
                                 Tieck, Ludwig

                           Der junge Tischlermeister

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                                  Ludwig Tieck

                           Der junge Tischlermeister

                         Novelle in sieben Abschnitten

                                  Erster Teil

                                    Vorwort

Es ist ein bekanntes Sprichwort: da auch Bcher, grere wie kleinere, ihre
Schicksale haben. So waren es nur unvermutete Hindernisse, Strungen und
Zuflle, welche veranlaten, da gegenwrtige Novelle nicht schon vor vielen
Jahren den Lesern mitgeteilt wurde. Der Plan zu dieser Erzhlung ist geradezu
einer meiner frhesten Entwrfe, denn er entstand schon im Frhjahr 1795. Der
Wunsch, klare und bestimmte Ausschnitte unsers echten deutschen Lebens, seiner
Verhltnisse und Aussichten wahrhaft zu zeichnen, regte sich lebhaft in mir.
Cervantes' Novellen hatten mich schon damals begeistert. Manche andere Entwrfe
wurden ausgefhrt, und drngten diese Novelle, welche meine frheste war, und
den Anla zu den sptern gab, zurck. Erst im Jahre 1811 begann ich die
Ausarbeitung, die jetzt sich mehr ausdehnte und bunter ausfiel, als es im ersten
Entwurfe lag. Rasch schritt ich vor, und damals, wenn das Werk geendigt worden,
war mancher Gedanke ber Znfte, Brgerlichkeit und dergleichen mehr an der
Tagesordnung; vieles gewissermaen neu und noch unbesprochen. Die Ruhe aber fand
sich nicht, um die Aufgabe zu vollenden, doch wurde schon im Jahre 1819 das, was
geschrieben war, der Presse bergeben, und ich hoffte, mit dem Sommer meinem
befreundeten Verleger das ganze Werk dessen Druck er sogleich begann, bersenden
zu knnen. Diese Erfllung ist aber jetzt erst eingetreten, und so bietet sich
nun die Erfindung, so frh begonnen, so oft verzgert und so spt vollendet, dem
Wohlwollen des Lesers.
    Ein hnliches Schicksal traf den Aufruhr in den Cevennen. Er wre jetzt
statt dieses Werkes erschienen, wenn mich nicht diese Laune aus meiner Jugend zu
lebhaft angeregt htte, sie fortzusetzen und zu beschlieen. Da zu jenem
unterbrochenen Werke lngst alles vorbereitet ist, so darf ich hoffen, auch dies
dem Publikum nchstens bergeben zu knnen.
    Wenn die jngere ungestme Welt mich jetzt so oft aufruft und schilt, ich
soll lernen, erfahren, mitgehen, verstehen und fassen, und ich werfe einmal
Blicke in diese Produkte meiner neuesten und frischesten Zeitgenossen, so kann
ich mich des Lchelns nicht erwehren, weil so viele groen Entdeckungen und
Wahrheiten schon lngst in meinen Schriften, zum Teil den frhesten, stehen. Ich
darf mir wohl das Zeugnis geben, da ich immerdar forsche und mehr lerne, je
lter ich werde; aber - wie Goethe auch schon einmal das veraltete Sprichwort
auf sich anwendet - man soll oft erfahren und ber das erstaunen, als ber
wichtige Entdeckung, was man schon lngst an den Schuhsohlen abgelaufen hat. -
Oberflchliche Allseitigkeit war mir immer verhat. Nur in seinem wahren Beruf
kann der Mensch stark sein, irgendwo mu er ganz zu Hause sein und fest stehen;
ich aber glaube nicht, da ich mir willkhrlich meine Kreise zu enge gezogen
habe.
    Es ist wohl nicht unbillig, von Rezensierenden, die mich tiefsinnig tadeln
wollen, zu erwarten, da sie meine Schriften gelesen haben. Da ich die Form der
Novelle auch dazu geeignet halte, manches in konventioneller oder echter Sitte
und Moral Hergebrachte berschreiten zu drfen (wodurch sie auch vom Roman und
dem Drama sich bestimmt unterscheidet), so mache ich in dieser Beziehung nur auf
jene Andeutung aufmerksam, welche die Vorrede zum eilften Bande meiner
gesammelten Schriften beschliet.
    Dresden, im April-Monat.

                                                                        L. Tieck


                                Erster Abschnitt

Leonhard, der junge Tischlermeister, lehnte sich aus dem Fenster, schaute in den
alten Nubaum hinauf und bersahe dann seinen Hof. Der Dunst von den Brettern,
welche zum Trocknen aufgestapelt waren, das Zwitschern der Schwalben, die auf
und ab, von und zu ihren Nestern flogen, ein ferner Gesang aus einem
Dachstbchen der nchsten Strae herber, der rote Schimmer der untergehenden
Sonne, der im Wipfel des Baumes sich bewegte, dessen Gerusch mit dem Abendliede
einzustimmen schien: alles bewegte des jungen Mannes Herz auf eine seltsame
Weise, und er fhlte sich beklemmt, als die Schatten sich berall verbreiteten,
so da er im Nachsinnen seine junge Frau nicht bemerkte, die neben ihn getreten
war, und ihn jetzt mit einem sanften Schlage aus seiner Trumerei erweckte. Wo
warst du mit deinen Gedanken? fragte sie ihn freundlich. Er kte sie herzlich
und sagte: Ich wei es selbst nicht, liebe Friederike, ich dachte wohl
eigentlich nichts, und jetzt erst, da du mich zur Besinnung gebracht hast, ist
es mir mglich, von meinen Empfindungen etwas zu wissen. Du erinnerst dich, mit
welcher Sehnsucht wir im vorigen Winter das Frhjahr erwarteten, mit ihm die
neue Einrichtung, den Ankauf der Hlzer, den Aufhau der Schuppen, die
Erweiterung meines Gewerbes, und alles ist nun da, besser, reicher,
wohlhabender, wie ich es nur wnschen konnte, und indem ich nun jetzt so ber
meinen Besitzstand hinblickte, in der Ferne die Gesellen arbeiten hrte, und mir
aus allen diesen Brettern gleichsam schon alle die Mobilien entgegentraten, die
daraus gefertigt werden knnen, und mir war, als hrte ich das Geld klingen, das
mir dafr gezahlt wrde, um wieder Bretter einzukaufen, und so immer fort -
wurde mir so bnglich zu Sinne, da ich aus Wehmut auf das Zwitschern der
Schwalben hrte, und fast weinen mute, als das Abendlied der alten
Wollspinnerin von drben herbertnte. So ist es; aber was es ist, kann ich
selbst nicht sagen.
    Nichts ist es, sagte Friederike lachend, als da du ein wunderlicher Kauz
bist und bleibst. Aber darum lieb ich dich nur um so mehr, da du nicht bist wie
alle Menschen. In der Kindheit konnte mich wohl auch solche Furcht anwandeln,
mitten unter meinen Befreundeten eine unaussprechliche Bangigkeit. So hatte mein
Oheim sein Haus fertig gebaut, und das Hintergebude war beinah auch schon
vollendet. Wir Kinder hatten vor dem Oheim den allergrten Respekt, die
Bauanstalt kam uns sehr ehrwrdig vor, alles, was wir sahen, sprach davon, wie
von etwas hchst Wichtigem, und alle die Maurer, Tischler, Zimmerleute und
Anstreicher schienen mir mit ihrem Klappern, Tnchen und Hmmern das Erhabenste,
was man in dieser Welt erleben knne. Einen Feierabend spielten wir zwischen den
Spnen im Nebengebude, wir entdeckten da tausend kindische Schtze, und indem
ich durch eine Tr krieche, die mit Gersten verbaut war, um aus einem anderen
Zimmer Kltzchen, Stcke Blech und Hobelspne in meiner Schrze zu sammeln,
berfiel mich in der dmmernden Einsamkeit, unter den stummen Gerten und
Gestellen die sonderbarste Angst, eine Furcht vor etwas Unbekanntem, und dabei
ein fast lcherliches Gefhl, als wenn der reiche Oheim und sein Bau, und alle
seine Arbeiten und Anstalten etwas durchaus Albernes, Lppisches und Unntzes
seien, so da ich mich mit schreiendem Gesang zu meinen Gespielen
zurckarbeitete, und mir den ganzen Abend, auch bei den Lichtern, war, als knne
ich die vorige Welt nicht wiederfinden. Eine alte Magd, der ich beim
Schlafengehen meine Empfindungen mitteilen wollte, meinte, ich wrde wohl den
Baugeist gesehen oder gehrt haben. Der Abend ist mir nachher noch oft
eingefallen, und freilich mu ich manchmal lachen, wenn ich den bertriebenen
Ernst so vieler Menschen sehe und ihre ngstliche Geschftigkeit, und da alles
doch wieder vergeht, und wenn man ber dies dunkle Wesen ngstlich werden
mchte, so nenne ich es immer mit meiner alten Magd den Baugeist, und bin
beruhigt. Es ist doch immer so lustig und schn, wenn die Menschen brav
arbeiten.
    La uns sehen, was Franz macht, antwortete Leonhard, und sie gingen beide
in ein anderes Zimmer, wo der Knabe neben seinem Lehrer sa und eifrig die
Landkarte betrachtete. Deutschland war aufgeschlagen, und der alte Magister
suchte ihm die Einteilung der Kreise, den Lauf der Flsse und den Zusammenhang
der Gebirge deutlich zu machen. Recht in der Mitte Germaniae, sagte er eben,
liegt allhier das alte Noricum, oder Nrnberg, welches darum billigerweise die
Hauptstadt des deutschen Reichskrpers sein sollte. Leonhard beugte sich ber
den Knaben und sah mit in die Karte. Ein herrliches Land ist Franken, fing er
an; und vor allen das Bambergische und die Ufer des Mains. - Sind wohl dorten
gewesen? fragte der Magister. - Lange Zeit, antwortete der Meister, und
wunderbar war alles dort nebeneinander, so verschieden und doch so schn
vereinigt. Nrnberg in der Mitte, als der Sitz der Kunst und des Gewerbfleies,
eine alte ehrwrdige Stadt mit ihren Denkmlern, das lustige Anspach; das schne
Bayreuth mit dem nahen finstern Fichtelgebirge, das sandige Erlangen, und nicht
fern davon die herrlichen Tler von Streitberg und Muggendorf mit ihren Ruinen
und Naturwundern; seitwrts das warme, helle, liebliche Bamberg, mit der
unendlich schnen Aussicht von seinem zerstrten Schlosse, mit seinem
ehrwrdigen Dom; dann die schnen Wlder bei Ebrach, und bald dahinter das
Weinland Wrzburg, und die schnen Wildnisse des Spessart; nicht fern das
reizende Bischoffsheim, hinten Mergentheim, Heilbronn, und die Schlsser an der
Jaxt, der Tauber und dem Neckar, die Pfalz hinunter.
    Wo wir aber schon die Grenze Franconiae berschritten haben! sagte der
Magister. - Gewi߫, antwortete Leonhard, nur rissen mich die
Jugenderinnerungen hin. Er seufzte, und verfolgte auf der Landkarte den Lauf
der Strme. Herr Leonhard, fuhr der Magister fort, knnten selber den Sohn in
Geographia unterrichten, da Sie alles, oder das meiste gesehen haben, es wrde
ihm zweifelsohne deutlicher werden, da die eigene Anschauung sich leichter
mitteilt; freilich mte ich wohl, wenn er erwachsener ist, wieder in das Mittel
treten, um ihm die ltere Lnder-Einteilung und was Austrasia und Neustria
gewesen, historisch zu erklren.
    Man wollte sich zum Abendessen in das grere Zimmer begeben, als der
Altgeselle des Gewerkes mit seinem Spruch hereintrat und ankndigte, da zwei
Fremde eingewandert wren, die Leonhard, nachdem er auf die herkmmliche Weise
geantwortet hatte, annahm, weil sich sein Gewerbe mit jeder Woche vergrerte.
Die Fremden sollten am folgenden Tage einziehen und der Meister, seine Frau und
der Magister nebst Franz gingen in die andere Stube, die schon erleuchtet war,
und wo vier Gesellen und drei Lehrburschen ihrer warteten. Leonhard setzte sich,
zu seiner Linken der Magister und neben diesen die Frau, welcher der Knabe
folgte, an einen runden Tisch; neben dem Knaben standen die Bursche, und rechts
vom Meister saen die Gesellen in der Ordnung, in der sie frher oder spter in
sein Haus gekommen waren. Ein kurzes Tischgebet wurde gesprochen, und die
Mahlzeit unter frhlichen Reden vollendet. Die Gesellen erzhlten von dem einen
Fremden, welchen sie schon kannten, und mit dem der lteste in Augsburg
gearbeitet hatte; man rhmte ihn als geschickt, tadelte aber sein unordentliches
Wesen und seine Liebe zum Trunk, wodurch er zu nichts kommen knne, und
ohnerachtet seines guten Verdienstets immer nur schlecht in Kleidern einhergehe.
Leonhard erzhlte manche unglckliche Beispiele hnlicher Art, und beklagte, da
durch Leichtsinn und schlechte Gewohnheit sich nur zu oft die geschicktesten und
sonst fleiigsten Menschen ein trauriges Alter zubereiteten. Der Magister sprach
nur selten, und wenn es geschahe, meist in lateinischen Sprchen, wobei er
jedesmal den jngsten der Gesellen scharf ansah, weil dieser ihn zuweilen
lchelnd von der Seite betrachtete, und der Alte Spott in seinen Blicken zu
lesen glaubte. Auch war es zu entschuldigen, wenn die Gestalt des Magisters
komisch auffiel, und besonders jngern Leuten Veranlassung zum Lachen gab. Sein
altes Gesicht war feierlich und voll Runzeln, und verriet mehr Jahre, als er
wirklich verlebt hatte; er trug noch (was schon anfing selten zu werden) eine
Percke, die aber niemals gepudert war, oft ungekmmt und zerzaust schien und
fast nie gerade sa, zwei Schleifen eines engen Halstuches hingen ihm ber der
Brust, die Weste prangte mit schwarzen Knpfen von Gagat, am langschigen Rock
aber trug er Schleifen nach Art der Wiedertufer, und zinnerne ziemlich groe
Schnallen glnzten von seinen Fen. In allen seinen Gebrden suchte er den
Gelehrten darzustellen, und um nicht in den Anstand und die Sprache der
Handwerker zu verfallen, die ihm wohl gemein dnken mochten, wurde er
hochfahrend und steif, nicht selten linkisch und verlegen, und stie Glser und
Teller um, obgleich er sich immer beobachtete. Er war in Wittenberg auf der
Schule gewesen, und hatte dort studiert und promoviert, hatte nie Glck gehabt,
weil es ihm an jedem Talent fehlte, sich in die Welt und seine Umgebung zu
schicken, und war nun hieher, in Leonhards Geburtsstadt geraten, wo er Kindern
und jungen Leuten in Sprachen und den Anfngen der Wissenschaft Unterricht gab,
sich aber immer hchst armselig behelfen mute, weil er zu jenen gutmtigen
Wesen gehrte, welche alles, ohne zu rechnen, wegschenken, und wenn sie einmal
etwas zurckgelegt haben, sich bestehlen lassen, sich aber auch darber nicht
verwundern oder Vorkehrungen dagegen treffen, weil sie die Meinung hegen: es
msse so und knne nicht anders sein, er wenigstens htte lieber selber
gebettelt, als einen Dieb beim Gericht belangt, wenn er ihn auch kannte oder
erriet.
    Nchst der Leidenschaft des Trunkes war es die des Spieles, ber welche die
Tischgesellschaft sprach, und welche Leonhard fast noch gefhrlicher schilderte,
weil sie schneller zur Armut fhrt und den Charakter der Menschen untergrbt, so
da nicht selten derjenige, der als ein ehrlicher Mann begann, als Betrger und
Dieb endigen mu.
    Es ist eine sonderbare Frage, fuhr Leonhard fort, Ob der Mensch immer
stark genug ist, den Leidenschaften widerstehen zu knnen, oder ob nicht
vielleicht mancher doch frher oder spter erliegen mu und seinem Schicksale
nicht entgehen kann, er mag mit noch so vieler Kunst und Festigkeit nach dieser
oder jener Seite ausbeugen.
    Est problema periculosissimum, sagte der Magister, denn axioma est, quod
voluntas nostra libera sit. Martin, der jngste Gesell, lchelte wieder. Das
heit, fuhr der Magister mit erhhter Stimme fort, damit Er es verstehe, mein
guter Juvenis Martin, es ist ein Grundsatz, da unser Wille durchaus frei ist.
    Mir fllt diese Frage nur ein, sagte Leonhard, weil ich mich eines
sonderbaren Falles erinnere, den ich selber erlebt habe. Als ich noch in der
Lehre stand, kannte ich schon einen alten Gesellen, der hier arbeitete. Er war
katholischer Religion und sehr fromm, auch war er eitel darauf, da man ihn in
der Jugend zum Geistlichen bestimmt hatte. Bei aller Frmmigkeit aber war er
nicht stark genug, dem Getrnk Widerstand zu leisten, so da man ihn gewhnlich
Sonntags berauscht sah. Zwar trank er nicht viel, aber da er sehr lebhaft und
von hitziger Einbildung war, stiegen ihm wenige Glser gleich so in den Kopf,
da er fast nichts von sich wute, und was das Schlimmste war, so befiel ihn
alsdann eine so groe Begier zu prahlen und aufzuschneiden, da er seinen
wchentlichen Verdienst mit vollen Hnden ausstreute mochte das Geld nehmen, wer
wollte. Daher fanden sich immer einige lderliche Brder, die, wenn er in dieser
Stimmung war mit ihm Karte oder Wrfel spielten und ihn rein ausplnderten, fiel
es ihm zuweilen ein, zu zanken, weil er doch Unrecht merken mochte, so trug er
zum berflu des Unglcks noch Schlge davon. Am andern Tage war derselbe Mensch
dann der demtigste, bescheidenste und leutseligste; ja er htte vor Scham
vergehen mgen, da er sich so hatte betragen knnen, und fing doch den nchsten
Sonntag wieder an, dieselbe Rolle zu spielen. Diese Art aber, zwischen den
beiden uersten hin und her zu schwanken, hatte ihm alle Kraft und Festigkeit
genommen, so da er auch niemals den Entschlu fassen konnte, in irgendeiner
Stadt das Meisterrecht nachzusuchen, sondern sich lieber, so alt er auch schon
wurde, als Gesell durch alle Lnder umtrieb. Nach vielen Jahren, als mich der
Zufall auf meiner Wanderschaft nach Triest verschlagen hatte, traf ich diesen
alten Menschen wieder. Aber wie war ich erstaunt, da ich ihn ganz verwandelt
fand. Er trank nie einen Tropfen starken Getrnkes, mochte er mde, noch so
durstig oder erschpft sein; und auf mein Befragen erzhlte er mir, da er vor
zwei Jahren sich im Trunke so weit vergessen, da er einen Geistlichen, der ihn
zu ermahnen gesucht, gemihandelt habe, worber er im Nchternwerden so
erschrocken sei, da er von diesem Augenblick an das Gelbde getan habe, nie,
auch bei der dringendsten Veranlassung, und selbst auf Festen und Hochzeiten
etwas anderes als Wasser zu genieen. Dieses Gelbde hielt er auch so strenge,
da ich die Kraft seines Willens bewundern mute.
    Ecce, rief der Magister, das leuchtendste Exemplum, da der Wille des
Menschen allerdings frei sei und alles vermge.
    Wenn er nur in der Tat durch diese Sinnesnderung gewonnen htte, fuhr
Leonhard ruhig fort. Der Pater hatte dem reuigen Snder, ich wei nicht welches
Erbauungsbuch, gegeben, das zum Unglck eins von denen war, die man die
mystischen nennt, in welchen dem Menschen auer der Vernunft und dem Glauben
noch ein neuer Sinn aufgeschlossen werden soll, durch welchen er Gott und dessen
Wesen erkennen mag, und durch die Anstrengung der Liebe und eines
geheimnisvollen Willens fhig werden, das unbegreifliche Wesen in sich selbst
vertraulich und fortdauernd aufzunehmen. Diese Vorstellungsart, so wenig er auch
die meisten Bcher dieser Gattung begreifen mochte, hatte sich des schon
glubigen Menschen so bemeistert, da er in Mue- und Arbeitsstunden las, und
Lutheraner und Katholiken zu seiner Meinung bekehren wollte; alles Geld, was er
erarbeiten konnte, wandte er dazu an, mehr und mehr Bcher dieser Art zu kaufen;
er las in den Nchten, er predigte in der Einsamkeit des Feldes, er glaubte sich
zum Apostel berufen, so da es schien, sein Lebenslauf sollte nicht eben und
gerade ausgehn, sondern durch Leidenschaft und Phantasie verwickelt und gestrt
werden. War er in frhern Zeiten ausschweifend und tricht, so mute man ihn
jetzt, wenn man es auch noch so gut mit ihm meinte, geradezu einen Narren
heien.
    Schwrmer oder Mystiker wre richtiger gewesen, warf der Magister ein, an
dergleichen Irrlehrern hat die reine christliche Kirche von jeher viel zu leiden
gehabt.
    Jetzt war sein Seelenrausch ununterbrochen, erzhlte der junge Meister
weiter. Ich gedachte durch das Krain und Krnten, durch Tirol hinauf nach
Augsburg zu gehen, mehr um die herrlichen Gebirge zu sehn, als der Arbeit wegen,
denn ich hatte Geld zur Reise zurckgelegt. Der Alte bot sich zu meinem
Begleiter an. Es war im Sptsommer, das Wetter das vortrefflichste, die
Gegenden, durch die wir zogen, die allerwunderbarsten und zauberreichsten, die
ich noch gesehen hatte; aber der Arme war nicht mehr fhig, die Schnheit der
Schpfung zu genieen; er sah in den erhabenen Berg- und Felsenmassen nur das
Werk der bsen Geister, einen Trotz gegen den Himmel; er redete sie manchmal in
seinem Eifer an, und schalt sie wilde Riesen und Emprer gegen Gott. Den Verdru
hatte ich auf dem ganzen Wege, und mich gereuete oft, da ich mit ihm gegangen
war. Dazu kam, da er unter der Last seiner Bcher keuchen und schwitzen mute,
und doch konnte er nicht unterlassen, in jedem Stdtchen sich nach andern Werken
dieser Art umzusehn, und zu kaufen, wenn er etwas fand, das ihm erstndig war.
So bel ich auch auf seine Besessenheit zu sprechen war, so trug ich ihm doch
den grten Teil seines Gepckes, und bedung mir nur aus, da er mir in den
Ruhestunden nicht vorlesen durfte, worber er wehmtig die Achseln zuckte. Wir
kamen bei Botzen heraus. Nie werde ich dies herrliche Tal vergessen und den
wundervollen Weg nach Brixen. Es ging schon gegen die Weinlese, allenthalben
konnten wir uns mit Trauben erquicken. Es war eine Vollmondnacht, und wir hatten
beschlossen, von Brixen auszuwandern, die khle helle Nacht hindurch, und am
anderen Mittag irgendwo stille zu liegen, weil die Hitze in den Bergen dort auch
um jene Jahreszeit in den Mittagsstunden drckend war. War mein Gefhrte am Tage
begeistert, so schien der Mondschein noch strker auf ihn zu wirken: seine
Schilderungen waren so grausenhaft, da ich mich selbst, wenn der Mond hinter
eine Wolke trat, zuweilen eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte. In der
Hlle besonders war er wie zu Hause, und genau beschrieb er die vielen
Heerscharen; auch ihre verschiedenen Physiognomien und Gebrden, die von dort
tglich und nchtlich auszgen, um seine arme Seele zu bestricken, bald durch
Zweifel, bald durch Hochmut, ein anderes Mal durch falsche Gesichte, oder auch
durch ngstigende Herzensleere, bis dann im anhaltenden Gebet der Brunnen des
Lebens wieder springe und von innen heraus alle seine Krfte trnke und
erfrische. So mochte es Mitternacht geworden sein, als wir zwischen Brixen und
Sterzingen einen Hgel hinanstiegen; die Gegend war ganz einsam, kein Dorf in
der Nhe, rechts ab vom Wege schienen in ziemlicher Entfernung einige Htten zu
liegen, doch mochten es auch Steine sein, denn nichts war im rtselhaften
Schimmer des Mondlichtes genau zu unterscheiden. Sowie wir hher stiegen, hrten
wir ein seltsames Rascheln oder Rauschen, und es war nicht anders, als wenn
jemand eine groe Tonne mit Wasser schttelt, um sie auszusplen. Dies war es
denn auch zu meinem grten Befremden: denn als wir oben waren, sahen wir mitten
auf der Landstrae eine ziemlich beleibte, aber kleine menschliche Figur, die
mit der grten Behendigkeit ein groes Fa hin und her bewegte. Mein Gefhrte
drngte sich dicht an mich; mir war, gesteh ich, etwas unheimlich: diese
sonderbare Beschftigung hier im einsamen Gebirge, in der stillen Mitternacht,
keine menschliche Wohnung in der Nhe. Um dem nchtlichen Arbeiter
vorbeizukommen, muten wir im Wege etwas ausbeugen, und mit einer etwas
ngstlichen Stimme sprachen wir beide den Gru, der in Tirol gebruchlich ist:
Gelobt sei Jesus Christi! worauf das Nachtmnnlein, ohne sich in seiner
Beschftigung stren zu lassen, mit einer schnarrenden, nselnden, fast kindisch
qukenden Stimme antwortete: in Ewigkeit! Wir gingen stumm weiter, schneller,
sahen uns nach einigen hundert Schritten bei einer Felsenecke um - und indem
wieder eine Wolke dem Monde vorberzog, war alles verschwunden. Hast du ihn
gesehn? fragte mein Gefhrte mit zitternder Angst - Den? - Ich wagte nicht ihm
zu antworten, er nannte den Arbeiter immer nur ihn, und schien sich viel dabei
zu denken; auch ich wei noch jetzt mir das Abenteuer nicht zu deuten, so
natrlich es vielleicht zusammenhngen mag.
    Im besten Falle, sagte der Magister, ist es immer exzentrisch, auf hohem
Gebirge in stiller Nacht sich mit Fssern zu tun zu machen, die Nacht macht
alles zum Schreck.
    So war es auch mit meinem Freunde, fuhr der Erzhlende fort, der nur noch
eines letzten Anstoes bedurfte, um vllig in die Irre zu geraten. Wir kamen
nach Sterzingen. Zum Essen kam der Alte nicht, und als wir ihn suchten, fanden
wir ihn endlich in einem abgelegenen Winkel im eifrigsten Gebet. Er sagte mir,
er htte danken mssen, da der Himmel ihm seinen Verstand habe erhalten wollen.
Ich suchte ihn zu erheitern und drehte die Sache zum Scherz, aber da er bse
wurde, brach ich ab. Wir blieben diese Nacht in der Stadt, weil ich mit dem
Unglcklichen nicht wieder eine nchtliche Wanderung unternehmen mochte; in der
Nacht schlief er sehr unruhig, ich hrte ihn oft chzen und beten; schauderhaft
war es, da er wohl hundertmal die Worte: in Ewigkeit! wiederholte, und zwar
genau den seltsamen, nicht kindischen und nicht mnnlichen, nicht kreischenden
und auch nicht heisern Ton der nchtlichen Erscheinung zu treffen suchte. Bald
darauf erreichten wir Inspruck, wo wir Arbeit annahmen. Nach acht Tagen gehe ich
mit meinem Gefhrten des Sonntags in die Kapuzinerkirche. Hier ist das schne
Grabmal des Kaisers Maximilian, hier ruht die berhmte Philippine Welserin; hier
stehen die lebensgroen erznen Bildnisse von merkwrdigen Menschen der Vorzeit,
und ich war in Betrachtung dieser Denkmler vertieft, als ich pltzlich unter
den Worten des Predigers einen lauten Aufschrei hre; alles luft zusammen, man
bestrebt sich, jemand aus der Kirche zu tragen, ich trete hinzu: er ist es, der
Unglckliche, der in Krmpfen heult. Drauen erzhlt er, da die Kirche voller
bsen Geister sei, da der Fuboden sich unter Flammen aufgetan, da die
grlichsten Gebilde zu ihm emporgestiegen. Im Wahnsinn qult er sich noch acht
Tage, nachdem er unzhligemal das: in Ewigkeit! mit jenem widerlichen Tone
wiederholt hatte. Er liegt dort begraben.
    Nach einem kurzen Stillschweigen wnschten die Arbeiter gute Nacht und
entfernten sich, indem der vorschnelle Martin schon in der Tr zu seinen
Begleitern auf sprichwrtliche Art sagte: Unser junger Meister hat in seinem
kleinen Finger mehr Verstand, als im ganzen alten Magister steckt. Dieser
berhrte es aber Leonhard nahm sich vor, am folgenden Morgen dem jungen
Menschen einen Verweis zu geben. Der Knabe wurde zu Bett gebracht, und der
Magister nahm ebenfalls seinen Hut; doch Leonhard wandte sich zu ihm und bat:
Erzeigen Sie uns die Ehre, werter Herr Magister, noch ein Glschen Wein mit uns
zu trinken. Indem trat auch ein anderer Freund des Hauses, ein Tischlermeister,
ein kleines rundes Mnnchen, herein, der sich den Schwei abtrocknete und
ausrief: Immer noch brav hei, als wenn es schon mitten im Sommer wre! Guten
Abend! fuhr er fort; ja wenn man zu euch kommt, Leute, so sind alle Stuben wie
die Putzstuben, und je mehr ich zu Hause aufrume, je wilder sieht die
Wirtschaft aus! ich habe nicht Glck und Segen in den Hnden; hier ist einem
immer zumute, als wenn man bei vornehmen Leuten wre. - Man setzte sich nun um
einen kleinen Tisch, und die Hausfrau schenkte von dem guten Frankenweine ein,
den alle stark und wohlschmeckend fanden. Der Magister legte seine feierliche
Miene ab und fing an heiterer zu werden, wozu vorzglich die Gesprche und
Erzhlungen des Meisters Krummschuh beitrugen, ber den er sich ohne allen
Rckhalt erhaben fhlte. Es wurde an die Tr geklopft, und ein Bedienter trat
herein, der dem Leonhard ein zusammengelegtes Blatt bergab. Er hatte kaum die
Aufschrift angesehn, als er rot vor Freude ward und sich sehr heiter mit den
Worten zum Diener wandte: Es wird mir eine groe Ehre sein, ich bin morgen den
ganzen Tag zu Hause. Der Diener entfernte sich und Leonhard sagte: Der Baron
ist wieder in der Stadt und von seiner Reise zurckgekommen, er wird mich morgen
besuchen, wenn ich nicht schon frh zu ihm gehe. - Ich hatte es dir nur zu
melden vergessen, sagte die junge Frau, er war schon heut nachmittag hier und
suchte dich. - Wie kannt du das nur vergessen? rief Leonhard aus. - Es ist
ja noch Zeit genug, da du es erfhrst, erwiderte sie etwas unwillig, er hat
Projekte mit dir, er will dich auf eine Reise mitnehmen, du sollst ihm ein
Schlo einrichten helfen und was dergleichen mehr ist, was mir gar nicht
sonderlich hat gefallen wollen; er ist berhaupt fatal mit seinem herablassenden
vertrauten Wesen, und hindert dich nur; ich kann es gar nicht leiden, da er
mich immer liebe kleine Frau nennt. - Du bist unbillig, antwortete der Mann,
er will gegen uns nicht den Vornehmen spielen, ich kenne ihn seit lange, wir
waren Schulkameraden. - Ich bin aber nie sein Schulkamerad gewesen, erwiderte
sie etwas spitzig; und wie klein bin ich denn? doch gro genug, da er mit mir
etwas mehr Umstnde machen knnte; ich kann es nicht leiden, wenn die Vornehmen
gar zu brgerlich tun wollen; ich frchte nur, du lssest dich beschwatzen, weil
ich deine Lust am Reisen kenne.
    Ja, das mu wahr sein, rief Krummschuh aus, in meinem Leben hab ich noch
keinen Menschen gesehen, der so versessen auf das Wandern ist. Er konnte es nie
satt werden, und ich werde zeitlebens an das Jahr gedenken, in dem ich mich mit
ihm herumgetrieben habe. Wenn andere Menschen md und matt in die Herberge
kommen, so richten sie sich ein, sehen nach der Kche bestellen sich ein Essen,
setzen oder legen sich nieder; nicht so er. Gleich fragt er nach den
Merkwrdigkeiten der Stadt und der Gegend, meistens kennt er sie auch schon, oft
besser als die Leute selbst, und da ist nun entweder ein alter Turm, den er
besehen und auf die Spitze mit Lebensgefahr hinaufklettern mu, oder Mauerwerk
von einem Schlosse oder Kloster ist eine halbe Meile davon, dahin wird nun
gewandert, ohne fast nur einen Trunk Bier getan zu haben. Und was hat er nachher
von dem allen? Ich begreife es jetzt selbst nicht, wie er mich damals durch
seinen Umgang so hat behexen knnen, da ich alle die Torheiten mitmachte.
    Alle lachten, und der Erzhler fuhr fort: Jetzt ist es mir selber
lcherlich, aber damals war ich oft verdrlich genug. Weit du noch, Gevatter,
wie wir miteinander das Fichtelgebirge durchstrichen? In der Ebene war er noch
ertrglich und ziemlich vernnftig, aber sowie er nur in Berge geriet, war er
wie wahnwitzig, und ich glaube auch, da es eine Krankheit in ihm gewesen ist,
die jetzt wohl ausgetobt hat. Da mute immer noch ein Berg erstiegen werden, und
dann noch ein hherer und wieder ein anderer, und das hatte dann niemals ein
Ende! Dabei konnte er unsereinen so schn persuadieren, da man immer
nachkletterte; er konnte wunder was versprechen, goldne Berge und Luftschlsser,
es blieben aber immer nur neue Felsenberge. Ich hatte von frhester Kindheit die
Anlage, einen Bauch zu kriegen, wie es denn auch jetzt geschieht; seit ich
denken kann, ist mir beim Bcken das Blut ins Gesicht gestiegen, und ich kann
nichts tun, ohne in starken Schwei zu geraten. Aus dieser Komplexion ergibt
sich nun von selbst, da ich kein sonderlicher Fugnger bin, was er bei seiner
schlanken Statur niemals begreifen wollte, sondern meinen Widerwillen nur fr
Faulheit erklrte. Da liegt in Franken ein finsteres Nest, Wunsiedel genannt,
unter dem Fichtelgebirge; eine halbe Meile oder Meile davon sind im Buschwerk
die wunderlichsten tollsten Felsenmassen ber-, unter- und durcheinander
geworfen, wie man es nur im Traum sich vorstellen kann, da mut ich nun hin, und
springen, kriechen, klettern und sthnen, um das Wunderwerk in Augenschein zu
nehmen. Der hchste und verwirrteste Punkt dieser Gegend, wo man verrckt werden
mchte, heit die Luchsburg. Von hier sieht man aus der schwrzesten
Tannen-Einsamkeit rund umher in die Zerstrung hinaus, von allen Seiten nur
Wlder und wilde Steinklumpen unter sich, Waldrauschen und wildes Vogelschreien,
alles zum Entsetzen. Da war er nun glcklich und wie betrunken vor Freude. Wir
muten aber weiter, wir sollten auf den Gipfel des Gebirgs gelangen, den sie
dort den Ochsenkopf nennen. Er wute meine Ambition so in Ttigkeit zu setzen,
da ich richtig mitging; den Abend vorher hatte ich geschworen, es nicht zu tun.
Es liegt ein tiefer langer Morast unten am Gebirge, ber welchen Stangen gelegt
sind, um nur festen Fu fassen zu knnen, da hinber muten wir uns qulen. Dann
ging es in den dicksten Wald, neben groen Steinwnden, Eichen und Tannen
vorbei; er hatte sich den Weg genau beschreiben lassen, und glaubte nicht fehlen
zu knnen. Aber es geriet uns dennoch anders, denn nachdem wir einige Stunden
bergauf gewandert waren, hatten wir jede Spur eines Weges verloren. Nach vielem
Hin- und Hertappen gerieten wir auf eine alte Strae, die aber seit lange schon
mute verlassen gelegen haben, nmlich auf eine Art von Kntteldamm ber
morastigen Boden. Hier war es Kunst zu wandern. Oft brach der Baum, indem man
auftrat, oder tauchte unter, und man mute behende auf den zweiten steigen, wo
es oft noch schlimmer ging; an vielen Stellen fehlten die Bume ganz, und wir
muten zum Springen unsere Zuflucht nehmen, wobei es doch nicht zu vermeiden
war, da wir nicht einmal ums andere tief in den Sumpf hineinfielen. Ich fing an
zu heulen und zu weinen; der bse Mensch aber war so weit voraus, da er es gar
nicht einmal hren konnte. Was half's? ich mute ihm nach. Wie dieser
vermaledeite Weg zu Ende war, hatte wir zwar festen Boden unter uns, aber wir
waren darum um nichts gebessert. Die ehemalige Strae mochte mit Bumen und
Gebschen verwachsen sein, und so muten wir uns bequemen, eine Art von
Treppenstiege hinanzukommen, welche die Wasser in den Felsen gerissen hatten.
Dieser Weg dauerte wieder einige Stunden, zog sich steiler und immer steiler
hinan, und oft waren die Felsblcke so hoch, da mein Verfhrer sich mir
unterstemmen mute, um mich nur hinauszuwinden. Die Geier in den himmlischen
Lften mssen ber unsere Wanderung verwundert gewesen sein. Schon fing es an
Abend zu werden, und wir hatten bei unsern Strapazen seit dem frhesten Morgen
nichts genossen. Aber was stand uns bevor? Unsere Felsentreppe endigte endlich
auf einem kleinen runden Wiesenfleck, den von allen Seiten hohe, dichte Bume
und hinter diesen die steilsten Felsenwnde umschlossen. Kein Ausgang war zu
entdecken, wir waren hier wie in einer verzauberten Gegend eingefangen, indem
die Sonne unterging. Er verlor nicht den Mut, sondern schnitt sich mit seinem
groen Messer einen Ausgang durch den Wald, und kletterte wie eine Gemse auf
eine Klippe hinaus. Jeder Futritt, jedes leise gesprochene Wort, jedes
Aufstoen mit dem Stock schallte in dieser Einsamkeit furchtbarlich wieder. Ich
fing in der Verzweiflung an, das kurze, nicht saftige Gras zu kosten. Mit dem
schlechtesten Troste kam unser Freund zurck; es zeigten sich, nach seiner
Aussage, von dort nichts, als rundum die schwindlichsten Abgrnde: die Sonne ist
untergegangen, fuhr er fort, zurck knnen wir auch nicht, und fnden
wahrscheinlich unsern unrichtigen Weg so wenig, wie den richtigen; hier ist es
trocken, die Nacht wird nicht eben kalt werden, der Himmel ist heiter, was
bleibt uns brig, als hier auf dieser Stelle unser Quartier aufzuschlagen? kommt
ja doch, wie man sagt, guter Rat ber Nacht. Wir muten aus der Not eine Tugend
machen, und ich wre wohl zum Einschlafen mde genug gewesen, wenn mich die Qual
des Hungers nur zur Ruhe htte kommen lassen. Als es finster wurde, fing der
unglckliche Mensch an, mir, wie er sagte, zum Zeitvertreib die
allerfrchterlichsten Gespenstergeschichten zu erzhlen, und dazu heulte der
Wind, oder was es sonst war, in den Klften unter uns so entsetzlich, ber uns
war oft in der Luft ein Geschwirre und Krchzen, die Bume schttelten sich oft
so pltzlich, und in der Dunkelheit sahen die Felsenzacken mit so grlichen
Schnauzen und Brten zu uns herber, da ich den Verstand zu verlieren glaubte;
doch war meine Mdigkeit strker als alles andere, und ich erwachte wirklich
erst, nachdem die Sonne schon aufgegangen war. Der Abenteurer hatte auch, wie er
mir sagte, gut geschlafen, und wir befanden uns insoweit wohl, auer da wir vor
Hunger und Mattigkeit kaum die Beine bewegen konnten. Er war auch, wie ich
merkte, abgekhlt, denn er war von der sogenannten Natur nicht so begeistert wie
gewhnlich, wir trafen ber den schwindlichten Felsenspitzen einen kleinen
grnen Vorsprung, der sich lngs dem Abgrunde hinzog; von hier gerieten wir nun
in eine fast ebene Waldstrecke, und nach Verlauf von dreien Stunden, in denen
wir ununterbrochen gekeucht und gesthnt hatten, fanden wir endlich zu unserer
grten Freude wieder einen Waldweg, der uns auch wirklich bald zu einer
einsamen kleinen Htte fhrte. Die Frau eines Bergmannes, die hier wohnte, war
verwundert, uns von dort kommen zu sehen; sie erquickte uns mit Brot und Butter,
das wir im Freien genossen. Das rechte Steigen, sagte sie, fngt erst von hier
bis zum Ochsenkopf hinauf an. Ich machte mich seufzend auf den Marsch, sah aber
bald, da die gute Frau nicht mit bei unserer bisherigen Wanderschaft gewesen
war, denn ob es gleich beschwerlich ausfiel, so war alles doch nur Kinderei
gegen das, was wir berstanden hatten. Ich legte mich oben nieder, wieder
auszuruhen, und wei nicht, was man von so hohen Orten sieht, als eine tchtige
Strecke Luft und ein weitlufiges Nichts, in dem hie und da einzelne Stifte Von
Kirchtrmen, oder ein Fleckchen, was eine entfernte Stadt ist, hervorschimmert.
Wir kletterten dann nach Bischofsgrn hinunter, und ich war froh, wieder unter
Menschen und in die Ebene zu geraten.
    Und du kannst es wirklich fr nichts halten, fiel Leonhard ein, von oben
den ganzen Zusammenhang eines groen Gebirges zu berschauen? Wie auf einer
Insel unter sich die blauen Wogen der Berge und Hgel zu sehn, alle im Glanze
der Luft auf das lieblichste aufgelst und zerschmolzen? Es gibt nur den
zwiefachen Anblick der Unendlichkeit, entweder die Aussicht ber das Meer
hinber, oder vom hchsten Punkt eines Gebirges. Mir war freilich der
Fichtelberg noch nicht hoch genug.
    Redensarten! Redensarten! sagte der kleine Freund, die verschiedenen
Wahrzeichen in den Stdten sind mir immer lieber gewesen, um die du dich fast
nie bekmmert hast.
    Der Magister fing hierauf an: Dieselben mssen aber schon lange verheiratet
sein, da Ihr Sohn schon ziemlich erwachsen ist, und doch erscheinen Sie mir noch
so jung, wenn ich vollends die Jahre der Reisen hinzurechne.
    Das ist ja nur ein angenommenes Kind, rief der kleine Freund aus, mit den
Kindern will es unserm Leonhard nicht so, wie mit anderen Dingen gelingen.
    So! So! antwortete der Magister, ist aber sehr schn, da sich Dieselben
ganz als Eltern gerieren, hchst erbaulich und wahrhaft christlich, an den
Kleinen so viel zu wenden, der auch ein gutes Ingenium verspren lt.
    Der kleine Franz, sagte die Frau ist das Vermchtnis einer Nachbarin, die
arm starb und nicht wute, wo sie die Waise unterbringen sollte; auf dem
Todbette habe ich ihr versprochen, mich seiner anzunehmen. Ich bin erst seit
anderthalb Jahren verheiratet. Nicht wahr, Leonhard, jetzt werden es achtzehn
Monate sein?
    Du bist eine genaue Rechnerin, sagte der Mann, mit dem gestrigen Tage war
dieser Zeitraum verflossen.
    Der Magister trank mit nachdenklicher Miene ein Glas Wein aus; dann sagte
er: Da kommt mir ein Gedanke, der zweifelsohne ein richtiger ist. Es werden
jetzt acht Monate sein, da ich sehr schwer krank darnieder lag; in meiner Armut
war keine Hilfe, aber ich erhielt tglich gesunde Brhe, strkenden Wein und
Geflgel, auch Arznei, die ich ntig hatte, und kein Mensch wollte sich melden,
mir die Wohltat erzeigt zu haben; aber gestehen Dieselben nur, da Sie es
gewesen sind.
    Lieber Herr Magister, sagte die Frau, Sie sind ja unser Freund; mein Mann
wnschte Sie wieder gesund zu sehen; sind wir das nicht alle unserm Nchsten
schuldig?
    Ei! Ei! fuhr der Magister gerhrt fort, nun auf Dero Wohlsein! indem er
anstie und ein neues Glas ausleerte; das htte ich mir damals nicht trumen
lassen! Hab ich nicht der krummen gndigen Frau drben auf der andern Gasse so
viele Danksagungen deshalb abgestattet, die sie auch alle angenommen hat; denn
ich meinte durchaus eine so edle Untersttzung msse aus vornehmen Hnden
erfolgen, und ich htte mir doch damals schon sagen knnen, da Sie, Frau
Leonhard, ein Engel von Frau sind.
    Leonhard, der die Verlegenheit und Rhrung des Magisters sah, wollte gern
dem Gesprch eine andere Wendung geben; er fing an zu erzhlen, wie ihn sein
Vater in frher Jugend eigentlich zum Studieren bestimmt habe, und wie er selber
lange geglaubt, diesen Trieb in sich zu spren. Nur zweierlei verdarb mir die
Lust daran fuhr er fort, unser oberster Lehrer auf der Schule, der es nie mde
werden konnte, uns lateinische Aufstze schreiben zu lassen, weil er selber ein
guter Lateiner war. Nun hatte ich zwar Sinn fr die Sprachen und las die Autoren
gern, aber es war mir unmglich, in einer fremden Sprache Gedanken aufzufinden,
und diese in die gehrigen Worte und Wendungen zu kleiden, auch merkte ich bald,
da diejenigen meiner Mitschler, die sich in diesen bungen auszeichneten, nur
mit bekannten Phrasen spielten, die sie sich aus den Autoren gesammelt hatten,
und Rede und Zusammenhang sich diesen Erinnerungen mehr oder weniger fgen
muten.
    Richtig! rief der Magister, das ist der Weg, den wir Gelehrten alle im
Anfange haben gehen mssen; man mu wohl in jeglicher fremden Sprache so
beginnen, wenn man sich des Ausdrucks bemeistern will.
    Dazu aber, antwortete Leonhard, habe ich mich nie entschlieen knnen,
denn es schien mir fast wie Lge. Die zweite Strung meines Studiums war die
Betrachtung, da ich auf diesem Wege meiner Leidenschaft zu reisen vielleicht
nie Genge tun knne, und doch war mir der Gedanke, wenigstens nicht mein
Vaterland in seinen verschiedenen Richtungen kennen zu lernen, unertrglich.
Dazu kam noch, da ich an allem Mechanischen, an eigentlicher Arbeit und
Zusammensetzung ein unendliches Vergngen fand. Wie erstaunte daher mein Vater,
als ich ihm einmal pltzlich ein kunstreiches Kstchen mit vielen Schubfchern
und sauber gearbeiteten Abteilungen, das ich heimlich in vielen Abendstunden
verfertigt, und das jedem Tischler Ehre gemacht htte, berreichte, und ihm
dabei fest erklrte: da ich gesonnen sei, seine Hantierung fortzusetzen. Nun
fhlte ich mich im Abmessen, Zirkeln, Sgen, Einfugen und Ausrechnen aller Teile
in meinem Elemente, wobei aber das Lateinische und Ton dapameibomenon und die
vielen Verse, die mir waren gelufig worden, nicht vergessen werden durften; und
so danke ich es meinen Schulstudien, da ich noch jetzt den Homer auf meine Art
im Original lesen kann.
    Vielleicht lesen Sie auch, fragte der Magister lebhaft, die Mutter aller
Sprachen, die hebrische?
    Angefangen habe ich es wohl, versetzte der junge Meister, bin aber nie
ber die ersten Anfangsgrnde hinbergekommen.
    Schadet nichts, rief der eifernde Gelehrte, ich bin und bleibe darum doch
ein Monstrum horrendum, ein widerwrtiger, erbrmlicher Mensch! indem er sich
heftig vor die Stirn schlug; ja ja, du hochmtiger, unwissender, eitler,
trichter Block du! gib nur der Wahrheit die Ehre, und gestehe laut, von welcher
grege du bist, Abgeschmacktester!
    Was fehlt Ihnen, Magisterchen? sagte teilnehmend der kleine Freund, sind
Sie krank?
    Ja, an der Seele, fuhr jener erhitzt fort, am Herzen, an allen
Eingeweiden. Knnt ihr's mir glauben, meine verehrten Freunde, da ich es erst
hchlich belnahm, als mir ein Bekannter den Antrag tat, hier im Hause
Unterricht zu geben? - Wie? sagte ich zu mir selbst, bei einem Tischler, bei
einem Professionisten? Ich wollte es ausschlagen; da ich mich aber dermalen, wie
jederzeit, in klglichen Umstnden befand, so nahm ich die Stunden an, setzte
mir aber vor, mit gebhrlichem gelehrtem Hochmut einzutreten, und Sie, Herr
Leonhard, immer nur per Er zu traktieren: Sie, hochgeehrtesten, meinen teuersten
Wohltter, Sie, denen Ton dapameibomenon, und nephelegereta Zeus, und Integer
vitae, und Bereschid bara nichts Fremdes ist? Sie? Knnen Sie mir diese
Niedertrchtigkeit vergeben, o Sie englische schne Madam.
    Man suchte den eifernden alten Mann zu beruhigen, er hrte aber auf nichts,
sondern stand auf und ri pltzlich die Percke vom Kopf: Ja, auch extra muros
gibt es Menschen, rief er aus, indem er den Haarschmuck zu Boden warf, und mit
den Fen darauf trat, auch hinter dem Berge wohnen Leute, nicht die Percke
allein macht den wrdigen Mann; sieh, mit Fen trete ich dich (und er tanzte
dabei lebhaft auf der zerzausten herum), da du mich zum Hochmut verleitet, da
du mein Gemt verdorben hast, da ich alle Menschen, die nicht solches alte,
verschrumpfte, eingepuderte, eingeschmierte Wesen auf dem Sitz ihrer
unsterblichen Seele trugen, fr eine geringere Kaste hielt, und das sidera
feriam sublime vertice nur verstehen konnte von denen, die Percken aufhaben?
Nicht wahr, Menschenkinder, ich bin ein ordinrer alter Esel?
    Er fing von neuem an zu wten, aber der Kleine und Leonhard faten ihn unter
den Armen; der fremde Meister setzte ihm seinen mihandelten Schmuck wieder auf
und sagte: Nehmt Vernunft an, Phantast, es liegt nicht an der Percke.
    Ja! rief der Magister, nichts ist gleichgltig, was der Mensch trgt von
auen; es ist wie ein Zauber, wie eine Schleife, ein Hut, ein Degen, ein Orden
und Percke auf ihn wirken: sie machen ihn gut oder schlecht; in Stiefeln denkt
man anders als in Schuhen, in Seide anders als in Tuch; das menschliche Herz ist
wie eine Motte, der man immer ansehen kann, aus welchem Gespinste sie
ausgekrochen ist. Er fing an zu weinen, gab Leonhard und der Frau die Hand, und
sagte schluchzend: Sie vergeben mir, meine gromtigen Freunde, das wei ich;
aber ich bitte Sie demtig in dieser Stunde, in der ich mich freilich sehr
vergessen habe, mir den Gedanken, der sich mir schon zudrngen will, zu
entfernen, da Sie mich nur aus Barmherzigkeit und ohne alles Bedrfnis zum
Lehrer des Knaben angenommen haben. Nicht wahr, es ist nicht so? Ich mte vor
Scham und vor Trauer ber mich selber vergehn.
    Beide versicherten ihn das Gegenteil, und wie sie sich gefreut htten, da
ein gelehrter Mann die Mhe habe ber sich nehmen wollen, ihr Pflegekind zu
unterrichten; wodurch er sich endlich beruhigte, und von den beiden Mnnern nach
seiner ziemlich entfernten Wohnung begleiten lie.

Am Morgen ging Leonhard mit dem festen Entschlusse zu seinem Freunde, dem jungen
Baron, ihm seine Begleitung auf der Reise und die Arbeit fr ihn abzuschlagen;
denn er hatte es in dieser Nacht seiner Frau nach einem zrtlichen Streite
versprechen mssen, sich nicht aus der Stadt zu entfernen. Er fand den jungen
Elsheim, der heftig in seinem Zimmer auf und nieder ging, und in sich
hineinlachte. Sie begrten sich herzlich, und der Tischlermeister mute sich zu
einem Glase alten Weines niedersetzen Ich bin sehr vergngt, sagte der Baron,
denn nachdem ich dreiviertel Jahr sehr ernsthaft und gesetzt habe leben mssen,
habe ich den unumstlichen Entschlu gefat, zur Abwechselung wieder irgend
etwas Lustiges oder Dummes zu treiben; und dazu sollst du mir behlflich sein,
denn die gesetzten Leute geben dergleichen Dingen erst Haltung und Geschick; wer
sich ohne sie in solche Geschichten einlassen will, wird auf dem halben Wege zur
Vernunft zurckkehren mssen.
    Lieber Baron, sagte Leonhard freundlich, ich bin gekommen, Ihnen zu
sagen, da Sie auf mich weder im Guten noch im Bsen rechnen sollen; ich werde
zu alt - ich kann jetzt berhaupt nicht abkommen.
    Aha! sagte jener (indem er sich vor ihm mit beiden Armen auf den Tisch
stemmte und ihm dann die braunen Locken von der Stirne strich), du bist heut
auf deinem feierlichen Ton, du hast alle unsere ehemaligen Bedingungen
vergessen, oder willst nicht daran denken; aber ich wei, da du es bereuest,
wenn du mir diesmal nicht folgst.
    Ich kann nicht, sagte Leonhard schmerzlich, meine Wirtschaft vergrert
sich, meine Frau ist nicht ganz wohl, meinen Leuten darf ich nicht trauen, und
noch dazu habe ich wichtige Bestellungen bekommen, wo mein Auge allenthalben
selbst zugegen sein mu.
    Und das Wichtigste nennst du gar nicht einmal, sagte Elsheim, da nmlich
alles dies geradezu gelogen ist. Noch neulich schriebst du mir, deine
Einrichtung sei so gut, der lteste Gesell so brav, da es dir nie auf einige
Wochen ankommen knne; deine Frau, wie ich gesehn habe, ist so gesund, wie sie
nur sein kann, aber der Ehemann, mein Schatz, hat sich dir so eingelernt, da du
auch ohne Souffleur deine Rolle ohne Ansto hersagst; nur fehlt noch die
richtige Mimik, um den Zuschauer zu berzeugen. So lebe denn wohl, mein Freund,
da deine Frau ein so strenges Regiment fhrt; ich mu also ohne dich reisen, ich
mu einen andern gescheiten oder geschickten Mann aufsuchen, ich mu vielleicht
die Bestellung, den Bau, die Torheit, die Lust aufgeben, und blo den Bauern auf
dem Gute guten Tag und Lebewohl sagen.
    Welche Freude knnen Sie nur in jener nrdlichen traurigen Gegend finden,
sagte Leonhard, da Sie sie so oft besuchen? Und welche Lust knnen Sie sich
jetzt dort versprechen?
    Narr, sagte sein Freund, dahin reise ich diesmal nicht, ich bernehme
jenes andere Gut, auf welchem meine Mutter bis jetzt gelebt hat - das an der
frnkischen Grenze. Nur freilich mag dies, ernsthaft gesprochen, dir zu weit
entlegen sein.
    Dahin? nach der frnkischen Grenze zu? fragte Leonhard lchelnd und
berrascht. Dann ward er auf einmal nachdenkend und fuhr nach einer Pause fort:
Nun, so teilen Sie mir wenigstens mit, wozu Sie dort meinen Beistand htten
brauchen knnen.
    Tausenderlei hatt ich mir vorgenommen, sagte der Freund verdrlich, was
nun alles zu Wasser wird: ich wollte dort von dir ein Theater in einem mchtig
groen Rittersaale einrichten lassen; du solltest mitspielen; gute Freunde,
herrliche und langweilige Menschen sind schon gebeten und kommen hin, Weiber und
Mdchen, ich hatte Lust, mich einmal so recht zu verlieben, vielleicht gar zu
heiraten; meine ganze Jugend wollte ich mit dir wiederholen, und alles, was wir
auf der Schule trumten und wnschten, einmal zu erleben suchen; meine alte Lust
wollte ich ben und den Gtz von Berlichingen, den ich schon bearbeitet habe,
einmal wirklich darstellen helfen.
    Gtz! Berlichingen! rief Leonhard aus, indem er hastig seinen Freund
umarmte; ja, ich reise mit, alles kann liegenbleiben, es geht recht gut ohne
mich, und die Frau mu sich darin finden.
    Recht so! sagte Elsheim, aber wie wird dir nun so pltzlich diese
Einsicht?
    Kommt nicht alles von Neigung und Erinnerung zusammen, rief Leonhard aus,
um einen brigens vernnftigen Entschlu umzustoen? Die Freundschaft zu dir,
die Erinnerung unserer Jugend und ihrer mannigfaltigen Trume, die Nhe meines
geliebten Frankenlandes und dann - der Zauber des Gelstes, einmal ein Talent zu
prfen, dem ich einmal in einer trichten Periode mein Leben widmen wollte;
vorzglich aber noch der Name jenes Lieblingswerkes meiner Kindheit und Jugend,
alle die Lebensmelodien, die in diesem herrlich grnenden Baume wehen und
singen!
    Trink, mein Freund, sagte der Baron; so gefllst du mir, und so solltest
du immer sein! La uns einmal wieder in unser sechszehntes Jahr zurckgehen und
einige heitere Wochen ganz so genieen, wie wir damals in unserm Vermgen
hatten, und wie man es leider mit jedem Jahre immer mehr verlernt. Nun erzhle
einmal wieder, wie du sonst so oft tatest.
    Leonhard, dem jetzt von neuem die frhesten Erinnerungen lebendig wurden,
folgte dieser Aufforderung, und fuhr also fort: Die Kunst lesen zu lernen, von
der Begier, zu erfahren was in den Bchern stehe, untersttzt, ward mir so
leicht, da ich schon in der allerfrhesten Jugend ein fertiger Leser war. An
Bchern fehlte es mir anfangs nicht, denn ich las alles, doch merkte ich halb
den Unterschied zwischen denen, von welchen ich etwas verstand, und jenen, die
mir durchaus fremde Wildnis blieben. Mein Vater hielt nur wenige Bcher, aber
die er besa, waren ihm desto lieber; unter diesen befand sich auch der
Nachdruck des damals krzlich erschienenen Gtz von Berlichingen. Ich las ihn,
und noch nie hatte ich ein Buch so verstanden; noch keines hatte mich mit
solchem Zauber umsponnen, in keinem waren mir selbst die Stellen, die ich nicht
begriff, und von denen ich mir oft die wunderlichsten Vorstellungen machte, so
lieb und teuer und in ihrer Dunkelheit so magisch. Ich erwuchs mit dem Gedichte,
ja meine Phantasie und mein Wesen wuchsen hinein. Jedes Wort wute ich
auswendig, in Gedanken lie ich alle Figuren, in allen Verhltnissen, in allen
Trachten, mit allen Mienen und Gefhlen, mir vorbergehn, auch die hlichsten
und grausendsten hatten meine Liebe; mit Kartenblttern, mit unscheinbaren
Stckchen Papier spielte ich das Stck, wer wei wie oft, durch, und blieb immer
gerhrt und erbaut. Die berschriften der Szenen, selbst die kleine Vignette
vorn, gehrten mir zur Poesie, und erregten mir die lieblichsten Empfindungen.
Welche Trnen vergo ich um den biedern Gtz, den edlen weichen Weislingen,
vorzglich ber den herrlichen Georg. So waren Jahre vergangen, und dieses Werk
war mir so notwendig, wie die Luft, die ich atmete, wie mein Leben selbst, es
war mir daher nie eingefallen, nach dem Autor zu fragen, obgleich er auf dem
vielgelesenen Titel genannt war; ja mich dnkte, dieses Buch msse so ewig sein,
wie die Natur und Erde selbst; und mein Erstaunen, meine Wehmut, mein
unnennbares Gefhl lt sich nicht beschreiben, als ich nun den erwachsenen
Jahren schon nher erfuhr, da es wirklich von einem Verfasser herrhre, der
noch lebe und auch andere Sachen geschrieben habe. In welchem Dmmerlichte
erschienen mir Clavigo, Claudine, Erwin, Stella: gleichsam wie von kranker Natur
gegen jene Flle herrlicher Gesundheit, und ich dachte mir ihren Verfasser lange
Zeit als melancholisch und im Sterben. Auch das geliebte Frankenland wurde mir
zuerst durch dieses Gedicht teuer, und im schnsten Sonnenglanze schwebten die
Maingegenden, Jaxthausen und Bamberg vor meinen Augen.
    Wir sind also einig? fragte der Baron. Leonhard gab ihm die Hand, und
sagte: Ja! - So reisen wir also morgen frh. - Schon morgen? - Es kann
nicht anders sein, ich mu an einem gewissen Tage dort eintreffen, um das Gut zu
bernehmen, alle Gerichtspersonen sind schon eingeladen. - So sei es denn
sagte der Tischler, und entfernte sich mit schwerem Herzen, weil er noch nicht
einsah, auf welche Weise er seinen vernderten Entschlu seiner Gattin vortragen
solle. Er traf sie geschftig in ihrer Wirtschaft, er half ihr eintragen und
einrichten, und war mit der grten Freundlichkeit um sie bemht. Sie lie ihn
bald dieses, bald jenes holen, und er konnte den Augenblick nicht finden, ihr
sein Vorhaben anzubringen. Endlich nahm sie ihm ein Stck Silber aus der Hand,
stellte es in den Schrank, stemmte die beiden Hnde auf Leonhards Schultern, und
sahe ihm freundlich lachend ins Gesicht. Was ist dir? fragte er. Mir nicht,
antwortete sie, aber was ist dir? Warum bist du denn so freundlich und zuttig,
und mengst dich in Dinge, die dich gar nichts angehen? Also ist es denn
beschlossen, du machst dich wieder auf und davon? - Woher weit du es denn?
fuhr er fort zu fragen. - Sowie du in die Haustre tratest, wute ich es schon.
Gingst du auf deine Stube und maultest etwa ein wenig mit mir, worauf ich mich
schon gefat gemacht hatte und was ich billig fand, so wute ich, da du
bliebst, und da du mir dein Hierbleiben hoch anrechnen wolltest. Wie ich aber
sah, wie sacht du hereintratest, wie leise du die Haustr wieder anlehntest, da
sich kaum die Klingel hren lie, wie freundlich, beinahe demtig, du mich
grtest: da erkannte ich auch dein bses Gewissen. Je nun, ich fordere auch
vielleicht zu viel, da du deine Leidenschaft so ganz bezwingen sollst, reise
denn in Gottes Namen, und komme wenigstens, so bald als mglich, wieder.
    Dem jungen Gatten war durch diese Rede das Herz erleichtert, er umarmte die
freundliche Frau auf das innigste und kte sie zrtlich. Mache nur, sagte
sie, dem Altgesellen deine Abwesenheit recht dringend, damit du nicht die
Autoritt bei den Leuten verlierest, vielleicht kannst du auch unterweges einige
vorteilhafte Holzankufe schlieen, und deine Arbeit dort wird dir doch wohl so
viel einbringen, als du hier versumst. Ist es dir nicht berhaupt wunderlich,
wenn du daran denkst, da du ein Familienvater bist, vor dem eine eigensinnige
Frau, ein Pflegesohn, vier Gesellen und fnf Lehrbursche Respekt haben sollen?
    Das Essen war aufgetragen und man wollte sich zu Tische setzen. Indem trat
ein fremder alter Mann mit schlichtem brunlichen und greisen Haar herein, in
schwarzem Oberrock schwarzen Strmpfen und zugebundenen Schuhen. Leonhard ging
ihm entgegen, um zu fragen, was zu seinem Befehl sei, als er zu seinem Erstaunen
den Magister erkannte. Die brigen waren nicht weniger verwundert. Er verbeugte
sich anstndig und grte alle, dann gab er dem Meister die Hand und sagte: Ich
will fortan ein Mensch anstatt eines Magisters sein, und mir die citationes aus
denen autoribus classicis, wo mglich, ganz abgewhnen. Die Snde der Hoffart
ist mit Gottes Hilfe und durch Ihr Beispiel von mir gewichen.
    Man setzte sich, und der junge Martin erlaubte sich heute keine lachenden
Blicke und Mienen; alle, selbst Leonhard und seine Gattin, schienen zu ihrem
alten Freunde in ein neues Verhltnis gesetzt; er sprach dreister und weniger
verwickelt und man verwunderte sich ber seine verstndige Gesprchigkeit.
    Frher als sonst erhob man sich vom Tische, weil Leonhard noch mancherlei
Einrichtungen zu besorgen hatte; er nahm seinen ltesten Arbeiter beiseite, und
unterrichtete ihn, wie er es in seiner Abwesenheit mit den Bestellungen und noch
zu fertigenden Arbeiten zu halten habe; er bezahlte einige Rechnungen und ging
dann zu seinem kleinen Freunde, dem Tischlermeister, der nach seiner Wirtschaft
sehn und unvorhergesehene Flle schlichten sollte. Mit diesem kam er am Abend
zurck, und der Magister war wieder von der Gesellschaft.
    Wir wollen heute noch einmal recht vergngt sein, fing Leonhard an, denn
es ist mglich, da einige Wochen vergehen, ehe ich wiederkomme. - Werde mich
aber hten mssen, sagte der Magister, wie gestern im Enthusiasmus, so viel
von dem starken Weine zu trinken. Frchte, schne Frau Leonhard, da ich in
Ihrer Achtung ein merkliches verloren, denn, ob ich es gleich gut meinte, so
habe ich mich doch narrenhaft bezeigt.
    Die Frau versicherte das Gegenteil, und da ein Mann, wie er, nur immer
Achtung einflen msse. - Rhrung, Erhebung der Seele und Wein, meine
Freunde, fuhr der Magister fort, knnen sich nicht zusammen vertragen, jedes
davon ist schon geeignet, den Menschen zu berauschen; und so billig, ja
liebevoll wir gegen den Rausch der erhobenen Seele und des Mitleids oder
Enthusiasmi sind, so hart urteilen wir vom Zorn- oder Weinrausch, und meinen,
da der Mensch darinne zum Tiere hinabsteige; doch sind je zuweilen die Zustnde
so konfundiert, da, wenn das kalte Bewutsein einmal in die Hinterhand geraten,
man beim Blindekuh nicht wissen knnte, ob man beim Zutappen Vieh oder Engel aus
unsereinem herausgreifen wrde.
    Krummschuh sagte hierauf: Ein Vieh, Herr Magister, wird der Mensch nur,
wenn er sich tglich um seinen Verstand suft, sonst aber tut man unrecht, viel
aus einem Rausch zu machen, was auch unsre Vorfahren wohl einsahen; wer gar
nichts von Wein versteht und noch niemals berauscht gewesen ist, ist kein
deutscher Mann; wer in seinem Leben noch nie ein Narr gewesen ist, ist gewi
auch noch nicht gescheit.
    Desipere in loco, sagte der Magister, doch nein, fort mit dieser Torheit,
da sie nicht an ihrer Stelle ist, ich wollte sagen: zu passenden Zeiten der
Torheit nachgeben, ist eines Weisen nicht unwrdig.
    Der Baron trat unvermutet in die Gesellschaft, alle erhoben sich, der
Magister verbeugte sich tief; doch Elsheim sagte: Ich mu recht sehr bitten,
sich nicht stren zu lassen. Er setzte sich ohne Umstnde mit an den runden
Tisch zwischen Krummschuh und Friederiken, an die er sich sehr freundlich
wandte: Sie werden mir bse sein, schne liebenswrdige Frau, da ich Ihnen
Ihren Mann auf einige Wochen entfhre. - Gewi nicht, erwiderte sie ebenso
zuvorkommend, denn wenn ich es wei, da es meinem Leonhard Vergngen macht,
wie knnt ich anders als Zufriedenheit darber empfinden.
    Ihr Wohlsein! indem er anstie und trank; gewi ich preise meinen Freund
glcklich, eine so heitere, sanfte und liebenswrdige Gefhrtin gefunden zu
haben!
    Herr Baron, sagte sie, machen Sie in unserm kleinen Zirkel Ihr Talent zu
schmeicheln nicht geltend, und glauben Sie meinem offenen Gestndnis, da ich
mich tglich bestrebe, meines Leonhard werter zu werden, denn er ist besser,
verstndiger und liebenswrdiger als ich.
    Nicht also, fiel der Magister ein, man soll sich selbst nicht rhmen,
aber ebensowenig erniedrigen, und Sie mssen keine Unwahrheit sagen, schnste
Madam; der Halbblinde fhlt, da Sie schn sind, der Gefhllose begreift, da
Sie liebenswrdig sind, und die beiden Eheleute sind gut, redlich und dem Herrn
wohlgefllig.
    Beide Eheleute waren rot geworden. Sie haben recht, Herr Magister, sagte
der Baron, und dieser jugendliche Eifer macht Ihnen Ehre; es ist, als wenn Sie
fr die Dame Ihres Herzens den Handschuh hinwerfen wollten.
    Bei diesen Worten wurde der Magister bis in die Schlfen rot, er hustete, er
wollte antworten und verwirrte sich; ich habe niemals, sagte er endlich,
niemals eine Herzensdame gehabt. Mit jener Geschichte in Jessen hatte es eine
andere Bewandtnis.
    Ei! ei! sagte Krummschuh, so mu man nicht sprechen, das ist dieselbe
Sache, wie mit dem Rausch, einmal mu jeder Mann einen Schatz gehabt haben,
einmal wenigstens mu jeder redliche Mensch verliebt gewesen sein, sonst kmmt
er bei grauen Haaren in die Schlingen des bsen Geistes. Ja, Frau Leonhard, Ihr
lieber guter Mann knnte, glaub ich, darber mitsprechen, der ist damals wohl in
allerhand Versuchungen gewesen, denn Weiber und Mdchen waren ihm immer
gewogen.
    Stille von solchen Geschichten, sagte der Baron: das heit ja nur unsere
liebe Wirtin ohne Not eiferschtig machen. Sie scheinen das menschliche Herz
wenig zu kennen, Meister.
    Darber kann ich nicht eiferschtig sein, sagte Friederike, Leonhard hat
mich frh gekannt, ebenso ich ihn, er hat mich frei gewhlt und andern
vorgezogen, auch mchte ich keinen Mann haben, den mir nicht hie und da eine
beneidete, und der nicht sonst schon einmal andern hbschen Mdchen gefallen
htte.
    Nun dann sind Sie ja gerade an den Rechten gekommen, rief der kleine
Dicke, denn ich sage Ihnen, er hat Nachstellungen gehabt, da man eine
Geschichte davon machen knnte, und wenn er nicht so halsstarrig gewesen wre,
wer wei, wer wei -
    Leonhard schien verlegen, und Elsheim unterbrach den Schwatzenden, indem er
sich an den Magister wandte. Sie sagten vorher, werter Herr Magister, die
Geschichte mit Jessen habe eine ganz andere Beschaffenheit. Was ist das fr eine
Geschichte? Sie haben also wirklich niemals geliebt?
    Nein, mein hochverehrter Herr Baron, antwortete der Magister, das kann
ich wohl vor jedem Gericht mit einem teuern Eide erhrten, denn immer war mir
aes triplex circa pectus, und ein sonderbares Geschick hat mich stets vor diesen
Leiden und Verwirrungen bewahrt; obgleich man aus einem Verhltnisse, das sich
in meinen Studierjahren in Jessen angesponnen hatte, mir ein Liebesaventure hat
andichten wollen.
    Und wollten Sie uns nicht vielleicht geflligst diese Erzhlung mitteilen?
fragte der junge Edelmann, indem er die Hand des alten Mannes nahm.
    Wenn es nur Ihnen und meinen werten Freunden nicht beschwerlich fllt,
uerte der Magister. Da alle, vorzglich Friederike das Gegenteil versicherten,
so fuhr er hierauf mit folgenden Worten fort: Um etwas Verstndliches ber
jenes Gercht beibringen zu knnen, mu mir etwas frher auszuholen erlaubt
sein. Mein Vater seliger war Prediger auf einem kleinen Drfchen; er brachte
mich frh auf die Stadtschule, und mein Ehrgeiz und ziemlich gutes Ingenium
trieben mich schnell die Klassen hinauf. O meine Werten, ich kann es Ihnen nicht
aussprechen, welche Verehrung, ja welche Anbetung ich vor dem Stande eines
Gelehrten immer in meinem Herzen trug; ein Buch zu schreiben, den Ornat eines
Predigers zu tragen, schien mir gro, vor allem aber den Titel eines Magistri zu
erringen, fast den menschlichen Krften unerschwinglich, und die hchste Stufe
der Seligkeit hienieden. Nicht wahr, Sie lcheln? so wie ich zum Lcheln
gezwungen werde, da ich nun schon seit lange derselbe Mann bin, und doch nur
weniges von jener getrumten Gre in diesem Besitze gefunden habe. Wie gesagt,
die Schule wre mir ein Paradies gewesen, denn das Lateinische und Griechische
entzckte mich, Hebrisch war meine Wonne, wenn nicht einiges mich gestrt
htte. Wir hatten viele Stunden in Mathesi, worauf gehalten wurde, und wir alle
sollten darinne Fortschritte machen, aber ich nehme die Gtter zu Zeugen! - lag
es an mir, oder am Lehrer, oder an der Wissenschaft selbst, ich habe nie auch
nur das Allergeringste davon beim besten Willen begreifen knnen. Diese
Demonstrationes, die axiomata, die Drei- und Vierecke und Circula haben mir in
vielen Stunden das Gehirn schwindlig gemacht, und ich habe mich nie einer
Verachtung gegen diese anmaliche scientia erwehren knnen. Noch schlimmer aber
war, da ein Neologe, der viel auf alle Arten von Schwrmereien hielt, den
Rektor, einen weichherzigen, nachgiebigen Mann, berredet hatte, einen
Zeichenmeister anzunehmen. Dacht ich nicht, der Schlag msse mich treffen, als
das erstemal der Gaukler seine Bude in unserm ehrwrdigen Auditorio aufschlug?
Ich zitterte vor Unwillen und rief: Wahrlich, nun fehlt nur noch, um uns vllig
abscheulich zu machen, ein Tanzmeister! Und in der Tat woraus man sehen kann,
wie stark die Imagination wirkt, trumte mir selbige Nacht, der Rektor habe
einen Tanzmeister angenommen, und wir mten vor dem Katheder, den Bachstelzen
nicht unhnlich, herumhpfen. Ich erwachte zum Glck bald, und fhlte Zittern
und einen kalten Schwei. Also der Kram wurde ausgelegt, und denken Sie, Werte,
mir, als einem schon meritierten Primaner, wurde die Wahl gelassen, ob ich ein
Huslein mit einem Bumchen, oder eine Blume, oder gar einen Pferdekopf, oder
dumme krumme Striche, die man menschliche Nase und Mund nannte, nachreien und
mit Rotsteinbleifeder abfrben wollte. Ich uerte fest und bestimmt, da ich
allen Arten von Elaborationen mich nimmermehr entziehen wolle doch, da ich mit
dem Rtelwesen und jenen Hahnenfen oder Bauerwohnungen, Pferdeschnauzen und
Blumengeckereien niemals mich oder mein Papier beschmutzen werde. Himmel! sagt
ich, wir den Musen Eigene, zur Lehre des gttlichen Worts, oder zu Galene und
Carpzove bestimmte Tironen, sollen wie die Stuben-Anstreicher, oder jene
Unseligen, die die kleinen Tassenkpfchen anfrben, uns in solchen Pinseleien
vertiefen! Damit zerri ich einen daliegenden Hammel, der nach der Meinung des
Phantasten ein unschtzbares Werk eines abgestorbenen Gaukelmannes sein sollte,
und da der Kunstzeichner selbst ein Enthusiast fr seine Klexerei war, so warf
er mir, nicht ohne Empfindung meinerseits, ein groes Reibrett an den Kopf,
nannte mich Ignoranten und Barbaren, und wollte mich endlich gar mit Gewalt aus
meiner eignen Klasse entfernen. Zwei Freunde, die sich gleichfalls der Theologie
widmen wollten, standen mir redlich bei, die brige Jugend aber, ihrer Wrde
uneingedenk, nicht achtend, da wir fr sie nur kmpften, konnte es ber sich
gewinnen, uns laut und schallenderweise auszulachen. Der Rektor kam dazu, und
ich hatte vielen Verdru. Doch berwand ich alles und bezog die Universitt
Wittenberg, von einem kleinen Stipendio untersttzt. Mein Vater war nicht
Magister, und nach dieser Wrde war mein Tichten in der Nacht wie bei Tage, um
mich und ihn damit zu ehren. Steil war der Weg, aber die Mglichkeit, zur Hhe
hinaufzugelangen, wurde mir doch mit jedem Tage einleuchtender und
wahrscheinlicher.
    Vier Stunden westlich von Wittenberg liegt ein kleines offenes rtchen,
Jessen genannt, mir immer, wenn davon die Rede gewesen war, wegen des biblischen
Tones ein erwnschter Name. Dahin reisete ich mit einigen Freunden zu Fu in den
Herbstferien, denn der eine Begleiter war aus dem Orte, in welchem sein Vater
eine Stelle bekleidete. Wir wurden von dem alten Mann gut aufgenommen, der sich
mit mir in ein Gesprch ber die Klassiker einlie, und vortreffliche Kenntnisse
besa. Er achtete meine Meinung, doch erstaunte er, mich so unbewandert in
deutscher Poesia anzutreffen, in der er Opitzii und einige andere Werke besa,
doch vermite er mit Leidwesen den Gryphium, dessen Horribilicribrifax, wie er
sagte, in seiner Jugend seine Seelenweide gewesen sei, und dem alle Aus- und
Einlnder, alte sowohl wie neue, durchaus nicht zu vergleichen wren. Hier sah
ich nun auch in demselben Zimmer, meine Verehrtesten, jenes Frauenbild, die
Tochter des Hauses, deren helleuchtende Augen oft auf meinem Angesichte ruhten.
Ob ich gleichsam hbsch gewesen, kann ich nicht melden, doch war ich jung und
wei und rot, war anstndig in allen Gebrden, hielt Hnde und Fe ruhig, und
schaute viel vor mir nieder. Wo sie, die Hedwig, stand, war mir immer, als wenn
ein rtliches Licht, fast wie Morgenrot, in der Stube brannte, und was
bemerkenswert ist, ich konnte wissen, ob sie im Zimmer zugegen sei oder nicht;
ich mochte die Augen auch ganz woanders haben und etwa mit dem Alten sprechen,
ich fhlte es gleich, wann sie wegging, und wann sie wiederkam, es war, als wenn
in mir Finsternis und Helligkeit wechselten; und wenn sie weg war, sprach ich
verwirrt und hatte Bangigkeit auf der Brust, so da ich nicht genau wute, ob
ich eben zornig oder betrbt war.
    Das war ja die klare helle Verliebtheit, Herr Magister, sagte Krummschuh.
    Nicht also, erwiderte der Gelehrte, es war eine Art von Sympathia, denn
ihr ist es gleicherweise so ergangen, wie sie mir nachher gestanden hat. Wir
wechselten Reden, die andern rauchten mit dem Vater; da ich nun immer dieses
Kraut der Wilden verabscheut habe, so ging ich vor die Tr mich umschauen und
sie stand schon im Sonnenschein drauen. Ob ich sie zu ihrer Freundin, der
Frsterin, begleiten wolle? erging an mich die Frage. Ich konnte mir nichts
Besseres wnschen, und wir gingen den schmalen Steig ganz nahe aneinander.
Gesprochen wurde wenig, denn ich frchtete, Dinge zu sagen, die ihr nicht
gefallen mchten; sie aber sah mich je zuweilen lchelnd von der Seite an
worber ich nur in Angst geriet, weil ich frchtete, an den Haaren, oder der
Halskrause bemerkte sie irgend etwas Ungeziemliches. Abseits unter einigen
Bumen lag das Huschen des Oberfrsters, wir traten in die dmmernde Stube ein,
und niemand war zugegen. Meine Freundin mu ausgegangen sein, sagte sie, und wir
stellten uns beide vor den Spiegel, der an der Mittelwand hing. Sind wir nicht
von einer Gre? sprach sie weiter indem sie sich an mir ma. Da war das Antlitz
mir nun ganz nahe vor dem meinigen, und mir fiel ein, was ich wohl gehrt, auch
in Autoren gelesen, da ein Ku von besonderer Lieblichkeit sei. Ich konnte mir
aber das Herz nicht fassen, so standen und gingen wir beide stumm nebeneinander.
Noch einmal stellte sie sich vor mich und sagte: Sie sind doch etwas grer;
stand auf den Zehen, und fate mit beiden Hnden meinen Kopf in der Gegend der
Ohren, und indem sich mir die Stube rundum drehte, gab sie mir einen rechten
lieben zrtlichen Ku. Wie ich hinauskam, weil ich nicht, es war fast dunkel
geworden und wir gingen zurck; ich hrte und sah nicht, und die Menschen in
ihren Gesprchen und Gestikulationen kamen mir alle so wild und unbngig vor,
und ich sehnte mich nach der Ruhe. Doch schlief ich in der Nacht nur halb; der
Spiegel, die Bume, die weien Hnde und Arme und der Ku waren immer vor mir
und in mir.
    Am Morgen war eine neue Welt um mich her. Auf nichts konnte ich mit Verstand
Rede und Antwort geben, meine Augen suchten die ihrigen, und schlugen sich doch
nieder, wenn sie sich begegneten. Am Nachmittage ging ein Teil der Gesellschaft
in einen nahen kleinen Weinberg, der der Familie zugehrte. Die Tochter, ein
Bruder und ich saen oben in dem kleinen Gartenhuschen, sahen umher auf die
sandige Gegend und das Stdtlein unter uns, und tranken von dem selbstgezogenen
suerlichen Wein und dem besser schmeckenden Most. Bald verlie uns auch der
Bruder. Da konnten wir uns nun recht ungestrt unser Herz ausschtten, wenn wir
nur erst die Rede htten finden mgen, welches aber geraume Zeit nicht geschah,
und noch dazu mute sie den ersten Anfang machen. Wir erfuhren in diesem
Gesprch, da wir einander heiraten wollten, sowie ich Magister geworden und
eine Stelle als Pfarrer oder Lehrer an einer Schule erhalten htte.
    Vergngt kehrte ich nach einigen Tagen nach Wittenberg zurck; ich war von
neuem Eifer zu meinen Studien durchdrungen, auch erhielt ich etliche kleine
Schreiben von der Person, die ich jetzt im stillen fr meine Braut ansah,
obgleich noch nichts davon laut werden durfte. So ging der Winter ganz
erfreulich hin. Um Pfingsten ging ich wieder hinaus, zu Fu und allein; fr
meinen knftigen alten Schwiegervater hatte ich den Gryphius und seinen
Horribilicribrifax in meiner Tasche.
    O wie schn war das Wetter! Mein Weg fhrte mich an den schnen Buchen und
Eichen beim Luthersbrunn hinber. Ich sprach mir vor die Ode Horatii: Integer
vitae, welche mit Lalagen schliet, dulce loquentem, dulce ridentem. Dieses
verstand ich nun erst, wie manches andere in meinen autoribus. Das war damals in
der Tat ein Frhling, welcher sich sehen lassen durfte, diesen auserwhlten Mai
konnte man nicht schimpfen; denn es war nicht anders, als wenn jedem rauhen
Winde das Maul zugehalten wurde, und nur die artigsten Spielgesellen der
Sommerknigin unter Lubern und Blumen wie wohlgezogene Kindlein herumgaukelten.
Auf halbem Wege gelangt man durch das Dorf Elster, welches an der Elbe liegt.
Schn dnkte mir der Strom und die Schiffmhlen darauf, der weite Blick, die
Frische des Wassers und dessen Gerusch. Nachher kommt man durch ein kleines
stilles Drflein, welches ich immer nur meine Sabbatsdrflein nannte, weil die
Strae hinter den kleinen Husern fortluft, so da man niemand gewahr wird, und
von beiden Seiten Fruchtbume die Htten beschatten. Nachher kurz vor Jessen
wandelt man durch ein Gehlz, wo ein Bach von einer Anhhe herunterrieselt, und
dann sieht man das zerstreute Stdtlein vor sich, in welchem die Wohnungen
einzeln liegen, und die weien sandigen Weinhgel mit den kleinen roten Huschen
und den vielen Nebenstcken umher.
    Ich trat in die Tr, verehrte Freunde, grte und ward freundlich begrt,
und berlieferte dem Alten mein Geschenk. Ich konnte mit meiner Braut nicht
sprechen, denn gleich mut ich dem knftigen Schwiegervater sein Lieblingsstck
vorlesen, da er wie mit einer heiligen Heiterkeit erwartete, ber welches ich
aber nicht lachen konnte, sei es nun, da ich niemals in meinem Leben sehr fr
das Lachen gestimmt gewesen, oder weil andere Gedanken mir meinen Kopf
beunruhigten. Aber denkwrdig ist es vielleicht, da ich kaum dreimal in meinem
Leben begriffen habe, da es etwas Belachenswertes geben knne; seh ich von den
Menschen die Gebrden des Lachens veranstalten, so mchte ich immer fragen: Cur?
Ebenbild Gottes, warum zergrinsest du also mit aufgesperrtem Hals und faltigem
Gesicht dein Aushngeschild der Unsterblichkeit? Lcheln ist gar lieblich an
Kindern und Mgdlein, aber Lachen, und dabei knaustern und prusten und
schnarren, absit! Nicht wahr, meine Edelsten?
    Sie haben vollkommen recht, sagte der Baron, mit verhaltenem Lachen; aber
was urteilen Sie vom Weinen?
    Da es mehr, erwiderte der Magister, mit dem Schnupfen und dem inwendigen
Kitzeln der Nase zusammenhngt, so ist es verzeihlicher, doch auf jeden Fall
unmnnliche Schwche. Auch bricht bei den meisten Menschen die lamentatio
ebenfalls in gar widerlichen Gebrden aus, so da es mir fast immer hat
unanstndig bednken wollen. Jedennoch ist freilich mehr Not als Lust, mehr
Jammer als Freude auf dieser Welt, und es regen sich wenn der vernnftige Blick
in das mannigfaltige verschlungene Elend der Welt geworfen wird besonders wenn
man selbst im Unglcke laboriert, so gar sonderbar-wehmtige Zuckungen in allen
Eingeweiden, da ich gestehe, ich inklinierte oft und leicht zu
Trnenergieungen, die auch wohl stattgefunden haben wrden, wenn die Scham sie
nicht zurckgehalten htte.
    Sie sind ein allzu strenger Mann, Magister, sagte Krummschuh, aber wie
wurde es weiter mit Ihrer Liebesgeschichte?
    Ich erinnere noch einmal, sagte der Alte, da es keine solche gewesen,
wie man sehr bald aus dem Verlauf der Historie ersehen wird. Ich sprach nachher
meine Lalage, ich erzhlte ihr von meiner Aussicht, bald Magister zu werden, und
sie teilte meine Freunde darber; es war die Rede davon, da ich im Orte selbst
die Predigerstelle annehmen knnte, die gewi bald erlediget wrde. Auch der
Vater und die Mutter redeten ber diese Aussicht, und mir schien, als wenn alle,
ohne es Wort haben zu wollen, um mein Vorhaben wten. Diese Zeit war in der Tat
die Freudenzeit meines Lebens, ich hrte mich schon mit dem Titel Magister!
begren, ich sah mich auf der Kanzel, und meine Frau und Schwiegereltern unter
meinen andchtigen Zuhrern; ich betrachtete Stadt und Feld als meine Heimat,
und unter herzlichen Kssen und Umarmungen, deren ich mich jetzt nicht mehr zu
schmen brauchte, ging ich fort und kam glcklich und wohlbehalten, freudiger
Seele und gesunden Krpers, wieder zum Sitze der Musen zurck, um mich zur
Disputation vorzubereiten und der hohen Wrde fhig zu machen.
    In vierzehn Tagen sollte diese groe Feierlichkeit vollzogen werden, und ich
ging im Herbste wiederum hinaus, um meine Teure aus dem Stamme Jesse noch einmal
zu sehen. Ich hatte mich in der letzten Woche recht angestrengt und war gar
nicht aus meinem Zimmer gekommen, um so mehr freute ich mich auf meinen Gang in
das Feld hinaus. Aber ich kann es nicht beschreiben, werte Herren, wie mir ward,
als ich aus der Stadt kam. Schon die hohen grnen Wlle sahen mich so finster
an, drauen wurde es noch schlimmer, die Bume, die Wiesen, alles war voll
Schauer und Angst. Was ist mit mir geworden? dachte ich: denn wie bei grlichen
Geistergeschichten richtete sich mir das Haar empor; war mir doch, als sei alles
tot in mir und auer mir. Der Flu, die Schiffmhlen rauschten Totengesang und
Schrecken der Vergnglichkeit, die kalten Winde sprangen recht mit Lust im
Sonnenschein umher, als wenn sie rufen wollten: Alles, alles ist eitel! Das
Sabbatdrfchen war wie ein stilles Totengewlbe. O entsetzlich! ich nahm mit
Schrecken wahr, da mir heute sogar die Aussicht auf meine Magisterwrde keine
Freude gewhren knne. Wie komme ich zu dieser Melancholia? rief ich aus; ohne
Zweifel hat mir mein bermiges Studieren eine Hypochondriam zugezogen, die
mich sehr krank machen knnte. Da freute ich mich, bei meiner Lalage gegen
diesen gelehrten Krankheitsansto Trost und Schutz zu suchen, und bald von ihren
Kssen, in denen Venus das Fnfteil ihrer Wonne gelegt, mich heilen zu lassen.
So die Tristitia bezwingend trat ich in die Stadt ein und fand niemand zu Hause,
indem die Magd mir sagte: alles sei im Weinberg. Ich schritt dahin, und meine
Herzensbangigkeit kam wieder. Aus dem Lusthuschen herunter hrte ich schon von
fern ein Kichern und Lachen, wie ich es unanstndig nenne, und als ich oben war
und die Tr ffnete, war sie es auch wirklich, die eben wieder mit verzerrtem
Angesicht lachte, und neben ihr sa in einem blanken Reithabit, mit hohen
Stiefeln und groen Sporen, auch Gold auf den Schultern, ein lustiger Bruder,
wie ich sie wohl manchmal aus Halle oder Jena wahrgenommen hatte. Ich setzte
mich schweigend, grte mit leisem Wort, und da mich der junge Nimrod-hnliche
Mensch lange ansah und fragte, wer ich sei? so sagte sie kaltsinnig und fremd:
Der Herr ist ein Bekannter meines Bruders, der ihn einmal zu uns gebracht hat.
Sie befinden sich doch noch wohl? wandte sie die Frage an mich. Mir war aber,
als wenn ich etliche gordische Knoten im Innern des Halses htte, die sich mit
keinen Worten wollten auflsen lassen. Wenn wir also, fuhr das junge Genie fort,
unsere Kmdie, die Nebenbuhler, noch spielen, liebste Hedwig, wie wir abgeredet
haben, so kann der junge Herr hier wohl der Junker Ackerland sein? - Ich Junker
Ackerland! ich als Histrio? als Mimus? Zu meinem Widerwillen gegen den
Stiefelmann gesellte sich nun noch die tiefste Verachtung, da ich hrte, da er
sich also entwrdige, in der Larva aufzutreten. Die unbereuende Snderin
bestrebte sich, mich niemals anzusehen, und tat berhaupt, als wenn ich ein
fremder Elefant, oder umziehendes Tier wre. Sie schenkte mir ein und spritzte
unversehens einige Tropfen auf die hirschledernen Beine des Gewaltigen. Er
lachte, und go ihr den Rest seines Glases auf das Kleid, indem er sie handfest
anpackte und wie ein Satyr lachte. Nun habe ich es wettgemacht! rief er aus, und
sie lachte ebenfalls, als wenn sie auf ewig ihr ehemaliges edles Antlitz unter
das neue tierische unterschieben und verbergen wollte. Die Eltern kamen nun und
begrten mich kalt und gleichgltig. Betubt wie ich war, ging ich mit in die
Stadt zurck und setzte mich in ihrer Gesellschaft zu Tische. Die beiden Lacher
saen nebeneinander. Da hrte ich denn, da er in kurzem, weil er reich sei und
beschtzt, eine Stelle in einem andern Stdtchen erhalten wrde; man trank auf
seine und der Braut Gesundheit. Ich glaubte, dunkles Blut hinunterzutrinken. Der
seelsorgende Greis war wirklich seitdem gestorben, aber ich dachte jetzt nicht
daran, um diese Stelle nachzusuchen, die man mir mehrmals schon versprochen
hatte. Noch in der Nacht ging ich zurck. Mich dnkt, ich habe hin und wieder
auf dem Wege geweint.
    O, werte Gesellschaft! es war ein hchst betrbter Tag, an welchem ich die
akademische Wrde erlangte. Ich disputierte, ich lie mir die Haare scheren, und
setzte zum erstenmal eine Percke auf mein Haupt. Aber die Lust daran war dahin.
Ich ging zu meinem Vater und wollte mich ihm adjungieren lassen, aber ich
erhielt seine Stelle nach seinem Tode nicht, weil man mir sagte, da ich gegen
den Patron immer sehr grob gewesen sei, obgleich ich mich uerst bestrebt
hatte, mich mit der submissesten Ergebenheit zu betragen. berhaupt war es
traurig, da sich in der Zeit, als ich nun den fr mich hchsten Gipfel
erstiegen hatte, die Welt schon in die Verwandlung zu begeben anfing, die sie
seitdem immer mehr und mehr entstellt hat. Ich hatte schon frher bemerkt, da
manche Magister ohne Percke gingen, da die Neologie und Heterodoxie die alte
wahre Lehre und die grndlichen Studien zu verdrngen anfingen; ich glaubte, was
Rechtschaffenes gelernt zu haben, aber wohin ich kam, hie es, ich sei mit allen
meinen Kenntnissen um funfzig Jahre zurck; nirgend konnte man mich brauchen,
nirgend fand sich eine Stelle fr mich, allenthalben Achselzucken oder hhnische
Reden ber meine Pedanterie, wie man es nannte, und so fand ich mich endlich
darein, nur hier und da der christlichen Jugend noch auf gutgemeinte und
gottgefllige Weise ntzlich zu sein, und so bin ich auch, nach mancherlei
Wanderungen, endlich in diese liebe Stadt und zu meinen verehrtesten Freunden
allhier gelangt.
    Lange nachher kam ich einmal durch die Stadt, nach welcher sich meine
Ungetreue hin verheiratet hatte. Ich ging vor ihrem Hause vorbei, und sie
schaute aus dem Fenster. Lieber Gott, ich war lter seitdem, aber sie war
hlich geworden. Ich wei nicht, ob sie mich wiedererkannt hat; da war doch
nichts von dem Mutwillen, Lust und Scherzhaftigkeit geblieben. Sie sah mich an
und mochte sich in ihrem Sinn verwundern, warum ich also fleiig dort gehe und
sie beschaue; es war, als wenn die Not, der Jammer der Welt, der schon seit
uralten Zeiten die Menschen bedrngt, als wenn alle Trbsal, von der ich
gelesen, mich aus ihren Blicken betrachtete; ich bin kein aberglubischer Mann,
aber ich floh, denn mir dnkte, mir sei ein Gespenst erschienen. Sie lebte
unzufrieden mit ihrem Mann, der sich dem Trunk ergeben hatte, und sie hatten
keine Kinder.
    Dieses ist jene Geschichte, Verehrte, die ich mich nicht habe ermigen
knnen mit Ihrer Erlaubnis vorzutragen, damit Sie sehen, da, obwohl ich
gleichsam fast versprochen war, und ein Recht hatte, ber dieses gebrochene Wort
zu trauern, ich dennoch nie verliebt gewesen, und jener Leidenschaft glcklich
entronnen bin, von der so viele Menschen so viel zu erzhlen wissen.
    Alle waren gerhrt, die junge Frau tief bewegt, und es entstand eine Pause
im Gesprch. Endlich nahm der Baron sein Glas und rief: Alles, was wir geliebt
haben, lieben und lieben werden! Der Magister und Leonhard stieen heftig an,
Friederike zgernd, vielleicht wegen des letzten Zusatzes, und Krummschuh lachte
laut, indem er sagte: Zeit wr es, da es bei mir eintrfe, denn bis jetzt habe
ich darber keine Erfahrungen machen knnen. Es war schon spt, und man trennte
sich, indem alle mehr nachdenkend geworden waren, als sie erwartet hatten.

                               Zweiter Abschnitt


Ein heller Sommerglanz war an dem Morgen verbreitet, an welchem Elsheim und
Leonhard, die Stadt verlassend, ber das grnende Gefilde fuhren. Beide waren
eine Zeitlang stumm, wie es gewhnlich beim Anfang einer Reise zu sein pflegt;
nach einiger Zeit sagte der Baron: Dein alter Magister, mein Freund, hat mich
gestern innig gerhrt, und ich habe viel an ihn denken mssen; es scheint mir in
ihm ein schnes Gemt zugrunde gegangen zu ein, wie in so manchen Menschen, wenn
sie ihren Beruf verfehlen; ich fing damit an, ber ihn zu lachen, und endigte,
ihn zu lieben und innerlich zu beweinen. Wie bist du an ihn gekommen?
    Ich hrte von ihm reden, antwortete Leonhard, und suchte ihn auf, wo ich
ihn in einer Gesellschaft von Brgern traf, die sich ber ihn lustig machten.
Von meinem wackern Vater habe ich das Mitleid geerbt, das er vorzglich mit
verarmten Gelehrten und Knstlern hatte, und deshalb zog ich ihn in mein Haus,
so da er nun sorgenfreier und anstndiger leben kann.
    Fhlst du denn auch wohl, fuhr der Baron fort, welchen kstlichen Schatz
du an deiner Frau besitzest? Wahrlich, gestern habe ich sie nher kennen und
wahrhaft lieben und verehren gelernt. Ein Weib, das ihren Widerwillen und
Verdru, den sie doch ber deine Reise notwendig empfindet, nicht nur zhmen
kann, sondern diese Freundlichkeit, Sanftmut und Liebe so ungezwungen darstellt,
ist eine der grten Seltenheiten. Denn selbst die liebenswrdigsten dieses
Geschlechts knnen unangenehm werden, wenn sie ber verletzte und unerkannte
Liebe schmollen sie scheinen oft der Meinung zu sein, da sie ihr Herz, in
lauter Verdrlichkeit und epigrammatischen Grimm gekleidet, dann nicht genug
zur Schau tragen knnen.
    Mir ist es sonderbar mit ihr ergangen, erwiderte Leonhard. Ich stand auf
der Grenze zwischen Knaben und Jngling, als ich sie kennenlernte. Der
erwachende Sinn fr Schnheit und Reiz ist in diesen Jahren gewhnlich
ungebildet, aber von desto grerer Schrfe, und so erschien mir ihr Angesicht,
ihre Farbe, ihre einfache Kleidung, die blauen oder roten seidenen Bnder, die
ihren Grtel umflatterten, alles wie vom hellesten Glanze verklrt. Sie schien
mich bald auszuzeichnen, und da sie Vermgen besa, sah mein Vater dies
Verhltnis nicht ungern; ihr Oheim begnstigte mich ebenfalls. Von diesem
Augenblick an vermied ich sie, aus bergroer kindischer Delikatesse, mit einem
gewissen strrigen Eigensinn gemischt, denn es verdro mich, da die Alten
unsere frohe Heiterkeit und jene reizende jugendliche Neigung, die kaum an
morgen denken will, schon fr unser brgerliches Fortkommen berechnen und ntzen
wollten. Oft war ich recht sehnschtig verliebt, oft mit ihr entzweit, die ber
mich lachte, oft vershnten wir uns. In der Entfernung war mein Herz in manchen
Stunden wie krank aus Liebe, dann konnte ich sie wieder auf Wochen vergessen;
ein andermal berredete ich mich, da wir niemals freinander gepat htten. Als
ich zurckkam, fand ich sie mit freudiger berraschung noch unverheiratet; unser
frheres Verhltnis knpfte sich wieder an, als wenn es nie wre zerrissen
gewesen, und so wurden wir verbunden und glcklich, ohne da wir eigentlich eine
Leidenschaft freinander gefhlt hatten.
    Vielleicht, sagte der Freund, sind diese Ehen auf die Dauer die
glcklichsten, weil beide Teilnehmer keine unmglichen Erwartungen mitbringen;
und darum mchte ich fast den Entschlu fassen, gar nicht zu heiraten, denn die
Sehnsucht, die Anbetung, die Leidenschaft der Liebe ist es doch nur, das fhle
ich innig, was ich am heiesten wnschen und was mich allein glcklich machen
knnte.
    Beide Freunde sahen sich stumm an, und es entstand wieder eine Pause im
Gesprch. Ihr Blick haftete auf den Wldern und schn geschwungenen Hgeln, die
sie umgaben, sie folgten dem Flusse, der abwechsend durch die Lcken des Waldes
mit seinen Krmmungen erglnzte. Das heitere Lied der Lerche und der Gesang der
Nachtigall aus der Ferne stimmten das Gemt zu sanfter Frhlichkeit. Nach
einiger Zeit sagte Elsheim: Ich habe mich immer verwundert, mein Freund, da du
dir bei deinen offnen Sinnen und vielfltigen Kenntnissen, bei deiner Lust an
allem Gebildeten nicht lieber den Stand eines Knstlers erwhlt hast, da es dir
doch gewi nicht htte fehlen knnen, dich auszuzeichnen. Ist denn dein Beruf
nicht vielleicht auch ein verfehlter?
    Gewi nicht, antwortete Leonhard, und ich bin schon frh mit mir ber
diese Punkte aufrichtig umgegangen. Da ich nicht zum Gelehrten pate, sah ich
frh ein, weil Sachen mich mehr als Gedanken, Worte und Formen interessierten.
Zum Knstler fehlt mir ganz jener Enthusiasmus, jener strebende, fliegende
Geist, der alles neben sich vernachlssigen und vergessen kann und darf, der in
fremden Welten, aber nicht in der hiesigen einheimisch ist; mein Gemt im
Gegenteil ist beschrnkt und wahrhaft brgerlich, mein Eifer fr Arbeit,
Ntzlichkeit, meine Lust an Dingen, die brauchbar sind und fest stehen: alles
dies berzeugte mich frh, da ich zum Handwerker bestimmt sei, und zwar zu der
Beschftigung, welche ich erwhlt habe. Doch gibt es jetzt Augenblicke, in
welchen ich mit meinem Stande, ja fast mit dem ganzen Leben unzufrieden bin.
    Das sieht deiner Heiterkeit und Gesundheit wenig hnlich, sagte der
Freund, du mut dich hierber deutlicher erklren.
    Noch in meiner Kindheit, antwortete jener, in frheren Zeiten aber weit
mehr, stand der Tischler zwischen dem Knstler und Handwerker, und dies
bestimmte mich hauptschlich, mich diesem Berufe zu widmen. Schon frh dachte
ich darber nach wie edel im Menschen der Trieb sei, alles, was sein Bedrfnis
fordert, neben dem Notwendigen noch mit einer gewissen Zugabe von Schnheit zu
umhngen, so da der Reichere und Gebildetere keinen Hausrat haben mochte, der
nicht durch hinzugefgten Zierat in etwas Hheres verwandelt war. Dieser
Schnheits- und Kunsttrieb ist es, den wir allenthalben mit Rhrung und Liebe
wahrnehmen, der die Welt zu jenem angenehmen Rtsel macht, welches so viele
nicht zu begreifen scheinen. Denn wenn die hhere Kunst frei wie im reinsten
ther schweben darf, sich selber genug, und nur durch Schnheit und Entzckung
in die edelsten und geheimsten Krfte des Menschen eingreift, und dadurch
mittelbar in das, was die Welt lenken und erheben soll so gibt es gleichsam von
dieser eine verstoene, geringgeachtete Schwester, die sich unmittelbar der Not,
der Trauer des Lebens annimmt, und uns mit stiller Heiterkeit ber alles trsten
will, was uns betrbt oder beschwert. Diese immer mehr verschwindende Lust ist
es, die unsern Vorfahren so unentbehrlich war, die sich in ihren lndlichen
Festen oft als Kinderei und Torheit uerte, ber welche unsere neuere Vernunft
lchelt, und sie auch gnzlich abzustellen sucht; dieser Trieb ist es, der in
vielen Gegenden den Pflug mit Bildwerk ausschnitzt, in Franken das Stirnjoch der
Rinder mit bunten Farben bemalt, der den Schfer antreibt, seinen hlzernen
Becher und Stock mit Laubwerk zu verzieren, der zu gewissen Zeiten des Jahrs die
Stuben mit Maien- oder Tannenreisern schmckt; dieser unschuldige liebenswrdige
Trieb ist es, der mir immer so recht rein menschlich im Gegensatz des
Philosophen, des Herrschers, des Reichen, oder jener affektierten Kunstmenschen
erschien, die ihren nachgemachten Enthusiasmus nur von Hrensagen haben, und
diesen Bildungstrieb nie anerkennen und verstehen wollen, der sich doch als
Erdboden, Wasser und Luft der eigentlichen Kunst unterlegen mu, damit ihr
Keimen und Wachstum mglich sei.
    Du wendest diesen Gedanken, sagte Elsheim, der mir nicht fremd ist, auf
eine neue Art.
    So schien es mir, fuhr Leonhard fort, da alles Leere verkleidet, alles,
was das bloe Bedrfnis ausdrckt, verwandelt, und die bloe Notwendigkeit daran
so verschwiegen werden msse, als sei sie blo des Zierates wegen da. Aus den
Beobachtungen im Leben setzte ich mir auch frh eine Art von Theorie zusammen,
die diese Vorliebe erklren und rechtfertigen sollte. Die gerade Linie, weil sie
immer den krzesten Weg geht, weil sie so scharf und bestimmt ist, schien mir
das Bedrfnis, die erste prosaische Grundbasis des Lebens auszudrcken; die
krumme, die als Zirkel, Ellipse, im Bogenausschnitt und in unendlichen
Schwingungen sich bewegen kann, war mir die Unerschpflichkeit des Spieles, der
Zier, der sanften Liebe, die sich um den strengen, mrrischen und
melancholischen Gatten in allen erdenklichen Umarmungen windet und ihn trstend
und liebkosend umschliet.
    Fahre fort, mein Freund, sagte Elsheim, ich bin begierig, wie du endigen
wirst.
    Die Baukunst, sagte Leonhard, deren eigentliches Wesen in diesen geraden
Linien und Ecken zu bestehen scheint, gefllt sich doch auch in
khngeschwungenen Bogen und gewlbten Kuppeln: so das Coliseum und Pantheon,
sowie die ungeheure Peterskirche. Aber die herrliche altdeutsche Baukunst in den
Wunderwerken zu Straburg, Kln und Wien hat am liebevollsten und innigsten
diesem Triebe gehuldigt, und das innere Wesen dieser Gebude ist Lieblichkeit,
so da es nur neuern Zeiten mglich war, hier Schauer, trbe Melancholie und
Lebensberdru aufzufinden.
    
