat von Sachtleben,
Duca di ... di ...
     ... usw. usw. Vertieft Euch nicht in die Vergangenheit. Fort aus dem
verwnschten Schlosse! Wenn noch jemand kme -
    Mnchhausen schrak etwas zusammen, dann aber fate er sich und sagte:
Dieser Jemand wird nicht kommen. Es wre ja die albernste Laune, eine Laune,
die ich selbst dem Schicksale nicht zutraue, wenn ein junger, plumper,
unerfahrener Mensch mich ausfindig machte; zudem ist das Schlo in diesem
verruchten Nebel auf zwanzig Schritte Entfernung nicht zu sehen.
    Ein Hacken wie mit einem Beile lie sich ber ihren Kpfen vernehmen,
zugleich sang Emerentia unten lauter, ohne da die Worte verstndlich waren. Der
Wind schnob, pfiff, die Wnde schtterten. Der Schriftsteller machte ein
ngstliches Gesicht. Er verlangte, da Mnchhausen augenblicklich mit ihm das
Schlo verlassen solle. - Nein! rief der Freiherr, dort im Schlafe ist mir
ein allerliebstes spirituelles Billett an den Erbprinzen eingefallen, worin ich
ihm den Plan unserer knftigen geheimen genialen Lebensweise vorzeichnen will,
und zugleich ein submisses Danksagungsschreiben an den regierenden Herrn fr
meine semioffizielle Anstellung in den angemessensten Ausdrcken; solche Ideen,
Pensen, Attrappen und Calembourgs mssen aber improvisiert und nicht
destilliert werden, nur aus dem Stegreif geraten sie.
    Toller Mensch! rief der Schriftsteller und bezeichnete ihm den Ort, wo er
seiner mit den Wechseln zur Reise nach Dnkelblasenheim warten wollte. Es war
ein Dorf ganz in der Nhe, wo sich eine fr Altertumsfreunde merkwrdige Kirche
mit einer sonderbar geformten Krypte befand. - Bestellt ein gutes Abendessen,
sprengt einen Burschen fr doppeltes Trinkgeld nach der Stadt, um uns Champagner
zu verschaffen; wir wollen einen lustigen Abend haben und uns des Lebens freuen,
das wie Champagner zu brausen beginnt! rief der Freiherr seinem Kurator nach.
    Er ging trllernd ein paarmal in der Stube auf und nieder, richtete den
umgestrzten Tisch auf, legte sich zwei Bogen Postpapier zurecht, und schrieb
nun, whrend das Schlo schtterte, der Wind heulte und das Lied Emerentias
unten wie das Lied der Parzen immer schrillender klang, gleichzeitig die beiden
Briefe, den spirituellen und den submissen, erst eine Zeile Geist an den
Erbprinzen und dann eine Zeile Angemessenes an den regierenden Herrn.
    Dazwischen schnitt er lustige Grimassen, pfiff die Anfnge von Opernarien,
oder deklamierte groe Rauscheworte aus Tragdien. Sein buntes, abenteuerliches,
wildes Leben war ihm whrend des Schlafes in der Schlacht vor der Seele
vorbergegangen, er fhlte sich von sich begeistert, er war in einer komischen
Ekstase. Das Leben bei Hofe, seine wunderbare Doppelstellung zwischen den
Hhneraugen des alten und dem geistigen Bedrfnisse des jungen Herrn sah ihn
aristophanisch schillernd an, er blickte in eine ganze Welt von Schnurren und
diplomatischen Faxen hinein.
    In diesem Rausche vernahm er nicht, da jemand mit entschiedenem Schritte
die Treppe heraufkam, die Tre ffnete und sich hinter ihn stellte. Er sa, das
Haupt tief auf die Briefbogen gebckt, so da ihm der Fremde nicht in das
Gesicht sehen konnte. Nachdem dieser einige Augenblicke so stillschweigend
gestanden hatte, whrend Mnchhausen immer emsig fortschrieb, sagte der Fremde:
Verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich suche den Herrn Baron -
    Mnchhausen fuhr empor, unwillkrlich fiel sein Blick in den
gegenberhangenden Spiegel; er sah das Antlitz des Fremden darin, die Feder
entsank seiner Hand, sein gelbes Gesicht wurde nicht grnlich, sondern weigrau,
seine Zge, die eben sich sarkastisch geformt hatten, blieben wie gefroren in
diesem Ausdrucke stehen, sein Mund ffnete sich; er glich einer komischen Maske
aus Stein. Der Fremde seinerseits stand gleichfalls vor berraschung regungs-
und sprachlos. So bildeten die beiden, welche sich hier so wunderbar fanden,
einige Sekunden lang die seltsamste Gruppe.
    Was!? rief endlich Mnchhausen, als er die Sprache wiederfand.
    Was!? rief der Fremde.
    Habe ich so unerwartet die Ehre, den Herrn Grafen von Waldburg - stammelte
Mnchhausen.
    Zu dienen, Herr Schrimbs oder Peppel, versetzte der Jger.
    Ei, das ist ja heute ein an pltzlichen Rencontres beraus gesegneter Tag,
sagte der Freiherr, dessen Zge jetzt wieder flssig wurden, um in ein
unverhehlbares Beben berzugehen. - Der Teufel hole den Teufel! fgte er
ingrimmig murmelnd hinzu. Er hat mich mit den Possenspielen des Morgens und mit
dem Lockgesange des Erbprinzen eingelullt, um mich nun unter die Fuste dieses
Schwaben zu werfen.
    In der Tat, ich erwartete Sie nicht hier, sagte der Jger. Da es sich
indessen wider alles Vermuten so fgt -
    So will ich den Herrn vom Hause rufen, nach dem Sie, wenn ich nicht irre,
verlangten, rief Mnchhausen, sprang auf und wollte zur Tre hinausrennen. -
Der Jger vertrat ihm aber den Weg, sah auf die Pistole, die am Boden lag, und
sagte kalt: Ich danke Ihnen, Herr Schrimbs oder Peppel. Den Herrn Baron will
ich mir schon selbst aufsuchen zu seiner Zeit, erst aber mit Ihnen ein altes
Geschft in Ordnung bringen.
    Wenn ich Sie nur verstnde! versetzte Mnchhausen.
    Der Jger erhob die Pistole vom Boden und sagte: Ich werde mich gleich ganz
deutlich machen, Herr Schrimbs oder Peppel.
    Freiherr von Mnchhausen, wenn ich bitten darf, rief der Held, sich selbst
vergessend.
    Desto besser. So sind Sie also von Adel und ich kann Sie bei dieser
Qualitt fr mein Vorhaben um so fester halten.

                              Fnfzehntes Kapitel



 Wie der Freiherr von Mnchhausen pltzlich Mut bekommt und berhaupt ein ganz
                 anderer Mann ist, als mancher sich denken mag

Mnchhausen machte Schritte nach dem Fenster zu. Der Jger aber, welcher allen
seinen Bewegungen mit dem Scharfblicke eines Falken folgte, sprang ihm vor und
warf die von auen angelehnte Leiter in den Hof. - Sie scheinen mich verhindern
zu wollen, frische Luft zu schpfen, sagte Mnchhausen, gezwungen lchelnd.
    Mein Herr, fuhr der Jger mit seiner tiefen Stimme, die in diesem Raume
wie ein Donner klang, auf, ich will im Gegenteile mit Ihnen einen Gang in die
freie Luft machen. Zu dieser Pistole wird sich eine zweite hier irgendwo herum
finden, denn ein Paar gehrt immer zusammen, und sonach ersuche ich Sie, mir
anzuzeigen, wo diese zweite liegt und etwas Pulver und Blei, denn so wahr ich
der bin, dessen Namen Sie genannt haben, heute werden Sie mir nicht
verschwinden, sondern mir fr das anmutige Mrlein vom Gnserich und Gnschen
Rede stehen. Obgleich ich Sie beinahe vergessen hatte, in ganz andere
Empfindungen verloren, so lebt doch bei Ihrem Anblicke in mir das Gedchtnis an
das auf, was ich mir und hauptschlich meiner Anverwandten schuldig bin.
    Wenn ich mich ber den Sinn Ihrer Reden nicht tusche, so wollen Sie sich
mit mir schieen? sagte der Freiherr, mit den Nasenflgeln zitternd. - Sein
Gegner machte eine unruhige Bewegung. - Nur noch eine Frage: War das Mrchen
von Gnserich und Gnschen witzig? - Der Jger schlug die Augen nieder. - Nun
denn - Ihr Schweigen ist auch eine Antwort - was beweiset dann Ihr Pistolenschu
gegen den Witz? Sie schieen das sterbliche Individuum Mnchhausen nieder, der
Witz bleibt von Ihrer Kugel ungetroffen und lebt unsterblich fort.
    Es ist noch sehr die Frage, ob ich Sie treffe; Sie knnen ebensowohl mich
erschieen! rief der Jger.
    Nein, sagte Mnchhausen auf einmal ganz ruhig, indem er den Jger von oben
bis unten mit seinen Blicken musterte, Sie werden mich totschieen, wenn ich
mich Ihrem Pistolenlaufe gegenberstelle. Ich wei das sicherlich. Der verrckte
Zufall, der die Versptung meiner Person an diesem Orte zulie, der Sie nicht
einige Minuten spter kommen machte, wo Sie in das leere Nest getreten wren,
beweiset mir, da das Schicksal gegenwrtig betrunken ist und hin und her
torkelt. Mich ergreift, mich ergreift die heie, dicke, blinde Faust! Gerade so
ein junger Herr und Graf, der ein junger Herr und Graf ist, wird berufen, einem
Manne, wie ich bin, das Lebenslicht auszublasen. Ich wei, da Sie noch nie
etwas getroffen haben, mich wrden Sie treffen, wenn ich so toll wre, Ihnen zur
Scheibe zu dienen. Um also Ihnen ein groes Verbrechen an den Erwartungen der
Welt und der Welt einen groen Verlust zu ersparen -
    Refsieren Sie das Duell? fragte der Jger zornfunkelnd.
    Ja, versetzte der Freiherr ruhig. - Das Duell ist fr Narren und junge
Landjunker, die weiter nichts als Blut in sich haben. Wissen Sie, was in mir
steckt? Geist! Geist! Geist! Wenn ich sterbe, stirbt ein ganzes Gttergeschlecht
von Einfllen, Phantasien, unvergleichlichen Sprngen der Laune und Erfindung.
Knnen Sie meinen ber das ganze Erdenrund verbreiteten Anhngern Ersatz
schaffen? Nein. Sind Sie imstande, den Erbprinzen ber mich zu trsten? Nein.
Und also sage ich Ihnen, wie Mirabeau seinen Herausforderern, die ihn mit dem
Munde nicht widerlegen konnten, sagte: Wartet, bis die Konstitution fertig sein
wird - warten Sie, bis ich alle meine Erzhlungen, die dieses Rund wie
ungeborene Embryonen bevlkern, vorgetragen haben werde. - Er schlug bei den
letzten Worten an seinen Kopf.
    Des Jgers Zge begannen, die uerste Verachtung auszudrcken. Seine
Gestalt erhob sich stolz, er stand wie ein Lwe da, der, seine Beute zu
verschlingen eben im Begriff, pltzlich von ihrem Zittern zu einer
geringschtzigen Gromut hingerissen, die aufgehobene Tatze sinken lt.
    Mnchhausens Glieder flogen, er fate irr mit der Hand in sein Haar, welches
sich gestrubt hatte. Es war ein erbarmenswrdiger Anblick. - Ja, rief er
dumpf und keuchend, indem er die Worte mhsam hervorstie, ich frchte mich vor
dem Tode! Der gedankenloseste Narr, der sich nicht vor ihm frchtet! Da wird
mein Leib liegen, und da herum verspritzt mein Gehirn, die Werkstatt prchtiger
Gebilde. Um den Mund noch ein Spott, der nicht sterben kann, und den die
bleichen Lippen doch verschweigen mssen. Und dann die erstickende Erde ber
einem - eingepackt wie ein Hering, nur leider nicht eingesalzen - dieses
allgemeine Burken der Menschengeschlechter - und endlich gar die Wrmer - o
pfui! pfui! Aus - aus mit dem letzten Atemzuge!
    Woher kommen wir als aus dem Nichts? - Wohin werden wir gehen anders als ins
Nichts? Wir entstehen, also werden wir auch vergehen. Leugnet die Konsequenz,
wenn ihr's wagt! Ich sagte es mir oft, wenn ich um Mitternacht bei meiner Kerze
eingeschlafen war, dann auffuhr in Gedanken der Vernichtung und mein entsetztes
Gesicht gegenber im Spiegel sah ...
    Aber das Leben ist auch nur ein Fieber, ein Fieber des Nichts, mithin ein
krankes Nichts! - schttelt's ab, ihr meine Nerven, lat euch nicht
unterkriegen, ihr meine tapferen Muskeln und Sehnen - die Knochen bleiben ja
doch eine Zeitlang nachher brig - nichts in der Welt geht ber ein schnes,
reinliches Skelett - so - so - so - ah! ah! Luft! Wrme! Immer besser! besser!
Dieu merci, es ist berstanden -
    Der Jger hatte whrend dieser verworrenen Reden dem Freiherrn den Rcken
gewendet und das Pistol an einen Nagel gehngt. Jetzt wollte er, ohne dem von
ihm verachteten Feinde einen Blick zu gnnen, aus der Tre gehen. Mnchhausen
aber rief ihm mit fester Stimme zu: Herr Graf, ich ersuche Sie, zu bleiben! -
Der Jger drehte sich um und sah erstaunt einen verwandelten Menschen.
Mnchhausens Glieder hatten Ruhe gewonnen, er stand, wie ein Mann stehen mu,
sein Gesicht sah gleichmtig und zuversichtlich aus.
    Im gesetztesten Tone sprach er: Wenn Sie sich zu dem alten Herrn Baron
hinaufbemhen wollen, der sich da oben mit Holzhacken ein Vergngen zu machen
scheint, so werden Sie vermutlich von ihm eine zweite Pistole nebst Pulver und
Kugeln erhalten knnen. Ich nehme diese da an der Wand und bin bereit, mit Ihnen
drauen die begehrte Schiebung anzustellen.
    Die Reihe, in Verwirrung zu geraten, war jetzt an dem Jger, der sich in
diese pltzliche Umwandelung einer Memme nicht zu finden wute. - Gehen Sie,
mein Herr, sagte Mnchhausen, warum, staunen Sie? Der Mut ist ein Paroxysmus,
die Feigheit ist auch ein Paroxysmus. Ich habe diesen Paroxysmus, an dem manche
Menschen zeitlebens leiden, in einem akuten Anfalle berstanden. Fortan werde
ich sein, was freilich bis jetzt zu dem vollen Bltenkranze meiner Eigenschaften
noch mangelte, ein todverachtender Held.
    Der junge Jger, der sich diesem urpltzlich entstandenen Heroismus
gegenber mit Worten nicht zu helfen wute, fuhr in seiner Unbehlflichkeit
heraus: Ich frchte, Sie sind auch darin nur wieder ein Lgner.
    Lgner! rief Mnchhausen stolz. - Jetzt haben Sie mich beleidigt,
strker, als ich Sie beleidigt hatte. Ich knnte jetzt den ersten Schu
verlangen; der Lgner verzichtet aber auf dieses Recht. - Lgner! wiederholte
er mit Hoheit. Es kann sein, da mir der Mund ber dieses Kapitel bald
versiegelt werden wird. Deshalb fhle ich mich veranlat, Ihnen in aller Krze
ein Kollegium von Lge und Wahrheit zu lesen.
    Herr Graf, alle Menschen sind Lgner, nur mehr oder weniger entwickelte. Die
sogenannten tugendhaften und edeln Charaktere haben nur nicht den Verstand zur
echten und vollkommenen Lge; ihre Lge bleibt ihnen im Blute, zwischen dem
massigen Fleische oder den dicken Stirnhuten stecken, sie bringen es hchstens
zur Halblge, zu der egoistischen Lge. Lgen Sie nicht, Herr Graf, wenn Sie
sich so zornig, so nach meinem Blute lstern darstellen, oder tun, als liege
Ihnen die Ehre Ihrer Muhme Clelia am Herzen? Das Duell mit mir ist Ihnen im
Grunde ganz gleichgltig, aber Sie haben Ihren schwbischen Vettern gesagt: Wo
ich den Schelm treffe, da geht es ihm bel, und nun halten Sie Ihr Wort, wie
wenn Sie gesagt htten: Heute nachmittag wollen wir zusammen spazierengehen. -
Hinz lgt, wenn er zu Kunzen sagt: Ich freue mich, Sie wohl zu sehen, denn er
wei gar nicht, ob Kunzen wohl ist und von Freude ist sein Herz weit entfernt;
Kunz lgt, wenn er an Hinzen schreibt:
    Der Ihrige, denn er gehrte niemals Hinzen. Der Familienvater lgt, wenn er
von Pflichten gegen Frau und Kinder redet; nein, sein Haus ist seine
Bequemlichkeit, und die mu er sich natrlich seinerseits auch zu erhalten
wissen; der Offizier, der seine Leute mit einer Rede vom Vaterlande in das Feuer
fhrt, lgt; denn an das Vaterland denkt er nicht, sondern ans Avancement, wenn
die Bursche ihm mutig folgen; der Prediger auf der Kanzel lgt, der Richter im
Richterstuhle lgt, der Frst auf dem Throne lgt - sie lgen alle, alle, nur
haben sie nicht die Virtuositt darin, sie bringen ungeschickte, phantasielose,
entkrftete Lgen hervor, und ihr schweres Blut, ihr massiges Fleisch, ihre
dicken Stirnhute nennen die Halblgner Tugend.
    Wie anders bei uns begnstigten Sonntagskindern, deren es freilich immer nur
wenige gibt, ich aber bin ihr Chef! Gleich schnen, nackten, schlafenden Mdchen
liegen die Dinge um uns her, der Empfngnis gewrtig; wir heiraten sie nicht in
plumper Ehe, wir zeugen nicht mit ihnen schlfrig-legitime Kinder, nein, Don
Juans der Erfindung, gehen wir zwischen diesen wollstig geffneten Lippen,
zwischen diesen Busen und Hften auf und nieder und scherzen hier und kssen
dort, und erwacht fhlen sie sich Mtter, worber die alten Vettern und Basen
sich des Todes verwundern wollen; den gesegneten Schoen aber entspringen kleine
mutige Kobolde, tolle Kinder der Liebe, an denen freilich kein gutes Haar und
kein wahres Wort ist. - Sie sind ein durchaus rechtschaffener Mann, Herr Graf,
und unfhig solches Leichtsinnes, danken Sie Gott fr Ihre Tugend, aber richten
Sie nicht ber unsereinen. Ich bin der Csar der Lgen; ich kann von mir sagen,
wie der krummnasige Kerl von Rom: Ich kam, sah und - log! Jetzt hole ich das
Pistol! rief der Jger. Das wre nun eine Antwort! - Aber halt, noch einen
Augenblick! sagte Mnchhausen, zog aus seinem Busen eine goldene Kapsel von
ziemlicher Gre, drckte am Scharnier, da sie aufsprang und lie den Jger
hineinsehen. Es lag ein Pckchen Staatspapiere, fest zusammengefaltet, darin,
und am inneren Rande waren Namen eingraviert, die der Jger auf das Gehei
seines wunderlichen Feindes lesen mute. - Was soll das? fragte er.
    Ein Vermchtnis an Ihre Ehre, wenn ich bleiben sollte, sagte Mnchhausen.
In Fllen, wie der unsrige, wo man sich ohne Sekundanten schiet, ist der
berlebende zu solchen Ritterdiensten verpflichtet. Ich habe eine Tochter -
    Sie?
    Ich; hab' sie, weil sie mein ist, knnte ich mit Polonius sagen, wollte ich
scherzen, ich will aber ber diese Tochter nicht scherzen. - Mein Herr, ich
werde Ihnen jetzt nichts vorseufzen, mein Herr, ich werde Ihnen nichts
vorweinen, berhaupt, mein Herr, nicht den Sentimentalen vor Ihnen spielen; ich
werde Ihnen nur sagen, da, auch wenn man viel gelogen und manches Abenteuer
gehabt hat, es immer ein eigenes Gefhl bleibt, eine Tochter zu besitzen, von
der man nicht wei, wo sie ist. Ich zeugte sie vor nunmehr zwanzig Jahren fern
von hier mit einer einfltigen aber ziemlich hbschen Gans. Sie lasen die Namen
der Mutter, des Orts, auch wie ich damals hie. Wenige Wochen nach ihrer Geburt
sah ich sie zufllig bei einem alten Weibe, der sie bergeben worden war, und -
da nahm ich mir einen Augenblick vor, zu werden, was man einen ordentlichen,
gesetzten Mann nennt. Ich gab der Alten meine Barschaft fr das Kind, weil es
aber nicht viel war, so suchte ich ihren Eigennutz durch Hoffnungen zu kdern,
imaginierte eine hchst seltsame Vorrichtung von Instrument, welches, wenn es
richtig gebraucht wurde, die Herkunft des Kindes offenbarte, und bildete der
Vettel ein, dadurch werde einmal ein hoher Stand ihres Pfleglings an das
Tageslicht kommen. - So glaubte ich vorlufig fr mein Fleisch und Blut gesorgt
zu haben. Aber ich tuschte mich, denn als ich nach einiger Zeit in besseren
Umstnden mich wieder nach dem Kinde erkundigte, war das alte Weib
durchgegangen, hatte vermutlich mein Geld sich zunutze gemacht und den Sugling
vor eine fremde Pforte gelegt.
    Wenn man Ihnen nur glauben drfte -
    Hier aber geriet der Freiherr in einen erhabenen Zorn, da er selbst seinem
jungen Feinde imponierte. Er ballte die Fuste, knirschte mit den Zhnen, rollte
die Augen, stampfte mit den Fen und rannte wie rasend einige Male auf und
nieder. - Bei Himmel und Hlle! rief er, wenn man ein Genie ist, mu man
darum ein Gaudieb sein? - Bin ich ein zusammengeronnener Homunkulus, wie der
Spitzbube Karl mir nachplauderte, oder bin ich nicht ein Fabrikat, in derselben
Retorte ausgebacken, worin ihr anderen alle ausgebacken wurdet? - Sackerlot!
Wenn ich von dem Kinde rede, so meine ich's ernsthaft, obgleich durchaus nicht
empfindelnd - ich bitte mir Glauben fr diese Versicherung aus. - Aber ich denke
sie mir so reizend, so schn, so gut - so - so ... ich kann's nicht aussprechen,
wie ich sie mir denke. An etwas mu der Mensch seine Gedanken hngen, wenn er
auch kein Herz hat.
    Er schlug wtend an seine Brust und schrie fast: Nein! Nein! Hier ist kein
Herz drinnen, ich wei es! Alles leer, nchtern, dumpf - oh! hu! 's ist, als
wenn man an einen hohlen Topf schlgt. - Was kann ich dafr? Warum hat er mir
keins hineingeschaffen? Anderen gibt er keinen Verstand, die werden von
jedermann entschuldigt; mir gab er kein Herz, und die Entschuldigung soll nicht
gelten? - Aber Gedanken habe ich und die hangen an der Tochter. Immer suchte ich
sie, nimmer fand ich sie. Indessen habe ich einen Freund bei Ihnen in Stuttgart,
der hat mir vor kurzem Hoffnung gemacht, es sei vielleicht mglich, dem Dasein
des Kindes noch auf die Spur zu kommen. Ich schreibe seine Adresse auf, derweil
Sie hinaufgehen. Schieen Sie mich tot, so besorgen Sie die Kapsel an die
Adresse. Der Inhalt gehrt dem Kinde, wenn es entdeckt wird, es ist von
Geschenken erspart, die ich hin und wieder bekam, und ich habe lieber gehungert,
als berhrt, was ich einmal in der Kapsel zurckgelegt hatte. Jetzt gehen Sie
und holen Sie die zweite Pistole!

                              Sechzehntes Kapitel



                            Walpurgisnacht bei Tage

Der junge Jger, welchem in diesem tollen Schlosse so unerwartete Dinge begegnen
sollten, ging wie trumend die Sllertreppe hinauf, dem Schalle der Beilschlge
nach, welche mit kurzen Zwischenpausen immer von neuem zu tnen begannen. Er
ffnete die Tre der Bodenkammer, welche die Gerichtsstube des Schloherrn
bedeuten mute, aber da hatte er einen Anblick, der ihm Grauen und Schreck
erregte. Der alte Baron wirtschaftete nmlich in dem verwirrtesten Aufzuge dort
umher. Er hatte sich eine Pferdedecke wie einen Mantel um die Schultern
geworfen, auf den Kopf einen alten Damenhut mit verblichenen Blumen gesetzt,
einen Strick wie eine Kette sich um den Hals geknpft. Die weien Haare sahen
struppicht unter dem Hute in einzelnen Flocken hervor, die Augen starrten wild
und glsern - so trieb er, ein komischer Lear, die Werke des Wahnsinns, welchen
Nachtwachen, Erwartungen, Grbeln, Zorn und zuletzt die aberwitzigsten
Phantastereien in ihm ausgebrtet hatten. Er fuhr mit groen Schritten auf der
Bodenkammer hin und her, ein Beil in der Hand; der Tisch war zur Seite
geschleudert, der alte Lehnstuhl lag in Trmmern, um diese Trmmer hatte er
Kleidungsstcke, Flaschen, Gerll und Germpel allerart, welches die Bodenkammer
verwahrte, aufgehuft. Jetzt lief er mit dem Beile an das Giebelfenster, bog
sich hinaus, hackte an der Sttze, welche gegen die Giebelwand gelehnt war, dann
kehrte er zu dem Germpel zurck, nahm was er fassen konnte und warf Kleider,
Flaschen, zerbrochenes Gert zum Fenster hinaus. So wechselte er in seinen
verrckten Beschftigungen von Sekunde zu Sekunde ab und trieb dieselben mit
solcher Anstrengung, da ihm der Schwei vom Haupte flo. Dazwischen rief er mit
voller und tnender Stimme unverstndliche Worte wie: Fort mit euch! Fort mit
euch Eindringlingen, erkennt euren Herrn, der in Frankfurt gekrnt wurde, dem
ihr Treue auf die Wahlkapitulation gesprochen habt!
    Der Jger hatte sich bei seinem Eintreten in eine Ecke gedrckt und sah dem
unheimlichen Schauspiele einige Minuten lang entsetzt zu. Dann fate er sich ein
Herz, schritt mutig vor, ging zu dem Wahnwitzigen, der eben wieder am Hacken war
und sagte festen Tones: Herr Baron, was treiben Sie?
    Der Alte fuhr hastig herum, sah den Jger mit seinen starren Augen gro an,
schwang das Beil und rief: Sie mssen sehr unwissend sein, da Sie mich so
fragen. Kennen Sie den letzten deutschen Kaiser nicht? Mein Bruder ist geborener
Geheimer Rat im hchsten Gericht. Ich ward in Frankfurt gesalbt und gekrnt. -
Nun legte er die Hand an seine Stirn, wie wenn er nachsnne und sprach dann
leiser, wie ein Mensch, der im Schlaf redet: Ich war lange abwesend - lange -
lange - gefangengenommen vom Reichsfeinde, von Mnchhausen - o pfui! nannte mich
Du mit einem Munkel - Luftversteinerung - Aktien auf Jesuiten - und dann - dann
-
    Aber - hier richtete er sich majesttisch auf und seine Stimme donnerte -
das heilige Rmische Reich ist ewig, die alten Verhltnisse kehren immer wieder
und der Kaiser stirbt nicht. - Ich komme zurck, jedoch da ist alles in
Unordnung, da hat sich Genist allerorten eingehngt, da mu ich Ordnung stiften
und reine Bahn machen.
    Er warf die Trmmer des Lehnstuhls hinaus und ein paar leerer Flaschen. -
Das sind die Frsten! rief er. Wie haben sie sich mausig gemacht! Aber ich
leide keine Hoheit neben meiner, denn ich bin der Kaiser. - Er hackte drauen
vor dem Giebelfenster. - Den Bundestag habe ich bald durchgehackt, diese Sttze
ist ohnehin sehr morsch! rief er erhaben lachend.
    Bei diesen grauenvoll lcherlichen Dingen fate sich der Jger in den
gesunden Tiefen seines schwbischen Herzens und sprach zu sich: Der
unglckliche Alte hat den Verstand verloren und du kannst ihn in diesem Zustande
nicht um die Lisbeth bitten. Sie ist dein, das Mdchen, du wirst ihr den
traurigen Zustand mit Schonung beibringen und ihr dann fr den armen Pflegevater
sorgen helfen. Jetzt hast du weiter nichts hier zu tun, als dich mit dem
verruchten Schrimbs oder Peppel oder Freiherrn von Mnchhausen zu schieen. -
Er konnte nicht wissen, in welche Gefahr der Alte sich und ihn durch das Hacken
setzte, sonst wrde er ihm mit Gewalt das Beil entwunden haben.
    Walpurgisnacht bei Tage! setzte er, sich dennoch schttelnd vor Grauen,
seinen Worten hinzu. Er sah die zweite Pistole auf dem Tische liegen, die nahm
er und das Pulverhorn dazu; beides steckte er zu sich. Sein scharfes Auge sphte
nach Kugeln; es entdeckte sich ihm ein lederner Beutel, der von einem Brette
herabhing, welches der Alte durch das Hinwegrumen des Gerlls von seiner
Verhllung entblt hatte. Er ging nach dem Brette, seine Vermutung tuschte ihn
nicht, es war ein Kugelbeutel, der da herabhing.
    Er nahm ihn, da rollte etwas nach, was auch auf dem Brette vergessen gelegen
hatte, es fiel auf den Boden. Mechanisch hob er es auf; es war ein Zylinder mit
dickem Staube berzogen, viele Jahre mochte der dort gelegen haben. Ein Papier
war um den Zylinder gewunden.
    Der alte Baron scho wie ein Pfeil herbei und fate beide Arme des jungen
Mannes. Halt Ruber! rief er, du darfst die Mitgift der kaiserlichen
Prinzessin nicht entwenden. - Ja! Ja! - sagte er, den Zylinder tiefsinnig
betrachtend und das Papier von demselben loswickelnd; das ist die Mitgift der
kaiserlichen Prinzessin, meiner lieben Tochter. - Der Jger mochte mit diesem
neuen Ausbruche des Unsinns nichts weiter zu schaffen haben, er lie daher dem
Alten, was diesem so wichtig zu sein schien, und wollte gehen. Der Alte hatte
das Papier, auf welchem, wie dem Jger ein flchtiger Blick gezeigt hatte, in
den Ecken allerhand Buchstaben und Charaktere standen, glatt und grade
gestrichen, die Glser des Zylinders abgewischt und hindurchgesehen. - Ach
Lisbeth! Lisbeth! seufzte er.
    Dieses Zauberwort fesselte den Jger an die Sttte. Zu seiner Verwunderung
sah er, da der Alte sich platt auf den Boden setzte und bitterlich zu weinen
anfing wie ein Kind. Ach, sagte er und sah wieder durch den Zylinder in die
leere Luft, indem er dabei das Blatt Papier steif in der anderen Hand hielt,
ich sehe mein Kind Lisbeth noch immer nicht dadurch. O wie gern legte ich
meinen Kopf auf ihren Scho und liee ihn streicheln von ihren sanften Hnden,
denn die Regierungssorgen machen mde und ein Kaiser bleibt auch ein Mensch!
    Vergebens bemhte sich der Jger, Aufschlsse von dem Alten zu erlangen.
Dieser faselte nur durcheinander von Lisbeth und von der kaiserlichen
Prinzessin, welche einst die Mitgift in das Haus gebracht habe, aber durch die
Glser nicht zu entdecken sei.
    Hm! rief der Jger, der vor Ungeduld brannte, irgendetwas zu entdecken,
was die unsichtbaren Keime der Dinge, die um ihn her zu sprossen schienen, an
das Tageslicht bringen mchte; das Ding da mu doch eine Beziehung auf die
Lisbeth haben. Was ist es denn eigentlich? - Er nahm es dem Alten aus der Hand,
der nun ganz weich und nachgiebig geworden war, seine Trnen abgetrocknet hatte
und selig lchelte, weil dem zerstrten Geiste die Gestalt der lieblichen
Pflegetochter vorschwebte. Es bedurfte keiner langen Untersuchung um ihn ins
klare zu setzen. Der Zylinder war eine jener optischen Spielereien mit einem
Okularglase und einem konzentrierenden Objektivglase, welches verschiedene
Figuren oder einzelne Buchstaben, die auf einer Flche umher zerstreut sind, zum
Bilde oder zum lesbaren Satze versammelt. Man fertigt zu diesen Glsern Bltter,
die in der Mitte, wenn der Scherz vollkommen sein soll, ein kleines Bild oder
ein Wort tragen, in den Ecken und Winkeln umher aber nur ein sinnloses Gemisch
zeigen. Sieht man nun auf ein solches Blatt durch das Glas, so verschwindet, was
in der Mitte steht und es fgt sich aus den Ecken und Winkeln eine andere
Gestaltung zusammen.
    Der Jger nahm auch das Blatt dem Alten aus der Hand. In der Mitte stand das
Wort: Nizza und kein Komma oder Punktum dahinter. Er stellte sich an den Tisch,
legte das Blatt zurecht und richtete das Glas darauf, um zu sehen, was ihm
dasselbe aus den Ecken und Winkeln zusammenfhren wrde.
    Das Auge des Dichters gleicht einem solchen Glase. Es versammelt zum Bilde,
was weit umher zerstreut ist und keine Gestalt annehmen zu knnen scheint, und
oft verschwindet ihm das, was ihm zunchst vorschwebt.

Mnchhausen schrieb unten hastig seinen Kreuz- und Querbrief an den Erbprinzen
und dessen Vater zu Ende, siegelte beide, setzte die Adresse an den Freund in
Stuttgart auf, tat sie in die goldene Kapsel und sagte: Es ist nicht wahr, da
ich mich nicht vor dem Tode frchte, aber ich habe Ehre zwischen mich und meine
Feigheit geschoben, getrieben, gekeilt; Ehre steckt wie ein Pflock vor der
Feigheit und lt sie nicht zum Herzen dringen, Ehre ist etwas Groes und mehr
wert als Tugend, denn zur Ehre gehrt kein Herz, ohne welches Tugend sich nicht
zu behelfen wei.
    Brav will ich sterben, wie ein Brutigam! rief er. - Als Offizier sieht
man selbst noch im Tode besser aus, darum rasch meine Uniform angelegt, meine
rote Phantasieuniform und hinweg ihr unangenehmen Erinnerungen, die ihr euch an
den Rock hngt! Sie ist tot! tot! tot! die Gans, oder eingesperrt, oder
verheiratet. O du meines Lebens einzige Lge, deren ich mich schme und die mir
selbst diese Abschiedsstunde vergiften will, hinweg!
    Er legte die rote Uniform an, setzte den Offizierhut auf, der aus dem
kleinen Klack entstanden war, sah sich mit einer Art von schmerzlichem
Wohlgefallen im Spiegel und philosophierte, vermutlich um den Pflock vor seinem
Herzen festzuhalten, so weiter: Ein Edelmann zu sein, unermelicher Vorteil,
unschtzbares Glck, selbst wenn man, wie ich, nicht die Ehre hat der Freiherr
von Mnchhausen zu sein, sondern nur der - doch still! Selbst die Lfte sollen
nicht erfahren, wer ich bin. - Karl! - Als Schrimbs, Peppel, Reifenschlger
liefe ich jetzt fort, wahrhaftig, so tte ich, als Freiherr von Mnchhausen
halte ich Stich. Karl! - Wo bleibt der Schlingel? Ich will ihn noch abstrafen
vor meinem Ende, das soll meine letzte gute Handlung auf Erden sein. - Tut der
Name schon so viel, wieviel mehr erst die Sache. Ja, der Adel ist eine Magie,
Bourgeoisie und Philosophie mgen sagen, was sie wollen. Adel ist eine Schrift
mit sympathetischer Dinte; tausendmal verschwunden kommt sie immer wieder zum
Vorschein. Selbst, wenn man sich in eigener Person zum Ritter schlgt, kriegt
man Ehre, und Ehre ist wieder eine Magie, ein Bann, eine Zauberformel. Htten
die Hasen Ehre, sie stnden wie die Lwen. Wohl hatte Heine recht, wenn er
sagte, Mirabeau wrde den Thron zu erschttern nicht den Mut gehabt haben, wre
er nicht Graf gewesen, und ich sage, der Artillerieleutnant Bonaparte wre nicht
Kaiser der Franzosen geworden, htten seine Vorfahren nicht im goldenen Buche
von Bologna gestanden. Hundert brgerliche Stimmen in mir rufen: Rei aus, denn
du kannst es, rei aus vor diesem mrderischen Schwaben! Aber Mnchhausen steht,
Mnchhausen steht wie ein Held, Mnchhausen wird als Held zu fallen wissen.
Karl! Karl! Ich mu den Esel mir selbst herbeiholen.
    Mnchhausen scho in seiner roten Uniform gleich einer Feuerflamme des Herrn
durch den Vorsaal, die Treppe hinunter, aus dem Hause nach dem Garten, um den
Schneckenberg zu erklimmen, in dessen Huslein er den Diener vermutete.

In diesem Augenblicke kam der junge Jger vom Sller. Seine Schritte waren
schwankend, er hielt sich, was er wohl noch nie getan hatte, am Treppengelnder
fest, wie ein Siecher. Es mute ihm etwas ganz Unerhrtes begegnet sein, denn
man wrde umsonst versuchen, den Ausdruck seines Antlitzes zu schildern. Ein
halbes Lcheln wurde von Zgen des uersten Schmerzes und einer zornigen
Verachtung durchschnitten, berraschung, Spott, herber Unwille, dieser
vielleicht nicht auf einen einzelnen Menschen, sondern auf ein unbarmherzig
neckendes Geschick, kmpften auf diesen reinen Wangen, auf dieser edeln Stirn,
wie Sonnenblitze, Regenschauer, fahle Lichter und tckische Wolkenschatten an
manchem Tage kmpfen, den die Natur ausersehen zu haben scheint, geheime
Prozesse unter den Lamien, Empusen und Lemuren zur Entscheidung zu fhren.
    Seine Pistole brachte er nicht mit. An dem Zimmer Mnchhausens schlich er
vorbei, scheu wie ein Verbrecher. Er hielt die Hand den Augen vor, als frchte
er jemand zu begegnen. Es war ein Knarren und Knacken in dem alten wurmfrigen
Schlosse, als wolle der Baugeist, der es zusammengefgt, ausziehen.
    In dem Nebel drauen standen die Gegenstnde unheimlich zu Schemen
verschattet. Er wollte eben den Weg nach der Schlostrae einschlagen, als ein
wilder Lrmen im Garten seine Schritte einen Augenblick lang hemmte. Auf den
Gesang des Fruleins, welchen er schon frher von weitem gehrt hatte, war seine
Aufmerksamkeit nicht gerichtet gewesen; pltzlich aber ward Mnchhausens Stimme
vernehmbar, welcher berlaut rief: Was! Hlle, Teufel und alle Furien und
Parzen -
    Jetzt holet das Schicksal, der Racker -
    Das Frulein kreischte:
    Erst den Nuknacker, dann holt es mich!
    Gtiger Himmel, diese kaiserlich birmanische Uniform -
    Dieser Anzug, - das rote Kleid, der Paradiesvogel - o Tod und Elend! -
    Das Gartentor rasselte. Eine Gestalt kam herbeigesprungen. Es war
Mnchhausen. Er hatte den Hut verloren. Sein Haar flatterte im Winde. Als er den
Jger erblickte, rief er keuchend:
    Bei meiner Ehre, ich wollte nicht ausreien, aber -
    Ich - kann mich nicht mit Ihnen schieen! rief der Jger und lachte
zerstrt.
     ... der bse Feind ist hinter mir ... Sassa! Adieu! - Er sprang fort und
ber die Mauer.
    Das Frulein kam gelaufen, auch flatternden Haares. Rucciopuccio! Wo hatte
ich meine Augen? rief sie und verschwand nach wenigen Schritten im Nebel.
    Walpurgisnacht bei Tage! murmelte der Jger abermals. - Als er den
Talgrund erreicht hatte, hrte er hinter sich oben ein Krachen und dann ein
donnerartiges Getse, wie wenn ein Gebude zusammenstrzt.

                             Siebenzehntes Kapitel



                            Gedanken in einer Krypte

Der Schriftsteller, welcher seinen Namen zu dieser Arabeskengeschichte
hergegeben hat, weil eben kein anderer zu finden war, sah sich achtsam in der
Krypte um. Dergleichen Krypten oder Klfte finden sich unter vielen katholischen
Kirchen.
    Die Kirche, von welcher hier die Rede ist, gehrte sonst zu einer alten,
reichen, nachmals aufgehobenen und endlich bis auf die Fundamente abgebrochenen
Abtei. Sie ist daher alt, reichverziert, nur etwas in Verfall geraten. Neben dem
Hochaltare und zu beiden Seiten desselben fhren die unter einem berbau
befindlichen Stufen in die unterirdische Kirche. Durch Gerumigkeit und
berallhin verteilte Zieraten entspricht sie dem oberen Tempel. Eine vierfache
Reihe von kurzen, dicken Sulen trgt das Gewlbe, an den Kapitlern der Sulen
sind bizarre Vogel-, Schlangen-und Menschenkpfe angebracht; hinter dem Altare,
der sich in der Austiefung nach Morgen befindet, erhebt sich das Kreuz und der
Gekreuzigte hngt daran, Maria und Johannes stehen unten am Stamme des Kreuzes
und diese ganze Gruppe ist von derber Faust mit grellen Zgen der Trauer und des
Schmerzes in Sandstein ausgehauen, den man, in der Absicht zu verschnern, mit
glnzend weier lfarbe berstrichen hat. Ringsumher sind Seitennischen, in
welchen die Passionsgeschichte in kleineren Darstellungen aus Holz oder Stein
erscheint, untermischt mit Grabmonumenten der bte, deren einige diesen
unterirdischen Ort zu ihrer Bestattung whlten. Die Steine, welche von einem
Teile weggebrochenen Mauerwerks herrhren, liegen in einigen unordentlichen
Haufen in dem dstersten Teile der Krypte umher, dazwischen liegen auch Pfeiler,
welche schadhaft geworden waren und deshalb hlzernen Sttzbumen haben Platz
machen mssen, und einer ist schief gegen die Wand gelehnt.
    Auch hier verbreitete die ewige Lampe ein dmmerndes Licht, welches mit dem
durch die kleinen Fensterffnungen von auen einfallenden Tagesscheine
verbunden, die wunderbarsten Schattenspiele um die Gruppe am Kreuz, um die
Kriegsknechte, die den Heiland begleiten, um Simon von Cyrene, an den Grbern,
an den Pfeilern und ihren Kapitlern umher schuf, und selbst zwischen den
Schutthaufen und den umgewandten Pfeilern dunkle geisterhafte Winkel errichtete.
Die Zge des Schmerzes sahen in diesem Lichte noch schrfer und entsetzlicher
aus, ein frchterlicher Hohn schien von den Fratzen an den Kapitlern in sie
hineinzuschreien; Schutt und Trmmer erschienen grer als sie waren.
    Solche Krypten wurden als Grabeskirchen um die Gebeine der Mrtyrer
ausgetieft, ber welchen sich die Kirchen der alten Zeit erhoben. Denn wie das
Heidentum die Erfindungen des Lebens verewigte und die Sttten festlich
bezeichnete, wo das Ro entsprang und der erste lbaum gepflanzt wurde, so hat
das Christentum mit seiner Erfindung Besitz von der Erde genommen, mit dem
Grabe. Erst das Christentum hat das Grab erfunden und seine sen Zauber. Die
morschen Knochen der Enthaupteten, Gepfhlten und Gesteinigten machten, wo sie
lagen, das Land in der Runde umher zinsbar und ber dem Erdreiche, welches das
Blut der Zeugen gedngt hatte, blhten die Riesenblumen, die Dome, auf, in
welchen Andacht, Askese, Pracht des Kultus und die Magie der Knste wie ein
berauschender Duft wallte und wehte. -
    Geadelt wurden die Grabeskirchen durch den Gedanken an die Katakomben und
Hhlen, in welchen die ersten Geschlechter der Bekenner den Auferstandenen
feierten, durch den Gedanken an das Grab der Grber, welches den Auferstandenen
zu fesseln unvermgend gewesen war.
    Der Wanderer erlebte an diesem einsamen Orte, wo alles Gespenstische,
Schattenartige, Sonnenabgewandte der Religion sich zu einer Leichenorgie
zusammengefunden hatte, eine jener Stunden, die er seine mystischen nennt, von
denen er aber nachmals nur stammelnd Rechenschaft zu geben wei. In diesen
Stunden malt ihm seine Phantasie keine glnzenden Bilder vor, noch erlegt ihm
der Verstand, der scharfe Schtz, einen haltbaren Satz, noch treibt ihm das
Gefhl Trnen in das Auge, sondern er ist in den Dingen und sie sind in ihm. Ihr
wesenhaftes Leben ist der Pulsschlag seines Blutes. - Indem er auf einem der
umgestrzten Pfeiler sa, den Kopf auf den Arm gesttzt, umspielt von den
Schatten und Lichtern dieser Grabeskluft, war er in den frhen, buntgemischten
Ursprungszeiten des Christentums und sah die Gtter im Streite mit dem Lamme.
Lamm und Olymp kmpften um die Seelen der gottverworrenen Menschen, die mit der
einen Hand sich an dem geheiligten Zeichen der uersten Schmach, mit der andern
an den Hrnern des Altars anklammern. Sie essen das Fleisch und trinken das Blut
des Gottes, um den neuen Bund in sich zu strken; bis in die Grfte der Toten
wird der verwandelte Wein gespendet, um die Abgeschiedenen von Hades und
Tartarus fernzuhalten und im Himmelreiche zu konsignieren, aber das hilft alles
nichts, die Gtter sind schlau und schleichen sich unter mancherlei
Verkleidungen in das feindliche Lager, dort neckenden Miverstand, Irren und
Wirren anzurichten. Der Vogel der Juno spreizt sein Rad an den Wnden der
Katakomben aus und schreit von Unsterblichkeit, Bacchus der Gott schickt seine
Tiger, schleudert den Wurfspie in den Weinberg des Herrn, Apoll erinnert sich,
wie er bei Admeten die Schafe gehtet, und maskiert sich als guter Hirte, frech
zeigt sich sogar der Phallus in der Welt, welche Entsagung buchstabierend
einlernt, das allerschwerste Wort, das Wort, immer wieder von der armen
Menschenlippe vergessen.
    Eigentmliches Kampfgewimmel, schwrmendes Larvenspiel der Vorstellungen!
Wunder auf Wunder mssen geschehen, um die Macht des drngenden Paganismus
abzuwehren; diese Zeiten, die man zu den einfachsten, geistigsten des
Christentums hat umprgen wollen, sind die sinnlichsten, materiellsten; man will
es mit Hnden greifen, das Heilige, der Glaube hat sich in seinen eigenen Tiefen
anstatt der Wolken, die Zeus versammelt, und der Furche, in welche Demeter das
Korn st, einen neuen Stoff erzeugt. Dieser Stoff ist die Trne, das Leiden, das
Geheimnis, die Entzckung. Er schwelgt an dem Stoffe, er geniet ihn.
    Und nun? - Wer mag die Strmung nennen, in welcher das Schiff unserer Tage
fhrt. Wer das Wort des Rtsels aussprechen, an dem die Geschlechter der Erde
nagen? So viel ist richtig: der Tod und der Himmel sind zurckgewichen in den
Hintergrund der Gedanken, und auf der Erde will der Mensch wieder menschlich
heimisch werden. Heit das: Er will das Fleisch bei Champagner und Austern
emanzipieren? Nein. Heit's: Die Erde soll ihm nur das Mistbeet sein, in dem er
sich sein Gemse zieht? Nein. - Sondern mit den Blitzen seines Geistes will er
die Erde durchdringen, da sie geistschwanger werde, er will sich an ihr eine
Freundin seiner besten Stunden, eine ernste und doch heitere Gefhrtin seiner
reifsten und mnnlichsten Jahre gewinnen.
    Und da wird wieder die Religion in das Mittel treten mssen. Denn die
Weltgeschichte ist immer nur das Gewand der Gottesgeschichte. Aber wie? Der Atem
der Zeit sauset, und wen er berhrt, der wei nicht, wie er gestern dachte, noch
wie er morgen denken wird. Abgetan liegt das Mittelalter hinter uns mit seinen
zwei Entdeckungen, der Hierarchie und der christlichen Kunst. Die Kunst bt, wo
sie sich jetzt gegen den Himmel wenden will, ihre Naivett ein und mit der
Naivett hat eine Kunst ihre Jungfrauschaft verloren und mit ihrer
Jungfrauschaft alles. Denn die Kunst wird nie ehrbare Hausfrau und Mutter; sie
ist entweder Jungfrau oder Metze. - Rom kann noch donnern und blitzen, es kann
von mancher suerlichen Stimmung ausgebeutet werden, es kann sogar noch groen
Nutzen stiften durch Verbindung mit tchtigen Welfen allzu tlpelhaften
Ghibellinen gegenber, aber sein Regiment ist vorbei, seitdem selbst mancher
Bauer wei, da man der Sonne nicht gebieten drfe, um die Erde zu laufen.
    Also eine neue Entdeckung tut der Religion not, wenn das dritte Weltalter
anbrechen soll. Wie, wenn es abermals etwas von einem heiteren Paganismus
annhme? - Wenn das Formeln- und Dogmenwesen aufhrte, und die Satzungen des
Tridentinischen Konzils und die Stze der Symbolischen Bcher sich vllig und
ehrlich antiquierten, anstatt die gegenwrtige fiktive Herrschaft noch so
fortzuschleppen? Wenn die Sprche des Evangeliums nicht mehr gebraucht wrden,
die Menschen und die Verhltnisse zu verwirren? Wenn jeder sich rechtschaffen
berzeugte, das Christentum sei eine von Ewigkeit beschlossene und in Ewigkeit
fortzeugende Tatsache, erhaben ber die kleinliche Diplomatie, die sich in der
Folgerung offenbart: das darf nicht zugegeben werden; denn sonst fllt auch das
und das ber den Haufen?
    Der Geist der Geschichte mu allgemeiner die Geister durchdringen, als
bisher geschehen ist. Die Kirchengeschichte mu die Menschen mehr belehren als
der Katechismus und das Credo und das Symbolum. Sich inniglich und haltbedrftig
als eines der letzten Glieder der groen Kette zu empfinden, die aus unzhligen
Ringen besteht, unter denen auch die Sekten, die Ketzereien, der Krieg gegen die
Waldenser und die Weihnacht zu Canossa so wenig fehlen drfen als die Konzilien,
die Gedanken der Kirchenvter und die Glaubenstaten der Reformatoren - das wird
das neue Christentum sein, welches mit der Krippe zu Bethlehem im Busen des
Glubigen beginnt und in dessen letzten andchtigen Minuten die jngste
Offenbarung feiert. Die Erleber dieser neuen Konfession (denn Lippen werden
nicht oft sie zu bekennen vermgend sein, weil dieses Dogma ber das Wort
hinausgeht) werden zugleich Katholiken sein und Protestanten und Quker und
Ketzer. Anfangs wird die Gemeine klein sein und verachtet oder des
abscheulichsten Indifferentismus bezchtiget, nach und nach wird sie sich
ausbreiten und zuletzt die allgemeine Kirche werden.
    Die Stiftung dieser Kirche wird nicht von dem Willen der einzelnen abhangen.
Unbewut, durch schwere, vielleicht furchtbare Ereignisse wird der Geist Gottes
sein unwiderstehliches Ntigungsrecht ausben. - Aber so ausgeweitet, in diesem
erschlossenen Bewutsein wird der Mensch erst wrdig sein, von der Erde auf neue
Weise Besitz zu nehmen. Dann wird sie ihm Krnze bieten, deren Duft und Glanz
noch niemand ahnet. In dem Sinne werden der Enkel Enkel wieder Heiden werden,
da sie es fr Gewinn achten, wenn sie einen Gott mehr bekommen.

                                   Intermezzo


Whrend der Schriftsteller sich in der Krypte seinen zur Zeit noch verbotenen
Gedanken ergab, trug sich in der nahen Schenke eine derbe Szene des Lebens zu.
In der Stube nmlich fuhr durch einen Kreis gaffender Bauern eine Gestalt, deren
auffallender Anzug durch die Eile, womit sie ihr Ziel verfolgt hatte, in
Unordnung geraten war. Sie hatte eine Erkundigung angestellt, welche ihr von den
Bauern nicht hatte gegeben werden knnen, und war darauf rasch zur Tre hinaus
wieder dem Ziele ihrer Verfolgung nachgeeilt. Obgleich diese Gestalt die
wunderlichste und lcherlichste Figur bildete, so lachten die Bauern dennoch
nicht, sondern standen in stummen, nachdenklichen und zum Teil verlegenen
Gruppen umher. Einige strichen sich das Haar glatt, andere sagten: Hm! und
zwei legten den Finger an die Nase. In der Mitte aber stand ein Mann, dessen
Anzug eine etwas hhere Beschftigung anzeigte, denn er trug einen abgeschabten
grauen Frack und eine gelbe Nankingmtze mit einer Troddel. Dieser hatte eine
besonders nachdenkliche Miene angelegt, er ffnete endlich seinen Mund und
sprach: Hab' ich's euch nicht hundertmal gesagt, Leute, die Natur steckt voller
Wunder, hab' ich's nicht? Schock, Gegenschock, das ist ein groes Geheimnis.

