
                             Schopenhauer, Johanna

                                  Richard Wood

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                              Johanna Schopenhauer

                                  Richard Wood

                                     Roman

 Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram,
 Da ich zur Welt, sie einzurichten, kam!
                                                                         Hamlet.

                                  Erster Theil


Der Winter war, gegen Ende des Mrzmonats, nach kurzem Scheiden, mit
verdoppeltem Inngrimm wiedergekehrt; gewaltige Eiszapfen schwebten von allen
Dchern herab, und flimmerten im klaren kalten Mondenlicht, kristallnen
Girandolen vergleichbar. Der alles berkleidende Schnee blitzte, wie mit
Diamanten berset, unter dem knisternden Futritt einzelner Wanderer, die,
Pelz, Bart und Haar mit Reif bepudert, ihrer Wohnung zueilten. de und
vereinsamt lagen Moskaus sonst so lebensreiche Straen wie ausgestorben da, denn
Menschen und Thiere drngten, von grimmiger Klte getrieben, im Innern der
Gebude, zwischen den wrmenden vier Wnden sich zusammen, die Keiner verlie,
den Nothwendigkeit nicht hinaustrieb.
    In der Vorhalle der groen, aus der Asche wieder aufgestiegenen Kaserne,
welche zur Militairschule gehrt, standen indessen dennoch zwei junge Mnner,
ohne die groe Klte anscheinend zu bemerken, in eifrigem Gesprch lange bei
einander. Der eine derselben, vom Kopfe bis zum Fu in reiche Pelze gehllt,
vermochte zwar wohl der rauhen Winterluft Trotz zu bieten, doch nicht so der
Andere, eine jugendlich zarte schlanke Gestalt, in der leichten Uniform der
Lanzenreiter vom Bug; und doch war es gerade dieser, der, als ob er die Klte
gar nicht empfnde, seinen wohl bepelzten Freund festhielt, und immer wieder -
und immer fester an die Brust drckte.
    Nun, so gehe denn, weil es nicht anders sein kann! sprach er endlich, indem
er sich nicht ohne Anstrengung zusammennahm: mein Freund, mein Bruder, mein
Eugen! gehe zurck zu den Deinen, zurck zum Palast Deines Vaters! gehe, aber
verla mich nicht ganz. Reiche mir zuweilen die Freundeshand ber die Kluft hin,
welche der heutige Abend zwischen uns ffnet, - damit ich nicht ganz verstoen
mich fhle! setzte er, unwillkrlich sehr weich werdend, hinzu; und wandte
unmuthig sich ab, vielleicht um eine aufsteigende Thrne in seinem Auge zu
verbergen.
    Eugen trat ein Paar Schritte zurck und sah ernst und forschend ihm ins
Gesicht. Du bist krank! rief er, gewi Richard, Du bist wieder krank, denn mit
gesunden fnf Sinnen kannst Du auf solche ganz absurde Gedanken nicht verfallen.
Nun, so steige nur gleich in den Schlitten, und fahre mit mir wieder nach Hause;
ich will es bei Deinem Rittmeister schon verantworten.
    Mein Gemth, meine Seele sind voll trber Gedanken und Trennungsweh', doch
krperlich krank bin ich nicht: erwiederte Richard, wehmthig lchelnd.
    Ob Du wunderlich bist! rief Eugen; warum geberdest Du Dich denn so? spricht
der Mensch nicht von Kluft! von Verlassensein! von lauter Jammer und Noth, als
ob Gott wei was fr ein groes Unheil ber ihn hereingebrochen wre! Kannst Du
denn wirklich befrchten, weil Du in der Kaserne jetzt wohnst und nicht mehr bei
uns, wrde Dir es an irgend etwas mangeln? recht wie ein Muttershnchen, das von
Mama weg auf die Hochschule soll, und nun meint es wre aus mit allem irdischen
Glck.
    Fr solch ein Jammerbild wirst Du mich doch nicht halten, rief Richard
bitter lchelnd.
    Freilich nicht, erwiederte ebenfalls lachend Eugen, aber, nimm's nicht bel,
seit einer Stunde ist dieses das erste vernnftige Wort, das ich von Dir hre.
Soll ich Dich abermals daran erinnern, da Keiner dieser Prfungszeit, die Du
jetzt antrittst, beim Anfange seiner militairischen Carrire sich entziehen
kann? und auch da es Mittel giebt, sie in gewissen Fllen sehr abzukrzen? Du
kennst meinen Vater, an seiner herzlichen Liebe zu Dir kannst Du nicht zweifeln,
also - fasse Muth, sei vernnftig und hoffe das Beste.
    Ein schwerer Seufzer, der hrbar den tiefsten Tiefen seiner Brust sich
entwand, war Richards Antwort. Eugen sah zweifelnd ihn an, und blieb still und
gedankenvoll vor ihm stehen.
    Richard, sprach er nach kurzem Schweigen sehr sanft, beinahe verlegen, es
mu heraus, was ich auf dem Herzen habe; bereuest Du gerade diese Bahn zu Deinem
ferneren Fortkommen Dir erwhlt zu haben? Ist dem so, wie eine leise Ahnung in
meiner Seele behaupten will? Warum solltest Du Dich scheuen, es Deinem Freunde
schnell und offen zu gestehen. Es war Deine eigne Wahl, Niemand hat versucht sie
leiten zu wollen. Aber in der Ferne sehen die Dinge anders aus als in der Nhe,
und man miversteht oft sich selbst und das eigne Herz.
    Nein, nein, und Tausendmal nein! rief Richard mit groer Heftigkeit; ich bin
kein wankelmthiger Knabe, kein schwankendes Rohr. Ich habe alles wohl
durchdacht, geprft, berlegt, als ich den einzigen Weg einschlug, der mir, dem
Namenlosen, dem Armen, eine entfernte Mglichkeit bot, ihn dem hohen
Frstenhause einigermaen zu nhern, dem Du, dem die Deinen angehren, zu dem
auch ich einst durch meine seltsame Stellung verleitet - -. Ach! la jene
qualvollen Tage mich vergessen! La mich hoffen, Zeit und Glck werden mir
gnstig sein. Und wahrlich, fuhr er, sich pltzlich hochaufrichtend, mit warmer
Begeisterung fort: wahrlich, stellt sich mir die Gelegenheit, stellt sie sich
mir, in welcher Gestalt es sei, ich werde nicht schwachmthig sie mir
entschlpfen lassen. Bei der Stirnlocke will ich die Flchtige schon zu fassen
und zu halten wissen. Ich erreiche das Ziel, das ich mir gesetzt, oder gehe
unter im Streben danach.
    Bravo! bravo! so ist es Recht, so gefllst Du mir; erwiederte Eugen und
schttelte ihm krftig die Hand. In kurzen flchtigen Worten ermahnte er ihn
nochmals, so guten Muthes zu beharren; erinnerte, da er Morgen zur Mittagstafel
erwartet werde, um selbst zu berichten wie seine neue Wohnung ihm gefalle, und
da Helene fest darauf rechne, noch vorher die gewohnte musikalische
bungsstunde mit ihm zu halten. Dann warf Eugen sich in den schon lngst seiner
harrenden Schlitten, und jagte wie auf Sturmesflgeln davon.
    Richard starrte in die kalte schweigsame Mondnacht hinein, bis seinem Auge
die flchtige Freundesgestalt entschwunden, und auch der letzte Ton des
silbernen Schellengelutes verhallt war. Dann wandte er sich, und stieg langsam
die zu seinem Zimmer fhrende Treppe hinan.
    Auf alles, was in demselben zu seiner Bequemlichkeit beitragen konnte, war
mit liebender Sorgfalt Rcksicht genommen. Zwischen Schlaf und Wachen harrte im
Vorsaal der alte Paul seiner Befehle, ein treuer Diener, der schon seiner
Kindheit gepflegt hatte, und ihm jetzt zur Bedienung zugegeben worden war. Vom
groen Ofen ging eine berall gleichverbreitete wohlthtige Wrme aus,
wohlverwahrte Doppelfenster hielten das Eindringen der rauhen Winterluft ab, und
ein dicker Teppich deckte den Fuboden. Auch fehlte es weder an einem mit seinen
Lieblingsschriftstellern wohl besetzten Bcherschranke, noch an einem bequemen
Schreibtische.
    Richard wollte der thtigen Theilnahme sich freuen, mit der hier fr ihn,
den dunkeln Fremdling, gesorgt worden war; aber das sonst so warme, jedem frohen
Gefhl offne Herz lag fr jetzt wie todt und erstarrt ihm in der Brust. Mit
einer gewissen ngstlichkeit suchte er nach irgend etwas, das ihn lebhaft genug
anregen knne, um die innere Trostlosigkeit zu bekmpfen, die immer mchtiger
werdend, sich seiner ganz zu bemeistern drohte; da fiel in einer etwas dunkeln
Ecke des Zimmers eine schn gearbeitete Schatulle ihm auf, die er bis dahin
bersehen, und zugleich erinnerte er sich eines Schlssels, den Eugen, ehe er
von ihm ging, ihm bergeben und zu sichrer Aufbewahrung anempfohlen hatte.
    Unbeschreiblich freudig berrascht, erkannte er in dem zierlichen Behltni
ein sonst hochgehaltenes Eigenthum der Frstin Eudoxia, der Mutter Eugens. Es
war das Meisterstck eines jungen Ebenisten, der unter dem Schutze ihres Gemahls
sich krzlich in Moskau niedergelassen hatte; ein Kstchen von Ebenholz, mit
einem gleich Diamanten blitzenden sthlernen Netze berzogen. Aus jedem der
hellpolirten Stahlplttchen leuchtete, wie aus so vielen freundlichen Augen, ein
Strahl jener sonnenhellen Tage seiner Jugendzeit ihm entgegen, die er in banger
Vorahnung mit dem heutigen geschlossen gewhnt, und eine Thrne der reinsten
gefhltesten Freude umdunkelte sein Auge, als er vor dem Inhalte des Kstchens
stand, beinahe laut aufjauchzend, wie ein glckliches Kind vor der unerwartet
reichen Weihnachtsbescheerung.
    Im kleinen Raum lag hier seine ganze glckliche Knaben- und Jnglingszeit
ausgebreitet vor ihm; von den mit mhseliger Knstlichkeit aus Rennthierknochen
geschnitzten Figrchen der Lapplnder an, die er einst als vortreffliche
Meisterstcke bewundert hatte, bis zu den glnzenden Terzerolen des Frsten
Alexis, Eugens lterem Bruder, zu denen er oft in kindischer Sehnsucht seufzend
hinaufgeblickt, und dem prchtigen, mit Rubinen und Smaragden besetzten
Trkendolch, sonst Eugens liebstes Eigenthum, das ohne seine Erlaubni Niemand
zu berhren, kaum anzublicken wagte. Dicht daneben kauerten auch die kleinen
glattkpfigen Chinesen von Speckstein in einer Ecke beisammen, die viele Jahre
lang auf einem Ecktischchen im Zimmer der Frstin Eudoxia ihren Platz gehabt
hatten, und wurden von ihm als kleine stumme Gesellen seiner glcklichsten
Stunden mit einer Art von Rhrung begrt. Denn nur wenn er ganz ausgezeichnet
folgsam und fleiig gewesen war, wurde es ihm erlaubt, zu den Fen seiner hohen
Pflegemutter damit zu spielen.
    Nichts von Allem fehlte, was in frher Jugend ihm besonders werth oder
bedeutend erschienen. Da war die eigne Uhr des vterlichen Beschtzers seiner
Kindheit, des Frsten Andreas; wie oft hatte dieser sie geffnet, um dem auf
seinem Knie sich schaukelnden Knaben das feine innere Rderwerk derselben
bewundern zu lassen! Auch das einfache Taschenbuch, das er tglich in dessen
Hnden gesehen; Richard war in diesem Augenblicke zu bewegt, um den reichen
Inhalt desselben zu bemerken. Da war auch noch eine kunstreiche Stickerei von
den eignen Hnden der Frstin Eudoxia, eine von der Frstin Natalie, der
ltesten Tochter jenes edlen Paares, gezeichnete Landschaft, ein silberner
Becher vom Frsten Konstantin, ihrem verlobten Brutigam; Richard hatte einst
bei diesem den Becher gesehen, und die schne getriebene Arbeit daran bewundert.
    Sogar keines der entfernteren Mitglieder der Familie hatte sich davon
ausgeschlossen, ihn, der so lange in ihrer Mitte gelebt hatte, durch ein
Andenken an vergangne Tage zu erfreuen. Der Tisch war bald mit einer Menge jener
eben so zierlichen, als grtentheils unbrauchbaren kleinen Gerthschaften aus
Bronze und Vermeille bedeckt; glnzendes Spielzeug fr groe Kinder, das die
Mode berall, besonders aber in Ruland eingefhrt hat. Denn ungeachtet der
unglaublichen Fortschritte, die dieses, die erste Grenze hherer Kultur erst vor
kurzem berschritten habende Volk whrend des Laufes der letzten hundert Jahre
gemacht hat, neigt sein Geschmack sich noch immer mit einer Art kindlicher
Naivitt dem zu, was die alten Griechen barbarisch zu nennen pflegten.
    So suchen nur Eltern ihren Sohn, Geschwister ihren Bruder, ber eine
nothwendig gewordene Entfernung aus dem vterlichen Hause zu trsten und
zugleich ihr Andenken in ihm lebendig zu erhalten: rief es laut in seinem
Herzen. Seit ber seine wahre Lage ihm die Augen aufgegangen waren, konnte er es
sich leider nicht mehr verhehlen, da er ein Fremdling unter Fremden
aufgewachsen sei; doch diese traurige Wahrheit drckte ihn nicht mehr zu Boden;
er hatte die berzeugung gewonnen, geliebt zu sein, und diese erhob ihn wieder;
sie trstete ihn ber Alles, was er frher entbehrt hatte, ohne es zu empfinden.
    Ungeachtet der vor ihm ausgebreiteten Reichthmer schien Richard aber doch
noch etwas zu vermissen; er suchte und suchte mit steigender ngstlichkeit, bis
er endlich auf dem Grunde der Schatulle ein ziemlich zerlesenes Bchelchen fand,
eine englische Taschenausgabe des Vicar of Wakefield, und in demselben als
Buchzeichen ein Stckchen blaues Silberband. Alles brige war nun vor seinen
Augen verschwunden; die auf dem Tische ausgebreiteten Herrlichkeiten mochten
liegen bleiben wie sie lagen, er warf mit seinem Funde sich in den nchsten
Sessel, und schien eifrig die unscheinbaren Bltter zu studiren. Ob er wirklich
darin las? wer mag das sagen.
    Nun, Bruderherz, spielst Du auch hier noch immer den Gelehrten? rief eine
tiefe sonore Stimme neben ihm, und ein leichter Schlag auf die Achsel begleitete
die Frage. Richard blickte auf; Iwan Yakuchin, Unteroffizier des Regiments, zu
welchem auch er von heute an gehrte, stand vor ihm, ein ihm sehr lieber, wenn
gleich nicht alter Bekannter; denn Iwan war erst seit wenigen Monaten aus dem
sdlichern Ruland nach Moskau gekommen.
    Er war an Leib und Seele ein roher Diamant, dieser Iwan; ein treues,
tapfres, redliches Gemth, dessen seltnen Werth Richard auf den ersten Blick
erkannt hatte; obgleich er weit davon entfernt war, ihn seinem weit hher
gebildeten Freunde Eugen gleichzustellen, dessen ganzes Wesen durch die
zartesten, innigsten Bande dem Seinigen auf das unzertrennlichste verzweigt war.
Iwan aber hatte mit seinem heien, liebebedrfenden, durch die erste Trennung
vom vterlichen Heerde schmerzlich verletzten Herzen, sich an die Brust des
Jnglings geworfen, dessen milde edle Erscheinung ihn unwiderstehlich anzog; er
war nicht gewohnt, das was in seinem Gemthe vorging, bis auf gelegenere Zeit
weltklug zu verbergen, und Richard war eben so wenig dazu geeignet, eine ihm
entgegenstrebende Neigung hart und kalt von sich abzuweisen.
    Nicht nur als Kamerad, auch als Nachbar komme ich in dieser spten Stunde
Dich zu begren; denn wenn gleich weite Hallen, lange Korridors und einige Hfe
zwischen uns liegen, so wohnen wir doch eigentlich unter einem Dach, sprach Iwan
und schttelte treuherzig dem Freunde die Hand. Was bin ich froh, Dich der
parfmirten, vornehmen Atmosphre endlich entronnen zu sehen, in welcher ein
geheimes Etwas unser Einem, mir wenigstens, immer den Athem versetzt! fuhr er
fort. Jetzt erst, Herzensbrderchen, wirst Du recht aufleben, wenn Du fhlst und
einsiehst, was es sagen will, sich selbst angehren, sich nach eigner Willkr
regen und bewegen, frei von den tausend Banden, mit welchen jene Kneesen,
Frsten, oder wie man sie nennen will ...
    Vater und Mutter, Brder und Schwestern, sind, die Du meinst, mir gewesen;
sie sind es mir noch, und werden es bleiben, und ich will auf keine Weise sie
schelten hren: fiel Richard heftig mit zornblitzenden Augen ihm ein. Und wenn
ich sie nie wiedershe, und wenn sie ihre Hand ganz von mir abzgen, sie bleiben
das Kleinod meines Herzens, an dem ich hnge, fester als am eigenen Leben. Habe
ich nicht, auer diesem, ihnen alles zu verdanken? und ich will sie nicht
verunglimpfen hren, nicht durch den Schatten eines sie herabsetzenden
Gedankens.
    Nun nun! nun nun! erwiederte Iwan sehr gutmthig, ereifre Dich nicht, ich
meine es ja nicht bse. Ich will mich ja gern fgen, wenn man mir nur das
Verstndni ffnet. Ich kenne ja nichts, bin hier noch nagelneu, wei noch von
gar nichts; nicht einmal wer Du eigentlich bist. Als ich auf der Reitbahn zum
erstenmale Dich sah, htte ich Dich beinahe auch fr so ein Frstenkind
gehalten. Und vielleicht bist Du es auch, denn hier sieht es doch gewaltig
frstlich aus! rief er pltzlich, indem er jetzt erst den mit glnzenden
Geschenken bedeckten Tisch gewahr wurde. Was fr Reichthmer! Hilf Gott,
dergleichen kommt mir nicht einmal im Traume vor.
    Richard, in der noch nicht verklungenen Freude seines Herzens, und zugleich
froh dem Gesprch dadurch eine andre Wendung geben zu knnen, beeiferte sich
seinem Freunde mit der grten Geflligkeit jedes Stck einzeln zu zeigen, und
ihm den Gebrauch von manchem derselben zu erklren. Denn der gute Iwan war ein
ebenso groer Neuling in Hinsicht dessen, was die elegante Welt unentbehrlich
nennt, als des Lebens in und mit ihr. Zugleich nannte Richard bei jedem der
Geschenke ihm den Namen des Gebers, und suchte bei einigen derselben ihm
begreiflich zu machen, durch welche Nebenbedeutung diese einen unschtzbaren
Werth fr ihn erhielten. Iwan sah und hrte alles mit der grten Aufmerksamkeit
an: Brave Leute, gute Leute, vornehm aber gut, murmelte er dabei in abgebrochnen
Stzen vor sich hin; ja wohl Eltern und Brder fr Dich, mut sie ehren und
lieben, Du kannst nicht anders. Nachdem Iwan alles sattsam betrachtet und
bewundert hatte, ausgenommen den Vicar of Wakefield, der ihm nicht gezeigt
worden war, und dem er auch wohl kein Interesse abgewonnen htte, setzten beide
Freunde in immer traulicher werdendem Gesprch sich zu einander hin. Iwan
erzhlte von seinen frheren Verhltnissen; von seinem alten Vater, einem
wackern Landmanne am Fue des Kaukasus, von seiner fleiigen, noch im hheren
Alter im Haushalte rhrigen Mutter; von seinen vielen Schwestern und Brdern,
sogar von seinen vielen Hunden, die er alle hatte daheim lassen mssen, und nur
einen mitnehmen drfen. Er war so jung, so einfach auferzogen, hatte so weniges
erlebt, da ihm alles bedeutend erschien. Auch Richarden ging, in der Stille der
Nacht, das ohnehin sehr bewegte Herz auf; auch er ergo sich in offnem Vertrauen
gegen seinen Freund; und als Iwan zu spter Nachtzeit ihn verlie, konnte er
nicht mehr darber klagen, da er nicht wisse, wer Richard eigentlich sei.

Sally! mach' endlich Feierabend: setz' Dich zu mir, und lass' uns unser
Butterbrod und unsern Krug Porter gemthlich mit einander verzehren, ich habe
viel Neues Dir mitzutheilen, und mich ber mancherlei mit Dir zu berathen.
    So ungefhr hatte zwlf oder dreizehn Jahre vor jenem Abende in dem kleinen
englischen Fabrikstdtchen Nottingham, Master Wood, ein guter ehrlicher
Strumpf-Fabrikant, seiner noch in ihrem Haushalt beschftigten Ehefrau
zugerufen.
    Ohne diesen letzten Zusatz htte Mitre Wood ihren lieben Herrn und
Gebieter wohl noch ein halbes Stndchen warten lassen. Zwar waren die Kinder
schon zu Bette gebracht, die Taubenpastete fr den morgenden Sabbath, dieses
grte Festtagsgericht der englischen Kleinbrger, war bis zum Abbacken fertig,
die Rhabarber-Torte ebenfalls, die Keine so trefflich zu bereiten wute als sie:
es war jedoch Sonnabend, am folgenden Tage wurden einige Gste aus der
Nachbarschaft erwartet, und die ordnungsliebende Hausfrau htte gar zu gern vor
Schlafengehen noch dieses und jenes besorgt.
    Aber Master Wood hatte ihr Neues zu erzhlen, und verlangte obendrein ihren
Rath, ein Fall der sich nicht oft ereignete; was in aller Welt konnte das
bedeuten! dieser Gedanke besiegte jede ihrer Bedenklichkeiten. In aller
Geschwindigkeit warf sie noch eine Hand voll Cayenne-Pfeffer in die Pastete,
band ihre Kchenschrze ab, rckte vor dem Spiegel ihre Haube zurecht, und sa
nach zwei Minuten mit dem allerfreundlichsten erwartungsvollsten Gesicht neben
ihrem Mann, an dem bereits gedeckten Abendtisch.
    Beide befanden sich in jener heitern zufriednen Stimmung, wie sie der in
England dem stillen Genusse huslichen Wohlbefindens besonders geweihte
Samstagabend erfordert, dieser freundliche Vorlufer des ernsteren, halb dem
Gottesdienst, halb der Langenweile gewidmeten Sonntags. Master Wood hatte, wie
der pnktliche Geschftsmann an diesem Tage immer that, seinen Arbeitern ihren
Lohn ausgezahlt, seine Wochenrechnungen abgeschlossen, und war mit dem Ertrage
derselben zufrieden. Mitre Wood freute sich auf die einer arbeitsvollen Woche
folgende Sonntagsruhe, auf den morgen zu erwartenden Besuch ihrer Verwandten,
auf das neue Bonnet, mit welchem sie in der Kirche zu erscheinen gedachte. Mann
und Frau waren gute, redliche, fleiige Leute, denen es, bei ziemlich
beschrnkten Mitteln, nicht leicht wurde, sich und ihre vierzehn Kinder
anstndig und ehrlich durch die Welt zu bringen, von denen das lteste achtzehn,
das jngste anderthalb Jahre alt war.
    Solche zahlreiche Familien sind indessen in Grobritannien, besonders beim
Mittelstande, nichts Ungewhnliches; und das Ehepaar war mit seiner Lage ganz
zufrieden. Der Hausvater htte freilich gern, durch einige Vermehrung seines
Kapitals, seinem Geschft eine grere Ausdehnung gegeben; war aber doch
herzlich froh, wenn bei mglichstem Flei von seiner, bei mglichster
Sparsamkeit von seiner Frau Seite, es am Ende des Jahres ihm gelang, beide Enden
zusammenzubringen, wie er es nannte; das heit, wenn seine Ausgaben seine
Einnahme nicht berstiegen. War er aber vollends so glcklich gewesen eine
kleine Summe erbrigt zu haben, die er zu seinem Kapital schlagen konnte, so
htte er in dem Augenblicke gewi nicht mit dem Lord Mayor von London getauscht.
    Nach Beendigung des frugalen Mahles zog Master Wood, mit einiger
Umstndlichkeit, einen dicken Brief hervor, und machte Anstalt ihn seiner Frau
vorzulesen; denn kein Englnder wird whrend der Mahlzeit von Geschften
sprechen; auch hatte Mitre Wood uerlich ganz gelassen, wenn gleich vor
innerer Ungeduld brennend, diesen Zeitpunkt abgewartet. Das Schreiben war von
einem bedeutenden Correspondenten ihres Mannes, dem reichen und angesehenen
Strumpfhndler Smith in London und der Anfang desselben kam der guten Frau zwar
ganz angenehm, aber keinesweges besonders merkwrdig oder interessant vor. Es
enthielt einige Bestellungen im Fache ihres Gatten, deren Ausfhrung freilich
einen ziemlich bedeutenden Vortheil abzuwerfen versprach.
    Jetzt, Sally, gieb Acht, nun kommt das Beste, rief Master Wood, indem er das
Blatt umschlug, und zugleich seine Frau bemerken lie, wie bis dahin der Brief
von dem Handlungsdiener seines geehrten Gnners und Freundes, der nun folgende
Zusatz aber von ihm selbst eigenhndig geschrieben sei; dann las er:
    Seit unsrer ersten kommerziellen Verbindung, werther Sir, besonders aber
seit ich Sie und Ihre Familie persnlich kennen lernte und von Ihnen eingeladen
wurde, bei einem Ihrer Shne Pathenstelle zu vertreten, habe ich mir immer
gewnscht, durch mehr als bloe Worte mein aufrichtiges Wohlwollen und meine
Theilnahme Ihnen zu beweisen, und die Gelegenheit dazu hat sich gestern ganz
unerwartet gefunden.
    Sir John Murray, mein sehr ehrenwerther Freund, dessen groes bergewicht an
der Londoner Brse Ihnen gewi nicht unbekannt ist, und mit dem ich zuweilen von
Ihnen und der zahlreichen Familie gesprochen, mit welcher es dem Herrn gefallen
Sie zu segnen, hat mir, in Hinsicht auf Sie, einen Vorschlag gethan, der mir zu
annehmbar scheint, als da man vernnftiger Weise nicht darauf eingehen drfe.
    Ein sehr vornehmer russischer Groer, ungefhr das, was man in unserm Lande
einen Lord und Pair des Reiches nennen wrde, hat durch den berhmten Banquier
Gro in St. Petersburg an unsern Sir John den Auftrag ergehen lassen, ihm einen
acht bis zehnjhrigen englischen Knaben, von guter ehrbarer Familie,
herberzuschicken, den er mit seinen eigenen, ungefhr im nmlichen Alter
stehenden Kindern erziehen lassen will, damit diese, gleichsam spielend, auf
leichte Weise von ihm englisch reden lernen. Denn Sie mssen wissen, werther
Sir, unsre Sprache wird auf dem Kontinente, besonders aber in Ruland, mit jedem
Jahre beliebter, und es ist dort in groen Husern gebruchlich, junge
Auslnder, besonders englische oder deutsche Knaben, zu dem nmlichen Zwecke in
ihren Familien aufzunehmen.
    Sir John, dem meine Vorliebe fr Sie und die Ihrigen nicht unbekannt ist,
kam gleich nachdem er diesen Auftrag erhalten zu mir, um sich zu erkundigen, ob
einer Ihrer Shne sich vielleicht zur Erfllung desselben eignen mchte, fgte
aber hinzu, da kein langes Bedenken hier statt finden knne, sondern im
Gegentheil der Entschlu gleich auf der Stelle gefat werden msse. Die schon
weit vorgerckte Jahreszeit mchte einer so bedeutenden Seereise nicht lange
mehr gnstig genug bleiben, um sie mit vollkommner Ruhe und Sicherheit
unternehmen zu knnen; berdem liegt das nach Petersburg bestimmte gute Schiff,
der Delphin, in diesem Augenblicke segelfertig auf der Themse, dessen Kapitain,
der mir und Sir John wohlbekannte Simon Hill, ganz der Mann dazu ist, das Kind
unterwegs wohl zu verpflegen, und ungefhrdet an Ort und Stelle zu bringen.
    Vor Allem bitte ich Sie, werther Freund, bei diesem Vorschlage, auch nicht
auf die allerentfernteste Weise, an entehrende Dienstbarkeit zu denken. Ihr Sohn
wird gewi nicht den jungen russischen Lords zur Aufwartung beigegeben; er soll
weder ihr Tiger, wie unsre Dandys das nennen, noch ihr Jokey werden, sondern, in
allen Stcken ihnen gleich gehalten, alle Vortheile einer liberalen Erziehung
mit ihnen zugleich genieen, wie nur sehr reiche und vornehme Eltern sie ihren
Kindern zu gewhren vermgen. Hat er dereinst das dazu gehrige Alter erreicht,
so kann er fest darauf rechnen, im dortigen Lande durch die edle Familie, in
welcher er aufgewachsen, eine anstndige, seinen Wnschen und Talenten
angemessene Versorgung zu erhalten, oder fr seine Zukunft wohl ausgestattet, in
sein Vaterland zurck gesandt zu werden wenn er, als chter Britte, dieses
vorziehen sollte.
    Die einleuchtend groen Vortheile dieses Anerbietens knnen Ihrem guten
soliden Verstande unmglich entgehen. Nicht nur da Sie dadurch den mit jedem
Jahre zunehmenden Ausgaben fr die Erziehung eines ihrer Shne berhoben werden;
was bei einer so zahlreichen Familie keinesweges unbedeutend ist; ihr Sohn
gewinnt dadurch auch eine Aussicht fr sein ferneres Fortkommen in der Welt, wie
Sie ihm solche, auf dem gewhnlichen Wege, schwerlich gewhren knnten.
    Daher schmeichle ich mir mit der Hoffnung in Ihrem Sinne gehandelt zu haben,
indem ich auf das Anerbieten Sir Johns, der auf augenblickliche Entscheidung
drang, in Ihrem Namen eingegangen bin, und alles Weitere mit ihm verabredet und
festgestellt habe.
    Da mir wohlbekannt ist, wie sehr jede Entfernung von Hause durch Ihre
Geschfte Ihnen erschwert wird, so soll mein Ihnen wohlbekannter
Handlungsdiener, James Cox, nchste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen
eintreffen, um meinen Pathen Richard abzuholen, und zu mir nach London zu
bringen. Er steht gerade in dem gewnschten Alter von circa acht Jahren, und
mchte vermge seiner hbschen Gestalt, seines aufgeweckten Wesens, und seiner
brigen guten Anlagen, fr unsern Plan am besten sich eignen. Fr die Garderobe
des kleinen Reisenden werde ich Sorge tragen; ich werde mit allem, was er fr
die Reise nthig haben wird, ihn versehen. Ist er einmal am Orte seiner
Bestimmung angelangt, so mu er ohnehin nach dortigem Landesgebrauche gekleidet
werden.
    Ungeachtet der in die Augen springenden groen Vortheile, welche die Annahme
meines Vorschlags Ihnen gewhren mu, versichre ich Sie dennoch, werther Freund,
da ich dieselbe als einen, mir persnlich gewhrten Beweis Ihres Vertrauens und
Ihrer Achtung ansehen und zu schtzen wissen werde. Zum Zeichen dieser meiner
guten Gesinnung erbiete ich mich jetzt aus eignem Antriebe, Ihnen einen Kredit
auf die volle Summe auszustellen, deren Sie, wie Sie bei unsrer letzten
Zusammenkunft uerten, bedrfen wrden, um Ihrem Geschft eine grere
Ausdehnung zu geben, und durch Erwerbung eines bedeutenden Vermgens zu Ehren
und Ansehen gelangend, es binnen kurzem Ihrem hochmthigen Nachbar Bird
wenigstens gleich zu thun. Auch Sir John beauftraget mich Ihnen zu melden, da
er von nun an sich gern bereitwillig zeigen werde, Ihnen bei vorkommenden
Gelegenheiten ntzlich und hlfreich zu sein.
    Das Nhere hierber mgen Sie vorlufig mit unserm James Cox besprechen, der
nicht ermangeln wird, sich nchste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen
einzustellen. Sollten Sie aber, freilich ganz gegen mein Erwarten, fr gut
finden, meine fr Sie gethanen Schritte zu mibilligen, und mein und Sir Johns
Anerbieten von sich abzuweisen, so ist es nothwendig, da Sie in der nmlichen
Stunde, in welcher Sie dieses Schreiben erhalten, eine Staffette mit Ihrer
abschlgigen Antwort an mich abfertigen; der nchste Tag wre dazu schon zu
spt. Auch kann ich nicht umhin Ihnen offen zu gestehen, da von Ihrer Seite ein
solches Verkennen meines guten Willens mir hchst empfindlich und unangenehm
wre, und obendrein mich, von Seiten Sir Johns, mancherlei Verdrielichkeiten
aussetzen wrde.
    Das freundliche Gesicht, mit welchem Mitre Wood anfangs zuhrte, wurde
immer lnger und lnger, je weiter Herr Wood las; die arme Frau wurde feuerroth,
dann bla, dann todtenbleich, und sa zuletzt an allen Gliedern zitternd,
unfhig ein Wort aufzubringen, wie versteinert da.
    Nun, Sally, Liebste, was sagst Du dazu? fragte Master Wood, als er mit dem
Briefe fertig war. Sally erwiederte keine Sylbe. Nun? fragte er nochmals und
bckte sich, um in das abgewendete Gesicht ihr zu sehen. Sally sprang auf,
trocknete mit konvulsivischer Hast die in Thrnen schwimmenden Augen, und sah
nach der Uhr.
    Noch nicht eilf Uhr, Gottlob! sprach sie mit seltsam bedrcktem Ton: im
Posthause sind sie noch wach, auch Jemmy kann noch nicht zu Bette sein; ich rufe
ihn whrend Du schreibst, und wre er schon eingeschlafen, so laufe ich selbst
mit unsrer Magd die Paar Schritte hinber. Schreib nur geschwind, guter Mann; um
Nein zu sagen, brauchts nicht vieler Worte. Damit wollte sie zur Thre hinaus.
    Mitre Wood! Sally! wo willst Du hin? rief der erschrockne Gatte.
    Ich sagte es ja schon, war die entschlossene Antwort: zur Post will ich, das
Pferd, die Stafette bestellen; es ist die hchste Zeit, wir haben keinen
Augenblick zu verlieren, die Stafette mu gleich fort, mit Sonnenaufgang wre es
schon zu spt; so steht es ja in dem unglcklichen Briefe.
    Aber Mitre Wood, aber Sally, aber theures Weib, aber so berlege, so
bedenke doch nur! stotterte Master Wood in groer Angst, hielt aber doch die
sich heftig strubende Frau von der Thre entfernt.
    Bedenken? rief sie: giebt es da noch etwas zu bedenken? Ihre weit geffneten
Augen wurden vor Schrecken starr, wie die einer Leiche, indem sie ihm jetzt ins
Gesicht sah; heftig schlug sie die Hnde ber ihrem Haupte zusammen. Wood! Mann!
Vater! rief sie vllig auer sich: wie! wre es mglich? Du wolltest? Du
knntest ber das Herz es bringen? meinen Richard! meinen sen Liebling, meinen
armen Knaben, weit weg von Alt-England, zu Kannibalen, in das wilde Kosakenland,
zu Heiden, zu Mohamedanern oder gar zu Papisten! Nein, nein, nein; nicht nur ich
die Mutter, nein, auch Dein eignes Gewissen kann nimmermehr eine solche That
zugeben. Aber es ist nicht Dein Ernst, Du scherzest, aber das solltest Du so
nicht mit mir, Du weit wie schwach und furchtsam ich bin, setzte sie mit
erzwungener Gelassenheit hinzu, und ein ngstliches Lcheln glitt ber ihre
verstrten Zge.
    Wood war indessen doch zu einiger Fassung gelangt. Schmeichelnd, bittend,
sie liebkosend, zog er die arme Mutter aufs Sopha und hielt sie dort fest, indem
er durch Zureden und Vernunftgrnde sie zu beschwichtigen suchte. Frs erste
bemhte er sich, ihr Vorurtheil gegen Ruland und dessen Bewohner zu bekmpfen,
dann setzte er alle Vortheile des an sie beide ergangenen Vorschlages auf das
weitluftigste ihr auseinander. Er wollte mit Hlfe ihres wirklich sehr gesunden
Verstandes ihr Mutterherz bertuben; es gelang ihm nicht; in allem was er
vorbrachte, hrte und verstand sie nur, da er Willens sei ihr Kind aus ihren
Armen zu reien, um es nach einem fernen wilden Lande, zu fremden Leuten zu
schicken.
    Angst und Schmerz berwltigten endlich ihre physische Kraft. Frchterlich
aufkreischend glitt sie, ehe ihr Mann sich dessen versah, aus seinen Armen auf
den Fuboden hin; dort lag sie zu seinen Fen, konvulsivisch schluchzend,
grlich lachend, das Gesicht bis zum unkenntlichen durch frchterliche
Zuckungen entstellt, in einem jener hysterischen Anflle, denen bei heftigen
Gemthsbewegungen die Englnderinnen weit mehr und hufiger, als andre Frauen
unterworfen sind.
    Dem ehrlichen Wood geschhe himmelschreiendes Unrecht, wenn man ihn hier
theilnahmloser Gleichgltigkeit beschuldigen wollte. Im Gegentheil versuchte er
alles Erdenkliche, um den traurigen Zustand seiner Frau zu mildern, und als
keines der sonst in solchen Fllen gewhnlichen Hausmittel anschlagen wollte,
lief er selbst den Apotheker aus dem Bette zu holen, der berall beim
Mittelstande in England die Stelle eines Arztes vertritt.
    Aber auch die strksten Mittel, welche der Stiefsohn skulaps anwandte,
versagten diesmal ihre Wirkung. Die nchtlichen Stunden vergingen, ohne da die
Leidende zu vlligem Bewutsein gelangte. Und als endlich der Tag darber
anbrach, whrend der Apotheker den besorgten Ehemann fortwhrend durch
Versicherungen des vllig gefahrlosen Zustandes seiner Frau zu beruhigen suchte,
da, es lt sich nicht ablugnen, da berkam den guten Master Wood doch eine Art
innerer Zufriedenheit darber, jedes weiteren Kampfes mit seiner Sally durch
diesen Zufall berhoben zu sein.
    Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Mitre Wood aus todtenhnlichem
Schlummer erwachte. Das Gelute der nahen Kirche rief die Gemeine zum
Gottesdienst, und tanzende Sonnenstubchen spielten in dem, durch eine ffnung
der Gardinen, auf ihr Bette schrg hinfallenden Sonnenstrahle; es war eilf Uhr.
    Zu spt, zu spt! rief die arme Frau, und ein Strom von Thrnen machte ihrem
verzweifelnden Gefhle Luft, indem er sie wahrscheinlich zugleich vor einem
neuen Anfalle von Krmpfen bewahrte.
    Das Ende von diesem Allen ist leicht abzusehen. Ungeachtet des tapfersten,
bis zu der verhngnivollen Mittwoche fortgesetzten Widerstandes, mute Mitre
Wood sich doch dem Willen ihres Herrn und Gebieters endlich ergeben. Freilich
hatte auch er mit dem eignen Vaterherzen einigen Kampf zu bestehen; der hbsche
muntre Richard war sein und des ganzen Hauses Liebling; doch mit Eigennutz
verknpfte Rcksichten bilden eine Kette, deren Glieder alle auf das engste
ineinander greifen, und die in allen Stnden das gesellige Leben in allen seinen
Nancen durchzieht und umschlingt.
    Eines entsteht aus dem Andern; dem Petersburger Banquier Gro lag alles
daran, sich in der Gunst eines der mchtigsten Frsten des Reichs dadurch immer
fester zu stellen, da er jeden Auftrag desselben auf das pnktlichste und
schnellste ausfhrte.
    Der englische Banquier, Sir John Murray, war nicht weniger dabei
interessirt, die Wnsche eines so bedeutenden Handelsfreundes, wie Herr Gro ihm
war, zu erfllen, und die zwischen ihnen beiden bestehende Connexion dadurch
immer fester zu knpfen. Da er sein groes bergewicht ber den zwar ebenfalls
reichen, aber doch, als Ladenhndler in der City, tief unter dem zum Ritter
erhobenen Wechsler stehenden Strumpfhndler dabei in Anwendung brachte, kann man
ihm schwerlich verargen; und da Master Smith, abgesehen von andern noch
solidern Grnden zur Geflligkeit, durch die herablassende Freundlichkeit eines
so vornehmen Mannes zu geschmeichelt sich fhlte, um nicht seinen demthigen
Gevatter und Freund, den kleinen geldarmen aber kinderreichen
Strumpf-Fabrikanten durch die lockendsten Verheiungen zu seinem Willen zu
bringen, liegt nun einmal in der menschlichen Natur.
    Leid, sehr leid thut es uns, da wir die gute Sally, mit ihrem warmen
Mutterherzen, noch gewissermaen dem Ende dieser Kette anhngen mssen; aber
ablugnen lt es sich nicht, da nur einer von allen Trostgrnden, mit denen
ihr Ehegemahl sie berschttete, des gewnschten Eindrucks nicht ganz verfehlte.
    Und wenn wir nun, vielleicht noch ehe Jahr und Tag verstreichen, mit Hlfe
des von Sir John Murray und Smith &amp; Compagnie uns verheinen Credits, es dem
stolzen Narren Bird und seinem aufgeblasenen Weibe gleich thun knnen? fragte
er, ihr listig lchelnd ins Gesicht schauend; oder wenn, denn man kann nicht
immer wissen wie alles kommt, wenn nun gar Mitre Wood, in ihrem eleganten
neuen Landauer voll geputzter Kinder, an dem magern Einspnner der Mitre Bird
vorberrollend, mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken sie begrt? Sally! Du
kleine Hexe, was sagst Du dazu? He?
    Sally sagte kein Wort. Sie weinte immer hin, aber sie lchelte doch ein
klein, klein wenig, ganz heimlich und verschmt, mitten in ihren Thrnen.
    Wolle doch Keiner den ehrlichen Wood zu hart verdammen, oder wohl gar des
Kinderhandels ihn beschuldigen, ohne vorher die groe Gewalt eines von Jugend
auf gesehenen Beispiels zu bedenken. In England, dem Markte der Welt, wie
Schiller es sehr treffend nennt, ist vieles auf eine, uns Bewohnern des festen
Landes unbegreifliche, ja emprende Weise verkuflich. Offiziersstellen bei der
Armee haben, bis zu einem gewissen Grade, ihren Prei, um den jeder sie
erhandeln, und wenn er sie aufzugeben geneigt ist, auch wieder verkaufen darf.
Wie viel Gold und Goldeswerth ein Sitz im Parlamente kostet, ist allbekannt. Der
Glckliche, der, wenn er auch nur ganz oberflchlich Theologie studirt htte,
durch Familienverbindungen oder Protection, einer bedeutenden Stelle im Dienste
der englischen Kirche sich erfreut, darf frei und ffentlich um geringen Sold
einen rmeren Geistlichen sich erkaufen, der alle Pflichten und Arbeiten seines
Standes fr ihn bernimmt, whrend der sehr ehrwrdige Herr, ganz mhelos, eines
Einkommens von mehreren Tausenden sich erfreut.
    Um die fr ihn unerschwinglichen Kosten einer Klage auf Ehescheidung zu
ersparen, bindet der englische Tagelhner, durch einen uralten Gebrauch dazu
berechtiget, seinem untreuen Weibe einen Strick um den Hals, und verkauft es an
seinen begnstigten Nebenbuhler um wenige Schillinge auf ffentlichem Markte.
    Der feine honorable Gentleman aber trgt in hnlichem Falle die Schande
seines Namens, seines Hauses, seiner Kinder vor Gericht, breitet sie dort vor
den Augen der Richter auf die widerwrtigste Weise weitluftig aus, duldet es
gelassen, wenn freche Zeitungsschreiber die scandalse Geschichte zu einem
pikanten Artikel in ihren Blttern benutzen, und klagt nicht auf Ehescheidung,
sondern auf Schadenersatz durch Geld fr den erlittenen Verlust; der denn auch
von den Richtern gehrig gewrdigt und taxirt wird, ehe man die gebhrende Summe
ihm zuerkennt, die er auch ohne Errthen sich richtig auszahlen lt.
    Mge denn auch der vom tglichen Beispiele verleitete Wood fr seine
Speculation einige Entschuldigung hier finden, von der sich doch nicht
voraussagen lie, ob sie nicht fr den dabei am meisten betheiligten Richard am
vortheilhaftesten ausfallen mchte.

Unter Thrnen, Klagen und huslichem Jammer aller Art, kam die verhngnivolle
Mittwoche heran. Wenn die Mutter in der Zwischenzeit von Trennung sprach, so
weinte Richard mit ihr, und versicherte schluchzend, da er lieber sterben
wolle, als sie verlassen; wenn aber der Vater von der Kutsche und dem prchtigen
Schiffe erzhlte, auf welchem Richard fahren sollte, so gerieth der kaum
achtjhrige Knabe in eine ganz andre Stimmung, und schien den Tag der Abreise
kaum erwarten zu knnen. Richard war eben ein Kind, wie alle an Leib und Seele
gesunde Kinder sind, der Gegenwart lebend, und immer das Allererwnschteste von
der Zukunft erwartend.
    Als er das Vaterhaus verlassen sollte, hing er unter lautem Geschrei am
Halse der trostlos jammernden Mutter; als man von ihr ihn gewaltsam entfernte,
klammerte er sich an den Fu eines nahe an der Hausthre stehenden Tisches an.
Aber der Anblick der vier stattlichen Pferde vor der ihn erwartenden Kutsche
milderte, sobald er auf der Strae war, seinen Schmerz. Die ihm neue Freude des
Fahrens, nebst einer Schachtel voll Confect, mit welcher James Cox sich in
London zu diesem Zwecke versehen, trockneten vllig seine Thrnen. Er langte
ganz wohlgemuth bei seinem Pathen an, lie all' die guten Dinge, die ihn dort
erwarteten, sich wohlgefallen, weinte ein wenig, als er beim Zubettegehen die
Mutter vermite, schlief aber, reisemde, bald ein. Er jauchzte vor Freuden, als
er auf das bunt bewimpelte Schiff gebracht wurde, legte die Seereise gesund und
munter zurck, und als er landete, war ber die vielen neuen fremden
Gegenstnde, die sich ihm entgegen drngten, die Heimath so gut als vergessen.

Frst Andreas, in dessen glnzenden Palast der kleine Fremdling sich, wie durch
einen Zauberschlag, aus der engen Huslichkeit versetzt sah, in welcher er bis
dahin vegetirt hatte, war ein stattlicher, vornehm aussehender Mann, in den
sogenannten besten Jahren, das heit zwischen vierzig und funfzig. Die stolze
Haltung, der ernste Blick, bezeichneten in ihm das mchtige Oberhaupt einer, in
vielfachen Verzweigungen durch das ganze russische Reich verbreiteten, und
sowohl am Hofe als im Volke in hohem Ansehen stehenden Familie. Es lag in seiner
Persnlichkeit ein gewisses Etwas, das sich ganz dazu eignete, denen, die zum
erstenmal in seine Nhe kamen, ehrerbietige, oder auch, je nachdem die Leute
waren, furchtsam-ngstliche Scheu einzuflen; doch das wahrhaft
menschenfreundliche milde Betragen des Frsten, wandelte diese gar bald in
Vertrauen um, das aber nie in Vertraulichkeit ausarten durfte.
    Den hohen Rang, die vielen, ber Tausende ihn erhebenden Vorzge, zu welchen
sein Geschick ihn geboren werden lie, wute Niemand mit mehr Wrde und Anstand
zu tragen, als Er. In seinem ganzen Wesen zeigte sich keine Spur jener, fast wie
Ironie aussehenden, populr sein wollenden Hflichkeit gegen Geringere, die
diese nur in ngstigende Verlegenheit setzt, weil sie, aus ihrer Sphre gehoben,
den Mastab verlieren, nach welchem sie, ohne beklemmende Besorgni, zu viel
oder zu wenig zu thun, ihr eignes Betragen einrichten knnten. Jede
Ehrenbezeugung, die seinem hohen Stande gebhrte, lie er gelassen und ohne
einen besondern Werth darauf zu legen, sich gefallen. Dadurch erleichterte er
Jedem, auch dem Geringsten, den Umgang mit sich, ohne jemals sich selbst etwas
zu vergeben.
    In seiner Jugend hatte Frst Andreas mehrere Jahre im Auslande zugebracht,
hatte England, Frankreich, Italien und einen groen Theil von Deutschland mit
Nutzen bereiset, und mit dem seinem Volke eignen Talente die verschiedenen
Sprachen dieser Nationen sich angeeignet, und war dann mit bereichertem Geiste
und erweiterten Weltansichten in seine Heimath zurckgekehrt.
    Glhende Vaterlandsliebe war der Grundton seines Wesens, und das Bestreben,
die Kenntnisse, die er im Auslande sich erworben, zur hheren Kultur seines
Volkes zu verwenden, um es mit der Zeit den gebildetesten Vlkern Europas
gleichzustellen, ward zum Hauptzweck seines Lebens. Dieser innigste Wunsch
steigerte mit zunehmenden Jahren sich bis zur Leidenschaft, und verleitete ihn
bisweilen zu manchem bedeutenden Migriffe; denn er verlor oft, ber seine
allzugroe Vorliebe fr alles Auslndische, die von der Existenz seiner
Landsleute unzertrennlichen, durchaus charakteristischen Eigenheiten derselben
aus den Augen, und verletzte beim besten Willen, wo er ganz das Gegentheil
beabsichtigte.
    Seine, an Alter ihm fast gleiche Gemahlin, Eudoxia, war das mildeste Gemth
von der Welt, das Mann und Kinder wie sich selbst liebte, und gleich einer
segenspendenden Gottheit, und auch so verehrt, ber allen den viel tausend
Seelen schwebte, deren groe Zahl, nach russischem Gebrauche, den
berschwnglichen Reichthum des frstlichen Hauses bezeichnete. Sie half jeder
Noth ab, deren Kenntni bis zu ihr gelangte; einem menschlichen Wesen wehe zu
thun, oder auch nur es leiden zu sehen, wenn man helfen konnte, dnkte ihr
unmglich. Sie hrte es sehr gern, wenn ihre Leibeignen, nach dem naiven
Gebrauche des russischen Volkes, sie Mtterchen nannten; was brigens in jenem
Lande ein Ehrenname im Munde desselben ist, dem ein geneigtes Ohr zu leihen,
selbst die Kaiserin aller Reuen nicht verschmht.
    Die Frstin Eudoxia hatte brigens alle Ansichten ihres Gemahls sich
dermaen angeeignet, da man wohl von ihr sagen konnte, sie sah nur mit seinen
Augen, und dachte nur seine Gedanken. Da auch er menschlich irren knne, kam
ihr eben so wenig in den Sinn, als da jemals ein ihr nicht gleich Geborner die
zwischen ihrer Hoheit und seiner Niedrigkeit bestehenden Schranken bersteigen
wollen knne. Aufgewachsen in allen verjhrten Vorurtheilen ihres hohen Standes,
kannte sie nur Adlige und Leibeigne, und war, mit cht orientalischer Ruhe, von
dem in der Natur gegrndeten Unterschiede dieser beiden Menschenracen fest
berzeugt, ohne weiter darber nachzudenken. Doch gerade deshalb trieb die ihr
angeborne Gte des Gemthes sie zum innigsten Mitleide mit den Unglcklichen,
denen von der Natur alle innern und uern Vorzge schon bei ihrem Eintritte in
das Leben versagt worden waren, welche die ihr Ebengebornen gleich einer Glorie
umstrahlten.
    Um fr das ihnen angeborne Elend sie gleichsam zu entschdigen, und es ihnen
dadurch minder fhlbar zu machen, entsagte Eudoxia im gewhnlichen Leben, aus
chter Barmherzigkeit, den ihrer Geburt gebhrenden Ehrenbezeugungen. Sie
forderte nichts, was Ihrem Gefhl nach jene Armen noch tiefer beugen konnte;
aber wehe dem unter ihnen, der tactlos genug gewesen wre, diese
usserlichkeiten zu vergessen, ohne von der Frstin ausdrcklich und besonders
dazu aufgefordert und berechtigt worden zu sein. Es giebt keine Worte, um ihr
Erstaunen ber eine solche, die Mglichkeit berschreitende, an Sakrilegium
grnzende Unthat, gehrig zu schildern. Glcklicherweise hatte sie bis jetzt nur
selten eine solche Erfahrung gemacht, denn sie ward allgemein, von Hohen und
Niedern, geliebt und verehrt.
    Auch war Frstin Eudoxia wirklich eine gute Dame, mit der es sich ganz
leicht leben lie; denn auch sie liebte die Menschen, auch die niedriggebornen,
aber freilich ungefhr so, wie wir Andern unsre Lieblingspferde oder Hunde
lieben. Wer unter uns hat nicht schon mit mitleidigem Erbarmen auf seinen Hund
niedergeblickt, wenn das treue Thier mit klugen Augen uns ansieht, und durch
leises Winseln andeutet, da es gern antworten mchte, wenn die arme stumme
Kreatur nur reden knnte.
    Isidor, der lteste Sohn des frstlichen Paares, war bei Richards Ankunft
schon funfzehn Jahre alt, und einem deutschen Hofmeister bergeben, unter dessen
Leitung er fr die diplomatische Carrire sich vorbereitete, fr welche er
bestimmt war. Alexis, sein um zwei Jahre jngerer Bruder, wurde fr den
Militairdienst erzogen, und Eugen, der jngste der drei Shne, hatte so eben das
siebente Jahr erst erreicht.
    Von den beiden Tchtern des Hauses war Natalie, die lteste, ein sehr
niedliches sechsjhriges Prinzechen, das unter den Hnden der, brigens sehr
vorzglichen Gouvernante, Mademoiselle Duprs, schon eine ziemlich franzsische
Tournre erhalten hatte, und fr ein Muster von Artigkeit galt. Die kleine
Helena aber, ein chtes Kind der Natur, hbsch wie ein Engelskpfchen, frisch
und blhend wie ein Mairschen, stand noch unter der Aufsicht ihrer Amme, und
war die Lust und Freude der Eltern, wie des ganzen Hauses.
    Mitten in diesen Familienkreis, zu welchem noch eine bedeutende Anzahl dem
frstlichen Hause anverwandter Kinder gehrte, der auch noch tglich durch
demthigere Gespielen, Shne und Tchter der vornehmern Dienerschaft erweitert
wurde, sah der kleine Insulaner, wie ein fremdes Wunderthier, sehr unvorbereitet
sich hingestellt. Befangen, blde, daneben etwas verblfft, sah er nach der
Reihe alle die fremden Leute sich an, und das Weinen mochte ihm nher sein als
das Lachen.
    Doch als Frst Andreas, in recht verstndlichem, wenn gleich etwas
fremdartig ausgesprochnem Englisch ihn freundlich anredete, Herr Mller, Isidors
Hofmeister, ebenfalls in seiner Muttersprache, ihn aufforderte guten Muthes zu
sein, weil es in diesem Hause ihm nicht anders als wohl ergehen knne, und
endlich sogar der sonst ziemlich zurckhaltende Isidor die paar englischen
Worte, die er von Herrn Mller erlernt hatte, zusammensuchte, um den kleinen
Fremdling willkommen zu heien, da wurde diesem schon leichter um das Herz.
    Das Beste dazu aber that Eugen, der kein Wort englisch wute. Er nahm den
neuen Gespielen, der seiner Meinung nach eigens fr ihn verschrieben worden war,
beim Kopf, fuhr mit linder loser Hand ihm liebkosend durch die lichtblonden
Locken, sah ihm lchelnd in die groen blauen Augen, streichelte ihm die
feuerroth glhenden Wangen, fate ihn dann mit beiden Armen an, und sprang mit
ihm ein paar Mal durch das Zimmer, da der Fuboden drhnte, und die kleine
Helena, die sich in das Spiel mischen wollte, von ihrem Bruder beinah umgerannt
wurde. Doch Richard nahm noch im rechten Augenblicke sie gewandt auf, und
brachte sie zu ihrer Amme; denn er war an Aufmerksamkeiten dieser Art noch von
zu Hause her bei seinen kleinen Geschwistern gewhnt.
    Die Nacht mute Richard, auf Eugens ausdrckliches Verlangen, in der
nchsten Nhe seines kleinen Beschtzers schlafen; am folgenden Tage wurde der
Insulaner mit seinen Umgebungen schon bekannter, und fing an, sich ein Herz zu
fassen; nach vier Wochen waren smmtliche Kinder im Stande, halb in russischer
halb in englischer, und wo diese nicht ausreichten, durch Zeichen und Geberden
sich unter einander recht leidlich zu verstndigen. Es ging freilich ein wenig
wie beim babylonischen Thurmbau dabei her, aber die Lust war deshalb nur um so
grer, und des Lachens und Jauchzens kein Ende.

Richard wurde wirklich im Hause des Frsten Andreas den Kindern desselben in
jeder Hinsicht vllig gleich gestellt; gekleidet und bedient wie sie, theilte er
Unterricht und Vergngen mit ihnen. Ein alter freundlicher Diener war ihm, mehr
zur Aufsicht als zur Bedienung beigegeben, der bei seinen kindischen Einfllen
und Spielen ihm redlich half; Eugen, zu welchem Richard der Gleichheit ihres
Alters wegen sich vorzugsweise hielt, bekam ein kleines Pferd zum Reiten, und am
nmlichen Tage wurde auch Richard mit einem nicht minder hbschen beschenkt;
lauter Dinge, an die nur zu denken, ihm daheim auch nicht im Traume eingefallen
wre.
    Alle im Hause gaben sich gern und freundlich mit ihm ab, jeder Tag brachte
ihm etwas Neues, das ihn erfreute, und so war es denn nicht zu verwundern, wenn
die Sehnsucht nach Eltern, Geschwistern, und der fernen Heimath, wo es ihm lange
nicht so gut ergangen war als hier, gar bald aus seinem Gemthe vllig schwand.
Richard war kaum acht Jahre alt, ein lebhaftes glckliches Kind; mge dieses zu
seiner Entschuldigung dienen, wenn er nach einem kurzen Jahre sich der vorigen
Zeit kaum noch erinnerte und ihm bednkte, wirklich zu sein, was er doch
eigentlich nur zu sein schien. An was gewhnte der Mensch sich leichter als an
Wohlleben und Pracht! und was entschwindet schneller und spurloser aus der
Seele, als Erinnerung an frhere Armuth und Niedrigkeit.
    Aber auch von Seiten der Eltern geschah leider wenig, um ihr Andenken im
Gemthe ihres Kindes lebendig und warm zu erhalten. Gleich nach seiner Ankunft
in Petersburg hatte Richard an Vater und Mutter geschrieben, baldige Antwort war
darauf erfolgt, doch auf einen zweiten Brief blieb diese mehrere Monate aus, und
endlich erhielt er gar keine mehr. Richard gab nun ebenfalls das Schreiben auf,
und die Folge davon war, da er weder an Eltern noch Vaterland weiter dachte,
und sich da, wo es ihm so wohl erging, so ganz daheim fhlte, da ihm zu Muthe
war, als sei es immer so gewesen.
    Master Wood war aber auch wirklich in Nottingham vom Morgen bis zum Abend
dermaen mit Arbeit belastet, da er kaum zu sich selbst kommen konnte. Seine
Londoner Freunde hatten ihm ihr Versprechen gehalten; mit ihrer Hlfe war es ihm
gelungen, sein Fabrikgeschft um mehr als das doppelte zu erweitern, und den mit
ihm rivalisirenden Nachbar Bird vllig zu berflgeln; aber nun gab es auch
doppelt zu thun. Es gab so viele Geschftsbriefe zu schreiben, da fr andre,
die ihm ohnehin nie sonderlich aus der Feder flieen wollten, weder Zeit noch
Lust brig blieb.
    Zeit, Gewhnung, husliche Leiden und Freuden, hatten auch die Thrnen der
Mutter frher getrocknet, als sie selbst es gedacht, und ber die Trennung von
ihrem Lieblinge sie getrstet. Freilich htte sie anfangs ihm gern geschrieben,
wre sie nur in Behandlung der Feder etwas gebter gewesen; als nun aber, mit
dem steigenden Wohlstande ihres Hauses, auch ihr Haushalt sich bedeutend
vergrerte, und spterhin sogar ein neuer kleiner Ankmmling die Lcke wieder
ausfllte, welche Richards Entfernung in die Reihe ihrer Kinder gebracht, so da
sie deren wieder vierzehn um sich sah, da begngte die gute Frau sich ganz
gelassen mit den Nachrichten von ihrem abwesenden Sohne, die sie zuweilen durch
Vermittelung der Londoner Geschftsfreunde ihres Mannes aus der dritten Hand
erhielt. Sie waren bis jetzt noch immer erfreulich ausgefallen; Master Wood
versumte nie, den Richard betreffenden Punkt aus Sir Johns oder Master Smith's
Briefen ihr vorzulesen. Ist es nicht vernnftig, fr etwas das man ohne Mhe und
Kosten erlangen kann, sich unntze Schreibereien, und obendrein das theure
Postgeld zu ersparen? pflegte er gewhnlich nach einer solchen Vorlesung zu
seiner Frau zu sprechen; und Sally nickte ihm beifllig zu, und wiegte ihr
Neugebornes.

Frher noch als man es gehofft stieg Moskau, gleich dem Vogel Phnix verjngt
und verschnert, aus der Asche jenes weltgeschichtlichen Brandes wieder auf,
dessen unabsehbare Folgen kommenden Beschreibern unsrer merkwrdigen Zeit noch
nach Jahrhunderten Stoff zu Hypothesen liefern werden. Die reichen und vornehmen
Bewohner der uralten Stadt, welche, um den Schrecken jener furchtbaren
Katastrophe zu entgehen, sich bei Zeiten aus derselben entfernt hatten, kehrten
nach und nach in ihre wieder hergestellten Palste zurck, und auch Frst
Andreas beeilte sich, Petersburg, wohin er damals mit den Seinen sich geflchtet
hatte, wieder zu verlassen, um bei der Vollendung seines prachtvollen Baues in
Moskau selbst gegenwrtig zu sein, und die innre Einrichtung und Ausschmckung
desselben, nach seinem im Auslande gelutertem Geschmacke, unter seinen eignen
Augen besorgen zu lassen.
    Sobald alles zu ihrem Empfange eingerichtet war, folgte die Frstin ihrem
Gemahl. Nur ihre beiden Tchter und der jetzt neunjhrige Eugen nebst seinem von
ihm unzertrennlichen Gefhrten Richard begleiteten sie. Der lteste ihrer Shne,
Prinz Isidor, blieb mit seinem Hofmeister zurck, um seine Vorbereitung zur
Universitt Dorpat, die er im nchsten Jahre beziehen sollte, zu vollenden.
Alexis, der zweite Sohn, wurde einer der kaiserlichen Anstalten fr die Bildung
zur Marine bergeben; denn diesen beschwerlichen Dienst hatte er aus freiem
Antriebe sich erwhlt.
    Das ewig heitre, mitunter wilde Treiben der beiden Knaben, die sie einen wie
den andern ihre Shne nannte, belustigte die Frstin ungemein. Die von einem so
bedeutenden Umzuge unzertrennliche Unruhe, das Hin- und Herlaufen der
Arbeitsleute und Bedienten, das Packen und Hmmern, das Rufen und Lrmen vor der
Abreise, und endlich die Reise selbst, beschftigte die Kinder so angenehm und
anhaltend, da sie gar nicht dazu gelangen konnten, sich ber den Abschied von
ihren Petersburger Spielkameraden gehrig zu betrben. Whrend der Reise,
vorzglich aber in Moskau selbst, gefiel ihnen alles ganz unendlich, denn alles
war ihnen neu; der mildere Himmel, die schnere Natur rings um Moskau,
verfehlten spterhin nicht, diesen Eindruck bleibend zu machen.
    Prinzechen Natalie war schon zu wohlgezogen, um mit den beiden wilden
Knaben sich viel abzugeben, die sie zwar recht lieb hatte, deren lrmende Spiele
ihr aber oft Unlust und Mivergngen erregten. Die kleine Helena hingegen, die
indessen jetzt fest genug auf ihren Fchen stand, um sich nicht so leicht
umrennen zu lassen, war und blieb ihre treue Spielgefhrtin, lief, kletterte,
sprang mit ihren beiden Brdern, wie sie sie nannte, um die Wette. Zwar war auch
sie einer Gouvernante, und zwar einer Deutschen jetzt bergeben, doch ihre Amme
Elisabeth war, von der Frstin Eudoxia dazu berechtigt, dennoch in Rang und
Wrden bei ihr geblieben. Sobald es nicht dem eigentlichen Unterrichte galt, den
sie freilich ihr nicht ertheilen konnte, hatte Elisabeth die specielle Aufsicht
ber das Kind ihres Herzens sich nicht nehmen lassen.
    Nach alter, cht orientalischer Sitte, spielen berhaupt in den Familien der
russischen Groen die Ammen eine sehr bedeutende Rolle. Frauen aus den hchsten
Stnden hngen lebenslnglich mit unverbrchlicher Liebe an der treuen Pflegerin
ihrer hlflosen Kindheit; sie bleibt ihre Rathgeberin, die Vertraute ihrer
Leiden und Freuden, und behlt bei jeder groen oder kleinen Angelegenheit ihres
Lebens eine oft entscheidende, nie unbeachtete Stimme.

Alle vier Kinder wuchsen im geselligsten Familienleben mit einander heran. Mit
der Zeit wurden der Spielstunden weniger, der Stunden des Unterrichts hingegen
mehr, und manche der letzteren wurden ihnen allen gemeinschaftlich ertheilt. In
freien Stunden suchte die kleine Helena, soviel dieses anging, den beiden Knaben
fortwhrend zur Seite zu bleiben, und das immer frohe, freundliche Kind wurde
auch von ihnen als ein lieber willkommner Spielkamerad betrachtet, dem sie, weil
er jnger und schwcher war, manches nachsahen und alles zu Gefallen thaten.
Richard, als der lteste und strkste, bestrebte sich besonders, Helenen berall
zu vertreten und sie ritterlich in seinen Schutz zu nehmen, wenn Gefahr oder
Unbill ihr drohten.
    Lebte der gute August Lafontaine noch, und wren seine, fast in der Wiege
aufflammenden, jetzt schon halb vergenen Kinderlieben noch Mode, welchen Stoff
zu den rhrendsten und naivesten Liebesscenen htten die kleine russische
Prinzessin und der englische Strumpfwebersbube ihm geboten! Was knnte
romantischer erdacht werden, um ihn zum Ausspinnen einer hchst zart empfundenen
Novelle zu verleiten. Doch Richard und Helene waren, die Wahrheit zu gestehen,
zu gesunde, zu unverschrobene, zu wahrhaft kindliche, mitunter auch, selbst als
sie schon ziemlich herangewachsen waren, zu kindische Kinder, als da so etwas
bei ihnen nur denkbar gewesen wre; sie nannten einander Bruder und Schwester,
und liebten sich als solche recht ehrlich und offenbar.
    So vergingen mehrere Jahre; Richard blieb, was er vom ersten Tage seines
Eintritts in dieses Haus gewesen, der Liebling Aller, vom frstlichen Ehepaar an
bis zum Ofenheizer herab; vor allem aber Eugens innigster unzertrennlichster
Freund. Wer beide, ohne sie genauer zu kennen, zusammen sah, mute fr Brder
sie halten; sie selbst hatten gnzlich vergessen, da nur Wahlverwandtschaft,
nicht Bande des Blutes sie verbnden. Alles hatten sie mit einander gemein, die
Liebe der Eltern, die Vortheile welche Reichthum, Stand und Geburt, den Shnen
des Glckes gewhren; jeden Unterricht, nicht nur im Gebiete der Kunst und
Wissenschaft, auch in ritterlichen bungen, und in Allem was Jnglinge aus den
hhern Stnden bedrfen knnen, um sowohl in den bedeutendsten Stellungen des
ffentlichen Lebens, als auf dem glatten Parkette der Salons, mit Anstand und
Sicherheit aufzutreten.
    Da der arme Richard durch alles dieses viel zu hoch ber die bescheidne
Sphre erhoben werde, welche sein Geschick beim Eintritt in das Leben ihm
angewiesen hatte, daran dachte Keiner, am wenigsten er selbst; sogar das
Frstenpaar schien die zwischen dem in Dunkelheit gebornen Fremdling, und den
Sprlingen seines erlauchten Hauses bestehende Scheidelinie, ganz aus den Augen
verloren zu haben.
    Die Frstin wnschte ihre Kinder, besonders ihre Tchter, das chte
Frhlingsleben der Jugend so lange als mglich genieen zu lassen; sie fhrte
sie daher spter, als sonst wohl geschieht, in die Gesellschaft der groen Welt
ein; versagte ihnen aber, als sie heranwuchsen, keine ihrem Alter angemessne
Freude. Sogenannte Kinderblle, musikalische bungen, Spazierfahrten im Sommer,
Schlittenpartieen an leidlichen Wintertagen, gewhrten ihnen Abwechselung und
Vergngen im berflu; sogar ein kleines Theater wurde ihnen im Palast
errichtet, auf welchem, anfangs an Geburtstagen und bei hnlichen festlichen
Gelegenheiten, kleine dramatische Vorstellungen von ihnen gegeben wurden, die
sich zuletzt zu einem frmlichen Liebhabertheater gestalteten.
    Alles dieses bot Gelegenheit zu mannigfaltigen Verbindungen mit andern
jungen Leuten ihres Standes und Alters. Ganz unbefangen nahm Richard an allen
Festen und Vergngungen thtigen Antheil, und spielte dabei, durch seine
persnlichen Vorzge dazu berechtigt, keinesweges eine untergeordnete, sondern
vielmehr eine sehr ausgezeichnete Rolle. Eltern und Heimath wurden ber das
alles vllig vergessen; darf man ihn deshalb verdammen? Doch mitten in diesem
Freudentaumel wurde er ganz unerwartet an beide erinnert, und zwar, sonderbarer
Weise, von der Frstin Eudoxia selbst.

Die Frstin liebte es, in migen Stunden sich von ihrem Pflegesohne die
neuesten Erzeugnisse der franzsischen Literatur in ihrem Kabinette vorlesen zu
lassen, welche aber damals, gegen den romantisch wilden Schwung, den sie in
unsern Tagen gewonnen haben, noch ziemlich nchtern sich ausnahmen. Das neueste
Werk des damals noch sehr bewunderten Herrn von Arlincourt war, zu Richards
groer Freude, eines Tages beendet, und er, innerlich noch ghnend, eben im
Begriff das Buch an seinen Platz zu bringen, als die heute besonders gtig
gestimmte Frstin pltzlich auf den, ihr nie zuvor gekommenen Einfall gerieth,
nach seiner Familie sich zu erkundigen. Sie fragte ihn, wie alt seine Mutter
sei, wollte die Anzahl seiner Geschwister, Namen und Alter eines jeden derselben
von ihm erfahren, lauter Fragen, die Richard nicht zu beantworten im Stande war,
und die ihn bengstigten und verwirrten, weil er, nach langem Besinnen, doch
nichts fand, was er darauf erwiedern knne. Durch eine schnell ersonnene Antwort
rasch aus der Verlegenheit sich zu ziehen, war seinem redlichen Sinne nicht
mglich, und doch war ihm nicht unbekannt, mit welcher Innigkeit alle Russen,
vom Hchsten bis zum Geringsten, an den Ihrigen hangen, und mit welcher
religisen Piett sie besonders ihre Eltern und das Andenken derselben
ehrfurchtsvoll hochhalten. In diesem Augenblicke erschien das gnzliche
Vergessen der Seinigen ihm beinahe wie ein Verbrechen.
    Ich wurde so jung von den Meinigen getrennt - ich erhalte so selten
Nachricht von ihnen, stotterte er endlich, erglhend im ganzen Gesicht; Thrnen
traten ihm in die Augen, als er bemerkte, da der Frstin seine Verlegenheit
nicht entging. Doch sie mochte dieselbe anders sich deuten, als er in seiner
tiefen Beschmung es frchtete; vermuthlich weil der wahre Grund derselben ihr
undenkbar war; denn sie sah mitleidig lchelnd ihn an.
    Guter Sohn, sprach sie, freilich liegen mehr als zehn lange Jahre, und Meere
und Lnder zwischen Dir und den Deinen. Aber was Du dort verlorest, hast Du hier
wiedergefunden, und sollst es nie wieder verlieren.
    Tief bewegt kte Richard die ihm gebotene schne Hand. Ich bin Willens Dir
und den Deinen eine kleine Freude zu bereiten, fuhr die gtige Frau fort, Du
sollst Deine Mutter und auch Deine Schwestern beschenken. Ein armenischer
Kaufmann war heute Morgen bei mir, unter dessen Waarenvorrathe ich allerlei
Kleinigkeiten auswhlte, die einer englischen Lady vielleicht gefallen knnen,
weil sie in ihrem Lande etwas Seltenes sind.
    Schwer beladen mit wirklich frstlichen Geschenken mannigfaltiger Art, eilte
Richard von der Frstin in sein Zimmer. Seine Freude war grnzenlos; wer ihm in
den Weg kam, wurde um Rath und Hlfe angegangen, wie das alles auf das sicherste
und sorgfltigste einzupacken wre. Er gnnte weder sich noch andern Ruhe, bis
er seine Kostbarkeiten zur weitern Befrderung auf dem Wege nach Petersburg
wute, und sah hernach tglich nach der Windfahne, bis er Nachricht von der
glcklichen Ankunft seiner Sendung aus England erhielt.

Seit Nottingham steht, hat wohl kein auerpolitisches Ereigni in dem Stdtchen
mehr Lrm gemacht, greres Aufsehen erregt, als die Ankunft von Richards
Sendung. Alle Bekannten, ja die halbe Stadt strmte herbei, Mitre Wood zu
besuchen, und die nordischen Schtze zu bewundern, deren Gleichen dort nie
gesehen worden waren. Die Dose von chtem sibirischen Malachit, deren Werth
Master Wood fast unermelich taxirte, die in Gold gefaten trkischen Pastillen
und mit wunderlichen Schriftzgen bedeckten Amulette, die blinkenden Flschchen
mit Rosenl, die reichen Stoffe, die trefflich gearbeiteten Erzeugnisse
russischer Fabriken in Stahl, Krystall und vor allem in Saffian, erregten die
hchste, mit etwas Neid untermischte Bewunderung; der zu mannigfaltigem Schmucke
gefaten farbigen Edelsteine nicht einmal zu gedenken; und wenn Mitre Wood in
ihren cht trkischen Kaschmir-Shawl gewickelt durch die Straen stolzierte,
fllten sich alle Fenster mit ihr nachschauenden Gesichtern. Sogar die
Straenbuben lieen Ball- und Reifenspiel im Stich, und zogen bewundernd ihr
nach.

Richard hatte abermals von England und seinen Eltern seit lngerer Zeit keine
Nachricht erhalten; der dorthin abgesandten Geschenke wurde nicht weiter
gedacht, und er fing eben wieder an, sich in Hinsicht auf seine Familie seiner
gewohnten Gleichgltigkeit hinzugeben, als ein von dorther an ihn abgesandtes
Kstchen, nebst dem Auftrage, im Namen seines Vaters, als schwachen Beweis von
dessen Dankbarkeit, es der Frstin zu berreichen, ihn sehr angenehm
berraschte. Freudig eilte er es ihr selbst hinzutragen; es fand freundliche
Aufnahme, und wurde sogleich geffnet, um den Inhalt desselben zu untersuchen.
    Strmpfe kamen zum Vorschein, nichts als baumwollne Strmpfe, viele, viele
Dutzende, fr die Frstin selbst, und fr die Prinzessinnen; aber was fr
Strmpfe! Strmpfe wie die Welt sie nie gesehen. Wie aus Sommerfden, von
Elfenhnden gewoben, durchsichtigklar, wie der feinste Spitzengrund, an Muster
und Gewebe den kostbarsten Brabanter Kanten zu vergleichen.
    Eigne Maschinerien hatten zu ihrer Verfertigung erfunden werden mssen; mit
unendlichen Weitlufigkeiten und groem Aufwande hatte Master Wood die
geschicktesten Arbeiter in diesem Fache aus ganz England herbeigezogen, um mit
ihrer Hlfe ein Meisterwerk hervorzubringen, dessen Ausfhrung in den Annalen
des englischen Manufakturwesens seinen Namen verewigen wird.
    Das Erstaunen, welches diese Sendung im frstlichen Palaste zu Moskau
erregte, war dem, in welches die gute Stadt Nottingham ber die russischen
Geschenke gerathen war, zu vergleichen. Die Prinzessinnen, ihre Gouvernanten,
die Amme Elisabeth, sogar die Kammerfrauen, wurden auf der Frstin Gehei herbei
gerufen, um bewundern zu helfen. Des Lobens, des Auersichkommens ber die
unbegreifliche Feinheit, ber die geschmackvolle Arbeit der Strmpfe, war kein
Ende, bis der Frst Andreas selbst zuflliger Weise in das Zimmer trat.
    Auch er wrdigte den Gegenstand allgemeiner Bewunderung seiner
Aufmerksamkeit, und lie ber die hohe Vollendung, zu welcher Flei und
Industrie die englischen Fabrikate hinaufgetrieben haben, sich weitluftig aus.
Dieses brachte ihn auf seine Lieblings-Idee, auf die Mglichkeit, auch in
Ruland durch gehrige Leitung und Untersttzung der arbeitenden Volksklasse
hnliches zu erreichen.
    Warum wre es nicht mglich, einen geschickten Arbeiter aus dieser Fabrik
nach Ruland zu ziehen? rief er im Verfolg seiner Gedanken; Richard, sind die
Namen des Orts, wo diese Strmpfe gemacht werden, und des Fabrikanten Dir
bekannt?
    Richard war eben beschftigt, Helenas Stickrahmen aufzuspannen: Mein Vater
hat sie gemacht: war seine nachlssig hingeworfene Antwort.
    Die Frstin erschrak und wurde bald bleich, bald roth.
    Dein Vater? rief sie: Richard das hoffe ich nicht. Ist Dein Vater? - macht
Dein Vater? - ist Dein Vater denn ein Strumpfwirker? stotterte sie sehr
verlegen.
    Richard war noch immer neben Helenen mit dem Stickrahmen eifrig beschftigt.
    Ich meine ja: erwiederte er gedankenlos: ich kann mich dessen zwar kaum noch
erinnern, aber gewi mu es so sein. Denn es wurden in unserm Hause immer viel
Strmpfe gemacht, soviel wei ich ganz deutlich: setzte er sich bestimmend
hinzu.
    Eudoxia verstummte, sah aber mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke ihn an,
den Richard indessen nicht bemerkte, denn er mute jetzt Helenen beim
Durchzeichnen ihres Musters helfen. Bald darauf entfernte er sich mit den
brigen. Helene nahm mit ihrer Arbeit hinter den tief herabhngenden Draperien
eines Fensters ihren gewohnten Platz ein. Wahrscheinlich ohne ihrer gewahr zu
werden, blieben der Frst und seine Gemahlin brigens mit einander allein.
    Nun? fragte Frst Andreas, nachdem er einige Augenblicke mit
untergeschlagenen Armen vor seiner schmollenden, ihm keinen Blick gnnenden
Gemahlin gestanden: nun? was zieht diese sonst immer so glatte Stirne in so
krause Falten? was hat es denn gegeben, das Euer Gnaden verdriet?
    Ach Andreas Andreas! seufzte sie: das httest Du an mir nicht thun sollen!
httest Du Richards niedre Herkunft mir nicht verhehlt, wie htte ich jemals! -
nein dergleichen thut nie gut; Du weit ich behaupte, es geht wider die Natur.
    Seltsames Geschlecht! den will ich sehen der Dir alles recht machen kann!
rief herzlich lachend der Frst. Gute Eudoxia, hast Du denn jemals um Richards
Herkommen mich befragt? hast Du wirklich gemeint, ein englischer Herzog oder
Lord wrde uns seinen Sohn fr unsre Kinder herschicken?
    So albern bin ich nicht, da ich einen jungen Lord zum Gesellschafter fr
unsre Kinder fordern sollte: erwiederte sie, ziemlich gereizt; aber ein
Handwerksbursch? - der Abstand ist zu ungeheuer! ich wollte ich htte den
unglcklichen Richard nie gesehen! ich mchte ber ihn weinen.
    Helena, in ihrer Fensterecke mit ihrer Stickerei beschftigt, hatte bis
dahin auf das Gesprch ihrer Eltern nicht sonderlich geachtet. Jetzt ward sie
aufmerksam; die Nadel entfiel ihrer Hand; sie hob sie nicht wieder auf, sondern
nherte sich vorsichtig dem sie verdeckenden Vorhange, der von dem hohen
Fensterbogen herabschwebte.
    Aber gute theure Eudoxia, wie kannst Du mit so barmherzigen Gesinnungen Dich
qulen wollen, die hier gar nicht am rechten Orte angebracht sind! erwiederte
der Frst, und fate liebkosend seiner Gemahlin nur schwach widerstrebende Hand.
Wie wrde Richard ber Dein unverdientes Mitleid sich verwundern, dessen
Veranlassung ihm ganz unerklrlich scheinen mte! Er ist ja nichts weniger als
unglcklich oder bedauernswerth, fuhr der Frst fort; zwar ist er kein Prinz,
aber eben so wenig ein Handwerksbursche zu nennen. Richards Vater ist ein
Mitglied jener hchst achtungswerthen Klasse von Brgern, welcher Grobritannien
seinen Reichthum und dadurch seine Gre verdankt. So viel ich durch Herrn Gro
erfahren, ist er Besitzer einer Fabrik in einem englischen Mittelstdtchen; hat
viele Kinder, bei nicht sehr bedeutendem Vermgen; und entschlo sich deshalb,
einen seiner jngern Shne im Auslande zu versorgen. Was liegt denn darin so
Entsetzliches? Gewi wird er noch obendrein in kurzer Zeit sehr reich werden,
wenn er es nicht schon geworden ist. Denn diese Probe seiner Fabrikate ist ein
Beweis, da er durch Erfindungsgeist und Industrie sich vor vielen andern
auszeichnet, und sich auf dem rechten Wege befindet, sein Glck zu machen.
    Was liegt daran? klagte Eudoxia; und wenn er Millionen erwrbe, das ndert
nichts. Die Geburt entscheidet; ein geborner Leibeigner bleibt es ewig.
    Aber es giebt keine Leibeigenen in jenem Lande, wo selbst der an der Kste
von Guinea fr baares Geld erkaufte Neger ein Freier wird, sobald er den Fu auf
englischen Boden setzt: erwiederte etwas ungeduldig der Frst.
    Das alles habe auch ich in Bchern gelesen, antwortete Eudoxia im nmlichen
Tone; aber wenn dem auch so ist - wenn das gemeine Volk, Arbeitsleute, Diener,
Handwerker, und jene Manufakturisten, die sich nur dadurch von diesen letzteren
unterscheiden, da sie das Handwerk mehr ins Groe treiben, wenn das alles auch
dort nicht leibeigen genannt wird, es gehrt doch zu einer Klasse - genug, es
ist ebenso von uns verschieden, als das armselige Haidekraut von der Rose, die
doch auch alle beide zum Pflanzenreiche gezhlt werden.
    Deine Klagen werden wirklich poetisch: rief der Frst gutmthig spottend.
    Wie bedauernswrdig ist der arme Richard! fuhr Eudoxia fort; warum mute er
von der Natur fr ein weit hheres Loos ausgestattet werden, als das ist, wozu
sie ihn bestimmte! Ich meinte er sei wenigstens der Sohn eines Kaufmanns, wie
Herr Gro in Petersburg und Andre, die zuweilen Zutritt zu uns haben, weil sie
gewissermaen den bergang zu den niedrigen Volksklassen bilden, zu denen sie
nur halb gezhlt werden knnen. Ich habe gehrt, da der jngere Bruder eines
Lords sich in England oft dem Kaufmannsstande widmen mu, weil nur der lteste
Erbe der Familiengter und des mit diesen verbundenen Adels werden kann. Ich
habe das oft gehrt und gelesen, und konnte, nach Richards vortheilhaftem uern
zu urtheilen, nur denken, da er Abkmmling eines solchen edeln Stammes sei; und
nun mu ich heute erfahren, da er im niedrigsten Stande, aus unedlem Blute - -
    Halt, halt, rief lachend der Frst: machst Du doch aus lauter Liebe und
reinem Mitleid den armen Jungen vollends zum Paria. Dann setzte er zu ihr sich
hin, und gab, ernster werdend, sich alle ersinnliche Mhe, ihre Ideen ber
diesen Punkt zu berichtigen.
    Seine Reden und Grnde glitten an dem unbeugsamen Glauben der Frstin ganz
wirkungslos ab; desto grern Eindruck aber machten sie auf Helenen, die bis
dahin mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gesprche ihrer Eltern zugehrt hatte.
Sie fing schon an sich mit ihrer Mutter ber Richards, ihr freilich ganz
unverstndliches Unglck, recht von Herzen zu betrben, und die Thrnen traten
ihr darber in die Augen; aber die Worte ihres Vaters, dem sie gewhnt war
unbedingt zu vertrauen, ermuthigten und trsteten sie wieder. Sie kehrte
leichteren Herzens zu ihrem Stickrahmen zurck, als das Gesprch
Familienangelegenheiten sich zuwandte, die sie wenig interessirten; doch als sie
im Verlaufe desselben ihren eignen Namen nennen hrte, mute sie wider Willen
abermals darauf achten.
    Wahr ist es, hrte sie die Mutter sagen, Helenen kann man beinahe ganz
erwachsen nennen; das ist so gekommen, ohne da ich es recht gewahr worden bin.
Die Jahre vergehen so unbemerkt und schnell, die Vernderungen, die sie mit sich
bringen, treten so leise, so allmlig ein, da man nur zufllig, zu eigner
groer berraschung sie entdeckt, als wren sie durch ein Wunder im nmlichen
Augenblicke erst entstanden. Die liebe kleine Helena! wenn wir kommenden Winter
die Verlobung ihrer Schwester mit dem Frsten Konstantin feiern, werde ich es
schwerlich vermeiden knnen, auch sie in die Welt zu fhren, und doch htte ich
es gern, wenigstens noch um ein Jahr verschoben. Ich mchte die frohe Jugendzeit
ihr noch lange erhalten; sie lebt jetzt ihre glcklichsten Tage; diese vergehen
schnell und kehren nie wieder.
    Wohl wahr, erwiederte der Frst, doch diese Tage, so schn sie auch sein
mgen, mssen, wie jeder andre Tag im Leben, endlich andern Tagen weichen.
Helena wird sich endlich doch bequemen mssen, auch scheinen zu wollen was sie
ist, ein erwachsenes Mdchen. Mich dnkt es wre endlich Zeit, da sie die
Spielkameraden ihrem Bruder berliee, und sich mit Gespielinnen begngte. Mag
diese Vernderung ihrer Lebensweise immer einige Monate frher eintreten, ehe
sie nothwendig wird, damit sie sich daran gewhnt, ehe sie den Fesseln sich
beugen mu, welche Konvenienz, Geschlecht und Stand, ihr wie jedem jungen
Mdchen ihres Alters anlegen. Ich mu Dir gestehen, Eudoxia, ich habe in der
letzten Zeit, nicht ohne stille Besorgni, sie so ganz unbefangen und zwanglos
mit Eugens Freunden umgehen sehen; wie leicht knnte sich da etwas anspinnen,
das uns, wenn Helena lter wird, der bsen Tage genug machen wrde.
    Wo waren meine Sinne! auch daran habe ich nicht gedacht! rief die Frstin
sehr lebhaft. Du hast Recht, vollkommen Recht. Die groe wchentliche
Tanzstunde, der musikalische Verein, mssen sobald als mglich abbestellt
werden; da ist der, und der, und der, - sie nannte die Namen mehrerer jungen
Leute, Shne vornehmer und angesehener Familien, welche tglich ihr Haus und
ihre Kinder besuchten, - es sind Eugens Jugendfreunde, - und mgen sie es immer
bleiben, setzte sie hinzu, aber fr unsre Tochter - - nun ich hoffe es ist noch
nicht zu spt.
    Das hoffe ich auch, sprach lchelnd der Frst. Eudoxia, fuhr er nach einer
kleinen Pause ernster werdend fort, Du zweifelst nicht an meinem festen
Vertrauen; Du weit es, ich kenne Dein Gemth, Deinen klaren Verstand, den nur
hier und dort kleine unschdliche, Dir mit der Muttermilch eingeflste
Vorurtheile zuweilen umdunkeln; ich ehre Dein schnes Talent, mit sanfter Hand
alles zum Besten zu leiten, ohne durch die Gte Deines Herzens Dich von Deinem
Zwecke abfhren zu lassen. In allem was unsre Tchter betrifft la ich Dir freie
Hand, denn die Ehre wie der Vortheil unsres Hauses liegen Dir nicht minder am
Herzen als mir. Nur suche nie unsern Eugen von den Freunden zu entfernen, mit
denen schon die Spiele seiner Kindheit ihn verbanden, das Einzige erbitte ich
von Dir. Was ist in spteren Tagen dem Manne von hherem Werthe, als ein treuer
Jugendfreund! in Noth und Tod, in Sturm und Gewitter, beut er ihm eine sichre
Zuflucht, oder geht Arm in Arm mit ihm zu Grunde. Ach! und es werden Tage
kommen, schwere heie Kmpfe, wo es wohl Noth thun wird fest an einander zu
halten! setzte er sehr bewegt, halb leise hinzu.
    Die Frstin war in diesem Augenblicke mit ihren eignen Ideen zu beschftigt,
um diese Andeutungen so zu beachten, als sie es zu andrer Zeit gethan haben
wrde. In Hinsicht auf Eugen hast Du vollkommen Recht, erwiederte sie, aber
unsre Tchter drfen solche Konnexionen nicht bilden. Sie knnen ihrem Geschick
nicht vorgreifen, sie mssen geduldig abwarten, was Gott und ihre Eltern ber
ihre Zukunft beschlieen. brigens will ich noch heute ber die ihrem Alter
angemessenen Beschftigungen unsrer jngsten Tochter, und ber die nothwendige
Beschrnkung ihrer Gesellschaft mit Madame Sommerfeldt mich berathen; Helenas
Gouvernante ist eine verstndige welterfahrne Frau; sie wird auf meine Ansichten
eingehen, und alles dem gem anzuordnen wissen.
    Und Richard? mu auch er aus Helenas Nhe verbannt werden? fragte ein wenig
spottend der Frst; Helena horchte hoch auf.
    Ach, warum qulst Du mich so! Du weit es ja, von dem kann ja hier gar nicht
die Rede sein, das bleibt wie es ist, erwiederte die Frstin etwas ungeduldig.
    Beide verlieen das Zimmer, und Helena gewann dadurch Zeit, unbemerkt aus
ihrem Verstecke zu entkommen.

Helena war der Pflege ihrer Amme zwar schon lngst entwachsen; doch diese lie
es sich dennoch nicht nehmen, die Nachttoilette ihres Lieblinges zu besorgen,
wie sie von jeher es gewohnt gewesen war. Obgleich mehr als zwanzig Hnde sich
herbei drngten, dieses Geschft, das sie mit mtterlichem Eifer als
unerlliche Pflicht betrieb, ihr abzunehmen, so litt sie doch nie den mindesten
Eingriff in ihre Rechte. Das ungemessenste Vertrauen des holdseligen Wesens, das
in unbeschreiblicher Anmuth unter ihren pflegenden Hnden gleichsam erblhte,
lohnte berreichlich ihre treue Anhnglichkeit. Die junge Prinzessin hatte von
frhester Kindheit an sich gewhnt, Abends beim Auskleiden ihrer Elisabeth von
allem, was sie den Tag ber erfahren oder gethan, ausfhrlichen Bericht
abzustatten; auch die Frstin Eudoxia pflegte des Morgens, gleich nach ihrem
Erwachen, sie zu sich zu berufen, um alles, was in dem unermelich groen
Haushalte, und selbst in der Familie des frstlichen Hauses sich ereignete, mit
ihr allein zu besprechen. Und so war denn die gute Frau besser als irgend
Jemand, die Frstin selbst nicht ausgenommen, im Stande, alles im Ganzen zu
berschauen, und nicht selten durch ihren Rath, oder selbst thtig, in die
Leitung desselben einzugreifen.
    Auch an jenem Abende versumte Helena nicht, ihr Herz vor der treuen Amme
auszuschtten; es war ihr dieses sogar mehr als sonst ein Bedrfni; denn sie
fhlte das Unrecht, das sie begangen, indem sie, wenn gleich Anfangs
unabsichtlich, ihre Eltern belauschte, und sie schmte sich deshalb nicht wenig.
Indessen die Beichte wurde abgelegt, und da Frau Elisabeth, als eine hchst
moralische Person, sie darber sehr ernstlich schalt und ermahnte, war dem guten
frommen Kinde, als wohlverdiente Bue, eine Art von Trost. Doch die gute Amme
konnte ihrem Lieblinge nicht lange zrnen; als sie die innere Zerknirschung
desselben ber den begangenen Fehler bemerkte, ging sie zu Beruhigungsgrnden
ber und sprach so lange, so eindringlich, mit so sanft gemilderter Stimme, da
ihre Rede endlich wie ein Wiegenliedchen wirkte. Als Helena am andern Morgen
erwachte, waren sowohl das, was sie von dem Gesprche ihrer Eltern vernommen,
als die Ermahnungen und Trstungen der Amme ihr fast ganz aus dem Gedchtni
entschwunden.

Die heimliche Liebe des jungen Frsten Konstantin und der Prinzessin Natalia war
fr Helena lngst kein Geheimni mehr gewesen; denn welchem funfzehnjhrigen
Mdchen wre ein solches, unter ihren Augen entstehendes Verhltni jemals
entgangen? in dieser Hinsicht hatte sie also aus dem Gesprche ihrer Eltern
nichts erfahren, das ihr nicht schon bekannt gewesen wre. Da sie selbst ihrem
Eintritte in die groe Welt so nahe stehe, war ihr allerdings neu; denn mit
ihrem Loose vllig zufrieden, hatte sie bis dahin noch gar nicht daran gedacht,
und wute auch jetzt noch nicht recht, ob sie sich darauf freuen, oder davor
frchten solle. Da aber doch erst von kommendem Winter die Rede gewesen war, bis
zu welchem noch mehrere Monate vergehen muten, - in ihrem Alter eine
unermelich lange Zeit, - so hielt sie es fr das Beste, auch jetzt noch nicht
weiter darber nachzudenken, und schlug mit cht jugendlichem Frohsinne sich die
ganze Sache frs erste aus dem Kopfe.
    Die Voranstalten zu dieser Hauptepoche in Helenas Jugendleben wurden
indessen allmlig getroffen; aber ganz unmerklich langsam und leise; denn
Eudoxia war eine zu weltkluge Dame, um nicht alles was sie unternahm mit groer
berlegung auszufhren. Natalias nahe Verlobung blieb frs erste noch ein
ffentliches Geheimni, aber sie wurde jetzt doch, als eine ganz erwachsene
junge Dame, in die Gesellschaft eingefhrt. Ihre Erziehung wurde fr vollendet
erklrt, und dieses bot von selbst Gelegenheit, die groe Tanzstunde aufhren zu
lassen, die sonst wchentlich im Palaste des Frsten Andreas statt fand, und die
gar bald in eine Art Gesellschaftsball sich umgewandelt hatte, zu welchem
Moskaus heranwachsende brillanteste Jugend beiderlei Geschlechts, beinahe ohne
andre Aufsicht als die des Tanzmeisters, sich versammelte.
    Die groen musikalischen bungen hatten aus dem nmlichen Grunde gar bald
das nmliche Schicksal; und unter dem Vorwande einiger nothwendig damit
vorzunehmender Reparaturen, wurde auch das kleine Haustheater einstweilen
zugeschlossen.
    So zog der Kreis, welcher Helenen von der frhlichen blhenden Jugendwelt
abschlo, sich immer enger zusammen, whrend die glnzendsten Feste in dem Hause
ihrer Eltern sich mehrten, und Natalie als die Knigin derselben glnzte. Madame
Sommerfeldt wich ihrem Zglinge fast nie mehr von der Seite; nur in ihrer
Gegenwart durfte Helena die Besuche ihrer jungen Freundinnen annehmen, nur in
ihrer, oder in der Frstin Begleitung, sie erwiedern; Eugens Freunde waren, ohne
da dieses ausgesprochen worden wre, durch diese neuen Einrichtungen aus ihrer
Nhe gnzlich entfernt.
    Alle diese Vernderungen wurden, ohne ein Wort darber zu verlieren,
gleichsam eine aus der andern entstehend, so ganz allmlig eingefhrt, da
Helena derselben schon gewohnt worden war, ehe sie nur bemerkte, da sie gegen
sonst ein fast klsterliches Leben fhre. Ihr heitrer, still zufriedener Sinn
blieb dabei vllig unbefangen; war sie doch, vom Morgen bis zum Abend, auf eine
Weise beschftigt, die Langeweile und ble Laune fern von ihr hielt. Um die
Zeit, die ihr bis zu ihrem Eintritte in die Welt noch brig blieb, recht zu
benutzen, waren fast alle Stunden ihres Unterrichts verdoppelt worden; sie las,
zeichnete, malte, sang und spielte; Richard war nach wie vor bei ihren bungen
ihr zur Hand, so oft sie seiner bedurfte. Der Tag verging, der Morgen wurde zum
Abende, ehe sie sich dessen versah; sie war zufrieden, als htte sie nie anders
gelebt.
    Natalia, von Bewunderern umgeben, im Wonnetaumel der ersten Liebe, von einem
glnzenden Feste zu einem andern eilend, wurde der vereinsamten jngern
Schwester bei dieser ganz verschiedenen Lebensart zwar etwas entfremdet, und
mochte selten genug ihrer gedenken; doch Eugen und Richard vergaen die
Verlassene nicht. Auch sie waren jetzt in der Gesellschaft eingefhrt, doch
Richard entfernte sich aus derselben, sobald es der Anstand erlaubte, um der
einsamen Helena ein Paar lange Abendstunden durch gemeinschaftliche Lectre zu
krzen, und auch Eugen folgte ihm zuweilen. Richard schlich sich nicht heimlich
zu ihr; der Frst, die Frstin, Alle wuten darum und gnnten ihr gern diese
Erheiterung, whrend das ganze Haus in festlichem Glanze strahlte.
    Madame Sommerfeldt war eines Abends zu einer Freundin geladen; eine sehr
zahlreiche und brillante Assemble wogte in den weiten Slen des Palastes,
whrend Richard sich frher als sonst zu Helena begeben, um mit ihr Walter
Scotts Lady of the Lake zu lesen. Die Amme, welche diesmal, wie immer in solchen
Fllen, die Stelle der Gouvernante bei der jungen Prinzessin vertrat, war eben
im Begriffe, in ihrem weichen bequemen Armstuhle hinter dem groen Ofenschirme
in sanften Schlummer zu gerathen, als ebenfalls weit frher als gewhnlich, und
augenscheinlich etwas verdrielich, Eugen zu ihnen sich gesellte.
    Sitzt Ihr doch da, als befndet Ihr Euch selbst auf einer unbewohnten Insel
mitten in See, rief er, nachdem er einen Blick auf das Gedicht, welches sie mit
einander lasen, geworfen; ist es hier doch so still, so heimlich, so ruhig; und
keine funfzig Schritte von Euch tobt der langweiligste Saus und Braus, den man
sich denken kann. Arme, kleine Helena, ich habe mich fortgeschlichen, um mich
ein Stndchen bei Dir zu erholen, aber hier ist es doch gewaltig einsam und
still! setzte er sich dehnend, mit schlecht verhehltem Ghnen hinzu; sage mir
nur, was in aller Welt hat seit einiger Zeit unsre Mama bewogen, Dich wieder in
die Kinderstube zu versetzen?
    Helene versicherte, sich dabei sehr wohl zu befinden, auch Richard meinte,
es wre doch sonst fast zu lebhaft hier zugegangen, Eugen aber wollte das Alles
nicht gelten lassen.
    Warum mssen denn meine Freunde aus Deiner Gegenwart, Schwester, gnzlich
verbannt sein? fragte er: warum treffe ich sogar Deine Freundinnen niemals mehr
bei Dir an? warum darfst Du von ihnen nur frmliche Visiten annehmen und
erwiedern? Was sind das alles fr Neuerungen, und was ist der Grund davon? Sind
doch alle Freuden, die sonst hier herrschten, uns wie abgeschnitten! Scherz und
Spiel! Lachen und Tanz und Herzenslust! wo seid ihr hin! setzte er mit komischem
Pathos, tragirend und deklamirend hinzu.
    Das geht nicht mehr so, wie Du es wohl meinst; ich habe keine Zeit zu
verlieren, wenn ich noch alles lernen soll, was ich lernen mu. Glaube mir,
Bruder, die Langeweile plagt mich nicht, ich habe vom Morgen bis zum Abend
vollauf zu arbeiten: erwiederte Helene, und sah ganz allerliebst altklug dazu
aus.
    Das alles ist wahr und gut; aber man mu doch auch nach der Arbeit seine
Erholungsstunden haben: sprach Eugen.
    Auch an diesen fehlt es mir nicht, wie Du siehst, erwiederte Helene, indem
sie lchelnd auf Richard und das vor ihnen liegende Buch deutete.
    Ich seh' es wohl, rief Eugen halb lachend, halb rgerlich, Richard ist nun
einmal der Auserwhlte; aber warum knnen denn wir, ich und meine brigen
Freunde, nicht eben so. gut als er, uns mit Dir erholen?
    Ich wei es wohl und sag' es nicht, erwiederte Helene mit lchelndem Trotz,
kreuzte die runden weien Arme ber einander, und lehnte, ein Liedchen summend,
im Sofa sich zurck.
    Kleines eigensinniges Ding, Du sagst es nicht? aber ich erfahre es doch,
lachte Eugen, und holte mit schmeichelnder Gewalt die Amme aus ihrer dunkeln
Ecke hinter dem Ofenschirme hervor. Mtterchen, liebe Alte, bat er, komm Du
unser alles wissendes Hausorakel; komm, setze Dich hieher zu uns, weise,
vielerfahrne Pythia, und beantworte mir die Fragen, auf welche der kleine
Trotzkopf nicht antworten will.
    Aber so thut doch nur die Augen auf, so knnt Ihr Eure Fragen Euch selbst
gar leicht beantworten, sprach lachend die Amme; schaut Euch selbst nur an, und
meine junge Gebieterin dazu; seid Ihr aus den beiden kleinen Bbchen, die mir
mein Herzenskind oft genug umgerannt haben, nicht ein paar stattliche, junge
Herren geworden? und meint Ihr, mein Prinzechen wre hinter Euch
zurckgeblieben? Urtheilt selbst, ob es fr ein junges erwachsenes Frulein sich
wohl schicken wrde, mit Euresgleichen Ball- und Pfnderspiel zu spielen. Oder
soll sie etwa auch, wie ihre Schwester Natalie, in der groen Tanzstunde ihr
Herzchen verlieren? wer kann wissen ob der, welcher es etwa aufnhme, den Eltern
so genehm wre, als Frst Konstantin zum Glck es ist; und da htten wir des
Herzeleids genug; setzte die Amme, ber ihre eigne bereilung augenscheinlich
erschreckend, hinzu.
    Darum also? etwas mag daran sein, erwiederte Eugen langsam gedehnt. Nun,
Freund Richard, setzte er hinzu, mache Dich also nur darauf gefat, nchster
Tage wirst auch Du verbannt.
    Das wird er nicht, gewi nicht; fiel Helene sehr lebhaft ein.
    Nicht? und warum er allein nicht? fragte Eugen.
    Warum? das ist mir nicht recht klar; aber wre das auch, ich sagte es doch
nicht; brigens wei ich es gewi, antwortete Helene.
    Ich wei es auch, nebst dem Grunde dazu, aber ich sage es ebenfalls nicht;
mir ist als htte ich schon zu viel gesagt; sprach mit bedenklichem
Kopfschtteln die Amme.
    Der Gouvernante Ankunft beendete dieses Gesprch, und Eugen begab sich mit
seinem ziemlich nachdenklich gewordenen Freunde wieder zur Gesellschaft zurck.