    Ja wohl, sagte der Freund, wir knnen den neuesten Bemhungen edler
Deutschen nicht dankbar genug sein, die uns diesen lange miverstandenen
lieblichen Traum wieder auf die rechte Art zu deuten suchen. Dergleichen
bereichert den Menschen wahrhaft, und so kann auch manche versunken geglaubte
Atlantis unsers Gemts wiederentdeckt werden. Nur scheinst du mir den Tischler
aus den Augen zu verlieren.
    Doch nicht so ganz, erwiderte Leonhard, denn alles trifft hier ebenso zu,
nur in kleineren Verhltnissen. Haben wir nicht selbst die Chorsthle in der
alten Kirche unserer Geburtsstadt bewundern mssen, die noch von katholischer
Zeit her dort stehen? Wie fest, wie bequem, wie schn geschwungen, mit welcher
Flle von Laub, Frchten und Figuren verziert! Wie manches wunderwrdige
Treppengelnder habe ich in alten Reichsstdten, auf Rathusern und bei
Vornehmen gesehen: und wie manche Arbeit dieser Art, auch kunstreiche
Balustraden in Stein habe ich aus Laune oder augenblicklicher Bequemlichkeit,
weil sich die Stangen zu einer armseligen Illumination nicht gleich fgen
konnten, wegbrechen und vernichten sehn, ohne da es nur irgend jemand
bedauerte, sondern alle die neue gerade Linie viel schner und anstndiger
fanden, so da ich ber diesen Hussitensinn und die bilderstrmende Roheit
unserer Tage Trnen htte vergieen mgen.
    Dieser jakobinische Zerstrungssinn, sagte der Edelmann, hat sich
freilich unserer Zeit bermig bemchtigt, und hngt genau mit einer gewissen
Aufklrung und unbedingten Verfechtung des Brgerstandes zusammen. Wir reien
Monumente der Ehre unsers Vaterlandes ein, und bauen mit selbstgeflligem
Lcheln Kartenhuserchen an die Stelle. Der Schwank von jenem Affen, der an des
Malers Buffalmacco Stelle auf seine Weise malte, wenn jener sich entfernt hatte,
und mit seinem Werke sehr zufrieden schien, ist die Kunstgeschichte unserer
Tage.
    Diese Verwandtschaft zur Kunst, fuhr Leonhard fort, ohne doch Kunst sein
zu wollen, war es, was mich zu meinem Handwerke zog; ich legte mich daher mit
unermdlichem Eifer auf das Zeichnen, und glaube darin auch nicht ungeschickt
geblieben zu sein. Immer schwebten mir edle und wohlgefllige Figuren von
Tischen und Sesseln vor, und ich suchte im Sinn unserer Vorfahren entweder mit
Blumen und Laubgewinden, oder mit leichten Figuren, die an die Arabeske
grenzten, die harte gerade Linie und das Vierkantige zu verkleiden. Es ergtzte
mich unendlich die Kunst der Lackierer zu lernen, und wei, himmelblau, rtlich
und alle Farben recht rein und dauernd hervorzubringen; noch mehr erfreute mich
die Vergoldung, wodurch Frohsinn und Heiterkeit wie von selbst in unser Leben
hineinlacht. Die Politur der Hlzer war mir ebenso wichtig, jede Baumart wurde
mir eine liebe Bekanntschaft, die ich wie einen Freund mit seinen Eigenheiten
und Vorzgen behandelte, die schne Pappel, die sich wie in Silber oder weien
Atlas verwandeln lt, der rtliche Pflaumen- oder dunkle Nubaum, das
gediegene, reichaderige Eichenholz, die weiche Else; die Geschicklichkeit, den
Maser bunt und sonderbar anzubringen, oder mit dem fremden Ebenholz fein und
zierlich einzufassen und zu umlegen: alle diese Dinge wandte ich in meiner
Phantasie hin und her, und mit inniger Freude erinnere ich mich lterer
Mobilien, deren ich auch noch einige in fremden Lndern gesehen habe, die das
Leben des Menschen wirklich mit Lust und Zier umstellten, ihn durch Gold und
Farben erheiterten, und in schn geschwungenen Zirkellinien Stuhl, Sessel, Tisch
und Schrank, auch ohne Hinsicht des Gebrauchs, zu angenehmen Gegenstnden der
Betrachtung machten.
    Ich merke schon, mein Freund, sagte Elsheim, da du in deiner Hantierung
nur ungern mit dem Zeitalter fortgeschritten bist; aber ich glaube doch nicht,
da du alle jene Schnrkel und krummen Linien, die man sonst auf die
geschmackloseste Weise an Tischen oder andern Gegenstnden angebracht, wirst
rechtfertigen wollen?
    Gewi nicht, sagte Leonhard, denn aus dem richtigen Gefhl war durch
bertreibung in einer gewissen Zeit etwas Unsinniges gemacht worden. Besonders
hatten die Franzosen ein Muschel- und Schnrkelwesen aus lauter willkrlich
geworfenen Bogen- und Zirkelschnitten gemacht, in welchen weder gerade Linie
noch Brauchbarkeit sichtbar blieben. Diese Dinge gehren in die Reihe jener
Buchdruckerstcke, die um eine gewisse Zeit Mode waren, ber die man, wenn man
sie genau betrachten wollte, verrckt werden mchte, wie uns denn alles ganz
Willkrliche, Unzusammenhngende, Unzweckmige diese Empfindung erregt; es ist
das, was wir das Abgeschmackte nennen mssen, weil es geradezu dem Geschmack
entgegensteht und ihn auf immer unmglich macht, der Nicht- oder Ungeschmack
sich aber noch immer erziehen und bilden lt. Dieser letzte aber ist es, der
uns von England aus in unsern Bedrfnissen des Lebens immer mehr und mehr
berschleicht, eine Art von Puritanismus, die geradezu alle Zier, alles, was
nicht strenge Notdurft ist, als Ketzerei ansieht. Es tut mir weh, diese
reinkantigen, schroffen, wie aus Erz und Eisen gegossenen Formen arbeiten zu
mssen, die um so mehr gefallen, je gerader und strenger die Linien sind, so da
wahrscheinlich kunstreichere Nachkommen einmal diese vollendete Barbarei einer
Zeit mit Verwunderung betrachten werden, die so viel und zu viel ber Kunst
gesprochen hat. Dazu das traurigmontone und dunkle Mahagoniholz, das nur im
nchsten Blick Goldderchen oder Schimmer entdeckt, dessen Wirkung im
allgemeinen aber immer trbselig ist. Nun vergleiche man mit unbefangenen Sinnen
ein Zimmer von heutzutage mit einem jetzt altfrnkisch genannten. Im ersten die
kahlen Kalkwnde mit einer Malerei, die freilich oft Prtension genug macht, ein
paar groe Spiegel mit finstern Rahmen, ohne Figur und Zier, ebenso Tische und
Sthle, alles hart, herbe und kunstlos. Dagegen versetze man sich in ein
geschmcktes Zimmer, wie es vordem gebruchlich war, die Wnde mit rotem Damast,
oder gelber und blauer Seide bekleidet, von goldnen Leisten eingefat, der
heiterste und behaglichste Anblick, alle Sessel und Schrnke von hellem Glanz
und kunstreicher Arbeit, mit vergoldeten schn geschnitzten Figuren; wo man
Schlsser oder Erzarbeit wahrnimmt, ist alles auch in Gestalt, Laub, Blume
aufgelst; wohin das Auge sich nur wendet, lchelt die Kunst entgegen. Die
hchst unbequemen Ruhebetten, die ich fertigen mu, und die immer unfertig
aussehen, noch mehr die Sekretre, wie man sie nennt, oder Schreibe-Breaus,
ntigen mir mit ihrem Mangel an Verhltnis, und kleinen Spiegeln und Sulen,
oder abgeschmackten Grotten inwendig, oft ein Lcheln ab, und in dieser Hinsicht
ist mein Schicksal dem des Magisters nicht unhnlich, da ich mit meinem
Geschmack auch um fnfzig oder siebenzig Jahre zu spt komme.
    Man fngt ja jetzt wieder an, sagte Elsheim, das Gold bei bronzierten
Sachen anzubringen.
    Ja, antwortete Leonhard, wieder auf verkehrte Weise, denn Holz soll nun
wieder Erz und Bronze nachahmen; und diese Greifenfe, Sphinxe und dergleichen
plump gearbeitete Figuren, die einen groen Stil haben sollen, sehen eben erst
recht barbarisch aus. Die ganze Kunst unserer Tage hat sich in die Tpferarbeit
Wedgwoods geflchtet, in der man wirklich angenehme und leichte Formen erfunden
und den Alten nachgeahmt hat. Von dem traurigen Porzellan mit seiner
Affektation, kostbaren Vergoldung und Malerei, Landschaften und Correggios, und
wer wei was alles, so teuer, da oft auf einem Ecktisch oder in einem Schrank
der Wert von Tausenden enthalten ist, fr die man erfreuliche Kunstwerke haben
knnte, mag ich gar nicht sprechen. Hier drngt man Malerei und Kunst einer
geringfgigen Materie auf, in der alles kleinlich erscheinen mu, und entfernt
vom Metall, dem Silber und Golde alle Anmut, stellt die nackten Formen des
Bedrfnisses hin, wo Zier und Schmuck so bedeutend werden kann, um recht
darzutun, wie verkehrt wir in allen Dingen geworden sind.
    Du hast mir jetzt vielerlei erzhlt, mein Freund, sagte der Baron, aber
wie verbindest du denn in deinem eigenen Leben so manchen phantastischen Hang,
wie z.B. den, der dich einmal fast berwltigte, Schauspieler zu werden, mit
diesem soliden Streben, mit deiner Brgerlichkeit, mit deiner Grndlichkeit und
Ruhe?
    Nach einigem Nachdenken antwortete der junge Meister: Ich glaube, da alle,
oder doch die meisten Menschen aus Widersprchen zusammengesetzt sind; diese nun
auf gelinde, gewissermaen kunstreiche Art zu lsen, ist die Aufgabe des Lebens.
Gewaltsame Leidenschaften, erschreckendes Unglck, tolle Ausschweifung, sind
wohl sehr oft Mangel an Geschick und Kunstsinn zu nennen. Ist es nicht wieder in
anderer Gestalt die gebildete Vereinigung der geraden und krummen Linie, der
notwendige Zierat, der dem nackten Leben zur schmckenden Umkleidung gegeben
wird? Was sich zu widersprechen scheint, vereinigt sich gelinde und schn,
gerade das, was berflssig und unvernnftig aussieht, ist es, was dem Wahren,
Festen und Richtigen Gehalt und Schnheit gibt. Vielleicht sind wir, gegen
unsere Vorfahren gehalten, hierin ebenso zurck, wie im Hausrat, wenngleich
mancher unter uns mit jenen Buchdruckerstcken oder Schnrkelfiguren zu
vergleichen ist, welche die geschweifte Linie gleichsam toll gemacht hat. Die
Ausschweifung an sich selbst soll nicht dasein drfen.
    Lieber Freund, sagte Elsheim, du scheinst mir da einen ebenso sonderbaren
als wahren Gedanken ausgesprochen zu haben, der mir vieles in ein verstndliches
Licht rckt, was sich mir oft als Rtsel hat aufdrngen wollen.-
    Es war ein heier Tag geworden, und beide Reisenden sehnten sich nach
Erquickung. Haben wir noch weit zur Station? fragte Elsheim den Fuhrmann, und
treffen wir dort ein gutes Wirtshaus? Der junge Mensch wandte vom Bock sein
freundliches Gesicht in den Wagen hinein und sagte: Dort hinter dem Walde kommt
das Stdtchen schon hervor, und der Gasthof ist der beste von der Welt; die
Wirtin besonders ist ein wahrer Engel, durch sie wird der Mann reich, denn alle
Fuhrleute kehren seitdem in der goldnen Traube ein, so da das Haus weit im
Lande berhmt ist.
    Schon befanden sie sich unter einem hohen Lindengange, der in das Stdtchen
fhrte, das heiter aussah und ziemlich volkreich war. Sie hielten vor einem
groen Hause, und da beide Freunde es liebten, auf einige Stunden unter den
brigen Gsten verschiedener Stnde zuzubringen, so begaben sie sich unten in
das groe Wirtszimmer. Eine schon bejahrte Frau scho ihnen in bertriebener
Hast mit schreiender Stimme entgegen: Wollen Sie sich's bequem machen, meine
Herren? und da sie sah, da die Fremden wie scheu zurckfuhren, sagte sie
milder und gesetzt: Wenn Sie kein eigenes Zimmer befehlen, Ihr Gnaden, so sein
Sie nur so gut, hier hereinzuspazieren. Beide Freunde verwunderten sich
stillschweigend, da diese Figur dieselbe Wirtin sein sollte, die ihr Fuhrmann
ihnen als Engel bezeichnet hatte. Sie fanden in dem groen Saale
verschiedenartige Menschen. In der Nhe der Kche sa der korpulente und
phlegmatische Wirt und verzehrte sein Mittagsessen, ohne sich um seine Gste zu
bekmmern; nicht weit von ihm waren zwei Mnner, die Geistliche zu sein
schienen, in den Zeitungen und politischen Gesprchen darber vertieft, diese
hatten nur Wein vor sich stehen; an einem groen Tisch fiel eine bunte
Gesellschaft in die Augen, einige Weiber und Mdchen, mit Bndern und Seide auf
unpassende Art geschmckt, und einige Mnner dazwischen, in abgetragenen
Kleidern, alle sehr lrmend und heftig begehrend, welche, wie man nachher
erfuhr, eine Gesellschaft von reisenden Schauspielern waren; ganz einsam in eine
Ecke gekrmmt, sa ein Jude, der still sein kleines Frhstck verzehrte, und auf
alle Gegenwrtige ein wachsames Auge hatte; die brigen im Zimmer waren jngere
und ltere Fuhrleute und Krrner. Elsheim bestellte ein Mittagsessen und Wein,
und mit der grten Schnelligkeit lie die Wirtin das weieste Tischzeug auf
einen kleinen Tisch legen, den sie so zu stellen wute, da niemand im Saal den
beiden Reisenden beschwerlich fallen konnte; von einer reinlichen Magd wurde
sauberes Fayencegeschirr und blanke Glser, nebst Silberzeug hingelegt, und bald
erschien die Suppe. Die Wirtin wurde zu den Schauspielern gerufen, wo sich ein
lauter Streit ber den Anteil erhoben hatte, den die Mitglieder an der Rechnung
haben wollten, oder zu haben leugneten; ihre durchdringende Stimme, berredung
und einiger Scherz wute bald die Ruhe wiederherzustellen. Ein stiller Blick des
Juden lud sie ein, sie ging in seine Ecke, stellte sich nahe zu ihm und rechnete
heimlich mit ihm. Er schien zufrieden, und zog ohne Widerrede ein ledernes
Beutelchen, bezahlte sie, sie dankte ihm freundlich, und geleitete ihn, so wenig
er auch verzehrt hatte, bis zur Tr hinaus, offenbar in der guten Absicht, ihn
vor den Spen oder Angriffen der rohen Fuhrmannsbursche sicherzustellen. Unsern
beiden Freunden entging diese Behendigkeit und Vielseitigkeit nicht, und sie
teilten sich heimlich ihre Bemerkungen ber die Menschenkenntnis der Frau, sowie
ber die Ordnung des Hauses mit. Indem sa sie wieder bei einem alten
verdrlichen Fuhrmann, dem sie zrtlich die runzlichten Wangen streichelte, und
unter Erzhlungen von der Vortrefflichkeit seiner verstorbenen Frau die Rechnung
mit ihm ins reine brachte. Dann kam sie zu einem jungen Burschen, der, weil er
vielleicht im Hause noch fremd war und die Weise der Frau nicht kennen mochte,
sich, indem sie ihn ebenfalls freundlich anfate, Freiheiten nehmen wollte, aber
auch mit der grten Schnelligkeit eine nicht unsanfte Ohrfeige empfing, worber
alle Anwesenden, hauptschlich des Barons junger Fuhrmann, ein lautes Gelchter
aufschlugen. Dieselbe Frau, indem sie jetzt von einem andern Krrner, der an der
Reihe zu sein schien, herbeigewinkt ward, nderte jetzt ihre stille Weise mit
diesem Znker und fing ein solches Geschrei an, da man meinte, es msse zu
Gewaltttigkeiten kommen; so laut die Stimme des Mannes war, so bertnte sie
ihn doch; so grob und anzglich seine Ausdrcke lauteten, so hatte sie doch noch
grbere und beiendere in Bereitschaft, so da er endlich beschmt und grimmig
bezahlte, was sie verlangte. Mit der ruhigsten Art setzte sie sich nun zu den
Geistlichen nieder, und nahm, da sie ihr bekannt schienen, alsbald an ihrem
Gesprche teil und bedauerte, da es manchmal im gemeinschaftlichen Zimmer
dergleichen Strungen geben msse. Die Suppe war verzehrt, und mit einer
anstndigen Verbeugung nahm sie unsern Fremden die Teller weg und trug sie in
die Kche, um ihnen eine andere Speise zu senden. Ein Kapitalweib! sagte der
grimmige Fuhrmann zu einem andern, indem sie hinausgingen, sie macht doch auch
die Rechnung nie um einen Groschen hher, um sich abhandeln zu lassen, ob sie
gleich meine Art wohl kennt, wie es alle die andern dummen Weiber in den brigen
Gasthfen machen. Die Frau kam zurck und fragte, wie den Herrn der Wein
vorkme, und freute sich, da sie ihn loben hrte. Bei aller dieser Ttigkeit,
dem vielfachen Getmmel und Geschrei sa der Wirt indes fast unbeweglich in
seinem ledernen Stuhl, ohne die Augen von seiner Schssel oder seinem Glase
aufzuheben.
    Deutschland, sagte Elsheim, ist vielleicht das einzige Land, wo in
mancherlei Gewerben die Frau so oft den migen Mann ernhren mu. Sie wollten
dieses Gesprch eben fortsetzen, als sie durch eine sonderbare Erscheinung
unterbrochen wurden, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Stolpernd und
schreiend trat eine groe Figur herein, ein ziemlich starker Mann, in grnem
Rock und Weste, beide mit schmalen Tressen besetzt, mit groen Stiefeln angetan;
er trug einen Zopf und zwei Locken im frisierten Haar, von welchem man nicht
unterscheiden konnte, ob es vom Puder oder von Natur wei sei; sein Gesicht war
rot und aufgelaufen, das Haupt bedeckte ein kleiner dreieckiger Hut. Mit lautem
Freudengeschrei bewillkommte ihn sogleich die Wirtin: Ei! bester Herr
Wassermann, sind Sie schon zurck? - Ja, Alte, schrie der Fremde, und gab ihr
einen starken Schlag auf den Rcken: ei - indem er sich gegen die Schauspieler
wandte - da treff ich ja das lustige Gesindel auch wieder! Gelt, liebes Volk,
wir sind neulich vergngt gewesen? Alle antworteten dem frhlichen Herrn nur,
wie sie ihn nannten, mit einem lauten Gelchter, er aber ri die Tre schon
wieder auf und schrie hinaus: Nur hier herein! hier herein! meine Freunde!
worauf eine Bande Bergmusikanten in das Zimmer brach. Nicht wahr, meine
Herren, wandte er sich an die Gesellschaft, wir lassen eins aufmachen? und
wenn Sie es auch nicht mgen, so bin ich wohl Manns genug, allein zu bezahlen!
Komm, Dicke (indem er die Wirtin unter den Arm fate); und nun einen Walzer!
aber lustig!
    Sogleich bewegte sich bei betubender Musik der Wirrwarr aus allen Ecken und
drehte sich durch den Umfang des Saales; der frhliche Herr tanzte mit der
Wirtin vor, die Komdianten flogen sich in die Arme, einige Mdchen, die
brigblieben, winkten die jngsten der Fuhrleute herbei, und unter Schreien,
Stampfen, Hndeklatschen und Gelchter wlzte sich der Tumult immer wilder und
wilder; doch wute es die Wirtin so geschickt zu machen, da keiner ihrer Gste,
am wenigsten unsere Reisenden die sie als die Vornehmsten behandelte, gestrt
wurden; aber das Springen und die Schnelligkeit des Walzers wurde so heftig, da
sie bald das Tuch vom Kopf verlor, und jetzt mit aufgelstem Haar einem wilden
Gespenste in toller Bewegung glich. Indem sich der Alte einmal umdrehte, rannte
sie, die durch das Schiebefenster in der Kche eine Unordnung bemerkt hatte, in
diese hinein, stie und schalt die Mgde am Feuer zurecht, kam zurck, setzte
ihren Kopfputz wieder auf, und bald hatten die Wut und der lrmende Tanz ihr
Ende erreicht. Sie setzte sich wieder zu den Geistlichen nieder, um in aller
Ehrbarkeit weiter am Gesprch teilzunehmen, und der Fremde nahm seinen kleinen
Hut ab, um sich den Schwei abzutrocknen. Es macht warm, meine Herren, sagte
er keuchend, indem er sich zu Elsheim und Leonhard wandte, aber so unvermutet
und pltzlich macht es auch das grte Vergngen. Wenige Menschen, dem Himmel
sei's geklagt, wissen das Lebens zu genieen und die Freude gleichsam im Fluge
zu haschen; wohin ich gekommen bin, bin ich noch immer an Geist und Munterkeit
der Jngste gewesen; denn unsere jetzige Jugend ist, wo man nur hinsieht,
trbsinnig und schwerfllig, und ich mu, wie ein alter Anakreon, die Bursche
beschmen.
    Es wurde dem Baron sehr schwer, nicht laut aufzulachen, aber dennoch bezwang
er sich und sagte: Gewi, wren alle Menschen von Ihrer Frhlichkeit, so wrde
das Leben noch einmal so leicht und anmutig sein.
    Wer zweifelt daran? erwiderte jener, und setzte sich, ohne zu fragen, nahe
zu den beiden Freunden nieder, so da Leonhard, dem der Mensch verhat war,
etwas von der Seite rckte. Inkommodieren Sie sich nicht, rief der Tnzer,
ich sitze schon gut hier, ich habe Platz genug.
    Es ergtzte den Baron, seinen Freund in dieser verdrlichen Stimmung zu
sehn, er wandte sich daher zum Fremden und sagte: Sind Sie aber zu allen Zeiten
so vergngten Humors? - Fast immer, erwiderte jener mit Selbstzufriedenheit,
nichts ist mir widerwrtiger als Kopfhngen und Kalmuserei, oder das
duckmuserische Pietisten- und Herrnhuterwesen; in meinem Hause mu alles alert
sein, ich schreie vom frhen Morgen, was ich aus der Kehle bringen mag, und da
ich selten zu Hause ganz meine Lust ben kann, so besuche ich Freunde, die
ebenso heiter sind, als ich, und regelmig treffen wir des Abends im Wirtshause
zusammen. Herr, ich versichere Sie, unser Brllen, Singen und Schreien hrt man
oft ber das ganze Stdtchen weg, und jedes Kind wei davon zu erzhlen, was ich
fr ein lustiger Mann bin.
    Wie glcklich sind Sie, sagte der Edelmann, ein solcher Humor ist ein
unschtzbares Kleinod, und ich wollte nur, Sie knnten meinem jungen Freunde
etwas von Ihrem Lebensmute mitteilen, der, wie Sie wohl bemerken werden, an der
Melancholie leidet.
    Wassermann packte gewaltsam des jungen Tischlers Hand, schttelte sie
krftig und sagte: Ach! was da! was da! wer wollte melancholisch sein, solange
einem Essen und Trinken schmeckt und man nur halbweg gesund ist. Leonhard wurde
immer mehr verstimmt, aber der Baron fuhr fort: Ja, Herr Wassermann (denn so
heien Sie, wie ich gehrt habe), es gibt aber doch Leiden, die, ohngeachtet
aller Lebensphilosophie, in der Sie sehr stark zu sein scheinen, das Herz zu
sehr angreifen, zum Beispiel, die Leiden einer unglcklichen Liebe, an welchen
mein Freund eben ohne Hoffnung darniederliegt.
    Das ist ja eben zum Totlachen, sagte die widerwrtige Figur; die Liebe
ist auch eine neuerfundene Modekrankheit. Da man die Weibsen gerne hat, ist
wohl sehr natrlich, und wo ich nur hinkomme, bin ich in alt und jung, in schn
und hlich verliebt. - Ihr wit auch davon zu sagen, lustiges Gesindel! schrie
er zu dem weiblichen Teil der Schauspielergesellschaft hinber. - Aber, meine
Herren, sich grmen, seufzen, krank werden, ist eines Mannes unwrdig, und davon
wei ein anakreontischer Liebhaber nichts. Ich bin Brutigam gewesen, ich war
verheiratet, aber ich blieb einen Tag wie alle Tage. Ja, meine Herren, ich bin
jetzt wieder mit einem recht schnen Mdchen, das zwar nicht so ganz jung mehr
ist, versprochen, aber ich wre wohl ein Narr, wenn mir nicht unterweges auch
andere gefielen; nein, nichts gereut einen in spteren Jahren so sehr, als ein
Ku, den man nicht appliziert hat, wenn sich die Gelegenheit dazu anbot. Mit
diesen Worten sprang er auf, kte erst die Wirtin und dann die brigen
Frauenzimmer nach der Reihe, ohne die Mgde zu bergehen, die das Zimmer
aufzurumen hereingetreten waren, dann lief er hinaus, um nach seinem Reitpferde
zu sehen.
    Ein gottloser Mensch, nahm die Wirtin das Wort, er kommt jetzt mit einer
ansehnlichen Erbschaft zurck, die ihm ein Vetter auf seinem Sterbebette
vermacht hat. Dadurch ist sein eigenes Vermgen um so grer; und je
wohlhabender er wird je toller wird er auch.
    Wer ist denn der Unhold? fragte Leonhard heftig, wo hat er denn seine
Scharfrichterei? und welches weibliche Wesen kann denn so ganz ohne Empfindung
sein, sich mit einem Tollhusler zu verbinden?
    Ei, bewahre, Ihr Gnaden! sagte die Wirtin scheu, indem sie sich etwas
zurcksetzte: behte Gott, da Herr Wassermann das hren sollte! Er ist ein
reicher Mann aus dem Wrzburgischen, wo er viele Weinberge hat; sein meister
Handel ist auch mit Wein, darum bereist er oft diese Gegend. Und warum sollte
denn auch ein Frauenzimmer, wenn sie nur irgend solide denkt, einen ehrlichen
wohlhabenden Mann nicht heiraten knnen? Sie soll arm sein, er hat keine Kinder,
und so kommt sie gleich in einen guten Hausstand. Ei! ei! freilich sind das wohl
so von den melancholischen Reden, wie der gndige Herr hier vorhin zu sagen
beliebten.
    Indem kam Wassermann lrmend wieder hereingetreten, er stellte sich vor
Leonhard hin, rckte den Hut ein wenig und sagte: Herr Patron! sollten Sie
vielleicht einmal in das Wrzburgische Stdtchen kommen (indem er den Namen
nannte), so bitte ich es mir aus, da Sie bei mir einsprechen, und der Teufel
soll mich holen, wenn ich Sie nicht von aller Liebe und Melancholie kuriere. -
Da Elsheim sah, da der verstimmte Leonhard im Begriff sei, loszubrechen, hielt
er es fr Zeit, den Spa zu endigen, indem er dem Schreier die Hand gab und
sagte: Ich hoffe, mein lebensfroher Herr Wassermann, da wir uns in diesem
Leben nicht zum letzten Male gesehen haben. Er berichtigte schnell die
Rechnung, und stieg mit Leonhard wieder in den Wagen, da der junge Fuhrmann sie
schon eine Weile erwartet hatte.
    Ich kenne dich nicht wieder, fing der Baron an, als sie die Stadt hinter
sich hatten, diese krnkliche Verwundbarkeit habe ich noch niemals an dir
bemerkt. Wie hat dich ein solcher Narr nur verletzen knnen?
    Mein Freund, antwortete Leonhard, diese heftige Verstimmung mag seltsam
und unnatrlich scheinen, aber dieses Wesen hat mich von neuem darin besttigt,
das zu glauben und dem zu folgen, was man sonst Sympathie und Antipathie genannt
hat. Sowie dieser Mensch nur zur Tr hereintrat, fhlte ich einen gewissen Ha
in meinem Busen sich regen, den ich nicht bemeistern konnte. Zuletzt
berwltigte mich der Gedanke, wie vielleicht ein armes, hlfloses Mdchen, von
Eltern und Verwandten bestrmt, um sich nur vor den nchsten Blutsfreunden (ja
wohl, die nach ihrem Blute lstern sind) Ruhe zu schaffen, sich einem solchen
Wterich aufopfert, um eine lange qualvolle Lebenszeit hindurch zu bereuen, da
sie in einer Viertelstunde schwach genug war, ihre Einwilligung zu geben.
    Die Braut, sagte Elsheim, soll aber ber die erste Jugend hinber sein,
so da dies nicht zu besorgen steht.
    Immer schwebt mir doch, fuhr Leonhard fort, das grliche Bild solcher
Ehe vor Augen, was von den meisten Menschen auf Erden so genannt wird. Jenes
frchterliche Verhltnis ohne Liebe und Achtung, und aus welchem auch die letzte
Spur von Heiligkeit verschwunden ist, gegen welches mir jenes der Orientalen mit
ihren Sklavinnen als ehrwrdig und unschuldig erscheint. Ist es schon traurig
genug, da Liebe und gegenseitige Leidenschaft nicht immer zum Glcke fhren, so
ist es gegenber wahrhaft frchterlich, da Staat und Religion ein gegenseitiges
Ermorden sanktionieren knnen.
    Wenn ich dir auch recht gebe, wie ich mu߫, sagte Elsheim, so wirst du
mir, trotz deines Eifers, nicht angeben knnen, wie es denn sein mte, um
besser zu werden, wenn wir nicht geradezu die treffliche goldne Zeit, oder das
belobte tausendjhrige Reich herbeirufen wollen. Gewinnt dir denn aber dieser
neue liebe Anakreon und seine Lebensphilosophie kein Lachen ab?
    Ich vermag es nicht, sagte der junge Meister vllig verstimmt, denn ich
frchte, da das, was uns hier als Karikatur erschienen ist, nur das wahre Bild
eines groen Teils der Welt sei. Mir war es, als wrde dieser Abgesandte ihrer
Trbsal, Nichtigkeit und Niedrigkeit umhergeschickt, um recht zu verkndigen,
wie verderbt und armselig sie sei, und statt zu lachen, wren mir in diesem
grlichen Getmmel und den springenden Larven und Gespenstern die Trnen fast
aus den Augen gebrochen.
    O so bist du ja unheilbar, sagte der Baron nicht ohne Lachen, ich sehe,
da du Anlage zur Hypochondrie hast; immer hat es solche miverstandene Phrasen
in lebendiger Figur gegeben, und die Erde wre ohne diese grellen Toren viel
rmer und dunkler. Ich hoffe also, du nimmst seine freundliche Einladung an, ihn
zu besuchen, damit er dich von deiner Melancholie heile. Er wandte sich zu
seinem jungen Kutscher und sagte: Ihr habt recht gehabt, mit der Wirtin im
Hause, sie ist eins der liebenswrdigsten Weiber, die ich noch gesehen habe.
    Sagt ich's nicht vorher, rief der junge Mensch erfreut aus: Ihr Gnaden
glauben nicht, was das fr eine groe Kunst ist, mit so vielen Menschen
tagtglich umzugehen und es allen recht zu machen. Alle Krrner und Fuhrleute
aus dem Reich kennen sie auch, und machen lieber eine Meile mehr, um nur in
diesem Hause auszuspannen, und diese Art Leute, die tglich und immer mit vielen
Pferden kommen und selber viel verzehren, sind fr einen Gasthof die
eintrglichsten. Wenige Menschen wissen auch mit ihnen recht umzugehen, der eine
will lachen, der andere schwatzen, der dritte klagt gerne, noch ein anderer ist
nur froh im Zank und wenn man ihm grob begegnet, und mit allen trifft sie es
genau, verabsumt keinen und zieht keinen vor, ist allenthalben wie durch ein
Wunderwerk, schiet zugleich durch Kche, Keller und Boden umher wie ein Drache;
mit einem Wort, sie ist ein Engel von Frau, und ohne sie wrde der gute dicke
Melchior verhungern mssen.
    Die Freunde saen eine Zeitlang stumm nebeneinander, denn Leonhard war
verstimmt, und Elsheim wute nicht recht, wie er den Faden der Unterhaltung
anknpfen, oder welchen Gegenstand er berhren solle, um die Milaune seines
Gefhrten nicht zu vermehren. Endlich sagte er: Du hast dich nun, mein lieber
Jugendfreund, und hoffentlich auch Freund meines Alters, meinen Bitten und
meiner Liebe gefgt, da du mich nie anders als mit dem vertraulichen Du
anredest; ich hoffe, da du es auch nie, und in keiner Gesellschaft
unterlssest, und du wrdest mich empfindlich krnken, wenn du es je wieder aus
der Acht lieest.
    Du willst es, sagte Leonhard, und es sei also. Aber die Deinigen, deine
Gste, so wie alle Fremden dort, werden diese, nach den hergebrachten Meinungen
der Welt, ein solches Verhltnis nicht unbegreiflich finden?
    Sie sind von mir das Ungewohnte gewohnt, antwortete Elsheim: auch siehst
du, da ich keinen Bedienten mit mir genommen habe, damit wir unterweges um so
freier sein knnen, und so hindert dich und mich auch nichts, dich dort bei mir
als Baron Professor, Architekten, reisenden Maler, oder was du sonst willst,
vorzustellen.
    Leonhard schwieg erst ein Weilchen still, um seine ganze Empfindlichkeit zu
sammeln, dann brach er los: Frher httest du es mir sagen sollen, da du dich
in deinem erlauchten Zirkel schmst, mich als deinen Freund und den aufzufhren,
der ich wirklich bin, so wr ich dir nicht vergeblich bis hierher gefolgt, und
wir beide htten nicht ntig gehabt, eine Rolle zu bernehmen, die unserer
unwrdig ist. Es ist aber doch noch gut, da du mir die Entdeckung zeitig genug
gemacht hast, um umkehren zu knnen, und knftig werde ich den Warnungen und
Vorstellungen meiner verstndigen Friederike eine bessere Folge leisten.
    Sprich und zrne dich nur aus, sagte Elsheim: denn endlich ist zur
rechten oder unrechten Zeit gesagt, was ich gestern dir zu sagen verabsumte;
das ist doch, beim Licht besehn, mein ganzes Verbrechen; in deiner frohen Laune
damals httest du den Scherz als Scherz betrachtet, und nur gefhlt, wie sehr
ich dich liebe, um dich da drauen unter narrenhaften Menschen recht wahr und
ungestrt zu besitzen; du wrdest eingesehen haben, da man das Komdienspielen
nicht besser einleiten kann, als wenn man gleich in einer Rolle auftritt; dann
wre es dir wohl etwas nhergerckt, da es keine so ungeheure Forderung sei,
dem Freunde dies kleine Opfer zu bringen, der, wenn es die Gelegenheit fordert,
sich mit dem grten nicht wird saumselig finden lassen; und mit einem Wort,
mein Geliebter, du wrst in deiner Ansicht jugendlich gewesen, und es htte dir
nicht so widerwrtig gednkt, mit den Weisen weise, und mit den Trichten
tricht zu sein.
    Leonhard konnte sich nicht enthalten, seinem Freunde die Hand zu geben, doch
fgte er hinzu: Alles zugegeben und vorausgesetzt, da ich mich deiner Laune
fge, wer steht mir denn dafr, da diese Maskerade sich nicht mit meiner
Erniedrigung endigen wird? Dir ist es bequem, wenn ich mich fge, aber wie soll
ich mit meinen bessern Gefhlen die Rechnung abschlieen?
    Liebster Freund, sagte der Baron, la uns aufrichtig zu Werke gehn. Ist
es dir auf deinen Reisen, oder auch sonst nie begegnet, da man dich in deiner
guten Kleidung, mit deinem feinen Anstand in irgendeiner ffentlichen
Gesellschaft fr etwas genommen hat, was man so im Leben etwas Hheres nennt,
und hat dir dieses Gefhl noch kein einzigesmal wohlgetan, hast du die Tuschung
auch kein einzigesmal stillschweigend oder mit freigebigerm Bezahlen und
herrschenderm Ton befrdert? Hast du sie jedesmal vorstzlich zerstrt? Ich kann
von mir dergleichen nicht rhmen, auch wei ich nicht einmal, ob es etwas
Besseres sei, was wir tglich ausben, da wir unter Unbekannten fr
vortrefflicher und weiser gelten wollen, als wir unserm Bewutsein nach sind.
Wir kommen an, ich gebe dich fr gar nichts aus, ich nenne dich meinen Freund,
der mir in den Einrichtungen des Hauses und des Theaters helfen will: das alles
ist die strengste Wahrheit; ich gebe dir keinen fremden Namen und keine Wrde,
die dir nicht zukmmt, nur fhre ich dich der Schwachen wegen nicht geradezu als
Tischlermeister auf, weil ich hoffe, du bist wirklich immer noch mehr, mein
Leonhard, als Schreiner durch diese ganz unschuldige List, wenn wir es noch so
nennen wollen, gehst du mit allen frei und wie mit deinesgleichen um, da es eine
unbillige Forderung wre, da jene Fremden sich aus allen ihren anerzogenen,
angewhnten und mit ihnen verwachsenen Vorurteilen heraussetzen sollten, um dich
als Mensch sich selbst gleichzustellen. Durch diese einzige stumme
Nachgiebigkeit vergibst du dir gar nichts, und schenkst mir unendlich viel,
indem durch diese Kleinigkeit mir das Leben mit dir dort mglich wird, was mich
einzig zu dieser Reise bestimmt hat. Und kme es zum uersten, wrde ich dich
verlassen, nicht deine Liebe hher als alle kindische Rcksichten schtzen? Bei
der kleinsten Veranlassung, die dich nur beschmen knnte, trete ich fr dich
auf, und nehme alle Verantwortung ber mich.
    Wenn alles dies, sagte Leonhard, auch nur Sophistereien sind, auf die
sich noch vieles erwidern liee, so mag diesmal die Freundschaft fr dich alles
berwiegen und bertnen. Es mag als Maskerade gelten, die einen unschuldigen
Endzweck hat; du wirst auf jeden Fall mir das Zeugnis geben mssen, da ich mich
dir und deinen Masken nicht aufgedrngt habe.
    Wunderlicher Geist, sagte der Baron, der du noch so jung bist, und einer
solchen Kleinigkeit wegen schon so viele Skrupel haben kannst! Und wie lange
wird es denn whren, so sehe ich dich ein groes Magazin von Mbeln einrichten,
Meister unter dir arbeiten, denen du nur Zeichnungen und Bestellungen gibst, und
Kommissionsrat, oder wie sonst, heien; deinem Vermgen nach, und da es der Ton
des Tages so mit sich bringt, knntest du das auch gleich tun.
    Das geschieht niemals, rief Leonhard lebhaft aus, dann erst wrde ich es
auf immer bereuen, mich meinem Berufe gewidmet zu haben, wenn ich ein solches
totes und ttendes Fabrikleben fhren sollte, wenn mir die Freude am Material,
die ich mit meinen ttigen Gehlfen teile, die Lust, das bestimmte Wesen nach
und nach immer reiner und ausgebildeter hervortreten zu sehen, das Gefhl, da
ich als Vater und Lehrer fr meine Mitarbeiter sorge und ihnen weiterhelfe, die
Bewegung des Lebens, wenn mir alles das unter den Hnden absterben sollte, um so
oder so zu heien, Meister zu drcken, und von ihrer Geschicklichkeit und ihrem
Schweie zu prassen, mich der Ttigkeit zu schmen, und durch die Auslage des
Geldes mir ein Recht zu erwerben whnte, da ich andere despotisieren und qulen
drfe, und so weit ich reichen kann, Leben, Heiterkeit und Wohlstand zerstren.
    Du siehst es von der finstersten Seite, sagte der Baron, es hat doch
immer mehr den Anschein, da die Znfte und alle Einrichtungen, die damit
zusammenhngen, eingehen werden.
    Leider, fuhr Leonhard fort, es gewinnt aber auch immer mehr den Anschein,
da der wahre Brgerstand, der Kern und das Mark aller Staaten, verschwinden
mu. Ich will der Willkr nicht einmal gedenken, da pltzlich Privilegien
aufgehoben werden, die der Brger, der allgemeinen Sicherheit vertrauend, hat
bezahlen mssen, und fr welche Auslagen, die bedeutend genug sind, ihm vom
Staate keine Entschdigung wird; ich will darauf kein Gewicht legen, da nur
dieser Gewhr vertrauend, der Mann seine Jugend und wohl auch ein Kapital
eingelegt hat, um geschirmt von vernnftigen und billigen Einschrnkungen ein
Mitglied dieses geschlossenen Standes zu werden; sondern ich frage nur, ob man
denn wirklich bei denen Gewerben, bei denen die fabrikmige Einrichtung schon
lange hat stattfinden knnen, oder in jenen Lndern, wo es Fabrikstdte gibt,
das Glck finde, das uns reizen knne, alles umzustoen, um auch dergleichen bei
uns zu haben? Statt vieler wohlhabenden Menschen einige reiche Leute und einen
Haufen armen, verkmmerten und lderlichen Gesindels, immer in der peinigendsten
Abhngigkeit von seinem Brotherrn und dessen qulenden und magern Vorschssen,
ohne Lebenslust, ohne Fhigkeit, Tugend und Liebe, krnkliche Kinder zu
erziehen, bei einem ganz mechanischen und seelenlosen Geschfte verdummend, und
dadurch angetrieben Genu, den der Mensch einmal nicht entbehren kann und will,
bei schlechten, berauschenden Getrnken zu suchen, frh absterbend, ohne gelebt
zu haben, verzweifelnd und sich selbst verachtend zu allen niedrigen Streichen
aufgelegt, und nicht fhig, Glck und Unglck zu erleben oder zu ertragen. So
habe ich viele Hunderte, schlimmer als Sklaven, in berhmten Fabriken
verschmachten sehen, und ber die zunehmende Kultur wie anwachsende Barbarei die
Schultern gezuckt, da wir es in unsern Tabellen fr Gewinn halten, Menschen,
die hchsten Staatskrfte aufzuopfern, um die Ware wohlfeiler zu liefern.
    Als der Baron lchelnd und unglubig den Kopf schttelte, fuhr Leonhard,
ohne seinen Eifer dmpfen zu lassen, in seiner heftigen Rede so fort: Ich
verlange nicht, da alles, ohne Ausnahme, auf die alte Weise geschehen soll,
auch sind ja Fabriken und die gepriesene Verteilung der Arbeit schon eine alte
Erfindung; gewisse unbedeutende Dinge, wie Nadeln, Ngel und dergleichen, knnen
nicht schnell und wohlfeil genug geliefert werden; bei vielen scheinbaren
Kunstzusammensetzungen hat sich frh dies Handwerk und die Kunst in eine
Fabrikanstalt umgesetzt; und ob selbst dabei der Nutzen so gro ist, da jetzt
jedermann eine schlechte, unbrauchbare Uhr in der Tasche tragen kann, lasse ich
dahingestellt sein, da die wahrhaft guten Werke in London und Paris auch jetzt
teurer verkauft werden, als nur immer in den ersten Zeiten der Erfindung. Aber
weh mu es mir tun, da der deutsche Handwerker, der sich so schn mehr oder
minder dem Knstler anschlo, der mit den Seinigen und den einheimischen und
fremden Gehlfen wahrhaft patriarchalisch lebte, jetzt untergehn und die
ehrwrdige Zunft neuen Modeeinrichtungen weichen soll. Mit diesem seelenvollen
Leben war eine ganz andere brgerliche Ehre verknpft, als herablassende
Vornehme oder Geschftsleute uns jetzt zuwerfen, oder der jngere Handwerker
durch Umtreiben auf Kaffeehusern und leichtfertiges Tavernengeschwtz im
halbmodischen Frack sich erringen kann. Und wenn ich nur die philosophische
Seite des neuen Systems begreifen knnte. Ohne den Namen finde ich alles in der
Welt so umschlossen, und mit Recht. Der Staat lt mich nicht auf gutes Glck,
und ob ich es vielleicht treffe und Beifall finde, in seine Geschfte pfuschen,
weil seine Diener auf Schulen und Universitten, oder als subalterne Arbeiter
ihre Lehrjahre berstehen mssen, sie werden geprft, und rcken nur langsam und
nach vielfacher berlegung in die offenen hhern Stellen ein. Derselbe Fall ist
es mit den Geistlichen, sowenig man sie auch von Seiten des Staats wichtig
nimmt. Ebenso mit den Schulen und Universitten, und ich darf nicht abenteuernd
herumziehen, und die Bude meines Unterrichts und meiner Vorlesungen aufschlagen
wollen. Alle diese Stnde legen dem Staate ein Kapital von Zeit, Studien, Arbeit
und Lehrjahren ein, und rechnen darauf, in sptern Jahren geschtzt zu werden.
Ebenso ist es beim Kaufmann, ja wenn ich mich zur Grundlage des Staats, zum
Bauernstande, wende, finde ich dieselbe Beschlossenheit, denn das Grundeigentum
ist doch in gewisse bestimmte Gter geteilt, deren Anzahl ebensowenig, wie sonst
die der Handwerker in Stdten, berschritten wird, und der Sohn oder der Fremde
mu sich erst vom Knechte zum Bauern hinaufdienen. Die wahren Mibruche des
Zunftwesens, die sich durch die Lnge der Zeit eingeschlichen hatten und nicht
zu leugnen sind, konnten abgeschafft werden, ohne die ehrwrdige Stiftung
selbst, der wir Knste, Wohlstand und Freiheit zum Teil zu verdanken haben, zu
Boden zu reien. In melancholischen Stimmungen mchte ich aber manchmal glauben,
da wir alle gern einer allgemeinen Knechtschaft entgegengehen, und da man uns
vorpredigt, nur Geld zu erwerben zu suchen, um in Luxus, Ausschweifung und
Sklavenhochmut Ketten wie Freiheit verlachen zu knnen.
    Nun, nun, sagte Elsheim, du fllst ja in den wahren Prophetenton: soll
man dich einen Obskuranten oder Revolutionsmann nennen?
    Weder so noch so, sagte Leonhard, denn die Menschen, die man wirklich mit
Vernunft so nennen kann, sind mir beiderseitig gleich verhat. Aber ich kann es
mir doch nicht ableugnen, da wir so ziemlich in der Anarchie schon befangen
sind, wenn die Menschheit und die Staaten doch aus Stnden vereinigt sein
sollen. Die Geistlichen waren schon seit lange, erst einer stillen, dann einer
ffentlichen Proskription ausgesetzt, die Freude ber ihre Besiegung, dieses
Staates im Staate (wie man alles nannte, was nicht unmittelbar dem Einen und
unbedingt unterworfen war), sprach sich allgemein aus; doch wurde ebenso der
Einflu und die Selbstndigkeit des Adels gebrochen, dem Brgerstand und seiner
Beschlossenheit erklrte man aus philosophischen Prinzipien ffentlich den
Krieg, und den Bauern, die man eigentlich schtzen will, fllt man wenigstens
mit einer engherzigen, ebenso albernen als unpassenden Erziehung, und mit einem
unntzen Tabellenwesen zur Last.
    Ja, die Tabellen! rief der Baron aus, sie gehren recht zu den Surrogaten
und dem Geiste der Zeit, den die Gesetzgeber sich auch nur in Tabellen strmend
vorstellen knnen.
    Seit diese Mode des Bewutseins, fuhr Leonhard nicht ohne Bitterkeit fort,
die Staateneinrichter wie ein Schnupfen befallen hat, der eigentlich umgekehrt
ein dumpfes Unbewutsein hervorbringt, geschieht ordentlich mit Gewissen und
frommer Lust die Zertrmmerung der edelsten berlieferungen, ber die ein
aberglubisches Schaf, wie ich, das eine Wasserscheu vor diesem Strome der Zeit
hat, weinen mchte. Doch, du hast recht, es ziemt mir besser, meinen Sinn von
diesen groen Weltfortschritten abzulenken, und wenn du noch einige Geduld brig
hast, so mchte ich wohl noch einmal zu meinen Znften zurckkehren.
    Sprich dich nur aus, sagte der Edelmann, der Wagen geht auch ganz sanft
im Sande, wir sitzen hier auf unserm eigenen Grund und Boden, und drfen denken,
was wir wollen.
    Mu ich nicht wieder, sprach der Meister, auf meine frhere Ansicht
kommen, an die ich mich so gewhnt habe, da sie mir bei allen Dingen
vorschwebt? Die gerade und die krumme Linie ist es, deren Umspielung oder innige
Durchdringung alle Formen hervorbringt. Ist es nicht sonderbar, da die neuern
Gesetzgeber schon seit lange den Menschen als ein Vernunftwesen betrachten, und
um so mehr, je mehr er im niedrigern Stande lebt; der ohne Leidenschaften ist,
oder die man ihm aberziehen und ihn zu allen vernnftigen Tugenden, des Fleies,
des Gelderwerbes, der unermdlichen Arbeitsamkeit, hinaufbilden soll wo sie etwa
fehlen mchten? Die Gesetzgeber behalten sich und ihresgleichen stillschweigend
vielen Zeitvertreib und Zeitverderb vor, wovon sie das Anstndigste unter die
Rubrik Bildung schieben, die der Gemeinere freilich entraten kann. Die Weisheit
der alten Welt aber sah ein, da Leidenschaften, Torheiten, Spiel, Scherz, Lust
und Genu die Elemente sind, die kmpfend und sich verbindend in der Menschheit
ringen, und da die Vernunft nur das Gleichgewicht sein kann, welches dieses
unsichtbare Feuer, Luft, Wasser und Erde schwebend trgt, damit eins nicht das
andere vernichte; da Begeisterung zum Guten und Bsen die Sturmwinde sind, die
zertrmmern und die Atmosphre reinigen, und die hlflose Vernunft an sich
selber noch nie etwas in Wirkung und Wirklichkeit hat setzen knnen. Ihr
Bestreben war daher nicht, der Menschheit die Menschheit abzugewhnen, sondern
sie waren Kinder mit den Kindern, und Toren mit den Toren, und fhlten wohl,
welcher heilige Ernst in dieser Kindlichkeit aus der Tiefe heraufspiele, weil es
edler und frommer ist, jeden Trieb in uns auszubilden, als ihn zu vernichten,
und da jenes neumodige Entwhnen, in der keiner seine Lust sttigen und ben
soll, nur zum moralischen Tode und zur kalten Verzweiflung fhrt. Ihnen waren
daher alte berkommene Spiele, Lieder, Scherz und Trunk, selbst Ausgelassenheit
ehrwrdig, und wenn die neuere Welt dergleichen auch nicht so unmittelbar, wie
die alte, zum Gottesdienst rechnete, so nahm sie doch alles dieser Art in ihren
Schutz. Volksfeste, Aufzge, Prozessionen, Musik und Tanz ffentlich bei
feierlichen Gelegenheiten, die Verwandlung des gemeinen Lebens in ein poetisches
Schauspiel: alle diese innigsten Bedrfnisse suchte sie zu befriedigen, lie das
Bestehende und berlieferte, verbesserte, fgte hinzu, erhhte den glnzenden
Schein, und edle Greise, Vter des Volks, Geistliche und Frsten hielten es
nicht unter ihrer Wrde, ganz mit vollem Herzen in den Jubel einzustimmen, und
die gute Vernunft daheim unter alten Reflexionen kramen zu lassen. Denn nicht
will der Mensch blo Mensch sein (sooft dies auch vor einigen Jahren von
Aufklrern ist geprediget worden), er will auch nicht blo ntzlich und
erwerbend und Brger sein, sondern zuzeiten etwas anders auer sich vorstellen.
Dieser Trieb, uns auer uns zu versetzen, ist einer der gewaltigsten und
unbezwinglichsten, weil er wohl gerade die tiefste Eigentmlichkeit in uns
entbindet. So waren im Kreise des Staats tausend kleinere Kreise die sich in-
und durcheinander bewegten, selbststndig spielten und doch dem grern dienten;
an jeden Menschen kam seine Stunde und sein Tag, und fter im Jahr oder im
Monat, wo er, dazu autorisiert, etwas Fremdes vorstellen durfte, und dem Adel,
der Geistlichkeit schlossen sich hier schn die Znfte an, die vielfach in
Scherz und Ernst Aufzge, Spiele, Reprsentationen aller Art, allegorisch oder
komisch gaben, oder auch nur zur Verherrlichung ihres Handwerks und des
Brgerstandes auftraten. Der Meister konnte Vorsteher seiner Innung und
Brderschaft werden, der Gesell Vortnzer und Vorfechter, Sprecher und
Schauspieler, ja bis zum lernenden Burschen hinunter gab es Gelegenheit, da
dieser sich wieder unter seinesgleichen geltend machen durfte. Neu gestrkt,
gesunder und lebensfroher kehrte der Mensch dann zu seinem gewhnlichen Beruf
zurck, ja getrstet ber diesen und mit der nahen Aussicht, das Jungbrunnen-Bad
bald wieder gebrauchen zu knnen. Bleibt der Stoiker ganz fest auf seinem
Standpunkte der Vernunft stehen, oder sagt zur Freude: du bist toll! so kann er
doch den Gedanken wenigstens nicht als Lge abweisen, da dieses Dehnen, Recken
und Ghnen der Schlfrigkeit (wofr er dies Torenspiel ausgeben wrde) die
Lungen strkt und hebt, und das vollkommene Erwachen wie die Munterkeit
befrdert.
    Ein medizinischer Statistiker knnte dir auch in deiner Schilderung recht
geben, fgte Elsheim hinzu, wenn er sagte: alle jene unntzen Zeitvertreibe,
ja reelle Narrheiten seien vielleicht notwendig, um aus der Menschheit eine
Menge Laster- und Dummheits-Anlagen abzufhren, damit Weisheit und Tugend Raum
gewinnen. Ich gebe dir ohne alle Bedingung recht, und fge nur noch hinzu, da
wir in neuern Zeiten kaum noch einen Menschen finden, der reprsentieren kann;
selbst die Diplomatiker, die es verstehen, werden immer seltner, vom Hchsten
bis zum Geringsten trgt jeder eine Art von Scham mit sich herum, da er noch
etwas anders, als ein Mensch sein soll, daher das linkische, verlegene,
stotternde Benehmen unserer Groen; die militrische Haltung in der Uniform und
im Dienst ist die einzige, die geblieben ist, und in die sich alle brige
Reprsentation zurckgezogen hat.
    Dein Mediziner, den du eben erwhntest, fing Leonhard wieder an, hat nach
meiner Meinung ebenfalls recht, nur mchte ich die Sache etwas anders
ausdrcken. Ich glaube in der Tat, da die Masse der bertriebenen und
krankhaften Eitelkeit unserer Tage, die Sucht, eine lgenhafte Rolle vor der
Welt und vor sich zu spielen, dieses Heucheln von slicher Bildung, unechter
Frmmigkeit, affektierter Liebe zur Natur und dergleichen mehr, nur mglich
geworden ist, seitdem es dem Menschen untersagt ist, eine Rolle von Staats wegen
zu spielen, seitdem er so ganz auf die Haushaltung in seinen vier Pfhlen, und
auf sein Herz in seinem sogenannten Innern angewiesen ist, denn ich fhle es,
da der Trieb, sich zu entfliehen, sich selbst fremd zu werden, und als ein
anderes Wesen wieder anzutreffen, mchtig in uns ist.
    Es ist sonderbar, antwortete der Baron, da ein Gesprch, das empfindlich
anfngt, gewhnlich auch so fortgefhrt und geendigt wird, wie man den ganzen
Tag hindurch auch in der Wrme den Wind sprt, wenn es am Morgen gestrmt hat.
brigens hat uns unsere lehrreiche Unterhaltung gehindert, die Schnheit der
Gegend zu genieen, und dort liegt wahrlich schon der Hafen, die Stadt mit ihrem
Gasthofe vor uns.
    So war es auch; sie stiegen aus, bestellten Zimmer und ein Abendessen. Schon
auf der letzten Viertelmeile war ihnen ein schmchtiger Mensch aufgefallen, der
neben dem Wagen hertrippelte, und der jetzt fast mit ihnen zugleich in das
Wirtshaus eintrat. Er forderte Wein, und fing mit den beiden Reisenden, die
unten noch die Einrichtung ihres Zimmers abwarten wollten ein Gesprch an. Also
Sie haben die armseligen Wracks der elenden gescheiterten Truppe angetroffen?
fuhr er fort, als er gehrt, da der Baron im letzten Stdtchen einige
Schauspieler gesehen hatte; nicht wahr, mein Herr, es sind unwrdige Subjekte,
die den Wert ihrer Kunst nicht einsehen, und des Enthusiasmus nicht fhig sind?
    Als das letztemal der benachbarte Knig die Gnade hatte, mit mir zu
sprechen (deklamierte er laut, indem er sich vornehm und breit niedersetzte und
den dienstfertigen Wirt kalt ansah, der ihn mit noch grern Augen anstarrte),
fragte er mich, wie es denn komme, da wir noch immer kein solches Schauspiel
besen, wie es eine so edle, poetische und krftige Nation doch ohne Zweifel
verdiene? Geruhen Ew. Majestt zu bemerken, erwiderte ich (denn da ich ihn fter
sehe, so kann ich ziemlich dreist und ohne Umstnde mit ihm sprechen) - der
Wirt warf schnell die baumwollene Mtze in einen Winkel, die er bisher zwischen
der Achsel eingeklemmt hielt - da es nicht an der Nation, an den Dichtern oder
an irgend etwas anderm liegt, sondern lediglich an den verchtlichen Menschen,
wie es die meisten sind, die sich diesem hohen Berufe widmen. Diese Armseligen,
die ihre Kunst nur wie eine jmmerliche Zunft, wie ein seelenloses Handwerk
treiben wollen und knnen, diese sind es, die den freien Adel dieser edlen
Ausbung immer noch hindern.
    Sie lieben die Kunst sehr, wie es scheint, sagte der Baron. - Ich bete
sie an, rief der Fremde, sie ist das Leben selbst, und alles brige ist nur
Schein, Flachheit, trber Nebel. Darum eben habe ich mich mit jenem elenden
Direktor entzweit, der auerdem, da er fast nie richtig bezahlte, mir auch
meine Rollen schmlerte, und dieselben Darstellungen von Stmpern verhunzen
lie, in denen ich den allgemeinsten Beifall einzuernten gewohnt war. - Herr
Wirt, der Wein ist aber sauer!
    So? sagte dieser, der durch die Stube ging, ohne sich umzusehen, und seine
Mtze schon wieder hoch auf dem Kopfe trug.
    Ja, fuhr der Knstler fort, ich zeige ihm nun schon seit geraumer Zeit,
da ich auch ohne ihn leben kann, und, meine gndige Herren, ich bitte um die
Vergnstigung und die Ehre, da ich denenselben eine kleine Probe meiner Kunst
und meines wahren Talents zeigen darf; ich wrde untrstlich sein, wenn so
ausgezeichnete Mnner, von diesen Kenntnissen und der hohen Bildung, diese meine
dargebotene Huldigung verweigern wrden, da es doch bekannt ist, wie sehr
dieselben die Knste lieben, und selbst von den Musen begnstigt sind.
    Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er eiligst einige Tische und Sthle
beiseit, rannte in des Wirts Schlafkammer, brachte ohne Umstnde etwas in seinen
Armen Verdecktes heraus, welches er auf den Tisch stellte und mit einem weien
Kleide verhllte. Mit untergeschlagenen Armen folgte ihm die Wirtin in hchster
Verwunderung, um zu sehen, was aus diesen sonderbaren Anstalten sich ergeben
solle. Er setzte eilig sich gegenber den beiden Reisenden, wie dem Wirt und
dessen Frau, Sthle hin rusperte sich, machte eine Verbeugung und fing an:
Hochzuverehrende! ich werde jetzt die Kunstdarstellung wagen, das berhmte
Stck unsers Dichters, Menschenha und Reue, mit geringen nderungen und den
notwendigsten Abkrzungen ganz allein darzustellen, und ich bin berzeugt, da
die Wirkung dieselbe ergreifende, tieferschtternde sein wird, wie sie nur immer
das versammelte Personale der vorzglichsten Bhne hervorbringen kann. Er fing
hierauf an zu gestikulieren, und die hauptschlichsten Rollen mit groem Eifer
herzusagen, indem er alles, soviel es sich tun lie, in Monologe verwandelte. Wo
dies unmglich war, lie er die Stimme grell wechseln, und sprang behende von
einer zur andern Seite; als aber Eulalia auftreten sollte, ri er schnell die
Verhllung weg, und es zeigte sich der Haubenkopf der Wirtin mit schwarzen Augen
und dunkelroten Wangen, mit einer Mtze der Eigentmerin geschmckt. An diese
Reprsentantin wandt er als Bittermann und Major seine Reden, und antwortete in
ihrem Namen, und sooft sie abgehen sollte, warf er das Gewand wieder ber. So
nherte er sich der pathetischen Erkennung, und die rhrende letzte Vershnung
schlo damit, da er wirklich weinend und schluchzend den Haubenkopf in die Arme
nahm, laut rief: Ich vergebe dir! und ihn dann wieder an seine Stelle in das
Schlafzimmer trug.
    Den beiden Reisenden hatte der Scherz schon zu lange gewhrt; der Wirt
schttelte bei jeder Szene den Kopf, und war immer nur ber diese Anstalten und
die Unermdlichkeit des Knstlers verwundert; die Wirtin aber war heftig bewegt
und weinte laut. Der erhitzte Deklamator kam zurck, und da er die Rhrung der
Frau sah, nahm er ihre Hand und kte sie zrtlich. Dies ist der schnste Lohn
des Knstlers, sagte er, selber gerhrt. Ja, schluchzte die korpulente Frau,
es ist wirklich gar zu trbselig, da ein Mann, der so reputierlich einhergeht,
sich so sauer sein bichen Brot verdienen mu. Darber, fragte der
Schauspieler empfindlich, haben Sie geweint? Worber denn sonst? antwortete
sie: sehn Sie nur selbst, wie hei Sie geworden sind. Der Knstler wandte sich
unwillig von ihr, und sagte zu Leonhard gewandt: Auf diese Art kann ich die
berhmtesten Meisterwerke der deutschen Bhne darstellen, ohne alle andere
Beihlfe, besonders bequem lassen sich die Ruber so spielen, vorzglich nach
der ersten Ausgabe, in welcher die Brder nicht zusammenkommen; auch Macbeth und
die Braut von Messina; die Iphigenia macht etwas mehr Schwierigkeit.
    Es ist ein erfreulicher Anblick, sagte der Baron, wie unser deutsches
Theater sich immer mehr in seine wahren und ursprglichen Bestandteile auflst;
ehemals hatte wir nur Melo- und Monodramen, aber jetzt sehn wir so hufig ein
epigrammatisches Stck von zwei oder drittehalb Personen mit leichtem Witz ber
Eitelkeit, Eifersucht, Schwachheit der Mnner und Weiber (der Fall Adams, kann
man wetten, kommt in jedem vor), und es lt sich darnach an, da wir auch
derlei schnbeschrnkte epigrammatische eng zusammengezogene Tragdien erhalten
werden, wozu wenigstens schon ein lblicher Anfang gemacht ist, in welchem ein
Messer, ein Nagel, oder eine Uhr eine groe Rolle spielen mssen. Noch
erfreulicher aber ist es da selbst groe Meister oft auf dem Theater oder in
Musikslen die sogenannten Deklamatorien geben und was sonst nur Schler zur
bung in Schulen taten, eine Fabel oder ein erzhlendes Gedicht hersagen oder
ablesen. Wird Musik dazwischen gemacht, etwa gar eine Symphonie, so ist der
Genu einzig, und das sonderbar Widersprechende des scheinbar Lppischen ist es
gerade, was in unschuldigen und kindlichen Menschen eine ganz vorzgliche
Ergtzung und Rhrung hervorbringt.
    Sie sprechen ganz wie ein Kenner, mein gndiger Herr, sagte der Kunstmann,
und empfing von Leonhard, vorzglich aber vom Baron weit mehr, als er fr seine
Bemhung erwartet hatte. Nach einer zu tiefen Verbeugung sagte er: Wahrlich,
meine gndigen Herren, Sie bertreffen noch meinen gromtigen Patron und Mzen,
der im Reiche sich und der Heiterkeit lebt, den lebensfrohen Liebling der Musen
und der Scherze, den liebenswrdigen Wassermann. Er empfahl sich, um zu essen
und sich niederzulegen; die beiden Freunde begaben sich auch auf ihr Zimmer, und
der Baron sagte: Wir drfen stolz sein, mit diesem, wie ich sehe, berhmten
Sokrates in eine Klasse gestellt zu werden, in welchen sich eben der benachbarte
Knig am Schlu des Stckes verwandelt hat. - Der Mensch hat mich vllig
verstimmt, sagte Leonhard. - Vielleicht, fragte der Baron, weil er nicht
znftig ist? Weil sich dir so herrlich die freie ungebundene Kunst in ihm
dargestellt hat? Ich bin vergngt, denn ich gestehe dir, ich habe die Eulalia
fast noch nie so wrdig dargestellt gesehen, als seine Gehlfin sie uns zeigte;
diese Milde und Ruhe im vollen groen Auge, dieser gehaltene Ernst, diese stille
Wrde, selbst bei einigen sehr anzglichen Redensarten, die sie anhren mute;
und es ist nur zu bedauern, da dieses grozgige fast antike Spiel in keinem
der Theater-Almanache psychologisch und knstlerisch wird gepriesen und
entwickelt werden; aber ich kann nur soviel sagen, mir ist dadurch ber diesen
Charakter ein neues Verstndnis aufgegangen, und ihr unbegreiflicher Fall, ihre
Reue und Besserung, sowie die Vershnung erscheinen mir jetzt recht sehr
begreiflich.
    Man scherzte beim Abendessen und Wein; dann trennten sich die Freunde, und
jeder begab sich in sein Zimmer und zur Ruhe.
    Die Freunde hatten von der letzten Stadt aus Post genommen, um schneller zu
reisen, und befanden sich am dritten Tage schon in Bergen und anmutigen Wldern,
mit frisch grnen Talen und rinnenden Quellen aus bemoostem Gestein. Sie waren
erfreut ber die wechselnden Aussichten, sie unterhielten sich von der
Lieblichkeit der Natur, und der Baron erzhlte vieles von seinen Reisen. Diese
Geschichten erweckten auch in Leonhards Seele die frohesten Erinnerungen, und so
entschwanden ihnen die Stunden, die Meilen; Drfer und Stdte, Berge und Wlder
glitten ihnen vorber, wie im lieblichen Traum.
    Von einem der hchsten Punkte des Gebirges, den sie am vierten oder fnften
Tage ihrer Reise erreichten, entdeckten sie ganz in der Ferne die frnkischen
Berge. Dort liegt mein geliebtes Land, rief Leonhard aus, das ich eine lange
Zeit wie mein Vaterland geliebt habe, wo ich einst zu wohnen trumte, und das
mir mit einem unerklrlichen Zauber an die Seele geheftet ist, obgleich ich
seitdem wunderbarere, reichere und schnere Gegenden gesehen habe.
    Es ist, sagte Elsheim, mit der Liebe zur Natur und zu Gegenden, wie mit
jeder Liebe, sie hat etwas Unerklrliches; dergleichen kann und soll auch nie
begriffen werden, denn im Geheimnis liegt ein hheres Verstndnis. Auch gibt es
gewi zur Natur Sympathien und Antipathien, und mir stehn die schnen Gegenden
geradeso individuell vor meiner Seele, wie verschiedene liebe Menschen und
befreundete Wesen.
    Das ist eine sehr richtige Beschreibung, sagte Leonhard, und jede schne
Gegend, der wir uns mit Rhrung erinnern, zieht uns mit einer ganz
eigentmlichen Sehnsucht an, die bei mir so stark werden kann, da ich in der
Einsamkeit ber Landkarten, Bildern oder Beschreibungen in gewissen bewegten
Stunden Trnen vergiee. Es ist, als zieht mich dieses Tal, jener Berg, ein
altes Schlo, die Hhe mit der wundervollen Aussicht, wie mit Gewalt zu sich,
und ich bin gerhrt, wenn ich mir denke, da ich diese Freunde wohl nie
wiedersehe.
    Mit Kunstwerken, sagte Elsheim, geht es uns ebenso; wie oft stehe ich mit
meinem Geiste auf meinen Lieblingsstellen in den Galerien, sehe ich diese dann
einmal wieder, so empfngt mich auch dort eine gewisse Heiligkeit, ein alter
Gru, wie das vertrauliche Reichen der Hand von einem Geiste. O mein Freund, was
knnte der Mensch auer sich und in sich fr ein edles, gediegenes, verklrtes
Leben fhren, wenn er nicht so viel der Zerstreuung, dem Leichtsinn, dem
Zeitverderb und leerem Miggange opferte!
    Lieber, sagte der junge Meister, und fate des Freundes Hand, wie teuer
wirst du mir mit solchen Worten! Warum bist du denn selbst oft auf gewisse Weise
leichtsinnig, da du mir gleichsam den edleren Geist in dir zu verhhnen
scheinst?
    Elsheim errtete leicht und sagte: Bester, du kennst die Geschichte mit der
Katze, die in eine schne Prinze verwandelt ward, sich aber in ihrer
erhabensten Umgebung verga, wenn sie eine Maus laufen sahe. So geht es leider
mir, nach den schnsten Stunden, ja whrend denselben; und lieber springe ich
denn doch den Musen nach, als da ich mein ehemaliges Katzenwesen in mir durch
Heuchelei berkleidete. Diese ist berhaupt das Laster, welches ich am meisten
hasse, vielleicht bertreibe ich zuweilen meine geringere Natur in Gegenwart von
Heuchlern, um ihnen nur nicht gleich zu werden. Und wie jede Frucht ihre Reife
nur zur rechten Zeit erlangt, so auch im Menschen; meine Stunde hat noch nicht
geschlagen, die rechte Mittagssonne hat mich noch nicht getroffen, soll es sein,
so wird sie mich schon auch zu rechter Zeit finden.
    Wir sollen aber immer ernsthaft wollen, sagte Leonhard: dasein, in uns,
gesammelt, damit uns diese Sonne treffen und durchwrzen knne.
    Liebster, Bester, rief Elsheim halb scherzend, halb im Eifer: nur
verlange ums Himmels willen nicht von mir diese steifen, rechtwinkligen und
aufgezimmerten Zurstungen zur Bildung, mit denen sich so viele unserer
gutmeinenden Landsleute abqulen, und munter wie die Eichhrnchen in dem
Sparrwesen auf und nieder klettern. Oder sie holen, wie die Kanarienvgel, an
der Kette selbst ihren Glasbecher mit Wasser und Hanfsamen abgerichtet herauf,
oder picken wechselnd religise Stimmung und Geschichtsansicht heraus, und
saufen dazu ein Schlckchen Poesie und Mystik, und recken den Hals in die Hhe,
um es hinterzubringen, wetzen dann scharrend den Schnabel am Draht, um in
Scharfsinn und Kritik nicht zurckzubleiben, und knuspern an Festtagen mit
besonderm Bewutsein am Zucker der Liebe. Das Schauspiel ist aber nur fr den,
der es ansieht, auf einige Minuten spahaft, nicht fr den gelangweilten Vogel
selbst. Nein, Lieber, dieser Schnupfen der Zeit, der nichts tut, als sich im
wohlriechenden Tuch der Bildung mit Zierlichkeit schneuzen und selbst das
Unsichtbarste, Fernste und Glcklichste, das dem Sterblichen nur in blitzenden
Momenten der Entzckung wie eine sondre Gabe der Gttin gegnnt ist, als Nektar,
den sie im Obermut herunterschtten, und wovon man wohl einmal, indem man fast
dumm in den blauen Frhlingshimmel schaut, ein Mulchen aufschnappt, diese
Dumpfheit, wie gesagt, da sie auch diese Lebensmomente im Eisenkfig ihres
Bewutseins auffangen und festhalten wollen, dieses miverstandene Wesen wolle
mir nicht ankurieren, wenn ich dich nicht fr einen Wunderdoktor halten soll.
    Wer spricht davon, sagte Leonhard lachend, nur-
    Ich verstehe dich, rief der andere aus, und freilich- bei alledem - indes
- denn wenn - und so weiter, mein Freund, die wahren Minister-Vertrstungen der
Altklugheit, wenn sie nichts geben mag und sich abzuschlagen scheut, um nicht an
Ansehen einzuben. Bist du imstande, ein Butterbrot zu essen, und in jedem
Augenblicke zu wissen, jetzt schmeck ich die Butter, jetzt wieder das Brot, so
will ich dir vollkommen recht geben. Und nun gar Braten hinaufgelegt! Bester,
wie kompliziert, verwickelt, geheimnisvoll ist dann das Wesen, und keiner
Auseinandersetzung fhig. Kue! schluck! rufe ich nur, und es wird dir bekommen;
beim Grbeln mchte es gar in die unrechte Kehle fallen, und ein erschreckliches
moralisches Husten veranlassen. - Sie lachten, und damit war das Gesprch
geendigt.
    Nach einer Pause fing Elsheim wieder an: Du siehst also, da ich in
Hoffnung stehe, bald Frchte zu tragen, oder ein solider Mann zu werden, welches
eben deshalb sehr wahrscheinlich ist, weil ich bisher meinem Leichtsinn etwas zu
viel nachgegeben habe; aber wie ist es denn mit dir, mein Bester, der du schon
seit so vielen Jahren in dem Wagen des Ernstes und grndlicher Brgerlichkeit
ziehst? Wirst Du denn nicht vielleicht zur Abwechselung einmal ausspannen, und
ohne Zgel und Zaum nackt ins Feld laufen, um vorn und hinten auszuschlagen? Es
ist dieselbe Wahrscheinlichkeit wie bei mir, da dies Umndern die natrlichste
Sache von der Welt ist. berhaupt, du Grndlicher, hast du noch nie in deinem
Leben einen recht eigentlich dummen Streich gemacht?
    Was wollen wir so nennen? fragte Leonhard.
    Die Definition ist schwierig, sagte der Baron, jeder Stand, jedes Alter,
jeder Mensch denkt sich etwas anders dabei. Der Vornehme, wenn jemand eine
Mesalliance schliet, der Brgerliche, wenn einer sich ohne groes Vermgen
adeln lt, der Geistliche, wenn ein Kandidat frher Vater als Pfarrer und
Ehemann wird, und der Bauer, wenn ein Sohn ungezwungen unter die Soldaten geht.
Den einzelnen Menschen charakterisiert es sehr, was er damit bezeichnen will, er
sucht gegenber die verstndigen Streiche auszufhren, wie der Wucherer, der
jemand ohne Zinsen Geld leihen einen ausgemacht dummen Streich nennt. Gehn wir
also lieber zu den tollen Streichen ber, zu den recht bizarren, wunderlichen,
auffallenden, und frage dein Gewissen; denn das Wort dumm ist wirklich ein
dummes Wort, und man wird dumm, wenn man sich etwas dabei denken will.
    Ich kann mich nichts entsinnen, sagte Leonhard, sosehr ich auch suche;
der Gedanke kmmt mir wirklich heut zum ersten Male, da man in eine solche
Gefahr geraten knne; wie sehr ich alles, auch das Seltsamtste, an Fremden
begreiflich und verzeihlich fand, so wre mir alles der Art an mir unbegreiflich
und unverzeihlich vorgekommen.
    So bist du hierin wieder viel besser als ich, denn ich habe lange an mir
mit diesem tollen Egoismus kmpfen mssen, da ich vieles Auffallende und
Unregelmige an Fremden unverzeihlich fand, und mir selbst die widersinnigsten
Dinge in Gedanken fr erlaubt und sogar edel hielt, weil ich mir so viel besser
als die andern vorkam. So wollte ich einmal fr einen Bekannten einem schlechten
Mann seine Frau entfhren; ein andermal wollte ich mich sogar mit der Tochter
eines stolzen adligen Hauses verheiraten, um mich gleich wieder scheiden zu
lassen und sie einem verliebten Freunde abtreten zu knnen; aber es kam nicht
zur Ausfhrung der Tollheiten, die jedoch die grten Plane sind, zu denen ich
mich verstiegen habe.
    Ich kann von mir nichts anfhren, sprach Leonhard, als da ich in meiner
Jugend, ohne bestimmtes Talent dazu, einmal Schauspieler werden wollte.
    Das ist mehr eine Kinderei gewesen, sagte der Baron. So sitzen also,
fuhr er mit ernster Stimme und bedenklicher Miene fort, in diesem kleinen Wagen
zwei der vernnftigsten Mnner des deutschen Reichs, welche, ohngeachtet sie
noch jung sind, doch dem ehrbaren Wandel tugendhafter Altvordern nachgeahmt und
nachgeschritten; nur hlt man es fr mglich, da gerade jetzt das Schicksal mit
einem Blicke herunterschaut, welchem Kenner eine gewisse Ironie zuschreiben
wollen, und daraus schlieen mchten, aber vielleicht voreilig, da sie jetzt
auf der Wallfahrt nach Mekka begriffen sind, die jeder gute Muselman wenigstens
einmal getan haben mu, um sich auch mit der grnen Binde schmcken zu drfen,
und wie andere von wunderbaren Dingen erzhlen zu knnen. Ja, wenn uns nun gar
jener Tollheits-Geist erschiene, um uns mit dem verfluchten Versprechen
anzuschnauzen: Bei Philippi wirst du mich wiedersehn! mchten wir ihm so
kaltbltig wie Brutus antworten: Nun, so werde ich dich wiedersehn!
    Wahrlich, Freund, rief Leonhard, dein ngstlich gesuchter Scherz knnte
mich ngstlich machen, da uns so was bevorstehen mchte, wenn ich nicht an
meinen guten Dmon glaubte.
    Wie, wenn derselbe nun, fuhr Elsheim fort, nur auf ein Stndchen etwa zu
den thiopen, den frmmsten der Menschen, wanderte, um sich auch einmal einen
guten Tag zu machen? Doch, ernsthaft gesprochen, findest du es denn nicht auch,
der alles Alte verteidiget, von unsern Vorfahren gut und recht getan, da sie
beizeiten zugriffen, um nicht das erste Feuer verrauchen zu lassen, und in
frher Jugend ihre tollen, oder dummen, oder Narrenstreiche abzumachen? Wozu
auch, vernnftig gesprochen, das Zaudern, das Hin- und Hertreten, das unntze
Hndereiben und zweifelnde Umschauen? Da gilt's kein Bartwischen; opfre dein
schwaches Selbst, so ruft die Pflicht, dem hohen Beruf, la fahren die falsche
Scham, zu frh weise sein zu wollen, stirb wie Codrus fr dein Vaterland, und
komm, bist du in den Strom gesprungen, der dich mit seinen Wirbeln einzieht,
besser, richtiger und verstndiger jenseit wieder zum Vorschein! Das heit doch
noch Haushaltung und Sparsamkeit, statt da wir jetzt die Sache auf den Kopf
stellen.
    Wenn es sein mte, sagte Leonhard, so la unser Bestreben sein, uns auch
darin mit Anstand zu fgen; ich glaube aber fr mich an keine Gefahr, doch
scheint mir unter deiner Warnung davor eine Lust darnach verborgen zu liegen.
    Nein, mein Lieber, rief der scherzende Freund, ich kme ebensogern wie
jedes Mdchen mit Ehren unter die Haube, um dann mit Seelenruhe unter den
Pantoffel zu kommen; aber in der gestrigen Nacht schien mir eine so seltsame
Konstellation am Himmel, da ich wenigstens auf alles gefat bin. Doch schau
umher, wie wunderbar diese Bume und Felsen unser Geschwtz anhren, wie
lchelnd die fernen Berge herberschauen, und wie heilig der Glanz der
Landschaft uns drut, da wir dem Tempel nicht mit wrdigern Gedanken huldigen.
O verzeiht uns, meine Freunde, ihr habt freilich den Terenz nicht gelesen, und
knnt daher auch nicht sprechen: Homo sum, humani nil a me alienum esse puto,
eine Stelle, die mancher Affe oder Hund seitdem sehr gemibraucht und abgenutzt
hat.
    Wie kmmst du nur zu dieser seltsamen ausgelassenen Laune? fragte
Leonhard.
    Vielleicht, rief der Freund, weil wir uns schon mehr und mehr den
Weinlndern nhern, und weil durch dieses Schtteln und Rtteln auf den Steinen
dieses holprigen Weges mir so manche Erinnerung, manche Empfindung losgemacht
wird, die ich ganz vergessen hatte, weil sie schon so fest eingewachsen war, und
die nun wieder in mein Gedchtnis und meinen Wrtervorrat hineinfllt. Auerdem
habe ich heute morgen des guten Weines etwas viel genossen, der jetzt erst
nachwirkt. Doch auch dieser Moment geht vorber, in dem mir wohl war, und ich
sehe schon immer deutlicher und wie im Zusammenhange eines Gemldes die
herrliche Landschaft vor mir. Du mut damals so ziemlich diesen nmlichen Weg
gemacht haben, als du das erstemal Franken besuchtest; in jener Zeit, nachdem du
so krzlich erst ber die Schwelle des Jnglings geschritten warest, htte ich
wohl mit dir sein mgen, da du vorher noch gar keine Gebirge kanntest, um deine
Entzckungen mit dir zu teilen.
    Die erste Reise, erwiderte Leonhard, hat viele hnlichkeit mit der ersten
Liebe, und um im Bilde zu bleiben, so geschah in den gesegneten Fluren Frankens
das Gestndnis zwischen mir und der Natur. Man reiset auch nachher wieder, man
ist wieder entzckt, man sieht und lernt, und kann wahrhaft glcklich sein, aber
jener erste Jugendzauber ist doch auf immer entflogen. Ich hatte manches ber
Deutschland und seine schnen Gegenden vorher gelesen, vorzglich hatte ich mich
mit den alten Bergschlssern und ihren Schicksalen bekannt gemacht, aber am
gewaltigsten trieb mich, wie du es weit, der Gtz von Berlichingen, um sein
Bamberg, ja tricht genug, Weislingens Schlo und Gtzens Heimat aufzusuchen.
Bei Eisenach auf der Wartburg erschien mir zuerst die hohe Jungfrauengestalt der
vaterlndischen Naturschnheit. Dieser Blick in die grne Taleinsamkeit, in die
Unendlichkeit der Eichen- und Buchenwlder, diese schngeschwungenen hohen
Hgel, vom tiefen Fenstersitz oben im alten Zimmer rief mir alle Erinnerungen
und Rhrungen zurck; ich horchte auf die Legende von der Elisabeth, und
besuchte ihren Brunnen unten am Berge, auch Luthers Zimmer, was mich aber nicht
so erfreute, weil er mir in keinem poetischen Lichte erscheinen konnte, dort, in
der Umgebung der alten Ritterwelt. Zwar war ich ein eifriger Lutheraner, und
mein Vater, der es noch mehr war, hatte fr den Doktor die ungemessenste
Hochachtung, aber eine desto grere Geringschtzung gegen den Teufel, so da er
seinem Patron den nachgiebigen Glauben an diesen nie vergeben konnte, und gern
die oft erzhlte Geschichte mit dem Dintenfasse ganz aus dessen Leben gestrichen
htte. Daher sahe ich den schwarzen Fleck an der Wand auch ohne alle Andacht.
Aber in Rausch der Entzckung versetzte mich die Hhe des Thringer Waldes mit
seinen herrlichen Tannen, die von oben wie unbersehbar sich immer weiter und
hher auf dem herrlichen Bergrcken ausbreiten. So kam ich durch Hildburghausen
und Coburg, und nherte mich nun dem vielgeliebten Bamberg.
    Herz und Brust wurden mir erweitert, als ich die langersehnte Grenze betrat.
Die Glubigen, die zum heiligen Grabe wallfahrten, mssen eine hnliche
Empfindung haben, wenn sie sich dem geweihten Boden nhern. Es war kurz vor dem
Frohnleichnamsfeste, als ich in die katholische Stadt eintrat, die unter ihrem
geistlichen Frsten einen ganz andern Charakter, wie die sie umgebende Welt
hatte. Mein gutmeinender Vater hatte mich vor meiner Reise ermahnt, ja nicht bei
Gelegenheit der Feste in katholischen Stdten zu lachen, weil ihm dies, als
einem reinverstndigen Mann, der seinen Anteil an der damals entstehenden
Aufklrung schon frhe genommen hatte, nicht unnatrlich vorkam. Es war aber
gut, da er nicht zugegen sein konnte, denn gewi htte er ber meine Rhrung
und Erhebung bei den Prozessionen, der Musik, den Posaunen und den singenden
Chren, bei diesen auf den Straen geschmckten Altren, bei der betenden
Volksmenge, welches alles mich bis zu Trnen begeisterte, seinen Zorn gegen
diesen Gtzendienst, wie er dergleichen nannte, und noch mehr gegen mich
ausgelassen. Ich nahm Arbeit in dieser Stadt, und blieb lange dort, denn die
Menschen, die Gegend, die alte Ruine, der Dom, die Spaziergnge umher, alles
gefiel mir so sehr, umgab mich mit solcher eignen Rhrung und Anmut, da ich
manchmal wnschte, mein Leben dort zu beschlieen.
    Wie dir Bamberg, sagte Elsheim, so ist mir Heidelberg eine der liebsten
Erinnerungen meiner Reisen. Es gibt Gegenden, bei denen uns ist, als htten sie
schon seit Jahren mit rechter sehnschtiger Liebe auf uns gewartet, oder als sei
seit lange unser Geist schon dort einheimisch gewesen, so bekannt, so lieb ist
uns alles; dieser schne Ort mit seiner herrlichen Ruine, Baden-Baden und die
Neckartler, vorzglich die Gegend um Hornberg sind nchst den Rheinufern das
Lieblichste, was ich in Deutschland kenne, denn auch das warme Klima gehrt
dazu, um eine Gegend wahrhaft schn zu machen.
    Ja wohl die Neckartler, sagte Leonhard, denen ich meines geliebten Gtz
wegen nachreisete, wohl sind sie so poetisch wechselnd, so schn geschwungen, so
lieblich von dem herrlichen Strome durchfrischt, da man dort so recht von sen
Empfindungen und Erinnerungen eingewiegt und eingesungen wird. Erinnerst du dich
gleich hinter Heidelberg der schnen Tler bei Neckarelz mit ihren kleinen
Wasserfllen und rinnenden Bchen; des sonderbaren Dilsberg; am Neckar hinunter
kommt man dann nach Hirschhorn, einem sehr alten Schlosse, und Eheheim, dann
nach Hornberg, wo der alte treuherzige Gtz eigentlich lebte, und in dessen
Ruine, die noch leidlich erhalten ist, ich mich einige Tage aufhielt man htte
damals mit wenigem Geld das alte Haus gegen Wind und Wetter bedecken knnen.
Hier herum sind herrliche Wlder, auf der einen Seite nach dem Flusse die
Weinberge; von da ging ich nach Heilbronn, wo ich den Saal des Rathauses anders
fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte; ich sah und las dort einige Briefe des
Ritters, die er dem Rat mit seiner linken Hand geschrieben hat, und die freilich
anders lauten, als unser Dichter ihn mit diesen Herren sprechen lt. Von hier
ging ich ber Mergentheim, und suchte an den zerrissenen kiesigen Ufern der
Jagst das unten beschrnkt liegende Jagsthausen auf, wohin Goethe die
vorzglichsten Szenen seines Gedichtes verlegt hat, obgleich der Ritter nur in
seiner frhen Jugend dort lebte. Hier sah ich seine eiserne Hand, die in einem
neuen Hause seine Nachkommen aufbewahren. Das Kloster Schnthal hat eine frische
grne Einsamkeit um sich her, und im Kreuzgange steht auf dem Grabe des Ritters
sein ungeschickt ausgehauenes Bildnis, nach welchem, wenn es irgend treu ist,
sein Gesicht ein ziemlich unbedeutendes mu gewesen sein.
    So sonderbar oder rhrend, schaurig oder sehnschtig, sagte der Baron,
uns die Eindrcke der Landschaften auch bleiben mgen, und so individuell, wie
du vorher sagtest, wie wirkliche Menschen, so sind die Gegenden doch wohl mit
dem schnsten Glanz umgossen, sehn am meisten mit winkenden Blicken nach uns
zurck, wo ein kleines Abenteuer, eine Szene der Zrtlichkeit, eine anmutige
Bekanntschaft, oder ein freundlicher Ku uns begegnet sind. Hast du diese
Bemerkung nicht auch gemacht?
    Leonhard wurde rot und wollte antworten; aber sein Freund fuhr fort: Gewi,
mein Freund, denn alsdann ist es, als stiege die Seele der Landschaft sichtbar
zu uns empor, und ich kann mir vorstellen, da wenn ich einmal wahrhaft liebte,
mir jeder Strauch, jeder Baum, jedes Grschen eine heilige Stelle, ein ewiger
Frhling, ein Orient und Land der Wunder und der Religion werden wrde. Fast, du
Zurckhaltender, mu ich glauben, da in oder bei Bamberg, wenn auch nichts
Leidenschaftliches, doch etwas recht Zrtliches vorgefallen ist. Erzhle; es ist
eine so schne, heitre Beichtstunde, und es kann sein, da mir nachher auch
etwas beifllt.
    Leonhard sagte nach einigem Zaudern: Warum sollte ich es dir verschweigen,
da diese Erinnerung meiner Jugend mir so wohltut, ohne mich zu beschmen? Schon
am Tage der Frohnleichnams-Prozession fiel mir eine junge weibliche Gestalt auf,
von einer Schnheit, wie man sie wohl zuweilen auf alten Gemlden zu sehen
pflegt. Sie war gro und stark, aber doch schlank gewachsen, ihr Gesicht oval,
ihr Haar dunkelbond, von einem rtlichen Goldschimmer durchzogen, die Augen gro
und dunkelblau, und die Farbe von der durchsichtigsten Zartheit. Sie war unter
dem betenden und singenden Volke, und ging neben einem bejahrten Mann und einer
ltlichen Frau, die Handwerker oder Landleute, und ihre Eltern zu sein schienen.
Ihre Andacht und Rhrung hatte etwas so Mildes, das so lieblich gegen die
meisten Gesichter umher auffiel, da ich mit dem Zuge ging, und meine Augen sie
unfreiwillig immer wieder aufsuchten. Einigemal schien mich ihr heller Blick zu
treffen. Ich folgte ihr in den groen Dom. Hier ergriff mich die Musik noch
gewaltiger, die Messe und der Pomp der Priester dnkten mir etwas sehr
Ehrwrdiges; ich stand in ihrer Nhe. Wundersam ergriffen ward ich hier von
ihren Augen, und meine Gedanken wurden Gebet und Liebe; die Gemeine kniete
nieder, sie sank in einer himmlischen Stellung demtig hin, und ein streifender
Blick glitt an mir vorber, der mich ebenfalls niederzog. Ich war erschttere.
Pltzlich reichte sie mir einen Rosenkranz, indem sie unten das Kreuz kte,
weil sie meine Hnde leer sah, und ich beschmt und unwissend verstand nur ihre
freundliche Meinung, aber nicht, den Zeremonien auf die gehrige Art zu folgen.
Als der Gottesdienst zu Ende war, ging ich mit dem Strom des Volks aus der
Kirche, aber in dem Wellenschlag des Gedrnges verlor ich sie aus den Augen, und
als ich auf die Strae trat, war sie nirgend mehr zu sehn. Es war mir, als wenn
mir pltzlich alles fehlte, ich suchte sie in allen Gassen, vor den Toren, in
den Kirchen, wo ich nur Leute wahrnahm oder vermuten konnte, aber sie war mir
entschwunden.
    Und der Rosenkranz des frommen Kindes? sagte Elsheim.
    Blieb natrlich in meinen Hnden, antwortete Leonhard; ich konnte ihn
nicht ohne Rhrung betrachten, und lie ihn niemals von mir kommen. - Er
ffnete ein kleines geheimes Fach seiner Brieftasche, und berreichte ihn seinem
Freunde. Dieser nmliche, sagte er lchelnd, ist es, mein Friedrich.
    Dieser, sagte Elsheim, und den trgst du noch jetzt nach zwlf oder
dreizehn Jahren bei dir? Du bist zum Sammler geboren. Sonderbar! Aber die
Geschichte ist doch damit noch nicht zu Ende?
    Freilich nicht, fuhr Leonhard fort, denn sonst htte ich doch den
Paternoster schwerlich so sorgfltig aufgehoben. Es waren wohl sechs Wochen
verflossen, als ich an einem Sonntage durch die einsame Gegend streifte. In der
Nhe des kleinen Flusses, von schnen Hgeln umgeben, liegt ein Drfchen, aus
dem ich gegen Abend Tanzmusik herschallen hrte. Ich folgte dem Ton und fand
eine frohe Gesellschaft von Landleuten, und die Jugend um die Linde im Tanz sich
schwingend. Schon wollte ich mich vom Getse wieder entfernen, als ein Geznk
mich aufmerksam machte; ein halbtrunkner junger Mensch stritt nmlich mit einem
andern um die Tnzerin, auf welche jeder Ansprche machte; der Gegner war
schwcher und blder, und der Trunkene schien stark und von den Anwesenden
gefrchtet; mit einer heftigen Gewaltsamkeit stie er den zweiten Tnzer zurck
und fuhr auf das Mdchen schreiend los, die ihm auswich. Jetzt erst erkannte ich
sie wieder, sie war es selbst, die ich so lange vergeblich gesucht hatte. Fast
ohne zu wissen, was ich tat, sprang ich in den Kreis, und ri den Strenden
zurck, der nicht wenig verwundert sich zur Wehre setzte. Wir rangen
miteinander, und er bot im Zorne alle seine Krfte auf, aber da ich gewandter
war, gelang es mir endlich, ihn niederzuwerfen, worauf denn der Friede so
geschlossen wurde, da er die Gesellschaft verlassen mute. Wir sind Euch, sagte
der alte Vater des Mdchens, groen Dank schuldig, junger Mann, da Ihr Euch als
ein Unbekannter meiner Tochter so wacker angenommen habt, und der Raufer wird
nun gedemtigt sein, da er doch endlich seinen Strkern gefunden hat, da er uns
mit seiner Unverschmtheit jedes Fest und jeden Tanz verstrt.- Ich war ermdet
und man reichte mir Getrnk, das Kunigunde, so hie die Tochter, mir selber
freundlich einschenkte. Nachher ward ich mit in den Tanz gezogen, und die
brigen Bursche schienen mir ohne Neid das schne Mdchen zur Gefhrtin zu
berlassen, weil ich mich durch die Besiegung jenes Znkers bei allen in Achtung
gesetzt hatte.
    Ich schwatzte nachher in der Dmmerung und Finsternis mit den Alten, das
junge Volk fing ein Pfnderspiel an; Kunigunde wute es so zu machen, da, wie
ich auch die brigen Mdchen herzte, ich doch niemals einen Ku von ihr erhielt.
Ich war empfindlich und sie lachte mich aus. Die Nacht trennte uns, und sie
begleitete mich auf den Weg. Kennt Ihr mich noch wieder? fragte sie. Ich
erwiderte, da ich sie nicht vergessen htte, und nur froh sei, da ich ihr
nicht ganz fremd erschiene. Sie hatte meine Empfindlichkeit bemerkt und sagte:
Lieber Freund, was kann man nur in der Gesellschaft, bei dem dummen Herumkssen
an einem Kusse haben, besonders von jemanden, dem man etwas gut ist? Liegt Euch
daran, so gebt mir jetzt, da wir allein sind, einen recht lieben Ku, und ich
will so Abschied von Euch nehmen. Ich drckte zitternd meine Lippen auf den
vollen roten Mund, und verlie sie mit schwerem Herzen, indem ich nachdenkend
durch die Finsternis langsam zur Stadt zurckging.
    Jetzt schwebte mir immer die tanzende Gestalt vor den Augen, denn noch nie
hatte ich so lebendige, zierliche Bewegungen gesehen, eine solche Freude, die
sich oft bis zum Mutwilligen erhob, und pltzlich dann wieder zum stillen Ernst
und sanfter Milde zurcksank. Ich besuchte das Drfchen wieder, und wurde bald
mit den Eltern, welches gute Leute waren, vertraut. Die Tochter behandelte mich
wie einen Bruder oder lngstgekannten Freund. Da du nicht zu unserer Religion
gehrtest, sagte sie zu mir an einem Nachmittage, httest du mir nicht zu sagen
brauchen, denn ich bemerkte es schon in der Kirche; deine Andacht war zu neu und
still, ich sah, da du alles unrecht machtest und nichts von der Messe
verstandest, und weil um dich her Leute standen, die sich fr gar zu fromm
hielten und an deiner Unwissenheit Ansto nahmen, reichte ich dir den
Rosenkranz, um dich mit ihnen mehr zu befreunden. Behalt ihn zu meinem
Angedenken. Hier schildern uns viele, fuhr sie fort, die Fremden aus den andern
Lndern, die sie Ketzer nennen, als erschreckliche Menschen; ich habe nie daran
glauben knnen, und seit ich dein stilles, frommes Gesicht kenne, noch weniger.
Meine Eltern aber, so gut sie dir sind, werden traurig, sooft sie daran denken,
da du kein Katholik bist, und also verlorengehen mut. Wie knnen die Menschen
nur so viel Liebe und Ha zugleich in ihrem Herzen haben?
    Es schien bald, da wir beide einander unentbehrlich wurden, und auch die
Eltern gewhnten sich an meine Gegenwart. Ich achtete ihre Gebete und Sitten und
strte sie durch keine fremde uerung, sonst vermieden wir alle das Gesprch
ber Religion. Mein Zustand war sonderbar dunkel und heftig; ich konnte oft den
Augenblick nicht erwarten, bis ich wieder bei ihr in der Stube, neben dem
Spinnrade, oder in der Laube sa, oder sie in den Garten begleitete, und die
kleinen Geschfte des Frchtesammelns, Blumenanbindens und dergleichen mit ihr
teilte. Oft gengte mir doch diese stille Gegenwart nicht, und ich forderte Ku
und Umarmung; ihre Schnheit, ihr groer Blick aus den hellen Augen, ihr
Hndedruck bengstigten mich, ja ich konnte wohl zuweilen meine Entfernung
beschleunigen, sosehr ich auch nachher beklagte, nicht in ihrer Nhe zu sein.
Ich fhlte, da sie mich liebte, aber von diesem sonderbaren Zauberbann, von
dieser Angst und Verwirrung war sie gnzlich befreit; ihr war so recht herzlich
wohl, wenn ich bei ihr war, ihr herrliches Gemt und ihre schne Ruhe forderten
nichts weiter. Es tat ihr wohl, mit mir ber alles sprechen zu knnen, und
mancherlei Kenntnisse und Gedanken zu sammeln, die sie in ihrer Umgebung
vermite, dabei empfand sie so ihre reine Hingebung in mein Wesen, da sie
nichts vermite. Sie sagte mir oft, wie glcklich sie sei, seit sie mich
kennengelernt habe, wie sie sich jetzt ihres Herzens und ihres Verstandes bewut
werde, und selbst ihre Religion ihr in hherm Glanz erscheine. So verging der
Sommer mir in schnem Glck und freundlichen Stunden; doch war es uns
aufbehalten, auch Schmerz und Unlust kennenzulernen.
    Jener wilde Mensch, der bis dahin die Rolle eines Unbesiegbaren gespielt
hatte, der sich alles erlaubte und dem nur selten jemand widersprach, konnte mir
mein Glck oder meine grere Strke nicht vergeben. Er hatte geschworen, Rache
an mir zu nehmen, und Kunigunde warnte mich oft vor ihm. Der unbndige Mensch
trank viel und war im Rausche furchtbar, weil er dann jede Rcksicht verga, um
nur seiner Wut genugzutun. In dieser Stimmung hatte er sich mit einem Knittel
bewaffnet, um mir im Eichenwalde auf dem Fusteige aufzulauern, an einem Tage,
an dem er wute, da ich hinauskommen wollte. Kunigunde war mir entgegengeeilt,
damit ich ihm auf einem andern Wege entgehen knne, der Wilde aber hatte sie
gesehen, und ihren Vorsatz geahndet. Welche Szene bot sich mir dar, als ich auf
dem wohlbekannten Pfad aus dem Walde trat, um den Flu hinunterzugehn! Sie rang
mit dem Wahnsinnigen, der ein tierisches Gebrll ausstie und sie in seinen
starken Armen hielt; sie hatte das Tuch verloren, und der blendende, von mir so
heilig geachtete Busen glnzte jugendlich in dem ungewohnten Licht der Bsewicht
suchte sie nach dem Flusse zu schleppen, ihre Haare flogen aufgelst, ihre
Kleider waren zerrissen, sie stemmte sich besonnen seiner bermacht entgegen,
htte aber wahrscheinlich seinen Krften erliegen mssen. Ich strze auf ihn
los, befreie sie, und er, in grimmiger Freude, den Gegenstand seines Hasses vor
sich zu sehen, fllt mich wie ein Rasender an. Ich suchte seinen Schlgen
auszuweichen, und endlich gelang es mir, ihn zu unterlaufen und ihn fest in
meine Arme zu pressen. Er bi, er brllte, er wandte alles an, sich loszumachen,
oder mich zu verletzen. Aber ich warf ihn nieder, und er war so ermattet und
zerschlagen worden, weil ich mich im Zorne ber seine Mihandlungen vllig
vergessen hatte, da ihn zwei vorberfahrende Fischer in ihren Kahn aufnahmen
und nach seinem Hause zu bringen versprachen.
    Alles dies war so schnell geschehen, da ich mich kaum hatte besinnen
knnen. Jetzt fand ich sie auf der Anhhe auf dem Rasen im Schatten der Bume
sitzend, wie sie bemht war, Tuch und Kleider wieder in Ordnung zu bringen. Ich
hatte noch nicht gewut, wie schn sie sei, und als ich jetzt zu ihren Fen
kniete, und der erste Sonnenstrahl an diesem trben Tage durch die Wolken brach,
Wald, Berg und Flu vergoldete, am herrlichsten aber auf ihrem himmlischen
Gesicht erglnzte, da dnkte ich mir im Paradiese zu sein.
    Sie sank mir mit Trnen in die Arme, und indem wir uns eng umschlossen
hielten und ich alles andere verga, wandte sie ihr lockiges Haupt ein wenig von
meinem Gesichte weg und sagte: Ja, ich bin dein! es gibt keine Macht auf Erden,
die unsere Herzen trennen knnte, ich kann dir nun nicht widerstreben, tue mit
mir, mein Liebster, was dir recht dnkt und dein Gewissen dir erlaubt; ich kann
zu nichts mehr nein sagen. Nur bedenke, da ich dir nie nach deinem Lande folgen
kann; das wre der Tod meiner Eltern, mich in der irrglubigen Fremde zu wissen.
Du kannst und willst nicht hierbleiben, wie ich von dir wei, am wenigsten aber
die Gemeinschaft meiner Kirche suchen. Wir sind also fr die Einrichtungen der
Welt getrennt, aber in Liebe bin ich dein, was dich glcklich macht, vollbringe
oder lasse, mein Herz soll nur die Stimme des deinigen widerhallen.
    Es gibt Augenblicke im Leben, die seltensten, wo alles verschwindet, was wir
noch eben wnschten und begehrten, ja wo sich alles in uns umwandelt, und in
unsern Sinn, wie ich es ausdrcken mchte, eine Geistererscheinung steigt, die
so unser Gemt und Herz anfllt und berfllt, da wir fhlen, als wolle es vor
Seligkeit brechen; weh ist uns vor Freude, und doch ist es nichts, was wir
nennen knnten, was uns beseligt, es ist kein Besitz, kein Errungenes, nur die
seligste Ruhe im Aufruhr und der Vernichtung aller unserer Krfte. Dies erlebte
ich jetzt. Ich wandte mein Auge in ihres, und traf in einen Blick, der in einer
berirdischen Wonne glnzte. Ich mute weinen, und konnte erst nach einiger Zeit
in diese Worte ausbrechen: Geliebteste! mit diesen Worten hast du mir mehr als
alles geschenkt; denn auch das Hchste, die innigste Gunst ist ja auch nur ein
Zeichen der Ergebung, der Vereinigung; ich will dich und mich nach diesem
heiligen Augenblicke nicht den Verwirrungen der Welt bergeben und vielleicht
ein dunkles Schicksal aufregen, da wir einst beide diese himmlische Minute
hassen mten. Ich begleitete sie nach Hause, nahm Abschied, trug ihr die
herzlichsten Gre an ihre Eltern auf, und verlie die Stadt, ohne sie
wiederzusehn.-
    Elsheim sah den Freund mit einem langen Blicke an, nach welchem sich eine
leichte Rte auf seinem Gesicht zeigte. Ich bewundere dich, sagte er endlich:
ich wre dessen nicht fhig gewesen.
    Schtze mich nicht, sagte jener, um eine Tugend, die ich nicht besa;
wre es ein Opfer gewesen, das ich htte bringen sollen, so wre ich vielleicht
erlegen, aber ich hatte nichts zu bekmpfen, sondern das Gefhl, da sie mir so
ganz und unbedingt gehre, da sie, mcht ich sagen, mit Seele und Krper in
meinem Herzen sei, verlschte alle Wnsche. Ich kann dir nicht aussprechen, wie
seltsam und wunderlich mir nach diesem Augenblick Welt und Menschen, Liebe und
Sehnsucht, Leib und Geist vorkamen. Es war, als sei ich auf eine Minute vom
Leben erwacht, und als wirke in dem neuen Traum die Erinnerung der Wahrheit noch
eine Zeitlang fort.
    Ich verstehe dich nicht ganz, sagte Friedrich, manches mu man wohl
erlebt haben, um es zu begreifen. Es gibt aber Menschen, die das, was mich in
deiner Erzhlung rhrt, nur lcherlich finden wrden.
    Mgen sie doch, seufzte Leonhard, die Erde hlt sie eben zu gewaltsam
fest, ich bin ihnen immer aus dem Wege gegangen.
    Aufrichtig, Freund, fing Elsheim wieder an, hat dich selbst niemals
dieser verlorne Augenblick gereut?
    Bin ich was anders als ein Mensch? antwortete jener; wenn aber die
Disputiersucht unserer Leidenschaften manchmal die Oberhand ber mein Herz
gewann, so habe ich mich nachher um so mehr verachtet.
    Das Gesprch wurde hier geendigt, denn der Fuhrmann, der anfangs ebenso
rasch als vorsichtig gefahren war, hatte sich, da er die Reisenden in so
tiefsinniger Unterhaltung sah, dem Schlummer ergeben, und so fuhr er jetzt mit
einem Ruck an einen Prellstein, da der Wagen heftig erschttert wurde und die
Achse zerbrach. Man stieg ab, der Postillion schttelte den Kopf, besah den
Wagen von allen Seiten, noch mehr den Stein mit zornigen Augen, fluchte, und tat
nicht anders, als wenn Weg, Pferde, Wagen und die Reisenden, oder ein
unbegreifliches Verhngnis, auf keinen Fall aber er selbst, an diesem Ereignis
schuld wren.
    Ich lasse ihn gewhren, sagte Elsheim beiseite zu unserm Freunde, ich mag
ihn in dieser Fuhrmannsreligion nicht unterbrechen. Nennen doch die meisten
Menschen auch das Schicksal, was sie mit einiger Achtsamkeit vermeiden konnten,
und den unntzen Zorn, den ich gewhnlich bei dergleichen Gelegenheiten
wahrnehme, habe ich nie begreifen knnen. Wir htten ihn nicht sollen
einschlafen lassen.
    Der Fuhrmann band und flickte, so gut es sich tun lie, und Elsheim
ermunterte ihn freundlich, und half, um nur den Wagen wieder von der Stelle zu
bringen. Am meisten verdriet es mich, sagte er endlich, da wir wenigstens
heute in dem Stdtchen hier liegenbleiben mssen, das mir immer unausstehlich
gewesen ist. Es leben hier verschiedene Adlige und reiche Brgerliche, die in
der Einsamkeit der Provinz den langweiligsten und unertrglichsten kleinen Hof
mit einer lcherlichen Etiquette haben einrichten wollen. Sie selbst sind die
Langeweile gewohnt und sie gibt ihnen eine gewisse Haltung, aber ein Fremder,
der unter sie gert, ist verloren, weil weder Talent, noch Witz, noch
Geselligkeit oder wirklich feines Betragen hier Eingang findet.
    Die Stadt war nicht mehr weit, alle drei gingen zu Fu und der Wagen ward
hineingeschleift, den der Fuhrmann unter lautem Schimpfen in den Torweg des
Gasthofes zog und gleich fortging, um Stellmacher und Schmied aufzusuchen.
    Gleich am Tor war den Freunden ein groer Zettel aufgefallen, welcher ein
Konzert auf heute ankndigte. In der groen und eleganten Wirtsstube fanden sie
die Tochter des Hauses, ein Mdchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, die beim
Klavier sa und eben zu spielen aufhrte; nach der ersten Begrung gab sie
Leonhard sogleich die Einladung zum Konzert, welches sie als hchst merkwrdig
rhmte. Wir freuen uns alle hier in der Stadt, beschlo sie ihre Rede, auf
den heutigen genureichen Abend, besonders diejenigen, die etwas von der Musik
verstehen. Mit den letzten Worten machte sie ihr Notenbuch ernsthaft zu.
    Sie haben freilich hier wenig Gelegenheit Musik zu hren, sagte Elsheim.
    Dergleichen Virtuosen, wie heute auftreten, freilich nicht antwortete das
Mdchen; aber sonst sind wir nicht so ganz barbarisch, als Sie vielleicht
glauben, denn seit einigen Jahren herrscht ein besserer Geist hier, so da wir
uns alle bestreben, mit der Zeit fortzugehen. Es ist im adligen Zirkel ein
concert spirituel eingerichtet, und wir haben dasselbe getan; wchentlich kommen
wir einmal zusammen und musizieren oder deklamieren, ein andermal lesen wir gute
Schauspiele, indem jeder eine einzelne Rolle rezitiert, oder ben uns in kleinen
Aufstzen, die wir uns mitteilen.
    Der Vater kam hinzu, und freute sich, da seine Tochter die Fremden so
anstndig unterhalte. Als beide wieder hinausgegangen waren, rief Elsheim aus:
Ich wette, da wir heute das elendeste Abendessen genieen mssen, wenn wir es
uns nicht vielleicht beim Klavier und Mozart versen lassen. Wie es mich immer
rgert, da die Menschen nach und nach alle ihren Beruf verlassen und sich
dessen schmen. Sahst du wohl, wie unentschlossen sie war, den Mgden und dem
Hausknecht zu befehlen? Zu gut zur Wirtin und zu schlecht zur Dame liegt sie
unaufhrlich auf Prokrustes' Bett, und wird in dieser Minute schmerzhaft
verlngert und in der nchsten noch qualvoller verkrzt. Es gibt nichts so
Schreckliches und was dem Menschen so alle Haltung raubt, als dies verletzbare
Leben der Eitelkeit. Wie freue ich mich jedesmal, wenn ich noch irgendwo die
Reste der Brgerlichkeit finde. Zufrieden mit seinem Stande, stolz auf seine
Arbeit und feststehend auf seiner Stelle im Leben hat ein solcher Mensch
Ehrfurcht vor dem Hhern, das er nicht kennt, sei's vornehme Welt, Religion oder
Gelehrsamkeit, beneidet keinen, sondern wei, da er auch seine notwendige
Stelle fllt, und am Abend ein verstndiges Gesprch, eine heitere Erzhlung
beim Glase Wein, ja Schwnke und anstige Spe und plumper Scherz, von denen
die Ergtzungsbcher unserer Vorfahren so viel und zu viel enthalten, sind mir
ehrwrdig gegen dieses Aufwimmern falscher Bildung, und ich kann mich wohl zu
jenen setzen, wenn ich dieser verbleichten Lge, die sich nicht einmal mehr der
Unwahrheit bewut ist, auch Meilen entfliehen mchte.
    Nun bist du menschenfeindlich und krnklich verstimmt, wie du mir neulich
vorwarfest, sagte Leonhard.
    Ich wei nicht, sagte jener, ob es das ist, oder ob ich oder die Welt so
sehr irren. Aber so wie es in alten Zeiten, und selbst nahe bis an unsere
jetzigen hinan, die Aufgabe aller Gesetzgeber und Religionen war, die Menschen
zu mildern und zu zhmen, ihnen Sanftmut, Ruhe und Ergebung annehmlich zu
machen, da alles nur gegeneinander tobte und sich bi und schlug, so mchte
jetzt ein Lykurg ntig sein, um sie nur wieder zum Leben zu zwingen, sie
gegeneinander zu empren, ihre Leidenschaften aufzureizen und sie bei
Verbannungs- und Todesstrafe fr Lustigkeit empfnglich zu machen. Wo hrt man
jetzt noch, wie ehemals, Leute auf den Tisch schlagen und ineinander
hineinjubeln und schreien? Wenn sich zwei Bauerbursche einmal bei der Kirms
prgeln, so mchten sie sechs Meilen rundum den Moses vom Sinai herunterrufen,
um das ungeheure Wesen unter fnfzig neuen Gesetztafeln zu begraben. Denn auch
bei dem Bauer, der unmittelbar an der Natur wohnt und Leid und Lust aus der
ersten Hand empfangen soll, mchten sie die groe Cur einfhren, und ihm die
vornehm sittige Langweile anbilden, die keine Hand mehr rhrt, ohne auf den
Effekt zu denken, den es auswrts macht. Wenn unsre Bauerweiber erst an
Nervenschwche leiden, dann steht wohl jenes gepriesene goldene Alter echter
Humanitt an der Ecke lauernd, auf welches wartend die Herren nun schon lange
aus dem Fenster geguckt haben.
    Die Tochter kam jetzt herein, mit Blumen auf dem Kopfe und bertriebenem
Putze, um in das Konzert zu gehen; sie verneigte sich sehr zierlich und wandelte
am Arm eines jungen Menschen, der bestndig auf seine seidenen Strmpfe und
Schnallen hinuntersah, um zu beobachten, ob alles noch in gehriger Ordnung sei.
Wirst du nicht auch hingehen? fragte Elsheim.
    Nein, mein Freund, antwortete Leonhard, obgleich ich eigentlich noch
nicht wei, wie ich meine Zeit zubringen werde; denn mir sind die meisten
musikalischen Unterhaltungen dieser Art so abscheulich, da ich ihnen jede
Langweile vorziehe. Sie haben eine Kraft, mir den Kopf zu verwirren und mich auf
lange fr Geschfte und Gedanken unfhig zu machen; aber wahrlich nicht dadurch,
da sie mich zu sehr ber dieses Leben erheben. -
    Kindereien! unterbrach ihn der Baron; und vorzglich heute pat deine
Furcht nicht, da du Gelegenheit haben wirst, einen der vorzglichsten
Klavierspieler, einen wahrhaften Virtuosen zu hren, sowie die Stimme eines
ausgezeichneten Sngers. Wir mgen in manchen Dingen den Alten nachstehen, aber
die Wunder der Instrumentalmusik gehren ausdrcklich unserm Zeitalter an. Man
soll sich nicht eigensinnig gegen das Edle und Wundervolle verschlieen, weil
es, wie so vieles, vom Haufen gemibraucht wird und der Eitelkeit dient.
    Er zog den Freund mit sich. Die Versammlung war in einem gerumigen Saal,
aus welchem man sogleich in den Garten kommen konnte. Da es hoher Sommer war,
hatte man zwar die Lichter aufgesteckt, sie brannten aber noch nicht. Die
Gesellschaft war schon ziemlich zahlreich; vorn prangten die edleren Damen der
Stadt, unter diesen ein untersetzter Mann mit einem Stern, den alle mit groer
Devotion Exzellenz nannten; hinter diesem sa der Brgermeister, die Hnde ber
den Bauch gefaltet und auf jede Bewegung des Mannes vor ihm aufmerksam, der
ehemals in Diensten eines benachbarten Staates gestanden und sich hieher
zurckgezogen hatte, um als der Vornehmste verehrt zu werden. Elsheim
beobachtete mit Leonhard die Eintretenden. Unter den Damen fehlte es nicht an
reizenden, auch mute man gestehen, da die meisten die neueren Moden kannten;
aber zugleich war eine gewisse bertreibung bei allen sichtbar und eine steife
ngstlichkeit, denn jede trat mit dem Bewutsein herein, sie sei auf die rechte
Art geschmckt, jede sitzende musterte sogleich kritisch die wandelnde und
verbeugende, und diese betrachtete nach dem Gru sich selbst, um Vergleichungen
mit den schon anwesenden anzustellen, so da es fast scheinen konnte, die feinen
und reichen Kleider fhrten mehr ihre Besitzer herum, als da sie von diesen
getragen wrden. In dieser Kunstausstellung war die Tochter des Wirtes, die
abseits an einem Fenster sa, denn freilich nur ein kleines Blumenstck aus der
niederlndischen Schule, das in der Nhe der groen Altarbltter kaum bemerkt
wurde. Noch unscheinbarer verschwand ihr Begleiter, der sich abwechselnd an
andere junge Leute machte, laut sprach und sich zum Lachen zwang und dann mit
steifer Leichtigkeit zu seiner Dame zurckkehrte. Ein Elegant nherte sich
beschtzend ihrem Fenster, und sie blhte sichtbar auf, wechselte aber um so
auffallender mit verlegener Blsse, als dieser auf einen befremdenden Blick
vornehmer Damen, die hereinrauschten, sich etwas zu schnell gehorchend von ihr
entfernte.
    O des Elends! flsterte Elsheim, unsre gute Adelaide, Selma, oder welchen
idealischen Namen sie fhren mag, mchte vor Neid, Mibehagen und Eitelkeit
vergehn! Sei wechselt im Herzen mit einer bertriebenen Ehrfurcht vor diesen
geputzten Herrschaften und einer erzwungenen Verachtung aller hhern Stnde; sie
schmt sich ihres Daseins, und im Ringen dieser Verzweiflung wird die Musenkunst
umsonst der matten Seele aufhelfen wollen. Wie, wenn sie nun daheim, wie ihre
guten Voreltern, behaglich bei der Insel Felsenburg se, oder beim lustigen
Besuch von Verwandten und Brgermdchen, jene alten Lieder singend, oder sich in
wohlgemutem Tanze umschwenkend, mit Dirnen flsternd und dem Liebsten winkend:
wie hher wrden ihre Lebenspulse schlagen! - Er verlie die Mitte des Saales
und setzte sich vertraulich schwatzend zu der Verlassenen, was einige der Damen
als ein Wunder bestaunten und dann verhhnten, die ihm wegen seines Kreuzes
schon unter den vordersten Sesseln einen Platz zugedacht hatten.
    Leonhard stand im Haufen neben zwei Mnnern, die schon seine und die
Aufmerksamkeit vieler in der Gesellschaft auf sich gezogen hatten. Sie fielen
auf, da sie in gelblichen berrcken und bestaubten Stiefeln nicht nur die
Fremden, sondern selbst Kosmopoliten etwas zu gleichgltig darstellten, die den
Putz der brigen Gesellschaft, sowie die ngstlich feinen Sitten nicht
beachteten, oder vielmehr geringschtzten; denn, anstatt sich im Hintergrunde
bescheiden und still zu verhalten, waren sie gleich vorgedrungen und hatten das
groe Wort gefhrt, indem sie nach den Virtuosen, der Stunde des Anfangs und
dergleichen die vornehmsten Nachbaren rechts und links ohne Unterschied gefragt
hatten. Der Minister hatte sich bei dem Gerusch erhoben, sie mit kurzem Blick
gemustert und sich ernst wieder niedergesetzt, und der Brgermeister, von diesem
stillen Mifallen belehrt, hatte durch einen Bekannten den anstigen Fremden
eine gedruckte Ankndigung des Konzerts bersandt, um dem zu lauten Schwatzen
und Fragen nur ein Ende zu machen. Jetzt aber nahmen diese den Zettel und lasen
ihn nicht nur laut ab, sondern kritisierten auch unter Lachen und Spott jedes
Wort. Ist es nicht zu arg, fing der eine an, der, weil er blond war, ein etwas
sanfteres Ansehn hatte, da in Deutschland Menschen, die sich fr Virtuosen
ausgeben, nicht eine Zeile richtig in ihrer Muttersprache schreiben knnen? -
Weil sie, erwiderte der Braune, dem dicke schwarze Haare tief in seine dunklen
Augen hingen, in Faulheit nichts lernen und genug zu tun glauben, wenn sie die
Finger behende rhren knnen. - Und solches Volk, fing der andere wieder an,
will einen solchen Zirkel gebildeter und feiner Menschen, wie ich hier
versammelt sehe, nicht nur unterhalten, sondern ihren Geist erheben und alle zu
den hchsten Genssen der Entzckung und Andacht stimmen, da sie selbst, wie der
gemeine Mann zu sagen pflegt, weder lesen, noch beten knnen.
    Bei diesem lauten Gesprche waren die Damen enger zusammengerckt, um sich
so viel als mglich von der verdchtigen Nhe zu entfernen, der untersetzte
Minister htte gern alles ignoriert, wenn man nicht zu laut gesprochen htte, er
flsterte daher seiner Umgebung von rohen und gemeinen Menschen zu, und der noch
dickere Brgermeister erhob sich, um den Fremden einen drohenden Blick zu
senden.
    Sehen Sie nur, mein Freund, fing der Schwarzkpfige wieder an, wie
unruhig die verehrungswrdige Gesellschaft schon wird; alles sieht umher, kein
Mensch kann begreifen, wo die Kerle nur bleiben, die gewi wo in einem Weinhause
sitzen; und doch steht hier: der Anfang przise um sechs Uhr, aber die dummen
Teufel glauben gewi, przise heit auf deutsch eine Stunde nachher. Und doch
sollten sie ja eilen, die armen Schlucker, um so viel als mglich Wachslichter
zu sparen.
    Der andre sagte hierauf mit verhaltnem Zorn: Wir mssen hier alle wie die
Narren warten, als wenn wir nicht mehr zu tun htten; mich gereut schon mein
gutes Geld, das ich den Windbeuteln drauen habe erlegen mssen.
    Wer mag nur der Krppel sein, sagte der Schwarzugige, der so genau
unsere Taler besah, als wenn wir falsche Mnzer wren. Wohl gar das gute Schaf
von Komponisten selbst, der dem Gelde die Stimme probiert, ob es den gehrigen
Diskant singt.
    Meine Herren, die ich nicht zu titulieren wei, da ich nicht die Ehre ihrer
Bekanntschaft habe, fing hierauf der Brgermeister, der sich nicht lnger
halten konnte, fast stotternd vor rger an, der brave Mann, der Ihnen die
Billette gegeben hat, ist unser Kassierer vom Rathause, der sich aus reiner
Liebe zur Kunst, und um die beste Ordnung zu erhalten, diesem Geschfte
unterzogen hat. Man mu ihm dafr danken, und er ist nichts weniger, als ein
Krppel. Ich habe die Ehre, hier Brgermeister zu sein, und ich sowohl, wie der
ganze Magistrat knnen einen solchen Ausdruck bel empfinden.
    Wir wollen ihm nicht weiter zu nahe treten, sagte der Schwarze, aber ber
die Schlingel von Musikanten drfen wir uns doch rgern, die fr ihr Geld, das
sie uns ablocken, die Stunde nicht besser in acht nehmen. Wir haben mehr zu tun,
als hier zu warten.
    Lange hatten die Damen schon gezischelt, um die ungezogenen Fremden war ein
leerer Raum entstanden, und mit einer Protektionsmiene gegen seine Umgebung, da
der Brgermeister das Eis schon gebrochen hatte, erhob sich nun der Mann mit dem
Sterne und sagte: Es scheint Ihnen zu entgehen, meine Herren, vielleicht weil
Sie bisher nur wenige Gesellschaft frequentiert haben, in welcher man sich etwas
genieren mu, da Sie diese Damen und uns alle mit beleidigen, indem Sie so ohne
Rcksicht auf die beiden Knstler schelten, die heute unsere Stadt beglcken
wollen. Der Ruhm dieser Mnner ist ber jede Lsterung erhaben, und da Sie weder
warten wollen, noch auch Kenner und Freunde der Musik zu sein scheinen, so war
Ihre Bemhung in diesen Saal ein kleiner Irrtum.
    Es sind halt doch nur Musikanten, rief der Blonde unwillig aus, und wenn
ich nicht die Ehre htte, mein Herr Baron oder Graf, dadurch mit Ihnen in
Gesprch und Bekanntschaft zu geraten, so wrde ich glauben, da alles, was Sie
sagen, diese nachlssigen Menschen zu entschuldigen, unpassend sei.
    Ja wohl, rief sein Gefhrte mit mehr Ungestm, fr unser Geld sind wir
hier! die ganze Gesellschaft hier in Ehren, und ich mache jedem mein Kompliment,
aber die Musikanten, denn wir sind doch hier alle gleich, erklre ich fr wahre
Taugenichtse.
    Und der Herr Graf von hat uns hier nichts zu befehlen, und wir knnen es
sehr belnehmen, da er uns zu verstehen gibt, wir wren hier nicht an unserer
Stelle, ja uns gleichsam die Tre weiset, fuhr sein Begleiter fort.
    Es ist unter mir, sagte der angesehene Mann unwillig, und setzte sich sehr
heftig nieder, mit Menschen zu sprechen, die nur der schlechten Gesellschaft
gewohnt sind.
    Gesellschaft ist Gesellschaft, riefen die Fremden, vollends wenn man
bezahlt, und dies Betragen schickt sich nicht.
    So fuhren sie fort laut zu schelten auf die Umgebung, auf die Art, mit ihnen
zu sprechen, vorzglich aber ber die Verzgerung des Konzertes, aus welchem
nichts wrde, und das sie gern genossen htten, da sie doch vielleicht die
einzigen wahren Kenner in dem kleinen unbedeutenden Orte wren, so da man umher
murmelte, schalt, sie drngte, von Ungezogenheit und Pbel sprach, indessen sie
sich mit Gewalt Platz zu machen suchten und bald mit Zorn, bald mit Lachen
antworteten, bis sich endlich der Brgermeister, der indessen mit seinem Gnner
heimlich gesprochen hatte, in aller Wrde erhob und laut sagte: Meine Herren,
Sie mgen Kenntnisse besitzen, oder nicht, so mu ich jetzt das deutlich
wiederholen, was Sr. Exzellenz aus bertriebener Gute und Humanitt Ihnen nur zu
verstehen gegeben hat, sich nmlich aus diesem Zirkel zu entfernen, der offenbar
nicht mit Ihrer Art und Weise sympathisieren kann.
    Herr Brgermeister, denn der sind Sie, wie ich hre, sagte der
blondhaarige Fremde, Sie wollen also zwei Leute, die Sie nicht kennen, zweien
musikalischen Vagabunden aufopfern, denn derentwegen ist ja nur unser Streit;
ich sehe aber gar nicht ein, wie Sie das Recht haben, uns mit solchen recht
empfindlichen Reden von hier zu entfernen.
    Ohne Umstnde, rief ein alter Hauptmann, der sich dienstfertig
herbeigemacht hatte, um auch als ein Vorsteher der Stadt seine Rolle zu spielen,
Sie machen sich davon, oder man wird Ihnen etwas anderes zeigen!
    Im Eifer fate er den Schwarzkopf derb an, der, ohne auf seine Wrde zu
achten, ihn so krftig zurckstie, da der Offizier gegen ein paar junge Herren
flog, und der Puder seiner Frisur den halben Saal anfllte! - Wache! rief der
Hauptmann. Man ist seines Lebens nicht sicher, schrien die Damen. Das ist ein
Skandal! chzte der Brgermeister. Bei dem Getmmel war der Kassierer
herbeigekommen, und diesem wurde von dem besternten Manne, dem alles Platz
machte, die Weisung gegeben, Wache herbeizuschaffen, die die Friedensstrer und
Arrestanten, denn das verdienten sie zu sein, abfhren knnte.
    Wenn es denn Ernst ist, sagte der Fremde mit den blonden Haaren, so
mssen wir uns wohl dareinfinden, aber es ist doch hart, da wir unser gutes
Geld darber einben sollen.
    Hier, mein Herr, sagte der kleine Kassierer, empfangen Sie Ihre zwei
Taler zurck, denn die berhmten groen Virtuosen werden lieber die Gesellschaft
nach Ohren, als nach Talern zhlen.
    In die Wache? fragte der Schwarzgelockte. - So ist Ihr Schicksal,
antwortete der Hauptmann. - Woraus besteht diese? - Fr jetzt aus Invaliden,
aber knftigen Winter bekommen wir wieder wirkliches Militr. - Gut, rief
jener, so hr ich auf der Wachstube vielleicht alte edle Volkslieder, oder
biedre Liebesgesnge und kann dem musikalischen Charivari hier mit gutem
Gewissen den Rcken wenden. Wir weichen der Gewalt. Aber, wie ist man doch in
diesem kleinen traurigen Stdtchen noch zurck! Wie ist man doch in den Winkeln
der Provinz so gar nicht mit dem Geiste der Zeit fortgeschritten! Wir arretiert,
zu Invaliden geschickt, weil wir aus Enthusiasmus die Knstler verwnschen, die
uns den Genu ihrer Kunst so lange vorenthalten! Diese beklagenswrdige Barbarei
verdient, da Sie alle hier nie einen guten Snger oder Komponisten hren, da
Sie heut umsonst und vergeblich auf jene Tausendknstler warten, die uns diesen
Verdru zuziehen, da Sie immer in der barbarischen Dunkelheit und dem
skythischen Nebel verharren, denn Orpheus selbst wrde hier alle seine
Harmonieen vergeblich anwenden. - Das letzte sagten sie schon drauen, teils
fortgedrngt und abgefhrt und teils freiwillig den Saal verlassend. Meine
Damen und Herren, sagte hierauf der Mann mit dem Sterne in groer Bewegung,
ich nehme Sie alle zu Zeugen, da es keinesweges Barbarei oder Mangel an
Humanitt ist, was uns zu diesem Betragen gegen diese fremden Gesellen gezwungen
hat, auch ist der Vorwurf dieser Ruhestrer gewi ebenso ungegrndet, da wir
zurckgeblieben und mit der Zeit nicht fortgeschritten wren. Geschhe in allen
Teilen des deutschen Reiches fr Kunst und Bildung so viel, wie in diesen
friedlichen Gegenden, so wrden wir bald noch schnere Frchte gewahr werden;
dies unbestochene Zeugnis war ich dieser Stadt und Ihnen schuldig.
    Alle verneigten sich, am tiefsten der Brgermeister. Die gewhnliche ruhige
Verfassung einer Gesellschaft, die Musik erwartet hatte, hatte sich vllig
aufgelst, denn dieser Vorfall war zu auerordentlich, um nicht allen Zuhrern
eine ungewhnliche Stimmung zu geben; selbst die akkompagnierenden Musiker, ja
sogar die Lichterputzer hatten sich unter die Gesellschaft des Saales gemischt,
um zu hren, oder zu erzhlen, Meinungen zu vernehmen, oder Vermutungen
mitzuteilen. So meinten einige, die unruhigen Fremden wren Bauern und
Holzhndler von dem nicht zu entfernten groen Strome, die auch einmal ein
geistiges Vergngen an sich htten versuchen wollen und daran gescheitert wren;
einige wollten Matrosen in ihnen erkennen, und andere waren noch unbilliger und
hatten in ihnen Mitglieder einer Ruberbande entdeckt, die damals im sdlichen
Deutschland viel von sich sprechen machte. Nur nach und nach beruhigte sich das
tobende Meer, und man hatte im Eifer der Verhandlung nicht bemerkt, da es
darber in der Tat schon spt geworden sei da es schon dmmerte, und da der
Fluch der Fremden in Erfllung zu gehen drohe.
    Die Ruhe und das feinere Gesprch hatte sich indessen wieder hergestellt,
als man wegen der Dunkelheit gezwungen war, die Lichter anzuznden, und nun fiel
es der Gesellschaft, vorzglich den Damen, auf, wie lange sie schon vergeblich
gewartet hatten. Einige der Herren, die spazierengegangen waren, kamen auch aus
dem Garten zurck und wunderten sich, da die Sache noch immer nicht
vorgeschritten war; am ungeduldigsten aber waren die begleitenden Musiker,
welche laut murrten und wegzugehen drohten. In dieser Verfassung zog der
Brgermeister Nachrichten ein, und es ergab sich, da keiner im Saale wute, wo
die Virtuosen abgestiegen waren, da keiner sie noch gesehen, denn sie hatten
nur schriftlich um die Erlaubnis nachgesucht; und da sehr viele schon lngst
ihre Augen auf den unbefangenen heitern Elsheim geworfen hatten, der, obgleich
ein Edelmann, das rgernis gegeben, sich zur Tochter des Gastwirtes zu setzen
und sie zu unterhalten, noch mehr aber dadurch, da er bei dem lauten Streite
gelacht und gewissermaen die Partei der Fremden genommen hatte, sich auch jetzt
unverhohlen freute, da man so spahaft und trocken wieder auseinandergehen
msse: so fand der Einfall eines witzigen Kopfes sogleich den grten Beifall,
da dieser fremde junge Herr vielleicht die Bitte um Erlaubnis geschrieben, dann
die Ankndigungen habe drucken lassen und dann selbst angekommen sei, um die
Verwirrung und den Verdru der Kunstfreunde schadenfroh zu genieen.
    Diese Meinung lief bald durch den ganzen Saal; alles erhob sich, um
verachtende oder zornige Blicke auf den Unschuldigen zu werfen; es schien, als
wolle man einen Sprecher whlen, der die Vorwrfe der beleidigten Versammlung in
einer lauten Rede vortragen solle, und Leonhard fing an, um seinen Freund,
dessen heftige Reizbarkeit er kannte, besorgt zu werden, als man einen Invaliden
sich eifrig durch den Saal drngen sah, der den Hauptmann aufsuchte, um ihm
etwas in das Ohr zu raunen. Der Hauptmann sah mit einer sehr wichtigen Miene
empor, schttelte den Kopf, winkte dem Brgermeister und begab sich mit
feierlichem Anstande zu diesem. Nachdem beide eine Weile leise miteinander
gesprochen, nahm mit einem tiefen Seufzer der Amtsbrde und mit hoher Rte der
Brgermeister Hut und Stock und sagte: Ew. Exzellenz und meine Damen und Herren
verzeihen, wenn ich mich auf einige Zeit entferne; die beiden Arrestanten lassen
mich dringend und eilig auf die Hauptwache zitieren, indem sie mir sehr wichtige
und notwendige Dinge in groer Eile zu erffnen htten. Vielleicht ist dies fr
unsere Stadt ein hochwichtiger Tag, denn mir ahndet, da Entdeckungen unterwegs
sind, die wohl zum Glck des ganzen Landes gereichen mgen.
    Ein Beifallsmurmeln begleitete den Patrioten, die grte Neugier und
Spannung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemchtigt es schien nun, vorzglich
den Damen, ausgemacht, die Gefangenen knnten nur Mrder und Straenruber sein
und gewi die Anfhrer der Bande, denen das Gewissen pltzlich erwacht sei, um
die auerordentlichsten Entdeckungen zu machen. Die Scharfsinnigsten hielten
zugleich ein wachsames Auge auf Leonhard und Elsheim, damit diese sich nicht
unvermerkt entfernen knnten, und man sprach laut von Verkleidungen und
vielfltigen Masken, unter denen sich so oft die grten Bsewichter unkenntlich
in die beste Gesellschaft zu schleichen suchten. Diejenigen, die in der
Literatur der Ruberromane bewandert waren, fhrten davon merkwrdige Beispiele
an, und einige von den Mdchen rckten nher aneinander, sahen scheu nach der
Tr, oder auf Leonhard und Elsheim, in der bangen Erwartung, da pltzlich ein
grauses Wunder unter dem Signal von Pistolenschssen sich entwickeln, oder die
Befreiung der Gefangenen unter Aufruhr und Brand erfolgen werde. Die Tochter des
Brgermeisters weinte unverhohlen Trnen, weil sie ihren Vater schon verloren
gab, als dieser zur Befriedigung ihrer und aller keuchend zurckkam und mit
verdrlichem Kopfschtteln alle stummen und lauten Frager, die sich an ihn
drngten, zurckwies, bis er wieder zu seinem Sitze gelangt war. Exzellenz,
stotterte er, es war ungegrndet, aber die Musik wird vor sich gehen.
    Und zugleich traten zum allgemeinen Staunen durch die Tr gegenber zwischen
Notenpulte und Musiker mit etwas vernderter Kleidung die beiden arretierten
Fremden herein, nherten sich anstndig der vordern Reihe der Zuhrer und
wollten eine Entschuldigung stammeln, doch lieen sie die Ausrufungen der
Verwunderung, das Aufstehen, das Fragen und Sprechen der Zuhrer untereinander
nicht zu Worte kommen, und Elsheim, der jetzt wieder unter den vordern stand,
sich an der Verlegenheit der Gesellschaft und der Schadenfreude der Virtuosen
ergtzend, fing laut an zu applaudieren, und alle, die beim Erscheinen von
Knstlern dieses Gerusch zu erregen schon gewohnt waren, folgten ihm nach, so
da ein lautes Beifallklatschen wie ein durchbrechender Strom alle anderen Tne
in sich aufnahm und verschlang, indessen nur der Graf mit hoher Rte vor sich
niedersah und beschmt und mibilligend das Haupt schttelte. Da dies die
bemerkten, die ihm am nchsten waren, so hrten sie auf, und so verlor sich das
Applaudieren wieder decrescendo, welches Elsheim einsam endigen mute, indem
sich jeder zugleich besann, wie unpassend man hier den Beifall Leuten erteilte,
die jedermann nicht auf die feinste Art zum besten gehabt hatten.
    Eine der schnsten Symphonieen erhob sich jetzt mit ihrem Flgelschlage und
nahm alle Empfindungen mit sich; dann spielte der blonde Virtuose ein
Klavierkonzert mit einer Fertigkeit und einem Ausdruck, wie man es dort noch
nicht gehrt hatte, der Snger, eine Bastimme, sang unvergleichlich, und man
wechselte noch mit einigen Musikstcken, die allgemeinen Beifall verdienten und
das Publikum in der Tat entzckten, doch schmte man sich, seinen Beifall zu
bezeigen, und hrte alles stillschweigend an.
    Es war spt geworden, ehe die musikalische Unterhaltung beendigt war; der
kleine Kassierer, der das empfindlichste Gemt haben mochte, war schon lange vor
dem Schlusse nach Hause gegangen, nachdem er durch einen Violinisten den
Reisenden die Einnahme bersandt hatte. Diese bezahlten sehr freigebig die
begleitenden Instrumente; die Gesellschaft ging, selbst nicht wissend, ob ihre
Zufriedenheit, oder ihr Mivergngen berwiege, auseinander, und Elsheim bat die
Fremden, mit ihm in seinem Gasthofe zu essen, die seine Einladung auch mit
heiterer Gleichgltigkeit annahmen.
    Der Wirt hatte von seiner Tochter schon das Abenteuer vernommen, und er ging
den Fremden mit einem Gefhl, aus Bewunderung und einem gewissen Entsetzen
gemischt, entgegen, da sie es gewagt hatten, die Hupter der Stadt, die ihm die
der Welt waren, zu nrren, und sie doch zugleich die berhmten groen Virtuosen
waren, die zu solchem Wagestck den kecken Mut in sich hatten finden knnen. Die
Tafel ward bereitet, und die gebildete Tochter, sowie der Wirt selbst muten auf
Elsheims Ersuchen Platz daran nehmen, bei welcher der gute Wein das
vorzglichste Gericht ausmachte, weil die Speisen in der Tat schlecht zubereitet
waren.
    Als der Wein heiter und vertraulich gemacht hatte, erzhlte der Komponist,
wie sie dem Brgermeister entdeckt htten, da man sie, wenn das Konzert noch
zustande kommen solle, frei machen msse, und wie dieser ihnen nur Glauben
beigemessen habe, als sie Briefe vorgewiesen, die an sie gerichtet gewesen.
    Wie kamen Sie nur auf diesen sonderbaren Einfall? fragte Elsheim.
    Man hrt ja, erwiderte der Komponist, von Knstlern erzhlen, die aus
enthusiastischer Zerstreuung whrend des Spieles vom Instrument aufgesprungen
sind, um aus der Ferne die Wirkung ihrer eigenen Musik zu erfahren, und so kamen
wir neulich auf den Gedanken, dies hier in dem kleinen Stdtchen auf eine
hnliche Art versuchen zu wollen, ob wir uns gleich den Ausgang des Abenteuers
nicht so gedacht hatten.
    Mich wundert, sagte Leonhard, da Sie nicht verlegen waren; ich htte um
alles nicht Ihre Rolle durchfhren mgen.
    Sie sind auch wahrscheinlich kein Schauspieler, antwortete der
dunkelhaarige Bassist; mir wurde erst etwas beklommen, als das unmige
Applaudieren entstand, und gewi, man htte uns nicht mehr beschmen und
bestrafen knnen, als wenn dieser laute Beifall sich wiederholt bei jedem
Musikstcke htte hren lassen.
    Sie mssen freilich, fiel der Wirt ein, in Ihrem Stande mehr abgehrtet
sein, als andere Menschen, denn es kommen wohl oft Flle vor, in denen Sie Ihre
ganze Fassung ntig haben.
    Der Snger sah hierauf den vorlauten Wirt mit einem Blicke an, wie ihn ein
siegesstolzer Student etwa einem sogenannten Philister zuwirft, wenn dieser ber
Hndel oder Duell-Angelegenheiten sein Wort abgeben will. Ohne den Wirt zu
bercksichtigen, richtete der Schauspieler seine Worte wieder an den Edelmann,
indem er so fortfuhr: Es ist wahr, wer es in unserm Stande nicht lernt, Fassung
zu gewinnen, unvermuteten Strungen, oder Kabalen und Grobheiten mit einer
gewissen festen Unverschmtheit entgegenzutreten, der wird diese Tugenden
niemals erringen. Mir und meinem Freunde hier ist aber das Talent angeboren, mit
dergleichen Fhrlichkeiten zu spielen, sie aufzusuchen und im wildesten Sturm
und Drang den Kopf niemals zu verlieren.
    Elsheim erwiderte: Ich kann mich wohl, wenn ich es nher berlege, in Ihre
Stimmung hineindenken. Geht es einem beim Reiten, wenn man ein wildes Pferd
versucht, doch auf hnliche Art. Indem man alle Kunst mit Bewutsein anwendet,
gert man doch zugleich in einen Taumel und so wilde Unbesonnenheit, da man
sich der Gefahr erfreut, und vielleicht das wilde trotzige Ro nur durch diese
Vereinigung von Tollheit und Vernunft gebndigt wird. Noch fter tritt dieser
lsterne Zustand beim Fahren ein, wenn wir etwa vier krftige Hengste regieren
sollen. Es erwacht ein Heldensinn in diesem Taumel, und der Mensch ist nahe
daran, die Gefahr herauszufordern. Vielleicht da, wem von diesem verlockenden
Reize gar nichts beiwohnt ein solcher nie etwas Groes tun kann, er mte denn,
wie Fabius der Zauderer, durch seine unerschtterliche Klte Verderben und
Gefahr von sich und den Seinigen abwenden. Wie heroisch braucht Egmont dies als
Gleichnis, um seinen Lebenslauf zu bezeichnen: Wie von unsichtbaren Geistern
gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen
durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefat die Zgel festzuhalten und bald
rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Rder wegzulenken. Wohin
es geht, wer wei es? Erinnert man sich doch kaum, woher er kam. -
    Geehrter Herr, sagte der Klavierspieler, alles Talent ist nur auf diesem
Wege mglich. Noch keiner hat das Wunder, was mit diesem Worte ausgesprochen
ist, erklren, oder nur begreifen knnen. Das ist ja das Rtsel, wie sich in uns
der Zustand, den wir unser Bewutsein nennen, so innigst mit seinem
anscheinenden Widerspruch, dem Nichtbewutsein, vermhlen kann, und aus dieser
Vereinigung erst unser hchstes, seelenvollstes Leben hervorgehen mu. Ich habe
mehr als einmal einer Anzahl trefflicher Snger akkompagnieren mssen,
pltzlich, unvorbereitet, nach einer Partitur einer Oper, die mir noch niemals
vorgekommen war, und mein Auge und Sinn fand sich so schnell und sicher in
dieser schwierigen Aufgabe zurecht, da alles gelang, und dieses tollkhne
Improvisieren zu den genureichsten Stunden meines Lebens gehrt.
    Wie oft, fiel der Snger ein, habe ich etwas hnlich Halsbrechendes
unternommen, die schwierigsten, mir fremden Sachen vom Blatte zu singen. Es ist
eine Energie in uns, eine Allgegenwart des Geistes, eine Gabe der Prophezeiung,
die nur alsdann hervortritt. Und sonderbar! wenn diese Zustnde des
Seelenrausches vorber sind, bemerken wir, da auch alles Zeitma in uns
aufgehrt hat, denn wir wten nicht zu sagen, wie viele Stunden uns in dieser
Anstrengung verschwunden sind, weil sie uns nur wie Augenblicke erschienen.
    Ebenso ist es aber auch, fiel Leonhard bescheiden ein, wenn wir ein
Kunstwerk genieen und wahrhaft verstehen. Die knechtische Abhngigkeit von der
Zeit verschwindet alsdann jedesmal.
    Die beiden bermtigen Knstler hatten sich bis jetzt nur wenig um den
jungen Meister gekmmert, sie sahen ihn jetzt mit groen Augen an und suchten an
seinen Blicken zu erforschen ob er ebenfalls zu ihrer Zunft gehre, oder
vielleicht Maler, oder Dichter sei. Doch Leonhard schlug seine Augen nieder und
schien es zu bereuen, da er an diesem verwegenen Gesprche teilgenommen hatte,
sein Freund aber nahm das Wort auf und bemerkte: Wenn es also wahr sein mag,
da dieser unbeschreibbare Doppelzustand zu unsern allerbesten Lebensuerungen
gehrt, sei es, um zu genieen, oder hervorzubringen, so drfte die Frage sehr
wichtig sein, wie weit man nun, um jener hheren Kraft Raum zu geben, Bewutsein
und Nchternheit einengen, und wieviel Herrschaft jene bacchische Begeisterung
ausben drfe.
    Dafr oder dagegen, rief der Snger heftig aus, kann und darf es keine
Gesetze geben. Soll das Gebet aus jener Nchternheit hervorgehen, die ja eben
durch den Gott vernichtet werden soll? Glauben Sie mir, alle groen Genien der
Menschheit, seien es Helden, Dichter oder Knstler, haben ihre Schpfungen nur,
von diesem Taumel erst angerhrt und dann beherrscht, hervorbringen knnen.
Welche unbndigen Hllengeister waren es denn, mit lichten Engeln geschart, die
unser Mozart vor seinen Siegeswagen spannte, um, ein zweiter Dionysos, seinen
Triumphzug nach dem fernen, gottgeweihten Indien, dem Land der Fabel und der
Poesie, zu feiern, von tanzenden Nymphen, gaukelnden Amoretten, lcherlichen
Faunen, rasenden Mnaden und selig liebenden, ewig trunkenen Lieblingen der
Aphrodite und des Eros begleitet? So strmt sein Don Juan, sein siegprangendes
Meisterwerk, dahin. In dieser heiligen Raserei haben alle Genien gedichtet und
erschaffen. Ja erschaffen, wie der Herr, aus dem Nichts. Dies ist das Unbewute,
der Schlaf, der Tod in uns, wie es die blden Menschenkinder nennen. Hier ist
das Zeughaus der Phantasie, die geheimnisvolle Werksttte des unsterblichen
Geistes. Wer hier das pflegt und nhrt, was spterhin als Gedanke, Ton, Bild und
Gedicht in die Schpfung heraustreten soll - wer kann diese Ammen nennen, oder
bezeichnen? Was ist dieses Nichts, dieses unbekannte Unerkannte, dieses
Namenlose, aus dem aller Glanz und alle Kraft sich entwickelt? O ihr Trichten,
die ihr euer Leben damit zubringt, immer Unterschiede zu entdecken und diesen
mit nchterner Weisheit einen Taufnamen zu geben! Strzt euch, ihr von den Musen
Begabten von der Gottheit Begeisterten, ohne zu forschen und zu zweifeln, in den
Strom des bewegten Lebens; opfert, wie es das Geheimnis fordert, eure Vernunft
und Nchternheit, die Ordnung und Sitte jenen unterirdischen Geistern und
Dmonen, die, wenn ihr dieses Entschlusses nicht fhig seid, euch sonst die
Schnheit selbst entreien, mit eurem Herzblut, wie Vampiren, die Begeisterung
wegzechen, so da ihr nach kurzem Taumel zu Qualm des Ekels und der altklugen
Langweile erwacht. Der Weinrausch ist ein Symbol dieses gttlich begeisterten
Lebens, in der Wollust spricht mit Entzcken und Wahnsinn jener Tod uns an, der
das echte Leben ist, hohnlachend und in sester Wehmut wird hier jenes
Bewutsein begraben, das die meisten Menschen fr das Leben halten. Wer sich
also als echter Knstler dem Taumel weiht, der darf nicht rechts, nicht links,
nicht rckwrts schauen, nur vor ihm liegt die Bahn, und Glck, Gefahr und Leben
und Tod sind eins.
    Auf einen stillen, bedeutsamen Wink des Wirtes hatte die junge Tochter das
Zimmer schon verlassen, weil es dem Vater wohl unziemlich dnken mochte, da ein
weibliches Wesen diese wunderlichen Lebensregeln mit anhren sollte. Leonhard
sagte nach einer kleinen Pause: Aber, meine Herren, Sebastian Bach, Gluck,
Palestrina- -
    Still! entgegnete der Snger, ich wei, wo Sie hinauswollen. Ausnahmen
gibt es, und - wer wei - man soll den alten Bach, unsern Vater und Meister,
nicht lstern, - aber jener strmische Geist ging ihm wohl ab, der unsere neue
Kunstwelt treibt. Und Palestrina - wir wissen so wenig von ihm - aber erzhlte
er nicht, da er die eine seiner berhmtesten Kompositionen Note fr Note
vollstndig von einer Schar von Engeln vernommen und die berirdische selige
Musik nur als mechanischer Kopist niedergeschrieben habe? - In der Musik strmt
ein Geist, der, strker als in allen anderen Knsten, ihren Bekenner der
Besonnenheit enthebt. Der Snger, mehr fast noch der Virtuos eines Instrumentes,
der Kapellmeister, wie der Komponist, alle leben dem Augenblick, ohne an morgen
zu denken. Der Genu der Kunst, so gut wie des Weins und der Liebe, reit sie
ber Zeit, Sorge und Ordnung hinweg, denn in keiner andern Kunst ist das
unmittelbare Gelingen, das Improvisieren so notwendig. Maler, Dichter und
Bildhauer mgen sich bedenken; wenn der Musiker es wollte, so wre der
auflodernde Augenblick schon entflogen. Der Grbler nun gar mte auf
lcherliche Weise zuschanden werden. Darum, meine ich, mu man in der
sogenannten Moral auch beim Musiker einen ganz andern Mastab anlegen, wenn der
Sittenprediger nicht gegen ihn ungerecht, ja grausam werden soll. Mozart steht
hher, als seine Sittenrichter.
    Der musikalische Freund bekrftigte alles, und so, nachdem man noch manche
paradoxe Stze ausgesprochen, die den muntern Elsheim sehr ergtzten, begaben
sich alle auf ihr Lager, als der Morgen schon graute.
    In der heitern Landschaft fhlte sich Leonhard wieder frei und wurde
frhlich. Elsheim hatte die Verstimmung wohl bemerkt, die seinen Freund am Abend
qulte, und sagte jetzt, nachdem sie lange stumm nebeneinander gesessen hatten:
Warum, Freund, bist du oft so schwerfllig und widerstrebst der Laune, die mich
mit sich nimmt? Man kann nicht immer weise sein, und dein Gemt ist selbst oft
zur Frhlichkeit gestimmt, ja, ich habe selbst gesehen, wie Albernheiten und
Kinderein dich ergtzen knnen.
    Schilt mich nur, antwortete Leonhard, denn freilich ist es wohl eine
Anlage zur Pedanterie, die mich in manchen Stunden so mimtig und mrrisch
macht. Der ganze gestrige Tag war mir nicht recht. Da der Wagen zerbrach,
machte mich erst ganz verdrlich. Nun gar das verwnschte Konzert. Ich begriff
deine ausgelassene Heiterkeit nicht. Das ganze Wesen, Zuhrer, Vornehme,
Brgermeister, Mnner, Frauen und Mdchen, alles war melancholisch. Diese
Ungezogenheit der Musiker war wunderlich genug, aber auch dieser Vorfall konnte
mich nicht ergtzen. Wir haben uns mit den andern nrren lassen, weil wir eben
nichts Besseres zu tun hatten. Und das mag wohl oft, auch im Leben der bessern
Menschen, eintreten, da solche Lckenber und Ausgeburten der Langeweile fr
Ergtzung gelten mssen. Es sind die Butterkchlein aus Wasser der Schildbrger.
Und nun gar das Hymnen-Gesprch am Abend bei den schlechten Speisen. Die haben
mir erst Magen und Geist verdorben.
    Ei, du Allerweltskrittler! rief Elsheim berlaut und erhob sich vor
Erstaunen etwas vom Sitze, um seinem Freunde in die Augen sehen zu knnen,  -
das ist mir denn doch neu, da diese erquicklichen gedachten und phantasierten
Gesprche dir auch zuwider sein knnen! Mir haben sie so sehr gefallen, da ich
die beiden landstreichenden Musiker dringend auf mein Schlo eingeladen habe,
und ich hoffe, da sie recht bald dort als mir sehr liebe Gste erscheinen
werden.
    In dein Wesen, sagte Leonhard etwas empfindlich, mag diese bertriebene
Genialitt nicht so zerstrend hineinreien, wie in meine Brust. Erinnerst du
dich denn nicht, da mir dergleichen von frher Jugend zuwider war, und ich es
immer zu bekmpfen suchte?
    O ja, sagte Elsheim, und oft mit einer andern Genialitt sogar, die
manchen Nchternen wohl auch erschrecken durfte. Wei ich doch, da der eine
unserer Lehrer dich oft mit seltsamer Scheu, als wrest du ein Gottloser,
betrachtete.
    Lassen wir das, unterbrach ihn Leonhard; es ist gar zu betrbt, da sich
so oft selbst die allernchsten Freunde in den wichtigsten Angelegenheiten nicht
verstehen.
    Besonders, sagte der Edelmann, wenn der eine oder der andere von einer
Stimmung regiert wird und dieser zu viel nachgibt. Stimmungen knnen niemals
ber Gedanken und Ansichten ein richtiges Urteil fllen.
    Diese Stimmungen aber, widersprach der Freund eifernd, wenn sie nicht
Grillen und eigensinnige Launen sind, entspringen ja nur aus dem wahren
Charakter und der Tiefe des Gemts; sie sind es ja, die der Mensch nicht
vernichten kann und soll, denn sie sind der Boden, in welchem berzeugung, Tat
und Leben aufwachsen.
    Nun meinetwegen, sagte der Baron, so sprich denn aus, was dich qult oder
strt; denn freilich, zu viel sollen wir auch nicht an uns selber mkeln, oder
uns das peinvoll abgewhnen, was mit unserm innersten Selbst verwachsen ist, und
wodurch wir erst Individuen werden.
    Liebster Friedrich, sagte der junge Meister jetzt ganz weich, alles, was
uns reizt, belehrt, frdert und begeistert, ist immer nur unter Bedingungen und
bis zu einer gewissen Grenze hin wahr; berschreite ich beide, so wird das Beste
nur Torheit und die hchste Weisheit Wahnsinn. Deshalb ist die
Konsequenzmacherei zu frchten, der logische Zwang, der uns so oft veranlat
alle Lcken zu berspringen, oder nicht zu erkennen, die zwischen den Wahrheiten
liegen, oder die geistige, unsichtbare Scheidelinie zu berschreiten, auf
welcher unser Geist in den eigentlichen tiefsinnigen Untersuchungen wandeln mu,
wenn er nicht immer wieder aus dem Wahren und Unsichtbaren in die rohe Materie,
oder die aberglubige Schwrmerei strzen soll.
    Ich glaube dich zu verstehen, sagte Elsheim.
    So versteht sich aber jener Musiker nicht, fuhr der Freund fort, der uns
gestern seine bacchantische Begeisterung vortrug. Er schwrmte ganz von jenem
Grunde der Wahrheit ab, auf welchem seine Wahrnehmung zuerst wandelte, und
geriet in das Reich der Trume und der Willkr. Geht nicht Ordnung, Ruhe
Selbstbeobachtung und nchterner Zweifel mit jenen taumelnden Rossen, so gibt es
auch keine Kraft, diese zu lenken und auf dem richtigen Wege zu erhalten. Gewi
hat auch unser Liebling Mozart diese Krfte nicht verleugnet. Denn das ist eben
der Hauptirrtum, da diese Bacchanten nicht sehen, oder nicht sehen wollen, da
in der Migkeit, Ruhe, in dem stillen Haushalt unserer einsamen Seele, in den
Schranken der Ordnung und Notwendigkeit, kurz in der scheinbaren Prosa, die man
so oft voreilig der Poesie entgegenstellt, ebenfalls im gesnftigten Raum jene
Himmelsblumen emporwachsen, und Begeisterung und Tatkraft auch aus diesen
stillen Winkeln hervorschreiten mgen. Wie die alten Himmelsstrmer oder jene
Erschaffenen bestellt gewesen sein mgen, die vor aller Geschichte auf unserer
Erde hausten, wissen wir nicht; seitdem aber der uns bekannte und verstndliche
Mensch Regent ist, mssen wir einsehen, da in diesem die doppelte Natur des
Riesen und des sanft Gehorchenden, des Herrschers und des gern und freudig
Unterwrfigen erst die Natur in ihm ausbildet, durch welche er ein Recht hat,
nach Blumen, Lorbeeren, Palmen und Sternen zu greifen. Der Rausch ist auch oft
nchterner, als wir uns gestehen mgen. Palestrina, der beseligte, sollte jemals
haben rasen knnen? Und unser Sebastian Bach; wie beschrnkt, wie brgerlich,
wie so ganz Ordnung, biedere Alltglichkeit im Leben, wie klein, ruhig und
unbemerkt in der Gesellschaft und unter den Schwtzern, und wie gro eben
dadurch in seiner Wissenschaft und Kunst!
    Elsheim nahm die Hand seines Gefhrten und drckte sie recht herzlich, dann
aber berlie er sich einem so lauten und ausgelassenen Lachen, da der
bescheidene Fuhrmann sich einigemal umsah, um zu entdecken, was wohl dieses
schallende Gelchter habe veranlassen knnen. Leonhard war sehr ber diesen
unerwarteten Ausbruch von Lustigkeit befremdet und erwartete mit einiger
Spannung die Erklrung dieser Explosion. Endlich, nachdem er sich beruhigt
hatte, sagte der Freund: Siehe, das ist nun auch meine Eigentmlichkeit und
Stimmung, die du mir nicht zu sehr kritisieren darfst. Deine Vorliebe fr das
Zunftwesen, dein Handwerksgeist geht in allen deinen Gedanken mit auf. Und du
magst doch recht haben. Auch in der Kunst, in der geistigsten Beschftigung, mu
wohl neben Begeisterung und Anschauen nun auch das Handwerk mit seiner
brgerlichen Ordnung eintreten, um durch Regel und Beschrnktheit dem Geist erst
seine wahre Freiheit im Schaffen zu erringen. Du hast recht: ohne Widersprche,
die sich aufzuheben scheinen, und ohne Vermittlung dieser Widersprche ist nicht
Mensch, Kunst, Wissenschaft, Geist. Darum zeigt sich auch eine berraschend
hnliche Ohnmacht in den Gebilden des ganz phantastischen Schwrmers und des
philisterhaft Nchternen, der blo mit Anstrengung Regel und Bewutsein ein
Kunstwerk hervorbringen will.
    Die Hitze war so drckend geworden, da sie es vorzogen, in einem kleinen
Dorfe, das abseits von der groen Strae lag, haltzumachen, als sich mit
ermdeten Pferden noch nach dem groen Gasthofe der kleinen Stadt hinzuqulen.
Der Stall war fr die Pferde gro genug, und sie setzen sich unter der
schattigen Linde in eine Art von Vorsaal, der durch den Baum vor dem Hause
gebildet wurde. Whrend die Mahlzeit zubereitet ward, erquickten sie sich am
Duft der Bltter und Blten, und Elsheim sagte: Sieh einmal, mein Freund, wie
gescheit unsere Vorfahren in einer Sache waren, die viele des jetzigen
Geschlechtes nur lcherlich finden. Dadurch, da man diese schne alte Linde
oben so stark und regelmig beschneidet, entsteht hier unten dieser khl
dmmernde, dunkelnd grne poetische Saal. Dieser gibt eine so liebliche duftende
Khle, wie sie kein Zimmer mit Vorhngen und Kunstanstalten hervorbringen kann;
auch keine Gartenlaube ist so wohnlich und vertraulich. Man sieht von hier in
das Haus und auf die Strae und ist von beiden ganz ungestrt. Oben, damit die
Stuben nicht verfinstert und selbst feucht werden durch die Nhe des Baums, sind
alle Zweige weggeschnitten, soweit die Zimmer reichen. Nun hat man in den
hheren Zimmern mit dem ersten Frhlinge eine grne duftende Decke unter sich,
ohne von den sten gestrt zu werden, und die Stuben sind hell und frei. Der
schne Baum ist freilich verdorben; dafr hat dieser Bauer aber auch einen
grnen Sommersaal, wie kein Frst mit allem seinem Prunke ihn aufweisen kann.
    Leonhard erwiderte: Auch in Stdten habe ich oft diese Art, die Linden zu
behandeln, wahrgenommen. Dort ist diese Erfindung, womglich, noch zauberischer,
als hier auf dem Lande, weil dieser unten entstehende Saal und die gerade Linie
der grnen Wand oben, auf welche man aus den Fenstern niedersieht, im
erfreulichen Kontrast mit den Husern, sowie dem gewhnlichen brgerlichen
Verkehr auf der Strae stehen. Unsere Vorfahren liebten es berhaupt, Bume
aller Art in ihren Stdten zu pflegen, und sie zieren oft eine hliche Gasse
und geben ihr ein wahrhaft trostreiches Ansehen; die Neueren fangen an diese
Anstalt als etwas Abgeschmacktes zu verlstern. Es hat etwas Wunderbares, wie
der Baum sich erziehen und verziehen lt, vor allen Buche und Linde. Das
Gedicht des Wandsbecker Boten gegen diesen Schneiderscherz, wie er es nennt, ist
recht getreu und biederherzig, aber es wird mir die Schnheit dieses
Sommersaales, oder gar den Zauberreiz eines echten groartigen franzsischen
Gartens niemals aus der Seele singen knnen.
    Ein groer Mann von mittleren Jahren war schon einigemal durch die Haustr
aus- und eingegangen. Er trug ein groes Buch unter dem Arm, welches eine Bibel
zu sein schien. Er setzte sich an einen anderen Tisch und fing an zu lesen,
verschlo aber den Band gleich wieder und ging durch die Haustr in den Garten.
Jetzt kam er wieder herein, sah sich scheu um und legte sein Buch auf den Tisch
der Reisenden, indem er mit heiserer Stimme fragte: Meine Herren, lesen Sie
auch wohl die Bibel?
    O ja, sagte Leonhard.
    Und welches Buch, fragte er weiter, ist Ihnen in diesem groen heiligen
Werke das allerliebste?
    Das lt sich wohl nicht so schnell entscheiden, erwiderte Elsheim; bald
wird unsere Seele von diesem, bald von jenem mehr gereizt, und es hat mir immer
wohlgefallen, wenn manche Geistliche es nur als ein einziges, innig
zusammenhangendes Buch haben ansehen wollen.
    Der Bauer schttelte so heftig mit dem Kopf, da ihm die blonden Haare in
das Gesicht fielen. Er nahm den messingenen Kamm und strich sie wieder nach
hinten hinber, indem sich pltzlich in seinem finsteren Gesicht ein helles,
aber ironisches Lcheln auftat. Da sind Sie noch nicht weit gekommen, sagte er
dann. Die verhllte Wahrheit sucht sich vorstzlich in manchen der Bcher zu
verbergen; die versteht man nur und findet das Korn der Weisheit heraus, wenn
man das rechte Buch aufgefunden hat und Tag und Nacht in diesem studiert. Fr
jeden Menschen, in welchem nmlich das Licht aufgeht, ist es aber ein apartes,
denn unsere Sinnesarten sind sehr verschieden; Gott steht allenthalben, einer
darf ihn aber nur schrg, der andere von der Seite, und manche nur ganz von
weitem ansehen. Wechseln sie nun ihre Stellung und kommen sie in eine
unrichtige, so knnen sie gar nichts von ihm verstehen. Denn unser Herr ist ein
wunderliches Wesen, er ist liebreich und sanft in seiner Allmacht und Hoheit,
aber er macht sich nicht gemein. Wir reden ihn alle mit du an, und das verlangt
er sogar, aber mit Grobheit und so von ungefhr angesprochen, lt er sich nicht
antreffen, sondern immer verleugnen.
    Ein hoher Greis trat jetzt zu ihnen, eine von jenen mchtigen Gestalten, die
sich, in welchem Stande sie auch sein mgen, eine unwillkrliche Achtung
erzwingen. Sohn Daniel, sagte er mit tnender Stimme, du fllst ja den
fremden Herren zur Last.
    Gewi nicht! rief Elsheim, aber der Sohn entfernte sich schnell mit jenem
scheuen Blick im zugedrckten Auge, der den Reisenden gleich anfangs aufgefallen
war. Verzeihen Sie, sagte der alte Vater, ich kann es nicht immer verhindern
da mein unglcklicher Sohn fremden Leuten beschwerlich fllt. Er meint es gut,
und es ist kein Arg in ihm, aber wer ihn nicht kennt, trgt wohl Scheu, oder
frchtet sich vor ihm.
    Da Elsheim neugierig geworden war, lud er den alten Bauer ein, sich zu ihnen
zu setzen, und dieser willfahrte ohne Verlegenheit, als ein Mann, dem Menschen
und Welt nicht unbekannt waren. Er erzhlte von sich, seinen Schicksalen und
seiner Familie. Er hatte, sonderbar verschlagen, einen Feldzug in fernen
Weltteilen mitgemacht, hatte bei seiner Rckkehr unvermutet einige wohlhabende
Verwandte beerbt und war nun durch Ttigkeit, und da er seine Grundstcke zu
verbessern verstand, zu einem gewissen Reichtum gelangt. Ich bin, fuhr er
fort, da er sah, da sich seine Zuhrer fr seine Rede interessierten, wohl ein
glcklicher Mann zu nennen, wenn ich so um mich her die meisten meiner
Nebenmenschen betrachte. Wir leben hier in einer angenehmen Gegend, ich erzeuge
selbst meinen Wein und was ich sonst noch brauche, mein Garten liefert mir den
Bedarf fr meinen Haushalt, und ich baue, so alt ich geworden bin, noch selbst
mit Freuden meinen Acker und halte meine groe Wirtschaft in Ordnung. Drben
wohnt mein ltester Sohn, der schon seit lange Schulze dort ist, und durch den
ich schon seit lange Grovater und nun seit kurzem auch Urgrovater bin. Mein
Martin und Friedrich werden nchstens heiraten, meine Tochter ist auch versorgt
in einem anderen Dorfe, und so kann ich mich als den Stammvater eines
zahlreichen, gesunden und lebensfrohen Geschlechtes ansehen.
    Und dieser Sohn, der eben von uns ging? fragte Elsheim.
    Ja, meine Herren, fing der Alte wieder an, in diesem Sohne knnte ich
mich auch unglcklich nennen, denn in jeder groen Haushaltung mu etwas sein,
das mit dem brigen nicht aufgeht. Der Mensch mu eben auch immer etwas zu
klagen haben. Als Kind war mein Daniel so klug, wie es niemals einer meiner
anderen Shne gewesen ist. Er lernte fast von selbst lesen, er sprach sehr frh
und zwar ganz vernnftig. Er war gern allein, und lautes Geschwtz, wie es denn
doch oft Bauersleuten vorfllt war ihm zuwider. Weil das Kind nun gern ttig
war, so half er, so klein er war, allenthalben. Es machte ihm groe Freude, den
Hirten zu begleiten, wenn dieser meine Schafe austrieb. Wenn er am Abend nach
Hause kam, hielt er manchmal recht nachdenkliche Reden ber alles das, was er da
drauen im Freien beobachtet hatte. Bald erzhlte er von den Wolken, von
wunderlichen Tnen im Walde, auch wohl von der Geschicklichkeit und Klugheit des
Schferhundes, den er ganz wie einen verstndigen Menschen schilderte. Da das
Kind so was Apartes hatte, so lieen die Mutter und ich ihn gern gewhren, und
seine Geschwister hrten nicht viel auf ihn hin, weil sie ihn nicht verstanden.
Als die Zeit seiner Einsegnung herankam, lie er sich oft mit unserm Priester
und Schulmeister in Disputationen ein, weil er die Bibelstellen anders wollte
erklrt haben. - So was knnen die geistlichen Herren immer nicht leiden, ob es
uns gleich, den Lutherischen, wie wir es hier noch alle sind, aufgegeben ist, in
der Schrift zu forschen. Das Forschen aber, und soweit haben die Priesterleute
recht, ist ein miliches Ding, und ich habe darum von je an alles unserm lieben
Gott anheimgestellt und bin ruhig dabei geblieben. Es traf sich, da unser
Schafhirt pltzlich erkrankte, und Daniel bot sich nun eifrig an, seinen Dienst
zu versehen, bis sich ein anderer tchtiger Knecht wieder gefunden habe. Und nun
konnte er im einsamen Felde so recht ungestrt seinen Grbeleien nachhangen und
brauchte keinen Menschen Red und Antwort zu geben. So ging der Sommer hin. Im
Herbst kam er eines Abends ganz zerstrt und verwirrt nach Hause, er trieb die
Schafe nicht ein, er lief in den Garten und sprach laut mit sich selbst, in der
Nacht legte er sich nicht zu Bette, sondern rannte wieder nach dem Walde hinaus,
und als der Morgen da war, kmmerte er sich gar nicht um seine kleine Herde und
war gar nicht einmal da, als wir alle zum Frhstck zusammenkamen. Als das Haus
leer war, und ich schon ausgehen wollte, um ihn zu suchen, kam er ohne Hut und
mit fliegenden Haaren von seiner Wanderung zurck. Sowie ich ihn nur ins Auge
fate, sah ich auch schon, da er ein verwirrter Mensch war. Er stotterte und
war ganz auer sich, und als er endlich die Rede wiedergewann, erzhlte er mir,
da er im Felde bei den Schafen Bekanntschaft mit Engeln gemacht htte, die so
gtig gewesen wren, sich zu ihm herabzulassen. Diese htten ihm die Schrift und
die schwersten Stellen in derselben ganz zur Genge erklrt, und er wisse nun
mehr, als alle Schriftgelehrten im Lande. Von nun an war der liebe Junge ein
verlorener Mensch, und der Doktor, den wir aus der Stadt hatten kommen lassen,
sagte auch, ihm sei nicht zu helfen, denn er habe auf zeitlebens den Verstand
verloren und wrde ihn auch bis zum Tode nicht wiederfinden. Nun lag er Tag und
Nacht ber dem Bibelbuche, er schlief wenig, und in den Nchten las er laut und
predigte mit heftiger Stimme, so da er oft am folgenden Tage ganz heiser war.
Weil er Daniel heit so studierte er auf seine Art den Propheten Daniel am
meisten und bezog dabei alles auf sich. Er sagte oft, dieser Prophet sei der
grte, und Ezechiel, vorzglich aber die Offenbarung Johannis seien nur
miverstandene bertreibungen, das wahre Wort und Geheimnis sei im Daniel
ausgesprochen. Dieser sei auch wichtiger, als das ganze Neue Testament, und wer
diesen Propheten recht innehabe, knne die spteren Bcher und die Lehre Christi
entbehren. Bei diesen Meinungen wollte er auch nicht mehr unsere Kirche drben
im groen Dorfe besuchen, und wenn er ja einmal mit uns ging, so sa er whrend
der Predigt murrend da und schttelte zu allem, was der Priester sagte, den
Kopf, so da er oft groen Ansto gab. Da er hie und da welche aus der Gemeine
hatte bekehren wollen und sich gegen diese nicht undeutlich merken lassen, er
sei selber der Heiland und der wahre Erlser in unserer neuesten Zeit, so
verklagte der Pfarrer den Unglcklichen beim Konsistorium in der Stadt. Die
Sache machte viel Aufsehen, und etliche eifernde Geistliche wollten ihn mit
Gewalt zum Widerruf, Pranger und Zuchthaus verdammt wissen. Der
menschenfreundliche Arzt nahm sich aber der Sache an. Der Mann ging selbst zum
Minister, und die Billigeren von der Geistlichkeit sahen nun auch wohl ein, wo
es meinem armen Daniel fehle. So sprachen sie ihn denn los als einen
Bldsinnigen, der ber seine Reden nicht zur Verantwortung gezogen werden knne,
und gaben ihm nur auf, sich alles Predigens und Bekehrens zu enthalten. Das nahm
mein Daniel anfangs sehr bel und noch mehr, als er erfuhr, da sie ihn seit
seinem Proze hier und in der Umgegend nur den Dummen nannten. Doch forschte er
so lange im Daniel und in den Briefen der Apostel, bis er sich berzeugte, ein
solcher Ausgang wre ihm schon vor allen Zeiten prophezeit worden. So treibt er
nun sein unschuldiges Wesen, und ich kann ruhig wegen meines Todes sein, denn
die Brder lieben, ja ehren ihn so sehr, da sie gern einmal seinen Unterhalt
und seine Verpflegung bernehmen werden.
    Elsheim und Leonhard hrten dem Alten mit Vergngen zu, und der Baron sagte:
Es ist nicht ohne Grund, da uns eine Art von sonderbarer Achtung in der Nhe
solcher Wesen beschleicht; wir fhlen die gestrte Harmonie und vermuten dabei,
da irgendeine Geisteskraft, wenigstens fr Augenblicke, um so hher gesteigert
werde.
    Das kann wohl sein, sagte der Alte, denn wirklich spricht der Kranke so
in seinen Abwesenheiten manchmal recht nachdenkliche Sachen. Wenn er am Abend an
seinem Tisch sitzt und liest, und wir sprechen dies und das vom Ackerbau, von
Einrichtung und Verbesserung der und jener Sache, oder von
Familienangelegenheiten; wir alle glauben, er hrt gar nicht hin, und mit
einemmal wirft er dann ein paar Worte nur so hinein, und alle Schwierigkeiten
sind gelst, ber die wir uns den Kopf zerbrechen.
    Hat er nie Lust bekommen, sich zu verheiraten? fragte Elsheim.
    Niemals, erwiderte der alte Bauer, er hlt im Gegenteil alle Weiber und
Mdchen fr viel geringere Wesen, als die Mnner und lt sich auch nur ungern
in Gesprche mit ihnen ein. So ist er denn nun fr unsere Feldarbeit und den
Haushalt ein verlorner Mensch, das Wohl und Weh der Familie kmmert ihn nicht,
er scheint auch alles vergessen zu haben, was er in der Jugend gelernt hat. Nur
eine sehr merkwrdige Gabe hat sich seitdem an ihm gezeigt. Wir hatten vor
vielen Jahren nur wenige Bienen; jetzt bauen wir auerordentlich viel Honig und
verkaufen ihn und das Wachs vorteilhaft. Diesen ungewissen Teil der
Landwirtschaft verwaltet er nun ganz allein: er hat sich der Sache bemchtigt
und sie in Flor gebracht, ohne gegen uns nur ein einziges Wort darber zu
verlieren. Und wunderbar ist er fr diese Verrichtung begabt. Noch niemals hat
ihn eine Biene gestochen, und doch zieht er weder Handschuhe an, noch trgt er
die Kappe vor dem Gesicht. Die kleinen klugen Tierchen haben Vertrauen und Liebe
zu ihm, und er kann alles mit ihnen anfangen, was er nur will. Er kann in den
Krben hantieren nach Herzenslust, sie lassen ihn gewhren; beim Ausnehmen des
Honigs, bei allem, was er tut, stren sie ihn nie. Fast wunderbar ist es, wie
sie ihm folgen, wenn sie schwrmen. Er kann sogleich jeden Schwarm, der sich
verflogen hat, wiederfinden, und sie kehren mit ihm wie gehorsame Kinder zurck,
wohin er sie haben will. Das wissen auch alle unsere Nachbaren und die
Bienenwirte auf den anderen Drfern. Sie kommen sehr oft und sprechen seine
Hlfe an, und er schafft ihnen immer die Weglufer wieder. In diesem Tun ist er
auch unermdlich und gromtig dabei, denn er nimmt von den Fremden nie was fr
seine Arbeit, wenn er auch Tage und Nchte darauf verwendet, die verschwrmten
Bienen zu finden und einzufangen, unsern Honig verkaufen wir, und er fordert nie
etwas davon, wenn wir es ihm nicht freiwillig geben.
    Als der Greis sich wieder entfernt hatte, und den Freunden ein einfaches,
krftiges Mahl aufgetragen war, sagte Elsheim nach einer Weile: Ist dieser
Bauer nun in seiner Umgebung und Bestimmung nicht so glcklich, als der Mensch
es nur sein kann? Es gibt viel Unglck auf Erden - wer zweifelt daran? - aber
die Hlfte davon zimmern sich doch die Menschen selbst mit groer Mhe
zusammen.
    Gewi߫, sagte Leonhard, durch ihre stachelnden Leidenschaften; aber doch
sind uns diese wieder vom Schicksal verliehen, wir knnen und drfen ohne sie
nicht sein: und so dreht man sich doch wieder im Zirkel, denn von diesen
Unglckstiftern rhrt doch auch das Groe und Edle her.
    Mahalten! rief Elsheim, freilich, das ist die oberflchliche Weisheit
und Tugend, die so schwer zu finden ist.
    Als die grte Mittagshitze vorber war, kam der alte Bauer wieder und
sagte: Wollen die Herren vielleicht den Kaffee, oder noch ein Glas Wein jetzt
auf der andern Seite des Hauses nach dem Garten zu trinken?
    Die Sonne war in der Tat nher gerckt und hatte die zauberhafte Dmmerung
etwas gelichtet. Sie gingen durch das groe Haus, und der Wirt sagte, als sie im
Garten standen: Die Einrichtung mit meiner Linde hat Ihnen dort wohl gefallen,
da ich Ihnen noch diesen zweiten alten Lindenbaum zeigen will. Hier auf dieser
Seite ist es nachmittags am khlsten und anmutigsten. Ich habe den Baum so
knstlich verschnitten, da er oben eine groe dichte Bltterlaube macht. Nun
gehen wir hier eine ziemlich hohe Treppe hinauf und sitzen oben im Schatten und
sehen ber den Garten weg in die weite Landschaft hinaus.
    Oben war eine groe Tenne, von glatten Brettern gefugt; der Baum schtzte
gegen Regen, Luft und Wind, und der Blick nach den fernen Gebirgen, Wldern und
dem nahen Flusse war reizend. Der Alte freute sich, da die Gste berrascht und
von der bequemen Anstalt, sowie von der Landschaft, entzckt waren. Ja, ja,
sagte der Alte lchelnd, wir gemeinen Leute haben denn auch unsere Einflle und
sozusagen besonderen Prachtanstalten. Sie glauben nicht, meine Herren, wie gern
ich von hier aus die Sonne untergehen sehe; sooft ich mich abmigen kann, sitze
ich alsdann hier gegen Abend in meinem hlzernen alten Lehnstuhl. Nun ist es
rhrend, wenn nach und nach die Abendrte verschwindet, und ein Sterngebild nach
dem andern aus dem dunkeln Himmel heraustritt. Da fllt mir vielerlei ein,
Rhrendes und Erfreuliches. Absonderlich ist es, wenn es nun immer stiller wird,
und sie drin im Hause die Lichter anznden. Zwischen den grnen Weinranken
nehmen diese sich nun von hier und die helle Stube hinter dem Laub und die
Schatten von meinen Kindern, die auf und abgehen, recht wunderbar aus. Ich habe
manchmal gewnscht, ich knnte das mir alles so abmalen.
    Es gibt eine stille Passivitt, die, ohne zu beobachten und ohne sich des
Eindrucks bewut zu werden, in manchen Stunden die Natur wohl am wrdigsten
geniet. Der Weihe dieses Quietismus ergaben sich die Freunde, als der redselige
Alte sie wieder verlassen hatte. Endlich besann sich Elsheim zuerst wieder und
sagte: Was hindert mich denn, diese buerliche Erfindung auf meinem Gute
nachzuahmen? Mgen die Enthusiasten der englischen Gartenkunst die Nase rmpfen,
soviel sie immer wollen, ich werde es ganz gewi tun. Hier sitzen wir wie Vgel
in einem greren Nest; und ein Liebster mit seiner Braut, Mann und Frau, eine
eintrchtige Familie, fr diese und poetisch gestimmte Menschen ist das ja ein
himmlischer Platz. Und fr zwei junge Freunde, wie wir hier vorstellen, ja
wahrhaftig auch. Mir ist hier zumute, als wenn wir die Figuren aus einem
dichterischen Mrchen wren. Ich erinnere mich dunkel, einmal gelesen zu haben,
da eine trauernde Schne den Leichnam ihres jungen Geliebten auf einer Linde
hegt und betrauert: da mu sich der Dichter doch wohl einen solchen Luftsaal
gedacht haben.
    Welch Entzcken, sagte Leonhard, wrde wohl mancher ausrufen, um eine
solche Alltglichkeit! Denn diese Anstalten, mein poetischer Freund, sind
wirklich bei Bauern und Brgern nicht so selten, als du zu glauben scheinst. Ihr
vornehmen gebildeten Leute beachtet nur so was selten, und in den
Reisebeschreibungen steht es nicht verzeichnet.
    In der besten Laune fuhren sie bei eintretender Khlung jetzt weiter. Der
alte Bauer nahm einen so herzlichen Abschied von ihnen, als wenn er sie schon
seit Jahren gekannt htte, und die jungen Leute konnten sich auch bei dem
Gedanken, diese Stelle vielleicht nie wiederzusehen, einer gewissen Rhrung
nicht erwehren.
    Nun, fing Leonhard an, mssen wir doch wohl nach meiner Rechnung bald auf
deinem Gute anlangen.
    Noch heut abend, sagte der Freiherr, laufen wir in den Hafen ein, wenn
wir nicht noch vorher Schiffbruch leiden.
    Der Himmel verhte bse Vorbedeutungen, sagte Leonhard lachend; aber
freilich, wer kann wissen, was uns bevorsteht, und besonders mir, da ich in ein
fremdes Haus und unter lauter Unbekannte trete? Ich bin so gar nicht daran
gewhnt, mit fremden Menschen zu verkehren, da es mir sehr schwer ankommen
wird, meine Verlegenheit zu berwinden.
    Sobald du dir vertraust - antwortete Elsheim -, sobald weit du zu leben;
damit spricht eigentlich dieser gewandte Geist das ganze Geheimnis aus. - Die
Menschen frchtet nur, wer sie nicht kennt, und wer sie meidet, wird sie bald
verkennen. - Dies lehrt uns auch unser Dichter bei einer anderen Gelegenheit,
und es wre unbegreiflich, wie die Menschen diese so naheliegenden berzeugungen
so oft nicht finden, wenn wir nicht wten, da das Allernchste gerade das ist,
was so oft nicht erkannt wird.
    Wen find ich nun dort? forschte Leonhard weiter.
    Zuerst meine Mutter, antwortete Elsheim, eine stille, behagliche Frau,
die dich in nichts genieren und hindern wird. Dann aber einen lieben
Jugendfreund, der nur etwas lter ist, als ich, den Baron Mannlich. Sein kleines
Gut liegt nur eine Stunde von dem meinigen, und er war kurz zuvor, ehe ich die
Universitt besuchte, mein tglicher Gesellschafter, ja in einem gewissen Sinne
mein Lehrer. Mir ist es immer sehr merkwrdig gewesen, von Bekannten, sowie von
berhmten Mnnern verschiedener Nationen diejenigen ihrer Freunde
kennenzulernen, mit denen sie sich in der Jugend verbrderten. Jeder
Jugendfreund, auch wenn er jenen Bekannten vllig unhnlich erscheint, ist doch
wie ein Glied von ihnen anzusehen, und keiner ist noch gewesen, der sich von dem
Einflu dieser Umgebungen htte lossagen knnen. Die Erinnerung an das Wesen
dieser Freunde, an ihre Gesinnungen und Meinungen wirkt noch spt fort, und sie
bleiben ein Mastab, um vieles Ungekannte, Seltsame, oder Lehrreiche zu
erproben. Darum ist auch wohl schlechte Gesellschaft in der Jugend so
gefhrlich, weil es auch dem starken Charakter kaum mglich ist, alle Eindrcke,
die sich in solcher Umgebung bilden, wieder auszutilgen.
    Auf mich, unterbrach ihn Leonhard, kann diese Beschreibung nicht passen.
Denn, nachdem ich die Schule und die Lehrjahre berstanden hatte, trieb mich
mein Beruf und die Neigung in die Fremde und auf Reisen. So knpfte ich
allenthalben nur wandelbare Bekanntschaften und Freundschaften an, und nur
wenige junge Gesellen meines Standes sind mir so lieb geworden, da ich mich
noch jetzt ihrer gern erinnern sollte.
    Ist es mir denn nicht auf hnliche Art ergangen? sagte Elsheim; auf der
Universitt fand ich nur selten einen Jngling zu welchem ich Zutrauen fassen
konnte, und als ich bald darauf meine Reisen antrat, erging sich mein flchtiges
Leben wie aus einem Schauspielsaal in den andern. Ich bin nachher nie wieder mit
jemand so vertraut geworden, wie ich es mit dir auf der Schule war. Darum suchte
ich dich auch gleich wieder auf, als ich von meinen Reisen zurckkam, um mich
wahrhaft an deiner Jugend zu erwrmen, da mein Herz in den vielen vornehmen
Zirkeln wie erfroren war. Deshalb mssen wir auch immer in wahrer Freundschaft
vereinigt bleiben.
    Mir kann oft bange werden, erwiderte Leonhard, wenn ich in meiner kurzen
Erfahrung so oft gesehen habe, wie engverbundene Menschen sich trennen, selbst
hassen, zuweilen um Kleinigkeiten, oder weil sie Kltschereien zu leichtglubig
ihr Ohr liehen.
    Da kommen wir auf den Punkt, fiel der Baron lebhaft ein, da es nur so
wenige selbstndige Menschen gibt. Zu diesen schwachen wollen wir aber nicht
gehren. - Dieser Baron Mannlich, von dem ich dir sagte, ist eine schne,
schlanke Gestalt; sein Blick ist frei, sein Betragen edel; er hat in einem
gewissen Zeitraum den allergrten Einflu auf mein Wesen und meine Bildung
gehabt. Wenn ich oft verwirrt mich umtrieb, so zeigte er sich immer klar und
fest. In meinen Ansichten ber Literatur und Kunst hat er mir vorzglich
fortgeholfen und mich in meiner Liebe zur Poesie gekrftigt. Denn oft ist ein
Fingerzeig eines strkeren Geistes hinreichend, um uns auf lange Zeit in der
richtigen Bahn fortzuhelfen.
    Wohl dem, sagte Leonhard etwas kleinlaut, dem das Schicksal solche
Freunde zufhrt; es kann nichts Klglicheres geben, als in seiner Umgebung immer
der Klgste zu sein, und leider war das unter meinen Zunftgenossen nur zu oft
mit mir der Fall. Man lernt auch wohl einmal vom Geringsten, aber das Schulgeld
ist dann zu teuer. Der Verlust an Zeit und Stimmung in schlechter und
mittelmiger Gesellschaft ist ein Kapital, welches die meisten Menschen viel zu
gering anschlagen.
    Auf meinen Mannlich, fing Elsheim wieder an, habe ich bei unserm
Komdienspiel am allermeisten gerechnet. Er besitzt ein herrliches Talent zur
Darstellung, und seine Stimme ist die schnste, die ich jemals gehrt habe;
darum ist er auch der beste Vorleser, den man finden kann, und die kleine
Eitelkeit ist ihm zu verzeihen, da er nicht leicht, wenn er zugegen ist, jemand
anders in der Gesellschaft etwas laut vortragen, oder deklamieren lt. Von den
brigen Menschen, die du wirst kennenlernen, will ich dir jetzt noch keine
Beschreibung machen, du wirst sie selber zu wrdigen wissen. Zwei schne Mdchen
finden wir, die Frulein Charlotte Fleming und Albertine Fernow: die letzte
wirklich, wie ihr Name, etwas albern. Sie sind uns weitlufig verwandt und
wohnen im Sommer mit einer alten Tante oft bei meiner Mutter. Diese Albertine,
so wnscht meine Familie, habe ich schon im vorigen Jahre heiraten sollen, und
man ist mir bse, da ich so bestimmt ausgewichen bin. O ber die Ehen und ber
die Sucht so vieler guten Menschen, sie zu stiften! Wer einem andern zu einer
milichen Spekulation riete, und jener scheiterte daran und wrde bankerott, der
wrde es bereuen und sich Vorwrfe machen; darum hten sich die Klgern, hierin
zu berreden; aber zu dem noch greren Wagestck, die Menschen in die Ehe
hineinzuschwatzen, sind so viele, besonders ltere Frauen, unermdlich.
    Als es Abend geworden war, rief Elsheim pltzlich: Nun, siehst du, Kind, da
liegt das Nest vor uns, in dem ich geboren bin und die ersten Kinderspiele
trieb!
    Leonhard sah ein groes Gebude vor sich, das mit groen Linden umgeben war,
aus welchen die einzelnen Teile hervorschienen. Waldbekrnzte Hgel zeigten sich
in der Nhe; die Huser der Bauern waren gerumig, und Reinlichkeit schien
Wohlstand zu verknden. Man hielt an; Bediente ffneten den Wagen, und ein
kleiner alter Mann mit entbltem weigepudertem Kopf folgte ihnen; er war in
grauem Rock, schwarzseidenen Unterkleidern und weien seidenen Strmpfen; die
zierlichen Manschetten hoben die Feinheit der kleinen Hndchen noch auffallender
hervor. Er verbeugte sich tief, als der Baron ausgestiegen war, und Leonhard,
der nach dem Freunde den Wagen schnell verlie, erwiderte die Begrung mit
einer ebenso tiefen Verneigung. Ja, sagte Elsheim, das ist mein guter Joseph,
ein altes, liebes Inventarienstck unseres Hauses, der Kammerdiener meiner
Mutter. - Leonhard folgte mit einiger Beschmung, weil er den netten geputzten
Alten fr einen Baron oder Grafen gehalten hatte.