    Die Bauern gaben ihm teils mit Worten, teils durch Gebrden recht, denn er
erfreute sich unter ihnen einer groen Autoritt. Er war der Chirurgus, welcher
Lisbeth verbunden hatte und erklrte alle bel, welche den Menschen treffen
knnen, aus dem Schock und Gegenschock, wie er sich in seiner Terminologie
ausdrckte.
    Zum Beispiel, fuhr der Chirurgus fort, indem er ein Glas
Wacholderbranntwein gegen den bsen Nebel trank; die Natur drauen wird im
Herbst oder so gegen das Frhjahr rheumatisch, das tut ein Geschnaube von Winden
hin und her, in diesem Augenblicke warm, im nchstfolgenden kalt, Regnen und
Graupeln vom Himmel, Feuchtigkeit - mit einem Worte:
    Katarrh drauen - Schock. - Gleich die Natur inwendig auch zu schnauben
angefangen - Hitze, Klte, Augen trnend und flieend - Katarrh inwendig -
Gegenschock! Verstanden, Leute?
    Die Bauern bejahten und gaben dem Chirurgus vollkommen recht, denn sie
hatten seine Theorie an Feier- und Werkeltagen oftmals vortragen hren, und sie
mit ihrem Spruche: Wie du mir, so ich dir, vollkommen bereinstimmend
gefunden. Aber wie die Anwendung derselben auf die Person zu machen sei, welche
soeben das Zimmer verlassen hatte, darber waren sie weniger im klaren. Sie
erwogen in ihren Gesprchen, wie das Frulein, worber sie immer, wo sie sich
gezeigt, wegen ihren gecken Reden gelacht, nun auf einmal so gefat und ganz
bei sich unter sie getreten sei, sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in roter
Uniform vorbeikommen gesehen, wie das Frulein sie beschworen habe, ihr die
Wahrheit zu sagen und zu glauben, da sie wohl wisse, was sie tue, denn sie habe
zwar frher viel an einen Frsten gedacht und an ein Stiftskreuz, aber es knne
sein, da dergleichen nur Lge von einem anderen oder eine Einbildung von ihr
gewesen sei, den Mann jedoch habe sie pltzlich an seiner roten Uniform und an
einem Liede wirklich und wahrhaftig wiedererkannt, und diesen Mann msse sie
ausforschen, denn er habe ihr einst groes Unrecht zugefgt, und dafr msse er
ihr Genugtuung leisten, sollte sie ihn auch bis an das Ende der Welt verfolgen.
- Sie brachte das alles so erbrmlich und anzglich und so recht adrett heraus,
da man ihr glauben mute, und da wir ihr gern den Roten entdeckt htten, wre
er uns nur bekannt gewesen, sagte der alte Bauer, der sich am gesprchigsten in
jenen Erluterungen gezeigt hatte. - Aber wo liegt hier der Schock? setzte er
fragend hinzu.
    Ja, und absonderlich der Gegenschock? fragte ein jngerer Bauer.
    Der Chirurgus lie sich noch ein Glas Wacholderbranntwein geben, um seine
Darstellungskrfte zu schrfen, so taten auch die Bauern um ihre Fassungsgaben
zu strken. Nachdem die Glser geleert und dem Wirte zurckgegeben worden waren,
erhob der Chirurgus wieder seine Stimme und sprach: Das wit ihr doch alle,
Leute, da es sich bei den Frauenspersonen lediglich und ganz allein um den
Punkt dreht, ob sie einen Mann kriegen oder ob sie keinen Mann kriegen?
    Versteht sich! riefen die Bauern ohne den mindesten Zweifel.
    Nun also. Ein Frauenzimmer, wie  propos das Frulein, hat keinen Mann,
aber vor alters einen Liebhaber gehabt. Der Liebhaber ist weg - Einsamkeit -
lauter Einbildungen, Geckereien - pure Verrcktheit - Frst - Stiftskreuz. -
Pltzlich von drauen der alte Liebhaber wieder da - Schock -
    Freudig riefen die Bauern: Aha, inwendig im Frauenzimmer auch nichts als
der simple Liebhaber - schlechtweg - Frauenzimmer wieder klug - Gegenschock!
    Der Chirurgus sah mit groer Genugtuung umher und empfand ein
auerordentliches Behagen, da seine Lehren in diesem Kreise schon so tiefe
Wurzeln geschlagen hatten und da die Bauern mit einer leichten Nachhlfe von
seiner Seite fertig zu argumentieren wuten. Das Gesprch zwischen ihm und den
Bauern setzte sich nun ber denselben Gegenstand, nmlich ber die Verwandlung
des Fruleins, fort, und mancher Wunsch wurde laut, da es ihr gelingen mge,
ihren roten Liebhaber einzuholen, obgleich es, wie einige bemerkten,
verwunderlich sei, da eine so alte Person hinter einem Manne her durch die Welt
laufe. - Sie sah aber auch heute im Gesicht ganz anders und jnger aus,
bemerkte einer. Das kam von der kalten Luft, versetzte ein anderer. Nein, vom
Gegenschock, sprach der Chirurgus mit Ansehen und schlo durch dieses Wort die
Debatte.
    Whrend der Gesprche, deren Inhalt soeben notdrftig angefhrt worden ist,
ftterten vier Pferde vor dem Eingange zur Schenke aus Krippen, die ihnen
untergestellt worden waren und in welche der Postillion Brot einschnitt, in der
Wirtsstube aber sa ein ernster Mann hinter dem Tische in der Ecke. Die Pferde
gehrten zu einer glnzenden Reiseequipage, welche an den Schlgen ein adeliches
Wappen zeigte, unten und oben Magazine und hinten einen Sitz hatte, in welchem
eine schlafende Kammerjungfer sa, whrend der Kammerdiener, der mit ihr sonst
den Sitz teilte, neben dem Schlage stand und in dieser vom Dienst freien Pause
eine Zigarre rauchte. Denn die Herrschaft war ungeachtet des dichten Nebels nach
einer nahen romantisch gelegenen Klippe gehpft, um so viel zu sehen, als eben
zu sehen war. Gehpft - mu es heien, denn sie gingen nicht, sondern sie
hpften, wann sie aus dem Wagen stiegen. Es waren junge vornehme Gatten, die
unmittelbar nach der Vermhlung ihr frisches Glck durch die Welt
spazierenfhrten.
    Der Mann in der Stube sa dagegen sehr ernsthaft hinter einem Buche und las.
Er war ein alter Bekannter, sogar ein Stck von einem ehemaligen Nebenvormunde
der jungen Dame. Zufllig hatte sie ihn einen Tag nach ihrer Vermhlung mit dem
Kavalier aus den sterreichischen Erblanden getroffen, von ihm erfahren, da
auch er eine Rheinreise anzustellen im Begriff stehe und ihm sogleich einen
Platz in ihrem Wagen angeboten. Der junge Ehemann machte zwar ber diesen Zeugen
seiner Flitterwochen ein etwas verdrieliches Gesicht, die junge Dame sprte
einen Augenblick spter aus gleichem Grunde eine leichte Reue, aber
Verdrielichkeit und Reue kamen zu spt, denn der ernste Mann hatte das
liebenswrdige Erbieten schon angenommen. Man mute sich also zusammen auf den
Weg begeben und ineinander zu schicken suchen, wie es gehen wollte. Nicht wenig
lachte die junge Dame, als sie erfuhr, welches der eigentliche Reisezweck ihres
Begleiters sei. Sie meinte, es sei wunderseltsam, da die Vernunft hinter der
Torheit herjage, das Einholen sei zweifelhaft, denn die Vernunft habe
Elefantenfe und die Torheit federnde Sohlen. Und als er ber diese leichten
Reden ein verstimmtes Gesicht machen wollte, so hatte sie mutwillig gerufen:
Was gilt die Wette, da Sie der einzige von uns allen sind, welcher auf dieser
Reise Schwabenstreiche begeht?
    Nie war eine verschiedenartigere Gesellschaft zusammen auf Reisen gewesen.
Die jungen Gatten wollten immer weiter, immer weiter, in Mainz sprachen sie von
Rotterdam, in Koblenz von Amsterdam, in Kln sprach der junge Kavalier von
England, was besucht werden solle, seine Dame rief: Nein, Schottland mu ich
wenigstens sehen! - Der ernste Begleiter sehnte sich dagegen schon nach den
ersten zwanzig Meilen in seine Amtsstube zurck. Den jungen Gatten war kein Turm
zu hoch und kein Felsen zu steil, sie muten ihn erklimmen; er blieb dagegen
meistenteils unten, und suchte sich so leidlich als mglich im Tale auf seine
eigene Hand zu unterhalten. Wenn die Dame nun davon hrte, so kannte ihre
Munterkeit keine Schranken. Doch waren ihr und dem Gemahle die besonderen
Neigungen, denen ihr Gefhrte unterweges nachging, nicht gerade unlieb, denn er
strte sie deshalb weniger, als sie anfangs befrchtet hatten.
    Dieser Mann besa ein sehr ehrliches, wohlgebildetes, aber etwas
aschgruliches Gesicht, und zwischen Nase, Wangen und Kinn die Runzel, welche
man die Aktenrunzel nennen kann. Er mochte in der Mitte der Dreiig stehen, sah
jedoch viel lter aus. Er gehrte zu einer Klasse von Reisenden, die Yorick
nicht in der Vorrede im Dsobligeant aufzhlt, und die immer mehr ausstirbt;
er war der Geschftsmann auf Reisen.
    Der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde - denn so wird er wohl heien-hatte
unterwegs nur Gedanken an sein Amt, an seinen alten Aktuarius und an die gelb
angestrichenen Schrnke seines Archives. Ihn verlie der rger darber nicht,
da er es bei seiner Oberbehrde nicht hatte durchsetzen knnen, die Formulare
zu den gewhnlichen Expeditionen lithographieren lassen zu drfen, wodurch nach
seiner innigsten und pflichtmigsten berzeugung nicht allein Zeit, sondern
selbst Aufwand an Kosten erspart werde; ein Punkt, der ihm beinahe das Herz
abstie, denn, pflegte er fr sich zu sagen, wenn der Unverstand zu breit
regiert, so wird er dem ruhigsten Staatsbrger unertrglich. - Gern wre er
schon bei Frankfurt wieder umgekehrt, und nur die Vorstellung, da diese Reise
ein Geschft sei, hielt ihn bei ihr fest. Ihr Ende wnschte er jedoch mit
Sehnsucht heran.
    Indessen sollte sein Beharren doch auch einen Lohn empfangen, der ihn
einigermaen schadlos hielt fr die Felsen, Burgen, Kirchen, Sammlungen, die er,
wie er vielleicht nicht ganz unrichtig bemerkte, daheim schon ebensogut gesehen
hatte. In der Nhe des Rheins und den Strom entlngst begannen nmlich die Reste
der franzsischen Verwaltung und die ffentliche Gerichtspflege, welche ihm neu
war, seine Aufmerksamkeit zu fesseln und nahmen bald sein ganzes Interesse in
Anspruch. Nun gab es kein Regierungs- und kein Justizhaus, was er nicht
besuchte, ja seine Wibegierde erstreckte sich bis zu den Friedensrichtern und
Polizeibros hinunter. Er stellte sich berall selbst als den Oberamtmann Ernst
vom Schwarzwalde vor und in diesem dienstlichen Charakter gelang es ihm, mit
Geschftsleuten mannigfaltige Verbindungen anzuknpfen, die ihm bisweilen auf
Spaziergngen am Strome unter Klippen und Trmmern, oder byzantinischen Portalen
und Weinhgeln vorbei zu schnen Aufschlssen ber Stempelsachen verhalfen, oder
ihn mit dem Mechanismus der Sicherheitspolizei bekannt machten. Dann und wann
hatte er selbst den Trost, seinen Gram ber die nicht zu erlangen gewesene
Lithographierung der Formulare in den vertrauten Busen eines Friedensrichters
auszuschtten, der hnliche Gebresten ber die Kurzsichtigkeit seiner
Vorgesetzten ihm verstohlen entdeckt und ihm dadurch eine Zuversicht aufgeregt
hatte. So konnte er denn eher die Beschwerden dieser Reise ertragen. Er lie das
junge Ehepaar, wie er sich ausdruckte, umherrasen nach Belieben, und fing an,
sich in der Fremde mehr zu Hause zu fhlen. War er auf sein eigenes Selbst
angewiesen, so las er in dem Buche, welches er mitgenommen hatte, nmlich im
wrttembergischen Gesetzbuche. Er war, nachdem er sich so eingerichtet hatte,
jetzt zuweilen recht munter. Nur darber empfand er Kummer, da in keiner der
Rheinstdte, welche die Reise berhrte, gerade Assisen gehalten wurden. Denn
einer solchen Verhandlung beizuwohnen wre seine hchste Freude gewesen, weil er
nicht zu begreifen vermochte, wie man einen armen Snder blo so mndlich und
ohne wenigstens hundert Protokolle zum Schafott befrdern knne. Von Kln war
er, wie er dem Jger frher angekndigt hatte, rechts abgegangen nach Westfalen.
Gern wre er allein gereiset, aber die junge Dame Clelia bekam pltzlich die
Laune, ihren Vetter, den sie sehr lieb hatte, auch sehen zu wollen, und so mute
er sich mit einem sauersen Gesichte unendlich glcklich schtzen, noch lnger
die Ehre des Zusammenseins mit ihr zu haben.
    Nach der Klippe, die in der Nhe dieser Schenke ber einem rauschenden
Waldbache hing, mitzugehen, hatte er natrlich auf das entschiedenste und
hflichste abgelehnt, sich vielmehr whrend des Aufenthalts zu seiner Lektre
niedergesetzt. Diese brachte in ihm stets eine Art von Rausch hervor. Er fhlte
sich immer, solange er in dem wrttembergischen Gesetzbuche las, oder
unmittelbar nach der Lesung der Gegenwart und Umgebung entrckt. Dadurch htte
er heute fast eine unangenehme Szene haben knnen.
    Die Erscheinung des Fruleins zog ihn nmlich eine Zeitlang von dem Buche
ab. Er betrachtete ihren Anzug, er hrte ihre Reden und seine Meinung hatte sich
bald festgestellt. Nachher vernahm er von den Gesprchen der Bauern und des
Chirurgen wenig oder nichts, denn er wnschte die Materie zu Ende zu lesen, bei
deren Erwgung ihn jener sonderbare Auftritt gestrt hatte. Als dieses geschehen
war, stand er auf, ging zu dem Haufen und fragte mit Wrde, indem sein Auge den
Chirurgen als einen Nichtlandmann herausgefunden hatte: Ist hier niemand unter
euch, der eine Art von Amt bekleidet?
    Die Bauern, die bisher nicht auf ihn geachtet hatten, betrachteten ihn jetzt
aufmerksam und neugierig. Schon seine Bekleidung mute ihre Verwunderung
erregen, denn eine dergleichen war in dieser Gegend noch nicht gesehen worden.
Er trug nmlich gegen Regen und Staub einen sogenannten Mackintosh, welcher
offenstehend, dem Manne das Ansehen einer Vogelscheuche, zugeknpft aber die
Gestalt einer Wurst gibt. Der Oberamtmann hatte ihn zugeknpft und sah daher aus
wie eine Wurst. Dieser Rock und die pltzliche Frage machten die Bauern stutzen;
sie stieen einander an, flsterten, aber niemand gab eine Antwort.
    Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet? wiederholte
der Oberamtmann, schrfer betonend.
    Der Chirurgus trat vor, denn seine Ehre erlaubte ihm nicht, auf eine so
bestimmte Frage anonym zu bleiben. Er war sich zwar bewut, keinerlei
Staatsexamen gemacht zu haben und mitunter in Notfllen auch zu rasieren; das
schadete aber dem Gefhle seiner Wrde nicht und trotzig, das Chemisett aus der
Weste zerrend, sagte er: Allerdings habe ich ein Amt in dieser Gemeine, nicht
eine Art von Amt, sondern ein Amt.
    So geht, Freund, jener Person nach und bringt sie zum Vorsteher, damit sie
nach ihren Papieren befragt werde, denn ihr Anzug und ihr ganzes Betragen war
hchst auffallend, und das Pareglement schreibt vor, auf solche
verdachterregende Inividuen berall Augenmerk zu haben.
    Freundschaft, versetzte der Chirurgus mit dem landblichen Ausdrucke, ich
verstehe Euch nicht.
    Der Oberamtmann, welcher sich weit aus Westfalen entrckt whnte, rief
zornig: Ich sage Euch, Ihr sollt mit jener Person zum Gemeinevorsteher gehen.
    Freundschaft, erwiderte der Chirurgus, wenn Ihr etwas beim Vorsteher zu
suchen habt, so geht selbst zu ihm. - Die Bauern murrten und drngten sich halb
lachend und halb ergrimmt nher.
    Der Oberamtmann, der vom Schwarzwalde her die Mittel kannte, widerspenstige
Eingesessene zum Gehorsam zu bringen, warf rollende Blicke im Kreise umher und
rief mit starker Stimme: Wit ihr, wer ich bin?
    Ihr seid nicht recht klug, Freundschaft, fuhr der Chirurgus heraus, der in
so starker Gesellschaft einen ausnehmenden Mut besa. - Sich vergessend, trat
der Oberamtmann auf ihn zu, die Hand erhoben, die Bauern aber drngten sich
tumultuarisch zwischen beide, der Chirurgus sah in solcher Verschanzung sehr
giftig und tollkhn aus, ein Bauer fing die aufgehobene Hand des Oberamtmannes,
zwei andere zerrten hinten an dem Mackintosh, so da die Figur des Oberamtmanns
dem Schmetterlinge zu gleichen begann, welcher der Trauermantel heit, die
anderen lieen bedrohliche Gebrden sehen, und die wildeste Unbill stand bevor,
wenn nicht in diesem verhngnisvollen Augenblicke das junge Paar die Stube
betreten htte.
    Clelia hatte auf einen Augenblick ihre Laune eingebt und sich schchtern
hinter den Gemahl gestellt. Dieser rief den Bauern einige freundlich begtigende
Worte zu, und da sie schon wuten, da er ein Vornehmer war, so lieen sich die
Leute auch sogleich beschwichtigen. Die Hand des Oberamtmannes wurde ihrer Haft
entlassen. Der Mackintosh bekam ebenfalls seine Freiheit wieder, die Bauern
setzten sich still in eine Ecke. Nur der Chirurgus drohte noch einige Male von
fern mit der Faust.
    Clelia sa bei dem Buche und sah lchelnd nach dem Oberamtmanne, der
verlegen und verdrielich im Zimmer auf und nieder ging. Um des Himmels willen,
was hatten Sie denn hier vor? fragte ihn der junge Kavalier leise.
    Diese Schelme versagten mir den Gehorsam, als ich einen zu dem
Gemeinevorsteher schicken wollte, polterte der Oberamtmann.
    Aber, mein Gott, Freund, wir sind ja nicht im Schwarzwalde, sagte sein
Reisegefhrte lchelnd.
    Hier schien der eifrige Beamte erst wieder ganz zu sich selbst zu kommen. Er
warf einen bestrzten Blick auf sein Buch, wurde etwas rot und stotterte: Man
kann sich wohl einmal vergessen, wenn man sich in eine Materie vertieft hat. -
Er wollte das Buch nehmen, der Kavalier kam ihm aber zuvor, las den Titel und
rief verwundert: Wie? Sie studieren gar auf der Reise in Ihrem Gesetzbuche? -
Ich habe es allerdings mitgenommen, versetzte der Oberamtmann, um in migen
Stunden, deren es auf Reisen manche gibt, einige schwierige Punkte darin
reiflicher zu berdenken, als dieses bei der Geschftslast zu Hause mglich
ist.
    Clelia summte halb singend zwischen den Lippen:

Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen s
Als der groe Don Quixote,
Da er das Kastell verlie.

Ihr Gemahl bi sich auf die Lippen und alles sah dem Ausbruche eines Gelchters
ber den armen Oberamtmann hnlich, als dieser sich mit groem Ernste zu der
jungen mutwilligen Dame wandte und sagte: Gndigste Frau, wenn Sie mich fr
eine Art von Akten - Don Quixote halten, dem das wrttembergische Landrecht
berall seinen Oberamtsbezirk phantasmagorisch zeigt, so erlaube ich mir, Ihnen
zu erwidern, da der Ritter von La Mancha in seinem Wahne von einer Zeit der
Gromut, Tapferkeit und Courtoisie in einer nchternen Gegenwart durchaus nicht
geringzuschtzen war, und da daher, wer jetzt in dieser zerfahrenen, reisenden,
umherrennenden Zeit nur in einem Dinge, und sei es auch nur das wrttembergische
Landrecht und ein Oberamtsbezirk, zu Hause sein mag, keinesweges zu den
schlechtesten Staatsbrgern gehren drfte.
    Auf diese komisch-feierliche Anrede streifte die junge Dame den Handschuh
von ihrer weien Hand, hielt diese zum Kusse dem Geschftsmanne hin und sagte:
Ich vergebe Ihnen, denn eigentlich blutet Ihnen doch das Herz, Ernst, wenn Sie
sich so rauh gegen mich anstellen, was Sie freilich meines Gemahles wegen tun
mssen, um ihn nicht eiferschtig zu machen, da man ja wei, da ich immer Ihre
stille Liebe war.
    Solchen pltzlichen Wendungen war er nicht gewachsen und wute ihnen um so
weniger zu stehen, als es ihm immer besonders wohl tat, wenn man ihn fr eine
zrtliche Natur hielt. Er beugte sich daher auf Clelias Hand, kte sie nicht
ohne Ausdruck, sah ihr gedankenvoll in das schne, blhende Antlitz, seufzte und
lachte dann pltzlich, wie in tiefer Zerstreuung, auf. In dieses Lachen waren
nunmehr die jungen Gatten einzustimmen berechtigt und so endete der ganze
Einhergang lustig.
    Der Kammerdiener meldete, da der Oberhof nur wenige Stunden entfernt sei.
Clelia aber, die noch bis vor kurzem ihr Vergngen geuert hatte, den Vetter
mitten aus den Bauern herauszuholen, nderte jetzt pltzlich, was ihr tglich zu
fterem begegnete, ihre Meinung, hielt es fr schicklich, nach der Stadt zu
fahren und Oswald dahin bestellen zu lassen. Wie htte der junge Gemahl, der
nichts als Glut und Zrtlichkeit war, wie htte der geheime zrtliche alte
Anbeter widerstehen knnen? So schwebte denn die kleine volle Gestalt, die ein
braunseidener berrock knapp umschlo, am Arme des Gemahls grazis zur Tre
hinaus und zeigte, als die Mnner ihr die Hand zum Einsteigen boten, das
zierlichste Bein ber dem feinen Fue. Der Oberamtmann erklrte, als er
einsteigen sollte, da er nach der Stadt gehen wolle, weil er um diese Stunde
daheim sich seine Motion zu machen pflege. Der junge Kavalier konnte kaum einen
Ausruf des Entzckens bei dieser Nachricht, die ihm den Wagen ungeteilt mit
seiner Dame versprach, unterdrcken. Sie sah errtend mit halbgeffneten Lippen
vor sich hin, er stieg zu ihr ein, legte ihr aufmerksam die Boa, welche
heruntergefallen war, um Schulter und Leib, und die beiden Glcklichen, deren
ganzes Wesen in ser, sddeutscher Sinnlichkeit schwamm, rollten davon.
    Auch der Oberamtmann kehrte in erhhter Stimmung nach der Schenkstube
zurck, um sein Buch zu holen. Er pfiff sogar fr sich ein Stckchen aus der
Zauberflte, worber er jedoch erschrak, als er es hrte. Inzwischen war der
Mann im braunen Oberrock aus der Krypte wieder nach der Schenke gekommen und
erkundigte sich in der Stube ungeduldig bei dem Wirte, ob noch kein Freiherr von
Mnchhausen dagewesen sei und nach ihm gefragt habe. Auf die verneinende Antwort
des Wirtes, der sehr einfltig zu sein schien, gab ihm der Schriftsteller, der
nicht gern in der Schenke warten, sondern sich durch einen abermaligen Gang die
Zeit vertreiben wollte, seine Karte, damit kein Miverstndnis und keine
Namenverwechselung vorfallen mge. Der einfltige Wirt, der nicht lesen gelernt
hatte und vermutlich glaubte, da ein dritter unparteiischer Zeuge in dieser
dunkelen Angelegenheit das beste Licht verbreiten knne, reichte die Karte dem
Oberamtmanne mit der Bitte, sie ihm zu entziffern. Dieser las was darauf
gedruckt stand, und musterte dann den Fremden, zu dem ihn schon bei dem ersten
Sehen eine gewisse Sympathie hingezogen, mit glnzenden Blicken. Der Blitz von
Galanterie, der bei dem Kusse auf Clelias Hand sich in seinem Herzen entbunden
hatte, fachte die geschftliche Begeisterung nur noch mehr bei ihm an. Er fragte
den anderen rasch und leidenschaftlich: Wissen Sie vielleicht, ob in einem der
Orte weiter abwrts von Kln gegenwrtig Assisen gehalten werden?
    Der Gefragte stutzte, besann sich und versetzte: Assisen? Gegenwrtig?
Weiter abwrts? Ich wei nicht - doch ja - wenn mir recht ist - ich erinnere
mich - in Elberfeld knnen sie bald im Gang sein.
    Elberfeld? Wie weit von hier?
    Acht bis neun Meilen.
    Der Oberamtmann schnippte wie ein Knabe der erfhrt, da keine Schule heute
sei, mit den Fingern und rief frhlich: So kann ich ja wahrhaftig doch noch so
glcklich sein, einer Assise beizuwohnen.
    Der im braunen Oberrock setzte jetzt abermals seine Brille auf, legte die
Hnde auf den Rcken, trat dem Oberamtmanne dicht unter die Augen, zog seine
Brauen zusammen, sah ihn scharf an und sagte darauf: Glckselig, mein Herr? -
Sonderbarer Schwrmer! - Er ging.
    Der Oberamtmann blickte ihn nach. - Wre doch kein Mann fr mich, sagte er
nach einer Pause. Auch er ging, sein Buch in der Tasche, die Galanterie fr
Clelia und die Elberfelder Assise im Herzen.
    Auch die Bauern erhoben sich und wollten gehen, desgleichen der Chirurgus.
Da kam aber der Ehinger Spitzenkrmer in das Zimmer gestrzt und rief berlaut:
Wit's was Neues? Wit's was Neues? Ja, wann die Ehinger nit wren, ihr erfhrt
euer Lebtag' nichts Neues.
    Was ist denn vorgefallen? fragten die Bauern.
    Vorgefallen? Nichts vorgefallen, eingefallen ist was. Das alte Schlo da
droben eine halbe Stund' von hier ist eingefallen in eurem wsten Wind und
Wetter hierzuland'. Ein Mann, der am Dorf vorbeilief, sagt' es mir soeben! O
wenn mein Captain Gooseberry nur nicht noch darin verweilt hat!
    Zum Henker! riefen die Bauern, das ist ja ein vertrackter Streich. Wenn
nur der alte Herr Baron nicht darunter zu Schaden gekommen ist! Kommt alle hin!
- Sie brachen strmisch auf, die einen, um zu helfen, die anderen aus Neugier.
    Der Chirurgus war tiefsinnig in der Mitte der Stube stehengeblieben, den
Finger an die Nase gelegt. - Wollt Ihr nicht mit? fragte der Ehinger, der noch
einmal zurckkam. Ihr knnt vielleicht Hlf' schaffen.
    Allerdings, versetzte der Chirurgus, und brachte den noch von frherer
Zeit heraushangenden Busenstreifen in Ordnung. Trepanieren oder zum wenigsten
sezieren. - Aber, Freundschaft, lat uns langsam nachgehen, denn der Schutt mu
doch erst hinweggerumt werden, bevor die Lebendigen oder zum wenigsten die
Toten herauskommen. - brigens kann dieses anscheinliche groe Unglck eine sehr
ntzliche allgemeine Hauptvernderung bei dem alten Herrn Baron hervorbringen.
    Wie das? fragte der Ehinger.
    Freundschaft, pat auf. Sturz - Fall auf einen harten Krper - Schock! Pia
Mater - Revolution im Cerebellululo - Lebensgeister in Aufruhr - Befreiung -
Gegenschock! - Ich sage nichts weiter.

Womit soll ich dich vergleichen, alte nrrische Erde? Bist du ein Kse, auf dem
Milben umherkrabbeln? Bist du ein Schachbrett, auf welches eine unsichtbare Hand
die Figuren nach einer gewissen Ordnung und Regel stellt, und wo dann der groe
Spieler sie planvoll Zug und Gegenzug machen lt, weil er mit sich selber die
geheimnisvolle Partie spielt? Oder bist du ein Mittelding von beiden, ein
schnes, getfeltes, blankgebohntes Parkett, auf dem bei dem Schalle der Flten
und Geigen reizende Mdchen und hbsche Jnglinge den Cotillon tanzen, den
reichen, tourenunerschpflichen Tanz, und alte Herren umherstehen, und zrtliche
verwelkte Mtter umhersitzen? Niemand wei, ob ihn nicht eine Schne in einer
artigen Kaprice, wie das launenvolle Glck, holt, auf da er mit dem
holdatmenden Glcke noch eine unerwartete Runde durch den Saal mache; und
andere, welche meinen, ihnen knne es nicht entgehen, bleiben ungeholt. -
Pltzlich zerstrt ein ungeschickter und bersehener Stuhl die knstlichsten
Reigen und manche zrtliche Mutter wird unversehens auf den Fu getreten, und
die alten Herren wissen nicht, wohin sie sich vor einer improvisierten wilden
Promenade der Jugend retten sollen. Mnadisch raset der Schwarm bis in die
fernsten Seitenzimmer, und die Whisttische werden umkreiset; einen Augenblick
sehen runzlichte Gesichter aus Galakleidern von der gemalten Coeurdame auf nach
den lustklopfenden Busen der tanzenden Mdchen und zwei Tiefdenker, die Punsch
trinken und philosophieren ber schwerbewegliche Dinge, sind gestrt und
versenken sich in die Betrachtung leichtgeschwungener Glieder - einen Augenblick
nur - die Jugend promeniert nach dem Saale zurck und Robber und Philosopheme
nehmen wieder ihren Fortgang.
    Ja, alte nrrische Erde, du bist kein milbentragender Kse, du bist auch
kein quadriertes Brett fr streng berechnete Zge. Du bist das Parkett, auf dem
wir im Cotillon geholt werden, oder stehen bleiben nach Damenlaune, auf dem die
alten Herren ins Gedrnge kommen und die zrtlichen Mtter vor Schmerz ber ihre
gemihandelten Fe zuweilen aufschreien mchten, auf dem hlzerne Sthle den
schnsten Reigen zerbrechen knnen, auf dem der bermut der Jugend zwischen die
Karten und Argumente der Gala und Philosophie fhrt, auf dem pltzlich alles
auseinanderluft und sich ebenso pltzlich alles wieder zusammenfindet! -

Ist es mglich? bin ich verzaubert heute? oder bist du es wirklich? rief der
junge Graf Oswald, der jetzt den Kamm des Gebirges wieder erreicht hatte einen
Menschen in blauem Kittel und Holzschuhen an, der ihm entgegenkam, ein groes
Bund Heu auf dem Rcken.
    Der alte Mensch sah auf, lie zwar das Bund Heu sinken, gab aber sonst kein
Zeichen lebhafter Verwunderung von sich, sondern sagte blo: Ei, da sind Sie
ja! Ich dacht' wohl, da Sie mich nicht sitzenlassen wrden. - Darauf kte er
seinem jungen Gebieter freundlich die Hand.
    Jochem, bist du's, oder bist du's nicht?
    Ja freilich bin ich's, mein Herr Graf.
    Aber um des Himmels willen, wie kommst du denn hieher, und was treibst du
hier? Und warum suchtest du mich denn nicht auf? - Er legte seine Hand auf den
Kittel des Alten, gleichsam um sich durch das krperliche Gefhl zu berzeugen,
da ein wirklicher Mensch vor ihm stehe.
    Der Alte lie sich ruhig befhlen, ehe er antwortete. Denn er gehrte zu den
Leuten, die nur sehr selten aus der Fassung kommen. Er schob seinem jungen
Gebieter das Bund Heu hin, dieser mute sich darauf setzen, Jochem stellte sich
vor ihn und erzhlte nun folgendermaen.
    Will Ihnen alles vermelden, mein Herr Graf, sagte er, aber eins nach dem
anderen. Wie ich hieher komm'? Zurck von der groen Reis', die ich auf Ihren
Befehl machte. Hab' mich immer rechts gehalten, wie meine Kommission lautete,
kam erst nach Kassel, wste Kerl' dort, sonst nichts zu sehen, dann nach
Magdeburg, auch wste Kerl' dort, sonst auch nichts zu sehen, dann nach Berlin,
ebenfalls wste Kerl' dort, ebenfalls sonst nichts zu sehen; und so retour
wieder hieher ber Magdeburg und Kassel, da's Geld gerad' zur Hlft' ausgeben
war zu Berlin, und ich berdies meine Kommission schn ausgerichtet hatte
alldort. - Was ich hier treib'? - Sitz' schon seit acht Tagen beim Bauer im Heu,
helf' ihm Heu machen, um mir mein Tagebrot zu verdienen, denn der letzte Kreuzer
war ausgeben, als ich diese wste Gegend wieder erreicht hatt'. - Warum ich Sie
nicht aufgesucht? - Hatten damals beim Abschied keine recht deutliche Sprach'
miteinander gefhrt, wo ich meinen Herrn Grafen wiederfinden sollt'. Dacht'
also, das Sicherste wr', wenn ich sitzen blieb', wo ich eben war, denn das
wut' ich, da mein Herr Graf mich ausspren wrden und abholen, und s' ich im
Mittelpunkt der Erd'. Blieb deshalb auch ganz ruhig und macht' in Zufriedenheit
mein Heu, obgleich es eine Lebensart ist, die sich nicht ganz fr meinen
sonstigen Stand schickt. Dacht' aber immer: Heut kommt der Herr Graf und holt
dich ab, und kommt er heut nicht, so kommt er morgen, und so hat sich's nun auch
zugetragen.
    Unserem Oswald tat es nach den fratzenhaften Ereignissen des Tages wehmtig
wohl, mit seinem Alten zusammenzutreffen. Eine Trne trat in sein Auge. Er
drckte dem Alten die Hand und sagte: Du hattest ganz recht, Jochem, als du
glaubtest, ich werde nach dir forschen, und sest du im Mittelpunkte der Erde.
- Jochem blieb hierbei trocken, wie immer und versetzte: Sie haben auch
schwbisch Blut im Leib, mein Herr Graf, und das verlt einander nicht -
Oswald sah sich um und erblickte verwundert einen Heuschoppen in der Nhe, der
ihm so vorkam, wie der, in welchem er die Nacht zugebracht hatte. Wo hast du in
voriger Nacht geschlafen? fragte er.
    Dort im Schoppen, versetzte der Alte, wie alle Nacht mein Amt ist, um dem
Bauer sein Heu zu bewachen.
    Sein Gebieter erzhlte ihm nun, da sie diesem Umstande zufolge schon in der
Nacht unwissend zusammen gewesen seien, worber Jochem anfangs erstaunte und
uerte, unter dem wsten Volk wisse man gar nicht, was einem alles begegnen
knne, es sei erstaunlich, da zwei Landsleut' zusammen im Heu lgen und
einander nicht erkannten. Ich wollt' anfangs den Menschen, der sich da ins Heu
eingedrungen, bei Nacht hinaustreiben, fgte er hinzu, lie es aber doch sein,
weil ich dacht', er mchte sich drauen erklten. So ist Menschenfreundlichkeit
doch immer etwas Gutes und zu vielen Dingen nutz.
    Jochem, sagte der Graf, httest du mich hinausgetrieben, so wrdest du
mich frher erkannt haben.
    Dieser Einwurf machte den Alten verwirrt. Er sah stutzig vor sich nieder,
dann ballte er die Faust und murmelte ingrimmig: Nun sag' ich's doch! In der
Fremd', unter dem wsten Volk steht alles windschief. Man wei bei den Sachsen
und Polacken nicht, ob man menschenfreundlich oder menschenfeindlich sein soll.
    Er besann sich und fuhr fort: Von meiner Kommission habe ich noch gar nicht
geredet. Den Schrimbs oder Peppel -
    La ihn, unterbrach ihn sein Gebieter bestrzt.
    Nein, seine Kommission mu man gehrig ausrichten! rief Jochem eifrig.
Den Schrimbs oder Peppel hab' ich richtig gefunden. Ich hab' ihn auf der
Schlobrucken zu Berlin stehen sehen, er kuckt' ins Wasser und ich sah ihn von
hinten und da ging er fort und ich konnt' ihn nicht einholen, aber ich hab' mich
nicht getuscht und wenn wir nun uns beide dahin auf den Weg machen, so werden
wir ihn gar nicht verfehlen.
    Wie nach Homer der Mensch, er mag noch so unglcklich sein, immer Hunger
behlt, so gibt es auch Dinge, die den Betrbtesten zu lachen machen knnen. Der
junge Graf Oswald war sehr betrbt, aber die Entdeckung Jochems, da Schrimbs
oder Peppel auf der Schlobrcke zu Berlin gestanden habe, bewirkte, da er
lachen mute. Jochem, der seine Sachen sehr gut gemacht zu haben glaubte, fhlte
sich dadurch etwas beleidigt. Nach einer Pause fragte er: Was htten mir denn
nun der Herr Graf zu befehlen?
    Oswald war von seiner kurzen Lustigkeit schon wieder zurckgekommen. Er
stand auf, ging heftig hin und her, ballte seine Hand, drckte sie wider die
Stirn, sein schnes Antlitz zuckte vor Schmerz, er ri an seinen braunen Locken,
er nagte an seiner Lippe. Der Alte, der sich in seinen jungen Herrn nicht zu
finden wute, stellte sich, die Kniee nach vorn gebogen, die Hnde und Arme auf
seine Schenkel gestemmt, hin und sah ihm traurig zu. Mit Ihnen ist etwas
vorgegangen, mein Herr Graf, sagte er ehrlich und sanft.
    Da trat Oswald rasch zu ihm. Er drckte den Kopf des Alten heftig gegen
seine Brust und rief im herzzerreiendsten Tone: Ja! Ja! mit mir ist etwas
vorgegangen! Leise weinend sagte er ihm ins Ohr: Ich habe eine Braut, Jochem!
-
    Aber hier brachen die Gefhle des alten trockenen Menschen mit einem
Ungestm aus, der nicht zu beschreiben ist. Jubelnd und schreiend stie er
seinen jungen Herrn wie einen niederen Knaben von sich zurck, sprang in dem
Nebel auf dem braunen Heideplatze schwerfllig und ungeschickt wie ein alter
treuer Hund, der den Herrn wiedersieht, umher, klatschte in die Hnde und rief:
Juchhe! Juchhe! Ach, das Glck, das ausbndige Glck! Ach, so sollen meine
alten Augen denn noch den Tag erleben, wo ich meinem Herrn Grafen und seiner
schnen, lieben gndigen Braut zur Hochzeit aufwarten darf! O ber den klugen
Einfall von meinem Herrn Grafen! Ach wo ist sie, wo ist das liebe gute gndige
Frulein, da ich ihr die Fe ksse und den Saum des Rocks? - Seine
abgenutzten Krfte reichten aber nicht weiter. Er mute stillstehen, hielt sich
die Seiten, keuchte und war auer Atem.
    Der junge Graf Oswald hatte sich auf die Erde geworfen, das Gesicht in das
Heu gedrckt. Seine Arme waren ausgestreckt darber hingebreitet; er schluchzte
bitterlich. - Alles, alles kann die Liebe ertragen! jammerte er. - Not
ertrgt sie und Elend verkittet sie und selbst die Untreue wei sie zu
berdauern und in die Bahn der Treue hold zurckzufhren! Aber eines ertrgt
Liebe nicht: Das Lcherliche! Das Scheulich-Lcherliche! Mut du lachen, wenn
du dein Lieb im Arme hltst und denkst, woher sie rhrt, so ist es aus mit der
Liebe, aus! Liebe stirbt vom grellen Lachen! O mein ser, einziger Tag - o du
Tag meiner Tage! so rasch gingst du unter, herrliche Sonne? Ach, meine Brust,
wie tut sie weh! Die Fratzen haben sie zerschnitten mit dem grellen Lachen und
sie wird bluten, sehr bluten!
    Er richtete sich empor und schttelte sich wie vor Fieberfrost in dem
hlichen kalten Dunst da droben auf der Bergeshalde. Seine dunkelen Locken
hingen ihm tief wie Wolken in das Gesicht. Dumpf sagte er: Nimm dieses Geld,
Jochem, bezahle damit, was du etwa schuldig bist und deine Zehrung. Erwarte mich
in der Stadt bei dem Diakonus. Morgen, oder vielleicht noch heute abend komme
ich hin. Jetzt gehe ich nach dem Oberhofe, um dem Mdchen Adieu zu sagen.
    Adieu? fragte der Alte, der aus dem Himmel seiner Freude gestrzt war.
    Ich werde das Mdchen, mit welchem ich mich verlobte, nicht heiraten,
sagte Oswald, bemht, seiner Stimme Festigkeit zu geben. Sie ging aber bei den
letzten Worten in ein gebrochenes Zittern ber. Er schritt schnell ber den
Abhang des Berges nach der Brde hinunter.
    Der alte Jochem sah ihm nach. Er beschaute das Geld, welches ihm der Graf
gegeben hatte, dann sah er die Stelle an, wo die Klagen seines Herrn erschollen
waren, dann nahm er seinen Hut in die Hand und drehte ihn, Kopf und Krempe
achtsam betrachtend, hin und her. Er setzte den Hut wieder auf und sprach
sodann: Wenn dieser mein Herr Graf sich mit dem Mdchen verlobt hat, so wird er
ihr nicht Adieu sagen, sondern sie heiraten.
    Hierauf ging er nach dem Gehfte seines Bauern, um mit diesem alles in
Richtigkeit zu stellen, seinen eigentlichen Rock wieder anzuziehen und sodann zu
tun, was ihm der Graf befohlen hatte.

Der Schriftsteller ging zum zweiten Male nach der Krypte. - Sollte er mich
miverstanden haben? Sollte er mich dort erwarten? Gesprochen habe ich freilich
davon ... sagte er fr sich. Mnchhausens Ausbleiben machte ihn unruhig. Er
ging nicht ohne einen leichten Schauder durch die Kirche nach den Stufen, die in
die Kluft hinunter fhrten. Seine sonderbaren Gedanken hatten ihm den dsteren
Ort mystisch bevlkert.
    Die Ahnung hatte ihn nicht getuscht. Indem er zu den Schatten und trben
Lichtern der Kluft eintrat, hrte er ein Gerusch in der Nhe des Altars. Er
fate sich ein Herz, ging zu der Stelle und fand wirklich den, auf den er so
lange gewartet hatte. Hinter der Gruppe am Kreuz sa Mnchhausen auf einem alten
Opferstocke, den man, weil er unbrauchbar geworden sein mochte, dort hingestellt
hatte. Als der Schriftsteller seinen Kuranden nher betrachtete, soweit dieses
die Dunkelheit des Ortes zulie, erschrak er, denn der Abenteurer sah ganz
anders aus, wie am Morgen. Sein Gesicht schien vllig eingefallen zu sein, die
Backenknochen schienen weit hervorzustehen. Auch der Anzug war in Unordnung.
Keinen Hut hatte er auf dem Kopfe, die Uniform klaffte vorn weit auseinander,
die Weste war aufgerissen, die nackte Brust zeigte sich. Er sprach kein Wort.
Der Schriftsteller fate seine Hand an, sie war grabeskalt.
    Dieser nahm sich zusammen und sagte fest: Was soll das? Warum sitzt Ihr
hier? Folgt mir nach der Schenke!
    Kommt sie? flsterte Mnchhausen leise mit hohler Stimme.
    Wer?
    Sie! Der bse Feind. Hu! - An den Rcken kennt man sich wieder, wenn die
Gesichter unkenntlich geworden sind. Warum zog ich meinen roten Rock an, warum
ging das Rosakleid nicht verloren und der grne Schuh und der Paradiesvogel? -
Abscheuliche Erinnerung!
    Welche Erinnerung?
    Die! - Erinnert Euch an heute morgen! Einen Punkt gibt es im Leben jedes
Menschen, an den darf man nicht rhren, sonst wird der Mensch toll. Eine Gestalt
gibt es, wenn die kommt und sich an den Pfeiler Laran gegenber stellt, und
nichts weiter sagt als: Er ist's! so kann Lara sich nicht mehr zufriedengeben.
Eine Gans zu belgen und zu verfhren, um Geld zu kriegen und dann hren zu
mssen, die Gans sei kahl, gerupft! Puh! Einzige Snde meines Lebens! Abben
wollte ich sie durch tausend bufertige uneigenntzige Lgen! - Umsonst! Die
Gans erscheint wieder. Armer Mnchhausen! Wie herrlich standest du da noch vor
drei Stunden! Mnchhausen war gro, Mnchhausen war ein Held, denn Mnchhausen
hatte selbst die Feigheit berwunden und wollte sich schieen. Und so
zertrmmern zu mssen! -
    Man wird Euch ja wohl vor Angriffen und Zudringlichkeiten schtzen knnen,
sagte der Schriftsteller, der nun allgemach den Zusammenhang begriff.
    Wer? Schtzen? Nein! antwortete der Freiherr todesmatt. Du kannst dich
vor dem Lichte verbergen, du kannst eine Hhle finden vor dem Orkan, wenn er
dahersauset, und bckst du dich beizeiten, so fhrt die Kanonenkugel ber dich
hin, aber du kannst dich nicht verstecken vor einem tollen Weibe, das dir
nachluft. Sie hat mich ausgewittert, sie wird mich finden allerorten. Es gibt
Vorurteile in der Welt. Man soll heiraten, wen man ... Sie heiraten!
Schrecklicher Gedanke!
    Der Schriftsteller dachte: Ich hoffe, der Ehrgeiz soll auf ihn wirken. Er
sagte daher: Mnchhausen, der Erbprinz erwartet Euch. - Aber mit einer
vielsagenden Gebrde nahm der Freiherr aus der Tasche seiner Uniform den Brief
jener hohen Person und zerri ihn. Der Schriftsteller, den diese symbolische
Handlung uerst betroffen machte, fragte ihn, was er denn nun eigentlich
vorhabe, was er beginnen wolle?
    Verdampfen! Verduften! Verschwinden! sagte der Freiherr. - Ihr seht mich
nie wieder, Ihr hrt nichts mehr von mir. Lebt wohl! Mein Tagwerk ist getan.
Lat uns wie Mnner scheiden! Keine Trne bei diesem Abschiede! - Sie werden mir
nachzupfuschen suchen, aber Ihr werdet, das wei ich, ewig Euren Freund
vermissen.
    Sein Kurator suchte alle Grnde hervor, womit ein Mann, der sich in heiler
Haut wei, den Leidenden berzeugen zu knnen glaubt, da es die Pflicht des
Leidenden sei, nicht zu leiden. Er erinnerte ihn an die Aufgabe, die das Leben
jedem zu lsen gebe, nmlich sich zusammenzunehmen und unter allen Umstnden
gefat zu bleiben. Er sprach von Cato, Sokrates und von anderen groen Mnnern
des Altertums, er sagte ihm zuletzt, eine feuchte und kalte Krypte sei
wenigstens auf keinen Fall der Ort, um lange darin ohne Schnupfen und Husten zu
verweilen.
    Nun denn! rief Mnchhausen, dessen Lebensgeister noch einmal wild
aufzuspringen schienen, so will ich eine neue Religion stiften und Ihr sollt
Ali sein, der erste der Glubigen. Bringt Wein her, feurigen Wein, schumenden
Wein, wir wollen den Manen des Toten da am Kreuz eins zutrinken!
    Der Schriftsteller trat drei Schritte zurck. - Nein, das wollen wir hbsch
bleiben lassen! rief er so tnend, da es durch das Gewlbe hallte. Alles mu
seine Grenzen haben.
    Wofern Ihr das nicht wollt, so verschafft mir wenigstens einen Mantel und
einen Hut, damit ich mich anstndig sehen lassen kann, sagte der Freiherr.
    Der andere wandte sich, stieg aus der Krypte empor, um das Begehrte
herbeizuschaffen. Er war jedoch kaum oben angelangt, als er ein heftiges Getse
unten vernahm. Es war, als ob Steine von ihrem Orte gebrochen wrden und dann
schollernd niederfielen. Sogleich eilte er, schlimmer Ahnung voll, in die Kluft
zurck. Mnchhausen war von seinem Sitze verschwunden. Der andere sah sich um;
nirgends war er zu erblicken. Er rief; es erfolgt aber keine Antwort. Er suchte
hinter den Pfeilern, in den Seitennischen hinter den Grabmlern, bei den
Steinhaufen; vergebens! Der Freiherr hatte sich nirgends versteckt.
    Nach der Schenke zurckgekehrt, bewog er einige Bauern, ihm mit Laternen und
Windlichtern zu folgen. Bei deren Scheine wurde nun eine zweite sorgfltige
Nachsuchung vorgenommen. Umsonst! man forschte nach einem geheimen Gange aus der
Krypte, aber diese zeigte sich, wohin man leuchtete, umschlossen, auch wollten
die Bauern von einem solchen nie etwas gehrt haben. Man prfte endlich mit
Stcken und Hacken das Pflaster und Gemuer, ob es nicht irgendwo losgebrochen
und nur notdrftig wieder zugesetzt sei. Pflaster und Gemuer waren berall
fest. Diese vergebliche Arbeit dauerte ber eine Stunde. Endlich mute man von
ihr abstehen. Mnchhausen war und blieb auf unbegreifliche Weise verschwunden.


                                  Vierter Teil

                                An Ludwig Tieck

Sie schrieben mir vor einigen Monaten und sprachen mir Ihre Freude ber den
ersten Teil des Mnchhausen aus, den Sie damals gelesen hatten. Dieser Brief
kam ganz frei aus Ihrer Seele, denn ich hatte es unterlassen, Ihnen ein Exemplar
meines Buches zu senden. Er war mir unverhofft und eine freudige berraschung.
Doppelt aber erfreute er mich. Denn einmal mute es mir wohl sehr lieb sein, da
Sie sich so an den Anfngen meines Werkes ergtzt hatten, dann aber zeugte die
liebenswrdige Lebhaftigkeit Ihrer Worte von der fortblhenden Jugend, welche
wie ein Kranz schner Rosen Ihre ehrwrdigen Schlfen umschmckt.
    Ich nahm mir gleich vor, Ihnen zu antworten und zu danken. Nachher aber
berlegte ich, da der beste Dank die Tat ist und schwieg daher bis zur
Vollendung des ganzen Werkes. Nun ist es fertig und ich widme Ihnen seinen
Abenteurer und seine guten Menschen, seine Possen und seinen Ernst mit diesem
letzten Teile. Darber reden kann ich nicht; es wirke auf Sie, wie es eben die
Kraft und Fhigkeit in sich besitzt. Aber einen offenen Brief schreibe ich Ihnen
dazu vor dem Angesichte auch anderer Leser, denn manches wollte ich Ihnen sagen,
was sich in einem solchen doch noch besser ausnimmt, als unter einem Siegel,
welches nur Ihre Hand erbrche.
    Immer habe ich mich am glcklichsten gefhlt, wenn mein freies Gemt sich
zum Schuldner fr empfangene Wohltat bekennen durfte. Dieses reine Glck
empfinde ich auch jetzt, indem ich an Sie schreibe. - Man hat mich oft einen
Nachahmer genannt, und der Tadel, der in dieser Bezeichnung liegt, mag meine
frhesten Versuche nicht ohne Grund getroffen haben, obgleich mich nie ein
ffischer Trieb kitzelte, sondern stets ein innerer Drang bewegte. Spter, als
mich Leben und Bildung gereift hatten, meine ich jederzeit ein Eigenes gebracht
zu haben, wenn ich mich fremden Mustern anlehnte. Ich vermied keine
Reminiszenzen, weil ich wute, da diese doch immer ein nur mir gehriges Leben
in mir aufgeweckt hatten. So mchte ich denn eher den Namen eines Schlers fr
mich in Anspruch nehmen. Und in einer Zeit, worin so viele Meister, wie sie
behaupten, vom Himmel fallen, drfte ein guter Schler der Abwechselung halber
kein ganz verchtlicher Gast am Parna sein.
    Auch zu Ihrem Schler bekenne ich mich gern, freudig und ffentlich. Sie
haben unter uns Deutschen einen ganz neuen Scherz erfunden, Sie haben der Natur
fr manchen ihrer geheimsten magischen Tne die Zunge gelset, viele
Beobachtungen und Erfahrungen haben Sie mitgeteilt, die vor Ihnen niemand
gemacht hatte. Alles nun, was in mich von Ironie, Spott, Laune gelegt worden
war, ein tiefes Bedrfnis, welches mich von meiner Kindheit her oft froh machte,
oft auch ngstigte, die Signatur der stummen Dinge zu erkennen, endlich mein
Verlangen, mich ber das eigenste Wesen der Dichter und der Bhne aufzuklren -
alles das fand, wie hufig! bei Ihnen Lehre, Beispiel, Fhrung. Ich verehre Sie
als einen meiner Meister und in meinen guten Stunden wage ich mir zu sagen, da
Ihnen der Schler gerade keine Schande mache.
    Aber eine elegische Empfindung kann ich nicht bewltigen, wenn ich an Sie
denke. Sie stehen gefeiert, wrdig, nachwirkend da, das ist wahr. Um eine
Entfaltung jedoch hat das Migeschick der Umstnde Sie und uns gebracht. Sie
htten der Vater des deutschen Lustspiels werden knnen, wenn die Bhne Ihrer
frischesten Zeit entgegengekommen wre, und dieses Lustspiel wrde das grte
der modernen Zeiten geworden sein. Denn nicht auf das Einzelgeschick eines
Liebespaares, oder auf die Schilderung einer nrrischen Sitte, oder eines in der
Verborgenheit sein Wesen treibenden Toren kam es Ihnen an, sondern Ihre komische
Muse lchelte ber die ganze Breite der Welt und der Zeit, sie schmckte mit
bunten Blumen, die sich dann wieder zauberisch in Schellen verwandelten, die
ffentlichen Charaktere, sie fhrte mit reizender Schalkheit, die wie Ehrfurcht
aussah, komische Knige und Helden im Triumphe auf. Wenn ich an die Kraft und
Gewalt Ihrer Figuren mich erinnere, an den tiefsinnigen, freien, groen,
unerschrockenen Humor in Oktavian, Zerbino, Kater, Dumchen, Blaubart,
Fortunat und in der Verkehrten Welt, so wei ich nur ein Gegenbild zu diesem
Lustspiele in der ganzen Geschichte der Poesie zu finden; es ist das des
Aristophanes. - Ich habe oft Ihre Gedichte vorgetragen, und wenn es mir gelang,
dem Dichter nachzukommen, so kann ich wohl sagen, da empfngliche Zuhrer in
einen bacchischen Taumel der Lust gerieten.
    Aber keine attische Bhne empfing Sie und brachte auf den Brettern Ihre
Produktion zu der Flle und Vollreife, die nun einmal der Dramatiker nur
gewinnen kann, wenn er seine Geschpfe da droben auf dem Gerste in Fleisch und
Blut umherwandeln sieht. Man sagte, diese Sachen seien sehr schn, sehr witzig
und lieen sich beraus wohl anhren, aber aufzufhren seien sie nicht. Das war
aber eine Unwahrheit. Denn ich habe hier den Blaubart zweimal darstellen
lassen. Ich hatte weniger Mhe von ihm, als zum Beispiel vom Glckner von Notre
Dame, die Schauspieler fanden sich bald hinein und spielten mit Lust und Liebe
darin, was aber den Erfolg betrifft, so war dieser bei der ersten Darstellung
ein entschiedener und bei der zweiten der allerglnzendste. Wenig hatte das
Stck gekostet, und viel brachte es ein. - Ich wollte nicht dabei stehenbleiben,
sondern ich dachte schon an Fortunat, selbst an Dumchen und an das
schnurrende Tier in Stiefeln. Aber die Dsseldorfer Bhne ging wegen Mangels an
Gunst, Schutz und Geld unter, und so blieben denn jene Gedanken Trume.
    Warum ich diese Saite hier berhrt habe? Weil mir Ihr ganzes Bild
vorschwebte und zu einem vollen Menschenleben die Entwickelungen und die
Vereitelungen gehren. Wenn ich mit Ihnen Mund gegen Mund reden durfte, so
hatten unsere Gesprche immer einen Gehalt; eine gewhnliche Dedikations-Epistel
konnte ich Ihnen daher nicht schreiben. Nehmen Sie meine Worte auf, wie ich sie
gemeint habe, und vor allen Dingen - leben Sie noch lange, leben Sie munter und
krftig fort, sich und uns zum Segen!

    Dsseldorf, den 20. April 1839,

(an dem Tage, wo die letzten Seiten des Mnchhausen zu Ende geschrieben
wurden).

