
                             Paalzow, Henriette von

                                 Godwie-Castle

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                             Henriette von Paalzow

                                 Godwie-Castle

                  Aus den Papieren den Herzogin von Nottingham

                             Vorwort des Verlegers

                               Zur ersten Auflage

Die Handschrift des hier im Druck erscheinenden Buches ist aus der Ferne auf
eine nicht gewhnliche Weise in die Hnde des Verlegers gekommen, und zwar ohne
Namen des Verfassers, der ihm vllig unbekannt geblieben ist. So
unwahrscheinlich das vielleicht auch Manchem erscheinen mag, so ist es doch die
volle Wahrheit.
    Was den Inhalt des Werkes anbetrifft, so werden Leser, die nicht flchtig,
sondern mit Geist und Beobachtungsgabe zu lesen gewohnt sind, die Bedeutsamkeit
desselben bald erkennen, und dem Urtheil solcher schrfer und tiefer Blickenden
mu es denn auch anheim gestellt bleiben, ob sie das hier Mitgetheilte als
wirkliche Erlebnisse und eigentliche Denkwrdigkeiten, oder als Dichtung
auffassen und betrachten wollen.

                              Zur zweiten Auflage


Die gnstige Aufnahme, welche dieses Werk bei gebildeten Lesern gefunden, so wie
die gleich bleibende Theilnahme des Publikums, machten diese zweite Auflage
binnen Jahresfrist nthig.
    Obschon im Wesentlichen nichts verndert, so ist doch eine sorgfltig
verbesserte Durchsicht der Sprache, wie der Sachen bei der jetzigen Auflage
nicht unterlassen worden.
    Die Frau Verfasserin, die zwar dem Verleger gegenber ihre Anonymitt
abgelegt, dem Publikum aber nur ihr Werk, nicht ihren Namen darbieten will, wird
in der fortgesetzten Theilnahme an demselben gewi die befriedigendste
Genugthuung und einige frohe Lebensstunden mehr finden.

                        Zur dritten und vierten Auflage


Die neueste Auflage dieses deutschen Dichterwerks, welches im Andenken
gebildeter Leser sich forterhlt und dessen wiederholte Lektre den
Geistreichsten unter ihnen zum Bedrfni geworden ist, meint der Verleger nicht
besser und wrdiger einleiten zu knnen, als durch den Abdruck jener ersten
Recension, welche gleich damals erschien, als das Werk noch kaum bekannt war,
und als deren Verfasser Herr Brani, Professor der Philosophie an der
Universitt Breslau, sich unterzeichnet hat. Diesem bleibt das Verdienst, der
Erste gewesen zu sein, der durch sein tief begrndetes Urtheil die hohe
Bedeutung von Godwie-Castle anerkannte und klar entwickelte, den Autor, dessen
Name noch nicht einmal vermuthet werden konnte, freudigst begrte und ihm jenen
immergrnen Kranz, der nur Wenigen in diesem Felde der Dichtung zu Theil
geworden, zuerst darreichte.
    Jene Beurtheilung, welche vor fnf Jahren, am 7. November 1836, erschien,
und hier als einleitendes Vorwort wieder abgedruckt ist, wird denkenden Lesern
gewi eine werthvolle Beigabe sein.

Walter Scott's geistreiche Weise, im Romane Dichtung und geschichtliche
Wirklichkeit geschickt mit einander zu verweben, hat mit Recht die Theilnahme
der Lesewelt in hohem Grade erregt, und wenn diese Theilnahme jetzt sehr
gesunken ist, so mag dies wohl hauptschlich von den vielen Nachahmern
Scottischer Manier herrhren, welche ohne das Talent des geistvollen Britten,
doch alle seine Fehler aufgenommen haben. Solcher Fehler giebt es denn freilich
auch viele. Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwhnen, welche, weit entfernt
eine grere Anschaulichkeit zu bewirken, den Leser vielmehr nur seine
Unfhigkeit empfinden lt, alle die kleinlichen Elemente zu einem Gesammtbilde
zu vereinen, sei hier nur des groen Miverhltnisses gedacht, in welchem bei
Scott die Dichtung zu dem gegebenen geschichtlichen Stoffe steht. Nur zu sehr in
der That lt der Dichter es uns merken, da er selbst sich weit mehr fr das
Historische, als fr seine eigene Schpfung interessirt, und jemehr es ihm
vermge der Lebendigkeit seiner Darstellung gelingt, auch dem Leser ein
Interesse fr das Geschichtliche einzuflen, desto drftiger mu diesem der
innerhalb mchtig hervortretender Weltverhltnisse sich abspinnende kleine
Liebesroman erscheinen. Ja selbst der von Scott mit groem Erfolg gebrauchte
Kunstgriff, durch das geheimnivolle Dunkel, darein er eine lockere Erfindung so
lange als mglich zu hllen wei, die Neugier des Lesers in Spannung zu
erhalten, dient nur dazu, bei endlich erfolgter Entwickelung um so mehr das
Gefhl der Enttuschung hervorzurufen, indem der lange genhrten Erwartung statt
einer wichtigen, weitgreifenden Katastrophe, zuletzt doch nichts dargeboten
wird, als die Vereinigung eines halbwchsigen Liebesprchens, an dem sich die
groartigsten weltgeschichtlichen Bewegungen verkrmeln. - Unstreitig ist der
unmittelbare und wesentliche Stoff des Romans berhaupt das Leben der Familie,
wie denn dies in der Romanen-Literatur stets durch die That anerkannt worden
ist. Wir erinnern nur an die lteren englischen Romane; und selbst unsere
verrufenen deutschen Familiengemlde sind nicht darum so geringhaltig, weil sie
das Familienleben darstellen, sondern weil sie es in seiner grtmglichsten
Drftigkeit auffassen, weil sie die Poesie darin suchen, es aus allem
Zusammenhang mit allgemeinen Interessen herauszureien, und seine ganze Energie
auf die ungestrte Erhaltung einer isolirten Existenz hinzurichten; daher denn
auch Armuth bei ihnen ein so wichtiges tragisches Motiv ist, und dauerndes
Familienglck hauptschlich durch pltzlich hereinscheinenden Reichthum bewirkt
wird. Ein wrdiger Gegenstand fr die Poesie ist aber die Familie erst, wenn sie
der gemeinen Noth des Lebens durch gnstige uere Verhltnisse entrckt, zu
keiner Verzichtleistung auf hheren und feineren Lebensgenu gezwungen ist.
Mannigfaltigere Interessen treten dann in ihr hervor, sie selbst ffnet sich
dem, was die Welt bewegt, und ohne sich an das ffentliche Leben aufzugeben,
nimmt sie doch dessen Wirkung in sich auf, und entwickelt erst so ein in
Gesinnung, Karakter und Thatkraft innerlich reiches, wahrhaft sittliches Dasein.
Wird nun die Familie in dieser Wrde und Bedeutsamkeit Gegenstand dichterischer
Produktion, so kann sie nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu
den Mchten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden, - wie z.B. der edle
Familienkreis, in welchen Wilhelm Meister uns einfhrt, an Kunst,
weltbrgerlicher Erziehung und groartiger Industrie die Bezge hat, die ihn der
Geringheit und Drftigkeit eines blos selbstischen Familieninteresses entreien
- oder es mu eine bestimmte, im Leben eines Volkes bedeutsame, geschichtliche
Zeit sein, in die der Dichter uns versetzt, und die er am Familienleben
reflektirt zu unserer Anschauung bringt. Eben dieser letztere Gedanke liegt nun
auch den Scottischen Romanen zu Grunde, konnte in ihnen aber freilich nicht
gengend zur Ausfhrung kommen, weil Scott die Familie durch die allgemeinen
Interessen vllig bewltigt, weil er uns nicht die Geschichte durch die Familie
hindurch, sondern umgekehrt die Familie nur in der Geschichte, sei es nun als
thtiges Organ derselben, oder als leidenden Spielball der Ereignisse erblicken
lt. Es liegt zwar auch in dieser Fassung eine Wahrheit, eine solche jedoch, zu
der wir des Dichters nicht bedrfen, die uns die Geschichte selbst auf allen
ihren Blttern lehrt. Jene unvergngliche Seite der Familie dagegen, welche alle
geschichtlichen Kmpfe und Wirren berdauert, jene in allem Wechsel des
mannigfach bewegten ffentlichen Lebens sich unvernderlich erhaltende stille
Macht der Liebe, Treue, Innigkeit und heiligen Vertrauens ist es, welche schon
an sich gediegene Poesie, auch fr die dichterische Behandlung ein
unerschpflicher Stoff ist. Wie trefflich nun dieser Stoff, wenn ein Meister ihn
behandelt, sich gestalten lt, zeigt das Werk, auf welches aufmerksam zu
machen, der Zweck dieser Zeilen ist.
    Wir werden durch Godwie-Castle mit einer englischen Familie bekannt, deren
hoher Rang sie von alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrschern des Landes
gebracht, und zur Theilnahme an der Leitung des Staats berufen hat, so da die
Schicksale des Hauses vielfach durch den Gang der ffentlichen Angelegenheiten,
und durch innigere, persnliche Verhltnisse zur Knigsfamilie bestimmt werden.
Die Personen, die wir kennen lernen, haben an dem Hofe der Knigin Elisabeth und
ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen, und die vertraute
Freundschaft zwischen dem Haupte der Familie und dem Prinzen von Wales fhrt
Verwickelungen herbei, welche auf das sonst ungetrbte Familienglck einen
dstern Schatten werfen, der sich erst spt zerstreut. Ueber die Begebenheiten
selbst enthalten wir uns jedes Berichts, und bemerken von ihnen nur, da sie
ganz geeignet sind, die Theilnahme der Leser in hohem Grade in Anspruch zu
nehmen. Desto angelegentlicher mchten wir die poetische Trefflichkeit des
Werkes hervorheben. In der That sind darin alle oben an Scott gergten Fehler
auf das glcklichste vermieden. Viele hchst interessante historische Momente
treten uns zwar darin entgegen: das letzte Lebensjahr Jakobs des Ersten, der
sinnlose Uebermuth seines Gnstlings Buckingham, die Verhandlungen wegen der
Vermhlung des unglcklichen Prinzen Karl, Burleigh's und Bristol's gewandte,
aber in aller Staatsklugheit den Adel der Gesinnung bewahrende Politik in
ungleichem Kampfe mit Richelieu's schleichenden auf Hofintriguen, Weibergunst
und Jesuitismus sich sttzenden Machinationen - alles dieses und dem hnliches
fhrt der Verfasser mit dramatischer Anschaulichkeit unsern Blicken vorber.
Dennoch hlt er es mit groer Besonnenheit so sehr als mglich im Hintergrunde,
und lt es nur so weit hervortreten, als es unmittelbar auf die Nottingham'sche
Familie einwirkt, fr welche er unser Interesse ungetheilt in Anspruch nimmt und
erhlt. In das Stammschlo derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der
Erzhlung, und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte, den groen Sinn
seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswrdigem Talent, so
ungetrbt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie, in welche
bei solchem Anla Scott so leicht verfllt, da wir darin vllig heimisch
werden. Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin! Die alte
Herzogin, eine wahrhaft verklrte, von keinem Erdenschmerze mehr berhrbare
Gestalt, auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines
schnen Bewutseins heiter zurckblickend, und jetzt nur noch in der Liebe zu
den Ihrigen lebend. Ihr zur Seite die jngere Herzogin, ein tief
leidenschaftliches, von einem groen Schmerz umnachtetes Gemth, dessen
Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebndiget, nur um so rhrender
die Flle von Liebe, die es einschliet, und um so schner die Strke einer
edeln Gesinnung offenbart. Wir mssen es uns versagen, diese andeutende
Karakteristik fortzusetzen. Gleich den genannten Personen sind auch die brigen,
bis zur jngsten Enkelin, welche in ihrer Kinderunschuld das anmuthigste
Gegenstck zu der herrlichen Gromutter bildet, scharf individualisirt; wie
verschieden aber auch in Karakter und Lebensrichtung, sind sie doch durch
gegenseitige Liebe und Anerkennung, durch das Alle erfllende Bewutsein der
Familienehre und einen fr Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schnsten Einheit
und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden, in welches hineinzublicken Genu
und Erhebung zugleich ist. Die schnste Zeichnung freilich ist die junge Fremde,
an deren Erscheinen in Godwie-Castle sich viel Lust und Leid knpft. Der
Verfasser hat die Flle von Liebreiz, die er ber diese Gestalt ausgegossen,
zugleich so durchsichtig fr die ihr einwohnende hohe Seelenschnheit zu halten
gewut, da die herzgewinnende Macht, die sie ber ihre Umgebung ausbt, gewi
auch jeder Leser erfahren wird. Das liebe Mdchen mu viel leiden, so viel, da
wir mit dem Verfasser darber rechten knnten, warum er sie ber manche
Widerwrtigkeit nicht sanfter hinweggefhrt hat, wenn wir nicht wten, einmal
da im Romane der Zufall sein Recht unbeschrnkt behaupten msse, und zweitens
vornehmlich, da gerade in jenen Schmerzen die grere Liebe des Dichters zu
seinem Geschpf sich kundgiebt, welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung
verdanken. Seltsam genug, da im Reiche der Poesie der Satz gilt: was der
Dichter liebt, lt er leiden. Dies zu belegen, braucht man nicht gerade an
Heinrich Kleist zu erinnern, der seine Lieblinge frmlich qulen kann, selbst
Gthe darf dafr angefhrt werden; denn ruht nicht z.B. unter allen im Wilhelm
Meister auftretenden Personen des Dichters Liebe vorzugsweise in Marianen und
Mignon? Es sind diese beiden Gestalten aber auch die schnsten unter allen, wie
sie die leidvollsten sind. So wollen wir denn auch unsern Verfasser dieser
Dichterneigung ungestrt folgen lassen, und statt unbefugt zu tadeln, lieber auf
eine besondere Virtuositt desselben aufmerksam machen. Dies um so mehr, weil er
sich in so strenge Anonymitt zu hllen gewut hat, da selbst dem Verleger, wie
ein Vorwort berichtet, sein Name vllig unbekannt geblieben ist; ein kluger
Leser, der sich aufs Rathen legen will, mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig
erhalten. Es versteht nmlich der Verfasser nicht nur Gemlde mit der grten
Gewandtheit und in anschaulichster Klarheit zu beschreiben, sondern er giebt
auch von einzelnen Gegenstnden so pittoreske Darstellungen, und liebt es
besonders, ganze Scenen in so bestimmter anmuthiger Gruppirung zu einem Leben
athmenden Tableau zu gestalten, da er sich als einen in die Geheimnisse der
Malerkunst tief Eingeweihten verrth. Wir selbst wollen uns durch diesen
Fingerzeig nicht zum Rathen verfhren lassen, sondern uns nur des Trefflichen
freuen, das die Kunst des Verfassers in dieser Beziehung uns dargeboten hat. Ein
Talent, wie der Verfasser es hier zeigt, und wie wir es in anderer Weise an
Gthe und Tieck kennen und bewundern, lt es recht inne werden, da, wie die
Malerei in ihrer groen lngst abgeschlossenen Zeit die Poesie in sich trug, so
umgekehrt die mndig gewordene Poesie die Malerei einschliet. Und so mag man es
wohl als einen richtigen Takt bezeichnen, wenn eine berhmte deutsche
Malerschule unsrer Zeit sich so gern an die Dichter lehnt und ihnen in ihren
Darstellungen nachstrebt; wiewol es immer eine bedenkliche Frage bleibt, wozu
doch das Streben nach einem bereits Erreichten fhren knne, nach einem
Erreichen zumal, welches fr dieses Streben ein Unerreichbares ist; denn fr
eine Anschauung oder Empfindung, die der echte Dichter bereits gestaltet, und
der er am Worte einen geistigen, helldurchsichtigen Leib gegeben hat, sind
selbst Farbe und Klang zu stoffartige, trbe Darstellungsmittel. Sei dem nun wie
ihm wolle, wir, die wir nichts von der Berliner Kunstausstellung abbekommen,
wollen uns an unserm Lesepulte der herrlichen seelenvollen Bilder, welche der
Dichter von Godwie-Castle uns vorfhrt, dankbar freuen.
    Unerwhnt darf nicht bleiben, da der Verfasser, was ihm sehr hoch
anzurechnen, es in echter Dichtervornehmheit vorschmht hat, den Leser mit der
Auflsung der rthselhaften Begebenheit, die den Inhalt des Buches bildet, in
beliebter Scottischer Weise mglichst lange hinzuhalten, und so durch Spannung
einen vorbergehenden Effekt zu erzielen. Schon am Anfange des zweiten Theiles
erhalten wir diese Auflsung, und wenn der Verfasser, wie er selbst sehr schn
sagt, es vorgezogen hat, den Leser lieber in die Stimmung eines besorgten
Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie zu vermeiden wren, wei,
und doch auer Stand gesetzt ist, schtzend oder warnend einzuschreiten - so
ist es ihm mit der Erzeugung dieser Stimmung bei dem Referenten wenigstens
vollstndig gelungen.
    Die Sprache des Verfassers hat viel Eigenthmliches; ein sehr kompakter
Periodenbau, in welchem durch eine zuweilen etwas ungewhnliche Wortstellung ein
klingender Rhythmus sich bemerkbar macht, der oft nahe an den Vers streift,
zeichnet besonders die beiden ersten Theile aus. Im dritten lt die auf den
Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach; einzelne Stellen verrathen
Eilfertigkeit, auch Inkorrektheiten laufen mitunter. Diese letzteren inde zu
rgen fllt dem Referenten gar nicht ein, vielmehr freut er sich ber so eine
Inkorrektheit, wie Tischbein ber den Esel. Es ist nmlich in unsern Tagen
nichts so wohlfeil geworden, als ein sogenannter guter Stil; Alles besitzt ihn,
ja je bornirter einer ist, desto besser handhabt er ihn; eine geleckte,
geschwtzige, in bestimmter fertiger Phraseologie glatt und ohne Ansto wie auf
einer Chaussee dahinrollende Redeweise ist vllig zum Gemeingut worden. Weil
denn nun Alle einen guten Stil haben, und zwar Alle den nmlichen guten Stil, so
steht zu befrchten, da darber aller Stil zu Grunde gehe, der nmlich, von dem
es heit: le style ce'st l'homme! Ein bedrohliches Zeichen, da wir uns wirklich
dem glnzenden Elend der Klassicitt nhern, womit fr eine Nation doch nichts
anders gesagt wird, als da sie in ihrer Literatur das Bewutsein einer groen
Vergangenheit ausspricht, ohne eine ber sich hinausragende Gegenwart zu haben.
Muten wir ja sogar erst krzlich, und zwar aus der Mitte des weiland jungen
Deutschlands heraus, ein Liedchen singen hren, da die graue Nebelgestalt des
alten Ramler mit den berufenen Wappenschildern von klassischem Muster,
Korrektheit, Geschmack u.s.w. aus ihrer Vergessenheit heraufbeschwrt. Solcher
Richtung gegenber mu man es noch fr ein gnstiges Symptom halten, wenn der
herrliche Gthe nicht allgemein anerkannt, ja wenn er verunglimpft wird; besser
so, als da er, was von einer andern Seite her in kurzsichtiger Aesthetik
geschieht, zum Musterpoeten verknchert wird. Es hat inde mit der Klassicitt
keine so groe Gefahr, so lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedrngter Mue
zu schaffen vergnnt ist, und so lange noch groe Unbekannte, wie der Verfasser
von Godwie-Castle, unsere Literatur bereichern.
                                                                         Brani.

                                  Erster Theil


Der Tag neigte sich zu Ende. Leichte Nebel stiegen aus den Thlern und
verbreiteten eine seltene zauberische Beleuchtung, indem sie die Strahlen der
Sonne, welche einen warmen Frhlingstag verklrt hatten, sanft verhllten. Wer
htte nicht der Natur Momente abgelauscht, wo die wunderbare Gestaltung der
Wolken oder das durch Nebel gebrochene Licht so phantastische Erscheinungen
hervorruft, da wir uns an die reizenden Fabeln erinnert fhlen, denen wir schon
im Schoo der Wrterin horchten, und die mit ihren goldnen Bumen auf Wiesen von
Smaragd, ihren Palsten von Rubin und Edelstein, ihren Ursprung in nichts
Anderem, als in solchen zauberischen Naturgemlden, gehabt haben mgen.
    Die weite Aussicht von dem Standpunkt, an den wir hier unsere Mittheilungen
hauptschlich anknpfen, zeigte eine entzckende Vereinigung erhabener und
lieblicher Naturgegenstnde, und das Auge konnte von keinem unbefriedigt
zurckkehren.
    Wir befinden uns in dem schnsten Theile der Grafschaft Nottingham, zwischen
Chesterfield und den anmuthigen Hhen von Cheffield. Hier lag das Stammschlo
der Grafen von Derbery, Herzge von Nottingham, und bildete mit seinen
weitluftigen Wldern und reizenden Thlern den vornehmsten Theil dieser Gegend,
indem es zugleich ein prchtiges und ausgezeichnetes Denkmal verschiedener
Jahrhunderte mit ihrem fortschreitenden Geschmack und erweitertem Bedrfni
darstellte. Es brachte seinen alten Namen, Godwie-Castle, aus einer so grauen
Vorzeit herber, da selbst das alte Geschlecht, das sich jetzt seine Besitzer
nannte, es nicht wohl erweisen konnte, ob es einen ihrer fernen Urvter als
Erbauer des eigentlichen Castells nennen drfe, das mit seinen von der Zeit fast
spurlos verwischten Wappenschildern alle Bemhungen der Heraldik vereitelte.
Nicht weniger aber ward es mit einer Sorgfalt geehrt und erhalten, von der es
zweifelhaft blieb, ob sie der Verehrung fr die frheste Periode der Baukunst
angehre, oder dem schmeichelhaften Glauben an einen bis in die graueste Vorzeit
reichenden Besitz. Gewi blieb es aber, da die Vergrerungen des Schlosses,
die eben so vielen verschiedenen Zeiten, als Besitzern, angehrten, stets mit
einem schonenden Rckblicke auf die erste, wenn auch rohe, doch von Ausdehnung
zeugende Anlage unternommen wurden. So war, von dem frhesten Bedrfni, nur
eine gesicherte Wohnung zu besitzen, bis zu der freieren Existenz in einer Zeit,
die, durch ffentliche Sicherheit, Reichthum und vorschreitende Bildung, das
Schne und Angenehme forderte und zulie, ein berall beabsichtigter, wenn auch
oft schwer zu erreichender Zusammenhang unter den verschiedenen Bauwerken
beobachtet worden. Das Castell, das so als der lteste Theil bezeichnet ward,
lag an dem Rande einer Hhe, die unfehlbar in frheren Zeiten einen Theil der
Befestigungen getragen hatte und den spteren Besitzern, welche hier nur
unscheinbare Trmmer vorfanden, den weiten Raum fr ihre groartigen Anlagen
gab. Das Castell war noch immer der Eingang zum Schlosse geblieben, und
allerdings dazu durch den Ernst und die Gre seiner Formen und die berall noch
sichtbaren Befestigungen sehr geeignet. Die breiten geebneten Wege, die das Thal
und den Wald in verschiedenen Richtungen durchschnitten, liefen in dem weiten
grnen Raume zusammen, der sich vor den Befestigungen ausbreitete und gegen
Norden hin von dem prchtigen Walde in einem Halbkreis umschlossen ward. Die
wasserreichen Grben mit ihren grnen Wllen und befestigten Brcken schienen
noch jetzt einer kriegerischen Macht jeden Widerstand bieten zu knnen, doch
blieb dem grndlicheren Beobachter nicht lange verborgen, wie diese schirmenden
Wlle und Grben sich sanft hinter der Hgelreihe in den schnen Wiesengrnden
verloren, die dem Thal nach Sden hin mit dem Zauber der Kultur eine bessere
Aussicht auf Schutz und Sicherheit gewhrten. Von dort aus zogen sich die
Meiereien und lndlichen Wohnungen der Fischer und Waldheger, welche zerstreut
angebaut waren, in einem Kreise um den Park, der nach Abend hin einen See
umschlo. Die grte Ausdehnung hatte dieser nach Norden und verband sich dort
mit dem Walde, der bis dicht an die Terassen des Schlosses seine mchtigen
Hupter trug und, durch roh in Stein gehauene Stufen damit verbunden, theilweis
zu den Park-Anlagen benutzt war.
    Noch immer unterhielt man auf den verschiedenen Brckenthrmen Wchter,
welche die Ankunft von Fremden aus der Ferne schon durch den Ruf ihrer Hrner
verkndigten. Aber an die grauen Thrmchen mit ihren Schiescharten und
Fallgattern lehnten sich freundliche Htten; und blhende rothwangige Kinder, in
trauter Gemeinschaft mit den zahmen Bewohnern des Waldes, die die grnenden, von
der Sonne beschienenen Wlle gern zu ihren Futterpltzen ersahen, schienen die
einzige streitbare Macht dieser ersten Festungslinie. Doch berschritt wohl
keiner die letzte Brcke, ohne einen Augenblick zu weilen und den Ueberblick zu
genieen, der diese groartige Architektur zugleich als eine interessante
Geschichte der Baukunst darstellte.
    Den Eingang zum Castell erreichte man ber eine Zugbrcke, die unmittelbar
in ein hohes gewlbtes Thor fhrte, das von zwei sonderbar gewundenen und mit
Gallerien verbundenen Thrmen gehalten ward. Man hatte alsdann den Schlohof
erreicht, und dem Eingangsthor gegenber zeigte sich die schnste, wenn auch
nicht die lteste Seite des Castells. Sie gehrte einer sptern Zeit und schon
bestimmt der gothischen Baukunst an; aber sie war - durch welche Begebenheiten,
blieb unentschieden, - in ihrem oberen Ausbaue der Zerstrung am meisten anheim
gefallen und zeigte nur noch die unteren Rume erhalten, die in drei hohen
gewlbten Hallen bestanden und den Durchgang nach dem zweiten Schlohof
bildeten. Mit angenehmem Erstaunen sah man sich von hier aus dem prchtigen
Wohngebude gegenber, das, mit allem Glanz seiner stets reichen Besitzer in dem
reinsten Style errichtet, den wohlthuenden Eindruck hervorrief, als ob man die
Herrschaft des Schnen unter dem Schutze civilisirterer Zeiten hier aufgeblht
she.
    Das Schlo lag auf dem hchsten Punkte und daher hher, als das Castell, und
der Schlohof fhrte in breiten gemauerten Wegen die leichte Anhhe hinan. Die
Hinterseite des Schlosses lag auf der Terrasse ausgebreitet, welche von da zu
dem Parke fhrte. Hier, von der Gartenseite aus, gewahrte man den neuesten
Anbau, unter dem Grovater des letzverstorbenen Herzogs entstanden, und zwar
nach seiner Rckkehr aus Italien von einer Gesandtschaft an Sixtus den Fnften,
wohin ihn Elisabeth gesendet, whrend ihrer kurzen Freundschaft mit dem heiligen
Stuhle.
    
    Der Erbauer hatte hier den Geschmack seiner Vorfahren am meisten
beeintrchtigt. Italien hatte seine Phantasie mit Bildern entzckt, die keinen
Raum auf dem vaterlndischen Boden fanden. Kunstwerke jeder Art waren ihm
gefolgt; aber die hohen gothischen Gemcher des alten Stammschlosses, mit ihren
schmalen spitzen Fenstern und dem ungewissen Lichte der in tausend Farben
spielenden Scheiben, war kein Aufenthalt fr die Marmorbilder, die man aus ihren
heiteren Sulenhallen weggefhrt, noch fr Kunstwerke des Pinsels, die
vergeblich eine Gemeinschaft suchten an den mit Zierrathen berladenen Wnden,
wo, nchst zahllosen, in Stein und Marmor gehauenen Wappenschildern, nur die
dsteren Ahnenbilder, aus der Kindheit der Kunst herstammend, zu ihnen
niederstarrten. Die hierdurch erregte Besorgni des Herzogs um seine Lieblinge
lste sich bald im frhlichen Gefhl ungemeiner Mittel, und er gab ihnen in
einem neuen Flgel hinter hellen Scheiben und luftigen Kuppeln die Heimat
wieder, so weit dies unter Englands Nebelhimmel mglich war.
    Nahm der italienische Flgel vom Hauptgebude aus den nrdlichen Theil der
Terrassen ein, so hatte dagegen die Gemahlin des Herzogs, eine Grfin aus dem
Hause Devereux, an der anderen Seite der Terrasse nach Sden eine Kapelle
aufgefhrt, die deutlich die Einwirkung zeigte, welche der Geschmack des Herzogs
durch den Aufenthalt in Italien davon getragen. Aber es war auch nicht zu
lugnen, da man sich hier von dem unreinen Geschmack berhrt fhlte, der spter
seine Verwirrung der gothischen und griechischen Baukunst ber halb Europa
ausbreitete. Dessenungeachtet diente auch diese weit aus der Erde gehobene
Kapelle, mit ihren schnen Portalen, herrlichen Treppen und im blumenreichsten
Schnitzwerk prangenden Fenstern, nicht minder zu einer Verherrlichung des
Ganzen. Es fhrten von hier sanfte Wege ab in die angebauten Thler, deren
Bewohner sich auf denselben nach der Kirche begeben durften. Die Kapelle war
durch den sdlichen Thurm unmittelbar mit dem Schlosse verbunden. Der untere
Raum desselben ward die Begrbnikapelle genannt, weil darunter sich die
Familiengruft befand und der Raum darber vor Erbauung der neuen Kapelle zum
Gottesdienst gebraucht ward. Dieser fast leere Raum grenzte an die frstlichen
Hallen, die in drei Abtheilungen sowohl die Tiefe als Lnge des ganzen Schlosses
einnahmen. Nur um den Eingang von dem Schlohof her zu trennen und die breiten
Treppen nach den obern Gemchern zu fhren, war der mittlere Saal durch
prachtvolle Gitter und die Decke tragende Pfeiler getheilt. Trotz seiner
ungeheuern Gre und seiner verschwenderischen Ausstattung ward er weniger
geachtet, und bei feierlichen Gelegenheiten mehr als stillschweigend gestatteter
Tummelplatz der hheren Schlobeamten und der zahllosen Dienerschaft angesehn.
    Dagegen waren die daranstoenden Sle mit einem berraschenden Glanze
geschmckt, und trugen den ganzen Stolz ihrer frstlichen Bewohner und allen
Luxus, den England damals aufzuweisen wute, ergnzt durch Italiens Schtze und
den Kunstflei der vorschreitenden Niederlnder, zur Schau.
    Statt der Fenster ffneten sich weite Thren nach den Terrassen hin, die,
gegen die Annherung der verschiedenen Thiere des Waldes durch goldene Gitter
geschtzt, Luft und Licht gar anmuthig einlieen, und bei unfreundlicherem
Wetter hufig zu den regelmigen Spaziergngen der Frauen benutzt wurden; wie
denn jene Sle berhaupt allem gemeinschaftlichen oder ffentlichen Verkehr der
Schlobewohner gewidmet waren.
    Die Frsten gaben hier ihren Unterthanen oder dem Adel der Grafschaft
Audienzen. Hohe Gste wurden hier bewirthet, die frstliche Jugend mit ihren
Gespielen trieb hier ihre verschiedenen Lustvarkeiten; Familienfeste und
Zusammenknfte, in guter Jahreszeit das allgemeine Frhstck und die Tafel,
Alles ward hier abgehalten; bis zu den pomphaften Leichenbegngnissen dieser
Familie, welche mit ihren strengen Ceremonien den Saal zunchst dem Erbbegrbni
fllten. Dagegen schlo der nrdliche Thurm im Erdgescho die prchtige
Bibliothek in sich, und durch sie gelangte man zu den schnen Marmorstiegen, die
den italienischen Flgel sogleich als das Kind einer fremden Zone ankndigten,
welcher seit dem Tode des Erbauers, der ihn nie mehr verlie, die stete Wohnung
der Herzge blieb.
    Die Zimmer, welche die Herzoginnen bewohnten, hatten jedoch, obwohl die
alterthmliche Urgestalt weder entfernt werden konnte, noch sollte, nach und
nach Umgestaltungen erlitten, welche zu ihrer ursprnglichen Pracht noch das
Schne und Angenehme fgten; und wenn wir den ferner liegenden Waffensaal und
den der Ahnenbilder, den man noch immer die Gallerie nannte, abrechnen, boten
diese Zimmer zugleich einen schnen und imposanten Anblick dar. Das Schlafzimmer
der Herzoginnen war im sdlichen Thurm und von der Erbauerin der Kapelle durch
einen verhllten Eingang unmittelbar mit dem Chorstuhl verbunden, den die
Herzoginnen darin einnahmen. Auerdem waren unter dem letzt verstorbenen Herzoge
fr den Prinzen von Wales, welcher in naher Verbindung mit ihm stand, eine Reihe
Zimmer eingerichtet, eines so hohen Besuches und so freigebigen Wirthes gleich
wrdig, welche, wenn auch nur selten geffnet, doch stets fr die vornehmsten
Gste ihre Bestimmung behielten. Alle Theile des Schlosses waren, wenn auch mit
einem groen Aufwand an Raum, auerdem bewohnt, denn es gehrte zu dem Luxus
damaliger Zeit, auer der hheren Dienerschaft beider Geschlechter noch einen
unbersehbaren Tro geringer Dienstleute zu besitzen. Der argwhnischen Politik
der Knigin Elisabeth war es zwar nach und nach gelungen, die eigentliche
bewaffnete Dienerschaft ihrer Groen zu entfernen, die freilich fast jedes
befestigte Schlo zu einer kleinen Festung umschufen, doch war kaum etwas
Anderes erreicht, als da die Waffen in den Rstkammern hingen, und diejenigen,
die sonst darin gebt murden, jetzt noch unntzer und geschftsloser
umherschweiften. Die nach Auen und Innen friedlichen Zeiten hatten diese
frhere Gewalt auch von selbst ihres Werthes beraubt, denn entlassen waren diese
zahllosen Bedienten nicht, und Herr und Diener sahen diese Schwelgerei
unbeschftigter Vasallen als einen nothwendigen Tribut an, den sie der Hoheit
ihres Standes brachten. Doch war dieser Brauch, der in die Huser der meisten
Groen den Geist der Unordnung und Zgellosigkeit brachte, hier auch in Grenzen
gewiesen, die in Uebereinstimmung standen mit der hohen sittlichen Strenge ihrer
Oberhupter. Geprfte Personen, an Bildung und Rang ber die Dienerschaft
erhaben, sorgten in den verschiedenen Abtheilungen dieses weiten Palastes fr
die Befolgung der strengen Vorschriften, welche diese Schwelger in Ordnung
hielten, und waren mit hinreichender Gewalt bekleidet, um ihren Geboten
Nachdruck zu geben. So glich das Schlo mehr einem kleinen, wohlgeregelten
Staate, worin durch Pflichttreue und Fhigkeiten Erhhung zu erlangen, und der
Dienst im Schlosse, endlich in den Gemchern der herzoglichen Familie, ein
Gegenstand war, um den sich der Ehrgeiz der Schlodienerschaft drehte; denn
grenzenlos war die Verehrung fr ihre gromthigen und erhabenen Herren, durch
deren Glanz sie sich selbst ber die Klasse ihres Standes erhoben whnten.
    Fast theilte England die Meinung der Vasallen. Das Geschlecht der Herzge
von Nottingham hatte durch Jahrhunderte einen seltenen Rang behauptet, in der
Geschichte des Vaterlandes sowohl, als in der ffentlichen Meinung, die ber
Tugend und Karakter entscheidet; und es war um so hher zu verehren in den
unruhigen Zeiten, welche die Inkonsequenz der Beherrscher ber dieses so lange
den schrecklichsten Parteiungen hingeopferte Land herbeigefhrt hatte.
    War das Schicksal auch nicht, ohne Opfer zu fordern, an ihrer Schwelle
vorber gegangen, das Hchste war ihnen geblieben: eine feste Behauptung edler
Gesinnung! Nicht dem thrichten Wankelmuth zum Raube, der England seit Heinrich
dem Achten zum religisen und politischen Spielball seiner sich stets
widersprechenden Knige machte, blieben sie treu ihren Unterthanspflichten, aber
bei freier Bewahrung religiser Ansicht, und zugleich in Milde und Duldung gegen
anders Denkende. So wurden sie nie in die unseligen Kriege und Zwistigkeiten
verwickelt, die, der Natur und ihren heiligen Gesetzen Hohn sprechend, die
Bewohner eines Landes, oft eines Heerdes zu blutiger Verfolgung fr einen
Glauben bewaffneten, dessen kaum Einer unter Tausenden sich klar bewut war! Sie
hatten in einer ruhmvollen Reihefolge den Feinden nach Auen sich gegenber
gestellt, die Verlumdung scheiterte an ihren patriotischen Opfern fr Englands
Beschtzung, whrend an auswrtigen Hfen zu allen Zeiten die oft wiederholten
Sendungen geistvoller Mnner dieses Hauses achtungsvolle Aufnahme fanden.
    Zur Zeit der Reformation warb Ortmar, Graf von Derbery, um die Prinzessin
von Cleve fr Heinrich den Achten. Erleuchtet von dem gttlichen Geiste Luthers,
kehrte er aus Deutschland zurck, und von ihm ging fr die Familie die
Aufklrung aus, welche sie in fester Ueberzeugung ihrem alten Glauben entfhrte,
und von da an zu treuen Anhngern der unter Eduard dem Sechsten beginnenden,
unter Elisabeth endlich fest begrndeten anglikanischen Kirche machte. Zur Zeit
der katholischen Maria vom Hofe verbannt, zu ausgezeichnet, um greren
Verfolgungen ausgesetzt zu sein, entstiegen sie in verdoppeltem Glanze mit
Elisabeth ihrer tugendhaften Verborgenheit, und der Vater des eben verstorbenen
Herzogs geno mit seinem ganzen Hause alle Auszeichnungen, welche diese erhabene
Frstin fr die Belohnung treuer Anhnglichkeit so sinnreich zu erdenken wute.
Gern htte sie dazu die unmittelbare Mitwirkung des Herzogs an den
Regierungsgeschften gefgt, wre nicht die Neigung desselben, bei zunehmendem
Alter sich auf den Umgang seiner Familie zu beschrnken, ihr hinderlich gewesen,
worein sie sich jedoch fand, ohne ihm ihre Gnade zu entziehen. Was indessen der
Vater ihr versagen gedurft, glaubte sie desto bestimmter von seinem einzigen
Sohne fordern zu knnen, und so ward der junge und schne Mann an ihren Hof
gerufen. In den ernsten und gelehrten Cirkeln, die sie selbst umgaben, legte er,
als der erste ihrer Diener, durch Umgang mit den ausgezeichnetsten Personen der
damaligen Zeit den Grund zu der hohen Bildung, welche sich so segensreich fr
seine Familie zeigte. Sie sandte ihn spter mit hchst wichtigen Auftrgen an
Wilhelm von Oranien und vermhlte ihn bei seiner Rckkehr mit einer Grfin von
Burleigh, welche sie als das erste Frulein ihres Hofes angesehen wissen wollte,
und welche in jeder Beziehung diesen Vorzug ihrer Knigin verdiente. Sie sah
ihren ehemaligen Pagen, wie sie ihn gern nannte, als ihr Werk an und war eitel
darauf, die Erziehung eines Mannes vollendet zu haben, wie sie sich oft
ausdrckte. Als dem Grafen kurz hintereinander zwei Shne geboren wurden,
uerte sie lebhaft ihre Freude ber das Fortblhen dieses Geschlechts, und
machte sich mit einem Geschenke, welches bei ihr selten vorkam, zur Pathin des
ersten, und ernannte den zweiten Sohn zum Grafen von Glandford, mit
Wiederverleihung einer unter Maria confiscirten Besitzung, welche frher der
Familie als freies Witthum der Grfin Devereux mit der Bestimmung zugefallen
war, dem zweiten Sohne der Familie Namen, Rang und Reichthum zu gewhren.
Elisabeth freute sich, diese Stiftung auf Wunsch der Oberhupter der Familie
erneuern und sanctioniren zu knnen, und so zugleich eine Ungerechtigkeit ihrer
gehaten Vorgngerin wieder gut zu machen. Wenige Jahre spter sandte sie ihn
nach Frankreich an Catharina von Medicis, wo damals Troymorton, ihr
ausgezeichneter Gesandter, sich aufhielt. Sie verzgerte seine Zurckberufung um
ein Jahr, ihn selbst und den arglistigen Versailler Hof, der eine Vermhlung des
Herzogs von Anjou mit Elisabeth beabsichtigte, durch tausend kleine
Vorspiegelungen hinhaltend, hinter denen sie gern ihre wahren Absichten
verhllte.
    Der Graf von Derbery fand bei seiner Rckkehr seinen Vater nicht mehr und
das Schlo nur von seiner trauernden Gemahlin bewohnt; er eilte nun mit seinen
beiden Shnen nach London, um zu den Fen seiner Knigin den Lehnseid zu
leisten und ihr die hoffnungsvollen Jnglinge vorzustellen, die sich schon in
der Wiege ihrer Gunst erfreuten, und welche sie nun augenblicklich zum
Aufenthalt an ihrem Hofe bestimmte. Der letzte und sicher nicht erwnschteste
Auftrag der Knigin bestimmte den Grafen, an Jakob den Sechsten die Nachricht
von dem Tode seiner Mutter, der unglcklichen Maria von Schottland, zu
berbringen. Wahrscheinlich leitete sie, neben der Rcksicht auf die
Persnlichkeit dessen, der Jakob ihren Schmerzensbrief einhndigen und ihren
merkwrdigen, allerdings etwas zweifelhaften Zorn gegen die Urheber dieser That
besttigen sollte, hauptschlich der Wunsch bei dieser Wahl, den Herzog mit
Jakob, den sie schon damals in der Stille zu ihrem Nachfolger ersehen hatte, zu
befreunden. Durch die Art, wie sie den Herzog dem Knige empfahl, und der
ungemeinen Hochachtung vertrauend, welche er sich berall zu erwerben wute, war
sie dies zu erreichen gewi. Sie verlangte ausdrcklich, da seine beiden Shne
ihn begleiten sollten, und berief unterdessen die Herzogin an den Hof. Robert,
Graf von Derbery, der lteste Sohn, benutzte eben so, wie Archimbald, Graf von
Glandford, diese Gelegenheit zu seiner Entwickelung mit ausgezeichnetem Eifer,
und Archimbald, wie zum Diplomaten geboren, begleitete schon in den letzten
Jahren der Regierung Elisabeths die Gesandtschaft, die mit Heinrich von Bearn
wegen Sendung von Hlfstruppen gegen die Ansprche Philipps des Zweiten auf die
Thronfolge in Frankreich unterhandelte. Sein Benehmen war hier zwar ohne
Einflu, aber so fein und schicklich, da Elisabeth von ihm Greres fr die
Zukunft prophezeite. Zurckgekehrt, lebte er unter der Anleitung seines Oheims
Cecil, ganz sich diesem Fache widmend. Er war das Bild der Selbstbeherrschung!
Seine Figur war mittler Gre und ohne Flle, doch von einer augenscheinlich
groen Kraft, die auch jeder seiner Bewegungen die vollkommenste Gewandtheit
gab. Dies lie die Meisten sehr leicht vergessen, da dem Ausdrcke seines
Gesichtes sowohl als seiner Figur jener imponirende, die Hoheit der Seele voraus
verkndigende Anstand fehlte, den man vorzglich spter, als sein Name in seinem
Vaterlande, wie an fast allen fremden Hfen bekannt ward, oft mit Befremden
vermite. Er beherrschte aufs Vollkommenste seine Muttersprache und auerdem
fast alle fremden Sprachen, so wie die Sitten der von ihm besuchten Hfe ihm
vllig bequem waren. Die Gabe, ohne allen Anschein der Beobachtung auch das
Geringste wahrzunehmen, Alle durch seine Anreden oder Antworten zu befriedigen
oder zu beschwichtigen, war ihm vollkommen eigen. Im Streit, in gelehrten oder
politischen Unterhandlungen, bei der grten Ueberlegenheit im Wissen, Folgern
und Beschlieen, wute er doch stets in die Einkleidung das bescheidene
Aufhorchen eines Lernenden zu legen. Man konnte ihm nichts sagen oder
mittheilen, was er nicht im Stande gewesen wre, als lngst bekannt und selbst
in seinen fernsten Resultaten vorausgesehen, zurckzuweisen. Mit hchster Ruhe
vermochte er den lngsten Errterungen zuzuhren, ohne das kleinste Zeichen der
Ermdung oder der Unaufmerksamkeit zu geben, und es stand eben sowohl in seiner
Macht, endlich den Beifall daran mit Grnden zu rechtfertigen, als ihm die
gefhrliche Gewalt zu Gebote stand, in wenigen satyrischen oder kritischen
Worten die auch noch so knstlich verflochtenen Gedanken ihres falschen Scheins
zu entkleiden, und in ihr Nichts zurckzufhren. Doch konnte man ihm in seinem
langen Leben nie nachsagen, da er an einer guten Sache seinen Hang zur Satyre
versucht htte. Sein Stolz hatte bei dem vollen Bewutsein seines Ranges und
Namens doch jenen freieren Karakter, der sich in ihm mehr als Kosmopolit, denn
als Englnder entwickelt hatte, und den zu hegen, er mehr vielleicht noch seinen
Eigenschaften, als seinem Namen vergab.
    Robert, Graf von Derbery, der lteste Bruder und Erbe des herzoglichen
Ranges, hatte bei mancher Verschiedenheit an Geist und Bildung den Bruder nicht
erreicht. Er hatte von Elisabeth trotz seiner Jugend die Erlaubni erhalten, den
englischen Truppen zu folgen, die in der Normandie bei Dieppe zur Untersttzung
des heldenmthigen Heinrichs von Navarra erschienen, und so seinen heiesten
Wunsch erreicht, der ihn mit schwrmerischer Verehrung zu diesem Prinzen zog. An
Heinrichs kleinem Hofe, den kein anderer Glanz, als der der Waffen, schmckte,
fand er jedoch Menschen, erwrmt von der groen Empfindung fr Recht und
begeistert von dem Gedanken der guten Sache: Zu siegen oder zu sterben! Ihm ward
die Wohlthat, die erste Idee, die ihn ausschlielich erfate, fr eine groe und
erhabene ansehen zu drfen, fr die er das Leben mit allen seinen Gtern
einsetzte, und sich in diesem Brennpunkt aller Krfte, noch vor den Jahren, zum
Manne zu zeitigen.
    Bald nachher war England durch den Tod seiner groen Beherrscherin in die
tiefste und gerechteste Trauer versenkt. Elisabeth starb am vierundzwanzigsten
Mai 1603, und nachdem Jakob der Sechste von Schottland als Jakob der Erste den
Thron von England bestiegen, hielten die Groen, die ihm durch frhere
Verhltnisse nher getreten waren, es fr nthig, am Hofe zu erscheinen, und die
Familie des Herzogs von Nottingham zeigte sich fr einige Zeit in London. Zwar
war Jakob umlagert von den schottischen Groen, denen er sich verpflichtet
hatte, und die jetzt Hlfe forderten und fanden; aber er war dennoch gerecht
gegen seine neuen Unterthanen. Mit Erstaunen sah man Cecil, den Sohn des Grafen
von Burleigh, seinen wichtigen Posten ruhig weiter behaupten, ohne seines
Einflusses auf den Tod der unglcklichen Knigin Maria weiter zu gedenken; und
whrend Jakob eben so eilig die Essex, Howards und Devereux aus ihrer Verbannung
rief, gab er seinen Prinzen die Weisung, die Shne der Grfin Nottingham zu
ihrem Umgange zu whlen. Nicht leicht ward ein Befehl des Knigs mit mehr Lust
erfllt, als dieser. Die jungen Prinzen hatten schon in Schottland bei der
damaligen Sendung des Herzogs, nach dem Tode der Knigin Maria, wo die Jnglinge
ihn begleiteten, mit den Grafen Freundschaft geschlossen. Obgleich Beide jnger,
als die Grafen, glich sich doch dies leichter aus durch die angeborne Wrde der
Knigsshne.
    Seltsam aber und doch bei der Prfung der Karaktere sehr natrlich,
schlossen sich, wie magnetisch angezogen, die am innigsten aneinander, die durch
das Alter sich ferner standen. Heinrich, Prinz von Wales, hing sich mit
Enthusiasmus an den Grafen von Glandford, whrend Carl, der jngere Bruder, sich
nicht mehr von seinem geliebten Robert zu trennen vermochte. Jakob sah die
jungen Leute, unter denen er sich stets gefiel, so viel, wie mglich, um sich,
doch der Wunsch, seinen geliebten Georg Villers ihnen zuzugesellen, blieb
unerfllt. Ohne sich auszusprechen, schien es eine stillschweigende Verabredung,
ihn bei aller Hflichkeit, die sie dem Lieblinge des Knigs schuldig zu sein
glaubten, auf eine feine Weise von sich entfernt zu halten. Der Knig war
seltsam genug, dies fr Geringschtzung gegen seinen, wenn auch alten, doch
nicht sehr ausgezeichneten Namen zu nehmen, lie hufig wohl verstndliche Winke
darber fallen und sagte endlich, als er seinen Liebling zum Herzog von
Buckingham erhoben hatte: Nun werden meine stolzen Prinzen und ihre Grafen den
Villers schon leiden mgen. Leicht htte er beobachten knnen, wie wenig er
seinen Zweck erreicht hatte, wren nicht Vernderungen in den Verhltnissen der
jungen Leute selbst entstanden. Der Herzog von Nottingham wnschte seinen
ltesten Sohn zu vermhlen, und zwar mit der einzigen Tochter des Heinrich von
Digby, Grafen von Bristol. Lange Freundschaft verband die Hupter der Familien,
und allerdings schien es fr den jungen Grafen eine leichte Wahl, da die junge
Grfin so eben in dem vollen Glanze einer erhabenen Schnheit bei Hofe
erschienen war; und abgesehen davon, da ihrer ein frstlicher Reichthum harrte,
schien ihr Geist von ungewhnlicher Bildung, und ihr Karakter an Festigkeit und
Wrde fast ihrem Alter vorausgeeilt zu sein. Sie war der Mittelpunkt aller
Trume und Wnsche, aller Intriguen und Huldigungen, whrend sie selbst mit
stolzer Klte Alle von sich entfernt hielt, und den Herzog von Buckingham blos
aus Rcksicht fr den Knig, den Grafen von Derbery aus Gehorsam gegen ihre
Eltern zu dulden schien. Doch war leicht wahrzunehmen, wie Robert nur die
Rcksicht beobachtete, die ihm die Verhltnisse beider Familien abnthigten,
whrend er mit glhendem Angesicht einem andern Sterne sich zugewendet hatte,
der zur selben Zeit den Hof verherrlichte. Der Knig hatte die Mutter, den
Bruder und die Schwester seines bermthigen Lieblings in den Grafenstand
erhoben, und auch ihnen den Namen Buckingham verliehen. Die neue Grfin erschien
mit ihren Kindern am Hofe, dem Knige zu danken und ihre Tochter der Knigin
vorzustellen. Die Grfin war eine schne, wrdevolle Frau, aus einer vornehmen,
schottischen Familie, durch eigenen Werth und ausgezeichnete Verbindungen zu
einer bedeutenden Stellung berufen. Ihr zur Seite stand das Frulein von
Villers, ihre einzige Tochter, in einer so vollendeten idealischen Schnheit, so
abweichend von allem, was man vor ihr darunter verstanden hatte, da Jakob
selbst, hchst unempfnglich fr weibliche Reize, lachend sich die Hnde vor ihr
rieb, und hchst verlegen um einen Ausdruck, oft wiederholte, da seine
hochselige Mutter auch von groer Schnheit gewesen, nicht zum Frommen und
Seegen ihres armen Landes. Gott sei ihr gndig! fgte er stets hinzu. Dies
indirekte Lob gab zu verstehn, da er die Grfin zu einem hnlichen Anspruch auf
Schnheit berechtigt glaube. Gewi war es, da nicht allein der Knig, der seine
Mutter nur nach einem Bilde aus ihrer ersten Jugendzeit kannte, sondern auch
Alle, die der unglcklichen Frstin damals persnlich nher getreten waren, die
auffallendste Aehnlichkeit der jungen Grfin mit jener durch ganz Europa
berhmten Schnheit fanden. Man flsterte, da, als die junge Grfin zuerst an
dem Hofe der Knigin erschien, und zwar wegen ihres kurz vorher verstorbenen
Vaters in tiefer Trauer, der Graf von Burleigh gegen die Regeln der Etikette
einige Schritte vor dem Knig vorausgeeilt und, als sie, dadurch erschreckt, die
groen melancholischen Augen zu ihm aufgeschlagen, von einem jhen Schwindel
befallen worden sei, der ihn genthigt, Whitehall sogleich zu verlassen.
Schrecken war fast auch die erste Empfindung, womit sein Neffe Robert die Grfin
ansah; aber es war das Erschrecken, welches das unentweihte Herz erschttert, wo
die Liebe zuerst ihren Zauber verbreitete. Eine Sekunde schien ihn verwandelt zu
haben. Zum ernsten Nachdenken ber sich von Jugend auf gewhnt, begriff er den
Taumel nicht, in dem sich selbst wieder zu finden alle Bemhungen fruchtlos
schienen! Der erste Seufzer entstieg dieser lebenskrftigen Brust, voll
Sehnsucht suchte er den Freund, aber beiden Prinzen hatte ihr hoher Rang an der
Seite der hchsten Schnheit einen Platz verschafft, und Buckingham stand mit
bermthigem Lcheln und blickte auf den Triumph, den unbewut die Schwester ihm
erringen half. Der Platz neben der jungen Grfin von Bristol blieb unberhrt von
Robert von Derbery. Er war und blieb im Saale, der diesen Zauber in sich schlo,
aber er war unfhig zu einem Worte, ja, er sah die Grfin kaum, die seltsam
bleich und verndert den khnen Annherungen Buckinghams ein so hingebendes
zerstreutes Wesen entgegensetzte, da er weiter, wie je, gekommen zu sein schien
und doch unzufriedener, als sonst, aus ihrer Nhe schied. Als Robert von Derbery
den Prinzen nach seinen Zimmern begleitet hatte und das Gefolge bis auf ihn
entlassen war, blickten die Jnglinge zuerst sich an, und stumm und heftig
sanken sie einander in die Arme! Da fhlte Carl heie Thrnen an seinen Wangen,
erschrocken richtete er den Freund in die Hhe und sah fragend in das glhende
schne Gesicht seines Robert. Stumm blickten sie sich eng umschlossen an, und
leise ffnete der Graf die Lippen. Das Gestndni, was seine vom Himmelsglanz
der Liebe strahlenden Augen verkndigten, sollte ihnen entgleiten, als Carl zum
Tode erbleichend sich aus seinen Armen ri und mit frchterlicher Heftigkeit
abwehrend, die Hand nach ihm ausstreckend, ihm fast mit Entsetzen zurief:
Schweig! Um Gottes willen, schweig! Kein Wort! Beim Himmel und der Erde, kein
Wort! - Starr blieben sie so stehn, alles Leben schien von Beiden gewichen, bis
Robert, ber den Zustand Carls von zrtlicher Angst ergriffen, seine kalten
Hnde fate und an seinem glhenden Gesicht, an seinem treuen Herzen sie zu
erwrmen strebte. Doch Carl lag jetzt still und wortlos an des Freundes Brust,
seine Augen waren tief zu Boden gesenkt; doch Beide, von Gefhlen berwltigt,
sprachen kein Wort, bis schchtern Porter, der Kammerdiener des Prinzen, die
Thre ffnete. Der Prinz kannte dies demthige Zeichen, womit der treue Diener
oft die langen Nachtwachen des Prinzen zu unterbrechen suchte; er folgte auch
dies Mal sanft, wie ein geduldiges Kind. Ohne einen Blick auf Robert zu wenden,
drckte er ihm die Hand, und mit kaum vernehmlicher Stimme sagte er ihm: Bleib
mir getreu! Bis in den Tod! rief der Graf und beugte ehrfurchtsvoll sein Knie,
indem er die geliebte Hand an seine Lippen drckte. Der Prinz entrie sie ihm,
prete sie mit Heftigkeit an seine Augen und war verschwunden.
    So lange der Hof Zeit behielt, war man damit beschftigt, die beiden
schnsten Damen des Hofes, die Grfinnen von Bristol und von Buckingham, zu
vermhlen. Am nchsten hierzu schienen wieder die jungen Grafen von Drebery, der
Herzog von Buckingham und noch einige minder wichtige Herren des Hafes. Aber wie
dies einzurichten war, blieb ein weites Feld fr die verschiedensten
Muthmaungen. Buckingham bewarb sich mit grter Zuversicht um die Grfin von
Bristol, und Niemand wagte an seinem Gelingen zu zweifeln, besonders da sein
mchtigster Rival, Robert, Graf von Derbery, seit dem Erscheinen der Grfin von
Buckingham verloren schien fr die brige Welt. Ohne sich ihr bestimmt zu
nhern, schien er doch in ihrer Nhe nur Luft und Nahrung einzuathmen. Ein Wort
aus ihrem holden Munde, ein Blick aus ihren himmlischen Augen, die stets so
ernst und freudlos umherschauten, schien Kraft und Leben in ihm hervorzurufen;
und wandte sie sich von ihm, brach er zusammen, als ob sie alle Kraft mit sich
hinweg gefhrt. Er war so kindlich, so ohne Arg seinen Gefhlen hingegeben, da
er keine Ahnung davon hatte, wie kein Wesen bei Hofe lebe, das dies Gefhl nicht
lngst erkannt. Er sah weder die ernsten Blicke des Grafen von Bristol, noch
hrte er die sanften Mahnungen seines geliebten Vaters. Seine Mutter berhrte
vergeblich mit zarter Frauenart die frheren Wnsche der Familie in Hinsicht
seiner Vermhlung. Mit sanftem Lcheln hrte er sie ruhig an, er verweigerte
nicht, er gewhrte nicht. Er schaute so rhrend freundlich und doch so tief
traurig in ihre Augen, da ihr das Mutterherz zu brechen drohte, und wenn er sie
verlie, wute sie nicht, ob er sie nur gehrt habe. Schon oft waren die Freunde
zusammen getreten, sie hatten es gewagt, sich das Scheitern ihrer Hoffnungen zu
gestehen, sie liebten beide den bezauberten Jngling vterlich, und ein zartes
Mitleiden mit seinem Zustande, den die wunderbar anziehende Erscheinung selbst
bei den ltesten Mnnern zu rechtfertigen schien, nahm ihrem Unwillen seine
Schrfe. Die junge Grfin von Bristol blieb dagegen Allen undurchdringlich. Mit
derselben Wrde erschien sie jeden Tag in dem ausgesuchtesten Schmucke, mit der
Behauptung einer vllig gleichen Laune, bei Hofe. Sie war besonnen und
geistreich, ohne Heiterkeit oder Witz zu besitzen; sie war prchtig, und ihre
Stirn und der hohe, kalte Blick ihrer Augen wie zu einem Diadem geschaffen. Die
blhende Flle der Jugend, die sie vom Lande mitgebracht, und die ihrer
Schnheit fast hinderlich war, hatte in der Stadt und von den endlosen
Lustbarkeiten, denen sie wie einer Pflicht sich willig unterzog, gelitten, ihren
Wangen war das glhende Licht entschwunden und ihrer Taille der volle Umfang;
sie war nur noch schner dadurch, und Buckingham schwur tausend Mal, sie
berstrahle seine Schwester, wie die Sonne den Mond!
    Wenige nur theilten diese Meinung. Man kaufte sich mit der Anerkennung ihrer
seltenen Schnheit los, um sich an der Grfin von Buckingham mit allen
Entzckungen der Liebe und Bewunderung zu sttigen. Aber man frug sich, warum
diese himmlischen Wangen so bleich sahen, warum diese tiefen seelenvollen Augen
so melankolisch blickten, dieser se Mund so selten lchelte, da doch aus
diesem Lcheln der Wohllaut eines innern Himmels hervor zu brechen schien. Ihre
hohe vollkommene Gestalt, ihre Bewegungen, das einfachste Wort, was von ihren
Lippen mit sanftem Tone drang, es schien so ganz anders, wie alles Uebrige; und
wenn die holdeste Demuth wie bittend aus ihr sprach, schien sie die Knigin
aller Gedanken, die Beherrscherin der Gefhle und Meinungen. Sie war der
Liebling der Knigin. Der Knig lchelte bei ihrem Erscheinen und sah ihr durch
die langen Reihen nach. Man vermuthete, er htte sie gern angeredet, htte er je
verstanden, einer Frau sich zu nhern; aber er freute sich unter seltsamen
Bewegungen des Gesichts und der Hnde, wenn man sie rhmte, und rief oft, sein
inneres Vergngen dem Liebling zuwendend: Stenie macht mir immer Freude! Sie
gleicht ihm, setzte er hinzu; doch schnell sich besinnend sagte er: Nein, nein,
sie gleicht einer Andern! Er meinte damit unfehlbar das Bild seiner Mutter, vor
welches er den Herzog von Buckingham gefhrt hatte, in der Absicht etwas zu
sagen, aber sein geheimer und groer Stolz hielt ihn doch ab, diese Aehnlichkeit
auszusprechen, und so schwieg der ganze Hof.
    Um diese Zeit fing Heinrich, Prinz von Wales, an zu krnkeln. Graf
Archimbald verlie sein Lager nicht; Carl, der seinen Bruder zrtlich liebte,
erschien nicht mehr bei Hofe, und Robert, von Freund und Bruder verlassen,
kannte keinen andern Platz, als den an der Seite der jungen Grfin. Fr alle
brige Beobachtung verloren, gewahrte er doch mit dem klaren Blick der Liebe
ihre zunehmende Schwermuth, unter der sie fast zu erliegen schien, und das
ngstlich sorgsame Betragen der alten Grfin, die mit den holdesten Worten
mtterlicher Liebe die offenbar Leidende zu erhalten bemht war. Da trat der
Augenblick ein, der England seiner stolzesten Hoffnungen beraubte. Heinrich,
Prinz von Wales, endete sein schnes, viel versprechendes Leben in den Armen
seines verzweifelnden Bruders. Robert hatte in dieser schrecklichen Nacht zu den
Fen seines Carls gewacht, der in halbem Wahnsinne das Leben seines Bruders
erhalten wissen wollte. Mnnlich fest, obwohl vom Schmerz und der langen Pflege
geisterbleich, stand Archimbald in diesem Sturme. Er bereitete Jakob auf den
Augenblick vor, er rief die Knigin an das Sterbebette seines kniglichen
Freundes, und als Heinrichs letzter Seufzer sanft seinen edlen Geist
entfesselte, sank er an seinem Lager nieder, verhllte sein Gesicht in die kalte
geliebte Hand und stand bald auf, Andere zu untersttzen. Den unglcklichen Carl
trug man leblos von der Leiche seines Bruders. Sein zerstrender Schmerz zog den
Jammer der kniglichen Eltern von ihrem Verluste zu ihrem jetzt einzigen Sohne,
den sie in hnlicher Gefahr whnten. Doch Carl hatte sich erholt, er ri sich
von seinem Lager auf, als seine kniglichen Eltern eintraten, er sank von
Thrnen berstrmt zu ihren Fen, und als sie ihn laut jammernd segneten, rief
er gepret, als ob ihm das Leben mit diesen Worten entstrmte: Ja, ich weihe
mich zu dem frchterlich erkauften Range Eures einzigen Sohnes! Hier sank sein
Kopf auf den Boden, und nur der Angstruf Jakobs: Rettet meinen Sohn, rettet
meinen letzten Prinzen! - Er stirbt! - ri ihn vom Boden empor und gab ihm
Kraft, so lange zu stehen, bis der Arzt das bekmmerte Paar entfernte, dem
Prinzen Ruhe empfehlend. Ohne Widerstand lie sich Carl auf sein Lager
zurckfhren, er schien die Lippen ffnen zu wollen, aber vergeblich, er schlo
sie wieder. So lag er halb trumend, halb wachend eine qualvolle lange Nacht; so
ffnete er die Augen, unruhig suchend erreichte sein Blick den Grafen von
Derbery, der an seinem Lager mit zrtlicher Angst ihn htete. Er winkte ihn
nher und wies mit einer Bewegung die Uebrigen an, zurck zu treten. Lange
blickte er den Liebling an, prfend, denkend, und endlich sagte er ihm leise
einige Worte, die ihn bald darauf aus dem Krankenzimmer fhrten. Doch wer den
jungen Grafen durch die Vorsle gehen sah, bleich wie der Tod, mit
geisterstieren Augen, weder Gruerwiedernd, noch gebend, der glaubte, der Tod
habe mit riesiger Kraft auch diese blhende Jnglingsgestalt ergriffen.
    Der nunmehrige Prinz von Wales, der nachmals so unglckliche Carl der Erste,
hatte sich bald erholt; er fhlte, da er um seiner Eltern willen seinem
Schmerze gebieten mute. Zwar schien Jugend und Heiterkeit von ihm gewichen,
aber er stand wie ein Mann nunmehr dem Knige, seinem Vater, zur Seite. Das
Einzige, was seine innere Erweichung verrieth, war seine erhhte Liebe zu den
Eltern, zu den Freunden. Niemals schien seine Seele inniger an Robert zu hngen,
als jetzt; aber der Graf blieb Allen ein Rthsel. Nachdem die tiefste Trauer
vorber war, bat er den Grafen von Bristol feierlich um die Hand seiner Tochter.
Zurckgekehrt zu der festen Ruhe und Sicherheit, die ihn frher ber Alle
erhoben, schien die Zeit seiner Leidenschaftlichkeit vorber. Er bat den Grafen
um eine Unterredung mit seiner Tochter. Zu ihren Fen und mit heien Thrnen
hatte er lange zu ihr gesprochen; er brachte den entzckten Eltern ihr Jawort,
und blieb von dem Augenblicke der aufmerksamste und freundlichste Verlobte der
stolzen, so schnell vershnten Grfin. In wenigen Stunden eilten die Vter zum
Knige, um seine Erlaubni bittend. Verlegen und erstaunt rief Jakob: Meine
Lords, was thut Ihr, ich glaubte, Stenie wollte Eure Grfin heirathen! Der
Herzog hatte sich nicht erklrt, und als dies Jakob hrte, ward er heiter, gab
sein Wort, rhmte die Verlobten und berlie sich seiner ganzen Gutmthigkeit.
    So einfach die Sache sich gelst, so wunderlich lauteten doch manche nicht
zu verhehlende Nebenumstnde. Robert hatte an seinem Verlobungstage eine heftige
Scene mit dem Prinzen von Wales. Der Prinz war von den flehendsten Bitten zur
hchsten Wuth bergegangen; man hatte von Befehlen, von Arrestgeben gehrt, bis
endlich eine lange Stille das Fernere der Beobachtung entzogen hatte. Als sie
sich trennten und Beide Arm in Arm in dem Vorsaale erschienen, trugen sie wohl
noch den Ausdruck heftiger Gemthsbewegung im Gesicht, aber zugleich den der
Vershnung. Hier erschien unangemeldet Buckingham, und nach einigen wthenden
Worten gegen den Grafen, die Niemand verstand, befahl der Prinz der
Dienerschaft, sich zu entfernen. Doch der heftig gefhrte Streit, der sich nun
erhob, schien alle Grenzen zu bersteigen. Man hrte Buckinghams Stimme, wie die
eines Wahnsinnigen, und wenn die Worte dem Ohre unzugnglich blieben, mute es
Augen gegeben haben, welche zu sehen whnten, er habe die Hand gegen den Prinzen
drohend erhoben, Robert habe ihn mit Riesenkraft ergriffen, gegen die Thr
gedrngt, whrend der Prinz nach Wache schrie und den Herzog verhaften lassen
wollte. Doch dies hinderte der Graf ebenso, und Buckingham, der etwas zur
Besinnung gekommen zu sein schien, strzte mit wthenden, unverstndlichen
Drohungen aus den Gemchern des Prinzen. Nach einem augenblicklich darauf
erfolgten Besuche des Prinzen beim Knige erhielt Buckingham Befehl, auf seine
Gter zu gehen. Doch zur selben Zeit verlie der Graf von Derbery in Begleitung
seines Bruders auf vierundzwanzig Stunden London. Als er zurck kam, hatte ein
unruhiges Pferd ihn geschleift und seinen Arm verwundet; es liefen darber inde
einige andere Vermuthungen. Die Grfin von Buckingham hatte ihre
Abschieds-Audienz bei der Knigin. Sie ward mit groer Huld entlassen, aber die
junge Grfin war noch blsser, ihr Auge trbe und ihre Schritte wankend. Als
sie, aus den Zimmern der Knigin kommend, an dem Grafen von Derbery vorber ging
und ihn achtungsvoll zum Abschiede grte, sah die Grfin Bristol schchtern zu
ihrem Verlobten hin; aber sein bewegtes Gesicht senkte sich, um den Gru der
Grfin zu erwiedern, als ob eine gekrnte Frstin an ihm vorber ginge.
Schmerzlich ruhte das Auge der Scheidenden auf diesem Grue, und sie schwebte
hinweg, um nie wieder die prachtvollen Sle von Whitehall zu betreten, in denen
sie der Mittelpunkt alles Schnen und Vollkommenen gewesen war.
    Bald darauf ward die Vermhlung des jungen Grafen vollzogen, und da Beide
nichts lebhafter wnschten, als den Hof zu verlassen, an welchem sie sich
gestehn muten, ein Gegenstand des Erstaunens und der Beobachtung geworden zu
sein, gingen sie sogleich nach Godwie-Castle, whrend der Herzog von Nottingham
in London verblieb, um sich zu seiner groen Sendung nach Spanien vorzubereiten,
wohin seine Gemahlin und Graf Archimbald ihn begleiteten.
    Man sagte, die Trennung des Grafen von Derbery vom Prinzen Carl sei von
Seiten des Prinzen eine Scene des leidenschaftlichsten Schmerzes gewesen. Er
verlie einen Tag vor der Hochzeit London und sah die Grfin erst spter als
Frau seines Freundes wieder. Wenige Tage nach ihrer Abreise kehrte er zurck,
aber in eine fr ihn ausgestorbene Welt, und der Ernst, der seine Stirn
umhllte, ging fast in Melancholie ber. Dessenungeachtet war seine erste
Handlung, den Knig um die Zurckberufung des Herzogs von Buckingham zu bitten,
weil er wohl wute, wie schwer Jakob sich zu einer solchen Demthigung seines
Lieblings entschlossen hatte; und die Freude, die Jakob bei dieser Bitte zeigte,
gab dem Prinzen die traurige Gewiheit, wie der Knig die grbsten Beleidigungen
gegen seinen Sohn eher vergessen, als den bermthigen Liebling entbehren knne.
Nie erfuhr ein Mensch den Grund dieser wthenden Scene. Gewi war es, da die
junge Grfin von Buckingham an dem Tage der Verlobung des Grafen von Derbery den
Grafen von Carlisle ausgeschlagen hatte. Auf ungestme Befehle ihrer Brder, des
Herzogs und des Grafen Buckingham, diesen Antrag anzunehmen, hatte sie bestimmt
erklrt, sich nie vermhlen zu wollen. Sie fgte hinzu, ihre Gesundheit habe
gelitten und sie wnsche mit ihrer Mutter das Schlo zu bewohnen, das der Knig
derselben in Buckingham verliehen, und das sie nie mehr zu verlassen gedchte.
Dies Schlo lag hchst einsam an einem kleinen Flecken, von Wldern umgeben, und
obwohl es der Grfin ein bedeutendes Einkommen gewhrte, schien es doch zu
einsam und dster, um je von einem Mitgliede dieser glnzenden Familie bewohnt
zu werden. Die Brder erstarrten daher vor Erstaunen und Wuth ber den Entschlu
einer Schwester, deren kurze Erscheinung sehr ehrgeizige Plne, auf den ihr so
verschwenderisch zu Theil gewordenen Beifall gegrndet, hinreichend
gerechtfertigt hatte. Sie hielt die emprendsten Vorwrfe und Beschimpfungen
aus, ohne sie abzulehnen oder zu erwiedern; als jedoch der Herzog mit dem
bittersten Hohne ihr die unglckliche Liebe zum Grafen Derbery vorwarf und wie
er sie verlassen, um einer Andern willen, gab sie bei diesen Worten den ersten
Schmerzenslaut von sich, und als der Herzog, von der Erinnerung seines eigenen
Verlustes noch hher gesteigert, mit rasender Wuth Gott zum Zeugen anrief, sich
an dem Grafen rchen zu wollen, sank sie mit dem Ausbruche der Verzweiflung zu
seinen Fen und bat ihn unter Strmen von Thrnen, dies nicht ber sie zu
verhngen. Doch der Wthende schien seine gekrnkte Eitelkeit bis zu
Mihandlungen getrieben zu haben; man fand die Grfin blutend am Boden, und ihre
Mutter hatte dem Herzoge gedroht, sich unter den Schutz des Knigs zu stellen.
    So glaubte also die Welt, da der Streit beim Prinzen eine Fortsetzung
dieser Scene gewesen war, und da des Herzogs Verbannung der unglcklichen
Mutter zu Hlfe kam, um mit ihrer Tochter unangefochten den Hof verlassen zu
knnen.
    Buckingham kam stolzer zurck, als er gegangen war. Der Prinz schien ihn nie
zu sehn, doch vermied er mit fast ngstlicher Sorge jede Strung des Friedens;
auch dies konnte man kaum vom Herzoge sagen, und die grte Migung des Prinzen
mute oft sich den Anmaungen Buckinghams entgegenstellen, um den ueren
Anstand zu behaupten, den der Prinz von sich und seinen Anhngern forderte.
    Erst nach Verlauf mehrerer Jahre, als dem nunmehrigen Herzog von Nottingham,
der ein Jahr frher seinen Vater verloren hatte, das dritte Kind, nach zweien
Shnen die erste Tochter, geboren ward, sah Carl seinen Freund in Godwie-Castle
wieder. Die Trennung hatte beide nicht entfremdet, sie blieben in stetem
Briefwechsel, und es war um so auffallender, da der Prinz erst so spt den
Wunsch seines Freundes, ihn in Godwie-Castle zu besuchen, erfllt hatte. Die
Herzogin hatte stets unter einer Art von Ehrerbietung die Klte verborgen, mit
der sie das Verhltni des Prinzen zu ihrem Gemahl erfllte. Sie hatte sich
beleidigt gefhlt durch die Art, wie der Prinz sich bei ihrer Vermhlung
betragen hatte, und die sie fr Mibilligung der Wahl ihres Gemahls nahm, was
ihr stolzes Herz nicht glaubte vergessen zu drfen.
    Aber der Augenblick, den der Prinz erwhlt, sie wiederzusehen, war ein sehr
glcklicher. Eine Tochter ruhte an ihrem Herzen, und rief alle Milde und Gte
desselben ins Leben. Sie trat dem Prinzen mit ihren beiden schnen Knaben
entgegen, eine Dienerin trug das holde Mgdlein ihr nach; ihre Augen strahlten
von Glck und Freude, sie wollte sich dem Prinzen so glnzend zeigen, als sie
konnte; nie war ber ihre fast unvernderte Schnheit ein hherer Reiz
verbreitet gewesen. Der Prinz betrachtete sie fast mit Erstaunen, und was er ihr
dann sagte, trug den Ausdruck einer Huldigung und Freude, wogegen die stolze
Frau nicht gleichgltig blieb. Doch von ihr weg eilte er, noch ein Mal den
Herzog zu umarmen, und mit Thrnen in den Augen rief er: Dem Himmel sei Dank, Du
bist glcklich! Dies war der Herzog wirklich geworden, und hatte es eben so sehr
seinen eigenen Tugenden, als denen seiner Gemahlin zu danken. Die
leidenschaftliche Liebe, welche sie hinzufgte, ward auch von ihm herzlich
erwiedert. Von dieser Zeit sahen sich der Prinz und der Herzog fter, doch
selten in Godwie-Castle. Der Prinz bestimmte dem Herzog irgend eines von den
vertheilt liegenden kniglichen Schlssern, wo sie stets mehrere Tage ohne alles
Gefolge mit einander blieben.
    Wir bergehen hier eine Reihe von Jahren, die nur eine stille Vorbereitung
der Epoche sind, ber welche wir unsere Mittheilungen zu machen haben, und indem
wir uns zu dem Frhlingsabende zurck wenden, der mit seiner schnen Beleuchtung
die anmuthige Gegend von Godwie-Castle so wunderbar verklrte, betrachten wir
das bis hieher Gesagte als den Hintergrund der folgenden Erzhlung, als die
nothwendige Erwhnung von Familienverhltnissen, in die wir uns leichter auf
diese Weise zu finden wissen werden.

Wie schn auch Natur und Kunst den Raum geschmckt hatten, wie sehr er zum Glck
und zu allen Genssen des Lebens einzuladen schien, die Menschengestalten in
dieser frhlichen Auenwelt entsprachen solcher Hoffnung fr den Augenblick
nicht.
    Eine Dame in der tiefsten Wittwen-Trauer der hheren Stnde, von zweien
Pagen in ehrerbietigster Ferne begleitet, die durch ihre schwarzen Kleider und
wehenden Schulterbltter, welche die Farben des Hauses Nottingham, die Trauer
ber einen diese Familie betroffenen Verlust anzeigten, schritt langsam einher
an dem Rande der groen Schloterrasse. Wer htte in der gebeugten Gestalt der
Trauernden die einst so glnzende Grfin von Bristol erkannt? Ihr Auge ruhete am
Boden, und die Welt schien ihr versunken; ihr Gesicht blickte aus den tiefen
schwarzen Verhllungen mit der Bleiche des Marmors, und obgleich noch immer ihre
Gestalt sich in einer besonderen Wrde zeigte, ruhte doch ihr Kopf gebeugt auf
dem tief athmenden Busen, und sie erhob ihn nur, um die schwermthigen Blicke
nach den groen Hallen des Schlosses zu wenden, die durch ihre goldenen Gitter
die schwarz verkleideten Wnde sehen lieen, und das trbe Licht der hohen
Kerzen, die den Katafalk umgaben, der zunchst der Kapelle in der letzten
Frstenhalle errichtet war. Ein Katafalk, ohne die geliebte Leiche in sich zu
fassen! Welch' ein Schmerz fr das Herz der zrtlichen Gattin, der es nicht
vergnnt ward, die freundlichen Augen zuzudrcken, die ihrem Leben geleuchtet.
Der Herzog war in Spanien gestorben, wohin er sich mit seinem ltesten Sohne
begeben hatte, und wo damals sein Schwiegervater, der Graf von Bristol, um eine
spanische Infantin fr den Prinzen von Wales unterhandelte. Die Kunde seines
Todes hatte die Herzogin schon vor einem Monat erreicht, und heute erwartete sie
den geliebten Sohn und die theure Leiche, welche nur langsam den weiten Weg
zurck zu legen vermochten. Mit welcher Empfindung, mit welcher Sehnsucht sah
die unglckliche Gattin diesem Moment entgegen, welcher der letzte Trost ihres
gebeugten Herzens schien.
    Jeder andre, den die starke und fromme Frau finden zu mssen schien, war
zurckgedrngt von dem zehrenden Verlangen, seine letzten Ueberreste zu
besitzen.
    Ja, sie schien gar nichts frher von sich zu fordern und blieb jedem Worte
verschlossen. Darum richtete sie so oft die thrnenlosen Augen nach dem
Schlosse, weil sie jeden Augenblick hoffte, die mit Trauergestalten angefllten
Hallen wrden sich ffnen und ihr den ersehnten Anblick zeigen. Noch ein Wesen
folgte ungestrt und so nah, da es ihre Gewnder berhrte, der trauernden
Witwe; es war Gaston, der Lieblingshund und treue Begleiter des Herzogs, der nur
dies Mal von der weiten Reise hatte zurckbleiben mssen. Er war eine von den
schnsten Doggen des Knigreiches, von ungewhnlicher Gre und Schnheit des
Krpers, und von einem rhrend treuen Karakter. Seit die Herzogin in Schmerz und
Trauer gehllt war, hatte er seinen Platz in der Vorhalle verlassen und war
nicht mehr von ihr zu entfernen.
    Ernst und gravittisch schritt er jetzt dicht neben ihr, mit so traurig
gesenkten Ohren, so ohne allen Antheil fr seine sonstige Lust in Garten und
Wald, da der Gedanke nicht abzuweisen war, er wisse, was auch ihn betroffen.
    Es hatte etwas tief Rhrendes, ihn zu sehen, wie zur Wache seiner trauernden
Herrin bestellt. Am Ende der Terrasse, und so oft die Leidtragende still stand,
setzte auch er sich dicht vor sie hin und blickte sie an, als wollten die
ehrlichen traurigen Augen Thrnen weinen; schritt sie weiter, ohne ihn zu sehn,
raffte er sich sogleich auf und schritt ihr in gleicher Ordnung nach. Um so
auffallender war sein Betragen, als die Herzogin sich jetzt noch ein Mal dem
Ende der Terrasse nach der Waldseite zu nherte und ruhend einen Augenblick an
einen Sitz gelehnt blieb. Pltzlich unruhig werdend und die Herzogin verlassend
schien er irgend etwas zu suchen, was ihm sein feiner Instinkt andeutete, jeden
Platz um seine Gebieterin durchsuchend verschwand er pltzlich hinter der
Brstung der Terrasse nach der Treppe zu, welche in den Waldgrund fhrte. Bald
hrte man sein wohlbekanntes lautes Anschlagen und darauf ein langes Geheul. Er
sprang mit solcher Gewalt ber die Terrasse zurck, da die Herzogin, selbst
davon erschreckt, aus ihrem starren Nachdenken gerissen ward. Er strzte auf sie
hin, bellte heftig, und indem er ein lautes Geheul ausstie und mehrere Mal an
ihr in die Hhe sprang, kehrte er eben so schnell zurck, um wieder an der
Treppe zu verschwinden. Einen Augenblick nur hatte der Ungestm dieses geliebten
Thieres ihre traurigen Gedanken unterbrechen knnen. Langsam wandte sie sich
zurck, als Gaston aufs Neue herbeistrzte, ihr fast den Weg vertrat, immer
wieder mit lautem Geheul der Treppe zu fliegend, immer wieder umkehrend, und,
als die Herzogin dennoch weiter gehen wollte, dies zu verhindern fest
entschlossen schien, indem er ihr Gewand zwischen die Zhne nahm, um sie nach
der Treppe hinzuziehen. So ungestm aus sich herausgerissen, und von einem so
treuen Gefhrten ihres Gemahls, ward die Herzogin jetzt aufmerksam und bemerkte,
da Gaston am ganzen Leibe zitterte und den Wunsch zu erkennen gab, da sie ihn
begleiten mge. Dies erkennen und ihm sanft folgen, war eins, und nun erhob
Gaston ein Freudengebell, strzte nach der Treppe zu, stellte sich ruhig harrend
hin, bis sie sich nherte, und schritt vor ihr her die Stufen hinab. Eben blieb
die Herzogin zweifelnd stehen, ungewi, ob sie ihm weiter folgen solle, als mit
dem ersten Schritt auf der Treppe sich ein Anblick ihr zeigte, der
augenblicklich die ganze Stimmung der edlen Frau vernderte und ihre
Aufmerksamkeit vllig in Anspruch nahm. In dem Ausrufe: O Gaston! verrieth sich
das ganze Gefhl, welches die jetzt unverkennbare gute Absicht des klugen
Thieres ihr einflte. Sie schritt schnell einige Stufen weiter und befand sich
jetzt vor einer weiblichen Gestalt, die, auf dem Gesicht liegend, die Arme weit
vor sich hingestreckt, entweder todt oder ohnmchtig war.
    Schnell berblickte sie, ob uere Zeichen der Verletzung sich zeigten, und
gewahrte, wie Gaston angstvoll um den Gegenstand seiner Sorge hertrat und sich
nach dem Kopfe zu, unter das lange dichte braune Haar, drngte, dann zurck
sprang und den mit Blut berzogenen Kopf zur Herzogin aufhob. Dies entri der
erschtterten Frau den ersten Schreckensruf, und ihre Diener, die nicht gewagt
hatten, ungerufen herbei zu kommen, obwohl Gastons Betragen und das Verschwinden
der Herzogin von der Terrasse sie besorgt nher gefhrt hatte, strzten jetzt
schnell herbei. Sie fanden die Herzogin, dem Umsinken nahe, an die Wand der
Terrasse gelehnt und vor ihr Gaston mit dem Gegenstand seiner Sorge.
    Die ehrerbietige Scheu zgelte das Erstaunen der Herbeigeeilten, und als die
Herzogin mit der Kraft eines schnen Gefhls fr Menschlichkeit sich erhob,
eilten sie blos stumm ihre Befehle zu erfllen. Die Unglckliche lag nmlich,
durch ihren wahrscheinlichen Fall beim Erklimmen der Stufen, so am Rande des
tiefen und steilen Waldgrundes, an dem die Treppe hinauffhrte, da die leiseste
Bewegung sie hinabstrzen konnte, ja, es war zu glauben, da Gaston durch
Versuche, die Gestalt hinaufzuziehen, die Lage noch verschlimmert hatte, da der
Boden am Waldabhange frisch von seinen Pfoten unterwhlt schien, und das Gewand
von dem linken Oberarm zurckgerissen und mit frischer Erde bedeckt war. Als
aber die Diener sich nherten, die Gestalt vom Boden zu erheben, ergriff die
Herzogin ein unaussprechliches Gefhl von Abneigung, die weibliche, offenbar
junge und zarte Gestalt von Mnnern berhren zu lassen, sie winkte sie zurck
und befahl, nach Mistre Morton und ihren Frauen zu senden, den Doktor Stanloff
zu rufen und eine bequeme Bahre an den Fu der Terrasse zu bringen. Sie selbst
blieb wie gefesselt vor dem Wesen stehn, von dem es zweifelhaft blieb, ob es
noch zu den lebenden gehre. Einige bange einsame Augenblicke lieen die
Herzogin Entdeckungen machen, die ihr Interesse erhhten. Obwohl nichts von der
Gestalt zu sehen war, als Arme und Hnde und eine Flle des schnsten braunen
Haares, das wie ein Mantel ber sie ausgebreitet war, so lieen sich doch
darunter lange schwarze Trauerkleider in dem Schnitt der vornehmeren Stnde
wahrnehmen, und die Arme und Hnde, die vor den Fen der Herzogin ausgestreckt
lagen, waren, neben der zartesten Jugend, von einer so auerordentlichen
Schnheit, da die Herzogin sich gestehen mute, nie etwas Vollkommeneres
gesehen zu haben. Was aber ihr peinliches Erstaunen noch erhhte, war, da
wahrscheinlich Gastons Bemhung an dem obern Theil des linken Armes ein Armband
halb enthllt hatte, welches in einer bedeutenden Breite von den prachtvollsten
Juwelen an einander gereiht war. Jetzt nahte die ersehnte Hlfe. Mortons sanfte
Stimme lie sich hren, und die Herzogin streckte ihr, voll Schmerz, die Hnde
entgegen. O Morton! Morton! rief sie, was geschah hier? Welch' ein Unglck,
welch' ein Verbrechen, vielleicht im Bereiche des Schlosses! La sie sanft
anfassen, aber nur von Deinen Frauen. Wo ist Stanloff, da er mir sage, ob sie
lebt oder hier ohne Hlfe verscheiden mute? - Mistre Morton sah fast noch mit
grerer Bewegung, als der weisen und erfahrenen Frau das sonderbare Ereigni
abnthigen konnte, die wohlthtige Einwirkung, welche die Stimmung ihrer
Gebieterin erlitten; denn von sich selber abgelenkt schien ihr Herz in den
Gefhlen der Menschlichkeit und der Theilnahme ganz aufgelst, und Thrnen, die
das Uebermaa ihres eigenen Grames bisher zurck gehalten hatte, flossen
wohlthuend, durch ein fremdes Leiden hervorgerufen. Mortons sanfte Worte suchten
ihre Gebieterin zu beruhigen, und whrend die Kammerfrauen ihren Winken folgten,
fhrte sie die Herzogin zur Terrasse zurck. Doch weiter ging ihre Ueberredung
nicht; denn sie wollte selbst sehen, ob nichts versumt werde, und an die
Brustwehr der Terrasse gelehnt, blickte sie mit hchster Unruhe hinab und sah,
wie Gaston sich zu den Fen der Unglcklichen niedergelegt hatte, und ihre
nackten mit blutenden Wunden bedeckten Sohlen sorgsam nach allen Seiten hin mit
seiner groen Zunge leckte. O Morton! rief die Herzogin berwltigt, welch' ein
Herz in diesem Thiere, welch' ein Beispiel fr uns alle! Die Kammerfrauen
nherten sich jetzt mit ihrer sorgfltig emporgehobenen Brde und legten sie
sanft auf die bereitstehende Bahre, als Morton, von der Herzogin gesendet, heran
trat, um das Haar von dem Gesicht zu entfernen, worauf sich ein vom Tode
beschlichenes, aber wunderbar schnes jugendliches Angesicht enthllte. Sinnend
blieb sie, von einer dunkeln Erinnerung ergriffen, stehen, als das ehrerbietige
Auseinanderweichen der Diener die Herzogin verkndigte, welche rasch
herangetreten war. Morton wandte sich zu ihr, die Haare zurcklegend, und ward
von Angst um ihre Gebieterin ergriffen, welche mit allen Zeichen der hchsten
Erschtterung zurck schauderte, nachdem sie das bleiche Todtenbild einen Moment
betrachtet hatte, und, indem sie fast wild in dem Kreis ihrer Diener
umherblickte, mit einer lauten und heftigen Stimme rief: Heiliger Gott! wer ist
dieses Weib?
    Niemand wute diese Frage zu beantworten, und Alle standen erschttert von
dem Zustande ihrer Gebieterin, bis Morton, die keine weitern Zeugen wnschte,
einen Wink ertheilte, sich mit der Bahre zu entfernen. Einige Augenblicke
vergingen im tiefen Schweigen; langsam richtete sich die Herzogin alsdann empor,
und als ob alle Spannung aus ihrem Krper gewichen, sagte sie mit matter Stimme:
Fhre mich, liebe Morton; ach! es ist zu viel, ich bin krank, ich will mich
niederlegen. Ach! was geschieht um mich her; wie soll ich leben, wie
ausempfinden, was ber alles Maa ist - kannst Du es begreifen? Morton htete
sich wohl, die zerstreute und traurige Gedankenreihe ihrer Gebieterin durch
Antworten zu unterbrechen.
    Seit der schrecklichen Todesnachricht hatte die Unglckliche bis auf wenige
nthige Befehle kein Wort freiwillig gesprochen, keine Thrne geweint, kein
Bedrfni der Ruhe geuert, und der treue Doktor Stanloff hatte mit Angst die
Entwickelung dieser gnzlichen Erstarrung erwartet. Morton, die seine
Besorgnisse getheilt hatte, sah nun mit einem Male diese gefrchtete Katastrophe
durch ein sonderbar von Auen kommendes Ereigni herbeigefhrt: ihre geliebte
Gebieterin weinte, hatte gesprochen, fhlte selbst das Bedrfni der Ruhe. Dies
schienen alles glckliche Zeichen, und die treue Dienerin empfand eine Freude
und einen Trost, wogegen die sonderbare und geheimnivolle Veranlassung ganz in
den Hintergrund trat. Man nherte sich langsam den Schlohallen, und Morton
htte viel darum gegeben, wenn sie die Herzogin, die sich wankend sttzte, durch
einen andern Weg nach ihrem Zimmer htte fhren knnen, denn sie mute frchten,
da die schwermthigen Trauerzurstungen, welche diese Hallen erfllten, die
unglckliche Frau aufs Neue in ihren trostlosen Zustand versenken wrden. Aber
es schien etwas anderes tief in der Seele Erwecktes dem heftigen Schmerze der
Herzogin das Gleichgewicht zu halten.
    Morton fhlte, je nher sie den Hallen kamen, ihren Schritt sich befestigen
und beschleunigen, und sie richtete sich mit ihrer gewhnlichen Strenge empor,
als Stanloff am Eingange ihr hastig entgegen schritt, und ihn mit der Hand
zurckweisend, sagte sie fest: Wir bedrfen Eurer Hlfe nicht; aber wo waret
Ihr, da Ihr so nthig hattet hier zu sein, um die Ungewiheit ber Leben und Tod
einer Unglcklichen von uns zu nehmen; die Ungewiheit, sage ich, Gott verhte
es, da hier in der nchsten Nhe unseres Schlosses ein unerhrtes Verbrechen
begangen worden sei. Sie schritt whrend dessen, Mortons Arm verlassend, fest in
den mittlern Saal. Jepson! rief sie und winkte die Hand des Doktors zurck, als
er den schwarzen Schleier, der als ein Theil ihrer Bekleidung von den
Dienerinnen beim Aufheben abgedeckt und jetzt ber sie geschlagen war,
zurckziehen wollte, - dieser Ort scheint uns nicht passend fr die wichtigen
Untersuchungen, ob Leben und Tod obwaltet. Wir wnschen zu diesem Zweck den
kunstreichen und erfahrenen Anordnungen unsers Doktors durch eine passende
Wohnung zu Hlfe zu kommen, und bestimmen dazu die Zimmer im linken Flgel,
welche die Vorzimmer zur Wohnung Seiner Hoheit des Prinzen von Wales ausmachen,
und die durch den Kapellenthurm zugleich mit den Zimmern unserer Mistre Morton
verbunden sind, welcher wir, wenn Gott unser Gebet erhrt und uns die Gnade
gewhrt, durch unsere wunderbar herbei gefhrte Hlfe ein Menschenleben gerettet
zu haben, die besondere Pflege und Aufsicht bertragen wollen. - Jepson, der
erste Vogt des Schlosses, mit seinem weien Stabe und ebenso weien Haupte,
hrte, voll Ehrfurcht gebeugt, diese Befehle an, und begab sich alsdann, von der
Bahre und mehreren von Morton beorderten Dienerinnen begleitet, nach der
Vorhalle des Saales, von wo durch eine verschlossene Gallerie dieser Flgel fr
auerordentliche Flle zu erreichen war. Auch Doktor Stanloff wollte sich dahin
entfernen, als die Herzogin ihn zurck rief und mit minder fester Stimme
hinzufgte: Ich kenne Euch, Doktor, Ihr werdet all' Eure so oft bewhrte Kunst,
die uns manches theure Haupt erhielt, - ich sage, Ihr werdet diese Kunst auch
heute anwenden, so Leben noch zu erwecken ist, und ein so schreckliches,
emprendes Unglck, als ein Mord in unserm Bereich sein wrde, dadurch
vernichten. Sobald ich meine Zimmer erreicht habe, soll Morton Euch beistehen. -
Nimm die brigen Frauen mit Dir, Morton, und sorge vor allen Dingen, da die
Unglckliche geschont, und Alles mit Achtung und ohne Neugierde bei Seite gelegt
wird, was sie noch an sich trgt und uns vielleicht, will's Gott, zur Kunde ber
ihre Angehrigen fhren knnte.
    Stanloff, der bejahrte treue Diener dieses Hauses, der seiner groen Dienste
und seltenen Eigenschaften halber mehr als Freund, denn als Diener angesehen
wurde, fhlte wohl das Vershnende in den Worten der Lady, womit sie schnell zu
begtigen suchte, was ihr stolzer und heftiger Sinn nur zu leicht verschuldete,
doch nie ungestraft von einem zarten Gewissen und einem edlen Herzen. Dies, was
Allen, die sie nher kannten, wohl bewut war, sicherte ihr einen leichten Sieg
ber jeden trb' heraufgefhrten Augenblick, und flte ihren Umgebungen eine
Mischung von Furcht und Liebe ein, die sie mit vielem Geiste zu benutzen wute,
und die sie zu einer seltenen Herrschaft ber die Gemther erhob. Doch weniger
als je, hatte sie Widerstand in dem sanften milden Herzen Stanloffs zu frchten,
denn er sah mit Freude in seiner geliebten Gebieterin das Gleichgewicht
hergestellt, das so furchtbar noch bis vor wenigen Augenblicken zerstrt war und
ihn fr ihr Leben frchten lie. Die Heftigkeit, die Ungerechtigkeit ihrer
ersten Worte, waren so der natrliche Gang ihrer Auerungen, da er einsah, ihr
ganzes Wesen sei mit dieser Erschtterung in seine Bahn zurckgetreten. Er kte
voll Rhrung die dargebotene Hand, wagte es noch ein Mal die oft ertheilten,
kaum angehrten, noch weniger befolgten Verordnungen fr ihre Gesundheit zu
wiederholen, und ging getrstet von dannen.
    Sanft wandte die Herzogin sich zu Mistre Morton und sagte ihr schmerzlich:
Bringe mich hier weg, dieser Anblick scheint mich und meine Vernunft vernichten
zu wollen. Sie wandte sich von dem Trauersaale ab, wollte sich so eben nach dem
Ausgange begeben, als ein ferner Ton, wie ein Horn, an ihr Ohr traf, der nach
einem Augenblick des bangen Harrens von einem nheren an der Thorbrcke, sodann
zunchst von den Castellthrmen beantwortet wurde und keinen Zweifel lie ber
die Ankunft der herzoglichen Leiche. Die Herzogin blieb einen Augenblick wie
berwltigt, mit ber die Brust gefalteten Hnden und gegen die Decke gehobenen
Augen stehn. Dann sank sie, wie getroffen, auf ihre Kniee nieder und beugte ihr
Haupt wie zum Gebet. In einem Kreise umher kniete ihre noch immer die Halle
erfllende Dienerschaft, und die erhabene Feierlichkeit dieses Augenblicks und
die tiefe Stille umher ward nur durch das sanft ausbrechende Schluchzen der Frau
unterbrochen.
    