Schon am folgenden Tage lie Richard sein Nicht-Erscheinen an der Tafel mit
einem unbedeutenden Unwohlsein entschuldigen; dennoch wie er alle rztliche
Hlfe von sich ab. Trbe und einsam weilte er mehrere Tage lang in seinem
Zimmer, ohne dasselbe zu verlassen; und sogar dem Einzigen, dem er den Zutritt
nicht versagte, weil er sich nicht abweisen lie, sogar seinem Freunde Eugen
gelang es nicht, ihm ordentlich Rede abzugewinnen. Mit allen Bitten und Fragen
war nichts weiter aus Richard herauszubringen, als fast ngstliches Flehen,
Geduld mit ihm zu haben, ihn nur noch wenige Tage sich selbst zu berlassen, und
Versicherungen, da er gewi sehr bald gesunden werde, wenn man ihm nur erlauben
wolle, kurze Zeit ganz einsam zu bleiben.
    Eugen verkannte den Ausdruck tiefen innern Leidens an seinem Freunde nicht,
aber er sah auch, da nicht eigentliches Kranksein, kein physischer Schmerz,
diesem Leiden zum Grunde liege. An Verzweiflung grnzender Gram, namenloses
Seelenleiden, furchtbarer Kampf sich widerstrebender Gefhle, tobten im
innersten Gemthe des Unglckseligen. Eugen sah es wohl, aber er wute den Grund
dazu auf keine Weise sich zu erklren.
    Er gab es auf, den Freund, dessen tglich mehr verfallende Gestalt mit
banger Besorgni ihn erfllte, mit Fragen lnger zu qulen, die immer nur mit
rhrenden Bitten um Nachsicht, um Geduld, um Einsamkeit, erwiedert wurden; aber
er fing an, ihn mit scharfer Aufmerksamkeit zu beobachten, um zu errathen, was
man ihm nicht bekennen wollte. Oft berfiel er ihn in seinem Zimmer, wenn
Richard sich dessen am wenigsten versah, und wenn er in spter Nacht vom Balle
oder von andern Festen zurckkehrte, blieb er lauschend an Richards Thre
stehen. Gewhnlich hrte er ihn dann noch mit unruhigen Schritten im Zimmer auf
und abgehen, oft sogar laut und vernehmlich mit sich selbst sprechen, eine
Gewohnheit, welche Richard von seiner Kindheit an gehabt hatte. Ein verborgner
Sinn lag in Richards Worten, das lie sich nicht ableugnen, aber wie diesen
heraus finden? Zuweilen brach er auch in halb ersticktes bittres Lachen aus, und
der Gedanke, irgend ein groes unbekanntes Unheil sei ber seinen Freund
hereingebrochen, das bei dieser ngstlichen Art es zu verhehlen ihn dem
Wahnsinne zufhren knne, erfllte den lauschenden Eugen mit unbeschreiblichem
Grauen.
    Thor, blinder erbrmlicher Thor! die sprechendsten Beweise unbegrnzter
Verachtung treffen dich, und du nimmst sie fr Auszeichnung, fr
Gunstbezeigungen, und triumphirst darber innerlich! ist es nicht zum
Todtlachen? sprach Richard einst heftig bewegt zu sich selbst. Willst du es denn
wirklich abwarten, da man in den Sumpf dich zurckwirft, aus welchem man zu
augenblicklichem Gebrauche dich gezogen? setzte er nach einigem Schweigen, mit
gedmpfter Stimme, fast flsternd hinzu.
    Der Schooshund darf in der vornehmsten Gesellschaft am Ofen liegen bleiben,
die Hauskatze darf in allen Winkeln herumschnurren, und an die Fe der Herrin
sich vertraulich schmiegen, was thut es? was ist an solchen Hausthieren gelegen?
wer achtet auf sie? sprach er einst im Tone ruhiger berlegung. Sie haben es
sehr gut in der Welt, denn sie amsiren, fuhr er weiter fort; sie werden
gepflegt, gefttert, gestreichelt, sie haben es ganz auerordentlich gut, diese
Thiere. Warum sollte ein Mensch es nicht eben so gut haben wollen, wenn er es
haben kann? Geduldet werden, weil man zu unbedeutend ist! es ist das bequemste
Leben von der Welt, setzte er ironisch lachend hinzu. Pfui! pfui! und hundertmal
pfui! rief er pltzlich laut aufstampfend, und ging heftig, mit zornigen
Schritten, im Zimmer umher. Eugen hrte es schaudernd, und suchte vergebens sich
zu erklren was er hrte.
    Altes redseliges Hausorakel, weise viel erfahrne Pythia, so nannte er dich
ja? dir danke ich viel, und du verdienst den Namen: sprach Richard ein andermal.
Und als ob in dstrer Nacht ein unerwarteter Strahl des Lichtes ihn trfe, so
fuhr Eugen zusammen, der wieder lauschend an der Thre stand.
    Die Amme! ja sie war es die Richard meinte, sie mute es sein, und Eugen
begriff nicht wie es mglich sei, da er nicht schon lngst auf den Gedanken
gekommen, sie um Rath zu fragen. War sie doch die Vertraute der Frstin Eudoxia,
wie der kindlich ihr ergebenen Helena; blieb ihr doch nichts was im Palaste
seines Vaters vorging verborgen, erfuhr sie doch jedes Wort, das gesprochen
wurde im Prunkgemache der Frstin, wie in der dumpfigen Kammer des niedrigsten
Knechtes!
    Eugen erinnerte sich jetzt deutlich, da Richard am Morgen nach jenem
letzten Abend, den sie beide bei Helenen zugebracht, die Amme besucht habe, was
sehr selten geschah. Er selbst hatte ihn gesehen, wie er ziemlich bleich, mit
wankendem Schritte aus ihrem Zimmer in das Seine ging, das er seitdem nicht
wieder verlassen. Sie war folglich die letzte gewesen, die in gesundem Zustande
ihn gesehen, und sie allein konnte wissen, welch unerwartetes Unheil in der
kurzen Zwischenzeit vom Abend bis zum Morgen ber den Unglcklichen
hereingebrochen sei, das in diesen unerklrlichen Zustand ihn versetzte. Eugen
beschlo dies Geheimni von ihr herauszubringen, es koste was es wolle.
    Es war kein leichtes Unternehmen; denn bei aller ihrer Redseligkeit war Frau
Elisabeth doch nichts weniger als schwatzhaft. Sie hatte verschweigen gelernt;
mit dem ihrem Geschlechte wie ihrem Stande eignen Mutterwitze hatte sie eine
gewisse schlaue Vorsicht sich angeeignet, welche durch lange Gewohnheit ihr zur
zweiten Natur geworden war, und nicht leicht entschlpfte ihr ein unberlegtes
Wort. Auch htte Eugen den Inhalt ihres letzten Gesprches mit Richard wohl
schwerlich aus der verschwiegenen Vertrauten des ganzen Hauses herausgebracht,
wenn er nicht durch seine lebhafte Beschreibung des traurigen Zustandes des
Kranken zuerst ihr innigstes Mitleid zu erregen, und hinterdrein durch
verstndliche Andeutungen der Gefahr, da er in Wahnsinn verfallen knne, sie in
Furcht und Schrecken zu versetzen gewut.
    Vor allem lag der vorsichtigen Frau daran, unter diesen Umstnden ihre eigne
Schuldlosigkeit an Richards Erkranken ins hellste Licht zu stellen; sie gestand,
da er an jenem Morgen sehr dster, sehr schwermthig zu ihr gekommen sei, um
sich bei ihr Rathes zu erholen; aber sie behauptete auch, da er vollkommen
erheitert und getrstet sie verlassen habe. Nichts habe, versicherte sie, ihn zu
ihr getrieben, als die ihn qulende Sorge, da, ungeachtet aller Versicherungen
des Gegentheils, er selbst eben so wohl als Eugens andre Freunde, am Ende doch
noch aus Helenas Nhe verbannt, von ihrem nheren vertrauteren Umgange
ausgeschlossen werden wrde.
    Nie, nie werde ich mich trsten, wenn auf diese Weise mir der einzige Weg
verschlossen wird, dem edlen Hause, das so viel an mir gethan, dadurch ntzlich
zu werden, da ich fortfahre, die mir unter dem Schutze desselben erworbenen
Kenntnisse zur Ausbildung der seltnen Talente der jungen Prinzessin zu
verwenden, wie ich bis jetzt es gethan: hatte Richard mit dem Ausdrucke inniger
Betrbni so lange wiederholt, sich so bestimmt geweigert, den Versicherungen
der Amme, da dieses keinesweges zu befrchten stehe, Glauben zu schenken, bis
sie durch Grnde von der Wahrheit derselben ihn zu berzeugen sich entschlo. In
klaren, nichts bemntelnden Worten hatte sie, freilich unter der Bedingung
unverbrchlicher Verschwiegenheit, ihm nicht nur alles entdeckt, was Helena
damals aus dem Gesprche ihrer Eltern ber diesen Gegenstand entnommen, sondern
auch wie die Frstin Eudoxia selbst, und in noch weit strkeren Ausdrcken,
gegen sie, die Amme, sich darber geuert.
    Genug, Richard hatte auf durchaus nicht schonende Weise von Frau Elisabeth
erfahren, was ihm ewig htte verborgen bleiben mssen, und diese glaubte es ganz
vortrefflich gemacht zu haben, whrend sein stolzes Herz unter dem Gefhle lange
unwissend ertragener tiefer Entwrdigung brechen wollte. Der Amme fiel es nie
ein, an ihrer Herrin zu zweifeln; und weil diese von dem in der Natur
gegrndeten Unterschiede zwischen hoch und niedrig Gebornen berzeugt war, so
glaubte auch sie daran, ohne sich dadurch im mindesten verletzt oder verachtet
zu fhlen. Im Himmel wird es anders sein, dachte sie zuweilen, dort sind wir
alle gleich, sagen die Popen; und doch, wer wei?
    Von allem was er hier vernommen seltsam ergriffen und bewegt, verlie Eugen
die Amme. Da er weit davon entfernt war die Ansichten seiner Mutter mit ihr zu
theilen, bedarf wohl kaum der Erwhnung; aber die wirkliche Lage seines
Freundes, die ihm jetzt zum erstenmal klar geworden war, fiel, eben weil sie so
pltzlich vor ihm aufstand, mit Centnerschwere ihm auf das Herz. Auch er, eben
so wenig als Richard selbst, hatte frher nie an die wesentliche Verschiedenheit
ihrer beiderseitigen Stellung in der Welt gedacht, auch nicht an den gewaltigen
Abstand der Ansprche, welche sie beide an das Leben zu machen berechtiget
waren. Richard war ihm von jeher nur als ein geliebter Bruder erschienen, mit
dem er alles theilte; wie anders mute von heute an es werden! Er begriff ganz
den bittern Unmuth, die stille Verzweiflung des Freundes, er litt mit ihm
schmerzlich und tief; aber ihm blieb der Trost, der jenem mangelte; denn fest
und unerschtterlich stand der Entschlu in seinem Gemthe, alles anzuwenden, um
den Freund seinem unwrdigen Zustande zu entreien, ihn zu heben, zu tragen, und
um jeden Prei die zwischen ihnen im Innern herrschende Gleichheit auch im
uern wieder herzustellen, und zwar auf immer.

Beim regsten innigsten Mitgefhle vermochte Eugen doch nicht, die ganze Schwere
des Unglcks, das auf seinem Freunde lastete, zu ermessen. Als verwhnte
Lieblingskinder des Glckes waren beide neben einander erwachsen, und ihre
Jugenderinnerungen konnten nur freudiger Art sein; denn von allem, was frhere
bedrcktere Zustnde ihm zurckrufen konnte, war auch Richarden, wie schon
erwhnt wurde, nichts geblieben als seine Muttersprache, die ihm berdem sogar
in diesem fremden Lande als ein besonderer Vorzug angerechnet wurde, um
dessentwillen er von vielen gesucht ward. Pltzlich aufgerttelt aus der sen
Unbewutheit goldner Jugendtrume, mute ihm jetzt zu Muthe sein wie einem, der
auf seidnem Lager entschlief, und unter Sturm und Gewitter, auf den
meerumsplten Felsen, allein und verlassen erwacht.
    rmer als er jetzt sich fhlte, hat noch kein Menschenkind sich jemals
gefhlt. Von allem was ihn umgab, was er sonst, ohne alles Bedenken, als ihm
angehrig betrachtet hatte, war, wie es ihm schien, auer dem nackten Leben
nichts mehr Sein; er whnte nicht einmal mehr auf das Obdach ber seinem Haupte
ein Anrecht zu haben; frstliche Gnade hatte ihn darunter aufgenommen,
frstliche Laune konnte ihn verjagen, sobald es ihr beliebte, ihn nicht mehr
darunter zu dulden.
    Immer wilder, immer verworrener wogten, kreuzten sich seine Gedanken, bis
sein Elend den hchsten Gipfel erreichte, und er vor Jammer und Mitleid mit sich
selbst zu vergehen glaubte; da endlich erwachte sein eigenes besseres Selbst.
    Und bin ich denn aber wirklich so elend? so ganz auf fremde Hlfe
angewiesen? rief eine trstende Stimme in seinem Innern: habe ich nicht auch
Eltern? ein Vaterhaus, ein schnes hochgepriesenes Vaterland, wo ich hin gehre,
wo ich daheim bin? Nur wer sich selbst aufgiebt, sich selbst verlt, ist
warhaft verlassen.
    Er suchte sein aufgeregtes Gemth auf alle Weise zu beschwichtigen; er
schlo die Augen, und strebte mhsam, dunkle Erinnerungen seiner frhesten
Kindheit, die traumartig Jahre lang in ihm geschlummert hatten, hinauf an das
Tageslicht zu beschwren. Sie erwachten, sie traten aus dem Dunkel hervor. Das
schmuzige enge Stdtchen Nottingham, das kleine unscheinbare Haus, in welchem
seine Eltern wohnten, die ruchrige kellerartige Kche, in der seine Mutter das
sprliche Mittagsmahl fr die Familie mhselig bereitete. Er sah die Arbeiter
unter den staubigen Baumwollenballen, im niedrigen Magazine herumstren, er
glaubte sogar die scheltende Stimme seines Vaters zu hren, vor der er sich oft
in den dunkelsten, abgelegensten Winkeln des Hauses verborgen, und fhlte dem
Allen sich gnzlich entfremdet. In seiner Brust regte sich kein liebendes
Gefhl; mit innerem Grauen erfllte ihn der Gedanke an jenes dunkle enge Leben,
zu welchem er doch eigentlich geboren war; ihm schauderte davor, aber verloren
gab er sich darum doch nicht.
    Richard nahm alle seine Kraft zusammen, um zu nchternem gelassnem Besinnen
sich zu zwingen. Greise, Weiber, Kinder, mgen klagen und jammern, rief er,
Mnner helfen sich selbst, oder gehen unter im Versuch; nur der ist verlassen,
der sich selbst verlt, sei knftig mein Wahlspruch. Zwar habe ich mein
zwanzigstes Jahr noch nicht vollendet, aber ich bin eine frhreife Frucht meines
Geschicks, es hat vor der Zeit mich mndig gesprochen, und ich darf sagen, ich
bin ein Mann.
    So kaltbltig als es ihm nur immer mglich war, fing er jetzt an, alle
Vortheile und Nachtheile seiner Zustnde zu berlegen, und gelangte endlich zu
dem Entschlusse, in die Welt zu gehen, die weit offen vor ihm lag: zunchst nach
Amerika, wo so viele seines Gleichen Glck oder Untergang suchen und finden. Der
Einzelne kommt berall leicht durch, trstete er sich selbst, nur Freiheit!
Unabhngigkeit! Selbststndigkeit! sei es meinetwegen auch bei Wasser und Brod.
    Er gefiel sich in dem Gedanken, und malte mit den lebhaftesten Farben seiner
ohnehin sehr gespannten Fantasie ihn sich aus. Schmerzliche Wehmuth ergriff ihn,
indem er den Abschied von seinen frstlichen Pflegeeltern sich dachte, die immer
ihm wohlgethan, die er mehr als seine eignen Eltern geehrt und geliebt; von dem
vertrauten innigsten Freunde seines Herzens, von Eugen, der mehr als Bruder ihm
gewesen, von Helena - da war es pltzlich um seinen Muth gethan! auch Sie sollte
er nicht mehr sehen, nicht mehr hren; die Hauptbeschftigung seines bisherigen
Lebens, jeden ihrer Wnsche zu errathen und zu erfllen, die Freude, bei allen
ihren schnen anmuthigen Arbeiten ihr hlfreich zur Seite zu stehen, sollte er
aufgeben auf immer und immer: es war ihm undenkbar. Was die seste Gewohnheit
ihm Jahre lang verborgen gehalten, ward jetzt in einem Augenblicke ihm furchtbar
klar, und zum erstenmale fhlte er, welche unzerreibare Bande ihn an den Boden
fesselten, den sie betrat.
    Strenge ging er mit sich selbst jetzt ins Gericht, und sprach von jeder
vorgefaten Hoffnung, von jedem thrichten Wunsche sich frei, den er in seiner
jetzigen Lage fr unverzeihlichen Unsinn erklren mute. Nichts glaubte er zu
wollen, als sie sehen, die nmliche Luft mit ihr athmen, ihr dienen; in jener so
verzeihlichen Schwrmerei der ersten Liebe eines reinen jugendlichen Gemths war
er berzeugt, da er nie Hheres wollen noch wnschen werde. Doch diesem Glck
zu entsagen schien ihm unmglich, er fhlte mit unbeschreiblicher Seelenangst
seine Unfhigkeit, mit fester Hand in seine Zukunft einzugreifen, und versank
von neuem in hoffnungslose dstre Trostlosigkeit. So fand ihn Eugen, als er zu
ungewohnt spter Stunde zu ihm zurckkehrte.
    Mit so viel uerlicher Unbefangenheit, als er nur erzwingen konnte, legte
dieser jetzt seinem Freunde von seinem langen Auenbleiben Rechenschaft ab;
erzhlte von Besuchen, die er doch endlich einmal habe machen mssen, ohne
jedoch den bei der Amme zu erwhnen; brachte von seiner Mutter und seinen
Schwestern Gre und Ermahnungen, sich wohl zu pflegen, um recht bald wieder zu
gesunden, und kndigte zuletzt ganz unbefangen, als etwas ganz Gleichgltiges,
den nahen Besuch seines Vaters an, der nur noch einiger berlstigen Visiten
sich zu entledigen habe, ehe er selbst komme, um sich durch den Augenschein von
Richards Befinden zu berzeugen.
    Als ob etwas ganz Unerhrtes vor seinen Augen sich zutrge, starrte Richard
seinen Freund an. Der Frst selbst? Frst Andreas? zu mir will er kommen? er
selbst, und hieher, zu mir? flsterte er todtenbleich, beinahe unhrbar; die
Stimme versagte ihm vor innrer Bewegung.
    Thust doch als geschhe es zum erstenmal, sprach lchelnd Eugen; besinne
Dich doch nur, wie bist Du denn heute? haben nicht beide, mein Vater und meine
Mutter, oft an Deinem Bette gestanden, wenn Du krank warst? Seit wir nicht mehr
Kinder sind, und mit Kinderkrankheiten nichts mehr zu thun haben, ist
glcklicherweise der Fall nicht wieder vorgekommen; aber was ist es denn
Besonderes, wenn ein Vater seinen kranken Sohn besucht? Und hat er nicht stets
Dich als solchen gehalten und geliebt, und warst Du nicht immer mein Bruder und
bist Du es nicht noch?
    O stille! stille! stille! kaum habe ich meine Vernunft wieder erlangt,
verlocke mich nicht von neuem, sprach Richard sehr bewegt. Ich wei jetzt, ich
wei, wiederholte er einigemal, und sank, ohne seine Rede vollenden zu knnen,
dem Freunde durch und durch erschttert an die Brust.

Der verheiene Besuch des Frsten Andreas unterbrach eine Scene, die fr beide
Freunde zu angreifend zu werden drohte; doch sah und hrte er beim Eintreten in
das Zimmer noch genug davon, um sich in der schon durch Eugens Bericht
vorgefaten Meinung zu bestrken, da Richard mehr geistig als krperlich leide.
Er liebte wahrhaft den Jngling, der unter seinen Augen, man mchte sagen, unter
seiner Pflege, so krftig und schn heranblhte, und war in diesem Augenblicke
nur darauf bedacht, ihn vor dem geistigen Untergange zu bewahren, der, wenn er
so fortfhre, ihm drohte. Mit wirklich vterlicher Milde und Freundlichkeit
suchte er anfnglich durch anscheinend gleichgltiges Gesprch die zu heftige
Anspannung dieses reizbaren Gemthes herabzustimmen, und ergriff, nachdem ihm
dieses gelungen, den ersten gnstigen Augenblick, um fest und bestimmt zu
erklren, da Richard nur einer ernsten Beschftigung bedrfe, um schnell und
fr immer von seinen Leiden geheilt zu werden, die ich, setzte der Frst
freundlich hinzu, mit Deiner Erlaubni am liebsten Grillen und Einbildungen
nennen mchte.
    Mit dem lebhaftesten Eifer trat Eugen der Ansicht seines Vaters bei; Richard
war an Leib und Seele zu abgespannt, zu gedrckt, zu froh, auf fremde Hlfe in
seiner Unentschlossenheit sich sttzen zu knnen, um gegen Vater und Sohn
anzukmpfen, die beide jetzt in ihn drangen, sich zur Wahl eines, seine Zukunft
fest bestimmenden Planes zu entschlieen, zu dessen Ausfhrung ihm alles zu
Gebote stehen solle, was er nur bedrfen knne. Von ihm durch keinen Widerspruch
gehindert, fing Richards wohlmeinender Beschtzer nun an, dem noch immer in
dumpfen Trbsinn Versunkenen eine lange Reihe glnzender Vorschlge fr den
Lebensweg vorzulegen, an dessen Wendepunkte er jetzt stand. Der zuerst mit
zartester Schonung kaum angedeutete, im Falle ihn das Heimweh ergriffen, ihn
zurck nach England zu senden, und auch dort allen Beistand, dessen er bedrfen
knne, ihm zu gewhren, wurde von dem ehrgeizigen Jnglinge widerwillig, fast
zrnend zurckgewiesen, und der Frst rechnete in seinem Herzen diese Weigerung
als einen Beweis seiner liebenden Anhnglichkeit ihm hoch an. Andre Vorschlge,
die diesem ersten folgten, wurden zwar besprochen und geprft, dennoch aber am
Ende, unter irgend einem scheinbaren Vorwande, dankend ausgeschlagen.
    Das Gesprch zog sich gewaltig in die Lnge. Meistens von Richard selbst
aufgefundene Schwierigkeiten thrmten berall dem trefflichen Wollen des Frsten
sich entgegen, der vielleicht nicht mehr fern davon war, die Geduld darber zu
verlieren, als Richard pltzlich wie inspirirt aufsprang, und mit krankhafter
Heftigkeit hchst berraschend fr die militairische Laufbahn im Dienste der
russischen Krone sich erklrte. Frst Andreas und sein Sohn blickten beide
verwundert ihn an, und mochten ihren Sinnen kaum trauen. Nie, selbst nicht als
Knabe, hatte Richard die mindeste Neigung zum Soldatenstande gezeigt, weshalb
sie diesen in die Reihe der ihm dargelegten Vorschlge auch gar nicht
aufgenommen hatten.
    Der Ort, das Land, wo wir geboren wurden, ist darum noch nicht unser
Vaterland! rief Richard mit sein ganzes Wesen verklrendem Enthusiasmus. England
war nichts weiter als meine Wiege; frh genug warf sie, achtlos was aus mir
wrde, mich aus! Hier, wo mein eigentliches Leben unter dem Schutze und der
Pflege der Edelsten des Landes erst begann, hier in Ruland ist meine wahre
Heimath. Ruland, dem ich Alles verdanke, ist mein Vaterland, und von heute an
weih' ich mich feierlich seinem Dienste bis ans Ende meiner Tage.
    Nun bist Du wahrhaft mein Bruder! rief Eugen mit glnzendem Auge und
drckte, in freudiger berraschung, den Freund an die Brust; auch der Frst
umarmte ihn, und sprach in den wrmsten Ausdrcken seine Zufriedenheit mit
diesem Entschlusse aus. Sie blieben alle drei noch lange beisammen; mancherlei,
auf Richards Vorbereitung zu der von ihm erwhlten Lebensbahn Bezug habendes,
wurde besprochen; manches Beispiel von tapfern bedeutenden Mnnern, lterer und
neuerer Zeit, wurde erwhnt, die ohne durch hohe Geburt oder groen Reichthum
untersttzt worden zu sein, zu den hchsten Ehrenstellen in der Armee sich
hinaufschwangen.
    Und so war denn wirklich diese Abendstunde zu dem am Morgen dieses Tages von
ihm selbst noch nicht geahneten Wendepunkte in Richards Leben geworden; doch
nicht allein die Zukunft eines bis dahin unbedeutenden englischen Knaben, auch
die vieler hundert andren Menschen, vielleicht selbst die eines groen Reiches,
wurde durch diese Stunde bestimmt. Darum wage keiner, auch auf das anscheinend
unbedeutendste Ereigni achtlos herunter zu sehen. Wer kann wissen, ob es nicht
die Schneeflocke ist, die vom Hochgebirge niederschwebend, zum Kern der Lawine
wird, welche in ihrem zerstrenden Laufe zum Ungeheuern sich vergrernd,
Htten, Wandrer und Heerden dem Untergange zuschleudert.
    Ein ganzes Jahr verging, ohne da in Richards frheren glcklichen
Verhltnissen die mindeste Abnderung eingetreten wre. Mit brennendem Eifer
strebte er im Laufe desselben die, fr seine knftige Bestimmung ihm noch
mangelnden Kenntnisse sich zu erwerben, und Gesundheit und Frohsinn kehrten bei
rastloser, wohl angewandter Thtigkeit ihm wieder zurck. War es Mitleid? war es
frh ihr zur Gewohnheit gewordene Liebe? wahrscheinlich war es beides, was die
Frstin Eudoxia bewog, whrend dieser Zeit sich fast noch milder und
freundlicher als zuvor gegen den Jngling zu bezeigen, dessen ihrer Ansicht nach
ihm angebornes Migeschick ihre innige Theilnahme erregte. Als endlich der
Zeitpunkt erschien, wo Richard das gastliche Dach, das in frher Kindheit ihn
aufnahm, verlassen mute, um seiner knftigen Bestimmung zu folgen, da war es
Eudoxia, die zuerst auf den Gedanken kam, ihn, dessen bloer Anblick verrieth,
wie schwer jetzt am Scheidepunkte das Gefhl des Verlassenseins von neuem auf
ihm laste, durch mannigfaltige Beweise der Theilnahme und des Andenkens beim
Eintritte in seine neue Wohnung trostbringend begren zu lassen.

Von nun an fhlte Richard sich weit glcklicher und freier, als er in seinem
frheren Mimuthe fr mglich gehalten. Bedeutend abgekrzt durch den Einflu
des mchtigen Frsten Andreas, war seine Dienstzeit als gemeiner Soldat
innerhalb weniger Monate berstanden und er zum Unteroffizier erhoben. Da er
als solcher, durch seinen Rang, von der Gesellschaft ausgeschlossen war, zu
welcher er frher, als zum Hause des Frsten Andreas gehrig, unbedingt gezhlt
wurde, kmmerte ihn wenig. Ungern mochte er jetzt jener Zeit gedenken, die er,
in glcklicher Unbekanntschaft mit seiner eigentlichen Stellung, in einer fast
ununterbrochenen Folge von Festen und Vergngungen verlebt hatte; sie erschien
ihm jetzt wie ein langer bethrender Rausch, an den man beim spten Erwachen nur
mit Ekel und Widerwillen sich erinnern mag. Sein stolzer Sinn schauderte vor dem
Gedanken zurck, auch noch ferner in erborgtem Schimmer zu glnzen; aber wenn er
Abends an den hellerleuchteten Fenstern der Sle vorberkam, zu welchen der
Zutritt ihm jetzt versagt war, konnte er doch nicht unterlassen, mit innerm
Behagen und berechnender Zuversicht der vielleicht nicht ganz fernen Zeit sich
im Geiste zuzuwenden, in welcher durch Rang und Verdienst gehoben, es nur von
ihm abhngen wrde, mit besserem Rechte als ehemals, seine frhere Stelle dort
wieder einzunehmen - wenn es ihm nmlich so beliebe.
    Aus erbittertem Trotz gegen das, was er in trben Stunden des Mimuths als
eine Unbill des Schicksals gegen ihn betrachtete, htte er vielleicht einen
seinem jetzigen Range, wenn gleich nicht seiner geistigen Bildung angemesseneren
Umgang sich erwhlt, und wre darber in einen Strudel von lockenden
Verfhrungen und Gemeinheit gerathen; doch Eugen stand wie sein guter Engel ihm
treulich zur Seite, er wute jeden Schatten eines Verdachtes, als sei irgend
etwas zwischen ihnen beiden anders geworden, von seinem Freunde fern zu halten;
keinen Tag lie er vergehen, ohne ihn in sein vterliches Haus zu fhren, wo
Richard stets als ein willkommner, von Allen gern gesehener Gast empfangen ward.
Sobald andre Besuche dieses nicht verhinderten, durfte er vllig zwanglos und
frei dem huslichen Kreise dieser edlen Familie sich anschlieen, und wurde
gleich den Shnen des Hauses behandelt; auch in seinem Verhltnisse zu Helena
war nichts abgendert worden, allen andern jungen Freunden ihrer Brder blieb
sie unsichtbar, auf ihr einsames Zimmer und den Besuch einiger Freundinnen
beschrnkt; doch Richard durfte in Eugens Begleitung, oft aber auch allein, in
Gegenwart der Madame Sommerfeldt oder auch nur der Amme, sie dort besuchen, um
ihre stillen Abende auf gewohnte Weise zu erheitern, deren sie jetzt mehr als
sonst hatte, seit Nataliens Verlobung mit dem Frsten Konstantin bekannt gemacht
worden war.
    Auch die Frstin Eudoxia blieb in ihrem freundlichen Benehmen gegen ihn sich
gleich. Das herbe, verletzende Gefhl, welches die Amme durch ihre
unvorsichtigen Mittheilungen in ihm aufgeregt hatte, wurde dadurch zwar nicht
ganz besiegt, aber doch sehr gemildert; er vermochte nicht, der sich ihm
aufdringenden berzeugung zu widerstehen, da die Worte der sonst so zart
fhlenden Frstin unmglich in dem Sinne gemeint gewesen sein knnten, welchen
die Amme, nach ihrer gemeineren Art, ihnen untergelegt, und da Frau Elisabeth
in ihrer Redseligkeit sich manche bertreibung habe zu Schulden kommen lassen,
ohne es eigentlich zu wollen. Und so trug denn alles dazu bei, ihn zu beruhigen,
und ihm die Vernderung seiner Lage weit minder fhlbar zu machen, als er es
erwartet hatte.
    Von der andern Seite war der unbeschrnktere Blick in die ihm nher
gebrachte Welt, in die Leiden und Freuden, in alle ihm bis jetzt unbekannt
gebliebene wechselnde Zustnde des brgerlichen Lebens, fr ihn unstreitig ein
Gewinn, der nur durch diese Vernderung seiner ganzen Existenz ihm hatte werden
knnen. So seltsam und selbst verletzend Iwan Yakuchins Glckwunsch, zur
Befreiung aus der vornehmen parfmirten Atmosphre seiner hohen Beschtzer, an
jenem ersten Abende in seiner neuen Wohnung ihm geklungen haben mochte, so
fhlte er doch nach wenigen Monaten, wie viel Wahres darin gelegen. Er war sich
bewut, jetzt weit fester und sichrer aufzutreten, da niemand mehr ihm zur Seite
stand, um im Nothfalle ihn zu sttzen oder zu leiten; er gewann mit jedem Tage
mehr Vertrauen in sich und seine Kraft. In zweifelhaften Fllen wagte er es eine
eigne Meinung zu haben, und wute sich selbst zu rathen, ohne zu Andern seine
Zuflucht zu nehmen.
    Seit er dem hemmenden Einflusse der die sogenannte gute Gesellschaft
beherrschenden Konvenienzen entgangen war, bewegte er sich in einem ihm ganz
neuen Kreise, in welchem Iwan anfnglich sein Fhrer, und hernach sein von ihm
unzertrennlicher Begleiter wurde. berall sah man die Beiden zusammen; im
Theater, wo Richard nicht mehr von seines Gleichen geschieden, in einer Loge des
ersten Ranges thronte, wie an ffentlichen Belustigungsorten. Moskau wimmelte
damals von, aus dem allgemeinen Befreiungskriege erst seit kurzer Zeit
heimgekehrten jungen Leuten; mehrere derselben schlossen den beiden Freunden zu
vertrauterem Umgange sich an. Mancher Abend wurde in jubelnder Lust, ftrer noch
in ernstem, tief eindringendem Gesprche in diesen Versammlungen hingebracht;
denn seit jenen groen Ereignissen schien in Moskau wie berall der Geist
unbefangener Frhlichkeit allmlig von der Jugend zu weichen, und Gedanken und
Betrachtungen, wie frher nur das reifere Mannesalter sie hegte, waren an dessen
Stelle getreten. Die dunkeln Stunden der langen nordischen Nchte zogen ber den
Erzhlungen der jungen Helden von dem, was sie im Auslande gethan und gesehen,
ungezhlt vorber. Fromme Wnsche, sogar leise angedeutete Plne zur
Verbesserung des im Vaterlande Bestehenden, kamen zur Sprache. Immer noch glhte
jene Begeisterung in ihren Herzen, die zuerst Moskau in Flammen setzte, dann die
halbe Welt ergriff, und durch die allein jene Wunder von Ausdauer und Tapferkeit
mglich geworden waren, welche nach langen Jahrhunderten noch die spteste
Nachwelt mit bewundernder Verehrung erfllen werden.
    Mehreren der aus dem Kriege Heimgekehrten war es gelungen, die strenge
Aufsicht, welche an der russischen Grnze die Einfhrung auslndischer Bcher
erschwert, zu umgehen. Kriegslieder, Aufrufe an die deutschen Vlker zum
gemeinschaftlichen Kampfe, diese alles elektrifirenden Vorlufer jener
denkwrdigen Zeit, waren mitgebracht, und wurden mit Enthusiasmus in
Zusammenknften gesungen und gelesen. Aber nicht nur diese allein, auch andre
von dem, nach so gewaltsamer Erregung nicht gleich das nthige Gleichgewicht
wiederfindenden Freiheitssinne eingegebene Schriften, hatten auf gleiche Weise
den Weg in jene vertraulichen Vereine gefunden; auch sie wurden bersetzt,
vorgelesen, besprochen, bestritten, oder auch mit lautem Jubel aufgenommen. Im
Auslande schwindlig gewordene junge Brausekpfe, rissen durch feurige
Beredsamkeit ihre Zuhrer zu Plnen und Vorschlgen fr das Wohl des Vaterlandes
hin; sprachen von nicht lnger aufzuschiebenden, zum allgemeinen Besten durchaus
nothwendigen Abnderungen verjhrter Mibruche, und whnten von reiner
Vaterlandsliebe sich beseelt, ohne hinter dieser glnzenden, sie selbst
tuschenden Maske, die tief im eignen Gemtheverborgenen Regungen unruhigen
Ehrgeizes zu erkennen.
    Mit aller Gluth eines lebhaften, in der Welt noch ganz neuen Gemthes, hing
Iwan dann an den Lippen der Redner; ernster und mehr in sich gekehrt, zeigte
Richard sich nur als aufmerksamen Zuhrer, dem nicht alles neu war, was er hier
vernahm. Zuweilen glaubte er uerungen zu hren, ber die, nur weitluftiger
und mit andern Worten, der Frst Andreas sich schon ausgesprochen hatte, dann
aber kam auch wieder so vieles zu jenem nicht Passendes, ihm widersinnig
Dnkendes dazwischen, das ihn irre machte. Er wnschte von Herzen, die
Unterhaltung mge eine frhlichere, dem jugendlichen Alter angemessenere Wendung
nehmen; doch daran war nicht zu denken. Ein heimlich unter der Asche glimmendes
Feuer hatte die Gemther ergriffen, und verbreitete sich im Verborgenen immer
weiter und weiter. Gern htte er diese Gesellschaft, in der er sich nie recht
behaglich fhlte, ganz aufgegeben; nicht aus Besorgni um die mglichen Folgen,
an die er nicht glauben konnte, indem er in allen diesen Berathungen nur ein
nutzloses, zeitraubendes Spiel miger Kpfe sah; aber weil jedes unberufene
Einmischen in ernste Angelegenheiten, geschhe es auch nur durch in den Wind
verhallende Worte, ihm tief im Innersten der Seele zuwider war. Um Iwans willen,
den jede uerung seines Mibehagens tief zu krnken schien, hatte er indessen
nicht den Muth, aus einem Kreise zu scheiden, an welchem dieser das hchste
Interesse nahm, und lie es sich zuweilen sogar gefallen, zu spter Nachtzeit,
nach einigen auf ganz andre Weise in Helenas Nhe froh verlebten Stunden, von
seinem Freunde in diese Gesellschaft sich schleppen zu lassen.

Frst Andreas war mit seinem knftigen Schwiegersohne und mit dem jungen Frsten
Eugen der Einladung zu einer groen Jagdpartie gefolgt; eine leichte Erkltung
hielt indessen die Frstin Eudoxia in ihren Zimmern gebannt, wo ihre beiden
Tchter den ganzen Tag ber ihr Gesellschaft leisten muten, weil sie keine
Besuche annahm. Richard selbst war in dieser Zeit von Morgen bis Abend mit
Vorbungen zu einer Reve beschftigt gewesen, die nchstens Statt haben sollte;
alles dieses hatte mehrere Tage lang ihn von Helena und dem ganzen frstlichen
Hause entfernt gehalten. Jetzt endlich war aber alles berstanden; die
militairischen bungen waren beendet, des Frsten Rckkunft wurde stndlich
erwartet, und auch Eudoxia war von ihrem Unwohlsein vllig wieder hergestellt.

    In der vornehmen Welt war es noch ziemlich frh am Tage, als Richard, von
Ungeduld getrieben, eine fr Helena bestimmte Rolle frisch angekommner
musikalischer Novitten unter dem Arme, ber den weiten Vorhof einer Seitenthre
des Palais zueilen wollte, welche in den von den beiden jungen Frstinnen
bewohnten Flgel desselben fhrte. Zu seinem hchsten Erstaunen fand er aber
schon am groen Thorwege den Weg versperrt. Remisen und Stlle standen weit
offen, die Lieblingspferde des Frsten wurden hinausgefhrt, eine Unzahl von
Reisekutschen, Packwagen, Fuhrwerken aller Art, bildeten im Hofe eine fast
undurchdringliche Wagenburg. Kisten und Koffer von allen Formen und Dimensionen
lagen neben und ber einander aufgethrmt dazwischen, und singend, fluchend,
pfeifend, schreiend, hmmernd, rufend sprang, lief, kletterte eine Armee von
Stallknechten, Sattlern, Dienern, Schmieden und Wagnern in diesem Chaos umher.
Richard wute nicht wie ihm geschehen; bis zu jener Seitenthre durchzudringen
war unmglich; vergebens bestrmte er mit Fragen die an ihm vorbeistreifenden
Diener; vor lauter Geschftigkeit konnte keiner derselben ihm Rede stehen.
Endlich gelang es ihm, bis zu dem Haupteingange des Palais sich durch das
Getmmel hindurch zu arbeiten; kaum hatte er hier die groe Treppe erreicht, als
ein Diener der Frstin Eudoxia ihn in Empfang nahm, der sehr erfreut war ihn
anzutreffen, weil er so eben Befehl erhalten, ihn sogleich aufzusuchen und zu
seiner Gebieterin zu fhren.
    In ihm selbst unverstndlicher, dumpfer Angst befangen, wankte Richard, wie
ein Trumender, den ihm von Kindheit auf bekannten Weg zu den Zimmern der
Frstin hinan, und konnte nur mit Mhe sich zurecht finden; denn Treppen,
Korridor, Vorzimmer, alle seit langen Jahren tglich gesehene Gegenstnde, kamen
in seiner innern Verstrtheit ihm ganz fremdartig vor. Nur als beim ffnen der
Thre die, aus dem kstlichsten Blumendufte und den ausgesuchtesten Parfmerien
zusammengesetzte Atmosphre ihm entgegen wallte, welche gewhnlich die Frstin
umgab, kam er einigermaen wieder zu sich selbst.
    Der erste Blick auf die in blhender Gesundheit von ihrem gewohnten Platze
ihm entgegen lchelnde Eudoxia, mute jeden Gedanken an einen ihr oder ihrem
Hause widerfahrnen Unfall aus Richards Gemthe verscheuchen; aber die Last, die
beim Anblick der unten im Hofe herrschenden Unordnung ihm schwer auf das Herz
gefallen war, abzuschtteln, blieb ihm noch unmglich; er zitterte fhlbar,
indem er die freundlich ihm gebotene Hand an seine Lippen drckte.
    Nrrchen, was hast Du denn? fragte die Frstin nach ihrer gegen ihn noch
immer beibehaltenen mtterlichen Weise; weit Du etwa schon? nun was ist es denn
weiter! gewi Du sollst dadurch nichts verlieren.
    Richard starrte sie an, wollte antworten, und die Stimme versagte ihm. Ja
das ist nun nicht zu ndern, es ist nun einmal nicht anders, wir gehen nach
Petersburg, nahm Eudoxia mit groer Gelassenheit wieder das Wort.
    Zwischen mir und Andreas war diese Reise zwar schon seit geraumer Zeit so
gut als beschlossen, aber so lange die Sache noch einigermaen zweifelhaft
blieb, haben sogar unsre Kinder nichts davon erfahren. Die vielen Fragen in der
Gesellschaft, Sie reisen? wann? weshalb? wann kommen Sie wieder? bringen Einen
um alle Geduld. Helena selbst wei erst seit diesem Morgen, da wir reisen. Ein
Theil unsrer Dienerschaft geht mit der Hlfte unseres Gepckes noch heute ab,
morgen oder bermorgen folgt das brige, und wir mit unsern Tchtern treten in
acht bis zehn Tagen die Reise an: denn einen kleinen Vorsprung mssen wir unsern
Leuten doch lassen.
    Ein tiefer Schmerzenslaut entrang sich Richards Brust; verwundert blickte
die Frstin zu ihm auf; bleich, fassungslos stand er wie vernichtet neben ihrem
Armsessel; seine Hand hielt die Rcklehne desselben krampfhaft umfat, als
bedrfe er dieser Sttze, um nicht umzusinken.
    Du bist krank! rief Eudoxia: was berkam Dich so pltzlich? setz' Dich
hierher, Du kannst Dich ja kaum aufrecht halten; mein Gott, was ist Dir denn
geschehen? fragte sie mtterlich besorgt.
    Richard sank zu ihren Fen hin, und verhllte seine thrnenden Augen in den
Saum ihres Kleides.
    Du weinst? fragte sie mitleidig: arme, gute, treue Seele, wre es unsre
Abreise, was Dich so betrbt? verlieren und wiederfinden ist ja die ganze
Geschichte des Lebens der Menschen auf Erden, das bedenke; das ist nun einmal
nicht zu ndern, und man mu sich darein ergeben. Und sei versichert, auch aus
der weitesten Ferne sorgen wir fr Dich, Du sollst durch unsre Entfernung nichts
verlieren; ich und mein Gemahl werden immer als zu unserm Hause gehrend Dich
betrachten.
    In diesen letzten, gewi gut gemeinten Worten, im Tone mit dem sie
ausgesprochen wurden, lag etwas ungemein Schmerzliches fr Richard, das wie ein
elektrischer Schlag ihn durchzuckte. Fast vergessene Erinnerungen an das, was
die Amme ihm von der Frstin stolzem Sinne frher bekannte, wachten in ihm auf,
und spornten ihn sich zu ermannen. Seine Thrnen versiegten, er erhob sich, und
nahm der Frstin gegenber den Platz ein, den sie vorher ihm angewiesen.
    Kann meine gtige Beschtzerin mich so miverstehen? erwiederte er, zwar mit
geziemender Ehrfurcht, aber frei ihr ins Auge blickend: kann sie mich, der unter
ihren Augen, unter ihrer Leitung vom Kinde zum Manne heranwuchs, fr so
eigenntzig, fr so niedrig achten, da ich in einem solchen Augenblicke eines
solchen Trostes bedrfte? ja da ich nur fhig wre ihn anzunehmen? Was ich bin,
was ich auer dem nackten Leben besitze, verdanke ich meinen edlen Beschtzern,
fuhr er sehr erregt mit flammenden Augen fort; aber die hchste der Gaben, die
ich aus Ihrem Hause mit fortnehme, durch die mein innigstes Dankgefhl mich
Ihnen ewig zu eigen macht, ist, da ich durch Sie in den Stand gesetzt bin,
sorglos in die Zukunft zu blicken, und berall das Gefhl mit mir trage, mir
selbst auch ohne ure Hlfe durch die Welt helfen zu knnen. Aber wie ich es
aushalten werde, dieses Haus knftig verdet zu sehen! wie ich alle die vielen
langen Tage, die von nun an einander folgen, von denen keiner mir - ach! ich
vermag nicht es auszusprechen; der geringste Diener in Ihrem Gefolge scheint mir
jetzt beneidenswerth.
    Guter dankbarer Sohn, sprach die wirklich gerhrte Frstin; das also ist es
allein? liebst Du uns so? aber Deine treue Anhnglichkeit an uns und unser Haus
ist mir ja lngst bekannt, und auch ich, das glaube nur fest, auch ich werde oft
Deiner gedenken, und Dich vermissen. Doch jeder, in welcher Lage er sich auch
befinden mag, mu sich das Unabnderliche mit Fassung gefallen lassen, und
wenigstens den Trost wirst Du nicht verschmhen, da wir nicht auf immer von Dir
scheiden. In Jahresfrist, vielleicht noch frher, kehren wir zurck, denn ich
und Andreas lieben diesen Aufenthalt, und mchten ihn mit keinem andern
vertauschen.
    Die Minuten, die ich fr Dich aufgespart, sind verflossen, und drauen
warten hundert Augen auf mich, sprach die Frstin, indem sie auf ihre Uhr sah.
In wenigen Worten will ich Dir noch die Veranlassung dieser Reise erklren, die
Dich so betrbt, denn ob wir uns wieder allein werden sehen, ist zweifelhaft.
Die knftigen Schwiegereltern meiner Natalie bestehen darauf, das Hochzeitsfest
in ihrem Familienkreise zu feiern, und wir, wir mssen aus Rcksichten fr das
Glck unsrer Tochter ihrem Wunsche nachgeben, obgleich unsre Absicht eigentlich
war, Natalien mit ihrem jungen Gemahl erst nach ihrer Vermhlung nach Petersburg
gehen zu lassen. Nach reifer berlegung finden wir selbst es rathsam und
schicklich, nach langer Abwesenheit uns dem Hofe wieder einmal zu nhern; ich
selbst werde meine beiden Tchter dort einfhren, und sie dem Kaiser und der
Kaiserin vorstellen, denn auch Helena hat das dazu gehrige Alter jetzt
erreicht. Und nun geh', guter Richard, der Frst wird bald hier sein. Bei Tafel
sehen wir Dich wieder, andre Gste werden heute nicht empfangen, Du aber bist ja
gleichsam das Kind vom Hause. Fasse Muth und hoffe auf die Zukunft, wenn Dich
der Augenblick drckt.
    Richard hatte eben noch Besinnung genug, um die ihm abermals gebotne Hand zu
kssen, und wankte weit trostloser als er gekommen war zur Thre hinaus.
    Oben an der groen Treppe stand er einen Augenblick still, und blickte hinab
in den Vorhof. Das Getmmel hatte dort unten wo mglich noch zugenommen, man
fing eben an die Packwagen zu beladen, und das Singen, Lachen und Pfeifen der
dabei Beschftigten klang ihm wie der unmenschlichste Hohn. So wie ihm damals,
mag dem Verurtheilten zu Muthe sein, der indem er in seinen Kerker zurck
gefhrt wird, das Schafott erbauen sieht. Ihm schwindelte, er hatte weder Muth
noch Kraft die Treppe hinab zu gehen, und durch diese Vorbereitungen zur
Zerstrung des ganzen Glcks seines Lebens sich abermals hindurch zu drngen, er
wandte der andern Seite des Vorsaales sich zu. In Eugens abgelegeneren Zimmern,
zu denen das Getse im Vorhofe nicht dringen konnte, dachte er einige
Augenblicke zu verweilen, um sich dort, in der Einsamkeit, einigermaen wieder
zu sammeln.
    Gut, da ich Dich treffe! rief die auf dem Wege dorthin ihm begegnende Amme
ihm entgegen: aber wie siehst Du aus! bist Du krank? hast Du Fieber?
    Richard machte eine verneinende Bewegung, reden konnte er noch nicht.
    Nun das ist mir lieb, denn zum Kranksein ist jetzt nicht die Zeit, sprach
die Amme; hernach, wenn wir fort sind, magst Du Dich legen und pflegen, zu arg
wird es doch hoffentlich nicht mit Dir werden. Ja, ja, dann wird es still genug
hier im Hause sein, todtenstill, wie im Grabe; jetzt ist es desto lauter. Was
nur die Groen von ihrer heillosen Art haben mgen, ihre Befehle immer erst in
der letzten Stunde von sich zu geben! so da man, wenn's ans Ausfhren gehen
soll, nicht Beine genug hat, um alles zu belaufen, und nicht Kopf genug, um
alles zu bedenken. Sieh einmal her, wie ich beladen bin, Kaschmirs, Schmuck,
Spitzen und Gott wei was alles noch; das alles mu auf das Sorgfltigste
besorgt werden. Keine Seele von uns hat heute Zeit, Gott helf'! zu rufen, wenn
die andre niest; so wird es gewi bis nach Mitternacht fortgehn, und auf mir
liegt alles, ich hab' es am schlimmsten dabei.
    In sich selbst versunken setzte Richard, whrend des unaufhaltsamen
Geschwtzes der neben ihm hergehenden Amme, seinen Weg an ihrer Seite fort, ohne
ein Wort darauf zu erwiedern. Halt! rief sie, als er in den Korridor einbiegen
wollte, der zu Eugens Zimmer fhrte, wo willst Du hin? der junge Frst ist noch
nicht daheim, und auf jeden Fall mut Du mit mir zu Helenen, mit der heute gar
nicht auszukommen ist; es ist als thte sie es mir zum Verdru, damit ich
vollends recht rabiat werde. Denke Dir, da sitzt die Kleine in ihrem Zimmer, und
rhrt sich nicht, und weint, und weint, als wolle sie in Thrnen sich auflsen!
Weint, wo Andre vor Freude auer sich gerathen wrden! Die groe Kaiserstadt
Petersburg! Hochzeit, Putz, Feste ohne Ende, dem Kaiser, der Kaiserin
vorgestellt werden! Die Sinne vergehen Einem, wenn man sich das alles nur recht
denkt. Und was wetten wir, sie kommt als Braut wieder, oder gar nicht; he?
    Richard wurde noch bleicher. Aber was hast Du denn? rief die Amme; komm'
doch, ich habe wahrlich keinen Augenblick Zeit. Madame Sommerfeldt ist
ausgefahren, um Abschiedsvisiten zu machen, und kommt schwerlich vor Abend
wieder, und da sitzt nun Helene ganz allein, und das ist ihr nicht gut. Keine
Einzige von uns, nicht einmal ein Kammermdchen, hat in diesem Wirrwarr Zeit bei
ihr zu bleiben; ich am wenigsten, denn wie gesagt, auf mir liegt alles. Du mut
ihr Gesellschaft leisten, mache Musik mit ihr, das wird sie aufheitern; und rede
ihr zu, lieber Sohn, sie hat immer viel auf Dich gehalten, gewi Du vermagst
alles ber sie. Rede ihr zu, damit sie sich fasse, und mir nicht etwa mit
dickgeschwollnen Augen an die Tafel kommt; die Frstin ist heute ohnehin nicht
eben in der gttlichsten Laune.
    Unter diesem Geplauder der Amme waren sie an die Thre von Helenas Vorzimmer
gelangt. Die Amme ffnete dieselbe, schob Richard hinein, machte hinter ihm
wieder zu, und eilte davon, um ber die mit Einpacken beschftigte weibliche
Dienerschaft das Regiment zu fhren.

berwltigt vom ersten Sturme in ihrem Frhlingsleben, war Helene bei Richards
unerwartetem Anblicke, von ihrem Sopha herabgleitend, mit einem kleinen Schrei
in seine Arme gesunken; sie hielt seinen Nacken umschlungen, wie er neben ihr
kniete; das liebliche Kpfchen lehnte an seiner Brust, er fhlte das Wehen ihres
Athems, das bange heftige Klopfen ihres Herzens, er sah, dicht vor seinen Augen,
das schne Gesicht von Thrnen berstrmt, das er noch nie anders als lchelnd
gesehen; alles andre um ihn her wurde von der reichen Flle ihrer langen blonden
Locken ihm verborgen, die wie ein dichter Schleier ihn umwallten.
    So! so! in diesem bermae von Wonne und Schmerz vergehen! war sein einziger
Gedanke; wortlos gestaltete er sich in seinem Innern zum heiesten Wunsch, zum
glhendsten Gebet. Zum erstenmal hielt sein Arm sie umfat; Helenas Wangen, ihre
Lippen glhten zum erstenmal dicht an den Seinen. In ihrem Anschauen verloren
blickte er regungslos sie an; so still, so frei von jedem irdischen Wunsche,
mgen Fromme der Vorzeit, die einer himmlischen Erscheinung gewrdiget wurden,
zu ihrer Heiligen aufgeblickt haben.
    Ohne sich dessen deutlich bewut zu sein, hatten Beide aus ihrer knieenden
Stellung sich erhoben. Hand in Hand, Auge in Auge, saen sie schweigend neben
einander. Das lange nicht geahnete, hoffnungslose Geheimni ihres unschuldigen
Herzens hatte dieser schmerzliche Augenblick Helenen enthllt, auch Richard
vermochte nicht mehr sich abzuleugnen, was er so lange vor sich selbst zu
verbergen gestrebt hatte. Keine Erklrung, kein Gestndni kam ber ihre Lippen,
ihre Herzen hatten gesprochen, hatten sich verstanden; sie bedurften keiner
Worte.
    Pltzlich stand Eugen vor ihnen; im ersten Augenblicke fuhr er wie
erschreckt zusammen, fate sich aber schnell wieder; den ernsten traurigen Blick
auf den Freund und die Schwester geheftet, stand er ziemlich lange da, ehe einer
von ihnen seiner gewahr wurde; laut weinend sank Helena an das Herz des
geliebten Bruders.
    Mit sanfter Gewalt drngte er sie zurck auf das Sopha, ergriff ihre und
Richards Hand, und hielt beide vereint in der Seinen. Auch sein Auge erglnzte
in Thrnen, auch sein Herz war schwer und beklommen. Ihm war, als ob der
undurchdringliche Vorhang der Zukunft sich eine Sekunde lang vor ihm lften
wolle, und schwere Ahnung, bange Besorgni wollten sich seiner bemeistern. Doch
sein froher Jugendmuth, seine ihm angeborne Art, immer das Beste zu hoffen,
hielten ihn aufrecht.
    O weine nicht so, meine Helena, mein liebes holdes Kind, es bricht mir das
Herz, sprach er, und trocknete liebkosend ihre Wange; und Du, mein Bruder, sieh
nicht so ungewi, so zweifelnd mich an, setzte er zu Richard gewendet hinzu.
Strebe nicht, Dein Gefhl mir zu verbergen, Du bemhst Dich vergebens; hast Du
vergessen, da ich die Kunst verstehe, in Deiner Seele, wie in einem offenen
Buche zu lesen? Arme Helena! Du weinst Deine ersten wahrhaft bittern Thrnen,
ach! warum mut auch Du den Schmerz des Lebens so frhe kennen lernen! sprach er
leise und gerhrt.
    Du weit es also auch schon? hat auch Dir der Vater es erst heute entdeckt,
wie mir die Mutter? klagte Helena; Eugen, lieber guter Bruder, ich soll fort von
hier, Du auch, wir mssen nach Petersburg, auf lange Zeit, vielleicht auf immer,
denn die Amme meint, sie wollen mich dort verheirathen, und Du weit, die Mutter
sagt ihr alles. Richard soll hier bleiben, und ich kann ohne ihn in der groen
fremden Stadt nicht sein, ich kann, ich will keinen von Euch Beiden entbehren,
auch keinem Dritten angehren; Du und er sind meine Welt. Sie htten uns, mich
und Richard, nicht so an einander gewhnen, einander nicht so lieb gewinnen
lassen sollen, wenn sie uns nicht zusammen lassen wollten! setzte sie, beinahe
wie ein trotziges Kind, hinzu.
    In welchem Lichte steh' ich jetzt vor Dir, Eugen? sprach Richard; doch wenn
Du wirklich noch in meiner Seele, wie in einem offenen Buche zu lesen weit, so
wirst Du Deinen Freund - -
    Bedauern? vielleicht; entschuldigen? gewi nicht; Dich nicht, und auch
Helena nicht, denn Ihr seid Beide reinen Herzens und ohne Schuld, unterbrach ihn
Eugen; wer knnte mit Euch hadern wollen, weil Ihr nicht strker seid als die
Natur? Die Kleine hat leider recht, setzte er wehmthig lchelnd hinzu; wollten
sie vermeiden, was jetzt geschehen, so htten sie Euch nicht in so vertrauter
Gemeinschaft - aber wie wre das auszufhren mglich gewesen? Und war es ein
Irrthum unsrer Eltern, da sie nicht gleich bei Zeiten eine Scheidewand
errichteten, die jeden von uns in dem ihm vorgeschriebenen Gleise erhielt, so
wollen wir sie deshalb nicht tadeln; wir alle Drei verdanken diesem Irrthume
eine hchst glckliche Kindheit, eine frhliche unverkmmerte Jugend, diese
holde Blthenzeit des Lebens, auf die selbst der Glcklichste in sptern Jahren
noch mit Sehnsucht zurcksieht. Und ist es denn so ganz unwiderruflich bestimmt,
da diese Blthen abfallen mssen, ohne uns Frchte zu bringen?
    Richard wie Helena fhlten tief im Gemthe den wohlthuenden Einflu von
Eugens mildem gelassnem Benehmen in einer, fr ihn gewi nicht leicht in allen
ihren Folgen zu bersehenden Situation. Die furchtbare Spannung, zu der sie
durch das ganz Unerwartete hinauf getrieben worden waren, lie nach, und sie
gelangten allmlig zu einer ruhigeren Stimmung.
    Ist jemand unter uns als schuldig zu bezeichnen, so bin ich es, sprach Eugen
im Verlaufe des jetzt unter ihnen entstandenen, weniger leidenschaftlichen
Gesprches; ich war der Unbefangenere, an mir wre es gewesen, fr Euch Beide zu
berlegen, zu bedenken, zwischen Euch vermittelnd einzutreten, Dich zu warnen,
mein Bruder, Dich, meine se Helena, zurckzuhalten, und htte es auch
gewaltsam geschehen mssen. Und doch! was htte meine Weisheit am Ende
gefruchtet? wahrscheinlich so wenig, als alle Weisheit auf Erden, sobald ein
mchtigeres Gefhl das Steuerruder ergreift. Nun so sei es darum, das Vergangene
sei vergangen, nur von der Zukunft drfen wir unser Heil erwarten, und ihr nicht
nur wrdig, sondern auch vorsichtig entgegen treten, keinen Schritt zu viel,
aber auch keinen zu wenig. Dies sei von nun an Deine Aufgabe, Richard; die
meinige, als treuer Berather und Helfer Dir zur Seite zu bleiben.
    O, die Zukunft! was kann, was darf ich Unglcklicher, Namenloser
vernnftiger Weise von ihr hoffen oder erwarten? rief Richard.
    Alles! habe nur dazu den Muth, erwiederte Eugen. Zur Erreichung eines weit
hheren Zieles, als das Deine, von Andern, die in keiner Hinsicht mehr waren als
Du bist, wurden in unsrer vielbewegten ereignireichen Zeit wohl ganz andere
Schwierigkeiten besiegt, als die sind, welche Dir im Wege liegen. Soll ich eine
Reihe, aus den verschiedensten Lndern stammende Namen Dir nennen, die vor
kurzem aus tiefem Dunkel auftauchend, jetzt als leuchtende Sterne auf der
nmlichen Bahn glnzen, die Du Dir erwhlt hast? Und schttle nur nicht so
unglubig den Kopf; frher, weit frher als Du denkst, knnen, werden Ereignisse
eintreten, die Dir berflige Gelegenheit bieten, auch Deinen Namen jenen
glnzenden Erscheinungen, die ich Dir andeutete, anzuschlieen.
    Zwar hrte Helena sehr aufmerksam auf alles, was ihre beiden Brder, wie sie
dieselben noch immer nannte, sprachen, doch ohne deutlich zu fassen, wie sie es
eigentlich meinten. Ihr einfacher Sinn verlangte und erwartete von der Zukunft
frs erste nur, da sie alles bleiben und bestehen lasse, wie es gewesen, so
lange sie denken konnte. Richard tglich sehen, in den nmlichen Verhltnissen
wie bisher, war alles was, wie sie whnte, ihr zum Glcklichsein unentbehrlich
war; an eine nhere Verbindung mit ihm kam ihr noch kein Gedanke. Aber die Idee,
da ihre Eltern beabsichtigen knnten, sie in Petersburg zu verheirathen, mit
der die Amme sie eingeschchtert hatte, war ihr unbeschreiblich ngstlich, und
sie erklrte schon im voraus ihren festen Entschlu, nie darein zu willigen.
    Im brigen ergab sie sich mit groer Bereitwilligkeit darein, sich Eugens
Leitung ganz zu berlassen; sie versprach ihm, nie, unter keiner Bedingung an
Richard zu schreiben. Auch dieser gelobte dem Freunde das Nmliche, der dagegen
Beiden verhie, auch hier als Mittelsperson zwischen ihnen einzutreten, und sie
nie ohne gegenseitige Nachricht von einander zu lassen.
    Richard und Helena brachten von nun an die, bis zur Abschiedsstunde noch
verflieende Zeit, in stetem Schwanken zwischen Wonne und Schmerz hin. Zwar
sahen sie sich tglich, doch immer nur fr kurze abgerissene Momente; und nur
selten mochte es Eugens unermdlicher Vorsorge gelingen, eine geruschlose
Viertelstunde, die ein ungestrtes Beisammensein ihnen gewhren konnte, ihnen zu
gewinnen.

Von nun an schlichen die langweiligen Tage trge und bleiern, in ihrer grauen
Farblosigkeit einer dem andern vllig gleich, dem verlassenen Richard vorber.
Eugen hielt zwar sein Versprechen, aber wie wenig ist ein Brief fr das in
Sehnsucht und Ungewiheit zagende Herz! Mehrere Monate vergingen auf diese
Weise, Nataliens Hochzeit war lngst in Petersburg mit groer Pracht gefeiert,
Helena am Hofe vorgestellt, des Winters Annherung wurde schon merkbar: da
endlich fiel ein heller Morgenstrahl in Richards sternlose Nacht; das Regiment,
bei welchem er stand, wurde nach Petersburg verlegt, er selbst zu einem hheren
Dienstgrade befrdert.
    Wiedersehn! welch ein Zauber liegt in diesem kleinen Worte! der selbst bis
an den Rand des Grabes seine Wunderkraft nicht verliert; der den Sterbenden
ermuthigt, und den Zurckbleibenden dem bermae des Schmerzes nicht ganz
erliegen lt.
    Richards Freude war grnzenlos; Iwan Yakuchin, dem es im Grunde ziemlich
einerlei war, ob er in Moskau oder Petersburg lebe, freute ehrlich und
treuherzig sich mit ihm, eben nur, weil Richard sich freute; denn er fr seinen
Theil wre wohl lieber in Moskau bei seinen Bekannten geblieben, wenn man ihm
die Entscheidung berlassen htte, doch ohne Richard nimmermehr.
    Wie alle guten und bsen Stunden des Lebens, ward auch die fr Richards
glhende Ungeduld hchst peinliche Zeit der Erwartung bis zum Auszuge des
Regiments, und der nicht minder ihn fast zur Verzweiflung bringende langsame
Marsch, nebst allen damit verknpften Beschwerden und Unfllen, endlich
berstanden. Eugen nahm bei seiner Ankunft in Petersburg seinen Freund sogleich
in Empfang, und Richard erlag fast der berwltigenden Freude dieses
Wiedersehens, das der Verkndiger eines noch schmerzlicher ersehnten ihm war.
    Der Frst, die Frstin, Natalia und ihr junger Gemahl, sie alle nahmen mit
dem nmlichen herzlichen Wohlwollen, mit welchem sie von ihm geschieden waren,
ihren Schtzling als ganz zu ihnen gehrend wieder auf. Auch Eugens ltere
Brder fand er in ihrem vterlichen Hause versammelt, und die jahrelange
Trennung von den Gefhrten seiner Kindheit hatte keinen von ihnen ihm
entfremdet. Der lteste, Frst Isidor, der nur um seine Eltern wiederzusehen,
und der Vermhlung seiner Schwester beizuwohnen, nach Petersburg gekommen war,
suchte auf das Freundlichste ihn zu ermuthigen, und ging auf mehr als halbem
Wege dem Jnglinge entgegen, den er vor vielen Jahren in seinem vterlichen
Hause als Kind gesehen, und der beim ersten Anblick der ihm ganz fremd
gewordenen, imposanten Gestalt des schnen jungen Mannes, zgernd und verlegen
vor ihm stand. Anders war es mit dem Frsten Alex, Eugens zweitem Bruder,
welcher in der Zeit ebenfalls zu einem recht stattlichen Marineoffizier sich
entwickelt hatte. Dieser war durch die grere Gleichheit ihres Alters Richarden
schon frher weit nher gebracht, als der von Jugend auf ernste weit ltere
Bruder, der immer von den jngern Knaben wie eine Art Respektsperson betrachtet
worden war. Mit recht treuherziger Beredsamkeit sprach Alex seine Freude ber
das Wiedersehen seines alten Spielkameraden aus; manch lustiges Ereigni aus
ihrer frhen Knabenzeit kam unter den Beiden gleich in der ersten Stunde wieder
zur Sprache; Eugen verfehlte nicht, lebhaften Antheil daran zu nehmen, und unter
frhlichem Geplauder, unter Lachen und Scherz, fhlte Richard zum erstenmal seit
langer Zeit sich wieder zu Hause, unter den Seinen.
    Helena allein war bei Richards Empfange im Kreise ihrer Familie nicht
zugegen gewesen; denn Eugen hatte unter einem leicht zu findenden Vorwande die
nichts ahnende Schwester vom Hause entfernt gehalten. Richard war darauf
vorbereitet gewesen sie nicht zu finden, und mute, wenn gleich mit schwerem
Herzen, die Vorsicht des treuen Freundes billigen, die beide der schweren
Aufgabe entziehen wollte, ein solches Wiedersehen vor Zeugen zu bestehen, ohne
ihr eignes theuerstes Geheimni zu verrathen; um so heftiger aber war Helenas
Zorn, als sie Eugens Verrath, wie sie es nannte, bei ihrer Zuhausekunft erfuhr.
Sie blieb die ganze, in schlafloser Erwartung zugebrachte Nacht hindurch
unvershnlich, bis Morgens, zur gewohnten Stunde, der Freund von ihrem Bruder
geleitet in ihr Zimmer trat. Er fand, wie vorauszusehen war, sie allein.
    Ein Wiedersehen wurde gefeiert, das unbeschrieben bleiben mag. Nicht Jahre,
nur Monate lagen zwischen dieser Stunde und der des Scheidens, aber um so
wunderbarer mute die auffallende Vernderung erscheinen, die whrend dieses
kurzen Zeitraums mit der jungen Frstin vorgegangen war. Ohne an sem
Liebreitze oder anspruchsloser Natrlichkeit dadurch zu verlieren, war das
frhlich-unbefangne Kind, wie durch einen Zauberschlag, zur lieblichsten
Jungfrau erblht. Helena schien grer geworden zu sein, ihr Auge strahlender;
ihre Gestalt hatte in seltener Vollkommenheit sich entwickelt. Alles an ihr, ihr
Gang, ihr Blick, der Ton ihrer Sprache, deutete bei liebenswrdigster Anmuth auf
eine eigne Sinnesfreiheit, ein Selbstbewutsein, eine Sicherheit des Geistes
hin, die bei ungeheuchelter Bescheidenheit zu einer der blendendsten
Erscheinungen sie erhob. So durchbricht whrend einer einzigen lauwarmen
Frhlingsnacht die junge Rose die sie verbergende grne Umhllung, und entzckt
alle Augen und Herzen, indem ihre der Knospe entquellenden Purpurbltter die
hohe Pracht verknden, die sie spter, in duftendem Schimmer vllig erblhend,
vor der Sonne entfalten wird.
    Du siehst so verwundert, so befremdet mich an? fragte Helena lchelnd,
sobald der erste, jeden andern Gedanken berwltigende Freudentaumel es
erlaubte.
    Und kann ich anders? erwiederte Richard: ich sehe Dich, ich halte Dich; Du
bist es und Du bist es nicht. Entzckt, betubt stehe ich vor Dir; Du bist mir
so bekannt und doch so fremd. Ich mchte anbetend vor Dir hinknieen, wie vor
einem Wunderbilde, das vor meinen geblendeten Augen ein Gtterhauch von oben
belebte. Helena, sage mir, was ist mit Dir vorgegangen?
    Was soll denn mit ihr vorgegangen sein? sie hat die Kinderschuhe ausgezogen
und ist eine groe vornehme Dame geworden, wie es ihr denn auch nicht anders
gebhrt. Am Hofe wie in der Stadt wird sie allgemein bewundert und verehrt; da
mu sie doch wohl den Kopf ein wenig hher halten als sonst? rief eine laute,
etwas kreischende Stimme dazwischen. Es war die Amme, die sich herbei drngte,
um auch ihrerseits den lange nicht Gesehenen zu begren, und die beim Eintritte
in das Zimmer Richards letzte Worte, aber auch nur diese, gehrt hatte.
    Ja so ist es, die alte Pythia hat wahr gesprochen, seufzte Richard, nachdem
die Amme sich wieder entfernt hatte. Du schner Stern! Du wandelst in aller
Deiner glanzvollen Herrlichkeit hoch ber mir, auf Deiner Dir gemessenen Bahn;
bewundernd blickt eine Welt anbetender Verehrer zu Dir auf; sie alle, vornehm,
reich, brillant, wie Du selbst es bist, drfen Dir folgen, Dir dienen, um Deine
Huld sich bewerben, whrend ich armer dunkler Erdensohn im Staube, unbemerkt,
tief unter ihnen und Dir - -
    Kein Wort weiter, kein einziges dieser Art mehr, wenn Du nicht absichtlich
mich erzrnen willst, gebot ihn unterbrechend Helena, und richtete sehr ernst
sich hoch empor. Was sollen solche Jmmerlichkeiten zwischen uns? kennst Du mich
so wenig? fuhr sie sehr lebhaft fort. Ich kann und will Dir nicht heucheln, denn
ich bin von Natur jeder Lge abhold; ich kann Dich nicht glauben machen wollen,
da ich nicht gern bin was ich bin, oder da ich lieber in einer Htte leben
mchte, als im Palaste meiner Eltern. Ich wre ein unnatrliches Geschpf, wenn
ich nicht lieber Gefallen als Mifallen erregte, wenn Tanz, Musik und aller
Glanz, der mich umgiebt, mir keine Freude machten, und darf von Dir fordern, da
Du diese Freude gern mir gnnst. Denn Du mut mir vertrauen wie ich Dir
vertraue, und keine armselige Eiferschtelei darf zwischen uns treten. Im Herzen
bin ich Dein, und bleibe es, denn ich kann nicht anders; Du gehrst zu mir, wie
ein Theil von mir selbst; dies Gefhl ist mit mir aufgewachsen; ich kann mir gar
nicht denken wie es wre, wenn ich Dich nicht htte oder nie gehabt htte. So
bleibt es, daran la' Dir gengen; mag es brigens um uns her werden wie es
wolle, ich bleibe wie ich bin.

Auch in Petersburg, wie frher in Moskau, war Iwan Yakuchin Richards treuer
Freund geblieben. Die heitre Gegenwart des stets lebenslustigen Gesellen trug
nicht wenig dazu bei, ihm ber manche dunkle Stunde hinaus zu helfen, deren er
jetzt leider nicht wenige zhlte. Tage, ja Wochen vergingen, whrend welchen
Helena und selbst Eugen, hingerissen von dem geruschvollen Treiben der groen
Welt, in deren Mitte sie jetzt lebten, ihm kaum einige, gleichsam im Fluge zu
erhaschende Augenblicke schenken konnten. Der Abstand zwischen sich und ihnen
ward ihm dann so fhlbar, so drckend, da er darber in Trbsinn und
Hoffnungslosigkeit rettungslos htte untergehen mssen, wre Iwan mit seiner
unversiegbaren Frhlichkeit nicht dazwischen getreten, und htte ihn zu
Vergngungen fortgerissen, die ihm zwar wenig Genu, aber doch Zerstreuung
gewhrten.
    Auf diese Weise gerieth Richard auf Kaffeehusern, in Restaurationen und an
hnlichen Orten in eine zahllose Menge von Bekanntschaften, von denen nur sehr
wenige seinem verfeinerten Gefhle fr Geselligkeit zusagen konnten. Doch um so
weniger durfte er es wagen, seinen gar zu treuherzigen Freund ihnen allein zu
bergeben. Der gutmthige, nichts weniger als argwhnische Iwan hatte sich sogar
schon einigemal an Orte verlocken lassen, wo in Vergngen verkleidete Raubsucht
in tiefer Verborgenheit ihr wstes Wesen treibt, und nur Richards Gegenwart war
es gelungen, den Unvorsichtigen aus ihren Klauen zu befreien, und ihn vor
allerlei andern gefhrlichen Abenteuern zu bewahren.
    Eines Abends gingen beide Freunde mit eintretender Dmmerung Arm in Arm
ihrer Wohnung zu. Es war um die Zeit, wo der Winter dem im Norden mit rascheren
Schritten heraneilenden Frhlinge zu weichen beginnt; die Newa hatte ihre starre
Eisdecke abgeworfen, der Schnee war verschwunden, und ein scharfer Ostwind
hatte, selbst in dem sehr abgelegenen, etwas verrufenen Quartiere der Stadt, in
welchem sie sich eben befanden, das Labyrinth von engen Gchen gangbar gemacht,
das nur selten der Fu der Bewohner der breiten prchtigen Straen von
Petersburg zu betreten pflegte.
    Beide Freunde befanden sich eben in keiner rosenfarbnen Stimmung. Richard,
durch einen glcklichen Zufall geleitet, hatte abermals seinen leichtsinnigen
Schtzling in einem der berchtigtsten heimlichen Spielvereine aufgefunden, und
ihn mit sich fortgefhrt. Er war in einer sehr nachdrcklichen Strafpredigt
begriffen, die Iwan, in seiner groen Unzufriedenheit mit sich selbst, geduldig
und reuevoll ber sich ergehen lie, denn er hatte so eben den grten Theil
seiner Baarschaft am grnen Tische zurckgelassen. Einige demthige
Versprechungen sich zu bessern waren alles, was er seinem zrnenden und beredten
Freunde entgegenzustellen wagte; doch er hatte diese schon zu oft geleistet, und
zu oft gebrochen, um einen gewichtigen Eindruck davon hoffen zu knnen.
    Endlich wurde er aber doch des bloen Anhrens mde: Es geht nicht mit
rechten Dingen zu, ich sage Dir ich bin behext, rief er sehr lebhaft. Richy, Du
weit es ja selbst, da ich am eigentlichen Spielen nicht mehr Freude habe als
Du. Wenn es auch anfnglich mich amsirt, es wird mir immer gleich wieder
langweilig, besonders wenn ich gewinne. Anderer Leute Gold einzusckeln schme
ich mich, ich spiele weiter fort, um es wieder los zu werden; dann geht
gemeiniglich auch mein eigenes mit zum T....l, das verdriet mich, ich spiele
weiter, um es wieder zu bekommen, und so wird das bel immer rger. Da man mit
solchen Gesinnungen kein Spieler vom Fach werden kann, siehst Du doch ein. Aber
ich will mich bessern, das schwre ich Dir zu, Richy; wenn nur die lustige
Gesellschaft mich nicht lockte, ich rhrte zeitlebens weder Karte noch Wrfel
an.
    Die lustige Gesellschaft? eiferte Richard: wahrhaftig eine saubere
Gesellschaft! Giebt es in der Welt ein abstoenderes Gesicht, als das im braunen
berrocke, das Dir heute schon zum drittenmal gegenber sa. Ich meine den
groen starken Mann, mit der grnen Brille vor den Augen. In seinem Wesen liegt
etwas, das ihm das Ansehen eines Mannes von Stande giebt.
    Das ist er aber auch, fiel Iwan, froh dem Gesprche eine andere Wendung
geben zu knnen, hastig ein; sie nennen ihn alle Herr Baron, seinen Namen habe
ich aber noch nicht erfahren knnen.
    Sei er was und wer er wolle, sprach Richard sehr unmuthig, er ist mir tief
in der Seele zuwider. Was man eigentlich hlich nennen knnte ist er nicht,
aber sein versteinertes Gesicht sieht wie der verdete Wahlplatz aller nur
mglichen gehssigen Leidenschaften aus, die jemals eine enge Menschenbrust
durchtobten. Nimm dazu den gleienden Heuchlerschein, mit dem er seine innere
Verworfenheit zu berkleistern strebt; recht wie ein getnchtes Grab, von auen
Schaumgold, von innen Greuel der Verwesung. Dich in seiner Nhe zu sehen, kann
ich nun einmal gar nicht ertragen.
    Still! denk' an das Sprichwort vom Wolf; wenn nicht alles mich tuscht,
biegt er dort, zwanzig Schritte vor uns, um die Ecke, flsterte Iwan, und
strengte seine, durch das frhere Leben im Gebirge mit der Schrfe eines Wilden
begabten Augen und Ohren an, um die neblige Dmmerung die vor ihm lag zu
durchdringen. Richard sah nur undeutliche Umrisse einer vor ihnen sich
bewegenden Gestalt. Ich hre seine Stimme, ich hre auch eine weibliche
klagende; schnell, da mssen wir hin, rief Iwan pltzlich, und ri seinen Freund
im Sturmschritt mit sich vorwrts.
    Sie erreichten in wenig Secunden eine seltsame Gruppe; eine schlanke,
jugendliche, in Mantel und Schleier sittsam verhllte Gestalt, eine kurze,
dicke, theatralisch bunt aufgeputzte ltliche Frau von durchaus nicht
einladendem uern, und neben ihnen den eben besprochenen Baron, der eben
hinzutrat. Das Mdchen zitterte in sichtbarer Angst, die Alte keifte, der Baron
suchte mit einschmeichelnder Rede das Mdchen zu beruhigen.
    Ich danke Ihnen sehr, gewi ich bin Ihnen recht dankbar, liebe Madame,
sprach es fast weinend in gebrochnem Russisch; aber lassen Sie sich erbitten,
und nennen mir endlich den Namen der Strae, wohin ich will und Sie die Gte
haben wollen, mich zu fhren; ich habe ihn zwar vergessen, aber ich besinne mich
gleich wieder darauf, wenn ich ihn hre; es ist nur, damit ich gewi wei, da
Sie sich nicht vergebliche Mhe mit mir machen.
    Was fr Umstnde! was denken Sie denn, wofr halten Sie mich? meinen Sie ich
htte Zeit und Lust, stundenlang hier mit Ihnen zu verweilen? erwiederte mit
harter keifender Stimme die Alte. Wenn ich Ihnen nun sage, Herr Lange ist mein
guter Bekannter und nchster Nachbar, ist das nicht genug? Kurz und gut,
Jungfer, entweder Sie gehen mit mir, oder Sie bleiben hier allein, mitten unter
dem betrunkenen Volke, das gleich hier aus den Branntweinskneipen herauskommen
wird.
    Frau Marina ist heftig, aber grundgut, sie ist meine alte Freundin, und Sie
knnen sich ihr sicher anvertrauen, nahm jetzt der Baron das Wort.
    Ach, ich frchte mich so! seufzte das Mdchen.
    Aber wovor? fragte der Baron, der erst seit ein paar Minuten den beiden sich
zugesellt hatte; ich hre an Ihrem Dialekte, da Sie eine Deutsche sind, und so
bitte ich Sie, vertrauen Sie dem Worte eines Landsmannes Sie sind unter
Freunden, fuhr er in deutscher Sprache fort, die gute. Frau wird Sie sicher
fhren. Ich selbst will sie beide begleiten, setzte er in russischer Sprache
hinzu, der Weg ist zwar ein wenig weit, aber wir treffen wohl bald einen Wagen -
    Ach, mein Herr, weit von hier kann es nicht sein, das ist nicht mglich,
unterbrach ihn das Mdchen; ich habe mich verirrt, und kann mich allein nicht
wieder zurecht finden, aber ich bin gar nicht lange gegangen; weit von Hause bin
ich gewi nicht.
    Wenn man in der Angst vorwrts luft, zhlt man weder Schritte noch Minuten,
erwiederte der Baron, daher nehmen Sie nur ganz unbesorgt den Arm an, den die
gute Frau Marina Ihnen bietet, und lassen Sie uns machen, da wir fort kommen.
    Zwar unter Zittern und Zagen, aber doch hingerissen von dem vaterlndischen
Laute, war das Mdchen wirklich schon mehr als halb entschlossen, diesem Rathe
zu folgen, als Iwan pltzlich dazwischen trat.
    Halt! rief er; auch ich kenne die gute Frau Marina, wenn gleich nur dem Rufe
nach; doch das ist genug, um nimmer zugeben zu knnen, da eine junge Dame, wie
Sie, mit ihr geht. Hier steht mein Kamerad, wir beide sind bereit Sie
hinzufhren, wohin Sie wollen, aber mit der da, wenn Ehre und - -
    Wahrhaftig ein paar treffliche Begleiter, die sich Ihnen so ganz unverhofft
anbieten, schrie die Alte laut auflachend: nun Jngferchen, Glck zu, wenn Sie
etwa lieber bei Nacht und Nebel mit ein paar jungen Militrs die Stadt
durchziehen wollen, als mit einer ehrbaren Frau gehen - -
    So bin ich wenigstens noch da, um mich meiner Landsmnnin anzunehmen, und
werde solch einen Scandal nimmermehr zugeben, rief der Baron, und trat auf die
beiden Freunde zu, whrend das gengstete Mdchen jetzt wirklich anfing laut zu
weinen. Wie, Ihr Herren, was unterfangt Ihr Euch, fuhr er fort, eine junge Dame
auf ffentlicher Strae - wit Ihr wohl wer und was - -
    Was giebt es hier? Worber weint die junge Person? erscholl pltzlich eine
wohltnende, gebietende Stimme. Ein groer, in Mantel und Hut tief verhllter
Mann, der schon lange in einiger Entfernung den beiden Freunden gefolgt war, und
wahrscheinlich ihr Gesprch, wenigstens zum Theil mit angehrt hatte, stand
mitten unter ihnen; alles schwieg, betroffen von der eben so unerwarteten, als
imposanten Erscheinung.
    Sagen Sie mir, was Sie so traurig macht, Mademoiselle? vielleicht kann ich
helfen, wiederholte mild aber ernst der Unbekannte. Wer sind Sie, wie heien
Sie? fragte er nochmals, als er von dem erschrockenen Mdchen keine Antwort
erhielt.
    Ach ich wei nicht, ich wei nicht, ich bin hier fremd, und habe in der
groen Stadt mich verloren, schluchzte das Mdchen besinnungslos.
    Nun wie Sie heien, und bei wem Sie wohnen, werden Sie doch wissen; denken
Sie nur ein wenig nach, erwiederte der Unbekannte mit einem gewissen Tone der
Stimme, der deutlich verrieth, da es ihm schwer werde, das Lachen zu
unterdrcken.
    Mittlerweile war das furchtsame Kind doch wieder zu einiger Fassung gelangt.
Ich heie Julie Reinert, sprach sie rasch und ngstlich hinter einander weg; ich
habe keine Eltern, mein Vormund hat mich von Knigsberg hieher zu seinem Bruder,
dem Musiker Lange geschickt; ich bin erst seit vier Tagen hier; ich habe die
Schwester der Frau Lange besucht, und habe auf dem Rckwege mich verirrt.
    Also bei dem Pianofortisten Lange wohnen Sie? erwiederte der Unbekannte sehr
freundlich; ich kenne ihn, und auch seine Frau; sie war frher eine sehr
beliebte Sngerin bei unserm deutschen Theater. Fassen Sie Muth, mein Kind, Sie
sind bei braven Leuten. Aber was hatten denn Sie, Madame, mit diesem jungen
Frauenzimmer zu streiten? fragte er im Verhr fortfahrend, und wollte an Frau
Marina sich wenden, doch die Stelle, wo diese gestanden, war leer, sie sowohl
als der Baron waren mittlerweile unbemerkt verschwunden. Hatte der Wind das edle
Paar durch die Lfte fortgefhrt? hatte die Erde es verschlungen? keine Spur
davon war weder hrbar noch sichtbar.
    Sonderbar! sprach der Unbekannte vor sich hin; es waren ihrer zwei, wo sind
sie hin? kannten Sie diese Leute? und wer waren sie? fragte er, an den ihm
zunchst stehenden Richard sich wendend.
    Nur von Ansehen, versicherte dieser in seinem und seines Freundes Namen.
    Es lag in der Gestalt, im Wesen, in der Sprache des Unbekannten etwas
seltsam berwltigendes, Ehrfurcht und Gehorsam Gebietendes, dem weder Richard
noch Iwan zu widerstehen vermochten. Offen und wahr gaben beide ihm alle
Auskunft ber sich selbst, die er verlangte. Auch Julie Reinert wurde ruhiger,
als fhle sie sich unter der Obhut eines mchtigen, ihr wohlwollenden
Beschtzers. Auf seinen Befehl berlie sie sich ohne Weigerung der Fhrung der
beiden jungen Mnner, denen er den Weg zu der wirklich nicht sehr entfernten
Wohnung des Musikers Lange deutlich beschrieb. Noch heute werde ich mich
erkundigen lassen, ob das Ihrem Schutze empfohlene Frauenzimmer sicher zu Hause
gekommen ist; brigens sind auch Ihre beiden Namen mir nicht fremd, rief er beim
Fortgehen mit ernstem Nachdruck den Freunden noch zu, und war nach wenig
Augenblicken den ihm nachschauenden Augen, in der schon zur Nacht sich
verdickenden nebelhaften Dmmerung verschwunden.
    Still und schweigend gingen alle Drei raschen Schrittes den ihnen
angedeuteten Weg, und gelangten, ehe sie es vermutheten, aus dem verworrenen
Labyrinthe der engen Gchen in eine der breiten, hell erleuchteten und
volkreich belebten Straen von Petersburg, ganz nahe an Herrn Langes Wohnung.
    Ist mir doch als htte ich lebendigen Leibes, mit weit offenen Augen, ein
Mhrchen erlebt, wie man sie sonst wohl auf dem Theater nur auffhren sieht,
fing Iwan jetzt an. War es doch als stnde ein mchtiger Zauberer vor uns, dem
wir gehorchen und Rede stehen muten, wie er es verlangte. Und wo sind nur der
Baron und die saubre Frau Marina hingekommen? Begreifst Du etwas von dem Allen,
Richy? Du bist doch sonst immer viel verstndiger als ich.
    Es wre gewi verzeihlich, wenn man sich hier verleitet fhlte, an eine
berirdische Erscheinung zu glauben, die der Unschuld sich annimmt, und bse
Geister verscheucht. Wer kann dieser Unbegreifliche sein? erwiederte Richard
nachdenklich.
    Mein schtzender Engel in Menschengestalt! frohlockte Julie Reinert, die,
seit sie jenes Gewinde enger Gchen hinter sich gelassen hatten, ganz getrost
worden war. Ein kleiner, in Mtze und Pelz wohl verwahrter, mit einem
keulenartigen Stocke und einem Regenschirme wohl bewaffneter Mann, trat in
diesem Augenblicke ganz keck auf sie zu; Julie, sobald sie ihn gewahrte, warf
mit einem Freudensprunge sich ihm in die Arme, so da der Kleine Stock und
Regenschirm darber fallen lassen mute.
    Bist Du es? bist Du es auch ganz gewi? rief er auf deutsch, und zog sie
vorwrts, um beim Schein einer Straenlaterne sie besser zu betrachten. Ja Du
bist es, Du desertirter Kanarienvogel, herein mit Dir in Deinen Kfig; ob Du uns
Noth gemacht hast, Du malitise Person! Jetzt eben jagte Frau Karoline mich zum
Hause hinaus, ohne Dich soll ich ihr nicht wieder vor die Augen kommen. Aber ist
das auch eine Art? bis in die sinkende Nacht, so ganz allein - aber wo ist mein
Schirm und mein Stock - ei da sind ja auch ein paar Herren, also nicht ganz
allein? Guten Abend, meine Herren, wen habe ich die Ehre zu sprechen? damit
stellte der kleine bepelzte Mann sich kerzengerade, dicht vor die beiden
Freunde, in einer etwas herausfordernden Stellung hin.
    Mhsam des Lachens sich erwehrend, beantworteten Iwan und Richard auf das
Hflichste die an sie ergangene Frage; berichteten dann in wenigen Worten, wie
sie die junge Dame in einiger Verlegenheit getroffen, weil sie sich nicht nach
Hause zu finden gewut, wie sie sich ein Vergngen daraus gemacht htten, sie
sicher zu begleiten, und wie sie sich jetzt empfehlen wollten, indem sie das
Frulein in Sicherheit bei den Ihrigen shen.
    Aber der Kleine wollte das nicht erlauben; halt, rief er, das gilt nicht;
wie der Fuchs vom Taubenschlage wegschleichen, ohne frmlichen Bericht? ohne
schuldige Danksagung von unsrer Seite, wollte ich sagen; setzte er sich
besinnend hinzu. Die da lacht zwar jetzt, aber das soll ihr schon vergehen, wenn
die gestrenge Hausfrau dort oben ein schweres Gericht ber sie ergehen lassen
wird, wie sie es denn nicht anders verdient.
    Die gestrenge Hausfrau, wie Herr Lange seine eigene hbsche Frau nannte,
erschien in diesem Augenblicke selbst; ein allerliebstes, kugelrundes Figrchen,
nicht zu jung, nicht zu alt. Sie lachte und weinte, sie schalt und liebkoste
Julien, alles das in einem Athem, indem sie dieselbe in Empfang nahm. Unter
ununterbrochenem liebenswrdigem Geschwtz eilte sie mit ihr ins Haus, die
Treppe hinauf, ins Zimmer hinein; dankte zehnmal den Begleitern ihres Lieblings,
versicherte, gleich morgenden Tages der Schwester einen derben Leviten lesen zu
wollen, weil sie die Kleine habe allein gehen lassen, schilderte die Todesangst,
die sie ber das lange Auenbleiben derselben inzwischen ausgestanden, schalt
ihren Eheherrn einen Trumer, weil er sich nicht rechtschaffen mit ihr
gengstiget habe, wie es doch seine Pflicht wre, schfftelte dabei immer im
Zimmer umher, und kam nicht eher zur Ruhe, bis Alle um den schneewei bedeckten
runden Tisch geordnet saen, und der Duft des kstlichen Karavanen-Thees, wie
man nur in Ruland ihn trinkt, die Luft mit Wohlgeruch erfllte.
    Nun ging es an ein Fragen ohne Ende, bis Julie sich erbot, alles getreulich
zu berichten, wenn man nur ein ruhiges Anhren ihr gewhren wolle. Der Uranfang
alles Unheils an diesem verhngnivollsten Abende ihres ruhigen kurzen Lebens,
war ein nicht bedeutendes Unwohlsein der Schwester der Frau Lange gewesen. Der
Weg zu der Wohnung der guten Dame war nicht weit, Julie hatte einigemal,
freilich nicht unbegleitet, ihn zurck gelegt; und um die Kranke nicht ihrer
Bedienung zu berauben, hatte sie es gewagt, sich allein nach Hause finden zu
wollen.
    Es war noch ziemlich heller Tag, als ich zum Hause hinaustrat, sprach Julie,
aber ich mu gleich anfangs es versehen haben, denn ich war noch gar nicht weit
gegangen, als ich gewahr wurde, da ich in einer mir ganz unbekannten Gegend der
Stadt mich befand; ich wollte wieder zur Tante zurck gehen, aber ich gerieth
aus einem engen Gchen in das andre. Es wurde neblig, es wurde dunkel, es wurde
immer dunkler, Angstschwei trat mir auf die Stirne, das Herz schlug mir
unbndig, hoch und immer hher bis in die Kehle hinauf. Ich lief herum, und
wieder herum, bis zum schwindlig werden; wohl zehnmal kam ich immer wieder auf
den nmlichen Fleck zurck, ich konnte nicht rckwrts, nicht vorwrts, ich
wute weder ein noch aus. Einige Russen mit langen Brten traten aus einem
kleinen hlzernen Hause heraus; bis jetzt war ich noch keinem einzigen Menschen
begegnet, hatte auch fast kein Haus gesehen, denn ich war meistens zwischen
hohen Hof- oder Gartenplanken umhergeirrt. Die Mnner sahen mich an und lachten
mich aus, wie ich so da stand, zitternd vor Angst. Ich wollte mir aber doch ein
Herz fassen, und mein bischen Russisch zusammennehmen, um sie um den Weg zu
befragen: da entdeckte ich mit einemmal, zu meinem unsglichen Schrecken, da
ich in der Angst den Namen der Strae, in der wir wohnen, rein vergessen hatte.
Die Mnner gingen weiter, ich gab mich nun ganz verloren, tausend Schreckbilder
drangen auf mich ein, meine Kniee brachen unter mir zusammen, ich sank auf einen
Stein, und weinte bitterlich, wie ein kleines Kind.
    Ausbrche des herzlichsten Mitleids brachten hier eine kleine Pause in der
Erzhlung hervor. Dann sprach Julie weiter:
    Wie lange ich so gesessen wei ich nicht, ich war kaum mehr meiner Sinne mir
bewut. Man ergriff meine Hand, das brachte mich wieder zu mir selbst; eine
ltliche Frau stand vor mir, wo sie hergekommen sei wute ich nicht, mir
erschien sie, in dem Augenblicke, wie ein Engel vom Himmel gesandt.
    Die berchtigte Frau Marina war der Engel, der, als wir dazu kamen, eben im
Begriff war, das Frulein in sein Paradies abzufhren, setzte Richard hinzu.
    Bei diesem Namen schrieen Lange und seine Frau laut auf. O ber die
schndliche, verworfene Kreatur! rief er: Julie, arme Julie, was wre aus Dir
geworden, htte sich diese Deiner bemchtigt! Nie, oder mit Schimpf und Schande
bedeckt, htten unsere Augen Dich unglckliches Kind wieder gesehen. Wie nur die
weise Regierung, wie nur der liebe Gott selbst, einen solchen Hllenpfuhl wie
ihr verruchtes Haus mitten in der schnen Stadt dulden kann! Aber man behauptet
ja offen, solche Krebsschden wren groen Stdten als Abzugsmittel
unentbehrlich.
    In diesem Augenblicke wurde Herr Lange zu jemanden abgerufen, der ihn zu
sprechen verlangte, und sich durchaus nicht wollte abweisen lassen; er folgte
sehr widerwillig dem Rufe; nur kein Wort weiter, kein einziges, bis ich wieder
da bin, bat er im Gehen. In augenscheinlicher heftiger Bewegung, bleich,
erschrocken kehrte er nach einiger Zeit in das Zimmer zurck, und doch schien
ein Strahl innerer Freude aus seinen Augen zu leuchten. Alle sahen verwundert
ihn an, wie er, keines Wortes mchtig, neben Julien hintrat, und ihre Hnde
ergriff, indem er ihr forschend ins Gesicht sah.
    Julie, sprach er endlich, was hast Du mit dem Kaiser? oder vielmehr, was hat
der Kaiser mit Dir? Julie sah bestrzt und ngstlich zu ihm auf.
    Seine allerhchste Majestt, der groe Czaar Alexander, der unumschrnkte
Herr und Gebieter aller Reuen, lt sich erkundigen, ob die Herrn Richard Wood
und Iwan Yakuchin Dich kleines unbedeutendes Persnchen heute Abend sicher und
wohlbehalten nach Hause geleitet haben: sprach Lange, so feierlich als mglich.
Wie geht das zu? gieb gleich Rede und Antwort! setzte er gleich darauf nach
seiner gewohnten lebhaften Art hinzu.
    Nun? Du sprichst kein Wort? so la uns wenigstens das Ende Deiner Abenteuer
vernehmen, rief er heftig aufstampfend, als alle verwundert ihn ansahen und
Niemand begriff, was er eigentlich meine.
    Julie erzhlte: Er war es! er war es! Er war es selbst, rief Lange berlaut,
ergriff das erschrockene Mdchen, walzte singend und jubelnd mit ihr im Zimmer
herum, rckte Tische, Sthle und was ihm im Wege stand, von seiner Stelle fort,
so da das Zimmer in kurzem aussah, als ob Meublesauction darin gehalten werden
sollte, gerieth endlich ber einen widerspenstigen Nhtisch seiner Frau in's
Stolpern, und sank dann athemlos einem Lehnstuhl in die Arme; Iwan und Richard
sahen verwundert dem Unwesen zu, Frau Lange aber, die ihren Mann besser zu
begreifen schien als die brigen, sa in einer Ecke und weinte helle
Freudenthrnen.
    Julie, was bist Du fr ein Mdchen! ich bitte Dich um tausendgotteswillen,
geliebte Seele, sei kein Klotz! fing Lange wieder an, als er zu Athem gekommen
war: ich bitte Dich instndigst, werde vor Freude wenigstens so toll wie ich.
Begreifst Du es denn noch immer nicht? der Kaiser war Dein Unbekannter, der
Kaiser selbst; gleich fall' auf Deine Kniee und danke dem Himmel fr die Ehre,
die er Dir angedeihen lie. Der Kaiser hat mit Dir gesprochen, hat fr Dich
gesorgt, denke Dir das! er hat der Obhut dieser beiden Herrn Dich empfohlen, und
jetzt sogar sich Deiner noch erinnert. Und Ihr, Ihr Herrn Militrs, Die Ihr mit
bedenklichen Gesichtern stumm dasteht, fhlt Ihr denn gar nicht, was auch Euch
heute Groes widerfahren ist? Aber sagt mir nur, wie ging es zu, da Ihr nicht
gleich ihn erkannt habt? zwar war es nicht mehr ganz heller Tag, aber den da,
dchte ich, sollte man auch in finsterer Nacht erkennen knnen; so wie er sieht
nicht leicht ein gewhnliches Menschenkind aus.
    Aber bedenken Sie doch den Ort, die Tageszeit, und alle brigen Umstnde;
Sie irren gewi, es ist ja nicht mglich, wandte Richard ein.
    Haben Sie jemals den Kaiser gesehen? fragte Lange rgerlich.
    Nur zweimal, von Ferne, bei der Reve, und zwar zu Pferde: war die Antwort.
    Bah! das will nicht viel mehr als gar nichts sagen, erwiederte Lange den
Kopf aufwerfend; ich habe dreimal dicht vor ihm gestanden, und er hat zu mir
gesprochen, so leutselig! und hat mir, als ich einmal mich vor ihm hren lie,
eine herrliche Dose geschenkt, Karoline soll sie Ihnen zeigen.
    Julie wurde jetzt aufgefordert, die Gestalt ihres Befreiers zu beschreiben;
sie that es, so gut und so umstndlich, als Angst und Dunkelheit ihr erlaubt
hatten, dieselbe aufzufassen.
    Es ist nicht mehr daran zu zweifeln, alles trifft aufs Genaueste zu; es war
der Kaiser, rief Lange; und wie wre es denn zu erklren, da er kaum eine
Stunde nach Juliens Heimkehr hier nachfragen lie? nach Julien, deren Existenz
sogar bis jetzt ihm unbekannt geblieben, setzte Frau Lange hinzu: wie htte ein
solches, fr jeden, auer uns, im Grunde unwichtiges Ereigni, so schnell bis zu
ihm gelangen, und er so lebhaft dafr sich interessiren knnen?
    Dieses war freilich ein Grund, gegen den sich wenig einwenden lie. Aber der
Kaiser, ohne alle Begleitung, ganz allein, bei sinkender Nacht, in jenem
abgelegenen verrufensten Winkel der Stadt? es ist kaum denkbar! wandten Richard
und Iwan noch immer etwas unglubig ein.
    Nehmt mir's nicht bel, ihr Herrn, aber das schwatzt wie ein neugebornes
Kind, sprach Lange; Ihr mt in unsrer Kaiserstadt noch gewaltig neu sein, wenn
Ihr nicht schon gehrt habt, was jeder Narr hier wei: da nmlich der groe
Czaar Alexander, gleich seinem Vorgnger, dem groen Kalifen von Persien, -
Dings da, wie hie er gleich? nun gleichviel! - da nmlich unser Kaiser, den
Gott erhalte, zuweilen, und zwar nicht selten, unbegleitet, ganz einfach
angethan, meistens unerkannt, bei Tage wie bei Nacht, unter seinen Unterthanen
umher wandelt. Aber nicht etwa um, wie jener Kalif, auf Abenteuer auszugehen;
nein es ist wie Goethe sagt,

Soll er strafen, soll er lohnen,
Mu er Menschen menschlich sehn.

Und denken Sie dabei nur nicht an Gefahr fr ihn, setzte Frau Lange freudig
bewegt hinzu; der milde, der gerechte, der allgeliebte Vater seiner Unterthanen,
fr den jeder unter uns willig das Leben lassen wrde, was htte er unter seinen
Kindern zu frchten!
    Eine Magd trat in diesem Augenblicke ins Zimmer: Katinka, rief Frau Lange
ihr zu, der Kaiser hat Julien begegnet, als sie in Angst war, weil sie sich
nicht nach Hause zu finden wute; er hat freundlich mit ihr gesprochen, und sie,
von diesen Herren sicher begleitet, zu uns fhren lassen.
    Freudig erstaunt schlug Katinka beide Hnde zusammen, kte Juliens Kleider,
ihre Hnde, und eilte hinaus. Gleich darauf hrte man die ganze Dienerschaft des
Hauses im Vorzimmer laut werden, Katinka erzhlte, alle jubelten ber den
menschenfreundlichen Kaiser, fast jeder unter ihnen wute einen hnlichen Zug
von ihm vorzutragen, sie priesen und segneten ihn ohne Ende.
    Sehen Sie, so finden Sie es berall. Keine Htte ist so klein, kein Russe so
arm, da nicht Czaar Alexander, unbewacht und allein, unter dem Schutze
desselben sein Haupt sorglos zum Schlummer niederlegen knnte, sprach Frau
Lange.