                                                                       Immermann


                                 Siebentes Buch

                          Das Schwert Karls des Groen

                                 Erstes Kapitel

                        Der Lendemain in einem Oberhofe

Whrend des Hochzeitschmauses und des Tages, der darauf folgte, hatte der
einugige Spielmann im Eichenkampe nicht weit vom Oberhofe gesessen. Man brachte
ihm Speise und Trank dorthin, er rhrte aber nur wenig an und geno auch dieses
wenige mit Widerstreben, etwa so viel, als hinreichte, seinen wtenden Hunger zu
stillen. Die Stelle, wo sich dieser Mensch aufhielt, lag kaum fnf Schritte von
der Strae ab, die durch den Kamp fhrte, sie war von den dicksten und hchsten
Stmmen berstanden, deren einer mit seinen gewaltigen Wurzelknorren eine
natrliche Brustwehr vor dem Erdreich bildete, welches hinter ihm in eine
Vertiefung ablief, auf deren Rande man bequem sitzen konnte.
    Dort sa denn auch der Spielmann und sah beharrlich lauernd nach dem Hause
hinber. Zuweilen erhob er sich mit halbem Leibe, um aufzustehen, und dies
geschah, wenn sich eben niemand in der Tre und im Flure des Oberhofes blicken
lie, aber bei dem Ab-und Zulaufen der Menschen dauerte das immer nur einen
Augenblick. Sobald wieder Menschen sichtbar wurden, setzte er sich immer wieder
unwillig hin. Auch drehte er zuweilen heftig an seinem Leierkasten, worauf
dieser widerwrtige Tne von sich gab, die pfeifend und heulend ausklangen.
Darber machten die Leute, die eben vorbeigingen (und es gingen viele an jenem
Tage durch den Eichenkamp), ihre groben Spe, und einer oder der andere sagte,
der Patriotenkaspar pfeife aus dem letzten Loche. Doch uerte sich so meistens
nur das junge Volk, dessen Erinnerung den Spielmann blo als eine lcherliche
Gestalt kannte; die Alten bekmmerten sich hier so wenig um ihn als
andererorten, wenn sie ihm zufllig begegneten. Die Spe der jungen Leute lie
der Patriotenkaspar ruhig und ohne Erwiderung an sich vorbergleiten, oder
hchstens zwinkerte er dazu mit seinem unversehrt gebliebenen Auge. Ging aber
ein Alter vorbei, der gar nicht tat, als ob er, der Patriotenkaspar, der die
alte Orange in Schoonhoven mit hatte vermolestieren helfen, da sitze, so ballte
er grimmig in dessen Rcken die Faust und murmelte: Ihr Schubjacken! Aber ich
werde euren Obersten schon ...
    Was ihm am Tage milungen war, nmlich in das Haus einzudringen, das meinte
er, werde ihm in der Dunkelheit des Abends glcken. Aber er hatte sich
getuscht. Denn als es finster wurde, begannen ein paar Mgde vor dem Hause ein
Topfwaschen und Kesselscheuern, welches bis spt dauerte und ihn verhinderte,
unbemerkt hineinzuschlpfen. Als diese mit dem letzten Kessel fertig waren,
hatten inzwischen zwei Betrunkene sich in die Tre gestellt, wovon der eine dem
anderen seinen Proze klarmachen wollte, den er seit mehreren Jahren ber eine
Durchgangsgerechtigkeit fhrte. Der andere sagte nach jedem Satze seines
Nachbarn: Verstanden, und fragte darauf: Wie war es aber eigentlich? Der
Prozefhrende wiederholte dann seinen Satz, der andere noch einige Male sein
verstehendes und fragendes Wort; so rckte die Geschichte uerst langsam vor,
und es war kein Ende derselben abzusehen. Dabei hatten die beiden noch gerade so
viel Besinnung, um jeden, der zwischen ihnen durch in die Tre gehen wollte, mit
heftigen Gebrden zurckzuweisen, weil sie, in die Prozegeschichte vertieft,
behaupteten, hier sei keine Durchgangsgerechtigkeit. Weshalb denn auch mehrere,
die sich mit jener Absicht ihnen nherten, um Streit zu vermeiden, zurck und
neben dem Hause vorbei nach der Hoftre gingen, der Spielmann aber die
Ausfhrung des Vorsatzes, der ihn an seine Stelle fesselte, aufgeben mute,
solange die Betrunkenen da standen. Endlich, es war schon Mitternacht, kam ein
Dritter vom Flure nach der Tre gegangen, fate, ohne ein Wort zu sagen, die
beiden von hinten am Kragen, zog sie zurck und in den Flur, schlug aber darauf
sogleich die Tre zu und verriegelte sie von inwendig. Sie wurde nachmals nicht
wieder aufgetan.
    Die Hochzeitgesellschaft verlor sich gegen ein Uhr nachts und der Oberhof
lag nun in dunkelen Schatten still und lautlos da. Jetzt erhob sich der
Spielmann von seinem Sitze und umschlich das Gehft tckisch sphend wie eine
Katze, um irgendwo eine offenstehende Lucke oder sonst eine vergessene ffnung
zu finden, durch welche er eindringen knnte. Aber es wollte sich nichts
dergleichen finden, und als er an der niedrigsten Stelle der Hofesmauer sich
bereitete, berzusteigen, erhoben die Hunde im Hofe ein solches Gebell, da er
befrchten mute, es mge jemand im Gehfte wach werden. Er wich daher auf den
Zehen und die Zhne zusammenbeiend zurck und ging wieder, seine Flche
verschlingend, nach der Sitzstelle im Eichenkampe, wo er nun ebenso hartnckig
in der Nacht ausharrte, wie bei Tage.
    So sa dieser Mensch einen ganzen Nachmittag, einen Abend und mehrere
Stunden der Nacht hindurch, erpicht auf sein Vorhaben. Und gleichwohl war dieses
nicht auf ein groes Verbrechen oder einen reichlichen Vorteil gerichtet; er
wollte dem Hofschulzen weder seine Geldscke rauben, noch ihm das Haus ber dem
Kopfe anznden, sondern nur ihm einen Schabernack anzutun bte der Feind des
Reichen eine solche zhe Beharrlichkeit.
    Gegen vier Uhr morgens endlich, als die Gegend noch im halben Dmmer lag,
wurde die Tre aufgestoen, ein Knecht kam herausgegangen um Wasser zu holen und
diesen Augenblick benutzte der Lauerer, um in das Haus zu schlpfen. Er lief
ber den Flur und die Treppe hinauf, sich vorlufig zu verbergen und whrend des
Tages, wann, wie er vorher wute, der Oberhof von allen Bewohnern verlassen
werden wrde, mit seiner Beute zu entkommen.
    Nachdem es heller Morgen geworden war, ging der Hofschulze, zwei groe
Geldscke tragend von dem oberen Teile des Hauses nach der Stube unten neben dem
Flure und hinter ihm drein ging der Schwiegersohn. Dort setzten sich beide
schweigend, wie gestern bei allen wesentlichen Stcken der Hochzeit, an einen
groen Tisch. Jeder von ihnen ffnete einen Sack und zhlte aus demselben
dreitausend Taler in harten runden Talern auf. Es strte den Hofschulzen nicht,
da mehrere Hausgenossen und auch einige Nachbarn, welche sich schon im Hofe
eingefunden hatten, vom Flure aus, oder in der Tre der Stube stehend, diesem
Aufzhlen zusahen. Vielmehr schien es ihm lieb zu sein, Zeugen bei dieser
Handlung zu haben, die seinen Reichtum dartat, wie ein hin und wieder zur Seite
geworfener stolzer und schmunzelnder Blick andeutete. Das ganze Geschft nahm
wie es begonnen worden, seinen Fortgang und erreichte auch so seine Endschaft;
nmlich beide Hauptpersonen redeten kein Wort miteinander whrend des
Geldzhlens. Als sechstausend blanke Taler auf dem Tische lagen und von dem
Schwiegersohne sorgfltig nachgesehen worden waren, schrieb dieser stumm die
Quittung ber die empfangene Mitgift und reichte seinem Schwiegervater den
Schein, ohne Dank zu sagen, hin, strich sodann das Geld wieder in die beiden
Scke ein und setzte sie zur vorlufigen Verwahrung in einen Wandschrank, der
sich in der Stube befand und von welchem er die Schlssel zu sich steckte.
    Der alte Schmitz hatte das Geschft unterbrechen wollen und war mit der
uerung, da er nach der Stadt zurck wolle, vorher aber seine Sache mit dem
Hofschulzen in Ordnung bringen msse, zu diesem in die Stube getreten. Der
Hofschulze verweigerte jedoch heute wie gestern, ohne von seinen Talern
aufzusehen, jede Einlassung, bis das ganze Plsier, wie er sich ausdruckte, zu
Ende sein werde, worauf er gern ber alles und jedes zu Dienst stehen wolle.
Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben, war nicht sein Ehrgeiz, er brachte
immer erst eine vollstndig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er eine andere
angriff, und mit diesem Grundsatze war er zu den guten Umstnden gelangt, in
denen wir ihn kennengelernt haben. - Der alte Sammler entfernte sich
verdrielich und ging nach einem Stalle, worin er etwas hatte niedersetzen
lassen, dessen Besitz jetzt seine Seele drckte. Er sah es unter wehmtigen
Gedanken an und wnschte sehnlich das Ende des Plsiers herbei, welches fr ihn
kein Plsier war, weil es die Qual der Unentschiedenheit fr ihn verlngerte.
    Von der Regel, nur ein Geschft zu derselben Zeit zu treiben, machte
indessen der Hofschulze in betreff der kranken Blesse eine Ausnahme. Er begab
sich ungeachtet der noch bevorstehenden Hochzeitvergngungen zu dem Tiere, sah
nach, ob ihm auch die Hausmittel gereicht wrden, die er verordnet hatte,
schaute es mitleidig an, schttelte den Kopf, streichelte ihm sanft die Weichen
und behandelte es berhaupt viel zrtlicher, als seine Tochter oder seinen
Schwiegersohn. Leider schien diese Sorgfalt wenig zu verschlagen, da der
Zaunpfahl die Kuh zu hart berhrt hatte. Sie sthnte noch erbrmlicher als
gestern. ber den rothaarigen Knecht fhlte er den heftigsten Verdru, denn er
hatte dessen Gewaltsamkeit noch spt in der Nacht vor dem Schlafengehen
erfahren. Sogleich hatte er dem Menschen den Dienst aufgesagt. Als er ihn daher
jetzt ansichtig wurde, rief er heftig: Was treibst du dich hier noch umher?
    Ich wollte Euch nur fragen, Baas, ob es Euch ein Ernst gewesen ist mit dem
Aufsagen? versetzte der Rothaarige.
    Wenn ich aufsage, so heit das Aufsagen und wenn ich nicht lache, so ist
das kein Spa߫, erwiderte der Hofschulze.
    Es ist aber unrecht, da wenn man den besten Willen hat zur Lustbarkeit und
dafr sorgen will, da alles recht schn wird, man aufgesagt kriegt, antwortete
der Rothaarige.
    Wenn ich einer Kreatur, die in ihrer Unvernunft keinen Begriff davon hat,
da Hochzeit ist, die Rippen im Leibe kaputt schlage, so hilft das nicht
absonderlich zur Lustbarkeit, versetzte der Hofschulze kaltbltig. - Genug, du
bist aus dem Dienste und kannst froh sein, da ich dir nicht den Schaden vom
Lohne abziehe, wie Rechtens wre.
    Der Rothaarige bat hierauf seinen gewesenen Herrn nur um die Vergnstigung,
wenigstens noch ein paar Tage im Hofe bleiben zu drfen, da es ihm gar zu
despektierlich sei, gerade auf einer Hochzeit fortgejagt worden zu sein. Diese
Erlaubnis gab ihm der Hofschulze, jedoch unter der Bedingung, da er sich nicht
in den heutigen Zug mische, denn er wolle ihn, sagte er, bei dem Plsier nicht
vor Augen haben. Der Rothaarige setzte sich mit einem giftigen Blicke auf einen
Schemel im Flur, nicht weit von der kranken Blsse, deren Qualen ihm durchaus
keine Gewissensbisse aufzuregen schienen. Er greinte und sagte halblaut fr
sich: Knnte ich dem alten Hunde noch zu guter Letzt einen rechten Possen
spielen, so wrde mir das eine wahre Herzerquickung sein. - Der Hofschulze ging
mit den Worten: Es mu alles mit Manier behandelt werden, selbst ein Vieh - zu
seinen Gsten, die sich schon wieder in bedeutender Anzahl zu versammeln
angefangen hatten, und den Platz vor dem Hause nach dem Eichenkampe zu trinkend
und rauchend erfllten.
    Denn heute war der Tag, an welchem die Neuverheiratete mit uralt
hergebrachter Feierlichkeit in ihr knftiges Wohnhaus eingerhrt werden mute.
Zu dieser Feierlichkeit gehrte eine Fahne, viel Schiegewehr, abermals ein
Schmaus, jedoch diesesmal im Gehfte des jungen Ehemannes und wieder das
Spinnrad, welches bei der Hochzeit seine Dienste geleistet hatte.
    Der Hochzeitbitter befestigte an einer Stange, von welcher bunte Bnder
herabflatterten, ein groes weies Leintuch und richtete so die Fahne zu. Gegen
dreiig junge Burschen hatten Flinten bei sich, diese luden sie mit grobem
Schrot oder auch mit Kugeln, sich in lauter und geruschiger Art vermessend, da
sie der Fahne tchtig eins versetzen wollten. Die eine Brautjungfer brachte das
Spinnrad getragen und endlich erschien die Braut in ihrem gestrigen Putze, gar
sehr verschmt, nichtsdestoweniger aber immer noch mit der Brautkrone
geschmckt, obgleich sie von den Anwesenden unter derben Scherzreden als
Jungefrau begrt wurde. Nun ordnete sich der Zug und setzte sich nach dem
Gehfte des Schwiegersohnes in Bewegung. Der Bursche mit der Fahne marschierte
an der Spitze, sodann folgte das Ehepaar, diesem schlossen sich die mit den
Flinten an, und darauf schritt der Brautvater einher, den brigen Hochzeitgsten
zuvor.
    Von den stdtischen Gsten erschien nur der alte Schmitz im Zuge. Denn die
brigen, der Diakonus, der Hauptmann und der Kster waren nach der Stadt
zurckgekehrt. Der Kster war kein Freund vom Schieen, am wenigsten machte ihm
eine solche Ergtzlichkeit Freude, wenn scharf geladen war. Er pflegte daher an
dem zweiten Tage der buerlichen Hochzeiten jederzeit eilige und unaufschiebbare
Geschfte vorzuschtzen, um sich mit Anstand entfernen zu drfen. Am dritten
Tage kehrte er dann mit seiner Magd in das Hochzeithaus zur Abholung des ihm
gebhrenden Bndels zurck. Heute hatte er noch einen besonderen Grund gehabt,
sich schleunigst fortzubegeben. Denn von Agesel, der sich auch heiter und rstig
anfangs unter den Festgenossen auf dem Platze befunden hatte, war ihm mit einem
der unheimlichsten Blicke, wie ihn wenigstens bednkte, das verhngnisvolle Wort
zugeraunt worden: Ich mu Sie durchaus im Vertrauen sprechen, Herr Amtsbruder!
- Grund genug, seine Schritte stadtwrts zu beflgeln.
    Was den Diakonus betrifft, so hatte er vor seiner Abreise das junge Paar,
welches er so unerwartet vor dem Altare gefunden, sprechen wollen, um mit ihnen
ber ihre Zukunft zu beraten, die ihm freilich, nachdem er von der berraschung
jenes Augenblicks zum Bedenken zurckgekommen war, sehr zweifelhaft aussah. Er
erstaunte, als er hrte, da der Jger abwesend und Lisbeth unpa sei. Indessen
hatte er wirkliche Geschfte in der Stadt, wie der Kster erdichtete, und
deshalb konnte er nicht lnger auerhalb verweilen. Er verlie sich darauf, da
die jungen Leute zu ihm kommen wrden, und da dann das Ntige berlegt werden
knnte. Manche Sorge machte ihm das liebliche Verhltnis; er sah, da er den
Stand des Jgers kannte, nicht ein, wie aus jener Liebe sich ein Bund fr das
Leben gestalten sollte.
    Agesel trennte sich, sobald der Zug den Platz vor dem Hause verlie, von den
anderen, denn auch ihn riefen nhere Interessen ab. Er ging nach dem Schulhause,
welches zu beziehen er gegrndete Aussicht hatte, besichtigte das Gebude oder
vielmehr das Baufllige, welches ein Haus vorstellen wollte, ma den Weidefleck
ab und verglich dessen Flcheninhalt mit dem Hackelpfiffelsberger. Diese
Untersuchung lieferte ein gnstiges Ergebnis. Er hatte hier drei Quadratruten
mehr als dort, worauf sich immer noch eine Gans mit sattfressen konnte. Whrend
des Abmessens hing er seinem Plane nach, den er in den Worten zu dem Kster
angedeutet hatte.
    Als der Zug ber die nchsten Umgebungen des Oberhofes hinaus war, wurde es
in diesem ganz still, so da man die Fliege an der Wand gehen hren konnte, denn
auch die Knechte und Mgde waren nach der Snaat11 des Schwiegersohnes gelaufen.
Nur der rothaarige Knecht sa grollend unten im Flur bei den Khen. Er war ein
wilder tckischer Kerl und seine Gedanken gingen in dieser Einsamkeit von einem
Frevel zum anderen. Er blickte das Feuer auf dem Kochherde an und sagte: Wenn
ein Brand davon in das Stroh des Stalles geschleudert wrde, so flge der rote
Hahn dem Alten auf das Dach, und es wrde dennoch immerhin heien, ein Funken
sei zufllig, da kein Mensch auf das Feuer achtgehabt, in das Stroh gesprungen.
- Nach dem Wandschranke, worin die Mitgift stand, sah er und murmelte: Ein
tchtiger Beilschlag, und der Deckel sprnge auf, und unsereins htte
sechstausend Taler, womit sich weit auer Landes kommen lt. Da fragt kein
Kuckuck nach einem. - Ihn berlief es hei, er streckte zuweilen seine Hand
nach dem Feuer aus und zuweilen erhob er sich dann wieder vom Schemel, als
wollte er nach der Stube gehen, worin sich der Wandschrank befand.
    In diesen gefhrlichen Gedanken horchte er pltzlich auf, denn oben an der
Treppe hrte er Gerusche, als ob jemand sacht ber den Gang schleiche nach der
Treppe zu. Er stand auf und schlich ebenfalls sacht nach dem Treppenfue, um zu
sehen, wer denn da oben so verstohlen zu gehen gentiget sei. Man konnte nmlich
von unten den Raum des Ganges zunchst der Treppe berblicken. Nicht lange
whrte es, so blickten zwei berraschte Gesichter einander an, von denen eins
blitzschnell den Ausdruck des grten Schrecks und Entsetzens annahm. Der Knecht
sah nmlich zu dem Spielmann auf, der einen langen mit einem Tuche umwickelten
Gegenstand unter dem Arme vorsichtig nach der Treppe geschlichen kam und schon
den einen Fu auf deren erste Stufe gesetzt hatte, als er den Blick
hinunterwerfend, den unten ansichtig ward, den er freilich weit vom Hofe bei dem
Schieen um die Snaat vermutend gewesen war. Einige Augenblicke standen die
beiden, die einander unwillkommene Zeugen wurden, der eine des ausgefhrten, der
andere des vorgesetzten Frevels, glotzend einander gegenber, der eine oben, der
andere unten. Dann aber sprang der Spielmann zurck, und der Knecht hrte ihn
die Treppe nach dem Sller hinauflaufen. - Der Kerl hat stehlen wollen! rief
der Knecht und strzte die Treppe hinauf.
    In jenem vielversprechenden Fragmente des Faust, welches Lessing
hinterlassen hat, erklrt der Magus, den Geist der Hlle fr den schnellsten
unter allen, welcher von sich rhmt, da er so schnell sei, als der bergang vom
Guten zum Bsen. Aber auch einen Engel gibt es, der diesem Teufel die Spitze
bietet, er wirkt die bergnge vom Bsen zum Guten, oder wenigstens zum minder
Schlimmen, und diese sind in der Menschenbrust, selbst in der rohsten, oft nicht
langsamer als die Werke jenes Teufels.
    Der rothaarige tckische Knecht, welcher noch soeben selbst an Mordbrennerei
und Raub gedacht und sich in dem Augenblicke, wo er den Spielmann erblickte, nur
gergert hatte, da sein Vorhaben durch einen Lauscher vereitelt werde, hegte
schon in der zweiten Hlfte des nmlichen Augenblicks keinen anderen Gedanken,
als da der Spitzbube von Spielmann seinen Herrn bestehlen wolle, und da er,
der Knecht, das nicht leiden drfe, sondern den Dieb festnehmen und dem
Hofschulzen berliefern msse. Er strzte also die Treppe hinauf, fiel vor
bergroer Eile ber einen Kasten, der oben auf dem Gange stand, so, da er sich
vor Schmerz nur langsam aufrichten konnte, lie aber dennoch von seinem Vorsatze
nicht ab,
    sondern setzte die Verfolgung fort, wenn auch langsamer, als er sie
angefangen hatte.
    Oben auf dem Sller kam ihm der Spielmann aus der Ecke, worin sich der
Verschlag des Jgers befand, entgegen. Der Knecht, dessen Arme von dem Falle
nicht gelitten hatten, packte ihn bei der Schulter, dergestalt, da der
Spielmann wie eine Jacke ohne krperlichen Inhalt hin und her flog, und rief:
Halunke, was hast du gestohlen?
    Nichts, versetzte der Spielmann, der ungeachtet aller Angst vor dem
baumstarken Knechte den Trotz beibehielt, der solchen Leuten in solchen Lagen
eigen zu sein pflegt; seht Ihr etwas bei mir? - Wirklich trug der Spielmann
nichts mehr unter dem Arme. Der Knecht untersuchte seine Kleidungsstcke, aber
auch in denen war nichts zu entdecken. Auer der alten grauen Jacke, den
zerrissenen und geflickten Hosen und seinem eigenen armseligen Leibe fhrte er
nichts an und bei sich. Der Knecht lie die Hnde sinken und sah aus wie einer,
der nicht wei, was er tun oder denken soll.
    Der Spielmann, dessen Zuversicht wuchs, je unschlssiger er den Knecht
werden sah, sagte keck: Nun, habe ich gestohlen? - Ich wei nicht, versetzte
der Rothaarige, wohin du es abgeworfen hast, aber ich will dich prgeln, da
dir die Seele aus dem Leibe geht, damit du mir die Stelle anzeigst.
    Gut, rief der Spielmann, der sich nicht einschchtern lie, prgelt mich
nur ab, prgelt einen unschuldigen Menschen nur ab, Eurem Herrn zu Gefallen, der
Euch aus dem Dienste jagte! - Er hatte von seinem Versteck das Gesprch
zwischen dem Hofschulzen und dem Rothaarigen gehrt.
    Diese Erinnerung warf den Knecht auf die andere Seite hinber. Nein! rief
er mit einem Fluche, stehlen soll zwar keiner bei ihm, solange ich noch im Hofe
bin, denn dafr bin ich sein Knecht, aber zu Gefallen tue ich ihm auch nichts,
denn dazu hat er mich zu schlecht behandelt. - Nun denn, so lat mich laufen,
sagte der Spielmann.
    Sprich, was du begangen hast, Kerl, und du sollst laufen, versetzte der
Knecht.
    Der Spielmann sah sich um, als frchte er selbst hier einen Lauscher, dann
murmelte er dem Knechte ins Ohr: Einen Schabernack habe ich dem Hofschulzen
antun wollen, und, wie ich hoffe, auch angetan. Sonst habe ich nichts wider ihn
vorgenommen, noch vornehmen wollen.
    Der Knecht dachte nach. - Vor Schabernack brauche ich den Alten nicht zu
bewahren, sondern nur vor Stehlen, Brennen und Viehschaden; das ist meine
Obliegenheit. - Dann gab er dem Spielmann einen Streich mit der Hand und rief:
Lauf, du Hund! - Der Spielmann folgte dieser Weisung und sprang behende die
Sllertreppe hinunter. - Der Rothaarige hinkte ihm langsam nach. Unten im Flure
sagte er: Wenn der Baas ein Stck Schabernack hat, so kann es mir ganz recht
sein, wofern er nur nicht an Geld oder Gut beschdiget wird. Denn hilf dir zuvor
selber, ehe du andere arzeneiest. Diesen Spruch hat er mir letzte Martini
mitgeteilt und danach halte ich mich nun. Ich helfe mir zuallererst selber und
meiner Bosheit auf ihn durch den Schabernack, den ihm der blinde Halunke angetan
hat. - Hierauf setzte er sich wieder, wo er gesessen hatte, als ob nichts
vorgefallen wre; entschlossen, um keinen Preis etwas von dem geheimen Besuche
des Patriotenkaspars im Oberhofe zu verlautbaren.

                                Zweites Kapitel



          Wie der Sammler und der Hofschulze sich abermals entzweiten

Der Hochzeitzug umging indessen die Snaat des Schwiegersohnes. Die Menschen
schrien und jauchzten, von hufig genossenen geistigen Getrnken erregt,
dazwischen knallten die Gewehre, womit die jungen Burschen nach dem Tuche der
Fahne zielten, und sooft ein Schu traf, erhob sich ein noch lauterer Jubel,
denn es ist ein Ehrenpunkt bei diesem Brauche, da die Fahne ganz zerschossen in
das Haus der jungen Eheleute gelangt, weil der Umstand fr ein gnstiges
Vorzeichen gilt. Alles war heute wilder und strmischer als gestern, denn die
Bauern lieben es, die letzten Augenblicke einer Festesfreude besonders gierig
auszukosten.
    Das Firmament spielte bei dieser heftigen und lrmenden Szene mit. Der Zug
um das weitluftige Gelnde dauerte, da er nur im langsamen Schritt vorrckte,
mehrere Stunden, und schon hatte sich der Haarrauch herbeigemacht, der bald
alles in seine Nebel hllte. Die Bauern waren ber den alten Bekannten durchaus
nicht verdrielich, vielmehr steigerte der Schwaden, Qualm und Geruch ihre Lust.
Wie nun so die Gestalten grau durch den Nebel zogen, das Jauchzen aus dem
Schwaden hervorbrach und die Blitze von den Schssen gelbrtlich in dem Qualme
zuckten, bekam das Ganze etwas Schattenhaftes, und es war, als ob Gtze Krodo
mit seinem Koboldsgefolge emporgestiegen sei und unter Knall und Geprassel von
seiner alten Domne Besitz nehme.
    Auf diese Weise wurde der jungen Frau ihr Eigentum gezeigt. Die Fahne kam,
kaum noch aus Fetzen bestehend, in das Haus des Schwiegersohnes und alles hatte
sonach einen guten Anschein. Es war ber dem Zuge zwei Uhr nachmittags geworden
und die ganze Hochzeitgenossenschaft setzte sich nun im Hause der neuen Gatten
abermals zu einem derben Schmause nieder, man kann denken, mit welcher Elust.
Diesmal wurde das Essen durch keine vornehmen und sonstigen fremdartigen
Einwirkungen gestrt; die Bauern waren rein unter sich und taten nichts als
essen und trinken.
    Nach dem Schlusse des Mahles erfolgte die letzte Handlung in diesem
Festdrama. Die junge Frau hatte nmlich jetzt noch die Gaben einzunehmen. Sie
erhob sich mit feierlicher Miene von der Speisetafel, setzte sich an einen Tisch
zur Seite, lie Spinnrad und Haspel neben sich stellen, schlug zwei ihrer Rcke,
deren sie mehrere trug, ber den Scho zurck und erwartete so, die Augen
niedergeschlagen, die Spenden der Gste. Diese standen einer nach dem anderen
ebenso feierlich auf, gingen zu ihr, und legten ein jeder schweigend einige
Groschen ihr unter die zurckgeschlagenen Rcke. Einige legten auch Naturalien
auf den Tisch vor ihr; ein Huhn, einen Kuchen, ein Mandel Eier oder sonst
dergleichen. Nachdem jeder seine Gabe dargebracht hatte, ging die Beschenkte
Reihe herum bei den Gsten und dankte einem jeden derselben mit den nmlichen
Worten. Nun war sie erst wirkliche Hausfrau im Jrgenserbe (so hie der Hof des
Schwiegersohnes) geworden. Sie legte ihre Brautkrone ab und tanzte als Frau in
dem Reigen mit, der nun zum Schlusse der Hochzeit im Baumgarten begann.
    Whrend des Tanzes sprach der Hofschulze leise und eifrig mit einigen
Bauern. Es waren die Besitzer der reichsten Nachbarhfe. Sie nickten und sagten:
Es bleibt dabei, wir kommen alle. - Hierauf nahm er den Schwiegersohn beiseite
und flsterte ihm zu: Vergi nicht ... zu morgen ... die Losung ... - Ich
werde es wahrhaftig nicht vergessen, denn ich trage das grte Begehren danach;
der Haarrauch kommt wie gerufen, so bleibt alles in der Heimlichkeit, versetzte
der Schwiegersohn.
    Der alte Schmitz hatte ungeduldig in der Nhe gewartet. Sobald der
Hofschulze von seinem Eidam zurcktrat, ging der Sammler auf ihn zu und sagte
ihm mit einer zugleich mrrischen und verlegenen Miene, da es nun wohl endlich
an der Zeit sei, ihr Geschft abzumachen.
    Allerdings kann nun das Geschft vor sich gehen, denn der Tanz ist nur noch
ein Plsier fr die jungen Leute, erwiderte der Hofschulze. Was ist es denn,
Herr Schmitz?
    Nicht hier, versetzte der Sammler. Zwar mchte ich gern von hier abgehen,
denn ich mu doch wieder durch, wenn ich nach der Stadt will und deshalb htte
ich gewnscht, heute morgen auf dem Oberhofe die Sache richtig zu machen. - Dort
aber mu sie vorgenommen werden, weil ich das Meinige gleich mit mir nehmen
will. - Er sagte die letzten Worten mit sichtlicher berwindung.
    Auch dieses, antwortete der Hofschulze. - Die beiden alten Leute gingen
nebeneinander nach dem Oberhofe. Der Sammler sprach fast gar nicht und der
Hofschulze nur weniges. - Dazu gehrte, da er sagte, er sei von Herzen froh,
da das Plsier seine Endschaft erreicht habe, denn nach den ersten Konfusionen
und Tumulten, die sich zugetragen, habe ihm immer ein Druck am Herzen gesessen,
als msse ein groes Malheur bevorstehen.
    Es ist bekannt, da Ihr an Ahnungen glaubt, Hofschulze, sagte der alte
Schmitz.
    Von Ahnungen wei ich nichts Sonderliches, erwiderte der Hofschulze kalt.
- Aber Vorgeschichten gibt es, fuhr er sehr ernsthaft fort. - So habe ich
damals Anno zwlf die ganze russische Armee ber den Hellweg ziehen sehen, als
ich auswrts gewesen war und nach Hause ging.
    Es war wohl um die Mitternachtsstunde, Hofschulze?
    Nein, nachmittags um vier Uhr bei trbem Wetter im September, mich dnkt,
gerade um die Zeit, als der Franzose in Moskau einzog; Herr Schmitz.
    Dergleichen ist nun purer Aberglaube! rief der alte Schmitz, welchem ein
Streit mit dem Hofschulzen vielleicht angenehm gewesen wre, um sich fr das,
was bevorstand, in Feuer zu jagen.
    Der Hofschulze blieb aber ganz freundlich und erwiderte gelassen: Nein,
eine Gabe Gottes, Herr Schmitz.
    Unter diesen Reden waren sie nach dem Oberhofe gekommen. Der Alte stutzte
einigermaen, als sein Gast ihn bat, mit ihm zu den Stllen zu gehen, und noch
mehr befremdete es ihn, da er wahrnahm, da dieser kaum ein Zittern verbergen
konnte. Wie wuchs aber sein Erstaunen, als der Sammler die Tre des Hhnerstalls
aufri, heftig mit der Hand hineindeutete und erstickten Tones rief: Da steht
Eure Amphora und ich bitte mir dagegen meinen Schein aus! Wirklich sah der
Hofschulze im Stalle den Weinkrug stehen, der schon einmal der Gegenstand eines
so heftigen Streites gewesen war, und den der Sammler in der Dunkelheit des
vorigen Abends hatte dahin bringen lassen. - Er trat drei Schritte zurck und
fragte, indem er den alten Schmitz gro ansah: Was soll das, und was bedeutet
dieses?
    Der alte Sammler, dem die Sache das Herz durchschnitt, sprudelte wie eine
Flasche, von welcher der Pfropfen abgeflogen ist: Es bedeutet, da Ihr Eure
Amphora wiederbekommt, um welche ich mein Gewissen, welches in einer schwachen
Stunde eingeschlafen war, nicht belasten will, und welche mir zwar, das wei
Gott, noch das allergrte Vergngen macht, jedoch ein unrechtes und verbotenes!
Durch solche Schandtaten, und indem immer ein Schelm dem anderen seinen Plunder
als echtes Altertum attestierte, sind die Sammlungen mit Narrenpossen und
Quisquilien angefllt worden. Ich aber will dazu nicht die Hand bieten, da Euer
Lerchenspie noch einmal knftig von einem groen Herrn, der in solchen Sachen
die liebe Einfalt und Dummheit ist, fr schweres Geld angekauft wird, sondern
ich begehre meinen Schein zurck, worauf das sogenannte Karls-des-Groen-Schwert
wieder wird, was es war und ist und bleiben soll, nmlich ein Bratenspie
frhestens aus der Soester Fehde, den ein Reisiger des Erzbischofs hier mag in
den Bschen haben stehenlassen.
    Demnach wollen Sie also die alten Zweifel an dem Schwerte von Carolus
Magnus wieder regen und rhren? fragte der Hofschulze, der sich zwar gegen den
anderen scheinbar ruhig ausnahm, jedoch auch mit einiger Mhe nach Atem rang.
    Es sind keine Zweifel, es ist die klarste Gewiheit; meinen Schein, meinen
Schein her! stammelte der Sammler, der die schleunigste Beendigung des
Geschfts wnschte, weil er fhlte, wie der Mut der Wahrheit im Angesichte der
Amphora bei ihm sank.
    Sie behalten den alten Topf, und ich behalte den Schein, Herr Schmitz,
sagte der Hofschulze und bohrte seinen Stock wieder wie gestern bei dem Vorfalle
mit dem Hochzeitbitter, tief in die Erde. - Der Sammler fragte ihn heftig, ob
das sein letztes Wort sei? welche Frage der Hofschulze bejahte, mit dem
Hinzufgen: Handel ist Handel.
    Dann kommt die ganze Sache in den Anzeiger! rief der alte Schmitz zornig
und machte sich, ohne von seinem Wirte Abschied zu nehmen, auf den Weg. Der
Hofschulze stand noch einige Augenblicke voll nachdenklichen Verdrusses vor dem
Stalle. Er war so bse auf die Amphora, da er sie htte zerschlagen knnen,
wre sie nicht eines anderen Eigentum gewesen. Die Erwhnung des
Rheinisch-Westflischen Anzeigers war ihm schwer auf das Herz gefallen. Denn
er wute, da dieses Blatt, welches durch alle Ortschaften, Weiler und Gehfte
des Landes seine Wanderung macht, dem Kredit des Schwertes sehr schaden knne,
wenn darin stehen werde, letzteres sei ein Bratenspie frhestens aus der
Soester Fehde.
    Ei! Ei! Ei! sagte er mimutig, mu mir das doch noch heute begegnen,
nachdem ich glaubte, allen rger berstanden zu haben! Es ist also doch wahr,
da man von dem, was einem das Liebste ist, zu keinem Menschen reden soll; sie
fechten es einem nur an. Htte ich dem Herrn Schmitz nicht einstmalen in der
Vertraulichkeit die Sache mit dem Schwerte entdeckt, nimmer wre mir darber die
Streiterei und Zweifelsucht und Mkelung entstanden, die mich seitdem jahraus
jahrein verfolgt hat. - Er ging in das Haus, fragte den rothaarigen Knecht, ob
jemand dagewesen sei? welches dieser grinsend verneinte, und stieg dann zu der
Kammer empor, in welcher er die Waffe verwahrte, um an ihrem Anblicke seinen Mut
zu erfrischen. Auch wollte er sie fr die morgende heimliche Weihe, bei welcher
sie eine Hauptrolle spielen sollte, vom Staube subern. Denn das Schwert war
lange nicht gebraucht worden.

                                Drittes Kapitel



                        Die Geschichte eines Gechteten

Der Patriotenkaspar hatte sich, nachdem er vom Rothaarigen verabschiedet worden
war, noch immer in der Nhe des Oberhofes umhergetrieben, um mit dem alten
Schmitz zu sprechen. Denn zu diesem hatte der gemiedene und geringgeschtzte
Mensch eine Art von Verhltnis. Der Sammler hatte ihm manchen Groschen geschenkt
und sah ihn nicht ungern. Weil der Patriotenkaspar berall umherstrich und
-kroch, so war es ihm mglich gewesen, dem alten Rarittenfreunde hin und wieder
eine ntzliche Nachweisung zu erteilen, oder ihm auch wohl selbst irgendein
seltsam geformtes Schnitzwerk zuzubringen. Der alte Sammler war daher auch der
einzige, bei dessen Anblick in die arme und elende Brust dieses jmmerlichen
Bettlers ein Gefhl drang, da er doch nicht ganz und gar auf dieser Gotteswelt
ein Ausgestoener sei. Fr den alten Schmitz wre er durchs Feuer gegangen, er,
der sonst am vergngtesten lachte, wenn anderen etwas recht bles begegnet war.
    Jetzt lauschte er hinter einer Wallhecke an einem Felde des Oberhofes, ob er
seinen alten Gnner nicht allein ansichtig werden mchte. Als er ihn vorher in
der Gesellschaft des Hofschulzen vorbeiwandern gesehen, hatte er nicht gewagt,
ihn anzureden. Entdecken wollte er ihm etwas vorlngst Geschehenes, und ihn um
eine sonderbare Hlfe ersuchen. Nach langem Harren war ihm endlich die rechte
Stunde dazu gekommen. - Nun ich meine Lust gebt habe an dem alten Bluthunde
und er den Tort hoffentlich nicht verwindet, den ich ihm angetan - denn es liegt
wohl versteckt, tief versteckt, und das Dach wird er darnach nicht abdecken
lassen - nun will ich auch mein Recht erleiden, wie recht ist, sagte er hinter
seiner Wallhecke.
    Der alte Schmitz kam vom Oberhofe zurck und ging vorber. Der
Patriotenkaspar begrte ihn und sagte: Herr Schmitz, ich habe hier auf Sie
gewartet, weil ich Ihnen etwas offenbaren wollte.
    So verdrielich der Sammler war; diese Anrede, in welcher er nur die
Ankndigung eines Fundes fr sein Kabinett zu hren glaubte, machte ihn
aufmerksam. Er stand still und fragte: Was ist es denn, Kaspar? - Nein,
versetzte der Spielmann, indem er seinen Leierkasten ber den Rcken warf, hier
kann es nicht geschehen, sondern an Ort und Stelle mu es veroffenbart werden.
    Er ging dem Sammler auf dem Wege, der nach dem Hofe des Schwiegersohnes
fhrte, voran, bog jedoch einige hundert Schritte von diesem Hofe in einen
Seitenpfad ein, der zwischen Erdwnden vertieft unter hohen Rstern dunkel
fortlief. Nicht weit hinein kreuzte den ersten Pfad ein zweiter. Er war noch
dunkler, weil ihn noch hhere Bume berschatteten.
    An diesem Kreuzwege, der einsam und schauerlich zwischen den Erdwllen,
Rstern, zwischen Brombeergebsch, Nachtschatten und Schierling lag, setzte der
Spielmann seinen Leierkasten ab, bog einen Brombeerbusch zurck, so da ein
groer Stein entblt wurde, kniete vor dem Steine nieder und sagte dann, halb
rckwrts nach dem Sammler gewendet: Hier war's.
    Der Sammler, welcher glaubte, der Patriotenkaspar werde dort etwas fr ihn
aus der Erde scharren, trat dicht zu ihm hin, senkte seinen Kopf, so da er fast
die Schulter des Knienden berhrte und fragte eifrig: Was? Was?
    Der Patriotenkaspar sah ihm, mit dem Auge unstet zwinkernd in das Gesicht
und sagte heiser und gedmpft: Hier habe ich einstmals des Hofschulzen seinen
Sohn, den Fritze, totgeschlagen.
    Ein Knabe, der von einem Strauche eben eine leckere Beere pflcken will und
dem Unversehens unter dem Strauche eine Natter mit funkelnden Augen
entgegenzischt, kann nicht erschreckter zurckfahren, als der alte Schmitz bei
dieser Erffnung vor dem Patriotenkaspar zurckfuhr. Den Blick starr auf ihn
heftend und rckwrts vor ihm weichend, als frchte er, einem gestndigen Mrder
seinen Rcken preiszugeben, entfernte er sich bis in die entgegengesetzte Ecke
des Kreuzweges. Dort blieb er stehen, den Patriotenkaspar immer in das Auge
gefat, unschlssig, ob er nun sich wenden, so fortgehen und dadurch den
gefhrlichen Menschen aus seinem beobachtenden Blicke verlieren sollte.
    Der Patriotenkaspar seinerseits richtete sich an dem Steine empor. Als er
bemerkte, welchen Eindruck seine Worte auf den einzigen Gnner machten, den er
besa, nahm sein Auge einen wehmtigen Glanz an, und in der verwsteten Stimme
zitterte etwas wie Trauer, als er so sprach: Ach, mein lieber Herr Schmitz,
warum frchten Sie sich doch vor mir? Ich bin ja ein armer, zerlumpter, von
Hunger entkrfteter Mensch. Sehen Sie, da kehre ich meine Taschen um, und es ist
nichts darin, weder Messer, noch Hammer noch sonst etwas, womit ich Sie
erstechen oder erschlagen knnte. Wenn Sie sich aber vor meinen Fusten
frchten, so will ich da mit meinem Halstuche sie binden, so da Sie ganz sicher
sein knnen, da Ihnen kein Leid von mir widerfhrt. Ich wollte Ihnen blo die
alte Geschichte erzhlen und Sie um eine Gte und Geflligkeit bitten.
    Der Sammler, der sich noch immer nicht zu fassen wute, sagte: Ich glaube.
Ihr seid betrunken, Kaspar.
    
    Nein, Herr Schmitz, wte nicht, woher das kommen sollte, indem ich wenig
genossen habe, versetzte der Patriotenkaspar. Ich wiederhole Ihnen in der
Nchternheit: Hier habe ich des Hofschulzen seinen Fritze totgeschlagen. Es ist
aber lange her und Gras ist darber gewachsen. Indessen will ich mein Recht ber
diese Tat haben, denn nunmehr ist die Stunde dazu gekommen, nachdem ich meinem
Feinde und berwltiger den Tort getan habe, den er verdiente, und dazu suche
ich Ihren Rat und Beistand, weil Sie ein Schriftgelehrter sind und mir mitunter
eine Gtigkeit erwiesen haben.
    Der klagende und sanfte Ton, womit der Patriotenkaspar dieses vorbrachte,
flte dem alten Schmitz Mut ein. Neugierig, wie er von Natur war, empfand er
ein Verlangen nach den Dingen, die einen Menschen bewegen konnten, ber einen
verschollenen Frevel zum Anklger wider sich zu werden. Der Patriotenkaspar
schwieg aber, senkte seinen Blick und schien eine Aufmunterung erwarten zu
wollen. Endlich sagte der Sammler: Ich habe wohl vor Jahren davon gehrt, da
ein Sohn des Hofschulzen pltzlich zu Tode gekommen sei; es hie aber damals, er
sei mit der Stirn auf einen Stein geschlagen.
    Ja, so hie es damals, versetzte der Patriotenkaspar. Mit der Stirn
schlug er allerdings auf einen Stein, und zwar auf diesen da, neben welchem ich
stehe, allein nicht von selbst, sondern von einem anderen mit der Faust gegen
den Stein gestoen, und wer ihn so lange mit der Faust gegen den Stein stie,
bis die Hirnschale zerbarst, das war ich.
    Also hatte doch jenes zweite alte Gercht, was auch im stillen hie und da
umherlief, recht! sagte der Sammler. Aber wie kam es, da die Geschichte nicht
angezeigt und den Gerichten berwiesen wurde?
    Das hngt mit diesem meinem ausgeschlagenen Auge, mit des Hofschulzen
seinem Hochmut und mit dem Freistuhl da droben an jenem Berge zusammen, sagte
der Spielmann.
    Der Sammler versetzte: Bringt Eure Geschichte ordentlich und im
Zusammenhange vor, Kaspar. Denn aus diesen zerstckelten Reden kann sich niemand
vernehmen.
    Der Patriotenkaspar erzhlte hierauf an dem Mordsteine stehend, dem alten
Schmitz, welcher ihm gegenber an der anderen Seite des Kreuzweges stehenblieb,
folgendes:
    Herr Schmitz, in den Geschichten, die ich da auf meinem Leierkasten
feilhabe, kommen mitunter auch Sachen vor von Leuten, die ihresgleichen chteten
und von sich ausstieen. Als zum Beispiel: einen trieben sie vor diesem aus,
weil er gar zu gerecht war, und ein General wurde zu alten Zeiten verbannt, weil
sie ihm nachsagten, er mache den armen Leuten das Brot teuer, und dann gab es
auch wieder einmal einen Herzog, der gechtet wurde, weil er seinen Freund nicht
hatte verlassen wollen. Diese armen elendigen Verbannten fhrten ein
jmmerliches Leben. Meistenteils ist zwar dergleichen nur bei groen Herren und
vornehmen Standespersonen vorgekommen, aber auch unter dem Bauerstande kann sich
die Sache zutragen, und mit mir hat sie sich begeben.
    Herr Schmitz, ich war zu meiner Zeit ein flinker, anstelliger Kerl und hatte
mehr Witz als aller der Bauerpbel hier herum zusammengenommen. Sah auch recht
gut aus -
    Ei, fiel der Sammler ein, Ihr habt ja stets eine hohe Schulter gehabt,
Kaspar.
    Das tut nichts, erwiderte der Patriotenkaspar, demohnerachtet kann man
doch schn aussehen. - Sah also recht gut aus, ehe ich das eine Auge verlor und
in die Hungersnot versank, hatte was erlebt drauen als junger Mensch. Denn, wie
Sie wissen, war ich dabei, als die alte Orange in Schoonhoven vermolestiert
wurde und kam auch nach Gorkum und Nieuwpoort mit den Patrioten dazumal. Ich
schor mich den Teufel um den Krimskrams hier unter den Bauerkerls, sagt' ihnen
oft die Wahrheit ber ihre Einfalt und es setzte schon gleich zu Anfang viel
Streit und Wortwechselung mit ihnen. Es gab nie keinen Vertrag mit ihnen recht,
denn sie konnten es mir nicht verzeihen, da ich klger war als sie und
gewitzter. Also gut; wie ich meine vollen Jahre erreicht hatte, trat ich das
Kolonat an, denn Sie mssen wissen, da der Windkotten uns gehrte, mir und
meiner Familie; ein recht hbsches Erb mit Feld, Baumgarten und Wiesenwachs, was
nachgehends freilich parzelliert worden ist, und das Haus hat der Jude abbrechen
lassen, der das Ganze zuletzt kaufte, so da ich selbst kaum noch wei, wo die
Sttte gelegen hat.
    Wie ich nun so Kolon und Hofesbesitzer war, da ging der rechte Verdru erst
an, Herr Schmitz. Denn ich konnte es gar nicht vertragen, da die Groen besser
sein wollten, als wir Kleinen, und da so ein Hofschulze es wie eine Gnade
ansah, wenn er mit einem Ktter trank. Denn ich dachte: Ich baue so gut mein
Feld, wie ihr, was habt ihr denn also voraus? Ich setzte mich also dreist zu
ihnen, wenn ich im Kruge mit ihnen zusammentraf, ich sprach bei ihnen
ungefordert ein. Wenn ich an einem der Groen vorberging, tat ich so als msse
er mich zuerst gren, und meinte, es wohl mit ihnen durchsetzen zu knnen.
Aber, Herr Schmitz, man setzt dergleichen mit den Menschen nicht durch, denn man
ist immer nur einer und sie sind viele, und das hlt zusammen wie Pech und
Schwefel. Grob behandelten sie mich, wenn ich sie besuchte, im Kruge rckten sie
von mir weg, und wollte ich von ihnen auf Landstrae und Nachbarweg zuerst
gegrt sein, so lachten sie mir unter die Nase und keiner lupfte den Hut. Von
allen aber war der Hofschulze im Oberhofe der Grbste und Stolzeste und
Schlimmste; denn er ist immer unmenschlich reich gewesen und hat groes Ansehen
von jeher gehabt.
    Also, Herr Schmitz, den Hofschulzen nahm ich mir apart aufs Korn und dachte:
Du sollst mir daran glauben. - Er hatte aber eine Tochter aus erster Ehe, denn
drei Frauen hat der alte Kerl begraben lassen und zum letztenmal, woraus nun die
ist, die gestern Hochzeit machte, freite er, wie er schon ziemlich in den Jahren
war. Die Tochter sah recht gut aus, und ich war ihr auch recht gut, aber die
Hauptsache, da ich mich an sie machte, war doch der Stolz, und weil ich mir
einbildete, ich knne alles durchsetzen, was ich wolle, und werde das Mdchen
schon 'rumkriegen, wenn ich es nur recht anzufangen wisse. Ich hatte schon
gemerkt, da sie auf Tnzen und Kindelbieren nach mir hinhrte, wenn ich so
erzhlte von meinen Fahrten, und darauf baute ich meinen Ratschlag und sah sie
unaufhrlich starr an, wenn ich ihr nahe kam, so da sie nicht wute, wo sie die
Augen lassen sollte. Fing auch an, mich ber mein Vermgen schn zu kleiden, das
beste lichtblaue Tuch mute ich zum Rocke haben und lie mir an die Jacken
silberne Knpfe setzen, die kein anderer von den Kolonen hatte, wodurch ich in
Schulden geriet. Eines Sonntages geht die Magdalis an mir vorber, wie ich
besonders herausgeputzt war und sagt: Ihr zieht Euch doch an, wie keiner sonst,
Kaspar. - Das geschieht ganz allein um Euch, Magdalis, antwortete ich, und wenn
ich all mein Hab und Gut zusetzte, so wollte ich mich noch schner kleiden,
wofern es Euch nur gefiele. - Sie wurde rot und damit hatte ich sie weg. Denn
wenn man den Mdchen sagt, da man um ihretwillen einen neuen Rock angezogen
hat, so sind sie kaputt.
    Also die Sache kam in Gang und ich will Sie damit nicht aufhalten, Herr
Schmitz. Genug, die Magdalis gab zu, da ich an ihr karessieren durft', und war
alles bald zwischen uns in Richtigkeit, wie es die Ordnung ist unter
Liebesleuten. Auch die Magdalis dacht' in ihrer Dummheit, da der Vater, weil es
einmal so weit gekommen, werd' ein Auge zudrcken mssen. Deshalb nahmen wir
beiden Gimpel die Absprache zusammen, da ich um sie anhalten solle. - Aber - da
kam ich schn an, Herr Schmitz, wie ich die Sache vortrug bei dem Alten. Denn
selbst mute ich sie vortragen; ein Freiwerber wollte sich dazu nicht verstehen.
In meinem Leben ist mir kein grimmigerer Mensch vorgekommen, als der Hofschulze,
wie er sich benahm, da ich meinen Spruch herausgesagt hatte. Ich wurde mit einem
solchen Zorn und Hohn angelassen, da mir die Knochen bebten vor rgernis. Es
fehlte nur, da er mich fortpeitschen lie, und noch heut am Tage wei ich
nicht, wie ich vom Hofe gekommen bin.
    Gut, dachte ich, willst du sie mir nicht zur Frau geben, so soll sie - - Der
Alte hielt sie eingesperrt und sein Sohn, der Fritze, auch aus der ersten Ehe,
pate mir auf. Aber man kann die Leute schon belauern, wenn man nur will. Was
nicht bei Tage geht, das geht bei Nacht, und darf man nicht zur Tr 'rein, so
steigt man ber die Mauer. Ich war denn also alle Nchte, die Gott werden lie,
bei der Magdalis, zu der ich durch das Fenster gelangte. - Doch sie kamen
dahinter, Herr Schmitz, der Alte und sein Sohn. Und nun machten sie zusammen
einen Plan auf mich, mir aufzulauern und mir das Leben zu nehmen.
    Das ist nicht wahr, unterbrach hier eifrig der alte Schmitz die Erzhlung.
Der Hofschulze ist ein eigensinniger Mann, aber Schlechtigkeiten hat er nie
getrieben.
    Nun dann hat es der Junge, der Fritze, auf seine eigene Hand getan, sagte
der Patriotenkaspar. Genug, ich wei, was ich weg gekriegt habe bei der
Gelegenheit. Also, Herr Schmitz, eines Abends, wo es ganz dunkel war und ein
schweres Unwetter heraufzog, komme ich auch von meinem Erb da herber meinen
gewhnlichen Weg geschritten. So hre ich da, wo Sie jetzt stehen, Herr Schmitz,
etwas rascheln in der Dunkelheit, und ehe ich noch meine Gedanken zusammennehmen
kann, springt das, ohne einen Laut von sich zu geben, auf mich zu, und ich habe
einen Schlag mit einem Knppel ber den Kopf und einen Sto in das linke Auge
weg, da mir beinahe Hren und Sehen vergeht. Im Auge ist's mir, als ob ein
Dutzend Messer darin umgedreht wrden, Nasses luft mir ber die Backe - ich
aber denke, hier geht's noch um Haut und Haar, ist's Auge schon weg - und kriege
meinen Kujon zu packen, und reie ihm den Knppel weg, denn, Herr Schmitz, ein
Mensch, dem sie das Auge ausschlagen, hat frchterliche Krfte - und gebe ihm
die Erwiderung auf seinen Schdel, da er aufgrlzt und ich an der Stimme den
Fritze erkenne. Er bettelt um Gnade, aber ich schreie: Meine Gnade sollst du
gleich spren! reie ihn in die Hhe; du verfluchtiger Augenmrder! rufe ich,
und stoe so lange den Bengel mit dem Kopf gegen den Stein hier, bis er stumm
wird. Einen Ohrring hatte ich ihm bei der Balgerei abgerissen (denn er trug
welche) den hielt ich in der Hand, wute nicht, was damit anfangen, konnte ihn
freilich nur wegwerfen, aber der Mensch ist bei solcher Gelegenheit wie von
sich; unter dem Stein habe ich den Ring verscharrt, soll mich wundern, ob er
noch da liegt?
    Der Patriotenkaspar, welcher den letzten Teil der Erzhlung mit so
lebendigen Gebrden vorgebracht hatte, da seinem alten Zuhrer ein Schauder
ber die Haut rieselte, wlzte trotz seiner anscheinenden Kraftlosigkeit den
Stein hinweg, kratzte etwas in der Erde darunter und zog mit einem gellenden
Freudenschrei, als habe er den kstlichsten Schatz entdeckt, einen Ohrring
hervor, der nicht verrostet war, weil er stark vergoldet gewesen sein mochte.
Ei, wie so ein Ding brigbleibt, wenn der Mensch lngst verrottet ist! rief
er, und gab den Ring dem alten Schmitz, der ihn nur zagend annahm.
    Als ich nun dem Fritze das Seinige gereicht hatte, lie ich ihn liegen und
ging nach Hause, Herr Schmitz, fuhr der Patriotenkaspar fort. - Es war nun
starkes Unwetter geworden und bei dem Donnern und Blitzen unterweges wurde mir
graulich zumute. Ich dachte: Die Magdalis erwartet dich in ihrer Kammer, und ihr
Bruder liegt da tot am Kreuzweg, und der Hofschulze schlft und lt sich nichts
trumen, und du gehst ber das Stoppelfeld. - Zu Hause nahm freilich der
greuliche Schmerz im Auge alle meine Besinnung weg, und nur unterweilen konnte
ich mir vorstellen, da sie mir nun vielleicht den Kopf abschlagen wrden. Es
kam aber alles ganz anders, Herr Schmitz.
    Den anderen Tag lie ich den Feldscherer holen, und der sagte mir, da das
Auge heidi sei, denn mit uns Bauersleuten machen die Doktors nicht viele
Umstnde. Na, das Auge lief auch wirklich aus, Herr Schmitz, und schrumpfte weg,
und ich erwartete alle Tage die Gerichte im Erb, die mich abholen wrden, denn
fliehen mochte ich nicht. Aber keine Gerichte kamen.
    Dagegen kam ein Kerl, der der Fronbot hie, von wegen des Dings droben unter
den drei Linden, und sagte, ich sei geheischen und geladen zum Stuhl, sie
wollten's unter sich abmachen, und ich sollt' Rede und Antwort stehen. Ich rief:
Er sollte sich zum Teufel scheren, sie knnten mir dies und das tun, dem Amtmann
sei ich Rede und Antwort schuldig.
    Wie ich nun zum ersten Male den Kopf wieder aus dem Loch hervorstrecke, hre
ich kuriose Geschichten. Der Alte hat seinen Sohn gleich nachdem die Leiche
gefunden worden, begraben lassen und berall gesagt, der Junge sei spt nach
Hause gegangen und habe einen bsen Fall getan. Keine Anzeige hat er gemacht und
alles bleibt still von der Sache, und kein Amtmann und kein Kriminal bekmmert
sich um mich. Ja, was soll das bedeuten? denke ich.
    Ich konnte es aber bald spren, Herr Schmitz. Es war mir schon auffllig
gewesen, da whrend meiner Wehtage nicht eine Menschenseele nach mir fragte,
denn wenn ich auch nicht viele Freunde hatte, so besuchte mich doch je zuweilen
sonst einer oder der andere. Aber da sa ich ganz allein und verlassen, und
zuweilen tat mich nicht nur meine wunde Augenhhle schmerzen, sondern ich heulte
auch mit dem gesunden Auge meine bitteren Trnen. Als ich nun wieder 'naus ging,
so wollte ich, weil ich nicht verfolgt wurde, bei einem Nachbar vorsprechen,
aber der schob zur Hintertre hinaus, als ich in die Vordertre trat. Im Kruge
rckten sie zischelnd zusammen, als ich kam und riefen den Wirt beiseite und
sprachen sacht mit ihm und der kam dann zu mir und sagte: Kaspar, Ihr knnt
nicht verlangen, da ich um Euretwillen meine Nahrung einbe. Sie wollen nicht
mehr bei mir sitzen, wenn ich Euch zapfe. - Nicht mehr bei Euch sitzen? fragte
ich wild. - Still! rief er. Ich will's Euch heute abend offenbaren, Ihr habt mir
manchen Taler zu verdienen gegeben, und darum kann ich Euch den Gefallen wohl
tun. Kommt heute abend, wenn alles zur Ruhe ist, her, da sag' ich's Euch.
    So ging ich denn den Abend, wie Polizeistunde geboten war, und niemand mehr
in der Stube sa, zu ihm. Und da erzhlte er mir, da der Hofschulze ber den
Tod seines Jungen mit den anderen zusammengewesen sei droben am Freistuhl, und
habe gesagt, er wolle keine Anzeige wider mich machen, und keiner solle es tun,
aber er habe mich mit seinem Schwert von Carolus Magnus verfeimt und gechtet,
und die Sache sei schon durch die Bauerschaft und weil die Groen drin einig
seien, so seien die Kleinen auch nicht dawider und sei ich also nun aus dem
Frieden und aus der Freundschaft gesetzt bei allen.
    Ich lachte und rief: Was scher' ich mich um euren Frieden und um eure
Freundschaft! - Aber ich hatte bel gelacht, Herr Schmitz. Keine Anzeige kam
wider mich bei den Gerichten ein, was damals leicht mglich war, denn der groe
Krieg war eben im Gange, und alles lief bunt ber Eck, und als es wieder ruhig
worden, war die Sache schon alt; jedoch ein Verfeimter war ich und ein
Verfeimter blieb ich, und das war bser als Verhr und Urteil. Herr Schmitz, das
Menschenkind kann alles ausstehen, Not und Krankheit und Feuersbrunst und
Gewaltzwang, aber von seinesgleichen verstoen sein, das kann das Menschenkind
nicht ausstehen. Denn der Vogel fliegt mit seinesgleichen, und der Hirsch geht
in Rudeln und der Fisch im Wasser schwimmt selbzwanzig dahin und dorthin, selbst
der Wolken wandern immer mehrere zusammen, wie sollte das Menschenkind es allein
bestehen knnen? - Sie hielten 's, was sie oben am Freistuhl ausgemacht. Und die
Kleinen muten's ihnen nachtun. Wenn ich mir Stroh und Korn borgen wollte, wie
der Fall sein kann in jeder Wirtschaft, kriegte ich nichts; einmal brannte meine
Scheune, die lieen sie brennen und kamen mit der Spritze, als nur noch die
Trmmer rauchten, und wenn sie an meinem Erb' vorbeigingen, so greinten sie
hhnisch und spuckten aus, und wenn ich selbst zu ihnen trat, so wiesen sie mir
den Rcken. - Das fra mir ins Herz hinein und ich sagte: Ich will's euch allen
zuvor tun, da ihr Seelenverkufer die Krnke vor rger kriegt und will mir
Gesellschaft und Kameraden aus der Stadt halten. Zechte also brav auf meine
eigene Faust, lie mich mit Menschen in der Stadt ein, Schreibergehlfen und
Ladenburschen und so dergleichen, gab denen groe Traktamente auf dem Erb. Aber
es wollte mir dergestalt nicht schmecken, Herr Schmitz, und wenn ich noch so
viele lustige Schreibergehlfen und Ladenburschen bei mir hatte, so wrgte es
mir in der Kehle, weil ich immer dachte: Sie sind doch nicht deinesgleichen.
Natrlich geriet ich auch durch die Lebensart tief in die Schulden hinein; auf
einmal kam mir nun der Jude, der mir vorgeschossen hatte, ber den Hals und lie
mir das Erb anschlagen. Ich wurde herunter gepfndet und hatte dann die Erde zum
Lager und den Himmel zum Dach. Und so bin ich denn nach und nach, Herr Schmitz,
zu dem Leierkasten, in diese Lumpen, in den Hunger und in die Klte geraten, und
so ein rudiger Bettelhund geworden, wie Sie mich da sehen.
    Der arme und jmmerliche Mensch sah nach dieser Erzhlung mit dem Blicke
eines so kalten und bodenlosen Elendes vor sich hin, da es den alten Schmitz,
der von Natur weichherzig war, erbarmte. Er begriff nun wohl, da er von dem
unglcklichen Mrder nichts zu befrchten habe, trat ihm daher nher und sagte:
Ich fasse noch nicht recht den Grund, weshalb der Hofschulze Euch den Gerichten
entzog, denn, wenn ich auch sonst wohl einsehen kann, warum er mit seinem
Freigerichte hantiert, so htte ihm in diesem Falle Eure ffentliche
Verurteilung doch eine grere Genugtuung gegeben.
    Oh, rief der Patriotenkaspar, das ist eben die ausbndige Bosheit des
alten Blutsaugers! - Er raufte seine buschichten Augenbraunen. - Denn wie ich
nachgehends gehrt habe, so sind Zeugen gewesen, zu denen der Bengel, der
Fritze, sich berhmend gesagt hatte, er wolle mir an dem Abende auflauern. Nun
war der dicke Knppel neben dem Toten gefunden worden und mein Auge war doch
auch weg, also folglich konnte ich mich auf Notwehr berufen, und den Kopf htten
sie mir nicht 'runter gehauen, sondern ich wre vermutlich mit etwas Gefngnis
davongekommen. Das sah der alte Satan voraus und deshalb wollte er mich auf
seine eigene Hand fr zeitlebens unglcklich machen. Ich habe aber auch eine Wut
auf ihn gehabt die Jahre her bei meinem Leierkasten, Herr Schmitz, ich kann
Ihnen nicht sagen, was fr eine Wut. Und lange konnte ich ihm nicht beikommen,
aber nun - -
    Pfui, sagte der alte Schmitz. Schmt Euch, Kaspar, wer wollte so
rachgierig sein!
    Der Patriotenkaspar strzte seinem Gnner zu Fen, umschlang die Kniee des
alten Mannes mit seinen hageren und haarichten Fusten, als wollte er ihn um
Verzeihung fr seine Sinnesart bitten und rief mit hohlem zerreiendem Tone: O
Herr Schmitz! Rachgierig mu der Mensch sein, wenn sie ihm alles genommen haben,
sonst verkommt er gar. Ich wre lngst verhungert, aber ich fra meine Rache,
und so blieb ich leben. Es steht wohl geschrieben: Segnet, die euch fluchen,
aber es gibt keinen, keinen auf Erden, fr den es geschrieben steht, zum
wenigsten keinen Unglcklichen.
    Nun, und was soll ich mit dieser ganzen sonderbaren Geschichte anfangen?
Was treibt Euch, sie gerade mir und jetzt zu erzhlen? fragte der Sammler.
    Der Patriotenkaspar erhob sich und sagte: Herr Schmitz, ich will nun mein
Recht haben. Ich habe mein Herze befriedigt und nun will ich mein Recht
desgleichen haben. Ich will nicht lnger unter dem Banne von meinesgleichen
leben, sondern mein Urteil haben vor den Gerichten des Knigs. Ihnen habe ich
die Sache erzhlt, weil Sie sich doch auch auf Amtssachen verstehen, damit Sie
ein hbsches und richtiges Protokoll aufnehmen, worin alles gehrig steht von
Notwehr und von den Zeugen, denen der Fritze gesagt hat, er wolle mir auflauern
(denn es leben ihrer noch einige), damit mir nicht der Kopf abgehauen wird. Dazu
habe ich keine Lust, aber sitzen will ich ein paar Jahre recht gerne. Im
Gefngnis betrage ich mich ordentlich, mache mir berverdienst, komme mit einem
guten Attestat vom Direktor zurck, lege von meiner Sparsumme einen
Winkelkramladen an, und dann soll das Donnerwetter dem in die Eingeweide fahren,
der mich noch ferner hoch necken oder verachten will!
    Also, Herr Schmitz, tun Sie mir die Geflligkeit, das Protokoll zu
schreiben, ich will dann drei Kreuze darunter setzen und es selbst in die
Gerichte tragen.
    Der Sammler lie sich das Jahr, worin die Mordtat vorgefallen war, nennen.
Er dachte nach und sagte dann: Kaspar, das Protokoll wrde keinen Erfolg haben.
Die Sache ist verjhrt.
    Was heit das: Verjhrt?
    Das heit: Ihr mgt ber die Sache angegeben werden, oder Euch selbst
angeben, ja, Ihr mgt, wie Ihr tut, die Strafe begehren, so wird dem keine Statt
gegeben, denn nach dem Ablaufe von dreiig Jahren ist eine Untat ab und tot vor
dem Richter. Ihr mt also Euer Geschick schon so nehmen, wie es einmal liegt
und es bis an Euer Lebensende tragen.
    Er ging an dem Totschlger vorber, gab ihm den silbernen Ring, da dieser
bei nherer Betrachtung ihm nichts Merkwrdiges gezeigt hatte, zurck und
entfernte sich. Der Gechtete stand betroffen, sann ber die Verjhrung und
konnte darin durchaus keinen Sinn finden. Also, sagte er endlich, meine
Gedanken an die Missetat mu ich behalten und bis in jene Ewigkeit mit
hinberschleppen; aber wenn ich mit meinem Fell die Sache ben will, so geht
das nicht mehr an, weil dreiig Jahre vorber sind! -
    Ein Lrmen, der ganz in der Nhe entstand, unterbrach sein Nachsinnen und
machte ihn aufmerksam. Kaum zwanzig Schritte vom Kreuzwege kamen auf dem Wege
vom Oberhofe Menschen gelaufen und andere begegneten ihnen, die vom Hofe des
Eidams gegangen kamen. - Wit ihr's schon? fragten die vom Oberhofe berlaut.
- Was denn? versetzten die anderen. Ihren Weg eiligst nach dem Jrgenserbe
fortsetzend, riefen die vom Oberhofe: Der Hofschulze hat eine berfahrung12!
    Das wre der Henker! riefen die ersten und liefen nach dem Oberhofe zu.
    Der Patriotenkaspar fletschte die Zhne, sprang wie unsinnig auf dem
Mordplatze umher und schrie: Heisa! Heisa! So ist's recht. Die Tochter machte
ich dir zur Hur', den Jungen zu Brei, und dich macht' ich nun zunicht'! Ihr
sollt erfahren, was es heit, geringere Leute verachten! Knnt' ich jetzt mein
Protokoll aufgenommen kriegen, wre ich ganz zufrieden!