    So fanden die beiden Tchter der Herzogin, die mit ihren Damen herbeieilten,
die geliebte Mutter, die bei ihrer Ankunft das thrnenbenetzte Gesicht mit
schwermthigem Lcheln zu ihnen aufhob, und sie neben sich nieder winkte. Der
weite Weg, den der Zug zu machen hatte, da der erste Ruf des Hornes noch vor der
Brcke, nach alter Sitte, Einla begehrte, fllte eine lange Zeit. Whrend er
den ersten Hof betrat, erschien Jepson am Eingange der ueren Halle, um der
Herzogin Meldung zu machen. Als er die hohen Gitterthren ffnete und seine
erhabene Gebieterin, von ihren Tchtern und Dienerinnen umgeben, auf den Knieen
sah, sank auch er stumm zur Erde und blieb so einige Augenblicke voll Andacht,
dann erhob er sich, seines Amtes gedenkend, und den Arm mit dem Stabe vor sich
herstreckend begann er mit feierlicher Stimme: Es hat dem allmchtigen Gott in
seiner Barmherzigkeit gefallen, den Weg zu beschtzen, den der erhabene Sohn und
Erbe dieses erlauchten Hauses in der Erfllung seiner groen und schweren
kindlichen Pflichten aus weiter Ferne angetreten, um die sterblichen Ueberreste
des durchlauchtigen Herzogs, seines erhabenen Vaters, zu den Hallen seiner Vter
zurckzufhren. Vor den Thoren dieses Schlosses harrt er und begehrt voll Demuth
gegen seine herzogliche Mutter, unsere erhabene Gebieterin, Einla!
    Von ihren Knieen sich erhebend, von ihren Tchtern untersttzt, antwortete
die Herzogin mit tiefer Stimme: Gott segne seinen Eintritt ber die Schwelle
seiner Vter!
    Sogleich ffneten sich auf einen Wink die uern Thore und lieen einen
Blick thun in den weiten Hof, der mit den schwarzen Gestalten des Zuges
berdeckt war.
    Knig Jakob hatte, sowohl der Witwe sein Beileid zu bezeigen, wie auch dem
Wunsche seines Ministers sich gndig zu erweisen, den Oheim des verstorbenen
Herzogs, Cecil, Graf von Salisbury, nach Godwie-Castle gesendet, und derselbe
war mit seinem groen Gefolge und in der Begleitung der nchsten Verwandten, die
alle zum Empfang der Leiche versammelt waren, auf die eingetroffene Nachricht,
da sein Neffe die Grenzen des vterlichen Gebiets berschritten, von
Godwie-Castle, wo er den Tag zuvor angekommen, ihm entgegen gegangen, und hatte
ihn untersttzt in der sorgfltigen und wrdigen Anordnung des Zuges, der von da
an bis an die Gemcher des Schlosses mit gleicher Ordnung fortgesetzt ward. Der
Sarg ward im ersten Hofe von dem Rstwagen genommen, auf dem er seinen weiten
Weg zurckgelegt, und sechs junge Edelleute trugen ihn auf ihren Schultern.
Voran schritt Jepson, den Stab, das Zeichen seiner Wrde, vor sich hinhaltend,
ihm folgten die hhern Beamten des Schlosses und der ausgedehnten herzoglichen
Besitzungen, denen sich das Reisegefolge des Herzogs anschlo, zahlreiche und
geprfte Diener, unter ihnen Sir Eduard Ramsey, der als erster Kmmerer seinen
Rang vor Allen hatte.
    Dann erschienen die zahlreichen Edelleute der Nachbarschaft, an ihrer Spitze
Sir William Ollincroft als vornehmster Edelmann der Grafschaft, zu welcher das
herzogliche Geschlecht in einer Art von Oberhoheit stand. Zwlf Pagen, mit den
Achselbndern in den Farben des herzoglichen Wappens, gingen zur Seite der
jungen Edelleute und trugen die Insignien der herzoglichen Wrde nebst den Orden
und militrischen Auszeichnungen des Verstorbenen. Ihnen folgten unmittelbar
hinter dem Sarge die Verwandten, und an ihrer Spitze Robert, Graf von Derbery,
der lteste Sohn und Erbe des herzoglichen Ranges, begleitet von Cecil, Grafen
von Salisbury, und gefolgt von den bedeutenden Personen der nchsten
Verwandtschaft und einem glnzenden Zuge von Fremden, nebst der vornehmeren und
geringeren Dienerschaft aller Anwesenden.
    Ein kleiner Raum trennte die Herzogin von den traurigen Ueberresten ihres
hchsten Glckes und von dem geliebten Sohne, fr dessen Leben und Gesundheit
ihre Seele so oft gezagt. Das Uebermaa ihrer Empfindungen siegte ber ihre
Schwche, statt dieselbe, wie ihre Getreuen frchteten, zu mehren. Als der
Geistliche mit seinem Gefolge aus der Kapelle an ihr vorber ging, den Sarg an
der Schwelle einzusegnen, hatte sie Kraft, ihm zu folgen. Fest ergriff sie die
Hnde ihrer Tchter, und emporgerichtet, als verschmhe sie es, den letzten
Pfeilen des Schmerzes die blutende Brust zu entziehn, folgte sie den Dienern der
Kirche mit sicherm Schritt. Man hatte den Sarg in der Mitte des Gefolges an der
Schwelle harren lassen, den Segen der Kirche zu empfangen; die Herzogin blieb in
gemessener Entfernung stehn; in einem Kreise um sie her ihr schwarzgekleidetes
Gefolge. Als die Geistlichen auseinander traten und sich der Bahre nherten,
erblickte die Mutter zuerst den Sohn, dessen jugendliche Schnheit wie erstarrt
schien in der rhrenden Blsse eines tiefen Schmerzes; aber sein Auge sandte
einen Blick zu ihr hinber, welcher das Herz erreichte und die ganze Flle des
mtterlichen Gefhls erweckte. Der feierliche Augenblick hinderte jede
Annherung, doch mit welcher Inbrunst beugten die tief Erschtterten auf das
gegebene Zeichen das Knie zum Gebet! Wer mchte sagen, es htte der Worte
bedurft, dies Gebet des innersten Herzens Gott verstndlich zu machen.
    Ehe jetzt der Zug sich nach dem Trauersaal begab, lag Robert zu den Fen
seiner Mutter und empfing ihren Segen, und als sie einen Augenblick lang sich
umfat hielten, fhlten Beide die unnennbare Gre ihres Verlustes und zugleich
den Trost, den die Natur ihnen in einander gewhrt hatte. Von Lord Salisbury und
ihrem Sohne geleitet, nahm die Herzogin Platz im Trauersaale auf einem erhhten
Sitze, dem Katafalk gegenber, zu ihren Fen knieten ihre Tchter, am obern
Theile des Sarges ihr Sohn, am untern der Graf von Salisbury. Das brige Gefolge
nahm den weiten Raum umher ein, einen erhhten Lehnstuhl mit der herzoglichen
Krone und Decke freilassend, welcher rechts von dem Sitze der Herzogin noch
unbesetzt geblieben war, doch nicht lange. Denn aus dem innern Raume der Kapelle
schritt eine Dame hervor, auf zwei Frauen gesttzt und von mehreren Pagen
gefolgt, bei deren Anblick die Herzogin und ihre Tchter sich sogleich erhoben,
und ihr mit allen Zeichen der Ehrerbietung entgegen traten. Sie war im hchsten
Alter, schneeweies Haar umzog das feine weie Antlitz, auf dem der neue Gram
nicht mehr den Frieden hatte stren knnen, der die geluterte Seele schon zu
einer Brgerin hherer Welten erhob, wenn ihr Herz auch noch mit Engelsmilde die
Leiden der irdisch Bewegten theilte. Es war die Schwester des Grafen Salisbury,
die Grfin von Burleigh und Witwe des Herzogs Robert von Nottingham, die
ehrwrdige Mutter des eben verstorbenen Herzogs. Schwer empfand sie es, den Sohn
vorangehn zu sehen, aber die Hoffnung, bald mit ihm vereint zu sein, nahm dem
Schmerze seine trostlose Schwere, und nur an ihre geliebte Schwiegertochter
denkend und an ihre theuern Enkel, verlie sie, trotz der hohen Jahre und der
damit verbundenen Schwche, ihren Witwensitz, durch sanften Zuspruch die Leiden
ihrer Geliebten zu mildern. Bis jetzt war es ihr wenig gelungen, auf die
unglckliche Gemahlin ihres Sohnes zu wirken, ihr, wie Allen, blieb sie
unzugnglich; ja, nachdem sie die Pflichten der Ehrfurcht gegen die ehrwrdige
Mutter ihres Gemahls erfllt hatte, so stumm jedoch, mit so traurig zerstrtem
Wesen, als ob nur der Krper sich in gewohnter Ordnung bewegte, war sie mit
einer Art ngstlicher Scheu aus ihrer Nhe entflohen. Doch vor dem Sarge ihres
Lieblings schien die Mutter wieder in ihre alten Rechte einzutreten, und die
wenigen Worte, welche sie mit Thrnenerstickter Stimme der ehrwrdigen Frau
zurief, zeigten auch ihr, da die Rinde gesprungen sei, die dies beladene Herz
zu ersticken drohte. Die zahlreichen Zeugen geboten dem Zartgefhl beider Frauen
sich zu fassen, um die letzten Pflichten fr den Entschlafenen mit der Wrde
erfllen zu knnen, die den Frauen dieses Hauses bei den Leichenbegngnissen
ihrer Gatten die harte Nothwendigkeit ihrer Gegenwart auferlegte.
    Als die alte Herzogin ihren Platz eingenommen und die Witwe zu ihrem Sitze
zurckgekehrt, begann der Geistliche nach dem Ritus der hohen bischflichen
Kirche die Einsegnung der Leiche, deren Verhllung nun gehoben ward, um der
Versammlung die wirkliche Ueberzeugung von ihrer Identitt zu geben. Von dem
krftigen Geschlecht der Vorahnen her war es hier Gebrauch geblieben, da die
Witwe sich zuerst dem Sarge nahte und, nachdem sie die Leiche angeblickt, die
Hand zur Beglaubigung, da sie wirklich gegenwrtig, empor hob; dasselbe thaten
dann sofort die nchsten Verwandten, und der versammelte Adel nahm dies als eine
ihm gethane Versicherung auf. Als dieser Moment nahte, sprang der junge Graf von
seinen Knieen, auf denen er die ganze Zeit ber in tiefer Andacht geblieben,
auf, und ehe die Herzogin sich dem Sarge nhern konnte, lag er zu ihren Fen
und schien sie mit der grten Heftigkeit um etwas anzuflehn. Die Anwesenden
konnten leicht errathen, da der besorgte Sohn seiner Mutter einen zu
schmerzlichen Anblick ersparen wollte, da der vor vier Wochen erfolgte Tod des
Herzogs und der weite Weg, den die Leiche gemacht, trotz allen Vorkehrungen
jeden wohlthuenden Zug und Eindruck verlscht haben mute. Aber die Herzogin
schien unerbittlich, ja, zrnend, und wie ihr Sohn, von Salisbury's Worten
untersttzt, ihre Kniee umfate, als wollte er mit Gewalt sie hindern, befahl
sie ihm aufzustehn. Eine leichte Rthe belebte das blasse Angesicht, und mit
vernehmlicher Stimme sprach sie wie unwillig: Hltst Du mich fr schwcher, als
die edlen Frauen, die vor mir diesen Gang gethan? Trostlos erhob sich der junge
Mann, und sein Blick richtete sich, wie nach der letzten Hlfe, zu seiner
Gromutter empor. Aber diese schien dies Mal nicht sie geben zu wollen, ihr
feines weibliches Gefhl sagte ihr, die Herzogin wrde hier sich nicht zurck
ziehn. Diese Pflicht, wozu das sehnschtige Herz sie trieb, diese Pflicht, die
sie in der Gegenwart ihrer Verwandten, Befreundeten und Untergebenen erfllen
sollte, konnte sie nicht unterlassen, ohne eine Schwche zu zeigen, die der
Wrde und Seelenstrke widersprochen htte, die ihren Karakter und ihren Ruf in
der Welt bezeichnete. In ihren theilnehmenden, aber klaren Blicken lag das
Vertrauen zu ihrer Schwiegertochter: auch sie wrde das mit Wrde vollziehen,
was sie selbst und vor ihr so Viele an dieser Stelle vollzogen hatten.
    Sie irrte sich auch nicht, und der zrtliche Sohn hatte, ohne es zu ahnen,
durch seinen Widerstand eine neue Sttze ihr gewhrt; ihr Stolz war erwacht, und
ein leichter Unwille ber die scheinbare Strung der so wichtig erachteten
Trauerceremonien gab ihr die Kraft, ihre Erweichung zu besiegen. Sie winkte
ihren Sohn und den Grafen von Salisbury zurck, und nherte sich mit langsamen,
wrdevollen Schritten dem Hauptende des Sarges. Der Krper, berdeckt mit einem
weiten Frstenmantel, ruhete jetzt vor ihren gespannten, angstvoll geffneten
Augen unverhllt; das theure Haupt, einst mit allem Zauber mnnlicher Wrde und
den weichen Zgen des Gefhls und der Gte geschmckt, war jetzt zu einer
unscheinbaren gelben Maske vertrocknet; und der Schauder, einer vllig fremden,
kaum Menschen hnlichen Bildung gegenber sich zu finden, drohte sinnverwirrend
den Geist der starken Frau zu ergreifen. Schon durchzuckte das wildeste
Entsetzen ihre Seele, und Alles um sie her verschwand aus ihrer Erinnerung, -
noch solch' ein Moment, und sie wre entflohn und mit ihr vielleicht das
Bewutsein des Geistes, das unterzugehen drohte. Schrecklich war die Angst der
sorglich auf sie Blickenden, denn in ihren Zgen und dem starren Blick ihrer
Augen malte sich ihr jher Zustand. Aber Gott hielt seine segnende Hand
schtzend ber dies schuldlose Haupt. Sehr bald minderten sich die
scharfgespannten Zge, Friede kehrte zurck, sich steigernd bis zur sanftesten
Rhrung. Ihr Blick hing mit Zrtlichkeit an diesem grauenhaften Bilde, denn sie
hatte ihn wieder erkannt an dem schnen, lockigen Haar, das der Tod nicht zu
zerstren vermochte, und das er in seltener Schnheit besessen hatte. Ihre
Besinnung kehrte zurck, und lange Gewohnheit einer groen Selbstbeherrschung
kam ihr zu Hlfe.
    Das Gefhl, ihn erkannt zu haben und jetzt gewi seine heiligen Ueberreste
zu besitzen, hob sie ber ihre Natur mit einer Art von Entzcken, das um so
mchtiger sie ergriff, als es der pltzliche Uebergang von dem trostlosesten
Entsetzen war. Sie richtete sich an seinem Haupte mit einer Art von Begeisterung
empor, noch ein Mal blickte sie nieder, und ein Lcheln umzog die bleichen
Lippen. Dann schauete sie, ihrer Pflicht gedenkend, mit dem Ausdrucke der
glhendsten Ueberzeugung umher, und whrend ihre Lippen wie zu Worten sich
bebend ffneten, hob sie wie eine Seherin die lilienweie Hand empor und blieb
so einen Augenblick stehn, Jeden zum Zeugen ihrer Ueberzeugung aufrufend.
Unbeschreiblich war der Eindruck dieser sich folgenden Bewegungen; Bewunderung
gesellte sich der tiefsten Rhrung zu, und ein unartikulirtes Gerusch von
vielen hundert Stimmen durchstrmte die weite Halle.
    Doch dies war vllig geeignet, die Herzogin aus ihrem berspannten Zustande
zu wecken, sie fhlte schnell, da sie hier der Gegenstand einer Aufmerksamkeit
geworden war, die sich nach ihren strengen Begriffen mit ihrer Wrde und ihrem
weiblichen Gefhl gleich wenig vertrug. Sie lie sich von ihrem Sohne und ihrem
Oheime zurckfhren, und ihre stolze Haltung erinnerte nicht mehr an ihre
frhere Bewegung. Nachdem der Umgang um den Sarg auch von den Uebrigen vollzogen
war, traten die beiden Wappenherolde vor, die zur Seite des Thronhimmels
standen, vor dem der Katafalk errichtet war. Der zur linken Seite trug das
aufgerollte frstliche Trauerwappen an einem goldenen Stabe und richtete es zur
Linken des Sarges auf. Indem er noch ein Mal den Tod des Herzogs, mit allen
seinen Wrden und Titeln benannt, verkndigte und alsdann mit lauter Stimme
fortfuhr: Und so das erlauchte Haupt dieses Hauses nunmehr in ewigem Frieden
hier vor uns ruhet, sehen wir den herzoglichen Stuhl erledigt, und da er leer
bleibt vor unsern Augen, nachdem wir den Herrn davon als verstorben erkannt, und
als ob Nachkommen und Lehntrger diesem erhabenen Stamme gebrchen, fragen wir
die hohen hier anwesenden Verwandten, und den hohen und niedern Adel der
Grafschaft Nottingham, ob verblht und untergegangen sei dies edle Geschlecht,
und ob wir sofort, kraft unsers uns verliehenen Amtes, das Wappen zerbrechen
mssen und zu ewigem Vergessen mit diesem Sarge versenken sollen? Wir fragen
drei Mal: Ist der Stamm erloschen? - da trat der Graf von Salisbury als nchster
mnnlicher Verwandte mit ernster Wrde hervor, zog seinen Degen, hob ihn gegen
den Herold empor, berhrte dann drei Mal mit der Spitze die Brust des
Verstorbenen und sprach drei Mal ein lautes Nein! Wo ist der neue Herzog von
Nottingham? rief nun derselbe Herold, und in demselben Augenblicke zogen alle
Anwesenden mit Blitzesschnelle die Degen aus den Scheiden, da die hohen Gewlbe
wie von einem Schreie widerhallten, und eben so schnell stand der Graf von
Derbery von seinem Platze am Sarge auf, und indem er die Hand auf das Haupt des
Entseelten legte, rief er drei Mal: Hier! Augenblicklich eilten glnzend
geschmckte Pagen herbei und hingen den herzoglichen Mantel um seine Schultern,
whrend der Graf von Salisbury den herzoglichen Reif von dem Kissen nahm,
welches ein Page ihm reichte, und seinem Gro-Neffen damit das Haupt schmckte.
Er fhrte ihn sodann unter den Thronhimmel und hie ihn den leeren Stuhl
darunter einnehmen, whrend der Freudenherold das in allen Farben prangende
Wappen der Herzoge entfaltete, und den neuen Herzog laut und feierlich
proklamirte. Die Anwesenden begrten nun vorbergehend und mit dem Degen den
Boden berhrend den neuen Herzog, und beurlaubten sich, tiefneigend vor den
Herzoginnen, die unbeweglich whrend dieser langen Ceremonie in ihren Sthlen
blieben. Bis die letzten Diener den Saal verlassen, und nur noch von ihren
Kindern, der herzoglichen Mutter, dem Grafen Salisbury und ihrem nchsten
Kammergefolge umgeben, blieb die starke Herzogin aufrecht, dann sank sie ohne
einen Laut, ohne alles Leben von ihrem Sessel. Entsetzt strzten die trostlosen
Kinder ber sie, doch Doktor Stanloff, der mit htendem Auge seiner Gebieterin
gefolgt war, erklrte ihren Zustand fr eine tiefe Ohnmacht und verlangte nichts
als Ruhe, wonach sich wohl Alle sehnten nach diesem angreifenden Tage. Auch war
die Nacht lngst herangebrochen. Man trug die Herzogin in ihre Zimmer, und Jeder
suchte die seinigen zu erreichen. - So befand sich bald um den, der sonst der
Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in diesen Hallen war, nur die durch
eintnige Worte sich von Stunde zu Stunde ablsende Trauerwache!

Der unbewute Zwang, den feststehende, durch lange Gewohnheit geheiligte Formen
ber die Gemther der Menschen ausben, wird oft eine wohlthtige Sttze fr das
durch Leidenschaften oder erschtternde Ereignisse aus seiner Bahn getriebene
Innere. Von dem kleinsten Standpunkte gilt dies, und macht sich auch fr den
weiteren Gesichtskreis des Lebens geltend. Es belehrt uns ber das lange
Fortbestehen oft in sich schon bedeutungslos gewordener Formen, welche zu
durchbrechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die Schaale abzuwerfen,
Wenige nur berufen sind. Diese sind dann der letzte Tropfen in dem zum
Ueberflieen gefllten Becher einer neuen Erkenntni, wozu in der Stille die
Besten vieler Zeiten die einzelnen Trpfchen beisteuerten. Sie haben keinen
Maastab, denn sie sind die ersten dieser Art; aber leicht mideuten Viele in
sich eine leidenschaftliche Aufregung, die ihnen das Recht zu geben scheint,
umzustoen und zu durchbrechen, was, von tugendhaften Vorltern erdacht, oft
ganze Geschlechter liebevoll umfate und sie schtzend an der rohen Willkr
vorberfhrte.
    Es ist so schwer, an die Stelle des lang Bestandenen das Bessere zu stellen,
da die hierber leicht gewonnene Erfahrung uns vershnlich macht gegen das
Mangelhafte; und so unzureichend und oberflchlich sind die Ergebnisse jener
Umwlzungen, da ein stilles und in sich geschlossenes Gemth sich leichter da
hinneigt, wo tugendhafte Menschen seit lange Brgschaft gaben fr das
Bestehende. Auch reift in der Zeit von selbst schon und allmlig eine
Reformation, zu deren siegreichen Zwecken Jeder wohlthtig mitwirkt, der in sich
selbst die freie Entwickelung seiner Krfte beschlo. Was auf diese Weise von
uns dennoch abfllt und nicht mehr zu uns gehren will, das ist zum Staube reif,
nicht der bermthigen Laune, sondern der Zeit ist es verfallen!
    Die strksten Gemther erreichen am leichtesten diesen hhern Standpunkt;
Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefhle der Kraft, und es ist
kein Widerspruch, wenn wir den, der allenfalls die Form durchbrechen knnte,
sich fgen sehen; es ist blos, da auf seinem hheren Standpunkte ihn das Kleine
nicht mehr strt und das Gefhl, die eigene Bahn sich brechen zu knnen, ihn zum
vertrglichen Gefhrten macht auf dem schon betretenen Wege.
    Wir fhlen uns durch diese freie Ergieung unserer Meinung unwillkrlich auf
die Person hingewiesen, welche zunchst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt,
den zweiten Sohn der Herzogin von Nottingham, Lord Richmond Derbery, welcher
einige Tage nach der still erfolgten Beisetzung des geliebten Vaters mit seinem
Oheim, dem uns schon bekannten Grafen Archimbald Glandford, von einer Sendung
Knig Jakobs an seinen unglcklichen Schwiegersohn, den Kurfrsten von der
Pfalz, zurckgekehrt war und, von der Trauernachricht auf dem Rckwege
getroffen, mit geflgelter Eile Godwie-Castle erreicht hatte. Wir vertiefen uns
nicht noch ein Mal in die wehmthigen und erschtternden Scenen eines solchen
Wiedersehens. Ueber Personen, die mit eben so viel Hochachtung, als Liebe, an
einander hingen, brachten solche Augenblicke den vollen Werth einer wrdigen
Selbstbeherrschung, welche auch den heftigen Empfindungen des Herzens eine edle
Decenz auferlegt; der tiefe Ernst, der an die Stelle leidender Aufregung
getreten, zeigte sie wenig anders, als man sie zu sehen gewohnt war.
    Doch hatte die Ankunft beider Mnner einen unverkennbaren Einflu auf die
wiederkehrende freiere Haltung des Ganzen. Es lag in ihrer geruschlosen
Gegenwart dennoch etwas so Anziehendes und zugleich Anregendes, da fast Jeder
auf seinem Platze etwas zu leisten strebte, wie wenig auch eine Anforderung
darauf hinwies. Wenn die Unbedeutenden sich dadurch angenehm erhht fhlten und
die Besseren in der schnen Freude ehrender Anerkennung lebten, gab es doch auch
Andere, welche sich von einer Beherrschung gedrckt fhlten, die, wenn auch
achsichtslos entstand und nie gefordert oder begnstigt schien, der stillen
Herrschaft zugeschrieben werden mute, die ausgezeichnete Geister unwillkrlich
durch sich selbst herbeifhren. Zu diesen Letzteren, sich gedrckt Fhlenden,
mssen wir, obwohl mit einiger Schchternheit, den grten Staatsmann jener
Zeit, den Grafen Salisbury, rechnen. Wir haben erzhlt, da er seinen Neffen,
den Grafen Archimbald, bei seiner Rckkehr aus Frankreich zu bilden strebte und,
die groen Eigenschaften desselben erkennend, wohl damals den Plan fate, ihn zu
seinem Gehlfen und spterhin vielleicht zu seinem Nachfolger zu erheben. Doch
whrend dieser Entwickelung geschah etwas, das auer dem Plane und der Erwartung
des Grafen lag. Er hatte seinen Neffen, den er durch Verwandtschaft und
Unterricht fest an sich geknpft wute, eine Zeit lang in anscheinend
unbedeutenden Auftrgen an die verschiedenen Hfe, an denen sich schon englische
Gesandtschaften befanden, gesendet, oft damit Zwecke erreichend, die auf
direktem Wege Widerstand gefunden htten, und die ihm die Fden in in die Hnde
spielten, an denen er Knig Jakob und die brigen Minister geschickt zu lenken
wute. Graf Archimbald hatte durch diese verschiedenen Stellungen fast den
Ueberblick ber alle wichtigern Angelegenheiten des damals in religiser und
politischer Beziehung so bewegten Europas gewonnen. Seine ungemein
wissenschaftliche Bildung, und vor Allem der natrliche leichte und scharfe
Blick seines umfassenden Geistes hatte ihn zu Ansichten gefhrt, die ihn ber
das System erheben muten, nach welchem die kurzsichtige Politik Knig Jakobs
mit weibischer Schwche sich von all' den hochherzigen Bewegungen ausschlo, die
von so viel Seiten her ihn zur Theilnahme aufforderten. Er verwarf sie, um den
Frieden zu erhalten, der whrend seiner ganzen Regierung das durch Elisabeth so
hoch gestiegene Ansehen Englands wieder herabsinken lie. Da dieser Vorwurf,
den bald Europa dem Knige von England machen mute, auch seine Minister und
namentlich den Grafen Salisbury traf, an dessen Namen eine Berhmtheit hing, die
er nach dem Tode Elisabeths nicht mehr behaupten zu knnen schien, fhlte Graf
Archimbald mit tiefem Schmerze, und von dem Tadel gegen seinen Knig, mehr noch
gegen seinen Oheim erhitzt, wagte er es, demselben Ansichten vorzulegen, die nur
zu deutlich zeigten, da die Meinungen des Neffen mndig geworden.
    Der Graf konnte sich bei diesen gewagten Mittheilungen, trotz seines innern
grenzenlosen Unwillens, nicht verlugnen, da hier in dem Kreise, den er vllig
zu bersehen glaubte und mit der schmeichelhaften Hoffnung beherrschte, da der
ganze Continent ihn in dieser vollkommenen Herrschaft anerkenne, sich Ansichten
entwickelt hatten, die ihm nicht allein entgangen waren, sondern auf das, was er
indessen gethan, ein tadelndes Licht werfen muten. Je weniger der helle Geist
des erfahrnen Staatsmannes sich dies verlugnen konnte, um so unheilbarer war
die Wunde, die sein stolzes Herz dadurch empfing, und die Person, die zuerst
diesen tdtenden Pfeil nach ihm zu senden wagte, wrde stets das Opfer dieser
erregten Empfindung geworden sein, wie den Liebling nichts schtzen konnte, eine
mitrauische Klte erregt zu haben. Die Grenze des Vertrauens war von da an
gesteckt; die nie getrumte Befrchtung, von seinem Neffen bersehen zu werden,
erbaute, obwohl kaum eingestanden, eine ewig trennende Mauer. Mit leicht
erregtem Mibehagen sah er den Beifall, den er selbst frher auf ihn
herbeigerufen hatte, und sein ewig gepeinigter Stolz lie sein Wesen mit allen
Autoritten des Ministers und Oheims gegen ihn sich bekleiden. Schnell hatte
Archimbald sein groes Versehen erkannt, und die Dankbarkeit und Hochachtung,
die der Beleidigte ihm einflte, gab ihm all' die rcksichtsvolle Ergebenheit,
die berall htte vershnend sein mssen, nur nicht gegen ein durch Hochmuth und
Schmeichelei erkaltetes Herz, dessen eitles Selbstvertrauen verletzt ward. Auch
blieb hierber bald dem Grafen kein Zweifel brig, und ihm selbst war ein zu
hoher Grad des Stolzes beigemessen, und ein nicht zu unterdrckendes und
begrndetes Selbstvertrauen, als da er sich lnger um die Wiederherstellung
eines Verhltnisses htte bemhen knnen, welches oft schon seiner Ueberzeugung
Fesseln angelegt hatte, und das ihm jetzt doppelt drckend werden mute, nachdem
er einen so tiefen Blick in das kleinliche Gemth seines Oheims gethan. Beide
jedoch waren zu klug, die Welt zu Zeugen dieser innern Trennung zu machen. Der
Graf von Salisbury hatte zu oft Lord Archimbald seinen besten Schler genannt,
um ihn jetzt nicht auf der ffentlichen Hhe zu halten, die ihm unter diesem
Prdikat zukam; doch entfernte er ihn bald aus seiner Nhe, obwohl auf einen
Platz hin, den er mit einem bedeutenden Kopfe ausfllen mute. So begab sich
denn der Graf zu Heinrich dem Vierten nach Paris. Es begleitete ihn dahin trotz
seiner zarten Jugend sein zrtlich von ihm geliebter Neffe, Richmond von
Derbery. Es war fr den, der diese beiden Personen beobachten konnte, etwas
hchst Anziehendes zu gewahren, wie Graf Archimbald an seinem Neffen mit einer
Liebe hing, die er fast gegen alle Andere, besonders seit dem Tode seines
Freundes, des Prinzen von Wales, und seines geliebten Vaters, zu verringern
schien, und dies, wie es sich oft verrieth, um solcher Eigenschaften willen,
worauf einen entschiedenen Werth zu legen, man von dem Grafen am wenigsten
erwarten konnte: nmlich wegen einer hervorleuchtenden Flle des Gemths und
einer Zartheit der Empfindungen, welche die Brust einer Frau in nicht hherem
Maae htten zieren knnen. Das ganze Wesen Richmonds war geleitet von einer
feinen Schonung gegen Andere. Er errieth mit der schrfsten Empfindung eben so
leicht das Wohlthuende, als das Verletzende, und wute, wo es seine Stellung
irgend zulie, das Eine, wie das Andere sanft zu vermitteln, woraus eine
Sicherheit in seiner Nhe entstand, welche das Vorrecht einer schnen und edlen
Individualitt ist, und selbst ber die roheren Seelen eine stille Gewalt bt,
von der sie sich oft keine Rechenschaft zu geben wissen, und die sie unbewut,
sich selbst zu migen, zwingt. Man mute sich gestehen, da diese Tugenden
nicht unter die ausgezeichnetsten seines Oheims gehrten. Dieser verdeckte eine
gewisse Schrfe und Klte des Karakters durch die auerordentliche
Selbstbeherrschung und Politur, die das Leben in den verschiedensten Lagen und
unter stets groen und reprsentirenden Verhltnissen ihm gegeben hatte, aber
sie lie sich nie so ganz unterdrcken, um nicht da hervorzutreten, wo es an
einem Interesse, sie zu verbergen, fehlte. Es gab Personen von feinem Takte, die
sich selbst durch die freundlichste Annherung in Ton, Wort und Miene nicht von
einer kleinen Erkltung erholen konnten, die sie verletzte. Indem dies eine Art
Schchternheit erregte, untersttzte es zugleich das Ansehn, das ihm berall zu
Theil ward, und welches um den Preis der eigentlichen Herzens-Affectionen
gewonnen zu haben, ihn vielleicht nicht sonderlich betrbte. Dessenungeachtet
muten auch ihm die Augenblicke nicht ausgeblieben sein, von denen man sagt, da
sie Jeden erwarten; die Augenblicke, in denen die Leerheit des Innern von den
Auendingen nicht zu fllen ist und das ganze Gebude stolzer Gre nicht gegen
die Anforderungen ausreicht, die das Herz mahnend wiederholt, wie wenig es auch
scheinbar dazu berechtigt ward. In solchen Augenblicken hatte er den Sohn des
Bruders erfat, in dessen Eigenthmlichkeit er sich ergnzt fhlte. Er war ihm
berall gefolgt und von dem Vater mit Freude, von der Mutter nur mit groer
Ueberwindung ihm berlassen worden, denn sie hing mit einer ganz besonderen
Innigkeit an diesem Kinde, und wenn sie auch in ihrer ueren Haltung kaum je
den Grad ihrer Empfindungen wahrnehmen lie, war sie innerlich klar genug, das
erhhte Gefhl zu erkennen, das von frh an ihren Liebling begleitet hatte.
Spter shnte sie sich mehr mit dem Gedanken aus, ihn unter fremder Herrschaft
erblhen zu sehn, denn sie mute sich sagen, da kein Wesen geeigneter war, die
geistigen Vorzge eines Jnglings zu entwickeln, als Graf Archimbald, und da
gerade das Hervorheben dieser geistigen Entwickelung ein wohlthtiges
Gleichgewicht hervorgerufen hatte gegen die zrtliche Weichheit seines Herzens.
Graf Archimbald versumte dagegen nie, das Opfer der Mutter wohl erkennend, eine
Gelegenheit, den Sohn ihr zuzufhren, und die Herzogin war endlich auch nicht
gleichgltig gegen die Aussicht, ihren Sohn in die Rechte des Grafen Archimbald
treten zu sehen, da, wenn es auch unentschieden blieb, ob der Oheim aus Liebe
zum Neffen der Ehe entsage oder die Entsagung der Ehe ihn zum Neffen gefhrt,
doch die Hauptsache entschieden schien, da der Graf sich nicht vermhlen und
Richmond sein Erbe sein werde. Nach mehrjhrigem Aufenthalt am Versailler Hofe
wnschte der Graf auf einige Zeit in den Kreis seiner Familie zurck zu kehren,
da seit dem Tode Heinrichs des Vierten er nur noch schwach sich an den Hof
gebunden fhlte, und zugleich seine durch Elisabeth ihm wieder verliehenen
Besitzungen zu besuchen wnschte. Die meiste Zeit brachte Richmond indessen bei
seinen Eltern zu. Es war eine Zeit stiller Seligkeit fr die Herzogin; denn ihr
Liebling trat ihr vollstndig gereift entgegen, und sie hatte Zeit, in ihm so
seltene Eigenschaften vereinigt zu gewahren, da ihr Mutterherz im frhlichsten
Stolze aufschwoll. Die Brder waren ungemein verschieden, sowohl an Person, als
an Eigenschaften; aber war man nur nicht so ungerecht, den Grafen Robert mit
Richmond vergleichen zu wollen, so blieb jener doch eine liebenswrdige
Erscheinung, mit seiner schnen Gestalt und dem heitern blonden Angesicht.
Richmond dagegen hatte die regelmige Schnheit seiner Mutter. Er war so gro,
wie sein Bruder, seine Gestalt war vollkommen durch die reinste Uebereinstimmung
der Verhltnisse und eine daraus entspringende ungemeine Grazie jeder Bewegung.
Sein erster Anblick war ernst, er hatte etwas Festes und Bestimmtes, und man
htte glauben knnen, dies wren die Vorboten eines stolzen und kalten
Karakters, da er sich berdies nur wenig und mit Zurckhaltung uerte. Aber
diese ueren Zeichen hingen mit den hohen Begriffen von Schicklichkeit und
Migung in Worten und Gefhlen zusammen, die er zur Wrde des Karakters
rechnete, und die allerdings bei ihm die groe Herrschaft ber sich selbst
erkennen lieen, da das reichste und gefhlvollste Herz ihn stets zu verfhren
strebte. Die Ehrfurcht vor dem Willen der Eltern war um so heiliger in ihm
geblieben, da er ihnen nie durch die Details der Erziehung so nahe gerckt war,
ihre menschlichen Schwchen kennen zu lernen. Seine Mutter schien ihm
unvergleichlich die erste Frau der Welt, und an seinem Vater hing er mit
zrtlicher Verehrung. Er hatte in diesem streng huslichen Kreise eine
Liebenswrdigkeit, welche die ganze tiefe Empfindung seines Herzens verrieth,
und die Herzogin, die eine leichte Sprdigkeit selten ablegte, lie sich seine
anmuthigen Liebkosungen mit vieler Nachgiebigkeit gefallen, denn sie wute wohl,
wie die im Hintergrunde ruhende Ehrfurcht ihm jedes Ueberschreiten der Grenzen
unmglich machte. Er hatte die hohe Stirn, das braune lockige Haar und die
dunkeln Augen der Mutter, aber der Stolz dieser Stirn hrte auf an den Grenzen
seiner Augen. Ihr Glanz war von breiten Augenliedern und langen Wimpern von
Auen sanft gemildert, und der Stolz, der aus den Augen der Herzogin blickte,
ward hier nur durch Erregung hervorgerufen und wechselte nur selten mit dem
ruhigen Ernste. Beide Brder hingen herzlich an einander, aber der ltere
erkannte in jedem Augenblick mit Stolz und Freude den jngeren ber sich. Sein
fester Wille, der die schwersten Opfer fr das erkannte Recht nicht einmal
erwhnt wissen wollte, legte der guthmthigen Nachgiebigkeit des lteren Bruders
die Gesetze auf, nach welchen er stets ohne Wanken zu handeln bereit war, und
Robert folgte wie ein heiteres Kind, da Richmond das Schwere mit einer Liebe,
mit einem Verstehen der damit verbundenen Opfer forderte, da der Genu, sich so
verstanden zu sehn, fast den Kampf berbot. Zum Grafen Salisbury verhielt sich
dieser junge Mann uerst fremd. Der Graf verstand ihn nicht, er hatte gute
Berichte von ihm gelesen, er sah ihn uerlich zum Hofmann gebildet; er wute
von seinen wissenschaftlichen Erfolgen, und hielt ihn erst, um nur mit ihm
fertig zu werden, fr einen jungen Hofmann, der seinen Oheim beerben will. All
zu lang wollte dies nicht passen, denn er ging seinem Oheim voran nach
Deutschland, und Cecil sah, der Neffe habe eigne Meinungen, er scheue sich
nicht, sie gegen die des Oheims geltend zu machen, er sei gerade und fest. Doch
diese Weichheit wieder, dieser Gehorsam, wo es mit etwas Stolz gelungen war, dem
Oheim entgegen zu treten, wozu das? Welche Inkonsequenz? Er lie ihn fallen und
den Grafen gewhren, welcher sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Doch gerade
darum, weil er ihn nicht verstand und von der heimlichen Furcht in seiner Nhe
sich beschlichen fhlte, da in ihm auch ein Geist versteckt liegen knne, der
sich gegen den seinigen dereinst auflehnen werde, fhlte er sich unheimlich mit
Beiden und dachte den Tag nach ihrer Ankunft an seine Rckkehr nach London.
    Er hatte zu diesem Zweck seiner Nichte einen Besuch gemacht und den Grafen
Archimbald nach den Hallen beschieden, in denen er sich auf und nieder bewegte,
die Rede berdenkend, welche er gesonnen war dem Grafen zu halten. Der schnste
Frhlingstag leuchtete durch die feinen goldenen Gitter der hohen Thren und
erhellte die dstern Hallen, welche ihres traurigen Schmuckes wieder entkleidet
waren. In ihrer alten Pracht auf tausend schimmernden Flchen das glnzende
Licht empfangend und zurckwerfend, boten sie einen erfreulichen Anblick dar, da
nur selten das Licht des Tages bei ihrer weiten Ausdehnung ihren Glanz verrieth.
    Wohl schien die ernste und nachdenkliche Gestalt des alten Ministers, mit
der tiefen Trauerkleidung und den glnzenden Sternen, zu dieser Umgebung zu
passen, aber die Welt, die vor den goldenen Gitterthren ihr heiteres Leben
begann, ging um so gewisser fr ihn verloren. Die warme Luft des Frhlings, das
reine Licht des Himmels wollte berall das schlummernde Leben zur Thtigkeit
erwecken. Es war der Augenblick in der Natur gekommen, der uns von Stunde zu
Stunde mit seren Freuden zu beschenken scheint und eine unendliche Sehnsucht
erregt, unter Blthen und Blttern mitten inne zu wohnen, oder mit den
geschftigen Wrmchen und Kfern der athmenden Erde alle die kleinen Geheimnisse
abzulauschen, die vom keimenden Halme bis zu den unschuldigen Versuchen der
ersten Blmchen unsern Antheil und unsere Zrtlichkeit erwecken. Der nahe Wald,
die zahllosen kleinen Gebsche auf und an den Terrassen waren ein Tummelplatz
singender und bauender Vgel, nicht minder waren die gothischen Verzierungen der
Hallen mit Nesterchen bestellt, deren Bewohner, sich an den Gittern hngend und
wiegend, ihr frhliches Lied dem alten Staatsmann entgegen sangen, der in
ernster Wrde an ihnen daherschritt und auf nichts so wenig hrte, wie auf
Vogelgesang! Noch ein Mal hatte er das Ende der mittlern Halle erreicht, und in
dem fragenden Blick, den er nach dem Eingange sendete, lag aufsteigender
Unwille, hier seit einigen Minuten vergeblich zu warten, als er durch die
Gitterthren, die nach der Vorhalle fhrten, den Grafen Archimbald eilig daher
kommen sah, und um so schneller, da er ihn so eben zu erkennen schien. Lord
Salisbury blieb unbeweglich stehn, seinen Neffen den ganzen Raum bis zu ihm
durchmessen lassend, und Graf Archimbald, der nur den etwas vorgestreckten Fu
des Lords zu sehen brauchte, um zu wissen, da er hier lnger geharrt, als er
mit seiner Wrde vertrglich fand, fing schon in einiger Entfernung an, sich mit
einer Bescheidenheit und Hflichkeit zu entschuldigen, die sehr oft, in einem so
hohen Grade ausgesprochen, eine leichte Beimischung von Ironie verrth, von der
wir auch jetzt den Grafen loszusprechen uns nicht verpflichtet halten. Graf
Salisbury murmelte einige unverstndliche Worte und schickte sich an, das zu
beginnen, warum er seinen Neffen berufen; als derselbe, mit vieler Gewandtheit
diese geringe Pause benutzend, dem Grafen sein Bedauern ausdrckte, indem er, so
eben von seiner Schwgerin kommend, erfahren habe, der Graf wolle dies Schlo
schon morgen verlassen. Um so nher liege ihm aber auch nun eine Bitte, die er
im Namen seines Neffen vorzutragen nicht aufschieben drfe, nmlich die Bitte um
die Erlaubni, in dem Gefolge des Grafen sich nach London begeben zu drfen, um
gegen den Knig der ihm obliegenden Verpflichtung des Lehnseides sich zu
entledigen. Er wrde es fr eine Ehre halten, wenn auch er ihn dahin begleiten
drfe, da seine Schwgerin ihn vorlufig aus seiner Nhe entlassen und jedes
Geschft zurck gesetzt habe, bis die erste Verpflichtung ihres Sohnes gegen
seinen Knig erfllt sei. Der Graf von Salisbury konnte kaum den unangenehmen
Eindruck verbergen, den diese schnelle, uerst schmeichelhafte und unterwrfige
Bitte seines Neffen ihm machte; denn gerade diesen selben Gegenstand hatte er
eben zum Vortrag bringen wollen, und zwar mit manchen von ihm wohl berlegten
Aeuerungen, welche die Bedeutsamkeit seiner Stellung hervor heben und die
Nachlssigkeit andeuten sollten, die seiner Meinung nach in der Stille
ausgesprochen lag, mit der bis jetzt die wichtige Pflicht des jungen Herzogs
bergangen war. Durch diese schnelle ehrerbietige Erklrung des Grafen war er um
die ganze Wichtigkeit dieses Augenblicks betrogen, und mute noch berdies von
der feierlichen Hhe der Mibilligung, zu der er sich empor gehoben hatte,
hernieder steigen, und billigend und gewhrend das Vertrauen erkennen, welches
seinem Groneffen wnschenswerth machte, in seinem Gefolge sich nach London zu
begeben. Es blieb aber nur noch brig, einen andern Anla zu erfinden, weshalb
er seinen Neffen habe rufen lassen. Wir zweifeln nicht, da es dem feinen und
gewandten Manne gelungen wre, einen passenden Ausweg zu finden, wre er nicht
aus dieser kleinen Verlegenheit durch ein neues Ereigni gerissen worden,
welches alle seine Gedanken von da an uneingeschrnkt in Anspruch nehmen sollte.
Gilbert, der erste Sekretair des Grafen von Salisbury, erschien in dem Eingange
des Saales und nherte sich auf das gegebene Zeichen des Ministers, um ihm zwei
Briefe zu bergeben, welche so eben mit einem Courier von London eingetroffen
waren. Graf Archimbald wollte sich ehrerbietig zurckziehn, aber der Graf von
Salisbury erkannte, etwas erstaunt, aber doch angenehm berrascht, auf dem einen
Briefe das groe Privatsiegel des Knigs und seine lateinische Ueberschrift,
welcher Sprache er sich aus Eitelkeit hufig zu seiner Privat-Correspondenz zu
bedienen pflegte. Er bat ihn daher freundlich, zu verweilen, beurlaubte Gilbert,
und zu seinem Neffen gewendet erffnete er den Brief, indem er mit einigen
Worten die Gnade des Knigs in diesem eigenhndigen Schreiben bemerkte. Doch er
konnte nicht ber die ersten Zeilen gekommen sein, als sein krftiges Gesicht
erbleichte und die hohe Haltung des alten Mannes bis zur Ohnmacht zu schwinden
schien. Sein Auge streifte verschchtert ber das Blatt weg und haftete mit
einem solchen Ausdrucke auf seinem Neffen, da dieser voll Schrecken auf ihn
zueilte und mit sorglicher Freundlichkeit seinen Arm ergriff. Archimbald, sagte
der Graf mit matter Stimme, was hat man in meiner Abwesenheit durchzusetzen
gewagt? Wie unerhrt bin ich betrogen, und welch' ein Unglck ist ber uns alle
gekommen!
    Noch ahnte Graf Archimbald die Ursache der heftigen Erschtterung nicht, in
der er seinen Oheim sah, aber das unverkennbare Leiden des wrdigen Mannes
erweckte die volle Theilnahme, die er frher ihm so aufrichtig eingeflt, und
tilgte alle die Klte und Zurckhaltung, welche spter beide von einander
entfernt gehalten hatte. Der alte Graf brauchte einen Vertrauten, und er wute,
da er ihn in seinem Neffen zu finden vermochte. Dies war fr den schweren
Augenblick ein Trost, den er sich weder versagen wollte, noch konnte. Er nahm
den Lehnstuhl an, den sein Neffe herbei zog, und reichte ihm dann den Brief des
Knigs, unfhig, wie es schien, ber die ersten Zeilen hinweg zu kommen. Doch
waren diese vllig hinreichend, sowohl die Erschtterung des Ministers, wie das
in gleichem Maae erregte Erstaunen des Grafen zu erklren. Der Knig schrieb
nmlich und, wie es dem vllig haltungslosen Styl anzufhlen war, selber in der
trostlosesten Stimmung: Was werdet Ihr sagen, mein lieber getreuer Cecil, wenn
ich Euch schreibe, da ich trostlos bin und ein armer, verlassener Vater, denn
mein lieber Sohn und Buckingham haben sich nicht halten lassen, und sind auf und
davon nach Spanien gereist, und Babi will selbst freien um seine Infantin, wie
jeder andere Mann, so unschicklich das auch fr ihn ist. Ich habe Euch tausend
Mal zurck gewnscht, denn Ihr httet es sicher ihm ausgeredet. Aber wie Ihr
fort waret und Buckingham es erst wollte, da war kein Auskommen mehr, und ich
bin nun ganz trostlos, denn mehrere Tage sind sie schon fort, aber ob meine
Augen je meinen letzten Prinzen wiedersehn, das wei Gott. Ich wnsche, Ihr
wollet jetzt nicht lnger mich allein lassen. Euer Knig Jakob.
    Der zweite Brief war vom Grafen von Herford und besttigte die Nachrichten
des Knigs mit mehreren Details, woraus klar hervorging, da zwischen Carl und
Buckingham eine Ausshnung zu Stande gekommen war, in deren Folge der Herzog den
Wunsch des Prinzen, nach Spanien zu gehen, aus allen Krften befrdert und die
wirkliche Abreise so unerhrt schnell und heimlich in's Werk gesetzt hatte, da
der Knig nicht ber seinen Schritt zur Besinnung kommen konnte, noch weniger
einer der Minister und Rthe vermocht htte, es zu verhindern.
    O, warum war ich nicht da! rief Lord Salisbury, indem er mit der alten Kraft
von seinem Sessel aufsprang, o die muthlosen entarteten Menschen, die alle an
sich mehr dachten, als an das Wohl des Staates und ihres kniglichen Hauses! Und
htte ich diesen Buckingham auf die Gefahr meines grauen Hauptes gefangen nehmen
sollen, als Hochverrther htte ich ihn verklagt vor dem Throne meines armen
schwachen Knigs, und so wahr ein Gott lebt, nur ber meine Leiche htte der
theure Prinz, der Stolz unseres Landes, die Grenzen seines treuen Englands
berschreiten sollen, um unsern Feinden zum Spott in das fremde papistische Land
seinen Fu zu setzen. - O Archimbald, schtze uns vor Zeugen! Weit Du uns frei
von Beobachtung? Sieh, ich kann mich nicht fassen, es ist ein Schritt, der uns
mindestens zum Gesptte des Auslandes macht. Gott verhte, da der geheiligten
Person unsers theuern Prinzen etwas geschehe, was diese Menschen zu vertreten
haben werden; aber selbst der glcklichste Erfolg wird uns um die Erreichung der
wohl eingeleiteten Plne bringen, welche Dir bewut sind und zum Theil deine
Sendung nach Deutschland veranlaten, unsere Feinde werden das Uebergewicht zu
benutzen wissen, was diese wahnsinnige Handlung ihnen giebt, Gott gebe, nicht
noch zu schlimmeren Anschlgen. - Archimbald war ein zu eifriger Staatsdiener,
um nicht ganz die Empfindungen seines Oheims zu theilen. Er bersah mit
schnellem Blicke das Gewagte und Unbesonnene dieses Schrittes, und konnte den
Schmerz des alten Mannes darber nicht allein begreifen, sondern fhlte sich
auch dadurch aufs Neue inniger zu ihm hingezogen. Die treue Anhnglichkeit an
das knigliche Haus, dem er diente, die alle zrtlichen Gefhle seiner Brust, in
sofern sie ihm zu Gebote standen, ans Licht rief, gewann seine Hochachtung und
Anerkennung. Nur zu wahrscheinlich zerstrte dies bereilte Entgegenkommen des
Prinzen das Gleichgewicht, welches im Fordern und Gewhren beider Hfe durch die
besonnene Klugheit des Grafen Bristol so meisterhaft bis jetzt erhalten war. Die
beiden Mnner schritten, in die sorglichsten Mittheilungen vertieft, auf und
nieder, und das vertrauliche Du des Grafen und der Gebrauch des Vornamens seines
Neffens, wie in der frheren Zeit, zeigten deutlich die tiefe Erregung des
ehrwrdigen Lords.
    Beide kamen darin berein, ihre Reise unverzglich anzutreten, da allerdings
eine genaue Uebersicht an Ort und Stelle zu erwarten war, und namentlich die
Instructionen fr den Grafen von Bristol hchst dringend und wichtig wurden.
Archimbald beeilte sich demnach, die nthigen Befehle zur Abreise zu ertheilen,
und der Graf von Salisbury begab sich zu seiner Schwester und Nichte, sie mit
dem Briefe des Knigs und seiner dadurch veranlaten schnelleren Abreise bekannt
zu machen.

Wir sehen demnach am nchsten Morgen das Schlo von dem mnnlichen Theile seiner
vornehmen Bewohner verlassen, und finden Zeit, uns in die innern Gemcher zurck
zu ziehen, wo manches der Beobachtung Werthe indessen sich begeben hatte. Wir
wenden uns zuerst zu dem Gegenstande, welchen Gastons Bemhungen der Herzogin
hatten entdecken lassen. Doktor Stanloff brachte ihr am andern Morgen die
Nachricht, da er annehmen drfe, das Leben sei noch zurck zu rufen, da, obwohl
keine Bewegung wahrzunehmen, doch eine Art von Wrme und Biegsamkeit der Glieder
eingetreten sei, und selbst eine schwache Andeutung des Pulses sich mitunter
zeige. Die Verletzung am Kopfe sei hchst unbedeutend, unfehlbar nur die Folge
des Falles; auch knne der Blutverlust bei solcher Jugend und Gesundheit nicht
diesen Scheintod herbeigefhrt haben. Die mit Wunden und Geschwulst bedeckten
Fe lieen aber eine groe ungewohnte Anstrengung voraussetzen, die
Zurcklegung eines weiten Weges, wobei die Fubedeckung verloren gegangen; Alles
fhrte ihn zu einer Vermuthung, welcher er nachzuforschen denke, nmlich der
Befrchtung, da langer Mangel an Nahrung diese uerste Erschpfung erzeugt
habe. Doktor! rief die Herzogin, fast aufschreiend, welch' eine schreckliche
Vorstellung! Groer Gott! Knnt Ihr dies mit Wahrheit behaupten! Warum gleich so
Emprendes denken, warum mich so unntz erschrecken. Welche traurige
Begebenheiten mten den Mangel des ersten, des am leichtesten zu stillenden
Bedrfnisses herbeigefhrt haben.
    Stanloff schwieg einen Augenblick, dann sagte er ernst: Wer nie den Mangel
der einfachsten und nthigsten Bedrfnisse kennen lernte, kmmt leicht zu dem
Glauben, da, was die Natur begehrt, auch in dem Kreise der willkrlichen
Befriedigung jedes Menschen liege. Es ist leider nicht so, und Tausende ringen
mit dem Leben um den einen Preis, auf dessen genureiche Befriedigung man
aufhrt Werth zu legen, wenn man nie die Entbehrung desselben kannte. - Es lag
etwas so Eindringliches in diesen sanften Worten, da die Herzogin mit einem
tiefen Seufzer ihren Blick zu ihm erhob. Nach einem kurzen Nachdenken inde zu
ihren frheren Gedanken zurckkehrend, fuhr sie fort: Doch in diesem Stande, bei
dieser Jugend, die uns noch unter die wohlthtige Vormundschaft Anderer setzt,
da bis zum Hungertode elend zu werden, gesteht, es liegt etwas Schreckliches,
wenigstens Unbegreifliches darin! - Ihr habt Recht, Mylady, und ich theile Eure
Ansicht, da diesem armen und schnen Wesen viel zu Leide geschehen sein mu,
das vielleicht Gott mit Absicht nun in die besten Hnde gelegt hat, um es wieder
gut zu machen. - Gott wird mir auflegen, was ich ertragen kann, sagte die
Herzogin, whrend ihr ganzes Wesen von dem Wechsel der Gedanken erschttert
schien, welche diese letzten Worte in ihr hervorgebracht hatten. Sie sttzte ihr
Haupt schwermthig in ihre Hand, und groe Thrnen rollten einzeln in ihren
Schoo. Ich bin erschttert, mein guter Stanloff, fuhr sie fort, und schwcher,
als sonst meine Art ist, doch wer sollte es nicht sein, wen das erreichte, was
mich gebeugt. Laute Klagen sind nicht zu meiner Erleichterung vorhanden, mich
ergreift darum nicht minder, was an Freude und Leid diese reiche Welt belebt.
Aber wen in der Blthe des Lebens schon der Schmerz erreichte, wen er zwang,
hheren Gesetzen gehorchend, diese Schmerzen zu verschlieen: der hat fr immer
den leichtern Ergu nach Auen hin verlernt, wodurch so Viele die Brde schon
halb abtragen, die ein schweigendes Gemth mit sich fhrt, bis sie langsam in
sich verzehrt ist. - Geh, guter Stanloff, treuer verschwiegener Diener, Du
verstehst leicht und viel mit Deinem edeln Herzen, aber, setzte sie schmerzlich
lchelnd hinzu und zog die Hand von den thrnenschweren Augen, sie ihm zu
reichen, was in diesem Herzen gegen Zeit und Vernunft und jede hhere Mahnung
kmpft, errth Dein heller Blick doch nicht, und wohl mir! Aber wenn Du mich oft
findest - wie soll ich sagen - rasch oder heftig, ja, bitter wohl und leicht
gereizt, willst Du dann gedenken, was ich Dir heut sagen mute, weil ich es in
meiner Erweichung nicht bergen konnte? - Auch der bewhrteste Freund soll
Ehrfurcht hegend auf der Stelle des Vertrauens stehen bleiben, die der andere
ihn nicht berschreiten lt, sagte Stanloff und kte bewegt die Hand der edeln
Frau, und kein Wort, und gbe es die heiligste Liebe, die innigste Theilnahme
ein, soll lsend oder bittend eindringen wollen, wo ihm nicht freiwillig
aufgeschlossen ward. Ich bin stolz darauf, Euch, edle Frau, sagen zu knnen, da
ich Euch nie verkannt, fter wohl erkannt habe, auch wo Ihr Euch selbst
mizuverstehen schien't. - Ich wei es, ich wei es, sagte die Herzogin mit
strker rinnenden Thrnen, aber geh jetzt, guter Stanloff, ich kann mich selbst
vor Dir nicht lnger so aus allem Gleise gewichen sehen. Tief sich verneigend
verlie Stanloff das Gemach, aber es lebten manche lang entschlummerte Gedanken
in ihm auf, und er gedachte der ehrwrdigen Mistre Morton, welche die junge
Grfin Bristol schon in ihrer Kindheit begleitet, ihre Jugend sanft behtet, am
Hofe, bei ihrer Vermhlung, berall an ihrer Seite gewesen, und dem
zuverlssigen Manne wie unter dem Siegel der Beichte Manches anvertraut hatte,
um ihn bei dem geheimen Uebel der Lady, welches in oft sehr heftigen Zufllen
bestand, in der Wahl seiner Mittel zu leiten. Diese anscheinend krperlichen
Leiden waren nur zu oft blos gesteigerte geistige, die der stolze Karakter der
Lady verborgen wissen wollte, und daher den Arzt und seine Bemhungen zu
tuschen oder zu entfernen suchte. Er mute, whrend er durch die langen
Gallerien ging, die zu den Zimmern seiner Kranken fhrten, des auffallenden
Eindrucks gedenken, den die Auffindung derselben bei der Herzogin erregt hatte.
Dies Ereigni war im Stande gewesen, sie aus der tiefsten Betubung des
Schmerzes zu erwecken, und wenn er auch mit Recht in dem stets
menschenfreundlichen Sinne der Lady eine richtig motivirte Ursache ihrer
Vernderung finden mute, regte sich doch ganz geheim in ihm die Ahnung, da
hier ein mchtiges, dem erstern entgegen wirkendes Gefhl Raum gewonnen. Er
gestand sich leise ein - und sich kaum anders, als mit Vorbehalt - da der ganze
Schmerz der Herzogin dadurch von einer Klte beschlichen und ihr Herz, offenbar
mit getheilten Empfindungen aufgestrt, zum Leben zurck gekehrt war.
    Er hatte, tief sinnend, nicht das Rauschen des Kleides gehrt, und Mistre
Morton stand vor ihm, ehe er ihr Nahen gewahrte. - Kommt Ihr von der Frau
Herzogin, Doktor Stanloff? Und mu ich Eure gefaltete Stirn als trbes Zeichen
fr ihr Befinden deuten? Mit nichten, sagte Stanloff, unsere edle Frau ist auf
einem guten Wege. Wem erst die Natur im Schmerze Thrnen giebt, den hat sie vor
schdlicheren Ausbrchen schon bewahrt. Und sie weint selten! setzte Morton
ernst und seufzend hinzu; so mge ihr Gott lindernde Thrnen gewhren! Euch,
Doktor Stanloff, habe ich zu sagen, da unsere Kranke nach dem Gebrauch des
strkenden Bades und dem Einflen der Tropfen sich merklich verndert hat. Sie
erhob den Arm und die Hand, seitdem athmet sie vernehmlich, ihre eingefallenen
Augen haben jetzt den Ausdruck des Schlafes angenommen, und ich glaube, sie wird
- leben! Leben! rief Stanloff, und meine edle Freundin sagt dies Wort, das
unsere Bemhungen krnt, mit einem so freudlosen Tone, als ob ein Menschenleben
ihr gering schiene? Mistre Morton hatte die Augen am Boden und schwieg, langsam
ihren Handschuh glatt streichend. Dann sagte sie sanft und mit bewegter Stimme:
Deutet mich nicht falsch, geehrter Freund. Gott sieht in mein zagendes Herz; ich
wei, er wird mich besser verstehn, als ich mich in meiner Befangenheit
ausdrcke. Auch htte ich das Leben jedes menschlichen Wesens gerettet, ohne ein
anderes Gebot, als das vor Gott geltende, zu bedenken; aber diese ernste Pflicht
ist erfllt, und die Pflicht, die meinem Herzen am nchsten auf dieser Welt
steht, nimmt nun ihren Platz wieder unumschrnkt hier ein. Ich bin alt, habe
viel erlebt, viel gesehen und gehrt, daraus kmmt uns dann von selbst ein
Verstndni noch unaufgeklrter dunkel daliegender Dinge, die Jugend nennt es
Ahnung. Soll ich es Erfahrung nennen? Doktor, sagte sie, wie von banger Unruhe
ergriffen, wenn wir die Kohle angeblasen, die dieses Haus in Flammen steckte?
Auch dann, sagte Stanloff nach einem Augenblick des Erstaunens, indem er sie
ernst anblickte und seine Hand dann fest auf ihren Arm drckte, auch dann sollte
kein Zweifel meine Seele berhren ber das, was wir gethan. Wer das Rechte thut,
soll den Ausgang getrost an Gott verweisen! Amen, sagte Mistre Morton, Ihr
sagtet das Rechte, ich fhle es wie Strkung in meiner Brust! So geht denn zu
dem schlummernden Engelbilde, ich sah nie in meinem Leben etwas Schneres, nur
ein Mal etwas Aehnliches. Sie entfernte sich nach den Zimmern der Herzogin; der
Doktor schttelte leise den Kopf und trat zu seiner Kranken ein.
    Den Bitten ihrer Schwiegermutter nachgebend, hatte die alte Herzogin von
Nottingham ihren Aufenthalt auf Godwie-Castle zu verlngern versprochen, bis zu
der Rckkehr ihrer Enkel von London. Ihre Gegenwart war die Freude des ganzen
Schlosses, denn mtterlich weilte ihr freundliches Auge noch auf jedem, den sie
in ihren frheren Verhltnissen gekannt. Hlfreich und Jedem zugnglich, war sie
eine reiche Quelle von Trost und Rath, und im hchsten Grade von ihren Kindern
verehrt, war ihr Versprechen, sich zu verwenden, stets die Gewhrung selbst.
Aber ihre Gte hatte auch nichts mit der Schwche gemein, die das Rechte oder
Unrechte mit dem blos Mitleidenswerthen verwechselt. Sie erfuhr den Zusammenhang
der Dinge leichter, als Andere, weil ihr eine Sanftmuth und Geduld im Zuhren
eigen war, vor der die verschchtertste Seele Muth gewann, ihre dunkelsten
Vorstellungen zu entwickeln, und mit dieser sanftesten Art deckte sie oft den
Zusammenhang von Dingen vor sich auf, bei denen Andere umsonst geforscht htten.
Sie war sich dessen bewut; ihre Kinder und Enkel staunten mit zrtlicher Freude
diese schne Gewalt eines liebenswrdigen Gemthes an, und sie wute mit heiterm
Scherze von dieser Gabe zu sprechen, als sei sie eben nur eines Scherzes werth;
aber wenn sie lchelnd umher blickte und die lieben Hnde den Enkeln zu tausend
Kssen berlie, sagte sie wohl zuweilen: Ihr werdet schon noch an die alte
Gromutter denken und sie Euch zurckwnschen! Ach, wer wute das nicht, und wer
htte es sich nicht gern verlugnet, da man ihrer je als einer Verstorbenen
wrde gedenken mssen!
    Wir finden sie gegen Abend in den Zimmern des Prinzen von Wales, welche ihr
stets zur Verfgung standen. Die purpurnen Tapeten und Vorhnge des schnen
groen Gemachs leuchteten in dem feurigen Glanze, den einige lichte von der
Abendsonne gefrbte Frhlingswolken durch die weiten offenen Glasthren warfen.
Sie fhrten auf einen Altan, der gegen Sden hin einen freundlichen Blick auf
die schnen Weidetriften und Meiereien zulie, welche diesen Theil des Thales
einnahmen. In einem groen Lehnstuhl, diesen Thren gegenber, sa die
ehrwrdige Frau in bequemer Ruhe, und ihr klares blaues Auge schien wohlgefllig
den Reiz der Gegend zu genieen. Sie war noch allein, aber sie erwartete ihre
Schwiegertochter und Enkelinnen, und hnliche Sessel waren um den ihrigen
gestellt, bereit, sie zu empfangen. Wohl hatte der letzte Verlust die feinen
Zge noch etwas blsser und durchsichtiger gemacht, aber es war, als empfnde
sie den Verlust, den ihre Geliebten erlitten, tiefer, als den eigenen. Ihre Zge
verriethen noch jetzt im achtzigsten Jahre eine einst hohe und regelmige
Schnheit, ihr schneeweies Haar lag in Flle glnzend und glatt wie Silber um
die hohe weie Stirn. Die einst so schnen dunkeln Augenbrauen zogen jetzt den
schmalen Bogen in dem Wei des Haupthaares, aber die klaren Augen blickten noch
in dem reinsten dunkeln Blau, und aller Reiz, der diese schne Frau einst
umstrahlt, und den die Zeit von ihr genommen, schien in diesem Blick voll Huld
und Gte sich vereinigt zu haben. Das feine kaum je verschwindende Lcheln,
welches um die schmalen Lippen wie das Siegeszeichen eines ganz in Wohlwollen
aufgelsten Innern ruhte, gab dieser ehrwrdigen Frau eine Anziehungskraft, da
nur ihr Angesicht zu schauen ein Genu war, der zum Seufzer um hnlichen Frieden
in der eigenen Brust sich gestaltete. Die Ruhe um sie her und die erhabene
Pracht des Zimmers pate vollkommen zu der ehrwrdigen Erscheinung, und die
leisen Bewegungen ihrer Gesellschaftsdame, der Mistre Cottington, und eines
alten Kammerdieners schienen den Wunsch auszudrcken, durch kein Gerusch das
genureiche Nachdenken ihrer verehrten Gebieterin zu stren. Aber auch, um sich
einem solchen lange zu berlassen, war sie nicht eigenntzig genug. Empfindungen
jeder Art hatten das Recht ausschlielichen Besitzes ber sie verloren; der
Uebergang von einer zur andern war leicht und milde, weil sie in
leidenschaftsloser Klarheit jeder ihr Recht zu geben wute. Sie hrte bald das
leise Schaffen der beiden treuen Diener, und indem sie den Kopf um die Lehne
ihres hohen Stuhles bog, schaute sie lchelnd der alten Cottington in die
sorglichen Augen und sagte, halb scherzend: Und wenn nun etwas brche oder
fiele, dennkst Du mich denn so schwach, da ich erschrecken mchte? Komm einmal
hierher, liebe Cottington, und sieh, wie schn der Blick in die Landschaft ist,
recht strkend fr meine alten Augen, berall das schne Grn, und die laue
Luft, so frisch und duftig von all' den jungen Blthen! - Mistre Cottington
hatte sich freundlich genhert, den Blick verfolgend, den die Herzogin mit
kindlichem Vergngen wieder hinaus richtete. Siehst Du hier wohl das Nest
zwischen den feinen Zweigen der Birke, die uns zunchst steht? Ich habe die
kleinen Thierchen beobachtet, wie sorgfltig und frhlich sie bauen; das
Huschen mu noch nicht fertig sein, denn mit groem Jauchzen brachte eben eins
ein weies Flumchen in dem Schnabel, und hatte dann viel Arbeit, es
unterzubringen. - Lovelace, sagte sie zu dem alten Kammerdiener, sei nicht so
geizig mit Deinem Backwerk oder Weizenbrote, erbrige mir ein wenig fr mein
kleines Vogelpaar, die armen Schelme werden da drauen noch nicht viel finden
und mssen nach der Arbeit wol hungrig einschlafen. Wenn meine Enkelin Lucie
kommt, fuhr sie fort, die ihr dargereichten Krmchen auf dem silbernen Teller
zerflckend, dann soll sie dies auf den Rand des Altans streuen, die scharfen
Aeuglein da oben werden schon Acht haben und es abholen.
    So beschftigt ward sie von ihrer eintretenden Schwiegertochter und ihren
beiden Enkelinnen berrascht, und, ehe sie sich zum Grue erheben konnte, von
allen dreien zrtlich auf ihrem Platze festgehalten. Ihr freundliches Struben
ging bald in die Liebkosungen ber, mit denen sie alle begrte, als ob sie seit
der Tafel lang getrennt gewesen. O komm, mein gutes Kind, sagte sie zur
Herzogin, setz' Dich so, da Du just den Blick in die Ferne hast, wie ich.
Lovelace rcke meinen Stuhl; so, und nun nimm diesen hier ein. Wie geht es Dir
denn? sagte sie, halb zu ihr aufblickend, doch die Herzogin hatte, ehe noch ihre
Einrichtungen zu Stande kamen, ein Tabouret zu ihren Fen geschoben und sich
schnell so zu ihr gesetzt, da sie ihren Kopf an die Armlehne des Stuhles lehnen
konnte, in dem die liebenswrdige Greisin sa. Sie wollte nun freundlich dankend
zu ihr aufschauen, aber ihr Blick tauchte unter in schnell hervorbrechenden
Thrnen, und sie senkte das Haupt in die zrtlich ihr entgegen gestreckten
Hnde. Geliebtes Kind, erhebe Dein Herz! sagte die alte, gerhrte Mutter;
diejenigen glcklich zu wissen, die wir lieben, ist ein reineres Besitzthum, als
der Genu, mit ihnen das zu theilen, was mangelhaft ist, wenigstens durch den
irdischen Antheil, den wir ihm beifgen. - Ja wohl, ja wohl! seufzte die
Herzogin aus berzeugter Brust, auch wei ich kaum, ob es Schmerzensthrnen
sind, die Du siehst, aber Dein liebevoller Empfang, Deine Engelmilde, es lst in
meiner Brust die Herbigkeit, die, - Du kennst mich ja, sagte sie, wie zagend zu
ihr blickend. Ich weinte eben, ich glaube aus Sehnsucht, Dir hnlich zu werden!
- Nun schwrmst Du gar, mein liebes Herz, erwiederte die alte Lady lchelnd, und
willst das sich neigende Haupt der alten Mutter noch ein Mal erheben, und gar
mit dem bsesten Feinde der Menschen, mit dem Stolze. Sie strich dabei, als ob
sie ein Kind vor sich htte, mit ihren weichen, duftenden Hnden die Stirn und
die Wangen ihrer Schwiegertochter, und tupfte mit ihrem Tuche sanft die schnen,
thrnenfeuchten Augen.
    Nie war die Herzogin so ganz ihrer edlern Natur hingegeben als in der
Gegenwart der geliebten Mutter ihres Gemahls. Sie hatte so frh die eigene
verloren, da sie das Glck, von einem lteren weiblichen Wesen ihres Standes
mtterlich geliebt zu werden, erst nach ihrer Verheirathung kennen lernte. Als
die Herzogin mit ihrem Gemahl und dem Grafen Archimbald aus Spanien
zurckkehrte, lebten beide Frauen in Godwie-Castle bis zum Tode des Herzogs, wo
alsdann die Witwe das freundliche Schlo Burtonhall bezog, welches ihr Gemahl zu
ihrem Aufenthalte bestimmt hatte. Das oft Strende in dem Karakter der jngeren
Herzogin war eine ihr leicht mgliche Hrte, in Gesinnung, Urtheil und Worten,
eine rauhe, tugendhafte Strenge, die sie sich selbst auferlegte, aber auch von
Andern mit kalter Uebergehung dessen forderte, was mildernd oder begtigend
solchen Anforderungen htte entgegen treten knnen. Ihr tief leidenschaftliches
Gemth verbarg sie aus Stolz unter einer kalten Miene und Haltung; aber von
Jugend auf durch eine freie, uneingeschrnkte Ausbung ihres Willens verzogen,
berraschte sie beim leichtesten Widerstande eine Heftigkeit, die zwar nur
vorbergehend, doch in ihren Folgen nicht immer gut zu machen war.
Dessenungeachtet hatte sie eine schne und groartige Karakteranlage, ein Herz,
das in seinem Stolze auch eine groe Reinheit bewahrte, und die Klarheit des
Verstandes, die ihr einen hellen Blick auf sich gestattete. Oft ward sie dadurch
unzufrieden mit sich, doch durch zu schmeichelnde uere Verhltnisse immer
wieder abgelenkt, lie sie die Fehler altern, bis sie einen Theil ihres Selbstes
ausmachten und nur noch einzelne wehmthige Stimmungen herbeifhrten, die wie
Sehnsucht nach einem mildern Zustande sich regten, den sie aber, so lang
verwhnt, nicht mehr erreichen zu knnen wohl selbst fhlte.
    Sie hatte wenig Freunde gewonnen und war meist auf die Bande eingeschrnkt,
womit die Natur in ihren nchsten Verhltnissen sie umgab; aber da sie die
Herzogin sich gewonnen hatte, da diese seltne Frau, ein vollkommener Gegensatz
ihres eigenen Selbstes, ihr Liebe geschenkt hatte und erhielt, und nie sich
durch ihre Fehler verscheuchen lie, das war der seste Trost ihres Herzens,
und an diesem Gefhl lste sich auch in ihrer Gegenwart am ersten die starre
Haltung, die sie oft so strend gegen Andere behauptete. Nie war es dagegen
irgend wem gelungen, die wahre Meinung der ltern Herzogin ber ihre
Schwiegertochter zu erfahren; sie liebte sie mit mtterlicher Aufmerksamkeit,
ihre Fehler schien sie nie zu sehn; doch wenn ste dieselben gut zu machen
suchte, so wute man nie, ob sie dieselben wirklich bemerkt hatte, oder ob es
ihr blos selbst eben um das Vergngen war, etwas Liebes zu thun. Dankbar fhlte
die junge Herzogin diese grenzenlose Schonung, die in nichts ihren Stolz reizte
oder verwundete, da Alles blos von der zrtlichsten Liebe eingegeben schien.
    Indessen wnschte heute die ehrwrdige Mutter nicht, die Weichheit ihrer
Schwiegertochter zu vermehren, und leicht kehrte dieselbe zu der durch lange
Gewhnung ihr natrlich gewordenen ruhigen Haltung zurck. Um ihr Zeit zu
gnnen, fuhr jene fort, von ihrem Sitze aus, alle zu begren, die sich nach und
nach in dem Zimmer versammelten, und nchst den beiden Gouvernanten der jungen
Grfinnen aus Mistre Morton und dem Caplan des Schlosses, dem Master Copley,
bestanden. Sogleich vermite die Herzogin Stanloff, und Master Copley brachte
seine Entschuldigung, da Geschfte ihn noch einige Stunden entfernt halten
wrden. Alles nahm nun Pltze ein, um die alte Lady her; die Herzogin zu ihrer
Rechten, Arabella, ihre lteste Tochter, ein schnes Mdchen in der ersten
Blthe, zu ihrer Linken; dann so fort die Damen, die, aus angesehenen Familien
und von vorgeschrittener Bildung, ganz dazu berechtigt waren, zu dem
Familienkreis gerechnet zu werden.
    Lucie, die jngste Enkelin und ein Liebling der Gromutter, sa schon lngst
mit der ruhigen Sicherheit, die Kinder so reizend da ben, wo sie sich geliebt
wissen, vor der alten Lady auf dem rothen Fukissen. Sie hatte ihr schnes
blondes Lockenkpfchen auf beide dicke Hndchen gesttzt, und blickte mit groen
blauen Augen unverwandt in die von der untergehenden Sonne sich frbende Gegend.
Es war ein unaussprechlich reizender Anblick, das schne blhende Kind in seinem
Trauerkleidchen, die ppigen blonden Locken an den Schlfen mit schwarzen
Schleifen zusammengehalten, in diesen Ausdruck ernsten Nachdenkens vertieft zu
sehn, den Kinder wohl nur in einem holden Schlummer der Seele annehmen, und der
uns doch erinnern will an das Verfolgen hochwichtiger Dinge, welches nur sptern
Tagen aufgehoben bleibt. Sie zog die Augen Aller auf sich, und man tauschte
Blicke, die das Vergngen ber diesen Anblick verriethen. Auch war es nicht die
Art der alten Lady, strend auch nur in den Blick eines Auges zu dringen; daher
lie sie das holde Kind gewhren und bewahrte ihr selbst ihre Liebkosungen auf,
bis sie von selber erwachen wrde. Dagegen mute Lovelace den schnen silbernen
Kessel, welcher ber einem zierlichen eisernen Kohlenbecken schwebte, in den
Kreis stellen, und daneben den mit silbernen Kannen, Tellern und Bchsen reich
besetzten Tisch. Mit der lieblichen Heiterkeit, die Alle sofort in ihrer Nhe
belebte, begann die alte Lady, zur Herzogin sich wendend: Du siehst, meine liebe
Tochter, meine alte Liebe bleibt mir getreu; Friedrich von Nassau besorgt noch
immer meinen Theetisch mit dem feinen Aroma seiner Chinesischen Lieblinge, und
ich bin ihm herzlich dankbar dafr, denn wahrlich nichts scheint mir unter den
vielen schnen Gaben zur Labung und zur Strkung unsers Krpers mehr fr mich da
zu sein, als diese balsamischen Bltter. Hre ich den lieblichen Ton des
Theekessels, so setze ich mich erst behaglich zurecht, und mein zrtlicher
Freund htte nichts Besseres erdenken knnen, um sich der Gesinnung seiner alten
Freundin zu versichern. - Schade, liebe Mutter, sagte die Herzogin, in den
heitern Ton einzugehen sich bemhend, da auf unserm Boden nichts gedeihen mag,
was dem liebenswrdigen Herzog ein hnliches Bedrfni angenehm befriedigen
knnte; denn das Neue und Erfreuliche der fremden Welttheile werden die thtigen
hollndischen Meerbeschiffer uns immer noch zuerst bieten knnen. Den Geist, den
Elisabeth bis in die Segel ihrer Schiffe zu hauchen verstand, und der unter Hug
Willoughby's Anfhrung auch diesen lieblichen Blttchen den leichtern Weg zu
ersphn wute, wo ist er jetzt geblieben? Wer wird nach Walter Raleigh mit neuen
Goldminen uns beschenken und so muthig die trgliche Wasserflche durchziehen,
die er leichter befuhr, als andere den grnen Plan der Wiesen!
    Wohl wahr, seufzte die alte Lady, und eine leichte Wehmuth glitt ber ihren
klaren Blick. Es war ein Gru der Liebe, den sie dem enthaupteten Freunde ihres
Gemahls hinber sandte. Seinem Andenken Frieden! sprach sie weiter; Raleigh
verlor das Ziel, welches seiner schnen Jugend vorgeleuchtet, als htte sein
Auge sich getrbt; wie viel htte er seinem Vaterlande sein knnen! Doch das
Maa der Schuld, dem sein Haupt verfiel, hat vielleicht dort oben, mit Vielen
getheilt, fr Alle Vershnung erlangt. - Die Herzogin fhlte, da sie hier eine
schmerzlich nachklingende Saite bei der alten Lady berhrt habe, und suchte
durch Fragen ihre Gedanken abzulehnen. War es nicht zur Zeit der Thronbesteigung
Knig Jakobs, da Du dies Getrnk zuerst kennen lerntest? Ich dchte, Du httest
ein Mal dessen erwhnt, frug sie unbefangen weiter. - Es war allerdings damals
schon lngst in England bekannt, sagte die Lady, doch mehr unter dem reichen
Handelsstande, der sich die Produkte fremder Zonen fast leichter zu verschaffen
wuste, als die hhern Stnde; die Knigin Elisabeth liebte es nie, und so blieb
es am Hofe unbekannt. Als damals durch die Anwesenheit der Gesandtschaften aller
Hfe in Whitehall die glnzendsten Feste mit ernsten und schwierigen
Unterhandlungen wechselten, hatte ich auf einem Balle, den der Knig gab, mich
erkltet, denn es war ein kalter, trber Sommer. Als wir uns den nchsten Tag
bei der Knigin versammelten, fhlte ich ein schwaches Fieber, und Friedrich von
Nassau, mit dem ich mich unterhielt, errieth mein Uebelbefinden und sprach mir
zuerst von seinem Lieblingsgetrnk, welches er ein herrliches Mittel gegen all
die klimatischen Uebel nannte, die der feuchte Hollndische Dunstkreis, wie der
unsere, so leicht mit sich fhrt. Mein Gemahl und der Marquis von Rosny traten
zu uns, und nachdem Rosny, der stets mit Friedrich von Nassau sich neckte, auch
dies Getrnk angegriffen, das Friedrich so heilsam fand, schlug mein Gemahl vor,
einen gemeinschaftlichen Versuch in unserm Palais zu machen. Da der Hof am
andern Tage - wie sie es nannten - ruhte, so versammelten sich die Herren an
diesem Abend in meinen Zimmern. Friedrich von Nassau; Johann von
Olden-Barnevelt, der edle und tugendhafte Mrtyrer seiner hochherzigen
Gesinnungen; der Marquis von Rosny, jener nachmals so berhmte Herzog von Sully;
Aremberg, der Gesandte Erzherzog Alberts; Taxis, von Spanien gesandt; mein
Gemahl, mein Bruder Cecil, meine beiden Shne und einige andere Herren des Hofes
machten einen kleinen, aber seltenen Zirkel aus, und von dem tiefsinnigsten
Ernste bis zu dem heitersten, muthwilligsten Scherze waltet der Zauber der
hchsten geistigen Bildung und die Anmuth der feinsten Sitte. Barnevelt war nun
eigentlich die Seele bei der Theebereitung, um die es sich handelte. Seine
dicken hollndischen Lakaien trugen eine im Vorsaale mit allen dazu nthigen
Bequemlichkeiten servirte Tafel herein, die aus der Wohnung des Prinzen dazu
herber geschafft war, zum ausgelassensten Jubel Rosny's. Barnevelt und
Friedrich besprachen sich mit Ernst ber die Quantitt der zu nehmenden Bltter,
und erregten durch ihre fingirte Gravitt unser aller Laune. Die geschlagene
Sahne, die Butter ohne Salz, die Weizenbrdchen und Zimmtbrdchen, waren nach
Grundstzen hergestellt und durften zu dem Ganzen nicht fehlen. Das Ende war,
da wir das Getrnk herrlich fanden, da mein rheumatisches Fieber verschwand
und Friedrich mir ein wunderlich bemaltes Kstchen von Ebenholz zurcklie, das
mit diesen kstlichen Blttchen gefllt war. Mein Gemahl hatte bald die Gte,
mir einen silbernen Theetisch zu schenken, nach Barnevelts Angabe vollstndig
versehen; auerdem noch ein an Pracht das meinige bertreffendes reich
vergoldetes Thee-Service fr meinen liebenswrdigen Freund, Friedrich von
Nassau, der nun seit so vielen Jahren seine Thee-Galanterie gegen mich
fortsetzt. Doch wie Lovelace dies Getrnk zu bereiten wei, scherzte die alte
Lady weiter, findet er auch keinen Meister. War es nicht Barnevelt selber, der
Dir damals Unterricht gab? - Euer Durchlaucht, der Kammerdiener Seiner Gnaden
Barnevelt hat mich darin unterrichtet, antwortete Lovelace, sich ehrfurchtsvoll
mit dem freundlichen Lcheln des befriedigten Ehrgeizes verneigend. - Nun, so
verstand er es herrlich! Aber Lovelace wrde auch Sturm laufen, wenn ich nicht
gleich erschiene, so wie im ersten Aufgusse die Blume sich entwickelt hat, wie
er es nennt, und ich lasse mich stets bereit finden, diesen Genu mir zu
verschaffen. Doch heute hat unsere gute Cottington, frchte ich, Deinen
Haushofmeister Ottwey erzrnt, denn sie hat sich von ihm die Erlaubni bei
Deinem Kchenmeister verschafft, die Weizenbrdchen und Zuckerrllchen selber zu
backen, die sie Dir eben anbieten wird, und wir werden uns ins Mittel legen
mssen, damit die guten Leute uns nicht undankbar schelten fr die kstlichen
Backwerke, womit sie meinen Theetisch berschttet haben, die sich aber fr die
alte Frau nicht mehr recht passen wollen. - Doch sieh, mein Liebchen, was spart'
ich Dir hier auf, sprach sie, zu Lucie gewendet, und hob das silberne Schlchen
mit den Brodkrmchen vom Schooe; denn Lucie hatte ihre sinnende Stellung bei
dem lieblichen Geruche der Zimmtrllchen verlassen und speiste schon ruhig
darauf los, zur Gromutter umgewendet und ihr die lieblichen Worte aus dem Munde
zhlend. Sieh meinen Finger entlang dort nach der Birke zu, siehst Du das kleine
Nest? - O Gromutter, rief Lucie entzckt, und so eben ein Kpfchen, - jetzt
zwei! O, la es fangen, liebe Gromama; guter Lovelace, fange die Vgelchen! -
Nicht doch Lucie, dann mten sie sterben; aber viel Besseres sollst Du selbst
ihnen thun, fttern sollst Du sie, da sie nicht Hungers sterben. Darum nimm die
Brodkrmchen; streust Du sie auf den Rand des Altans, bald kommen sie dann, wenn
Du wegtrittst, und holen sich die Nahrung in ihr Nestchen. - Gieb, liebe
Gromama! rief Lucie und hpfte leicht hinaus, nur auf den Zehen nach dem Rande
schleichend, hold bergebogen, die Brckchen zu streuen, wie man Engel auf alten
Bildern sieht, die den Eingang zum Himmel mit Blumen bestreuen. Doch von einer
neuen Idee erfat, wandte sie sich um, und das leere Schlchen nachlssig neben
sich sinken lassend, legte sie beide Aermchen in den Schoo der Gromutter und
sagte, sie ernst anblickend: Stirbt denn irgend ein Vogel aus Hunger? - Es mag
wohl, mein Liebchen. Ob Gott schon freundlich fr seine Geschpfe sorgt und auch
die Menschen leitet, da sie ihren Mitgeschpfen Nahrung reichen, doch wohl
stirbt manch' Vgelchen in solcher Jahreszeit, wo die Natur noch arm ist an
Nahrungsmitteln. - Lucie schwieg, dann sagte sie: Aber Hunde sterben nicht aus
Hunger? Die Gromutter sah in das wehmthig werdende Gesicht des Kindes und
wollte sie eben davon ablenken, als Lucie heftig ausrief, indem groe Thrnen
ber ihre Wangen rollten: Und Gaston wird nie sterben vor Hunger! Nein, sagte
die alte Lady, freundlich beschwichtigend, wir wollen ihn immer fttern. Doch
Lucie war noch nicht mit ihren Combinationen zu Ende, denn sie sagte bittend,
als hinge Alles von den Zusicherungen der Gromutter ab: Aber Menschen, liebe
Gromama, die sterben nie aus Hunger? Alle fhlten sich ergriffen von dieser
ngstlichen, rhrenden Frage des holden Kindes, und erst nach einer Pause sagte
die Gromutter, indem sie die Stirn des Lieblings kte: Ohne Gottes Willen
fllt kein Haar von unserm Haupte; er ist nahe Allen, die ihm vertrauen. Sanft
wandte sie sich weg, um dem lieben Kinde nicht lnger Rede zu stehen, als ihr
Blick auf ihrer Schwiegertochter ruhen blieb, die sich mit einer Art Schauder
von dem leise eingetretenen Stanloff, der sich eben den Damen nhern wollte,
wegwandte, indem sie mit einem Tone, in dem eine angstvolle Befrchtung
ausgedrckt lag, ihm zurief: O, was bringt Ihr, Stanloff? Die Gewiheit Ihres
Todes! und ist dies arme, hlflose Weib wirklich den Hungertod gestorben?
Stanloff wollte eben beruhigend erwiedern, als Lucie mit einem heftigen
Ausbruche des Weinens sich in die Arme der Mutter warf, angstvoll dazwischen
rufend: O Mutter, Mutter, stirbt doch ein Mensch aus Hunger? Alle waren bewegt.
Stanloff wiederholte einige Mal, da sie lebe, nicht aus Hunger sterben werde,
aber Luciens Phantasie war in Schrecken aufgegangen, und die Herzogin fhlte mit
gemischten Empfindungen, da ihre eigene gereizte Stimmung das liebe Wesen so
hingerissen habe. Erst dem ehrenwerthen Master Copley gelang es, mit seinen
verstndigen Worten sich Eingang zu verschaffen. Lucie hob das Kpfchen von dem
Busen der Mutter, gab Copley ihr Hndchen und schaute glubig mit den groen, in
Thrnen schwimmenden Augen zu ihm auf; dann stieg sie von dem Schooe herunter
und ging mit ihrem geliebten alten Lehrer auf den Altan, um nachzusehen, ob die
Vgelchen schon die Krmchen abgeholt htten. Auch lie sie sich willig finden,
vom Weinen ermdet, mit Mi Debington, ihrer Gouvernante, nach ihrem Zimmer zu
gehen, und nahm hflich mit kleinen holden Verbeugungen von Allen Abschied. Als
sie aber an Lovelace vorber ging, bettelte sie ihm vertraulich ein
Weizenbrdchen ab, um Gaston noch damit zu fttern, bei dem sie selbst nachsehen
wollte, ob er satt sei, Nach ihrem Verschwinden kehrte man zu dem Gegenstande
zurck, ber den man Stanloffs Mittheilungen erwartete. Sie lag seit gestern
schon mehr in dem Zustande einer Schlummernden, hob er an; ich versuchte ihr
strkende Brhe und Tropfen einzuflen, und berzeugte mich, da sie heute
erwachen mte, da ihr Schlaf immer leichter und das Athmen freier ward. Diesen
Moment durfte ich nicht versumen, er entzog mich der Ehre, hier zu sein, und
vor einer Stunde schlug sie die Augen auf. - Ein Ausruf des Antheils unterbrach
hier die Erzhlung. Stanloff fuhr fort: Ihre Blicke hafteten an ihren
Bettbehngen, dann an dem Theile des Zimmers, der zu bersehen war; sie bewegte
die Lippen, aber Schwche schien sie zu hindern. Ich erwartete, da sie Durst
empfinden wrde, und hatte zu dem Ende ein angenehm strkendes Getrnk bereitet.
Alice trat an die Vorhnge mit dem Becher in der Hand, sie blickte sie lange
ohne Ausdruck an. Nachdem Alice nun einige Male gefragt, ob sie zu trinken
begehre, und nachdem jene das Gesagte verstanden, erhob sie die Hand nach dem
Becher. Leider sah ich an der Heftigkeit, mit der sie trank, eine neue
Besttigung meiner ersten Vermuthung. - Da sie durch Hunger so weit kam? rief
die Herzogin. Ja, sagte Stanloff, ich mu es wiederholen. Als sie getrunken
hatte, sagte sie zuerst: Bin ich denn krank? Warum liege ich zu Bette? Und warum
nicht in meinem Zimmer? Ich kenne Dich nicht, gute Frau! Wo ist Hanna? - Ihr
waret krank; seid nur recht ruhig, sagte Alice, legt Euch nieder. Ich bin sehr
mde, erwiederte jene, kaum vernehmbar, und schlief sogleich wieder ein. - Und
seid ihr nun beruhigt? fragte die alte Lady, hofft Ihr jetzt ihre Genesung? -
Ich hoffe sie jetzt, denn sie ist jung, ihr Zustand hat ihren Krper noch nicht
verzehrt; es scheint vielmehr, da Seelenleiden den Muth des Herzens gebrochen,
wie dies bei jungen Personen hufig die physischen Krfte bis zur Ohnmacht zu
unterdrcken vermag.
    Man blieb noch eine Zeitlang beisammen und begab sich dann durch die
angrenzenden Gemcher nach der Kapelle, in der sich die Dienstleute schon
versammelt hatten, um ein hchst erbauliches Abendgebet des Master Copley
anzuhren. Die alte Lady zog es vor, von dort aus nach ihren Zimmern sich zu
begeben, und die kleine Gesellschaft des Schlosses trennte sich, den Rest des
Abends fr sich zu verleben.