                               Dritter Abschnitt


Leonhard sa am anderen Morgen angekleidet am Fenster und schaute ber den
Garten hinaus in das grne Feld und zu den benachbarten Hgeln hinauf. Er war
frh erwacht und fhlte sich wohl und erheitert, den erquickenden Duft des
Morgens einzuatmen. Es freute ihn, einmal so ganz auf dem Lande einige Wochen
zubringen zu knnen, und indem er nach dem nahen Franken hinberblickte,
erwachten alle seine jugendlichen Erinnerungen mit frischer Kraft, und alle
Jahre, welche dazwischen lagen, entschwanden seinem Gedchtnis.
    Er ging dann in dem gerumigen hohen Zimmer gedankenvoll auf und ab, als der
alte Joseph, zwar im Oberrock, aber doch nett frisiert und mit der frischesten
Wsche hereintrat, um ihn zu fragen, ob er das Frhstck auf sein Zimmer
befehle, aber ob er es in Gesellschaft der gndigen Frau und des jungen Barons
einzunehmen gedenke. Leonhard entschied sich fr das letzte, und Joseph empfahl
sich mit einer tiefen Verbeugung, indem er sagte, da man den Herrn Professor
also unten in einer Viertelstunde erwarten werde. Leonhard war wieder, so wie
gestern abend beim ersten Eintritt in das Haus, rot geworden. Sein junger Freund
strte die beschmenden Betrachtungen, denen er sich eben hingeben wollte, indem
er ihn umarmte und sich teilnehmend und herzlich nach seiner Nachtruhe und
seinem Befinden erkundigte. Meine teure Mutter, sagte er dann, darf dich auf
keine Weise genieren; sie ist die beste Frau von der Welt, gnnt jedem alles
Gute und liebt ihren Nchsten ohne Ausnahme von ganzem Herzen. In ihrer Achtung,
Hochachtung, Verehrung und Ehrfurcht macht sie jedoch natrlich verschiedene
Abteilungen aber nur, wenn es die Not und Etikette erfordert. Ich kann dich
versichern, Geliebter, da du gestern beim Abendessen schon ihr ganzes Herz
gewonnen hast. Und es ist wahr, ich habe mich selbst darber gewundert, wie du
mit deiner stillen Bescheidenheit diese ungesuchte Aufmerksamkeit, mit deiner
natrlichen Weise diesen feinen Ton verbinden konntest. Wir bilden uns so oft
trichterweise ein, so etwas werde nur in unsern, oft so langweiligen Zirkeln
errungen.
    Ich hoffe, erwiderte Leonhard, da mich bald diese ngstigende
Verlegenheit verlassen wird, und ich mich in allen diesen Torheiten freier
bewegen lerne.
    La nur erst, sagte Elsheim, den Schwarm, die Gesellschaft, die Weiber
kommen, so wirst du es so gewohnt, da die Einsamkeit dir nachher vielleicht
drckend wird.
    Sie gingen hinab und fanden die Mutter, welche sie freundlich, aber mit
einer gewissen Feierlichkeit begrte. Indem rief der Baron: Ei, wer kommt da
herangesprengt? Was ist das fr ein dicker Mann?
    Kennst du denn deinen intimen Freund nicht mehr? erwiderte die Mutter; er
hat sich zwar in den fnf Jahren, da du ihn nicht sahest, etwas verndert, aber
er ist doch nicht unkenntlich geworden.
    Ist es mglich? rief der erstaunte Sohn aus, ja, ja, er ist es! Aber wie
ist der Mann stark geworden! Er ist ganz verwandelt und nur mit Mhe
wiederzuerkennen. Der Baron war schnell vom Pferde gestiegen, und sowie der
groe wohlbeleibte Mannlich in die Tre trat, flog Elsheim in seine Umarmung und
rief: Oh, mein Adolph! sehen wir uns endlich nach so manchem Jahre wieder?
    Der Baron Mannlich, als der ltere, erwiderte die Begrung mit
Herzlichkeit, aber gelassener, und beide Freunde betrachteten sich stumm; dann
fragten und sprachen sie allerlei Unbedeutendes durcheinander, wie es bei
dergleichen Szenen des Wiedersehens wohl zu geschehen pflegt. Es wollte in
ziemlich langer Zeit kein eigentliches Gesprch in den Gang kommen. Mannlich
redete dann die Mutter an, und begrte auch den Fremden mit Teilnahe, welcher
auch ihm als Architekt und Professor Leonhard vorgestellt wurde.
    Leonhard begab sich so bald als mglich nach dem groen Rittersaal, um ihn
genau auszumessen und seinen Plan zu entwerfen, wie er am besten zu einem
Theater eingerichtet werden mchte. Seine ehemalige Leidenschaft fr das Theater
kam ihm Jetzt sehr zustatten, da er so manche Bhne gemustert, ausgemessen und
sich alle Erfordernisse derselben genau eingeprgt hatte.
    Als er aus dem Fenster sehend die beiden Freunde im Garten erblickte, ging
er hinab zu ihnen, und sie wandelten in den belaubten Gngen unter heiteren
Gesprchen lange auf und ab. Der Mittag war gekommen, und man setzte sich in
behaglicher Stimmung an die Tafel. Man war noch beim Nachtisch, als Besuch in
mehreren Wagen ankam. Ein Mann von mittleren Jahren half einer alten und zwei
jungen Damen aus einem offenen Wagen, und begab sich, nachdem er mit Anstand
seinen Dienst verrichtet hatte, zu dem zweiten Wagen, um auch dort zu helfen.
Vom zweiten Fuhrwerk hpfte ein ganz junges, bermtiges Mdchen lachend herab,
indem sie die Hand des Helfenden zurckstie; ihr folgte ein Kammermdchen, und
nach diesem ein ltlicher schlanker Herr, der sehr vorsichtig prfend auf den
Tritt und von dort zur Erde sich begab, indem er die angebotene Hlfe des
Hlfreichen so sehr in Anspruch nahm, da er sich von diesem fast mehr heben und
tragen lie, als da er mit eigner Anstrengung auf den Boden gelangt wre.
    Da htten wir ja fast unsere ganze Komdie beisammen! rief Baron Mannlich,
der ihnen entgegengeeilt war.
    Nachdem die Begrungen im Saale mit frmlicher Freundlichkeit, oder
krzeren Redensarten, nach der Eigenheit der Charaktere, vorber waren, und alle
Platz genommen hatten, begann der wohlbeleibte Mannlich mit einiger
Feierlichkeit: Vereinigt sind nun die Hauptsttzen oder die Trger unsers
beabsichtigten Schauspiels, des Lieblingsstckes meines Freundes Elsheim, mit
welchem er sich schon seit vielen Jahren beschftigt hat. Er hat es fr uns
eingerichtet, und ich werde noch einige Verbesserungen fr die bequemere
Auffhrung vorschlagen; aber zugleich erbitte ich mir die Erlaubnis, es den
Teilnehmern nachher in seiner originalen Gestaltung vortragen zu drfen. Denn es
ist natrlich, da in unserer Umgestaltung und Abkrzung manche Motive,
Andeutungen, Charakterzge und dergleichen mangeln, die der Darsteller sich
einprgen mu, um nicht vielleicht vllig in die Irre zu geraten. Wir haben
nicht gewagt, aus eigener Erfindung dem groen Dichter etwas zuzusetzen, und es
ist daher um so ntiger, sich mit dem Original recht vertraut zu machen, um
nicht vielleicht aus Unwissenheit der Absicht des Poeten geradezu
entgegenzuarbeiten.
    Er sah mit seinen groen blauen Augen im Kreise umher; der ltliche
umstndliche Herr nickte ihm sehr lebhaft Beifall zu, die Damen schlugen die
Augen nieder, und jener Hlfreiche, der Mann von mittleren Jahren, ein Herr
Emmerich, fragte mit kurzem und bestimmtem Ton: Und wie besetzen Sie das Stck,
da Sie doch der Direktor der Anstalt zu sein scheinen?
    Wir haben manche Rolle, erwiderte Mannlich, wie Olearius, Liebetraut, den
Abt von Fulda, ausgestrichen.
    O ewig schade! rief das kleine mutwillige Mdchen, so fehlt ja gerade
gleich das Beste im ganzen Stck.
    Es lt sich nicht alles, was wir etwa wnschen, vereinigen, erwiderte
Mannlich sehr gesetzt: Wunder genug, da wir die Sache nur auf unsere Art
zustande gebracht haben, es gehrte der ganze Enthusiasmus unseres Freundes
dazu, die ungeheure Unternehmung mglich zu machen. In jeder groen Bestrebung,
die sich vom Alltglichen losreit, mu man gleich bei der Ausfhrung derselben
auf einen gewissen Abfall rechnen, auf Spne, die, indem sie das Brett formen,
dieses auch dnner und schwcher machen.
    Sie meinen gewi߫, sagte der alte drre Herr, die Hobelspne, und somit
ist Ihre Beobachtung eine sehr richtige.
    So ist es, mein Herr Graf von Bitterfeld, antwortete Mannlich mit einer
fast geringschtzenden Miene.
    Wenn uns alle Bildung feiner macht, sagte in seiner trockenen Weise jener
Hlfttige, Professor Emmrich, so mssen wir freilich gehobelt werden, aber,
was zu wnschen ist, von geschickter Hand, damit nicht unsere Strke selbst mit
in die Spne geht. Die Ausbildung so vieler besteht darin, da sie ganz aus der
Menschheit hinausgebildet werden, wie dort das kleine, zu fein gedrechselte
Wandschrnkchen, an das man nur drcken drfte, um es vllig zu vernichten.
    Leonhard sah mit prfendem Auge nach dem Mbel, und da er ihm ziemlich nahe
sa, konnte er es nicht unterlassen, aufzustehen, um es ganz in der Nhe zu
untersuchen, indes Mannlich etwas hochfahrend antwortete: Der Herr Professor
Emmrich kann es doch nie unterlassen, witzig zu sein. Brechen wir aber diese
Tischler-Gleichnisse ab, in die wir geraten sind, ich wei nicht wie.
    Bei dem Worte Tischler eilte Leonhard, indem er sein Errten fhlte, zu
seinem Sitze zurck. Mannlich, der seine Schluworte mit einem belobenden
Lcheln begleitete, indem er sich zum Professor wendete, fuhr nun so fort: Man
hat mir die Ehre erzeigt anzunehmen, da mein schwaches Talent fr die
Darstellung des Gtz, des Hauptcharakters, nicht ganz ungeeignet sei. Mein
Jugendfreund, Baron Elsheim, wird nach unserem bereinkommen die schwierige
Rolle des Weislingen bernehmen, ich bin berzeugt, sein schnes Talent, sein
edles Sprachorgan, sein Gefhl werden diese Darstellung zu etwas
Auerordentlichem erhhen.
    Rhme mich nicht vor der Zeit, mein Freund, rief Elsheim aus, du mchtest
sonst die Rechnung machen ohne den Wirt.
    Weil ich dich kenne, spreche ich so, erwiderte Mannlich. Die hchst
schwierige, aber auch reizende Rolle der Adelheid haben wir in unserm Rat fr
das liebenswrdige Frulein Charlotte Fleming bestimmt.
    Charlotte erhob das edle blasse Antlitz und sah den Sprechenden mit ihrem
feurigen dunkeln Auge fragend an; Leonhard hatte sie bis jetzt kaum bemerkt,
aber in diesem Moment erschien sie ihm groartig und schn, und er verwunderte
sich darber, wie man diese Schweigsame nicht mehr beachte. Er vernahm nicht
genau, was sie bescheiden einwendete, noch wie sie der Schauspieldirektor
beschwichtigte, weil er den Bewegungen ihrer Mienen, den Gebrden ihrer Hnde
folgte und den einfarbigen, aber angenehmen Ton ihrer Stimme als Klang an sich
selbst so eindringlich fand, da er den Inhalt der Rede berhrte. Er wurde aus
dieser Zerstreuung durch die lebhafte Rede Albertinens, des zweiten Fruleins,
geweckt, die mit Scherz und Ernst gegen ihre Rolle der Maria protestieren
wollte; der Ton ihrer Stimme war hell und silberrein, die Zunge schnell, ohne
doch die Worte zu bereilen; so bestimmt sie sich ausdrckte, so fhlte man in
der Weichheit des Akzents doch, da sie sich berreden lassen wrde und nicht
ungern; es herrschte, mit einem Wort, jene Anmut in ihrem eifernden Protest, die
den kleinen Verstellungen und unschdlichen Unwahrheiten der edlern Geselligkeit
einen so groen Reiz verleihen.
    Und nun - fing die kleine, mutwillige Dorothea an - die grte
Schauspielerin, mich, bersehen Sie so ganz, kunstreicher Baron? Ich hatte mir
auf die Adelheid Rechnung gemacht und dachte das ausbndige Laster so recht
glnzend darzustellen, da alle Welt die Tugend nicht mehr achten sollte - aber
Sie -
    Gedulden Sie sich, Frulein von Selten, sagte Mannlich, fr diesmal
knnen Sie nur mit einer Zigeunerin abgefertigt werden, wenn Sie nicht
vielleicht die hchst schwierige Aufgabe des Franz bernehmen mchten.
    Nein! rief die Kleine aus, den verdrehten Enthusiasten, der von Anfang zu
Ende auer sich ist, will ich auf keinen Fall den hat ja auch schon der Bruder
Albertinen, der Cadet; folglich bleibt mir die Zigeunerin, wenn man mir nicht
vielleicht ihr Gegenteil, die hchst ehrbare Elisabeth, anvertrauen will.
    Aber wo bekommen wir diese edle, hochherzige Elisabeth her? fragte jetzt
lebhaft Albertine.
    Da erhob sich Mannlich und ging mit edlem Anstand zur alten Dame, die mit
den beiden Frulein gekommen war und sagte: Aus dieser Not, Frulein, rettet
uns Ihre liebenswrdige, vortreffliche Tante.
    Wie? ich? rief die Tante mit dem hchsten Erstaunen aus.
    Sie selbst, Verehrungswrdige, und keine andere, antwortete Mannlich. Ich
wei auch, Sie werden sich dem nicht entziehen; ich kenne Ihr Talent und ebenso
Ihre Gutmtigkeit, die es nicht ber sich gewinnen kann, anderen eine Freude zu
verderben.
    Lieber Baron, sagte die alte Dame in einiger Verwirrung, vor zehn oder
zwlf Jahren htte ich Ihren Vorschlag vielleicht nicht so ganz unannehmlich
gefunden, denn Sie wissen wohl noch, da ich mich damals verleiten lie, mit
einigen Befreundeten allerhand Stcke, die damals in der Mode waren, auffhren
zu helfen; aber seitdem bin ich aus der bung, ich habe den Mut, oder bermut,
der dazu gehrt, vllig verloren. Und htten Sie mir wenigstens von Ihrer
sonderbaren Zumutung etwas geschrieben, damit ich mich htte vorbereiten
knnen.
    So wren Sie uns gewi gar nicht gekommen, Vortrefflichste, erwiderte
Mannlich, und daher bediente ich mich dieser kleinen Kriegslist und dieses
berfalles, um Sie fr uns zu gewinnen. Ich habe in frheren Zeiten Ihr Talent
kennengelernt, Sie werden Ihr Gedchtnis nicht ganz verloren haben, und wenn Sie
erwgen, da ohne Ihre gtige Beihlfe alle unsere Anstalten zusammenbrechen
mssen, so werden Sie sich uns gewi nicht entziehen.
    Da die beiden Nichten auch schmeichelnd und liebkosend ihre Bitten
vortrugen, so ergab sich endlich die freundliche Tante darein, die Rolle der
Elisabeth zu bernehmen.
    Und was, fragte der Professor Emmrich, haben Sie mir bestimmt?
    Sie sind Sickingen, Professor, erwiderte Mannlich, und wenn Sie Ihrem
edlen Gesicht einen etwas freundlichern Ausdruck geben, so wird der brave
Rittersmann sich in Ihrer Darstellung uns sehr lebhaft vergegenwrtigen.
    Ich will das mgliche tun, antwortete der Professor, aber nun fehlt noch
Selbitz, Lerse und eine groe Anzahl von Nebenpersonen.
    Es ist nicht zu vermeiden, antwortete Mannlich, da mancher von unserer
ungebten Gesellschaft in diesem so reichen Lebensschauspiel wird zwei,
vielleicht sogar drei Rollen bernehmen, wie es ja auch wohl frher mit diesem
Stcke auf unseren groen, gut eingerichteten Theatern geschah. Unser Professor
Lorenz hier zum Beispiel -
    Wen meinst du? fragte Elsheim.
    Deinen jungen Freund, den du unserm Zirkel zugefhrt hast, den
Architekten.
    Ah! Du meinst meinen Freund Leonhard.
    Nun also, fuhr Mannlich fort, dieser junge treffliche Mann eignet sich
ganz zum Lerse; auch bin ich berzeugt, da er den Bruder Martin vortrefflich
geben wird. So spielte ja auch der groe Schrder vor jetzt ungefhr dreiig
Jahren, als er das Stck in Hamburg auf die Bhne brachte, diese beiden Personen
und den Abt von Fulda obenein.
    Sehen Sie, rief Dorothea, da Schrder die hbschen Geschichten und Spe
mit Liebetraut, Olearius und dem Abte nicht ausgelassen hat. Der verstand die
Sache. Wir kriegen gewi nach Herrn von Elsheims Abkrzungen nur das Erbrmliche
der Geschichte, und das Lustige geht uns verloren.
    Geben Sie sich zufrieden, Frulein, sagte Elsheim, wir knnen die Szene
noch einschieben, wenn Sie uns den dicken Abt darstellen wollen.
    Frulein Dorothea lachte und meinte, wenn es sein msse wolle sie sich doch
lieber in den anstndigen Bischof von Bamberg hineinstudieren.
    Nein, sagte Mannlich ganz ernsthaft, das ist der Teil, der unserm
wrdigen Freunde da, dem Grafen Bitterfeld, zugefallen ist, und der ihn auch
gewi wrdig reprsentieren wird.
    Ein Priester! rief der Graf aus, so ein aberglubischer Pfaffe? Es ist
eigentlich gegen meine Grundstze; indessen da er doch ein Bischof ist und,
soviel ich mich erinnere, nicht vielen katholischen Fanatismus auskramt, so will
ich mich fr diesmal zu diesem Opfer bequemen. Nur, bitte ich, soll es mir zu
keinem Prjudiz gereichen, als wenn ich etwa, wie so manche guten Kpfe unserer
Tage, zum Katholizismus hinberneigte.
    Sie knnen ja noch den Anfhrer der Reichsarmee bernehmen, oder den Kaiser
Maximilian, um jenen Versto gegen die Rechtglubigkeit wiedergutzumachen!
sagte Elsheim.
    Va! es gilt! rief der Graf, ich bitte mir aber lieber den milden,
menschenfreundlichen Kaiser aus, der meinem Gemte mehr zusagt.
    Es pat zum Stck, sagte Mannlich sehr vergngt, und Sie knnen gewi
auch noch eine Gerichtsperson von Heilbronn bernehmen, denn solche Talente, wie
die Ihrigen, mssen wir recht gewaltig in Requisition setzen.
    Nun fehlt aber immer noch der bedeutende Selbitz, warf Emmrich ein.
    Still, Professor! erwiderte Mannlich mit schlauer Miene, es ist fr alles
gesorgt. Wir haben im nchsten Dorf einen Schulmeister, der frher Korporal war,
und dem im Kriege das linke Bein weggeschossen wurde. Dieser, wenn er sich
seiner ehemaligen Husarenlaune nur etwas erinnert, wird uns den rauhen Kerl ganz
herrlich hinstellen, wozu noch der Vorteil und Verzug kommt, da er ein echtes
wahrhaftiges hlzernes Bein mit sich fhrt. - Den Zigeunerhauptmann, lieber
Elsheim, wird dein alter treuherziger nubrauner Frster vorstellen, und zum
Gesindel, den Reichstruppen, Knechten und so weiter mssen wir dann freilich
noch die Klgsten der Dienerschaft aussuchen, denn so ein Privattheater macht
mehr noch, als die Revolution, alle Stnde und Menschen gleich.
    Man lachte, und die Frau des Hauses, die Mutter des Barons Elsheim,
entfernte sich jetzt, weil sie der Vorlesung des Stckes nicht beiwohnen wollte.
Da es ihr ganz unbekannt war, zog sie es vor, sich durch die Darstellung
berraschen zu lassen und der Neugier und Spannung freien Raum zu geben.
    Die Vorlesung whrte lnger, als drei Stunden. Der Rezitierende hatte viele
Not, Wasser, Zitronen und Zucker einzurichten, um in den Pausen seine ermdete
Stimme neu zu beleben. Als er geendigt hatte, nahm der Graf Bitterfeld den
jungen Elsheim beiseit und sagte: Es ist ein auerordentlicher Mann mit den
wunderbarsten Gaben! Es ist kaum mglich, mehr Talente in sich zu vereinigen.
Hat er uns nicht das ganze groe ungeheure Stck so in einem Anlauf vorgelesen,
da man erst recht fhlt, wie das Ganze ein einziger Gu, ein mannigfaltiges
vielstimmiges Konzert in schnster Harmonie ist? Wie gro allein die krperliche
Anstrengung, und was mu nun erst in seiner Seele alles vorgehen! Solche Mnner,
wie unser Baron, sollte der Staat benutzen. Aber daran denkt niemand.
    Elsheim gab dem redseligen Manne vollkommen recht, und nach einem so
bewegten Abend begaben sich alle zur Ruhe.
    Doch konnte Leonhard lange nicht einschlafen, so lebhaft bewegten sich vor
seiner Seele die mannigfaltigen Bilder und Erinnerungen von dem, was er am Tage
gesehen und erlebt hatte. Und wie es zu geschehen pflegt, da von
verschiedenartigen zerstreuenden Eindrcken, von allerlei Vorfllen und Reden,
die wir nicht vergessen knnen, berwltigt, wir uns selbst verlieren, so
geschah es Leonhard, da er sich, sein Gemt und Wesen, und seine lngst
eingewohnten berzeugungen nicht wiederfinden konnte. So nahe war er in seinem
bisherigen Lebenslauf den hheren Stnden noch niemals gekommen, so frei und
ungezwungen hatten die Menschen dieser Art ihre Gesinnungen noch niemals vor ihm
entfaltet. Sollte er seine Gefhle Lgner schelten, oder sollte er seine
Beobachtung sich selber ableugnen! Die wunderlichsten Traumgestalten erlsten
ihn endlich von diesen qulenden Betrachtungen.
    Als man sich am folgenden Tage an die Tafel begeben wollte, sagte der Baron
Mannlich zu Elsheim: Freund, welchen Schatz hast du an diesem Architekten
Leonhard in dein Haus gefhrt! Mir ist noch niemand vorgekommen, der einen so
auf das halbe Wort verstnde. Das Theater gert durch seine Einsicht ganz
vortrefflich, und wir werden acht Tage frher fertig werden, als ich es dachte,
denn er scheut sich nicht, selber mit Hand anzulegen, wenn deine drflichen
Tischler sich oft sehr ungeschickt benehmen. Der Mann hat gewi Italien mit
groem Nutzen besucht. Aber warum vermeidet er, Franzsisch zu reden, obgleich
sein Akzent nicht der schlechteste ist? Ich wrde bei seinen Talenten und
Kenntnissen in meinem Benehmen und Sprechen nicht so schchtern und bescheiden
sein.
    Elsheim war bei Tische sehr vergngt und neckte sich mit der muntern
Dorothea, neben welcher er seinen Platz genommen hatte. Leonhard sa neben
Frulein Charlotte und war erstaunt und ergriffen, sooft sie sich in die
Gesprche mischte und laut eine Meinung uerte. Denn meistenteils sa sie
schweigsam und in sich gesammelt und schien kaum das zu beachten, was in ihrer
Nhe vorging, oder gesprochen wurde. Wenn sie aber in die Rede einfiel, oder
einen Gedanken mitteilte, so schien dem verwunderten Leonhard alles so originell
und von der gewhnlichen Art und Weise abweichend, da er es nicht begriff, wie
diese Art zu denken nicht weit mehr Aufsehen erregte und als etwas Merkwrdiges
von allen beachtet wurde.
    Man sprach natrlich viel vom Theater, von den Einrichtungen desselben, den
Proben und von der Wirkung, welche man von allen den Anstrengungen zu erwarten
berechtigt sei. Es ward manches Glas auf das glckliche Gelingen des Abenteuers
geleert, und Elsheim, der schon heiter gestimmt war, fing an ausgelassen zu
werden. Ihr Freund, sagte Charlotte zu Leonhard, ist heut in einem Humor, der
ihm fremd sein mu, weil er sich so sehr von ihm hinreien lt und in seinen
Scherzen bertreibt.
    Ich versichere Sie, mein Frulein, antwortete Leonhard, da ich ihn schon
sehr oft in dieser Manier gesehen habe, selbst in ganz nchternem Mute. Diese
poetische Trunkenheit bemeistert sich seiner in vielen Stunden, so da er leicht
von Altklugen, oder Moralisierenden miverstanden wird.
    So sollte er immerdar so sein, erwiderte Charlotte, denn dies Wesen
kleidet ihn viel besser, als jene Altklugheit, mit der er sonst auf andere
Sterbliche herniedersieht.
    Ist das Ihr Ernst, Frulein? halten Sie ihn fr hochmtig?
    Fr zu weise wenigstens. Ich habe gestern beobachtet, da er auf einige
allerliebste Torheiten gar nicht einging, ja sie nicht zu bemerken schien. Und
wie behandelt er meine Muhme Albertine! Er lt es zu sehr heraus, da er sie
fr ein Gnschen hlt, und da er in diesen Irrtum hat fallen knnen, beweist
eben, wie wenig Menschenkenntnis er besitzt.
    Leonhard erinnerte sich der Gestndnisse seines Freundes, und da ihm
deutlich war, weshalb diesem Albertine unangenehm erschien, konnte er auch im
Augenblick diesen Tadel und Vorwurf nicht beantworten oder widerlegen; Charlotte
sah ihn von der Seite an und lchelte etwas boshaft. Ich wette, sagte sie
dann, ich wei, was Sie jetzt denken.
    Da Sie eine Zauberin sind, antwortete Leonhard, braucht mir nicht erst
daraus klarzuwerden. Doch erzhlen Sie mir meine Gedanken, weil ich so
vielleicht erfahre, wie ich denken sollte.
    Sie denken im stillen, flsterte Charlotte, die Frauenzimmer halten gut
zusammen und stehen sich redlich bei; wenn beide ihren Verstand so gegenseitig
vertreten, so bilden sie eine Assekuranz, die doch am Ende, wenn Miwachs zu oft
eintritt, bankerott machen mu.
    Sie sind sehr unbillig, antwortete Leonhard, und Sie halten mich auch
weder fr so boshaft, noch so einfltig, da Sie im Ernst so trichte Gedanken
in mir argwhnen knnten.
    Denken Sie nichts Schlimmeres von mir, erwiderte sie etwas scharf, so
werde ich mit Ihnen sehr zufrieden sein. O die Mnner! die Mnner! Liegt nicht
in jedem Blick eine Satire auf unser Geschlecht, und in jeder Schmeichelei eine
Verachtung unserer Schwche?
    Woher in dieser Jugend diese feindselige Gesinnung? fragte Leonhard; und
woher bei so viel Schnheit solcher Mangel an Selbstvertrauen? fgte er etwas
schchtern hinzu.
    Sie wandte schnell das Haupt, und er blickte ihr in die dunkeln Augen. Ihr
Ansehen, sagte sie dann, ist recht ernstlich; wenn Ihr Blick auch, wie bei den
meisten, Unwahrheit wre, so htten Sie es in der Verstellung weit gebracht.
    Leonhard wute nicht recht, was er aus dieser Rede machen sollte. Es war ihm
fast angenehm, da man sich jetzt vom Tische erhob, obgleich ihn seine Nachbarin
anzog, und ihr Wesen ihm wunderbar und rtselhaft erschien. Elsheim war so
ausgelassen, da er alle seine Gste, die lteren und jungen Damen, keine
ausgenommen, umarmte und kte. Seine Mutter, die ihm warnende Vorstellungen
machen wollte, drckte er mit so starker Herzlichkeit an sich, da sie sich
lachend und klagend von seinem Ungestm befreite. Die Tante und die jungen
Nichten, sowie Dorothea, gingen auf ihr Zimmer; Mannlich schlo sich ein, um
seine Rolle zu studieren; die brigen Herren fuhren spazieren, und Leonhard
eilte mit seinem Freunde Elsheim in den Garten, um sich mit ihm in einer khlen,
einsamen Laube in Gesprchen zu ergtzen.
    Nun? fragte Elsheim nach einer Pause, in welcher er den jungen Meister
etwas schelmisch angeblickt hatte, - wie gefllt es dir denn bei uns? Du siehst
oft so nachdenklich aus.
    Gesteh ich es dir nur, erwiderte Leonhard, ich bin verwirrt, zerstreut,
ich kann mich gar nicht so fassen, bin nicht so sicher und ruhig, wie es mir zu
Hause so natrlich war. Ich mache Erfahrungen, auf die ich nicht vorbereitet
sein konnte, ich werde irre an meinen nchsten berzeugungen, ich schwanke so
hin und her, da ich frchte, ich mchte dir und mir unrecht tun, wenn ich in
diesem Zustande etwas sagen, oder behaupten wollte.
    Schon jetzt bist du so konfus? rief Elsheim, ich dachte, das alles sollte
erst viel spter kommen. Aber um so besser; deine Ruhe und Sicherheit knnen
also auch frher wieder eintreten. Aber was kann denn deinen Sinn so
erschttern?
    Ich kann es dir jetzt noch nicht sagen, lieber Freund, um dich nicht zu
erzrnen. Vielleicht findet sich bald eine Stunde zu meinen Bekenntnissen. Ich
habe wohl schon erlebt, da aus einfachen Miverstndnissen und Irrtmern sich
Entzweiung, selbst Feindschaft entwickelte. Sprechen wir von anderen Dingen. -
Alles dies sagte Leonhard fast wie verstimmt und furchtsam.
    Und ich lasse dich nicht, rief Elsheim laut lachend, diese Stunde ist zu
schn, wir sind hier auf lange ungestrt. Und wenn ich fast errate, was dir im
Herzen steckt, oder wo dich der Schuh drckt - wie kannst du denn so lange auf
dem Anstand bleiben und nur zielen und zielen, ohne loszudrcken?
    So sei es denn gewagt! sagte Leonhard mit einem komischen Seufzer. Du
sprachst mir unterwegs fast begeistert von einem Freund, der auf deine Bildung
eingewirkt, der dir in Sachen des Geschmacks zur Richtschnur gedient, der dir
beinahe als Ideal erschien, dessen Stimme du rhmtest, seinen Vortrag
bewundertest, der-
    Eslheim sprang auf und umarmte den Redenden heftig, indem er wieder laut
lachte. ber diesen, liebster, allerliebster Junge und verehrungswrdigster
Freund, geniere dich gar nicht! Rezensiere ihn, brich ber ihn den Stab! Er soll
dir vllig preisgegeben sein, denn wie du ber ihn scherzest, oder ihn ernsthaft
verurteilst, das kann mich nicht im mindesten beleidigen.
    Er hatte sich wieder an seinen Platz gesetzt, und Leonhard sagte etwas
empfindlich: Der Wein hat dich heut so strmisch und ausgelassen gemacht, da
mir bange wird. So schonungslos du diesen alten Freund jetzt aufopferst, so
kannst du mich auch vielleicht in einer hnlichen Laune irgendeinmal wegwerfen.
    Sei gescheit, rief Elsheim, sei nicht kindisch, verstndiger
Aufgeklrter. Das ist ein ganz anderer Fall. Ich werfe ja diesen trefflichen
Mannlich nicht so unbedingt weg; ich kann aber mit einem wahren Freunde, wie du
es mir bist, wohl frei ber einen jugendlichen Irrtum sprechen und dreist
bekennen, da damals ein Star auf den Augen meiner Seele gelegen haben mu, eine
blendende Kraft, ich habe den Brill gehabt, wie es unsere guten Vorfahren
nannten. Das begegnet ja wohl in der heftigen Jugend, da man sich irrt; man
sieht dies und jenes am sogenannten Freunde, das uns strt, man hlt es aber fr
gottlos, es in Rechnung zu stellen, ja es selbst zu bemerken. So taumelt man hin
in einer sonderbaren Selbsttuschung, bis man denn spter erwacht.
    Gewi߫, sagte Leonhard, soll man aber seine Freunde nicht kritisieren; hat
man aber auf Treu und Glauben jemand in Zeiten, in denen man noch nicht
beobachten kann, als Freund angenommen, so ist es auch nichts Unerlaubtes, wenn
man in reiferen Jahren Vertrauen und Liebe beschrnkt, oder zurckzieht.
    Sehr gesetzt gesprochen, antwortete Elsheim, und so will ich dir denn
gern gestehen, da ich in meinem Leben noch nicht so getuscht worden bin, als
in dem Augenblick, in welchem ich diesen meinen Mannlich wiedersah. Ich mchte
sagen, da er seit lange schon seine Natur und sein Wesen ausgezogen und
irgendwohin, wie alte unbrauchbare Kleider, verkauft hat; so hat er sich nun
eine Maske angeschafft, die sein Wesen vorstellen soll, eine treuherzige
Biederkeit, die tapfer und gutmtig aussehen mu, eine Herablassung, wie wenn er
alles am besten wisse und den andern nicht immerdar beschmen wollte. Man fhlt
es ihm an, da er nur mit Leuten umgeht, unter denen er stets der Klgste ist,
oder es sich wenigstens zu sein dnkt. Nichts verdirbt den Mann so sehr und
erniedrigt ihn nach und nach zum alltglichsten Philister. Da hren wir nur
lauter Phrasen, umstndlich ausgesprochen, Dinge, die sich von selbst verstehen,
oder die als ausgemachte Wahrheiten mit kalter Unumstlichkeit gesagt werden,
aber erst tausendfache Errterungen verlangen, ehe sie uns fr wahr oder
verstndlich gelten knnen. Enfin, er ist ziemlich unausstehlich.
    Leonhard mute lachen. Wie mundet dir denn sein Vorlesen? fragte er dann.
    Du hast vollkommen recht, fiel Elsheim schnell ein, wenn du diese Art
vorzutragen vllig unausstehlich nennst. Diese hohle, gemachte Stimme, die in
trockener Affektation das Edle und Natrliche ausdrcken will. Er schenkt uns
keine, auch der allerkrzesten Silben, er dehnt sie vielmehr auf fhlbare Weise.
Unser sogenanntes stummes E wird zwar dadurch nicht beredt, aber wenigstens
vorschreiend und langweilig. So entsteht, indem freilich nichts verlorengeht
oder dunkel bleibt, eine so entsetzliche Deutlichkeit des Vortrags, da von
leisen oder geistigen bergngen, von einem feinen, zarten Schwinden und
Abfallen der Silben in Wehmut und Schmerz nicht mehr die Rede sein kann. So hat
ja auch seine Vorlesung gegen vier Stunden gedauert.
    Und wie wird erst sein Spiel ausfallen, sagte Leonhard, wenn seine
Gebrden ebenso umstndlich sind, wie seine Aussprache! Dann mu diese hohle
Feierlichkeit einen merkwrdigen Effekt machen. Und so drfte denn unser
Lieblingsgedicht zu einer Parodie herabgewrdigt werden.
    Man mu ihn nun schon gewhren lassen, antwortete Elsheim; es geht ja oft
so im Leben, da enthusiastische Plane zum Lcherlichen ausschlagen.
    Nur, fing Leonhard nach einer Pause wieder an, httest du an mir nicht
einen kleinen Verrat begehen sollen, und mich ihm gewissermaen opfern, da du
selbst ihn ganz anders ansiehst, als vor einigen Jahren.
    Was kannst du meinen? lieber Leonhard.
    Er wei ja, da ich ein Tischler bin, und von wem kann er es erfahren
haben, als von dir?-
    Er wei es, sagst du -
    Nun ja, denn er sprach gestern hhnisch von Tischlergleichnissen und
dergleichen.
    O mein Freund, rief Elsheim aus, deute nur nicht gleich jede Zuflligkeit
so, wie einer, der kein gutes Gewissen hat. Ich schwre dir, er lt sich
dergleichen von dir nicht trumen; er bewundert dich im Gegenteil als einen
auerordentlichen Architekten und gelehrten Professor. Er hat dich hchlich
gelobt, und erstaunt nur darber, da du selbst mit dem Hobel so gut umzugehen
weit. Die eigentliche Handarbeit solltest du daher auch lieber unterlassen.
    Du kannst es dir nicht denken, erwiderte Leonhard, wie es einem tchtigen
Arbeiter in die Hnde fhrt, wenn er diese Meister vom Dorfe und diese Gesellen
aus den kleinen Stdten so ganz ungeschickt hantieren sieht. Man kann nicht
lassen zuzugreifen, und dem linkischen Volk einige Griffe zu zeigen. Die Glieder
sind bei vielen Menschen ebenso dumm, wie der Kopf. - Gibt es denn aber, mein
Freund, viele solcher vornehmen Leute, wie dieser Graf Bitterfeld einer zu sein
scheint?
    Guter Leonhard, erwiderte der Baron, dieser Mann ist eigentlich der wahre
einfache Typus unserer Klasse, und was drber oder drunter ist, ist nur als
Abweichung zu betrachten. Von allem etwas wissen und von nichts etwas
Grndliches, Grndlichkeit und Tiefsinn, wo sie sich zeigen, zu verlachen und in
demselben Augenblick eine ernste Miene, ja eine andchtige der Verehrung ziehen
zu knnen, wenn man merkt, da ein Hherer, oder Frst diese Eigenschaften an
diesem und jenem hochschtzt. Spricht er dann in seiner Familie, oder zu den
Vertrautesten ber den Frsten, so ist die Achtung, welche er jenen Kenntnissen
zollt, nur als Krankheit anzusehen; darber sind denn auch alle Genossen einig,
und zwar mit der festesten und kltesten Sicherheit. Alles ist ihm nur
Erscheinung, vorbergehend aus Mode, auer dem Begriff des Adels, der Etikette
an den Hfen, der Uniformen und des Ranges, den jeder bei Tafel, oder in den
Assembleen einzunehmen hat. Alle Mesalliance bei Heiraten, vertrauter Umgang mit
Brgerlichen, Studium einer Wissenschaft, Absonderung und Meiden der groen
Gesellschaft, alles dies erscheint ihm ebenso als Schwrmerei und Fanatismus,
wie die Sekte der Wiedertufer oder Adamiten.
    Und doch lt er sich herab, Komdie zu spielen? warf Leonhard ein.
    Wenn du erfhrst, antwortete Elsheim, da einer der berhmten Kaunitze,
ein Kobenzl ein enthusiastischer Komdiant war, der sich mehr als einmal durch
diese Leidenschaft lcherlich machte; wenn du dich erinnerst, da die
unglckliche Knigin von Frankreich und der Comte d'Artois auch gern Komdie
spielten, den Herzog von Orleans und den Duc Conti nicht einmal gerechnet, so
wird deine Verwunderung aufhren. Es ist seitdem als die Schwche und
Herablassung groer Charaktere anzusehen. Darum wird er auch auf dem Theater mit
dem geringsten Spielenden freundlich und fast vertraut umgehen, denn
Bhnenverhltnisse lsen noch mehr als Badebekanntschaften die Fesseln der
Etikette.
    Leonhard fuhr fort: Wenn sich mir deine Beschreibung des Baron Mannlich
nicht besttigte, so bin ich noch mehr an jener in Ansehung des Fruleins
Albertine irre geworden.
    Wieso?
    Sie ist ja so liebenswrdig, innig und kindlich freundlich, da deine
Schilderung gar nicht auf sie pat. Und ihre Stimme, ohne ihre anderen Vorzge!
Ich habe noch nicht leicht einen Ton gehrt, der so unmittelbar zum Herzen
spricht. Man braucht nicht einmal auf den Inhalt ihrer Rede hinzuhorchen, so
erweckt der Silberklang dieses schnen Organs auch ohne weiteres poetische
Vorstellungen in unserm Gemt, eine anmutige Rhrung, eine schne Erhebung
unsers Geistes.
    Still! mein Freund, rief Elsheim, du bist ganz nahe daran, dich in dieses
Gesichtchen und die klaren blauen Augen zu verlieben, wenn es nicht schon
geschehen ist. - Nun, was werde ich ber Charlotten hren?
    Verliebt! rief Leonhard, sieh Freund, dies ist eins von den Worten, die
in der Welt am allermeisten gemibraucht werden. Ich werde einer solchen Gefahr
nicht unterliegen. - Nun, Charlotte? diese ist eins von den Wesen, so scheint es
mir nach kurzer Bekanntschaft und Beobachtung, ber welche es unendlich schwer
vielleicht unmglich ist, ein wahres Urteil zu fllen. Sie ist ein tiefes,
poetisches Gemt, schweigsam, weil ihr der gewhnliche hergebrachte Ausdruck
nicht gengt, weil der gemeine Gegenstand der meisten Reden und Gesprche ihr
wohl zu gering sein mag. Sie scheint ganz Leidenschaft und Enthusiasmus. In
ihrer Nhe und von ihren Worten berhrt, ist mir gewesen, wie in der schnsten,
ganz poetischen Einsamkeit. Wald und Flu sprechen dann auch, aber in gereizter
und erhobener Stimmung so innigst, da jeder der rtselhaften Laute ebensosehr
zum Schmerz als zur Wonne wird.
    Du bist in einer fatalen hyperpoetischen Stimmung, antwortete Elsheim.
Auf solchen Wegen wirst du die Menschen niemals kennenlernen. Ich sage dir,
deine vergeistigte Albertine ist ein albernes Gnschen, und diese deine
wundersame Charlotte eine recht eigentliche Kokette, nur auf ihre eigentmliche,
etwas seltsame Art. Dich haben gewi in frher Jugend auch jene Sterne, Sonnen
und Blumen erfreut, die man aus dunkelroter, oder rubinfarbener, himmelblauer
und glnzend grner Folie und dnnen Blechen schneidet. Diese Zieraten waren
einmal sehr Mode. Wie matt sieht gegen diese funkelnden Stcke jede Malerei aus!
Selbst die Natur kann in Laub und Blumen nicht mit diesen Prachtstcken
wetteifern. Aber nur ein kindischer Sinn wird davon geblendet, der Maler kann
diese Effekte weder hervorbringen, noch will er es. Die heilige Zartheit der
Natur zieht sich vor jedem Wettstreit mit diesen Dekorationen zurck. Zu diesen
zauberischen Prunkflittern, diesen dunkelglnzenden Folieblumen gehrt eben
Charlotte.
    Du nennst sie Kokette, sagte Leonhard; ist sie es, so mu man sie
hassen.
    Warum das? fragte der Freund; nur nicht Natur, Gesinnung, Gemt und
Wahrheit in ihr sehen wollen, oder die Begeisterung und Freude von ihr erwarten,
die uns ein Kunstwerk zufhrt.
    Du bist deiner Sache auch vielleicht zu gewi߫, erwiderte Leonhard etwas
empfindlich; vielleicht wre die Verbindung mit Albertinen - du sagtest mir,
da deine Verwandten sie wnschten - dein Glck.
    Wie bist du nur? rief Elsheim aus, ich kenne dich heut nicht wieder; du
solltest doch deine Freude, die du an diesen trichten Mdchen hast, nicht mir
anzwingen wollen. Suche jeder sein Glck auf seinem eigenen Wege.
    Leonhard wollte eben antworten, als sie durch einen Bedienten unterbrochen
wurden, der, weil er den jungen Baron schon allenthalben gesucht hatte, keuchend
in die Laube trat. Was gibt's? fragte dieser.
    Ach! gndiger Herr, sagte der Diener, hier ist der alte Frster Rudolf,
der im Hause und im ganzen Garten herumluft, heulend und schluchzend, und der
Sie mit aller Gewalt sprechen will.
    Elsheim ging dem alten Jger entgegen, und dieser lief schon mit den Zeichen
des grten Schmerzes auf ihn zu, die Hnde ringend und dann wieder mit seinem
Tuch die Augen trocknend.
    Alter, um Gottes willen! rief der junge Edelmann aus, was ist Euch fr
ein Unglck begegnet? Fat Euch, alter Mann! Mit den Worten ergriff er die Hand
des Alten und suchte ihn zu beruhigen, erschrocken, wie er selber war.
    Oh, gndiger Herr, klagte der Alte, da mir noch in meinen allerletzten
Tagen dergleichen begegnen mu! Ich dachte, nun bald mit Ehren in die Grube zu
fahren, und soll noch solchen Schimpf vor meinem seligen Ende erleben!
    Aber was ist Euch zugestoen.
    Man sagt ja, rief der Frster, da Sie es durchaus wollen, junger Herr.
Der Heinrich ist zu mir gelaufen gekommen, ich soll einen Komdianten abgeben,
und wenn es noch Kaiser, Knig, oder eine Art Herzog wre, den ich auffhren
soll! Nein, geradezu einen Spitzbuben, einen Mordbrenner! Und auch das wrde ich
mir noch gefallen lassen, wenn der Mensch noch ein ehrlicher, ordinrer
Spitzbube wre. Aber einen Zigeuner soll ich agieren! Ich werde vor allen meinen
Jgerburschen zu Schimpf und Schanden, denn es sind noch nicht zehn Jahre her,
als sie drben, jenseits, ber der Grenze einen solchen verruchten Zigeuner
aufknpfen taten, wie er es auch verdiente. Damals ist die ganze Landschaft von
hier, und ich selber mit, hinbergelaufen, um den Skandal anzusehen. Und nun
soll ich einen solchen giftigen heidnischen Hund vor meiner Herrschaft und allen
Dienern und den Fremden vorstellen. Das berleb ich nicht.
    Elsheim nahm den alten Mann, der ganz auer sich schien, beiseit und ging in
der Lindenallee lange mit ihm auf und ab, um ihn durch gtliches Zureden zu
beschwichtigen. Leonhard beobachtete aus der Ferne ihr lebhaftes Gesprch, und
als sich die Freunde am Abend wieder trafen, sagte der Baron: Nun fngt das
Leiden der Komdie auch schon an, da die Menschen nicht mit ihren Rollen
zufrieden sind.