                                Viertes Kapitel



    Der Hofschulze kommt wieder zu sich und Lisbeth schreibt an den Diakonus

Auf der Kammer, worin er das Schwert Karls des Groen verwahrte, sa oder lag
der Hofschulze bla und halb betubt neben der eisenbeschlagenen Kiste. In
diesem Zustande war er von einer Magd, die vor der Kammer vorbeiging, gefunden
worden, kurz nachdem er sich die Treppe hinaufbegeben hatte. Sie war erschreckt
hinuntergesprungen und hatte von dem Vorfalle Lrmen gemacht, den einige
Vorbergehende weitertrugen.
    Die Magd kehrte mit Essig zurck und bestrich ihres Brotherrn Schlfe. Das
einfache Mittel brachte ihn auch bald wieder zu sich selbst, denn der Schlagflu
war eine Vergrerung des Unfalls, der den alten Bauer betroffen hatte. Er war
nur von einem Schwindel und von jener Betubung befallen worden, wie sie die
Folgen eines pltzlichen groen Schrecks zu sein pflegen, besonders bei alten
Leuten. Als er von dem scharfen Geruche des Essigs wieder erwachte, hob er sich,
ohne da ihn das Mdchen zu untersttzen brauchte, sogleich strack auf seine
Fe, fuhr mit der Hand ber die Stirn und warf seinen ersten Blick in die
Kiste, deren Deckel aufgeklappt war. Mit einer Mischung von Entsetzen und Kummer
kehrte aber der Blick des alten Mannes in sich zurck; er klappte hastig den
Deckel zu, als wollte er den Verlust seines Teuersten jedem Auge verbergen und
trieb die Magd an, ihn zu verlassen. Diese fragte zwar, was dem Baas zugestoen
sei, erhielt jedoch keine andere Antwort von ihm, als da ihn eine pltzliche
Schwche, vielleicht von dem vielen Plsier, welches gestern und heute gewesen,
angewandelt habe.
    Als er auf der Kammer allein war, stand der Hofschulze erst eine geraume
Zeit mit bereinandergeschlagenen Hnden ohne sich zu regen, da. Dann setzte er
sich auf die Kiste und nahm seinen Kopf in beide Hnde, um alle Winkel des
Gedchtnisses zu durchforschen. Darauf erhob er sich, ffnete abermals die
Kiste, wie wenn er es nicht fr mglich halte, da das Schwert daraus habe
verschwinden knnen, lie aber augenblicklich den Deckel zufallen, da er wohl
sah, da er nur in die Leere blicke, und sthnte wie ein verwundeter Stier.
    Nach diesem begann der Alte ein stummes eifriges Suchen in der Kammer. Er
kehrte jedes Gert um, er durchsprte jeden Winkel, er leerte alle Kisten und
Kasten aus, welche dort vor und hinter dem Saatlaken umher standen. Kein Platz
blieb undurchforscht, aber alle diese Mhe war vergebens, denn das Schwert
zeigte sich nirgends. Indem hrte er unten die Stimme seines Eidams und seiner
Tochter, sowie der Freunde und Nachbarn, welche von der Tanzgesellschaft herbei
gekommen waren, um nach ihm zu sehen. Rasch verlie er die Kammer, um nicht in
seinen Anstrengungen betroffen zu werden und ging hinunter, scheinbar gefat.
Dort stellte sich alles mit Fragen nach seinem Befinden um ihn, worauf er
dieselbe Antwort gab, welche schon die Magd empfangen hatte und hinzufgte, da
ihm wieder ganz wohl sei. Er bat die Leute, sich in ihrer Lustbarkeit nicht
stren zu lassen und wieder zum Tanze zurckzukehren; eine Aufforderung, welcher
mehrere folgten, andere aber auch nicht. Diese blieben vielmehr im Hofe, weil
sie an dem Tanze kein Vergngen hatten, es kamen noch fortwhrend Leute vom
Jrgenserbe und so war ein bestndiges Ab- und Zugehen von Menschen.
    Als nun der Hofschulze sah, da er der Zeugen nicht quitt werde, beschlo er
alles Fernere auf die Nacht zu versparen. Er setzte sich still in seine Stube
und sagte dem Eidam, er mge die Mitgift nach Hause tragen, was dieser auch mit
einem Gehlfen tat. Mehrere Nachbarn stellten sich zu ihm und mit diesen sprach
er nun so ordentlich und vernnftig, wie immer seine Sitte war. Niemand merkte
ihm etwas an, und nur wer gewut htte, was vorgefallen war, wrde aus seinen
geschwollenen Stirnadern, aus den Augen, die zuweilen hervorquollen, und aus den
Griffen, die der Alte hin und wieder nach seiner Brust tat, auf das, was in ihm
vorging, haben schlieen knnen.
    Whrend ein ungeheurer Verdru und Schreck unten sich so heimlich hielt,
hatte auch oben im Hause ein leidendes Kind seine Entschlsse reif gedacht.
Lisbeth war in schweren Krperschmerzen den ganzen Vormittag ber auf ihrem
Lager geblieben und hatte sich erst um die Zeit, als ihr alter Gastfreund seine
trostlose Entdeckung machte, erhoben und angekleidet. Sie war so ernst, bleich
und still, wie am Abend zuvor, da ihre Trnen versiegten. Aber diese hatten den
Augen des Mdchens nicht geschadet; sie leuchteten von einem fast berirdischen
Glanze. Der hohe Berg, auf dessen Gipfel sie im Jubel ihrer Wonne zu stehen
gemeint hatte, war unter ihr eingesunken, und die roten Wolken hatten sich
verzogen, aber dennoch kam es ihr vor, als schritte sie ebenso hoch und noch
hher einher, und es war ihr, als trgen Lfte ohne Wolken, therreine und
therklare ihre Fe.
    Sie setzte sich an ihren Tisch und sagte mit einer himmlischen Zuversicht im
Ton: Ein Findling ist Gottes Kind. Und wen Vater und Mutter in der Irre
stehengelassen haben, den wird Gott bei der Hand nehmen und nach Hause fhren.
- Die Schmerzen hatten eine wunderbare Verwandelung in ihr gewirkt. Zu ihren
sogenannten Pflegern wollte sie nimmer zurckkehren. Denn als sie, von Leiden,
wie von zuckenden Blitzen durchwhlt, whrend der Nacht auch einen Blick auf
ihre Vergangenheit warf, so sah sie schaudernd und wie von einem strengen Seher
erbarmungslos unterrichtet, in welchen jmmerlichen und lachensdrren Umgebungen
sie gelebt hatte. Sie blickte in die traurigen und unreinlichen Trmmer hinein,
zwischen denen sie so mutfroh und rein geblieben war, und sie htte weinen
mgen, wenn ihr noch eine Trne brig gewesen wre, als sie nun erkannte, da
ein faselnder alter Mann und eine halbverwirrte Trin denn doch die einzigen
gewesen waren, die sich ihrer angenommen hatten. In einen Augenblick des
uersten Entsetzens drngte sich eine Ewigkeit von qulenden und widerwrtigen
Vorstellungen zusammen - zerrissen und gepeinigt wandte sie den Blick von diesen
unheimlichen Gesichten ab und in die Zukunft, worin freilich die Augen Oswalds
erloschen waren und nur noch das Auge Gottes durch die Finsternisse strahlte. -
So hatte das Unglck die se Bewutlosigkeit, worin das Kind Jungfrau geworden
war, zerstrt, und das Wachen der Wahrheit in der wunden Brust geschaffen.
    Sie schrieb einen Brief an den Diakonus. Zu diesem hatte sie groes
Vertrauen, und den wollte sie zu ihrem Fhrer whlen. Nach dem Eingange, in dem
sie sagte, da eine schmerzliche Aufregung sie ber ihr Geschick erleuchtet
habe, lautete der Brief folgendermaen:
    Sie htten wohl nicht gedacht, lieber Herr Prediger, als Sie gestern die
Hand auf mein Haupt legten, da Sie von mir heute so traurige Worte hren
wrden. Wenn ich es Ihnen nur recht deutlich machen kann, wie mir eigentlich
zumute ist! Denn wenn Sie das nicht einsehen, so knnen Sie mir auch nicht
helfen. Es ist aber gewi recht schwer, sich deutlich zu machen mit verwirrtem
Kopfe und klopfendem Herzen und bebender Hand. Sie sind jedoch ein so guter und
kluger Mann, da Sie sich auch vielleicht aus dem Stammeln eines armen Mdchens
vernehmen knnen.
    Ach, lieber Herr Diakonus, es ist mir auerordentlich bel gegangen seit
gestern. Es hatte wohl gestern den Anschein, als knne ich eine Braut sein, und
das will bei einem so armen und verlassenen Mdchen, wie ich bin, noch mehr
sagen, als bei anderen, die wissen, woher sie stammen. Heute aber bin ich keine
Braut mehr, nein gewi nicht. Warum ich keine mehr bin, das kann ich Ihnen nicht
sagen; ich schme mich zu sehr. Ihrer lieben Frau werde ich es anvertrauen, wenn
ich erst ruhiger geworden bin, ganz in der Stille.
    Ein Mdchen, welches kein Kind mehr ist, denkt wohl zuweilen an das Heiraten
und so habe ich denn auch hin und wieder daran gedacht, obgleich ich wenig
Aussicht dazu hatte. Wenn mir aber die Vorstellungen davon kamen und von der
Liebe, so war immer das erste Gefhl, da die Liebe die ganze Wahrheit und
nichts als Wahrheit sei und zwar die Wahrheit in der Brust, und eine solche
Offenheit, da man dem anderen auch nicht das Kleinste verschweigt. Htte ich
eine Snde begangen, wovor mich freilich Gott geschtzt hat, so wrde ich meinem
Freunde die Snde haben beichten mssen, ehe ich ihm noch meine Liebe gestand.
Denn wenn zwei Menschen, wie es ja lautet, ein Leib und eine Seele werden
sollen, so darf doch auch nicht ein Stubchen zwischen ihnen sein von
Verschweigen, Hinterhalt, Verstellung und Knstelei. Ja, noch offener soll man
gegen den Liebsten sein, als gegen Gott, denn dieser sieht selbst scharf genug,
aber der arme Liebste hat ja nicht so durchdringende Augen und soll uns doch
ebenso genau kennen, wie Gott, weil er sich nicht auf dieses und jenes in uns,
sondern auf alles in allem Zeit seines Lebens verlassen mu. Wer mir also, wenn
er sagt, da er mich liebe, dennoch einen Schein vorweben kann, von dem mu ich
glauben, was sie mir wider ihn vorbringen, und mchte es auch das
Allerschlimmste sein. Wer mir sagt, Herr Diakonus, er sei ein armer Frster und
ist ein groer Graf, der kann auch noch anderen Lug und Trug wider mich
vorhaben. - - Ach Gott! Ach Gott! Zuweilen denke ich: Es ist gar nicht mglich,
da ein Mensch, der so gut aussieht, so schlimm sein kann! - -
    Ich bin eigentlich ganz elend worden, und wre in den Schmerzen dieser Nacht
wohl gestorben, htte mir nicht mein Stolz geholfen. Weil ich aber tief
gedemtigt werden sollte, so hat mich das sehr stolz gemacht, ganz beraus
stolz. Nun ist dieser Stolz freilich wohl nur Hlfe in der uersten ersten Not,
und deshalb flchte ich mich zu Ihnen. Ich bitte Sie, gnnen Sie mir eine
Freistatt in Ihrem Hause, Kosten mache ich Ihnen ja nicht viel und Ihrer lieben
Frau kann ich doch immer etwas helfen. Sie sind immer sehr gut und freundlich
gegen mich gewesen und werden mich gewi nicht verlassen. Nach dem Schlosse gehe
ich auf keinen Fall zurck, mich schaudert davor. Das war wohl bisher gut so
weit, aber nun geht es nicht mehr; nein, nein. Ich bin also wie eine Staude, die
vom Boden abgeschnitten ist und wei noch kein Erdreich, worin ich wieder
wachsen kann.
    Da Sie sich aber ber mich nicht irren, so mu ich Ihnen sagen, da ich gar
kein Verlangen nach der Kirche habe, oder nach der Religion, wenigstens nicht
mehr als sonst. Ich habe mir schon Vorwrfe darber machen wollen, denn man sagt
ja immer, da der Mensch im Unglck hauptschlich viel beten msse, aber das mu
denn wohl ein anderes Unglck sein, als meines. Ich fhle mich als ein so
ordentliches, unschuldiges Mdchen, da ich nicht begreife, warum ich Gott
gerade jetzt besonders bitten sollte, nur beizustehen. Sondern es ist ber mich
verhngt worden, und nun trage ich es, und er lt mich gehen in meiner Weise.
Auch kann der Gott, von dem gepredigt wird, einem Herzen nicht helfen, welches
sich weggegeben hatte und sich nun wieder zurcknehmen mu. Dem hilft sicherlich
auch ein Gott, aber er steht in keinem Liede, sondern ganz tief im Herzen selbst
ist er verborgen, stumm, und ich glaube, der groe Stolz, den ich empfinde, ist
sein Kleid.
    Haben Sie nur rechte Geduld mit mir, mein lieber, lieber Herr Diakonus, Sie
und Ihre Frau; Sie sollen sehen, die Lisbeth hilft sich schon heraus, denn von
einem Tage zum anderen kann man doch nicht verloren sein, wenn es gleich den
Anschein davon hat. Es ist aber erstaunlich, was fr Schmerzen der Mensch
aushalten kann. Wre ich nur katholisch, so ginge ich zu den Barmherzigen
Schwestern; es mu eine recht angenehme Beschftigung sein, zeitlebens die armen
Kranken zu pflegen. Und nehmen Sie mir das schlechte Schreiben nicht bel; es
wollte aber nicht besser gehen. Durch den berbringer bitte ich um Antwort.
    Die Entschuldigung wegen der Handschrift wre nicht ntig gewesen; denn die
Zge waren so eben und klar, wie sonst. Keine Trne war auf das Blatt gefallen.
Sie sah sogar gleichmtig aus und alle ihre Zge leuchteten wirklich von einem
wunderbaren Stolze. Sie rief einen Knaben herbei und schickte ihn mit dem Briefe
nach der Stadt.

                                Fnftes Kapitel



                               Lisbeth und Oswald

Aber ihre ganze Fassung war hin, als sie gedankenvoll durch das Fenster nach den
Hgeln blickend, durch die Nebel einen Mann herankommen sah, eine bekannte
Gestalt. Heftig bedeckte sie ihr Gesicht mit den Hnden und noch einmal brach
ein Strom der bittersten Trnen aus den schon erschpft gewesenen Augen. Ihre
Wangen wurden eiskalt und ihre Hnde starben ab - Ach! Ach! Ach! war alles,
was die Brust, die sich so grimmig beraubt whnte, zu chzen vermochte. Was
sollte sie tun? Ihre Seele wurde von der Verzweiflung in zwei Hlften gespalten.
Ach, das war er ja immer noch, der da so langsam herbeigeschritten kam, gewi߫,
dachte sie blitzschnell, geht er so langsam, weil ihn die Schuld drckt; wie
wrde er sonst fliegen! Das ist seine Kleidung, das ist sein Gang, das ist sein
Antlitz, und nur er ist es nicht, nur er nicht!
    Sie strich ber ihre Schlfe, die ein kalter Schwei bedeckte. - Dann sah
sie sich im Zimmer um, wo noch manches vom vorigen Abend die Verwirrung ihrer
Sinne bezeugte. Auch in dieser gramvollen Not schmte sie sich, da er etwas
unordentlich bei ihr finden knnte. Sorgfltig verbarg sie ihre Nachtkleider
unter der Decke des Bettes und sah nach, ob auch dieses recht in Ordnung und
berall von der Decke berhllt wre, denn gemacht hatte sie es freilich gleich,
nachdem sie aufgestanden war. Sie rckte den Tisch am Fenster gerade und stellte
die Sthle an ihre Pltze, auch den Zunder von dem verbrannten Gedichte kehrte
sie sauber beiseite, und die Stcke des zerschnittenen Tuches, welche auch noch
am Boden lagen, erhob sie und legte sie auf den Tisch. Sie tat das alles so
emsig, wie wenn das glcklichste Mdchen den Brutigam erwartet, und doch
stockte ihr der Tod im Herzen.
    Ach, er kam immer nher! - Was - was sollte sie tun? Wie gern wre sie in
seine Arme gestrzt und htte sich in diesen s-giftigen Schlingen mit ihren
Schmerzen ersticken lassen! Und doch mute sie vor ihm fliehen, unerreichbar
weg, denn trat er in das Zimmer und heftete er seinen Blick auf sie, so war es
um sie geschehen, das fhlte sie wohl. Kaum den Boden unter ihren Fen sehend,
schwankte sie aus dem Zimmer und whlte den Versteck, der sich ihren irren
Sinnen zunchst darbot. Kein Gedanke, keine berlegung, da er ja nicht zu ihren
Pflegern gegangen sein wrde, wenn er es bel mit ihr meinte, kam in die
gestrte Seele.
    Denn die Liebe ist, ungerttelt, gttlicher Scharfsinn. Die Blitze ihrer
Ahnung sehen das Verborgenste, sie gleicht dem Wunderrosse, welches Mahomet
zwischen dem Umstrzen und Auslaufen eines Wasserkruges durch alle sieben Himmel
trug und ihm die Herrlichkeiten eines jeden zeigte - verstrt, in falsche Bahnen
gelenkt, ist sie Wahnsinn, der bei Domen vorbergeht, ohne sie wahrzunehmen, und
Maulwurfshgel fr Alpengipfel ansieht.
    Oswald betrat unten das Haus. Er htte nie gedacht, da er ber eine
Schwelle so scheu wie ein Snder wrde schreiten mssen. Ein grimmiger Verdru
ber die ekelhaften Schlangenknuel des Lebens, ber den plumpen Spa des
Daseins, welcher oft Splicht und die Blume des Weines zusammen mischt, sa ihm
am Herzen. Immer krnker fhlte sich dieses Herz. Noch hingen die Locken des
Jnglings verwirrt vor seinem Antlitz, um welches zuweilen eine fliegende Rte
ergossen war, und seine Augen sprangen unstet zwischen den Gegenstnden hin und
her, ohne einen derselben mit ihren Blicken zu treffen. Er schritt an den Leuten
vorber, die im Flur waren und an dem Hofschulzen, ohne jemand zu gren.
    Sein Herz war voll von Gram aber auch voll von Entschlu. Zu Lisbeth ging
er, zu der Lisbeth, welche ihn gestern mit dem Wiesenkrnchen als ihren Knig
und Herrn gekrnt hatte, und die er nun der sen Dienstbarkeit entlassen
wollte. Denn ihr Bild war ihm besudelt worden; freilich ohne Schuld der
Unschuldigsten. Aber ist das Liebesgefhl, stark wie der Tod, nicht auch
verletzlich, gleich den Hrnern der Schnecke? - Es mu mir das nicht bei ihr
einfallen, hatte Oswald unaufhrlich auf dem Wege zu sich gesagt. - Sie wird
zwar unglcklich, aber werde ich's nicht auch? Nicht tief, tief unglcklich? -
Ach, wie wollte ich an ihrer Seite daheim werden in meinem Herzen, daheim und
selig zu Hause sein bei mir, und jedes Winkelchen kennenlernen, darin lieblich
Gerte steht und Krge wrzig duften voll sanften Weines und les, und mu nun
doch wieder mich selber drauen suchen gehen! Aber die Braut des Grafen Waldburg
darf nicht -
    Er tat die Tre des Zimmers mit dem gewaltigsten Herzpochen auf. Sie
wollte er sie nennen und zu ihr sagen, da er komme, um von ihr Abschied zu
nehmen, sie solle ihn aber nicht fragen, was sich so pltzlich zwischen sie
beide gedrngt habe. Mit diesen Gedanken trat er in das Stbchen, vernichtet
fast von dem bevorstehenden Augenblicke und als er sie nicht fand, da - rief er:
Sie ist nicht hier! mit eben dem Entzcken, mit welchem er gestern die
verschlossene Tre der Dorfkirche begrt hatte. Denn nun hatte er sie ja noch,
vielleicht zwei, vielleicht gar drei Minuten, bis sie wieder in das Zimmer trat.
    Er setzte sich am Bette nieder und streichelte die Decke, als streichle er
ihre Hand. Dann schob er die Hand unter die Decke am Fuende, wo er ihre
Nachtkleider vermutete, und da geriet ihm ihr Mtzchen zwischen die Finger. Er
drckte das Mtzchen mit seinen Fingern, denn er wollte Abschied nehmen von
allem, was sie berhrt hatte.
    Dann legte er die Hnde in den Scho und sah vor sich hin und um sich her,
lange. Ach, alles war reinlich und sauber umher und der Hauch ihrer Nhe webte
noch in dem kleinen Zimmer. Es kam ihm vor, als sei es darin golden helle, als
scheine die Sonne drauen und doch dunstete der graue, hliche Nebel auch um
dieses Haus. - Nach einem langen Schweigen sagte er beklommen: Ich htte nicht
hierher kommen, ich htte ihr schreiben sollen; so schwere Dinge soll man
schriftlich abmachen.
    Sie blieb immer aus. Er begann, sich nach ihrer Erscheinung zu sehnen, stand
auf und ging unruhig hin und her. Was? rief er, indem er sich pltzlich ber
dieser Sehnsucht ertappte, du verlangst danach, von ihr Abschied zu nehmen? -
Sein Blick fiel in den kleinen Spiegel an der Wand, er sah seine Locken in
greulicher Verwirrung, schmte sich dieses Anblickes, strich sie in Ordnung, und
ein Gesicht sah dahinter hervor, welches zwar bleich war, aber sich doch nicht
so bel ausnahm, wie er noch vor wenigen Augenblicken gemeint hatte, da es sich
ausnehmen msse.
    Denn eine sanfte Wrme hatte sein ganzes Inneres durchdrungen, welches seit
einigen Stunden wie erfroren gewesen war. Es hob sich eine Last von seinem
Herzen, es trat wie ein schwerer Fluch von seiner Seele zurck. Mit jedem
Augenblicke wurde ihm freier und freier; ihm ward zumute, wie dem begnadigten
Snder, wie dem verlorenen Sohne, da der Vater ihm ein kstliches Mahl anrichten
lie. Ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche Empfindung, die aus
hlfreichem Mitleid und schpferischer Zrtlichkeit gemischt war; ein herzliches
Wollen, ein tiefes Entschlieen und eine gttliche Geburtswehe des Gemtes.
Alles das wallte wie ein Meer in ihm empor und in die Fluten dieses Meeres
sanken die Fratzen des sogenannten Schlosses hinab und wurden nicht mehr
gesehen.
    Ja, er hatte sie wieder, die zufllig Gefundene, rasch Geliebte, fr die
Ewigkeit Erkannte! - Er hatte sein Reh wieder, sein Mdchen, sein Herz, und was
gestern noch Glck war, das war heute eine schwere, se Eroberung durch die
Tapferkeit seiner wrmsten Blutstropfen geworden. Er rieb sich vor Vergngen die
Hnde; jauchzend rief er: Bin ich nicht frei, bin ich nicht zu meinem
allergrten Glcke ganz frei? - Und dann setzte er sich auf den Stuhl am
Fenster, auf dem sie zu sitzen pflegte, nahm die Feder, mit der sie eben den
traurigen Brief an den Geistlichen geschrieben hatte und focht damit in der Luft
hin und her, frhlich wie ein Junker, der seinen ersten Degen erhalten hat. Er
schrieb nicht mit der Feder auf dem Papiere, nein in den Lften zog er einen
schnen Schnrkel aus L und O geschlungen und freute sich ber die gefllige
Form dieser Buchstaben und um dieselben zog er ein lateinisches W. Ihm dnkte
das ein trefflicher Namenszug zu sein. Mutig rief er; Und wre sie von Rubern
und Mrdern entsprossen, und wre sie unter dem Hochgerichte geboren, sie bliebe
doch die Lisbeth, und doch wrde sie mein! -
    Wer von der Geliebten Abschied nehmen will, gehe nicht in ihr Zimmer,
sondern schreibe an sie, obgleich auch dann wohl manches Billett zerrissen
werden und statt des Billetts der Liebende sich auf den Weg machen mchte.

                                Sechstes Kapitel



                            Suchen und nicht Finden

Er sagte: Aber erfahren darf sie es nie, nie darf sie nach ihrem Ursprunge
forschen. Auf mich allein und in meine Brust mu sie gepflanzt sein. - Da war
nun das Erdreich, in welchem die arme abgeschnittene Staude wieder wachsen
sollte, und sie wute es nicht. Sie war so nahe, da sie fast seine Stimme hren
konnte und doch wute sie es nicht. - Nichtige Nte! Ihr gehrt zur Liebe, wie
Schwindel zum Rausche.
    Sie kam aber immer nicht. Er wurde unruhig, ging hinunter und fragte nach
ihr. Die eine Magd wollte sie den ganzen Tag ber nicht gesehen haben, die
andere meinte, sie sei aus dem Hofe gegangen. Er durchstrich die nchsten
Umgebungen des Oberhofes, aber da war nichts von Lisbeth zu erblicken. Es fing
schon an, dster zu werden.
    Sein Herz wurde ihm nach kurzer Freude noch schwerer als frher. Ihr
Verschwinden war ihm unerklrbar. Er ging wieder auf ihr Zimmer, worin er wegen
der Dunkelheit die Gegenstnde nicht mehr unterscheiden konnte. Nach kurzem
Verweilen trieb es ihn abermals hinunter, er traf nun den Hofschulzen an und
erkundigte sich bei dem, wo sie sei? - Die wird nach Ihnen nicht viel mehr
fragen, junger Herr, versetzte der Alte. Sie ist gewitziget. - Was! rief
Oswald in uerster Bestrzung und wollte von dem Hofschulzen nhere Auskunft
haben. Diese versagte aber der Alte, denn er hatte zwar seine Pflicht, wie er
meinte, gegen das Mdchen ben mssen, aber mit dem jungen verliebten Hitzkopfe
mochte er nichts zu tun haben. Liebessachen gehrten berhaupt nicht zu den
Gegenstnden, die fr ihn von Wichtigkeit waren, und worin er Treue und Glauben
als Pflichten anerkannte. Um sich des Jnglings durch irgendeinen Vorwand, wahr
oder falsch, zu entledigen, setzte er hinzu: Junge Frauenzimmer sind
wetterwendisch; es mag ihr wohl so ernst nicht gewesen sein, nun schmt sie sich
und will sich nicht vor Ihnen sehen lassen.
    Ein Weiteres war von dem Alten nicht herauszubringen. Auer sich strzte
Oswald zum dritten Male nach Lisbeths Zimmer, als msse sie dort sein, wenn er
sie suche. Er hatte ein Licht mitgenommen. Lisbeth fand er nicht, wohl aber bei
dem Scheine des Lichtes und mit dem Scharfsinn, den der Kummer gibt, die
traurigen Zeichen der zerstrten Liebeshuld. Er nahm, was auf dem Kasten lag,
hinweg, da sah er drinnen seine Goldrolle und das grne Srglein liegen, von
Lisbeths Busen verstoen, hinweg geworfen! - Die Stcke des zerschnittenen
Tchleins sah er; der Schnitt ihrer Schere hatte eigentlich dem Bande zwischen
ihnen gegolten! - Auch ein halbverbranntes Stckchen Papier erhob er vom Boden,
denn alles war ihm wichtig, was sein Elend ihm erleuchten konnte. Noch stand
darauf:

In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehrst du dir -

Weiter war nichts zu lesen. - Ja, rief er, du gehrst nur dir und keinem
anderen, aber das Lachen wird dir wohl eigener sein, als der Ernst! - Er war
bse auf sie, er zrnte ihr ingrimmig, denn auch er glaubte, was der Hofschulze
ihm gesagt hatte, und meinte, das Mdchen habe nur in einem Ansto, der rasch
verflogen sei, sich in seinen Arm gelegt. Es war das Unglaublichste, was es nur
geben konnte, aber er htte nicht geliebt, wenn er gezweifelt htte. - Liebe ist
so feige, da sie vor ihrem eigenen Schatten erschrickt; Liebe ist blind in der
Wahl, noch blinder in der Qual.
    Er stellte sich an die Tre des Zimmers und rief mit sanfter Stimme ber den
Gang: Lisbeth! - Sie hrte ihn wohl, aber sie antwortete ihm nicht, denn sie
war entschlossen, lieber zu verhungern und zu verdursten, als sich zu zeigen, so
lange er im Oberhofe sei. Fest hielt sie ihre Hand auf die Lippen gedrckt und
wimmerte leise wie ein blutendes Kind, da sie nicht hinaus und an seine Brust
fliegen drfe. - Er suchte in mehreren Gemchern nach ihr, aber das bersah er,
worin sie sich befand. Nun ging er nach dem Zimmer und sah die Goldrolle und das
grne Srglein abermals an, und wollte das Srglein zu sich stecken, denn was
ging ihn das Gold an? aber er nahm die Rolle und lie das Srglein liegen, so
verwirrt waren seine Gedanken. Die Blumen ri er aus dem Glase und warf sie
heftig zu Boden, aber dann tat ihm dieser Zorn doch leid, und er hob sie wieder
auf, wenigstens die Lilie, weil er wute, da diese der Lisbeth besonders
gefallen hatte.
    Fast wahnsinnig vor Leid machte er einen neuen Gang in die Dunkelheit und
als auch der vergebens war, blieb er erschpft vor dem Hofe stehen und jeder
Windsto, jeder ferne Ruf mute ihm Lisbeths Gang oder Stimme bedeuten. Aber sie
kam nicht. - Zornig trat er in das Haus zurck und fragte jeden wild, ob er noch
nicht Lisbeth gesehen habe? und dann vertauschte er wieder das Haus mit dem
Platze vor dem Hofe, dort immer von neuem horchend.
    So trieb es Liebesmhe umsonst bis spt abends. Mit der verzweiflungsvollen
Unruhe des Jnglings bildete die unzerstrliche uere Fassung des Hofschulzen
einen merkwrdigen Gegensatz. Whrend der junge Graf wie ein verwundeter Lwe
umhertosete, sa der alte Bauer gleich einem Bilde aus Stein an seinem Tische,
die entsetzlichste Aufregung zurckhaltend im verschwiegenen Herzen.

                               Siebentes Kapitel



                          Ein Trauerspiel im Oberhofe

Melpomene hat zwei Dolche. Der eine ist blank, haarscharf geschliffen, schneidet
schnell und grbt glatte, rein ausblutende Wunden. Der andere rostig, voll
Scharten, reit in das Fleisch unselige Zerstrung. Mit dem einen tritt sie
Knige und Helden an, mit dem anderen pflegt sie sich fter bei Bauern und
Brgern einzuschleichen. Der eine trifft um groe, unleugbare Gter, um Krone,
Reich, Leben, der andere qult um Nichtigkeiten, um einen Schall, um des
Schalles Widerhall. Denn die Menschen werden nicht von den Dingen, sondern von
den Meinungen ber die Dinge gepeiniget.
    Der Palast ist nicht der einzige Schauplatz der Tragdie. - Wer jetzt bei
den Schatten der Nacht unter das Dach des Oberhofes htte blicken knnen, wrde
haben zugestehen mssen, da dort die leidenschaftlichste Tragdie im Gange sei.
    Es war so spt geworden, da die Nachbarn sich zurckgezogen, die Knechte
und Mgde sich schlafen gelegt hatten und das Feuer auf dem Herde erloschen war.
Der Hofschulze verschlo darnach alle Tren des Hauses und bereitete sich zu
seinem Werke, welches er fr die Nacht verspart hatte. Fr ganz einsam hielt er
sich, aber er war belauscht. Als die Tren abgeschlossen wurden, schlich sich
eine dunkele Gestalt zu der Sphestelle im Eichenkamp und setzte sich dort
nieder, das Gesicht nach dem Oberhofe gewendet. Es war der einugige Spielmann,
welcher inzwischen gehrt hatte, da sein Feind nicht am Schlage gestorben sei
und nun sehen wollte, ob ihm nicht wenigstens die Qual aufliege, welche der
Rachschtige ihm in heiem Grimme anwnschte. Nicht lange durfte er auf die
Freude dieses Anblicks warten. Denn bald leuchtete in dem dunkelgewordenen
Oberhofe ein Licht auf. - Aha, sagte der Spielmann, jetzt gibt er sich ans
Suchen. - Das Licht begann eine Wanderung, jetzt erschien es hier, dann zeigte
es sich da. - Nun sucht er in den Stuben, sagte der Spielmann. Zuweilen
verschwand es. - Hinten hinaus liegt auch nichts! frohlockte der Spielmann.
Pltzlich kam es wieder rasch zum Vorschein. - Da bist du ja schon gewesen!
murmelte der Feind voll ingrimmiger Lust. So begleitete er jeden Schritt des
verrterischen Lichtes mit seinem Hohne. Wie das Licht nicht mde ward zu
wandern und der Reiche in seiner verzweiflungsvollen Anstrengung mit ihm, so
ward der Bettler drauen im Dunkel nicht mde, das Licht und den Reichen zu
verspotten. Endlich als es auf Mitternacht ging, und der Schein noch immer da
und dort flammte, konnte er sich nicht migen, sondern er feierte seinen
nchtlichen Triumph durch ein Lied, welches er auf dem Leierkasten tnen lie.
Es war eins der sanften, stillen Lieder, welche das Volk auf den Gassen zu hren
bekommt, er aber ri an dem Griff, da die Walze, heftig umgeschwungen, die
langsame Weise in das wildeste Allegro trieb.
    Damals um diese Mitternachtstunde sa auf dem Flure im Oberhofe der alte
Bauer und ruhte eine kurze Zeitlang von seinem Suchen aus. Das Licht stand neben
ihm und in dessen mattem Scheine glichen die gefurchten Zge des Antlitzes
tiefen Grben, die sich durch ein graues Feld ziehen, denn seine Gesichtsfarbe
war von Schmerz und Gram um den ihm unbegreiflichen Verlust aschfahl. Die Augen
waren fast aus ihren Hhlen getreten und er sah starr mit ihnen auf den Boden.
Alles hatte er unten durchsucht, selbst das Stroh in dem Stalle umgewendet und
nichts gefunden.
    Jetzt erhob er sich, um in dem ersten Stock des Hauses nachzusehen. Das
Licht vor sich hinhaltend, ging er zitternd und gebeugt langsam die Treppe
hinauf und hielt sich am Gelnder. Oben stand er still und berschlug, wo er
seine Forschungen anstellen msse. Denn auch in dieser verzweiflungsvollen
Seelenstimmung verlie ihn seine Bedchtigkeit nicht. Er erinnerte sich, da er
in der Kammer, worin die Kiste stand, schon gleich nach dem Wahrnehmen des
Raubes nichts undurchstbert gelassen hatte; dort also wre jede erneute Mhe
umsonst gewesen. Aber alle anderen Gemcher, Gelasse, Ecken und Winkel
durchsphte er. Er rckte die Schrnke ab, wo dergleichen standen, und blickte
hinter jede Kiste. Er ffnete die Schrnke und Kisten, bckte sich ber sie und
leuchtete hinein. Jedes Gert, welches einen Gegenstand verbergen konnte, nahm
er auch hier von seinem Platze und sah nach, ob das Schwert nicht dahinter
liege. ber diesem stillen und vergeblichen Suchen gingen wieder mehrere Stunden
hin. Der Morgen begann schon zu dmmern.
    Wie der alte Mann so, unaufhrlich gehend, sich bckend, sphend, nie
bereilt in seinen Bewegungen, aber auch nimmer rastend, umherwanderte, gewhrte
diese unablssige, stumme, stete, gleichmige Mhe einen peinlichen und fast
schauerlichen Anblick. Wre er rascher in seinen Bewegungen gewesen, so wrde
man ihn haben einem Raubtiere vergleichen knnen, welches nach seinen Jungen
sucht; so aber, wie er sich verhielt, glich er einer ewigen, toten,
stillwhlenden Naturkraft.
    Das letzte Gemach, welches er durchforschte, war Lisbeths Zimmer. Er dachte
nicht daran, da er ein entkleidetes und schlafendes Mdchen dort htte finden
knnen. Er verwunderte sich auch nicht, da er Lisbeth nicht darin fand, da ein
anderer es und in solcher Art, wie er sah, innehatte, denn er htte sich ber
nichts verwundert, seine Seele war gleichgltig gegen alles, auer gegen den
einen Gegenstand, der sie erfllte. - Nun hatte sich die Sache gewendet. Der
Alte war in Bewegung und der junge Mann ruhte, oder regte sich wenigstens nicht,
erschpft von Anstrengung und Leiden. Er hatte sich, nachdem er der Hoffnung
leer geworden war, Lisbeth heute wiederzusehen, ber ihr Bette geworfen, um
etwas zu berhren, was ihr Krper berhrt hatte. So lag er, die Arme ber das
Kissen gebreitet und dieses an seine Wangen drckend. Leise sthnte er und rief
zuweilen schluchzend den schwbischen Schmerzenswunsch: Ich wollt', ich wr'
bei meiner Mutter! - Die Mutter, nach der er hinverlangte, lag aber im Grabe,
und die Geliebte, um die er bekmmert war, sa wenige Tren von ihm, in der
Nachtklte frierend, ein erstarrtes Vglein, welches tages zuvor so lieblich
gesungen hatte.
    Der Hofschulze bekmmerte sich nicht um Oswald, und der Jngling hrte
nicht, da der Hofschulze in das Zimmer getreten war. Auch hier tat und
vollbrachte nun der Alte sein mhevoll vergebliches Werk. Der Schwei troff ihm
von der Stirne. Er seufzte tief und machte sich jetzt auf den Weg nach dem
Sller, dem letzten noch undurchforschten Raume des Hauses. Als er in die Nhe
der Sllertreppe kam, stand er jedoch pltzlich still und ein Schauder
schttelte seine Glieder. Nachdem dieser Schauder vorber war, hatten seine Zge
ein verndertes Ansehen gewonnen. Die Muskeln des Antlitzes spannten sich straff
an, die Augenhhlen wurden weiter, in seine Augen trat ein seherischer Glanz,
sie blickten unbeweglich mit geisterhaftem Blicke vor sich hin, als schaue er
etwas, ein Ding oder einen Ort, und pltzlich griff er mit der Hand nach der
Luftgestalt, die ihm der auf der Hhe seiner Anstrengungen gewordene ekstatische
Zustand vorspiegelte. Jene Handbewegung brachte ihn zu sich selbst zurck. Er
blickte nun mit seiner gewhnlichen Art um sich her, strich sich ber die
Stirne, die Anspannung der Muskeln lie nach, die Brauen sanken herunter, die
Augenhhlen nahmen ihre gewhnliche Gre an, er sah aus, wie zuvor. Der ganze
Paroxysmus hatte nur wenige Sekunden gedauert. Aber ohne Zweifel war whrend
desselben etwas Auerordentliches in ihm vorgegangen. - Also da liegt es!
murmelte er froh und beruhigt, und stieg raschen Schrittes die Sllertreppe
hinauf.
    Oben achtete er dessen nicht, da er mit dem brennenden Lichte neben Stroh
und Heu vorbeiging; eine Unvorsichtigkeit, wofr jeder Knecht ohnfehlbar den
Dienst bei ihm verwirkt haben wrde. Geraden Schritten ging er auf den Verschlag
zu, worin Oswald so unbequeme und doch so glckselige Nachtstunden zugebracht
hatte. Mit der Sicherheit eines, der wei, da ihn seine Vermutung nicht
tuscht, machte er die Tre auf und sah sich im Verschlage um.
    Aber als er nun das Lagerstroh umgekehrt und die wenigen Sachen, welche der
enge, kahle Raum enthielt, hinweggetan hatte, brach er gewaltsam zusammen. Denn
zwischen diesen vier leeren Bretterwnden war das Schwert Karls des Groen auch
nicht zu finden. Das brennende Licht entsank seiner Hand, er setzte sich oder
fiel vielmehr auf einen dort stehenden Kasten und stie einen furchtbaren Schrei
aus, einen von den Lauten, die sich nicht beschreiben lassen, weil die Natur in
ihnen ihre eigensten, nur sich selbst vorbehaltenen Rechte bt.
    Das Licht schwelte mit seiner Flamme auf dem Fuboden in der Nhe des
umherzerstreuten Strohes. Der Hofschulze aber hatte kein Auge fr diese
Feuersgefahr. Er blieb auf dem Kasten sitzen. Die Kniee hatte er zum Haupte
emporgezogen, die Arme auf die Kniee gestemmt und mit seinem Munde nagte er an
den Hnden. So blieb er, ohne da er sein Lager aufgesucht htte, oben, bis es
heller Tag geworden war.

                                 Achtes Kapitel



Wie der einugige Spielmann seine Absicht bei einem leidenschaftlichen Juristen
                                    erreicht

Am folgenden Morgen zwischen zehn und elf Uhr hielt ungefhr eine halbe Stunde
vom Oberhofe ein kleiner leichter Wagen vor einem einzeln stehenden Hause. Den
Schlag des Wagens ffnete der alte Jochem, welcher auch das Pferd - denn der
Wagen war ein Einspnner - gelenkt hatte, und half dem darin sitzenden Manne
heraus. Dieser war der Mann im graubraunen Mackintosh, der Oberamtmann Ernst.
    Ihr bleibt nun hier, Jochem, sagte der Oberamtmann, ich aber will das
Geschft in der Bauerkate, in dem sogenannten Oberhofe besorgen.
    Warum fahren Sie nicht vor, Herr Oberamtmann, fragte der alte Jochem.
    Weil ich alles Aufsehen vermeiden will, versetzte der Geschftsmann. Wie
Ihr mir Euren Herrn beschreibt, Jochem, ist er in einer etwas erhhten Stimmung.
Unterhandlungen aber mit Leuten in solcher Stimmung wollen ganz besonders
vorsichtig angefat sein, sonst milingen sie leicht. Ich wrde mit dem Wagen
die Leute im Hofe aufmerksam machen, der Graf knnte vielleicht durch die
Anwesenheit von Zeugen gereizt werden, und was dergleichen mehr sein drfte.
Deshalb ziehe ich es vor, allein, gleichsam schleichend, nach der Kate zu gehen,
ihn so zu berraschen und sacht mit fortzunehmen. - Eine Liebschaft, Jochem,
sagt Ihr?
    So sagt' ich, Herr Oberamtmann, versetzte der alte Jochem. Aber er wollt'
nichts mehr damit zu tun haben und weinte dabei erbrmlich.
    Kenne das, Jochem, sagte der Oberamtmann. Rixae amantium usw. - Er
schlug die Hnde ber dem Kopfe zusammen, da der Mackintosh wie das Segel eines
Hamburger Evers flog und rauschte und rief: Groer Gott, so behielte ja der
Merkur recht mit der Reise nach dem aufgelesenen Schtzchen!
    Herr Oberamtmann, sagte der alte Jochem, wenn ich Ihnen raten soll, so
schicken Sie mich nach dem Hofe, denn ich wei doch allein meinen Herrn zu
behandeln. - Der Oberamtmann ma den Alten mit einem geringschtzigen Blicke
und schttelte das Haupt. Der Alte, den dieser Blick etwas verdro, und der die
Eigenheit hatte, da er zuweilen laut dachte, murmelte, da jeder es verstehen
konnte: Wenn der ihn mit seiner Unterhandlung aus dem Oberhofe fortbringt, so
will ich nicht Jochem heien.
    Nicht weit von dem Platze, auf welchem dieses Gesprch vorfiel, torkelte
unter den Tannen ein Mensch umher, dessen Gebrden einen Betrunkenen verrieten.
Was diesen Betrunkenen vor anderen seines Zustandes auszeichnete, war, da er
nicht fiel, obgleich ein Leierkasten, den er auf dem Rcken trug, hin und her
rutschend das Gewicht auf der Seite vermehrte, auf welche er sich gerade neigte.
So aber mit dem bald links, bald rechts fliegenden Leierkasten gewhrte der
Patriotenkaspar - denn dieser war der Betrunkene - das Schauspiel eines auf
hohen Wellen treibenden Schiffes, welches gleichwohl nicht untergeht. Er hatte
sich von dem Erlse des Silberringes, den er an einen Hausierer verkauft, auf
das Rachegefhl der Nacht in dem kalten Morgennebel gtlich getan, und war so in
diese Verfassung geraten, welche ihn jedoch nicht hinderte, zwar heftige aber
doch vllig zusammenhngende Reden zu fhren, die er unaufhrlich
hervorsprudelte.
    Der Weg nach dem Oberhofe lief durch die Tannen. - Das Pferd bleibt wohl
ruhig hier stehen, sagte der Oberamtmann. Geht doch etwas voran, Jochem, und
haltet mir den Menschen da seitab; Ihr wit, da ich mit Betrunkenen nicht gern
zu schaffen habe.
    Jochem ging voran und der Oberamtmann folgte in gemessener Entfernung. Er
sah, da der Alte mit dem Betrunkenen sich in ein Gesprch gab, und rief, was da
vor sei? Jochem kam zurck und meinte, das sei der kurioseste Fuselichte, der
ihm jemals vorgekommen. Blo die Beine sind benebelt, sagte er; im brigen
ist der wste Kerl vernnftig und spricht verstndlich wie ein nchterner Mensch
von Protokoll und Mord und Totschlag.
    Als der Oberamtmann diese Worte hrte, horchte er hoch auf. Was gibt es
denn damit? fragte er sehr gespannt. Sein Widerwille gegen den Betrunkenen war
viel kleiner als seine Neugier nach dem Protokolle und nach dem Mord und
Totschlag. Er ging daher zu dem Patriotenkaspar, der wirklich einen eigenen
Rausch hatte, von dem sozusagen nur die Extremitten angegangen waren, das
Gehirn aber unversehrt geblieben war. Ein nicht seltener Fall bei erschpften
Krpern. Der betrunkene Spielmann rief dem Oberamtmanne gleich entgegen: Knnt
Ihr mir ein Protokoll machen, he?
    Mein Freund, das knnte ich allerdings wohl, versetzte der Oberamtmann mit
einem juristischen Lcheln.
    Nun denn, so kommt Ihr mir ja wie ein wahrer Retter in der Not entgegen,
rief der Spielmann und wollte den Oberamtmann umarmen. Dieser wich zurck,
darber verlor Kaspar das Gleichgewicht und fiel mit der Nase auf die Erde. Er
raffte sich aber gleich wieder empor, lie den Fall sich nicht anfechten und
fuhr fort: Macht mir ein Protokoll, und ich will Euch zeitlebens dankbar sein.
    Aber was soll denn in dem Protokolle stehen? fragte der Oberamtmann. -
Herr, sagte der alte Jochem, wollen Sie nicht weiter nach dem Oberhofe? -
Ich bitte Euch, Jochem, lat mich doch; man mu jeden Menschen anhren,
versetzte ungeduldig der Oberamtmann, dessen Teilnahme an diesem nach einem
Protokolle durstigen Trunkenen sichtlich wuchs.
    Mord und Totschlag soll darin stehen! rief der Patriotenkaspar. - Ich
habe einen Menschen totgeschlagen und keiner will mir ein Protokoll darber
machen, auf da ich mein Recht und meine Strafe empfange, wie sich gebhrt.
    Die Gestalt des Oberamtmanns verwandelte sich bei dieser unerwarteten
Nachricht zu der hlzernen Sule, an welcher er seine Inkulpaten zchtigen lie.
Ein solcher Fall war ihm nie vorgekommen. Auch der alte Diener zeigte sich
erstaunt und rief: Ich sag's ja immer, wenn man aus Schwabenland heraus ist
unter die Franken und Sachsen und Polacken gekommen, hrt Recht und
Gerechtigkeit auf. 's ist a wst Volk hauen.
    Ihr habt einen totgeschlagen und sie wollen kein Protokoll darber
aufnehmen? fragte der Oberamtmann einigermaen entsetzt.
    Richtig einen totgeschlagen und keine Mglichkeit, mein Protokoll darber
gemacht zu kriegen! erwiderte der Spielmann.
    Der Oberamtmann bedachte sich, senkte das Haupt, spannte in dieser denkenden
Stellung den Mackintosh wie einen Wandschirm aus, und sagte dann: Dieser Mensch
ist entweder verrckt, denn der Trunk hat ihn, wie augenscheinlich, nicht um
seinen Verstand gebracht, oder es herrscht eine Nachlssigkeit der Behrden
hier, die ohne Beispiel sein drfte. - Er hielt dem Patriotenkaspar die fnf
Finger seiner rechten Hand vor die Augen und fragte: Was seht Ihr da?
    Fnf Finger, versetzte der Spielmann.
    Guckt einmal da oben hinauf. Was seht Ihr ber Euch?
    Den Himmel. Es ist aber noch Haarrauch, deshalb sieht man nicht viel vom
Himmel.
    Sagt mir die Wochentage her. - Der Spielmann nannte alle Tage vom Sonntag
bis zum Samstag in ihrer gehrigen Reihenfolge.
    Welches sind die zehn Gebote? - Der Spielmann hob von dem nicht andere
Gtter haben neben mir an und lie keins aus.
    Nach dieser Geisteserforschung sprach der Oberamtmann: Dieser Mensch ist so
wenig irr als ich oder Ihr, Jochem. Folglich ein gestndiger Totschlger, der
von Reue und Gewissensbissen zerfleischt, sich angibt, dennoch nicht eingezogen,
ja nicht einmal zur Anzeige gelassen wird. Schne Wirtschaft! Was fr ein Staat!
- Kommt mit hinein in jenes Haus, sagte er zum Patriotenkaspar, es wird ja
wohl ein Bogen Papier nebst Feder und Dinte darin zu haben sein. Ich will etwas
kurzes Schriftliches von Euch aufnehmen und mir whrenddessen berlegen, was
weiter in der Sache zu tun ist.
    Aber Herr Oberamtmann, der Oberhof - sagte der alte Jochem.
    Der Oberhof luft uns ja nicht fort, versetzte der Jurist, und Euren
Herrn werde ich eine Stunde spter auch noch finden. Diese Sache geht vor, man
soll von mir nicht sagen, da ich von einem Kapitalverbrechen gehrt habe und
meiner Wege dabei vorbergegangen sei. Bleibt Ihr bei dem Pferde, Jochem, und
Ihr, Mensch, folgt mir.
    Man sieht, da der Oberamtmann kurz vor der Fahrt im wrttembergischen
Landrechte gelesen hatte. Er ging voran in das einsam liegende Haus; der
Patriotenkaspar torkelte nach, sehr vergngt, ein Protokoll gemacht zu bekommen,
und der alte Jochem blieb kopfschttelnd bei dem Pferde stehen, welches eine Art
von Krippenbeier war, denn es stie bestndig mit dem Kopfe nach vorn hinunter.

                                Neuntes Kapitel



                     Das Freigericht und was diesem folgte

Oswald trat in einer seltsamen Stimmung aus der Tre des Oberhofes. Ihm wre
wohler gewesen, so bednkte es ihn, wenn er Lisbeth im Sarge vor sich gesehen
htte, dann wre er jammernd ber den Sarg gestrzt, htte auf den erstarrten
Lippen mit seinen Kssen einen kurzen Schein der Lebenswrme hervorgerufen,
htte sich das Herz in Trnen totgeweint. Aber ein Albernes, eine Grille, etwas
unbegreiflich Dummes schied ihn von ihr, oder etwas noch Schlimmeres, eine
pltzliche Reue ber den rasch geschlossenen Bund; so mute er auch glauben. Der
Zorn, der Schmerz ber diesen unsichtbaren Feind, ber einen dumpfen und
stumpfen Zauber, den er nicht lsen, ja nicht einmal anfassen konnte, fra ihm
tief in die Brust hinein. - Ein leichtes, vernderliches Mdchen, die heute
sich hingibt und morgen sich sprde versagt! murrte er ingrimmig und empfand es
wie ein scharfes Messer in seinen Eingeweiden, da er solche Worte sprach. Es
fiel ihm nicht ein, da er ein groer Graf und Lisbeth ein armer Findling sei,
da dieses verlassene Mdchen auch ihr reichstes uerliches Glck in der Ehe
mit ihm finden msse; in seinen schwrmerischen und wtenden Gedanken sah er sie
hoch ber sich. Er war der niedere Schfer, sie die Prinzessin, die ihn nach
Willkr an sich gezogen hatte, nach Willkr ihn nun verstie. In so furchtbarer
Gemtsverfassung, in so bitterer Pein fand er das groe Gesetz der Liebe,
welches dem Liebenden ewig seine Stelle zu den Fen der Geliebten anweiset, und
wre diese eine aus dem Staube hervorgegangene Buerin. Habe du die Schtze des
Moguls, grne der Lorbeerkranz des Ruhmes um deine Schlfe, fhre du Salomos
geisterbeherrschenden Ring, krne dich der Reif der Hoheit, die Geliebte wird,
und nicht im abgeschmackten Gleichnis, sondern in der Wahrheit und Wirklichkeit
deine Knigin sein, demtig wirst du den zaubergewaltigen Ring in ihren Scho
legen, der Kranz wird dich drcken in ihrer Nhe, ein Bettler wirst du immerdar
bleiben vor ihr, und auch als Knig ein Sklav'.
    In solchen ausgeweinten, ausgeleerten, ausgenchterten Stunden ergreift den
Menschen eine wilde Gleichgltigkeit und zugleich schrft sich in ihm eine Art
von gedankenlosem Merken auf die unbedeutendsten Dinge. An der Stelle, wo du
verzweifeltest, sahst du, ob ein Grashalm so oder so gebogen war, du wutest,
da an dem Busche, der da stand, zwanzig Knospen aufgebrochen waren, genau so
viele, nicht mehr und nicht minder, du knntest den Hirten, der gerade seine
Herde dem Platze vorbei trieb, lange nachher aus der Erinnerung malen, so genau
beobachtetest du seinen Rock, den messingenen Kamm im Haar und seine
nichtsbedeutenden Gesichtszge. Du verwnschest dein Geschick, und erkennst
whrend deiner schumendsten Flche, da der Vogel, der dort in weiter
Entfernung auf einem drren Aste sitzt, eine Krhe ist und nicht eine Dohle.
    Oswald war gleichgltig ber alles geworden und wre mit seinem juristischen
Freunde abgereiset, htte sich dieser jetzt am Oberhofe eingefunden. Aber er sah
auch mit den verwachten und gerteten Augen alles, er hrte alles, was um ihn
vorging. - Vor dem Hause stand der Hofschulze mit einem anderen Bauern im
Gesprch. Sie standen mit dem Rcken gegen die Tre, so da sie den jungen
Grafen nicht bemerkten. - Hofschulze, sagte der Bauer, es kann doch nun
einmal nichts helfen, kommt also nur immerhin zum Stuhl, denn das Gericht mu
gehegt werden auch ohne dieses. - Der Hofschulze antwortete auf das anfangs mit
einem tiefen Seufzer, dann sagte er so hohl, als steige die Stimme aus dem Grabe
empor: Ich will kommen, aber ich wei nicht, ob es ohne das Schwert gelingen
wird. - Der Bauer ging seitwrts ab, der Hofschulze wandte sich um und Oswald
sah, da das Antlitz seines alten Wirtes ganz verfallen war. So blickte auch der
Hofschulze in das zerstrte Antlitz seines jungen Gastes; sie warfen einander
finstere und doch nichtssagende Blicke zu, und dann ging jeder seiner Wege; der
junge Graf durch die Felder, der alte Bauer in das Haus. Auf seinem Wege sagte
Oswald zerstrt lachend: Sie werden heute ihren Hokuspokus am Freistuhl machen;
ich will mich verstecken und zusehen, was kann der Mensch Besseres tun, als
etwas Neues beobachten?

Nicht lange nach diesem Auftritte wanderten zehn bis zwlf Bauern von
verschiedenen Seiten die Pfade den Hgel hinauf nach dem Freistuhle. Es waren
die reichsten Hofesbesitzer der Umgegend. Die Gesichter dieser Leute waren
ernsthaft und feierlich. Ihre Schritte bereilten sie nicht, und wo auch zwei
zusammen gingen, wurde dennoch kein Wort gewechselt. Diese alten Freibankbauern
trugen auch heute noch ihren Feierputz, und die groen breitkrempigen Hte gaben
ihnen ein schweres und wrdiges Ansehen. Der Nebel, der noch immer fortdauerte,
umhllte die heimlichen und schweigenden Wanderer.
    Als sie oben am Freistuhle angekommen waren, einer nach dem anderen, setzten
sie sich schweigend und einander nicht begrend auf die Steine umher, die in
der Einsenkung zwischen den Brombeergebschen lagen, der grte aber unter den
drei alten Linden blieb leer und fr den Freigrafen aufbehalten. Sie saen wohl
eine Viertelstunde lang, ohne einander anzusehen, geschweige da sie zusammen
geredet htten. Jeder blickte starr und fest vor sich hin. Zuletzt kam der alte
Bauer, welcher mit dem Hofschulzen gesprochen hatte, der Fronbote; nchst dem
Besitzer des Oberhofes der kundigste in den Sitten und Gebruchen der Vter.
Dieser stellte sich auerhalb des Kreises der Steine hin, auf seinen Knotenstock
gesttzt und nach der Gegend des Oberhofes hinuntersehend.
    Von dieser Gegend kam nach einer Viertelstunde der Hofschulze
heraufgegangen, der Freigraf. Neben ihm ging sein Eidam. Feiermig war auch
sein Anzug, aber gebckt und kummervoll sein Gang. Den Eidam lie er an einer
ber hundert Schritte vom Freistuhl entfernten Stelle zurckbleiben, das Gesicht
von diesem abgekehrt. Der Fronbote ging dem Hofschulzen entgegen, fhrte ihn bis
an den Kreis und sagte:

Herr Graf, mit Urlaub und mit Behagen
Tue ich Euch fragen;
Soll ich; Euer Knecht,
Euch den Knigsstuhl setzen, wie Recht?