Wir finden nach einigen Tagen die Damen in den Zimmern der jngern Herzogin
beschftigt mit der Auswahl von farbiger Seide zu dem noch unvollendeten
Teppiche, an dem die Grfin Arabella mit den andern Damen arbeitete, indessen
Lucie die Nadeln fr alle fdelte und vorgab, sehr viel zu thun zu haben, Die
Herzogin mute auch gearbeitet haben, doch ruhte das Blumenstck, an dem sie
gestickt, wie es schien, vergessen in ihrem Schooe, und ihr Auge blickte in die
helle Flamme des Kamins, den man heute aufgesucht, da der Frhling seine alten
Neckereien begonnen, und sich in Nebel und kalte Winde gehllt hatte. - Die
Theestunde war vorber, Lovelace mit seinem wichtigen Geschft entlassen, und
Mistre Cottington half der alten Lady, welche zunchst dem Kamin sa, bei der
beliebten Arbeit des Seidezupfens. Endlich hob die jngere Herzogin zu Mistre
Morton an: Wie kommt's, da Du uns heute noch nichts ber unsern Gast gesagt
hast? Ich hoffe, ihr Befinden schreitet vor, und wir werden bald selbst ihre
Bekanntschaft machen knnen. - Das mchte jetzt noch nicht mglich sein, sagte
Mistre Morton rascher, als ihre Art war, denn die junge Lady steht zwar seit
heute aus dem Bette auf, doch der Weg bis hierher wrde ihr unmglich fallen.
Nun, nun! sagte die leicht gereizte Herzogin, wir werden uns zu bescheiden
wissen, da wir ber den ersten Ungestm der Jugend hinaus sind. Doch sobald die
junge Lady, wie Du sie nennst, aus dem Bette uns empfangen kann, werden wir die
Gesetze unserer gewohnten Gastfreundschaft auch gegen diesen unfreiwilligen Gast
zu ben nicht versumen, und uns zuerst nach ihren Zimmern begeben. Stanloff hat
sich heute bei mir entschuldigen lassen, wir sind also sehr in Ungewiheit ber
die Angelegenheiten dieser jungen Person. Ich wei nicht, ob Euer Durchlaucht
schon wissen, wandte sie sich zur alten Lady, da sie jetzt spricht und viel
Thrnen vergiet. Mistre Cottington, erwiederte die alte Lady, welche sich mit
Mistre Morton in ihrem Zimmer ablst, sagte mir davon; wir mssen uns, denke
ich, der wiederkehrenden Zeichen von Leben und Gefhl freuen, wenn ihre Thrnen
auch freilich unsere Vermuthungen besttigen, da viele Leiden auf dies junge
Leben einstrmten; ich denke dann mit Rhrung an Gottes Gte, der sie Dir
zugefhrt hat. Ein zrtlicher Blick ihrer lieben Augen traf den schnellen
Aufblick der jngern Herzogin und erreichte, wie immer, den schnen Kern dieses
festen Herzens. Lucie, die mit unbeschreiblicher Begierde jede Nachricht von der
jungen Unbekannten verfolgte, verlie ihre Arbeit, und zur Mutter tretend, sagte
sie bittend: Gehst Du zu ihr, liebe Mutter? Nimm mich mit, ich mchte ihr so
gern sagen, da Du mir versprochen hast, da sie nie wieder vor Hunger sterben
soll, gewi wird sie dann nicht mehr weinen. - Wir wollen ihr diese Gewiheit
bald verschaffen, sagte die Herzogin; auch hoffe ich, frchtet sie dies wohl
nicht mehr. Liebe Lucie, Du sollst sie sehen, sobald es ihre Gesundheit erlaubt;
sei inde recht ruhig, denn Morton sorgt ja fr sie, und lie sie Dich wohl je
hungern? - Lucie kehrte beruhigt und freundlich zu ihrem Geschft zurck, und
die Herzogin frug, gegen Mistre Cottington gewendet, weiter: Ihr, liebe
Cottington, waret bei der ersten Unterredung mit dem Doktor zugegen, wollt Ihr
uns das Bemerkenswerthe mittheilen? Wie scheint Euch berhaupt ihr Karakter,
ihre Erziehung? Was glaubt Ihr von dem Range, zu dem sie gehren knnte? Mistre
Morton scheint allerdings damit schon fertig zu sein, doch sagt auch Eure
Meinung. - So viel ich beurtheilen kann, mu sie eine vornehme Erziehung
erhalten haben, sagte Mistre Cottington mit Ruhe, doch bleiben ihre Aeuerungen
fast noch immer ohne eigentlichen Zusammenhang, wegen des groen Schmerzes, den
sie zu empfinden scheint. Ihre ersten wiederkehrenden Gedanken richteten sich
voll Erstaunen auf das fremde Zimmer, die Gerthe und Bedienung; sie sagte
einmal hchst erstaunt: Warum hat meine liebe Tante mich denn nicht in meinem
schnen grnen Zimmer gelassen? Dann bat sie, man mge Hanna rufen. Doch verga
sie das Eine bald ber dem Andern und blieb dazwischen wieder ruhig. Als
Stanloff zuerst an ihr Lager trat, sah sie ihn wild an, dann warf sie sich in
meine Arme und flehte mit Entsetzen mich an, sie vor diesem fremden Mann zu
schtzen. Doch der Schreck, den sie gehabt, schien auch ihre Besinnung etwas
befestigt zu haben; denn sie hrte meinen Worten aufmerksam zu und sagte, als
wollte sie es sich recht klar machen: Ein guter alter Herr und mein Arzt, der
mir mein Leben erhielt! Sie wagte es, Stanloff anzusehen, und sein weies Haar
schien sie vllig zu beruhigen. Denn mit einer Bewegung der Hand hie sie ihn
nher treten und sagte dann: Verzeihet meinen Schreck! Ich wei Vieles nicht zu
begreifen, mir ist wohl sehr viel begegnet. Stanloff hielt nun fr's Beste, ihr
zu Hlfe zu kommen; er sagte ihr, indem er sie aufforderte, sich niederzulegen,
er wollte ihr Alles erzhlen, was er von ihr wisse, ja, er schien mir die
Absicht zu haben, sie zu erschttern, denn er hob sogleich an: Ihr seid nicht
unter Euern Angehrigen, Ihr seid fr todt in dem Park der Herzogin von
Nottingham gefunden worden, und in einem Zustande von Starrsucht gewesen. Ihr
seid von den Frauen der Frau Herzogin bedient worden, und ich bin der Arzt
dieses Hauses! - Ich mu gestehen, da ich den Muth Stanloffs bewunderte, der so
kurz und rauh ihr die schreckliche Wahrheit enthllte, und er mu seine
rztlichen Ursachen dazu gehabt und darum Muth behalten haben, denn nie sah ich
in solchem Grade einen so schnell wechselnden und sich von Augenblick zu
Augenblick erhhenden Ausdruck von Erstaunen und hchstem Schmerze.
    Sie richtete sich mit Kraft auf, glhender Purpur bedeckte pltzlich das
bleiche Gesicht; die Stirn zog sich in drohende Falten, ihre Augen glnzten und
waren fest auf Stanloff geheftet. Dann hob sie beide Arme hoch empor und drckte
die gefalteten Hnde wild vor die Stirn. Ich mute mich abwenden, meine Kniee
bebten, ich zrnte auf Stanloff; ich frchtete, Geisteszerrttung wrde die
schreckliche Folge dieser jhen Aufregung sein. Doch im selben Augenblick und so
schnell, da es fast Stanloffs letztes Wort verschlang, rief sie: Ja, ich wei
jetzt Alles, sie ist todt, Hanna ist verbrannt, Gersem erschlagen - ich - ja ich
- ich bin entflohn mit Gersem, bis der schreckliche Mann mich ergriff - dann -
(ihre Gedanken schienen immer zu versagen) - bis ich entfloh. Ach, wie weit war
der Weg? Ich wei nicht, wie weit, aber o Gott! meine liebe, liebe Tante! - Von
da an flossen ihre Thrnen in heien Strmen, und es ist leicht wahrzunehmen,
da es der Tod dieser Tante ist, der sie so heftig betrbt. Mistre Morton hat
mich alsdann abgelst, sie wird Euer Durchlaucht weiter berichten knnen.
    Ich fand sie noch weinend in ihrem Bette, hob Mistre Morton auf ein Zeichen
ihrer Gebieterin an, doch sie war sanft und vollkommen bei Sinnen. Ich sprach
ihr zu, und sie sagte mit sanfter Stimme: Ich danke Euch fr Eure guten Worte,
liebe Frau, doch lat mich nur weinen, wie sollt' ich es auch nicht! Man hat mir
bisher keine Zeit gelassen, die zu beweinen, um die ich nie aufhren kann zu
trauern; Ihr wit nicht, wie viel ich in ihr verlor; ich wei es wohl selbst
nicht und denke nur an mein Herz! Liebe Frau, sprach sie dann weiter, als sie
mich genau betrachtet, warum trauert Ihr alle? - Auch in unserm Schlosse war
Alles in Trauer, aber warum Ihr? Ich sagte es, und dies lenkte sie von ihrem
Schmerze ab - sie weinte um Euch, Frau Herzogin. Sie wiederholte oft Euern Namen
und frug, ob Ihr gewi sie schtzen wrdet, sie knne ihr Schicksal noch nicht
fassen. Aber vielleicht kommt Hanna und sucht mich, fuhr sie fort, vielleicht
finde ich irgendwo Schutz, dann - sie seufzte schwer, sie schien so berrascht
von ihrer Hlflosigkeit und sagte oft: Ach, Elisabeth, shest Du Deine arme
Marie so! - Elisabeth! rief die Herzogin und zuckte, als ob ein giftiger Pfeil
sie berhrt htte. Dies, glaube ich, war der Name ihrer Tante, den sie nannte,
doch kann ich mich irren, erwiederte Morton, und Verlegenheit und Unruhe drckte
sich in ihren Zgen aus. Ich wte nicht, warum Du Dich irren solltest, sagte
die Herzogin streng und gefat, klingt dieser Name nicht vom Throne bis zum
Volke nieder, als bekannt, oft gehrt und nicht zu verwechseln? Die peinliche
Wendung, welche die Sonderbarkeit der Herzogin diesem Moment gab, ward
wohlthtig unterbrochen durch Ottwey, der die Thren nach einem kleinen Saale
ffnete, wo bei unfreundlichem Wetter die Familie zu Nacht zu speisen pflegte.
Sir Richard Ramsey erschien in derselben und zeigte, indem er, als Seneschall
des Schlosses, ein silbernes Becken mit einer gleichen Kanne trug, den
Herrschaften an, da die Tafel servirt sei. Die Damen legten ihre Arbeit bei
Seite, und die Herzogin nherte sich ihrer Schwiegermutter und fhrte sie gegen
den Saal. Hier nahmen sie die Ehrenbezeigungen des Sir Ramsey an, indem sie die
Finger in das Wasser tauchten, welches er aus der Kanne in das Becken go.
Ottwey nahm Beides sodann schnell in Empfang, Sir Ramsey zog die Sthle fr die
beiden Damen und begab sich dann auf seinen Platz am Ende der Tafel, die Speisen
zu zerlegen und vorzukosten. Doch blieb die Gesellschaft still und einfrmig.
Die Herzogin sa zwar in ruhiger Haltung, aber ohne Versuch, das Gesprch zu
beleben. Die Damen wagten nicht, einer so dstern Stimmung eine andere Frbung
zu geben. Arabella gehrte zu den Seelen, die leicht erdrckt werden von der
Ueberlegenheit Anderer, und sie fhlte sich stets so ihrer Mutter gegenber. Nur
die Gromutter und Lucie brachten etwas Bewegung hinein. Lucie war in stets
lebendigem Verkehr mit Allem, was sie umgab. Sie redete Alle an, sie scherzte,
sie neckte, und blieben die Antworten aus, hatte sie mit der Dienerschaft ihren
Verkehr, und weil sie der Liebling des ganzen Hauses war, und ein Engel an Gte
und steter Heiterkeit, ruhten die Blicke Aller auf ihr, und ihre leichteste
Frage blieb hier nicht unbeachtet. Heute schien ihre Laune doppelt heiter, da
die allgemeine Stille ihr Raum gab. Sie neckte sich unaufhrlich mit Ramsey, und
der kecke Jngling, der ihr nichts schuldig blieb, unterhielt das Feuer ihres
kindlichen Witzes, bis er endlich, sie zu necken, von ihrem Lieblinge Gaston
anfing, wie er von Morgen an in der Hundehtte bei Wasser und Brod Arrest
bekommen wrde, weil er etwas im Dienste versehen habe. Gaston! rief Lucie und
wurde glhend roth, Gaston in die Hundehtte! Wage es! rief sie und hob die
kleine Hand zrnend gegen ihn auf. Aber das sage ich Dir, allein soll er da
nicht liegen, Du oder ich, eins von uns beiden geht mit hinein. Bei den letzten
Worten kam das holde Lcheln schon wieder um den reizenden Mund, und sie frug
weiter: Darf man den gestrengen Herrn fragen, was Gaston, der ihn gar nichts
angeht, verbrochen hat? - Da er seinen Posten verlassen und oben in den fremden
Zimmern sich herum treibt, welches ihm stets mit der Peitsche verboten ward, da
sein Platz in der Vorhalle ist. - Und wohin ich ihn sonst mit mir nehmen will,
rief Lucie, und wo Deine Wichtigkeit nichts zu befehlen hat. Gaston soll,
anstatt in der Hundehtte, heute Nacht in meinem Bettchen schlafen, und ich will
davor auf der Decke liegen. Allen anwesenden Dienern entfuhr ein kurzes, schnell
unterdrcktes Lachen. Mistre Dedington rief schaudernd: Lucie, Lucie! mein
Engel, Sie sind zu lebhaft! Aber der kleine Schalk blickte seitwrts nach dem
Antlitze der Gromutter, und da dies noch in seiner ungetrbten Klarheit
leuchtete, wurde sie dreister und sagte schalkhaft, das reizende Kpfchen gegen
ihre Mutter beugend: Erlaubst Du, liebe Mutter, da Gaston diese Nacht in meinem
Bettchen schlafen darf, und ich davor auf der Decke? Die Herzogin zog hier ihren
Blick von einem alten Wappenschilde ab, das ihr gegenber an der Wand ihre
Aufmerksamkeit gefesselt zu haben schien; er fiel, wie erquickt, auf Luciens
heiteres Gesicht, und sie lie das liebe Kind seine Worte wiederholen. Doch
schnell zu ihrer alten Strenge zurckkehrend, sprach sie ernst: Wie unschicklich
und kindisch ist Dein Begehren, Lucie, ich htte nicht gefrchtet, etwas der Art
von Dir zu hren! Ihr Blick streifte von dem beschmten Kinde die Tafel entlang
und entzndete sich an Ramsey's lchelndem Gesicht. Ich frchte, da Ihr,
Ramsey, mit Euren oft sehr weit gehenden Scherzen dies Kind zu dieser
unziemenden Bitte gereizt habt. Ramsey wollte antworten, denn er verschwieg nie
gern, was er zu sagen wute, als Lucie mit Heftigkeit rief: Nein, liebe Mutter,
schelte ihn nicht, Ramsey hat mich nicht darum gebeten, er ist ganz unschuldig,
ich wollte es selbst, weil Gaston sonst in die Hundehtte gesperrt wird. Bei
diesen Worten drangen Thrnen in die schnen Augen des glhenden Kindes, und
Ramsey htte gern zu ihren Fen dem Engel seine Neckereien abgebeten. Die
Herzogin schien nicht ganz gegen den vershnenden Anblick unempfindlich, denn
sie sagte merklich milder: La uns hren, Ramsey, was Gaston verbrach,
vielleicht knnen wir die Sache vermitteln. Euer Durchlaucht mu ich unterthnig
um Vergebung bitten, sagte nun Ramsey, der von dem Edelmuthe Luciens sich zu
gleichen Empfindungen erhoben fhlte, ich habe es allerdings gewagt, Frulein
Lucie mit der Nachricht ber Gastons Uebelverhalten zu necken; er hat nichts
verbrochen, als da er mir seit langer Zeit aus dem Gesichte gekommen ist. O du
bser Ramsey, rief Lucie, hell auflachend vor Vergngen und des Kummers nicht
mehr gedenkend, da Zeuge doch eben aus dem lachenden Auge in einer hellen
Thrne ber die glhenden Wangen rollte, das liebe Thier zu verlumden, ich
werde es Dir gedenken! Die Herzogin fhlte sich nicht geneigt, die Sache bslich
zu verfolgen, aber sie fragte, wo Gaston geblieben sei. In den Zimmern der
fremden Lady, antwortete Ramsey. Sogleich nderte sich das Gesicht der Herzogin,
und sich gegen Mistre Morton wendend, welche auf ihren Teller blickte, rief
sie: Wie kmmt das, wem hngt er an in diesen Zimmern, ich hrte bis jetzt
nichts davon? Euer Durchlaucht halten zu Gnaden, sagte Mistre Morton, indem ihr
feines Gesicht von einer leichten Rthe bedeckt ward und sie den Blick nicht
erhob, ich habe diesen Umstand nicht der Erwhnung werth geachtet. Der Herzogin
Blick lag whrend dieser Worte unverwandt auf Mistre Morton, sie schien sich
mit Mhe Schweigen aufzuerlegen und benutzte das Ende der Tafel, um die alte
Lady unter den gewohnten Formen nach den Zimmern zu fhren, wo man sich nach der
Abendtafel zu trennen pflegte.

Stanloff lie sich am andern Morgen bei seiner Gebieterin melden. Er fand sie
mit niedergeschlagenen abgespannten Zgen in ihrem Armstuhle ruhend; sie schien
geschrieben zu haben. Stanloffs schnell berschauendem Blicke entging es nicht,
da mehrere beschriebene Bltter auf dem Schreibtische lagen, welcher in einer
Fensternische im Rcken der Grfin stand. Sie schien sich am Kamin in dieser
ruhenden Stellung erholen zu wollen; Stanloff sah aber mit Bekmmerni den
Ausdruck von Leiden in ihrem Gesichte, das mde Auge, das sich nicht bei seinem
Nhertreten erhob. Doch wies sie seine besorgten Fragen nach ihrer Gesundheit
bestimmt zurck und hie ihn zum Feuer sich setzen. Stanloff entschuldigte sein
gestriges Ausbleiben mit Geschften in einem fernen Theile der Besitzungen,
welches mit einem freundlichen Neigen des Kopfes angehrt wurde. Ohne weiteren
Uebergang sagte Stanloff nun: Mein Bericht ber die Kranke ist heute sehr
erfreulich. Er wollte fortfahren, als das Wort, das er zuletzt ausgesprochen,
dumpf aus dem Munde der Herzogin wiedertnte und sie mit einem tiefen Seufzer
die Augen aufschlug. Stanloff schwieg, denn er sah, sie wollte reden. Sie
richtete sich auf, und sogleich trat Haltung an die Stelle der Abspannung ihres
Krpers, indem sie mit einem Tone, der zwischen Schmerz und Unwillen schwankte,
langsam zu Stanloff sprach: Mein guter Doktor, diese Fremde nimmt uns allen viel
Zeit und Gedanken. Es ist wahrlich dahin gekommen, da das Gefhl, das Alle in
diesem Schlosse am nchsten erfllen sollte, das Gefhl der tiefsten Trauer um
ihren verehrungswrdigen Herrn, meinen theuern Gemahl, zurcktritt gegen die
allgemeine Zerstreuung, die dieser Gegenstand unter uns verbreitet. Ich fhle
die Pflichten, die mir hiermit auferlegt sind, etwas drckend und wrde mich
freuen, sie auf eine Art erfllen zu knnen, die sie bald zu ihren Angehrigen
zurckfhrte. - Sie schwieg, und ein Blick auf Stanloff sagte ihr, da sie sein
edles Gefhl gekrnkt habe. Doch ich habe Euch mit meinen trben Worten
unterbrochen, setzte sie hinzu; es ist eine Thorheit, zu erwarten, sich
verstanden zu sehen, wenn Gefhle nach dem Maastabe des Glckes, das sie uns
allein im hchsten Maae gewhrten, auch einen Scherz erzeugen mssen, den kein
Anderer theilen und begreifen kann! Diese Worte verfehlten jedoch dies Mal den
Zweck, den muthigen Mann zu vershnen. Ihr habt Recht, Mylady, sagte er fest,
wenn Ihr Gefhle nicht getheilt glaubt, die zu Euch selbst nicht gehren; Eure
schne Seele mte sonst erkennen, da nichts mehr das Andenken dessen ehren
kann, an den mein Herz mit Liebe gedenken wird, bis es bricht, als eine freudige
und aufrichtige Erfllung der Pflichten, in denen er uns allen ein leuchtendes
Vorbild war. Wenn Ihr den Antheil, den das Unglck erregt, hier in Euern
Umgebungen vorherrschend findet, so denkt, da das Verdienst seiner erhabenen
Tugenden hier noch fortwirkt - denkt noch mehr, denkt, da es Euer eigenes
Beispiel ist, was die Hrte Eurer ebengesagten Worte widerlegt. - Er stand auf
und wollte sich fortbegeben, als die Herzogin bitter ausrief: So, Stanloff,
mibraucht Ihr mein grenzenloses Vertrauen, um mich zu krnken? Wie wenig steht
es Euch an, mir Vorwrfe zu machen, da ich Euch tiefer in mein Herz sehen lie,
als Andere. Darum just, und im tiefsten Gefhle Eures Werthes, wage ich Worten
zu zrnen, die Euern Gesinnungen fremd sind, rief Stanloff mit edler Wrme. Wer
kann Euch mehr verehren, als ich? Wer hat es Euch fter und ehrfurchtsvoller
gezeigt? Ich vertheidige das erhabene Bild Eurer Tugenden, das ich in Wahrheit
erkenne, indem ich Aeuerungen zrne, die dort nicht ihren Ursprung haben! Doch
ich hatte auch Unrecht, denn mute ich nicht wissen, da Worte der Art nie bei
Euch zu Thaten werden? - Genug, Stanloff, sagte die Herzogin in milderem Tone,
und vielleicht schon mehr, als ich verdiene; ich will jetzt Eurem Berichte
geduldig zuhren. Stanloff nahm schweigend seinen Sitz bei dem Kamine wieder ein
und fuhr fort: Mistre Morton sagte mir, da Euer Durchlaucht von meiner ersten
Unterredung unterrichtet sind. Ich hielt diese Erschtterung fr nthig, den
Zustand von Lethargie aufzuheben, der ber sie verbreitet war, und ich habe mich
nicht geirrt. Der Geist mu oft eben so den Mechanismus des Krpers wieder
herstellen, als Hlfe noch fter umgekehrt geleistet wird. Sie ist sich seitdem
ihres Unglcks, aber auch all' ihrer Sinnes- und Geisteskrfte bewut, und ich
glaube, es tritt aus der Verwirrung, die sie umspann, ein starker,
wohlgeordneter Verstand hervor; ihre krperliche Schwche und der Gram, den sie
um den Tod einer geliebten Tante empfindet, halten ihn noch in einer Art
Befangenheit. Aber schon nimmt man eine feine Unterscheidungsgabe wahr, fr das,
was recht und schicklich ist, und ihre Haltung, ihre Worte zeugen von der
Gewohnheit, einen hohen Rang einzunehmen. Sie hat uns allen auf eine hchst
gefhlvolle und gengende Art fr unsere Pflege gedankt. Aber so sehr sie gegen
Mistre Morton und Cottington freundlich und bescheiden ist, scheint sie doch
keinen Augenblick im Irrthume ber die Verschiedenheit ihrer Verhltnisse. Sie
hlt uns von sich entfernt, ohne allen Stolz, ja, ohne Worte, ich mchte sagen,
durch den Ausdruck, den sie unabsichtlich hat, und der, wenn ich mich nicht sehr
irre, ebenso ihrem Geiste, als ihrem Aeueren anzugehren scheint. Ich wagte es,
sie um Aufschlu ber ihr Schicksal zu bitten. Sie bedachte sich einen
Augenblick und sagte dann freundlich: Verzeiht, da ich diese Forderung Euch
nicht glaube zuerst gewhren zu drfen, Ihr macht mir Hoffnung, da ich meine
erhabene Erretterin bald werde sehen drfen. Ihr, glaube ich, gehren diese
Mittheilungen, ihr, die ber meine nchste Zukunft entscheiden mu; ihr mu ich
auch das Vertrauen aufsparen, mit meinen Entdeckungen nach Willkr zu verfahren.
Ich habe berdem nicht viel zu sagen, ich knnte Euch und Allen bald mein kurzes
Unglck erzhlen, und ich bitte Euch nur um die Wohlthat, mir bald den Anblick
der erhabenen Frau zu verschaffen, zu deren Fen ich meinen Dank auszudrcken
mich sehne. - Stanloff hielt inne, der Blick der Herzogin ruhte auf dem Teppiche
zu ihren Fen. Da sie nicht antwortete, fuhr er fort: Ich habe ihrer nach Euch
durstenden Seele versprochen, Euch heute darum zu bitten. Die Herzogin schwieg
noch immer, und Stanloff fuhr fort: Euer Durchlaucht mu ich noch eine
auffallende Erscheinung berichten, sie betrifft Gaston. - Merklich fuhr hier die
Herzogin zusammen. - Gaston begleitete den Zug aus dem Parke nach den bestimmten
Zimmern und drngte sich berall durch, um in der Nhe der Bahre und ihrer
Person zu bleiben. Als die Frauen nach meiner Vorschrift die Lebensversuche
machten, war er nur mit Mhe aus dem Zimmer zu entfernen, aber er wich nur bis
zur uern Schwelle. Jeden, der heraus trat, blickte er mit einem kurzen
ngstlichen Geheul traurig an, lief ihm einige Schritte nach und kehrte dann zu
seinem Platze zurck. Als sie im Bette lag, blieb die Thr einen Augenblick
offen. Er hatte sich schnell hinein geschlichen, und als wir aus dem Rebenzimmer
traten, sahen wir ihn am Bette aufgerichtet abwechselnd eifrig ihre Hnde lecken
und seinen Kopf hineindrngen, als wollte er von ihnen geliebkost sein. Ich
gestehe, da mich der Anblick rhrte, ich konnte ihn nicht gleich verjagen und
hrte, da er tief seufzte, wie Menschen im Schmerze. So blieb er Tag und Nacht
vor der Schwelle bis sie zuerst aus dem Bette war und er sie sprechen hrte. Da
strzte er die hinaus tretende Alice beinahe zu Boden und flog mit solcher
Gewalt auf die Kranke zu, da sie, zum Tode erschreckt, sogleich ohnmchtig
ward. Gaston ward mit Gewalt entfernt, und seitdem hlt er sich auch ruhiger und
in seinem gewhnlichen Bereich. - Und wozu diese Erzhlung? fragte die Herzogin
rasch, von ihrem Stuhle aufstehend und einen Blick stolzer Erwartung auf
Stanloff werfend. Vielleicht, erwiederte der ruhige Diener, sich gleichfalls
erhebend, da zwischen der Lady und Gaston ein Zusammenhang statt findet, den
das kluge Thier schnell erkannt hat, und der uns zu Entdeckungen fhren knnte.
Die Herzogin wandte ihm unwillig den Rcken, und nach dem Schreibtisch hin
gehend sagte sie kalt: Ich bin nicht gelehrt, Master Stanloff, und mu Verzicht
darauf leisten, Dinge zu begreifen die ber die gewhnlichen Grenzen der
gesunden Vernunft zu gehen scheinen, die Gott mir allein verliehen. Ich will
Euch in so wichtigen Betrachtungen mit meiner Einfalt nicht strend sein, doch
mu ich bemerken, da ich nicht wnschen kann, da solche Dinge sich im Schlosse
unter den verschiedenen ungebildeten Dienstleuten verbreiten, als von mir oder
meinen nchsten Umgebungen ausgehend. Nichts ist ansteckender, als
geheimnivolle Trumereien, und nichts gefhrlicher fr das Glck unverdorbener
Leute niedern Standes. - Ihr habt zu befehlen, was meinen Mund anbetrifft, sagte
Stanloff. Die Thatsache der Aufmerksamkeit zu entziehen, lag jedoch weder in
meiner Macht, noch in meinem Beruf. Die Herzogin stand bleich und bebend an
ihrem Schreibtisch, und Stanloffs Herz schmolz in Wehmuth bei ihrem Anblick,
obwohl er heute so oft unter ihren scharfen Worten hatte leiden mssen. Die
Juwelen, welche sie trug, und das kleine Taschenbuch, habt Ihr's von Mistre
Morton erhalten? hob er an, mit dem gutmthigen Wunsche, sie aus ihrem Zustande
zu reien, dessen Ursache er vergeblich suchte und in Gastons unschuldigem Thun
nicht finden konnte. Mit beklommener Stimme sagte die Herzogin: Ja wohl,
Juwelen, Stanloff, nicht unwerth, in dem Diadem einer Knigin zu glnzen, ein
Armband und ein Kreuz. Das Buch, sagte sie kaum vernehmlich, aber sehr hastig,
war mit einer Perle von groem Werthe verschlossen; es lag ein Wechsel von
einigen tausend Pfund darin und noch ein Paar Zeilen. Groer Gott, was ist Euch!
rief Stanloff, denn die Herzogin endete die letzten Worte in einer Art von
Gesthn und taumelte gegen die Pfeiler des Fensterbogens. Nichts! Nichts,
Stanloff! rief sie wie trostlos, aber ruft Morton, und bei Eurer Pflicht, bei
Eurer tugendhaften Seele, ja, so lieb Euch der Friede der Meinigen ist, wendet
Alles an, dies Mdchen zu erhalten, sie herzustellen. Ich will sie sehen, heute
noch sehen. Stumm verneigte sich Stanloff, Mistre Morton zu rufen, aber sie
trat ihm in dem Vorsaal schon entgegen. Sie bedarf Eurer, sagte Stanloff tief
bewegt. Die beiden treuen Diener blickten sich einen Augenblick stumm und
traurig an. Stanloff fuhr mit dem Tuch ber die Augen, und Mistre Morton sah,
der alte Herr war um seine Fassung. Sie reichte ihm die Hand und sagte sanft:
Das Rechte thun und Gott vertraun! Er nickte mit dem Kopfe und eilte aus dem
Saale. Mistre Morton fand ihre Gebieterin zwar bla und ermdet, doch mit
wieder erlangter Fassung. Sie war seit einiger Zeit an diese pltzlich
wechselnden Zustnde gewhnt und zog es vor, sie vllig unbeachtet zu lassen,
berzeugt, dadurch die stolze Frau am schnellsten auf sich zurck zu fhren.
Auch lag in dem Sinn der alten Dienerin ein gewisser Stolz auf die Kraft und
wrdige Haltung ihrer Gebieterin, womit sie manche ihrer Fehler in ihren Augen
vershnte, und sie war fast empfindlich, die Lady seit einiger Zeit so oft mit
Weichheit und heftigem und sichtbarem Schmerze wechseln zu sehen, welches der
Wrde Abbruch that, in der sie dieselbe erhalten wissen wollte, selbst um den
Preis, dadurch als Dienerin in schrfere Grenzen der Zurckhaltung gewiesen zu
sein. Die alte kluge Dame hatte sicher fr diesen Karakter das Passendste
erdacht, denn die Lady fhlte sich sehr wohl mit Mistre Morton und schien stets
zu einer ruhigeren Betrachtung der Dinge in ihrer Gegenwart berzugehen. Auch
heute lie sie sich ihre stummen und angenehmen kleinen Dienste gefallen; sie
nahm ohne Widerstand einige Tropfen, die ihr wie absichtslos gereicht wurden,
als ahne man kaum den Zweck. Der Sessel war bequem gegen die sanfte Glut des
Kamins geschoben, die Fe ruhten gemchlich auf einem Polster, und leise legte
Mistre Morton einige Bcher, Arbeiten und kleine gebrauchte Gerthschaften bei
Seite, wohl wissend, da das Auge der Herzogin ihren Bewegungen unwillkrlich
folgte, aufmerkend, ob jedes seinen Platz gewnne, wodurch sie sich endlich
abziehen lie und zu einer Art von Ruhe gelangte, fast zugleich mit der
wiederkehrenden Ordnung ihres Zimmers. Mistre Morton wollte nun eben ihren
Platz einnehmen und eine Arbeit ergreifen, als die Herzogin mit freundlichem,
sanftem Ton sich zu ihr bog: Du scheinst fertig zu sein mit Deiner geschickten
Ordnungsgabe, und ich will Dich bitten, mir Deine Gegenwart bei meinen
beabsichtigten Besuchen zu schenken. Ich freue mich, da Euer Durchlaucht so
angenehm ber mich befehlen, sagte nun gleichfalls Mistre Morton heiterer, sich
dem Armstuhle nahend, in dem die Herzogin noch immer mit allen Zeichen der
Ermdung ruhte. Sie hob jetzt den Kopf und fuhr freundlich fort: Es wird wohl
nthig sein, da Du Deine Hand an meinen Kopfputz legst, denn ich mu, wie ich
vermuthe, nicht sehr bedacht gewesen sein, ihn zu schonen, und da wir so eben
gehen, in der Fremden eine neue Bekanntschaft zu machen, wollen wir uns nicht
als eine Verwirrte ihr zeigen. Doch halt, la sehen, liebe Morton, ob ich stehen
kann? - Es geht, fuhr sie fort, indem sie mit ihrer ganzen schnen Haltung
einige Schritte vorwrts that, und das Lcheln, welches auf den bleichen Lippen,
whrend sie sprach, mit den vorherrschenden Schmerzenszgen gekmpft hatte,
brach auf einen Augenblick durch, und sie versuchte zu scherzen, indem sie
fortfuhr: Ich werde so schnell, wie Pons, die Treppe hinab und hinauf eilen.
Rufe den Knaben, er soll zu meinen Tchtern und dann zur Fremden mir vorangehen.
    Als sie jedoch die Handschuhe, die ihr Morton darreichte, ergriff, sanken
pltzlich ihre Arme an ihr nieder. Sie fate die Lehne des Stuhls, und hob Kopf
und Blick mit unaussprechlichem Ausdruck gegen die Decke. Da zog Pons den
Vorhang, der die angrenzenden Zimmer trennte, und zeigte sein heiteres
jugendliches Gesicht, das er mit Mhe in die Ehrfurcht ausdrckenden Falten zu
ziehen suchte, indem er sich und seine kleine mit Federn geschmckte Mtze zur
Erde neigte. Schnell war die Herzogin wieder gefat. Nun, Pons, sagte sie
freundlich, bist Du munter, oder nach Pagenart schlfrig und unlustig, selbst
den Fcher oder Schleier Deiner Dame zu tragen? Pons lie statt aller Antwort
sein Auge zu ihr aufgehen, und dies widerlegte mchtig den geuerten Verdacht,
denn was je an Schalkheit und Munterkeit in dem Hirn eines Pagen reifte, blitzte
aus diesem kohlschwarzen Augenpaar. So, so, sagte die Lady lchelnd, Deine tiefe
Verbeugung sollte mir blos den Schalk verbergen, der mich jetzt anblickt. Der
aber nie schlfrig und unlustig ist, wenn seine erhabene Gebieterin ihn mit
ihren Befehlen beehrt, flsterte Pons. Kind, rief die Herzogin, Mortons Arm im
Hinausgehen nehmend, Du sprichst, als httest Du John Spencers Pagen-Lexikon
gelesen, ein berhmtes Buch, unter Heinrich des Achten wohl dressirter
Pagenzunft. Pons flog wie ein bunt gefiedertes Vgelchen in seinem zierlichen
Kostm von den Farben des Hauses durch die hohen Zimmer und Gallerien, das Nahen
seiner Herrin an die in den Vorzimmern der jungen Grfinnen harrenden Diener zu
melden, und die Herzogin ward mit lauter Freude von Arabella und Lucie
empfangen. Beide waren mit ihren Damen in der Gesellschaft des Master Copley,
der jeden Tag einige Morgenstunden dazu benutzte, den wissenschaftlichen Theil
der Erziehung der jungen Grfinnen zu leiten. Es war ein unbeschreiblich
heiterer und hchst ehrwrdiger alter Mann, als Geistlicher von den
gemigtesten Gesinnungen, von einer grndlichen wissenschaftlichen Bildung,
unverheirathet und mit ganzem Herzen an der herzoglichen Familie hngend, der er
seit dem Vater des letzt verstorbenen Herzogs als Schlokaplan diente. Die
Herzogin hatte heute eine anmuthige weiche Hingebung gegen Alle, sie wute Jedem
ein gtiges Wort zu sagen oder einen freundlichen Blick zu geben. Mistre Morton
war ganz glcklich, denn so war die Herzogin in ihrer besten Stimmung, milde und
doch mit der Wrde, die ihr hoher Rang und ihr ernster Karakter mit sich
brachte. Sie wute dann Alles um sich her in eine angenehme Stimmung zu
versetzen und heilte die kleinen Wunden, die sie oft schlug, so da selbst neue
weniger schmerzten. Doch fhlte Mistre Morton wohl, da gegen das Ende ihres
Besuches ein kleiner Kampf in ihr entstand; sie war zerstreut und blickte
zuweilen ernst um sich her. Endlich erhob sie sich; doch noch zaudernd trat sie
an eins der hohen Bogenfenster, das nach dem Park hinaus ging. Sie schien den
Sonnenblick zu verfolgen, der die trb' aufgehuften Wolken eben durchbrach und
langsam an den grnenden Partieen des Parkes dahin strich. Mistre Morton sah
ber die Schulter Copley's, mit dem sie eifrig sprach, wie der Ausdruck in den
Zgen der Lady schnell, und nichts Gutes verkndigend, wechselte, aber es ging
vorber. Muthig richtete sie sich von dem Fenstergesims empor; sie ging auf ihre
Tchter liebreich zu, schlo sie in ihre Arme und blickte ihnen lange zrtlich
in die Augen, kte sie dann beide und sagte sanft: Meine geliebten Kinder, wir
wollen nie Euern theuern Vater vergessen, stets seiner Tugenden gedenken und
ihnen nachleben, dann werden wir alle ertragen knnen, was Gott verhngt. Sie
entlie die tief gerhrten Kinder aus ihren Armen, grte mit einer anmuthigen
Bewegung die Uebrigen und schritt mit fester Haltung, ohne Mortons Arm, aus den
Zimmern, die Gallerie entlang, welche sich in einem Saale endigte, der in zwei
Eingngen zu den Gemchern des Prinzen von Wales fhrte, deren eine Reihe die
prachtvollen Zimmer enthielt, welche die alte Herzogin fr jetzt bewohnte; in
den andern dagegen befanden sich die sogenannten Vorzimmer, nach dem
Schloplatze hinaus gehend und jetzt von der Fremden bewohnt, welche die
Herzogin im Begriff stand aufzusuchen. Pons flog schon, von seiner Meldung
zurckkehrend, der Herzogin in dem Saale entgegen, aber sie schien ihn nicht zu
sehen, sondern schritt an ihm vorber in die geffnete Zimmerreihe. Kaum hatte
sie das erste Zimmer betreten, als an der Schwelle des dritten eine weibliche
Gestalt erschien, die, so wie sie die Herzogin erblickte, rasch voreilte, so da
die Herzogin mit ihr in dem dazwischen liegenden Zimmer zusammen traf. Einen
Augenblick ruhten Beider Blicke auf einander, dann lag die Fremde mit gebeugtem
Haupte zu den Fen der Herzogin, die in demselben Augenblicke leise wie
sterbend die herzueilende Morton rief, deren Arm krampfhaft ergriff und, starr
ihre Blicke auf die Knieende heftend, unfhig eines Wortes, einer Bewegung
blieb. O, meine Beschtzerin! rief jetzt die Knieende, und diese Worte waren von
einer so melodischen Flle des Tones begleitet, da sie s jedes Ohr erreichen
muten, aber die Herzogin zuckte zusammen, als ob diese Tne sie zerrissen. Doch
es war das letzte Zeichen ihrer Erschtterung, ihre Besinnung kehrte wieder, und
sie fhlte mit Scham und Verlegenheit, wie die Arme noch zu ihren Fen lag. Um
Gott, Mylady, was thut Ihr! rief sie lebhaft; steht auf! Knieen wollen wir, aber
gemeinschaftlich vor dem liebevollen Beschtzer dort oben, der Euch hierher
fhrte, wo wir uns bemhen wollen, die Euch widerfahrene Unbill gut zu machen.
Da hob die Fremde zuerst ihren Kopf von der Brust zu der Herzogin empor und
zeigte ein Antlitz, berstrmt von Thrnen, aber mit dem sanften Anhauche eines
dankbaren Lchelns, das dies Gesicht, trotz seiner Lilienblsse mit dem
rhrenden Zauber weiblicher Schnheit belebte. Sie richtete sich vom Boden mit
Hlfe der Herzogin auf und stand nun vor ihr, in einer vllig ungezwungenen und
natrlichen Haltung. Aber als sie, von der Herzogin gefhrt, mit ihr nach einem
Sessel ging, wollte es selbst Morton, der eiferschtigen Dienerin, scheinen, als
ob die Herzogin in schner Haltung nachstehe und diese junge Gestalt allein
Alles vereinige, was man darunter zu verstehen pflegt. Stanloff hat uns heute
endlich die Erlaubni gegeben, Euch sehen zu drfen, sagte die Herzogin, indem
sie Platz nahm, und ich bin hier, Euch willkommen zu heien und Euch zu fragen,
ob Ihr keine Klagen zu fhren habt ber irgend eine gegen Euch versumte
Pflicht, oder ob ich in irgend etwas persnlich im Stande bin, Euch zu dienen?
O, Mylady! rief hier die Fremde und drckte die schnen Hnde an ihre Brust,
fragt nicht, ob es mir gut erging. Ich war, seit ich in diesem Schlosse bin, in
den Hnden der edelsten Menschen. Ihr Auge richtete sich bei diesen Worten mit
einem Glanze auf Mistre Morton, der aus der warmen Dankbarkeit eines schnen
Herzens zu steigen schien und so ausdrucksvoll war, da die ehrwrdige Dame,
ganz bewegt, tiefer sich vor ihr neigte, als sie es nachher in ihrem Zimmer
begreifen konnte, und die Herzogin von dieser alten und stolzen Frau nie anders,
als vor sich selber, es erlebt hatte. Und Ihr, Mylady, fuhr sie fort, kommt nun
zu mir armen verwaisten Kinde. Ihr wollet den gromthigen Schutz besttigen,
den ich bis jetzt geno. Ach, ich danke Euch fr die Wohlthat Eures Anblickes;
Ihr werdet mir erlauben, Euch mein Herz zu ffnen, und von Euch werde ich dann
besser, als von mir selbst erfahren, wie mein Schicksal anzusehen ist. - Lat
das fr jetzt, liebes Kind, sagte die Herzogin und legte sanft die Hand auf ihre
Schultern, nicht um Euch an Euer Unglck zu erinnern, kam ich hierher; ich darf,
ohne Stanloffs Vorwrfe zu verdienen, nicht zugeben, da Ihr Euch erschttert.
Es bedarf nicht solcher Mittheilungen, fuhr sie immer wrmer fort; schweigt ber
Eure Verhltnisse, Euern Namen, so lange es Euch gefllt, Ihr seid meines
Schutzes gewi, und ich bedarf, nun ich Euch gesehen, vorlufig keines Brgen;
auf dieser Stirn stehen die Vorrechte der Geburt und der Unschuld! - Der
gespannten Aufmerksamkeit der Mistre Morton war es nicht entgangen, da die
Herzogin hier in wenig Minuten das Schicksal derer theilte, die sich bisher
dieser jungen Person genhert und aus ihrer Persnlichkeit denselben Glauben
geschpft hatten. Die Herzogin schien selbst zu fhlen, da sie diesen eben
bezeichneten Eindruck etwas schnell gewonnen habe; sie liebte nicht, wenn ihr
Gefhl ihrem Verstande voraus eilte, vielleicht, weil sie sich des ersteren
nicht als ganz zuverlssig bewut war, und sie sah ein aufsteigendes Mibehagen
ber ihre schnelle Hingebung in sich voraus, als dieser augenblickliche
Ideenflug unterbrochen ward durch die Worte: Geburt und Unschuld, welche die
junge Lady mit einem unverkennbaren Ausdruck von Erstaunen wiederholte. Sie
schien hier vor einer neuen Idee zu stehen, die sie nicht zu verfolgen
vermochte, und es lagerte sich ein zarter Anflug von Nachdenken um ihr ernster
werdendes Antlitz. Doch die stets verwhnte Herzogin, nie sehr geneigt, die
feinern Empfindungen Anderer zu bemerken oder errathen zu wollen, da sie gern
ihre eigenen ihren Umgebungen als Ziel zu stecken pflegte, schien auch diese
unverkennbare Wirkung ihrer Worte in der jungen Lady bersehen zu wollen, setzte
aber mit einem sehr wohlwollenden Tone hinzu, indem sie sich erhob: Ich darf
nun, hoffe ich, ohne Euch zu sehr anzugreifen, fr Eure Unterhaltung sorgen.
Meine Tchter, ihre beiden Damen sollen Eure Einsamkeit Euch erleichtern helfen,
bis Ihr so weit hergestellt seid, in unserm Familienkreis erscheinen zu knnen.
Lebt wohl Lady und richtet Euern Geist auf, damit Eure Gesundheit erstarken
knne! - O, geht noch nicht! rief die Unbekannte, wie erwachend, und stellte
sich schnell von ihrem Platze vor die Herzogin, sagt mir, edle Frau, Ihr wollt
mich ferner schtzen? Kein Mensch kann hier feindlich eindringen? Diese Zimmer
sind ganz sicher? - Ach verzeiht mir, liebe Mistre Morton, oft habt Ihr gtig
diese Fragen mir beantwortet, ich glaubte Euern trstlichen Worten, und doch
sehnte ich mich nach der Besttigung aus diesem Munde. O, zrnt mir nicht,
Mylady, man nannte mich furchtlos sonst. Ach, man hat sich schwer getuscht,
meinem glcklichen Leben fehlte blos das Furchtbare, mit ihm lernte ich auch die
Furcht kennen. - Seid unbesorgt, erwiederte die Herzogin, dies stre nimmer Eure
Ruhe. Fr Eure Sicherheit verbrg' ich mich; im Schoo der Euern waret Ihr nicht
sicherer. - Gott lohne Euch so groe Gte! rief nun das holde Wesen, und es
wiederstrahlte ihr Gesicht von Dank und inniger Verehrung. Sie hatte lieblich
sich gebeugt und ihre Hnde kindlich auf die Brust gekreuzt. Die reichen braunen
Locken umschatteten in glnzender Flle die hohe Stirn, das liebliche Oval. Sie
hob die Augen langsam zur Herzogin empor, und wer diesen Blick erkannt hatte,
der mute fr immer sich ihr weihn. Auch schien die Herzogin davon aufs Neue
erschttert; noch ruhete ihr Auge darauf, als knnte sie es nicht losreien,
aber ihre Fe, ihre Arme hoben sich auer aller Haltung wie zur Flucht. Die
Farbe wechselte auf ihren Wangen, und kaum vernehmlich stammelte sie ein wenig
motivirtes schnelles Abschiedswort. Rasch eilte sie durch die Zimmer und blieb
dann unbeweglich vor Pons stehen, der im Vorsaal harrend in seiner tief
gebeugten Stellung um ihre Befehle fragte. Sie sah ihn nicht, seine Worte
erreichten nicht ihr Ohr. Ihre Augen blickten trbe in die Ferne des Saales, als
gewahre sie dort einen Gegenstand. Pons hob bei ihrem fortgesetzten Schweigen
den Kopf empor, vielleicht in guter Hoffnung einer Fortsetzung des frheren
Scherzes.
    Aber so auffallend war der Ausdruck in den Zgen seiner Herrin, da er
zurck sprang und die Augen scheu nach dem Raume warf, in den die Herzogin
hineinstarrte. - Zur selben Zeit trat Mistre Morton vor, und ihre Stimme
erreichte ihr Ohr. Was willst Du, Morton, was habe ich gethan, wie sagst Du?
rief die Herzogin jetzt schnell auf einander. Pons erwartet die Befehle Euer
Durchlaucht, sagte Morton in fast strengem Ton. Die Herzogin strich mit der Hand
ber die gespannte Stirn und deutete dann nach den Thren, welche zu den Zimmern
der alten Herzogin fhrten. Pons verschwand wie der Blitz, aber die Herzogin
behielt keine Zeit sich zu sammeln, denn die alte Lady, von ihrer Nhe
unterrichtet, hatte schon Lovelance an die Thr geschickt, den mglichen Besuch
der Schwiegertochter zu empfangen. Sie kam ihr in ihrem Wohnzimmer entgegen,
aber die freundlichen Mienen und Worte, mit denen sie daher kam, erstarben, als
sie die Herzogin nher anblickte. Todtenbleich mit gebrochenen Augen zuckten
ihre Lippen nach Worten, aber nur ihre Hand konnte ein schwaches Zeichen gegen
die Thr machen. Diese verschlo sich dem Winke, und sie ergriff mit letzter
Kraft einen Lehnstuhl, darauf bewutlos niedersinkend. Ruft Niemanden zu Hlfe,
Milady, rief die besonnene Morton, und erschreckt nicht, es wird bald vorber
gehen. Ich fhre Alles bei mir, was der Frau Herzogin nthig ist. Whrend dem
lste sie geschickt den Grtel und die Banden an dem Kopfzeuge, und rieb Stirn
und Schlfe und die zuckenden Pulse mit flchtigen Tropfen, inde die alte Lady,
so ruhig und gefat, wie die alte Dienerin, mit mtterlicher Innigkeit zwischen
ihren warmen Hnden die erstarrten der Herzogin zu beleben suchte.
    Sah meine Tochter die Fremde? - Sie sah sie so eben. - Dies waren die
einzigen leise gewechselten Worte der beiden Frauen. Ihren stillen Bemhungen
entsprach bald der Erfolg. Die Herzogin schlug die Augen auf, und sich
zusammenraffend blickte sie umher. Als ihr klar ward, was geschehen war, suchte
sie sich zu erheben. Sie wollte sprechen, doch die alte Lady lie sie nicht zu
Worte kommen, sondern sagte, indem sie sanft sie zu einem Stuhl am Kamin fhrte
und in ungestrter Ruhe, wie es schien, sich an ihrer Seite niederlie:
    Mu ich nicht wieder schelten? Wie Du Deine Gesundheit wagst! Ohne Mantel
bist Du ber die kalten Gallerien und Sle gegangen, und die Luft ist so voll
Nebel heute, da kein Fenster dicht genug ist, ihn abzuhalten. Vergit Du ganz,
wie Deine Gesundheit jetzt zarter behandelt sein will, als sonst? Wollten wir
Dich strafen, plauderten wir aus, wie leidend Du Dich machst, aber wenn Du
Deinem alten Mtterchen nur knftig folgen willst, wollen wir Dich nicht
verrathen, denn Deine Kinder htten freilich gro Recht, mit Dir zu schelten.
    Die Herzogin senkte den Blick, den sie, whrend die edle Lady sprach, fest
auf sie gewendet hielt, als wollte sie die unbefangenen Worte prfen. Doch wenn
auch zweifelhaft blieb, ob sie diese jhe Ohnmacht wirklich dem Nebel in den
Gallerien zuschrieb, Wohlwollen, ungeknstelt und rein, wie es in diesem Herzen
vorwaltete, war der unverkennbare Ausdruck in ihren weichen Zgen, ihrem Blick,
im Ton der Stimme. Der starre Ernst auf dem bleichen Angesicht der Herzogin
lste sich, wie fters an der Seite dieses warmen, hingebenden Gemths, in eine
Art von Ergebung auf. Sanft zog sie die liebende Hand an ihre Lippen und sagte
mild:
    Du hast mich also noch nicht aufgegeben, meine wahre, liebe Mutter? Man
schilt nur da, wo man noch auf Besserung hofft. Ich will Dir so gerne folgen,
htte ich Dir immer folgen knnen, wre ich Dir vielleicht hnlicher. Ach, ich
bin schwach, wie ich und Andere mich wohl noch nie gesehen. Ich bin mir fremd
und kann mich in mir selbst nicht finden. Welch' ein gebrechlich Ding ist, was
wir oft in uns als Kraft bezeichnen mchten, weil wir ertragen konnten, was
Andere um uns her erweichte; und jener eitle Wahn eines steten Muthes, weil uns
lang verschonte, was uns zu beugen aufbehalten war, wenn er verfliegt, welch'
einen Blick lt er in unser Inneres thun, von dem wir ohne Vorwurf kaum uns
wenden knnen! Es will uns mahnen, als htten wir Vieles wohl in uns versumt
zur Hlfe aufzuziehen, da wir irrthmlich so stolz des Einen uns gesichert
glaubten, was wir Kraft nannten!
    Wo ist die Brust, die menschlich fhlt, geliebte Tochter, erwiederte ernst
die alte Lady, und dennoch ohne Wanken in immer gleicher Fassung sich rhmen
kann, dem Leben zu begegnen. Wir hren darum nicht auf, krftigen Gemths zu
sein, wenn uns erschttert, was Gott zur Prfung dieser Kraft beschliet, sie
wird oft erst recht wahrhaft uns zu Theil, wenn wir durchdrungen wurden von
ihrer irdischen Gebrechlichkeit. Es hat mir oft scheinen wollen, als deuteten
gar Viele den Begriff von Kraft wohl anders, als es vielleicht von Gott
bezeichnet ward, und Du, geliebtes Kind, scheinst mir mit Deinen Klagen zuerst
Dir selbst zu nahe zu treten. Kraft ist etwas Anderes, als Hrte des Gefhls. Du
bist nicht schwach, wenn Du tief leidend fhlst, was Gottes Hand Dir auferlegte.
In Deinem Schmerze auch liegt Kraft, die Du zerstoben whnst, weil sie Dich
nicht mehr rstet gegen ihn. Nicht das ist mir als Kraft erschienen, was uns
ablst von dem Allgefhl von Schmerz und Freude, krftig just scheint mir der
Mensch gestaltet, der Raum und Anklang fr den Vollbegriff des Daseins hat;
Freud' und Schmerz mu Recht behalten ber ihn, und Streit und Widersprche
drfen ihn bewegen. Immer wird er noch zum Bund der Starken sich zhlen drfen,
denn wenn Du reich begabt in's Leben trittst, ergreift es Dich auch reich, Du
trachtest es zu heherrschen, es reizt Dich, da Du von ihm beherrscht Dich
fhlst. Dies Ringen um den Preis der Freiheit ist das Ziel, das jeder starken
Seele vorschwebt, und jeder Siegende mu Kmpfer gewesen sein. Was Dich alsdann
erquickt, nenn' es Frieden, nenn' es Geduld, es ist so schwer, es zu erringen,
da auch der Starke es spt erst in seiner vollen Bedeutung sein eigen nennt. -
    Geduld, geliebte Mutter, nennst Du dies Lammgefhl, was die Natur, ohne alle
Zugabe und Verdienst, oft in die Brust des schlaffsten Wesens bei der Geburt
schon legte? Nennst Du es synonym mit Kraft, whrend mir beide als Pole in der
menschlichen Natur erscheinen? Ist denn Geduld nicht just der Mangel aller
Kraft? Wird der, der Muth in sich fhlt, dem Leben die Gestaltung abzuringen,
die er in sich beschlossen, als die rechte, wird er, anstatt zu thun, wozu die
Krfte ihn beriefen, als thatenloser Zeuge stehn und blo empfangen, gut oder
schlecht, was Andere statt seiner beschlossen? -
    Wer hat gelebt und nicht erfahren, liebe Tochter, da jenen muthigen
Beschlssen im Gelingen die Grenze gesteckt ist. Wir schauen das Leben an, ein
lieblich Rthsel in der Jugend, von dem wir nur glckliche Auflsung hoffen. Es
widerstrebt dann spter, und wir entzcken uns im Widerstande, der unsere Krfte
weckt, im heien, aber gengenden Gefhl so viel zu geben, als wir nehmen. Wer
krftig erschaffen ward, der trumt, das Leben sei in seiner khnen Hand; nach
Auen hin sieht er Hoffnungen erweckt und suchet groe Dinge; doch ist kaum der
Gipfel erreicht, wo er beginnen wollte, und es bricht zusammen, was in dem
Bereiche dieser Trmmer lag, was er just schaffen und erreichen wollte. Gar
leicht erscheint da dem Besten auch der Augenblick, wo er sich frgt, ob er die
Welt, ob die Welt ihn betrogen habe. Der Krftige berlebt diesen Augenblick,
und was dann in ihm ersteht, beglaubigt erst, was frher er verheien. Zwischen
Wollen und Gelingen ist die geheimnivolle Tiefe ihm aufgedeckt. Die Grenze, die
dem raschen Schritte von Auen ward gesteckt, er steckt sie selbst sich in die
feste Brust. In sich zurckgewiesen, sammelt er die Schtze, die so reizend aus
sich selber ihn herausgelockt; und was aus diesem zchtig eingehegten Schatze
nach Auen dann wieder dringet, es will nicht sich, es will dem Guten helfend
sich erweisen. Auf diesem Wege kmmt im Starken, und just allein in ihm, das
groe Wort zu Ehren, was ich Dir nannte: Nenne es Frieden, nenn' es Geduld! -
    O Mutter, wie Wenige verdienen dann Dein heilig Wort! Wie schnde hab' ich
selber auf dies Gefhl geblickt, was aus Deinen Worten zum Heil'genschein mir
wird, um eines Mrtyrers vernarbte Stirn! -
    Und wer auch, meine Tochter, ruft die Deutung dieses Wortes uns himmlischer
zurck, als diese Muster hchster Kraft und Tugend? Lohnte ihnen denn auf ihrem
Wege der irdische Erfolg? Glichen sie nicht alle, von dem Hchsten an, dem
Semann, der lang vor der Ernte dem Felde entrckt ward, das er in drrer Zeit,
den jungen Keim zu nhren, mit seinem eignen Blute sanft betrufte? War die
Geduld, mit der sie schieden, nicht dieser hhere Aufschwung ihrer Seelen, war
sie nicht Kraft? -
    Sie war es, theure Mutter! Nie habe ich dies verkannt, und doch ist mir die
Anwendung fr unser kleines Leben, ich gestehe es Dir, nie ganz so klar
geworden. Es ist mir, als mte ich die Bedeutung, die heute mich davon
durchdrungen, in alle Welt verkndigen, da Keiner lnger whne, er sei in
Kraft, wenn er dem Leben grolle, das von seinem eitlen Streben ihn verwiesen und
eine Bahn ihn fhrt, die minder den stolzen Trumen gengt, die er sich selbst
erschuf. -
    Der ist der Schwache, liebes Kind, der unablssig dem Phantome seiner
Eitelkeit nachschleicht, der daran selbst sich zehrt, in ewig unbefriedigter
Empfindung, und dem Individuum hassend aufzubrden strebt, was seine eigne
Schwche ihm geboren. Doch la mich ein Ziel finden, habe ich nicht zu lange in
diesem unbequemen Lehnstuhl Dich gefesselt bei Deinen Leiden. -
    Glaube das nicht, geliebte Mutter! Ein Engel fhrte meine wankenden Schritte
zu Dir, immer ist Deine liebe Nhe der Balsam fr mein Herz, doch heute haben
Deine Worte mich erhoben, Du weit nicht wie, und wie just zur rechten Zeit! -
    Gelobt sei Gott! sagte die alte Lady und kte der scheidenden Herzogin die
Stirn, wir mssen stets mit Rhrung und mit Dankbarkeit es hren, wenn Gott sich
unserer bedient, denen wohlzuthun, die er liebt.