Es vergingen nun mehrere Tage unter mancherlei Zerstreuungen und verschiedenen
Arbeiten. Das Theater war unter Anleitung Leonhards und des Barons Mannlich
schon bedeutend vorgeschritten; man hatte die Leseprobe gehalten, zu unendlicher
Ergtzlichkeit der kleinen mutwilligen Dorothea. Denn bei Abschrift und
Austeilung der Rollen hatte es sich erst erwiesen, da man eine der
hauptschlichsten bis dahin vllig vergessen hatte, den muntern, herrlichen,
treuen Georg nmlich. Nun bat man dringend und freundlich, da Dorothea diesen,
statt ihrer Zigeunerin, bernehmen mge, und sie lie es sich endlich gefallen,
in der Tracht eines Knaben aufzutreten. Beim Lesen ihrer Rolle wendete sie
manche Stellen hchst mutwillig so, da es wie Verspottung der zerstreuten und
vergelichen Direktoren klang.
    Da flog das Meislein auf ein Haus und lacht den dummen Buben aus, klang,
von ihrem Gelchter akzentuiert und durch ihre Blicke kommentiert, fr den Baron
Mannlich fast etwas zu anzglich. Indessen lie sich seine ehrenfeste Haltung
von dem kleinen Schadenfroh, wenn auch einige mitlachten, nicht aus der
gesetzten knstlerischen Fassung bringen.
    Leonhard hatte auch schon einen Brief von seiner Frau durch seinen Freund
erhalten, nachdem er ihr sogleich nach seiner Ankunft auf dem Gute geschrieben
hatte. In seinem Hause stand alles gut, und so war er jeder Sorge enthoben.
    Ein Teil der Gesellschaft hatte sich bei dem schnen Wetter auf die Reise
begeben, um einige theatralische Vorstellungen in einer namhaften Stadt, wo sich
derzeit eine gute Schauspielertruppe befand, anzusehen. Der Ort war zwar eine
ganze Tagereise entfernt, indessen bestand diese Sommergesellschaft, die sich
auf dem Landhause versammelt hatte, aus Menschen, die mit der Zeit etwas
gromtig umgehen konnten, weil sie, Leonhard abgerechnet, alle ohne Beruf und
Beschftigung waren. Elsheim vorzglich betrieb diese Reise, da er sich von der
Langeweile und Anstrengung erholen wollte, die ihm die gerichtliche bergabe des
Gutes verursacht hatte, wobei die Frmlichkeiten, die Gerichtspersonen, das
Zeremoniell und alles, was zu dergleichen Akten gehrt, ihn wirklich sehr
verstimmten und ihm in diesen Tagen fr sein Theater und die poetischen
Ergtzlichkeiten keine Zeit briglieen.
    Als die jungen Leute nach vier Tagen etwas ermdet zurckkamen, so wendeten
sie sich wieder zu ihren theatralischen Belustigungen. Es war jetzt auffallend,
wie oft man Leonhard mit Charlotten im eifrigen Gesprche sah, und wie die
Schweigsame eilig in Fragen und Antworten war. Elsheim beobachtete sie lchelnd
aus der Ferne und wendete sich zuweilen an Dorothea, um mit dieser ber das
Bndnis zu scherzen, welches jene beiden auf dieser Reise geschlossen zu haben
schienen. Dorothea selbst aber war unterweges der schwermtigen Albertine viel
nhergekommen, und es bildete sich schnell eine vertraute Freundschaft unter den
beiden jungen Mdchen, von denen jedermann bisher geurteilt hatte, da ihre Art
und Weise so vllig verschieden war da sie sich niemals einander nhern wrden.
    Unter den Mnnern verbanden sich, sowie Elsheim den Baron Mannlich mehr
vernachlssigte, dieser und Graf Bitterfeld mit jedem Tage inniger. Der Graf
bewunderte die ausgebreiteten Kenntnisse seines neuen Freundes, so wie er
immerdar von seiner Biederkeit gerhrt wurde. Mannlich war gegen diese
Anerkennung sehr dankbar, und bersah mit Freundlichkeit die Unwissenheit seines
Genossen, dessen edles Herz und Menschenkenntnis er um so hher stellte.
    Am einsamsten schien sich der Professor Emmrich in diesem bunten Zirkel zu
befinden. Er studierte viel in seiner Gartenwohnung, die ihm Elsheim, weil er
des Freundes Launen kannte gern eingerumt hatte. In diesem abgelegenen Pavillon
sah die Dienerschaft noch oft Licht, wenn im Schlosse schon lngst alles zur
Ruhe gegangen war. Emmrich hatte es sich schon frh angewhnt, in der Nacht fast
mehr als am Tage zu leben; er bedurfte nur wenigen Schlafs und weniger Nahrung
und hielt in seiner bizarren Laune das meiste von dem, was andere Menschen
Naturbedrfnisse nannten, nur fr Angewhnung und Nachgiebigkeit gegen
Schwchen. So konnte er lange fasten, viele Meilen dabei zu Fu gehen, ohne sich
ermattet zu fhlen, und er gestand, da er fast niemals Hunger oder Durst
empfinde und sich ebenso ohne Anreiz, nur mit willkrlichem Vorsatz an die Tafel
begebe, wie er sich zum Schlafe endlich niederlege, ohne sich jemals berwacht
zu fhlen. Diese seltsame Lebensweise war auch die Ursache, da sich viele
Menschen vor ihm frchteten, welche unheimliche Furcht sein klarer Verstand und
unbestechliches Urteil noch vermehrten. Denn viele Menschen mgen mit sich
selbst und ihren sogenannten Freunden nur in einer gewissen Dmmerung leben, wo
nichts bestimmt gesehen und unterschieden, wo nichts scharf ausgesprochen wird.
Um so schlimmer, wenn diese einmal aus ihrem Schlaf erwachen. Darum erregt es
dem Menschenkenner kein Erstaunen, wenn so oft Freundschaften, die innig
schienen, sich um eine Kleinigkeit lsen und zuweilen sogar in bittern Ha
verwandeln. Am meisten war Emmrich mit der verstndigen Tante in Gesellschaft,
und es war sichtlich, da auch er Albertinen, welche von der Tante vorzglich
geliebt wurde, den brigen jungen Frauenzimmern vorzog.
    Du wirst krank werden, Albertine, sagte Dorothea, indem sie die Freundin
liebkoste. Die beiden Mdchen hatten sich von der Abendgesellschaft
zurckgezogen und saen, in traulicher Dmmerung plaudernd und erzhlend, einsam
im Zimmer der Tante. Wie ich dich kennenlernte, fuhr Dorothea fort, warst du
so heiter, sahst so klar aus den Augen, sprachst so richtige Vernunft, da es
eine Freude war, dich zu hren und zu sehen. Und auch noch jngst, als wir
hieher reiseten - wie heiter und selbst frhlich warst du - und jetzt verfllt
dein Gemt von Tage zu Tage mehr. Unsere Herzen sind sich auf der Reise so schn
begegnet; so gestehe mir nun auch, was dich so traurig machen kann.
    Ich wei es selbst nicht, erwiderte Albertine, indem sie weinend die
Freundin umarmte. Es ist ja so schwer, das, was uns oft ngstigt, in Worte zu
fassen. Du bist immer heiter und unbesorgt, dich ngstigt das Leben noch nicht,
und darum hte dich, da du nicht auch einmal in diese Stimmung gertst. Sieh,
mein Herz, das Leben selbst ist es, was mich so wehmtig stimmt, denn ich wte
mich fr meine eigene Person ber nichts zu beklagen. Wie schnell ist der
Frhling vergangen, wie bald wird der Sommer vorber sein! Wie hinfllig ist
alles, wie vorbergehend und in den Hnden verwelkend, worber wir uns freuen
mchten! Alles verschwindet, ehe wir es genossen haben, und jeder folgende Tag
straft uns Lgen, da wir uns gestern auf ihn freuen konnten.
    Das kann ich dir alles nicht glauben, erwiderte Dorothea; ich habe zwar
noch nicht so gar viele Erfahrung, aber ich denke denn doch, alle diese
Weichmtigkeiten kommen uns erst, wenn irgend was Wirkliches, ein wahres Leid
unser Herz belstigt. Dich drckt etwas, du geliebtes Wesen, und du willst es
mir entweder nicht bekennen, oder weit es noch selber nicht recht, wie denn das
auch wohl zuweilen der Fall sein mag.
    Nein, Geliebte, erwiderte das trauernde Mdchen, mir ist wohl, mir selbst
tritt nichts feindlich entgegen; es ist eine allgemeine Trauer, die sich meiner
bemeistert hat, eine Wehmut, mcht ich doch sagen, ber alles Geschaffene. Du
bist jetzt meine Freundin; wei ich, wie lange du es sein kannst und wirst? ob
du mir nicht einmal, vielleicht bald, feindlich gesinnt bist? Wie wandelbar, wie
schwach ist das menschliche Gemt! Ich habe ja dergleichen auch schon in meinem
jungen Leben erfahren.
    Jetzt wurde auch die muntere Dorothea betrbt und sagte: Nein, so weit mu
deine Schwermut nicht gehen, da du deinen Freunden unrecht tust, du versndigst
dich damit. Man mu dich schwer verletzt haben, da es dir mglich ist, so
unbillig zu sein.
    Nein! nein! rief Albertine heftig, du irrst dich, mein Herz, und so la
uns denn lieber von anderen Dingen sprechen. Wie hast du dich auf dieser Reise
unterhalten?
    Angenehm genug, erwiderte die Kleine; denn erstlich haben wir einander
nher kennengelernt, dann habe ich viel Neues gesehen, eine Oper, die mir fremd
war, und ein neues Lustspiel, das Museum, die vielen Gemlde, die groe
Wachtparade, und was dann noch auerdem an der zahlreichen table d'hte im
eleganten Gasthofe vorfiel.
    Ja, ja, viel Neues! sagte Albertine seufzend, wren die Sachen nur auch
lblich, wahrhaft aufregend gewesen. Diese armselige Oper und diese neue Sorte
von Theaterstcken - wie kann man nur Interesse an ihnen nehmen?
    Doch, wenn man jung ist. Sind wir denn nicht berhaupt dazu da, immerdar
etwas zu lernen?
    So sprach Dorothea, und Albertine sah sie forschend an und fuhr dann fort:
Sieh, mein Kind, ich verstehe die Menschen gar nicht mehr. Nicht wahr, mein
Vetter, der junge Elsheim, wird von allen Leuten fr einen sehr angenehmen
Menschen gehalten? Man nennt ihn geistreich, wohlgebildet, fein, witzig,
wohlwollend, selbst gelehrt, und wer wei was nicht sonst noch alles! Und doch
sind wenige Mnner, vielleicht gibt es keinen einzigen der mir in jeder Minute,
ja fast in jedem Augenblick, wenn ich in seiner Gesellschaft bin, einen so
lebhaften Unwillen, ja einen tief empfindlichen Schmerz erregt. Wie ist es dir
denn in seiner Gegenwart?
    Mir? fragte Dorothea; wahrlich, mir ist es noch gar nicht einmal
eingefallen, mir diese Frage zu stellen. Er gefllt mir brigens ganz wohl und
kommt mir vor, wie die meisten Mnner.
    O du unschuldiges Kind! rief Albertine aus - du siehst also nicht, wie in
diesem jungen, hbschen, hochfahrenden Mann die ganze Verkehrtheit unsers
Zeitalters so recht sichtlich dargestellt ist? Wie ist er mit sich selbst
zufrieden, wie belehrt und hofmeistert er oft andere ber Dinge, die diese doch
viel besser wissen. Er ist freundlich gegen alle ohne Ausnahme, aber in diesem
Wohlwollen ist so viel bewute und absichtliche Herablassung, da es den
Unschuldigen, dem er sich auf diese Weise nhern will, weit mehr verletzen, als
erfreuen mu. Und sein Lachen, sein hhnisches Lachen - meist ber Dinge, die
ihm nur deswegen komisch vorkommen, weil er sie nicht versteht. Ist nicht ein
recht hochadliger Hochmut in seiner Art, wie er mit seinem brgerlichen Freunde
Leonhard umgeht, der ihn doch, sogar in Gesellschaft, du nennen darf?
    Kind, sagte Dorothea, du tust dem Vetter unrecht. Er ist ein ganz
gutmtiger und, wenn ich es recht berlege, ein allerliebster Mensch. So
gefllig, so nachgiebig, der beste Wirt; gegen seine Mutter, die er doch so sehr
bersieht, so ganz kindlich, so da er es sie nie merken und empfinden lt,
wenn sie manchmal in seiner Gegenwart so ganz einfltig spricht. Er mu dich
einmal eigen beleidigt haben, oder ein Fremder hat dich gegen ihn aufgebracht,
sonst ist mir alles dies unerklrlich.
    Sind doch andere Mnner, fuhr Albertine fort, ganz anders beschaffen.
Betrachte nur diesen bescheidenen, wahrhaft verstndigen Leonhard. Mchte ich
diesen doch das Muster eines gebildeten Mannes nennen, so ruhig und fest steht
er auf sich selbst und bedarf keiner Besttigung von auen oder von andern. Er
hat auch gar nicht das mnnlich Mnnliche, was mir schon als Kind so anstig
und rgerlich war.
    Ich verstehe dich wieder gar nicht, sagte Dorothea.
    Das ist ja mein Leid, fuhr Albertine fort, da ich so ganz anders
empfinde, und nichts davon -, noch dazutun kann. Ist es dir denn nicht schon
einmal im Leben recht empfindlich zuwider gewesen, wenn Mnner beisammen sind
und etwa im Preisen einer Pastete, oder eines delikaten Weines sich ergehn? Hast
du denn noch niemals bemerkt, da dann dieser und jener auf eine recht
widerliche Art den Mund verzerrt, schielt und lchelt und mit den Augen
blinzelt? Mag das Gesprch vorher gewesen sein, welches es wolle, von Religion,
Natur oder Kunst, wobei sie sich oft recht erhaben vorkommen: - nun wird dieser
Ton angeschlagen - und das Tier, das gleichsam knstlich untergeschoben, an den
Ketten der Frmlichkeit und Heuchelei festgebunden lag, springt nun pltzlich
hervor. Viele finden dergleichen an solchen Mnnern liebenswrdig, und ich
schwre dir, mir ist schon oft ein Grausen darber angekommen. Und wenn ich mir
dann denke: dieser, der bei Erinnerung an einen sinnlichen Genu so widerwrtig
grinsen kann, so garstig lachen - dieser soll sich irgendeinmal einbilden, er
knne lieben, oder werde es einem armen getuschten weiblichen Wesen vorlgen -
oder gar ich selbst knnte seiner Falschheit unterliegen - so mu ich schaudern.
- - Siehst du, Dorothea, nun bist du selbst nachdenklich geworden.
    Es war wirklich so. Die Kleine hatte den Kopf in die Hand gesttzt und
machte eine Miene, wie sie Albertine noch niemals an ihr bemerkt hatte. Du hast
wohl nicht unrecht, sagte sie nach einer Pause recht schwermtig, es kann oft
im besten Menschen etwas sein, was eigentlich, wenn man es genau nimmt, recht
unmenschlich ist. Ich habe nur niemals darauf achtgegeben, oder, wenn ich es
einmal bemerkte, und es mir widerlich auffiel, habe ich es nicht so wichtig
genommen.
    Und nun gar, fuhr Albertine mit unterdrckter Stimme fort, wenn sie von
Mdchen und Frauen sprechen, und man, ohne es zu wollen, ihre Erzhlung zufllig
anhrt, wie sich wo unversehens eine Schulter, oder ein Busen enthllt, oder gar
ein Knie entblt hat: - pltzlich dann jene Satyr-Larven, jenes
Faunen-Gelchter, an dem sich die Brderschaft erkennt und ohne Worte sich
zuruft: Lassen wir die Maske fallen, zwingen wir uns nicht, da wir uns doch alle
gegenseitig als Tiere und Vieh lngst kennen!
    Die Mdchen sanken sich weinend in die Arme. Ja, ich bin krank, sagte
Albertine dann, am Leben krank, und der Tod ist vielleicht meine Heilung. Wie
oft trumte ich in meinem kindischen Sinn, da der echte Mann zugleich das Wesen
einer Jungfrau haben msse.
    Manche von uns, erwiderte Dorothea kleinlaut, sind aber auch nicht viel
besser. Und viele Bcher in Prosa, wie in Versen suchen ja auch alles das,
worber wir hier klagen, lcherlich zu machen. Ach ja, man mu sich eben, um
leben zu knnen, in alles finden.
    Ich will aber nicht! rief Albertine mit der grten Lebhaftigkeit, -
hrst Du? ich will es nicht! Und sieh, der Elsheim, den du vorher so verteidigen
und loben wolltest, ist in allen diesen Punkten einer der Schlimmsten. Nicht
wahr, ich werde den meisten rasend vorkommen, wenn ich verlange, da Mann und
Frau, Vater und Mutter auch in der Ehe noch unschuldig bleiben sollen, da den
Geliebten nach dem hchsten Genu ein Hndedruck seines Mdchens noch so
beglcken soll, wie beim ersten scheuen Begren?
    Ach, Liebe, Liebe, sagte Dorothea und schmiegte sich an die Freundin, du
sprichst da etwas Gttliches aus, worber wir vielleicht alle unsere schnen
Trume haben. Wrtlich sagt dasselbe auch Novalis, was du eben aussprachst.
    Novalis?
    Dieses herrliche Buch will ich dir geben, du mut es lesen, es ist erst
ganz krzlich herausgekommen, antwortete Dorothea.
    Ach Kind, fuhr Albertine fort, du wirst mich fr ganz tricht halten.
Erzhle wenigstens keinem Menschen, auch der Tante nicht, von dem, was ich dir
eben anvertraut habe. Ist mir Elsheim gleich zuwider, so kann ich ihn doch nicht
hassen. Oh, seine Blicke sind oft frchterlich! In der Gemldegalerie dort in
der Stadt und noch mehr unter den Antiken und Abgssen wute ich mich, von
seiner Gegenwart gengstigt, gar nicht zu lassen. Die Unschuld selbst, das
Heilige und die Gre der Kunst wird anstig und zum Frechen, wenn er erst
diese nackten Bilder und dann dich mit jenem kritischen forschenden Auge
mustert. Ich htte mich so gern dort unter den Gtterbildern recht ergangen und
mein Gemt in dieser Schnheit erhoben, aber diese Sle wurden mir durch seine
schuldvollen Blicke ein Aufenthalt der Snde. O welche Verschiedenheit unter den
Mnnern! Dieser Leonhard mit seinen redlichen, unschuldigen Augen knnte selbst
dem Zweideutigen Reinheit geben. Er war in diesen beklemmenden Stunden mein
einziger Trost. Mit ihm knnt ich allenthalben sein, ohne mich gestrt zu
fhlen. In seinem Wesen herrscht das vor, was ich das Weibliche, das
Jungfruliche nennen mchte. Wie glcklich mu die Gattin und die Geliebte sein,
die er sich auserwhlt! Ich bilde mir ein, da es nur wenige Mnner gibt, wie
diesen.
    O mein Kind! mein armes Kind! rief jetzt Dorothea aus, dachte ich es
doch, da dein Leidwesen aus einer ganz andern Gegend herstammen msse. Wie soll
das endigen? Was soll daraus werden?
    Nun? fragte jene erstaunt, und was ist es denn, das mir fehlt?
    Du hast dich, war die Antwort, in diesen fremden Menschen, in diesen
Leonhard sterblich verliebt. Oh, du Unglckselige! mich dnkt, ich habe gehrt,
er sei schon verheiratet.
    Die beiden Mdchen waren jetzt aufgestanden. Verliebt? sagte Albertine
nachdenkend - und in Leonhard? Nein, liebste Freundin, das kann ich doch
unmglich glauben.
    Alle Merkmale sind da, sagte Dorothea seufzend, es ist so klar, da du es
nur nicht mehr leugnen solltest.
    Es war ganz finster geworden, und ein Bedienter, welcher sie schon
allenthalben gesucht hatte, rief sie zur Gesellschaft ab, die sich im
Komdiensaal versammelt hatte, um die eben fertig gewordene Walddekoration zu
betrachten, die dort aufgestellt war. Sie gingen hinber und fanden die Freunde
und Bekannten, die bei angezndeten Lampen das neue Kunstwerk beurteilten und
sich daran freuten. Am lautesten sprach der Maler selbst, ein kleiner dicker
Mann, der in einem nahe gelegenen Stdtchen ansssig war. Er setzte die
Richtigkeit, die Perspektive und die Schnheit aller einzelnen Teile weitlufig
auseinander, und der Professor Emmrich schien ihm mit der grten Aufmerksamkeit
zuzuhren. Die Wand, sowie die Kulissen waren ziemlich grell gefrbt, und es war
augenscheinlich nur guter Wille der Anschauenden, wenn sie dem Lobredner in
keiner seiner Behauptungen widersprachen. Als sich der Knstler entfernt hatte,
sagte Emmrich: Es ist fr mich fast rhrend, einen schwachen Handwerker dieser
Art zu sehen, wenn er in seiner Mittelmigkeit meint, ein Meisterwerk
verfertigt zu haben. Wer knnte so grausam sein, den von seiner Kunst Entzckten
auch mit dem gegrndetsten Tadel zu Boden zu schlagen? Lassen wir ihm das Glck
seiner Einbildung, denn fr das, was uns sein Machwerk nutzen oder bedeuten
kann, ist es immer gut genug. Grn ist der Wald wenigstens, das kann niemand
leugnen, und das knnen manche wirkliche Wlder in der Mark und auch anderswo
nicht zu allen Zeiten von sich rhmen.
    Als wenn er es besser machen knnte! sagte Graf Bitterfeld zu Elsheim und
Leonhard, die etwas entfernt standen. Der gute Mann, fuhr der Graf fort, will
in allen Dingen den Kenner spielen, und das ist recht bequem und leicht, wenn
einer, wie der Professor, kein eignes bestimmtes Fach hat, in welchem er sich
auszeichnen knnte.
    Als der Graf sich entfernt hatte, sagte Elsheim zu Leonhard: Mit diesem
Emmrich mut du nhere Bekanntschaft machen. Er ist ein tchtiger Mann, ein
Original, wie sie immer seltner bei uns werden, selbstndig bis zum Eigensinn,
dabei aber billig und freundlich. Er ist hart und tadelt oft scharf diejenigen
als Schwchlinge, die sich beim Frost zu sehr beklagen, und verachtet geradezu
alle, die in der Hitze verschmachten wollen. Und doch ist kein Mensch auf Erden
in einem Punkt so schwach, ja lcherlich empfindlich, als er selbst. Dieser
Punkt betrifft den Zug. Er kann heftig bis zur Grobheit werden, ja selbst
tyrannisch, wenn irgendwer durch bereilte ffnung eines Fensters oder einer Tr
pltzlich Zugwind erregt. Er behauptet, dieser sei eigentlich das gefhrlichste
Gift in der Welt, und Tausende von Menschen strben an diesem Arsenik; doch sei
fr einen solchen offenbaren Giftmischer in den Gesetzen keine Strafe
festgestellt, was eine Barbarei der Zeit beweise und eine gefhllose
Unachtsamkeit der meisten Menschen, die doch sonst fr Leben und Gesundheit so
bermig ngstlich besorgt wren. Die rzte schilt er, was diesen Punkt
betrifft, Ignoranten, und er ist fest berzeugt, da alle diejenigen, die sich
dem Zuge aussetzen und auch in scheinbarer Gesundheit keinen Nachteil spren, es
in Zukunft durch Schmerz und Krankheit abben mssen. - Doch sieh, nun geht die
Tr auf; jemand hat das Fenster geffnet; ich bin berzeugt, er fhlt nichts
davon, aber aus Vorurteil, aus Vorsatz wird er dennoch totenbla. La uns nher
treten; er spricht nicht mehr leise mit der Tante, sondern hat sich erhoben und
mit zorniger Gebrde Fenster und Tr wieder verschlossen.
    Ist Ihnen wieder besser, lieber Herr Emmrich? fragte die Tante mit dem
freundlichsten Ton.
    Gewi, meine gndige Frau, antwortete der Professor; dergleichen geht
schnell vorber, wenn man nur sogleich die Ursach aus dem Wege rumen kann.
    Sie werden sich aber der Luft zu sehr entwhnen, sagte der Graf, der
ebenfalls hinzugetreten war.
    Luft und Zug, antwortete Emmrich, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Und
dann auch diese Luft! Was nennen wir denn so? Wir haben ja keine Instrumente,
die fein und geistig genug wren, um die Qualitten, die Eigenheiten, die
sublimierten Essenzen dieses hchst wunderbaren Elements zu wgen, zu messen,
oder gar zu prfen und zu analysieren. Unser armer Krper ist nur da, um durch
Leid, Schmerz und Krankheit von den unsichtbaren Eigenschaften dieser Luft
Zeugnis zu geben. Man mutet niemand zu, so simpel hin ein Getrnk gut zu finden,
das in bsen Gegenden erzeugt, oder in den Kneipen als Wein ausgeschenkt und
gebraut wird. Ist der Wein nicht ein edles Gewchs? Strkt er nicht Leib und
Seele? Erheitert er nicht das Gemt? Gewi! Aber das ist nicht Wein, was rot,
wei und gelb, bitter, s und sauer oft dem unkundigen Gaumen geboten wird, um
Kolik, Ekel und verdorbenen Magen hervorzubringen. Hat man nun wohl, wenn man im
Jammer liegt, die Gottheit des Bacchus in sich? Den Lethe mchte man aussaufen,
um diesen Acheron nur wieder aus dem Leibe zu splen und zu vergessen. Ein
heitrer Frhlingsmorgen - wie balsamisch! Wie wird unser Wesen gekrftigt und
gelutert! Man schwelgt in den khlenden lieblichen Wogen und fhlt, da auch
unsere Lunge ein Organ ist, um geistig sinnliche Wollust zu empfinden. Aber das
Zeug, was sich so oft im November, Februar, oder nach vielen nassen Tagen und in
der Nhe von Smpfen drauen im Freien herumtreibt, - ist das Unwesen denn wohl
noch Luft zu nennen? Mag der Doktor es vor den Geistern der Blumen und der
Dichter verantworten, der seine Opfer in die Hllen-Atmosphre hinausschickt, um
sich in ihr Gesundheit zu erwandeln, oft in einem Hexenwetter, wo der Cerberus
sich in sein Hundehaus verkriecht und weder dem Befehl des Pluto gehorcht, noch
dem Locken der Proserpina nachgibt, so weit, da er nur die Schnauze aus der
Hhle steckte. Und hat denn die Luft nicht gewi auch Krankheiten, wie Wein und
Wasser? und Gesundheitskrisen und Umsetzungen? Und dennoch - wer drauen wandelt
oder reitet, ist doch noch in einem Krieg gegen das Unwetter begriffen; ein
Element kmpft dann gegen das andere, und in diesem zornigen Anstrengen kann
sich die menschliche Gesundheit noch etwas wahren; aber wenn die Menschen im
Sptherbst, oder in schnder Mrzluft oft drauen sitzen, um so recht
phlegmatisch das zerstrende Gift einzuschlrfen, so stehen oder sitzen sie noch
unter den Tieren, die der Instinkt beschtzt, den diese Luftschnapper in sich
erttet haben.
    Die Tante sagte lachend: Ich sehe, Sie tragen in Ihrem Busen einen
erhabenen Zorn gegen das, was so viele zu ihrer Erholung und Erquickung tun. Es
scheint, Sie haben die Luft so recht nach ihren verschiedenen Qualitten
ausgekostet, und viele derselben verabscheuen gelernt.
    Die Luft, fuhr Emmrich fort, ist Leben und Tod, Schaffen und Vernichten;
aus ihr strmt alles Gedeihen herab, und sie zieht wieder alle Lebenskraft an
sich; sie ist abwechselnd das Edelste und Schlechteste, Heil und Unheil und in
sich selbst ein Rtsel. - Wir verlassen ein Landhaus. Tren, Fenster, Lden,
alles wird dicht, fast hermetisch verschlossen; kein Sonnenstrahl, kein Luftzug
fllt in den verfinsterten Saal; - treten wir nun nach Jahren in dieses Gemach,
so befllt eine beklemmende Angst unsere Brust, ein schwermtiger Lebensberdru
bedrckt uns; wir fhlen, wir atmen eine tote Luft ein, ein verwesetes Element.
Und woher kommt nun der fuhohe Staub, der auf dem Boden und auf allen Tischen
so widerwrtig liegt? Wie hat dieser sich erzeugt? - In jedem Gemach, welches
lange verschlossen war, empfinden wir in geringerem Grade etwas hnliches. Man
weicht vor pestilenzialischen Gerchen mit Abscheu zurck, aber weil das
Ungesunde der Luft weder Auge noch Nase so deutlich empfindet, vertrauen wir uns
ihr oft mit tadelnswrdigem Leichtsinn.
    Sie knnten uns ganz ngstlich machen, sagte die Tante wieder; unmglich
kann man so genau auf sich achtgeben.
    Und soll es auch wohl nicht immerdar, fuhr der Professor fort; wer aber
so fein, oder so krankhaft organisiert ist, da er diese Unterschiede dunkler,
oder deutlicher fhlt, dem soll man diese Krankheit nicht abstreiten, oder ihn
gar davon bekehren wollen. Und nun noch der feine, giftige, arsenikalische
Zugwind! Von dem gewhnlichen, der den meisten Sinnen fhlbar ist, will ich
jetzt gar nicht einmal sprechen. Aber, wer hat es nicht einmal, in der Krankheit
wenigstens, erlebt, da aus einer dicken, festen Mauer eine Luftzug strmt,
fhlbar, unverkennbar? Man hat es zuvor an dieser Stelle nie gesprt, auch
scheine es dort unmglich. Es mu Strmungen der Atmosphre geben, die auf
unbegreifliche Weise auch durch feste Mauern dringen, oder die Luft reflektiert
zuweilen auf hnliche Art, wie Licht und Sonnenstrahlen; der Sto und Widersto
erzeugt sich pltzlich aus Ursachen, die wir nicht entdecken knnen. Man hat
mich oft verspotten wollen, indem meine Freunde mich fragten, ob ich keinen Zug
verspre, indem ein Schrank, oder eine Schieblade geffnet wird? Ich scheue mich
gar nicht, zu behaupten, da ich allerdings etwas hnliches empfinde; es ist die
abgestorbene Luftmasse, die sich mit der Zimmerluft pltzlich mischt, wenn der
Schrank leer ist; und wenn es ein Behltnis der Wsche ist, so quillt aus der
feinsten und reinsten eine widerwrtig erkltende Strmung, der hnlich
(freilich nur im geringen Grade), die uns so trostlos befllt, wenn wir einem
Trockenplatze vorbergehen.
    Der Graf sagte: Darin ist aber etwas Wahres, sosehr unser Herr Professor
auch bertreibt; darum mu man auch, wie ich es halte, immer Wohlgerche
zwischen die Wsche legen und sie selbst im Sommer vor dem Ankleiden wrmen und
durchruchern.
    Nun fingen die Damen, die jngern, wie die lteren, an, sich lebhaft in das
Gesprch zu mischen; pltzlich aber sprang Albertine eilig auf und rannte mit
einem Freudengeschrei einem hbschen, aber noch sehr jungen Manne in die Arme.
Dieser war ihr Bruder, der Cadet, der von der entfernten groen Stadt gekommen
war, um an den lndlichen Festen und Theaterspielen teilzunehmen.

Es war natrlich, da die Freunde das Gedicht vom Berlichingen sehr
zusammengezogen, verschiedene Szenen verlegt und vereinigt und alles so
eingerichtet hatten, da es mit nicht gar vielen Dekorationen und einer
bescheidenen Anzahl von Mitspielern dargestellt werden konnte. Es ist brigens
nicht unbekannt da bei Liebhaberkomdien die Proben eigentlich das
ergtzlichste sind. Alle erstaunten, mit welcher Wahrheit und innigen Rhrung
Albertine die Maria spielte und sprach, in der Sterbeszene Weislingens war sie
und Elsheim so tief erschttert, da beide mit lautem Schluchzen den Auftritt
endigten, und das Frulein sich nachher unwohl fhlte. Am meisten war der alte
Schulmeister, der invalide Husar, welcher mit groer Freude den Selbitz
auswendig gelernt hatte, beseligt, da er mit hohen Herrschaften durch diese
Kunstbung in ein so vertrautes Verhltnis trat. Es war ein Glck, da dieser
Raubgesell keine Szene mit dem edlen Bischof von Bamberg hatte, denn Graf
Bitterfeld, der Vertreter des geistlichen Herrn, nahm es dem jungen Baron doch
sehr bel, da er diesen Invaliden aus einem fremden Dorfe herbergeholt hatte,
um in Goethes Dichtung mitzuwirken. Da des Barons Frster und andere
Dienstleute in kleinen unbedeutenden Rollen auftraten, verzieh er und fand es
zulssig, weil er auch dafr entschuldigende Beispiele in der Theatergeschichte
hoher Aristokratie fand, aber ein unheimischer Diener war ihm unertrglich. Dazu
kam, da dieser Selbitz sich sehr breit machte und sich mehr hervordrngte, als
es seine Rolle eigentlich zulie, so da selbst Mannlich, als Gtz, etwas
empfindlich wurde, und nun, um jenen zu strafen und zurckzustellen, in den
Szenen mit ihm noch gedehnter, langsamer und akzentuierter sprach, woraus aber
der lahme Selbitz den Vorteil zog, da man sein Spiel besser und natrlicher
fand, als das der Hauptperson. Mannlich war aber auch glcklich, da er in jeder
Probe seine tapfere Gesinnung und seine Biederkeit so recht breit, und sicher,
nicht gestrt zu werden, auseinanderwickeln konnte. Indem er nun den Platz der
Szene ganz allein einzunehmen strebte, kam es, da er auf die mit ihm
Sprechenden kaum hinhrte und in die Weise, wie er diese anblickte, eine
unendliche Verachtung legte. Dies geschah aber nicht vorstzlich, sondern
unbewut und in aller Unschuld; denn nicht allein seinen Gegner Weislingen,
sondern Frau und Schwgerin, sowie Georg, behandelte er ebenso, blo von dem
Gefhl geleitet, welches er ber sich selbst und seinen hohen Wert empfand.
Elsheim sah dies alles mit einer gewissen Schadenfreude an und verga darber
ganz, da er bedeutende Kosten, Zeit und Anstrengung darauf verwandt hatte, das
herrliche Werk seines hochverehrten Dichters zu parodieren, und in ein komisches
Licht zu stellen.
    Leonhard war in jedem Augenblick hinter der Szene mit Einrichtungen,
Verbesserungen und Ratgeben so beschftigt, dabei von seinen eigenen Rollen so
hingerissen, da er von diesen Nebensachen, wie von wichtigern Vorfllen wenig
bemerkte. Er spielte wirklich den Bruder Martin und in den sptern Akten den
Lerse. Wenn ihn etwas zerstreute, so war es die Aufmerksamkeit, welche er,
selbst wider seinen Willen, Charlotten widmen mute. In jeder Bewegung, in der
Art zu sprechen, in der Manier, mit welcher sie oft aus der Rezitation ihrer
Rolle in die gewhnliche Sprache, um etwas zu fragen oder anzuordnen, berging,
fand er neue Reize. Er begriff es jetzt nicht mehr, warum sie nicht jene
Lebhaftigkeit und vornehme, ja hchst edle Schalkheit, mit welcher sie die
Adelheid so meisterhaft vortrug, auch in ihrem wirklichen Leben annehme, denn
ihm schien, als wre ihr diese Sprechweise und ihre Gebrde viel natrlicher,
als jene schweigsame Ruhe und fast tonlose Klte der Rede. Indem nun alle sich
mehr oder minder mit ihren Rollen abmhten, verschwand ihnen in diesen Tagen ihr
eignes wirkliches Leben fast gnzlich, und jeder ertappte sich darauf, da er
auch in den Freistunden seine angelernte Rolle fortspielte.
    Diese Selbsttuschung erreichte beim Grafen Bitterfeld einen so hohen Grad,
da er sich es jetzt erst lebhaft zu Herzen nahm, da man im letzten
Friedensschlu die Bistmer Bamberg und Wrzburg skularisiert habe. Er fate so
lebhaft Partei fr die geistlichen Frsten, da er sich mit dem Baron Mannlich,
den er verehrte, fast ernsthaft verfeindete, weil dieser, seiner Rolle als Gtz
getreu, den Despotismus, die Heuchelei und den Geiz der Kirchenfrsten heftig
schalt und mit den grellsten Farben ausmalte, und selbst nicht hinhrte, als
Emmrich, um ihn zu beruhigen, erinnern wollte, da dieser Tadel die letzten
milden und gromtigen Bischfe nicht treffen knne. Der Schulmeister Selbitz,
als Mitglied der Kirche, sowie der Ritterschafe, war dreist genug, in diesem
Streit auch seine Meinung abzugeben, auf die der hochgestellte Bischof aber gar
nicht achtete, und die Gtz mit den lautesten Worten und Redensarten als ganz
ungehrig abwies. Als Husar war Selbitz ganz der freibeuterischen Gesinnung des
lahmen Kmpen beigetreten, konnte sich aber als Schulmeister, obgleich er
Protestant war, eines gewissen Respekts vor der Wrde eines Bischofs nicht
erwehren. So war denn also seine Meinung schwankend und ungewi und wurde
deshalb auch bald aus dem Felde geschlagen.
    Alle muten ber das Talent des blutjungen Cadeten erstaunen. Er spielte
seinen Franz mit einer solchen wahren Leidenschaftlichkeit, da er in jeder
Szene von allen Anwesenden groe Lobsprche einerntete. Charlotte lchelte ber
diese lebhaften Liebeserklrungen, und Albertine wurde um ihren Bruder besorgt.
Die kleine Dorothea erregte in ihrer Rolle des Georg Freude und Gelchter, weil
sie alles neckisch und doch tief empfunden zu sagen wute, so sehr, da sich
alle um so mehr, ohne es sich zu gestehen, ber den ganz hlzernen,
hochfahrenden Gtz rgerten.
    Der einzige Unglckliche war der alte Frster mit seinem Zigeunerhauptmann.
Denn soviel ihm auch Elsheim zugeredet hatte, sosehr er ihm den Scherz aus dem
richtigen Gesichtspunkte vorzustellen versuchte, so gelang es ihm doch nicht,
die Schwermut des Alten zu bekmpfen.
    An einem Nachmittage, als Leonhard sich in den Garten begeben hatte, um die
Khlung aufzusuchen, traf er Charlotten in jener abgelegenen Laube, in welcher
er neulich sich lange mit dem jungen Baron unterhalten hatte. Sie war ganz
allein und schien vllig in Lesung eines Buchs vertieft, doch bemerkte sie ihn
und erwiderte seinen Gru mit freundlicher Hflichkeit. Auf ihre Einladung nahm
er Platz an ihrer Seite, und indem er sie betrachtete, schien ihm das blasse
schne Angesicht in der Dmmerung der grnen Bltter noch schner und erhabener.
Ihr Auge war schwermtig, und indem sie das Buch aus der Hand legte, sagte sie
mit ihrem silberklingenden vollen Ton: Es ist wundersam, wie man sich immer
wieder mit Vorsatz und Kunst diese tiefen Schmerzen bereitet. Ich wei es nun
stets voraus, wie tief mich dieser Werther bis in den Grund meiner Seele
erschttert, und dennoch mu ich immer wieder, selbst wenn ich nur etwa in dem
Buche blttern will, die ganze so furchtbar schne Dichtung durchlesen.
    Es ist ein Buch an sich selbst, sagte Leonhard, man vergit vllig, da
es von einem Autor herrhrt. Ich kann niemals ohne den Schauer einer Andacht
diese geweihten Bltter aufschlagen. Will man von Natur, Liebe, Leidenschaft,
Lebenslust und Todessehnsucht, von der erhabenen Verzweiflung an sich und allem
Geschaffenen, von Kinderweisheit und dem Wahnsinn des gebrochenen Herzens etwas
Ewiges vernehmen, so sind hier die Orakelsprche, die jedem verstndlich tnen,
der nur Herz und Gemt zum Tempel mitbringt.
    Sie sah ihn durchdringend an. Sie sprechen, sagte sie dann, als wenn Sie
alles dies erlebt htten.
    Mit diesem Dichter, erwiderte Leonhard, erlebt man alles, was er uns sagt
und singt. Es ist kein vergngliches Wort, kein gefrbter Schatten, der
vorberfhrt, sondern die Wahrheit selbst, das Leben der Herzens. Wer diesen
Dichter nur lesen will wie etwa anmutige Lieblingsautoren, wer nicht ganz in ihm
sich verliert und mit allen Gesinnungen in ihm aufgeht, wer dies nicht kann, der
tut besser, ihn aus der Hand zu legen.
    O Sie Prophet! sagte Charlotte, - warum ist es mir nicht so gut geworden,
Sie viel frher kennenzulernen? - Sie gab ihm die Hand und drckte sie ihm so
herzlich, da es ihm durch alle Sinne zuckte. Es kam Gesellschaft, mit der sich
jetzt beide schweigend vereinigten.

Am Vorabend der Auffhrung waren die meisten Mitglieder der Gesellschaft im
Gartensaal versammelt. Auch die Mutter Elsheims war zugegen, und man ging noch
einmal die Liste der Gste durch, welche man zu der Feierlichkeit gebeten hatte.
Denn Elsheim hatte seinen Willen nicht durchsetzen knnen, da nur vor der
Mutter und den Bauern des Gutes gespielt werden sollte. Einige Knstler
uerten, da es sich nur lohne, vor Freunden und Kennern sich so, wie sie
tten, anzustrengen, und die alte Baronesse wollte durch ihre Einladung einige
vornehme Damen sich verbinden, die sich seit einiger Zeit, da sie ihnen lange
nicht geschrieben, fr vernachlssigt halten konnten. Alles war mehr oder minder
in Spannung, und viele trumten schon von den Siegen, die sie am folgenden Abend
erringen wrden.
    Ein Bedienter bergab der alten Dame einen Brief, bei dessen Anblick diese
ausrief: Was ist denn das? Was soll ich denn damit? Er ist nicht an mich und
auch nicht an meinen Sohn. An den Meister Leonhard - abzugeben auf dem Schlosse
bei - Meister! Was heit denn das?
    Meister? wiederholte die Tante, Mannlich und am lautesten der Graf
Bitterfeld. Indem trat Elsheim mit seinem jungen Freunde herein. Er hrte den
Ausruf, sah den Brief und bemerkte, wie Leonhard rot geworden war, auf den sich
aller Augen sogleich prfend richteten. Er ging schnell zu seiner Mutter, nahm
den Brief ihr aus der Hand und sagte: Ach! ich wette, Leonhard, das kommt von
deiner groen Beschtzerin, der italienischen Grfin Manfredoni. Du erlaubst mir
doch, das Schreiben zu erbrechen? - Richtig, sie mahnt dich ziemlich dringend an
die versprochenen Baurisse zu ihrem Sommerpalais; hre nur, mein saumseliger
Freund, wie dringend sie es macht. Er las:

Mio caro Maestro,

Ich habe Ihm schon, ehrenwerter Professore und auch groer Maestro in
Architettura, vor'gen Jahreszeit sehr ersucht und angeflehentlich erbeten, mich
zu helfen von wegen meiner Bau-Enthousiasme fr mein schn Gartenhaus. Aber Ihr,
sehr angebeteter Maestro, scheint Dolce far niente zu sehr zu exercire auf
Unkost meiner Gartenanlagenheit. Caro amico, bedenk Du doch, da ich sehr alt
Weib bin, eine Donna von die sechsundsechzig, und habe nicht mehr viel Zeit zu
verpasse und Maul aufzusperre, denn die Dringlichkeit will, wenn nicht vorher in
mein Erbgrbnis spatzir soll, da Er, Maestro, Meister oder Professore, schnell
mach und auch geschwind und cito citissime, weil ich in die andre Welt dort
nichts von Ihm kann baue lasse; denn warum? ist nichts dort von Zimmerleut und
Mauermann anzutreffen, als die armselig Totengrber. Hat Er also, Carissimo,
christlich commiseratione und amore zu mich oder amico mir verbleiben will, so
tu Euer Hochgeborn Professore und Meister sich ber eine alte Person erbarmen.
Eure Ri haben mir, die Er mir dargestellt, sehr wohlgefallen; tu mir nun,
liebster Mann, die complaisance, mit Ausfhrung nachzukommen. Wenn aber kleine
Landstreicher wird, ein vagabundo, so kann freilich Architettura in mein Garte
nicht gedeihe. Will Ihm nur sagen, Meister da meine trkische Generation von
die bunte hbsche Ente, die Er so gerne fttern tat, abgestorben und verschieden
sind, konnte Klima hier und Kultus nicht vertrage; das nun, mit mein Alter
zugleich, und auch Schmerze in die Hfte, so da genannt und tituliert wird
Sciatica, hat mich denn auch an mein selig Ende erinnert. Die ich brigens
verharre con l'estimazione, wie sich dem, Meister auf deutsch, auf mein besser
Sprach Maestro gebhrt,
                            l'amica sua Contessa Carolina Elisabetha Manfredoni.

Post Scriptum. Bitte mir gute Bleistift von Seiner Reise mitzubringen, hier
brechen alle ab, wenn sie schreiben sollen. Sonst lebt hier noch alles und ist,
bis auf mich, ziemlich gesund.

Die Zuhrer erfreuten sich dieses verwirrten Briefes, und Leonhard war beschmt,
denn er wute wohl, da sein Freund diesen halbdeutschen Galimathias nur
improvisiert hatte, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen. Mannlich erging sich
in weitlufigen Beweisen, wie sich eine verwhnte italienische Dame auch in
solchem kleinen Briefe nicht verleugnen knne, und wie die Fremden doch niemals,
wenn sie auch noch so lange in unserm Vaterlande wohnten, zu Deutschen wrden.
Indem nun dieses Kapitel errtert ward, zog sich Leonhard mit seinem Briefe
nachdenklich auf sein Zimmer zurck und las dort unter mancherlei
widersprechenden Empfindungen den wirklichen Brief seiner Frau.

Lieber Leonhard!

Ich sehe, da es Dir gut geht, und wnsche, da dies so bleiben mge. Mir bleibt
es noch ungewohnt, Dich nicht hier in unsern Stuben zu sehen. Alles ist mir so
de, und unser kleiner Franz kommt sich auch so verwaiset vor. Der Meister
Krummschuh kommt fter zu uns und gibt mir und Deinem ltesten Gesellen, dem
Hannoveraner, guten Rat. Ich kann dem kleinen dicken Mann unmglich bse sein
(denn er meint es so gut mit uns), wenn er immerfort auf dich stichelt, und
sagt, Du wrdest noch ganz zum Edelmann werden in Deiner hochadligen
Gesellschaft; denn Du httest Dich schon als wandernder Handwerksgeselle mit
Deinesgleichen nicht viel eingelassen; Du wrest immer zu stolz und hochmtig
gewesen, und dergleichen mehr. Er hat, so gut er ist, doch immer einen kleinen
Neid auf Dich, da Du Dich ansehnlicher ausnimmst und in jeder Gesellschaft
Deine Person so ziemlich vorzustellen weit. Denn das mu wahr sein, guter
lieber Wilhelm, da ich Dich noch fast nie mit den Vornehmen so verlegen gesehen
habe und so linkisch oder grotuerisch, wie so manche Brgersleute, die dann
auch oft so kuriose Redensarten gebrauchen, da die Ausgelernten heimlich, oder
auch ffentlich darber lachen. Der Hannoveraner hat einen groen knstlichen
Schrank fr den Herrn von Heimbttel bernehmen mssen, der die Arbeit eilig
eilig haben will. Krummschuh tat sich damit gro, da er Rat geben mute; er
schmunzelte viel, wurde aber dunkelrot, wie er das an sich hat, bis in seinen
fetten Nacken hinein, wo ihm dann, wie Du weit, die Ader so dick aufschwillt.
Er war nmlich so verlegen und wute eigentlich nicht links, nicht rechts, so
da es ihm unser Hannoveraner Gottfried immer wieder anders auseinandersetzen
mute, der das Ding gleich weghatte, whrend der Kleine es doch nicht wollte
merken lassen, wie er es nicht recht begriffe. Das ist mit Euch Handwerksleuten
doch etwas recht Besonderes, da der eine so viel Einsicht und Verstndnis hat,
und ihm das Geraten sozusagen in die Hnde luft, und andere sich placken und
qulen und es doch immer nicht recht zustande bringen. Doch das ist wohl in
allen Stnden, mit Gelehrten und Beamten und selbst Generalen und Frsten
ebenso. Das ist die groe, groe Ungleichheit im Reiche der Geister, und dann
wollen die Menschen doch oft noch die vlligste Gleichheit unter den Menschen.
Aber darin versteht der kleine Krummschuh keinen Spa; er will allen Adel
abgeschafft haben und auch die Frsten und Minister; jeder soll sich selber
regieren, meint er, und keiner sich um den andern kmmern; und wenn er dann
recht in Eifer gert, so schilt und zankt er auch auf Dich, besonders weil Du
mit einem Edelmann so mir nichts dir nichts fortgereiset bist. Das wre mir
alles nicht so ganz wichtig, aber mit unserem alten Magister geht es viel
ernsthafter her. Der wunderliche greise Mann tritt ganz ber die Strnge. Ich
frchte, er bleibt uns ganz aus, so gewaltig hat er sich verndert, und der
kleine Franz sagt auch, er knne gar nichts mehr von ihm lernen, weil er immer
so konfuse spreche; und einmal hat er so wunderlich hantiert und sich ohne Not
ereifert, da das Kind ihm weinend fortgelaufen ist und mir seine Not geklagt
hat. Der alte Mann hat, wie ich in die Stube ging, was hergefaselt, was ich
nicht habe begreifen knnen. Er hat mir auch einen Brief geschrieben, ziemlich
umstndlich, aus dem ich mich auch nicht habe finden knnen. Das ist entweder
recht dummes Zeug, oder recht tiefsinnig, vielleicht beides. So tut es mir also
recht weh und bang, Liebster, da Du nicht hier bist und mir das alles recht
auseinandersetzen kannst. Denn ohne Dich bin ich doch in vielen Sachen gar zu
einfltig, und so rgert es mich jetzt eben auch, da ich mit der
Briefschreiberei nicht so recht fortkann; mir ducht, mit der Zunge und mit dem
Sprechen geht es um vieles besser. So ist auch der Knig, der benachbarte, hier
durchgekommen; dem sind sie hier nicht grn und gewogen, aber sie hatten ihm
doch etliche Ehrenpforten und Latten und Leinwand aufgebaut und alles dann recht
hbsch berpinselt. Wie sie denn mit Pinseln jetzt alles machen. Am Abend hatten
sie auch Lampen hineingehngt, von allen Farben. Jetzt ist alles wieder
abgerissen. Sie sagen jetzt, Stadt und Brgermeister htten zuviel getan,
indessen hat unser Frst doch gewi um diese Herrlichkeiten gewut und sie
gebilligt. Neulich htte fast ein groes Unglck entstehen knnen. Unsere groe
Cyperkatze sa ganz ruhig vor unserer Tr in der Sonne. Da kommt der junge Herr
von Wermuth vorbei mit seinen zwei groen grimmigen Jagdhunden. Und, wie die
jungen Barons oft sind, hetzt der junge Mensch seine Hunde auf die arme
friedfertige Katze, die an so was nicht gewhnt ist. Anfangs will sie sich dann
wehren und macht die Anstalten, wie die Katzen tun, aber die Hunde lieen sich
nicht abhalten. Franz lag im Fenster und weinte und schrie. Ich will
hinausrennen, aber sowie ich die Stubentr aufmache, rennt unsere Katze, ohne
sich umzusehen, denn sie konnte nur in die Stube treten, mir in der Angst vorbei
und in unseren Hof hinein, von dem die Tr gerade offen stand. Ich denke, sie
wird sich auf den alten Nubaum hinaufretten, wie das die Katzen pflegen. Aber
in ihren Nten vergit sie alles Vernnftige und springt zu unserm Phylax,
unserm groen Kettenhund, in sein Hundehaus hinein. Nun dacht ich doch wirklich,
die arme Kreatur wre aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn Du weie es ja,
da sie den Phylax, und er sie nicht leiden konnte. Aber, wie ein galanter
Ritter, von denen man liest, stellt sich der dickkpfige ramassierte Hund vor
sein Hundehaus hin und treibt so grimmigen Spektakel, da er die beiden groen
Bestien wegbeit und fortbellt. Schon wie sie weg waren, rsonnierte das Tier in
seiner Sprache noch lange ber diesen unverschmten Bruch des Burgfriedens. Der
junge Herr wollte mir mit seiner hflichen Galanterie einige Entschuldigungen
sagen, ich aber antwortete ihm ganz schnippisch und empfindlich, der Hund wre
diesmal galanter als er gewesen, denn dieser htte, wie ein Ritter, die Katze,
als Dame, die er eigentlich nicht leiden knne, verteidigt. Er lachte und ging
ab. Nun ist das nur das Wunderbare, da seitdem der Hund und die Katze die
allerbesten Freunde sind. Sie besucht ihn oft, sie darf mit ihm speisen, und
wenn er von der Kette los ist, sieht man sie manchmal beide im Sonnenschein im
Hofe liegen, und wie sie ihren Kopf an den seinigen lehnt und ihn so vertraulich
mit den zugekniffenen Augen ansieht. Auch spinnt sie in seiner Nhe, worber,
wie Franz versichert, sich der Phylax gewaltig soll verwundert haben, als er das
zum erstenmal gehrt hat. Seitdem hat auch Franz mit dem Phylax, vor dem er sich
sonst immer frchtete, einen zrtlichen Freundschaftsbund geschlossen, und so
sieht man jetzt die drei lieben ungleichen Kreaturen oft auf dem Hofe spielen.
So wre das denn alles Wichtige und Unwichtige, was ich Dir erzhlen knnte; am
meisten liegt mir der Magister auf dem Herzen. Ich schicke diesmal den Brief
gerade an Dich, und nicht, wie wir ausgemacht hatten, durch Einschlu an Deinen
Baron; denn, aufrichtig gesagt, ich traue dem jungen Herrn nicht so recht.
Vielleicht liest er heimlich mein Geschreibe, um darber zu lachen oder er
liefert es nicht gehrig ab, weil ich Dich vielleicht antreibe, recht bald bald
zurckzukommen, und das tu ich denn auch hiemit, denn mir wird oft so bnglich,
da Du nicht da bist. Ich gehe oft aus einer Stube in die andere, als wenn ich
was suchte, und wenn ich mich dann besinne, ist es blo, da Du mir fehlst. Ja,
wo der Hausherr nicht ist, da ist das ganze Haus verdet. Ach, Liebster, es ist
ja auch gut und hbsch hier. Aber freilich, treibe dort nur Dein Geschft zu
Ende, freue Dich an der Reise und mit Deinem Freunde, nur denke auch hbsch oft
an mich und bleibe mir gut dort unter allen den wildfremden Menschen, die es
doch niemals so gut mit Dir meinen knnen, wie sie sich auch anstellen mgen,
als ich,

Deine getreue Friederike.

Dieses Blatt versetzte den jungen Meister unmittelbar in die rhrende
Beschrnktheit seines brgerlichen Verhltnisses. Er sah sein Hinterstbchen vor
sich, den Hofraum, die aufgeschichteten Bretter, den duftenden alten Nubaum, in
dessen Blttern die Abendrte spielte, er vernahm das Gerusch seiner
arbeitenden Gesellen und den rhrenden, herzlichen und heitern Ton seiner
Friederike. Er mute sich fragen, wie er denn in diese Umgebung gekommen sei,
und was er hier wolle. Pltzlich mit allen seinen Gefhlen aus dem Taumel
herausgerissen, der ihn bis jetzt umkreiset hatte, erinnerte er sich mancher
wunderbaren Erzhlung, wie ein Mensch verzaubert und gebannt sein knne, da er
sich, trotz seines bessern Willens, den ihn fesselnden Kreisen nicht zu
entziehen vermge. So gemahnte er sich. - Er ging unwillig, unbestimmt im Zimmer
auf und ab, setzte sich an das Fenster, ffnete dies, schaute ber den Garten
hinweg in das Feld hinaus und suchte eigentlich nach Gedanken, um diesen
verwirrenden Empfindungen zu entgehen.
    So traf ihn Elsheim, der ihn aufsuchte und besorgt forschte, ob jener Brief
auch keine betrbenden Nachrichten enthalte. Nein, Liebster, sagte Leonhard,
aber wie sehr ich mich beschmt fhlte, als du mit deiner Geistesgegenwart
jenen italienischen Brief improvisiertest, damit ich nur nicht als
Tischlermeister in eurer Mitte stnde, kann ich dir nicht ausdrcken. Seh ich
nun Sge, Hobel, die Gertschaften dort im Saale an, so ist jeder Ruck des
Instruments, jeder Aufschrei desselben fr mich wie ein hhnender Vorwurf.
    Du hast meiner Freundschaft dich und deine Zeit aufgeopfert, sagte
Elsheim, ihn begtigend. Du hattest selbst Lust an dieser Reise, deine
Maskerade ist jetzt nicht mehr aufzuheben, und du kannst mir nur danken, da ich
dich nicht fr einen Reichsgrafen ausgegeben. Als solchen wrden dich die alten
Mtterchen und Bitterfeld so in Untersuchung und ins Gebet nehmen, da deine
Unwissenheit in Genealogie und Stammbumen bald an das Tageslicht kme, in der
Architektur kannst du es aber hier gewi mit allen aufnehmen.
    Und morgen also?
    Ja morgen, Freund Leonhard, luft nun das groe gewaltige Kriegsschiff vom
Stapel. Ich habe mit meiner Mutter noch viele Kmpfe gehabt. Da hat sie die
Schwester meines Vaters einladen mssen, die zwlf Meilen von ihrem Kloster
herkommt, wo sie protestantische btissin ist. Diese Dame hat eine Zeitlang in
Paris gelebt, sie hat in der Jugend am Hofe eines Frsten Racines Andromaque
franzsisch deklamiert und gespielt, zum Erstaunen, wie man erzhlt, aller
Menschen. Wird also in ihrer Familie Komdie gespielt, so wrde sie, wie meine
Mutter sagt, es fr die allergrte Beleidigung halten, wenn man sie als
Kennerin und ausgemachte Knstlerin nicht dazu beriefe. Sie bringt nun gar noch
eine Frstin mit, eine alte Dame, die wenigstens den Titel Durchlaucht verlangt.
Diese furchtbare Fee geniert selbst meine Mutter. Ein Minister-Resident des
benachbarten Hofes hat sich auch melden lassen, so da wir, da das Haus schon
besetzt ist, fast in Verlegenheit kommen, wo wir alle diese vornehmen Gste
einquartieren sollen. Ich hatte es mir anfangs so schn ausgedacht, da wir alle
diese Spe so ganz unter uns treiben sollten, von allen Kritikern fern und
unbeachtet, und nun drngen sich Auge und Nase aus den Zeiten Louis quatorze in
unsern Saal.
    Und dabei die Darstellung selbst, erwiderte Leonhard, wie weit sind wir
doch von unserer Absicht weg verschlagen! Wenn Goethe whrend der Auffhrung in
den Saal trte mten wir uns nicht schmen? Ist es doch, als habe man aus
Bosheit sein Werk in das Komische bersetzen wollen.
    Ich gebe es zu, erwiderte Elsheim verdrlich, da es durch meine Schuld
geschehen ist; gehen wir aber auch nicht zu weit. Die Hauptperson abgerechnet,
macht sich das brige sehr gut; manches sogar ber meine Erwartung.
    Aber eben die Hauptperson, meinte Leonhard, um die sich doch das ganze
Gedicht drehe, wenn diese so vllig von aller Natur und allem Menschlichen
abweiche, so msse ja, mchten die andern tun, was sie wollten, die Darstellung
zur Farce herabsinken.
    Lassen wir der Galeere ihren Lauf, erwiderte Elsheim; mag sie sehen, wie
sie mit Wind und Wellen zurechtkommt.
    Indem fuhren mehrere Equipagen vor; es waren die vornehmen Gste, und
Elsheim eilte hinunter, um sie zu empfangen und zu bewillkommnen. Im Gartensaal
war nun groe Verwirrung und viel Durcheinanderlaufen von Herrschaften und
Domestiken. Emmrich, Leonhard und die jungen Mdchen hatten sich entfernt, um
die Unruhe nicht zu vermehren und um ihre Rollen fr den morgenden Abend noch
einmal genau durchzugehen. Als man unten im Saal etwas beruhigt und zum Sitzen
gekommen war, sagte die btissin zur Wirtin des Hauses: Ja, ma chre soeur, so
sehen wir uns doch noch einmal wieder, und zwar fhren uns die Musen selbst
zusammen. Aber, Liebe, wie ich auch in der Littrature dramatique bewandert zu
sein glaube, von diesem Gtz eines gewissen Herrn von Berlichingen habe ich noch
niemals etwas vernommen.
    Er ist mir auch ganz unbekannt, antwortete die Mutter, und ich habe mich
auch jetzt nicht weiter um die Sache bekmmert, weil mir alles neu bleiben soll,
und ich mich gern berraschen lasse.
    Da es keine Tragdie ist, sagte die btissin, so hast du nicht ganz
unrecht, ma soeur.
    Die Berlichingen, fing der Reichsgraf an, sind eigentlich, soviel ich
wei, ein frnkisches Geschlecht. Es sind aber auch Berlichingen im
stereichischen Dienst. Vielleicht rhrt also das Gedicht von einem jungen
Wiener Poeten her.
    Sie haben recht, Graf, fiel die btissin bei; ein anderer
sterreichischer Cavalier, der zwar jetzt nicht mehr jung sein kann, gab uns ja
damals den Postzug oder die noblen Passionen. Der groe Friedrich von Preuen
erklrt diese Produktion fr das beste deutsche Theaterstck. Dieses Urteil
machte dazumal dem Cavalier, dem Herrn von Ayrenhof, sehr viele Ehre.
    Gndige Tante, antwortete Elsheim, das Stck selbst heit: Gtz von
Berlichingen, und Goethe ist der Verfasser desselben.
    Dank, mon neveu, erwiderte sie; nun orientieren Sie mich einigermaen. Ah
ciel! wenn mich mein Gedchtnis nicht ganz tuscht, so wird dieser Monsieur
Goethe auch in derselben Schrift des hchstseligen Knigs erwhnt. O ma soeur,
da wirst du ein monstre zu sehen bekommen, ein ganz geschmackwidriges Ungeheuer.
Da sind alle Einheiten verletzt, und keine Kunst und keine Schnheit zu hoffen.
O mon neveu! da die Jugend so gern von der Regel abweicht, denn Sie haben ja
das Ding eingerichtet.
    Wenn ich nur berrascht werde, sagte die Mutter, so frage ich nach den
sogenannten Regeln nicht so gar viel.
    Und verwechseln Sie nicht, Gndigste, fiel der Reichsgraf ein, diesen mir
unbekannten Dichter Gotha mit jenem Englnder Shakespeare, gegen den, wie ich
mich etwas dunkel erinnere, der Zorn des Monarchen sich vorzglich wendete.
    Kann sein, antwortete die Dame, denn ich bin seit lange der critique und
den belles lettres etwas fremd geworden.
    An diesem Abend speiseten die Fremden, die spt angekommen waren, mit dem
lteren Teil der Gesellschaft und begaben sich frh zur Ruhe; die knstlerischen
Personen legten sich mit einiger Besorgnis nieder, wie das unternommene
Wagestck morgen gelingen und ausfallen werde; nur Baron Mannlich war vllig
sicher und sorglos, weil er seinem Talent unbedingt vertraute.
    Aurora fhrte nun auch diesen wichtigen Tag herauf, und wenn man die
Knstler beobachtete, so war es nicht zu verkennen, da die meisten in einer
groen Aufregung sich befanden. Sie aen an der Mittagstafel nur wenig und
verfgten sich eilig in ihre Zimmer, die Umkleidung zu bewerkstelligen. Schon in
den letzten Tagen war mit Schneidern und Nherinnen vielfach verhandelt worden;
jetzt wurden noch die letzten Verbesserungen vorgenommen. Endlich wurden auch
nach und nach die Lampen angezndet, und man hrte schon hinter dem Vorhange das
Wogen und Rauschen der Eintretenden, und wie verschwimmende Laute das
mannigfaltige Gesprch.
    In reichen seidenen Armsesseln saen vorn die Baronesse Elsheim und die
btissin, sowie die Frstin und der Reichsgraf; auf gewhnlichen Sthlen einige
geladene Gste aus der Nachbarschaft; etwas von den Herrschaften entfernt die
Dienerschaft des Schlosses und Landleute, Untertanen des Barons, denen Elsheim
diese Freude gnnen wollte. Von den Gerichtspersonen, die vor einiger Zeit bei
der bergabe des Gutes an Elsheim waren beteiligt gewesen, hatten sich einige
auch die Erlaubnis ausgebeten, an diesem Abend sich wieder einfinden zu drfen.
So war der groe Saal ziemlich angefllt, und so ruhig sich auch, aus Respekt
vor den Herrschaften, die Landleute hielten, so vernahm man doch in halblauten
Gesprchen, wie sie alle, die wohl noch nie ein Schauspiel gesehen hatten, auf
das Heben des Vorhanges und die Entwickelung der Darstellung neugierig und
gespannt waren.
    Mannlich, als Regisseur, stand schon mit seiner Klingel in der Hand bereit.
Das Theater war leer, und Leonhard hatte eben mit Lachen die kleine Dorothea
betrachten mssen, die sich in dem zu groen Kra des Hans komisch, aber
allerliebst ausnahm. Die erste Szene in der Schenke blieb weg, und das Stck
sollte sogleich mit dem Monologe des Gtz beginnen. Die Szene war daher Wald,
und vorn als Seiteneinsatz das Wirtshaus. Aus dem offenen Fenster desselben, in
der Kulisse stehend, lehnte jetzt Leonhard, als Mnch gekleidet. Er erschrak
fast, da jetzt von gegenber Charlotte, als Adelheid, hereintrat, im weien
Atlaskleide; im vollen braunen Haar einen leichten Kranz von Myrten und weien
Rosen; Hals, Schultern und ein Teil des schn gewlbten Busens frei. Leonhard
hatte nie geglaubt, da weibliche Schnheit so gro und glnzend, so bezaubernd
einhertreten knne. Wie schalt er jetzt auf sich, da er sonst oftmals auf
geschminkte Weiber im moralischen Zorne gescholten hatte Denn nur mittelst der
Schminke konnten beim Schein der Lichter diese dunkeln Augen so berirdisch
glnzen, nur gegen aufgetragenes Rot Stirn und Augenbraunen von den Wangen durch
reinen Glanz so abstechen. Um so mehr leuchteten dadurch Busen und Schultern.
Whrend er noch diese Betrachtungen anstellte, trat sie zu ihm, stellte sich an
das Fenster und sagte, indem sie ihm das Buch reichte: Ach, lieber Leonhard,
ich bin so ngstlich, berhren Sie mir schnell noch einmal die ersten Reden
meiner Rolle, ob ich auch sicher bin. Er nahm das Buch, und sie stand, nur
durch die leinene Wand von ihm getrennt, dicht neben ihm sie sah mit in das
Buch, das er ihr hinhielt, und so kam von selbst die Hand, welche die Bltter
hielt, auf den schnen festen Busen zu liegen. Sie sagte die Worte her, und er
half ein. Nun die Stelle, rief sie, wo ich immer am unsichersten bin. Sie
zeigte mit den Fingern, etwas mehr umgewendet, in die Schrift, und so drckte
sie seine zitternde Hand fester auf den Busen. Er konnte die Stelle, die sie
suchte, nicht finden, sie sah vom Buche auf und ihn lchelnd an, doch, indem sie
den Mund ffnete, um zu sprechen, erscholl die Klingel des Regisseurs, und sie
schlpfte hinter die Szene. Nach einer kurzen Musik hob sich der Vorhang.
Leonhard verlie trumend und seltsam bewegt seinen Standpunkt, um hinter dem
Walde wegzugehen, damit er als Mnch von der anderen Seite hereinkommen knne.
Er hrte nichts von dem zu laut gesprochenen Monolog des Gtz; er sah den
kleinen liebenswrdigen Georg nicht, bei dessen Erscheinen der ganze Saal von
lautem Gelchter erscholl; er dachte einzig an die unbillige Rge seines
Freundes, der Charlotten mit jenen grell funkelnden Kunstblumen verglichen
hatte, die aus der Folie geschlagen werden. Er mute sich sagen, da Gold,
Demant und Edelstein, Blume und alles, was im Lichte schimmert und glnzt vor
dem hellen Leuchten eines schnen weiblichen Krpers erblindet. Diese
Betrachtungen waren ihm jetzt die natrlichsten, sie rissen seine Seele ganz in
diese Anschauung und Fhlung hinein, und es kostete ihm einen harten und
beschwerlichen Kampf, um auf sein Stichwort zu achten, welches nun bald ertnte,
und das den ganz Zerstreuten auf die Bhne und vor die Blicke aller Zuschauenden
hinrief.
    Es war ihm schwer sich zu sammeln, und seine ersten Worte zitterten; doch
fand er die Fassung wieder und sprach die Szene nun, um nicht in jenes
undeutliche Lallen wieder zu geraten, zu stark. Als er an die Rede kam: Und
eure Weiber? - Ihr habt doch eins! - Und doch war das Weib die Krone der
Schpfung! sprach er mit einem unbilligen Enthusiasmus. Er war froh, als er
seine Szene geendigt hatte und sich nun in das angewiesene Zimmer begeben
konnte, um sich zum Lerse neu anzukleiden und anders zu schminken.
    Elsheim als Weislingen erschien sehr liebenswrdig. Sein weicher Ton, seine
schlanke Gestalt und sein edles Antlitz imponierten den Zuschauern und rhrten
sie zugleich. Bei seinem Auftreten verschwand Mannlich als Gtz vllig in ein
Nichts. Dessen rohe Art, mit der er die Sprache behandelte, sein ungeschicktes
Benehmen und die stets zu weit ausgreifende Gebrde fielen nun erst recht als
unziemlich ins Auge. Die Tante als Elisabeth und Albertine als Marie waren zu
loben; ein hbsches Kindchen hatten die Frauen zum Carl gut abgerichtet, und so
ging der erste Akt zum Wohlgefallen der meisten Zuschauer zu Ende.
    Weislingen hatte schon whrend des Spieles ein lautes strendes Schluchzen,
welches zwischen den Kulissen hervortnte, und das er zu kennen glaubte, zu
seinem Verdrusse vernommen. Sowie also der Vorhang fiel, ging er zu dem alten
Frster, von dem diese Klagelaute herrhrten, und der hnderingend und stark
weinend hinter dem Theater herumirrte. Der Alte gewhrte in seinem
Zigeunerkostme und in seiner Verzweiflung einen fratzenhaften Anblick. Da er
sich gar nicht zufriedenstellen wollte, und Elsheim einsah, wie die Sache sich
im letzten Augenblick nicht einrichten liee, er auch eine lcherliche Strung
befrchtete, so gab er den Alten frei, der auch sogleich mit heulenden Jubel
davonrannte. Weislingen nahm sich vor, nach seinem Tode selbst noch die kleine
Rolle des Zigeunerhauptmanns auszufhren. Doch eine weit schlimmere Strung kam
von einer ganz anderen Seite, denn das Schicksal hatte beschlossen, da diese
Sorgen Elsheims fr heute anderen Platz machen sollten.
    Beim Umkleiden sagte Leonhard zu sich selbst: Wie ist mir denn? Ich komme
mir wie ein Knabe vor. Ist dies das erste Mdchen, welches mir jemals seine
Gunst zu erkennen gab? Es ist ja auch mglich, da alles nur Zufall war und ohne
Absicht geschah. Doch war ihr Blick von einer Freundlichkeit, mit der ihr Auge
mich noch niemals angeschaut hat. Auch irre ich wohl nicht, wenn ich Schalkheit
in diesem lchelnden Auge zu lesen glaubte.
    Er eilte, um so wenig als mglich die Szenen zu versumen, in welchen
Adelheid auftrat. Sie kam ihm bewundernswrdig vor, und immer tiefer wuchs
dieses zauberhafte Wesen in sein Herz hinein.
    Es schien fast, als wenn Elsheim ungern seine Szenen mit Albertinen spielte,
und als nun der beraus treuherzige, etwas rohe Selbitz auftrat, vernahm man im
ganzen Saal eine Bewegung und das Summen eines ungeteilten Beifalls. Die
Dienerschaft und die Landleute glaubten einen aus ihrer Mitte zu vernehmen, und
dieser Charakter war ihnen um so lieber, weil sie den Darsteller, den
Schulmeister, persnlich kannten und oft in der Schenke, oder in ihren Husern
ganz vertraut mit ihm umgingen. Die hchsten Herrschaften aber, die den
Schauspieler nicht kannten, kamen darin berein, da er der beste von allen sei
und wahrscheinlich als ein vollendeter Knstler, von irgendeiner groen Bhne
vom jungen Elsheim fr dieses Spiel sei verschrieben worden. Warum, sagte die
Frstin, hat man diesem Manne nicht die Hauptrolle bertragen? - Der
Reichsgraf flsterte der Frstin und btissin zu: Aber bemerken Durchlaucht die
unendliche Kunst des Mannes, mit welcher er seine Maske angeordnet hat. Wie hat
er nur diesen unvergleichlichen Stelzfu zustande gebracht? Sollte man nicht
schwren, das Bein sei ihm unterhalb des Knies wirklich abgenommen worden? Und
wie er mit dem scheinbaren oder wirklichen Holze stampfen kann, wenn er in Zorn
gert! Ich vermute fast, dieser Selbitz ist der berhmte Iffland selbst, der
nach Aussage von Kennern so einzig die Kunst sich zu maskieren versteht.
    Wre das Stck nur nicht, erwiderte die Erlauchte, so ganz vom gemeinsten
Charakter! Das Dekorum und der Anstand sind doch nicht im allermindesten
beobachtet. Wo hat der Autor diese Menschen nur aufzufinden gemeint, denn sie
handeln und sprechen in einer Weise, die ganz an das Unmgliche grenzt.
    Wir Deutschen, bemerkte der Reichsgraf, sind noch zu sehr in Bildung und
Kritik zurck. Und vollends jetzt! Man hat, wie ich hre, die franzsischen
Muster, die uns noch zur Richtschnur dienen konnten, vllig verlassen und will
nun mit Sitten des gemeinen Mannes, mit Sprichwrtern und Provinzialismen, mit
der rmsten Brgerlichkeit und der Roheit der ungebildeten Stnde ein deutsches
Wesen etablieren, das nun ebenso national werden soll, wie Racine und Corneille
bei den Franzosen. So hat mich wenigstens ein gelehrter Freund versichern
wollen. Und dies Ding, was wir hier vor uns sehen, ist offenbar jenem
Shakespeare nachgeahmt, der auch Welt und Menschen nicht kannte, und in der
Roheit seine Originalitt suchte und fand.
    Sehr wahr, erwiderte die btissin, und man sieht wohl, da mein guter
Neveu auch aus dieser seltsamen Schule herkommt. Aber er sieht hbsch aus in
seinem Kostme, nicht wahr, ma soeur?
    Ich verstehe den Zusammenhang von der ganzen Sache nicht recht, erwiderte
die Mutter, es ist weder eine Konspiration, noch eine Liebesgeschichte; man
erfhrt immer wieder etwas Neues und mu darber das vorige vergessen. Am
meisten gefllt mir Albertinchen; ich wollte, die weiche Personage wre die
Hauptperson, denn sie hat mich schon ein paarmal recht herzlich gerhrt. Mein
Sohn, das frchte ich immer mehr, wird sich schlecht gegen sie betragen, und
sich in die Stadtdame vergaffen.
    Die Adelheid, oder wie sie heit, fing die Erlauchte wieder an, mte
sich aber ganz anders betragen, denn sie ist bei weitem nicht vornehm genug.
    Ja wohl, sagte die btissin. Ah! das verstand die Clairon, die ich noch
in meiner allerfrhsten Jugend gesehen habe, ganz anders. Sie ist, diese junge
Charlotte hier, viel zu liebenswrdig fr ihre Rolle.
    So war der zweite Akt vorbergegangen, und, als der Vorhang wieder fiel,
lobten sich die Spielenden untereinander, und Adelheids Benehmen und ihr Ton
wurden von allen bewundert. Aber da wir nur nicht unsere liebe herrliche
Dorothea darber vergessen, rief Elsheim aus; was sind wir nicht diesem
allerliebsten Frulein fr ihre Geflligkeit schuldig! Ohne ihre
Bereitwilligkeit war das Stck unmglich; und welch ein schnes Talent hat sie
entwickelt! Ich halte diesen Georg fr eine der wichtigsten Personen im Stck
und fr eine der schnsten Charakterzeichnungen, die uns der groe Dichter nur
jemals gegeben hat.
    Nun aber, sagte Mannlich, entwickelt sich erst im dritten Akt am meisten
der heroische Charakter des Gtz. Auch Georg tritt dreister auf, und der alte
Selbitz hat die herrliche Szene, wo er verwundet unten am Turm liegt, in dessen
Luke der Knecht hinaufsteigt. Da mssen wir uns recht angreifen. Wie schade, da
ich nicht zu Pferde kommen kann, wie es im Original vorgeschrieben ist.
    Ha! was Pferde, schrie der Schulmeister, indem er seine Krcke schwang;
die knnen wir entbehren. Ich und der Baron Mannlich, wir wollen beide schon
selbst so bestialisch wettern und rumoren, da man keine andere Kreatur
vermissen soll!
    Mannlich sah den Alten, der zu sehr begeistert war, von der Seite an und
wute nicht, was er ihm antworten sollte. Er eilte von der Bhne, um
nachzusehen, ob alle Verwandlungen und Umkleidungen vorbereitet seien, damit man
so bald als mglich den dritten Akt beginnen knne.
    In diesem Akt hatte Elsheim am meisten zusammenziehen mssen, weil die
Szenen im Original zu schnell wechseln und eine ganz wrtliche Auffhrung
unmglich machen; doch hatte er mit groer Sorgfalt jeden charakteristischen
Zug, jede schne Rede beibehalten, nur waren die Reichstruppen und Gtzens Leute
mehr in ihren Szenen beisammen, und Elsheim hoffte, da in dieser
Zusammenziehung seine kleine Bhne so ziemlich schicklich das Gedicht darstellen
wrde.
    Da man in der Anordnung den Wechsel der Szenen mehr andeutete, als ihn
wirklich ausfhrte, und ein vorgeschobener oder weggezogener Busch eine andere
Landschaft vorstellte, so konnte man rasch vorschreiten und vereinigen, ohne da
der ursprnglichen Form des Gedichts zu sehr Gewalt angetan wurde. Selbst
Mannlich, hingerissen von der Bewegung, spielte und sprach schneller, als in den
vorigen Akten. Der Auftritt, in welchem Selbitz verwundet herbeigefhrt wird,
ward mit Przision gegeben und fand vielen Beifall; ber die Reichstruppen wurde
gelacht, und Gtz hatte den vollstndigsten Sieg davongetragen. Leonhard hatte
sich wieder gesammelt, und gab seinen Lerse mit der einfachen Biederkeit, die
ihm selbst so natrlich war, so da er gegen Mannlich, der immer mit vollem
Munde predigte, lebhaft kontrastierte. Frher schon hatten Adelheid und der
Cadet als Franz ihre Szene vortrefflich gespielt, und Sickingen, der Professor,
war in allen Auftritten so gehalten und ruhig, wie es sein Charakter erforderte.
Georg erschien allen als unverbesserlich und darum noch mehr zu loben, weil man
ganz verga, da ein junges Mdchen diesen heroisch muntern Knaben spielte.
    Nun aber waren die bis dahin glcklichen Kmpfer in ihrer Burg
eingeschlossen. Mannlichs Brust hob sich strker, als gewhnlich, und man sah es
ihm an, da er einen groen Moment, einen auffallenden Effekt prparierte. Er
hatte schon von Sickingen und seiner Schwester Abschied genommen, und nun
vernahm er von auen die Trompete und die Aufforderung, sich auf Gnade und
Ungnade zu ergeben. Mannlich hatte durch seine tapfre und mutige Haltung jetzt
die Meinung aller gewonnen; selbst die hohen Herrschaften auf ihren Sesseln
schwatzten nicht mehr und hatten sich einer gewissen Tuschung ergeben, als
jetzt der Ritter dem Trompeter jene ungezogene Antwort gibt, die er freilich in
seiner Lebensgeschichte aufgeschrieben, und die auch Goethe in den ersten
Auflagen des Gedichtes beibehalten, nachher aber weggestrichen und blo
angedeutet hat. Mannlich aber, um dem echten Original und der Wahrhaftigkeit der
Geschichte nichts zu vergeben, sprach mit der lautesten Stimme und in noch
langsamerem Tempo, als sonst, noch gehaltener und jedes Wort und jede Silbe
akzentuierend, die ganze Ungezogenheit schreiend aus.
    Es ist nicht leicht zu beschreiben, welche Wirkung diese deklamierte Stelle
im ganzen groen, mit Menschen berfllten Saale hervorbrachte. Es ist keine
bertreibung, wenn man behauptet, da noch niemals ein dargestelltes
Theaterstck so ungeheuer drastisch gewirkt habe. Die Bauern ergaben sich dem
unmigsten Gelchter, die Dienstleute erschraken; denn alle waren berzeugt,
die Stelle sei vom Baron extemporiert, es sei irgend etwas auf dem Theater
vorgefallen, und er richte sie im Zorn und in der Wut an jemand anders, als an
den Trompeter. Die Gerichtsleute schmunzelten und bedeckten in der Verlegenheit
ihre Gesichter mit dem Taschentuch. Wahrhaft furchtbar aber traf der Schlag in
das Parterre noble. Die Erlauchte schrie laut auf und lag in Ohnmacht; die
btissin bekam ihre Krmpfe und rief nach ihrem Kammermdchen und um Hlfe; die
Mutter, selbst einer Ohnmacht nahe, bemhte sich um die Freundinnen und rettete
in lautes Weinen und Schluchzen ihre Besinnung; der Reichsgraf rief scheltend
nach Bedienten, und Weislingen, der, selbst erschreckt, aus den Kulissen diesen
ungeheuern Aufruhr sah, der sich unten im ganzen Saal erhob, denn alles war
aufgestanden und lief durcheinander, sprang schnell ber das Orchester hinweg
vom Theater herunter zu seiner Mutter und der hilfsbedrftigen Gruppe, um welche
sich alles drngte. Dort war Schreien, Weinen, Krampf, Ohnmacht und Schelten,
und Elsheim wute nicht, was er zuerst tun, wie er am besten raten sollte.
Mannlich hatte sich erstaunt und mit offenem Munde vorn an das Proszenium
gestellt, denn auch auf dem Theater war ein Stillstand des Entsetzens
eingetreten, als Weislingen von unten zur Bhne hinaufrief, da man den Vorhang
niederlassen solle. Dies geschah, und so war im allgemeinen Tumult, ohne Epilog
oder Entschuldigung, das historische Schauspiel vom Gtz von Berlichingen fr
diesen Abend zu Ende und beschlossen.
    Bediente, Kammermdchen, Lufer, der Haushofmeister, alles hatte sich
herbeigemacht, um die alten Damen zu fhren, zu heben und aus dem Saal zu
tragen. Man begab sich nach einem anderen Zimmer; Sofas und Lehnsthle wurden
fr die Kranken und Leidenden herbeigeschoben und geordnet, sowie die
Hausapotheke in Anspruch genommen. Als die Damen sich etwas erholt hatten,
ergossen sich alle, unter Vortritt und Vorspruch des Reichsgrafen, in
unerschpfliche Vorwrfe gegen Elsheim, der in sein Haus einen Mann eingefhrt
und als seinen Freund dargestellt habe, welcher, uneingedenk seines Standes und
was er der Gesellschaft schuldig sei, sich so ungeheure Sottisen erlaube.
    Jawohl, jawohl, unterbrach sie die Mutter weinend, - ach, wer htte so
was in dem Manne gesucht! Ja wohl war das eine berraschung, die mir zubereitet
wurde. Um den Schlag zu kriegen!
    Er ist zu sehr unter mir, rief der Reichsgraf, sonst wrde ich diesen
Herrn von Mannlich auf Ritterweise darber zur Rechenschaft ziehen, da er frech
und roh es gewagt hat, uns, der Durchlaucht, der Frau btissin und mir, so was
in Gegenwart von Bauern und Domestiken laut zuzurufen.
    Wie? sagte Elsheim erstaunt, Sie meinen gar, wenn ich Sie nicht
miverstehe -
    Ja, ja! rief die Erlauchte, die sich jetzt etwas erholt hatte, das leidet
gar keinen Zweifel. Er sah schon immer in den vorigen Szenen so giftig nach uns
hin. Er war darber erbost, da wir uns einige Zweifel erlaubten.
    Wohl! fuhr der Reichsgraf zornig fort, er mochte merken, da wir dem
echten groen Schauspieler, dem Selbitz, den Vorzug gaben; wir sprachen laut, er
hat es wahrscheinlich oben gehrt; und nun stellt er sich vorn an die Lampen,
sieht uns starr und hhnisch grinsend an und schreit uns - uns diese
niedertrchtige Grobheit, rger, als es ein Sacktrger, schlimmer, als es ein
Stallknecht tun knnte, entgegen, winkt und dreht dabei mit den Hnden und Augen
noch so wunderlich -
    Ja, recht absonderlich, rief jetzt die btissin. Ich htte, wenn ich es
nicht erlebte, dergleichen niemals fr mglich gehalten.
    Was hat sich der Mann nur dabei gedacht, sagte die Mutter, den wir immer
so freundlich aufgenommen haben?
    Verehrte, sagte jetzt Elsheim etwas ungeduldig, fern sei es von mir, die
Ungezogenheit des Barons auch nur irgend entschuldigen zu wollen; die Roheit ist
zu auffallend; aber ich schwre Ihnen bei meiner Ehre, Ihr unbegreiflicher
Argwohn wenigstens ist ganz ungegrndet. Diese anstigen gemeinen Worte sind in
der Tat im Stck, sie sind so gedruckt, nur hat sie spter der Verfasser selbst
als unziemlich wieder weggestrichen. Hchst tadelnswert ist Mannlich, da er die
alte abgesetzte Leseart so willkrlich wieder aufgenommen hat. In den Proben
lie er sich nichts davon merken, da er sie sprechen und wie sprechen wrde.
    Und wie! wiederholte der Reichsgraf, uns so starr dabei ansehen, so mit
den Hnden gegen uns fechten und wie ein Zahnbrecher schreien!
    Also, sagte die btissin, in dieser deutschen Tragdie findet sich
wirklich diese ganz unzchtige und obszne Tirade? Und ein solches Stck, Neveu,
suchen Sie aus und studieren es ein? Das also ist die neue deutsche Bildung und
der jetzige Geschmack?
    Es war Ihre Pflicht, Herr Baron, sagte die Erlauchte mit starkem Ton, uns
davon in Kenntnis zu setzen, da es eine Parade sei, die Sie uns zum besten
geben wollten; htten wir dieses erfahren, so htten wir uns gewi nicht
hieherbemht!
    Parade? nahm die btissin das Wort auf; ungezogene und skandalse Paraden
wurden wohl frherhin auch in den Palsten der Herzoge von Orleans und Conti
gespielt, aber, auf meine Ehre, niemals hrte man doch so pbelhafte Grobheiten,
die ohne Witz und Bedeutung blo niedertrchtig sind.
    Ich kann den Baron jetzt nicht und noch lange nicht wiedersehen, sagte die
Mutter; bedeute ihm nur dies, das bitte ich mir aus von dir, mein Sohn. Er hat
mich und uns alle zu grblich beleidigt.
    Und wir verlassen das Haus morgen mit dem frhesten, sagte die Erlauchte.
Eine Art von Glck, da das edle deutsche Schauspiel so endigen mute, denn wer
wei, was uns nach diesem chantillon noch alles bevorstand.
    Ohnerachtet der dringenden Bitten der Mutter wollten die Damen nicht lnger
verweilen, weil man sie zu tief und schonungslos verletzt habe, und der
Reichsgraf, der durchaus ihren Zorn billigte und teilte, gab ihnen in allen
ihren Beschwerden und uerungen recht. Auch die Mutter war so aufgebracht, da
sie sehr leicht dem Ersuchen der btissin nachgab, sie alle nach der Residenz zu
begleiten, wo sie wenigstens acht Tage hindurch in Konzerten, Opern,
Schauspielen und Assembleen, wie in einem Gesundbrunnen, dieses ungeheure
Erlebnis von sich abwaschen und die Verwundung des Herzens heilen wollten.
    Auf dem Theater, zu welchem Elsheim jetzt zurckkehrte, herrschte noch
grere Verwirrung. Alle Mitspielenden hatten den Baron Mannlich bestrmt,
gefragt, getadelt und gescholten, wie er sich so sehr habe vergessen knnen, auf
so skandalse Weise das Schauspiel zu beschlieen, als wenn das letzte Epigramm
gleichsam die moralische Nutzanwendung des ganzen Gedichtes htte vorstellen
sollen. Er wehrte sich, so gut er konnte, doch lie man ihn nur wenig zu Worte,
und da einige der Nebenpersonen, am meisten aber der husarische Schulmeister,
mit etwas empfindlichen Vorstellungen in ihn drangen, der Graf Bitterfeld aber
beinahe beleidigend wurde, so frchtete Emmrich schon, da er den Ausdruck des
klassischen Dichters, oder wenigstens einen hnlichen in seiner eignen
Angelegenheit wiederholen mchte. Elsheim kam gerade zur rechten Zeit, um die
streitenden Parteien, wenn auch nicht zu vershnen, so doch einander
nherzubringen. Er beruhigte also den zu ungestmen Schulmeister, lobte und
beschwichtigte den eifernden Cadeten, der auer sich war, da er seine schne
Rolle nicht hatte zu Ende spielen knnen, in welcher ihm noch Umarmung und
herzlicher Ku der vergtterten Adelheid bevorstanden, die er nicht so obenhin
und nur andeutend zu spielen gedachte, wie es ihm in den Proben war
vorgeschrieben worden. Die Damen, wie empfindlich sie auch natrlich waren,
uerten sich billiger, und so gelang es Elsheim und dem Professor Emmrich, die
Sache nach und nach mehr in das Komische zu lenken.
    Wie durft ich glauben, rief Mannlich, nachdem es etwas ruhiger geworden
war, da eine Tirade, freilich aus dem gemeinen Leben, aber doch aus der
wirklichen Geschichte des treuherzigen Gtz genommen, von unserm grten Dichter
geweiht und geheiligt, ein solches rgernis erregen knnte. Ist die
Ungezogenheit, oder Roheit, wenn wir es so nennen wollen, nicht ganz deutsch und
bei uns national? Der Franzose drckt sich anders aus, ebenso der Englnder und
Spanier, und diese besitzen, soviel ich wei, diesen oder einen hnlichen
Ausdruck des geringschtzenden Zornes gar nicht. Der Deutsche also zum
Deutschen, der Rittersmann, der kein Hofmann sein will und darf, dieser sollte
in einer altertmlichen Zeit, wo allerdings Roheit und Grobheit auch manchmal in
besserer Gesellschaft herrschten, sich dieses Sprichwortes nicht bedienen
drfen?
    Aber Satan von einem Menschen! rief Elsheim ungeduldig, vor Damen, die am
Hofe gelebt, die in Racines Tragdien gespielt haben! Und die Stelle war ja doch
gestrichen, du hast sie nie in der Probe gesagt.
    Ich wollte eben berraschen! rief ihm Mannlich entgegen; ich wollte diese
nichtssagenden Striche der neuern Editionen zur alten, richtigen Lesart
zurckfhren. Diese Schattierung, diese Eigentmlichkeit ist nach meiner
berzeugung dem originellen Dichterwerke unentbehrlich.
    Alle lachten, und Emmrich sagte: Man hat mir erzhlt, doch kann ich die
Wahrheit der Anekdote nicht verbrgen, da, als der groherzige Frst von Weimar
mit seinem Freunde Goethe auf einer Reise sich in Frankfurt aufhielt, sie in
Sachsenhausen, wohin sie spaziert waren, von einem groben Sachsenhuser, der
sich mit den Nachbarn zankte, diesen nationalen Ausdruck, wie ihn der Baron
nennt, vernahm. Der Herzog sagte hierauf ganz ernsthaft zu Goethe: Es mu dir
doch wohltun, zu erleben, wie deine Dichtungen mit dem Volke verwachsen und in
ihm Wurzel schlagen. Hast du gehrt, wie dieser ganz gemeine Mann soeben eine
Stelle aus deinen Werken zitiert hat?
    Die brigen lachten, doch Mannlich blieb verdrlich und wurde es noch mehr,
als er hrte, da die Dame des Hauses sich fr jetzt seine Besuche verbeten
habe. Er ritt zornig fort und schwur, sich und seine Zeit niemals wieder fr
Freunde und fr die Kunst aufzuopfern.


                                  Zweiter Teil

                               Vierter Abschnitt

Schon am frhen Morgen war alles im Schlosse lebendig. Die Herrschaften wollten
eine starke Tagesreise machen, und deshalb brachen sie so zeitig auf. Noch beim
Abschiede sagte die Mutter zu Elsheim: Es kann sein, mein Sohn, da ich zwei
Wochen ausbleibe, um einmal wieder nach langer Zeit mit meiner Schwgerin zu
leben und mich mit ihr zu verstndigen. Auch bin ich es ihr und der Frstin
schuldig, deutlich zu zeigen, da ich mit dieser deiner Extravaganz nicht
einverstanden war. Wie die jetzige junge Welt denken mag, ist mir freilich
unbekannt geblieben, aber wir mssen dir wenigstens so viel zeigen, da man mit
uns, der lteren Generation, welche bessere Zeiten gewohnt war, nicht so umgehen
darf.
    Elsheim kehrte verdrlich und verstimmt auf sein Zimmer zurck. So war das
Fest geendigt. Die Erhebung des Gemtes, die Erneuung seiner Jugend, alles,
worauf er sich seit Jahren gefreut, hatte nun eine solche Wendung genommen, die
ihn demtigte und ihm alle Laune raubte. Er zrnte auf sich, da er der Mutter
darin nachgegeben hatte, diese bervornehmen und versteinerten Gste einzuladen;
nicht minder aber auf jenen ltern Jugendgenossen, der ihnen allen aus barockem
Eigensinn und pedantischer Roheit die Freude verdorben hatte. Dieser hatte sich
erzrnt auf sein Gut begeben, indem er, der alle verletzt und beleidigt hatte,
den Gekrnkten spielte. Die Mutter, die in ihrer Verwandten und den hohen Gsten
tief verletzt war, verlie in ihrem vorgerckten Alter ihre behagliche Wohnung,
um jenen Hochfahrenden eine Art von Genugtuung zu geben. - Elsheim schlo sich
ein und wollte wenigstens vor dem Mittagstische niemand sehen und sprechen.
    Der alte Joseph brachte dem jungen Tischler das Frhstck auf sein Zimmer,
was nur selten geschehen war, aber jedesmal als ein Zeichen diente, da der
Baron auf irgendeine Weise abgehalten sei und allein sein wolle, oder schon im
Freien umherwandle. Joseph war schon frisiert und im Frack, und die
Spitzenmanschetten fielen lnger ber die drren Hnde hinunter, als an anderen
Tagen. Bei der frhen Abreise, sagte er feierlich, mute ich mich schon
beizeiten schmcken, weil ich mit eigenen Hnden den Damen, sowie dem Herrn
Reichsgrafen in ihre Wagen half.
    Ach! bester Herr Professor, sagte er nach einiger Zeit, ich habe diese
Nacht nicht viel schlafen knnen, denn ich habe viel weinen mssen. Glauben Sie
mir nur, diese Begebenheit wird im ganzen Lande eine ungeheure Sensation machen.
Die Herrschaften lassen es sich nicht ausreden, da die abscheuliche Tirade
allein auf sie gemnzt gewesen sei, und nun scheint es ihnen eine ausgemachte
Sache, da der Herr Baron Mannlich ein giftiger, eingefleischter Jakobiner sei,
der durch dieses Motto oder diesen Unsitten-Spruch den ganzen Adel habe
beschimpfen und erniedrigen wollen. Die skandalse Anekdote kommt nun an den
Hfen herum und wird sehr verschiedentlich ausgelegt werden. Zwar sind in unsern
Jahren die Jakobiner vllig abgeschafft, und man will sagen, sie seien vllig
eingegangen; aber um so schlimmer, wenn man nun auf die Vermutung kommt, da sie
in unserer Familie ganz von neuem wieder aufschieen. Nein, dergleichen htte
unser junger lieber Herr vermeiden sollen. Ach, der alte selige Herr Vater! Wenn
er htte voraussehen knnen, da dergleichen hier in seinem alten ehrwrdigen
Schlosse sich zutragen sollte! Sehen Sie, lieber Herr Professor, das war so
recht ein Mann nach dem Herzen Gottes. In seinen letzten Jahren wollten sie ihm
nachsagen, er neige zu den Herrnhutern hin; es war aber wohl nur, weil er ber
alles in der Welt Ruhe Anstand und Ordnung liebte. Still mute es hergehen;
alles Gerusch war ihm fatal, auer es mute denn unentbehrlich notwendig sein.
Kein rauhes Wort wurde im ganzen Hause gehrt, noch weniger Schimpfen und
Fluchen; das Gemeine, Triviale und Pbelhafte war ihm in der innersten Seele
verhat. So kam es denn, da sich alle Dienstleute mehr oder minder nach ihm
bildeten und figurierten, wie das wohl in allen Husern geschieht, wo die
Dienenden nicht oft gewechselt werden. Ich schwre Ihnen beim Himmel, seit
funfzig bis sechszig Jahren ist selbst im Stalle oder bei unsern Viehhirten jene
liberale Sentenz nicht gehrt worden, die der Herr Baron im Rittersaal, in
Gegenwart der vornehmsten Damen, sich zu erlauben beliebten. Ich habe es oftmals
bedenket und nachher auch bedacht und bin endlich berzeugt worden da wir
hchst traurigen Zeiten und Begebenheiten entgegengehen. Aber, was hilft's? Der
Himmel lenkt am Ende doch alles selbst mit eigner Hand.
    Der Alte, gleich allen Dienern des Hauses, hatte groes Vertrauen: zu
Leonhard, und deshalb hatte er sich auch whrend seiner langen Rede zu ihm
gesetzt, was Leonhard sich schon vorlngst als ein Zeichen des Wohlwollens vom
Alten erbeten hatte. Ja, fuhr er jetzt fort, knnen Sie durch Ihren Einflu
unsern jungen Baron dahin stimmen, da dergleichen nicht wieder geschieht, da
er von solchem neumodigen Treiben ablt, so werden Sie sich einen Gotteslohn um
ihn und uns alle verdienen. Er ist gut, aber er hat zu wenig vom seligen Herrn.
Zwar wurden vor vielen vielen Jahren auch hier im Schlo einige kleine Proverbes
gespielt, Hausherr und Gemahlin spielten auch selbst mit; das war aber alles so
fein und manierlich, da es eine Lust war mit anzusehen, ja da es beinahe zu
einer Erbauung gereichen konnte. Ich habe es vielfach durchdenket und auch
durchdacht, da es ein groes Unglck fr die Weltgeschichte ist, da es in den
damaligen Zustnden und Verfassungen nicht hat bleiben knnen; das war alles
sicher und begrndet; Sitten, Feste, Religion, Adel, Brger, Handwerker, alles,
was man nur nennen kann, hing, wie in einer gutgeordneten Bildergalerie, jedes
in seinem schnen festen Rahmen; zu jeder Gesinnung gab es im Katalog gleich
Nummer und Erklrung. Aber jetzt ist die ganze Galerie durcheinandergeworfen,
die Rahmen sind abgerissen, viele Bilder stehen auf dem Kopf, die besten sind
umgekehrt an die Wand gelehnt, da kein Mensch sie finden kann, und der Dummkopf
und rohe ungebildete Mensch lt sich nun von den Meisterwerken nicht mehr
imponieren, er wei sie nicht zu achten, weil die glnzenden Rahmen fehlen, und
alles wie Kraut und Rben durcheinanderliegt.
    Leonhard ergtzte sich an diesem Geschwtz, und, um den Alten noch nher
kennenzulernen, sagte er jetzt Lieber Herr Haushofmeister, schon neulich wollte
ich Sie darum befragen, aber wir wurden gestrt - was machen Sie fr einen
Unterschied, wenn Sie sagen: Ich habe es gedenket und gedacht?
    Haben Sie das bemerkt? sagte der Alte schmunzelnd und mit dem Ausdruck der
liebenswrdigsten Freundlichkeit. Werter Herr Professor, ich bin kein
Gelehrter, Schriftsteller oder Sprachforscher, aber ich habe denn doch auch, wie
der beste, meine eigenen Grillen und mir auf meinem Wege so manches
herausgegrbelt. Wir gehen mit unserer lieben deutschen Sprache barbarisch um,
machen nirgend Unterschiede, oder unterdrcken sie gar da, wo sie sich schon
finden. Bedenken, Erdenken, Denken und bedenklich hngt genau zusammen; die
Sache ist noch nicht fertig, und darum sage ich: Ich bedenkete, es ist bedenket.
Aber wenn es nun fertig ist und unwiderruflich, dann heit es: Es ist bedacht.
Merken Sie wohl? Fertig ist es, und ein Dach darber gegen Sturm und Regen, nun
kann es nicht wieder verdorben werden. Ein Gedachtes, Bedachtes kann niemals
wieder etwas Bedenkliches werden. So ist es auch mit unsern Reimen. Sie wrden
uns niemals wohlgefallen, die ganze Dichterei htte sich niemals auf diesen
Widerton und den angenehmen Gleichlaut begrnden knnen, wenn nicht ein geheimer
Zusammenhang in Klang und Gedank wre, so wie in Ranken, Schwanken, Danken,
Wanken, Gedanken, Erkranken, Sanken, Banken.
    Leonhard lchelte und sagte: Auch Gestank und Gedank reimt.
    Richtig, fuhr der Alte fort, ohne sich irremachen zu lassen: es lt sich
auch oft mit Gedanken so lange hantieren und wirrwarren, bis das an sich
Richtige endlich zum Widerwrtigen ausschlgt. Das erleben wir ja alle Tage.
    Leonhard war ber den kleinen alten Mann in Verwunderung, dem er so viel
Eigenheit und seltsame Philosophie nicht zugetraut hatte. Der Kammerdiener
erriet seine Gedanken und sagte sehr freundlich, indem er in sein runzelvolles
Gesicht noch mehr Falten hineinzog: Ja, mein junger Herr Professor, wir haben
so unser eigenes Wesen und mancherlei Vorstellungen. Man kann das Denken nicht
immer unterlassen, wenn man auch sonst kein Wohlgefallen daran hat. Man ist oft
allein, man ist krank, und Krankheit ist der allerbeste Schulmeister und auch so
geduldig und so unermdlich. Von jungen Leuten habe ich wohl manchmal gehrt,
wenn sie so die eigentliche Schulphilosophie studierten: Ja, unser Meister, sein
Werk, sein System klrt uns doch ber alles auf, ber das ganze Leben, und es
kann nichts vorkommen, was uns nach diesem herrlichen System nicht durchaus
verstndlich wre. - Wissen Sie, wie mir das vorgekommen ist? - Sehen Sie einmal
die hbsche Fudecke an, hier die vielen Vierecke, Rosetten, Bogen, Punkte; wenn
man so nachdenklich sitzt, so kann man sich alle diese Figuren bald in grere,
bald in kleinere Verbindungen und Verhltnisse setzen. Nun mache ich ein
Dreieck, jetzt ein Viereck, ein Achteck, einen Kreis, oder was ich will. Auch
kreuzweis, rechts, links, oben, unten kann meine Phantasie eine regelmige
Gestaltung herausschneiden, und immer pat alles, und immer wieder wird etwas
anderes daraus. Man kommt damit niemals zu Ende, wenn man sich Zeit dazu nehmen
will. So kann man sich denn auch einbilden, alle mglichen Verhltnisse und
Gestaltungen der Welt sind hier mit ihrem ganzen Verstndnis niedergelegt und
eingewirkt worden. Es ist, wenn man krankhaft gestimmt ist, kein unebenes
Spielwerk. Man kann auch ber dem Einmaleins ebenso schwrmen und alle Rtsel
und alle Auflsungen derselben in diesen Zahlenverhltnissen sehen. Ja, aber
dann wieder die echte Philosophie! wie ich sie mir in meiner Unwissenheit
vorstelle, so da ich kein nachbetender Schler werde, oder die Gestalten lege,
die von selbst im Teppich in tausendfachen Verhltnissen sein mssen, wenn ihm
geregelte Figuren eingewebt sind; - sondern wahrhaft denken lernen - das Dunkel
in mir hell, die aufdmmernden Lichter zu Gedanken machen, aus dem Denken und
Bedenken zum Ge- und Bedachten kommen: - das mu freilich ganz etwas anderes
sein!
    Sie sind ein lieber, kluger Mann, sagte Leonhard, und geschickt. Ich habe
Sie neulich belauscht, als Sie dort in Ihrem Zimmer so lustig und wohlgemut die
Geige spielten. Auch das Talent hat mich berrascht, denn ich hatte frher noch
nie etwas davon vermerkt.
    So? sagte der Alte lachend; ich treibe es auch nur fr mich selber, zu
meiner eignen Vergnglichkeit. Zuhrer habe ich noch niemals gewnscht. Ja,
Freundchen, diese liebe schne Violine von Amati, und ein Buch, aus dem
Spanischen in das Franzsische schon vor vielen Jahren bersetzt, machen meine
Freude aus. Sie kennen die Geschichte wohl, sie heit Don Quichotte, und mag im
Spanischen wohl noch lieblicher sein. Ach, Mann! in dem herrlichen Buche finde
ich fr mich alles mgliche erklrt und abgehandelt; aller Aufschlu des Lebens
liegt vor mir da, hell und klar und auf die lieblichste Weise in Schmerz und
Ernst verkrpert und vernatrlicht. Ich fange mit Lachen und Freude an, wenn ich
in dem Buch lese, und bin, wenn ich ein Weilchen innehalte, in die geistigen
fernen Regionen, in Moral und Weltgeschichte versetzt und sehe und verstehe
alles vollkommen, und mir ist in der Freude so wohl, so selig, mcht ich sagen,
da ich diesem Manne, dem Herrn Cervantes, die hellsten Lichtblicke meines
Lebens zu verdanken habe.
    Sie verstehen zu lesen, Freund, sagte Leonhard freudig berrascht, ich
kenne und liebe Ihren Autor, und wenn ich ihn wieder lese, und vielleicht mit
mehr Applikation, so werde ich dabei an Sie denken und Ihnen danken.
    Sehen Sie, rief der Alte, Denken, Danken ist mehr ein Gleichlaut und kein
Reim und hngt doch auch zusammen. - Ach, Herr Leonhard, was sind wir arme,
gedrckte, schwache Menschen doch fr Wesen! Und wie hat uns Gottes Gte so
wunderbarlich erschaffen! Wenn ich so meine Geliebte, wie ich sie immer nur
nenne, meine Geige in den Arm nehme, und das liebe Ding lacht und weint und
plaudert so anmutig unter meinem Bogenstrich - so bin ich im Himmel und wei
nicht mehr, ob ich die Violine spiele oder ob sie mich spielt. Es jauchzen und
winseln im schkernden Lcheln Gefhle und Worte aus mir heraus, die ich auf
keine andere Weise sprechen, Gedanken, die ich nur so finden kann, und die doch
ohne alle Vernunft hher als die Gedanken stehen. Glauben Sie mir, das ist die
seltsamste Freude, was Unaussprechliches, sich so selbst zu finden, sich selbst
so in Tnen und in Begeisterung, die von sich doch nichts wissen,
kennenzulernen.
    Bester Herr Joseph, rief Leonhard, Sie glauben nicht, wie sehr Sie aus
meinem Herzen sprechen. Ich kann Sie versichern, unsere Geister sind sich nahe
verwandt. Ich verstehe Sie ganz.
    Kann wohl sein, sagte Joseph, und gab dem jngeren Freunde die Hand.
Fhlen Sie einmal, fuhr er fort, die erhhte starke Hornhaut an diesen meinen
Fingerkuppen; das kommt von meinem stetigen Violinspielen. Hart wie Horn die
fein gehobenen Nervenpnktchen, in welchen die andern Menschen ihr leisestes
Anfhlen zu haben glauben; und mit diesen Verhrtungen fhle ich auf den Saiten
um ein Atom das Hhere und Niedere, ohne zu irren. Hier hinein vibriert der
Klang und wird von hier und mit dem toten Bogen zu dem seelenvollen Ausdruck
erhoben, zu der Weiche und Innigkeit, wie kein menschliches Organ es vermag. Ist
es eigentlich nicht wunderbar?
    Aber von welchem Meister, fragte Leonhard, waren nur die ganz wunderbaren
Passagen, die ich Sie neulich mit der ungeheuersten Anstrengung spielen hrte?
Eben vorgestern, als ich Sie belauschte, und Sie mir nachher verdrlich
schienen?
    Joseph schwieg still, wandte sich ab und ging im Zimmer auf und nieder. Er
schien verlegen, und Leonhard bemerkte, da sein Antlitz rter war, als
gewhnlich. Dann stellte er sich vor Leonhard hin, sah diesen bedenklich an, und
sagte: Sosehr ich Ihnen auch vertraue, kann ich Ihnen doch, was diese
musikalische Phantasie betrifft, keine Antwort geben.
    Aber ich bitte, sagte Leonhard, die Sache wird mir um so wichtiger, da
Sie zgern und wie in Verlegenheit erscheinen. Ich bin berzeugt, ich werde Sie
verstehen, so wie mir alles, was Sie mir jetzt gesagt haben, nicht fremd und
unverstndlich ist.
    Mag's sein! rief der Alte nach einer Pause mit dem Ausdruck einer
komischen Resignation; was geht's mich am Ende an, wie Sie von mir denken
mgen? Wir sind alle Toren und gebrechliche Menschen, stellen wir uns auch, wie
wir wollen. Ich gestehe, da ich oft im Mondschein, oder am Frhlingsabend auf
meiner Geige phantasiere. Die Melodien kommen mir dann von selbst, und ich habe
mich auch wohl darber betroffen, da ich Trnen vergieen mute. Vom Abt Vogler
erzhlt man, da er sich zuweilen sein Fortepiano auf eine Bildergalerie hat
nachtragen lassen, um in seinen Tnen den Ausdruck und die Bedeutung von schnen
Gemlden wiederzugeben. Ich kann mir das wohl denken, obgleich man unter diesen
Umstnden und bei so vielen Vorbereitungen seiner Stimmung nicht gewi sein
kann. Ich mchte wenigstens vor Menschen und Zuhrern dergleichen nicht
versuchen. - Das sind aber Phantasieen der innerlichen Wollust und des
Wohlgefallens. Doch ist der Mensch oft wie gepeinigt, er wei nicht wovon; es
qult ihn etwas, er wei nicht was. Als wenn hier in diesem Teppich unter den
geregelten Figuren krumme, schiefe, willkrliche unterliefen, die mit diesen
Sternen, Kreuzen, Rosen und Vierecken in gar keinem Zusammenhang stnden, und
man peinigte sich vergeblich und immer wieder umsonst, auch diese tollen,
ausschweifenden Linien und Fratzen in jene wohltuende und besnftigende Tabelle
mit aufgehen zu machen. Es gibt so Stunden in unserm Leben, die dies Gleichnis
nur etwas erklrt.
    Gewi! sagte Leonhard, und der geordnete Geist leidet vielleicht am
strksten von diesen Verstimmungen, wenn auch nur selten.
    Meinen Sie? fuhr Joseph fort. Also denn Tollheit mit Tollheit erklrt und
vertrieben, Beelzebub durch Satan. Warum sind wir denn auch so gebaut! Was
freilich, noch weiter getrieben auch jeder Verbrecher fr sich anfhren knnte,
wovor uns Gott bewahren mge. Hier mu nun freilich der christliche Glaube Hand
anlegen, und eine starke. Es regieren oft die kleinen Teufelchen in uns,
aberwitzige, unheimliche, und die lassen sich durch Narretei beschwren und
vertreiben. Auf meinem Zimmer habe ich einen sehr hbschen Tisch, die Platte ist
ganz von Masern. Noch ein Geschenk vom Grovater des jungen Herrn, also uralt.
Sehen Sie, in solchem Maser laufen nun lauter tolle Linien ohne alle Vernunft
und Ordnung kreuz und quer durcheinander. Die Tugend und der Wert einer solchen
Maserplatte besteht eben darin, da kein Verstand in der Kuriositt, sondern
Willkr und Aberwitz herrschen. Doch warum beschreiben? Was werden Sie denn ein
solch gemasertes Wesen nicht kennen?
    Gewi kenne ich es, erwiderte Leonhard, ich sehe den Tisch leibhaftig vor
mir.
    Der Alte sah ihn von der Seite an und lchelte; dann sprach er in seinem
Eifer: Also denn, wenn die Besessenheit mich ergreift und gar nicht wieder
loslt, so stelle ich mich dann mit meiner Geige vor diesen Masertisch,
begeistere mich und spiele in tausend Variationen und rasenden Passagen alle die
vermaledeiten krummen und zackigen Linien ab, als wenn es Noten wren. Immer
fllt mir was Neues ein, und ich rassele und wte so heftig, arbeite mich so ab,
da ich oft wie im Schweibade bin. So kleide ich mich um, setze mich in den
Sofa, lache recht von Herzen ber mich und die Welt, fhle mich so recht
behaglich und in meinem Innern wieder wie zu Hause und habe dann auf lange Ruhe.
Sehen Sie, Bester, das war es, was Sie neulich mit angehrt haben. Es war gewi
recht sonderbares Zeug.
    Leonhard war zuletzt sehr nachdenklich geworden und sagte endlich: Ihre
Erzhlung und dieses Heilmittel erinnert mich an so vieles, was ich in mir
selbst so oft habe bekmpfen mssen. Wohl dem, der in seiner geliebten Violine
einen solchen Ableiter findet.
    Jeder vielleicht auf seine eigene Weise, antwortete Joseph. Es liee sich
viel darber sagen. Wenn ich so von den alten Mnaden und den bacchantischen
Festen der Griechen gelesen habe, so dachte ich oft, diese und hnliche
Anstalten haben auch die tollen Geister in uns bndigen und austreiben sollen.
Christliche fromme Mnner haben es vielleicht durch ihre Geielungen, Fasten und
Kasteiungen versuchen wollen. Mancher tobt sich auf der Jagd aus, und in der
Jugend fhlen wir es ganz deutlich, wie Springen, Laufen, Ringen und Balgen
unserm Leben vllig unentbehrlich sind. Wer in meine Masern verfllt, oder sich
gar freiwillig hineinversenkt, ohne sich mit der Violine wieder herauszuspielen,
der wird wohl eben ein Schwrmer und Fanatiker, wovor uns denn alle der Himmel
behten wolle. - Mit diesen Worten empfahl sich der Alte, und Leonhard blieb
noch lange auf seinem Zimmer, um alle die Gedanken nher zu erwgen und zu
bewltigen, die ihm jenes sonderbare Gesprch auf unerwartete Weise erweckt und
zurckgelassen hatte.