Der berhmte Pianofortist, Heinrich Lange, gehrte ungeachtet seiner
ausgezeichneten Talente zu jenen barocken, anfangs abstoenden Erscheinungen im
Leben, die man erst bei nherer Bekanntschaft ertrglich, spter aber
achtungswerth findet. Seine Gestalt, mehr noch als diese seine Art sich zu
kleiden, gaben ihm einen Anstrich von Lcherlichkeit, der zwar belustigt, aber
weder Liebe noch Achtung erweckt.
    Er stand in jenem etwas zweideutigen Mannesalter, schwankend zwischen
vierzig und funfzig, in welchem Viele nicht recht zu wissen scheinen, ob sie
noch zu den Jungen gehren, oder schon zu den Alten sich zhlen mssen; was denn
zuweilen auch sein Fall sein mochte. Seine hagre, auffallend kleine Gestalt,
hatte etwas Verdrehtes, Windschiefes, durch das man verleitet wurde, ihn fr ein
wenig verwachsen zu halten, was er doch eigentlich nicht war. Der Fehler lag in
dem Miverhltnisse aller seiner Glieder; sein Kopf war zu gro, seine Arme zu
lang, keines pate zu dem andern, und auch die Zge seines eigentlich
geistreichen Gesichts wollten nicht mit einander harmoniren. Aus dieser
bermig hohen Stirne, dieser keck in die Welt hinaus strebenden Nase, diesem
unermelich langen Raume zwischen ihr und dem Munde, aus den dunkeln buschigen
Augenbrauen, unter denen ein paar kleine farblose Augen kaum sichtbar
hervorblinzelten, htte ein geschickter Zeichner, mit wenigen Abnderungen, eine
der ergtzlichsten Karrikaturen bilden knnen, ohne dabei die hnlichkeit allzu
sehr zu verletzen.
    Eine hohe uhlanenartige Mtze von rothem Sammet, mit groen goldnen Quasten
bermig verziert, die er selbst innerhalb seiner vier Wnde selten ablegte,
schwebte, ein wenig gegen das linke Ohr gedrckt, auf der Spitze seines
Scheitels; dazu wandelte er gern auf kothurnartigen Abstzen einher, trug einen
enganschlieenden, ihm fast bis auf die Fe reichenden, sogenannten polnischen
Rock von sehr heller, ins Hechtgraue und Rthliche spielender Farbe, mit so
vielen Litzen und Troddeln geschmckt, als sich nur darauf anbringen lieen. Ein
leicht um den Hals geschlungenes trkisches Tuch, so hell und buntfarbig als
mglich, ein breites zierlich gefaltetes Jabot, nebst den dazu gehrigen
Manschetten, vollendeten diese seltsame Toilette, die augenscheinlich darauf
abzweckte, der Lnge des kleinen Mannes, wenn nicht eine Elle, doch wenigstens
einige Zoll zuzusetzen.
    Die quecksilberartige Lebhaftigkeit seiner Bewegungen, die jeden Augenblick
durch ein gewisses, ihm eignes Ungeschick in der Art sie zu regieren gehemmt
wurde, sei der letzte Pinselstrich zur Vollendung dieses wunderlichen Portrts.
    Aber wie so ganz verschieden von seinem eignen Selbst erschien dieser
nmliche Heinrich Lange, wie verschwand alles so gnzlich, was an ihm als
lcherlich auffallen konnte, wenn er vor seinem trefflichen Flgel sa, wenn der
in ihm wohnende Genius auf mchtigen Schwingen der Phantasie sich erhob, und im
Reiche der Tne sich kund gab! Denn dort war seine eigentliche Heimath, dort
herrschte er allgewaltig, dort sprach er Ideen, Gedanken, Gefhle aus, fr die
er im gewhnlichen Leben keine Worte finden konnte.
    In Emilia Galotti lt Lessing den Maler Conti die Mglichkeit eines ohne
Arme gebornen Raphaels annehmen; in diesem Sinne war Heinrich Lange ebenfalls
ein geborner groer Poet; aber bei seinem Entstehen jeder Mglichkeit beraubt,
anders als mit Hlfe der Saiten, den Gedanken und Empfindungen seines reichen
Gemthes Leben und Gestaltung zu verleihen.
    brigens war er die harmloseste, zufriedenste Seele von der Welt. Sein
Kaiser war, nchst Gott, der Gegenstand seiner innigsten Verehrung, die bis zur
Leidenschaft sich steigerte, seit er das Glck gehabt, durch sein Talent ihm
bemerkbar zu werden, dadurch einigemal in die nchste Nhe des hohen
Beherrschers zu gelangen, und mit ein paar freundlich-lobenden Worten von ihm
angeredet zu werden. Von diesem Augenblicke an war Lange dem Kaiser Alexander
mit Leib und Seele vllig zu eigen; jede neue, das Lob desselben vermehrende
Anekdote, wie man damals unendlich viele in Petersburg erzhlte, wurde gleich
dem werthvollsten Geschenk von ihm aufgenommen; und da ein Mitglied seiner
Familie sogar eine Hauptrolle in einer solchen gespielt hatte, hob ihn auf den
Gipfel des Glcks. Seit ihrem Zusammentreffen mit dem Kaiser war Julie ihm noch
einmal so lieb geworden, und selbst auf Iwan und Richard fiel ein Strahl der von
demselben ausgehenden Verklrung zurck.
    Ungeachtet des auffallendsten Contrastes in ihrer uern Erscheinung, hat es
doch nie ein besser assortirtes Ehepaar auf der Welt gegeben, als Heinrich Lange
und seine kleine Frau. Freilich war sie wenigstens um zehn Jahre jnger als er,
doch dieser Unterschied wird in der Ehe allmlig ausgeglichen, weil die
Jugendzeit der Frauen zwar weit frher beginnt, als die der Mnner, aber auch
frher endet. Frau Karoline war das zierlichste, anmuthigste, graziseste kleine
Figrchen, das sich nur erdenken lt. Von der Natur mit einer chten
Nachtigallstimme ausgestattet, die sie, von einem trefflichen Meister geleitet,
auf das glcklichste zu benutzen gelernt hatte, war sie einige Jahre hindurch
erst in Deutschland, dann auf dem Theater in Petersburg als erste Sngerin
aufgetreten, und hatte berall, wo sie sich nur zeigte, Furore gemacht. Aber sie
entsagte sehr frh dem theatralischen Glanze, und ward, zu allgemeinster
Verwunderung, die bescheidene Hausfrau der wunderlichsten Figur in der ganzen
groen Residenz. Ihr Herz sowohl, als ihr guter Verstand fhrten sie in die Arme
des Mannes, der unter einer nicht eben fr ihn einnehmenden Auenseite alle
Eigenschaften verbarg, sie zu einer der glcklichsten ihres Geschlechtes zu
erheben.
    Sie hatte die grte Freude an seinem Talente, liebte was er liebte, that
was ihm gefiel, und schalt und zankte alle Tage mit ihm. Nie war sie hbscher,
als wenn sie zornig sich zeigte, oder vielmehr, wie es meistens der Fall war,
sich stellte als ob sie es wre, um hinterdrein ber seine ungeschickten
Entschuldigungen ihn recht herzlich auszulachen. Im Grunde war sie die
Gutmthigkeit, die Frhlichkeit selbst; witzig, von unverwstlich guter Laune,
voll jener theatralischen Einflle, Anspielungen, Citationen, die keiner los
wird, der jemals, sei es auch nur auf kurze Zeit, die Breter betrat die die
Welt bedeuten.
    Julie Reinert, die dritte Person in diesem frhlichen Haushalte, war ein
gutes unerfahrnes Kind, achtzehn Jahre alt, mit so viel Geist, Mutterwitz und
Verstand von der Natur begabt, als solch ein Wesen eben nthig hat, um mit sich
selbst und berhaupt mit dem Leben recht leidlich fertig zu werden. Sie war von
ihrer frhesten Kindheit an in Knigsberg, im Hause eines ziemlich wohlhabenden
Kaufmannes aufgewachsen, der fr ihren Vormund galt. Zur Ausbildung einer, etwas
spt entdeckten, sehr schnen Stimme von ungewhnlichem Umfange, wurde sie von
diesem nach Petersburg, zu seinem Bruder Heinrich Lange geschickt, wo ihr vom
ersten Augenblicke an die herzlichste Aufnahme ward. Um das Miteinanderleben
sich gegenseitig zu erleichtern, wurde sie sogleich fr Langes Nichte erklrt,
und fhlte nach weniger als vierundzwanzig Stunden sich so einheimisch bei
diesen freundlichen Leuten, als htte sie nie in andern Verhltnissen gelebt.
    Was nun Juliens Gestalt betrifft, so sei hiemit jeder junge Leser dieser
Bltter freundlichst gebeten, ihr einstweilen die der Dame seines Herzens zu
leihen; und jede junge Leserin, sich nach dem Portrait der hbschen Julie
Reinert in ihrem Spiegel umzusehen.

chte, traulich entgegenkommende Gastfreiheit wohnt nicht im reichen ppigen
Sden, wo die entnervende Sonnengluth nur die unbeweglichste Ruhe wnschenswerth
macht, und der Mensch den Menschen leichter entbehrt, weil jeder fast mhelos
sich verschaffen kann, was er zur Erhaltung seines Lebens bedarf. Aber im hohen
eisigen Norden ist sie recht eigentlich zu Hause, und jeder Schritt, der den
Wandrer diesem Ziele nhert, wird ihm zur Besttigung dieser Bemerkung dienen
knnen. Die erstarrende Klte eines unwirthbaren Himmelsstriches bannt dort,
wenigstens acht Monate im Jahre, die Bewohner zwischen ihre vier Wnde; die
langen, fast endlos scheinenden Winternchte, laden unwiderstehlich zur
Geselligkeit ein, jeder Besuch wird zum heiteren Feste, der Fremde, der zum
erstenmale die Schwelle des gastlichen Hauses betritt, wird wie ein lieber
Bekannte empfangen, er wird bei den nchsten Freunden eingefhrt, die man eines
solchen angenehmen Ereignisses ebenfalls theilhaftig machen mchte, diese
beeifern sich ihn wieder ihren Freunden zuzufhren, und es kann nur von seinem
Willen und Benehmen abhngen, sich so lange Zeit als Mitglied nicht nur der
Familie, deren Gastfreund er ursprnglich war, sondern auch aller mit dieser
verbndeter, zu betrachten, als es ihm selbst angenehm oder bequem ist.
    Nirgends aber giebt diese, aus den kultivirtesten europischen Lndern immer
mehr verschwindende Tugend auf liebenswrdigere Weise sich kund, als in
Petersburg, wo alle Vortheile sich vereinen, die eine groe glnzende
Residenzstadt nur gewhren kann; wo man nicht nur alle verfeinerten Gensse des
Lebens, sondern auch, und obendrein mit groer Leichtigkeit, alle eigentlichen
Bedrfnisse desselben sich verschafft. Auch Heinrich Lange machte in seinem
nicht luxurisen, aber sehr anstndig gefhrten Haushalte, von der allgemein
herrschenden Lebensweise keine Ausnahme. Seine Thre stand tglich allen seinen
Freunden offen, und Juliens beide Befreier waren ihm, als solche, ein paar sehr
werthe, zwiefach willkommene Gste.
    Fr Iwan war die Bekanntschaft mit dieser ausgezeichnet trefflichen Familie
von sehr groer Bedeutung, denn seine ganze bisherige Lebensweise erhielt
dadurch einen neuen, fr ihn hchst vortheilhaften Umschwung. berall, wo seine
zahlreichen Bekannten fast tglich mit Sicherheit darauf rechnen konnten, ihn
anzutreffen, wurde er jetzt vergeblich von ihnen aufgesucht; der ihm sonst so
gefhrliche grne Tisch, war fr ihn gar nicht mehr in der Welt; der
enthusiastische Eifer, mit dem er pltzlich dem Studium der deutschen Sprache
sich ergab, von der er bis dahin nur einzelne Worte gekannt, und die er jetzt
fr die ihm unentbehrlichste erklrte, hatte dieses fast unglaublich groe
Wunder bewirkt.
    Dankbarkeit fr den ihr geleisteten Beistand, bewog Julie Reinert zu dem
etwas schwierigen Unternehmen, seine Lehrerin zu werden; und nun brachte er jede
Stunde, welche der Dienst und anderweitige Beschftigungen ihm Vormittags frei
lieen, eifrigst studirend bei ihr zu. Frau Karoline, wie diese gewhnlich
genannt wurde, ging, nebenbei ihren Haushalt besorgend, dabei im Zimmer aus und
ein, trat als Oberlehrerin auf, wenn Juliens grammatikalische Kenntnisse nicht
ganz zureichen wollten, und half auch schelten, wenn der etwas ungelenke Schler
unachtsam oder zerstreut sich bewies.
    Abends pflegte ein nicht groer, aber interessanter Kreis, sich gewhnlich
in diesem Hause zu versammeln, in welchem Iwan niemals fehlte, und den auch
Richard oft und gern besuchte. Fremde, ohne Unterschied des Standes, besonders
Deutsche, Gelehrte, Knstler und Knstlerinnen, bildeten einen eben so
zwanglosen als angenehmen Verein, in welchem jeder das Seine zur allgemeinen
Unterhaltung beizutragen suchte. Scherz und Lachen wechselten mit ernsteren und
unterrichtenden Gesprchen ber die Geschichte des Tages, oder ber Kunst und
schne Literatur; doch Musik blieb, wie es denn auch in diesem Hause nicht
anders sein konnte, das Hauptelement der Unterhaltung. Karolinens seelenvoller
Gesang entzckte den kleinen Kreis ihrer Freunde, wie er frher das groe
Publikum zu begeisterndem Enthusiasmus aufgeregt hatte; Juliens Lerchenkehle,
wie ihr Lehrer Lange sie sehr bezeichnend nannte, wirbelte in silberreinen
Tnen; auch fehlte es nie an Tonknstlern vom ersten Range, die hier zum
allgemeinen Ergtzen ihre glnzenden Talente vereinten.
    Am Ende eines solchen musikalischen Abends, um welchen die Vornehmsten des
groen Reiches den guten Lange mit Recht htten beneiden mgen, lie er sich
zuweilen erbitten, mit seiner chten Kapellmeisterstimme, dumpf und klanglos wie
ein geborstner Topf, aber durch Vortrag und Ausdruck unwiderstehlich zum Herzen
sprechend, ein Lied von Goethe nach Zelters, oder auch wohl von eigner
Composition zu singen; das thut Keiner ihm nach, flsterten dann die Meister
unter einander; und auch seine eigne Frau gab dieses zu, obgleich sie vor den
Leuten ihn lchelnd einen alten Dudelsack schalt.
    Auch Richard wurde in diesem gastlichen Hause zum erstenmale in das
brgerliche Leben des gebildeten, wohlhabenden Mittelstandes eingefhrt. Bis
dahin hatte er in der frstlichen Familie, in welcher er auferzogen wurde, nur
das vornehme, prunkvolle, von Genssen aller Art bersatte Leben der Groen
gekannt; und spter, als Gegenstck zu demselben, das vllig zwang- und
regellose, mitunter ziemlich wste Treiben von Iwans Freunden, lauter jungen
Mnnern, die weder durch Familienbande noch Rcksichten in ihrer Freiheit
gehemmt, nach eigner Wahl diese benutzten.
    Eugen und dessen Bruder Alex, hatten auf ihr dringendes Verlangen, unter
Richards Schutz, ebenfalls in diesem Hause Zutritt erhalten, das in
musikalischer Hinsicht ihnen Gensse bot, die sie in glnzenderen Zirkeln
vergebens suchen muten, und fr welche beide Brder viel Sinn hatten. Die
Gegenwart der jungen Frsten brachte in Frau Karolinens huslicher Einrichtung
zwar nicht die mindeste Abnderung oder Strung hervor, denn sie war auch an
Gste dieses Ranges zu gewhnt, um sich durch sie irren zu lassen; aber sie
benahm bei der Einladung derselben sich doch immer sehr vorsichtig, und es
gehrte ein Frsprecher wie Richard war dazu, um die Zurckhaltung, die in
dieser Hinsicht Grundsatz bei ihr geworden war, zu berwinden.
    Gott behte in Gnaden unsre kleinen Abendgesellschaften vor dem Unglck,
Mode zu werden! sprach sie; dann wre es bald damit aus und vorbei! Vor all' den
Ordensbndern, Sternen und Federhten wrden wir selbst kaum Platz im Hause
behalten, denn in Petersburg ist es nicht anders, als in andern groen Stdten,
wo viele vornehme, reiche und mige Leute bei einander wohnen, die nicht immer
wissen, wo sie mit ihrem berflusse an Zeit hin sollen.

Eines Abends hatte die Gesellschaft zahlreicher als gewhnlich sich versammelt;
in der heitersten glcklichsten Stimmung waren die berhmtesten der damals in
Petersburg anwesenden Tonknstler alle zugegen, um den Geburtstag ihres Freundes
Lange recht festlich zu begehen. Mancherlei musikalische, grtentheils
humoristische Excesse, wurden bei dieser Gelegenheit getrieben, bis endlich,
ganz unverabredet, eine Art Wettkampf daraus entstand, bei welchem jeder von
ihnen alles aufbot, um die wenigen, nicht thtig dabei beschftigten Zuhrer, in
einen Rausch von Entzcken zu versetzen.
    Eugen und Richard hatten sich in die entfernteste Ecke des Zimmers zurck
gezogen. Schweigend, mit gesenkten Augen, gab der junge Frst der Gewalt der
Tne sich hin. Erst als der letzte verhallte, richtete er sich auf, um seinen
bewundernden Beifall laut werden zu lassen; sein Blick fiel zuerst auf Richard;
tief gebckt, unbeweglich, beide Hnde vor dem Gesicht, sa dieser neben ihm,
augenscheinlich in dstre Trauer versunken.
    Heimweh ohne Zweck und Ziel, Heimweh eines Heimathslosen! war, von einem
tiefen Seufzer begleitet, die kaum hrbar geflsterte Antwort, welche Eugen auf
sein besorgtes Fragen von ihm erhielt.
    Eugen blickte staunend ihn an. Ach, htte ich Ruland nie gesehen! setzte
er, gleich einem Trumenden unwillkrlich in sich hinein redend, nach kurzem
Schweigen noch hinzu.
    Jetzt begann Eugen in der That, ein seinem Freunde widerfahrnes Unglck zu
frchten, und hrte nicht auf mit bittenden Fragen in ihn zu dringen. Richard
blickte mit jenem trben Lcheln zu ihm auf, das weit schmerzlichere Klagen
ausspricht, als Thrnen es knnten.
    Du frgst so mitleidig, was mir geschehen? sprach er sehr leise: ach! nichts
und alles, und nicht erst heute oder gestern. Sieh um Dich, so recht mit Deinem
innern Auge. Sieh das prunklose, einfache, genureiche Leben um uns her,
betrachte es genau. Sieh und fhle, wie durch des Tages Arbeit und Mhen die
Freude des Abends erst zur Freude erhoben wird. Dies ist das Leben, das Glck
des Mittelstandes; zu diesem wurde ich geboren, und wurde frh dafr verdorben,
das ist mein Schmerz! Was hier Reichthum ist, wrde in Deiner Sphre Armuth
heien, und welche Gensse bietet diese glckliche Armuth! Hierher gehre ich;
warum mute ich aus meinem tiefen Thale auf Eure sonnige Felsenhhe verpflanzt
werden, wo ich nie festwurzeln werde, wo ich, im nutzlosen Streben danach, am
Ende doch verkmmern mu?
    Und Helena? erwiederte mit einem Hndedruck Eugen.
    Ach, stnde sie in der Welt nicht hher als jene Julie! seufzte Richard.
    Und knnte sie dann noch Helena sein? fragte Eugen.
    Ich wei, ich fhle, es ist wie es ist, und keine Gewalt im Himmel und auf
Erden kann die verworrene Zerrissenheit meines unseligen Daseins zu einem Ganzen
umbilden, klagte Richard. Aber verarge es mir wer da kann, ich bin mde dieses
Harrens auf eine unbestimmte Zukunft, dieses Hoffens ins weite Blaue hinein
mde, mde bis zum Tode. Die Luftschlsser, die ich mit Hlfe Deiner sorgenden
Liebe mir erbaute, was ist aus ihnen geworden? sie lsen in Nebel sich auf.
Langsam kriecht der Schneckengang meines Lebens von einem Tage zum andern mit
mir fort. Was hilft mir Deines Vaters Wohlwollen? der mchtige Schutz Deines
Hauses? was hilft es mir sogar, da, wie Du sagst, der Kaiser, seit jenem
seltsamen Zusammentreffen mit ihm, meinen Namen kennt, und gndig meiner
erwhnte? Mein Ziel rckt immer weiter hinaus, ein Wunder nur knnte mich
retten, und Wunder geschehen nicht mehr!
    Mit bewundernswrdiger Geduld hatte Eugen diese lange Jeremiade seines
Freundes bis ans Ende angehrt, doch jetzt brach er mit fast strafendem Ernste
los: Kleinmthiger, Verzagter, sprach er, Wunder geschehen nicht mehr! bist Du
denn dessen so gewi? Hast Du den Schleier der Zukunft gelftet? weit Du was
vielleicht dicht neben Dir sich bereitet? bist Du im Stande genau zu berechnen,
was, vielleicht in sehr kurzem, sich Unerwartetes ereignen kann? Sohn unsrer
ereignireichen Zeit, die schon so viele Wunder ihm vorfhrte, wie darfst Du
behaupten, es geschehen keine Wunder mehr!
    Mit diesen Worten brach Eugen das Gesprch ab, und wendete der brigen
Gesellschaft sich zu; Richard glaubte zu bemerken, da er im Verlaufe dieses
Abends jede Gelegenheit, es wieder anzuknpfen, absichtlich vermied.

Im vergeblichen Streben, die eigentliche Meinung von Eugens letzten Worten sich
zu erklren, brachte Richard eine lange schlaflose Nacht hin, und stand am
Morgen mit dem festen Vorsatze auf, die Sonne nicht untergehen zu lassen, ohne
diese Erklrung von seinem Freunde erhalten zu haben. Dienstverhltnisse von
seiner, andere Verhinderungen von Seiten Eugens, hielten indessen, sehr wider
ihren Willen, beide Freunde whrend mehrerer Tage von einander entfernt; und
selbst am letzten von diesen wollte es Richard nur zur ungewohnt spten
Abendstunde gelingen, zu Eugen eilen zu knnen.
    Eine ruhige, von jedem Gerusche mglichst entfernte Wohnung, war von jeher,
selbst mit Aufopferung mancher andern Bequemlichkeit, Eugens Lieblingswunsch
gewesen. Daher hatte er auch in Petersburg, wie frher in Moskau, in einem
abgelegenen, vom Hauptgebude wie von der Strae entfernten Seitenflgel des
Palastes seines Vaters seine Zimmer sich gewhlt, deren Fenster auf de, mit
hohen Mauern umgebene Hfe hinaus gingen, die fast nie ein menschlicher Fu
betrat. Richard wunderte sich, die Thre diesmal verschlossen zu finden, was
sonst nie der Fall war; auf sein Klopfen wurde ihm zwar gleich geffnet, und
zwar, was als nicht minder ungewhnlich ihm auffiel, von dem vertrauten
Leibjger des jungen Frsten, dem einzigen Diener, der in diesem Zimmer sich
befand, in welchem es sonst, nach Sitte groer russischer Huser, von
dienstbaren Geistern wimmelte.
    Alles schien an diesem Abende ein fremdes, unheimliches Ansehen hier
gewonnen zu haben. Fast verlegen stand der ihm sonst so freundlich ergebene
Jger Wladimir vor ihm; er, der in diesem Hause mit seinem jetzigen Herrn und
Richard als beider demthiger Spielkamerad aufgewachsen war, und manche kleine
Freiheit sich herausnehmen durfte, wagte es heute kaum ihn seitwrts, mit
scheuen verstohlenen Blicken zu betrachten; Richard selbst fhlte sich dadurch
bengstigt; er sah schweigend um sich her, und wurde in einer Ecke einen Haufen
abgeworfner Mntel, Sbel, Federhte und Mtzen gewahr, die auf eine ziemlich
zahlreiche Gesellschaft im Zimmer des Frsten Eugen schlieen lieen. Dieses
brachte ihn auf den Gedanken, ob er nicht vielleicht hier in eine Gesellschaft
gerathen knne, zu welcher ihm der Zugang versagt sei, zu der selbst dieser
Diener Bedenken trge ihn zuzulassen, hier, in den Zimmern seines innigsten
Freundes, bei dem Bruder seiner Geliebten! Sein stolzer Sinn fing an sich
mchtig zu regen, sein Herz schwoll, Empfindungen wurden in ihm wach, welche bei
hnlichen Anlssen ihn schon oft um so peinlicher geqult hatten, je ngstlicher
er sich bemhte, sie aller Welt, wo mglich sich selbst, zu verhehlen. Schon war
er im Begriff, hier an der Schwelle umzukehren, um sich nicht vielleicht einer
Beleidigung auszusetzen, die er ungeahndet nicht htte ertragen knnen, und nur
Scheu, einen ihm schmachvoll dnkenden Schritt in Gegenwart des Dieners seines
Freundes zu thun, hielt ihn noch zurck. Doch Wladimir schien pltzlich andres
Sinnes geworden; mit gewohnter Ehrerbietung nherte er sich geschftig, ihm den
Mantel abzunehmen und ffnete, wie sonst immer, die Thre zu dem Wohnzimmer
seines Herrn. Jetzt erst erinnerte sich Richard, da Gesellschaften der Art, wie
er hier eine anzutreffen gefrchtet hatte, sich zwar nicht selten bei dem
Frsten Andreas und dessen Gemahlin zu versammeln pflegten, aber nie bei den
Shnen derselben. Ohne alles Bedenken trat er jetzt durch die ihm offen stehende
Thre, die gleich, sehr behutsam alles Gerusch vermeidend, hinter ihm
geschlossen wurde, und fand abermals zu seiner groen Verwunderung auch hier
sich allein, wo er fest darauf gerechnet hatte, seinen Freund anzutreffen.
    Doch ein dumpfes Gerusch in dem anstoenden grern, und deshalb selten
gebrauchten Besuchszimmer seines Freundes, schien die Gegenwart mehrerer dort
versammelter Personen anzukndigen; von neuem zweifelhaft geworden, ob unbemerkt
sich zurckzuziehen nicht noch immer das Gerathenste fr ihn wre, stand er
abermals unschlssig da. Einige bekannte, ihm freundlich tnende Stimmen lieen
jetzt aus dem dumpfen Gemurmel der brigen sich unterscheiden. Richard fing an,
der zu reizbaren Furcht vor Verletzung seines Ehrgefhls sich recht herzlich zu
schmen; er ging, zwar mit noch immer etwas unsichren Schritten, auf die nur
angelehnte Thre zu; unhrbar leise drehte sie sich in ihren Angeln. Richard
stand erstarrt.
    Dreiig bis vierzig Mnner, einige stehend, andere sitzend, bildeten in
zwei- bis dreifachen Reihen einen Kreis rings um den nicht sehr groen, aber
doch gerumigen Salon. Die der Thre zunchst Stehenden waren mit dem Rcken ihr
zugewendet, Richard konnte unbemerkt alles berschauen, denn die allgemeine
Aufmerksamkeit schien von einem in der Mitte des Kreises befindlichen
Gegenstande gefesselt, der fr den Augenblick aber ihm noch nicht sichtbar war.
Da ein allgemeiner, sehr groer und ernster, aber auch geheimer Zweck diese
Alle hier versammle, war unverkennbar.
    Noch war es Zeit, noch konnte Richard unbemerkt, wie er gekommen, sich
zurck ziehen. Gern htte er es gethan; aber ihm gerade gegenber, in einem
Armstuhle sitzend, gewahrte er die ehrfurchtgebietende Gestalt seines
Wohlthters, des Frsten Andreas; ein unbeschreiblich bngliches Gefhl, eine
Ahnung herannahenden Unheils, bemchtigte bei diesem Anblicke sich seiner, und
fesselte ihn an den Platz, wo er eben stand.
    Doch nicht nur der Frst selbst, auch dessen Shne Eugen und Alex, der Frst
Konstantin Nataliens Gemahl, fast alle Verwandte, alle nher Befreundete des
Hauses waren zugegen. Nchst diesen viele Mnner von anerkannt edlem Charakter
aus den geachtetsten und vornehmsten Familien des russischen Reiches, die
mehresten unter ihnen Richard wohlbekannt, und zum Theil in nherem freundlichem
Verhltnisse ihm zugethan.
    Die Gegenwart aller dieser Personen htte ber den Zweck dieser Versammlung
ihn fglich beruhigen knnen; hchstens htte er eine Berathung ber irgend
einen jener Lieblingsplne des Frsten Andreas darunter vermuthet, mit denen
dieser sich noch immer gern beschftigte, und auch seine Shne dafr zu
interessiren sich bemhte; etwa ein Projekt zur Verbreitung hherer Kultur unter
dem Volke, oder sonst ein auf die Verbesserung des brgerlichen Wohlstandes
abzweckendes Unternehmen. Aber diesen geliebten und verehrten Gestalten waren
auch ihm ebenfalls wohl bekannte andrer Art, wie Unkraut dem Weizen beigemischt.
Leute, von denen ihm auch nicht im Traume eingefallen wre, da sie jemals hier
htten Zutritt erlangen knnen, erblickte er, vllig wie einheimisch sich
geberdend.
    Da stand Einer unter andern, ihm gerade gegenber, im Hintergrunde des
Saales, einige Schritte hinter dem Armstuhle des Frsten Andreas, ein vielleicht
absichtlich gewhlter Platz. Richard htte unbedenklich es beschwren mgen, da
dieser Mann kein andrer sei als der Freund der Frau Marina, der sogenannte Baron
vom Pharaotisch. Zwar hatte er den braunen berrock sammt der grnen Brille
abgelegt, auch waren seine Haare bedeutend dunkler; solche leicht auszufhrende
Vernderungen aber tuschen nicht leicht den aufmerksam beobachtenden Blick
eines Unbefangenen.
    Andere Figuren, augenscheinlich vom nmlichen Gelichter, befanden sich, wie
durch Zufall, einzeln durch alle Reihen der Anwesenden zerstreut; Leute, denen
an andern, mitunter ziemlich zweideutigen Orten begegnet zu sein, sich Richard
deutlich erinnerte, ohne jedoch ihre Namen zu kennen. Je lnger seine Blicke im
Saale umherstreiften, je mehr bekannte Gesichter traten ihm entgegen,
groentheils namen- und sittenlose junge Leute, dem Trunke, dem Spiele und jeder
Ausschweifung ergeben, in deren Umgang er zu seinem groen Leidwesen seinen
Freund Iwan verstrickt gefunden; zu seinem hchsten Erstaunen erblickte er sogar
einige eifrige Mitglieder und Befrderer jener die Welt verbessernden
Gesellschaft in Moskau, in welche er selbst, sehr gegen seinen Willen, durch
Iwan verwickelt gewesen, und die er in Petersburg anzutreffen nimmer vermuthet
htte. Wie das alles hier, in Eugens Zimmer, zusammengekommen sei, war und blieb
ihm ein unauflsbares Rthsel.
    Wenig Minuten waren hinreichend, um alle diese Bemerkungen zu machen; doch
berrascht von dem Unerwarteten, war Richard whrend derselben kaum seines
Daseins sich bewut geblieben. Das Herz klopfte hrbar ihm in der Brust, wild
jagte, mit betubendem Sausen, das Blut durch alle seine Adern; erst als dieser
Tumult in seinem Innern sich etwas legte, und er dadurch zu einiger Besinnung
gelangte, ward er auf eine Stimme aufmerksam, die bis jetzt in klangloser
unverstndlicher Monotonie unbeachtet an ihm vorberrauschte. Eine unter den vor
ihm in der Thre Stehenden zufllig sich bildende kleine Lcke, zeigte ihm in
der Mitte des Saales einen mit Schreibmaterialien, Journalen, Broschren, Mappen
und Bchern bedeckten Tisch, und hinter demselben, den Rcken der Thre und
folglich auch ihm zugewendet, einen stattlichen Mann, von militairischem
Ansehen, der nach kurzem Ausruhen in diesem Augenblicke den Faden seiner Rede
wieder aufnahm.
    Vereinte zum Bunde des Heils, chte getreue Kinder des Vaterlandes, Boyaren,
Mnner und Brder, sprach er, ihr habt aus meinem Vortrage jetzt vernommen, da
die aus unsrer Mitte erwhlte Elite, bei welcher ich den Vorsitz zu fhren
gewrdiget worden bin, sich aus hinreichenden Grnden bewogen gefhlt hat, den
von einem der getreuesten Shne des Vaterlandes, Alexander Murawieff
ausgegangenen, und von den nicht minder wrdigen und getreuen, Obrist Frst
Trubetzkoy und Nikita Murawieff untersttzten Vorschlag, nach reiflicher
berlegung einstimmig als unausfhrbar zu verwerfen.
    Allerdings mu der Gedanke auf den ersten Anblick gro und im blendendsten
Glanze erscheinen, unsern neuen Bund fr das wahre Heil unsres geliebten
heiligen Vaterlandes mit jener, seit Jahrtausenden bestehenden ehrwrdigen
Verbindung der Freimaurer, und den unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses
allen Ungeweihten verborgnen Gesetzen und Gebruchen der Loge, zu verbinden und
in Einklang zu bringen; aber die Wissenden unter uns, die wenigen Eingeweihten,
die tiefer in jene Geheimnisse eingefhrt wurden, sind gewi schon lngst durch
ernsteres eigenes Nachdenken in ihrem Herzen berzeugt, wie unmglich dies sei.
Durch die eben vorgetragenen Grnde, denen noch mehrere hinzugefgt werden
knnten, welche aber alle hier auseinander zu setzen, zu zeitzersplitternd
werden mchte, hoffe ich auch meine brigen Zuhrer, sie mgen nun in jene
Geheimnisse theilweise eingeweiht sein oder nicht, ber die Unausfhrbarkeit
jenes Vorschlages vollkommen ins Klare gesetzt zu haben.
    Der triftigste, alle andern berwiegende, jedem einleuchtende Grund gegen
diese, sonst so wnschenswrdige Vereinigung, bleibt immer der, da jene
ehrwrdige Gesellschaft, obgleich ber ganz Europa verbreitet, durch ihren
Ursprung, ihre innere Einrichtung, ja durch ihre nicht zu umstoenden Urgesetze,
verpflichtet ist, bei ihrer groen Ausdehnung sich dennoch auf eine
verhltnimig kleine Anzahl ihrer Verbndeten zu beschrnken. Sie gleichen
edlen Schatzgrbern, die beim Scheine des dem Himmel entwandten heiligen Feuers
des Prometheus, im Dunkel der Nchte, und in ehrwrdiger Verborgenheit, dem
edlen Karfunkel nachstreben, dessen alles berstrahlender Glanz, dereinst zu
Tage gefrdert, wetteifernd mit der Sonne, die blde, trge Welt aus ihrem
Schlummer erwecken soll.
    Wir aber, wir Vereinte zum Bunde des Heils, sind anders gestellt. Unser Bund
gleiche der aufgehenden Sonne eines glorreichen Sommertages, die ihre Segen
spendenden Strahlen ber alle Kinder unseres weiten unermessenen Vaterlandes,
Licht und Leben berall verbreitend, ergiet. Keine Hhle, keine Kluft, keine
noch so tief in endlosem Schnee vergrabene Htte, bleibe von ihr unerleuchtet.
Fest an einander haltend, alles berwltigend, mssen wir zum Lichte
durchdringen. Das ganze Reich, jede in demselben athmende Seele, mu dieses
Heiles theilhaftig werden, daher darf nichts die Zahl der Anhnger des Bundes
fr dasselbe beschrnken. Daher habe ich in den eurem Wunsche gem von mir
verfaten, und von Euch gebilligten Statuten desselben, es unsern Brdern allen
als heiligste Pflicht auferlegt, zur Verbreitung unsres Bundes selbst unter den
Geringsten im Volke - -
    Ein Verrther in unsrer Mitte! - ein Spion! riefen einige Stimmen. Der
Redner war unterbrochen, ein furchtbarer Tumult entstand in der Gegend der
Thre. Festgehalten, vorwrts gestoen, umklammert, erdrckt von den ihn
Umdrngenden, war fr Richard an keinen Widerstand zu denken. Nieder, nieder mit
ihm! erscholl es von mehreren Seiten mitten durch das rasende Toben, durch das
wilde mit Flchen und Schwren gemischte Geschrei. Sbel und Degen waren mit den
Hten und Mnteln im Vorzimmer abgelegt, aber gefhrlichere heimlichere Waffen,
kleine blinkende Dolche, leicht zu verbergende Taschenterzerole wurden in vielen
Hnden sichtbar; drohende Geberden, wuthblitzende Augen, berall, wohin Richard
die Blicke wandte.
    Ruhe, Ruhe! gebot Frst Andreas, als Herr des Hauses. Niemand hrte auf ihn,
bis es ihm endlich gelang, unter dem Beistande seiner Shne zu dem Gegenstande
der allgemeinen Erbitterung durchzudringen.
    Du bist es, mein Sohn? Niemand als Du? rief er erstaunt, als er Richard
recht ins Auge fate. Lat ihn unbesorgt los, Ihr Herren, dieser da ist kein
gefhrlicher Verrther, sprach er, indem er seine Hand ergriff und ihn an Eugens
Seite fhrte. Nun wahrlich, dies heit doch mit Recht, viel Lrm um Nichts,
setzte er hinzu; und suchte, wenn gleich mit bleicher zitternder Lippe, ein
heitres Lcheln zu erzwingen.
    Wie Vielen unter uns wre er denn so ganz unbekannt? Freunde, Brder,
besinnt Euch doch, setzte, vom ersten Schrecken sich erholend, der Frst hinzu;
es ist ja kein hier eingedrungener Fremdling; es ist Richard, mein in meiner
Familie, mit meinen Shnen, unter meinen Augen erwachsener lieber Pflegesohn.
    Wie kam er hieher? - wie durfte er es wagen? - wie konnte er ohne Verrath
bis zu uns durchdringen? - Verrath! - eingeschlichen - ein Englnder - erkauft -
Spion - nieder mit ihm - Schlange, die der edle Frst in seinem Busen erzog -
fort mit dem Undankbaren - nieder, nieder mit ihm! - brllte es von allen
Seiten. Die wenigen, Richard in Schutz nehmenden Stimmen, drangen nicht durch
das verwirrende Geschrei; und immer gefhrlicher, tobender, drohender, wurde die
allgemeine Stimmung.
    Mein Leben fr meinen Bruder Richard! rief Frst Alex, sprang herbei, ihn
mit seinen Armen umschlingend. Voreiliger! konntest Du es denn nicht abwarten?
flsterte Eugen ihm zu, und warf die wehrlose Brust den wthend auf ihn
eindringenden Feinden seines Freundes entgegen.
    Wer will in meinem Hause es wagen, mit frevelnder Hand den unter meinem
Schutze Stehenden zu berhren! rief Frst Andreas mit aller ihm zustehenden
Wrde.
    Ruhe! gebot eine krftige, den lauten Tumult hell bertnende Stimme. Der
Redner von vorhin drngte sich hervor: Befleckt nicht durch Mord unsern heiligen
Bund; hrt ihn an, ehe Ihr ber ihn das Urtheil fllt, sprach er mit
gebietendem, ernstem Tone; ergriff Richards Arm, zog ihn aus der Mitte der ihn
umtobenden Schreier, stellte frei, allen sichtbar, mitten im Saale ihn neben
sich hin, und befahl den brigen, einen eng geschlossenen Kreis in ziemender
Entfernung um sie Beide zu bilden. Alles dieses mit so berraschender,
kaltbltiger Gelassenheit, als wre er hier Knig, und msse ihm alles
gehorchen.
    Wer Muth hat, mit fester sicherer Hand das Steuer zu ergreifen, bleibt
mitten im Sturme der Gebieter der wthenden oder zagenden Menge, die nie wei,
was sie eigentlich will oder zuerst zu ergreifen hat. So war es denn auch hier;
man rangirte sich rings an den Wnden hin, wie es Obrist Pestel, denn dieser war
der Redner, gebot, und der Aufruhr war fr den Augenblick gnzlich
beschwichtigt.
    Richard Wood, jetzt befrage ich Sie, im Namen des Bundes zum Heil des
Vaterlandes, nahm Pestel mit dem Anstande und der Wrde eines dazu befugten
Richters das Wort, wie gelang es Ihnen, uns so ganz unvermuthet hier zu
berfallen, und was beabsichtigten Sie damit? Sprechen Sie frei und furchtlos,
aber bedenken Sie Ihre Worte. Die kleinste Verletzung der Wahrheit wre
gefahrdrohend. Ich warne Sie wohlmeinend.
    Richard war inzwischen auch wieder zur Besinnung gelangt, um welche das
betubende Geschrei, das wthende Eindringen auf ihn, anfangs ihn gebracht
hatte. Er beantwortete offen und wahr die an ihn gerichteten Fragen, und
erklrte nebenher, wie eine Reihe unbedeutender Zuflligkeiten ihn bewogen,
seinen, seit mehreren Tagen nicht gesehenen Freund, den Frsten Eugen, zur
ungewohnt spten Abendstunde noch aufzusuchen.
    So ohne alle Umstnde? sans faon, ungemeldet? in Husern wie dieses, pflegt
das doch sonst nicht gebruchlich zu sein; wandte mit anmaendem Hohnlachen ein
junger, sehr wst und roh aussehender Mann ein. Er hie Lunin, Richard war ihm
frher in Moskau, in jener ihm so wenig zusagenden Gesellschaft, zuweilen
begegnet.
    Unter Brdern bedarf es keines solchen Ceremoniels; Richard hat bei mir
Bruderrecht; erwiederte kurz und stolz Eugen.
    Sind Sie bereit, Ihre Aussage mit einem heiligen Eide hier feierlich zu
bekrftigen? fragte ernst, aber nicht unfreundlich, Obrist Pestel.
    Dann bringt nur gleich eine Bibel herbei, eine englische, rief sehr berlaut
Lunin; ich kenne ihn, er ist ein Englnder. Das Volk ist wie die Juden; nach den
Gebruchen seines Landes und Glaubens mu man ihn schwren lassen, sonst hlt er
sich dadurch zu nichts verbunden; er mu das Buch kssen, sonst gilt sein Eid
nichts; setzte er frech lachend hinzu.
    Richard blickte verachtend ihn an. Ich bin in England geboren, erwiederte er
mit ernster Wrde: ich bin weit davon entfernt, das Land meiner Geburt
verlugnen zu wollen, aber ich bekenne zugleich, Ruland ist mein eigentliches
geliebteres Vaterland, dem ich alles verdanke, seit ich fhle und denke; denn
mein Geschick hat in sehr frher Jugend mich meinem Geburtslande vllig
entfremdet. Dankbarkeit, Gewohnheit, Erziehung und das heiligste innerste Gefhl
meiner Brust, haben mich hier lngst nationalisirt; der Kaiser dieses groen
Reiches ist auch der meinige, setzte er, diese letzten Worte betonend, mit einem
Blicke auf seine Uniform hinzu; fr die Wahrheit meiner Aussage bin ich bereit
mein Ehrenwort zu verpfnden, doch einen andern Eid leiste ich nicht. Wer aber
einer Lge mich verdchtig machen will, der trete gegen mich auf, Mann gegen
Mann.
    Auch ich setze mein Ehrenwort an das Seinige, rief in schnem Eifer Frst
Alex.
    Ich stimme dafr, da der Eid gegen sein Ehrenwort ihm erlassen werde, denn,
wre er ein Niedertrchtiger, dem dieses nichts gilt, so wrde auch der
feierlichste Eid ihn nicht binden; entschied Obrist Pestel.
    Freunde, Brder! nahm Frst Andreas jetzt das Wort, indem er hervor neben
den Obristen Pestel trat; gnnt mir einige Augenblicke Eure Aufmerksamkeit mit
dem Vertrauen, das ich von Euch erwarten zu drfen mir bewut bin. Beseligt
durch das freudigste Vatergefhl, habe ich meine beiden Shne unserm hohen
heiligen Bunde der chten treuen Kinder unseres groen Vaterlandes zugefhrt;
berzeugt, da auch mein geliebter Pflegesohn Richard, den heute ein tckischer
Zufall, leider strend und unerwartet, in unsre Mitte geworfen, ein nicht minder
wrdiges Mitglied desselben werden wrde, lag es stets in meinem Plane, auch
diesen Euch zur Prfung vorzuschlagen; es war sogar meine Absicht, noch vor dem
Schlusse unsrer heutigen Versammlung diesen meinen Vorsatz in Ausfhrung zu
bringen, der durch die Entfernung, in welcher Richard bis vor kurzem in Moskau
lebte, aufgeschoben worden war.
    Die Zeit der berlegung, der Berathung, welche mehr das ernste Erforschen
dessen, was Noth ist, von Seiten der Erfahrenern, Zeit- und Weltkundigeren unter
uns erforderte, als den zwar wohlmeinenden, aber oft bereilten Eifer unsrer
jngeren Brder, ist nun grtentheils vorber. Die Statuten unsres Bundes, die
Gesetze desselben, die Pflichten, welche zu erfllen wir beim Eintritte in
denselben uns anheischig machen, sind endlich festgestellt. Die Zeit des Wirkens
und Schaffens, der Ausfhrung des frher zum Wohle des heiligen Vaterlandes
Beschlossenen ist da; sie wird der rstigen Thatkraft unserer jngeren Brder
ein weites Feld erffnen, und in jeder Hinsicht die Vermehrung ihrer Zahl
wnschenswerth machen.
    Und nun tritt hervor, mein Sohn, setzte Frst Andreas hinzu, indem er
Richards Hand ergriff; frei darf ich es aussprechen, dieser Jngling ist wrdig,
bei dem groen Werke, das wir unternommen und mit der Hlfe Gottes ausfhren
werden, als Bruder und Helfer uns zur Seite zu stehen, denn ich kenne ihn; unter
meinen Augen wuchs er auf, mit meinen Shnen zugleich habe ich in meinen
Grundstzen ihn erzogen, und der glcklichste Erfolg lohnte mein redliches
Bemhen. An Geist und Gemth, an Muth und Festigkeit, an Willen und
Beharrlichkeit, das Gute und Rechte zu frdern, steht er keinem der Besten unter
uns nach. Und nun, Brder, entscheidet ber ihn.
    Der Frst setzte nichts weiter hinzu, auch seine Zuhrer schwiegen, nur ein
leises Geflster lief durch die Reihen derselben. Endlich nahm Obrist Pestel
wieder das Wort:
    Richard Wood entferne sich unter der Aufsicht seiner brderlichen Freunde,
der Frsten Eugen und Alex, whrend die ltesten, nach unserm Gebrauche, ber
seine Aufnahme in unserm Bunde mit einander Rath pflegen. Unsre allgemeine
Versammlung ist fr heute geschlossen; Ort, Tag und Stunde der nchsten wird den
Brdern auf gewohnte Weise kund gethan werden. Wandelt hin, durch Dunkel zum
Licht! setzte er verabschiedend hinzu.
    Der grte Theil der Anwesenden zerstreute sich; durch verschiedene Ausgnge
verloren sie sich einzeln und lautlos in den an Eugens Wohnung anstoenden den
Hfen und Grten. Gleich einem Nachtgesicht waren alle nach wenigen Minuten
spurlos verschwunden. Eugen und Alex zogen sich mit Richard in ein Kabinet,
welches keinen andern Ausgang als durch den Saal hatte, zurck, und unter dem
Vorsitze des Obristen Pestel blieben nur die ltesten und Angesehensten der
Verbndeten, die Frsten Andreas, Trubetzkoy, die Murawieffs und noch einige
Andre im Saale versammelt.

Haltet mich fest an Eurer Brust, blickt wie ehedem mit Euern treuen guten Augen
mich an, damit ich wieder unter Menschen mich fhle, sprach Richard, mchtig
aufgeregt, als er sich mit Eugen und Alex in jenem Kabinette allein sah; windet
nicht so schnell aus meinen Armen Euch los! alles wankt rings um mich her, mich
schwindelts, mir ist wie einem Fieberkranken, der aus wilden Phantasien zu
halbem Bewutsein erwacht. Habe ich getrumt? trume ich vielleicht noch? welch
ein Traum! wer doch erwachen knnte! Der Vater! und Du, Eugen, und Du, Alex,
Verschworne! Ihr Alle im Bunde mit Lunin! zu welchem Zwecke! setzte er
schaudernd hinzu, und verbarg sein Gesicht in beiden Hnden.
    Zum Herrlichsten! fr Freiheit, Licht, geistiges Leben, fr das Wohl von
Millionen unsrer Brder, die in geistigen und leiblichen Banden noch mit Elend
und Dunkelheit kmpfen! erwiederte wie begeistert Eugen.
    Revolution! rief Richard, und schlug heftig beide Hnde zusammen; das Heil,
das aus diesem Quelle der Welt zuflieen kann, ist allbekannt. Aber der Wurf ist
gefallen; komme was da wolle, Gefahr und Untergang, ich theile es mit Euch; denn
inniger als je zuvor fhle ich es, ich gehre zu Euch. Das Vertrauen, die Liebe
Eures, ja, meines edlen Vaters, soll an mir nicht zu Schanden werden; nicht
vergebens hat Frst Andreas mich ffentlich Sohn genannt; ich weihe mich mit
Euch und ihm dem Untergange; das Schwert, das ber Euern Huptern an einem
schwachen Haare drohend hngt, in seinem Falle zerschmettre es auch mich!
    Aber so komme doch endlich wieder zu Dir, und setze Dich ruhig hieher; an
Gefahr und Untergang ist hier gar nicht zu denken, fiel Eugen ganz frhlich ihm
ein; freilich, als Du so, gleichsam mit der Thre uns ins Haus fielst, gab es
wohl einige Gefahr fr Dich, aber die ist vorber und kommt nicht wieder; hre
darum auf, uns und Dich mit so edelmthigem Unsinn zu plagen.
    Ich glaube, ich verstehe ihn besser, als Du ihn verstehst, oder auch
vielleicht nur verstehen willst, nahm der gutmthige Alex jetzt das Wort; sein
Zweifelmuth jammert mich; warum wollen wir denn nicht mit einem einzigen Worte
ihn so ruhig machen als wir es sind, da dieses in unsrer Macht steht? Hre mich,
Richard, und vertraue mir; von Verschwrung und daraus entspringender Gefahr,
ist, kann hier nicht die Rede sein, denn (hier dmpfte Alex seine Stimme bis zum
leisen Geflster) denn ein einziger groer Name steht auf der Liste der fr
unsern Bund zunchst zu werbenden Mitglieder obenan. Harre nur noch eine kleine
Weile, bis unser weit umfassender Plan sich zur hchsten Klarheit gestaltet hat,
da man ihn deutlich vorlegen kann. Dann steht jener, ohne dessen Willen in
diesem Reiche nichts geschehen soll, an unsrer Spitze, mit aller Kraft seines
mchtigen Wollens, seiner groen, fr Gott, Vaterland, Menschenrecht glhenden
Seele; er, dem das Wohl der Millionen, die ihm unterthan sind, wrmer am Herzen
liegt, als das eigne Leben.
    Alex! Alex! versteh' ich Dich? rief Richard ihn wild anstarrend.
    Du hast mich verstanden. Der Kaiser, flsterte Alex.
    Er? Du trumst; er, er selbst!
    Alex ist wach, aber voreilig, in seinen uerungen wenigstens, wenn gleich
nicht in seinem Glauben. Was noch nicht ist, kann werden, und wird es, sprach
Eugen.
    Er, den ich nicht nenne! und Lunin! und jener verworfene Spieler, und so
manche hnlichen Gelichters, die ich in Eurer Versammlung erkannte! Alle
Mitgenossen eines Bundes? Es ist nicht, es kann nicht sein! erwiederte Richard.
    Und doch, und doch. Es mu auch solche Kuze geben sagt der groe Poet;
sprach lchelnd Alex.
    Schafft die Natur denn nur Rosen und Lilien und Ananas? erwiederte Eugen;
erzeugt sie nicht auch Wermuth und Bilsenkraut? Nesseln und Schierling? und noch
hundert andere giftige und bittre Kruter, die alle unentbehrlich sind, weil
der, so sie zu behandeln wei, jedes an seinem Orte zu den heilsamsten Arzneien
verwendet? Auch stehen wir alle nur scheinbar neben einander. Wir wirken zu
einem Zwecke, aber Jeder auf ihm angewiesene Weise; es giebt unter uns Grade des
Wissens und Wirkens, die nicht Alle erreichen, setzte er mit gedmpftem Tone
hinzu.
    brigens ist Lunin zwar ausgelassen, wild und roh, aber eine grundehrliche
Haut, versicherte Alex; und der Andre, den Du meinst, ist auch nicht der
verrufene Baron mit der grnen Brille, sondern einer, Namens Torson; die
hnlichkeit zwischen beiden ist aber auffallend, vielleicht ist Torson dem
Brillenmanne verwandt.
    Die Konferenz da drinnen wird jetzt bald ihr Ende finden, ich hre Pestel
herum gehen, die Stimmen in Gestalt goldener und bleierner Kugeln zu sammeln;
doch ehe wir hinein gerufen werden, mu ich noch eine Gewissensfrage an Dich
richten, sprach Eugen, und trat mit Richard in eine Fenstervertiefung. Gestehe
es, Aug' in Auge, die Hand auf dem Herzen, Du hegtest Argwohn gegen mich, und
hegst ihn vielleicht noch. Richard, konnte, durfte ich Dir entdecken, was des
Vaters ausgesprochener Befehl und ein heiliger Eid mir zu verschweigen geboten?
Die Zeit Deiner Dir unbewuten Prfung von Seiten meines, Dich nie aus den Augen
verlierenden Vaters, war abgelaufen, nur wenige Tage des Schweigens waren mir
noch auferlegt; kaum hielt ich mich noch; weit Du den letzten Abend, den wir
bei unserm Freunde Lange zubrachten? erinnerst Du Dich noch der Andeutung meiner
Hoffnungen fr Dein Glck, die ich mir damals entschlpfen lie? ich mute den
ganzen brigen Abend Dir aus dem Wege gehen, um in der Freude meines Herzens Dir
nicht zu viel zu verrathen. Und verstehst Du mich denn jetzt? weit Du jetzt,
worauf meine Hoffnungen beruhen? kannst Du Dir deuten, wie ich es meine? fhlst
Du meines Vaters Betragen gegen Dich? sprach er immer wrmer werdend. - Ach
Richard, soll ich die Dir nennen, fr die, wie fr Dich, am heutigen Abend ein
herrliches Morgenroth aufgeht?
    Helena! hauchte Richard ganz leise, leise an der treuen Freundesbrust.

Auf Flgeln der Hoffnung getragen, kehrte Richard in den Saal zu der ihn
erwartenden Versammlung zurck, die er in ganz andrer Stimmung verlassen. Die
Hupter des Bundes hatten in der Zwischenzeit ber seine Zukunft entschieden,
aller Augen kehrten mit sichtbarem Wohlwollen sich ihm zu, die ganze Art des von
dem ersten himmelweit verschiednen Empfanges, der ihm jetzt wurde, verrieth
deutlich den mchtigen Einflu des Frsten Andreas.
    Selbst der Obrist Pestel trat zuvorkommend ihm entgegen, und erklrte ihm,
als derzeitiger Prsident des Bundes und im Namen desselben, da man aus
hinlnglichen Bewegungsgrnden beschlossen, mit seinem Ehrenworte zufrieden zu
sein, ohne auf den in solchen Fllen blichen Eid der Verschwiegenheit zu
bestehen. Eine Auszeichnung, die vor Ihnen noch keinem gewhrt wurde: setzte er
sehr wichtig hinzu.
    Richard erkannte diese ihm gewhrte Vergnstigung mit geziemendem Danke an,
und gelobte dann kurz und bestimmt bei seiner Ehre, alles was er hier gesehen
und vernommen, lebenslnglich als ein hochheiliges Geheimni zu bewahren; keinem
lebenden Menschen auf Erden, er sei wer er wolle, nie, unter keiner Bedingung,
durch Worte oder Zeichen, ganz oder theilweise, etwas davon zu vertrauen, oder
auch nur errathen zu lassen.
    Sie sind jetzt frei wie die Luft, nahm jetzt Pestel wieder das Wort; von
Ihnen allein hngt es ab, diese Versammlung augenblicklich zu verlassen, um nie
wieder zu derselben zurck zu kehren. Ein andres wre es, wenn Sie, wie Ihr
edler Pflegevater uns angedeutet hat, den Wunsch hegten, unserm Bunde der wahren
und getreuen Kinder des Vaterlandes sich anzuschlieen. Meiner Pflicht als
Vorstand desselben gem, richte ich also die Frage an Sie: sind Sie
entschlossen sich diesem Bunde zu weihen, seinen Gesetzen, wie seinen
Verpflichtungen sich ohne Ausnahme zu unterwerfen?
    Ein bnglich vorahnendes Gefhl wollte sich Richards bemchtigen, indem er
schon im Begriff war, diese Frage mit dem verhngnivollen: Ja, zu beantworten;
fast whnte er seinen Schutzgeist in Helenas Gestalt warnend neben sich
aufsteigen zu sehen. Der feste Entschlu, mit welchem er den Saal betreten,
wurde einen Augenblick wankend; doch ein Blick auf seine beiden Freunde, die in
vertrauender Sicherheit ihm zur Seite standen, ein ermuthigender Wink des
Frsten Andreas - und seine Zweifel schwanden. Das Wort, das man von ihm
erwartete, war gesprochen.
    Der helle Streif im Osten verkndet das Ende der kurzen Sommernacht.
Mitternacht ist lngst vorber. Ich trage darauf an, da die feierliche Aufnahme
unsers neuen Bruders auf unsre nchste Versammlung festgestellt werde: sprach
Sergius, der Secretair des Bundes.
    Unser Bund braucht das Licht der Sonne nicht zu scheuen, die bald glorreich
von ihrer Mittagshhe herab seine Thaten beleuchten soll: erwiederte Pestel sehr
pathetisch. Zur Aufnahme dieses unsres Bruders, fuhr er gelassen fort, bedarf es
keiner weitluftigen Vorbereitungen, indem alle Prfungen des ersten Grades ihm
erlassen sind, und er mit bergehung desselben sogleich in den zweiten, in den
der Mnner eintreten wird. Die enge Verbindung, in der er zu dem hohen Hause
steht, das unser Bund mit Recht als seine festeste Sttze betrachtet, berechtigt
ihn zu diesem selten gewhrten Vorzuge. Bruder Richard! setzte er wieder in
jenen pathetischen Ton verfallend hinzu, nur Ihrem eignen Willen bleibe hier die
Wahl berlassen; wnschen Sie Aufschub? Bedenkzeit? oder soll diese symbolisch
schne Stunde der Morgendmmerung, in welcher die lichtscheue Nacht mit ihren
dunkeln Phantomen vor dem hellen Tagesscheine sich verbirgt, auch Ihnen die
Klarheit gewhren, die von nun an Ihrem ferneren Lebenspfade leuchten soll?
    Noch ehe ich berufen ward, zum zweitenmal in dieser Versammlung zu
erscheinen, war mein Entschlu fest gestellt; es bedarf keiner weitern
Bedenkzeit, antwortete Richard.
    Frst Andreas, seine Shne, alle gegenwrtigen Freunde seines Hauses erhoben
sich jetzt, um Richards mnnlichen schnellgefaten Entschlu zu preisen, und mit
Freundschaftsbezeigungen und Beweisen des herzlichsten Wohlwollens ihn zu
berschtten, whrend Pestel und Sergius die einfachsten Vorbereitungen zu dem
feierlichen Eide trafen, der zufolge der Statuten des Bundes, beim wirklichen
Eintritte in denselben, ihm nicht mehr erlassen werden durfte.
    Von allen jenen, in den mannigfaltigsten Modificationen blichen Ceremonien,
die jeder bei der Aufnahme in eine geheime Gesellschaft sich gefallen lassen
mu, diese mag nun in den geweihten Slen einer Loge, oder in irgend einer
dunkeln Kneipe ihr Wesen treiben, war hier gar nicht die Rede. Zwar lie aus
einigen leicht hingeworfenen Worten des Prsidenten Pestel sich schlieen, da
dieses eine durch Zeitmangel bedingte Ausnahme von der gewohnten Regel sei; doch
darf man dem gewandten weltklugen Manne wohl zutrauen, da diese Ausnahme nicht
ganz unabsichtlich Statt finde. Er besa Menschenkenntni genug um einzusehen,
da der ganze Apparat von dunkeln Gemchern, bloen Degen, Todtenschdeln,
symbolischen Pflanzen und dergleichen, hier den gewnschten Eindruck vllig
verfehlen wrde, und er hchstens nur an die enge Scheidegrnze zwischen dem
Erhabenen und dem Lcherlichen dadurch erinnern knne.
    Sergius trug ganz einfach die auf Verlangen des Bundes von Pestel verfaten
Statuten desselben vor, aus denen zuvrderst die Eintheilung der Mitglieder in
drei Klassen oder Grade hervorging. Die erste, bei weitem zahlreichste, wurde
die der Brder genannt; die zweite, bedeutendere und mit dem Zwecke, wie mit den
Fortschritten des Bundes vertrautere, war die der Mnner, in welche Richard
jetzt aufgenommen wurde. Der dritte, hchste Grad wurde nur Wenigen durch Macht,
Reichthum, Familienverbindungen oder glhenden Eifer Ausgezeichneten ertheilt:
sie wurden Boyaren genannt, und bildeten den hchsten Rath der Alten. Aus ihrer
Mitte wurden drei Direktoren erwhlt, der Prsident, der Aufseher, und der
Secretair. Die gegenwrtige Versammlung war eigentlich der Rath der Alten, und
smmtliche Boyaren, mit weniger Ausnahme, waren dabei zugegen.
    Vernichtung verjhrter, fr die jetzige Zeit nicht mehr passender
Institutionen und jeder an orientalischen Despotismus erinnernden Einrichtung,
wurde als das Hauptziel des Bundes angegeben; nchst diesem unermdliches
Bestreben, durch Abschaffung von Mibruchen, durch Verbreitung ntzlicher
Kenntnisse, durch Verbesserung des Landbaues, durch Einfhrung neuer
Erwerbsquellen, zur Aufklrung, und durch diese zur Verbesserung des Wohlstandes
der niedrigeren Volksklasse beizutragen. Bei jeder Gelegenheit die Rechte des
Volks ffentlich zu vertreten, und die Bekanntschaft mit denselben zu
verbreiten, wurde als nicht zu umgehende Pflicht eingeschrft; auch war den
Verbndeten auferlegt, ber genaue Handhabung der Gesetze zu wachen, die
Verwaltung der ffentlichen Angelegenheiten, wie das Betragen der Beamten jedes
Ranges, genau zu beobachten, und jede Handlung derselben, durch welche sie sich
des in sie gesetzten Vertrauens unwrdig bewiesen, ans Licht zu ziehen und zu
verffentlichen.
    Verbreitung des Bundes durch Anwerbung treugesinnter talentvoller
Mitglieder, vorzglich vom Militairstande, um auf jede Weise die Macht wie die
Zahl desselben zu mehren und ihn immer sichrer zu stellen, wurde noch als
letzte, aber unumgngliche Verpflichtung besonders empfohlen.
    Alles dieses klang so unverfnglich, so Recht liebend, so durchaus
wnschenswerth zum allgemeinen Besten; hnliches, wenn gleich anders
ausgedrckt, hatte Richard unzhligemal von den Lippen seines Pflegevaters im
engsten Familienkreise vernommen. Zweifel und Mitrauen schwanden; begeistert
fr die gute Sache, sprach er Wort fr Wort den ihm vorgesagten Eid nach, bis
ans Ende; und wrde in dieser glcklichen Stimmung geblieben sein, wre nicht
ganz zuletzt unbedingte Unterwerfung unter den Rath der Alten von ihm gefordert
worden. Er stockte einen Augenblick; und doch! er war zu weit vorgeschritten, um
zurcktreten zu knnen.

Jede widerwrtige Empfindung, welche bei seinem ersten, ihn selbst
berraschenden Eintritte in jene Verbindung, sich Richards bemchtiget hatte,
verschwand indessen bei ruhigerem Besinnen gar bald aus seinem Gemthe. Er war
sogar auf gutem Wege, eines der eifrigsten Mitglieder des Bundes zu werden, ohne
durch so manches, was ihm anfangs als abschreckend erschienen war, sich weiter
irren zu lassen. Sogar die unbedingte Unterwerfung unter die Beschlsse und
Anordnungen des Rathes der Alten, welche er hatte geloben mssen, machte ihm
keine Sorge mehr.
    Im Militairdienste war die Nothwendigkeit strenger Subordination, sobald es
gilt, die Gesammtkrfte vieler tausend Einzelner zur Ausfhrung eines groen
Zweckes zu vereinen, ihm deutlich geworden; und was fr Mnner standen an der
Spitze dieses sogenannten Rathes der Alten, dem er blinde Unterwerfung gelobt!
    Frst Andreas, seine Shne, die nchsten Verwandten und Freunde seines
Hauses, anerkannt edle Mnner, an Rang, Ansehen, und warmer Begeisterung fr das
Wohl des Vaterlandes ihm gleich. Wo diese walteten, mute jede Spur von
Besorgni verschwinden. Wie htten sie, wie htte Frst Andreas, etwas dem
allgemeinen Besten, oder dem mit diesem so enge verbundenen allgeliebten Kaiser
Gefahrdrohendes geschehen lassen oder gar anordnen knnen!
    Im Verlaufe der Zeit wrde Richard seinen Eintritt in den Bund, vielleicht
sogar die Existenz desselben ganz vergessen haben, htte nicht der ihm so gro,
so ungemein wnschenswerth erscheinende Zweck desselben, ihn auf das lebhafteste
unaufhrlich beschftigt.
    Die Versammlungen des Bundes wurden immer seltner; Monate gingen oft darber
hin, ohne da Richard aufgefordert wurde in denselben zu erscheinen, und fast
immer kehrte er mit dem bittern Gefhle zwecklos verlorner Zeit nach Hause
zurck. Die Anordnung feierlicher, Sinne betubender Ceremonien zur Aufnahme
neuer Brder, die ohne sonderliche Auswahl, augenscheinlich nur, um die Zahl der
Mitglieder zu vergrern, schaarenweise herbeigezogen wurden, schien jetzt die
einzige Beschftigung jener Versammlungen geworden zu sein.
    Diese Neuangeworbenen, deren Anzahl sich bald bis ins Unglaubliche
vergrerte, waren grtentheils junge Leute, die gar nicht begriffen, gar nicht
wuten, wovon eigentlich hier die Rede sei, auch gar nicht verlangten dieses zu
ergrnden; sondern, entweder vom Reize des geheimnivoll Feierlichen angezogen,
oder auf Zureden und nach dem Beispiele ihnen hnlicher Freunde in den Bund sich
hatten aufnehmen lassen, ohne etwas andres dabei sich zu denken, als was sie
auch bei jeder andern geschlossnen Gesellschaft sich gedacht haben wrden.
    Ein groer Theil derselben bestand aber auch aus Soldaten, guten ehrlichen
Gemthern, die auf Treu und Glauben hinnahmen, was man unter dem Siegel des
Geheimnisses ihnen flsternd vertraute: da Kaiser Alexander selbst um alles
wisse, alles leite, nur ihren Vortheil dabei beabsichtige, aus politischen
Grnden aber noch nicht ffentlich auftreten wolle. So eingewiegt von goldnen
Hoffnungen, waren sie darauf gefat und bereit, sich zu allem was von ihnen
gefordert werden wrde herzugeben; als blindes Werkzeug hherer Gewalten alle
ihre Kraft, und wenn es sein mte ihr Herzblut, fr ihnen unbekannte Zwecke zu
verwenden. Es waren die nmlichen treuen, aber unwissenden Seelen, welche einige
Jahre spter mit groem Geschrei die Constitution hoch leben lieen, weil sie
meinten, dies sei Name oder Titel der Gemahlin ihres Czaarewitsch Konstantin.
    Richard hatte anfnglich vor dem zu pltzlichen Ausbruche der Flamme
gezittert, deren zndender Funke hier im Verborgnen gehegt wurde; jetzt setzte
die Unthtigkeit des Bundes ihn in zweifelndes Erstaunen. Er uerte dieses
zuerst gegen seine vertrauteren Freunde, dann auch gegen Pestel und andre der
bedeutenderen Mitverschwornen, aber es fehlte diesen nicht an Grnden, um ihn zu
beruhigen. Noch ist es nicht an der Zeit: die Frucht mu reifen, ehe sie
gebrochen wird: bereilung ist die gefhrlichste Feindin jedes groen
Unternehmens; so hie es, wohin er sich auch wenden mochte. Er gewhnte sich
endlich daran, keine andere Antwort zu hren, fing an fr voll gelten zu lassen,
was ihm zuerst als abgedroschner Gemeinplatz geklungen hatte, und gab sich
zufrieden.
    Auch hatte er gegrndete Ursache zufrieden zu sein; eine neue, ihn durch und
durch erwrmende Glckssonne, war seit jenem strmischen Abende an seinem
Lebenshorizonte aufgegangen. Nie zuvor, selbst nicht in den Jahren seiner ersten
Jugendzeit, hatte er seinen Pflegeeltern so enge verbunden sich gefhlt, nie
hatten sie selbst so ganz offenbar und rcksichtslos als ganz zu den Ihrigen
gehrend ihn anerkannt, als eben jetzt. Und diese glckliche Vernderung seiner
Lage beschrnkte sich nicht allein auf das Haus des Frsten Andreas; sie ging
von diesem auf die nchsten Freunde und Verwandten desselben ber.
    Die von der grern Gesellschaft ihn ausschlieenden Schranken, welche Rang,
Etikette und Konvenienz um ihn gezogen, waren pltzlich gesunken; man sah in ihm
nur den fein gebildeten jungen Mann, den liebenswrdigen Gesellschafter, und von
dem niedern Range, auf dem er noch immer bei seinem Regimente stand, nahm
Niemand mehr Notiz. Das Beispiel bedeutender Personen, die bei seiner Aufnahme
in den Bund zugegen gewesen waren, hatte dieses Wunder bewirkt, und Richard war,
ohne da er es wollte oder wute, in der brigen vornehmen Welt, die eben so
wenig wute warum, gewissermaen Mode geworden. Ausgenommen bei groen
feierlichen Gelegenheiten, wo eine scharf gezogne Linie das Zulssige
bezeichnet, und die er von jeher gern vermieden hatte, standen immer die Thren
ihm offen, aber Erfahrung hatte ihn Vorsicht gelehrt. Er beschrnkte sich auf
das Haus seiner Wohlthter und der diesen zunchst Verbundenen, und vermied auch
dort, in grern Kreisen zu erscheinen.
    Vor Allen andern zog eines der thtigsten und begeistertsten Hupter des
Bundes ihn an, und kam mit gleicher ungeheuchelter Neigung, auf mehr als halbem
Wege ihm ebenfalls entgegen; Graf Stephan, den man wohl mit Recht als einen
Schler des Frsten Andreas bezeichnen knnte, war bedeutend jnger als dieser
und doch schon dessen vieljhriger Freund. Sein vor wenigen Jahren verstorbener
Vater hatte mit dem Frsten in sehr vertrautem Verhltnisse gestanden, der junge
Stephan wurde von Jugend auf Zeuge des ernsten viel umfassenden Gesprchs dieser
beiden, von Freiheitsgefhl und Vaterlandsliebe durchdrungenen Mnner, und seine
Verehrung und Bewunderung des Frsten Andreas stieg darber bis zur
Leidenschaft.
    Nach des alten Grafen Tode ging das Vertrauen und die Liebe des Frsten auf
den Sohn ber; rckhaltslos berlie er sich der Gewohnheit, ihm alles zu
offenbaren, was seit Jahren seinen Geist ausschlieend beschftigte; seine
Plne, seine Wnsche fr die Verbreitung allgemeinerer Kultur und Verbesserung
des brgerlichen Zustandes seines Volkes, und aller der Ideen, die mit der Zeit
sich so ganz seiner bemchtiget hatten, da man wohl sagen kann, sie waren die
Seele seines Lebens geworden.
    Stephan gehrte zu jenen milden und doch ernsten tiefen Naturen, die jeden
groen Gedanken, den sie einmal erfat, so lange von allen Seiten beleuchten,
bis er von ihrem innern Wesen untrennbar wird, und sie gezwungen alles daran
setzen mssen, um das, was erst nur in ihrer Phantasie lebte, zur Wirklichkeit
umzugestalten.
    Der lebhaftere Geist des weit jngeren Mannes begngte sich nicht damit, den
Gedanken des lteren Freundes Schritt fr Schritt zu folgen, er nahm einen weit
khneren Aufschwung. Wahre Begeisterung lt gleich der Flamme schlecht sich
verhehlen: dem Grafen Gleichgesinnte fanden ihn bald und schlossen sich ihm an,
und so entstand aus diesen eine kleine, aus acht bis zehn wohlgesinnten, von
Vaterlandsliebe beseelten Mnnern bestehende Gesellschaft, die ohne Nebenabsicht
und ohne Aufsehen erregen zu wollen, zusammen kamen, um ber Dinge, die ihnen
zunchst am Herzen lagen, ihre Gedanken einander mitzutheilen. Da aus diesem
kleinen Keime eine so weit umsichgreifende Verzweigung entstehen solle, lag
weder in ihrem Plane, noch kam die Mglichkeit davon ihnen in den Sinn.
    Mehrere Jahre, ehe der damals in Moskau lebende Frst Andreas sich ihr
anschlieen konnte, dauerte diese Gesellschaft zu aller Zufriedenheit in der
Stille fort, bis der Zufall den Obrist Pesiel ihr zufhrte, dessen khner
bermthiger Geist schon deshalb ein groes bergewicht gewinnen mute, weil er
jede Farbe anzunehmen verstand, und von ganz andern Gedanken und Plnen erfllt,
kein Mittel scheute, um zu seinem Zwecke zu gelangen. Mit kecker Hand ergriff er
die Zgel, und ehe die brigen es gewahrten, hatte unter seiner Leitung alles
eine andre Gestaltung gewonnen.
    Richard fhlte in dem vertrauteren Umgange mit seinem neuen Freunde sich
sehr glcklich, er verlebte viele schne Stunden in dem engen Familienkreise
desselben, mit der sanften, schnen, aber oft leidenden Gemahlin des Grafen, mit
den hoffnungsvollen Kindern, die, sobald er sich zeigte, ihn jauchzend
umtanzten.
    Aber wie ganz anders noch war es, wenn Frst Andreas zu Hause ihn Sohn
nannte, wenn sogar Eudoxia, den Strumpfwirker ganz vergessend, zwischen ihm und
ihren eignen Kindern keinen Unterschied merkbar werden lie! wenn beiden im
lebhaften Gesprche so manche uerung ber seine Zukunft entschlpfte, so
manche Andeutung einer nahenden, alle seine Erwartungen bertreffenden
glnzenden Zeit; dann wute er kaum sein in khner Hoffnung hochaufschwellendes
Herz zu bemeistern. Selbst in Gegenwart ihrer Eltern gestaltete sein Umgang mit
Helena sich immer zwangloser und freier, mit dem vollen Ausdrucke innern Glcks
trat sie stets ihm lchelnd entgegen. Aus Furcht vor sich selbst wute er dem
Vorgefhle, das sich seiner ganz bemchtigte, und das er doch als allzu khn
verdammen mute, keine Worte zu geben. Doch sein fragender Blick suchte Antwort
in den Augen seiner brderlichen Freunde, denn auch Alex war jetzt der Vertraute
seiner Liebe geworden. Alex reichte ihm die Hand, Eugen drckte ihn an die treue
Brust; beide schwiegen.
    Es ist ein Traum! ein himmlisch schner Traum! o Gott, la das Erwachen mich
nicht erleben, lieber den martervollsten Tod! seufzte er oft, wenn sein Glck,
wie eine schwere Brde, auf seinem ahnungsvollen Herzen lastete.
    Helena, wenn sie mit Richard allein war, gab jetzt oft und geflissentlich
dem Gesprche eine sehr ernste, auf die Lieblings-Ideen ihres Vaters Bezug
habende Wendung, von denen auch sie ganz erfllt war. Auch Eudoxia, ungeachtet
ihrer festen berzeugung von dem in der Natur begrndeten Unterschiede zwischen
hoch und niedrig Gebornen, nahm lebhaften Antheil daran; die ihr angeborne
Herzensgte gewhrte ihr eine Art Trost in dem Gedanken, das Unglck der
Letztern durch Verbesserung ihrer brgerlichen Zustnde einst mildern zu knnen.
fter, offener, umstndlicher als je zuvor lie ihr Gemahl im engen Kreise
seiner Familie und seiner Vertrautesten, zu denen natrlicher Weise auch Richard
und Stephan gehrten, ber alles, was sein Gemth seit Jahren erfllte, sich
aus; die Gegenwart der Frauen dabei vergessend, streifte er bisweilen ganz nahe
an das Geheimni des Bundes, ohne es jedoch zu verletzen. Eudoxia suchte oft
Gelegenheit, mit Richard ber die nmlichen Gegenstnde sich zu unterhalten, um
manches, was ihr nicht recht deutlich geworden, sich erklren zu lassen. Mutter
und Tochter uerten sich zuweilen auf eine Weise, die gewissermaen einige
Kenntni von dem geheimen Bunde verrieth.
    Wissen die Frauen? fragte, durch alles dieses zweifelhaft geworden, Richard
seinen Eugen.
    Wissen? erwiederte Eugen lchelnd, die Frage ist schwer zu beantworten.
Wissen - was man so eigentlich wissen nennen kann - das gewi nicht, und das
kannst Du auch mit Deiner Frage nicht meinen. Aber Frauen sind nun einmal ihrer
Natur nach die chten wahren Inspirirten, das ist ein von den Gttern ihnen
Gegebenes. Sie haben nicht nthig etwas zu lernen oder zu erfahren, um es zu
wissen; auch wissen sie eigentlich meistens blutwenig, aber sie ahnen alles; die
Ungebildeteren unter ihnen nennen das im gemeinen Leben: merken. Indessen sehe
ich doch nichts Auerordentliches darin, da meine Mutter und Schwestern sich
lebhaft fr Dinge interessiren, ber welche sie meinen Vater tglich sprechen
hren.

Geh' nur, Richy, geh', Du machst mir nichts mehr wei; Du hast kein Herz fr
mich, wie ich fr Dich es habe. Du hast sehr viel Verstand, Du bist sehr klug,
sehr gelehrt, der arme Iwan ist das alles nicht. Aber ich trage mein Herz auf
meiner Hand; ich bin nicht geheimnivoll wie Du; aber wer mich liebt, den liebe
ich wieder, und der kann sich auf mich verlassen, in jeder Gefahr.
    Gieb Dir keine Mhe, rede mir nichts ein, es hilft Dir nichts; fuhr Iwan
fort, als Richard versuchen wollte, seinen schmollenden Freund zu vershnen, den
seit geraumer Zeit etwas vernachlssiget zu haben, er sich bewut war. Ich wei
Du traust mir nicht, aber Du sollst erfahren, da auch Iwan schweigen kann.
Hinterm Berge wohnen auch Leute, und es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich
wei mehr als Du glaubst, aber frchte Du nur nichts von mir, geh' Du nur ruhig
zu Deinen Kneesen und Grafen.
    Warum sieht man Dich nicht mehr bei unserm Kapellmeister? schalt Iwan
weiter, ohne auf Richards Entschuldigungen hren zu wollen; ist es recht, ist es
billig, brave Leute, die Dich herzlich lieb haben, einen Abend nach dem andern
vergeblich auf sich warten zu lassen? Julie ist sehr schlecht auf Dich zu
sprechen, Frau Karoline auch. Lange, die ehrliche Seele, nimmt allein noch
Deiner sich an, und wei immer noch etwas aufzufinden, das Dich entschuldigen
soll. Nun wie steht es, kommst Du heute Abend?
    Heute, gerade heute Abend? stotterte Richard verlegen.
    Du kommst nicht, das habe ich mir schon gedacht, lachte Iwan spottend. Nun
gleichviel, heute Abend sehen wir uns doch.
    Das wird kaum mglich sein, erwiederte Richard etwas kleinlaut; dringende
Geschfte - aber nchstens, morgen Abend gewi. Ich fhle ordentlich eine
Sehnsucht, mich von Frau Karolinen ausschelten zu lassen; wie die liebe Sonne
nach einem derben Gewitterregen, zeigt auch sie sich hernach nur um so wrmer
und freundlicher. Also morgen, lieber Iwan, morgen Abend.
    Morgen halte es wie Du willst, ich sehe Dich noch heute Abend, verla' Dich
darauf; rief Iwan im Fortgehen ganz trocken ihm zu.
    Richard schaute betroffen ihm nach; das Benehmen, das ganze Betragen des
Freundes schien auf unbegreifliche Weise verndert. Ist er in den wenigen
Monaten mir doch wie verwildert! ich habe zu lange, zu anhaltend ihn
vernachlssiget, und was er von nun an auch beginnen mag, ich habe es
verschuldet; sprach Richard reuevoll zu sich selbst.
    Eine fr diesen Abend angesagte groe Bundesversammlung, die abermals nur
zur Aufnahme mehrerer neuer Mitglieder Statt finden sollte, hatte Richard
verhindert, auf Iwans Vorschlag einzugehen. Spt gekommen, drngte er sich
mimthig durch die Reihen der Aufzunehmenden, ohne sie anzusehen, und
entdeckte, als die Ceremonie begann, zu seinem hchsten, wahrlich nicht
angenehmen Erstaunen, seinen Freund Iwan mitten unter ihnen. Eine ganz eigne,
fast komische Mischung von Trotz und Schalkheit lag in dem sarkastischen
Lcheln, mit welchem dieser im Vorbergehen verstohlen zu ihm aufblickte. Mark
und Bein durchzuckend, stieg ein unbeschreiblich bngliches Gefhl bei diesem
Anblicke in Richards Seele auf; ihm war als she er den Freund in dringender
Gefahr, als msse er bei den Haaren von dem Platze, wo er eben stand, ihn
fortreien. Aber es wollte sogar den ganzen brigen Abend hindurch ihm nicht
einmal gelingen, sich Iwan zu nhern; Torson oder Lunin hielten abwechselnd eine
Art Wache ber ihn, einer von diesen blieb fortwhrend ihm zur Seite, und als
spt nach Mitternacht die Versammlung aufgehoben wurde, und Richard seinen
Freund aufsuchte, in der Hoffnung ihn auf dem Wege nach Hause zu begleiten, war
er mit jenen beiden ihm vllig aus den Augen entschwunden.

Iwan! Iwan! was hast Du gethan, ohne Dich vorher mit mir zu berathen; rief
Richard am folgenden Morgen seinem Freunde zu, als er nach langem vergeblichen
Suchen ihn endlich antraf, eben im Begriffe sein Pferd zu besteigen.
    Richy, Richy! was hast Du unterlassen, ohne Dich im geringsten um mich zu
bekmmern, antwortete dieser ihn parodirend, und galoppirte davon.
    Trbe und gedankenvoll eilte Richard jetzt zum Kapellmeister Lange, um wo
mglich dort einige Aufklrung ber Iwans auffallend seltsames Betragen gegen
ihn zu erhalten. Nicht ohne einiges Herzklopfen betrat er das Zimmer, in welchem
er die beiden Eheleute allein traf, aber der Empfang, der ihm von ihnen wurde,
bertraf all sein Hoffen und auch sein Verdienst, wie er selbst reuevoll
gestand. Der kleine Kapellmeister war ber das Wiedererscheinen des Hausfreundes
zu erfreut, um des langen Auenbleibens desselben zu gedenken; er gerieth in
eine wahre Entzckungswuth; sang, jubelte, tanzte, die rothsammtne Troddelmtze
flog von einem Ohre zum andern, Frau Karoline konnte vor Lachen ber die
possierlichen Freudenbezeigungen ihres Eheherrn gar nicht dazu kommen, dem
Frevler gebhrend den Text zu lesen, wie sie es sich doch fest vorgenommen
hatte.
    brigens kam keiner von diesen Dreien diesmal zu einem vernnftigen Worte;
ein Fragen, ein Erzhlen ohne Ende begann, keiner hrte auf den andern, aber sie
verstanden sich doch.
    Und abermals war Richard bei diesen so ganz menschlichen Menschen in
liebender Wrme das Herz aufgegangen. Als er wieder in seiner Wohnung sich
befand, schwur er sich selbst es zu, diese treuen Freunde, es komme wie es
wolle, sich zu erhalten, sie nie wieder zu vernachlssigen, sich in diesem
heitern brgerlichen Stillleben zum Widerstande gegen jene Hoffnungsphantome zu
erkrftigen, die, in Regenbogenfarben glnzenden Seifenblasen hnlich, ihn
wachend und im Traume umtanzten, und die ein einziger Hauch vernichten konnte.
Doch leider hielten solche Entschlsse in Richards Seele nie Stand; mochte er
noch so eifrig sich ermahnen, vernnftig zu sein, unwiderstehlich zog es ihn in
jene Pracht, in welcher in all' ihrer uern und innern Glorie Helena thronte,
und die arme hlflose Vernunft immer tiefer und enger von dem goldnen Netze der
Wahrscheinlichkeiten umstrickt wurde, das rings um ihn her sich erhob.
    Den ganzen brigen Tag suchte Richard vergeblich seinen Iwan auf; am Abend
kehrte er zu seinen wieder neugewonnenen Freunden zurck, in der festen
berzeugung, ihn doch gewi dort, im gewohnten, ihm so lieben Kreise
anzutreffen; auch glaubte er wirklich beim Eintreten in das Zimmer ihn neben
Julien in der entferntesten Ecke desselben zu erblicken, und eilte freudig auf
ihn zu, fuhr aber erschrocken, wie beim unerwarteten Anblicke einer giftigen
Schlange, gleich wieder zurck.
    Nicht Iwan war es, der entfernt von der brigen Gesellschaft, in dem
traulichen Eckdivan neben der Geliebten sa, der nur eben fr zwei Personen Raum
bot; Torsons verhate Zge starrten ihm entgegen, das Gesicht jenes Abenteurers,
von dessen Identitt mit dem grnbebrillten Baron vom Spieltische er noch immer
fest berzeugt war. Da sa der Widerwrtige, traulich-dicht neben Julien,
betrachtete sie mit slchelnder Protektions-Miene, und spielte mit den
schlanken Fingern ihrer zarten Hand, an welchen juwelenreiche Ringe ihm entgegen
blitzten, die Richard an dem jungen Mdchen nie zuvor gesehen. Im Ganzen war mit
ihrem uern eine bedeutende Vernderung vorgegangen, die brgerliche
Einfachheit ihrer Tracht war verschwunden, sie war reich gekleidet, und mit
einer Reihe sehr schner Perlen um den Hals, diamantnen Ohrringen und einer
schweren goldnen Kette geschmckt.
    So geputzt sa sie da, wie eine junge Braut, die halb verlegen, halb
geschmeichelt, auf das angelegentliche Geflster des ltlichen ungeliebten
Mannes lchelnd horcht, der Rang und Reichthum ihr zu Fen legt, um
derentwillen sie die Forderungen des eignen jugendlichen Herzens zu ersticken
bemht ist.
    Da hast Du ihn, den Wildfang! rief Lange, der leise herbei geschlichen war,
und jetzt Richard dicht vor Julien hinschob; Strafe mu sein, aber verfahre
gndig mit ihm, denn er bereut und will sich bessern. Dann, als ob er sich
pltzlich besnne, nahm der Kleine ein gewisses frmliches Wesen an, das ihm
sonst nicht eigen war; Herr Torson, ein neugewonnener Freund unsres Hauses, Herr
Richard Wood, den Herr Torson noch nicht bei uns gesehen; sprach er, die beiden
Mnner einander vorstellend.
    Steif und stumm verbeugte Richard sich fast unmerklich.
    Ich wnschte mir frher schon das Vergngen - erwiederte Torson sehr
hflich, und streckte die Hand aus, um nach englischem Gebrauche Richards Hand
zu schtteln; Richard reichte sie ihm nicht, er zog sie zurck. Julie und Lange
sahen einander und ihn verlegen an, ein paar Secunden herrschte ngstliche
Stille, bis Torson in berlautes Lachen ausbrach.
    Bei meinem Leben! rief er und wischte sich die vor Lachen thrnenden Augen,
bei meinem Leben, mein Doppelgnger, um den ich schon so viel leiden mute, der
sogenannte grnbebrillte Baron fngt wieder an zu spuken. Wre es mglich! auch
ein Mann von dem ausgezeichneten Geiste des Herrn Wood kann in solchen Irrthum
verfallen? Die hnlichkeit, die auch Sie bis zu einem solchen Grade tuschen
kann, mu in der That sehr gro sein. Mchte es mir doch nur einmal in meinem
Leben gelingen, der seltsamen Erscheinung gegenber zu stehen, die berall wo
ich hinkomme sich gezeigt hat, und nur mir allein unsichtbar bleibt.
    Die Erfllung dieses Wunsches wird Ihnen schwerlich jemals werden knnen;
sprach Richard ironisch lchelnd.
    Das sehe ich nicht ein, erwiederte der gutmthige Kapellmeister; ist er doch
schon einmal in Petersburg gewesen; so viel ich wei ist kein Grund vorhanden,
der ihn verhindern knnte wiederzukommen. Auf dem Theater haben die
hnlichkeiten mir Langeweile genug gemacht, aber wenn so ein Paar einander
durchaus gleiche Menschen im wirklichen Leben vor mir stnden, das wre doch
eine Lust!
    Nun wenn ich den vermaledeiten Popanz einmal wirklich antreffe, so mchte
der Spa nicht sehr lustig ausfallen, nahm Torson wieder das Wort; ich bin eben
nicht streitschtig, aber Mord und Todtschlag wre hier unvermeidlich. Ich
schiee ihn nieder, um einmal Ruhe vor ihm zu bekommen - oder vielleicht auch,
er mich: setzte er hinzu.
    Das mchte ich sehen, wenn solch ein paar Leute auf einander schieen
wollten, von denen man gar nicht sagen kann, welcher welcher ist! rief Lange
sich frhlich die Hnde reibend. Ich wette keiner von Ihnen htte das Herz dazu,
es mte ihnen ja vorkommen als ob sie nach sich selbst zielten. Aber da
schwatzen wir, und am Ende wre die hnlichkeit doch nicht so tuschend, wenn
man beide neben einander she. Was sagst Du dazu, Julie, Du hast ja auch den
Baron gesehen?
    Und bei meinem ersten Besuche hielt sie mich ja ebenfalls fr denselben;
sprach Torson.
    Nur das allererstemal, der Unterschied fiel mir aber bald auf, erwiederte
Julie. So viel Angst und Dmmerung an jenem Abende mich bemerken lieen, ist
Herr Torson grer, auch jnger, sein Haar ist viel dunkler. Die grte
Verschiedenheit aber finde ich in der Sprache und im Tone der Stimmen; des
Barons Stimme ist viel tiefer und rauher, er drckte sich mit groer
Gelufigkeit in deutscher Sprache aus; Herr Torson spricht zwar auch deutsch,
aber fremdartig, gezwungen, mchte ich sagen, als wrde es ihm etwas schwer.
    Das wird es auch: sprach Torson: es ist nicht meine Muttersprache, sondern
eine erlernte, ich bin ein Norwege, wie Sie wissen. brigens mag der
Empfehlungsbrief, der hier bei Herrn Lange mich einfhrte, Herrn Wood jeden
Zweifel ber meine Persnlichkeit benehmen, wenn er etwa dergleichen noch hegen
sollte: setzte er, stolz sich in die Brust werfend, hinzu.
    Richard beachtete dieses nicht, ein andrer Gegenstand nahm seine
Aufmerksamkeit in Anspruch. Er sah Iwan Arm in Arm mit Lunin in das Zimmer
treten, beide in berlustiger aufgeregter Stimmung, und es fehlte nicht viel, so
htte er vor Schrecken laut aufgeschrieen; Lunin, der freche bermthige
sittenlose Geselle in diesem Hause! es war unbegreiflich.
    Nun, endlich hast Du Dich doch wieder einmal hergefunden! flsterte Iwan ihm
zu, indem er ganz nahe an Richard vorberstreifte, um zu Julien zu gelangen. Der
Hausherr nahm Lunin sogleich mit groem Vergngen in Empfang, und fing an
allerlei lustige Possen mit ihm zu treiben, die andeuteten, da er ein hier
wohlbekannter, gerngesehener Gast sei, der sich schon etwas herausnehmen darf.
    In fast ngstlicher Spannung suchte Richard Frau Karoline auf, um vielleicht
von ihr einige Erklrung all' des Rthselhaften zu erhalten, das an diesem
Abende ihm hier sich entgegendrngte. Doch Torson trat ihm in den Weg, ehe er zu
ihr gelangen konnte, und bat hflich, aber dringend, auf ein paar Augenblicke in
ein anstoendes Kabinet mit ihm zu treten.
    Sie grollen mir, fing Torson und zwar in englischer Sprache an, als beide
allein waren und er sich sorgfltig umgesehen, ob man sie nicht belausche; Sie
grollen mir, Herr Wood, weil ich Ihrem eigenen Vorsatze zuvorkam, indem ich
Ihren Freund unserm Bunde zufhrte; aber Sie bedenken nicht, da sowohl ich, als
unsre Brder, gerechte Ursache htten, uns darber zu beklagen, da Sie selbst
ein so wrdiges Mitglied desselben uns zu lange vorenthielten.
    Sollte der Rath der Alten ber diese Sumni mich zur Rechenschaft ziehen
wollen, so werde ich ihm, aber keinem Andern der sich dessen erkhnen mchte,
Rede stehen: war Richards kurze kalte Antwort.
    Mir wenigstens wird dergleichen nie einfallen, sprach Torson sehr hflich.
Was ich sagte, war nur eine etwas ungeschickte Einleitung zu dem, was ich Ihnen
sagen wollte, die ich in der Verlegenheit ergriff.
    Verlegenheit und Torson! erwiederte Richard, spttisch lchelnd.
    Ich gestehe gern, da ich eben nicht gewhnt bin vor Mnnern verlegen zu
stehen: antwortete Torson: aber ich leugne auch nicht, da ich jetzt Ihnen
gegenber es bin; nicht, weil ich Sie frchte, sondern weil ich gerade mit Ihnen
gern in Frieden leben mchte, und doch wei, welch ein ungegrndetes Vorurtheil
Sie gegen mich gefat haben. Ich will mir nicht anmaen gleich einem Engel des
Lichtes Ihnen zu erscheinen, aber Sie sollen auch nicht den schwarzen Dmon in
mir sehen, der ich nicht bin, und fr den Sie dennoch mich halten.
    Desto besser fr Sie, wenn Sie es nicht sind, und ich gratulire auf den Fall
von Herzen: erwiederte Richard spttisch lchelnd; aber jetzt bitte ich doch zum
Zwecke zu kommen, meine Zeit ist gemessen, wie meine Geduld. Was verlangen Sie
von mir? denn etwas werden Sie doch verlangen.
    Torsons Zge zuckten krampfhaft bewegt, er bi sich in die Lippen, seine
immer unstten Augen sprhten ein seltsam flackerndes Feuer; aber er fuhr sich
schnell mit der Hand bers Gesicht, und stand im nchsten Augenblicke mit dem
gewohnten stereotypen Ausdrucke seiner Miene wieder da.
    Sie haben es errathen; ich habe zweierlei von Ihnen mir zu erbitten, was mir
wichtig ist; sprach er, anscheinend ruhig. Zuerst da Sie, bei nherer
Bekanntschaft mit mir, die Sie, wie alles jetzt steht, doch schwerlich werden
vermeiden knnen, da Sie, sage ich, sich die Mhe nehmen wollen mich genauer zu
beobachten, um das mir eben so ungnstige, als in sich ungerechte Vorurtheil
gegen mich zu besiegen, oder doch zu berichtigen; und nchstdem, da Sie in
diesem Hause allen, ohne Ausnahme, verschweigen, da wir hier nicht zum
erstenmal uns antrafen.
    Herr Torson kann berzeugt sein, da es mir nie und nirgends einfallen wird,
mich seiner frheren oder spteren Bekanntschaft zu rhmen; erwiederte Richard,
ziemlich wegwerfend. Sein ganzes Betragen hatte den Schein, als suche er Hndel
mit einem Menschen, von dem er selbst nicht wute ob er ihn mehr hasse oder
verachte.
    Torson zuckte abermals, fate sich aber schneller als zuvor. Erlauben Sie
mir Ihnen bemerkbar zu machen, sprach er so gelassen als mglich, da auer
Ihnen, Ihrem Freunde Iwan, mir und Lunin, Niemand von dem glorreichen
Unternehmen, zu welchem wir uns vereinigt haben, in diesem Kreise die kleinste
Ahnung hat. Ich bitte, ich beschwre Sie, es dabei bewenden zu lassen. Ohne
meine Vergnstigung darf Lunin sich nicht regen, er ist ganz in meiner Gewalt;
Iwan ist durch seinen Eid gefesselt, den er treu halten wird. Ihm, dem im ersten
Grade des Bundes Aufgenommenen, ist es nach unsern Statuten noch nicht erlaubt,
neue Mitglieder fr diesen zu werben. Von Ihnen und mir allein hngt es also ab,
jede Kenntni unsres groen Geheimnisses von unserm gemeinschaftlichen Freunde,
dem Kapellmeister Lange fern zu halten. Lassen Sie uns wenigstens in diesem
Punkte eines Sinnes sein, vereinigen Sie nur in diesem einzigen sich mit mir,
den heitern Sinn, die beneidenswerthe Ruhe dieses zufriedenen, stets frhlichen
Gemths nicht durch Dinge zu trben, die - -
    O gewi, gewi! fiel Richard eilig ein, und reichte ihm sogar in freudiger
Vergessenheit die dem Verhaten frher verweigerte Hand, welche dieser aber nur
eben berhrte, ohne sie zu fassen. Die gute freundliche Seele! was sollte die in
unsrer geheimnivollen Mitte! fuhr Richard fort: Nein, Lange darf nie in jenes
zweideutige, dunkle, unruhige Treiben gezogen werden; frei, offen, sorglos, mu
er seinen harmlosen Gang durchs Leben gehen. Und mge er einst in Freuden
ernten, wo wir in Dunkelheit seten. Wenn es wirklich noch zu einer erfreulichen
Ernte einst kommen sollte! setzte er fast unhrbar hinzu.
    Torson erwiederte keine Sylbe, Richard schwieg ebenfalls. Dann nahm er
wieder das Wort:
    Ich will ber ihn wachen, ich will mit aller Anstrengung zu verhindern
suchen, da kein Laut von dorther bis zu ihm durchdringe, das gelobe ich bei
Allem, was mir heilig und werth ist, und fordre das Nmliche von Ihnen.
    Torson versprach unbedingt, was er verlangte.
    Sollte er jedoch, ohne da ich es erfhre, ohne da ich es verhindern
knnte, wider meinen Willen in jenen Bund gezogen werden, dann Torson, mchtiger
Mann, der ber Lunin und andre hnlichen Gelichters unbeschrnkte Gewalt zu ben
sich rhmt, dann sind Sie, Sie allein mir dafr verantwortlich; setzte er,
pltzlich in lange unterdrcktem Zorne aufflammend, hinzu, und entfernte sich.

Gleich der guten Stunde erscheinen Sie; unerwartet, aber nicht unerwnscht, und
sind dehalb nur um so schner willkommen: rief am folgenden Morgen Frau
Karoline Richard entgegen, der, nach vielen milungenen Versuchen, am vorigen
Abende es endlich aufgegeben hatte, zu einem ruhigen Gesprche mit ihr zu
gelangen. Die Zeit hat mich in dergleichen Unterhandlungen ein wenig aus der
bung gebracht, fuhr sie im heitersten Humor fort; ich qulte mich so eben mit
Ausdenken, wie ich es anfangen knnte, Sie ohne Vorwissen meines Eheherrn zu
einem Stelldichein zu laden, und nun berheben Sie ganz von selbst mich der
Mhe. Aber Moderation, Moderation, Falkenstein! Er liebt mich so zrtlich, es
rhrt ihn der Schlag! trillerte sie lachend, in die Rolle der Tante im
Matrimonio Secreto, eine ihrer liebsten, sich versetzend, whrend Richard ganz
verlegen sie anstarrte.
    Ungeachtet seiner innern Beklommenheit konnte aber auch er das Lachen nicht
lassen; die bngste Sorge, um einen Freund - stotterte er endlich.
    Das ist der Punkt, vom dem ich reden wollte: unterbrach Frau Karoline ihn,
pathetisch tragirend, winkte ihm, sich traulich neben ihr nieder zu lassen, und
fuhr dann, ganz ernsthaft, zu ihm zu sprechen fort:
    Wir, ich und mein Mann nmlich, oder vielmehr mein Mann und ich, haben bis
jetzt, in Hinsicht auf unsre Julie, in einem gewaltigen Irrthume gestanden, dem
auch Sie, und durch Sie ihren Freund Iwan zu entreien, mir Gewissenssache ist.
Wir meinten das Mdchen sei die verwaisete Tochter eines Freundes, unseres
Bruders in Knigsberg, deren er menschenfreundlich sich angenommen. Ihre
Stellung in der Welt schien eben nicht zu groen Ansprchen sie zu berechtigen.
Ihr Vormund hatte seine Rechte auf uns bertragen, wir sahen deshalb Iwans
Bewerbungen um ihre Gunst mit Zufriedenheit zu, und hatten auch nichts gegen die
spter aufflammende gegenseitige Neigung des jungen Paares. Lieben sie sich, was
geht das uns an, dachten wir, mgen sie sich immerhin lieben: eine chte
Jugendliebe bewahrt vor weit schlimmern Thorheiten; dagegen aber ist ein junges
unbeschftigtes Herz, besonders ein Mdchenherz, das gefhrlichste Ding von der
Welt. Lset diese erste Jugendliebe sich spter in Rauch und Nebel auf, je nun!
sie sehen mir beide nicht darnach aus, als ob sie vor Herzweh' darber sterben
wrden; und bewhrt sie sich als eine chte Liebe wie sie sein soll, so kann ja
mit der Zeit auch eine Ehe wie sie sein soll daraus werden, beide sind jung und
knnen es abwarten. So philosophirten wir, und eben nicht unvernnftig, meine
ich. Doch mit dem Allen ist es nun rein aus und vorbei, und unsere Weisheit ist
zur Thorheit worden. Dieses, und manches Andere was noch darum und daran hngt,
muten Sie durch mich, und soll ihr Freund durch Sie erfahren, damit wir kein
Unglck erleben; wie Sie es ihm beibringen wollen, sei Ihnen berlassen.
    Julie ist Torsons Braut? rief Richard, aufflammend in heftigem Zorne.
    Warum nicht gar! so weit sind wir noch lange nicht, war die sehr gelassene
Antwort. Was, wer, wohin, woher sie ist, wissen weder ich, noch mein
Kapellmeister, noch Julie, noch ihr Vormund in Knigsberg, es ist damit wie mit
der Hhe des Berges Sinai. Niemand wei es als Torson, das brige steht bei den
Gttern, setzte sie singend hinzu, von neuem in theatralischen Muthwillen
verfallend.
    O liebe gtige Frau! nur jetzt keine Rthsel, keine Scherze, sie peinigen
mich furchtbar: flehte Richard.
    Nun dann, also ganz plane, im Geschichtsstyle meiner Mutter Gans, erwiederte
sie, sich zusammennehmend, und setzte wie eine Mhrchenerzhlerin ganz
gravittisch sich zurecht. Sechzehn Jahre mgen es her sein, als unsrem Bruder
in Knigsberg von unbekannter Hand ein kleines zweijhriges Mdchen ins Haus
prakticirt wurde, mit ihr zugleich eine nicht ganz unbedeutende Summe Geld, der
Abdruck eines wunderlich verschnrkelten Siegels, auf welchem kein Buchstabe
sich entziffern lie, und ein Brief, in welchem er gebeten wurde Vormundsstelle
bei dem Kinde zu vertreten, es von dem Ertrage des Kapitals einfach brgerlich
zu erziehen, ber die Art, wie es in sein Haus gekommen, gegen Jedermann, wie
auch gegen das Mdchen selbst, das strengste Stillschweigen zu beobachten, den
Abdruck des Siegels wohl zu bewahren, und die Zeit abzuwarten, bis Jemand kme,
der ein Schreiben von der nmlichen Hand, und den genau auf das Siegel passenden
Siegelring ihm berbrchte. Was dann ferner mit dem Kinde geschehen solle, wrde
aus jenem zweiten Briefe sich ergeben. Unser Bruder hat, was von ihm gefordert
wurde, so gewissenhaft erfllt, da selbst wir dieses alles erst jetzt von ihm
erfahren haben.
    Ungemein romantisch! rief Richard in bitterm Unmuthe; und Herr Torson sind
wahrscheinlich der berbringer des verhngnivollen Siegelringes?
    So ist's, mein Feldherr, erwiederte Frau Karoline nach gewohnter Art.
    Und hat erklrt, da er gekommen sei, Julien zu ihren Eltern abzuholen?
fragte Richard.
    Das noch nicht, das wollen wir abwarten; ist's erst gethan, wird's auch zur
Sprache kommen; war die Antwort der kleinen Frau, der es nun einmal unmglich
schien, lange ber einen Gegenstand mit gebhrendem Ernste zu sprechen.
    Aus Verdru darber stampfte Richard ein klein wenig mit dem Fue, bedachte
sich aber gleich wieder eines Bessern; also Julie ist eine anonyme Prinze?
fragte er wieder.
    So grndlich anonym, da sie selbst nicht wei wer sie ist, noch wie sie
heit; erwiederte Frau Karoline.
    Und dieser vermaledeite Torson ist ebenfalls solch ein anonymes Rthsel!
rief, bleich vor Zorn und mit den Zhnen knirschend, Richard, der sich nicht
mehr zu fassen im Stande war.
    Moderation, Moderation, sonst nehme ich mir ein Herz und laufe davon;
ermahnte seine Freundin.
    Wie fing er es an, um in dieser anmaenden Stellung in Ihrem Hause festen
Fu zu fassen? Was wissen Sie Bestimmtes, was glauben, was halten Sie von ihm?
Was steht in dem Empfehlungsbriefe, den er mitbrachte, und auf welchen er bei
jeder Gelegenheit sich beruft? Aus Barmherzigkeit sagen Sie mir Alles! Um
Juliens, um meines Freundes, um Ihrer selbst willen, verheimlichen Sie mir
nichts, flehte Richard; der Elende betrgt Julien, meinen Freund, Sie, mich, uns
Alle. Er ist, ich bleibe fest dabei, er ist der Spieler, der grnbebrillte, der
Julien der Frau Marina berliefern wollte. Und wenn er mit tausend heiligen
Eiden es ablugnet, ich setze mein Leben zum Pfande, es ist wie ich sage.
    Eile mit Weile, Eile mit Weile, sagte der Imperator - knnen Ew. Wohlgeboren
mir nicht sagen, welcher Imperator zuerst gesagt hat, Eile mit Weile? erwiederte
die muthwillige Frau; aber sie wurde gewahr, in welchen furchtbaren Zustand
Richard darber versetzt wurde, und lenkte gleich sehr besonnen wieder ein.
    Ereifern Sie sich nicht ber die alberne Thrin, sprach sie begtigend; sie
ist nun einmal wie sie ist, aber sie meint es ehrlich und wird, Ihnen zu
Gefallen, sich eines vernnftigen Ernstes befleiigen, wenn es gleich gegen ihre
Natur geht. Also, pro primo, wie kam Torson in unser Haus? Unvermuthet und
unerwartet, wie aus himmlischen Hhen die Stunde des Glckes erscheint; oder,
wenn Ihnen das besser gefllt, wie eine Bombe durchs Fenster, die innerlich
zischend und kochend eine Weile daliegt, bis sie platzt und Unheil und Verderben
um sich verbreitet. Er brachte einen Brief von Juliens Vormund, der das wenige
enthlt, was ich von dem bisherigen Geschicke des jungen Mdchens Ihnen eben
mitgetheilt habe, und uns meldet, Herr Torson, aus Drontheim, habe den bewuten
Siegelring und das frher angekndigte Schreiben mitgebracht, das neben dem
Ringe als Abgesandten der Personen, von denen Julie abhngt, ihn gengend
legitimirt; auch ihren bisherigen Vormund auffordert, diesem wrdigen,
vortrefflichen, seiner Tugenden und liebenswrdigen Eigenschaften wegen nicht
genug zu empfehlenden Manne, alle seine Rechte auf seine bisherige Mndel
abzutreten, wozu er denn auch, wenn gleich sehr ungern, sich verstanden hat, und
uns nun bittet, seinem Beispiele zu folgen.
    Und Sie werden es? Um der ewigen Barmherzigkeit willen, sagen Sie Nein!
    Mein Kapellmeister, die gute, arglose, jeder Disharmonie feindliche Seele,
ist immer nur allzu geneigt, fnfe fr gerade gelten zu lassen, und liee sich
wohl mit dem Allen zufrieden stellen besonders da er noch keine Anstalten sich
Juliens zu bemchtigen sieht. Da aber ich auf eine solche anonyme Empfehlung
aus der dritten Hand keinen besondern Werth legen werde, trauen Sie mir
hoffentlich zu. Indessen, kommt Zeit, kommt Rath.
    Das ist nun einmal wieder solch ein Sprchwort, das! - fuhr Richard auf,
dessen Ungeduld jetzt den hchsten Grad erreicht hatte; die Zeit kommt gewi,
der Rath aber gewhnlich erst hinterdrein, wenn die Zeit sich nicht mehr
einholen lt. Aber weiter, weiter, wie betrgt sich Torson gegen Julien, was
scheint sie von ihm zu halten?
    Zuerst blutwenig, beim ersten Auftreten mifiel er ihr durchaus, aber der
Mensch ist wahrscheinlich ein lapplndischer Zauberer, denn mit rechten Dingen
kann dergleichen nicht zugehen. Kaum da er eine ziemlich lange Unterredung
unter vier Augen mit ihr gehabt hatte, die er beinahe erzwingen mute, so
erschien sie mit einemmale wie umgewandelt. Sie hat nur Augen und Ohren fr ihn,
ist fr ihn die personificirte Hingebung, hngt an seinen Blicken, duldet da er
ihre Hnde kt, ihr Wangen und Arme streichelt, nimmt Geschenke von ihm an,
putzt sich damit, nach seiner Anordnung. Gegen uns aber, besonders gegen mich,
ist sie zurckhaltend, und doch dabei so gut und lieb. Will ich forschen,
warnen, ermahnen, was ich doch wahrlich nicht ganz lassen kann, indem ihr
Schicksal mir sehr am Herzen liegt, so fllt sie mir um den Hals, antwortet
keine Sylbe, lt schweigend alles ber sich ergehen; aber in ihren guten treuen
Augen liegt eine so rhrende Bitte um Schonung - dem widerstehe, wer da kann,
mir bricht das Herz dabei.
    Und Iwan! Iwan! duldet er das alles?
    Auch ihn hat der lapplndische Hexenmeister umstrickt, er ist wie mit
Blindheit geschlagen, war die Antwort; er ist der unerklrlichen Macht dieses
Menschen dermaen verfallen, da er nichts sieht noch hrt, als was jener ihn
sehen und hren lassen will. Torson ist listig und fein genug, um in Iwans
Verhltnisse zu Julien keinen sichtbaren Zwang eintreten zu lassen, und das
beruhigt diesen. Zwar ist er nie mit Julien allein, Torson steht immer als
dritte Person zwischen den beiden, wei sie aber so zu leiten, da er nie
strend erscheint.
    Nirgends, nirgends ein Ausweg! ich fange an die ganze Gewalt des Zaubers zu
begreifen, dem Iwan verfallen ist; es giebt Dinge, Verhltnisse, theure
Freundin, die ich nie gegen Sie aussprechen darf, und eben deshalb sehe ich
keine Hlfe! klagte Richard, und ging trostlos die Hnde ringend, im Zimmer auf
und ab.
    Sie knnen viel, Sie knnen Alles, wollen Sie nur; jeder kann was er will,
wenn er recht will; erwiederte Frau Karoline mit groem Ernste, der ihr seltsam
genug stand, aber eben deshalb um so imposanter auf Richard wirkte. Fr Julien
sein Sie unbesorgt, die steht unter meiner Obhut, ich wache ber sie; jener
Elende soll sich ihrer nicht bemchtigen, und mte ich selbst mich zu den Fen
unsers Kaisers werfen, um seinen Schutz fr sie aufzurufen. Sie aber sorgen fr
Ihren Freund; verlieren Sie ihn so wenig als mglich aus den Augen; bei seiner
und Juliens groen Unbekanntschaft mit der Welt, sind beide ja nur als unmndige
Kinder zu betrachten. Wenden Sie alles an, schonen Sie weder Geld noch Mhe, um
deutliche, schlagende Beweise beizubringen, da Torson nicht der ist, der er
sein will, sondern vielmehr der, fr den Sie, wie auch ich, aus gltigen Grnden
ihn halten. Das Nothwendigste aber ist frs erste, da Sie den verblendeten Iwan
den Schlingen Lunins entziehen, selbst mit Gewalt, wenn es sein mte. Dieser
gefhrliche Taugenichts, wenn er nicht noch einen weit schlimmern Namen
verdient, den Torson zu nur ihm bekannten Zwecken bei uns einfhrte, umwindet
den Arglosen gleich einer Riesenschlange, und wird von ihm nicht ablassen, bis
er jedes edlere Gefhl in seiner Seele erstickt hat. Julie und mein
Kapellmeister sehen zwar nur einen harmlosen, mitunter etwas plumpen Spamacher
in ihm, der sie amsirt; mir aber grauset's dabei; wenn er seine lustigsten
Scherze treibt, grinset eine Teufelsfratze aus seinen Augen mich an, und das
Kainszeichen glht hell und deutlich auf seiner Stirne.
    Das Gesprch ging auf diese Weise endlich in gelassenere Berathung ber, die
aber leider zu keinem bestimmten Resultate fhren konnte. Die kluge,
welterfahrne Frau ermahnte beiher ihren jungen Freund, ihrem eignen Beispiele zu
folgen, in seinem Betragen gegen Torson sich einiger Migung zu befleiigen,
und Ha, Argwohn, Verachtung tief in das Innerste seiner Brust zurck zu
drngen, um, indem er sich selbst fr getuscht hingab, den schlauen Betrger wo
mglich selbst zu tuschen, oder doch wenigstens die immer rege Aufmerksamkeit
desselben von sich abzulenken.
    Ich fhle, setzte sie hinzu, da ich Ihnen etwas zumuthe, was Ihrer offenen,
jeder Unwahrheit abholden Natur, durchaus entgegen sein mu, aber wie soll man
anders sich helfen? so ganz rein und unbefleckt kommt nun einmal keiner durch
dieses Erdenleben, im Umgange mit schlechten Menschen verliert man immer selbst
an eigenem Werthe, und wie wre es mglich dem ganz zu entgehen? brigens sehe
ich auch darin kein so schreiendes Unrecht, wenn man Leute, die uns bel wollen,
mit den nmlichen Waffen bekmpft, die sie gegen uns in Anwendung bringen
mchten.
    Der Kapellmeister, und, wie zu erwarten stand, Torson mit ihm, stellten
jetzt sich ein. Zum erstenmale sah Richard diesen ganz in der Nhe, bei hellem
Tageslichte, und meinte deutliche Spuren der unendlichen Sorgfalt zu entdecken,
mit welcher vermittelst Anwendung von allerlei Toilettenknsten er sich bemht
hatte, sein ueres durchaus zu verndern. Richard war indessen der eben
erhaltenen Ermahnungen noch zu eingedenk, um nicht sein frheres abstoendes
Betragen gegen Torson in gleichgltige Hflichkeit umzuwandeln, und es milang
ihm nicht. Torson, dem nichts so leicht entging, wurde zwar anfangs darber
etwas stutzig; fein und listig suchte er den Grund dieser Vernderung zu
entdecken, aber auch Richard war auf seiner Hut. Ein Wink seiner Freundin
munterte ihn auf, die einmal bernommene Rolle durchzuspielen, und er spielte
sie gut, ohne bertreibung.
    Richard nahm sogar seinen Hut, um, da beider Weg nach Hause eine ziemliche
Strecke lang der nmliche war, Torson zu begleiten, als dieser Abschied nahm.
Beide gingen schnell neben einander her, sie sprachen wenig unterweges, bis sie
der Stelle sich nherten, wo ihr Weg sich trennte; Torson fing jetzt an
langsamer zu gehen, Richard hielt mit ihm gleichen Schritt.
    Suchen Sie nur nicht es mir zu verheimlichen, Ihren heutigen Besuch hat
Madame Lange mir, und einzig mir zu verdanken, fing Torson pltzlich an; und nur
von mir allein ist zwischen Ihnen beiden die Rede gewesen; ich sah noch meinen
Namen auf Ihren Lippen schweben, als ich ins Zimmer trat. Ich freue mich
darber, da der Erfolg dieser Unterredung mir, wie es scheint, die Erfllung des
Wunsches verspricht, Sie in Zukunft wenigstens nicht feindlich mir gegenber
stehen zu sehen.
    Sie werden sich erinnern, Herr Torson, erwiederte Richard, da Sie selbst
mich aufforderten, bei unsern Freunden - -
    Torson unterbrach ihn schnell: Keine Entschuldigung, wo es deren durchaus
nicht bedarf, sprach er freundlich und bot ihm die Hand, welche diesmal auch
nicht zurck gewiesen wurde; unsre Freundin hat, wie ich sehe, Ihre Meinung von
mir ein wenig berichtiget, ein wenig gemildert; und das verdanke ich ihr von
Herzen, nicht nur fr mich, auch fr Sie, denn auch Sie gewinnen dadurch. Das
brige, was sonst noch wnschenswerth wre, berlassen wir indessen der Zeit.
    Beide gingen nun eine Weile wieder schweigend neben einander her, bis an den
Scheidepunkt; hier stand Torson still und fate abermals Richards Hand.
    Sie sind mein Freund nicht, und werden niemals es werden; aber es wird ein
Tag kommen, an welchem ich dennoch in einem andern Lichte vor Ihnen stehen
werde, als eben jetzt; sprach er mit eindringendem Ernste. Fleckenlos kann ich
niemals, weder vor Gott, noch vor Ihnen, noch vor mir selbst erscheinen; nicht
etwa da ich dieses im Sinne des allgemeinen Bekenntnisses der Christen sage,
als: wir sind allzumal Snder und mangeln des Ruhms! Nein, Schwereres lastet auf
mir; das Schicksal hat auf weit dunkleren Wegen, als tausend Andre mich gefhrt,
und es giebt Punkte in meinem Leben, von denen ich gern auf ewig mich abwenden
mchte. Nur Eines, ein Einziges wird mir dereinst Ihre Achtung und zugleich Ihr
tiefstes Mitleid erwerben, dessen bin ich gewi, und gerade das, was mich Ihren
Augen jetzt am verdammlichsten zeigt; vergessen Sie diese meine Worte nicht, und
beurtheilen Sie mich milder. Man erzhlt, da eine ganze sndige lastervolle
Stadt um eines einzigen Gerechten willen, der in ihr wohnte, verschont ward;
sollten gute, tugendhafte Menschen, wie Sie einer sind, die ein gnstiger Zufall
der Gefahr eines tiefen Sturzes nie aussetzte, diesem Beispiele nicht folgen,
und um eines einzigen, wahrhaft edlen, lobenswerthen Gefhls willen, das selbst
mit bedeutender Aufopferung zu einer guten That ihn bewegt, den brigens tief
Gesunkenen nicht schonen wollen? sich nicht hten, mit unbarmherziger Hand ihn
noch tiefer hinabzustoen, bis jedes Sichwiedererheben ihm unmglich wird?
    Torsons Stimme hatte zuletzt einen ganz eigenen, fast zitternd bewegten Ton
angenommen, seine Haltung schien verndert, sein Auge sich zu umdunkeln. Er
wandte sich ab, drckte den Hut tiefer in die Stirne, und schritt eilends davon.
    Richard stand nachsinnend eine Weile da. Komdiant! murmelte er endlich, und
warf mit verachtendem Lcheln den Kopf auf.