Als die Damen sich bei der Mittagstafel wieder fanden, zeigte die Herzogin ihrer
Schwiegermutter an, da sie Briefe aus London von Lord Archimbald und ihren
Shnen habe, und da sie in einigen Tagen schon ihren Schwager und den jungen
Herzog zurck erwarten drfe. Ihre Tchter und Mistre Dedington und Carby
forderte sie dagegen auf, den Nachmittag der fremden Lady einen Besuch zu
machen. Lucie schlug entzckt in die Hnde, und es war seit lange wieder das
erste heitere Mittagsmahl; denn auch die nahe Ankunft des Oheims und Bruders
schien auf die verschiedenen Hausgenossen nach Maagabe ihrer Verhltnisse
belebend zu wirken. Doch Luciens Vergngen kannte keine Grenzen. Die fremde
Lady, der Bruder, der Oheim, Alles reizte ihre natrliche gute Laune, und Ramsey
und Pons und Ottwey und Jepson und andere ihrer Lieblinge muten durch tausend
kleine unschuldige Neckereien der Ableiter werden, bis sie die Fchen zu ihren
Sprngen gebrauchen durfte. Mit einem Mal rief sie:
    Liebe Mama, Du hast uns noch nicht gesagt, wie die fremde Lady heit; wie
sollen wir sie nennen? -
    Darnach fragte ich nicht, mein Kind, denn es geziemt sich nicht, den, der
unsern Schutz geniet, mit Fragen der Art zu belstigen. -
    Aber warum sagte sie ihren Namen Dir nicht? fragte Lucie weiter. -
    Ich wnschte nicht, da sie Dinge sprche, die sie angriffen, da Doktor
Stanloff sie geschont wissen wollte. - Lucie wollte eben weiter fragen, warum
die Nennung ihres Namens angreifend sei, als die Herzogin nach einigen leisen
Worten gegen ihre Schwiegermutter zugleich mit derselben sich erhob, mit dem
Bemerken, sie wnsche, da man sich beim Desert nicht stren lasse, welches ein
Zeichen war, da die beiden Damen allein sein wollten. Als die Herzogin ihre
Schwiegermutter zum Kamin gefhrt hatte, nahm sie die empfangenen Briefe, und
mit der ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit gegen ein Familienhaupt, als welches die
alte Herzogin, trotz ihrer bescheidenen Zurckhaltung, immer in der Familie
angesehen ward, zeigte sie ihr an, da Lord Archimbald ihr einige Nachrichten
gegeben habe, ber die schon vor dem Tode ihres Gemahl mit dem Grafen von Dorset
angeknpften Heirathsangelegenheiten zwischen ihrem Sohne Robert und der
ltesten Tochter des Grafen, der Lady Anna Dorset. Beide hatten sich, auf der
Reise des Herzogs nach Spanien, bereits in London kennen gelernt und, wie es
schien, sich gefallen. Die Vter waren sehr erfreut, ihre Wnsche so in
Erfllung gehen zu sehen, und der Oberhofmeister Graf Dorset hatte den
nunmehrigen jungen Herzog mit Auszeichnung empfangen, und den Grafen Archimbald
und Salisbury alle dem verstorbenen Herzog geleisteten Versprechungen in Betreff
der Vermhlung wiederholt.
    Mein Sohn jedoch, fuhr die Herzogin fort, hat es im gegenwrtigen
Augenblicke unpassend gefunden, mit seinen Bewerbungen vorzutreten, und obwohl
er in dem Familienkreise des Grafen Dorset erschienen ist und mit hoher
Bewunderung von der jungen Lady spricht, ist doch seine Absicht darauf gerichtet
gewesen, sich seiner Pflichten bei Hofe zu entledigen, um zu uns zurckzukehren.
Graf Archimbald wird ihn begleiten, um ihn hier in den auf ihn harrenden
Pflichten zu untersttzen; er hat aber dagegen einwilligen mssen, meinen Sohn
Richmond fr einige Wochen beim Grafen von Salisbury zurckzulassen, weil
derselbe leidend, die Untersttzung einer zuverlssigen und ihm ergebenen Person
wnschte. Hier ist Richmonds liebenswrdiger Brief, und hier die Einlage vom
Grafen Archimbald.
    Ich kann Dir nur Glck wnschen, erwiederte die alte Herzogin, zu der
Aussicht einer Vermhlung, die ich nach meiner Bekanntschaft mit der Familie
Dorset heilbringend hoffen darf. Der Graf hat noch eine jngere Tochter, welche
Olony heit, und Beide, denke ich, konnten unter der Leitung einer solchen
Mutter nur gut sich entwickeln. Es mssen brigens die reichsten Erbinnen in
London sein, Olony jedoch bedeutend jnger, als Anna.
    Lies selbst, liebe Mutter, sagte die Herzogin lchelnd und reichte ihr Graf
Archimbalds Brief, was mein Schwager mir ber Olony sagt; denn fr Dich wird
wohl das strenge Geheimni nicht obwalten, das er mir anempfiehlt. Du wirst
daraus selbst sehen, da er dies junge Frulein, das ihn ganz bezaubert hat,
nicht umsonst, nchst Anna, fr die glnzendste Partie anerkennt, und da sie
ihm fr Richmond wie geschaffen scheint. Doch als das Nthigste erkennt er die
grte Geheimhaltung dieses Wunsches, da Richmond sich stets mit einer Art von
Geringschtzung ber gestiftete Heirathen ausgelassen hat, und dies der erste
Grund sein wrde, ihn zu entfernen.
    Ich war nicht ohne Gedanken darber, sagte die alte Herzogin, es kmmt
vielleicht so, ohne unser absichtliches Dazuthun, was allerdings vorzuziehn ist.
Es freut mich, da Katharine von Dorset, die Mutter dieser lieben Mdchen,
welche mir kindlich ergeben ist, mir frher, als die Trauer-Nachricht zu uns
kam, versprach, ihre Tchter mir zuzufhren. Ich thue daher nichts
Absichtliches, wenn ich bei dem nahenden Sommer und meiner Rckkehr nach
Burtonhall sie an ihr Versprechen erinnere. -
    Als man sich an dem Abend desselben Tages getrennt und die Herzogin die
brigen Frauen ihrer Bedienung entlassen hatte, wendete sie sich zu Mistre
Morton, die stets bis zu dem Augenblick bei ihrer Gebieterin blieb, wo diese ihr
Lager bestieg, und sagte, die Hand auf ihre Lippen legend, mit leiser Stimme:
    Gehe, Morton, sieh, ob Alles in Ruh um uns ist, ob der Weg - sie stockte und
legte schnell die Hand unter ihre linke Brust, als ob sie einen Schmerz fhle -
ob der Weg, fuhr sie mit bebender Stimme fort, leer ist und ungestrt ber diese
Zimmer bis zum italienischen Flgel. Ja, Morton, Du hrtest recht, erschrick
nicht, es ist unwiderruflich beschlossen, setzte sie hinzu, da Mistre Morton
zurck wich und ihr Erstaunen fast wie ein kleiner Ungehorsam aussah. Schweig,
ich bitte Dich! Ich mchte in diesem Augenblick nicht gern streng sein, am
wenigsten zu Dir, meine treue Freundin, und doch, ich wrde den Dienst, den Du
mir heute noch leisten wirst, selbst mit Hrte von Dir erpressen. - Mistre
Morton kannte ihre Gebieterin zu wohl, um nicht an die Wahrheit dieser Worte zu
glauben, aber dies Vorhaben widerstrebte zu sehr ihrem treuen und vernnftigen
Sinn, um sich ihm bereitwillig zu fgen.
    Es steht in Euer Durchlaucht Gewalt, meinen Gehorsam zu erzwingen, sagte die
ehrwrdige Frau und senkte bekmmert die Augen zur Erde; ich fhle dies in
diesem Augenblicke seit den langen Jahren, die ich Euch diene, zum Ersten Mal
mit Schmerz, denn ich frchte, Ihr fordert meinen Gehorsam gegen Euer Wohl! -
    Genug, genug! Mache es mir nicht schwer, das ohnehin so Schwere! rief die
Herzogin ohne Unwillen, aber mit tiefem Schmerz; sei gut, rege nicht mein Herz
auch noch durch die Furcht, Dir wehe zu thun, auf. Geh, geh! Thue, was ich Dich
bat, es mu geschehen! Es wird mir gut thun, la mich nicht weiter sprechen, und
geh jetzt!
    Mistre Morton fhlte, wie umsonst ihr Widerstand sein wrde, aber ihr
Gesicht war von den Gefhlen ihrer Brust mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes
umzogen, und die Herzogin wendete sich mit einem Seufzer weg, als die alte Dame
stumm eine der Kerzen ergriff und sich aus dem Zimmer begab. Sie untersuchte mit
trber Ahnung die Ruhe des Schlosses und kehrte, nachdem sie berall Alles still
und ruhig gefunden, mit schwerem Herzen nach dem Schlafgemach zurck. Sie fand
dies leer; aber die Thre, die nach dem Chorstuhl in der Kapelle geffnet war,
deutete an, wohin die Herzogin mit ihrem beladenen Herzen sich geflchtet. Voll
Ehrfurcht, und erhoben von der Erinnerung an diesen hchsten Trost, faltete
Mistre Morton ihre zitternden Hnde, und das kurze, aber innige Gebet ihres
treuen Herzens war so uneigenntzigen Inhalts, wie wohl selten zu dem Throne
Gottes dringen mag. Ihre Gedanken wurden jedoch jetzt abgezogen durch die Worte,
welche aus der Kapelle zu ihr drangen und der Schlu eines Gebetes zu sein
schienen, das mit starker flehender Stimme gesprochen wurde:
    Herr, segne den schwachen Willen meines Herzens, la mich Milde ben und
belebe mit dem Geiste Deiner unerschpflichen Gte diese erkaltete Brust. Du
siehst in die Tiefen der Seele, Du kennst die Gedanken, ehe sie entstehen! Vor
Dir sinkt das Gerst des Stolzes und der Eitelkeit, wohinter wir unser Gewissen
zu bergen suchen. So erwecke mich denn und rste mich aus, Deinen Willen zu
erfllen. Nicht das geschehe, was ich in meiner irdischen Schwche begehre,
sondern das, was Du willst, das lehre mich thun, und Dein guter Geist fhre mich
auf ebener Bahn! - Es ward still, und bald erschien die Herzogin an dem Eingang
der Thr, und als ihr Blick auf Mistre Morton fiel, die mit gefalteten Hnden,
den Kopf in Andacht auf die Brust gesenkt, ihr gegenber stand, schritt sie ihr
entgegen und sagte mit gehobener Stimme: Amen! - Amen! erwiederte Mistre Morton
leise. Beide Blicke trafen sich, und die Scheidewand zwischen Herrin und
Dienerin sank nieder in dem frommen Gefhle, womit Beide erfllt waren. Die
Herrin ruhte einen Augenblick an dem mtterlichen Busen der edlen Frau, die in
der Liebe zu ihrer Gebieterin die eignen Wnsche lngst verlernt hatte. Willig
lie sie sich dann gefallen, was die alte Freundin zu ihrer Verhllung herbei
schaffte, und unterdrckte das hindernde Wort, als die Sorgliche mit
geheimnivoller Hast nach dem Flschchen griff, dessen Inhalt der Herzogin oft
zu Hlfe kommen mute. Sie nahm sodann den Armleuchter und schritt der Herzogin
voraus. Der Mond leuchtete vor ihnen her durch die hohen Bogenfenster, das Licht
der schwankenden Kerzen vermochte die weiten Rume nicht zu durchdringen, aber
die seit Jahren so oft durchstreiften Gemcher boten kein Hinderni dar, und man
gelangte nach dem nrdlichen Thurmzimmer und stand jetzt vor der Thr, die nach
dem italienischen Flgel fhrte. Die Herzogin reichte mit gesenktem Blick an
Mistre Morton den Schlssel, den sie unter ihrem Mantel trug, und Morton
ffnete die Thre, welche sogleich die weiten Sle berschauen lie, die, in
ihrer innern Einrichtung so abweichend von den eben durchwanderten Zimmern, die
Kunstwerke aufbewahrten, welche diesem Flgel seinen Namen gaben. Seit der
Abreise des letzt verstorbenen Herzogs nach Spanien waren diese Zimmer nicht
erffnet. Die Herzogin bewahrte den Schlssel dazu und hatte bis jetzt jeden
Gebrauch desselben verweigert. Wer htte denken mgen, da sie selbst diese
Stelle zuerst und zu einer Stunde betreten wrde, die den Geist empfnglicher
macht fr die Schauer so schmerzlicher Erinnerungen. Auch schien die Lady von
dem ganzen Gewichte dieses Augenblicks ergriffen und blieb wie berwltigt an
der Schwelle stehn, whrend ihr im qualvollsten Schmerze glnzendes Auge die
Rume durchflog, die, durch den Schein des Mondes, der hier durch farblose
breite Fenster drang, ganz ungemein erhellt, gegen die dstern eben
durchstreiften Gemcher einen so auffallenden Kontrast bildeten, da es scheinen
konnte, als liege hier die Wohnung eines verklrten Geistes, von berirdischem
Lichte erhellt, vor Augen. Der Zauber des Schnen benahm so dem Dstern
jegliches Grauenhafte, der Geist hob sich unter dem Einflu dieser Magie, und
die Herzogin berschritt die Schwelle, whrend ihre Seele auf einen Augenblick
abgezogen war von dem Schmerze ihrer Brust. Leise den Kopf schttelnd folgte ihr
Mistre Morton. Das Vorhaben ihrer Gebieterin, zu dieser Stunde die Wohnung des
geliebten Gemahls wieder sehen zu wollen, schien ihr so weit die Grenzen von
Vernunft und Migung zu berschreiten, die sie sonst bei ihrer Gebieterin wahr
zu nehmen gewohnt war, da sie sich gestehen mute, sie knne ihr nicht mit
ihren Gedanken folgen. Es schien eine Art von Ueberspannung, eine Schwrmerei in
ihrem Beginnen zu liegen, wofr die alte Dame weder in sich, noch in den
bisherigen Handlungen der Herzogin einen Maastab fand, und sie mute hier
entweder dem Tadel Raum geben oder einer aufkeimenden Ahnung, da noch ein
anderes geheimes Motiv bei der Herzogin zu Grunde liegen knne. Sie behielt
wenig Zeit zu solchen Betrachtungen, indem sie dicht hinter ihrer Gebieterin in
das Zimmer des Herzogs trat. Die unglckliche Gattin, pltzlich von all den
theuern Gegenstnden umgeben, die in ungestrter Ordnung noch seiner Ankunft zu
harren schienen und die treuen Zeugen seines schnen Lebens waren, sank mit
einem Strom von Thrnen an dem Armstuhl nieder, in dem er so oft vor dem mit
Bchern und Karten bedeckten Schreibtisch sa, Jedem, der in die
gegenberliegende Thr trat, das helle Auge zuwendend.
    Welch' eine Reihe von Gedanken ergriff hier mchtig ihr gebeugtes Herz in
diesem ihr fast heilig scheinenden Gemach, von seinem Fu zuletzt betreten, von
seinem Odem noch erfllt. Die ewige schreckliche Trennung, die sie mit allen
Qualen durchgefhlt, hier schien sie ihr zur Lge zu werden. Sie hob den Kopf,
sie schaute umher, die Tuschung schien von diesen theuern Umgebungen ihr Gewand
zu borgen, er mute kommen, hier konnte er nicht fehlen.
    Komm! rief sie dumpf, verla mich nicht! Komm! O la mich nicht allein! Sie
lag noch auf ihren Knien, aber aufgerichtet mit dem Haupte, das sie ber ihre
Schulter nach der Seite zu gewendet hatte, wo ein dichter Vorhang den Eingang
zum Schlafgemache verbarg. Es war unaussprechlich schauerlich, wie sie die Hand
ausstreckte, als wolle sie die seinige ergreifen. Mistre Morton bebten die
Knie, und es rieselte kalt ber ihre Gebeine. Sie war frei von den Schwchen,
die der damaligen Zeit noch nicht fremd waren, an Zauber und Erscheinungen zu
glauben, aber sie hatte den edlen Herzog geliebt, und die Erinnerungen, die dies
Zimmer in sich schlo, hatten ihr treues Herz auf's Neue in Trauer versenkt. Sie
begriff die Leiden ihrer unglcklichen Gebieterin zu wohl und hegte zu viel
Ehrfurcht fr dieselbe, um strend mit ihrem geringen Troste dazwischen treten
zu mgen.
    Aber sie schauderte, und ihr sorglicher Blick richtete sich auf das Ende so
tiefer und zerstrender Leiden. Der Ausdruck in den Zgen der Herzogin war milde
geworden, und ihr Auge, in trbem Glanze schwimmend, von einer unaussprechlichen
Tiefe des Schmerzes und der Zrtlichkeit belebt. Aber ihr langes stummes Harren
blieb umsonst, der Vorhang bewegte sich nicht, nur ein tiefer Seufzer traf ihr
Ohr und ri sie vom Boden empor. Sie strzte einige Schritte vorwrts und stand
vor der bebenden Morton, die sie vllig vergessen hatte, und aus deren treuem
Busen der Seufzer gedrungen war, der selbst diese starke Frau bis an die Grenzen
des Geisterreichs gefhrt hatte.
    Doch der kurze Wahn, von dem sie hier umsponnen ward, war alsobald
zerrissen, und die Wirklichkeit trat schmerzenbringender, als je, ihr nahe; denn
die Sehnsucht war in ihrer ganzen Strke wiederum erwacht, und die
unwiderrufliche Nothwendigkeit, dies de Dasein ohne ihn zu tragen, ergriff dies
ungezhmte leidenschaftliche Gemth in ihrer ganzen Strke. In bittern Thrnen
aufgelst, sank sie in einen Stuhl nieder, und vergeblich rang dies Herz nach
Ergebung und Geduld. Der Augenblick war ganz verschieden von jenem frheren, der
sie voll Andacht der Kapelle zugefhrt, und was jetzt zu Gott gelangte aus der
gereizten Brust, wir wollen hoffen, es fand Gnade vor dem vterlichen Richter,
der mild den Schmerz der irdisch Fhlenden betrachtet.
    Auch dieser Wendung ihres Kummers sah Morton lange schweigend zu, doch von
den Thrmen tnte dumpf der letzte Ruf der Wchter, verkndigend, da
Mitternacht vorber sei, und ihr Muth ward durch die pflichtgetreue Sorge um
diese schrecklich nchtliche Wanderung und deren Folgen fr die schwankende
Gesundheit der Unglcklichen nun wiederum belebt. Sie nherte sich und wagte mit
sanften Worten die Bitte, zurck zu kehren, nicht lnger so zerstrend auf ihre
Gesundheit einzustrmen. Die Herzogin zog die kalten Hnde von dem verweinten
Gesicht bei dieser unwillkommenen Mahnung, und zrnend faltete sie die hohe
Stirn.
    Ich gebe Dir die Freiheit, zurck zu kehren, da dieser heilige Raum mit
drohenden Gefahren Dir erfllt zu sein scheint. Auch ohne Dich erreiche ich hier
mein Ziel, und besser ohne hartherzige Strung der heiligsten Empfindung! Verla
mich, ich will sorgen fr Dich, wie Du fr mich, so deute ich Deine Worte wohl
ihrem Sinne nach. -
    O wie beklage ich Euch, da Ihr so unglcklich seid, mich selbst so grausam
zu verkennen, rief Mistre Morton hier mit einem solchen Ausdruck von Schmerz,
so ohne allen Unwillen, indem heie Thrnen auf die kalten Hnde der Herzogin
flossen, da dieses starre Herz, was nur allzu oft erst im Bereuen sich
erweichte, davon ergriffen ward. Hierdurch aus ihrem maalosen Gram erweckt,
trat auch der Zweck ihres Hierseins aufs Neue vor ihren Geist, und mit ihm das
wirksamste Mittel gegen diesen Schmerz. Langsam erhob sie sich, ihre Thrnen
hrten auf zu flieen.
    Der Zweck, wozu ich hierher kam, liegt auer dem Bereich Deiner
Beurtheilung, hob sie ernst und tonlos an; darum ermdet mich Dein Einreden
mehr, als es Deine stets gute Absicht wohl verdient. Ergieb Dich in meinen
Willen, Du kmmst mir so am besten zu Hlfe. Znde diese Kerzen an, verla
dieses Zimmer und harre dann meiner im Vorsaal, fuhr sie zgernd und mit
gepretem Odem fort, ich hoffe, ich werde bald Dir dahin folgen. Sollte ich
jedoch in einer halben Stunde nicht kommen, so kehre Du hierher zurck, ich
bedarf dann vielleicht Deiner Hlfe. - Mistre Morton zndete, whrend die
Herzogin in ihren Mantel gehllt, wie vllig ruhig, in der Mitte des Zimmers
stand, die Kerzen an, die in frhern bessern Tagen nur halb verzehrt dies
wohnliche Gemach erleuchtet, und verlie es dann mit stummer Sorge. Jetzt war
der entscheidende Moment unabweisbar herangenaht. Ich bin abgefunden mit mir
selbst, ich bin fest - dies lag in ihrem Sinne, es lag in ihrem Schritt, womit
sie ohne Verzug den Kerzen sich nun nherte, sie ergriff und den Vorhang aufhob,
der sie in das kleine Schlafgemach versetzte, das mit dem feinsten Schmucke der
in Holz geschnittenen Wnde eine schn gezogene Rotunde bildete. Es war auf den
Zierrath dieses schnen Schmuckes eingeschrnkt. Alles zur Ausstattung eines
Schlafgemachs Gehrige war in den Nischen angebracht, welche die Holzwnde
bildeten, die getrennt von den Mauerwnden standen und durch fein gefugte
Thren, die dem Druck der Feder folgten, in sich verschwindend, zugnglich
wurden. Die Herzogin berhrte eine dieser Federn in dem Schnitzwerke, und
sogleich theilten sich von selbst die Wnde und die dunkel seidenen Vorhnge,
die das Bett des Herzogs umzogen, bewegten sich, in dem feinen Zuge wallend, ihr
entgegen. Sie prete die Hand an ihr pochendes Herz und schaute fest dahin, bis
der leise Hauch vertheilt war und die Vorhnge ihr schwaches Leben wieder
aufgegeben hatten. Sie sah es, sie war allein, die Vorhnge hoben sich nicht von
geliebter Hand, und dennoch weilte ihr Blick, ihre ganze Gestalt wie bezaubert
auf jener Gegend. Sie zuckte, als wollte sie sich wenden, und doch, sie
vermochte es nicht. Sie schritt endlich vor, den Armleuchter in ihrer Hand; sie
setzte ihn am Bette auf einen Tisch nieder, schlug die Hnde in einander und
rief mit fester Stimme: Noch ein Mal wiederhole ich es Dir, o mein Gemahl, ich
bin gekommen, Dir zu vergeben, Deine Ehre wird mir heilig sein! Und Alles, was
Dir gehrt, es sei von mir erkannt, als htte Deine Bitte darum mein Ohr
erreicht. Hre mich, kein Eid ist unverletzlicher, als der Entschlu, den meine
Liebe meinem Stolze abgerungen, ich vergebe Dir! Dies wird zu Dir dringen, und
wenn Dein Herz, mit dieser Schuld belastet, ungeshnt vor Deinen Richter trat,
so sei die Vergebung Deines Weibes die Frbitte an Gottes Throne, und Friede sei
Deinem Geiste! - Sie war wieder sie selbst geworden unter diesen Worten. Ihr
guter Engel neigte der Siegerin sich zu, der Friede senkte heilend sich in ihre
Brust, sie htte sterben knnen, das Irdische lag bekmpft zu ihren Fen. So
sei es, sprach sie nach einer Pause. Sie wandte sich und schritt der gegenber
liegenden Wand entgegen. Eine Blumenschnur in Holz geschnitten hing darber hin;
in dem Kelche einer Rose blitzte ein kleiner goldner Punkt, er gab dem Drucke
nach, und die sanft verschwindenden Wnde zeigten ein lebensgroes Bild in
reichem goldnen Rahmen. Es war eine junge Dame von engelgleicher Schnheit, die
aus diesem Bilde mit einer Wahrheit blickte, da das zauberische Lcheln um
ihren Mund sich jeden Augenblick in holde Worte beleben zu wollen schien. Ein
Laubdach blhender Myrten und Orangen zog wie eine Halle sich um sie her und
lie nur ber ihrem Haupte einen reinen blauen Himmel durchdringen, dessen Licht
die Rosenkrone zu verklren schien, die sie in den dunkeln Locken trug, welche
glnzend auf ihre schnen Schultern niederwallten. Ihr Kleid war wei, ein
Purpurmantel, durch Juwelen auf ihren Achseln festgehalten, wallte bis zu den
Fen nieder; in ihren schnen Hnden trug sie einen phantastisch geformten
Stab, halb Dolch, halb Zepter oder Kreuz, mit Lilien und Epheuranken fest
umwunden, vielleicht zum Straue blos erdacht. Es war ein Meisterwerk der Kunst,
und doch verga man das Verdienst des Knstlers, so hoch hatte er sein Werk
gestellt. Ihm gegenber dachte der unbefangene Beschauer nur, wie die Natur in
einem Wesen so alle ihre schnsten Gaben ausgegeben habe, eine wrdige Hlle,
wie es schien, fr eine Seele zu erschaffen, die wie ein Engelsgru aus ihren
Augen blickte.
    Schon war dies zauberische Bild einen Augenblick enthllt, und der Blick der
Herzogin ruhte noch am Boden, als wren ihre Augenlieder schwer belastet. Doch
jetzt erhob sie dieselben, mit Hoheit sich emporrichtend, und fuhr dennoch in
sich zusammen. Aber nicht mehr zu wenden war dies zagende Auge von nun an,
obwohl es immer lnger, immer heiere Schmerzen sog. So hast Du mich also
getuscht! rief sie endlich; ja, es ist kein Zweifel, zum zweiten Male schuf die
Natur Dich nur, durch Dich! So sei mir Gott gndig! Doch ich vergebe Dir, ich
vergebe Dir, hre mich, Gott, und vergieb Du ihm auch! - Noch ein Mal blickte
sie fest auf dies liebliche Gesicht, das vergeblich auf ihr ernstes Antlitz
nieder lchelte; besonnen verschlo sie es dann, und die Kerzen ergreifend
verlie sie das Gemach und eilte ohne Rckblick durch das angrenzende, als
frchte sie in ihrer Kraft zu wanken. Stark drckte sie die Thr, die nach dem
Vorsaal fhrte, auf und ging ohne Aufenthalt an Mistre Morton vorber, welche
zitternd ihr entgegen trat.
    Du frierst, sprach sie fest, la uns eilen, meine Liebe, es wird kalt, der
Morgen naht, wir haben lang genug der kalten Nachtluft uns ausgesetzt. So
schritt sie weiter, bemht, ruhig zu erscheinen, nicht ahnend, wie in ihrer Hand
der fremd geformte Leuchter aus dem eben verlassenen Gemache unbeachtet
schwankend hing, Zeugni ablegend gegen ihre angenommene Ruhe. Doch dem
sorglichen Blicke Mortons war dies nicht entgangen. Der Leuchter mute zurck
bleiben, wenn er nicht in seiner abweichenden Form zum Verrther werden sollte.
Doch zgerte das warnende Wort auf ihren Lippen. Sie fhlte, wie sich die
Stimmung der Leidenden verrieth, die so stolz sich ihr zu entziehen strebte.
Bald inde vermite die Herzogin den folgenden Schritt der Dienerin, als diese
zgernd weilte; sie wandte sich, und nun streckte Mistre Morton ihren
Armleuchter ihr stumm entgegen. Schaudernd gewahrte die Herzogin ihr Versehen;
sie lste die erstarrte Hand von seiner Sule. Mistre Morton eilte damit
zurck, und weniger fest ging dann die Herzogin weiter, den langen dstern Weg,
den kein Mondlicht mehr erhellte, dessen Stille kein Wort mehr unterbrach; nur
das Gerusch der sich ffnenden und schlieenden Thren, und das Rauschen der
langen Gewnder ber den getfelten Boden, der seufzend ihre Schritte wieder zu
empfinden schien, unterbrach diesen geisterhnlichen Zug.

Die Fremde kannte indessen keinen sehnlicheren Wunsch, als der Herzogin ber
ihre Lage die nthige Auskunft zu geben. Das Zusammensein mit dieser
ausgezeichneten Frau hatte ihr die Aussicht auf ein unbedingtes Vertrauen
erffnet, nach dem sie sich lebhaft sehnte, und ihre eigne hochgestellte
Individualitt hatte sie vor dem Eindrucke der Befangenheit bewahrt, den die
Herzogin leicht machte, und der dem Erkennen ihrer brigen Vorzge so hinderlich
ward. Sie fhlte sich durch die Gesellschaft der jungen Damen des Hauses von
allen Schrecknissen ihrer Phantasie befreit und dem harmlosen Vergngen
hingegeben, das junge Mdchen in dem Umgange mit einander finden. Ihr Verstand
war jedoch zu geordnet, um die Verwirrung nicht lsen zu wollen, die in ihr
Leben getreten war; sie hoffte mit Recht, sich klarer zu werden, indem sie
versuchte, sich Andern so darzustellen. Die Aeuerungen der Herzogin ber ihre
Geburt, ihre Unschuld, hatten die Bewutlosigkeit der Jugend ber diese Punkte
in ihr zerstrt und sie gelehrt, auf sich selbst anzuwenden, was sie als ferne
gesicherte Zuschauerin wohl von Andern hatte bezeichnen hren, und was
allerdings gengend war, diese beiden groen Gter des Lebens ihr auer Zweifel
zu stellen. Sie hatte dies nicht sobald erkannt, als ihr Geist daran arbeitete,
die Bilder ihres Lebens zu ordnen. Ein leichtes Geschft, wie es schien, wo in
so zarter Jugend die hervorragendste Begebenheit beginnt und schliet, und alles
Fernere sich auf den liebevollen Umgang mit Verwandten und Erziehern begrenzt.
Auch war es das erste Mal, da sie ihr junges Leben berdachte und ihre
Vorstellungen darber auffrischte, und je lnger sie dachte, je seltsamer ward
ihr dabei. Widersprche, Dunkelheiten drngten sich ihr auf, welchen zu begegnen
sie sich schmte. Das hchste Vertrauen zu ihren Umgebungen hatte sie bisher von
allen diesen Reflexionen abgelst, und sie fhlte sich sehr unvorbereitet zu
einer Art von Rechenschaft aufgefordert und durch ihr eigenes Ehrgefhl dazu
getrieben. Da sie aber nicht leicht sein wrde, da Rthsel vorhanden seien,
darber lie ihr folgerechter und gebildeter Geist keine Tuschung mehr zu. Wenn
inde bei anderer Sinnesart diese Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer
Erklrung gegen die Herzogin ihr htte Befrchtungen erregen knnen, erhhte
sich in ihrer Seele nur das Verlangen darnach; denn von der erfahrnen Frau
glaubte sie vielleicht gelst zu hren, was nur Mangel an Erfahrung, wie sie
hoffte, ihr so dunkel erscheinen lie. Und so erbat sie am andern Tage durch
Stanloff eine Unterredung mit der Herzogin, welche diese auch sogleich gewhrte.
    Sie bestimmte dazu die mittlere Schlohalle, welche von der Sonne des
Frhlings anmuthig erhellt war. Auf Mistre Morton gesttzt, trat die
liebenswrdige Gestalt ein und begegnete dem strengen hohen Blicke der Herzogin,
der sich forschend noch ein Mal auf sie richtete, mit einem so klaren, ruhigen
und furchtlosen Aufblick ihrer Augen, da die Herzogin von einer kleinen
Beschmung sich ergriffen fhlte. Ihr oft erprobtes Mittel, durch diese Haltung
Andere in schchterner Ferne zu halten, ging an der wunderbaren, fast kindlichen
Hoheit dieses frei entwickelten Wesens ohne alle Wirkung verloren. Das
augenblicklich darber in ihr entstehende Nachdenken lie diesem jungen zarten
Mdchen Zeit, die Herzogin anzureden, und mit der Ueberlegenheit der innern
Wahrheit ihr so liebevolle und ehrerbietige Dinge zu sagen, da ihr Verhltni
zu dieser stets sich berhebenden Frau in vollkommene Gleichheit und
Natrlichkeit gestellt war, ehe die Herzogin aus ihrem kurzen Nachdenken
zurckkehren konnte. Der Uebergang, den sie zu finden hatte, war ihr jedoch neu
und nicht ganz klar, und sie begleitete einige frostige Worte mit einem bittern
Lcheln und fhrte die junge Dame zu einem der Lehnsthle, welche man in die
Bogen der Thren geschoben hatte, um die liebliche Aussicht der Terrassen zu
genieen. Es entstand eine kleine Pause, indem Mistre Morton sich auf einen
Wink entfernte, und die Herzogin, welche sich erwartungsvoll zu ihrer Gefhrtin
wendete, sah jetzt auf ihrem Gesichte den rhrendsten Ausdruck einer lebhaften
Empfindung. Sogleich fhlte sie sich in ihre bessere Stimmung versetzt, und mit
dem gewinnenden Tone, der seine Modulation in einem gtig gestimmten Herzen
findet, sagte sie:
    Wir haben nun Zeit und Ruhe, uns ganz nach Willkr unsere Mittheilungen zu
machen; doch eilt damit nicht, Lady. Lassen wir die schne Natur nicht
unbeachtet, die sich dort vor uns ausbreitet. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich
in den gefhlvollen Zgen die Liebe an solchen Gegenstnden lese, auch ist kein
Balsam ser fr ein leidendes Herz, als der Anblick von Gottes herrlichen
Werken, wie auch kein Freund das glckliche Herz besser zu verstehen scheint und
dessen Empfindung wrdiger erhht, als eben die Natur. Seht, Lady, wie schn die
Sonne die fernsten Gegenstnde erhellt! Seht Ihr den glnzenden Streifen, der
zunchst den Horizont wie ein breiter silberner Grtel zu umschlieen scheint?
Es ist der Trent, der seine schnen schiffbaren Wasser an den Grenzen dieser
Grafschaft vorber fhrt, und in ihm viele Vortheile, mir aber einen oft
wiederholten Genu in seinem reizenden Anblicke, da ich vor Allem die Nhe des
Wassers liebe. Ich bewohne daher auch gern Burtonhall, welches meiner
Schwiegermutter gehrt, und am Ausflusse des Trent in den Humber gelegen ist und
allen Zauber eines Wasserschlosses um sich verbreitet hat.
    Auch ich fhle lebhaft diese Neigung, hob hier die junge Fremde an, denn ich
bin in einem Schlosse geboren und grtentheils erzogen, das meine Eltern an der
Grenze von England an den schnen Ufern des Solvay-Firth in der Grafschaft
Cumberland bewohnten.
    Wie, Lady? rief die Herzogin, wie sagt Ihr? In Cumberland? Bei Euern Eltern?
Sie hielt inne, denn deutlich leuchtete aus den erstaunten Blicken der so heftig
Angeredeten das Auffallende ihres Betragens ihr warnend entgegen. Doch sich
schnell fassend und einen Uebergang suchend, fuhr sie gemigter fort: Verzeiht,
Lady! Lebhaft beschftigt mich Euer Schicksal, wie gern mchte ich Euch dies
Vertrauen, das Ihr mir schenken wollt, erleichtern, und doch, es wird Euch
schwer, ich fhle es.
    Ihr irrt, Mylady, wenn Ihr es in Bezug zu Euch versteht, erwiederte mit
Sanftmuth und Ruhe die Fremde; aber Ihr habt Recht in Bezug auf das, was ich
Euch zu sagen habe. Denn dies Euch mitzutheilen, empfinde ich eben so viel
Scheu, als Sehnsucht. Mein Trost ist, da Ihr es wissen werdet, und meine
Furcht, ob ich im Stande sein werde, Euch ein klares Bild von meinem jungen
Leben machen zu knnen. Schenket mir Nachsicht, wie Ihr mir Mitleid schenket.
Ach, Mylady, ich wei, Ihr werdet mir Beides nicht versagen. Doch lat mich Euch
darum bitten; es thut meinem Herzen wohl, zu Euch mit kindlichem Vertrauen empor
zu blicken.
    Ehe die Herzogin es verhindern konnte, senkte sie sich zu ihren Fen,
drckte die Hand derselben an ihre Lippen und mit beiden Hnden dann innig an
ihre Brust, whrend ein Himmel von Liebe und Vertrauen aus den thrnenschweren
Augen zu ihr aufblickte. Das Herz der Herzogin war in Gefhlen erschttert, die
sie zwar einst mit der Zeit zu hegen gewnscht hatte, die sie aber jetzt fast
gegen ihren Willen empfand, und nicht durch die Herrschaft ber sich, wie sie
gewhnt hatte, sondern durch die zauberische Herrschaft einer sich ihr mchtig
entgegenstellenden Individualitt, von der sie sich bezwungen sah. Von diesem
Augenblicke an liebte sie ihre Schutzbefohlene, und welche Schattirungen auch
diese Liebe spterhin gewann, dieser Moment war doch entscheidend fr Beide.
    Fat Euch, liebes Kind, sagte sie weich; mein Herz ist bereit, mit Euch zu
fhlen; seid offen und wahr, wie vor Euch selbst, und denket dann nicht weiter
daran, wie Alles klingen mag. Alter und Erfahrung kommen verstndigend Euch wohl
bei mir zu Hlfe.
    Und wahr will ich sein, wie vor Gott, der gegenwrtig ist und meine Gedanken
leiten wird, rief die junge Lady, stand bei diesen Worten auf und setzte sich
dann langsam und ruhig in ihren Sessel nieder, und das Auge in die Ferne
richtend, hob sie ernst und gefat ihre Erzhlung an:
    In Cumberland, Mylady, wie ich Euch beschrieb, an dem schnen Wasserspiegel
des Solvay-Firth, von weiten Grten umgeben, dort in dem Schlosse meiner Eltern
in Nordwighall ward ich geboren. Mein Vater war der Graf von Melville, der
Nachkomme Robert Melville's, des Freundes der schottischen Knigin. Meine Mutter
war eine Grfin von Marr, und sie hatten Schottland beide verlassen nach dem
Tode meines Grovaters, seinen Willen damit erfllend, ber dessen Ursache ich
nie etwas hrte, vielleicht weil Nordwighall so wunderschn gelegen, so
prachtvoll erbaut war und ein Geschenk der Knigin Elisabeth an meinen
Grovater. Von der Zeit an, da ich mir dies glckliche Leben zurckrufen kann,
blieben mir auer meinen Eltern und den geflligen Gsten noch einige Personen
zur Seite, die theils meine Erziehung oder Pflege leiteten, theils mein Glck
durch ihre Liebe und ihren Umgang erhheten. Doch vor Allen nenne ich Euch die
Mutter und Schwester meiner Mutter; zwar lebten sie nicht mit uns, aber sie
machten uns hufige Besuche, und oft begleitete ich sie nach ihrem Schlosse, das
tiefer im Innern des Landes lag. Auer ihnen lebte mein theurer Erzieher, der
Caplan meiner Eltern, um mich, und zu meiner Aufsicht war mir eine liebe Frau
gegeben, die frher bei meiner Tante gelebt hatte und so unendlich gut zu mir
war, da sie stets mit Mhe und Sorgfalt jeden Dienst fr mich bernahm und
meine Person nie aus ihren frsorglichen Hnden lie. Meine Zeit war, als ich
aus den ersten Jahren der Kindheit trat, mit Sorgfalt eingetheilt. Meine Eltern
besaen groe Kenntnisse, sie wnschten sie auf mich zu bertragen, und Master
Brixton, mein gtiger Lehrer, zu Oxford gebildet und hoch angesehen, unternahm
es, als Freund meines Vaters, mich in den alten Sprachen und den hhern
Wissenschaften zu unterrichten. Welch' ein glckliches Leben schufen mir diese
abwechselnden reizvollen Beschftigungen. Die schnen Morgenstunden, wo ich in
Brixtons kleinem Studirzimmer seinen liebevollen Unterricht geno, und aus
seinem weisen Munde das Gute und Schne vernahm, und es, von ihm oft wiederholt,
endlich auch behalten lernte. Und dann, wenn die sptern Stunden herankamen und
ich schon von ferne den Schritt des Vaters erkannte, der nun kam, mich hinaus
in's Freie zu fhren. Die muthigen Pferde stampften den Boden und trugen uns
pfeilschnell durch die schne Gegend. Ich scho den Vogel in der Luft, und der
schwarze Punkt in der Scheibe trug manchen Bolzen von mir; ich lief mit den
Kindern des Schlosses um den Preis; ich sprang von dem Rande der Terrassen und
Wlle immer hher und hher, wie mein Vater es selbst leitete. O, wie gern that
ich das Alles, wie fhlte ich so recht mein glckliches Herz! - Die
Nachbarschaft von Schottland, der nahe Hafen von  brachte dann oft Fremde. Nicht
immer durfte ich erscheinen, denn es htte meine Zeit verdorben, die so schn
durch Brixtons immer bereite Gte ausgefllt war; aber es waren oft Feste, wo
die Jugend der Gegend sich in Tanz und Spiel auf dem Schlosse erfreute. Doch
hher, als alle diese Freuden, galt mir die Gegenwart meiner Tante. O, Mylady,
welch' eine Frau war dies! Bedenke ich, wie ich fhlte, so mu ich sagen, da
ich nur fr den Augenblick lebte, wo ich sie wiedersehen sollte. An sie dachte
ich, wenn ich in Arbeiten ermden wollte; ihr Andenken war meine hchste Strafe,
wenn ich gefehlt hatte; ihr heiliger Ernst umschwebte und migte die trunkene
Freudigkeit meines Herzens. Und war sie nun endlich da, die hei Ersehnte, deren
Bild mich wie mein Schutzgeist umgab, dann fand ich keine Ruhe, ehe ich nicht zu
ihren Fen meine ganze Seele befreit hatte von jeder kleinen Schuld und
Uebertretung. Jahrelang behielt ich ihre Antworten. Ach, so sprach kein Mensch
auer ihr, es war nie zu vergessen; es waren immer nur wenige Worte, oft ein
Blick, eine leise Bewegung des Hauptes oder ein Lcheln, worin Lohn und Strafe
lag, wie sie Keiner ertheilte. Ach verzeiht! rief die junge Erzhlerin hier, und
heie Thrnen strzten aus ihren Augen, glaubt mir, Mylady, ich wei nicht, wie
ich leben kann, da dieses Ziel meines Daseins, dieser Zweck meines Strebens,
meiner Wnsche und Hoffnungen, mir geraubt ist. Sie verhllte ihr Gesicht, und
die Herzogin ehrte den heien Schmerz dieses feurigen Gemthes durch mildes
Schweigen. Und doch, Mylady, sie ist es allein wieder, warum ich leben kann,
warum ich leben will, und Alles ertragen und handeln, als ob ihr heiliger Blick
mich noch richten knnte, wie sonst. Sie wrde mir zrnen, wenn ich von Gottes
Erde mich weg wnschte, weil Unglck mich traf; sie htte umsonst fr mich
gelebt, wenn ich dem ersten Kampfe erlge, und nicht im Schmerze freudig bliebe
und geduldig vor Gott. Nein, nein, ich will freudig sein, ich will - aber
unendliche Thrnen machten diese Angelobung der Freudigkeit unaussprechlich
rhrend. Bemht, sie abzuziehen, hob die Herzogin an:
    Wie, Lady, wie verhielt sich Eure Mutter zu diesem Verhltnisse? Sagt
selbst, trat die Tante nicht der Liebe fast zu nahe, die Eurer Mutter, ducht
mir, mehr gebhrte, wie glich sich dies in Euerm Herzen aus?
    Sicher so milde, als alles Uebrige unter diesen Schwestern, erwiederte
unbefangen die Erzhlerin, ich habe nie daran gedacht, ob ich darin fehlte, ich
bin gewi, man htte es mir gesagt, wenn ich Unrecht damit that. Ich geno nicht
immer den Umgang meiner Mutter. Sie war krnklich und hielt mich von sich stets
in einiger Entfernung; nur Musik machte ich mit ihr in ihren Zimmern, sobald sie
nicht ganz danieder lag, jeden Abend, und aus der Ferne fhlte ich mich stets
durch die liebevollsten Anordnungen, die von ihr ausgingen, an sie erinnert.
Nein, Mylady, sicher, ich krnkte meine theure Mutter nicht durch meine Liebe zu
dieser Tante. Es wird mir recht klar darber, nun ich daran denke. Diese theure
Tante war so verehrt von aller Welt, da dies selbst auf ihre nchsten
Verwandten berging. Meine Mutter behandelte sie stets mit einer Liebe, die an
Ehrerbietung grenzte. Mein Vater gab ihr den Vorrang im Hause, ja, selbst meine
Gromutter, welche vor mehreren Jahren starb, schien mit Stolz in ihrer Tochter
ein Wesen hherer Art zu erkennen. So fand Jeder meine Liebe natrlich, und nie
war die arme, leidende Mutter mir darum weniger hold. Ich habe Euch nun noch
zwei theure Personen zu nennen, welche ich immer bei den lieben Besuchen fand,
die ich meiner Tante abstattete. Es war der Bruder meiner Tante, mein theurer
Oheim, und sein Freund, und sie sind, theure Lady, die Einzigen, die mir das
Schicksal brig lie. Sie hoffe ich wieder zu finden, denn sie leben in London
an dem Hofe des Knigs. Die wenigen Wochen, die wir dann mit einander lebten,
sind die genureichsten meiner Erinnerung. Wir blieben in der tiefsten
Einsamkeit. Niemand, als die alten Diener des Schlosses, war um uns her, aber
die Tage vergingen wie Stunden, ach, und ich zu glckliches Kind war der
Mittelpunkt aller Liebe, aller Belehrung. Die Erzhlungen dieser Mnner belebten
die einsamen Gemcher um mich her, an den Hintergrund der alten Geschichte
meines Landes und Europa's reihten sie die Begebenheiten der Zeit. Ich lernte
das Bse kennen, denn sie wollten mich davor behten. Sie wuten lebendig mir
alle die Wunder des Lebens zu schildern; sie prften mich dann, da ich in ihren
Erzhlungen selbst das Rechte whlen und erkennen lernte. Sie erdachten tausend
Proben fr mein Gefhl, fr meinen Verstand, fr meine Kenntnisse, und oft sagte
mir mein Oheim, ich sei vielleicht bestimmt, aus dieser tiefen Stille pltzlich
in das Leben am Hofe und in groe Verhltnisse zu treten. Doch stets msse ich
dort so still und gefat bleiben, wie hier, und die Wrde des Karakters und der
Handlungen ber jede uere Wrde stellen. Diese Andeutungen konnte meine theure
Tante nie ohne Thrnen hren, wie ich berhaupt bei reiferen Jahren wohl einsah,
da dieser Engel unter groen Leiden gebeugt sei. Sie war so fromm, da sie nie
klagte, sondern stets gegen Gott voll Dank und Ergebung blieb, und indem sie mir
groen Gram eingestand, mich doch immer aufforderte, nie zu murren, nie das
Glck als nthig zu betrachten, da das Unglck oft eher unser Herz veredle und
diese Veredlung doch allein der Zweck unsers Lebens sei. Hchst schmerzlich war
jedes Mal unsere Trennung, oft blieb ich lnger, als mein Oheim, oft reiste ich
frher zurck. Ein Jahr ist es jetzt, da ich glckselig unter ihnen war, als
die Nachricht von dem pltzlichen Tode meines Vaters uns erreichte. Er starb in
Edinburg, wohin meine Mutter sich sogleich begab, die mich indessen bei der
Tante zu lassen wnschte. Wir waren alle innig betrbt, und meine Thrnen
flossen ungestrt seinem theuern Andenken. Auch blieb ich mehr unter Hanna's
Aufsicht, da meine Verwandten wegen des pltzlichen Todes meines Vaters viel zu
berlegen und zu schreiben hatten. Endlich kamen Nachrichten von meiner Mutter.
Sie war zurckgekehrt nach Nordwighall. Die Besitzungen meines Vaters in
Schottland waren entfernten Verwandten zugefallen. Dies Schlo in England mit
seinen schnen Lndereien war als Geschenk der Knigin Elisabeth unabhngig
davon, und das Besitzthum der Witwe. Meine Tante fhrte mich zurck, und da die
Gesundheit meiner Mutter sehr gelitten hatte, schien sie sich nicht von ihr
trennen zu knnen, wobei meine Lage sie ebenfalls zu beunruhigen schien, indem
ich durch die Entfernung des Doktor Brixton, welcher eine eintrgliche
Caplanstelle in Edinburg angenommen, fast einzig auf den Umgang von Hanna
beschrnkt war. Warum sie sich dennoch von uns trennen mute, wei ich nicht, da
es ihr und uns allen so vielen Kummer machte. Von da an bezog ich Zimmer, welche
an die meiner Mutter grenzten, und nur selten verlie sie seitdem das Bett oder
diese Zimmer. Doch auch jetzt noch hielt sie mich bei aller Liebe, die sie mir
schenkte, und so viel meine Bitten es ihr nur mglich lieen, von sich entfernt.
Ich mute, so oft es bei diesem Alleinstehen sich thun lie, meinen
Beschftigungen und Vergngungen nachhngen, doch reiten durfte ich nur in dem
weitluftigen Park, schieen nur in dem beschrnkten Schlohof, zum Tanzen gab
es keine Veranlassung, und ich hatte keine Gespielin mehr. Dagegen trieb ich
fleiig meine mit Brixton begonnenen Studien, besonders die alten Sprachen, die
ich so gerne mag. Da brach, durch den traurigen, feuchten Winter ohne Klte
veranlat, bei dem ersten Hauch des Frhjahrs ein schreckliches epidemisches
Fieber um uns her aus und raffte Hunderte in unserer Nhe dahin. Ach dies war
damals mein grter Kummer, und vermehrt durch das strenge Gebot, nicht ber die
Grenzen der Terrassen mich zu begeben, wo man die Luft noch am gesundesten
hielt. Wie bald ward nun mein Elend von einem Punkt zum andern vermehrt!
    Unglaublich war mein Entzcken, als pltzlich meine Tante eintraf. Ihr
Entschlu war, bei der Nachricht von der Epidemie, die um uns her wthete, uns
entweder, wenn es die Krfte meiner Mutter erlaubten, von Nottinghall zu
entfernen oder die Schreckenszeit mit uns zu theilen. Meine Mutter wnschte
sehnlich uns zu entfernen, aber mit Entsetzen erfllte mich der Gedanke, die
einsam Leidende zu verlassen. Man drang nach den ersten Versuchen nicht weiter
in mich; aber die starke und zrtliche Mutter bot nun ihre letzten Krfte auf,
um abzureisen. Ach, dies groe Opfer ihrer Liebe raubte sie uns auf immer. Sie
lie sich auf die Terrasse fhren, die lang entwhnte Luft zu athmen, ach, sie
sog den Tod ein, der in dieser Luft seinen Hauch aussandte. Noch in derselben
Nacht zeigte sich das schreckliche Fieber, welchem dieser entkrftete Krper
keinen Widerstand zu leisten vermochte. Am dritten Tage war sie dahin. Ach, ich
habe sie nicht gepflegt, nicht ihren letzten Seufzer gehrt. Meine Tante, welche
ihr Lager verlie, sagte mir, mein Anblick und die Furcht einer Ansteckung wrde
sie tdten; sie brachte mir ihren Segen und ihren letzten Befehl, sogleich
abzureisen. Ich war in einer willenlosen Betubung.
    Wir reisten den zweiten Tag ab, denn die Folgen dieses Fiebers waren so
schrecklich, da meine Mutter schon den andern Abend nach ihrem Tode beigesetzt
werden mute. Doch so tief ich auch in Schmerz versenkt war, nur zu bald
gewahrte ich an meiner theuern Tante, welch' neues Leiden ber uns einbrach! Sie
hatte an dem Bette ihrer Schwester die schreckliche Ansteckung eingeathmet, und
das Fieber brach am zweiten Reisetage aus. Wir erreichten das Schlo, aber -
lat mich meine Gefhle bergehen, denkt sie Euch. Ich sah Alles, was mir theuer
war, dem Tode verfallen; der Tod bereitete sich auch in ihren Adern vor. Sie
sagte mir, es sei nthig gewesen, einem jngern Bruder ihrer Schwester von dem
Tode derselben Anzeige zu machen, er werde vielleicht erscheinen, aber sie
verlange, da ich in der Zeit mein Zimmer nicht verliee; ich wrde unter dem
Schutze meines ltesten Oheims stehen, von dem sie nur Nachricht erwarte, um
mich alsdann in Sicherheit zu wissen. Auerdem sollte ich Hanna und Gersem,
ihrem Kammerdiener, folgen, sie htten in allen Fllen ihre Befehle fr meine
Sicherheit. Sie blieb noch lange bei mir und war bemht, meinen grenzenlosen
Schmerz zu migen, obwohl sie selbst oft ihre Thrnen strmen lie. Gegen das
Ende unserer Unterredung ward sie ohnmchtig. Man trug sie auf ihr Bett; sie
verlie es nicht wieder.
    Ach, was von da an mit mir geschah, so lang ich im Schlosse war, wei ich
kaum. Ich lag in dem Vorzimmer, das zu meiner Tante fhrte, auf den Knieen, bis
sie mir ihren Tod nicht mehr verheimlichen konnten. Mich verlie die Besinnung.
Als ich erwachte, sa Hanna an meinem Bette, ich durfte nicht weinen,
todtenstille im verhngten Zimmer mute ich bleiben, der gefrchtete jngere
Oheim war angekommen, Alles bebte vor ihm, man zitterte, ihm meine Gegenwart zu
verbergen, man frchtete noch mehr, sie zu verrathen. Ein mir vllig fremdes
Gefhl, das der Furcht vor einem Menschen, so unbekannt, so grauenhaft, weil ich
nicht errathen konnte, was ich zu frchten hatte, ergriff mit dem Schmerze
zugleich meine Seele. Noch war keine Nachricht von meinem lteren Oheim, meinem
Beschtzer, eingegangen, und ohne diesen durften wir das Schlo nicht verlassen.
Gersem war in die Nhe des gefrchteten neuen Herrn gebannt, der inde von Allem
Besitz nahm, und dem diese Zimmer nur entgingen, weil sie ein Anbau in einem
kleinen Seitentheil des ganz alten Schlosses waren. Die Leiche meiner Tante war
auf seinen Befehl ausgestellt, und Hanna sagte mir, sie sei schn und
unverstellt, wie lebend, denn das Fieber schien, wenn auch noch tdtlich, doch
seinen zerstrenden Karakter an dieser schnen Leiche verloren zu haben. Ach,
diese Worte vollendeten mein Unglck. Von da an lie meine heieste Sehnsucht,
sie noch einmal zu sehen, mir keine Ruhe mehr. Hanna blieb unerbittlich und
schob endlich Alles auf Gersem, der am Abend, wenn er sich von seinem Herrn
entfernen drfte, zu uns kommen wollte. Er kam und blieb lange fest, denn der
Saal, in dem sie stand, war nur durch eine Gallerie zu erreichen, an der die
Zimmer lagen, die der Oheim bewohnte; aber ich trieb mit meinem Ungestm mein
hartes Geschick herbei. Zu seinen Fen strmten meine Thrnen, meine Worte. Er
willigte ein. In meinen Trauerschleier gehllt, folgte ich ihm um Mitternacht
mit zitterndem Schritt. Hanna verschlo hinter uns sich in die Zimmer, die wir
verlieen. Glcklich erreichten wir den Saal, zu dem Gersem den Schlssel
fhrte. Ich sah die Zge, die mein Leben beglckt hatten, zu denen einer
Heiligen verklrt. Lange betete ich an ihrem Sarge, gelobte ihr Alles, was sie
lebend von mir begehrt; ihr Anblick hatte mich ber den Schmerz erhoben, ich
fhlte mich vllig besonnen, als ich Gersem aufschreien hrte und eine gellende
Stimme an mein Ohr traf. Ich sprang auf, um zu entfliehen, aber ich fhlte mich
gehalten, und ein Blick auf den, der mich ergriff, sagte mir, ich sei in der
Gewalt des gefrchteten Oheims. Ach, was er sagte, kann ich nicht wiederholen,
es waren wthende Schmhungen, Spott, Gelchter an dem Sarge seiner Schwester!
Verzweiflung ergriff mich, ich rang mit ihm, er behielt meinen Trauermantel, und
als mein erbleichtes Angesicht vor ihm enthllt war, glaubte seine feige Seele
einen Geist zu schauen. Er schrie wild auf, verhllte sein Gesicht, und er war
es nun, der fliehen wollte. Zugleich fhlte ich mich von Gersem weggezogen. Doch
wir hatten noch nicht die Thre erreicht, da hatte der Elende sich gefat. Du
bist also kein Geist, schrie er lachend, nun so sei mir willkommen! Er entri
mich Gersem, ich schien verloren, meine Sinne schwankten, meine Krfte brachen.
Da strzten die Diener pltzlich herein, und der Ruf von Feuer drang uns
entgegen. Er lie mich nun los und eilte nach der Gallerie, wir ihm nach, zu
entfliehen. Das Feuer strzte uns prasselnd aus der Gegend, wo wir Hanna
verlassen, entgegen. Ich wollte mich hinein strzen, Hanna zu retten; aber
Gersem warf meinen wieder aufgehobenen Mantel ber mich, rief Hanna's Gefahr
einem Andern zu und schleppte mich mit berlegener Kraft durch die Gnge nach
dem Garten. Hier gab er mir Luft, aber nthigte mich, eilig weiter zu fliehen,
bis wir, aus dem Park entkommen, einen Meierhof erreichten. Hier verhllte er
mich wieder und verbarg mich in einer hohen Hecke. Er forderte zwei Pferde, die
man ihm, als angesehenen Schlobedienten, nicht versagte. Eine Strecke vom Hause
bestiegen wir sie und jagten fort. Gersem sagte mir, er wisse kaum wohin, doch
nach London msse ich. Er gab mir ein kleines schwarzes Buch; ich kannte es
wohl, es gehrte meiner Tante; ich solle es auf meiner Brust verbergen, er habe
es seit ihrem Tode immer bei sich getragen. Die Angst vor der wilden Nhe jenes
Mannes verschlang bei mir jedes andere Gefhl, ich frchtete nichts, als ihn.
Nach London wollte auch ich, dort lebten meine Beschtzer, das wute ich. Doch
es war anders bestimmt. Unsere Pferde trugen uns noch den andern Tag, doch dann
nicht lnger. In einer kleinen Herberge in einem Walde kehrten wir ein. Ein
altes gutes Weib suchte mich zu erquicken, obwohl sie wenig besa und ich
unfhig war, Nahrung zu nehmen. Gersem pflegte unsere erschpften Pferde. Wir
muten die Nacht rasten, obwohl kein Schlaf uns erquickte, denn mein Herz war
erfllt von Schmerz, und die schreckliche Ungewiheit von Hanna's Schicksal
fgte noch neue Leiden hinzu. Mit dem ersten Morgenstrahl brachen wir auf, doch
unsere Eile war umsonst. Um Mittag hrten wir den Hufschlag von Pferden hinter
uns. Gersem hatte keinen Zweifel, da es unsere Verfolger seien. Da ergriff ihn
blinde Wuth und Verzweiflung. Er trieb mein erschpftes Pferd an, und die immer
nher kommenden jagenden Pferde frischten auch in den unsern den natrlichen
Instinkt an, jene nicht vorkommen zu lassen. Doch dieser Wettlauf blieb in einer
offenen den Gegend dennoch ohne Erfolg. Verwnschungen trafen unser Ohr, Staub
hllte uns ein, im Nu waren wir umringt. Der frchterliche Mann ergriff meine
Zgel, er wollte mich selbst ergreifen, aber mein Abscheu benahm mir jede
Furcht. Ich befahl ihm, mich nicht anzurhren, und er gehorchte mir; aber er
nannte Gersem Entfhrer, Verrther. Ach, noch mehr bse Worte folgten, und er
wollte wissen, wer ich sei. - Wer sie ist, gehrt nicht vor Euch und geziemt mir
nicht, Euch zu sagen; aber htet Euch, sie zu krnken, frchterlich wird die
Rechenschaft sein, die Ihr zu geben habt, frchterlich die Strafe, die Euch
erreichen wird. - Doch diese muthigen Worte, die meinen Verfolger erschrecken
sollten, erhitzten ihn nur mehr. Ich mute sehen, wie dies ehrwrdige Gesicht
von einem Schlage seiner wilden Hand verletzt ward, whrend er mich sogleich
anrief, ihm zu folgen. Doch mich in die rohe Gewalt dieses Mannes zu begeben,
schien mir hrter, als der Tod. Ich will nicht mit Euch, ich will nach London,
dort finde ich Schutz; lat mich weiter reisen! rief ich auer mir. Er stie
hier ein so wildes Gelchter aus, da ich schaudernd mich wegwandte. Doch in dem
Augenblick fhlte ich seinem Arm um mich. Ach, mein Angstgeschrei ri Gersem
wild wie einen Lwen herbei. Er hatte den schrecklichen Mann, der mich hielt,
schon ergriffen, als dieser wthend seinen Degen zog. Ich sah nur noch, da er
blitzend ber Gersems Haupt flog, und die tiefe breite Wunde in seinem Schdel,
mit der er niederstrzte. Als meine Besinnung wiederkehrte, hrte ich ein
geistliches Lied mit leiser Stimme neben mir singen, und der feine Geruch von
dem ersten Grn des Kalmus und der Weide war um mich verbreitet. Ich versuchte
die Augen zu ffnen, aber ich fhlte mich so erschpft, da ich es erst
vermochte, nachdem die wiederkehrende Besinnung mir all' die erlebten Schrecken
zurck rief. Ich sah mich in einem dstern niedrigen Zimmer, sprlich von einer
Lampe, mehr durch das Licht des Mondes, der in seiner Flle durch ein offenes
Fenster drang, erhellt und auf einem Lager ausgestreckt, wie man es fr
Sterbende von Stroh, mit weien Tchern bedeckt, zu bereiten pflegt. An meiner
Seite sa ein Weib in armseliger Bauertracht, sie sang das Lied, welches mich
zuerst erweckt, und dessen rhrende Worte mir jetzt verstndlich wurden.
Dazwischen drang aus einem andern Theile des Hauses heftiges Gesprch und
Gelchter. Ich wollte mich eben mit aller Kraft erheben, obwohl meine Glieder
mir steif und todtenkalt erschienen, als das fromme Lied meiner Gefhrtin durch
Mnnerschritte unterbrochen, die Thr aufgestoen ward, und ein Mann eintrat,
dessen erstes Wort mich meinen Verfolger erkennen lie. Kaum unterdrckte ich
den Schrei des Entsetzens, doch meine Erstarrung half mir; ich schlo sogar
meine Augen. Er fragte das Weib, ob ich noch kein Lebenszeichen gegeben. Sie ist
todt, Sir, sagte die Alte, in der ich nun diejenige erkannte, die mich am Tage
zuvor gepflegt hatte; glaubt mir, das junge Leben ist dahin. Schweig'! rief er
wild, todt oder lebend, sie mu mit fort; so wie der Morgen kmmt, breche ich
auf, und Ihr geht und sorgt fr meine Leute! Er nherte sich meinem Lager und
bog sich ber mich. Welch' ein Augenblick! Ich prete den Athem zurck,
unbestimmt noch fhlte ich, dies mte meine Rettung werden. Und was ist das?
rief er wild, indem er, wie es schien, einen Zweig aus meiner Hand ri, was
sollen diese Todtenkruter? Ich bestreute ihre Leiche mit dem ersten Grn,
sprach das gute Weib; soll ihr junger Leib da liegen, ohne den Schmuck der
Jugend? Ich glaube, ihm graute, denn er verlie schnell das Zimmer. Ich hielt
den Athem an, bis seine Schritte in dem Gerusche der untern Stube verhallten,
dann nahm ich alle meine Krfte zusammen, um zu sprechen. Doch meine ersten
Worte ergriffen die gute Frau, die sich in den Gedanken an meinen Tod vertieft
hatte, so heftig, da sie mich htte verrathen knnen. Sie sagte mir auf meine
Frage, die Leiche meines Begleiters sei am Tage vorher schon weiter gebracht,
mir aber habe der Herr da unten etwas Ruhe lassen wollen, da er mich nicht fr
todt gehalten htte. Doch gab sie endlich meinen Bitten nach, mich zu befreien.
Ich knpfte ein Seil, welches sie herbeischaffte, an den Fensterrahmen, um
meines Entkommens Verantwortlichkeit der guten Alten abzunehmen. Dann eilte ich,
ach kaum fhig zu gehen und doch von Angst getrieben, an der frchterlichen Thr
vorber aus der Htte. Im Walde fand ich einen Knaben, den sie mir mitgab, mich
auf die Heerstrae nach London zu fhren; weiter reichten meine Gedanken fr's
Erste nicht. Noch ehe der Mond unterging, waren wir hindurch, denn ich fhlte
meine Krfte auf's Neue erhht. Als wir nach dem Verschwinden des Mondes bei nun
eingebrochener Dunkelheit die Heerstrae erreicht hatten, verlie mich mein
letzter Trost, der gute Knabe, den ich nicht aufhalten durfte, um nicht seine
Mutter und mich zu verrathen. Ich war nun allein, und unter welchen Umstnden?
Aber Gott hielt mein Herz, er rief meine Gedanken zu sich, ich konnte zu ihm
beten, und die Schrecken meiner Lage fielen ab von mir; als ob um mich her
sichtbare Engel gingen, so muthig, so in der Gegenwart Gottes fhlte ich mich.
Als der Morgen anbrach, war ich weit vorgedrungen. In der Nacht mute ich an der
Stelle vorber gegangen sein, wo der Mord an Gersem verbt war. Ich befand mich
schon auf Punkten, die ich Tages vorher nicht gesehen, und die Strae war noch
gebahnt; doch das Tageslicht erfllte mich mit neuem Grauen. Ich bemhte mich,
meine Kleider unscheinbar zu ordnen; aber endlich kamen Menschen daher, und ich
erregte doch so viel Erstaunen, da ich mich jeden Augenblick neuen
Gewaltthtigkeiten ausgesetzt glaubte. Auch stellte sich bei zunehmender
Mdigkeit ein unabweisbares Bedrfni nach Nahrung ein; aber der Muth fehlte
mir, bei gnzlichem Mangel an Gelde, in den Drfern oder Htten darum zu bitten.
Ich hoffte durch Schlaf mich zu strken und suchte in einem Gehlze hinter einer
hohen Hecke einen Ruhepunkt. Aber der Schlaf mag nicht erscheinen, wo Durst und
Hunger qulen; er nahte mir nicht, und mit Entsetzen fhlte ich so meine Krfte
immer mehr schwinden. Ich scheute den Tod nicht, obwohl Gott es wei, da ich
ihm gehorsam blieb und ihn nicht rief; aber meine Gedanken stumpften sich immer
mehr ab, so da ich endlich, ganz gleichgltig gegen Alles, mich wieder weiter
schleppte. Meine klarste Vorstellung ist, da ich von der Klte des Morgens am
Rande eines Waldes erweckt ward. Meine Kleider waren na vom Thau, ich fhlte
Frost; der Wald schien mir wrmer; darauf waren meine Betrachtungen beschrnkt.
Ich ging weiter, denn da ich fort mute, lag dunkel in mir, doch wie weit noch,
ehe ich diese rettende Zuflucht erreichte, das wei ich nicht, und selbst da
ich die Treppe zur Terrasse erreicht, wie man mir sagt, wo ich gefunden ward,
ist mir vllig entschwunden und mu in der Betubung geschehen sein, die mich
zuletzt meines Kummers und aller meiner Leiden berhob. Jetzt, Mylady, wit Ihr
Alles, was ich selbst in mir hervorzurufen vermochte, und ich athme leichter,
nun Ihr es wit; denn ich werde nun Eures Rathes genieen, und mein Name und
meine Ehre werden auer Zweifel vor Euch sein. -
    Ob dem wirklich so war, wenigstens in Betreff des Namens, htten vielleicht
Alle bezweifelt, die den abgeleiteten Blick gewahrt htten, den die Herzogin bei
diesen letzten Worten ber ihren Schtzling warf. Er ging inde an dieser Seele
unbemerkt vorber, und die Herzogin war zu tief von dem eben Gehrten
erschttert, um nicht sanftern Gefhlen Raum zu gnnen. Liebreich zog sie die
von der Erzhlung tief Bewegte an ihre Brust und fhrte sie gegen das warme
Licht der Sonne, und das kindliche Wesen nahm so ruhig an dem Busen der Herzogin
Platz, als knne diesem Haupte kein sicherer und wohlthuenderer Ruhepunkt
geboten werden. Sanft verhie ihr die Herzogin noch ein Mal Schutz, und die Lady
kte stumm und innig ihre Hnde. Und nun, Mylady, flehte sie sanft, gebt mir
bald Mittel, meinen Oheim von meinem Schicksale zu unterrichten.
    Die Herzogin schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: Ich fhle mich allein
nicht stark genug, Euch den besten Rath zu geben, doch morgen erwarte ich meinen
Schwager und meinen Sohn von London zurck. Wenn Ihr mir erlaubt, so theile ich
dem Ersteren Eure Erzhlung in den Hauptsachen mit; er kennt alle Umgebungen des
Hofes, alle Groe des Landes, er wird Euch am Ersten sagen, wo ihr Euern Oheim,
den Grafen von Marr, auffindet. Ich hoffe jedoch, Ihr werdet hier unter
weiblichem Schutze lieber weilen, bis Euer Oheim fr Euch eine hnliche Stellung
ersehen, als ihn aufsuchen, und so biete ich Euch noch ein Mal meinen Schutz auf
jegliche Dauer an.
    Nachdem die junge Grfin Melville auch fr die neue Gunst innig gedankt
hatte, schien sie merklich ruhiger; nicht so die Herzogin. Fr diese
unglckliche Frau begann erst jetzt der schwerste Kampf. Mit schwankender Stimme
hob sie an: Ich habe Euch bis heute Euer Eigenthum aufgehoben und lege es jetzt
in Eure Hnde. Mit diesen Worten nahm sie ein Kstchen, welches die Juwelen der
Grfin enthielt, und fuhr dann fort: Wollt Ihr mir wohl die Bedeutung dieser
schnen kunstvollen Gaben nennen? Sicher theure Andenken von eben so theuern
Personen.
    Ihr seid unwohl, Frau Herzogin, sprach die Grfin, ihr in das Gesicht
blickend, setzt Euch nieder; ich habe Euch ermdet! Lat mich Euch fhren; ich
setze mich zu Euch und erzhle Euch von diesen Gaben; das wird Euch erheitern,
denn es sind nur schne Rckerinnerungen. Da Ihr sie gefunden und mir
aufbewahrt habt, sagte mir Mistre Morton; denn mit meiner Besinnung trat auch
mein Schmerz ber den Verlust dieser theuern Gter ein, die ich gelobt hatte nie
abzulegen. Dies Buch, sprach sie weiter und hob das mit der Perle verschlossene
Portefeuille heraus, gehrt mir nicht; nur in den Hnden meiner Tante sah ich
es. Habt Ihr den Inhalt untersucht? fragte sie, und ihre Finger schienen zagend
auf dem Schlosse zu ruhen; sollte es wirklich fr mich bestimmt gewesen sein?
Hat sich Gersem nicht getuscht? Was glaubt Ihr? darf ich es ffnen? -
    Es ist nicht leer und der Inhalt wohl sicher fr Euch bestimmt, sagte die
Herzogin. Ich mu Eure Verzeihung erbitten, da ich die Bedenklichkeiten, die
Euch jetzt bewegen, weniger obwalten lie. Als man es mir mit den Juwelen, die
Ihr trugt, bergab, ffnete ich es, in der Hoffnung, vielleicht dadurch mit
Euerm Namen oder Euern Angehrigen bekannt zu werden, und den um Euch
Bekmmerten Nachricht von Euch geben zu knnen. Doch ich fand, sonderbar genug,
nur zwei Wechsel von tausend Pfund, ausgestellt auf das Handlungshaus Perrisson,
und denkt Euch selbst, wie ich erstaunen mute, die Adresse von unserm Schlosse
in London und den Namen meines Gemahls!
    Wie? rief hier die junge Grfin, und die helle Rthe der Freude verschnte
ihr liebliches Gesicht. So wre ich zu Euch hingewiesen von meiner theuern
Tante, an Euch, und Ihr wret vielleicht bekannt mit ihr oder Euer Gemahl?
    Ich kannte nie eine Grfin von Marr, erwiederte die Herzogin, und auch von
meinem Gemahl hrte ich sie nie erwhnen. Doch scheint mir selbst hier ein
Zusammenhang zu walten, der mir wenigstens, bis wir ihm durch Nachforschungen
nher treten, das unbestreitbare Recht geben drfte, Euch als an mich gesandt
anzusehen, da der nicht mehr unter den Lebenden weilt, dem zunchst die Pflicht
gegnnt war.
    O welch' eine glckliche Wendung nimmt jetzt mein trostloses Schicksal! rief
die Grfin, und der in der Jugend so leicht gefundene Uebergang vom Schmerze zur
freudigen Hoffnung schien auch sie belebend zu ergreifen. An Euch ward ich
gesandt, und Euch mute ich finden, ohne die Absicht, Euch zu erreichen. Durch
Noth und Tod lenkte Gott die willenlosen Schritte bis zu Euch. Sagt selbst, ist
das nicht recht deutlich seine ewig waltende Vaterhand? Ja, hier bin ich am
rechten Platze, Gott hat es selbst vollfhrt, was Menschen liebend fr mich
erdachten, und er wird es auch ferner nun fhren, wie es das Beste ist fr uns
Alle.
    So wollen wir hoffen, sagte die Herzogin, sich unwillkrlich von den
begeisterten Zgen der jungen Grfin angezogen fhlend und die Zrtlichkeit
still gestattend, mit der sie ihre Hnde gekt fhlte; und ist mein Schwager
nur erst hier, dann leiten wir Eure Angelegenheiten durch ihn am zweckmigsten
ein.
    Jeder Augenblick in Eurer Nhe, versetzte die Grfin, bringt mehr Frieden
und Hoffnung in meine Brust; mir ist, als htte ich nichts zu frchten, wenn Ihr
mir nur hold bleibt und meine Handlungen leiten wollt.
    Die Herzogin war nicht unempfindlich fr diese Sprache der Liebe, die so
vertrauend und zrtlich selten zu ihr drang, doch ihr Interesse war innerlich zu
lebhaft auf ihre beabsichtigten Nachforschungen gerichtet, um diesen Gefhlen
lnger Raum zu gewhren, sie hob selbst die Verhllung, welche sie um die
prachtvollen Inwelen gelegt hatte, hinweg, und ein Blick auf das obenliegende
Kreuz gab auch der Besitzerin andere Gedanken und Gefhle. Sie hob es an der
Perlenschnur empor, drckte es an ihre Lippen und sagte:
    Ich erhielt es von meinen theuern Eltern. Schmckt mich damit, fuhr sie
lchelnd fort, da es dadurch auf's Neue gesegnet zu mir gehren mge.
    Die Herzogin, ihr gegenber, schien willenlos zu werden, denn sie schlang
die prachtvolle Perlenschnur um den schlanken Hals und senkte das Kreuz, das aus
zwlf groen Smaragden, in Brillanten gefat, bestand, auf die Brust. Dann nahm
die Grfin die Armbnder und sagte, lchelnd den Blick darauf geheftet:
    Der es mir gab, ihn liebte ich, wie meinen Vater. Er war der Freund meines
Oheims und sein steter Begleiter. Ich sagte Euch davon, und es gehrt zu den
Dingen, die mir hchst auffallend sind, da mir entweder sein Name entfallen
ist, oder ich ihn nie gehrt habe. -
    Wie, Mylady, Ihr wit den Namen dessen nicht, den Ihr als einen Vater
liebtet, mit dem Ihr so oft beisammen waret, der Euch ein so reiches Andenken
geben durfte? Ihr wollt mir sagen, da Ihr seinen Namen nicht wit? -
    Ich wollte ja nie mehr oder anders zu Euch sagen, als ich selbst wute,
erwiederte die junge Grfin, zwar mit ruhigem Tone, aber in ihrem Auge, das sie
fest auf die Herzogin wandte, lag ein vorbergehendes Leuchten ihres verletzten
Gefhles und der Verrther eines stolzen Herzens. Wenn ich nun, fuhr sie fort,
auch hinzufge, da ich nicht wei, wie das Schlo heit, wo meine Tante lebte,
und von wo ich entflohen bin, und in welcher Gegend von England es liegt, so
wird sich sicher Euer Erstaunen noch vermehren. Aber Ihr wrdet Euch auch
vielleicht mein eigenes denken knnen, als ich in Gedanken mir mein Leben
zurckrief, um es Euch mitzutheilen, und ich zuerst auf diese dunkeln, mir
unerklrlichen Punkte stie. Doch gerade dies vermehrte mein Verlangen, Euch
Alles zu vertrauen. Denn Ihr, in der Welt lebend und voll Erfahrung, begreift
vielleicht eher hier einen Zusammenhang, als ich, die ich ber manche Punkte
weder Zeit fand zu fragen, noch nachzudenken, ber andere aber vllig ohne
Auskunft bleiben mute. Auch begreife ich es wohl, wie die Namen mir so gleich
waren; ich hrte ihn stets theurer Freund oder Graf Robert nennen. Mein
Aufenthalt auf dem Schlosse aber war selten ber vier Wochen ausgedehnt. Stets
fanden wir bei unserer Ankunft meinen Oheim und seinen Freund, und dieses
Wiedersehen war so beglckend fr uns alle, da fr mich wenigstens die ganze
uere Welt versank und wir auer den Stunden des Schlafes uns fast nicht
trennten. Wie man mich beschftigte, habe ich Euch erzhlt, dabei lebten wir in
einer groen Zimmerreihe, mit offenen Terrassen nach dem Walde, bei stets
geffneten Thren. Wir genossen die Milde der Luft, aber oft hrte ich sie
sagen, da sie keine Spaziergnge machen wollten, um keinen Augenblick unbenutzt
zu lassen fr ihre reichen und lebendigen Unterhandlungen, deren Mittelpunkt ich
war, und zwar oft davon so berauscht, da ich zu den Fen der Tante einschlief
und von Hanna wie ein Kind zu Bett gefhrt ward, was wieder zu den Fen des
Lagers meiner Tante stand. Sprachen wir aber zu Nordwighall von dem Schlosse,
hie es das Schlo der Tante, zuweilen mit dem Zusatze: im Innern von England,
und das Nennen dieses geliebten Aufenthaltes weckte gleich eine Reihe so
wonnevoller Gedanken in mir, und ich war mit dieser Benennung von Kindheit an so
befreundet, da ich den Mangel daran erst entdeckte, als ich das Bedrfni
fhlte, Euch darber Rechenschaft zu geben. Das Recht des Grafen Robert endlich,
mir dies theure Geschenk zu geben, gehrt fr mich zu den sehr leicht
erklrlichen Dingen. Denn nicht ich gab ihm jenes Recht, sondern meine Eltern,
als sie ihn zu meinem Pathen ernannten. Diese Brillanten bilden einen Namenszug,
den er mir spter erklren wollte. Er hatte es auf mein Taufkissen gelegt, und
als mein Arm hineinpate, legte er's mir selbst um, und ich gelobte ihm, es nie
abzulegen. - Sie schlug bei diesen Worten den langen Aermel ihres Trauerkleides
zurck; auf ihrem Antlitze war die sanfte Milde wiedergekehrt, die vorherrschend
diese Zge zu beleben schien. Sie blickte bittend die Herzogin an, welche, ihre
Stirn in die Hand gesttzt, ohne Bewegung zusammen gesunken, in dem Sessel sa
und diesen Blick nicht sah. Als nun die Grfin sich beugte, um ihr Auge
aufzusuchen, begegnete sie dem trostlosen, in Thrnen schwimmenden Auge der
Herzogin, und frchtend fr sie, obwohl ungewi, warum, kniete sie vor ihr
nieder, und sagte leise und zrtlich: Ihr leidet, seid Ihr krank, oder zrnet
Ihr mir? Nein, ich zrne Euch nicht, sagte die Herzogin und blickte tief in das
Gesicht der Knieenden; aber ich bin leidend. Doch vergebt, sagte sie gefat, ich
vollende Euern Schmuck. Sie ergriff hierbei schnell das Armband und sagte
feierlich: Eine theure, theure Hand legte dies Band zuerst Euch an, ich thue es
zunchst und gelobe Euch, fr Euch zu sorgen, wie der es thun wrde, der es Euch
gab, wenn es Gottes Wille so gefgt htte. Whrend dieser Worte befestigte sie
die Armbnder um die schnen Arme und erhob sich sogleich. Der Augenblick der
Trennung schien gekommen, die Grfin Melville erwartete das verabschiedende Wort
mit ruhigem Anstande, und die Herzogin, die es verzgerte und mit sich uneins
war ber die Einleitung des ihr zunchst Liegenden, sah unruhig vor sich nieder,
und das Schweigen, welches die Bescheidenheit ihrer jungen Gefhrtin nicht zu
unterbrechen wagte, lastete mit drckender Schwere auf ihr. Da kamen dumpfe Tne
von dem Eingange her, welche sich schon oft und wohlbekannt hatten vernehmen
lassen, ihrer Unentschlossenheit zu Hlfe. Sie folgte ihrem vorausgesandten
Blicke und berschritt den Saal, die Thre ffnend, an der nun bei den nher
kommenden Schritten sich ein freudiges Gebell und unruhiges Kratzen vernehmen
lie, und durch den kleinen Spalt der sich ffnenden Thr drngte sich Gaston
mit solcher Gewalt hinein, da an den Rndern der Thr Haare von ihm haften
blieben. Er wollte seine ungestme Freude an der Herzogin auslassen, die jedoch
wenig gestimmt schien, sie zu begnstigen, und sie durch ein paar streng
ausgesprochene Worte migte, whrend sie sich von ihm wandte, um zurck zu
kehren. Jetzt gewahrte Gaston, der sich so zurckgewiesen sah, die Grfin
Melville, welche, nach den Terrassen gewandt, in ruhigem Nachdenken der Herzogin
harrte. Er hob den Kopf und Schweif hoch empor, blickte schnell vorlaufend mit
seinen klugen Augen zur Grfin hin und war mit zwei Sprngen nicht allein an
ihrer Seite, sondern mit seinen Pfoten so hoch, da sie sich augenblicklich von
ihnen umarmt sah, und dies mit einem solchen Freudengeheul, da dieser jhe
Ueberfall des groen Thieres ihr einen lauten Schrei des Entsetzens entri. Aber
diese Folge der ersten Ueberraschung ging nun sogleich in die zrtlichsten
Liebkosungen ber. Gaston, o mein lieber Gaston! rief sie und drckte das
schwarze Gesicht an ihre Brust, und kte seine Stirn, whrend Gaston ganz auer
sich vor Freuden schien, wieder von ihr ablie, sie umkreisete, um immer wieder
zu ihr hinan zu springen, und immer wieder ihre offenen Arme fand, und eine
solche Theilnahme an seiner Freude, da Alles, was sie beide umgab, dieser
Empfindung weichen zu mssen schien. Sie gewahrte nicht, da die Herzogin
krampfhaft einen Pfeilertisch, dieser Scene gegenber, ergriffen hielt, und mit
bleichen, zuckenden Zgen und starren Augen hinein sah. O Mylady, rief jetzt die
Grfin, ber Gaston wegschauend, glhend und fast athemlos, o sagt mir jetzt, wo
ist er? Gaston war nicht ohne ihn; Ihr verbergt ihn, Ihr habt mich vorbereiten
wollen durch Gaston auf seinen geliebten Herrn! Doch ich bin jetzt gefat, rief
sie voreilend, o lat mich ihn sehen, frchtet keine allzu heftige Erschtterung
mehr! - Gaston unterbrach diese Worte noch immer durch seine heftigen
Liebkosungen, und dies entzog ihren stets dadurch abgelenkten Blicken die
Vernderung der Herzogin und verschaffte dieser zugleich Zeit, die Fassung zu
erlangen, die ihr jetzt doppelt nthig schien. Nein, Mylady, es steht nicht in
meiner Macht, Euern Wunsch zu erfllen, ich kann Euch den Besitzer dieses Hundes
nicht zeigen, ja, ich mu glauben, Ihr irret, wenn Ihr dies Thier schon frher
zu kennen glaubtet. - Ich mich in Gaston irren? In meinem lieben Gaston, rief
die Grfin, den ich selbst pflegte, als sein Fu bei einem Sprunge von der
Terrasse in dem Schlo meiner Tante blutete und verletzt war? Heit er denn
nicht Gaston? Und seht hier noch die Stelle, wo die Wunde war und kein Haar sich
wieder darber zog. Habt Ihr nicht gesehen, da er mich erkannte? - Und
wahrlich, Gaston schien mit allen Tnen und Bewegungen, welche diesen edeln
Kreaturen verliehen sind, ihr oft so starkes und feines Gefhl auszudrcken,
diesen Worten Nachdruck geben zu wollen, und die Herzogin fhlte sich selbst
davon so berzeugt, da ihr fr Heuchelei nicht geschaffenes Gemth sich von dem
Vorhaben abwendete, diese Bekanntschaft, an die sie leider nur zu fest glaubte,
als eine Verwechselung in Abrede stellen zu wollen. Sie gebot Gaston Ruhe,
welches sie mit Mhe erlangte. Dann ergriff sie die Hand der Grfin und fhrte
sie seitwrts vor. Sagt mir, sprach sie feierlich, wem glaubt Ihr, da dieser
Hund gehrt? - Dem Freunde meines Oheims, theure Lady. Er begleitete ihn stets,
ich kenne ihn, glaubt mir. - Ich zweifle selbst nicht mehr daran, erwiederte die
Herzogin, doch ich stehe jetzt wie eine Bittende vor Euch. Ich fordere von Euch
eine Gewhrleistung, an der mir sehr viel liegt, die fr's Erste nthig ist, die
ich vielleicht spter wieder aufhebe, vielleicht auch nicht. Wollt ihr mir
geloben, meine Bitte zu erfllen, meine dringende Bitte? - Zweifelt Ihr, Frau
Herzogin, an meiner Bereitwilligkeit? Wollt Ihr mir nicht sagen, was Ihr
befehlt? Wollt Ihr nicht berzeugt sein, da dies Herz froh sein wird, Euch zu
gehorchen? Was Ihr von mir fordert, es kann nur recht sein, und ich kann sagen,
ich werde Euch nicht gehorchen, um der groen Verpflichtungen willen, die ich
gegen Euch habe, ich werde gehorchen aus Liebe. - Da ergriff die Herzogin hastig
die Hnde der Grfin, drckte sie fest zwischen die ihrigen und sagte schnell:
Nie, nie, gegen kein menschliches Wesen, nicht durch Blick oder Wort, nie, nie
verrathet Eure frhere Bekanntschaft mit Gaston. Mit Gaston? stammelte,
berwltigt von Erstaunen, die Grfin. Sie hatte sich, nach dem lebhaften und
feierlichen Benehmen der Herzogin, auf die Anhrung irgend einer wichtigen
Mittheilung gefat gemacht, und jetzt sollte sie nichts als die harmlose
Bekanntschaft eines Hundes verlugnen.
    Doch sie besa zu viel Gefhl fr Schicklichkeit, um, der Herzogin
gegenber, nicht ein Erstaunen zu migen, welches dem Betragen derselben fast
zum Tadel werden mute. Ihre wiederkehrende Besonnenheit aber ward bis zum
ernsten Nachdenken erhht, als ihrem folgerechten Verstande zunchst klar ward,
da dieser an sich unbedeutenden Bitte doch ein Umstand anhing, der sie zu
keiner unwichtigen machte, nmlich das Verlugnen der Wahrheit, wenn der Zufall
eine Erklrung darber fr sie herbeifhren mchte. Sie fhlte hier zuerst im
Leben, da man keines Menschen so sicher sein darf, ihm ohne Vorbehalt irgend
eine heilige Angelobung zu thun, noch vor der Kenntni des Begehrten. Der Streit
in ihrem Innern darber legte ihren Lippen noch immer ein Schweigen auf, das
durch ein etwas unbehagliches Gefhl gegen die Herzogin vermehrt ward, welche
ihr rthselhaft und nicht so rein mehr erschien, als einige Augenblicke frher.
Aber die Herzogin hatte gebeten, und diese ihr seltene Stellung lie sie dies
Schweigen beleidigend empfinden. Augenblicklich daher auf ihre frhere Hoheit
zurcktretend, richtete sie sich empor, und ihr Blick heftete sich nicht
bittend, sondern zrnend auf die Grfin. Ich bat Euch, Mylady, sagte sie kalt;
habt Ihr mich gehrt? Ich that meine erste Bitte an Euch! Vielleicht wagte ich
zu viel, Euch um die Erleichterung einer Sorge zu bitten, wobei ich Euer Wohl
mit bedachte. - Sie wollte sich wenden, um den Saal zu verlassen, denn ihr
einmal aufgeregter Stolz mute seine Befriedigung haben, und jede andere Sorge
stand stets dieser Anforderung nach. Da fhlte sie sich gehalten, und eine
Bittende erwartend und getheilt in ihren Empfindungen, welche ihr die Angelobung
ihrer Forderungen wnschen lieen, wandte sie sich. Aber sie fand ein ruhiges,
nachdenkendes Gesicht, ohne Sorge, wie es schien, ber ihren heftig geuerten
Unmuth. Ich bin, wie Ihr seht, in Unruhe und Zweifel, und Ihr mt mich jetzt
nicht verlassen, sagte die Grfin ruhig und ernst; ich gestehe Euch, da mich
Eure Aufforderung in diese Stimmung versetzt hat. Ich gab Euch frher mein Wort,
zu willfahren, noch ehe ich den Inhalt dieses Begehrens kannte, und wenn meine
Ehrfurcht vor Euch mich es auch verbergen lt, wie unbegreiflich mir Euer Gebot
ist, und wenn ich Euch auch gern ohne Grnde vertrauen mchte, mu ich doch
glauben, Ihr bedachtet selbst nicht Alles genau. Denn sagt mir, wer rettet mich
vor der Gefahr einer Lge, der ich fast unerllich ausgesetzt bin, wenn ich
Euch unbedingt gehorche? - Ihr seid sehr berlegt, Lady, in so jungen Jahren,
sagte die Herzogin, noch immer streng, doch zu einer innern Anerkennung dieser
reinen Ansicht fast gegen ihren Willen gezwungen. Inde darf ich Euch wohl am
wenigsten deshalb tadeln, da auch ich eine Feindin der Lge mich nennen darf;
und ich mu es beklagen, Euch nun nicht lnger verhehlen zu drfen, da Ihr
selbst es seid, die mich zuerst vielleicht im Leben zu einer mir sonst fremden
Heimlichkeit und Verhehlung zwingt. Aber das ist der Fluch des Bsen, setzte
sie, wie zu sich selbst redend, hinzu, und es bleibt nichts in seiner Nhe
unbefleckt davon. Ich berlasse Euch, fuhr sie lauter fort, was meine Bitte
betrifft, Euerm Gewissen! Das Wort, das Ihr gabt, soll nur Kraft haben bis zu
dieser Grenze; doch werde ich bemht sein, Euch die Versuchungen aus dem Wege zu
rumen. Thut Ihr ein Gleiches und denkt, da Ihr mir damit den geringsten Dienst
leistet, denen aber, die Ihr die Eurigen nennt, vielleicht den grten. - Ich
danke Euch, sagte die Grfin mit ihrem wiederkehrenden klaren Blick und dem
vollen Ton ihrer melodischen Stimme, Ihr habt mich wieder frei gemacht, es
scheint mir nicht schwer, das zu vermeiden, was Ihr befehlt, und ich wnschte,
Ihr httet allein dabei Interesse, ich wrde gern um Euretwillen recht
vorsichtig und besonnen handeln. Ich sehe wohl, setzte sie sanft hinzu, Euer
erfahrner Blick hat schon tiefer in mein Leben geschaut, ich bin dessen froh und
will durch keine kindische Neugierde Euch lstig fallen ber das, was Ihr mir
noch verbergen zu mssen glaubt. - Schreitet in dieser Hoffnung nicht zu schnell
vor, Lady, entgegnete die Herzogin. Ihr legt mir zu viel Scharfsinn bei. Mein
Leben war sehr frei von Verwickelungen, ich verstehe mich daher wenig darauf; um
so mehr habe ich aber stets bei meinen Forderungen das Vertrauen erregt, da man
sich ihnen ohne Vorbehalt berlassen knne. Gehen wir jetzt, Lady, nach unsern
Zimmern; etwas Ruhe wird uns nthig sein. Ich werde Euch vor dem Abendgebet in
der Kapelle in meinen Zimmern der Herzogin von Nottingham, meiner
Schwiegermutter, vorstellen, und dispensire Euch lieber von der Tafel, da Ihr
bis dahin Ruhe bedrfen werdet. - Die Grfin neigte sich ehrerbietig vor der im
Abgehn grenden Herzogin und stieg dann an Mistre Mortons Arm, die sich
sogleich zu ihr fand, die Treppen zu ihren Zimmern hinauf.