Als man sich bei Tische versammelt hatte, sagte Emmrich: Sollte es nicht Zeit
sein, diese allgemeine Verstimmung, mte es selbst durch ein gewaltsames Mittel
geschehen, wieder in die rechte Bahn zu lenken? Ich bin der Meinung, da wir
jetzt unter uns sind, und niemand unser Vorhaben bel deuten wird, da wir
unseren Gtz noch einmal auffhren und ihn dann, wie es sich gebhrt, zu Ende
spielen. Wozu haben wir die Mhe gehabt und uns in so manchen Proben geqult?
Wir sind es uns selbst schuldig, das unternommene Werk nicht so als ein
schmhliches Fragment liegenzulassen. Es ist nicht billig, da wir alle ben,
was nur einer der Teilnehmenden gesndigt hat.
    Ich wre einverstanden, sagte Elsheim, wenn Mannlich im Zorn nicht sein
Ehrenwort darauf verpfndet htte, den Gtz nie wieder zu spielen. Es ist
vergebene Mhe, ihn berreden zu wollen.
    Es mu ohne ihn mglich sein, erwiderte Emmrich, er bleibe frs erste ein
Mrtyrer seines Wortes und alter Lesearten. Meine Rolle des Sickingen kann
leicht ein anderer bernehmen, und ich habe lngst, wieviel mehr seit unseren
Proben, die Rolle des Gtz genau in meinem Gedchtnis. Nur rate ich, wenn wir es
noch unternehmen, da wir dazutun, bevor die Baronesse zurckkommt, die es bel
empfinden drfte, wenn sie she, da wir den gescheiterten Wrack wieder zum
Segeln bringen wollten.
    Alle waren ber den Vorschlag erfreut, am meisten der junge Cadet, der in
Verzweiflung darber gewesen war, da er seine interessante Rolle des
leidenschaftlichen Franz nicht hatte zu Ende fhren knnen. Auch Charlotte,
sowenig sie es wollte merken lassen, war sehr zufrieden, die Adelheid zu Ende zu
spielen; Albertine war willig; selbst die Tante lie sich bewegen, sich noch
einmal in der huslichen Tugend der Elisabeth zu zeigen, und Dorothea lachte
laut auf, da sie noch einmal als Georg mit ihren kecken Reden auftreten sollte.
Der Graf Bitterfeld war leicht umgestimmt, und der Schulmeister triumphierte,
als er am Abend vernahm, da sein Selbitz noch einmal zu Ehren kommen sollte.
Ein junger Verwalter eines benachbarten Gutes, ein verstndiger Mann, war leicht
in den Charakter des Sickingen eingelernt, und die Bauern, der Schulze und die
Dienerschaft sahen mit Spannung und Neugier der wiederholten Auffhrung des
nationalen Schauspiels entgegen. Elsheim mute sich aber wirklich gefallen
lassen, noch auer dem Weislingen den Zigeunerhauptmann zu bernehmen, weil der
Frster taub gegen alle Bitten und Vorstellungen blieb.
    Schon nach einigen Tagen war das groe Werk zur allgemeinen Zufriedenheit
vollendet worden. Alle gestanden laut, da durch die bessere Darstellung des
Gtz das Gedicht in der Wiederholung ein ganz anderes geworden war, als es sich
im ersten Versuch gezeigt hatte. War vorher Gtz ruhmredig erschienen, prahlend
und rechthaberisch, hatte er durch eine frchterliche Deutlichkeit der
Aussprache den biederherzigen Mann langweilig und anmaend hingestellt, so waren
jetzt alle von der Liebenswrdigkeit des Ritters ergriffen, durch seinen Edelmut
gerhrt und von seinem tragischen Schicksal und Lebensende tief erschttert.
    In Weislingens Sterbeszene war Maria so hingerissen, und in Rhrung
aufgelset, da sie kaum die wenigen brigen Szenen noch spielen konnte, und als
der Vorhang zum letztenmal fiel, begab sie sich sogleich zur Ruhe, ohne an der
Abendtafel zu erscheinen.
    An dieser erschien der junge Cadet, der nach der Anstrengung den Wein nicht
geschont hatte, ganz ausgelassen, besonders da er von der ltern Schwester
Albertine nicht beobachtet und gezgelt werden konnte. In seinem Rausch
verhehlte er es nicht, wie sehr er Charlotten verehre, und da seine Ausdrcke
immer poetischer, sowie seine Erklrungen immer deutlicher wurden, so wurde
Leonhard zu seiner Beschmung und seinem Schrecken inne, da er eine stechende
Eifersucht empfinde. Es war ihm daher sehr erwnscht, als Elsheim auf eine milde
Art den jungen Menschen zurechtwies, und Adelheid, Charlotten, von seinem
Ungestm erlste, die sich um diese erwachende Leidenschaft nicht zu kmmern
schien, indem sie alle hyperpoetischen Reden des Cadetten nur mit heiterm Lachen
beantwortete.
    Am anderen Morgen war Elsheim sehr durch den unvermuteten Besuch Mannlichs
berrascht. Ja, ja, sagte dieser zum erstaunten Freunde, ihr wollt mich nicht
und denkt, ich habe mich selbst, wer wei auf wie lange, verbannt; aber so ist
es nicht gemeint: ich war bse, bin aber jetzt wieder gut, ja ich war selbst
gestern incognito im Parterre und habe euer Spiel mit angesehen. Ich htte fast
Lust, einen dramaturgischen Aufsatz ber diese eure Auffhrung zu schreiben.
Lieber Himmel, wie wenig ist doch eigentlich dem Dichter sein Recht widerfahren!
Der Gtz war ohne Kraft und Nachdruck, kein Wort konnte mich in die alte Zeit
versetzen, alles wurde so schnell und natrlich gesprochen, wie es heutzutage
auch geschehen kann; gerhrt war er ein paarmal, wo er sich gerade als Held
zeigen sollte. Dein Spiel als Weislingen war im ganzen vortrefflich, doch nicht
ohne bedeutende Fehler; in der Sterbeszene drcktest du zu wenig die Wirkungen
des Giftes aus, was doch gewi Krmmungen, Auffahren und Konvulsionen erregen
mu. Von Albertinen wei ich nichts zu sagen, denn sie spielte so, als wenn es
gar keine Rolle wre; sie sprach, wie sie immer spricht, und deshalb hat mich
auch die Tante nicht befriedigt, die bei weitem nicht erhaben genug war.
Unertrglich war dein Freund, der Professor Leonhard; als Mnch so weinerlich
und gelassen, und als Lerse so plump, gar kein vornehmer, poetischer Ton. Die
kleine Dorothea war allerliebst, neckisch und komisch, dabei nicht ohne Natur,
wie sie denn berhaupt ein Naturkind ist. ber alles Lob erhaben war Charlotte.
In ihr sah man doch einmal eine Dame, und wie verfhrerisch, wie reizend! Ich
habe es wohl bemerkt, da sie dich mehr als einmal in Verlegenheit setzte, denn
sie ist wirklich gar zu liebenswrdig. Der Graf Bitterfeld zeigte sich als ein
denkender Schauspieler, er wird nichts, was er unternimmt, ganz verderben - aber
der Schulmeister! und der Cadet! Es ist doch nichts unertrglicher, als wenn
Menschen, die gar keine Anlage haben, sich in einem Talent zeigen wollen, was
ihnen so ganz und vllig versagt. Diese Szenen waren unleidlich. Dann strte es
auch die Illusion zu sehr, da du zuletzt noch als Zigeuner wiederkamst. Du
hattest dich zwar wundervoll entstellt und verkleidet, es half dir aber nichts,
denn ich kannte dich doch wieder.
    Viele von der Gesellschaft waren auf Spaziergngen zerstreut; die
freundliche Dorothea war bei Albertinen, die sich unwohl fhlte und welche von
der Kleinen liebkosend gepflegt und getrstet wurde. Liebchen, sagte sie jetzt
eben, la nur die Tante nichts von diesen deinen Empfindungen merken, denn so
gut sie ist, so wrde es dir doch Verdru machen und nicht ohne Beschmung
abgehen knnen.
    Du irrst dich, sagte Albertine eifrig, du irrst dich vllig. Mir ist
berhaupt nicht wohl, und das Spiel gestern hat mich bermig angegriffen. Das
Gedicht selbst ist ja von einer Kraft und so herzzerreiender Wehmut, da diese
Worte schneidend durch Mark und Gebein gehen. Ich begreife die andern nicht, die
nachher noch heiter, ja lustig sein knnen. Unsern Elsheim verstehe ich gar
nicht, denn ich hatte ihm diesen Leichtsinn nicht zugetraut. Selbst in den
Zwischenszenen konnte er mit Charlotten lachen und scherzen. Sie freilich, die
niemals fhlt, die mit dem ganzen Leben und mit allen Empfindungen nur ein
Spielwerk treibt, sie hat ihre Freude daran, nur alle zu rgern und zu krnken.
Ihre Gefallsucht ist so unersttlich, da sie jeden Mann durch ihre Knste in
ihr Netz zieht; selbst den Knaben, meinen Bruder, verschmht sie nicht. Hast du
es nicht bemerkt, wie sie sogar den Stelzfu, den alten Schulmeister, freundlich
anlacht?
    Sei nicht bitter, Kindchen, erwiderte Dorothea freundlich; du weit ja,
wie ber diese wunderlichen Launen selbst die Tante niemals etwas vermocht hat.
Es ist doch eine poetische und fast wieder unschuldige Koketterie, wenn diese
Charlotte allen Mnnern ohne Ausnahme gefallen will, und wenn es ihr Spa macht,
jeden, indem sie seine Schwchen kennt und benutze, auf eine Zeitlang zu ihren
Fen zu sehen. So war sie immer, und sie wird sich jetzt nicht ndern. Du bist
ihr bse, weil sie auch schon unsern Leonhard verblendet hat. Es ist nur zu
sichtlich, wie schmachtend er an ihren schnen Augen hngt.
    Auch Leonhard, meinst du? erwiderte Albertine, das hatte ich bis jetzt
noch nicht bemerkt; mir schien es, die habe es in diesen Tagen allein auf unsern
Elsheim angelegt. Mag sie doch, was kmmert es mich! Und mgen alle Mnner
dieser gleienden Herzlosen folgen und sie vergttern, ist es doch einmal das
Schicksal der Besseren, immerdar verkannt zu werden. - Sie weinte von neuem,
trocknete dann in heftiger Eile die Augen und warf sich an Dorotheens Busen.
    Auch die stets heitere Dorothea weinte jetzt. O da dich diese Leidenschaft
hat ergreifen mssen, du armes Kind, sagte sie dann, gerade zu diesem fremden
Manne, der uns allen unbekannt ist! Es richtet dich zugrunde, denn er scheint
dir weniger als den andern zugetan; er ist wahrscheinlich lngst vermhlt, hat
Kinder und wohnt weit von hier, ist ein Brgerlicher, schwerlich reich, sowenig
als wir. Was kommt da alles zusammen, um dich zu qulen, um dein Leben durch und
durch zu vergiften! Und immer noch willst du mir diese Liebe ableugnen, du
zwingst dich zur Verstellung, und dennoch mu ich frchten, da schon mancher
andere deine Leidenschaft bemerkt und erkannt hat, denn du kannst deinen Gram,
besonders in seiner Nhe, zu wenig bemeistern.
    Du machst, da ich wider Willen lcheln mu߫, antwortete Albertine; dein
Mitrauen und deine Teilnahme irren, durchaus irren sie; mein Herz ist frei, und
mein Gemt wird von ganz anderm Kummer gedrckt. Aber dieser Leonhard! Es wre
doch schade um ihn, wenn er sich auch von den Augen Charlottens bestricken
liee. Dieses treue, redliche braune Auge, aus welchem ein edles weiches Gemt
so zuversichtlich schaut, da der bessere Mensch ihm vertrauen und ihn lieben
mu. Ja, lieben, aber nicht, wie du es irrig meinst. Hast du wohl recht auf sein
Spiel geachtet? Wie edel er alles vortrug und doch so einfach, ganz dem
Charakter angemessen. Vielleicht htte er den Weislingen besser als der Vetter
dargestellt, und doch sprach der Leichtsinnige auch manches Wort so, da es aus
dem Herzen zu kommen schien. Wie hat er mich gerhrt mit diesen weichen,
einschmeichelnden Tnen! Ich fragte mich dann: Ist es mglich, da man so
sprechen kann, ohne wirklich zu empfinden? Das ist das Sonderbare und
Frchterliche, da es der Lge mglich ist, so ganz den Schein der Wahrheit
anzunehmen.
    Nrrisches Mdchen, sagte Dorothea lachend, es war ja auch nur eine
Komdie, welche er spielte.
    Hier wurden sie unterbrochen, denn die Tante trat in ihr Zimmer. -
    Leonhard hatte sich in den nahe gelegenen schnen Buchenwald begeben und kam
jetzt durch den Garten von seinem langen Spaziergange zurck. Sowie er durch die
Pforte in die Lindenallee trat, stand Charlotte im ganzen Reiz ihrer Schnheit
vor ihm, lchelnd ihm entgegentretend, als wenn sie ihn erwartet htte. Sie
werden uns ungetreu, sagte sie dann, wenn uns die Komdie nicht vereinigte, so
wrden Sie immer in Feld und Wald umstreifen.
    Konnt ich glauben, erwiderte er, da man mich vermissen mchte? und da
gerade Sie mir diesen freundlichen Vorwurf machen wrden?
    Artige Worte, erwiderte sie lachend, der ewige Text, um den sich die
Unterhaltung der Gesellschaften dreht; die Auslegung ganz willkrlich, so oder
so, und meist ohne Ernst und Wahrheit; Gesprch, um zu sprechen, so wie oft
Noten zu Dichtern entstehen, blo um Noten zu machen. - Aber wie waren Sie mit
der gestrigen Darstellung zufrieden?
    Von Ihnen will ich nicht sprechen, antwortete Leonhard, denn Sie wrden
mich doch nur als einen Schmeichler abweisen und wenn man entzckt ist, ist man
nicht gerade in der Stimmung, um ein Urteil zu fllen. Aber haben Sie nicht auch
die Darstellung Emmrichs bewundert? Er war unter uns Mnnern doch eigentlich
allein nur der Meister. Dieses Verwirklichen aller Empfindung so ohne
Anstrengung! jede Szene so gegeben, als knnte es eben nicht anderes sein! so
da jeder Zuschauer der Meinung sein mute, er selbst wrde es gerade eben auch
so und nicht anders gemacht haben.
    Ein Spiel, sagte Charlotte, so wie Sie es beschreiben, ist gewi der
Triumph der Schauspielkunst. Wohl versteht es unser Emmrich ganz anders, als der
Baron Mannlich. Indessen wollte ich doch, man htte ein anderes Stck gewhlt.
    Das wnschen gerade Sie? sagte Leonhard mit einigem Erstaunen, wo mchten
Sie einen Charakter antreffen, in welchem Sie so allen Zauber der Lieblichkeit,
des Reizes, der Verfhrung und des feinen Anstandes entwickeln knnten?
    Sie geraten doch in jene Schmeichelei, bemerkte sie, der Sie ausweichen
wollten. Das Stck aber hat auf keine Weise meinen Beifall. Der Gtz geht zu
schmhlich unter, und man begreift nicht, weshalb; die innere Notwendigkeit
tritt nicht deutlich genug hervor.
    Wie? sagte Leonhard, fhlen wir diese nicht in jedem Wort? Sehen wir sie
nicht in jeder Szene? Die bessere Zeit geht unter, und mit ihr der brave Gtz,
ihr Reprsentant; sie wird verdrngt oder erdrckt von einer anderen, die uns
als die der List und Verstellung, der Unwahrheit und Treulosigkeit gemahnt; ihre
Reprsentanten, Adelheid und Weislingen, gehen aber ebenfalls in dem Sturm der
Begebenheiten zugrunde, den sie erregt haben, den sie aber nicht bewltigen
knnen.
    Und dann, sagte Charlotte, tritt ein anderes Zeitalter auf, das fr uns
jetzt Lebende auch schon ein lngst veraltetes ist; dieses verspielt sich wieder
an einem einbrechenden, welches als das schwchere und schlechtere erscheint;
und so geht es immer fort, und das ist die Tuschung der Geschichte, die, so
vorgetragen, vielleicht kein wahres Wort enthlt.
    Leonhard ward nachdenklich und sagte dann: Die Zeitalter wechseln wohl in
Gte und Schlechtigkeit; bald tritt diese, bald jene Vortrefflichkeit mehr und
deutlicher hervor, und die Aufgabe ist, an diesen Zeichen die Zeit zu erkennen.
    Gut, sagte sie, mgen das die Gelehrten und Denker tun; unsereins
versteht nur das, was ewig wiederkehrt, nie wandelt, weil es selbst der Wandel
ist.
    Und das wre? -
    Ei nun, jene Schwche der menschlichen Natur, die auch den rhrenden und
interessanten Teil unseres Schauspiels bildet; dieser Weislingen, der so
meisterhaft geschildert ist, in welchem sich die menschliche Natur selbst und
das eigentliche Wesen der Mnner so unvergleichlich prsentiert.
    Sie meinen also -
    Jawohl, fiel sie schnell ein, der Weislingen ist der Mann selbst, das
heit, der wirkliche, der interessante, von dem es sich zu sprechen lohnt. Denn
was wre die Welt, wenn alle Mnner so bieder, treu, unerschtterlich wren, wie
dieser alte Freibeuter, der Berlichingen? Und was wrde in aller Welt das Stck
selbst fr eine triste Physiognomie haben, wenn Weislingen und Adelheid nicht
Leben und Frische hineinbrchten? Und so war es gewi immer und zu allen Zeiten.
Und Gtz selbst! fllt er nicht fast ohne Ursache von seiner Treue ab, um der
Anfhrer der rebellischen Bauern zu werden? Dies Gelst war seine neue Geliebte,
die ihn zur Treulosigkeit verfhrte, und er mu, wie Weislingen, nur seinen
eigenen Fehler ben. Alle Hochachtung vor Tugend und Wahrheit! aber herrschten
sie allein in der Welt, so gbe es wenigstens keine Poesie.
    Leonhard mute ber diese Ketzerei lachen und wute doch im Augenblick
dieser seltsamen Behauptung nichts entgegenzusetzen. Knnen Sie mir unrecht
geben? fuhr sie nach einiger Zeit fort; in der rmischen Geschichte stehen
Antonius und seine Kleopatra ebenso glnzend und unglcklich da, und wo sich
mein Auge hinwendet, schon von der Iliade an bis zu unserem Wieland und Clavigo
und der Stella, ist immer die weiche, liebe, interessante Verfhrbarkeit des
Mannes der Gegenstand der schnsten Gemlde und anziehendsten Verwicklungen.
Jene festen, unerschtterlichen, dem Reiz und der Schnheit unzugnglichen sind
eben keine echten Mnner, sondern nur Larven und widerwrtige, wenigstens
gleichgltige Gespenster.
    Leonhard war whrend dieser Rede nach und nach ernsthaft geworden. Nicht
wahr, fuhr sie fort, wer gar nicht, gar nicht wanken knnte, den drfte man
doch eigentlich auch nicht treu nennen? Seine Natur ohne weiteres wre einmal so
eingerichtet, und Schnheit und Reiz und mit ihnen Versuchung fnden keinen
Eingang bei einem solchen. Liebe - so sprechen die Menschen - und was ist sie
denn? Ist sie denn nicht auch Talent? Und wenn das, erfordert sie nicht bung,
Erfahrung? Und wenn sie ein Lebendiges ist, eine Wirklichkeit, kein totes Wort,
mu sie sich nicht in jedem Wesen anders gestalten? Die Leute schelten jetzt auf
die Stella, aber das ist es, was Goethe so deutlich empfunden und dargestellt
hat. Kann Ferdinand die ltere Gattin so lieben, ja auch frher so geliebt
haben, wie jene wunderbare Stella, die ihn mit ihren tiefen Empfindungen an sich
gerissen hat? Und dieses Gedicht der Treulosigkeit nannte unser Goethe damals
beim Erscheinen: ein Schauspiel fr Liebende. Und mit Recht; denn nur derjenige,
der die Liebe empfunden und erlebt hat, kann es wissen, wie das Herz wohl so
gestimmt sein kann, da es die neue, hhere Liebe nur fhlt und rein in ihr
lebt, wenn eine andere, auch echte Zrtlichkeit ihr fast schwesterlich
Gesellschaft leistet. Ich spreche von Mnnern, denn bei Frauen uert sich das
geheimnisvolle Leben dieser Gefhle gewi auf verschiedene Weise.
    Sie traten jetzt wieder in jene abgelegene khle Laube, deren grner
duftender Schatten sie zum Sitzen einlud. Darin, fuhr sie fort, als sich beide
gesetzt hatten, ist auch Goethe so gro und einzig, da bei ihm jedes
Verhltnis der Liebe so etwas Eigenes und Individuelles hat, wie bei keinem
andern Dichter, und diese Verhltnisse, die er schildert, sind wieder unter sich
so abgesondert und eigen gehalten, da man jegliches selbst mitzuerleben glaubt.
Der Frhling ist freilich immer und allenthalben schn, er ist stets Frhling,
aber er blht mir doch anders am Genfersee als in der Mark entgegen, und so mu
Liebe, obgleich sie innere Bezauberung bleibt, doch in jedem andern Wesen mit
eigener Sigkeit und Frische in ganz verschiedenen Traumgestalten sich
aussingen und dichten. Und das, lieber Leonhard, sollte nicht zur sogenannten
Untreue verlocken? sollte diese nicht selbst zu einem hchst poetischen Gewerbe
machen?
    Sie sah ihn fragend mit den schnen dunkeln Augen an. Er reichte ihr die
Hand und sagte nur ganz kurz: Ich mu Ihnen recht geben. Sie drckte seine
Hand mit inniger Zrtlichkeit und sagte seufzend: O du! Du Lieber! - Sie
neigten sich zueinander, und ein heftiger langer Ku brannte auf ihren vollen
Lippen, den sie erwiderte. Dann sahen sie sich an, Hand in Hand, ohne zu
sprechen; blo ganz leise sagte Leonhard: Lottchen! Du! Se! Als sie nach
einer Weile aufsahen, stand Elsheim vor ihnen, welcher sagte: Ich suche Sie
allenthalben, denn es ist Tischzeit. - - So? schon? sagte sie ganz
gleichgltig und stand auf, Elsheims angebotenen Arm anzunehmen. Leonhard war
hastig und in groer Verlegenheit aufgesprungen. Er wute nicht, wie lange der
Freund schon zugegen gewesen, ob er den Ku bemerkt habe, was er denken mchte.
Alle diese Vorstellungen ngstigten ihn, und er folgte den beiden fast trumend.
Es war ihm lieb, als sie Albertinen und Dorothea im Garten trafen. Indem sie
ber eine Brcke gingen, nahm Albertine, die jetzt sehr heiter und freundlich
schien, Leonhards Arm, um sich auf ihn zu sttzen. Sie sah ihn dabei so hell und
fast zrtlich an, da er sich einbildete, sie drcke im Gehen seinen Arm, und er
konnte sich nicht erwehren, durch einen Gegendruck diese Freundlichkeit zu
erwidern. Dorothea, welche voranlief, stand pltzlich still und sah sich
bedeutsam nach ihnen beiden um. Es war auffallend, da Albertine in diesem
Augenblick errtete, und Leonhard mute in seinem Gemt die auffallende
Schnheit seiner Begleiterin, sowie ihr holdseliges Wesen erwgen. In sich
selbst sah er wie in eine dunkle Tiefe hinein, und die Frage drngte sich ihm
lstig auf: Was will ich denn? Bin ich von jener gefangen und soll hier auch an
dieser Schnheit stranden? Welcher Unterschied zwischen den beiden reizenden
Wesen! Wie zwei verschiedene Welten! Ja wohl ist unser Herz unersttlich, und es
fordert Kraft und Tugend, diesem Durst zu widerstehen; doch matt ist unser
Gefhl, indem wir unsere Strke ben. Und was erfolgt, wenn dies nicht
geschieht? Bitteres Erwachen aus sen Trumen!
    Sie traten jetzt in den Saal, und auch Elsheim schien zerstreut, fast
bellaunig, bis Wein und Speise und mannigfaltige laute Gesprche alle in den
Strom der geselligen Heiterkeit hineinzogen. Elsheim sa neben Charlotten und
sprach sehr eifrig mit ihr; Leonhard hatte neben Albertinen Platz gefunden, und
diese blieb whrend der Mahlzeit heiter.
    Auch den Dienstleuten hatte Elsheim an diesem Tage ein kleines Fest gegeben.
Die Schulzen waren zugegen, sowie alle diejenigen, die als Knappen, Knechte,
oder Zigeuner ausgeholfen hatten, und selbst der Frster, der den
Zigeunerhauptmann nicht hatte spielen wollen, lie sich jetzt seinen Anteil am
Schmause nicht nehmen. Obenan aber prangte der Schulmeister, durch seine
gelungene und vielgepriesene Darstellung des lahmen Selbitz verherrlicht. Er war
so beglckt und von dem Beifall, den er allgemein erlangt hatte, so berauscht,
da er an der ziemlich langen Tafel fast niemand zu Worte kommen lie, und
wenigstens die andern alle mit seiner tnenden Stimme berschrie. Habt ihr es
wohl gesehen und bemerkt, sagte er jetzt mit krftigem Ton, wie meine Rolle,
dieser Selbitz, eigentlich, wenn man die Vernunft zu Hlfe nimmt, die
Hauptperson im ganzen Stck ist? Ohne ihn kann der Gtz nichts machen, gar
nichts; gleich mu zu dem Lahmen geschickt werden, der auch zehnmal klger ist,
als der Herr Berlichingen selbst. Er traut gleich dem Weislingen nicht; er wei,
da an dem hfischen Gesellen kein gutes Haar ist. Und wre ihm nur der Gtz
immer gefolgt, so wrde alles besser gegangen sein. Er schlgt und siegt und ist
sich und seiner Sache immerdar treu und unerschtterlich. Nun wird er aber im
vollen Siege verwundet, er wird vom Schlachtfelde getragen: da zeigt er sich
noch einmal in seiner ganzen Pracht, denn gewi ist dieser Auftritt der schnste
im ganzen Stck. Er kann aber nicht mehr mitfechten, er mu nach Hause, um sich
kurieren zu lassen, und nun ist es eigentlich auch mit dem Herrn Gtz zu Ende,
denn von nun an geht alles mit ihm abwrts, er mu sich gefangen geben, und
selbst der hochmtige Sickingen kann ihm im wesentlichen nichts nutzen. Auch
nachher nicht, und noch viel weniger der armselige Zigeunerhauptmann, der auch
so groe Worte in den Mund nimmt und Blut und Leben fr ihn lassen will. Was
knnen nun Lerse, Maria, selbst Weislingen fr ihn tun? So gut wie nichts; der
arme Mensch mu zugrunde gehen, weil er seinen tchtigen Selbitz nicht mehr hat,
der wahrscheinlich an seinen Wunden gestorben ist, weil er gar nichts mehr von
sich sehen und hren lt. Seht, Kinder, so liegt eine sehr schne Moral in
dieser Sache, da so oft unansehnliche Mnner, die nur in einem kleinen
Wirkungskreise leben, doch die allerwichtigsten im ganzen Staate sind, wie denn
das auch der Kaiser Maximilian wohl eingesehen hat, der diesen Selbitz gar zu
gern zu seinem Feldherrn gemacht htte. Es htten eigentlich alle Schulkinder
dies Meisterwerk mit ansehen mssen, htte es nicht an Platz gemangelt. Ja,
Freunde, wenn der verstndige Selbitz noch gelebt htte, so wrde sich unser
etwas bornierter Gtz niemals mit dem dummen Bauernvolk eingelassen haben.
    Hier erhob sich pltzlich der Schulze in groartigem Zorn. Schimpft nicht,
Schulmeister, rief er aus, wenn Euch nicht dies Weinglas an den Kopf fliegen
soll. Weil Ihr den lahmbeinigen Reitersmann gespielt habt, als Komdiant, drft
Ihr darum unsersgleichen nicht verachten und niedertrchtig machen.
    Ich schimpfe nicht, Mann, schrie der Schulmeister dagegen; die Leute
dort, versteht, sind ja keine verstndigen Bauersmnner, sondern im Gegenteil
nur Rebellen und Mordbrenner.
    Sie mgen auch nicht unrecht gehabt haben, rief der Schulze laut, aber
doch etwas besnftigt; wir hren ja auch im Stck, da ihre Herrschaften ihnen
das Fell ber die Ohren gezogen haben und das ist, mein Seel, keine angenehme
Empfindung.
    Ihr sprecht in der Art ganz vernnftig, sagte der Schulmeister, denn Ihr
seid einer der verstndigsten Mnner, die mir vorgekommen sind. Aber die
Bauersleute gingen gleich ber die Grenze aller Billigkeit, folgten den
schlechtesten Ratschlgen und wurden Mrder und Kannibalen, schlachteten
Schuldige und Unschuldige und verbrannten und beschdigten, wie Ihr es ja
gesehen habt, den Bauernstand selber. Und das ist denn auch wieder moralisch und
auferbaulich, wenn man sieht, wie ein solcher Aufstand immer wieder gegen sich
selber wten mu. Und darum htte sich Gtz, der doch einen ehrlichen Mann
vorstellen will, nicht mit ihnen einlassen sollen. Aber es bekommt ihm auch
schlecht, wie ihr alle gesehen habt. Seinen Feinden, die ihn strzen und die dem
so ziemlich rechtlichen Manne gegenber ganz niedertrchtig sind, geht es aber
noch elender, und das ist nun eben die groe und eindringliche Moral von dieser
Sache, die sich jeder wohl zu Herzen nehmen soll. Wie berhaupt das ganze
Komdienstck eine der allermoralischsten Arbeiten ist, die nur in der ganzen
Welt zu finden sein mgen. Alle die Schlechten gehen unter und auch diejenigen,
die sich haben verleiten lassen, und nur die ganz Schuldlosen bleiben brig, wie
die Elisabeth, Maria und Lerse.
    Aber der Georg mu doch auch daran glauben, sagte der alte Frster, und
der hat doch kein Wasser getrbt und war seinem Herrn so treu und ergeben, und
Euer Selbitz, mit dem Ihr so hoch hinauswollt, hat doch auch so viel abgekriegt,
da er wohl gar verendet hat, oder sich nicht wiedersehen lassen kann, weil er
zu miserabel ist. Denn wenn der Stelzfu wieder gesund und stark wre und liee
sich doch nicht wiedersehen, weil die Sachen etwa jetzt zu milich stnden, so
wre der Schreihals, mein Seel, gegen seinen alten Kumpan, den Gtz, nur wie ein
Lumpenhund!
    Forstmann! rief der Schulmeister, so quer mt Ihr um des Himmel willen
die Sachen nicht nehmen, das ist ja ein ganz falscher Gesichtspunkt. Der Dichter
mu es am besten wissen, warum er den tchtigen Stelzbein nicht wieder auftreten
lt. Da wir ihn nicht wiedersehn, da wir gar nichts weiter von ihm hren, als
ganz zuletzt ein einziges Wort, scheint mir eben der grte Fehler des Stcks zu
sein. Er konnte, wie bei Weislingens Bund, den Gtz vom Bauernkriege abraten; er
konnte zum alten Kaiser reiten und dem die ganze Kabale aufdecken; er mute den
versunkenen Karren wieder aus dem Schlamme ziehen und selber dem bermtigen
Sickingen helfen. So ist es aber oft die Dichter legen einen Charakter gut und
richtig an, sie wissen aber nicht den gehrigen Vorteil aus ihm zu ziehen, und
so mssen sie ihn denn am Ende gar nolens volens ganz fallenlassen.
    Das ist immer ein schlechter Nolenz-Volenz, bemerkte der Schulz. Hat Euch
aber der Baron als Gtz nicht viel besser gefallen, als gestern der Professor?
    Ohne Frage! rief der Schulmeister, und alle Genossen am Tische
bekrftigten diesen Ausspruch. Wie dieser fremde Professor kann eigentlich
jeder Mensch spielen, denn es war, um es geradeheraus zu sagen, gar nicht
gespielt. So schlicht weg alles, so schlank hin, gar nicht einmal wie auswendig
gelernt - was ist denn darin fr Kunst? Unser Baron nahm den Mund so hbsch
voll, lie sich so recht Zeit zu allem, stampfte so gravittisch umher, glotzte
seine Mitsprechenden so knstlicher Weise an, und pltzlich, ohne da es ein
Mensch vermuten konnte, schrie er so laut und zerarbeitete sich so frchterlich,
da man wirklich erschrak. Nein, so leicht wird dem Manne das keiner wieder
nachmachen. Ich habe in alten Bchern oft von den ungeheuern Effekten gelesen,
die die Trauerspiele bei den Griechen auf die Zuschauer machten, so da
schwangere Weiber zu frh in die Wochen kamen, da andere Krmpfe kriegten, und
dergleichen mehr, was ich immer nicht glauben konnte, bis ich nun erlebte, da
durch den Baron Mannlich hier bei uns ganz dasselbe hervorgebracht ist.
    Effekte! rief der Schulze, was sind das fr Dinger?
    Man kann es auch Wirkungen nennen, belehrte der Schulmeister, aber Effekt
ist der eigentliche Ausdruck, der in der Kunst angewendet werden mu, wenn man
sich verstndlich machen will. Es ist nmlich der Eindruck, welchen die
Zuschauer an sich verspren, ob sie sich wohl, ob sie sich bel befinden, wie
stark sie erschrecken, weinen, oder lachen, gespannt sind und sich verwundern;
alles dies, was in der Seele des Zuschauers und Hrers so durcheinander vorgeht,
nennen wir Gelehrten die Effekte. Nun also, Freunde, Kinder, Nachbaren,
verstndige Mnner habt ihr es ja alle selbst gesehen und erlebt, wie auf ganz
hnliche Weise, wie im alten Athen, unser Baron Mannlich den ungeheuersten
Effekt hervorbrachte. Zwar ist keine von den Damen pltzlich in die Wochen
gekommen, denn dazu waren sie zu alt, aber Krmpfe hat es doch gegeben, Krmpfe
aller Art, und gefhrliche Ohnmacht, so da das Stck nicht einmal zu Ende
gespielt werden konnte. Es war auf jeden Fall ein groer, ein merkwrdiger, ein
erhabener Moment.
    Lari fari! rief der Schulze, welcher verdrlich war, da der Schulmeister
so lange das Wort fhrte, die Weibsen erschraken ber die Grobheit, die dem
Baron in der Bosheit aus dem Munde fuhr. Effekte! Wenn ich mit einem Male dem
Kaiser und Reich so ganz unscheniert dasselbe sagen wollte; wenn ich so zum
Superintendenten sprche, oder dem Landrat das bte: mein Seel, so wrde ich
auch Effekte machen und hervorbringen, und das kann auch ein jeder, solange er
diese seine vaterlndische grobe Muttersprache spricht. Ich kriegte auch von dem
lieben Effekt etwas ab, denn ich mute laut lachen, wie sich der Baron so
vergessen konnte.
    Einfltiger Mensch! rief der Schulmeister, das anstige Wort war ja kein
Einfall von ihm, es stand ja die Redensart ganz so in seiner Rolle, ich kann es
Euch gedruckt im Buche zeigen. Und wrde denn nach dem ordinren Wort, das wir
ja auch zuweilen in unseren Drfern hren, diese ungeheuere Wirkung, der
erhabene, einzige Effekt sich gezeigt haben, wenn die Gemter durch das
groartige Spiel nicht schon lngst darauf wren vorbereitet worden, diese
Sentenz, wie sie nun einmal ist, so aufzunehmen, wie wir es alle gesehen haben?
- Wie herrlich wre es, wenn der Baron Elsheim sein Theater bestehen liee, da
wir zum Unterricht und zur Besserung der Gemeine nur sechs oder siebenmal im
Jahre so klassische patriotische Schauspiele auffhrten! wir wrden bald den
Nutzen davon gewahr werden.
    Es war aber doch gut, sagte der Schulze, da gestern der Professor die
anstige Rede weglie.
    Verdorben hat er den Text sagte der Schulmeister eifernd. 'Er aber, er
kann sich hngen lassen!' Wie matt, nichtssagend! Es wird immer schwer, wenn
nicht unmglich sein, einem groen Dichter eine seiner Tiraden zu rauben und
eine andere an die Stelle zu setzen.
    Spt erhoben sich die Gesellschaften, sowohl diese buerliche als jene
vornehmere, von der Tafel, denn man hatte sich an beiden so gut unterhalten, da
man den Verlauf der Stunden nicht bemerkte.

Die Gesellschaft war in Bewegung, und hin und wieder sprach man davon, da
vielleicht in kurzem ein zweites Stck wrde aufgefhrt werden. Da das Theater
einmal errichtet war, und man Dekorationen gemalt, sowie mancherlei Kleidung und
andere Dinge zu dieser Ergtzlichkeit mit bedeutenden Kosten angeschafft hatte,
so war es an sich nicht unwahrscheinlich, da diejenigen, welche sich Talent
zutrauten, auch wohl Lust haben knnten, den Scherz weiter fortzufhren. Man war
daher auf etwas; hnliches vorbereitet, als der Professor Emmrich schon am
folgenden Tage alle Bewohner des Schlosses in den Gesellschaftssaal beschied, um
ihnen etwas vorzutragen. Mannlich, der zu Pferde wieder von seinem Gute
eingetroffen war, befand sich auch zugegen.
    Meine Damen und Herren, - fing der Professor Emmrich mit einiger
Feierlichkeit an, die seiner Laune sehr gut stand, ohne eigentlich in das
Komische zu fallen - das Leben ist kurz, der Sommer noch krzer, wir sind
beisammen, das Theater ist errichtet, wir sind meist jung, keiner veraltet und
morose: was hindert uns, den Spa weiter fortzutreiben? Baron Mannlich und
Elsheim waren gleichsam die Direktoren und Anstifter der vorigen Auffhrung; ich
wage mit Zuversicht auf Ihrer aller Freundschaft die einfache Frage, ob Sie sich
fr die zweite Darstellung meiner Leitung, aber freilich unbedingt, anvertrauen
wollen?
    Die Redlichen und Frohherzigen gaben sogleich ihre Zustimmung, und, um nicht
aufzufallen, mute Baron Mannlich dasselbe tun, ob er sich gleich durch diese
Einleitung, da er sich fr den ersten Kenner hielt, verletzt fhlte. Sind wir
darber einig, fuhr der Professor fort, so wollen wir einmal einen andern
Versuch machen, der dem vorigen gewissermaen ganz entgegengesetzt ist. Denn,
meine verehrten Freunde, wie gro Goethe auch als Dichter sei (und wie sehr ich
ihn verehre, brauche ich nicht zu wiederholen), so ist er doch keinesweges
theatralisch. Dieses erste und in einem gewissen Sinne grte und herrlichste
Werk des Genius gab der Jngling damals hin, ganz unbekmmert um seine Wirkung
und noch viel weniger darber, wie es auf unserm deutschen Theater zur
wirklichen Erscheinung gebracht werden knnte. Er, der die Bhne liebte, hat sie
doch eigentlich niemals geachtet und noch weniger studiert. Sein Gtz, welcher
im Widerspruch gegen alle Gesinnung seiner Zeit war, ein Krieg gegen moderne
Altklugheit und das Verkennen einer groherzigen Vorzeit, hnselte gleichsam das
bestehende Theater der Nation, auf welchem man mit puritanischer ngstlichkeit
und zugleich oft roher Ungeschicklichkeit Zeit und Raum nach den berkommenen
franzsischen Regeln beobachten wollte. Der frohe bermut spielte mit den
sogenannten Verwandlungen legte auch in diese berschriften Poesie und zwang
diese Zuflligkeit, in seinem heroischen Werke mitzuspielen und durch das Hin
und Her Eile und Verwirrung auszudrcken. Ein solches Werk, welches ganz aus
Liebe hervorgegangen ist, ist durch sich selbst vollendet, denn diese echte
Begeisterung irrt niemals und erschafft sich selbst ihre Regel. In diesem
Gedicht stehen wir also nicht vor dem Theater, wir sehen keine Dekoration;
sondern, indem wir lesen, sind wir selber mit im Gedicht, wir fhlen den Duft
des Bergwaldes, wir kommen aus der Mhle im Tal, wir hren das Geklirr des
wirklichen Fensters, welches Gtz in krftigem Unwillen zuwirft, und so gehrt
uns und unserm Empfinden eine jede dieser berschriften von Schenke, Feld und
Lager. Sehen wir nun Kulissen und die Vernderungen unserer Bhne, so wird uns
statt der Wahrheit eine hergebrachte knstliche und konventionelle Tuschung
untergeschoben. Dadurch allein schon erlahmt das Werk; sein Organismus aber wird
vllig zerstrt, wenn wir Szenen auslassen, zwei oder drei in eine
zusammenziehen und jener Bhne, an welche der Dichter bei der Komposition in
keinem Augenblicke dachte, zu Gefallen leben, uns vor ihr neigen und demtigen
und darber das Gedicht in Grund und Boden verderben. Denn nicht eine Zeile,
nicht ein Wort, auch nicht jene Ungezogenheiten lassen sich diesem wunderbaren
Werke abhandeln, ohne seinem innersten Leben zu nahe zu tun. Sie mssen dies bei
der Auffhrung alle selbst, mehr oder minder, empfunden haben. Theatralisch,
nach unsern Begriffen, ist also dieses Kunstwerk gewi nicht. Soll ich sagen,
da dieser Vorwurf selbst zu gro, da er ungerecht sei? Ungern! denn weder das
echte poetische Theater, noch unser konventionelles hat unser Dichter jemals
finden knnen, auch nachher nicht, als er es suchte und sich darum bemhte.
Nehmen wir also diesen Gtz, so wie er eben da ist, als ein kanonisches Werk, in
dem keine Zeile gendert oder gekrzt werden darf. Eine untergehende edle Zeit
malt sich in diesem Gedicht, welche neueren Bestrebungen weichen mu. Der
Reprsentant der alten Freiheit ist groherzig, bieder und rstig, aber wir
sehen keine Tat von ihm, die ihn eigentlich zum Helden eines Schauspiels
stempelt. Zustnde, Situationen, Verhltnisse, Weisheit in Scherz und Ernst
vernehmen wir; unser Gemt ist bewegt, unsere Aufmerksamkeit rege, Bild drngt
sich auf Bild; aber kein Drama, keine Handlung eines Schauspiels bereitet sich
vor und entwickelt sich. Die groe Begebenheit des Bauernkrieges erscheint nur
als Episode; die noch grere der Reformation wird kaum angedeutet. Der Kaiser
ist eine Nebenfigur des Hintergrundes - und so geschichtlich alles behandelt
ist, so wird die Historie der Zeit doch gleichsam verschwiegen. Und dennoch
bleibt dieses Werk fr uns Deutsche, wie fr den Auslnder, ein einziges, mit
welchem sich kein anderes messen kann, selbst nicht der Egmont desselben Autors.
Sonderbar, da Goethe selbst sich die berflssige Mhe gegeben hat, seinen Gtz
fr die Bhne vllig umzuarbeiten; ich war krzlich in Weimar und sah diese
Erscheinung, auf welche man, als auf eine Neuigkeit, gespannt war. Jener
zuflligen Bhne, fr welche sein Werk nicht pat, hat er nun die grten
Schnheiten aufgeopfert, und doch ist das Gedicht ohne alle dramatische Wirkung,
einige Szenen abgerechnet, in welchen er einen beinahe melodramatischen Effekt
beabsichtigt hat. Dazu wird der Tod der Adelheid benutzt; eine Mummerei tritt
ein, der Hauptmann der Reichstruppen ist Karikatur, Franz spricht
epigrammatische Reime, und Carlchen, welches fast an unsern Kotzebue erinnert,
will Weislingen, den Gefangenen, recht rhrend mit dem Vater vershnen. Selten
habe ich, wie damals, mit so widrigen Empfindungen das Theater verlassen, und
ich kann das durchaus Strende nicht beschreiben, wie meine Kritik mit meiner
Liebe zu dem Manne, der meine unbegrenzte Verehrung hat, in Hader geriet. Dort
in dem Wohnsitz der Kunst durfte ich meine Empfindungen nicht laut werden
lassen.
     Ich habe mir diese Darstellung, fiel Elsheim ein, von Freunden des
Dichters schildern lassen und mu sie nach diesen Berichten auch fr eine
merkwrdige Verirrung halten.
    Unser Theater, fuhr Emmrich fort, hat diesem Dichter, und darin hatte er
wohl recht, niemals gengt; aber er, der so viel Zeit mit Einstudieren und
Einrichten so mancher unbedeutenden Stcke zubringt oder verliert, hat doch
niemals die Bhne selbst reformieren oder revolutionieren wollen, sondern er
meint, mit Migung, richtiger Deklamation, Deutlichkeit und dergleichen auch
lblichen Dingen sei alles getan. Prfen wir alle dramatischen Werke Goethes, so
werden wir finden, da ihnen jene Wirkung mangelt, die auch der feinsinnigste
Kunstkenner, der sich nicht durch den Stoff bestechen lt, verlangen mu. So
stehen in dem herrlichen Egmont alle an sich trefflichen Szenen still; die
dramatische Strmung, die alles in Bewegung setzt, fehlt.
    Frh, sagte Elsheim, hatte sich der Dichter daran gewhnt jede Frage,
kritische wie moralische, in Dialog zu denken und zu setzen. Diese scheinbare
Verwandlung eines jeden Gegenstandes in einen dramatischen hat wohl sein Auge
irregefhrt. Denn nicht alles Interessante und Wichtige eignet sich zum Drama,
sowenig wie jede Geschichte eine historische Malerei werden kann. Da man den
Roman schon frh in die Bhnendarstellung hat ziehen wollen, scheint mir einer
der grten Migriffe und hat die schlimmsten Verwirrungen herbeigefhrt.
    Also denn, meine verehrten Freunde, wollen wir auf meinen Rat diese Bahn
verlassen und unter meiner Leitung eine neue versuchen und einschlagen. Baron
Elsheim und Mannlich haben ihr Gelst an dem Lieblingswerk ihrer Jugend
befriedigt, und ich werde jetzt die Gesellschaft in Anspruch nehmen, meiner
Krankheit denselben Dienst zu leisten, um durch diese Bemhung vielleicht
geheilt zu werden. Seit lange habe ich nmlich darber gedacht, wie man das
Gedicht von Shakespeare: den Drei-Knigs-Abend oder Was ihr wollt durch eine
Auffhrung ganz klarmachen und in das gehrige Licht stellen knne. Ich setze
voraus, Ihnen allen ist das Gedicht bekannt: sollte ich mich aber irren, so
bitte ich diejenigen, welchen es fremd ist, diesen Halbkreis zu verlassen und
sich dort in die Gegend des Sofas zu begeben.
    Wem wird dies Meisterstck fremd sein! rief Mannlich aus, aber er brach
ab, indem er sah, da sich Graf Bitterfeld still nach jenem Sofa verfgte.
    Und die Rollen? fragte Elsheim.
    Ich glaube, ja ich bin fast berzeugt, da wir mit diesen Mitgliedern die
poetische Komdie vortrefflich ausfhren knnen. Auch kann sich hier das Talent
viel sicherer entfalten, und es wird sich zeigen, ob wir was mehr als
Naturalisten sind, da wir den Gtz doch mehr oder minder als Dilettanten
gespielt haben.
    Sehr wahr, sagte Mannlich, und sah jeden im Kreise mit festem Auge an.
    Diese ganz dichterische Komdie, fuhr Emmrich fort, zwingt uns, wenn wir
sie nicht ganz verderben wollen, aus uns herauszutreten, und doch fordert die
Zartheit und der rasche Wechsel, indem der Dichter nirgend schwerfllig
verweilt, da der Darsteller ebenfalls rasch sein mu und gehalten, nirgend
Karikatur und stillstehende Grimasse. Die Aufgabe wird nun sein, da das
Wichtige auf die rechte Art hervortritt, und jede Person, wie es die Gelegenheit
fordert, auch wieder in den Hintergrund tritt, um nicht den Sinn des Gedichtes
zu stren oder selbst zu vernichten. Diese notwendige Kunst, sich zur rechten
Zeit zurckzuziehen und unbemerkt zu bleiben, fehlt oft den besten Schauspielern
vom Metier, die sich nur zu leicht verwhnen, das ganze Stck und alle Szenen
immerdar beherrschen zu wollen. Alle Tne klingen in diesem einzigen Werke an,
Posse und Spa werden nicht verschmht, das Niedrige selbst berhrt und
angedeutet, aber ebenso das Poetische, die Sehnsucht, die Tne der Liebe, und
dabei so viel dichterischer Eigensinn, Tollheit, Weisheit, feiner Scherz und
tiefsinnige Gedanken in der Gaukelei, da das Poem wie ein groer vielfarbiger
Schmetterling durch reine blaue Luft flattert, der Sonne und den buntfarbigen
Blumen seinen goldenen Glanz entgegenspiegelt, und wer ihn haschen will, um ihn
nher zu betrachten, hte sich nur, vom leichten Duft des zartesten
Bltenstaubes etwas abzustreifen, weil der kleinste Verlust die wie in Luft
hingehauchte Schnheit schon verdirbt.
    Das ist es, fiel Elsheim ein, warum so wenige Leser, die sonst den groen
Dichter zu verstehen glauben und ihn wenigstens bewundern, mit diesen seinen
Lustspielen etwas anzufangen wissen.
    Wie glcklich sind wir Deutsche, begann Emmrich wieder, da unser
Schlegel uns diese und andere Werke des Briten so durchaus meisterhaft bersetzt
hat. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, der Umwandler habe sich hierin
als wahrer Dichter gezeigt.
    Nun aber, fiel Mannlich ein, zur Hauptsache, und, wie Freund Elsheim
schon fragte, wie steht es mit den Rollen?
    ber einige Nebenrollen bin ich noch ungewi߫, sagte Emmrich, doch mssen
Sie mir alle, wie Sie mir versprachen, in den Hauptsachen Folge leisten. Das
Gelingen oder Fehlschlagen habe ich dann auch allein zu verantworten. Um mit den
Damen anzufangen, so wird sich Frulein Charlotte nicht weigern, die reizende
kaprizise Olivia mit allen ihren poetischen Launen darzustellen. In ihrer
tiefen Trauer, die sie willkrlich verlngert, und doch mit Teilnahme den Narren
anhrt, ja sogar mit einiger Schadenfreude, wenn er ihren sehr wrdigen
Haushofmeister verspottet, so wunderbar im scheinbaren Widerspruch mit sich
selbst; sie, die gegen den Frsten fast unartig ist und sich dann sogleich in
einen kleinen naseweisen jungen Menschen verliebt, der sie durchaus nicht mit
Hochachtung behandelt. Von ihrem gestorbenen Bruder ist nun nicht mehr die Rede,
und sie ergibt sich ganz dieser Leidenschaft.
    Mit einer besorglichen Miene fragte jetzt Albertine: Und Viola?
    Freilich mssen Sie, schnes Frulein, diese geben, erwiderte mit
kaltbltiger Ruhe Emmrich. Und sein Sie unbekmmert; ihr Anzug soll so dezent
und zugleich artig ausfallen, da auch die Prderie selbst nicht darber soll
murren knnen. Und ist Ihnen nicht unser Frulein Dorothea so lobenswert und
ohne alle ngstlichkeit oder Ziererei mit dem Beispiel als Knabe Georg
vorangegangen? Der bermut, den Viola so willkrlich annimmt und anfangs
bertreibt, um nur nicht als Mdchen erkannt zu werden, wird Sie, trotz Ihrem
Hange zur Schwermut, allerliebst kleiden. Die herzlichen Tne des Gemtes werden
dann s in den Empfindungen der Liebe anklingen, und mit einem Wort, Sie werden
so hbsch und reizend sein, da sich alle Welt in Sie verliebt. Und welch Glck,
da Ihr Brderchen zu uns gekommen ist; dieser angenehme junge Cadet, der sich
schon im Franz so ausgezeichnet hat. Er ist ohne Frage in Anstand und Gesicht
seiner Schwester Albertine hnlich. Sind beide gleich gekleidet, so mssen sie
wirklich zum Verwechseln sein. Dieses Vorzugs kann sich nicht leicht ein Theater
rhmen, und wir mssen diesen Glcksfall auch benutzen.
    Nicht wahr? rief Dorothea, mir fllt gewi das kleine schnippische
Kammermdchen zu?
    So ist es, sind Sie damit einverstanden?
    Herrlich will ich sie spielen, rief die bermtige, vorzglich, wenn sie
den berklugen Malvolio zum besten hat.
    Diesen, sprach Emmrich weiter, habe ich mir freilich selbst vorbehalten.
Den Herzog wird Baron Elsheim darstellen, und den lieben, treuen, edlen Antonio,
dessen kleine Rolle so hinreiend und eigen interessant ist, wird Herr Leonhard
gewi schn mit seinem weichen und doch krftig mnnlichen Tenor sprechen.
    Alles gut, sagte Mannlich, aber ich begreife nicht, wozu Sie mich noch
brauchen knnten, da alle Rollen schon besetzt sind.
    Unentbehrlich sind Sie uns, teurer, verehrter Baron, rief Emmrich lebhaft
aus; Ihre unvergleichliche Laune, gepaart mit der edlen Sitte der Erziehung,
Ihre tiefe Stimme, die Sie so wunderbar in Ihrer Gewalt haben, Ihr Scherz, der
sich alles erlauben darf und doch niemals sich bis zum Unziemlichen oder gar
Niedrigen vergit, alles dies stempelt Sie dazu, uns den Oheim der Olivia, den
bei allen Schwchen liebenswrdigen Tobias, darzustellen.
    Wie? den Schlemmer? den Trunkenbold? rief Mannlich verwundert aus.
    Denselben aber auch, sagte Emmrich, der den hochmtigen Malvolio so
geistreich neckt, der fhig ist, sich in das hbsche witzige Kammermdchen zu
verlieben und sie sogar zu heiraten; denselben endlich, der mit so vieler Laune
den Bleichenwang foppt und, wiewohl er ein Trunkenbold ist, doch immer ein Mann
von Stande bleibt.
    Nun, es sei einmal versucht, sagte Mannlich, der sich durch die Rede
geschmeichelt fhlte, lchelnd: der Seltenheit wegen, und weil ich auch schon
frher mein Wort gab, Ihnen unbedingt zu gehorchen. - Aber wem haben Sie diesen
Christoph zugeteilt?
    Diesen Andreas Fieberwange oder Christoph Bleichenwang, wie ihn Schlegel
umtauft, wird unser Graf Bitterfeld gewi mit aller Grazie und Feinheit geben,
welche diese sehr schwere Rolle erfordert.
    Wie gesagt, ich kenne das Gedicht nicht, bemerkte der Graf, indem er sich
vom Sofa erhob, ich vertraue Ihrer Einsicht aber unbedingt und werde mich fr
den Mann stellen. Schaffen Sie mir nur bald die Rolle, weil ich nur langsam
lerne.
    In dem Verwalter, fing Emmrich wieder an, welcher sich neulich so schnell
als Sickingen versuchen mute, habe ich ein schnes Talent entdeckt, fast die
lieblichste Tenorstimme nmlich, die mein Ohr jemals vernommen hat. Dabei kann
er, wie ich fter bemerkt habe, unter seinesgleichen recht kalt und ruhig
scherzen; seine Spe gleiten so rund und mit solcher Gltte von seinen Lippen,
da ich ihm die Rolle bestimmt habe, die ich fr die schwerste im Stck halte;
er soll nmlich den allerliebsten Narren spielen, und ich bin fast jetzt schon
berzeugt, da es ihm mit einiger Zurechtweisung vollkommen gelingen wird.
    Ich mu mir auch Ihre gtige Unterweisung ausbitten, sagte Mannlich, denn
soviel ich auch gespielt oder vorgelesen habe, so habe ich mich doch noch
niemals im Komischen versucht.
    Um so erwnschter mu es Ihnen sein, sagte Emmrich, sich selber auch in
dieser noch fremden Gegend kennenzulernen und sich zu berzeugen, da dem
Hochbegabten nichts unerreichbar ist, wohin er sich auch versteigen mag.
    Man trennte sich, und Leonhard und Elsheim waren diejenigen, welche am
meisten nachdenkend schienen: ob ber die neue Aufgabe, die sie zu lsen hatten,
war nicht zu entscheiden. In diesem Grbeln war es dem jungen Tischler lieb, da
ihn der Professor schon am Nachmittage auf den Rittersaal bestellte, wo, wie
jener ihm vertraut hatte, an der dort aufgeschlagenen Bhne viele und
wesentliche Vernderungen vorgenommen werden mten.

Im Vorsaal begegneten sich nach dem Mittagsessen Leonhard und Elsheim.
Schweigend sahen sich die Freunde beide lange an, endlich sagte der Tischler:
Ich wei nicht, Teuerster, wie es ist, aber du scheinst mir seit einigen Tagen,
wenigstens auf Stunden lang, so verstimmt, da ich dir gegenber meine
Unbefangenheit verliere. Oft berrascht mich das Gefhl, ich mchte dich
gekrnkt oder verletzt haben, und doch wte ich nicht zu sagen, wodurch. Soviel
ist aber gewi, jene heitere Laune, die dich auf unserer Herreise begeisterte,
ist verschwunden.
    Und sagst du das, antwortete Elsheim, so mchte ich dasselbe von dir
behaupten. Oh, Liebster, man hat sich nicht immer so in der Gewalt, wie man es
wohl mchte. Unsere Stimmungen hngen nur zu oft von einem unsichtbaren, einem
gar nicht zu bezeichnenden Umstande ab. Aprilwetter ist manchmal in uns, dagegen
ist nichts zu tun; und man bleibt ein Kind, werde man auch noch so alt. Du weit
es, da ich mich seit Jahren darauf freute, hier dies Gut zu bernehmen und mit
ihm die bersicht meines Vermgens zu bekommen, meine gute Mutter ganz zur Ruhe
zu setzen und sie aller Sorgen zu entheben, einmal das Lieblingsgedicht meiner
Jugend aufzufhren und selbst im Darstellen desselben mitzuhandeln; - so ist nun
alles auch geworden, wie ich wollte, und das Ende davon ist, ich habe meine
Mutter tief beleidigt und ihre alten Freunde gekrnkt; sie hat sich entfernt und
verzeiht mir jene bereilung vielleicht niemals ganz nun geht auch die Komdie
fort, der ich mich unmglich entziehen kann, und ich bin dadurch gezwungen, mit
dieser Albertine in ein nheres Verhltnis zu treten, welches mich mehr als
alles peinigt - jetzt kann ich meinen frhern Leichtsinn nicht wiederfinden, der
ehemals alles dies und noch ernstere Dinge wie Staub wrde von sich geschttelt
haben.
    Leonhard entfernte sich und zwar mit dem Gefhl, als ob sein Freund nicht
ganz aufrichtig gegen ihn gewesen wre. Er begab sich nach dem Rittersaal, wo
der stets rstige Emmrich schon seiner wartete.
    Er war sehr verwundert, da Emmrich ihm sogleich mit dem Vorschlag
entgegentrat, das Theater umzustellen und es in die volle Lnge des Saales zu
legen, statt da es jetzt die Hlfte des oblongen Raumes einnahm. Wir gewinnen
damit, sagte der Professor, da die Zuschauer alle uns viel nher sitzen, und
da wir ein viel breiteres Proszenium bekommen. Die Tiefe der Bhne geht
freilich dadurch verloren, aber die Tiefe ist es auch, die mich bei jedem andern
Theater rgert und die dem guten Schauspieler das Spiel unendlich erschwert.
Goethe sagt einmal im Meister, es wre zu wnschen, die Spielenden bewegten sich
auf dem schmalen Streifen einer Leine. Gewi kommen sie dem Ziele bedeutend
nher, wenn wir die unntze Tiefe unserer Bhnen abschaffen. Freilich kann dann
nicht mehr von einem unglcklichen Krnungszug die Rede sein, der um das ganze
tiefe Viereck der Bhne marschiert, um dann im Hintergrund in das zu niedrige
Portal einer mchtigen Kathedrale hineinzukriechen. Dergleichen Zge, wenn sie
denn einmal sein sollen, mssen dann vorn aus der ersten oder zweiten Kulisse im
Profil nach der gegenberliegenden ffnung sich begeben, und nur auf diese Weise
kann es mit Verstand und kunstmig geschehen, wie wir ja auch, wenn wir die
Wahl haben, jene Fenster mieten, denen ein wirklicher Aufzug oder eine
Prozession auf diese Weise vorbergeht.
    Mit Hlfe der Arbeiter wurde die Erhhung der Bhne sogleich nach ihren
Teilen so aneinandergeschoben, da sie den Raum einnahm, welchen Emmrich
bestimmt hatte.
    Wir haben hierbei auerdem den Vorteil, sagte der Professor, da wir die
Tr in der Mitte, die aus dem Saal in die Cabinete dort fhrt, benutzen und
hinter der Bhne die Ankleidezimmer einrichten knnen; rechts und links sind
ebenfalls Ausgnge, so da das ganze Theater bequem zum Spiel kann gebraucht
werden. - Hierauf gab er dem aufmerksamen Leonhard eine Zeichnung, nach welcher
in der Mitte der Bhne, nur wenige Fu von der letzten Linie des Proszeniums
zwei Sulen aufgerichtet werden sollten, die oben, bei zehn Fu Hhe, einen
ziemlich breiten Altan tragen sollten. Die Sulen standen auf drei breiten
Stufen, die die Tiefe des Proszeniums noch mehr verengten. Sie sehen, sagte
Emmrich, wie mein Streben dahin geht, die Spielenden ganz in den Vordergrund,
in die Nhe der Zuschauer zu drngen. Diese drei Stufen fhren zu einer inneren
kleinen Bhne hinauf, die zuweilen mit einem Vorhang verdeckt, zuweilen offen
ist; sie stellt nach Gelegenheit Feld, Hhle, oder Zimmer vor; in unserm Stck
ist sie erst die Stube, wo die Trunkenbolde lrmen, und nachher die Gartenlaube,
in welcher die Neckenden den tollen Monolog des Malvolio behorchen. Den obern
Altan brauchen wir in unserm Lustspiel nicht, wenn er gleich dem Shakespeare und
seinen Zeitgenossen unentbehrlich war; zu ihm fhren rechts und links ziemlich
breite Stufen hinauf. Auf diesen saen die Ratsversammlungen und Parlamente, und
mit wenigen Figuren erschien die Bhne doch angefllt, weil der Raum rechts und
links beschrnkt war, und man sich so die Bnke erweitert denken konnte. Auf den
Stufen vorn und an den Seiten fielen die Sterbenden hin und lagen natrlich viel
malerischer, als auf unsern Theatern; an die freien Sulen lehnten sich die
Melancholischen, oder Nachdenkenden; die Stufen rechts oder links schritt
Macbeth hinauf, sowie Falstaff in den lustigen Weibern; auf dem obern Balkon
standen die Brger und parlamentierten mit dem Knige Johann und Philipp August;
hier unten, von den Stufen erhht, saen Knig und Knigin im Hamlet; hier war
Macbeths Tafel, wo Banquo erschien. Ohne weitluftige Belehrung ergibt sich der
Vorteil dieser Bhneneinrichtung. Rechts und links auf dem Proszenium konnten
zwei sich deutlich absondernde Gruppen stehen; stand die eine etwas zurck, so
war die Fiktion sehr natrlich, da jene gegenber sie nicht mehr bemerkte; mit
zwei einzelnen Personen war die Sache noch natrlicher. Eine dritte Gruppe stand
oder sa hier hher, auf der innern kleinern Bhne, die aber doch durch diese
Einrichtung den Zuschauern ganz nahe stand. Keine Person deckte die andere, alle
waren frei und gleichsam in Rahmen eingefat, wodurch das Bildliche und
Malerische noch deutlicher hervortrat. War es nun ntig, wie etwa in
historischen Stcken, so zeigten sich oben auf dem Altan handelnde und
sprechende Figuren; in Heinrich dem Achten waren die Treppen rechts und links
vom Parlament besetzt, auf der Stufe in der Mitte sa Wolsey, und ber ihm auf
der innern Bhne der Knig Heinrich. So war in allen Umstnden, mochte das Bild
aus vielen oder wenigen Figuren bestehen, die Gruppierung immer ungefhr so, wie
Raffael und die guten Maler ihre Gemlde ordnen. Auf diese Weise war die Bhne
fr die wesentlichen Forderungen ungefhr in hnlicher Art wie die des Sophokles
beschaffen; doch behaupte ich, man kann im Shakespeare und seinen Zeitgenossen
nicht alles verstehen, manches bleibt unklar, wenn man nicht soviel Kenntnis von
der Sache hat, um jene echte europische oder wenigstens englische Bhne sich zu
vergegenwrtigen. Frankreich, Deutschland sogar, ebenso Spanien hatten anfangs
auch eine hnliche Einrichtung; als die Franzosen scheinbar aufgeklrt ihre
Dramen nach dem Muster der Alten, wie sie sich einbildeten, formten, errichteten
sie die neuere Bhne, welche den Tragdien und Lustspielen, in welchen nur
wenige Personen sprechen, in welchen sich niemals Gruppen zu stellen brauchen,
wo keine Volksauflufe, Belagerungen und dergleichen sich gestalten, auch
vollkommen angemessen ist. Wir Deutschen haben jetzt dieses konventionelle, eng
begrenzte Schauspiel wieder aufgegeben; nun pat uns die angenommene Bhne
nicht, diese alte englische oder europische Form ist vergessen, und wir qulen
uns daher hchst unknstlerisch mit Dekorationen, bauen in den Zwischenakten
Hgel und Festungen auf, Galerieen und Terrassen, und fhlen, wie Text und
Theater sich gegenseitig hindern, miteinander streiten, alles schwierig,
zeitraubend, ungeschickt herauskommt, und der Regisseur sich erleichtert fhlt,
wenn er einmal wieder ein Drama einrichtet, in welchem ohne Holzbcke und
aufgelegte Bretter, ohne Balcons und Festungswlle gespielt werden kann. Dieses
ltere Theater aber, welches wir hier im kleinen nachahmen, spielt in jeder
Szene selber mit, es darf sogar zu den Hauptpersonen gerechnet werden, es
erleichtert auch jedem Auftretenden sein Spiel, es hilft ihm, es untersttzt
ihn, er steht nicht verlassen in einem wsten leeren Viereck, sondern kann sich
geistig und krperlich allenthalben anlehnen und wie ein Gemlde in seinen
Rahmen treten. Wollen wir den Shakespeare nun wirklich auffhren, ohne ihn zu
entstellen, so mssen wir damit anfangen, uns ein Theater einzurichten, das dem
seinigen hnlich ist.
    So sind uns jene Dekorationen, die krzlich gemalt sind, auch ganz
berflssig, sagte Leonhard.
    Emmrich antwortete: Wenn wir die Rume anstndig bekleiden und verzieren,
wenn die Vorhnge, die die innere Bhne verdecken, mit Schicklichkeit sich
schlieen und ffnen, wenn in diesem kleineren Theater die Hinterwand wieder aus
Seide oder Tuch besteht, so sind sie uns freilich berflssig. Indessen knnen
wir einzelne Stcke von Wald, Feld und Garten drinnen aufstellen, um manche
Szenen noch bestimmter anzudeuten.
    Ein sehr viel breiterer Vorhang, als jener, wird aber notwendig sein,
sagte Leonhard.
    Wir brauchen gar keinen, der vorn die ganze Bhne schlsse, antwortete
Emmrich, wie Shakespeare auch keinen solchen auf seinem Theater hatte. Sorgen
wir nur, da durch Verzierung die Bhne sich geschmackvoll und nicht allzu
strend mit dem brigen Saal verbindet. Bei den Englndern war das ganze Gebude
eine Rotunde oder ein Viereck, und die Logenreihen standen in Verhltnis mit dem
Balcon hier; dieser war fast nur eine Fortsetzung derselben, so da die Bhne in
sich selbst ein schn geordnetes Ganzes war, und die Zuschauenden dadurch
gleichsam zu den Mitspielenden gehrten, ganz hnlich dem griechischen Theater.
Bei uns ist der grelle Abschnitt der Bhne vom Schauspielhause vllig
unknstlerisch und barbarisch; schon vorher, besonders aber, wenn der Vorhang
aufgezogen ist, sieht das Haus nicht anders aus, als wenn die eine Hlfte
weggeworfen wre. Wir setzen gerade darin den Vorzug, da Bhne und Zuschauer in
gar keiner Verbindung sein sollen.
    Leonhard entfernte sich mit der Zeichnung, um darnach eine genauere
auszuarbeiten, damit gleich am folgenden Tage der Anfang gemacht werden knne,
die Bhne nach dieser neuen Ansicht einzurichten. Indem er fleiig arbeitete und
rechnete, fielen ihm die Szenen in Romeo und Othello ein, in Heinrich dem
Sechsten und der Sommernacht, die sich anstndig, ja selbst mglich nur in
dieser Bhneneinrichtung gestalteten. Als er mit seiner Zeichnung schon ziemlich
weit gediehen war, kam Emmrich hinzu, und beide arbeiteten nun gemeinschaftlich.
Der Professor sagte: Es gefllt mir an Ihnen, werter Herr Leonhard, da Sie so
leicht die fast angebornen Vorurteile anderer Architekten haben ablegen knnen;
denn diesen schweben in der Regel, wenn von einem Theater die Rede ist, gleich
alle die Kindereien und hergebrachten Torheiten vor, die ich fr unntz oder
schdlich halte.
    Wenn wir etwas Neues lernen, sagte Leonhard, mssen wir uns diesem gleich
ganz hingeben knnen, damit nicht eine widernatrliche Vermischung zweier
entgegengesetzten Dinge entstehe, die schlimmer als alles ist.
    Sehr wahr, sagte Emmrich, und doch glauben oft kluge Menschen, durch eine
solche Vermittelung, wie sie es nennen, allen Forderungen zu gengen.
    Weil so wenige Menschen bedenken, sagte Leonhard, da das Rechte und
Tchtige in sich vollstndig sein und aus einem Stcke bestehen mu. Mkeln denn
nicht so viele, auch geistreiche an Meisterwerken? Ist es denn nicht in der
Regel das Einzelne, Unzusammenhngende, was die Menschen entzckt? Die meisten
sind viel zu kraftlos, um den Glauben und die Demut zu finden, die unerlalich
sind, um ein echtes Kunstwerk zu verstehen.
    Das gefllt mir, erwiderte Emmrich, da Sie behaupten, aus Kraft gehe die
echte Demut hervor. Nichts ist so unbndig als die Schwche und Geistesohnmacht.
Sie widerstrebt allem Groen und Vollendeten, besonders in der Kunst, sie will
keine Autoritten anerkennen, um sich sklavisch vor dem ersten besten Scharlatan
zu erniedrigen, der die geringe Kunst des Taschenspielers besitzt, diesen
hochfahrenden Mittelmigen zu imponieren.
    Auch jene trockene Altklugheit, fuhr Leonhard fort, ist Schwche. Diese
echten Philister meinen, in ihrem Innern das hchste Ideal zu besitzen, und nun
gehen sie sich gar nicht einmal mehr die Mhe, in ein Kunstwerk einzudringen,
sondern sie bleiben recht mit Vorsatz auerhalb vor demselben stehen und schauen
nun mit bldem Auge an der Poesie und dem Gemlde umher, um nur schnell die
Mngel zu finden, die nach ihrer Aussage zum Ideal noch fehlen.
    Wie Sie schon frher bemerkten, sagte Emmrich, so ist eben jedes echte
Werk, das der wahren Kunst angehrt, in sich selbst begrenzt und vollendet. Aber
von jenem ganz verwerflichen Eklektizismus eines Mengs, der die Vorzge eines
Raffael, Tizian und Correggio vereinigen wollte, knnen sich selbst in unsern
Tagen manche hochbegabte Geister nicht losmachen, die fr Stimmfhrer der
bessern Zeit und Einsicht gelten wollen.
    Hier wurden sie unterbrochen, indem Elsheim hereintrat, welchem der
Schulmeister folgte.
    Ich bringe hier einen Supplikanten, sagte Elsheim lachend, der sich
durchaus nicht will abweisen lassen.
    Ja wohl, sagte der Schulmeister; ich habe nmlich gehrt, da wieder eine
Komdie im Werk ist, und nun sagt mir der Herr Baron, da Sie, Herr Professor,
das Ding diesmal unumschrnkt dirigieren, da er nichts dabei zu befehlen habe,
da ich aber keine Rolle darin bekommen soll, da ich mich doch bei der vorigen
Auffhrung gewi zu meinem Vorteil ausgezeichnet habe.
    Lieber Mann, sagte Emmrich, Sie haben gewi recht wacker agiert, aber
unser Herr Baron wnschte doch deswegen hauptschlich Ihren Beistand, weil
Selbitz mit einem Stelzfu auftreten mu; dieser qualifizierte Sie gleichsam von
Natur zu jener Rolle; in dem Lustspiel aber, welches wir jetzt geben wollen,
erscheint kein Mann mit dieser Verstmmelung.
    Lassen Sie sich dienen, erwiderte der Schulmeister mit der grten
Lebhaftigkeit. Unser junger Herr Baron hat das Stck vom Gtz recht sehr hbsch
eingerichtet, abgekrzt und umgearbeitet, damit wir es auf dem Theater spielen
konnten. Das mu so hre ich und habe es auch gelesen, immerdar mit so
widerhaarigen Dingen geschehen, die in unsern Zeiten, da wir viel feiner sind,
erst eine anstndige Frisur erhalten mssen. Mit dem britannischen wunderlichen
Poeten ist das aber am allerntigsten und geschieht auch immer von einsichtigen
Leuten. Ich habe mir nun das Buch geben lassen und das schnurrige Ding gelesen.
Es ist freilich nicht viel dran, es ist sehr leichte und lose Ware; indessen da
Sie, geehrter Herr Professor, einmal eine Vorliebe fr die schnakische Komdie
haben, so bin ich gekommen, Ihnen einen recht akzeptablen Vorschlag zu tun, der
Ihnen auch Ehre bringen wird. Als der Hscher oder Gerichtsfron nmlich den
alten Antonio, den Seecapitain, seinem jungen Herzoge als Gefangenen vorstellt,
sagt er unter andern Worten auch ungefhr so: Das ist der Antonio, der den
Phnix enterte, wo Euer junger Neff ein Bein verlor. - Die Rede ist mir gleich
aufgefallen. Setzen wir statt dessen: wo Euer alter Ohm ein Bein verlor, und
bringen Sie so, verehrter Herr Professor, mir und der Komdie zuliebe einen
alten, tchtigen, tapferen und welterfahrenen Mann in das Stck, der wieder, wie
Selbitz, einen Stelzfu haben kann und mu. Begreifen Sie nur, Herr Professor,
da es berhaupt in dem Stck an einem verstndigen Manne fehlt, denn die
meisten sind wirkliche Narren. Dieser Oheim kann also klger sein, als alle, er
kann gewissermaen die Politik des Herzogs lenken; er ist auch gegen das
Heiratsprojekt mit der abenteuerlichen Olivia, er mchte berhaupt gern Ruhe und
Ordnung an dem verwirrten Hofe herstellen, und nur die phantastischen Launen des
jungen Frsten arbeiten ihm immer entgegen. Wie er seinen ehemaligen Feind, den
biederherzigen Antonio, wiederfindet, ihm Gerechtigkeit widerfahren lt, den
alten Groll aufgibt und sich mit ihm vershnt; - welche herrliche, rhrende
Szene knnte das geben! Wie edler fiele das Ganze aus, wenn sich die
schwrmerische Viola gleich von Anfang diesem biedern Alten vertraute, und er,
da er ein persnlicher Freund ihres Vaters gewesen ist, ihr mit Rat und Tat
beistnde, so die Entwicklung und den Schlu viel vernnftiger machte und ihm
einen Teil des Abenteuerlichen nhme, welches so gehuft ist, da es den
Gebildeten verletzen mu. Werter Herr Professor, dichten Sie diese Szenen hinzu
und schieben Sie sie ein, und Sie werden sehen, was das Ganze dadurch gewinnen
wird. Ich aber bleibe Ihnen ewig dankbar, denn Sie haben mir eine herrliche
Rolle erschaffen.
    Emmrich konnte es nicht unterlassen, Leonhard schalkhaft lchelnd anzusehen,
worauf er sich aber gleich mit der grten Ernsthaftigkeit zum Stelzfu wandte,
indem er sagte: Lieber Mann, es ist mir nicht mglich, Ihnen in der Krze
deutlich zu machen, wie Ihr abenteuerlicher Vorschlag auf keine Weise anzunehmen
ist, weil auf diese Weise das ganze Gedicht zerstrt wrde. Sie scheinen es ganz
vergessen zu haben, da wir uns auch beim Gtz dergleichen gewaltsame Zustze
nicht erlaubten, ja, wenn man so freibeuten wollte, knnte man auch recht bequem
den Selbitz und Sickingen zu einer Person vereinigen. Nein, mein Freund, bei
diesem Stck knnen wir durchaus Ihre Untersttzung nicht brauchen.
    Nun meinethalben! rief der Schulmeister erbost, Sie mgen es also haben
mit Ihrer Auffhrung eines barbarischen Werks! Das ist nun also mein Dank, da
ich mir vorher die Mhe gegeben und zweimal als Selbitz so allgemeinen Beifall
eingeerntet habe? Auch die hchsten und allerhchsten Herrschaften haben mein
Spiel gelobt und sehr gelobt, ich habe es wohl wieder erfahren und bin dadurch
auerordentlich aufgemuntert worden. Ja, ja! aber Neid, Migunst! Wo sich einmal
Talent bei einem armen, sonst unbemerkten Manne zeigt, da ist es gleich diesem
und jenem nicht recht, da frchtet gleich der und der, er leide Schaden dabei,
er werde verdunkelt, man knne den armen, ungelehrten, brgerlichen Kauz wohl
gar ihm vorziehen; der ist gut genug, das Vieh zu hten und die ungezogene
Dorfjugend zu prgeln. Und da nun mein Stelzfu zum Vorwand dienen mu, mein
abgenommenes Bein, das ich vor dem Feinde und im Dienst des Vaterlandes verloren
habe, das ist allzu hart, das mchte den Stein in der Erde erbarmen, das ist -
-
    Er war in ein heftiges Weinen geraten, und schluchzte jetzt so stark, da er
nicht weitersprechen konnte. Emmrich war verstimmt, verdrlich und dennoch
beinahe ber diese Torheit und Leidenschaft des alten Mannes etwas gerhrt.
Geben Sie sich zufrieden, sagte er dann, und legte ihm die Hand auf die
Schulter; wenn Sie mir eins versprechen und Ihr Wort halten knnen, so will ich
Ihnen eine Rolle, wenn auch keine groe, anvertrauen.
    Der Schulmeister trocknete schnell seine Augen, und seine trbselige Miene
ging in ein heiteres Lachen ber. Sie haben, fuhr Emmrich fort, Ihren Selbitz
recht brav und mit Einsicht gespielt, nur drngte er sich zuviel vor, und Sie
sprachen jedes Wort, auch das unbedeutendste, zu laut und gewichtig. Wollen Sie
also meiner Anweisung folgen und sich gehrig migen, ganz natrlich und
einfach sprechen, so sollen Sie den Fabio oder Fabian spielen, zwar keine groe
Rolle, aber einen von den wenigen verstndigen Menschen im Stck, den der
Dichter sich fr die letzte Hlfte aufbewahrt hat. Er kann von mittlerem Alter
sein, und der Stelzfu wird nicht sehr hindern.
    Der Schulmeister kte im Rausche der Dankbarkeit und Freude die Hand des
Professors, und eilte in Begeisterung fort, um sogleich seine Rolle
abzuschreiben und sie auswendig zu lernen. ber die beiden so verschiedenen
Narren! sagte Elsheim; der eine weinte neulich, weil er mitspielen sollte, und
dieser heult, weil man ihm eine Rolle verweigert. Aber schlimm, lieber
Professor, haben Sie sich gebettet, denn nach Ihrer Anordnung kommt nun der Graf
Bitterfeld in unmittelbare Berhrung mit diesem Schulmeister und dem Verwalter.
    Wie schwer ist es, sagte Emmrich, das Regiment zu fhren, und wie
verwickelt sind alle Regierungsverhltnisse!
    Die neue Einrichtung des Theaters war, da man eilte und die Gehlfen fleiig
waren, in wenigen Tagen beendigt. Emmrich sagte zu Elsheim: Da nun, wie Sie mir
mitteilten, Ihre Mutter bald zurckkommt, und gleich nachher ihr Geburtstag
einfllt, so denke ich, feiern wir diesen mit der Auffhrung unseres Stcks, und
Sie erlauben mir wohl, einen kleinen Epilog hinzuzufgen, um der alten Dame
einige Artigkeiten zu sagen. Ich hoffe, sie soll sich dadurch mit unserm Theater
wieder vershnen.
    Mir ist es auch schon eingefallen, erwiderte Elsheim, und ich danke Ihnen
fr Ihre Aufmerksamkeit. Jetzt verfgte man sich in den Saal, wo die brige
Gesellschaft schon versammelt war, und der Professor las allen Mitspielenden das
Lustspiel vor, weil er ihnen so am besten andeuten konnte, in welchem Sinne jede
Rolle gefat, und in welcher Spiel- und Tonart sie gesprochen und dargestellt
werden msse. Elsheim, der die Komdie genau kannte und liebte, fhlte sich doch
berrascht, weil ihm jetzt zum erstenmal die harmonische Einheit, die hohe
Vollendung dieses Kunstwerks deutlich wurde. Als Emmrich geendigt hatte, sagte
er: mitteilen? So schn dieses Gedicht in sanften Reden von Liebe Sehnsucht und
poetischen Trumen duftet, so weht doch durch den ganzen Blumenstrau ein leiser
Zephyr ebenso anmutig in feiner Ironie, und er ist es eben, der, die
Bltenkrnze anregend, ihnen diesen sen Atem entlockt. Es scheint, in unserer
Zeit wenigstens, den meisten Poesiefreunden zu schwer, zum Teil unmglich, sich
diese Lieblichkeit und Flle im Vortrage dieses leichten und doch bedeutsamen
Scherzes anzueignen. Unsere Bildung hat etwas Prunkendes, Schwerflliges, und
die sich fr leichtfertig oder fr freigeistige Libertins geben, hantieren in
ihrem traurigen Gewerbe ebenso steif und altklug, indem sie alles Ernste und
Poetische mit grobem Hohn von sich abweisen. Jene Zeiten, die wir in unserm
Dnkel gern barbarisch schelten mchten, waren in dieser Hinsicht feiner
gestimmt, denn sonst htte dieses Stck, sowie die Sommernacht, der Liebe Mh
und Wie es euch gefllt, nicht zu Lieblingsstcken werden knnen. Hat auch kein
anderer Zeitgeno, auer Shakespeare, diese himmelreine therische Hhe
erstiegen, so grenzt doch manches Werk jener Tage an die seinigen, und wenn auch
die Zuschauer diesen Lebenswein nicht mit vollem Bewutsein einschlrften, um
genau zu wissen, was sie tranken, so ist doch der Instinkt, das Gefhl und die
reine Luft sehr hochzustellen, mit der sie diese Kunstwerke, vielleicht ohne
alle Kritik, genossen.
    Ein wahres Publikum, sagte Elsheim, sollte wohl immer so sein, wie Sie es
da eben beschreiben, der echte Dichter knnte sich wenigstens kein besseres
wnschen. Sind noch einige wahre Kenner in diesem Parterre, die diese Gefhle
erlutern, anstatt sie irrezufhren, so ist eigentlich eine wahre Kunstzeit
reprsentiert.
    Das Stck heit, fuhr Emmrich fort ein Drei-Knigs-Abend oder eigentlich
blo Twelf-night. Ein alter Gebrauch hatte an diesem Abend eine Menge Spe,
Scherze, Verkleidungen lndlicher, mitunter etwas roher und buerlicher Feste
erlaubt aber fr diese Stunden auch alle Hazard-Spiele, welche sonst streng
verboten waren. Selbst am Hofe huldigte man der alten Sitte und Freiheit. An
diesem Abend wurde also vielleicht auch dieses sonderbare Lustspiel, welches
lauter Glcksflle enthlt, zuerst gespielt, es war also die Lust eines
Drei-Knigs-Abends, an welchem auch der Bohnenknig durch Lotterie erwhlt oder
gefunden ward; eine solche heitere Torheit losgebundener Laune sollte es
vorstellen, oder - setzt der Dichter mit heiterm Leichtsinn hinzu - Was ihr
sonst wollt - nennt es, wie es euch gut dnkt. - Sogleich im Anbeginn sehen wir
einen phantastischen jungen Frsten, der mit der Leidenschaft der Liebe spielt
und gewaltsam das Herz einer jungen Schnheit, die auerdem eine reiche Erbin
ist, zu gewinnen trachtet. Sie will nichts von ihm wissen und trauert in der
Einsamkeit um ihren Bruder. Sie erheitert aber den Schmerz, mit welchem sie auch
poetisch spielt, mit dem Kammermdchen und dem Geschwtz ihres Narren; und in
Sehnsucht nach wahrer Liebe, weil sie an die des Herzogs nicht glaubt, berlt
sie sich einem leidenschaftlichen Gefhl fr einen schnen vermeinten Jngling.
Diese Person, aus einem guten Hause stammend, aber ohne Vermgen, ist mit dem
ebenso schnen Bruder leichthin auf Abenteuer ausgereiset, und beide wollen
Glck machen oder es suchen. Es gelingt auch beiden ber Erwartung; sie fesselt
den jungen Frsten, in den sie sich verliebt hat, und er trgt, weil er durch
die hnlichkeit mit seiner Schwester verwechselt wird, die reiche Erbin davon,
deren groe Gter doch vielleicht in der Liebe des Frsten am meisten den
Ausschlag gaben. Ein reicher Freier, der auch um Olivien wirbt, wird von allen
gefoppt, am meisten von einem launigen, tollen und Wein liebenden Oheim, der
obenein Geld von ihm zieht, indem er seine Albernheit und komische Feigheit in
Ttigkeit setzt. Diesen erobert noch das kleine witzige Kammermdchen und wird
durch diese Verbindung mit ihrer Gebieterin verwandt. Die meisten gewinnen, fast
ohne Bemhung, durch Leichtsinn und ohne tiefen Plan oder angestrengten Verstand
ein groes, bedeutendes Los, und nur der hochmtige, grollende Malvolio, der
seiner berzeugung nach schon die Bohne gefunden hat und also unbedingt der
oberste Herrscher und Knig des Festes ist, geht ganz leer aus und wird zum
Gegenstand des allgemeinen Gespttes. Wie mancher Dichter, und wir haben
dergleichen Werke von groen ausgezeichneten Talenten, wrde nun mit scharfer
Bitterkeit alle diese Absichten dem Zuschauer so recht nahe vors Auge gerckt
haben, um in der Anklage menschlicher Schwchen und Torheiten einen herben
unerfreulichen Witz zu entwickeln: ein solches Lustspiel aber, wenn man auch den
Verstand des Verfassers bewundert, krnkt und demtigt mehr, als da es
erheitern und erheben knnte. Shakespeare lt in seinem therischen Gewebe
alles dies mehr ahnden, hchstens erraten. Daher, wie gesagt, geschieht es denn
auch, da ein solches Gewirk, welches von Feenhand gewoben ist, seiner Feinheit
wegen fr unbedeutend gehalten wird.
    So mag es wohl sein! rief jetzt der Schulmeister, der sich nicht lnger
zurckhalten konnte, - und ich bitte ab. Wenn man nur fter dazu Gelegenheit
htte, da einem solche Lichter aufgesteckt wrden!
    Alle sahen den aufgeregten Husaren mit einiger Verwunderung an; er lie sich
aber nicht irremachen, sondern schmunzelte lchelnd wie in sich selbst hinein
und rieb frhlich die Hnde.
    Am liebenswrdigsten, fing Emmrich wieder an, ist dieser poetische
Leichtsinn, der im ganzen Stcke vorherrscht, in der herrlichen Viola
gezeichnet. Sie jammert um den Bruder, der nach ihrer Meinung ertrunken ist Ach
armer Bruder! - und unmittelbar darauf, heiter und lebensmutig Vielleicht entkam
er doch!- Sie erkennt Oliviens Leidenschaft zu ihr, indem sie beklagt, da sie
selbst den Herzog liebt, fr den sie werben mu Wie soll das werden? sagt sie -
und gleich hernach O Zeit, du selbst entwirre dies, nicht ich! - Der redliche,
alte, erfahrene Antonio hat eine solche poetische Freundschaft fr den jungen
Burschen Sebastian gefat, da er ihm in die feindliche Stadt mit Gefahr seines
Lebens folgt, und erscheint hierin leichtsinnig, gleich den brigen. Aber ein
praktischer verstndiger Mann sieht auf alles dies Getreibe mit Lebensweisheit
und echter Ironie hinab, jeden benutzend, um zu erwerben und seinen Besitz zu
vermehren, und dieser Grndliche, Erfahrene ist der Narr des Stocks, der
freilich auch, wei der Himmel aus welchem poetischen Gelste, weggelaufen war
und in Gefahr stand, seinen bequemen und eintrglichen Dienst zu verlieren.
    Nachdem man sich getrennt hatte, nahm der eifrige Emmrich den Schulmeister
mit auf sein Zimmer, um ihm die Rolle des Fabio einzustudieren.
    Als ihm Elsheim nachher im Garten begegnete, und ihn, der nicht mehr jung
war, mit seiner Unermdlichkeit scherzend neckte, sagte der Professor: Lieber
Freund, brauche ich es Ihnen denn auseinanderzusetzen, da man nichts im Leben
mit solchem Ernst und Eifer treiben msse, als die sogenannten Spiele? Bei
wahren Geschften und Amtsverrichtungen, dem Richter und Geistlichen mag hie und
da ein Nachla erlaubt sein, es kann selbst Wohltat werden, dies und jenes, was
notwendig schien, fallenzulassen - aber was bleibt vom Spiel brig, wenn wir es
mit Leichtsinn und obenhin treiben und es dadurch zerstren? Hier mu die Regel
beobachtet werden, auch das Kleinste darf man nicht nachlassen, und fragt man
erst: Wozu fruchtet's? Welchen Schaden bringt die Vernachlssigung? so ist es
viel besser, die ganze Sache gleich aufzugeben. - Jetzt geh ich, dem Grafen und
dem Baron Mannlich ihre Rollen beizubringen.
    Elsheim begleitete ihn in den kleinen Saal, wo die beiden Herren schon
seiner warteten. Elsheim setzte sich nieder, indem er sagte: Ich will keine
Strung machen, lieben Freunde, sondern auch bei dieser Gelegenheit von unserm
Professor etwas lernen.
    Mannlich und der Graf begannen ihre Rollen; beide sprachen und gebrdeten
sich, mit einigen Modifikationen, so wie sie es gewhnlich im Leben taten, und
Emmrich sagte: Sie haben, Baron Mannlich, ganz meine Meinung gefat. Dieser
Tobias ist ein wackerer Edelmann aus gutem Hause, er ist brav, mutig und kann
den Cavalier nicht verleugnen. Nur hat er sich aus Bequemlichkeit gehen und
dabei etwas sinken lassen, er ist in schlechte Gesellschaft geraten und war in
dieser immer der Klgste und Anstndigste. Im Hause seiner reichen Nichte hat er
fr nichts zu sorgen, und da er ohne Beschftigung und ein alter Junggesell ist,
so hat er sich dem Schlemmen, doch auf eine unschuldige Weise, ergeben. In den
Anfllen seiner Trunkenheit ist er, wie die meisten Berauschten, kurz angebunden
und grob; aber zur Besinnung gekommen liebt er Witz und Heiterkeit so sehr, da
er aus Dankbarkeit fr die Unterhaltung, welche ihm Maria mit Malvolio
verschafft hat, dies Kammermdchen heiratet. Es wre also unrecht und ganz
falsch, wollte man aus diesem Mann eine Karikatur machen, oder ihn in das
niedrige Element hinabziehen.
    Da Sie, Baron, ihn nicht allzu wrdig, oder gar tragisch nehmen werden,
dafr brgt mir Ihr gesunder Sinn.
    Graf Bitterfeld sagte: Nun, Professor, machen Sie mir das noch etwas
deutlicher, was Sie mir neulich schon ber meine Rolle auseinandergesetzt haben,
die ich wahrlich blo Ihnen und der Gesellschaft zuliebe bernommen habe.
    Emmrich sagte: Verehrter Herr Graf, ist es nicht die schnste Humanitt und
die feinste Urbanitt, wenn man nicht nur die Scherze einer liebenswrdigen
Gesellschaft ausfhren hilft, sondern selbst etwas von seinem eigenen Wesen
preisgibt, um ber sich selbst auf eine gelinde Art spotten zu lassen? Und so
wnsche ich, da Sie in dieser fein komischen Rolle nicht das Gebildete Ihres
Standes, noch die Finesse Ihrer Persnlichkeit und die Gewandtheit Ihres
geselligen Umgangs fallenlassen. Denn die sind eben die unertrglichen Malvolios
in der Gesellschaft, die immer ber sich wachen, sich bei jedem Scherz beleidigt
whnen, die sich immer in Positur setzen, um ihre Wrde zu behaupten.
Bleichenwang oder Fieberwange ist ein guter Mensch und auch von guter Familie,
er kann schon ber die dreiig sein; sind die jungen Leute geschminkt und von
lebhafter Farbe, ist Tobias vom vielen Trinken bermig rot, so deutet sein
Name schon an, da er ziemlich bla, oder mit einem gelblichen Teint erscheint.
Er ist schlank und wohlgebaut, neigt aber etwas zur Magerkeit hin, denn er
beneidet den Narren um seine Waden. Dieser reiche, unabhngige Mann ist dadurch
so liebenswrdig, da er so unendlich bescheiden ist, was wohl die wenigsten in
seiner Stellung sein wrden. Wie der alte Antonio den jungen Sebastian fast
vergttert, so hngt er beinahe mit derselben Leidenschaft an seinem Freund
Tobias; dieser ist sein Vorbild, beinahe sein Ideal, wie man sich jetzt
ausdrcken wrde; er hat kein Arg daraus, da dieser ihn foppt und plndert, er
spricht ihm alles nach, er tut, was dieser wnscht, er will gern ebenso
erscheinen, wie jener. Dabei seine wahrhaft edle Liebe zur Musik, sein freier,
knstlerischer Sinn, da er am Narren die schne Stimme und den Gesang zu
schtzen wei. Es entdeckt sich freilich nachher, da er kein Freund von
Zweikmpfen ist und sich in den Waffen und im Kriege niemals auszeichnen wird,
indessen ist er auch in dieser Furchtsamkeit so gutmtig und niemals unedel, so
da ihm der Zuschauer seine Liebe nicht versagen kann. - Sie sehen also, Herr
Graf, wie sehr ich recht habe, wenn ich wnsche, da Sie diese feine Zeichnung
nicht als Karikatur behandeln mgen; nein, im Gegenteil, lassen Sie sich ganz
ruhig gehen, spielen und sprechen Sie fast so, wie Sie es gewohnt sind und
immerdar erscheinen: Ihr feiner Takt, Ihr eigener Witz wird Ihnen die Nuancen
zeigen, Ihr Gefhl aber wird jene geistigen Modulationen Sie finden lehren, die
sich einem gewhnlichen Menschen niemals andeuten lassen, und die einem Geiste
auseinanderzusetzen, wie der Ihrige, durchaus berflssig ist.
    Als Elsheim mit dem Professor durch den Garten ging, sagte er: Verzeihen
Sie, wenn ich Ihre Auseinandersetzung dieser Charaktere fr Sophisterei halte.
    So? sagte Emmrich ruhig; geben Sie nur acht, der Erfolg wird mich
rechtfertigen.

Leonhard war fast bekmmert, als der neue Theaterbau vollendet war. Er war
bermig fleiig gewesen, er hatte allenthalben selbst Hand angelegt, er hatte
sich meistenteils bis zur Ermdung angestrengt, und seine Freunde, wie die
Handarbeiter, hatten ihm mit Erstaunen zugesehen, weil es ihnen ein ganz neues
Schauspiel war, da ein Professor der Architektur den Hobel, Bohrer und die Sge
so wenig scheue. War er dann gegen den Untergang der Sonne so durch und durch
ermdet, da er den Augenblick des Schlafengehens mit Ungeduld erwartete, so war
ihm unaussprechlich wohl, denn er konnte in dieser Ermdung die Bilder und
Gedanken auf Augenblicke vergessen, die ihn immerdar verfolgten.
    Mit sich unzufrieden und dennoch von sen Vorstellungen trunken, war er am
Morgen in den Garten gegangen. Die Frhsonne glnzte so lieblich durch die
Linden, und sein Schritt trug ihn nach jener geheimnisvollen Laube, in welcher
er schon zweimal an Charlottens Seite so selig gewesen war. Er leugnete es sich
ab, da er diese verfhrerische Schnheit aufsuche, er mute sich aber sein
Gelst bekennen, als er vllig verstimmt wieder aus der leeren Laube trat. So
ist der schwache Mensch, sagte er zu sich selber; was suchst du hier, und was
httest du, wenn du sie fndest? Soll dich diese Torheit denn immerdar qulen
und dir jede Stunde verbittern? Nein, ich bin ein Mann und bleibe meinen
besseren Gefhlen getreu. - Mit einem Ausruf der Freude betrat er den
sonnenbeglnzten Gang, denn Frulein Charlotte hpfte ihm dort vom Schlosse her
entgegen.
    So irrte ich mich doch nicht, Leonhard, sagte sie mit ihrer Silberstimme,
wenn ich Sie im Garten wahrzunehmen glaubte. Nicht wahr, dieser Tag ist ein
schner, ein auserlesener? Und diese Frhstunden sind so balsamisch, sie wirken
so wohlttig auf alle unsere Gefhle, da unsere Seele so wohlgemut aufblht,
wie die Rosenknospe.
    Ich war in dieser Laube, sagte Leonhard, und whnte, Sie hier zu finden;
da meine Hoffnung mich trog, wollte ich das Angedenken jener sen Augenblicke
feiern, die ich dort geno.
    Kommen Sie mit mir, rief sie lebhaft aus, ins Freie; es gibt Zeiten und
Stimmungen, in welchen uns auch der schnste Garten ngstigen kann.
    Sie lieen das eiserne Gattertor hinter sich zufallen, und standen jetzt im
Felde. Wie herrlich die hren wogen! sagte sie; nicht lange mehr, so wird die
Sichel in das Korn gehen, und der schnste Teil des Sommers ist dann vorber.
Alles Liebliche ist so flchtig, alles Schne hlt uns nicht stand, und wir
besitzen nichts, als nur wie in einem sen Traum gefesselt; wenn wir erwachen,
hat uns die nchterne Wirklichkeit um alle unsere Schtze betrogen.
    Gibt es kein Mittel, antwortete Leonhard, auch die Wirklichkeit zum Traum
zu erhhen? Knnen wir nicht so viele Blumen mit verstndiger und sorglicher
Hand in unser Leben hineinpflanzen, da einige immerdar blhen?
    Nein! nein! rief sie fast heftig aus, in der Wahrheit, im eigentlichen
wirklichen Leben gibt es kein Glck; nur in der Tuschung glhen die Morgen- und
Abendfarben, die die Nacht und der klare Tag vertreiben. Wenn wir entzckt und
berauscht taumeln, wie im heftigen Tanz, so halten wir Takt mit der
begeisternden Musik und schwingen uns harmonisch in ihrem wilden Rhythmus;
wollten wir dasselbe mit nchternem Bewutsein tun, es wrde uns ewig nicht
gelingen.
    Sie bogen in einen Fusteig, der durch das hohe Korn fhrte. Dort am Saum
des Buchenwaldes, sagte sie, wohnt die Schwiegertochter des alten Frsters;
ihr Mann ist im vorigen Jahr gestorben, und ich habe mich mit dem artigen jungen
Weibchen befreundet. Dort wollen wir ausruhen.
    Die einsame Htte war reinlich und anmutig, die frische Khle, die vom Walde
hereinwehte, war erquickend. Die junge Frau kam der reizenden Besucherin
freundlich entgegen, und sie begrten sich als Bekannte. Sie stellte auf den
Tisch von Nubaumholz zwei Glser Milch zur Erfrischung und entschuldigte sich
dann, da sie nicht unbedeutender Geschfte halber zu ihrem alten Vater hinber
msse. So saen die beiden in der khlen Dmmerung, und es schien, als knne
keines von beiden das erste Wort finden, um ein Gesprch in den Gang zu bringen.
Leonhard blickte sinnend umher, und es schien ihm, als wenn das Eintreten in das
kleine Haus, sowie die Entfernung der jungen Frau, etwas Abgeredetes sei,
welches der Zufall nicht so herbeigefhrt haben knne. Warum ihn dieser Argwohn,
oder diese Entdeckung, statt ihn frhlich zu machen, schwermtig stimme, begriff
er selber nicht. Charlotte stand auf und sah aus dem Fenster; dann setzte sie
sich wieder zu ihm und nher als zuvor, sah ihn mit ihrem sen, verfhrerischen
Lcheln an, und von den vollen roten Lippen sprang nur die einzige Silbe: Nun?
    Wie glcklich bin ich, sagte er nach einer kleinen Pause mich so an Ihrer
Seite in dieser seligen Einsamkeit zu finden!
    So? sagte sie, indem sie ihm mit der flachen Hand vor die Stirn schlug;
warum sind denn diese Augen so leuchtend und schn, warum ist denn diese Stirn
so sinnend und gedankenreich, wenn Euer Wohlgeboren nichts Besseres zu sagen
wissen - in einer Minute, auf welche ich mich schon seit lange gefreut habe? O
du Bser, Abscheulicher! Wie klang neulich das vertrauliche Du so s von deinen
Lippen!
    Sie stand auf, umschlang ihn mit ihren Armen und kte ihn lebhaft. Ist es
dir so recht, Anmaender? Dankst du es mir nun, da ich dich so unendlich
liebhabe? da ich dich anbeten mu? O nein, du bist nicht wie die andern
Mnner.
    O Lottchen! rief Leonhard begeistert aus, wie habe ich dich hier finden
mssen, dich, du einziges Wesen! Die Sinne vergehen mir, und die Welt
verschwindet, wenn ich dich so in meinen Armen halte.
    Die zrtlichsten Ksse unterbrachen und hemmten das Gesprch. Sie duldete
seine Liebkosungen und freute sich der entzckten Worte, die er im Taumel ber
ihre Schnheit aussprach. Ist das nicht ein Leben? rief sie endlich, doch
wohl besser, als euer einfltiges Komdiespielen! So hin und her schlendern, so
stammeln in Empfindungen, die auswendig gelernt sind, Worte die sich selber
nicht verstehen! Nicht wahr, ein Hndedruck, ein Blick aus dem innersten Auge,
und gar ein Ku, ein herzinniger in welchem die ganze Seele aufblht, das ist
ganz etwas anderes?
    Geliebteste, sagte Leonhard, freilich ist alles vergnglich und mu es
sein, aber ein solcher Moment wiegt Jahre auf.
    O wie kann man, wie kann man ohne Liebe leben? erwiderte sie sie ist das
Licht und die Sonne unseres Daseins. An jedem Morgen denke ich zuerst an dich,
ich warte auf dein Auge; treten wir in den Saal, so suche ich dich unter den
anderen; ich hasse den, der zwischen uns tritt und dich meinem Auge verdeckt.
Dann hr ich deine Stimme - und was ist mir Musik gegen diese Tne, aus denen
deine ganze Seele spricht? Du erzhlst, du streitest mit andern, dein Blick
trifft den meinigen, der dich schon lange gesucht hat; du redest mich an - mein
Herz zittert; du lchelst - das fllt in meine Brust, wie der Frhlingsregen in
die Blumen; du gehst - alles ist Schatten. Es wird Nacht. Ich sehe dich vor mir,
ich halte dich in meinen Armen, ich trume von dir. Und nun der neue Morgen -
und mit jedem Tage, mit jeder Stunde kommt man sich nher, man wird sich
unentbehrlicher, Gemt, Launen, Blicke, Akzente versteht man inniger - o mein
Teurer, den Tod nachher, wenn das vorber ist; denn wozu noch leben? O Himmel,
wie drr, wie elend war mein Gemt und Herz, ehe ich dich kennenlernte! Mit dir,
in dir bin ich erst geworden! Kannst du mich denn lieben, du Treuer, Einziger?
    In diesem Kusse, erwiderte er, in dieser Umarmung mut du es fhlen. Wer
bin ich, da du dich meiner so angenommen hast - was kann ich dir sein, dir, die
du so reich begabt bist?
    Schlage den hellen Blick nicht so nieder, lispelte sie. Du warst mir
fremd, und doch liebe ich dich; du wirst uns wieder verlassen mssen, und ich
werde nicht aufhren, dich zu lieben. Ich wei von dir nichts weiter, will
nichts wissen, als da du mein bist. Du bist vielleicht in deiner Heimat
versprochen, wohl gar vermhlt - kann sein; damals war dir mein Herz noch nicht
zugewendet, du kanntest mich noch nicht. Diese Stunden hier gehren uns und
sollen uns heilig sein. Du weit ja auch nicht, ob mein Herz nicht schon frher
einmal verloren war; welch Recht hast du, darnach zu forschen? Nur die Gegenwart
ist unser.
    Es gibt Momente im Leben, in welchen ein Glck, selbst ein begehrtes,
ngstigt und qult. Das Herz ist dann in seinen Gefhlen zerrissen und
zerspalten; der Geist und Wille knnen sich nicht aneignen, was doch schon ihr
Eigentum ist. In dieser sonderbaren Stimmung war Leonhard jetzt, so Wunderbares
erlebte er in diesen Stunden. An diesem schnen Busen, von diesen reizenden
Armen umschlossen, so herzlich gekt und mit Sehnsucht der Liebe angeblickt,
fhlte er sich von einzigem Glcke, von hoher Wonne so mchtig umrauscht, da
seine Geister, auf jeden Atemzug lauschend, gleichsam betubt wurden. Er
wnschte, diese Momente der Seligkeit schon berlebt zu haben, um sich nur
wieder besinnen zu knnen.
    Es war, als wenn sie in seiner Seele lse, denn sie schmollte mit ihm und
sagte aufgeregt: Aber nicht eiferschtig, eiferschtig la mich nicht werden;
dies Gefhl ist das unertrglichste, welches der Mensch erleben kann. Du blickst
Albertinen stets so freundlich, so lchelnd an; du lauschest auf jedes ihrer
Worte: oh, Liebster, qule mich damit nicht; denn dieses Wesen, so nahe sie mir
verwandt ist, so verhat ist sie mir in allem, was sie tut und treibt. Sie hat
es ganz verlernt, natrlich zu sein, sie denkt immer nur an sich und kann
niemand lieben. Diese Prderie und Selbstsucht ist meinem Gefhl unertrglich.
Sei du aber auch nicht eiferschtig, wenn ich einmal diesem oder jenem
freundlich bin, wie ich es doch nicht vermeiden kann.
    Die hlzerne Uhr an der Wand hatte schon wiederholentlich geschlagen; jetzt
schien Charlotte bedenklich zu werden, sie wand sich aus den Armen Leonhards,
stand schnell auf, drckte ihm noch einen eiligen Ku auf den Mund und ging vor
den Spiegel, um Hut und Locken zu ordnen. Die junge Frau wird mich drauen
erwarten, sagte sie dann, sie begleitet mich zurck; bleibe du aber noch hier,
oder nimm einen andern Weg nach dem Schlosse zurck, damit niemand auf den
Argwohn fllt, als ob wir so lange beisammen gewesen wren.
    Sie nahmen Abschied, und Leonhard sah der schnen Gestalt nach, wie sie
leichten Schrittes mit der jungen Frau dahinwandelte, beide in lebhaftem
Gesprch. Er verlie nun das Haus und eilte sogleich in den nahen Wald, sprang
ber den Graben, der an der Strae hinlief, und vertiefte sich weit hinein, wo
die Bume am dichtesten standen, wo kein Fusteig hinfhrte, und wo er hoffen
durfte, von keinem menschlichen Wesen aufgefunden und gestrt zu werden. Er warf
sich nieder und verbarg sein Haupt in das Gras, ein Trnenstrom flo aus seinen
Augen, und sein Herz klopfte so ungestm, als wenn es ihm die Brust zersprengen
wollte. Wer bin ich? dachte er in diesen aufgeregten Schmerzen; was will ich? -
Bin ich denn glcklich, oder in ein tiefes, tiefes Elend versunken? - Noch
niemals, niemals hat mein gieriges, trunkenes Auge solche Schnheit gesehen. -
Seine Einbildung wiederholte ihm in Glut und Leben alles Reizende, alles
Verfhrerische seiner Geliebten. - Schon in meiner Jugend, dachte er dann
weiter, dort und hie, in Stdten und auf dem Lande, war mir manche Schne
freundlich, manche reiche Witwe kam mir fragend entgegen; - ich entzog mich
allen, ich verlor mein Herz nicht, und mu jetzt, nach Jahren, im reifen Alter,
so knabenhaft untergehen? Sie ist mir Adelheid, und ich bin fast der betrte
Franz. - Lieb ich sie denn? Knnt ich denn wnschen, da sie meine Gattin sein
drfte? - Nein, beim Himmel nicht! Wenn ich an Friederiken denke - wie bin ich
beschme! - Wie erscheine mir Kunigunde wie ein groes mchtiges Heiligenbild,
von einem alten Knstler auf Goldgrund gemalt! - Jetzt versteh ich die alten
wunderlichen Mrchen, die ich wohl vormals habe erzhlen hren, wie ein Mensch
in den Venusberg gert und dort fr immer verloren ist, von bsen Geistern
festgehalten, die ihn in der Gestalt blendender Reize und verlockender Lste
umgeben. Die alte Fabel von den Sirenen hat einen tiefen Sinn. - Ja, lieben,
vergttern mu man sie, man kann in Leidenschaft ihr Blut und Leben opfern, aber
man kann ihr nicht vertrauen. Und ist jene Ehrfurcht, die ich hier nicht fhlen
kann, nicht vielleicht das, welches das goldene Gespinst zerreit, in welchem
uns diese echte lsterne Liebe gefangenhlt? - Wozu jene Achtung und Verehrung,
die fast an Freundschaft fr die Matrone grenzt? - Und wagst du es, Elender,
Undankbarer, dies ausgelassene, ppige Mdchen, diese kstlichste Frucht der
Natur, die zum Schwelgen einldt, nicht zu achten, weil sie vielleicht niemals
die Talente einer Hausfrau und ehrbaren Gattin entwickeln wird? So schn, so
vornehm, so edel erzogen und mir so entgegenkommend! - Das, du Eitler, ist auch
ein Teil des Zaubers, der dich bestrickt! - - Wenn ich jetzt an meine Arbeit zu
Hause dort denke, an unsere khle Wohnstube, den alten Nubaum, die Bretter,
meinen Magister und unser alltgliches Treiben - wie unbehaglich, beklemmend,
nchtern und fast niedrig alles. Und doch, selbst in diesem prosaisch
niedergedrckten Gefhl - welche paradiesische Heimseligkeit!
    So verschwammen Gegenwart und Vergangenheit, Freude, Lust und Schmerz in
seinem Gemt; er suchte in seinem Innern und konnte nirgend die geistige Kraft
entdecken, alles dies mit einem khnen Entschlu zu durchreien und wieder der
alte zu werden.
    So war die Zeit vergangen, er wute nicht wieviel. Er stand auf und war so
betubt, da er sich nicht erinnern konnte, nach welcher Gegend er gehen sollte,
um wieder aus dem Walde zu finden. Indem er sich durch Bume und Gebsche
drngte, fiel er wieder in den Zulauf und das Getmmel seiner Gedanken und
Vorstellungen. Diese feine, geistige Sehnsucht, diese Flle von Erscheinungen,
sagte er wieder zu sich, dies Ahnden und die Entzckungen, alles dies, auf unser
Irdisches geimpft und durch dessen Kraft so herrlich blhend - es mu sich also
in jene Vernichtung strzen, wie es die hchste Befriedigung sucht, und der
Mensch mu mit dem Tiere am meisten in Verwandtschaft treten, wenn er sich am
sichersten zum Engel berufen glaubt? - O vieldeutiges Rtsel unsers Lebens! Wie
steht die Sphinx mit lauernden, lsternen Augen vor uns und droht, uns zu
verschlingen, wenn wir uns keck an die Auflsung wagen.
    Er konnte wirklich den Weg aus dem Walde nicht wiederfinden, und verstrickte
sich immer mehr in den Gebschen. Ihm schien nach dem Stande der Sonne, als wenn
Mittag lngst vorber sein msse, und nachdem er noch lnger, ohne Erfolg, durch
die verwachsene Wildnis gestrebt hatte, fhlte er sich matt und erschpft. Als
er sich ermdet an den dicken Stamm einer alten Eiche lehnte, glaubte er in
einiger Entfernung menschliche Stimmen zu vernehmen. Er ging der Richtung nach
und schrie laut; man antwortete, und nach einigen Minuten schimmerten sich
bewegende Gestalten aus dem Grn der Bume hervor. Nun drngte er sich durch und
gelangte auf einen kleinen freien Waldplatz, wo er den Frster antraf, der
seinen Gehlfen einige Bume zum Fllen anwies. Der Alte war sehr verwundert,
den Gast seines Herrn dort und fast mit zerrissenen Kleidern zu finden; denn
Leonhard hatte, besonders zuletzt, auf die Hemmungen der Gestruche und Dornen
nicht geachtet, indem er sie durchbrechend seinen Weg verfolgte.
    Der alte Frster ging jetzt mit ihm, indem er sagte: Ei ei! Herr Leonhard,
Sie sind hier wenigstens anderthalb Stunden vom Schlosse entfernt. Ich will Sie
begleiten, damit Sie sich nicht wieder verirren, auch habe ich dem Herrn Baron
einen notwendigen Rapport abzustatten.
    Sie gingen den Waldweg hinunter, und als sie in das Freie kamen, sah
Leonhard, da er im Wald die ganz falsche Richtung eingeschlagen und sich immer
weiter vom Schlosse entfernt hatte. Sie sind, fing der Alte nach manchem
andern Gesprche an, ein recht tchtiger Komdienspieler, und ich wundere mich
nur darber, wo Sie das alles, sowie auch unser junger Baron, gelernt haben
knnen, denn auf den Schulen wird einem dergleichen doch wohl nicht beigebracht.
Von dem Herrn Professor Emmrich ist es nicht zu verwundern, denn der soll schon
einmal Komdiant gewesen sein und ein Direktor dazu; auch von den Weibsleuten
nicht, denn denen ist dergleichen angeboren. Ich tauge nicht dazu, weil ich
vielleicht zu redlich und aufrichtig bin; denn, um was recht Groes in dem Wesen
zu leisten, mu man gewi schon recht frh ein Tausendsasa gewesen sein.
    Auf dem Felde begegnete ihnen der junge Baron, der, von einem Diener
begleitet, spazierengeritten war. Er stieg ab und lie den Reitknecht die Pferde
nach Hause bringen, um mit dem Frster zu sprechen, der ihm Geschftliches zu
melden hatte. Nachdem dies erledigt war, und der Frster sich dann entfernt
hatte, nahm der Baron seinen ermdeten Freund unter dem Arm, um ihn so nach dem
Schlosse zu fhren. Ei! ei! sagte er im Gehen, welche Abenteuer hast du denn
zu bestehen, da du sogar das Mittagessen versumst? und wie siehst du aus!
Matt, erschpft, das Halstuch zerrissen, Kleid und Weste voll Moos und Dornen!
Wir ngstigten uns schon alle an der Tafel, die Weiber am meisten. Alles
forschte nach dir. Bediente wurden ausgeschickt, um dich zu suchen. Hat dich
eine Fee entfhrt? Bist du unter Rubern gewesen? Hast du eine geraubte
Prinzessin verteidigt und erlst? Denn, bei Gott, du siehst so der
Alltglichkeit entrckt, so vllig verabenteuert aus, da dir durchaus etwas
hchst Seltsames mu begegnet sein.
    Leonhard war ziemlich verlegen, und sein Lachen, mit welchem er diese Fragen
beantwortete, hatte etwas Erzwungenes. Er war noch immer zerstreut, sammelte
sich aber und erzhlte dem Freunde, da er sich auf einem einfachen Spaziergange
im Walde verirrt, dort ermdet einige Zeit geschlafen habe, nachher ganz betubt
in eine falsche Richtung geraten und von Dornen und Gestrpp so zerkratzt und
zerrissen worden sei. Sie standen jetzt vor dem Eingange am Dorf, der Seite
gegenber, wo der Garten lag; man hatte von hier den Blick auf die Hauptfaade
des Schlosses. Der Baron sah seinen Freund mit scharf prfendem fast
mitrauischem Blicke an, den Leonhard nicht zu ertragen vermochte. Setze dich
hier in den Schatten dieser Linde sagte Elsheim dann, wir wollen es noch
dmmernder werden lassen damit dich dort oben nicht alle Welt examiniert; dann
kleidest du dich um und holst an der Abendtafel wieder ein, was du am Mittag
versumt hast. Auch bin ich selbst mde genug, um gern in diesem duftenden
Schatten auszuruhen.
    Sie setzten sich und hatten jetzt, abseits von der Landstrae und ziemlich
verborgen, die Aussicht auf diese, sowie auf das Schlo. Du wirst es mir nicht
ausreden, fing Elsheim wieder an, da dir heut nicht etwas Auerordentliches
begegnet wre, denn so ganz trumerisch und verstimmt habe ich dich noch niemals
gesehen. Du willst mich aber nicht zu deinem Vertrauten machen. Und vielleicht
wre es doch gut, und mglich, da es dir manchen Kampf ersparte.
    Du qulst mich, Freund, rief Leonhard aus, und ganz ohne Not, denn mir
ist wahrlich nichts widerfahren, das nur des Erwhnens wrdig wre.
    Verschlossenheit, und gegen den Freund, sagte Elsheim wieder, ist
himmelweit von Diskretion verschieden. Ich habe viel in dieser Zeit ber deine
weise Theorie nachdenken mssen, die du mir so schn unterweges entwickeltest,
von der geraden und krummen Linie. Die Sache verdient gewi bedacht zu werden.
Suche nur die krumme Linie knstlich wieder zurechtzufhren, wenn auch freilich
so mancher Schnrkel und willkrliche Ausbeugung und Schwankung sich nicht in
Regel und Zahlenverhltnis auflsen lt.
    Leonhard wollte verdrlich werden, und in seiner sonderbaren Stimmung
erschien es ihm fast, als wenn sein Freund Hndel an ihm suche. Er wollte
antworten, aber seine Aufmerksamkeit, sowie die des Freundes, wurde auf das
groe und ansehnliche Gasthaus des Dorfes gelenkt, vor welchem jetzt ein
eleganter Reisewagen hielt, aus welchem zwei Mnner stiegen. Sie sprachen mit
dem Kutscher und dem Wirt der Schenke, schttelten lachend ihre Kleider zurecht,
und kamen dann Arm in Arm die breite Landstrae herauf, anscheinend um das
Schlo in der Dmmerung, welche bereits einbrach, in Augenschein zu nehmen. Als
sie nher kamen, hrten die Freunde, wie einer von beiden mit beraus
wohlklingender voller Stimme sagte: Ja wohl ist es besser, sich nach dem langen
Fahren erst die Fe etwas zu vertreten, als gleich dort in der Schenke Platz zu
nehmen, die freilich fr eine Dorfherberge reputierlich genug aussieht.
    Aber halt! rief der andere, indem sie jetzt der Bank unter der Linde ganz
nahe gekommen waren, - sieh, Freund, von hier nimmt sich das Schlo am besten
aus. Es kann nicht so ganz neu sein, denn es ist noch in einem guten Stil
gebaut.
    Ja wohl, sagte der erste, es ist so vollstndig, solide und wrdig. Das
Verhltnis der Fenster zu den Mauern grenzt noch nicht an unsere Treib- und
Sommerhuser.
    Und der Giebel, rief der zweite, so stark und vorragend, die beiden
viereckigen Trme an den beiden Seiten, die gewi auch zu Treppen dienen, der
groe breite Eingang, in dem die Tr doch nicht zu hoch ist: alles sieht so
sicher aus. Das Tor fr die Einfahrt der Equipagen ist gewi auf der andern
Seite, im eigentlichen Hofe.
    Und mit diesem, fuhr der erste fort, mu dann unmittelbar der Garten
verbunden sein, wenn Verstand in der Sache sein soll.
    Nein, sagte jener, sieh, noch verstndiger ist der Eingang zum Garten
gleich rechts vom Hause, wenn mein scharfes Auge mich nicht trgt. Das
Wichtigste aber, Kamerad, ist, da das ganze Haus mit seinem Apparat so
aussieht, als wenn dort hinter den Fenstern und Mauern etwas recht Wunderbares,
Apartes und Nrrisches vorgehen mte; nicht wahr, Freund?
    Du hast recht, Bruder, sagte der erste lachend; wie habe ich das nur
bersehen knnen? Es quillt ja aus allen Wnden und duftet in der ganzen
Atmosphre hier so, als wre der Steinklumpen blo deswegen so hbsch und
reputierlich ausgefhrt worden, damit Schnurren, poetische Schwnke, Albertten,
Konfusionen und Liebesgeschichten dort ausgesponnen wrden. Ja wohl flstern die
schnen Linden dort am Schlo nicht vergeblich den Fenstern zu. Und wenn die
verteufelten Nachtigallen erst so rechts und links schlagen, um alle ihre
zackigen und kugligen Passagen abzuorgeln, so mu die Verrcktheit dort hinter
den Mauern, wenn nur irgend junges Blut in den Stuben wohnt, nicht zum
Aushalten, viel weniger zum Haushalten sein.
    Elsheim hatte die beiden Schwtzer schon erkannt und ging jetzt lachend auf
sie zu. Sein Sie mir gegrt, meine Herren Musiker; erinnern Sie sich meiner
noch aus jener kleinen Stadt, in welcher Sie sich aus Mutwillen arretieren
lieen, statt ein Konzert zu geben?
    Ei, Baron! riefen die Fremden, und umarmten lachend den schnell
Wiedererkannten. Dies Haus ist mein, fuhr Elsheim fort, und pat es irgend zu
Ihrem Geschft und Ihrer Reiseabsicht, mir ein paar Tage zu schenken, so werden
Sie mich sehr glcklich machen.
    Wir sind so frei jetzt, wie die Fliege in der Luft, sagte der Snger, wir
kriechen also gern bei Ihnen unter.
    So werde ich Ordre geben, sagte Elsheim, da Ihre Koffer nebst Ihrem
Wagen bei mir untergebracht werden; nur ist mein Haus sehr berfllt und es
frgt sich daher, ob es Ihnen nicht zuwider sei, beide ein einziges groes
Zimmer mit einem gerumigen Alkoven zu bewohnen?
    Nicht im mindesten, antwortete der Klavierspieler, denn das sind wir
gewohnt. Wenn zwei vertraute Freunde im fremden Hause beisammen sind, so ist das
der Einsamkeit, die oft lstig werden kann, sehr vorzuziehen.
    Die beiden Fremden begleiteten Elsheim und Leonhard sogleich in das Schlo.
Dieser eilte auf sein Zimmer, kleidete sich schnell um, und kam dann zum
Abendessen in den Saal zurck.
    Hier waren die fremden Musiker schon wie einheimisch; sie sprachen mit
jedem, am meisten jedoch mit Emmrich, dem sie schon seit frheren Jahren bekannt
waren. Als man sich an der Tafel ordnete, gelang es Leonhard nicht, neben
Charlotten seinen Platz zu finden; sie vermied ihn beinahe auffallend, und es
schien ihm, als wenn sie berhaupt kalt und fremd gegen ihn sei. Er kam also in
die Nhe Elsheims und Albertinens und sah es nicht ohne Eifersucht, wie
freundlich Charlotte mit dem neu angekommenen Snger sprach. Dadurch verstimmt
unterhielt er sich um so eifriger mit Albertinen, die ihn gern anzuhren schien.
    Elsheim war sehr vergngt ber die eingefangenen Virtuosen und sagte zu
Emmrich: Erst jetzt fllt es mir bei, wie wenig ich bei meinen
leidenschaftlichen Theaterversuchen meiner guten Mutter und ihres Enthusiasmus
fr die Musik gedachte. Wie wird sie sich freuen, wenn sie wiederkommt, und wir
ihr Konzerte geben, vielleicht gar Belmont und Constanze teilweise oder ganz
auffhren knnen. Dann erst wird sie mit unserm Theaterbau ganz zufrieden sein.
    Man machte schon allerhand Projekte, und Leonhard stand zwar gesttigt und
gestrkt vom Tische auf; dennoch fhlte er, da er der Ruhe bedrfe, um im
Schlaf, wo mglich, alles das zu vergessen, was er an diesem Tage erlebt hatte.