Der Hofschulze erwiderte:

Alldieweil die Sonne mit Rechte
Bescheinet Herren und Knechte
Und alle unsere Werke,
Spreche ich, das Recht zu strken,
Den Stuhl zu setzen eben,
Und rechte Ma zu geben.

Der Fronbote ging hierauf durch den Kreis zu dem groen Steine unter den drei
alten Linden, legte die Hand an denselben, als setzte er ihn wie einen Stuhl
zurecht, stellte ein kleines Kornma, welches er unter dem Rocke hervorzog, vor
den Stein, blieb selbst daneben stehen und rief dem Hofschulzen, der sich noch
immer auerhalb des Kreises befand, folgenden Spruch zu:

Herr Grafe, lieber Herre;
Ich vermahne Euch bei Eurer Ehre,
Ich bin Euer Knecht,
Darum sagt mir fr Recht,
Ob diese Ma ist gleich
Fr arm und reich,
Zu messen Land und Sand
Bei Eurer Seelen Pfand?

Der Hofschulze antwortete:

Ich erlaube Recht und verbiete Unrecht
Bei Peen der alten erkannten Recht.

Er ging nun auch in den Kreis, schritt, ohne von seinen Genossen begrt zu
werden, oder sie zu begren, auf den Stein unter den Linden, den Knigsstuhl,
zu, setzte sich, stellte seine Fe auf das Kornma und entblte das Haupt,
welchem Beispiele die Bauern folgten. Dann zog er eine Flechte von Weidenzweigen
aus dem Rockrmel und gab sie dem Fronboten, der sie auf einen tischartigen
Stein vor dem Stuhle legte.
    Die Bauern murmelten und einer fragte: Die Wyd sehen wir; wo ist das
Schwert?
    Der alte Freigraf zuckte zusammen und der Fronbote antwortete statt seiner:
Es hat nicht gleich auf der Stelle gefunden werden knnen.
    Nachbarn, sagte der Hofschulze zitternden Lautes, es ist ein Malheur mit
dem Schwerte von Carolus Magnus geschehen, und wenn ihr so wollt, stehen wir auf
und gehen heim.
    Nein! riefen die Bauern; aber da das Schwert mangelt, ist schlimm, denn
es bedeutet das Kreuz, woran der Herr Christus gelitten hat.
    Sie blieben in nachdenklichen Stellungen. Auch ihr alter Vorstand hatte
Mhe, seine Fassung zu behalten. Er erhob indessen die Stimme und sprach zum
Fronboten:

Ich biete, zu sagen mir:
Sind Notschffen allhier?
Oder Mann, die nicht wissen?
Das sage mir beflissen.

Der Fronbote sah sich im Kreise um und versetzte dann mit lautem Tone:

Alle Mann sind wissend und gerecht,
Weder Notschffen, weder Juden, weder Knecht.

Jetzt redete der Hofschulze die Versammlung mit folgenden Worten an: Ist es die
rechte Sttte und die rechte Stunde, Ding und Gericht zu halten nach
Freistuhlsrecht unter echtem Rmischen Knigsbann? - Die Bauern antworteten
einstimmig: Ja, sie ist es; und der Hofschulze fuhr fort: So warne ich euch
vor Unlust, Keif, Scheltwort. Niemand soll sprechen, denn mit Frsprach, niemand
scheiden vom Gericht, denn mit Urlaub. - Dieweil - setzte er hinzu -

Dieweil an diesem Tage
Mit eurer aller Behagen
Unter dem hellen Himmel klar,
Ein frei Feldgericht offenbar
Wo Notschffen keine
Gehegt beim lichten Sonnenscheine,
Nicht in Schlften
Nicht in Klften
Zwischen sieben Uhr frhe
Und ein Uhr mittags; siehe!
Alle Mann auch nchtern kommen sind,
Knigsstuhl und Ma man recht befind't,
So sprecht das Recht ohne Witz und Wonne,
Weil scheint die Sonne.

Die Bauern sprachen: Wir wollen's.
    Der Hofschulze fragte abermals: Was gibt dem Freischffen Fug und Recht?
    Die Bauern murmelten dumpf: Hebende Hand, blickender Schein, gichtiger
Mund. -
    Darauf sagt der Fronbote: Herr Grafe, es steht drauen ein Mann, der Begehr
am Ding und Gericht hat.
    Der Hofschulze wandte sich wieder an die Versammlung und sprach: Ist es
euch genehm und zum Behagen, da mein Eidam vom Jrgenserb, frei, keinem
eigenbehrig, ohne Schimpf noch Schande, unverleumd't im Lande, wissend gemacht
werde auf roter offener Erde, fahe Losung und Heimlichkeit, wie Kaiser Carolus
gesetzt zu seiner Zeit?
    Die Freischffen erwiderten: Es geschehe. - Der Hofschulze gab nun dem
Fronboten einen Wink, dieser ging zu dem Eidam und fhrte ihn herbei. Der junge
Bauer sah sehr stolz und freudig aus, als er in den Kreis trat, in welchem er
die hchste Ehre von seinesgleichen empfangen sollte.
    Der Fronbote gab ihm Anweisung, darauf entblte der junge Bauer sein
rechtes Knie, kniete bedeckten Hauptes vor seinem Schwiegervater nieder, legte
die linke Hand auf die Weide, die ihm der Fronbote vorhielt, und empfing in
dieser Stellung vom Hofschulzen die Vermahnung vor Eidbruch, die ihm unter
schweren Verwnschungen erteilt wurde. Bei der Weide solle er denken an den
Strick um den Hals, hie es darin, und bei der Linde, die er sehe, an den Baum,
der den Verrter trage. Vermaledeit sei dessen Fleisch und Blut, der Wind solle
ihn verwehen, die Krhen, Raben und Tiere in der Luft sollen ihn verfhren und
verzehren.
    Noch schrecklichere Drohungen enthielt dieses Verwarnen. Der Eidam verzog
aber keine Miene dabei. Hierauf nahm ihm der Fronbote den Eid ab, den der neue
Schffe nachsprach. Er schwor, die Feme zu hten:

Vor Mann, vor Weib,
Vor Dorf, vor Traid,
Vor Stock, vor Stein,
Vor gro, vor klein,
Auch vor Quick
Und vor allerhand Gottesgeschick,
Ohne vor dem Mann,
Der die heilige Feme hegen und hten kann,
Und nicht zu lassen davon
Um Lieb noch um Leid,
Um Pfand oder Kleid,
Noch um Silber, noch um Gold,
Noch um keinerlei Schuld.

Als der Eidam den Eid geleistet hatte, wollte er aufstehen, der Fronbote hielt
ihn aber in seiner knienden Stellung fest und sagte, sich vergessend, und aus
der feierlichen Redeweise in seine Bauersprache fallend: Wollt Ihr denn wie das
liebe Vieh Schffe sein? Ihr kriegt ja erst die Losung.
    Auch gut! rief der junge Bauer, dem die frchterliche Verwarnung und der
Eid ein Behagen erregt zu haben schien. Her mit der Losung!
    Der Hofschulze setzte den Hut auf, der Eidam mute ihn abnehmen und nun
sagte jener: Die Losung und das Notzeichen, das ich dich lehre, lautet: Stock,
Stein, Gras, Grain.
    Gut, versetzte der Eingeweihte. Stock, Stein, Gras, Grain, das ist wohl
zu behalten. Aber was bedeutet: Stock, Stein, Gras, Grain?
    Neige dein Ohr zu meinem Munde, versetzte der Freigraf, du sollst den
heimlichen Sinn erfahren, den auer dir nicht einmal die Lfte hren drfen.
    Indem der Eidam sich zu den Lippen des Schwiegervaters hinberbeugte, rief
aber der alte Fronbote berlaut: Halt! Das Ding ist geschndet, wir haben einen
Lauscher in der Nhe, ich hrte ein Gerusch ganz deutlich.
    Nun ja, sagte Oswald, der hinter der alten Linde hervortrat, gezwungen
lachend, ich habe euch belauscht. Ich stand in dem hohlen Baume da. Das
Horchen, welches ich noch nie getan, wollte mir aber so schlecht behagen, da
ich mich rhrte, um fortzugehen, womglich da in den Forst, euch unbemerkt.
Nehmt mir 's nicht bel, ich werde nichts von euren Sachen verraten, es ist, als
ob ich sie nicht gehrt htte. - Er trat in den Forst zurck und verlor sich
unter den Bumen.
    Wie wenn bei einem frhlichen Mahle pltzlich ein fremder Eindringling durch
eine ungeheure Beleidigung der ganzen Gesellschaft den Fehdehandschuh hinwirft -
anfangs ist alles lautlos und gleichsam versteinert, mit einem Male aber springt
jeder auf und lt das verletzte Gefhl in Blick, Gebrde, Drohung, Zornes- und
Racheworten ausschumen, so wirkte hier die unerwartete Erscheinung des fremden
Zeugen anfangs nur ein atemloses Staunen und die Bauern sahen ihm, ohne ein Wort
zu sagen, nach, bis er im Forste verschwunden war. Dann aber sprangen sie wtend
auf, ballten die Fuste und ergossen sich in einem Strome von wilden Reden,
Drohungen, Verwnschungen. Einige riefen: Soll das geschehen drfen wider uns?
Andere antworteten: Nimmermehr; tot sollte man ihn schlagen! - Tot! riefen
alle und bekrftigten dieses finstere Wort durch ein lautes Murren, welches
schauerlich von der nebelumgebenen Hhe klang. - An eine Fortsetzung des
Freigerichts wurde nicht gedacht.
    Der Hofschulze war whrend des Getses stumm geblieben, sein Antlitz sah
aber kreidewei aus. Als jetzt nach jenem Murren eine augenblickliche Stille
eintrat, erhob er sich und sagte: Nachbarn, wollt ihr mir berlassen, die Sache
in aller Manier zu schlichten?
    Die Bauern versetzten: Tut das, Hofschulze. Nur da nichts auskommt von der
Heimlichkeit.
    Ich hoffe, es soll nichts auskommen, versetzte der Hofschulze, mit einem
seltsamen Lcheln.
    Wie wollt Ihr es anfangen? fragten seine Nachbarn.
    Ich will euch nur veroffenbaren, sagte der Hofschulze und sein Lcheln
wurde immer sonderbarer, da ich eine Sache von meinem Vater seliger ererbt
habe, die, wenn man sie gehrig braucht, jemandem den Mund schliet ber
jegliches Ding, worber man will.
    Ja, sagte einer, so etwas mt Ihr wohl innehaben, denn vom Oberhofe ist
niemals was herunter geschwatzt worden - Sie schttelten ihm die Hand und
liefen nach allen Richtungen hgelabwrts auseinander, unterweges ihr Murren,
Schelten und Verwnschen fortsetzend.
    Als die beiden Alten oben auf der Hhe allein waren, wechselten sie
miteinander die allerverwunderlichsten Blicke. Der Fronbote hatte seit dem
Abgange des jungen Grafen wie ein Falke nach jedem Gesichtszuge seines
Freigrafen gespht.
    Er verstand ihn und der Freigraf verstand den Fronboten; es bedurfte aber
dazu keines Wortes unter ihnen.
    Nach langem Schweigen erhob zuerst der Fronbote seine Stimme und sagte:
Wollt Ihr mir eine Nachbargeflligkeit tun, Hofschulze?
    Ja, wenn ich kann, versetzte der Hofschulze.
    Ihr knnt schon, sagte der alte Fronbote. Es fehlt mir im Nuholz an
Fllern und auf der Pfaffenwiese an Grummetwenderinnen. Darf ich Eure Knechte
und Mgde dazu vom Oberhofe mitnehmen, die Knechte nach dem Nuholze schicken
und die Mgde nach der Pfaffenwiese? Ihr kriegt sie aber vor spt abend nicht
zurck, denn es ist viel zu tun.
    Nehmt sie nur alle mit, Knechte und Mgde, und behaltet sie bis zum spten
Abend drauen; antwortete der Hofschulze.
    Ich tue Euch auch einen Gefallen dagegen, sagte der Fronbote. Ihr spracht
neulich, da Ihr den alten Brunnen hinter der Scheure wieder aufnehmen wolltet;
er ist aber ganz versperrt; das Gestrhde vor dem Zugange will ich Euch daher
immer schon etwas wegrumen, wenn ich hinunterkomme.
    Es soll mir lieb sein, erwiderte der Hofschulze. Wohin geht Ihr von hier
aus? fragte der Fronbote.
    In die Hollenberge, um nach den Mandeln zu sehen, antwortete der
Hofschulze, und schlug, ohne sich weiter zu verweilen, einen Pfad zwischen den
Kornfeldern ein. Der Fronbote sah ihm nach und sagte dann: Wenn man nun
einstmals unvermutet um Sachen befragt werden sollte, so kann man schwren, da
er weder in den Oberhof noch in den Forst da gegangen ist, dem Menschen nach.
Hierauf schritt er den Weg zum Oberhofe hinunter.
    Der Hofschulze kehrte, als er einige hundert Schritte gegangen war, um und
ging in den Forst, bebend, bleich, auer sich.

                                Zehntes Kapitel



   Wie der Hofschulze und der Graf Oswald aneinander und auseinander gerieten

Unten im Oberhofe befahl der Fronbote den Knechten zum Holzfllen nach dem
Nuholze, den Mgden zum Grummetwenden nach der Pfaffenwiese zu gehen, der Baas
habe sie ihm fr den Tag verstattet. Sie sollten sich Brot mitnehmen und am
Abend werde er Ihnen das eingebte Mittagsessen wohl ersetzen, fgte er hinzu.
    Die Knechte und Mgde gehorchten ihm, denn der alte Fronbote war des
Hofschulzen genauester Freund und galt wie der Herr selbst im Hofe, wenn jener
entfernt war.
    Nachdem sich alle Menschen, wie er glaubte, aus dem Hofe entfernt hatten,
blieb er noch einige Minuten in dem stillen Hause stehen und sagte dann
wohlgefllig: Jetzt kann hier geschehen, was recht ist. Darauf ging er ber
den Hof nach den Stllen. Zwischen der Scheure und dem Pferdestalle war ein
schmaler Gang, der noch dazu durch Rasen und Reisig etwas versperrt war. Diese
Hindernisse rumte der Fronbote hinweg, legte sie jedoch so, da sie mit
leichter Mhe wieder an ihren Platz getan werden konnten. Von dem Gange gelangte
er auf ein kleines dunkeles Pltzchen hinter der Scheure, welches kaum acht Fu
im Gevierte hielt. Nur ihm und dem Hofschulzen war das Dasein dieses Pltzchens
kund, auf welchem der alte Brunnen des Oberhofes stand, der, welcher gebraucht
worden war, ehe durch den Bau der neuen Scheure vor dreiig Jahren das Pltzchen
verbaut wurde, welches durch einen Winkel der hinter der Scheure durchziehenden
Hofesmauer entstand.
    Ein groer Holunderbaum, welcher an dieser Mauer grnte, berschattete das
Pltzchen und machte es feucht. Nesseln und Unkrautspflanzen wucherten dort in
wilder Flle. Der Fronbote schlug einige der hchsten Nesseln zurck, und seine
rauhen Fuste empfanden nichts von ihrem Brennen. Er stie mit dem Fue die
Krten fort, die auf den feuchten Steinen in Menge saen, nahm ein Paar morscher
Bretter, womit der Brunnen berdeckt war, hinweg, beugte sich ber die niedrige
Brunnenmauer, lie einen Stein hinunterfallen und freute sich, als das
Pltschern unten anzeigte, da noch Wasser in dem Brunnen war. Er legte einige
groe Steine neben den Brunnen und einen Strick, den er aus der Tasche zog,
legte er dazu. Dann schwang er sich ungeachtet seines Alters rstig an dem
Holunderbaume ber die Mauer, nachdem er noch ein Blatt von dem Baume
abgebrochen hatte. Auf dem Blatte pfiff er eine Melodie, whrend er drauen
durch Wiesen und Felder nach seinen Besitzungen ging. Zuerst wollte er das
Nuholz und dann die Pfaffenwiese besuchen.
    Als das Haus des Oberhofes ganz still geworden war, tat es oben an der Tre
der Kammer, worin das Schwert Karls des Groen gelegen hatte, ein leises
Klinken, so leise, als frchte der Klinkende, da auch nur das geringste
Gerusch von ihm vernommen werden mchte. Darauf schlich es ebenso leise ber
den Gang nach dem Zimmer Lisbeths, und dann wurde es wieder eine Zeitlang ganz
still, als werde an der Tre gehorcht, ob jemand in dem Zimmer sei. Darauf
klinkte die Tre des Zimmers schon etwas lauter und als nun letztere geffnet
worden war, ging es oben und tat ein Kramen wie von jemand, der nicht mehr
darauf achtete, ungehrt zu bleiben.
    Aber pltzlich ertnte unter dem Kramen ein Schrei, es kam aus dem Zimmer
gesprungen, die Tre desselben wurde rasch zugeworfen, es rannte ber den Gang,
huschte in die Kammer und auch deren Tre flog mit Gerusch zu.
    Kurz nach diesem Vorgange betrat der Hofschulze mit dem jungen Grafen Oswald
das Haus. Das war ungefhr um die Zeit, als der Fronbote sein Geschft am
Brunnen getan hatte. - Welche Versicherung begehrt Ihr von mir, da ich Eure
Heimlichkeit nicht ausbringe? fragte Oswald seinen alten Gastfreund. Ich bin
willfhrig mit Euch gegangen, als Ihr mich oben im Forste darum ersuchtet, aber
nun beeilt Euch und sagt mir an, was Ihr wollt. - Mit einem schweren Seufzer
setzte er hinzu: Es gefllt mir nicht mehr bei Euch, und ich mu fort.
    Ich werde Ihnen da droben meine Meinung veroffenbaren, da droben in der
Kammer am Gange, sagte der Hofschulze so mhsam und stockend, da jedes Wort
sich wie von Klammern in seiner Brust loszuringen schien. Er lie den Gast
vorangehen und folgte ihm mit schweren und drhnenden Schritten.
    Als sie oben in die Kammer eingetreten waren, schob der Hofschulze den
Riegel vor das Schlo und warf seinen lichtblauen Feiertagsrock ab. Dann reckte
er seine Glieder und die ganze Gestalt wuchs wieder wie damals, als er im
Mondschein den Jger warnte, an die Geheimnisse des Schwertes zu rhren. Er
wiegte die Arme und Fuste, gleichsam um ihre Kraft zu prfen, hin und her.
    Oswald, durch dessen Seele eine finstere Ahnung flog, sagte nicht ohne
Schauder: Was soll das?
    Der Alte zog die buschichten Brauen in die Hhe und versetzte kalt: Einer
von uns beiden verlt diese Kammer nicht lebend.
    Was! rief Oswald entsetzt. Ihr wollt mich ermorden? Zum Meuchelmrder
wollt Ihr an Eurem Gaste werden?
    Keinesweges, sagte der Hofschulze ruhig wie in guten Tagen, sondern es
soll alles mit der Manier zugehen. Jetzt hret mich an, junger Herr Graf oder
Frst, oder wer Ihr sonst sein mget, denn es kann sich treffen, da ich auf
dieser Kammer liegen bleibe, und drum ist mir sehr vonnten, da Ihr eine gute
Meinung von mir heget und behaltet. Das Gemte des Menschen kann ein vieles
ertragen, aber vom berma wird es in die Desperation getan. Ich bin desperat,
Herre, und kann dafr nichts. Meine Seele ist voll Nte und Pein und schreit wie
ein Hirsch nach der Wasserquelle. Es ist zuviel Kreuz und Herzeleid ber mich
gekommen in diesen paar Tagen und das letzte war das schlimmste. Mein Schwert
ist mir gestohlen, mein Schwert! mein Schwert! Das Schwert von Carolus Magnus!
Ich bin wie Asche und Scherben, wenn ich daran gedenke. Nun behorchen Sie auch
noch die Heimlichkeit, meine Heimlichkeit! Ei, Herre, war das recht? Nachdem ich
Ihnen Logement gegeben manchen Tag und mich ganz in der Ordnung mit Ihnen
betragen? Sie werden es ausbringen und haben uns eine Schande angetan, eine
Schande, da mir zumute ist, als wre meiner Tochter durch Sie Gewalt geschehen
-
    Oswald rief: Ich schwre, nichts ...
     ... zu verraten, das wollen Sie schwren, fiel der Hofschulze ein. - Sie
schwren es heute und brechen es morgen, ich verstehe mich auf solche Schwre.
Wer dergleichen absonderliche Heimlichkeit erfuhr, der verrt sie auch an seinen
Freund, oder an seine Liebste, oder an ein Blatt Papier, oder an die Lfte und
die Sache kommt unter das Schwabenvolk drauen im Reich. Nein, nur der Tod
stopft den Mund ber diese Dinge, auch sagen die alten Rechte ganz genau, wer
Freigerichtes Heimlichkeit sieht, ohne wissend zu sein, der ist des Lebens los.
Ich habe einen Ha auf Sie, wie auf keinen Menschen sonst in der Welt, denn -
sagen mu ich Ihnen auch nur: In der Nacht zeigte mir das Gesicht mein Schwert
in Ihrem Verschlage, darunter stecken Sie also auch mit, und nun tun Sie das -
das - das -
    Er hielt, von innerer Wut zusammengeschnrt, einige Augenblicke inne. Dann
fuhr er pathetisch fort: So dachte ich da droben auf der Hhe am Stuhl: Herr,
Herr, wie soll das werden? Die Heimlichkeit darf nicht von der roten Erde, wie
aber magst du es gleichwohl schlichten? Du kannst nicht drei hinter ihm hergehen
lassen, die ihn fassen am Kreuzweg und aufhenken und ihm lassen Geld und Gold
und ihr Messer neben ihn stecken in die Borke des Baumes nach Knigsrecht! - Und
darfst du ihn locken in dein Gehfte und abmeucheln und sollst noch so etwas
Schandhaftiges auf dich laden in deinen urltesten Tagen, o pfui, o pfui! - Auf
einmal aber tat es in mir einen Blitzschlag und eine innerliche Erleuchtung und
ich wute, wie ich mich zu fassen und zu verhalten habe. Denn ich bin zwar noch
stark bei Krften, aber Sie sind jung und auch nicht schwach, und so sind wir
einander gleich. Deshalb wollen wir nun kmpfen um unser Leben, Mann gegen Mann,
Auge in Auge blickend. Schlage ich Sie darnieder, so ist Ihr Grab im alten
Brunnen bereitet und die Heimlichkeit bleibt auf der roten Erde, tun Sie es mir
an, so hat es Gott also gewollt; auf jegliche Weise aber ist dieses ein wahres
und aufrichtiges Gottesgericht. Also frisch ans Werk, denn ich wei mir sonst
nicht zu helfen!
    Er erhob eine Axt, die neben ihm stand, und sah, indem er sie leicht wie
eine Feder emporschwang, furchtbar aus, gleich einem von den Streitern
Wittekinds in den Schlachten bei Detmold und an der Hase.
    Seid Ihr bei Sinnen, Hofschulze? rief Oswald. Ich frchte mich vor keinem
Feinde, aber womit soll ich mich verteidigen gegen Euch alten, rasenden Mann?
    Dort steht eine zweite Axt, sagte der Hofschulze. Nehmt sie, Herre;
jegliches Gert kann zu einer Waffe werden in des Mannes Faust, und wie
geschrieben steht, so sind sie vor alten Zeiten auch solcherweise mit
Streitxten aufeinander losgegangen.
    Ich nehme die Axt nicht und haue mich nicht mit Euch herum wie ein
Schlchter und Stierfller, versetzte stolz und fest der junge Graf. Ihr seid,
scheint es, in der Berserkerwut, dem uralten Wahnsinne Eures Stammes. Ihr werdet
aber zu Euch selbst kommen und Euch dann schmen mit mir so verfahren zu sein um
Possen ...
    Possen! schrie der alte Bauer mit einer entsetzlichen Stimme. Possen!
wiederholte er ebenso laut und stie den Stiel der Axt so heftig auf den Boden,
da ein Teil des Kalks von der Decke fiel. - Herr! Herr! In den Possen bin ich
alt und grau geworden, und mit den Possen habe ich mir Recht genommen an einem
Schalk und Sohnesmrder, und mit den Possen folgen mir meine Landsleute, wohin
ich sie haben will, wie eine Lmmerherde, und um die Possen verstehen sie mich,
ohne da wir ein Wort miteinander zu reden brauchen, also mgen es wohl fr euch
da drauen in Schwabenland Possen sein, aber fr mich und meinesgleichen sind es
keine Possen nicht. - Und Herr, ich will jetzo mein Recht haben und meine Rache
an Euch und die Sicherheit von wegen der Heimlichkeit. So wahr der Herr lebt,
ich suche das alles nicht wie ein schlechter und boshafter Mensch, sondern in
grausamer Herzensangst und Unruhe - wit Ihr ein ander Mittel, sagt es an - aber
werden mu mir es, mein Recht und die Sicherheit, und werden soll mir es, so
wahr uns hier niemand hrt als Gott und die vier weien Wnde, denn der Fronbote
hat die Menschen hinweggeschafft vom Hofe und nur das blde Vieh brllt da
drunten in seinem Stalle.
    Das Saatlaken bewegte sich und eine bleiche, jungfruliche Gestalt trat
dahinter hervor. Ihr irrt Euch, Hofschulze, sagte Lisbeth zitternd am ganzen
Krper, aber mit fester Stimme. - Aus meinem Verstecke treibt es mich hervor.
Euch vor Torheit zu retten. Nicht Gott allein hrte Euch und die stumme Wand,
sondern auch ich hrte Euch und er setzte mich zu einer Zeugin Eurer wilden
Gedanken. So hat Euch also Gott mit Eurem Vermessen in mir zuschanden werden
lassen, deshalb steht von den Werken blinden Grimmes ab.
    Die Gewalt dieser pltzlichen Erscheinung war zu gro, als da der
Hofschulze nicht vor ihr mit seiner doch nur fieberhaften Aufregung htte
zusammenbrechen mssen. Er lie die Axt fallen, seine Gestalt schrumpfte
gleichsam vor dem zitternden Mdchen, welches doch so fest sprechen konnte, ein,
stumm und gebeugt verlie er die Kammer.
    Oswald war berrascht, freudig und kummervoll vor Lisbeth in die Kniee
gesunken. Ach, sie war wieder da, aber wie sah sie aus, und wie streng und kalt
hatte sie ihn einen Augenblick angesehen, um dann beharrlich von ihm
wegzublicken! - Kommst du endlich wieder zum Vorschein, Lisbeth? stammelte er.
O was hattest du vor? - Du hast mir mein Leben gerettet, denn ich glaube, die
Kraft wrde mir ausgegangen sein dem wtenden Alten gegenber.
    Sie haben mir dafr nicht zu danken, Herr Graf oder Frst, um zu sprechen
wie der Hofschulze sprach, versetzte Lisbeth. Was ich hier tat, wrde ich
jedem Fremden erwiesen haben. Sie wollte das in einem kalten Tone sagen, aber
die Stimme bebte so heftig, da es wie Zorn klang.
    Die Liebe hrt in solchen Fllen nur auf die Worte und deren Klang. Zornig
und bestrzt sprang er auf, trat weit von ihr zurck und sagte schneidend: Also
ist es wahr? Also doch verabschiedet nach vierundzwanzig Stunden?
    Ich habe mit Ihnen nichts mehr zu reden, erwiderte Lisbeth kaum hrbar.
Ich bitte Sie, mich ruhig meiner Wege gehen zu lassen. Ich wollte nach der
Stadt zu dem Herrn Diakonus, von dem ich vorhin einige Zeilen auf meinem Zimmer
gefunden habe, da er mich aufnehmen will.
    Nach der Stadt wollte ich auch, sagte er kalt lchelnd. Wie aber die
Sachen zwischen uns stehen, so werden Sie wohl meine Begleitung ablehnen.
    Ich frchte mich nicht und bin gewohnt, allein zu wandern, antwortete
Lisbeth. - brigens darf ich Ihnen ja die offene Strae nicht verbieten, die
Ihnen wie mir gehrt. - Sie verlie die Kammer und wre er ihr nachgefolgt, so
htte er ein Schluchzen wahrnehmen knnen, welches das ganze Wesen des armen
Kindes aufzulsen drohte.
    Er htte sie nur fragen drfen: Was hast du gegen mich Lisbeth? Sage mir
's! Selbst wenn du meinst, da ich geraubt und gemordet habe, so mut du mir
mein Verbrechen doch nennen. - Dann htte sie gesprochen und er htte
gesprochen und aus dem Sprechen wre wahrscheinlich ein Lachen ber die unntzen
Kmmernisse geworden. Aber er dachte nicht daran sie zu fragen. Denn Liebe ist
alles; auch ungerecht und hochmtig ist Liebe, sie sieht in manchen Fllen die
Geliebte lieber treulos oder vernderlich, als unter der Wucht eines
Miverstndnisses erliegend.
    Ingrimmig knirrte er mit den Zhnen, als er allein war. Es ist
unglaublich! rief er, freilich aber doch wahr. Er stie seine Stirn wider die
Wand, um nur einen recht heftigen krperlichen Schmerz zu empfinden. Dann rief
er in seine Brust hinein, in welcher es eben wieder unheimlich zu whlen begann:
Herauf ihr kleinen roten Schlangen! Herauf ans Tageslicht! - Die Axt nahm er,
die der alte wilde Bauer ihm hatte aufntigen wollen und warf sie mit solcher
Gewalt nach einem Kasten, da die Schrfe des Beils tief in das Holz fuhr und
darin stecken blieb.
    Ein Gerusch drauen verriet ihm, da Lisbeth fortgehe. Obgleich sie ihm
nicht mehr gehrte, so war ihm doch, als sei noch Leben im Oberhofe, solange
Lisbeth darin verweilte. Nun aber kam es ihm vor, als ffne sich das Grab. -
Fort aus dem Grabe! rief er und sprang Lisbeth nach. Sie stand, ihr Bndelchen
unter dem Arme, unten einen Augenblick still und zuckte zusammen, als sie Oswald
kommen sah. Er wollte ihr das Bndel abnehmen, sie versagte es mit stummer
Gebrde. Sie ging und er schlug, mehrere Schritte zwischen sich und ihr Raum
lassend, denselben Weg ein. So geschieden und sich scheidend verlieen sie den
Oberhof, in welchem ihnen viel begegnet war, beides, Freude und Schmerz.

                                Eilftes Kapitel



                              Eine Art von Feldzug

In keinem Trauerhause fehlt es an jemand, der auf eine so lcherliche Weise zu
weinen wei, da er die Wehklage der anderen fast in Unordnung bringt und nahe
dem Umschlagen in eine geheime Heiterkeit. - Der wrdigste Vater mag sich bei
der wohlgemeintesten und wohlgesprochensten Ermahnung an seine mannbare Tochter
ja davor in acht nehmen, da irgendein sonderbar mithandelnder Zipfel ihm ein
durchaus komisches Ansehen leihe. - Ernste Mnner vom grten Verdienst haben
nicht selten das Unglck gehabt, da ihre feierlichsten Handlungen durch den
ungeschickten Eifer eines Anhngers fast wie Schnurren ausliefen. - Mir ist, um
auf das Trauerhaus noch einmal zurckzukommen, der Fall bekannt, da eine ganze
Familie am Begrbnistage einer teuren Verwandten in das tiefste Leid eingetaucht
um einen Tisch her versammelt sa, pltzlich aber zu einem rgerlichen und
unwiderstehlichen Lachen fortgerissen wurde, weil einer, und gerade der
Schluchzendste, sacht eine baumwollene Nachtmtze hervorholte, diese sich auf
den Kopf setzte und unter derselben fortfuhr zu schluchzen. An und fr sich war
diese Handlung hchst vernnftig, weil er das Herannahen eines Rheumatismus im
Kopfe fhlte und demselben mit der wrmenden Hlle begegnen wollte. Gleichwohl
wirkte sie in so anstig erheiternder Weise! Denn eine baumwollene Nachtmtze
gehrt nun einmal zu den Dingen, die unwiderstehlich jeden feierlichen Ernst
zerstren.
    Der neckende Geist, welcher bei allen trben oder erhabenen Angelegenheiten
des Lebens sein Spiel zu treiben scheint, hatte auch den Kster wieder in die
Nhe des Oberhofes gefhrt. Dieser Mann war nmlich gekommen, sein Deputat an
Lebensmitteln von der Hochzeit einzufordern. Rasch hatte sich das Geschft
gemacht, weil schon alles fr ihn bereit stand. Jetzt wandelte er mit seiner
korbtragenden Magd den Weg voran, den auch unser leidendes Liebespaar zu gehen
hatte. Der Nebel war endlich verweht, die Sonne sah wieder golden vom Himmel, es
war ein angenehmer, klarer Tag, wenn auch etwas khl. In der Heiterkeit der
Lfte war dem Kster der Gedanke zugeweht, nach so manchen ngsten ein frohes
und gengliches Mahl im Freien zu halten, da er sich auf der Hochzeit selbst,
wie wir wissen, nicht zum vierten Teile satt gegessen hatte. Er bezweckte dabei
zugleich, wie wir nachmals hren werden, die Erfllung seines dritten
Lebenswunsches, des Wunsches, der in dem Gesprche mit dem kupfernasigen
Schirrmeister unausgesprochen blieb, weil das Gesprch damals leider nicht zum
ruhigen Abschlusse gedieh.
    In solchen Gedanken schritt er denn also mit seiner Magd frba. Die Magd
konnte wegen des schweren Korbes nicht rasch gehen, er bestellte sie daher nach
dem sogenannten alten Spritzenhuschen, welches auf der Hlfte des Weges lag,
und ging eilig voran, weil er unterweges in einem einzelnen Hause noch eine
Verrichtung hatte.
    Zu der langsam nachwandelnden Magd gesellte sich aber, als ihr Herr ihrem
Gesichte entschwunden war, ein zweiter Wanderer, der Schulmeister Agesel. Die
Magd hatte wohl von den Einbildungen des Schulmeisters vernommen, da sie aber zu
den mutvollen Personen ihres Geschlechts gehrte, so frchtete sie sich nicht
vor ihrem Begleiter, vielmehr war es ihr lieb, Gesellschaft zu finden. Der
Schulmeister seinerseits war erfreut, die Magd zu finden, denn er wollte an
ihren Herrn, nicht ihm ein Leid zuzufgen, sondern den Leugner von seinen
gesunden Verstandeskrften zu berzeugen. Nachdem er im allgemeinen ber diesen
Punkt mit der Magd gesprochen hatte, sagte er zu ihr: Es ist ja mein offenbarer
Schaden und eine Sache, die mir mein ganzes Brot und den Kredit in der
Bauerschaft verderben kann, wenn der Kster, der noch dazu ein halber Amtsbruder
von mir ist, berall umherluft und mich bei den Leuten anschwrzt. Deshalb mu
ich ihn notwendig davon berzeugen, da ich meine fnf Sinne beisammen habe.
    Natrlich, versetzte die Magd. Wenn mich einer eine Diebin schilt, so mu
er auch hren knnen, warum ich keine Diebin bin.
    Nun also! fuhr der Schulmeister eifrig fort, und heute mu es geschehen,
denn die Gelegenheit kommt mir nie so gnstig wieder.
    Wie das? fragte die Magd.
    Wenn ich ihn in der Stadt aufsuche oder im Freien ansprenge, so reit er
aus, wie er mich nur erblickt. Hlt er aber, wie Ihr mir sagt, im alten
Spritzenhuschen seine Mahlzeit ab, und ich trete mit meiner Rede unversehens in
den Eingang, so mu er wohl Stich halten und alle meine Grnde anhren, denn es
ist wider die Natur der Furcht, da er gegen mich strzen, mich berrennen und
so das Freie gewinnen sollte.
    Die Magd dachte einen Augenblick nach und sagte dann: Da ist nur eines zu
befrchten.
    Was? fragte der Schulmeister.
    Da er ein Fach an der anderen Seite ausschlgt und so durchbricht. Denn
das Spritzenhuschen ist sehr alt und verfallen und die Lehmwnde haben berall
groe Lcher, zu denen der Tag einscheint, und wenn mein Herr in der Angst und
Furcht gegen so ein Loch strzt, so stehe ich nicht dafr, da er die ganze Wand
einrennt, denn, kriegt er die Manschetten, da ist mit ihm nicht zu spaen.
    Deshalb mt Ihr mir einen Gefallen tun, Mdchen, sagte der Schulmeister.
    Und welchen? fragte die Kstermagd.
    Tretet vor das grte Loch auf der anderen Seite, und lehnt Euch gegen die
Wand, damit wenigstens die Hauptgefahr des Entrinnens abgewehrt wird, denn da
er auch Euch umrennen sollte, ist nicht wahrscheinlich, weil Ihr eine robuste
Person seid.
    Ich will das recht gerne tun, versetzte die Magd, denn seinem
Nebenmenschen mu man helfen, wo man kann.
    Nachdem dieses sinnreiche Gesprch zwischen dem Schulmeister und der Magd
soweit gediehen war, wurde auch noch verabredet, zu welcher Zeit der Anschlag
gegen den Kster ausgefhrt werden sollte. Der Schulmeister sagte der Magd, da
er sie in der Nhe des Spritzenhuschens vorangehen lassen und sich verstecken
wolle, bis sie ihm ein Zeichen gebe, da es fr ihn Zeit sei, hervorzubrechen
und mit seinem Amtsbruder ein Wort der Verstndigung zu reden.
    Nach diesen Verabredungen gingen die beiden Personen ihres Weges weiter.
Einige Zeit lang blieb nun die Strae ganz still und einsam. Dann aber erhob
sich ein auffallender Lrmen die Felder hindurch, welche sie zu beiden Seiten
begrenzten. Die jungen Bursche, welche das Hochzeitgefolge gemacht hatten, waren
nmlich noch in irgendeinem Kruge versammelt gewesen, um einen Nachtrunk zu
halten, denn der Bauer kann eine Lustbarkeit, wenn sie auch mit allen Anhngen
vorber ist, immer noch nicht schlieen. Im Kruge war nun unter sie eine Kunde
gedrungen, da der junge Fremde etwas Unrechtes habe ausgehen lassen. Was es
gewesen sei, darber lauteten die Nachrichten verworren oder schwiegen auch wohl
ganz. Nach einigen Berichterstattern sollte er das Schwert weggenommen haben,
nach anderen ausfallend gegen den Hofschulzen gewesen sein, ein dritter kam der
Wahrheit nher, indem er erzhlte, der Fremde habe die Heimlichkeit droben am
Freistuhle in Unordnung gebracht. Es gengte ihnen aber berhaupt nur zu hren,
da ein Fremder irgendein Unrecht begangen habe, um ihre schon erhitzten Kpfe
noch mehr zu entflammen. Die meisten hatten ihre Gewehre noch bei sich, in
mehreren der Lufe staken sogar noch Schsse. An Pulver fehlte es auch nicht und
in seiner Aufregung begann nun der Haufen, nachdem er viel getrunken hatte,
durch die Gegend zu schwrmen, ohne eine eigentlich feindselige Absicht, aber
doch gefhrlich in seiner planlosen Leidenschaft, wenn dieselbe durch den
geringsten Anreiz zum Ausbruche gebracht wurde.
    Sie schossen ihre Gewehre ab, luden wieder, lrmten und schrien. Zwischen
diesen Trupps von drei, vier, fnf Menschen, die nher oder ferner die Strae
umschweiften, kam nun unser verdstertes Paar einhergegangen. Lisbeth ging auf
der linken Seite der Strae, Oswald auf der rechten und zwischen ihnen war die
ganze Breite des Weges. Um nichts auch verminderten sie dieselbe, wenn ein
lrmender Trupp mit drohender Gebrde links oder rechts an ihnen
vorberstreifte, oder ein Schu fiel, der, wie man am Pfeifen der Kugel merkte,
durch einen schlimmen Zufall leicht das Verderben htte bringen knnen.
Schweigend, bleich, ohne sich irren zu lassen, ging das einander entfernte Paar
seinen Weg durch diese Bedrohungen und Schrecknisse hindurch und nur, wenn an
Lisbeths Seite sich ein lrmender Trupp zeigte, oder ein Schu fiel, sah sich
Oswald besorgt nach ihr um, warf aber, wenn er bemerkte, wie sie ohne seines
Beistandes in diesen Gefahren sich bedrftig zu zeigen, frder schritt, einen
Blick des schmerzlichsten Zornes dann nach der anderen Seite der Felder.
    Ungefhr eine halbe Stunde mochten sie in diesem Lrmen und Schieen
gegangen sein und wirklich mute der Himmel ber ihren Huptern wachen, denn
sonst htte gewi die Hand irgendeines der berauschten Schtzen den Lauf des
Gewehres in verhngnisvoller Richtung angeschlagen. Da sah Oswald in einiger
Entfernung auf einem freien Platze unter Bumen vor sich einen Haufen von wohl
zwanzig Bauern, die smtlich mit Gewehren bewaffnet waren. Augenscheinlich
lauerten die wilden Menschen, deren Reden und Schwadronieren schon von weitem
sich hren lie, ihm auf. Er erschrak. An sich dachte er nicht, nur an Lisbeth,
wie er sie ungefhrdet dem rohen Haufen vorberbringen mchte. Es kam ihm in
dieser Not ein Gedanke und da ihm nichts Besseres einfallen wollte, so beschlo
er sein Heil mit dem zu versuchen, was ihm eben eingefallen war.
    Rasch ging er voran und mutig auf den Haufen zu. Zuvorderst stand ein langer
junger Kerl in blauem Kittel, der sein Gewehr drohend durch die Luft schwang und
ihm wie der Anfhrer der brigen vorkam. An diesen beschlo er sich mit seiner
Kriegslist zu wenden, die auf dem uralten Grundsatze des Herrschens durch
Teilung beruhte.
    Er begrte daher den Menschen so freundlich, als seine Stimmung es ihm
gestatten wollte und bat ihn, mit ihm zur Seite zu treten, da er ihm notwendig
etwas im geheimen zu sagen habe. Der Mensch sah seine Kameraden fragend an,
folgte aber doch dem Ersuchen. - Ihr scheint mich hier nicht durchlassen zu
wollen, sagte Oswald zu ihm, so da es die brigen nicht hren konnten.
Wirklich versperrten sie die ganze Strae. - Nein, sagte der Mensch, denn Sie
haben was begangen. - Ja, das habe ich auch,erwiderte Oswald, und es tut mir
herzlich leid, aber es lt sich doch noch ein Wort darber reden, und zu Euch
mu ich das sprechen, denn Ihr seid der einzige Nchterne und Verstndige von
der ganzen Kompanie da. - Ja, der bin ich, erwiderte der lange Bauer und
taumelte. - Also nur her das Wort, denn ein Wort mu der Mensch mit sich reden
lassen, absonderlich, wenn er vernnftig angesprochen wird.
    Ihr seht doch da das Frauenzimmer? sagte Oswald. - Die sehe ich,
versetzte der Bauer. - Nun, diesem jungen Frauenzimmer habe ich versprochen,
sie eine Strecke zu geleiten, und dagegen knnt Ihr nichts haben. - Nein,
dagegen kann man nichts haben, sagte der Bauer. So lat mich sie also
begleiten, bis wohin ich es ihr versprochen habe und dann kehre ich hieher zu
Euch zurck, und bringe mit Euch meine Sache an diesem Platze in Ordnung, fuhr
Oswald fort.- Das mt Ihr nun den anderen verdeutschen, denn Ihr seid der
einzige Nchterne und Verstndige von der ganzen Kompanie da.
    Der lange Bauer, der gerade noch so viel Verstand besa, um gegen den Reiz
der Eitelkeit empfindlich zu sein, wandte sich stolz zu seinen Genossen um und
rief in einem hochfahrenden Tone: Macht Platz da dem Herrn! - Was! versetzte
der Haufen; bist du geck? - Macht Platz da, ihr betrunkene Bagage, rief der
einzige Nchterne und Verstndige noch lauter. - Selbst Bagage! schrien die
anderen und einer rief:Ich glaube, der hat Tollbeeren gefressen! - Ich will
dir die Tollbeeren an den Hirnkasten geben! erwiderte der Lange und scho sein
Gewehr ab, zwar nur in die Luft, indessen gab dieser Knall das Zeichen zu einer
allgemeinen Schlgerei. Denn einige strzten auf den Schieenden zu und rannten
dabei andere ber, die, hiedurch beleidiget, sich zu rchen entbrannten, der
Verwirrung ihrer Sinne aber nicht die berrennenden angriffen, sondern dritte
Unschuldige, welche sich am fernsten von dem Streit gehalten hatten. So war bald
jeder, ohne da er wute wie? mit einem Gegner versehen; alles balgte sich
herum, Ohrfeigen, Pffe, Ste regnete es, wenn auch nicht vom Himmel;
dazwischen platzten die Gewehre ab, die aber zum Glck hier alle nur mit Pulver
geladen waren, und es gab eine wilde Kampf- und Blutszene (denn schon manche
Wange und Nase war aufgeschlagen), welche sich von der Strae nach dem
angrenzenden Kornfelde wlzte, weil die Schwcheren zufllig an dieser Seite
gestanden hatten und sich dorthin zurckzogen, um wenigstens auf Garben und
Mandeln zu einer weicheren Niederlage zu gelangen.
    Als Oswald seine List selbst ber die Erwartung hinaus gelungen und den
Platz frei sah, winkte er Lisbeth, die in einiger Entfernung ngstlich
stillgestanden hatte. Scheu ging sie ber den Platz, ohne sich nach der
Schlgerei umzusehen, und als sie einige hundert Schritte von dort auer dem
Bereiche dieser Roheiten war, erwartete sie ihren Beschtzer. - Ich habe Ihnen
Dank zu sagen fr Ihren Beistand, sprach sie, als Oswald sich ihr genhert
hatte. - Nicht den geringsten, versetzte er. Ich wrde mich jedes
Frauenzimmers angenommen haben, mit welchem ich desselben Weges gegangen wre.
- Sie wandte sich von ihm ab und er von ihr und beide gingen in der frheren
Weise weiter.
    Eine halbe Stunde von dort lag das alte Spritzenhuschen. Dieses kleine
Gebude war unter den Streitigkeiten zweier Bauerschaften darber, welche
dasselbe zu erhalten habe? verfallen und darauf hatten sich die beiden
Bauerschaften neue Spritzenhuser erbauen mssen. Die Wolken des Himmels
schauten durch die ffnungen im Dache und die Lfte des Feldes fuhren zur
Trffnung hinein und zu den Lchern in dem lehmernen Fachwerke wieder hinaus. -
In diesem luftigen Lusthuschen hatte der Kster sein Mittagsquartier
aufgeschlagen, um eine recht vergngliche Mahlzeit zu halten, nach welcher sein
Sinn mit einem besonderen Verlangen stand. Er sa auf altem Holzwerk, welches
sich dort noch hatte vorfinden lassen; vor ihm war eine Serviette ausgebreitet,
auf welche die Magd nun Brot und Fleisch legte, auch eine Flasche Wein stellte,
die man ihm auf besonderes Wnschen vom Oberhofe hatte mitgeben mssen, weil er
seiner Versicherung nach am Hochzeittage der Furcht vor dem Schulmeister wegen
zu keinem ordentlichen Schlucke gekommen war. Die ganze Zurstung dieses
lndlichen Mahles lie der Kster mit einem feierlichen Schmunzeln geschehen. Er
weidete sich wie es schien an den groen Augen der Magd, welche nicht begriff,
warum ihr Herr, der, wenn er sonst im Freien etwas verzehrte, ein Stck Brot
ohne viele Umstnde aus der Tasche a, zu dieser Mahlzeit so schwerfllige
Vorbereitungen machen lie.
    Nachdem alles Ebare aufgesetzt worden war, und die Magd ein Glas Wein
eingeschenkt hatte (denn auch ein Glas war vom Oberhofe leihweise mitgegeben
worden), teilte der Kster seiner Dienerin ein Stck Brot und Fleisch zu und
fragte sie dann, bevor er selbst anbi, was sie wohl davon denke, da er sich
hier so huslich niederlasse und sein Mittagsessen im Freien halte?
    Ja, was soll ich davon denken? erwiderte die Magd. - Ich denke, es gibt
hin und wieder kuriose Einflle, die dem Menschen anwehen, wie der Wind.
    Du denkst das vermutlich nur, Gudel, weil wir uns hier im Winde befinden,
der allerdings einigermaen stark durch das Spritzenhuschen hindurchzieht.
Nicht ein bloer kurioser Einfall ist es von mir, im Freien hier mir gehrig
decken zu lassen, sondern lange hatte ich mir vorgenommen und nur immer nicht
der Gelegenheit dazu habhaft werden knnen, einmal Hochzeitfreude ohne den
lstigen Zwang, den mir mein Stand auferlegt, zu genieen. Es war dieses mein
dritter und grter Lebenswunsch. Denn wohl mag mancher, der drauen
umherschleicht, den Kster beneiden, da er sich an der Hochzeittafel so
vollstopfen kann, wie jener denkt, weil er nahe der Schssel sitzt, und ihm
unter den ersten stets prsentiert wird. Aber die Brde des Amtes beachtet der
oberflchliche Urteiler nicht! Keinen beschftigteren Mann gibt es wohl auf
einer Hochzeit als den Kster. Denn erst mu er singen und dann mu er beten und
ber Tische die Augen allerorten haben, seinen zierlichen Spa anbringen zur
rechten Zeit und in rechten Einschnitten, und abtrumpfen, wer sich zu mausig
macht und ermuntern, wer wie ein Tuckmuser dasitzt. Whrend dieser
Amtshandlungen it und trinkt nun zwar ein Kster, was er kann, aber auch nur
gleichsam pflichtmig schlingt er alles hinunter, ohne rechtes Gefhl von
Speise und Trank. Weshalb ich sagen darf, da mir von den mehreren hundert
Hochzeiten, denen ich beigewohnt habe, wenig Erinnerung verblieben ist. Nun aber
mu es nach meiner berzeugung eine der schnsten Empfindungen sein, in voller
Seelenruhe und in dankbarer Erhebung zu Gott, dem Geber alles Guten, zugleich
der Festesspeise und Trnkung froh zu werden, zu genieen und dabei der
feierlichen Gelegenheit zu denken, bei welcher man geniet, des Tages, an
welchem ein von Gott selbst gestifteter Stand sich begrndet. Diese aus Erbauung
und Wohlgeschmack zusammengesetzte Empfindung htte ich gern schon lange einmal
gehabt, konnte aber wie gesagt auf den Hochzeitschmusen selbst nie dazu
gelangen. Als ich nun im Oberhofe vorgestern durch gerechte Furcht vor einem
Rasenden um alle Hungersstillung gebracht wurde, erkannte ich pltzlich den
Finger Gottes und entschlo mich sogleich zu diesem meinem heutigen
Hochzeitnachschmause, den ich denn auch bei noch frischer Erinnerung an Predigt,
Lied, Orgelspiel, abgelegt die Last meines Amtes, abgestreift die Fessel des
Ranges, hier unter Gottes freiem Himmel (denn das Dach des Spritzenhuschens
will wenig sagen) in der schnen gemischten Empfindung zu halten denke, welche,
wie ich deutlich verspre, whrenden Redens bereits in mir aufgestiegen ist. -
Wolltest du mich aber fragen, Gudel, warum ich nicht zu Hause nachspeise so wre
dieses eine unntze Frage. Denn abgesehen von der Kurrende, welche heute zu mir
gelaufen kommt, um die Bchse zu berreichen, und welche mir alle Gedanken
vertreiben wrde, so fehlt mir berhaupt zwischen meinen vier Pfhlen bei dem
Reden meiner Ehefrau jegliche Einbildungskraft, und sie wrde nur gemeines Essen
sein, diese Hochzeitspeise, welche ich dort zu mir nhme.
    Die Magd hatte von der langen Rede ihres Brotherrn wenig oder nichts
verstanden. Sie dachte nur an den Schulmeister, von dem ihm eine berraschung
bevorstand und fragte den Kster: Mgt Ihr jemand lieber vor Tische sprechen,
oder nach Tische, Herr?
    Ich wei nicht, wie du auf diese Frage kommst, Gudel, versetzte der
arglose Kster. Indessen, da du einmal fragst, so antworte ich: nach Tische
spreche ich niemand gern, wie du weit, sondern liebe zu schlummern.
    Wohl, so will ich drauen auch mein Stck Brot und Fleisch verzehren,
erwiderte die Magd ohne allen logischen Zusammenhang. Sie ging aus dem
Spritzenhuschen, stellte sich an die durchlcherte Wand und winkte dem
Schulmeister, der sich in der Nhe schon versteckt aufgestellt hatte.
    Leise schleichend nherte sich der Schulmeister dem Spritzenhuschen. Auch
er hatte eine Rede vorbereitet, fast so lang als die des Ksters gewesen war.
Sie begann so: Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjhrten Irrtmern zu
entsagen. Der Mann soll den Mann erkennen, wie er ist, das ist Mannespflicht.
Schmen soll der Mann sich nicht, erkannten Irrtmern zu entsagen. Blicken Sie
in das Herz eines Mannes, welcher Ihrer Freundschaft nicht unwrdig ist, stoen
Sie einen Mann nicht von ihrer Brust zurck, welcher an derselben zu ruhen recht
herzlich sich sehnt! - Nach diesem Erregung des Gefhls bezweckenden Eingange
wollte er durch eine klare Auseinandersetzung auf den Verstand des
Verstandesleugners wirken.
    Jenen Eingang still fr sich wiederholend schlich er zum Spritzenhuschen,
worin der andere eben, auch durch seine Rede zu einer Art von erbaulichem
Seelentaumel gesteigert, das erste Stck Rindfleisch in die Hand genommen hatte.
In diesem Augenblicke hrte der Kster hinter der Wand neben der Trffnung mit
sanfter Stimme sagen (denn der Schulmeister wollte seine Erscheinung stufenweise
vorbereiten): Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjhrten Irrtmern zu
entsagen ... Er kannte die Stimme - geronnen fast zu Gallert durch die Furcht
sa er da, das Stck Rindfleisch starr erhoben haltend vor dem geffneten und
doch nicht zufassenden Munde, ein mitleidswrdiges Bild! Aber eine schwache
Hoffnung im letzten Winkel seines Herzens flsterte ihm zu:Nein, es ist nicht
mglich, es mu eine Tuschung sein, so hart kann dich der Herr nicht strafen.
- Doch da erschien in der Trffnung das Entsetzliche, die Harpyie, die nun
abermals auch diese Nachmahlzeit besudeln wollte, das Haupt der Gorgone wurde
sichtbar, wirklich stand der tolle Kerl, der Agesilaus, in der Tre, diesmal
sogar mit einem Knotenstocke bewaffnet! Aufsprang der Kster, schleuderte dem
Feinde, was er in der Hand hatte, in das Antlitz, nmlich das Rindfleisch, und
strzte schreiend nach dem hinteren Teile des Huschens, sich gegen die lehmerne
Wand drckend und mit Augen, die fast aus ihren Kreisen schossen, nach seinem
Gegner starrend. Der Schulmeister, von dieser Unvernunft erzrnt und von dem
Wurfe mit dem Rindfleische auf das empfindlichste beleidigt, verlor nun alle
Geduld. Mit den Worten: Wenn du verfluchter Kerl nicht hren willst, so sollst
du fhlen! sprang er, den dicken Knotenstock schwingend, in das Huschen auf
den Kster zu. Unfehlbar wrde er diesen jetzt fr seine Meinung, er sei rasend,
wie ein Rasender abgestraft haben, wenn nicht die Verzweiflung den Kster
gerettet htte. Hatte derselbe vorher geschrieen, so brllte er nunmehr.
Brllend griff er mit der Faust durch ein Loch der Lehmwand hinter sich und
fate die Magd, welche auen wacker gegengestemmt stand, in den Schopf. Die
Magd, welche sich so schmerzlich berhrt fhlte, verga nun auch ihre Aufgabe,
die Wand zu halten; sie zerrte sich vielmehr mit aller Kraft ihres starken
Leibes von der Wand ab, um der Faust aus dem Schopfe quitt zu werden. Dadurch
wurde der Kster, der sich an diesem letzten Strohhalme in seiner uersten Not,
an einem menschlichen, mitfhlenden Wesen, krampfhaft festhielt, gegen die
Lehmwand heftiger gepret. Die Lehmwand leistete unter solchem Drucke keinen
lngeren Widerstand, sondern brach zusammen und der Lehm berschttete den
Kster scheulich gelb von oben bis unten, so da er aussah, wie ein Knig der
gelben Erbsen; indessen wurde er von der Magd, an deren Schopfe er gleichsam wie
ein Geschleifter hing, in das Freie gerissen und erhielt nur einen Schlag ber
die Nase vom Schulmeister. Der genotngsteten Magd glckte es endlich, den
Brotherrn mit Zurcklassung eines Haarbschels in seiner Hand abzuschtteln und
der Kster strzte drauen immer brllend zu Boden. Die Magd sprang von dannen,
der belehmte und nasenblutende Kster raffte sich nun auf und sprang ihr nach,
und der Schulmeister, dem sein wohlgemeinter Verstndigungsversuch so bel
geraten war, rasete in seiner blinden Wut, wie Ajax in die Herde, in das
schuldlose Mahl des Entsprungenen. Er zerri die Serviette, trat die Fetzen mit
den Fen, schleuderte die Weinflasche gegen einen Stein und warf Brot, Fleisch,
Hhner, Eier, Salz, Kuchen nach allen vier Winden, kurz, er benahm sich ganz so,
als sei er der, wofr er irrtmlich gehalten wurde.
    Eine so traurige Wendung erbaulicher Egedanken bereitete dem Kster seine
ausnehmende Feigheit.