Die endlich sich gleichbleibende Schnheit des Wetters hatte am nchsten Tage
die Damen zu einem Spaziergange in den weitluftigen Anlagen des Parkes
veranlat. Die Herzogin fhrte ihre Schwiegermutter die Terrassen hinauf, und
man beschlo, daselbst zu verweilen und auszuruhen, whrend Lucie, an dem Arm
der Grfin Melville hngend, mit der sanften Arabella zugleich sich bemhte, ihr
von den Merkwrdigkeiten von Godwie-Castle zu erzhlen, und in der
bereitwilligen Aufmerksamkeit ihrer Gefhrtin eine immer steigende Aufmunterung
fr ihre Beredsamkeit fand. Da verkndete der wohlbekannte Ruf der Hrner von
den Thrmen des Kastells die Ankunft des neuen Herzogs. Luciens Freudengeschrei
beantwortete diese lang ersehnte Verkndigung, und hpfend und tanzend nannte
sie laut die Namen der Nahenden im kindlichen Gesange. Hierdurch und durch die
meldenden Diener ward die Grfin Melville von der Ankunft dieser nahen
Verwandten des Hauses unterrichtet, und sie fhlte zu zart, um sich nicht in
einem solchen Augenblick lieber zurck zu ziehen, da sie, den Erwarteten vllig
fremd, sich in diesem Augenblick in dem engen Kreise der Familie als strend
betrachten mute. Sie beurlaubte sich daher fr diesen Tag bei den beiden
Herzoginnen mit einigen anspruchlosen Worten, die aber doch hinreichend das
feine Gefhl errathen lieen, von dem sie geleitet ward. Sie erreichte auch den
Eingang der Gallerie, welche nach dem sdlichen Flgel fhrte, ehe die Herren
die Vorhalle betreten konnten, doch sah sie durch die hohen Bogenfenster, wie
der Hof von empfangenden und ankommenden Dienern belebt war, in deren Mitte sich
neben einem ltlichen Herrn die hohe und schlanke Gestalt eines jngern bewegte,
der mit groer Freundlichkeit die ehrerbietigen und freudigen Glckwnsche der
grauen und achtbaren Diener zu beantworten sich bemhte, und so eben Sir Ramsey,
der seine Hand kssen wollte, mit liebenswrdiger Zuvorkommenheit die Stirn
kte. Die Grfin blieb unwillkrlich stehen und sah dieser Scene mit einem
Antheil zu, der nothwendig ein gefhlvolles Herz bewegen mute; so aufrichtig
war der Ausdruck dieser Empfindungen treuer Anhnglichkeit und lohnender
Anerkennung derselben. Der alte Herr richtete nun mit Eile die Aufmerksamkeit
des jngern auf den Eingang des Schlosses, und die Grfin enteilte in ihre
Zimmer. Die Herzogin, begleitet von ihrer Schwiegermutter, ihren Tchtern und
ihren Damen, erschien in den geffneten Pforten des Schlosses, um den Sohn an
der Schwelle seiner Vter, die er nun als rechtmiger Herr betrat, zu segnen
und willkommen zu heien. Solche Augenblicke hervorzuheben und feierlich zu
machen, war ihre ganze Persnlichkeit geschaffen. Es fehlte ihrem Herzen nicht
an Empfindung, und die oft so schnell darber hingleitenden Schatten gaben ihr
in den Augen der Meisten nur das Ansehen einer vornehmen Migung, einer edeln
Selbstbeherrschung, welche sie durch ihre ganze uere Erscheinung wohl zu
erhalten wute. Als sie auf der Schwelle so edel und ruhig erschien, und doch
mit schwimmendem Auge und vollstem Ausdruck mtterlicher Zrtlichkeit dem
heranstrmenden Sohne entgegen lchelte, da htten wohl Alle mit dem gerhrten
Jngling vor ihr das Knie beugen mgen, und in der lautlosen Stille, wie sie
Ehrfurcht von selber gebot, drangen ihre Worte bis in die Herzen der Fernsten:
So segne Dich Gott, mein Sohn, in dem Hause Deiner Vter, dem Du Herr sein
sollst, wie sie es waren! Er segne Dich mit ihren Tugenden, die sie zu
Beschtzern ihrer Unterthanen, zum Glcke ihrer Familie, zum Stolze ihres
Vaterlandes, zu Freunden ihrer Knige erhoben! Stehe auf, Herzog von Nottingham,
und betritt Dein Eigenthum mit einem Gott geweihten Herzen! - Der junge Herzog
sprang auf, aber um sogleich vor seiner Gromutter, auch um ihren Segen flehend,
nieder zu knien, und betrat dann zwischen Beiden die groen Hallen, die in ihrer
ehrwrdigen Pracht gerstet schienen, noch einige Jahrhunderte die Geschlechter
kommen und verschwinden zu sehen, deren schon so viele daran vorbergegangen
waren.
    Graf Archimbald konnte eben kein Freund von solchen feierlichen, die
Empfindung hervorhebenden Scenen genannt werden, und er gnnte seiner Schwgerin
nie lange die stolze Hhe, auf die sie sich nicht ungern erhoben sah, und wo sie
von den an Geist und Rang ihr meist untergeordneten Umgebungen gewhnlich so
lange gelassen ward, wie es ihr selbst beliebte. Er schritt daher mit sehr
heiterem Wesen, seine Nichten mit sich fhrend, hinterher und begrte, als der
mittlere Saal sie alle aufgenommen und die Herzogin sich mit den hochgespannten
Zgen, welche ihre Wrde verkndigten, zu ihm wendete, dieselbe mit einer so
heiteren und unbefangenen Freundlichkeit, als wre er von einem kleinen
Morgenritte so eben zurckgekehrt, und als wre zu einer tiefen Erregung und
einer Andeutung derselben in Worten, berall keine Veranlassung. Er wute wohl,
da er sie damit ein wenig verletzte, aber sie ward ihm dadurch viel bequemer,
und allen Umgebungen wurde zugleich die Fessel abgestreift, die sie ohnedies,
wie oft, so auch dies Mal, lnger getragen htten. Es fehlte der Herzogin,
selbst bei besserem Willen, Freiheit und Heiterkeit um sich herzustellen, doch
sehr oft an Geschick dazu, und ein dunkles Gefhl hiervon verwandelte nicht
selten ihre steife Haltung in ble Laune, die sie dann, den Tadel gern von sich
entfernend, noch immer fr ihr zukommende Wrde hielt, und damit ziemlich lstig
werden konnte. Ganz anders verhielt er sich zu seiner Mutter. Dieser reine
Karakter wollte und konnte nichts mehr scheinen und zeigen, als sich selbst; und
die hchste Wahrheit und Natrlichkeit verrieth nur um so sicherer die
harmonische Schnheit ihres geluterten Innern. Dadurch ward ihre Nhe Jedem zur
Wohlthat, und wenn sie mit der Freude, sie zu lieben, die Herzen beglckte,
erfllte sie Alle zugleich mit wahrer Ehrfurcht vor einer so hohen Entwickelung
des menschlichen Geistes, Graf Archimbald kannte Menschen und Verhltnisse in
den mannigfachsten Schattirungen. Er war sparsam mit seiner Anerkennung und ber
die meisten Tuschungen hinaus, aber wer um seine seltener ausgesprochenen
Gefhle wute, dem war nicht verborgen, da er seine Mutter ber die meisten
Menschen stellte. Sie rief alle weicheren Gefhle und eine zarte, achtende
Unterordnung, die ihm sonst selten einkam, in ihm hervor. So begrte er sie
auch jetzt, und seine Schwgerin fhlte diesen Unterschied wohl, und es mute
gerade diese von ihr selbst so hoch gestellte mtterliche Freundin sein, um ihr
die kleine Demthigung zu verzeihen, welche die Frauen, im Falle sie selbige vom
anderen Geschlechte empfangen, so gern am eigenen zu rchen suchen. Doch war der
Graf entweder zu gutmthig oder zu gewandt, um seine Schwgerin nicht, so bald
es sich thun lie, in eine angenehme Stimmung zu versetzen. Er achtete ihren
Karakter mit allen seinen von ihm leicht begriffenen Fehlern, und noch mehr
ihren Verstand, auf den er einen hohen Werth legte; vielleicht eine Folge seiner
eigenen vorherrschenden Richtung, die ihn in dieser Fhigkeit eine grere
Sicherheit dem Leben gegenber annehmen lie, als sich wohl immer besttigen
mag. Er motivirte daher seine hereinbrechende Freundlichkeit durch die
Mittheilung, da er so glcklich sei, seiner Schwgerin die neuesten Nachrichten
von ihrem Vater, dem Grafen von Bristol, zu bringen, indem bei seiner Abreise
von London so eben ein Courier aus Madrid eingetroffen sei, der auch Briefe fr
die Herzogin gebracht habe, welche er ihr zu berreichen, sogleich die Ehre
haben werde. Die Herzogin hatte aus langer Erfahrung gelernt, da sie am besten
ihre Haltung gegen ihn behauptete, wenn sie anscheinend die Richtung, die er
derselben zu geben wute, nicht zu bemerken schien und sich ihr mit einer Miene
berlie, als sei es ihre eigene Wahl. Beiden war so geholfen, und dieser kleine
Krieg, in dem sie sich vollstndig erkannten, ward ohne eine weitere Erklrung
und unbeschadet ihres brigen Wohlverhaltens, stets ohne Folgen beigelegt. Auch
jetzt empfing sie seine Nachrichten mit der Heiterkeit, die sie ihrer Natur nach
verdienten, und man kam bald dadurch auf die ffentlichen Angelegenheiten, die
allerdings ganz England in eine nicht geringe Spannung versetzten.
    Gewi, sagte der Graf, als man sich niedergelassen hatte, war man gegen die
Unterhandlungen, die der Knig zur Vermhlung seines Thronfolgers mit einem
katholischen Hause anknpfte, nicht gleichgltig, ja, wohl eher tadelnd
gesonnen. Doch war eben so allgemein die Ansicht verbreitet, der Prinz von Wales
empfnde eine eben so groe Abneigung dagegen, wie sein Volk, und fge sich nur
aus kindlichem Gehorsam in den Willen des alten Knigs, dem allerdings bei der
vorgefaten Meinung, da jede Verbindung mit einer Prinzessin unter kniglichem
Range unebenbrtig sei, keine groe Auswahl blieb, da nur Frankreich und Spanien
in diesem Augenblicke Prtendentinnen der Art bereit hatten.
    Und glaubst Du wirklich, mein Sohn, sagte die alte Herzogin, da der Grund
der Weigerung des Prinzen von Wales, sich zu vermhlen, allein seiner Abneigung
gegen die fremde, seinem Volke verhate Kirche zuzurechnen sei? Ich erinnere
mich, von dieser Abneigung Manches schon gehrt zu haben, ehe noch von einer
Unterhandlung mit Spanien ber diesen Punkt die Rede war.
    Allerdings, sagte der Graf; doch scheint sein rasches nunmehriges Eingreifen
in diese Unterhandlungen jene frhere Ansicht zu widerlegen, und es ist nicht
einer der unwichtigsten Nachtheile dieser Reise, da das Volk nunmehr den
Vorwurf einer Hinneigung zum Katholischen von dem alten Knige, an welchem man
dieselbe ziemlich erfolglos betrachtete, auf den knftigen Herrscher scheint
bertragen zu mssen; was wenigstens unbezweifelt der Infantin, sollte sie
unsere Knigin werden, keine freundliche Stimmung im Volke bereiten wird. Die
Abneigung des Prinzen aber, sich zu vermhlen, stammt aus einer frheren Zeit.
Meine Verhltnisse haben mir nicht erlaubt, darin klarer zu sehen, als die
allgemeine Stimme verkndigte, der Prinz habe in frheren Jahren eine heftige
und unglckliche Leidenschaft fr ein Frulein von Rang gehegt, die ihn
spterhin dem ganzen Geschlechte entfremdet. Wie viel daran war, mchte ich
selbst bei der Wahrscheinlichkeit des Gerchtes nicht entscheiden, obwohl die
Thatsache auer Zweifel ist, da der Prinz auer der allgemeinen ritterlichen
Galanterie, die seine liebenswrdige Natur bezeichnet, nie einer Einzelnen den
kleinsten Vorzug einzurumen schien.
    O, rief der junge Herzog, wie unendlich viel liebenswrdiger erscheint mir
nun noch der Prinz; wenn ich mir diesen Kern des Herzens, diese treue und feste
Liebe in ihm denke, die ihn gegen die Verirrungen der Jugend schtzte, und ihn
so mild und ritterlich zugleich darstellt. Immer war es mir, als ob in seinen
Augen so etwas unaussprechlich Anziehendes lge, eine Mischung von Geist und
Schwermuth, geschaffen, die Gemther in der grenzenlosesten Hingebung zu
fesseln.
    Er hat die Augen der Stuarts, sagte die jngere Herzogin mit hervorgehobener
Klte; man hat stets viel und in vielen Verhltnissen und an den verschiedensten
Individuen von ihrer Zauberkraft gefabelt, und obwohl sie mir diesen Eindruck
nie machten, sehe ich doch, die Wirkung blieb fr meinen Sohn aufgehoben. Denn
wahrlich, fuhr sie fort und streckte die Hand, sich erheiternd, nach ihm hin, Du
glhst in der Erinnerung dieser Augen, und Dein knftiger Knig mag mit
Empfindungen zufrieden sein, die Dich, wie es scheint, in grenzenloser
Ergebenheit an ihn fesseln werden.
    Ja, theure Mutter! Ich wrde fr den Prinzen, den ich von Kindheit an liebte
und durch des Vaters Erzhlungen fort lieben lernte, mit Entzcken mein Leben
geben, und er wird in mir einen Unterthanen finden, wie er ihn hoffentlich nie
bedrfen wird, der seine Rechte mit Gut und Blut zu vertheidigen bereit wre. -
Er wute nicht, wie er in diesen Worten sowohl sein, als des Prinzen spteres
Schicksal bezeichnete. So wird in unserer Empfindung oft Jahre lang vorher die
Fhigkeit vorbereitet, die das Leben spterhin in das Dasein ruft, und wir
nehmen oft den Platz wirklich ein, den wir in der Jugend mit unsern Trumen und
Wnschen umschlichen, ohne seine Erreichung fr mglich zu halten. Wer mchte
die Grenzen bestimmen, die unser inneres Streben, das uns oft selbst nicht
deutlich wird, hier in einem hhern Willen findet; wer kann sagen, ob wir das
Schicksal heranzogen durch die Richtung, die wir uns gaben; oder ob es das
Schicksal war, welches uns gerade diese Richtung der Ansichten und Empfindungen
aufnthigte, deren wir oft nicht eher uns bewut werden, als eben in dem
Augenblicke, der sie zugleich in Thaten hervortreten lt. - Die begeisterten
Worte des Jnglings hatten eine augenblickliche Stille des Nachdenkens
veranlat, und vielleicht mochten in den lteren Personen sich hnliche Gedanken
regen; doch die Herzogin liebte nicht, in fremde Empfindungen einzugehen, und
hielt gern sich und Andere in den ihr bereits bequem gewordenen Grenzen.
    Der Prinz war der Freund meines Gemahls, hob sie an, als ob sie dadurch
Alles ausdrcken wolle, was er in ihrem Antheile besitzen knnte, aber ich
gestehe, da ich mich nie bis zu einer Bewunderung dessen habe erheben knnen,
was in meinen Augen selbst in dem Falle, der ihn in den Deinigen, mein Sohn, so
zu erheben scheint, nur eine unmnnliche Schwche war. Was ist mehr Gottes
unmittelbarer Wille, als der Standpunkt, auf dem wir uns durch unsere Geburt
befinden? Mgen Andere mindern Ranges darber noch in Zweifel sein, der Prinz,
der knftige Knig, mu es wissen, da er nicht seinen Privat-Empfindungen
angehrt, und der hohe Beruf, der ihm geworden, dchte ich, mte das Herz zu
greren Empfindungen entflammen und ihm wohl einen starken Ersatz fr jene
kleinen Tndeleien des Herzens gewhren, fhlt er sich anders wahrhaft fhig,
der groen Anforderung seiner Geburt zu gengen. Knige haben andere Grnde,
sich zu vermhlen, sie mssen diese Pflicht gegen ihr Volk erfllen, und mssen,
auch ohne ihr Herz, eine solche Ehe wrdig zu gestalten wissen. Man sollte
berhaupt auch in andern Stnden, etwa als Oberhaupt einer bedeutenden Familie,
sich frei zu erhalten suchen von einer Leidenschaftlichkeit der Empfindungen,
die uns nur zu leicht aus dem Gleichgewicht zieht, mit dem wir allein im Stande
sein werden, ausgedehnte Pflichten zum Nutzen und Beispiele der uns Anvertrauten
zu erfllen. Ich mchte jungen Leuten, die eine Laufbahn beginnen, immer
zurufen, erst den Standpunkt zu prfen, auf den sie durch ihre Geburt gestellt
wurden. Was ihnen dann zulssig wre, wrden sie leichter und geschickter
whlen, als wenn sie sich regellos entwickeln und ihren Verhltnissen
aufnthigen, was ihre Leidenschaften ihnen nicht zu unterdrcken gestatten.
Welche unselige Verwirrungen hat dies in die ehrwrdigsten Familien gefhrt!
    Glaubet nicht, theure Mutter, erwiederte der Herzog, da ich solcher
Verwirrung das Wort redete, aber ein Herz, welches einer tiefen und starken
Empfindung in der Liebe fhig ist, mte, dachte ich, auch den warmen Impuls der
Tugend und Pflichttreue dadurch in sich verstrkt fhlen.
    Ich wollte nicht tadeln, was Du sagtest, entgegnete die Herzogin; htte es
mir Unrecht geschienen, wrde ich Dich ohne Einkleidung meiner Meinung gewarnt
haben. Ich ehre vollkommen eine aufrichtige Liebe zu unserm Lehnsherrn, wie ich
sie in Deinen Aeuerungen erkannt habe; ich wrde meinen Sohn verkennen, wre es
anders. Doch la uns auf etwas kommen, was mich zu hren verlangt; Du bist mir
noch Deine Aufnahme bei'm Knige schuldig. Willst Du der Gromutter und mir
Einiges darber mittheilen?
    Der Knig war sehr gtig, und seine Gesinnungen fr unsere ganze Familie
sind hchst ehrenvoll; aber die eigentliche Ceremonie ward seiner Gesundheit
halber sehr abgekrzt. Auch fand ich ihn so verndert, da ich ihn wohl unter
andern Verhltnissen, die ihn weniger kenntlich gemacht htten, kaum wieder
erkannt haben wrde. -
    Wie? sagte die alte Herzogin, ist er leidend, oder ist schon wirklich Gefahr
fr unsern guten Herrn?
    Dies mchte ich nicht gerade behaupten, nahm Graf Archimbald das Wort, doch
hat er eben ein bses Fieber berstanden, und in seinen Jahren bleibt allerdings
eine gnzliche Herstellung zweifelhaft, oder doch nur langsam zu erwarten. Ich
habe die Vernderungen seiner Gesundheit auch bemerklich gefunden.
    Auch scheint ihn Gram und Sorge ber die Reise seines Sohnes sehr
erschttert zu haben, setzte der junge Herzog hinzu; denn er redet Jeden an, um
ihm darber seinen Schmerz und seine Besorgni auszudrcken.
    Diese groe Reizbarkeit lt auf eine allgemeine Schwche schlieen, fuhr
Graf Archimbald fort, denn wenigstens bis jet sind die Nachrichten aus Spanien
so glnzend, da es scheinen will, das Glck wolle es bernehmen, die kleine
Uebereilung unsers theuern Prinzen wieder gut zu machen. Wir haben dies alle dem
unvergleichlichen Benehmen des Grafen Bristol zu verdanken, der dem Prinzen
eigentlich den Boden bereitete, auf welchem er siegend einher zu gehen scheint,
und der auch bei der berraschenden Ankunft des Prinzen mit der grten
Geistesgegenwart seine Maaregeln besser nahm, als unsere nachkommenden
Depeschen sie ihm angeben konnten.
    Und so wre diese Sache also wirklich durch den raschen Entschlu des
Prinzen befrdert? fragte die alte Herzogin.
    Dies zu bestimmen, mchte ich vor der Rckkehr des Prinzen nicht bernehmen,
sagte lchelnd Graf Archimbald, denn der Herzog von Buckingham begleitet ihn,
und wer wei, ob der Graf von Bristol seine Angelegenheiten nicht zu ruhmvoll
betreibt.
    Wie verstehst Du das? fragte, unschuldig ihn anblickend, die alte Herzogin.
    Wozu, theure Mutter, sagte der Graf, fast zrtlich ihre Hand nehmend, wozu
willst Du mit Deinem reinen Geiste Dich zu den Schlangenwegen der Politik, des
Neides und Stolzes herablassen? In Deiner Nhe vergesse ich am liebsten den
wunderlichen Verkehr der Auenwelt, wenn ich ihr nachher auch wieder angehre,
durch Erziehung und einmal bernommene Stellung. Meldet man uns ja doch in
diesem Augenblicke aus Madrid noch die glnzendsten Dinge. Dem Prinzen ist
kniglicher Rang eingerumt, die Infantin hat den Titel einer Prinzessin von
Wales angenommen, und der Knig, sein Hof und das ganze hochherzige und
ritterliche Volk berhufen ihn mit enthusiastischer Liebe, da sie allerdings
diese Handlung, sie in ihrer ganzen Originalitt auffassend, als den hchsten
Beweis des Zutrauens zu ihrem National-Karakter ansehen.
    Wenn ich Hofdame wre oder noch am Hofe lebte, versetzte die alte Herzogin
lchelnd, so wrde ich mir die Stoffe zu meinen Roben aussuchen, in denen ich
den Vermhlungs-Feierlichkeiten beiwohnen wollte; so sicher erscheint mir die
erlauchte Infantin unsere Prinzessin von Wales zu werden, und ich sehe wohl, da
ich trotz meines politischen Gemahls, Sohnes und Bruders wenig Kenntnisse
gesammelt habe, da mir hier von keiner Seite mehr ein Hinderni einleuchten
will. - Sie erhob sich freundlich von ihrem Sessel, denn die Mittagszeit war
nahe, und man hatte ber der Freude des Wiedersehens nicht daran gedacht, sich
umzukleiden. Jeder begab sich in seine Zimmer. Der Herzog weigerte sich, die im
italienischen Flgel anzunehmen; wodurch er seiner Mutter eine grere Wohlthat
erzeigte, als sie eingestand.

Die Gesellschaft des Schlosses hatte, obwohl nun ein lngerer Zeitraum zwischen
dem Tode des Herzogs verflossen war, doch ein so gedrcktes, schwermthiges
Leben fortgefhrt, da ein Bedrfni freieren Aufathmens, lebhafteren Treibens
bei den Meisten sich dringend einstellte. Auch trat die Zeit als mildernde
Vermittlerin selbst fr diejenigen ein, die am nchsten dabei gelitten, und
machte sie wenigstens geneigt, dem wiederkehrenden Leben stille Zuschauer
abzugeben. Das ewige Ergnzungs-System in der Natur lt auch eine so endlos
scheinende Lcke, als der Gram ber den Verlust eines geliebten Gegenstandes uns
scheinbar ffnet, nicht ohne diesen wohlthtigen Einflu. Mssen wir auch oft
einen bis dahin uns theuer oder doch bequem gewordenen Kreis abschlieen, ohne
da wir Grund oder Boden fr einen neuen sehen - die kleine, rettende Insel
steigt doch endlich aus dem leeren, wsten Raum empor, auf der wir einen neuen
Kreis ziehen, wenn auch endlich immer kleiner, wenn auch unsichtbarer, stiller
und einsamer. Das groe Geschft, zu leben, lset uns vor unserm letzten
Athemzuge niemals ab; und wer aus freier Kraft die Wnsche ablst, die dem
schnen, ruhigen Lauf des Daseins mit Verwirrung drohen, der fhlt endlich, da
ber ihm der Kreis sich vergrert, der da unten in der Welt sich verengt; und
hat er mit diesem endlich abgeschlossen, so ghnt ihm keine bodenlose Tiefe
entgegen, sondern ein heller, lichter Strahlenkreis, worin er wieder finden
wird, was er verdient.
    So ward die Wiederkehr des nunmehrigen Herzogs und des Grafen Archimbald den
zaghaften Gewissen zur Entschuldigung der Freude, die nun bald wieder in den
schicklichen Grenzen sich zeigte, welche hier mehr, als sonst, beobachtet
wurden. Die anspruchlose Natrlichkeit des jungen Herzogs trug hierzu wohl sehr
viel bei; er kannte es nicht, sich ein Gefhl aufzubrden, was er nicht hatte.
Seinen Vater je zu vergessen, gleichgltig gegen seinen Verlust zu werden,
schien ihm so auer dem Bereich der Mglichkeit zu liegen, da er nicht
frchtete, damit beargwhnt zu werden. Daher athmete seine Brust in neuer
jugendlicher Lust empor, er freuete sich dessen, und es schien ihm dies recht
natrlich, da er ja noch viel zu thun hatte, um seines Vaters willen, wozu ihm
ein gesundes Herz vor Allem nthig schien. Darum sah man ihn auch auf das
Anmuthigste mit Arabella und Lucie scherzen, und Alles um sich her durch die
klare, heitere Miene beleben, die nicht der Ausdruck des Leichtsinns ist,
sondern eines sichern natrlichen Gefhls, das Alles eingesteht, weil es nichts
zu verbergen hat.
    Man htte denken knnen, die alte Herzogin habe diese wohlthtige Diversion
vorausgesehen oder herbei gewnscht; denn offenbar untersttzte sie mit ihrer
liebenswrdigen Laune das Betragen ihres Enkels, und schien sich des Erfolges zu
freuen, der selbst ber ihre Schwiegertochter sich langsam verbreitete, welche
zu mtterlich fhlte, um sich nicht endlich dem Einflu zu berlassen, den ihr
Sohn zu verbreiten wute, nachdem sie den unangenehmen Eindruck berwunden
hatte, diesen Sohn den hchsten Rang behaupten zu sehen, der ihr selbst an der
Seite ihres Gemahls, in seiner milden, gegen uere Vorzge gleichgltigen
Stimmung, so unbestritten gewesen war. Der junge Herzog nahm berall willig das
Recht in Empfang, was mit seiner Wrde ihm verbunden schien. Wie deshalb aber
seine Mutter einen niedern Rang, als frher, einnehmen knne, vermochte er nicht
einzusehen; und eben dies, da der Herzog dies fhlte, vershnte sie mit den
unvermeidlichen Einschrnkungen ihres Einflusses und ihrer Macht. - Als man sich
zur Tafel begeben hatte und Lucie noch immer ihren Liebling vermite, brach sie
sich mit ihrem klaren Stimmchen Bahn, und sich zu ihrer Mutter wendend, rief
sie:
    O, liebe Mama, wo ist aber unsere Lady, warum kommt sie nicht zu uns, ist
sie wieder krank?
    Nein, Lucie, sagte die Herzogin, und die Erinnerung an dieses geheimnivolle
Wesen weckte die stillen Qualen ihrer Brust und vernderte schnell die Farbe
ihrer Wangen; frchte nichts, sie ist wohl auf, aber zu bescheiden, ohne
Vorbereitung vor diesen Herren zu erscheinen.
    Meinem guten Bruder Robert, meinem lieben Oheim? rief Lucie, vor denen htte
sie immer erscheinen knnen, die htten ihr sicher nichts bel genommen, wenn
sie auch fremd ist, wie Du sagst. Nicht wahr, Oheim? Nicht wahr, Robert?
    Was meinst Du, Lucie? Wen hast Du, dem Du Protection gewhrst? fragte Graf
Archimbald, whrend Roberts Blicke sich fragend zu seiner Mutter wendeten.
    Wir haben einen Gast, mein Sohn, hob die Herzogin gezwungen an, ber den ich
noch nicht den passenden Augenblick finden konnte, Dir meine Mittheilungen zu
machen. Ich habe whrend Deiner Abwesenheit ihr den Schutz dieses Hauses gelobt,
den sie, unglcklich und verlassen, fr den Augenblick zu bedrfen scheint. Du
wirst mich sehr verbinden, wenn Du meine Worte besttigen willst.
    Meine theure Mutter, rief der Herzog, und ber sein jugendliches Antlitz
flog die Rthe der Ueberraschung und der Beschmung, Euer Durchlaucht sind
hoffentlich vollkommen berzeugt, da es hier keine Autoritt giebt, Ihre
Anordnungen und Befehle zu besttigen. - - Es war vielleicht das erste Mal, da
ihn der Gedanke flchtig berhrte, wohin der stolze Sinn seiner Mutter sich
verirrte, den er aber mit Erschrecken aufzunehmen schien.
    Die Herzogin war mit dieser Huldigung zufrieden, und ohne sie weiter zu
beantworten, fuhr sie sichtlich freier, gegen die Hauptperson sich wendend,
fort: Ich habe gestern ihre rhrende Geschichte gehrt, sie ist von vornehmer
Geburt, eine Grfin von Melville, eine Enkelin des Sir Robert Melville, und
obwohl ihre Eltern gestorben sind, lebt ihr doch noch ein Oheim, fr dessen
Auffindung wir Eure Gte, Graf Archimbald, in Anspruch zu nehmen denken.
    Graf Archimbald verbeugte sich und wiederholte blos den Namen Melville, als
sh' er in Gedanken in der groen Namenliste seines Gedchtnisses nach diesem
sich um. Die Herzogin erzhlte alsdann kurz und mit vieler Geschicklichkeit die
Geschichte der Auffindung und der Krankheit der jungen Dame, und schlo mit
einem fast unwillkrlichen Lobe ihrer Schnheit und feinen Erziehung. Die
Wirkung dieser Erzhlung auf beide Mnner war auffallend, wenigstens fr die
Uebrigen, an diese seltsame Erscheinung bereits Gewhnten. Man sah hier recht,
wie das Geheimnivolle ber alle Menschen eine Gewalt bt, welche zu lugnen,
eben so vergeblich wre, als ihr gnzlich entgehen zu wollen.
    Da die Sache jetzt einmal in Anregung gekommen war, wnschte die Herzogin
nunmehr auch die persnliche Bekanntschaft mit ihrem Schtzlinge einzuleiten,
und gab zu dem Ende ihren Tchtern den Auftrag, die Lady am Nachmittage zu
besuchen und sie, wenn es ihre Gesundheit erlaube, um die Theestunde nach ihren
Zimmern mit herber zu fhren. Dieser Auftrag ward mit Freude von den Tchtern
empfangen und verwies die aufgeregte Neugierde der Herren an ein leicht zu
erreichendes Ziel; whrend es die Herzogin selbst beruhigte, weil sie mit ihren
eigenen Gedanken ber die Grfin auer Zweifel kommen wollte. Ihre
Schwiegermutter hatte, trotz ihrer argwhnischen Aufmerksamkeit bei der
Vorstellung der jungen Dame, ihr durchaus keine Aufschlsse gewhrt, indem sie
jene nur mit dem freundlichen Antheil empfangen hatte, der sowohl ihrer Lage,
als ihrer liebenswrdigen Persnlichkeit billig zuzukommen schien.
    Als daher die Theestunde herangerckt war, die um der alten Herzogin willen
mit groer Aufmerksamkeit gehalten wurde, obwohl dies keineswegs damals schon zu
den Sitten Englands gehrte, und sie sich, von ihrem Sohne gefhrt, bei ihrer
Schwiegertochter eingefunden hatte, konnte diese die Ankunft des Herzogs in
steigender Ungeduld nicht erwarten, und Pons flog auf den ihm wohlbekannten Wink
dahin, die jungen Damen abzuholen. Die Herzogin hatte in der Nhe eines der
hohen Bogenfenster, welches, geffnet, einen heitern Blick auf die Gebsche der
Terrassen und die dahinter ausgebreitete Landschaft gewhrte, die Sessel stellen
lassen, welche die Familie aufnehmen sollten. Man sa so dem mit schnen
Gemlden und kostbaren Gerthen geschmckten Saal gegenber, der mit diesem
Zimmer durch einen hohen und breiten gothischen Spitzbogen verbunden war; diesen
hatte man, seines kunstreichen Schnitzwerkes und seiner prachtvollen
Vergoldungen wegen, ohne Thren gelassen, und nur durch einen reichen seidenen
Vorhang die Zimmer nach dem Bedrfni der Bewohner getrennt. Jetzt war derselbe
von einander gerollt und gewhrte eine schne Aussicht in den eben erwhnten
Saal, an dessen Ende sich, dem Bogen gegenber, die breiten vergoldeten
Eingangsthren befanden. Die Herzogin hatte, ihre Schwiegermutter an ihrer
Seite, ihren Teppich vorgenommen und arbeitete, wie es schien, mit der
vollkommensten Ruhe an der Bildung einer knstlich verschlungenen Blume, whrend
Graf Archimbald, vor ihr stehend, mit groer Beredsamkeit ihr die
verschiedensten Mittheilungen machte ber Freunde und Verwandte in London. Die
Herzogin hatte ihm einige Mal schon den Sessel angeboten, der ihm die Richtung
gegen den Saal zu gegeben und ihn fr ihre Beobachtung bequemer gestellt haben
wrde, aber auer einer stummen Verbeugung hatte er sich nicht unterbrechen
lassen, da er, wie es schien, zu stehen vorzog.
    Jetzt ffneten sich die Thren. Die Erwarteten zogen in bunter Ordnung durch
den Saal, und Graf Archimbald sprach noch immer, mit dem Rcken dahin gewandt,
lebhaft und zu laut, um das Gerusch der Nahenden zu hren, als die Herzogin in
voller Ungeduld zu dem letzten Mittel griff, und mit Hand und Augen und
freundlichen Mienen um ihren Schwager herum in den Saal hinein grte, fr den
Augenblick unbekmmert ber die sonderbare Huld, und einzig bestrebt, ihren
hartnckigen Schwager zu wenden. Dies gelang, er trat zurck und folgte der
Richtung mit den Augen, welche seine Schwgerin so lebhaft anzugeben bemht war,
und der Blick, den der Graf jetzt prfend und immer prfender dahin sandte, und
die auf seinem Gesichte unverkennbare Spur innerlicher Ueberraschung befriedigte
die Herzogin zu ihrem eigenen Nachtheil vollkommen ber die List, die sie sich
erlaubt hatte, und ber das davon erwartete Resultat.
    Die jungen Damen, von ihren Gouvernanten und Master Copley begleitet,
nherten sich nur langsam, sprechend und mit Lucie tndelnd, welche die Zipfel
des langen durchsichtigen Schleiers ergriffen hatte, den die Grfin Melville
trug, und den sie durchaus als ihr Page dienend ihr nachtragen wollte. Dadurch
aber drngte sie dieselbe vor, und es schien wirklich, als ob die sie
Begleitenden ihr Gefolge ausmachten. Die Grfin trug noch immer Trauerkleidung,
welche von schwarzem seidenen Stoff auf ihren Wunsch erneut war, und nach der
damaligen Mode in einem Mieder bestand, welches die Schnheit der Taille sehr
vortheilhaft bezeichnete, und Schultern und Nacken enthllte, whrend der Rock
in feinen Falten sich bis zu den Fen senkte. Dazu gehrten noch die weiten
lang niederhngenden Oberrmel, welche, aufgeschnitten, den zierlichen
Unterrmel zeigten, der eng anliegend, die Form des Armes umschlo.
    Der einzige Schmuck dieser einfachen Kleidung bestand in dem uns bekannten
Kreuze, welches an der Perlenschnur von ihrem Halse hinab bis auf die Spitze des
Mieders hing, und dessen Werth die Besitzerin wenig kannte, obwohl vielleicht
kaum ein hnliches Geschmeide sich in dem Besitz der reichen Edelfrauen des
Landes befinden mochte. Das Haar trug sie nach franzsischer Sitte ber die
Stirn gescheitelt und von den Schlfen an in vollen Locken bis zu den Schultern
hinabwallend. Das dunkle und glnzende Braun dieses Haares hob die Lilienweie
ihrer Haut, welche nur einen leichten Anhauch von Rthe auf den lieblich
geformten Wangen zulie und dem Lichte auf diesem Antlitze fast etwas
Strahlendes gab. Es lag auerdem in jeder Bewegung und in ihrer ganzen hohen und
feinen Gestalt etwas Ungewhnliches, so da sie die Aufmerksamkeit fesseln
mute. Sie schien jetzt ganz mit Lucie beschftigt, und in ihren Scherz
eingehend, hatte sie den schnen Kopf halb zurckgebogen, um mit ihrem kleinen
lieblichen Pagen zu kosen. Auf dem dunkeln Grunde des Schleiers ruhte die feine
Linie von Stirn und Nase, und zeigte das gesenkte Auge mit seinen langen
schwarzen Wimpern nur in der hohen und schnen Wlbung, zu einer Vollendung der
Form erhoben, welche auch ohne die Entschleierung des vollen Blickes eine
Verheiung unendlichen Liebreizes war. So hatten sie sich dem Eingange spielend
genaht, da erwachte Graf Archimbald aus seinem Anschaun.
    Wer ist das? rief er lebhaft, unfhig, sein Auge von dem Eingange zu wenden.
Meint Ihr die Grfin Melville? sagte die Herzogin mit einer solchen Klte und
Gleichgltigkeit, da der Graf wegen des Kontrastes mit ihrer eben geuerten
Theilnahme ganz erstaunt zu ihr sah, - und die beiden sich so wohl Kennenden
bedurften hier nur eines flchtigen Blickes, um sich gegen einander verrathen zu
sehen.
    Aber es war nicht Zeit zu nheren Errterungen, denn so eben trat die Grfin
unter den Bogen des Eingangs. Sie wendete ihr Gesicht zu den Anwesenden und
suchte mit ausgebreiteten Armen den Schleier aus Luciens Hnden zu ziehen.
Dadurch wlbte sich der schwarze Flor zu einer Nische um sie her, und als sie
langsam und mit steigender Rthe die groen dunkeln Augen aufschlug und einen
Augenblick stillstehend ihre nchsten Schritte zu bedenken schien, glich sie
eher den idealischen Trumen eines Raphael, als einem menschlichen lebenden
Wesen. Die Herzogin hrte hinter ihrem Stuhle von ihrem Sohne, der leise
hereingetreten war, einen Ausruf der Bewunderung, ohne dadurch berrascht zu
sein; ward doch auch sie von dem Wesen beherrscht, welches dazu bestimmt schien,
durch dieselben Reize, durch die sie die trbsten Gedanken der Herzogin
erweckte, sie auch zu bewltigen und zu vershnen.
    Die Sprache der Bewunderung oder des Beifalls, den wir einflen, ist, wenn
auch nur in Blick und Mienen ausgedrckt, eine so leicht sich mittheilende
Sprache, da sie sich auch denen verstndlich macht, die mit der ersten
jugendlichen und so glcklichen Unbefangenheit sie nicht durch ihre Vorzge
herbeigefhrt whnen, aber dennoch von dem Wohlwollen sich gehoben und erfreut
fhlen, das ihnen entgegentritt. Es ist dies einer der schnen Gensse jenes
Alters, wo wir weder Auszeichnung erwarten, noch verlangen, und was uns davon
gewhrt wird, mit gromthigem Enthusiasmus dem Ideale zurechnen, welches wir
uns von den brderlichen Liebesbanden der menschlichen Gesellschaft entwarfen, -
glckliche Trume! welche uns noch frei und lebendig in unserer eigenen Gestalt
mit frhlichem Vertrauen hervortreten lassen, whrend wir spter oft nur den
Wunsch behalten, durch gnzliche Unbemerktheit so wohl dem Lobe, als der
Verfolgung zu entgehen.
    Die Grfin Melville fhlte in dem Kreise, in den sie trat, und aus den auf
sie gerichteten Augen etwas ihr entgegen dringen, das ihre Seele mit Vertrauen
und der unschuldigen Heiterkeit erfllte, deren Ursache wir eben erwhnten. Er
belebte ihre Zge und zog den feinen Anfang eines sen Lchelns um ihren Mund,
whrend sie leicht vorglitt und die kindliche Bewegung machte, der jngern
Herzogin die vorgestreckte Hand zu kssen, welches diese jedoch lebhaft
verweigerte. Haben wir Euch wieder? sagte sie dabei sehr freundlich, ich sehe,
Lucie hat das Sicherste erwhlt, sie hielt Euch fest und that Pagendienste, da
Ihr uns nicht wieder entfliehen konntet.
    Weigerte sie sich denn, zu uns zurck zu kehren? sagte die alte Herzogin und
kte das liebliche Mdchen auf die Stirn, whrend sie einen Augenblick vor ihr
auf den Fuschemel sich neigte; dann soll sie zur Strafe neben uns sitzen und
mir Seide zupfen helfen.
    Ich mchte gefehlt haben, um dieser Strafe nicht zu entgehen, sagte heiter
und mit holdem Lcheln die Grfin, machte mich der Fehler nicht der lieben
Strafe unwerth. Doch lieber sag' ich, da Arabella und Lucie meiner Sehnsucht zu
Hlfe kamen; es war mir so bang und traurig dort oben allein, und mich verlangte
die Freude zu sehen, die ich hier nun verbreitet wute. - Hier streifte ihr
helles Auge den jungen Herzog, der immer noch unbeweglich hinter seiner Mutter
stand und den Blick vergeblich von einem Gegenstande zu wenden suchte, der seine
jugendliche Phantasie mit allen ihren Trumen berflgelte. Von dem Ausdrucke
betroffen, womit der Herzog sie anblickte, wandte sie ihre Augen schnell, um sie
einen Augenblick auf dem Grafen Archimbald ruhen zu lassen.
    Erlaubt, Lady Melville, da ich Euch meinen Sohn, den Herzog von Nottingham,
vorstelle, sagte jetzt die jngere Herzogin, er freut sich, den Schutz zu
besttigen, den ich so glcklich war Euch zu gewhren. Mylord, sagte die Grfin,
als der Herzog zu antworten zgerte, und neigte sanft ihr schnes Haupt, ich
bitte Gott, da er Euch segnen wolle in diesem ehrwrdigen Hause, und danke
Euch, da Ihr mir den Schutz nicht entziehen mget, den Eure erhabene Mutter mir
so gromthig gewhrte.
    Die Grfin Melville, hob jetzt der junge Herzog mit einer von Gefhl
berfllten Stimme an, ist nicht in dem Falle, um Schutz bitten zu mssen; wo
sie sich zeigt, wird sie ber das zu gebieten haben, was Jeder zu leisten
vermag. Ihre Gegenwart ist eine Gunst des Schicksals, die zu verlngern der
einzige Wunsch bleiben mchte. - Er hatte sich ihr bei diesen Worten mit einer
Ehrerbietung genhert, die auf seinem glhenden Gesicht einen Ausdruck
hervorrief, der seine Worte noch verbindlicher machte. Seine Mutter fhlte sich
unwillkrlich geneigt, ihn zu unterbrechen, und eilte, ihr den Grafen von
Glanford, ihren Schwager vorzustellen. Beide Herren schienen, obwohl in sehr
verschiedenem Verhltni, doch jeder in seiner Art, der Schnheit ihren Tribut
zahlen zu mssen. Graf Archimbald wute nmlich fr den ersten Augenblick sich
nicht mit seiner gewhnlichen Politur in einigen Worten auszudrcken, sondern
schien, zerstreut und abgezogen, und doch ganz mit der Grfin beschftigt, kaum
einige Ausdrcke der Hflichkeit finden zu knnen. Nicht so die Grfin, welche
von einem angenehmen Erstaunen ergriffen, sogleich ausrief:
    Graf Archimbald Glanford, Ihr seid der berhmte Graf Glanford, der Freund
des Prinzen Heinrich von Wales! Wie glcklich macht es mich, Euch kennen zu
lernen! O Mylord, wie oft hrte ich von Euch erzhlen, wie wurdet Ihr geliebt
von meinem Oheim, meiner theuern Tante! Wie lange verehrte ich Euch schon vor
diesem Augenblicke! - Sie hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen, von welcher
sie jetzt selbst berrascht schien, und die Furcht, zu dreist hervorgetreten zu
sein, bergo ihr Gesicht mit Purpur und senkte ihr Auge mit wachsender
Verlegenheit zur Erde. Doch der Graf war durch diese verstndlichen Zeichen und
die schmeichelhafte Beziehung, die darin fr ihn lag, angenehm zu sich selber
gekommen und eilte mit seiner ganzen Gewandtheit, ihr zu Hlfe zu kommen.
    Er fhrte sie, hchst verbindliche Dinge sprechend, zu ihrem Sessel, und die
Art von Vergngen, welches er ber ihre Mittheilung auszudrcken versuchte,
beruhigte leicht das erschrockene Frulein, welche nun die Augen mit Vertrauen
und mit der holden Klugheit einer jugendlichen Beobachtung auf sein unschnes
Antlitz wandte, und vielleicht nicht ganz ohne Erstaunen die sehr gewhnliche
Bildung des berhmten Mannes erkannte. Doch war, was wir mit dem Worte gute
Erziehung bezeichnen, bei ihr Bildung des Herzens und des Verstandes geworden.
Sie unterdrckte daher nicht allein das wenig befriedigende Resultat ihrer
Beobachtung, sondern ihr edles Gefhl milderte selbst gleich im Entstehen eine
Regung der Art, weil sie die unsichtbare Schnheit der Seele verehren und die
zufllige Hlle vergessen gelernt hatte. Auch bestrmten zugleich ihre Brust die
vereinten Gefhle, welche ihr der Anblick eines von den Ihrigen gekannten und
geachteten Mannes erregte, und die trostlose Trennung von all diesen Lieben, und
das Gefhl der Gte, des Schutzes, des Werthes ihrer neuen Umgebungen, machte
sie vielleicht nur desto weicher.
    Es giebt ein unendliches Weh des Herzens, das sich von einem groen und
bestimmten Kummer dadurch unterscheidet, da es zusammengesetzt ist aus einer
Mischung von Leid und Freude, die das klagende Wort vergeblich auszudrcken
strebt, deren Sigkeit wir mit dem Thau unserer Thrnen netzen, die Gott uns
eben fr dieses halbverstandene Gefhl des Herzens verliehen zu haben scheint.
    So fhlte sich die junge Grfin, aus so groem Elend errettet, unter die
edelsten Menschen versetzt, ihres Wohlwollens gewi. Welch ein Glck! Welch'
eine dankbare Verpflichtung gegen Gottes Gte! Und doch getrennt von Allem, was
ihr Herz bis jetzt Glck genannt hatte, von einer Unsicherheit, einer Einsamkeit
ihrer Lage berfallen, von der die Ahnung frher sie nicht hatte berhren knnen
- welch' eine Flle von Schmerz zugleich!
    Unser Geist besitzt oft eine wunderbare Schnelligkeit, uns Alles im selbigen
Momente vorzufhren, was unser Leben ferner oder nher bewegte. Ueber die Saiten
in unserer Brust streift die Gedankenflut daher, sie alle berhrend, des
erregten Chaos spottend, welches dann in ihrer Tiefe aufghrt. Wie von
krperlichem Schmerze, so dehnte sich das junge Herz in dieser bangen Qual, als
der Graf von Glanford, nach den Thrigen liebreich forschend, sie um die Namen
seiner unbekannten Freunde fragte. Sie hob das Auge, welches redender, als ihr
im Schmerz geschlossener Mund, zu ihm sich wandte, doch bald in groe Tropfen
sich verhllte, die bebend auf ihre heie Wange sich entluden und stets von
Neuem aus der Flle des gepreten Herzens sich ersetzten. Es war etwas
Unaussprechliches in der Theilnahme, womit man dies bezaubernde Antlitz bis zum
Schmerze getrbt sah, um so mehr, da man es einen Augenblick frher in seiner
ursprnglichen freien Schnheit und Klarheit geschaut hatte. Graf Glanford war
dazu bestimmt, zum zweiten Male verlegen zu werden; denn er sah sich als die
unschuldige Ursache ihrer aufgeregten Wehmuth an, und war doch wenig darauf
eingerichtet, in diesen zarten Keimen des Gefhls sich zurecht zu finden, und
doch zugleich wie dazu aufgefordert, sich hier vermittelnd zu erweisen.
    Gewi wren ihm die Damen, die ihre Theilnahme nicht lnger zurck halten
wollten, zu Hlfe gekommen, htte nicht der klare und starke Verstand des
liebenswrdigen Mdchens sich selbst die Hlfe verschafft, die ihrem
berwallenden Gefhle das Maa zu geben geneigt war.
    Zrnet mir nicht, Mylord, sagte sie und brach mit Gewalt die schnen Lippen
zum bittenden Lcheln, whrend sie die heien Tropfen in ihren Augen erdrckte,
ich bin fremd und neu in der Flle der Traurigkeit, in die mich Gottes Wille
gefhrt hat; aber meine theuern Erzieher sollen nicht vergeblich in Sorge und
Liebe sich um mich bemht haben, ich will stark werden auch im Unglck. Vergebt
mir, ich ward jetzt berwltigt, weil meine Gedanken an Allen hinglitten, die
ich geliebt und verloren habe. Aber, fuhr sie vllig gesammelt und mit einem
rhrenden Eifer fort, ich war undankbar, so viel Schmerz zu empfinden, wo ich
auf's Neue nur Ursache zu danken hatte, da ich in Euch, Mylord, eine
hochverehrte und von den Meinigen gekannte Person fand. Ihr werdet den Grafen
von Marr, meinen theuern Oheim, kennen, Ihr werdet ihn zu mir fhren; Ihr sahet
ihn vielleicht jetzt, denn Ihr kommt ja aus London, Ihr mutet ihn sehen, denn
er lebt im Gefolge des Knigs.
    Sie hatte diese Worte mit Hast gesprochen, whrend ihre Augen immer mehr vom
Glanze der steigenden Hoffnung sich belebten, und jetzt zur Gewiheit einer
schnellen Nachricht von dem theuern Oheime gelangt, hing ihr Blick mit freudiger
Erwartung am Munde des Grafen. Aber es stand nicht in seiner Macht, diese
ersehnte Auskunft zu geben, ja, er verbarg nur mit Mhe sein Erstaunen ber
einen Namen, den er allerdings unter dem schottischen Adel als angesehen kannte,
den er aber am Hofe des Knigs nie unter denen hatte nennen hren, die ihn dort
umgaben; viel weniger noch war eine solche Person ihm selbst bekannt.
    Mein Aufenthalt in London, Mylady, sagte der Graf mit aller Schonung, welche
das ungeduldige Verlangen der Fragenden ihm auferlegte, war in dieser Zeit nur
kurz und wenig um die Person unsers gndigen Knigs. Seine Gesundheit
beschrnkte ihn auf das fast nur augenblickliche Erscheinen bei hchst nthigen
Feierlichkeiten; er blieb sonst auf seine innern Gemcher und seine gewohntesten
Umgebungen beschrnkt, und da ich - wie meine Schwgerin vielleicht schon die
Gte hatte Euch zu erwhnen - frher meinen Aufenthalt in Deutschland nahm, so
konnte leicht mir unbekannt bleiben, da der Graf von Marr sich am Hofe
befindet. Ich kann Euch also leider fr diesen Augenblick keine erwnschte
Auskunft geben.
    Aber, fiel hier der junge Herzog mit Ungeduld und dem Verlangen, zu dienen,
ein, Euer Wunsch soll auf das Schnellste in Erfllung gehen. Ich eile meinem
Bruder Richmond Eure Befehle zu bergeben, er lebt durch meinen Grooheim in
unmittelbarer Berhrung mit der Person des Knigs, er wird so glcklich sein,
Euern Oheim aufzusuchen, und ihn von dem Aufenthalt benachrichtigen, den Ihr
hier anzunehmen uns wrdigt. Habt die Gnade, unterrichtet mich, ob Ihr noch
weitere Mittheilungen zu machen habt, bestimmt, wann ich den Boten absenden
soll.
    Sehr verschieden war der Eindruck, den diese ganze Scene bis auf die letzten
Worte des Herzogs, auf die Anwesenden hervorbrachte.
    Die junge Grfin wandte sich von der untergehenden Hoffnung in dem Grafen,
der neu erweckten in des Herzogs thtigen Verheiungen zu, und wer htte auch
nicht aus dem aufrichtigen, zuverlssigen Ausdruck dieses Gesichts Hoffnung
schpfen wollen! Die Grfin selbst, so hingebend und empfnglich gebildet,
fhlte sogleich ein frhliches Vertrauen zu ihm aufleben, und ihr schnes Auge
dankte ihm, noch ehe die holden Lippen es vermochten:
    Ihr seid so gromthig, so mitleidig mit meiner kindischen Unschuld! Er wird
ja ebenso, wie ich, sich bestreben, mich zu suchen. Ich knnte es erwarten, aber
viel freudiger wird mir doch sein, wollt Ihr gtig thun, wie Ihr so eben sagtet;
dann wird sich leichter und schneller dies ersehnte Wiederfinden treffen, und
ich werde Euch viel danken, ach, unendlich viel, setzte sie innig hinzu,
unendlich viel, wie diesem ganzen Hause! -
    Dessenohngeachtet, sagte die jngere Herzogin, mchte ich bitten, die
Sendung, die Du zu machen denkst, noch so lange aufzuhalten, bis da ich die mir
mitgetheilte hchst anziehende Geschichte unserer jungen Freundin dem Grafen
Archimbald, ihrer Erlaubni gem, mitgetheilt haben werde; denn es wird dann,
denke ich, die Art, wie die Nachfragen nach den Verwandten der Grfin
einzuleiten sind, besser sich bestimmen lassen.
    Mit diesem Ausspruch schien Niemand zufriedener, als Graf Archimbald,
welcher lebhaft darein einstimmte. Unverkennbar war dagegen ein leichter Anflug
von Erstaunen in den Zgen der jungen Grfin, welches zu sagen schien, was es
noch einer besondern Art der Nachfrage bedrfe, wo der Weg so einfach vor Augen
liege; und der junge Herzog, dem dies in der gespannten Aufmerksamkeit, mit der
er sie betrachtete, nicht entging, fhlte sich eben nicht dadurch zu einer
unbedingten Beistimmung veranlat.
    Wenn die Grfin Melville gern und ohne Zwang in diese Zgerung willigt,
sagte er ernst, aber ehrerbietig gegen die Herzogin geneigt, wird Euer Wille,
wie immer, mir Befehl sein; doch bitte ich Euch, thut Euerm Herzen nicht Zwang
an, sagt ein Wort, und ich eile in dieser Stunde noch, Boten nach London
abzusenden.
    Nein, Nein! Mylord, seid nicht so rasch, rief hier die Grfin, denn ihr
kluges Auge hatte schnell den stolzen Blick der Herzogin aufgefat, der der
kleinste Widerstand zur Krnkung ward. Nie mchte ich gegen den Willen Eurer
verehrten Mutter handeln wollen. Wie kann ich bersehn, was sie in ihrer weisen
Gte als Recht erkennt? Nein, Mylady, bestimmt es selbst, wann dieser Schritt
geschehen soll, ich will nicht mit kindischer Ungeduld Euch lstig werden, und
Euch vertrauen, lieber und ruhiger, als mir selbst.
    Diese Worte, so wahr und rein aus dem Innern kommend, gingen wie ein
Engelgru von Herz zu Herzen. Der ernste Anflug, den die Erwhnung so wichtiger
Umstnde hervorgerufen, schien von ihr, die ihn veranlat hatte, ebenso wieder
gebannt zu werden. Die alte Herzogin half stets eine freie und ruhige Stimmung
begnstigen, die jngere Herzogin war vershnt und suchte ihre innere Unruhe zu
bekmpfen. Graf Archimbald mischte sich um so schneller in das Spiel leichter
Worte und Scherze, als er alle Gefhlsscenen gern vermied, und die bescheiden
zurckgezogenen Tchter und Damen des Hauses fhlten sich zur willkommenen
Theilnahme angeregt; nur der junge Herzog war verndert, und seine ganze
Fhigkeit schien in ein tiefes Anschauen der Grfin Melville aufgelst. Aber
auch er widerstand dem Zauber nicht, den sie ber Alle bte. Sein Interesse
weiblich zart errathend, sah sie darin nur eine willkommene Veranlassung, gtig
den zu behandeln, der sich ihr theilnehmend gezeigt. Unschuldig begegnete sie
seinem Blicke, fragte das Wort so oft ihm ab, da er, selbst endlich redend,
heiter zum seligsten Gefhle seines erhhten Selbstes kam, und nun in einer
Belebung der Gedanken und Gefhle dahin wogte, da er wieder Allen, die ihn
kannten, verndert erschien, nur der jungen Grfin nicht, die ihn recht lieb
haben mute und sich recht froh gestand, wie gut doch Alle waren, die dies Haus
umschlo.

Die Gesellschaft nahm am andern Morgen in der schnen mittleren Halle, von der
Lieblichkeit des Tages angelchelt, das Frhstck ein, das in ungezwungeneren
Formen, als die Mittagstafel, den Damen kleine Geschfte, den Herren Gelegenheit
zu tausend hflichen Dienstleistungen verschaffte, die nicht durch Vorschneider
und Mundschenk besorgt werden durften, wie es die Etikette der Tafel verlangte.
Man sa, weil man wollte, man schlpfte von einem zum Andern, es war erlaubt,
und die ungezwungene Laune waltete mit der leichtern Form lieblich ber Allen.
    Die in der Haus-Livree, nicht in Gala, die erst zu Mittag eintritt,
versammelten Diener sind um diese Zeit, von den Sthlen entfernt, zu der
Bedienung des Schenktisches versammelt, oder paradiren in stummer
Aufmerksamkeit, bis ein Pfeifchen, ein Wink, ein Ruf von der Tafel herschallt,
der ihre Hlfe begehrt. Jeder kennt den ihm eigen zugehrigen Dienst, und kein
unruhiges Sausen der sich berrennenden Diener strt die freie Bewegung der
Herrschaften und ihre heiter waltende Laune. Die Dienste, welche diese sich
leisten und dadurch in das Amt der Diener eingreifen, werden auch fr diese
Klasse der Anwesenden eine unendliche Quelle scherzhafter und launiger
Bemerkungen und Beobachtungen. Was beim Frhstck geschah, wird fr sie oft die
Veranlassung frhlicher Gesprche fr den brigen Theil des Tages, wo die
Schlobedienten endlich am Kaminfeuer mit der geringeren Dienerschaft im Kleinen
die vornehmen Manieren und herablassenden Scherze nachahmen, die sie am Morgen
ausspenden sahen.
    Seit lange schien kein Tag frhlicher zu beginnen, als dieser. Die jungen
Damen fhlten ihre Laune belebt durch die gewandte Heiterkeit des jungen
Herzogs. Graf Archimbald verstrkte durch einzelne eingestreute Worte die
harmlosen Witzfunken der jungen Leute. Die alte Herzogin sa mit ihrem feinen
Angesichte, wie die Quelle unschuldiger Heiterkeit, oben an. Sie erzhlte kleine
Zge von alten, lngst vergessenen Sitten, ja, sie sang sogar mit einem feinen
Silberhauche der Stimme den Vers einer Ballade, den sie oft ihrer Mutter, der
Grfin Burleigh, von der armen Spinnerin Josseline singen mute, welche fr
ihren Flei dadurch belohnt ward, da ihre eignen schnen blonden Locken sich in
Goldfden verwandelten, die sie tglich unverringert spinnen durfte und so die
Gemahlin eines Frsten ward. Nicht ohne Wahrscheinlichkeit, sagte sie lachend,
da sie nicht gar unsere Stamm-Mutter ist; denn mtterlicherseits war es ein
angesehenes altes Geschlecht, dem mein Vater seine Tugenden zugesellte. Wer
htte bei dieser Erzhlung nicht unwillkrlich auf Lucie geblickt, deren
goldlockiges Kpfchen aus dem Arme der Gromutter ber die Tafel sah und an die
Ahnfrau denken lie, die so liebliches Lockengespinnst auf diesen reizenden
Nachkmmling verpflanzt zu haben schien. Doch Luciens Seele hing mit Begierde an
der Erzhlung von Josseline. Sie wute nicht, da sie blonde Locken habe, und
kannte das Dasein derselben nur aus den Bemhungen der Mi Dedington, wenn diese
sie glnzend zu kmmen und mit Schleifen zu durchschlingen pflegte, auf Unkosten
der ganzen Geduld der dadurch sehr sich geqult fhlenden Kleinen. Du siehst,
Lucie, sagte ihre Mutter, zu ihr hinber lchelnd, wie Flei und Tugend immer
belohnt werden, Du sollst mir knftig den Vers von Josseline singen, wenn Mi
Dedington Dir ein gutes Zeugni giebt, und kann ich Deine Locken auch nicht in
Gold verwandeln, zum Lohne finde ich doch wohl Manches, was statt des kostbaren
Gespinnstes Dir Freude macht. Das entzckte Lcheln Luciens verschwand, als sie
die von geheimer Schuld gelenkten Blicke auf Mi Dedington wandte, welche, zwar
nicht ungtig, aber doch Lucien bemerklich, schnell mit dem Finger drohte und
dann fortfuhr, ihr Frhstck zu halten.
    Ein breiter kindischer Seufzer machte sich aus Luciens kleinem Herzen Luft,
und sie sagte ganz ernst und nachdenklich:
    Das ist Alles lang her; mssen wir denn immer immerfort fleiig sein, ist
denn nicht Einer, der doch den lieben Gott lieb haben kann und nicht immer zu
arbeiten braucht? - Graf Archimbald hatte schon einige ketzerische Worte in
Bereitschaft, unendlich ergtzt durch die unbewute Ironie, womit Lucie sich
gegen den harten Preis ihrer Gottesliebe auflehnte, aber der lchelnde Mund
wendete sich ab, als die alte Herzogin mit liebender Hast ihr sanftes Nein
sprach und einige Worte hinzufgte, die das holde Kind wieder aufblicken lieen.
Besonders half dazu das Versprechen, ihr die Ballade von Josseline zu lehren,
damit sie im zu hoffenden Falle doch die Mutter an ihr Versprechen erinnern
knne. Und dann, rief Lucie, wenn ich zuerst Josseline singe, was schenkst Du
mir dann? Nun? sagte die Mutter wieder fragend, was mchte wohl Luciens Herz
erfreuen? Lucie hielt die kleinen Hnde jauchzend vor den Mund und blickte
schelmisch zu ihrer Mutter herber, dann rief sie berlaut, die Hndchen hoch
ausstreckend: Ein Pferd, Mama! ein schnes kleines Pferd! Ein Pferd? rief es von
allen Seiten, und lautes Lachen tnte den Worten nach, und Lucie flog im frohen
Jubel um die Tafel, ihren Wunsch unablssig wiederholend, den sie von Allen mit
Scherz und Lachen aufgenommen sah. Hat man je gesehen, da ein solches Kind ein
Pferd besteigt, rief der junge Herzog und fing Lucie in seine Arme auf, mit
zrtlicher Liebe sie an sein Herz drckend. Du wildes Kind, so erwarb Josseline
ihre goldenen Locken nicht.
    O scheltet sie nicht, Mylord, sagte Lady Melville und zog Lucie, strahlend
von eigener jugendlicher Heiterkeit, zu sich heran; ich, Lucie, bin ganz Deiner
Meinung. Nichts Schneres giebt es, als ein muthiges, leichtes Pferd, welches
uns mit seinem raschen Fluge dahin trgt, als ob Schwingen uns entfhrten,
dessen klugem Blicke wir vertrauen knnen, das unsere Liebe versteht, und den
feurigen Willen mit Treue und Gte dem leichten Zucken unsers Fingers fgt; ein
schnes, herrliches Geschpf Gottes!
    Zu Pferde! Zu Pferde! rief der junge Herzog und sprang mit lauter Freude von
seinem Sessel, entzckt von der Lobrede, welche von so schnem Munde seinem
Lieblingsvergngen gehalten ward. Alles erhob sich. Die schne reine Morgenluft,
der sonnige Himmel, die grnende Erde im zartesten Schmucke des Frhlings, Alles
schien die Stunde zu einem frhlichen Ritt zu begnstigen. Die ltern Damen
gewhrten freundlich den jngern dies Vergngen, an dem sie nicht mehr Theil
nahmen; ein Wort der Herzogin hielt Graf Archimbald gleichfalls zurck, und so
wurde dem jungen Herzoge die Anordnung bergeben, welcher sogleich mit Ramsey
fortstrmte, selbst die Befehle dem Stallmeister zu ertheilen und das schnste
Pferd fr die zu whlen, die so feurig seine Tugenden zu erkennen wute.
    Die jungen Damen entfernten sich mit Mistre Corby, um sich zu diesem
Vergngen zu rsten. Lucie bekam von Mi Dedington das Versprechen, die Damen
von dem Altan der Gromutter in das Thal reiten zu sehen. Dahin begaben sich
auch die drei lteren Personen, da die jngere Herzogin um Erlaubni gebeten
hatte, ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Grfin
Melville mittheilen zu drfen.
    Kaum hatte man den Altan erreicht, als die frhliche Cavalcade um die Wlle
des Kastells herum kam und sich in der freiesten Bewegung in dem lieblichen
Thale ausbreitete, welches mit seinem grnen Wiesengrunde den leichten Hufschlag
der Pferde elastisch wieder zu geben schien.
    Arabella war eine geschickte Reiterin, sie sa mit Ruhe und Festigkeit im
Sattel, und wute ihr schnes, frommes Pferd mit leichter Hand in jede ihr
gefllige Richtung zu lenken. Sie sah schn aus, wenn ihr blhendes Antlitz
unter den dunkeln Locken vorblickte und die jugendliche Gestalt sich leicht im
Sattel trug. Auch liebte sie voraus zu reiten, und ihr Stallmeister, der, stolz
auf seine Schlerin, ihr gern zur Seite blieb, durfte ihr Knste vormachen, die
sie geschickt nachzumachen wute. Man gewahrte sie auch jetzt beide zuerst um
den Vorsprung der Mauer biegen; sie machte mit ihrem Pferde die Ehrenbezeugungen
nach dem Altan hinauf und flog dann wie ein abgeschossener Pfeil in den
Thalgrund.
    Der Herzog hatte der Grfin Melville die Wahl gelassen zwischen drei gleich
schnen Pferden. Aber wie htte sie, die Kennerin, unter ihnen das weigeborne
zarte Rlein mit dem hohen schlanken Halse und den feinen Beinchen sehen
knnen, und nicht mit Entzcken seinen Zgel ergreifen sollen. Es schnaubte sie
an und warf den Hals kniglich zurck, und die rosenrothen Nstern und das
volle, schumende Gebi, die zuckenden rthlichen Oehrchen und die hellen
braunen Augen, womit es klug und treu die Grfin anblickte, waren fr die
Bewunderin dieser herrlichen Thiere eben so viele Reize, an denen sie sich
erfreute. Als die eben so gertheten Hufe wie auf glhendem Boden sich spielend
ablsten, nirgends mehr Ruhe habend, strich sie mit den zarten Hnden die
feinen, aus den Flechten gekmmten Mhnen zurck, und ehe der Herzog hinzueilen
konnte, den Steigbgel zu halten, flog sie leicht, ohne Sprung oder heftige
Bewegung, als ob eine Feder den Boden unter ihrem Fue leicht gehoben, in den
Sattel, hatte eben so den Zgel besonnen gefat und belohnte mit einem Ausruf
der Freude den Bogensprung des lebhaften Thieres.
    Die sind einander werth, sagte der alte Stallmeister des Herzogs, ihr
wohlgefllig nachsehend, indem er ihm sein Lieblingspferd zufhrte, jedes in
seiner Art ein Meisterstck! Meinst Du? lchelte entzckt der junge Herzog, und
schon flog er dem leichtfigen Schimmel nach, welcher, der geschickten Hand
sich bewut, ein Muster war an Muth und leichter Bewegung, an Gehorsam und
Beobachtung des leisesten Winkes. Als sie nun beide schnell hinter einander um
den Vorsprung bogen, empfing sie Luciens Freudengeschrei, die an ihrer geliebten
Lady Maria mit ganzer Seele hing. Die Grfin hielt sogleich den strmenden
Galopp ihres Pferdes an und lie es zierlichen Schrittes unter dem Altan dahin
tanzen, inde sie das schne Antlitz, von unschuldiger Freude belebt, empor hob
und ihnen ihre Gre zurief.
    Dann eilten sie frhlich, Arabella einzuholen, die ihnen jedoch umkehrend
entgegen flog, und so bildete sich der kleine Zug, an den sich Master Corby,
Stanloff, der Stallmeister des Herzogs und einige Diener anschlossen. Die
Zurckgebliebenen konnten sich von dem reizenden Anblick nicht trennen. Der
Morgenwind hob die wallenden Federn auf den Barets, in der reinen Luft zeigten
sich die Umrisse der feinen Gestalten; Anmuth und Heiterkeit schien ber Alle
verbreitet, und der etwas schwere Nachtrab verdarb diesen Eindruck nicht, den
die drei Voreilenden erregten.
    Man schien ohne Verabredung auf dem Altan bleiben zu wollen, bis die
Hgelreihe von Cheffield die Reitenden dem Nachblicke entziehen wrde, als die
Herzogin einen kurzen Schrei ausstie, unwillkrlich eine heftige Bewegung gegen
die Brstung des Altans machte und dann schnell versuchte, Gaston zurck zu
rufen, der die ferne Stallhtte bei dem Gerusch der Abreitenden gesprengt hatte
und jetzt zum Nachsetzen mit wilder Hast sich auslegte, fast mit seinem Leibe
den Boden berhrend. Der Ruf der Herzogin ging zwar nicht ganz verloren, und
Luciens kleine Stimme untersttzte ihn mchtig, doch Gaston stutzte wohl einen
Augenblick, sah nach dem Altan hinauf und uerte seine Freude durch einige
ungeschickte Sprnge; als er aber einsah, er solle bleiben, stie er eine Art
Jammergeschrei aus, blickte hinauf, als bte er um Gnade, und strzte im selben
Augenblick mit verdoppelter Schnelligkeit den Reitenden nach. Die Herzogin hielt
den Athem an und die Augen auf die Scene vor ihr gewendet, denn nur zu bald
hatte er den Hintertrab durchbrochen, und im selben Augenblick sprang er an dem
Pferde der Grfin Melville hoch in die Hhe, sie selbst, wie es schien, umarmen
wollend. Doch das Pferd der Grfin, nicht wenig erschreckt, machte einen Satz
vorwrts in die Luft, so da es der ganzen Geistesgegenwart der Grfin bedurfte,
um nicht aus dem Sattel zu fliegen. Der zweite Schrei, den hier die Herzogin
vernehmen lie, motivirte schnell den ersten. Das wilde Thier! rief sie, ich
frchtete gleich Unglck von seinem Ungestm. Gaston fuhr indessen, nachdem er
seinen Herrn und Arabella gleichfalls begrt hatte, immer fort, der Grfin alle
mglichen Liebkosungen zu machen, und Graf Archimbald bemerkte in einigen Worten
gegen seine Schwgerin diese auffallende Freude an einer Fremden. Die Herzogin
mute nun antworten, und vielleicht fhlte sie, da die ngstlichen Zweifel der
Grfin ber diesen Gegenstand nicht ohne Grund waren; denn sie selbst konnte nur
mit der hchsten Ueberwindung und abgewendetem Gesicht sich zum Antworten
entschlieen.
    Gaston, Mylord, sagte sie gedrngt, war es, der die Grfin auf der Terrasse
entdeckte, und seitdem durch sein mitleidiges Herz und die dankbaren
Liebkosungen der Grfin sich auerordentlich an sie attachirt hat. - Ja, Oheim!
rief Lucie, davon will ich Dir erzhlen, wie Gaston, mein lieber, guter Gaston,
nicht von ihr ging, bis sie erwachte, und dann. - La das jetzt, Lucie, sagte
die Herzogin freundlich, aber unabweisbar, nicht umsonst sind die Brodkrmchen
wohl in Dein Schrzchen gepflckt; fttere jetzt Deine kleinen Schtzlinge, sie
harren schon dort und haben mit ihren klugen Aeuglein lngst gesehen, da ihre
kleine Lucie ihnen wieder Futter bringt. Lucie ging sogleich in diese
erfreuliche Gedankenreihe ein, jauchzend hpfte sie an den Rand, wo die nun
schon belaubtere Birke das liebe Nestchen beschtzte, streute ihr Brckchen und
ging dann, von Mi Dedington sanft erinnert, wie ein sehr artiges Kind, unter
hflichen Gren von dannen. Man nahm an den geffneten Thren Platz, und die
Herzogin erzhlte nunmehr ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die
Geschichte der Grfin Melville, wie sie uns bereits bekannt ist.
    Die Pause, die nach Beendigung derselben eintrat, und worin der Graf eine
Bemerkung seiner Mutter zu erwarten schien, ward endlich von ihm selbst
unterbrochen. Es schien ihm nicht ganz leicht, das rechte Wort zu finden, denn
auf den eingefallenen Wangen und erschpften Zgen seiner Schwgerin, welche
sich auffallend schnell whrend ihrer Erzhlung gebildet hatten, lag fr den
feinen Beobachter ein Commentar zu der Mittheilung, die sie mit der strengsten
Wahrheit wieder zu geben bemht gewesen war, den er aber noch nicht zu
entrthseln vermochte. Man spricht inde hufig am ehesten das aus, was sich
eben unsern Gedanken mittheilt, wenn es uns zweifelhaft bleibt, wodurch wir die
Anwesenden schonen oder beschwichtigen knnen, und es scheint, der Graf befand
sich in demselben Falle.
    Ich glaube, sagte er mit der hflichen Miene, wodurch er stets seine Anreden
erffnete, uns allen kann es nicht entgehen, da die junge Dame ber ihre wahre
Lage entweder selbst getuscht worden ist oder, was ich ungern hinzufge, uns zu
tuschen versucht hat. Was sie von Namen und Ort mitgetheilt hat, frchte ich,
wird sich eben so wenig besttigen, als ihre Unbekanntschaft mit denen, die sie
nicht zu nennen wei, sich einigermaen wahrscheinlich zeigt. Ich glaube, da es
dem Scharfblick der Damen nicht entgangen ist, da ich mit einer Antwort ber
den Grafen von Marr nur Zeit gewinnen wollte, denn allerdings htte ich ihr
sogleich bestimmt sagen knnen, da Keiner dieses Namens am Hofe und in der Nhe
des Knigs lebt. Die Familie wird Ihnen, wie mir selbst, sehr wohl bekannt sein;
sie spielte keine unbedeutende, wenn auch eine etwas zweideutige Rolle in den
Unruhen Schottlands unter der Regierung ihrer unglcklichen Knigin Maria. Ich
habe einen Grafen von Marr gekannt, aber er war ein Greis, als ich in der ersten
Jugend mit meinem Vater, auf Befehl der Knigin, nach Schottland ging, wo er an
Jakobs Hofe, gebeugt und kaum noch lebend, sich zuweilen zeigte. Doch nachdem
die traurige Botschaft des Todes der Knigin Maria, welche mein verehrter Vater
so ungern berbrachte, von ihm gehrt ward, zog er sich auf sein Stammschlo
nahe bei Edinburg zurck, und man sah seinem Tode alsbald gewi entgegen. Dieser
Graf hatte aber nur zwei Tchter aus zwei verschiedenen Ehen. Seine erste
Gemahlin war eine franzsische Dame, welche mit Marie von Guise, der Gemahlin
Jakob des Fnften, nach Schottland gekommen und eine ziemlich nahe Anverwandtin
der Knigin war. Die lteste Tochter aus dieser Ehe kennen wir. Sie heirathete
den Ritter Villers, wie ich glaube, gegen den Willen ihres Vaters, und lebte in
tiefer Abgeschiedenheit, man sagt sogar in Armuth, bis nach dem Tode ihres
Gemahls ihr Sohn an unserem Hofe eine Stellung einnahm, die auch seine Verwandte
erheben mute, und wir haben diese Dame als Grfin von Buckingham damals
gesehen. Die zweite Gemahlin war eine Englnderin, fuhr er rasch fort, aber ich
bin unsicher ber ihren Namen. Auch diese gab ihm eine Tochter; die Mutter starb
jedoch bei der Geburt derselben, so da der Graf ohne weitere Erbin blieb, sich
aber, glaube ich, spter in soweit mit seiner ltesten Tochter ausshnte, da er
ihr die viel jngere Stiefschwester zur Erziehung bergab. Dies ist Alles, was
ich seit gestern mit meinem Nachdenken ber diese Familie habe herausbringen
knnen, und es scheint wenig zu der Erzhlung der jungen Dame zu passen. Denn
selbst angenommen, die jngste Tochter des Grafen Marr habe den Grafen Melville
geheirathet, und sie sei die Tochter aus dieser Ehe, welches leicht zu erfahren
sein wird, wo bekam die Grfin Melville eine jngere Schwester und zwei Brder
her, da sie nur eine ltere Stiefschwester hatte? Und doch, fuhr der Graf fort,
immer lebhafter in die Auseinandersetzung dieser Geschichte sich vertiefend,
doch ist dieser unwahrscheinliche Theil ihres Gestndnisses noch der bei weitem
klarste desselben; denn allerdings hat sie groes Recht, selbst ber ihre
Unwissenheit hinsichtlich des zweiten Theils zu erstaunen. Sie kennt den Namen
eines Ortes nicht, welcher das Ziel ihrer Wnsche, ihres Strebens war, den sie
jhrlich ein Mal, vielleicht fter besuchte; sie hrte nie den Namen des besten
Freundes, ihres Verwandten, sie begngt sich damit, ihn Graf Robert zu nennen.
Eine wahrlich sehr naive, vertrauensvolle Hingebung, die aber, ducht mir, nicht
verletzt worden wre durch die natrliche und einfache Bitte um die Namen so
geliebter Gegenstnde, als hier beide, Ort und Person, ihr waren. Die
unnatrliche Verfolgung des einen Oheims, whrend der andere so liebevoll
erscheint, ist auch schwer in Uebereinstimmung zu bringen und scheint auf eine
merkwrdige Unkenntni des Individuums sich zu grnden, die durch den alten
Kammerdiener so leicht gehoben werden konnte, wenn man auch annehmen will, da
das Frulein selbst durch Schreck und Furcht abgehalten ward, sich als die
Nichte dieses erzrnten Mannes anzugeben. Ist sie wirklich eine Grfin Melville,
mute ihr dies doch wohl einiges Recht auf Schutz geben, und dies konnte auch
ihrem Diener bei der grten Einfachheit nicht entgehen. - Nimmt man nun leicht
wahr, da diese letzten Umstnde, wie der Tod des Kammerdieners, vllig dazu
geeignet sind, ber ihre Ankunft hier ein rthselhaftes Dunkel zu verbreiten und
jede unserer Nachforschungen unsicher zu machen, da alle Besttigung des Einen
oder Andern nur in der jungen Lady uns aufbehalten ward, so finden wir uns
dadurch unlugbar ganz in ihrer Hand, und wenn ich damit auch keineswegs gegen
ein so liebenswrdiges und junges Wesen Verdacht erregen mchte, scheinen doch
so viele Widersprche eine sehr sorgsame Nachforschung zu verlangen.
    Er wandte sich gegen das Ende seiner Worte ausschlielich gegen seine
Schwgerin, wie es schien, sie zur Theilnahme aufzufordern, aber die Herzogin
blieb unbeweglich, die Augen auf die Erde geheftet, mit vllig entfrbten
Wangen, die Spitzen der Finger an ihr Kinn gelegt, es gleichsam sttzend. Doch
schien die alte Herzogin bemht, die Aufmerksamkeit ihres Sohnes von der
geliebten Schwiegertochter abzulenken. Sie richtete sich in ihrem Stuhl empor.
Gewi, mein Sohn, sprach sie, giebt's hier ein Dunkel, welches, zum Nachtheil
fr dies liebenswrdige Mdchen, ber ihre Angelegenheiten verbreitet ist. Aber
gegen den Verdacht einer absichtlichen Tuschung ihrerseits schtzt sie, ducht
mich, ihre eigene Aufzhlung dieser Widersprche, ihre so natrliche Betrbni
darber, ihr kindlicher Wunsch, von uns ber alles das, was sie beunruhigt,
Aufschlu zu erlangen. Sollte man wohl annehmen knnen, selbst wenn wir das
beredte Zeugni ihres unschuldigen Antlitzes und ganzen Betragens verwrfen, sie
habe einen Plan gemacht, unser Interesse zu erwecken, da derselbe uns doch nicht
zu bersehende Data angiebt, der Wahrheit nachzukommen, die selbst durch den
pltzlichen Tod der nchsten Verwandten doch nicht an Wichtigkeit verlieren, ja,
wie mir scheint, uns eine Wahrheit mehr an die Hand geben; denn wir hrten ja
von dem traurigen epidemischen Fieber, welches in Folge der bedeutenden
Ueberschwemmungen ausgebrochen war.
    Wohl, sagte Graf Archimbald lebhaft, fast alle Kstenlnder sind davon
heimgesucht gewesen, und namentlich in Cumberland sind oft ganze Familien
ausgestorben; aber allerdings liegt in der allgemein verbreiteten Kenntni
dieser traurigen Umstnde auch eine groe Leichtigkeit, sie fr die eigenen
Begebenheiten anzufhren. - La mich Dir weiter bekennen, fuhr die alte Lady
fort, da die vorerwhnten Unwahrscheinlichkeiten fr mich eigentlich nicht da
sind. Wohl ist es lange her, da ich jung war; dennoch kann ich mir sehr gut ein
junges, feuriges Wesen denken, die ber der Liebe zu den Personen, die ihre
Aufmerksamkeit, wie mir scheint, absichtlich so ausschlielich in Anspruch
nahmen, Ort und Namen und auch wohl noch mehr vergessen knnte.
    Du lchelst, Archimbald, setzte sie selbst lchelnd hinzu, aber wer ber
siebzig Jahr hinausreicht, dem dmmert wieder die Jugend auf. Mir ist, als
knnte ich heute noch durch den Werth von Personen, zu denen ich kme, so
entzckt werden, da ich Ort und Namen zu erfragen verge. Dies ist ja ein
Hauptvorzug der Jugend und gerade diesem liebreizenden Wesen, in welchem sich
sogleich beim ersten Anblick ein innig hingebendes und, tiefes Gefhl
ausspricht, am leichtesten zuzutrauen. Dies gab sie wohl ohne Vorbehalt den
Anregungen hin, die sich ihr darboten; ihr vor Allen traue ich diese kindliche
Hingebung ganz zu, die man auch unfehlbar benutzt hat, sie, ohne gerade Lgen zu
erdichten, an der Wahrheit vorber zu fhren.
    Mchte doch der Himmel Jedem, den er lieb hat, einen Vertheidiger zufhren,
wie Dich, sagte Graf Archimbald, zrtlich seiner Mutter in die klaren Sterne
ihrer sanften Augen blickend. Ich bin zu Allem erbtig, bereit, mich in Alles zu
fgen, was die Damen in der Art bestimmen wollen, wie sie mich zu gebrauchen
denken, und wie ich ihnen den Umstnden nach etwa ntzlich werden kann. Ich
glaube allerdings, da unser Schtzling mehr das Opfer von Planen geworden ist,
die entweder schlecht berechnet waren oder durch unvorhergesehene Flle eine
jhe Wendung nahmen. Denn, wie ich hre und zum Theil auch sah, ist sie im
Besitz von Kostbarkeiten, welche auf eine reiche Ausstattung und hhern Stand
ihrer bisherigen Beschtzer schlieen lassen, und es ist zu erwarten, da wir
bei der zrtlichen ihr erwiesenen Liebe, obgleich dieselbe nur noch in der
Person des einen Oheims existirt, doch uns entgegen kommende Nachforschungen
hoffen drfen! Nur am wenigsten mchte ich sie fr eine Grfin Melville halten.
    Nicht so rasch, Mylord! rief hier die Herzogin stark und rauh, und ri sich
mit Gewalt in ihrem Stuhl empor, whrend in ihrem bisher so todten Auge ein
Strahl der verschiedensten Empfindungen sich Bahn brach. Welche Consequenz kann
uns zwingen, an ihr den hrtesten Raub zu begehen, ihr sogar das Vorrecht eines
Namens zu nehmen? Damit mssen wir nicht anfangen, ihrem Schicksale zu Hlfe zu
kommen; das hiee im Voraus Alles werthlos machen, was wir ihr Liebes thun
mchten im Uebrigen! Und nicht edel ist es von Euch, auf diese Weise Eure Hlfe
anzubieten. - Sie versank nach diesen Worten wieder in sich, unbekmmert, wie es
schien, ber den Eindruck, den ihre Heftigkeit erregen mute.
    Auch war diese Wirkung sehr verschieden bei den beiden noch anwesenden
Personen. Whrend nmlich die alte Herzogin mit dem hchsten Ausdruck von Liebe
und Besorgni auf sie blickte, lagerte sich die eisigste Klte auf die
Gesichtszge des Grafen Archimbald, und seine breiten, unschnen Lippen
verfeinerten sich und zogen sich unter einem Lcheln zusammen, das nur noch
verwunden konnte.
    Und will Euer Durchlaucht mich belehren, hob er mit frostiger Hflichkeit
an, ber die Consequenz, von der diese so eben gehrte Ansicht ausgeht? Es ist
allerdings hchst wichtig, so sie zu erweisen, da sie fr Alle, die meine
geehrte Schwgerin sich zur Hlfe ersehen, erwiesen dastehe, und wir sind ber
die grte Schwierigkeit hinweg, wenn ich meine Nachforschungen mit der
Gewiheit anfangen kann, da sie die Grfin Melville ist. Inde, setzte er mit
einer Art Verneigung hinzu, darf ich nicht verhehlen, da Euer Durchlaucht sich
zu einigen Grnden werden herablassen mssen, da ich nicht Scharfsinn genug
besitze, diesen Punkt weniger schwankend, als die brigen zu finden.
    Graf Archimhald besa die furchtbare Waffe der Hflichkeit, womit man tiefer
reizt und beleidigt, als mit dem offenen Worte des Zorns. Sie ist die
schillernde Hlle ganz entgegengesetzter Gefhle, in der feigen Atmosphre der
Hfe anerzogen und durch die Bedingung der uern Sitte herbeigefhrt, die nur
zu oft in keinem sittlichen Innern wurzelt. Die Herzogin schauderte, von Jemand
sich in so kalter Weise bertroffen zu sehen; aber es mute so rcksichtslos
zchtigend kommen, wie der Graf, und er allein, es ihr zuweilen bot, um sie
nachgiebig zu machen.
    Zerstreut blickte sie auf, aber ihre Heftigkeit, ihr Trotz war gebrochen, es
war, als ob ber ihre feste Stimme ein leiser Anhauch von Furcht schlich, und
als ob jetzt erst die Anspannung nachlie, womit sie mchtig erregte
Empfindungen niedergekmpft htte.
    Ich hoffte dennoch, Ihr wrdet einen Grafen Marr kennen, welcher der Oheim
dieser Unglcklichen sein knnte, hob sie an, sich mit einem tiefen Seufzer und
trostlosen Ausdruck zu dem Grafen wendend, und, wie es schien, ganz bersehend,
wie auer Zusammenhang mit dem Vorangegangenen diese Worte waren. Ich habe mich
zu sehr darauf verlassen, ich wei nichts weiter. Erschpft sank ihr Kopf auf
die bebende Brust, und Graf Archimbald war entwaffnet; denn Personen, die selten
vom Gefhle sich berwltigt zeigen, wie dies bei der Herzogin der Fall war,
behaupten alsdann durch ihr Erliegen einen desto sicherern Einflu auf ihre
Umgebungen. Der natrliche Ausdruck seines Gesichts, dem es nicht an einem
gtigen Zuge fehlte, kehrte wieder, und es war, als ob nun Alle erst zu einem
Zweck wirkend sich zusammen fnden, als ob aus dem bisher gefhrten Wortgefecht
sich jetzt erst die wahre Meinung Aller entwickelte. Aber trotz des
wiedergekehrten bessern Willens der beiden Hauptberathenden, war es dennoch
keine freie Mittheilung, welche mit einem aufrichtigen Tausch der Gedanken ber
die zweckmigsten Mittel, das Bessere zu erreichen sucht. Die Herzogin befand
sich in einem Falle, wo man nur zu leicht sich und Andere mit Tadelsucht und
lstigen Schwierigkeiten qult, sie wute sich selbst nicht zu rathen.
    Sie verwarf daher oft mit rcksichtslosem Tadel, was Graf Archimbald oder
ihre Schwiegermutter ihr vorschlugen, und Beide bestanden sicher keine kleine
Probe ihrer Geduld, wenn die zweckmigsten Mittel, welche unlugbar zum Ziele
fhren muten, von ihr mit Ungeduld verworfen wurden. Hatte Graf Archimbald aber
einmal fr irgend eine Sache seine Stellung genommen, so besa er die zheste
Geduld; man htte sie fr das etwas schadenfrohe Bewutsein einer Ueberlegenheit
nehmen knnen, die ihm um so eher ward, je mehr Heftigkeit er zu bekmpfen
vorfand. Er sah sehr wohl, seine Schwgerin lag im Versteck; er ging daher mit
dem grten Scharfsinn alle irgend zu ergreifende Mittel durch, um sie durch die
Art, wie sie darauf einging oder sie zurckwies, herauszulocken. Doch fand er
eine gefate Gegnerin, die ihn genug kannte und sich hier lieber zum Nachtheil
ihres Karakters einige Launen mehr aufbrden lie, als da sie ihn htte allzu
tief blicken lassen.
    Die alte Lady war zwischen Beiden wie das gute Princip; sie htte das kaum
Geduld genannt, was sie aus Liebe und Sorge ihrer Schwiegertochter
entgegenstellte, da ihr die heftige Aufregung derselben nicht entging. Es war
ihr allerdings auffallend, ihre Vorschlge verwerfen zu hren, die mit der
Vernunft im Bunde schienen; aber warum sollte man nicht verschiedener Meinung
sein? Vielleicht konnte in dieser Stimmung jener Manches anders erscheinen, als
ihr oder dem Grafen; so hatte ihr mildes Herz tausend Entschuldigungen fr die
geliebte Schwiegertochter. Nun, Mylady? fragte der Graf endlich und zog seinen
Stuhl, nachdem man eine Stunde lebhaft und vergeblich conferirt hatte, was
befehlen Euer Durchlaucht zunchst?
    Ich dchte doch, mein liebe Tochter, hob hier die alte Lady sanft
vermittelnd an, Ihr erlaubtet, da mein Sohn an Master Brixton nach Edinburg
schreiben, und ihn um die nheren Lebensumstnde der Familie Marr und Melville
befragen drfe. Es scheint damit doch ein Anfang und ein richtiger gemacht, da
es immer das Wesentlichste bleibt, ob sie das ist, wofr sie sich hlt und sich
uns angegeben hat. - Dies wird leicht geschehen knnen, wenn Euer Durchlaucht
darein willigen, wiederholte Graf Archimbald mit der grten Geduld das oft
Gesagte, denn da Master Brixton eine Caplanei in Edinburg bernommen, wie das
Frulein angiebt, wird durch den Bischof von Lincoln, der mir befreundet, mein
Brief leicht in seine Hnde kommen, und ohne ferneres Aufsehen die Antwort zu
uns zurckkehren. -
    So sei es denn, sagte die Herzogin gedehnt und mit vieler Ueberwindung, doch
wnsche ich, da Ihr es so geruschlos, wie mglich, einrichten wollt. Es
scheint mir, als knnten die Anfragen vorzglich so gestellt werden, da der
Aufenthalt derjenigen, die sie betreffen, nicht genannt, und hauptschlich, da
jede Art von gerichtlicher Einmischung vermieden wrde. -
    Ich will nicht weiter widersprechen, sagte Graf Archimbald, doch wre dies
vielleicht der sicherste Weg, sich schnellen Aufschlu zu verschaffen.
    Aber, sprach die Herzogin, es wrde gerade das herbeifhren, was ich aus
vielen Grnden vermieden wnsche. Es scheint mir auch, als lge es ziemlich
auer unserer Machtvollkommenheit. Die Fgung des Himmels hat sie einstweilen
unter unsern Schutz gestellt, wir haben unsere Pflicht und unser Recht erfllt,
wenn wir die Verwandten ihr auszuforschen suchen, die sie zu haben vorgiebt. An
diesen wird es dann sein, ihre brigen Rechte wahrzunehmen; die unsern
erstrecken sich erst dann so weit, wenn sie unserer Hlfe berlassen bleiben
sollte.
    Die alte Herzogin lchelte diesen Worten, welche bei weitem das
Folgerechteste ihrer Aeuerungen dieses Morgens waren, ihren Beifall zu, und es
schien, als habe die Herzogin sich mit denselben aus ihrer Unentschlossenheit
herausgesprochen.
    Graf Archimbald hatte noch immer das Lcheln um den Mund, welches andeutete,
er habe noch etwas im Rckhalt. Er fgte auch bald hinzu, da es doch nicht
unwichtig sei, wenn man einmal den in der Erzhlung angefhrten Thatsachen
folgen wolle, ber den letzten Aufenthalt des Fruleins Erkundigungen
einzuziehen, auch knne dies eigentlich nicht schwer sein. Durch die Angabe der
Zeit, die das Frulein auf dem Wege zugebracht, lasse sich einigermaen die
Entfernung bestimmen. Fehle auch die Richtung, so sei doch abzunehmen, da er
von der Kste entfernt, ohngefhr drei Tagereisen von Cumberland, etwas weiter
als eine Tagereise von der Heerstrae nach London liegen msse. Bis zum
Waldhuschen habe das Frulein, zu Pferde und nach Mitternacht das Schlo
verlassend, diesen Rest der Nacht und den folgenden Tag im strengsten Ritte
gebraucht. Dahin zurckgefhrt, habe sie, wie aus dem nur unvollstndigen
Bericht sich annehmen lasse, zwei Nchte und zwei Tage zugebracht, und zwar zu
Fu und uerst erschpft. Am dritten Tage aber sei sie, wie es scheine, schon
Morgens am Forste des hiesigen Parkes erwacht, da es nicht wahrscheinlich sei,
da sie in dem Zustande von Bewutlosigkeit, den sie geschildert, noch einen
weiteren Weg habe machen knnen, als etwa durch diesen zunchst liegenden Wald
bis zur Terrasse, welches auch eher denkbar sei, da leicht zu erkennende breite
Wege bis dahin durch ihn hinfhrten.
    Fangen wir nicht zu viel auf einmal an, unterbrach ihn die Herzogin mit
sichtlicher Unruhe. Ich habe ihr namentlich versprochen, sie zu schtzen gegen
ihren wthenden Oheim, wer wei nun, wen wir bei diesen Entdeckungen mit
aufscheuchten, und ehe wir den Beschtzer entdeckt, auf den sie hofft, htten
wir dann nicht einmal das Recht, sie dem Manne zu verweigern, der so wild in ihr
Leben griff, und bei dessen Andenken sie das hchste Entsetzen befllt.
    Wir wollen nicht untersuchen, wie lange Graf Archimbald das Beschneiden und
Zurckweisen aller seiner Aeuerungen von einer Frau ertragen htte, mit der er
gern zu gleichen Waffen kmpfte, htte nicht die alte Lady sanft das Wort
genommen, bemht, die nchsten nthigen Schritte, unter dem Wust von Fr und
Wider, Verwerfen und Annehmen, hervorzuziehen und zur allgemeinen Klarheit zu
bringen. Uebrigens ward eingesehen, da man das Frulein davon unterrichten
msse, es lebe kein Graf von Marr am Hofe, zweitens wollte man es ihr
freistellen, einen Einschlubrief an Master Brixton zu schreiben, und ihr diesen
beabsichtigten Entschlu als den zunchst nthigen darzustellen suchen.
    Die alte Lady erbat es sich, am andern Tage ihr diese Mittheilungen machen
zu drfen. Denn, setzte sie liebreich hinzu, meine liebe Tochter hat schon zu
viel allein in dieser Sache bernehmen mssen, und wohl mag sie der alten Mutter
auch ein kleines Verdienst dabei gnnen. Ich werde meine Sachen schon ordentlich
machen, fuhr sie lchelnd fort, bemht, der allzu ernst gewordenen Unterredung
ein milderes Ende zu geben.
    Die Herzogin schien sehr willig, ja erleichtert bei diesem Vorschlag, und
Graf Archimbald bernahm es; dem jungen Herzog das Wichtigste mitzutheilen, um
seinem Eifer Grenzen zu setzen und ihn zu bewegen, das fernere Verfahren dem
Grafen und den beiden Damen zu berlassen.
    Man trennte sich in leidlicher Stimmung, und Graf Archimbald fhrte die
Herzogin nach ihren Zimmern, in denen sie eingeschlossen bis zur Tafel blieb,
blos von Mistre Morton umgeben, deren leises wohlthtiges Walten uns bekannt
ist.