                               Fnfter Abschnitt


Die alte Baronesse war wieder eingetroffen und heiterer, als es der Sohn
erwartet hatte. Sie hatte in der Residenz frhliche Tage verlebt, und ihre
Begleiter und Verwandten muten dort auch ihre Klagen ber die eingebildete
Beleidigung aufgeben, da sie auf Erkundigung von allen Seiten vernahmen, da
Goethe ein vornehmer Mann und groer Dichter sei. Sie nahm es also mit
Heiterkeit auf, als ihr Sohn ihr sagte, da er auf morgen, zu ihrem Geburtstage,
ein Lustspiel von Shakspeare auffhren wrde.
    Emmrich hatte das Kostm so angeordnet, da es geschmackvoll war, ohne
irgend auf Gelehrsamkeit oder Genauigkeit Anspruch zu machen. Er hatte sich
schon frher ungefhr so geuert: Der Dichter hat diesmal nicht, wie so oft,
die Szene nach Italien gelegt. Italien galt ihm und den Zeitgenossen auch nur
fr ein Land der Poesie und Abenteuer. Die vielen kleinen sich ungleichen
Staaten dort, die Welt von Novellen, die die Englnder sehr genau kannten, die
vielen Reisen dahin hatten ihnen Florenz, Mailand, Venedig und Verona, sowie
andere Stdte und ihre Namen, sehr gelufig gemacht. In diesem poetischen Scherz
von Zufllen und Seltsamkeiten aber wollte der Dichter die Sache noch weiter ab
in eine fast unbekannte Region verlegen. Wollten wir nun die Bcher
nachschlagen, oder aus lteren Gemlden die Trachten jener Illyrier uns
versinnlichen, so knnte man in Gefahr geraten, da unser verliebter,
feingebildeter Frst unserem Auge als ein Spamacher oder komischer Charakter
erschiene, dessen Anzug uns zum Lachen stimmte. Der dramatische Dichter,
vorzglich im Lustspiel, kann nur Kraft gewinnen und die Zuschauer tuschen und
berzeugen, wenn er Anspielungen, Sitten und Gesinnungen aus seiner Zeit nimmt.
Dies haben die Englnder, vorzglich Shakespeare, immer beobachtet. Denn dem so
ist, so knnte leicht die Poesie mit dem sogenannten Kostm im Widerspruch
stehen und in Krieg geraten. Es ist also besser, eine allgemeine poetische
Kleidung anzunehmen, die auf alle jene Zeiten und Stcke pat, die sich in einem
dichterischen Elemente bewegen.
    Man hatte also die hergebrachte ltere italienische Tracht angenommen Der
Herzog ging in weien Unterkleidern und in saffrangelbem seidenem Mantel;
Malvolio schwarz, Tobias mit einem roten Mantel, und Andreas ledergelb. Viola
ohne Mantel, in einem kurzen, himmelblauen, unter den Knieen zusammenschlagenden
berrock, Krause, sowie den Aufschlag an den Schultern wei, einen roten Gtel
eng um die Hften, in welchem ein feiner Degen hing. Ebenso trug sich ihr
Bruder. Olivia anfangs in Schleiern und in tiefer Trauer, gegen das Ende des
Stcks in rosafarbnem Atlas.
    Der festliche Tag war nun erschienen. Fr die Mutter des Gutsherrn war
wieder ein eigener Sessel vorn, ziemlich nahe an die Bhne, hingestellt, welche
etwa nur um drei Fu erhht war. Die Dienstleute und Dorfbewohner waren wieder
zugegen; auch die Gerichtshalter und einige Justizpersonen, sowie verschiedene
Beamte und Verwalter aus der Umgegend hatten sich eingefunden. Die Baronesse war
anfangs berrascht, da der Saal anders eingerichtet, und das Theater in die
Lnge verlegt war. Die Bhne selbst machte einen angenehmen und heitern
Eindruck, und kndigte ersichtlich an, da sie zu einer Festlichkeit bestimmt
sei. Der obere Balcon oder Altan wurde von den freistehenden Sulen getragen,
deren ionische Kapitler zierlich vergoldet waren. Unten war die kleinere
Innenbhne mit rotseidenem Vorhang verdeckt. Auch die Treppen waren mit farbigen
Decken verkleidet, so da die Bhne an sich selbst sein konnte, was man wollte.
Und wo spielt denn diese erste Szene im Original? Im Zimmer, Saal, Vorhof? Die
Bhne, um sich nicht zu oft in poetischen Werken zu widersprechen, mte eben
fast immer nichts als die Bhne sein wollen, ohne da ihr der Zuschauer die
Rechenschaft abforderte, welchen zuflligen Raum sie eben darstelle. So war es
bei den frheren Englndern, eigentlich auch bei den Franzosen zu Corneilles und
Molires Zeiten. Selbst im Holberg finden wir noch diese unbestimmte
Allgemeinheit.
    Als sich die Zuschauer geordnet hatten, und die Ruhe hergestellt worden,
vernahm man einen Tusch von Trompeten und Pauken. Er erscholl von dem obern
Altan, wo man viele Musiker in heiterer und bunter Tracht versammelt sah. Eine
allgemeine feierliche Stille folgte dem Trompetengeschmetter. Alsbald trat aus
der Gruppe der fremde Snger festlich geschmckt hervor und sprach einen Prolog,
den Elsheim gedichtet hatte, in welchem der Mutter Glck gewnscht wurde, da
dies Spiel sie erheitern mge, und wie sie es ebenfalls nehmen drfe, fr was
sie wolle, wie der Titel sage, da sie aber nicht verkennen solle, wie sehr
nchst ihrem Sohne alle Verwandte, Freunde, Bekannte und Untertanen sie liebten
und verehrten. Nun trat im Schmuck seiner Rolle Elsheim vor, nebst der Tante,
Charlotte, Albertine und Dorothea, und von der Musik begleitet sangen sie ein
glckwnschendes Chor, bei dessen Schlu sie sich alle gegen die Baronesse
verneigten. Die alte Frau war von dieser Aufmerksamkeit ebenso gerhrt als
erfreut. Hierauf zogen sich die Schauspieler zurck, und die Tante trat unten
zur Tr des Saales herein, um ihren Sessel neben der Baronesse als Zuschauerin
einzunehmen.
    Sodann fhrten die Musiker oben auf dem Balcon unter der Direktion des
fremden Virtuosen die Ouvertre zu Belmont und Constanze vortrefflich aus. Auch
dies rhrte die Mutter, da der Sohn ihr Lieblingswerk zur Einleitung spielen
lie. Als die Symphonie zu Ende war, trat unten Elsheim auf, von Pagen
begleitet, denen einige Musiker folgten. Auf verschiedenen Blase-Instrumenten
trugen diese zart und lieblich die Introduktion zu der Arie des Belmont vor:
Hier werd ich sie nun sehen. Diese Melodie phantasierte s und sehnschtig
eine geraume Zeit, wurde auf den Wunsch des Herzogs noch einmal wiederholt und
dann pltzlich von seiner Ungeduld unterbrochen. In den kurzen Pausen der Musik
war es von sehr guter Wirkung, da oben ein Waldhorn der unten gespielten
Melodie wie ein Echo antwortete. Als der Herzog mit seinem Gefolge abgegangen
war, zog sich der rote Vorhang unten von der kleineren Bhne zurck, und man
erblickte drinnen im beschrnkten Rahmen ein Bild, das eine Aussicht auf Feld
und See gab, klar und tuschend von Lampen erleuchtet, die seitwrts und
unsichtbar in der Tiefe angebracht waren. Aus dieser inneren Bhne trat nun
Viola mit dem Capitain des Schiffes die drei Stufen hinunter und sprach vom
Lande, wo sie sich befanden; die Art, wie sie nach dem jungen Frsten fragte,
von dem sie schon im voraus wute, da er noch unvermhlt sei, lie es merken,
da sie irgendeinen Plan auf ihn und seine Geliebte habe. Wie sie abgehen, zieht
sich der Vorhang der kleineren Bhne wieder zu, und in irgendeinem Zimmer oder
Saal treffen Tobias und die kleine Maria zusammen; Andreas Fieberwange tritt zu
ihnen, und die erste der komischen Szenen entwickelt sich. Da Dorothea dieses
schnippische und witzige Mdchen gut spielen wrde, hatten alle erwartet; aber
die Mitspieler auf der Bhne und am meisten Elsheim erstaunten, mit welcher
Haltung und sicherm Humor Mannlich und Graf Bitterfeld ihre komischen Charaktere
anlegten und auszufhren verhieen. Wenn Andreas fragt: Was ist pourquoi? so
bedeutet das nicht, da er ganz unwissend sei, denn er spricht spterhin einige
Worte franzsisch ganz richtig, sondern er will nur sagen: Was meint ihr,
weshalb sagt ihr jetzt noch pourquoi? Alles dies wurde so herzlich albern und
mit so ser, bescheidener Anmaung gespielt und gesprochen, da sich Eslheim
gestehen mute, da er erst jetzt, so ausgefhrt, diese Person und ihre Spe
ganz verstehe.
    Nun erschien Viola, hchst reizend, in ihrer mnnlichen Tracht. Sie wird zur
Olivia als Liebesunterhndler gesendet. Dort im Hause tritt nun die kleine Maria
auf, und neckt sich mit dem Narren des Hauses. Nach der Anweisung Emmrichs war
dieser in lange, dicht anschlieende Pantalons von streifigem Zeuge gekleidet;
ebenso bunt war sein Wams, ber welches er einen ganz kurzen dnnen Mantel trug
von gelber Farbe. Eine kleine, eng anschlieende Kappe bedeckte seinen Kopf,
doch ohne Schellen oder andere sonst gebruchliche Abzeichen des privilegierten
Lustigmachers. Um die Schulter hing eine kleine Trommel, fast wie man sie den
Kindern schenkt; um den Hals trug er an einer Schnur eine kleine Flte oder ein
Flageolet, und indem er eintrat, rhrte er die Trommel und spielte mit der
andern Hand eine Melodie auf seiner Pfeife. Nun erschien nach einer kleinen
Szene Malvolio mit Olivien. Emmrich zeigte seine Kunst und bung in der
Darstellung dieses hochmtigen Murrkopfs und halb wahnsinnigen, von sich selbst
berauschten Haushofmeisters. ber die unbedeutenden Worte: Kammermdchen, das
Frulein ruft, mit denen er abgeht, erhob sich ein lautes und allgemeines
Gelchter, so komisch charakteristisch wute er jedes, auch das Unscheinbare,
vorzutragen. Viola, als naseweiser, bermtiger Page, bezauberte alle, und es
erschien natrlich, da sich Olivia in diese frische Keckheit, die mit so
leuchtender Grazie umgossen war, vergaffen durfte. - Es machte sich gut, da
unmittelbar nach ihr Sebastian in ganz hnlichen Kleidern auftrat, denn da keine
Verwandlungen ntig waren, wurde das Stck in einem Zuge ohne Unterbrechung
gespielt. Der junge Cadet war der verkleideten Schwester in Gesicht, Wuchs,
Betragen und Stimme so hnlich, da eine Verwechselung beider gar nicht
unnatrlich erschien. Man hatte wieder die innere Bhne geffnet, und die
frhere Aussicht auf Feld und Meer zeigte sich von neuem.
    Die kleine Zwischenszene, in welcher dieser Vorhang sich wieder zuzog,
diente dazu, Tische und Sthle whrend des Gesprches hinter diesen zu stellen,
und auf diese Sessel setzten sich Tobias und Andreas sogleich, indem sie die
drei Stufen hinaufstiegen, und waren nun mit dem Narren, der zu ihnen trat, wie
in einem behaglichen Zimmer. Diese Hauptszene der tobenden Verwirrung wurde mit
auerdordentlichem Humor durchgefhrt. Das tolle Lied, welches der Narr singt,
hatte der Virtuos fr die schne Stimme des Verwalters gesetzt, und es machte
wieder einen guten Effekt, wenn in den Pausen zwei Waldhrner oben auf dem
Balcon die Melodie wie ein Echo nachtnen lieen. Als aber der schreiende Kanon
von den drei Toren mit brllenden Stimmen gesungen wurde, fiel von Zeit zu Zeit
die vollstndige Musik oben auf dem Balcon ein und vermehrte so den Lrm,
wunderlich von der Trommel und Pfeife des Narren begleitet und erhht. Drauf
Malvolio, feierlich die drei Stufen hinanschreitend und die Lrmer scheltend,
die ihn aber verhhnen. Wieder wird ihm entgegengesungen, und die Tollheit
steigert sich immer mehr, bis Malvolio wtend und gekrnkt die aberwitzige
Gesellschaft verlt, ber welche sein erhabener Zorn und seine falsche Majestt
nichts vermgen. Es war sehr lcherlich, mit welcher Feierlichkeit in
unterdrckter Wut dieser Malvolio die drei Stufen hinabschritt und sich noch
einmal nur mit halbem Blicke umsah, bis sein Profil, das in seinem steifen Ernst
Verachtung ausdrcken sollte, vorn im Seiteneingang verschwand.
    Dieser Szene tollen bermuts und wilden Lrmens folgt die zart poetische
zwischen dem Herzog und der verliebten Viola, die in zweideutigen Worten, die
der Frst nicht fat, diesem ihre Liebe bekennt. Die Vergnglichkeit der
Schnheit wird in wenigen Worten beklagt, und wie Viola die schnell schwindende
Rosenblte der Jungfrauen besttigt, schien sie bei den Worten:

So sind sie auch. Ach! mu ihr Los so sein,
Zu sterben grad im herrlichsten Gedeihn!

ihre Trnen nicht zurckhalten knnen. Den mutwilligsten Kontrast bildet jetzt
der Narr, der eben erst seinen Kumpanen verrckte Liedchen gesungen hat, indem
er nun im Gegenteil mit schner Stimme dem sehnsuchtkranken Herzoge ein
rhrendes Gedicht vortrgt. Der Verwalter Lenz hatte sich selbst dieses Gedicht
komponiert, der fremde Virtuos verwarf aber diese Arbeit und setzte eine neue
einfache, aber ergreifende Melodie zu diesem einzig schnen Klaggesange. Man
hrte gleichsam den Snger weinen; der bedeutsame Rhythmus, der eigentlich schon
fr das feine Ohr und die gebildete Stimme die Melodie ausspricht, war im
Wesentlichen beibehalten, und der tiefsinnige Amphimacer - -, in dem sich die
ersten Verse bewegen, lie den nahe liegenden Anapsten in: La mich frei
ergreifend wechseln, und gerade wirkte der Rhythmus dadurch so auerordentlich,
da weder Amphimacer, noch Anapst zu steif und regelrecht im Takt festgehalten
wurden, sondern die biegsame Stimme sich wie zwischen beiden in den sesten
Klagetnen schwrmend durchschmiegte. Und dann der bergang in Jamben und
Spondeen: Mit Rosmarin - Treu hlt es war wie einer, der aus Trnen und
Schluchzen sich zur Resignation oder erzwungenen Heiterkeit erheben will und in
diesem Aufschwung nur noch tieferen Schmerz ausdrckt. In der zweiten Strophe,
die nach derselben Melodie gesungen wurde, lie der verstndige Lenz nach
Anweisung des Komponisten die Stimme mehr wie etwas ermdet sinken, und am
Schlu zog er die Tne und Verse verhallend so ineinander, als wenn ihm keine
Sprache und kein Wort in der Erschpfung der Trauer noch brig oder mglich
wre. - Dieses schne Gedicht, das Schlegel so meisterhaft und einfach bersetzt
hat, sang Lenz ohne alle Begleitung, nur am Beginn und in den Pausen klang oben
auf dem Balcon eine einsame Flte nach, und ganz fern und unsichtbar ein
gedmpftes Waldhorn. Die Rhrung war so stark, da alle Zuschauer weinten, und
es war wie notwendig, da der Narr durch etwas Spa diese starke Wirkung wieder
strte und den Hrer zerstreute, auch um auf den schnen Schlu der Szene mit
Viola und dem Frsten wieder hinberzuleiten. Wie schn sprach Albertine die
berhmte Stelle von der liebenden, im Gram aufgelseten Schwester! Und als nun
der Herzog fragt: Starb deine Schwester denn an ihrer Liebe? - war sie wie
verwirrt und fast in eigner Rhrung gefangen, ihr fllt der ertrunkene Bruder
ein, und wieder beinahe weinend sagt sie nach einer kleinen Pause: Ich bin, was
aus des Vaters Haus von Tchtern und auch von Brdern blieb - und geht, sich
selbst gewaltsam aufraffend, mit scheinbarer Heiterkeit zu Olivien.
    Elsheim, als er vom Theater zurcktrat, war erstaunt, den Professor Emmrich,
der gleich wieder als Malvolio auftreten sollte, in der tiefsten Rhrung und in
Trnen zu finden. Noch nie, sagte er, habe ich die Kunst dieses Werkes, das
berirdische dieser Szene, die ganz in Poesie, Sehnsucht und Mutwillen getaucht
ist, so empfunden wie heut. Gelingt eine Darstellung eines so groen Kunstwerks
nur irgend, so frdert sie Schnheiten deutlicher an das Licht, die auerdem
auch dem Kenner von halbem Nebel verdeckt bleiben. Ich kann mich kaum zu meiner
Hauptszene sammeln. - Er mute sich Gewalt antun, denn Maria war schon zu
Andreas, Fabian und Tobias getreten; der Brief wurde hingeworfen, und die Mnner
versteckten sich. Schon beim Abgang des Herzogs war die innere kleine Bhne
wieder geffnet; zu dieser stiegen die Lauscher empor. Die letzte Hinterwand der
kleineren Bhne war grn, wie Gestruch und Baum; hier standen sie von den
freien Sulen verdeckt, und noch mehr von einzelnem Gebsch und dnnen Bumchen,
die sie selbst fast unvermerkt hinter den Sulen hervorziehen konnten. Durch
diese Einrichtung war es nicht nur mglich, da sie gesehen wurden, sooft ihr
Stichwort es erforderte, sondern es tat auch eine sehr komische Wirkung, wenn
die zornigen und lauernden Gesichter auf Augenblicke sich zeigten und dann
wieder hinter dem Grn verschwanden, indessen etwas tiefer unten, aber ihnen
nahe, Malvolio gestikulierte und keinen Argwohn hegte, da man ihn in dieser
Nhe beobachtete. In dieser Szene mute Emmrich seine Meisterschaft zeigen. Den
bermut und die verrckte Eitelkeit des ltlichen Mannes, die bis an die Grenze
des Unmglichen gesteigert wird, wute er so natrlich darzustellen, der
zunehmende Aberwitz mit und nach dem Lesen des Briefes war so berzeugend, da
alle Zuschauer sich getuscht dem behaglichsten Lachen berlassen konnten.
    Jetzt trat die Leidenschaft der schnen Olivia mehr heraus Andreas selbst
wird eiferschtig und lt sich von dem hnselnden Tobias bereden, dem jungen
Cesario eine alberne Ausforderung zu senden. So lst ein Scherz den andern ab,
wenn der vorige seinem Verblhen nahe ist, und das Lustspiel bleibt immer neu
und frisch. Nun kommt Malvolio als beglckter Liebender in seiner neuen Tracht.
Seine Vertraulichkeit, sein Abspringen von grimassierter Freundlichkeit und
lachenden Liebesmienen zu grobem Ernst und Stolz, seine Anspielungen auf den
Brief, sein bermut nachher gegen Tobias lassen ihn jetzt als ganz wahnwitzig
erscheinen. Selbst Oliviens Reden enttuschen ihn nicht als ihr Gemahl, als
knftiger Herrscher legt er alles, so unmglich dies scheint, zu seinem Vorteil
aus. Die safrangelben Strmpfe zu der brigens schwarzen Tracht vollenden das
Bild. Die Kniegrtel, kreuzweis gebunden, waren nicht so, wie wir es wohl auf
dem Kupferstich in der Shakespearegalerie sehen knnen, wo der Trichte Bnder
oberhalb des Knies so auf dem Schenkel trgt, wie sich wohl ehemals die Jockeys
zeigten; sondern ein Kniegrtel mit Gold auf blauem Grunde hing fast vorn ber
das Schienbein so steif und fest in Form eines wirklichen Kreuzes herab, da
durch diese Affektation die Erscheinung des Mannes noch abenteuerlicher wurde.
Mit seiner Einsperrung geht seine eigentliche Rolle, seine Ttigkeit zu Ende.
Nun erfolgt aber das ergtzliche Duell und die Gefangennehmung Antonios. Im
Kleide des Pfarrers nahm sich der Narr wieder sehr gut aus, vorzglich weil Lenz
die Gabe besa, den vorgeblichen Geistlichen mit ganz vernderter Stimme zu
sprechen und dann pltzlich in jenen Ton zurckzufallen, den er als Narr
angenommen hatte.
    Gegen das Ende des Stcks erschien nun Olivia in dem roten seidenen
Prachtkleide; alles entwickelte sich, auch der mihandelte Malvolio trat noch
einmal im Schmuck der gelben Strmpfe auf, und das Ganze schlo zur allgemeinen
Zufriedenheit.
    Als alle abgegangen waren, hielt der Narr eine Art von Epilog; er sang
nmlich jenes launige Lied, spielte auf der Trommel und pfiff dazu, indem er
auch einige komische Tnzersprnge nach jeder Strophe anbrachte, nach der
Anweisung, die ihm Emmrich gegeben, um ganz dem Dichter, seiner Art und Weise zu
seiner Zeit zu gengen.
    Elsheim, Olivia und Albertine hatten sich in ihren Theaterkleidern sogleich
in das Parterre begeben, um der alten, sehr zufriedenen Baronesse ihre
Glckwnsche zu ihrem Geburtstage darzubringen; auch Mannlich war den Damen
gefolgt, um sich mit der gndigen Frau wieder auszushnen, die ihn auch sehr
freundlich empfing. Jetzt zogen sich auf dem Theater jene Vorhnge zurck,
welche die Treppen bedeckten, und man sah alle Stufen mit Kindern besetzt,
welche Genien vorstellen sollten. Alle hatten Blumenkrnze und bunte Girlanden
in den Hnden und so schwebten sie herab, stellten sich vorn auf die Bhne und
bildeten mit den Blumen den Namenszug der Baronesse. Die greren standen auf
den Stufen und trugen auf den Hnden und Schultern die kleineren Kinder. Jetzt
sprangen diese von den Schultern herunter, die andern verlieen die Stufen, die
innere kleine Bhne war pltzlich frei, und auf einem Altar prangte das
wohlgetroffene Bildnis der Besitzerin des Schlosses. Genien umhngten das
Portrait mit grnen und farbigen Laub- und Blumen-Gewinden. Ein glckwnschender
Chor lie sich bei einer sanften Musik vernehmen. Indem alle noch mit gespannter
Aufmerksamkeit auf dieses unerwartete Schauspiel hinblickten, ffnete sich der
Vorhang des hheren Balcons, den man zugezogen hatte, und dort zeigte sich im
glnzendsten Transparent der Name der Besitzerin, und Rosen, Sterne und
Blumengeflechte, bewegten sich kreisend im buntesten und hellsten chinesischen
Feuer um die Namenszge. Auch hier standen Genien, und diese verschiedenen
Kindergruppen auf der obern und untern inneren Bhne, sowie die Gestalten auf
den Stufen seitwrts bildeten einen anmutigen Anblick, da sie zierlich und mit
Geschmack geordnet waren. Eine sanfte Musik erklang, die verschiedenen Vorhnge
wurden wieder zugezogen, und das ganze Schauspiel war beendigt und beschlossen.
    Elsheim fhlte sich dem Professor Emmrich und den brigen Freunden
verpflichtet, da sie, die Festlichkeit auf diese Weise ergnzend, ihn selbst
mit diesem anmutigen Schauspiel berrascht hatten, denn Emmrich hatte die Kinder
heimlich eingebt und alles ohne des Barons Mitwissen veranstaltet. Die
Baronesse war so vergngt und zufrieden, wie sie es seit Jahren nicht gewesen
war, und wie der Mensch in der Regel in solcher Stimmung auch am
liebenswrdigsten ist, so zeigte sich die alte Dame an diesem frohen Abend so
einnehmend, wie der Sohn sie fast noch niemals gesehen hatte.

Da die Auffhrung dieser Komdie, die so ganz auerhalb der Linie hergebrachter
Forderungen und Gewhnungen liegt, so auerordentlich gut gelungen war, so
beschlo man, sich recht bald diesen Genu zu erneuern. Elsheim, der Emmrich im
Garten antraf, sagte zu diesem: Ich kann noch von meinem Erstaunen darber
nicht zurckkommen, mit welcher Vortrefflichkeit Mannlich und der Graf ihre
Rollen gespielt haben. Ich bekenne, Sie hatten recht, Professor, ob ich gleich
die Richtigkeit Ihrer Ansicht, der Anweisung, die Sie den beiden Herren gaben,
nichtsdestoweniger mehr und mehr bezweifeln mchte.
    Emmrich lachte, dann sagte er: Ich wundere mich dennoch, Freund, da Sie
mich und meine Absicht nicht gleich verstanden haben. Die beiden Mnner waren
nur dadurch gute Komdianten, da sie einmal Gelegenheit hatten, sich selbst,
ohne es zu wissen und zu wollen, ganz darzustellen. Sie sind selbst so, wie sie
jetzt gespielt haben, was sie aber niemals eingestehen werden ja selbst nicht
einmal erfahren drfen, wenn es ein andermal wieder gelingen soll. Glauben Sie
mir, knnte man mit den wirklichen Komdianten zuweilen ein hnliches Experiment
machen so wrden wir uns zuzeiten vortrefflicher komischer Darstellungen zu
erfreuen haben. Wie mancher bewunderte tragische Held wrde einen Zettel in der
Sommernacht von Shakespeare meisterhaft geben, wenn man ihm insinuieren drfte:
Vortrefflichster! erobern Sie durch Ihre Talente diesem so lange verkannten
Manne seine Wrde wieder. Er ist ja ein groes, ja einziges Talent, wofr ihn
seine Genossen, die Brgersleute, auch anerkennen. Die Probe, die er als Tyrann
deklamiert, ist ja ein vortreffliches Gedicht und mu nun ebenso, etwa wie Sie
schon sonst den Macbeth oder Otto von Wittelsbach gespielt haben, deklamiert und
gespielt werden. Der schadenfrohe Puck, ein bsartiger Kobold, heftet diesem
Manne nachher einen Eselskopf an. Soll dies etwas beweisen? Soll der schlechte
Spa, wodurch man von je die grten Mnner verunglimpft hat, ein kritisches
Urteil enthalten? Die zarte Titania beweist es ja, da sie trotz dieser
Entstellung seinen hohen Wert wohl zu schtzen wei. Nachher wird sein
herrliches groes Spiel vom Frsten und den Aristokraten verlacht und bitter
getadelt. Ist es nicht unbegreiflich, da hier noch niemals ein feiner Sinn die
wahre Meinung des groen Dichters geahndet oder gewittert hat? Diese Lysander
und Demetrius, die Hochmtigen, die sich soeben im Walde noch wie Toren und
Rasende betragen haben, diese haben wohl viel Ehre mitzusprechen? Da solche
Junker und Despoten den hohen Kunstwert eines Zettels nicht verstehen, ist eben
sein grtes Lob. Verschlieen diese doch in der Regel gegen alles Herrliche
Auge und Ohr. - Zweifeln Sie dennoch, da, wenn sich der Held so bearbeiten
liee, und er diese berzeugung in sich aufnhme, er diesen Zettel nicht viel
besser und ergtzlicher, als seinen Macbeth und Otto spielen wrde?
    Elsheim sagte: Ja, ich gestehe, ich habe den Schalk in Ihnen nicht
erkannt.
    Einige Wahrheit, fuhr der Professor fort, ist aber auch auerdem in
dieser bertreibung. Denn selbst gute komische Schauspieler in Deutschland, und
wie viel mehr in England, verfehlen es darin, da sie zuviel tun. Sie meinen,
sie mssen sich zu dem Toren, den sie abschildern sollen, allzu tief
hinablassen. Sie grimassieren, sie kleiden sich zu einem Scheusal um, sie
verstellen ihre Stimme und grunzen und nseln nun etwas daher, indem sie jedes
Wort hervorheben, den nchsten Spa durch Augenwinken und Krperverdrehungen
ankndigen, da in ihrem Bilde kaum die Menschheit wiederzuerkennen ist. Ich
habe ber keinen Schauspieler noch so, wie ber unsern groen Schrder, lachen
knnen, und wie lie er auch durch die lcherlichste Figur sein edles Individuum
durchschimmern und erreichte das Hchste, ebenso wie in seinem tragischen Spiel,
immer mit wenigen Mitteln. Freilich ist das Lachen viel verschiedener und
mannigfaltiger, als das Weinen der Menschen. Im Lachen verrt sich oft in der
Gesellschaft der Gemeine und Rohe, der sich lange mit Glck maskieren konnte.
Ich bin schon oft melancholisch geworden wenn ein ganzes Schauspielhaus kein
Ende des Gelchters finden konnte. Es gibt viele Menschen, besonders in den
hhern Stnden, die nur ber den Menschen lachen knnen und mgen, den sie
zugleich verachten. Fr solche hat Shakespeare weder geschrieben, noch Schrder
gespielt. Aber wie gern geben sich so viele Schauspieler mit Freuden hin, bis
unter die tiefste Staffel des Menschlichen hinabzusteigen, um dieses fr den
Gebildeten trostlose Gelchter zu erregen.
    Sehr wahr, sagte Elsheim. Diese Empfindungsweise hngt noch mit einer
andern sonderbaren Eitelkeit unserer Tage zusammen, die ich fast an jedem
Menschen, selbst gebildeten, wahrgenommen habe. Man gibt diesem und jenem
ausgezeichneten Talente gern zu, da es komische Sachen, Charaktere und
Lustspiele gut zu lesen und vorzutragen verstehe, aber nicht so in Ansehung des
Ernsthaften, Schnen, Rhrenden und Tragischen. Selbst ber Sie, Freund, habe
ich oft dergleichen Urteile gehrt. Die meisten, wenn Sie eine Tragdie, oder
die poetischen Szenen unsers Goethe oder Schiller lesen, meinen im stillen,
unser Freund tut zu wenig, ist zu natrlich, bleibt allzusehr in dem Ton der
Konversation und dergleichen mehr. Je stmperhafter, heulender und singender ein
solcher diese Gedichte vortrgt, um so schrfer tadelt er Sie.
    Weil, wie unser Mannlich, antwortete der Professor, die Leute glauben,
der sogenannte Ernst, und was sie Empfindung nennen, msse den Mund voll nehmen
und gleich damit anfangen, sich von der Natur und Wahrheit loszureien.
    Man ging zur Gesellschaft, und es ward beschlossen, noch an diesem Abend die
heitere Vorstellung zu wiederholen. Da die Baronesse mit dem Inhalt schon
bekannt war, ward sie von dieser zweiten Auffhrung noch mehr, als von der
ersten, ergtzt. Es waren diesmal weniger Zuschauer zugegen, und auch dieser
Umstand trug zur Heiterkeit der alten Dame bei, weil sie sich das erste Mal
etwas befangen und bedrngt gefhlt hatte, auch damals in Angst stand, es mchte
wieder irgendeine Ungezogenheit vorfallen, die der freigeistige Sohn etwa
billigen mchte. Da man nun weder Prolog noch Epilog hatte, so wurden zwei
Ruhepunkte im Stcke angebracht, um beim Anfang und in den beiden Pausen einige
Musikstcke aufzufhren, welche die Baronesse vorzglich liebte. Emmrich
behauptete zwar, da das Stck darunter leide, weil diese flchtige, leichte
Handlung auch dadurch hinreie, da der Zuschauer eben nicht zur Ruhe und
Besinnung komme, doch gab er den Wnschen des jngeren Freundes nach, der seiner
Mutter gern ihre heitere Laune, in welcher sie das Kunstwerk liebgewonnen hatte,
erhalten wollte.
    Indem Antonio neben Olivien stand, um wieder zum letztenmal aufzutreten, sah
er, wie sie ein Billet aus dem Busen zog, das sie ihm heimlich zustecken wollte.
Er griff darnach, aber so in Hast und bertriebener Eile, da er an Charlottens
Hand stie, und der Brief auf das Theater flog. Elsheim, als Herzog, erstaunte
ber diesen Vorfall und sah den Brief an, und es schien fast, als sollte die
Vorstellung jetzt einen Gegensatz zu dem Schreiben liefern, welches Malvolio in
so seltsamer Begeisterung ablieset; doch lie Elsheim das Blatt liegen, Antonio
trat heraus, der Baron spielte zerstreut, Olivia erschien, und bevor sie noch
sprach nahm sie den Brief vom Boden auf und sendete dem verwirrten Leonhard
einen sprechenden, vieldeutigen Blick zu. So ging das Stck zu Ende, Leonhard
fhlte sich beschmt, Elsheim war zerstreut, und nur Charlotte behielt eine so
ruhige Fassung, als wenn gar nichts vorgefallen wre. Doch war es ihr nicht
mglich, jenen Brief der Behrde, an welche er gerichtet schien, abzuliefern
denn Elsheim verfolgte sie mit so aufmerksamen Blicken, da Charlotte sich auf
ihr Zimmer zurckzog, nachdem Leonhard gleich nach dem Schlu der Auffhrung
seine Ruhesttte aufgesucht hatte.
    Am folgenden Tage wurde verabredet, zum Ergtzen der Mutter ein groes
Konzert zu veranstalten, in welchem, auer den beiden fremden Virtuosen, auch
alle diejenigen, welche von der Gesellschaft musikalisch waren, sich sollten
hren lassen. Charlotte sang vortrefflich, Elsheim angenehm, und so gab man, mit
Hlfe des Verwalters Lenz, fast die wichtigsten und meisten Partien aus Belmonte
und Constanze. So wenig die alte Baronesse mit der neuern Poesie fortgeschritten
war, so da sie fast unwissend erscheinen konnte, so sehr war sie in die
Kompositionen des groen Mozart verliebt, weil sie diese gerade in ihrer frhen
lugend, indem ihr Bewutsein erwachte, hatte kennenlernen. Bei vielen Menschen
werden die Bildung, ja selbst der Charakter, und ihre Vorliebe und Vorurteile
auf die ganze Lebenszeit durch solche Zuflligkeiten begrndet.
    Die junge Witwe des verstorbenen Unterfrsters lie sich an diesem Tage bei
Elsheim melden. Da sich die beiden Leute schon seit frhester Jugend gekannt
hatten, so nahm sich die noch hbsche Frau manches bei dem jungen Gutsherrn
heraus, was sie sonst wohl bei einem lteren Herrn nicht gewagt haben wrde. Ihr
Anspruch war nichts geringeres, als da sie nun auch einmal irgendeine Rolle auf
dem freiherrlichen Theater zu spielen wnsche. Elsheim war mit der Frau, die so
dreist, fast verwegen, ihre seltsamen Wnsche vortrug, in einiger Verlegenheit.
Er suchte sie zu beschwichtigen und ihr das Ungehrige ihrer Forderung deutlich
zu machen, aber alle seine Bemhungen waren umsonst, denn sie war von ihrem
Talent so berzeugt, da sie meinte, sie drfe weder vor Charlotten, noch
Albertinen zurckweichen, deren Spiel sie gesehen hatte. Oh, mein junger lieber
Herr, sagte sie, Sie scheinen es ganz vergessen zu haben, wie frh wir schon
miteinander bekannt waren, und wie freundlich Sie mir damals begegneten, als ich
noch nicht mit meinem Manne verheiratet war. Nachher kamen Sie freilich in
langer Zeit nicht zu uns, und haben mich und uns alle hier ganz aus der Acht
gelassen. In der Zeit, ehe ich mich verheiratete, bin ich ein Jahr in der nah
gelegenen Stadt gewesen, bei einem sehr geschickten Frulein, die auch eine
Dichterin war. Diese behandelte mich mehr wie eine Freundin, als wie eine
Gesellschafterin, und da habe ich oft helfen Komdie spielen. Was denken Sie?
Ich habe die Agnes Bernauer, ich habe die Amalia in den Rubern mit Beifall
dargestellt, auch die Orsina, und bei manchem groen Kapitalstck habe ich
geholfen.
    Elsheim war nicht gestimmt, das Geschwtz lnger anzuhren, und
verabschiedete sie mit einem halben Versprechen, bei dem nchsten theatralischen
Ereignis an sie und ihr Talent zu denken. Und warum nicht? sagte er nachher zu
sich selber; es wird die Verwirrung, in der wir uns befinden, nur um weniges
erhhen. Wohin geraten wir alle? Kann ich es mir noch leugnen, da ich von
Eifersucht gepeinigt werde? da mich, gleich Blitzstrahlen, Momente des Unmuts,
ja fast des Hasses, gegen meinen frhesten, meinen innigsten Freund, den
redlichsten aller Menschen schmerzlich durchzucken? Freilich sollte er nicht so
schwach sein! Aber bin ich denn strker? Und schwerlich, nein gewi nicht,
schtzt er sie, die uns entzweien knnte, so gering, als ich. Glaubte ich doch
meiner so sicher zu sein, als ich hieher kam, und nun spielt mir ein
schadenfrohes Verhngnis so launenhaft mit, da ich da in Leidenschaft
entbrenne, wo ich - ja, ich mu es so nennen - wo ich verachte. Man mchte an
die alten Sagen von Liebestrnken glauben! Dieses leidenschaftliche Gefhl ist
ein Zauber, der zerrissen werden mu. Aber wie, auf da er im Herzen und meinem
Leben nicht so verderblich reie, da eine schmerzhafte Lcke bleibt? Ist es
mglich, da die Leidenschaft um so strker zu flammen vermag, je weniger sie
von Achtung und Ehrfurcht genhrt wird?
    Indem er diesen sonderbaren Gefhlen weiter nachzutrumen sich gezwungen
fhlte, trat Emmrich in sein Zimmer. Diese Strung war ihm lieb und unangenehm
zugleich, denn seine Vorstellungen ngstigten ihn, und doch fhlte er sich in
der Gesellschaft des verstndigen Mannes verlegen, weil es ihm unmglich schien,
jetzt seine Gedanken gehrig zu ordnen.
    Schon seit einiger Zeit, begann Emmrich, ist es mir Bedrfnis, ja es
erscheint mir als Pflicht, mit Ihnen ernsthaft ber einen Gegenstand zu
sprechen, der mir schwer auf dem Herzen liegt.
    Elsheim war gespannt und berrascht, ja fast ber diese Einleitung
erschrocken. Die Mnner setzten sich, und der ltere fuhr so fort: Glauben Sie
mir nur, geliebter Freund, ich habe mir selbst lngst alles gesagt, was Sie mir
erwidern, oder was mir gar ein feindlich Gesinnter bitter entgegnen knnte. Ich
sage mir selbst nmlich: Was drngst du dich in diese Verhltnisse? Wer fordert
dich dazu auf? Verletzest du nicht vielleicht alle Delikatesse, und ziehst dir
den Unwillen eines jungen Mannes zu, den du hochachtest, und der dir bis jetzt
immer Liebe bewiesen hat? Kann ein freigelassenes Wort, eine Enthllung, die bis
jetzt im Dunkel ruhte und nun an das Licht gerissen wird, nicht Unheil stiften?
Wenn man aber, wie es mir geschieht, von seinem Gewissen getrieben wird, so
mssen alle diese feineren und kleineren Rcksichten zu Boden fallen.
    Elsheim war durch diese Einleitung noch ngstlicher geworden, und da jetzt
Emmrich seine Hand ergriff und sie zrtlich drckte, dann mit dem Ausdruck
innigster Freundschaft den jungen Mann umarmte, so steigerte sich dessen
Verlegenheit so sehr da der Ausdruck derselben fast komisch wurde. Emmrich
schien eine Ahndung davon zu haben, denn er setzte sich pltzlich wieder nieder
und suchte nach Worten. Es sei! sagte er nach einer kleinen Pause. Sie
bemerken es also nicht, oder wollen es vorstzlich nicht sehen, wie Sie eins der
edelsten Wesen zugrunde richten, wie Sie die liebenswrdige Albertine
umbringen?
    Elsheim sprang von seinem Sitze auf, stand verwundert still und blickte
starr den Redenden an, setzte sich dann wieder nieder, und sagte endlich mit dem
Ausdruck der hchsten Verwunderung nichts weiter, als: Wie?
    So ist es, fuhr Emmrich fort. Seit lange schon glaubte ich diese
Leidenschaft in dem edlen Wesen zu bemerken, ich wollte aber frher meiner
Kenntnis des menschlichen Herzens nicht trauen, bis mich nun unsere Auffhrung
des Shakespeareschen Dramas auf das vollkommenste berzeugt und alle meine
Beobachtungen besttigt hat.
    Albertine! rief Elsheim aus; Sie sagen mir da etwas, das ich nimmermehr
glauben kann. Wie? diese Kalte, Schweigsame, immer Zurckgezogene sollte eines
Gefhls, und gar fr mich, fhig sein? Wenn Sie mir dergleichen von Charlotten
sagten, knnte ich es vielleicht eher glauben.
    Von Charlotten, erwiderte Emmrich kalt, wrde ich es nicht glauben, und
wenn das Frulein es mir selbst versicherte. Wie wunderbar hat die Natur dieses
schne Wesen mit Gaben und Reizen ausgestattet, und bei diesen vielfachen
Geschenken das Herz vergessen, ohne welches alle anderen Eigenschaften ihren
eigentlichen Kern verlieren. Ich bin berzeugt, diese gaukelnde Fee wird niemals
lieben knnen; sie sucht ihr Glck darin, alle Mnner zu bezaubern und leichte
Abenteuer anzuknpfen und zu lsen. Leidenschaft zu erregen ist ihr Spiel, sie
will aber keine fhlen. So hat sie sich zur reizendsten und gefhrlichsten
Kokette ausgebildet. Sie hat in der Residenz schon wunderbare Abenteuer
durchgespielt, und die verstndige Tante bemerkt entweder alles nicht, oder
sieht als eine kluge Frau durch die Finger, wo sie nichts ndern kann.
Vielleicht mu es solche Wesen geben, und Charlotte entwickelt sich nur so,
indem sie einer innern Notwendigkeit nachgibt; aber zu bedauern ist es doch, da
diese schne Erscheinung ohne Seele bleiben soll. - Dagegen Albertine! welcher
Adel bei diesem Liebreiz! Sie ist lauter Seele und Gemt und in dieser reinsten
Unschuld und wahrhaft gttlichen Unbefangenheit voll des tiefsten Gefhls fr
alles Schne und Groe. Wem sich dieses Herz widmen kann, der sollte sich wohl
so beseligt fhlen, da er sich den Gttern des Olymps gleich dnkte.
    Halten Sie inne, rief Elsheim, damit ich zu mir komme damit ich berlegen
kann, wie das mglich sei, was Sie mir da sagen, oder Grnde und Worte finde, um
Ihre irrige Meinung zu widerlegen. - Albertine!
    Ich mu mich ber Ihre Verwunderung verwundern, antwortete Emmrich, und
zugleich das Schlimmste abbitten, was ich von Ihnen dachte, denn ich glaube, Sie
wten um diese Neigung und verschmhten die Unglckliche absichtlich.
    Abgesehen von allem brigen, fragte Elsheim, was verlangen Sie von mir?
    Was Sie leicht gewhren knnen und mssen, erwiderte der Professor, da
Sie die Arme nicht verhhnen, ihr nicht geflissentlich mit kalter Grausamkeit
begegnen.
    Ach! rief Elsheim aus, mir ist das, was Sie mir da erffnen, noch immer
so neu, so berraschend, da ich daran zu glauben nicht vermag.
    Lassen Sie mich fortfahren, da ich mich Ihnen einmal anvertraut habe,
sagte Emmrich; da ich mit Albertinen niemals ber diesen Gegenstand gesprochen
habe, werden Sie mir ohne Versicherung glauben, da Sie mich kennen. Da sie mir
Auftrge gegeben, oder mir zuerst sich mitgeteilt haben sollte, dem zu
widersprechen ist vollends berflssig. Seit lange war mir die Melancholie und
die abwechselnd erzwungene Heiterkeit des schnen Wesens aufgefallen. Als ich
sie im Gtz beobachtete, wurde meine Vermutung zur Gewiheit. Aber mit grtem
Schmerz fand ich im Lustspiel meine berzeugung besttigt. Ich habe schon sonst
die Erfahrung gemacht, da ein schner Tenor nur dadurch in seinen geistigsten
Tnen die Menschen bezauberte weil aus ihnen der Tod schon, die bald entwickelte
Schwindsucht sang. Oh, mein Freund, als Viola sprach die zarte Freundin so
weiche, berirdische Tne, in so himmlische Lieblichkeit getaucht und wie im
geistigen ther hinklingend, da die Laute mir durch das Herz schnitten, denn in
jedem klang ein Lebensjahr mit hinaus. So hatte ihr Auge den berirdischen Glanz
eines verklrt Sterbenden. Ja, Freund, sie geht zugrunde, ihr Herz bricht, und
Sie werden sich nachher den Vorwurf machen mssen, da Sie es verschuldet
haben.
    Elsheim war nachdenkend geworden und sagte dann nach einer Pause: Und was
verlangen Sie nun, da ich tun soll?
    Nur weniges, erwiderte Emmrich, nur das, was Ihnen die Urbanitt von
selbst, ohne meinen Rat, vorschreibt. Zeigen Sie der Armen nicht so
geflissentlich Ihre Geringschtzung, Ihren Widerwillen. Warum so pltzlich, oft
im unschuldigsten Gesprch, dieser hhnische Witz? diese bittern Bemerkungen
ber die Schwchen der Weiber? Sie sind gegen alle Menschen, selbst gegen rohe,
die es nicht verdienen, sanft und mild; dies zarte Wesen aber ist nur da, damit
Sie an ihr den bermut des Mannes ben, und die giftigen Pfeile der
Geringschtzung und Verachtung schrfen. Sie sind ein Mann, aber wenn jemand,
den Sie liebten, Sie auf diese Weise behandelte, Sie wrden verzweifeln.
    Elsheim fate die Hand des lteren Freundes und sagte bewegt: Ich danke
Ihnen, da Sie mich mit dieser Offenheit auf meine Ungezogenheit aufmerksam
gemacht haben. Ich bin vollkommen im Unrecht, und wei nichts zu meiner
Entschuldigung zu sagen, als da ich mein widerwrtiges Betragen bereue. Es ist
nur zu wahr, da wir oft mit aller unserer vornehmen Kultur und Bildung, mit der
wir uns brsten, roh, ja selbst gemein werden knnen. Sie ist mein Gast, mir
verwandt, und so ist mein Vergehen noch weniger zu verzeihen. Ich werde mich
jetzt bestreben, schonend und anstndig ihr gegenber zu erscheinen.
    Ich wute, sagte Emmrich, da Sie meine offenherzige Freundschaft so
aufnehmen wrden. Fgen Sie nun noch das ebenso Ntige hinzu, in Gegenwart der
Kranken dieser Charlotte nicht so geflissentlich den Hof zu machen, diese mit
Artigkeiten zu berschtten, so eifrig um ihre Gunst zu werben, als ob von
dieser das Glck Ihres Lebens abhinge.
    Freund! rief Elsheim bewegt aus, man ist und bleibt ein Tor, und sollte
jeden Morgen an seinen Schtzgeist ein ganz besonderes Gebet richten, da er uns
vor recht ausdrcklichen Dummheiten, vor diesen wenigstens, behten mge. Schon
seit anderthalb Jahren qult mich meine gute Mutter in ihren Briefen, da ich
heiraten soll, und zwar diese ihre Albertine, die sie fr das Muster aller
weiblichen Wesen hlt. So trieb mich ein schadenfroher Dmon in den Widerspruch
hinein, und ich konnte in meiner Einfalt gegen diese frommen Wnsche nur
widerspenstig sein, indem ich ungezogen wurde. Ich wollte meine Mutter nur
bescheiden, sozusagen auf erlaubte Weise, rgern, Albertinchen diese Gedanken,
die meine redselige Mutter ihr gewi schon eingeflt hat, aus dem Sinn bringen,
und habe wie ein stmperhafter Komdiant, statt Schrders feinen Klingsberg, zu
meiner Beschmung einen ungehobelten Landjunker dargestellt. Auch dieses
scheinbare Verliebtsein - oder wie nenne ich es? - in die Olivia, in diese allzu
geniale Charlotte - war ja nur ursprnglich ein Spiel, um meine Mutter
irrezufhren und die projektierte Heirat vllig scheitern zu machen. Ich
handelte nur so in den Tag hinein, weil ich nicht als Pedant einen feinen und
durchdachten Plan entwerfen wollte, und darber ist, wie Sie mir jetzt
verknden, die Arme zum Opfer geworden. Sei es nun aber mein Vorurteil, oder
Eigensinn, oder sei es eine wirkliche Antipathie unserer Naturen, meinem Gefhl
ist diese Albertine und ihr Wesen und Treiben zuwider. Darum war es mir auch
peinlich, da ich in unsern beiden Stcken so viel mit ihr verkehren mute. Von
jetzt an aber werden Sie sehen, da ich in der Vernunft und den Gesetzen der
Lebensart Folge leiste; durch mich soll mein Mhmchen nicht wieder gekrnkt
werden.
    Die Freunde trennten sich, und Elsheim irrte gedankenvoll im Garten umher.
Es ist uns nicht gegnnt, dachte er bei sich, so im Leichtsinn, in welchem wir
uns so poetisch fhlen, dahinzutaumeln. Dies Gelst, wenn wir ihm nachgeben,
wird vom Ernst des Lebens fast immer, und oft zu hart, gestraft. Darum ist etwas
so Berauschendes und Entzckendes in der ersten Jugendblte. Jene Reise-Momente,
Stunden und Tage, wo ich unbekannt in einsamen Gegenden irrte und spielte, alle
jene Scherze und vorbergehenden Figuren und Bekanntschaften, jene Neckereien,
halbe Liebe und Tollheiten, knnt ihr denn niemals wiederkehren, und nur in der
Erinnerung mich erfreuen? Damals fiel es niemand ein, mich wegen dieses Scherzes
oder jener Ausgelassenheit zur Rechenschaft zu ziehen; jetzt mu ich mich
verantworten, mein Betragen entschuldigen, fr die Folgen einstehen. Freilich
bin ich auch lter geworden, lebe nicht in der Fremde, in einem Stdtchen oder
Schlo, das ich jetzt betrete und bermorgen verlasse, sondern in meinem
angestammten Eigentum, wo ich der verehrliche Gutsherr bin und fr allen
Schaden, der geschehen kann, einstehen mu. Und die anbrchigen Herzen sind
leider nicht assekuriert, und was in meinem Besitztum verlorengeht, soll ich
bezahlen.
    Tolle, tolle Welt! rief er aus und setzte sich in jene abgelegene Laube,
um recht ungestrt mit den Menschen, der Gesellschaft und ihren Einrichtungen
schmollen zu knnen. Da hpfte die kleine Dorothea vorbei, und da Elsheim wute,
wie vertraut diese seit einiger Zeit mit Albertinen war, so stand er auf, ging
ihr entgegen und bat sie, auf einige Zeit bei ihm zu verweilen, weil er sie ber
etwas, das ihm sehr wichtig sei, befragen wolle.
    Mein liebes Mhmchen, fing er an, ich wei, da Sie stets, seit Jahren
schon, fr mich die freundlichsten Gesinnungen hegten. Jetzt knnen Sie mich
wahrhaft glcklich machen, wenn Sie einmal ganz aufrichtig gegen mich sind. Aber
freimtig, offenherzig, Liebe, mssen Sie gegen mich sein, und ich schwre
Ihnen, was Sie mir demnchst anvertrauen werden, soll in meiner Brust wie im
Grabe verschlossen bleiben.
    Die kleine verstndige Dorothea sah ihn mitrausich mit ihren klaren blauen
Augen an und sagte dann: Aber was verlangen Sie von mir, liebster Vetter? Sie
machen mir bange. Alles, was mglich ist, will ich Ihnen beantworten.
    Mglich? sagte Elsheim freundlich und in seiner gewohnten Weise, - ist
denn nicht alles Mgliche mglich? Aber nicht blo meinetwegen, um mich zu
beruhigen, oder zu warnen, sollen Sie aufrichtig sein, sondern hauptschlich zum
Besten einer geliebten Freundin. Und ich schwre Ihnen, da Sie deren Wohl nur
dadurch frdern knnen, wenn Sie jetzt ganz ohne Rckhalt sprechen. Sind Sie
aber verschlossen und zweideutig, so schreiben Sie sich knftig selbst alles
Unheil zu, was aus diesem Betragen nur irgend entstehen kann.
    Dorothea war bei diesen Beschwrungen ganz ernsthaft geworden und sagte
jetzt, fast gerhrt: Nun, so fragen Sie, und soweit es nur irgend mein Gewissen
zult, werde ich Ihnen wahrhaft antworten.
    Englische Cousine! rief Elsheim und fate ihre Hnde; ich kenne ja Ihr
Herz und Ihre treue Freundschaft. Ich wei fr gewi (glauben Sie mir nur, ich
habe die untrglichsten Beweise und Nachrichten), da Albertine am Abgrund
steht, und jetzt nahe daran ist, durch eine unglckselige Leidenschaft
vernichtet zu werden. Was knnen wir tun, um diesem Elende vorzubeugen?
    Dorothea senkte das Kpfchen, spielte mit den Fingern auf dem steineren
Tisch, sah lange vor sich nieder und blickte nach einer stummen Pause zu den
Augen des Barons ratlos und fragend hinauf. Woher wissen Sie dergleichen?
sagte sie dann mit schwankendem Ton.
    Mein Kind, sagte Elsheim dringend, treten Sie nicht zurck, stellen Sie
sich nicht unwissend, sondern antworten Sie frei und frank, als wenn Sie neben
Ihrem Beichtvater oder Ihrem Arzte sen, denn nur dadurch kann das Unglck
vermindert oder vielleicht kann ihm sogar ganz abgeholfen werden.
    Ach, lieber Freund! sagte Dorothea tief seufzend, und eine Trne trat in
das groe klare Auge, - die Sache ist leider wahr ich habe es zuerst bemerkt
und sie gewarnt, aber ohne Erfolg. Was knnen wir nun noch tun? Durch
Entfernung, da er vielleicht bald abreiset, da er es nie erfhrt, das alles
ist vielleicht noch die einzige Hlfe, das Rettungsmittel, wenn auch ein
unzuverlssiges.
    So? sagte Elsheim erstaunt, - ich dachte immer - also er wei es nicht?
    Gewi nicht, antwortete Dorothea mit herzlicher Vertraulichkeit, - wer
sollte es ihm gesagt haben? Und ein Glck, da er es nicht selbst erraten hat,
da sie in ihrer Natrlichkeit allzuwenig die Kunst versteht, sich zu verstellen.
Nein, wenn er es auch nur ahndete, wre sein Betragen unverzeihlich. Aber er ist
zu fein, zu gut, zu menschlich und edel, um dergleichen vorstzlich zu tun, und
daraus ersehe ich eben deutlich, da er von den Seelenleiden der armen Albertine
auch nicht die kleinste Vermutung hat. Nein, er knnte nicht so geflissentlich
den Liebhaber der Charlotte spielen, und dieser alle seine Aufmerksamkeit
widmen.
    Ja wohl, sagte Elsheim mit einiger Verwirrung, er ist immer noch zu gut,
als da er dergleichen aus schadenfroher Absicht tun knnte. Der Snder der -
Sie, Liebste, kennen Sie ihn denn auch etwas nher? Hat er Ihnen nicht
vielleicht schon den Hof gemacht?
    
    Nein, sagte Dorothea ganz ernsthaft, denn ob ich ihn gleich sehr
liebenswrdig finde, so habe ich doch weder Gelegenheit gehabt, noch gesucht,
ihn im Vertrauen zu sprechen.
    Aber er ist gefhrlich, nicht wahr? fuhr Elsheim fort.
    Das sehe ich an meiner armen Freundin, erwiderte sie, denn wenn sie etwas
loben will, sei es mnnliche Schnheit, oder Liebenswrdigkeit, oder Treue, oder
ein Wesen, dem man sein unbedingtes Zutrauen schenken knnte, dem die Herzen
zufliegen mten, kurz, wenn sie das Muster eines Mannes bezeichnen will: so
nennt sie dieses seltne Wesen Leonhard.
    Leonhard? fuhr Elsheim ganz mechanisch, aber doch berrascht heraus, indem
er sich zwang, sein Erstaunen zu verbergen, und Dorothea war von ihrem
Gegenstande zu erfllt, um es zu vermerken, da Elsheim ein boshaftes Lcheln
nur mit Mhe unterdrckte. Leonhard! fuhr Elsheim nach einer Pause fort: ja
dieser junge gefhrliche Mann, den ich in aller Unschuld hieher gebracht habe,
verdreht allen unseren Weibsleuten den schwachen Kopf. Htte ich das Elend nur
ahnden knnen, das er hier anrichten wrde, so htte ich ihn dort in seiner
Stadt gelassen, diesen Verfhrer! Denn sehen Sie, liebste Doris, das ist er im
eigentlichen Sinne, so wacker er brigens auch sein mag. Wo er aber ein Mdchen
oder eine Frau betrgen kann, wo er mit seiner Tugendmiene sie verderben mag, da
ist er schlimmer, als Don Juan. Ja, Liebste, an diesem Felsenherzen ist unsere
Albertine vllig verloren, und sie mag noch dem Himmel danken, da der Bsewicht
sich nicht um sie beworben hat, denn da er so unwiderstehlich ist, wie ihr es
alle selbst bekennt, so wre sie vllig zugrunde gerichtet. Solche gefhrliche
Menschen sollte man nicht im Lande dulden, oder sie schon im siebenzehnten Jahre
verheiraten, damit sie nur recht frh langweilige Ehemnner und unausstehliche
Hausvter wrden. Aber was wrde auch dieses extreme Mittel eben fruchten? Denn
dieser gottlose Bsewicht ist schon seit Jahren, und zwar an eine sehr hbsche
junge Frau verheiratet, aber dennoch macht er uns nun hier die ganze Provinz
rebellisch. Sagen Sie selbst, tugendhaftes Kindchen, mten die Gesetzgeber
nicht ganz neue, unerhrte Strafen fr dergleichen neumodige Waldfrevler
aussinnen?
    Dorothea sah ihn gro an, denn auf dieses Geschwtz war sie nach jener
feierlichen Einleitung nicht gefat. Sie wollten helfen, raten, dem Unglck
vorbeugen, sagte sie endlich, nachdem sie ihn lange betrachtet hatte, und nun
scheinen Sie doch nur rechte Schadenfreude zu empfinden, und die Sache macht
Ihnen, so kommt es mir vor, mehr Spa, als da Sie sie sich zu Herzen nehmen
sollten.
    Ja so! rief Elsheim aus, Sie haben ganz recht, geliebtes Mhmchen, ich
falle immer wieder, so gerhrt ich auch eigentlich bin, in meinen leichtsinnigen
Ton. Aber, ernsthaft gesprochen, ich glaube, da die Zeit ganz nahe sein wird,
in welcher der gefhrliche Mensch wieder nach Hause reisen mu; dann ist ja
hoffentlich der Zauber gebrochen. Dorchen, da Sie einmal in der aufrichtigen
Stimmung sind - wie denkt denn Albertine von mir?
    Ganz so, wie Sie es verdienen, versetzte Dorothea mit einem schnippischen
Ton; wenn von Leonhard die Rede ist, werden Sie gewhnlich auch genannt, aber
nur des Kontrastes wegen. Wie jener die hchste Liebenswrdigkeit des Mannes
ausdrckt, so stellt sich in Ihnen alles dar, was am mnnlichen Geschlechte
fatal und widerwrtig ist; Sie sind das Ungewisse, Leichtsinnige was kein
Vertrauen einflen kann, der zweideutige jesuitische Mensch, der weder Liebe
sucht noch verdient, der - kurz der, der Sie wirklich sind. So erkennt Sie
Albertine, und wenn Sie auch auf einen Augenblick hinterlistig mein Vertrauen
erschlichen haben, so bereue ich doch diese Viertelstunde recht von Herzen!
    Sie sprang auf und rannte davon. Elsheim aber blieb auf der Gartenbank
sitzen und lachte so herzlich und so laut, da einige Freunde, die ihn suchten,
sich nach der Laube wandten, so wie der Bediente, der sich im Garten nach ihm
umgesehen hatte, hereintrat, um ihm Briefe zu berreichen.
    Die beiden fremden Musiker, Mannlich und Leonhard, traten mit dem Diener
zugleich in die gerumige Laube. Elsheim legte die Briefe, nachdem er sie
obenhin betrachtet hatte, vor sich auf den Steintisch und sagte dann mit
lachender Miene: Meine Herren, ist unter Ihnen vielleicht ein Menschenkenner?
    Menschenkenner? sagte der brnette Bassist; mich dnkt, diese Sorte hat
man seit einigen Jahren ganz abgeschafft. Vormals spukten sie in allen Komdien
und Romanen; auch gab es wohl Menschen, die, wie die Viehhndler, auf das
Gewerbe reiseten, um die verfeinerten und bessern Menschenraen anzutreffen;
allein seit man eingesehen hat, da der grobschrige Hammel auf die Dauer doch
der eintrglichste ist, hat man die Finte und Finesse wieder aufgegeben.
    Und man hat klug daran getan, sagte Elsheim lachend, denn niemals mu der
gute Landwirt zu oft und zu fein scheren wollen. Ist nun das Blken, das man
beim Scheren vernimmt, lauter Selbstgestndnis? Bekenntnis und Anklage? oder
Lsterung auf den Scherenden? Nicht wahr, der Anatom, der die Menschen so
schlechthin aufschneidet, drfte sich eigentlich wohl fr den grndlichsten
Menschenkenner ausgeben? Und dann das sogenannte Herz.
    Ich meine, sagte der Klavierspieler, die Alten taten besser, alle
Herzensempfindungen mehr in die Leber zu verlegen. Sie ist eigentlich das
gekrftigte Leben, wovon sie auch ihren Namen Leber hat, das mnnliche R statt
des weiblichen N, das spornklirrende Schwertwesen statt des sangreichen
minniglichen. Herz ist zu sehr mit Erz, Harz und Erde verwachsen, um den
Inbegriff der Liebesgeheimnisse andeuten zu knnen, wenn auch Schmerz und Scherz
da wieder hineinlaufen.
    Mannlich sagte trocken und ernsthaft: Ich habe mich immer fr einen
Menschenkenner gehalten, auch fr einen Mann, der das Herz, besonders das
weibliche, erforscht hat. Es gibt auch gewi nichts Interessanteres, als sich
mit diesem Studium zu beschftigen. Das weibliche Gemt ist vielleicht reicher,
als das mnnliche, aber dennoch leichter zu ergrnden. Hat man nur erst die
Physiognomie des Geistes erfat, so findet man leicht die Art und Weise der
Gemtsgaben, der Regungen, und was nur igend mit dem geheimnisvolleren Bau der
Seele zusammenhngt. So zum Beispiel unsere reizende Freundin, das Frulein
Charlotte. Ich kann mir denken, da sie manchem, der sich auch einen Beobachter
nennt, fr ein Rtsel gelten mag; wer es aber weghat, da ihr inneres Wesen
eigentlich das einer Nonne ist, der versteht nun auch sogleich, was sich
auerdem zu widersprechen scheint. Darum nur ist es ihr mglich, die Adelheid
und Olivia so schn und vollendet darzustellen, weil ihr inneres Wesen reine
Religiositt ist, und sie daher dasjenige, was ihr am schrfsten, am
widerwrtigsten entgegensteht, am sichersten auffassen und am berzeugendsten
spielen und uerlich hinstellen kann. Diese feinen Seelen entfliehen gleichsam
zuzeiten sich selbst und in das feindlichste Element hinein, um sich ihrer
ganzen Kraft, Tugend und Reinheit von neuem bewut zu werden. Ach, meine
Freunde, das fhrt uns eigentlich dahin, da wir gegen manche Genien, besonders
Musiker, toleranter sein sollten, die sich manchmal in ein scheinbar niedriges
Element zurckziehen, mehr, um sich auszuruhen, als um zu genieen.
    Richtig! sagte der Bassist laut lachend, und das niedrigste, tiefste
Element wird immer der Keller sein, in welchem in vielen Stdten die
Weinschenken und jene Italiener hausen, die uns Austern, Kaviar, Lachs und
Seefische anbieten, um uns an diesen Naturgewchsen zu zerstreuen. - Kennst du
die dunkeln Stufen - die uns so lockend rufen? - Dahin - dahin - so schlo mit
einem Gesang der bermtige.
    Nehmen Sie sich in acht, meine Herren, sagte der Klavierspieler, da Sie
nicht stolpern und fallen, indem Sie zu diesem dunkeln, erfreulichen Element
hinabsteigen. Man mu schon wissen, wie beim Denken, wohin man gelangen will, um
mit Sicherheit hinzukommen.
    Indem hatte Elsheim die drei groen Briefe geffnet, sie mit dem Ausdruck
des Unwillens und Erstaunens berlesen, und warf sie jetzt zornig hin, indem er
ausrief: Das fehlte noch!
    Leonhard fragte: Darf man vielleicht wissen, lieber Freund was sie
enthalten?
    Oh! rief Elsheim, sie knnen laut gelesen werden, und wenn du es willst,
trage diesen ersten gleich selber vor.
    Leonhard las: - brigens verehrter Herr Baron -
    Eine sonderbare Anrede, sagte der Bassist.
    Dennoch will ich mich migen - las Leonhard -
    Kurios! sagte der Komponist, nach welcher Logik stellt dieser
Briefsteller seine Gedanken? - Nun also?
    Dennoch will ich mich migen, indem ich wohl einsehe, da ich unrecht
habe. Sollte das nicht der Fall sein, so mte ich mich freilich auerordentlich
schmen.
    Ich verstehe weder Vordersatz noch Schlufolge, sagte Mannlich.
    Leonhard las: Zugegeben also, da wir Nachbaren und auch Gevattern sind,
wie es bei jedem Zweifel das Kirchenbuch ausweisen wird, so ist mein
dienstliches Ersuchen, dergleichen geistliche und weltliche Verknpfung nicht
weiter in Frage zu stellen, sondern die berzeugung von diesen wie greren
Sachen dem anheimzustellen, der alles nach seiner Weisheit nicht nur regiert,
sondern auch reguliert.
    Leonhard hielt inne, um zu lachen. Das mu ein kurioser Menschenverstand
sein, bemerkte der Bassist.
    Vielleicht, sagte der Musiker, ein so tiefsinniger Philosoph aus der
allerobersten Klasse, da unsere Einfalt ihn nur nicht begreift.
    Leonhard las weiter: Und so htte ich denn zwar fein, aber doch deutlich
den Punkt berhrt, ber welchen ich Klage zu fhren Ursache habe.
    Wieso? sagte Mannlich, ich kapiere noch nichts von der ganzen Epistel.
    Leonhard las: Denn wenn ich auch nur drei Shne habe, so brauchen die gewi
die Bildung ebenso ntig, als wenn es dreiunddreiig wren, da die
Zahlenprogression, sei sie geometrisch, oder auch nur perspektivisch, bei
Seelenverbesserung unmglich in Anschlag kommen kann.
    Das ist eine unumstliche Wahrheit, sagte der Snger, und der Mann fngt
jetzt an klar zu werden.
    Leonhard fuhr fort: So also, praemissis praemittendis, bin ich sehr
verwundert gewesen, da Ew. Hochwohlgeboren, obgleich Dieselben um vieles jnger
sind, uns dennoch nicht zusammen, oder einzeln, oder in pleno eingeladen haben,
weil es freilich nicht geschehen ist. Es trug sich nicht zu, und ich hoffe, die
Erneuung einer neuen Verwirklichung wird um so bessere Frchte tragen, da ich
jetzt in dieser Hinsicht nicht mehr der Unwissenheit beschuldigt werden kann, da
es nmlich der Herr Baron alleweil und jetzund erfahren. Christlich angesehen,
wenn auch gar nicht nachbarlich: wo sollen denn meine drei Jungen, die nun alle
schon heiraten knnten, Bildung herkriegen hier auf dem Lande, wenn die hchsten
Potenzen und die allernatrlichste Nhe ihnen in der ausdrcklichsten
Mglichkeit, ja selbst Wirklichkeit nicht gereicht werden? Ist es zu verwundern,
wenn sie dumm bleiben knnten? Und wer htte nachher die Verantwortung dieser,
wie so mancher andern Dummheit auf sich, als mein Herr Baron? Nein, der Lwe
kann wohl einmal eine Maus aus ihrem Netze beien; bitte darum, die hochmgende
Nachbarschaft sich nicht zu Feinden zu machen, wie wir gewi alle in obszne und
stuprse Gehssigkeit uns verwandeln mten, trotz den Emanzipationen eines
bessern Gewissens. Spielen Sie also wieder ein Trauerstck, so darf ich hoffen,
mit meiner Familie in dieses, wie in Ihr Wohlgefallen, abendlich oder nchtlich
eintreten zu drfen. Sans rancune brigens und sans adieu, das heit, in
Hoffnung und Erwartung, da uns der Herr Gevatter zum nchsten Theater
menschenfreundlich invitieren wird, beharre ich, ohngeachtet meiner zu
vernachlssigenden, aber alsdann schon vergelichen Obliegenheit
Meines hochgeehrten Herrn Barons ergebenster Diener, Baron Bellmann und zugleich
                                                seine Shne, nmlich alle drei.

Man lachte ber diesen kauderwelschen Brief, und Elsheim sagte: Was htte
dieser Mann nun nebst seinen drei Shnen mit unserm Drei-Knigs-Abend anfangen
sollen? Und er wird wten, wie er hier zu verstehen gibt, wenn er nicht
nchstens eingeladen wird. Und sollten wir selbst niemals wieder spielen, wird
er doch seinen Zorn nicht aufgeben.
    Ist es erlaubt, sagte der Snger, den zweiten Brief vorzutragen, der
vielleicht von demselben Inhalt und hnlicher Weisheit ist? Und schon hatte er
das Blatt aufgeschlagen und las:

                   Hochverehrter, insonders tief bewunderter
                            Herr Nachbar und Baron!

Wohl wei ich es, und mein Schicksal hat mich insoweit gehrig unterrichtet, da
ich es nur verdiene, auf dem Boden zu kriechen vor jedem, den das Schicksal und
eine gtige, aber doch etwas parteiische Vorsehung in Geistesgaben, Witz,
Beredsamkeit und Bildung hher gestellt hat, als mich, die demtige Magd, die
auch in dieser Zchtigung die Hand des Himmels erkennt und da nur anbetet, wo
mancher andere grollen mchte. Doch auch hierin zeichnet sich der Edle aus, wenn
er sich gttlicher betrgt, als der gewhnliche Mensch. So war mein Vorsatz,
demgem ich auch jetzt handeln wollte, und deshalb schwieg ich und duldete
still, und noch mehr meine Tchter, die als stille Witwen und Matronen bei mir
leben. Alles ertrgt der Mensch, der, wie ich, an Leiden und Zurcksetzung
gewhnt ist, nur nicht, wenn man sein liebendes, schwrmendes Herz mit Fen
tritt und vernichtet, und dieses haben Sie gegenwrtig getan, Herr Baron,
weshalb sich der Wurm nun auch im Staube krmmt und gleichsam wimmert. Nein,
Hochgeehrter, wo die Musen singen, wo berirdische geistige Gensse ausgespendet
werden, da darf ich auch wohl hoffen, wie der gemeinste Mann beim Krnungsfeste
in Frankfurt, von dem ffentlich aussprudelnden Wein und dem gebratenen Ochsen
etwas zu erhalten. So denkt auch meine dritte Tochter, die von ihrem Manne
geschiedene und verwaisete. Welchen Trost gewhrt die edle Dichtkunst allen
Frauen, die sich in dergleichen Drangsal und Mihelligkeit befinden! Sie
verschlieen uns aber, den Durstenden, diesen Quell; doch hoffentlich erffnen
Sie denselben als ein Moses in der Wste bei der nchsten Auffhrung, da ich
mit den drei Tchtern den lechzenden Gaumen erquicken kann. Unangesehen den
groen Genu, werden Sie uns auch zu der gerhrtesten Dankbarkeit verpflichten;
denn es wre zu traurig, wenn wir uns gegenseitig als Feinde betrachten sollten,
die sich doch immer schaden knnen, mehr oder minder. So erharrend, da uns ein
gnstiges Los, und keine Niete fallen wird, verbleibe ich - u.s.w. -
    Es ist zu toll, sagte Mannlich, da sich diese Menschen in unsern
gebildeten Zirkel drngen wollen und Kunstwerke genieen, da sie doch alles
Kunstsinns gnzlich entbehren. - Soll ich dir nun auch noch diesen dritten Brief
vorlesen?
    Meinetwegen, sagte Elsheim verdrlich, wei ich doch schon, was er
enthlt.
    Mannlich las: Donnerwetter, Herr Nachbar! Ich habe Sie erst neulich auf die
Sauenjagd so freundlich und pflichtschuldigst eingeladen, aber Sie sind nicht
gekommen, weil Sie vielleicht an Sauen und mir und der Jagd kein Interesse
haben. Sie jagen lieber als Komdiant, und jeder, so sage ich, nach seinem
Geschmack. Aber das Dings mit den Zigeunern und dem lahmen Kerl, wovon mir der
verrckte Schulmeister erzhlt hat, htte ich doch gar zu gern mit angesehen.
Und mein Freund, der Oberforstmeister Retzer, der diesen Sommer bei mir wohnt,
ist ganz des Teufels darber, da man uns nicht gebeten hat. Der alte Amtmann
aus dem Frnkischen drben, der auch jetzt bei mir hauset, hat auch die Ansicht,
da es Ihre Schuldigkeit als Nachbar und Freund gewesen wre, uns einzuladen,
denn es sieht doch meiner Seele geradeso aus, als wenn Sie uns alle recht mit
Vorsatz htten vor den Kopf stoen wollen, was wir, wie sich von selbst
versteht, nicht vertragen knnen und wollen, und Sie wissen wohl selbst, was
sich Nachbaren schikanieren und einander dmpfen und Knppel in den Weg legen
knnen, wenn sie erst einmal auf dergleichen ausgehen; denn Wurst wider Wurst,
sagt der Deutsche, und Ohrfeige um Ohrfeige, Zahn um Zahn. Also, nicht wahr,
Mnnchen, bei der nchsten Komdianterei laden Sie uns ein, uns Mnner, die wir
doch wahrhaftig auch nicht hinter dem Zaun aufgewachsen sind, und einem jeden,
wenn es not tut, die Zhne weisen knnen. Also eingeschlagen! und damit guten
Tag und guten Weg, und auf erneute getreue Nachbarschaft Ihr Wohlsein, das wir
drei hier um den Tisch eben cordialiter trinken wollen, als
         Ihre wohlgesinnten Freunde, Freiherr von Dlmen, im Namen der brigen.

Das klingt fast, sagte der Musiker lachend, wie eine Ausforderung.
    Ja wohl, sagte der Snger, und dabei erinnert mich der Ton des Briefes an
die trefflichen Bcher unsers verehrten Cramer, nach welchem dieser kriegerische
Freiherr wahrscheinlich seine Schreibart gebildet hat.
    Ich wei nicht, was ich anfangen soll, sagte Elsheim ganz verstimmt; da
drngen sich neue ganz widerwrtige Figuren auf und lassen sich nicht abweisen.
Unsere Diener und Bauern haben mich nicht gestrt, aber diese wrden mir jede
Laune nehmen; denn immer erfordert die Auffhrung eines poestischen Scherzes
Vertrauen, sonst erscheint man sich selbst in den bunten Jacken als gedungener
und miglckter Harlekin.
    Ja wohl, sagte Mannlich seufzend; erst zwang unserm heitern Spiel die
gute Baronesse fast verschimmelte, berbildete Menschen auf, die aus einer
lngst vergessenen Zeit noch herberschielten wie Revenants; nun drngen sich
umgekehrt ganz Rohe und Ungebildete in unsern Zirkel. Das mu notwendig ein
allgemeines Mibehagen hervorbringen.
    Man sollte ihnen, sagte der Snger, den Tasso von Goethe auffhren, und
sie wrden, glaub ich, hinfallen wie die Fliegen im Sptherbst; ich wette, sie
kmen niemals wieder, selbst wenn sie eingeladen wrden.
    Oder man improvisierte, fuhr der Musiker fort, ein frchterliches
tobendes Melodrama, wo alle Instrumente losgelassen wrden, und man eigentlich
im Charivari nichts vernhme. Man knnte ja alle Mitspielenden, die aber nur
Unsinn aus sich selbst sprchen, umkommen lassen. Es wrde erbaulich genug
ausfallen.
    Der Diener trat wieder in die Laube und sagte: Da ist ein wunderlicher
Mann, der sich gar nicht will abweisen lassen; er nennt sich Ehrenberg, und
behauptet, er msse den Herrn Baron durchaus sprechen. Er wre auch schon mit
Ihnen bekannt, und Sie wrden sich gewi freuen, ihn wiederzusehen.
    Ehrenberg? wiederholte Elsheim, ich kann mich seiner nicht erinnern,
indessen, da er so dringend ist, so bringe ihn nur zu mir.
    Nach einiger Zeit hpfte ein schlanker, nicht gar groer Mann in mittleren
Jahren, in schlechtem hellbraunem Rocke, dem Bedienten voran in die Laube
hinein. Elsheim und Leonhard erkannten ihn sogleich als jenen wandernden
Schauspieler wieder, der ihnen im Gasthofe Menschenha und Reue ganz allein,
ohne Beihlfe anderer Personen, aufgefhrt hatte. Ich wei, hchstverehrter
Herr Baron, rief der Angekommene, da Sie meine Huldigung, da Sie so hchst
gebildet sind, nicht verwerfen werden. Sie haben Besuch auf Ihrem Schlosse, und
so wird meine Bemhung, die erhabenen Gste zu unterhalten, vielleicht
willkommen sein. Ja, ich bin davon berzeugt, da Sie mich nicht als ein
berflssiges Monstrum werden abweisen lassen.
    Gewi nicht, sagte Elsheim erfreut; im Gegenteil, Sie berraschen mich
auf eine angenehme Weise, und befreien mich aus einer groen Verlegenheit. Es
tut mir nur leid, da ich Sie im Schlosse selbst nicht logieren kann, denn alle
Zimmer sind besetzt; Sie werden aber im Hause meines Pchters ein bequemes
Unterkommen finden.
    Der Knstler verneigte sich dankbar und zufrieden, und der Baron gab dem
Diener Anweisung, fr den Wandernden zu sorgen, der sich auch sogleich mit dem
Diener entfernte.
    Elsheim sagte lachend: So erbarmt sich denn ein gtiges Schicksal meiner,
und sendet freundlich diesen Tausendknstler der jenen Kennern, die sich selbst
eingeladen haben, etwas Gengendes vorspielen wird. Er hat nmlich die groe
Gabe, ganze Theaterstcke allein vorzutragen, und so spielt er Franz und Karl
Moor in den Rubern, und verwandelt knstlich genug die Tragdie in ein
Monodram.
    Soll es aber erlaubt sein, sagte Leonhard bescheiden, dies Werk unsers
geliebten Dichters, wenn es auch sein frhestes ist so zu entstellen?
    Du weit es, unterbrach ihn Elsheim, wie ich gerade, mein Leonhard,
dieses kecke, verwegene, zum Teil freche Gedicht liebe, mehr als die meisten
meiner Landsleute, die Schiller verehren.
    Es ist ein bertrotziges Titanenwerk eines wahrhaft mchtigen Geistes, und
ich finde nicht nur schon ganz den knftigen groen Dichter darin, sondern
glaube sogar Vortrefflichkeiten und Schnheiten in ihm zu entdecken,
Ankndigungen, die unser geliebter Landsmann nicht so erfllt hat, wie wir es
nach diesem ersten Aufschwung erwarten durften. Ist denn aber das wunderbare
Werk nicht schon populr genug geworden, und oft genug auf guten und schlechten
Bhnen als Entstellung und wilde Torheit aufgefhrt? Wir geben Ehrenberg
Gelegenheit, sich in seiner ganzen Gre zu zeigen, und jene Besuchenden, die
uns mit ihrem Zorne drohen, gehen ohne Zweifel begtigt und dankbar nach Hause.
Wir sehen zu, oder halten uns entfernt, und kmmern uns um das Unwesen nicht
weiter.
    Nicht also, Herr Baron, sagte der Bassist in launiger Anregung; jene
Liebhaber werden sich niemals mit einem einzigen Opfer zufriedenstellen, und
wenn es in zehn verschiednen blutdrstigen Personnagen auftrte. Wenn Sie,
Baron, auch jenen Kennern und Sau- und Jagdliebhabern sich nicht preisgeben
wollen, so will ich wenigstens helfen, und ich zhle dabei auf den Beistand
einiger Freunde. Vor Jahren forderte mich ein bankerotter Schauspieldirektor,
ein Jugendgenosse auf, ihn vom Untergange zu retten. Er sa mitten in den
Bergen, und was konnte ich ihm helfen, da seine Oper schon fortgelaufen war? Ich
reisete aber doch zu ihm, denn er war wirklich ohne mich verloren. Sein Personal
reichte eben noch hin, die Ruber zu geben, ich, der ich niemals im Schauspiel
aufgetreten war, lernte den Karl Moor auswendig, und, um das Ding neu
aufzuputzen, legte ich fr meine Stimme Gesnge ein, die ich selber dichtete und
komponierte Lieder, die den Wert des Geldes priesen, den Raub halb komisch
entschuldigten, die reichen Geizhlse schalten und dergleichen mehr. Wir machten
mit unserer Extravaganz Fureur, wie man es nennt. Der Zulauf war so ungeheuer
aus der Stadt und der ganzen Umgegend, da wir das Stck zwlfmal hintereinander
bei berflltem Hause und doppelten Preisen geben konnten. Mein bankerotter
Gesell war gerettet, hatte bedeutenden berschu und konnte, da ich fr meinen
Spa nichts begehrte, seine Truppe wieder erneuern und verbessern. Nun sei es
fern von mir, meinem greren Rival seinen Karl Moor zu nehmen, aber den
Spiegelberg will ich so recht con amore darstellen, und ihn, was eigentlich
besser pat, alle diese Lieder und Arietten singen lassen.
    Recht so! sagte der Komponist; ich helfe bei der Einrichtung mit
Instrumenten und Musik, da das Gedicht: Ein freies Leben fhren wir, welches
zum Studentenliede erhoben ist, recht infernalisch kann gebrllt werden.
Waldhrner und Rubermusik mssen noch fter vorkommen, als Karl Moor sie
fordert, und eine groe wirkliche Schlacht mit Schieen und Hauen mu den
zweiten Akt beschlieen. Dazu knnen wir diese neue Einrichtung des Theaters,
und seine Stufen, Treppen und Balcone vortrefflich benutzen. Das soll ein Toben
geben, da den Leuten das Herz im Leibe lacht. Da knnen wir einmal recht unsere
Lust ben. Ich spiele mit Vergngen den Roller, oder den Bastard Hermann, oder,
wenn es sein mu, alle beide.
    Vortrefflich! rief Elsheim, und unsern Schulmeister machen wir glcklich,
wenn wir ihm den biedern Schweizer geben. Auch ich, sagte Mannlich, trage
gern zum allgemeinen Almosen bei, denn ich habe schon sonst den alten Grafen mit
Beifall gespielt, diese Rolle kann ich sogleich wieder bernehmen.
    Sie standen auf, doch Leonhard hielt sie noch zurck und sagte: Wir haben
die Hauptsache vergessen. Keine von unseren Damen wird sich zur Amalie hergeben
wollen.
    Elsheim lachte und antwortete: Schadet nicht, ich denke, diese Heldin werde
ich schaffen knnen. Ja, das Trauerspiel mu so aufgefhrt werden, wie wir es
beschlossen haben, ich lade morgen hflich alle diese Bittsteller ein, und in
drei oder vier Tagen geben wir die Ruber, und wenn ich selbst die Amalie
spielen sollte.

Es war in des jungen Barons Weise, da, nachdem er sich entschlossen hatte, sich
und seinen Freunden, wo mglich, durch den wandernden Komdianten einen Scherz
zu bereiten, er auch fr ihn zu sorgen sich verpflichtet fhlte. Schon auf der
Reise war ihm das kleine Bndel aufgefallen, mit welchem sich der Eilende trug;
sein Gewand war noch dasselbe, nur etwas abgetragener; er dachte also darauf,
ihn ingeheim so auszustatten, da er sich mit Anstand in der Gesellschaft zeigen
knne. Er lud ihn daher auf sein Zimmer, wo er ihm selbst zwei noch gute Kleider
nebst Wsche und Zubehr in einen Koffer gepackt hatte, und als er dem Knstler
das Geschenk bergeben, lie er es von dem Grtnerburschen, als ob es eben
angekommenes Gepck des Reisenden wre, in das Haus des Pachters tragen. Dieses
Geschenk war um so besser angebracht, da der Fremde ungefhr denselben Wuchs und
die Gre des jungen Barons hatte.
    Leonhard war seit einigen Tagen in einer mehr als unruhigen Stimmung. Er
fhlte, da sein Freund irgend etwas gegen ihn habe, ja er ahndete selbst die
Ursache ihres gegenseitigen Zwiespalts, und dennoch konnte er den Moment nicht
finden, den Entschlu nicht fassen, offenherzig den Gegenstand zu besprechen.
Auffallend war es, da Elsheim seinen unruhigen Freund gewissermaen bewachte.
Dieser sah jenen oft ganz unvermutet neben sich, wenn er ihn weit entfernt
glaubte. Sein prfendes Auge lauschte, und Leonhard war oft verlegen, ohne sich
sagen zu knnen, warum. Auch erschien in der Heiterkeit, dem Lachen und Gesprch
des jungen Barons etwas Erzwungenes und bertriebenes, so da Leonhard
vielfltig wnschte, die Stunde seiner Abreise mge schon herbeigekommen sein.
    Es war ihm bisher unmglich gewesen, sooft sich auch dazu die Gelegenheit zu
bieten schien, mit Charlotten allein zu sprechen. Sie hatte ihm zuweilen einen
Wink gegeben, aber Elsheims lauernde Gewandtheit hatte jedes Verstndnis, jedes
vertraute Gesprch zu hindern gewut. Auch Charlotte machte ihn irre und
ngstlich, denn sie behandelte ihn, da sie ihn nur in Gesellschaft sah, mit
auffallender Klte, aber noch sichtlicher entfernte sie sich von Elsheim. Und so
trieben sich die noch vor kurzem so heiter Gestimmten in Verwirrung und
ngstlichkeit um, jeder den andern vermeidend und suchend, nach Frohsinn
ringend, fast immer zerstreut, so da das Gesprch oft pltzlich unterbrochen
wurde, und die beiden Freunde gewannen durch diese Lstigkeit und den Druck der
Gegenwart die berzeugung, da es notwendig sei, zu einer deutlichen Erklrung
zu kommen.
    Leonhard hatte im Theatersaal ein Buch liegenlassen und ging hin - es war
noch frh am Morgen - es zu suchen. Er fand es nachdem er eine Weile
herumgekramt hatte, und, indem er sich an die Sule lehnte, stand pltzlich
Charlotte vor ihm. Er war bei diesem Anblick tief bewegt, ja fast erschrocken.
Es schien, als sei sie schnell die Treppe heraufgestiegen, denn ihr Atem war
kurz, und eine wallende Rte hatte ihre Wangen berflogen. Sehen wir uns
endlich einmal allein? flsterte sie. Bser, wie habe ich dich erwartet, und
du kamst immer nicht! - Kann ich? antwortete er schnell, bin ich nicht fast
wie ein Gefangener? - Ich habe dir geschrieben, Geliebter, sagte sie und
blickte ihn sehnschtig mit forschendem, erwartendem Auge an. Pltzlich
umschlang sie ihn und kte ihn heftig. Er, gerhrt und berrascht, wollte die
Arme um den schnen Nacken schlingen, als er sich gewaltsam, ja wie mit
Entsetzen zurckgestoen fhlte. Es ist unrecht, sagte sie dann kalt, da Sie
mir neulich das Buch hier wegnahmen, ohne es mir vorher zu sagen; ich habe es
allenthalben im Hause und Garten vergeblich gesucht. Der erstaunte Leonhard
wollte antworten, als er jetzt erst bemerkte, da Elsheim hinter ihm stand. -
Ei, Baron! sagte jetzt Charlotte, wo kommen Sie denn her? Ich wollte eben zum
Frhstck kommen und suchte nur hier mein Buch, das ich verloren hatte. Wissen
Sie, da Sie mir heut morgen die vierhndige Sonate spielen wollten?
    Meine Mutter erwartet Sie schon, sagte Elsheim freundlich, nachher aber,
mein Frulein, bin ich sogleich zu Ihren Diensten.
    Auf Wiedersehen also, meine Freunde, sagte Charlotte mit einer hchst
anmutigen Verbeugung, und lassen Sie uns nicht zu lange beim Frhstck warten,
denn die Mama hat gern, wenn sie so heiter ist, wie jetzt, alle ihre geliebten
Hupter beisammen.
    Sie verschwand mit jener zierlichen Eile und dem trippelnden Hpfen, welches
ihr so wohl stand, wie sie es denn wohl wute, da sie in allen ihren Bewegungen
reizend war. Die Freunde standen sich jetzt allein gegenber. Sie sahen sich
bedenklich an, beide verlegen, doch lachte endlich Elsheim laut auf. - Was ist
dir? fragte Leonhard.
    Du weit doch, sagte der Baron, wie unser gelehrter Professor uns neulich
so hbsch die Vorzge dieses seines altfrnkischen Theaters auseinandersetzte.
Eine Bequemlichkeit hob er besonders heraus, da nmlich eine dritte Person so
ganz ungeniert zugegen sein knne, ohne da zwei andere sie wahrnhmen, und wie
dies durch diese Sulen, Stufen, Mittelbhne und dergleichen so ganz natrlich
zugehe. Der Mann ist doch in allen Dingen gerecht und zuverlssig. Ist es denn
aber wahr? und wirklich eine wirkliche Wahrheit?
    Und was soll wahr sein?
    Da du als Papageno angestellt bist. Sie sagen, du habest dir einen
ungeheuren Kfig angeschafft; in den wollest du alle unsere Mdchen und
Frauenzimmer einsperren, dir das ungeheure Ding als einen portativen Harem auf
den Rcken schnallen, und alle die Weibsen als dein rechtmiges Eigentum
fortnehmen.
    Ich verstehe deinen Spa nicht, sagte Leonhard ganz verlegen.
    Es wre ein hbsches romantisches Gegenstck, fuhr Elsheim fort, zu jenem
weltbekannten Kinder-und Rattenfnger von Hameln. Das Schlo des Papageno hast
du wenigstens schon seit lange am Munde, und darum, weil ich dies sehe, mu ich
frs erste auch die andere Nachricht glauben.
    Jetzt trat der Professor mit einigen andern herein, und der Knstler
Ehrenberg folgte, dem das Theater gezeigt wurde, ber welches er in das hchste
Erstaunen geriet. Elsheim fate freundlich zrtlich den Arm Leonhards in den
seinigen und sagte: Folge mir auf mein Zimmer, wir wollen hier die Herren nicht
stren.
    Als sie dort angelangt waren, setzten sie sich schweigend nieder. Ich habe
einen Brief an dich, sagte dann der Baron.
    Von Hause? fragte Leonhard mit einiger Beschmung.
    Bewahre! antwortete Elsheim mit schadenfrohem Blick. Es ist ja erst ganz
krzlich ein Brief angekommen. Wer wird so oft schreiben? Nein, mein Lieber, der
Brief, den ich fr dich habe, ist ohne alle Adresse, aber dennoch wei ich, da
er an dich gerichtet ist.
    Er hielt ihm ein versiegeltes Blatt hin, welches Leonhard ungewi und
zaudernd betrachtete. Du siehst, sagte er dann, das Siegel ist unverletzt,
sosehr ich in Versuchung gekommen bin, von dem Inhalt etwas zu erfahren; ein
bser Charakter htte frisch aufgebrochen, da mit keiner Silbe hier gesagt ist,
wer diesen weien unschuldigen Brief lesen soll.
    So sei es! rief Leonhard in einer fast komischen Verzweiflung aus; der
Brief ist von Charlotten.
    Ohne Zweifel, sagte Elsheim, und -
    Mein Freund, fuhr Leonhard bewegt fort, - ich - oh, wenn du wtest -
wenn du nur ahnden knntest -
    Ich begreife alles, alles, nur zu sehr, unterbrach ihn Elsheim. Auch wei
ich mehr von dir, als du denkst; ich wei es, wie lange und ganz allein ihr
neulich bei der kleinen Frsterin gewesen seid, neulich, als du wie ein armes
verirrtes Lamm so viel Wolle in den Dornen gelassen hattest. Diesen Brief hat
dir die kleine Vermittlerin auch geben sollen, in welchem dich die allzu
reizende Sirene wieder bestellt, und wohl dann auf mehr Liebe hofft, als du ihr
neulich magst bewiesen haben. Alles dies hat mir die leichtsinnige Witwe
freiwillig verraten, in Rhrung und Entzckung, weil ich ihr die Rolle der
Amalia in den Rubern zugesichert habe. Aber freiwillig hat sie mir alles
bekannt, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf; nein, ich wollte sie gar nicht
ausfragen, ich wollte gar nichts von ihr wissen. Und darum lies du deinen Brief;
tu, was sie von dir verlangt, sei so glcklich, als sie dich machen kann, und
la alsdann dies Gesprch, welches wir jetzt gefhrt haben, vllig und auf ewig
vergessen sein. Aber schwre mir nur, da diese Charlotte unsere Freundschaft
nicht stren, da sie unsere Gemter nicht entfremden oder erklten soll.
    Leonhard hatte wohl bemerkt, wie bewegt sein Freund war, sosehr er auch Ruhe
und seine gewhnliche Haltung zu erzwingen suchte. Nein! rief er aus, nein,
Elsheim, unsere Freundschaft mu wahrer, strker sein, als eine abenteuernde
Leidenschaft, sei der Reiz, die Verfhrung des Augenblicks und der Gelegenheit
auch noch so gewaltig. Liebster, du hast Erwartungen, Absichten, dich bezaubert
dies schne Wesen, und so gebe ich dir hier, wenn auch mit Kampf und Leid, das
heilige Versprechen, sie nicht mehr allein zu sehen, sie zu vergessen, und bald
abzureisen.
    Kaum hatte Leonhard diese Worte geendigt, als sich Elsheim schon an seinen
Busen strzte, und ein heftiger Trnenstrom ihm die Brust erleichterte. Leonhard
erschrak ber den gewaltigen Ausbruch einer kaum geahndeten Leidenschaft, und
indem er den Freund trsten und beruhigen wollte, hob dieser ihn in seinen
starken Armen vom Boden auf, und trug ihn laut lachend im Zimmer herum, setzte
ihn, nachdem er so eine Weile gejubelt hatte, in das Sofa nieder, und stellte
sich dann, sein Lachen noch vom Schluchzen des Weinens unterbrochen, vor den
ganz erstaunten Leonhard, und deklamierte pathetisch: Ich habe es immer gesagt:
Den Tischler wollte die Natur zu ihrem Meisterstcke machen; aber sie vergriff
sich im Tone; sie nahm ihn zu fein.
    Diese Rede Odoardos zwang Leonhard, so ernsthaft er auch gestimmt war,
ebenfalls zu lautem Lachen. Nun setzte sich Elsheim zu ihm, nahm seine beiden
Hnde und drckte sie an seine Brust. Sieh, mein Bruder, sagte er, wieder
innig gerhrt, ich wei, da ich ein Tor bin; ich wei, da ich in einem Jahre,
vielleicht noch frher, diesen meinen jetzigen Zustand belcheln werde; - aber
betrachte auch den Menschen in seiner ganzen Nacktheit, in seiner unverhllten
Schwche, denn ich will vor dir nicht besser und strker erscheinen, als ich
bin. Seit Wochen qult mich eine tdliche, giftige Eifersucht, und ringt und
zankt mit meiner Liebe zu dir. Und wer ist es, der uns so auseinanderzureien
droht? O spreche man mir nicht von Moral und Tugend, Ehrfurcht und Ideal, wenn
das unbndige, das riesenhafte Rtsel in unserm Innern aufwacht und zur
Auflsung ringt. Konnte ich glauben, da ich dies in meinen reiferen Jahren
erleben sollte, und da in diesem Zauber, in dieser Verblendung mein Sinn und
mein Gefhl so klar und unbestechlich bleiben konnten? Wie sah ich ehemals mit
verachtender Erbarmung auf jene Elenden hinab, die Vermgen, Leben, Ehre, Glck
der Familie und der Eltern Kreaturen preisgeben, deren Untreue, Eigennutz und
Lgenhaftigkeit sie kannten! Oh, jetzt verstehe ich diese unglckselige
Zerrissenheit und dies vergebliche Ankmpfen gegen eine bessere berzeugung!
Glaubst du, da ich die Zauberin verehre, oder nur achte? Wenn ich dies Gefhl
in mir erwecken will, so erwacht vielmehr das entgegengesetzte. Was aber hat
dies Gefhl auch mit dem Rausch und dem Wahnsinn zu tun, der mich, wie den
Rinaldo, mit Blumenketten zu den Fen dieser Armida bindet? Ist es nicht, als
wenn man fragen wollte, was die Jo oder Leda des Correggio wohl noch an diesem
Tage speisen wrde? Oh, Liebster, da du sie aufgibst, so kann ich die brigen
umher mit Geringschtzung betrachten. Und glaube nur, ich wei das Opfer zu
wrdigen, welches du mir bringst: das grte, das wundervollste, den Genu, den
die schwelgende Phantasie nicht glnzend genug ausmalen kann! Wie htte ich
ahnden knnen, als wir hieherkamen, und ich dir von diesem Mdchen sprach, da
die Snderin mich so verstricken sollte! - Damit du aber siehst, da du sie in
keinem Sinne verrtst, da du nichts Ehrloses, nichts Grausames an einem Weibe
begehst, so lies diese zrtlichen Billete, die sie mir in derselben Zeit
geschrieben hat, als sie auch dich zu fangen trachtete.
    Leonhard las und war verwundert, denn das hatte er doch nicht erwartet. Nun
lies aber auch ihren neusten Brief an mich, sagte er dann. Elsheim fand, da er
wirklich eine Bestellung auf einen gewissen Tag in das Waldhuschen der
Frsterin enthielt, wo sie so ungestrter verweilen knnten, weil an diesem Tage
Elsheim mit seiner Mutter und der Tante zum Besuch ber Land sein wrde. Auer
den Zrtlichkeiten enthielt das Blatt Anklagen gegen Elsheim, der sich
aufdrnge, der die Liebe stre, der sie wohl argwhnen mge, und dergleichen
mehr. Leonhard erstaunte ber diese tiefe Treulosigkeit und so sicher wandelnde
Unwahrhaftigkeit. Sollen wir es beklagen, sagte er dann, a ein so schnes
Wesen sich diese Falschheit aneignen konnte, oder sollen wir annehmen, da sie
so sein mu und nicht anders kann? Wre sie ohne diese arge Zweideutigkeit
weniger reizend? Konnte sie das, was uns bezaubert, nur in ihrem jetzigen
Charakter entwickeln?
    Nun, Geliebter, fing Elsheim wieder an, la mich gewhren. Du sollst
nicht im mindesten kompromittiert werden, als wenn du mir dies Blatt
berantwortet httest, oder irgendeine Abrede zwischen uns stattfnde. Meine
Leidenschaft soll das Wort fhren, und sie, die so hinterlistig verfhrt, mu es
ja entschuldigen, da ich der jungen Frsterin das Geheimnis abgeschwatzt, ihr
das Blatt entrissen und den Brief, ohne da du etwas davon weit, gelesen habe.
Nach ihrem System mu sie es mir Dank wissen, da meine Liebe alle Rcksichten,
auch gegen dich, fallenlt, und ihre Gunst mir das Hchste und Einzige auf
Erden ist. So werde ich an deine Stelle treten, und ohne Zweifel glcklich sein.
- Nun ist also der Schatten vom hellen Sonnenlicht verscheucht, der sich
zwischen unsere Freundschaft zu legen und dster anzuwachsen drohte. - Aber,
Geliebter, du lieest vorher ein Wort fallen von deiner nahen, baldigen Abreise.
Diese Drohung nimm zurck. Ich habe schon mit unserm Professor allerhand
verabredet. Er schwrmt dafr, uns nchstens das Lustspiel Shakespeares: Wie es
euch gefllt aufzufhren, und wir alle sind schon darin bereingekommen, da es
in der ganzen Welt keinen solchen Orlando geben kann, als wie du ihn spielen
wrdest. Auch httest du nicht zu besorgen, wieder mit Charlotten in einen
Liebesstreit zu geraten, denn Albertine wrde deine Rosalinde darstellen, und
die kleine Dorothea Celia, ihr Mhmchen. Darum gib noch eine Woche, oder zehn
Tage nach jenen Rubern zu, die uns nun so nahe bevorstehen; dann - -
    Nein! nein! mein Geliebtester! unterbrach ihn Leonhard sehr lebhaft, nur
dies, dies fordere nicht von mir! Alle Gefhle zwischen uns, alle mglichen
Miverstndnisse, mein teurer Freund, sind nun geschlichtet; wagen wir es nicht
darauf, ob sich neue erzeugen knnten. Du weit, was dich zu dieser Reise
begeisterte; du erinnerst dich, was mich verfhrte, dich zu begleiten. Sieh nun,
wie sich alles anders gewendet hat, als wir es damals erwarteten. Statt unserer
kindlichen Liebe zu Goethe, hat sich eine ganz andere unseres Herzens, und mit
strender Leidenschaft und Heftigkeit bemeistert. Nein, mein Freund, jener Tag,
der dich an meiner Statt nach jener dmmernden Waldhtte fhrt, sei auch der Tag
meiner Abreise. Fr einen schlichten Brger, dchte ich, htte ich der Abenteuer
genug bestanden. So weit mag es sich vielleicht entschuldigen lassen, wollte ich
aber irgend einem Gelste lnger nachgeben, so mte ich mich vor mir selber
schmen. Und welche Rechenschaft knnte ich meinem Haushalt, meiner Frau, meinen
Handwerksfreunden und Genossen ablegen? Ich mu nach Haus, und um kein
Taugenichts zu werden, in meine alte Ordnung zurckkehren. Noch ist es Zeit, und
du selbst, wenn du mich liebst, solltest mich forttreiben; denn jetzt vernarbt
sich wohl noch die seltsame Wunde, die ich mit mir nehme.
    Sie trennten sich, und Leonhard fhlte sich beruhigt, doch war ihm, als wenn
er einen unendlichen Verlust erlitten htte. Elsheim war ganz heiter, und konnte
froh an der Gesellschaft teilnehmen, seine Gste unterhalten und seinen
phantastischen Plan mit Charlotten verfolgen. Als er nachher mit dem
Schauspieler Ehrenberg, der schon in den bessern Kleidern umherging, sich im
Garten traf, sagte er zu diesem: Nur nicht, mein Lieber, diese bertriebene
Dankbarkeit und zu weit getriebene Hflichkeit. Lassen Sie es sich bei mir und
den Meinigen in diesen Tagen wohlsein, spielen Sie Ihre Rollen, und sein Sie so
frei und unbefangen, wie nur irgend mglich, denn nur dadurch werden Sie mir am
besten danken.
    Der alte Frster, der so laut damals geklagt hatte, als man ihm die Rolle
des Zigeuners zugemutet hatte, begab sich diesmal fast freiwillig unter die
Komdiantentruppe, und zwar, um keine sehr dankbare Rolle, den Schufterle
nmlich, zu spielen. Er bernahm diese Partie als die kleinste und
unbedeutendste im Stck, und zur Teilnahme hatten ihn vorzglich zwei Dinge
vermocht: erstlich, da seine Tochter eine so wichtige und glnzende Rolle
bernehmen sollte, und dann, da ihn der ausgelassene Bassist berredet hatte,
alle seine Jagdhunde mitzubringen und mitspielen zu lassen. Denn da Karl Moor im
zweiten Akt ausdrcklich sagt: Auch mssen alle Hunde los und in ihre Glieder
gehetzt werden, da sie sich trennen, zerstreuen und euch in den Schu laufen!
- so schien es beiden mehr als unbillig, den guten, so oft geplagten Geschpfen
die einzige Gelegenheit zu rauben, sich auch einmal auf der Bhne und in einer
knstlerischen Mitwirkung zu zeigen.
    Alles war bereit. Der Cadet hatte den Kosinsky eingelernt der Komponist
hatte es mglich gemacht, Roller und den Bastard Hermann zu bernehmen; Franz
Moor erdrosselte sich und erwachte nicht wieder zum Leben, daher war es dem
khnen Ehrenberg etwas Leichtes, beide feindliche Brder darzustellen und der
Schulze hatte sich vom Schulmeister verfhren lassen, den alten Diener Daniel
einzuben. Bauern, Knechte, Diener des Hauses und der Grtner mit seinen
Gehlfen, sowie die Jgerburschen, waren in den Proben als Soldaten, Ruber und
andere Helfershelfer abgerichtet worden.
    So war denn der groe Tag erschienen, an welchem dieses gewaltige Werk die
Zuschauer entzcken sollte. Elsheim hatte seine Mutter beredet, an diesem Abend
nicht im Schauspiel zugegen zu sein, weil sie, welches sie nach seiner
Schilderung begriff, an der Grausamkeit des Gegenstandes und dem bertriebenen
lauten Getmmel keine Freude haben knne; sie zog sich auch um so lieber unter
dem Vorwand der Unplichkeit zurck, weil jene Zuschauer, die sich fr diesen
Abend zugedrngt, und die des Sohnes Einladung mit Freuden angenommen hatten,
ihrem Sinn auf keine Weise zusagten. Es ward beliebt, da die Tante, Charlotte
und Albertine, sowie Dorothea, ihr Gesellschaft leisten und sie auf ihrem weit
abgelegenen Zimmer mit Musik unterhalten sollten. Dort also ward gesungen und
gespielt, indes Elsheim seine Gste empfing, ihnen ihre Pltze anwies, die
Mutter und die Damen entschuldigte, und in Gesellschaft des Professors mit allen
sprach, freundlich zuhrte und die Honneurs des Hauses machte, so gut und
schlimm er es vermochte. - Auch Leonhard war im Theatersaal zugegen, um die
Fremden zu unterhalten.
    Zuerst erschien die alte Frau von Brommen mit ihren veralteten Tchtern.
Ihre Dankbarkeit und die bertriebenen hflichen Redensarten wren unertrglich
gewesen, wenn Emmrich nicht die Geschicklichkeit besessen htte, das Gesprch
sogleich auf andere Gegenstnde zu lenken. Von dem lrmenden und laut
schreienden Bellmann wurden sie dann unterbrochen, der mit seinen drei Shnen,
immerdar fragend und die Antwort nicht abwartend, in den Saal brach. Alle
staunten, da sie gar keinen Begriff von einem Theater hatten, und waren darum in
gespannter Erwartung um so begieriger. Jetzt erschien auch der dicke Jger mit
seinen Begleitern, und alle saen schnaubend und fast schnarchend auf ihren
Pltzen, indessen die drei Bewirter die schwere Aufgabe zu lsen hatten, auf
alle ihre sonderbaren Fragen ihnen genugzutun. Wissen Sie wohl, sagte der
unbeholfene Dlmen schnarchend und schnaubend, was ich schon auf unserm
neulichen Landtage meinen Kollegen und dem Herrn Prsidenten habe vorschlagen
wollen? Man hrt so viel jetzt von allen Menschenfreunden gegen die Todesstrafen
und die ffentlichen Hinrichtungen reden; sie meinen, es sei nicht recht
schicklich und anstndig fr gebildete Nationen, wie wir sind, und dergleichen.
Nun habe ich mir sagen lassen, da in Trauerstcken oft viele Personen auf dem
Theater umkommen, die sich zum Teil selbst entleiben, zum Teil von andern
erstochen werden. So wre es also vielleicht recht ersprielich, wenn man die
ausgemachten Malefikanten und Verbrecher, Mordbrenner und solch Volk diese
Tragdienstcke auffhren liee, damit ihnen dort mit Geschmack und Anstand vom
Brote geholfen werden knnte.
    O mein Himmel! rief eine von den Witwen, das wre ja noch grausamer und
blutiger, als die spanischen Stiergefechte. Nein, dem ist unser edler deutscher
Sinn, unser weiches Gemt zu sehr entgegen.
    Warum edles Gemt? rief Dlmen, der Jagdfreund; htte mich je etwas
bewegen knnen, mal nach dem bigotten Lande hinberzureisen, so wren es gerade
diese superben Stierhetzen gewesen: eine so noble Erfindung, da man sie einem
so rohen, unwissenden Volke gar nicht zutrauen sollte. Teufel noch einmal! so
ein wilder Ochs, so ein wtiger Kerl, der gar keine Raison annimmt! Und nun die
lieben Hunde, und der dreiste Mensch, der ihm den Fang gibt! Und Tausende von
Menschen umher, Vornehme, Frsten, geputzte Frauenzimmer und das Brgervolk, und
alles ruft und klatscht Beifall! Nein, meine gndige Frau, bitte tausendmal um
Vergebung, das mu ja etwas wahrhaft Paradiesisches sein.
    Bellmann sagte: Schauen 's, so war auch ehemals die berhmte Brenhatz in
Wien. Aber alles Gute geht zugrunde. Ich bedauere nur unsere Nachkommen, die es
noch schlimmer haben werden.
    Jetzt begann die Musik. Der Komponist hatte zwei Orchester angeordnet, eins
oben auf dem Balcon, ein anderes vorn unmittelbar vor dem Theater. Jedes spielte
erst einzeln und vereinigte sich dann, um ein rechtes tobendes Gewirr von Tnen
in die Schlacht zu fhren.
    Da Ehrenberg sich gar nicht darber hatte zufriedengeben wollen, da kein
groer, breiter Vorhang vorn die Bhne von den Zuschauern trennte, Emmrich auch
einsah, da ein modernes Stck dessen nicht gut entraten knne, so hatte er zwei
groe Gardinen besorgt, die vorn sich in der Mitte berhrten und, wenn der Akt
anheben sollte, durch zwei Schnre zurckgezogen wurden, so da sie auf beiden
Seiten verschwanden.
    Jetzt trat Franz Moor auf mit seinem Vater, dem alten Grafen. Mannlich
sprach diesen in seiner tragischen Weise breit, stark, langsam, mit
angeschwollenen Wangen und hervorgedrehten Augen. Franz war aber in der Kunst,
Gesichter zu schneiden viel gebter, denn wenn Mannlich beinahe nur immer
denselben Ausdruck anbrachte, so lief ber das Gesicht des verstockten
Bsewichts Franz das Mienenspiel wie ein Zickzack mit Blitzesschnelle. Die
Zuschauer, die vornehmen sowohl, wie die Bauern, welche man zugelassen hatte,
waren ganz hingerissen von Erstaunen und Bewunderung. So was sei noch niemals
gesehen worden; so etwas knne sich kein Mensch trumen lassen: darin kamen alle
berein. Aber Ehrenbergs Monolog! Jetzt enthllte sich erst der ganze Bsewicht,
an dessen Schndlichkeit man bis dahin immer noch etwas htte zweifeln knnen.
Es wre grausig und knnte einem im Traum wieder vorkommen; so uerten sich die
Shne des Baron Bellmann. - Jetzt trat Amalie auf. Die Bauern, welche sie
kannten, waren in der grten Freude, die sie, um die Damen zu begren, mit
einem lauten, wiehernden Gelchter uerten. Sogleich erhoben sich Bellmann und
Dlmen von ihren Sitzen, kehrten sich um, indem sie majesttisch umhersahen und
riefen: Stille, das da ist ein Trauerspiel, gutes Volk! - Lene, des Frsters
Tochter, war vortrefflich in ihrer Rolle, so sicher und frei, so ohne
Verlegenheit, da selbst Elsheim ber ihre zu groe Keckheit erstaunen mute.
Diese Dreistigkeit tadelten auch an ihr die alte Dame und ihre Tchter; die
jungen Bellmann aber und die Forstleute lobten sie um so mehr wegen dieser
majesttischen Sicherheit. Wrend ihres Monologs kleidete sich Franz mit
Blitzesschnelle zum Karl um, warf die rote Percke ab, und setzte eine andere
auf, mit schnen herabfallenden Locken, die wie schwarze Troddeln ber Stirn und
Wangen fielen. Gleich in seiner ersten Szene brachte Spiegelberg zwei von seinen
krftigen Liedern an, die auch von der besten Wirkung waren. Jetzt drfte man
vielleicht lachen, sagte Dlmen ziemlich laut, und die Bauern, die seinen
Ausspruch gehrt hatten, bedienten sich dieser Erlaubnis. Moor strzt ab, und
Spiegelberg ermuntert die Kameraden, sich mit ihm zu einer Ruberbande zu
verbinden. Wieder ein Lied, und der Forstrat sagte: Bei Gott! eigentlich wird
das Spitzbubenhandwerk von dem schnen groen Manne da doch gar zu appetitlich
abgeschildert. Wenn uns da das Gesindel in die Wlder luft und das Wild
wegpirscht, so ist es nicht mehr zu verwundern.
    Wahr, Herr Nachbar, rief Bellmann: gefhrliche uerungen unter diesen
Umstnden! Nur werden sie eingesteckt und kriegen Prgel, was denn auch wieder
nicht sehr appetitlich ist.
    Moor kam wieder in der ungeheuersten Verzweiflung. Dem Ausbruch ungemessener
Wut folgte sein Entschlu, Ruber und Mrder zu werden. Seine Genossen schwren
ihm Treue, und alle strzen tumultuarisch ab.
    Die Bellmann, Dlmen und seine Begleiter, die fremden Damen, alle konnten
nicht Worte finden, um die Bewunderung fr diesen Schauspieler gengend
auszudrcken, welcher mit so groem Kraftaufwande den Ruber Moor spielte. Aber
welch Erstaunen ergriff sie insgesamt, als ihnen Elsheim vertraute, da dieser
Mann, der ein wirklicher Bhnenknstler und kein bloer Liebhaber sei, Kunst und
Kraft genug brigbehalte, um neben diesem edlen Bsewicht auch noch jenen ganz
verworfenen, hmischen Franz zu spielen. Anfangs erstarb ihnen das Wort im
Munde, dann aber begannen alle zu zweifeln, und meinten, der junge Baron treibe
nur seinen Scherz mit ihnen, bis nach wiederholten Beteuerungen Elsheims ihr
starrer Zweifel brach, um die Flut einer ungemessenen Bewunderung ausstrmen zu
lassen. Den Mann mssen wir sehen! riefen die Bellmann wie aus einem Munde.
Fhren Sie uns auf das Theater, schrie Dlmen, und seine Gefhrten
akkompagnierten. Die Damen begngten sich, ihre Bewunderung in Trnen des
Entzckens auszudrcken, da sie die Hoffnung nhrten, nach geendigtem Schauspiel
den Wundermann auch persnlich kennenzulernen. Stampfend und mit den Sporen
klirrend folgte der mnnliche Chor dem anfhrenden Elsheim, der sie seitwrts
durch einige Zimmer geleitete, um sie von der hintern Seite auf das Theater zu
bringen. Dort hatte sich Ehrenberg schon wieder zum Franz umgewandelt, und als
jetzt die lrmende Gesellschaft hereinstolperte, und Dlmen schrie: Karl Moor,
wo ist Karl Moor? lief ihm der rothhaarige Franz verwundert entgegen. Mensch!
schrie der alte Bellmann, wo ist dein Bruder Karl Moor? - Meine Herren,
sagte Ehrenberg, sollten Sie es nicht wissen, da ich es bin der beide
Charaktere gibt? - Ist ja wahr! schrie Dlmen auf, man wird ganz dumm bei
solchem Wunderwerke! - Er drckte den Knstler so heftig an seine Brust, da
dieser laut htte schreien mgen. Bellmann umarmte ihn ebenfalls. Groer
Mensch, sagte er dann, wir und meine Shne mssen uns nher kennenlernen, Sie
mssen zu uns hinberkommen; - knnen Sie meine Kinder da wohl unterrichten, da
sie auch so was lernen? - Gewi߫, sagte Ehrenberg, und ich werde glcklich
dadurch sein. - Zu mir auch, auch zu mir mssen Sie kommen! jubelte Dlmen:
- wir sind alle Menschen, ist es nicht wahr, Bellmann? - Man sollte es doch
glauben, antwortete dieser. - Alle drngten sich gaffend, fragend, schreiend,
lachend, ihn anrhrend, um den groen Wundertter, so da Elsheim anfing besorgt
zu werden, das Mnnchen mchte in dieser groen Popularitt Schaden nehmen, oder
gar verhindert werden, seine Rolle, von der noch bei weitem das meiste zurck
war, fortzuspielen. Er schaffte also mit Redeknsten die strmischen Bewunderer
wieder von der Bhne, die es ganz vergessen zu haben schienen, da sie noch vier
lange Akte zu erwarten hatten. Sie entfernten sich endlich, ungern zwar, wandten
noch oft die Blicke rckwrts, und erzhlten den wibegierigen, gespannten Damen
im Parterre nun von der roten Percke, die sie wirklich angerhrt htten, ihn
aber umarmt und seine Hnde gedrckt, und da er ohngeachtet seines ungeheuern
Talents ein Mensch wie andere auch zu sein schiene. Indem teilte sich der
Vorhang wieder, und der zweite Akt begann.
    Jetzt wurde der boshafte Franz und seine Kunst, das Gesicht zu verziehen,
noch weit mehr als vorher bewundert, da man ihn nher kannte und wute, wer er
war. In der Szene des scheinbaren Todes zeigte sich Mannlich gro. Jetzt trat
auch der Komponist als Hermann auf, wie er sich schon im vorigen Akt als Roller
gezeigt hatte. Der Alte war nun tot und beseitigt und Franz Gebieter. Es folgten
hierauf die Szenen im Walde, die der Bassist, ohne Hlfe Ehrenbergs,
eingerichtet hatte, und in denen er seinem bermut am meisten den Zgel wollte
schieen lassen. Gleich beim Eintreten trug er wieder einen jener tollen Gesnge
vor, worin er den ganzen Umfang und die Tiefe seiner vortrefflichen Stimme hren
lassen konnte. Er hatte alles aus der ersten Edition des Werkes herbergenommen,
und nur die Erzhlung von der Plnderung des Nonnenklosters ausgelassen. In
seiner tollen Laune hatte er viele von den Domestiken oder Knechten auf die
lcherlichste Weise herausgeputzt als diejenigen Spitzbuben, die er, Spiegelberg
selbst, angeworben hatte. Indem er nun die Geschichten seiner List und
Menschenkenntnis erzhlte, holte er diese Kumpane, einen nach dem andern, nher
an das Licht hervor, und die seltsamsten Fratzen zeigten sich zum Ergtzen der
Zuschauer; dies und die musterhaft launige Erzhlung, die der Dichter seinem
Spiegelberg in den Mund legt, muten Freude und Jubel hervorbringen. Das
Gelchter war unauslschlich, und selbst Elsheim und der Professor muten den
Humor des Sngers bewundern. Nun erscheint die brige Bande mit dem befreiten
Roller. Das Getmmel war gut arrangiert, und alle diese Ruberszenen wurden, bis
auf die Rolle des Karl Moor, wirklich vortrefflich gegeben, doch wurde dieser am
meisten bewundert. Der Schulmeister war als Schweizer unbeschreiblich glcklich,
denn er durfte so laut und stark spielen, wie er nur immer wollte. Der Kommissar
oder Pater erscheint, und nun vernimmt man schon Trompeten und die Musik der
Soldaten. Jetzt strzen alle Ruber im Getmmel ab, und das Gefecht beginnt.
Dieses hatte der Snger vielmals mit allen Gehlfen eingebt, um das
Allertollste hervorzubringen, wie man es sonst nur in dem Zirkus der Kunstreiter
zu sehen gewohnt ist. Die Szene nahm sich gut aus und pate vortrefflich auch zu
dieser trichten Aufgabe. Man hatte die freien Sulen mit bemalten Baumstmmen
verhngt; so war die innere Bhne nun wie eine Felsengrotte, die Stufen, von
grnen Gebschen umstellt, erschienen wie Gebirgssteige, Schluchten oder
Hohlwege, der Balcon oben zeigte sich als eine Berghhe. Die Ruber nahmen nun,
nachdem Moor und andere hinweggestrmt waren, unter Geschrei und wilder Musik
alle diese Posten ein; Soldaten erschienen sodann unten, um solche wieder mit
Gewalt zu erobern. Man scho, man kmpfte mit dem Sbel und Bajonett, alles
schrie Hrner und Trompeten schmetterten nah und fern, auch hrte man in den
Pausen das Schieen und Kmpfen in der Weite. Als die Ruber fast schon gesiegt
hatten, viele Soldaten tot und andere entflohen waren, erschien von der rechten
Seite der Ruber Moor mit seiner Schar wieder, als wenn er von der bermacht des
Militrs zurckgedrngt wre. Neue fechtende Gruppen bilden sich wieder auf dem
Proscenio, sowie auf der innern Bhne; das Schieen wird noch viel gewaltiger;
die grte Verwirrung und Zerstrung stellt sich dar. Jetzt bricht heulend und
bellend die ganze Koppel der Jagdhunde herein; alles schreit, lrmt, Trompeten
schmettern, Waldhrner tnen, Bchsen, Gewehre und Pistolen knallen, dazwischen
die Hunde, und die Anhetzenden toben, was sie nur vermgen, so da der alte
Frster gentigt ist, von der Wahrheit abzuweichen und als Schufterle trotz
seines schimpflichen Abschiedes wieder aufzutreten um seine Hunde nur gehrig zu
fhren und in Ordnung zu halten. Die Doggen, so abgerichtet, reien viele
Soldaten von hinten nieder, die Bullenbeier rennen die Stufen hinan, um die
Krieger anzupacken, und als diese mehr als babylonische Verwirrung, das Zeter
und Spektakel eine geraume Zeit gewhrt hat, fliehen die Soldaten, und die
siegenden Ruber strzen jubelnd nach. Den Boden, die innere Bhne und die
verschiedenen Stufen rechts und links bedecken die Leiber getteter und
verwundeter Krieger, alle, wie auch Leonhard und der Professor zugaben, in
hchst malerischen Stellungen, worber der letzte nicht wenig erfreut war, da
nur durch seine angepriesene neue, oder vielmehr veraltete Bhneneinrichtung
dieser Effekt erreicht werden konnte. Nun schlossen sich die Vorhnge und
verdeckten alles.
    Diesem Ungestm folgte eine allgemeine tiefe Stille, denn die Bewunderung
und das Entzcken der Zuschauer war so gro, da sie anfangs keine Worte und
keinen Ausdruck finden konnten. Endlich vereinigte sich der Ausspruch der Damen
sowohl wie der fremden Herren dahin, da dieses Schauspiel erhaben, sublim und
einzig zu nennen sei, da man niemals sich vorgestellt habe, da die dramatische
Kunst so ungeheure Wirkungen hervorbringen knne, und da das ganze Land dem
Baron Elsheim zum innigsten Danke verpflichtet sei, da er, als ein echter
Patriot, mit groen Unkosten zur Bildung und Erhebung aller Zuschauenden diese
Prachteinrichtung auf seinem Schlosse stattfinden lasse. Dlmen, der alte
Bellmann und seine Shne, der Forstmeister und der Amtmann reichten abwechselnd
dem jungen Baron die Hnde und drckten die seinigen, berschtteten ihn mit Lob
und Dank; auch die Witwen erhoben ihren Gesang zwischen den derben mnnlichen
Tnen, so da Elsheim, wenngleich seine Freunde abwehren halfen, vor Verdru und
Langeweile ermdete, bis ihn endlich der Anfang des dritten Aktes von diesen
lstigen Artigkeiten befreite.
    Dieser Aufzug wirkte nur wenig, weil sich soeben das Interessanteste
gleichsam erschpft hatte. Nur die starke, nachdrckliche und laut schallende,
nicht geheuchelte, oder angedeutete Ohrfeige, welche Franz von der rstigen
Amalie empfing, erweckte die Zuschauer aus ihrem Schlummer, und erregte ein
lautes und allgemeines Gelchter. Es geschieht dem bsen Kerl ganz recht,
sagte ein Bauer laut sprechend, so sollten nur alle mit ihm umgehen, so wrde
er schon zu Kreuze kriechen mssen. In der zweiten Szene hatten sich die Ruber
wieder malerisch gelagert, und Elsheim freute sich wieder dieses Anblicks, indem
er sich erinnerte, wie unbedeutend, unbestimmt und nicht kenntlich, ja gemein
und platt sich dieses Herumliegen von Menschengestalten auf unsern
gebruchlichen deutschen Theatern immer ausnimmt. Der Cadet, als Kosinsky, hatte
Beifall, doch schien dieser Aufzug gegen den vorigen gehalten, nur matt und
unbedeutend.
    Der vierte Akt war wieder um desto glnzender. Franz und Karl erheben sich
hier schon zur hchsten Leidenschaft, und obgleich Ehrenberg hinter der Szene
alles bereitgelegt hatte, was zur Umkleidung und Verstellung notwendig war;
obgleich ihm der gewandte Bassist die schnellste und aufrichtigste Hlfe
leistete, auch noch einige Diener eben dazu angewiesen waren: so erstaunten alle
Zuschauer dennoch ber die fast an Wunder grenzende Schnelligkeit, mit welcher
sich Ehrenberg fast unter ihren Augen und doch so unbegreiflich in das Gegenteil
von der Person verwandelte, als welche er nur soeben erschienen war.
    Ja, rief Dlmen immer wieder von neuem aus, das ist der echte Hokuspokus,
der in der Kunst so notwendig ist; ein ungebildeter Mensch knnte an Zauberei,
oder gar an ein Bndnis mit dem Teufel glauben. So gelangte man denn zu der
groen nchtlichen Szene am Turm. Die beiden Virtuosen hatten wieder eine schne
Hrnermusik besorgt, die sich in der Dmmerung sehr gut ausnahm. Auch jetzt
bewhrte sich die Bhne als sehr bequem und brauchbar, denn man hatte die Sulen
durch gemaltes Mauerwerk verhngt, eine scheinbar mchtige Eisentr verschlo
die innere kleine Bhne; aus dieser kam nun, nachdem Karl Moor den Turm geffnet
hatte, der alte Graf wie ein Gespenst hervor; und Anrede, Antwort und
Beschwrung des Greises, alles dies konnte gleich natrlich und verstndlich im
nahen Vorgrunde, allen bemerklich, geschehen; und das Zurckfahren des
Entsetzens, das stumme Spiel des Rubers, die Ohnmacht des Alten, alles dies
brauchte nicht erst aus dem Hintergrunde hervorgezogen zu werden. Diese
gewaltigen Szenen ben ihr Vollgewicht, auch ohne Genie dargestellt, aus,
wieviel mehr auf diese Zuschauer, die den besten Willen, sich tuschen zu
lassen, besaen, und dem Hauptschauspieler schon im voraus ihre Bewunderung
entgegentrugen.
    Im letzten Akt fhlte sich Leonhard vllig verstimmt, indem jener Traum des
Franz, den er zu dem Sublimsten rechnete, was die Poesie je hervorgebracht hat,
von dem Stmper so vllig entstellt, ja vernichtet wurde. Dieser war nur
bestrebt, stets erneuten Schrecken zu heucheln, Schwindel und Ohnmacht
anzudeuten, und alle jene kleinen Knste und Zuflligkeiten anzuwenden, die
vllig verschwinden mssen, wenn das Gewaltige und bermenschliche eintreten
soll. Nun strmten die Ruber Geschrei, Heulen, Fackeln, Schieen, kurz alles
fand sich wieder zur Genugtuung der Kunstfreunde, in berflle, Franz
erdrosselt, Schweizer erschiet sich; und die letzte Szene und der Schlu nahten
heran, sowohl zur Zufriedenheit der entzckten, als der vllig ermdeten
Zuschauer, zu denen vorzglich Elsheim gehrte, dem es aber, so erschpft er
auch sein mochte, nun noch oblag, als Wirt den wesentlichsten Teil seiner Rolle
zu bernehmen.
    Seit die Mutter zurckgekommen war, hatte er, da die Gesellschaft zu
zahlreich war, zwei Tafeln eingerichtet. An der zweiten, an welcher er selber
oft, sowie eine der Damen, sich niederlie, um keinen Rangstreit oder
Empfindlichkeit zu veranlassen, war auch Ehrenberg seit seiner Ankunft eingefgt
worden. Die Virtuosen hatten sich auch abwechselnd gern dort eingefunden, weil
der Ton hier freier, und das Wort lauter sein durfte. Als man sich daher
umgekleidet hatte, und man sich ordnen wollte, dachte er, auch diesmal den
Knstler in jenes Zimmer zu verpflanzen; die alte Freiherrin aber, die mit ihren
drei Tchtern auf Elsheims Bitte heut die Funktion der Wirtin bernommen hatte,
bestand darauf, da der Schauspieler neben ihr obenan als Knig der Tafel sitzen
msse. Noch lauter verlangte dies die Familie Bellmann und der alte Dlmen mit
seinen Begleitern. Schulz und Schulmeister, nebst einigen aus der Gemeine, der
Grtner, nebst dem Frster, sowie dessen Tochter, ergtzten sich also an jenem
zweiten Tisch, zu welchem sich auch freiwillig die beiden Virtuosen verfgten,
sowie der Professor Emmrich, der sich wohl schon hinlnglich an den
Kunstgesprchen und Kenntnissen jener fremden Gste erbaut haben mochte.
    Man war an beiden Tischen sehr frhlich, diesmal aber am vornehmeren ohne
Vergleich am lautesten. Als der Wein die Zungen beredt machte, sprudelten die
Herren von Einfllen und Bemerkungen ber. Man trank des Knstlers Gesundheit
unter Anklingen, Jubel und Geschrei. Er dankte und zeigte sich sehr verbindlich
und artig, vorzglich gegen die Damen. Ernestine, die zweite Tochter, wandte
kein Auge von ihm ab, so sehr war sie auch von seiner Persnlichkeit bezaubert.
Der derbe Forstmann war der erste, der, schon halb berauscht, fast unter
Freudentrnen mit Ehrenberg auf altdeutsche Weise Brderschaft trank; seinem
Beispiel folgte der dicke Amtmann, und endlich auch der korpulente Dlmen. Es
war ein Jubel von Biederherzigkeit und deutscher Gesinnung. Der lteste
Bellmann, von dieser Hochherzigkeit begeistert, stand ebenfalls auf, um in
derselben Weise mit Ehrenberg anzustoen; doch der Vater, der es noch zur
rechten Zeit bemerkte, zog ihn gelinde am Rockscho zurck, und ntigte ihn
wieder auf seinen Platz, indem er leise sagte: Nicht also, Freund Bastian!
Unterschied der Stnde und Geschlechter mu sein und bleiben; sich so zu
verduzen, auch mit dem allerbesten Knstler, geziemt unsereinern nicht. Trink du
Schmollis und auf Duz mit Kammerherren, Gutsherren und deinesgleichen, so viel
du willst, bis du unter den Tisch fllst, und dich vier Bediente nach Hause
tragen mssen, dagegen werde ich als leiblicher Vater nichts einwenden, aber
nicht mit Musikanten und solchen Leuten; denn, siehst du, wenn sie nun einmal
wieder mit dem Teller herumgehen, so bist du doch vllig blamiert und in
Kadenzierung.
    Trotz dieser Warnung aber ward Ehrenberg auf sein Gut eingeladen, ebenso wie
zu der Freifrau und dem Baron Dlmen. Sie nahmen sich vor, auch in ihren Husern
dieselbe, oder hnliche Komdien aufzufhren, und Ehrenberg sollte die Sache
anordnen, und die Shne des alten Bellmann zu solchen Knsten abrichten. Die
alten Damen sahen sich schon in zrtlichen und erhabenen Rollen in glnzenden
Schleppkleidern auf dem erleuchteten Theater.
    Sie bewundern mich zuviel, sagte der vom Lobe berauschte Ehrenberg in
einer Pause, und vorzglich auch deswegen, weil es mir vielleicht gelang, diese
beiden groen und wichtigen Rollen bedeutsam zu spielen; - was aber sagen Sie zu
jenem Wagestck, da ich mehr als einmal das ganze ungeheure Schauspiel ganz
allein aufgefhrt habe?
    Ganz allein, Mann, Bruder? schrie Dlmen beinah erschreckt; ganz allein,
du Herzensjunge? Tausend Sapperment, das nenn ich Kunst! Und mit den Weibsen und
den Liedern und dem Schieen und all den Hunden und den verfluchten
Bullenbeiern? Du bist ein groer Mann und mehr als wir alle, aber das kann ich
doch zeitlebens nicht begreifen.
    Es war jetzt nicht Zeit und Gelegenheit, begreiflich zu machen, unter
welchen Einschrnkungen und Bedingungen die Sache etwa nur mglich sei, denn die
Fhigkeit zu verstehen war so ziemlich, auch zum Teil die zu hren, erloschen.
Diese dithyrambische Verwirrung benutzte Bellmann, um seinen Shnen noch in
spter Nachtzeit durch sein Exempel ein heilsame Lehre einzuprgen; er erhob
sich mit seinem Glase taumelnd und lallend, die drei Shne muten ihm folgen,
einer hinter dem andern; so kam das Geschwader zu Elsheim. Der Alte hielt eine
kurze, unsinnige Anrede, und so sah sich Elsheim durch den symbolischen Akt des
Trinkens und Umarmens um vier Brder bereichert, die ihm, wenn er an Leonhard
dachte, in seine nur kleine Sammlung nicht zu passen schienen.
    bermdet stand man auf, indem fast schon der Morgen graute. Die Fremden
fuhren, nachdem sie noch einmal ihr Herz gegen Elsheim in den strksten
Danksagungen ergossen hatten, nach Hause. Elsheim, Leonhard und der Professor
konnten lange den Schlaf nicht finden, so verstimmt fhlten sie sich. Das
nmliche fast begegnete Ehrenberg, den aber der Schlummer floh, weil die
Entzckung nicht weichen wollte. So viel er auch schon erlebt haben mochte, so
war er doch noch niemals so verehrt, und sein Talent noch niemals in gleichem
Grade anerkannt worden.