                                Zwlftes Kapitel



                               Aus dem Tode Leben

Aber dieser abgeschmackte Vorfall brachte an einer anderen Stelle eine tragische
Wirkung hervor.
    Lisbeth war auf ihrem Wege gerade dem Spritzenhuschen gegenber angekommen,
als das Gebrll des Ksters in demselben erscholl. Was nun die erhitzten Bauern
mit ihrem gefhrlichen Schieen nicht ber sie vermocht hatten, das bewirkte das
Geschrei der Feigheit; sie entsetzte sich, floh vor dem Orte, wo jener
furchtbare Ton drhnte, und strzte, wie von einem dunkelen Triebe geleitet,
bewutlos in die Arme Oswalds, die sich ihr entgegenbreiteten. Er fhlte die
Geliebte abermals an sich ruhen, wenn auch nur aus Angst, aber dieser neue
pltzliche bergang von einem zum anderen entfesselte die Dmonen in ihm, die
schon seit zwei Tagen an ihrem Gefngnisse gerttelt hatten. - Das alte bel,
welches Schmerz, Angst, Zorn, krperliche Anstrengungen, selbst das berma der
Freude an seinem Liebestage, in ihm emporgewhlt, brach klglich aus.
    Mit einem Schrei fate er an seine Brust. Mit einem zweiten Schrei stie er
Lisbeth fast zurck. Ich hab's gedacht, mein Blut, da ist es! chzte er und
ein dunkler Purpurstrom quoll aus seinem Munde. Er taumelte und sank auf eine
Rasenerhhung. O mir! Ich ersticke - waren seine letzten Worte, denn es folgte
ein zweiter Anfall des grimmigen bels. Sein Gesicht war wie eines Toten
Antlitz.
    Im ersten Augenblicke war Lisbeth ber das Zurckstoen erschrocken gewesen.
Aber was wollte dieser Schreck gegen das Entsetzen bedeuten, als sie das Blut
ihres Lieblings sah? - Ja, ihres Lieblings! Sein chzen, sein Blut, sein
Totenantlitz gab ihr augenblicklich den Liebling zurck. Vergessen war der
Lgner, nur der sterbende Geliebte lag vor ihr. Mit einem Rufe, in dem sich
Zrtlichkeit, Jammer und die alleruerste Besorgnis zum herzzerreiendsten Tone
mischten, strzte sie zu ihm nieder und sah ihm mit dem Blicke der innigsten
Verzweiflung in die mden und erloschenen Augen. Weinend und wimmernd legte sie
ihre unschuldigen Finger auf seine Lippen, als knne sie damit den furchtbaren
Blutstrom hemmen. Noch immer sandte die in ihren Tiefen versehrte Brust einzelne
Tropfen nach, obgleich die Gewalt des bels bereits gebrochen zu sein schien.
Keiner Befleckung an Hnden und Kleid achtete sie, sie, die Reine, Reinliche.
Sie rief heftig und mit lauter Stimme: Gott! Gott! Gott! als msse Gott ihr
helfen, denn auf Erden wute sich das unglckliche Mdchen keinen Rat.
Unwillkrlich war sie in die Kniee gesunken. So entstand dem Kranken eine
Ruhesttte fr sein Haupt auf ihrem Schoe, denn sie hatte sich mit dem Leibe
rckwrts gebeugt, um ihm die Lage bequem zu machen. Er lag auf dem Rcken,
seine Augen waren geschlossen, seine Wangen vllig farblos. Matt und kalt hingen
die Arme in das Gras hinunter; in welchem liebliche Vergimeinnicht blhten,
gleichsam ein Blumenspott ber den Jammer der Menschen. Sie aber hatte ihm um
Haupt und Brust ihre Arme gebreitet in der allerzrtlichsten und sanftesten
Weise. Traurig schaute sie in sein Gesicht, soviel sie vermochte. So ruhte er
ganz von ihr umfangen und an sie gelehnt im Heiligtume jungfrulicher Liebe und
Bekmmernis! Sie wute nicht, was sie tun sollte, ihm seinen Schmerz zu
erleichtern, sie htte zur Qelle werden mgen, zum umsplenden Bade, wenn das
ihm Linderung zu verschaffen vermocht htte. Schluchzend fragte sie ihn, ob er
auch so bequem ruhe? und bat ihn dann instndigst nicht zu antworten, weil ihm
das Sprechen schaden knne.
    In der Tiefe dieser Not empfand sie den heiesten Drang sich mit ihm zu
verstndigen. Ach, schluchzte sie, mein Oswald, vergib mir doch nur und
fhle, da du nicht sterben darfst! O mein Gott, du mut ja nicht sterben,
mut's nicht, denn was sollte dann aus mir werden, wenn du strbest?
    Nicht wahr, Oswald, du stirbst nicht, du tust mir das nicht zuleide? Ach,
kannst du es mir denn so belnehmen, da ich ein ordentliches Mdchen bleiben
will? Siehst du, mein Oswald, deine Frau mute ich werden, deine ehrliche Frau
und sonst nichts weiter! Denn wre ich auf deine Schlechtigkeit eingegangen,
Oswald, da htte ich mich auch an dir versndigt und htte dich mit zum
Bsewicht werden lassen, und das darf die Geliebte nicht; nicht einen Flecken
darf sie auf ihren Freund kommen lassen. Denn das ist eine schlechte Liebe, die
nur den anderen herzen und kssen will, wie es auch sei, nein, da das Leben des
Liebsten rein bleibe und unbefleckt und unverworren, das ist die wahre Liebe,
und die habe und hege ich im Herzen zu dir, mein Oswald, wie sie nur ein Mdchen
haben und hegen kann, ja gewi, so ist es. Und habe sie gehabt und gehegt
immerdar, wie ich nun wohl fhle, obgleich ich mich vor dir versteckte. Strbest
du hier auf der Stelle, Oswald, und ich knnte dich retten durch Unrecht, doch
tte ich es nicht, das sage ich dir frei heraus. Denn meine Schande knnte ich
noch allenfalls berstehen, Oswald, aber nicht deine; nein, wahrhaftig nicht.
Deine Ehre sitzt mir tiefer im Herzen, als meine. Und so mut du mir auch von
Herzen vergeben, Oswald, da ich nicht dein Liebchen, wie du wolltest, werden
mochte, und ich wei auch gar nicht, wie der bse Gedanke in dein gutes Herz
gekommen ist. Ich htt' es auch nimmer geglaubt, aber du hattest gelogen,
Oswald, und die Lge ist aller Laster Siegel. Wer unter der Heimlichkeit
einhergeht, der hat, was er verbergen mu, und wer seinem Mdchen etwas vorlgen
kann, der will sie auch nicht in Wahrheit zu seiner Frau nehmen. Deshalb glaubte
ich dem alten Bauer, was er mir von dir sagte, und wre beinahe gestorben an dem
Glauben. Es soll dir nun alles vergeben sein, alles, von meiner Seite ganz von
Herzensgrunde, und wir wollen einander recht, recht freundlich Adieu sagen, wenn
du wieder gesund bist, und wenn du stirbst, so will ich dir einen Busch Goldlack
auf das Grab setzen und mich totweinen darauf. Ach, wie hast du mich so betrben
knnen? wenn ich dich ansehe, ist es mir noch immer unbegreiflich. Aber ich
zrne dir nicht, zrne du mir nun aber auch nicht! Wie gerne wre ich deine
Grfin geworden, und dann httest du mich ja am dritten Tage nach der Hochzeit
verstoen knnen, so htte ich doch an deinem Herzen geruht, und htte in Ehren
dran geruhet, Oswald!
    Die innerste Seele des Mdchens schwatzte in diesem Geplauder, welches
zuweilen von schweren Seufzern und heftigem Schluchzen und Erkundigungen nach
seinem Befinden unterbrochen wurde.
    Aber wie stand es um Oswald? Glcklich. Er horchte auf, er ahnete, er schlo
den Zusammenhang; durch alle Schmerzen seiner wunden Brust ging ein himmlisches
Erkennen. Er wute nun, da er nur verleumdet worden war, da die keuscheste und
ehrenzarteste Liebe nicht einen Augenblick aufgehrt hatte, ihm anzugehren. Um
seine Wangen begann ein seliges Lcheln zu spielen, die Augen ffneten sich und
helle Zhren der Wonne blinkten darin. Lisbeths liebliches Antlitz schwamm vor
diesen schwimmenden Blicken, sie kam ihm leuchtend, wie eine Heilige kam sie ihm
vor. Er konnte nicht sprechen, aber ein Zeichen mute er ihr geben. Er hob
seinen rechten Arm auf, zeigte Lisbeth mit einer freundlich-schmerzlichen Miene
den Ring, den er noch an einem Finger der rechten Hand trug von der Dorfkirche
her, legte sie auf sein Herz, fhrte dann den Ring zum Munde und streckte die
Hand gen Himmel, dann lie er sie wieder auf seine Brust sinken und zog dann
ihre Hand herbei, sie in die seinige zu legen und sie mit ihr vereinigt auf
seiner Brust ruhen zu lassen. Dazu sah er sie mit einem Blicke an, da, wenn
zwlf Zeugen von ihm vor dem Richter ausgesagt htten: Diesen haben wir morden
sehen, und er mit einem solchen Blicke seine Unschuld versichert htte, der
Richter ihm und nicht den zwlf Zeugen geglaubt haben wrde.
    Ein zrtliches Mdchen ist ein glubiger Richter in solchen Dingen. -
Lisbeth folgte seinen Gebrden mit der Aufmerksamkeit brutlicher Liebe und als
sie den Sinn gefat hatte, da sagte sie weiter nichts als: Ah! - Aber in
diesem Laute war alle Wonne, die seit dem Anfang der Zeiten in menschlichen
Herzen gewallt hatte. Es war ihr, als sei sie auf dem Hochgerichte, wo man sie
unschuldig hinrichten wollen, begnadiget worden, bei lebendigem Leibe war sie in
den Himmel erhoben worden; in den Himmel seiner unbefleckt gebliebenen Liebe. -
O mein Gott! sagte sie und konnte sonst nichts vorbringen. Ein Zittern der
Entzckung durchflog ihren Krper, sie meinte zu sinken und den geliebten Freund
aus ihren Armen zu verlieren. Da nahm sie sich zusammen, um nicht durch ihre
Unruhe ihm zu schaden. Nun wute sie, da sie seine Frau Grfin werde, wenn er
nicht sterbe, und Oswald hatte recht gehabt, sie machte sich nicht sonderlich
viel aus der Frau Grfin, sie wollte es ebenso gern sein, wie sie Frau Frsterin
geworden wre.
    So fanden Lisbeth und Oswald einander wieder. Stumm ruhte ihr Auge an seinem
und seines an ihrem und die herzlichsten Trnen flossen von den Wimpern. Die
Hnde blieben auf seiner Brust vereinigt, sanft streichelte sie seine Finger,
zumal den, an welchem er den Ring trug, den Dolmetsch des hergestellten sesten
Einverstndnisses. - Ein Jngling lag, vom heftigsten Blutsturze erschpft, dem
Tode nahe und sein Mdchen war bei ihm und wute das, und Jngling und Mdchen
waren dennoch beide glckselig.
    


                                  Achtes Buch

                             Weltdame und Jungfrau

                                 Erstes Kapitel

         Worin der Diakonus vom Zufall und von der wahren Liebe spricht

Mehrere Wochen nach jenem glcklichen Unglck ging die junge Dame Clelia mit dem
Diakonus in seinem Garten auf und nieder. Der Oberamtmann Ernst, der die
dunkleren Stellen des wrttembergischen Gesetzbuches doch endlich ergrndet
hatte und daran vorderhand nichts weiter zu studieren fand, sa gelangweilt in
einer Jelngerjelieber-Laube, und ihr Gemahl scho mit einer Windbchse, die er
irgendwo aufgetrieben, hinter dem Garten unter Bumen nach Sperlingen. Es war
ganz still in dem Predigerhause. Die Fenster eines Zimmers, welche nach dem Hofe
hinausgingen, waren grn verhangen und unter diesen Fenstern sa Lisbeth mit
einer weiblichen Arbeit beschftigt.
    Die junge Dame Clelia, welche ein leichtes Ghnen nicht verbergen konnte,
sprach zum Diakonus: Lieber Herr Prediger, sagen Sie mir, was dnkt Ihnen vom
menschlichen Leben? Denn ich habe Lust mit Ihnen etwas zu philosophieren.
    Das tut mir sehr leid, gndige Frau, versetzte der Diakonus. Es beweiset,
wie ermdend Ihnen der Aufenthalt in meinem Hause sein mu. Wenn so schne
Lippen sich zur Philosophie bequemen, so mssen wirklich alle Ressourcen der
Unterhaltung versiegt sein.
    Clelia lachte und sagte: Zu galant fr einen Kanzelredner und fr einen
Lehrer der Moral viel zu bsartig. - In ihrer raschen Weise fate sie die Hand
des Geistlichen und rief:
    Wie wir Ihnen alle dankbar sein mssen fr das berma von
Gastfreundlichkeit, womit Sie uns aus der abscheulichen Kneipe erlsten und bei
sich in Ihrem beschrnkten Huslein aufnahmen, mich samt Jungfer und Gemahl (sie
bediente sich dieser Reihenfolge ganz naiv), und jenem meinem Geschftsanbeter
dort in der Laube, das fhlen Sie wohl ohne Versicherung von meiner Seite, und
Sie mssen mir, wenn wir scheiden, unter Ihrem Amtseide versichern, uns
knftiges Jahr in Wien Revanche zu geben. Da man aber, wenn man gern mit seinem
jungen Manne ins Weite mchte, ungern zu lange bei einem kranken Vetter bleibt,
der sein Tage nicht vernnftig werden wird -
    Er leidet noch sehr, sagte der Diakonus ernst.
    Bin ich denn gefhllos fr sein Leiden? warf Clelia kurz ein. Htte ich
noch Vergngen in Holland und England, wenn ich sein krankes Bild mit mir nhme?
Bin ich ihm nicht herzlich gut? Sehne ich mich nicht, ihm zwanzig Ksse auf die
dummen Lippen zu geben, zwischen denen sein Blut hervorstrzte? Aber ist deshalb
ein solcher Wachtposten bei einem Siechenbette, zu dem einen der Arzt nicht
einmal hinzult, etwas Angenehmes? - Und sein Sie nur ganz aufrichtig, lieber
Herr Pastor, Ihre kleine Frau she auch nicht ungern einen gewissen Reisewagen
anspannen.
    Wie knnen Sie nur so etwas denken, meine Gndige! rief der Diakonus etwas
verlegen, denn er erinnerte sich an den Text einiger Gardinenpredigten.
    Schelmisch fuhr Clelia fort: Ich mte mich auf hochrote Wangen und auf
einen gewissen Glanz in den Augen der Hausfrauen nicht verstehen! Es ist auch
gar keine Kleinigkeit, fnf Menschen mehr im Hause zu haben, die man eigentlich
nicht kennt, und die einem allen Platz wegnehmen. Der Herr Gemahl laden in
liebenswrdiger mnnlicher Unbekmmertheit ein und die arme Frau hat nachher die
Sorge. Aber lassen Sie das nur gut sein. Trotz der roten Wangen und der
glnzenden Augen bleibt sie eine liebe, charmante Frau und soll in Wien
willkommen sei. Dort ist Raum im Hause und der Haushofmeister sorgt fr alles.
    Der Diakonus, der sein Zartgefhl durch dieses Gesprch unangenehm berhrt
fand, sagte, um es zu unterbrechen: Sie wollten mit mir ber das menschliche
Leben philosophieren, gndige Frau.
    Eigentlich wollte ich Sie nur fragen, ob das menschliche Leben nicht ein
Ding ohne Sinn und Verstand sei? sagte Clelia. Ein junger Mann luft aus
Schwaben weg, um mich an einem Menschen zu rchen, der seine Persiflage ber
mich getrieben; er rcht mich aber nicht, sondern schiet ein junges Mdchen und
verliebt sich in sie. Dann qulen die beiden Leutchen (wie wir nun nach und nach
herausgebracht haben, Ihre Frau und ich) einander bis auf den Tod um nichts, und
das Ende dieser hchst lcherlichen Geschichte ist ein furchtbarer Blutsturz,
der leicht einen Toten in die Komdie htte liefern knnen. - Wo ist da
vernnftiger Zusammenhang?
    Sie lassen etwas aus in der Geschichte, sagte der Diakonus.
    Nun ja. Ich schrieb, als ich berall hren mute, ich sei bescholten, an
meinen Brutigam nach Wien und erklrte ihm hchst edel, eine Bescholtene drfe
nicht seine Gemahlin werden; er sei frei und des gegebenen Wortes ledig. Dieser
affektvolle Brief wirkte denn dermaen auf ihn, da er sich in krzester Frist
zum Herrn aller Schwierigkeiten machte, die unserer Verbindung entgegengestanden
hatten und, so rasch die Pferde Tag und Nacht laufen wollten, nach Stuttgart
eilte.
    Und aus solchen offenbaren Zeichen erkennen Sie den Gott nicht, der in
Ihrem und Ihres Vetters Schicksale waltete? fragte der Diakonus mit komischem
Ernst.
    Welcher Gott?
    Der Zufall! rief der Diakonus feierlich.
    Das ist ein schner Gott, versetzte Clelia und lachte.
    Gndige Frau, sagte der Diakonus, glauben Sie mir sicherlich, die Welt
wird erst wieder anfangen zu leben, wenn die Menschen sich erst wieder vom
Zufall hin und her stoen lassen, wenn man z.B. ausgeht, um Rache zu nehmen, und
sich nicht darber verwundert, findet man statt der Rache eine Braut, wenn man
(Sie verzeihen meine Freimtigkeit) in einer zuflligen allerliebsten Aufwallung
entsagende Briefe nach Wien schreibt, und ebenso zufllig von der Entsagung zum
Hubchen abfllt. Unsere Zeit ist so mit Planen, Tendenzen, Bewutheiten
berdeckt, da das Leben gleichsam wie in einem zugesetzten Meiler nur verkohlt
und nie an der freien Luft zur lustigen Flamme aufschlagen kann. Die
Lebensweisheit der wenigen Vernnftigen heutzutage besteht folglich darin, sich
von der Stund und von dem Ungefhr fhren zu lassen, nach Launen und Ansten
des Augenblicks zu handeln.
    Bravo! rief Clelia. Sie sind ein wahrer Priester fr uns Weltkinder. Und
das sagt er alles so ernsthaft, als sei es ihm damit bitterer Ernst.
    Ich predige ja nur ber ein christliches Gebot, sprach der Diakonus
lchelnd.
    Wie lautet dieses sogenannte christliche Gebot?
    Sorge nicht um den anderen Tag, versetzte der Diakonus. Die junge Dame
begehrte jetzt auch seine Exegese ber die leeren Nte des Liebespaares. Er
bedachte sich etwas und sagte dann: Ich mu hier schwerflliger werden als bei
dem anderen Thema. Zuvrderst sei Ihnen gesagt, da diese Liebe mich rhrt, die
Liebe meines Freundes und des guten Mdchens, welches er auf so ungewhnliche
Weise kennengelernt hat. Ich meine, in ihnen ein vom Schicksal bezeichnetes Paar
zu sehen und ein vlliges Aufgehen zweier Seelen ineinander. Die Liebe ist nun
Leid, wie alle Dichter singen, sie ist der Herzen selige Not und ein rhrender
Gram. Wer von der Liebe Trnen scheidet, der scheidet sie von ihrem Lebensquell;
eine lachende Liebe ist keine.
    Wahrlich, die echte Liebe ist ein Ungeheures! fuhr er mit Wrme fort.
Nicht in tauber Redeblume, sondern wesentlich, wirklich und wahrhaftig gibt der
Liebende seine Seele weg! Diese also weggegebene und der Hut berechnenden
Verstandes entlassene Seele ist aus den Fugen, unbeschtzt liegt sie da und ohne
Verteidigung durch irgendeine Selbstsucht, welche unsere nchternen Tage
schirmt. In dieser ihrer gttlichen Schwche ist sie nun eine Beute fr jedes
Raubtier von grimmigem Zweifel, frchterlichem Argwohn, zerfleischendem
Verdacht. Aber im Kampf mit diesen Raubtieren erstarkt sie. Aus ihren tiefsten
und noch nie bis dahin entdeckten Abgrnden holt sie neue Waffen und eine
ungebrauchte Rstung hervor; sie lernt sich in ihren verborgenen Reichtmern
begreifen, sie vollzieht eine Art von herrlicher Wiedergeburt und feiert nun auf
dieser Stufe die wahre, die himmlische Hochzeit, von welcher die andere nur das
vergrberte irdische Abbild ist. Unverwelklich ist der Kranz, der auf jenem
Siegesfeste der liebenden Seele getragen wird, und er verschwindet nicht in den
Schatten der Brautnacht.
    Darum zwingt eine ewige Notwendigkeit die wahre Liebe, sich Not zu schaffen,
wenn sie keine Not hat. Denn nicht trge genieen will sie, sondern kmpfen und
siegen. Trbsal ist ihr Orden und Jammer ihr geheimes Zeichen. Traun, ein Kind
kann ber die Leiden Oswalds und Lisbeths lachen, die nicht kindischer erfunden
werden mochten! Aber ohne diese kindischen Leiden wren zwei Seelen von solcher
Tiefe, Schwere, Se und Feurigkeit wohl wieder voneinander gekommen, statt da
sie in den Qualen der Einbildung sich das rechte Wort und den wahren Gru
gegeben haben, an dem sie einander ber alle Zeit hinaus erkennen werden.
    Die junge Dame Clelia war durch diese Rede des Diakonus in ein Gebiet
gefhrt worden, in welchem ihr nicht heimisch zumute sein konnte. Anfangs meinte
sie fr sich, sie msse sich etwas schmen, denn mit ihrem Kavalier aus den
sterreichischen Erblanden hatte sie freilich whrend des Brautstandes mehr
gelacht als geweint. Nachher meinte sie, die Gelehrten sprchen zuweilen nur, um
etwas zu sagen; und endlich verstand sie den Geistlichen gar nicht mehr. - Als
er mit seiner Auseinandersetzung zu Ende war, rief sie: Schade, da die beiden
lieben Leute einander nicht heiraten knnen!
    Wie? rief der Diakonus voll uersten Erstaunens. Denn auf diese Wendung
war er bei der jungen, gutmtigen Frau nicht im Traume gefat gewesen, zumal
nach solchem Gesprche.

                                Zweites Kapitel



 Worin ein humoristischer Arzt ntzliche Wahrheiten ber die behandlung kranker
                               Personen vortrgt

Das Nahen des Arztes, welcher von dem Krankenzimmer herunter in den Garten kam,
schnitt weitere Errterungen vorlufig ab. - Der Doktor war ein beraus dicker
Mann, der voll guter Einflle steckte und diese mit der grten Trockenheit
herauszubringen wute. Clelia, die mit solchen Leuten eine natrliche
Wahlverwandschaft hatte, pflegte in seiner Gegenwart zu sprechen, als sei er
nicht zugegen. Und so sagte sie auch jetzt, als der Arzt langsam ber den Hof
gewatschelt kam, ganz laut: Da kommt der Doktor und wird uns nun sagen, da es
mit Oswald anfange, besser zu gehen. Das heit, vierzehn Tage lang mag er
allenfalls einen oder den anderen von uns eine Viertelstunde annehmen, vierzehn
Tage darauf knnen die Besuche lnger werden, und nach sechs Wochen werden wir
hoffentlich so weit sein, da der Rekonvaleszent in der Mittagssonne eine halbe
Stunde spazieren gehen darf. Dies nennen die rzte Herstellung.
    Wirklich hatte der Arzt noch bis gestern den Zustand des Kranken als
bedenklich und der hchsten Schonung bedrftig dargestellt. Streng war jeder
Verkehr zwischen ihm und der Auenwelt untersagt gewesen; niemand, weder die
Frauen, noch selbst der Diakonus und sein neuer Vetter aus sterreich hatten ihn
besuchen drfen. Nur dem alten Jochem war er zur Obhut und Pflege von dem
unnachsichtigen Arzte anvertraut worden, die jener denn auch in aller Treue
ausgebt hatte.
    ngstliche Sorge und Spannung, die in dem kleinen mit Gsten pltzlich so
angefllten Hause alle, besonders in den ersten Tagen der Krankheit, bewegte,
konnte sich daher nur durch eifriges Fragen und Nachfragen und durch jede
Liebesgeflligkeit, die von drauen nach dem Krankenzimmer hinein zu leisten
war, geltend machen. Am unruhigsten war Clelia gewesen, welche ihren Vetter
wahrhaft lieb hatte. Auch der Oberamtmann, der in seinem Wagen den Leidenden
nach der Stadt befrdert hatte, zeigte eine groe Anhnglichkeit. Tief betroffen
waren der Diakonus und seine Frau gewesen. Lisbeth hatte anfangs viel geweint.
Dann fiel es den anderen auf, da sie pltzlich die Gefateste, und wie es
schien, Gleichgltigste von allen wurde. Diese Verwandelung geschah nach einer
Unterredung, die sie mit dem Arzte gehabt hatte. - Sie wurde der Frau des
Diakonus bei deren vermehrten Haussorgen sehr ntzlich, und ein Geschft hatte
sie seit ihrem Eintritte in das Haus ausschlielich fr sich in Anspruch
genommen, die Bereitung alles dessen, was Oswald bedurfte. Ein zarter und
stiller Verkehr waltete zwischen beiden, ungeachtet da Lisbeth, wie sich von
selbst versteht, unter dem strengsten Banne des rztlichen Verbotes befangen
war. Sie sandte ihm mit dem leichten und khlenden Tranke, welchen er genieen
durfte, jederzeit die schnsten Blumen, die sie im Garten fand. Er hielt diese
sanften Boten in seiner Hand des Tages, und bei Nacht ruhten sie an seinem
Herzen und von dieser Ruhesttte empfing Lisbeth sie am anderen Morgen wieder. -
Wenn die Hausfrau sie nicht beschftigte, pflegte sie im Hofe unter den Fenstern
des Krankenzimmers zu sitzen. Dort verweilte sie, bis es vllig dunkel geworden
war, ihre stille Mdchenarbeit verrichtend. Sie war gegen jedermann sanft und
freundlich, lie sich aber mit niemand ein, sondern blieb sehr fr sich. Ein
Vorfall hatte sich whrend jener Tage ereignet, der die Gste etwas wider sie
einnahm, den Oberamtmann sogar in Zorn versetzte.

Auf heute hatte der Arzt den Eintritt einer entscheidenden Krisis
vorherverkndiget. Der Diakonus, Clelia und der Oberamtmann gingen ihm daher
gespannt entgegen, whrend Lisbeth ruhig unter dem Fenster sitzen blieb. Der
Arzt hatte die Worte Clelias gehrt, wandte sich daher an diese, und
sagte:Gndige Frau, ich darf Ihnen etwas krzere Fristen versprechen. Unser
Patient ist hergestellt, und wenn allerseits verehrte Anwesende heute und etwa
morgen und etwannest bermorgen noch einige Rcksicht auf seinen Zustand nehmen,
so wird er wohl berbermorgen ausgehen drfen, als ein zwar noch etwas blasser
aber doch durchaus geheilter Mann.
    Wie? riefen alle wie aus einem Munde. Und Sie erklrten ihn noch gestern
fr nicht auer Gefahr?
    Der Arzt zog sein breites und fettes Gesicht in solche Falten, da er wie
ein Silen aussah und sagte: Eine Notlge, gndige Frau und liebe Herren, eine
Notlge, ohne welche der rechtschaffenste Mann, absonderlich aber der Arzt,
nicht durch dieses Jammertal kommt. Denn wollte der Arzt immer die Wahrheit
sagen, so wrfen sie ihn zum Hause hinaus.
    O Sie Schelm! Gewi haben Sie wieder einen Ihrer Streiche auslaufen
lassen! sagte der Diakonus lchelnd. Clelia drang in den Arzt, um den
Zusammenhang zu erfahren, und er fuhr folgendermaen fort. Wenn man, sagte er,
wie ich, eine Reihe von Jahren doktert, wenn man seine von vielen Rezepten
nicht mehr abhangende Praxis hat, so beginnt man ohne Scheu einzugestehen, da
die Natur doch zuletzt der Geheime Medizinalrat oder Obermedizinalrat ist. Wir
rzte sind nur schrfere Zeugen der Natur, hren feiner, was sie flstert und
wispert, als andere Menschen, sonst aber sind wir keine Hexenmeister. Der Natur,
wenn sie leise sagt: Bitte! bitte! die Bitte zu gewhren, alles fernzuhalten,
was sie in ihrem Gange strt, das ist unsere ganze Kunst. Die Krankheiten werden
meistensteils nur gefhrlich durch Gelegenheitsursachen, welche das Walten der
Natur stren. Auch dieser Blutsturz wre bei der vortrefflichen Konstitution des
Herrn Grafen wahrscheinlich ganz von selbst geheilt, das Blutgef, welches sich
ergossen hatte, htte sich mit Ruhe und hchstens etwas zusammenziehend
Suerlichem von Natur geschlossen. - Meine Weisheit hat nur darin bestanden, da
ich die der Natur feindliche Gelegenheitsursache entfernt zu halten wute.
    Ich sehe einmal wieder nicht, wohin dieses Kauffahrteischiff steuert,
sagte Clelia. Welche Gelegenheitsursache meinen Sie?
    Ihre und der brigen verehrten Anwesenden Liebe, Freundlichkeit, Besorgnis
und Teilnahme an meinem Patienten, versetzte der Arzt trocken. O meine
geschtzten Freunde, Sie glauben nicht, wie viele Kranke dem Arzte durch Liebe
und Teilnahme der Angehrigen zugrunde gerichtet werden! Zwar in den ersten
Tagen lt man den Leidenden wohl ruhig liegen und behandelt ihn vernnftig,
aber spterhin, wenn es nun heit, er bessere sich, oder er sei Rekonvaleszent,
da beginnt ein wahrer Kultus des Krankenzimmers, in den Augen des gewissenhaften
Arztes der schlimmste Teufelsdienst. Vergebens rufen die mden und zitternden
Nerven: Lat uns in Frieden! Umsonst sehnt sich das in Unordnung gebrachte Blut
nach Stille, fruchtlos ist es, da die letzten Kohlen der Entzndung in sich
verglimmen mchten - es hilft alles nichts, besucht wird, gefragt wird nach dem
Befinden, unterhalten wird, vorgelesen wird, sogenannte kleine Freuden werden
bereitet und voll Verzweiflung sieht man das Schlachtopfer der Liebe, was man
gestern voll guter Hoffnung verlie, heute elend wieder. Deshalb sterben auch in
Privathusern verhltnismig mehr Menschen als in wohlbeaufsichtigten
Lazaretten. Und darum pflege ich auf Kranke mit Umgebungen voll Liebe und
Teilnahme, die ich nicht abhalten kann, von vorneherein doppelt so viel Zeit zu
rechnen, als auf Kranke ohne liebevolle Umgebungen. Hier nun -
    Es ist doch abscheulich, ber die edelsten Empfindungen so zu spotten!
rief Clelia heftig.
     ... sah ich einen ganzen Herd von Liebe und Teilnahme, als ich zum Grafen
berufen wurde, fuhr der Arzt, ohne sich erregen zu lassen, fort. - Edle
Empfindungen, ber die mir nicht einfllt zu spotten, welche mir aber als Arzt
nur als ebenso viele widrige Gelegenheitsursachen und Indikationen erscheinen
muten, da der Patient, befragt, besprochen, unterhalten, durch Vorlesungen
aufgeregt und durch kleine Freuden im entzndlichen Stadio verzgert, leicht
seine paar Monate abliegen knne. Deshalb griff ich zu der Notlge, da er in
groer Gefahr sei, dann folgte die einfache Gefahr, dann der bedenkliche
Zustand, dann die langsame Hebung der Krfte, und auf heute endlich wurde die
Wirkung einer entscheidenden Krise versprochen. Er war aber nie, verehrte
Anwesende, in groer Gefahr und kehrte nach den ersten zehn Tagen schon mchtig
zu. Einem Kranken tut niemand not, als einer, der ihm zu den bestimmten Stunden
die Arzenei reicht und allenfalls ein verschobenes Kissen zurechtlegt; und dann
Langeweile, o du nicht genug zu preisende Gttin des Siechenbettes! Man sollte
Hygieen ghnend darstellen; denn es ist nicht auszusagen, welche Riesenschritte
die Besserung macht, wenn der Leidende weiter gar nichts zu tun hat als zu
ghnen. Darum setzte ich unseren Grafen auf die wenig aufregende
    Gesellschaft seines alten Dieners und dann auf Langeweile und habe ihn durch
diese beiden Potenzen in kurzer Zeit wieder auf die Fe gebracht und wenn ich
ihn noch ferner besuche, so besuche ich ihn jetzt mehr als Freund denn als
Arzt.
    Schade, rief Clelia nach dieser Errterung spitz, da Sie sich nicht
selbst als niederschlagendes Pulver verschreiben knnen. - So drfen wir ihn
denn also heute sehen?
    Der Arzt schaute rund im Kreise um und warf dabei auch seinen Blick in den
Hof, wo Lisbeth noch immer sa. Ich unterscheide, sagte er nach einer Pause
bedchtig. Sie, gndige Frau, und der Herr Oberamtmann und der Pastor drfen
ihn ohne Schaden schon heute besuchen, mein Kind Lisbeth dort mu aber bis
morgen warten.
    Er empfahl sich. Clelias muntere Seele war durch die letzte Rede des alten
Silen doch etwas empfindlich gemacht; sie stand einige Augenblicke schweigend,
nagte an ihrer schnen Lippe und rief dann: Fancy!
    Fancy, die Kammerjungfer, lie sich hren und wurde gleich darauf sichtbar.
Fancy, bringe mir meine Crespine und setz' deinen Hut auf, wir wollen noch
etwas spazierengehen, sagte ihre junge Gebieterin.
    Drfen wir Sie nicht zu unserem Freunde begleiten? fragten der Diakonus
und der Oberamtmann.
    Nein, versetzte die schne Empfindliche mit kurzem Ton, zu den ganz
unschdlichen Besuchern mag ich mich denn doch nicht gern zhlen lassen.
    Sie verschwand mit Fancy. Die Mnner gingen nach dem Krankenzimmer. Als der
Diakonus bei Lisbeth vorbeiging, sagte er erstaunt und halb leise zu ihr: Sie
scheinen sich ber des Doktors Nachricht wenig gefreut zu haben.
    Ich wute schon lange die Wahrheit, versetzte Lisbeth mit
niedergeschlagenen Augen. Der Arzt hatte meine Angst gesehen und mir entdeckt,
wie die Sache stand.
    Und Sie konnten sich berwinden, Oswald nicht zu besuchen?
    Warum nicht? Wenn er nur gesund wird! Kam ich und meine Sehnsucht da in
Betracht?

                                Drittes Kapitel



                          Speisesaal und Krankenzimmer

Das Wiedersehen war sehr freundlich und herzlich gewesen. - Als die beiden
Mnner das Krankenzimmer verlassen hatten, gingen sie nach dem allgemeinen
Versammlungsslchen und dort sagte der Oberamtmann: Ich habe eigentlich nie ein
schneres Gefhl fr einen Freund, als wenn ich ihm wider seinen Willen einen
Dienst fr das Leben leisten kann. Denn bei Geflligkeiten, die man den Wnschen
des anderen erweiset, ist man nie sicher, da sich nicht Eitelkeit, weichliches
und selbstliebiges Wesen mit einmischt. Wenn man aber gegen die Schoneigungen
des Freundes an ihm seine Schuldigkeit tut, dann hat man die reine Empfindung
treu erfllter Pflicht; wohl die schnste im Leben.
    Soll das denn auf unseren Freund eine Anwendung finden? fragte der
Diakonus etwas befangen.
    Allerdings, erwiderte der Oberamtmann, und Ihren Beistand erbitte ich mir
auch, Herr Diakonus, zu dem, was ich vorhabe. Nachdem der Graf nun
wiederhergestellt ist, oder wenigstens in ganz kurzer Zeit sein wird, kann ich
an mein Geschft mit ihm oder vielmehr fr ihn denken. Meine erste Obsorge mu
nmlich jetzt sein, diese unangemessene und fast verrckte Liebschaft zu
zerstren.
    Der Diakonus brauste hier, seine geistliche Fassung etwas vergessend, auf
und rief in den bestimmtesten Ausdrcken, da er zur Zerstrung einer solchen
Liebe, welche keine Liebschaft sei, nicht die Hand biete, vielmehr sie, solange
sie das Gastrecht seiner Schwelle geniee, zu schtzen wissen werde. Man wurde
hierauf, obgleich man sich in gewissen Grenzen zu halten wute, gegenseitig sehr
warm und erschpfte alles, was an heftigen und starken Versicherungen und
Gegenversicherungen gesagt werden konnte. Endlich fiel dem Diakonus die Frage
ein, welche bei dergleichen Gelegenheiten die erste sein mte, meistenteils
aber die letzte zu sein pflegt. Er erkundigte sich nmlich nach den Grnden
einer so starken Abneigung gegen diese Verbindung.
    Ihre Frage kann mir auffallend erscheinen, Herr Diakonus, indessen will ich
sie beantworten, erwiderte der Oberamtmann. Mein Freund ist, wie Sie wissen,
aus der ersten Familie des Knigreiches, seine Herrschaft gleicht an Umfang
manchem Frstentume; geborener Reichsstand ist er und das Blut unserer Knige
hat sich mit seinem Geschlechte mehrere Male vermischt. Wenn er nun den
aufgelesenen Findling heiratet, so fallen seine Kinder, wie Bastarde, von der
Bank und sind sukzessionsunfhig, darber verliert er die Freude an seiner
Herrschaft, weil er nmlich wei, da er sie fr die fremde Linie aufhebt. Mit
den Anverwandten verhetzt er sich, in seinen Verhltnissen zerrttet er sich,
bei Hofe kehren sie ihm den Rcken, der Gemahlin mu er sich schmen, in der
Kammer wird er aus bler Laune ein hohler widersprecherischer Schreier, kurz, er
wird auf alle Weise ein elender und verkmmerter Mann. Weil er aber dazu gar
keine Anlage hat, sondern vielmehr ungeachtet mancher Torheit bestimmt ist, sich
zu einem ganz herrlichen und prchtigen Charakter herauszuarbeiten, zu einer
Freude und Zier des Landes, deshalb Herr Diakonus, und deshalb, weil ich seiner
sterbenden Mutter mein Wort auf ihn gegeben habe, ist es meine Pflicht, dieses
Verhltnis, welches fr mich eine Liebschaft bleibt, zu zerstren.
    Die Streitenden gingen mit groen Schritten auf und nieder.
    Der Diakonus pries die Unschuld und den Schwung der Neigung, welche so
entgegengesetzte Gefhle aufregte. Allein der hartnckige Geschftsmann lie
sich dadurch nicht rhren, sondern sagte: Ich will ihn auch gar nicht daran
hindern, das Mdchen geliebt zu haben. Er feire sie in seiner Erinnerung, er
mache Gedichte der Wehmut an sie, Sonette und Terzinen soviel er will, er trage
ihre Locke oder ihren Schattenri, was er nun von ihr besitzt, auf dem Herzen,
immerhin! Liebe ist Liebe, aber Ehe ist Ehe. Die Ehe ist ein Geschft, ein
hchst wichtiges Geschft. Nicht umsonst handelt ein Abschnitt in allen
Landrechten von der Ehe und vom Eingebrachten und von der Gtergemeinschaft. Die
Ehe soll dem Menschen einen Boden unter die Fe geben, nicht den Boden unter
den Fen wegziehen. Ein Geschft mu ein Objekt haben, Liebe ist aber kein
Objekt. Liebe gehrt zur Ehe wie der frhliche Trunk zum Abschlu eines guten
Kaufes; aber ber das Glas Wein schliet man den Handel nicht. Er braucht noch
gar nicht zu heiraten, denn er ist noch sehr jung, will er es aber tun, so gibt
es unter unseren Grfinnen und Frstinnen und unter denen nebenan in Baden und
Bayern auch schne, blhende, gute Mdchen; darunter soll er sich auslesen, die
Bettlerin aber soll er lassen.
    Ich wei wohl, da jedes migefgte Liebespaar von seiner Torheit einen
neuen Himmel und eine neue Erde datiert und die erste probehaltige Ausnahme.
Wenn man aber nach wenigen Jahren die sogenannten Ausnahmen wiedersieht mit
hangenden Flgeln, den Schmetterlingsstaub jmmerlich von den Schwingen
gerieben, verntzt, abgeblat, so wendet sich einem das Herz im Leibe bei dem
Anblicke von so trbseligen Besttigungen der allgemeinen Regel um.
    Der Diakonus, dessen Verstand unwillig manches zugeben mute, was der andere
vorbrachte, bediente sich jetzt der Wendung, welche bei einem Streite so
ziemlich klar die Niederlage anzeigt. Er sagte nmlich, da diese Drohungen wohl
nicht ganz der Ernst des Oberamtmannes sein mchten, da er gewi Bedenken
tragen werde, sie in ihrem vollen Umfange auszufhren.
    Darauf versetzte der Amtmann sehr kalt und fest: Sie wrden im Irrtume
sein, wenn Sie diese Meinung wirklich hegten. Ich bemerke wohl, da die Scherze,
welche die junge Baronesse in ihrer liebenswrdigen Laune zuweilen ber mich
macht, Sie zum Lachen ber mich anreizen, und es mag auch wahr sein, da ich
eine ziemlich sonderbare und graue Aktenfigur bin. - Ich habe neulich den
sogenannten Patriotenkaspar verhrt, darber den Grafen vergessen, kam zu spt
auf den Oberhof und fand meinen Freund, der vielleicht gesund mit mir gefahren
wre, erst wieder, als er blutend am Wege lag. Das war ein Schwabenstreich. -
Indessen kann man solche begehen und doch bei manchem Punkte unbesieglich sein.
- Glauben Sie mir, da, wo ich mich in meinem Amte und Rechte fhle, alles von
mir abgleitet, wie von einem Felsen und da ich dann fest zu stehen wei, wie
ein Fels. Meinen liebsten Freund aber vor einem unsglichen Elende zu bewahren,
wie ich es nun einmal ansehe, das ist recht eigentlich meine Amtspflicht und
mein Recht. Ich werde demnach, was ich angekndiget habe, durchzufhren wissen.
    Aber was wollen Sie denn mit ihm beginnen? Er ist doch mndig! rief der
Diakonus ereifert.
    Leider! versetzte der Oberamtmann. Es gibt Leute, die wenigstens bis zum
dreiigsten Jahre unter Kuratel stehen sollten. Indessen ist auch ein Mndiger
anzufassen. Was ich beginnen will? Ihm jeden nur mglichen Grund vortragen, die
Verbindung ihm unleidlich machen; Urlaub mir verlngern lassen, mit ihm auf sein
Schlo reisen, Oheime, Vettern und Basen in Bewegung setzen, die Sache vor den
Knig bringen, seine Standesgenossen aufregen, es darauf ankommen lassen, da er
mir die Tre weiset, dann doch nicht gehen, immerfort einsprechen, den Einspruch
noch zwischen die Verlobung werfen, ja selbst am Altare, wenn es notwendig ist,
einen Skandal bereiten. O ein Mann und Freund kann viel, wenn er nur beharrlich
will. So wahr ich der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde bin, mit meiner
Zustimmung wird sie nicht Grfin Waldburg-Bergheim.
    Und mit meiner auch nicht, sprach hier eine dritte Stimme. Die schne
Clelia war, von ihrem Spaziergange zurckgekehrt, in den Saal getreten und hatte
unbemerkt von den Mnnern, gehrt, wovon die Rede war. Nein, Herr Diakonus,
sagte sie, Sie sehen die Sache doch etwas zu sehr von Ihrem Standpunkte an. Ich
bin gewi gut und freundlich gegen jeden und wnsche allen ein solches
Lebensglck, wie ich es erlangt habe, aber auch meine Erfahrung hat mich
gelehrt, da Mibndnisse nie zum Heile fhren, und da es sich hier um das Los
meines teuersten Anverwandten handelt, so stelle ich mich ganz auf die Seite des
Oberamtmannes.
    Die schne junge Frau sagte dies so feierlich, als htte sie in ihrem
zwanzigjhrigen Leben schon wenigstens hundert ble Erfahrungen von
Mibndnissen vor Augen gehabt. Der Oberamtmann kte ihr dankbar und gerhrt
die Hand und der Diakonus schwieg.
    Es war inzwischen im Nebenzimmer gedeckt worden und man setzte sich zu
Tische. Auch der junge Gemahl hatte sich nach seiner Sperlingsjagd, die nicht
sehr ergiebig gewesen war, zur Gesellschaft gefunden und nur Lisbeth fehlte. Der
Diakonus suchte, so gut es ihm gelingen wollte, der vorhergegangenen Szenen
ungeachtet den beredten Wirt zu machen. Es glckte ihm aber nicht ganz, denn
seine Seele war abwesend und in Bekmmernis bei dem Paare, ber dessen Hupter
sich nach manchem Leiden noch zuletzt so schwere Wolken anhuften.
    Die ganze Gesellschaft war eigentlich verstimmt und redete wenig. Der
Oberamtmann fhlte die Schwierigkeit seiner Aufgabe, zwei Herzen zu trennen, die
einen geistlichen Beistand hatten, und dachte ber die Mittel nach, diesem
Einflusse entgegenzuarbeiten. Zwischen dem jungen Ehepaare aber hatte sich der
erste Streit erhoben und zwar auch ber das Liebespaar. Der Gemahl war nmlich
nach seiner Rckkehr von dem Windbchsenvergngen unterrichtet worden, da der
Vetter hergestellt sei, und hatte, als er seine Gemahlin von dem Spaziergange
heimkommend gesprochen, ihr in aller Freundlichkeit aber mit bestimmtem Tone den
Entschlu erffnet, nunmehr abreisen zu wollen, da sie unmglich jetzt noch eine
Sorge um Oswald mit auf die Reise nehmen knne. Schon da er so bestimmt sprach,
regte ihren Widerspruch auf und sie fhlte wohl, da wenn sie den Anfngen
solcher Emanzipation nicht entgegentrete, es leicht um die ganze Zukunft ihres
Regiments geschehen sein drfte. Sie erklrte daher ebenso bestimmt, da sie
noch bleiben und so lange bleiben werde, bis sie ihren geliebtesten Anverwandten
von einem schlimmeren bel befreit sehe, als dem Blutsturze, nmlich von seinem
verkehrten Heiratsvorsatze. Der Oberamtmann fasse alles zu rauh an, sie als Frau
wisse allein in solcher Verwickelung das Richtige zu treffen und den Knuel mit
Feinheit zu entwirren. - Du kennst meine Festigkeit, Edmund, sagte sie
zuletzt; ich bin ganz fest in dieser Sache, zu deren Behandlung mich der Himmel
selbst offenbar hieher hat kommen lassen, also stehe ab von dem Vorsatze, mich
nach deinen Wnschen bewegen zu wollen. Er erwiderte ihr darauf hflich, da er
an ihrer Festigkeit nie gezweifelt habe, da sie ihm aber unter solchen
Umstnden verzeihen mge, wenn er, solange ihr Geschft hier daure, einen Besuch
bei seinem Oheim im Osnabrckschen abstatte, denn an diesem elenden Orte knne
er es nicht lnger aushalten.
    So endete demnach der se Friede der Flitterwochen und es war noch keine
Vershnung erfolgt, als man sich zu Tische setzte. Gemahl und Gemahlin sprachen
daher auch nicht, sondern sahen stumm auf ihre Teller. Was endlich die Hausfrau
betrifft, so hatte diese wirklich das hochrote Antlitz und die glnzenden Augen,
von welchen Clelia gesprochen hatte, und welche unwiderleglich anzeigen, da
eine Wirtin sich sehnt, wieder ungestrt in ihrer stillen Huslichkeit zu leben.
Sie war die gastfreiste Frau von der Welt, aber die Einladungen des Diakonus,
die von ihm ohne Rcksicht auf Raum und Grenzen des kleinen Hauswesens
ausgegangen waren, hatten ihr eine Last aufgebrdet, unter welcher sich selbst
der Sinn einer Baucis geheimen Migefhls nicht wrde haben enthalten knnen.
    Man stand auf und wnschte einander gute Nacht. Vor dem Fortgehen sagte aber
der Oberamtmann zum Diakonus: Unbegreiflich ist es mir, wie Sie, Herr Pastor,
die Partei eines Mdchens nehmen knnen, welches, nach allen Anzeigen zu
schlieen, eine sehr gefhllose Seele hat.
    Gefhllose Seele?
    Ist sie, als sie von dem Unfalle ihres alten Pflegevaters hrte, zu ihm
geeilt, wie es einem dankbaren Kinde eignete? Hat sie sich nicht begngt, zu
fragen, ob er wohl aufgehoben sei? und als sie erfuhr, da gute Leute sich
seiner angenommen htten, tat sie da etwas anderes, als ihm das Geld schicken,
welches sie fr ihn verwahrte?
    Herr Oberamtmann, versetzte der Diakonus, die Lisbeth hat den Spruch im
Herzen empfangen und ausgetragen: Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem
Manne anhangen. Es tut wohl, endlich einmal auch auf eine Natur zu stoen, wenn
man so viele Puppen gesehen hat. Ich habe da die Unterscheidungen und
Bezeichnungen aufgestellt, welche, wie wir vernehmen, unser groer Dichter von
weiblichen Wesen zu gebrauchen pflegte. Mir will es so vorkommen als ob Goethe,
wenn er noch lebte und die Lisbeth she, sie eine Natur nennen wrde.

An diesem Abende ereignete sich, was hin und wieder in Liebesschicksalen
vorkommt. Die Umherstehenden streiten gewaltig miteinander und regen eine wahre
Ilias auf ber die Frage, ob zwei Menschen verbunden bleiben sollen oder nicht!
und die Liebe ruht whrend des Kampfes seitwrts unter Rosenbschen in holder
Eintracht. Lisbeth und Oswald wuten nicht, welche Schlachten um ihr Geschick
ausgefochten wurden oder sich vorbereiteten. Lisbeth hatte eine heimliche
liebliche Freude sich zugedacht. Sie pflckte die schnsten Astern im Garten und
wand sie zum Kranze. Mit dem Kranze schlich sie, als es dunkelte, leise an die
Tre des Krankenzimmers, horchte dort klopfenden Herzens und pochte, als sie im
Zimmer nicht reden hrte, so sacht an, da nur ein feines Gehr, wie es der alte
Jochem besa, den fast unhrbaren Schall vernehmen konnte. Auch er kam in seinen
Socken an die Tre geschlichen und ffnete sie ohne Gerusch.
    Wacht der Graf? flsterte Lisbeth.
    Nein, versetzte ebenso leise der Alte. Er schlummert im Lehnsessel, das
Gesprch mit den beiden Herren hat ihn etwas matt gemacht. Kommen's nur herein!
    Kaum den Boden mit ihren Fusohlen berhrend schritt Lisbeth durch das
Krankenzimmer. Im Lehnstuhle sa Oswald und schlief. Sein Antlitz war so wei
wie Marmor, er sah vornehmer und prchtiger aus als je. Die schne Stirn zeigte
noch klarer als sonst die lichten, innigen Gedanken, welche hinter ihrer Wlbung
wohnten. Leicht gertet waren die vollen, gutmtigen Lippen, und um sie und um
die reinen Wangen schwebte das friedlichste Lcheln. Er trumte vielleicht, und
mochte wohl von seiner Liebe trumen. So sa er da, ein reizendes, hohes
Jnglingsbild; eine Mischung von siegfreudigem Apoll und schwrmendem
gefhlstrunkenem Bacchus, noch nie so klar in dieser seiner Grundform
ausgeprgt, als heute, wo die geschlossenen Wimpern allen Zgen etwas Festes und
Ewiges gaben.
    Lisbeth nherte sich dem Schlafenden und beugte sich ber sein Haupt. Aber
sie rhrte ihn nicht an und lie kaum ihren Atem um seine Wangen spielen, um ihn
nicht aufzuwecken. Dann legte sie leicht und leise wie eine beschenkende
Himmelsgestalt ihren schnen Kranz von roten, gelben und blauen Astern in seinen
Scho. Und dann setzte sie sich ihm gegenber in einen Sessel und sah ihn, die
Hnde ber der Brust gekreuzt, lange an.
    Nachdem sie so lange stumm gesessen, wendete sie ihr Antlitz. Der Alte stand
ihr zur Seite und empfing ihren ersten Blick. Von diesem Blicke erschttert,
sank er leise auf das Knie und kte ihre Hand.
    Die Gnostiker erzhlen, da die Engel einst eine unaussprechlich schne
Gestalt flchtig an sich vorberschweben sahen, die sie nachmals nie wieder
erblickten, obgleich sie onenlang mit heier Sehnsucht einer zweiten
Erscheinung harrten. Sie schufen dann endlich, sagen die Gnostiker, in
Nacherinnerung an die Geschaute, ein schwaches Abbild jenes himmlischen
Urbildes. Dieses Abbild war der Mensch. Es kann sein, da in Lisbeths Zgen
etwas von dem Ausdrucke der den Engeln einst erschienenen Schnheit schimmerte.
Der Alte stammelte flsternd: O liebe, liebe, junge gndige Grfin.
    Lisbeth errtete. Warum nennst du mich immer schon so? fragte sie leise.
    Weil ich mir Sie gar nicht als Liebste oder Braut denken kann, sondern Frau
sind Sie, liebe Frau von meinem jungen Herrn, gar kein' Sehnsucht nicht und kein
Verlangen, sondern schon ganz eins mit ihm und herzenseinig.
    Nun sage mir, wie geht es ihm und wovon hat er heute gesprochen? fragte
Lisbeth.
    Ach, sagte der Alte, Kranke haben so ihre wehmtigen und zaghaften
Stunden. Mein Herr sagte heut', das Glck, was er mit Ihnen haben wrd', km'
ihm gar zu schn und herrlich vor, er knnt' nicht aussprechen, wie unsglich
lieb er Sie haben tt', und deshalb frchtete er, die wste Welt wrd' sich
drein legen zwischen ihn und sein Glck, und der Damon wrde drauf treten -
    Dmon sagte er wohl, sprach Lisbeth.
    Dmon oder Damon, 's kommt alles auf eins heraus, er meinte aber gewi den
Teufel; fuhr Jochem fort. - Er sagte diese trbseligen Sachen viel schner und
besser, als ich sie hervorbringen kann, indessen hatt' ich rechte Mh', ihm
Trost einzusprechen.
    Lisbeth nahm die Hand des Alten und lispelte: Wenn er erwacht, so sage ihm,
ich sei hier gewesen und habe mich an ihm gefreut. Sage ihm dann auch, er solle
mir nicht belnehmen, besuche ich ihn morgen und auch vielleicht noch bermorgen
nicht, denn ganz gesund msse er erst sein, wenn er mich sehen solle, und ich
sei ohnedies doch immer und ewig bei ihm. - Tief atmend, aber so leise, da der
Alte sein Ohr ihren Lippen nhern mute, setzte sie hinzu: Und weiter sollst du
ihm sagen, er msse sich nicht vor der Welt und dem Dmon frchten, denn er sei
mein Oswald und ich sei seine Lisbeth, und die Welt und der Dmon htten keine
Macht ber zwei Menschen, die einander von Grund des Herzens gut seien. Er solle
nur ganz getrost an mich denken, denn ich sei Er, und er sei Ich, und wir seien
Eins, und zwischen uns knne nichts kommen.
    Werd' alles genau ausrichten und bestellen, antwortete der Alte. Und 's
ist gut, da mein Herr es nicht von Ihnen hrt, denn mit Ihrer Stimm' und dem
ganzen Ton vorgetragen, mcht's ihn doch unruhig machen und der Brust noch
schaden. Aber wenn ich's ihm in meiner groben Manier erst zuricht' und
hinterbring', so berwindet er's schon eher.
    Lisbeth erhob sich und ging. Bald nachher erwachte Oswald und hrte vom
Alten, welche liebliche Zuversicht seinem Schlummer nahe gewesen sei.

                                Viertes Kapitel



                       Die Leiden einer jungen Strohwitwe

Indessen schien wirklich die idyllische Liebe bei ihrem Zusammentreffen mit der
Auenwelt bsen Geschicken entgegenzugehen. Denn der Oberamtmann wiederholte am
folgenden Tage in einem zweiten ruhigeren Gesprche dem Diakonus seine
unerschtterlichen Vorstze. Die schne Clelia, welche bei der hchsten
Gutmtigkeit doch alle Meinungen einer vornehm erzogenen Dame hegte, sprach
whrend einer Morgenunterhaltung ihm ebenfalls wieder ihre berzeugung gegen ein
Ehebndnis aus.
    Seine Seele war bekmmert und erschttert. Auf der Seite der Gegner stand
die Vernunft mit hundert Grnden in Reihe und Glied, und er war selbst ein zu
ruhiger und besonnener Mann, als da er nicht insgeheim mancher Stimme im
feindlichen Lager beigefallen wre. Das zerschnitt ihm aber das Herz, welches
den beiden Liebenden mit Innigkeit zugetan war und sich schon an der Aussicht
geweidet hatte, durch sie die Anschauung eines seltenen Glckes zu gewinnen.
Indessen hatte er nur noch wenig Hoffnung darauf, denn er meinte auch wie jeder
dritte Zeuge eines Verhltnisses, da keine Leidenschaft den Angriffen des
Verstandes auf die Lnge gewachsen sei. So befrchtete er denn von der
Herstellung Oswalds nichts als Einbue, tiefes Leid und Zerstrung.
    Die schne Clelia hatte brigens beim Erwachen eine unerwartete Nachricht
empfangen. Als sie nmlich in das Morgengewand geschlpft war und sich nach
ihrem Gemahle erkundigte, brachte ihr Fancy ein Billett von ihm, aus dem sie
sah, da er wirklich in der Nacht Extrapost genommen hatte und zum Besuche bei
dem Oheim im Osnabrckschen abgereiset war. Das Billett sagte ihr das
zrtlichste Lebewohl, sagte ihr, da er ihren Morgenschlummer nicht habe stren
wollen und sprach den empfundensten Wunsch aus, da eine baldige Schlichtung der
Verwirrung, wie sie sich dieselbe vorgenommen, die Dauer dieser ersten ihm so
schmerzlichen Trennung abkrzen mge. Selbst eine Locke von seinem Haare hatte
er beigelegt, Nachschrift ber Nachschrift hinzugefgt und eine Stelle im Briefe
bezeichnet, welcher von ihm ein Ku aufgedrckt worden sei, wie er sagte.
    Nachdem die schne Verlassene diesen Brief gelesen hatte, schwieg sie eine
Zeitlang und sah das feine rosenrote Papier so an, als ob es die Absage einer
Soire bei dem Frsten, wie er nun heien mochte, enthalte, auf welche sich die
ganze feine Welt Wiens schon seit vierzehn Tagen gefreut hatte. Fancy mute sie
erinnern, da die Schokolade kalt werde; sie versetzte, da sie keinen Appetit
habe und befahl dem Mdchen, die Tasse wegzutragen. Fancy gehorchte.
    Sie sa hierauf etwa eine Viertelstunde im Sofa und sttzte das Haupt
gedankenvoll auf den schnen Arm. Dann ging sie eine halbe Stunde im Zimmer auf
und nieder und dann klingelte sie. Fancy kam. Ihre Gebieterin stand mitten im
Zimmer und sagte zu der Jungfer, die zugleich Schatzmeisterin und Vertraute war:
Fancy, es freut mich, da mein Mann so fest ist. Ich bin fest, er ist fest,
dieses gegenseitige Festsein verbrgt mir eine geordnete Zukunft. Nichts
Unangenehmeres als zwei Gatten, die einander mit weichen Nachgiebigkeiten
qulen. Jeder mu seinen Willen haben und den durchzufhren wissen, dann findet
man sich gegenseitig zurecht und es entsteht ein heiterer geregelter Lebensgang.
Es freut mich, da mein Mann abgereist ist.
    Warum sollten Sie sich auch darber nicht freuen, gndige Frau? erwiderte
Fancy, die der Gebieterin nie widersprach.
    Ich werde ungestrter, in grerer Ruhe meine Aufgabe hier lsen, die ich
mir gestellt habe, so allein und fr mich, sagte Clelia.
    Fancy erwiderte hierauf nichts, sondern nickte nur zuversichtlich
beistimmend mit dem Kopfe. - Aber dennoch bleibt es auffallend, fing die
Baronesse nach einer Pause an, da mein Mann abreisen konnte.
    