Wer sich damit begngte, die Personen zu zhlen, die Stunden des Beisammenseins
oder der Geschfte zu beobachten, mute behaupten, es sei nach einigen Wochen
auf Godwie-Castle noch Alles in eben dem gleichmigen Gange, wie wir es an
jenem Morgen unserer letzten Mittheilung verlieen. Die schickliche Form, in
welcher sich seit langer Zeit zu bewegen, eine Familie gewhnt ist, ist ein
wohlthtiger Damm gegen die dahinter eingefangenen Wogen der Leidenschaft. Wenn
auch jene Macht nur bis zu gewissen Grenzen reicht, schtzt sie doch gegen die
gnzliche traurige Auflsung des Individuums, welches sich immer dadurch
gehalten fhlt, da Andere ruhig das Langgewhnte thun und an ihn selbst diese
stille Forderung tglich sich erneut. Gewi waren in diesem Falle minder oder
mehr einige der bedeutendsten Mitglieder des Familienkreises in Godwie-Castle.
    Verndert in ihrem Innern, verndert in ihren Beziehungen zu einander,
verndert endlich in ihren Plnen und Hoffnungen fr die Zukunft, finden wir die
Familie nichts desto weniger um das Frhstck in der Halle ohne Ausnahme
versammelt, und die wenigen Unbefangneren muten den Uebrigen zu Hlfe kommen,
um sich leidlich zu zeigen und den Anschein des Frohsinns zu erhalten, der sonst
hier so natrlich waltete. Wer hat nicht Aehnliches erlebt, wer kennt nicht die
ernsten zerstreuten Zge der mhsam Gehaltenen, ber die das Lcheln, welches
sie sich abringen, wie ein Schmerz hinzieht, den Blick, der eben auf nichts mit
Nachdenken geheftet ist, die zerstreuten Antworten und selbst die unheimliche
Lustigkeit, welche die Wunden innerlich grer reit und doch keine Hlle wird
fr den leidenschaftlich bewegten Kern des Herzens.
    
    Die alte Lady hatte ihre Aufgabe so schn gelst, als zu erwarten stand. Die
Grfin Melville war nun unterrichtet, da ihr kein Oheim am Hofe lebte, den sie
zu nennen wute. Obwol man ihr es schonend vorenthalten hatte, sie mit dem
Zweifel an dem Dasein der Grafen von Marr berhaupt bekannt zu machen, da man
die Antwort Master Brixtons abwarten zu mssen glaubte, so fhlte sie doch mit
dem tiefsten Schmerze diese fehlgeschlagene Hoffnung, und mit einer Art von
Schauder das Verlassene ihrer Lage. Doch wute sie auch hier, nach einem warmen
und gerechten Ergusse ihres Gefhls gegen die alte Lady, in dem Danke Grenzen zu
finden, welchen sie fr den Schutz empfand, den Gott ihr in ihren neuen
Wohlthtern angewiesen; und die alte Herzogin konnte nicht ohne Thrnen den
rhrenden Brief lesen, den die Grfin demnchst ihrem Lehrer Brixton schrieb und
mit kindlichem Vertrauen in ihre Hnde legte.
    Er trug den Stempel tiefen und zarten Gefhls. Dies mute um so werthvoller
erscheinen, da ihr Verstand eine Schrfe und Consequenz zeigte, die ihrer Jugend
nach unbegreiflich war. Doch erinnerte es von selber an die Erziehung, welche
ausgezeichnete Personen ihr zu geben vereint bemht gewesen waren, mit
besonderer Rcksicht auf Bildung ihres Scharfblicks und ihres Urtheils, wie wir
das schon aus den eigenen Mittheilungen der jungen Grfin wissen. Sie war
vollkommen einverstanden mit dem Willen ihrer Beschtzer, Master Brixton's Rath
zu vernehmen, und htte sie mit Graf Archimbald unterhandelt, wrde sie auch um
jeden Preis das Schlo aufgesucht haben, aus dem sie entflohen war. Sie wagte
darum sogar eine schchterne Bitte, welche die alte Lady aber, und vielleicht
auf Kosten ihrer Ueberzeugung, mit der Befrchtung zurckwies, da sie dadurch
dem Manne verrathen werden knne, der sie so gemihandelt habe. Die kleinste
Erwhnung dieser Person, die sie so sehr erschreckt und emprt hatte, war
hinreichend, die Phantasie des armen Kindes mit tausend neuen Schrecken zu
erfllen und sie von jenem Wunsche abzuziehen.
    Graf Archimbald fate, nach der Mittheilung, die seine ehrwrdige Mutter
ber das Geschehene ihren beiden Anverwandten machte, eine sehr vortheilhafte
Meinung von dem Verstande der jungen Dame, da die alte Lady es ihr schuldig zu
sein glaubte, ihre geuerten Bemerkungen gleichfalls wieder zu geben, obwol sie
damit den streitigen Punkt zwischen der Schwiegertochter und dem Sohne ungern
berhrte.
    Doch war Graf Archimbald zu gromthig, um sich eines erlangten Triumphes zu
berheben. Er schien im Gegentheile kaum darauf zu merken, berichtigte aber
innerlich von diesem Augenblicke an seine Meinung ber die junge Lady, wie wir
erwhnt haben. Auch konnte die alte gute Herzogin ihre Erzhlung nicht
schlieen, ohne daran zu erinnern, da nun wohl keine Ursache mehr zu einem
persnlichen Verdachte gegen die Lady vorhanden sei.
    Nicht so leicht war der junge Herzog mit dem zu beschwichtigen, was sein
Oheim ber die Grfin ihm anvertraute. War es das Gefhl einer neu erlangten
Macht, die er zu prfen wnschte, war es jugendlicher Ungestm, war es berhaupt
sein gutes edles Herz oder ein anderes geheimes Gefhl, das ihm die Sorge und
Thtigkeit fr sie zum Genusse umschuf, genug, es schien ihm Alles viel zu
langsam, viel zu theilnahmlos, was seine Verwandten beschlossen hatten. Wir
wollen nicht untersuchen, welches Motiv den Grafen leitete, als er endlich, da,
wie es schien, durch nichts mit seinem Neffen zu Ende zu kommen war, ihm
Vorsicht anempfahl; indem sie ja kein Recht besen, das Frulein
zurckzuhalten, wenn der fernste Angehrige sich zu ihr meldete, und sie dadurch
nicht allein von einem Orte entfernt wrde, wo sie Schutz und Trost fnde,
sondern auch in Hnde kommen knne, in denen sie unglcklicher wrde, als man es
bis jetzt anzunehmen htte.
    Dies wirkte. Graf Archimbald gnnte ihm berdies noch den Trost, die Briefe
an den Bischof von Lincoln nach Edinburg selbst abzusenden, und dazu den
treuesten Diener und das rascheste Pferd zu whlen.
    Was uns indessen nicht lnger zu verbergen gestattet ist, sprach sich allen
Andern schon lngst als Ueberzeugung aus, die von Stunde zu Stunde sich
steigernde Liebe des jungen Herzogs zur Lady Melville. Er gab sich dieser
Empfindung mit einer Naivitt hin, da man fast glauben mute, er sei sich
selbst derselben nicht bewut. Aber wer je in eigener Brust einen Anklang dieser
schmerzlichen Seligkeit gefhlt, mute wohl sagen, die Stunde des jungen Mannes
habe geschlagen. Mit der tiefsten Erschtterung mute seine Mutter endlich sich
das Gestndni hierber machen. Sie sah sich hier in ein Labyrinth verstrickt
und so unerwartet, da ihr Geist den Sorgen zu unterliegen begann, die sich um
sie her thrmten, und die sie allein tragen mute; denn jeden Tag erschwerte sie
sich ihre Brde durch das innere Gelbde, in keinem Falle durch Kundgebung der
Wahrheit eine Entscheidung zuzulassen.
    Ob Graf Archimbald, der wenigstens aus Beobachtung das Gefhl der Liebe
kennen mute, es bei seinem Neffen errieth; ob sein Schweigen die Klugheit war,
mit der man den taumelnden Nachtwandler nicht anruft, hoffend, er finde ohne
diese erschreckende Hlfe wol besser den Rckweg; ob es berall Gleichgltigkeit
gegen Herzens-Affectionen war, - wer konnte das bestimmen! Er bekam reichlich
Briefe von Richmond, schrieb viel und eifrig diesem zurck, und seine allgemach
aufsteigende Verstimmung konnte leicht politischer Natur sein, da man sehr wohl
wute, dies sei doch eigentlich der Kern seines Lebens.
    Nur die alte Herzogin und der Gegenstand, der alle diese Sorgen veranlate,
die junge Grfin Melville selbst, schienen an alles das nicht zu glauben. Die
Herzogin hatte die Idee aufgefat, ihr Enkel liebe Anna Dorset. Wie dabei noch
von einem zweiten, gar strkeren Gefhle die Rede sein knne, begriff ihr reines
Engelherz nicht, und was sie sah, glaubte sie auf Rechnung der ausgezeichneten
Persnlichkeit eines Mdchens setzen zu mssen, der sie sich selbst ganz ergeben
fhlte, und welcher der Herzog als Herr des Hauses allerdings Beweise der
hchsten Achtung schuldig schien.
    Doch entging ihr die berhandnehmende Mistimmung ihrer Schwiegertochter
nicht, und es trbte ihre sonstige Heiterkeit, sie von Sorgen bewegt zu sehen,
die sie mit Niemand theilen zu wollen schien. Die Grfin Melville dagegen war
das vollkommenste Bild eines jungen unschuldigen Mdchens und eines ganz freien
Herzens; sie sah sich berall von der zrtlichen Aufmerksamkeit des Herzogs
umgeben und erstaunte oft selbst, wenn er ihre Wnsche, ihre Gedanken errieth.
Sie kannte diese Empfindungen nur aus den sehr discreten Mittheilungen ihrer
Anverwandten und aus ihrer eigenen gewhlten Lectre, woraus wir doch selten
dies Gefhl wieder erkennen lernen, ehe aus unserm eignen Herzen die gleichen
Anklnge sich den verwandten Gefhlen, gleichsam suchend, entgegendrngen.
    Die Beobachtungen, welche die jngere Herzogin unablssig anstellte, und
welche ihr immer die vollkommene Ueberzeugung von der Herzensruhe der Lady Maria
gaben, trsteten sie zwar etwas, aber sie htte gewnscht, es wre die Kenntni
seiner Neigung damit verbunden gewesen, denn sie wute, da dies sich immer
gleich edel und liebenswerth zeigende Wesen alsdann in ihrem Betragen gegen den
Herzog Manches gendert haben wrde.
    So aber legte sie ihm die Dankbarkeit, die er ihr einflte, mit einem so
unschuldigen freundlichen, oft innigen Betragen an den Tag, da der junge Herzog
dadurch nur hher erregt ward und, von den sesten Hoffnungen belebt, seinen
Empfindungen bald keinen Zwang mehr auferlegte. Dazu kam, da die Grfin, seit
der letzten Unterredung mit der alten Lady, sich einer wehmthig ernsten
Stimmung nicht mehr erwehren konnte, und die holden Zeichen frheren
jugendlichen Frohsinns immer seltener ein Uebergewicht ber die milde, aber
tiefe Wehmuth ihres Herzens geltend zu machen vermochten.
    Welch' eine reiche Gelegenheit fr ihren jungen zrtlichen Verehrer, Alles
anzuwenden, die Stimmung zu verscheuchen, die den zarten Rosen ihrer Wangen das
Leben zu kosten schien. Es gelang ihm oft, dies unbefangene, lebhaft und tief
fhlende Wesen, welches ihren Kummer nicht mit krnklichem Eigensinne
festzuhalten strebte, zuweilen zum jugendlichen Frohsinn zu erwecken; deshalb
war sein Bemhen darum auch unablssig.
    An jenem Morgen hatten die beiden Herzoginnen und Graf Archimbald so eben
Briefe empfangen, und waren beschftigt, sich mit dem Inhalt bekannt zu machen.
So strte nichts das Gesprch, welches der junge Herzog mit Lady Maria
angeknpft hatte, und worin er mit einem bervollen Herzen die tiefe,
sehnschtige Zrtlichkeit desselben fr sie auszudrcken strebte. Er sagte ihr,
da er Plne fr den Park gefunden habe, zu Erweiterungen und neuen Anlagen um
den See her, die sein Vater fr die Arbeit dieses Sommers bestimmt gehabt; da
er die Arbeiter dorthin bestellt, und sie bitte, an Ort und Stelle diese Plne
zu besichtigen, da er sie ganz nach ihrem Geschmacke einrichten mchte und sie
vielleicht Einiges zu ndern wnsche. Lady Maria willigte zwar ein, mit Arabella
und Lucie dahin zu gehen, aber sie sagte ihm unbefangen, da, ihr Urtheil
darber gelten zu lassen, wol in keiner Art ihr wnschenswerth sein knne, da
der Plan seines Vaters ihm sicher heilig sein msse und ihr Geschmack in dieser
Rcksicht ganz ungeprft sei. Ach, Mylord! setzte sie schwermthig hinzu, wie
habt Ihr mir mit Euern freundlichen Worten doch nur zu sehr verrathen, wie Ihr
meine Lage anseht! Deuten diese Plne, in die Ihr mich zu verflechten sucht,
nicht darauf hin, wie unbestimmt Ihr meine Zukunft seht, wie wenig Ihr glaubt,
ich fnde noch eine andere Heimath, als diese, die ich helfen soll
auszuschmcken?
    Nicht ganz lag dies in meinem Sinne, sagte der Herzog, und das Herz schlug
ungestm den entscheidenden Worten entgegen, die jetzt Raum gewonnen zu haben
schienen; ich sehe der Aufklrung Eurer Verhltnisse mit der ruhigen
Ueberzeugung entgegen, da sie nicht ausbleiben kann. Aber sollte ich darum
nicht doch hoffen und hei wnschen drfen, Ihr suchtet nie eine andere Heimath,
als diese, die Ihr dadurch zum Paradiese schmcken wrdet, und wo Euch die
treuesten Herzen in der zrtlichsten Liebe schlagen?
    Der junge Herzog glaubte sich deutlich genug ausgesprochen zu haben, er
hoffte, sie wisse jetzt, da er sie liebe und sie zur Beherrscherin seines
Lebens begehre. Aber er irrte. Ein junges weibliches Herz, das noch nicht
beschlichen ist von dem Wunsche, solche Empfindungen zu erregen, kann die
deutlichsten Liebeserklrungen anhren, ohne sie zu verstehen, wenn ihr eigenes
Herz nicht in verwandten Anklngen dem Worte entgegenschlgt. Es giebt bis dahin
eine unendlich frostigjungfruliche Fhigkeit, alle solche Worte in die Weite
und Ferne und aus der intimen Beziehung zu sich selbst hinweg zu deuten. So sah
Maria in den Worten des Herzogs nichts als seine holde gastfreundliche Gte und
die Besttigung, da sie von allen den Theuern seiner Familie und so auch von
ihm selbst geliebt sei, und sie wollte eben in diesem Sinne ihm antworten, als
die alte Herzogin die Stimme erhob und ihrem Enkel zurief: Hierher, mein lieber
Freund! Ich habe Dir willkommene Nachrichten zu geben. Die Grfin von Dorset
wird mich mit ihrer ganzen Familie in Burtonhall besuchen, und wie zu hoffen
steht, setzte sie lchelnd hinzu, wird sie nicht gerade Anna Dorset davon
ausschlieen, und so darf ich wol auf Deine Gegenwart unter all den lieben
hiesigen Gsten am ersten rechnen, und verdiene mir hoffentlich mit dieser
Nachricht ein sehr freundliches Gesicht von meinem lieben Enkel. - Der junge
Herzog fhlte sich wie durch tausend Schmerzen aus dem sesten Traume seines
Lebens zu einem Dasein erweckt, das ihn mit Erstaunen und Verwirrung zu
Verhltnissen zurckfhrte, welche ihm gnzlich aus den Gedanken verschwunden zu
sein schienen.
    Wir wollen nicht untersuchen, wodurch er in der letzten Zeit zu der
Ueberzeugung gelangt war, Anna Dorset sei ihm so fremd, wie jede andere Dame des
Knigreichs. Zwar war er von den Unterhandlungen beider Familien unterrichtet,
hatte sich auch nie mit einem Worte dagegen erklrt, ja, er schien sie besttigt
zu haben, durch den Beifall, den er der Lady Anna ertheilte, und der ihm
vielleicht frher ganz hinreichend erschienen war, um sie seine Braut zu nennen.
Jetzt aber war dies Verhltni weit zurckgetreten, und die Kenntni des wahren
Gefhls der Liebe, das ihm Worte eingab, die Anna Dorset nie von ihm gehrt
hatte, berredete ihn, so oft er gemahnt ward, dessen zu gedenken, da er nie
Hoffnungen erregt habe, die er als rechtlicher Mann genthigt sei zu erfllen,
und die Sehnsucht, sich den zrtlichen Empfindungen seiner Brust gegenber frei
zu sehen, berredete ihn, es zu sein. Was htte die eigenthmliche Logik der
Liebe, die den Anfang ihrer Folgerungen immer in dem Gefhle selbst findet,
nicht fertig gebracht, selbst in noch verwickelteren Fllen, als der
vorliegende! Auch war er nach einem Augenblicke vllig gerstet und
entschlossen, und es ist nicht unwahrscheinlich, anzunehmen, gerade das harte
Nebeneinanderstellen der erwhnten Momente habe von seinem Entschlusse die
letzte Unsicherheit abgestreift.
    Meine theure Gromutter, sprach er mit ernster Festigkeit, ist sicher immer
berzeugt, die freundlichsten Empfindungen in ihrem Enkel zu erregen, und es
bedarf dazu nie eines Nebenumstandes, wozu berdies die Grfin Anna Dorset mir
am wenigsten geeignet scheinen wrde, da ich nicht wte, wie sie die Liebe
theilen oder erhhen knnte, die mich fr Euch erfllt.
    Gewi, lachte sorglos die alte Herzogin, verlangt sie selbst auch nicht
darnach, eben die Gefhle, wie Du fr die alte Gromutter bewahrst, zu theilen;
doch wirst Du ihr vielleicht ein anderes Pltzchen in Deinem Herzen einrumen
knnen, mit dem sie besser zufrieden sein wird.
    Ihr irret, theure Lady, erwiederte schnell der Herzog. Anna Dorset ist ein
edles, achtungswerthes Mdchen, doch in meinem Herzen kann und wird sie nur den
Platz einer ehrenden Anerkennung einnehmen; ich kenne kein Verhltni, was mich
anders oder nher zu ihr stellte.
    Verzeih'! sagte die alte Lady, jetzt ernster werdend, da ich mich habe von
meiner guten Laune hinreien lassen, Dich mit Verhltnissen zu necken, bei deren
Behandlung Du mich mit Deinem Zartgefhl weit bertriffst; Du mut der alten
Gromutter schon etwas zu gut halten, und bist doch wol ein gutes Kind und
besuchst mich in Burtonhall, wo ich mich dann besser betragen will.
    Der Herzog sprang auf, die gtige Hand zu kssen, die sie ihm mit einem
Engelslcheln darbot, und gern htte er jetzt gleich vor ihr das Knie gebeugt
und sein Herz erleichtert durch das feurige Bekenntni seiner Liebe; aber er
hatte noch kein Recht dazu, denn das ersehnte Wort war von den Lippen der
Geliebten noch nicht gedrungen. Er wendete daher seine Blicke mit dem ganzen
Verlangen einer endlichen Entscheidung auf die junge Grfin, die mit so
unschuldig klaren, fast kindlich neugierigen Augen in diese Scene schaute, da
wol fr den unbefangenen Beobachter kein Zweifel blieb, wie wenig sie sich in
dieselbe verflochten whnte, und wie sie das ruhig khle Herz noch unentzndet
in sich trug. Er nahm seinen Platz neben ihr ein. Doch Graf Archimbald sagte,
sichtlich erheitert, indem er seine Briefe zusammen legte: Wir drfen Richmond
erwarten; gleich nach der Rckkehr des Prinzen aus Spanien wird er zu uns eilen,
und jene erwartete man bei Abgang dieses Briefes schon binnen zwei Tagen. Gott
Lob, sprach die Herzogin aus tiefer Brust und von der Erstarrung sich erholend,
worein die vorangegangenen Vorflle sie versetzt hatten; so wird mir Trost und
Freude kommen.
    So auffallend diese Worte sein muten, so wenig wurden sie beachtet, da die
meisten Anwesenden von eigenen Gefhlen und Gedanken in Beschlag genommen waren.
    Die jungen Leute erhoben sich, um nach dem See sich zu begeben; die alte
Lady und Lord Archimbald wollten ihre Briefe beantworten, und die Herzogin begab
sich mit Stanloff, welcher einige Tage abwesend gewesen war, nach ihren Zimmern.
    Was bringst Du uns fr Nachrichten, Stanloff, sprach die Herzogin und setzte
sich abgewendet von ihm in einen Sessel; warst Du glcklich in Deinen
Nachforschungen?
    Euer Durchlaucht zu Befehl, erwiederte Stanloff, alle Nachforschungen, die
ich anstellte, treffen mit den Einzelheiten in der Geschichte der jungen Dame
berein; es mu das Schlo der Grfin von Buckingham sein, aus dem sie
entflohen.
    Grnde, Grnde! rief die Herzogin, Grnde will ich wissen. -
    Sie sind in meiner Erzhlung. Ich begab mich zu Pferde dahin und erreichte
den groen parkartigen Wald, in dessen Mitte das Schlo liegt, am Mittage des
dritten Tages. Den Park umgiebt, nach der Landstrae zu, eine Meierei. In dieser
sprach ich ein und fand dort eine zahlreiche Familie, die verheiratheten Kinder
der noch lebenden Eltern, die sich in die Herrschaft des Hauses und in die
Geschfte getheilt hatten. Man hatte sich bei meiner Ankunft um eine groe Tafel
gelagert, um zu Mittag zu essen, und mir ward ohne weitere Bemerkungen an
derselben ein Platz angewiesen, der mir Mue gab, eine Unterredung ber die
Bewohner des Schlosses anzuknpfen. Doch war dies nicht leicht; meine Frage, ob
die Herrschaft gegenwrtig, beantwortete man mit Nein und fuhr sogleich fort,
unter sich ber eigene Angelegenheiten zu sprechen. Schnell war die Mahlzeit von
den jngeren Leuten geendet; sie standen auf, um sich an die verschiedenen
Stellen zu vertheilen, die ihrer Sorgfalt bergeben waren, und die Eltern
blieben allein zurck.
    Ich fragte aufs Neue, ob das Fieber diese Gegend auch verheert habe, und die
alte Frau nannte nun sogleich als das einzige dieser Krankheit gefallene Opfer
die Grfin von Buckingham. Weniger glckte es mir, ber andere Dinge Auskunft zu
erhalten, und noch bleibt es mir ungewi, ob Unkunde oder andere Grnde dies so
erschwerten. Den jetzigen Besitzer des Schlosses kannten sie nicht; sie gaben
zu, da es der Bruder sein knne; dagegen besttigten sie, Gersem zu kennen; ob
er aber lebe oder todt sei, wuten sie nicht. Von dem Feuer jedoch sprachen sie,
da es den alten Theil des Schlosses verheert habe; da Jemand zu Schaden
gekommen sei, verneinten sie. Meine Fragen nach der frhern Lebensweise der
Grfin, die ich in der Hoffnung einleitete, dann zu den Gsten des Schlosses
bergehn zu knnen, beantworteten sie blos mit dem groen Lobe ihrer
Wohlthtigkeit und Gte; doch Gste, behaupteten Beide, seien nie auf dem
Schlosse gewesen, die Herrschaft habe jedoch fter Reisen gemacht. Ich suchte
nun von ihnen los und in den Park zu kommen, und erreichte so das Schlo selbst,
wovon nur ein kleiner Theil, der in einem ganz versteckten Hofraume lag, vom
Feuer gelitten hatte, dessen Spuren berall deutlich zu sehen waren, ohne da,
wie es mir schien, man irgend Sorge getragen hatte, sie zu beseitigen. Ich
nherte mich dem Eingange des vllig einsamen Schlosses, aber meine Bemhungen,
hinein zu dringen, waren umsonst. Ich wollte eben zurckkehren, als eine kleine
Thr unter einer Treppe aufschlug und ein junges Mdchen in lndlicher Tracht
herausflog, in der Richtung ber den Hof laufend, in der ich mich befand. Sie
stand vor mir, ehe sie mich sah, schrie jetzt laut auf und wollte entfliehn, ich
hielt sie aber mit sicherer Hand fest und bat sie, mir Einla in das Schlo zu
verschaffen. Um Gott, Herr! was denkt Ihr? Es darf Niemand hinein, Alles ist
verschlossen, und der Herr Aufseher verreiset. - Ist das Gersem? fragte ich
schnell. Gersem? wiederholte das Mdchen, sichtlich erschreckend; nein, Herr,
sprecht nicht so, lat mich los, ich darf Euch nichts von Gersem sagen, kein
Mensch darf von ihm sprechen! - Gut, ich will Dich nicht qulen; aber das darfst
Du mir doch sagen, ob er im Schlosse ist? - Gersem? O Herr, lat mich, ich bin
des Todes, wenn Ihr mich nicht los lat! - Nun, sagte ich, ich will Dich gleich
los lassen, so wie Du mir sagst, ob ich nicht die Frau Hanna sprechen kann? -
Mistre Hanna? Groer Gott, sie will tglich sterben. Kein Mensch darf zu ihr,
und sie erkennt Niemand; nein, Herr, das geht um die Welt nicht. - Ich lie sie
jetzt und habe mich vorlufig damit begngt, Euch diese Nachrichten zurck zu
bringen, da mir Euer Durchlaucht Befehle nicht weiter zu gehen schienen. - Ich
wei genug! sagte die Herzogin, winkte ihm, sich zu entfernen, und blieb in
ihrem Stuhle sitzen, da, wer sie einige Zeit lang beobachtete, in ihr kein
lebendes Wesen zu sehen gewhnt htte.
    Doch ward sie bald genthigt, sich an dem Leben langsam wieder aufzurichten.
Pons flog herein, den Grafen Archimbald zu melden, der so unmittelbar hinter ihm
eintrat, und mit so sichtlichen Zeichen von Gemthsbewegung, da die Herzogin
nur eines mhsam auf ihn gelenkten Blickes bedurfte, um von der Ahnung neuer
Leiden ergriffen zu sein. Ihr erster Gedanke wendete sich auf Richmond, diesen
letzten Hafen, in dem sie Ruhe und Schutz hoffte, diesen Balsam auf die
brennenden Wunden ihres Herzens. Es schien ihr gewi, ihm mute etwas begegnet,
auch in ihm sie noch verwundet worden sein, und sie blickte in die gnzliche
Trostlosigkeit dieses abgebltterten Daseins fast mit Genu; mit dem Genu, den
dann die Gewiheit des Untergehens noch im Stande ist zu gewhren. Graf
Archimbald hinderte sie aufzustehen, er schob ein Tabouret an ihre Seite; er sah
ihr verndertes Gesicht, er fhlte, da sie litt, und er konnte nicht annehmen,
da das, was er kam ihr zu sagen, sie ruhiger stimmen werde; aber diese
Wahrnehmungen gaben ihm die Gte und Wrme des Gefhls, die ihn seine Worte
bedenken lie.
    Sagt es schnell, Mylord, ich bin auf Alles gefat, sagte sie tonlos und
kalt, und vernehme lieber das Unvermeidliche ohne alle Einkleidungen.
    Ich kann allerdings annehmen, da Ihr schon lngst eine Ahnung von dem habt,
was ich gesandt werde Euch mitzutheilen, erwiederte der Lord, doch bitte ich
Euch dringend, Euch nicht so davon zu erschttern, vielmehr den Antheil
vorwalten zu lassen, den Euch die Wnsche Eures Sohnes, die an sich nichs
Unwrdiges und Euch Krnkendes enthalten, einflen drfen. Ich mu allerdings
mich als berrascht bekennen; denn ich kann nicht leugnen, da ich die
Verbindung zwischen Robert und der Lady Anna Dorset fr entschieden hielt.
    Und was, Mylord, rief die Herzogin und richtete sich heftig empor, was hat
diese Ueberzeugung, die ich mit Euch theilte, was hat sie in Euch gendert?
    So sehe ich also, sagte Graf Archimbald, da ich mich irrte, indem ich Euch
auf die Wnsche vorbereitet whnte, die allein jetzt noch Euern Sohn erfllen,
und welche die Grfin Melville zur ausschlielichen Besitzerin seines Herzens
erhoben. Ein dumpfer Schrei der Herzogin war ihre Antwort, sie sank sogleich
leblos zusammen, und wahrlich unter wenig glcklichen Umstnden. Denn der Graf
fhlte sich hchst verlegen. Die Sorge abgerechnet, welche ihm die heftigen
Gemthsleiden seiner edeln Schwgerin gaben, wute er sich wenig bei solchen
Zufllen zu helfen und betrachtete daher die Ohnmchtige einige Augenblicke in
der Hoffnung, sie werde sich erholen. Als er sich hierin aber getuscht und nun
zur Thtigkeit aufgefordert sah, ffnete er die hohen Fensterflgel und berlie
dem Strom der Luft das Wiederbelebungsgeschft, da er einmal entschlossen war,
diesen Zustand nicht zur Kenntni eines Andern auer ihm selbst kommen zu
lassen.
    Er hatte sich auch nicht getuscht. Die Herzogin fuhr zuckend aus ihrer
Ohnmacht empor; ihr Auge streifte wild umher und blieb an Graf Archimbald
haften, indem hiermit alle die traurigen, abgerissenen Gedanken zurckkehrten,
womit sie sich gezwungen sah ihren Geist zu beschftigen, so sehr sie sich
dagegen strubte. Sie winkte, die Fenster zu schlieen, und, wohl ahnend, was
geschehen, dankte sie in der Stille dem Grafen fr seine khle Beharrlichkeit
bei ihrem Zustand, wodurch dieselbe einer greren Aufmerksamkeit entzogen
geblieben war.
    Sagt mir jetzt, hob sie leise an, was ist geschehen? Was seid Ihr gekommen
mir zu sagen? Ich bin gefat, auch das Hrteste zu vernehmen.
    Ich kenne Eure Ansichten nicht genug, verehrte Schwgerin, um zu wissen, in
wiefern Euch meine Mittheilungen beunruhigen mgen; daher mu ich mich auf den
Bericht der Thatsachen beschrnken und nur wnschen, da es Euch bald gelingen
mge, die bessere Seite daran hervor zu heben. Robert lie mich um eine
Unterredung bitten und erklrte mir, da er entschlssen sei, der Grfin
Melville seine Hand anzubieten, da sie seine ganze Zuneigung besitzt, und er sei
in der Absicht zu mir gekommen, fr die nun folgenden Schritte Rath und Beistand
von mir zu erbitten, da ihm allerdings nicht entgehe, wie die Angelegenheit mit
der Familie Dorset von einigen Schwierigkeiten begleitet sein mchte.
    Ich gestehe, Mylord, hob nun die Herzogin an, da der Grad von Erstaunen,
den mir Eure Erzhlung erregt, fast dem Unwillen gleich kmmt, womit sie mich
erfllt. Doch wird dies Alles bertroffen von dem gekrnkten mtterlichen
Gefhl, Euch, Mylord, an der Stelle zu sehen, die einzig nur mein Sohn einnehmen
durfte, htte diese unselige Leidenschaft nicht, wie es scheint, jedes bessere
Gefhl in ihm ersterben lassen. Wo und wie ich anfangen soll, meinen Tadel ber
das Vergangene auszudrcken, bin ich verlegen. Mein Sohn hat Euch zur
Mittelsperson zwischen seiner Mutter und sich gewhlt. So geht denn und sagt
ihm, nie wird ihm meine Einwilligung zu dieser emprenden Verbindung zu Theil
werden. Ich werde sie zu hindern suchen mit aller Macht und allen Krften, die
Gott und Menschen in meine Hnde gelegt haben, um Schande und Verderben von
einem Hause abzuwenden, dessen Ehre ich berufen scheine noch lnger aufrecht zu
erhalten, da die, denen sie zunchst anvertraut ward, wenig mit ihren hohen
Anforderungen bekannt scheinen.
    Graf Archimbald eilte nicht, sie zu unterbrechen. Einige etwas zu stark
aufgetragene Aeuerungen abgerechnet, fhlte er ihren Unwillen natrlich und
wohlbegrndet; er konnte sogar nicht lugnen, da sie schneller auf den wahren
Standpunkt gelangt sei, als er, da er, mit ganz anderen und ffentlichen Dingen
beschftigt, in groer Zerstreuung seinem Neffen zugehrt und, von dessen
jugendlichem Ungestm berjagt, keinesweges die Umstnde so scharf erfat hatte,
um darin etwas Ehrenrhriges fr das hohe Haus oder Beleidigendes fr das Herz
der Mutter zu entdecken. Nichtsdestoweniger hielt er es fr unzweckmig, da
die Herzogin ihrem Sohne so stolz und bestimmt widersprechend entgegen trete, da
sanfte Gemther, wenn sie einmal Muth gefat, einen bestimmten Willen zu haben,
selten durch stolze Hrte, welche ihnen nichts gestatten will, davon abgebracht
werden, vielmehr um so hartnckiger im Widerspruch sich zeigen, als diese
Stimmung fast den ganzen Karakter aus seiner Bahn treibt. So ungern er sich auch
zum Lenker dieser heftigen Frau aufwarf, so glaubte er doch dies nicht
unterlassen zu drfen, um eine wirklich befriedigende Ausgleichung herbei zu
fhren. Er sammelte sich daher und rckte der Erzrnten nher, um sie mit der
ganzen ihm eigenen Feinheit darauf aufmerksam zu machen, wie nthig es sei, dem
jungen Herzoge milder entgegen zu treten. Man knne ihm doch unmglich und
namentlich in seiner jetzigen Stellung das Recht bestreiten, die wichtigste Wahl
des Lebens nach eigener Ueberzeugung zu treffen. Hierbei untersttze ihn sogar
das Testament seines Vaters, welches ausdrcklich verfge, da alle seine Kinder
ihrer eigenen freien Neigung bei ihren Verheirathungen berlassen bleiben
sollten. Die Unterhandlungen mit der Grfin von Dorset betrachtete er nur dann
als seinem Wunsche gem, wenn die Neigungen beider jungen Leute ebenfalls
hierin berein kmen. Er verkenne brigens nicht die Schwierigkeiten einer
Erfllung des eben geuerten Wunsches des jungen Herzogs, und er glaube gewi,
da die liebevolle Stimme der Mutter sein Herz erreichen und seinen Willen
beugen werde.
    Ja, Mylord, erwiederte die Herzogin mit mehr Ruhe, deren Nothwendigkeit ihr
selbst aus den klugen Worten ihres Schwagers klar geworden war, ich will meine
Stimme flehend an sein Herz dringen lassen, ja, der Sohn soll seine Mutter als
Bittende vor sich sehen; denn niemals, niemals darf sie ihm gewhren! Doch sagt
mir, fuhr sie fort, erzhlte er Euch von der Grfin? War sie von seinen
Absichten unterrichtet und theilte sie seine unseligen Wnsche?
    Er hatte sich noch nicht erklrt, und ich erinnere mich, ihn aufgefordert zu
haben, es bis dahin aufzuschieben, wo ich Gelegenheit fnde, Euch seine Wnsche
mitzutheilen. -
    So gebe Gott, da er dieser Forderung willfahre, denn je wenigere um seine
Verirrung wissen, desto leichter wird sie auszulschen sein! -
    Es entstand eine augenblickliche Pause, in der die Herzogin nicht undeutlich
wahrnahm, wie Graf Archimbald von irgend einer Idee beschftigt, keine Anstalten
machte, sie zu verlassen. Sie glaubte bei einigem Nachdenken die Ursache darin
zu finden, da es ihr noch oblag, ihren lebhaft ausgesprochenen Widerwillen
nher zu bezeichnen und dessen Grnde scharf genug hervorzuheben, um jeder
weiteren Erwgung ihrer Wichtigkeit vorzubeugen.
    Wir sind gewi alle einig, Mylord, hob sie an, ihn scharf beobachtend, da
die Natur kaum je ein weibliches Wesen reicher ausstattete, als eben diese
Fremde, die der Wille des Himmels an unsern Schutz verwies; aber wie unser Eifer
und unsre Menschlichkeit sich auch abmhe, ihr einen brgerlichen Standpunkt
einzurumen, Ihr knnt gewi nur mit mir die Befrchtung theilen, dies werde nie
so vollstndig gelingen, um jeden Schatten von ihrem Namen, wenn sie auf irgend
einen Anspruch hat, zu verscheuchen, und brauche ich Euch an den, seit
Jahrhunderten fleckenlosen Glanz dieses Hauses zu erinnern, um Euch meine
Abneigung gegen eine solche romaneske Verirrung des nunmehrigen ersten Trgers
dieses erlauchten Namens anschaulich zu machen? Dies wre allein hinreichend,
fuhr sie stolzer fort, als Graf Archimbald noch immer abgezogen, wie es ihr
schien, sich blos stumm gegen diese hochbegeisterten Ansichten verneigte, aber
mein Sohn ist durch sein Erscheinen im Hause Dorset, nachdem er zur herzoglichen
Wrde und Selbststndigkeit erhoben war, und durch den ffentlichen Beifall, den
er der Grfin Anna gezollt, stillschweigend in die Wnsche der Familien
eingegangen, und Herzoge von Nottingham feilschen nicht, wie ehrlose
Spekulanten, um die Deutung eines Wortes; die Gesinnung, die sie in einer
ehrenvollen Sache andeuten, bindet sie so stark, wie das Wort der rohen Menge.
So mu ich denn meinen Sohn als den Verlobten der Grfin Dorset betrachten, so
lange sie nicht zurcktritt, und der Bruder meines Gemahls wird meine schwachen
Krfte untersttzen wollen, diese innere Ehre unseres Hauses zu erhalten.
    Gewi, Mylady, sagte der Graf etwas ungeduldig, war ich nie im Zweifel, was
ich dem Namen, dem ich angehre, schuldig bin, und es giebt allerdings in dem
Leben eines Mannes, der mit seiner Thtigkeit der Oeffentlichkeit verfallen ist,
oft Gelegenheit, die Strke solcher Anforderungen kennen und in ihrer Wahrheit
wrdigen zu lernen. Sollte die Grfin namenlos oder eines befleckten Namens
sein, wrden die Familiengesetze dieses Hauses sie schon hindern, zu uns zu
gehren; doch sah ich diese Befrchtung noch nicht besttigt, und Ihr selbst
hattet mich ja gewarnt, hierin zu schnell zu sein. Doch, denke ich, ist
vorlufig diese Ungewiheit Grund genug, meinen Neffen aufzuhalten, und eine so
kluge und gtige Mutter wird indessen Mittel finden, ihre Wnsche und Ansichten
dem Sohne geltend zu machen. Auch drfen wir Richmonds Beistand entgegen sehn,
der stets besser, als ich, sich verstand, auf Herzen einzuwirken, und obwol ein
Jahr jnger, als Robert, stets den Einflu eines Aelteren ber ihn behauptete. -
Der Graf sah nach diesen Worten, die Richmond berhrten, wie sie diesem Troste
horchte und ihn wirklich ergriff. Er schob nun vertraulich seinen Stuhl nher,
indem er fortfuhr: Graf Burleigh hat mir Briefe des Grafen Bristol gesendet, die
auch Euch angehen, und die vterliche Autoritt, die ich mit mir fhre, mag mich
entschuldigen, wenn ich Euch mit einigen Fragen lstig werde.
    Ihr seid meiner Aufmerksamkeit stets gewi, und mein Vater hat ber mich zu
befehlen, erwiederte die Herzogin in wieder gewonnener Fassung.
    Nun, sagte Graf Archimbald lchelnd, so mu ich Euch zuerst in ein
Staatsgeheimni einweihen, welches, wie ich frchte, nur zu bald eine nicht mehr
zu verbergende Oeffentlichkeit erhalten wird. Unsere Angelegenheiten in Spanien
haben eine sehr ungnstige Wendung genommen, und die jahrelangen, weisen, nicht
genug zu rhmenden Unterhandlungen unseres grten Geschftsmannes, des Grafen
Bristol, scheinen ganz gegen ihr Verdienst erfolglos zu werden! - Aber um Gott,
Mylord, rief hier die Herzogin erschrocken, was sagtet Ihr und alle brigen
offiziellen Nachrichten uns denn bisher so verschwenderisch vom Gegentheil?
Welche chimrische Trume waren dies, wer hat denn hier betrogen sein wollen,
da man so geschftig war, es zu thun?
    Weder das Eine, noch das Andere, antwortete der Graf; Alles ging von Seiten
des Prinzen und des Hofes in Wahrheit so vor sich, wie es uns gemeldet ward.
Aber Ihr werdet Euch wohl erinnern, wie die Begleitung des Herzogs von
Buckingham mich sogleich ber die ganze Angelegenheit in Zweifel setzte, da es
wohl unmglich war, einen ungeschicktern und belwollendern Begleiter fr den
Prinzen aufzufinden. Der Erfolg hat nun alle dadurch auch beim Grafen Bristol
erregten Besorgnisse besttigt, und schon nach den ersten Tagen war der Herr
Graf, der Buckingham beobachten lie, berzeugt, da es der bestimmte Wille des
Herzogs war, durch die zgelloseste Auffhrung und die absichtlichste
Beleidigung aller hheren dabei interessirten Personen, den Prinzen trotz seines
eigenen makellosen Betragens in Mikredit zu bringen. So bewundernswrdig klug
Graf Bristol alle diese Dinge fr den Prinzen unschdlich zu machen suchte, so
wenig vermochte er doch die gerechten Befrchtungen der kniglichen Familie zu
unterdrcken, da der unlugbare Einflu dieses Mannes auf den Prinzen die Lage
der Infantin hchst bedenklich machen msse. - Woher aber dieser Einflu so
pltzlich? unterbrach ihn hier die Herzogin; wei ich doch, da der Prinz frher
eine in der That nur allzu furchtbare Beleidigung ihm nie vergeben zu knnen
glaubte, und spter nur aus kindlicher Rcksicht fr seinen Vater ihn ertrug,
ohne doch seine Verachtung gegen ihn unterdrcken zu knnen.
    Graf Archimbald wute entweder hierber selbst noch nichts, oder zog vor,
diese Aufklrungen nicht zu geben; genug, er begngte sich, seine Absicht weiter
verfolgend, ruhig fortzufahren. Dessenungeachtet ist die Thatsache nicht zu
lugnen, Buckingham ist im Vertrauen des Prinzen, und so doppelt mit Ansehen
ausgerstet, berschreitet seine Unverschmtheit alle Grenzen. Er hat sich dem
vortrefflichen Herzoge von Olivarez, der bisher unser eifriger Freund und der
Beschtzer dieser Bewerbung war, ffentlich als Feind erklrt und ihn dabei so
beleidigend behandelt, da der Herzog, da man Buckingham vor der Abreise des
Prinzen nicht vom Hofe entfernen darf, diesen bis dahin vermeidet. Des Grafen
Bristol Einmischung hat die Sache nur verschlimmert, obwol sie mit seiner
gewohnten Umsicht geschah. Denn Buckingham hat sich die abscheulichsten
Ausbrche gegen die Gesandschaft des Grafen erlaubt, und der Graf zog sehr
richtig, frchte ich, daraus den Schlu, da des Herzogs Neid im bsesten Grade
erregt sei, in Bezug auf das durch den Grafen so glcklich eingeleitete gute
Vernehmen beider Hfe, und da er dieses Verdienst nicht durch eine Vermhlung
noch erhht sehen wollte. Wie dem auch sei, der Hof hat sogleich nach Abreise
des Prinzen die Unterhandlungen, um hchst unbedeutender Ursachen willen, frs
Erste bei Seite gelegt, wenn man sie nicht schon jetzt richtiger abgebrochen
nennen soll. Graf Bristol fhlt sich dadurch uerst gekrnkt und wnscht, wie
natrlich, irgend einen neuen Anknpfungspunkt aufzufinden. Hierzu mchte er
durch Euch einige Nachrichten erhalten, die ihm jetzt wichtig werden knnten.
    Durch mich? fragte die Herzogin fast spottend. Wie kann ich meinem theuern
Vater, entfernt vom Hofe, gehllt in Trauer, ber diese Angelegenheiten, die
auch den dort Lebenden nicht immer klar sein mgen, den geringsten Aufschlu
geben? Nein wahrlich, ich kann nur als Tochter und Englnderin seinen Unwillen
theilen, aber ihm Licht ber das Dunkle dieser Sache zu geben, ist auer meinem
Bereich. -
    Es beziehen sich die Nachrichten, die der Graf wnscht, auf die Reise meines
theuren Bruders, Euers Gemahls. Der Graf, dem ber die eigentliche Ursache
Zweifel entstanden, glaubt bei dem ausgezeichnet vertrauten Verhltni zu Euerm
Gemahl von Euch Nheres erfahren zu knnen. -
    Schwermthig sank der Kopf der Herzogin nieder, und mit einem Seufzer hob
sie an: Mylord, Ihr berhrt hier eine schmerzliche Erinnerung! Mein Gemahl
durfte von mir einer Treue gewi sein, die seine Geheimnisse, so er mich
wrdigen wollte, sie zu theilen, zu einem Heiligthume gemacht haben wrden, an
dem selbst der mchtige und stets ehrwrdige Wille meines Vaters htte scheitern
mssen. Aber ich habe bei seiner unglcklich bereilten und durch nichts
gerechtfertigten Reise diesen Vorzug nicht genossen, und ich darf daher nach dem
Willen meines Vaters handeln, dessen Scharfblick sich nicht trog, denn auch mir
ward es eine unleugbare Gewiheit, da ihn ein anderes Motiv, als das der
Sehnsucht, meinem Vater seinen Sohn vorzustellen, trieb. Er fhlte auch selbst
zu wohl, wie wenig mir dieser Grund zur Befriedigung dienen konnte, und er
achtete mich und sich zu sehr, um ihn vor meinen Ohren zur Wahrscheinlichkeit
aufschmcken zu wollen, wohl wissend, da mir die Ehrfurcht vor seinem stets
reinen Willen nicht erlauben wrde, ein Vertrauen erzwingen zu wollen, welches
seiner treusten Freundin vorzuenthalten, er wichtige Grnde haben mute.
    Und, rief Graf Archimbald, aufs Hchste gespannt, hatte er kurz zuvor eine
seiner gewhnlichen Zusammenknfte mit dem Prinzen? Verhehlt mir nichts! Euer
Scharfsinn hat Euch knnen errathen lassen, ob der Prinz vielleicht Einflu auf
seinen Entschlu hatte. Dies grade ist es, was Euern Vater beschftigt, worber
er von Euch Auskunft hofft. -
    Da ich einmal angefangen habe zu sprechen, in der Hoffnung, meinen Gemahl
dadurch nicht zu beleidigen, und in der Gewiheit, da mein Vater stets die
Gefhle der Gattin in mir schonen wird, so will ich jetzt, wofern sich auch
meinen Worten irgend etwas gegen die Absicht meines Gemahls enthllen lassen
sollte, Euch Alles sagen, was mir selbst davon bekannt werden konnte, ohne die
Grenzen berschreiten zu drfen, die mir wohlanstndig waren. Der Herzog empfing
in meiner Gegenwart einen Courier vom Prinzen und reiste schon am Abende ab,
indem er mir sagte, da der Prinz ihm Dinge von Wichtigkeit mitzutheilen habe.
Es hat in Bezug auf den Prinzen immer unter uns diejenige Zurckhaltung in
unsern Mittheilungen geherrscht, die man sich auch in den nchsten Verhltnissen
schuldig ist, wenn das Interesse Anderer dabei betheiligt ist, oder eine uns
bekannte und nicht auszugleichende Verschiedenheit der Meinungen obwaltet. Ich
suchte nie meinen Gemahl von diesen Zusammenknften abzuhalten, die ihn mir oft
und auf lange raubten. Ich fragte nie nach der Zeit seiner Rckkehr, wenn er
nicht die Gte hatte sie mir selbst anzuzeigen; aber eine lange Erfahrung lie
mich stets eine Trennung von mehreren Wochen frchten. Ich ward daher sehr
berrascht, als ich ihn den nchsten Tag zurckkehren sah, und der
unwillkrliche Schrecken, der mich ahnend zurckbeben lie, fand sich nur zu
sehr gerechtfertigt durch das vernderte Ansehen meines Gemahls. Seine edeln,
offenen Zge waren der Verstellung unfhig, und ich sah in ihnen einen sanften
Schmerz, einen Ausdruck von Unruhe und eine besorgte Zrtlichkeit um mich, die
mir das Herz um so mehr belastet, da ich vergeblich einer Aufklrung entgegen
sah. Erst nachdem er sich und mich bis zum andern Tage mit seinem Schweigen
beunruhigt hatte, erhielt ich durch die Anzeige seiner Reise nach Spanien eine
theilweis traurige Auflsung. Er sagte mir nmlich, er wolle den lang genhrten
Wunsch meines Vaters erfllen und ihm Robert vorstellen. Nach diesen Worten
schwieg er, und ich mit ihm, denn von dem Augenblicke an ergriff mich der
namenlos bittere Schmerz seines Verlustes, und die Qual des Geheimnisses, das
ber diesem Ereignisse ruhte, zerschnitt mir das Herz. Ich wagte ihn an die
Jahreszeit, an die Abwesenheit Richmonds zu erinnern, wodurch der Wunsch meines
Vaters nur halb erreicht werden knnte. Er schwieg, nahm liebevoll meine Hand
und sagte mit einem Tone der Weichheit, der nie aus meinem Gedchtni kommen
wird: Ich mu dennoch reisen! Ich nahm nun all meinen Muth zusammen und
erwiederte ihm: So sei Gott mit Euch, ich werde aller Welt sagen, da Ihr unsern
Sohn meinem Vater vorstellen mt. Nach dieser Ergebung in seinen Willen sagte
er mir tausend Worte der Liebe, die mir seine Dankbarkeit verriethen, da ich
ihn schonen wollte. Aber ich tuschte mich so wenig, als er selbst. Wir wuten
bei unserer Trennung, da wir uns nicht wiedersehen wrden; unser Schmerz konnte
durch nichts als durch diese Ahnung gerechtfertigt werden. Ihr wit jetzt Alles.
Es blieb mir nie ein Zweifel, da der Prinz ihn zu dieser Reise bestimmt, zu
welchen Zwecken jedoch, ist mir, wie Ihr seht, unbekannt und mu auch meinem
Vater unbekannt geblieben sein, denn er kam ja nur zu ihm, um sein Sterbelager
zu besteigen.
    Graf Archimbald fhlte sich nach der Beendigung dieser Erzhlung von
Theilnahme und Achtung fr seine edle Schwgerin erfllt; dies verlieh ihm jene
Wrme und Gte des Ausdrucks, der, leicht verstndlich, dem Herzen so
wohlthuend, besonders wenn er von Personen kommt, zu deren Gefhl man sonst
schwer Zugang gewinnt. Er hat bei dem wahren und tiefen Ausdruck von Schmerz und
Edelsinn, womit die Herzogin gesprochen, fast ganz den politischen Zweck der
Sache vergessen, und die gefhlvollen Worte, womit er die Leidende zu ehren
wute, fhrten diese beiden einander so wrdigen Personen fr einige Zeit ohne
das gewhnliche Rstzeug ihres Verstandes zu einander.
    Die Herzogin erinnerte ihn selbst an seinen Zweck, indem sie ihn bat, ihr zu
sagen, ob ihr Vater aus den letzten klaren Tagen des Herzogs vor der Zunahme
seiner Krankheit, die so bald seinen schnen Geist verdunkelte, ber seine
eigentlichen Absichten habe Schlsse machen knnen, und Graf Archimbald theilte
ihr nun, theils erzhlend, theils lesend, Stellen aus den Briefen des Grafen
mit. Der Herzog war erkrankend angekommen, dennoch nach einer kurzen
Zwischenzeit, die er dem Ergu der verwandtschaftlichen Gefhle gegnnt, hatte
er nach allen, auf die im Werke stehende Vermhlung des Prinzen und der Infantin
bezughabenden Umstnden gefragt. Als aber der Graf seinerseits von ihm, als dem
genauesten Freunde des Prinzen, ber dessen Stimmung habe Auskunft haben wollen,
sei er von ihm auf sptere Mittheilungen verwiesen worden, die nachher nicht
mehr erfolgen konnten. Whrend seiner Phantasien war er stets mit seiner
Vorstellung bei Hofe und einer Privat-Audienz bei der Infantin beschftigt.
Zuletzt rief er noch mit qualvoller Angst den Prinzen, bis Alles ohne
Deutlichkeit in der Nacht seines zerstrten Geistes untertauchte.
    So frchte ich, hob die Herzogin nach einer Pause an, wird mein Vater seinem
eigenen Scharfsinn berlassen bleiben. Aber sagt mir Mylord, so ihr es drft,
ist ber die Wnsche des Prinzen, die er, wenn ich offen mich erklren darf, so
abenteuerlich durch seine Reise nach Spanien an den Tag gelegt, ein Zweifel? und
worber? und wohin gewendet?
    Wie sonderbar und widersprechend es auch erscheinen mge, erwiederte Graf
Archimbald, so glaubt dennoch Graf Bristol, da grade der Prinz in seinem Innern
am entschiedensten gegen diese Verbindung ist, da seine Reise sowol, wie seine
Vershnung mit Buckingham das letzte Mittel war, um eine Strung in diese
Angelegenheit zu bringen, ohne durch eine offene Weigerung den Knig, seinen
Vater, zu beleidigen. Der Graf konnte whrend der ganzen Zeit seiner Anwesenheit
den Prinzen zu keiner offenen Erklrung ber eine Sache bringen, die ihn doch
allein dorthin gefhrt zu haben schien. Er erzhlte dem Grafen unaufhrlich, wie
es ihn berrascht habe, in Spanien, das jngst noch gegen England entbrannt war,
bei seiner pltzlichen Ankunft, auf die das Land von Hofe aus unmglich
vorbereitet sein konnte, auf kein Hinderni oder irgend eine Beleidigung
gestoen zu sein. Es glich dies Erstaunen fast einer getuschten Erwartung.
Ebenso war, bei der brigen Klte des Prinzen, sein Verlangen, um jeden Preis
die Infantin allein zu sprechen, so dringend, von Buckingham so unschicklich
heftig untersttzt, da man eine geheime, damit verknpfte Absicht dahinter
htte ahnen mgen; und Graf Bristol wute es der unberwindlichen Etikette Dank,
da sie die Sache unmglich machte. Eben so wenig suchte der Prinz den
Zgellosigkeiten Buckinghams entgegen zu treten. Er theilte sie zwar nicht, aber
es fiel ihm doch unlugbar zur Last, da die nchste Person seines Gefolges, und
die einzige von Range berhaupt, unter seinen Augen dergleichen wagen durfte.
Vergeblich aber war des Grafen Bitte, wenigstens den Herzog von Olivarez zu
vershnen, gegen den der Prinz ein hchst unzeitig beleidigtes Wesen annahm, und
diesen stolzen Mann, den des Grafen Bristol unendliche Klugheit uns eben erst
gewonnen, zum unvershnlichsten Feinde umschuf. Der Courier, den der Graf mir
mit diesen Andeutungen gesendet, bereilt den Prinzen um einige Tage, da der
despotische Wille Buckinghams den Prinzen durch Frankreich wieder zurckfhrt,
als ob er die Hfe Europa's, denen es am vortheilhaftesten scheinen knnte, eine
so wichtige Person, als den Thronerben von England, bei sich fest zu halten,
diese Probe ihrer vlkerrechtlichen Tugend zu seiner eigenen Belustigung
bestehen lassen wolle. Jedenfalls bewahren wir der Nachwelt eine seltene Probe
unserer Klugheit auf, und einer Lcherlichkeit des Betragens, die uns um ein
Jahrhundert vor Elisabeth zurckversetzt, deren Nachfolger zu sein, wir uns doch
rhmen wollen.
    Der Graf hielt hier inne, er besa nicht die Pedanterie politischer
Geheimnikrmerei, und am wenigsten vor einer Frau, die ihm eben Proben ihrer
Selbstbeherrschung gegeben. Aber er fhlte selbst ein gewisses Unbehagen, die
Handlungen ins Licht treten zu lassen, die seinem Altenglischen Herzen so
krnkend waren. Er mute inde der sehr dadurch beschftigten Herzogin noch Rede
stehen, die nun zu wissen wnschte, ob man ihrem Gemahl dieselbe Ansicht mit
Buckingham und dem Prinzen beimessen knne.
    Wir knnen nur Thatsachen an einander stellen, erwiederte Graf Archimbald.
So viel drfte fr uns Gewiheit sein, da der Prinz die Veranlassung zur Reise
meines Bruders ward, welches eine hnliche Absicht anzudeuten scheint, wie der
Prinz spter so dringend verfolgte. Ebenso scheint die letzte Zeit, wo er sich
noch uern konnte, eine Beziehung zu den Angelegenheiten des Prinzen
hinlnglich zu verrathen, wozu ich rechne, da er sich gegen Graf Bristol ber
den Prinzen ausweichend uerte, und da sein Bestreben gleichfalls darauf
ausging, die Infantin allein zu sprechen.
    Unmittelbar nach der Nachricht von dem Tode des Herzogs trat dann die
Vershnung mit Buckingham und die Reise des Prinzen ein. So scheint es, da der
Prinz, als der Herzog nicht vollziehen konnte, was er von ihm gehofft, eines
andern Vertrauen bedurfte, der ihn dann zur eignen Ausfhrung antrieb. Doch
werdet Ihr selbst einsehen, da wir hier nur unbestimmte Muthmaungen haben,
eine aus der andern geleitet, aber smmtlich des Hauptanhalts entbehrend, der
Kunde vom unbegreiflichen Zweck aller dieser Anstrengungen! -
    O Gott! seufzte hier die Herzogin schmerzlich auf, so wre also das Glck
meines Lebens dennoch an dem Willen des Prinzen zertrmmert, der stets als ein
finsterer Geist neben dem Lichtbilde meines Gemahls stand, und mit dem ich das
Recht des Besitzes zu theilen stets gewrtig sein mute. Wir wollen denken, Graf
Archimbald, fuhr sie fort, indem sie sich fast geisterhaft bleich von ihrem
Sessel erhob, da in Gottes Hand der letzte Augenblick des Menschen ruht, und
ich sage mir, da dies geliebte Wesen reif war, hinber zu gehen, und hier im
Schooe der Seinigen so sicher ereilt worden wre, wie unter den Beschwerden und
Sorgen dieser Reise. Dennoch mag vielleicht stolzes Ueberbieten geistiger und
physischer Krfte schneller den Augenblick herbei fhren knnen, den Gott ohne
solche menschliche Verschuldung noch entfernter gestellt haben wrde, und
vielleicht war das der Fall auch hier. Mylord, o begreift es, wie schwer bei
diesen Gedanken mir die Ergebung wird, wie der Gram die schreckliche Zugabe des
Vorwurfs gegen die Verschulder desselben erhlt!
    Geht hierin nicht zu weit, Mylady, sagte der Graf Archimbald milde, lat den
Gedanken vorwalten, da Gottes Hand hier lenkte und bestimmte, und machet den
Dienst der Freundschaft, der wol ohne Vorahnung dieser Folgen gefordert und
gewhrt werden konnte, den Beiden nicht zum Vorwurf, die stets ein wahrhaft
schnes Bild dieser reinen Empfindung darstellten.
    Es sei so, sagte die Herzogin sich empor ringend, und es mag Zeit sein, den
Gedanken ihr Ziel zu setzen, die mich ergreifen wollen ber den geheimnivollen
Einflu, den dieser Freund meines Gemahls auf ihn ausbte. Denn ich darf ja
jetzt am wenigsten vergessen, da die Stelle leer ist, die er zum Schutz und zur
Leitung seiner Familie so wrdig einnahm, und, setzte sie leiser hinzu,
vielleicht sollte ich schon jetzt die Gte Gottes erkennen, die wenigstens sein
Herz vor dem Schmerz bewahrte, der mir in der Verirrung meines Sohnes droht, -
ach! welch' ein Schmerz wre das fr ihn geworden!
    Ihr Blick voll dsterer Melancholie traf hier Graf Archimbald, der trotz
aller zarten Theilnahme, die ihm bis dahin gegen die edle Leidende so natrlich
gewesen war, dennoch den Schmerz seiner Schwgerin ber die Ansichten ihres
Sohnes etwas bertrieben finden mute. Sie gewahrte augenblicklich diese
Gedanken, wenn auch fast unmerklich in seinen Zgen ausgedrckt, und wider ihren
Willen rief sie wie berwltigt aus: Ich gelte Euch so eben als eine Thrin,
die, den Anforderungen ihres Schicksals nicht gewachsen, sie phantastisch
vergrert, ihr Unvermgen damit zu verhllen; aber knntet Ihr die Gre dieses
Schmerzes so durchschauen, wie es mir aufbehalten war, Ihr hieltet mich nicht
fr ein allzuschwaches Weib.
    Und dessen seid in jedem Fall gesichert! Ihr habt mir eben durch Eure
verehrungswrdigen Mittheilungen eine Lehre der Migung in Bezug auf die
Geheimnisse Anderer gegeben, die Euch zu hoch in meinen Augen stellt, als da
Ihr sie nicht gegen Euch zuerst befolgen mchtet. Aber verget nicht, da es der
Bruder Eures Gemahls ist, der stets mit allen seinen Krften Euch zur Seite
bleibt, und dem Ihr vertrauen drft, wie der es that, den ich mit Euch so
schmerzlich vermisse. -
    Der starke Mann zollte hier einen Augenblick dem tief verschlossenen Gefhl
seiner Brust einen ehrenvollen Tribut, aber er krzte gern solche, ihn stets
berraschende Momente ab, und Beide trennten sich stumm grend, mit dem Gefhl
einer erhhten Achtung und Freundschaft.
    Weniger gengend fr beide Theile fiel eine Unterredung der Herzogin mit
ihrem Sohne aus. Sie hatte nur zu viel Veranlassung, der Menschen-Kenntni des
Grafen Archimbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seine Befrchtung
wegen der hartnckigen Entschlossenheit sanfter Gemther, die durch
Leidenschaften in ihren Empfindungen erhht sind, zu theilen. Es ward ihr
manche, bis dahin noch vorenthaltene Kenntni der Grenzen lterlicher Macht ber
die Gewalt individueller Empfindungen, der Ohnmacht des Willens und der Bitte
bei anders Fhlenden. Ihre Lage war um so drckender, da ihr nicht vergnnt war,
mit der vollen Kraft der Wahrheit zu ihm zu reden. Denn wiewol glhend berzeugt
von der Unmglichkeit der Sache, mute sie es sich doch versagen, ihren Sohn
durch dieselben Grnde zu berzeugen, welche in ihr dies Resultat
hervorgebracht. So blieb ihre Lage ihm gegenber von der Halbheit beschlichen,
die krftige Gemther um so tiefer verletzt, je nthiger ihnen stets in Rede,
wie in That jene rechtfertigende Consequenz ist, wovon sie sich des oft
geprften Erfolges gesichert wissen. Sie sah ihren Sohn dadurch, da er seine
volle Seele in Wahrheit und ohne allen Rckhalt vor ihr entlud, in einem ihr
nachtheiligen Vortheil ber sich, und mute auch das sonstige Uebergewicht ihres
Verstandes vor ihm einben, da sein ganzes Wesen, in Liebe erhht, seinem
Geiste eine Glut und Kraft der Combinationen verliehen hatte, die dem kindlich
schlummernden frheren Zustande nicht mehr gleich kam.
    Ein fr die Herzogin namenlos schmerzliches Gesprch mehrerer Stunden hatte
sie um nichts ihren Wnschen nher gebracht. Es war noch immer der liebevolle,
ehrende Sohn, der treffliche Mensch, aber zugleich ein zum ersten Mal im Leben
Wollender, untersttzt in diesem Willen von der ganzen Ueberredungsgabe eines
zuerst liebenden Herzens. Dagegen schien die Herzogin wenig Anderes als
Vorurtheile und Stolz in die Waagschale legen zu knnen, und gegen das Ende
dieser qualvollen Unterredung mute sie entmuthigt sich das ihr so neue
Gestndni machen, sie sei sich selbst hier nicht genug und ihr Einflu auf ihn
nur noch bedingt.
    Sie hatte nur die Versicherung von ihm erlangt, da er sein Gefhl der
Grfin verschweigen werde, bis die Familie Dorset mit schonender Achtung
entfernt sein werde, und bei dieser Bitte fand sie den Sohn so nachgiebig, so
durchdrungen von den Anforderungen der Ehre und Wohlanstndigkeit, da sie ihm
nicht einmal zrnen konnte, sondern ihn seiner edeln Erziehung vollkommen
entsprechend finden mute. Der Herzog verlie endlich seine Mutter mit weit mehr
Hoffnung, als er nhren durfte. Denn er hielt ihren fast erschpften Zustand fr
Nachgiebigkeit in seine Wnsche, und fr ihn lagen alle Schwierigkeiten allein
in der mglichen Beleidigung der Familie Dorset.
    Zu einer milden Ausgleichung dieses Punktes hoffte er seine geliebte
Gromutter zu bestimmen und vertraute diese Absicht auch der Herzogin, von der
er so kindlich liebevoll schied, da die Thrnen der zrtlichen Mutterliebe ber
das schne Gesicht des knieenden Jnglings flossen. Aber kaum war er ihren
Blicken entschwunden, so rang sich die Klarheit ihres Geistes aus der weichen
Betubung empor, worein ihr Herz sie verstrickt hatte, und der jhe Schmerz, den
ihr der Ueberblick der wirklichen Lage der Sache gab, erschien ihr jetzt um so
schrecklicher, da die Unterredung, von der sie so viel gehofft, vorber war und
sie sich sagen mute, sie sei dadurch eher zurck, als dem Ziele nher
geschritten. Sie machte sich in ihrer Heftigkeit selbst die bittersten Vorwrfe,
ihrem Sohn auch nur einen Schatten von Hoffnung fr diese Verbindung gelassen zu
haben; sie glaubte sich dem Elende einer Entdeckung ihres Geheimnisses nahe
gebracht, und rief in fieberhafter Angst Gott auf ihren Knieen um Beistand an
und um Herbeifhrung eines Ausweges. Thrnen sandte ihr vorerst Gott, und als
diese ihr banges Herz erleichtert, stand auch der rettende Engel, den Gott
gesandt, ihr zur Seite. Sie hob den Kopf empor, sich von ihren Knieen zu
erheben, und stand vor ihrer ehrwrdigen Schwiegermutter, die, von ihr ungehrt,
das Zimmer whrend ihres heftigen Weinens betreten und, ber den Zustand, worin
sie die Herzogin sah, erschrocken, so eben sich ihr genhert hatte.
    Die Herzogin fuhr zusammen, und dann mit einem so berspannten Ausdruck
zurck, da ihre starren Augen zu fragen schienen: Bist du ein Mensch? Ach, bist
du der Ausweg, um den ich Gott anrief? seufte ihr Herz, und sogleich
wiederholten es auch ihre Lippen, und vor der alten Herzogin aufs Neue
niedersinkend, rief sie wie begeistert: Du bist es, ja, Du bist es! Dich sendet
mir Gott, vor Dir soll ich mein Herz von seiner erdrckenden Brde befreien, Du
bist der Ausweg, den er mir sandte; in Deiner reinen Seele wird sich das Rechte
vom Unrechten scheiden, und was sein mu, wird meine rathlose Seele von Dir
erfahren. - Sie sprang zugleich mit einer Heftigkeit auf, welche dem krankhaften
Zustande zu widersprechen schien, in dem sie sich befand, und war bemht, ihre
erstaunte und bekmmerte Schwiegermutter zu einem Ruhebette zu ziehen, auf dem
sie sich sogleich mit einer Hast dicht neben ihr niederlie, welche von der
regellosen Aufregung ihres Innern zeugte.
    Die alte Herzogin war ihr willig in all' ihren stummen Anordnungen gefolgt,
aber die Besorgnisse, die dies seltsame Verfahren ihr gab, raubten ihrem stets
gegenwrtigen Geiste dies Mal die Leichtigkeit, sich in lindernden Worten
auszudrcken. Sie fhlte sich unfhig, einen Eingang zu dem Vertrauen zu finden,
das die geliebte Leidende mit einer rthselhaften Angst und Uebereilung ihr zu
schenken bereit schien, und sie blickte blos, in unendliche Liebe und das
tiefste Mitgefhl aufgelst, in die zerstrten Zge der Herzogin. Diese schwieg
ebenfalls noch; dicht neben der mtterlichen Freundin sitzend, ihre Hnde
zwischen den ihrigen drckend, die von Thrnen geschwollenen Augen an den Boden
geheftet, schien sie von eigenen Gedanken noch zu berfllt, um reden zu knnen;
sie schien in sich vor allen Dingen die Ordnung herstellen zu wollen, die ihr
nthig war.
    Sie hob endlich die Augen zu ihrer Schwiegermutter auf, und ward durch einen
Blick in dies liebevoll besorgte Antlitz wie von jeder Qual befreit und in die
Arme gezogen, die sich ihr so mtterlich ffneten. Hre mich erst, seufzte sie
dann, ehe Du mich thricht schiltst; aber hre mich! Lnger kann ich die Qual
dieses Geheimnisses allein nicht tragen, ich bedarf auch Deines Beistandes, und
Du hast ja fast dasselbe heilige Interesse, wie ich selbst, geheim zu halten,
was ich Dir sagen mu. Aber dennoch, setzte sie bang und flehend hinzu, dennoch
kann ich nicht eher das mir gethane Gelbni ewiger Verschwiegenheit brechen,
ehe Du nicht gromthig Dich meiner Angst erbarmst und mir heilig gelobst, das,
was ich Dir sagen mu, als unverbrchliches Geheimni in Dir zu bewahren, so,
als htte Dich nie eine Ahnung davon erreicht.
    Alles gelobe ich, was Dich, mein armes Kind, beruhigen kann, sagte schnell
die bekmmerte alte Dame, und bin gewi, Du wirst mir nun ohne Sorge vertrauen
und mich die Brde mit Dir tragen lassen, die Dich so grausam zerstrt. O eile,
geliebtes Kind, Dein Herz zu erleichtern, und Gott wird mir Kraft verleihen, Dir
eine wahrhafte Sttze zu sein.
    Ach, seufzte die Herzogin, wie weit in die Vergangenheit mu ich
zurckgehen, denn wie sehr ist das, was ich Dir sagen will, in das Gewebe meines
ganzen Lebens mit einem unabgerissenen, mir allein stets sichtbaren Faden
verflochten. Wie hat es mit seinem stillen und doch unlugbaren Dasein mir den
Muth zur Klage, wie zum vllig reinen Genusse des Lebens geraubt! O, wie tief
fhle ich seinen Einflu auf mein ganzes Wesen, wie lie es in mir die Fehler
ergrauen, von deren Dasein ich zu meiner Qual mir stets bewut blieb, whrend
ich ihnen doch die Herrschaft wieder gnnte, die mich zu verhrten schien gegen
die geheimen Schmerzen dieser Brust. Mutter, wenn es ein Frevel werden kann, ein
menschliches Wesen zu sehr zu lieben, so hab' ich ihn vielleicht begangen; aber,
den ich so ber alle Grenzen hinaus liebte, - es war Dein Sohn, und an Deinem
Herzen rufe ich um Nachsicht.
    Du weit, da mein verehrungswrdiger Vater nach dem Tode meiner Mutter das
zehnjhrige Mdchen ganz in seine Obhut nahm, nur Mistre Morton blieb mir als
weiblicher Schutz zur Seite, und sie war, obgleich noch jung und schn, doch nur
in der Liebe zu mir lebend, allen den Pflichten vollkommen gewachsen, die mein
Vater ihr mit vollstndigem Vertrauen bertrug. Wir theilten jede Stunde, die
ich entfernt von meinem Vater lebte, aber dem frh vereinsamten Manne war es
ser Trost, das einzige Andenken seiner Liebe um sich zu haben, und meine Tage
schwanden in dem Studirzimmer des Vaters hin in wortkarger Einfrmigkeit. Der
Ernst dieses Lebens widerstrebte jedoch meiner Sinnesart nicht; ich fgte mich
nicht allein, sondern ich ahmte bald in Wort und Zeichen einen Ernst und eine
Wrde nach, die mein Vater in seiner reichen Natur mit einer heitern
Lebendigkeit des Geistes und einer zrtlichen Empfnglichkeit des Herzens
verband. Von dieser war mir nur wenig verliehen, und sie wurde daher unter
seinen Eigenschaften leichter von mir bersehen, als sein Ernst und sein Stolz,
der in meinem Gemthe reichern Anklang fand. Alle meine Umgebungen huldigten
bald den Anforderungen dieses jugendlichen Dnkels, der mich bei der Strenge
meines Karakters nie zu Bedrckungen verleitete, die im Stande gewesen wren,
meinen Vater aus dem zrtlichen Liebestraum ber die Vorzge seines Kindes zu
wecken. Meine theure Morton war das lindernde Prinzip. Sie liebte ich, und an
ihrer zrtlichen Brust verschwand der Ernst, den ich berall fest hielt; ich
ward jung in ihrer wohlthtigen Nhe und lernte weiblich fhlen. Vielleicht
schon damals stimmte der bloe Name des Mannes, den ich spter so grenzenlos
lieben sollte, mein Herz so empfnglich fr Mortons weiblich heitere Gesprche,
denn sie, von den Plnen zu dieser Vermhlung unterrichtet, bereitete in
sorgloser Geschwtzigkeit mein Herz zu diesem Glcke vor. Mein Vater, der seit
dem Tode meiner Mutter dem ffentlichen Leben standhaft entsagt hatte, bis zu
meiner Vermhlung, glaubte endlich mit Deinem Gemahle, der Augenblick hierzu sei
gekommen. Morton sagte mir, da beide Familien ihre Kinder bei Hofe vorstellen
wollten und ich den sehen wrde, der in mir seine Braut zu finden hoffte.
Aehnliches, obwol ferner angedeutet, sagte mir mein Vater, und ich zrnte jedes
Mal dem ungestmen Schlage meines Herzens, als der stolzen Wrde widersprechend,
die berall zu behaupten ich mir auferlegt. Ach, nur zu bald und immer mehr ward
dieser angenommene Grundsatz in mir erprobt. Wir sahen uns, nachdem ich zuerst
Deinen Segen, als von der Freundin meiner Mutter, in Deinem Hause empfangen,
zuerst am Hofe. Obwol der Augenblick, wo ich zuerst ihn sah, mir deutlich ist,
als wr's der gegenwrtige, knnte ich Dir doch die strmische Gewalt nicht
schildern, womit auf ewig sich dies heigeliebte Bild in meine Seele senkte. Was
ich gehofft, getrumt, geahnet, lag wie ein Schattenbild, verschmolzen mit dem
ganzen Zeitraum der Jugend, den ich durchlaufen, wie leblos hinter mir. Er nahte
mir, sein hold leuchtendes Auge erreichte wie ein unendlicher Wohllaut mich, wir
redeten, und tausend Mal gab ich an diesem Abend ihm die Seele hin. Als bei der
Rckkehr mich der Vater mit einem Segenskusse lchelnd von sich lie und Morton
mir am Eingange meiner Zimmer bewegt entgegeneilte, trat sie erstaunt zurck,
die Arme, die ich ihr entgegenstreckte, erreichten sie nicht, denn sie schien
ungewi, ob ich es sei, und trat nun, mich zu sehen, vor meiner Umarmung zurck;
aber ich suchte das liebevollste Herz, und mit einer an Triumph grenzenden
Freude rief ich ihr zu: Ich habe ihn gesehen! - Welche Tage begannen nun! Ach,
es waren nur wenige, aber selige Tage. - Auch Ihr theiltet wol in lterlicher
Zrtlichkeit die Besttigung Eurer Hoffnungen. Denn nahte Robert mir auch nicht
in Liebe, war ich doch die Liebste in dem weiten Kreise des Hofes ihm, und ich,
so sicher ihn als mein betrachtend, ersetzte mit dem Reichthum meiner Empfindung
die Lcken, die damals sich schon htten finden lassen. Da rief der Knig die
Familie seines bermthigen Lieblings an den Hof, und Ihr wit, was da geschah.
Aber die Qualen meines Innern blieben Euch und aller Welt Geheimni. An jenem
Abend, wo die schne Schwester des Herzogs von Buckingham am Hofe erschien,
geschah in meinem Innern eine gewaltsame und frchterliche Umnderung. Ich kann
sagen, da meine Entwickelung, gehemmt und fr immer aus dem schnen Reiche
sanfter, leidenschaftsloser Weiblichkeit verdrngt, den kalten Mchten wieder
anheim fiel, denen die Liebe mich entzogen, vielleicht fr immer entzogen htte,
wre es mir beschieden gewesen, sie zu der ungetrbten, tugendhaften Hhe fhren
zu knnen, deren sie werth und fhig war. Aber gestrt, so grausam gestrt, bei
so grenzenloser Hingebung, war mein Karakter nicht geschaffen, in Milde diesen
heien Schmerz zu wandeln, und ich bin es mir bewut, da ein ganzes folgendes
Leben, reich an sem Glcke und jeglicher Befriedigung, den jhen Umsturz
meiner damals keimenden besseren Natur nicht wieder ins Gleiche bringen konnte.
    O Mutter, wende Dich nicht von mir, rief die Herzogin hier in Thrnen der
sichtlich erbebenden mtterlichen Freundin zu, und zrne nicht, da ich Dich zum
Beichtiger meines ganzen Lebens mache. Das Andenken dieser Tage, ja, das nie
vordem Geschehene, da meine Lippen zur Enthllung ihrer Leiden sich ffnen,
reit mich mit sich fort, da ich, so innig Dir vertrauend, so nie von Dir
zurckgeschreckt, nicht mehr verhindern kann, zu sagen, was mir in trauriger
Erkenntni meiner selbst nur zu oft zur schmerzlichen Gewiheit wurde.
    Kaum hatte diese Schnheit sich gezeigt, so sah an meiner Seite ich an
Robert die Wirkung, die bald Allen kein Geheimni blieb. Ach, der mich durch
sich gelehrt, was Liebe sei, lie jetzt an sich dasselbe mich erkennen, von
einer Andern eingeflt, was ich in jeder Beziehung allein von ihm zu fordern
berechtigt schien! Ich kam nach einem kurzen Wehe namloser Schmerzen schnell zur
Ueberzeugung, da ich verloren sei, da der, den ich noch wenig Stunden frher
mit jubelndem Entzcken mein Eigenthum genannt, von mir gewendet war, mich
vllig zu sehen aufgehrt. Sorglos, wie ein Kind den Schmetterling erjagt, und
vor und neben sich nichts mehr gewahrt, den Blick allein gefesselt an das Ziel,
so folgte er den Schritten dieser Grfin Buckingham, als wre dies das einzige
ihm aufgegebene. Geschft des Lebens. Denkt Euch, da hier zuerst jene wilde,
dmonische Feindin unserer Ruhe, die Eifersucht, in mir aufstand; da mir ein
unaussprechliches Gefhl von Klte gegen der Grfin leuchtendes Verdienst, ein
bitteres, stolzes dnkelvolles Etwas die Seele vllig trbte; denkt Euch, da
ich vergeblich Roberts Wiederkehr harrte, da ich den wilden Buckingham, unfhig
in meiner schmerzlichen Auflsung, die frhere stolze Kraft ihm entgegen zu
stellen, durch mein sterbendes Stammeln zu einem khnern Betragen berechtigte,
und malt Euch dann den Zustand, worin ich bei der Rckkehr leblos meiner edlen
Morton in die Arme sank. Ich brachte die Nacht am Rande des Wahnsinns zu. Morton
erfuhr nur langsam, unter Convulsionen, die seitdem mir blieben, das eben
Erlebte, und nur der Hoffnung, die sie mehr liebevoll, als klug in mir wieder zu
beleben wute, verdankte ich die Wiederkehr meines Verstandes und den Entschlu,
ferner am Hofe zu erscheinen, ganz entgegen meiner ersten heftigen
Entschlieung. Ach, ich kehrte wieder, um mit jedem Male gewisser von meinem
Unglck mich zu berzeugen. Ich erhielt von diesem Augenblick nicht einen seiner
holden Blicke mehr. Er ehrte mich nur mit brderlichem Wohlwollen, whrend ich
die glhend heie Liebe, deren er fhig war, an ihr erkennen mute. Sie, die
unter den sie umrauschenden Huldigungen kaum einen Blick, ein Lcheln fr den
brig fand, der, diese seltene Gunst nicht zu entbehren, doch an den Saum ihres
Kleides gefesselt, verloren fr die ganze brige Welt, sich kaum der Existenz
bewut war! Meine Nchte brachte ich in Thrnen in Mortons Schooe hin, aber
wenn der Tag und die Stunde erschien, wo der Hof sich versammelte, dann rief ich
allen Geschmack der Mode herbei, meine nach und nach verfallende Gestalt, meine
bleicher werdenden Wangen gegen den Verdacht eines Grams zu schtzen. Denn
gewaltig war mein Stolz erwacht. Verschmht zu sein im Angesicht des ganzen
Hofes, als verschmht bezeichnet durch die khnen Schritte Buckinghams, ach,
selbst von Deiner zarteren Liebe und den schwermthigen Blicken meines Vaters
als so bezeichnet, war es die Aufgabe, die ich mir stellte, wenigstens ber
meine geringe Theilnahme an dieser Krnkung keinen Zweifel brig zu lassen. Die
Ueberreizung, in die ich so nothwendig kommen mute, gab mir, wenn der oft
frchterliche Schritt aus meinen Gemchern gethan war, eine grere Leichtigkeit
und mehr Leben und anscheinende Heiterkeit, als wol frher, wo ich natrlich
sein durfte.
    So trat die Trauerzeit ein, die auf den Tod des Prinzen Heinrich folgte. Der
Hof hatte aufgehrt, in Festen sich zu vereinigen, die Trauer hob jede
Verbindung auf. Nur die befreundeten Familien sahen sich ohne Gerusch, und ich
sah Dich in Deinem Hause, aber nie mehr dort Deinen Sohn, der den Prinzen nicht
mehr verlie. Doch diese Zeit gnzlicher Trennung belehrte mich erst vollstndig
ber die Strke meines Gefhls fr ihn; denn ihn nicht zu sehen, erschpfte all'
meinen Muth. Es gab Augenblicke, wo ich mir denken konnte, da ich das Leben
eher ertragen wrde, wenn ich ihn selbst als Gemahl dieser Buckingham nur
sprechen knnte.
    Die Trennung raubte mir all' die Energie, mit der ich mein Leiden beherrscht
hatte. Es kam eine bittere, tdtende Verzweiflung ber mich; in London blieb ich
nur, weil dieselbe Stadt auch ihn noch umfing. So, theure Mutter, fhlte ich
mich, als mir Morton den Grafen von Derbery anmeldete, der mich um eine geheime
Unterredung bitten lie. Ich war so berwltigt von der Aussicht, ihn zu sehen,
da ich fast an das Auffallende dieser Bitte nicht dachte. Morton entfernte
sich. Ich hrte ihn eintreten, ich blickte nach ihm hin und sank mit einem
Schrei in meinen Stuhl zurck; denn aus dem blhenden, hochgefrbten Jnglinge
mit dem jugendlich lachenden Antlitz war ein bleicher, ernster Mann geworden, in
dessen frischen Zgen der Schmerz seine ersten Furchen gezogen hatte. Er sah
mein Erschrecken, aber er lie sich auf keine Deutung ein, sondern lag im selben
Augenblick zu meinen Fen und flehte mich an, die Wnsche unserer Familie zu
erfllen und ihm meine Hand zu reichen.
    Ich war sprachlos vor Erstaunen, und Liebe und Stolz kmpften hart in mir,
aber nur zu wohl fhlte ich, da Liebe ihn nicht zu mir geleitet, und ich raffte
all meinen Muth zusammen, ihn von mir zu weisen. Nach diesen ersten Worten
gewann ich das volle Uebergewicht meines beleidigten Stolzes, ich hielt ihm in
kalten Worten seine vllige Entfremdung von mir vor, ich erinnerte ihn endlich,
gesteigert in Schmerz und Zorn, an seine Liebe zur Buckingham, die der ganze Hof
mit mir gesehen. O Mutter! ich glaubte, ich htte ihn mit diesen Worten
getdtet; sein Kopf sank in seine Hand, seine Figur brach zusammen, und ein
krampfhafter Laut entglitt seinen todtenbleichen Lippen. Dieser Anblick entri
mich all meinen stolzen Vorstzen; ich eilte auf ihn zu, ich zwang ihn, sich
nieder zu setzen. Ich htte jetzt zu seinen Fen sinken mgen, und was der
nchste Augenblick mich htte thun lassen, mag ich nicht bedenken. Aber er
erholte sich und zeigte sich nun in der ganzen Glorie seiner edeln wahrhaften
Natur! Er selbst gestand mir jetzt seine Liebe zur Grfin Buckingham, und da
sie in ihm noch jetzt lebe, wo er mich um meine Hand bitte: aber unberwindliche
Hindernisse, die er mir jedoch nie nennen drfe, trennten ihn von der Grfin.
Nie knne sie seine Gemahlin werden, und diese Ueberzeugung htte ihn von all
seinen Wnschen geheilt und zu der heiligen Pflicht zurckgefhrt, welche
verehrte Verwandte so gromthig und beglckend fr ihn ersonnen. Er fragte
mich, ob ich es wagen wolle, ihm zu vertrauen; er sagte mir, da er mich hher
achte und verehre, als alle andern Frauen der Erde; da nur dies Gefhl ihm Muth
gegeben zu dem auerordentlichen Schritte, den er gewagt zu thun; da er nur an
meiner Seite, nur in Erfllung dieser Pflicht, nur indem er sich bestrebe, Alles
zu vergten, was er verschuldet, Ruhe finden knne, nur Glck hoffen drfe, wenn
ich ihn aufnhme, und mit schwesterlicher Liebe sein Herz dulden und heilen
wolle. Er erinnerte mich an die Wnsche unserer Eltern, die wir dadurch zu
beglcken vermochten, und ich - liebte! Was er mir bot, sicherte mir frs Leben
seine theure Nhe! Was er mir entdeckt, erhhte nur meine Achtung fr ihn, und
gab meiner Seele das seste Vertrauen zu den Versicherungen hochachtender
Freundschaft, die nach der trostlosen Verarmung, in der ich mich gefhlt, so
unendlich viel mir schien. Mein Stolz war fr den Augenblick verschwunden, er
empfing mein Jawort, und Du weit es, da der Knig, von beiden Vtern
angesprochen, noch denselben Tag seine Einwilligung gab; doch was Du vielleicht
nicht so bestimmt weit, erfahre es jetzt: Buckingham erschien eine Stunde
spter bei mir, bot mir mit der vollen Sicherheit eines verzogenen und eiteln
Mannes seine Hand. Mit welchem innern Triumph durfte die Braut des Grafen von
Derbery ihn jetzt zurckweisen! Wie geno ich das Erstaunen, womit er aus meinem
Munde den Grund seiner Zurckweisung erfuhr!
    Es war ein kurzer, sehr unweiser Triumph, der die schrecklichsten Folgen
hatte, indem er diesen verzogenen Mann zum Wtherich machte. Er hielt seine
Schwester fr entehrt, weil die Welt sie mit Robert verlobt dachte, welchen er
nun berdies fr die Ursache seiner eben erlebten Zurckweisung ansah. Erst
mihandelte er die unglckliche Schwester; dann suchte er in Wuth den Grafen
auf, und Du weit, da sein damaliges Verfahren ihm eine kurze Verweisung und
ein Duell mit meinem Verlobtenzuzog.
    Wir wurden vermhlt. Du und Dein Gemahl gingen nach Spanien, wir nach
Godwie-Castle. Dein Sohn war ein Engel. Ach, nicht ohne Vorwurf kann ich dagegen
an mein Betragen denken. Ich besa ihn jetzt, und dieses heie Verlangen meines
Herzens war erfllt; aber es lebte in mir fort, da er aus Liebe sich mir nicht
vermhlt, und da ich allzu rcksichtslos mein glhend Herz ihm hingegeben. Mein
Stolz erwachte, ein nie zu tdtender Verdacht lebte in mir auf, und Geringes war
genug, mich ungerecht gegen ihn zu machen oder mich im Geheim den heftigsten
Zustnden der Eifersucht zu berliefern. Jetzt werde ich Dir sagen mssen,
theure Mutter, was zur Nahrung dieser unglcklichen Empfindung diente, damit
nicht allzu hart meiner eigenen Thorheit die Leiden anheim fallen, die heimlich
an mir nagten.
    Gewi weit Du, da des Prinzen auffallendes Betragen bei unserer Vermhlung
zu tausend thrichten Vermuthungen Anla gab, gewi bleibt es, da der Prinz bis
zur Wuth gerieth, bei der ihm von Robert selbst gebrachten Nachricht seiner
Wahl: aber der Grund blieb mir so fremd, wie jedem Andern. Da verrieth ein
Zufall mir, da vor unserer Vermhlung der Graf mit dem Prinzen die Grfin von
Buckingham, die ich auf ihren Gtern glaubte, in der Nhe von London, in einem
dem Prinzen gehrigen Schlosse, gesehen hatte, und da sich dann Alle nach
verschiedenen Seiten hin mit groem Schmerz getrennt. Es war an meinem
Hochzeitstage, als eine meiner Frauen beim Ankleiden mir, unbefangen schwatzend,
dies erzhlte, was die Kastelanin jenes Schlosses, ihre Tante, ohne Arg ihr
mitgetheilt. Mein Herz erstarrte und umzog sich mit einer Rinde; ach, wie viel
verschuldete dieser Augenblick.
    Vergeblich hoffte ich hierber eine Erklrung von meinem Gemahl; er schwieg,
ja, er wich der Gelegenheit, die ich ihm gab, sich zu erklren, mit
Aengstlichkeit aus. Einige Jahre gingen darber hin, in denen sich mein Glck
immer mehr zu befestigen schien; aber wie innig ergeben mir auch mein Gemahl
war, ich ward nie ganz frei von den Unruhen des Verdachts. Reisen von einigen
Tagen, deren Ursache er verschwieg, Briefe, die ein Bote brachte, der in den
Zimmern meines Gemahls blieb, bis dieser ihn selbst mit Briefen zurcksendete,
lieen mir stets die Ueberzeugung eines geheimen Verhltnisses, das er meinen
Blicken entzogen wnschte, und welches fr mich nur die eine unglckliche
Deutung zulie, die meine eiferschtigen Qualen vermehrte. Vergeblich zogen
Liebe und Achtung fr den stets mir verehrungswrdiger erscheinenden Gemahl mich
von diesem beleidigenden Verdachte ab; mein Herz krankte an ihm fort. Wir waren
auf Euern Wunsch nach London gegangen und brachten schon Richmond, unsern
zweiten Sohn, mit uns, whrend ich noch eine neue Hoffnung nhrte. Mein Gemahl
zeigte hier eine gesteigerte Unruhe, die an Bekmmerni grenzte, und die durch
nichts aus unserm Verhltnisse zu erklren war. Es herrschte nicht die
unbefangene Offenheit unter uns, die eine Bitte oder Frage unter solchen
Umstnden wagt, denn jedes Unverstndliche beantwortete mein unglcklicher
Verdacht stets so gengend, da ich mir gromthig erschien, an ihn keine Frage
zu thun. So hrte ich es auch mit bitterem, aber ihm vllig verborgenen
Schmerze, als er mir abermals eine kleine Reise ankndigte, deren Dauer er nicht
bestimmen knne. Nach einigen Wochen empfing ich von ihm einen zrtlich innigen
Brief, worin er mir acht Tage spter seine Rckkehr ankndigte. Denselben Tag
lie sich der Juwelier meines Gemahls bei mir melden, und da ich ihn nicht
annehmen wollte, brachte mir Morton die von meinem Gemahl bestellten Armbnder.
Es waren zwei Brillant-Armbnder, deren ausgezeichnete Schnheit und ganz
wunderbare Arbeit mir so auffallend war, da ich sie lange Zeit mit der Hoffnung
betrachtete, es sei eine mir von meinem Gemahle zugedachte Ueberraschung. Aber
nicht lange berlie ich mich dieser ruhig beglckenden Vorstellung. Wohin sich
meine Gedanken aufs Neue verirrten, knnt Ihr denken. Morton mute die Armbnder
zurcktragen; dem Juwelier, welcher betheuerte, der Herr Graf habe sie selber so
ausgesucht und die Zeichnung verndert, um einige kostbare Juwelen noch
hinzuzufgen, wurde das strengste Verbot auferlegt, nicht die Uebersendung an
mich zu entdecken, da mein Gemahl mich damit zu berraschen dchte; und der
Juwelier, der selbst eigenmchtig gehandelt hatte, indem ihm von einer
Ablieferung nichts geboten war, hielt um so sicherer Wort.
    Er kam zurck mit der alten Liebe, strahlend von Gte und Zrtlichkeit,
sorgsam und edel fr mich und Alle, die ihm anvertraut, - aber ich empfing die
Armbnder nicht. Morton gab mir die traurige Gewiheit, da sie wieder in die
Hnde meines Gemahls gekommen waren, der Juwelier hatte es ihr voll Freude
erzhlt, und Morton, die sie nun am selben Tage in meinen Hnden glaubte oder
die Freude mir doch nahe whnte, sagte mir, da mein Gemahl sie selbst abgeholt
habe.
    Wir kehrten nach Godwie-Castle zurck. Doch mein Gemahl, welcher Pferde in
London gekauft und sie mit sich fhren lie, hatte mit einem derselben kurz vor
Godwie-Castle einen Unfall, der ihn heftig am Kopfe beschdigte. Er ward nach
seinen Zimmern gebracht; da Stanloff aber in dem Schlafzimmer bei nahendem
Abende das Licht fehlte, die Wunde zu untersuchen, ward mein Gemahl in dem
angrenzenden Saale verbunden. Ich entfernte mich whrend dessen auf die
dringende Forderung Stanloff's wegen meines Zustandes, aber nur bis zu seinem
Schlafgemache, wo ich ihn erwarten wollte, und zwar lie mich Schmerz und Sorge,
die ich empfand, Niemanden mir zur Seite dulden. Ich war allein und lehnte dem
Bette gegenber an eine mit Schnitzwerk bekleidete Wand, und unruhig in meinen
Bewegungen, matt und abgespannt von Sorge, ergriff ich eine vorspringende Blume
in den Verzierungen, um mich daran zu halten. Aber wie gro war mein Schrecken,
als sie nachgab, das Getfel hinter mir sich in die Wnde schob und mich, die
Schwankende, fast zur Erde geworfen htte. Ich eilte den Lehnstuhl an dem Bette
meines Gemahls zu erreichen und sank so ermattet hinein, da ich meine Augen
schlo. Aber die Furcht, ihn, wenn er mich so fnde, zu erschrecken, raffte mich
auf, ich richtete mich empor, ich schlug die Augen auf. O Gott, was erblickten
sie! Eine weie hohe Gestalt, mit Blumen geschmckt, in dem Glanze einer mir nur
zu wohl bekannten Schnheit, schien aus dem aufgedeckten Raume der Wand zu mir
hernieder zu schweben; ja, Mutter, es war das vllig gleiche Bildni der Grfin
von Buckingham, welches dem Bette meines Gemahls gegenber mich anlchelte, und
welches Du heute noch auf derselben Stelle finden kannst. Ich wei nicht, wie es
kmmt, da oft der grte Schmerz, der unser Leben zu zerstren droht, uns eine
Wiederbelebung geben kann, die uns, im Falle der Nothwendigkeit zu handeln,
physische und geistige Kraft dazu verleiht. Es ging ein kurzes Gelchter, das
mich vor mir selber schaudern lie, aus meinem Munde; dann fiel mir ein, das
Bild wieder zu verhllen. Ich strzte auf die Wnde zu und erkannte die Blume,
welche mich die Entdeckung machen lie. Es gelang; die Wnde fgten sich so
leise und fest in einander, da nichts verrathen ward, und ich stand vor der
Wand, die dies Geheimni barg, als htte ich getrumt. Als man meinen Gemahl in
sein Bette fhren wollte, lag ich auf dem Boden ohne alles Leben. In der Nacht
gebar ich Arabella; ein hitziges Fieber schlo sich daran und brachte mich an
den Rand des Grabes. Als mein Bewutsein wiederkehrte, erkannte ich meinen
Gemahl und Morton. Er hatte seine Wunde nicht in seinem Bette, sondern an dem
meinigen geheilt, wo er Tag und Nacht mit Morton mir zur Pflege gewesen. Ach,
meine Phantasien muten ihm oft meine geheimen Qualen verrathen haben! Wir
erklrten uns dennoch nicht, und Mortons Lippen waren versiegelt. Aber nie hat
ein menschliches Wesen ohne Worte beredter zum Herzen gesprochen, als mein
Gemahl; sein ganzes Wesen flehte Verzeihung, sein ganzes Thun bezeugte Liebe und
Treue. Ja, ich htte von da an mich glcklich nennen knnen, htte der Prinz,
der uns nun besuchte, nicht mir als ewig strender bser Geist dagestanden, da
er nicht ablie, meinen Gemahl zu Reisen zu verfhren, die mich nie ohne
schmerzlichen Verdacht lieen. Ich wute nmlich, die Grfin von Buckingham war
unvermhlt geblieben und hatte das Schlo bezogen, das dem unsrigen zunchst
gelegen ist. Mu ich mich nun auch berzeugt halten, da der Prinz die
Veranlassung zu jener geheimnivollen Reise nach Spanien ward, die uns auf immer
trennte, und bedenke ich, da meines theuern Gemahles ganzes briges Leben
keinen Schatten des Vorwurfes zulie, war er auch in dem einen, mir Kummer und
Verdacht erregenden Punkte zu fehlen im Stande gewesen - - so sagt mir eine
innere Stimme, dem Hasse verwandt, dieser Prinz leitete und befrderte das
einzige, was ihm zum Vorwurfe gereichen kann. -
    Theures Kind! unterbrach hier die alte Herzogin ihre Schwiegertochter,
welche diese lange und angreifende Erzhlung mit einem Eifer und einer Glut der
Gefhle bis hierher gefhrt hatte, die kein Wort dazwischen einzuschalten
zulie, theures Kind, wie tief erschttern mich Deine Mittheilungen! Wie
schmerzlich und als ein Versumtes will mir die Vergangenheit erscheinen! So
habe ich mich in der Hoffnung Euers ungetrbten Glckes gewiegt, inde Dein
edles Herz so manchen geheimen Schmerz erlitt um meinen Sohn, der mir jetzt mit
dem besten Theile seines Daseins in ein unheimliches Dunkel gehllt erscheint!
Gromthiges edles Wesen, das lieber den Schmerz in sich durch Verschlieen
verdoppelte, als den dennoch geliebten Gemahl in den Augen Anderer herabgesetzt
sehen wollte! Auch als Mutter fhle ich mich Dir so innig verpflichtet; Du hast
in Wahrheit meinen geliebten Sohn beschtzt. -
    Und habe ich das, gleichviel ob in Wahrheit oder nur in Euerm liebevollen
Glauben? rief hier lebhaft die Herzogin, habe ich das bisher allein und in
eigener Kraft? O, so kommt mir nun zu Hlfe, da mein Werk noch nicht vollendet,
da, nachdem sein geliebtes Leben an meiner Seite mich nicht mehr strken und
jedes stille Opfer versen kann, mir doch noch das grere und schwerere
auferlegt ist. Mutter! sagte sie leiser mit strmenden Augen und glhenden
Wangen, die unstten Blicke umhergleiten lassend, Mutter! das Mdchen, das der
Wille des Himmels mich retten lie, das ich todt zu meinen Fen fand, sie, die
wir Grfin Melville nennen, ist - wenn Gott nicht ein Wunder schickt, einen
Lichtstrahl, um die dunkeln mir jetzt nicht erkennbaren Wege zu erhellen, ist
seine und der Grfin Buckingham Tochter!
    Ein Schrei entfuhr den Lippen der alten zitternden Mutter, und die Herzogin
drckte ihr erhitztes Haupt in den Schoo der unglcklichen Greisin; aber
sogleich fuhr sie wieder empor. Zu heftig war sie erregt, sie konnte noch keinen
Ruhepunkt finden, und wenig den heftigen Eindruck bercksichtigend, den sie bei
ihrer Zuhrerin hervorgerufen, fuhr sie immer schneller fort: Ein Blick auf
diese Zge, obwol noch von Ohnmacht entstellt, zeigte mir eine so vllige
Gleichheit mit denen jener schnen Grfin, da ich whnte, sie selbst zu sehen;
aber kurzes Nachdenken lie mich erkennen, da die Zeit ihr nicht still
gestanden haben knne, und da dies schne Wesen vor meinen Augen noch in der
zartesten Jugend sei. Da ergriff mich ein unaussprechliches Gefhl. Wenn sie es
nicht selbst ist, so kann es nur ihre Tochter sein, so riefen alle Stimmen
meiner Brust. Aber mehr noch, als dies, nenne es Ahnung, nenne es den nie
bekmpften Argwohn dieses Herzens, da sie auch seine Tochter sei, das tnte
zugleich ohne Aufhren in mir, und dies Gefhl leitete all' meine Schritte. Ach,
ich hatte ein ahnendes Herz! Als man sie entkleidet, brachte mir Morton mit
allen Zeichen schwer bekmpfter Unruhe die Juwelen, die man an ihr gefunden. Da
sahen meine Augen die Armbnder wieder, die mein Gemahl so kunstreich bestellt
hatte, die mir vom Juwelier berbracht waren, und die man nicht verwechseln
kann, wenn man sie je gesehen. Auch Morton hatte sie erkannt; aber die edle
bescheidene Freundin ehrte meine stummen Gefhle. Als ich sie entlassen, ffnete
ich ein Portefeuille, was dazu gehrte. Ich fand einen unvollendeten Brief mit
der Adresse an meinen Gemahl; er enthielt nur diese Worte: Der Tod ereilt mich,
eile und rette unser Kind, ehe es in die Hnde meiner Brder fllt! O, warum
wird mir nicht der Trost, in Deinen Armen zu sterben, und warum suchen Dich
meine Gedanken berall vergeblich, so lange ohne Nachricht. - Hier hrten diese
Zeilen auf, die in der hchsten Erschpfung geschrieben schienen. Dabei lagen
zwei Wechsel, jeder von tausend Pfund, auf den Banquier meines Gemahls. Ich habe
den Brief herausgenommen. Zu diesem Dokument seiner Verirrung durfte ich mich
als Erbin erklren. Doch wren mir noch Zweifel geblieben, was wohl unmglich
ist, so hat Gaston bernommen, mich vllig zu enttuschen. Er entdeckte und
erkannte sie, und war dann nicht mehr von ihr zu trennen. Aber vor meinen Augen
wiederholte sich die Erkennungsscene, und sie selbst nannte, ihn mir als den
steten Begleiter der beiden einzigen Mnner, die je ihre Tante besuchten.
Auerdem sendete ich Stanloff, auf dessen schweigsame Treue ich bauen kann, nach
dem Schlosse der Grfin von Buckingham, und alle Anzeichen treffen hier
vollstndig mit der Erzhlung des unglcklichen Mdchens berein; aus diesem
Schlosse ist sie entflohen! Ach, und trotz alle dem, wirst Du es glauben, trotz
dieser Zeichen, deren eins schon mich berzeugen mute, dennoch hoffte ich auf
Rettung von dieser Ueberzeugung! Daher meine Hoffnung, Archimbald solle ihren
Oheim kennen; darum die Plne, in die ich einging, Nheres von ihrer Geburt zu
erfahren, und dann wieder die qualvollste Angst, diese Nachforschungen wrden
die von mir so gefrchtete Wahrheit ans Licht fhren. Graf Archimbald erkannte
sie berdem schon als das Ebenbild der Grfin Buckingham; dies sah ich seinem
Erstaunen an. Er fhlte auch, da ich ihm nicht offen bin. Aber was ist dies
alles gegen die Verzweiflung, die mir die Nachricht giebt, da Robert, vermge
einer scheulichen Verirrung der Natur, seine Schwester liebt und sie von mir
zum Weibe begehrt, Dich zur Lsung seiner frhern Verpflichtung gegen Anna
Dorset zu gewinnen hofft. -
    Groer Gott! was sprichst Du aus, Tochter! Kind, halt ein! Mein alter Kopf
erfat es nicht, und mein Herz droht zu brechen, rief hier erblassend die alte
Herzogin und sank in die Kissen zurck.
    Fasse Dich, theure Mutter, entgegnete die Herzogin mit der Hast und
Ungeduld, welche, eine Folge ihrer Ueberreizung, sie verhinderte, die Leiden zu
erkennen, die sie ihrer Schwiegermutter erregt hatte; fasse Dich, wir mssen uns
nicht trennen, ohne zu beschlieen. Ich bedarf Deines Muthes, Deiner Kraft,
Deiner Besonnenheit. Es ist so, wie ich Dir sagte, Robert verlie mich so eben,
voll dieser Vorstze. Ein zwei Stunden langer Kampf, in dem er mir berlegen
war, da ich ihm die entsetzliche Ursache meiner Weigerung nicht entdecken
durfte, hat uns um nichts weiter gebracht, und ich mu das Emprendste, was die
Natur in sich schliet, vor meinen Augen sehen, ohne ihm wirksam Einhalt thun zu
knnen.
    Die alte Herzogin bemhte sich mit groer Anstrengung, ihre Fassung wieder
zu gewinnen, aber dies war nicht so leicht. Denn nchst der dringenden Lage des
Augenblicks war ihr ein tiefer Schmerz dadurch geworden, da das Andenken des
geliebten, so hoch gestellten Sohnes durch einen Verdacht getrbt ward, dessen
Gewicht sie sich nicht lugnen konnte, den sie vielmehr, gleich ihrer
unglcklichen Schwiegertochter, nur zu begrndet finden mute. Aber ihr frommes
und starkes Gemth fand doch bald einen Ausweg; mit einem tief gefhlten
Schmerze nahm sie von dem ungetrbten Bilde ihrer Vergangenheit Abschied. War an
dieser nichts mehr zu retten, waren doch vielleicht die Folgen von dem, was ihr
daraus so eben entgegen getreten, noch fr die Zukunft zu mildern, indem neues
Unheil verhtet ward, eine Schuld vielleicht verringert, die ihr mtterliches
Herz so nahe anging.
    Sie reichte tief bewegt ihre kalte Hand der glhenden Herzogin und sagte mit
dem ernsten Tone der Ergebung: Nimm zuerst die Versicherung erhhter Liebe und
Hochachtung, meine edle Tochter! Gott hat Dir ein groes und tiefes Leid
gegeben, mitten in einem reichen Leben voll vielseitiger Befriedigung.
Vielleicht ist es eine unerkannte Wohlthat mehr, wenn wir Gelegenheit fanden,
Geduld und Gromuth zu ben, und wir wollen hoffen, da Gott der Seele dessen
gndig ist, der so sich vor ihm verschuldete - um des unlugbar Guten und Edeln
willen, das ja Dich schon verzeihlich gegen ihn stimmte, wie viel mehr den Vater
aller Liebe und Erbarmung. Aber da uns Gott sichtlich auffordert, das
Verschuldete in seinen verderblichen Folgen aufzuhalten, so hast Du Recht, mich
aufzurufen. Es ist nicht die Zeit, den Gefhlen Raum zu gestatten, wir mssen
klar in die Gegenwart schauen, um das, was uns Gott als Recht wird anerkennen
lassen, mit festem Muthe zu vollfhren.
    So hre denn, was ich gefhlt und frher schon mir angelobt, sprach die
jngere Herzogin mit schon festerem Tone. Das Kind, das ich als das seinige mir
denken mu - und ist auch seine Mutter jene Buckingham, die mir den ersten Kampf
des Bsen in dies Herz geschickt, ich kann es nimmer lassen! Heilig ist mir, was
von ihm stammt, theuer selbst, wie seltsam auch mit Grauen fast gepaart. Es ist
mir oft, als ob im Traume, ja, wachend selbst, sein freundliches Auge flehend
mir begegne; ich wei, er bittet um meinen Schutz fr seine Waise. Ich wei, er
baut im Himmel selbst auf die Liebe dieser treuen Brust, in der er sich nie
trog, und ich knnte keinen Frieden finden, wenn ich dies mir fast theure Wesen,
das ich ja jetzt an meine Gromuth einzig noch verwiesen wei, whrend sie in
unschuldiger Hoffnung noch von Andern Schutz trumt, ihrem unverschuldet harten
Schicksale berliee. Ich will daher ihr mtterlich gesinnt verbleiben, aber das
Geheimni ihrer unglcklichen Geburt, das darf sie nie und Keiner, wer es sei,
erfahren. Es scheint, wir werden keine Antwort von Master Brixton erhalten;
schon zu lange blieb sie aus, um noch erwartet werden zu knnen, und weiter
drfen unsere Forschungen nicht gehen. Zu uns im stillen Kreise der Familie
dachte ich sie zu zhlen, geschwisterlich geliebt von meinen Kindern, ich wollte
die Zukunft ihr zu sichern suchen durch eine nur allzu gerechte Abgabe unsers
irdischen Besitzes, und so des Weiteren harren, hoffend, da Gott an meiner
Statt ihren seltenen Reizen und ihrem Seelenwerth einen dauernden Beschtzer zu
finden wissen werde. O, wie bald ward dieser friedliche Plan zerstrt, der an
uns allen und Dir zugleich, die ich so gern mit diesem Leid verschont htte,
dies drohende Unglck sanft vorber zu fhren bestimmt war. Was thun wir jetzt,
um Robert zu entfernen, ohne unser Geheimni zu verrathen? Denn er ist hier
allein zu beachten. Die Grfin, an Gedanken und Gefhlen unschuldig wie ein
Kind, theilt auch nicht die Ahnung des Verlangens, das Robert ihr in jedem
Worte, in jedem Blicke gesteht.
    So la uns denn, erwiederte die alte Herzogin, den Augenblick erwarten, wo
Robert mir sein beabsichtigtes Vertrauen schenkt, ich will alsdann mit all dem
Ernste, der hier nur zu sehr gerechtfertigt ist, meine Meinung ber seine
Verpflichtungen gegen die Grfin Anna ihm vorhalten. Ich wrde so in Wahrheit
handeln mssen, wenn ich auch nicht Theilnehmerin Deines traurigen Geheimnisses
geworden wre; denn ich kann Robert den Brief der Grfin Dorset zeigen, worin
sie von diesem verwandtschaftlichen Verhltnisse, das uns nher noch zu vereinen
bestimmt sei, als von einer ausgemachten Sache spricht. Beweis genug, wie sie
durch das Benehmen Roberts ber jeden Zweifel sich erhoben whnt. Auch drfen
wir, wo dies nicht ausreichen sollte, auf Richmond hoffen, der stets so viel
Gewalt ber seinen Bruder hatte, und dessen zartes Ehrgefhl und richtiger
Verstand uns seine Mitwirkung verbrgt. Doch scheint mir vor Allem eine Trennung
nthig. Hier bei einander, verfhrt durch jeden Augenblick, gelingt Robert der
Sieg ber sein Herz so leicht wohl nicht, besonders da die Grfin unschuldig
freundlich, unbewut ihm stets neue Nahrung giebt, und sie aus ihrer Sicherheit
zu wecken, mchte zweifelhaft fr uns alle sein. Ich habe wohl gehrt, da keine
grere Gefahr dem edeln weiblichen Herzen droht, als die Liebe zu erkennen, die
sie in einem edeln Manne unbewut erregte! die se lockende Gewalt, die dadurch
in ihre Macht gegeben wird, ihn zu beglcken, verfhrt zur Theilnahme. Daher
glaube ich, da meine nahe Abreise eine leichtere Gelegenheit bietet, sie zu
entfernen, ohne ihre Lage dabei zu gefhrden. Du vertraust mir wohl Deinen
unglcklichen Schtzling an. Sie, die mir so freundlich ergeben scheint, folgt
meinen Bitten wohl, mich zu begleiten; Robert und Ihr alle gewinnt indessen
Zeit, Euch in das Unabnderliche zu schicken, und nach Maagabe seiner Fassung
begleitet er Euch dann zu mir, wo er die schne Anna zum Ersatze findet; oder
Ihr denkt, ist seiner Heilung noch nicht zu trauen, einen andern Weg aus, ihn
lnger noch von ihr zu trennen.
    So sei es! rief die Herzogin und athmete tief, als habe eine schwere Brde
sich von ihr gehoben, so bleibe ich ihr gerecht und schtze den Namen des
theuern Freundes vor den Zweifeln seiner Kinder! Jedoch wenn auch die nchste
Zeit damit gerettet scheint, das mssen wir uns immer sagen! es wird der letzte
Kampf nicht sein, den wir in dieser trben, dunkeln Sache zu bestehen haben.
Zunchst wird uns jetzt der Vorwurf treffen, da wir dem Schicksale unsers
Schtzlings den fr seine Lsung nthigen Eifer entziehen. Dies wird nicht ohne
groe Schwierigkeiten zu vermeiden sein, und wir werden gar leicht mit ihr
selbst dafr zu sorgen haben, auerdem aber mit Archimbald und Robert; und hier
will meine Seele sich empren gegen die mir so fremden und meinem Karakter so
wenig passenden Ausflchte, deren ich dann nicht entbehren kann, um die Wahrheit
dem Auge zu entziehen. O Mutter, kann es eine heilige, dringende Anforderung der
Tugend werden, von der Wahrheit uns zu trennen! Trgt diese Stimme nicht, die
mir gebietet, um diesen groen Preis den Gatten in seinem grten wichtigsten
Besitzthume, in seiner Ehre, die nach seinem Tode noch bedroht wird, zu
beschtzen?
    Mutter! wenn ich mich dennoch tuschte, wenn die Motive, die mich leiten,
nicht alle rein, wenn der Stolz in dieser Brust, der nur zu viel Gewalt darin
gebt, wenn er mich triebe, gleich stark vielleicht, die Verirrung des Geliebten
zu verhehlen, um selbst nicht offenkundig als Verschmhte, Vergessene zu
erscheinen, die mit langer, nur zu wohl bekannter Liebe, mit ihrem ganzen
Werthe, den Mann ihrer Liebe dennoch nicht zu fesseln vermochte? -
    Es ist wohl schwerer, als wir whnen, erwiederte die alte Herzogin, die
Motive unserer Handlungen ganz zu beherrschen und sie frei zu erhalten von
selbstischem Einflu! Der schnste Zustand, der das Rechte sowol in Handlungen,
als Gedanken vereint, scheint vollkommen hier nicht errungen werden zu knnen,
und unserer Seele scheint die Fhigkeit, ihn uns zu denken und herbei zu sehnen,
nur verliehen, um auf dem Wege dahin nicht allzufern hinter ihm zurck zu
bleiben. So mchte ich, Dir Dein Gefhl, wie menschlich und weiblich gerecht es
auch sei, auslegend, Dich gegen jeden nachtheiligen Einflu gesichert halten.
Der Fall, der uns so ungewhnlich in Anspruch nimmt, kann uns gar leichte
Befrchtungen fr unsere eigene reine Selbstbehauptung eingeben, ja, vielleicht
erregt Gottes Gte absichtlich solch' Bedenken in uns, um von verderblicher
Sicherheit uns abzuhalten, denn allerdings bleiben bei unserer fast zweifellos
guten Absicht die Schritte, die wir vielleicht genthigt sind zur Tuschung
Anderer zu thun, ein schwer zu lsendes Problem! Doch la uns jetzt enden. Nur
zu sehr, will es mich bednken, bedarfst Du der Ruhe.
    Beide Frauen wollten sich jetzt erheben, aber nur der alten Lady gelang es.
Denn die Anspannung, welche die Herzogin bisher aufrecht erhalten hatte, war in
dem Maae verringert worden, als sie ihre Sorge von der wrdigsten Seite her
getheilt sah. Daher trat ihre bisher und seit lange vorbereitete physische
Erschpfung eben in dem Augenblick ihrer geistigen Erleichterung unabweisbar
hervor; ohne einen Laut sank sie zurck.
    Die alte Herzogin hatte Gelegenheit genug, hier ihre Besonnenheit zu zeigen.
Die eigene Erschtterung berwindend, eilte sie, Mistre Morton herbeizurufen.
Es zeigte sich aber bald, da diese Hlfe nicht ausreichend war, und da an die
Hlfe Stanloffs gedacht werden mute. Seine Beobachtungen sagten ihm auch bald,
da dies ein Zufall sei, der die hchste Schonung und strkere Mittel nthig
machte. Vor allen Dingen verordnete er daher augenblickliche Ruhe der Herzogin
im Bette.
    Erst hier und nach mehreren Stunden, unter immer steigendem Gebrauch der
strksten Mittel und nach Oeffnung einer Ader, erwachte die Herzogin aus ihrer
Starrsucht, die jedoch eine fast ebenso gefhrliche Erschpfung und Reizbarkeit
des ganzen Krpers zurck lie.
    Es war bei der Hlfe, die man in Anspruch nehmen mute, unmglich gewesen,
den Zustand der Herzogin den brigen Bewohnern des Schlosses zu verbergen, und
so fanden sich bald ihre Kinder, so wie Graf Archimbald, der nie eine
angemessene Theilnahme verabsumte, im vordern Raum des Schlafzimmers ein, mit
besorgtem Herzen dem Ausspruch Stanloffs horchend, der noch immer in
schweigender Thtigkeit mit den Kammerfrauen um die Kranke beschftigt blieb.
Der junge Herzog stand bleich mit unterschlagenen Armen und krampfhaft
geschlossenen Lippen dieser bangen Scene zunchst, und die Qual seines Herzens
zeigte sich in jedem Zuge, wie er auch mnnlich ringen mochte, sie zu bekmpfen.
Er schien fr Alles um sich her verloren und weggewendet von der rhrenden
Gruppe seiner Schwestern, die in den Armen der weinenden Grfin Melville ihren
Schmerz ergossen, fr diese keinen Blick zu haben. Graf Archimbald sa neben
seiner erschtterten Mutter, liebevoll eine ihrer kalten Hnde in den seinigen
haltend, und halb gerhrt und halb verlegen ber eine Lage, in der er sich so
wenig Geschick zutraute, schaute er zuweilen nach dem ernsten, gesenkten Auge
der alten Lady empor, die, in trben Gedanken verloren, mit Ergebung, aber
tiefem Kummer der Entscheidung harrte. Der Abend war inde herabgesunken, nur
undeutlich hoben sich noch die einzelnen Figuren aus dem dunkeln Raume, und
vermehrte das Bange und Beklommene des Augenblicks. Eben hatte Grfin Melville
ihre jungen Freundinnen, auf Stanloffs Bitte, aus dem Zimmer geleitet, da
schoben sich behutsam die Vorhnge von dem Eingange zurck. Eine mnnliche
Gestalt trat hastig hindurch, und, ohne von den Anwesenden abgehalten oder nur
bemerkt zu werden, hatte der Eintretende in leichten, raschen Schritten das Bett
der Herzogin erreicht. Man sah ihn Stanloffs Arm ergreifen, man ahnte den Inhalt
der Zeichen, in denen Antwort und Frage sich begegneten, und sah im nchsten
Augenblick den jungen Herzog an seine Brust sich strzen.
    Richmond ist angekommen, sagte in diesem Augenblick Graf Archimbald mit
einer pltzlich von Freude bewegten Stimme zu seiner Mutter, die nun zur
Bewegung wiederkehrend die Augen erhob, um beide Brder in einer Umarmung zu
sehen, die der Schmerz um die geliebte Mutter fast unauflslich zu machen
schien. Ich habe sie getdtet, Richmond, seufzte der Herzog, ich habe ber dies
noch so tief bekmmerte Herz neue Leiden gebracht, von mir werdet Ihr die Mutter
fordern!
    Unverstndlich, wie diese Worte fr Richmond sein muten, sah er in ihnen
blos die Exaltation des Schreckens und der Besorgni, und erwiederte schnell und
leise: Fasse Dich, Robert; Stanloff verbrgt ihr Leben, ja, ihr Zustand scheint
ihm kaum gefhrlich. Doch la uns eilen, die hier Versammelten zu entfernen,
Stanloff verlangt bei ihrem nahen Erwachen die hchste Ruhe, und keiner der
Anwesenden wrde in der Stimmung sein, sie ihr zu gewhren. - Doch auch die
Worte wurden sogleich unterbrochen, denn von dem Bette her drangen pltzlich die
weichsten Tne der Liebe herber, welche den Namen Richmond zwar leise, aber
deutlich aussprachen. Fast im selben Moment kniete der so rhrend Gerufene an
dem Bette der mit diesem Namen aus ihrem Todesschlaf erwachten Herzogin, und das
von Erschpfung fast blinde Auge suchte den Liebling und fhlte von seinen
Kssen ihre Hnde belebt, von seinen zrtlich kindlichen Worten das kranke Herz
erquickt, und der feine Zug eines Lchelns, womit sie ihm lohnen wollte, bannte
wenigstens die starren Zge des Krampfes von ihrem Gesicht, wenn auch der
Versuch, zu sprechen, sich aufs Neue nur auf seinen geliebten Namen beschrnkte.
Stanloff, der die Ergieung des Gefhls nicht ungern sah, drang doch jetzt
darauf, sie abzukrzen. Die Herzogin lie sich dies auch sogleich gefallen, und
Richmond, zu tief erschttert, um sich jetzt seiner Familie mitzutheilen,
enteilte durch eine ihm wohlbekannte Thr in die Zimmer der Mistre Morton.
    Graf Archimbald und Stanloff hatten inde genug zu thun, um den jungen
Herzog zu entfernen, der, von unbestimmter Angst getrieben, an ihrem Bette
bleiben, und jede Pflege mit Stanloff und den Frauen theilen wollte. Er gab
endlich nach, von den ersten Worten seiner Gromutter ergriffen, die, zu einer
ihr sonst fremden Strenge sich erhebend, ihn fragte, ob es noch Liebe sei, wenn
man durch hartnckige Behauptung seines Willens Gefahr laufe, mehr zu schaden,
als zu helfen? Aber als die Familie sich nun in den untern Slen beisammen fand,
fhlte Jeder die traurige Stimmung des Andern zu sehr, als da eine leidliche
Haltung htte eintreten knnen, und man sah sehnschtig der Rckkehr Richmonds
entgegen, dem alle Herzen entgegen schlugen; durch sein Ausbleiben ward
namentlich die Ungeduld der Schwestern, die sich auch von dem Troste der Lady
Maria verlassen sahen, aufs Hchste gesteigert. Doch war eine ungestrte
Ergieung ihrer Liebe ihnen heute nicht vergnnt, denn Ottwey erschien mit
seinem ceremonisen Wesen, der alten Herzogin, in Abwesenheit seiner Herrin, die
Meldung eines Reisezuges zu machen, der zwei Pagen zur Ankndigung seiner
unverzglichen Ankunft vorangesendet habe. Die alte Herzogin erlaubte, mit
Zuziehung des Herzogs, die Einfhrung der Pagen, Graf Archimbald schlich sich
leise davon, in der Hoffnung, auf Richmond zu stoen, nach dem er fast ein
ungeduldiges Verlangen trug. Er sehnte sich berdies mchtig aus dieser schwlen
Luft, in der er nur auf leidenschaftliche Gefhlsaufregungen stie, zurck in
die khle Atmosphre des Verstandes, die ihm den Gebrauch seiner wahren Natur
verstattete. Aber sie verfehlten sich, denn Richmonds Herz trieb ihn schnell von
jener ersten Erweichung zu den Pflichten gegen seine brige Familie zurck, um
so mehr, da er ebenfalls ihnen ber die nahenden Reisenden, denen er nur
vorangeeilt war, seine Mittheilungen zu machen hatte. Mit den Pagen zugleich von
verschiedener Seite eintretend, fate er sich kurz im herzlichsten Empfang der
Seinigen und eilte dann, die beiden jungen Edelleute seiner Gromutter und dem
Herzoge, seinem Bruder vorzustellen.
    Sofort trat einer der jungen Pagen hervor und redete die Lady an: Mein
Gebieter, Seine Herrlichkeit, der Graf Ormond, und sein verehrlicher Begleiter,
der Lord Membrocke, haben die Ehre genossen, von Seiner Kniglichen Hoheit,
unserm erlauchtesten Prinzen von Wales, zu dem ehrenvollen Auftrag erwhlt zu
sein, der Durchlauchtigsten Familie seines von ihm tief betrauerten Freundes,
des verstorbenen Herzogs von Nottingham, sein tiefstes Beileid zu bezeigen, und
in dieser hohen Eigenschaft wagen die Grafen, unsere Gebieter, sich diesem
Schlosse zu nhern, und bitten durch uns, ihre Ehren-Pagen, um eine gndige
Aufnahme.
    Bezeige Du, mein Sohn, in Abwesenheit Deiner Mutter, diesen Herren unsere
Gesinnungen in meinem und Deiner Mutter Namen, sprach die alte Herzogin sich
erhebend. Indem ich zugleich den Herren mein Vergngen ber ihre Ankunft
ausdrcke, mu ich mir fr heute die Ehre versagen, die Bekanntschaft der Herren
Abgesandten zu machen, da meine Gesundheit mir Ruhe gebietet. - Holdselig Alle
begrend, und von ihren Enkelinnen und den Damen gefolgt, ward sie mit der
hchsten Ehrfurcht vom Herzoge und von Graf Richmond bis an den Ausgang gefhrt,
wo sie Beide zurcksendete, um ihre Pflichten gegen die Fremden zu erfllen.
    Der junge Herzog eilte nunmehr, die beiden jungen Edelleute mit den
schmeichelhaftesten Worten zu entlassen, und Sir Richard Ramsey ward sogleich
mit einem zahlreichen Gefolge den Ankommenden entgegen geschickt, indessen
Ottwey mit einer ganzen Armee ihm untergebener Diener sich zur Einrichtung der
Zimmer anschickte, die fr die ausgezeichneten Gste bestimmt wurden.
    Der junge Herzog fhlte sich jedoch wenig in der Stimmung, die gastliche
Freundlichkeit mit der sorglosen Heiterkeit auszuben, die allein den Gsten die
Ueberzeugung des Willkommenseins verleiht, welche durch keine uere Beobachtung
der schicklichen Formen ersetzt wird, wenn sie ihrer Besttigung in den Augen
des Wirthes ermangelt. Richmond, von der besonders bewegten Stimmung seines
Bruders, die ihm nun, da er mit ihm allein geblieben, zum zweiten Male auffiel,
berzeugt, bat ihn mit liebevollem Ernste, ber Leben und Gesundheit ihrer
Mutter nicht lnger besorgt zu sein, da Stanloff, dem er auf dem Wege zu diesem
Saal begegnet, ihn noch ein Mal versichert, da der ruhige und se Schlaf, in
den sie jetzt verfallen, ihre vllige Genesung vielleicht schon auf Morgen
erwarten lasse, da ihr ganzer Zufall mehr erschreckend, als gefhrlich gewesen.
    Und dennoch, Richmond! rief der junge Herzog, dennoch zerreit dieser
unglckselige Vorfall mit tausend Schmerzen mein Herz, und wirft mich in ein
Chaos widerstrebender Empfindungen! Ich mu frchten, da Wnsche, die ich ihr
einige Stunden frher mittheilte und trotz ihres Widerstandes vor ihr
behauptete, sie, die noch erschpft von Gram und Kummer ber unsern theuern
Vater ist, in diesen Zustand versetzt haben.
    Wie kann das sein? rief Richmond lebhaft, ich verstehe Dich nicht in dieser
ausschweifenden Erweichung. Was kann sie, die stets liebevolle Mutter, in einem
Begehren, das schwerlich unmglich oder gar krnkend sein konnte, finden, was
sie zu dieser Aufregung htte fhren knnen, die, nur zu wahrscheinlich aus
frheren geistigen Leiden hervorgegangen, jetzt rein physisch zu nennen ist.
    Nein, nein! sagte der Herzog mit dem trostlosesten Ausdruck; sie nimmt das
heieste Begehren meines Herzens fast mit Abscheu auf und macht mich dadurch zum
unglcklichsten Manne der Erde!
    Ich verstehe Dich nicht, mein theurer Bruder, sprach Richmond, aus seiner
sorglosen Ruhe erwachend und wohl begreifend, da hier mehr zum Grunde liegen
msse, als ihm bis jetzt bekannt. Er hielt fragend inne, des Vertrauens gewi,
das ihm noch nie von diesem geliebten Bruder versagt worden. Aber es schien
diesmal nicht so leicht, wie bei ihren frheren kleinen Geheimnissen. Der Herzog
verfiel in ein Schweigen, welches nicht undeutlich eine Verlegenheit
durchblicken lie, die, zwischen ihm und Richmond sonst so ungewohnt, diesen nur
noch aufmerksamer machte. Schon dachte er ihm durch eine Bitte um Vertrauen die
Mittheilung zu erleichtern, als der Herzog mit einem unaussprechlichen Gefhl
von Rhrung seine Hnde ergriff, sie zwischen die seinigen drckte und mit
unsicherer Stimme rief: Sei mein Schutz, sei Vermittler zwischen diesem Herzen
und der Welt, die dessen Gefhle anfeindet! Richmond, ich liebe! Zum ersten Male
ergreift dies wunderbar mchtige Gefhl meine Brust, und schon treffe ich auf
Widerspruch und Verfolgung, obwol ich die Welt mit ihren Schtzen heraus
fordere, mir einen Gegenstand zu zeigen, der wrdiger wre, jedes Gefhl des
Herzens in Anspruch zu nehmen!
    Robert, sagte Richmond schnell, was kann geschehen sein? Eile, mir
mitzutheilen, was hier die Gesinnungen gegen eine Wahl erregt hat, in der Du ja
frher, ehe Dein Herz sie heiligte, die Wnsche Deiner Familie erflltest, und
die durch Deine letzten Auszeichnungen fr jene Familie zu einer Gewiheit
erhoben sind, da man mich schon als nchsten Verwandten ansah und dem gem
behandelte.
    Groer Gott! rief der Herzog hier, indem er mit Heftigkeit beide Hnde vor
seine Augen drckte und dann mit steigendem Eifer fortfuhr, was sprichst Du aus,
auf wen beziehst Du mein Gefhl, was fr Verpflichtungen machst Du geltend, mich
auch um den Trost Deiner Theilnahme zu betrgen? Richmond! nicht diese Grfin
Dorset, die Du unbezweifelt meinst, die ich nie geliebt, der ich keine
Hoffnungen erregt, die mir gnzlich fremd ist, nicht die meine ich. Den Engel,
den ich anbete, umschliet dies Schlo; es ist die Grfin Melville, deren
wunderbare Auffindung auf den Terrassen dieses Gartens meiner Mutter aufgehoben
war. Ach, und gerade diese wendet nun von ihr, die fast durch ein Wunder uns
gesendet, die geschaffen ward, das Herz ihres Sohnes mit allen Seligkeiten zu
beglcken, ihr Herz weit ab, als knnte sie den ehrwrdigen Platz entehren, den
ich ihr anbieten will!
    Du, Robert? rief Richmond, und Ueberraschung und Erstaunen malten sich
gleich stark in seinen Zgen, Du wolltest dies unglckliche Mdchen zu Deiner
Gemahlin erheben? Ist es mglich, mein theuerster Bruder! Wie viel hat ein
unbewachtes Gefhl Dich bersehen lassen, da Dir ein solcher Schritt mglich
und wnschenswerth erscheinen konnte. Vergieb, setzte er ernst hinzu, dem Herzog
nachgehend, der halb zrnend, halb schmerzlich sich von ihm gewendet hatte, wenn
ich Dich krnken mu; aber was wren wir beide, und wo fnde ich mich wieder,
wenn die Stimme der Wahrheit unter uns nicht mehr glte? La es nie zu! rief er
mit warmer Liebe, da uns eine entgegengesetzte Meinung zum Schweigen brchte;
Robert, wende Dich zu mir, mache es Deinem treusten Freunde nicht so schwer, Dir
ntzlich zu sein!
    Robert widerstand nicht lnger; er wandte sich, ergriffen von dem tiefen
melodischen Ton dieser schnen und ihm so theuern Stimme, und schaute mit seinem
glhenden Angesicht und dem von Schmerz getrbten Blicke in so lichte, offene
Augen, in so edle, ernste und doch mitleidige Zge, da er, davon erschttert,
jenen schnell umschlo und mit dem vollen Ueberstrmen eines zrtlichen
Bruderherzens seinen Namen unter tausend liebevollen Zunamen ausrief. Ja,
Richmond, seufzte er dann, ich bin auer mir, ich fhle es; ich kannte vor
wenigen Wochen diesen Zustand nicht; ja, ich htte ihn fr mich unmglich
gehalten. Aber sieh' sie nur erst, dann wirst Du mich begreifen und sie des
Platzes werth halten, den ich ihr bieten will. Es war, als ob Richmond
zurckschauderte; der Gedanke, eine namenlose Fremde, wie er die Grfin aus den
Briefen seines Oheims hatte ansehen lernen, auf dem Platze zu sehen, den seit
Jahrhunderten die edelsten Frauen aus den vornehmsten Geschlechtern des Landes
eingenommen, erschreckte sein stolzes Herz. Dem Haupte des erlauchten Stammes
schien in seinen Augen eine Verpflichtung auferlegt, die ihm gegen jede
Affection des Herzens, die dieser Wrde zu nahe trte, eine Art von Schutzwehr
geben msse. Es kam ihm zugleich unmnnlich vor, so in die Gefhle fr ein Weib
sich zu verlieren. Denn ungeachtet einer hohen Verehrung fr dies Geschlecht,
liebte er es doch bis jetzt fast noch ausschlielich in seiner Mutter und
Gromutter, und nur die Reife, die er in Beiden antraf, schien ihm befriedigend;
ein jngeres Wesen dagegen, wie er die zahllosen Schnheiten der Mdchen im In-
und Auslande beobachtet, schien ihm ganz auer Stande, eine so unmnnlich
erscheinende Hingebung zu rechtfertigen.
    Er hatte sehr hufig im Ernste geuert, was man ihm als Scherz ausgelegt,
da er viel lieber seine Gromutter heirathen wrde, als die reizendste
Schnheit unter zwanzig Jahren. Ihm schien eine Verbindung in den festen Grenzen
vollkommener Hochachtung vollstndig gengend, da er stets berzeugt war, mit
den zrtlichsten Gefhlen seines Herzens bis zu dem spteren und reiferen Alter
seiner einstigen Gemahlin verwiesen zu sein. Es war ihm daher ein zrnender
Schmerz gegen seinen Bruder um so weniger zu verargen, als Robert, zu eigener
Feststellung seiner Meinung nicht so geneigt, mit der sorglosen Laune eines, der
da denkt, es habe damit wenig auf sich, bisher den Ansichten seines Bruders sich
angeschlossen und dadurch in Richmond die Hoffnung geweckt hatte, da jede
Gefahr dieser Art fr ihn aufgehrt habe. Die zrtliche Liebe jedoch, die
Richmond fr ihn trug, und die wohl etwas den Karakter eines Beschtzers hatte,
veranlate dies sonst so edle und gerechte Gemth wohl zu dem Versuch in dieser
Angelegenheit, den greren Theil des Vorwurfs von seinem Bruder ab und auf
jenes fremde Mdchen hinber zu leiten. Ihre ganze Lage erschien ihm so
zweifelhaft, da es ihm beinahe unmglich ward, sie anders, als in einem
zweideutigen Lichte zu sehn; ja, es schien ihm, in dieser Empfindung weiter
gehend, beinahe gefhrlich und unbesonnen, da dies unbekannte Wesen zur
Gesellschaft des Schlosses und namentlich zum Umgange seiner Schwestern gezhlt
ward. Diese Gedankenfolge bildete sich freilich schneller in ihm, als wir Zeit
gebrauchten, sie hier nieder zu schreiben, und sie bestimmte die Antwort, die
er, erhoben durch die Wichtigkeit dieser unglcklichen Verirrung, mit Schonung
und Festigkeit aussprach.
    La mich hoffen, mein theurer Robert, da, wie ausgezeichnet auch an
Naturgaben diese fremde Dame sein mge, ihr Anblick doch in mir nicht die
Grundstze erschttern wird, die wir beide zu gleichen Theilen von unsern
verehrten Aeltern zuerst, und in einer ferneren, nicht minder dringenden Mahnung
von den unbefleckten Tugenden unserer makellosen Vorfahren empfingen. Robert,
sagte er freundlicher, seinen Arm ergreifend, was ntzt das Geheimni eines
Stammes, dessen hohes Alter bis in die graueste Vorzeit reicht, wenn es nicht
das Andenken ihres wohlverdienten Ruhmes wre, das sich noch den sptesten
Enkeln warnend vor jede Handlung stellt, die da Gefahr brchte, ihren Namen
nicht in voller Reinheit weiter zu vererben. Du, setzte er, immer heiterer
werdend, hinzu, Du mit Deinen blonden Locken und Deinen blauen Augen, ein
geborner Nottingham, in dessen jugendlichem Angesicht die Zge des ersten
Ahnherrn liegen, als Gewhr fr seine auf Dich verpflanzten Tugenden, Du
solltest der Erste werden, der dem eben so glorreichen Geschlechte unserer
Ahnmtter ein, wenn auch noch so schnes, doch ein namenloses, ein zweifelhaftes
Mitglied zugesellte? Sag, was Du willst, ich glaube diesen Worten nicht, ich
glaube Deinem bessern Selbst und Deiner mnnlich festen Seele. Du wirst siegen;
denn es mag sein, da die Gefhle des Herzens eine seltsame Tyrannei ber uns
ausben, aber wo wre die mnnliche Brust, die sich nicht gegen jede Gewalt
aufgelehnt fhlte, die uns zu beherrschen droht? La uns mit einander Alles wohl
bedenken, entziehe Dich mir nicht.
    Richmond, erwiederte der Herzog, es ist dies das Einzige, was ich Dir
versprechen kann, aber ich hege eben so fest die Hoffnung, Dich zu meiner
Meinung berzufhren, wie Du jetzt von mir dasselbe hoffest; ich sage Dir noch
ein Mal, sieh sie nur erst! -
    In ihrer Liebenswrdigkeit werde ich gewi die Rechtfertigung Deines Gefhls
finden, denn das Unedle und Gemeine konnte Dich nie verfhren. Doch nie werde
ich in ihr die Rechtfertigung eines Wunsches finden, der die Grenzen
anerkennender Gerechtigkeit gegen sie berschreitet und Dich gegen
Verpflichtungen blind macht, die Du in Wahrheit gegen die Familie Dorset
eingegangen bist, und an deren Erfllung Niemand mehr zweifelt. Du selbst, mein
theurer Freund, httest nicht zugegeben, daran zu zweifeln, bevor dies
unglckliche junge Mdchen Dein natrliches Rechtsgefhl umwandelte. -
    Der Herzog schwieg und wendete sich in einem unbeschreiblichen Zustande von
seinem Bruder. Es giebt vielleicht kein Gefhl der menschlichen Brust, welches
so grausame Widersprche zu erregen vermchte, als dies eine der Liebe. Es
theilt gleichsam unser Wesen in zwei streitende Personen, und whrend uns die
Liebe mit ihren gesteigerten Anforderungen ein heiliges unbestreitbares Recht zu
besitzen scheint, Alles umzustrzen, was ihr strend entgegen tritt: bleibt uns
oft zu unserer grten Qual ein richtiges Wahrnehmungsvermgen fr die
Wichtigkeit solcher Schwierigkeiten.
    Der junge Herzog fhlte sich in dieser Lage. Er mute sich gestehn, da sein
Bruder ihm nur in Erinnerung brachte, was er selbst einst mit Ueberzeugung
anerkannt hatte; aber das Verlangen seines Herzens, dem er sich so unbesonnen
hingegeben, bte eine Gewalt ber ihn, die er nicht anders als berwltigend
nennen konnte.
    Richmond merkte den unstten Bewegungen und Blicken des Herzogs diesen
Zustand des unbehaglichsten Schwankens nur zu sehr an. Es war eben sowol
Klugheit, als jenes liebevolle Vertrauen, welches edeln Menschen anrth, die
Vollendung des Angeregten in der eigenen Entwickelung des Anderen zu erwarten,
was Richmond abbrechen lie. Beide Brder gaben sich alsdann den ueren
Pflichten hin, welche die Ankunft der Gste ihnen auferlegte.