Nur wenige im Hause hatten in dieser Nacht ruhig geschlafen. Selbst die Frauen,
die nur in der Ferne das Schieen, Schreien und Toben der Schlacht, die
Trompeten und das Hundegebell gehrt hatten, waren dadurch so aufgeregt worden,
da sie auch spterhin die erquickliche Ruhe nicht finden konnten. Die alte
Baronesse sagte: Es ist mit der Kunst eine sonderbare Sache, da zuweilen
solche fast greuliche Explosionen stattfinden, die dem ruhigen Menschen ein
Grauen vor der ganzen Erfindung beibringen knnten. In meiner Jugend hatte man
von dergleichen keine Vorstellung. Ich frchte nur, mein Sohn setzt sich in
diesen Extravaganzen fest, und trgt in seinem Kreise auch dazu bei, die schon
verwirrte Zeit immer mehr zu verwirren.
    Beim Frhstck, welches heute viel spter als gewhnlich eingenommen wurde,
verabredete man eine Spazierfahrt auf morgen, an welchem Tage die alte Dame eine
Familie in der Nachbarschaft in Gesellschaft der Tante besuchen wollte. Alle
waren erstaunt und zum Teil betrbt, als Elsheim erklrte, da er die Mutter
nicht begleiten knne, weil er seinen Freund Leonhard eine halbe Tagreise
bringen wolle, der morgen schon, von Briefen aus der Heimat gedrngt, das Schlo
verlassen wrde. Die Mutter beklagte den Verlust des freundlichen jungen Mannes,
dessen stilles, sicheres Wesen ihr immer so wohlgetan habe.
    Bei Tische war die Unterhaltung weniger belebt als sonst, da mancher zum
Teil noch die Ermdung des vorigen Tages fhlte, andere aber einer gewissen
Wehmut sich nicht erwehren konnten, weil der von allen geliebte Leonhard jetzt
aus ihrem Kreise scheiden sollte. Nach Tische beurlaubte sich dieser bei der
Mutter, welche ihn sehr freundlich entlie. Charlotte war gegen ihn ganz heiter
und unbefangen, auch so gesprchig, als wenn kein anderes Verstndnis je
zwischen ihnen obgewaltet htte. Sie drckte ihm wiederholt die Hand, lachte,
blickte ihn mit hellen Augen an, und wnschte ihm alles Glck, indem sie hoffte,
da sie sich spterhin wiederfinden wrden. Albertine sa abseits im tiefen
Fenster und trocknete unbemerkt einige Trnen. Als er zu ihr ging, sagte sie,
ohne da es die fern Sitzenden hren konnten, sehr gerhrt zu ihm: Mir ist, als
wenn mit Ihnen unser guter Genius von uns schiede; besonders verlt unsern
Elsheim mit Ihnen sein Schutzgeist. Ihnen mu es immer gut gehen, denn sie sind
selbst so gut. Ich kann mir kein besseres Glck denken, als Sie bis zum hohen
Alter hinauf zum Freunde zu haben; denn Sie sind echt und treu, in jeder Lage
des Lebens kann man sich auf Sie verlassen. Sie werden uns, hoffe ich, so wenig,
als wir Sie vergessen.
    Leonhard war gerhrt und kte innig bewegt ihre schne Hand. Es war ihm,
als msse er ihr die Versicherung geben, da sie sich gewi knftig noch fter
sehen wrden; doch unterdrckte er diese ungehrige Prophezeihung, indem er mehr
wie je von der fast berirdischen Schnheit dieses edeln Wesens ergriffen wurde.
In diesem Augenblick erschienen ihm Charlottens verfhrerische Reize gegen diese
adelige Klarheit wie verdunkelt, und zwar um so mehr, da er beim Umblicken auf
den Lippen jener ein halb boshaftes Lcheln wahrzunehmen glaubte.
    Bei den brigen beurlaubte er sich krzer. Mannlich war nicht zugegen; auch
Graf Bitterfeld nicht, der, nachdem ihn eine Unplichkeit einige Tage auf
seinem Zimmer festgehalten, heute den Knstler Ehrenberg zu seinem Freunde, dem
Baron Dlmen, begleitet hatte. Die Virtuosen nahmen von ihm einen
leichtfertigen, heitern Abschied, denn sie waren des bewegten Lebens zu gewohnt,
als da irgend etwas sie htte ernster stimmen knnen. Nur die kleine Dorothea
sparte sich noch einen Augenblick auf dem einsamen Korridor auf, um ihm recht
herzlich zu seiner Reise Glck zu wnschen. Die Kleine konnte sich der Trnen
nicht enthalten, weil sie mit groer Rhrung dabei ihrer Freundin Albertine
gedachte.
    Spterhin ging Leonhard auf das Zimmer seines Freundes. Vielfache Gesprche
wurden noch gewechselt, mancherlei Erinnerungen geweckt. Wir scheiden noch
nicht, sagte Elsheim endlich, denn ich begleite dich morgen noch einige
Meilen. Im Winter sehen wir uns dann aber in deiner Stadt wieder. Nicht wahr
diese Zeit hier ist fr uns beide eine sonderbare Schule gewesen?
    Das Bewutsein, da ich etwas gelernt habe, antwortete Leonhard, mu sich
wohl erst spter bei mir melden; denn jetzt bin ich noch zu betubt, um das nahe
Vergangene, das eben Erlebte fassen zu knnen.
    Leonhard stand auf, als wolle er gehen, kehrte aber wieder zurck. Elsheim
hatte wohl im Lauf des Gesprchs gefhlt, da sein Freund von irgend etwas
gehemmt und gedrckt werde, und doch scheute er sich, den Namen Charlotte zu
nennen, weil es ihm schien, als wolle Leonhard ihm etwas mitteilen ber sie.
Endlich fate sich dieser ein Herz, nahm einige Briefe aus seiner Tasche und
sagte hastig: Erzeige mir die Freundschaft, diese drei Briefe, in jeder Woche
einen, in mein Haus zu senden; ich habe sie geschrieben, als wenn ich noch bei
dir wre. Ich ahnde, da ich diese reizenden Fluren nie wiedersehen werde; daher
will ich mich noch einige Tage in diesen Gegenden, die ich immer so sehr geliebt
habe, ergehen, und mag nicht von der Landstrae, wie ein Umstreifer, nach Hause
schreiben. Sollten von dort Briefe ankommen, wie ich nicht glaube, so hebe sie
mir auf, bis ich dir melde, wohin du sie schicken kannst.
    Elsheim konnte es nicht unterlassen, seinen Freund mit einiger Verwunderung
zu betrachten; dieser entfernte sich in sichtbarer Verlegenheit, und als sich
der Baron allein sah, sagte er zu sich: Man lernt einen Menschen doch niemals
vllig kennen, und dieser gar ist einer der verwunderlichsten. Wie ernsthaft und
dringend kndigte er mir ganz neulich das Wesen und Treiben hier auf; sein
Handwerk, seine Pflicht, seine Gattin, alles rief ihn gebietend und schnell in
seine Heimat; - und nun, ohne meine Verfhrung, wie er es nennt, geht er gar auf
eigne Hand aus, um wei der Himmel welche Abenteuer zu suchen und zu erleben. Es
ist wohl etwas in uns, ein starker Magnet, der unwiderstehlich zu einem
unsichtbaren, aber mchtigen Magnetberge hingezogen wird.
    Indem sich Leonhard auf sein Zimmer begeben wollte, lief ihm der Professor
Emmrich, der lange geschlafen hatte, und auch nicht am Mittagstisch erschienen
war, entgegen. Sie reisen? rief er und umarmte ihn herzlich: das beste Glck
begleite Sie auf allen Ihren Wegen, denn Sie verdienen es. Ich hoffe, knftigen
Winter in Ihrer Heimat zuzubringen, vielleicht immer dort zu wohnen, und in
diesem Fall gehrt es zu meinen besten Wnschen, da aus unserer Bekanntschaft
hier sich eine wahre Freundschaft bilden mge. Ich habe es Ihnen wohl angemerkt,
da Sie nicht so ganz in das etwas wste Getreibe hier passen. Ihre Seele ist zu
ruhig, Ihr Geist zu ernst, als da er sich lange in der Unruhe gefallen knnte.
    Auf sein Zimmer angelangt, fhlte Leonhard jene Beklommenheit, die uns immer
anwandelt, wenn eine Periode unsers Lebens beschlossen wird, und eine neue
anhebt. Jene trbe Angst qulte ihn, indem er nun den Ort, und wohl auf immer
wieder verlassen sollte, in welchem er sich fast wie in eine Heimat eingelebt
hatte. Sein Geist durchwanderte mit Wehmut die Sle und Zimmer, die sich ihm nun
auf immerdar verschlossen, die hinter ihm wie in ein Nichts verschwanden. Er
erinnerte sich des Abends, an welchem er angekommen war; wie sonderbar die
starken Mauern, der Eingang, der Vorplatz ihn begrt hatten; wo das groe,
weite Zimmer ihn empfing, welches oft zum Speisesaal benutzt wurde; und hinter
diesem der weite viereckige Gartensaal, in welchem sich bei schnem Wetter die
Gesellschaft fast immer versammelte. Rechts und links die vertraulichern
Cabinete, und weiter entfernt die Wohnzimmer der Mutter, die es gern vermied,
die Treppen, so breit und bequem sie auch waren, zu besteigen. Oben waren die
verschiedenen Gastzimmer und der weite, ausgedehnte Rittersaal, der, bevor
Leonhard das Theater darin aufgeschlagen hatte, so wst und leer, so de und
schauerlich aussah. Er gedachte auch des fern liegenden Zimmers, welches, neben
den Gemchern der Domestiken, der alte Joseph bewohnte, und das dieser so
sonderbar und altertmlich ausgeschmckt hatte, als eben der freundliche, stets
zierlich gekleidete Greis selber zu ihm trat. Ich lasse es mir nicht nehmen,
rief er aus, Ihnen packen zu helfen; denn das brige Volk hier ist zu solcher
Arbeit zu ungeduldig und viel zu ungeschickt. So ein recht anstndig gefllter
Koffer oder Mantelsack mu ganz wie ein vollstndiger Mensch sein, jedes an
seiner Stelle. Es ist nicht genug, da die Sachen darin liegen, oder nicht
verderben; man mu auch leicht alles finden knnen, und Herz mu nicht mit Kopf,
Magen mit Hand und Fu in Widerstreit geraten. Er lchelte, und bemchtigte
sich sogleich, indem er keine Widerrede gestattete, des Mantelsacks. Auch zeigte
er sich als Meister, indem er mit Sicherheit alles, ohne Kleidern und Wsche
Gewalt anzutun, einzufgen wute. Ja, lieber Herr Leonhard, sagte er dann
selbstgengsam, sehen Sie nur zu und merken Sie es sich, denn Sie knnen, so
geschickt Sie auch sein mgen, hier noch etwas lernen. Seit funfzig Jahren und
lnger habe ich bei allen Reisen fr die Baronin, den seligen Herrn und schon
dessen Vater das Einpacken besorgt, weil man es mir am sichersten anvertrauen
durfte. Bei keinem Geschft in der Welt ist die Langsamkeit so sehr die wahre
Eile, als bei diesem. Sie sehen, mein Plan ist vorher gemacht, und nun mu sich
auch alles wie von selber schicken.
    Leonhard mute die Sicherheit bewundern, mit welcher der kleine behende Mann
hantierte, ohne da er je ntig hatte, ein Stck anders zu legen, als er es
gleich bestimmt hatte. So schlo sich bequem der Mantelsack, und Joseph sagte
dann: So sollte es freilich mit allen Geschften in der Welt sein; aber das ist
denn doch nicht mglich. In der Wissenschaft mag es sein wie im Staat, in der
Regierung wie im Denken; es ist allenthalben ein berlei bei wichtigen Dingen,
das sich nicht so bequem will einpressen und quetschen lassen. Ja, ja, die
grte Kunst ist dann wohl Ausbeugen, Gutmachen, oft fnfe gerade sein lassen,
wo die gerade Zahl doch auch nicht zum Ziele fhrt.
    Leben Sie denn wohl, lieber Herr Joseph, sagte Leonhard; ich danke Ihnen
fr alles, auch fr diese Ihre gtige, freiwillige Hlfe. Der Alte gab ihm die
Hand; und sowie er jetzt in das feine redliche Gesicht des berhrigen Greises
schaute, in diese immer noch so klaren Augen, konnte er es nicht unterlassen,
den alten Diener recht herzlich zu umarmen. Joseph schien gerhrt und sagte
dann: Mann, Sie sind ein ganzer Mann! Bleiben Sie so, in dieser edlen, noblen
Manier, und lassen Sie sich in Zukunft nicht wieder fr einen Professor
ausgeben.
    Wie meinen Sie? fragte Leonhard erstaunt.
    Was ist denn auch ein Professor so Groes, schwatzte jener weiter; aber
ich kenne darin unsern jungen leichtfertigen Herrn, der die Leute gar zu gern
zum besten hat. Ich vermutete gleich so was, als Sie mir den tiefen Diener beim
Aussteigen machten, wo Sie mich fr meine Herrschaft hielten. Waren Sie vornehm
als Professor, der schon viel mit Adeligen gelebt hatte, so warteten Sie, falls
ich wirklich Graf oder Marquis war, geduldig, bis Sie sich mir vom Baron erst
hatten vorstellen lassen. Und als ich Sie nun beim Theaterbau so rstig und
ttig sah, wie Sie bei allem selbst Hand anlegten, wie geschickt Sie, ohne erst
mal zu probieren, den Hobel fhrten - was ein schweres Ding ist, wie ich es aus
eigener Erfahrung und Stmperei wei - wie Sie mir dann ein paarmal die Hand
gaben: da hatte ich es mit aller Sicherheit weg, da Sie ein Professionist, und
zwar ein Tischler sind. Ja, Mnnchen, die Hnde, die sonst hbsch sind und gut
gebaut, mssen Sie einem jeden Kenner verraten. Denn Bein Wuchs, Kopf, Mund,
alles kann Anstand und Feinheit gewinnen, aber die harten, um ein weniges zu
groen Hnde, knnen Sie so wenig, als ich die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen,
loswerden. Und wozu auch? Ich habe mich um so mehr an Ihnen gefreut und keinem
Menschen von meiner Entdeckung gesagt. Ach, die Vornehmen! sie mssen ja immer
mehr und mehr das Regiment in unserer verwirrten Welt verspielen. Nicht wahr,
dieser Graf Bitterfeld, und gar diese Herren Dlmen, Bellmann, und wie sie alle
heien mgen, diese werden viel ausrichten? Die Figuren hier auf dem Teppich,
diese Sterne, nicht wahr, sie machen das Muster? Gewi, und jedes Auge sieht sie
auch gleich dafr an. Der Grund wird nur beachtet, weil er diese Formationen,
welche die greren und kleineren Sterne bilden, hervortreibt. Aber ist es nicht
derselbe Faden, der Grund und Stern macht, das Bemerkte und Unbemerkte? Das hat
die vornehme Welt schon seit zu lange vergessen. Nun veralten, verbleichen die
Sterne, die Fden reien ab, und der dunkle Grund wird die Hauptsache. Glauben
Sie mir, wir sind an der Zeit, und zwar ganz nahe, da viele Handwerker so fein,
klug und gebildet sein werden, wie eben Sie. So wie der gemeine Mann sich mehr
fhlt, und seine unntze Verlegenheit vor den Hheren ablegt, so ist er durch
sich selbst schon gescheiter. So dachten sie aber, die Armen, da man ihnen so
vieles von ihrem frheren Recht genommen hatte, sie mten sich krmmen und
bcken, und wenn sie unter sich wren, grob und ungeschliffen sein. Darein
setzten sie dann ihre Freiheit. Sind erst viele so, wie Sie, Mann - und gewi
gibt es schon viele, und sie werden noch wachsen: so darf das Volk auch wieder
mitreden. berhaupt, Herr Leonhard, es mssen andere Zeiten kommen; die Welt hat
sich abgenutzt; sind Sie nicht auch der Meinung? Der Malvolio wird gehnselt und
abgesetzt; aber der Narr, so viel hbsche Einflle er auch hat, wird doch
hoffentlich auch nicht zur Regierung kommen?
    Mit diesen Worten entfernte sich der redselige Alte.

                               Sechster Abschnitt


Frhmorgens fuhr Leonhard mit Elsheim vom Schlosse ab. Alles schien noch im
Hause zu schlafen; nur Joseph begleitete die beiden Freunde bis an den Wagen.
     So wre denn, fing Leonhard an, diese sonderbare Lebensepoche fr mich
beschlossen. Wie hat sich alles so anders gestaltet, als wir es uns beim
Ausreisen vorbildeten! Wann sehe ich dich wieder?
    Ich hoffe, antwortete der Freund - ich mchte sagen, ich wei es gewi -
im Winter. Dein Leben hier, sagst du, sei beschlossen; das meinige freilich noch
nicht.
    Sie sahen jetzt in der Ferne, rechts vom Wege, jene Waldhtte liegen, die
ihnen beiden so merkwrdig war. Ich verstehe deine Blicke, Freund, rief der
Baron aus, und ich erkenne die Gre deiner Freundschaft auch darin, da sie mir
dies Opfer hat bringen knnen.
    Nenne es nicht so, sagte Leonhard ernst; in gewissem Sinn ist unser
ganzes Leben eine Aufopferung. Wie wenige unserer wahren Wnsche knnen sich
erfllen! und diejenigen Trume, welche eintreffen, sind, in Wirklichkeit
verwandelt, oft sich unhnlich, nicht wiederzuerkennen. Und so tragen, dulden,
zweifeln und genieen wir im wechselnden Taumel und trauriger Nchternheit. Die
Jugend fllt von uns ab; selbst das Heiterste dnkt uns tricht; man setzt sich
an die Tafel, um zu schwelgen, und steht darbend und ernchtert auf, weil uns
die frheren Gelste anwidern!
    Sei nicht so melancholisch, rief Elsheim, sonst verdirbst du mir meine
eigene Lust.
    Der Wald empfing sie, und der Anblick des Schlosses entschwand ihnen. Ja
wohl, sagte Elsheim, entschwindet uns die heitere Unbefangenheit der Jugend;
auch mich drckt dieses Gefhl. Man wird nicht klger, sondern nur zweifelnder
und trger. Aber eben darum wollen wir die Neige dieses Gtterweins behaglich
und schlrfend genieen. - Sieh, sagte er mit erhhter Stimme, jetzt sind wir
schon in Franken.
    Leonhard sah um sich, und Elsheim fuhr fort: Da du es mir gestanden hast,
da du dein teures Nrnberg in heiliger Andacht, wie ein Wallfahrer besuchen
willst, so bist du auch wohl so gefllig, diesen Brief dort abzugeben. Er eilt
gerade nicht, darum kannst du ihn nach deiner Bequemlichkeit bestellen; aber
vergessen wirst du ihn nicht.
    Gewi nicht, sagte Leonhard, und legte das Blatt sorgfltig in seine
Brieftasche. Im nchsten Stdtchen machten sie halt, erquickten sich und nahmen
Abschied. Leonhard war ganz trumerisch, und hrte nur wenig von dem, was ihm
der Freund noch sagte. So schieden sie, und auch Elsheim war zerstreut, weil
seine Phantasie schon in jenem Waldhuschen war, wo er jetzt, nach wenigen
Stunden, die reizende Charlotte zu finden hoffte.
    Im Stdtchen nahm Leonhard einen andern Wagen, um eine Seitenstrae
einzuschlagen, welche ihn in wenigen Tagen nach seinem geliebten Nrnberg
bringen sollte. Whrend er so einsam weiterfuhr, sprte er seiner Verstimmung
nach, und suchte die Ursache dieses qulenden Migefhls zu entdecken. Er mute
es sich gestehen, da er seinem Freunde mit einem gewissen Neide nachgeblickt
hatte, indem ihm in frischem Glanz die Schnheit seiner lieblichen Feindin
vorschwebte. Auch die sichtbare Eile und Zerstreuung Elsheims beim Abschiede
hatten ihn verletzt. Aber noch eine Empfindung traf er an, die er sich erst
ableugnen wollte, und die dennoch immer wieder emportauchte. Er hatte seinem
Freunde und dessen Liebhaberei, sosehr er selbst dabei ergtzt war, doch eine
bedeutende Zeit geopfert; er war selber oft sehr ttig gewesen, und hatte bis
zur Ermattung gearbeitet. Alles dies wute Elsheim, und war selbst oftmals Zeuge
davon gewesen. Er hatte also erwartet, da ihm der Freund beim Abschiede
irgendeine Summe wrde aufdringen wollen, die er abzulehnen und nicht anzunehmen
fest beschlossen hatte. Noch in der Nacht hatte er sich die Reden und Grnde
wiederholt, die er dem Baron entgegenhalten wollte, um sein Verweigern auf jede
Weise zu rechtfertigen. Dieser Wettstreit der Freundschaft und Gromut war nun
nicht eingetreten; und - sagte Leonhard zu sich selbst - sollte mir das nicht
erwnscht sein, statt mich zu krnken und zu betrben? Ich war so fest
entschlossen, seine groen Ausgaben, die sein Leichtsinn wohl bis zum
Unverhltnis steigern mag, nicht zu vermehren - aber unser trichtes Herz ist
aus so seltsamen und feinen Fasern gewebt, die uns oft lange verborgen bleiben,
wie es eben jetzt meiner Eitelkeit wehe tut, da meine beabsichtigte Aufopferung
und freundschaftliche Gromut gar nicht zu seiner Kenntnis gelangt ist.
    Es fiel ihm bei, da er dennoch nicht mit leeren Hnden nach Hause
zurckkomme. Es war nmlich eine alte Verwandte gestorben, die ihm, gegen alles
Vermuten, zweitausend Taler vermacht, welche Nachricht er vor einigen Tagen
erhalten hatte. Er nahm sich nun vor, seine Rckreise ber die Stadt, wo sie
gewohnt, zu nehmen, um die Summe einzukassieren. Diese, sagte er zu sich, kann
ich dann meiner Friedrike als meinen hiesigen Erwerb vorweisen, damit sie sich
ber die Versumnis zufriedenstellt. Aber freilich, ein Verheimlichen zieht das
andere, eine Unwahrheit die zweite nach sich. Ist der gerade Weg des
alltglichen Lebens einmal verloren, so ist es schwer, die rechte Strae
wiederzufinden.
    Am Abend kehrte er in den Gasthof eines anmutigen Dorfes ein. Er ging noch
spt spazieren und fragte sich, warum ihn jetzt die Schnheit der Natur nicht so
rhre, wie es meistenteils sonst geschah, da er sich auf der Wanderschaft
befand.
    Er begab sich erst in das Haus zurck, als es ganz finster war, und berlas
noch einmal den letzten Brief seiner Friedrike. Ich lege dir, sagte sie am
Schlu, den sonderbaren Brief unsers Magisters bei, von dem ich dir schon
frher einmal schrieb; vielleicht bist du imstande, einen Sinn aus dem Wirrsal
herauszulesen, das meinen Verstand nur konfus macht. - Leonhard hatte in den
letzten Tagen auf dem Schlosse nicht die Zeit gefunden, das Schreiben mit
Besonnenheit durchzugehen; er las die Bltter jetzt in der stillen Nacht. Sie
lauteten also:

                     Meine vielverehrte und noch mehr liebe
                                Madame Leonhard!

Man kann nicht immer schweigen, wie es doch vielleicht geschehen sollte, weil
das Wort, wenn es aus dem Gewahrsam des Innern springt, oft, wie ein ungezogenes
Kindlein, Schaden stiftet, und auch die im Tumult verletzt, die es hegen und
pflegen, lieben und verehren mchte. Weil Dieselben aber, wie mein irdisches
Auge, wie mehr mein inneres, wohl bemerkt hat, durch meine Gebrden gengstet
werden; mein hastig Reden, mein ganzer Mensch, sozusogen, Sie erschreckt,
irritiert und an meinem Wesen konfus gemacht hat: so hasardiere ich dennoch die
gefhrliche Rede, und zwar nicht um zu sprechen (denn was sollen Worte, was
knnen sie, wo Stummsein alles Unaussprechliche sagt?), sondern um zu lallen, zu
seufzen, zu weinen, und die Rede soll nur in Gebrdung andeuten, weshalb sie
denn in Ohnmacht fllt.
    O wundersame Frau und Inbegriff aller meiner Gedanken, warum sind Sie denn
eine Frau, und warum hat mich der Herr als einen Mann erschaffen? da ich der
bin, der ich bin, und Sie selbst diejenige, als welche Sie im irdischen Wesen
erscheinen und sind! Konnte es denn nicht anders sein, und mute es durchaus
also ausfallen? Ich! vierzig und mehr Jahr lter, als Sie! O du mein ewiger
Schpfer, wo, was waren denn meine Gedanken und Fhlungen vorher, in der Zeit,
die doch die lngste meines Lebens mu gewesen sein bevor ich Sie kannte, oder
Sie gesehen harte? War doch damals kein Du in der Welt, und ich das ewig einsame
unglckseligste Ich! Einsam, allein - knnen Sie wohl nachfhlen, wie
erschrecklich das ist? O Du mein Du, wo bleibt denn, so frage ich alle Engel und
Geister, wo bleibt denn mein Ich, wenn ich an Dich denke, oder Dir gar in das
Auge schaue? O nein, ich schaue dann nicht mehr, es ist kein Actus meines
Selbst; ich werde geschaut und bin selig darin, da ich in diesem Geblicktwerden
zugleich geschaffen und vernichtet bin. So finde ich mich nachher auch wieder -
und frage immer: Wie kann das Ich, der scheinbare Alte, der in der Entzckung
untergegangen war, tot, dahin - wie kann er ein Ich noch sein und bleiben, um
sich, der auf immer fort war, zu finden und anzutreffen? Wer ist, was der
Findende, wer, was der Verlorne? Hiebei dreht sich mein ganzes inneres Wesen um,
und wird zum Schwindel, und auch mein uerer Verstand, mein alltgliches kaltes
Bewutsein will zu einem Geheimnis meines innersten, unsichtbaren, im
Todesschlafe trumenden Wesens werden. Ja, Frau, Wesen, Ewigkeit, Du, Du! darin
liegt alle Unschuld, und im Ich die Snde und Anklage. Warst Du nicht vor
langen, langen Zeiten ich? Ich Du? Eins, und im Einen die Wonne, da Du die
Seele meiner Seele die Seligkeit warst, nach der ich sehnte, und deren
Anschauung mir in der Andacht ward?
    Ach ja, es ist wohl die Spiegelung von einer fernen Spiegelung, die nur hier
hereinfllt, in unsere dermalige Schpfung und den wunderlichen Schlummer, den
wir unser Leben nennen: und so kam die Liebe und die Wollust in die Welt. Wie
unmndige Kinder, die sich weit, weit im grndunkeln Walde verloren haben: und
keiner hrt ihr verirrtes Angstwimmern und das Abbuchstabieren ihres
Klageliedes. Und so freilich, was kann ich alter, abgelebter Magister wnschen,
fordern oder begehren? Es hat sich alles nur in unsere verhrtete, zu Eis
gefrorene Welt hereingeschoben, da er als Schaugericht lockt und reizt, und uns
dann, wie jenem bermtigen Magister oder Doktor, dem Tantalus, versagt wird.
Trachtet nicht nach dem Unmglichen! Gut gesagt und leicht gesprochen, du
durchlauchtiges Vernunft- und Naturgesetz! Du hast immer recht, weil du immerdar
Unsinn aussagst. Wir knnen ja nichts anderes begehren und wnschen, als das
Unmgliche; das Mgliche, Verstndige besitzen wir ja immerdar, und wir haben es
ja nur, weil wir gar nichts darum und davon wissen, und wir achten es auch
deshalb nicht, und knnen es nicht achten, wenn wir auch wollten. Schon in
frhen, alten Zeiten hat man die sogenannten Giganten darber bitter kritisiert
und hmisch rezensiert, da sie haben den Himmel erstrmen wollen. ber solche
Kritikaster mchte man laut lachen, wenn es sich mit der Bescheidenheit
vertrge; denn was will denn jeder Wille anders, der ein Wille ist? Und wenn er
es nicht will, fllt er invalide und tot darnieder, und wei nicht mehr links
und rechts, aus und ein. Ich war wohl oft andchtig und verlor auch mein Ich in
der Andacht. Wo war ich dann, wenn ich noch war, als nur im Himmel? So ergeht es
mir auch wohl bei einem schnen Gedicht. Die Seele oder Ich - oder wie sollen
wir es nennen, wir Dummen, Stummen, Sprachlosen? - streckt alle viere von sich,
dehnt sich, erwchst zu einem Briareus mit hundert Armen, um zu fassen und zu
umarmen; - und pltzlich, um berselig zu werden - vergeht sie, verschwindet und
wird ein Nichts. Der Jupiter hat die Himmelstrmende in den Abgrund
geschleudert, und eben das war ihre hchste Wonne. Nun liegt sie unten, von
Felsen und Gebirgen erdrckt, selbst versteinert, das heit auf deutsch, sie
lebt nun wieder, sieht sich in der sogenannten Wirklichkeit, besitzt wieder, was
ihr vergnnt und erlaubt ist, das Vernnftige, Mgliche, das heit, ein mit
vielen trichten Phrasen weitlufig umschriebenes Nichts.
    Ja freilich wute ich dies alles nicht, bevor ich Dero Bekanntschaft
gemacht. Die dummen Geister der Natur und Notwendigkeit logen mir vor, ich sei
schon ber sechszig Jahr alt, da ich doch noch gar nicht einmal war geboren
worden. Und so, Verehrteste, bin ich freilich annoch zu jung fr Sie, was wieder
ein schlimmer Umstand ist, und wieder zu jener gttlichen, glorreichen
Unmglichkeit gehrt, die wir alle erstreben, wenn wir bei Sinnen, geschweige
gar in der Andacht sind. - Zeit! Wo ist sie? Wer kennt sie? Sie ist entweder ein
Nichts, oder ein allmchtiges Wesen. In der Andacht, im Anschaun, im Lieben ist
sie nicht. Nein, da kennen, sehen, fhlen wir sie nicht. Sie gehrt gewi zu
jener dummen Notwendigkeit, zu dem, was uns vergnnt ist. Aber freilich in ihr
fhlen, denken, sehen und trumen wir, alles im Pulsschlag und Zeitma; aber
doch nur, um im Ewigen, im Nichts, wenn wir dort im Entzcken angelangt sind,
diese Zeit zu vernichten. So Raum. Alberner, Schwacher, Nichtiger, und doch so
Allmchtiger!
    Nichtsnutziger Staub! warum schwatzest du also. Nmlich, ich wollte eine
Epistel schreiben. So flieen denn auch aus Feder und Dinte die Buchstaben,
Silben und Worte zusammen, die Linien, das Blatt wird voll, und abermals so
schwarz mit Strichen berzogen - ja wohl, das ist das Leben. Das Wort kann nicht
ohne Regel, ohne eine kalte, tote Bedeutung sein. Die Bedeutung eben bedeutet
nichts, das ist das Feine und auch ganz Grobe von der Sache. Du hast mir einmal
die Hand gedrckt. Das war Rede und A und O in einem Pulsschlag. Dein Auge! Gott
hat viel mit dem Auge ausdrcken wollen; doch die Menschen brauchen es nur zum
Nhen und Stricken. Freilich auch das Notwendige und Erreichbare. Aber wre es
denn so etwas Unntzes, wenn ein Magister, dem die Silben und Worte mehr zu
Gebote stnden, als mir Unwissenden, ber einen einzigen Blick einen dicken
Folianten schriebe? Und, beim Himmel, es gibt Blicke, wo er doch noch nicht zu
Ende kommen, und seine Materie (wie man sagt hier ist es aber Gottheit, Liebe,
All) doch nicht erschpfen wrde. Und da mir noch dies Anschauen vor meinem
Tode hat werden sollen, das ist es, sosehr ich auch leide und mich winde, wofr
ich meinem Schpfer den allerbrnstigsten Dank sage.
    Nimm es, das Blatt, Du mein Du, Du mein wahres inniges Ich, das I meines
Ich, oder der Geisterlaut unsers deutschen Ch, welcher das I krnt, nimm Du Du -
des Dus Du - das heit nach Menschensprache und mglicher sittlicher
Schicklichkeit staubwrts bersetzt: nehmen Dieselben, verehrte, liebwerteste,
schnste Madame Leonhard, nehmen Sie diesen Unsinn und sehen Sie ihn mit diesem
Blick an, mit dem Blick, der so oft aus Ihrer Seele kommt und selbst Seele ist;
dann wird das schwarze Gekritzel auf diesem Lumpenpapier auch mein ewiges
unsterbliches Ich sein, das dadurch magisch und mystisch zur gttlichsten
Vermhlung in Ihre Seele steigt; dann hast Du mich aufgetrunken, aufgesaugt und
aufgeblickt, und ich bin Du und gar nicht mehr
                                                     Dero ergebenster Flletreu,
                                                                        Magister

Mit sonderbarer Bewegung las Leonhard diesen Brief. Er glaubte ihn zu verstehen,
und legte ihn seufzend wieder in die Brieftasche. - Es war ja nur in anderen
Worten, was die Gedichte und Reime spielend und springend sagen wollen. - Erst
spt konnte er den Schlaf auf seinem Lager finden.

Als am andern Morgen Leonhard gestrkt erwachte, mute er sich erst besinnen, um
sich ermuntert zurechtzufinden. Ihm fiel das enge, niedere Gemach auf; er
fhlte, wie er sich in dieser Zeit in jenen hohen, weiten Rumen verwhnt habe,
und er pries in Gedanken die Reichen und Groen, da es ihnen vergnnt sei, sich
immerdar in gerumigen Zimmern und Slen zu bewegen, wo kein niederes Dach,
keine eng aneinanderrckenden Wnde ihre Gedanken bedrngen und ihre Gefhle
ngstigen. Als er den Gasthof verlassen hatte, war ihm aber so wohl und heiter,
er fhlte sich wieder so ahndungsreich und frisch, wie in jener Jugendzeit, die
er schon auf immer entschwunden glaubte. Jetzt waren es ungefhr zehn Jahre, da
er in diesen Gegenden gewandelt. Zwischen der Gegenwart und jener vergangenen
Zeit lag es wie eine unermeliche Kluft, und doch trat ihm ein Gefhl ganz nahe,
als wenn er jene wundervollen Tage noch mit der Hand abreichen knne.
    Jetzt mute er ber seine Empfindlichkeit von gestern lcheln. Sein Freund,
so reich er war, und wie sich sein Vermgen auch seit kurzem vermehrt hatte, war
so freigebig und gutmtig, hatte zu seinen abenteuerlichen Festen so viele Gste
in sein Haus geladen, da er es sehr natrlich fand, wenn dieser durch Geschenke
an einen wohlhabenden Freund seine Ausgaben nicht noch vermehrte. Auch das Bild
der Schnen, und jener dmmernden Stube in der Htte am Saume des Buchenwaldes
war schon in eine Ferne hinabgesunken, die zwar noch in Farben schimmerte, aber
doch schon der Schattenwelt angehrte.
    Ein anderer Vorwurf, den er sich selber machte, berschlich ihn jetzt in der
schnen Einsamkeit. Konntest du nicht, sagte er zu sich selber, schon vor Wochen
hier in dieser schnen Natur leben und wandeln? Ja wohl httest du jenen Zauber
frher zerreien sollen, der dich dort an goldenen Banden festhielt. Hier
durchwandre ich das schne Buch, in welchem ich meine Jugend noch einmal lese.
    Als er am folgenden Tage weiterfuhr, erschien es ihm wie ein Traum, da er
schon an diesem Abend in Nrnberg eintreffen solle. Die Sonne fing schon an zu
sinken, als er neben seinem Wagen einen jungen Mann wandeln sah, der ihm sehr
ermdet schien. Die Strae war beschwerlich, und da es Leonhard schien, als ob
der Reisende auch zur Stadt wolle, so lud er ihn ein, sich zu ihm zu setzen,
weil er auf diese Weise sicherer und schneller sein Ziel erreichen knne,
welches Anerbieten mit Dank angenommen wurde.
    Es begann schon zu dmmern, und da die Strae eben durch einen Wald fhrte,
so konnten beide ihre Gesichtszge nicht mehr genug unterscheiden, um in nhere
Bekanntschaft zu treten. Die Schatten der Bume streiften wechselnd ber sie
hin; indem jetzt der Wagen wieder auf einige Zeit langsamer und ruhiger ging,
begann der Fremde: Sie wissen es wohl schwerlich, mein Herr, wen Sie jetzt eben
so freundlich in Ihr Fuhrwerk aufgenommen haben?
    Nein, sagte Leonhard, denn ich habe Sie ja zuvor nie gesehen.
    Wenn ich nun ein Ruber und Mrder wre?
    Ich bin vom Gegenteil berzeugt, denn Ihr ganzes Wesen scheint friedlich
und wacker. Sie wollen mich vielleicht bei zunehmender Dunkelheit erschrecken,
aber ich bin nicht eben furchtsam.
    Sie knnen auch ganz ruhig sein, fuhr der Fremde lchelnd fort, ein
Ruber geht nicht leicht mit solchem kleinen bescheidenen Bndel, wie ich hier
neben mir liegen habe. Aber bei alledem sitzt ein sehr merkwrdiges Individuum
an Ihrer Seite.
    So?
    Ja, mein Herr, und Ihre Miene (die ich zwar nicht mehr genau unerscheiden
kann, da Sie vielleicht eben eine ziemlich hhnische machen), aber zugleich Ihr
Wesen, Ihre Sprache, alles flt Vertrauen ein, und so gestehe ich Ihnen denn
unter dem Siegel der Verschwiegenheit, da ich der einzige und zwar rechtmige
Sohn von Friedrich dem Groen bin.
    Leonhard war berrascht. Er machte den Versuch, sich etwas von der Seite des
Fremden zu entfernen; aber der enge Sitz des Wagens zwang ihn, in seiner
vertraulichen Stellung zu verharren. Sie wundern sich gewi߫, sagte der
Unbekannte, ich merke es an Ihrem Fortrcken; ja, es ist sonderbar genug, und
Sie knnen sich nun Ihr ganzes Lebelang rhmen, da Sie mit mir so unverhofft
zusammengetroffen sind. - Aber Sie sind so stumm?
    Ich begreife die Mglichkeit nicht. Der preuische Friedrich starb, wenn
ich nicht irre, im Jahre 1786, und Sie selbst scheinen mir, soviel ich sehen
kann, ungefhr von meinem Alter; mithin htte der groe Knig Sie noch in hohen
Jahren und nach dem siebenjhrigen Krieg in die Welt gesetzt.
    Richtig! rief jener, ich bin jetzt dreiig Jahr und 1772 geboren, und
zwar von der rechtmigen Gemahlin des groen Regenten. Und unmglich finden Sie
dergleichen? Lieber unbekannter Herr, was ist denn wohl einem solchen Geiste,
einem so ungeheuer groen Monarchen unmglich, einem Knige, der in seinem
Reiche vllig unumschrnkt herrscht, und keinem Menschen auf Erden von seinem
Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen hat? Ja, Herr, es kommen sonderbare
Schicksale in der Welt zum Vorschein. Wer viel reiset, erfhrt auch viel, und so
geht es Ihnen jetzt. Und darum ist es eben recht verdrlich, wenn die
Ofensitzer alles besser wissen wollen. Nicht wahr?
    Allerdings, sagte Leonhard, der nun schon nicht mehr zweifelte, mit wem er
es zu tun habe.
    Sie wissen es gewi߫, erzhlte der Fremde mit der grten Ruhe weiter,
welche Faktionen sich in den letzten Jahren des groen Knigs schon am Hofe und
im Lande gebildet hatten. Mit Drohungen wurde der armen Knigin so zugesetzt,
da sie die Geburt des rechtmigen Prinzen verschwieg. Der vorige Knig
beherrschte nun als nchster Thronerbe bis etwa vor vier Jahren das Land, und
ich gnne auch dem jetzigen Herrn seine Wrde und sein Glck, denn er ist wacker
und tugendhaft; und berhaupt - wenn ich auch mit meinen Ansprchen hervortreten
wollte, so hat jene Kabale es leider so fein angezettelt, da ich wohl schweigen
mu.
    Aber wie haben Sie, da man Sie in Windeln raubte, erfahren knnen, da Sie
der Geburt nach der rechtmige Knig sind?
    Der Fremde schwieg eine Weile, als dchte er dieser Frage nach. Wenn Sie
die Kupferstiche vom groen Friedrich ansehen, sagte er dann, und betrachten
morgen beim Sonnenlicht meine Physiognomie, so wird Ihnen gar kein Zweifel
brigbleiben. Und nachher habe ich darber sehr authentische und wichtige
Papiere, die mir von Mnnern, die aber unbekannt bleiben wollen, zugefertigt
sind. Die Sache leidet wirklich keinen Zweifel; auch bin ich ganz fest davon
berzeugt. Im Jahre 1792, als die Koalition geschlossen war, und die deutschen
Heere gegen Frankreich marschierten; - o mein Herr - da war in meinem Leben ein
groer, ein einziger Moment. Die Republikaner nmlich und Dumouriez und die
Begeisterung in Deutschland und La Fayette und der National-Convent, ja durch
heimliche Emissre der Knig von Frankreich selbst, alle forderten mich dazumal
auf, mich zu erklren, ffentlich aufzutreten, um durch mein Wort alle jene
Rstungen zu entwaffnen; als groer deutscher Frst dann die gute, verkannte
Sache zu vertreten und so mit Lorbeeren und unsterblichem Ruhme mein
jugendliches Haupt zu schmcken.
    Ei, sagte Leonhard, diese einzige Gelegenheit und groe Aufforderung
htten Sie doch benutzen sollen.
    Glauben Sie denn, sprach der Fremde mit bewegter Stimme, da mein Ehrgeiz
damals nicht rege genug gewesen wre, um durch diesen Gedanken mein jugendliches
Blut zu erhitzen? Aber die jesuitische Klugheit jener Kabale hatte ja alles fr
alle Zeiten unmglich gemacht. Htte man mich entfhrt und irgendeinem
Handwerker bergeben, in fremde Lnder oder nach Amerika gesendet, ja htte man
mich an die Zigeuner verkauft, so war es mglich, mit Ehren hervorzutreten, ja
der letzte Umstand htte der Sache wohl gar eine romantische Farbe gegeben; aber
so hatten die Bsewichter mich unter die Juden gesteckt. Ja, sehen Sie, Sie
lachen, Sie knnen nicht anders, und das ist die Ohnmacht, die mich lhmt, die
mir jede Unternehmung unmglich macht; denn das Lcherliche ist so allgewaltig,
so unberwindlich, da alles, was es nur erreicht, sich vor ihm beugen mu.
Htte ich nun damals den Anforderungen gengen und auftreten wollen, und man
htte in Europa pltzlich vernommen, der echte Knig von Preuen ist erschienen,
die ganze Gestalt der Dinge mu sich verndern, in ihm wirkt der Geist des
groen unsterblichen Friedrich - und nun fragte Europa. Wer ist dieser junge
Held? - und vernhme die Antwort: Ein Judenjunge! - so wrde ja ganz Europa nur
in ein lautes Lachen ausgebrochen sein, so wie Sie jetzt selber lauter und
lauter lachen, was mich eigentlich beleidigen sollte, wenn die Sache nicht
wirklich so beraus komisch wre. - Lachen Sie also nur zur Genge mein Herr,
ich finde Ihre Lustigkeit ganz natrlich.
    Leonhard zwang sich, wieder ernsthaft zu werden, um den Unglcklichen nicht
zu krnken, weil die Erlaubnis zum Auslachen doch vielleicht nicht ganz aus
seinem Herzen gekommen war. - Seitdem, fuhr dieser dann fort, sind nun wieder
zehn Jahre vorbergegangen, und ich habe mich immer ruhig verhalten, welches die
hohen Potentaten wrdigen und mir zugute schreiben sollten. Das ist aber nicht
der Fall, denn man lt mich immer in meiner Armut bleiben, ohne sich um mich zu
kmmern. Eins aber knnte man tun, da ich ja keine weiten Lnderstrecken, oder
groen politischen Einflu verlange, mir nmlich das liebe gute Nrnberg
schenken, welches ich so auerordentlich hochschtze. Das Stdtchen hat wirklich
was Allerliebstes, und wer Sinn hat fr das Heimische, Altdeutsche, so
Altfrnkische, der wird auch ebenso in das niedliche Nrnberg vernarrt sein, wie
ich. Wre das aber den Regierenden immer noch zuviel, so sollten sie mir doch
wenigstens die Sebald-Kirche als mein Eigentum berlassen.
    Da Sie aber zu der israelitischen Gemeine gehren, sagte Leonhard, was
wollten Sie mit dieser christlichen Kirche anfangen?
    Erstens, antwortete jener, wnsche ich sie mir, weil ich sie so
unaussprechlich liebhabe. Das ist ein Kirche, sehen Sie, wie man wohl sagen
mchte: Gerade so mu eine Kirche sein! Lorenz ist auch nicht bel, kommt aber
nicht gegen meinen Sebald. Und, verstehen Sie denn nicht? Ich htte ja immer
noch den grten Vorteil davon. Die Nrnberger gehen sehr gern in ihre Kirche;
sie ist immer gedrngt voll. So vermietete ich denn meine Kirche an die
andchtige Gemeine, da die Leute doch auch ihre Freude am Gottesdienste
bezahlen mten. - Ich habe auch wirklich Lust, mich nchstens dem Knige von
Preuen persnlich vorstellen zu lassen, und ihm das Geheimnis zu erffnen. Dann
werden wir ja sehen, wozu er sich herbeilassen wird. Denn ganz umsonst darf er
es doch auch nicht haben, da ich ihm so ungestrt Krone und Szepter gnne.
    Es wurde Leonhard peinlich, lnger das Geschwtz des Trichten anzuhren; er
fragte also, um abzubrechen, wo man wohl in der Stadt am besten einkehre, und
der Plauderer sagte: O ja nirgend anders, als im goldnen Rad-Brunnen. Da sind
zwei alte, prchtige Leute, und ich bin auch viel da, und ein junger Freund, ein
frommer, stiller Mann, der Braueigner Lamprecht. Wir bilden dort oft ein sehr
geistreiches Konvivium. Im roten Ro ist es auch immer noch gut, aber viel
teurer; denn der Gasthof bleibt bisher noch der erste in der Stadt. Aber beim
Rad-Brunnen wollen wir absteigen; es ist ja auch sehr mglich, da mein Freund
Lamprecht Sie bei dieser Gelegenheit gleich bekehrt; denn Sie sind doch gewi
noch ein Weltkind, das habe ich vorher wohl an Ihrem Lachen bemerkt. Und der
Lamprecht hat eine auerordentliche Force im Bekehren; ehe man sich's versieht,
ist man fromm geworden. Es ist eine wahre Lust, wie es ihm von der Hand geht.
Ja, ja, das wird einen rechten Spa geben, wenn Sie so in sich schlagen und
einen ganz neuen Menschen anziehen. Haben Sie's wohl schon mal probiert? Es wird
einem dabei ganz schnurrig zumute. Aber nachher die unendliche
Seelenbefriedigung, und unserm Herrgott so viel nher zu rcken durch solche
Protektion: das ist doch auch mitzunehmen.
    So ging es wieder unermdet fort, nachdem er diese neue Strae eingeschlagen
hatte. Leonhard hrte wenig mehr hin und freute sich, als sie in das Tor
hineinfuhren. Es war schon spter Abend, und aus allen Fenstern schienen ihnen
die goldenen Lichter entgegen, als sie durch die groe Stadt und die herrlichen
Gassen zwischen den hohen Husern hinrollten. In diesen Augenblicken fhlte sich
Leonhard sehr glcklich, sich als ein ganz Einsamer und Unbekannter in der
Fremde zu befinden, sich seiner Jugend zu erinnern, und die damals empfangenen
Eindrcke zu erneuern. Man hielt wirklich jetzt vor dem Rad-Brunnen, und die
Diener kamen den Reisenden freundlich entgegen. Ei! Herr Franke, kommen Sie
auch schon wieder? riefen sie, und begrten so mit Handschlag und Lachen den
Trichten.
    Dieser dankte nur kurz und obenhin seinem Reisegefhrten, um sich eifrig
nach Lamprecht zu erkundigen. Man wies ihn nach einem entlegenen Stbchen, in
welchem dieser Freund schon seiner harre, obgleich man geglaubt, der Reisende
knne erst morgen kommen. Als Leonhard die freundlichen Wirtsleute begrt und
sein Zimmer in Augenschein genommen hatte, trat er mit hoch klopfendem Herzen
seine Wanderung durch die geliebte, ihm so bekannte und doch jetzt fremd
gewordene Stadt an. Wie feierlich begrten ihn die hohen Kirchen, rtselhaft
aus der dunkeln Nacht hervortretend. Er stieg die kleine Anhhe bei Sebald
hinauf, wo er auch ehemals so oft gestanden hatte, und sah wieder die
erleuchteten Huser gegenber. Dann ging er nach der Lorenzkirche, stand bei dem
knstlichen Brunnen still, und hrte andchtig dem Gepltscher und Plaudern
seiner feinen Wasserstrahlen zu. Er kehrte um, ging die Strae hinauf, und unten
an der einsamen, stillen Burg vorber. Er freute sich, da er selbst in der
Nacht das Haus wiedererkannte, in welchem Albrecht Drer gewohnt, so fleiig
gearbeitet und so viele Schmerzen erlitten hatte. Er fhlte sich wunderbar
gerhrt, und jedes Wort Vorbergehender, im bekannten frnkischen Dialekt
gesprochen, ging durch sein Herz. So kehrte er um, und zauderte noch den Gasthof
zu betreten, um diese poetische Stimmung nicht zu vernichten. Wie glcklich,
sagte er zu sich selbst, eine solche alte edle Stadt als seinen Geburtsort zu
kennen, in ihr zu erwachsen und sich mit jedem Denkmal, jedem merkwrdigen Stein
vertraut zu befreunden. Alles Groe, Edle, Wunderliche gehrt dem Eingebornen,
er erlebt es tglich von neuem; jeder Gedanke und jede Vorstellung wchst mit
den frheren Jahrhunderten und ihren Begebenheiten zusammen; jeder Vorsatz, jede
Arbeit klingt wie ein ntiger, schner Ton in das vollstimmige Konzert hinein,
das immerfort musiziert, und so alles, was entsteht und sich neu erzeugt, in
seine wohlttige Regel und ihren Wohlklang zart und mtterlich aufnimmt.
    Als er in den Gasthof trat, fand er nur wenige Menschen an der Tafel, eine
stille Gesellschaft, die seine Gedanken und Gefhle nicht strte. In der Nacht
schlief er gut in seinem ruhigen Zimmer, und erwachte erquickt und neu gestrkt
mit der Frhe des Morgens.
    Es war Sonntag, und indem er die Glocken schlagen und luten hrte, war es
ihm so heimisch, so bang schaurig und so heiter und still sehnschtig, wie in
der frhesten Kindheit. Er lie diese Sabbatstille in seinem Herzen gewhren,
und die Gestalten und Gefhle ruhig beseligt walten, die aus seinem Innern, wie
aus unsichtbarer, lautloser, ferner Gegend, emporquollen und ihn anlchelten. -
Wie sonderbar dnkte es ihm, da gar viele hochbegabte Menschen einer
Absonderung von den brigen, einer Sekte und in dieser wieder der Redensarten,
der willkrlichen Zeichen bedrften, um sich fromm zu fhlen. Welche Sigkeit
des Himmels entfaltet sich so oft, und verbreitet sich durch unser ganzes
Innere, wenn wir den Engel nur gewhren lassen, der mit melodischem Flgelschlag
den Teich anrhrt, da seine bewegten zitternden Wogen mit heilender und
heiligender Gesundheit emporrauschen.
    Bei diesen Worten kam der alte Joseph und dessen Grillen ber Sprache in
seine Gedanken, und um nicht ganz sich in Trumerei zu versenken, ging er in das
gemeinsame Zimmer, um sein Frhstck zu genieen. Der trichte Franke lief jetzt
durch die Stube indem er einen schnen jungen Mann an der Hand herzufhrte, in
dessen frommer Miene und stillem Wesen Leonhard jenen Lamprecht, den ihm der
Unkluge geschildert hatte, zu erkennen vermeinte. Sie begrten sich gegenseitig
und verabredeten mittags an der Wirtstafel sich wiederzufinden. Leonhard eilte
in die Sebaldkirche, und die vollen Orgeltne begrten ihn. Durch die gemalten,
bunten Fenster schien die Sonne, und brach den scharfen Strahl in den
schimmernden hellen und lieblichen Farben. Als wenn durchsichtige leuchtende
Decken in Farbenpracht vom hohen Gewlbe niederhingen, so harmonisch verbanden
sich die schnen Fenster mit dem ehrwrdigen schattenreichen Gebude, das sie
sanft erhellten. Die Kanzel, Sebalds schnes Grabmal, die merkwrdigen Bilder
sah er jetzt nur aus der Ferne, um den Gottesdienst nicht zu stren. Auf die
Predigt konnte er nicht eben achten, denn seine Trume bertnten das lehrende
Wort des gutmeinenden Priesters. Er entfernte sich wieder still, um auch die
schne Lorenzkirche in dieser Stimmung zu besuchen, deren leichtere Bauart und
schlankere Sulen fast frhlich gegen des Sebaldus-Doms ernsteren Charakter
abstechen. Er lie seinen Genius gewhren, der heut in seinem Innern waltete,
und den Vorhang vom Allerheiligsten zurckschlug. Wer diese Tempel-Empfindung
niemals gefhlt und erlebt hat, der wird es schwerlich begreifen, da Leonhard
sich in einen Winkel verbarg, um seine Trnen unbemerkt strmen zu lassen.
    Als er sich an diesem wollstigen Weinen ersttiget hatte, wandelte er
wieder bei sonntglicher Stille durch die herrliche Stadt, Wieder erfreute er
sich, wie vor Jahren, der Blicke auf den Brcken ber das Wasser hin, und die
wundersamen hlzernen Galerien, die, geschnitzt, bemalt, husliche Arbeiter
zeigten, oder spielende Kinder, oder sinnende Menschen, die sich ber das
Gelnder lehnten. Er trauerte ber jede Vernderung, die er wahrnahm, und die
die Einwohner wohl eine Verbesserung nennen mochten. Viele der wunderlichen
Gemlde hatte man ausgelscht; so die Riesen in der Nhe des roten Rosses,
welche Otnit, Hildebrand, Dietrich von Bern und andere Helden der alten
deutschen Gedichte vorstellen sollten. Viele Huser waren mit jenem aufgeklrten
Wei oder Hellgelb berzogen, an welchen vormals Engel und schwebende Marien
prangten; manche neue Gebude zierten sich mit jenem negativen Stil der neueren
Architektur, und nahmen sich in Leonhards Augen neben den echten alten
Brgerhusern nur widerwrtig aus. So, geteilt in Zorn und Freude, kehrte er in
seinen Gasthof zurck.
    Aber welch unangenehmes Gefhl berraschte und strte ihn, als ihm aus dem
Ezimmer ein rohes Geschrei entgegentnte, und er in der Ferne die fratzenhafte
Figur jenes Wassermann unterschied, der ihm schon auf der Reise damals so
verletzend entgegengetreten war. Er konnte es nicht ber sich gewinnen, sich an
derselben Tafel niederzulassen, weil ihm der Gedanke unertrglich war, von dem
widerwrtigen Menschen wohl gar wiedererkannt zu werden. Er lie sich also von
dem willigen Kellner seine Speisen in das Nebenzimmer bringen, wo er, weniger
gestrt, das laute Schreien des bermtigen nur wie aus der Ferne vernahm.
    Sowie die Tr geffnet wurde, vernahm Leonhard die Worte des laut
Sprechenden deutlich, und um so mehr, da die brigen nur wenig und leise
sprachen. Nach und nach gewhnte sich der Einsame mehr an das Gerusch, weil ihn
seine gerhrte Stimmung, vom Wein erheitert und gestrkt, nach und nach verlie,
und einer alltglicheren Frhlichkeit Platz machte. So war ihm endlich in dieser
sichern Ferne der Herr Wassermann weniger verdrlich, und er konnte auf sein
Geschwtz und seine Prahlereien, ohne sich zu rgern, hinhren. Da vernahm er
denn, wie der Schreier von seiner nahe bevorstehenden Heirat erzhlte, und wie
er dann wohl, zum zweitenmal vermhlt, sich mehr zur Ruhe setzen wrde, und
weniger in den benachbarten Lndern umherreisen. Er kenne die Welt und habe sie
gehrig genossen, daher sei ihm auch die Neugierde, die den jungen Gimpeln so
eigen sei, vllig vergangen.
    Leonhard mute lcheln, denn diese uerung traf ihn selbst am meisten, der
diesen ganzen Vormittag in der Stimmung eines Jnglings geschwelgt hatte, der
zum erstenmal seine eingewohnte Heimat verlt. So fuhr nun Wassermann fort,
seine Lebensansichten und seine Gedanken ber Liebe und Ehe auszusprechen. War
ihm die Liebe schon lcherlich, so war nach ihm die Eifersucht gar das
Verchtlichste, wozu der Mann nur hinabsinken knne. Er verlangte fr beide
Geschlechter vllig dieselben Rechte und Befugnisse, und da keinem Richter und
Gesetz das Recht zustehe, den Mann zu beschrnken, wenn er nicht ffentlichen
Skandal mache, so drfe die Frau auch nicht wie eine Sultanin behandelt und
eingesperrt werden. Wenn der Mann freilich Unrat merke, oder gar hinter eine
Liebschaft komme, so sei es ihm natrlich erlaubt und geziemend, mit einem
tchtigen Stock vorzglich an der Frau seine Genugtuung zu nehmen. Mehr als
barbarisch aber, vllig abgeschmackt sei es, zu forschen, fragen, zanken ber
das, was vor der Ehe sich begeben haben knne. Eine europische Narrheit sei es,
von dem Mdchen und der Braut zu verlangen, da sie keinen Mann vorher gekannt,
oder geliebt, oder sich ihm ergeben habe, da es doch abgeschmackt herauskommen
wrde, wenn man den Brutigam, ob jung oder alt, darber examinieren oder
erkommunizieren wolle. Wahrlich, rief er endlich, auch hierin hat sich Moses
als der grte Denker und Gesetzgeber erwiesen; denn bei den Juden darf nach dem
mosaischen Recht kein Ehemann das verlangen, was die anderen Religionen in ihrer
Torheit so hoch stellen.
    Was wissen Sie vom mosaischen Recht! rief jetzt eine Stimme, die gegen
jene des Wassermann nur dnn klang und in welcher Leonhard seinen gestrigen
Reisegefhrten wiedererkannte. - Gewi mehr, wie Sie, schrie Wassermann, denn
ich bin ein ausgebildeter Mensch. - Ein Ignorant! rief der andere, ein
Inhumaner! denn das charakterisiert die deutsche Roheit, sich ewig und immer
wieder an den Juden reiben zu wollen, die wohl mehr Genie, Geist und
Gelehrsamkeit zeigen, als die meisten jener eingefleischten Christen! -
Himmel-Tausend-Sakerment! schrie jetzt Wassermann - und man hrte einen Wurf
Sturz und Aufschrei, dann ein lautes Getmmel, wie von einer Schlgerei.
    Als Leonhard die Tr ffnete, sah er auch schon das vollstndige
Handgemenge. Wassermann hatte nmlich, ohne nur zu rufen: Vorgesehen! dem
trichten Franke, der die Juden nicht wollte schmhen lassen, eine Weinflasche
an den Kopf geworfen und so richtig gezielt, da dieser, verwundet und betubt,
sogleich unter die Tafel strzte. Sein Freund Lamprecht war mit dem Ohnmchtigen
beschftigt; Wirt und Wirtin standen entsetzt beiseite und rangen die Hnde,
indes Wassermann sich gegen vier andere Mnner als ein Held ebenso rstig als
gewandt verteidigte; denn dem einen, der der Angesehenste schien, hatte er mit
seinem Stuhle eine bedeutende Wunde an der Stirn beigebracht, so da von dieser
das Blut herniederstrmte. Die anderen drei, nebst zwei Aufwrtern, hatten sich
endlich des trunknen und wtenden Wassermann bemchtigt, hielten ihn fest und
banden ihm Hnde und Fe mit Servietten und Schnupftchern.
    Mein Herr, rief jetzt der Verwundete, nun sollen Sie erfahren, was das
auf sich hat, in einer angesehenen Stadt, in anstndiger Gesellschaft solchen
Skandal aus Mutwillen anzufangen, und mich, einen Polizeibeamten, der den
Frieden herstellen will, ttlich, einem wilden Tiere gleich, anzufallen. Dieser
Rausch und diese Roheit wird Ihnen teuer zu stehen kommen.
    Ist der Jude da tot? fragte Wassermann, auf der Erde liegend und
festgebunden.
    Gottlob nicht! rief Lamprecht aus.
    Nun so wird die Dummheit nicht viel zu bedeuten haben sagte Wassermann;
lat mich nur wieder los, und ich gebe mein Ehrenwort, mich an keinem Menschen
mehr ttlich zu vergreifen.
    Ihr Ehrenwort? rief der Polizeibeamte; ich mchte lachen wenn mir die
Wunde am Kopfe nicht so unbequem fiele; wie solche Menschen nur noch das Wort
Ehre in ihren Mund nehmen knnen.
    Einer der Aufwrter war indessen nach der Wache gegangen. Der Beamte befahl
den beltter, nachdem ihm die Beine waren frei gemacht worden, mit gebundenen
Hnden zum Gefngnis abzufhren, indessen er sich selbst in einem Wagen nach
seiner Wohnung bringen lie. Der verwundete Franke ward zu Bett gebracht.
    O mein werter Herr, sprach der Wirt in einem flehenden Tone, rechnen Sie
es uns ja nicht an, da dergleichen in unserm stillen Hause hat vorfallen
drfen. Wie gern htten wir dem furchtbaren Herrn Wassermann das Losement
verweigert, weil er fast immer betrunken ist; aber er hat uns guten Wein
geliefert, und die letzte Rechnung ist noch nicht bezahlt, so da wir ihn
wirklich nicht abweisen konnten, ohne uns selbst Schaden und Verdru zuzuziehen.
Aber es ist ein gottloser Mensch, und ich hoffe, sie werden ihn nun diesmal
recht ordentlich schrpfen, so da er endlich Mores lernt, und seine
Nebenmenschen nicht mehr auf so schndliche Art molestiert.
    Jetzt trat auch der hbsche, stille Lamprecht in das Zimmer und sagte: Der
Wundarzt versichert, die Wunde habe an sich selbst nicht viel zu bedeuten, und
nach ein paar Tagen, wenn der Kranke nmlich die gehrige Ruhe genossen, sei
alles wieder in Ordnung.
    Sehr erleichtert verlieen der alte Wirt und die Wirtin das Zimmer, und
Leonhard sagte, indem er sich zum stillen Lamprecht wandte: Ihr Freund, der
Verwundete, hat mir schon viel von Ihnen gesagt, und ich wnschte nur, wir
htten, ohne diese fatale Geschichte, unsere Bekanntschaft machen knnen.
    Der Herr, erwiderte Lamprecht, fhrt einen jeden auf eine eigene, und
manchen auf eine wunderliche Weise. Schlgt es nur zum Heil aus, so ist es
immerdar zu loben.
    Gut, versetzte Leonhard, aber war es wenigstens nicht unvorsichtig von
dem jungen Israeliten, sich in diesen unntzen Streit mit einem Trunkenbold
einzulassen? Zwar ist der Arme auch an sich selbst gestrt und seiner Vernunft
nicht mchtig.
    Ach! lieber fremder Herr sagte jener seufzend und mit frommer, weicher
Stimme, es ist gar nicht so, Sie kennen Ihren Reisegefhrten allzu wenig.
    Wieso?
    Er ist nichts weniger, als ein Jude; er ist ein ordinrer getaufter Christ,
wie wir es alle sind; er ist nur seit wenigen Tagen ein Jude, oder bildet sich
ein, da er einen solchen vorstelle.
    Ist es mglich?
    Lassen Sie sich dienen, fuhr Lamprecht fort; ist Ihnen noch niemals die
Erfahrung geworden, da gewisse Menschen zu manchen Zeiten, oft alljhrlich,
ihren ordinren guten Verstand einben, und auf einige Zeit zu Narren werden?
    Leonhard sah den Sprechenden mitrauisch an und sagte dann: Lieber Mann,
das begegnet uns wohl allen.
    Ich meine es nicht so, erwiderte jener; denn das mchte wohl nur das
allgemeine Menschenschicksal sein, dem nicht auszuweichen ist. Nein, mein lieber
Herr, es gibt gewisse Temperamente, die, sei es im Frhling, Herbst, oder
Sommer, geradezu berschnappen, in den Wahnsinn oder ins Delirium geraten, und
zu diesen sonderbaren Wesen gehrt mein Freund Franke. Wie sollte er denn ein
Jude sein, da er hier in der Stadt geboren und erzogen ist? Aber alljhrlich,
und zwar immer zu derselben Zeit, wird er unsinnig und bildet sich bald diese,
bald jene Narrenposse ein. Einmal ist er Katze, oder Hund, oder Fledermaus; ein
andermal hat er einen Mord begangen und soll hingerichtet werden, oder er ist in
eine Prinzessin verliebt, und dergleichen mehr. Seine alten Eltern wohnen vier
Meilen von hier, dahin war er gewandert; und da ich wute, da gestern sein
kritischer Tag war, so wurde ich sehr besorgt um meinen Freund, weil er lnger
ausblieb, und unter diesen Umstnden auf dem Wege leicht Schaden nehmen konnte.
Ich war nun begierig, mit welcher Narrheit er durch das Tor schreiten wrde,
und, siehe da, er ist uns diesmal als Jude und Prtendent des preuischen
Thrones wiedergekommen.
    Sonderbar! sagte Leonhard, und doch hat er mir so umstndlich die Sache
erzhlt.
    Ganz recht, sagte Lamprecht; in diesen Krankheitsumstnden ist er immer
sehr redselig, und von seiner Ansicht so berzeugt, da er wie heute solche bis
aufs Blut verteidigt. Was gehen ihn die Juden und ihre Meinungen an? Was
brauchte er sich ihrer so lebhaft anzunehmen?
    Was Sie mir da erffnet haben, teurer Mann, begann Leonhard wieder,
erfllt mich mit dem hchsten Erstaunen. Ein Kranker aus diesem sonderbaren
Spital ist mir bis jetzt noch niemals vorgekommen. Und es sollte noch mehr
solcher Patienten geben?
    Wer zweifelt daran? antwortete Lamprecht; ich mu mich blo ber Ihre
Verwunderung verwundern. Wenn in uns allen wohl etwas ist, das den Organismus,
oder unser Leben stren will, und das die Natur vielleicht im rger, oder
Schnupfen, oder einer Leidenschaft, oder Prgelei, oder wie sonst hinwegschafft,
damit der Mensch in seinem gewohnten Gleise bleibe - so gibt es auch immerdar so
geformte Wesen, bei denen, ohngefhr wie beim Mondschtigen, eine zeitgeme
krzere oder lngere Verrcktheit eintreten mu, damit sie nachher nur ihrem
Amte als sterblicher Mensch gehrig vorstehen knnen. So schtteln sie die
Schlacken ab, und sind nachher so reputierlich, wie zuvor. So lebt in einer
groen Stadt, nicht gar weit von hier, ein sehr gelehrter Mann; dieser wird von
hoch und niedrig besucht und verehrt; er steht mit andern herrlichen Geistern in
Korrespondenz, und man nennt ihn oft den Stolz seines Vaterlandes. Dieser
Gelehrte fllt in jedem Jahr im Herbst, wenn die Tag- und Nacht- gleiche
eintritt, in einen sonderbaren Zustand. Er reit nmlich alsdann seinen
Kachelofen ein, wirft die Kacheln umher und arbeitet dabei ohne Rock und Weste
im Hemde so eifrig, da ihm der klare Schwei von der Stirne trieft. Nun nimmt
er den Lehm und Ton, mit welchem der Ofen ausgefttert ist, mischt diesen und
weicht ihn hchst mhsam auf mit Wasser, bis er in seinen frheren bildsamen
Zustand zurckgekehrt ist. Dann formt und backt er aus diesem Ton Kugeln von
miger Gre, und beschenkt, wenn die eigentliche Raserei vorber ist, jeden
seiner Freunde, auch jeden Vornehmen, selbst die Damen, die ihn verehren, mit
einer dieser Kugeln, als einer untrglichen Universalmedizin gegen alle bel und
Krankheiten. Im ersten Monat wenn die Wut schon ganz vorber ist, geht er nie
aus, ohne einige dieser Pillen bei sich zu tragen, um der leidenden Menschheit
unter die Arme zu greifen. In jedem Jahr kommt der Tpfermeister von selbst und
ungefordert in sein Logis, weil er schon wei, welche Arbeit er dort zu tun
findet, und nachher ist derselbe Mann so gelehrt und weise, als er es nur jemals
war.
    Wohl dem, fgte Leonhard hinzu, an dem der Aberwitz dieser Vampyr, nur so
gengsam zehrt, und ihn dann wieder freilt. Diejenigen, die sich ohne alles
Talent fr groe Dichter, Staatsmnner, oder Weltweise halten, sind auf jeden
Fall viel schlimmer daran.
    So gibt es wieder andere, erzhlte der sinnige Lamprecht weiter, die
ergreift in ganz unbestimmten Zeiten, bald nach lngeren, bald nach krzeren
Fristen, der bse Geist. Es kommt ber sie, wie ein Gewitter aus heiterm
wolkenlosem Himmel.
    Wehe denjenigen, die alsdann in ihre Nhe kommen. Ein solcher Mann befindet
sich als Mitgleid in unserer stillen Gemeine: das frommste, liebevollste Gemt,
wohlttig, menschenfreundlich, nachgebend, so sanft, da ein Kind ihn
einschchtern knnte; aber, wenn er vom Satan besessen ist, so ist kein
Auskommen mit ihm, dann frchtet er weder Himmel noch Hlle, dann achtet er
weder Gott noch Menschen. Und auch bei diesem Subjekt hat das Schicksal einen
artigen Ausweg gefunden, so da alle, die ihn kennen, ihm an solchem Tage aus
dem Wege zu treten vermgen. Er geht im Hause fr alltglich in einem einfachen
berrocke; ergreift ihn aber jener hllische Geist, so empfindet er schon, indem
er aus dem Bette steigt, ein sonderbares Gelst, einen uralten feuerfarbenen
Schlafrock, den er sonst niemals trgt, anzuziehen. So sitzt er denn wie ein
altes Gespenst in seinem Zimmer, und ihm ist es selber ganz recht, wenn an
diesem Tage Freund und Bekannter seine Nhe vermeidet.
    Jetzt brach Lamprecht auf, um nach seinem kranken Freunde zu sehen; Leonhard
aber konnte es nicht mde werden, seine vielgeliebte Stadt zu durchwandern. Er
mochte nicht aus dem Tore gehen, um die poetische Tuschung, in welcher er
befangen war, nicht aufzulsen, weil er von ehemals wute, da die Natur und
Gegend um Nrnberg her nichts Erfreuliches bieten. Er segnete eine Stadt, wie es
freilich nur wenige gibt, deren Steine, Mauern und Trme den Wanderer so fesseln
knnen, da er keine Sehnsucht empfindet, die ihn hinaus in das Freie treibt.
    Leonhard hatte versprochen, am Abend, weil es Sonntag war, einer heiligen
Versammlung beizuwohnen, welche zweimal in der Woche bei dem Brauer Lamprecht zu
einer gottesdienstlichen Feier sich verband. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft
versumten zwar die Kirchen nicht, um nicht aufzufallen und kein rgernis zu
erregen; sie hielten aber den ffentlichen Gottesdienst fr etwas sehr
Gleichgltiges, und sparten ihren Eifer und die wahre Andacht fr diese fast
heimlichen Zusammenknfte. Leonhard bereute sein Versprechen, und begriff jetzt
selbst nicht, wie er es zu geben sich hatte verleiten lassen; indessen wollte er
sein Wort nicht brechen und begab sich in das Zimmer, wo die brigen schon
versammelt waren. Er fand dort den Vorsteher, den Braueigner Lamprecht, und den
eingebildeten Juden Franke, der mit verbundenem Kopfe, bla und seufzend dasa.
Einige ltere und jngere Mnner waren noch zugegen, und Leonhard lie sich
denjenigen vom Vorsteher bezeichnen, welcher zuzeiten den feuerfarbenen
Schlafrock anlege, um Freund und Feind zu schrecken. Er war offenbar der lteste
der Gesellschaft, ein blasser Greis, mit schlichtem weiem Haar, einer
andchtigen, sanften Miene und mit dem Ausdruck stiller Frmmigkeit im Auge.
Unmglich! sagte Leonhard, dieser ist nicht fhig, auch nur ein Tier zu
krnken, oder ihm wehe zu tun.
    Lieber Bruder, sagte Lamprecht, in uns allen liegt der Lwe nur an
Ketten, und springt brllend auf, sowie er sich frei fhlt. Ohne Gnade von oben
und festen Willen von uns selbst, sind wir dem wilden Wahnwitz immerdar
preisgegeben. Keiner halte sich fr den Sichern, denn dieses Trotzen auf unsere
Sicherheit ist eben unsere allergrte Snde. Wer sich bescheiden frchtet und
an seinen Krften zweifelt, wird der Versuchung viel weniger unterliegen.
    Man hrte die Glocke schlagen, und alsbald schwiegen alle und vereinigten
sich zu einem stillen Gebet. Nun stand Lamprecht auf und hielt eine lange Rede,
bei welcher Leonhard wohl einsah und fhlte, da sie eigentlich zunchst auf
seine Bekehrung abzwecke. Der junge Mann trug nicht ohne Beredsamkeit und
Begeisterung den Gedanken vor, da sich die Andacht jedes einzelnen, die oft den
zerstreuten Weltmenschen sogar besuche, an dem Glauben und der Erhebung des
zweiten Bruders strken und krftigen msse. Nur so bewhre sich die Gnade und
werde sichtbar, die sonst nur flchtig, wie Sonnenglanz bei strmischem Wetter,
vorberfahre und das Herz vielleicht nur leerer und drrer ausschpfe, als es
sich vorher gefhlt habe. So sei das Bedrfnis der Gemeine frh empfunden
worden, und darauf habe sich die Kirche begrndet. In solcher Gemeinsamkeit wehe
gleichsam ein Geist in allen Gliedern, und jeder sei zugleich Laie und Priester.
Priester im schnsten Sinn des Wortes sei jeder, dessen Seele sich vom Anhauche
Gottes erregt fhle, so sei es im Anbeginn der Christenheit gewesen, und dieses
Vorrecht der Erleuchtung habe die Reformation auch wieder reklamiert. Nur habe
sich leider, schon sehr frh, die Priesterherrschaft in anderer Gestaltung
wieder eingefhrt, welche ein Monopol mit Gnade und Glauben treiben wolle. Dies
zwinge begeisterte Gemter zu einer engern, aber stillen Verbindung, die sich
der ffentlichkeit entziehe, und nur in der Verborgenheit stark und segensreich
bleiben knne. Dieses freie Christentum, vom Staate nicht sanktioniert, durch
keine erteilte Priesterwrde gerechtfertigt, sei eben dadurch das wahre,
ursprngliche, welches die Apostel gegrndet htten, und welches auch alsbald
seine Weihe und Wahrheit verloren, sowie ihm ffentliche Anerkennung und ein
Privilegium geworden sei. In diesen Gemeinen aber, die nur das bewegte Herz und
das Bedrfnis des Glaubens zusammenfhre, sei nach der Verheiung der Heiland
wahrhaft gegenwrtig; er segne sie durch seine unmittelbare Liebe, die sich
allen mitteile; und in diesem berschwung der Liebe, in dieser Einverleibtheit
mit ihm sei die Vergebung aller Snden und der Genu der Gnade, sowie seiner
persnlichen Gegenwart, und die Begeisterten bedrften also keines Symbols oder
einer krperlichen, sichtbaren berzeugung.
    Es war nicht zu verkennen, da der Redner eine Erschtterung Leonhards
erwartet hatte, die mit dem Bekenntnis und Entschlu endigen wrde, da er ein
Mitglied dieser Sekte werden wolle. Als diese Entwickelung nicht erfolgte, war
Lamprecht erst etwas verlegen; dann entschlo man sich, gewhlichere Gesprche
zu fhren, die das alltgliche Leben betrafen. Nach und nach entfernter sich die
brigen Mitglieder, und nur Leonhard, Lamprecht und jener stille Greis, welcher
sich Alfert nannte, blieben beisammen, um bei vertraulichen Gesprchen ein
leichtes Abendessen einzunehmen.
    Leonhard erzhlte von sich und seinem Haushalt daheim, seiner Frau und
seinem Pflegesohn, wie sich sein Geschft ausgebreitet habe, und wie er als
junger Gesell vor etwa zehn Jahren Franken, Schwaben, die Rheinlnder und noch
andere Gegenden durchstreift habe. Da jetzt nicht mehr von religisen
Gegenstnden die Rede war, und seine Genossen den Anschlag auf ihn aufgegeben
hatten, so wurde er um so redseliger, als er seit lange schon nicht mit solchen
Menschen umgegangen war, die dasselbe brgerliche Interesse am Leben hatten, als
er.
    So hatte er auch des alten Magisters erwhnt, welcher seinen Pflegesohn
unterrichte. Seit er jenen sonderbaren Brief gelesen hatte, war ihm die Gestalt
des alten Mannes immerdar vor Augen. Ei! ei! sagte der greise Alfert nach
einiger Zeit: gar wundersam und gleichsam dem Mrchenhaften nicht ganz
unhnlich Dieser alte Mensch, wie Sie ihn beschreiben, ist fter in dem
Landstdtchen Jessen gewesen; er hat in Wittenberg studiert und promoviert; ja,
ja, es wird schon mein lieber guter Flletreu sein. Nicht wahr, das ist der Name
jener alten Percke?
    Allerdings, sagte Leonhard; ich sehe also wohl jemand vor mir, der ihn
ebenfalls kennt, oder gekannt hat?
    Der Alte stand mit Feierlichkeit auf, trocknete sich eine Trne vom Auge,
und sagte dann mit vor Rhrung zitternder Stimme: Mein Herr Leonhard, nehmen
Sie diesen Handschlag und Druck, in die ich mein ganzes Herz und meine Jugend
lege, und bringen Sie das der lieben, guten, frommen, demtigen Kreatur von
Menschen, der allerbesten, die Gott erschaffen, oder die ich wenigstens habe
kennen lernen.
    Er setzte sich hierauf wieder an seinen Platz, und forderte Leonhard auf,
ihm alles zu erzhlen, was er nur irgend von dem alten Magister wisse. Dieser
konnte fast nichts mehr mitteilen, als was er selbst an jenem Abend erfuhr, als
der alte Mann zufllig in Elsheims Gesellschaft ein Fragment seines Lebens zum
besten gab. Nachdem er geendigt hatte, sagte der greise Alfert: Ei, du mein
lieber alter Flletreu, du Schulkamerad und Universittsfreund, eine Zeitlang
sogar mein Stubenbursche! Ach, wo seid ihr hingeschwunden, ihr schnen Zeiten,
in denen wir uns im Disputieren und in der Latinitt bten! Ja, mein werter
Herr, ich bin derselbige Bruder, mit welchem er damals jene Wallfahrt zum Hause
meines Vaters nach Jessen anstellte. Ich war auch nachher beim Disputieren sein
Hauptopponent, und ich machte es der armen Seele recht sauer. Denn ob wir gleich
vertraute Freunde waren, so war uns doch die Wahrheit und Gelehrsamkeit mehr,
als unsere Liebe. Ich wute damals auch nicht, da er sich in meine Schwester so
vergafft habe. Ja, die ist nun auch schon lngst gestorben, und auch ihr
versoffener, unglckseliger Mann. Ich bin durch mancherlei Schicksale hieher
verschlagen worden, und habe endlich in dieser Stadt ein kleines mtchen
errungen. Ich war in meiner Jugend ein froher, leichtsinniger Bursche, ganz das
Gegenteil von meinem stillen Freunde, dem Flletreu. Diese freundliche Seele war
das Muster eines christlichen Jnglings, so sanft, treu, fromm, unschuldig und
harmlos, wie das Lamm, das der Mutter zum erstenmal zur Weide folgt. Ach, lieber
Gott! ich habe noch das Buch, den Andreas Gryphius, in meinem Besitz, in welches
er damals seinen Namen hineingeschrieben hat, als er es meinem alten Vater zum
Prsent brachte. So ein Buch, so ein Schriftzug dauert lnger, als der Mensch.
Aber die Nachkommen, die Fremden, die es dann in die Hand nehmen, wissen nichts
von den Schicksalen der Besitzer, von ihren Gefhlen und ihrem Unglck, und
knnen sich also auch nichts dabei denken.
    Der Alte war so weich geworden und fhlte sich so ermdet, da er alsbald
aufbrach, nachdem er noch einmal mit vieler Rhrung von Leonhard Abschied
genommen, und ihm viele Gre an den alten Magister aufgetragen hatte. Als
Leonhard und Lamprecht allein waren, fing dieser noch einmal an, vom Zweck ihrer
religisen Gesellschaft zu sprechen, und wie gut und ntig es sei, da gute
Menschen, wie Leonhard, sich ihr anschlssen. Leonhard erwiderte ihm, da ihm
jene ffentliche Gemeinschaft und protestantische Kirche genge, und da in ihr
dasselbe obwalte, was er an seiner abgesonderten rhme. Auch msse nach seiner
berzeugung die Religion und die sie begrndende Theologie, die Spekulation und
Auslegung der Schrift nur Geschft und Beruf des Priesterstandes sein; dieser
sei also als dirigierend, belehrend dennoch notwendig, obgleich beim
Gottesdienst selbst jeder andchtige Teilnehmer Priester sei und sein drfe.
Diese Absonderung aber, indem jeder Teilnehmer immerdar nach Eingebung und
Begeisterung strebe, fhre in der Regel zur Schwrmerei und zum Aberglauben,
zugleich aber, was erst wiedersprechend erscheine, oft auch zur freigeisternden
Ketzerei und unchristlichem Wandel.
    Schwrmerei! rief Lamprecht aus, ja, das ist euer beliebtes Wort, ihr
Weltlichen, womit ihr alles Geistige und bersinnliche niederschlagen wollt.
Euch graut immerdar vor dem Geheimnis, und, wenn ihr knnt, tut ihr alles in den
Bann als Ketzerei, was eurem trichten Schwanken und allen den ungttlichen
Negationen in den Weg tritt, damit ihr nur fr andere Zweifel schwrmen knnt.
Fr diese, fr das Nichts seid ihr fanatisch, und verdammt den Bruder, der euch
die blinden Augen ffnen mchte. Ist dies nicht sophistische Gleinerei?
    Lieber Freund, sagte Leonhard, ich bin viel zu unwissend, um mit Ihnen
ber so hohe Gegenstnde disputieren zu knnen. Lassen Sie mich in meiner Bahn
fortwandeln, und ich will Sie auf der Ihrigen nicht stren. Sollte es nicht
viele Wege zum Himmelreiche geben?
    Es ist uns so verheien, antwortete Lamprecht, nur kommt es darauf an,
wie wir dieses hchst wichtige Versprechen erklren, damit es nicht selbst der
Snder zu seiner Rechtfertigung brauche; denn das Bse in uns ist gar listig,
und versteht es, sich mit Redeknsten und hell schimmernden Trgnissen zu
waffnen. Sie mgen, werter Freund, am Ende nicht unseres Bndnisses bedrfen;
aber ich, der Schwache, Hinfllige, wrde ohne dasselbe alles Trostes, aller
Sttze beraubt. Ach! lieber Mann, Sie nannten, als Sie uns von Ihren Reisen
erzhlten, auch Tirol, mein vielgeliebtes Vaterland. Nach jenen schnen Bergen
sieht das Auge meines Geistes immerdar zurck, und selbst Religion und Schrift
knnen mir in manchen Stunden keinen Trost darber geben, da ich diesen
unersetzlichen Verlust habe erleiden mssen. Ich begreife die Menschen nicht,
deren es doch so viele gibt, die freiwillig ihr Vaterland verlassen, und nachher
in der Fremde nichts vermissen. Oh, wenn ich nur wenigstens einmal als
durchwandernder Gast dahin wieder kommen, mit Trnen und nassen Augen nur einmal
meinen Abschied nehmen und es anblicken drfte!
    Wie kommt es denn, sagte Leonhard -
    Ich habe Vertrauen zu Ihnen, fuhr jener fort, und so mgen Sie denn
erfahren, was ich sonst immer verschweige; denn ich wei, da Sie mein Geheimnis
nicht verraten werden, da wenn es bekannt wird, ich noch jetzt vielen Verdru,
ja wohl Unglck dadurch erleiden wrde. Ja freilich drckt mich ein Verbrechen,
oder nennen wir es, wenn wir milde sein wollen, Leichtsinn, aber einen
bsartigen der bermtigen Jugend. In einer der schnsten Gebirgsgegenden von
Tirol bin ich geboren und erzogen, natrlich in der katholischen Religion. Meine
Eltern waren in jener Stadt reich zu nennen und starben frh, so kam ich als
Mndel zu einem sehr redlichen Vetter, der meine Erziehung und die Verwaltung
meines Vermgens bernahm. Ich konnte dort recht glcklich sein, im Besitz
meiner Acker und Weinberge, in den Wldern, auf der Hhe der Berge jagend, mich
der Natur erfreuend, von Verwandten und vielen Menschen geliebt und geachtet.
Und warum erfllte sich diese Hoffnung nicht? Weil ein Zwerg in demselben
Stdtchen lebte, eine sonderbare Kreatur, die um zweier Sachen wegen merkwrdig
war. Das erste war seine Riesenstrke. Darum half er Weinschrtern und
Weinhndlern, und war bei diesen Leuten sehr gern gesehen, die ihn fr die
Hlfe, die er leistete, gern bekstigten und kleideten, denn mit Geld wute er
nichts anzufangen, so bldsinnig wie er war. Es war zum Erstaunen, und man
traute seinen eigenen Augen nicht, wenn man dabeistand, wie der ganz kleine
Knirps, der nicht hher als vier Fu war, ein ziemlich groes Fa voll Wein, was
zwei Mnner mit Mhe und Kunst aus dem Keller und auf den Wagen schroten muten,
so mir nichts dir nichts auf seine Schultern nahm, damit die Treppe hinaufstieg,
es auf den Wagen legte, oder, wenn es sein mute, es ber die Strae nach einem
andern Hause hintrug. Deswegen nannte man das Kerlchen auch nur den kleinen
Simson. Sonderbar aber, da er diesen Namen, der doch ein Lob war, durchaus
nicht leiden konnte, und hiebei, sowie bei vielen andern Dingen, zeigte sich die
zweite Merkwrdigkeit des kleinen Wesens, nmlich eine auerordentliche Bosheit
und Schadenfreude. Darum ging ihm auch jeder gern aus dem Wege, und ein alter
Priester in unserer Stadt war der Meinung, ein bser Geist regiere und hantiere
in dem kleinen Unhold. Rief ihm nun ein Bursche nach: Simson! oder ein anderes
Wort, das er nicht leiden konnte, so stellte er sich ganz ruhig hin, als wie im
Traum, oder in Dummheit, kehrte sich dann, schnell wie der Blitz, um, griff den
Bengel und zerarbeitete ihn mit seinen Riesenkrften ganz unbarmherzig. brigens
schien der Verwahrlosete fast gar nichts zu begreifen; es war auch, als wenn er
nicht sprechen knne, denn er redete nur sehr selten, und wenn es geschah, immer
nur wenige Worte, die oft gar keinen Zusammenhang miteinander hatten. Seine
Stimme war von einer Art, da ich sie nicht beschreiben kann: so widerlich durch
die Nase, so geklemmt und fein gurgelnd, so schnarzend, oder, wie soll ich es
nennen? da es wirklich keine Freude war, ihm zuzuhren, wenn er einmal zu reden
anfing. Da der bse Zwerg schon einigemal junge Leute beschdigt und ihnen recht
schlimme Verletzungen beigebracht hatte, so war es natrlich, da die Jugend des
Ortes fast ohne Abrede, ein Bndnis gegen den kleinen Simson geschlossen hatte,
und ihm so viele Possen spielte, als sie nur ersinnen konnte. Wie nun aber in
dem Zwerge berhaupt keine Vernunft war, so hatte er sich auch ein ganz
unsinniges Spielwerk ausgedacht. Er schlief fast gar nicht; sobald Mondschein
eintrat, war er noch mehr alert und auf den Beinen. Dann schleppte er alte
Fsser auf die Hhe des Berges hinauf, trug Wasser hin und scheuerte und
hantierte die ganze Nacht, da ihm der Schwei vom Gesichte triefte, und er mde
und ermattet dann zurckhumpelte, worauf er in einen festen Schlaf fiel. Es kann
wohl sein, da sein Krper dieser Anstrengung bedurfte, denn nachher war er
besonders vergngt. So trieb er es fast immer, solange der Mond schien, und die
Eigentmer lieen ihn auch in seiner Dummheit gewhren, weil er ihnen die Tonnen
immer wiederbrachte. - Einstmals kam ich von einer Kirmes mit einem Schwarm
junger Leute; wir alle waren frhlich und ausgelassen. Da treffen wir in der
Nacht den kleinen Simson bei seinen Fssern. Sogleich geht das Necken los, das
Schimpfen und Lachen; aber er ergreift den einen von uns, und schlgt ihn mit
solcher Wut zu Boden, da dieser sofort die Besinnung verliert, und fr tot
daliegt. Der Zwerg wird auch wacker durchgedroschen, wehrt sich aber wie ein
Held und wir alle hatten lange Zeit Flecken aufzuweisen, die wir uns in dieser
Schlacht geholt hatten. Der arme Kaspar aber wurde niemals wieder ein gesunder
Mensch, und blieb zu aller Arbeit untchtig. So wurde denn der Zwerg vor Gericht
angeklagt, und weil der Kaspar wirklich ein verkrppelter Mensch geworden, so
tat man den wtigen Zwerg zur Strafe in ein Narrenhaus. Wie es aber so geht, am
Ende hatte sich der Kleine doch nur seiner Haut gewehrt; Spa und Schlag lassen
sich nicht auf der Goldwaage wiegen. Ein mitleidiger Arzt bewies, da der
Unkluge bei dieser Einsperrung seine Gesundheit zusetze, und da er auch
friedfertig sein wrde, wenn ihn die bsen Buben in Ruhe lieen, was nicht zu
leugnen war. Man lie den Simson wieder frei, und uns jungen Menschen wurde von
Obrigkeits wegen bedeutet, den Armen, der wegen seiner Statur und des Mangels
der Vernunft schon unglcklich genug sei, nicht ferner zu molestieren, und ihn
nicht in Wut zu setzen. Alles vernnftig; nur meinten wir jungen Leute in unserm
Dnkel, uns sei ein himmelschreiendes Unrecht geschehen, besonders weil unser
Kamerad sein trauriges Leben in Abzehrung hinschmachtete. Indessen fgten wir
uns, und hielten uns still, um nicht Verdru zu haben. Wir gingen der boshaften
Krte aus dem Wege, der, als ob er es gewut, da wir eine Nase gekriegt htten,
immer laut und hhnisch hinter uns drein lachte. Nach Verlauf mehrerer Monate
gab es ein Hochzeitsfest, dem viele von uns beiwohnten; andere hatten den Gemsen
aufgelauert. Wir alle nun heiter, von der Hochzeitfeier und vom Wein ermuntert,
an nichts weniger als den dummen Simson denkend, ziehen Alpenlieder singend ber
das Gebirge; zum Unglck aber fhrt uns der Weg wieder vor seinem Tonnenmagazin
da oben vorbei. Diesmal ist er es, der zuerst angreift; er strzt sich unter
uns, und schlgt einen der Hochzeiter nieder, der sich eben drben im Dorf nach
dem Tanz verliebt und verlobt hatte. Der arme Junge liegt zu Boden, schreit, und
wir merken, da ihm zwei Rippen zerbrochen sind. Nun alles her ber den
beltter, und sie sind nicht bel willens, ihn gar totzuschlagen. Da, mcht ich
sagen, springt der bse Geist, der den Zwerg immer beherrscht hat, in mich
hinein, und ich rufe: Haltet euch zurck, Freunde, tut ihm nichts! Lat uns das
Ungeziefer in die groe Tonne hier sperren, den Boden wieder verspunden, und das
Teufelsgezcht so den hohen Berg in den Abgrund hinunterrollen und laufen
lassen. Gesagt, getan. Mit lautem Lachen wirft sich der ganze Schwarm auf den
Zwerg; sein Struben nutzt ihm nicht, seine Kraft ist ohnmchtig, denn es sind
zu viele, die sich seiner bemchtigen. Man tut den Armen in das Fa und lt
dies den Berg abwrts rollen, den Abhang hinunter, der ziemlich steil und gewi
eine Stunde Weges sich erstreckte.
    Sonderbar! bei meinen Rat, den ich gab, war ich ganz heiter, mein Gewissen
war stumm und meldete sich nicht. Nun erschrak ich vor mir selber und dem
Unheil, das ich angerichtet hatte. Wir besorgten erst den Beschdigten, und als
dieser unter Dach und Fach war, erffnete ich meinen Kameraden, da ich
entschlossen sei, auszutreten, denn wir htten etwas Heilloses begangen und
wrden in schwere Verantwortung fallen. Sie lachten erst und wollten mir nicht
glauben, dann wurden sie still und ratschlagten; einige gingen hinunter und
wollte sehen, was aus dem in der Tonne geworden sei. Ich ging noch diese Nacht
in ein anderes Tal, und von dort lief ich in eine mir ganz fremde Gegend. Hier
erffnete ich mich einem Priester, der mich aber nicht lossprechen wollte, indem
er sagte, der Fall sei zu wichtig, und er msse die Snde erst dem Bischof
melden. Das verdro mich denn auch. So lief ich immer weiter und kam endlich in
protestantische Lnder. Mein Vormund und alle meine Verwandten handelten sehr
brav an mir; man schaffte heimlich und listig mein Vermgen mir zu, denn die
Obrigkeit wollte mich strafen; natrlich hatte man unten den Zwerg nur als
Leiche wiedergefunden. Alle jene lustigen Kameraden wurden gestraft; ich allein
sah mich geborgen. Mehr beglckt war ich aber, als mein Geist erleuchtet ward,
und ich meinen religsen Irrtmern entsagte, um mein Gewissen und meine Seele
frei zu machen. Sie meinen zwar, Herr, ich sei nun von neuem gebunden; aber
meine Seele bedarf dieser Fesseln vielleicht vorzglich infolge jener
Begebenheit, die ich noch nicht verschmerzen, und die Vorwrfe darber immer
noch nicht beschwichtigen kann, die mich in vielen Stunden peinigen. Jetzt habe
ich Ihnen, lieber Mann, mein ganzes Herz erffnet.
    Leonhard dankte dem biederherzigen Manne und erzhlte ihm dann, unter
welchen Umstnden er jenen Zwerg auch in einer Mondscheinnacht vor Jahren
angetroffen habe, worauf Lamprecht sagte: Also hat er doch jenen Gesellen, mit
welchem Sie damals wanderten, auch ruiniert, ja, man kann sagen, umgebracht, was
er freilich ohne Absicht tat. Mein Unglck, sowie das manches jungen Menschen,
hat er auch veranlat. Es ist immer denkwrdig, wie ich schon sagte, aus welchen
Fden sich so oft unsere Schicksale spinnen.
    Es war spt in der Nacht, und jeder ging eines andern Weges, um seine
Ruhesttte zu suchen.
    Am folgenden Tage gab Leonhard den Brief seines Freundes im Hause des
Banquiers ab. Man wies ihn sogleich in ein anderes Zimmer zum alten Herrn
selbst, der ihn sehr hflich empfing und sogleich zum Sitzen ntigte. Nach
kurzem Gesprch trat der Kassierer herein und zhlte dem verwunderten Leonhard
eine bedeutende Summe in glnzenden Goldstcken hin, worauf der alte Mann sagte:
Ich habe Ordre, Ihnen dieses einzuhndigen, mein Herr, und Ihnen zugleich
diesen Brief zu bergeben. Leonhard nahm ihn, die Aufschrift war von
unbekannter Hand, und er war jetzt berzeugt, da dieses die Erbschaft sei, die
ihm berliefert werde, obgleich er nicht begriff, wie die Exekutoren des
Testaments htten wissen knnen, da er nach Nrnberg kommen wrde; doch war die
Summe diejenige, die er von dort erwarten durfte.
    Er ging auf sein Zimmer zurck, um die Summe Goldes wegzuschlieen, und
erbrach nun neugierig den Brief. Sowie er ihn ffnete, war er beschmt ber
seine Einfalt, denn er erkannte sogleich Elsheims bekannte Schriftzge. Der
Brief lautete so: Da ich Dich, mein Geliebter, und Deine Wunderlichkeiten
kenne, so habe ich es vorgezogen, auf diese Weise einen Teil meiner Schuld gegen
dich abzutragen. Und wahrhaft ernstlich wrdest du mich erzrnen, wenn du diese
Summe ausschlagen wolltest, und mich dadurch so beschmen, da ich niemals
wieder deine Freundschaft oder Hlfleistung in Anspruch nehmen drfte. Du
bedarfst des Geldes bei deinem Geschft; ich bin die Veranlassung da du dieses
versumtest: wie knnte ich deiner Friedrike, die ich mir doch zur Freundin
wnsche, wieder in die klaren Augen sehen, wenn ich so ganz sndhaft in deiner
Schuld bliebe, ich, der Reiche! wenn andere, die es nicht verdienen, von mir
erhielten, und ich durch meinen Egoismus Dich um den verdienten Lohn brchte!
Und sonderbare Freundschaft wre es, die sich nicht wollte bezahlen, ihre
Auslagen wiedererstatten lassen. Die falsche Gromut sieht aber Dir nicht
unhnlich, darum u.s.w.
    Er kann sich nie verleugnen, sagte Leonhard, und freute sich, da er seiner
Friedrike nun die Wahrheit, wenn er zurckgekommen, sagen knne; doch erhoben
sich neue Zweifel, indem er alles bei sich berlegte; Plne spannen sich an
diese, und so, in tiefen Gedanken sitzend, fand ihn Lamprecht. Man hatte gestern
schon beschlossen, dem greisen Alfert einen Besuch zu machen, und beide begaben
sich jetzt nach dessen abgelegener Wohnung. Als sie in dem stillen Hause die
Treppen hinangestiegen waren, und Lamprecht die Stubentr ffnete, fuhr er mit
einem Schrei zurck, und lief eilig die Treppe wieder hinunter. Leonhard war
ber dies Beginnen erstaunt, und trat in das geffnete kleine Zimmer, in welchem
er den greisen Mann in einem seltsamen Anzuge auf und nieder wandeln sah. Er
trug nmlich jenen alten, weiten, feuerfarbenen Schlafrock, und auf dem Haupt
eine hohe Mtze von derselben Farbe, unter welcher, im seltsamen Abstich, die
ganz weien Locken herunterfielen. Die Flucht Lamprechts war ihm nun erklrlich,
denn nach diesem Krieges-Kostm war heut der Tag der Besessenheit des Alten.
Auch war dieser mit dem vorigen Tage verglichen, ein ganz verwandeltes Wesen.
Seine Augen funkelten zornig, die lange Nase war rot und aufgelaufen, zwei
blutrote Flecke glhten auf den beiden Wangen, und sowie er Leonhard eintreten
sah, drehte er sich straff herum, sah diesem mit wildem Blick in die Augen und
schrie mehr, als er sprach: Was will Er hier? Was hat Er berhaupt bei uns und
in unserer Stadt zu suchen? Die Tagediebe, die unntzen! Da schwnzeln sie
herum, schnffeln in den Husern, in den Kirchen, wo sie nur ihren empfindsamen
Zeitvertreib antreffen knnen, wie die Trffelhunde umher, graben das schwarze
Zeug, das ihnen lecker dnkt, aus dem Boden, und meinen, sich noch damit zu des
lieben Herrgotts Dienern und Hundejungen zu machen. Und Er nun gar! Nicht wahr,
nun rennt der hochmtige Miggnger auch noch in die sogenannte Natur hinaus,
kostet, leckert, liebelt und pfiffelt da auch herum, in Abendrte und
Morgenschein hinein, und macht ein Affengesicht dazu, als wenn alles nun erst
seine Bestimmung und seinen Wert erhielte, weil er die Nase hineinsteckt, das
Maul dumm aufsperrt und Gottes Schpfung approbiert? Er denkt, Gott Vater kuckt
oben zum Fenster hinaus, und sagt zu einigen Engeln, indem er sich die Hnde vor
Freuden reibt: Ach! seht Kinder, nun schaut mein Leonhardchen alles an, was ich
so sauber da unten hingestellt habe, die Berge, das Wasser, alle die Waldung;
ja, ja, darauf habe ich lange gewartet, was das Mnnchen dazu sagen wrde. Ei
seht, er billigt alles, er ist mit meinen Bemhungen ganz kontent, er nickt mit
dem lieben Kpfchen: so ist doch meine Schpfung nicht umsonst! - Nun, und die
Weibsen? Denen luft Er, Dummerjan, doch gewi am meisten nach, hat wohl schon
manchem dummen Gnschen das Gehirn verwirrt, hat sich von andern an der Nase
fhren lassen. Wenn ich nun mein spanisches Rohr dort aus dem Winkel hervornhme
und kuranzte Ihn hier in meiner Stube herum, da Er wie ein Br tanzen mte:
knnt Er sich darber wundern? habe ich Ihn eingeladen, zu mir zu kommen? Er
also hlt sich zu Hause einen alten Narren, der Ihm Spa machen mu, so einen
verschimmelten Magister? Ist Er denn nicht Narr genug fr seine Haushaltung? Ich
denke immer, der Flaps knnte noch seine Nachbaren mit versorgen. Der
verteufelte Hochmut in dem Gesindel! Aber es wird euch gewi noch einmal zu
Hause kommen, euer Komdienspielen, in dem ihr ganz verlernt, was Leben und
Wahrheit ist. Halunken ihr! Marsch fort, da ist die Tr! Ich will Sein dummes
Gesicht nicht lnger vor mir sehen! Er sieht aus wie ein Gimpel! die kann ich
nicht leiden.
    Leonhard wollte ohnehin hier nicht lnger verweilen, und verlie den
trichten Alten, dessen Grobheiten ihn nicht beleidigen konnten. Er besuchte
alle die Orte der Stadt, die ihm in der Erinnerung lieb geblieben waren, und
richtete sich dann ein, am folgenden Tage Nrnberg zu verlassen.
    Als er am Abend schon ziemlich ermdet an die Ruhe dachte, kam noch der
fromme Lamprecht zu ihm, und brachte ihm Abbitte und Entschuldigung vom
Besessenen. Der Anfall war diesmal schneller als sonst vorbergegangen, und er
war nun zerknirscht, und sa weinend und bereuend auf seinem Zimmer. Er hat
nicht den Mut, sagte Lamprecht, sich vor Ihnen sehen zu lassen, gegen den er
sich so abscheulich betragen hat; er schwrt aber, er htte alle die Grobheiten
ausstoen mssen, ein innerer mchtiger Geist habe ihn dazu gezwungen. Da Sie
sich fr den Magister, seinen alten Schulfreund, so sehr interessieren, so
schickt er Ihnen zum Andenken jenes Exemplar des Gryphius. Sie mchten dabei,
bittet er, an seine besseren Stunden denken.
    Leonhard nahm das Buch, dankte und lie dem Alten freundlichen Gru und
Vergessenheit des Vorgefallenen zusagen. Den abscheulichen Wassermann, sagte
dann Lamprecht, werden sie wohl, wie ich gehrt habe, auf drei Wochen streng
und bei schmaler Kost einsperren; auch hat er Abbitte tun mssen, und wird noch
in eine groe Geldstrafe kondemniert, die dem Armenhause zum Besten kommen
soll.
    Und was macht Ihr Franke? fragte Leonhard.
    Er bessert sich krperlich, antwortete jener, aber geistig habe ich jetzt
viel mit ihm zu tun.
    Wie das? Sie schienen ja so einig?
    Sonst immer, aber jetzt mu ich ihm predigen und predigen, da ich ihm nur
sein Judentum wieder aus dem Kopfe bringe.
    Sie sagten mir ja aber, da in jedem Jahr diese Verrcktheit an einem
bestimmten Tage komme, und ebenso wieder verschwinde: also wird ja mit der
Gesundheit sein Christentum von selbst wieder in ihn zurckfluten.
    Gut gesagt; aber kann man es denn gewi wissen? Es ist darum doch wahrlich
keine verlorene Mhe, unterdes an ihm zu arbeiten, damit er auch whrend seiner
Verrckheit an die Wahrheit krftig erinnert werde. Auch kann es ja sein, da
jener Wurf mit der Bouteille diese unntze Phantasterei tiefer in sein Gehirn
eingekeilt hat, so da sie nicht so leicht sich ablset, wie sonst; und deshalb
fhle ich mich berufen, jetzt bei ihm gewissermaen die Rolle eines Missionars
oder Heidenbekehrers zu spielen. Ist doch aller Irrwahn nur partielle
Verrcktheit.
    Sie nahmen freundlichen Abschied. Da er wieder allein war, wollte es
Leonhard bednken, als habe Lamprecht, so gut wie Franke und Alfert, seinen Teil
von jenem anlockenden Gerichte gekostet, das auf die Sterblichen betubend
wirkt. Er suchte in sich selbst jene Gegend zu entdecken, wo auch ein kleiner
schadenfroher Dmon seinen Kchengarten angelegt haben knne. Dann betrachtete
er nicht ohne Rhrung das alte Buch, und las die Zeilen, die der damals junge
Magister seinem vermeintlichen Schwiegervater hineingeschrieben hatte. Wie
rund, wie ngstlich, sagte er, wie hoffnungsreich und jugendlich ahndend ist
jeder Buchstabe! Welche Zeit, Not, Erfahrung, Jammer zwischen der verblaten
Dinte und seinem letzten Brief! Nun ngstet er sich nicht mehr um die Schrift,
er zerreit keck die Lettern, er will nicht sich und die andern mehr mit der
Zierlichkeit bestechen. Ach ja, auch in der Handschrift des Menschen liegt oft
und erzhlt sich eine Geschichte, auch eine furchtbar tragische zuweilen. -
Armer Mensch! arme Menschheit!
    Noch von diesen Betrachtungen angefllt, wollte er durch eine der
Hauptstraen dem Tore zuschreiten. Neben ihm ritt ein schlanker junger Offizier,
der vor einem groen Hause, vor welchem ein Soldat schilderte, abstieg, und dem
schlfrigen Reitknecht, welcher ihm gefolgt war, sein Ro bergab.
Wahrscheinlich hatte der junge Krieger im Hause seinem Vorgesetzten etwas zu
melden. Der Bediente desselben hielt nun faul und halb schlafend das mutige
Pferd, das nur ungern sich langsam auf und ab fhren lie. Indem erhob sich in
der nchsten Strae ein Getmmel, und eine Menschenmasse, die aufgeregt lrmte,
zeigte sich bald. Leonhard konnte dem Strome nicht ausweichen, wie er es gern
getan htte, denn Wassermann war wieder der Held dieses Triumphzuges. Man fhrte
ihn vom Verhr zurck, und er war erhitzt und trunken. Die Polizei wollte ihn
jetzt in sein Gefngnis zurckbringen; da er sich aber unterwegs schwach und
ohnmchtig angestellt hatte, so waren die Diener des Gerichtes nachgebend genug
gewesen, mit dem Klagenden in ein Weinhaus einzukehren, damit er sich nach dem
Verdru und der Erschpfung wieder etwas strken mge. Diese ungehrige
Freundlichkeit hatte der Zornige aber in bermut und Hast so gemibraucht, da
er jetzt, vllig berauscht, indem er bald schrie, bald lallte, durch die Straen
gefhrt werden mute.
    Jetzt sah er Leonhard, der sich an die Mauer drngte, um seinen Blicken zu
entgehen. Patron da! schrie Wassermann, sehen wir uns doch einmal wieder? Oh,
ich habe ein gutes Gedchtnis, Eure Physiognomie ist mir bekannt. Jetzt haben
mich freilich die Philister unter, und ich bin in Banden. - Lat mich, ihr
Hscher, oder was ihr seid, ein Wrtchen mit meinem vertrauten Freunde da,
meinem Intimus sprechen! Er ist eine verliebte melancholische Seele, und kann
hier an meiner Standhaftigkeit sich ein Exempel nehmen.
    So drngte er sich zu Leonhard hin, auf welchen jetzt alle Blicke gerichtet
waren. Indem dieser noch berlegte, wie er sich, dem Tollen gegenber, vor so
vielen Zuschauern benehmen solle, ward er auf eine sonderbare Weise von dieser
Verlegenheit befreit. Mit Blitzesschnelle ri Wassermann dem trumenden
Reitknecht die Zgel aus der Hand, und schwang sich, so trunken er war, krftig
und mit Sicherheit auf das Pferd des Offiziers. Sowie er im Sattel sa, schrie
er laut und trieb das Ro zur Eile, das auch sogleich mit ihm durch die
Menschenmasse brach, und im gestreckten Galopp die Strae mit dem Jauchzenden
hinunterrannte. Einen Augenblick war alles in Erstaunen; aber bald sammelten
sich die Polizeidiener, und einer von diesen bestieg das Pferd des Reitknechts,
um dem Flchtigen nachzueilen. Die Jugend und alle Menschen, welche Neugier
versammelt hatte, strmten nun dort in die Strae hinein, dem Flchtigen nach.
    Er ist verrckt! sagte ein anderer Polizeidiener; wo kann er hin wollen?
Indem trat der junge Offizier wieder aus dem groen Hause, und war nicht wenig
verwundert, keins von seinen beiden Pferden mehr anzutreffen. Die Erzhlung des
schlfrigen Reichtknechtes verhallte in dem Getmmel und dem Geschrei der
Nachlaufenden, Fragenden und neu Hinzukommenden. Ihm nach! nach! schrien
diejenigen, die mit der Polizei in die andere Gasse liefen. - Wer ist es? Was?
andere. - Ein groer Ruber ist angekommen! rief ein Brgersmann dazwischen,
und den wollen sie jetzt fangen; er hat aber den Vorsprung! Wenn sie nur die
Tore zumachen! - Von einer anderen Seite hrte man rufen: Ein fremder Courier!
Was der wohl Neues bringe mag? Es mu sehr wichtig sein, denn er reitet ja wie
toll und besessen.
    Leonhard war mit den brigen nachgegangen; das Getmmel und Schreien tnte
nur noch aus der Ferne, aber das ganze Stadtviertel war in tumultuarischer
Bewegung. - Nun ward es stiller, und nach einiger Zeit sah man jenen
Polizeioffizianten zu Pferde, welcher das Ro des Lieutenants fhrte. Auf die
Anfrage sagte dieser: Er hat richtig den Hals gebrochen, der tolle Bsewicht;
den Abhang dort hinunter, wo er im Carriere niedersprengte, ist er mit dem
Pferde auf dem glatten Pflaster schrecklich hingestrzt, den Kopf gegen die
Mauer geschmettert, und ist gleich tot geblieben: das sind die Folgen vom
Saufen. Es ist nur abscheulich, da wir noch Verdru wegen des beltters haben
werden. Er konnte aber so schn bitten und so malade und elend tun.
    Man hatte dort, in ziemlicher Entferung, den Toten in ein Haus gebracht, und
bei der Untersuchung erklrte der Arzt, da alle Hlfe vergebens sei. Der
Offizier war sehr erzrnt auf seinen Diener, denn bei dem gewaltigen Sturze
hatte sein schnes Pferd auch Schaden genommen, und man konnte nicht sogleich
wissen, ob es nicht, auer an den Knieen, welche bluteten, auch innerlich
verletzt sei.
    Viel spter also, als er erwartet, verlie jetzt Leonhard die ihm teure
Stadt, in welcher er so mancherlei erfahren und erlebt hatte, worauf er nicht
vorbereitet war.