    Auffallend bleibt es allerdings, sagte Fancy. - Unterhalte mich, sprach
Clelia. Fancy unterhielt hierauf die Gebieterin so gut sie konnte und erzhlte
ihr von allen Bekanntschaften, die sie rasch nach Art der Kammerjungfern im
Stdtchen gemacht hatte; von der Frau des Steuereinnehmers, von der Tochter
eines Assistenten und auch vom Kster, der ihr mit seiner barocken Weise
aufgefallen war, und ber den sie bei der und der Gelegenheit herzlich hatte
lachen mssen, so komisch war sein Betragen gewesen.
    Der Stoff dieser Mitteilungen hatte sich noch lange nicht erschpft, als die
Dame sie unterbrach und sie um Gottes willen bat aufzuhren mit dem albernen
Zeuge von Steuereinnehmerfrauen und Assistententchtern und Kstern, denn sie
habe entsetzliches Kopfweh. Fancy verstummte auf der Stelle, holte Klnisches
Wasser und rieb ihrer leidenden Herrin die Schlfe damit ein. - Du bist ein
gutes Mdchen, Fancy, sagte Clelia sanft whrend dieser Mhwaltung zu der
Dienerin, aber sehr langweilig kannst du mitunter sein.
    Gndige Frau, antwortete Fancy schchtern und doch mit einem gewissen
Pathos, all mein Verdienst ist, Ihnen treu zu sein und Ihnen zu gehorchen wie
eine Sklavin. Unterhaltung kann freilich ein so beschrnktes Mdchen, wie ich
bin, nicht haben.
    Clelia lie sich darauf bei ihrem Vetter anmelden. Die Begrung beider
Verwandten war sehr liebevoll, denn sie waren einander gut wie Bruder und
Schwester. Dennoch empfand Clelia nach den ersten Reden einen gewissen Zwang,
denn sie war sich ja geheimer Absichten gegen seine Wnsche bewut. Sie krzte
daher den Besuch unter dem Vorwande, da viel Sprechen ihm noch schdlich sein
mchte, ab. Dann hatte sie die Unterredung mit dem Diakonus. Darauf wollte sie
die Hausfrau sprechen, aber diese hatte in ihrer Wirtschaft die Hnde voll zu
tun. Sie verlangte daher nach dem Oberamtmanne. Der war jedoch auf dem Gerichte
und sprach mit einem Beamten ber Dienstsachen. Nun begehrte sie wieder den
Diakonus zu sprechen, welcher sich indessen zu einer Synode hinbegeben hatte.
    Die Toilettenstunde war hierber herangekommen, und diese gab nun einige
Zerstreuung. Whrend Fancy das Haar ihrer Dame ordnete, erfuhr sie das Projekt,
welches diese beschftigte. Sie fate ihre eigenen verschwiegenen Gedanken.
Diese halten wir uns nicht fr berechtigt zu offenbaren, denn auch gegen
Kammerjungfern soll man diskret sein. Nur so viel: Wie alle ihre Schwestern war
Fancy eine geschworene Freundin von Mesalliancen. Zwar htte sie auf Lisbeth
neidisch sein drfen, dagegen aber stritt ihr Gemt. Bei aller Schlauheit hatte
das Mdchen ein dankbares Herz. Der junge Graf Oswald hatte einst ihrem alten
invaliden Vater eine Versorgung als Kastellan ausgemacht, ihn dadurch vom
Hungertode gerettet. - Man mu hbsch erkenntlich sein, dachte Fancy und
entwarf ihren Soubrettenplan.
    Sie legte etwas boshaft das schne, noch nie getragene blaue
Mousseline-de-Laine-Kleid heraus und kleidete berhaupt ihre Herrin heute mit
besonderer Sorgfalt. Als Clelia sich im Spiegel so schn geschmckt sah, seufzte
sie und sagte: Schade, da man das fr die Tauben und Sperlinge im Hofe
angezogen hat.
    Recht schade! versetzte Fancy. Der Herr hatten sich so sehr darauf
gefreut die gndige Frau in dem neuen Kleide zu sehen.
    Nun, es wird ja hier keine Ewigkeit whren, warf die schne Frau leicht
hin.
    Die Ewigkeit ist lang, versetzte die gefllige und nachgiebige Fancy.
Nein, eine Ewigkeit wird es wohl nicht whren.
    Nach Tische (sie speiste nur mit der Hausfrau, denn die Mnner hatten
absagen lassen, und das Mahl war deshalb etwas einsilbig, wie alle Diners zweier
Damen und von sehr kurzer Dauer) lie die junge Baronesse ihre Uhr repetieren
und sagte: Halb drei. Das wird ein langer Nachmittag werden. - Sie las etwas,
aber das Buch zog sie nicht an, dann sang sie etwas zur Gitarre, aber sie hrte
bald auf, denn sie behauptete, heiser zu sein. - Fancy, meine Crespine! rief
sie. Fancy brachte die schwarzseidene Crespine. Clelia ging etwas in den Garten,
aber die Mcken schwrmten ihr dort zu wild, und deshalb kehrte sie bald wieder
in ihr Zimmer zurck.
    Wenn mein Vetter erfhrt, welcher Langenweile ich mich um sein wahres Heil
ausgesetzt habe, so mte er der undankbarste Mensch sein, sagte er mir nicht
zeitlebens Dank, sprach sie zu Fancy, die ihr die Crespine abgenommen hatte und
in den verknitterten Spitzen um den vollen Nacken Ordnung stiftete.
    Er mte der undankbarste Mensch sein, erwiderte Fancy.
    Sie nahm Stramin zur Hand und fing etwas an zu sticken. Inzwischen war der
Oberamtmann zurckgekommen und lie anfragen, ob er aufwarten drfe. In der
Drre dieses Tages erschien ihr der Geschftsmann wie ein Retter aus der Not;
gern wurde er angenommen. Als er seine verehrte Schne in dem neuen, reizenden
Anzuge sah, begannen seine Augen wacker zu werden, er sah ganz verklrt aus. -
Das Sticken aus freier Hand schien ihr einige Beschwerde zu verursachen. Er
fragte sie lebhaft, ob er ihr den Stramin halten drfe. Sie bejahte im
schmeichelndsten Tone. Mit leuchtenden Blicken setzte sich nun der Oberamtmann
zum Dienste der Galanterie auf ein Fubnkchen zu den Fen der jungen Dame
nieder, nahm den Stramin fest in seine beiden Hnde und sah so ernsthaft auf die
Rosen, die unter Clelias Nadel entstanden, als habe er ein Todesurteil vor
Augen. Auch Clelia stickte eifrig, als arbeite sie um das tgliche Brot, und
Fancy sa im Fenster, mit einer Beeiferung ohnegleichen nhend.
    Die Spannung der nchsten Augenblicke war nicht gering. Endlich fragte
Clelia ihren grauen Verehrer, wie er die Sache mit dem Vetter anzugreifen
gedenke? worauf er ihr ungefhr die nmliche Auskunft gab wie dem Diakonus.
Clelia fuhr aber heftig auf und erklrte, da sie ein solches Verfahren durchaus
nicht zugeben werde, da das ein rauhes und unmenschliches Verfahren sei,
welches ohnehin nicht einmal einen gnstigen Erfolg zusichere, weil die Liebe
durch so unmittelbaren Widerspruch nur wachse, und was dergleichen mehr war,
geeignet, den ganzen Plan des Oberamtmanns umzuwerfen. Sie hatte den Stramin aus
ihren Hnden entlassen und der Oberamtmann hielt ihn sonach bestrzt und
gedankenlos allein in den seinigen.
    Aber mein Gott, sagte er traurig, was wollen Sie denn, da geschehen
soll?
    Darber habe ich meinen Entschlu gefat, erwiderte Clelia ernst. - Er
ist auf die Kenntnis des weiblichen Herzens gegrndet. Kurz, wenn ich irgend
etwas auf Sie vermag, wenn Sie wirklich mir in dem Mae vertrauen, wie es den
Anschein hat, so berlassen Sie mir die Leitung der Sache, denn von solchen
Dingen begreift ihr Mnner berhaupt nichts.
    Der Geschftsmann wollte Widerspruch erheben, aber sie sah ihn so bestimmt
an, er frchtete so sehr von ihr verabschiedet zu werden, sie kam ihn heute in
dem blauen Mousseline-de-Laine-Kleide reizender als je vor, er hatte sich so
glcklich gefhlt, als er ihr den Stramin gehalten - genug, er gab wehmtig und
kleinlaut nach. Unter der Tre aber wendete er sich nochmals um, ging zu ihr,
fate ihre beiden Hnde, drckte sie gegen seine Brust, seufzte und sagte: Das
ganze Geschick unseres Freundes steht auf dem Spiele. Nur Klte und Konsequenz
kann ihn retten. Wird Ihnen Ihre weibliche Gutmtigkeit nicht einen Streich
spielen? Wenn sich nun Sthnen und Wehklagen erhebt, werden Sie dann
standhalten?
    Darber sein Sie ganz ruhig, versetzte Clelia. Fancy, du kennst meine
Festigkeit.
    Ich kenne die Festigkeit der gndigen Frau, sagte Fancy.
    Nach der Entfernung des Oberamtmanns fragte die Baronesse ihre Zofe: ob sie
wohl ihren Plan errate? Die Zofe versetzte, da sie ein zu dummes Mdchen sei,
um so kluge Plane erraten zu knnen. Ich werde, sagte darauf die Baronesse,
indem sie sich von Fancy die seidenen Schuhe, welche sie etwas drckten,
ausziehen lie und ihre kleinen Fe in rote goldgestickte Pantffelchen
steckte, ich werde auf weibliche Art die Sache ordnen, Fancy.
    Sie nahm eine gefllige Lage auf dem Sofa an. Fancy setzte sich auf das
Bnkchen des Oberamtmanns zu ihren Fen, sah ihr demtig in das Gesicht und
erwiderte: Gndige Frau, Sie knnen gar nichts anderes sein, als das edelste
weibliche Wesen.
    Meinst du? versetzte die Gebieterin lchelnd und streichelte ihrer
ergebenen Jungfer die Wange. - Nun hre meinen Plan. Nach allem, was ich von
der Lisbeth hre, ist sie ein gutes und braves Mdchen. Solche Gemter leben nur
im Glcke ihres Freundes und entsagen dem eigenen, wenn man ihnen klarmacht, da
sie das Unglck des zweiten werden knnen. Ich will auf das Gemt des Mdchens
mit allen Grnden wirken und bringe es ohne Zweifel dahin, da sie in meine
Hnde ihre Liebe und meines Vetters Wort zurckgibt. Entsagen soll sie, entsagen
wird sie, dann werde ich sie weit weg zu entfernen wissen. Tot mu sie fr
Oswald sein, ich aber sorge, wie sich von selbst versteht, zeitlebens als Mutter
fr sie. - Nur die schlechte, unwahre Liebe will um jeden Preis den Besitz des
Geliebten; die reine, wahre wei sich selbst freudig zu opfern, setzte Clelia
begeistert hinzu, indem sie sich von Fancy einen Handspiegel vorhalten lie,
weil sie fhlte, da eine Locke heruntergefallen war, die wieder aufgesteckt
werden mute.
    Fancy ergo sich in Versicherungen, da diejenige ein elendes Mdchen sein
msse, welche nicht willig auf den Geliebten verzichte, sobald seine Lebensruhe
davon abhange, und Clelia fuhr fort: Sehen aber darf ich sie nicht vor der
entscheidenden Unterredung, denn meine ganze Festigkeit mu ich allerdings fr
diesen Hauptschlag zusammenhalten und keinem unzeitigen Mitleid mich aussetzen.
    Nein! rief Fancy eifrig, nein, sehen drfen Sie sie durchaus nicht. Denn
dann knnten Sie weich werden, Ihre Grnde wrden sich vielleicht, sozusagen,
zerbrckeln, und das Mdchen mchte Sie gewinnen und alles wre verloren. Wenn
Sie aber pltzlich mit aller Ihrer Klugheit bewaffnet, sie kommen lassen,
gndige Frau, dann wollte ich doch wohl einmal diejenige sehen, die Ihnen
widerstehen knnte. So wie Sie sich die Sache ausgedacht haben, mu sie gelingen
und mich dauert nur die arme Lisbeth, die um den schnen Grafen kommt, denn ich,
gndige Frau, bin freilich nicht so fest wie Sie, sondern nur ein einfltiges,
weichherziges Mdchen.
    Nach diesen Vorfllen verging der Abend der jungen Dame in einer gewissen
stillen Erhebung. Die Nacht war jedoch unruhig, und die Bewohner des Hauses
wurden durch mehrmaliges Schellen in dem Zimmer der Baronesse aus ihrem besten
Schlummer geweckt. Clelia schellte nach ihrer Jungfer deshalb so oft, weil sie
durchaus nicht schlafen konnte. Sie gab ihrem Lager die Schuld, welches Fancy
ganz abscheulich gemacht habe, lie von ihr die Kissen anders legen, da das
nicht helfen wollte, die Decken besser ordnen, und als auch die besser
geordneten Decken keinen Schlaf bringen wollten, die Matratze wenden.
    So wurde Fancy geschellt, entlassen, wieder geschellt, wieder entlassen.
Fancy, der ihr Gewissen in betreff des Lagers nicht das mindeste vorwarf, ertrug
gleichwohl schweigend die Verweise der Herrin, oder schalt sich auch selbst
einmal wegen ihrer Nachlssigkeit, und legte, ordnete, wendete mit der Geduld
einer Heiligen die Bestandteile des so ungerecht verklagten Lagers. Aber es half
alles nichts und gegen Morgen bekam Clelia einen Anfall von Krmpfen. Fancy
pflegte die arme Kranke mit Essigther und Orangenbltentee, den sie sogleich
rasch und still zu bereiten wute, treulichst. Das bel lsete sich auch, und
unter Trnen, welche die beklommene Brust erleichterten, machte Clelia am Busen
ihrer Vertrauten dem verhaltenen Schmerze Luft. Sie weinte sehr und klagte ber
ihren Gemahl, der sie so herzlos habe verlassen knnen, sie frchte, sagte sie,
da er sie doch nicht so liebe, wie sie gedacht, sie nannte sich endlich
schluchzend eine arme, aufgegebene schutzlose Frau. - Fancy ntigte ihr so viel
Orangenbltentee ein, wie nur mglich, und schalt dabei auf das ganze mnnliche
Geschlecht, von dem sie behauptete, da es im allgemeinen nichts tauge und nur
zum Verderben der Frauen erschaffen sei. Der gndige Herr mache denn leider auch
keine Ausnahme, sagte sie und das belste sei, da sich, wenn er fest dabei
verbleibe, seinen Oheim im Osnabrckschen so lange zu besuchen, als die gndige
Frau hier Geschfte habe, gar kein Ende des verzweiflungsvollen Zustandes
absehen lasse.
    Am anderen Tage war Clelia sehr leidend und medizinierte. Ihr Befinden
besserte sich nicht, als sie vernahm, da Lisbeth in der Frhe auf eine halbe
Woche zu ihrem alten Pfleger verreiset sei, den sie nun, da sie ber Oswald ganz
ruhig geworden war, wiederzusehen verlangte. Sie hatte sich auerdem zu dieser
Reise deshalb bestimmt, weil sie jede Versuchung meiden wollte, den Geliebten
durch ihre Gegenwart jetzt, wo er sanft und allmhlich in das Leben zurckkehren
sollte, aufzuregen.

                                Fnftes Kapitel



Worin der Hofschulze seine letzte Rede ber allerhand wichtige Gegenstnde hlt

An einem der nchsten Tage ging der Diakonus auf das Gerichtshaus, wo er als
Zeuge vernommen werden sollte. Mehrere Menschen, die gleich ihm hinbeschieden
worden waren, standen unten vor der Tre, und andere sprachen mit ihnen ber den
Gegenstand, der vor einigen Wochen die grte Verwunderung im Stdtchen erregt
hatte, dann den Leuten aus dem Sinne gekommen war und nun, als das Gericht die
Sache wieder aufnahm, von neuem zu reden gab.
    Die Zeugen sollten ber den Patriotenkaspar und den Oberhof verhrt werden.
Der Oberamtmann war nmlich an jenem Tage, wo er den Einugigen traf, ber den
Fall ins klare und mit einer protokollarischen Darstellung desselben zustande
gekommen. Auch er berzeugte sich zwar, da die Sache verjhrt sei, gleichwohl
meinte er, sie habe eine solche Gestalt, da wenigstens das Tatschliche in
aller Form Rechtens festgestellt werden msse. Der Amtseifer des Geschftsmannes
wurde selbst durch den traurigen Zwischenfall mit seinem jungen Freunde nicht
von dieser Bahn abgeleitet. Er trug daher, was er geschrieben, zu dem Vorstande
des Gerichts, gab die ntigen Erluterungen dazu und das Gericht ging ebenfalls
in die Ansicht ein, da ein gestndiger Mrder wenn auch von noch so alter Zeit
her, wenigstens vorderhand nicht auf freien Fen stehen und unverhrt bleiben
drfe.
    Man schritt daher gegen den Patriotenkaspar zur Verhaftung. Dieser hielt von
dem Leiterwagen herunter, auf dem man ihn einbrachte, Reden an das Volk,
verfluchte die Gerichte von seinesgleichen und pries die Gerichte des Knigs,
vor denen er nunmehr seine alte Schuld abben wolle. Zugleich berhmte er sich
des Torts, den er seinem Todfeinde angetan. Das Gericht wollte sich indessen
auch nicht so ohne weiteres mit einer vielleicht nachher getadelten Arbeit
belasten, fragte daher hheren Ortes an, von da geschah eine Rckfrage noch
weiter hinauf und die Bescheidung erfolgte erst nach mehreren Wochen. Sie ging
dahin, da allerdings, um die Sache aufzuklren, die ntigen Vernehmungen
geschehen sollten.
    Gerade kurz vor den Tagen, von welchen hier die Rede ist, war jene
Bescheidung eingetroffen.
    Besichtigungen wurden daher vorgenommen, Zeugen abgehrt und diese Dinge
brachten die Angelegenheit wieder in das Gedchtnis der Menschen zurck. Die
sonderbare Art von Macht, welche der Hofschulze ausgebt, kam zur Sprache, der
einugige Frevler hatte kein Hehl, da er seinem Feinde das Schwert an einen
verborgenen Ort weggetan habe und obgleich dieser Tatumstand kaum ein
Verbrechen, sondern mehr nur einen Mutwillen darstellte, so war er es doch
gerade, und was mit ihm zusammenhing, wodurch die Leute am meisten beschftigt
wurden. Man verwunderte sich, da ein Uraltes, lngst Verschollenes sich wie
eine unabhngige Macht im Staate hatte hinstellen knnen.
    Auch der Name des Diakonus geriet auf die Zeugenliste. Die Untersuchung
ruhte in den Hnden eines Richters, der sich viel mit historischen Studien
beschftigte, und diese fanden hier reichliche Nahrung. Er machte daher die
Sache wohl weitluftiger, als sie streng genommen zu werden brauchte, und hrte
jeden ab, der einigen Aufschlu ber das Wesen des Oberhofes und das Treiben
seines Besitzers zu geben vermochte. Deshalb hatte er denn den Diakonus
gleichfalls vorladen lassen, weil dieser, wie bekannt war, viel mit dem
Hofschulzen verkehrte, obgleich er von dem eigentlichen Gegenstande der
Nachforschungen nicht das mindeste wute.
    Man lie den Diakonus seines Standes wegen nicht im Zeugenzimmer warten,
sondern berief ihn sofort in die Verhrstube. Dort wohnte er einem sonderbaren
Auftritte bei. An den Schranken stand der einugige Mrder und in einer Ecke sa
der Hofschulze, ber dessen verfallenes Aussehen der Diakonus erschrak. Der
Mrder stand ganz strack da und sein reicher Feind sa in zusammengekrmmter
Haltung. - Noch einmal fordere ich Euch auf, sagte der Richter zum
Patriotenkaspar, mir zu entdecken, wohin Ihr das Schwert getan habt; bedenkt,
da Ihr durch hartnckiges Verleugnen Euer Schicksal erschwert. - Hofschulze,
sagt ihm ins Gesicht, da Ihr Euer ganzes Haus danach vergeblich durchsucht
habt, da es also nicht im Oberhofe liegen knne.
    Wenn der Mensch keine Hexenmeisterknste ausgebt und es in einen Balken
inwendig hineingehext hat, so liegt es drauen irgendwo und der Bsewicht mu
wissen, wo es liegt, sagte der Hofschulze, indem er einen Blick des grimmigsten
Zornes auf den Entwender warf.
    Der Einugige, der mehr seinen Feind im Auge behielt, als den Richter,
versetzte: Und dennoch liegt es im Oberhofe, Hofschulze, aber finden werdet Ihr
es schwerlich, wenn Ihr nicht das ganze Haus von Grund aus umreit. Und das ist
eben meine Freude, da Ihr das wissen sollt, und daran vergehen, da es Euch so
nahe ist und dennoch verborgen bleibt. Mein Schicksal wei ich. Daumenschrauben
und Leiter gelten nicht mehr; Ihr knnt mich also hchstens lnger sitzen
lassen, Herr Richter, und das mgt Ihr tun, denn ich schweige und werde
schweigen, mte ich auch hundert Jahre absitzen. Wo das Schwert liegt, diese
Sache geht mit mir in die Grube.
    Der Richter, welcher gar zu gern das alte Schwert gesehen htte, fuhr den
hartnckigen Verleugner heftig an, der Hofschulze aber richtete sich auf,
unterbrach ihn und sagte mit pltzlicher Hoheit: Lasset es gut sein, Herr
Richter, wenn meine Bitte etwas gilt, denn ich habe mich besonnen und dieser
Bsewicht wird nichts verraten. Ich werde mich ohne das Schwert zu behelfen
wissen.
    Der Richter lie den Patriotenkaspar abfhren. Seid nun so gut, sagte der
Hofschulze, die Sachen von mir aufzunehmen, die mit den anderen Dingen stimmen,
welche bereits von mir geschrieben stehen.
    Der Richter schien etwas in Verlegenheit zu geraten und erwiderte: Das
gehrt ja nicht zur Sache und ich mu berhaupt erst den Herrn Diakonus
vernehmen. - Dessen Verhr war kurz, es drehte sich eigentlich um nichts. Der
Hofschulze wartete ruhig die Beendigung ab; dann wiederholte er seine frhere
Bitte. - Soweit ich Euch im allgemeinen verstanden habe, sagte der Richter,
wollt Ihr Sachen aufgeschrieben wissen, die sich nicht ziemen.
    Nicht ziemen! rief der Hofschulze mit erhhter Stimme. Ich habe Euch auf
alle Fragen nach der Heimlichkeit und wie ich sie verwaltet, Rede gestanden, und
nun verlange ich auch mit der Manier, da meine Ausknfte und Zustze gehrig
dazugetan werden, und soweit mir die Rechte bekannt sind, drft Ihr mir die
Zunge nicht stumm machen.
    Nun denn, rief der Richter halb ngstlich halb rgerlich seinem Schreiber
zu, zeichnen Sie auf, was der Alte sagt.
    Ja, alt bin ich, und alt ward ich in Ehren, versetzte der Hofschulze
gelassen. Der Diakonus wollte gehen. - Nein, bleiben Sie, Herr Diakonus, sagte
der Hofschulze, es ist mir gar sehr lieb, da Sie zufllig hier sind, denn ich
stimiere Sie als einen frommen und gelehrten Mann von Herzen, und es kann mir
nicht schaden, wenn auch Sie meiner Art und Manier Zeugenschaft geben. - Herr
Skribent, sagte er zu dem Schreiber so gebietend, als habe er an Gerichtsstelle
zu befehlen, schreibet genau auf, was ich zu wissen tue.
    Herr Richter, ich mag mit meinem Schwerte und mit der Heimlichkeit am Stuhl
wohl wie ein Narr da in den Schriften stehen, und Possen, wenn mir recht ist,
nannte der junge vornehme Herr, an dem ich mich in meiner Angst vergreifen
wollte, die Sachen, woran mein Herz gehangen hat. Ich will aber jetzt
explizieren, was vor eine Bewandtnis es mit diesen Possen gehabt hat. -
Allerhand habe ich erlebt in der Bauerschaft, Friedenszeiten und Kriegeslufte
und Hagelschlag, berschwemmung, gute Ernte und Miwachs und Viehsterben. Nun
sah ich denn, seitdem ich in die Jahre getreten war, wo das Menschenkind anfngt
nachzudenken, da hin und her die Herren kamen, die sich auf die Schreiberei
verstehen und auf das Besserwissen als die Leute, welche die Sache angeht, und
die kuckten nach, wenn alles geschehen war, das Korn niedergetreten und das Vieh
in den letzten Zgen lag und die Wsser wieder im Ablaufen sich befanden. Hatte
aber gar der Feind geplndert und ravagiert, da kamen sie vollends erst lange
darnach und notierten sich's auf, denn whrend der Gefahr war meistens keiner
der Herren zu finden.
    Die Herren taten dann ordinieren, wie alles wieder in Richtigkeit zu bringen
sei, mehrestenteils aber sagten sie Sachen des Sinnes und Verstandes, da wenn
der Hagel nicht gefallen wre, so htte sich das Korn nicht umgelegt und ohne
die Lungenfule mten die Khe noch am Leben sein. Unterweilen wurde auch wohl
einiges Geld geschickt, es kam aber selten an den Rechten, und im ganzen
rappelten diejenigen sich am besten wieder heraus, welche nicht auf die Hlfe
der Herren da drauen warteten, sondern sich selber halfen, wohingegen ich
manche Menschen habe ganz herunterkommen sehen, die immerdar bei jedem Unfall
meinten, es msse nun von da drauen ihnen das Malheur gutgemacht werden.
    Erstaunend absonderlich aber war eine Sache. Mitunter machte ein Herr von
der Schreiberei unter uns Bauern Dinge, worber wir lachen muten und dann traf
es sich wohl, da ein solcher Herr ein paar Jahre darauf von weither mit vier
Pferden durch die Bauerschaft gefahren kam und hatte eine Miene, als habe er bei
Erschaffung der Welt mitgeholfen und allerhand bunte Bnder vorne am Rocke.
    Dieses alles nun in meinen einfltigen Gedanken betrachtend, vermeinte ich
letztlich, da die Herren von der Schreiberei da drauen uns Bauern eigentlich
wenig hlfen, und das auch eigentlich nicht wollten, sondern nur schreiben und
sich nach und nach in die Wgen mit vier Pferden hineinschreiben. Und Gott
verzeihe mir die schwere Snde, einstmalen, als ich bei einem Rbsenfelde
vorbeiging, worinnen die Pfeifer waren, so fielen mir die Herren ein und wute
nicht, wie das geschah. - Nun auf der anderen Seite hatte ich meine Reflexion,
wie das Wesen in der Welt so eigentlich bestellt sei. Da dachte ich (denn ich
habe immer in meinem Leben Nachgedanken gehabt) da ein ordentlicher Mensche
schon durchkommt, der auf Wind und Wetter achtet, und auf seine Fe schaut und
in seine Hnde und sich mit seinen Nachbarn getreulich zusammenhlt.
    Sehet, ihr Herren, darauf kommt es mehrestenteils nur an. Und nach diesem
gewhnte ich mir selbst zuerst die Gedanken nach Hlfe von drauen ab, zahlte
meine Steuern und trug meine Lasten, im brigen aber hielt ich mich vor mich und
lie es mir lieber, wenn ein Malheur passierte, etwas saurer werden, als da ich
die Herren da drauen um Beistand angesprochen htte. Hernacher gewhnte ich es
auch den Leuten um mich herum ab. Sie nahmen an mir ein Exempel, und so taten
wir Nachbarn uns allmhlich zusammen, sprangen einander bei, ordinierten unser
Wesen fr uns, und kam von vielen Sachen, um die sie andererorten ein groes
Hallo erheben, nichts ber die Gemarkung hinaus. Und als der Mordhund da, der
mir nun mein Schwert gestohlen hat, an meinem Sohne zum Missetter geworden war
und zuflligerweise auch ungefhr um die nmliche Zeit einer am Stuhle droben
nach unserer alten Regel und wie der hergebrachte Orden ist, wissend gemacht
werden sollte, kam es mir ein, diese alte heimliche Sache zu brauchen wider den
Totschlger und es glckte und ich setzte ihn aus dem Frieden, feimte ihn ins
Elend hinein und machte ihn zum Zeichen vor Groen und Kleinen, da keiner
unrecht tun drfe. Als aber die Sache erst einmal im Gang war, gelang sie immer
besser; wenige Prozesse wurden in das Amt getragen, und die meisten Frevel gar
nicht angezeigt, sondern machten die Scherereien unter uns ab. Denn ber Mein
und Dein und wem die Mauer gehrt und jener Wiesenstreifen, kann man schon
selbst mit seinem Bauerverstande fertig werden. Wenn aber wo eingebrochen ist,
so kennt fast immerdar das Dorf den Dieb, was freilich oft nicht strenge zu
beweisen steht, wornach denn ein solcher angezeigter Spitzbube frech und zum
Skandal ganz schandhaft umhergeht und sich seiner Beute wohl noch gar erfreut,
die der Bestohlene nicht wiederkriegt. Handhabten also selber Recht und
Gerechtigkeit in allem Frieden und konnte uns niemand darum anfassen, denn wir
taten keinem was zuleide, sondern gingen nur nicht mit dem Ungerechten und
Frevelhaften um, wenn wir ihn in die Feime gesetzt hatten; es entstand aber weit
grere Furcht dieserhalb unter den Leuten als vor Urtel und Gefngnis.
    Die Rede des alten Bauern rauschte in ihren rohen und strudelnden Ausdrcken
wie ein Waldbach daher, der ber Wurzeln, Knoten und Kiesel strmt. Er sprach
ohne zu stocken. Der Richter wollte ihn unterbrechen, der Hofschulze aber sagte:
Ich bitte und ersuche Euch, Herr Richter, mich gnzlich aussprechen zu lassen,
denn noch manches habe ich zu veroffenbaren. - Herr Richter und Herr Diakonus,
wenn wir so unser Wesen fr uns allein in Geschick brachten, so waren wir darum
keine Unruhestifter und Tumultuanten. Denn hatten wir auch die Herren von der
Schreiberei nicht ganz sonderlich in der stimation, so schlug uns doch
jederzeit das Herz, wenn wir an den Knig dachten. Ja, ja, gegenwrtig schlgt
mir mein Herze in meinem Leibe, da ich seinen Namen ausspreche. Denn der Knig,
der Knig mu sein, und nicht ein Buchstabe darf abgenommen werden von seiner
Macht und von seinem Ansehen und von seiner Majestt. Weil er nmlich ist der
oberste General und der allerhchste Richter und der gemeine Vormund. Denn es
arrivieren freilich mitunter Sachen, darin man sich nicht selbst helfen kann und
nicht zu raten wei mit seinen Nachbarn. Da ist es dann Zeit, da man den Knig
anruft in der Not. Aber, wie ein ordentlicher Mensche dem lieben Gott nicht um
jede Bagatelle Molesten macht, als zum Beispiel, wenn einem der kleine Finger
wehe tut an der linken Hand: sondern wo die Kreatur nicht mehr aus noch ein
wei, da schreit sie zu ihm, also soll der Knig nicht angeschrieen werden um
jeden Groschen, der mangelt, sondern in der rechten echten Not allein, und zu
allen brigen Tagen soll man nur sein Herze erfreuen und erquicken an dem
Knige; denn er ist das Abbild Gottes auf Erden. Zum Plsier ist uns
hauptschlich der Knig gesetzet und nicht zum Hans in allen Ecken. Aber wo nun
der Gengstete und Bedrngte seinem Leibe keinen Rat mehr wei, da tut er sich
aufmachen und steckt Brot und sonstigen Mundproviant zu sich und tut viele Tage
gehen. Und endlich stellt er sich an Ort und Stelle vor das Schlo und hebt sein
Papier in die Hhe und dieses sieht der Knig und schickt einen Lakaien oder
Heiducken, oder was fr Kramerei und Package er sonst um sich hat zu seiner
Aufwartung, herunter, und lt sich das Papier bringen und lieset es, und hilft,
wenn er kann. Wenn er aber nicht hilft, so steht nicht zu helfen, und das wei
dann der arme Mensche, geht stille nach Hause und leidet seine Not wie
Schwindsucht und Abnehmungskrankheit.
    Sie sagen, er mache sich nichts aus den Leuten; dieses ist aber eine grobe
Lge, denn er hat die Untertanen sehr gerne und behlt es nur bei sich, und ein
recht gutes Herz hat er, wie es ein deutscher Potentate haben mu, und ein sehr
prchtiges. Es ist erstaunlich und eine Verwunderung kommt einen an, wenn man
die Mnner, die davon wissen, hat erzhlen hren, wie er sich in der grausamen
Not, als der Franzose im Lande hausete, sozusagen das Brot vor dem Munde
abgebrochen hat, und hat seinen Prinzen und Prinzessinnen zu Geburtstgen und
Weihnachten nur ganz erbrmliche Prsente gemacht, blo, damit er den armen
Untertanen, die ganz ausgesogen waren, nicht viel koste. Dieses segnet ihm nun
der liebe Gott an seinen alten Tagen in Flle, und er ist wieder recht in guten
Umstnden und ganz wohlauf, und Gott erhalte ihn lange dabei! Und noch neulich
hat er einem armen Menschen in unserer Nachbarschaft, den einer wegen Zinsen und
Lasten mitten im Winter hatte vom Hofe herunter subhastieren lassen wollen, das
Geld aus seiner Tasche gegeben, und wenn er kann, soll ihm der es wiedergeben,
und wenn er nicht kann, so tut es auch nichts, hat der Knig gesagt.
    Deshalb haben wir immer, mochten wir auch von vielen Geschichten um uns
herum nichts wissen, wenn wir anstieen, gerufen: Der Knig soll leben!
    Jetzt komme ich auf meine letzte Sprache, Herr Diakonus und Herr Richter.
Wenn der Mensche bei sich fertig ist, so gehen seine Gedanken wandern mit den
Wolken, die da ziehen, und mit den Lastwagen, die vorbeifahren ber den Hellweg.
Und so gingen die meinigen auch mitunter ber Brde und Haarstrang hinaus und
ich dachte, wenn nun da drauen sich auch jedermann so lernte auf sich verlassen
und stellte sich zusammen mit seinesgleichen, der Brger mit dem Brger, der
Kaufmann mit dem Kaufmann, der Gelahrte mit dem Gelahrten und auch der Edelmann
mit dem Edelmanne, und machten ihre Sachen mehrenteils untereinander ab ohne die
Herren von der Schreiberei drauen, so wren die Pfeifer aus der Rbsaat getan
und es mte eine ganz herrliche und kostbare Wirtschaft geben. Denn die
Menschen wren dann nicht wie die dummen Kinder, die immer schreien: Vater!
Mutter! wenn sie einen Augenblick alleine sind, sondern gleichsam ein Frst wre
jeder bei sich zu Hause und mit seinesgleichen. Dann wre auch erst der Knig
ein recht groer Potentate und ein Herre sondergleichen, denn er wre der Knig
ber vielmalhunderttausend Frsten.
    Dieses ist nun die Moral von der Heimlichkeit am Stuhle und von dem Schwerte
von Carolus Magnus und von den sogenannten Possen, die ich getrieben. Schreibet
alles recht genau auf, Herr Skribent, was ich gesagt habe, denn ich will nicht
wie ein einfltiger Mann in Euren Schriften stehen, und es soll mir ganz lieb
sein, wenn meine Meinung noch andere zu lesen bekommen und es reflektiert mich
nicht, wenn sie selbst bis zu dem Knige getragen wird. Von diesem habe ich nie
etwas zu bitten bedurft, und ich gebrauche ihn nicht zu meines Leibes Notdurft.
- Aber voll Freuden bin ich immer gewesen, sein Untertan zu sein wie ein
geborener Frst und mein Herz habe ich an ihm erfrischet all mein Lebtage.
    Leuchtend waren die hellblauen Augen des Hofschulzen whrend des letzten
Teils dieser Rede geworden, seine weien Haare hatten sich wie Flammen
emporgerichtet, die Gestalt stand wieder gro und gerade da. Der Richter sah vor
sich nieder, der Diakonus dem Alten in das Antlitz; er gemahnte ihn wie ein
Prophet des alten Bundes. Mit hflicher Verbeugung und stillem Gru entfernte
sich der alte Bauer.
    Der Diakonus folgte ihm tiefbewegt. Drauen holte er ihn ein, legte ihm die
Hand auf die Schulter, schttelte seine Rechte und sagte ergriffen und gerhrt:
Ihr habt mich erbaut, Hofschulze. Jetzt aber will ich als Euer Seelsorger und
Priester Euch erbauen.
    Der Alte war im Vorsaale schon wieder der schlichte Bauer geworden, der
krank und angegriffen aussah. Tuen Sie das, sagte er, Herr Diakonus, denn
Zusprache ist mir not. Ich habe gar zu viel Verdru gehabt letzthin. Ich kann es
nicht berkriegen, da die Scham geblt ist von den heimlichen und scheuen
Dingen, und sie nun umhergetragen werden in den Schriften und von dem jungen
Herrn ins Reich geschleppt. Nach dem Schwerte will ich nicht weiter trachten,
denn es hilft mir doch nichts, aber der Kummer darum wird mein Herz zernagen.
Der Stuhl wird nun wohl eingehen.
    Lat den Freistuhl verfallen, das Schwert aus dem Auge des Tages
geschwunden sein, lat sie die Heimlichkeit von den Dchern schreien! rief der
Diakonus mit gerteter Wange. Habt Ihr nicht in Euch und mit Euren Freunden das
Wort der Selbstndigkeit gefunden? Das ist die heimliche Losung, an der Ihr Euch
erkennt und die Euch nicht genommen werden kann. Gepflanzt habt Ihr den Sinn,
da der Mensch von seinen Nchsten abhange, schlicht, gerade, einfach; nicht von
Fremden, die nur das Werk ihrer Knstlichkeit mit ihm herausknsteln,
zusammengesetzt, erschroben, verschroben; und dieser Sinn braucht nicht der
Steine unter den alten Linden, um gutes Recht zu schpfen. Eure Freiheit, Eure
Mnnlichkeit, Eure eisenfeste Natur, Ihr alter, groer, gewaltiger Mensch, das
ist das wahre Schwert Karls des Groen, fr des Diebes Hand unantastbar!
    Herr Diakonus, Sie machen mir viel zu viele Komplimente, erwiderte der
Hofschulze bescheiden. Indessen werde ich Ihre Worte im Herzen bewegen und
sehen, was ich damit anfangen kann.
    Sie gingen bis auf die Strae zusammen. Dann trennten sie sich. Der Diakonus
war in einer Erschtterung, wie er sie lange nicht empfunden hatte.

                                Sechstes Kapitel



  Ernste und feierliche Erklrungen zwischen der Baronesse und dem Oberamtmann

Die junge Dame Clelia hatte inzwischen die ermdendsten Tage verlebt. Das
Medizinieren unterhielt sie wohl anfangs, indessen war doch der Reiz der groen
Arzeneiflasche, welche der alte Silen gefllig verschrieben hatte, bald
abgebraucht. Sie fand, da die Mixtur nach gar nichts schmecke und lie sie,
nachdem sie einige Elffel voll zum Teil eingenommen hatte, rgerlich zum
Fenster hinauswerfen. Sie sagte, sie wolle die Naturkrfte walten lassen, die
ganze rztliche Kunst sei Scharlatanerie.
    Es fiel ihr ein, da sie einige Briefschulden abzutragen habe; Fancy mute
daher das mit gepretem braunem englischem Leder berzogene und mit Goldstben
gezierte Reiseschreibzeug auf den Tisch setzen, ffnen, die feinen roten, gelben
und blauen Briefblttchen, die Stahlfedern mit silbernem Griff, die Oblaten von
Mundlack mit Devisen und den bronzenen Briefbeschwerer herausnehmen. Als dieser
geschmackvolle Apparat bereitgestellt war, erklrte Clelia, da sie nicht wisse,
was sie aus dem elenden Orte schreiben solle. Fancy packte still den bronzenen
Briefbeschwerer, die farbigen Blttchen, die Oblaten und die Stahlfedern ein,
schlo das Schreibzeug zu und stellte es wieder weg.
    Gern wre Clelia mit ihrem Vetter fter zusammengekommen, aber es blieb bei
kurzen, formellen Besuchen, denn ihre Gutmtigkeit konnte im Bewutsein dessen,
was geschehen sollte, eine befangene Stimmung nicht berwinden. Auch Oswald war
einsilbig; er sehnte sich nach Lisbeth und entbehrte sie schmerzlich. Diese
blieb mehrere Tage lang aus, und die Qual des Harrens gab der jungen Baronesse
die belste Laune, die sich pltzlich gegen das arme Kind wendete.
    Fancy, sagte sie am dritten Tage, wenn das Mdchen morgen nicht kommt,
wenn ich noch lnger hier herumgefhrt werde, so frchte ich bei der Unterredung
von meiner Heftigkeit.
    Es wre nicht zu verwundern, wenn die gndige Frau heftig wrden, denn so
lange auf sich warten zu lassen, ist unerlaubt, erwiderte Francy.
    Die junge Dame bedachte sich und sagte: Aber wenn mir recht ist, so habe
ich ihr ja gar nicht ankndigen lassen, da ich mit ihr reden wollte.
    Nein, sie wei nichts davon, sagte Fancy.
    Nun, so darf ich ihr ja auch deshalb nicht zrnen! rief Clelia zornig.
    Wenn Sie sonst nicht wollen, gndige Frau, nein.
    Der Stramin, dieser Zeitvertreiber, wurde abermals zur Hand genommen. Clelia
nhte eine halbe Dreifaltigkeitsblume, seufzte aber pltzlich, lie den Stramin
in den Scho sinken und sagte gepret und schwer: Edmund kann es nie
verantworten, was er an mir getan hat.
    Fancy seufzte auch und sprach: Ich htte das nimmermehr von dem Herrn
gedacht.
    Jungfer, sagte ihre Gebieterin mit einem strengen Tone, ich verbitte mir
alle Bemerkungen ber meinen Gemahl.
    O mein Gott! rief Fancy und weinte, nun sehen die gndige Frau, was es
zur Folge hat, wenn Herrschaften ihre Untergebenen durch zu groe Gte
verziehen. Ich erlaube mir schon Bemerkungen ber den gndigen Herrn.
    Sie schluchzte und konnte sich ber ihren Fehler gar nicht zufriedengeben.
    La es doch nur gut sein, das Schluchzen! rief Clelia rgerlich. - Ich
habe mich jetzt ganz kurz entschlossen. Meine Gesundheit kann ich hier nicht
zusetzen. Ich werde die Sache doch dem Oberamtmann berlassen.
    Fancy war die Beredsamkeit selbst, diesen Entschlu zu loben. Ja, sagte
sie nach einer preisenden Rede ber die doch stets so richtigen Gedanken der
Herrin, ja, der Herr Oberamtmann mag nur die Leutchen, die nicht
zusammengehren, auseinanderbringen. Fr die gndige Frau pat das auch nicht,
Sie haben zu so etwas Feinem und Verwickeltem keine Anlage, nicht ein Kind
knnten Sie, wenn es eine dumme Unart auslassen will, davon abhalten, aber der
Herr Oberamtmann ist darauf gewitzigt, o der hrt das Gras wachsen und macht
einen mit der feinen List nach seiner Pfeife tanzen, wie er will. Ich wette
darauf; womit Sie sich in Gedanken schon drei Tage lang ngstigen, das hat er
morgen in einem Viertelstndchen fertig; die Mamsell reist sacht ab, weint ein
paar Trnen, trocknet sie auf der nchsten Station, den jungen Herrn Grafen wird
er auch bald herum haben, denn er besitzt einen ganz auerordentlichen Verstand
in dergleichen Sachen, und so klug Sie sind, gndige Frau, darin stehen Sie ihm
nach. - Nein, Ihre Gesundheit drfen Sie nicht zusetzen und noch dazu umsonst,
denn es wrde Ihnen schwerlich glcken, aber der Herr Oberamtmann ist der Mann
dazu. Gleich hole ich ihn her, damit Sie ihm Ihre vernderte Meinung sagen
knnen.
    Die Baronesse htte gern den unaufhaltsamen Flu dieser Reden gehemmt, es
war ihr aber nicht mglich, Fancys Zunge zum Schweigen zu bringen. Jetzt endlich
konnte sie zum Worte kommen. Hochrot und mit den kleinen Fen stampfend, rief
sie: Nein! Nein! Nein! du sollst den Oberamtmann nicht holen, ich bin ebenso
klug als er, Fancy bleib hier! Fancy! Fancy! - Aber Fancy hrte nicht, sondern
sprang fort. - Gott! rief Clelia, fast weinend vor Verdru, es ist doch zu
arg mit einer solchen Gans von Mdchen, die immer das Echo von einem macht, da
bringt sie wahrhaftig den Aktenmenschen schon herauf; der Himmel sei ihm gndig,
wenn er sich ber mich mokiert! Aber was sage ich ihm? denn nicht um die Welt
lasse ich ihn sich einmischen.
    Der Oberamtmann betrat mit Fancy das Zimmer. Fancy hatte ihm wirklich
gesagt, die gndige Frau wisse sich durchaus keinen Rat, die Mesalliance zu
hindern, und der erfahrene Geschftsmann konnte seinen Triumph darber nicht
verbergen. Es wre mglich gewesen, da Clelia ihm dennoch die ganze
Angelegenheit in seine Hnde zurckgegeben htte, aber dann mute er sich
respektvoll, ernst und zurckhaltend nehmen. Er kam jedoch schmunzelnd, mit
einer gewissen berlegenheit in Blick und Haltung, er nahm sich vor, einen
Scherz aus der Sache zu machen, sie nicht zu wichtig zu nehmen. Es war der erste
Scherz, den der arme Oberamtmann auf der Reise ausgehen lie und Ort und Stunde
konnten dazu nicht unglcklicher gewhlt sein.
    Sobald Clelia das Schmunzeln ihres Geschftsfreundes und ehemaligen
Nebenvormundes sah, sobald sie bemerkte, da er ihr leichthin imponieren wolle,
und gar, als sie mit weiblicher Ahnungsgabe seine Absicht, scherzen zu wollen,
sprte, kehrte sie in den Besitz ihrer ganzen Festigkeit zurck, die wir an ihr
zu bewundern schon mehrmals Gelegenheit gehabt haben.
    Er trat ihr nahe und sagte lchelnd: Nun, liebes Kind, mu der Ritter von
der traurigen Gestalt dennoch vorrcken? - Er wollte ihre Hand ergreifen.
Clelia zog sie zurck und entfernte sich von ihm. Seine frheren Beziehungen zu
ihr hatten ihm das Recht vertraulicher Anreden gegeben, und wie oft war von ihm
dieses Recht gebt worden! Aber heute wollte Clelia nicht sein liebes Kind sein,
heute verlangte sie die volle Courtoisie und Titulatur von ihm.
    Er folgte ihr nach. - Clelchen, sagte er noch schmunzelnder, es ist mir
lieb, da Sie einsehen, fr dergleichen nicht zu passen. Nun, schmen Sie sich
nur nicht; Don Quixote tritt vor den Ri. - Abermals trachtete er nach ihrer
Hand, die er zrtlich kssen wollte, denn Geschftsmnner sind nie galanter, als
wenn sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit in Verlegenheit sehen. Clelia ri
jedoch beinahe ihre Hand zurck und rief mit scharfem Akzent: Herr Oberamtmann,
ich wei durchaus nicht, was Sie bei mir und von mir wollen!
    Der Oberamtmann machte ein Gesicht, hnlich dem, was er zu machen pflegte,
wenn einer seiner Inkulpaten, von dem er behaglich das unumwundenste Gestndnis
erwartete, pltzlich sich auf ein entschiedenes Leugnen verlegte. - Er sah
Clelia starr an, dann ging er im Zimmer auf und nieder. Hierauf nahm er den
Stramin in die Hand, als ob dieser ihm einen Faden in dem Labyrinthe darleihen
knne, dann ffnete er das Schreibzeug und blickte tiefsinnig das farbige
Postpapier an, endlich stellte er seine Uhr, obgleich sie richtig ging. Nach
diesen vorbereitenden Handlungen trat er vor Clelia und sagte mit dem tiefsten
Ernste: Gndige Frau, ich bin kein Narr.
    Clelia versetzte nicht minder ernsthaft: Und ich bin nicht Ihr liebes Kind
und nicht Ihr Clelchen, Herr Oberamtmann.
    Die Feierlichkeit dieser gegenseitigen uerungen war so gro, da Fancy ein
Lachen verbeien mute. Es trat wieder ein langes Schweigen ein. Endlich
unterbrach es der Oberamtmann und sagte: Ich mu Sie ersuchen, bis morgen abend
die Einwilligung der sogenannten Braut, welche wie ich hre, heute abend
zurckkommen wird, herbeizuschaffen. Wofern Umstnde dies verhindern sollten, so
werden Sie entschuldigen, wenn ich das Versprechen Ihrer Mhwaltung in der Sache
als von Ihnen widerrufen betrachte und mich derselben unterziehe. - Nach diesen
Worten, die er gemessen und kalt vorgebracht hatte, empfahl er sich mit einer
steifen Verbeugung.
    Clelia kam an diesem Abende nicht zu Tische. Fancy suchte sie durch eine
Vorlesung zu zerstreuen. Sie las ihr nmlich ein vierzehn Tage altes rheinisches
Zeitungsblatt vor, welches auf dem Zimmer lag. Sie las es von Anfang bis zu
Ende, erst las sie von den Verwickelungen im Orient, dann von den Kreuz- und
Querzgen der Christinos und Karlisten, dann, wie liebenswrdig sich der und der
da und da benommen, dann von der soundsovielsten groen ministeriellen Krisis in
Frankreich, endlich von einigen deutschen Hndeln. Hierauf ging sie zu den
Anzeigen ber, an deren Spitze die Verkndigung von Assisen in Elberfeld stand.
Es folgten zu vermietende Wohnungen, brave Mdchen sagten, da sie gut nhen und
bgeln knnten und ein Anstreicher suchte einen gesitteten Jngling fr sein
Geschft. Spter sehnte sich jemand nach einem entflogenen Kanarienvogel, einem
anderen war dagegen ein brauner Dachshund zugelaufen. Dazwischen fuhren die
Dampfschiffe regelmig alle Morgen, auch waren reingehaltene Bleicharte zu
haben, wobei aber ein zweifelschtiger Leser ein groes Fragezeichen mit
Rotstift gesetzt hatte. Zuletzt wurde Harmoniemusik an verschiedenen Orten
gemacht, und dazu der Saison angemessene Speise dargeboten.
    Clelia widmete dieser ganzen Vorlesung wenig Aufmerksamkeit. Nur als sie von
den Assisen hrte, mochten ihre Gedanken, welche sich noch immer rgerlich bei
dem Oberamtmann aufhielten, angeregt werden, weil sie ihn so oft sehnschtig
davon hatte reden hren. Sie rief: Nun dahin knnte man ihn ja gleich schicken,
wenn er sich hier lstig machen will!
    Spt hrte man einen Wagen vorfahren. Lisbeth kehrte zurck.
    Clelia befahl ihrer Jungfer, das Mdchen gegen die Mittagsstunde des
folgendes Tages zu ihr zu rufen, denn, sagte sie, wenn man jemand wider
seinen Willen zu etwas bestimmen will, so darf man ihn nicht im Neglig
empfangen. Sie ging mit vieler Wrde zu Bett und dachte in dieser Nacht, wenn
sie erwachte, nicht einmal an ihren pflichtvergessenen Gemahl, sondern nur an
die Aufgabe des folgenden Tages.