                                 Zweiter Theil


Wir sind geneigt, den Leser aus dem Familienkreise, in dem er sich bereits
bekannt fhlen mag, auf einige Zeit zu entfhren, um ihn an einem andern Orte
fr die Ereignisse vorzubereiten, von denen wir die Familie Nottingham spter
erreicht sehn werden, zugleich aber ber das bereits von ihr Erlebte einen
Aufschlu zu ertheilen, der ihr selbst erst am Ende der uns vorliegenden Zeit
gegeben war. Da wir nicht beabsichtigen, die uns mitgetheilten Papiere und ihren
einfachen Inhalt mit schlagenden romanhaften Hauptentwickelungsmomenten zu
verzieren, so hoffen wir den Leser dadurch, da wir ihm die Fden in die Hnde
geben, die er spter zu bedrohlichen Verwickelungen sich verwirren sieht, in die
Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie
zu vermeiden wren, wei und doch auer Stand gesetzt ist, schtzend oder
warnend einzuschreiten.
    Diese Absicht auszufhren, mssen wir einige Zeit zurckgehn, und treffen
mehrere Tage nach der Ankunft des Prinzen von Wales aus Spanien in dem alten
Stadttheil von Westmnster, dem glnzendsten und prachtvollsten Theile Londons,
ein. Es ward damals, wie jetzt, dieser dem alten Whitehall, der Wohnung des
Knigs, zunchst gelegene Stadttheil als ein privilegirter Wohnsitz des hhern
Adels angesehen, der sich noch als ausschlielich geschaffen betrachtete, sowol
die Person des Knigs zu umgeben, als auch eine Vormauer zu bilden gegen das
Volk. Wie wenig auch von der eigentlichen Veranlassung, die dieser Vorstellung
in frhester Zeit einigen Rechtsgrund verliehen haben mochte, durch die
Entwickelung, die sich ber alle Stnde nachgrade zu verbreiten begann, brig
geblieben war: die damit verknpften Vorrechte und Auszeichnungen blieben ein
ngstlich vom Adel bewachtes Gut, in dem Maae vielleicht ngstlicher bewacht,
als eine unlustige Wahrnehmung sich hin und wieder aufdringen mochte, wie das
Volk zu einem festeren Verbande mit seinem Frsten herangereift war. Der Adel
war damals jeder Zgellosigkeit hingegeben, in seiner moralischen Kraft
herabgekommen, untereinander entzweit und sich verfolgend bis an die Stufen des
Thrones, und nur das alte Herkommen sicherte ihm noch seine Bevorrechtung. Auch
fand diese noch wenig Widerstand in der allgemeinen Stimmung des Volkes, welches
mit grerer Langmuth, als seiner Einsicht entsprechend schien, sich gegen diese
Vorrechte bezeigte, denn es liegt in dem Geiste eines Volkes, das sich seiner
Geschichte bewut wird, eine rhrende und unauslschliche Dankbarkeit gegen
Namen, an die sich vaterlndische Erinnerungen und Triumphe knpfen. Es erklrt
sich am besten, wie ein zum Volksbesitze erhobener Name noch lange ein
schtzendes Panier bleibt fr die Entartung des Nachkmmlings, unter welchem er
die ererbten Vorzge zu genieen wagen kann, die er selbst zu erwerben nimmer
vermocht htte. Elisabeth, die klgste und eiferschtigste Selbstherrscherin,
hatte die Umgrenzung, womit ihr stolzer Adel ihren Thron zu umgeben sich fr
angewiesen hielt, schon dadurch zu durchbrechen gesucht, da sie den Brgerstand
in seinen Rechten zu heben suchte, Talente in ihm fr mglich hielt, sie
folglich auch antraf, und zu sich erhob. Die Sttze, die sie auf diese Weise
sich in den mittlern Klassen ihres Volkes bereitete, das hierdurch mit schon
entwickelten Krften Ziel und Richtung seines Strebens fand, gab ihr, ehe der
Adel in seiner eingebildeten hheren Natur sich dieser ihm entgegenstrebenden
Kraft bewut ward, eine von ihm unabhngigere Stellung, die ihn, als er sie
erkannte, einsehen lehrte, da er seine Vorrechte an dem Throne durch etwas
Anderes vertheidigen msse, als durch die Lnge des Besitzes.
    Aber gegen das Ende der Regierung Knig Jakobs war es kaum mglich, eine der
unsterblichen Einrichtungen jener kniglichen Frau in der Gestalt wieder zu
finden, wie sie von ihr diesem Nachfolger berliefert waren. Der
wohleingerichtete Mechanismus eines Staates luft indessen, dem Anschein nach,
eine Zeitlang noch ungestrt in seinen Gleisen fort, wenn schon die leitende
Hand fehlt, die ihm seine ursprngliche Thtigkeit gab. Es ist dies oft
wahrzunehmende scheinbare Fortbestehn unter der Brgschaft einer gewesenen Gre
nur allzu geeignet, diejenigen in selbstgengendes Vertrauen einzuwiegen, die
von Segnungen sich noch erreicht fhlen, welche sie schon lngst aufgehrt haben
auch ihren Nachkommen weiter vorzubereiten.
    Knig Jakob besa eine Menge ausgezeichneter Kenntnisse, die aber in ihm zu
keinem Resultat von Bildung gediehen waren und ihn blo mit der lcherlichsten
Eitelkeit erfllten, wozu schwache Geister sich stets durch die Anstrengungen
berechtigt halten, die ihnen das Erlernen verursachte, und wodurch sie sich
geneigt fhlen, ihnen einen berschtzten Werth beizulegen, wie drftig sie auch
dem leicht sich befruchtenden Genie zur Seite stehn. Seine schwache, durch
Erziehung und langjhrig beugende Verhltnisse vllig erdrckte Natur hatte
keine Kraft, sich durch die hohe Stellung zu elektrisiren, zu welcher der Tod
Elisabeths ihn rief. Ohne wahre Kraft war er eben so wenig fhig, ein Tyrann,
als ein Wohlthter seines Volks zu sein, und stets der Spielball Anderer,
behielt er sich so wenig eigne Ideen vor, da diese ihm unbestritten verblieben,
da sie nur dienten, ihn ber seine gnzliche Willenlosigkeit desto leichter zu
tuschen.
    So nahm denn auch bald der Zustand brgerlicher und geselliger Ordnung die
hieraus nothwendig sich ergebende Umgestaltung an.
    Der Adel verbaute gar bald aufs Neue den Zugang, den Elisabeth sich zu
jeglichem Verdienst zu erffnen gewut, und ohne Rivalitt mit diesen
Emporkmmlingen, ohne Aufmunterung von Oben zu einer hhern Entwickelung,
abgeschnitten durch Jakobs weibisches Friedenssystem von jeder Kraftbung nach
Auen, sank er nur zu bald in die rohe Ausgelassenheit zurck, aus der er kaum
sich zu erheben angefangen.
    Alte Namen, Reichthum, uere Schnheit ersetzten die Eigenschaften, die
Elisabeth nthig gemacht hatte. Die Folge hiervon waren Gnstlinge, die sich
jeden Uebermuth, jede Zgellosigkeit gegen das Volk, ja selbst gegen ihres
Gleichen, und bis vor das Angesicht des Knigs ungestraft erlauben durften. Der
mittlere Brgerstand, in seine frhere Beschrnkung zurckgedrngt, gab entweder
seine freiere Entwickelung auf, oder widmete sich ihr doch nur ohne eine
belebende Beziehung zu hherer Anerkennung, und der einzige Stand, welcher
Vortheil dabei zu ernten schien, war der Handwerksstand, der, aufgemuntert von
den ausgedehnteren Luxusbedrfnissen der Groen, Vortheil davon zog und in
seinem uern Aufwand bei weitem den unterdrckten Mittelstand berbot.
    So war denn allmlig die feine, bescheidene und ernste Haltung verschwunden,
welche zur Zeit der kniglichen Herrscherin selbst ber die Feste und Gelage des
Adels verbreitet sein mute, sollten sie ihrem scharfen Tadel entgehen. Oft war
eine ganze Strae, selbst ein Viertheil der Stadt, worin ein Groer ein Fest
anstellte, in Unruhe und Aufruhr gebracht, und man sah zur Zeit, wo die Zge der
Gste mit ihren zahllosen Gefolgen von Dienern, Pagen und Anhngern sich zum
Vereinigungspunkt begaben, die Lden geschlossen, die zchtige Jugend der Weiber
und Mdchen versteckt, und die Hauptthren selbst, die solche verfhrerische
Besitzthmer beschtzten, von Auen noch besetzt mit den wehrhaftesten Mnnern
des Hauses. Diese geruschvollen Zusammenknfte, mit ihrer ber ganze Gemeinden
verbreiteten Unordnung, begnstigten nur zu oft die geheimen verbrecherischen
Nebenabsichten, die, mit schamloser Gewalt unternommen, nur der Gewalt wichen
und, ungestraft von Oben, zu kleinen Kriegen Anla gaben, die leider nur zu oft
zum Nachtheil der Geringeren ausfielen. Das niedere Volk spielte dabei am
hufigsten die Rolle der nur sinnlichen Eindrcken hingegebenen Kinder. Der
Edelmann, der die schnste Gestalt, die schnsten Kleider, die zahlreichsten und
kostbarsten Diener und die vornehmsten Anhnger besa, war sicher, von seinem
Beifallsgeschrei jeden Fubreit Weges begleitet zu werden. Man htte diese
vornehmen Herren fast bemht nennen mgen, dies noch zu vermehren, denn sie
bten in geckenhafter Ausgelassenheit auf ihrem Wege tausend Dinge, welche die
gute Laune des Volkes vermehren muten, welches entzckt war, diese ihrem
Standpunkte so weit entrckten Personen Handlungen begehn zu sehen, die sie
ihnen nher stellten, wenn auch der redliche und gebildete Brger sich mit Scham
und Unwillen davon wegwandte.
    An dem Tage, wo wir unsere Leser in London einfhren, umleuchtete den
Vorplatz eines glnzenden Palastes ein Feuermeer von Pechfackeln und brennenden
Holzsten, deren Glanz die angrenzenden Straen und den Himmel mit seinem
dstern Nebelschleier erreichte. Man htte whnen knnen, dem Brande einer Stadt
sich zu nhern, wenn man von ferne das tobende Geschrei der Menge vernahm, die
sich diesem Schauspiele entgegen drngte, theils als Zuschauer, theils als
Theilnehmer. Aber es war nur eins der frher erwhnten Feste.
    Der Herzog von Buckingham versammelte zuerst nach seiner Rckkehr aus
Spanien die Groen des Landes, und seiner Einladung war man mit grerem Eifer
entgegen gekommen, da allerdings die Macht und Gewalt des gefrchteten Mannes
verdoppelt schien durch die ausgesprochene Freundschaft des Prinzen, die ihm
seine unselige Herrschaft auch nach dem Tode des jetzigen Knigs zu sichern
schien. Seine zahllosen Feinde, unter die sich mit Recht die Besten der Nation
zhlten, gaben die Hoffnung auf, in der Zukunft das Ziel seines verderblichen
Einflusses zu sehn, und Karl der Erste konnte spter seine Thronbesteigung unter
kein unglckseligeres Zeichen setzen, als das seiner Freundschaft fr einen
Mann, der in den Augen des ganzen Landes als Ursache aller dasselbe
heimsuchenden Uebel galt.
    Dessen ungeachtet war zur Zeit, die wir erwhnen, sein Einflu unantastbar,
und fr irgend einen Widerstand nicht der Augenblick da. Das sagten sich die
Besten mit den Schlechten zugleich, und man sah sie dieselben gefgigen Schritte
thun, blo darin unterschieden, da es dem Einen ein patriotisches Opfer dnkte,
whrend der Andere sich und seinen Vortheil damit zu frdern oder zu schtzen
suchte. Buckingham kannte alle seine Feinde. Zahllose Spione durchkreuzten fr
ihn jeden ihm wichtig scheinenden Punkt; jeder schndliche Dienst der Art ward
mit einem Aufwande belohnt, der die Erfllung der nchsten Anforderung schon im
Voraus sicherte. Jeder war um so pnktlicher in seinem Dienste, als ber den
Beauftragten ein zweiter ihm unbekannter Wache hielt, und wie Buckingham Verrath
zu bestrafen wute, darber raunten sich selbst die Mitglieder dieser Bande nur
mit Grauen ihre Erfahrungen zu.
    So erreichte oft den edel Zrnenden in der Zurckgezogenheit, die er dem
fahlen Glanze des Hofes vorzog, die Strafe fr ein gerechtes Wort, welches die
Noth und Verwirrung des Landes ihm abgepret: und das Mitrauen, das sich so in
die innigsten Verhltnisse drngte, und keine Einigkeit der Meinungen und
Ansichten sich herstellen lie, war eine der teuflischen Absichten Buckinghams,
die er leicht erreichte.
    Zu seinen kleinen Belustigungen gehrte es, bei seinen Festen oft alle die
zu bitten, die ihm als einander bitter grollend bezeichnet waren. Er wute, da
sie lieber einen Feldzug unternommen htten, als den kurzen Weg zu seinem
Palaste, und er schwelgte in der Freude, sie nun doch dem Zwange sich beugen und
vor ihm erscheinen zu sehen.
    Sie hatten an einem solchen Tage oft alle Schattirungen des Uebermuths zu
ertragen, und waren bald der Gegenstand seiner kindischen Neckereien, bald
seiner grbsten Vernachlssigung. Man wute oft, da Frauen, zweideutig in Ruf
und Sitte, Kniginnen des Festes, die edelsten und vornehmsten Damen ihnen
nachstehen, und ihren Launen und Wnschen unterworfen sein wrden. Dennoch
wagten diese hier weniger wegzubleiben, als aus den Gemchern der Knigin; denn
welche htte nicht einen Gatten, Sohn, Vater oder Bruder zu schtzen gehabt, und
wer konnte nachweisen, da Buckingham eine Vernachlssigung verziehen oder
bersehen htte!
    Schon hatten sich am erwhnten Abend die glnzenden Rume in allen
Richtungen mit den ausgezeichnetsten Personen des In- und Auslandes gefllt. Die
schnsten Frauen in dem kostbarsten Putze, die Mnner mit Allem, was ihnen
Auszeichnung verleihen konnte, und einem zahlreichen Gefolge von Pagen und
Dienern, welche die Vorhallen einnahmen, Alles drngte sich durch und in
einander, und suchte mit Hflichkeit oder mit Gewalt den Vortheil eines Platzes
zu erringen, der dem Range oder Interesse des Geladenen entsprechend schien.
Aber obgleich die Mehrzahl sich schon beisammen fand und die Zeit bedeutend
vorgerckt war, fehlte doch dem Ganzen sichtlich der Mittelpunkt, der Wirth
selbst, der allein so viele sich widerstrebende Elemente, wie diese Sle
umschlossen, zu verbinden unternehmen konnte. Es war deutlich zu sehen, wie beim
langen Harren, das den Gsten auferlegt war, und das sie als eine neue Anmaung
und Krnkung des bermthigen Mannes anzusehen hatten, die scheinbare Heiterkeit
oder Ruhe und Wrde, womit der denkende Theil der Gesellschaft beim Erscheinen
sich ausgerstet hatte, dem Gefhl des Ueberdrusses und des unwilligen
Erstaunens wich.
    Nur die vllig gedankenlose Jugend schwrmte in gewohnter Weise lrmend und
neckend umher, und brachte Bewegung um die in festen Gruppen sich
zusammenziehenden Gleichgesinnten. Vergeblich bemhten sich die zahllosen
Anhnger und bevollmchtigten Gesellschafts-Kavaliere mit dem glnzenden Tro
vornehmer Hausdiener des Herzogs, Leben in dies sterbende Fest zu bringen. Der
Herzog selbst nur konnte die Last heben, die sich, je lnger, je mehr auf Alle
niedersenkte. Selbst die Marquise von St. Pol, die, im vollen Besitze seiner
Gunst, sich als die Knigin des Festes ansehen durfte, und zu deren Fen
Buckingham die Anordnung dazu, von ihr bestimmt oder genehmigt, verfgt hatte,
unterlag allmhlig der beln Laune, die diese Vernachlssigung ihr gab, und lie
sie die Bemhungen aufgeben, womit sie bisher ihre und des Herzogs Anhnger
untersttzt hatte.
    Die Gesellschaft, eines allgemeinen Interesses beraubt, gerieth daher auf
die Verfolgung ihres eigenen und besondern, was vielleicht noch anziehender und
beglckender fr die Mehrzahl war; doch waren genug unter den Anwesenden, die
mit argwhnischem Hasse aus dieser neuen Beleidigung des gesammten hchsten
Adels, mit Einschlu der Minister und nchsten Umgebungen des Knigs, das ber
jede Rcksicht hinaus gestiegene Ansehn des gefhrlichen Gnstlings sich
prophezeiten; Andere wieder, die sich in banger Furcht ihr Sndenregister
berhrten und sich schaudernd fragten, welche Rolle sie in dieser allgemeinen
Verdammni bernehmen wrden, whrend die Edelsten und Besten mit Scham und
Unwillen sich an einem Platze sahen, der sie zu einer solchen Krnkung
verdammte, und den zu verlassen, sie jeden Augenblick von ihrem bessern Gefhl
sich aufgefordert fhlten, wre nicht Gefahr vorhanden gewesen, dadurch eine
Verfolgung ber sich und die Ihrigen herbei zu rufen, welche abzuwenden, auer
aller menschlichen Macht lag. So entstand ein fast allgemeines, aus den
verschiedensten Interessen hervorgehendes Verlangen, den Herzog zu erblicken,
woran sich die Jugend mit der Hoffnung auf die endliche Erffnung des Tanzes und
die Hungrigen mit der Sehnsucht nach den Freuden der Tafel anschlossen. Doch
dies Verlangen ward immer aufs Neue getuscht, und das drckende Gefhl der
stolzen englischen Barone steigerte sich noch durch das Hinzukommen der fremden
Herren, welche Spanien und Frankreich mit groem Aufwande und in bedeutender
Anzahl an dem Hofe des Knigs unterhielt, welche Buckingham herbeigerufen, sein
Fest zu verherrlichen, und welche nun die ersten Personen des Knigreichs unter
der unartigen Nachlssigkeit eines Mannes sich scheinbar beugen sahen, dessen
unbeschrnktes Ansehen sie dadurch anzuerkennen schienen.
    Man sah die spanischen Herren, an deren Spitze sich der junge und schne
Herzog von Samalca befand, nach einer sehr ernsten Erwgung der vorwaltenden
Umstnde sich in die kalte und steife Haltung begeben, die den Urheber der
Beleidigung zu erwarten schien, und der junge Herzog, der sonst gegen die
blonden Schnheiten Englands nicht unempfindlich war, wollte, seiner Haltung
nach, nur der Gesandte Spaniens sein. Ganz verschieden war dagegen das Benehmen
der franzsischen Herren. Diese schienen sich ganz ihrer heitern unbefangenen
Natur hinzugeben, und die Unbill, die ihnen nebst der ganzen versammelten
Gesellschaft widerfuhr, entweder noch gar nicht zu bemerken, oder sie als einen
neuen muthwilligen Scherz des liebenswrdigen Herzogs ansehn zu wollen.
    In ihrer Mitte befand sich ein Mann, dessen Kleidung den Geistlichen
verrieth, und dessen unscheinbare Bildung, so wie sein zurckhaltendes Betragen,
ihn leicht htte bersehen lassen knnen, wre er nicht der Gegenstand groer
Aufmerksamkeit seiner Gefhrten gewesen, die nicht aufhren konnten, ihn mit
Fragen, Anreden und Mittheilungen, wie es schien, eher zu belstigen, als zu
erfreuen. Sein braunes, breites Gesicht, in allen Verhltnissen verzeichnet,
bewegte sich beim Sprechen fast gar nicht, seine tiefliegenden Augen waren auer
ihrer Kleinheit noch halb geschlossen, also fast nicht gegenwrtig, und nur ein
breiter Mund entwickelte bei einem schnell vorbergehenden Lachen, beinah
erschreckend zwei Reihen glnzend weier Zhne, die whrend des Sprechens sich
niemals zeigten.
    Man sah den Grafen von Salisbury sehr bald den Weg zu ihm finden und ihn mit
einer Auszeichnung begren, die er sonst nur in politischer Beziehung
anzudeuten pflegte, und die augenblicklich die Stellung dieses unscheinbaren
Mannes fr die Anwesenden bestimmte. Er mute dem Grafen folgen, um einigen
andern Personen vorgestellt zu werden, und es lie sich bald erkennen, da seine
Herberkunft aus Frankreich erst krzlich erfolgt sei.
    Selbst Lord Membrocke, der Gefhrte Buckinghams und mindestens so
bermthig, wie sein Beschtzer, eilte ihm eine Ergebenheit zu bezeigen, die ihm
selten eigen war; und da die kleinen Augen des Fremden Ausdruck gewinnen
konnten, zeigte der wunderlich schnelle und stechende Blick, womit er den
Kavalier berlief, und die feine Weise, womit er den Lord zwar als Bekannten,
doch mit einer khlen Zurckhaltung empfing, die zum ersten Mal einen Stolz
durchblicken lie, den seine frhere Haltung kaum hatte ahnen lassen.
    Lord Membrocke schien jedoch hierauf wenig zu geben und im Gegentheil
entschlossen, sich ausschlielich seiner Person zu bemchtigen, als Lord Saville
ihm etwas zuflsterte, was die Farbe Membrocke's nderte und ihn bald den Augen
der Menge entschwinden lie. Ein unbeschreiblich verchtliches Lcheln glitt
ber das starre Gesicht des Fremden. Sein Auge verfolgte einen Augenblick die
Richtung, in welcher der Lord davon eilte, whrend ein Unbekannter an ihn selbst
ein Wort zu richten schien, dessen Empfang er mit einem leichten Neigen des
Kopfes andeutete.
    Doch wenn auch, wenigstens fr einen Theil der Gesellschaft, die Ankunft der
Fremden eine Art von Zerstreuung gewhrt hatte, so kehrten doch bald Alle zu dem
lastenden Gefhl der Beleidigung zurck, die mit jeder ablaufenden Stunde
drckender und nicht mehr durch die Versicherung gemildert ward, da der Herzog
noch bei Hofe sei; indem Jeder wute, da der Hof wohl von Buckingham, aber
Buckingham nicht vom Hofe abhnge. Unruhe und Verdrielichkeit erreichte schon
die Dienerschaft an den Portalen des Schlosses, als pltzlich die dienstthuenden
Vorreiter des Herzogs in den Hof sprengten, die Wachen ins Gewehr traten und
alsbald die Karosse des Herzogs mit dem lang ersehnten Gebieter daher flog.
Seine erste Bewegung war, dem Thrsteher, der so eben seine Ankunft donnernd
verkndigen wollte, Schweigen zuzuwinken, und, anstatt die Treppen nach den
Gesellschaftsslen hinauf zu steigen, bezeichnete er dem voraneilenden Diener
den Weg ber eine Seitentreppe nach seinen Gemchern. Erschrocken fast blickte
Maxwell, der erstere Kmmerer des Herzogs, seinen Herrn an, als er ihn in
ungeordneter Kleidung und mit nachdenkenden Mienen, ohne einen der ihn sogleich
umgebenden Diener zu sehen, durch die halb erleuchteten Gemcher nach seinem
Schlafzimmer eilen sah, als habe er von der Richtung seiner Schritte kaum
Kenntni. Maxwell, sogleich ein besonderes Ereigni ahnend und eben so
entschlossen, sich allein in dessen Kenntni zu setzen, entfernte aus eigener
Machtvollkommenheit die sich ihm nachdrngenden Dienstbeflissenen.
    Er fand bei seinem Eintritt in das Schlafzimmer des Herzogs denselben
bereits aller der Kleidungsstcke entledigt, welche die Bequemlichkeit
hinderten, und beschftigt, einen groen seidenen Mantel um sich zu ziehen,
worin er sich, von Maxwell untersttzt, sogleich zur behaglichen Ruhe in die
Kissen seines Ruhebettes warf.
    Maxwell, der dies fr die Vorbereitung einer frischen Toilette hielt,
beeilte sich, vor den Augen des Herzogs einige neue sehr kostbare Anzge
auszubreiten, in steigender Ungeduld das erste Wort des launenhaften Mannes
erwartend, der indessen mit halb geschlossenen Augen und fast trumend die
Gegenwart seines Dieners nicht zu bemerken schien. Doch eben so schnell aus
einem Zustand in den andern bergehend, flog er nach einigen Augenblicken wie
ein Blitz empor und forderte mit einer bis zum Zorn gesteigerten Ungeduld ein
Kstchen, was Lord Saville abgegeben haben msse.
    Es stand vor seinen Augen, und seine unscheinbare Hlle rechtfertigte sehr
wenig das grenzenlose Entzcken, womit der Herzog es jetzt an Brust und Lippen
drckte, und nun mit den Hnden und Maxwells Hlfe und allen zur Hand sich
findenden scharfen Werkzeugen eine Hlle nach der andern lste, bis endlich ein
seidenes Tuch von Purpurfarbe, mit goldenen Lilien beset, dem Herzog in die
Augen fiel. Er stie nun die Hnde Maxwells zurck, um es mit den zrtlichsten
Liebkosungen zu bedecken, die er nur unterbrach, um ein in Gold und purpurrothen
Sammet gefates Kstchen hervorzuziehen, welches beim schnellen Oeffnen das Bild
einer schnen Dame im glnzendsten Schmucke gewahren lie.
    Wir enthalten uns, die Ausbrche einer leidenschaftlichen Liebe, wie sie der
Herzog von Buckingham zu empfinden vermochte, hier aufzuzeichnen. Maxwell, an
solche Scenen gewhnt, dachte mit einem hhnischen Lcheln der Marquise von St.
Pol, die noch gestern in Person der Gegenstand von Aeuerungen war, die jetzt
einem todten Bilde und einem seidenen Tuche verschwendet wurden. Zu genau diese
Zustnde kennend, um den Herzog frher davon abziehen zu wollen, als diese
Emfindungen in ihm von selbst sich erschpften, und hinreichend belehrt, da
dies seine Geduld nicht ber Gebhr in Anspruch nahm, zog er sich hinter die
Barriere der aufgerichteten Prachtkleider zurck, jeden Ausruf des Herzogs mit
einem Lcheln des Spottes und der Verachtung begleitend. Aber der Herzog schien
dies Mal die vorwaltende Liebesangelegenheit mit Gedanken ernsterer Natur
vereinigen zu mssen; es schien in ihm ein Streit zu walten, der nur dann
einzutreten pflegte, wenn ihm Zweifel kamen, welches ihm das Vortheilhafteste,
Bequemste oder Belustigendste sein mchte.
    Offenbar neigte sich aber dem abwesenden Gegenstande, der sich ihm in dem
reizenden Bilde personifizirte, sehr bald die Wage, und er brach in einige
gottlose Eidschwre aus, ihrem Besitze jedes andere Interesse der Erde zu
unterwerfen. Welche lcherliche Trume einer empfindsamen Knabenwelt, setzte er
lachend hinzu, sind berdies diese sogenannten Bande der Natur, und existiren
sie hier noch? Einem unbekannten Wesen, dessen Dasein man mir zu verhehlen
wagte, als es mir noch von Werth sein konnte, sollte ich jetzt vielleicht dieses
Wiedersehen opfern? Dieser Knabe Karl, der die bldsinnige Vorstellung hegte,
mir ein albernes Geheimni zu entziehen, und die strafenswerthe Khnheit, es
wirklich auszufhren! Ihren Plnen, nachdem sie ergraut und in sich selber
zusammengefallen, sollte ich die Hand bieten, da sie sich selbst dem Grabe
verdammt haben, und damit zugleich dem sesten Glcke, welches mir in Dir, Du
himmlisches Bild, lchelt, selbstmrderisch entgegentreten? Die Entscheidung ist
nicht schwer, und sie ist geschehen, rief er mit einer gellenden Stimme, die das
ganze Grauenhafte eines berschrienen Gewissens in ihrem Laute trug. Zurck sank
er in seine Polster, und indem er das Kstchen mit dem Gemlde nach allen
Richtungen drehte und schob, sprang pltzlich der Deckel von einander, und ein
fein geschriebenes Blatt, eng mit farbiger Seide umstrickt, fiel dem Herzoge
entgegen. Doch das Glck, sich in den Besitz des Inhalts zu setzen, sollte ihm
verzgert werden, denn nach einem kurzen tobenden Gepolter im Vorzimmer und dem
Geznk abwehrender Diener ward die Thr des Kabinets rasch geffnet, und Sir
John Saville strzte, bis an die Schwelle von den Dienern verfolgt, in dasselbe
herein. Maxwell, froh ber eine Dazwischenkunft, die den langweilig werdenden
Zustand des Herzogs hoffentlich unterbrechen mute, verschlo schnell hinter dem
Eingedrungenen die Thr, neugierig der Bewegung Beider lauschend. Doch
keineswegs schien der Herzog gesonnen, das dreiste Verfahren seines
Quasi-Freundes gtig aufnehmen zu wollen.
    Und darf man fragen, sprach er, sich in den Kissen aufrichtend und zornig
blickend, was Lord Saville mit der angenehmen Vertraulichkeit, die er sich eben
herauszunehmen beliebt, andeuten will? Haben meine Diener das Versehen gemacht,
Euer Gnaden herbei zu rufen, so bitte ich mir den Schurken zu bezeichnen, der
mich veranlat, Euch selbst jetzt ankndigen zu mssen, da ich allein sein
will. Ja, wollen Euer Gnaden sich verantworten oder sich lieber entfernen?
    Ich habe das Erstere nicht nthig, brauste Saville mit roher Stimme auf, und
erklre, das Letztere nur in Eurer Gesellschaft zu thun. Es berschreitet fast
das Maa der Mglichkeit, den von Beleidigungen sprechen zu hren, der in
demselben Augenblicke nicht allein mich, sondern alle Herzge, Grafen und
Barone, inklusive der smmtlichen Growrdentrger der Kirche der drei
vereinigten Knigreiche mit Schmach und Beleidigungen berschttet und seine
besten Freunde unter der Marter nutzloser und verachteter Hflichkeitsspenden
zur Verzweiflung bringt.
    Euer Liebden, unterbrach ihn Buckingham, ohne allen Zorn sich behaglich
dehnend und an den Seidenfden des entdeckten Briefchens zupfend, Euer Liebden
scheinen sich bel zu befinden. Man spricht in London von bslichen
Fieberanfllen, die eine schnelle Zerstrung des Gehirns bewirken. Oder habt ihr
an einem Schenktische reprsentirt? Oder haben die nchtlichen Gelage einer
Woche Euch zu einem Tags-Trumer gemacht? Ich nehme vielen Antheil an Eurem
bedenklichen Zustande. Maxwell, wo stehst Du, unthtiger Schuft, whrend mein
bester Freund in so betrbter Lage sich befindet. Einen Lehnstuhl! eile! eile!
ffne sein Wamms; wo sind die heilsamen Tropfen der Mutter Kleratri, welche
selbst gegen den Tod an den luftigen Balkonen der zeitlichen Gerechtigkeit sich
unfehlbar zeigen! Oder seid ihr nchtern, Mylord, und durch eifrige Studien ber
die Tischzeit getuscht? wie Gelehrte denn pflegen, aus Hunger geistreich und
belehrend zu werden; ich bitte Euch, befehlt! - Maxwell, Couverts! Lat
auftragen, wenn in diesem elenden Junggesellen-Hotel heute schon Feuer auf dem
Heerde brannte.
    Spart Cure jmmerlichen Spe, Mylord, rief immer erhitzter Saville, und
glaubt nicht, mich damit zu tuschen. Ihr wit sehr wohl, da ihr eure Diener
mit Einladungen durch London gejagt, um heute einen Hof in Eurem Hause zu
halten, bei dem Euch die vornehmsten und wichtigsten Personen des Landes den
Tribut ihrer abgezwungenen Unterwerfung darbringen sollen. Ihr wit sehr wohl,
da Ihr die emprende Unverschmtheit habt, dies Fest seit vier Stunden ohne den
Wirth bestehen zu lassen; Ihr wit, da Ihr Euch damit so viele Feinde macht,
als dies Haus Hupter zhlt, whrend Ihr wie ein Kind in Euern seidnen Windeln
liegt und Seide zupft. Doch Alles wird sein Maa finden, und Ihr werdet dieses
Fest mit Verfolgungen bezahlen mssen, die zahlloser sein werden, als die Haare
Eures Hauptes. An ihrer Spitze steht mit drohenden Blicken schon jetzt die
entthronte Knigin des Tages, die Marquise St. Pol. Dies Fest, das Ihr durch
alle Knste der Ueberredung ihr als ein Geschenk zur Annahme aufdrangt, sie
sieht es jetzt als eine ffentliche boshafte Beschimpfung von Euch an. Der Kreis
der zurckweichenden Damen, der sie zu Anfang wie ihr Gefolge umgab, wird immer
weiter, und immer klter wenden sich die Blicke von ihr; denn man wagt eben so
wenig die zu verachten, die Buckingham ehren will, als man sie zu beschtzen
denkt, wenn er sie aufgiebt. Doch alle tragen eine und dieselbe Last der
Beleidigung, Alles trgt mit der Marquise denselben heien Wunsch, sich zu
rchen und zu entfernen. Die Gesellschaft ist in Parteien getheilt, die Minister
des Knigs, Salisbury an ihrer Spitze, die Grafen von Cumberland, Sussex,
Clifford, Sommerset, Clarendon stehen als Oberhupter und beherrschen mit ihren
zornigen Blicken ihre um sie versammelten Anhnger. Die schottischen Barone, die
irischen Pairs blicken erstaunt auf dies Schauspiel einer vor ihren Augen
geschehenen Demthigung ihrer stolzen englischen Nachbarn und nehmen dann, so
viel ihr mattes Ehrgefhl es zult, ihr Theil fr sich davon, whrend die
Bischfe, Dechanten und Kaplne mit Nasen, an deren zorniger Gluth Ihr Eure
Kapaunen rsten knntet, umhergehen, und vergeblich den besnftigenden Geruch
Eurer Tafel erwarten. Auf, thrichter Mann, fuhr Saville fort, in seinen
frheren Unwillen verfallend, aus dem er sich selbst fast herausgeschwatzt
hatte, auf, beeilet Euch, wieder gut zu machen, was noch mglich ist!
    Aber ihm schallte statt der Antwort ein so bermiges Gelchter des Herzogs
entgegen, so heftig, so anhaltend und ausgelassen, da Saville, dessen vllig
gehaltloser Karakter unfhig war, eine Meinung irgend einer Art gegen den
prachtvollen bermthigen Buckingham festzuhalten, zuletzt mit fortgerissen, ihm
gegenber in einen Sessel sank und, in dies Gelchter des Herzogs einstimmend,
kaum einzuhalten im Stande war, als Buckingham schon die thrnenden Augen sich
zu trocknen begann.
    Saville, Krone aller lustigen Spamacher meines frivolen Hofstaats, kein
Knigreich nehme ich fr den unsglichen Spa, den Du vor mir vorber fhrst!
Welch ein Fest konnte die erschpfte Kasse Deines herzoglichen Freundes
schaffen, welches nur den hundertsten Theil des Vergngens abwarf, das diese
Deine unvergleichliche Beschreibung ber meinen Geist verbreitet. Wahrlich, ich
bin erquickt, als htte ich in Aether gebadet, meine Nerven haben Elastizitt
gewonnen, und es scheint mir werth, diesem abgenutzten Leben noch einen Gedanken
zu widmen.
    O des bezaubernden Anblicks, diese stolzen Gesellen wie die Schulknaben im
Sonntagsputz gedemthigt zu haben; sie sich selbst zchtigen zu sehen, Einer in
der eingebildeten Gre des Andern; ihre ohnmchtigen Rachegedanken zu errathen,
die Keiner lnger Muth hat zu verfolgen, als so lange ich fern bin; diese
hochmthigen Ladys, die vergeblich ihre Tugendlarven abzogen, meiner kleinen
Favorite zu huldigen, und die nun in der Enttuschung sich selbst herabgesetzt
sehen! Hre auf zu lachen, armseliger ausgebrannter Kopf, und sage mir, wenn es
Dir mglich ist, ob Du oder ich oder irgend ein Mensch der Erde sich ein so
reizendes Vergngen ausdenken konnte, wie hier sich im Reiche des Zufalls
gestaltete.
    O Du unvergleichlich liebenswrdiger Bsewicht, lallte hier Saville, aus
seinem Lachen sich heraus kmpfend, wie war es mglich, dieser tragischen
Begebenheit die allerlcherlichste Seite abzugewinnen und mein vom Zorn
exaltirtes Blut so abzukhlen? Ja, es ist wahr, Buckingham, sie gehen mit tollen
Gesichtern umher, und wir, Membrocke, Cork und Norris, haben uns oft die
Handschuhe in die Zhne gestopft, um nicht ber ihre jmmerlichen Fratzen laut
aufzulachen; aber dessenohngeachtet sage ich Dir, es war ein lstiger Spa fr
uns, Deine Marschlle des Bankets! Ich dachte, sie wrden uns an die Gurgel
fassen fr jede Artigkeit, die wir hervorbrachten. Besonders seit die spanische
Grandezza aufgezogen ist und sich gleichfalls, mit ihrem Knaben von Herzog an
der Spitze, beleidigt stellt, wollen die Andern vor Bosheit vergehen; sie
denken, ihre Schmach kmmt nun ins Ausland. Nur die franzsischen Herren sind
liebenswrdig geblieben.
    Was sprichst Du, unterbrach ihn hier Buckingham, mit beiden Beinen zugleich
vom Lager aufspringend, die franzsischen Herren? Sie sind anwesend, erschienen?
Wie konnte ich das vergessen! - Kleider! Kleider, Maxwell, Kleider! Wo bist Du?
Geschwind! - Fort, Saville, in die Sle zurck, ich bin so eben angekommen,
ndere nur die Kleider, war am Bette des Prinzen von Wales, der, bis jetzt
bedeutend krank, meiner Pflege bedurfte. Fort! fort! Verbreite an jeder Ecke des
Saales diese Nachrichten und schicke mir sogleich Membrocke; einige Andere
sollen im Vorzimmer warten.
    Membrocke! Membrocke! weit Du, was Du sprichst? sagte in dumpfer
Verwunderung Saville; kannst Du die Krankheit des Prinzen beweisen? Willst Du
eine Thorheit durch eine andere, die Dir wichtiger werden knnte, gut machen?
    Jmmerlicher Schwtzer, schweig und wage es nicht, mit Deinem stupiden
Geiste dem meinigen die Richtung geben zu wollen! schrie Buckingham, auer sich
vor Ungeduld, whrend er die Kleider fast zerri, die Maxwell, an diesen
Ungestm gewhnt, ihm mit der grten Schnelligkeit anzulegen suchte. Eile und
vollziehe meine Befehle, da nicht meine eigne Hand Dich aus diesen Zimmern
werfe; augenblicklich soll Membrocke hier sein! Fort mit Dir, oder ich erdrcke
Dich!
    Ich gehe, sagte Saville mrrisch und ohne sich zu beeilen, ob aber Membrocke
kmmt, magst Du erwarten, denn bis jetzt macht er den frre servant bei einem
breitschultrigen franzsischen Kaplan, der, heute erst angekommen, auch unter
Deinen franzsischen Herren sich befindet.
    Buckingham blieb stehen, wie vom Blitz getroffen; die Augen traten ihm stier
aus dem Kopfe, und eine jhe Glut berschlug sein schlaffes Gesicht. Wer ist es?
Wie nennt er sich, den Du so bezeichnest? brach er hervor, indem er Saville an
beiden Schultern ergriff. Bei allen Teufeln sprich, wie heit der, den Du Kaplan
nennst?
    Lat mich, sagte Saville, sich den Herzog derb abschttelnd, Ihr habt mich
heute genug geqult, ich habe es satt; seht ihn Euch selbst an, oder fragt
Membrocke, mit dem er bekannt ist, es ist ein Monsignore und sein Name Mar - Mas
-
    Mazarin? schrie Buckingham, auer sich. Kann sein, sagte Saville, schon halb
im Vorzimmer, und die Thr fiel klirrend zwischen Beiden zu. Aber Mazarin?
dieser Name klang noch so oft aus dem Munde des so pltzlich vernderten
Herzogs, als mte er sich durch den Klang von seinem wirklichen Dasein
berzeugen. In einen Sessel geworfen, schien er Alles auer diesem Laut
vergessen zu haben, und Maxwell wagte nicht, die halbvollendete Toilette zu
beendigen.
    Doch whrte dieser uere Stillstand nicht lange, die geffnete Thr zeigte
den schnen eleganten Grafen von Membrocke, den ausschweifendsten und
sittenlosesten Gefhrten und Vertrauten Buckinghams. Sein beschrnktes Vermgen
und sein grenzenloser Aufwand hatten ihn, trotz seines Hochmuths und bei dem
Glanze eines hundert Mal ltern und vornehmeren Namens, doch zu einer Art von
vornehmen Miethling des Herzogs gemacht, und nur die Schnheit und Anmuth seiner
Person hatte ihm ein Ansehn erhalten, welches er zu sichern suchte, indem er das
Entehrende seiner Verhltnisse zu Buckingham in die Reihe der spahaften
Verlegenheiten eines Mannes von Welt verwies.
    Mazarin? rief Buckingham, so wie er ihn sah, aus seinem Nachdenken
auffahrend und fragend auf Membrocke zueilend.
    So ist es, erwiederte der Graf, mit einem schnellen Blick das Ruhebett
berlaufend, auf dem noch der Inhalt des empfangenen Pckchens lag, und wie ich
sehe, der Bote ser Gaben! In Wahrheit, ich mchte wetten, er ahnt nicht, da
er Euch als Handlanger diente, und ich mu die Feinheit eines liebenden
weiblichen Herzens bewundern, die den Gegenstand Eurer Eifersucht wegschickt, um
Euch Alles zu senden, was Euch in der Ferne beglcken kann. Mensch, was gab Euch
diese Gewalt ber die stolzeste der Frauen! Schickt mich nach Deutschland,
Mylord, vielleicht schliet dies Land noch hnlichen Zauber in sich. Ich kenne
sie sonst alle und kenne die Scenen, die man mit ihnen durchzuspielen hat, so
auswendig, da ich vor Langerweile dabei vergehe.
    Aus Buckinghams Zgen verlor sich die Starrheit in dem Maae, als er den
Worten Membrocke's lauschte. Du hast durch Deine Worte die aufsteigenden Dmonen
dieser Brust beschworen, und mich von der Wuth und Verzweiflung der Eifersucht
erlst, rief er endlich. Ha, diese abscheuliche Migeburt, die Beleidigung der
menschlichen Gestalt, und dieses Meisterwerk der Schpfung, dies Weib, von jeder
Schnheit, jedem Zauber umgeben, den der herrlichste Geist in dem schnsten
Krper zu schaffen vermochte! Wer hat es ausgedacht, Beide im Zusammenhang zu
glauben, ohne zugleich der ganzen Ordnung der Dinge Hohn zu sprechen? Und doch!
Und doch, Membrocke, doch ist der Zweifel da, dennoch, dennoch zittre ich, in
dieser Migeburt meinen Nebenbuhler zu sehn! -
    Weil Du es vorziehst zu zittern, weil Dir der Sieg fast zu bequem ohne
Schwierigkeiten erscheint, und der schne glnzende und stets siegende
Buckingham lieber einen Pavian, als gar keinen Nebenbuhler, haben mchte. Halt
ein jedoch und la die Grillen fahren, die in Wahrheit weder Grund haben, noch
Dir und dem Andenken Deiner Gttin ziemen. Jage nicht im blinden Eifer dieser
einen Phantasie nach und laufe an dem Ziele vorber, das indessen der, der Dich
wild gemacht, vielleicht ohne Hinderni erreicht!
    Zu toll ist es von Dir, den weggesandten Nebenbuhler noch zu frchten;
ergrnde lieber, was dieser feine schleichende Prlat in England zu verrichten
hat, - wahrscheinlich mehr, als Dir dies Bild, dies Tuch, dies bersponnene
Brieflein auszuliefern. -
    Ha, Membrocke, Du hast Recht! Schon wieder holt Dein ewig gegenwrtiger
Verstand den meinen ein. Ich bin ein thricht unbesonnener Knabe. Wie kann ich
trumen, der Freund, der Vertraute dieses Teufels Richelieu betrete diesen
Boden, ohne die Fuangel vor mir auszubreiten, in der ich mich gefangen geben
soll. Hll' und Teufel! Wen lie ich zurck, mir Bericht zu senden ber jener
Machinisten reges Spiel? Wer blieb zurck? Hilf mir, wer hat gewagt, so schlecht
mich zu bedienen, da dieser Dmon die Stiegen dieses Palastes betrat, ehe ich
die Ahnung seiner Ankunft erhielt! Hier unter meinem Dache, Membrocke, ehe ich
es ahnte! Begreifst Du es? Ich, Buckingham, betrogen, berlistet! Wer hat dies
Bubenstck erdacht? Wer hat gewagt, mir diesen Streich zu spielen? So wahr ich
lebe und den Namen trage, vor dem die Mitwelt zittert, es soll sein letzter
sein!
    Schreckbar von Wuth entstellt, die zitternde Hand am Gefe seines Degens,
den er den Hnden Maxwells entrissen, schien sein Auge lechzend den Gegenstand
seiner Wuth zu suchen und fiel auf die schne glnzende Gestalt des Grafen, der
mit der feinen Klte der Ueberlegenheit am Kamin lehnte und mit gleichgltiger
Miene fr sich zu denken schien. Ohne den Herzog anzublicken oder den Ton zu
heben, verwies er ihn zur Ruh. Ihr werdet begreifen, fuhr er fort, da kein
Athemzug dem Kardinal Eure Ueberraschung verrathen darf. Eilt schnell, Euch als
Protektor ihm aufzuwerfen, ehe wer Anders Euch zuvorkommt. Schon beugte vor dem
Freunde des mchtigen franzsischen Ministers Salisbury den starren Rcken, und
Clarendon und Sussex lauschten seinen Worten. Ihr mt es ihnen zuvorthun, so
eifrig ihn bewachen, da er zum freien Athmen keinen Raum behlt; um so sicherer
knnt Ihr ihn beobachten. Doch lat uns zur Gesellschaft eilen. Maxwell, thut
Eure Schuldigkeit! Ich sehe hier an diesem Meisterstck von Wamms und Mantel ein
schlecht gewhltes Grtelband. Wozu dies matt gehaltene Geschmeide von Trkissen
zu diesem pfirsichfarbnen Sammet? Warum nicht jene Smaragden in Juwelen? Sie
sind bei weitem passender. Das Neueste ist, man trgt die Quaste auf der
Schulter unter der Agraffe des Mantels; seht, so wie diese hier. Buckingham, Du
Ideal der Mode, Du Angelpunkt aller Augen, die sich mit Eleganz und Feinheit
bereichern wollen, mu ich Dich belehren? Setze Maxwell auf Pension, ins Spital
mit ihm, sein Sinn wird stumpf! Doch sag', hat Saville meine Nerven umsonst
erschttert mit der Nachricht, den Prinzen habe der Schlag gerhrt? -
    Ich hoffe, er hat diese Thorheit Dir nur allein ins Ohr geraunt, Dich aus
dem Saal zu locken; er sollte es sonst ben. Doch nur zu gewi ist, da ich
dies Mal unfreiwillig mein Gastmahl ohne Wirth gelassen; der Prinz erkrankte
pltzlich und liegt danieder. Der Knig heult an seinem Bette, und es war schwer
zu entkommen; auch kam ich nur, um dies Gewhl von Gsten aufzulsen und dann zu
ihm zurck zu kehren. Doch es entfiel mir Vieles ber dem Vielen, was ich heute
gehrt, und endlich Alles ber diesem inhaltreichen Kstchen, ha! Und endlich
auch dieses ber dem Ueberbringer! Sag', ist Ormond anwesend! -
    Er spielt die Rolle Josephs auch heute meisterhaft! Und darum just, rief
lachend Buckingham, hab' ich ihn Dir zum Gefhrten erwhlt. Erstaune nicht; Du
folgst mir nach Whitehall und bleibst die Nacht, ich habe Dir viel zu sagen.
Jetzt la uns gehn, ich bin so kalt jetzt, so ruhig und besonnen, wie nach zwlf
Stunden Schlaf. Diese stolzen Herren werden an fnf Stunden Aerger, hoff' ich,
jetzt schon zu viel haben, um durch meine, leider nur zu gut begrndete
Entschuldigung sich beruhigen zu lassen; und das ist mein Trost. Nur ungern
wollte ich den sen Spa entbehren, sie so toll gemacht zu haben; und mte ich
diesen Mazarin nicht heute noch umstricken, ich htte ihnen die volle Ladung
nach Hause mitgegeben und lieber Verse an den Mond gemacht, als da ich unter
ihnen noch erschienen wre!