Unser Vornehmen ist meistens lblich, aber gelhmt durch mancherlei
unvorhergesehene Hindernisse, hinkt leider nur zu oft die Ausfhrung desselben
hinterdrein, und kommt darber gar nicht zu Stande. Schwache, zur Trgheit
hinneigende Naturen pflegen in der ihnen angebornen Gelassenheit sich dann damit
zu trsten, da sie das Beste gewollt, nur da man unglcklicher Weise nicht
immer kann was man will. Feurige Gemther mchten ber alles, was ihnen bei
ihrem Vorhaben in den Weg tritt, vor Ungeduld auer sich kommen, arbeiten
nutzlos bis zur Ermdung sich ab, wollen erzwingen was sich nicht erzwingen
lt, gerathen darber in Hader, Zorn und Mimuth mit der Welt und mit sich
selbst, bis sie endlich aus berdru alles lassen wie es ist.
    In Richards Thun lag etwas von Beiden. Er nahm sich anfangs vor sehr
umsichtig zu Werke zu gehen, besonders gegen Torson. Leise auftretend verfolgte
er diesen Schritt fr Schritt, hatte berall ein aufmerksames Auge, horchte
berall hin, um die Kreuz- und Querschliche seines Feindes ausfindig zu machen.
Gehllt in einen unscheinbaren berrock, um seine Uniform dadurch zu verdecken,
suchte er jene Spielhuser auf, in welchen er frher den Grnbebrillten
angetroffen; doch die Bewohner solcher Orte sind wandelbar, wie das Glck,
dessen Priester sie sind. Er fand berall lauter neue Gesichter; von dem,
welchen er suchte, wollte keine Seele jemals etwas gesehen oder gehrt haben.
    Er wrde es sogar nicht gescheut haben sich zur Frau Marina zu begeben, um
von dieser, durch was fr Mittel es immer sei, etwas herauszubringen; aber seit
Juliens Zusammentreffen mit ihr, war die gefllige Dame mit ihrem ganzen
Institute aus ihrer Wohnung verschwunden, und nie wieder in Petersburg gesehen
worden.
    Somit war denn jede Spur erloschen, welche die Vergangenheit ihm bieten
konnte; Richard htte darber mit dem Kopfe gegen die Wand laufen mgen, wie man
im gemeinen Leben zu sagen pflegt. Er wandte, unter einem wohl ersonnenen
Vorwande, um Nachricht von Torson sich an die Polizei; sie wute nichts ihm zu
sagen, als da schon vor lngerer Zeit ein Norwege Namens Torson, aus Knigsberg
in Preuen nach Petersburg gekommen sei, wohl versehen mit Pssen, gegen welche
sich nichts einwenden lie; da er ein durchaus nicht verdchtiges ruhiges Leben
hier fhre, seinen Wirth und alle Welt ordentlich bezahle, und folglich als eine
ganz achtungswerthe, durchaus unverdchtige Person zu betrachten sei.
    Mit nicht glcklicherem Erfolge erkundigte sich Richard nach ihm im
Postbreau. Torson erhielt nie Briefe, wenigstens kamen keine unter seiner
Adresse an ihn an.
    In einer Art wilder Verzweiflung, lie Richard sich sogar zu einem Schritte
herab, den er selbst verchtlich fand, und dessen er vor sich selbst sich
schmen mute; er machte sich an Torsons Diener, den einzigen den dieser hielt,
um von diesem etwas zu erforschen.
    Der Mensch war ein Stock-Russe, tief aus dem Innern des Landes, und war
gleich bei seiner Ankunft in seinen jetzigen Dienst gekommen. Von seinem Herrn
wute er nichts zu sagen, als da er guten Sold, viel Schnaps und blutwenig
Prgel von ihm erhalte, sogar nach Herzenswunsch alle Talglichter getrost
verspeisen knne, welche eigentlich dienen sollten, Treppe und Vorsaal zu
erleuchten, ohne da ihm darber nur ein zorniges Gesicht gemacht wrde.
brigens, wenn er Morgens seinen Herrn an- und Abends wieder ausgekleidet habe,
htte er den ganzen Tag ber nichts zu thun als zu essen, sich zu betrinken, den
Rausch wieder auszuschlafen, und fhre daher bei seinem Gebieter ein Leben, wie
die Engel im Himmel. Richard stampfte mit dem Fue, aber was half ihm das?

Richards Unmuth, ber dieses vllige Milingen aller seiner Plne in Hinsicht
auf Torson, war grnzenlos, aber das Benehmen seines noch immer geliebten
Freundes, den er obendrein von heimlichen Gefahren umringt sich dachte, traf ihn
noch schmerzlicher. Iwans Vertrauen wieder zu gewinnen schien unmglich, soviel
er auch sich darum bemhte; denn Iwan hatte nicht sowohl sich von ihm
abgewendet, als vielmehr sich von ihm abgewhnt. Er fhlte nicht mehr das
Bedrfni, Abends dem Freunde alles mitzutheilen, was er den Tag ber erlebt,
vollbracht, ja sogar was er gedacht, weil Richard mehrere Monate hindurch sich
hatte vermissen lassen, gerade in den Stunden, die er sonst tglich mit ihm
zuzubringen pflegte.
    Der Mensch ist ein Sklave der Gewohnheit, besonders der weniger gebildete;
es wurde dem schlauen Lunin ungemein leicht, die in Iwans Herzen wie in seiner
Lebensweise aus Richards Abwesenheit entstehende Leere, welche durch das
krnkende Gefhl der Vernachlssigung nur noch fhlbarer wurde, nach Gefallen zu
benutzen. Neue Bekanntschaften muten die Lcke ausfllen, Zerstreuungen,
Lustparthien ihn betuben helfen, bis er keiner einzigen seiner freien Stunden
mehr Herr war. Durch Vermittelung seiner neuen Freunde war er abermals in einen
Strudel geselliger Freuden gerathen, von denen manche der Art waren, da er
weder vor Julien noch vor Richard sich ihrer htte rhmen mgen. Auch bewog
Lunin durch allerlei Neckereien ihn sehr bald, seinem alten Freunde absichtlich
aus dem Wege zu gehen, um den berlstigen Ermahnungen und Strafpredigten des
berweisen Herrn Hofmeisters, wie Lunin ihn nannte, auszuweichen; besonders war
dies der Fall, wenn Iwan kein ganz reines Gewissen hatte, und der kam leider nur
zu oft.
    Und so blieb denn Richards treues Bemhen, sich dem irre gefhrten Freunde
wieder zu nhern, ebenfalls ohne Erfolg; nicht nur, da ihm jeder Versuch, Iwan
ber Lunins Unwerth die Augen zu ffnen, milang, Iwan gerieth jedesmal darber
in kaum zu bndigenden Zorn; und es bedurfte wirklich all' der alten Liebe, die
Richard noch in seinem Herzen zu ihm trug, all' des Mitleids, welches diese eben
so unbegreifliche als gefhrliche Verblendung in ihm erregte, um dabei in
leidlicher Fassung zu bleiben, und durch schwer zu erringende Migung einen nie
zu heilenden Bruch abzuwenden, der fr beide nur hchst verderblich ausfallen
konnte.
    Iwans Gefhl fr Torson schien von dem, was er fr Lunin empfand sehr
verschieden, es glich mehr scheuer Verehrung als inniger Liebe. Jede usserung
zum Nachtheil desselben, jedes ihn tadelnde Wort, nahm er als eine ihm selbst
widerfahrne Beleidigung auf, und vertheidigte ihn nach besten Krften mit
Grnden oder mit Heftigkeit und Drohungen, wie es eben gehen wollte. Andeutung,
oder Anspielungen auf jene oft besprochne hnlichkeit, die er nur in sehr
geringem Grade zugab, duldete er durchaus nicht; dagegen wurde jedes Wort des
hochverehrten Mannes gleich einem weisen, keinem Zweifel unterworfnen
Orakelspruche aufgenommen, und wehe dem, der etwas dagegen einzuwenden wagte.
    Richard wute sich endlich nicht anders zu rathen, als da er auf Torsons
sehr vertrautes Betragen gegen Julien ihn aufmerksam machte, auf die reichen
Geschenke, welche diese ohne Weigerung von dem fremden Manne annahm, Iwan brach
darber in helles Lachen aus.
    Warum, sprach er, sollte sie diese theuern Flitter, die ihr Freude machen
und die ich ihr nicht kaufen kann, nicht annehmen? sie werden mit dem grten
Vergngen ihr geboten, und sie braucht nur die Hand darnach auszustrecken, ohne
sich dadurch irgend eine Verbindlichkeit aufzuladen. Hast Du denn nicht das
nmliche gethan? weit Du noch an jenem Abende, dem ersten in der Kaserne, wo
ich von lauter solchen Kostbarkeiten Dich umringt fand? Und was den
vertraulichen Ton betrifft, der Dir so sehr an ihm mifllt! soll man denn immer
aus dem Komplimentirbuche sprechen? ich gestehe es Dir, ich bin des faden
geschnrkelten Wesens mde, es thut mir im Herzen wohl, wenn ich einmal ein
gerades, aus offner Brust gesprochnes Wort zu hren bekomme. Auf Julie verla
ich mich, sie ist rein und treu wie Gold; Torfon kommt neben ihr mir vor, wie so
ein Onkel aus Mexiko oder Lissabon oder Jamaika, was wei ich, den wir letzthin
auf dem Theater spielen sahen. Gnne doch den beiden ihr unschuldiges Vergngen
an einander! wenn ich es zufrieden bin, was geht es Dich weiter an? Und ich
bitte Dich um Gotteswillen, mache Dich nur nicht lcherlich, indem Du mich
eiferschtig machen willst; ich eiferschtig auf den alten Herrn! trge ich nur
die kleinste Anlage zur Eifersucht in mir, so gbe es doch noch ganz andere
Leute, die zu dieser Albernheit mich bewegen knnten, und das ganz in der Nhe -
Du selbst zum Exempel, mein berweiser Freund.

Seit lngerer, oder vielmehr seit langer Zeit, hatte keine Versammlung des
Bundes Statt gehabt; die Gemther waren fr des Obrist Pestels sonst so
mchtigen Einflu durch nicht ganz erfreuliche Nachrichten etwas weniger
empfnglich geworden; denn keiner seiner, als unfehlbar von ihm angekndigten
Versuche, aus den in Moskau und andern Theilen des russischen Reichs bestehenden
Vereinen zum Wohl des Vaterlandes mit dem Petersburger Bunde der chten Kinder
desselben ein Ganzes bilden zu wollen, war ihm gelungen. Niemand wollte zu jener
blinden Unterwerfung unter den Willen des Rathes der Alten sich verstehen,
dessen Oberhaupt Pestel, als Prsident desselben, eigentlich war, weil dieser
unbedingte Gehorsam zu den grlichsten Verbrechen fhren konnte.
    Der Vorsatz, mit groer Migung und vieler Umsicht zu verfahren, sprach von
allen Seiten sich aus. Man wnschte durch Lehre und Beispiel das Volk auf die
Verbesserung seiner brgerlichen Zustnde allmlig vorzubereiten, die allgemeine
Verbreitung ntzlicher Kenntnisse herbeizufhren, die Sitten zu verbessern, und
auf Vernichtung alter, tief eingewurzelter Volksvorurtheile hinzuarbeiten.
    In diesem Sinne auf die Nation zu wirken, wurde von den edleren und
mchtigeren Mitgliedern jener Vereine fr allein wnschenswerth erklrt; sie
waren bereit, mit aller Kraft zur Erhhung des allgemeinen Wohlstandes
beizutragen, nur mute jede Gewaltthat vermieden werden; und von einem Eide, der
zu willenlosen Werkzeugen sie herabwrdigen sollte, wandten alle mit Entsetzen
und Widerwillen sich ab.
    Innerlich ergrimmt ber diese seinen noch tief verborgenen Plnen
entgegentretenden Hindernisse, besa Pestel, ungeachtet seiner schwererrungenen
Selbstbeherrschung, doch nicht immer Kraft genug, um das Gefhl das in ihm tobte
ganz zu unterdrcken, wenn er, was wiederholt der Fall war, von dem schlechten
Erfolge seiner Unterhandlungen Bericht ablegen mute.
    Die Verblendeten! rief er einst, unwillkrlich von Zorn hingerissen, in
einer Versammlung des engsten Ausschusses, in welcher keines der jngern
Mitglieder, folglich weder Richard noch die beiden Shne des Frsten Andreas
gegenwrtig waren: Die Verblendeten! die Thoren! die nicht sehen, nicht ahnen,
da mit schonendem, einen jeden mit erluternden Grnden dessen was von ihm
gefordert wird bedienendem Geschwtze, hier nichts gethan werden kann. Sie
begreifen nicht, da gerade der Weg den sie einschlagen mchten, zum Gruel
aller Gruel nothwendig fhren mu, zur wildesten Anarchie eines kaum zur Hlfte
kultivirten Volkes, wo keiner gehorchen, alle befehlen wollen, bis darber alles
zu Grunde geht, und die Trmmer ber Kluge und Narren zusammen schlagen.
    Nein, meine Brder, Krebsschden lassen nicht mit Rosenwasser sich heilen;
Gehorsam, blinder Gehorsam der rohen Menge, unbekannten Obern und unbekannten
Gesetzen auf Tod und Leben gewidmet, ist die einzige solide Basis, auf welche
der Grundstein zum Bau allgemeinen Wohls und allgemeiner Freiheit sicher und
dauernd gelegt werden kann, mte selbst einiges Blut dabei als Mrtel dienen.
Ist dieses einmal vollbracht, dann ist es an den kundigen Meistern, den Bau im
hellen Sonnenlichte weiter zu frdern, ihn zu vollenden, so gro, so strahlend,
so herrlich, als menschlicher Sinn und menschliche Kraft es vermgen.
    Wie dieser Gehorsam zu erzwingen sei, da er, wie es scheint, in Gte uns
nicht werden soll, dem sei von heute an unser angestrengtestes Nachdenken
geweiht; jeder von uns mge, bei unsrer nchsten Zusammenkunft, das Resultat
seines ernsten berlegens den Andern zur Berathung darber mittheilen.
    Nur auf eines erlaube ich mir, die Versammlung aufmerksam zu machen. In
unsrer nchsten Nhe, in den Reihen unsrer Brder steht Einer, von der Natur mit
Allem ausgerstet, um uns fr diesen Zweck als tchtigstes Werkzeug zu dienen,
und alles niederzuwerfen, was sich uns entgegen stellen mchte. Mit
riesengleicher krperlicher Strke, geistig mit eisernem Willen, mit dem
furchtlosesten Muthe, mit einer Brust ohne Erbarmen, sobald es unsrem Bunde
gilt, der ihm alles ist, Gott, Religion und Gesetz; mit einem Worte ein Mann,
dem auer dem Bunde nichts heilig ist, der das Wort Bercksichtigung nicht
kennt, den kein Band an das brgerliche Leben fesselt, kein Vater, keine Mutter,
weder Geschwister noch Verwandte, weder ein Freund noch eine Geliebte. Isolirt
wie er, steht und stand vielleicht noch nie einer in der Welt.
    Leute die ihn kennen, nennen ihn einen ruchlosen Abenteurer, ich mchte
sagen er sei mehr, er sei der inkarnirte Teufel in Person, aber das hindert
nichts; uns ist er treu, und wenn die Noth gebietet, darf man wohl die Hlfe
bser Dmonen benutzen, sobald man nur der rechten Zauberformel gewi ist, sie
im gehrigen Augenblicke wieder fest zu bannen.
    Der den ich meine ist Lunin, der uns allen wohlbekannte. Er hat schon einige
ihm hnliche junge Leute, von denen aber keiner mit ihm auf gleicher Hhe steht,
an sich gezogen; andre stehen in der Nhe wie in der Ferne bereit, auf einen
Wink von ihm herbei zu eilen, roh, leidenschaftlich, zgellos, voll der
ausgesprochensten Lebensverachtung, wie er selbst. Im Nu kann er deren einige
Hundert um sich versammeln, die er erbtig ist, unter dem Namen einer verlornen
Kohorte, sich selbst an der Spitze, zu unsrer Disposition zu stellen. Kommt nun
der groe Tag, lassen wir diese Wrgengel los, um - -
    Ein berlauter allgemeiner Schrei des Entsetzens, des emprtesten.
Widerwillens, unterbrach den Redner, und lie ihn nicht wieder zum Worte kommen;
ein Fall, den er noch nie erlebt hatte. Er selbst mochte wohl fhlen, da er zu
weit gegangen sei, da er von Unmuth und heimlichem Zrnen sich habe verleiten
lassen, der ihm sonst eignen Vorsicht zu vergessen und seine Karten aufzudecken,
ehe das Spiel gewonnen war. Er wollte wieder einlenken, mildern, erlutern, doch
seine Stimme konnte durch das allgemeine aufgebrachte Tosen nicht durchdringen.
Eigentlich wurde keine einzelne recht vernehmbar; gleich den emprten
Meereswogen strmten alle durch einander, und nur in Geberden, Blicken und
lautem unverstndlichem Geschrei sprach das allgemeine Mifallen sich aus.
    Lange whrte es, bevor es den Gemigsten und Angesehensten gelang, die
emprten Gemther durch ernstes Zureden in sofern zu beschwichtigen, da sie
wieder zu einiger Besinnung gelangten, und die Versammlung ohne frmlichen Bruch
auseinander ging. Obrist Pestel aber htete sich weislich dafr, sie so bald
wieder zusammen zu berufen, und berlie es inzwischen der Zeit, den blen
Eindruck, den sein letzter Vortrag hinterlassen hatte, wieder zu verlschen.

Richard war durch Dienstgeschfte zu einer kleinen Reise veranlat worden, die
einige Tage lnger, als er es erwartet hatte, von Petersburg ihn entfernt hielt.
Er war die ganze Zeit ber ohne Nachricht von dort her geblieben, und hatte bei
seiner Rckkehr sich eben voll ungeduldiger Erwartung aus dem Sattel
geschwungen, als eine dringende Aufforderung, noch am Abende des nmlichen Tages
in der Bundesversammlung unfehlbar zu erscheinen, ihn bis zum Erschrecken
berraschte. Seit vielen, vielen Monaten war, wie eben erwhnt worden ist, von
keiner solchen die Rede gewesen, und das Ungewohnte derselben mochte die
wunderliche Angst, das unheilwitternde Grausen erregen, das schaudernd durch
Mark und Gebein ihm dabei fuhr, und sich weder weglachen, noch wegdemonstriren
lassen wollte. Er schmte sich dessen nicht wenig, aber das Herz wurde ihm
deshalb um nichts leichter.
    Seine Unruhe trieb ihn zum Grafen Stephan, um bei diesem Schutz gegen sich
selbst zu suchen, und auch vielleicht etwas Bestimmtes ber die Veranlassung zu
dem Aufrufe, der ihn so beunruhigte, zu erfahren; er fand ihn nicht daheim, und
auch die Grfin konnte seinen Besuch nicht annehmen, weil zwei ihrer Kinder
pltzlich und heftig erkrankt waren.
    Er eilte zum Frsten Konstantin, dessen Palast ganz in der Nhe lag; der
Frst war eben ausgefahren.
    Nicht anders ging es ihm beim Frsten Andreas; er fand weder diesen noch
einen seiner beiden Shne. Richards innere Beklommenheit steigerte sich
furchtbar; er wollte als rein krperlich, als Vorgefhl einer herannahenden
schweren Krankheit sie sich erklren, denn er wute nicht mehr woran er mit sich
selbst war; aber er fhlte sich vollkommen gesund, ohne die kleinste Spur eines
belbefindens.
    Ist der Fall denn etwas so ganz Unerhrtes, da man zur allgemein blichen
Visitenstunde keinen zu Hause antrifft, weil alle auf verschiedenen Wegen
zerstreut sind, um diese lstige Gesellschaftspflicht zu erfllen? fragte er
sich selbst; ist es nicht mir und jedem, der in der Gesellschaft lebt, schon
unzhlige Male begegnet, warum mu es denn gerade heute so sehr mir auffallen?
    Fast beschmt, beim Wiedersehen nach tagelanger Abwesenheit in dieser
unverantwortlich trben Stimmung zu erscheinen, konnte Richard es sich doch
nicht versagen, Trost und Ermuthigung dort zu suchen, wo er sicher sein konnte,
beides zu finden. Helena war bei ihrer Mutter in einer kleinen Gesellschaft, die
sich zum Frhstck dort versammelt hatte. Richard erhielt sogleich Zutritt,
sobald sein Name genannt wurde, Eudoxia empfing ihn mit gewohnter Huld und
Freundlichkeit; die grtentheils aus Damen bestehende Gesellschaft folgte ihrem
Beispiele, und Helenas lchelnder Gru drang wie ein erwrmender Sonnenstrahl in
sein getrbtes Gemth.
    Das durch Richards Ankunft unterbrochene allgemeine Gesprch wurde wieder
angeknpft, das neueste Stck im Theater, die gestrige Assemble, die heutige
Tagesgeschichte wurden lebhaft vorgetragen, besprochen, belacht; Scherz, Lust,
Zufriedenheit leuchteten aus allen diesen muntern Augen.
    Warum hngt denn Diesen der Himmel so voll Geigen, und ber mir allein so
schwer und dunkel herab? doch wohl nur, weil ich ein hypochondrischer Thor bin!
dachte Richard, und strebte nach einem ihn aufrichtenden Blicke von Helenen.
    Ihr Auge begegnete dem Seinen, doch ach! der bei seinem unerwarteten
Erscheinen es belebende Glanz war erloschen, ein unverkennbarer Ausdruck von
Niedergeschlagenheit und bangem Besorgtsein hatte ihn verdrngt, so viel Mhe
sie sich auch geben mochte, dies der Gesellschaft zu verbergen.
    Sie wei! sie wei, wovon die Andern noch nichts wissen! rief es in Richards
vorahnendem Gemthe. Er wollte in ihre Nhe gelangen, aber auch nur zwei Worte
in dieser Umgebung ihr unbelauscht zuzuflstern, war unmglich.
    Die Gesellschaft erhob sich, die Wagen fuhren vor; jetzt endlich, jetzt!
jubelte Richard innerlich; aber sie Alle waren zusammen gekommen, um nach dem
Frhstck gemeinschaftlich in das Konzert eines berhmten Violinisten sich zu
begeben, welches fr die spteren Vormittagsstunden der vornehmen Welt
angekndigt worden war, und Richard wurde von der Frstin Eudoxia eingeladen,
sie zu begleiten. Er mute den Vorsatz aufgeben, den Kapellmeister Lange zu
besuchen, um vielleicht in dessen Hause etwas zu erfahren. Er hoffte im Konzert
ihn anzutreffen, aber auch dort, wo er und die Seinen nie zu fehlen gewohnt
waren, suchte er zu seiner groen Verwunderung ihn vergebens; selbst Torson und
Julie waren nicht zugegen, was seine immer steigende Besorgni noch vermehrte.
    Der ganze Tag blieb brigens fr ihn einer von jenen nicht genug zu
verwnschenden, an welchen man durch tausend unbedeutende Zuflligkeiten
abgehalten wird zu thun, was man mchte, und zu dem was man nicht will, sich
gezwungen sieht; bis endlich die Stunde schlug, welche in die Versammlung ihn
rief.

Bis zur letzten Stunde von dem ihn neckenden Migeschicke des heutigen Tages
verfolgt und aufgehalten, war Richard der zuletzt dort Ankommende; gleich hinter
ihm wurde die Thre, und zwar diesmal mit ungewhnlicher Sorgfalt geschlossen.
    Obrist Pestel schien nur seine Ankunft abgewartet zu haben; denn, sobald
Richard seinen gewohnten Platz eingenommen, bereitete er sich, die Sitzung, wie
er immer zu thun pflegte, mit einer Anrede an die Versammlung zu erffnen, die
diesesmal ungewhnlich zahlreich, und, mit nicht zu verkennender Auswahl, aus
allen drei Graden der Verbndeten zusammen gesetzt war. Richards Blicke irrten
forschend umher; die ernsten Gesichter der Mehrzahl trugen nur den Ausdruck
gespanntester Erwartung; Frst Andreas und die zu ihm sich hielten, blickten
schweigend vor sich hin, ohne in Haltung und Miene das Geringste von dem, was in
ihnen vorgehen mochte, zu verrathen. Mit wild funkelnden Augen, rohen Trotz in
den leidenschaftlich verzerrten Zgen, stand seitwrts eine etwas abgesonderte
Gruppe junger Mnner um Lunin versammelt, von der Richard mit Widerwillen sich
abwandte, herzlich froh seinen Iwan nicht unter diesen zu erblicken. Sein Auge
suchte den Grafen Stephan, und fand ihn bald an seinem gewohnten Platze;
regungslos, in sich selbst versunken, mit tief gebeugtem Haupte sa er da, ein
Schmerzensbild.
    Feierlich-langsam, mit tiefer gemigter Stimme begann Obrist Pestel jetzt
seine Rede; sie klang wie Trauergelute, das dem Leichenzuge des Glckes eines
ganzen Hauses vorangeht, alle die es hren auf ein groes Unheil vorbereitend,
das im Begriffe zerschmetternd auf sie zu strzen, in diesem Augenblicke noch
ber ihrem Haupte hngt. Dann zog der Redner ein Papier hervor, entfaltete es
mit vieler Feierlichkeit, um es vorzulesen; es war ein Brief von einem eben
abwesenden Mitgliede des Bundes, einem der angesehensten und eifrigsten, das
sogar zu den ersten Stiftern desselben gehrte. Das Schreiben war an den Grafen
Stephan gerichtet und Pestel mitgetheilt worden.
    Ein banges Aufsthnen, gleich dem eines unter Qualen Verscheidenden,
zitterte durch das allgemeine Schweigen; es rang aus Stephans Brust sich los,
immer tiefer und tiefer sank sein vorhin schon gebeugtes Haupt fast bis auf
seine Kniee herab; seine Hnde falteten sich konvulsivisch ber demselben, und
verbargen vllig sein Angesicht. Richard hatte keinen Athem mehr; kein Laut
rings umher, nur das Picken der Taschenuhren, und die Stimme des Vorlesers waren
zu hren.
    Der Kaiser, so verkndete jener Brief, der Kaiser, wie man aus sichrer Hand
wei, hat beschlossen, alle eroberten Provinzen Polen wiederzugeben, sich
selbst, nebst seinem Hofe, nach Warschau zurckzuziehen, und das unglckliche
Ruland, unbeschtzt, rathlos und hlflos, der diesem Schritte entspringenden
wilden Unordnung, der mrderischen Wuth, der rasenden Anarchie des auf das
uerste gebrachten, zgellosen Volkes zu berlassen.
    Eine Sekunde lang herrschte Schweigen, lautloses Schweigen wie im Grabe;
dann brach der Sturm aus. hnlich jenen Orkanen der Tropenlnder, die, pltzlich
aus tiefster Stille er wachend, Felsen zersplittern, tausendjhrige Bume
entwurzeln, Seen und Inseln vernichten und schaffen, und den Lauf der Strme
verndern, tobte der furchtbarste Tumult. Der schadenfroheste Dmon, der jemals
der Hlle sich entschwang, hatte ber sie Alle die Schaale der Verblendung
ausgegossen; so viele helle Kpfe unter ihnen! die gewi in bessern Momenten das
schlecht ersonnene Mhrchen hhnend verlacht haben wrden! sie glaubten Alle
daran.
    Zuerst vereinten alle diese Kehlen sich in einem einzigen Schreckensschrei;
es war als ob davor die Wnde erbebend einstrzen, die Decke des Saales aus den
Fugen gehoben, weit weg in die Lfte fortgeschleudert werden msse. Einzelne
Gruppen, von den brigen sich absondernd, bildeten sich, Waffen blitzten in
vielen Hnden; furchtbarer noch als diese, erglhten Augen in wilder Raserei.
Gleich gereizten Hynen, mit gestrubtem Haar, schumend vor innerer Wuth, unter
unerhrten Flchen und Verwnschungen strzten einige auf die Kniee, der
blutigsten Rache sich zu weihen; vertraute Freunde verbanden durch einen
furchtbaren Eid sich zum schonungslosesten Kampfe auf Leben und Tod. Alte, im
Dienste ergraute Krieger weinten vor Zorn brennend heie Thrnen, Andre
starrten, vor Schreck ber das Unerhrte, mit weit offenen, erstorbenen Augen in
den Tumult hinein; noch Andre brachen in laute Klagen, in Verwnschungen ihres
Geschickes aus, zerrauften ihr Haar, rissen Sterne und Orden, die sie
schmckten, von ihren Kleidern herunter und traten sie mit Fen. Wuth,
Emprung, Verzweiflung berall! eine Scene, die nur Dante, der Snger der Hlle,
in ihrer entsetzlichen Wahrheit zu schildern vermchte.
    Endlich fhrte physische Ermattung einen kurzen Anschein von Ruhe herbei.
Pestel wollte diese benutzen: Der groe Augenblick ist gekommen, die uns
gegebene Kraft zu bewhren, rief er mit lauter klangvoller Stimme; die hehre,
dem heiligen Vaterlande geweihte Stunde schlgt, wo die verlorne Kohorte, den
tapfern Lunin an ihrer Spitze, alles vor sich niedermhend, uns den Weg bahnen -
-
    Er ward nicht weiter gehrt; lauter, grimmiger noch als vorher, rasete von
neuem der Tumult. Selbst Pestel wurde einen Augenblick bleich; Lunins kolossale
Gestalt hatte katzenartig, gleich einem zum Sprunge auf sein Opfer bereiten
Raubthiere, sich bis zu ihm durchgewunden, er verschwand sogleich auf einen Wink
seines Meisters in die entfernteste Ecke des Saales. Richard folgte ihm mit den
Augen; Torson, den dieser Blick suchte, den er schon lange vermit hatte, schien
unbegreiflicher Weise gar nicht zugegen zu sein, auch Iwan war nirgends zu
erblicken.
    Nur Einer ist der Schuldige, und dieser Eine be es mit dem Leben! Schonung
und Rache dem verrathenen Volke, Tod und Untergang dem Verrther! rief eine, den
wilden Tumult bertnende, durchdringend laute Stimme, und pltzliche Stille
entstand. Frst Theodor, Obrist eines Regiments, dem seine Zeitgenossen den
bezeichnenden Beinamen, der Tiger, beilegten, hatte diese Worte gerufen.
    Und nun - zum erstenmale wurde von den Verbndeten jenes grausenvolle Wort
ausgesprochen, jenes Wort, das nie gefunden sein sollte, Kaisermord!
    Die strksten Nerven erbebten, die lautesten Kehlen verstummten vor dem
schauervollen, wenn gleich fast tonlos ausgestoenen Klange, er bebte
erschtternd in jedem Ohre, gleich dem Donner des Weltenrichters.
    Doch diese Stille wurde bald wieder unterbrochen; neue Debatten, bei denen
Pestel sein gewohntes bergewicht wieder geltend machte, erhoben sich, aber
leider nicht um gegen ein Verbrechen anzukmpfen, das bei der gegenwrtigen Lage
der Dinge von der Mehrzahl als unvermeidlich nothwendig angesehen wurde; die
wenigen besser Gesinnten, die gegen diese Ansicht sich erhoben, wurden schnell
berstimmt und muten verstummen.
    Und nun noch das Grlichste! die hier leise geflsterten, dort laut
gepflogenen, oder in thierischer Wuth laut gebrllten Berathungen ber das Wie
und Wann! Sie whrten lange, sie drohten immer heftiger und verworrener zu
werden, bis die alle bertnende Donnerstimme des Tigerfrsten ihnen ein Ende
machte.
    Wartet! rief er, wartet, bis in nchster Woche mein Regiment die Wachen
bezieht! Dann vollbringe Einer unter uns, was zur Rettung Aller vollbracht
werden mu. Dazu braucht es nur eines Kopfes, eines Arms, was sollen da viele?
Doch welchen unter uns das Geschick zu dieser groen That erkoren hat, das werde
hier, und noch in dieser Stunde, durch das Loos bestimmt, ehe wir fr heute aus
einander gehen.
    Von allen Seiten wurde diesem Vorschlage strmischer Beifall gezollt, der
dem langwierigen, immer mehr sich erbitternden Streite ein Ende zu machen
versprach. Was man zu dem grausigen Spiele nothwendig brauchte, war zur Hand,
wenn gleich zu andern Zwecken bestimmt; die Voranstalten dazu waren also in
wenigen Minuten bewerkstelligt, die Hupter der Anwesenden gezhlt; Sergius, als
Secretair des Bundes, brachte die verhngnivolle Urne herbei, und warf eine
gleiche Anzahl weier Kugeln hinein, nur eine, eine Einzige unter diesen,
blinkte in rothem trgerischem Goldglanze. Das Gerusch mit welchem jede
derselben langsam gezhlt und einzeln auf den Boden des Gefes hinabgelassen
wurde, durchschauerte auch die muthigsten Heldenherzen mit innerm Grauen.
    Jetzt sollte das Todesloos gezogen werden, doch keine Hand regte sich, um
die Ziehung zu beginnen. Von drckender Vorahnung befangen, mit bleichen
Gesichtern und hochaufathmender Brust, standen sie Alle wie am Boden festgebannt
umher. Keiner von diesen Vielen, die noch vor wenigen Minuten den wildesten
Ausbrchen ungemigter Leidenschaftlichkeit sich hingaben, wollte hier der
Erste sein, kein Einziger von denen, die sonst berall es sein wollten. Auch
Pestel suchte noch nach Worten, eindringend genug, um den Bann zu lsen, der sie
gefesselt hielt; er selbst konnte nicht der Erste sein, der sein Loos zog, denn
als Prsident des Bundes war die ganz zuletzt auf dem Boden der Urne
zurckbleibende Kugel fr ihn bestimmt.
    Ein ngstlicher, unartikulirt, wie in hchster Todesnoth ausgestoener
Schrei schreckte alle aus der dstern Versunkenheit auf, die sie befangen hielt;
mit alles was ihr im Wege stand vor sich niederwerfender Riesenkraft, drngte
sich aus dem Hintergrunde des Saales durch die Reihen der Brder hindurch, bis
dicht vor Pestel hin eine Gestalt, die beim ersten Anblicke Niemand erkannte.
Ein Schreckensbild hchster Verzweiflung, mit weit hervorquellenden,
blutunterlaufenen starren Augen, mit wild sich strubendem, verworrenem Haar,
mit wie im Todeskampfe konvulsivisch verzerrtem bleichem Gesicht. Er schleuderte
mit mchtigem Arm die Urne mit den Kugeln fort, sie fiel zu Boden, die Kugeln
rollten im Saale umher, und die goldene fhrte der Zufall dicht zu seinen Fen
hin.
    Er raffte unter lautem dmonischen Gelchter sie auf, und hielt hoch ber
seinem Haupte sie der Versammlung entgegen: ein Wunder! jubelte er; ein
sichtbares Zeichen von dort Oben - oder vielleicht von dort Unten? - gleichviel,
ich bin der Erwhlte!
    Yakuchin! Iwan Yakuchin! erscholl es von mehreren Seiten. Es war der
unglckliche, es war Richards Iwan, den man jetzt an der Stimme erkannte.
    Richard drngte zu dem Wahnsinnigen sich hin, denn dafr hielt er, und
muten Alle ihn halten, aber ein einziger gewaltiger Sto warf ihn weit zurck.
    Wer sich selbst lieb hat, der rhre mich nicht an, der wage nicht mir zu
nahe zu kommen, rief Iwan. Ihr meint, ich sei rasend; ich bin es nicht, aber ich
warne Euch dennoch, ich bin gefhrlich. Ich kenne Niemand mehr, weder Feind noch
Freund, Ihr Alle, die ganze Welt ist mir wie Staub unterm Fue, denn das
Schicksal hat in mir, in mir allein sein Opfer auserkoren. Verlassener,
verrathener als ich, lebt Keiner auf Erden! dieses Jammerleben, was soll es mir?
ich werfe es von mir.
    Richard, Alex und noch Einige, die Mitleid fr den Jngling empfanden, sogar
Obrist Pestel, nherten sich ihm abermals; bleibt zurck! rief er befehlend, und
sie gehorchten der gebietenden Gewalt hoffnungslosesten Unglcks, das offen und
khn dem Mchtigsten entgegen treten darf, so bald es nichts mehr weder zu
schonen noch zu frchten hat. Sie bildeten einen dicht geschlossenen Kreis um
Iwan her, hielten sich aber in der von ihm gebotenen Entfernung.
    Iwan zog jetzt sein Schwert aus der Scheide; Alle, den traurigsten Ausgang
erwartend, erbebten bei dem Anblicke; und doch hielt die Furcht, diesen zu
beschleunigen, sie an ihren Pltzen zurck. Er aber kniete anscheinend gelassen
in der Mitte des um ihn geschlossenen Kreises nieder, fate den Griff des
Schwertes mit beiden Hnden, hielt ihn dicht vor der Brust, und blickte
unverwandt zu der Spitze desselben auf; nur das Weie seiner Augen blieb
sichtbar, er sah aus, als ob er bete, mit unaussprechlicher Inbrunst.
    Das whrte so einige Sekunden; dann aber, immer in der nmlichen Stellung
verbleibend, erhob er die Stimme zum furchtbarsten Eide, den je eine menschliche
Seele erdacht. Mit Worten, vor denen Alle schauderten, die sie vernahmen, weihte
er sich dem Untergange, dem zeitlichen wie dem ewigen, indem er den Kaiser zu
tdten gelobte, und gleich nach vollbrachter That sich selbst; denn wer knnte
dann noch leben wollen! setzte er mit eisiger Klte hinzu, indem er sich von den
Knieen erhob, das verworren herabhngende Haar aus der Stirne strich, und das
Schwert zurck in die Scheide stie.
    Und nun gebt mir meine Ordre, ich bin zu jeder Stunde zu Allem bereit,
sprach er fast verachtend, wollte sich in militrischer Stellung hoch
aufrichten, wurde aber im nmlichen Augenblicke sein Bild in einem ihm gegenber
angebrachten groen Spiegel gewahr. Unmiges Grauen vor seiner eigenen Gestalt
berkam ihn, er taumelte, seine Kniee brachen unter ihm zusammen; htten die,
welche ihm am nchsten standen, ihn nicht in ihren Armen aufgefangen, er wre,
wie aufgelset in allen Gelenken, unfehlbar zu Boden gesunken.
    Der Zustand whrte indessen wieder nur einige Sekunden. Iwan erholte sich
schnell, machte von denen so ihn hielten sich los, und stand frei da, den
ernsten fragenden Blick auf die gerichtet, von welchen er Antwort erwartete.
    Jetzt, da sie vor der Ausfhrung der Frevelthat standen, die Sie kurz
vorher, in blinder Wuth, unter ungeheuerm Toben gefordert hatten, und nur noch
die nhere Anordnung des Vollbringens von ihnen erwartet wurde, regte sich
keiner; lautloses Schweigen, berall. bermannt von geheimem Schrecken, bleich,
mit gesenktem Blicke standen sie da, bis einer unter ihnen sich erhob. Es war
ein Officier von bedeutendem militrischem Range, dem Namen nach, vielleicht
auch von Geburt ein Deutscher, wenigstens von deutscher Abkunft. Mit groer
Geistesgegenwart ergriff er glcklich den einzigen gnstigen Augenblick Pesteln
zuvorzukommen, um hier, wo bis dahin nur blinder Eifer und die aufgeregteste
Leidenschaftlichkeit das Wort gefhrt hatten, auch die besnftigende Stimme der
Vernunft laut werden zu lassen; ein Unternehmen, an dessen Ausfhrung vorhin,
bei dem allgemeinen Toben, gar nicht zu denken gewesen wre.
    Allen vernehmbar, umstndlich, ohne durch Weitschweifigkeit zu ermden,
bestrebte sich der wohlwollende besonnene Mann das Unwahre der Nachricht, die
bis zu diesem Grade sie empren konnte, ihnen klar und deutlich auseinander zu
setzen; bewies, mit nicht zu widerlegenden Grnden, die jedem einleuchten
muten, die Unmglichkeit derselben. Schmucklos, aber eindringlich, von
unerknstelter berzeugung ihm eingegeben, waren seine Worte; sie entsprangen
aus vollem warmem Herzen, und konnten daher den Weg zu den Herzen seiner Zuhrer
nicht verfehlen. Auch gltteten viele umdsterte Stirnen sich wieder, die
bleichen Gesichter frbten sich, in manchem abgewendeten Auge blinkte eine
heimliche Thrne der Reue, und Dank und Beifall wurde dem Redner von allen
Seiten laut gezollt.
    Ermuthiget durch dieses Beispiel, bemchtigte jetzt auch Sergius sich des
Worts, ehe der etwas aus der Fassung gerathne Obrist Pestel dazu kommen konnte
es zu ergreifen. Beide, er und Graf Stephan, hatten zu jenen ersten Stiftern der
durchaus harmlosen Gesellschaft gehrt, aus welcher spter, im Verlaufe der
Jahre, der jetzige Bund, unter Pestels Leitung, so ganz verschieden von jenem
ersten Anfange sich entwickelt hatte. Auch in dieser umgewandelten Gestalt war
Sergius noch immer einer der treuesten und eifrigsten Anhnger desselben
geblieben; er bekleidete, wie schon mehrmals erwhnt worden ist, die Stelle
eines Secretairs des Bundes, und gehrte als solcher zu den drei Direktoren, den
Huptern des Rathes der Alten.
    Nachdem Sergius seine vollkommene bereinstimmung mit den Ansichten seines
edlen und geistreichen Vorgngers in den wrmsten Ausdrcken ausgesprochen
hatte, erbat er sich die Erlaubni jene Nachricht, die sie alle in nicht
genugsam zu bereuende schmerzliche Verwirrung gestrzt habe, auch noch von einer
andern Seite zu beleuchten, um auf diese Weise auch die letzte Spur ihrer zu
nicht zu berechnendem Unheile fhrenden Nachwirkung zu vertilgen. Er sagte, er
wolle fr einen Augenblick das Unglaubliche, ja Unmgliche, als Wahrheit
annehmen, und den Fall setzen, der Kaiser habe, wie jener unselige Brief es
berichte, den unglcklichen Entschlu sein Volk zu verlassen wirklich gefat;
und ergo sich dann mit unglaublichem Scharfsinne und anschaulichster Klarheit
in Beweisen, da selbst in diesem undenklichen Falle jenes Verbrechen, das er
nicht mehr zu nennen wagen mchte, nur die unheilvollsten Folgen nach sich
ziehen knne, ohne den eigentlichen Zweck des Bundes der chten Kinder des
Vaterlandes im mindesten zu frdern. Im Gegentheile msse jede Mglichkeit des
Gelingens dadurch auf immer vernichtet werden, aus dem einfachen Grunde, weil es
dem Bunde seiner innern Einrichtung nach an allen Mitteln fehle, eine solche
Unthat, wrde sie auch glcklich vollbracht, zu benutzen. In den glhendsten
Farben schilderte er ihnen nun alle Gruel der zgellosesten Emprung, die einer
solchen Verletzung aller gttlichen und menschlichen Gesetze auf dem Fue
nachfolgen msse, indem er zugleich an die dem Knigsmorde in Frankreich
unmittelbar folgende Schreckenszeit sie erinnerte.
    Bin ich noch lebend der Gemeinschaft bser Geister verfallen? oder bin ich
noch wirklich unter Menschen? rief pltzlich in heftigem Zorne auffahrend Iwan
Yakuchin, nachdem er mit gespanntester Aufmerksamkeit den Reden jener beiden
gefolgt war. Ihr Teufel in Menschengestalt, was habe ich Euch gethan, da Ihr
mein ehrlich ruhiges Gewissen mir nicht gnnt? da Ihr mit einem innern Vorwurfe
es belasten mutet, den ich nimmer verwinden kann? Ihr Bsewichte, ihr
teuflischen Verfhrer, habt zuerst durch blendende Hllenknste mich zu dem
grlichen Vorsatze gebracht, das Verbrechen zu begehen, fr welches weder im
Himmel noch auf Erden Vergebung ist, denn Kaisermord und Vatermord sind eins;
und nun verwerft Ihr selbst als nutzlos, als berflig die ungeheuere That? Wie
nun, wenn Ihr diese Entdeckung spter gemacht httet, nachdem ich vollbracht - -
was wre in dieser und jener Welt aus mir geworden, und kann ich jemals
vergessen, da ich es vollbringen gewollt?
    Gleich einer berirdischen Erscheinung, gleich einem Rache heischenden
Dmon, stand der zornentflammte Jngling in seiner gnzlichen Verlassenheit vor
ihnen, und keiner hatte das Herz sich ihm thtig entgegenzustellen, oder auch
nur ihn mit Ernst zur Ruhe zu verweisen. Einige versuchten mit besnftigenden
Worten ihn zu beschwichtigen, er hrte nicht darauf.
    Eure wohlgesetzten Reden, Eure trefflichen Statuten, Euere herrlichen Plne
fr das allgemeine Wohl des Vaterlandes, fhren sie zum Ersinnen solcher Thaten?
- fuhr Iwan fort: - nun so bleibt von heute an Euer Rath fern von meiner Seele,
ich trete aus eurer Gemeinschaft hinaus, und scheide auf immer von Euch! Wollt
Ihr vorher nicht Rath halten, ob es fr Eure Sicherheit nicht etwa erforderlich
wre mich hier zu ermorden, ehe ich den Fu ber die Schwelle setze? fragte er
mit kalter schneidender Ironie. Thut es, tdtet mich, was liegt mir daran, was
noch am Leben? Fr eine Nuschale werfe ich es Euch hin. Nur so viel noch:
dieser kleine Mord wre nicht minder berflig, als jener groe es gewesen
wre, und drfte in seinen Folgen doch unbequem fr Euch werden, wenn er
entdeckt wrde. Ihr habt meinen Eid, den ich nie brechen kann, und htte ich der
Hlle ihn geschworen; schweigen mu ich, ich sei lebend oder todt. Ihr antwortet
nicht? Nun so schttle ich an Eurer Thre den Staub von meinen Fen und gehe
nie wiederzukehren. Mgt Ihr indessen Euch nach Bequemlichkeit ber mein Leben
oder meinen Tod unter Euch berathen.
    Iwan wandte sich zum Gehen, Alle traten zurck ihm freie Bahn zu lassen; mit
festem Schritte ging er langsam bis zur Thre, dort schien er wie von Schwindel
ergriffen zu wanken, dann betubt im Begriff taumelnd zu sinken. Richard und
Alex eilten ihm nach, ergriffen noch zur rechten Zeit ihn am Arme, und fhrten
ihn hinaus.

Trbseliger, als jemals in seinem Leben, lag der gute kleine Kapellmeister Lange
auf seinem Sopha; krank war er nicht, glaubte aber es zu sein, und meinte
zuweilen sogar die Annherung des Todes zu fhlen. Eigentlich war er nur tief
betrbt, und der sonst immer zufrieden Glckliche wute in diesen ihm ganz neuen
Zustand sich nicht zu finden. Vllig entmuthiget, versagte er allen seinen
Freunden den Zutritt, sogar sein Flgel blieb verschlossen, und so fehlte ihm
denn Alles, was sonst sein eigentlichstes Leben ausmachte.
    Nur seine treue Hausfrau war ihm geblieben; gleich einem trstenden Engel
wich sie ihm fast nie von der Seite, obgleich sie noch schmerzlicher verletzt
war, als er selbst. Auch jetzt sa sie, bei der sorgfltig verhllten Lampe, an
ihrem Tischchen neben ihm; um von seinen traurigen Gedanken ihn abzuziehen,
hatte sie versucht ihm vorzulesen, schlug aber das Buch wieder zu, als sie
gewahr wurde, wie ihre Worte unbeachtet an ihm vorber glitten.
    Ist er gestorben? fragte sie leise, mit zitterndem Tone, als sie die Thre
hinter sich ffnen hrte, ohne nach dem Eintretenden sich umzusehen.
    Er lebt und vielleicht drfen wir wieder zu hoffen wagen, denn Iwan Yakuchin
ist es doch den Sie meinen? antwortete eine weit sonorere Stimme als die ihres
alten Dieners Jegor war, die sie zu vernehmen erwartete; erschrocken sprang sie
von ihrem Sitze auf, und Frst Eugen stand vor ihr.
    Seit zehn Tagen zum erstenmal, ruht der zerrttete Geist des Armen in tiefem
Schlummer von seinen langen Qualen aus; mge diese Nachricht es entschuldigen,
da ich gegen Ihr Verbot mich hier einzudrngen wage: sprach Eugen mit der ihm
eignen, ihn so wohl kleidenden Herzlichkeit.
    Noch ehe Frau Karoline nur ein Wort antworten konnte, flog ihr Mann mit
Blitzesschnelle von seinem Sopha, wie ein Pfeil von der Sehne auf. Die Gegenwart
Eugens wirkte auf ihn mit magischer Gewalt, er verga da er sterbend sei,
suchte in der entferntesten Zimmerecke seine goldbetroddelte Mtze hervor, wo
sie seit vielen Tagen vllig unbeachtet geruht hatte, verlor darber in der Eile
einen seiner Pantoffeln von gesticktem Saffian, der weit weg, quer ber den
Fuboden hingeschleudert wurde, bemerkte jetzt mit einemmal seine sehr
vernachlssigte Toilette, fing an sich gewaltig seines Schlafpelzes von
astrachanischem Lmmerfelle zu schmen, in welchem sonst kein fremdes Auge ihn
erblicken durfte, und kam ber dem Allen dermaen auer Fassung, da er nicht
anders sich zu helfen wute, als indem er einen gewaltigen Anlauf nahm, mit
gleichen Fen wieder auf das Sopha sprang, und eiligst in der Stellung eines
Todtkranken sich darauf hinwarf.
    Ungeachtet groe Thrnen noch in ihren Augen perlten, mute Frau Karoline
ber die Hastigkeit, mit der dieses Alles vollbracht wurde, laut auflachen;
Eugen konnte sich nicht enthalten ihrem Beispiele zu folgen, und auch der
Kapellmeister stimmte zuletzt mit ein, und lachte lauter als die Andern ber
sein eignes wunderliches Treiben.
    Die Lampe wurde von ihrer Umhllung befreit, das Zimmer wie gewhnlich
erleuchtet, der Kapellmeister ber sein astrachanisches Lmmerfell getrstet,
der Befehl, jeden weitern Besuch abzuweisen, der Dienerschaft wiederholt
eingeschrft, und in weniger als zehn Minuten saen die drei Freunde in
traulicher, wenn gleich nicht frhlicher Mittheilung beisammen. Rede und
Gegenrede erleichterten ihnen die beklommene Brust, sie fhlten, wie der Mensch
nie des Menschen mehr bedarf, als in Trbsal und Schmerz.
    Einsamkeit, so wnschenswerth sie dem Trauernden auch erscheinen mag, ist
alsdann unser grter Feind: alles ausschlieende Einsamkeit, die keine ist,
noch sein kann! denn wer entfloh jemals seinen eigenen dstern Gedanken? In
Mittheilung aber geht das Herz uns wieder auf; und wenn auch die Freunde nicht
immer begreifen was und wie wir leiden, wenn sie auch durch ungeschicktes
Trstenwollen die Wunde, die sie heilen mchten, vielleicht zu unsanft berhren,
so lernen wir doch, indem wir ihm Worte leihen, unser Unglck und auch uns
selbst besser verstehen, und treten wieder in die allgemeine Bahn des Lebens
ein, von der man ohne Gefahr nie abweichen darf.
    Das Geschick des Einzelnen verschwindet in dem gewaltigen Lebensstrome, der
das kolossale Petersburg durchbrauset, wie der einzelne Regentropfen in den
Wellen der Newa sich verliert; und so war denn auch erst an diesem nmlichen
Tage, und nur durch Zufall, die Kunde von Iwans lebensgefhrlichem Zustande
durch des Kapellmeisters selbst gewhlte Abgeschiedenheit von der Auenwelt bis
zu diesem durchgedrungen. Ein dumpfes Gercht lie sogar Iwans Tod befrchten,
und die gutmthigen Menschen hatten sogleich ihren treuesten Diener um Nachricht
von dem Leben oder Tode des Jnglings ausgesandt, den ber ihren eigenen Schmerz
so ganz vernachlssiget zu haben, sie jetzt sehr bereueten. Treuer,
umstndlicher, als Jegor diese bringen konnte, hofften sie jetzt von Eugen sie
zu erhalten.
    Nicht ganz unbefangen, suchte Eugen, aus leicht zu errathendem Grunde, ber
den ersten Ausbruch von Iwans Krankheit so schnell als mglich hinwegzueilen,
und erwhnte nur, da sein Brudex Alex und Richard, in todtenhnlicher
Betubung, von der er auf der Strae pltzlich befallen worden wre, ihn in
seine Wohnung gebracht htten.
    Mehrere Stunden vergingen, ehe er aus tiefer Ohnmacht erwachte, fuhr Eugen
sehr bewegt fort: doch welch ein Erwachen war das! so mag dereinst am Tage des
Weltgerichts das Erwachen des zu ewigen Hllenqualen verdammten Snders sein. In
wilder, nur gewaltsam zu bndigender Raserei, kmpfte der Unglckliche mit den
grlichsten Greuelbildern seiner Phantasie! und zehn ganze Tage, zehn endlose
Nchte hindurch, hat keine Minute Schlaf, kein einziger heller Augenblick, sein
grnzenloses Leiden unterbrochen! Die Sorge fr die Pflege des Armen blieb
Richard allein berlassen; ich und mein Bruder waren durch anderweitige Pflicht
zu ernstlich in Anspruch genommen, um sie mit ihm theilen zu knnen, und so
durfte er Tag und Nacht von Iwans Seite nicht weichen. Auch nur fr eine Stunde
ihn Fremden zu bergeben, durfte Richard nicht wagen, denn wie leicht konnten
Iwans wilde unzusammenhngende Reden - - Eugen stockte hier in sichtlicher
Verwirrung, fuhr aber nach kurzem Besinnen wieder fort: wie leicht, wollte ich
sagen, kann bei der Pflege Gemthskranker dieser Art die kleinste
Vernachlssigung die traurigsten Folgen nach sich ziehen! In welchem Zustande
aber unser Freund Richard sich jetzt befindet, wie abgespannt, wie an allen
Krften erschpft, mgen Sie selbst ermessen.
    Und Iwan! hoffen Sie wirklich? wird er genesen? wird er leben? fragten beide
zugleich, Lange und seine Frau.
    Die Jugendkraft unterliegt endlich, die in seiner Qual unerschpflich
schien, erwiederte Eugen. Iwan schlft, tief und fest.
    Er ist todt? rief der Kapellmeister.
    Er schlft, war die sehr gemessene Antwort Eugens: er schlft, und der
treuste aller Freunde, beinahe nicht minder Ruhe bedrfend als der Kranke, sitzt
neben seinem Lager und bewacht seine Athemzge. Der eilfte Tag ist heute, nach
dem Ausspruche des Arztes, der entscheidende ber Leben und Tod. Iwans ruhiger
Schlaf giebt uns einige, wenn gleich schwache Hoffnung. Mit dieser Nachricht
schickt mich Richard zu Ihnen, und wnscht zugleich zu erfahren ob Julie um
Iwans traurigen Zustand wei, und wie sie - -
    Halt! halt! halt! nur den Namen und noch Einen nicht! schrie der
Kapellmeister, und hielt in zitternder Hast beide Ohren sich zu.
    Und Sie wten nicht? Sie und auch Richard wten wirklich nicht, welche
unerhrte Schndlichkeit, welcher Verrath an Allem, was dem Menschen heilig sein
mu, den armen Iwan rasend machte, ihn vernichtete? rief zu gleicher Zeit Frau
Karoline in ungewhnlicher Heftigkeit.
    Eugen erbleichte ber die Auslegung dieser Worte, die wider seinen Willen
sich ihm aufdrngte. Unmglich konnte Iwans Krankheit, die berdem erst vor
einigen Stunden ihnen bekannt geworden war, die einzige Veranlassung des tiefen
Schmerzes sein, der in dem ganzen Wesen dieser beiden sich aussprach, und noch
weniger der vlligen Zurckgezogenheit, in der sie seit mehreren Tagen ganz
gegen ihre sonstige Weise lebten. Das bedachte er erst jetzt; auch wie sie mit
Herz und Seele ihren Kaiser verehrten, wie sie auf Leben und Tod, in
unverbrchlicher Treue ihm ergeben waren, und hell und deutlich leuchtete der
furchtbare Gedanke in ihm auf, sie wissen um das Geheimni jener Nacht, in
welcher Iwans Krankheit ausbrach, und Torson, der jetzt sich nirgends finden
lt, hat es ihnen verrathen. Regungslos, fassungslos, stand Eugen wie
versteinert da, und wute nicht wohin er die Blicke wenden sollte.
    Julie ist nicht mehr bei uns - auch seit zehn Tagen - uns verlassen - mit
Torson entflohn - heimlich in dunkler Nacht: - brachte Frau Karoline mit
abgewandtem Gesicht, in kurzen abgebrochenen Stzen mhsam hervor.
    Gott sei Dank, da es nichts Schlimmeres ist! htte Eugen beinahe berlaut
gerufen; glcklicher Weise besann er sich noch zu rechter Zeit, und nur ein tief
geholter Seufzer, den seine treuherzigen Freunde seiner Theilnahme an ihrem
Kummer zuschrieben, half ihm die bange Sorge abschtteln, die ihn eben um
Fassung und Besinnung bringen wollte.
    Wer mag es mir verdenken, da die Gesellschaft und das Leben in ihr, und die
sogenannten guten Freunde, und alle die freundlichen Leute um mich her seit
dieser Erfahrung mir so widrig ekelhaft vorkommen, da ich von dem allen nichts
mehr hren noch sehen mag? nahm jetzt Lange mit dem Ausdrucke der tiefsten
innersten Trauer das Wort, der an dem sonst immer heitern, freundlichen Manne
nur um so rhrender erschien. Du Karoline, fuhr er fort, bist ein treues Herz
und ohne Falsch, Du allein, und nur an Dich allein will ich mich halten, und an
Dich glauben, und sonst an keinen Andern. Thu' mir nur noch den einzigen
Gefallen und stirb mir nicht, so lange ich noch lebe; hernach magst Du es halten
wie Du willst. Ohne Dich knnte ich ja nimmermehr zurecht kommen, mir mte ja
sein, als wre die liebe Sonne vom Himmel gefallen.
    Helle Thrnen rollten bei diesen Worten ihm ber die Wangen; Frau Karoline
drckte schweigend ihr Gesicht in ihr Taschentuch; Eugen war durch das seltsame
Wesen des Kleinen zu bewegt, um ein Wort aufbringen zu knnen.
    Wie haben wir das Kind geliebt! fing der Kapellmeister nach einer kleinen
Weile wieder an; auf Hnden getragen haben wir sie. Und sie konnte uns
schmeicheln, uns schn thun, und viele Monate lang Trug und Verrath im Herzen
hegen! Ja, das konnte sie, ein kaum neunzehnjhriges Geschpf, noch halb ein
Kind! Nie werde ich darber getrstet werden, das kann ich nie vergessen noch
verwinden. Denn es ist mir nicht um Julien allein. Es ist mir weit mehr darum,
da so etwas wirklich geschehen, da der Mensch so schlecht werden kann. Das ist
es, was Muth, Vertrauen und alle Lust am Leben in mir vernichtet; klagte er mit
rhrender Beredsamkeit, die an ihm, der sonst fast nur in Tnen sprechen konnte,
hchst seltsam auffiel.
    Alle Drei saen schweigend da. Ich habe keinen Bruder, nie einen gehabt,
sprach Lange dann weiter; aber htte ich einen, und wre er mein
Zwillingsbruder, der mit mir zugleich unter dem Herzen meiner Mutter geruht, und
htte ich zeitlebens nichts anderes gethan, als fr diesen Bruder gesorgt, und
er ginge nun in einer bsen dunkeln Stunde hin, und raubte mir Alles, so da mir
nichts brig bliebe, als das kahle Leben, und die Luft, die ich einathme, - ich
wei gewi, ich fnde noch etwas aus, das ihn entschuldigte. Noth hat ihn
getrieben, mein Bruder wute nicht was er that, in einem unbewachten Augenblicke
ist der Teufel in sein Herz eingezogen, wrde ich sagen und auch denken. Aber
diesen fein ausgesonnenen Plan Wochen, ja Monate lang mit sich herumtragen,
tglich, stndlich uns heuchelnd betrgen, und dabei aussehen wie das Bild der
Unschuld, - das kann die ewige Barmherzigkeit selbst nicht vergeben, und der
Gedanke, wie schlecht es der Unglcklichen vielleicht in dieser Stunde schon
ergehen mag, peinigt mich alten Narren weit mehr, als es fr mich anstndig
wre.
    Eugen wollte jetzt ein paar begtigende Worte einzuschieben versuchen, er
nannte Torson, aber der Kapellmeister fuhr darber sehr heftig auf.
    Das ist ja eben der zweite Name, den ich nie wieder zu hren wnsche, mein
Frst! rief er mit zornblitzenden Augen; der ist es ja eben, und doch darf man
kaum ihn anklagen, denn gegen seine Mitschuldige gehalten, steht er rein und
klar, wie ein Engel des Lichts da; seine Schuld wird, verglichen mit der
ihrigen, winzig klein. Wahr ist es, er hat mich betrogen; aber warum lie ich
mich betrgen, da ich es hindern konnte? Nicht er, meine Blindheit, und da ich
zu feig war die Augen aufzuthun und um mich zu schauen, tragen die Schuld. Wenn
jene Verlorne unglcklich wird, wer gab die erste Veranlassung dazu? ich selbst!
und das ist ein Wurm mehr, der mir am Gewissen nagt. Ich htte jenen verkappten
Satan entlarven, ihn durchschauen mssen; ich war gewarnt durch meine Hausfrau,
die immer zehnmal so gescheit ist als ich; aber weise Worte verhallen unbeachtet
in einem thrichten Ohr.
    Weise Worte! meine Weisheit! rief Frau Karoline bitter lachend; meine eitle
Einbildung war es, die mich abhielt, Dir alles weit dringender vorzustellen.
Gebrechlichkeit, Dein Nam' ist Weib! ich habe dem Prinzen Hamlet diesen
ungezogenen Ausspruch immer sehr bel genommen, doch diesesmal mu ich ihm
beistimmen. Htte ich nicht alles allein vollbringen wollen, htte ich nicht in
schnder Sicherheit auf meine Vorsicht gebaut, und gemeint ich wre - doch was
hilft uns das alles jetzt - damals wre es noch Zeit gewesen Dir die Augen zu
ffnen, indem ich Dir alles weit klarer und dringender vorstellte, als ich es
leider gethan, jetzt ist es zu spt. Julie ist verloren, und der arme
unglckliche Iwan ebenfalls. Ich htte beide retten knnen. Ach! der bel
grtes ist die Schuld!
    Die Bahn war gebrochen; Frau Karoline war, sich selbst unbewut, wieder in
ihre gewohnte Weise gerathen, und Eugen erhielt endlich von ihr einen
umstndlichen Bericht von Juliens Flucht, oder Entfhrung, wie er lieber es
nennen mochte.
    Beide, Julie und Torson, hatten bis zur letzten Stunde jede Vermuthung ihres
Vorhabens durch ihr Betragen von sich fern zu halten gewut. Nur am Abende des
letzten Tages, den sie in dem gastlichen Hause zubrachte, klagte Julie ber
einen leisen Anflug von Migrne, der sie zuweilen unterworfen war. Der Schmerz
steigerte sich oft zu einem hohen Grade, hielt aber nie lange genug an, um
ernstliche Besorgni zu erregen. Frau Karoline rieth ihr, sich gleich zur Ruhe
zu begeben, wie sie in solchen Fllen immer that, half ihr sich unbemerkt aus
der Gesellschaft zu entfernen, in welcher auch Iwan und Lunin gegenwrtig waren,
und begleitete sie auf ihr Zimmer.
    Dort versprach sie jedes Gerusch von der mit jeder Minute scheinbar mehr
Leidenden mglichst fern zu halten, vor allen Dingen aber sie nicht wecken zu
lassen, und sollte sie darber auch den Mittag verschlafen. Alles das war in
hnlichem Falle schon unzhligemal geschehen, und konnte unmglich als etwas
Ungewhnliches auffallen. Frau Karoline umarmte Julien, wnschte ihr eine
leidliche Nacht, und ging.
    Ging! und das verstockte Kannibalen-Herz uerte nicht das kleinste Zeichen
von Rhrung bei dem letzten Abschiede von einer Frau, die ihr stets mtterliche
Liebe bewiesen; rief hier der Kapellmeister dazwischen.
    Sie wute nicht, da es der letzte sei; erwiederte Eugen, und legte
betheuernd seine Hand auf die Brust. Frau Karoline fuhr in ihrer Erzhlung fort.
    Die Mittagsstunde war lngst vorber, Julie hatte sich nicht blicken lassen,
Frau Karoline fand die Thre ihres Zimmers verschlossen; sie pochte, erst leise,
dann lauter, dann rief sie Juliens Namen. In liebender Besorgni schlo sie mit
ihrem Hauptschlssel endlich das Zimmer auf, Julie war nicht darin; sie ist frh
ausgegangen, um in freier Luft das fatale Kopfweh verwehen zu lassen, und hat
bei dem herrlichen Wetter wohl daran gethan: dachte die arglose Frau und begab
sich ruhig an ihre huslichen Geschfte.
    Die Zeit des Mittagessens kam heran; einige Freunde des Hauses stellten wie
gewhnlich sich ein, nur Torson nicht, der doch selten auszubleiben pflegte. Und
noch immer von Julien keine Nachricht! Der Kapellmeister versuchte es, die jetzt
nicht lnger zu verhehlende Besorgni seiner Frau wegzulachen, versicherte, die
Vermite habe auf einem Besuche bei, in einem weit entfernten Quartiere der
Stadt wohnenden Freunden, sich versptet, und sei bei ihnen zu Tische geblieben.
Der Fall war schon einigemale vorgekommen, Frau Karoline gab sich Mhe auch
diesesmal daran zu glauben, sie zeigte ihren Gsten ein heitres Gesicht, doch
innerlich stieg ihre Angst mit jeder Minute.
    Dieser Zustand war nicht lange zu ertragen, die Unruhe trieb sie fort von
der Gesellschaft auf Juliens Zimmer, was sie dort wollte, war ihr selbst nicht
klar; ohne Zweck und Ziel irrte sie in den ihr wohlbekannten Rumen umher, die
Thre von Juliens Garderobe stand halb offen, Frau Karoline wollte sie
schlieen, warf zufllig einen Blick hinein, und was sie dumpf ahnend
befrchtet, ohne es sich selbst zu gestehen, stand mit einemmale deutlich als
Wirklichkeit vor ihr.
    Die Garderobe war fast ganz leer, der grte Theil von Juliens Wsche und
Kleidern fehlte, nebst allem, was sie auf einer weiten Reise nthig haben
konnte. Was sie an Schmuck und andern Kostbarkeiten besessen, mit denen Torson
in der letzten Zeit sie so verschwenderisch beschenkt hatte, war bei nherer
Untersuchung ebenfalls verschwunden, zugleich alle jene, ihr sehr werthen
namenlosen Kleinigkeiten, die sie in Knigsberg und Petersburg von Freunden zum
Andenken erhalten und heilig aufbewahrt hatte.
    Alles was sie von ihren Habseligkeiten zurckgelassen, lag brigens in
gewohnter Ordnung da, nirgends eine Spur von bereilter Flucht; aus Allem ging
hervor, da diese Vorkehrungen zu derselben schon tage-, vielleicht wochenlang
vorher getroffen worden waren; an Gewaltthat war hier gar nicht zu denken.
    Tausend bittre und schmerzliche Gefhle strmten bei dieser Entdeckung auf
die arme Frau ein; als ihr Mann sie endlich aufsuchte, fand er sie in einem fast
besinnungslosen Zustande, auf sein ngstliches Rufen eilte das ganze Haus
herbei. Sie kam bald wieder zu sich selbst, war aber zu ergriffen, zu
erschrocken, um das Ereigni, welches sie in diesen Zustand versetzt hatte,
gleich bekannt werden zu lassen.
    Alle Diener wurden verhrt, doch nur zwei derselben konnten einige Auskunft
geben, das Kammermdchen Katinka, und ein in einem permanenten Branntweinrausche
lebender Ofenheizer, Nikita. Die brigen hatten smmtlich nichts gesehen noch
gehrt.
    Katinka, deren Schlafkammer Wand an Wand mit Juliens Zimmer lag, obgleich
keine Thre von dort aus in dasselbe fhrte, wollte am vorigen Abend, bis spt
in die Nacht hinein, ein leises Flstern und Hin-und Hergehen bei Julien bemerkt
haben; zugleich ein Gerusch, als ob Schrnke vorsichtig geffnet, und
Schiebefcher aus Kommoden hervorgezogen wrden. Sie hatte lange darauf
gehorcht, da aber brigens alles im Hause ruhig blieb, war sie endlich darber
eingeschlafen.
    Nikita hatte schon Bedeutenderes vorzutragen. Er pflegte gewhnlich den
ersten Absatz der Treppe vor Juliens Zimmer zur Lagersttte sich zu erwhlen,
und hatte auch in der vergangenen Nacht, in seine Decke gehllt, sich quer ber
denselben gebettet. Er versicherte, besonders seit einiger Zeit, an dieser
Stelle viel von Gespenstern gelitten zu haben, die Nachts ber ihn
hinwegstiegen; da sie aber brigens ihm nichts zu Leide gethan, habe er sich
dadurch weiter nicht im Schlafe stren lassen. Diese Nacht aber habe eines davon
ihm so derb auf den Magen getreten, da er wohl die Augen habe aufthun mssen;
und da sei er eben eine verschleierte Dame gewahr worden, die ber ihn
wegstolperte, und wahrscheinlich die Treppe hinunter gefallen wre, htte Herr
Torson sie nicht in seine Arme aufgefangen. So viel er bei dem unsichern
flackernden Scheine der kaum noch glimmenden Treppenlampe habe urtheilen knnen,
sei die Dame die Frau Kapellmeisterin selbst gewesen, Herrn Torson aber habe er
deutlich erkannt, denn dieser habe sein Rohr mit dem goldnen Knopfe ihm um den
Kopf sausen lassen, und ihm ganz leise ins Ohr geschrieen: Narr! ducke Dich und
schlaf'!
    Nun, da habe ich mich denn unter meine Decke geduckt, und habe geschlafen;
denn Gehorsam mu sein, setzte Nikita mit groer Selbstgeflligkeit hinzu.
    Sie ist entfhrt! gewaltsam entfhrt! rief Eugen.
    Rechnen Sie denn das heimliche Hinwegschaffen ihrer Effecten fr nichts? und
der baumstarke Nikita lag zu ihren Fen, auf einen Wink von ihr zu ihrem
Beistande bereit; ein einziger Schrei htte alle Bewohner des Hauses um sie
versammelt; eiferte Frau Karoline.
    Armer, unglcklicher Iwan! wie verstehe ich erst jetzt dich so ganz! seufzte
Eugen.
    Ja wohl unglcklich! setzte Karoline hinzu. Gerade im Augenblicke, als jede
Mglichkeit eines Zweifels uns entschwunden war, kam er. Wir konnten ihm nichts
verhehlen; der Zustand, in welchem er uns fand, und unsre Umgebungen verriethen
ihm Alles. Was er begann, was er sprach, ich wei es nicht; sein Anblick raubte
mir vollends den kleinen Rest von Besinnung. Spter vernahm ich, da er das
ganze Haus, vom Boden bis zum Keller durchsuchte, und dann gleich einem
Wahnsinnigen hinaus auf die Strae strzte. Jegor folgte ihm aus freiem Willen;
der gute Alte konnte ihn nicht einholen, aber er verlor ihn nicht aus dem
Gesicht, bis er in einem, zu den Hintergebuden des Palais Ihres Herrn Vaters
gehrenden Hofe, in eine Seitenthre ihn verschwinden sah. Jegor wartete eine
Weile auf seine Wiederkehr, umging dann mehreremale das ganze Gebude,
erkundigte sich bei dem ihm bekannten Portier, ob er Iwan Yakuchin nicht
gesehen, und begab sich dann nach Hause, mit der beruhigenden Nachricht, da
Iwan unter der Obhut von Freunden wenigstens in Sicherheit sei. Seitdem haben
wir bis heute Morgen nichts weiter von ihm vernommen, und sehnten uns auch nicht
darnach. Da er uns mied, fanden wir ganz natrlich, denn was konnte er zu
unserm, was wir zu seinem Troste beitragen?
    Jene Seitenthre, die Jegor erwhnte, ist ein in eine andre Strae fhrender
Durchgang, das konnte er freilich nicht wissen, erwiederte Eugen ein wenig
betroffen; haben die Nachforschungen der Polizei, die Sie gewi veranstalten
lieen, keine Spur von den Entflohenen entdeckt? fragte er dann mit hastiger
Lebendigkeit.
    In frhester Morgendmmerung will man ein paar Personen, die sie der
Beschreibung nach wohl gewesen sein knnten, in der Gegend des Hafens gesehen
haben, wo einige der kleinen Schiffe eben segelfertig lagen, welche uns
alljhrlich Frchte, Blumen und Singvgel aus Danzig und Knigsberg bringen,
aber nur fr Passagiere aus den niedern Stnden eingerichtet sind; sprach der
Kapellmeister. Und nun, mein Frst, wenn Sie mir wirklich wohlwollen, kein Wort
wieder von Jenen! es sei als wren sie nie gewesen, ich bitte instndigst darum:
setzte er auf eine Weise hinzu, aus welcher deutlich hervorging, wie ernstlich
diese Bitte gemeint sei.

Iwan lag indessen in ununterbrochenem todtenhnlichem Schlummer; nur ein kaum
merkbarer Lebenshauch, der zuweilen die mde Brust langsam senkte und hob, war
das einzige Zeichen, da er dem Grabe noch nicht ganz verfallen sei. Verborgen
kmpfte indessen in seinem Innern die Natur den harten Kampf auf Leben und Tod,
seine Jugendkraft siegte, das Fieber wich, mit ihm der Wahnsinn, der so lange
den Armen mit glhenden Krallen gefesselt gehalten, und Iwan erwachte nach vier
und zwanzig Stunden, matt, todesmatt, aber er lebte doch noch, und war dem
Bewutsein wiedergegeben.
    Unter Richards und seiner Freunde treuer Pflege stellte in der Folge die
Hoffnung, ihn dem Leben zu erhalten, sich tglich fester; zwar blieb er lange
noch kraftlos, wie ein krankes Kind, doch jedes wahrhaft beunruhigende Symptom
war verschwunden; sein Blut bewegte sich ruhig, kein Fieber jagte es mehr in
ungestmen Wogen vom Herzen zum Herzen. Man durfte allmlig mit Gewiheit darauf
rechnen, den langsam Genesenden bald ganz erkrftigt zu sehen; und da er jetzt
auch anfing, an dem was auer ihm vorging, einigen Antheil zu nehmen, sogar
mitunter auf mannigfaltige Art, so viel es seine Schwche erlaubte, sich zu
beschftigen, so stand Richard nicht weiter an, ihn tglich ein paar Stunden der
Obhut seines Dieners allein zu berlassen, auf dessen wachsame Sorgfalt er
rechnen durfte.
    Doch wie gro war sein schmerzliches Erstaunen, als er eines Tages, etwas
spter als gewhnlich, zu ihm zurckkehrte, und in einem ganz vernderten
Zustande ihn fand, der von nun an sich tglich verschlimmerte, ohne da es
mglich gewesen wre die Veranlassung desselben zu entdecken, oder auch nur fr
das bel das den Unglcklichen innerlich zerstrte einen Namen zu finden. Kalt,
bewegungslos, wie vom Starrkrampf gefesselt, lag er todtenbleich auf seinem
Lager hingestreckt. Abgemagert bis zum Skelett, kaum noch der Schatten von dem
was er gewesen, verschmhte er fast alle Nahrung, beantwortete keine Frage, nahm
in grenzenloser Apathie an allem, was um ihn her vorging, nicht den mindesten
Antheil. Obgleich er fast immer mit geschlossenen Augen dalag, schlief er doch
selten und nur auf kurze Augenblicke wirklich ein. Die rzte, welche seine
Freunde um ihn her versammelten, verkannten keineswegs das Gefahr drohende
dieses Zustandes, aber er blieb ihnen unerklrlich, um so mehr, da kein Symptom
eigentlichen wirklichen Krankseins sich zeigte, das ihnen htte zum Leitfaden
dienen knnen.
    In seiner groen Besorgni wandte Richard sich endlich an den ersten
Leibarzt des Kaisers, und dieser lie, auf Frsprache des Frsten Andreas, sich
bewegen den Kranken zu besuchen; mochte aber ebenfalls, eben so wenig als seine
Kollegen, einen entscheidenden Ausspruch hier wagen. Der Fall schien ihm
indessen merkwrdig genug, um zu einem zweiten Besuche ihn zu veranlassen; er
nahm Platz neben des ganz regungslos daliegenden Iwans Lager, und beobachtete
ihn schweigend mit angestrengtester Aufmerksamkeit, whrend Eugen und Richard,
hinter ihm stehend, sich ziemlich leise mit einander im Gesprch unterhielten.
    Eugen sprach von einem merkwrdigen Naturereignisse, das sich vor kurzem in
der Umgegend von Tiflis begeben. Tiflis? rief pltzlich der Leibarzt: Tiflis?
wiederholte er: sprachen Sie nicht von der Stadt Tiflis, am Kaukasus? fragte er
fast berlaut, und Eugen wiederholte umstndlich, was er so eben seinem Freunde
erzhlt hatte.
    Da Iwan, der bis dahin wie versteinert dagelegen, bei Nennung jenes Namens
wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen fuhr, was weder Eugen
noch Richard gewahr worden waren, war dem gebten Blicke des trefflichen Arztes
nicht entgangen.
    Ein merkwrdiges Ereigni gleich diesem, nahm er jetzt laut und deutlich das
Wort, wre schon an und fr sich hinreichend, es jedem eifrigen Freunde der
Natur ewig bedauern zu lassen, da jenes schne Land uns so fern liegt! Die
Reise dorthin ist berdem mit so groen und vielen Schwierigkeiten verknpft,
da sie nur wenigen, von Umstnden besonders Begnstigten, mglich werden kann.
Wenig Himmelsstriche sind von der Natur so reich ausgestattet als der Kaukasus,
besonders aber die Umgebungen von Tiflis. Jahrelang, mit tglich erneutem
Interesse knnte man im eifrigsten Naturstudium dort verweilen. Die siedendhei
den Felsen entsprudelnden Heilquellen stehen keinen in der Welt an Wirksamkeit
nach. Ich selbst habe das kaukasische Gebirge zwar nur aus der Ferne, und Tiflis
leider gar nicht gesehen, als ich auf Befehl unsers Kaisers, die noch viel zu
wenig gekannten Gesundbrunnen bei Konstantinogorsk, besonders den Sauerbrunnen
von Kislawodsk untersuchen mute; letzteren knnte man fglich die Quelle ewiger
Jugendkraft nennen.
    Doch schon um Kislawodsk herum, gleicht das Land den Beschreibungen der
paradiesischen Wohnung unsrer ersten Eltern, fuhr der Arzt in lebhafter
Begeisterung fort; wie schn mag es erst jenseits des Gebirges, um Tiflis herum
sein. Bei einem Kunstfreunde sah ich vor einigen Tagen mehrere, von dem seit
einigen Jahren dort wohnenden berhmten Maler, Karl von Kgelgen, der Natur treu
nachgebildete Landschaften, und konnte mich kaum wieder davon los machen. Der
Kaukasus gleicht weder den Schweizer Alpen, noch dem schottischen Hochgebirge,
alles ist anders, aber nicht minder herrlich. Ein eigner Charakter, im
wundervollsten Wechsel nordischer Erhabenheit und sdlicher ppigkeit, zeichnet
jene Gegenden vor allen Andern aus.
    Sogar Eugen und Richard wurden jetzt zu ihrem hchsten Erstaunen gewahr,
welche fast magische Gewalt die Rede des Arztes auf Iwan bte. Der Starrkrampf,
der so lange ihn gefesselt gehalten, wurde wie durch einen Zauberspruch
pltzlich gelst, die Zge seines Gesichts gewannen wieder Farbe, Leben und
Ausdruck, seine Brust hob sich leichter athmend, wie neu beseelt. Tagelang hatte
er regungslos wie eine Leiche dagelegen, und jetzt vermochte er sogar mit eigner
Kraft sich im Bette aufzurichten, und als der Arzt den Maler Kgelgen erwhnte,
zog er eine kleine unscheinbare Mappe hervor, die er unbemerkt bei sich
verborgen gehalten, und benetzte sie mit einem Strom von Thrnen, den ersten
vielleicht, die er seit seiner Kindheit geweint.
    Das bel, das mit verzehrender Gewalt ihn befallen, war jetzt nicht mehr zu
verkennen; eben jene kleine unscheinbare Mappe hatte den Ausbruch desselben
veranlat, oder doch wenigstens beschleunigt. Lange hatte sie unbeachtet, sogar
vergessen, unter andern Papieren begraben, in Iwans Schreibtisch gelegen, als
dieser whrend Richards Abwesenheit auf den Einfall kam, hier einmal Ordnung
stiften zu wollen. Die Mappe fiel ihm in die Hnde; ohne deutlich sich zu
erinnern, was sie enthielt, ffnete er sie, und umgeben von Grten und Bumen,
von hohen majesttischen Felsengruppen umfriedet, lag das lndliche Haus seines
Vaters vor ihm. Karl von Kgelgens Meisterhand, der jetzt schon ebenfalls, fern
von seinem gemordeten Zwillings-Bruder den langen Schlaf schlft, hatte vor
vielen Jahren, skizzenartig, aber geistreich und treu, diese Zeichnung
entworfen, und bei seinem Abschiede von Iwans gastfreien Eltern, sie ihnen zum
Andenken hinterlassen. In der Staffage des Vordergrundes waren sogar einige
Figuren angebracht, denen im leichtesten Umri unverkennbare hnlichkeit mit
Iwans Eltern und Geschwistern aufgedrckt war.
    Heimweh, tief und verborgen an den Grundfesten seines Lebens nagendes
Heimweh ergriff hynenartig bei diesem Anblicke den Sohn des Gebirges, und
berwltigte den kaum Genesenden vllig. Er mute diesem wunderbaren, in tausend
verwirrenden Gestaltungen sich zeigenden bel geistig und krperlich erliegen,
das nur in bleibendem Wahnsinne oder im Tode enden kann, wre es nicht noch zur
rechten Zeit erkannt worden, um das einzige Mittel das davon heilen kann
anzuwenden, welches aber auch in seiner Wirkung nie tuscht: Wiedersehn!
    Schnell, krftig, ohne Sumen, muten jetzt alle Anstalten getroffen werden,
den Unglcklichen zu retten, und durch die gesicherte Hoffnung baldiger
Rckreise in sein Vaterland ihn vor einem Rckfalle zu bewahren, der ihn vllig
dem Untergange zugefhrt haben wrde. Der kaiserliche Leibarzt stellte ihm ein
Zeugni aus, mit dessen Hlfe es dem Frsten Andreas gelang, ihm zu
Wiederherstellung seiner Gesundheit Urlaub auf unbestimmte Zeit zur Rckkehr in
sein Vaterland auszuwirken. Whrend dessen wurden die besten Maregeln
getroffen, um Iwans Anverwandte von seinem Zustande und seiner baldigen Ankunft
zu benachrichtigen; was allerdings in jenen fernen oft unruhigen Gegenden nicht
so leicht auszufhren ist als bei uns, wo Herr von Nagler Postillionen und
Postpferden Flgel anzusetzen wei.
    Zuletzt mute auch Richard sich entschlieen den Freund, fr den er schon so
viel gethan und gelitten, zu begleiten, den man, aus verschiedenen Grnden, auf
einer so weiten Reise nicht wagen durfte, nur sich selbst und der Obhut eines
Dieners zu berlassen.

Betragen wir uns nicht wie Kinder? und zwar wie recht verzogene, verwhnte
Kinder, die sich anstellen, als ob wunder groes Unrecht ihnen widerfhre, wenn
es nun endlich heit: fr heute ist es genug, morgen kommt wieder ein Tag:
sprach Helena lchelnd zu ihrem im bangen Vorgefhle des nahen Abschieds
versunkenen Freunde.
    Morgen! seufzte Richard, und welche Reihe unheilbringender Tage, die ich
fern von Dir hinleben mu, wird vielleicht dem folgen, der morgen anbricht!
Helena! wtest Du, wre es mglich da - doch nein. Aus einigen uerungen, die
Dir zuweilen entschlpfen, mchte es mir zwar scheinen, als ob - doch es ist
unmglich. Wie knntest Du in dieser heitren Unbefangenheit verharren, wenn Du
nur auf das Entfernteste ahnetest, welche Greuel eine Menschenbrust, dicht neben
Dir, verschlieen kann! Morgen reise ich! wer kann vorhersehen, ob meine
Entfernung von Dir sich nicht ber die ihr vorgezeichnete Grenze ausdehnen wird?
Ich gehe mit beklommener Brust und centnerschwerem Herzen. Gieb mir den einzigen
Trost mit auf den Weg, der einigermaen mich beruhigen kann; gestehe mir nur das
Einzige, weit Du, oder kannst Du wenigstens errathen, was es ist, das, gerade
in dieser Zeit, auch die krzeste Trennung von Dir und den Deinen mir so
ungewhnlich, so grenzenlos erschwert?
    Wie magst Du nur mit solchen dunklen Fragen und Anspielungen diese Stunde
uns verderben! erwiederte Helena. Indessen, setzte sie nach kurzem Bedenken
hinzu, da es doch scheinen will, als ob Du ohne meine Antwort nicht mit Dir
selbst fertig werden kannst, so will ich auch hierin Dir willfahren, und Dir
gestehen, nicht was ich blos errathe, denn mit dergleichen pflege ich mich nicht
abzugeben, sondern was ich wirklich wei.
    Mit diesen Worten stand sie auf, und trat dicht vor ihn hin; Richard blickte
forschend sie an, als wolle er durch ihre Augen bis in das Innerste ihrer Seele
dringen; seine zitternde Hand umschlo die ihrigen, die sie ihm ruhig berlie,
sein ganzes Wesen deutete auf heftig gespannte Erwartung; Helena schien das
alles nicht zu bemerken.
    Achte genau auf meine Worte, schiebe keinem derselben eine andere Auslegung
unter, denn wrtlich wie ich es meine, so spreche ich es auch aus, fing sie sehr
ernst und bedeutsam an; was ich wei, sollst Du jetzt erfahren. Frs erste wei
ich, da es Frauen nicht ziemt in Geheimnisse eindringen zu wollen, an welchen
ffentlich Theil zu nehmen ihr Geschlecht ihnen verwehrt. Dann wei ich aber
auch, da Mnner durch halbverstndliche Andeutungen und Fragen ihnen dieses
bescheidene Zurcktreten nicht erschweren sollen, indem sie dadurch obendrein
sich selbst der Gefahr aussetzen, in einem unbewachten Augenblicke das, was
ihnen das Heiligste sein mu, ihr feierlich gegebenes Wort zu verletzen. Sie
drfen nie vergessen, da selbst in dringender Todesgefahr dieser Ausweg ihnen
verschlossen bleiben mu. Schweigend soll der Mann untergehen, schweigend sogar
die Geliebte ins Grab sinken sehn knnen, wenn nur Meineid sie retten kann. Die
schmerzlichste Trennung mte ja einer solchen That unausbleiblich folgen; weit
schmerzlicher als der Tod mu es sein, in dem einst Geliebten einen
Wortbrchigen verachten zu mssen.
    Helena schwieg. Richard schlug, geblendet von der Hoheit, welche in diesem
Augenblicke sie umstrahlte, die Augen nieder. Sie sah ihn lange und fest an; ich
sehe, Du hast mich verstanden, sprach sie leise.
    Sieh nicht so schwarz in unsre schne Welt hinein, in unser an Hoffnungen so
reiches Jugendleben: nahm sie lchelnd wieder das Wort, als Richard in dsterm
Schweigen noch immer vor sich hinstarrte. Was fr ein Unheil ist es denn, das
uns heute bedroht? eine Trennung von hchstens dritthalb Monaten, denn Deinen
Urlaub wirst Du gewi nicht berschreiten wollen. Und nach so viel Sorge, Angst
und Nachtwachen am Krankenbette, bedarfst Du zu Deiner Erholung dieser Reise
fast nicht weniger als Dein Freund, den Du in die Arme seiner Familie
zurckfhren willst. Unbegreiflicher Verrath eines hei geliebten Mdchens hat,
wie ich von Eugen vernahm, den Armen dem Wahnsinne, und beinahe dem Tode
zugetrieben.
    Nicht nur die Untreue der Geliebten, viel Grlicheres noch hat eine Wunde
ihm geschlagen, die keine Zeit heilen kann, sprach Richard.
    Ich denke das Erste allein wre genug, um seinen traurigen Zustand zu
erklren, fiel Helena ihm ein: brigens habe ich, so viel ich wei, ihn nie
gesehen; es wre indiskret, in seine nhern Verhltnisse eindringen zu wollen.
    Richard sah ein, da Helena absichtlich alles vermied, was zu Erluterungen
fhren konnte, denen auszuweichen sie fest entschlossen war; er fgte sich ihrem
Willen, so schwer es ihm auch wurde. Ihre beiden Brder kamen jetzt hinzu, um
den Freund vor seiner Abreise noch einmal zu sehen. Ihre Gegenwart lste jeden
Miton in Richards Gemth, Helena suchte in der gemigteren Stimmung ihn zu
erhalten, die allmlig sich seiner bemchtigte, und die Anmuth ihres Geistes
trug auch diesmal den Sieg davon. Ehe er sich dessen versah, hatte er von der
Geliebten Abschied genommen, um sich nun zu ihrem Vater zu begeben, der ihn
erwartete, und der ruhigere Schlag seines nur noch von wehmthigem
Trennungsschmerze erfllten Herzens, das vorhin in wilder Aufregung tobend, ihm
die Brust zu zersprengen drohte, erschien ihm selbst beinahe wie ein Wunder.

Frst Andreas sa an seinem Schreibtische, als Richard zu ihm hinein trat.
Sorgsam vorbereitet, als glte es einem geliebten, eine lange, nicht ganz
gefahrlose Reise antretenden Sohne, und nicht dem armen namenlosen Fremdlinge,
der weiter keine Ansprche an ihn hatte, als die er gtig ihm gewhren wollte,
lag alles ausgebreitet vor ihm, was zur Annehmlichkeit und Sicherheit von
Richards Reise bis an die fernste Grenze des kolossalen Kaiserreiches beitragen
konnte: Kreditbriefe, Reiseroute, Empfehlungen an die bedeutendsten Bewohner und
an die Behrden der Orte, durch welche sein Weg ihn fhren mute. Daneben lag
das Tagebuch, welches der Frst vor mehreren Jahren auf dieser nmlichen Reise
eigenhndig und sorgfltig niedergeschrieben hatte.
    Richard fand bei diesem vterlichen Empfange keine Worte, um sein dankbares
Gefhl laut werden zu lassen. Doch nicht dieses allein war es, was Athem und
Sprache ihm benahm, noch viel Andres erfllte bis zum berflieen sein Herz. Er
wollte zum stummen Beweise seines Dankes wenigstens die Hand seines Wohlthters
an seine Lippen drcken, der edle Frst zog in vterlicher Umarmung ihn in seine
Arme, an seine Brust, und Richard brach in Thrnen aus; er konnte nicht anders,
es war zu viel fr das ihn berwltigende Gefhl.
    Der Frst war weit davon entfernt, diesen Ausbruch seines Gefhls dem
augenscheinlich Tiefbewegten verargen zu wollen, aber doch hielt er es fr
gerathen, ihn nicht zu bemerken, um nicht in die nchste Veranlassung zu
demselben eindringen zu mssen, welche er dem ihm nicht unbekannt gebliebenen
Abschiedsbesuche bei Helenen zuschrieb.
    Schonend wollte er ihm Zeit lassen sich zu fassen, und nahm deshalb sein
Tagebuch zur Hand, aus welchem er einiges wohl zu Beherzigende ihm mittheilte.
Er sprach viel von den Sitten und Gebruchen der Vlker, mit denen Richard
unterwegs in Berhrung kommen wrde, prie die erfreulichen Fortschritte der
Kultur in Georgien, seit dieses Volk beim Anfange dieses Jahrhunderts, unter dem
Kaiser Paul, sich freiwillig dem russischen Scepter unterworfen, verga aber
auch nicht die wilden Horden der Tschetschen und Tscherkessen zu erwhnen, die
zu groen Ruberbanden vereint, oft gleich einem Heuschreckenheere das Land
berfallen und den Reisenden gefhrlich werden.
    Dann kam er auf die Behandlung des Landbaues, dessen Verbesserung unter
diesem gnstigen Himmelsstriche, in diesem ppig fruchtbaren Boden, seiner
Behauptung zufolge, noch Vieles zu wnschen brig lt; zuletzt erwhnte er das
dortige Fabrikwesen, die Stoffe in Gold, Silber und Seide, die kstlichen
Shawls, die reichen Teppiche jener Lnder. Hier befand sich der gute Frst in
seinem Elemente, frhlichen Muthes schwang er sich auf sein
Lieblings-Steckenpferd, und tummelte sich eine gute Weile zwischen Plnen und
Ideen zur Vervollkommnung jener Fabrikate und Erleichterung der Verbreitung
derselben durch den Handel, ganz lustig herum. Richard hrte, wenigstens
scheinbar aufmerksam, ihm zu, als der Frst, der jetzt ihn ruhiger geworden
glaubte, mitten in Auftrgen, die er in Hinsicht auf jene Plne zum allgemeinen
Besten ihm gab, sich selbst pltzlich unterbrach.
    Bin ich thricht, rief er, Dich da mit Dingen zu behelligen, die
wahrscheinlich ganz auerhalb des Bereichs Deines Wirkungskreises liegen bleiben
werden! Denn das kaukasische Gebirge wirst Du wohl nur von fern erblicken, und
die uralte Stadt Tiflis gar nicht, was mir freilich sehr leid thut. Iwans
Verwandte kommen vermuthlich noch diesseits des Gebirges ihm entgegen, um nach
der ihm zu seiner vlligen Genesung verordneten Heilquelle von Kislawodsk ihn zu
begleiten, die an belebender Kraft freilich ihres Gleichen in der Welt nicht
hat. Auch Dir mchte der Gebrauch dieses wunderbaren Wassers ebenfalls sehr
heilsam sein, aber es wird Dir an Zeit dazu mangeln; Du darfst Deinen, ohnehin
auf ungewhnlich lange Zeit Dir gewhrten Urlaub, in keinem Falle berschreiten,
und in jenen Gegenden, auf schlechten, zum Theil fast ungebahnten Wegen, kommt
man so rasch nicht vorwrts als bei uns. Du hast auch auf die noch schwachen
Krfte Deines Freundes Rcksicht zu nehmen; pflege ihn sorgsam, und fahre ja in
jeder Hinsicht fort, ein wachsames Auge auf ihn zu halten. In jeder Hinsicht, Du
verstehst mich? in jeder Hinsicht: wiederholte der Frst, indem er einen ganz
eignen Nachdruck auf diese Worte legte. Und nun la uns beim Abschiede uns kurz
fassen, ich liebe keinen langen, setzte er sehr mild, fast weich werdend hinzu;
geh' jetzt, mein Sohn, kehre mit neugestrkter Lebenskraft zur rechten Zeit in
Deine Heimath zurck. Gehe, wiederholte er sich abwendend, mit einer
verabschiedenden Bewegung der Hand, als er bemerkte, da Richard in
augenscheinlich hchst leidenschaftlicher Aufregung stehen blieb.
    Der Frst blickte sehr ernst, wenn gleich nicht zrnend ihn an; es herrschte
in dem ziemlich gerumigen Zimmer eine Stille, man htte den Fall einer
Stecknadel hren knnen, und Richard stand noch immer lautlos und unbeweglich.
    Hast Du noch etwas auf dem Herzen, mein Sohn? fragte endlich Frst Andreas;
da Du mir vertrauen darfst, weit Du, doch ermahne ich Dich, Eines wohl in
berlegung zu ziehen, ehe Du den Gedanken laut werden lssest, der noch in
Unentschiedenheit auf Deinen Lippen zu schweben scheint; bedenke wohl, da das
einmal ausgesprochene Wort kein Gott wieder zurckruft, es ungehrt zu machen
liegt auer dem Gebiete der Mglichkeit; und doch giebt es Dinge, die weder Dir
auszusprechen, noch mir anzuhren, fr jetzt wenigstens durchaus noch nicht
ziemen will.
    In steigender, mit sich selbst ringender Spannung, stand Richard noch immer
schweigend da.
    Noch eines empfehle ich Dir wohl zu beherzigen, fuhr der Frst halb
verlegen, halb mimthig fort: hte Dich vor Ungeschick und bereilung, bedenke
da der Verstndige geduldig es abwartet, bis durch des Himmels Begnstigung und
sein eignes Bemhen die Frucht am Baume gereift ist; nur ein Thor wird vor ihrer
gnzlichen Entwickelung, gleichsam noch halb in der Blthe, sie herunterreien
wollen. Nur dem vollendeten Tagewerke gebhrt der Lohn. Um zu zeitigen, mu man
allem was zeitigen soll, Zeit lassen; die Lehre liegt schon in dem Worte allein.
    Dem armen Richard wurde es immer ngstlicher und befangener zu Muthe; die
Worte, die Blicke seines Wohlthters, alles verwirrte ihn. Da die dunkeln, ihm
ganz unverstndlichen Reden desselben nur dahin abzwecken sollten, ihn von einem
bereilten Gestndnisse seines Verhltnisses zu Helena abzuhalten, das kam ihm,
der noch nie daran gedacht hatte, durchaus nicht in den Sinn. Zwar hatte der
Frst durch absichtliches Nichtbemerken, und auch auf andre Weise diesem
Verhltnisse gewissermaen seine Zustimmung gegeben, aber es lag in seinem
Plane, es zu ignoriren, whrend er es duldete, und Richards seltsames Benehmen
hatte ihn wirklich eine Erklrung befrchten lassen, die wenigstens fr jetzt
ihn sehr unangenehm berhrt haben wrde. Richard aber, in diesem Augenblicke nur
von einem einzigen Gedanken erfllt, legte den geheimnivollen Warnungen seines
Beschtzers eine Deutung unter, deren Grlichkeit ihn mit Angst und Schauer
ergriff. Und so standen beide einige Sekunden lang im seltsamsten gegenseitigen
Miverstehen einander schweigend gegenber.
    Richard hielt es nicht lnger aus. Auer sich, bebend, als gelte es die
ewige Seligkeit, warf er, zum erstenmale in seinem Leben, sich dem Frsten zu
Fen, und umfate dessen Kniee.
    Was soll das? rief dieser heftig, indem er zrnend zurcktrat: Komdie wirst
Du doch mit mir nicht spielen wollen?
    Eine verneinende Bewegung, ein flehendes Aufblicken zu ihm, waren die
einzige Antwort, welche Richard aufzubringen vermochte.
    Mein Sohn, sprach der Frst in etwas ruhigerer Fassung, nochmals warne ich
Dich, hte Dich vor Unbesonnenheiten, denn es giebt Dinge, die ich mit dem
besten Willen selbst Dir nicht ungeahndet hingehen lassen darf. Ich fordre
nochmals Dich auf, dieses nie zu vergessen. Und nun entdecke mir, was so schwer
auf Deinem Herzen zu lasten scheint, wenn Du nach dieser sehr ernst gemeinten
Warnung berzeugt bist, es zu drfen. Aber nicht so: setzte er hinzu, indem er
des noch immer vor ihm knieenden Richard Arm ergriff: mir gegenber, Auge in
Auge, wie es zwischen freien Mnnern sich gebhrt.
    Mitleid! Erbarmen! Rettung erflehe ich; nicht fr mich! aus mir werde was
mein Schicksal will; rief Richard, kaum seiner selbst mchtig, indem er von den
Knieen sich erhob: fr Sie, mein Beschtzer, mein Wohlthter, mein Vater,
Rettung fr Sie, fr die Ihrigen, fr Millionen Menschen, fr unser groes
heiliges Vaterland.
    Ich verstehe nicht was Du meinst, erwiederte voll Erstaunen der Frst.
    Hier auf dieser Stelle mchte ich mein Herzblut vergieen, allem entsagen,
was mir auf Erden am theuersten ist, wte ich dadurch Sie zu bewegen, auf mein
Flehen zu hren: fuhr Richard aus vollem berstrmenden Herzen fort. Ein
unaussprechliches vorahnendes Gefhl verfolgt mich Tag und Nacht; frchterliche
Angst, die mich so von hier nicht scheiden lassen will, Dankbarkeit, Pflicht,
alles treibt mich, und sollte Ihr Zorn darber ewig mich verfolgen, ich mu
flehend Sie beschwren, o treten Sie zurck aus jenem frchterlich entarteten
Bunde! vernichten Sie jene Rotte, deren teuflische Knste Sie und uns Alle zu
umgarnen trachten; jene sogenannten Shne des Vaterlandes, die Tugend und
Vaterlandsliebe auf der Zunge, ber vom Frsten der Finsterni, im tiefsten
Abgrunde der Hlle ersonnene Verbrechen brten; vor allem aber das wrdige
Werkzeug desselben, jenen gleinerischen trgerischen Buben - -
    Das wre es also? das qulte Dich, und darber, glaubst Du, knnte ich Dir
zrnen? Nein, wahrlich, auf diese Entdeckung mich vorzubereiten, bedurfte es so
groer Umwege nicht; unterbrach ihn sehr freundlich der sichtbar erleichterte
Frst. Guter, redlicher Mensch, wie knnte ich Deine Absicht verkennen? komme
nur wieder zu Dir selbst, fasse, beruhige Dich, und Du sollst erfahren, wie
berflig Deine groe Sorge war. Da ich Dir immer Vertrauen schenkte, so viel
Deine groe Jugend und Deine Stellung im Leben dieses erlaubten, habe ich Dir
oft mit der That bewiesen. Von diesem Augenblicke an verlasse ich mich auf Dich,
wie auf mich selbst, und Du sollst alles erfahren; doch la uns das Wichtige mit
geziemender Ruhe behandeln.
    Was Du verlangst, ist grtentheils vollbracht: fing der Frst mit dem
vterlichen Ausdrucke innigen Wohlwollens an, als Richard von jener gewaltsamen
Aufregung sich vllig erholt hatte. Der Bund, den Du mit groem Rechte entartet
nennst, zerstiebt einstweilen in sich selbst, und seine frmliche Auflsung, die
doch nicht ganz unbemerkt vorber gehen mchte, wird dadurch berflig. Gleich
nach jener letzten groen Versammlung, die wohl keiner jemals vergessen wird,
der ihr beiwohnte, hat eine ziemlich bedeutende Anzahl der Verbndeten vor dem
Rathe der Alten den Wunsch um Entlassung aus demselben erklrt; ohne Zgern ward
er jedem mit der Versicherung gewhrt, da der Bund ohnehin als vllig
aufgelset zu betrachten sei. Zwar haben wir schon frher denen, die in ihrem
Eifer etwas lauer zu werden schienen, das Nmliche aus Vorsicht gesagt, doch
diesesmal verhlt es sich wirklich so; der Bund ist vllig im Verfalle und
seinem Ende nahe; wer nicht Muth genug besitzt, um frmlich ihm zu entsagen, der
tritt schweigend zurck, oder verreiset auf einige Zeit; und zu diesen letztern
zhlen sich Mnner von groer Bedeutung, die einst zu den ersten Stiftern unsrer
Verbindung gehrten.
    Richard war jetzt nicht nur ruhig genug, um ein sehr aufmerksamer Zuhrer zu
sein, er hatte auch sogar den Muth gewonnen, einige Zweifel an der wirklichen
Aufhebung des Bundes zu uern, vor allem aber sein bittendes Warnen in Hinsicht
auf den Obrist Pestel zu wiederholen.
    Ich bitte mir hierin unbedingten Glauben zu gewhren, der Bund sinkt
schnell, ohne ueres Zuthun, und deshalb um so unaufhaltsamer seiner vlligen
Auflsung zu; erwiederte Frst Andreas. Seit jener Nacht hat keine groe
Versammlung wieder Statt gehabt; doch whrend Du an Iwans Krankenbette wachtest,
sind wir nicht mig geblieben; eine kleine Auswahl wahrhaft wohlgesinnter
Freunde hat oft sich versammelt, um sich ber das was zuvrderst Noth thut zu
berathen; da Pestel nicht in ihrer Mitte war, brauche ich wohl nicht zu
versichern. Er und sein Thun sind uns jetzt kein Geheimni mehr; wir kennen ihn
jetzt, jenen eifrigen Verfechter der Freiheit, der alles vor sich niedertreten
mchte, um sich selbst zu erheben. Das Lgengewebe liegt ausgebreitet vor uns,
mit dessen Hlfe es ihm damals gelang unsern Sinn zu verwirren, so da er jenem
Abgrunde des Verbrechens uns zutreiben konnte, vor welchem des armen Iwans
ausbrechender Wahnsinn wie durch ein Wunder uns bewahrte. Entlarvt steht er vor
uns, der groe Knstler, und es wird keines zweiten Wunders bedrfen; wir kennen
ihn jetzt, und das sichert vor ihm und seinen Knsten.
    All' unser Wollen und Beabsichtigen war rein, wie das Licht der ewigen
Wahrheit, ehe jener aus List, Ehrgeiz, und nichts heilig achtendem Egoismus
zusammengesetzte Fremdling, in unsern engen Freundeskreis sich einzuschleichen
wute; fuhr der Frst im Verlaufe des immer ernster und angelegentlicher sich
gestaltenden Gesprchs fast klagend fort. Unsre Plne fr das allgemeine Wohl
des Vaterlandes waren solcher Art, da selbst die groe edle Seele unsers
Czaars, den Gott uns noch lange erhalten mge, weder seinen Beifall, noch selbst
seine Untersttzung ihnen versagt haben wrde, wren wir mit der Ausbildung
derselben nur so weit ins Klare gekommen, da wir sie, wie es unser fester Wille
war, ihm htten vorlegen knnen. Doch Pestel wute dieses heimlich zu
verhindern; gleich einem geschickten Taschenspieler leitete er durch allerlei
Knste unsre Aufmerksamkeit von dem Punkte ab, dem wir sie ausschlieend htten
zuwenden sollen. Nicht Abnderung einiger verjhrten Mibruche, die fr unsre
Zeit nicht mehr passen, nicht Verbesserung der Zustnde, wie sie jetzt noch
bestehen, will er mit uns vereint herbeifhren. Alles umwerfen, alles
vernichten, und dann auf rauchenden Ruinen sich einen Thron erbauen, das ist
sein Plan, den wir glcklicher Weise jetzt durchschauen.
    Im engern Kreise stellt er uns immerwhrend die vereinten Staaten von
Nordamerika als Vorbild auf; immer lt er die unsinnige Idee durchblicken,
dieses unbersehbar groe Reich in eine Republik umzuwandeln. Unser Washington
mchte er werden; er ein Washington! eher ein Bonaparte, wenn Glck, Talent und
Gelegenheit ihn wie diesen begnstigen mchten, und die ewige Barmherzigkeit
zwei solcher Zuchtruthen, so schnell auf einander folgend, auf die kaum befreit
aufathmende Welt herabsenden wollen knnte.
    Die blutigen Gruel wilder Anarchie, welche zur Zeit des Terrorismus unter
Marat, Robespierre, und den brigen Hynen in Menschengestalt das unselige
Frankreich verwsteten, sind, wie er behauptet, hier durchaus undenkbar; denn,
spricht er, in Paris ging die Revolution vom Pbel aus, hier wird sie von der
Armee ausgehen; aber zu seinem eigenen Verderben wird er erfahren, in welchen
ungeheuern Irrthum er verfallen ist. Zwar unterlt er nichts, was dazu dienen
kann, den Soldaten gegen seinen Oberherrn zu erbittern; wir folgen ihm auf jedem
seiner Schritte, und es entgeht uns nicht, wie er mit unmenschlicher Hrte, oft
sogar schreiend ungerecht, leichte militairische Vergehungen bestraft, und dann
es heuchelnd bedauert, durch expressen Befehl von hchster Hand zu so unbilliger
Strenge gezwungen zu sein. Doch es wird, es kann ihm nie gelingen; der russische
Soldat ehrt Gott wie seinen Kaiser, und seinen Kaiser wie Gott; in dem rohen
aber treuen Sinne dieser einfachen unverbildeten Gemther, schmilzt der Begriff
von Beiden in Eins zusammen.
    Sobald Pestel und seine Genossen irgend eine uerung wagen, die mit dem
natrlichen Pflichtgefhle des gemeinen Soldaten nicht ganz vereinbar ist, frgt
dieser gleich: ist das aber nicht gegen unsern Eid? und wei der Kaiser darum?
    Einige Stunden waren in diesem, fr beide Theilnehmer gleich interessantem
Gesprche unbemerkt vergangen; denn da Frst Andreas nicht immer allein das
Wort fhrte, und ber vieles weitluftiger sich verbreitete, was hier enge
zusammen gedrngt erscheint, bedarf wohl kaum erwhnt zu werden. Mitternacht war
vorber, die unvergleichlich schne kurze Sommernacht des hohen Nordens begann
schon dem Tage zu weichen. Heller und immer heller flammte es im Osten auf, den
nahen Aufgang der Sonne verkndend, als endlich Richard mit sehr erleichtertem
Gemthe von seinem hohen vterlichen Freunde Abschied nahm.
    Sein Weg fhrte an dem Hotel des Grafen Stephan ihn vorber, den er, auf
mancherlei Weise daran verhindert, seit lngerer Zeit nicht gesehen. Tiefe
nchtliche Stille deckte noch das groe Gebude; fr den Abschiedsbesuch, den er
hier abzulegen sich vorgenommen, war es jetzt beides, zu spt und zu frh
geworden. Er wandte daher ohne Sumen sich seiner Wohnung zu, wo er Iwan noch
schlafend, und fr sich selbst noch ein paar Stunden zum Ausruhen zu finden
hoffte. Zu seinem Erstaunen kam Iwan schon vllig reisefertig ihm beim Eintritte
entgegen, und drang mit fliegender Ungeduld auf augenblickliche Abreise.
    Nur fort, nur fort aus dieser geschniegelten Welt, rief er in fieberhafter
Hast: hier brennt der Boden mir unter den Sohlen, ich kann nicht athmen, der
Himmel lastet schwarz und schwer, gleich dem Deckel eines Sarges, auf mir, und
nur daheim in meinen Bergen weht frische Lebensluft.