Nach zwei Tagen befand sich Leonhard in der Nhe von Bamberg. War er in Nrnberg
immer gerhrt gewesen, so war seine Stimmung jetzt mehr erhoben und ihm selber
rtselhaft. Ihm bangte bei jedem Schritte, mit dem er sich den Pltzen nherte,
an welche sich so beraus teure Erinnerungen hefteten. Lebt sie noch? sprach er
zu sich selber, und wie? Ist sie verheiratet? hat sie Kinder? wird sie noch in
Schnheit blhen, oder finde ich eine alte, abgelebte Frau in ihr? In diesem
Stande verschwindet ja die Jugend meist noch viel schneller, als bei jenen, die
sich schonen knnen, die nicht der harten Arbeit unterworfen sind. Wenn sie noch
lebt und die Ihrigen, so sind sie wahrscheinlich arm, und so kann ich dem Glcke
danken, da es mich gerade jetzt so sehr gesegnet hat, um ihnen helfen zu
knnen.
    Mit diesen Empfindungen trat er in die alte schne Stadt ein. Er besuchte
sogleich den ehrwrdigen Dom, dann zunchst die Pltze, die seine Phantasie
geweiht hatte. Sodann verlie er die Stadt, um nach jenem Dorfe zu wallfahrten,
denselben Weg, den er vor Jahren so oft betreten hatte. Er sah den kleinen Flu
wieder, und als er in die Gegend kam, wo er damals Kunigunden von jenem Rasenden
befreite, als er dieselbe Anhhe seitwrts im Walde entdeckte, wo er Abschied
von ihr genommen hatte: fhlte er sich so bewegt, zitterte er in Erschpfung so
heftig, da er sich in dem Walde verbarg, und sich weinend auf dieselbe Stelle
niedersetzte. Wie oft mag ihre Stimme hier ertnt sein, sagte er; hier mag
sie geruht haben, um meiner in tiefer Wehmut zu gedenken. Die Bltter dufteten
wie damals, und nach lauem Regen quoll wie damals ein Walddunst von unten empor;
die stillen Bume suselten im sanften Winde, an ihren Stmmen glnzte gebrochen
und geteilt der Schein der Sonne, und auf das falbe Laub des Bodens fiel der
bewegte Schatten der Bltter, der ein Gatter bildete.
    Es mu sein! rief Leonhard nach einer lange Pause, und raffte sich
gewaltsam auf. Ich mu dort die Zauberlinde sehen, unter welcher sie tanzte,
das ganz abgelegene Wohnhaus, rundum von Busch und Baum umgeben, den lndlichen
Garten, wo ich mit ihr Blumen aufband und Frchte pflckte, ich mu von ihr
erfahren, und mein Herz dem eindringenden Schmerz erffnen.
    Er wandelte weiter, der Linde sowie einigen Htten vorber; kein Mensch
begegnete ihm. Jetzt bog er seitwrts; noch funfzig Schritt, da sah er das Haus.
Alles war still. Die Gattertr vorn war offen und nur angelehnt; auch dort
blhten Malven, Astern und einige andere Herbstgewchse. Die Haustre war nicht
verschlossen, aber innen alles still, wie ausgestorben. Dann klinkte er die Tr
auf, und war nun wieder in jener alten, so wohlbekannten Stube, er um so viel
lter geworden. Das dmmernde Licht, die kleinen Fenster, das Spinnrad in der
Ecke, der hlzerne Tisch: alles noch wie damals, nichts verndert, aber die
Menschen waren fort, es war wie ein Totenhaus. Er warf sich in den ledernen
Armstuhl, in welchem der Alte immer zu sitzen pflegte, und berlie sich ganz
seinen Trumen. Pltzlich sah er auf, und eine groe, edle Gestalt trat durch
die Tr; sie trug auf dem Kopf den Wasserkrug, und mute sich neigen, als sie
hereinschritt. Mein Gott! rief Leonhard, ist es mglich! Kunigunde!
    O Leonhard, mein Leonhard! rief sie mit dem freudigsten Ton, und beide
strzten einander in die Arme; lange ruhte Brust an Brust. Als sie sich gekt,
geweint, gedrckt und wieder gekt hatten, traten sie voneinander, und beide
sahen sich verwundernd, lchelnd, beseligt an. Himmel! sagte Leonhard, du
bist schner und grer geworden, voller und im Ausdruck edler, wie eine Gttin
der alten Fabelzeit stehst du vor mir; es ist ein Wunder mit dir geschehen, denn
du bist nicht lter geworden, unter Tausenden htte ich dich gleich wieder
gekannt.
    Sie lachte und sagte: lter, ja viel lter bin ich geworden, das versteht
sich. Du siehst aber vornehmer aus, als damals, und noch verstndiger! Ei! mein
Leonhard, wie glcklich bin ich, da du nun endlich einmal wieder da bist! Ich
habe lange auf dich gewartet, aber ich wute, und wute es ganz gewi, da du
kommen, jetzt, bald kommen mutest, kurz vor meinem Tode, und da bist du ja nun
auch wirklich.
    Du sterben, erwiderte Leonhard, in dieser Flle und Kraft der
Gesundheit?
    Ja, ja, mein Leonhard, sagte sie mit freundlichem Lachen, und es ist
recht gut, da es so ist. Dafr und fr alles danke ich dem Himmel. Kannst du
denn eine Weile bei mir bleiben?
    Einige Tage gewi߫, erwiderte er, vielleicht eine Woche, wenn es dir nur
mglich ist, wenn dich nichts hindert.
    Komm in den Garten! rief sie lebhaft, dort setzen wir uns wieder hin, wo
damals die Rosen so schn blhten; jene Zeit ist jetzt vorber, aber diese Tage,
in welchen du nun bei mir bleiben kannst, sind meine Rosenzeit - und dann das
Grab.
    Sie gingen in den heitern einsamen Garten hinaus, und setzten sich an jene
Stelle. Zehn Jahr, sagte sie dann, habe ich auf dich gewartet; kann ich dir
jetzt nur zehn Stunden in die lieben Augen sehen, und den Ton deiner Stimme
hren; - ach! so war die Zeit der Hoffnung ja nicht zu lang, so ist mein Leben
ja doch ein schnes gewesen.
    Er sah sie jetzt im Tagesschein, und ihm dnkte, es sei in ihrer Schne
etwas berirdisches, Verklrtes. Wie er ihr in das Auge sah, ward dessen Blue
wie vergeistigt, und er fuhr zurck vor dem berschwang der Liebe, der ihn aus
diesen Sternen anblickte.
    Ja, du bleibst vielleicht mehr als zehn Stunden, sprach sie dann
nachdenklich, bis er kommt, der uns trennt.
    Wen meinst du? fragte Leonhard.
    Weit du es denn nicht, o gewi! da ich Braut bin? Mein knftiger Mann,
der Schreckliche! Ach, Liebster, bei alledem ist das menschliche Leben
frchterlich!
    Sie sank laut weinend an seine Brust. Oh, meine Eltern, sagte sie dann,
haben seitdem viel Elend berstanden; sie sind ganz arm geworden; diesem Leiden
trat noch eine schmerzhafte Krankheit des Vaters hinzu. Seit ich dich
kennengelernt, wollte ich gar nicht heiraten, und das brachte meine Eltern zur
Verzweiflung; denn es hatten sich manche junge und reiche Leute gemeldet, die
ber unser Elend hinwegsehen wollten. Ach! Leonhard, du kannst dir nicht denken,
du Glcklicher, wie es das Herz zerreit, wenn man den Jammer sieht, die Sorge,
die Angst der Alten um jeden Groschen, der geschafft oder verwandt werden soll.
Daneben die lauten, und noch schlimmer die stummen Vorwrfe, die Blicke einer
Mutter, die nach Hlfe schmachten. Und nun hat man es in der Hand, mit einem
Wort, mit einer einzigen kleinen Silbe zu helfen, dieselben Eltern wieder
glcklich zu machen, die Blut und Leben in der Kindheit fr uns hingegeben
htten; nun fallen einem alle die Blicke und Ksse ein, die teure Sorgfalt in
Krankheit, wie oft sie sich selbst am Munde absparten, um dem Kinde Freude zu
machen, um ihm Arzenei zu verschaffen, um ihm ein Spielzeug zu kaufen. Und
ebenso war es schon vorher, lange vorher, ehe man denken und sich erinnern kann;
dieser mtterliche Busen, der jetzt nach einem Labsal schmachtet, hat uns
gesugt; das trnende Auge hat ber uns gewacht; - sieh, Liebster, man lt sich
endlich von Angst und Not, Liebe und Verzweiflung, und von der Stimme eines
Engels, der dazwischenspricht, bereden - und sagt dann das Ja, worber die Alten
aufjubeln, und einem danken, als wenn man sie vom Tode gerettet htte, wie es
denn hier auch der Fall war - aber, Leonhard, ich htte, um ihr Elend zu enden,
nicht einen jener hbschen jungen Mnner nehmen knnen - nicht wahr, das htte
dich noch mehr gekrnkt? Und wei ich doch nicht, ob du nicht auch schon lngst
verheiratet bist.
    Leonhard sah trbe vor sich nieder und fragte dann: Und wer ist dieser
Auserwhlte?
    Du kennst ihn wohl, sagte sie; ein Mensch, der dich hat, der dich damals
ermorden wollte. Als er wieder Witwer war machte er sich an uns, und bot seine
Hlfe an, weil er reich ist. Er setzte etwas darin, mich nicht aufzugeben, und
so habe ich mich drein ergeben mssen. Jener hliche Mensch ist es, mit dem du
den Kampf damals ausfochtest.
    Der? sagte Leonhard, und er ist hier?
    Ach nein! er ist auf Reisen, wie fter, und das ist ein Glck. In acht
Tagen etwa wird er zurckkommen. Er hat seitdem vielerlei Begebenheiten erlebt,
und spterhin auch einen andern Namen angenommen, seitdem ihn ein reicher Vetter
in der Stadt zu sich nahm, und ihn zum Erben einsetzte. Dann ist er in
Deutschland und auch auswrts herumgereiset und hat viele Weinberge und groe
Huser drben in einer benachbarten Stadt. Er hat meinen Eltern das grte,
bequemste Haus im Dorfe hier verschrieben und vermacht, auch Weinberge,
Wiesewachs und Fluren und Triften. Ach, meine Alten sind seitdem so glcklich!
Oben, am Ende des Dorfes wohnen sie auch in dem groen Hause. Hier habe ich mir
in der lieben alten Huslichkeit meine Wohnung aufbewahrt, bis dahin wo das
Schreckliche geschieht, und der Wassermann zurckkommt.
    Wassermann! rief Leonhard hchst berrascht aus - o der der kommt niemals
wieder! - Er erzhlte der Erstaunten nun was sich in Nrnberg begeben hatte.
    Das ndert freilich alles, sagte sie nach langem Stillschweigen. Sie
gingen hierauf, nachdem beide sich mehr gesammelt und Freude und Rhrung
berwunden hatten, nach dem groen Hause, zu den Eltern Kunigundens. Alles
geriet hier ber die Nachricht von Wassermanns Tode in Bewegung. Man fragte dies
und jenes, man verstand sich nicht; die Alten, die so lange vom Elend waren
verfolgt worden, frchteten, von neuem unglcklich zu werden, und da man ihnen
den krzlich gewonnenen Besitz wieder entreien knne. Leonhard trstete und
beruhigte sie. Er fhlte, was in solchen Bedrngnissen ein verstndiger Freund
den Unerfahrenen sein, wie hlfreich er ihnen werden knne. Jetzt war es ihm von
neuem trstlich, eine bedeutende Summe bei sich zu haben, weil ihm ahndete, da
er des baren Geldes um die Lage dieser Armen zu sichern, wohl bedrfen wrde
Statt der schnen Ruhe, von welcher er getrumt hatte, wurde er in eine
unerwartete Ttigkeit geworfen. In Bamberg suchte er einen tchtigen
Rechtsgelehrten auf. Wassermann hatte nur wenige und sehr entfernte Verwandte.
Diese wohnten in der Wrzburgischen Stadt, in welcher Wassermann seine Huser
besessen hatte. In Bamberg war ein Testament niedergelegt, in welchem der reiche
Wstling Kunigunden und ihren Eltern und Verwandten sein ganzes Vermgen
vermachte. Die Ehe aber war nicht vollzogen worden. Leonhard reisete mit dem
wackern Rechtsgelehrten, der sich der Sache mit groem Eifer annahm, nach jenem
Stdtchen. Die Nachrichten und Beweise von Wassermanns Tode waren seitdem auch
vom Nrnberger Magistrate eingesendet worden. Mit den Verwandten, welche gar
nichts von dem Vermgen des entfernten Vetters erwartet hatten, war bald ein
billiger Vergleich geschlossen, und alle waren zufriedengestellt. So konnte der
grte Teil der Verlassenschaft Kunigunden und den Ihrigen zugesprochen werden,
was um so erwnschter war, da nun eine jngere Schwester ihren Brutigam
heiraten und mit diesem eine Wirtschaft anfangen konnte. Kunigunde hatte auch
noch die Freude, da ein Bruder von seiner vieljhrigen Wanderschaft zurckkam.
Diesem war sie mehrere Meilen in der Freude ihres Herzens, als die Nachricht
eintraf, heftig, wie sie war, entgegengegangen. Dies begab sich in den Tagen,
als Leonhard nach jener Wrzburgischen Stadt gereiset war. Dieser junge, brave
Mann konnte sich nun als Schmied in Bamberg, oder auf einem Dorfe niederlassen.
Die Alten im Gefhl ihres Glcks, waren voll Freude und Dankbarkeit gegen
Leonhard, der ihnen mit Aufopferung von Zeit, Geld und Mhe hauptschlich zu
diesen Herrlichkeiten verholfen hatte. Mit welchen Augen die glckliche
Kunigunde ihren Liebling betrachtete, ist leicht zu ermessen. - Und wie
glcklich und unglcklich war er selbst in diesen Tagen, die so reich an
Begebenheiten, Freuden und Schmerzen waren!

                              Siebenter Abschnitt


Die ersten schnen Frhlingstage waren wieder gekommen. Mehr als zwei Jahre
waren verflossen, seitdem Leonhard in seine Heimat zurckgekehrt war. Immer
hatte er auf seinen Freund Elsheim gehofft, dieser aber ward durch eine
unerwartet eingetretene bedeutende Krankheit seiner Mutter auf jenem fern
liegenden Gute zurckgehalten. Es schien dem jungen Mann Snde, die letzten
Lebenstage seiner teuren Mutter, deren einziges Glck er war, nicht zu
erheitern, und so war es natrlich, da sich keine Hoffnung zur Genesung zeigte,
da er ihren Tod abwartete, der erst bei der Annherung des Frhlungs erfolgte.
Er hatte ihr noch die Freude machen knnen, ihren lngst gehegten Wunsch zu
erfllen, da er sich nmlich mit Albertinen vermhlte. Ein Enkelchen, einen
Knaben, hatte die alte Frau auch noch vor ihrem Hinscheiden gesehen, und so
starb sie denn froh und zufrieden, da sie den einzigen Sohn glcklich wute.
    Elsheim hatte in dem langen Zeitraume nur selten geschrieben; auch waren
seine Briefe nur kurz und flchtig, so da Leonhard diese Vorflle nur
summarisch erfahren hatte, ohne die Motive und Veranlassungen nher zu kennen.
    Jetzt aber war Elsheim mit Frau und Kind angekommen; Dorothea, die sich von
ihrer innigst geliebten Freundin nicht trennen wollte, war mit ihnen; der Knabe,
welcher, zu Ehren Leonhards, Wilhelm getauft worden war, befand sich wohl und
munter, und so waren alle zugegen, die Leonhard als Taufzeugen fr sein
Tchterchen schon ziemlich lange erwartet hatte.
    Elsheim, welcher einige Tage frher ankam, war nicht wenig erfreut und
berrascht, seinen Freund so glcklich und heiter zu finden; jenes sinnige
Nachdenken, das ihn sonst oft in den heitersten Stunden berraschte, und welches
zuweilen in ein finsteres Trumen ausartete, schien vllig von ihm gewichen zu
sein. Er war so natrlich froh, so ganz in sich befriedigt, so vllig Mann
geworden, da Elsheim im wahren und festgegrndeten Glcke seines Freundes sich
selber glcklich fhlte. So war auch seine Gattin, Friedrike, noch
selbstndiger, als ehemals. Da man die Taufe bis zur Ankunft der Freunde
aufgeschoben, so konnte die junge Mutter schon wieder aus dem Bette sein. Es war
natrlich, da die beiden Eheleute, denen jetzt zum erstenmal ein Kind geschenkt
war, sich liebender erwiesen, da der Mann der Frau zrtlich und schonend
begegnete; aber der scharfsichtige Elsheim erblickte in dieser wechselseitigen
Hingebung noch etwas Innigeres, welches er nicht ganz verstand, jedoch bald
einmal die Erklrung desselben von seinem Freunde zu hren hoffte.
    War Elsheim verwundert, so erstaunte Leonhard in einem weit hheren Grade
ber die Verwandlung des Barons. Jene Munterkeit, die ihn so liebenswrdig
machte, war ihm geblieben, ja, man konnte sagen, sie war erhht, aber
gewissermaen gelutert und verklrt; denn jenes Schroffe und Herbe, was den
Freund in manchen Augenblicken der bertreibung wegen gestrt hatte, war
Leichtigkeit und Anmut geworden. Wenn Leonhard es htte beschreiben sollen,
wrde er vielleicht gesagt haben, das Wesen seines glcklichen Freundes sei
jungfrulicher, unschuldiger geworden; denn, da er glcklich sei, zeigte sich
in jedem Blick und jeder Miene. Friedrike war sehr vergngt darber, die Freunde
nach einem so langen Zwischenraum wiedervereinigt zu sehen, und zeigte nichts
von jener Empfindlichkeit oder Eifersucht, durch welche Leonhard in frherer
Zeit sich wohl verletzt fhlen mochte.
    Das Fest der Taufe war heiter, und alle erfreuten sich der schnen Aussicht,
welche die Zukunft verhie. Albertine, nach welcher das Tchterchen genannt
wurde, hielt es bei der religisen Zeremonie; Elsheim war zugegen, sowie der
Professor Emmrich der sich schon seit einem Jahr in dieser Stadt niedergelassen
hatte. Zugleich war der kleine Tischlermeister Krummschuh eingeladen, der sich
sehr geehrt fhlte, da er mit so vornehmen Leuten an dem Feste teilnehmen
sollte. Die kleine frhliche Dorothea war zurckgeblieben, um dem kleinen
Wilhelm Gesellschaft zu leisten, der, obgleich erst ein Jahr alt, schon redete,
und gern mit seiner Freundin spielte und scherzte.
    Beim Mahle war man herzlich froh, und Albertine und Friedrike sagten sich
die freundlichsten Worte. Es war vorauszusehen, da sie in Zukunft vertraut und
einander unentbehrlich sein wrden. Froher, als gewhnlich, zeigte sich der
Professor, denn er sah Albertinen schner, als je; alle seine Wunsche fr sie
waren in Erfllung gegangen. Auch er fand den jungen Baron ernster, aber edler,
und man sprach viel darber, wie man im schnsten Freundesverein den Sommer
zubringen, wie man sich im Winter gemeinsam beschftigen wolle, was man
miteinander lesen, welche Spaziergnge man machen knne. Elsheim gab selbst der
Hoffnung Raum, da sein Freund mit Frau und Kind doch noch einmal sein Gut an
der frnkischen Grenze wieder besuchen knne.
    Friedrike begab sich, da sie sich etwas angegriffen fhlte, frher zur Ruhe,
und Emmrich geleitete Albertinen nach Hause; froh und dankbar verlie Krummschuh
die Gesellschaft, und Leonhard und Elsheim befanden sich nun allein miteinander
in jener Stube und an dem runden Tisch, an welchem ihnen vor beinahe drei Jahren
der alte Magister seine Geschichte erzhlt hatte.
    Die beiden jungen rstigen Mnner reichten sich die Hnde, und sahen sich
mit dem Blick der reinen und festen Freundschaft an. Liebster Bruder, fing
Leonhard an, du bist wahrhaft glcklich, nicht zum Beneiden, wie man sich immer
ausdrckt, denn ich glaube, ich bin es nicht weniger; aber noch immer begreife
ich es nicht, wie du dahin gelangt bist. Deiner Briefe waren so wenige, immer
nur einige Zeilen, anfangs verdrlich, dann zurckhaltend, dann blieben sie
einmal ganz aus, dann ward mir kurz deine Vermhlung, und nach zehn oder eilf
Monaten die Geburt deines Kindes gemeldet- und so bin ich mit dir ohne
historischen Zusammenhang: unsere Herzen sind eins, aber ich habe dich und dein
Schicksal nicht begriffen. Vielleicht kannst du mir jetzt, in dieser traulichen
Stunde, hierber nheren Aufschlu geben.
    Elsheim lachte herzlich und sagte: Liebster, wenn ich verdrlich bin,
schreibe ich ungern Briefe, noch viel weniger aber, wenn ich mich recht
glcklich fhle. Ach, und in jenen Tagen, da sich mir das Paradies der Liebe
ffnete, wie htte ich da Worte suchen mgen, wo htte ich sie auch finden
knnen, dir meine Seligkeit mitzuteilen! Sehen wir uns, sprechen wir uns doch
jetzt; warst du es doch selbst, der zuerst den seltenen hohen Wert Albertinens
erkannte, als ich noch in meiner Verblendung herumlief und nach Wolkenschatten
haschte.
    Er wurde ernst und fuhr fort: Immerdar habe ich an jene Gesprche denken
mssen, die wir auf der Reise miteinander fhrten. Wer kennt das Leben, wer
sich, oder andere Menschen? Auch wer klar zu sein glaubt, fllt wiederum in das
Trbe, Widersprechende und Unzusammenhngende, und diese Verirrung war
vielleicht notwendig, damit man sich jenseits vollstndiger wieder antreffen
mchte. Es gibt so viele Romane und Erzhlungen, vieles ist geistreich, manches
davon gehrt zu den Kunstwerken; aber, so viel ich nun auch wei, ist jenes
Thema noch niemals, oder mit wahrer Menschenkenntnis durchgefhrt worden. Ja,
Freund, dieser Rausch und diese seltsame Leidenschaft fr jene reizende
Charlotte, die mich eine Zeitlang mir selbst entfhrte, war zu meinem Leben, die
Befriedigung derselben zu meiner Ruhe und meinem Glcke notwendig. Wie schn
jenes Wesen ist, welche Gewalt sie ber die Sinne und den taumelnden Geist
ausben kann, hast du ja selbst erfahren. Die Menschen brauchen immer das Wort
Liebe, und sie wissen selbst nicht, was sie damit ausdrcken wollen. Jene
Idealisten nun gar, die sie ohne Gestalt und Farbe malen wollen, und nur die
Vernichtung des Gemts und der Leidenschaft darstellen knnen! In jedem
Menschen, in jeder Situation, in jeder Rede und jedem Blick ist die Liebe, wenn
sie wirklich da ist, ein anderes Wesen, ein neues, originelles Individuum, und
darum ist dies Thema fr den Dichter so unerschpflich, wenn er ein echter
Dichter ist. So liebt ich Charlotten ungestm, fast wahnsinnig, und ich habe dir
schon damals gestanden, wie mich die Eifersucht peinigte, neben dem sonderbaren
Kontrast, da ich dies verfhrerische Wesen nicht achten, und noch weniger ehren
konnte. Sah ich doch tglich ihre Unwahrheit und Verstellung, wie sie nur dem
Augenblick lebte, und selbst, wenn sie gewollt htte, unfhig war, im Geliebten
den edlen Menschen zu achten. Und doch war diese ewige Lge ihrem Leben und
selbstndigen Geiste keine Unwahrheit: denn nur so, wie sie war, war ihr Witz,
ihre Schalkheit, ihr Beherrschen der Menschen mglich. Da alles Ehrbare, Echte,
wahrhaft Menschliche und Treue ihr unzugnglich war, go diesen wundersamen
Zauber ber sie, welcher unsere noch jugendlich frischen Herzen so sonderbar
berauschte. Htte man sie achten knnen oder ehren mssen, so konnte man sie
nicht mehr lieben. Aber auch einzig sie konnte diesen Wollustrausch, diesen
feinen und seelenbetubenden Wonnedurst erregen und befriedigen. Du hast dies
ebenfalls erlebt, ein anderer wrde mich vielleicht nicht verstehen.
    Als meine Seele und meine Sinne nun befriedigt worden, als ich das Glck
genossen hatte, welches mir damals das hchste, wenigstens ein unerlaliches
erschien: wie war nun mein Gefhl? Meine erste Besonnenheit war, da ich dich,
Geliebtester, unendlich vermite; ich klagte es buchstblich den Wldern und
Fluren, da ich dich jetzt schon hatte abreisen lassen, obgleich mich damals
dein Abschied erfreute, und deine Reise mir einen Stein vom Herzen nahm. Noch zu
einigen Zusammenknften fand ich mich ein in jenem einsamen Huschen dort am
Buchenwalde; aber der Zauber, der mich so golden umsponnen hatte, war zerbrochen
und zerrissen, wie von Armida oder Alcinda war die Tuschung abgefallen, und
wenn man unter diesen Gefhlen erwacht, so ist die Wirklichkeit gar zu arm und
nchtern, weil der Traum zu wonnereich war.
    Emmrich hatte es durch seinen Enthusiasmus dennoch mglich gemacht, da wir
Shakespeare Wie es euch gefllt auffhren konnten. Statt deiner, wie er es erst
willens war, mute ich nun jenen kindlichen, ungebildeten und in seiner
Natrlichkeit so braven und edlen Orlando spielen. In den Liebeszenen, welche
Albertine so heiter und lieblich gab, fiel es mir jetzt erst auf, wie schn dies
Wesen sei, wie edel gebaut, welche Tne in ihrer Brust wohnten, mit welchem
Gefhl sie sprach. Da wirkte eine frhere Ermahnung Emmrichs nach, und seine
Worte fielen mit neuer Kraft auf mein Herz, wie ich mich eine Zeitlang wirklich
ungezogen gegen sie betragen hatte. Ich erschien mir wie ein alberner Knabe, da
ich, um meiner guten Mutter nur zu widersprechen, mich so willkrlich gegen alle
Vorzge dieses Mdchens verblendet hatte. Ich kam ihr nher, war freundlicher,
redete sie nach beendigtem Stck fast mit Zrtlichkeit an, und niemals, niemals
werde ich den Blick vergessen knnen, mit welchem sie mich ansah. Wie soll, wie
kann ich ihn beschreiben? Er drang mir durch Mark und Bein. Ein zarter, holder
Vorwurf lag darin, ein unendliches Mitleid mit mir, da ich sie habe verkennen
mgen, und doch ein unsglicher Schmerz ihres eignen Herzens; es war als wenn
der Blick sagen und mit holdseliger Bitterkeit fragen wollte: Endlich? - Sie
wendete sich dann pltzlich ab, und eilte in ihr Zimmer, um sich umzukleiden.
    Von dieser Stunde an folgte ich ihren Schritten, und hatte jetzt, im
buchstblichen Verstande, Charlotten vllig vergessen. Diese trieb schon seit
einigen Tagen ihr Wesen mit den Virtuosen, was mich gar nicht mehr
interessierte; aber unser kleiner Cadet wollte wahnsinnig werden, und es war
hohe Zeit, ihn in seine Anstalt zurckzusenden. Meine Sehnsucht nach Albertinen,
meine Bewunderung ihrer Schnheit, da ich sie immerdar vermite, und ihre
Gegenwart suchte, alles dies wuchs mit jedem Tage. In einer schlaflosen Nacht
mute ich es mir bekennen, da es Liebe sei, was mich so qule und doch
peinigend beselige. Sonderbar! ich hatte nicht den Mut, ihr dies Gefhl zu
gestehen, obgleich ich jetzt schon Emmrichs Worten glaubte, da die Holdseligste
eine Leidenschaft fr mich empfinde. Endlich, in jener abgelegenen Gartenlaube,
wo ich sie einmal allein antraf, wagte ich es. Wie, Vetter! rief sie aus, und
ihre wunderschne Stimme zitterte im klingenden Silber vor tiefer Bewegung: dies
sagen Sie mir? Und es kann Ihr Ernst sein? Woran soll ich das erkennen?
    An diesen strzenden Trnen, rief ich, indem ich zu ihren Fen niedersank.
Stehen Sie auf! sagte sie ngstlich, es knnte uns jemand berraschen. Ich
setzte mich zu ihr, sprach, bewies, forderte, wnschte und flehte; sie aber sah
schweigend vor sich nieder, und erhob nur von Zeit zu Zeit das schne Haupt, um
mir scharf in die Augen zu sehen. Sie schien mit sich zu kmpfen, sie sann ber
Gedanken, die sie aussprechen mchte, sie stritt mit Gefhlen - endlich sagte
sie; Und wenn ich nun an Ihre Liebe glaube, wie Sie es nennen? Die Leidenschaft
nehme ich wahr; stammt diese aber auch aus jenem Quell, den ich Liebe nennen
mchte? Und selbst, wenn ich Ihnen glauben wollte, kann ich Ihnen jetzt noch
keine Antwort geben. Doch, ich erscheine Ihnen, der Sie ganz andere Forderungen
machen, vielleicht altklug, oder gar prude. Nur eins versprechen Sie mir: sagen
Sie von dem, was Sie jetzt so heftig zu wnschen scheinen, auch kein Wort Ihrer
Mutter. Sie wissen wohl, welche Plne sie einst hatte, und ich mchte in dieser
Sache von niemand, auch dem Besten nicht, berredet werden. Vieles, ach! vieles
mu berdies noch anders werden. - Mit diesen Worten entfernte sie sich, nachdem
ich ihre Hand, die sie mir freundlich berlie, heftig gekt hatte.
    Man wird oft schlimmer, indem man besser wird. Mein Gemt war erhoben, ich
hatte vieles in mir berwunden, was ich jetzt niedrig nennen mute, und doch
nahm ich jetzt planvoll zur List meine Zuflucht, die ich noch vor wenigen Wochen
wrde verachtet haben. Ich suchte mir nmlich die kleine Dorothea zu gewinnen,
und dieser ein unbedingtes Zutrauen einzuflen. Das war bei dem guten lieben
Kinde nicht gar schwer, obgleich sie mich oft gescholten, oder mir auch
empfindliche Wahrheiten gesagt hatte; mein neckender Ton war ihr oft zuwider
gewesen und sie hatte sehr oft geuert, kein Mensch knne Zutrauen zu mir
fassen. Wie es mir also gelang, sie recht treuherzig zu machen, entdeckte ich
ihr den Zustand meines Gemts, und da sie berzeugt war, es sei mein Ernst,
versprach sie mir alle Hlfe, und wiederholte mir manche Gesprche, die sie mit
Albertinen gefhrt hatte, und was diese an mir, den Leichtsinn, eine gewisse
Frechheit, von der ich nichts wute, und dergleichen mehr, aussetzte. Bei dieser
Gelegenheit, Freund, wurde nun dein Lob in allen Tnen gesungen. Du warst
Albertinen das Muster eines Mannes, diese Kindlichkeit fehlte mir, sowie diese
Unschuld, eine gewisse Redlichkeit und dergleichen Haupttugenden mehr, so da
die Kleine auch frher den irrigen Glauben gehegt hatte, Albertine sei sterblich
in dich verliebt. Jetzt teilte sie Emmrichs Meinung, da sie von einer
Leidenschaft gegen einen Undankbaren schon frher sei verzehrt worden, dessen
Unart und Frivolitt, dessen Verliebtheit in Charlotten, sowie manche
Tollheiten, sie immerdar tief verletzten.
    Wie gern wollte ich ihr jetzt alle diese Leiden vergten. Aber sie wich mir
aus, sie vermied mich, soviel sie es irgend konnte. Oft mute ich glauben, da
ihr mein Wesen wirklich unertrglich sei, und dies brachte mich in meiner
berspannten Empfindung gar oft der Verzweiflung nahe. In manchen Stunden fiel
mir ein, ich wollte fortreisen, und in fernen Lndern, unter anderm
Himmelsstrich, mein Gemt und meine Heiterkeit wiederzufinden suchen. Ein Blick,
der etwas freundlicher schien, bannte mich dann wieder in ihre Nhe, und
vershnte mich auf lange mit mir selbst. - Doch, wozu die Freuden und Leiden,
die Schwankungen meines Gefhls dir schildern? - Ich sah wohl, wie aufmerksam
sie mich prfte, wie scharf sie mich aus der Ferne, auch wenn sie mit andern
lebhaft sprach, beobachtete. Selbst Dorothea machte mir von Zeit zu Zeit einige
Hoffnungen, sie meine, ich werde geliebt, nur klagte sie darber, da die sonst
so zrtliche Freundin sich seit einiger Zeit auch von ihr zurckzge, und gegen
sie verschlossener sei, als jemals.
    Wir hatten an einem der schnen Herbsttage einen gemeinschaftlichen
Spaziergang in jenen schnen Buchenwald gemacht in welchem du dich auch einmal
verirrtest. Ich fhrte Albertinen, Emmrich ging mit Dorotheen, der begnstigte
Bassist mit Charlotten. Dieser zndete mitten im Walde ein Feuer an, und
Dorothea kochte mit Hlfe Charlottens den Kaffee in der grnen Wildnis; sie
hatten spaend die Geschirre und allen Bedarf in ihren Krbchen mitgenommen. So
veranstaltete sich unvermutet ein kleines lndliches Fest, und es nahm sich
artig aus, wie die rote Flamme, die in dem drren Reisig hoch aufloderte, die
Stmme und die belaubten Zweige der Buchen frbte. Nachher spazierte man noch,
weit vom Wege ab, rechts und links. Endlich waren wir denn auch vllig verirrt,
denn keiner hatte in seinen lebhaften Gesprchen auf den Weg geachtet. Der
Bassist schrie laut, aber vergeblich, von nirgendher eine Antwort. Wir
frchteten endlich, die Nacht knne uns berraschen, und wie es in solchen
Fllen wohl zu geschehen pflegt, alle strengten sich an, um etwas zu ersinnen,
dessen Gelingen immer noch milich blieb. Emmrich lief mit Dorothea fort, um
Menschen aufzusuchen, der Bassist und Charlotte in derselben Absicht nach einer
andern Richtung. Diese fingierten den Rettungsversuch vielleicht nur, um sich
noch mehr zu verirren. Man hrte die vier verschiedenen Stimmen noch ein
Weilchen, endlich verhallten alle, und ich war mit der schchternen Albertine
ganz allein. Es war einer der seligen Augenblicke unsers Daseins, denn jetzt
bekannte sie mir ihre schon lngst gehegte Liebe. Den ersten heiligen Ku, den
ich auf ihre Lippen drckte, erwiderte sie herzinnig. So erschttert,
begeistert, zitternd, wagte ich es, damit sie mich ganz kenne, das Gestndnis,
da ich mich von Charlotten habe verleiten lassen, meinem bessern Gefhl, der
Heiligkeit der Liebe, ungetreu zu werden. O Leonhard, da lchelte sie ber meine
Heftigkeit, oder bereilung, wie soll ich es nennen? so milde, so lieblich und
herzerobernd, und sagte: O Liebster, diese deine Snde ist mir lngst bekannt;
ohne da ich es begehrte, hat mir die plauderhafte Lene dies alles schon damals
erzhlt, als du noch nach jener Htte eiltest. - O Herzensfreund, wie war ich
gedemtigt und entzckt zugleich! denn niemals, in keinem Augenblick, hat sie
dieser Charlotte ihren Zorn, oder nur ihre Unzufriedenheit merken lassen,
sowenig sie ihr gefallen konnte, sosehr jene sie auch verletzte und krnkte. Ja,
an einem Tage, als Charlotte an Migraine litt, und alle, Dorothea, die Tante und
meine Mutter ber Land gefahren waren, hat sie sie christlich gepflegt, ihr
vorgelesen, sie gewartet, und niemals das kleinste Zeichen gegeben, da sie von
ihr mehr wte, oder von ihr gekrnkt sei. Oh, wie tief war ich gedemtigt, wie
grausam beschmt! Aber wie wuchs auch seit diesem Augenblick meine Liebe und
Verehrung zu diesem einzigen Wesen!
    Ja, es ist mir so gut geworden, wie ich es mir immer wnschte. Diese stille
Laube, dieser Platz im wilden Walde, jede Stelle wo ich mit ihr wandelte, die
Bume, an denen ich stand, und sie erwartete, alle diese Pltze sind mir
Heiligtmer geworden, und werden mich noch im hohen Alter prophetisch anreden,
und mich mit unsterblichem Zauber locken. Dort also ist mein Orient und mein
Wunderland. Und glaubst du wohl, Freund, da, seit Albertine meine Gattin ist,
ich in gewissem Sinn verliebter binn als vorher? Aber Eros hat mir auch ein
neues Herz in meinem Busen geschaffen, in bin ein anderer Mensch geworden. -
Doch, Liebster, warum haben wir den alten Magister heut nicht gesehen?
    Morgen la uns darber sprechen, sagte Leonhard, es ist spt. Und die
beiden Freunde trennten sich.

Am folgenden Tage a Leonhard zu Mittag bei seinem Freunde Elsheim, obgleich
erst einiger Streit vorangegangen war, weil Leonhard nur hchst ungern seine
Lebensweise, selbst dem Freunde zu Gefallen, nderte. Elsheim hatte keine
anderen Gste, und als sich Albertine entfernt hatte, begann zwischen den beiden
Freunden wieder folgendes Gesprch, die vormaligen Begebenheiten betreffend.
    Du bist mir gestern noch manches schuldig geblieben, fing Leonhard an,
und so will ich denn auch gegen dich, Geliebter, keine Scheu tragen, und frage
dreist: Was ist aus Charlotten geworden?
    Ja, ja, antwortete der Baron, es ist ganz recht von uns, und geziemt
unserer Dankbarkeit, da wir einer solchen Schnheit nicht vergessen. Dieses
wunderbare Wesen, ja, Freund, sie ist noch immer schn, aber sie hat ihre Bahn,
die ihr vielleicht am besten geziemte, auf eine seltsame Weise verlassen.
    Mochte sie es berdrssig sein, so allein und einzeln zu bleiben da sie
alles um sie her sich verheiraten sah, hatten die Virtuosen, die nun abgereiset
waren, ihre letzten Liebhaber, als leichtsinnige Musiker ihr Verdru gemacht,
und vielleicht ihrem Ruf geschadet, genug, sie nahm sich vor, sich ebenfalls zu
verheiraten, um als ehrsame Frau, unter dem Schilde ihres Eheherrn, alle
Verleumdungen und nachteiligen Gerchte niederzuschlagen, und da ihr nichts
mirt, was sie ernsthaft will, so war sie denn auch schon nach vier Wochen, zum
Erstaunen der ganzen Nachbarschaft, eine ehrbare und unbescholtene Hausfrau.
    Und wen hat sie geehlicht? fragte Leonhard in gespannter Erwartung.
    Elsheim antwortete lchelnd: Der gute Mannlich ist von ihr geheiratet
worden, denn einen Monat vorher war es ihm wohl noch nicht als mglich
erschienen, da ihn dies Schicksal betreffen knne. Aber er ist glcklich mit
ihr, sie ist es mit ihm, und wer kann dann noch etwas Erhebliches gegen diese
Verbindung sagen? Seit zwei Monaten ist er auch Vater eines Knaben, und er wei
es schon jetzt genau, wie er diesen erziehen will, und welche Talente sich in
dem Kinde entwickeln werden. Sie ist vllig umgewandelt, wenn man den Ausdruck
von einem Wesen brauchen darf, welches niemals einen Charakter hatte. Sie hat
sich nmlich der Frmmigkeit ergeben, Mannlich hat nachfolgen mssen, und steht
jetzt mit den Missions-Gesellschaften und anderen frommchristlichen
Brderschaften in Korrespondenz und enger Verbindung. Er ist, von ihr
angetrieben, so eifrig geworden, da er oft auf seinem Gute fromme Konventikeln
hlt; er predigt, sie singt, Bauern und Dienstboten helfen, und sein eigener
Kutscher schreit bei offenen Fenstern so laut, da sie es oft, wenn der Wind so
steht, auf dem nchsten Gut vernehmen.
    Und das Komdienspiel? Und Berlichingen? Und Goethe? fragte Leonhard.
    Alles das, sagte Elsheim, ist jetzt die allergrte Snde und Bosheit,
die der Teufel in persnlicher Gestalt auf der Erde eingefhrt hat. Alle Poesie,
die geistliche abgerechnet, ist abscheulich; alle, die sich daran erfreuen, sind
ewig verdammt, und kommen mit Shakespeare, Raffael, Lessing, vorzglich aber mit
Goethe, wenn der einmal stirbt, in ein und denselben Schwefelpfuhl.
    Ist es mglich, rief Leonhard im hchsten Erstaunen, da diese Menschen,
gerade diese, sich von ihrer ersten Bahn so weitab verirren konnten?
    Elsheim sagte: Gerade diese am ersten, Freund, denn in ihnen ist kein
Widerhalt, keine Sperrung und kein Hemmschuh, der dem Laufe abwrts irgend
entgegenwirkte. Ich sagte ihr einmal: Schne Frau, Sie sind noch viel zu jung
und reizend, um jetzt schon mit dem Heiland zu kokettieren, der bleibt Ihnen fr
alle Zukunft gewi, nehmen Sie doch frs erste noch einige junge Fntchen in
Anspruch, die nichts Besseres wnschen, als von Ihnen aus dem Groben gebildet zu
werden; - aber - ich wurde mit meiner Sndhaftigkeit, falschem Witz, Arroganz
und bermut von der Frommen schn abgefhrt und zur Ruhe verwiesen, so da ich
es nicht zum zweitenmal wagte, sie in ihrem Glauben irremachen zu wollen.
    Leonhard war nachdenklich geworden; dann sagte er: Erinnerst du dich der
schnen, bedeutenden Worte Othellos, als er schon alle Schandtaten seiner Frau
erfahren hat und sie glaubt als er schon ihren Tod beschlossen hat, wie er immer
wieder von seiner Liebe und ihrer Schnheit berwltigt ausruft: Aber, es ist
doch schade! Jago, es ist schade, - Wie soll man die Schnheit knftig anbeten,
da auch diese ein solches Ende genommen hat?
    Ja wohl, antwortete Elsheim, denn sie war schn und ist es noch. Lange
noch wird sie es bleiben, und man mu sich nur darber am meisten verwundern,
da diejenige, die sonst das Netz nach allen Mnnern auswarf, nun so prde und
zurckgezogen lebt, und so strenge ist, da sie auch nicht den unschuldigsten
Scherz, auch die harmloseste Leichtfertigkeit nicht duldet. Albertine ist jetzt,
mit ihr verglichen, ein ausgelassener Freigeist.
    War dies denn nun auch, sagte Leonhard, im Buch des Schicksals so
niedergeschrieben, oder ist es eine willkrliche Sndhaftigkeit, schlimmer als
die vorige?
    Mag es sein, wie es will, erwiderte Elsheim, ich habe wenigstens dazu
beigetragen, meinen ehemaligen Freund und Ausbildner in diese Lage zu versetzen.
Sein Gut ist jetzt schuldenfrei, er kann anstndig leben, Sorgen werden ihn
nicht qulen, wenn er nicht auf eine wahnsinnige Art wirtschaftet, und die
Summe, die ich ihm dazu vorgeschossen habe, werde ich niemals zurckverlangen.
    Billigst du es nicht auch, warf Leonhard schnell ein, da ich jetzt eine
Tochter habe, und die Aussicht auf mehrere Kinder wahrscheinlich ist, da wir
unserm Franz, damit er, auch wenn wir sterben sollten, seine Laufbahn machen
kann, ein kleines Kapital niedergelegt haben? Friedrike war sehr erfreut, als
sie mir diesen Gedanken vortrug, da ich ihn sogleich billigte, und auch von dem
Meinigen dem hinzufgte, was sie von ihrem Vermgen dazu bestimmt hatte.
    Brav, mein Leonhard! rief Elsheim, und ihr erlaubt mir auch gewi, diesen
Fond noch etwas durch meinen Betrag zu vergrern.
    Aber wo sind die Virtuosen geblieben? fragte Leonhard, nachdem er seinem
freigebigen Freunde gedankt hatte.
    Sie reiseten von mir nach England, sagte dieser, und sind dort beide zu
frh gestorben. Kein Wunder brigens, da sie gar zu leicht lebten, und weder
sich, noch ihr schnes Talent irgend schonten. berhaupt aber, Freund, ich
mchte mir wegen der Konfusion Vorwrfe machen, die wir durch unser
Komdienspielen dort in der Gegend, wo bis dahin dergleichen nie war erhrt
worden, angerichtet haben. Du hast es noch mit angesehen, wie jener Ehrenberg
von den Dummkpfen bewundert wurde. Was aber wirst du sagen, wenn ich dir
erzhle, da er jetzt ein Gutsbesitzer und wohlhabender Mann ist? Er richtete
auf den Gtern von Dlmen und Bellmann ein schnes Nationaltheater ein, man gab
die brillantesten Stcke, und von den Weibern spielten die ergrauenden Tchter
der Witwe die Hauptrollen. Pltzlich wollte die eine von diesen mit aller Gewalt
den Ehrenberg heiraten. Widerspruch von allen Seiten. Aber er kam zu spt, die
Liebenden hatten im festen Vertrauen auf ihr Glck ein Hausmittel angewendet, so
da die Mutter wohl ihre freiwillige Zustimmung geben mute, wenn sie nicht den
Ruf ihrer Tochter preisgeben wollte; wie denn die Unvermhlten immer im
hoffnungslosesten Zustande gerade dann leben, wenn sie recht guter Hoffnung
sind. Die Theaterwut hatte so berhandgenommen, da Bellmann und selbst Dlmen
von Zeit zu Zeit mitspielten, die jungen Bellmnner, die von Natur Enthusiasten
waren, nicht einmal zu nennen. Aber auch aus dieser Begeisterung hat sich eine
Mesalliance entsponnen, die ebenfalls schon ihre guten Frchte, das heit
Kinder, getragen hat. Da die Lene immer zur Aushlfe herbeigeholt wurde, ja
offne groe Rollen bernehmen mute, so hat in einigen der lteste Sohn Bellmann
sie so reizend gefunden, da er sie in einer mondhellen Nacht entfhrte, und sie
nach zwei Tagen als angetraute Gattin in das Haus seines Vaters zurckbrachte.
Der verwilderte Schulmeister hat seitdem immer die allerwichtigsten Rollen
gespielt, und erkennt kaum den groen Ehrenberg fr seinen Nebenbuhler. Er hat
sich Stiefeln machen lassen, von solcher Knstlichkeit, da man jetzt sein
hlzernes Stelzbein gar nicht mehr gewahr wird, und so hat er zum Erstaunen der
Welt den Kaspar den Thorringer, sowie den Otto von Wittelsbach, und selbst den
Knig Philipp im Don Carlos dargestellt. Die Edelleute, die ihn beschtzen und
bewundern, sind in den Narren so vernarrt, da er jetzt wie ein Bruder mit ihnen
lebt. Da er sein Schulamt ganz versumte, bekam er anfangs oft Verweise, manches
Mal selbst scharfe, dann Drohungen, und endlich, weil nichts fruchtete, hat man
ihn abgesetzt. Der Adel der Provinz hat aber fr den groen Mann eine
Subskription erffnet, so da er sich jetzt viel besser, als bei seiner Schule
steht. Nun dirigiert er mit Ehrenberg bei Dlmen, Bellmann, der Freifrau und
einigen anderen Edelleuten das Theater und unterrichtet die wibegierige Jugend
im Spiel. Auch der Verwalter Lenz hat, voll Begeisterung, die konomie
aufgegeben, und ist seiner schnen Stimme wegen jetzt Tenorist bei einem groen,
namhaften Theater. Ich wnsche diesem lieben Mann von Herzen Glck und eine
fernere Ausbildung seines schnen Talentes.
    Freilich, sagte Leonhard, ist dein gutgemeinter Scherz zu einer
ziemlichen Verwilderung ausgeartet. So geht es aber oft im Leben, und es ist
eine gute Andeutung oder Allegorie fr die Geschichte der deutschen Kunst. Es
wre eigentlich nicht uneben, wenn ein guter Kopf die Historie unserer
wirklichen deutschen Bhne beschriebe, und uns zeigte, da es dort eigentlich
ebenso hergegangen sei. Zettel hat ja doch eigentlich bei uns ber Sommernacht,
Elfen, Frsten und Herren, und die ganze anmaliche Aristokratie den Sieg
davongetragen.
    Er ist aber selbst Aristokrat, wandte Elsheim lachend ein, und seine
Kameraden erkennen ihn als den besten; mte er nur nicht eigentlich von dem
ganz unfhigen Mondschein verdrngt werden?
    Nun aber, fing Elsheim nach einer Pause wieder an, habe ich dir so viel
gebeichtet, und deiner Neugierde genuggetan - doch du - wie ist es dir denn
ergangen? Wo bist du damals geblieben? Wie kommt es, da ich dich so verndert,
und zu deinem Vorteil verwandelt, wiedertreffe? Nun sprich auch einige gescheite
Worte, um mich darber aufzuklren.
    Wie gern, sagte Leonhard. Du mutest, um der Liebe zu Albertinen fhig zu
werden, dich in Charlotten vergaffen, und so war es notwendig, da ich ein
anderes poetisches Abenteuer bestehen, eine alte Sehnsucht meines Herzens sich
erfllen mute um jetzt ohne Resignation, ohne Gefhl eines Mangels, mit meiner
Friedrike ganz und auf meine Lebenszeit glcklich zu sein. Ich nannte dir damals
jene Kunigunde, die ich in der Nhe von Bamberg hatte kennen lernen; du
erinnerst dich vielleicht noch, was mir mit ihr begegnete -
    Wohl erinnere ich mich, sagte Elsheim; es ist eine Geschichte, die sich
nicht so leicht vergit.
    Ich ging wieder von Nrnberg nach Bamberg, fuhr Leonhard fort; man kann
nicht andchtiger sein, als ich es auf meiner Wallfahrt war. Die Eltern lebten
noch, und waren durch die Gromut eines knftigen Eidams nach dem Elend vieler
Jahre wohlhabend geworden. Kunigunde, voll, frisch, schner, als je, lebte noch
in dem letzt leeren Hause, in dem Grtchen, unter den alten Gerten, und hatte
mich mit der grten Sicherheit erwartet.
    Dich? erwartet? rief Elsheim im grten Erstaunen.
    So ist es, antwortete Leonhard, ich traf sie in dieser ruhigen
Geister-Stimmung. Unser Erkennen war, als wenn wir uns gestern getrennt htten.
Was soll ich dir sagen, mein Bruder? - Ich blieb dort im Hause beinahe drei
Wochen, und habe in ihrer teuern Nhe alle Seligkeit ausgenossen, die dem
sterblichen Menschen nur vergnnt sein mag. Ich wute nmlich, da ihr
bestimmter Brutigam in dieser Zeit nicht kommen knne, denn ich hatte es in
Nrnberg mit angesehen, wie der Berauschte und Wtende dort mit einem Pferde
strzte und umkam; und dieser ganz Abscheuliche war niemand anders, als jener
edle Wassermann.
    Wassermann! rief Elsheim.
    Kein anderer, sagte Leonhard, und wie recht hatte daher meine Antipathie,
die sich so lebhaft regte, als dieser Widerwrtige sich uns zum erstenmal
zeigte. Sonderbar genug war es auch dasselbe Untier, mit welchem ich schon
damals kmpfte und aus dessen Hnden ich Kunigunden erlste; er hatte sich
seitdem aber so in aller Hinsicht verndert, da ich ihn anfangs nicht
wiedererkannte.
    Die Sache ist aber ganz mythisch, sagte Elsheim.
    Hre weiter, fuhr Leonhard ganz ernsthaft fort. Sie glaubte fest an ihren
nahen Tod. Ich blieb in der stillen Htte dort, sah die Eltern und fhrte das
Geschft ihrer Erbschaft zu aller Zufriedenheit; dann wieder, von aller Welt
vergessen, von niemand bemerkt, jede Stunde, Minute in ihrer Nhe, in ihren
Armen, stets Gesprche und Ksse wechselnd, nichts wnschend und vermissend, war
ich dort in so manchen Stunden wie auf einer menschenleeren, fernen und
unentdeckten Insel im Ozean.
    Eine Feengeschichte, sagte Elsheim, oder sie war mehr eine Kalypso, eine
verborgene Gttin, und du ihr Odysseus, nur mit dem Unterschiede, da du dich
nicht mit Trnen nach der Heimat zurcksehntest.
    In ihrer Seligkeit, sprach Leonhard weiter, fhlte ich mich am meisten
beseligt. O Freund, welch tiefes, unergrndliches Wesen ist das menschliche
Herz! Welch ein Wunder-Rtsel unverstanden und doch so einfach, die Liebe des
Weibes! In einer unserer schnen Stunden gestand sie mir, da ich sie nur einmal
im Leben gekrnkt habe, an jenem Nachmittag, da ich sie von dem Ruchlosen
erlst, sie mir ihre ganze Liebe angeboten und ich diese seste Vereinigung, um
das Schicksal nicht herauszufordern, verschmht hatte.
    Mich dnkt, sagte Elsheim, auch Sigune klagt im Titurel auf eine hnliche
Weise, als sie vor dem Leichnam ihres Geliebten in tiefer Trauer sitzt. Auch
hierin ist deine Geschichte Legende und grenzt an das Wunderbare. Frher
verschmhtest du diese Liebe und ihren Triumph, um ihn jetzt nach so manchem
Jahr zu feiern; damals flohst du aus ihrer Nhe, und jetzt, nach langer Frist,
machtest du einen Weg von funfzig oder sechszig Meilen, um deinen alten Fehler
wiedergutzumachen und dir die Schne zu vershnen. Sonderbar!
    Was auch sonderbar ist, sagte Leonhard, da ich damals in meinem Glck
durch keinen Vorwurf gestrt wurde; wir fhlten uns beide nur befriedigt. Auch
nachher, auch seit diesen zwei Jahren, habe ich jene schnen Wochen nicht
bereuen knnen. Aber, als ich nun zurckkam, war es wie ein Traum, oder wie eine
Sehnsucht, oder wie soll ich es nennen, von mir genommen; jetzt erschien mir
meine Friedrike erst im klarsten Licht, meine Liebe zu ihr lebte im schnsten
Bewutsein, und auch sie fhlte, da ich inniger, herzlicher zu ihr
zurckkehrte, als ich ausgereiset war, sie sah, da mein Glck dasselbe blieb
und von keiner Laune mehr gestrt ward. Und so wird es nun bleiben bis in unser
Alter hinauf.
    Und jene lebt noch? fragte Elsheim.
    Ach! Freund, sagte Leonhard tief erseufzend, ihr Wesen war so
geisterhaft, berirdisch; sie sprach mit solcher Sicherheit von ihrem nahen
Tode, da ich oft in der Wonne ihrer Nhe schaudern mute. In ihren
Angelegenheiten reisete ich in das Wrzburgische. Sie erwartete einen Bruder,
der lange auer Landes gewesen war. Wie ich zurckkomme, finde ich die Familie
in Trnen. Sie war dem Bruder zwei Meilen entgegengegangen; sie hatte sich, wie
die Eltern sagten, so erhitzt, da sie seitdem bettlgerig war. Sie starb
lchelnd in meinen Armen, und machte die Prophezeiung von ihrem nahen Tode
wahr.
    Weit du denn auch, sagte Elsheim, da alles dies eine wundersame
Geschichte ausmacht? Mein Himmel, da fehlt ja nur wenig zu einem phantastischen
Mrchen! Und doch ist der Grundstoff davon wieder so alltglich! - Aber nun,
Freund, bleibt uns noch brig, da du mir etwas von deinem alten Magister
erzhlst.
    Heute nicht, sagte Leonhard sehr gerhrt, es mchte nur das Phantastische
noch vermehren. Nimm diesen Brief frs erste mit, und lies ihn aufmerksam in
deinem Hause. Morgen sprechen wir dann weiter.
    Mit einer herzlichen Umarmung trennten sich die beiden Freunde, beide
gerhrt und beide nachdenkend.

Dorothea, die nur erst wenig in der Stadt gelebt hatte, war ber alles erfreut,
was sie sah und hrte. Auch nahm sie groen Anteil an den mechanischen
Anstalten, Fabriken und Arbeiten aller Art. Darum besuchte sie auch gern in
Emmrichs oder Leonhards Begleitung dessen Tischlerwerksttte, und sah den
Arbeitern zu, indem sie sich daran ergtzte, zu lernen, wie aus dem rohen
vierkantigen Brett durch vielfache Behandlung und mannigfaltige Instrumente nach
und nach ein zierliches Gert hervorgeht, in welchem man nur durch anstrengende
Erinnerung seine erste ursprngliche Gestalt wiedererkennt. Und doch ist jenes
erste Brett, sagte sie, schon von der knstlichen Sgemhle bearbeitet, die es
vom Baumstamm so sicher und glatt abschneidet. In dieser Freude und Liebhaberei
traf sie ganz mit Friedriken zusammen, die auch so groe Lust an der
verstndigen menschlichen Ttigkeit hatte. Diese meinte oft, die Welt sei nur
dazu geschaffen, da sich alles auf ihr rhre und bewege, und je mehr Maschinen
klapperten und spnnen, Mhlen rauschten und Eisenhmmer tobten, die Webesthle
sausten, und Bauleute, Maurer, Bergmnner klopften, rutschten und hmmerten, um
so glcklicher sei das Menschengeschlecht. Deshalb war sie oft in hoher Freude,
wenn sie von den Werksttten ihres Mannes her die Arbeit rauschen und raspeln
hrte, die an manchen Tagen in das lauteste Toben ausartete. Sie pflegte zu
sagen: Dadurch hat die Stille des Sonntags erst einen Sinn, da sie einen so
schnen und heiligen Gegensatz mit dem alltglichen Lrmen macht. Leonhard,
sosehr er mit Leib und Seele Handwerker war, widersprach dem oft, und es gab
Stunden, in denen ihm das Gerusch seiner Arbeitssle nicht wohlgefiel. Heut war
Dorothea mit Elsheim gekommen, und nachdem sie sich lange an der Ttigkeit
erfreut hatte, ging sie zu Friedriken, die nun sehr mit ihr darber lachte, da
ihr Mann auf des Barons Schlosse fr einen berhmten Professor der Baukunst
gegolten habe. Die heitere Friedrike ergtzte sich sehr an den vielen kleinen
Anekdoten und Lcherlichkeiten, die dort vorgefallen waren, doch htete sich das
kluge Mdchen, viel von Charlotten und deren verfhrerischer Schnheit zu
erzhlen.
    Elsheim ging mit Leonhard ber den Hof zu dessen abgelegenem Stbchen, wo
sie vor den Fenstern den alten Nubaum sahen und nichts von dem Gerusch der
Ttigkeit vernahmen. Elsheim gab dem Freunde den Brief des Magisters zurck und
sagte: Mein Leonhard, man dnkt sich klug und erfahren, man meint Gedanken und
Schicksale erlebt zu haben, und dennoch mcht ich mich nicht unterfangen zu
sagen, da ich diese seltsame Epistel ganz verstanden habe. Aber ebensowenig
mcht ich behaupten, sie sei Unsinn und enthalte gar kein Verstndnis. Wenn ich
mich so ausdrcken darf, so gibt es wohl eine Staffel der Verrcktheit oder des
Wahnsinus, die durch das berschreiten der Vernunftgrenze eine gewisse
Heiligkeit und Weihe erhalten hat. So sahen es oft die Alten an, und im Orient
herrscht noch dieser Glaube. Manche alten Einsiedler und religisen
Erscheinungen, vieles, was wir so geradehin Schwrmerei nennen, mu wohl aus
diesem Standpunkt angesehen werden, nur da diese berschreitung oder
Freimachung des Geistes von der Vernunft aus einer anderen Ursache herrhrte.
Und doch war es auch die Liebe, welche eine heilige Therese und hnliche
Gemter, wie die seltsame Guyon und so viele andere, erregte, vor deren
Schriften wir jetzt, wenn wir nicht unbillig sein wollen, mit jener stummen
Ehrfurcht stehen, bei der uns das, was wir begreifen, mit Entzcken erfllt, und
die mit einer Art von Gespensterfurcht gemischt ist.
    Leonhard billigte diesen Ausspruch, und erzhlte dann, wie er die nheren
sonderbaren Umstnde von der Verwirrung des Magisters erst bei seiner
Zurckkunft von Friedriken erfahren habe. Diesen Brief, fuhr Leonhard fort,
schickte sie mir, weil sie ihn gar nicht verstand. Der alte Mann blieb aber
immer wunderlich, und in einem solchen Zustand poetischer Aufregung, da ihn
Friedrike vermied, und noch weniger mit ihm allein sein mochte, weil seine
sonderbaren Reden sie ngstigten, und der kleine Franz sie einmal weinend bat,
sie mchte ihm einen andern Lehrer geben, denn bei diesem knne er nichts mehr
lernen, da der Alte selber alles vergesse, Ober- und Niedersachsen, Schwaben und
Pommern miteinander verwechsle, und ihm die Grammatik so wunderlich erklre, da
er selber auch ganz verwirrt werden msse. Vom Einmaleins und dem Rechnen wolle
er gar nichts mehr hren, denn der verwirrte Mann behauptete, zwei mal zwei
mache gar nicht vier, es gbe keine Zwei, und es sei Snde und Bosheit, von
dieser Zwei nur zu sprechen. Das Kind selbst war auer sich, und unter dem
Vorwand, da Franz krank sei und sich jetzt nicht anstrengen knne, lie sie
wenigstens frs erste die Stunden aufhren. Der Alte aber kam nach wie vor
alltglich in unser Haus, a am Tisch und schien, wenn sich Menschen zugegen
fanden, so wie sonst, nur da er viel schweigsamer war, vor sich hin grbelte,
und nur selten an den Reden der andern teilnahm. An einem Nachmittage, als der
Alte geblieben war, fate sich Friedrike ein Herz und sagte zu ihm: Lieber Herr
Magister, warum wollen Sie nicht wieder so werden, wie Sie ehemals waren? man
verkennt Sie ganz, und dadurch wird man sich fremd. Sie verdienen aber unser
bestes Vertrauen. - Schne Frau, fing der Alte an, es kann geschehen, wenn wir
ein Paktum aufrichten, und wenn Sie dies halten und erfllen, so kann ich wohl
wieder ein solcher Mensch werden, wie ich vordem war. - Und was verlangen Sie?
fragte Friedrike. - Wir kennen uns nun schon seit lange, sagte er feierlich,
aber die Freundschaftsbezeigung haben Sie noch nie an mich gewendet, da Sie mir
einen Ku gegeben htten, wie Sie doch manchmal sogar an den kleinen Krummschuh
verschwendeten. Erlauben Sie mir einen einzigen Ku, und ich bin wieder der, der
ich war. Die Frau erstaunte erst ber diese Forderung, sie sagte aber
freundlich, gleich gesammelt: Recht gern, lieber alter Freund, wenn das Ihnen
helfen kann.- Sie bot ihm den Mund, und er drckte mit zitternden Lippen einen
langen Ku auf die ihrigen, ging dann weinend aus der Tr, ohne noch ein Wort zu
sprechen, und erschien am folgenden Tage nicht, sowenig wie am dritten. Erst am
vierten erhielt nun Friedrike diesen zweiten seltsamen Brief; nimm ihn hin,
Freund, und lies ihn selbst.
    Elsheim las fr sich, indes ihn Leonhard auf kurze Zeit verlie, um nach
seinen Gesellen im Vorhause zu sehen. Der Brief lautete so:

Werte Frau

Vielleicht will es das Schicksal so, da der Mensch nur Mensch sein kann und
darf, indem er zugleich Vieh ist. Ist das, wie die meisten stillschweigend
glauben, so liegen sich Mensch und Vieh immerdar in den Haaren und katzbalgen
miteinander, bald dieses, bald jener oben und unten. Denn es ist so. Wie oben,
oder vielmehr wehe dem, der korrigieren wollte! Als Peter der Grausame von
Kastilien von seinem Bruder Heinrich umgebracht wurde, konnte dies nur
geschehen, indem ein dabeistehender Ritter den Heinrich, welcher schon unten lag
und gewi geliefert war, bei den Beinen hervorzog, und ihn auf den Peter legte.
Nun konnte dieser erst vom Bruder erstochen werden. Artlich ist es in einer
nicht unebenen Komdie, wenn ein sicherer Stefano auch bei den Beinen den
Trinkulo unter dem Mantel eines Mondkalbes hervorzieht, und ihn so als Menschen
und Bekannten erklrt und autorisiert. Aber in beiden Fllen wei ich nicht so
ganz gewi, ob Vieh, oder Mensch gewonnen habe; denn Peter hatte bei seinem
Schlimmen viel Gutes, und Trastamar bei manchem Guten viel Schlimmes; und noch
gefhrlicher stellt sich die Frage, ob Trinkulo, oder Caliban das dummere Tier
ist. Bei solchen starken Fllen hat die Weltgeschichte noch nie etwas gewonnen.
Kehren wir es aber ganz um, und setzen, wie viele getan, statt Menschen Engel: o
so hebt die konfuseste aller Konfusionen nun erst an! Mu ein Engel, wie der
Finger des lebendigen Direktors in Krper und Kopf seines hlzernen Polichinell
puppenspielend arbeitet, der Engel, eine erniedrigte Seele, ebenso in dem
Gehuse von Fleisch und Bein und Blut und Schleim und Gehirn und Schmutz
hantieren, kann alles, was man in uns das Gttliche, Edle, Unsterbliche nennt,
nur so sichtbar und handgreiflich und bewundernswert ausfallen: so mchte ich
mir knftig einmal die Freiheit nehmen, meinen Schpfer zu fragen, ob denn das
Satire sein solle, uns so gar grblich den Esel zu bohren; es rieche und
schmecke etwas nach einem schlechten Scherz. Jedes gute, oder schlechte Werk
rezensiert sich selbst. Darum hauen, stechen und schieen sie in unsern
vielbeliebten Kriegen ineinander hinein, darum rauben sie und morden uns Geld
und Gut, darum treten sie einander hohnlachend mit Fen, und alles mit Recht,
denn, wahrlich, wahrlich, die Kreatur ist nichts wert, und man kann sich an ihr
nicht versndigen.
    O Du, mein Heiland! Du, groes Du, Du hast es freilich anders gepredigt. Die
Liebe htte ja keinen Sinn; Erbarmen und Mitleid wren ja nur Aberwitz, wenn vom
hchsten Gott bis zum lahmen rmsten Bettler hinab sie sich nicht des tiefer
Gefallenen, des Verirrten, des Leidenden und Prehaften, des Hungernden des an
der Liebe Verzweifelnden, der Seele, die sich im Schlamm wie der Regenwurm,
ringelt und ngstigt, erbarmten, sie emporhben, sie, wie jene Heiligen den
Ausstzigen, an ihre Brust nhmen und erwrmten. Und was htte denn diese
gttlichste Liebe zu tun, wenn nicht dieses? Wre nichts Schlechtes,
Verchtliches, Armseliges da, so htte sie ja kein Handwerkzeug, um damit zu
arbeiten und aus dem elenden kantigen Brett das teure, kostbare vergoldete
Schrnkchen, in dem nachher Goldpokale stehen, zu hobeln und fein und mit recht
mitleidigem Erbarmen zu schnitzeln.
    So nimmt der Mensch, er selbst Materie, Schleim, Schmutz Lehm, Knochen und
Erde, die sogenannte Materie, nicht blo in der Gestaltung seines Bruders, und
da er diesen nhrt und kleidet, in Schutz. Durch Arbeit, Ttigkeit und Schwei
ist diese Anstrengung eine fortwhrende Erlsung des Staubes vom Tode. Des
Unendlichen Allgegenwart wird kenntlicher, und durch den Hammer und Meiel,
Pinsel, Pflugschar und Sense, Federkiel, Druckerpresse und Nadel drckt der
Mensch allem Unlebendigen den Bruderku auf und spricht, wie der Schaffende
ehemals: Habe eine Seele!
    Aber so denkst Du gar nicht, und darum hommt mir wieder das Zittern an, da
ich zufllig von Ku spreche. O welcher Augenblick! Gewi ist in diesem Moment
durch die Magie meines Innern irgendwo ein Geist jung oder geboren worden, und
schlft noch in einer Blume Deines kleinen Gartens, und indem Du nun vorbeigehst
und meinst, Du erfreuest Dich nur etwas mehr an der hellen Frbung und
lieblichen Dftung, ist die leichte Wonne Dir entstanden, weil dieser
aufkeimende Geist in Dich schlpft, und nun Dein nchstes liebes Kind wird, das
wohl schon im Embryo in Dir die Wohnung dem kleinen unsichtbaren Sohn meiner
Entzckung zubereitet hat. So steht es wahrscheinlich um die sogenannte Ehe und
Treue. Diese Magie der Liebe ist allmchtig. Und so wre ich neulich fast
gestorben, aber Du fhltest, Du wutest nichts davon. Liegen wir doch auch so in
unserer nrrischen Bltterknospe, und ich dehne mich nun schon siebenundsechszig
Jahre in meiner Hlse, und schlage bald dieses, bald jenes Blttchen um, um mit
meinen blden Augen hinauszuschauen, und irgend etwas zu ergattern, was mir ber
die Bedeutung meines rtselhaften Gefngnisses recht eigentlich einen Aufschlu
geben knnte; aber immer vergebens. Ein entzckter Ku eines Seraphs, der sich
verlobte, und der die Magisterwrde eines Cherubims erhielt, hat mich Seele
nmlich so freudiglich und magisch erzeugt - und nun mu ich immer noch auf das
dumme Paar warten, das jenen Embryo in ihrer Ehe pflanzt, und die dann
vorberwandeln, mich loben, damit ich in die neue keimende Frucht schlpfe, um
hier endlich sterben zu knnen, und dann in einem neuen Leben weiterzuleben.
    Du verstehst mich aber gar nicht; Du willst mich auch nicht verstehen: das
habe ich wohl in Deinem Ku neulich gefhlt. Und warum? Du nicht mein Du? Nicht?
Es wre mehr als entsetzlich, denn es gibt fr mich kein anderes in allen Erd-
und Himmelsrumen.
    Ja jetzt, das wei ich nun ganz gewi, liebe ich. Das ist die Liebe, die ich
erlebt habe. Warum lebt sie mich nicht aus und schlt mich weg aus dieser leeren
Hlse? Allenthalben habe ich Rat und Trost gesucht, und habe auch jetzt bei den
Dichtern meinen drren Eimer in den Brunnen hinuntergetaucht, um meinen
brennenden Durst zu lschen. Fast alle reden von Liebe, aber immer nur spielend,
dahlend, ohne Gewissen und innerlichste Erlebung. Der Reiz begeistert sie, der
farbige Saum der Abendwolke, der fast erlischt, indem man sich daran freut. Ja,
ja, es ist so, die Menschen, auch in der scheinbaren Begeisterung, knnen nicht
ber das Ich hinaus, und geraten zeitlebens nicht an das Du. Den Ovidium, den
ich niemals in meiner Jugend gelesen habe, wollte ich mir zu Hlfe rufen; denn
er hat einen eigenen berhmten Traktat unter dem Titel Remedium amoris
elaboriert. Da kam ich gut an. Nicht einmal mein Sinn, geschweige mein Herz,
mochte das Zeug gutschmeckend finden. Das Vieh, was des Abends in den Stall
getrieben wird, sagt mir mehr und Lieberes. Alter Narr mit der langen Nase! wie
hast du nur die Zeit an diese vielen unntzen Verse wenden knnen? Vielleicht
geschah dir kein groes Unrecht, da sie dich verbannten. Alle diese Lateiner -
nur fatal und fatal. Sie kannten dich nicht; sie wuten vom Christentum nichts.
Ja Saus und Braus, Wohlleben, Trunk, Zerstreuung, Ku und Wollust - wenn das
Leben ein Bacchanal ist und sein soll, dann sind sie im Recht. Aber die Leiden
des jungen Werther! Ja, das ist empfundene und erlebte wahre Liebe! Aber grausam
wird das Herz erschttert und zermalmt. Er war jung, und der Dichter vielleicht
jung, und ich Greis habe dieses Bchlein wie eine Offenbarung gefat und
verstanden. Ach, werte Madame, httest Du das Bchlein nur einmal gelesen! Doch
was hilft 's, wenn Deine Seele nur nach dem Notwendigen und Vernnftigen
drstet? Das Salz ist nicht dumm geworden, aber Zunge und Gaumen haben nicht
Geschmacksorgane. Warum soll ich denn noch weiter faseln? Es wird nicht anders,
Madame, ich bin und bleibe
                                        Dero verrckter Flletreu - denn mit dem
                                                    Magister ist es auch vorbei.

Leonhard war zurckgekommen, und Elsheim sagte: Eine sonderbare Korrespondenz!
doch ist dieses zweite Schreiben schon gemigter und etwas besonnener, es
deutet die nahe Genesung an.
    Wollen wir jetzt den alten Mann besuchen? fragte Leonhard. Elsheim war
willig, und sie gingen durch die Stadt. Wo fhrst du mich hin? sagte Elsheim
endlich, als Leonhard stillstand, und in ein groes Haus hineintreten wollte;
dies ist ja das Narrenspital.
    Nicht anders, erwiderte Leonhard; aber folge mir getrost, es wird dich
kein trauriger Anblick peinigen. Sie stiegen die groe Treppe hinan, und
seitwrts ffnete sich jetzt ein ziemlich groes und helles Zimmer, dessen freie
und unvergitterte Fenster auf den Garten fhrten. Elsheim hatte Mhe, beim
ersten Anblick den alten Magister wiederzuerkennen. Sein blasses Gesicht, von
schneeweien Locken geziert, erschien ihm viel edler, als damals; sein Blick war
sanft und wie verklrt; in seinem stillen Lcheln schien der Ausdruck eines
auerordentlichen Glcks und einer wohltuenden Beruhigung zu schweben. Um ihn
her am Tische saen Knaben und Mdchen; auch Franz, der Pflegesohn Leonhards.
Alle erhoben sich, als der Baron eingetreten war, und dieser rief: Ich mu
nicht stren, geehrter Freund, sonst entferne ich mich wieder. Der Alte reichte
ihm mit dem Ausdruck anstndiger Vertraulichkeit die Hand und sagte: Keine
Strung, Herr Baron, die Stunde war eben beschlossen. Die Kinder erhoben sich
alle, nahmen Abschied, verneigten sich vor dem Alten, und einige kten ihm die
Hand. Jetzt setzten sich die Freunde zu dem Greise nieder, und Elsheim sagte,
da er sich freue, ihn in so schner Gesundheit und Munterkeit, ja fast
verwandelt, nach einem Zeitraum von einigen Jahren wiederzufinden.
    Etwas wundern Sie sich auch gewi߫, sagte der Alte freundlich lchelnd,
mich allhier in dieser Behausung anzutreffen.
    Ich kann es nicht leugnen, erwiderte der Baron mit einiger Verlegenheit,
ich vermutete nicht, da Sie gerade hier wohnten.
    Dies eben, sagte der Magister, ist vor dem Grabe mein letztes Asyl.
Werter Herr Baron, ich bin noch einmal in meinen allerletzten Tagen auf einer
hohen Schule gewesen, und habe mich vor unserer werten Frau Leonhard als Doktor
habilitiert und prostituiert. So habe ich mich denn in die Reihe der wahren
Menschen inskribieren lassen, nachdem ich mein letztes Examen bestanden;
aufweisen kann ich die Testimonia, da ich viele recht bedeutende Narrheiten
durchgemacht habe und erbtig bin, wenn es die Not erfordert, mich auch knftig
nicht saumselig finden zu lassen. Doch hat man mich auch vielleicht pro emerito
erklrt und mir alle Geschfte abgenommen. Sie werden erfahren haben, da mich
damals der Genius erfate, der tief in unserm Innersten unsichtbar als Regulator
sitzt. Nur in seiner Unsichtbarkeit kann er regieren. Wenn es so kopfber geht,
da keiner seiner Befehle, die aus seinem Cabinete ausgehen, respektiert wird;
wenn er sich selbst und sein majesttisches Angesicht zeigen mu, so erzittern
alle Krfte und angestellten Diener so vor seinen furchtbar mchtigen Augen, da
sie ganz ohnmchtig erlahmen, und niemals wieder zu brauchen sind. So wird der
Mensch, was seine Nebengeschpfe toll und rasend nennen. In der Jugend sendet
dann jener Regulator oft Zorn, Verdru, Reisen, Arbeit, Ermdung, Reiten toller
Pferde, Leidenschaft und Genu der Liebe, um die meuterischen Krfte zu
bndigen, sie durch ein Spielwerk zu zerstreuen und ihren Blick nach auen zu
richten, damit er unvermerkt die Herrschaft wieder an sich nehme. Bei dem jungen
Werther milang aber auch alles, und so steht es denn auch mit einem Alten sehr
schlimm, der schwach und einsam auf seinem Stbchen zwischen wenigen Bchern den
Spektakel in sich erleben soll. So schlug ich denn damals, als ich meinen Brief
eingegeben, um mich; ich wollte mich ermorden, ob ich gleich in diesem Geschft
als ein frommer Christ gar keine bung hatte; kurz, ich nahm keine Raison an,
denn jenes Haupt des Unsichtbaren war mir wirklich sichtbar erschienen. Aber ein
verstndiger und menschenfreundlicher Doktor, welcher auch in der Psychologie
nicht unerfahren war, brachte mich hieher, und als er durch Hrte und
Freundlichkeit meine Tobsucht berwunden, bin ich denn nun durch ihn und Gottes
Beistand und Gte so taliter qualiter hergestellt und gesund. Weil wieder
Sanftmut und Demut in mir die Oberhand gewonnen hatten, so wurde ich hier
einquartiert als ein stiller, friedlicher Revenant, der aus jener Gegend, wo die
Ruber hausen und morden, zwar geplndert und geschlagen, aber doch lebend
wiederkehrte, zwar recht mrbe gemacht und matt, gar nicht kampflustig mehr,
aber gesammelt und in sich gekehrt. Und so hat man mir denn auch erlaubt, meine
Lieblingsbeschftigung wieder vorzunehmen, und die lieben Kleinen im Schreiben,
Rechnen, in der Grammatik und im Lesen zu unterrichten. Sie ahnden nicht, meine
Herren, welche Wonne das ist, so mit Kindern umzugehen, die Fragen zu hren und
zu beantworten, die Neugier zu sehen, ihre Innigkeit und Freundschaft zu mir.
Glauben Sie mir, meine Freunde, allnchtlich werden die guten Kindlein, die
nmlich, die nicht mutwillig von ihren Eltern verdorben werden, von zarten und
kleinen Engeln besucht, die ihnen in den Trumen Saft und Gewrz von den
Frchten des Paradieses einflen und eintrufeln, und so duftet mir aus Rede
und Gesinnung ihrer Seelen Ruch des Paradieses entgegen. Da ich wieder
Unterricht in unserer heiligen Religion gebe, hat man mir nicht bewilligen
wollen, und ich kann diese Einschrnkung nicht tadeln; denn da mein Geist eine
Zeitlang abgefallen war und rebellierte, so ziemt es sich nicht, da ich vom
Ewigen und seiner Offenbarung spreche und lehre; es sei genug, da ich ihn still
anbete und um Vergebung bitte.
    Elsheim betrachtete und hrte den alten Mann mit Verwunderung. Ein so
friedliches Gengen, ein so behaglicher, ruhseliger Ausdruck war ihm noch in
keiner Physiognomie erschienen. Sie kommen also jetzt nicht zu unserm Freunde
Leonhard? saget er dann, um nur etwas zu sprechen.
    Nein, mein verehrter Herr Baron, erwiderte der Alte. Ich glaube, jetzt
endlich ein gesetzter Man geworden zu sein; aber wer kann wissen, ob ich in
einem unseligen Augenblick doch nicht noch einmal ber die Strnge schlge; denn
jene Kobolde, die unser Leben stren wollen, sind unermdlich in ihrer
Geschftigkeit, und blasen selbst aus der toten Asche, geschweige wo sie noch
Kohlen merken, das Feuer auf. Ich wei auch jetzt, da die Frau Leonhard
deswegen so liebenswrdig ist, und da ich sie auch deswegen so innigst geliebt
habe, weil sie mich und mein Wesen, vollends mein philosophisches Delirium nicht
verstanden hat und niemals verstehen wird. Oh, ber das Verstehen! Was ist es
denn? Wo hebt es an, wo hrt es auf? Wenn mir eine Frucht, die ich speise,
gedeihen soll, so mu sie mir nicht gerade widerstehen; sie reizt mein Auge, sie
ist meinem Gaumen wohlschmeckend; nun wirke sie khlend und strkend auf meine
inneren Organe, und wieviel wird noch erfordert, gearbeitet, gekmpft und
abgesondert, bis sie wahrhaft verdaut ist und echter Nahrungsstoff geworden!
Wenn wir sie gleich im allerersten Augenblick verstnden, und sie uns gleich
Kraft und Nahrung gbe: was htten wir daran zu verdauen, um sie uns durch
dieses knstliche und geheimnisvolle Manver anzueignen? Auch als Unsterbliche
werden wir ewig lernen, und niemals damit zu Ende kommen. Oh, es ist eine
unendliche Wonne, immerdar in sich etwas Neues zu erfahren, und zum erst
Begriffenen hinzuzulernen. Hat man eine weite Bahn durchlaufen, so kehrt man oft
mit Erstaunen zum allerersten Anfang zurck, und freuet sich, wenn sich an
diesem wieder Neues entdecken lt. Sie wird mich in jenem Geisterleben nher
kennenlernen und mich allgemach verstehen, und ich werde dann ihr hiesiges
Nichtverstehen immer mehr begreifen, und dabei lernen, da in dieser Unfhigkeit
doch wieder ein tieferes Geheimnis lag, als ich ergrndet zu haben glaubte. Denn
nur das Ungleiche kann sich verstehen und lieben. Sie ist mir freundlich
gesinnt; tglich lt sie mich durch Franz gren, der ihr meinen Gru
zurckbringt; dieses gengt. Diesen lieben Knaben werden Sie freilich jetzt auf
das Gymnasium senden, was auch notwendig ist; er wird mich aber doch noch
zuweilen besuchen knnen.
    Gewi߫, sagte Leonhard, und Sie wissen es ja, ich selbst komme auch von
Zeit zu Zeit gern zu Ihnen und freue mich, wenn es Ihnen wohlgeht, und Sie mit
Ihrer Lage zufrieden sind.
    Ich kenne Ihre Freundschaft, sagte der Alte, indem er Leonhard die Hand
gab; ich wei auch, da es Ihnen was Bedeutendes kostet, da Sie mich alten
Verliebten als eine merkwrdige Raritt hier hinein gestiftet haben. Da sitze
ich nun als ein Denkmal vom Zorne Amors, dessen Herrschaft ich in der Jugend
stets verlachte.
    Ich mchte Ihnen wohl etwas zeigen, fing Leonhard wieder an; aber als ich
Ihnen vor einiger Zeit einmal erzhlte, da ich in Nrnberg den alten Alfert,
Ihren Jugendfreund, gefunden habe, wurden Sie so traurig und bewegt, da ich
jenes sonderbaren Zusammentreffens niemals wieder erwhnt habe.
    Damals war ich noch etwas unwirsch, sagte der Magister; aber nun mssen
Sie mir recht bald alles aufs umstndlichste erzhlen, was Ihnen mit dem lieben
Menschen begegnet ist. Ei, was war das ein munterer Bursche! Was man einen
Springinsfeld nennt! Doch was wollten Sie mir zeigen?
    Sehen Sie, sagte Leonhard, dieses alte Exemplar des alten Andreas
Gryphius, was Sie damals in Ihrer frohen Zeit nach Jessen mitnahmen, um es dem
Vater zu schenken.
    Der Alte griff hastig nach dem Buche und schlug es auf. Dann betrachtete er
lange die Zeilen seiner jugendlichen Handschrift und seinen zierlich
unterzeichneten Namen.
    Wollen Sie es behalten, fragte Leonhard, als ein Andenken jenes
Jugendfreundes?
    Nein, sagte der Magister; er hat es Ihnen verehrt, und wenn Sie so mein
Freund sind, wie ich es mir wnsche, macht Ihnen dies Buch, als eine Kuriositt
aus meinem Lebenslauf, gewi mehr Freude, als mir selber. Ich war dazumal zu
sehr betrt. Den Poeten selber mchte ich auch nicht lesen, denn Sie haben mich
seitdem durch Ihren Bcherschatz allzusehr verwhnt. Ja, Schiller und Goethe
sind deutsche Poeten, und der Shakespeare ein echter Mann; und da unser lieber
Schiller so vor ganz kurzer Zeit, nachdem ich seine Werke erst hatte kennen
lernen, so frh hat sterben mssen, hat mich innigst betrbt.
    Aber, lieber alter Herr, sagte Elsheim, werden Sie mich denn nicht einmal
besuchen, da ich Sie so innig hochachte und liebe?
    Verzeihen Sie mir, Herr Baron, entgegnete der Alte, wenn ich Ihnen mit
einem bestimmten Nein entgegne. Ich berschreite ebensowenig meinen Bann-oder
Burgfrieden, wie jener Gtz von Berlichingen, welchen Sie neulich auf Ihrem
Schlotheater aufgefhrt haben.
    Aber gehen Sie gar nicht aus? fragte der Edelmann; genieen Sie die Luft
gar nicht?
    Doch, doch, antwortete jener; hier in diesem Garten lustwandele ich,
sooft ich nur will, denn ich bin frei und an keine Stunden, wie die brigen,
gebunden. Aber ich gehe auch oft mit diesen - und, sehen Sie, mein Herr Baron,
jetzt ist ihre festgesetzte Zeit, da wandeln die seltsamen Philosophen schon auf
den sonnigen Pltzen und in den Baumgngen.
    Elsheim warf einen Blick in den Garten und sagte dann: Aber, Liebster,
diese da, Kranke, Elende und Trichte -
    Nun freilich, sagte der Magister laut lachend, sterbliche Menschen, wie
unser Falstaff sagt, sterbliche Menschen! - Die Brderschaft knnen wir doch
nicht verleugnen. Kommen Sie manchmal hieher zu mir, Herr Baron, wenn Sie mich
liebhaben; Sie sehen, mein Stbchen ist hbsch und vom Gebude dort entfernt,
und wenn Sie jene Spekulanten nicht selber aufsuchen, sollen Sie hier niemals
von ihnen gestrt werden.
    
    Sie nahmen Abschied, und unterwegs sagte Leonhard: Nun? Ist der Alte nicht
auf seine Weise glcklich?
    Gewi! erwiderte der Freund; er mute wohl auch diesen sonderbaren Umweg
machen.
    Ja wohl, sagte Leonhard, eben er, der damals so herzhaft an meinem Tische
seinen unbedingten freien Willen verteidigte.
    Sonderbar immer, sagte Elsheim, da er noch Kinder unterrichtet, und da
du den Franz hieher geschickt hast.
    Kann es denn schaden, erwiderte Leonhard, wenn der Knabe es schon in
frher Jugend lernt, da ein achtungswrdiger Mann, den er lieben mu, hier
beherbergt ist?
    Sie standen jetzt auf dem groen Platz. Ich habe eine Bitte an dich, sagte
Elsheim, la mich heut mittag mit dir essen, ganz, wie du alltglich lebst mit
deiner Familie.
    Leonhard sah ihn ernsthaft an und sagte dann: Lieber, ich wei in der Tat
nicht, ob dir das passen wird. Du denkst vielleicht, ich bin allein mit Frau und
Kind. Nein, ich habe es nie ber mich gewinnen knnen, wie ich sehe, da es
jetzt andere wohlhabende Meister eingefhrt haben, da sie ihre Gesellen und
Lehrburschen auerhalb des Hauses essen lassen, oder ihnen doch in einem anderen
Zimmer fr sie allein den Tisch decken. Nein, beim Mittagstisch lebe ich ganz
mit meinen Leuten, ganz als Brger und ihresgleichen. Sie genieen mit mir aus
einer Schssel, und nur des Abends lasse ich sie meist allein fr sich selbst.
Darum nahm ich auch neulich deine Einladung nur ungern an, mit dir zu essen, um
meine Hausordnung nicht zu stren. Du wurdest also die Gesellen bei mir sitzen
finden, und ob sie mich gleich respektieren, so spricht doch jeder mit, so wie
es ihm gut dnkt; wir reden von den Arbeiten, sie erzhlen oft von ihren
Schicksalen und Erfahrungen, Neuigkeiten des Handwerks, die sie auf der Herberge
hren. Ich suche, ohne den Altklugen zu spielen, ihre Gedanken zu berichtigen
und immer bei ihnen das Ehrgefhl zu wecken, das richtige, welches dem Charakter
des echten Brgers zum Grunde liegen mu. Darum lieben sie mich aber auch und
wrden, das wei ich, ihr Leben fr mich wagen. Auch hlt kein Liederlicher oder
Unordentlicher lange bei mir aus. Die Lehrburschen drfen nicht sitzen; auch
drfen sie nur antworten, wenn sie gefragt werden. Du wrdest auch, Lieber,
keinen Wein erhalten, denn diesen trinken wir an unserm Tische nur an Festtagen;
und keiner, weder ich, noch die Frau oder Franz (wenn nicht eins krank ist),
drfen etwas genieen, was uns die andern beneideten, oder wodurch sie sich
zurckgesetzt fhlten. Nach Tische, in meiner Stube, oder auf dem Hofe, knnen
wir uns am Weine laben.
    Das ist ja gerade alles so, wie ich es wnsche, sagte Elsheim. Es ist
sehr schdlich, da seit lange die sogenannten hheren Stnde so vllig
abgesondert vom Brger und Handwerker leben, da sie diesen nun gar nicht
kennen, und auch das Vermgen verlieren, ihn kennenzulernen. Nicht nur geht das
schne Vertrauen verloren, wodurch sich Hhere und Niedere verbinden und
einfgen wrden, welches eben aus dieser Kenntnis Strke und Kraft erwirkte;
sondern der Vornehmere kommt nun auf den trichten Wahn, da seine Art und Weise
des Haushalts, die nichtssagende Etikette, die er einfhrt, sein nchternes
Leben mit den Bedienten und Domestiken ein besseres, anstndigeres sei, und
diese Torheit verdirbt nachher den Brgerstand. Nicht nur der Gelehrte, sondern
auch der wohlhabende Handwerker will nun die adlige Nchternheit bei sich
einfhren, die kalte Entfernung von der dienenden Menschenklasse, den leeren
Schein, der in Bequemlichkeit, wahrem Genu und frischem Leben immerdar die
Wirklichkeit vertreten mu. Ja, es kommt dahin, da der Brger sich alles dessen
schmt, was, wenn er seine Stellung begreift, reelle Vorzge sind, um die ihn
der verstndige Adlige beneiden mchte.
    Wenn du so denkst, so folge mir, beschlo Leonhard; unserm Emmrich hat es
schon einigemal bei uns recht wohlgefallen.
    Sie setzten sich um den runden Tisch. Die Frau sa links neben dem Meister,
und bei dieser Elsheim, der heute Franzens Stelle einnahm. Rechts beim Meister
sa der lteste Gesell, der Hannoveraner; der heitere Martin war seitdem
hinaufgerckt und der zweite geworden; dann folgten noch vier Gesellen. Beim
letzten stand der lteste, schon hochgewachsene Lehrbursche, welcher in der
knftigen Woche zum Gesellen gesprochen werden sollte, und neben diesem standen
fnf kleinere, deren letzter demnach an der Tafelrunde der Nachbar des kleinen
Franz wurde, der als der Sohn des Hauses auf seinem Stuhle sa. Eine reinliche
Magd gab das Geschirr und wechselte die Teller; die Meisterin legte vor, aber
den Braten zerschnitt der Meister. Elsheim ergtzte sich an diesen
Einrichtungen, und unterhielt sich bei seiner frhlichen Sinnesart besser, wie
in mancher vornehmen Gesellschaft.
    Es war nahe daran, da der Hannoveraner seinen Abschied nehmen und in seine
Vaterstadt zurckkehren wollte, um sich dort als Meister zu setzen; darum
behandelte ihn Leonhard schon im voraus mit mehr Achtung. Ich erzhlte dir
damals, ehe ich abreisete, mein Gottfried, sagte Leonhard, von jener
sonderbaren Erscheinung oben im tirolischen Gebirge, welche - ein Zwerg, oder
was es war - durch Wirtschaften mit Tonnen und Fssern einen alten Gesellen, mit
welchem ich wanderte, vllig um seinen Verstand brachte.
    Ich wei, Meister, sagte Gottfried; Sie sagten noch, Sie wuten sich das
Ding nicht zu erklren.
    Seitdem, fuhr Leonhard fort, habe ich die Erklrung gefunden, und ich
will sie dir und Martin, der damals auch zugegen war, mitteilen, damit ihr nicht
doch etwa meint, es knne ein Spuk gewesen sein.
    Martin sagte: Unser Magister stritt an dem Tage noch viel mit dem Meister,
und behauptete immer, es gbe keine solche Gewalt in uns, die auch den Menschen
solchergestalt beherrsche, da er nichts dagegen vermge. So?' meinte der
Meister, der Alte aber bestand fest auf seinem freien Willen, und da man alles
knne, was man wolle. Nachher, als sie ihm die Zwangsjacke anzogen, mu er doch
wohl gefhlt haben, da er im Irrtum war.
    Das war unchristlich, Martin, sagte der Meister, und war selber rot
geworden. - Da Elsheim, der die Geschichte nicht kannte, darnach fragte, so trug
sie Leonhard noch einmal ganz im Zusammenhange, wie damals, vor, und erzhlte
nachher den Schlu und die Auflsung (ohne jedoch den frommen Lamprecht zu
nennen), wie er sie in Nrnberg erfahren hatte.
    Man stand vom Tische auf, und Leonhard ging mit der Frau, die bei dem
schnen Wetter jetzt schon ein Stndchen im Freien sein durfte, in den Hof;
Elsheim folgte. Hier setzten sie sich unter dem schnen Nubaum; der Kaffee ward
gebracht und eine Flasche guten Frankenweins. Nicht lange, so ward durch
Dorothea und Emmrich die heitere Gesellschaft vermehrt.
    Setze dich, Gevatter Elsheim, rief Leonhard in frhlicher Laune, du
siehst gewi, da man auch auf unsere beschrnkte Weise ein glckliches Leben
fhren kann.
    Wer mchte daran zweifeln, lieber, teurer Gevatter? erwiderte Elsheim.
Wir sind Freunde und Brder, und in der Hauptsache immer derselben Meinung.
    Warum, fing Friedrike an, verteidigtest du heute mittag deine Meinung gar
nicht, da im Menschen oft ein Wunsch, eine Narrheit, oder dergleichen sei, die
strker wirken, als da er dagegen mit Glck und Erfolg arbeiten knne?
    Elsheim nahm das Wort, da Leonhard fast verlegen schien und sagte: Schne
Frau und angenehme Gevatterin, ich habe seitdem leider nur zu sehr die Erfahrung
gemacht und die berzeugung gewonnen, wie sehr Ihr Mann im Recht ist, wenn er
auch jetzt nicht mehr seinen Satz verteidigen und mit Disputieren hindurchfhren
will. Wir sind schwache Wesen. Vielleicht entdeckt in dieser Schwche eine edle,
uneigenntzige Liebe unsere Strke. Mglich, da wir uns selbst, unsere
Eigentmlichkeiten nur finden knnen, indem wir sie scheinbar auf eine kurze
Zeit verlieren.
    Das mag alles so sein, sagte Friedrike; fr mich aber ist es zu gelehrt.
Das Umstndliche und Knstliche ist vielleicht nie das Rechte, das Nchste
wenigstens gewi nicht.
    Vieles, sagte Emmrich, worber wir jetzt sprechen, und was sich so ganz
in das Unbestimmte im Reden verliert, wrde vielleicht, in einer Erzhlung
vorgetragen, ein anderes. Denn das ist der groe Zauber der Kunst, da in ihrer
Form, in Gestalt und Bildung auch das Dmmernde, Sophistische und Unsichtbare
dadurch, da es in sichtliche Gestalt tritt, ebensowohl philosophisch
begreiflich wird, als es sich poetisch falich darstellt.
    Wenn ein echter Philosoph und ein wahrer Poet es auffat, sagte Elsheim,
oder Gemter, die fhig sind, oft ohne es zu wissen, beides zu werden.
    Still! rief Dorothea, mir gefllt am meisten dies Hobeln, Lrmen und
Hmmern aus der Ferne. Wie hbsch ist das Gefhl hier, da ein jeder Schlag, den
ich vernehme, etwas einbringt; da der Gewinn wieder das Gewerbe vergrert; da
alles, was gesprochen und gedacht wird, in jenes Kapital hineinstrmt, das die
Wohlhabenheit befrdert, die wieder das Glck und die Zukunft der Untergebenen
begrndet, damit sie dereinst in dieselbe Stelle treten knnen.
    Recht hbsch, sagte Emmrich; viele Leute wrden aber glauben, da das,
was Sie eben gesagt haben, aller Poesie geradezu entgegenstrebe, und diese
durchaus vernichten msse.
    Poesie! rief Dorothea; ei, so mten denn auch einmal Dichter kommen, die
uns zeigten, da auch alles dies unter gewissen Bedingungen poetisch sein
knnte.
    Die neuen Bretter dufteten; der Nubaum bewegte sich in seinen Zweigen, von
einem leisen Winde angerhrt; die Werksttte klapperte und rauschte; der
Kettenhund Mufti schmiegte sich zu Friedrikens Fen, und die groe Cyperkatze
sa auf Franzens Scho, welcher das Tier streichelte. Frhlingsschwalben flogen
hin und wider; jetzt hrte man den Gesang der Wollenspinnerin aus ihrem
Dachstbchen von der andern Strae herber, die jenseit des kleinen Gartens lag,
und Friedrike sagte, indem sie sich an das Ohr Leonhards neigte: Sieh, Mann,
heut ist alles ebenso, wie damals, als ich dich aus deinen Trumen weckte; aber
du bist anders, und darum ist auch der Nachmittag jetzt anders, und du hast
deine Freunde, alte und neue, und bist Vater, und mein trauter Gatte, und
frhlich und in deinem Gott vergngt in tglicher Arbeit und Ruhe - und jenes
Gespenst, jener Baugeist ist nun auch verschwunden. Nicht wahr?
    Sie ging in ihr Zimmer, indem sie Albertinen, die ber den Hof schritt,
herzlich umarmte. Diese folgte ihr, und die Freunde blieben noch unter heitern
Gesprchen beisammen.