                               Siebentes Kapitel



 Was Lisbeth auf die Ermahnungen zu einer uneigenntzigen und entsagenden Liebe
                                   antwortete

Fancy nahm im ersten Morgenstrahl von dem Blumenbrette vor ihrem Fenster, wo der
Diakonus einige seiner schnsten Exemplare aufbewahrte, ein prchtiges
Myrtenbumchen herein, musterte die lngsten und frischesten Zweige, an denen
sich zugleich Knspchen und runde frische Blten befanden, wehte mit einem
leichten bunten Federwedel etwas Staub, der sich auf die Bltter gesetzt hatte,
ab, summte dazu, aber so leise, da ihre Gebieterin nebenan es nicht hren
konnte, die alte veilchenblaue Seide aus dem Freischtzen, lchelte, seufzte
dann, legte die Hand auf die Brust und lie das Myrtenbumchen im Zimmer stehen,
um es gleich zu haben, wie sie fr sich sagte. Hierauf ging sie zu Lisbeth, und
richtete ihre Bestellung aus. Lisbeth war ernst und wehmtig, denn sie hatte bei
dem alten Pfleger eine trbe Probe zu bestehen gehabt. Fancy wollte ihr etwas
sagen, aber diesem ernsten Antlitze gegenber erstarb ihr schlaues Wort auf der
Lippe.
    Die junge Dame, der im wahren Interesse ihres nchsten Verwandten ein so
schwieriges Geschft oblag, erhob sich und sagte nach dem Frhstck: Fancy, was
ziehe ich denn wohl heute an? - Gndige Frau, erwiderte Fancy, Sie mssen
ganze Toilette machen. - Nun, nur nicht zu bertrieben, sagte die Baronesse.
Nein, nicht zu bertrieben, versetzte Fancy.
    Sie kramte hierauf in den Koffern und Kartons und nahm den gewhltesten Putz
heraus. Zum Anzuge bestimmte sie das noch nicht getragene prchtige
Kaschmirkleid von violetter Farbe mit einer Schnippentaille, und fgte dem
Kleide einen weien Mousseline-de-Soie-Schal hinzu. Unter den Strmpfen suchte
sie die feinsten  jour gewebten aus und unter den Schuhen ein Paar von
schwarzem Atlas. Kurze weie Handschuhe mit Spitzen garniert nahm sie aus einem
Karton. Als es nun an die Musterung des Schmuckes ging, so schien ihr eine
schwere Chatelaine mit goldenen und silbernen Gliedern, gotischem Schlo und
Medaillon schicklich zu sein. Drei Armbnder dnkten ihr nicht zuviel, eins mit
Steinen, deren Anfangsbuchstaben den Namen: Clelia zusammensetzten, ein
prchtiges Geschenk des abwesenden Herrn und zwei einfachere, das eine ein
schlichter Goldreifen, das andere mit Trquoisen besetzt. Fr die Haarflechten
legte sie eine goldene Kette zurecht; ein blitzendes Diadem wollte sie
nachfolgen lassen, bedachte sich aber noch zur rechten Zeit, da man im Guten
zuviel tun knne und stellte es wieder beiseite. Es versteht sich, da ein
gesticktes Taschentuch vom feinsten Batist nicht vergessen wurde.
    Whrend dieser ernsten und grndlichen Vorbereitung rstete sich Clelia
ebenfalls und zwar in hherer Weise zu der Unterredung mit Lisbeth. Sie las
einen Roman und erwog dabei, was sie dem Mdchen sagen wollte. In der Tat war
Oswalds Abenteuer so sehr gegen alle Voraussetzungen seiner Verhltnisse, da
ihr die strksten Grnde, hergenommen aus dem Wesen uneigenntziger Liebe,
echten Schicklichkeitsgefhls und frommer Ergebung in reicher Flle zustrmen
muten; Grnde, die nach ihrer Meinung eine schlagende Wirkung auf ein edles
weibliches Gemt nicht verfehlen konnten. Sie erging sich mit Wohlgefallen in
den Reden, welche diese Grnde nher entwickeln sollten, und las dazwischen
immer einige Seiten des Romans. Da er zu denen gehrte, welche bei uns zweite
Auflagen erleben, so leitete er ihre Gedanken von dem Gegenstande, der ihre
Seele beschftigte, nicht ab. Sie war so sehr in ihr Vorhaben vertieft, da sie
auf Fancys Tun und Treiben nicht achtete und des Fluges der Stunden ebenfalls
nicht inneward, die unter solchen bungen innerer Beredsamkeit rasch zu
verflieen pflegen.
    Fancy mute sie erinnern, da die Zeit gekommen sei, sich kleiden zu lassen.
Noch immer in ihre Gedanken und Grnde verloren widmete sie dem Anzuge keine
Aufmerksamkeit. Sie lie die einfachen Strmpfe von den zierlichen weien Fen
streifen und diese mit den spinnwebenfeinen durchbrochenen bekleiden, es fiel
ihr nicht auf, als Fancy, nachdem sie die Flechten gemacht, dieselben mit der
goldenen Kette umwand, sie schlpfte in das prchtige Kaschmirkleid, empfing die
schwere Chatelaine um die schne Taille und lie sich den Schal von Mousseline
de Soie um Hals und Schultern legen, ohne bei einem dieser Stcke eine
Erinnerung zu machen. Nur als ihr Fancy die weien garnierten Handschuhe mit
blaroten Bandschleifen brachte, stutzte sie und sagte: Fancy, das sind ja
Ballhandschuhe.
    Gndige Frau, versetzte Fancy ernst, sie gehren zur vollen Parre.
    Clelia musterte sich, trat vor den Spiegel und rief: Mein Gott, der Anzug
ist ja viel zu recherchiert! Du hast mich geputzt, als fhren wir zu
Liechtensteins in die Soire. Den Augenblick ein anderes Kleid her, die
Chatelaine fort, die Goldkette aus den Flechten!
    O Himmel, was habe ich wieder gemacht! jammerte Fancy. Ich dummes
Mdchen! - Es klopfte. - Ach! Ach! da ist die Lisbeth schon!
    Hinaus, sag ihr -
     ... da die gndige Frau zu recherchierte Toilette gemacht htten, sich
einfacher anziehen mten ... Fancy wollte fort.
    Bleib! rief Clelia auer sich. Du wrest albern genug, auch so etwas zu
sagen. Ich glaube, du hast in dem Neste deinen Verstand verloren. - Es klopft
schon wieder ... Sie hat uns reden hren, es fllt mir kein Vorwand ein - ach,
du Imbecille, in welche Verlegenheit setzest du mich! Handschuhe!
    Hier, sagte Fancy.
    Weg damit! Soll ich wie eine Opernprinzessin dasitzen, welche sehen lassen
will, wie freigebig ihre Liebhaber sind?
    Willst du mir nicht auch noch gar einen Fcher in die Hand geben? -
Schwarze, bescheidene!
    Schwarze, bescheidene! rief Fancy und brachte die verlangten.
    Armband!
    Fancy knpfte mit unerhrter Schnelligkeit die drei Armbnder um, whrend
Clelia nach der Tre sah.
    Fertig?
    Ja.
    Herein! - Himmel, du hast mir ja drei Armb- aber sie vollendete das Wort
nicht und der berflu des Armschmuckes war nicht mehr zu beseitigen. Denn schon
trat Lisbeth herein. Es war ein groer Gegensatz, diese schlanke, vornehme junge
Gestalt im einfachen Gewande der etwas zu kleinen und vollen Baronesse im
hchsten Putz gegenber. Sie trat bescheiden aber sicher auf, Clelia wollte sich
anfangs Airs geben, dieses Bestreben zerbrach indessen sogleich an ihrem
grundguten Wesen. Sie reichte verlegen-freundlich Lisbeth die Hand, setzte sich
ins Sofa, lie einen Sessel stellen und flsterte Fancy zu, sie solle sich in
ihrem Zimmer nebenan aufhalten. Als ob es zufllig geschhe, breitete sie ihr
Taschentuch aus und entzog dadurch wenigsten die Pracht der Chatelaine und der
Armbnder (denn sie wute auch die linke Hand mit dem Tuche zu bedecken) den
Blicken Lisbeths. Wieviel wrde sie darum gegeben haben, wenn sie statt des
Kaschmirkleides das von Mousseline de Laine angehabt htte! Der volle Putz
raubte ihr die Hlfte ihrer Festigkeit. Sie suchte eine Zeitlang vergebens nach
einem schicklichen Anknpfungspunkte des Gesprchs und so saen beide, als Fancy
sie allein gelassen hatte, eine Zeitlang schweigend einander gegenber. Lisbeth
sah vor sich hin und hatte keine Ahnung von dem, was folgen sollte, denn Clelia
war ihr immer gtig begegnet.
    Endlich sammelte sich diese so weit, um die Unterredung beginnen zu knnen.
Sie sagte ihrem Besuche, da bis jetzt der Gedanke an Oswalds Krankheit alle
anderen Vorstellungen in den Hintergrund gedrngt habe, da aber nun mit seiner
Herstellung die Verhltnisse des Lebens in ihr Recht wieder einzutreten
begnnen, und da sie daher wnsche ber die Gestaltung der Zukunft mit ihr ein
ebenso ernstes als vertrauliches Wort zu reden. - Da sie diesen Eingang zwar mit
aller ihr zu Gebote stehenden Wrde aber doch hchst liebreich vorgebracht
hatte, so konnte Lisbeth denselben nur fr eine Vorrede zu freundlichen
Erklrungen ansehen. Schchtern versetzte sie, da die Baronesse ihr mit solchen
Worten eine groe Freude mache, und fate nach Clelias Hand, um sie zu kssen.
Indem sie aber ihre Lippen der Hand nherte, fiel ihr ein, wer sie durch Oswalds
Liebe sei, sie richtete sich daher sanft auf und lie die Hand Clelias fallen,
welche ein Erstaunen ber diesen Hergang nicht verbergen konnte.
    Nun also, mein Kind, wie soll denn das nun werden? sagte Clelia, etwas
verlegen mit dem Schal spielend.
    Lisbeth errtete, senkte ihr Haupt wieder und versetzte: Von der Zeit
unserer Verbindung ist zwischen uns noch nicht die Rede gewesen, zwischen dem
Grafen und mir.
    Verbindung! rief Clelia lebhaft. Ei! Ei! mein liebes Kind, Sie sprechen
ja von der Verbindung mit meinem Vetter, als sei diese eine ausgemachte und sich
von selbst verstehende Sache.
    Lisbeth hob langsam ihr Antlitz empor, sah Clelien mit groen Augen an und
fragte: Wovon wollten Sie denn mit mir reden, gndige Frau?
    Die Wirkung einer einfachen aber zur rechten Zeit angebrachten Frage ist oft
gro. Clelia hatte sich auf eine begeisterte Versicherung, auf flammende Reden
gefat gemacht und wrde diesen Gluten mit gleichem Feuer begegnet sein. Nun
aber sollte sie schlichtweg sagen, was sie wolle? und diese Zumutung setzt in
vielen Lagen des Lebens in eine nicht geringe Verlegenheit. An ihr war jetzt die
Reihe, die Augen niederzuschlagen; sie sprach, da man es htte Stottern nennen
knnen: Sie scheinen gar nicht erwogen zu haben, Lisbeth - denken Sie nur
nicht, mein liebes Mdchen, da ich Sie krnken will - nein gewi nicht - und
wren Sie nur - so wre ich ja voll Freude - indessen gibt es doch Dinge in der
Welt - unwiderleglich vorhandene Dinge - Dinge, Lisbeth - mein Gott, Sie mssen
mich ja wohl verstehen ...
    Ja, gndige Frau, ich verstehe Sie nun, sagte Lisbeth mit einem Tone, als
unterdrcke sie ein stilles Weinen.
    Auf denn also, Lisbeth, Mut! rief Clelia, Atem schpfend. - Nur zeigen
darf man einem so reinen Gemte das Richtige, und es ergreift es. Die wahre
Liebe liebt das Glck des Geliebten. Und das Glck? Ist es ein trunkener
Augenblick, ist es die Aufwallung der Flitterwochen? Ach nein. Das wahre Glck
besteht doch zuletzt nur in der Harmonie mit allen Verhltnissen des Lebens; in
dem Gefhle von dieser Harmonie. Sie dem Gegenstande der Neigung unverstimmt zu
lassen, das ist Liebe, das ist tugendhafte Liebe. Sie fhlen ja nun selbst,
teure Lisbeth, was ich gern unausgesprochen lasse. - Es geht nicht, es geht
wahrhaftig nicht. Mein Gott, wren Sie doch nur - aber- Sie empfinden es, wenn
Sie meinen Vetter aufrichtig lieben, so drfen Sie ihn nicht heiraten. Und nun
kommen Sie, mein armes Kind, kommen Sie an meine Brust, und weinen Sie sich aus,
denn wahrhaftig, ich wei mit Ihnen zu empfinden.
    Sie breitete ihre Arme gegen Lisbeth aus. Diese lehnte aber mit einer
demtigen Bewegung das Liebeszeichen ab und sagte: Gndige Frau, entschuldigen
Sie, wenn ich an dieser Sttte noch nicht zu ruhen wage. - O mein Gott, wie weit
sind wir auseinander, wie htte ich das mir denken knnen, und wie soll ich es
nun anfangen, alles, was mir im Herzen wogt, Ihnen auszusprechen und dennoch die
Bescheidenheit gegen Sie nicht zu verletzen? - Sie wten mit mir zu empfinden?
Gndige Frau, ich wenigsten wei mit Ihnen nicht zu empfinden.
    Wie? Sie fhlen keine Verpflichtung, ihm zu entsagen? fuhr Clelia auf.
    O nein! nein! nein! rief Lisbeth mutig. Diese Verpflichtung fhle ich
durchaus nicht, Frau Baronesse. Entsagen soll ich ihm, das ist Ihre Meinung. Und
warum? Da der Findling nicht in das Haus der Grafen Waldburg eindringe, da der
Graf Oswald eine Grfin heiraten knne oder eine Frstin, da er in Harmonie
bleibe, wie Sie es nennen, mit den Verhltnissen des Lebens. Ja, ich wei, so
steht es geschrieben oft in den Liebesgeschichten, die ich gelesen. Das Mdchen
hlt eine schne Rede von Entsagung und von Pflicht und dann verhllt sie sich
und geht weg und der Liebste sieht sie nie wieder. Gndige Frau, wenn die Leute,
die solche Geschichten aufschreiben, das nicht aus ihrem Kopfe erfinden, so sind
solche Mdchen ungereimte Mdchen, abscheuliche Mdchen, Verrterinnen an ihren
Liebsten! - Glck? - Ich kenne nur ein Glck und nur ein Elend! Und mein Glck
ist, wenn ich mit Oswald zusammenbleibe und sein ehrlich Weib werde und das
Elend des Gegenteils kann ich gar nicht ausdenken, denn es ist unsglich. So
also steht es mit mir. Und von ihm sollte ich geringer denken, als von mir? Von
ihm, der mich sein Leben, seine Zuversicht genannt hat? Worte sollten das
gewesen sein, Worte eines, der nicht wei, was er spricht? Nein, ein treuer
Mensch sagte sie, ein wahrer, ein aufrichtiger Mensch. Die Entsagung, welche Sie
von mir verlangen, wre ja also das schwerste Verbrechen, das ich nur an Oswald
begehen knnte. Ich wrde sndig an seiner unsterblichen Seele, zugbe ich, da
ihm ein Name, ein Wappen werter sei, als das Heiligtum seiner Empfindungen! Zur
Schelmin wrde ich an dem Herzblute meines Brutigams, welches seine Lippen
verschtteten, weil er einen Tag lang sich nicht in Lisbeth zu finden wute. Zu
Tode wollte er sich bluten, weil ich in meiner dummen Torheit die Breite eines
Landweges zwischen uns gesetzt hatte! Und er sollte leben bleiben, wenn ich die
Welt und das Schweigen und die Finsternis zwischen uns wrfe! Nein! Ich entsage
ihm nicht, nicht entsage ich ihn in das Elend und in die Leere hinein!
    Gott wird Sie aufklren! eiferte Clelia. Gott wird diese Trugschlsse der
Leidenschaft zunichte machen! Das ist eben deren Entsetzliches, da nichts fr
sie vorhanden ist als sie, nicht Erde nicht Himmel, und da sie sich so in die
greuliche de hineinstrmt, daraus nachher kein Entrinnen! - Aber Gott wird
Ihnen beistehen, wird Sie schirmen vor dem geistigen Tode. Sie sind fromm, ich
sehe Sie in die Kirche gehen, Sie im Gesangbuche lesen. Gott wird ein Licht in
Ihrer Seele anznden.
    Gott ist bei mir in dieser Stunde, er legt mir die Worte auf meine
einfltigen Lippen, erwiderte Lisbeth. - Ich wei nicht, ob ich fromm bin,
kmmerlich bin ich herangewachsen, aber zur Kirche habe ich mich freilich immer
gehalten und an den Allmchtigen glaube ich. Jedoch, seit ich Oswald liebe, habe
ich nur ein Gebet und das lautet: Vater sei mit ihm und mir! - Ich bete nicht
fr ihn allein und nicht fr mich allein, sondern fr uns beide bete ich, und
das, meine ich, ist das Licht, welches Gott mir in der Seele entzndet hat. Die
Erde sehe ich unter mir, den Himmel ber mir, und wo wehet der Sturm, der mich
fortstrmt?
    Leidenschaftlich rief Clelia: Bedenken Sie doch nur seine Verhltnisse,
bedenken Sie seine Verwandten, von denen die meisten so stolz sind, bedenken Sie
unseren Knig, bedenken Sie endlich Oswalds eigenes Herz, das von ueren
Umstnden, von Widerspruch mit den Forderungen der Welt so leicht in
Verlegenheit gesetzte Herz eines Mannes, sehen Sie doch um des Himmels willen
die Dinge, wie sie sind!
    Ja, gndige Frau, ich sehe die Dinge, wie sie sind, nicht wie sie scheinen.
Htte er noch Eltern, so wre es etwas anderes. Der Eltern Macht ist von Gott,
das wei ich, obgleich ich Arme keine hatte. Entsagen wrde ich ihm zwar immer
nicht, wenn er auch noch Vater und Mutter bese, aber geduldig harren und zu
ihm sprechen: Oswald, harre auch du in Geduld, bis Gott deiner Eltern Sinn
wendet! Jedoch so! Verhltnisse und immer Verhltnisse! Ei, ist es nicht auch
ein Verhltnis, wenn ich seine Frau bin? Also Verhltnis gegen Verhltnis, und
wir wollen erwarten, welches das mchtigere und bessere sei! - Nehmen seine
stolzen Oheime und Tanten ihn in ihre Arme, da er darin ruhe und lchle und
wachse und gedeihe? Nein. Aber ich werde es tun. Baut ihm Ihr Knig sein Haus
auf? Nein. Aber ich werde es tun mit des Himmels Hlfe. Und wenn er einmal so
schwach sein sollte, verlegen auszusehen ber mich, denn es ist mglich, da Sie
darin recht behalten - nun, der Schwche wird eben die Strke beigesellt! Ich
werde seine Strke sein, ich werde ihn fragen: Oswald schmst du dich meiner?
Und wahrlich, gndige Frau, auf die Frage wird er ja sagen, aber er wird sich
ermannen und fr alle Zeiten den unwrdigen Kleinmut ablegen.
    Clelia wurde immer erbitterter. Ich wrde mich tief gedemtigt fhlen durch
einen Gatten so hoch ber meinem Stande, sagte sie herb und schneidend.
    Das kann wohl sein, versetzte Lisbeth. Darin hat jeder seinen eigenen
Sinn. Ich fhle mich gar nicht gedemtiget dadurch, da er ein groer Graf ist
und ich ein geringes Mdchen ohne Herkommen bin. Er knnte noch zehnmal grer
sein und ich wrde dennoch keine Demtigung empfinden. Ja, ich wei, es hat auch
Mdchen gegeben in meiner Lage, die winselnd sprachen: O wrst du ein armer
Hirt, mein hoher Liebster! - Ich aber, ich wnsche mir ihn gar nicht zum Hirten
herunter; nicht soll er seine Gre ablegen um meine Kleinheit! Sondern das ist
eine neue Seligkeit fr mich, da er so vornehm ist, und mich emporhebt aus
meiner Niedrigkeit und mich zur Grfin macht und auf sein hohes Schlo fhrt.
Ach, ich will ja nichts mehr von mir oder durch mich, sondern alles nur von ihm,
alles, alles, neben seinem Gefhle auch Ruhm, Ansehen, Reichtum! Je mehr er mir
gibt, desto beglckter fhle ich mich. Denn seine Liebe ist berstrmendes Geben
und meine durstiges, lechzendes Empfangen. Ich bin sein Geschpf, er ist mein
irdischer Schpfer; Gott schafft mich durch ihn zum zweiten Male. Unter den
Flgeln der Liebe will ich schlummern und trumen, auf der Hhe, wohin mich
diese Schwingen tragen, erwachen, und sie mit frohem Lerchengesange als die
Wohnsttte begren, die mir mein Schicksal anwies.
    Noch schneidender sagte Clelia, vielleicht um eine entgegengesetzte Regung,
die sich anmelden mochte, zu verbergen: Es ist allerdings hchst wohlfeil und
bequem, auf solche Art eine schrankenlose Zrtlichkeit zu beweisen.
    Aber Lisbeth blieb ganz ruhig und antwortete im mildesten Tone: Gndige
Frau, das kam nicht aus Ihrem Herzen. Sie sagten es nur, weil Sie sich so in den
Eifer gegen mich hineingesprochen haben. - Wir sind hier zwei Frauen allein,
kein Mann hrt uns und deshalb darf ich wohl dreister reden, als sich sonst fr
mich ziemte. Ich wei nicht, wie mir wird, mein Auge schwimmt, und meine Lippe
fhl' ich zittern, zum uersten haben Sie mich gebracht, hren Sie denn das
uerste, was ein Mdchen sprechen kann. Bin ich's noch selbst? Wie kommen mir
solche Gedanken? Aber Sie sollen sie hren. - Sie sind Frau, und Sie waren
Mdchen. Bebten und errteten Sie nicht, wenn Sie nur dachten, da eine andere
Hand als die Ihrige Ihre Schulter berhre? Und nun haben Sie Ihrem Gemahle Seele
und Leib ergeben, Ihre Person haben Sie ihm hingegeben und Ihre jungfruliche
Ehre! Sind wir darin nicht gleich? Hat die Braut eines Kaisers etwas Hheres als
die Majestt ihrer jungfrulichen Ehre? Ich bin eine Jungfrau, meine gndige
Baronesse. In der Ehre der Jungfrau fhle ich mich geadelt und der Braut des
Kaisers gleich. Demtig nehme ich alles an von Oswald, aber nicht gedemtiget,
mit freudigem Stolze kann auch ich Mitgift nennen und Eingebrachtes, denn was
Ihr Vetter mir geben mag, ich gebe ihm stets doch mehr, als er zu geben jemals
imstande sein wird.
    Sie schwieg. Die Glut der sesten Scham flammte ihr auf Wangen, Hals und
Nacken. Ihr Blick ruhte durchdringend auf Clelien. Diese fhlte ihre Mittel
erschpft. Sie winkte, da Lisbeth sich entfernen mge. Lisbeth ging nach der
Tre.
    Sobald aber Clelia die unwiderstehlichen Augen des Mdchens nicht mehr sah,
kam ihr noch einmal der den Weltkindern eigentmliche bermut zurck. Sie rief
der Abgehenden leichthin nach: Ihr seid beide trichte und unsinnige Kinder!
Fr jetzt wei ich nichts mit dir anzufangen, aber ich wette, in wenigen Tagen
sprichst du ganz anders und gibst mir recht, denn das verfliegt, wie es
angeflogen ist.
    Die Jungfrau wandte sich um und nherte sich mit dem Ansehen einer
Priesterin der Weltdame. Erhaben leuchteten ihre Augen, mit voller, tnender und
gehaltener Stimme sprach sie: Wie tuschen Sie sich! Lassen Sie ab von der
Tuschung, welche Sie um eine heilige Erscheinung bringt! Ich bitte Sie, lassen
Sie ab von dem Wahne, hier mit einer Grille, mit einer Laune des Augenblicks zu
tun zu haben. Sie wrden in diesem Wahne uns noch bittere Schmerzen und sich
fruchtlose Mhe machen.
    Kennen Sie das Wort: Ewig, Frau Baronesse? Ich hatte es, glaube ich, frher
nie gesprochen, denn ich pflegte berhaupt nichts zu sagen, wobei ich mir nichts
zu denken wute. Aber als er mich in der Kirche aufhob und mich vor den Altar
niederwarf, ein Weihegeschenk der Liebe fr Gott den Allmchtigen, da durchtnte
pltzlich das Wort wie mit tausend Zungen mein Innerstes und seit der Stunde
singt es durch alle meine Gedanken und Empfindungen immer und immer wie ein
himmlisches Halleluja: Ewig! Denn wer die wahre Liebe empfngt, der empfngt die
Ewigkeit in seinem Herzen. An der Ewigkeit aber ist kein Vergang und so rhren
Sie denn auch nicht weiter das ewige Wort meines Herzens an, gndige Baronesse!
- Die Frau unseres Wirtes hier, die sich hin und wieder mit mir beschftiget hat
und der Meinung ist, ein Mdchen brauche aus Bchern nicht viel zu lernen, aber
durch den Anblick schner Menschen lerne ein Mdchen etwas, gab mir in den
letzten Wochen Briefe von einer Freundin zu lesen. Die Freundin hat mit ihrem
Manne in einer kurzen, himmlischen Ehe gestanden, und der Mann hatte immer
gesagt, das Glck sei zu schn, als da es lange dauern knne. So war denn auch
sein Tod wirklich bald erfolgt. Von den letzten Tagen schrieb nun die Freundin
unter anderem auch. Er hatte eine frchterliche Krankheit, die den Hals
zusammenschnrte, so da der Mensch ersticken mu. Den letzten Tag nun hatte der
Kranke kaum noch sprechen knnen, aber immerdar hatte er auf seinen Trauring
gesehen und auf denselben gewiesen und dazu mit der grten Anstrengung
hervorgestoen das Wort: Ewig! Er wand sich in seiner Todesqual, aber das Wort
keuchte er, solange ein Laut aus seinem armen Munde kommen konnte. Und so starb
er in der Ewigkeit der Liebe.
    Also wird es nun auch mit mir sein und Oswald. Es ist mglich, da wir nicht
lange beieinander sind, denn auch uns steht ja ein groes und unbeschreibliches
Glck bevor. Aber wer nun zuerst sterben mchte, der wird dem andern, solange
die Lippe lallen kann, zustammeln: Ewig! als ein Wort des Trostes, da die Erde
des Grabes die Liebe nicht berschtte! - Was aber das Grab nicht vermgen wird,
davon werden Sie, gndige Frau, gewi abstehen, denn in Ihnen ist ein liebliches
und freundliches Leben. - Vergeben Sie mir, da ich so ohne Rckhalt sprach, ich
wrde alles Ihrem Vetter berlassen haben, denn er ist mein Herr, wre er schon
ganz hergestellt. Da er aber noch nachleidet, so mute ich reden, weil ich zu
reden aufgefordert wurde, und mute ihn und mich verteidigen gegen die Welt und
den Dmon, wovon er vor einigen Tagen vorahnend gesprochen hat!

                                Letztes Kapitel



                                Frhliche Siege

Clelia lag erschttert und aufgelst im Sofa. Durch alle Torheiten der
lieblichen Trin hatte sich die Natur gewaltig Bahn gebrochen. Sie achtete nicht
mehr darauf, die Chatelaine zu verbergen, ihr Taschentuch hatte sie erhoben und
vor das Gesicht gedrckt.
    Fancy trat in die Tre des Seitenkabinetts. Kommen Sie einen Augenblick
herein, lassen Sie ihr Zeit, flsterte sie. Lisbeth ging etwas bestrzt in das
Cabinet. Fancy ntigte sie auf einen Sessel und ma mit einem seidenen Faden den
Umkreis ihres Haargeflechtes und dann legte sie das Ma an einige Zweige des
Myrtenbumchens. Sie schnitt die Zweige ab und verband sie zum Kranze.
    Auch das Mdchen hatte eine Trne im Auge. Sie sagte whrend Ihrer Arbeit:
Wenn ich sie so weinen sehe, schme ich mich meiner Listen, und doch waren sie
notwendig. Denn htte ich sie nicht durch meine Unterwrfigkeit konfus gemacht
und sie nicht in die Verlegenheit hineingeputzt, so htten Sie, junge gndige
Grfin, mit ihr einen hrteren Stand bekommen, oder der Herr Oberamtmann packte
die Sache wieder an und dann wrden Sie es nicht durchgesetzt haben. - Die Fancy
ist aber dankbar. Seien Sie so gtig, dem Herrn Gemahl zu sagen, die
Kastellanstochter habe sich fr den alten Vater revanchiert.
    Lisbeth verstand nicht, was das Mdchen wollte. Sie hatte auch nicht Zeit,
danach zu fragen, denn in Clelias Zimmer hrte sie laut schluchzen und dann
ebenso laut lachen und darauf wieder schluchzen und so wechselte es immer ab
zwischen Lachen und Schluchzen. Endlich rief es leise und innig ihren Namen. Als
Sie in das Zimmer trat, kam ihr Clelia entgegen, schlo sie in ihre Arme, nannte
sie Kusine und sagte: Du sollst ihn haben.
    Die junge liebliche Trin gehrte zu den glcklichen Naturen, die, wenn sie
nrrische Streiche gemacht zu haben einsehen, ohne viele Weiterungen durch Wort
und Tat bekennen: Wir haben nrrische Streiche gemacht. - Kein Schmollen, kein
Hinzgern, kein falscher Widerstand hauchte ber den Spiegel dieser komisch
anmutigen Seele. Lisbeth hatte sie berwunden, und sie schmte sich nun der
Niederlage nicht. Sie drckte sie an sich, sie streichelte ihre Wangen, sie gab
ihr die zrtlichsten Namen, nannte sie ihr kaiserlich Kind und eine geborene
Prinzessin der Ehre. Lisbeth war von dem pltzlichen Wechsel wie betubt und
ruhte freudetrunken an der Brust der ihr noch vor wenigen Minuten so feindlich
gewesenen neuen Freundin. Clelia schlug ihren Arm um den Nacken des brutlichen
Kindes und ging mit ihr halbtanzend auf und nieder; dann stellte si'e sich mit
ihr vor den Spiegel, stemmte die Hnde in die Seite und sagte, drollige
Vergleichungen anstellend: Cendrillon und daneben alle drei Frulein Schwestern
in einer Person. Sie drohte ihrem Spiegelbilde, schnitt ihm neckische Gesichter
und rief: Wie kann man sich so aufdonnern?
    Sie war in einem Taumel der Lust und trieb darin Rhrendes und Possenhaftes
durcheinander. Pltzlich kam aber Fancy gesprungen und rief: Gndige Frau, der
Oberamtmann!
    O mein Himmel! rief Clelia. Der mu weg, gleich weg, unter jeder
Bedingung weg! Wie kriegen wir ihn weg? Fancy, gib einen guten Rat! Sie lief
hin und her, ihr Taschentuch windend.
    Wenn wir nur einen Proze oder ein Aktenstck ihm in der Ferne zeigen
knnten! rief Fancy, die nun fast ebenso ngstlich sich zeigte, als ihre
Gebieterin. Mit Speck fngt man Muse - Hm! Wie? Ja - was - richtig - ich hab's
- Viktoria!
    Was?
    Wo ist die Assise?
    Die Assise?
    Fancy lief auf das gestern abend gelesene Zeitungsblatt zu. Hier! sagte
sie und zeigte mit dem Finger auf eine der Anzeigen.
    Clelia lachte. - Nun, albernes Mdchen?
    Hinein, gndige Frau mit der jungen Dame in mein Kabinett! rief sie, Sie
mchten sich nicht genug verstellen knnen. Ich schaff den Oberamtmann fort.
    Clelia eilte mit Lisbeth in das Kabinett. Der Oberamtmann trat in das
Zimmer. - Ich hrte hier laut sprechen, sagte er. Die Stimme der Baronesse
unterschied ich und die des Mdchens. Wo ist Ihre gndige Frau? Wie steht es?
    Ganz vortrefflich, versetzte Fancy mit Emphase. - Die sogenannte Braut
ist beseitigt, abgemacht, hinber. Noch heute abend reist sie nach Hamburg und
wird dort Erzieherin in einer Pension, mit sechsundfnfzig Talern Gehalt. Aber
wie haben auch die gndige Frau gesprochen! Gttlich, sage ich Ihnen, Herr
Oberamtmann, von Tugend, Entsagung und uneigenntziger Liebe; Sie wrden Ihr
blaues Wunder gehrt haben, ich wurde recht erbaut und fate gute Vorstze fr
mein ganzes Leben, wenn ich auch einmal sollte das Unglck haben, da mich ein
junger vornehmer Herr heiraten wollte. Die Lisbeth bat die Baronesse zuletzt
kniefllig um Verzeihung, da sie nur im Ernst an den Grafen gedacht habe. Jetzt
ist sie mit dem Kinde spazieren gegangen, um in der freien Natur sie zu trsten
und sie noch recht in der Vernunft zu befestigen. Wenn sie aber nach Hamburg
abgereist ist, dann will sie auch den Herrn Vetter auf eine gute Art zu
behandeln anfangen.
    Kein treuer Staatsdiener, dem von seiner vorgesetzten Behrde ein glnzendes
Lob zugeht, kann frohere Augen machen, als der Oberamtmann machte. Er schlug in
die Hnde, da es schallte, zog einen ganzen Schoppen Luft in sich und rief:
Nun, Gott sei Dank! So wre denn also dieses schwierige Geschft glcklich
beendigt. Ach, Sie glauben nicht, Fancy, was fr eine Angst ich ausgestanden
habe. Aber meinen Kopf htte ich daran gesetzt, es durchzutreiben.
    Sie knnen lachen, sagte Fancy. Wir haben die Not gehabt, und Sie hatten
das Zusehen. - Und was halte ich hier in der Hand, Herr Oberamtmann? - Sie hob
das Zeitungsblatt empor.
    Was denn, liebe Fancy? - Er las. - Zeitung vom - vom - ei, die habe ich
nicht zu sehen bekommen! - Hm! Was steht denn da? - - Assisen in Elberfeld!
rief der Geschftsmann mit einem Freudenschrei.
    Das hat die gndige Frau heute gefunden, und feurige Kohlen sammelt sie auf
Ihrem Haupte, vergibt Ihnen die Szene von gestern abend und trug mir auf, Ihnen
das Blatt da zu zeigen, damit Sie Ihren Wunsch erfllen knnen. Der Ort soll
nicht gar zu weit von hier sein. Wenn Sie gleich Post nhmen, so kmen Sie noch
spt abends dort an. Und unterdessen, da Sie fort sind, machen wir hier alles
mit dem jungen Herrn fertig.
    Also wirklich soll ich doch noch das ffentliche Verfahren kennenlernen!
sprach der Oberamtmann gerhrt. - Groer Gott, wenn sie nur nicht schon vorber
sind! Sie gingen nach der Anzeige da vor vierzehn Tagen an. Ich hoffe indessen
noch zwei oder drei Tage zu erhaschen, denn wie ich am Rheine vernahm, so
pflegen sie in die dritte Woche ihrer Dauer berzugreifen. - Er wischte sich
die Augen. - Deine Baronesse ist doch eine herrliche Frau, sagte er. Empfiehl
mich ihr auf das angelegentlichste und sage ihr, in drei Tagen sei ich wieder
da, wenn nicht etwa gar zu interessante Sachen vorkmen, denn dann bliebe ich
wohl noch etwas lnger aus. Adieu, liebe Fancy.
    Sie fahren?
    Sogleich. Ich gehe auf der Stelle selbst zum Posthalter.
    Er eilte fort.
    Fancy sprang ausgelassen im Zimmer umher. Clelia trat mit Lisbeth aus dem
Kabinette. Lisbeth trug den Myrtenkranz, den ihr Clelia drinnen aufgesetzt
hatte. Lauf, Fancy, lauf! rief sie. Schaff mir den Diakonus, lebendig oder
tot, setzte sie in ihrer sprudelnden Laune hinzu. Fancy lief hinunter.
    Was haben Sie denn mit mir vor, gndige-
    Clelia sollst du mich nennen, werde ich nicht deine Kusine? versetzte die
Baronesse und gab ihr einen leichten Schlag mit dem Zeigefinger ber die Wange.
- Was ich mit dir vorhabe? Trauen will ich euch lassen, im Augenblick!
    Mein Gott, welche bereilung! rief Lisbeth froh und bestrzt.
    Keine Widerrede, sagte Clelia. Soll es geschehen, so kann es nur in der
bereilung geschehen. Drei Tage bleibt der Oger weg, das Aktenungeheuer; nicht
drei Viertelstunden will ich verlieren. Euer Bund ist auer aller Ordnung und
Regel, in der Ordnung und Regel kriegen wir's nimmer fertig. Hurli burli mu es
gehen. Himmlisch kannst du sprechen. Herzkind, und einer jungen Strohwitwe, die
noch dazu das Unglck hat, selbst in ihren Landlufer von Gemahl verliebt zu
sein, den Kopf schon verdrehen; aber kennst du die Welt, das taube, hartmulige
Tier? Brautleute sind zu trennen, eine Verlobung ist rckgngig zu machen, da
mu man also einen Riegel vorschieben, einen von denen, die nicht weichen und
wanken. O die Ehe, der gute, feste, unweichsame Riegel! Immer gleich sieht er
aus, man mag ihn von der oder der Seite beschauen. Seid ihr getraut, so mgen
sie schimpfen, skandalieren, schikanieren, ihr sitzt geborgen hinterm Riegel. Da
hat selbst der Kaiser seine Macht verloren. Ihr seid Mann und Frau und sie
mssen sehen, wie sie sich drein finden. - Jetzt aber komm her, mein Brutlein,
da ich dich schmcke.
    Sie stellte ihren Juwelenkasten neben sich, setzte sich in einen Lehnstuhl
und Lisbeth mute vor ihr auf dem Fuschemel knien. - Ein anderes Kleid knnen
wir dir nicht anziehen, denn meine sind dir zu weit, du schlankes Reh, aber die
besten Brillanten schenke ich dir; sagte sie. Ein reiches Collier, die Brosche
und die dazugehrigen Ohrgehnge nahm sie aus dem Kasten. Sie legte der Knienden
die prchtigen Steine an und um und wie gern lie sich die glckliche,
halbbetubte Lisbeth zieren! - Sieht sie in ihrem weien Cambrickleidchen und
mit den Diamanten vom reinsten Wasser nicht aus wie ein Mrchen, einfach,
strahlend, rmlich, feenreich? rief sie, als sie ihr Werk vollendet hatte. Sie
erhob die Geschmckte und drehte sie nach allen Seiten, um die Wirkung der
Brillanten zu prfen.
    Der Diakonus kam. Fancy hatte ihn von der Strae hereingeholt. Er kehrte
eben aus dem Gerichtshause zurck, den Auftritt mit dem Hofschulzen noch in
Haupt und Herzen. Seine Frau, die auch schon etwas von der Revolution in ihrem
Hause gehrt hatte, folgte. Fancy schlo den Zug. Die Wirte sahen mit Erstaunen
auf Lisbeth, die wirklich dastand, ein armes, reiches, weies, buntes Wunder. -
Kleine Frau, rief Clelia ihre Wirtin an, Sie bekommen heute freies Haus.
Sobald wir hier unsere Pflicht getan haben, reise ich ab; denn den Oberamtmann
berlasse ich euch, ihr Guten, und der wird denn auch bald zornschnaubend seiner
Wege gehen.
    Herr Pastor, sagte sie gravittisch zum Diakonus, Sie werden ersucht,
Ihren Mantel anzulegen, die Bffchen vorzustecken und sofort Ihr heiliges Amt zu
verrichten.
    Wie? versetzte der Diakonus uerst befremdet. Ohne Aufgebot, ohne
Formalitten ...
    Einspruch erfolgt nicht, auf Kavalierparole, sagte Clelia noch
feierlicher. - Und was die Formalitten betrifft, so steht hier eine bekrnzte
Braut, drben im Zimmer sitzt ein harrender Brutigam, ich habe mich als
ehestiftende Juno aus dem Stegreife in Staat geworfen, zwei ehrliche Leute als
Zeugen werden zu haben sein, weitere Formalitten sind wohl berall zu einer
Hochzeit nicht erforderlich.
    Er versagte auf das bestimmteste die Bitte. Clelia wurde aber dringender und
fand an der Frau des Geistlichen eine Bundesgenossin. Ich dchte, liebes Kind,
du gbest nach, sprach sie mit einem verlegenen vielsagenden Blicke.
    Mit der ganzen Offenheit, welche seine uerung ber den modernen Adel gegen
die Exzellenz auf dem Oberhofe geziert hatte, rief der Diakonus, sich
vergessend: Nein, mein Schatz, weil du etwas lnger Last in der Kche behltst,
deshalb kann sich dein Mann nicht scharfen Verweisen oder gar Strafen
aussetzen.
    Darber will ich Sie beruhigen! rief Clelia. Ich kenne Ihren *, er ist in
Karlsbad ganz beraus freundlich gegen mich gewesen, denn er erwartet von mir
eine Geflligkeit bei uns daheim. Eine Hand wscht die andere, ich verbrge mich
dafr, da Sie mit einer leichten Zurechtweisung, die Ihnen nur des Scheins
halber erteilt werden wird, entschlpfen sollen, zumal da in der Sache selbst
nichts Unrechtes geschieht. - Fancy schlich fort; sie wute, wo der Ornat hing.
    Gndige Frau, versetzte der Diakonus emst, die Formen sind einmal in der
Welt und die Formen sind heilsam. Entschuldigen Sie, wenn ich mich innerhalb der
mir gewiesenen Schranken halte.
    Aber auch Clelia konnte ernsthaft werden. So fest und gehalten, da es alle
Anwesende berraschte, sagte sie: Meine Eitelkeit erlebt wenigstens einen
kleinen Triumph darber, da Sie mir so bald und so vollstndig Genugtuung
geben. Sie grollten mit mir gar sehr in Ihrem Herzen, da ich die Bettlerin, das
Findelkind - denn ich darf sie so nennen, sie wei, wie lieb ich sie gewonnen
habe - nicht in der ltesten Familie des Reichs haben wollte, und nun weigern
Sie sich, ja Sie, zwei Lieblinge Ihres Herzens allen Nten zu entheben. Und
weshalb weigern Sie sich? Einer Form, einer armseligen Form wegen, deren
Verletzung Ihnen mglicherweise eine kleine Unannehmlichkeit im Amte machen
knnte. O ihr anderen, wann werdet ihr doch ablassen, euch ber uns aufzuhalten?
Ich bin doch besser als Sie. Denn ich ward wenigstens von dem kniglichen Gemte
dieses Kindes, welches ich nun mit Freuden fr meine Verwandte, Grfin Waldburg,
erkenne, rasch bekehrt. Sie aber scheinen der Bitte einer Frau unnahbar zu sein,
die nur begehrt, was der Augenblick gebietet, den Sie mir ja auch als Lehrer der
Menschen angepriesen haben. - Wohl, ich dringe nicht weiter in Sie. Aber die
Zukunft der beiden schiebe ich Ihnen in Ihr Gewissen. Fr alle Qulereien,
Hemmungen, Verdrielichkeiten oder gar Migeschicke, welche Oswald und Lisbeth
noch haben knnen, bin ich fr meine Person nicht ferner verantwortlich.
    Der Diakonus stand betreten. Von Anfang an hatte ja eine Stimme in seinem
Innern fr die Bitte der Baronesse gesprochen. Diese Stimme redete um so lauter,
als er kurz zuvor so tief bewegt worden war. Das Groe, Echte, Menschliche war
ihm in der Gerichtshalle so nahegetreten; er fhlte, da es Dinge und
Verwickelungen gebe, in denen der Mensch sich vergessen und nur an das Wesen,
und an das Los anderer denken soll.
    Nach einigem Schweigen erwiderte er Clelien: Sie haben mich auf eine Probe
gestellt. Selten wird es vorgekommen sein, da ein Geistlicher sich scharf
tadeln lassen mu vor einer heiligen Handlung, die man von ihm begehrt. Folgte
ich einer kleinlichen Empfindlichkeit, so wrde ich bei meinem Versagen
beharren. Ich bin aber nicht empfindlich, sondern erklre Ihnen ganz einfach:
Sie haben recht. Ich bin bereit, dem Bunde, welcher uns alle, wie es scheint,
durch seine liebliche Kraft ber das Gewhnliche erhebt, Weihe und Unlsbarkeit
zu geben.
    Fancy hatte sich schon whrend der letzten Worte mit dem Ornate in der Tre
gezeigt. Der Diakonus ging hinaus und kam nach einigen Augenblicken im
priesterlichen Kleide zurck. - Wollen wir ihn nicht vorbereiten lassen?
fragte Clelia. - Wozu? versetzte der Diakonus. - Das Gttliche regt nicht
auf; es beruhigt. Still treten wir bei ihm ein und ich sage ihm dann in kurzen
Worten sanft, was wir wollen; das ist wohl die beste Vorbereitung.
    Er nahm Lisbeth bei der Hand, die Frauen folgten. Schweigend und gefat
gingen diese guten Menschen nach dem Zimmer, in welchem sich auf den
Glcklichen, der noch nichts ahnete, sogleich ein Segen herniederlassen sollte,
rein, gro, himmlisch.

                                      Ende

                                  Zwei Briefe



                                       I

Sie wollen mir, lieber Herr Buchbinder, wie ein Londoner Publikum, das Nachspiel
zu der Tragdie, die einen heiteren Ausgang gewann, nicht erlassen. Sie fragen
mich nach unterschiedlichen Dingen und Personen, und da Sie mir whrend der
Arbeit rechtschaffen beigestanden haben, teils durch Heften des Manuskripts,
teils durch guten Rat, so will ich Ihnen auch darin gern, inwieweit ich kann,
gefllig sein.
    Vor allen Dingen wnschen Sie zu wissen, was der Arzt zu der Vermhlung
gesagt habe. Herr Buchbinder, Sie sind ein schlauer Vogel. Der Doktor kam
ungefhr eine Stunde nach der Trauung in das Haus und fand noch alles in
Entzcken und Trnen. Er war aber gar nicht entzckt und vergo auch keine
Trne. Sondern bitterbse war er und rief: Verdammt, da der Humor immer
wrtlich genommen wird! Allerdings war der Graf in groer Gefahr, und noch jetzt
ist ein Rckfall zu besorgen, wenn man ihn nicht vor Gemtsbewegungen in acht
nimmt. Er hatte hierauf mit der Baronesse ein Gesprch unter vier Augen.
Infolge desselben wute die junge Dame die neue Grfin zu bestimmen, da sie
noch an ihrem Hochzeittage mit ihr abreiste, und so trennte sich das Paar wenige
Stunden nach seiner ewigen Vereinigung unter heien Trnen, aber mit freiem und
wrdigem Entschlusse. Nachdem Clelia ihren entronnenen Gemahl aus dem
Osnabrckschen sich wiedergeholt hatte, reisten sie zusammen durch Holland,
Belgien, Frankreich, England bis nach Schottland. Die junge Frau oder Braut sah
vieles, merkte auf alles und wechselte mit ihrem Gemahle oder Brutigam die
schnsten Briefe. Man sah ihr nirgend an, da sie nur ein Findling war, sondern
sie betrug sich wie eine geborene Grfin. In England wurde sie der Knigin
vorgestellt, diese kte sie auf die Wange und die Frau von Lehtzen nannte sie
my dear Eliza.
    Endlich nach sechs oder sieben Monaten schlug die Stunde der Heimkehr. Der
Graf, nun ganz wiederhergestellt, kam den Reisenden bis Rotterdam entgegen und
fhrte sein brutliches Weib in groer Wonne auf das hohe Schlo am Neckar.
    Der alte Baron, ber welchen sich bei dem Einsturze des Schlosses schtzend
ein Stck Dach gespreitet hatte, wurde dadurch vor dem Zerquetschen bewahrt. Er
schlug nur mit der Stirn auf einen harten Krper, einen Stein oder Balken, auf
und trug eine groe Brausche davon. Einige Tage lag er betubt, als er aber
wieder zukehrte, war er von allen und jeglichen Einbildungen geheilt. Entweder
mu daher an ihm das Dogma des Dorfchirurgen vom Schock und Gegenschock sich
bewhrt haben, oder die fixen Ideen sind ihm frher von einem Knoten im Hirne
entstanden, den ihm die Erschtterung des Falles gesprengt hat. Genug, er war
auf den Kopf gefallen und dadurch zu Verstande gekommen.
    Einen groen Schmerz hatte der alte Mann ber die Gefhllosigkeit seiner
Pflegetochter, wie er ihr Benehmen nannte. Er wollte sie auch deshalb gar nicht
sehen, als sie ihn endlich besuchte, und sie mute, nachdem sie drei Tage
instndig bittend verweilt hatte, unverrichteter Sache abreisen. Jede Einladung
nach dem Schlosse am Neckar hat er beharrlich abgelehnt. Die jungen Gatten
sorgen aber dennoch fr ihn durch einen seiner alten Freunde, der von ihnen ins
Vertrauen gezogen worden ist. Dieser zahlt ihm nmlich reichliche Summen aus
unter dem Vorwande, es seien Rckstnde von Zinsen, die sein ehemaliger
Rentmeister nachlssigerweise uneingefordert gelassen habe. Der alte Baron wohnt
bei diesem Freunde zur Miete, hat sich wieder Jagdgewehr angeschafft, schiet
Rehe, so viele er treffen kann, trinkt Rheinwein nach Bedrfnis und lebt ganz
der Gegenwart.
    Der Schulmeister Agesel lie in den Rheinisch-Westflischen Anzeiger
einrcken, er erklre jeden, der ihn nicht fr einen gewhnlichen Menschen im
vollen Sinne des Worts halte, fr einen Schurken, worauf der Kster aus Furcht,
insultiert zu werden, seine andere Furcht nach und nach bemeistern gelernt hat.
    In Dnkelblasenheim steht alles beim alten. Nationallied ist noch immer der
Gesang der Fische aus Wielands Mrchen:

Htten's gern besser
Statt immer schlimmer;
Und raten immer,
Und treffen's nie.

Mnchhausen wird in den hchsten Kreisen der Gesellschaft ganz auerordentlich
vermit.
    Von dem Verschwinden dieses wunderbaren Mannes ist der Schleier nie gelftet
worden. Natrlich mu die Krypte einen geheimen Ausgang gehabt haben, wer nur
wte, wo? - Eine ganz sonderbare Nachricht verbreitete sich unlngst. Ein
Reisender wollte nmlich in einem kleinen Gebirgsstdtchen im
Hohenzollern-Hechingenschen einen Mann, genau aussehend wie unser Held, mit
einer ltlichen Dame lustwandeln gesehen haben. Auf Befragen hatte man dem
Reisenden
    gesagt, jener Mann heie Mnch, genannt Hausen, lebe vom Ackerbau, sei ein
ntzlicher Staatsbrger, guter Gatte und wrde ohne Zweifel ein ebenso guter
Vater werden, wenn seine Frau noch Kinder bekommen knnte.
    Wre dieser unschdliche Acker- und Staatsbrger wirklich Freiherr von
Mnchhausen, so htte sich in unserer lehrreichen Geschichte gerade das
Gegenteil von dem ereignet, was in anderen Geschichten vorzukommen pflegt. Denn
in denen werden meistens alle Vernnftigen toll, in der unsrigen aber wren
durch tchtige Eingriffe des Lebens, sei es mittelst
    Nichtachtens auf die Schrolle, sei es mittelst Fallens auf den Kopf, oder
mittelst Wiedererscheinens einer alten Geliebten, alle Tollen oder Halbtollen
vernnftig geworden. Gewi ein trstlicher Ausgang!
    Mit Wehmut wende ich mich zu Ihrer Frage nach Karl Buttervogel. Dieser
praktische Charakter ist leider an seiner einzigen Schwche untergegangen, er
starb nmlich am berma von Grnden. Das ging so zu. Bald nach dem Verlassen
des Mnchhausenschen Dienstes fand er eine neue Herrschaft, bei welcher er auch
mit Pferden umgehen mute, d.h. er wurde zugleich Kutscher. Einstmals fuhr er
nun in einem holprichten Wege so schlecht, da ihn sein Herr heftig anlie und
ihn fragte, warum er nicht im Geleise bleibe? Karl htte hierauf einfach
antworten sollen, da er gen Himmel, statt auf die Strae gesehen habe. Er
wandte aber den Kopf rckwrts und trug dem Herrn unaufhaltsam eine Flle von
Grnden vor. Da schlug der Wagen in ein tiefes Loch, Karl strzte vom Bock, fiel
vor das Rad, dieses ging ber ihn weg und jmmerlich kam er um. An seinem Grabe
weint Rieke aus Stuttgart, die er geheiratet hatte, mit zwei unmndigen Kindern.
Ich wei, da auch Sie seinem Andenken eine Trne zollen werden.
    Was das optische Glas zu lesen gegeben, kann ich Ihnen nicht sagen. Es liegt
unter den Trmmern des Schlosses, die nicht hinweggerumt worden sind.
    Habe ich Sie nun zufriedengestellt, lieber Herr Buchbinder? Der ich mit
aller Achtung usw.

N.S.
Beinahe htte ich den Oberamtmann vergessen. Eine Geschichte mit so vielen
Personen ist wie ein Wirtshaus voll Gste. Bei der pnktlichsten Aufmerksamkeit
wird doch immer der und jener sitzengelassen. Er kam aus dem gewerbfleiigen
Wuppertale zurck, schon sehr verstimmt, denn von der Assise hatte er nichts zu
sehen bekommen. Den ersten Tag seines Dortseins konnte er nmlich wegen
berfllung des Saales mit Menschen nicht hinein, am zweiten Tage wurde eine
Sache bei verschlossenen Tren verhandelt und am dritten eine ausgesetzt, weil
der Hauptzeuge fehlte; womit die damalige Quartalsitzung schlo.
    Als er nun gar seinen Freund, den er brautlos erwartete, vermhlt
wiederfinden mute, kannte sein Zorn keine Grenzen. Aber die Ehe sa wirklich
wie ein guter Riegel fest und spottete jeglicher Bemhungen, sie
hinwegzuschieben. Er reiste auf der Stelle ab, hat sich in den Schwarzwald
vergraben und nichts mehr von sich hren lassen. Sein Glaube an die Menschheit
soll sehr gesunken sein und Clelien nennt er, wie man sagt, nur Armiden, die
listige Verfhrerin. Oswald hofft indessen doch noch ihn auszushnen.

                                       II


Du fragst mich nicht nach den komischen Leuten, obgleich Du, lustig wie ein
Knabe, an ihnen Dein Ergtzen hattest und Dich selbst nicht scheutest, ber den
gemeinsten aller gemeinnen Bedienten wie Du ihn nanntest, zu lachen. Du fragst
mich nach Oswald und Lisbeth. Ihre Geschichte sei ja noch nicht aus, sagst du.
    Nein, ihre Geschichte ist auch nicht aus, sie hat erst begonnen. Ich htte
nicht solchen Anteil beiden gewidmet, wenn sie zu denen gehrten, deren Blte
das Luten der Hochzeitglocken zu Grabe lutet. Die Geschichte ihres Herzens und
innersten Geistes nahm von dem Segen des Priesters den Ausgang.
    Ein zu frhes Beieinandersein der Liebenden hat etwas Ungeschicktes. Das
Leben ist nun einmal roh, es trennt mehr, als da es verbinde. Der Tag wirft
viel Schaum und trbe Flut zwischen zwei Herzen, die noch nicht gelernt hatten
und auch unter solchen Umstnden nicht lernen knnen, miteinander vertraut zu
sein - denn auch das echte Vertrauen will gelernt werden. Daher kommt es denn,
da die meisten einander zu fremd und doch zu nahe in den Ehestand treten. Und
so entsteht die trbe und unreine Gestalt vieler Ehen. In manchem Zuflligen
hatten die Verbundenen das Wesenhafte zu finden gewhnt, das nimmt Abschied, und
nun klagen sie ber bittere Enttuschungen, wo sie im Gegenteil sich vielleicht
der Entfaltung eines Wesenhaftesten zu erfreuen htten.
    Unser Paar wurde durch anscheinendes Migeschick ber diese gefhrliche
Sandbank des Lebens hinbergesplt. Drauen, in Wald und Feld, auer dem Pferch
der Zivilisation hatten sie einander gefunden, hatten einander vor aller
Bekanntschaft geliebt, der Blitz der Ahnung hatte dem einen des andern ewiges
Sein und Werden erleuchtet. Aber nun galt es, den kostbaren Gewinn fr die Erde
zu festigen. An dem Tage ihres Bundes wurden sie getrennt! Trauriges Los,
glckseliges Los! In Sehnsucht und Wehmut, in zartem Harren und Darben lernte
nun eines des andern Tiefstes aus; das Feinste und Wahrste der Seelen, der
Bltenstaub des inneren Menschen wehte hinber und herber. Die Leidenschaft
konnte nicht aufkommen, denn die Hoffnung, festgeankert auf dem Grunde des
Sakraments, hielt sie mit sanfter Hand nieder, die Ferne zeigte jedem die zweite
teure Gestalt in verklrten Umrissen.
    Daher kannten sie einander, als er ihr bei Rotterdam aus dem Boote half,
aber sie kannten einander in der edelsten und kstlichsten Weise. Den ewigen
Menschen hatte eines in dem andern erschauen gelernt, nicht den zuflligen. Die
Begeisterung des ersten Liebesrausches hatte die seste und zugleich die
ernsteste hohe Schule durchgemacht. In allen Tiefen des Bewutseins hatte sich
das Aufjauchzen des Gefhls als hohe Vernunft wiedergefunden.
    Und nun haben sie einen Glauben, den nichts erschttern kann. Wenn der Tag
seinen Schaum heransplt und das Bild des Liebsten verunreinigt; wenn die Laune
kommt und das Sonderbare, Dumpfe, so sprechen sie: Das ist nicht Oswald, das ist
nicht Lisbeth, das ist der Zufall. Eines ist fr das andere nur da in der
schnen Figur jener akademischen Zeit ihrer Liebe.
    Nach allen Seiten hin erbaut sie die Ehe, die den Namen einer heiligen
verdient. Denn sie haben einander einen Doppelschwur geleistet ohne Worte. Eins
wollen sie sein und bleiben, aber eins im Leben und in der Welt, nicht sich
versteckend vor Leben und Welt. Mit Liebe wollen sie den stumpfen Widerstand der
Materie berwinden. Der ist gro. Denn ihr Schritt hat freilich in alle
Verhltnisse den tiefsten Ri gemacht. Man lt Lisbeths Liebenswrdigkeit zwar
gelten, aber das Findelkind bleibt ihnen doch ein Findelkind. Die Bekannten
haben gestutzt, die Freunde getrauert, die Familie ist auer sich gewesen,
habschtige Vettern schielten froh nach der Zukunft. Zwischen diesen drren
Klippen, in solcher Wildnis ist ihnen die Aufgabe gesetzt, den Garten eines
schnen, fruchttragenden Lebens auszusen. Daher hat denn ihre Geschichte nur
erst begonnen. berallhin mssen sie sich aufstellen, jeden Schatz aus sich
zutage frdern, sie mssen sich vollenden fr die Welt und fr die Zwecke der
Welt, um das Recht des Herzens darzulegen.
    Eine Liebesgeschichte und nichts weiter! werden manche sagen. Wenn es
nichts weiter wurde, so ist daran meine geringe Fhigkeit, nicht mein Sinn
schuld. Mein Sinn stand darauf, eine Geschichte der Liebe nachzuerzhlen, der
Liebe zu folgen bis zu dem Punkte, wo sie den Menschen fr Haus und Land, fr
Zeit und Mitwelt reif, mndig, wirksam zu machen beginnt.
    Deine Seele hat manchen Gedanken von mir in sich empfangen, Du hast ihn
gepflegt und mir schner zurckgegeben. Von Dir vernahm ich zuweilen erst, was
ich eigentlich gedacht hatte. Hre denn auch jetzt, was meine rauhe und
ungestme Lippe Dir zustammelt; pflege es in einem feinen, guten Gemte.
    Unsere Zeit ist gro, der Wunder voll, fruchtbar und guter Hoffnung. Aber
irr und wirr taumelt sie noch oft hin und her, wei die Stege nicht und plaudert
wie im Traume. Das rhrt daher, weil das Herz der Menschheit noch nicht wieder
recht aufgewacht ist. Denn nicht abhanden kam der Menschheit das Herz, es ward
nur mde und schlief etwas ein. Im Herzen mssen sich die Menschen erst wieder
fhlen lernen, um den neuen Weg zu erkennen, den die Geschlechter der Erde
wandeln sollen, denn vom Herzen ist alles Grte auf Erden ausgeschritten. Moses
sah an das Elend seines Volkes und fhrete es hinweg; Christus wollte sein
gttliches Licht nicht fr sich behalten, sondern in berstrmender Liebe gab er
es seinen Brdern; nach dem heiligen Grabe lechzete die durstige Brust der
Kreuzfahrer, Luther tat mit seinem Herzen die tiefe Frage nach der ewigen
Seligkeit, vor welche sich schmauchende Kirchenkerzen gestellt hatten, die von
Megewndern und Weihrauchwolken verhllt war.
    Wenn ich aber das viel gemibrauchte und deshalb bel berufene Wort brauche,
so weit Du, da ich damit nicht den schlaffen, von der Empfindelei getauften
Muskel meine, der in einer Flut matter Trnen schwimmt. Das volle, starke Herz
meine ich, vom Atem Gottes und gttlicher Notwendigkeiten durchweht und
begeistet. Ich meine das Herz, welches das schne Weib des Kopfes ist. Von ihm
wird es befruchtet und gibt die Kraft seines Mannes und Herrn wieder als
gttliches Kind mit tiefen welterlsenden Augen. Dieses Herz erscheint den
Schwachen nicht selten kalt und roh, und doch ist es das Wrmste, was es gibt,
denn es entzndet mit seinem Brande die Vlker. Und das Zrteste ist es auch,
denn nicht irdische Stmper rhren es, sondern die Himmlischen spielen darauf,
wie auf einer olsharfe, und es tnet seine ewigen Akkorde unter den Fingern der
Elohim.
    Unsere Zeit ist ein Kolumbus. Sie sieht wie der Genueser mit den Blicken des
Geistes das ferne Land hinter der Wste des Ozeans. Desselbengleichen erlebt sie
die Geschicke des Kolumbus. Auch ihr laufen die Kinder nach, halten sie fr
wahnwitzig und zeigen an den Kopf. Auch sie steht vor manchem Rate von Salamanca
und soll sich aus Kirchenvtern widerlegen lassen. Auch heuer gibt es diesen und
jenen heuchlerischen Johann von Portugal, der ihr das Geheimnis abgekauft zu
haben whnt und die Karavelle aussendet von den Inseln des Grnen Vorgebirges,
aber nach vierzehn Tagen den schlechten Bootsmann entmutigt wiederkehren sieht.
- Sie hat die Anker gelichtet und steuert und steuert.
    Aber der Genueser hatte die Bussole am Bord und nach der richtete er sein
Schiff und lie sich nicht irremachen, als die Nadel unter entlegenen Graden
abzuweichen begann. Die Nadel zeigte ihm den Pfad.
    In das Schiff der Zeit mu die Bussole getan werden, das Herz. Und keine
Abweichung mu den Seefahrer irren, wenn die Reise immer weiter und weiter
vordringt. Dann wird nach verzweiflungsvollem Hoffen und Harren pltzlich in
einer Nacht vom Schiffe: Land! gerufen werden, und die Insel San Salvador wird
nchsten Morgens entdeckt daliegen, wild, ppig, mit groen und schnen Wldern,
mit unbekannten Blumen und Frchten, von reinen, lieblichen Lften berhaucht
und umsplt von einem kristallklaren Meere. - Und es kann sein, da auch die
Zeit nach Ophir und nach des Tartarkhanes Gebiete entsteuert zu sein whnet, und
in diesem Wahne, ein erhaben phantasierender Kolumbus, abstirbt, und da erst
sptere Jahre erfahren, Amerika sei an jenem Morgen entdeckt worden.

                                    Funoten


1 So heit in manchen Gegenden ein Strick.

2 Ausdruck fr Brotherr.

3 Provinzialismus fr: Mdchen.

4 Abgekrzt fr: Brigitta.

5 Soll wohl heien: geschlagen.

6 Er meint vermutlich den Vorfall, den die Erbstatthalterin in den hollndischen
Unruhen auf ihrer Reise nach dem Haag erlebte.

7 Bei den Hochzeitmahlzeiten der Bauern in dortiger Gegend warten der Brutigam
und der Schulmeister auf; sonst niemand.

8 Vermutlich sind hier die rastlos schwirrenden grauen Nachtfalter mit dem
fischschweifartigen Hinterleibe genannt.

9 Ist nun auch schon veraltet. - Doch wer wei?

10 Unbegreifliches Verfahren! Warum setzte er die Interessenten nicht von der
ihrem Meister und Freunde drohenden Gefahr in Kenntnis? Sie wrden sich mit ihm
gegen die Feinde verbndet haben und nachher htten sich die allseitigen
Ansprche ordnen lassen. Statt dessen verliert er die Zeit mit unntzem
Protokollieren! Es ist offenbar, da sein erster Fehlschritt ihm das klare
Bewutsein von der Lage der Sache getrbt hatte.

11 Die Umgrenzung des zu einem Hof gehrigen Feld-, Wiesen- und Baumgrundes.

12 Anfall von Schlagflu.