                                 Zweiter Theil


Vorwrts, nur immer vorwrts! trieb Iwan unaufhrlich, abwechselnd bittend und
fluchend, in fieberhafter Rastlosigkeit. Groe Staubwolken wirbelten zum Himmel
auf, die kleinen zottigen Pferde keuchten in fliegendem Galopp, unter
fortwhrendem Peitschenknallen der durch unerhrte Trinkgelder zu unerhrten
Thaten begeisterten Postillione, vor der leichten Kibitka. So ging es, bei
Sonnen- und Mondenschein, bergauf bergab, die langen heien Tage, die
wundervollen lauen Nchte hindurch, bis endlich Moskau erreicht war.
    Nur wenn glcklicher Weise einmal am Wagen etwas brach, ein Pferd strzte,
oder die Rder bei der bergroen Eile in Brand geriethen, nur durch solch einen
willkommnen Zufall war es Richard einigemal gelungen, eine kurze Zeit zum
Ausruhen zu gewinnen. Doch durfte diese erzwungene Ruhe nie zu lange whren,
wenn Iwans krankhafte Ungeduld nicht bis zum Unertrglichen sich steigern
sollte. Der Unglckliche glaubte dann in jedem auf ihn zuschreitenden Reisenden
den Boten zu sehen, der gesandt sei ihn gewaltsam zurck nach Petersburg zu
fhren, und brach in so ngstliche herzzerreiende Klagen aus, da Richard der
eigenen Ermdung darber gern verga, und die Fortsetzung der Reise auf jede
Weise zu beschleunigen suchte, aus Furcht, Iwan knne bei lngerem Verweilen
zurck in seinen vorigen trostlosen Zustand, oder wohl gar in unheilbaren
Wahnsinn verfallen.
    In unglaublich kurzer Zeit hatten die Reisenden auf diese Weise den weiten
Weg bis Moskau zurckgelegt, ohne einen bedeutenden Unfall zu erleiden. Der
Anblick der ihm wohlbekannten Pltze und Straen, der Huser und Palste, wirkte
beruhigend auf den sonst rastlosen Iwan. Er rief jene genureiche Zeit ihm
zurck, die er bald nach der Trennung vom Vaterlande hier verlebte; hierher war
er mit frischen Sinnen, ein mit dem ernsteren Gange des Lebens noch unbekannter
Neuling in der Welt, zuerst gekommen; warum, dachte er, sollte er von hier aus,
wo er schon auf halbem Wege sich befand, nicht wieder in sein Vaterland
zurckgelangen knnen? Ein wunderlicher Schlu, wie er wohl in einem so tief und
so schmerzlich zerrtteten Geiste nur entstehen konnte; aber er besnftigte doch
die bis aufs hchste getriebene Spannung seiner Nerven. Iwan fing an sich
ermdet zu fhlen; zum erstenmal seit Petersburg erblickte er im Spiegel seine
bis zum Unkenntlichen vernderte Gestalt, und verlangte jetzt selbst sich hier
einige Tage zu erholen.
    Nein, sprach er: so darf meine Mutter ihren Sohn nicht wieder finden, sie
knnte den Tod davon haben! ich halte es hier wohl einige Zeit aus; sehe ich
doch schon einzelne Gestalten in der Tracht meines Landes an meinem Fenster
vorber ziehen, schallen doch schon zuweilen einige Tne aus meiner
Muttersprache erquicklich zu mir herauf, auch wehen heimathliche Lfte mich
schon an, und ermuthigen mir zum schnsten Hoffen das gesunkene Herz.
    Richard trachtete vor allem den Freund in dieser heilsamen Stimmung zu
bestrken; er fhrte, freilich mit groer Auswahl, einige seiner frheren
Bekannten ihm zu, um ihm die Zeit zu verkrzen, und hielt sich und seinen Freund
fr vllig geborgen, als er durch einen glcklichen Zufall einen wohlhabenden in
Moskau etablirten Teppichhndler aus Tiflis auffand, der mit seiner Vaterstadt
unaufhrlich in Handelsverbindungen stand. Dmitry, so hie der gute freundliche
Mann, schlo jetzt seinen Laden gern ein Stndchen frher als gewhnlich, um
regelmig jeden Abend zu seinem Landsmanne zu eilen, und ber einer Pfeife
chten trkischen Tabak, von dem geliebten Vaterlande, und auch von Iwans
Familie sich mit ihm zu unterhalten, die er frher persnlich gekannt hatte.
    Whrend Iwan auf diese Weise beschftigt, recht gern in seinem Zimmer blieb,
gelassen der Ruhe pflegte, und nur fleiig im Spiegel nachsah, ob er bald im
Stande sein wrde vor seiner Mutter zu erscheinen, ohne sie allzu sehr zu
erschrecken, lebte Richard ganz ungehindert in den Erinnerungen, freudigen und
trben, die hier bei jedem Schritte, tausendfach gestaltet, sich ihm
entgegendrngten. Von seinem Herzen unwiderstehlich gezogen, galt sein erster
Ausgang dem jetzt verdeten Palais des Frsten Andreas.
    Indem er quer ber den Vorhof dem einzigen jetzt offenen Seiteneingange
desselben zuschritt, fiel eine aus diesem heraustretende Gestalt durch ihr
seltsames Benehmen ihm auf; ein alter Russe, in der noch immer unter dem
Brgerstande blichen Nationaltracht, mit einem, die ganze untere Hlfte des
Gesichts verbergenden, sehr respectablen schneeweien Barte, der von einem Ohre
bis zum andern reichte, und ungewhnlich lang, sich stattlich ber die Brust
hinbreitete. Die Augen blinzelten kaum sichtbar unter den grauen, buschigen
Augenbrauen hervor, und eine groe Mtze, mit tief hereingehenden Ohrenklappen,
verdeckte fast gnzlich den brigen Theil des Gesichts. Indem er an Richard
vorber ging, schien er wie erschreckt zusammenzufahren, ma ihn dann mit
schnellem scharfem Blicke, wandte aber sogleich den Kopf nach der andern Seite,
als Richard ihn anreden zu wollen schien, und eilte schneller davon, als man es
seinem Alter htte zutrauen sollen.
    Die ganze abenteuerliche Figur hatte etwas Lcherliches, aber auch zugleich
Grausiges; Richard, als sie an ihm vorber geglitten war, konnte es nicht lassen
sich noch einmal nach ihr umzusehen; sie war verschwunden, der Hof war leer,
doch als er schrfer hinblickte, wurde er den Weibart drauen, hinter dem
offenstehenden Thrflgel gewahr, wie er durch die Spalte zwischen Thr und
Angel ihn beobachtete.
    Schon wollte Richard auf ihn zueilen, um ihn um den Grund seiner sonderbaren
Aufmerksamkeit zu befragen, doch eben trat einer der Diener des Frsten in den
Hof hinaus, der ihn sogleich erkannte; das berlaute Freudengeschrei, das er
erhob, versammelte in einem Augenblicke die ganze Dienerschaft, vom Hchsten bis
zum Geringsten um Richard her, lauter treue ihm wohlbekannte Gesichter, welche
der Frst zum Schutze und zur Erhaltung der Ordnung in seinem Hause gelassen.
Sie umfaten seine Kniee, kten seine Hnde, seine Schultern, seine Arme, sogar
seine Stiefeln, den Saum seiner Kleider, und er hatte in dem allgemeinen Jubel
nicht Hnde, nicht Athem, nicht Worte genug, um jedem Einzelnen zu danken, jeden
Gru besonders zu erwiedern! Eine Freude war unter diese treuen Seelen gekommen,
als ob einer der Shne ihres Herrn, ja ihr Herr selbst, unvermuthet heimgekehrt
wre.
    Und als nun der erste freudige Tumult sich gelegt, Richard wie im Triumphe
in die Wohnung des Kastellans gefhrt worden war, da ging es an ein
gegenseitiges Fragen und Erzhlen, ohne Anfang noch Ende; die Stunden flogen,
Richard hatte sich versptet, ehe er sich dessen versah. Um schneller nach Hause
zu gelangen, warf er sich in eine der immer bereit stehenden Droschken; nach dem
seltsamen Weibart sich zu erkundigen, wie er es sich vorgenommen, hatte er ber
all' den Jubel vergessen, und wrde schwerlich seiner wieder gedacht haben,
htte er nicht beim Aussteigen vor der Thre seines Hotels ihn ebenfalls in
einer Droschke, in welcher er wahrscheinlich der seinen gefolgt war, langsam an
sich vorber fahren gesehn.
    Von nun an bemerkte er berall die nmliche rthselhafte Gestalt; wohin er
sich auch wenden mochte, erblickte er sie, doch nie in solcher Nhe, da er sie
htte anreden knnen; so oft er dieses auch versuchte, gleich war sie
verschwunden, er wute selbst nicht wie noch wohin.
    Richard fing allmlig an, dieses Abenteuer bedenklich zu finden; die
mancherlei im Schwange gehenden Sagen von der Unsicherheit der Gegenden, durch
welche der doch noch vor ihnen liegende Weg sie fhren mute, stiegen in
abschreckender Gestalt vor ihm auf. Er gedachte der Ruberhorden, der
furchtbaren Tschetschen und Tscherkessen, welche sogar an jenem letzten
unvergelichen Abende in Petersburg sein edler Beschtzer warnend erwhnt hatte.
    Wie, wenn jener mich so auffallend verfolgende Alte ein, mit einer jener
Ruberbanden in Verbindung stehender Kundschafter wre, der in irgend einem
abgelegenen Winkel uns ihrer berlegenen Zahl ausliefern wollte? dachte er.
    Es kam ihm selbst fast lcherlich vor, doch konnte er den einmal gefaten
Gedanken nicht wieder los werden, und begab sich zu dem des Landes kundigen
Dmitry, um sich mit diesem darber zu besprechen; doch indem er dem Hause
desselben sich nherte, sah er zu seinem hchsten Erstaunen den rthselhaften
Weibart aus demselben hinaustreten, der, sobald er seiner gewahr wurde, sich
mit bewundernswrdiger Leichtigkeit in seine bereit stehende Droschke warf, und
ber Hals und Kopf davon jagte.
    Wer war das? fragte Richard ihm unverwandt nachschauend, ohne die vielen
Komplimente zu beachten, mit welchen der aus seinem Laden ihm entgegen kommende
hfliche Teppichhndler seine Freude ber den unerwarteten Besuch ausdrckte,
und ihn einlud nher zu treten. Wer war das? fragte Richard noch einmal kurzweg.
    Wer? wo? wie? wer das war? wen meint Ihr, Herr? erwiederte Dmitry und sah
verwundert nach allen Seiten sich um. Ihr meint vielleicht den alten Grischa?
der eben bei mir, zum Geburtstagsgeschenk fr seine Frau, einen recht schnen
Teppich gekauft hat? setzte er nach einigem Besinnen hinzu: ich habe ihn
wohlfeil weggegeben, spottwohlfeil, sage ich Euch. Man sollte dergleichen nicht
thun, es verdirbt den Preis, und die Zeiten sind schwer; doch einem alten
Bekannten zu Gefallen! seufzte er, cht kaufmnnisch die Achseln zuckend.
    Einem alten Bekannten? Ihr kennt den Mann, der eben von Euch wegfuhr, schon
seit lngerer Zeit? fragte Richard nochmals, indem er mechanisch Dmitrys
Einladung Folge leistete.
    Was sollte ich den alten Grischa nicht kennen? kennt ihn doch halb Moskau!
war die Antwort. Er ist seines Zeichens ein Kaviarhndler, und wohnt unfern
Eurem Hotel. Der Kerl ist ein Geck, wie Ihr schon aus seinem groen Barte
ersehen knnt, auf den er sich nicht wenig einbildet, und den er, lange vor der
Zeit, durch allerlei Salben sich knstlich so wei gebleicht hat, weil das bei
Einigen fr eine groe Schnheit gilt. Wie gesagt er ist ein Narr, aber in
seinem Geschft pfiffig und gescheit genug. Hat er doch ein Geld
zusammengescharrt! aber sein Kaviar geht auch weit und breit in der Welt umher,
man sagt sogar bis nach Italien! Nach Danzig, nach Hamburg, nach Berlin reisen
seine Diener alljhrlich mit groen Quantitten, soviel ist gewi.
    Richard bekannte, in welchem schweren Verdachte er den harmlosen Weibart
gehalten, und Dmitry meinte vor Lachen darber zu sterben. Grischa ein
Ruberhauptmann! rief er einmal ber das andre, und hielt sich die Seiten,
whrend helle Thrnen ihm ber die Wangen rollten. Eigentlich ist mir das Ding
wohl erklrlich: fing er an, nachdem er wieder ein wenig zu sich selbst gekommen
war. Neben seinen brigen vortrefflichen Eigenschaften hat er auch noch die,
neugierig zu sein, wie eine Nachtigall. In diesen heien Sommertagen hat er in
seinem Handel wenig zu thun, da treibt er sich denn vom Morgen bis zum Abend in
den Straen herum, etwas Neues aufzuspren; luft allen Fremden nach, ist aber
zu blde, um ihnen Rede zu stehen. Ihr, Herr, seid nicht der Erste, dem dieses
auffllt.
    Der gastfreie Dmitry hatte whrend der Zeit die kstlichsten Erfrischungen,
die in seinem Bereiche lagen, auftischen lassen, und fing jetzt an mit einem
Anerbieten heraus zu rcken, dessen Annahme, wie er ein wenig sarkastisch
lchelnd hinzusetzte, die Reisenden gegen die Angriffe des tapfern Grischa und
seiner Bande genugsam sichern msse.
    Lngst schon, sprach er, rufen mich meine Geschfte nach Nachitschewan, dem
sehr anmuthig gelegenen und zugleich wohlhabendsten Handelsstdtchen im Lande;
es liegt am Wege nach Kislawodsk, wohin Ihr der Bder wegen bermorgen
abzureisen gedenkt, wie ich hre. Ich htte schon lngst mit meinen
Korrespondenten in Nachitschewan einmal persnlich abrechnen sollen, aber der
Weg ist weit. Die Reise ist zwar, besonders in dieser Jahreszeit, bei weitem
nicht so beschwerlich, die Wege weder so gefhrlich noch so unsicher, als
Reisende, die oft gern den Mund etwas weiter aufthun als nthig wre, es
beschreiben. Aber man legt ihn doch immer lieber in guter zahlreicher
Gesellschaft, als allein zurck. Wollt Ihr mir nun bermorgen erlauben mit
meinem eigenen Fuhrwerke, in Begleitung einiger meiner Diener mich Euch
anzuschlieen, so wrde sie mir zur angenehmsten Spazierfahrt werden, und als
einem des Landes Kundigen mchte es mir auch wohl gelingen, zu Euerer und Iwans
Bequemlichkeit und Sicherheit mich als nicht ganz berflig auszuweisen.
    Nichts konnte erwnschter sein, als dieser Vorschlag, der sogleich freudigst
angenommen wurde. Die Reise ging zur bestimmten Zeit, unter den glcklichsten
Vorbedeutungen vor sich; die beiden Kibitken nebst dem von mehreren Dienern
begleiteten Packwagen des Kaufmanns, bildeten eine kleine ganz stattliche
Karawane; fr reichlich gefllte Flaschenkeller und Speisekober, so wie fr
alles, was sie in diesem, doch noch immer etwas unwirthbaren Lande, vermissen
konnten, hatte Dmitry bestens gesorgt. Iwan ergab sich darein, allnchtlich zu
ruhen, die fieberhafte Angst war von ihm gewichen, die zwischen Petersburg und
Moskau ihn so gewaltsam vorwrts getrieben. Heitern Muthes durchzogen die
Reisenden so manche lange, de, unwirthbare Steppe, bis sie an die ppig
blhenden Ufer des Don gelangten. Hier athmete Iwan schon heimathliche Luft;
vollkommen genesen, schwelgte er in der Vorempfindung des nahen Wiedersehens,
whrend Richard, durch Dmitry jeder Sorge um seinen Freund enthoben, der ihm
neuen Welt sich freute, die ihn umgab. Alles entzckte ihn, der reine blaue
Himmel, der schne Strom, den zahllose Schiffe und zierlich bemalte Barken
belebten, die vielen Stdtchen und Drfer, die an seinen Ufern sich hinziehen,
denn Richard war weit davon entfernt gewesen, hier nur etwas dem hnliches zu
erwarten; Dmitry aber, aus purer Dankbarkeit dafr, da sie bisher alles, was er
fr sie gethan, sich so wohl hatten gefallen lassen, verdoppelte seinen Eifer in
der Vorsorge fr die Freunde.
    Schon waren sie dem Ziele, das Dmitry zu ihrer Begleitung festgestellt
hatte, ziemlich nahe; sehr ermdet von einer ungewhnlich starken Tagereise
langten sie, als die Sonne schon im Sinken war, in Rostow an, wo sie sich
vorgenommen hatten zu bernachten. Rostow ist ein lebhaftes, sehr wohlhabendes
Handelsstdtchen, hart am Ufer des hier ungewhnlich fischreichen Don; Fische
sind daher das Haupterzeugni des Ortes; gedrrt, gesalzen, geruchert, in allen
nur erdenklichen Gestalten, werden sie von hier aus weit und breit umher
verschickt; Alt und Jung, Weiber und Kinder, sieht man berall, an allen Ecken
und vor den Thren der Huser, mit der Zubereitung derselben beschftigt, was
freilich, besonders an warmen Sommertagen, die das Stdtchen umgebende
Atmosphre eben nicht zur angenehmsten macht; man mu daran gewhnt sein, um sie
ertragen zu knnen. Ungeachtet ihrer Ermdung, und obgleich Rostow eigentlich
der Punkt war, wo ihr Weg von dem ihres bisherigen treuen Begleiters sich
trennte, gaben die Reisenden doch dem Rathe und den Bitten des Dmitry gern
Gehr, die wenigen Werste nicht zu scheuen, und ihm vollends bis Nachitschewan
ihre Gesellschaft zu gnnen. Es war schon spte Nacht, als sie dort vor dem
Hause eines armenischen Kaufmannes, Namens Ilia anlangten, der, ein Gastfreund
ihres Freundes, sie sehr zuvorkommend empfing, und sogleich in die, dem
Anscheine nach lngst fr sie bereit gehaltenen Zimmer fhrte.

Das ganze freundliche Stdtchen Nachitschewan bildet eigentlich einen einzigen
groen Bazar. Mit den kstlichsten, wie mit den gewhnlichsten Erzeugnissen des
Orients angefllte Magazine und Lden, nehmen fast durchweg den ersten Stock der
Huser ein, und in den mannigfaltigsten Trachten drngt lautes buntes Gewimmel
von Kufern und Verkufern sich in den lebensreichen Straen.
    Auch auf dem schnen Strome, der lngs den Mauern des Stdtchens sich
hinzieht, geht es nicht minder lebhaft zu; ein- und ausladende, kommende und
gehende Schiffe und Barken kreuzen durch einander in immer reger Beweglichkeit.
Hier zieht ein Fischer das schwer beladene Netz aus den im Morgenstrahle wie
Silber erglnzenden Wellen, dort wirft ein Andrer das Seinige aus, whrend an
den blhenden Ufern, unter frhlichem Sange und Gelchter, hoch aufgeschrzte
Mdchen einen Regen blitzender Diamanten aus ihren bunt gemalten Giekannen ber
ihr bleichendes Garn hinstrmen lassen.
    Zum erstenmale seit langer Zeit sa Richard im Erker des freundlichen
Zimmers, das der gastfreie Ilia ihm am vergangenen Abende angewiesen hatte, bei
seinem Morgenkaffee ganz allein, er blickte hinaus in die ihn umgebende Pracht
und Herrlichkeit der Natur, bewunderte den malerischen Effect der imposant hohen
Gestalten der Einwohner, die in ihrer faltenreichen armenischen Tracht ernst und
bedchtig einherschritten, und dem Orte einen, von allen bisher gesehenen ihn
unterscheidenden, orientalischen Charakter verliehen; in groer Behaglichkeit
gab er so dem lange nicht genossenen Bewutsein des seligen Nichtsthun und des
ungestrtesten Alleinseins sich hin.
    Dmitry und Ilia hatten sich noch nicht gezeigt, vermuthlich wollten sie dem
reisemden Gaste Zeit zum Ausruhen lassen. Iwan aber war schon lngst mit den
beiden Shnen des Ilia auf und davon, die er zu seinem groen Vergngen
glcklich aufgefunden hatte. Sie muten ihn hinaus zu all' den glnzenden
Herrlichkeiten begleiten, die in den Straen ihn unwiderstehlich anlockten; denn
sein Beutel war noch wohl gefllt; das Gold brannte ihm in der Tasche, und er
vermuthete mit Recht, da eine solche Gelegenheit, es in Geschenken fr Mutter
und Schwester anzulegen, sich ihm sobald nicht wieder bieten drfe.
    Ein lauter Schrei ganz in der Nhe, im Hause selbst wie es ihm schien,
schreckte Richard aus dem ruhigen Genusse des gemthlichen Stilllebens auf, das
ihn umgab. Ein Getmmel entstand, wie von mehreren durcheinander laufenden
Personen; weibliche und mnnliche Stimmen wurden durcheinander hrbar, weinende,
freudige, scheltende, fluchende; und mitten durch klang Iwans zrnende Stimme am
lautesten und vernehmlichsten von Allen.
    Richard sprang auf, zur Thre hinaus; aber seit seiner Ankunft war er noch
nicht aus seinem Zimmer gekommen, und daher vllig unbekannt mit den Lokalitten
des Hauses. Bald einige Stufen hinauf-, bald wieder andre hinabsteigend, gerieth
er aus einem, durch Fenster von geltem Papiere nur schwach erleuchteten, engen
Gange in den andern, stie berall auf verschlossene Thren, und hrte dabei
fortwhrend, bald nher, bald entfernter das nmliche Gerusch, und von Zeit zu
Zeit Iwans laut erhobene Stimme dazwischen.
    Richard fing eben an zu berlegen, ob es nicht am gerathensten wre, eine
Seitenthre, hinter welcher das Getse sehr deutlich hervorscholl, gewaltsam zu
erbrechen, als er am andern Ende des Ganges eine dunkle Gestalt vorsichtig an
der Wand hinschleichen sah. Er blickte schrfer hin, nein, er irrte sich nicht:
es war Grischa. Wie ein Tiger auf seine Beute, wollte er auf den ihm jetzt mehr
als verdchtigen Weibart losspringen, aber im nmlichen Augenblicke legte eine
krftige Hand sich von hinten auf seine Achsel und hielt ihn fest.
    Finde ich Euch endlich, rief Dmitry, denn dieser war es; Herr! nur hier
herein, Unglck abzuwenden, wo wir Glck und Freude zu sen meinten; damit
ffnete er eine Thre, welche Richard in der Dunkelheit vorhin nicht bemerkt
hatte, und schob ihn in ein helles gerumiges Zimmer hinein.

Einige Secunden lang staunte Richard die zahlreiche Gesellschaft sprachlos an,
die er in seltsamen Gruppen vertheilt hier versammelt fand. Ilia, der Hausherr,
stand ihm und der Thre am nchsten; er hielt zwei angstbleiche, zitternde
Knaben von funfzehn bis sechszehn Jahren festgepackt beim Kragen, die er unter
lautem, ununterbrochenem Schelten mitunter derb zusammen schttelte. Mit irgend
etwas, das in ihrer Mitte vorging, emsig beschftigt, stand und kniete in einer
Ecke des Zimmers ein undurchdringlicher Haufe armenischer Frauen und Mdchen.
Doch von diesen nahm Richard weiter keine Notiz, denn Iwan zog seine ganze
Aufmerksamkeit an.
    hnlich einem zrnenden Halbgotte stand Iwan da, ganz so wie er damals in
Petersburg, in jener frchterlichen Nacht, vor der Versammlung der Verschworenen
gestanden, aber liebend umfangen von den Armen einer schnen stattlichen
Matrone, der er zu sehr glich, um in ihr nicht augenblicklich seine Mutter zu
erkennen. Hinter ihm hob ein, ihm ebenfalls sehr hnliches junges Mdchen, sich
mglichst hoch auf den Fuspitzen empor, um mit ihren beiden Armen seinen Nacken
zu umschlingen, was aber nicht ganz nach Wunsch gelingen wollte; ein zweites,
noch jngeres, begngte sich damit, seine Kniee zu umfassen, und lchelnd unter
Thrnen, in dieser Stellung zu ihm aufzusehn; drei im Alter wenig verschiedene
hoch gewachsene Bursche betrachteten den Bruder mit unbeschreiblicher
schchterner Liebe und Freude; die ganze Familie Yakuchin war hier zum Empfange
des lang entbehrten Lieblings versammelt, nur der Vater fehlte, den Geschfte
der Ernte einstweilen zu Hause noch fest hielten.
    Die ganze Gruppe wrde dem anmuthigsten Familiengemlde als Vorbild haben
dienen knnen, htte die Hauptfigur, Iwan, nicht die Harmonie desselben gestrt,
der bald wild tobend, wie ein aufgereizter Lwe, in furchtbaren Flchen und
Verwnschungen den allen unbegreiflichen innern Zorn seiner Brust ausstrmen
lie, bald wieder im nchsten Momente, sanft und weich wie ein Kind, den
Liebkosungen der Seinigen, sie erwiedernd, sich hingab, und gleich darauf wieder
den Armen, die ihn umschlungen hielten, sich zu entwinden suchte, unter
Drohungen, von denen Niemand begriff, wem sie gelten knnten.
    Richard bersah das Alles in weniger als einer Minute; unentschlossen stand
er da, und Ilia war der erste, der seine Gegenwart bemerkte.
    Herr, sprach Ilia, sehr anstndig sich verbeugend, ohne jedoch die beiden
vergeblich sich strubenden Knaben loszulassen: Herr, ich mchte ber diesen
unverzeihlichen Empfang so hochgeachteter Gste unter meinem geringen Dache vor
Scham in die Erde sinken. Doch glaubt mir, diese unseligen Buben allein haben
alle diese Verwirrungen hervorgebracht; sie haben ein Fest des Wiedersehens,
ber das die Engel im Himmel, wie die Menschen auf Erden frohlocken mten, in
Hader und Verdru umgewandelt, aber der Lohn dafr soll ihnen nicht entgehen!
Ihr vorwitzigen Taugenichtse, hrt auf zu gransen, gebt deutlich Rede und
Antwort; welcher Satan trieb Euch, ohne Erlaubni den Fremden, dem Ihr die Stadt
zeigen solltet, hierher in das Zimmer der Frauen zu fhren? Sprecht deutlich,
oder! - setzte er, mit dem Fue derb aufstampfend, hinzu, und schttelte die
Knaben abermals zusammen, da Hren und Sehen ihnen vergehen mochte.
    Wir haben ihn nicht hergefhrt, er ist uns nachgelaufen, schrie weinerlich
der jngste Bube.
    Durften wir den Gast unseres Hauses vor unsern sehenden Augen betrgen
lassen? setzte sein lterer Bruder etwas trotzig hinzu.
    Jetzt legte Dmitry sich ins Mittel, und es wurde den Knaben vergnnt, ihre
Entschuldigung vorzubringen. Iwan hatte schon viel Geld, ihrer Ansicht nach
unermeliche Summen, fr Schmuck und hnliche Dinge hingegeben, als noch ganz
zuletzt ein brillanter persischer Shawl ihm ins Auge fiel, den er sogleich
seiner Mutter bestimmte. Er fragte nach dem Preise, zhlte seine ihm brig
gebliebene Baarschaft, fand sie eben noch hinreichend, und war im Begriff den
Kauf abzuschlieen, als der lteste seiner jungen Begleiter mit der Erklrung
dazwischen trat, der Shawl sei hchstens ein Drittel der dafr geforderten Summe
werth.
    Der Kaufmann versicherte das Gegentheil; Iwan ohnehin des vielen Marktens
und Feilschens mde, bezeigte sich geneigt auf seine Seite zu treten, als der
eifernde Knabe hastig den Gegenstand des Streites aufgriff, und damit in das
nahe gelegene Haus seines Vaters lief, um seine Mutter als anerkannte kompetente
Kennerin darber entscheiden zu lassen. Sein Bruder folgte ihm, und Iwan sprang
in einem Anfalle lustiger Laune beiden nach; der Kaufmann, der die Shne seines
reichen Nachbars Ilia kannte, lie unbesorgt sie laufen. In kindischer
Ausgelassenheit strmten alle Drei blindlings in das Zimmer der Mutter der
Knaben, Frau Selina, hinein; betroffen ber sein eignes Ungeschick, blieb Iwan
beim Anblicke der Gesellschaft, in welcher er sich ganz unerwartet befand, wie
versteinert stehen, und flog im nchsten Augenblicke mit einem lauten
Freudenschrei in die Arme seiner Mutter, seiner Brder, seiner Schwestern, die
er alle ungeachtet der mehrjhrigen Trennung augenblicklich erkannte.
    Der Jubel war allgemein, die Freude unbeschreiblich; doch pltzlich
vernderte sich alles auf unbegreifliche Weise, und der Zustand stellte sich
ein, in welchem Richard ihn jetzt gefunden.
    Das Angstgeschrei der Frauen, die einen pltzlich wahnsinnig Gewordenen in
ihm zu sehen glaubten, Ilias scheltende Stimme, der Knaben ngstliches Rufen,
der Mutter bittendes Zureden, alles das zusammen wirkte wahrhaft betubend. Auch
Richard, wie frher die brigen Alle, begann jetzt zu frchten, die
berraschende Anwesenheit der Mutter und Geschwister habe auf den eben
Genesenden zu lebhaft gewirkt, und den armen Iwan wenigstens fr den Augenblick
um Sinn und Verstand gebracht. Er nherte sich ihm und wollte nach
beschwichtigenden Worten suchen, doch dazu lie Iwan ihm keine Zeit; er ri
sobald er ihn erblickte von der Mutter sich los, warf sich ihm in die Arme und
brach in herzzerreiende Klagen aus.
    Du! ja Du wirst endlich mich verstehen, o Richy, Richy, in welch' ein Haus
sind wir gerathen! rief er, und schien nicht zu fhlen wie heie Thrnen, aus
den weit offnen wild blitzenden Augen, schwer und einzeln ber die in dunkler
Fiebergluth brennenden Wangen ihm rollten. Rcksichtslos schob er alles was ihm
im Wege stand bei Seite, und zog den Freund mitten in den eng geschlossenen
Kreis der Frauen hinein, die sogleich ngstlich-scheu ihm auswichen.
    Sieh her, rief er mit erstickter heiserer Stimme, sieh her! man mchte sich
darber zu Tode weinen! Ist es nicht um von Sinnen zu kommen? heischt das nicht
blutige Rache?
    Ein armenisches halb ohnmchtiges Mdchen, das auf einem Sto nach
orientalischer Art ber einander aufgehufter Kissen lag, wurde, da die Frauen
sich zurck gezogen hatten, sichtbar. Iwan bckte sich, und schleuderte den
Schleier fort, den ihre Freundinnen in der Eile ber ihr Gesicht gebreitet
hatten.
    Sieh her, sieh her, wiederholte Iwan mehrere Male, kennst Du sie, die
Verlorene, die frh Verlassene, erkennst Du sie in der fremden Tracht? rief er,
und verbarg krampfhaft schluchzend sein Gesicht an der treuen Brust seines
Freundes.
    Das Mdchen blickte trumerisch umher, wie aus tiefem Schlafe erwachend.
    Sie! Sie sind es, rief sie fast jubelnd in deutscher Sprache, indem sie
Richard erkannte. Sie sind da? o, nun wird alles gut! Sie werden mich in Schutz
nehmen, Sie knnen nichts bles von mir denken, Sie wenigstens werden nicht nach
dem Scheine richten. Ihre Stimme wird zu dem ungerechten Herzen dieses Mannes
den Weg finden, und meine Vertheidigung fhren.
    Julie! rief Richard erstaunt, Julie, ist es mglich? Sie hier!
    Julie brach in Thrnen aus, sie weinte recht bitterlich aus dem Herzen, wie
ein Kind im Gefhle erlittenen Unrechts.
    Frau Selina konnte das nicht lnger ruhig mit ansehen; sie berwand die
Scheu vor dem tobenden Iwan, lie zu Julien sich nieder, sprach trstend ihr zu,
trocknete liebkosend ihre Wangen, und wandte sich dann an die beiden Freunde.
    Ich verstand kein Wort von dem was Diese jetzt gesprochen, denn die Rede
ihres Landes ist mir vllig fremd: aber ich bin bereit, Leben und Ehre dafr
einzusetzen, da ber diese Lippen nie eine Lge gegangen ist, denn sie ist treu
und ohne Falsch, unschuldig und rein, wie meiner Tochter Neugebornes, dort in
der Wiege! Wochen und Monate lebt sie in der Mitte der Meinen, mge sie nie uns
verlassen! Das liebe Kind! sie ist die Freude unsrer Herzen! sie ist das Licht
unsrer Augen: sprach Frau Selina, und drckte ihren Schtzling recht fest an
ihre Brust.
    Ilia hatte unterdessen seine beiden Knaben losgelassen, die auch sogleich
die wiedererhaltene Freiheit benutzten, um das Freie zu suchen; auch er nahm
jetzt das Wort, indem er nher trat.
    Herr! sprach er, noch sehe ich zwar in den Ursprung aller dieser, so
pltzlich eingetretenen Verwirrungen nicht klar hinein, aber ich begreife doch,
da unser lieblicher Gast hier darein verflochten ist. Ihr habt dies Mdchen
gekannt, und denkt jetzt Arges von ihr, weil Ihr unerwartet, weit von ihrer
Heimath, in fremdem Lande sie antrefft. Ist dem nicht so?
    Richard machte nur ein bejahendes Zeichen, Iwan stand stumm und starr, im
Anschauen Juliens versunken.
    
    Nun dann, fuhr Ilia fort, so hrt wenigstens auf das Wort eines rechtlichen
Mannes. Zwar kennt Ihr mich noch nicht, aber fragt weit und breit im Lande umher
nach Ilia, ob irgend ein Makel auf seinem Namen hafte, ob Ihr nicht auf Treu und
Glauben meine Worte fr Wahrheit annehmen knnt. Es ist wie meine Frau es eben
ausgesprochen. Seit mehreren Monaten, von uns und allen unsern Nachbarn und
Freunden geehrt und geliebt, lebt dieses Mdchen in unserer Mitte, als gehre
sie zu uns und wre unser eigenes Kind. Ich wache ber sie, kein Unrecht darf
ihr nahen, denn ihr Vater hat sie in meinen Schutz gegeben. Von Vaters Hand
wurde die schne fremde Blume in meinen Garten gepflanzt, und ich habe mein Wort
darauf gegeben - -
    Ihr Vater! ihr Vater! welch neues Truggewebe! wer hat das ersonnen? rief
Iwan, unfhig lnger an sich zu halten; nie hat sie ihren Vater gekannt, nie ihn
gesehen!
    Wohl habe ich meinen Vater gekannt, wohl ihn gesehn, rief Julie: und da ich
nie hoffen darf ihn wieder zu sehen, das ist mein groer Schmerz! Armer
unglcklicher Mann! Berge und Thler und breite Strme liegen zwischen uns! ihre
Stimme ging unter in Thrnen.
    Du kennst Deinen Vater? doch wohl auch seinen Namen? wie heit Dein Vater,
rief Iwan sich zu ihr niederbeugend, fast hhnend.
    Julie erbleichte bei dieser Frage; ngstlich, wie Hilfe oder Auskunft
suchend, blickte sie verschchtert um sich her.
    Wie heit er? rief Iwan berlaut, in steigendem Zorne.
    Grischa, flsterte Julie kaum hrbar und verbarg ihr Gesicht am Busen ihrer
mtterlichen Freundin.
    Grischa! rief Iwan laut und bitter auflachend: er hatte den Namen nie nennen
gehrt, denn weder Richard noch Dmitry hatten fr gut gehalten, den
rthselhaften Alten gegen ihn zu erwhnen.
    Grischa! wiederholte Richard, warf einen vorwurfsvollen Blick auf Dmitry,
und eilte zum Zimmer hinaus. Dmitry folgte ihm auf dem Fue. Frau Selina
benutzte diesen Augenblick, um mit Hilfe ihrer Tchter die an Krften vllig
erschpfte Julie fortzufhren. Iwan blieb mit den Seinigen allein, denn auch
Ilia zog bescheiden sich zurck, um bei dem Gesprche zwischen Mutter und Sohn
kein berlstiger Zeuge zu werden.
    Nach manchem milungenen Versuche gelang es endlich der Mutter, den Sohn in
einen verhltnimig ruhigen Zustand zu versetzen, indem sie von seinem Vater
und dem huslichen friedlichen Leben, das zu Hause ihn erwartete, ihm sprach.
Sie stellte seine Brder und Schwestern der Reihe nach ihm vor, die mit
unbeschreiblicher Liebe an ihm hingen, und die er bis jetzt kaum eines Blicks
gewrdigt hatte; machte auf die vortheilhafte Einwirkung der Zeit, auf die
geistige und krperliche Entwickelung derselben ihn aufmerksam, welche die Reihe
von Jahren herbeigefhrt hatte, whrend welcher er sie nicht gesehen;
schilderte, ihm wie der Boden ihr unter den Fen gebrannt, bis sie vom Vater
die Erlaubni erhalten, ihm mit ihren Kindern entgegen zu gehen. Die
Mhseligkeiten der Reise erwhnte sie kaum.
    Ich wre bis Moskau, ja bis Petersburg Dir entgegen gezogen, htte ich Dich
nicht frher angetroffen, versicherte die muthige Frau, die zuvor nie in ihrem
Leben sich weiter, als hchstens eine Tagereise von ihrer Heimath entfernt
gehabt.
    Jetzt hatte sie schon seit zwei Tagen die, durch einen von Dmitry
abgesandten Boten angekndigte nahe Ankunft ihres erstgebornen Lieblings in
unaussprechlicher Sehnsucht bei ihrer Jugendfreundin Selina erwartet; und als er
nun wirklich in tief dunkler Nacht anlangte, begngte die sorgsame liebevolle
Mutter sich dennoch damit, durch die Jalousien lauschend, beim Scheine ihm
entgegen leuchtender Fackeln ihn aus dem Wagen steigen zu sehn. Sie wollte dem
Ermdeten Zeit zum Ausruhen vergnnen, um am folgenden Tage die hohe Freude des
Wiedersehns um so ruhiger zu genieen, die ihr leider so herbe verbittert werden
sollte.
    Doch wie weiland der Harfe des kniglichen Sngers im alten Testamente, so
gelang es endlich auch der Mutter sanfter Stimme, den bsen Dmon in des Sohnes
Brust zur Ruhe einzulullen, und Iwan hrte auf zu toben, indem er ihrer
Einwirkung sich hingab.

Grischa entluft Euch nicht, Herr, er wartet ruhig auf Euch, rief Dmitry, indem
er an dem rasch voranschreitenden Richard vorber eilte, um ihn nach seinem
Zimmer zu fhren. In den verwickelten Gngen dieses alten Hauses verirrt man
sich leicht, setzte der allzeit Dienstfertige hinzu, indem er die Thre
desselben ihm ffnete.
    Da lag nun Grischa, wie die Chrysalide eines entpuppten Schmetterlings,
nachlssig in einen Sessel hingeworfen; nmlich sein russischer Kaftan, sein
ehrwrdiger Bart, seine groe Mtze, und was sonst noch an und um ihn gehangen;
der Kern dieser abgeworfenen Hlle stand aber in Gestalt des bebrillten Barons
in Lebensgre mitten im Zimmer.
    Elender! Du wagst es, rief Richard, und griff mechanisch nach seinen auf
einem Seitentische liegenden Pistolen.
    Ich bin ohne alle Waffen, wie Sie sehen, erwiederte der Baron sehr gelassen,
und schlug seinen berrock zurck.
    Richard wandte sich, um die Pistolen wieder an ihren Ort zu legen, und die
Thre sorgfltig zu verschlieen, von der er den Schlssel abzog und zu sich
nahm; Wort und Stimme versagten ihm vor heftigem Zorne, der Baron aber benutzte
diesen Augenblick, um hinter den Bettschirm zu schlpfen, und Richard, als er
sich ihm wieder zukehren wollte, sah ihn als Torson, die grne Brille in der
Hand, aus seinem Verstecke hervorkommen.
    Von der Vollkommenheit dieser Umwandlung mit so Wenigem, und in kaum einer
Minute Zeit vollbracht, kann der nur sich einen Begriff machen, der vor zehn bis
zwlf Jahren den ltern Devrient in der Rolle der Drillinge gesehen hat.
    Taschenspieler! murmelte Richard verchtlich.
    Nennen Sie es meinetwegen wie Sie wollen, mir erspart das Kunststckchen
eine mndliche Erklrung und dient obendrein dazu, Ihrem Scharfblicke
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der oft nahe daran war, mir in die Karte zu
sehn, und mir mitunter Noth genug gemacht hat: erwiederte Torson einigermaen
verbindlich.
    Genug des faden Geschwtzes! rief Richard hchst unmuthig, ich habe sehr
Ernstes mit Ihnen zu verhandeln, und erwarte bestimmte Auskunft, die ich
nthigen Falles mir zu verschaffen wissen werde.
    Diese zu erhalten, soll Ihnen nicht schwer werden, erwiederte Torson, leicht
hingeworfen: war ich doch schon in Moskau, und bin blos in der Absicht, jede
Erluterung zu gewhren, die Sie verlangen knnen, mit Ihnen hierher zurck
gereit. Freund Dmitry, fuhr Torson fort, als er den fragenden Blick bemerkte,
mit welchem Richard ihn von oben bis unten maa, Freund Dmitry hat, gleich einem
verbotenen Waarenartikel, in seinem verdeckten Frachtwagen mich eingeschmuggelt,
auch bin ich jetzt im strengsten Incognito hier; Ilia sogar wei nicht darum,
Niemand auer Dmitry, und jetzt auch Sie. Um meiner Tochter willen wnsche ich,
da Sie mich nicht zwingen an's Licht zu treten, ich mchte dem armen Mdchen,
das schon viel um mich gelitten hat, den Schmerz eines wiederholten Abschiedes
von einem Vater ersparen, der um ihrer selbst willen sich von ihr trennen mu,
und den sie mehr liebt, als er vielleicht es verdient.
    Und auch Sie sind gesonnen, dieses abgeschmackte Mhrchen mir aufzuheften?
fragte Richard.
    Gedenken Sie jenes Morgens, als wir beide zum ersten und einzigen Male mit
einander auf der Strae gingen. Erinnern Sie sich, da ich damals Ihnen vorher
sagte, ein Tag wrde kommen, an welchem Sie, eingenommen wie Sie es gegen mich
waren und noch sind, mir weder Ihr Mitleid, noch in gewisser Hinsicht Ihre
Achtung wrden versagen knnen; sprach Torson mit eindringendem Ernste.
    Ich erinnere mich dessen; vermuthlich sollte Ihre damalige wohl gesetzte
Rede dem sentimentalen Melodram, das Sie jetzt aufzufhren gedenken, zum Prolog
oder als Exposition dienen, erwiederte Richard; aber ich bitte Sie zu erwgen,
da Melodramen und darin vorwaltende Verkleidungen ein wenig aus der Mode
gekommen sind, und auch, da das Sentimentale nicht ganz Ihr Fach zu sein
scheint, so sehr Sie auch in andern Fchern excelliren: setzte er mit
schneidendem Hohne hinzu.
    Torson zuckte zusammen, fate sich aber schnell, setzte sich an den vor ihm
stehenden Tisch, und zog eine verschlossene Brieftasche hervor, die er mit einem
kleinen Schlssel, den er am Halse trug, vorsichtig ffnete. Richard hatte ihm
gegenber Platz genommen und beobachtete jede seiner Bewegungen mit wahren
Inquisitors-Blicken.
    Torson legte indessen mehrere Briefschaften und gerichtlich besttigte
Documente Richarden vor, lud schweigend, durch ein Zeichen mit der Hand, ihn ein
sie zu untersuchen, und lehnte sich dann mit bereinander geschlagenen Armen und
einem vllig versteinerten Gesicht in seinem Sessel zurck.
    Juliens Taufzeugni, der Trauschein ihrer Eltern, der Todtenschein ihrer
Mutter, alles in grter Ordnung besiegelt und unterschrieben: sprach Richard
leise vor sich hin, indem er die ihm vorgelegten Papiere einzeln betrachtete.
Das Alles scheint mir in vollkommener Richtigkeit. Aber ich sehe nichts darin,
was Ihre vterlichen Ansprche auf Julien begrnden knnte, setzte er laut
hinzu, indem er seinen Gegner mit durchdringend scharfem Blicke fixirte.
    Dieser Name, erwiederte Torson, indem er auf Juliens Taufzeugni hindeutete,
dieser Name, der wahrscheinlich durch seine alt-historische Bedeutsamkeit Ihnen
auffllt, war einst der meine; er ist es nicht mehr. Ich habe ihm entsagt und
werde nie wieder ihn fhren.
    Ungemein romantisch, lachte unglubig Richard.
    Herr Wood, sprach Torson, sehr fest und ernst: Sie mssen selbst fhlen, da
Ihr Betragen gegen mich Ihrer unwrdig ist, da es Ihnen unmglich entgehen kann,
wie sehr ich, aus mir wichtigen Grnden, mich bemhe, ruhig zu bleiben und mich
nicht aufbringen zu lassen Sie treiben mit mir das rohe Spiel eines Barbaren
gegen seinen gefesselten Feind; es aufzugeben wre ehrenvoller. Haben Sie mich
bis an's Ende gehrt, nun dann stehen wir wieder auf gleichem Boden Mann gegen
Mann einander gegenber, was jetzt nicht der Fall ist.
    Richard wurde roth, hustete ein wenig, und suchte in die Stellung eines
ruhig Zuhrenden sich zu versetzen, ohne weiter etwas zu erwiedern.
    Ich bin wirklich dieser uralten Familie entsprossen, fuhr Torson fort, deren
Stammbaum bis zu den ersten fast fabelhaften Beherrschern von Lithauen in die
graueste Vorzeit hinabreicht; der jngste von acht Shnen unsers einst sehr
begterten Hauses, dem von seinem ehemaligen Glanze jetzt wenig mehr als sein
groer Name geblieben ist, um sich ber den durch Verwahrlosung herbeigefhrten
Verfall seiner noch immer sehr ausgedehnten Besitzungen damit zu trsten. Nach
alt hergebrachtem Familienbrauche vertheilte mein Vater noch bei seinen
Lebzeiten den grten Theil unsrer Gter zwischen meinen Brdern. Dort setzten
sie das gewohnte rohe Krautjunkerleben in der Mitte ihrer Leibeigenen fort. Doch
ich, der jngste, damals noch ein Knabe, wurde bei der nach und nach
vollbrachten Theilung wirklich vergessen. Als man sich meiner erinnerte, fand
sich, da blutwenig fr mich geblieben sei, so lange mein Vater noch lebe. Es
wurde im Familienrathe beschlossen, mich nach Deutschland zu senden, um mich
studiren zu lassen. Das Wie machte noch einige Schwierigkeit. Da erschien, ganz
unverhofft, auf dem alten Rattenneste, das unser Schlo genannt wurde, ein Deus
ex machina, ein Abenteurer, wahrscheinlich der entlaufene Kammerdiener irgend
eines groen Herrn. Dieser erklrte, da in mir ein Genie stecke; was das
eigentlich sei, wute Niemand, aber man hatte nun doch ein Wort, um sich daran
zu halten; und bald darauf reiste ich, unter der Fhrung dieses mir zum
Hofmeister beigegebenen Unbekannten, nach Deutschland ab.
    Mit den Details des wsten Lebens, das ich von nun an unter der Leitung
meines trefflichen Begleiters fhrte, will ich Sie verschonen. Wir zogen von
einer hohen Schule zur andern, ein paarmal wurde ich relegirt, endlich lief ich
meinem Hofmeister davon, indem ich die Hlfte unserer noch brig gebliebenen
Baarschaft ihm hinterlie.
    Wir haben nie wieder etwas von einander gehrt. Da ich bei dieser
Lebensweise nicht ganz unwissend geblieben bin, ist mir selbst unbegreiflich;
doch trieben berdru und Langeweile mich mitunter zum Fleie an.
    Ich suche vergeblich den bergang von dem was ich damals war, zu dem was ich
jetzt geworden bin, Ihnen deutlich zu machen; sprach Torson nach
augenblicklichem Nachsinnen: und mu zu einem gewaltigen Sprunge mich
entschlieen ber alles hinweg, was auf meiner abenteuerlichen Lebensbahn sich
dazwischen drngte, um gleich zum Resultate, zum Spieltische berzugehen, zu
welchem ein unwiderstehlicher Hang von jeher mich trieb.
    Ich durchzog als erklrter Spieler halb Europa, alle groen Stdte, alle
Brunnenorte, die mir eines Besuches werth dnkten. Fortuna war mir unbegreiflich
gnstig, und ist es noch heute. Sie blieb meine stete Begleiterin. Angeborner
Scharfblick, Gleichmuth, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen lt, und
viel kaltes Blut, halfen mir ihre Huld klglich benutzen, doch nie habe ich
durch niedre Kunstgriffe sie zu fesseln gesucht. Bei Gewiheit des Gewinnes
ginge jeder Reiz des Spieles fr mich verloren; nur die gespannte Erwartung des
entscheidenden Augenblicks, nur das ewige Schwanken zwischen Bettler und Knig
ist es allein, was mich an mein jetziges Gewerbe fesselt; alles andre liegt fade
und trbselig vor mir. Glauben Sie mir, kein chter Spieler will eigentlich
Reichthum er werben; mit dem Hchsten, nach welchem Andre im Schweie ihres
Angesichts ringen, ein leichtes Spiel treiben, das allein ist unsre Freude! und
ich mu und werde dabei bleiben, bis der Tod mit dem letzten va banque! diese
mir sprengt.
    Richard machte ein etwas unglubiges Gesicht, erwiederte aber keine Sylbe;
doch auch diese fast unmerkliche Vernderung in seinen Zgen entging dem
Scharfblicke Torsons nicht.
    Sie zweifeln an der Wahrheit dieser Behauptung? fragte er: mge die
Thatsache ihre Zweifel heben, da das unablssige Verfolgen des Glcks mich
zuletzt langweilte. Ich kam auf den Einfall, mich auch einmal in Fhrung eines
tugendhaften, ehrbaren Lebens zu versuchen, nahm meinen wirklich sehr
bedeutenden Gewinn zusammen, und zog damit weit weg, nach Knigsberg, einer
Stadt, wo ich ganz unbekannt zu bleiben hoffen durfte. Dort fand ich einen armen
Engel in der Hlle: die Waise eines Schullehrers, die demthige Gesellschafterin
eines weiblichen Satans, wie es hoffentlich keinen zweiten mehr auf Erden giebt.
Ich beschlo das schne Kind zu erlsen, es gelang mir seine Liebe zu gewinnen,
ich entfhrte es, und wurde in einem, unfern Memel gelegenen Dorfe, der
rechtmige glckliche Gatte des liebenswrdigsten Wesens auf Erden.
    Sie war so schn, und entfaltete, im warmen Sonnenscheine eines ihr bis
dahin ganz unbekannt gebliebenen Wohllebens, krperlich und geistig sich immer
wundervoller; gleich einer in drrem Boden, unter kaltem Himmel verkmmerten
Pflanze, die eine freundliche Hand in ein wrmeres, ihr gnstigeres Klima
versetzt.
    Die Nhe meines Geburtslandes regte alte, viele Jahre lang vergessene
Erinnerungen in mir auf, sie arteten in Wnsche aus; seit ich von meinem
sogenannten Hofmeister mich trennte, war ich ohne alle Nachricht von meiner
Heimath geblieben. Ich wollte in meinem Reichthume und meinem Liebesglcke
meinen Verwandten mich zeigen, ich wollte meine Frau - kurz die Reise wurde
beschlossen und zurckgelegt. Mein glnzendes, etwas prahlerisches Auftreten
wirkte blendend auf die rohen Gemther meiner Brder, brigens fand ich alles
noch ziemlich wie ich es verlassen, mein greiser Vater sogar war noch am Leben.
    Allgemeine Bewunderung, ich darf sagen, ehrfurchtsvolle Verehrung, wurde
meiner Frau von allen Seiten gezollt. Da ich ber die Quelle meines
augenscheinlich bedeutenden Vermgens nie etwas verlauten lie, so galt es fr
ihre Mitgift. So reich! so schn! so vornehm in all ihrem Thun! Sie mute aus
hohem, wenigstens frstlichem Blute abstammen, es konnte unmglich anders sein.
Mein Vater verlangte endlich von ihrer Ahnentafel genauen Bericht, und ich, in
meinem stolzen bermuthe, bekannte in klaren, drren Worten ihm die Wahrheit.
    Htte ich fr einen Ruberhauptmann mich erklrt, man wre leichter darber
hingegangen; war das doch von alten Zeiten her ein adliges Gewerbe, das mancher
unserer Ahnen in allen Ehren getrieben; aber in die lange nie unterbrochene
Reihe derselben eine Leibeigene einzuschwrzen! eine Leibeigene! - denn das war
sie in den Augen dieser beschrnkten Junker, die nur Adlige und Leibeigene
kannten.
    Still vor sich hin seufzend, dachte Richard hier an die Frstin Eudoxia.
    Im ersten Augenblicke hatte ich wirklich Mhe, uns vor thtlicher
Mihandlung zu schtzen; mit Hunden uns beide vom Hofe zu hetzen, war einer
ihrer menschenfreundlichsten Vorschlge: fuhr Torson fort.
    Ich will so schnell als mglich ber die emprende Scene, die nun erfolgte,
hinwegeilen. Meine Brder, aufgehetzt von ihren neidischen Weibern, schumten
vor Wuth; mein schwacher greiser Vater drohte mir mit seinem Fluche, wenn ich
darauf bestnde, die Leibeigene nicht zu verstoen. Zitternd vor dieser Drohung
lag meine, in sehr beschrnkten Ansichten erwachsene Frau, mir weinend zu Fen,
und beschwor mich, sie lieber aufzuopfern, als so Schweres auf mein Haupt zu
laden.
    Des widerwrtigen Zustandes mde, machte ich es endlich wie Esau, verkaufte
ihnen fr ein Linsengericht alle meine Ansprche, sowohl auf die mir
verchtliche Erdscholle, im abgelegensten Winkel eines abgelegenen Landes, als
auf den alten Namen, der mir jetzt ein Gruel war; sah lachend zu, als man auf
unserm Stammbaume ihn gleich dem eines Verstorbenen mit einem Kreuze
bezeichnete, nahm meine, vor einem Hirngespinnste noch immer zitternde Frau, in
meine Arme, und fuhr mit ihr in die weite Welt hinein. So ward ich was ich bin,
ein Namenloser! Glcklicher Weise behielt ich in dem mich umtobenden Sturme doch
Besonnenheit genug, diese Besttigung jenes ans Fabelhafte grnzenden
Ereignisses nicht zu vergessen; setzte Torson hinzu, indem er noch einige
Papiere hervorzog und vor Richard niederlegte.
    Weiter! weiter! mahnte Richard, mit sichtbar zunehmendem Antheile.
    Ich stehe an einem jener dunkeln Punkte der Geschichte meines Lebens, von
denen ich schon damals Ihnen erklrte, da ich gern auf ewig sie verge,
erwiederte Torson mit dsterm Blicke. Erlauben Sie mir so schnell darber hinweg
zu gleiten, als die Wahrheit, zu der ich gegen Sie verpflichtet bin, es mir
vergnnt.
    Die schwankende Gesundheit meiner Frau erheischte ein milderes Klima; wir
zogen nach Mainz. Die husliche Glckseligkeit, in der ich so gar nichts
erlebte, was nur der Rede werth war, machte mir einige Langeweile; die Nhe von
Wiesbaden lie mir nicht Ruhe noch Rast: ich fing an mir vorzukalkuliren, da es
sehr heilsam sein wrde, meine hart mitgenommenen Finanzen etwas zu rekrutiren,
um unser splendides Leben auf die Dauer fortsetzen zu knnen. Genug, ich nahm
meinen alten Platz am grnen Tische in Wiesbaden wieder ein, und Fortuna blieb
nach wie vor mir hold.
    Meine Frau erwartete indessen sehr ruhig in Mainz ihre Niederkunft; meine
fteren, doch nie mehr als hchstens zwei Tage berschreitenden Abwesenheiten,
fielen nie der Arglosen auf; sie gnnte mir jede Erholung und fand es natrlich,
da ich sie aufsuchte. Von dem, was mich dahin zog, hatte das einfache Naturkind
nicht einmal einen deutlichen Begriff.
    Da kam eine gute Freundin! Wissen Sie, Herr Wood, was das heit? rief Torson
pltzlich mit wild blitzenden Augen, kennen Sie diese guten Freundinnen, diese
Pest alles huslichen Friedens? diese ewig nach Neuigkeiten sprenden Geschpfe,
um damit die weite trostlose de ihres eigenen Lebens auszufllen, diese milden
Seelen, die ihre spitze Sonde so tief als mglich in jede verborgene Wunde
stoen, um die Existenz derselben, und ihr ungeheures Mitleid mit dem Leidenden
auf ffentlichem Markte proclamiren zu knnen?
    Solch ein zartes theilnehmendes Wesen bemchtigte sich whrend meiner
Abwesenheit auch meiner armen Frau, brachte sie unter dem Vorwande einer
Spazierfahrt nach Wiesbaden, fhrte die Arglose in den Saal.
    Hinweg, hinweg mit der Erinnerung! Der Schleier war zerrissen, unser
Zusammenleben eine Hlle auf Erden, von dem Tage an. Malen Sie gtigst sich
selbst aus, wie das zuging, wenn Sie Lust dazu haben, ich kann's nicht! rief
Torson, und warf mit bleichen verzerrten Zgen in seinen Sessel sich zurck.
    Julie wurde geboren, hob er nach einer Pause wieder an: heldenmthig hielt
die unglckliche Mutter, um des Kindes willen, anderthalb Jahre lang sich
aufrecht, dann konnte sie nicht mehr. Sie sank zusammen.
    Der Sterbenden habe ich gelobt, unsre Tochter nach Knigsberg in eine
Familie zu bringen, welche sie in ihrer Jugend als sehr rechtlich gekannt hatte,
und die Kleine als namenlose Waise so brgerlich einfach von diesen Leuten
erziehen zu lassen, wie einst ihre Mutter selbst erzogen worden war. Auch mute
ich noch schwren, das Gewerbe, das ich bis dahin getrieben, und von dem ich,
wie sie wohl einsah, nie lassen knne, vor meiner Tochter ewig zu verbergen. Ich
gelobte was die Sterbende von mir forderte, und habe es gehalten.
    Indem Sie Anstalt trafen, fiel Richard ein, Ihr Kind in die
Erziehungsanstalt der Frau Marina -
    Halten Sie ein! unterbrach Torson mit groer Heftigkeit ihn: hten Sie sich
die dunkeln Gewalten, die in jeder Menschenbrust schlummern, zu wecken.
Versuchen Sie an mir alles was sich ertragen lt, weiter gehen zu wollen wre
Feigheit. Bleiben Sie bei der Wahrheit, das, was auszusprechen ich Sie
verhinderte, lag nicht in Ihrer Seele. Sie glauben selbst nicht daran.
    Richard schwieg, Torson auch; endlich nahm dieser wieder das Wort:
    Damals hatte ich keine Ahnung der Mglichkeit, da meine Tochter mir so nahe
sein knne. Seit langer, langer Zeit hatte ich nichts von ihr vernommen; wenn
ich ihrer gedachte, was, zu meiner Schande, selten genug der Fall war, dachte
ich sie mir ruhig bei ihren Pflegeeltern in Knigsberg. Das unvergeliche
Zusammentreffen an jenem denkwrdigen Abende, Sie wissen mit wem, bewog Frau
Marina, schon am folgenden Tage sich durch die Flucht gewissen Nachforschungen
zu entziehen, denen sich auszusetzen ihr nicht rathsam schien. Auch ich hielt
ebenfalls fr gut, mich wo anders hinzuwenden, und kam auf den Gedanken, meinen
Weg ber Knigsberg zu nehmen, um mich bei der Gelegenheit nach meiner Tochter
zu erkundigen.
    Dort erst erfuhr ich, sie lebe in Petersburg unter der Obhut des
Kapellmeisters Lange; sie also war jenes ngstlich scheue Mdchen! es war
unmglich daran zu zweifeln. Mir grauste vor dem Gedanken, wie nahe ich daran
gewesen sei, in einem Anfalle verchtlichen bermuths mein eignes Kind zu
verderben. Ich eilte nach Petersburg zurck, legte mit der grnen Brille die
jetzt mir selbst widerliche Maske ab, die ich dort so lange getragen, und fhrte
als Abgesandter ihrer Eltern bei Julien und ihren Beschtzern mich ein.
    Doch diese Vernderung der Gestalt, in welcher sie nur einige Minuten und in
der Dmmerung mich gesehn, waren nicht hinreichend, um in Julien Erinnerungen
vllig zu ersticken, die, wenn gleich nur dunkel, bei meinem Anblicke sich regen
mochten. Ich mute mich entschlieen, unter dem Siegel des Geheimnisses, mich
als ihren Vater ihr zu erkennen zu geben, um den in ihr aufkeimenden Widerwillen
gegen mich nicht in ihrem Gemthe aufkommen zu lassen.
    Ich erdichtete Gefahren, die aus politischen Grnden mir drohen sollten,
wenn mein Aufenthalt in Petersburg bekannt wrde, und sie gelobte mir
unverbrchliche Verschwiegenheit. Arme Julie! sie selbst ist es ja, vor der ihr
Vater sein eigenstes Dasein verhllen mu! sie ist wie ihre Mutter war, fromm,
einfach, schaudernd vor jedem Anscheine eines Unrechts; sie wrde die Wahrheit
eben so wenig ertragen knnen, als diese es konnte!
    Mit der Darstellung meiner Gefhle fr meine Tochter will ich Sie
verschonen, fuhr Torson nach kurzem Schweigen fort. Trauen Sie mir noch einige
menschliche Empfindung zu, so wre jedes Wort darber vom berflu; halten Sie
mich fr eine Art von moralischem Ungeheuer, so wrde alles, was ich dagegen
einwenden knnte, Sie nicht anderes Sinnes machen. Doch hoffe ich, Sie werden
mir die Ehre erzeigen, mir zu glauben, da ich nichts sehnlicher wnsche, als
Julien, durch die Verbindung mit einem ihrer wrdigen Gatten, ein dauerndes
Glck, oder wollen Sie es lieber eine Versorgung nennen? zu bereiten. Iwan
Yakuchin schien mir in jeder Hinsicht dazu geeignet, es ist so leicht seine
offene ehrliche Seele bis auf den Grund zu durchschauen! Auch seine und meiner
Tochter gegenseitige Neigung konnte mir nicht lange verborgen bleiben; ich
begnstigte diese auf jede Weise, doch durfte Iwan mein eigentliches Verhltni
zu Julien nie erfahren. Unbefangen hielt er mich fr den von ihren verstorbenen
Eltern ihr gesetzten Vormund, und lie es dabei bewenden. Da kamen Sie, und
waren Augenzeuge der hierauf folgenden Ereignisse.
    Doch sehe ich deshalb um nichts klarer; im Gegentheil, das geheimnivolle
Dunkel, das Sie um sich her verbreiten, scheint mir dichter als zuvor:
erwiederte Richard.
    Nicht mit meinem Willen, gewi nicht: antwortete Torson; wenn Sie nicht
absichtlich Ihr Auge dem Lichte verschlieen, sollen Sie mich so offen finden,
als Sie es nur wnschen knnen. Ich errathe den Punkt, der in diesem Augenblicke
Ihren Argwohn rege macht; jene geheime Verbindung, in welche der Zufall so
unerwartet als unerwnscht, Sie tiefer als Ihnen lieb ist verflochten hat.
    Jahre lang, ehe Sie seine Existenz nur ahnen konnten, war dieser Bund mein
Augenmerk gewesen, selbst in weiter Ferne verlor ich ihn nie aus dem Gesicht.
Zum politischen Zinngieer bin ich verdorben, nie habe ich um die Verhandlungen
der europischen Kabinete mich bekmmert, und wer als Kaiser oder Knig auf dem
Throne sitzt, gilt mir vllig einerlei. Krieg oder Friede interessiren mich nur
in so fern, als meine persnliche Ruhe und Sicherheit dabei betheiligt werden
kann; denn bedenken Sie es wohl, ehe Sie mich deshalb verdammen, ich stehe
allein in der Welt, nicht nur namenlos, sondern auch heimathslos!
    Dennoch hasse und frchte ich alles, was die in der Welt einmal hergebrachte
Ordnung zu stren droht, und jener Bund, den ich beinahe von seinem Entstehen an
zu beobachten Gelegenheit hatte, schien mir in dieser Hinsicht immer
gefhrlicher drohend sich zu entwickeln. Ich lebe nicht gern blindlings in die
Welt hinein und suchte daher Mitglied desselben zu werden, damit kein mglicher
Weise von ihm ausgehendes Unheil mich unvorbereitet berraschen mge; doch habe
ich an seinen Verhandlungen nie thtigen Antheil genommen, obgleich ich mir das
Ansehn eines ungemeinen Eifers zu geben wute. Ich rufe sie selbst zum Zeugen
auf; haben Sie je als Redner mich dort auftreten sehn? oder als Befrderer der
Ausbreitung des Bundes? Kaum werden Sie mich nennen gehrt haben, und ohne jene
nicht zu vertilgende hnlichkeit mit - mit mir selbst - setzte er lachend hinzu,
wre meine ganze Erscheinung vielleicht unbemerkt an Ihnen vorber geglitten.
    Was konnte Sie bestimmen, meinen treuherzigen unbesonnenen Freund in jene
gefhrliche Verbindung zu verflechten? rief Richard. Fr die nicht
vorauszusehenden frchterlichen Folgen dieses Schrittes Sie verantwortlich
machen zu wollen, wre eine Unbilligkeit; aber ist der ganze Umfang des Unheils,
das Sie damit gestiftet haben, Ihnen bekannt?
    Wre ich sonst hier? und ertrge von Ihnen, was von irgend einem Lebenden
auf Erden zu dulden ich nie fr mglich gehalten? erwiederte Torson. Sie selbst,
Herr Wood, Ihr mysterises Benehmen brachte Ihren Freund dahin, Ihrem
Geheimnisse nachzuforschen, indem Ihr Mangel an Vertrauen ihn verletzte und
beleidigte. Lunin drngte sich an ihn, so da ich mich entschlieen mute,
selbst einzutreten, um den Verlobten meiner Tochter nicht schutzlos diesem
Verworfenen zu berlassen.
    Vor kurzem noch rhmten Sie sich ber Lunin unbeschrnkt zu gebieten, jetzt
heit er ein Verworfener: sprach Richard.
    Habe ich denn dadurch, da ich mich dessen rhmte, wie Sie es nennen, ihn
fr etwas Besseres geben wollen? war die Antwort. Gilt es ausdrcklich grobe
Verbrechen zu verhindern, so halte ich freilich das Tigerthier an unzerreibaren
Ketten; sein Leben steht in meiner Hand, ein Wort von mir bringt ihn aufs
Schafott, oder versenkt ihn auf immer in die Bergwerke Sibiriens. Er wei das,
er wei da er mir nicht entrinnen kann, und dient mir zitternd, wie der bse
Geist dem Magier dient, der ihn zu bannen verstand.
    Und nun bitte ich Sie, was ich noch zu sagen habe, so ruhig als mglich,
ohne Unterbrechung anzuhren; bin ich am Ende meiner Bekenntnisse, so steht es
ja noch immer bei Ihnen, mir Glauben zu schenken, oder auch nicht.
    Tiefer, unvergleichbar tiefer als Sie, als Ihre frstlichen Freunde, ja, als
der ganze sogenannte Rath der Alten, Pestel allein ausgenommen, bin ich in die
Geheimnisse des Bundes eingedrungen, ich darf khn behaupten, nicht minder tief
als Pestel selbst. Fragen Sie mich nicht wie ich es angefangen, mich des
Vertrauens dieses ausgezeichnet schlauen Kopfes zu bemchtigen, ohne ihm
zugleich auch das meinige zu gewhren; die Beantwortung dieser Frage wrde zu
weit fhren, und gehrt nicht zur Sache. Ich sah den Schlag von ferne sich
bereiten, der alles zermalmen sollte; immer nher, immer schwrzer und schwerer,
thrmte das Gewitter am Horizonte sich auf, und keine Mglichkeit mehr es
abzuleiten. Meine Phantasie, die zeitlebens mich ziemlich ruhig gelassen,
erwachte zum erstenmal in furchtbarer Gewalt. Verschwunden war der kalte
Gleichmuth, der noch in keiner Gefahr mich verlassen; ich sah im Geiste
Petersburg in Flammen, Strme des edelsten Blutes alle Straen durchstrmen,
zgellose Anarchie, diese grlichste der Furien, auf schwarzen bluttriefenden
Schwingen, mit wthendem Geheul ber unserm Haupte schweben; sah alles
untergehn, und hatte keinen Gedanken mehr als Rettung aus diesem Gruel der
Verwstung, Rettung fr meine Tochter, nicht fr mich.
    Von dem unabsehbaren Elende, das Allen drohte, durfte ich keinen Gedanken in
Julien aufkommen lassen, das bange Mdchen wre der Last erlegen; doch unter dem
Vorgeben, da meine persnliche Sicherheit aus ganz andern Grnden dies
erfordern knne, habe ich sie wochenlang auf die Mglichkeit einer schleunigen
Flucht mit mir vorbereitet, und ganz unbemerkt alle nthigen Vorkehrungen zu
derselben getroffen. Nicht ohne tiefen Schmerz, aber doch ohne eigentliches
Widerstreben, ergab sie sich darein, alles was ihr dort theuer war zu verlassen,
und dem Vater auf unbestimmte Zeit in die Verbannung zu folgen. Der Mutter
milder, zu jedem Opfer stets bereiter Sinn, ist auf ihr Kind bergegangen; auch
mochte, ohne da sie es deutlich empfand, das noch unbestimmt-schwankende
Eintreten der drohenden Zukunft ihren Muth untersttzen.
    Das sinnverwirrende Truggewebe, das Pestel erdacht, war endlich vollendet;
in der zunchst folgenden Nacht sollte es der Versammlung vorgelegt werden, um
das blutige Werk einzuleiten, das mit vorahnendem Grausen mich erfllte. Kein
Augenblick war zu verlieren. Flucht, schleunige Flucht war mein einziger
Gedanke.
    Als Julie zufllig etwas frher als gewhnlich die Gesellschaft beim
Kapellmeister Lange verlie, fand sie mich ganz unerwartet in ihrem Zimmer ihrer
harrend. Ich lie ihr keine Zeit zur Besinnung, wir entkamen glcklich aus dem
Hause. Unsre Freunde zu warnen war mir nicht erlaubt; doch hatte ich Lunin, wenn
sie in Gefahr kommen sollten, zu ihrem Schutze verpflichtet; es war der
sicherste Weg, den ich zu ihrer Rettung einschlagen konnte.
    Die nchste halbe Stunde traf mich und meine Tochter schon im Reisewagen,
ohne Aufenthalt eilten wir auf Moskau zu; da der verderbliche Funke
unausbleiblich znden wrde, den Pestel in der folgenden Nacht in die Gemther
werfen wollte, stand nicht zu bezweifeln, aber eben so gewi war auch
vorauszusehen, da bis zum hellen Ausbruche der Flamme noch mehrere Tage
vergehen muten. Ich durfte hoffen die alte Kaiserstadt noch ruhig zu finden,
obgleich mir bekannt war, da Aufruhr und Verrath auch hier ihr dunkles Werk
heimlich trieben.
    Wenige Tage nach meiner Ankunft in Moskau erhielt ich von dem unerwarteten
Ausgange jener gefrchteten Versammlung ausfhrlichen Bericht, doch leider auch
von der Gefahr, in der Iwans Leben seitdem schwebte. Schonend verbarg ich sie
meiner Tochter, verweilte aber in Moskau, um dort die Entscheidung ber Leben
und Tod abzuwarten, und wre vermuthlich noch lange dort geblieben, htte nicht
mein alter Freund Dmitry -
    Dmitry! wahrlich ein ehrenwerther Freund! lachte Richard hhnisch und
berlaut.
    Ruft Ihr mich, Herr? erscholl Dmitry's Stimme drauen vor der verschlossenen
Thre.
    Ich glaube die ehrliche Seele steht Schildwacht, um Lauscher von uns
abzuhalten, und bedenkt nicht, da Alle in diesem Hause eben so wenig Englisch
verstehen, als Dmitry selbst, lachte Torson; indessen kommt er mir eben recht
gelegen, um mich fr einige Minuten abzulsen, daher bitte ich ihm Eintritt zu
gewhren.
    Richard zog mit einem ziemlich zweideutigen Gesichte und eben nicht auf die
freundlichste Art den Schlssel des Zimmers hervor, Dmitry wurde eingelassen,
und bezeugte auf Torsons Aufforderung sich ungemein willig, die Geschichte
seiner ersten Bekanntschaft mit diesem vorzutragen.
    Aber ach! sein Geschichtsstyl war nicht der lobenswertheste; ihm fehlte
gnzlich die Gabe sich kurz und deutlich auszudrcken, und es bedurfte von
Torsons Seite vieler, zur Vermeidung von Umschweifen ermahnender
Unterbrechungen, ehe Richard nur begriff, was er eigentlich meine. Der Kern der
Geschichte war folgender:
    Dmitry, und sein Verwandter Ilia, waren mit wohlgeflltem Beutel vor
mehreren Jahren zum erstenmale in ihrem Leben auf die Leipziger Messe gezogen,
um sowohl fr sich, als fr einige andre Handelshuser bedeutende Waareneinkufe
daselbst zu machen. Sie lieen sich unvorsichtiger Weise in einen jener
heimlichen Spielwinkel verlocken, welche auch die sorgsamste Polizei nie
gnzlich auszurotten vermgen wird, und sollten eben vllig ausgeplndert
werden, als Torson, der sie gar nicht kannte, in den Saal trat.
    Todtenbleich war Dmitry im Begriffe, den Rest seiner Baarschaft aufs Spiel
zu setzen, whrend Ilia mit stierem Blicke dem letzten Hufchen vor ihm
liegenden Goldes nachsah, das der Croupier einzustreichen beschftigt war.
    Fast gewaltsam ri Torson beide vom Spieltische fort, zum Saale, zum Hause
hinaus, begleitete sie in ihre Wohnung, hielt ihnen dort eine kurze, aber
eindringliche Strafpredigt, und hndigte eine Stunde spter ihren ganzen Verlust
ihnen wieder ein, nachdem sie eidlich sich hatten verpflichten mssen, nie
wieder Karten oder Wrfel zu berhren.
    Wir hatten schon mehr verspielt als unser war, sprach Dmitry aus
berstrmendem dankbarem Herzen: wir waren damals noch junge Anfnger; unser
edler Beschtzer hat nicht nur unsern Wohlstand gerettet, er hat auch vor
Schande uns bewahrt, was weit mehr sagen will; deshalb sind wir sein, auf Tod
und Leben ihm ergeben; wir und die Unsern, und alles was wir besitzen, stehen
Tag und Nacht, das ganze Jahr hindurch, zu seinem Dienste bereit; setzte er mit
glnzenden Augen hinzu.
    brigens war ich bei der Geschichte durchaus nicht auf die Weise betheiligt,
wie Sie es zu glauben scheinen, nahm jetzt Torson schnell das Wort; jene Spieler
waren lngst als abgefeimte Gauner mir bekannt, Landpiraten, mit denen in
ewigem, feindseligstem Kriege zu leben, ich mir zur Pflicht mache. Ich war
ausdrcklich gekommen, um sie auf der That zu ertappen, und ihnen den Garaus zu
machen. Es that mir leid um die beiden stattlichen Figuren in ihrer grandiosen
orientalischen Tracht, mit dem Ausdrucke banger Sorge in den fremdartigen stark
hervortretenden Zgen ihrer Gesichter, auf denen das Wort Neuling so deutlich
geschrieben stand. Nie in meinem Leben habe ich kaltbltig einen Hausvater,
vielleicht den Versorger einer zahlreichen Familie sich zu Grunde richten sehen
knnen, selbst dann nicht, wenn mein eigner Vortheil damit verknpft war, und
alles dabei brigens mit rechten Dingen zuging. Bei meiner Rckkehr zu den
Spielern kostete es mir wenig Mhe, sie zum Ersatze des unrechtmigen Gewinnes
und zur schnellsten Abreise zu bewegen. Sie sahen von Einem vom Fache sich
entlarvt, den zu tuschen sie nicht hoffen konnten. Es ergtzt mich noch immer,
wenn ich daran denke, wie froh die Spitzbuben waren, so wohlfeilen Kaufs davon
gekommen zu sein.
    Torson nahm nun den Faden seiner Erzhlung, oder vielmehr seiner
Bekenntnisse wieder auf. Ich verweilte noch in Moskau, sprach er, um Nachricht
aus Petersburg zu erwarten, die meine ferneren Schritte bestimmen sollte;
wahrscheinlich wre ich noch zur jetzigen Stunde dort, doch Dmitry schreckte aus
dieser gefhrlichen Sicherheit warnend mich auf. Meine unerwartete pltzliche
Entfernung in einem fr seine Plne so wichtigen Momente, hatten Pestels Argwohn
erregt. Was er von mir befrchten mochte, wei ich zwar so ganz eigentlich
nicht; doch nach dem Ausgange seines letzten Versuchs, den er ganz anders sich
gedacht hatte, war es natrlich, da er sich eines ehemaligen Vertrauten zu
bemchtigen suchte, der vielleicht ihm gefhrlich werden konnte. Ich sah von
allen Seiten durch die in Moskau sehr zahlreichen Mitglieder des Bundes mich
heimlich umstellt; die Klugheit gebot mir das rgste von ihnen zu erwarten.
    Offener Gefahr, wenn sie mir allein gilt, bin ich stets muthig entgegen
getreten; ich htte auch die verborgene nicht gescheut, sobald ich sie
entdeckte, aber mein Kind! Um Juliens willen entschlo ich mich, vor den Augen
meiner heimlichen Verfolger, gleichsam ihnen unter den Hnden zu verschwinden.
Dmitry fate die barocke Idee auf, mich in den eben abwesenden Kaviarhndler
Grischa zu verwandeln, der wirklich in dieser nmlichen Gestalt in Moskau
existirt; meine Tochter nahm die Tracht der armenischen Mdchen an; so entkamen
wir bei Nacht und Nebel, unbemerkt, unerkannt, und langten unter der Leitung
eines treuen Dieners des Dmitry hier an; Ilia, die dankbare Seele, nahm freudig
uns auf. Wir knnten in hchster Sicherheit und Ruhe hier Jahre lang hausen,
denn Pestels Arm reicht nicht bis hierher; kaum der des Kaisers aller Reuen:
setzte Torson lchelnd hinzu.
    Richard verlangte Erklrung dieser letzten Worte. Sind wir nicht, wenn
gleich nicht mehr im eigentlichen Ruland, doch noch in dem von dieser Seite
fast unbegrenzten russischen Reiche? fragte er.
    Wie man es nimmt, war die Antwort. Nachitschewan bildet in demselben eine,
ich glaube in ihrer Art einzige Erscheinung. Freie armenische Kaufleute, die
noch bis zu dieser Stunde das Stdtchen ausschlieend bewohnen, flohen in wilder
Kriegszeit vor den Alles verheerenden Tataren aus ihrem ehemaligen Wohnsitze in
der Krimm, um sich unter russischen Schutz zu begeben. Sie wurden gtig
aufgenommen, erhielten, nebst bedeutenden Privilegien die Erlaubni, sich hier
niederzulassen, und bilden jetzt, mitten in der riesengroen Monarchie, eine
kleine, den ehemaligen deutschen freien Reichsstdten nicht ganz unhnliche
Miniatur-Republik. Ungefhr so wie jene sonst unter dem Schutze des weiland
deutschen Kaisers standen, steht jetzt Nachitschewan fr ein fest bestimmtes,
alljhrlich zu zahlendes Schutzgeld, unter dem des Beherrschers aller Reuen.
brigens regiert es sich selbst, nach eigenen althergebrachten Gesetzen. Da
keine Seele hier an Aufruhr, heimliche Verbindungen oder Revolution nur denkt,
da man nichts sehnlicher wnscht, als da Alles ewig so bestehe, wie es jetzt
besteht, ist natrlich. Erwerb und Erhaltung des Erworbenen ist der einzige
Lebenszweck dieser, nur mit dem ihnen zunchst Liegenden beschftigten,
harmlosen Leute, denen es kaum einmal im Jahre einfallen mag, da es einen
russischen Kaiser und ein russisches Reich in der Welt giebt.
    Einzig auf die Gesellschaft meiner Hausleute und Juliens beschrnkt, habe
ich mehrere Monate in der abgeschiedensten Einsamkeit - wie soll ich es nennen?
existirt; denn Leben darf man solch ein Leben wohl nicht nennen, wo man der
schndlichsten Langenweile zum Raube, Morgens beim Aufstehen schon nach der
glcklichen Stunde sich sehnt, in der man anstndiger Weise wieder zu Bette
gehen kann. Wie ich es ausgehalten, ist mir unbegreiflich; nur Liebe zu meiner
Tochter und eine Art Pflichtgefhl, das mchtiger mich begeisterte, als ich es
mir jemals selbst zugetraut htte, gaben mir Muth und Kraft. berdem kannten
mich nur Ilia und seine Frau, fr die ganze brige Hausgenossenschaft war und
blieb ich Grischa. Die verdammte Aufgabe, diese abgeschmackte Rolle so lange
durchzufhren, erschwerte mir nicht wenig mein trbseliges Leben.
    Da endlich traf die Nachricht von Iwans Genesung und seiner nahen Rckkehr
in seine Heimath hier ein, spter wurde der Besuch seiner Mutter uns
angekndigt, die auf ihrem Wege zum Empfange ihres Sohnes, hier bei ihrer
Jugendfreundin Selina einsprechen wollte. Jetzt athmete ich wieder auf! Mir war
wie Einem, dem nach langer harter Klausur seine nahe Befreiung verkndigt wird.
Julie erfuhr nun alles, Iwans glcklich berstandene Lebensgefahr, seine und
seiner Mutter nahe Ankunft, aber auch, da meine verwickelten gefhrlichen
Verhltnisse mir nicht erlaubten, bis zu Iwans Ankunft hier zu verweilen. Unter
Ilias Schutz, der sich heilig verpflichtete, Vaterstelle bei ihr zu vertreten,
sollte sie ihren Verlobten erwarten, und dann als seine glckliche Gattin in die
Heimath mit ihm ziehn. Julie ergab sich in jede meiner Anordnungen, das einfache
Kind gefllt sich in diesem, von der Natur so begnstigten Lande Von mir auf
immer sich zu trennen, war ihr freilich ein Hartes! Auch mir war es eine schwere
Stunde, aber meines Bleibens ist hier nicht lnger. Es benimmt mir Luft und
Licht und Lebensmuth; mir ist, wie es im schnsten, wrmsten Sonnenscheine einem
Fische auf trockenem Sande sein mag. Zurck, zurck mu ich in den Strudel des
Lebens, zurck in mein Element, wenn ich nicht vergehen soll; mu wieder
frchten und hoffen und erwarten, bei Kerzenschein, auf dem grnen Felde, wo
Fortuna, meine Gttin - doch genug!
    Als Grischa kehrte ich nach Moskau zurck; mein erster Ausgang war nach dem
Palaste des Frsten Andreas, um etwas von Iwan zu erfahren; dort traf ich Sie,
mir war als begegne ich einer himmlischen Erscheinung; denn da Sie in Ihrem,
mir wohl bekannten bedeutenden Verhltnisse Ihren Freund begleiten knnten, wre
selbst im Traume mir nicht eingefallen. Mein Entschlu, Ihnen hierher zu folgen,
war augenblicklich gefat; Dmitry half mir zur Ausfhrung desselben, wie Sie
wissen.
    Und was erwarten Sie jetzt von unserm Zusammentreffen? was verlangen Sie von
mir? fragte Richard ziemlich kalt, aber eben nicht unfreundlich.
    Was ich von keinem Andern verlangen mchte noch knnte, erwiederte Torson;
ich kenne Sie und wei, da Sie nicht fhig sind, ein Ihnen geschenktes
Vertrauen zu mibrauchen. berdem baue ich fest auf Ihr mir genau bekanntes
Verhltni zu jenem groen Hause, das wie zu demselben gehrend Sie jetzt schon
betrachtet.
    Da ich vor Iwan als Juliens Vater zu erscheinen mich nicht entschlieen
kann, werden Sie sich selbst erklren, wenn Sie an so manches Vergangene
zurckdenken wollen, zum Beispiel an den Brillen-Baron, und noch an Vielerlei
und Mancherlei, das mit dem Respecte gegen seinen Schwiegerpapa sich schlecht
vertragen wrde. - Ich wollte freilich jetzt es wre anders, und wir Beide, er
und ich, etwas weniger mit einander bekannt, aber es ist nun einmal wie es ist:
setzte er die Achseln zuckend hinzu: auch mchte ich, wie Sie wissen, die
Wiederholung der Abschiedsscene mir und Julien gern ersparen.
    Und so sei es denn gewagt! ich lege die Zukunft meiner verwaisten,
verlassenen Tochter in Ihre Hnde! Nehmen Sie, gleich einem ltern Bruder, des
armen Mdchens sich an. Da ich in keinem andern Verhltnisse, als dem von der
Natur geheiligten, des Vaters zu seinem Kinde zu ihr stehe, davon sind Sie
berzeugt, denn die Beweise liegen in Ihrer Hand. Mgen Sie in jeder andern
Hinsicht von mir denken, wie Sie wollen, ich ergebe mich darein, und wei nicht,
ob ich nicht sogar wnschen sollte, Sie mchten mich in Ihrer Meinung recht tief
herabsetzen; denn dieses wre v elleicht fr Sie der triftigste Beweggrund zur
Erfllung meines Wunsches!
    Hier schwieg Torson, indem er einen halb fragenden, halb bittenden Blick auf
Richard warf.
    Dieser sa einen Augenblick wie unschlssig da; erklren Sie sich
deutlicher, setzen Sie mir umstndlicher auseinander, was ich fr die Braut
meines Freundes thun soll und kann; sprach er endlich, und reichte unwillkrlich
quer ber den Tisch hin Torson die Hand.
    Sie wissen jetzt Alles, klren Sie Iwan ber mein Verhltni zu Julien auf,
ber die Grnde, die mich zur Flucht mit ihr bewogen, ber alles was in meinem
und Juliens Betragen ihm zweifelhaft, oder auch nur auffallend scheint; fuhr
Torson fort, ermuthigt durch Richards sichtbar gegen ihn vernderte Stimmung.
Suchen Sie Iwans Mutter fr die Verbindung des jungen Paares zu gewinnen, und
mge dann Julie, als Gattin des Mannes den sie liebt, mit ihm in sein schnes
Vaterland ziehen, und glcklich sein.
    Ist aber alles wirklich anders geworden, hat Iwan sein Herz von ihr
abgewendet, weigern sich seine Mutter und seine Verwandten, eine Fremde in ihrer
Mitte aufzunehmen, nun dann! dann! setzte er sehr bewegt hinzu, dann suchen Sie
dem unglcklichen Mdchen Muth einzusprechen, und fhren es zurck nach
Petersburg, zurck in das Asyl ihrer Jugend, dem ich sie nie htte entreien
sollen. Vertreten Sie Julien bei den ihr einst so gnstig gestimmten Freunden,
erklren Sie ihnen den Zusammenhang der Begebenheiten, so viel Sie dieses
knnen, ohne das Geheimni des Bundes zu verrathen. Frau Karoline wird die Arme,
die mit einem so groen Schmerze zu ihr flchtet, nicht verlassen, und Lange
auch nicht, davon bin ich berzeugt, wie von meinem Leben.
    brigens tritt meine Tochter nicht als Bettlerin auf; in diesem Portefeuille
bergebe ich Ihnen Juliens Vermgen - weisen Sie es nicht vornehm zurck, Herr
Wood; kein Kopeken von dem, was Sie oder Andre, billiger oder unbilliger Weise,
unrecht erworbenes Gut nennen mchten, befindet sich darunter, sprach Torson ein
wenig gereizt, als Richard mit verweigernder Geberde sich abwandte: es ist das
auf meine Tochter rechtmig vererbte Eigenthum ihrer verstorbenen Mutter, das
ich hier zu gewissenhafter Verwaltung Ihnen, als ihrem Vormunde, bergebe.
    Haben Sie denn jenes Linsengericht ganz vergessen, fr welches ich meinen
Verwandten damals meine Ansprche auf die Gter und den Namen meiner Ahnen
berlie? setzte er, schnell sich wieder fassend, heiterer hinzu. Zwar hatte ich
einen schlechten Handel gemacht, aber die Summe war an und fr sich nicht ganz
unbedeutend. Sobald eine schickliche Gelegenheit dazu sich auffinden lie, eilte
ich sie meiner Frau als ihr Eingebrachtes zu verschreiben, um die Zukunft dieses
geliebten Wesens auerhalb des Bereiches meines eignen Geschicks festzustellen.
Beinahe zwanzig Jahre lang habe ich die Zinsen immer wieder zum Kapitale
schlagen lassen; und so ist es denn jetzt, fast verdoppelt, zu einer Summe
angewachsen, die Julien zwar nicht zur reichen Erbin macht, aber doch fr den
schlimmsten Fall ihr Unabhngigkeit zusichert.

Mit sich, mit Torson, ja mit der ganzen Welt vollkommen zufrieden, voll
moralischer Betrachtungen ber die tadelnswrdige Eilfertigkeit, mit der man zu
einseitigen, unberlegten Verurtheilungen sich hinreien lt, ohne sich die
Mhe zu geben, auch die etwanigen guten Seiten des Bsewichts, den man verdammt,
aufspren zu wollen, machte Richard sich bereit, die ihm sehr schwierig dnkende
Beruhigung seines, bis zum wthendsten Zorne gereizten Freundes zu unternehmen.
    Der Mutter verstndige Vorstellungen, das Zeugni der vieljhrigen Freunde
seiner Eltern, Ilia und Selina, vor allem aber die durch das flchtigste
Wiedersehn der Geliebten neubelebte Liebe, hatten indessen alles schon
vollendet, und den grimmigen Lwen gebndigt. Lammsfromm sa er zwischen der
Mutter und Julien; von Geschwistern und Freunden umringt, lchelnd wie die
personificirte Zufriedenheit, reichte er dem erstaunten Richard bei dessen
Eintritt die Hand entgegen, und fr diesen blieb nichts mehr zu thun brig, als
die Ermahnungen, auf die er sich vorbereitet hatte, in tief aus dem Herzen
kommende Glckwnsche umzuwandeln.
    Wehe dem Novellisten, der sich nicht daran gengen lassen will, ein
liebendes Paar durch allerlei Widerwrtigkeiten bis zu den Stufen des Altars
glcklich geleitet zu haben; der Versuch, nach dieser alles beendenden
Catastrophe noch etwas Interessantes vorzutragen, fllt selten belohnend aus.
Daher sei hier nur noch in mglicher Krze erwhnt, da Iwan auf Treue und
Glauben alles fr wahr annahm, was Richard im Namen des Vaters seiner Braut ihm
mittheilte, ohne da er deshalb die mindeste Sehnsucht bezeigt htte, diesen
wiederzusehn; denn seine offne treue Natur konnte den Mangel an Vertrauen, den
Torson ihm bewiesen, zwar verzeihen, aber weder verwinden noch vergessen.
    brigens war Iwan in der Umgebung der Seinen der einfache Sohn des Gebirgs
wieder geworden, der er gewesen, ehe das grere Leben ihn umfing. Auer dem
Freunde und der Geliebten war alles, was zwischen dem Tage seines Abschieds von
der Heimath und der gegenwrtigen Zeit lag, versunken und vergessen; an Juliens
Seite wandte er nur der Zukunft sich zu und eine unabsehbare Reihe von Jahren,
im heitersten Sonnenglanze des friedlichsten Glckes, breitete vor seinem Blicke
sich aus.
    Spt nach Mitternacht, als in ganz Nachitschewan kein Auge mehr offen stand,
erschien Torson reisefertig, um von Richard Abschied zu nehmen. Zwischen diesen
beiden bedurfte es keiner weitern Erluterungen, Torson war durch Dmitry von
allem was sich zugetragen umstndlich unterrichtet.
    Ich werde weder Petersburg noch Moskau jemals wiedersehen, sprach Torson im
Augenblicke des Scheidens: ich whle den geraden Weg nach Odessa, von wo ich
leicht berall hingelangen kann, wohin Schicksal oder eigne Laune mir winken.
Wir beide treffen wahrscheinlich nie wieder zusammen, auch wei ich nicht, ob
dies wnschenswerth wre; doch werde ich Sie nie vergessen, und Sie mich
wahrscheinlich auch nicht.
    Iwan, die Mutter und Geschwister desselben, Ilia, Selina und Julie, die
einstweilen noch als unter dem Schutze jenes gastlichen Paares stehend
betrachtet wurde, sie Alle bereiteten sich, in den nchsten Tagen in die
ziemlich nahe liegenden Bder von Kislawodsk sich zu begeben, und dort die
Ankunft des Vaters Yakuchin zur Hochzeitsfeier zu erwarten.
    Richard freute sich unbeschreiblich auf diese Reise; die erste Hlfte seines
Urlaubs war noch nicht vllig abgelaufen, er durfte es sich erlauben, wenigstens
einige Tage in jenen paradiesisch schnen Gegenden mit seinem Freunde frhlich
zu sein, mit dem er so viel herbes Leid treulich getragen. Doch als der Tag, die
Stunde der Abreise nun festgesetzt war, da ergriff ihn pltzlich eine
unerklrliche, ahnungsschwere Bangigkeit. Wachend und im Traume war ihm, als
riefen ngstliche Stimmen aus weiter Ferne ihn bei Namen, als fhle er von
unsichtbaren Hnden sich heimwrts gezogen, und vermochte nicht diesem Gefhle,
das immer vernehmlicher sich aussprach, zu widerstehen.
    Richard, Du gehst! sprach Iwan in der letzten schmerzlichen Umarmung: und in
Dir verlt mich mein Schutzengel, der Schpfer meines Glckes, dem ich Alles
verdanke, mein Leben und, was mehr ist, meine Genesung aus einem Zustande, an
den ich nicht zurckdenken darf. Du gehst von schwerer Ahnung getrieben, und ich
bleibe in banger Sorge um Dich zurck. Denke an mich, nicht wie man so im
gemeinen Leben zu sagen pflegt, denke an mich wenn es Dir wohl geht; da magst Du
immerhin mein vergessen: aber wenn einst Alles um Dich her zusammenbricht, wenn
Deine schnsten Hoffnungen in Rauch aufgehen, dann, Richy, dann denke an Iwan,
und reie von allem Flittertande Dich los, und fliehe zu mir in meine stille
friedliche Htte, und ruhe bei uns vom Schmerze des Lebens aus. Gieb mir die
Hand darauf, da Du es thun willst, versprich es mir, mein Bruder!
    Richard that wie Iwan es wollte, und entfernte sich schleunigst, ohne noch
einmal den Blick rckwrts zu wenden.

Richards Ankunft in Petersburg fiel gerade in eine Epoche, welche in jeder
bedeutenden Stadt, besonders in jeder groen oder auch winzig kleinen Residenz,
einmal im Jahre regelmig eintritt, wo alle Welt klagt: die Stadt ist verdet!
Alles wie ausgestorben! obgleich das Leben in seinem gewohnten Gange sich rasch
fortbewegt, Equipagen rollen, geputzte Leute berall sich zeigen, Jedermann wie
gewhnlich seine Geschfte betreibt, und man diese angebliche de weder auf den
Promenaden, noch in den Straen sonderlich gewahr wird.
    Diese Zeit des allgemeinen Stillstandes, der im Grunde keiner ist, bt ihre
lhmende Kraft hauptschlich nur auf die wenigen daheim Gebliebenen, jenen der
Zahl nach kleinsten Theil der Bevlkerung, welcher sich vorzugsweise die
Societt nennt. Die Abwesenheit des Hofes zieht auch die der angesehensten
Familien nach sich, und so fand es auch Richard bei seiner Heimkehr. Einige
groe Familien hatten bedeutende Reisen in fremde Lnder angetreten; Andre
hatten auf ihre, oft seit vielen Jahren nicht besuchten Besitzungen sich
begeben, und unter diesen befand sich auch Frst Andreas, der mit seinem Sohne
Eugen auf einer seiner weit entfernten Herrschaften den Zustand seiner viel
tausend, lange nicht von ihm in nhere Betrachtung gezogenen Seelen, und der von
ihm dort angelegten Fabriken untersuchte.
    Graf Stephan befand sich mit seiner Familie in Berlin, um bei den dortigen
berhmten rzten fr seine immer leidende Gemahlin Hlfe zu suchen. Und was fr
Richard das Betrbendste war, auch die Frstin Eudoxia, begleitet von ihren
beiden Tchtern und ihrem Schwiegersohne, war nach Karlsbad gegangen. Sogar Alex
war abwesend, sein Urlaub war abgelaufen und Dienstpflicht hielt den jungen
Officier in Kronstadt fest.
    Keiner hatte daher wohl gerechteren Grund sich zu beklagen als Richard, dem
ohnehin diese gnzliche Verlassenheit um so schmerzlicher auffallen mute, da er
auf keine Weise darauf vorbereitet war. Die weite Entfernung des Ziels seiner
Reise, die Eile, mit welcher er sie zurcklegte, hatte jede briefliche
Mittheilung fast unmglich gemacht; gewiegt in goldne Trume des nahenden
Wiedersehens, hatte er keine Ruhe sich gegnnt, um noch vor vlliger Beendigung
seines Urlaubs anzulangen, und fand sich nun zu Hause, als wre er in der
Fremde.
    Anfangs wollte die heimliche Angst, die ihn von seinem Freunde
fortgetrieben, und die whrend der Reise von ihm gewichen war, sich seiner
wieder bemchtigen; doch als er die ersten Tage des Mimuths berstanden und
reiflich bedacht hatte, da aufgeschoben nicht aufgehoben sei, fing er an etwas
unbefangener um sich zu blicken. Er entdeckte jetzt manches, das ihn trstete
und heiter stimmte, und mute sich selbst bekennen, da dieser fast total
isolirte Zustand, in den er fr den Augenblick sich versetzt sah, eben wie alle
bel der Welt, doch auch seine gute Seite habe; denn auch Obrist Pestel und mit
ihm alle die eifrigsten Anhnger jenes Bundes, waren aus Petersburg
verschwunden, hierhin, dorthin, in alle vier Winde hin.
    Keine Spur eines Vereinigungspunktes lie sich entdecken; es ereignete sich
zuweilen, da Richard mit mehreren ihm wohlbekannten Bundesbrdern an
ffentlichen Orten, oder auch in engeren geselligen Kreisen junger Leute
zusammentraf, doch kein Wort, kein Blick, nicht die leiseste Anspielung verrieth
jemals, da man jener, einst die Gemther so gewaltsam exaltirenden
Verhltnisse, sich auf das entfernteste nur noch erinnere; es war als wren sie
nie gewesen. Gewi, gewi, es konnte nicht anders sein, der Frst, als er
behauptete, der Bund sinke von nun an in sich selbst der Vernichtung zu, hatte
weder sich noch Richard getuscht; diese berzeugung, die immer klarer sich ihm
entgegen drngte, erfllte ihn mit einem gewissen behaglichen Gefhle ruhiger
Sicherheit, das seit seinem Eintritte in den Bund ihm ganz fremd geworden war,
und ihm jetzt unbeschreiblich wohl that.

Seine genureichsten frhlichsten Stunden brachte Richard jetzt beim
Kapellmeister Lange zu. Bei seiner bereilten Abreise hatte er die treuen
Freunde verlassen mssen, ohne von ihnen Abschied nehmen zu knnen; er fand sie
bei seiner Wiederkehr zwar ruhiger, als sie gleich nach Juliens Flucht es
gewesen, aber immer noch niedergebeugt, einsam, mit tief verletztem Gemthe.
Sein erstes Erscheinen, die freudige Botschaft, die er vom Kaukasus mitbrachte,
wirkte auf Beide, wie, nach Monaten versengender Drre, ein milder Regen auf die
verschmachtende Pflanzenwelt wirkt.
    Von neuem Jugendmuthe beseelt, erhoben sich Beide aus der ihnen so wenig
natrlichen trbseligen Stimmung; Frau Karoline lachte und weinte in einem
Athem, ehe sie fr ihre Freude Worte fand; dem Kapellmeister fehlten diese ganz
und gar; verstummend warf er seine goldbetroddelte Mtze von einem Ohre zum
andern, ri sein Pianoforte auf und jubelte darauf so lange und krftig herum,
bis die Saiten es nicht mehr aushielten, tanzte und walzte mit seiner Frau, mit
Richard, mit den Mbeln im Zimmer, bis keines derselben mehr auf seiner alten
Stelle stehen geblieben war, bis er zuletzt athemlos hinsank.
    Ihr meint wohl, ich sei nrrisch geworden? keuchte er endlich: und Gott sei
Dank, ich bin es auch.
    Alter! bin ich es denn nicht? wer ber gewisse Dinge nicht den Verstand
verliert, der hat keinen zu verlieren! spricht die Grfin Orsina, fuhr Frau
Karoline in ihrer gewohnten theatralischen Manier dazwischen, und brach hernach
selbst ber die seltsame Anwendung dieser Worte in lautes herzliches Lachen aus.
    Da ich das erlebe! da ich wieder denken und singen und sagen kann, es
giebt noch Treu und Glauben in der Welt! darum verlohnt es sich auch noch der
Mhe, ein paar Jhrchen in ihr es auszuhalten, sprach ihr entzckter Gatte
indessen leise vor sich hin, und wiegte lchelnd das Haupt von einer Seite zur
andern. Julie hat uns nicht hintergangen, ist brav und glcklich, selbst Torson
ist so pechschwarz nicht als er schien! Wie das Alles im Kopfe mir herumwirbelt!
rief er, sprang auf, setzte sich wieder an den Flgel, und lie nun in Tnen
beredter als in Worten seine Freude, seinen Dank ausstrmen; Richard und
Karoline hrten in stiller Andacht ihm zu.
    Von nun an war des Erzhlens von der einen, des Fragens von der andern Seite
kein Ende, so oft Richard sich zeigte; und dieser lie selten einen Tag
vergehen, ohne die treuen Freunde zu besuchen. Immer hatten sie Julien als ganz
zu ihnen gehrend betrachtet, das Bewutsein, ihr, wenn auch gleich nur in
Gedanken, Unrecht gethan zu haben, machte sie ihnen noch theurer, und flte fr
alles, was auf sie Bezug hatte, die lebhafteste Theilnahme ihnen ein. Die guten
Leute sannen Tag und Nacht darber nach, wie sie ihr eine Freude machen knnten,
um das ihr zugefgte Leid, von welchem sie jedoch gar nichts empfunden,
einigermaen zu vergten, und wnschten nichts sehnlicher, als sie noch einmal
zu sehen, um es ihr abzubitten.

Auf den Flgeln der herbstlichen quinoctialstrme entfloh der kurze nordische
Sommer, und von allen Seiten kehrten die Reisenden an den heimathlichen Heerd
zurck. Tglich gab es ein Fest des Wiedersehens zu feiern, und auch Richard
ging dabei nicht leer aus, denn auch er begegnete bei jedem Schritte lange
vermiten Freunden und Bekannten, bis endlich zur glcklichsten Stunde auch
Helena mit den Ihrigen heimkehrte. Nur der Frst und Eugen fehlten noch, und
auch Graf Stephan, von den Leiden seiner geliebten Frau in Berlin festgehalten.
    Richard verlebte jetzt Tage des ungestrtesten Glckes, ohne da deshalb in
seinen uern Verhltnissen die kleinste Abnderung eingetreten wre. Befreit
von jenen qulenden Besorgnissen, die ihn frher Tag und Nacht verfolgten, die
selbst an der Seite der Geliebten ihn nur um so entsetzlicher peinigten, gab er
jetzt der lang entbehrten seligen Gegenwart sich hin, und suchte jedem Gedanken
an seine noch immer tief verschleierte Zukunft auszuweichen, selbst wenn der
Frstin Eudoxia sich immer gleichbleibende Nachsicht, ja ihr mtterliches
Benehmen gegen ihn, als ein unbegreifliches Rthsel vor ihm stand, an dessen
Lsung er nicht ohne bange Ahnung denken konnte.
    Traue meinem Vater, der uns wohl will, und geniee der guten Stunden, die er
uns gnnt, ohne weiter darber nachzugrbeln; glaube fest, er wei was er thut,
und ist unfhig, das Glck unsers Lebens muthwillig aufs Spiel zu setzen; sprach
dann lchelnd Helena, und wie gern gab er der holden Trsterin nach!
    So ging die Zeit hin; das Karneval mit seinen glnzenden Festen nahte sich
seinem Ende; Frhlingsahnung regte sich in jeder Brust; denn obgleich der Winter
noch immer das Regiment fhrte, schien er doch allmlig die Strenge desselben
mildern zu wollen. Helena und Richard sahen still freudig der Rckkehr des
Frsten entgegen, die sie innerhalb weniger Wochen erwarten durften, doch von
Eugen blieben sie ohne alle Nachricht. Keiner, auch nicht Eudoxia, kannte seinen
jetzigen Aufenthalt, und da der Vater sich nicht geneigt bezeigte, sich ber
denselben in seinen Briefen zu uern, so durfte Niemand es wagen, deshalb in
ihn dringen zu wollen. Selbst die Frstin war zu dieser zurckhaltenden
Bescheidenheit von ihrem Gemahl frh gewhnt worden.
    Was wird es denn auch Groes sein! lchelte Helena: irgend eine neue
Anstalt, eine Schule fr Bauernkinder, oder eine auslndische Erfindung, mit der
wir berrascht werden sollen, und ber deren Ausfhrung Eugen die Oberaufsicht
bertragen worden ist. Warum sollten wir vorwitzig dem guten Vater diese Freude
verderben?

Wunderlich genug hatte es gerade in dieser Zeit dem Strumpffabrikanten Wood, der
jetzt ein in seiner Art sehr bedeutender, reicher Mann geworden war, gefallen,
sich einmal seines Sohnes zu erinnern, an den er seit Jahren nicht gedacht
hatte, so wenig als der geneigte Leser an den alten Herrn in Nottingham gedacht
haben mag. Ein fr ein Haus in Manchester Reisender kam mit Empfehlungen und
Briefen fr Richard an; eigentlich eine vornehmere Art Muster-Reiter, beladen
mit Vorschlgen zu Speculationen und kaufmnnischen Anerbietungen, zu deren
Ausfhrung er durch Richards Frwort zu gelangen angewiesen war.
    Master Mitchell, so hie der ehrliche John Bull, der gleich in der ersten
Stunde dem armen Richard ungemein lstig erschien, suchte auf seine Art sich so
angenehm zu machen, als mglich; er packte mit groer Frmlichkeit ein paar
Dutzend Briefe von Eltern, Geschwistern, Vettern und Basen aus, die er, nicht
ohne einiges Risiko, ber die Grenze geschmuggelt hatte; und wute Unendliches
von den Billys und Tommys und Peggys und Pattys zu erzhlen, die alle auf
Richards brderliche Zrtlichkeit Anspruch machten, und deren Namen, ja zum
Theil deren Existenz ihm nicht einmal bekannt war; denn seit seiner Entfernung
aus dem vterlichen Hause hatte die damals schon groe Anzahl seiner Geschwister
sich noch betrchtlich vermehrt.
    Solche zwar selten, aber doch im Verlaufe einiger Jahre immer
wiederkehrenden Erinnerungen an seine Familie, ergriffen ihn allemal mit dem
drckenden Gefhle versumter Pflicht, indem sie zugleich seine eigentlich doch
sehr unbestimmte, einzig und allein auf das fortgesetzte Wohlwollen mchtiger
Gnner beruhende Stellung, ihm wieder fhlbarer machten. Doch war bis jetzt, und
auch diesmal, keine betrbende Nachricht ihm ber's Meer zugekommen; seine
Eltern lebten in tglich sich mehrendem Wohlstande, keines seiner Geschwister,
deren Anzahl er selbst nicht mehr genau wute, hatte der Tod ihm entrissen. Er
fhlte es als schwere Verpflichtung, dieses als ein groes Glck anzuerkennen,
und zrnte sich selbst, da es ihm damit nicht recht gelingen wollte. Aber das
Alles lag ihm so fern, war ohne sein Zuthun ihm so entfremdet, da es ihm
durchaus unmglich blieb, den warmen Antheil daran zu nehmen, den er seinem
Herzen aufzudringen sich fruchtlos bemhte.
    Um aber doch einigermaen seine Pflicht eines guten Sohnes zu erfllen, that
er alles nur Ersinnliche fr seinen unbequemen Gast, der aber leider als
durchaus nicht amsabel sich auswie. Von allem was Richard ihm zeigte, gefiel
ihm durchaus nichts, denn es war nicht wie in Alt-England; die Sitten und
Gewohnheiten der groen englischen Kaufleute, in deren Husern ihn Richard
einfhrte, fand er so aus der Art geschlagen, da er gewi keinen Fu wieder
hinein gesetzt haben wrde, htte nicht die Hoffnung, irgend ein bedeutendes
Geschft mit ihnen zu machen, ihn dazu bewogen.
    Indessen wollte Richard doch nichts unversucht lassen; um dem widerhrigen
Insulaner wenigstens einen anschaulichen Begriff von der Gre, dem
berschwnglich reichen Leben der prachtvollen Kaiserstadt zu gewhren, fhrte
er ihn auf den groen Maskenball, den letzten in dieser Saison, und folglich
auch den besuchtesten und glnzendsten, den selbst der kaiserliche Hof diesmal
durch seine Gegenwart verherrlichte.
    Als ob die Bevlkerung eines ganzen Landes in Lust und Freude sich
versammelt htte, so drngen die vielen Tausende, deren Zahl auszusprechen man
sich scheut, um nicht der bertreibung beschuldigt zu werden, in weiten Slen
sich umher, deren Ende unerreichbar scheint. Der Fremde, der seinen Begleiter
nur eine Secunde aus den Augen lt, ist von dem Moment an verloren, wie ein
Tropfen im Meere. Fortgerissen von dem unglaublichen Gewhle, kann er bis zum
anbrechenden Morgen fortwandern, ohne ihn oder auch nur einen Punkt anzutreffen,
der ihm einigermaen sich zu orientiren dienen knnte. Diesmal erreichte Richard
seinen Zweck. Das ist gro! das ist stupend! sprach Mr. Mitchell, und lie, an
Richards Arm fest angeklammert, sich wohlgefllig vorwrts schieben.
    Croyan oder adhran? flsterte eine scharf betonte Stimme dicht an Richards
Ohr. Ganz unwillkrlich sah er nach dem, der diese ihm ganz unverstndlichen
Worte gesprochen hatte, sich um. Ein Ruck - und der unselige Englnder war im
nmlichen Momente von ihm getrennt, kaum sah er noch weit vorne im Strudel der
Menge ihn schwanken, dann war er verloren, ohne Hoffnung, ihn sobald wieder zu
finden.
    Ein riesengroer Domino hatte an dessen Stelle sich gedrngt und Richards
Arm ergriffen. Sei unbekmmert, Brderchen, er ist wohl beschtzt und wird zur
rechten Zeit Dir wieder bergeben. Ich mu Dich sprechen und habe Eile, sprach
leise, aber vernehmlich, der Domino ihm abermals in's Ohr.
    Du bist's? Du wagst es? rief Richard berlaut, indem er jetzt die Stimme zu
seinem groen Schrecken erkannte. Die Musik und das Gerusch um ihn her
bertnten glcklicher Weise diese Worte; unwillig winkte die Maske ihm zu
schweigen, zog ihn rascher mit sich fort, wand mit auffallender Lokalkenntni
auf allerhand Seitenwegen sich mit ihm durch das Gedrnge in einen abgelegenen
Korridor, drckte gegen eine Wand, sie gab nach, eine verborgene Tapeten-Thr
drehte unhrbar sich auf ihren Angeln.
    Da wren wir nun, wo der Teufel selbst seine Jungen nicht fnde! lachte
Lunin, den die Alles errathenden Leser wahrscheinlich lngst erkannt haben,
indem er Richard in ein gerumiges aber schwach erleuchtetes Zimmer schob. Fnf
oder sechs junge Leute, welche den Eintretenden nicht zu bemerken schienen,
saen bei Punsch und Wrfelspiel in einer Ecke.
    Und nun, Brderchen, setze Dich hierher, brich los mit Schelten und
Ermahnen, aber fasse Dich kurz: sprach Lunin, indem er Richard in ein entferntes
Fenster zog, wo halb von den Draperien bedeckt Wein und Glser bereit standen.
    Lunin! rief Richard, hoffte ich doch Deine verhate Gestalt nie wieder zu
sehn.
    Sei nicht unhflich, erwiederte lachend Lunin: was hast Du gegen meine
Gestalt, wenn sie mir nur recht ist? Die langen Beine da haben mir schon aus
mancher Patsche geholfen! setzte er hinzu, indem er in seinem Sessel sich
zurcklehnte, sie weit ausstreckte und in der Luft damit lustig herum vagirte.
Aber nun zur Sache: was hast Du mir zu sagen?
    Ich Dir? was htte ich mit Dir zu schaffen? antwortete Richard mit dem
Ausdrucke tiefster Verachtung.
    So stehts? desto besser, dann kommen wir um so eher auseinander, erwiederte
Lunin sehr gleichmthig: ich aber habe allerlei Auftrge an Dich, von meinem
Alten, Du weit wohl. Ich gehe von hier gerade zu ihm nach Odessa; ich thue es
nicht gern, aber ich mu wollen, wie er will, das Ding hat zwischen uns so
seinen eignen Haken. Hast Du an ihn etwas zu bestellen? Nicht? auch gut. Dann
soll ich mit Feinheit von Dir herausbringen, aber das ist meine Sache nicht,
also frage ich Dich lieber gerade heraus, in meines Alten Namen, bist Du Croyan
oder schon zum Adhran avancirt?
    Du avancirst wohl mit nchstem ins Narren-Haus: erwiederte Richard
ungeduldig auffahrend.
    Also noch die pure liebe Unschuld? fuhr Lunin fort, ohne sich aus der
Fassung bringen zu lassen: da kann ich also ohne weitere Umstnde meinen Auftrag
an Dich frei von der Leber weg ausrichten. Der mich sendet lt Dir empfehlen
wohl aufzumerken, wo Du jene Worte aussprechen hrst. Die bse Teufelssaat ginge
wieder auf, und die sieben Kpfe der alten Hydra gewnnen wieder neues Leben.
Fahr wohl! auf nimmer wiedersehn! mit Tagesanbruch bin ich auf dem Wege nach
Odessa. Du bleibst ruhig hier, bis Dein Seekalb kommt, es wird nicht lange
ausbleiben.
    Die Tapetenthre drehte sich wieder, Lunin war verschwunden, Richard sa da
und wute nicht genau ob er wache oder trume. Ihm war grauenhaft zu Muthe,
Lunins kurze gespensterartige Erscheinung, die wenigen Worte, die er von ihm
vernommen, machten ihn zweifelhaft, ob man einen bel angebrachten Scherz mit
ihm treiben wolle, oder ob jene Worte wirklich eine Bedeutung htten, die in dem
Sinne genommen, in welchem er sie zu nehmen habe, ihn von neuem mit den
peinigendsten Besorgnissen erfllen mute.

Seit Lunin und Richard das Zimmer betreten, hatte die Gesellschaft am andern
Tische, ohne groen Lrm dabei zu machen, ihr Wesen vor sich hin getrieben. Das
Klappern der Wrfel, da Klingen der angestoenen Glser, ging so gleichfrmig,
man knnte sagen so taktmig vor sich, da es dadurch das Strende verlor, und
von dem in seinem dunkeln Ecken sitzenden Richard eben so unbeachtet blieb als
der das Fenster umsausende Nachtwind; im Gegentheil, es versenkte ihn nur noch
tiefer in jene unbestimmten Trumereien, denen er beinah gedankenlos sich
berlie, statt ihn daraus zu erwecken.
    Wem es gelungen ist in der Nhe einer Mhle einschlafen zu knnen, der wird,
wie man behauptet, nur um so fester schlafen, so lange die Mhle im Gange
bleibt. Doch werden ihre Rder gehemmt, so erwacht er, und es ist um seinen
Schlaf gethan. hnliches erfuhr Richard.
    Die Punschquelle an jenem Tische war vermuthlich versiegt, die Spiellust
befriedigt; das Klingen der Glser, das Klappern der Wrfel nahm pltzlich ein
Ende, leise drehte sich wieder die Tapetenthre: ein neu Ankommender gesellte
jener Gesellschaft sich zu. Die Sthle wurden dichter zusammengeschoben; mit den
Ellbogen auf dem Tische, die Kpfe zusammen gesteckt, begann unter ihnen ein
eifriges, flsterndes Gesprch, weit leiser als die vorhin gefhrte
Unterhaltung; Richard fuhr ber diese pltzlich eintretende Vernderung aus
seiner Versunkenheit in sich selbst auf, und erinnerte sich jetzt erst der Nhe
einer Gesellschaft, deren Dasein er vllig vergessen gehabt hatte.
    Jetzt erst fiel es ihm auf, da auch er wahrscheinlich eben so unbemerkt
geblieben sei, was in nicht geringe Verlegenheit ihn versetzte. Sein Gefhl fr
Ehre und Schicklichkeit erlaubte ihm nicht, noch ferner ohne Wissen der
Anwesenden hier zu verweilen und verborgener Zeuge einer Unterhaltung zu werden,
die mit immer steigendem Interesse gefhrt zu werden schien; verlie er aber das
Zimmer, so konnte er kaum noch hoffen, in der ungeheuren Menschenmasse seinen
Begleiter aufzufinden, den hier zu erwarten er angewiesen war, und die
vielleicht gefhrlichen Verlegenheiten lieen sich gar nicht absehen, in welche
dieser bei seiner widerhrigen Unbeholfenheit gerathen konnte, wenn er fr den
brigen Theil der Nacht seiner eignen Leitung berlassen blieb.
    Nach allen diesen berlegungen hatte Richard zuletzt beschlossen
hervorzutreten, um seine Gegenwart und die Veranlassung derselben kund zu thun,
die ihn zwang, einen von ihm eingefhrten, der Localitten ganz unkundigen
Fremden hier zu erwarten, als ein einziges Wort, deutlicher als alle brigen
sein Ohr traf, und augenblicklich an seinem Platze ihn festhielt: das Wort -
Adhran.
    Leiseres unverstndliches Geflster folgte diesem, aus welchem nur einzelne
Ausdrcke zu ihm herber schollen, die er in keinen Zusammenhang zu bringen
wute. Auch Namen hrte er nennen, die er anderswo oft vernommen. Er blickte
schrfer nach der Gesellschaft hin und entdeckte zu seinem unsglichen Entsetzen
bekannte Gesichter aus jener Zeit, die er gern auf ewig vergessen htte. In
diesem heimlichen Winkel, so still verborgen im Gewhle vieler Tausende, wie
eine einsame Felseninsel mitten im sie umbrausenden Gewoge des Weltmeers, an
einem Orte, wo Lunin als vllig einheimisch sich benommen hatte, diese
versammelt zu sehn, ergriff ihn mit grauenvollem Ahnen drohender, allgemeiner
Gefahr.
    Was er sah und hrte, mute auf das Lebhafteste an jenen verhngnivollen
Abend ihn erinnern, an welchem ein unseliger Zufall, wider seinen Willen, ihn
Mitglied eines Bundes werden lie, den er seitdem bis zu diesem Augenblicke zu
seiner groen Beruhigung fr ganz aufgelst gehalten hatte. War es Absicht oder
Zufall was diese, einzig aus frheren Theilnehmern an demselben bestehende
Gesellschaft, hier zusammengefhrt hatte?
    Das einzige Wort Adhran ausgenommen, lie alles brige, was er von ihrer
Unterhaltung bis jetzt verstanden, ihn das Letztere hoffen; doch wenn er der
Warnung sich erinnerte, welche Torson durch Lunin ihm hatte zukommen lassen, so
ergriff ihn eine ungeheure Angst, und bange Schauer durchrieselten ihm Mark und
Gebein.
    Der zuletzt Angekommene schien erst rechtes Leben in die Unterhaltung
gebracht zu haben; ein langer hagrer Vierziger, von militairischem Anstand, mit
dem Ausdrucke tief gewurzelten Mimuths in den dunkeln, stark hervortretenden
Zgen, auf dessen Namen Richard in diesem Augenblicke sich nicht besinnen
konnte, der aber durch sein schweigsames Aufmerken auf Alles, was um ihn her
vorging, ihm in den Bundesversammlungen oft aufgefallen war. Sein Betragen hier
war ganz anderer Art; heftig gestikulirend, wahrscheinlich von einem leichten
Champagnerrausche etwas exaltirt, sprach er viel, aber so leise, da keine Sylbe
von dem, was er sagte, bis zu Richards Ohr gelangte. Einige von seinen Zuhrern
schienen eben so eifrig, aber auch eben so leise ihm zu widersprechen; aller
Vorsicht vergessend sprang er auf, und schlug mit geballter Faust auf den Tisch,
da die Glser klirrten.
    Und warum nicht? rief er mit berlauter Donnerstimme, warum nicht auf dem
Balle? warum nicht an einem Tage wie heute? denkt einige dreiig Jahre zurck,
denkt an Stockholm - Gelchter und Geschrei auerhalb des Zimmers erstickte den
Rest seiner Worte.
    Die Tapetenthre drehte sich wieder, lachend drngte eine Gruppe Masken
hinein, Richard glaubte des Englnders Stimme zu hren und eilte hinaus; da
stand der edle Britte, so selig als man in dieser Welt es nur werden kann, von
zwei Personen untersttzt, die ihn sogleich in Richards Arme legten, und dann
den brigen in das Zimmer folgten, dessen Thre augenblicklich verschlossen
wurde.
    Rule Britannia! lallte Mr. Mitchell mit schwerer Zunge und noch schwererem
Kopfe, whrend Richard den Taumelnden in den Wagen transportirte, aus welchem er
fest schlafend in sein Bette getragen, und am nchsten Morgen bei einem Kruge
Sodawasser nicht mde wurde, die gestern erhaltenen Beweise russischer
Gastfreiheit bis in die Wolken zu erheben.

Der Rausch war verschlafen, die Nachwehen desselben rein weggesplt; Mitchell
war wieder die nchterne, nur auf ihren Vortheil bedachte, Gewinn und Verlust
berechnende Krmer-Seele geworden, die er von jeher gewesen. Er ging
treufleiigst seinem Berufe nach, lie bei den Bemhungen, seine Fabrikate zu
empfehlen, weder durch kalten Empfang noch durch uerungen des berdrusses sich
zurckschrecken, und gehrte fast buchstblich zu denen, von welchen man
sprchwrtlich zu sagen pflegt, da sie zum Fenster wieder hineinkommen, wenn
man sie eben zur Thre hinaus gewiesen hat.
    Seine Beharrlichkeit blieb nicht unbelohnt. Es gelang ihm, in den Comptoiren
einiger bedeutender Huser Eingang zu finden, wo er seine und seiner
Korrespondenten Industrie vortheilhaft geltend machen konnte, und Richard wurde
auf diese Weise zuweilen von der belstigenden Gesellschaft seines
schwerflligen Landsmanns befreit.
    Dies war fr ihn allerdings eine groe Erleichterung, deren er jetzt
zwiefach bedurfte. Es schien als ob seit jener, auf dem Maskenballe zugebrachten
abenteuerlichen Nacht, die Folgen des Rausches, den Mitchell so glcklich
verschlafen, auf den wahrlich sehr mig gebliebenen Richard bergegangen wren,
und keinem dagegen angewandten Mittel weichen wollten. Ihm war fortwhrend wie
einem aus schweren Trumen nur halb Erwachten, der noch nicht mit Sicherheit zu
unterscheiden wei, ob was ihm widerfuhr ein Wahngebilde, oder Wirklichkeit sei.

Noch immer war alles um ihn geblieben wie es gewesen; so oft er Helena sah,
lchelte ein Himmel von Seligkeit aus ihren Augen ihn an, und durch das gegen
ihn sich immer gleich bleibende Betragen der Mutter dazu berechtigt, verging ihm
selten ein Tag, an welchem er sie nicht gesehen htte.
    Auch Kapellmeister Lange und Frau Karoline beeiferten sich, sein Leben zu
verschnen. Mit innigem Vertrauen und warmer Herzlichkeit schlossen sie immer
fester sich an den Jngling an, und wollten und verlangten nichts weiter fr
ihre liebende Treue, als da er sie sich gefallen lasse. In seine brigen
Verhltnisse eindringen, mehr, als er unaufgefordert ihnen mittheilte, erfahren
zu wollen, war ein Gedanke, der den bescheidenen Seelen nie in den Sinn kam.
    In seinen Dienstverhltnissen fand Richard eben so wenig Stoff zur Klage,
als in dem Betragen seiner Kameraden gegen ihn. Was war es denn, was bei jedem
pltzlichen Gerusche in der Strae, bei jedem mit rauher oder fremder Stimme
gesprochenen Worte ihn aufschreckte? warum bei ringsum heitrem Himmel athmete er
so gewitterschwer?
    Ach, dem kundigen Schiffer gleich, ahnete er in tiefer Windstille den
nahenden Sturm; Lunins unheimliche Erscheinung, Torsons durch diesen ihm
zugekommene Warnung, die abgebrochenen Worte, die er auf jenem Balle zu
vernehmen gemeint, hatten ihn aufgeschreckt; er frchtete, er wute selbst nicht
was, und fand nirgends Rath, nirgends Erleichterung fr sein sorgenvoll
bedrcktes Gemth.
    Der Frstin Eudoxia seine Besorgnisse anzuvertrauen, konnte ihm nicht
einfallen, eben so wenig der Geliebten. Er hatte ja oft genug erfahren, wie
Helena alles gewandt von sich abzuweisen wute, was anzuhren ihr entweder nicht
angenehm war, oder nicht erlaubt schien. berdem schien ihm beide, Mutter und
Tochter, mit unbestimmten Besorgnissen aus ihrem genureichen Leben aufschrecken
zu wollen, beinahe ein Verbrechen, gewi eine Thorheit zu sein. Denn durfte er
Lunin, durfte er Torson, durfte er berhaupt jenen Maskenball gegen sie
erwhnen, dem auch sie, in den Umgebungen des kaiserlichen Hofes, ein paar
Stunden unter ganz andern Verhltnissen beigewohnt hatten?
    Und immer weiter ins Unbestimmte wurde des Frsten Andreas Rckkehr hinaus
geschoben, sogar der Ort seines Aufenthaltes, den er, nach seinen kurzen Briefen
zu schlieen, sehr oft wechselte, war nicht mit Gewiheit zu bestimmen; von
Eugen war man seit lngerer Zeit ohne alle Nachricht geblieben, und doch zeigten
Mutter und Schwester seinetwegen sich vllig unbesorgt.

Endlich, nach mehreren in bengstigender Ungewiheit hingebrachten Wochen,
erfuhr Richard, da Graf Stephan wieder angelangt sei. Zwar verletzte es ihn ein
wenig, da dieses nur zufllig geschah, doch lie er sich dadurch nicht
abhalten, sogleich zu ihm zu eilen.
    Rath, Trost, Aufklrung des Dunkels, das ihn bengstete, hoffte er von dem
Grafen zu erhalten, aber sein Muth sank gewaltig, indem er der Wohnung desselben
sich nherte; sie sah nicht minder unbewohnt aus, als sie seit Jahr und Tag
ausgesehen. Nichts im uern derselben verrieth die Gegenwart des Pracht und
Geselligkeit liebenden Besitzers; die Fensterblenden rings umher waren
geschlossen, die bei Anwesenheit der Herrschaft sonst immer offen stehende
Thorfahrt knarrte in rostigen, lange nicht gebrauchten Angeln, indem der graue
Thorwrter sie fr Richard ffnete, der einzige von der bunten Dienerschaar, der
sich diesmal blicken lie, die sonst in geschftigem Miggange hier berall
herum zu schwrmen pflegte.
    In der berzeugung, da ein bloes Gercht ihn getuscht habe, war Richard
schon im Begriffe wieder umzukehren, als er zu seinem groen Schrecken bemerkte,
da der Hof fuhoch mit Stroh bedeckt sei. Wem galt dies unverkennbare Anzeichen
schwerer Krankheit, vielleicht gar des Todes? Vergebens sah Richard sich nach
Jemand um, der ihm darber Auskunft geben knne; der alte Thorwrter, welcher
eben beschftigt war, die Thorflgel wieder sorgsam zu schlieen, blieb die
einzige lebende Seele, die sich zeigte.
    Rede und Antwort von ihm zu erhalten war aber schwer, tiefe Verbeugungen bis
an den Boden, und stumme, zum Eintritt in die Halle einladende Bewegungen der
Hand, waren alles, was Richard auf die dringenden Fragen erhielt, mit denen er
ihn bestrmte.
    Bin ich zurck in die Zeit der Feenmhrchen versetzt, befinde ich mich in
einem bezauberten Schlosse? wrde in frhlicherer Stimmung Richard gewi sich
selbst gefragt haben, whrend er die verdeten Wohnzimmer seines Freundes
durchstreifte, und berall, bei dicht verhngten Fenstern, die nmliche Stille
ihn umfing.
    Endlich lieen doch Schritte eines Nahenden sich vernehmen; eine, in den
abgelegensten Theil des Hauses fhrende Thr, wurde so geruschlos als mglich
geffnet, und hinein sah ein blasses, abgehrmtes Gesicht, welches Richard
sogleich als das ihm wohl bekannte des treuesten und vertrautesten Dieners des
Grafen Stephan begrte.
    Doch auch dieser, so willkommen ihm Richard auch war, bezeigte sich wenig
geneigt, ihm die Auskunft zu geben, nach welcher er so sehnlichst verlangte.
Walter war von Geburt ein Deutscher, und, wie das in groen russischen Husern
oft der Fall ist, von Jugend auf seinem jetzigen Gebieter erst als demthiger
Spielgeselle, dann als Kammerdiener zugegeben worden. Soviel dieses mit seiner
Stellung im Leben sich vereinigen lie, hatte er mit seinem Gebieter gleiche
Erziehung genossen, und hing jetzt mit aller Kraft seines redlichen Gemthes an
ihm und seinem Hause.

Oft hatte Richard die Wendung, die das Geschick mit ihm selbst genommen, mit
der, des in der ersten Anlage ihm so hnlichen Schicksals dieses vorzglich
treuen, verstndigen Mannes verglichen, und es gab manche Stunde in seinem
Leben, in der er ihn glcklicher achtete als sich selbst.
    Thrnenschwer, aus tiefster Brust aufseufzend, aber schweigend fhrte Walter
den Freund seines Herrn durch eine lange Reihe dunkler Zimmer, welche Richard
nie zuvor betreten, in ein kleines, der Tageshelle fast hermetisch
verschlossenes Gemach. Schwarze Teppiche bekleideten die Wnde, auf hohen, in
schwarzen Krepp gehllten Kandelabern, brannten in den Ecken groe Kerzen von
gelbem Wachs, und verbreiteten ein trbes flackerndes Licht, wie in einer
Todtengruft. Richard fhlte beim Eintritte in diesen, der tiefsten Schwermuth
geweihten Aufenthalt das Blut in seinen Adern erstarren; es whrte ziemlich
lange, ehe sein an dieses Dmmerlicht noch nicht gewhntes Auge die ihn zunchst
umgebenden Gegenstnde erkennen konnte.
    Mitten im Zimmer, auf einem breiten niedrigen Divan, lag Graf Stephan in
tiefer Trauer, aber vllig gekleidet; und nach altrussischem Gebrauche in
Trauerfllen stand rings um ihn her alles nur Ersinnliche aufgestellt, was an
Frchten, Weinen und dergleichen ihn zum Genusse reizen konnte, ohne da er es
eines Blickes wrdigte.
    Da bist Du ja, mein Bruder, sprach er sehr mild und freundlich, und reichte
Richard die Hand; ich lie Dich nicht rufen, ich berlie es dem Geschick, ob es
unser Wiedersehn uns gnnen wolle, denn ich habe nur Reue und Schmerz, aber
keine Wnsche mehr. Nun bist Du von selbst gekommen; ich bin schon seit vielen
Tagen in tiefer Verborgenheit hier, und habe immer Dein gedacht; es ist gut da
Du ohne mein Zuthun gekommen bist, es ist sehr gut.
    Schmerzlichst ergriffen warf Richard neben dem Lager seines Freundes sich
hin; er redete trstend ihm zu, er wollte versuchen ihn aufzurichten; doch seit
mehr als Jahresfrist unbekannt mit dem Quelle seiner Leiden, verletzte er aus
Unwissenheit statt zu heilen, gleich einem Arzte, der in dunkler Nacht einen
schwer Verwundeten verbinden mchte, und blind herumtappend, wider sein Wissen
und Wollen durch Berhrung die Schmerzen vergrert, die er zu lindern
beabsichtigt.
    La ab, la ab mit Trsten, bat endlich Stephan; menschlicher Trost wie
menschliche Hlfe sind an mir verloren; darum zog ich mit meinem Schmerze in
Nacht und Einsamkeit mich zurck. Hier will ich schweigend untergehn; nur Dich
mchte ich warnen, nur Dich retten, wenn Du noch zu warnen, zu retten bist; ich
hoffe Gott will es, indem er von all' meinen Freunden Dich allein mir zufhrte.
    Ich leide gerechte Strafe fr meinen weltklugen Vorwitz, fr den frevelnden
bermuth, mit welchem ich dem stolzen Wahne mich berlie, ich sei berufen in
das Rad des Weltenganges einzugreifen: sprach Stephan, als die erste heftige
Bewegung, in welche das Wiedersehen des Freundes ihn versetzte, allmlig
verklungen war.
    Ich dulde was ich verdient habe, aber mein Weib! meine unschuldigen Kinder!
was haben die verbrochen? Du, mein Bruder, warst der heitre
unermdlich-freundliche Spielgeselle meiner Kinder, Du liebtest sie, Du kannst
sie nicht vergessen haben; wo sind sie jetzt? Alle, Alle dahin, von wo keine
Wiederkehr ist. Zwei von ihnen, die beiden jngsten, waren mir noch geblieben,
meine kleine lchelnde Anna, mein holder Knabe Eloa. Ich wollte sie nicht aus
den Augen lassen, sie muten nach Berlin mich begleiten. An dem zu meiner
Abreise von dort bestimmten Tage erkrankten Beide; im Sarge haben ihre Leichen
mich zurck begleitet, ich habe bei ihren Groeltern, bei ihren vorangegangenen
Geschwistern sie schlafen gelegt! Das, Richard, das war eine Reisegesellschaft!
aber im mrkischen Sande die lieblichen Knospen fr die Ewigkeit bergen, wie
htte ich das vermocht!
    Und nun ihre Mutter, fing nach einer Pause Stephan wieder an, dieser sanft
duldende Engel! tglich mu ich Gott bitten, da er ihm bald gewhren mge, die
Flgel entfalten zu drfen, um sich hoch ber dieses Jammerleben hinaus, in
Paradieseslften zu unsern Kindern zu erheben. Was aber wird aus mir, wenn auch
sie mich verlassen haben wird? Nach martervoller Nacht erweckt jeder Morgen sie
zu neuer Todesqual, ein furchtbares bel nagt langsam und unheilbar nahe an
ihrem Herzen; die Kinder schlafen, die Mutter leidet und wacht!
    Laut schluchzend sank Stephan auf sein Lager zurck; Richard weinte mit ihm,
im Gefhle seines Unvermgens, hier Hlfe oder auch nur Trost zu gewhren.
    Nach so groem Jammer Dir noch von dem Untergange des Wohlstandes meines
Hauses zu sprechen, scheint kaum der Mhe werth; und doch ist dieses, besonders
in seinen Folgen, kein unbedeutendes Unglck, denn meine Schuld, meine
Nachlssigkeit hat das Elend vieler tausend Armen veranlat, und auch ihr
Schicksal liegt schwer auf mir.
    Whrend ich thrichter Weise in weit aussehenden Plnen mich abmhete; Zeit,
Geld und Kraft zu ihrer Ausfhrung vergeudete, und meine krnkelnde Eitelkeit
mich selbst in heimliche Bewunderung der hohen edlen Opfer einwiegte, die ich
dem Wohle meines geliebten Vaterlandes dadurch zu bringen whnte, verga ich der
Sorge fr die, welche mir am nchsten stehen; lie die Obhut ber die Tausende
von Seelen ganz aus der Acht, welche Gott selbst durch den Stand, in welchem er
mich geboren werden lie, an meine vterliche Vorsorge angewiesen. Viele, viele
Jahre lang lie ich feile Miethlinge meine Stelle vertreten; mein Vermgen,
meine Unterthanen, meine Ehre sind schamlosen Wucherern Preis gegeben; und
eigentlich ist, von Allem was so glnzend mich umgiebt, nichts mehr mein.
    Solche Frchte gehen auf aus solcher Saat! Wer bin ich? was bist Du? was ist
Andreas und Sergius und sie Alle, da wir glauben sollten, wir wren berechtigt,
Kronen zu zerbrechen, ber Kaiser und Knige zu Gericht zu sitzen, die
Verfassung groer Reiche umzuschaffen, Alles nach unserer beschrnkten Einsicht
zu ordnen, und uns zu geberden, als habe der allmchtige Regierer der Welten uns
zu seinen Statthaltern auf Erden eingesetzt? Ach ich mchte im Gefhle der
schmerzlichsten Reue auf offnem Markte hintreten, alle meine Wunden aufdecken,
und laut rufen: so wei der Himmel weltklugen Vorwitz zu strafen!

Alle Zeit, die seine brigen Verhltnisse ihm frei lieen, widmete Richard jetzt
seinem unglcklichen Freunde; ihn zu trsten konnte ihm nicht einfallen, jeder
Versuch es zu wollen, wrde sogar als Verhhnung des gerechtesten Schmerzes mit
Widerwillen zurck gestoen worden sein; aber Stephan hrte doch auf, ein
trauriges Spiel mit den uern Zeichen desselben zu treiben. Er gewhnte sich
sowohl das Licht der Sonne als den Wechsel, den Stunden und Tageszeiten im
gewhnlichen Gange des Lebens herbeifhren, wieder zu ertragen; und war zuletzt
eben so sorgfltig bemht, jeden Anstrich von Sonderbarkeit zu vermeiden, als er
vorher ihn zu suchen geschienen.
    Oft, wenn lebhafter erregte, trbe Erinnerungen vergangener Zeiten, oder
heftigere Schmerzen der still duldenden Grfin, den Schlaf von Stephans Lager
verscheuchten, fand der anbrechende Tag beide Freunde noch bei einander. Richard
war sehr verwundert als er bemerkte, wie der Graf sich eifrig bemhte, ihn aus
den Schlingen jenes gefhrlichen Bundes loszumachen, denen er lngst entronnen
zu sein meinte, und an den er, ohne das letzte Zusammentreffen mit Lunin, kaum
noch gedacht haben wrde.
    Wozu, ich bitte Dich, fragte er eines Abends, nachdem Stephan ihm
umstndlich dargestellt, wie er es angefangen, um von jener Verbindung sich los
zu sagen, wozu aber alle diese Weitluftigkeiten? dieses Zusammenberufen des
Rathes der Alten? diese feierliche Erklrung Deines Entschlusses, aus dem Bunde
auszutreten, der damals schon aufgelst war? Und sollten auch jetzt, wie es
beinahe den Anschein haben will, einige berbleibsel der alten zerstckelten
Schlange sich wieder regen, von diesen haben wir nichts mehr zu befrchten; das
zertretene Ungeheuer zerfllt in Nichtigkeit, es wird uns nicht wieder
umklammern.
    Zum Beweise seiner Behauptung theilte er dem Freunde den Inhalt jener
letzten merkwrdigen Unterredung mit dem Frsten Andreas mit. Jedes Wort
derselben hatte seinem Gedchtnisse sich zu tief eingeprgt, als da er nicht
htte im Stande fein sollen, dieses fast wrtlich zu thun.
    Mit gespannter Aufmerksamkeit hrte Graf Stephan, ohne ihn zu unterbrechen,
ihn an, und schien eine Weile in tiefes Nachdenken zu versinken.
    Nein, sprach er endlich, es ist unmglich, ich kann den Glauben an Andreas
nicht verlieren; er ist zu gro, zu stolz, zu rechtlich, um an die Mglichkeit
absichtlicher Tuschung bei einem Character zu denken, dessen Fehler edler sind
als die Tugenden vieler Andrer. Er will das Rechte und Gute, aber leider nicht
immer weil es das Rechte und Gute ist, sondern weil er es nun einmal will, mit
aller Kraft seines unbeugsamen Gemthes es will; und diese Unbeugsamkeit konnte
uns Allen, und wird, wie ich leider frchten mu, dereinst ihm selbst zum
Verderben gereichen.
    Ich behaupte nicht er wollte Dich irre fhren, nein, mein Bruder, davor
behte mich Gott! ich bin berzeugt, da er das nicht wollte; aber sein
eingewurzelter, durch glhende Eifersucht genhrter Ha gegen Pestel, bei
weniger edlen Naturen drfte man wohl Neid es nennen, hat in diesem Falle ihn
selbst irre gefhrt.
    Hoffen was wir wnschen, und dieses Hoffen bis zur gewissesten Erwartung
sich steigern lassen, liegt uns ja so nahe, ist so innig mit unserer Natur
verflochten, da selbst ein so starker Character wie der des Frsten Andreas,
dieser Schwche unterworfen sein mu. Daher der ungeheure Zwiespalt in seinem
Wesen, der oft ein ganz falsches Licht auf ihn wirft. Er lie Dich glauben, der
Bund sei aufgehoben, weil er selbst sich bemhte zu denken, da dem so sei,
obgleich in einem geheimen Winkel seines Herzens die berzeugung des Gegentheils
lauerte. Ich wei nicht recht wie ich Dir begreiflich machen soll, wie ich es
meine; ich kann Dir nur sagen, Andreas ist eine jener Zwitternaturen, die zwar
eins mit sich selbst scheinen, in deren Innerm aber ein ewiger Zwiespalt
herrscht. Nur dies noch zum Beweise: Dich versicherte er, der Bund sei
aufgehoben; ich bin fest berzeugt, gewissermaen glaubte er es damals selbst;
und weit Du wo er, wo Eugen jetzt sind? Wo beide, wenige Wochen nach Deiner
Abreise sich hinwandten? und was noch jetzt, in dieser Stunde, sie festhlt? Sie
bereisen auf verschiedenen Wegen, von einander getrennt, die sdlichen
Provinzen, um fr den neuen Bund, den sie errichten wollen, und der doch,
obgleich anders genannt, nur der alte ist, Proselyten zu werben.
    Es ist nicht, es kann nicht sein! es ist nicht! rief Richard todtenbleich.
    Es ist so, erwiederte Stephan sehr lebhaft; la mich versuchen, das
unerklrlich Scheinende Dir deutlich zu machen.
    Andreas fhlte von jeher Pestels groe berlegenheit, ohne sie anders als
ganz heimlich sich selbst eingestehen zu wollen. Die durch berwiegende Klugheit
und Alles beseitigende Verachtung dessen, was andern heilig ist, gewonnene
Oberherrschaft dieses Verruchten, war dem edlen Frsten eben so furchtbar als
verhat ffentlich gegen ihn aufstehen konnte und wollte er nicht, aber all'
sein Sinnen und Trachten ging dahin, der usurpirten Obergewalt des gefhrlichen
Fhrers ein Ende zu machen, und wo mglich die Zgel selbst zu ergreifen.
Yakuchins allgemeines Entsetzen erregende Erscheinung in jener, durch meine
thrichte Leichtglubigkeit herbeigefhrten nchtlichen Scene, scheuchte fr den
Augenblick alles aus einander. Der Bund schien wirklich aufgelst; selbst
Andreas konnte damals glauben er sei es, und mit gutem Gewissen zu Deiner
Beruhigung Dich davon zu berzeugen suchen.
    Er selbst aber konnte nicht rasten noch ruhen; der Wahn, der mich elend
machte, beherrscht ihn noch bis zu diesem Augenblicke nicht minder mchtig als
er mich beherrscht hat, bis Alles unter mir zusammen brach. Andreas will auf
seine edlere Weise vollenden, was wie er hofft Pestel nicht mehr vollenden kann;
er hlt ihn fr wehrlos, fr vernichtet, und wird dereinst furchtbar aus diesem
Irrthume erwachen.
    Bis jetzt hat das Glck ihm freilich noch nicht den Rcken gewendet wie mir.
Sein reiferes Alter, seine Umsicht, seine Erfahrung, haben ihn vor Fehlgriffen
bewahrt, die ich beging. Noch lebt Eudoxia in blhender Gesundheit; seine in
Jugendkraft und Schnheit herangewachsenen Shne und Tchter sind die Zierde und
der Stolz seines edlen mchtigen Hauses, whrend ich - -
    Stephan verstummte; vom gerechtesten Schmerze bermannt, vermochte er nicht
das Gesprch fortzusetzen.

Im Vereine mit einigen wenigen der eifrigsten, und zugleich wohlgesinntesten,
der Mitglieder des jetzt angeblich erloschenen Bundes der chten Kinder des
Vaterlandes, war es dem Frsten Andreas und mehreren seiner Vertrauten wirklich
gelungen, unter dem Namen eines Bundes fr das allgemeine Wohl eine neue
Verbindung zu errichten, die unbemerkt immer weiter und weiter sich verbreitete.
    Lge es irgend im Reiche der Mglichkeit, das hohe Ziel, das sie sich
gestellt, auf solchem Wege zu erreichen, so wrde diese Verbindung gewi den
schnen Namen, den sie sich gewhlt hatte, vollkommen verdient haben; aber ihre
Stifter vergaen in ihrem Eifer, da man nicht an einem und dem nmlichen Tage
sen und ernten kann; sie bedachten nicht, da allgemein verbreitete Aufklrung
unter dem Volke nur sehr allmlig durch Lehre und Beispiel herbeigefhrt werden
kann, und da eine bedeutende Reihe von Jahren dazu gehrt, ehe die Folgen einer
verbesserten Erziehung in der heranwachsenden Generation merkbar werden.
    Hingerissen von Plan zu Plan, wollten sie alles was sie fr ntzlich und
wnschenswerth achteten, mochte es sich auch unter einander noch so sehr
widersprechen, auf einmal bewirken; sie wollten den Einflu der Fremden
abwehren, Liebe zum Nationellen verbreiten, und zugleich mit dem Leben des
Volkes seit grauer Vorzeit enge verwachsene Ansichten und Gebruche abschaffen;
sie wollten allen Monopolen sich widersetzen, und zugleich Kunstflei befrdern.
Ihr Verbesserungssystem dehnte nach allen Seiten sich hin und fhrte, zum Theil
ihnen selbst unbewut, sie endlich zurck auf den alten Punkt, der nur zum
Umsturze alles Bestehenden, und zugleich zu ihrem eignen Verderben sie leiten
mute.
    Pestel, der seinerseits whrend der Zeit auf andrem Wege auch nicht unthtig
geblieben war, und dabei was auer seinem Bereiche vorging nie aus den Augen
verlor, fing allmlig an, sein altes Ansehen unter den Verbndeten wieder zu
gewinnen, Um ihm krftig entgegen zu arbeiten, trat jetzt Andreas, von den
Bessergesinnten seiner Partei untersttzt, wirklich mit dem Vorschlage auf, den
Kaiser um seine Bewilligung zur Errichtung dieses neuen Bundes anzusprechen;
aber die Mehrzahl der Stimmen erhob sich mit gewaltigem bergewichte laut
dagegen. Die Lust, selbst das Regiment zu fhren, war von neuem erwacht; man
berieth sich in einzelnen, mehr oder minder zahlreichen Zusammenknften, ber
die Nachtheile und Vorzge der verschiedenen Regierungsformen, und, wie das
unter solchen Umstnden immer der Fall ist, die republikanische trug den Preis
davon, weil auch der Unbedeutendste unter den Verbndeten am liebsten sich
selbst als Dictator auf dem Throne gesehen htte.
    Und von neuem wagte Pestel uerungen, halb ausgesprochne Worte, als
Einleitung zur Ausfhrung grlicher Unthaten; die Meisten emprten laut sich
dagegen; was Andre heimlich beschlossen, ist wenigstens noch nicht bekannt
geworden, aber das rgste steht dennoch zu erwarten. Abermals scheint zwar fr
jetzt der Bund gelset in sich selbst zu versinken, lebt aber dennoch, gleich
dem im Geblke des Palastes zu Kopenhagen fortglimmenden Funken, fort, um im
nchsten gnstigen Augenblicke mit verdoppelter Wuth hervorzubrechen, und das
Werk der Zerstrung zu beginnen.
    So, mein Bruder, so steht es jetzt um die Sicherheit unsres geliebten
heiligen Vaterlandes! sprach, Stephan zu seinem, vor Entsetzen sprachlos ihm
zuhrenden Freunde, nachdem er in einer ruhigeren Stunde ihm weitluftiger alles
dieses aus einander gesetzt hatte. Wir alle leben ber dem Krater eines Vulkans,
fuhr er sehr bewegt fort: still und heimlich wthet unter unsern Fen die
Hlle; wann und wo sie die dnne Decke sprengen wird, die jetzt noch vor ihrer
Wuth uns schtzt, mssen wir erwarten. Wie freudig ich mein Leben hingbe, um
die uns drohende Gefahr abzuwenden, schme ich mich nur zu erwhnen; das Opfer
das ich damit brchte ist der Erwhnung nicht werth; aber verzweifelnd stehe ich
da, und wei weder Hlfe noch Rath. Den einzigen Weg dazu verschliet mir jener
frchterliche Eid, der uns Alle fesselt. Ich kann meine unsterbliche Seele nicht
opfern, ich kann, ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, alle meine geliebten
Verlornen dort oben wieder um mich versammelt zu sehen! setzte er in heftigster
Bewegung hinzu.
    Mit jedem Tage wchst die uns drohende Gefahr, nahm Graf Stephan nach
einiger Zeit wieder das Wort; unsre Freunde, Andreas wie Eugen, wandeln in
unseliger Verblendung am Rande des Abgrundes, in welchem sie ein Paradies
erbauen zu knnen whnen, und Pestel, dieser Unheil brtende Dmon, fhrt wieder
das Ruder. Zwar hat er das allgemeine Vertrauen, durch das er mchtig wurde,
grtentheils verloren; doch so verhat er geworden sein mag, erhlt er sich
doch durch seine berwiegende Geisteskraft in der Oberherrschaft ber die
Gemther.
    Der furchtbare Bund existirt nach wie vor; von Statuten, durch welche er zu
einem Ganzen sich organisiren soll, ist kaum mehr die Rede; man ist des faden
Spiels damit berdrig geworden. Die Mitglieder zerfallen jetzt in zwei Theile,
in Adhrans und Croyans, Anhnger und Glubige; im Grunde sind's Namen fr eins
und dasselbe, einer davon gilt so viel als der Andre.

Getrieben von unsglicher Unruhe, unfhig den Zustand von Ungewiheit, Zweifel,
banger Erwartung, in dumpfer Unthtigkeit lnger zu ertragen, entschlo Richard
sich zu dem Versuche, alte Verbindungen, vor denen er im Innern seines Herzens
zurck schauderte, scheinbar wieder anzuknpfen; so viel dieses nmlich, ohne
sich zu tief einzulassen, mglich war. Es schien ihm der einzige Weg, nicht ganz
in Blindheit befangen, dem Verderben entgegen zu gehen; das Unternehmen war
nicht leicht, aber von den Umstnden begnstigt, gelang es ber alle Erwartung.
    Richard besuchte die eigentlichen Bundesversammlungen nicht, lie weder als
Glubiger noch als Anhnger sich aufnehmen, gab sich aber das Ansehen, als ob
bei seinen bekannten frheren Connexionen dieses ganz berflig wre. Er
mischte sich unter seine alten Bekannten, nahm mit so viel scheinbarer
Unbefangenheit an ihren Privatzusammenknften, an ihren Gesellschaften, sogar an
ihren oft an wilde Ausgelassenheit streifenden Gelagen Theil, als habe nur
zufllige Abwesenheit ihn eine Weile von ihnen entfernt gehalten. Und wo er
anklopfte, wurde ihm aufgethan; berall wo er sich zeigte, fand er unbedingt
freundlichen Empfang.
    Auch jetzt, eben wie ehedem, bestand die grere Anzahl der Verschworenen
aus jungen Leuten, welche mit dem ihrem Alter eignen Unbedachte in diese
gefhrliche Verbindung sich hatten hineinziehen lassen, und darin verharrten;
Richards gesellige Eigenschaften machten seinen Umgang ihnen wnschenswerth,
Yakuchin hatten sie ber neuere Ereignisse lngst vergessen. Doch leider waren
sie auch allmlig daran gewhnt worden, Dinge gleichgltig anzuhren, gegen
welche frher ihr besseres Gefhl sich mchtig emprt hatte. Selbst in ihren
Privatzirkeln fanden jetzt oft genug Debatten statt, die man sonst unter Pestels
Vorsitz nur bei geschlossenen Thren und mit der grten Vorsicht im Rathe der
Alten zu halten wagte. Wahrscheinlich aber sahen die meisten der jungen Leute
nur Gelegenheit zu hochtnenden Reden darin, wie sie zur Zeit ihrer Vter beim
Anfange der Revolution in Paris gehalten worden waren, und blieben weit davon
entfernt, den furchtbaren Ernst sich zu denken, der darunter verborgen lag.
    Was Richard den Tag ber auf diese Weise ersphte, trug er Abends dem Grafen
Stephan vor; beide saen oft bis zum Anbruche des Tages beisammen und wurden
immer trostloser, je lnger sie ber die Mglichkeit hier Rettung zu finden sich
besprachen. Das nchtliche Dunkel das sie umgab, verdichtete sich zu immer
schwrzeren Schatten; tglich wuchs die wahnsinnige Wuth der Hupter der
Verschworenen, und unverhllt trugen sie in ihren Versammlungen sie zur Schau.
Alle ihre Gedanken waren auf Mord und Verderben gerichtet. Vieles was sie
ersannen, grnzte durch unausfhrbaren Unsinn an das Lcherliche, aber es
verfehlte dennoch nicht, auf die leicht verfhrbare Jugend den gewnschten
Eindruck zu machen. Hingerissen von dem rhetorischen Pompe, in welchem diese
Erzeugnisse einer zu vlliger Unnatur verwilderten Phantasie vorgetragen wurden,
gestalteten die Gesinnungen sich immer verkehrter, bis Alle zuletzt vllig damit
einverstanden waren, vor keiner Unthat mehr zurckzubeben.

Ruhig und gelassen im uern, wenn gleich innerlich schaudernd, stand Richard
zufllig in einer nicht sehr zahlreichen Versammlung, in welcher Wuth, Unsinn
und Mordlust den hchsten Gipfel erreicht zu haben schienen, neben Sergius.
    Kennst Du den? fragte Sergius leise, und wies auf eine auffallend lange,
hagre Gestalt, welche gleich bei ihrem Eintritte in die Versammlung von den
Bedeutendsten unter den Anwesenden umringt wurde.
    Ich sah ihn oft, ohne jedoch seine nhere Bekanntschaft zu machen, oder auch
nur seinen Namen zu erfahren; das letzte Mal traf ich ihn auf dem groen
Maskenballe in einer geschlossenen Gesellschaft, in welche Lunin kurz vor seiner
Abreise mich einfhrte; erwiederte Richard, der, um seinem Beobachtungssysteme
unbeargwohnt folgen zu knnen, sich gern das Ansehn gab, als ob er mit Lunin und
andern dieses Gelichters im besten Vernehmen stnde.
    Der ist der Mann, sieh ihn nur recht darauf an, der wird ausfhren, wozu
Dein Narr Yakuchin nicht taugte, der, Gott wei wie, mit seinem sentimentalen
Wahnsinne uns Alle aus der Fassung brachte; flsterte Sergius noch leiser.
brigens, fuhr er fort, war es gut da es damals so kam, wie es gekommen ist,
und ich selbst, wie Du Dich erinnern wirst, trug nicht wenig dazu bei. Es war
noch nicht an der Zeit, obgleich Pestel von Ehrgeiz geblendet es meinte. Jetzt
haben die Umstnde sich verndert; was damals nur keimte, reift jetzt als Frucht
der Ernte entgegen.
    Richard war unfhig ein Wort zu erwiedern, kaltes Entsetzen durchrieselte
ihn.
    Da Du den verrckten Schwchling so geschickt aus dem Wege zu bringen
wutest, Brderchen, war ein Meisterstreich von Dir und Deinem Alten, den selbst
Pestel und wir Alle Euch beiden, Dir und Andreas, hoch anrechnen, darauf verla
Dich; zu seiner Zeit sollst Du Beweise davon erhalten; fuhr Sergius, ganz
zutraulich geworden, fort. Jener Mann ist brigens der Kapitain Yakubowitsch,
von dem Du schon gehrt haben wirst; ein Charakter, der alten Rmerzeit wrdig,
ein zweiter Brutus, wenn es jemals einen zweiten geben kann. Csars auch du,
Brutus? wrde im Augenblicke der That auf diesen eben so wenig Eindruck machen,
als es auf den alten Rmerhelden ihn machte; aber freilich hat unser Csar es
nicht anders um ihn verdient.
    Acht Jahre lang trgt diese feste stolze Seele das glhendste Verlangen nach
Rache mit sich umher, giebt keinem andern Wunsche Raum, und wird sie erringen,
oder im Versuche untergehen. Die Zeit naht, die Stunde wird schlagen, und bald!
    Sergius, von einem leichten Champagnerrausche ein wenig aufgeregt, schien
ein Bedrfni der Mittheilung zu empfinden, das in seiner natrlichen Stimmung
ihm sonst nicht gewhnlich war. Er zog mit dem willig und erwartungsvoll ihm
folgenden Richard in eine Ecke sich zurck, und machte wirklich Anstalten als
wolle er sein ganzes Herz vor ihm ausschtten. Der Anfang dazu war die
Auseinandersetzung der Veranlassung des lange unauslschlich gehegten Hasses
gegen den Kaiser, welcher den Kapitain Yakubowitsch unwiderstehlich zu einem
Verbrechen trieb, dessen Milingen, vielleicht auch dessen Gelingen, er nicht zu
berleben entschlossen war.
    An und fr sich lag in der Behandlung, welche der Kapitain auf
ausdrcklichen Befehl des Kaisers von Seiten der militairischen Behrden
erfahren, nichts Auerordentliches. Die Strafe, die ihm zuerkannt wurde, war
hart, aber unter den vorwaltenden Umstnden keineswegs von der Art, da er ber
Ungerechtigkeit sich htte zu beklagen gehabt; doch dem krankhaften Gefhle wird
die leiseste Berhrung zum stechenden Schmerze, und Ehrgeiz, durch einen Blick,
durch ein unbedachtsam hingeworfenes Wort tdtlich zu verletzender Ehrgeiz, war
die unheilbare Krankheit des Hauptmann Yakubowitsch. Schon die Mglichkeit einer
Zurcksetzung war genug, um ihm das Leben zu verbittern, und fr jede andre
Gunst des Geschickes ihn fhllos zu stimmen.
    Tglich sich hufende bertretungen der Duellgesetze hatten vor mehreren
Jahren den Kaiser bewogen, die strengere Ausbung derselben ausdrcklich und
ernstlich anzuempfehlen; und es ward beschlossen, bei dem ersten
bertretungsfalle diejenigen, welche sich dessen schuldig machten, ohne Ansehen
der Person, genau nach dem Buchstaben des Gesetzes, exemplarisch zu bestrafen.
Leider traf Yakubowitsch das Loos einer von diesen zu sein.
    Nicht als Hauptperson, aber doch wegen thtiger Theilnahme an einem Duelle,
dessen unglcklicher Ausgang ein sehr vornehmes Haus seines hoffnungsvollen
Erben beraubte, und viele der ersten Familien des Landes tief betrbte, wurde er
von der Garde, bei welcher er stand, zu einem andern Regimente versetzt. Unter
den vorwaltenden Umstnden konnte diese, ihn freilich degradirende Strafe, in
den Augen seiner Kameraden durchaus nichts seiner Ehre Nachtheiliges haben; eher
htte diese, nach dem allgemeinen Begriffe von Ehre, darunter gelitten, wenn er
den einzig offnen Weg ihr zu entgehen eingeschlagen htte, indem er seine
Theilnahme an dem Duelle verweigerte, oder gar, um es zu verhindern, als Angeber
desselben auftrat. Dennoch brachte sein tief verletzter Ehrgeiz ihn darber dem
Wahnsinne nahe. In wildem unaustilgbarem Ingrimme ber das, was er eine
himmelschreiende Ungerechtigkeit nannte, erklrte er, ein Leben nicht lnger
fortschleppen zu knnen, das von nun an auf ewig ehrlos geworden sei, und wrde
gewi in seiner Verzweiflung es freiwillig beendet haben, wre er nicht gerade
im entscheidendsten Augenblicke dem Obrist Pestel in die Hnde gefallen.
    Pestel war gewi nicht fhig, die groe Brauchbarkeit dieses Mannes, als
Werkzeug zur Befrderung seiner Absichten, zu verkennen. Hastig fuhr er auf den
Unglcklichen los, wie eine giftgeschwollene Spinne auf die arme Mcke losfhrt,
die im Vorberstreifen ihr Gewebe berhrt. Fein und gewandt wute er von allen
Seiten ihn zu umgarnen, umklammerte den knstlich Gefesselten mit aller
Riesengewalt seines ihm himmelweit berlegenen Geistes, blies jeden in der Brust
desselben glimmenden Funken zur unvergnglich lodernden Flamme alles
verzehrenden Rachegefhls an, und lie acht Jahre lang von ihm nicht ab, um
seiner gewi zu bleiben, sobald er ihn bedurfte.
    Er ist fest entschlossen, die erste Gelegenheit zur Rache zu ergreifen, und
wenn die That milingen sollte, mit einer zweiten, bereit gehaltnen Kugel ein
Leben zu enden, dessen Last er schon lange unwillig trgt; setzte Sergius
seiner, freilich in ganz anderm Tone gegebenen Darstellung der Verhltnisse des
Kapitain Yakubowitsch hinzu.
    Und, Brderchen, die Gelegenheit auf die er wartet, steht vor der Thre:
hchstens noch zwei kurze Monate und unsre Zeit beginnt! flsterte er mit vor
Entzcken heiserer Stimme, mit funkelnden Tigeraugen und einem berkrftigen
Hndedrucke ihm ins Ohr; Du kennst ja die Festung Beleja Tserkoff? - Du kennst
sie nicht? - gleichviel, Du wirst sie kennen lernen, fuhr Sergius in seiner halb
berauschten Stimmung fort, die ihn fortwhrend zur Mittheilung trieb: dort soll
Revue gehalten werden, doch wer sie halten wird? und ber wen sie gehalten
werden soll? das ist ja eben der Spa dabei, davon lassen gewisse Leute sich
nichts trumen. Die werden sich wundern! lachte er frohlockend in sich hinein.
    Dann erzhlte er sprachselig weiter, wie der Kaiser mit jener Revue, die zu
Anfang des Sommers Statt haben solle, eine Art lndlicher Fte fr die in jener
Zeit zahlreich um ihn versammelte kaiserliche Familie zu verbinden beabsichtige.
Ein groer Park in der Nhe jener Festung wurde zu diesem Zwecke eingerichtet;
sowohl der Kaiser selbst als seine hohen Gste sollten in einzelnen, im Parke
zerstreut liegenden Pavillons vertheilt, jeder mit seiner Dienerschaft fr sich
allein, die Nacht zubringen, und schon wurde Alles aufgeboten, diese Gebude zu
kleinen Feenpalsten umzuwandeln, in welchen der ausgesuchteste Luxus unter dem
einfachen Scheine idyllischer Lndlichkeit, wie die Groen sie lieben, sich
verbarg.
    Bei nchtlicher Zeit sollten in gemeine Soldaten verkleidete Verschworene in
diesen, der Freude geweihten Aufenthalt einfallen; dort sollte unter dem Alles
verhllenden Schleier der Dunkelheit das Grliche vollbracht werden; ohne
Schonung des edelsten unschuldigsten Blutes, waren dreizehn Opfer jener Nacht
schon gezhlt; schaudernd wenden wir uns von diesen Gruelbildern ab, auch wenn
sie nie zur Ausfhrung kommen; wer mchte bei ihnen verweilen?

Sobald er sich ohne Verdacht zu erregen von Sergius losmachen konnte, eilte
Richard hinweg; er war nicht im Stande die vertraulichen Mittheilungen, die ihn
berstrmten, lnger auszuhalten. Der hellerleuchtete Saal wurde ihm darber zur
dstern Mrderhhle; die Gesellschaft, die ihn umgab, erschien ihm wrdig eine
solche zu bewohnen; und die Luft die er athmete roch wie Blut. Er eilte ins
Freie, drauen umwehte ihn frische Khle, doch er empfand sie nicht. Zrnend
blickte er empor zum prachtvoll gestirnten Himmel, und ballte in ohnmchtigem
Ingrimm die Fuste und wnschte, wie einst Samson, die das Dach tragenden Sulen
mit einem Rucke zusammenreien zu knnen, um die unter demselben hausende Rotte
und mte es sein, sich selbst mit unter den Trmmern desselben zu begraben. Er
schalt den Mond und die Sterne, weil sie so klar und freundlich auf diesen
Inbegriff Abscheu erregender Gruel hinabblickten; doch was konnte das Alles
helfen?
    Die Nacht war schon weit vorgerckt; aber wie htte Richard es ertragen
knnen, mit den Schreckbildern, die seine berreizte Phantasie erfllten, sich
zwischen den vier Wnden seiner einsamen Wohnung einzusperren? Schon allein der
Gedanke war ihm frchterlich. Zwecklos irrte er in den stillen verdeten Straen
der gewaltigen Kaiserstadt umher; Zufall oder Gewohnheit fhrten ihn, ehe er es
gewahr wurde, an das Hotel des Grafen Stephan, jetzt der einzige Punkt auf der
ganzen weiten Erde, wo er hoffen durfte, fr das was so entsetzlich ihn
bedrngte ein offnes Ohr, ein theilnehmendes Gemth zu finden.
    Einige Fenster waren ungeachtet der sehr spten Stunde noch hell erleuchtet.
Der Anblick zog mchtig ihn an; das Thor stand noch offen, Richard flog die
Treppe hinauf, zwischen die schnarchenden Diener hindurch, die in Decken und
Mntel gewickelt, sich berall hingebettet hatten, wo sie ein dazu bequem
taugliches Pltzchen zu finden meinten.
    Oben trat ihm Walter entgegen: Sie wollen zu meinem Herrn? er kann Niemand,
er kann auch Sie jetzt nicht sehen.
    Fr mich ist er immer sichtbar, das weit Du ja, alte Seele; ich sehe er ist
noch wach, und habe hchst Wichtiges ihm vorzutragen; erwiederte Richard und
wollte an ihm vorbei.
    Seit diesem Morgen ringt die Grfin mit dem Tode; sprach Walter mit tiefer
bebender Stimme, kaum vernehmbar, und vertrat ehrerbietig aber entschlossen ihm
den Weg.
    Erbleichend vor der Todesbotschaft taumelte Richard zurck, die Sinne
vergingen ihm. Walter wurde in das Innere der Zimmer abgerufen, und nach
einigen, in bewutlosem Zustande hingebrachten Minuten, fand Richard, er wute
selbst nicht wie, auf der Strae unter freiem Himmel sich wieder.
    Der Tag begann so eben zu grauen, die Stadt lag noch in tiefen Schlaf
begraben; nur hin und wieder wankten in der Ferne einige, in ihre Mntel dicht
eingewickelte Gestalten still ihren Wohnungen zu. Nur zwei davon schritten Arm
in Arm, leise und eifrig mit einander sprechend, ziemlich nahe an Richard
vorber, ohne ihn zu bemerken.
    Wir bergeben ihren Staub den Winden, flsterte Einer von Beiden; die Stimme
war Bestujeffs, an dem Gange seines Begleiters glaubte Richard den Obrist Pestel
zu erkennen.
    Und wie von verfolgenden Furien vorwrts gejagt, setzte er von Neuem seinen
einsam traurigen Lauf fort. Von seinem Herzen getrieben, kehrte er wieder und
immer wieder zu Stephans Wohnung zurck, weilte ngstlich aufhorchend unter den
erleuchteten Fenstern, hrte das Todesrcheln der Sterbenden, die laute
Jammerklage seines verzweifelnden Freundes, doch nur in seiner Phantasie. In der
Wirklichkeit war Alles still, nur einmal sah er Walter am Fenster stehend, in
betender Stellung, die Hnde zum Himmel erhoben.
    Der erquickende Hauch des immer lichter anbrechenden Morgens, der jeden nach
schlaflos hingebrachter Nacht Erschpften einzulullen pflegt; verbunden mit
Richards nach unerhrter Anstrengung doch endlich ermdeter physischer Kraft,
fingen zuletzt an, ihre Rechte geltend zu machen. Nur einmal noch wollte er das
Dach sehen, in dessen Nhe er sich eben befand, unter welchem Helena vielleicht
von ihm trumend schlummerte, und dann von freundlicheren Bildern begleitet zu
Hause gehen, um selbst, wenn gleich nur auf kurze Zeit, Ruhe und Vergessenheit
auf seinem Lager zu suchen.
    Zu seinem Erstaunen sah er, indem er dem frstlich Andreas'schen Palais sich
nherte, die Thorflgel desselben weit geffnet; im Hofe wie in der Vorhalle war
Alles in lebhafter Bewegung, angefllt mit Wagen und Pferden und der emsig
durcheinander wogenden Dienerschaft. Der ihm wohlbekannte Reisewagen des Frsten
wurde so eben in die Remise geschoben. Wenige Augenblicke frher htte Richard
ganz unvermuthet Augenzeuge der unerwarteten Ankunft seines vterlichen Freundes
und Wohlthters werden knnen. Jetzt war Alles rings umher Lust und Leben, Alles
verkndete die glckliche Heimkehr des Gebieters.
    Gott sei Dank! Gott sei Dank! betete Richard unter Freudenthrnen aus tief
bewegter, mchtig erleichterter Brust, sah noch eine Weile dem frhlichen
Tumulte zu, und eilte dann in seliger Erwartung des morgenden Tages seiner
Wohnung in einer Gemthsstimmung zu, die jemals wieder zu gewinnen er noch vor
einer halben Stunde kaum fr mglich gehalten.

Selten genug mag einem von uns ein Morgen aufgegangen sein, der vllig
ungetrbt, ohne jede herbe Beimischung, alle die goldenen Hoffnungen erfllte,
die wir am Abende zuvor von ihm hegten, und alle die Knospen in voller
Blthenpracht sich erschlieen lie, von denen wir beim Untergange der Sonne es
erwarteten; diese Erfahrung machte am folgenden Tage auch Richard.
    Mit tief zerrissenem Gemthe, ermattet bis zum Umsinken von den heftig auf
ihn einstrmenden Ereignissen der vorigen Nacht, war er durch die unverhoffte
Ankunft des Frsten Andreas pltzlich aus einem Extreme in das andre geworfen
worden. In seiner damaligen Stimmung wirkte berraschende Freude auf ihn, wie
ein Rausch auf einen durch langes Entbehren aller Kraft Beraubten wirken mag;
lieber noch mchte ich einem hartbengsteten Kinde ihn vergleichen, das,
obgleich noch immer in drohender Gefahr schwebend, jubelnd meint, nun wre alles
gut, weil es die Mutter kommen sieht.
    Auf das ihm eingerumte Sohnesrecht sich verlassend, eilte Richard lange vor
der blichen Besuchsstunde zum Frst Andreas, und kam doch nur eben zeitig genug
an, um die Hinterrder der Staatskutsche desselben um die Ecke beugen zu sehen.
Bei der krftigen, keine Ermdung kennenden Natur des alten Herrn, und der
unermelichen Anzahl von Besuchen, die nach so langer Abwesenheit abzustatten
ihm oblag, konnte niemand etwas Auffallendes hierin finden; dennoch fhlte
Richards leicht verletzbare Empfindlichkeit durch das, was gewi nichts weiter
als Zufall war, sich unangenehm berhrt. Sinnend stand er ein paar Augenblicke
im Portal, und berlegte ob er versuchen solle den Frstinnen seinen Glckwunsch
zu bringen, obgleich er wohl im voraus wissen konnte, da sie in dieser frhen
Morgenstunde noch nicht sichtbar wren; ein leises Gerusch bewog ihn sich
umzuwenden, hinter der groen Treppe in Dunkelheit verborgen, ffnete sich eine
kleine Thre; Richard kannte sie wohl, sie fhrte gerade in's Kabinet des
Frsten und nur seine Vertrautesten hatten den Schlssel dazu. Jetzt schlich
eine in ihren Mantel gehllte Gestalt vorsichtig hinaus, und suchte durch die in
den hintern Theil des Gebudes fhrenden Gnge sich zu verlieren. Mit leisen
weit ausholenden Schritten eilte Richard dem Manne im Mantel nach, der ihn
erwartend stille stand, sobald er ihn kommen sah. Es war Sergius.
    Du schon hier? wie hast Du seine Ankunft so frhe schon wissen knnen?
fragte Richard hastig auf ihn einfahrend.
    Ich war weit frher hier als er selbst. Seine frstliche Gnaden lieen sich
erwarten, und das war mir eigentlich ganz recht; ich gewann dadurch Zeit den
kleinen Rausch auf seinem Diwan verdampfen zu lassen, den Du vermuthlich mir
wirst gestern Abend angemerkt haben: erwiederte Sergius sehr heiter.
    Aber wie kamst Du denn dazu ihn hier erwarten zu wollen: rief Richard aufs
Hchste gespannt.
    Wie ich dazu kam? lustige Frage! lachte Sergius: wie kommt man dazu einer
Einladung Folge zu leisten? ich erwartete ihn hier, weil er wnschte, da ich
ihn erwarten sollte, und Ort und Zeit mir dazu bestimmt hatte.
    Weil er es wnschte! Ort und Zeit bestimmt, Dir? wiederholte Richard, ganz
auer aller Fassung.
    Aber wie kommst Du mir denn heute vor? krank bist Du nicht, und an ein
Ruschchen ist bei Dir nchterner Seele besonders in so frher Tageszeit gar
nicht zu denken; erwiederte Sergius, und sah sehr verwundert ihn an. So wie Du
zu Andreas stehst, kann es Dir doch kein Geheimni geblieben sein, da er dem
Bunde seine Ankunft am heutigen Tage vorher gemeldet hat? obgleich er seine
Familie durch dieselbe zu berraschen Willens war. Doch halt! nun ich es recht
bedenke, Du gehrst ja gewissermaen doch auch zu derselben; darum, darum! daran
habe ich gar nicht gedacht!
    
    Richards Gesicht erheiterte sich bei dieser Bemerkung; aber Du? noch immer
begreife ich nicht, wie Du dazu kamst, ihn schon in der Nacht hier zu erwarten?
fragte er nochmals.
    Weil er durch einen besondern Expressen mich ganz insgeheim dazu
aufgefordert hat; war die Antwort. Es sollte ein Geheimni zwischen uns bleiben,
denn wir sehen nicht ein, warum Pestel berall und in Allem die Finger haben
mu; darum habe ich es auch Dir verschwiegen, obgleich ich voraus setzen konnte,
da Du in Deinem bekannten Verhltnisse zu Andreas darum wtest. Nimm's nicht
bel, Brderchen, doch Vorsicht ist immer gut, und Pestel noch etwas schlauer
als der Teufel selbst.
    Richard war wie aus den Wolken gefallen.
    Aber ich verweile hier zu lange, fuhr Sergius fort: Lebe wohl, Brderchen,
auf glckliches Wiedersehen!
    Du gehst? wohin? rief Richard, den Forteilenden beim Arme ergreifend.
    Stehenden Fues nach Mohilov: war die Antwort, ich mute nur noch vorher mit
Andreas Rath pflegen; nun ist alles in Ordnung, und nun la mich gehen.
    Apropos! setzte er noch einmal umkehrend hinzu, wir haben auch Deinen
Yakuchin todtgeschlagen, Andreas und ich; unterwegs werde ich nebenher seinen
Todtenschein besorgen; es ist so am besten, auf diese Art sind wir ihn, und er
uns mit guter Manier los.
    Ungeheuer! schrie Richard, und packte ihn wthend bei der Brust.
    Oho! oho! ob Du dumm bist! ob Du ein Narr bist! hast nicht einmal so viel
Verstand, so etwas figrlich zu nehmen! plagt Dich der Teufel? rief lachend
Sergius, machte sich von ihm los, und lief davon.
    Erstarrt, versteinert stand Richard da, bis die unheimliche Erscheinung am
Ende des dunkeln Ganges seinen Blicken entschwand. Er fhlte als durchbohre ein
heftiger stechender Schmerz ihm das Herz, als zge es in kurzen Schlgen
ngstlich flatternd zu eisiger Klte sich zusammen, um gleich darauf
hochanschwellend, ihm Luft und Athem rauben zu wollen. In der peinlichen
berraschung, in welche dieses seltsame Zusammentreffen ihn versetzt hatte,
wute er nicht mehr das innere Gefhl, das ihn bermannte, von blos physischem
Schmerze zu unterscheiden. Was so am Herzen ihm nagte, waren die giftigen Bisse
der Schlange des Argwohns, des Mitrauens, die Sergius mit lachendem Muthe,
absichtlich oder unabsichtlich hinein geworfen hatte. Sollte, mute er dem
Glauben an den Mann entsagen, zu welchem er von Jugend auf gewhnt war, wie zum
Schutzgeiste seines Lebens hinauf zu blicken? Konnte Andreas mit dem Jnglinge,
den er Sohn nannte, wirklich ein unwrdiges Spiel treiben, whrend er einen
Sergius in den geheimsten Rath seiner Seele eindringen lie? Es war unmglich,
und doch, sprach nicht der Augenschein dafr?
    ngstlich sah er nach Hlfe in dieser Seelennoth sich um, nach Rettung vor
den Zweifeln, die sein besseres Gefhl verwarf, und die doch unabwendbar sich
ihm aufdrngten. Nur einer, auer seinem lang entbehrten Freunde Eugen, lebte
auf Erden, der im Stande gewesen wre, ihn hier gegen sich selbst in Schutz zu
nehmen, seinen wankenden Muth zu strken, das unerklrlich Scheinende zu
erklren, die fein gesponnene List, die ihn umgarnen sollte, an's Licht zu
ziehen, und ihn zu lehren Lge von Wahrheit zu unterscheiden: Graf Stephan!
    Zu ihm eilte er ohne Sumen; Walter hatte ihn kommen sehen und trat ihm
unten an der Treppe entgegen. Zu eigner hchster Beschmung mute der Anblick
des kummerbleichen, treuen Dieners an die erhhten Leiden der Grfin ihn erst
erinnern, an die er ber Alles was in den letzten Stunden ber ihn herein
gebrochen, nicht mehr gedacht.
    Ich wute wohl da Sie heute Morgen nicht ausbleiben wrden; die Wahrheit zu
gestehen, ich erwartete sie schon frher: rief Walter ihm entgegen.
    Sie lebt? fragte Richard ngstlich hastig.
    Noch lebt sie, und kann nach dem Ausspruche der rzte noch viele Tage, ja
selbst wochenlang in diesem qualvollen Zustande der Erlsung harren: war die
Antwort. O beten Sie mit mir zu Gott, da er bald ende! mein unglcklicher Herr
mchte sonst noch vor ihr seinem unsglichen Jammer erliegen! Wenn Sie jetzt ihn
shen, Sie wrden ihn nicht wieder erkennen.
    Ich mu ihn sehen, o la mich zu ihm, bat Richard: ich will in die Pflege
der geliebten Kranken mich mit ihm theilen, mit ihm weinen, mit ihm klagen; doch
sehen, sprechen mu ich ihn, und ich wei es thut ihm wohl, wenn er es gleich
nicht glauben mag.
    Richard wollte an Walter vorbei eilen, doch dieser hielt ihn abermals
zurck: Ich darf, ich kann es nicht zugeben, sprach er bittend aber
entschlossen. Das Verbot meines Herrn mu in seinem Elende mir heilig sein,
seinen Befehlen gehorchen ist ja leider alles was ich fr ihn thuen kann, habe
ich doch sogar vor kaum einer Stunde den Frsten Andreas abweisen mssen.
    Andreas! er war schon hier? rief Richard sehr berrascht.
    Er wollte nur noch einen Besuch machen und dann wieder kommen, war die
Antwort: ich sollte unterdessen alles anwenden, um ihm Zutritt zu meinem Herrn
zu verschaffen, doch sehe ich dazu keine Mglichkeit vor mir, er hrt, er
empfindet nichts als - dem armen Walter brach die Stimme, er konnte nicht
vollenden.
    Ach Gott, es ist doch aber auch zu viel! das Leiden ist zu gro! setzte er
schluchzend noch hinzu: Tag und Nacht liegt der Graf vor dem Sterbebette, auf
dem Boden, fr alles andre gefhllos; sogar die Nachricht von der Ankunft des
Frsten, seines ltesten Freundes, machte keinen Eindruck auf ihn.
    Er kommt! Er kommt! dort die Strae hinauf: rief Richard freudig, und
strzte hinaus, dem Wagen des Frsten entgegen: dieser hielt, der Kutschenschlag
wurde aufgerissen, Richard sprang hinein.

Im engsten Raume der verehrten Gestalt seines vterlichen Beschtzers gegenber,
wichen Argwohn, Mitrauen, alle jene gehssigen Empfindungen, welche Sergius
diesen Morgen in ihm zu erwecken gewut, aus Richards Herzen. Nur
unbeschreibliche Freude des Wiedersehns nach so langer Trennung erfllte es
ganz. Auch der Frst empfing ihn, wie ein Vater den lange entbehrten geliebten
Sohn; drckte umarmend ihn an die Brust, streichelte liebkosend seine lichten
Locken und lobte den klugen Einfall, ihn gleichsam so im Fluge aufzufangen;
denn, sprach er lchelnd, an ein ungestrtes, wirklich genureiches bei einander
Sein, ist fr uns sobald noch nicht zu denken. Doch la den ersten Tumult nur
geduldig vorberstrmen; unsre Zeit wird auch kommen, wenn erst alles Wichtige
und Unbedeutende beseitigt ist, das im wunderlichsten Durcheinander mich kaum zu
mir selbst kommen lt.
    Jetzt nahte auch Walter; sehr bewegt vernahm Andreas seinen Bericht, drang
nochmals ernstlich aber vergeblich darauf, Zutritt bei seinem Freunde zu
erhalten, und setzte endlich, nachdem er Richard aus dem Wagen steigen lassen
und ihm zugerufen, sich ja zur Mittagstafel einzustellen, seine pflichtmige
Visitenreise durch Petersburg fort.
    Der heutige Tag war und blieb fr Richard ein den widersprechendsten
Gefhlen Preis gegebener, an welchem Freud und Leid sich wunderlichst
durchkreuzten. Jede Stunde desselben schien etwas Neues bringen zu wollen - am
Ende lste doch alles in Nichts sich auf, und whrend Richard ungewhnlich viel
zu erfahren und zu erleben meinte, blieb es im Grunde doch beim Alten.
    Da er unter solchen Umstnden es nicht bis zur Langenweile bringen konnte,
ist wohl leicht zu erachten; aber es kamen doch Momente vor, wo es ihn bednken
wollte, als habe ein zweiter Josua die Sonne in ihrem Laufe still stehen heien,
und werde es fr heute gar nicht Abend werden. Denn ohne da sie deshalb, im
Sinne des gewhnlichen Sprachgebrauchs, uns lang wrde, erscheint die Zeit uns
nie lnger, als wenn in einen bestimmten Abschnitt derselben vielerlei,
eigentlich nicht bedeutende, aber wechselnde Ereignisse sich zusammen drngen.
Ist heute denn schon wieder Sonntag? fragen wir nach einer in gemthlicher
Einfrmigkeit vorber geschlichenen Woche, und im entgegengesetzten Falle: sind
es denn wirklich erst acht Tage, da wir die Reise antraten?
    Den ganzen Tag ber hatte es Richard nicht gelingen wollen, nur zu einem
unbelauschten Worte mit Helenen zu gelangen; er fand sie sowohl als ihre Mutter
fortwhrend von Glck wnschenden Herrn und Damen umringt; denn die Nachricht
von der glcklichen Ankunft des Frsten hatte schnell wie ein Lauffeuer sich
verbreitet; wirkliche Theilnahme, Etikette oder Neubegier, zogen die Besuchenden
schaarenweis herbei, und nur aus der Ferne konnte Helena ihren Freund in ihren
Augen lesen lassen, wie glcklich sie heute sich fhle.
    Auch bei der Mittagstafel, auf welche Richard sein Hoffen zuletzt gestellt
hatte, ging es ihm nicht besser; der Frst sah von der groen Anzahl der
Eingeladenen sich dermaen umlagert, da er kaum Zeit zu einem Hndedruck und
ein paar freundlichen Worten fr seinen Pflegesohn brig behielt. An einem
solchen festlichen Tage den gewohnten Platz Helenen gegenber an der Tafel
behaupten zu wollen, wre brigens, in Richards Verhltnissen, eben so
unschicklich als schwer durchzufhren gewesen; und so blieb denn fr dieses Mal
ihm nichts weiter brig als geduldiges Entsagen, und Hoffnung auf eine
gnstigere Zukunft.
    Doch viele Tage schwanden, ohne die mindeste Aussicht zur Erfllung dieser
Hoffnung zu gewhren. Richard sah in nie befriedigter Erwartung sie vorber
gehen. Sein Verhltni zu Helenen blieb zwar unverndert, sie schenkte ihm jede
Stunde, die sie dem mit der Anwesenheit ihres Vaters verbundenen
geruschvolleren Leben abmigen konnte. Heitrer, schner, liebender als je, war
sie seine Freundin, seine Beratherin, die innigste Vertraute seiner Gedanken;
aber sie blieb auch dem Vorsatze getreu, jeden Versuch das Gesprch auf
Gegenstnde zu lenken, die sie unerwhnt lassen wollte, zu vereiteln. Er sah, er
fhlte, da er die Schranken nicht berschreiten drfe, die sie einmal fr
allemal ihm gestellt hatte, und ergab sich, zum Theil durch Gewohnheit
bezwungen, endlich gelassen darein.

Mittlerweile nahmen dringende, nicht aufzuschiebende Geschfte, Besuche, Feste
aller Art, die Zeit des Frsten fortwhrend dermaen in Anspruch, da er nur
hchst selten eine Stunde fr die Seinigen brig behielt. Richard erhielt
tglich neue Beweise seiner fortgesetzten vterlichen Frsorge; doch fr die
Aufklrung so manches ihm dunkel Gebliebnen, die er mit Recht erwarten zu drfen
glaubte, fr die Befreiung von qulenden ihm unwiderstehlich sich aufdringenden
Zweifeln, nach welcher er mit ungeduldiger Sehnsucht verlangte, wollte
wochenlang kein gnstiger Augenblick sich finden lassen.
    Richard benutzte jede dazu sich bietende Gelegenheit, dem Frsten den Wunsch
darnach vorzutragen, wurde aber immer, zuweilen mit gebietendem Ernste, meist
aber mild und freundlich, zurck und auf eine nahe gnstigere Zukunft
hingewiesen.
    Ich errathe, was Du willst; doch warum qulst Du Dich vor der Zeit mit
unntzen Sorgen? beruhige Dich, vertraue mir, und wenn Du mich unruhig werden
siehst, so will ich Dir erlauben es ebenfalls zu werden.
    So sprach der Frst sehr heiter und gelassen etwa vierzehn Tage vor dem, zu
jener entsetzlichen Revue angesetzten Tage.
    Beleja Tserkoff! Yakubowitsch! flsterte Richard mit bebender Stimme ihm
leise zu.
    Andreas sah mit durchdringendem Blicke lange und forschend ihn an.
    Du willst es wohl darauf anlegen, hundert Jahre alt zu werden? denn kluge
Kinder leben nicht lange, sagt man; da aber solch ein alter Knabe wie Du sich
noch mit dem Popanz einschchtern lassen will, heit doch die Sache etwas zu
weit treiben; erwiederte der Frst, ein wenig gezwungen scherzend, aber doch
freundlich.
    Von nun an glaubte Richard das Absichtliche in des Frsten Betragen sich
nicht mehr verhehlen zu knnen; er sah wie so manche, der vertraulicheren
Mittheilung gnstige Stunde nicht nur unbenutzt vorber gelassen, sondern sogar
jede Gelegenheit dazu vermieden ward, und litt darber mehr, als in Worten sich
ausdrcken lt.
    Des Frsten Betragen lie brigens keine Abnderung seiner Gesinnung
persnlich gegen ihn befrchten; es schien im Gegentheil, als ob Andreas durch
Verdoppelung der Beweise seiner vterlichen Liebe fr das, nur in diesem
einzigen Punkte ihm entzogene Vertrauen, ihn zu entschdigen wnsche; gerade
dies aber war es, was ihn in Verzweiflung setzte.
    Und Graf Stephan war noch immer an das Lager der peinlich langsam
hinscheidenden Gattin gefesselt, und jetzt wirklich geistig unfhig, an irgend
etwas andrem in der Welt Antheil zu nehmen!

Endlich wurde Richard eines Abends zum Frsten gerufen; erwartungsvoll trat er
ins Zimmer, und sah Mr. Mitchels gemeine Figur, in breiter Aufgeblasenheit und
tiefer Demuth ber die ihm widerfahrene Ehre, hinter einem groen Tische
etablirt, der mit Proben neu erfundner Fabrikate bedeckt war; mit Modellen,
Zeichnungen von Ackergerth, Eisenbahnen, Tunnels, Dampf- und Spinnmaschinen und
hnlichen Wundern unsrer erfindungsreichen Zeit.
    How do you do? krchzte die widerliche Erscheinung ihm entgegen.
    Es war als fhre ein Dolchstich ihm in die Brust, er glaubte auf das
bitterste sich verhhnt, wandte sich, wollte zur Thre, am liebsten zum Leben
hinaus, wute aber in der Verwirrung selbst nicht was er wollte, fhlte von zwei
ihn umschlingenden Armen sich gehalten, und sah dicht vor sich die geliebten
Zge, die freundlichen Augen des ihn umfangenden Frsten, fast bittend ihn
anlcheln.
    Das war nicht meine Absicht, gewi das war sie nicht! sprach Andreas, indem
er ihn fester an sich drckte, ehe er ihn los lie und nur Mitchels starr auf
ihn gerichteter Blick verhinderte ihn, sich unter Thrnen der Reue an die
Vaterbrust zu werfen, wie er als Kind so oft gethan.
    Gewhne das verwnschte Gerhrtsein Dir ab, es steckt an wie der Schnupfen;
flsterte der Frst ihm zu, hustete ein wenig, griff deshalb nach seinem
Taschentuche, und nherte mit Richard sich dem Tische, auf welchem Mitchel seine
Raritten ausgebreitet hatte.
    Wie konntest Du dem Zufalle berlassen, ob es ihm belieben wrde, mir die
hchst schtzbare Bekanntschaft Deines Landsmannes zuzufhren oder nicht?
Verdient diese Vernachlssigung nicht einige Strafe? sprach Frst Andreas mit
seiner gewohnten verbindlichen Art gegen an Rang ihm untergeordnete Fremde, und
laut genug, da Mitchel es hren konnte. Wre mein Kammerdiener nicht so
glcklich gewesen, Herrn Mitchel im Zeitungsklubb anzutreffen, und nicht so
gescheit gleich einzusehen, welchen unschtzbaren Werth seine Bekanntschaft fr
mich haben msse, ich htte sie vielleicht zeitlebens entbehrt: fuhr er auf die
nmliche Weise fort. In der That, Herr Mitchel ist fr mich eine wahre Fundgrube
von Allem, was mich erfreut und interessirt.
    Ich bitte, lassen Sie uns nochmals den Plan des Tunnel vornehmen, und - doch
vorher noch ein Wort mit Dir, Richard: setzte er hinzu, indem er mit diesem ein
wenig seitwrts trat.
    Du weit, der Braune mit den weien Fen, der Dir so wohl gefiel? sprach er
halblaut: Du findest ihn morgen in Deinem Stalle, ich habe ihn hineinfhren
lassen. Keinen weitluftigen Dank; da ich wei, da ich Dir eine Freude damit
mache, ist mir genug; obgleich Du ihn fr jetzt noch nicht sobald nthig haben
wirst, als wir es meinten, denn der Kaiser hat die Revue wieder abbestellt.
    Die Revue? Die Revue? rief Richard heftig.
    Nun ja, die Revue bei Beleja Tserkoff, die nchsten. Dienstag ber acht Tage
gehalten werden sollte. Sie ist ganz aufgegeben, wird wahrscheinlich nie Statt
haben, in diesem Jahre wenigstens gewi nicht; antwortete der Frst und setzte
gleich darauf im gleichgltigsten Tone von der Welt hinzu: jetzt, Herr Mitchel,
sind wir ganz zu Ihren Diensten.
    Vater! o mein Gott! ist es mglich, rief Richard auer sich, wie verwildert
vor freudigem Erstaunen.
    Ob Du ein Kind bist! ber ein neues Spielzeug, ber ein artiges Pferd so in
Entzckung zu gerathen! lchelte der Frst, indem er Richards ungestmen
Freudenbezeigungen sich zu entziehen suchte. Glckliches Alter! nicht wahr, Herr
Mitchel? wer das auch noch so knnte!
    Noch ehe der Frst diese Worte vollends ausgesprochen, war Richard schon zur
Thre hinaus, zu Helenen.
    Er fand sie in ihrem, nur ihm und ihren nchsten Freunden zugnglichen
Arbeitszimmerchen, in welches sie sich Abends unter irgend einem Vorwande
zurckzog, so oft sie schicklicher Weise es konnte, um von der betubenden
Nichtigkeit des Lebens in der groen Welt sich zu erholen.
    Frhlich trat sie ihm entgegen, ohne ber seinen strmischen Eintritt zu
erschrecken, und rief, sich ein wenig wendend: siehst Du, Alte? Hatte ich nicht
Recht, als ich Dir im Voraus sagte, da die Freude ber meines Vaters Geschenk
ihn noch heute Abend zu uns fhren wrde?
    Und zu seinem nicht geringen Verdrusse mute jetzt Richard aus der
dmmrigsten Ecke des nur von einer einzigen Lampe schwach erhellten Kabinets die
gebeugte, eisgraue Gestalt der Amme sich entwickeln sehen, an die er seit langer
Zeit eben so wenig gedacht hatte, als meine geneigten Leser es gethan haben
mgen; denn die gute Frau hatte in den letzten Jahren, wenn gleich nicht
geistig, doch krperlich sehr gealtert, und verlie jetzt nur sehr selten das
ihrer Thtigkeit besonders angewiesene Revier in den innern Gemchern der
Frstin Eudoxia.
    Schick sie fort! o schick sie fort! bat Richard in englischer Sprache,
welche Frau Elisabeth nicht verstand, die indessen mit durch die Jahre wahrlich
nicht verminderter Redseligkeit, in Freudensbezeugungen ber das lang entbehrte
Wiedersehen ihres Lieblings sich ergo. Helena, wie konntest Du mir so etwas
anthun! denn Du erwartetest mich doch! o schick sie fort! Erlaube meinem
bervollen Herzen nur ein einzigesmal sich vor Dir zu ergieen; Du siehst ja,
mir ist wie dem Galeerensclaven, dem nach unendlich peinvoller Zeit die Ketten
abfielen.
    Warum willst Du der armen Elisabeth es nicht gnnen, Dich zu sehen, den sie
so lieb hat! sie kommt so selten aus ihrem Zimmer; erwiederte Helena in der
nmlichen Sprache, und wandte sich dann an die Amme. Nicht wahr, Mtterchen, Du
hast auch Richards neues Pferd gesehn?
    Ob ich es gesehn! war die Antwort: hie Frst Andreas mich nicht expre ans
Fenster rufen, als er im Hofe es sich vorfhren lie? Das schne Thier, mit den
netten zierlichen Fen, wie tanzte es, wie brstete es sich als es meine junge
Gebieterin trug! Aber das sage ich Dir, Richard, in Beleja Tserkoff mu sie es
wieder reiten, Du mut es ihr leihen.
    Dich, Helena, Dich hat es getragen? rief Richard entzckt.
    Weit Du nicht mehr welche muthige Reiterin ich bin? erwiederte sie:
brigens ist das Pferd fromm wie ein Lamm, und doch voll Muth und Feuer; Dir
gnne ich es, sonst Niemand auf der Welt.
    Und wie sie sich darauf ausnimmt! wie hingehaucht, so schlank, so leicht;
nahm die Amme wieder das Wort: so etwas, Richard, hast Du nie gesehn. Wie die
kleinen Hndchen den Zgel fassen! wie sie das Pferd zu regieren wei, wie sie
es tummelt! und wie das kluge Thier jedem ihrer Winke sich fgt und unter ihr
einher tanzt, schnell, gewandt, behend wie ein Sonnenstrahl, oder vielmehr wie
ein Blitz. Das mu der Kaiser, die Kaiserin, der ganze Hof, meinetwegen die
ganze Welt mu das sehn!
    Weder die Welt, noch der Hof wird dieses wundervollen Schauspiels sich
erfreuen, denn es giebt diesmal bei Beleja Tserkoff weder Revue noch Ften, der
Kaiser hat diesen Mittag alles wieder abbestellt, fiel Helena der in ihrem Lobe
sich verjngenden Amme lachend ein.
    Die Alte brach in bittre Klagen darber aus, und Richard benutzte diesen
Augenblick, um nochmals um nur eine ungestrte Viertelstunde mit Helena
anzuhalten, doch abermals vergebens.
    Du siehst mich so glcklich! wahrlich, nur Erfreuliches solltest Du heute
von mir vernehmen, keine Frage sollte Dich belstigen, warum darf ich Dir nicht
mittheilen, was mein ganzes Herz so freudig bewegt, warum Dir nicht zeigen,
welche zentnerschwere Last ihm abgenommen ward? bat er.
    Ich freue mich mit Dir, ohne den Grund dazu erfahren zu wollen; erwiederte
Helena freundlich aber fest, und Richard fhlte zum erstenmale durch den kalten
Ernst, mit welchem diese wenigen Worte ausgesprochen wurden, sich verletzt.
Unfhig, den Mimuth gnzlich zu unterdrcken, der in ihm sich mchtig zu regen
begann, eilte er sich zu entfernen, um Helenen zu verbergen, wie schwer es ihm
falle den Zwang zu ertragen, der gerade in dem Augenblicke, wo er ihrer
Theilnahme am bedrftigsten war, den Mund ihm verschlo.

Wie immer, wenn das uere Leben ihn drckte, fhrte sein Herz ihn zu seinem
Freunde Stephan, obgleich er wenig Hoffnung hatte, bis zu ihm selbst
durchzudringen. Diesmal fand er den Vorhof und die untern Rume des Hotels
wunderbar verdet; berall herrschte die ungestrteste Stille, keine lebende
Seele lie sich blicken, sogar der Portier hatte seinen gewohnten Platz
verlassen.
    Unheimlich schaudernd, mit unhrbar leisem Schritte stieg Richard die breite
Treppe hinan, ging durch die lange Reihe von Zimmern und Slen, alle standen
offen, alle waren de und leer, bis er in die Nhe des zu dem Appartement der
Grfin gehrenden Vorsaals gelangte. Hier weiter zu gehen wagte er nicht;
Weihrauchdfte quollen durch die verschlossene Thre ihm entgegen, ein seltsam
dumpfes Gerusch, wie unterdrcktes Weinen und Schluchzen vieler Stimmen wurde
hrbar, er glaubte dazwischen den tiefen murmelnden Ton leise betender Priester
zu unterscheiden, und fhlte von bangen Vorahnungen sich ergriffen.
    Jetzt flogen die Flgelthren auf: er sah die ganze hier versammelte
Dienerschaft des Grafen dicht zusammen gedrngt den weiten Vorsaal erfllen. In
Thrnen, leise jammernd und schluchzend, lagen sie Alle auf den Knieen, tief
gebeugt berhrten ihre Hupter den Boden. Eine leichengleiche Gestalt wurde
sorgsam zwischen den Weinenden hindurch getragen, Graf Stephan; bis zum
Unkenntlichen durch langen Schmerz entstellt, lag er in den Armen seiner Diener;
selbst einem Sterbenden hnlich wankte Walter neben seinem geliebten Herrn
einher, zu entkrftet, um einen Theil der Last auf sich nehmen zu knnen.
    Todt! todt! rief Richard, und eilte auf die entseelte Gestalt des seit
vielen Wochen entbehrten Freundes zu.
    Ruhe! Ruhe! gebot der ihn zurckhaltende, ihm wohlbekannte Hausarzt: noch
lebt er, aber ein einziger unvorsichtiger Hauch kann den schwachen Lebensfunken
auf immer verlschen. Blicken Sie dorthin, die Grfin ist so eben verschieden,
und gnnen Sie ihrem armen Freunde den todtenhnlichen Schlummer, die starre
Gefhlslosigkeit, durch welche die immer gtige Natur ber diesen frchterlichen
Augenblick ihm hinaushilft.
    Stephan hatte muthig bis zum letzten Hauche der Sterbenden ausgehalten;
seine zitternde Hand hatte die Augen zugedrckt, welche bis dahin die Sonne
seines Lebens gewesen, und erst nachdem er dieses vollbracht, war er zusammen
gesunken. Die Dienerschaft war als Zeuge des letzten, zum bergange in die
Ewigkeit sie einweihenden Sacraments, an das Sterbebette ihrer Herrin berufen
worden; die treuen Seelen hatten jede zu laute uerung ihres Schmerzes, aus
Schonung fr ihren Gebieter, bis dahin unterdrckt; doch jetzt, da sie auch ihn
anscheinend entseelt durch ihre Reihen tragen sahen, glaubten sie sich doppelt
verwaist, und brachen in lautes herzzerreiendes Jammergeschrei aus.
    Richard warf einen Blick ber die zum Boden gebeugten Hupter der Knieenden
hinweg in das Sterbezimmer, dessen weit geffnete Thren die in schmerzloser
Ruhe still da liegende Hlle der Freundin ihm zeigten, die als rhrendes
Beispiel duldender Ergebung ihm stets vorgeleuchtet, deren milde Rede, deren
sanftes Auge, einst auch ihm Trost und Hoffnung in das Herz gesprochen. Der Tod
hatte jede Spur der jetzt berstandenen herben Leiden vertilgt, die Anmuth in
ihren Zgen war wieder erblht, die in glcklichen Jugendtagen als eine der
lieblichsten Erscheinungen sie bezeichnete.
    Das vom hellen Scheine hoher geweihter Kerzen beleuchtete Sterbezimmer, war
ein heiliger Tempel geworden; umgeben von Priestern in ihrem reichen, im Glanze
der Kerzen hell schimmernden Ornate, schien ihr Lager, vor Kurzem noch der Zeuge
unsglichen Leidens, jetzt zum Altar umgewandelt, auf welchem sie selbst als das
rhrendste Bild einer schlummernden Heiligen ruhte.
    Ein Strahl belebenden Trostes dmmerte bei diesem Anblicke in Richards
weherflltem Gemthe auf; das Grab nebst seinem dstern Grauen vergessend, sah
er hier nur den Eingang zum Hafen ewiger Ruhe, und sank weinend aber hoffend
neben den laut jammernden Dienern auf die Kniee.

Still nachdenkend sa Richard in der Frhe des folgenden Morgens in seinem
Zimmer allein, den widerstrebendsten Empfindungen hingegeben. Freude, Trauer,
Mimuth, Hoffnung und Sorge durchwogten sein Gemth; er hatte den grten Theil
der Nacht am Bette seines noch immer in bewutlosem Schlummer hinbrtenden
Freundes durchwacht, und suchte jetzt fr die Obliegenheiten des Tages sich
vorzubereiten, und seine Gedanken, wie seine ziemlich erschpften Krfte zu
sammeln.
    Das unangenehme Knarren seiner Thre fiel ihm verdrielich auf; er ging sie
zuzumachen, und sah ein paar unheimliche, glhende Augen durch die Spalte
derselben ins Zimmer hinein starren, als wollten sie sich vergewissern, da er
sich allein in demselben befinde.
    Richard stutzte einen Augenblick bei dieser Entdeckung, und schnell wie der
Blitz sprang ein in einen Mantel gehllter Mann ins Zimmer hinein, verschlo von
innen die Thre, lie aber den Schlssel darauf stecken, und trat dann hastig
auf ihn zu.
    Mit bleichem verzerrtem Gesicht, himmelan sich strubendem Haar, Wuth
entbrannten Augen, die weien verbissenen Zhne grausig fletschendem Munde,
stand der Entsetzliche dicht neben ihm, und Richard glaubte schaudernd in dem
unheimlichen Gaste einen der Haft entsprungenen Wahnsinnigen vor sich zu haben.
    Verloren! verrathen, Du, ich, wir Alle! sthnte dieser mit hohler, kaum
verstndlicher Stimme, und sank am ganzen Leibe konvulsivisch erbebend, in den
ihm zunchst stehenden Sessel.
    Jetzt erst konnte Richard den Grauen erregenden Besuch schrfer in's Auge
fassen. Es war Mathias Apostol, Bruder des Sergius. Nie hatte Richard mit diesem
in nherer Verbindung gestanden als der, welche der unselige Bund, zu dem sie
beide gehrten, unumgnglich erforderte; nie hatten sie mehr als jene stereotyp
gewordenen Redensarten mit einander gewechselt, wie der gesellige Verkehr
berall sie herbeifhrt. Das finster Abstoende, das in Apostols ganzer
Persnlichkeit sich aussprach, hatte Richarden immer von dem ltern Bruder
zurck geschreckt, whrend er von dem mittheilend lustigen Humor des jngern,
Sergius, wenn gleich stets widerwillig, zuweilen sich hinreien lie.
    Mathias blieb eine Weile, ohne ein Wort aufbringen zu knnen, mit hoch
aufarbeitender, schwer nach Luft ringender Brust, in seinem Sessel liegen,
whrend Richard in der Meinung, er sei pltzlich erkrankt, ihm die Weste
aufknpfte und alles nur Ersinnliche anwandte, um dem Leidenden Erleichterung zu
verschaffen. Mathias lie sich das Alles gefallen; nur wenn Richard Meine machte
die Schelle zu ziehen, um seinen Diener zur Hlfe herbei zu rufen, hielt er mit
riesig starker Faust beim Arme ihn fest.
    Alles ist verloren! rief Mathias endlich, sobald er nur einigermaen wieder
zu Athem gekommen war, und sprang mit der Geberde wildester Verzweiflung von
seinem Sitze auf.
    Richard starrte voll Entsetzen ihn an.
    Setze Dir selbst das Alles suberlich zusammen: fuhr Mathias hhnisch
lachend fort: Seit mehreren Wochen ist mein Bruder abwesend, und noch immer ist
kein Wort bis zu uns gelangt, das Nachricht von ihm brchte; gestern wird
pltzlich, ohne einen Grund dafr anzugeben, die Revue bei Beleja Tserkoff
abgesagt, wir vernehmen aus sicherer Hand, da die Anstalten zu einer lngst
projectirten Reise des Kaisers Hals ber Kopf beschleunigt werden. Wohin geht
die Reise? Zur Flucht! zur Flucht! Alles ist klar wie der Tag, blind mte man
sein, es nicht einzusehen. Die Verschwrung ist entdeckt! Feile Verrther finden
sich berall; Sergius, mein Bruder, ist gefangen, ist todt! brllte er,
zerraufte sein Haar, warf sich auf den Boden hin, und verbarg, heulend wie ein
wildes Thier, sein Gesicht in die Kissen des Diwans.
    Ein Ausweg bleibt uns, sprach er, sich wieder vom Boden aufraffend: ein
einziger, uns zu retten, den gemordeten Bruder zu rchen. Sie sind zu feig
gleich thtig einzuschreiten, sie wollen jene Reise erst abwarten, um sicherer
zu gehen. Sicher! rief er wieder auflachend, sicher! o ja, ich bereite Euch die
Bahn zur ewigen Ruhe, wartet nur, dort seid ihr sicher genug. Ich komme Euch
zuvor, bevor Ihr den Muth habt, den Schlag fallen zu lassen, der uns
zerschmettern soll. Ich, ich allein, wartet, wartet nur, ein gnstiger Moment,
ein einziger, und es ist vollbracht. Mein Auge trgt nie, meine Hand trifft
immer das Ziel.
    Es giebt eine Waffe, fing er nach einer Pause scheinbar in ruhigerem Tone
wieder an, whrend Richard vor ihm stand, noch immer unschlssig, ob Wahnsinn
oder berzeugung aus dem Furchtbaren spreche: eine Waffe, fuhr Mathias fort,
ohne Knall, ohne verrathendes Aufblitzen; gleich dem leisen unhrbaren Pfeile
des Wilden, fhrt sie die Kugel zum Ziel. Du, Du bist der Einzige, der dem
Befehle entgegen zu handeln wagt, welcher ihren Besitz hoch verpnt; ich habe
diese Waffe in Deinen Hnden gesehen, nun fordere ich sie von Dir, und Du hast
nicht das Recht sie mir vorzuenthalten. Du bist mein Bruder durch jenen heiligen
Schwur, der uns beide zur Rettung unsers Vaterlandes verbindet; gehorche dem
Gebote des Bundes.
    Richard besa wirklich eine kleine, aber auserlesene Sammlung seltner
Waffen, die aus seiner frhesten Jugendzeit herstammte, wo er, halb ein Knabe
noch, mit ungemeinem Eifer sie zusammen brachte, theils durch Tausch mit
Freunden seines Alters, doch mehr noch durch Geschenke, welche von allen Seiten
dem Lieblinge des ganzen Hauses zustrmten. Das zuletzt erhaltne war der reich
verzierte Trkendolch, welchen Eugen, bei Richards Eintritt in die Kaserne,
diesem verehrt hatte.
    Seitdem hatte die Lust sich mit solchen Spielereien ernstlich zu
beschftigen bei ihm sehr abgenommen; die Waffen wurden an der Wand eines an
sein Zimmer anstoenden Kabinets zur glnzenden Trophe auf das geschmackvollste
geordnet; sein Blick weilte zwar oft und gern auf denselben, doch nur als auf
einem sehr werthen Andenken frherer Tage.
    Diese Trophe, von welcher eine vom Frsten Isidor einst zufllig erhaltne
Windbchse den Mittelpunkt bildete, welche aber theils wegen der geringen
Zierlichkeit ihrer Form, theils wegen des auf ihr ruhenden Verbotes, von anderen
glnzenderen Waffen fast ganz verdeckt wurde, war gerade der offen stehenden
Thre des Kabinets gegenber angebracht, und Mathias brauchte nur die Augen
aufzuschlagen, um sie zu bemerken.
    Doch wrde er in seinem leidenschaftlichen Zustande sie vielleicht
fortwhrend bersehen haben, htte nicht die Eile, mit welcher Richard jetzt
jene Thre schlieen wollte, seine Aufmerksamkeit dorthin gewendet.
    Den Gegenstand den er forderte entdecken, und mit einem gewaltigen Sprunge
Richarden zuvorzukommen suchen, war das Werk eines Augenblickes; doch gelang es
dennoch dem behenderen Richard, seinen Zweck zu erreichen. Er lehnte sich mit
dem Rcken gegen die nun fest verschlossene Thre und gelobte mit einem hohen
theuern Eide, jenes gefhrliche Werkzeug niedern Meuchelmordes nur mit seinem
Leben sich entreien zu lassen.
    Mathias, unter Fluchen und wthenden Beschuldigungen der Untreue gegen den
Bund, warf sich ber ihn her, um seinen Widerstand zu bewltigen; ein Ringen
entstand, bei welchem nur Richards groe persnliche Gewandtheit es ihm mglich
machte, der ihm berlegenen, durch wahnsinnige Wuth noch gesteigerten
Krperkraft seines Gegners nicht gleich zu erliegen.
    Da ein anfangs gemigt leises, dann immer lauter werdendes Klopfen an der
uern Thre, unter diesen Umstnden von den Kmpfenden nicht vernommen werden
konnte, war natrlich; doch dieses Pochen ging allmlig in laut donnernde
Versuche ber, die schon krachende Thre gewaltsam zu erbrechen; Mathias hielt
einen Augenblick mit Ringen ein, und Richard gewann dadurch Zeit sie zu ffnen.
    Plagt Euch alle beide der Teufel? was treibt ihr hier in aller Frhe fr ein
Specktakel, ungezogene Buben, wit Ihr nichts Besseres zu thun? rief lachend
Sergius. In Lebensgre, ganz unbeschdigt stand er vor ihnen; Mathias schrie
laut auf, und strzte ihm in die Arme, whrend Richard die Windbchse von der
Wand ri, und sie zertrmmerte. Da die Fehde zwischen ihm und seinem Gegner
jetzt beendet war, versteht sich von selbst.
    brigens hielt Sergius es eben nicht fr nothwendig die Grnde anzugeben,
die ihn bewogen hatten, sowohl seine Brder als die Hupter des Bundes so lange
Zeit ohne ein einziges Zeichen seines Daseins zu lassen. Er erzhlte nur ganz in
der Krze, da er, nach seiner am gestrigen Abend spt erfolgten Ankunft, sich
sogleich zum Frsten Andreas begeben, bei welchem er bis tief in die Nacht
hinein verweilte, und dann reisemde die Ruhe suchte.
    Ungeachtet er, eben so wenig als seine Brder, mit Richard jemals in nherem
Umgange gestanden, hatte dennoch ein brigens nicht bedeutender Auftrag des
Frsten, bei seinem nchsten Ausgange am folgenden Morgen ihn zu demselben
gefhrt, und so war er denn glcklicher Weise, ein chter deus ex machina, in
jene tragikomische Scene zur Beendigung derselben hinein gefallen.
    Der Auftrag des Frsten an Richard bestand hauptschlich in der
Versicherung, da ganz gleichgltige, unbedeutende Ursachen, hauptschlich der
berdru davon so unablssig sprechen zu hren, den Kaiser bewogen, jene Revue
aufzugeben. brigens setzte Sergius noch hinzu, da er die feste berzeugung
mitgebracht habe, da Niemand weder in noch auerhalb Petersburg an Verrath
denke, und Alles so ruhig sei, als es unter solchen Umstnden nur immer mglich
wre.

Die sorgsamste Pflege hatte in physischer Hinsicht die Gesundheit des
unglcklichen Grafen Stephan zwar einigermaen wieder hergestellt, doch sein von
so vielen schnell auf einander folgenden Schlgen hart getroffnes Gemth konnte
nicht wieder genesen. Vergebens mhete Richard sich in Versuchen ab, ihn wieder
dem wirklichen Leben zuzufhren, er war fr die wichtigsten Angelegenheiten
desselben vllig gefhllos geworden. Seine geistige Kraft war abgestumpft, sein
Gefhl fr alles auer seinem unwiederbringlichen Verluste war ertdtet, und
Vaterlandsliebe, die ihm frher die Brust mit glhender Begeisterung erfllte,
war ihm jetzt nur ein leerer Klang, ohne Sinn und Bedeutung. Das sonst fr alles
Groe, Gute und Schne so warme Herz, lag kalt und erstorben ihm in der Brust,
ohne Hoffnung, wie ohne Wunsch, weder Freude noch Leid konnten es wieder wecken.
Er verlangte mit dem uern Leben weiter keine Gemeinschaft zu haben, seine
Seele war bei den Todten. Und doch, und zwar in der allerwiderwrtigsten
Gestalt, drngte dieses Leben, das ihn anekelte, in den eng abgeschlossenen
Kreis seiner Gedanken und Gefhle sich ein.
    Habschtige entfernte Verwandte, welche jetzt einige Hoffnung gewonnen
hatten, den Kinderlosen einst zu beerben, meinten dadurch sich jetzt schon
berechtigt, in die Verwaltung seiner Angelegenheiten und seines Vermgens
eingreifen zu drfen. Sie machten sogar schon einige Anstalten den
schwermthigen Vetter, den sie gern fr bldsinnig ausgegeben htten, fr's
erste wenigstens unter Vormundschaft zu stellen, und qulten und verfolgten ihn
auf das widerwrtigste mit ihren endlosen Zumuthungen.
    Schon waren sie nahe daran, den ganz Muthlosen durch berdru zur Erfllung
von allem was sie verlangten zu bewegen; doch Frst Andreas oft erprobte
Freundschaft erhob sich jetzt in lobenswerther Thtigkeit zu seinem Schutze. Von
seinem treuen Walter begleitet, ging Graf Stephan auf Zureden seines edlen
Freundes nach Italien, um unter einem milderen Himmel, entfernt von allem was
allzu herbe Erinnerungen in ihm aufregen mute, einstweilen unter fremdem Namen,
ein stilles Leben zu fhren. Frst Andreas aber nahm whrend der Zeit mit dem
ihm eigenen Eifer der Leitung und Ordnung der Angelegenheiten seines Freundes
sich an, die er in einem zwar vielfach verworrenen, aber doch bei weitem nicht
so hoffnungslosen Zustande fand, als Graf Stephan selbst es gemeint hatte.
    Richard mochte es sich selbst kaum gestehen, welche Erleichterung seines,
auch in anderer Hinsicht nichts weniger als beneidenswerthen Zustandes, die
Entfernung des Grafen Stephan ihm gewhrte. Sie befreiete ihn von der tglich
wiederkehrenden Pein, das lngst als hoffnungslos Aufgegebene immer von neuem
aufnehmen zu mssen, und immer mit gleich schlechtem, ihn tief betrbendem
Erfolge.
    Jetzt hatte er wenigstens einige Hoffnung, unter Walters sorgsamer Pflege
der Genesung des geliebten Leidenden entgegen sehen zu drfen. Lngst schon war
aus dem treuen verstndigen Diener der kein Opfer scheuende Freund seines
unglcklichen Gebieters geworden; Frst Andreas selbst erkannte und wrdigte ihn
als solchen, und berlie ihm ohne Bedenken die Sorge fr seinen Herrn, wie die
Anordnung einer Reise, die Walter schon frher einmal mit demselben gemacht
hatte.

In auffallendem Contraste mit dem fast zum Scheinleben herabgesunkenen Grafen
Stephan trat jetzt Frst Andreas in immer weiter um sich greifender Thtigkeit
auf.
    Alex, Eugen, alle vertrautesten Jugendgefhrten des ganz vereinsamten
Richard, waren, wenigstens fr den Augenblick, ihm verloren. Zu einer Zeit, wo
er mehr als je des Rathes, der Mittheilung, des Trostes bedurfte, sah er mit
allen seinen ahnungsvollen Sorgen und Zweifeln sich einzig an den vterlichen
Fhrer und Beschtzer seines frheren Lebens gewiesen.
    Vertrauend eilte er zu ihm mit seinem bis zum berflieen vollen Herzen,
harrte in unermdlicher Geduld auf den gnstigen Augenblick, es in den Busen
seines vterlichen Freundes sich ergieen zu lassen, und stand, wenn er einen
solchen endlich errungen zu haben meinte, vor ihm, wie vor einem verschlossenen
Schreine.
    Fr Alle und fr Alles hatte Frst Andreas Zeit, war zugnglich fr Jeden,
der seiner bedurfte, nur fr den geliebten Sohn seiner Wahl, wie Richard noch
immer und bei jeder Gelegenheit von ihm genannt wurde, wollte es ihm niemals
gelingen, nur eine einzige kleine vertrauliche Stunde zu finden.
    Richard wurde unter Vorwnden, von denen der letzte immer der nichtigste zu
sein schien, von einem Tage zum andern fortwhrend vertrstet. Und wollte sich
in der Eile nichts anderes ausfindig machen lassen, so sa Mr. Mitchel mit
seinen endlosen Verbesserungen, Vorschlgen und Erfindungen im Vorzimmer, neben
seinem Busenfreunde dem Kammerdiener, bei dem er sich frmlich etablirt hatte,
und war auf den kleinsten Wink bereit, mit etwas Neuem aufzuwarten.
    Fr Richard war es unter solchen Umstnden keine ganz leichte Aufgabe, in
unwandelbarer Liebe und Ehrfurcht an dem Wohlthter seiner Jugend festzuhalten,
ohne sich im Glauben an ihn irren zu lassen. Doch er bestand die schwere Probe;
sein Gemth war und blieb jeder, in seinen Augen den Frsten und ihn selbst
erniedrigenden Regung des Mitrauens unzugnglich; doch anders war es mit der
Sorge, da das freie, offne, edle Naturell desselben gemibraucht, da Andreas
durch List und Trug irre geleitet, von Neuem in Verhltnisse verwickelt werden
knne, aus denen dann kein Rcktritt mglich wre.
    Auf sich allein zurckgewiesen, ohne Mglichkeit, durch Rede und Gegenrede
mit theilnehmenden verstndigen Freunden zu grerer Klarheit seiner eigenen
Gedanken zu gelangen, versenkte und verlor der ganz Verlassene sich immer tiefer
in trbes Nachsinnen, das ihn nur bengstigen konnte, ohne ihn weiter zu
bringen; es war eigentlich mehr ein dumpfes Gefhl von Noth und Gefahr, das
fortwhrend ihn verfolgte, ohne sich in deutliche Worte fassen zu lassen.
    In sorgenvoll durchwachten Nchten erhob das grliche Bild des Mord und
Verrath athmenden Mathias sich neben ihm. Der Eindruck, den jener schaudervolle
Besuch auf Richards Gemth gemacht hatte, wurde ihm jetzt erst recht fhlbar,
seitdem seine Gedanken und seine Zeit nicht mehr so ganz ausschlieend von der
Sorge fr Graf Stephan in Anspruch genommen wurden.
    Waren die Schrecken, welche jenen damals bis an den Rand des Wahnsinnes
getrieben, wirklich nur das Phantom einer bengsteten, durch Befrchtungen der
grlichsten Art auf das hchste gesteigerten Phantasie gewesen? Wer konnte hier
entscheidend auftreten und behaupten, dem sei so!
    Da Frst Andreas die Ausfhrung der drohenden Feste bei Beleja Tserkoff
wirklich zu hintertreiben gewut habe, wie er allerdings zu verstehen gegeben,
wenn gleich nicht in deutlichen Worten, war eben nichts Unmgliches; aber auch
andre Grnde konnten hier leicht vorgewaltet haben, andre, gefhrlichere, mit
den Befrchtungen zusammenhngende, durch welche Mathias Apostol zu seinem
verzweiflungsvollen Thun getrieben worden war.
    Des Kaisers nahe bevorstehende Reise in die sdlichen Provinzen seines
unermelichen Reiches, war jetzt lngst kein Geheimni mehr, die Anstalten zu
derselben wurden eifrig und offenbar betrieben; doch ber die eigentliche
Veranlassung derselben waren sehr verschiedene Meinungen in Umlauf. Die Mehrzahl
wollte sie in der Gesundheit des Monarchen finden, welche ein milderes Klima
verlangte; doch konnte er nicht auch auf diese Weise, ohne Aufsehen zu erregen,
sich dem Schauplatze von Ereignissen entziehen wollen, die er vielleicht nur
dunkel ahnete, ohne da jedoch eine Entdeckung der Gefahren wirklich Statt
gehabt htte, die seinem Leben droheten?
    Seinem Leben, des Kaisers geheiligtem Leben! Richard dachte es mit
Schaudern.
    Er ist nicht aufgelst, der frchterliche Bund! rief er, von wilder Angst
ergriffen, der ihn rings umgebenden Einsamkeit, der einzigen Vertrauten seiner
innern Qual entgegen. Er selbst, Andreas selbst ist tiefer als jemals in
denselben verflochten; um ihn gefahrlos zu gestalten, behauptet er! Kann seine,
kann irgend eine menschliche Kraft jetzt, in diesem Augenblicke noch dazu
ausreichen?
    Eugens fortwhrende, geheimnivolle Entfernung! dachte er ferner, des
Sergius nicht minder geheimnireiche Reise, wohin? zu welchem Zwecke? zu wem?
Wenn nicht zu ihm, zu dem geliebten Freunde meines Herzens, zu Eugen. O Eugen!
auch Du wirst das Opfer eines ungeheuren Irrwahnes Deines Vaters werden, der uns
Alle dem Untergange zutreibt: rief er laut!
    Der Bund wre ganz gefahrlos, bis zur Ohnmacht entwaffnet! behauptet der
Frst; wodurch wre er es? fuhr Richard in seinen berlegungen fort, wodurch
wre er es? Und wenn nun Sergius nicht im entscheidenden Augenblicke gekommen
wre; der tollkhne, wthende Mathias das furchtbare Signal zum Ausbruch der
beschlossenen Gruel wirklich gegeben htte? Wo ist die irdische Gewalt, welche
alle die vielen Tausende mordlustiger Verschworenen zu bndigen vermocht htte,
welche nicht nur in Petersburg, welche durch das ganze Reich, durch alle Stnde
in demselben verstreut sind, bereit zum Werke der Zerstrung?
    Ich soll nicht glauben, nicht sehen, nicht hren! soll die Gruel nicht
achten, die jetzt ohne Schleier in jenen schndlichen, Mord und Verbrechen
predigenden Zusammenknften der Verbndeten vorgetragen werden; ich soll ihre
Reden fr sinnlose Erzeugnisse einer verdorbenen, ohnmchtigen Phantasie, ohne
alle weitere Bedeutung hinnehmen! - Wer kann das Unmgliche von mir fordern!
    Zwiespalt, Unzufriedenheit, Wankelmuth werden schon jetzt unter ihnen laut;
eidbrchige Verrther giebt es berall, in allen Verhltnissen; und wenn nun
geschieht, was bis jetzt nur durch ein Wunder verhindert worden sein kann; wenn
Einer, ein Einziger nur von jenen Vielen, von Reue, Eigennutz oder Furcht
getrieben, den Weg zum Kaiser findet, den Bund verrth?
    Richard ward starr vor Entsetzen ber den Gedanken, der jetzt in furchtbarer
Klarheit vor ihm aufleuchtete!
    Verloren! verloren! unrettbar Kaiser und Volk; Alle! Alle! Alle! schrie er
laut; Abgrund, unergrndlicher Abgrund rings umher! kein Ausweg mehr!
    In wilder Verzweiflung zerraufte er sein Haar, warf auf den Boden sich hin.
    Keine Rettung, wohin den Blick ich wende! nicht einmal die Mglichkeit eines
Wunsches, denn die ewige Allmacht selbst kann Geschehenes nicht ungeschehen
machen! Wo waren meine Augen, meine Sinne, mein gesunder Verstand, da ich es
nicht frher begriff! Verrath rettet Kaiser und Reich, der Bund geht zu Grunde,
mit ihm Andreas und die Seinen!
    Helena! kreischte er auf; ihm vergingen die Gedanken.
    Dann suchte er sich wieder zu fassen. Bleibt Alles, steht kein Verrther
unter uns auf; - die Mglichkeit davon liegt vor Augen, denn bis jetzt hat noch
Keiner sich gefunden; nun dann - dann, dann knirschte er, und lachte wild auf,
dann ist ja Alles auf das Herrlichste! dann geht der Tanz los, Volkswuth fhrt
den Reigen, und Pestel ist der siegende Held des Tages!
    Wie jede berspannung, sobald sie gehrig ausgetobt hat, so lste auch
Richards Zustand sich allmlig in Erschpfung auf, und machte gelassenerer
berlegung Raum. Er lie Alles, was seit des Frsten Andreas Heimkehr in der
letztvergangenen Zeit sich wirklich begeben, an seiner Erinnerung vorberziehn,
und fand, da auer dem Widerrufe des Befehls zu der bei Beleja Tserkoff
beabsichtigten Revue und der Erscheinung des Mathias Apostol bei ihm in seiner
Wohnung, sich doch eigentlich gar nichts zugetragen habe, was die Muthlosigkeit
rechtfertigen knne, von der er so pltzlich ergriffen worden war.
    Seiner jetzigen Ansicht nach konnte des Mathias Besuch und Benehmen nur
einem pltzlichen, durch bertriebene Sorge um seinen Bruder herbeigefhrten
Ausbruche von Wahnsinn zugeschrieben werden.
    Und warum sollte Richard lieber in unbestimmten Zweifeln an seinen
Pflegevater sich verlieren wollen, als in Hinsicht auf jene Revue den
Andeutungen desselben Glauben schenken?
    Richard war gewhnt sich selbst der strengste Richter zu sein, und konnte in
diesem Augenblicke, tief beschmt, den bedeutenden Einflu sich nicht verhehlen,
den sein durch des Frsten Verschlossenheit verletzter Stolz auf die
Beurtheilung der Handlungsweise desselben in der letzten Zeit gebt habe.
    In solchem Falle ist es edleren Naturen immer schwer das rechte Maa zu
halten, aus bertriebener Gromuth nicht gegen sich selbst ungerecht zu werden,
und so einen zweiten Fehler zu begehen, indem man den ersten allzu
berschwnglich gut machen will. Daher konnte Richard es nicht unterlassen sich
selbst auf das allerhrteste zu verdammen, und die edelsten Grnde dem,
wenigstens sehr auffallenden Betragen des Frsten unterzulegen, die man
schweigend ehren msse, selbst wenn sie unbegreiflich erschienen.
    Er gelobte sich selbst den Maaregeln und Verheiungen seines edlen
Pflegevaters mit ruhigster Zuversicht zu vertrauen; doch diese vortrefflichen
Entschlsse vermochten nicht die Unruhe ganz zu beschwichtigen, die ungeachtet
aller Mhe, die er sich deshalb gab, noch immer in seinem Innern tobte, und ihm
nicht erlauben wollte, dem Gange der Begebenheiten in ruhiger Unthtigkeit
zuzusehen.
    Er konnte die Verrath verkndenden Reden des Mathias Apostol nicht
vergessen; wie, wenn nun die Behauptungen jenes mordlustigen Frevlers dennoch
auf mehr als bloer Einbildung beruhten? dachte er: Wahrscheinlichkeit spricht
mehr dafr als dagegen, und wer wird bei gesundem Verstande den Fallstricken
eines eidbrchigen Verrthers sich nicht zu entziehen suchen wollen, so lange
dieses mglich ist?
    Die edle groartige Natur meines hohen Freundes ist freilich leicht zu
betrgen, sie kann keine Ahnung der niedrigen Verworfenheit jener im Dunkel
hausenden Rotte in sich aufnehmen, sprach er seiner alten Gewohnheit nach laut
zu sich selbst. Doch ich will fr ihn sehen, ich will sein Auge werden, da er
auf andre Weise meine Hlfe verschmht. Ich will statt seiner die Schlupfwinkel
des Lasters durchsphen, die ihm unzugnglich sind, und es immer bleiben mssen.
    Man sagt ja, die kleine behende Eidechse suche die Klfte auf, in welchen
die giftige Otter hauset, und eile durch Gras und drres Laub vor ihr her, um
durch ihr Rascheln schlafende Menschen warnend zu wecken, setzte er lchelnd
hinzu.

Von nun an ergriff Richard auf das eifrigste jede Gelegenheit, die zu nherer
Bekanntschaft mit einzelnen Verbndeten fhren konnte. Whrend er von ihren
eigentlichen Zusammenknften sich etwas zurckzog, lie er um so fterer bei
Trinkgelagen sich finden, selbst bei solchen, wo weder Migkeit noch feinere
Sitte den Vorsitz zu haben pflegten. Er lie in Klubbs und Spielhusern, auf
Bllen und ffentlichen Tanzbden sich einfhren, besuchte Kaffeehuser,
Weinhuser, Billards, lauter Orte, wo man frher ihn nie gesehn, zeigte als
tglicher Gast sich in Gesellschaften, wo bis jetzt man gewohnt gewesen war ihn
als eine hchst seltne Erscheinung zu begren, und suchte so die Gesinnungen
einzelner Mitglieder des Bundes genau kennen zu lernen, um jeden von fern
drohenden Verrath gleich beim Entstehen zu entdecken.

    Auf diese Weise konnte er nicht verfehlen eine sehr ausgebreitete
Bekanntschaft unter Leuten sich zu erwerben, mit denen er bis dahin in keiner
Art von Verkehr gestanden; er gerieth zugleich in den Ruf eines leicht und
locker hinlebenden jungen Gesellen, auf dessen Gegenwart seines Gleichen keine
besondere Rcksicht zu nehmen nthig hatten, sondern im Gegentheil sich nach
Lust und Belieben ganz zwanglos gehen lassen konnten, was Richards Beobachtungen
ungemein erleichterte.
    Nebenbei lernte er hier eine ihm fast unbekannt gebliebene Seite des Lebens
kennen, machte auch die Entdeckung, da zwischen dieser ihm neuen Welt und der
vornehmeren, in welcher er bis dahin sich bewegt hatte, der Unterschied mehr in
der Form, der uern Vergoldung, als in ihrem wahren innern Gehalte zu finden
sei; doch das, wonach sein Forschen eigentlich strebte, vermochte er nicht zu
entdecken. Nirgends zeigte sich die kleinste Spur beabsichtigter Verrtherei
unter all den Verschworenen, die von allen Seiten sich an ihn drngten, weil sie
ungeachtet der republikanischen Gesinnungen, die sie zur Schau trugen, durch den
Umgang mit ihm sich gehoben glaubten, den sie bis dahin immer nur in den
Umgebungen der Vornehmsten des Reiches gesehen.
    Die Ausgezeichnetsten unter Richards neuen Freunden suchten Anfangs meistens
nur aus Prahlerei und Eitelkeit, seltner durch wirkliches Wohlgefallen an seiner
Persnlichkeit, sich den Schein inniger Vertraulichkeit mit dem Allgefeierten zu
geben; doch gar bald ging dieser Schein in Wahrheit ber, denn Gewohnheit trgt
am Ende immer den Sieg davon; sie vergaen der vorsichtigen Schlauheit, die sie
im vertraulichen Umgange mit ihm zu ben gemeint, und zeigten sich ohne Hehl wie
sie eben waren. Es ging ihnen mit ihm, wie es vor vielen Jahren den
Bewohnerinnen einer ehemaligen freien Reichsstadt erging, denen die nahe Ankunft
einer Knigin angekndigt wurde, welche in ihren Mauern einige Tage zu verweilen
gedachte.
    Die Damen geriethen ber die Beobachtung der an Hfen blichen Etikette,
besonders ber die richtige Anbringung des Wortes Majestt, in Todesangst, und
behaupteten mit der hohen schnen Frau nimmermehr sprechen zu knnen. Und als
diese nun in ihrer Mitte war, gtig und freundlich gegen Jedermann, nannten die
Gengsteten, in der Freude ihrer erleichterten Herzen, sie ohne weitere Umstnde
meine liebe.

Richard benutzte die sich ihm bietende Gelegenheit zur Beobachtung seiner
Umgebungen auf das Beste. Unzufriedenheit, Ungeduld ber zu langes Verzgern des
einmal Beschlossenen, Ha und Mitrauen gegen die Hupter des Bundes, besonders
gegen Pestel, entdeckte er in aller Gemth, doch immer nur als schnell
vorbergehende, durch irgend ein neueres Ereigni hervorgebrachte Erscheinung.
    Die heute Unzufriedenen, zeigten sich morgen in ganz entgegengesetzter
Stimmung, die Ungeduldigen waren besnftigt, und hofften auf einen, mit nchstem
zu fassenden, alles mchtig frdernden Beschlu. Die Einen hatte Pestel
freundlich gegrt, die Andern Sergius, oder Mathias Apostol angeredet, und
damit war alles gut gemacht.
    Je lnger dieses whrte, je unsichrer wurde Richard in Zusammenstellung der
aus seinen Beobachtungen hervorgehenden Resultate. Einigemal glaubte er dem in
der Mitte der Verbndeten lauernden Verrther auf der Spur zu sein, und ehe er
sich dessen versah, lste die angebliche Verrtherei in einen albernen,
frostigen Scherz sich auf.
    Es gab Stunden und Tage, wo andre Gedanken ihn beschftigten; es schien ihm
oft, als ob man hheren Ortes dem sogenannten Bunde der chten Kinder des
Vaterlandes von selbst auf der Spur sei, und heimliche Anstalten treffe, ihn
gefahrlos und sicher aufzulsen; was Richard allerdings als das
Allererwnschteste betrachtete das sich ereignen konnte, sobald Frst Andreas
selbst in dieses Staatsgeheimni eingeweiht, und mit Lsung des Bundes
beauftragt war, den er und seine Freunde einst selbst in der lobenswerthesten
Absicht gestiftet, und der allein durch dessen weit um sich greifende
Vergrerung ausgeartet, jetzt freilich eine hchst bedrohliche Gestaltung
angenommen hatte.
    Nur so allein glaubte Richard des Frsten wiederholte Versicherung der
vlligen Gefahrlosigkeit des Bundes erklrt, und die Wahrheit derselben
besttigt zu sehen; und doch regte sich etwas in seinem Gemthe, das diesem
Glauben widersprach: denn es wurde ihm schwer eine solche knstliche, an
Falschheit grnzende Halbheit, mit dem groen edlen Charakter seines vterlichen
Beschtzers zu vereinen. Daher steigerte die Angst um ihn und die Seinen sich
oft bis zur Verzweiflung, wenn die Mglichkeit ihm vorschwebte, da etwas dem
hnliches ohne Vorwissen desselben im Werke sein knne.
    So fuhr er denn in seinem unruhigen ngstlichen Treiben fort, suchte, was zu
finden er weder wnschte noch hoffte, whrend alle seine Freunde und nheren
Bekannten die Vernderung hchst auffallend fanden, die mit ihm und seiner Art
zu leben vorgegangen war. Sogar Andreas bemerkte sie und spielte zuweilen
scherzend zwischen Lob und Tadel darauf an; wute aber dennoch jeder Erklrung,
die Richard ihm geben wollte, mit gewohnter Gewandtheit auszuweichen. Nur
Helena, mochten auch noch so seltsame Gerchte ber ihn ihr zu Ohren kommen, nur
sie allein lie auf keine Weise von dem Glauben an ihren Freund, an seine Liebe,
an seine Treue, an seine reine Sittlichkeit sich abwendig machen. Aber auch sie
wollte nie ihn anhren, wenn er ber manches sich zu erklren suchte, das seiner
Meinung nach in ihren Augen ihn herabsetzen konnte.
    Ich glaube gar Du willst von Deinem Thun und Lassen mir Rechenschaft
ablegen? rief sie lchelnd; wissen wir etwa die uns sprlich zugemessene Zeit
des ungestrten Beisammenseins nicht besser zu benutzen? oder glaubst Du, ich
wre so ungerecht nicht begreifen zu wollen, da Du whrend der Abwesenheit
Eugens zuweilen anderer Erholung bedarfst, als unsre doch immer etwas formelle
Societt Dir gewhren kann? Ich selbst, setzte sie scherzend hinzu, mchte
zuweilen die Frstin gern ein wenig bei Seite schieben und mich, wre es auch
nur der Abwechselung wegen, mitten in ein einfach lndliches oder
stillbrgerliches Verhltni versetzen, wie Novellen-Dichter, besonders
deutsche, es so anlockend beschreiben.
    Richard wollte dessenungeachtet noch etwas ber sein jetziges Benehmen
einzuschieben suchen, doch Helene drckte ihm die Hand auf die Lippen.
    Qui s'excuse s'accuse, weit Du wohl: sprach sie freundlich. Hast Du es
wirklich einmal so weit gebracht, da Du bei mir einer Entschuldigung bedarfst,
dann erst ist eine jede recht berflig; denn entweder alles ist zwischen uns
niedergerissen, ohne Mglichkeit der Wiederherstellung, oder ich bleibe bei
meinem Glauben an Dich, ohne da eines von uns beiden ein Wort darber verliert.
Was sollen Worte zwischen uns, wenn man sich ohne sie versteht?

Was giebt es Neues? fragte Mitchell, nachdem er eine Weile mit inhaltschwerem
Gesicht sich in seinem Sessel hin und her gewiegt.
    Nichts Besonderes, das ich eben wte: antwortete Richard, der des
langweiligen Besuches schon von Herzen mde war, obschon dieser jetzt selten ihn
belstigte.
    Hm! brummte Mitchell, besann sich wieder ein Weilchen, bemhte sich ungemein
gescheit auszusehn, und rckte vertraulich mit seinem Sessel dicht neben Richard
hin.
    Es laufen doch mitunter sonderbare Gerchte in der Welt umher, fing er an,
man darf nur nicht immer trauen, noch weniger alles glauben. Aber die Sache wre
doch zu erwgen und eigentlich bin ich hier, um mir in einer wichtigen
Angelegenheit bei Euch als meinem Landsmanne Rath zu erholen. Aber sagt mir vor
allen Dingen, Mr. Wood, wit ihr wirklich nichts Neues? Fllt denn in diesem
groen Lande gar nichts in der Politik vor? Freilich, hier ist kein Parlament,
aber gewi doch Opposition, denn die findet sich berall, in jedem Haushalte,
und bestnde er nur aus zwei Personen. Aus Mann und Frau, meine ich. He he he
he! setzte er, seinen eignen Witz belachend, hinzu.
    Der Kaiser ist in Taganrog glcklich eingetroffen, hre ich; das ist die
neueste Neuigkeit so viel ich wei: erwiederte Richard.
    Aha! nun gebt Ihr es schon nher! sprach Mitchell und sah auerordentlich
pfiffig dazu aus: und weiter wtet Ihr wirklich nichts? gar nichts? habt nichts
vernommen? nichts von einem dem Ausbruche nahen Revolutinchen? flsterte er
pltzlich sehr leise ihm in's Ohr.
    Richard fuhr zusammen, und blickte ihm starr in's Gesicht. Ihr erschreckt?
Ihr wit also noch von nichts, wie ich merke, am Ende was geht es Euch auch viel
an? Ihr bekmmert Euch um Eure Pferde und um Eure Liebesaffairen, damit gut. Ich
kann Euch das nicht verdenken, ein junger Officier hat bei dergleichen weder
viel zu gewinnen noch zu verlieren: in meiner Lage mu man schon vorsichtiger
sein, und die Augen hinten und vorne haben. Im Vertrauen, groe Dinge sind im
Werke, und da will ich, wie gesagt, als Euer Landsmann, um Eure Meinung bitten,
wie ich mich zu verhalten habe, wenn das Ding zum Ausbruch kommen sollte, setzte
er mit leiser Stimme hinzu. Wie werden bei Euch die Revolutionen gemacht? sind
sie sehr gefhrlich? ich meine fr's Eigenthum, fr Hab' und Gut, denn mit dem
Leben hat es so viel nicht zu sagen, ein kluger Kopf wei sich schon zu
salviren.
    Erklrt Euch deutlicher, und seid von meiner Discretion wie von meinem guten
Willen fest berzeugt, erwiederte Richard so ruhig als es ihm mglich war.
    Nun so hrt, fing Mitchell sehr leise flsternd an. In Petersburg selbst hat
eine weit ausgebreitete Gesellschaft sich heimlich organisirt, deren Hauptzweck
darauf hinaus geht, in Handel und Wandel allerhand Verbesserungen einzufhren,
besonders in Hinsicht auf das Zollwesen; denn eben damit thut es vor allem noth.
Der ehrlichste Kaufmann mu ja zum Schmuggler - doch das gehrt nicht hierher.
Genug die Gesellschaft, oder nennt es Verschwrung, ist da. Seht mich nicht so
unglubig an, ich will es Euch nur gestehen, sie haben mich selbst in ihren
Klubb, oder, wie sie es nennen, in ihren Bund aufnehmen wollen, und ich habe
mich verdammt drehen und wenden mssen, um mich davon los zu machen, ohne meine
Freunde zu beleidigen, denn so etwas pat nicht in meinen Kram. Der Tanz kann
eben so gut heute als morgen los gehen, alle Verschworene sind auf's uerste
vorbereitet, und ohne etwas Unruhe, vielleicht etwas Brand und Blutvergieen,
wird es schwerlich abgehen. Glaubt Ihr, da es sehr gefhrlich damit wird? Ein
Englnder, meine ich, htte weniger zu riskiren als ein Anderer, man nimmt doch
immer einige Rcksicht. Nun ich hier einmal eingewohnt bin, mchte ich nicht
gern sobald fort. Doch freilich, wenn Gut und Leben gefhrdet sind: - setzte er
bedenklich seufzend und die Achseln zuckend hinzu.
    Ja! man kann das so eigentlich nicht vorher wissen - an Eurer Stelle - wenn
es wirklich ist, wie Ihr saget, und Ihr Euch nicht irrt - die Schifffahrt ist
jetzt gefahrlos und offen, das Sicherste wre immer sich bei Zeiten aus dem Wege
machen: stotterte Richard und wute selbst nicht, was er sprach.
    Das Alles wre schon ganz recht, aber es ist dabei doch noch manches Andre
zu bedenken, erwiederte Mitchell. Ich habe hier gute Geschfte gemacht, und die
Aussicht auf noch bessere gewonnen, das kann ich Euch, der Ihr dabei gar nicht
betheiligt seid, wohl gestehen. Mein edler ehrenwerther Beschtzer, Frst
Andreas, ist ein sehr weiser unternehmender Herr, er hat groe ausgebreitete
Plne gefat fr Unternehmungen, die er unter meiner Leitung auf seinen
Herrschaften ausfhren lassen will. Ihr begreift, dabei lt sich etwas
gewinnen, das man nicht gern aufgiebt. Die Revolution ist ein Sturm, der schnell
vorbersaust, den knnte man wohl im sichern Verstecke abwarten, und es kann
obendrein kaum fehlen, da nicht bei dergleichen manches abfiele, was des
Aufnehmens werth wre. Ein recht Gescheiter kommt in unruhiger Zeit nicht leicht
zu kurz, wenn er Gelegenheiten wahrzunehmen wei. Genug, mit der Revolution
allein mchte ich es schon wagen - aber, aber! es ist noch etwas dabei, eine
ganz verteufelte Geschichte: setzte er seufzend hinzu, heftete den starren Blick
auf den Boden, lie den Kopf bis auf die Brust hngen, die gefalteten Hnde
sanken ihm in den Schoos und beide Daumen fingen an, sich in blitzschneller
Geschwindigkeit um einander zu drehen.
    Nun? fragte Richard, in ngstlicher Spannung.
    Brgerkrieg! erscholl es wie ein Orakelspruch aus Mitchells tiefster Brust:
Brgerkrieg! da geht alles drunter und drber; und das whrt jahrelang, wie wir
der Beispiele genug davon haben. Der Fremde mit seinem Eigenthume fllt zwischen
beide Parteien, wie zwischen die beiden Klingen einer Scheere, und wird von
beiden als gute Beute behandelt.
    Brgerkrieg! wiederholte Richard.
    Brgerkrieg: erwiederte Mitchell: hrt mich an, und Ihr werdet finden, da
meine Befrchtungen nicht grundlos sind. Ich will Euch nichts verhehlen, alles
was ich wei sollt Ihr erfahren, dann mgt Ihr selbst urtheilen und auch Eure
Maaregeln nehmen, denn als Militair habt Ihr doch einiges zu riskiren.
    Richard wollte vor Ungeduld vergehen, aber es half ihm nichts. Mitchell
rusperte sich ganz bedchtig, dann fing er vertraulich leise an: Noch vor dem
Ausbruche wird die Verschwrung an den Kaiser verrathen werden, das sage ich
Euch vorher, traut meinem Worte. Natrlicher Weise bricht dann der Lrm gleich
los. Erst hngen, kpfen, dann Widerstand, Aufstand, zwei Parteien, Krieg,
Blutvergieen, offne Rebellion, jahrelang, wie in der Vende, wie in Spanien,
wie berall wo der Teufel freies Spiel gewinnt.
    Deutlicher! deutlicher! um Gotteswillen deutlicher! woher wit Ihr,
vermuthet Ihr? o sagt mir alles! bat Richard in hchster Angst.
    Woher? nun, wie es sich denn zuweilen wunderbar fgen mu, - nahm ich heute
bei Caffarelli mein zweites Frhstck ein, wie gewhnlich. Viel Gesellschaft war
versammelt, es wurde viel getrunken. Vormittags ist das meine Sache nicht; ich
hatte meine Geschfte im Kopfe; im Saale wurde es mir zu hei, zu laut, ich
setzte mich mit meinem Taschenbuche in die Ecke einer der kleinen Logen oder
Lauben in dem Grtchen hinter dem Pavillon, um eine wichtige Speculation zu
berechnen, die mir eben angetragen worden war. Auf einmal wird es in der Loge
dicht neben der meinen laut, viel lauter, als es dem Inhalte des Gesprchs nach
zu urtheilen wahrscheinlich geworden wre, htten die Herren vorhin nicht zu
tief ins Glas gesehen; glcklicher Weise sprachen sie franzsisch, um nicht von
Jedermann verstanden zu werden. Wahr ist's, Migkeit und Umsicht sind nicht
Jedermanns Sache, aber - -
    Den Inhalt! den Inhalt! um Gottes Barmherzigkeit willen, den Inhalt: flehte
Richard ihn unterbrechend.
    Es waren ihrer Zwei. Und was konnte der Inhalt ihres Gesprchs anderes sein,
als jene Verschwrung, in die sie auch mich gern hineingezogen htten: fuhr
Mitchell fort. Erst kamen Klagen ber die Hupter derselben, dann Zweifel an dem
Gelingen, dann Reue ber den Verrath an dem Kaiser, dann Angst vor den Folgen,
bis sie endlich gerade heraus darber eins wurden, der einzige Weg zu ihrer
eigenen Rettung wre, dem Kaiser alles schriftlich zu entdecken, die Liste der
Verschworenen, besonders der Hupter derselben ihm einzusenden, und so fr sich
selbst Verzeihung auszuwirken, mge aus den brigen werden was da wolle. Seht,
das ist es eigentlich was mich so stutzig machte; und nun sprecht, was denkt Ihr
davon?
    Weiter, weiter, das Ende: rief Richard.
    Aber was ist es mit Euch? Ihr seid todtenbla, Ihr seid krank? fragte
Mitchell ihn aufmerksam betrachtend.
    Nichts, nichts; war die Antwort: pltzlich ein Stich in die Brust, ich habe
das zuweilen, es geht aber schnell vorber; ich bitte Euch, fahrt fort.
    Nun denn, viel ist nicht mehr brig zu erzhlen: der Eine wollte gleich den
Brief an den Kaiser abfassen, der Andre, wahrscheinlich vom Trinken weniger
erhitzt, suchte einige Tage Aufschub von ihm zu erhalten. In der Hauptsache
waren Beide eines Sinnes; sie gelobten einander Treue und Verschwiegenheit. Dann
kamen mehrere aus der Gesellschaft hinzu, von andern Dingen wurde gesprochen,
und ich benutzte die erste Gelegenheit, um mich ungesehen aus meinem
Schlupfwinkel fortzuschleichen. Aber Mr. Wood, Ihr werdet immer bleicher!
    Nicht doch, nicht doch; ich bin wohl, ganz wohl, der kleine Anfall geht
schon vorber; erwiederte Richard: aber die Namen jener Beiden, Ihr kennt sie
doch? Auf die Namen kommt viel an.
    Die gehren zu den unaussprechbaren, wie die meisten in diesem Lande, war
die Antwort. Doch die Personen Beider sind mir wohl bekannt; wahrscheinlich sind
sie heute Abend wieder bei Caffarelli, wenn Ihr mich begleiten wollt, so zeige
ich sie Euch. Doch nun sprecht, entscheidet, soll ich gehen? soll ich bleiben?
rathet mir was ist zu thun! sie fhren ihren Entschlu aus, davon bin ich
berzeugt; was sie sprachen war so fest, so besonnen alles berlegend.
    Wei der Frst um die Verschwrung, und um Eure heutige Entdeckung? fragte
Richard.
    Wo denkt Ihr hin! das wre vollends schn! da kme ich gut an! das wre ja
als ob man eine brennende Lunte in ein Pulverfa werfen wollte! Da mte ja
alles Unheil gleich auf der Stelle hereinbrechen. Haltet Ihr mich fr ein Kind?
oder fr ein altes Weib das nicht schweigen kann? fuhr Mitchell halb beleidigt
auf.
    Verzeiht, so war es nicht gemeint, erwiederte Richard. Eure Nachricht hat
mich berrascht, ich leugne es nicht; ich mu mich erst fassen, gebt mir nur
einige Zeit, nur bis ich ein wenig ber das Alles nachgedacht habe, dann soll es
an meinem guten Rathe in dieser wichtigen Angelegenheit Euch nicht fehlen. Und
nun kommt zu Caffarelli.
    Mit diesen Worten fate Richard in einem jener Anflle von Verzweiflung, die
der muthigsten Entschlossenheit wie ein Tropfen Wasser dem andern gleich sehen,
Mitchells Arm und zog ihn mit sich fort. Mitchell mute ihm folgen, er mochte
wollen oder nicht.
    Sie fanden wirklich die, welche sie suchten, am bestimmten Orte im
Dominospiele vertieft. Richard war ihnen oft in den Versammlungen des Bundes
begegnet; Beide waren Offiziere, der eine hatte Frau und Kinder, der andre fr
eine bejahrte Mutter zu sorgen.
    Richard, indem er sie aufmerksamer jetzt beobachtete, begriff kaum wie es
zugegangen sein knne, da nicht so manches unheimlich-geheimnivolle in ihrem
Wesen und Betragen, besonders in dem des ltesten unter ihnen, eben der, welcher
zufolge Mitchells Aussage, die Entdeckung noch aufgeschoben wissen wollte, nicht
schon lngst auf diese Beiden den Argwohn geleitet habe, der ihm in diesem
Augenblicke fast zur Gewiheit wurde.
    Die Abendgesellschaften bei Caffarelli pflegten gewhnlich in ziemlich
wilde, oft bis zum grauenden Morgen whrende Orgien auszuarten. Whrend
Mitchell, Richard alles allein berlassend, sich frhzeitig zurckzog, um morgen
mit hellem Kopfe an seine Geschfte zu gehen, hielt jener diesesmal ganz bis ans
Ende dabei aus. Soviel er, ohne da es auffallend wurde, es konnte, folgte er
den ihm Verdchtigen wie ihr Schatten, bis zum Aufbruche der Gesellschaft; sah,
wie sie im Laufe des Abends absichtlich sich von einander entfernten, um nicht
ihr gar zu enges Zusammenhalten bemerkbar werden zu lassen, und hatte dann
wieder vielfache Gelegenheit, halbe Worte, Winke, Blicke aufzufangen, die
zwischen ihnen fielen, wenn sie, scheinbar zufllig, an einander vorber
streiften.
    Er bemhte sich von ihren Bekannten etwas Nheres ber ihre huslichen
Verhltnisse zu erfahren; sie waren der Art, da, wenn es mglich wre, da
Verrath und Meineid, wie sie ihn im Sinne hatten, vor menschlichen Augen
Entschuldigung finden knnte, diese ihnen vor tausend Andern werden mute.
    Beide waren arm, in so drckend-unfreier Lage, da ihre Verbindung mit den
Verschworenen sie in jedem Falle dem Untergange zufhren mute; und nicht nur
sie, sondern auch ihre Familien, deren Existenz auf sie allein begrndet war.
    Zehn Uhr? flsterte, indem er die Gesellschaft verlie, der Eine dem Andern
im Vorbergehen zu: im weien Kreuz bei Sutoff, antwortete dieser.
    Durch die ngstliche Spannung, in der er auf alles um ihn Vorgehende
achtete, waren Richards Sinne bis zu dem Grade geschrft worden, da selbst
diese, jedem Anderen unhrbar leise gesprochenen Worte, seinem Ohre nicht
entgingen; und htte er keinen Laut davon gehrt, er htte sie wahrscheinlich
den Sprechenden von den Lippen gelesen.
    Die angedeutete, in einer entfernten Vorstadt gelegene, elende Kneipe, war
zuflliger Weise ihm bekannt; er hatte vor einigen Tagen, whrend eines heftigen
Gewittersturms, in ihr Schutz suchen mssen.

Noch hatte der Glockenschlag die zehnte Stunde des folgenden Morgens nicht
verkndigt, als schon Kapitain Mayboroda, der lteste jener beiden Offiziere, in
der niedrigen, von Myriaden von Fliegen durchschwrmten Gaststube des weien
Kreuzes, leise hastige Worte vor sich hinmurmelnd, mit weiten Schritten auf- und
abstrmte, bis sein Freund, der Unterlieutenant Rostowzoff sich zu ihm gesellte.
Beide waren in ganz unscheinbarer brgerlicher Kleidung; sie hatten sich hierher
beschieden, um ungestrt und unbelauscht, umstndlicher als es bis jetzt
geschehen konnte, sich zu besprechen und zu berathen.
    Wir sind nicht allein! rief Rostowzoff pltzlich, als er an der Seite seines
Freundes auf- und abgehend, zufllig einen Blick hinter den riesig groen Ofen
warf.
    Ein Bauerknecht in seinen Schlafpelz gewickelt, das Gesicht durch die
bereinander geschlagenen Arme bedeckt, um es gegen das Heer der ihn umsummenden
Fliegen zu schtzen, lag auf der Ofenbank hingestreckt; die berreste eines
schwarzen Bauerbrotes, einige Gurken, und ein umgestrztes Glas, aus welchem der
Branntwein noch tropfenweise auf den Boden fiel, bewiesen, da ein
berreichliches Frhstck, mit dem er nicht einmal hatte fertig werden knnen,
dem Schlfer gar zu wohl geschmeckt habe.
    La den Klotz liegen: lachte Mayboroda, nachdem er und Rostowzoff sich an
ihm mde gerufen und geschttelt hatten, ohne ihn erwecken oder auch nur aus
seiner Lage bringen zu knnen: der wird uns weder belauschen noch verrathen,
dafr stehe ich Dir. Ohne sich weiter durch ihn stren zu lassen, setzten sie
ruhig ihr Gesprch fort, und begaben sich dann nach ein paar Stunden, jeder auf
andrem Wege, nach Hause.

Richards Gemthszustand, die wilde Aufregung aller herzzerreienden Gedanken und
Empfindungen beschreiben zu wollen, welche nach berstehung eines weder
angenehmen, noch ganz gefahrlosen Abenteuers sich sinnverwirrend seiner
bemchtigt hatte, wre ein gar zu undankbares, schwer gelingendes Unternehmen.
    Ich bin fest berzeugt, da meine alles gleich errathenden Leser in seinem
schmutzigen Schaafspelze, und den brigen noch weniger einladenden Requisiten
der Maske eines betrunkenen russischen Bauerknechts, sowohl meinen Helden, als
den Zweck, zu welchem er diese Verkleidung anlegte, sogleich erkannten. Denn das
ist eben aller Roman- und Novellendichter groe Verzweiflung, da es mit
Aufbietung aller uns zu Gebote stehenden Phantasie, doch in diesen, an geistiger
Kultur berreichen Tagen, fast unmglich wird, sie durch einen Theatercoup zu
berraschen, oder durch Erwartung des ungewissen Ausgangs der Geschichte in
angenehme Spannung zu versetzen. Ihr Scharfsinn sieht leider nur zu gut und zu
genau alles lngst vorher! ich mchte sagen: frher, als der Autor selbst damit
im Klaren ist, wre dieses nicht einem irischen Bull gar zu hnlich.
    Gewiheit hatte Richard auf diese Weise zu erhalten gesucht, Gewiheit
dessen, was nur als mglich sich zu denken, mit Angst und Grausen ihn erfllte.
Er hatte sie jetzt erhalten, im vollsten bermaae erhalten, und war nahe daran,
unter der Last der Erfllung seines Wunsches zu erliegen! Mayboroda und
Rostowzoff hatten in der schmutzigen, niedrigen Gaststube zum weien Kreuz
vollkommen deutlich, umstndlich, und ohne allen Rckhalt sich gegen einander
ausgesprochen; jeder Zweifel an ihrem ernsten Vorsatze, zu erfllen was sie
beschlossen, wre offenbarer Wahnsinn gewesen; schaudernd sah Richard an seinem
dnnen Faden das Schwert ber den Verbndeten schweben; was sollte, was konnte
er thun, um den Fall desselben aufzuhalten, ohne vielleicht nicht auch zugleich
ber Millionen Menschen ein weit umgreifenderes Unheil herabzurufen!
    Nur einen einzigen kurzen Augenblick war der Gedanke in ihm aufgestiegen,
unter mglichst mildernden Umstnden Pestel oder Sergius mit der dem Bunde
drohenden Gefahr bekannt zu machen, und diesem dann die Abwendung derselben zu
berlassen; aber sein edleres Naturell lie eine solche Entheiligung seines
eigenen Wesens nicht zur That sich gestalten.
    Das, das, rief er ber sich selbst entrstet, das ist der Fluch jener halben
Verhltnisse, die auf dem engen zwischen Gut und Bse schwankenden Pfade in
geheimnivollem Dunkel hinschleichen, da jedes feinere Gefhl fr Recht und
Unrecht durch sie allmlig in uns abgestumpft wird; da es sich nicht mehr regt,
wenn wir strauchelnd nicht unterscheiden, auf welcher Seite unser Fu von der
schmalen Bahn abglitt. Wehe dem, der durch sie gezwungen ward, ber sich und
seine Thaten den Schleier des Geheimnisses zu ziehn! Wer nicht mehr vor Gott und
der Welt frei auftreten und laut eingestehen darf: das habe ich gethan, das will
ich thun, ist schon mehr als halb verloren.
    Ach, und wer an Wnden und Thren hinlauschend, die Geheimnisse Anderer zu
ersphen suchen mu, was ist der? Und habe ich nicht selbst so tief, und weit
tiefer noch, mich herabgewrdigt! Ich mute es! Da war kein Ausweg mehr, ich
wich dem Gebote strenger Nothwendigkeit. Aber da ich fhig war, wenn auch nur
einen kurzen Augenblick, den Gedanken zu fassen, das von mir erlauschte
Geheimni jenen Tigern zu verrathen, denen das Leben eines einzelnen Menschen
wie Spreu vor dem Winde ist! - in den Mittelpunkt der Erde mchte ich vor mir
selbst mich verbergen, wenn ich das recht bedenke.
    Der niedrige Angeber bedrngter Hausvter werden, die von huslicher Noth
schwerer That zugetrieben - o mein Gott, mein Gott! ist ihr Vorsatz denn
wirklich Verbrechen und das Gegentheil desselben Tugend zu nennen? - und bin ich
es, der ber die Unglcklichen den Stab brechen darf?

Ein einziger armer Trost, an dem er sich einigermaen ermuthigen konnte, war ihm
noch geblieben; er hatte noch acht Tage Zeit vor sich, um den Entschlu, den er
doch nothwendig ergreifen mute, zu berdenken. Acht Tage! eine kurze Frist, wie
das Gesetz zuweilen dem Verurtheilten sie zugesteht, um Abnderung des wider ihn
gesprochenen Todesurtheils zu erflehen, und whrend welcher dieser zwischen
Furcht und Hoffen tausendfltig Todesangst in Qualen der Ungewiheit erduldet.
    Zwischen Mayboroda und Rostowzoff herrschte in jeder Hinsicht die
vollkommenste bereinstimmung ihrer Ansichten und Plne. Der einzige Punkt, ber
welchen sie sich nicht gleich vereinigen konnten, betraf die Absendung des
Briefes, der die wichtige Entdeckung enthielt, welche sie als den einzigen Weg
zu ihrer eigenen Rettung betrachteten.
    Richard hrte wie sie, in vollster berzeugung unbelauschter Sicherheit, den
Entwurf jenes Briefes mit einander lasen und Punkt fr Punkt durchgingen. Das
Schreiben enthielt nicht nur die Statuten des Bundes, von dessen erster
Entstehung an bis zu der jetzigen Ausartung desselben, auch die Liste der
bedeutendsten Mitglieder war sehr umstndlich ihm beigefgt. Frst Andreas,
Eugen, Alex, waren an der Spitze als Hupter desselben neben Pestel genannt,
neben Sergius, neben Mathias Apostol, neben Bestuscheff Romin!
    Ob dieses Schreiben mit der Post geradezu an des Kaisers Majestt abgehen
solle, den ein unverbrgtes Gercht so eben in Tangarog hatte anlangen lassen,
oder dem Minister Frst ***** der in Petersburg selbst anwesend war, bergeben
werden, das war die groe Frage, ber die sie sich nicht gleich vereinigen
konnten.
    Mayboroda, als der ltere und vorsichtigere, war fr den ersteren, der
jngere heftigere Rostowzoff fr den zweiten, schneller zum Ziele fhrenden Weg.
Er fand es unendlich schwierig, ein so wichtiges Papier in so weiter Entfernung
schnell, sicher, unverletzt, in die Hnde des Monarchen zu bringen, der, im
Andrange der Geschfte, es vielleicht lange ungelesen und unbeachtet liegen
lassen wrde, indem er die Wichtigkeit desselben unmglich ahnen knne.
    Nach langem fr und wider Streiten, kamen beide mit einander berein nichts
zu bereilen, sondern ber diesen Punkt noch acht Tage Bedenkzeit sich zu
gnnen.
    Und wenn nun diese Frist verstrichen ist, wenn jene acht Tage vorber sind,
was dann? fragte Richard sich.
    Gott wird helfen! seufzte er; doch die Hoffnung, welche in jenen frommen
Worten liegt, an denen er so gern fest gehalten, fand in seinem angsterfllten
Herzen keinen Raum.

In Kmpfen mit immer steigender, immer qualvoller sich aussprechender
Unentschlossenheit, in berlegungen, welche nur zu beklemmender
Geistesdumpfheit, aber zu keinem bestimmt festzuhaltenden Resultate fhrten,
verlor Richard viel von der ihm sprlich zugemessenen Zeit, und wre vielleicht
auf gutem Wege gewesen auch den Verstand darber zu verlieren, htte er nicht,
ehe es damit zu spt war, sich gewaltsam zusammen genommen.
    Kein Ausweg! keiner! keiner! rief er: so geschehe denn was geschehen mu!
Andreas, mein Vater und mein Gebieter, ich kann Deinem Verbote nicht lnger
gehorsamen, ich kann nicht lnger Dich schonen! Mir bleibt keine Wahl, ich
breche jede Scheidewand nieder, die Du zwischen uns beide gestellt hast; gegen
Deinen Willen dringe ich zu Dir durch, und lege die Last, die ich nicht zu
lften vermag, in Deine starke Hand. Es war mein erster Vorsatz, wie es der
natrlichste ist. Was ich damit aufs Spiel setze? Ich wei es wohl! Ach wre es
nur blos mein Leben, und mit diesem Opfer alles beendet!
    Richard traf den Frsten Andreas nicht daheim; er kehrte am nmlichen Tage
in dessen Htel zurck, zwei, dreimal, zuletzt sogar zu spter Nachtzeit; immer
vergebens, er fand ihn nicht. Er berzeugte sich, da Andreas sich nicht
verleugnen lasse, wie es wohl zuweilen geschehen sein mochte, und wie Richard
auch jetzt es befrchtete; aber der Frst war wirklich seit dem Morgen dieses
Tages nicht wieder nach Hause gekommen.
    Auch bei den Damen war keine Nachricht von ihm zu erhalten; den Tag ber
fand Richard sie von Besuchen umringt, Abends war Kartenassemble bei der
Frstin Eudoxia, wodurch die Abwesenheit ihres Gemahls, der solchen Festen gern
aus dem Wege ging, freilich einigermaen motivirt wurde. Eine alte, sehr
vornehme und sehr verdrieliche Dame, deren Parthie die Tochter des Hauses
gewhnlich machen mute, weil dergleichen keinem andern zuzumuthen war, hielt
die arme Helena am Whisttische fest; und nur durch ein kleines, unmerkliches
Achselzucken, von einem tragikomischen Lcheln begleitet, konnte sie diesmal
ihren Freund aus weiter Ferne begren.
    Nach in peinlichster Sorge durchwachter Nacht wandte Richard alles an, die
Fassung zu erringen, deren er bedurfte, um heute gewi, selbst gegen den
ausgesprochensten Willen des Frsten, bis zu ihm durchzudringen. Fnf Tage, nur
noch fnf Tage! rief es unaufhrlich in seinem Innern; in unaussprechlicher
Seelenangst, mit dem Gefhle des Verurtheilten, dem der Richter das Ziel seines
Lebens, zu Stunden und Minuten berechnet, vor Augen gestellt hat, sah er den
Zeiger seiner Uhr vorwrts rcken. Da wurde ein Billet des Frsten ihm gebracht;
schon von weitem erkannte er die Handschrift: in zitternder Hast brach er es
auf.
    Sehr leid thut es mir, lieber Sohn, da Du mich gestern wiederholentlich
verfehlen mutest: schrieb der Frst: um so mehr, da vielleicht zehn bis
vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du - -
    Der Boden wankte unter Richards Fen, er vermochte nicht weiter zu lesen,
ri die Thre auf: mein Pferd, rief er berlaut, eilt, eilt als glte es auf
Leben und Tod! mein Pferd, die Droschke, um Gotteswillen eilt, eilt!
    Dann nahm er das verhngnivolle Blatt wieder zur Hand, aber die Zeilen, die
Schriftzge wogten und wirrten vor seinem unstten Blicke in und durch einander.
Glcklicher Weise hatte er schon am vorhergehenden Abend zu frher Morgenzeit
anzuspannen befohlen; ohne Zgern konnte er daher in die Droschke sich werfen,
und mit verhngtem Zgel dem Hotel des Frsten zujagen.
    Schon lange vor Tagesanbruch war Andreas mit Postpferden abgereist, keiner
der Diener wute genau wohin; Einige wollten Riga, Andre Dorpat, noch Andere
Mitau als das Ziel der Reise nennen gehrt haben; Bestimmtes wute Niemand
anzugeben; Mitchell und der Kammerdiener waren seine einzigen Begleiter.
    Eisige Klte rann schaudernd bei dieser Nachricht dem unglcklichen Richard
durch Mark und Bein; er zog den Zettel des Frsten wieder hervor, und war jetzt
im Stande weiter zu lesen.
    - zehn bis vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du uns wiedersehen:
denn ich stehe im Begriff mit Deinem Landsmann eine nothwendige Geschftsreise
anzutreten, die mich leicht so lange von Petersburg entfernt halten kann: war
der Schlu jener oben abgebrochenen Periode. Bei allen seinen Seltsamkeiten und
Langweiligkeiten: hie es ferner: kann dieser Mensch als treffliches Werkzeug
dienen, um mit seiner Hlfe ungemein viel Ntzliches fr das allgemeine Beste zu
wirken. Rechne es mir nicht zu, mein Sohn, da ich in der letzten Zeit von
meinen Lieblingsplnen zu erfllt war, deren Ausfhrung ich jetzt rasch
entgegenschreite, Du kennst mich ja! Ist Mitchell nur erst in voller Thtigkeit,
dann kommt auch Deine Zeit. Bis dahin lebe wohl, auf glckliches Wiedersehn.
    Glckliches Wiedersehn! Nacht wurde es bei diesen Worten in Richards Seele.
Er wute nicht was er zuerst ergreifen solle. Zu Eudoxia, von ihr den Aufenthalt
ihres Gemahls erforschen, und dann ihm nach, selbst ohne Urlaub, wenn es sein
mu, und kostete es Leben und Ehre. Etwas einem solchen Entschlusse hnliches
dmmerte in ihm auf. Er verga da die Sonne kaum aufgegangen sei, eilte dem von
der Frstin bewohnten Flgel zu, und fand dort noch alles in tiefe Nacht
versunken. Auer einigen mit Reinigen der Zimmer beschftigten Weibern, regte in
diesem Theile des Hotels sich fr jetzt noch keine lebende Seele.
    Unmuthig wandte er sich dem Rckwege zu - da brach dicht neben ihm ein
feines Stimmchen, hell wie ein Silberglckchen, in halb ersticktes Lachen aus;
leichtfig huschte wie auf Socken etwas an ihm vorber. Die kleine Zo war es,
Helenens zierliches Spielwerk; ein armes Griechenkind, dem sie wie einem
artigen, buntgefiederten Lieblingsvgelchen, im Innern ihrer Zimmer herum zu
flattern erlaubte, und zugleich mit groer Liebe zu ihrem persnlichen Dienste
es sich heranzog.
    Ei Herr! so frh am Tage? fragte die Kleine und schlug die langen dunkeln
Wimpern auf, um mit den groen hellen Kinderaugen ihn von oben bis unten zu
betrachten. Und sieh'st obendrein wie ein aufsteigendes Gewitter aus. Der
fahlgraue berrock, in welchem ich Dich in meinem Leben noch nicht gesehen habe,
schlottert wirklich wie eine Regenwolke um Dich her; da mu man sich ja frchten
Dir nur einen guten Morgen zu bieten! setzte Zo lachend hinzu.
    Schlft Sie noch? fragte Richard, ohne auf die kleine Schwtzerin zu hren.
    Sanft und s; denn nach Deiner Toilette, und nach dem Tone in welchem Du
frgst zu schlieen, meinst Du doch wohl unsre Amme, Frau Elisabeth, war Zos
neckende Antwort. Meinst Du aber uns etwa: so wisse, da wir in dieser schnen
Sommerzeit immer mit der Lerche auffliegen. Aber unsichtbar bleiben wir darum
doch. Bilde Dir nicht etwa ein, da Du mich wirklich jetzt siehst; Gott bewahre,
damit hat es noch einige Stunden Zeit.
    Zo, ses liebes Kind, bat Richard, der jetzt wieder zu einiger Besinnung
gelangt war, ich mu Deine Herrin sehen, sprechen, jetzt gleich; es hngt weit
Wichtigeres davon ab, als ich Dir sagen, als Du begreifen kannst. Ich beschwre
Dich bei allem, was Dir lieb und heilig ist, bei dem Andenken Deiner Mutter, bei
dem grauen Haupte Deines Vaters beschwre ich Dich, bringe mich zu ihr, nur auf
wenige Minuten.
    Zo stand vor ihm, halb erschrocken ber den Ernst, mit welchem er in sie
drang; doch ihr kindischer Muthwille gewann bald wieder die Oberhand. Sehen?
sprechen? und in dieser Regenwolkenhlle? fragte sie: machte ein altkluges
Gesichtchen, neigte das Kpfchen nach einer Seite, wendete die Flche der
kleinen in einander gefaltenen Hnde mit vorgestreckten Armen dem Boden zu, und
wiegte sich bedchtig von einem Fchen auf das Andre.
    Nein, es geht doch nicht: fuhr sie pltzlich auf: sprechen? unmglich! aber
sehen? nun es kommt darauf an, setzte sie schalkhaft lchelnd hinzu, was giebst
Du mir wenn - bist Du dumm! rief sie heftig mit dem Fue aufstampfend, indem sie
bemerkte da Richard nach der Halskette griff, an welcher er seine Uhr trug, und
wandte ihm unwillig den Rcken.
    Doch besann sie sich bald wieder eines Bessern, drckte, durch dies Zeichen
Schweigen gebietend, den Finger auf die Lippen, nickte lchelnd aus klugen Augen
ihn an, wandte sich, winkte ihm ihr zu folgen, und schritt, leise leise, auf den
Sammtpftchen eines Ktzchens, behende vor ihm her, einen Weg den er nie
gekommen war, ber schmale Treppen bald auf, bald ab, bis vor eine von innen
verhngte Glasthre.
    Dort lie sie ihn stehen, ihr beredtes bittendes Mienenspiel ermahnte ihn
nochmals zum lautlosesten Schweigen, dann verschwand sie, eben so unhrbar
leise, als sie gekommen war.
    Der in einer Ecke etwas verschobene Vorhang hinter der Glasthre vergnnte
einen berblick des sehr kleinen, kapellenartig eingerichteten Kabinets, vor
welchem Richard stand. Die Wnde desselben waren mit Marmor in verschiedenen
Farben bekleidet, eine goldne, sogenannte ewige Lampe schwebte von der
hochgewlbten Decke herab, und beleuchtete, nie verlschend, das uralte auf
Goldgrund gemalte Muttergottesbild ber dem kleinen Hausaltare von Malachit, den
kunstvolle Stickereien und die kstlichsten Spitzen aus Brabant zwar
bekleideten, aber nicht verdeckten. Frische Strue von blhenden Myrten und
weien Lilien prangten vor dem Altargemlde in gleich Diamanten blitzenden Vasen
vom reinsten Bergkrystall, und ein golddurchwirkter persischer Teppich lag unter
dem Betschemel vor dem Altare hingebreitet.
    Zu Richards finstern Gedanken, welche unablssig Tag und Nacht ihn
verfolgten, wollte diese unerwartete ihm entgegen leuchtende Pracht wenig
stimmen. Geblendet senkte er die Augenlieder; der bis zu ihm dringende Weihrauch
und Lilienduft wirkte betubend auf seine Sinne, ihm wurde sonderbar zu Muthe,
als sei nun alles berstanden, als schwebe er, von jeder Sorge entfesselt, an
der Schwelle einer hheren Welt.
    Ausruhend wollte die mde Seele in einen traumhnlichen Zustand schon sich
versenken, als ein blendenderes Licht Richards halbgeschlossene Augen fast
schmerzhaft berhrte. Er fuhr auf, die hher steigende Morgensonne hatte in
diesem Augenblicke die in alter Glasmalerei prangenden Scheiben eines groen
Fensters, dem Altare gegenber, erreicht, und bergo nun das Innere des Tempels
mit einem, in allen Farben des Regenbogens glhenden Lichtstrome.
    Jetzt erst, umgeben von diesem Meere von Glanz, wurde Richard einer wahrhaft
himmlischen Gestalt gewahr, die halb knieend in betender Stellung auf dem
Betschemel vor dem Altare hingesunken dalag. Im ersten Augenblicke glaubte er
einer Erscheinung aus hheren Sphren gewrdigt worden zu sein, denn er sah das
schne Kpfchen von einer Strahlenglorie umgeben, wie Maler ihren Heiligen sie
verleihen, um von gewhnlichen Erdenshnen und Tchtern sie zu unterscheiden.
    Es war Helena, die hier in heiliger Morgenfrhe zu Gott sich wandte, ehe sie
dem Treiben des geruschvolleren Weltlebens sich berlie. Die durch das
gefrbte Glas hinter ihr einfallenden Sonnenstrahlen, die in den noch nicht
gefesselten Locken gleichsam gefangen, jedes einzelne Haar in magischem
Lichtglanze verklrten, brachten jene anmuthige Tuschung hervor. Der brige
berschwngliche Reichthum von Locken und Flechten war grtentheils durch
eigene Schwere dem Kamme entschlpft, der ihn zusammen halten sollte, und wallte
in reizender Unordnung ber dem schneeweien, wie aus Luft gewobenen
Morgenkleide hin, das die liebliche Gestalt in breiten malerischen Falten
umflo, fast bis zu den von den zierlichsten seidenen Pantffelchen nur eben
umfangenen Spitzen der Fchen.
    Schner, lieblicher, ich mchte sagen, anbetungswrdiger, wenn das nicht gar
zu altmodisch klnge, als in dieser ungesucht-einfachen, jeden Reiz
bezeichnenden, und doch so bescheiden zchtigen Kleidung, hatte Richard seine
Helena nie gesehen. Aller Hoheit entuert, durch welche Reichthum und Rang in
der Welt sie auszeichneten, und die sie im tglichen Leben mit so viel Wrde und
Anmuth geltend zu machen wute, erschien sie ihm hier, in anspruchsloser
rhrender Einfachheit, ein Lieblingskind der Natur, leichter, jnger sogar als
sonst, ein lchelnder Engel, an der Grnze der Kindheit, mit klaren hellen
Augen, mit rothgeschlafenen Wangen, so ruhig, so heiter, als habe ihrem kurzen
schnen Leben weder Sorge noch Widerwrtigkeit jemals genaht, als ob sich und
Andere erfreuen der einzige Zweck ihres Daseins wre, als knne kein Morgen
anders als Glck verkndend ihr aufgehn.
    Die schn geformten, in dieser frhen Tageszeit weder mit Ringen noch
Spangen belasteten Hnde, ruhten zu beiden Seiten auf den Blttern des auf
Pergament geschriebenen Gebetbuchs, das in alterthmlicher Pracht, in Sammt und
Gold, Emaille und Edelsteinen prangend, auf dem Betpult aufgeschlagen vor ihr
lag; fromm und ernst hafteten ihre Augen auf den von lngst in Staub zerfallenen
Hnden zierlich gebildeten Schriftzgen. Leise flsternd, bewegte sich der
liebliche Mund in unbeschreiblicher Anmuth. Die nmlichen Gebete, in der
nmlichen Form, mit den nmlichen Worten, wie sie von Jugend auf ihr gelehrt
worden waren, strmten ihr sowohl von den Lippen, als aus dem Herzen, und dies
gerade war es, was der brigens so Hochgebildeten etwas jedes Gefhl tief
Ansprechendes verlieh.
    Vom reinsten Glauben durchdrungen, war das fromme Mdchen der festen
berzeugung, da Gott ihr Bitten verstehe, ohne da sie nach Worten zu suchen
habe, um ihm ihre Wnsche ausdrcklich auseinander zu setzen. Und so hielt sie
sich an der von Alters her ihr lieb gewordenen Formel, aus welcher ein
erquicklicher Hauch ihrer Kinderjahre ihr entgegen wehte.
    Obgleich die mit leiser, man knnte sagen, innerlicher Stimme geflsterten
Worte, zum grten Theile unvernehmlich an ihm vorberrauschten, so hrte
Richard tief bewegt doch deutlich die Namen von Helenens Eltern und
Geschwistern, wie sie nach dem vorgeschriebenen Formular der Kirche vor Gott in
Demuth sie nannte; der Name des Kaisers aber, der gleich darauf folgte, ergriff
ihn mit einer Gewalt, fr welche es schwer wre Worte zu finden. Die Kniee
brachen unter ihm zusammen, sein Herz entbrannte in unbeschreiblicher Inbrunst
zum heien Gebet um Abwendung jeder dem geliebten Herrscher drohenden Gefahr.
Jetzt aber, jetzt hrte er und glaubte zu trumen, auch seinen Namen; und seiner
selbst nicht mehr mchtig, im Gefhle schmerzlicher, Alles berwltigender
Wonne, hatte er eben nur noch Besinnung genug, diese heilige Stunde nicht durch
pltzliches Erscheinen vor der Geliebten zu entweihen.
    Einige Minuten spter rief ein leises Gerusch ihn zu hellerem Bewutsein
zurck. Zo stand, ihm winkend, in der geffneten Thre, durch welche sie ihn
frher hinein gefhrt hatte. Richard warf noch einen Blick auf den jetzt
verlassenen Platz vor dem Altare, und folgte seiner jungen Fhrerin, die leicht
wie eine Libelle vor ihm hinschwebte, immer noch den Finger auf die rosigen
Lippen gedrckt.
    Sie athmete schwerer, eine Thrne glnzte in dem groen dunkeln Auge, aber
sie blieb stumm wie das Grab, bis sie an die Stelle gelangt waren, wo sie
Richard seiner eignen Fhrung berlassen wollte; hier wandte sie sich pltzlich
gegen ihn, und sah lchelnd unter Thrnen ihn an.
    Hat Zo es recht gemacht? hat sie Dein Auge nicht erblicken lassen, was
jedem Andern verborgen blieb? fragte sie; doch ich sollte Dich schelten, setzte
sie mit aufgehobenem Finger drohend hinzu. Du, so gro, so alt! so klug, und so
ungeschickt! Hat die Frstin Dich nicht gehrt? und als sie aufgeschreckt an der
Glasthre vorbereilte, Dich sogar gesehen? Was Du eben gethan wei ich nicht,
aber sie hat darber geweint, glaube ich; wenigstens sehen ihre Augen so aus.
Und ich soll dergleichen mich nicht wieder unterfangen, gebietet sie, sonst -
Dir aber sendet sie einen guten Morgen, und dazu den freundlichsten Dank, dafr,
da Du so bescheiden Dich betragen hast. Und das ist ihr fr Dich noch nicht
einmal genug! Auch dieses soll ich Dir noch geben: zum Andenken an heute, sagt
sie.
    Mit diesen Worten reichte Zo ihm ein frisches weies Lilienblatt aus dem
Straue auf dem Altare, und war verschwunden.

Ein Schreiben von Mitchells Hand, welches Richard in seiner Wohnung vorfand,
entri ihn leider nur zu bald dem kurzen Vergessen, das nach so vielen peinlich
verlebten Tagen einige Rast ihm gewhrt hatte. Er versank von Neuem in jene
dumpfe Verworrenheit, jene immer und ewig nach einem Auswege vergeblich suchende
Unentschlossenheit, mit einem Worte, in jene innere Hlle, die er ohne
eigentliches Verschulden mit sich herum tragen mute.
    Auch dieser Brief enthielt in den ersten Zeilen die Nachricht, da Mitchell
im Begriffe stehe den Frsten Andreas auf einer Reise nach Riga, vielleicht noch
weiter, vielleicht sogar bis Memel zu begleiten. Die Veranlassung zu dieser
Reise war persnliche Besorgung sowohl des Ausladens, als des weiteren
Transports mehrerer aus England angekommener Modelle, Spinn- und Dampfmaschinen,
neu erfundenen Ackergerthes und hnlicher Gegenstnde, welche Mitchell auf des
Frsten Verlangen, mit groen Kosten und berwindung bedeutender
Schwierigkeiten, aus England hatte kommen lassen. Er bedauerte brigens sehr,
die Zeit seiner Ankunft in einer jener beiden Stdte nicht im Voraus bestimmen
zu knnen, da er und sein Reisegefhrte Willens wren, unterwegs einige in der
Nhe liegende Mhlen und andre Anstalten und Baulichkeiten zu besuchen. Endlich
ermahnte er seinen sehr geehrten Landsmann und Freund, sich des Gegenstandes
ihres letzten Gesprchs zu erinnern, denselben ja nicht aus den Augen zu
verlieren, und dabei der strengsten Verschwiegenheit, wie auch der grten
Vorsicht sich zu befleiigen.
    Der treffliche Mann schlo mit der ziemlich selbstschtigen Bemerkung, da
das Anerbieten dieser Reise ihm zwiefach willkommen gewesen wre, weil, selbst
wenn etwa whrend der Dauer derselben jener gefrchtete Sturm losbrechen sollte,
er unter dem Schutze seines mchtigen und vornehmen Reisegefhrten sich fr
vollkommen gesichert halten drfe.

So war denn Alles dem Unglcklichen unter den Hnden entschwunden, woran er
seine letzte Hoffnung zu knpfen gewagt hatte! Den Frsten einholen zu knnen,
war reine Unmglichkeit, jeder Gedanke seine Hlfe in Anspruch zu nehmen,
wirklicher Wahnsinn. Und ohnedem, durfte, konnte Richard in dieser gefahrvollen
Zeit von Helena und ihrer Mutter sich entfernen?
    In all seiner berirdischen Glorie trat noch einmal das Bild der betenden
Helena ihm vor die Seele; er meinte vor Mitleid mit ihr, und auch mit sich
selbst zu vergehen; dennoch trachtete er jedes entnervende Gefhl zu berwinden,
denn er fhlte es unlugbar, da die ganze Last, die er auf Andreas zu
bertragen Willens gewesen war, jetzt auf ihn allein zurckgefallen sei; jeder
unntz vergeudete Augenblick Zeit konnte die entsetzlichsten Folgen nach sich
ziehen.
    Unter Todesqualen htte er sein Herzblut freudig vergieen mgen, wenn damit
jene Gruel von ihr htten abgewendet werden knnen; von ihr, die er seit jener
letzten herzerhebenden Stunde inniger als jemals, gleich einer Heiligen
verehrte.
    Untergang, Schmach, Schande drohten ihr und ihrem Hause, drohten Allem, was
nur in irgend einer Beziehung ihr theuer war, und Helena in ihrer kindlichen
Arglosigkeit ging, ohne eine Ahnung davon zu haben, dem Unheil lchelnd
entgegen, das innerhalb weniger Tage ber sie hereinbrechen konnte!
    O knnte ich aus einem Leben flchten, das in so drohender Gestalt sich vor
mir ausbreitet! Drfte ich ins stille Grab mich betten, und nichts von Allem
erfahren, was auf der schweren, ber mich hingebreiteten Decke sich ereignen
mag! seufzte Richard. Doch diesen einzigen Ausweg aus aller Qual zu whlen, war
ihm versagt: er durfte nicht zugleich mit dem Leben die schwere
Verantwortlichkeit abwerfen, die jetzt auf ihm lastete!
    Mglichst ruhig und besonnen bemhte er sich nochmals die ganze Lage der
Dinge zu berdenken, zu ordnen, zusammenzustellen, was zusammen gehrte. Noch
war nichts geschehen, noch stand es bei ihm das Geheimni, das er im Gasthofe
zum weien Kreuz erlauscht hatte, zu verschweigen, zu vergessen, gnzlich zu
ignoriren. Niemand konnte auf den Gedanken verfallen, da er darum wisse; es
stand in seiner Macht jene Beiden ihr Vorhaben ungehindert ausfhren zu lassen,
und zu erwarten, was daraus erfolge.
    Dieser Erfolg - er lie im Voraus sich berechnen; das geheiligte Leben des
Kaisers blieb erhalten, abgewendet war unsglicher Jammer, Tod und Verderben von
Millionen.
    Und Frst Andreas war verloren, vernichtet! Vernichtet er und sein ganzes
Haus, Eugen, Alex, und sie, die edle frstliche Frau, welche die mit ihrer
Existenz am innigsten verzweigten Vorurtheile ihrer Kaste berwunden hatte, um
ihm eine liebendere Mutter zu werden, als die es war, an welche die Natur bei
seiner Geburt ihn gewiesen. Ach und Helena!
    Kann ich, ohne vor Grauen vor mir selbst zu vergehen, einen solchen Gedanken
nur denken, whrend die Mglichkeit, sie Alle zu retten, in meiner Hand liegt?
rief Richard laut.
    Eine einzige kurze Unterredung mit Pestel, und Alles bleibt wie es war, fuhr
er gelassner fort. Jene Beiden fallen zwar als Opfer ihres Wankelmuths. Doch sie
und ihr Geschick wiegen zu leicht, um hier in die Wage zu kommen. Hier Bedenken
tragen, hier Rcksicht nehmen zu wollen, wre schreiendes Unrecht gegen das
groe Ganze, das allein auf diesem Wege erhalten werden kann.
    Erhalten! erhalten! schrie er heftig auf: blder, kurzsichtiger Thor! was
bliebe erhalten, wo Pestel und seine Kreaturen freies Spiel haben! Dann erst,
dann gewinnen Mord und Gewalt die Oberhand, dann erst geht Alles unter, Kaiser
und Ordnung und Gesetz in einem Meere von Blut, in wilder Flamme rasender
Anarchie.
    Sie wren zwar gerettet. Doch um welchen Preis! Erschpft schwieg Richard
eine Weile; dann sprach er tief bewegt zu sich selbst:
    Und bin ich denn wirklich zu dieser grlichen Wahl berufen? Mute ich auf
jener fernen Insel in Dunkel und Niedrigkeit geboren werden, um hier ber das
Wohl und Wehe, ber die Erhaltung und den Untergang eines groen Reichs, eines
mchtigen Monarchen zu entscheiden? Ist dem so? Herr der Himmel! nun so
erleuchte du dein armes Geschpf, zeige ihm den Weg, den es gehen soll!
    Meine Wohlthter, sie die mir mehr sind, als Vater und Mutter seit meiner
Geburt mir gewesen! und Helena!
    Alles kann beendet werden ohne mich, mu ich, mu ich Schwacher hier thtig
einschreiten? Wenn nun Krankheit mein Gedchtni verwirrt htte, oder wenn ich
in jener Unglcksstunde jene Beiden nie vernommen htte? Dann wrde ich ruhig
dasitzen und sagen: komme was kommen mag, ich kann es nicht ndern. Der Bund
wre vernichtet, alles wre gerettet.
    Nur sie nicht! und die Ihrigen nicht, und es ist dem nicht so! O Gott! Gott!
ist denn bei dir kein Erbarmen mehr? Wirst du nicht durch ein Wunder das
vollkommenste Bild von dir retten, das jemals aus deiner Schpferhand
hervorging?
    Unbeschreibliche Angst verwirrte Richards Gedanken; wieder war es ihm
unmglich sie auf einem Punkte festzuhalten.
    Rettung! Rettung fr sie! o Herr des Himmels, das Wunder! das Wunder! rief
er berlaut, rang die Hnde sich blutig, warf sich nieder zum Gebete, sprang
auf, irrte blindlings mit groen weiten Schritten im Zimmer auf und ab.
    Dann rief er wieder, in halbem Wahnsinne seiner selbst nicht mehr bewut:
Rettung! das Wunder! du thust deren tglich, eins mehr eins weniger, gilt dir
gleich.
    Gott, gndiger, allgewaltiger Gott! flehte er mit herzdurchdringender
Inbrunst, indem er wieder zu einiger Besinnung gelangte: heute, als du deine
Sonne aufgehen lieest ber Gute und Bse, heute noch stieg das Gebet des
reinsten Wesens auf dieser Welt zu dir auf, o verwirf es nicht vor deinem
Throne! Sie betete fr ihre Eltern, fr den Kaiser - und auch fr mich! Du bist
allmchtig und gerecht und allbarmherzig, du mut, du wirst ihr Gebet erhren,
das wortarme Gebet, aus kindlich vertrauendem Gemthe. Das Wunder! das Wunder!
be es an mir! erleuchte meinen blden Sinn, gieb mir ins Herz, was ich thun
soll.
    So schrie der unselig Verzweifelnde zum Himmel auf, bis zur peinlichsten
Erschpfung.
    Regungslos, in sich selbst versunken, lag er da, lange, lange. Ein
zitternder, halberstickter Ton, man knnte es beinahe ein Aufschreien nennen,
entrang pltzlich sich seiner Brust. Er fuhr auf, rieb mit der flachen Hand sich
Stirn und Augen, gleich einem aus tiefem Schlafe Erwachenden, der sich zu
besinnen sucht, ob das was ihn eben qulte, Traum oder Wirklichkeit sei.
    Allmlig trat jetzt die seltsamste Vernderung seiner Haltung, seines ganzen
Wesens ein. Er richtete aus der bisherigen gedrckten Stellung sich auf, die
Brust hob sich hoch und frei in raschen Athemzgen; frische Lebensrthe frbte
das bis dahin aschenbleiche Gesicht, innere Gluth lang entfremdet gebliebener
Begeisterung flammte in seinen Augen auf.
    Sinnend schritt Richard einige Male im Zimmer auf und ab.
    Ich erflehte ein Wunder, und siehe es ist mir geworden; es geschehen deren
tglich, nur wir erkennen sie nicht. Sie recht benutzen, kostet freilich
zuweilen einen etwas hohen Preis; doch hier gilt kein Markten; ein bittres
Lcheln umkruselte, kaum merkbar, seine Lippen, indem er diese Worte halb leise
vor sich hinsprach. Dann fuhr er wieder einige Male mit der flachen Hand sich
ber Stirn und Augen, als wolle er sich ihm aufdrngende unangenehme Gefhle
oder Gedanken von sich wegscheuchen, und setzte sich an den Schreibtisch.
    Jede Spur frherer wilder Aufregung war von ihm gewichen, sein Benehmen war
ernst und gefat, wie das eines Mannes, der Wichtiges, ja selbst sehr Schweres
zu vollbringen hat, aber alles bedenkend und berlegend, entschlossen und muthig
an das Unvermeidliche geht, ohne sich, von was es immer sei, abschrecken zu
lassen.
    Die Gelehrten unter uns wissen die Entfernung der hoch ber unsern Huptern
wandelnden Gestirne zu ermessen; sie berechnen, viele Jahrhunderte im Voraus,
die Bahn des Kometen, sie ergrnden die Tiefen der Meeresklfte; doch wer
ergrndete jemals die weit furchtbareren Tiefen in einer Menschenbrust?
    Dort schlummern Gedanken; gleich den Furien der Alten ruhen sie unter dnner
Decke, lauschen unbeweglich, oft so lange als das Herz schlgt, als das Leben in
unsern Adern pulsirt, und gehen dann mit uns ins Grab.
    Aber ein Hauch ruft zuweilen sie auch wach; wehe dann dem Unseligen, in
dessen Brust ein solcher ersteht! Er ergreift ihn mit eiserner Gewalt, und lt
ihn nicht los, bis er ihn fortgerissen hat zu unerhrter That, gut oder bse,
wie die Umstnde es verlangen. Denn der Gedanke ist die hchste Gewalt, der
Tyrann, der mchtigste Gebieter des kurzen schwachen Menschenlebens, bei ihm
gilt kein Entrinnen. Unerwartet, gleich dem aus dunkler Nacht blendend
auftauchenden Meteore, leuchtet er pltzlich in uns auf, und wird der Keim zu
Begebenheiten, welche die Nachwelt, preisend oder verdammend, gleichviel, oft
nach Jahrhunderten noch bewundernd anstaunt!
    Ein solcher Gedankenblitz war es, an welchem die Fackel des noch immer als
berhmt anerkannten Mordbrenners Herostrat vor Jahrtausenden sich entzndete;
aber auch die heilige Gluth zu schwerer That begeisternder Vaterlandsliebe, in
der Brust der im Vaterhause still und einfach auferwachsenen Charlotte Corday,
die sie trieb den Dolch zu erfassen, und ihr Kraft gab, dem Tode in seiner
grauenvollsten Gestalt muthig entgegen zu gehen.
    Verloren ist, ich wiederhole es, verloren der, in dessen Brust ein solcher
Gedanke erwacht, er kommt nie davon los, bis er ihn ausgefhrt. Es ist die alte
in tausend Abnderungen sich wiederholende Geschichte vom kleinen Vogel und dem
Zauber im Blicke der Klapperschlange.
    Auch Richard war in diesem Augenblicke jener unsichtbaren Macht verfallen,
die oft zum Groen und Rechten, oft aber auch zum Gegentheile fhrt. Die
peinigende Ungewiheit war pltzlich von ihm gewichen, die gebietende Stimme in
seiner Brust bezeichnete ihm deutlich den Weg den er einzuschlagen hatte, und
fr ihn gab es keine Wahl mehr!

Gro war die Freude, mit welcher Richard noch im Verlaufe des nmlichen Tages im
Hause des Kapellmeisters Lange empfangen wurde. Zwar hatte er seit lngerer Zeit
die Schwelle seiner musikalischen Freunde nicht berschritten, und wir, meine
Leser und ich, knnen gar leicht eine gltige Entschuldigung dafr finden; doch
Richard bedurfte hier einer solchen nicht; es lag nicht in ihrer Art, durch
Furcht vor verdienten oder unverdienten Vorwrfen ihren, zuweilen etwas
flatterhaft sich zeigenden Freunden, die Rckkehr zu ihnen zu erschweren.
    Spt kommt Ihr, Doch Ihr kommt, Graf Isolani! rief Frau Karoline sehr
freundlich ihm entgegen.
    Heute doch nur um mit einem Auftrage Ihnen lstig zu werden, an dessen
pnktlicher und sorgsamer Ausfhrung zu viel gelegen ist, als da ich sie andern
Hnden als den Ihrigen anvertrauen mchte.
    Der gemessne feierliche Ton, in welchem Richard diese Worte vorbrachte, fiel
seinen Freunden auf, beide sahen forschend ihm in's Gesicht.
    Sie sind krank gewesen, rief Lange, Sie haben Verdru gehabt, rief mit ihrem
Manne zugleich Frau Karoline.
    Eigentlich beides, eins folgte aus dem andern; doch das ist nun berstanden,
bis auf eine ziemlich angreifende Nachkur, von der man freilich im Voraus nicht
genau wissen kann, wie sie anschlgt, erwiederte Richard.
    Der Kapellmeister drckte recht herzlich besorgt ihm die Hand, Frau Karoline
schttelte sehr bedenklich den Kopf; Richard fuhr indessen halb leise vor sich
hinmurmelnd und an den Fingern abzhlend fort:
    Heute wre also der vierte Tag. Schon! schon! o wie die Zeit im Galopp geht!
Heute Dienstag der vierte, morgen Mittwoch der dritte, Donnerstag - ja
Donnerstag, Freitag wre schon zu spt.
    Lieben Freunde, blickt nicht so angstvoll auf mich: sprach er, mit lauter
Stimme, anscheinend ruhig weiter; die Ausfhrung dessen was ich von Ihnen
verlangen will, ist weder schwer noch gefhrlich, doch Vorsicht, Treue, vor
allem strenge Pnktlichkeit, sind dabei unerllich. Und wo wren diese sicherer
zu finden, als bei einem so tactfesten und gerechten Manne, der selbst dem
kleinsten vierundsechszig Theilchen im schnellsten Tempo sein ihm gebhrendes
Recht widerfahren lt, setzte er hinzu, und klopfte lchelnd dem Kapellmeister
auf die Achsel.
    Doch weder auf diesen noch auf Frau Karolinen schien dieser Versuch heiter
zu erscheinen den gewnschten Eindruck zu machen; beide erwiederten ihn nur mit
Versicherungen ihrer Bereitwilligkeit jeden seiner Wnsche zu erfllen.
    Richard zog jetzt zwei versiegelte Briefchen hervor: es gilt nur diese
beiden Billette an die Adresse abzugeben, und dafr zu sorgen, da sie zur
rechten Zeit in die rechten Hnde gelangen: sprach er etwas kurz abgebrochen und
beklommen. Ich bitte Sie instndigst, merken Sie alle beide recht genau auf
meine Worte! Heute Dienstag, morgen Mittwoch - diese beiden Tage bleiben diese
Briefe in Ihrer sichern Verwahrung liegen, wenn ich nicht selbst, schriftlich
oder persnlich, sie wieder zurck fordere.
    Doch bermorgen, bermorgen ist Donnerstag! - der Donnerstag ist wunderlich;
heit es nicht so in einem alten Sprchlein? - nun dieser, den ich meine, ist
wohl einer der wunderlichsten, sprach Richard seltsam lchelnd, doch nahm er
bald wieder sich zusammen: was ich schwatze sind Kinderpossen, alte
Reminiszenzen, achten Sie nicht darauf, es gehrt nicht hierher, und kann sie
nur verwirren. Jetzt zur Sache; diese beiden Briefe bleiben heute in ihren
Hnden, morgen ebenfalls, doch Donnerstag, bermorgen! Nun auch bermorgen
bewahren Sie sie sorgfltig, bis zur Mittagsstunde. Mit dem Schlage zwlf Uhr
suchen Sie - Sie Selbst, lieber Lange, Sie selbst suchen die Person auf, welche
die Adresse dieses Billets Ihnen bezeichnet, und geben es zu eignen Hnden ihr
ab. Wo er auch immer sei, Sie suchen ihn auf; ist er nicht zu finden, so
erwarten Sie seine Zuhausekunft in seiner Wohnung. Nur da keine Zeit versumt
werde, nur da der Brief gewi bermorgen im Laufe des Tages in seine Hnde
kommt. Ist dieses vollbracht, so entsiegeln Sie sogleich dieses zweite
unbeschriebene Couvert; wie Sie mit dem in demselben befindlichen Briefe zu
verfahren haben, wird ein demselben beigeschlossner Zettel Ihnen sagen. Dies ist
Alles, alles was ich von Ihnen erbitte, anscheinend wenig, und doch so viel.
    An Obrist Pestel! rief Karoline sehr erstaunt, indem sie die Adresse des
einen der Briefe in's Auge fate.
    Was knnen Sie mit dem zu verhandeln haben? fragte eben so ihr Mann.
    Kennen Sie den Obrist Pestel? fragte Richard sehr lebhaft.
    Nicht viel mehr als blos vom Ansehn: war Langes Antwort: ich zweifle ob wir
jemals in unserm Leben mehr als ein paar Dutzend Worte mit einander gewechselt
haben. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, da Obrist Pestel zu Herrn Richard
Woods nheren Freunden sich zhlen drfe: setzte er etwas scharf betonend hinzu.
    Das ist auch wahrlich nicht der Fall! rief Richard.
    Das konnte ich erwarten, und doch freut mich es von Ihnen zu hren:
erwiederte der Kapellmeister; die Wahrheit zu gestehen, der Herr Obrist sind mir
zuwider, wie eine falsche Quinte; sehe ich ihn nur, so fhrt es mir durch Mark
und Bein.
    Sie blicken so ernst, so wunderbar, was gilts, ich habe es errathen, Sie
wollen sich mit ihm schlagen, und mein Alter soll ihm die Ausforderung bringen:
rief pltzlich Frau Karoline.
    Der Kapellmeister brach in ein berlautes Lachen aus, vor dem das Haus
erbebte. Die Troddelmtze flog von einem Ohre zum andern, er drehte sich auf
einem Beine herum, und krhte vor Wohlbehagen. Nein, das ist Goldes werth! rief
er: von mir wre man am Ende dergleichen wohl gewohnt, aber hier von meiner
kleinen Weisheit Salomonis! ein Officier wird einen alten Exkapellmeister zum
Secundanten gegen einen andern Officier sich erwhlen! Alte, das war ein starkes
Stck von Dir! nein, da versteh' ich den Comment doch noch besser!
    Auch Frau Karoline lachte herzlich auf.
    O meine Freunde, mge doch bald der Tag erscheinen, an dem ich leichteren
Muthes mit Ihnen froh sein darf! seufzte Richard! brigens hat Frau Karoline in
der Hauptsache es doch halb und halb errathen. Dieses Papier enthlt zwar keine
Ausforderung, und doch - gehe ich in dieser Stunde noch einem schweren Kampfe
entgegen; einem Kampfe der - wollte Gott, es ginge nur um Leben oder Tod. Lassen
Sie Ihre guten Wnsche mich begleiten!
    Mit diesen Worten eilte Richard hastig davon, kehrte an der Thre zurck, um
seine Anordnung wegen der Billette noch einmal in aller Krze zu wiederholen,
und entfernte sich, ohne da seine Freunde es wagten ihn aufhalten zu wollen.

Dies wre alles? Weitere Bedingungen htten Sie nicht? fragte der Minister,
Frst ***** am Ende einer langen Audienz unter vier Augen, die er dem ihm
persnlich wohlbekannten Richard auf dessen Anhalten sogleich zugestanden hatte.
    Sicherheit des Lebens und der Freiheit, ungestrter Fortbesitz des Vermgens
und der Gter jener Familie, vor allem des Oberhauptes derselben, sind alles was
ich verlange: erwiederte Richard, ehrerbietig aber fest.
    Und wenn ich, im Namen Seiner Majestt des Kaisers, diese Ihnen zugestehe,
so sind Sie bereit von der, Ihrer Aussage nach, durch einen groen Theil dieses
Reiches ausgebreiteten, hchst gefhrlichen Verschwrung mir genauen Bericht
abzustatten, und zugleich ein Verzeichni der Haupttheilnehmer an derselben
einzureichen? fragte der Minister weiter.
    Gegen das von Ihnen im Namen unsres Monarchen mir ausdrcklich und feierlich
geleistete Versprechen der Erfllung dieser Bedingung, bin ich bereit genauen
Bericht von der Verschwrung, nebst der Liste der vornehmsten Theilnehmer an
derselben zu berreichen, mu aber darauf bestehen, da beides sofort, und
mglichst schnell, im Original in die Hnde unsres Monarchen gelange.
    Sie scheinen Ihre eigne Stellung aus den Augen zu verlieren, sonst zeigten
Sie sich wahrscheinlich weniger khn: sprach der Frst.
    Ich bin khn, weil ich furchtlos bin: war Richards Antwort.
    Sie selbst sind einer der Verschwornen?
    Richard antwortete auf diese Frage nur durch ein stumm bejahendes Zeichen.
    Die Verschwrung besteht schon jahrelang, wie ich von Ihnen zu vernehmen
glaube. Eidbruch ist ein harter Entschlu. Was konnte nach so langer Zeit Sie
vermgen ihn zu fassen?
    Richard wurde ber diese Frage feuerroth, dann wieder todtenbleich; er
bedurfte einige Augenblicke Zeit, um sich zu erholen.
    Darber habe ich nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft abzulegen,
erwiederte er endlich ehrerbietig aber bestimmt.
    Eine kurze Pause erfolgte.
    Doch wie stnde es um Ihre Bedingung, wenn ich Sie jetzt hier festhielte,
whrend ich in Ihrer Wohnung Ihre Papiere in Beschlag nehmen liee?
    Hier sind meine Schlssel, sprach Richard, indem er sie dem Minister darbot,
der sie aber nicht annahm: jede Untersuchung wre indessen berflig, und
knnte nur unbefriedigend ausfallen, indem ich ber diesen Gegenstand dem
Papiere keine Zeile anvertraute, die nicht allenfalls gedruckt erscheinen
knnte. Mein eigentliches Archiv trage ich in Kopf und Herzen.
    Und dieses Archiv - es gbe wohl Mittel zu dem Inhalte desselben zu
gelangen: erwiederte der Minister streng und scharf.
    In diesem Falle giebt es nur eines, die Gewhrung der von mir
vorgeschlagenen Bedingung; denn wer Todesfurcht nicht kennt, kennt auch keinen
Zwang, antwortete Richard.
    Und doch! Sie mssen mir zugeben, da Sie in einem ziemlich verdchtigen
Lichte erscheinen; was knnte mich abhalten Sie deshalb hier auf der Stelle
verhaften zu lassen, und, ohne auf irgend eine Bedingung einzugehen, mich der
Liste der Verschworenen und des Berichtes ber die Verschwrung zu bemchtigen?
    Mein Frst! rief Richard und fuhr betroffen einige Schritte zurck, doch
fate er sehr bald sich wieder.
    Verzeihung, sprach er, da ich durch diese ganz unerwarteten Worte mich
berraschen lie: erschrecken konnten sie mich nicht! Bericht und Liste liegen,
unzugnglich jeder menschlichen Gewalt, ebenfalls auch in meinem vorhin
erwhnten Archive, sprach er lchelnd; ich erwarte nur Ihren Befehl, um sie hier
an's Licht treten zu lassen.
    Und fr sich verlangen Sie gar nichts? machen keinen Anspruch auf wohl
verdiente Belohnung?
    Wenn mein Kaiser und mein Wohlthter durch mich dem Untergange entgehen, was
bliebe mir da noch zu wnschen? erwiederte Richard, etwas vorschnell.
    Hm! sprach der Minister vor sich hin, ist es so? jetzt fange ich an den
Zusammenhang besser zu begreifen. Sie haben, wie Klugheit und Vorsicht es
gebieten, auf alle Flle sich vorgesehen, sprach er zu Richard gewendet, weit
freundlicher als vorhin; dieses kann in der guten Meinung mich nur bestrken,
die ich, seit ich in der Familie des Frsten Andreas Sie kennen lernte, von
Ihnen gefat habe. Verargen Sie dagegen den Anschein von Mitrauen mir nicht,
den ich wider Willen annehmen mute, um den mannigfaltig complicirten Pflichten
zu gengen, welche die Gnade des Kaisers mir auferlegt hat; setzte er
verbindlich hinzu.
    Beide, der Minister und Richard, wurden jetzt sehr schnell, und zu
gegenseitiger Zufriedenheit mit einander einig. Mit aller dazu gehrigen
Formalitt legte der Minister, im Namen seines Kaisers, das von ihm verlangte
unverbrchliche Versprechen in Richards Hnde nieder, der seinerseits, ohne
fernere Bedenklichkeit, auch seine Verpflichtung erfllte.
    Ein beiflliges Lcheln glitt ber des Ministers feingeformte Lippen hin,
indem er die ihm berreichte Liste der bedeutendsten Mitglieder der Verschwrung
schnell mit den Augen durchlief.
    Der also ist es! rief er, und wies auf den Namen des Frsten Andreas: und
ich habe in meiner Vermuthung mich nicht geirrt. Gestern noch htte ich Alles
was ich besitze fr die Unmglichkeit dessen eingesetzt, wovon ich hier den
Beweis in der Hand halte! Wer mag alle die Abwege im Voraus berechnen, auf
welche wir im Laufe des Lebens gerathen mgen! setzte er mit trbem Ernste
hinzu.
    Ein einziges in Ihrem Eifer von Ihnen nicht genugsam berlegtes Wort
verrieth mir vorhin dieses Geheimni; fing der Minister nach kurzem Schweigen
wieder an: jede Spur von Mitrauen, das Sie, wenn Sie einen Augenblick in meine
groe Verantwortlichkeit sich hineindenken wollen, nicht ganz ungerecht finden
werden, wurde durch diese Entdeckung beseitigt. Ich kenne den ganzen Umfang
Ihrer Verbindlichkeit gegen jene Familie, ich begreife welche edleren Motive Sie
zu dem Schritte bestimmten, den Sie jetzt thun, und alles was bis dahin mir an
Ihnen zweideutig erschien, und erscheinen mute, gewinnt nun eine andere
Gestalt. Nochmals verpfnde ich freiwillig Ihnen mein Ehrenwort, Sie sollen in
mir sich nicht getuscht sehen! Andreas wird einen Freund, einen Bruder in mir
finden, der ihn vertritt, und, so viel dieses in meiner Macht steht, vor jeder
zu herben Folge seines Fehltritts ihn schtzt.
    Auf des Ministers ausdrckliches Verlangen theilte Richard ihm nun
umstndlich mit, wie ein wunderlicher Zufall, frher als seine Freunde es
beabsichtigten, in die Geheimnisse des Bundes ihn eingeweiht habe. Er verhehlte
die warme Begeisterung nicht, mit welcher der anscheinend hohe Zweck desselben
ihn Anfangs erfllte, bis er spterhin mit Schrecken und Abscheu ihn besser
erkannte.
    Das aufmerksame Wohlgefallen, das seinen Worten geschenkt wurde, ermuthigte
ihn weiter zu gehen. Er sprach vom Frsten Andreas, von der warmen
Vaterlandsliebe seines Beschtzers, und wie dieser mit innigster Treue dem
Kaiser ergeben, nur durch seinen leidenschaftlichen Hang zu auslndischen
Erfindungen und Neuerungen verlockt, in die Schlingen eigenntziger,
herrschschtiger Bsewichter gefallen sei, von deren tiefer Verworfenheit seine
edle Natur keine Ahnung haben konnte, whrend sie sein besseres Wollen, seine
durchaus tadelfreien Absichten, in ganz entgegengesetztem Sinne auf das
schndlichste mibrauchten.
    ber dem allen war indessen viel Zeit verstrichen; der Courier, der Richards
Aussage dem Kaiser berbringen sollte, war lngst abgefertigt, der Abend brach
mit starken Schritten herein. Richard, der bis dahin gar nicht in der Zeit
gelebt hatte, wurde jetzt mit Schrecken gewahr, wie lange er hier verweilt habe,
und erhob sich unter vielen Entschuldigungen, um sich vom Minister zu
beurlauben, was dieser aber, und zwar auf das allerfreundlichste, gar nicht
zugeben zu wollen schien. Richard begriff Anfangs nicht, wie dieses zu verstehen
sei, bis endlich der Minister seine Absicht, ihn auf unbestimmte Zeit in seinem
Hause festzuhalten, deutlicher an den Tag legte.
    Zrnend fuhr Richard auf; sein Gesicht erglhte, sein Auge flammte.
    Gefangen! also doch gefangen! nachdem ich alles erfllt! nach so vielen
schnen Worten! ich Thor! ich erbrmlicher Thor! zischte er vor Ingrimm kaum
verstndlich zwischen den fest verbissenen Zhnen hindurch.
    Nennen Sie es nicht so, sprach begtigend der Minister: Sie sind mein Gast,
nicht mein Gefangener, nur fr wenige Tage mein Gast, dann sind Sie sich selbst
ganz berlassen. Doch ist es nothwendig, da bis dahin Ihr Aufenthalt bei mir
geheim gehalten werde. Bei Ihrem Chef werde ich Ihre kurze Abwesenheit unter dem
Vorwande einer, in einem Auftrage von mir bernommenen Reise, zu entschuldigen
wissen. Sie bewohnen ein Zimmer nahe an dem meinigen und nur einer, der treueste
unter meinen Dienern, auf dessen Verschwiegenheit ich bauen darf, wird Zugang zu
Ihnen erhalten, um Sie zu bedienen.
    Vortrefflich! Alles auf das beste und bequemste. Nur eine Frage erlaubt Ihre
Gnade mir wohl noch; bleibt mein Kerkermeister bei mir im Zimmer? oder darf ich
hoffen, da er sich damit begngt, die Thre meines zierlichen Gefngnisses von
auen zu bewachen? rief Richard in bittrer Ironie.
    Die Thre Ihres Kerkers, wie Sie das freundliche Zimmer nennen, bleibt von
Innen und Auen unbewacht, und Wladimir wird nur erscheinen, so oft Sie seiner
Dienste bedrfen; erwiederte der Minister etwas gereizt. Lassen Sie uns in
diesem Tone nicht fortfahren, der uns allen Beiden nicht wohl thut; setzte er
milder hinzu: glauben Sie fest, ich hege die besten Gesinnungen gegen Sie, und
werde Alles versuchen, um die gezwungene Einsamkeit, die ich whrend dieser
wenigen Tage Ihnen leider nicht ersparen kann, Ihnen so wenig als mglich
fhlbar werden zu lassen.
    Sehr gndig, sehr herablassend; doch die einzige Wohlthat, die ich jetzt mir
noch erbitten kann, wre allein bleiben zu drfen, allein, ganz allein! sprach
Richard mit dem vollsten Ausdrucke starrer Verachtung, die durch die erzwungene
Hflichkeit, welche er beizubehalten sich bemhte, nur noch fhlbarer wurde.
    Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit, die seltsame Lage in der Sie sich
befinden, und berdem ein gewisses Wohlwollen gegen Sie, dessen ich mich nicht
erwehren mag, machen mich geneigt Ihnen mehr nachzusehen, als jedem Andern;
sonst wrde das Mitrauen, das Sie gegen mich durchblicken lassen, mich tief
beleidigen. Doch Niemand kann dafr stehen, da er immer Herr seiner
Empfindungen bleiben werde, am wenigsten in so widerwrtig-unruhiger Zeit wie
die, welche jetzt mich erwartet; und ich bitte Sie darauf etwas Rcksicht zu
nehmen; sprach der Minister eindringlich ernst, aber nicht bedrohend. Erinnern
Sie sich, fuhr er fort, da ich mein Ehrenwort einsetzte, ich mu und werde es
lsen; jede Anwandlung von Zweifel wre hier die hchste Beleidigung, die als
Mensch und Edelmann mir widerfahren knnte, das mssen Sie selbst fhlen.
Deshalb ermahne ich Sie sich zu beruhigen, selbst wenn Sie nicht ganz begreifen,
warum ich so und nicht anders handle. Erwgen Sie zum Beispiel, ob nicht
vielleicht Sorge fr Ihre eigene Sicherheit mich bewegt, Sie auf kurze Zeit
unter meinen Augen fest zu halten.
    Sorge fr meine Sicherheit! wiederholte Richard fast unartig trotzend.
    O du seltsames Gemisch von Muth und Verzagtheit, von feinem Scharfsinn und
eigenwilliger Verblendung! rief halb lachend der Minister, indem er sich
anschickte, Richard sich selbst zu berlassen. Knnen Sie wirklich glauben, da
unsre heutige Unterredung noch lange ohne sehr merkbare Folgen bleiben werde?
und sollten nicht einige Ihrer ehemaligen Bundesbrder sich bewogen fhlen,
Ihnen fr Ihren Antheil daran, auf ihre eigne Weise, ihren Dank auszudrcken?
setzte er noch hinzu, ehe er sich entfernte.

Es whrte einige Zeit ehe Richard zum deutlichen Bewutsein der Lage kam, in
welche er so ganz unerwartet gerathen war. Gefangen! nach allem was zwischen ihm
und dem Minister vorgegangen, nach so vielen schmeichelhaften Versicherungen, so
vielen schnen Worten, gefangen, wirklich gefangen!
    Es schien ihm unglaublich, und doch war es nicht anders; denn wer ohne
Bewilligung eines Andern den Ort nicht wechseln darf, ist ein Gefangener, man
mge noch so geschickt einen wohlklingenderen Namen dafr aufzufinden suchen.
    Voll bittren, sehr verzeihlichen Unmuths, fing Richard jetzt an sein
Gefngni genauer zu betrachten. Die Lage desselben, am Ende eines langen
Korridors, war eine der abgelegensten in dem sehr groen Gebude; die ziemlich
hohen Fenster gingen auf einen mit Mauern umgebenen Hausgarten, ein bequemes
Schlafkabinet befand sich dicht neben dem eigentlich recht hellen und eleganten
Zimmer, beide zusammen hatten nur einen Ausgang auf den Korridor.
    Jetzt erst fiel Richard auf, da er gleich bei seiner Ankunft in dieses
Zimmer gefhrt worden war, wo alles schon im Voraus fr seinen lngern
Aufenthalt eingerichtet zu sein schien. Die Thre war von innen unverschlossen,
auen war der Schlssel abgezogen, ohne welchen man sie nicht ffnen konnte.
    Er trat hinaus auf den Korridor, lang und de dehnte dieser in schauriger
Abenddmmerung sich vor ihm aus; keine lebende Seele lie sich blicken, Niemand
der ihn am Weitergehen htte hindern wollen. Er ging, stand unschlssig still,
ging wieder; Alles um ihn her schien wie ausgestorben; schon sah er nahe vor
sich den weiten Vorplatz der zur Treppe fhrte. Wie aus den Wolken gefallen
stand jetzt Wladimir pltzlich vor ihm, ein paar brennende Armleuchter in der
Hand; bat sehr devot um Verzeihung, ihn so lange ohne Licht gelassen zu haben,
und begleitete, ihm vorleuchtend, ihn zurck auf sein Zimmer, ohne seinen Befehl
dazu abzuwarten.
    Ein Luftzug, vielleicht auch beim Hinaustreten Richard selbst, hatte die
Thre desselben zugeschlagen: Wladimir ffnete sie mit dem Schlssel, den er bei
sich trug, machte auf den Schellenzug ihn aufmerksam, bei dessen leisester
Berhrung er augenblicklich zur Erfllung seiner Befehle herbei eilen werde,
zeigte ihm wie bei Nacht, zu grerer Sicherheit, seine Thre von innen zu
verriegeln sei, erklrte das innige Bedauern seines mit dringenden Geschften
berhuften Herrn ihn heute Abend nicht mehr sehen zu knnen, und lie ihn
endlich allein.
    Erbittert ber alle diese Anstalten ihn tuschen zu wollen, eilte Richard
zur Thre, um den Riegel vorzuschieben; sie war unverschlossen geblieben, wie
zuvor, doch er kannte jetzt die Grnze genau, die seiner scheinbaren Freiheit
gestellt war.
    Tausend wechselnde Gefhle strmten auf ihn ein; es ward ihm schwer sie
genugsam zu bemeistern, um zu ruhigem Nachdenken gelangen zu knnen, wozu der
Stoff von allen Seiten sich ihm entgegen drngte. Ihm schwindelte, wenn er den
gewaltigen Unterschied zwischen gestern und heute erwog, wenn er die ungeheure
Bedeutung des Schrittes bedachte, den er ohne Zgern, von einem unerklrlichen
Impuls getrieben, gewagt, den er noch jetzt nicht unterlassen wrde, wre er
noch zu thun, so mchtig fhlte er noch immer sich dazu getrieben.
    Ihm grauste vor sich selbst; Verrther, Wortbrchiger, Eidbrchiger! hallte
es unaufhrlich in seinem Innern wieder. So werden Tausende fortan mich nennen
und mir fluchen, wenn was ich gethan ruchbar wird, und die Folgen davon ber sie
hereinbrechen; rief er: und kann ich mir selbst ablugnen, da ich es bin? und
wie ist es mglich da ich keine Reue empfinde? Die gute Absicht kann keine
ungerechte Handlung entschuldigen, lehren unsre Moralisten; ich htte diesen
Ausspruch nicht aus den Augen lassen, ihn besser bercksichtigen sollen. Doch wo
lebt der Schriftgelehrte, der in diesem Falle entscheiden knnte, auf welcher
Seite Recht oder Unrecht liegt?

Dumpfe, unbestimmte Gerchte gingen am folgenden Morgen leise flsternd durch
ganz Petersburg; berall stie man auf bedenkliche Gesichter, berall wurden
geheimnivoll-ngstlich wichtige Entdeckungen, bei Nacht vorgenommene
Verhaftungen angedeutet, und doch wagte Niemand ber das, was er dachte oder
wute, sich deutlicher auszulassen. Ein eigner Geist der Unruhe hatte sich der
Einwohner der prachtvollen Kaiserstadt bemchtigt, und trieb sie von und zu
einander, als htten sie etwas sehr Wichtiges zu besprechen, und doch scheute
sich Jeder vor dem Anfange.
    Kapellmeister Lange und seine Frau machten hierin keine Ausnahme; im
Gegentheil, ihre Angst, ihre Unruhe stieg von Minute zu Minute, bis der lebhafte
Kleine endlich beschlo sich auf's Recognosciren zu begeben; denn die Furcht,
da Richards Besuch, und der so dringend ihm empfohlene geheimnivolle Auftrag
desselben, mit der seltsamen allgemeinen Stimmung in Verbindung stehen msse,
drngte immer unwiderstehlicher sich ihm auf.
    Zuerst begab er sich in Richards Wohnung. Der alte Diener desselben kam mit
ngstlichen Fragen nach seinem Herrn ihm entgegen; seitdem dieser am vorigen
Tage das Haus verlassen, hatte er dasselbe nicht wieder betreten; Boris war
dergleichen von seinem Herrn nicht gewhnt, er hatte bei Caffarelli und an allen
Orten, die er gewhnlich zu besuchen pflegte, ihm nachgefragt, und immer
vergebens.
    Der Brief an Pestel fiel bei dieser Nachricht dem Kapellmeister schwer aufs
Herz; Angst und Sorge trieben ihn, die ihm unbekannte Wohnung des Obristen
aufzusuchen; nach vielem hin und her Fragen wurde sie ihm endlich in einem sehr
entlegenen Theile der Stadt nachgewiesen; der Ton, mit welchem dieses von ihm
ganz Unbekannten geschah, wrde zu jeder andern Zeit ihm noch mehr aufgefallen
sein als jetzt; doch konnte er nicht umhin, ihn zu bemerken.
    Ohne sich dadurch weiter stren zu lassen, eilte er die Treppe hinauf, und
fand die Thre nicht nur verschlossen, sondern auch versiegelt. Eine starke
Wache hielt sie von auen besetzt, fragte laut und barsch nach seinem Begehren,
und schien nicht abgeneigt ihn selbst festzuhalten, wehalb er, ohne mit Reden
und Gegenreden sich weiter abzugeben, das Freie suchte, und herzlich froh war,
als er sich wieder auf der Strae befand.
    Um nichts unversucht zu lassen, begab er sich noch ganz an das andre Ende
der ungeheuern Stadt, in das Hotel des Frsten Andreas; doch auch hier wollte
seit vielen Tagen Niemand von seinem Freunde etwas gesehn oder gehrt haben;
brigens war der Frst noch nicht von der Reise zurck, wurde aber in diesen
Tagen erwartet.
    Mde, bleich, niedergeschlagen, wie Frau Karoline ihn noch nie gesehen,
langte er nach Verlauf mehrerer Stunden wieder zu Hause an, um Rapport
abzustatten.
    Jetzt, wie die Franzosen zu sagen pflegen, bin ich am Ende meines Lateins!
seufzte er, als er damit fertig war. Jetzt, Du meine liebe Hausehre, zeige, da
Du eine kluge Frau bist, sage, was fangen wir an? Freilich ist heute erst
Mittwoch, der Tag, an dem wir nach seiner Anordnung uns still und ruhig
verhalten sollen; morgen erst bricht der Donnerstag an, der wunderliche, wie der
wunderliche Freund selbst wunderlich genug ihn nannte. Doch Pestel ist in
Arrest, keine Aussicht vorhanden, dieses Schreiben morgen in seine Hnde zu
bringen. Richard ist vielleicht dem schweren Kampfe unterlegen, dem entgegen
gehen zu mssen, er uns gestand, als er uns gestern verlie. Vielleicht ist er
aber auch noch zu retten, wenn die rechten Mittel schnell ergriffen werden; nun
aber sind wir, seine Freunde, im Dunkeln, whrend ihm jeder Aufschub
lebensgefhrlich werden kann; was thun wir, wo ist Rath zu finden?
    Hier, erwiederte Frau Karoline nach kaum Minuten langem Besinnen, indem sie
Richards beide Briefe hervorsuchte: ob wir heute oder morgen unsre
Verhaltungsregeln erfahren, darauf kommt wenig an; setzte sie hinzu, indem sie
mit rascher Hand das unbeschriebene Couvert erbrach.
    Es enthielt ein versiegeltes Schreiben an den Frsten Andreas, und die an
Lange gerichtete Bitte, dasselbe nicht nur verabredeter Maen zur bestimmten
Zeit sicher an die Adresse zu bringen, sondern auch den Brief an den Obrist
Pestel, im Falle da er diesen nicht habe bestellen knnen, dem Frsten zu
bergeben. Sollten aber, hie es am Schlusse, unerwartete Ereignisse eintreten,
welche auch dieses verhinderten, oder der Frst von seiner Reise noch nicht
wieder heimgekehrt sein, so ersuche ich Frau Karolinen, in eigner Person, unter
irgend einem Vorwande, sich zur Prinzessin Helena zu begeben, und beide Briefe,
in meinem Namen, zur Verfgung darber ihr heimlich zuzustellen.
    Nun Gott Lob! rief der Kapellmeister: nun wei man doch wenigstens
einigermaen wie oder wo. Unerwartete Ereignisse sind, dchte ich, zur Genge
eingetreten; wie wre es daher, Alte, wenn Du Dich gleich aufmachtest?
    Das bin ich sehr gesonnen; erwiederte Frau Karoline pathetisch, die, sobald
ihr nur einigermaen leichter um's Herz wurde, nach gewohnter Art in ihre
theatralische Manier verfiel, und diesesmal dem Marquis Posa die Antwort auf der
Prinzessin Eboli Frage, ob er sie umbringen will, abborgte. Viel Zeit auf ihre
Toilette zu verwenden, war in solchen Fllen nicht die Sache der immer zierlich
und anstndig gekleideten Frau, und so kam sie denn in mglichst kurzer Zeit vor
dem Hotel des Frsten an.
    Doch weiter zu gelangen war nicht so leicht; die Ruhe die noch whrend des
Kapellmeisters kurzer Anwesenheit hier geherrscht hatte, war verschwunden. Unter
der Dienerschaft gab es viel hin und her Laufens, in allen Ecken steckten sie
zischelnd die Kpfe zusammen, nach rzten wurde ausgesandt, Jemand, hie es, sei
pltzlich erkrankt, Einige nannten die alte Amme, Andre die Frstin Eudoxia
selbst; Frst Andreas war noch immer abwesend.
    Niemand bezeigte sich sonderlich geneigt um die fremde Frau sich zu
bekmmern, oder auch nur ihr Rede zu stehn. Beleidigt, zornig, verlegen, wute
sie nicht ob sie zum Gehen oder Bleiben sich entschlieen solle, doch zum Glck
kam die junge Zo des Weges, und erlste sie aus dieser immer unangenehmer
werdenden Lage.
    Nur ein einzigesmal hatte die Kleine, unter dem Schutze der Amme, einem
groen ffentlichen Konzert beigewohnt, das zu einem wohlthtigen Zwecke gegeben
worden war, und das noch immer, als hell leuchtender Lichtpunkt ihres kurzen
einfrmigen Lebens, in der Erinnerung ihr vorschwebte. Nicht wenig entrstet,
die bewunderte Knstlerin, die damals sie entzckt hatte, so verlassen mitten
unter dem rohen Bediententro stehen zu sehen, eilte sie sogleich auf sie zu,
fragte sehr bescheiden nach ihren Befehlen, und fhlte sich wirklich geehrt, als
Frau Karoline ihren Vorschlag annahm, ihr auf ihr Zimmer zu folgen, um dort die
Prinzessin Helena zu erwarten, die fr jetzt noch bei ihrer Mutter sich befand.
    Sie hatte vollauf Zeit sich auf diese Zusammenkunft vorzubereiten; denn eine
Viertelstunde nach der andern verlief, ohne da sich etwas anderes sehen lie,
als Zos freundliches Gesichtchen, das von Zeit zu Zeit in der Thre sich
zeigte, um sie um Verzeihung zu bitten und zugleich zur Geduld zu ermahnen, die
fest zu halten, schwer zu werden begann.
    Im geselligen Umgange mit geistig ausgezeichneten Frauen, vor allen mit
Knstlerinnen, schwindet bei Mnnern aus den hheren, selbst aus den hchsten
Stnden, der Unterschied des Ranges; daher war Frau Karoline in ihrem Hause
daran gewhnt, mit allen, die Zutritt in dasselbe erlangten, auf gleichem Fue
umzugehen, sie wohlwollend zu empfangen, und ihre Huldigungen sich dagegen
gefallen zu lassen. Die hochtnenden Titel ihrer vornehmen Gste glitten im
lebhaften Gesprche eben so leicht und unbefangen ihr ber die Zunge hin, als
die Namen ihrer nur durch Talent und Geist ausgezeichneten Freunde. Doch bei
ihrem eignen Geschlecht war dieses nicht so ganz der Fall, und konnte es fglich
nicht sein; wehalb sie auch von jeher gern vermieden hatte, mit Damen von hohem
Range in Berhrung zu gerathen.
    Erziehung, Konvenienz, Etikette, richten zwischen diesen und andern Frauen
eine Scheidewand auf, welche mit Grazie zu umgehen, von beiden Seiten nur sehr
wenigen gegeben ist. Beim besten Willen von der Welt wissen in solchen Fllen
die vornehmsten Damen nur selten das juste milieu richtig zu treffen; sie thun
zu viel oder zu wenig, whrend die Furcht, durch scheinbare Zudringlichkeit sich
selbst etwas zu vergeben, die andre Partei abhlt, durch Entgegenkommen auf
halbem Wege sich und ihnen die ersten Schritte zu erleichtern.
    Bei allen ihren brigen trefflichen und liebenswrdigen Eigenschaften,
machte Frau Karoline in dieser Hinsicht keine Ausnahme von der allgemeinen
Regel. Ohnehin hatte sie entweder nie geduldig warten gelernt, oder doch aus
Mangel an bung es wieder vergessen, und so war sie denn jetzt in einen Zustand
von Mimuth und Reizbarkeit hinein gerathen, der mit ihrem eigentlichen Wesen im
vollkommensten Widerspruche stand.
    Nur fr die liebe Langeweile, wie man gewhnlich zu sagen pflegt, fing sie
an von der Prinzessin, die so lange auf sich warten lie, ein durchaus nicht
schmeichelhaftes Bild sich zusammenzusetzen, und war eben im Begriffe diesem die
letzte Vollendung zu geben, als die lang Erwartete am Ende doch unerwartet vor
ihr stand, ihre Hnde ergriff, sie neben sich auf's Sopha zog, ihr langes
Ausbleiben mit dem pltzlichen Unwohlsein ihrer Mutter entschuldigte, und
zugleich um Verzeihung bat, da sie hier ihren Besuch annhme, und nicht in ihr
eignes Zimmer sie fhre.
    Hier darf ich erwarten ungestrt mit Ihnen zu bleiben: sprach sie: und da
ich jeden Augenblick wieder zu meiner Mutter abgerufen werden kann, so ist es
mein sehr verzeihlicher Wunsch ohne Aufschub zu erfahren, auf welche Weise ich
hoffen darf Ihnen ntzlich zu werden. Ich will nicht erwhnen, da ich seit
lngerer Zeit als Knstlerin Sie ehre und bewundere; das ist etwas worin sich
wenigstens die halbe Stadt Petersburg mit mir theilt; aber unser beider Freund,
Richard Wood, hat sie meinem Herzen weit nher gebracht, als Ihre Kunst es
knnte, so bewundernswrdig sie auch ist; und ich freue mich der Gelegenheit
Ihnen dieses sagen, und hoffentlich auch beweisen zu knnen.
    Wie Frhlingsschnee vor der warmen Sonne, wie Spreu vor dem Winde, kurz wie
alles leicht Vergngliche in der Welt, schwand vor Helenens hinreiender
Liebenswrdigkeit nicht nur jede unbehagliche Empfindung aus Karolinens leicht
beweglichem Gemthe, sondern sie empfand auch bereuend das Unrecht welches sie,
wenn gleich nur in Gedanken, ihr angethan und htte es ihr laut abbitten mgen,
wenn dieses thunlich gewesen wre. Wenigstens lie sie von ihrem regen Gefhle
zu einem Ergusse von Vertraulichkeit gegen die schne Freundin ihres Freundes
sich hinreien, der bis dahin gegen eine Dame von so hohem Range ihr unmglich
gednkt hatte. Eine Ahnung des Verhltnisses zwischen jenen beiden stieg,
ungeachtet seiner Unwahrscheinlichkeit, in ihr auf. Sie gestand, da nur Sorge
um Richard sie zu der Prinzessin getrieben, und helle Thrnen, die sie kaum
zurck zu halten vermochte, perlten dabei in den guten treuen Augen der kleinen
Frau.
    Auch ich habe seit vielen Tagen nichts von ihm vernommen; gesehen habe ich
ihn zwar gestern frh, doch ohne ihn zu sprechen. Das darf uns aber weiter nicht
beunruhigen, liebe Madame Lange: erwiederte Helena sehr weich und freundlich. Er
ist Militair und die Pflichten seines Standes treten zwischen ihm und seinen
Freunden oft sehr gebieterisch ein. Wie ich zufllig hrte, ist er in einem
wichtigen Auftrage seines Chefs versendet.
    Mein Mann suchte ihn diesen Morgen in seiner Wohnung auf; seit gestern
Vormittag haben seine Diener nichts von ihm vernommen, nichts von einer Reise.
Nicht den unbedeutendsten Befehl haben Sie von ihm erhalten, der auf eine solche
Bezug haben knnte: sprach Karoline, ihre Stimme zitterte merklich; Helena sa
neben ihr, bleich wie ein Marmorbild.
    Sie wissen mehr als die: flsterte sie in namenloser Angst: bedenken Sie es
wohl, wir wuchsen mit einander auf, er ist der Bruder meines Herzens, meiner
Wahl; kann irgend ein lebendes Wesen auf Erden es besser mit ihm meinen als ich?
Theure, theure Freundin meines Freundes, zgern Sie nicht, sagen Sie mir Alles!
Sie haben einen Auftrag an mich, Sie sollen vielleicht auf etwas Entsetzliches
mich vorbereiten; o reden Sie, sprechen Sie es aus, frchten Sie nichts, ich
ertrage alles, nur nicht diese peinlich langsam zgernde Qual!
    Helena hatte anfangs Karolinens Hnde bittend ergriffen, dann ihren Nacken
umschlungen, dann sie an sich gezogen, fest, immer fester; Karoline fhlte das
ngstlich pochende Herz an ihrem Busen schlagen, sah dicht vor sich das schne
bleiche Gesicht, das Auge voll heier Liebesbitte, und war ohne weitere
Erklrung die Vertraute des reinsten innigsten Liebesbundes geworden.
    Und so entsagte sie fortan jeder Bedenklichkeit, die sie bis dahin noch
abgehalten, alles was sie auf dem Herzen hatte, frei und offen auszusprechen.
Umstndlich, und doch fr ihre Zuhrerin noch immer nicht umstndlich genug,
trug sie jedes Wort ihrer letzten Unterredung mit Richard ihr vor, beschrieb
sein seltsames ungewhnliches Benehmen, wiederholte die fast verworrenen Reden,
die ihm, gleichsam unwillkrlich entschlpften. Helena hing indessen an ihren
Lippen, an ihren Augen, als glte es dem Glck ihres ganzen Lebens, da kein
Ton, kein Blick ihrer Aufmerksamkeit entginge.
    Und so verlie er uns, indem er die Besorgung seiner beiden Briefe uns
nochmals dringend empfahl: endete Karoline: wohin er sich gewendet, ist uns
unmglich zu errathen. Sorge um ihn, die seltsamen Gerchte, welche dumpf und
bengstigend die Stadt heute durchziehen, vereint mit der Verhaftung des Mannes,
an welchen einer dieser Briefe gerichtet ist, haben uns bewogen die Erfllung
seines Auftrages um einen Tag zu beschleunigen. Seit ich Sie gesehen, bin ich
ber diesen Schritt beruhigt, und lege alles vertrauensvoll in Ihre Hnde,
setzte sie noch hinzu, indem sie die beiden Briefe nebst dem Zettel, in welchem
Richard an Helena sie gewiesen, ihr bergab.
    Wie jetzt alles steht, haben Sie das Beste erwhlt: erwiederte Helena,
schwer aufathmend, mit erzwungener Fassung: auerordentliche Ereignisse scheinen
wirklich im Anzuge zu sein, und was uns Allen bevorsteht, kann Niemand
vorhersehen. Doch kommt mein Vater hoffentlich noch heute; dann lege ich gleich,
in der ersten Stunde, alles in seine Hnde, und Sie und ich sind jeder
Verantwortlichkeit enthoben, was in solchen Fllen fr unser Geschlecht immer
das Rathsamste ist: setzte sie mit einem Lcheln hinzu, das wie ein Sonnenstrahl
in das Herz ihrer Zuhrerin drang.
    Zo erschien in diesem Augenblicke um zu melden, da die Frstin Eudoxia
ihre Tochter mit Ungeduld erwarte.
    Sie hren es, liebe Madame Lange, andere Pflichten rufen mich jetzt, aber
wir sehen uns wieder, und das bald. Sie haben Ihr Vertrauen an keine Unwrdige
verschwendet, und vielleicht zugleich einen tieferen Blick in mein Herz gethan
als - errthend stockte sie, umarmte ihre neue Freundin, und eilte davon, von
weit schwereren Vorgefhlen gedrckt, als sie es sich selbst gestehen mochte.

Lngst schon war Helena, ungeachtet ihrer groen Jugend, in die Geheimnisse
ihres Vaters eingeweiht gewesen; beide wuten nicht genau, wann oder wie sie
dazu gelangte: es war eben ganz allmlig, gleichsam von selbst dazu gekommen.
    Frst Andreas war von seinen patriotischen Ideen fr die Verbesserung der
allgemeinen Wohlfahrt zu erfllt, um im engeren Kreise seiner Familie und
vertrauten Freunde sie nicht vorzugsweise zum Gegenstande der Unterhaltung zu
whlen; und die warme Theilnahme, mit welcher seine jngste Tochter ihm ihre
Aufmerksamkeit zuwandte, whrend er oft den Anflug von Langerweile sich nicht
ganz verbergen konnte, welcher bei seinem etwas breit gedehnten Vortrage des
oftmals Gehrten den brigen Theil seiner Zuhrer zuweilen berkam, erhob die
Kleine gar bald zum Hauptgegenstande seiner vterlichen Liebe und Sorgfalt.
    Mit Entzcken sah er die junge Pflanze unter seinem Schutze an ihm
emporranken, immer herrlicher sich entfalten, immer inniger mit seinem
eigentlichsten Wesen sich verzweigen. Von ihm geleitet, entwickelte Helena nicht
nur die edelsten und liebenswrdigsten Eigenschaften ihres eignen Geschlechts,
sondern auch solche, die von demselben, in diesem hohen Grade kaum erwartet
werden: Muth und Geistesgegenwart in dringender Gefahr, unbestechliche
Urtheilskraft unverbrchliche Verschwiegenheit, und jenes tiefe ritterliche
Gefhl fr Ehre, das den Mann zum Helden erhebt.
    Helena, durch Lehre und Beispiel ihrer Mutter darin bestrkt, sah ihrerseits
von ihrer frhesten Kindheit an in ihrem Vater das Bild der segnenden Gottheit
auf Erden. Mit jener kindlichen Piett, die einen Grundzug im Charakter ihres
Volks ausmacht, hing sie an ihren beiden Eltern, in inniger Verehrung und Liebe,
und htte den kleinsten Zweifel an das Urtheil, an den edlen hohen Sinn ihres
Vaters, sich nie und nimmermehr verziehen.
    Nie kam es ihr in den Sinn mehr erfahren zu wollen, als er ihr mitzutheilen
fr gut fand; daher kannte sie von den Geheimnissen des Bundes nur die glnzende
Seite, die mit des Frsten Plnen und Unternehmungen in Zusammenhang stand, und
mochte nicht mehr davon wissen, wenn gleich mancher Argwohn der Kehrseite
desselben sich zuweilen ihr aufdrngen wollte. Sie bauete mit Zuversicht auf
ihren Vater, der wohl wisse was recht und erlaubt sei; er aber trug eine Art
religiser Scheu davor, ihre reine Phantasie mit Bildern von Greuelthaten zu
beflecken, deren Ausfhrung abzuwenden, stets in seiner Macht stehen wrde, wie
er whnte.
    Im festen Vertrauen auf die unbegrenzte Liebe, den unbedingten Gehorsam
seiner Kinder, auf die treue Anhnglichkeit seiner Gemahlin, war Frst Andreas
wenig daran gewhnt, in ihrer Gegenwart sich den mindesten Zwang in der
Unterhaltung anzuthun, oder seine Worte abzuwgen; und so hatte denn die Frstin
ihrerseits aus halbverstandnen uerungen sich manches zusammengesetzt. Das
Einzige, worber sie zu einer Art von Gewiheit gelangte, war das Dasein eines
geheimen groen Vereins, an dessen Spitze ihr Gemahl mit allen seinen
wohlthtigen Plnen und Projecten sich gestellt hatte.
    Sie sah voll inneren Jubels dem Tage sehnschtig entgegen, an welchem der
geliebte Mann wie ein gottbegabter Wunderthter auftreten und die Schaaren
seiner Widersacher, an welchen es ihm, wie sie wute, nicht fehlte, vor sich
niederschlagen wrde. Die vor einigen Tagen in Mitchells Begleitung angetretene
Reise schien ihr gleichsam nur eine letzte Vorrichtung, eine Art Vorspiel zu der
groen Haupt- und Staatsaction zu sein, deren Entwicklung sie bei des Frsten
Heimkehr, in den nchsten Tagen, stolz und erwartungsvoll entgegen sah.
    Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als Eudoxia eines Morgens, zwischen
Schlaf und Wachen, den ihrem Gemahl bevorstehenden Triumph auf das glnzendste
sich ausmalte, bis eine Schreckensgestalt pltzlich ihre beglckenden Trume
verscheuchte. Die noch immer halbkranke Amme war es, die gefolgt von dem Heere
von Kammerfrauen zu ihr eindrang; mit verzerrtem Antlitz, zitternd, bis zum
Unkenntlichen entstellt, trug sie ihr in heulendem Tone die wunderlichsten
Gerchte vor, die bis in ihr abgelegnes Zimmer so eben gedrungen waren. Von
Verhaftungen, von ausgebrochnen Unruhen in der Stadt, von revolutionairen
Bewegungen war die Rede. Die Namen des Frsten, vieler Groen, und auch Richard
Wood wurden bei dem Allen genannt. Einzelne Unbekannte, in Hut und Mantel tief
Verhllte, sollten beim Portier eifrig und ngstlich nach des Frsten Heimkehr
sich erkundigt haben.
    Die Frstin starrte die Unglcksverknderin an, begriff aus ihren
verworrenen und verwirrenden Reden nur, da etwas hchst Unglckliches sich
zugetragen habe, und sank vom Schrecken bermannt in Ohnmacht hin. Die
Kammerfrauen, die sich der Amme nach, hinter den Vorhngen des Alkovens
zusammengedrngt hatten, brachen in berlautes Wehklagen aus. Die Verwirrung
wurde gro, sie wre noch grer geworden; doch Zo, die von jugendlicher
Neugier getrieben, berall, wo etwas Ungewhnliches vorging, zugegen war, hatte
glcklicher Weise Besinnung genug, ihre Gebieterin herbeizurufen. Helena
erschien; und obgleich selbst innerlich beunruhigt, behielt sie doch Fassung
genug dieses zu verbergen, und dem unnthigen Gelrme zu steuern. Die Frstin
erholte sich aus ihrer tiefen Ohnmacht und gelangte, unter dem trstlichen
Zureden ihrer Tochter, bald wieder zu einer Art von Beruhigung, die nicht wieder
unterbrochen wurde, weil Helena Sorge trug, alles was diese stren konnte, von
ihr fern zu halten.
    Es fehlte nicht daran; die Nachricht von dem pltzlichen Erkranken der
Frstin hatte unter ihren nheren Bekannten sich schnell verbreitet. Ein eben
nicht gefahrdrohendes Krankenbett ist in der hheren Societt, besonders an
solchen Tagen wie dieses einer war, der willkommenste Versammlungsort; von allen
Seiten strmten Besuche herbei, welche in dem an das Schlafgemach der Frstin
anstoenden Zimmer von Helena empfangen wurden. Die eigentliche Absicht
derselben war, ihrer Herzensbangigkeit in Vermuthungen Luft zu machen, ihre
Neuigkeiten gegen andre einzutauschen, und nebenbei in diesem Hause sich ein
wenig auf Kundschaft zu legen, dessen abwesender Gebieter die allgemeine
Aufmerksamkeit, wenn gleich ganz im Stillen, nicht wenig beschftigte.
    Die Conversation wurde sehr lebhaft betrieben, ohne ein befriedigendes
Resultat zu gewhren; einige einzelne, meistens im Militair vorgefallene
Verhaftungen ausgenommen, deren Veranlassung noch nicht bekannt worden, war eben
keine besondere Thatsache vorhanden. Im uern herrschte berall scheinbare
Ruhe; wie es im Innern mancher Brust damit stand, sah nur Gott! Schwer und
dster hing der Himmel gleich einem Leichentuche ber der glanzerfllten
Kaiserstadt; Jeder empfand die bange, bengstende Stille vor dem Ausbruche eines
alles zerschmetternden Orkans; auch Helena! sie hatte an diesem Morgen Namen
gehrt, Anspielungen, Vermuthungen vernommen, welche die Sehnsucht nach der
Rckkehr ihres Vaters beinahe bis zum Unertrglichen steigerten, und mit
bedrckenden Vorahnungen sie erfllten.
    Nie zuvor in diesem Grade hatte sie die Sehnsucht nach einer theilnehmenden
Seele empfunden, nie unter den, nur fr das Salonleben erzogenen jungen Damen
ihres Standes, eine solche gefunden oder gesucht. Ihr Vater, ihr Bruder Eugen
und Richard erfllten allein ihr Gemth, alle Drei waren jetzt fern, und sie
mute als eine wahre Gunst eines freundlichen Geschickes es annehmen, da es
gerade heute, wo sie zum erstenmal so ganz vereinsamt sich fhlte, Frau Karoline
ihr zufhrte.

Auch Richard lag indessen nicht auf Rosen. In ununterbrochener Einsamkeit der
qulendsten Ungeduld Preis gegeben, brachte er eine Reihe von Tagen zu, die ihm
zu Wochen sich ausdehnten. Tglich hielt er um eine Audienz beim Minister an,
die unter dem Vorwande, ber keine Minute frei disponiren zu knnen, ihm eben so
oft abgeschlagen wurde.
    Ermahnungen, sich nicht zu beunruhigen, Versicherungen, da alles nach
Wunsch gehe, sollten jedesmal den widerwrtigen Eindruck dieser sich stets
wiederholenden Antworten mildern, doch sie verfehlten gnzlich ihren Zweck.
Emprt ber die Behandlung des Ministers, die er hinterlistig nannte, hatte
Richard allen Glauben an ihn verloren; von allem was auerhalb der vier Wnde,
die ihn einschlossen, vorging, gelangte kein Laut bis zu ihm; und so brtete er
ganz allein ber sich selbst und tausend Mglichkeiten, eine immer grausiger als
die andre, besonders wenn er an das Schicksal jener beiden Briefe dachte, die er
dem Kapellmeister Lange bergeben hatte.
    Es waren schwere, trbe Tage fr ihn, aber sie zogen auch vorber, wie alles
Leid und alles Glck unsers Lebens.
    Der an den Kaiser abgefertigte Courier kehrte zurck, und der Minister
sumte nicht dem Gefangenen seine Freilassung, nebst des Monarchen Genehmigung
der von demselben vorgeschlagenen Bedingung selbst zu verknden. In den
schmeichelhaftesten, seiner Versicherung nach vom Kaiser selbst gewhlten
Ausdrcken, sprach er zugleich den Dank desselben fr den ihm und dem Reiche
geleisteten groen Dienst aus, und Richard hatte von dem Augenblicke an alles
vergessen, was er in diesen Tagen gelitten, allen Groll, den er gegen den
Minister im Herzen getragen.
    Indessen war es doch wohl nur Hflichkeit, die ihn bewog, seinen whrend
seiner Gefangenschaft oft sehr deutlich geuerten Unmuth zu entschuldigen zu
suchen, denn in seinem Gewissen war er darber sehr ruhig; er glaubte jetzt, von
jeder ferneren Verpflichtung befreit, sich endlich entfernen zu drfen, und
wurde zu seiner nicht geringen Verwunderung abermals daran verhindert.
    Diesesmal ist es auf keine zweite Gefangenschaft abgesehen, wie Sie meine
harmlose Verlngerung Ihres Besuches ungerecht genug zu nennen beliebten; sprach
der Frst ungemein freundlich: aber glauben Sie denn, da unser Kaiser gewohnt
sei, ihm geleistete, wichtige Dienste, gleich dem Ihrigen, mit bloen kahlen
Worten zu belohnen?
    Und bin ich durch des Kaisers Anerkennung und die Bewilligung meiner Bitte
nicht schon berschwnglich belohnt? rief Richard.
    Was Sie fr den geliebten Monarchen und unser Vaterland gethan, ist von weit
bedeutenderen Folgen, als mitten in blutig-entscheidender Schlacht das Erstrmen
einer feindlichen Batterie; und so will er es auch betrachtet wissen, erwiederte
der Minister.
    Und mit Erstaunen vernahm Richard jetzt, wie der Kaiser aus eigner Huld und
Macht, mit bergehung aller dazwischen liegenden Grade, ihn zum Obrist erhoben,
und ihn zugleich mit einer namhaften Anzahl Seelen dotirt habe, welche ihn in
den Stand setzen konnten, auf seinem dermaligen Range angemessene Weise zu
leben.
    So war er denn gleichsam mit einem einzigen Wurfe dem Ziele all seines
Hoffens nahe gebracht; denn bekanntlich dient in Ruland militairischer Rang zum
Maastabe und geht jedem andern vor. Ihm schwindelte, indem diese berzeugung
sich ihm aufdrngte; ein paar Worte des Ministers, die auf sein jetzt so gnstig
sich gestaltendes Verhltni zu dem Hause des Frsten Andreas hinzudeuten
schienen, setzten ihn vollends auer Fassung. Kaum vermochte er ein paar bel
zusammengestellte Dankesworte aufzubringen; doch sein ihm wirklich wohlwollender
Gnner verargte ihm dies weiter nicht, indem er der ihn berwltigenden Freude
es zuschrieb, und entlie ihn freundlich.
    Ach aber diese Freude fand nicht lauter und rein Eingang in seine Brust!
Sein Herz zog wie zu einem eisigen Klumpen sich zusammen, als er mit einem
Gefhl von Entwrdigung, wie er nie zuvor es gekannt, seine Wohnung wieder
betrat. Was war in den Augen der Welt aus ihm geworden, seit er diese Schwelle
zum letztenmale berschritten! Meineidig, wortbrchig, Verrther an Tausenden,
die ihn Bruder genannt, mute er in den Augen der Meisten dastehen: das war die
dunkle Seite seiner That.
    Da er in seiner Lage so und nicht anders htte handeln knnen, ohne ein
fluchbeladener Verbrecher zu werden; da ein unter solchen Umstnden ihm
abgenommener Eid jede bindende Kraft verlor; da es pflichtgemer wre ihn zu
brechen, als ihn zu halten, wrde seiner berzeugung nach jeder Unparteiische
und zuletzt auch die allgemeine Stimme ihm zugestanden haben, htte er nur den
Verdacht des Eigennutzes von sich fern halten knnen, wre es nur mglich
gewesen, diese wahrhaft kaiserliche Belohnung auszuschlagen, die zu erhalten er
nie gedacht, und die dennoch von so unbeschreiblich hoher Bedeutung fr seine
ganze Zukunft, fr das hchste Glck seines Lebens werden mute!
    Schien es ihm doch sogar in seinem Unmuthe, als blicke sein alter treuer
Diener mit einer Art mitleidiger Verachtung ihn an, als er Herr Obrist ihn
nannte, zu seiner Standeserhhung ihm Glck wnschte und wegen der, durch
dieselbe nothwendig gewordenen neuen Uniform, seine Befehle erbat; denn die
durch den Courier mitgebrachten Neuigkeiten hatten um mehrere Stunden frher
sich in der Stadt verbreitet, als Richard selbst sie erfahren.
    Immer noch hatte er keinen klaren Begriff von dem ausgebreiteten Umfange der
Folgen dessen was er gethan; er hatte Momente in denen er wnschte, sie nie zu
erfahren. Niemand war um ihn, der ihm trstend zugesprochen htte; zu muthlos,
um den Nachrichten entgegen zu gehen, welche er zu vernehmen erwarten mute, zu
ungeduldig, um sie unthtig an sich kommen zu lassen, stand er zgernd da.
    Ein heller Freudenschrei dicht neben ihm ri aus diesem trbseligen Zustande
ihn auf, liebende Arme umschlangen seinen Nacken, seine Kniee, Thrnen und Ksse
bedeckten seine Hnde. Der gute kleine Kapellmeister war es, der mit seiner
Freude ihn wiederzusehen, mit seinem Danke fr das was er vollbracht, ihn
bestrmte, und nicht von ihm ablie, bis er spt wie es war ihn bewog, nach
Hause ihn zu begleiten, wo Frau Karoline nicht minder freudig bewegt als er, mit
ihren guten und bsen Nachrichten, ungeduldig seiner harrte.

Des Frsten Andreas Heimkehr, ob zufllig, oder auf uere Veranlassung, mge
dahin gestellt bleiben, traf fast gleichzeitig mit Richards Freilassung und der
Ankunft des Couriers von Taganrog zusammen. gleich in der ersten Stunde fand
eine derselben unmittelbar folgende Zusammenkunft zwischen ihm und dem Minister
Statt; sie whrte lange, bis tief in die Nacht hinein, und endete mit
anscheinender Zufriedenheit beider Theile.
    Doch schon am folgenden Morgen gingen groe Vernderungen, sowohl im Hotel
des Frsten Andreas, als in dem seines Schwiegersohns, des jungen Frsten
Konstantin vor, die auf baldiges schnelles Verlassen des bisherigen Wohnsitzes
dieser beiden Familien deuteten, und zwar auf lngere, anscheinend sehr lange
Zeit. Gegenstnde wurden eingepackt und zum Mitnehmen bereitet, die man sonst
stets unberhrt an ihrem Platze gelassen; seltne oder sonst sehr kostbare Bcher
und Handschriften aus des Frsten Andreas Bibliothek, groe Gemlde berhmter
Meister, Kostbarkeiten, Kunstgegenstnde aller Art; es sah beinahe aus, als
sollten nur die kahlen Wnde zurck bleiben.
    Im strengsten Kontraste mit diesem lrmenden Treiben standen die von der
frstlichen Familie bewohnten Zimmer im Innern des Gebudes; dort herrschte
ngstliche Stille, nur leises Geflster war hrbar, und lautloses
Umherschleichen wie auf Socken. Der Frst sa in seinem Kabinet, vertieft in
Geschften; lie nur diejenigen seiner Untergebenen vor sich, mit denen er
dergleichen abzuthun hatte, und nahm keinen andern Besuch an. Mitchell im
Vorzimmer desselben, wie angemauert hinter seinem Schreibepulte, umgeben mit
ellenlangen Rechnungen, Courszetteln, Preiscouranten, schien dort als
Schildwache angestellt, und that ber alle Maaen wichtig.
    Die Frstin Eudoxia hatte einen Rckfall ihrer Krankheit erlitten, auch sie
lie alle Besuche sich verbitten, Helena durfte weder bei Tag noch bei Nacht ihr
von der Seite weichen.
    Gleich allen brigen wurde auch Richard abgewiesen, seine Verzweiflung war
grenzenlos. Frau Karoline wollte es unternehmen, ihm Nachricht von Helena zu
bringen, aber auch ihr wurde, obgleich auf sehr hfliche Weise, der Zutritt fr
jetzt verweigert; selbst die kleine Zo, an die sie, um doch nur etwas zu
erfahren, sich wenden wollte, war nicht zugnglich; das arme Kind durfte keinen
Augenblick von dem in der Nhe ihrer Gebieterin ihr angewiesenen Posten sich
entfernen.
    Bis zum grauenden Morgen wanderte Richard die Nacht hindurch um die Mauern
des Palastes herum, der einst auch seine Wohnung gewesen, wie ein unseliger
Geist die Sttte umwandelt, wo er seine Schtze vergraben; und blickte hinauf zu
dem vom Schimmer einer Lampe matt erleuchteten Fenster, hinter welchem Helena am
Krankenbette ihrer Mutter wachte.
    Spter eilte er seiner Wohnung zu; auch dort fand er weder die krperliche
noch die geistige Ruhe, deren er so nthig bedurfte. Der Wunsch zu erfahren,
was, wie er wohl sah, Freunde und Bekannte ihm zu verhehlen strebten, qulte ihn
unsglich: man ging nicht wahr, nicht offen mit ihm um, das merkte er deutlich.
Die ihm wohl wollten, verschwiegen ihm aus Schonung, was er am Ende doch
erfahren mute, und seiner Ansicht nach je eher je besser; die Andern machten
sich davon, sobald sie die Neugierde befriedigt hatten ihn zu sehen, nun er eine
gewisse Notabilitt erlangt hatte, und wollten erst abwarten, auf welchem
Standpunkte er festen Fu fassen wrde, ehe sie ber ihr knftiges Betragen
gegen ihn sich entschieden.
    Was hilft mir die Meinung, das Lob oder der Tadel des Einzelnen; das Urtheil
des Volkes, der Menge, ist hier das wahre chte Gottesgericht, von welchem kein
Appelliren gilt; rief Richard, indem er in einen ziemlich unscheinbaren berrock
sich warf, und, wie er frher in hnlicher Absicht, wenn gleich auf andere
Veranlassung, zuweilen gethan, einen entfernteren Theil der ungeheuern Stadt
aufsuchte, wo er persnlich unbekannt zu sein hoffen durfte.
    Es war ein schner sonnenheller Feiertag; in Kaffee- und Weinhusern,
Billarden und Restaurationen, kurz an allen ffentlichen Orten war eine zahllose
Menge, meistens aus den mittleren und diesen zunchst untergeordneten Stnden
versammelt, berall hrte er die neuesten Neuigkeiten des Tages besprechen. Noch
fielen tglich in den angesehensten und beliebtesten Familien neue Verhaftungen
vor, von denen er durch seine Freunde nichts erfahren; hier erst, jetzt erst
konnte er den ganzen Umfang des Elendes bersehen, das diese Unglcklichen ber
sich selbst gebracht! Sie hatten zu Andrer Verderben die Mine gegraben, die
jetzt sie und ihr Glck in die Luft sprengte. Sie waren unglcklich; das war fr
die, welche nicht weiter sahen, genug; ihre groe Schuld blieb unsichtbar. Das
oberflchliche, nicht tiefer blickende Mitleid sah nur ihr Unglck, und lie,
was wohlverdiente Strafe war, nur als solches erscheinen.
    Bei jeder Gelegenheit hrte Richard seine That auf tausendfache Weise
erzhlen, kommentiren, beurtheilen, selten gerecht anerkennen. Er hrte
Beweggrnde derselben sich unterschieben, an die er nie gedacht: Ehrgeiz,
Eigennutz, Sucht sich auszuzeichnen, sich einen Namen zu machen.
    Mehrere ltere und jngere Mnner, Krmer, Handwerker, saen in einer Ecke;
sie steckten kannegieernd die weisen Hupter zusammen, und sprachen berlaut
genug, um weiter als an ihrem Tische deutlich vernommen zu werden.
    Ich sage es Euch: sprach ein alter Mann, in welchem Richard einen
Schreinermeister erkannte, der frher beim Frsten Andreas einiges gearbeitet
hatte: ich sage es Euch, rief der Alte, und schlug mit der Faust auf den Tisch,
da die Glser klirrten: mit dem schwrzesten Undanke hat er der frstlichen
Familie gelohnt. Ich wei es genau, denn ich ging damals dort viel aus und ein.
Als einen kleinen verlassenen englischen Bettelbuben hat der Frst Andreas ihn
aufgenommen, aus Mitleid; hat mit seinen Kindern ihn auferziehen lassen, und nun
lohnt er ihnen so!
    Aus Rache, aus purer Rache; aber sollte man es glauben, da die Frechheit so
weit gehen kann! fiel sein Nachbar dem Schreinermeister ein: hat der
neugebackene Herr Obrist sich es doch einfallen lassen, seine Augen bis zu der
Prinzessin Tochter des Frsten Andreas zu erheben! Und dafr, da sie den
Freiersmann nach Verdienst abgewiesen haben, mu jetzt der Frst mit den
Seinigen aus Petersburg verbannt werden, und die jungen Prinzen - -
    Richard hielt es nicht lnger aus; - Gott steh' uns bei! ich glaube das war
er selbst, sprach leise der alte Schreiner, und schlug ein Kreuz, indem er
erbleichend dem Hinausstrmenden nachsah.

Ohne weiteres Besinnen, entschlossen nicht von der Stelle zu weichen, bis er
beim Frsten Andreas Zutritt erlangt, eilte Richard vorwrts. Am Eingange des
Hotels hemmte Entsetzen seine Schritte, und die Kniee wollten unter ihm
zusammenbrechen. Ein langer, von vielen Geistlichen begleiteter Leichenzug,
bewegte sich langsamfeierlich aus dem Innern des Palastes hinaus, gefolgt von
fast Allen die zum Hause gehrten, vom ersten Secretair des Frsten an, bis
hinab zum letzten Stallbuben.
    War es Wirklichkeit? war es ein der Hlle entsprossenes Traumgesicht? seiner
selbst kaum sich bewut, wollte Richard zum Sarge hin, fhlte aber von einer
eiskalten Hand sich zurckgezogen und festgehalten.
    Keinen Schritt weiter! rief dicht hinter ihm eine tiefe ernste Stimme. Ein
neunzigjhriger Greis sprach drohend diese Worte: Richard kannte ihn wohl, es
war der lteste Diener des Hauses, der den jetzigen Gebieter desselben noch auf
den Armen getragen, unter dessen schonender Pflege er jetzt das Ende seiner Tage
hier erwartete.
    Stre nicht die Ruhe der Todten, Leichen bluten von Neuem, wenn der Mrder
ihnen naht: raunte der Alte zrnend ihm zu; es sah seltsam aus, wie lebhaft das
dunkle zornflammende Auge unter den schneeweien buschigen Augenbrauen hervor
blitzte; kalte Schauer rieselten Richard durch Mark und Gebein. Du darfst nicht
weiter, und wrst Du Feldherr geworden, statt Obrist: rief der Alte abermals,
eine unwillkrliche Bewegung Richards miverstehend, und fate ihn wieder.
    Sprache und Athem versagten diesem vor Schreck und Grausen: er wollte
sprechen, und konnte nur die Lippen bewegen. Der Alte sah dies, er war
schwerhrig geworden, und glaubte zu verstehen was Richard seiner Meinung nach
fragte.
    Elisabetha Christianawna: sprach er feierlich; sie ist auch Deine
Wohlthterin gewesen, von Deiner Jugend an, und ist jetzt Dein erstes Opfer. Was
thut's? andre werden folgen; am liebsten ich, denn ich bin es mde in einer Welt
zu leben, wo solche Dinge geschehen. Die treue Amme sank vom Schlage getroffen
zu den Fen ihrer Herrin todt hin, als sie den Fall unsers Hauses unvorbereitet
vernahm.
    Jetzt ri Richard gewaltsam von dem Alten sich los, der Leichenzug hatte
sich indessen vorwrts bewegt, in der dadurch verdeten Vorhalle war Niemand ihn
aufzuhalten, und ungehindert eilte er die Treppe hinauf, und stand in dem ersten
der Reihe von Zimmern, die zu denen des Frsten fhrten, vor Helena.

Ich wute es wohl! und nun bist Du da! rief Helena ihm entgegeneilend; ihre
Wange glhte, ihr Auge strahlte in erhhtem Feuer; etwas ungewohnt Hastiges in
ihren Worten, in ihren Bewegungen, deutete auf heftige innere Aufregung. Stumm
lag Richard zu ihren Fen, umfate ihre Kniee, verbarg sein Gesicht in ihrem
Kleide; sie schien es nicht gewahr zu werden, machte keinen Versuch ihn zum
Aufstehen zu bewegen, und fuhr ungewhnlich schnell sprechend fort:
    Es ist Verlumdung, Unwahrheit, Miverstand von Seiten meines Vaters, was
wei ich! ich habe es ihm gesagt, aber er will es nicht glauben. Und doch ist es
so; wir knnen sterben, Richard, aber nicht ehrlos handeln. Du so wenig als ich.
Du bist nicht zum Obrist erhoben, nicht mit Gold und Gtern fr einen Verrath
belohnt der - ich knnte darber lachen, da man Dir so etwas zutraut, wren die
Folgen davon nur nicht so ernsthaft. Aber wie ist es nur mglich dergleichen zu
ersinnen? Wie bse ist die Welt geworden! wie lgen die Menschen! und wehalb?
    Du sprichst noch immer kein Wort zu mir? fing sie nach kurzem Schweigen
wieder an. Ich sehe es wohl, Du bist emprt, da selbst mein Vater - und Du
bist's mit Recht. Ich aber, mein Richard, ich blieb immer Deiner gewi, ich habe
nie an Dir gezweifelt, nie, keinen Augenblick. Doch sage nur einmal: Helena, ich
that es nicht! nur einmal sprich es aus, das Einzige erbitte ich mir von Dir.
    Denke nur nicht, da ich, um im Glauben an Dich festzuhalten, dieser
Versicherung bedarf; ich wei es ja, wir beide sind nicht zu erkaufen, nicht um
des Kaisers Thron, nicht um die Welt! fuhr sie, nach und nach immer besorgter,
immer ngstlicher fort: sage es nur, weil ich es wnsche, aus Liebe zu mir,
sprich es aus, mein Richard, bat sie, und versuchte mit zitternden Hnden, mit
nach Athem ringender Brust, ihn aus seiner knieenden Stellung zu bringen, und
in's Auge ihm zu sehn.
    Sage, nur einmal sage: ich that es nicht! nur die drei Worte, sprich sie
aus: Richard! Geliebter! flehte sie nochmals mit ngstlich ersterbender Stimme
und umfate ihn, und blickte ihn an, als wolle ihr Leben in dieser Bitte sich
auflsen.
    Tiefe Stille erfolgte. Helenas kleine zarten Hnde vermochten nicht lnger
ihn aufrecht zu erhalten, er sank wieder zu ihren Fen. Sie kniete neben ihm
nieder, sie umschlang seinen Nacken, sie lehnte ihr Kpfchen an seine Brust, sie
hauchte leise, leise: o sage, ich that es nicht!
    Er fhlte den warmen Lebensathem an seiner Wange wehen. Er sank tiefer,
seine Stirne berhrte den Boden, ein Seufzer wie Todesrcheln und nun die mhsam
ausgestonen Worte: ich kann nicht, was Du verlangst!
    Helena wankte einen Augenblick, ihre Farbe wechselte, ihr Athem stockte,
dann erhob sie sich von den Knieen. Bleich wie ein Marmorbild reichte sie ihm
die Hand, um ihn aufstehen zu heien, und er gehorchte ihrem Winke.
    Warum bleibst Du nicht wahr gegen mich? warum verlumdest Du Dich selbst?
fragte sie feierlich ernst. Welche miverstanden-edelmthige berspannung, denn
ein andrer Grund Deines seltsamen Beginnens ist unmglich, verleitet Dich dies
sogar gegen mich zu versuchen? Besinne Dich, Richard, komme wieder zu Dir
selbst, erinnere Dich, da der vollstndigste Gegenbeweis Deiner Selbstanklage
in meinen Hnden ist; sieh her!
    Richard blickte zu ihr auf; sie zeigte jene beiden Briefe, die er dem
Kapellmeister zur Besorgung bergeben, erbrochen ihm vor.
    In Abwesenheit meines Vaters ffnete ich sie an dem dazu bestimmten
Donnerstage, wie Du selbst es angeordnet hattest, sprach Helena sehr fest und
bestimmt. Hier zuerst diese zwei Worte an Pestel: Verrath durch Mayboroda und
Rostowzoff. Eile, morgen wre es zu spt! und nun diese Zeile an meinen Vater:
Das Unheil bricht los, Tod und Verderben rund um uns her. Schutz dem
geheiligten Leben unsers Kaisers! Und warum, sprich, warum willst Du auf Dich
nehmen, was jene beiden mir vllig Unbekannten verbten? Hast Du meiner denn so
ganz vergessen knnen? fragte sie milder, beinahe lchelnd.
    Richard hatte indessen jene Stimmung wieder gefunden, die damals auf dem
Gange zum Minister ihm Kraft gab, das Schwerste zu vollbringen. Mit dem vollsten
Ausdrucke innigster Liebe fate er Helenas Hnde und drckte sie an seine Brust.
Hre mich Geliebte, bat er, hre mich bis an's Ende. Versprich mir mich nicht zu
unterbrechen, wenn mein Gestndni Dir rthselhaft erscheint. Vertraue mir, wer
hat gerechtere Ansprche an Dein Vertrauen als ich? Bist Du nicht mein? Bin ich
nicht Dein? darum glaube mir, glaube fest, das Rthsel wird zu Deiner
Zufriedenheit sich lsen.
    Ich glaube Dir! antwortete Helena eifrig und gespannt.
    Was Mayboroda und Rostowzoff, zum Untergange Aller und zur eignen
Sicherheit, aus persnlicher Feigheit vollbringen wollten, Helena, Geliebteste,
ich mute es hindern - ich konnte dieses nur indem ich ihnen zuvor kam - nur
einen Augenblick ertrage das Gestndni, da ich es selbst gethan! Alles soll
sogleich Dir deutlich werden, und Dich damit vershnen.
    Nein, nein, nein: rief Helena, muthe mir nicht Unmgliches zu! dies zu
glauben ist unmglich: ich verstehe Dich wahrscheinlich nicht, drcke deutlicher
Dich aus, gewi liegt hier ein Miverstand zum Grunde, gewi versteh' ich es
nicht wie Du es meinst.
    Helena, ich vollbrachte einige Tage frher als sie es konnten, nach schwerem
Kampfe mit mir selbst, was jene beabsichtigten. Ich mute es, nachdem der Zufall
mir ihr Geheimni entdeckt hatte; fr Dich, fr Deinen Vater, fr den Kaiser und
unser Land wagte ich es, da keine Aussicht zur Rettung vor allgemeinem
Untergange sich mir zeigte.
    Und schriebst auch diese Zeilen? fragte Helena, fast unhrbar, aus schwer
beklommener Brust.
    Ich schrieb sie, und gab -
    Nein, nein, nein! das kann nicht sein: rief abermals Helena.
    Geliebteste, mu ich an Dein Versprechen, bis an's Ende mich anzuhren, Dich
erinnern? bat Richard, und fuhr dann fort: Voraus zu sehen, welche Wendung meine
Audienz beim Minister nehmen wrde, war unmglich. Um in jedem Falle, wenn ich
etwa ganz unthtig gemacht wrde, nicht Alles dem Zufalle zu berlassen, um doch
so viel an mir lag dem grten Unheil vorzubauen, gab ich auf dem Wege zum
Minister -
    Falsch! zweizngig! rief Helena verzweifelnd.
    Nicht falsch, nicht zweizngig, nur vorsichtig: erwiederte Richard.
    Falschheit und Vorsicht gehen immer zusammen, erwiederte Helena.
    Richard schwieg, schmerzlich verletzt: sie sah es und reichte, gleichsam
vershnend, ihm die Hand. Er drckte sie an seine Lippen, an sein Herz. Beide
standen schweigend, mit ihren eigenen Gedanken beschftigt, neben einander da.
    Aber Du bist nicht zum Obrist erhoben, bist nicht zum Lohn Deiner That vom
Kaiser reich dotirt? fing Helena mit peinlicher Lebhaftigkeit wieder an. Nein,
das bist Du nicht! Aber sage mir, da Du es nicht bist, versichre mich, da
Niemand auf Erden sagen, oder denken, oder auch nur von fern argwhnen kann, Du
seist zum Meineid, zum Verrath erkauft! bat sie mit dem weichsten Tone
schmeichelnder berredung.
    Meine Helena, flsterte Richard auf ihre Hand gebeugt, ich bin wirklich
durch des Kaisers Gnade reich beschenkt, bin zum Obrist pltzlich gestiegen, zu
meinem hchsten Erstaunen, ohne mein Zuthun, wider mein Erwarten, ich knnte
sogar sagen, gegen meinen Wunsch.
    Helena hrte ihn schon lange nicht mehr. Gleich nach den ersten Worten, die
er gesprochen, stie sie einen lauten Schrei aus und verbarg vernichtet, aber
nicht ohnmchtig, ihr Gesicht in die Kissen des Diwans.
    Helenas Vater trat in diesem Augenblicke in das Zimmer. Der Jammerruf seiner
Tochter war bis zu ihm in das Innre seines abgelegenen Arbeits-Kabinets
gedrungen, und aufgeschreckt eilte er ihr zu Hilfe, an dem verzweifelnden
Richard vorber, wie es schien, ohne die Gegenwart desselben gewahr zu werden.
Mit unbeschreiblicher Liebe nahm er seine Tochter in die Arme, indem er zu ihr
auf den Diwan sich setzte, nannte sie bei den sesten Schmeichelnamen, wie nur
die zrtlichste Vaterliebe sie ersinnen kann, und fuhr, ohne ihre Frauen zur
Hilfe herbei zu rufen, in seinen Bemhungen sie wieder zu sich selbst zu bringen
fort, bis Farbe und Lebenswrme ihr wiederkehrten.
    Mein Vater! mein lieber, lieber Vater! o bleibe Du bei Deinem ganz verarmten
Kinde; mein Leben ist noch so jung, ach, und es war so reich! klagte Helena ganz
leise, und brach dann, wohl zum erstenmal seit ihrer Kinderzeit, in seinem Arme,
an seine Brust geschmiegt, laut schluchzend in einen Strom von Thrnen aus.
    Sie flossen lange und unaufhaltsam; der Frst erkannte die wohlthtige
Erleichterung, die sie seiner Tochter in ihrem Schmerze gewhrten; er trocknete
sie mit sanfter Hand, ohne sie hemmen zu wollen, bemhte sich Helena eine
bequemere Stellung auf ihrem Diwan zu geben, stand dann auf, und ging auf
Richard zu, der bei seiner Annherung nicht trotzig, aber auch nicht wie ein
Schuldbewuter, das von Schmerz umdunkelte Auge zu ihm erhob.
    Viel Zeit ist verflossen, und gar vieles ist anders geworden, Herr Obrist,
seit wir uns nicht sahen: sprach der Frst vornehm kalt, und mit sichtbar
erzwungener Fassung.
    Mein gndigster Herr, erwiederte Richard tief bewegt, ich wage es an jene
uns noch so nah liegende Zeit Sie zu erinnern, in der ich Sie Vater nennen
durfte; beim Andenken an diese beschwre ich Sie, mir heute endlich zu gewhren,
wonach ich Monate, ich knnte sagen Jahre lang gerungen, freies unparteiisches
Gehr. Wollte Gott, es htte damals Ihnen gefallen, es mir nicht zu verweigern!
    Richard, wozu lngst Vergangnes nochmals besprechen? La Zeit und Athem uns
sparen; erstere ist mir besonders karg zugemessen, da ich morgen auf lange,
vermuthlich auf immer Petersburg verlasse: erwiederte Frst Andreas, indem er,
absichtlich oder aus alter Gewohnheit, in seinen sonst gewhnlichen Ton gegen
Richard verfiel. Diese Folge Deiner Donquixotiade, fuhr er fort, lag wohl nicht
in Deinem Plane? Auch nicht da mein Sohn Isidor seinen Platz, als Attach bei
der Gesandtschaft in **** verlieren sollte, und Dein brderlicher Freund Eugen
den von hoher Hand ihm ertheilten Rath, um seinen Abschied vom Regiment
einzukommen, befolgen mu?
    Da mein jngster Sohn Alex dies Schicksal mit ihm theilt, will ich nicht
erwhnen; Alex ist noch so jung, da diese Frist, die ihm vergnnt, in England
oder Amerika fr den Dienst der Marine sich vollends auszubilden, ihm nur
vortheilhaft werden kann. Du siehst ich bin billig, ich suche nicht Deine Schuld
zu vergrern.
    O warum mute ich, von geheimnivollem Dunkel umgeben, auf den schmalen,
zwischen Abgrnden hinlaufenden Pfad hinausgestoen werden! rathlos! verlassen!
ohne eine leitende Hand, die mir zum Fhrer dienen konnte! seufzte Richard.
    Dieses Warum kann mit sehr wenigen Worten Dir gelst werden; erwiederte der
Frst: Dir ward kein Fhrer beigesellt, weil Du auf dem Platze, an welchen Du
gestellt worden warst, keinen bedurftest. Hast Du denn unsre Abschiedsstunde,
vor Antritt Deiner Reise mit dem nervenkranken Schwrmer Iwan, so gnzlich
vergessen? und wie zutraulich ich damals mein ganzes Herz, alle meine Gedanken
Dir offenbarte? Erinnerst Du Dich nicht mehr Deines Versprechens: es komme was
da wolle, mir unbedingten Glauben zu schenken? Httest Du Dir an dem Vertrauen
gengen lassen, das ich Dir bewiesen; wre es nie Dir eingefallen, da
selbstthtig eingreifen zu wollen, wo Du doch offenbar die Verknpfung des
Ganzen nicht berschauen konntest, ja freilich, dann stnde Alles um uns her
anders!
    Der Mensch im Allgemeinen ist bestimmt, entweder Ambos oder Hammer zu sein,
sagt ein berhmter deutscher Poet; fuhr der Frst fort: Du wardst zum Ambos
geschaffen, Du meintest Dich geeigneter Hammer zu sein, und nun liegen die
Folgen dieses stolzen Wahns, zu Deinem eigenen Entsetzen, in Trmmern um Dich
her!
    Richard errthete; es ward ihm schwer das zornige Gefhl zu unterdrcken,
das bei dieser letzten uerung des Frsten in ihm aufloderte; doch behielt er
sich genugsam in seiner Gewalt, um weder sich selbst zu viel zu vergeben, noch
die dem edlen Greise schuldige Ehrfurcht zu verletzen, dem er so unendlich viel
zu verdanken hatte.
    Hammer wollte ich nie sein, denn ich fhle zum Zertrmmern mich nicht
geeignet; doch wahrlich auch nicht der geduldige Ambos, der schwerfllige Klotz,
auf welchem Jeder nach eigenem Gutdnken herumhmmern darf; erwiederte er
bescheiden, aber fest und bestimmt. Nur Ihr Unwille kann fr den Augenblick mich
so erniedrigen wollen; all mein Hoffen, das ganze Glck meines Lebens geht an
ihm zu Grunde; wie ich es in Zukunft tragen werde, wei ich nicht, wohl aber da
ich Ihrer Verachtung rettungslos erliegen mte. Mein Frst, fuhr er in
steigender Bewegung fort: Sie, der Sie im niedrigsten Leibeigenen das Gefhl
seines Menschenrechtes anerkennen, knnen Sie mir, dem Unglcklichen, den Sie
einst Ihren Shnen gleich stellten, es verargen, da er zum blinden Werkzeuge
sich nicht erniedrigen lassen konnte?
    Mein Gleichni hinkt, ich merke es wohl; doch das ist nun einmal so in der
Regel, mag es darum sein! erwiederte der Frst leicht hingeworfen, mit
scheinbarer Gleichgltigkeit. Doch jetzt sprich ohne Scheu es aus, was Du etwa
noch auf dem Herzen haben kannst. Ich mchte diese letzte Gelegenheit dazu, die
sobald Dir nicht wiederkehren wird, Dir nicht verkmmern; setzte er nach einigem
Schweigen hinzu, whrend welches er Richard betrachtete, als wolle er die
geheimsten Gedanken seiner Seele durchschauen.
    Durch Mitchell veranlat, entdeckte mir ein Zufall die Gefahr, welche dem
Geheimnisse des Bundes drohte; fing Richard an.
    Und Du meinst da ich, ja da selbst Pestel, sie nicht weit frher erkannt
haben sollten, als Du und Dein weiser Landsmann? fiel der Frst ihm lebhaft ein.
    Richard erbleichte vor Schrecken. O htte ich dies ahnen knnen! rief er:
htten Sie damals, als ich, wahrscheinlich im Vorgefhle dessen, was jetzt
geschehn, so ngstlich strebte - -
    Nach gewnschter Gelegenheit all Deine Zweifel, Deine Besorgnisse, zum - ich
wei nicht wie vielsten Male vor mir auszuschtten? fiel Frst Andreas abermals
ihm ein. Ohne die Wahrheit im mindesten zu verletzen, knnte ich, bei dem seit
Mitchells Hiersein besonders sich hufenden Andrange von Geschften, den
wirklichen Mangel an Zeit als erstes Hinderni angeben, daneben aber auch, ganz
unter uns, die heimliche Furcht vor dem Ennui, dem dabei nicht entgehen zu
knnen, ich voraussah. Doch die ganze Sache ist fr uns Beide zu ernst geworden,
als da ich nur den Anschein eines frivolen Scherzes darber mir erlauben
sollte. Da ich indessen von Allem was Dich angeht zu genau unterrichtet bin, um
von Dir etwas Neues erfahren zu knnen, so hre lieber meine Bekenntnisse an:
    Stets ging ich darauf aus meine Menschenkenntni zu erweitern, und machte
mir daher, von Eurer frhesten Kindheit an, sowohl Deinen, als meiner eigenen
Shne Charakter zum Gegenstande aufmerksamster Beobachtung. Dein ahnungsvolles
Wesen, Dein zu weiches, leicht zu verletzendes Gemth, zeichneten vor allen
Deinen Jugendgenossen sehr merklich Dich aus; daher fate ich, als Du vllig
erwachsen warst, aus wahrhaft vterlicher Frsorge fr Deine knftige Ruhe, den
festen Entschlu, von jenem Geheimnisse, auf welches ich damals noch meine
khnsten Hoffnungen grndete, Dich stets fern zu halten, und Deine Aufnahme in
den Bund, so eifrig Dein Freund Eugen sie auch betreiben mochte, standhaft zu
verhindern.
    Der Zufall wollte es anders; wider meinen Willen machte er Dich zum
Augenzeugen dessen, was ich Dir ewig verbergen wollte; und um aus dringender,
sehr groer Gefahr Dich zu retten, blieb mir nichts andres brig, als zu dem
einzigen Mittel zu greifen, das mir noch zu Gebote stand.
    Mein Beschtzer, mein Wohlthter, mein Vater, habe ich denn andres gewollt
als dieses? rief Richard gerhrt bis zu Thrnen: war denn, was ich mit dem
beabsichtigte was ich gewagt, nicht ganz das Nmliche was Sie gewollt? War nicht
bei gnzlichem Vergessen meiner selbst mein einziger Zweck, Sie und die Ihrigen,
Kaiser und Vaterland, vor schmhligem Untergange zu bewahren?
    Der Frst blickte dster vor sich nieder, schwere Wolken des Unmuths zogen
auf seiner Stirne sich zusammen. Nie sollte der Mensch unternehmen, in den
Lebensgang eines Andern einzugreifen, oder auch nur unberufen ihn bevormunden zu
wollen, und in dieser Hinsicht haben, genau genommen, vielleicht wir alle Beide
gefehlt; sprach er sehr ernst und trbe vor sich hin. Doch aber will mir
bednken, als ob wir in diesem einzelnen Falle nicht auf ganz gleichem Boden
einander gegenber gestanden wren; setzte er bitter lchelnd, fast hhnisch
hinzu: ein geringer zwischen uns bestehender Unterschied lt sich doch nicht
ganz ablugnen, etwa wie der zwischen Vater und Sohn. Und so htte ich denn
damals mich doch nicht als ganz unberufener Vormund Dir aufgedrngt.
    O htten Sie nie, nie Ihre vterliche Hand von mir abgezogen! htten nie
meiner eigenen Leitung mich berlassen! seufzte Richard.
    Im Gegentheil, nachdem Du gewissermaen als mndig Dich emancipirt hattest,
htte ich meine Vormundschaft aufgeben, und gegen Dich vorsichtigere Maaregeln
in Anwendung bringen sollen, um Deinem Einmischen zur unrechten Zeit Schranken
zu setzen, erwiederte Frst Andreas mit sichtbar steigendem Unmuthe. Da ich
dieses versumte, ist ein Fehlgriff von meiner Seite; ein weit grerer aber ist
es noch, da ich so fest auf Dein mir gegebenes Wort mich verlie, als ob es
mein eigenes gewesen wre, auf Dein Versprechen, im Glauben an mich nicht zu
wanken, mir unbedingt zu vertrauen. Ich sagte Dir, der Bund sei aufgelst, er
war es damals, und wre fr Dich es immer geblieben. Sogar mein Nichtbeachten
Deiner Besorgnisse, mein Vermeiden Dich anzuhren, mute, wenn Du mir recht
vertrautest, in diesem Glauben Dich bestrken.
    Wie wre, bei den Beweisen vom Gegentheile, die von allen Seiten sich mir
aufdrngten, dieses mglich gewesen! rief Richard: und als ich nun vollends mit
eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hren mute -
    Was ich lange vor Dir gesehen und gehrt hatte; oder meinst Du wirklich, ich
wre etwa taub und blind geworden? fuhr der Frst, seinen Vorsatz, sich nicht
aus der Fassung bringen zu lassen, vergessend, sehr heftig auf. Voreiliger Thor!
rief er, wie kannst Du wissen, ob ich nicht noch vor der Stunde, in welcher Du
auf Deinen irrenden Ritterzug auszogst, auf dem Wege nach Tangarog mich befand,
und ob nicht der mich einholende Courier des Ministers mir Depeschen
berbrachte, die zur Rckkehr nach Petersburg mich nthigten, whrend jener auf
seiner Sendung zum Kaiser nach Tangarog vorwrts eilte?
    Des Frsten Augen sprhten Feuer, flammende Rthe berzog sein Gesicht;
seine Haltung, seine hohe krftige Gestalt gewannen den furchtbarsten Ausdruck
hchster Entrstung: Ich war Stifter des Bundes, rief er, und schlug mit
geballter Faust auf seine Brust, da es hohl wiederhallte: und ich, ich allein
war berechtigt, ihn in seiner Entartung zu vernichten; ich besa die Kraft, den
Muth, den Willen dazu. Eitler, Schwachsinniger, der Du Dich berufen, der Du Dich
fhig whntest, die Entscheidung des Schicksals unsers groen Monarchen und
seines unabsehbar groen Reichs, mit all den Millionen Seelen, auf Deine
schwachen Schultern zu laden!
    Richards Blut wallte hei auf, vor Zorn, und zugleich vor innerer tiefer
Reue; er fhlte ganz das Unhaltbare, Unzusammenhngende in dem was der Frst,
von wilder Leidenschaftlichkeit getrieben, zu seiner eigenen Vertheidigung, und
zu Richards Anklage vorbrachte, und war doch auer Stande ihn deutlich und
vllig zu widerlegen. Die noch immer fest auf ihn gerichteten Augen seines
ehemaligen Wohlthters brannten ihn wie glhende Kohlen. Da ohne seine
Einmischung alles vollbracht, vom Frsten selbst vollbracht worden wre, drckte
bis zur Vernichtung ihn nieder. Htte jetzt der Boden unter seinen Fen sich
geffnet, und in den Mittelpunkt der Erde ihn geschleudert, in diesem
Augenblicke wre es ihm die hchste Wohlthat gewesen.
    Unhrbar leise schwebte jetzt Helena herbei; sie stand gleich dem Engel des
Friedens zwischen den Beiden, und schlug das dunkle, schmerzumwlkte Auge zu
ihrem Vater auf. Ihr Anblick wirkte mit magischer Gewalt. Vllig umgewandelt in
Ton und Stimmung, schlo er sie in seine Arme und berhrte die schne bleiche
Stirn mit seinen Lippen. Du Beklagenswertheste unter uns, seufzte er leise vor
sich hin, wie war es mglich, da ich Deine Gegenwart vergessen konnte!
    Sterbenden wrde in der letzten Stunde Alles erlaubt, sagte man mir.
Sterben, Scheiden, ist es nicht das nmliche, nur mit anderm Namen benannt?
flsterte sie bittend, an die Brust des Vaters gelehnt. Sie hatte sich
ausgeweint. Er entlie sie sanft aus seinen sie umschlingenden Armen, und sie
stand jetzt vor ihm, das schnste, rhrendste Bild der schwersten Aufgabe ihres
Geschlechts, das Bild muthig duldender Ergebung.
    Arme Seele! diese letzte, bngste, - ich mag in Verbindung mit Dir ihren
Namen nicht nennen, - von mir bleibe sie Dir unverkmmert. Doch trage sie, wie
es meiner Tochter ziemt; erwiederte der Vater mit bedrckter, vor innerer
Rhrung bebender Stimme, und wandte sich dann an Richard.
    Unser beider Wirkungskreis geht von heute an weit auseinander; nimm auf der
neuen Bahn, die Du Dir selbst gewhlt hast, die Versicherung mit, da ich keinen
Groll gegen Dich hege, und mgest Du mit nicht weniger Gelingen auf ihr
fortschreiten, als Du auf der gethan, auf welcher ich bei Deinem Eintritte in
die Welt Dich gestellt hatte; sprach er mit wrdigem Ernst.
    Suche die berschwngliche Gnade unsers groen Kaisers, die er Dir bezeigt,
durch treuen Dienst zu verdienen; fuhr er nach kurzem Schweigen fort, da er sah,
da Richard keine Sylbe ihm zu erwiedern vermochte. Hte Dich vor dnkelhafter
bereilung, la durch zu hoch gespannten Wahn Dich nie wieder verleiten, die
Schranken bersteigen zu wollen, welche Natur und Verhltnisse um Dich gezogen;
das ist der letzte wohlgemeinte vterliche Rath, den Du von mir erhalten wirst.
Die Blthe des Lebens ist mit dem heutigen Tage Dir abgeblht, Dir bleibt nur
Erinnerung an ihre Herrlichkeit, mgest Du auch von dieser Dich losmachen
knnen, damit sie auf Deinem neuen Lebenspfade Dir nicht zur lstigsten
Begleiterin werde. Dies sei mein Abschiedssegen, und nun fahre wohl!
    Der Frst zog in das Innere seiner Zimmer sich zurck, und lautlos sah
Richard ihm nach.

Hast Du's vernommen? es ist wie er sagt, diese Stunde ist die Scheidestunde, die
Todesstunde unsres Glcks; sie ist so kurz und doch htte ich so vieles Dir noch
zu sagen, mein Herz ist so voll, aber ich finde keine Worte, keine Ordnung in
meinen Gedanken, mir ist so dumpf zu Sinn! klagte Helena, und drckte, wie vom
Schwindel ergriffen, beide flachen Hnde gegen die Stirn.
    Und warum wre es so? warum scheiden? rief Richard von der Gewalt des
Augenblicks ergriffen, und hielt die in seine Arme hinsinkende leidenschaftlich
fest an seine Brust. Helena, Geliebteste! Du Stern meines Lebens, Du Licht
meiner Augen, sieh wie der Weg zum Gipfel unsrer Wnsche im hellsten
Sonnenscheine dicht vor uns liegt. Ein einziges hohles Hirngespinnst spreitzt an
seinem Eingange sich uns entgegen. Habe den Muth es nher zu betrachten, und es
wird vor Deinen Augen verschwinden! flehte er mit bebender Stimme, glhend
zitternd.
    Richard, ich verstehe nicht wie Du es meinst, ich kann nichts denken, nichts
fassen, der Schmerz betubt mich; habe Geduld, ich hoffe ich werde mich wieder
finden: erwiederte Helena.
    Was sollte, was knnte uns scheiden, was jetzt? hat sich nicht Alles auf's
Gnstigste gestaltet? La uns nur vorurtheilsfrei die Dinge sehen wie sie sind:
fuhr Richard mit glhendem Eifer fort, wende Dein liebes Auge mir zu, holder,
schner Engel, sei aufrichtig gegen Dich selbst. Seh' ich aus wie ein
Verbrecher? wie ein Frevler an allem, was dem Menschen heilig sein soll und mu?
Kannst Du, konntest Du jemals glauben, konnte in Deinem reinen Gemthe der
Argwohn jemals Wurzel fassen, da ich, da der Mann den Du Deiner Liebe werth
gehalten, seine Seele, seine Ehre fr Rang und Reichthum, ja selbst fr das
Hchste, fr Deinen Besitz, verkaufen knnte? Da Meineid, da Verrath, fuhr er
immer begeisterter fort - nie, nie, nie, unterbrach ihn Helena, und hob die
Hnde bittend zu ihm auf, o lstre so nicht Dich und mich!
    Ich wute es wohl; mochte immerhin der Anschein gegen mich zeugen, Du
glaubtest an mich, Dich tuschte er nicht: fuhr Richard fort: auch Deinen Vater
nicht, hchstens nur in der berraschung des ersten Augenblicks. Was trennt uns
dann? ein Traum, ein kurzer Wahn, der vor dem Lichte der Wahrheit schwinden mu.
Helena, o hre die Stimme der Natur! die Stimme der reinsten innigsten Liebe!
hre, o hre die Stimme Deines Herzens.
    Richard, was verlangst Du? ich verstehe Dich nicht; Dein Auge flammt, Deine
Lippen brennen auf meiner Hand, Du ngstigst mich, was willst Du, wie ist Dir!
sprach Helena.
    Rettung will ich! Rettung fr Dich, fr mich, fr Deinen Vater; er wird es
uns heimlich danken, wenn wir zu dem Schritte ihn zwingen, den er freiwillig zu
thun sich nie entschlieen kann und wird. Helena, Du einziger Stern meines
Hoffens, meines Lebens, sei mein! Die Stimme der Gottheit, die unser Schicksal
lenkt, spricht aus mir. Unvorbereitet giebt sie mir ein, was, als ich hier
eintrat, mir nie als mglich erschienen wre. Fliehe mit mir, noch in dieser
Nacht, die Zeit drngt, morgen ist es viel zu spt, morgen, morgen ist
furchtbar! Du darfst hier nicht wieder die Sonne aufgehen sehen, oder Du bist
mir entrissen. Auf immer und ewig sind wir morgen getrennt.
    Flehend warf Richard sich vor sie hin, umfate ihre Kniee, ihre Hnde, den
Saum ihres Kleides, den Teppich den ihr Fu berhrte, erschpfte alle
Beredsamkeit, welche die glhendste Liebe nur eingeben kann. Helena bebte,
erglhte, erbleichte, und sank in Schmerz und Liebe aufgelst ihm an das Herz.
Seines Sieges gewi, hielt er sie in seinen Armen, vor Wonne kaum seiner selbst
sich bewut.
    Helena ruhte einige Minuten in dieser Stellung, ohne einen Laut, fast ohne
zu athmen, still wie ein schlummerndes Kind; ihr Leben schien in sich
zurckgezogen, ihr Herzschlag stille zu stehn, um auszuruhen und neue Krfte zu
sammeln; Richards Blicke wachten ber sie: er selbst regte sich nicht.
    Sie schlug die Augen auf, sie lste sich sanft aus seinem Arme und richtete
sich empor; sie sah umher, wie aus einem Traume erwachend, und war wieder was
sie immer gewesen, war wieder sie selbst, muthig, liebend und klar.
    Richard, sprach sie, zuerst mit unsichrer, bebender Stimme, dann immer
gefater, je lnger sie sprach: Richard, seit das Unglck ber uns hereinbrach,
ach seit jenem sonnenhellen Morgen in meinem Oratorium, weit Du es noch wohl?
seitdem sehen wir uns zum erstenmal wieder. Ich habe so viel Dir zu sagen, und
so wenig Zeit, so wenig Athem, so wenig Besinnung, habe Geduld, und hre mich
an.
    Damals wute ich nicht was aus Dir geworden sei, jetzt wei ich es wohl, Du
wurdest festgehalten, damit mein Vater nicht selbst nach Tangarog - doch das ist
vorbei, und gehrt nicht mehr hierher. Ach, mein Freund, ich gab Dich damals
verloren, verloren fr Alles, nur nicht fr mich, nicht fr meine Liebe, wenn es
Gott nur gefiele, das Leben Dir zu fristen. Sprich nicht, rege Dich nicht, hre
mich bis an's Ende: bat sie als Richard sie unterbrechen wollte.
    Ich whnte als Verschworner Dich angeklagt, verhaftet, verurtheilt, die
Leute um mich her sagten es so, ich glaubte ihnen. O Richard, Geliebter,
Einziger, welch ein Traum schmerzlicher und reinster Seligkeit trstete,
erfllte damals mich ganz und hielt mich aufrecht, mich allein, whrend alles um
mich her in Trauer versank! Du warst verurtheilt, nach Sibirien verbannt, die
Kibitka, so glaubte ich es, die Wache, die Dich fortfhren sollte, alles war
bereit, aber auch ich war es. Vor aller Welt, vor meinem Vater, meiner Mutter,
vor all' meinen stolzen Anverwandten bekannte ich mich als Dein, als die
unzertrennliche Gefhrtin Deines Geschicks. Ich begleitete Dich, ich diente Dir,
ich pflegte Dich, sorgte fr Dich, und theilte mit Dir jede Entbehrung, Mangel
und Noth. Ich wre ja nicht das erste Frstenkind; hat Mentzikoffs stolze schne
Tochter, sie, einst als kaiserliche Braut dem Throne so nah, nicht Gleiches fr
ihren Vater erduldet und vollbracht? Nichts sollte mich hindern meinen festen
Vorsatz auszufhren, nicht das Urtheil der Welt, auch nicht das Gebot meines
Vaters. Bis zu meinem letzten Athemzuge htte ich der Gewalt widerstanden, htte
Mittel gefunden Dir zu folgen, wenn man mich hinderte Dich zu begleiten. Dein
Unglck gab meiner Liebe den Freibrief alles zu thun, alles zu wagen fr Dich!
    Welch ein Bild rollst Du vor meinen Augen auf, wie wei Deine Liebe selbst
das Frchterliche mit unnennbarem Liebreiz auszuschmcken, o wre es, wie Du es
malst! seufzte Richard.
    Es ist anders, ganz anders gekommen. Ich wei Du fhlst wie ich, ein mit
Schande beflecktes, von der ffentlichen Meinung gebrandmarktes Glck - wer
trge das? Von Tausenden gehat, verachtet, des Meineids angeklagt, Tausende die
unser Glck auf den Trmmern des ihrigen erbaut whnen - - Du trgst es so wenig
als ich! Dein Traum zerrinnt, meiner ist lngst zerronnen!
    Richard hatte keine Antwort! jedes Hoffen auf die Zukunft, jedes glckliche
Gefhl in seiner Brust erstarb vor der ihn berwltigenden Wahrheit, die
furchtbar, gleich dem jedes warme Leben versteinernden Haupte der Medusa, ihm
entgegen starrte.
    Fahre wohl! fahre wohl! o fahre wohl: seufzte Helena, immer leiser und
leiser, das Wort erstarb auf ihren Lippen, entgeistert hing sie in Richards
Armen, ber sie hingebeugt untersttzte er sie, starr, bleich, regungslos wie
ein Todter.
    Von ihm unbemerkt war Helenas Vater hinter ihn getreten; sie zuckte
schmerzlich, aber still, indem er sanft und mit hchster Vorsicht aus Richards
Umarmung sie lste.
    Gott trste Dich, und gebe Dir Muth, mein Sohn: sprach der Frst sehr mild,
und eine Thrne glnzte in seinem Auge, indem er die leichte, geliebte Last auf
seinen Armen in sein Zimmer trug.

Wunden wie die, welche das Leben dem armen Richard geschlagen, heilt erst nach
dem Verlaufe vieler langen Jahre die Zeit; wenn unser Haar bleicht, das Blut in
unsern Adern langsamer pulsirt, und unser Wnschen und Hoffen ber diese Erde
hinweg in andern hheren Regionen sicheren Ankergrund suchet und findet.
    Einige Monate reichen bei weitem nicht hin, ein solches Wunder zu bewirken,
aber sie beschwichtigen wenigstens den Schmerz durch den Zauber der Gewhnung.
Wenn uns alles Hoffen verlt, wenn uns jeder Tag fester berzeugt, da nun und
nimmermehr eine nderung unsres Zustandes eintreten kann, dann hren die Wunden
auf zu bluten, die Klage verstummt, in verschwiegner Einsamkeit wird der Schmerz
unser stiller Begleiter, den wir mit einer Art peinlicher Wollust pflegen, und
der Zerstrung gelassen zusehen, die unser irdisches Dasein untergrbt.
    Doch dahin war Richard noch bei weitem nicht gelangt, obgleich es dem Laufe
der Zeit gem wohl der Fall htte sein knnen. Mehrere Monate hatte er seit
jener Trennung von dem Leben seines Lebens still und trbe hingebracht, und
immer noch erneuerten unter seinen Augen sich die Folgen seiner That, und
frischten Erinnerungen in ihm auf, die seine Ruhe untergruben.

Kaiser Alexanders stets zur Milde und Nachsicht sich neigendes Gemth fhlte
durch das frevelhafte Unternehmen seiner Unterthanen sich sehr tief und
schmerzlich verletzt. Mehr betrbt als entrstet, schmte sein hoher edler Sinn
sich gewissermaen des schwarzen Undanks, der, wo er es am wenigsten erwartet
hatte, in so grlicher Gestalt ihm entgegen trat, und wnschte nichts
sehnlicher, als diese traurige Erfahrung der ganzen brigen Welt verbergen zu
knnen.
    Er mute leider strafen; der damals schon krperlich leidende Monarch that
es mit innerm Widerstreben, stets zum Verzeihen geneigt. Nur wenige bedeutende
Familien befanden sich im ganzen Lande, die nicht wenigstens ein schuldiges
Mitglied zu betrauern gehabt htten. Doch die Kunde davon ward der
ffentlichkeit so viel als mglich entzogen, und um die schuldlosen Verwandten
der Schuldigen zu schonen, wurde sowohl von den Vergehungen derselben, als von
der darauf erfolgenden Strafe, so wenig als mglich im Publikum, besonders aber
im Auslande ruchbar.
    
    So geschah es denn, da die Hydra Emprung fr den Augenblick zwar
unterdrckt, doch bei weitem nicht ausgerottet wurde. Einige Monate spter hob
sie die giftgeschwollenen Hupter wieder, und jetzt erst traf sie der Arm der
strafenden Gerechtigkeit mit vernichtender Strenge; doch diese Ereignisse liegen
weit hinaus ber dem Ziele, das ich diesen Blttern gesetzt habe, welche auf
historische Bedeutung keinen Anspruch machen.

Den groen Schmerz abgerechnet, fr den dieses Leben keinen Trost ihm zu bieten
hatte, wurde Richards wundes Gemth auch auf andre Weise vielfach verletzt.
Schmeichler, die ihren Vortheil darin zu finden hofften, erhoben was er gethan
bis in die Wolken, priesen als Retter des Vaterlandes ihn berlaut, und
versuchten das Mgliche und Unmgliche, ihm recht bemerkbar zu werden. Sie
meinten eine jener ber Nacht pilzartig aufschieenden Erscheinungen in ihm zu
sehen, wie jede an bedeutenden Ereignissen reiche Zeit sie erzeugt; einen
werdenden, dereinst vielleicht allmchtigen Gnstling des mit so ausgezeichneter
Gnade und Huld ihn berhufenden Kaisers, den sie in der Folge fr sich zu
benutzen hoffen durften; denn dem Gemeinen wird Alles gemein.
    Der Ha, der still verbissene Neid, und, so ungern er dieses sich selbst
gestand, die kaum zu verhehlende Verachtung, mit welcher die groe Anzahl derer
ihn betrachtete, welche am meisten durch ihn gelitten, und die jetzt durchaus
keine andre Triebfeder seiner That anerkennen wollten, als schmutzigen Eigennutz
und den Wunsch, um jeden Preis sich empor zu schwingen, war ihm nicht minder
peinigend, als die ihn anekelnde Kriecherei jener Elenden.
    Am drckendsten aber empfand er die Klte, die berall ihm entgegen starrte,
wo man sonst mit unverkennbarer Herzlichkeit sich ihm zu nhern pflegte. Es war
als ob ein heimliches Grauen von ihm ausginge, das selbst diejenigen von ihm
scheuchte, von denen er berzeugt sein konnte, da sie ihm eigentlich nicht
abgeneigt wren.
    Wo er auch immer sich zeigen mochte, er konnte darauf rechnen, mit einer Art
frmlicher Hflichkeit behandelt zu werden, die ihn oft innerlich zur
Verzweiflung brachte, doch artete diese nie in Hohn aus. Niemand erlaubte sich
in seiner Gegenwart eine Anspielung, ein Wort, eine Miene, die ihn htte
beleidigen knnen. Alle Offiziere, mit denen er im Dienste in Berhrung kam,
bezeigten ihm die nicht nur seinem Range, sondern auch seiner Persnlichkeit
gebhrende Achtung, die mancher von ihnen auch wohl wirklich fr ihn empfand.
Keiner von denen, die bei seiner Erhebung bergangen worden waren, erlaubte sich
die mindeste uerung darber, die ihm htte mifallen knnen; doch Alle hteten
sich dafr ihm nher zu treten, als gerade erforderlich war, und an ein
kameradliches Verhltni, wie es frher wohl Statt gehabt hatte, war fr Richard
gar nicht mehr zu denken.
    Sogar das Haus des Kapellmeisters Lange, das einzige, in welchem er alte
Liebe und Treue und einen warm ihm entgegen kommenden Empfang zu finden gewi
war, wurde durch Frau Karolinens zu groe Theilnahme an seiner Trennung von
Helena, die sie weder begreiflich noch verzeihlich fand, ihm gewissermaen
verleidet.
    Mitten im Gewhle eines geruschvollen Lebens, das jedes Interesse fr ihn
verloren hatte, von Keinem geradezu angegriffen, von Vielen gefrchtet, von
Allen gemieden, kam er sich selbst wie ein abgeschiedener Geist vor, der
verurtheilt war, zum Schrecken der Lebenden eine Zeit lang die Welt zu
durchwandern, ehe ihm erlaubt wurde zur Grabesruhe einzugehen. Sehnsucht nach
menschenfernster, stillster Einsamkeit bemchtigte sich seiner mit immer
zunehmender, verzehrender Allgewalt, bis er endlich zu dem Entschlusse getrieben
wurde, zur Herstellung seiner wirklich leidenden Gesundheit um seinen Abschied
vom Regimente anzuhalten.
    Was er, bekannt mit den Schwierigkeiten, welche in Ruland die Gewhrung
solcher Bitten begleiten, kaum zu hoffen gewagt hatte, geschah; auf Frsprache
des Ministers erhielt er seine Entlassung, und auf die schmeichelhafteste,
ehrenvollste Weise.

Da lag nun die Welt, die auerhalb dem russischen Reiche ihm vllig unbekannte,
offen vor ihm da; doch fhlte er sich nicht versucht, sie nher kennen zu
lernen. Der Gedanke, in die Verhltnisse zurckzukehren, zu denen er in seinem
eigentlichen Vaterlande geboren worden war, fand keinen Anklang in ihm. Ruland
war sein, war Helenens Vaterland; dort lebte sie, wenn gleich in weiter Ferne
von ihm, und diesen letzten, kleinsten Trost aufzugeben, konnte er sich nimmer
entschlieen.
    Bei der vollkommensten Gleichgltigkeit gegen alles, was im gewhnlichen
Leben zu den Annehmlichkeiten desselben gezhlt wird, trieb ihn eine Art von
dumpfem Pflichtgefhle das weit entlegene Fleckchen Erde zuerst aufzusuchen, das
er durch des Kaisers Gnade sein Eigenthum nennen durfte. Dort wollte er, mitten
unter seinen Bauern, sich niederlassen, nach dem Beispiele und den Lehren des
Frsten Andreas fr ihre geistige Bildung und die Verbesserung ihres Zustandes
Sorge tragen, und in selbst gewhlter, tiefer Einsamkeit sein hoffentlich kurzes
Leben so beschlieen.
    Bei seiner Ankunft in jenem abgelegenen Winkel der Erde, breitete ein viel
weiteres Feld fr seine wohlthtigen Absichten sich vor ihm aus, als er zu
finden erwartete. Er hatte den besten Willen mit den, von allen Seiten als
unentbehrlich sich ihm aufdringenden Verbesserungen, sogleich den Anfang zu
machen; doch er entdeckte zugleich, da es ihm nicht nur an den dazu nthigen
Vorkenntnissen, sondern auch an dem Beistande sacherfahrner Gehlfen mangele,
indem die Kraft eines Einzelnen, zur Ausfhrung eines so vielseitigen
Unternehmens, unmglich auslangen knne; jetzt versagte die seinige ihm
gnzlich, mehr noch sein Muth; er hatte nicht einmal den, sich eine leidlich
anstndige Wohnung erbauen zu lassen. So versank er denn immer tiefer in
grenzenlose Apathie und den traurigen Genu, sich ganz ungestrt seinem Schmerze
zu berlassen, whrend er die Anstalten zur Ausfhrung seiner Plne von einem
Tage zum andern hinausschob.
    Ein Brief seines Freundes Eugen, der ziemlich versptet, auf tausend Umwegen
in seiner Einde ihn auffand, war nach mehreren Wochen das einzige Ereigni, das
die trbe Einfrmigkeit seines matt hingleitenden Lebens unterbrach.
    Der Brief brachte ihm beides, Freude und Leid; der Inhalt desselben war zwar
ernst, aber doch voll zarter Schonung, wie nur die innige Bruderliebe sie
eingeben konnte, welche beide Freunde von Jugend auf verbunden. Eugen, nachdem
er so viel Trstliches, als die Lage der Dinge nur erlaubte, von seinem und der
Seinigen gegenwrtigen Zustande dem Freunde gemeldet, sprach, nothgedrungen wie
es schien, den Wunsch aus, einige Jahre stumm vorber ziehen zu lassen, und die
knftige Gestaltung der Zeit und ihres beiderseitigen eigenen Geschicks zuvor
abzuwarten, ehe sie, sei es schriftlich oder mndlich, sich einander wieder zu
nhern versuchten.
    Es war ein Abschied auf lange, unbersehbar lange Zeit, wahrscheinlich auf
immer; Richard fhlte es, und seine noch nicht vernarbten Wunden bluteten von
neuem schmerzlicher.
    brigens ging aus dem Briefe hervor, da Eugen in der Gegend von Astrachan,
in einem gesegneten reich bebauten Lande, ein groes Gut bewohne, welches sein
Vater ihm bergeben, und sich dort eifrig und mit gutem Erfolge bemhe manches,
in seiner frheren Jugend Versumte, nachzuholen, und durch hhere
wissenschaftliche Bildung, als zu erwerben er in seinen ehemaligen Verhltnissen
Zeit und Gelegenheit gehabt, sich auf eine Thtigkeit andrer Art vorzubereiten,
als seine bisherige gewesen.
    Helena, schrieb Eugen, lebe in Moskau, anscheinend ruhig, ganz der Pflege
ihrer fortdauernd krnkelnden Mutter, und wohlthtigen Zwecken geweiht; geehrt,
bewundert, angebetet von denen, die glcklich genug waren ihr nahen zu drfen,
aber durchaus zurckgezogen von der groen Gesellschaft, beschrnkt auf den
Umgang mit wenigen nhern Freunden und Verwandten.
    In der Frstin Eudoxia war die alte berzeugung von dem ursprnglichen
Unterschiede der vornehmen und geringen Klassen wieder erwacht, in der sie von
Kindheit an erwachsen war, und es verging kein Tag, an welchem sie nicht die
schmerzlichste Reue darber bezeigte, in der Strenge nachgelassen zu haben, mit
welcher sie frher auf diesen Unterschied gehalten. Gekrnkter Stolz, stiller
Unmuth nagten an ihrem Leben. Richard in ihrer Gegenwart nur zu erwhnen war
hoch verpnt; ein alter treuer Diener, der unversehens einst seinen Namen
nannte, wurde hart gestraft, und durfte nie wieder vor ihr erscheinen.
    Eugen schrieb es zwar nicht ausdrcklich, aber es ging doch aus seinem
Briefe hervor, da er zur Beruhigung seiner Mutter ihr habe das Versprechen
leisten mssen, jede Verbindung mit Richard aufzuheben. Richard verstand ihn
wohl und der Zorn, so wie die geistige Verstimmung seiner ehemaligen
Wohlthterin erfllten ihn mit Reue und Schmerz; aber es trstete ihn doch, denn
es lie ihn hoffen, da Eugen in seinem Herzen noch immer mit Liebe seiner
gedenke.
    Erfreulicher, oder vielmehr im hchsten Grade erfreulich war, was Eugen von
seinem Vater schrieb. Der Sturm, der so leicht das ganze Lebensglck desselben
htte zertrmmern knnen, hatte den alten Herrn nur in sein eigentliches, ihm am
besten zusagendes Element geworfen, in welchem er nun, von allen Banden frei,
sich gar lustig bewegte. Im kleineren, wenn gleich noch immer sehr groen
Maastabe, fhrte er auf seinen weitluftigen Gtern aus, was er nach einem weit
kolossaleren einst gewollt; richtete Schulen und Bildungsanstalten ein, bauete
Dampfmaschinen, legte Fabriken an, deren Erzeugnisse mit den besten andrer
Lnder wetteifern konnten, und war dabei, in nie rastender Thtigkeit, heiter
und gesund. Mitchell blieb im merkantilischen wie im technischen Fache als
brauchbares, geduldiges Werkzeug ihm stets zur Hand, und befand sich nicht bel
dabei.

Kein Tag verging, an welchem Richard dieses Schreiben, das einzige zwischen ihm
und seiner glcklichern Vergangenheit bestehende Band, nicht wenigstens einmal
gelesen; es war der erste Lichtpunkt in seinem jetzigen Leben, der wenigstens
die trbe Dmmerung desselben unterbrach, dem aber kein zweiter folgen zu wollen
schien.
    Und immer dsterer und farbloser gestaltete die Gegenwart sich um ihn her;
das Jahr neigte merklich dem Untergange sich zu, immer lnger dehnten seine
schlaflosen Nchte sich aus; der in diesem Klima frh eintretende Herbst sandte
seine Vorboten, die Strme, um die Wlder von ihrem frh angelegten bunten
Schmucke zu entkleiden; die Thiere des Waldes suchten ihre Schlupfwinkel auf, um
dort die lange Nacht des Winters ruhig zu vertrumen, und auch die Menschen in
ihren ruchrigen niedern Htten trafen alle ihnen zu Gebote stehenden Anstalten,
um gegen den nun bald schonungslos eindringenden Feind, Klte und Mangel, sich
zu vertheidigen.
    Wenn Abends Schloen und Regen gegen die kleinen Fenster von Richards
schlecht verwahrter, bauflliger Wohnung heftiger anschlugen, der Sturmwind
lauter braute, die zersplitterten Bume im Walde krachten, dann berlief ihn
wohl ein Schauer, indem er der sechs oder acht vor ihm liegenden Wintermonate
gedachte, die er in dieser gnzlich abgeschiednen Einsamkeit, jeder gewohnten
Bequemlichkeit entbehrend, ohne Bcher, ohne Freund, ohne alles geistige
Interesse mit sich allein zubringen sollte. Helenas Traum von ihrer beider Leben
in Sibirien stand oft vor ihm auf, und erfllte ihn mit bnglichster Sehnsucht.
    Noch war es Zeit, noch waren die Wege nicht unfahrbar geworden, noch immer
stand es in seiner Macht, ohne zu groe Beschwerlichkeiten zu erdulden,
bewohntere Sttten aufzusuchen; doch dazu gehrte ein Entschlu, und diesen zu
fassen, lag fr ihn, in seiner jetzigen Stimmung, auerhalb dem Bereiche der
Mglichkeit!
    So sa er oft Stunden lang in Gedanken, in Erinnerungen, zuweilen in
wortlosem, an Betubung grenzendem Sinnen verloren, nichts von allem was um ihn
her vorgehen mochte beachtend.
    Siehst Du, Richard, ist es nicht gekommen wie ich es Dir vorher sagte?
sprach eines Abends eine krftige bekannte Stimme, dicht neben ihm, und eine
warme starke Hand fate und drckte die seine. Richard schreckte zusammen, er
hatte die Eintretenden nicht kommen gehrt: ein Mann und eine Frau standen neben
ihm, beide in armenischer Tracht. Es waren Iwan und Julie: Deine Kneesen haben
Dich verlassen, Deine Glckstrume sind aufgeflogen, Deine Luftschlsser
zusammengebrochen, fuhr Iwan fort, darum sind wir gekommen, ich und mein Weib,
Dich abzuholen, komm nach Hause, was willst Du hier?
    O komm gleich mit uns nach Hause! bat schmeichelnd Julie, hier ist es nicht
gut fr Dich. Unsre Mutter hlt alles zu Deinem Empfange bereit, und wir wollen
Dich lieben, Deiner pflegen, Dich trsten, so gut wir es knnen: komm nur
schnell, komm nach Hause!
    Und Richard ging mit ihnen nach Hause.