In einem kleinen Thurmzimmer des franzsischen Gesandtschaftshauses finden wir
einige Stunden spter den bedeutenden Mann wieder, der durch seinen bloen Namen
Buckinghams Leichtsinn erschtterte. Seine Erscheinung, als Freund des mchtigen
Richelieu, sicherte ihm schon damals die Huldigungen aller derjenigen, die
irgend die Wichtigkeit des eben auf seiner hchsten Hhe stehenden franzsischen
Ministers zu beurtheilen verstanden. Wenig schien Mazarin durch die Art, wie er
berall auftrat, diese Auszeichnungen zu untersttzen und noch weniger zu
verrathen, wie er einst wirklicher, als irgend ein gekrntes Haupt Europa's, die
Herrschaft fhren und alles seinen Plnen unterthan machen werde. In seiner
unscheinbaren, mehr geistlichen als weltlichen Kleidung gelang es ihm
vornehmlich, sein Aeueres fast unbedeutend erscheinen zu lassen, da die Natur
ihn wenig mit krperlicher Schnheit begabt hatte. Seine athletische Gestalt und
seinen spterhin berhmt gewordenen Anstand, der durch frhere militrische
Dienste entwickelt war, hielt er bis jetzt noch rathsamer, vor den Augen der
Welt in die sanften gebeugten Manieren eines guten bescheidenen Mannes
einzuhllen.
    Dessen ungeachtet hatte Buckingham Gelegenheit genug gehabt, seinen
weitreichenden und groen Einflu kennen zu lernen. Sie waren sich bei des
Ersteren Anwesenheit in Frankreich auf einem Felde begegnet, wo der schlaue
Julio Mazarini sich um jeden Preis zu behaupten entschlossen war, so wie
Buckingham seinerseits in dieser Beziehung weder einen Gegner in dieser Gestalt
gefrchtet hatte, noch ihm zu weichen dachte. Wenn jedoch diese Macht, die
Mazarin fr sich in der Stille warb, der Welt und namentlich dem Auslande
vorerst noch ein Geheimni bleiben mute, so war in der Art, wie Richelieu wohl
Mazarin als den einzigen ihm gleichkommenden Kopf zu bezeichnen pflegte, diesem
ein Ansehn zugegeben, welches ihm, auf welchem Platz Europa's er auch erscheinen
mochte, eine weit ber seine uere Stellung reichende Auszeichnung sicherte.
Doch war mit seiner Erscheinung auch stets ein gewisses Aufmerken, vielleicht
nicht ganz ohne einen Zusatz heimlicher Befrchtung, verbunden. Richelieu
gebrauchte ihn stets zur Ausfhrung von Plnen, die nur ein Ohr zur Mittheilung
fanden, eben das seinige, und die kleinen schmeichelhaften Sendungen, die
Richelieu in seinem oder seines Knigs Namen durch Mazarin an die verschiedenen
befreundeten Hfe ergehen lie, hatten oft fr Richelieu eine so berraschende
Kenntni der wichtigsten Geheimnisse eines solchen beschickten Hofes zur Folge
gehabt, da man langsam anfing, die starke Beobachtungsgabe dieses Boten
einzusehn und ihn wenigstens in der mglichst besten Laune zu erhalten wnschte,
da man in der Regel zu ungeschickt war, ihn unschdlich zu machen.
    Richelieu war dies Mal ber die Nckreise des Prinzen von Wales in so
zrtlicher Besorgni gewesen und so entzckt ber dessen glckliche Ankunft, da
Mazarin von ihm gesendet ward, seine und des Knigs Freude dem Prinzen
auszudrcken. Alle, denen dies mitgetheilt ward, schienen ber so viel Antheil
und Freundschaft entzckt, whrend Alle mit angehaltenem Athem einander fragten,
was er wohl noch vorhaben mchte. Mazarin war ber den ersten Eindruck, den er
bei seinen jedesmaligen Sendungen hervorrief, keinen Augenblick ungewi; aber er
besa neben seiner schnellen und untrglichen Menschenkenntni eine so
ausdauernde unbesiegbare Ruhe, Sanftmuth und Geduld, da die Befrchtungen sich
wie von selbst an ihm entkrfteten, und er fing erst dann seine Plne zu
verfolgen an, wenn er alle ihm in den Weg gelegten und alle im Voraus ihm
bekannten Proben als ein guter harmloser Mann bestanden hatte. Richelieu's
groe, erhabene Natur war einer solchen, seinem ganzen Naturell widerstrebenden
Operation unfhig, aber er benutzte an seinem Gefhrten diese Fhigkeit und
wute sie als eine unschtzbare Gabe zu achten, wenn auch ohne sie ihm zu
beneiden.
    Mazarin hatte sich dem Zwange der Geselligkeit entzogen, und es war leicht
wahrzunehmen, da ihm dies zu einer greren Entwickelung seiner eigensten Natur
geholfen. Das lange geistliche Kleid war ber einen Sessel geworfen, und die
krftige hohe Brust und die breiten Schultern wurden vortheilhaft von einem
Wammse von violetter Seide mit feiner Goldstickerei gehoben. Im Geschmack der
Zeit, mit sorgfltiger Vermeidung jeder geckenhaften Uebertreibung, war auch
seine brige Person in dieselben Farben gekleidet, und eine feine goldne Kette
um seinen Hals war mit den Enden in das Wamms geknpft. Der Knopf inde, der
dies zusammenhielt, htte fast den besondern Werth dessen, was er verschlo,
errathen lassen; denn es war ein ungewhnlich schner und groer Diamant.
    Im Hintergrunde des Gemachs waren zwei Pagen damit beschftigt, die goldnen
und silbernen Gerthschaften, welche sich in einem Reisefutteral befanden,
auszupacken, und ihre sorgfltige Vermeidung jedes Gerusches schien sich auf
den Eifer zu beziehen, womit Mazarin an einem Tische, zwischen zwei Kerzen, mit
der Abfassung eines Briefes beschftigt war. Doch konnte der Gegenstand des
Briefes unmglich ein ernster sein. Die Heiterkeit, die bis zu einem breiten Zug
von Lcheln um seinen Mund gestiegen war, und anderseits die Zerstreuung, in der
er, oft aufblickend, die Augen nach einer kleinen gothischen Thr, ihm
gegenber, richtete, zeigten hinreichend, der Inhalt sei bequem und leicht so
nebenher abzufassen.
    Ein kaum merkliches Gerusch lie sich jetzt vernehmen. Mazarin erhob sich
und ging auf die Pagen zu, die, mit ihrem Geschft zu Ende gekommen, schweigend
seiner Befehle harrten. Ich danke Euch fr heute meine Lieben, sprach er sanft
und freundlich; ich werde nur noch Benville bedrfen, der im Vorzimmer warten
mag, bis ich ihn rufe. Bei Euch wird der Schlaf nach dem anstrengenden Reisetage
wohl nicht auf sich warten lassen. Gute Nacht, gute Nacht! Der Herr segne Euch,
setzte er hinzu, als die Knaben niederknieten, um seine Hnde zu kssen, die er
alsdann segnend auf ihr weiches Lockenhaupt legte. Er blickte ihnen nach bis die
Thre des Vorzimmers sich geschlossen, und vielleicht war das Gefhl, womit er
die sen, schlaftrunkenen Kinder ihrer sichern Ruhe bergab, und welches
unverkennbar seine Zge auf einen Augenblick einnahm, sogar der Wehmuth
verwandt. Doch die Welt der Gefhle war bei ihm in den Hintergrund gedrngt; er
wollte sie nur kennen, in so fern sie ihm als Menschenkenner zu seinen Schlssen
und Urtheilen nthig waren; sich selbst gebot er als erste Lebensregel, ber
allen ihren Anforderungen blo als Beschauer dazustehn. Unlugbar hatte er von
diesem khlen Standpunkte aus sich einen sehr gesicherten Einflu ber Andere
erworben. Ob es indessen mglich sei, sich selbst ganz dieser groen
Beherrscherin der Menschheit zu entziehn; ob man nicht in der Beobachtung und
Erkennung der Gefhle Anderer die eigenen immer wieder mit auferziehe; ob jene
gttliche Liebe, die unsere Entwickelung nie aus den Augen verliert, eine ihrer
schnsten Gaben ganz unterdrcken lassen mchte, wer wollte es frchten, und
nicht lieber glauben, uns sei blo gestattet, die Auenseite von ihren
Erscheinungen frei zu erhalten, innerlich bleibe der kleine Heerd, um den,
selbst gegen unsern Willen, sie, unverletzlichen Hausgttern gleich, ihre Pltze
behaupten, wenn auch bei dem Einem zur lieblich sich mittheilenden Geselligkeit
erhoben, bei dem Andern zum ernsten Schweigen verdammt, immer doch ihres
unzerstrbaren Daseins Zeugni ablegend.
    Gern nehmen wir den vorliegenden Moment als eine Besttigung dieser Ansicht,
da es berdies leicht die einzige sein knnte, die dieser merkwrdige Mann uns
mitzutheilen veranlat. Denn schon sehen wir ihn, weggewendet und der alten
Heimath seiner Gedanken zurckgegeben, jene mienenlose Ruhe gewinnen, die seine
Feinde und Beobachter zur Verzweiflung brachte. Er berhrte nur zu einem Klange
die Glocke auf seinem Tische, und langsam ffnete sich die kleine von ihm
beobachtete Thr, und in einen weiten Mantel gehllt, trat ein ltlicher Mann
ein, der sofort, Mazarin erblickend, den Mantel zur Erde warf und, auf ihn
zueilend, ganz berwltigt, wie es schien, zu seinen Fen niedersank.
    Benedicas! rief er mit leiser, bebender Stimme.
    In majorem Dei gloriam! antwortete Mazarin mit feierlichem Ton und segnete
das tiefgesenkte Haupt des alten Mannes.
    Steh auf, Porter, setzte er sanft, aber ernst hinzu, wir drfen uns nicht
erweichen; es ist lange her, da wir uns zuletzt sahen, aber so dies leibliche
Auge Dich nicht erreichen konnte, traf mein geistiges doch stets auf einen
getreuen und eifrigen Diener im Namen des Herrn und unserer heiligen Sache!
    Porter, der von uns bereits erwhnte Kammerdiener des Prinzen von Wales,
erhob sich jetzt von seinen Knien, und zeigte eine kleine, magere und gebeugte
Gestalt in einer grauen Kleidung ohne alle Abzeichen. Sein lngliches, blasses
Gesicht war von einem trben Ernste gefurcht, und ein sparsames weies Haar lag
dnn um die schmale Stirn. Seine matten blauen Augen, die den rhrenden Ausdruck
des Kummers aussprachen, hatten sich noch nicht zu seinem, in der Vergleichung
mchtiger noch erscheinenden Gefhrten erhoben, sondern ruhten schwermthig am
Boden. Mazarin durchschaute vielleicht nur zu schnell aus ihm bekannten Grnden
den Gemthszustand des alten Mannes, und suchte durch die freundlichste
Herablassung sein Herz zu ermuthigen.
    Doch was seh' ich, alter Freund, wie bist Du Deinen Jahren vorangeeilt.
Weies Haar und dieser gebeugte Rcken? -
    Porter schlug jetzt mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, und sie blieben
auf Mazarins krftiger Gestalt einen Augenblick ruhen, indem er mit dem Ausdruck
des Schmerzes hinzufgte: Nicht an Allen geht die Zeit spurlos vorber!
    Sage vielmehr, an Keinem, antwortete Mazarin, diese Worte wie einen Vorwurf
empfindend; wenn auch der Himmel oft die wunderbar zu krftigen wei, die in
ihrem schweren Berufe vor ihm getreu und gehorsam und der besondern Kraft
benthigt sind!
    Ja wohl, sprach Porter, der Herr mit Jedem sein Maa, und ich murre nicht,
da er das meine nur gering bestimmt zu haben scheint: denn mein Leben war ein
nutzloser und trber Kampf zwischen zwei geheilgten Pflichten, welche zu
vereinigen mir nie gelang, und denen ich dadurch vielleicht gleich unntz ward.
    Selbstgerechtigkeit sich in irgend einer Angelegenheit anmaen zu wollen,
sprach Mazarin streng, gehrt zu dem Ungehorsam, welchen Deine Vorgesetzten Dir
in ihrer heil'gen Machtvollkommenheit als die gefhrlichste Klippe unserer
geistlichen Tugenden untersagt haben. Welcher Hochmuth heit Dich Dein Leben
nutzlos nennen, so Dir noch vergnnt ist, an der kleinen Stufenleiter unserer
Befehle, Deinen Fhigkeiten gem, hinanzuklimmen? Du bist von der Regel
abgewichen, und ich knnte Dich strafen, wenn nicht Milde und Geduld mit den
Gebrechen der Menschheit unser erstes Gesetz wre, und wenn Du nicht die Strafe
Deiner Vergehungen schon in jenem muthlosen Trbsinn trgest, womit der
Beschtzer unserer heiligen Vereinigung alle die heimsucht, die sich zu eigner
Beschauung verfhren lassen! -
    Ach, hochwrdiger Herr, leget nicht die Brde Eures Zorns auf mein schwaches
und gedrcktes Herz! Gott, dessen Augen die Herzen prfet, er wei allein, wie
ich um Kraft und Muth gefleht zur Vollfhrung des Willens meiner erhabenen
Obern. Er wei, wie ich nicht denken wollte, da es mich nur zu oft auf Abwege
fhrte. Aber der Versucher ist mir in jeder Gestalt erschienen; in der Gestalt
eines erhabenen Herrn zuerst, den ich gegen meinen Willen lieben mute, ach,
selbst in der Gestalt meiner geheiligten Religion, die ich verlugnen und
entbehren mute, und die mich zu fragen schien, ob ich das Rechte um solchen
Preis zu thun vermge. Ach Herr, Herr! ich bin ein Snder und dem Zorn der
heiligen Gesellschaft verfallen. Ich fhle es, und nur Ihr knnt mich retten,
wie Ihr es oft thatet, indem Ihr meinen wankenden Glauben sttzt. -
    Ja wohl, sprach Mazarin mit dem Tone des Vorwurfs, der doch schon eine
allgemach zu hoffende Verzeihung ankndigt, wohl hast Du mir es schon oft zur
traurigen Aufgabe gemacht, Dich mit Dir und Deinen Pflichten auseinander zu
setzen, und Dein gebleichtes Haar und Deine gefurchten Wangen scheinen mich noch
nicht dieser Sorge ablsen zu wollen.
    Hochwrdiger Herr, sprach der Alte, fast ihn unterbrechend, whrend eine
leichte Rthe um das blasse Gesicht zog und es erhellte, wie der Abglanz eines
fernen, lngst abgetdteten Ehrgefhls, wollet wenigstens bedenken, da diese
Wangen, da dies sprliche Haar Gestalt und Farbe im Dienste des geheiligten
Ordens Jesu erhielten.
    Ich kam her, dessen zu gedenken, erwiederte Mazarin sanft, und wenn kein
Winkel der Erde den Pflichtvergessenen vor unserer gerechten Strafe zu sichern
vermchte, so erreicht unser Lohn auch den treuen und gehorsamen Diener unter
allen Verhltnissen des Lebens, und die Hchsten des Ordens steigen zu ihm
nieder als Freunde und Brder, und er steht den Mchtigen der Erde gleich in dem
Heiligthum ihrer geheimen Welt; Ich komme und bringe Dir den Segen des gttlich
erleuchteten Claudius Aquavia; er giebt Dir seinen erhabenen Beifall und erlaubt
Dir durch meinen Mund im Namen dessen, an den wir alle glauben, fortzufahren in
dem Dienste, dem er Dich bis jetzt gewidmet. Er erlaubt Dir, um der wichtigen
und Gott geflligen Zwecke willen, die sein erhabener Wille, uns unbewut, zu
erreichen gedenkt, ferner die heilige Kirche zu verlugnen und vor den Augen der
kurzsichtigen Menge Dich jenen Verirrten anzureihn, die Gott in ihrem sndigen
Verstande anbeten. Er sendet Dir in dieser goldnen Kapsel, fuhr er fort, indem
er aus seinem Busen ein kleines wohl verwahrtes Kstchen zog, eine von Urban
selbst geweihte Hostie, die ich kraft seines Willens Dir zu Deiner geistigen
Erquickung nach den Regeln unserer heiligen Kirche zu reichen befugt bin.
    Der Eindruck dieser Rede und der darauf folgenden Gabe auf den alten
unglcklichen, seiner Pflicht erliegenden Mann war unbeschreiblich; wahrhaft
schrecklich fr den, der nicht wie Mazarin damit sein Ziel erreicht sah, sondern
blos die frchterliche Macht dieses halb despotischen, halb schmeichelnden
Ordens darin erkennen mute. Die von Gewissenszweifeln eingesunkenen und
zernagten Zge schienen sich zu gltten, die gebeugte Gestalt hob sich, den
starren, trben Augen entsprhte ein fanatisches Feuer, welches seinen
zitternden Krper in Bewegung setzte. Sich anbetungsvoll niederwerfend, streckte
er die Hnde nach dem Heiligthum aus, das er so lange entbehrt, wonach er sich
so inbrnstig gesehnt, und das nun in hchst mglichster Wrde und Kraft ihm zu
Theil werden sollte. Er war mit allen seinen Zweifeln und Sorgen am Ende, und in
diesem Augenblicke nichts weiter, als der eifrige und unterworfene Diener der
Vter des Kollegiums zu Clermont. Mazarin hatte diesen leichten Sieg zu oft und
mit denselben Mitteln erreicht, um etwas Weiteres, als die Beendigung eines
gewhnlichen Geschfts, darin zu sehen. Nach einigen leichten Vorkehrungen
schickte er sich an, die Berichte Porters zu hren, die kaum in etwas Anderem
bestanden, als in den eben vernommenen Regungen seines Gewissens, welche er, nun
ausschlielich dem Interesse der Gesellschaft Jesu wieder zugewendet und ihre
Gewalt als eine gttliche verehrend, als Versuchung des bsen Feindes ansah, und
welcher Qual Beschwrung er von dem Genusse der geweihten Hostie mit Zuversicht
erwartete. Mit welchen Grnden Mazarin diese Hoffnungen zu untersttzen suchte,
lassen wir unberhrt. Das Resultat gengt uns, da Porter, indem er fortfuhr,
die kleinsten von ihm ausgesphten Handlungen seines unglcklichen Prinzen
rcksichtslos zu verrathen, nur die hchste Verpflichtung der Erde zu erfllen,
und der Tugend und dem Prinzen selbst in getreuster Liebe zu dienen whnte.
    Den Tod der Grfin Buckingham erfuhr ich erst bei meiner Landung, fhrte
Mazarin ein angefangenes Gesprch weiter, Lazarino hatte sich zu den Ruderern
gesellt, die mein Boot herber brachten. Vielleicht machte diese Nachricht meine
Herberkunft weniger nthig, und nur Deine Abwesenheit entschuldigt diese spte
Mittheilung. -
    Hochwrdiger Herr, mein Amt ist schwieriger, seit der Herr Herzog die Person
des Prinzen unablssig umgiebt; dessen ungeachtet hatte nach Euerm Befehle ich
alle Mittel benutzt, Euch so schnell, wie mglich, zu dienen, whrend ich aber
Pater Lorenzo bei Euch glaubte, erfuhr ich seinen Hingang! Die Verzweiflung des
gndigsten Prinzen bei der Nachricht des Todes der hohen Dame war grenzenlos und
ich frchte, der Anfang einer groen Krankheit. Der Herr Herzog haben sich
gnzlich seiner bemchtigt, haben mich zu Bett geschickt, den Leibarzt ins
Vorzimmer. Seine Majestt den Knig selbst haben Sie wie ein Kind, gleich
welchem der alte Herr sich auch laut weinend geberdete, durch die Gemcher nach
seinen Zimmern geschleppt und ihn hier, wie man einen Buben bedroht, zur Ruhe
verwiesen. Sie versehen jeden Dienst selbst, und Lord Membrocke bedient wieder
den Herzog. Ich sah dem Wesen lange zu von einem sichern Pltzchen aus, fgte er
lchelnd hinzu, bis die Stunde schlug, die mich zu Euch rief. -
    Erzhle mir jetzt genau, von welcher Zeit Du die Vertraulichkeit des Prinzen
und des Herzogs rechnest, und ob Du glaubst, da Buckingham von Allem
unterrichtet ist, was des Prinzen geheime Verbindung betrifft. -
    Ehe wir nach Spanien gingen, wute er sicher hiervon nichts. Beide hatten
ein verschiedenes, gegenseitig geheim gehaltenes Interesse, die Bemhungen des
Grafen Bristol zu verwnschen. Der Herzog von Buckingham war beleidigt, berall
mit Bewunderung und Verehrung den Namen des Gesandten zu hren; der alte Ha,
den die Tochter Bristols, die Frau Herzogin von Nottingham, durch ihre
Vermhlung gegen alle Mitglieder dieser Familie in ihm angezndet, ward aufs
Neue genhrt durch so viel scheinbares Glck und Verdienst, und alle nur
erdenklichen bsen und gottlosen Reden ber diese papistische Betschwester, wie
er die allergndigste Infantin zu nennen pflegte, gingen so rcksichtslos ber
seine Lippen, da sie nur zu oft das Ohr meines Prinzen erreichten, aber anstatt
den Prinzen zu krnken, was sonst der Herr Herzog auch eben nicht ungern
veranlate, fand er den Prinzen auf seine Ansicht fast eingehend. Ihr knnt Euch
denken, wie dem armen Herrn das Herz schwellen mochte, wenn er eine
Schwierigkeit nach der andern sinken sah und, vom alten Knige bedrngt, jede
neue Ausflucht mit dem Zorne des Vaters erkaufen mute. Seine letzte Hlfe war
der Herzog von Nottingham. Sie sahen sich, und er, der am besten die
verzweiflungsvolle Lage des Prinzen kannte, willigte ein, nach Madrid zu gehen.
Als Schwiegersohn des Grafen Bristol konnte seine Reise nicht auffallen, und er
war vom Prinzen zu jedem Mittel autorisirt, das diese gefrchtete Verbindung
trennen konnte; ja, im letzten Falle sollte er der Gromuth der Infantin, von
welcher der Prinz eine sehr gute Meinung hatte, sein ganzes Verhltni
vertrauen, doch vorher bei dem Herrn Grafen von Bristol Alles erschpfen, ihn
davon abzuschrecken. Diese unglcklichen Ketzer besprachen sich in meiner
Gegenwart ber das beste Mittel, dem Herrn Gesandten die Vermhlung mit einer
Katholikin als verderblich frs Land darzustellen! Ihr wit, Hochwrdiger Herr,
wie der arme Herzog Madrid nur erreichte, um an einem auf der Reise
ausgebrochenen Fieber, worin er aus Eifer fr seinen gndigsten Prinzen sich
nicht geschont, zu verscheiden. Als die entsetzliche Nachricht hier eintraf, die
der erleuchtete Provinzial Manzori um zwlf Stunden frher an mich gelangen
lie, ohne da es in meiner Macht stand, den Prinzen vorzubereiten, - denn dies
htte den geheimen Weg verrathen knnen, auf welchem ich davon in Kenntni
gesetzt worden, befanden sich eben der Herr Herzog von Buckingham bei Seiner
Kniglichen Hoheit. Den gndigsten Herrn berwltigte der Schmerz auf das
Heftigste, und ich sah ihn in die Arme des Mannes strzen, den er so lange Jahre
vermieden hatte. Ach, Herr, die Hand sttzte ihn, die sich einst freventlich
gegen ihn erhoben! Aber der arme erschtterte Herr verrieth in seinem Schmerze,
warum der Herr Herzog nach Spanien gereist; denn in der Verblendung dieses
Schmerzes nannte er sich den Mrder seines Freundes. Von diesem Augenblicke an
vertrat Buckingham die Stelle des Vertrauten. Er erfuhr aber dennoch nicht den
versteckten Anla zu dem Widerwillen des Prinzen und ahnte ihn auch nicht. Denn
der Herr Herzog sind wohl bswillig und uerst listig, aber auch oft von groem
Leichtsinne besessen, und bersehen leicht die Ursachen, die Andere leiten, wenn
Sie selbst nicht in Absichten gehindert sind, deren Erfolg Sie eben mit Eifer
betreiben. Genug, er war es, der den Entschlu des Prinzen, nun selbst nach
Spanien zu gehen, zuerst aussprach und den gndigen Herrn dergestalt zu reizen
wute, da er sich fast mit Gewalt von dem Knige die Erlaubni nahm. Er
versprach dem Prinzen, da er diese Verbindung stren wolle, indem er unverholen
seinen Ha gegen den Grafen von Bristol und dessen Ruhm und Ansehn aussprach;
ferner, wenn sie nach Spanien kmen, solle der Prinz dabei die Freiheit haben,
sich als der liebenswrdigste Herr zu betragen, wobei er tausend Mal Ehre und
Leben verpfndete, den Prinzen unangefochten durchzubringen. Und Ihr wit, wie
er vollstndig sein Wort gelst hat. -
    Ja, unterbrach ihn Mazarin, von unwillkrlichem Verdru ergriffen, weil die
Vter Jesu ihn nicht hindern wollten, und den eiteln Thoren unbewut nach ihrer
Genehmigung und ihrem Willen handeln lieen. Sie waren es, die seine Reise
beschtzten, und die zahllosen Gefahren von seinem und des Prinzen Haupte
abwendeten. Doch weiter, weiter, setzte er hinzu, von seinem Unmuthe, wie es
schien, selbst berrascht.
    Die Grfin, fuhr Porter fort, sollte ber die Reise Seiner Kniglichen
Hoheit getuscht werden, wie man sie schon frher ber die Reise des Herrn
Herzogs von Nottingham getuscht, was aber damals leichter mglich gewesen war,
da sie eben auf einer Reise nach Schottland sich befand, um ihre Tochter
abzuholen. Denn stets war diese edle Dame bereit, dem Prinzen die Freiheit
wieder zu geben, und nie wrde sie seine Schritte gegen den Willen des Knigs
genehmigt haben. Seine Knigliche Hoheit sandten daher, da ihre baldige Rckkehr
erwartet werden durfte, ihr die Bitte entgegen, seine lngere Abwesenheit wegen
Krankheit des Knigs zu entschuldigen und nicht eher Briefe zu senden, als er
sie abfordern werde. So war der Gefahr vorgebeugt, da diese wichtigen
Mittheilungen in fremde Hnde kmen, zugleich aber auch der armen Dame bei
herannahendem Ende jedes Mittel geraubt, ihre Lage kund zu geben und ihre
Tochter in Sicherheit zu bringen. Der einzige Schritt, den sie that und thun
konnte, den Herzog von Nottingham, unter dessen Namen alle ihre Briefe an den
Prinzen gingen, zu unterrichten, brachte ihr die Nachricht seines Todes zurck.
So kam es denn, da die Nachricht von ihrem Ende durch die Beamten ihrer Gter
dem allein anwesenden Grafen von Buckingham mitgetheilt ward, welcher sich
sogleich beeilte, einen wohl bedeutenden Nachla der Schwester in Beschlag zu
nehmen.
    Bei unserer Rckkehr erfuhr ich sofort, was ich Euch ber den Tod der Frau
Grfin und die Flucht und das Verschwinden der jungen Lady mitgetheilt habe;
denn der Herr Herzog hatten Ihren alten Kammerdiener zurckgelassen, und
Davenack wute nichts, was ich nicht auch erfuhr. Da der Prinz selbst nicht an
die Reise zu der Frau Grfin denken konnte, indem ihn theils Seine Majestt der
Knig, theils der Herr Herzog nicht aus den Augen verloren, war er im Begriffe
mich abzusenden, um die, die er noch am Leben und sich, vermge seiner Kmpfe um
sie, nher gestellt whnte, zu begren. Denn die arme Dame war so von der Welt
vergessen, da ihr Tod fr den Hof nur eine Fortsetzung ihres Lebens war und
Niemand davon wissen konnte, da Niemand mit ihr in Verbindung stand. Da kam der
Graf von Buckingham, der indessen, wie gewhnlich, von einem Orte zum andern
geschwelgt hatte, zurck und verkndete zuerst dem Herrn Herzoge den Tod der
Schwester. Da der Herr Herzog sie seit ihrer Entfernung von London nicht wieder
gesehen hatte, war ihm ihr Tod nun auch hchst gleichgltig, und so war es mehr
der Zufall, als eine zu lsende Verpflichtung, da der Herzog Seiner Majestt es
anzeigte und nun des Anstandes halber dem Prinzen eine gleiche Meldung machte.
Da ich jeden Augenblick etwas der Art erwartete, blieb ich stets in der Nhe
Seiner Kniglichen Hoheit, und so war ich Zeuge dieser traurigen Scene. Der
Prinz blieb starr und bleich wie Marmor vor ihm stehen, dann fuhr er mit der
Hand nach dem Herzen und strzte ohnmchtig zu Boden. Ich verschlo sogleich die
Thren, und wir brachten ihn beide nach langen vergeblichen Bemhungen in's
Leben zurck; aber der Wahnsinn, in den der gndige Herr gerieth, entdeckte
Buckingham das ihm lang entzogene Geheimni. Als der arme Herr anfing sich zu
erholen, suchte sein gutes Herz Trost an dem Herzen des Bruders und fiel in die
ausschweifendsten Plne, jetzt noch der Verstorbenen jede Ehre zu erweisen, die
er ihrem Leben nicht mehr hatte gewhren knnen; namentlich aber wollte er die
junge Lady fr seine Tochter erklrt haben und dem Knige darber sogleich seine
Bitte vortragen. Der Herr Herzog widersprachen ihm nicht, denn Sie waren doch
anscheinend sehr berrascht und wohl ganz ungewi ber die von der Sache zu
fassende Ansicht. Doch beruhigten Sie Seine Knigliche Hoheit durch die
Zusicherung jeder Mitwirkung, die in ihren Krften stnde; auch untersttzte ein
zweiter Anfall, den der Prinz bekam, und dem eine gnzliche Abspannung folgte,
das Bemhen des Herzogs, vor allen Dingen Zeit zu gewinnen. Die Aerzte wurden
nun gerufen, der Knig benachrichtigt, und obgleich der Herzog Alles that, um
mige Personen zu entfernen, erscholl doch bald das ganze alte Schlo von der
traurigen Nachricht dieses gefhrlichen Erkrankens. -
    Und was, fragte Mazarin weiter, was hrtest Du von der jungen Lady, die so
schnell verschwunden, und deren Sicherheit durch den Grafen Buckingham so arg
bedroht schien. -
    Davenack, sprach Porter, hat mir darber, was er von dem Kammerdiener des
Grafen herausholen konnte, erzhlt.
    Nachdem nmlich der Herr Graf die Anzeige von dem Tode seiner Schwester
erhalten hatte, glaubte er in Abwesenheit des Herrn Herzogs, der am selben Tage
London mit Seiner Kniglichen Hoheit verlassen hatte, dahin abgehn zu mssen,
nicht undeutlich die Hoffnung verrathend, irgend einen Nachla zu finden, der
ihn fr diese langweilige Reise entschdigen knne. Er hatte dieselbe auch so
lange verzgert, da er die Schwester im Sarge fand. Eines Abends, als er im
Buckingham - Park noch bis zur Nacht schwelgend an der Tafel sa, meldete ihm
sein Kammerdiener, es htten sich vermummte Gestalten nach dem Paradezimmer,
worin die Leiche der Frau Grfin stand, geschlichen. Immer schien er die Ahnung
irgend eines Geheimnisses zu haben. Daher gebietet er sogleich mehreren Dienern,
ihm zu folgen, und findet die junge Lady an dem Sarge ihrer Mutter; er entreit
ihr den Schleier, der sie umhllt, und die Aehnlichkeit mit seiner Schwester,
die sich nun ihm zeigt, verwirrt ihn so, da er einen Geist zu sehen glaubt.
Feuergeschrei giebt ihr Gelegenheit, mit Gersem zu entfliehn. Das Feuer leitete
den Grafen nach einem vorher bersehenen Theile des Hauses; er fand eine halb
verbrannte Frau; Mistre Hanna war es. In den Flammen, welche die von ihr im
Schlaf umgestoene Kerze entzndet hatte, erwacht und von Auen eingeschlossen,
hatte sie ein Fenster aufgerissen, wodurch das Feuer nur mehr um sich griff, bis
die Thr verbrannt einstrzte und Hlfe von Auen kam. Kaum war die Gefahr
vorber, so vermite der Graf die Flchtlinge. Schlo, Garten und endlich die
angrenzenden Gehfte wurden durchsucht; ein Hirtenknabe verrieth die Fliehenden,
die, um schneller zu entkommen, Pferde in einer Meierei genommen hatten.
    Die Schnheit des Fruleins, das Geheimnivolle ihrer Auffindung und Flucht,
Alles bringt den Herrn Grafen in Wuth, er selbst setzt sich mit mehreren Dienern
zu Pferde und bald hat er sie erreicht. Gersem setzt sich zur Wehre; ein Hieb
ber den Kopf streckt ihn nieder und giebt das sterbende Frulein in die Gewalt
des Grafen. Da ihr Leben entflohn zu sein scheint, kehrt er zur Nacht in eine
Htte ein, um Wiederbelebungsversuche zu machen, whrend der schwer verwundete
Gersem nach dem Schlosse voran gesendet wird. Aus jener Htte nun ist das
Frulein aufs Neue durch ein Fenster entflohn, und ob nun der Herr Graf durch
das bereits Geschehene etwas die Lust verloren hatte oder die Unglckliche
wirklich bald in Sicherheit kam, genug der Herr Graf kehrte nach mehreren
Versuchen, sie aufzufinden, unverrichteter Sache zum Schlosse zurck. Er fand
hier viel zu thun, das Feuer brannte noch; Gersem und Mistre Hanna waren
sterbend. Er schickte nach einem Arzt, dem er empfahl, das Schlo nur nach der
Genesung Beider zu verlassen; allen Hausgenossen aber ward ber das Geschehene,
bei Verlust des Dienstes, das strengste Geheimni anbefohlen. Sodann reisete er
ab, ich denke, ein wenig verlegen, wie der Herr Herzog die Sache beurtheilen
werden, da dieselben oft in Bezug auf die Handlungen Anderer kritischer sind,
als nach ihren eignen zu erwarten stnde.
    Der Herr Graf hatte brigens gewnscht, dem Herrn Herzog Nachricht ber die
junge Lady zu geben, ber deren Zusammenhang mit der verstorbenen Dame er nicht
ohne Verdacht geblieben war. Bei Gersems angehender Besserung versuchte ein
Abgesandter des Herrn Grafen ihn auszuforschen; aber Gersem war ganz
unerbittlich. Auf die Frage, wer sie sei, hat Gersem geantwortet, da er es
nicht wisse; auf die Frage, wo sie sei, hat der Schmerz, den er geuert, nur zu
sehr besttigt, da er sie selbst verloren habe, und das Einzige, was er nicht
verborgen, war sein frherer Entschlu, die Lady nach London zu bringen.
    Dessen ungeachtet ist es gelungen, den Aufenthaltsort der jungen Dame
auszuforschen, denn der Herr Graf wnschten sie wieder in Verwahr zu nehmen, und
lieen daher von Alois und seinen Leuten die Gegend aussphen, da zu erwarten
stand, da diese junge und zarte Dame nicht sehr weit vorgedrungen sein knne,
ohne Schutz und Hlfe in der Nachbarschaft zu finden, was ihre Entdeckung
erleichtern mute.
    Dies besttigte sich auch bald. In der Gegend von Cheffield stie nmlich
Alois in Bettlertracht auf eine glnzende Cavalcade von Herren und Damen, in
deren Mitte die junge Lady Maria, die Alois sogleich wieder erkannte. Es waren
Damen und Herren aus Godwie-Castle, und der junge Herzog von Nottingham an der
Spitze des Zuges. Eingang in das Schlo zu gewinnen, war zwar leicht, da jedem
Bedrftigen Nahrung gereicht wird, aber die junge Dame von dort zu entfhren,
schien unmglich, da sie im Schoo der Familie von allem, was die Etikette und
die Sicherheit erfordert, umgeben lebt, und der Graf haben nunmehr das Weitere
bis zur Ankunft des Herrn Herzogs aufgeschoben. -
    Mazarin hatte mehrere Male, whrend der Alte, ohne einzuhalten, seine
Berichte mit der aufs Neue besttigten Devotion gegen die Befehle des Ordens ihm
vortrug, auf einer kleinen Tafel neben sich einige Worte notirt, whrend sein
scharfes Auge, dann wieder halb gesenkt, keinen Zug, keine Bewegung des
verfhrten Greises verabsumte. Auch gehrte die Mimik des Alten sehr wesentlich
zu seinen Worten. Obwol zu dem blassen, drftigen Ausdruck, der in seinen Zgen
herrschend war, zurckgekehrt, und ohne den Blick beim Sprechen aufzuschlagen,
hatte er eine Art, mit der seitwrts am Leibe niederhngenden Hand hinterwrts
ganz wenig und blitzschnell in die Luft zu haschen; und diese Bewegung war, von
einem Lcheln um den Mund begleitet, so bitter und verchtlich, da es die
innere Verdammung der Sache andeutete, wenn auch die Worte seines Mundes nie
ber die devote Sprache des demthigen Dieners sich erhoben.
    Mazarin sah so vor seinen Augen die Personen bezeichnen, gegen die der
Privatha des Alten den Eifer untersttzte, zu dem er im Bunde des Ordens
verpflichtet war. Wenn er auch im Ganzen einen solchen Verrath innerer Meinungen
tadeln mute, als eine mangelhafte Ausbildung an einem Schler der heiligen und
strengen Vter, deren erste Regel die vollkommene Beherrschung des Aeuern war,
so glaubte er sie doch weniger in diesem Falle rgen zu drfen. Die Zeit hatte
hier lngst jeden Verdacht entkrftet, da der Greis mit dem vollstndigsten
Verrathe seines Prinzen zugleich eine Sorgfalt und aufopfernde Liebe fr
denselben verband, von der er zu viele Beweise gegeben, um nicht von ihm als ein
vllig geprfter und bewhrter Diener zum Theilnehmer an den wichtigsten
Beziehungen seines Lebens gemacht zu werden.
    
    Auch hteten sich die klugen Vter sehr wohl, den Alten auf Proben des
Gehorsams zu setzen, die gegen die scheinbare Treue, welche sich Porter in der
persnlichen Behtung des Prinzen vorbehalten hatte, stritten, frchtend, der
Gehorsam desselben knne sich dort zu ihrem Nachtheil zeigen, da seine oft
erregten Gewissensskrupel schon jetzt der Gesellschaft des Prinzen zuzurechnen
waren, dessen reiner, gerechter und tugendhafter Sinn auf die sophistischen
Lehren und Grundstze, welche Porter erzogen hatten, bedenklich einwirkte. Im
Gegentheil wute man ihm sein schweres Amt stets aus dem Gesichtspunkt einer
aufopfernden Liebe fr den Prinzen darzustellen; derselbe solle geschtzt werden
gegen Feinde des Thrones, er solle dadurch dem Einflu der heiligen Vter
erhalten werden, die bei ihrer groen Liebe zu dem hoffnungsvollen Prinzen ihn
aus der schrecklichen Gefangenschaft der Ketzerei dereinst zu erlsen hofften.
    Weiter reichten die wohl erwogenen Fhigkeiten Porters nicht; hierzu hatte
er aber die den geringeren Stnden oft in hohem Grade eigene Beobachtungsgabe,
und seine Meldungen haben bewiesen, da er weder etwas Wesentliches bersah,
noch ber die Mittel, sich in Kenntni zu setzen, verlegen war. Er war so im
Mittelpunkt des Hofes eine unschtzbare Person geworden, die man dabei mit
nichts weiter zu nhren hatte, als mit den fanatischen Mitteln der heiligen
Kirche und der gleich groen Furcht, welche die vornehmen und mchtigen
Ordensbrder ihm einzuflen wuten. Sein natrlicher Hang zur Intrigue, der,
von Jugend auf in ihm entwickelt, jetzt der einzige Reiz seines den, von allen
wrmeren Beziehungen des Lebens vllig entblten Daseins ausmachte, unterhielt
diese Absichten.
    Vorerst, sprach Mazarin mit der Klte des Obern, welcher den befohlenen
Bericht angehrt, wirst Du mir jetzt zu hinterbringen wissen, was Buckingham
ber das heut Erfahrene beschliet, ob er den Aufenthalt der Lady kennt, und was
er ihr zugedacht? Zweitens, setzte er hinzu, indem ein etwas rtherer Glanz um
seine Zge spielte und einer jener stechenden Blicke hervor brach, wodurch er
zuweilen sein Herz erleichterte, zweitens will ich jeden Boten, jeden Brief, den
Buckingham oder Membrocke in dieser Zeit absendet, vorher gesehn haben. Devenant
wird dies als eine kleine vorlufige Begrung ansehn, setzte er hinzu, einen
schweren grnseidnen Beutel Porter darreichend. Solltest Du, mein ehrlicher
Freund, fr den solche Dinge keinen Werth haben, solltest Du nicht Auslagen
gemacht haben? Der Orden wrde es verweigern, Deine Rechnungen zu sehen, da Du
aber an der Kasse heiliger Zwecke Deinen Antheil hast, so nimm dies vorlufig;
Du darfst solche elende Mittel nicht schonen. - Porter nahm mit vllig
gleichgltiger Miene eine hnliche Summe, indem er mit Stolz hinzusetzte:
Bemerkt wohl, nicht in meinem Interesse empfange ich dieses elende Mittel, wie
Ihr mit Recht sagt.
    Ohne zu antworten, wandte ihm Mazarin den Rcken. Er hatte Erfahrungen genug
gemacht ber die Wirksamkeit dieser Mittel, und hatte nie ermangelt, die
Empfnglichkeit dafr in seinen Werkzeugen zu unterhalten, wenn es auch bei
Porter nur zu den Nebenwirkungen diente, die nicht ausbleiben durften. Dieser
hatte die Befehle fr seine nchsten Dienste mit aller Unterwrfigkeit empfangen
und sich dann auf demselben geheimen Wege entfernt, der ihn sicher hierher
gefhrt, whrend Mazarin sich den Hnden Benvilles bergab, um nach einem hchst
bewegten Tage sein Lager und den Schlaf zu suchen, wenn er dem willig erscheinen
mchte, vor dessen Seele das Leben gerade nur so viel Werth und Bedeutung hat,
als er durch eignen Willen hinein legt. Diese Ansicht macht allerdings die Sorge
fr den kommenden Tag zu einer Aufgabe unserer Willkr, jenen Frieden, jene Ruhe
fern haltend, welche willig nur den erreichen, dem die Ueberzeugung von der
eignen Kraftbegrenzung zum freudigen Vertrauen wird auf eine hhere, berall
ausreichende Kraft.

Es wrde schwer sein, in das Chaos der Gedanken, welche in Buckingham wogten,
einzudringen; er fhlte jedoch die Nothwendigkeit eines zu fassenden
Entschlusses, weil das wiederkehrende Bewutsein des Prinzen sogleich
entscheidende Anforderungen hervorrufen konnte, denen irgend eine Richtung zu
geben, er alsdann gerstet sein mute.
    Die Ueberzeugung erbitterte ihn, da ihm ein so wichtiges Geheimni entzogen
ward, da seine heimlichen Spione eine so groe Begebenheit in seinem nchsten
Interesse bersehen konnten, da der Prinz, den er so lange als einen unmndigen
Knaben aus Gnade geduldet und geschont hatte, ebenso seine Schwester, die als
unbrauchbar von ihm verachtet und vergessen war, da Beide ihn so zu tuschen
vermocht, ihm das entzogen hatten, was seinem Ehrgeiz aufs Hchste geschmeichelt
und ihn zum Meister alles Glanzes erhoben haben wrde. Dies Mittel, Bristol
mitten in seinen Operationen tdtlich zu treffen und die Familie dessen auf die
hchste Stufe zu heben, welchen dieser unerschtterliche Mann stets mit der
verdienten Nichtachtung behandelt hatte; dies Ereigni endlich, welches er
selbst herbeizurufen bemht gewesen war, ehe die Erhebung des Prinzen zum
Thronerben ihn an der Mglichkeit hatte verzweifeln lassen, welches nun ohne
seinen Willen, seinen Schutz dennoch geschehen; dies alles und die hieraus
hervorgehende beschmende Ueberzeugung, da seine Macht nicht berall ausreiche,
brachte in ihm einen Groll, eine Wuth hervor, die jeder andern Rcksicht
vorherrschen wollte. Da dies Gefhl gemigter in ihm geworden wre, htte
seine Schwester noch gelebt, und wre das noch zu erringen gewesen, was ihm so
groe Befriedigung verhie, scheint uns allerdings wahrscheinlich. Ihr Tod aber
machte den Prinzen wieder zu einem freien Eigenthum des Staates, und er sah
voraus, da diese versumten Vortheile, wenn sie bekannt wrden, ihn in den
Augen seiner Feinde mehr lcherlich, als beneidenswerth machen wrden. Er mute
sich mit Zhneknirschen gestehen, da er dem Prinzen bei der Reise nach Spanien
als Werkzeug von Plnen gedient, die ihm so nahe lagen, und worber ihm dennoch
das Vertrauen entzogen ward, whrend er whnte, den Prinzen zu dieser Reise in
dem Interesse seiner Plne gegen Bristol benutzt zu haben. Fr so viele
Demthigungen und so vielen mglich gewesenen Vortheil schien ihm eine
knigliche Nichte ein trauriger Ersatz. Sie war ihm in seinen bis jetzt
verfolgten Plnen sogar lstig und hinderlich, und alle Krnkungen, welche sein
stolzes Herz durch die Urheber ihres Daseins empfangen zu haben glaubte,
vereinigten sich in Widerwillen gegen dies unschuldige Wesen, das zu opfern, ihm
nur eine sehr geringe Befriedigung der Rache fr so viele ihm zugefgte Unbilden
schien.
    Zwar mute er sich sagen, da die Erklrung ihres rechtmigen Daseins vor
der Welt, in Spanien nur vollenden mute, was er begonnen, aber diese Sache war
fr ihn abgemacht; denn Spanien hatte bereits Noten berreicht, die nicht nur
jede Tuschung ber etwaige freundschaftliche Verbindungen oder nhere
Verhltnisse aufhoben, sondern sogar auf offene Feindschaft deuteten; ja, er
wollte diesen Bruch, den er, ber Bristol triumphirend, sich allein
zuzuschreiben trachtete, nicht scheinbar der Bekanntwerdung einer allerdings
unter allen Umstnden beleidigenden und trennenden Veranlassung beigemessen
wissen.
    Man sollte sagen: Buckingham habe diese Verbindung nicht gewollt, also hat
er sie getrennt. Ebenso wenig pate die Lautwerdung dieser geheimen Verbindung
zu den neueren Absichten Buckinghams, die er angeknpft, um das groe Werk einer
Vermhlung des Prinzen nicht allein dem Grafen Bristol zu entreien, sondern
sich selbst anzueignen.
    Er hatte die unbesonnene Reise des Prinzen nach Spanien durch Frankreich
geleitet, und indem er den Hof Ludwigs des Dreizehnten durch die natrlichen
Vorzge des Prinzen gewinnen lie, und der Prinz die aufblhende Schnheit der
Prinzessin Henriette, der reizenden Tochter Heinrichs des Vierten, kennen
lernte, wute er Richelieu fr eine Verbindung Beider zu stimmen, ihm den
Prinzen schon jetzt liebend zu schildern und, was seinen Besuch in Spanien
betraf, der wahren Absicht die Lge unterzuschieben, da es dabei auf
Henriettens Besitz abgesehen gewesen sei.
    Richelieu hatte fr den Augenblick kein Bedenken, zu thun, als ob er
Buckingham Alles glaube. Diese Verbindung war ihm gelegen. Was ihr entgegen
stand, kannte Richelieu besser, als Buckingham. Er war jedoch weit entfernt,
diese Schwierigkeit hervor zu heben, die er im Gegentheil sehr bemht gewesen
war Buckingham verbergen zu helfen, zumal da deren Kenntni damals, wo die
Schwester des Herzogs noch am Leben war, nur zu gewi in den Plnen desselben
eine Diversion gemacht htte. Richelieu war daher entschlossen, erst dann den
Herzog die Entdeckung machen zu lassen, wenn er weit genug die Sache betrieben
haben wrde, um dann aus Stolz sie fortsetzen und nothgedrungen selbst die
Hindernisse entfernen zu mssen. Wenn jedoch der Herzog von Buckingham seinen
Stolz darein setzte, als eine mchtige diplomatische Person dazustehn, war sein
Karakter doch zu sehr die Beute aller Leidenschaften, um eine solche Stellung
mit Consequenz und Ueberlegenheit durchfhren zu knnen, und der Leichtsinn und
der Uebermuth seines ganzen Wesens verstrickte ihn oft zur selben Zeit, wo er
das ernsteste Ziel verfolgen wollte, in tausend Nebendinge, die es dem Zufall
anheim gaben, was aus der Hauptsache werden sollte.
    Da dessen ungeachtet ihm so viel gelungen, stand er nicht an, seinen
Talenten beizumessen, wie sehr es auch nur seinen geschickteren Emissren oder
der Furcht vor seiner zgellosen Rachsucht zuzuschreiben war.
    Auf gleiche Weise wute er dieser mit Frankreich angeknpften Verbindung
auch dies Mal eine Beimischung einer Thorheit zu geben, die allein hinreichend
war, ber seine Person die tdtlichsten Gefahren zu bringen, und ihn vllig
untauglich machen mute, die Rolle des Unterhndlers, wonach sein ganzer Ehrgeiz
trachtete, weiter durchzufhren.
    Anna von Oesterreich, die Gemahlin Ludwig des Dreizehnten, lebte an dem Hofe
ihres Gemahls wie eine Verstoene. Dreizehn Jahre lang war eine der schnsten
und geistvollsten Frauen, die jemals einen Thron geziert, der Gegenstand eines
unberwindlichen Widerwillens ihres Gemahls gewesen. Jung und von stolzer
Gemthsart, ertrug sie ihr hartes Loos nur mit tiefstem Verdru, und wute ihren
Wandel nicht vor dem Vorwurf zu bewahren, da sie ihr Loos verdient habe. Wie
konnte Buckingham einer Frau, deren sonderbare Verhltnisse kein Geheimni
waren, und deren bezaubernde Schnheit ihn augenblicklich zum Thoren machte,
gegenber stehen, ohne sich jeden Versuch zu erlauben, den die freche
Zgellosigkeit eines verwhnten Wstlings ersinnen mag, das Herz und Gewissen
eines leidenschaftlichen Weibes zu bethren.
    Da Richelieu auch dies kannte, war gewi, da er jede Verbindung der
unglcklichen Knigin wute, ja, leitete; aber er hatte, durch die Launen des
Herzogs begnstigt, hier einen Wchter gefunden, wie ihn Buckingham sich nicht
trumen lie, und der ihn dehalb um so sicherer durchschaute und umstrickte.
    Mazarin, dessen unschnes Aeuere jeden Verdacht der Art von ihm zu
entfernen schien, hatte durch den langsamen Zauber der Gewhnung, durch einen
vielseitig gebildeten Geist, durch ein sanftes, von kleinen Launen und
Eigenheiten pikant gemachtes Wesen, und vor Allem durch den dargelegten Ausdruck
einer anbetenden unglcklichen Leidenschaft fr die Knigin, endlich das eitle
und stolze Herz dieser leidenschaftlichen Frau erweicht. So stark gefesselt, und
stets noch mehr sie unterjochend durch seine scharfen und launenhaften
Sonderbarkeiten, die zu ertragen er sie gewhnte, blieb er, wenn auch in
Wahrheit mit italienischer Wrme sich hingezogen fhlend, doch stets Beherrscher
dieser Empfindung, um sie den Umstnden und uern Verhltnissen unterzuordnen.
So war ihm der mchtige Einflu gesichert, der ihm aus dieser Empfindung fr die
Zukunft erwuchs. Aber er besa, bei aller Ruhe, womit er unter den Augen und mit
der Beistimmung Richelieus diese Verbindung zu seinen Absichten zu lenken wute,
doch einen Grad von Eitelkeit, der sich bei unschnen Mnnern um so heftiger
zeigt, als sie gezwungen sind, dieselbe eben um der ihnen verweigerten uern
Vorzge willen zu verbergen. Er fhlte sich innerlich unsglich geschmeichelt,
dieser schnen geistreichen und hochfahrenden Knigin eine Leidenschaft
eingeflt zu haben, durch die ihr ganzer Karakter aus den Fugen trat und zum
willenlosen Spiel seines Willens ward. Die Gefahr eines Verlustes der so
errungenen Gewalt fr unmglich zu halten, war vielleicht die grte Tuschung
dieses klaren Geistes, und es konnte nur der feinen Phantasmagorie seiner
erwhnten Eitelkeit gelingen, ihn darber sicher zu stellen.
    Wie mute er daher Buckingham ansehen, der, ohne in ihm seinen Gegner zu
ahnen, ihn fast berrennend, mit der rcksichtslosesten Zuversichtlichkeit und
dem ganzen Ungestm des schnen Mannes dem Ziele zustrmte, welches er fr einen
Andern fast nicht erreichbar whnte. Noch war Buckinghams Besuch zu kurz
gewesen, noch trieb die zrtliche Frau, Mazarins Eifersucht in ihrer tdtlichen
Strke ahnend, nur Spott mit seiner tollen Leidenschaft; aber schon gefiel sich
ihre Eitelkeit in der Bewunderung des wegen seiner Schnheit und Galanterie
berhmten Mannes. Mazarin sah sie mit ihm die kleinen Knste treiben, die ihn
freilich nur verfhren sollten, um ihn zu verspotten, aber geweckt aus seiner
wohlgeflligen Sicherheit, lie er sich nicht mehr tuschen, und fand sich zum
ersten Male durch das mchtigste Gefhl in seinen politischen Ansichten und
Beschlssen gestrt. Richelieu durchschaute ihn sogleich und ertheilte ihm in
der Stille nur noch eine bedingte Wirksamkeit in den Angelegenheiten, welche die
Hfe von Frankreich und England nach Buckinghams Absichten nher verbinden
sollten.
    Doch war es Buckingham bei seiner Rckkehr vorbehalten, den Gegner zu
erkennen und zugleich die ans Fabelhafte grenzende Leidenschaft der Knigin fr
diesen fast hlichen, ernsten und abgemessenen Sonderling. Seine Wuth darber
kam nur dem Verlangen gleich, diesen ihm so unwrdig scheinenden Gnstling zu
strzen, und die Eitelkeit der Knigin untersttzte nur zu sehr die
Unternehmungen des wilden Mannes.
    Der Herzog verlie Frankreich mit dem Versprechen, als ffentlicher
Gesandter und Bewerber um die knigliche Prinzessin wieder zu kehren, und ein
Verhltni alsdann fortzufhren, welches der Leichtsinn der Knigin schon jetzt
begnstigte. So bermthig er aber seine Absichten betrieb, fhlte er dennoch,
da seine Lage nicht ohne Schwierigkeiten sein wrde. Richelieu war stets sein
heimlicher Feind gewesen, stellte sich ihm jetzt aber als von gleichem Interesse
und den schmeichelhaftesten Gesinnungen belebt gegenber. Wie wenig er inde
demselben trauen durfte, zeigten die von der Knigin empfangenen Warnungen, die
ihn zwangen, vorerst schneller abzureisen, um unter einem offiziellen und seine
Sicherheit sanctionirenden Karakter wiederzukehren. Auch war dieser ganze
Vermhlungsplan vorerst Eigenthum seines Kopfes, womit er jedoch leicht fertig
zu werden meinte, da er damit am sichersten Knig Jakobs Schmerz ber die
Zerstrung seiner Plne in Spanien zu beruhigen dachte. Auch durfte er bei der
Schnheit der Prinzessin Henriette die Einwilligung des Prinzen um so eher zu
erhalten hoffen, als dieser von der freisinnigen Bildung dieser Frstin keinen
nachtheiligen Einflu derselben als Katholikin zu frchten hatte.
    Schon hatte Jakob, unfhig, dem halb zrnenden, halb schmeichelnden
Buckingham zu widerstehen, zu Allem seine Einwilligung gegeben, whrend die
Bewunderung des Prinzen fr die bezaubernde Henriette von Frankreich ihm zur
Zeit die seinige gleichfalls zu sichern schien; genug, der ersehnte Augenblick
war nah, der ihn in dem vollen Glanze eines Bewerbers fr seinen Prinzen an den
Hof zurckrief, wo er hoffen durfte, unter dieser uern Bestimmung die geheimen
Wnsche und Absichten seines sittenlosen Herzens zu verfolgen. Wie mute er
daher die Hindernisse aufnehmen, die sich ihm durch die Mittheilungen des
Prinzen einzuleiten schienen, und wie die Ankunft des verhaten Mazarin, der
sich nie ohne wichtige Absichten einzufhren pflegte und den er in so vielen
Beziehungen zu frchten hatte. Aber Hindernisse sind fr intriguante Menschen
nur ein erhhtes Lebensprinzip, durch sie wird dem Verlangen, ihre Absichten zu
erreichen, noch die besondere Freude, ihre Gegner zu demthigen, beigesellt.
    Wir verlassen einstweilen diesen Schauplatz der Leidenschaften, uns mit den
Andeutungen begngend, deren weitere Entwickelung dem Verfolg unserer
Mittheilungen vorbehalten bleibt.

In Burton-Hall hatte sich auer dem Familienkreise des Grafen von Dorset eine
zahlreiche Gesellschaft von jngern und ltern Personen aus der Nachbarschaft
gesammelt, welche das gastfreie Schlo der allgemein verehrten alten Herzogin in
seiner weiten Ausdehnung anfllte, und das heitere Leben eines fortlaufenden
Festes darin verbreitete.
    Die schnen Tage des Herbstes und die groen wildreichen Forsten, die
Burton-Hall umzogen, waren eine reiche Quelle von Vergngungen fr die Herren
der Gesellschaft, und selbst die Damen verschmhten in der damaligen Zeit
keinesweges, diesen Freuden mit einiger Begrenzung ihrer persnlichen Thtigkeit
beizuwohnen. Ein Jagdzug gewann allerdings dadurch an mannigfachem Interesse, da
in Gegenwart schner Augen es oft noch ein lockenderes Ziel galt, als mit dem
ersten sichern Schusse den zierlich dahin fliegenden Hirsch oder den wthend
hervorbrechenden Keiler zu erlegen, und wenn auch dies Gelingen nicht fehlen
durfte, suchte man doch mit gehriger Kraft und Anmuth Pferd und Waffe dabei zu
regieren, ein andres Ziel noch auer diesem im Sinne tragend. Denn wo die
Schnheit der Frauen in der Brust des Mannes ein erhhtes Leben verbreitet, da
freut er sich, ein stolzes, wildes Pferd zu besteigen, das von seiner Kraft und
seinem Muthe sich bndigen lassen mu, und sein Herz jauchzt der kleinen Gefahr,
wenn er im schlauen Aufblick das holde Antlitz der ngstlich Lauschenden sich
entfrben sieht, oder den zarten Lippen der Laut des Schreckens entschwebt.
    Doch war so leichter Ruhm in jener Zeit, in welcher wir mit unserer
Gesellschaft uns befinden, nicht wohl zu gewinnen, denn muthig, gewandt und mit
mancher Gefahr des frhlichen Waidwerks vertraut, waren auch die englischen
Damen damals gewohnt, zu Rosse sich lustig zu tummeln, und es galt die volle
Anstrengung der zrtlichen Kavaliere, durch ihre Thaten Beifall oder Antheil zu
erregen.
    Diese Freuden, welche Burton-Hall so schn begnstigte, wurden durch den
reich begabten See, der gegen Sden, zunchst dem kleinen Flecken Burton, den
Park begrenzte, anmuthig vervielfacht, und nach dem Umherschwrmen im Freien
luden die Hallen und Gemcher des Frstlichen Hauses zu anmuthigen Spielen und
Tnzen fr die Jugend, whrend die lteren Mnner und Frauen in den angrenzenden
Gemchern um die alte Herzogin in traulich ernstem Gesprch versammelt blieben.
    Noch immer beobachtete die jngere Herzogin von Nottingham in diesem Kreise
die ernste, verschlossene Haltung der trauernden Witwe. Sie suchte zwar vermge
der feinen Weise ihrer Erziehung die Heiterkeit um sie her nicht zu stren, und
wute stets mit vollkommener Hochachtung gegen den Willen der heiteren,
verklrten Aeltermutter ihr eigenes Gefhl einer anstndigen Willfhrigkeit
unterzuordnen. Aber sie konnte nicht wohl irgendwo erscheinen, ohne den Einflu
ihres Karakters selbst gegen ihren Willen um sich zu verbreiten, und Jeder
glaubte eine Anforderung zur Beherrschung seiner eigentlichen Stimmung in ihren
kalten, strengen Augen zu lesen.
    Wenn die Jugend sich hiervon ausgenommen zeigte, so war es die
Unbefangenheit und die geringere Wahrnehmung fremder Individualitten, die
diesem glcklichen Alter noch eigen ist, auch wol die natrliche Entfernung, in
der Alter und Rang die Herzogin hielt, und welche zu verringern, sie weder die
Neigung, noch das Geschick ihrer liebenswrdigen Schwiegermutter besa. Zwar
vermite sie die Abwesenheit ihrer beiden Shne in diesem Zirkel, der sonst alle
die einander befreundeten jungen Leute umschlo, mit mehr Schmerz, als sie sich
eingestehen wollte. Die Erweichung inde, welche der groe Gram um den Tod ihres
Gemahls, und die folgenden uns bereits bekannten Umstnde in ihr hervorzurufen
vermochten, war diesem Gemthe ein zu fremder Zustand, als da mit der
anscheinenden Entfernung dieser letzten, ihr bereits so nah gerckten Sorgen
nicht die stolze Sicherheit wiedergekehrt wre. In der langen Verwhnung des
Glcks war sie ihr zu sehr eigen geworden, ja, es mochte Augenblicke geben, in
denen sie das rcksichtslose Vertrauen gegen ihre Schwiegermutter bereute und
voll Erstaunen des Zustandes gedachte, der sie an ihrer eigenen Kraft hatte
verzagen lassen. Sie suchte sich mit ihrem Stolze, mit dem unlugbar
untergrabenen Zustand ihrer Gesundheit zu entschuldigen, und in einem vllig
entschlossenen und khlen Benehmen sich selbst der ferneren Theilnahme ihrer
Schwiegermutter zu entziehn. Wie schonend und wahrhaft gtig diese edle Frau
auch dies Vertrauen aufgenommen hatte, so nahm doch keine Gewalt der Herzogin
das verletzende Gefhl, vor ihr als eine ungeliebt gewesene Gattin dazustehn,
die nur den zweiten Platz in dem Herzen des langbesessenen Gatten zu erringen
gewut. Auch lastete die Gegenwart des Wesens, dem sie eine so wichtige
Beziehung geben zu mssen glaubte, auf ihr, und hinderte nicht allein fr den
Augenblick das Vergessen dieser schmerzlichen Stunden, sondern hielt stets eine
nagende Furcht vor der Zukunft in ihrem Busen fest.
    Gewi war die strenge Rechtlichkeit, welche diesen Karakter auszeichnete,
nthig, das bittere Gefhl, welches sich gegen die junge Lady in ihr regte, so
weit zu beherrschen, da sie das hlflose Wesen nicht zu entfernen suchte und
ihr eine Existenz geben lie, den Ansprchen gemer, die alle uern Umstnde
ihr anzuweisen schienen.
    Der Bischof von Edinburg hatte schon lngst die Abwesenheit des Master
Brixton angezeigt, welcher sich mit besonderen Auftrgen der schottischen Kirche
seit lngerer Zeit in London befand, dieser Antwort jedoch die bestimmte
Erklrung hinzugefgt, da der Graf und die Grfin von Melville kinderlos
verstorben, und ihre weitluftigen Besitzungen in Schottland an eine entfernte
Linie gefallen seien, die Verfgung ber ihre kleinere Besitzung an der Grenze
von Schottland befinde sich inde zu einer noch unbekannten Bestimmung unter
Administration des Staates; welches alles, nchst den veranlaten kirchlichen
Nachweisungen, berall das Dasein eines natrlichen Erben zu verneinen schien.
So waren Maria's Ansprche, diesen Erklrungen zufolge, vorlufig in ein
trostloses Nichts zerfallen, und der Herzogin ein vollstndiges Recht gegeben,
eine junge Person, ber deren ganzer Existenz so viel Dunkel ruhte, mindestens
aus dem Kreise ihrer Familie zu entfernen. Das Gegentheil mute als eine fast zu
weit getriebene Gromuth erscheinen; auch frchtete die Herzogin, diese
Handlungsweise mchte sich tadeln lassen und der streng behaupteten
aristokratischen Wrde ihres Hauses nicht angemessen erscheinen. Aber wenn sie
auch, so von ueren Umstnden untersttzt, unter dem Gedanken aufathmete, sie
knne wohl diese so schmerzlich strende Person in eine anstndige
Zurckgezogenheit von sich und ihrer Familie verbannen, dann traten wieder die
geheimen, aber von ihr selbst zugestandenen Rechte dieser Unglcklichen vor ihre
Seele, und das Bild dessen, dem sie im Leben aus unbegrenzter Liebe so viel
vergeben, schwebte ihrem Geiste vor und untersttzte den rechtlichen Muth, der
in ihr so oft die Regungen der Leidenschaft besiegte.
    Nach solchen Siegen konnte sie sogar ihren Anblick ohne Bitterkeit und mit
jenen ernsten Regungen von Gefhl ertragen, die jene ihr abzugewinnen gewut
hatte; ja, es lag, ihr vielleicht unbewut, in dieser milderen Fassung noch
jetzt ein mit dem Todten fortgesetzter Kampf um das Verdienst seiner alleinigen
Liebe. Sie hatte vorlufig ihrem Schtzlinge ohne weitere Beschrnkung den Platz
gelassen, auf den ein von der Natur verliehenes Recht sie anzuweisen schien; und
wie auch die strksten Geister in ihrer eigenmchtigen Schicksalsfhrung an
Grenzen gerathen, die sie eine auer sich wirkende Macht anerkennen lassen, so
fhlte die Herzogin auch hier sich an einer Grenze, jenseits welcher ihr Geist
keine Haltungskraft mehr fand. Sich so hufig von diesem Gegenstande ermdet
fhlend, kam sie endlich zu der bis dahin ziemlich fremden Hoffnung, dem Zufall
seinen Antheil an dieser Begebenheit zu gnnen, whrend sie sonst stets sich
geschickt geglaubt hatte, seine Darbietungen zu leiten und zu benutzen.
    Es war ihrem geliebten Richmond gelungen, den jungen Herzog von der
Unzulssigkeit seiner Verbindung mit dem unbekannten Wesen zu berzeugen, welche
wohl seine menschliche Gte in Anspruch nehmen, ihn aber nie von einer so weit
gediehenen und mit seiner Ehre verflochtenen Verbindlichkeit abziehen drfte,
wie seine bereits anerkannte Verbindung mit Anna Dorset war. Glcklich hatte
auch die wohl berlegte, schnelle und heimliche Abreise der alten Lady
mitgewirkt, welche den Gegenstand dieser unglcklichen Leidenschaft mit sich
fhrte, ohne da dem Herzoge Zeit zum Abschiede geblieben wre; denn Richmond
selbst hatte, ihren Anblick vermeidend, sich zum bestndigen Begleiter seines
trostlosen Bruders gemacht und ihn so am besten von jeder neuen Erschtterung
abzuhalten gewut.
    Was auch der Himmel an mannigfachen Leiden in den Tagen der Jugend an
unserem Leben versuchen mag, die eigentliche Weihe zum Schmerz empfngt das arme
Herz erst in dem Kummer hoffnungsloser Liebe! Der bunte Teppich des Lebens
entfrbt sich, die Schwermuth ruht wie ein groer, mchtiger Vogel mit
ausgebreiteten Flgeln auf unserer Stirn. Unter seinem Drucke scheint unser
Geist zu schwinden, und die Klarheit des Himmels verhllt sich in seinem weichen
Flgelschlag. Je wunderbarer die Erhhung des ganzen Daseins durch eine
wahrhafte Liebe wird, und die Kraft und den Muth der Jugend zu den idealsten
Bestrebungen reift, desto tiefer greift alsdann das Absterben dieses Antriebes
in das innerste Leben ein. Wir begreifen nicht, wie wir weiter leben knnen, und
was berhaupt noch in der Welt fr uns zu thun sein knnte, und es ist ein
drrer, der Pfad, der von da an uns zu wandeln angewiesen wird, und der nur
langsam endlich in die breiten, heiteren Wege des Lebens wieder einlenkt.
    In dieser Stimmung folgte der junge Herzog seinem Bruder und dem Grafen
Archimbald nach London, wohin diese sich eilig zu begeben hatten, da die Lage
des Grafen von Bristol in Spanien die Thtigkeit seiner Verwandten in England
allerdings nthig zu machen schien.
    Es war kein Geheimni mehr, da Buckinghams Wille die wohl eingeleitete
Verbindung des Prinzen von Wales mit der Infantin getrennt hatte. Keinen Zweifel
hatten die Freunde des Grafen Bristol, da dies hauptschlich zu seiner Krnkung
geschah, und eben so wenig zweifelten sie an den weiteren Schritten des durch
Bristols Tugenden beleidigten Buckingham.
    Noch war Spanien nicht gesonnen, um der Privat-Sache dieser englischen Lords
willen die Beleidigung weniger zu empfinden, die, nach dem auffallenden Schritt
des Prinzen von Wales, eine allzu groe Krnkung fr die Infantin war, um nicht
eine ernste und drohende Stellung dort zu rechtfertigen. Schon waren
gegenseitige Demonstrationen erfolgt, die Bristols Weisheit nicht mehr hoffen
durfte gegen den persnlich beleidigten Herzog von Olivarez zu friedlicher
Ausgleichung zu bringen. Doch mit Schmerz mute er gewahren, da ihm dies
unverschuldete Unvermgen durch Buckinghams Einflu zum Verbrechen gemacht
wurde, und er den Ausbruch eines Krieges, dessen Wahrscheinlichkeit vor Augen
lag, mit seiner Zurckberufung und Anklage wrde bezahlen mssen, von deren
Ausgang er unter den obwaltenden Umstnden wenig zu hoffen hatte.
    Die bedrohte Lage des hochverehrten Vaters blieb der Herzogin von Nottingham
bis dahin noch ein Geheimni, und die politischen Beziehungen, die durch die
Auflsung der Verbindung beider Hfe ganz England beschftigten, motivirten auch
die Gegenwart ihrer Verwandten in London hinreichend, und waren ihr in einem
Augenblick willkommen, wo es ihr um die Entfernung und Zerstreuung des jungen
Herzogs zu thun war, die nicht fglicher, als im Interesse fr den geliebten
Prinzen von Wales, zu erreichen standen. Sie war daher berrascht, in einem
sptern Briefe die baldige Ankunft Richmonds angezeigt zu finden, da sie ihn
fast lieber in der Nhe seines Bruders gewut htte, obwol ihr der
Gemthszustand des letzten als gemigt und ergeben geschildert ward.
    Der Schlag war indessen geschehen. Bristol war zurck gerufen, und Richmond
war nur von seinen Anverwandten bestimmt, im Fall die Nachricht sich
verbreitete, die unglckliche Tochter auf das vorzubereiten, was alsdann nicht
ganz mehr zu verhehlen war.

Es war um eine sptere Stunde des Nachmittags, als Lord Richmond mit seinem
Gefolge sich dem Schlosse der geliebten Gromutter nahte.
    Das blhende Kstenland, das er den letzten Tag durchzogen, die Schnheit
der Gegend, in der er sich eben befand, und woran sich so theure Erinnerungen
seiner Jugend knpften, endlich der Anblick des Schlosses selbst, das von den
hchsten Zinnen seines altvterlichen Baues bis in die kleinsten Winkel seiner
innern Rume die heiteren Bilder einer glcklichen Kindheit ihm darbot, Alles
wirkte vereint, sein Herz zu erheitern und es mit der ungeduldigen Sehnsucht zu
erfllen, womit wir einem gewissen Glck entgegen eilen. In frhlicher Hast
versuchte er die Schnelligkeit seines Rosses, welches, gleich seinem Herrn die
behagliche Stelle ahnend, ihn im flchtigen Lauf vor die Thore des Schlosses
trug.
    Ein eisgrauer Pfrtner ruhte an dem geffneten Eingange und lie sich von
den rthlichen Strahlen der herbstlichen Sonne bescheinen. Ein Bild des tiefen
Friedens, der hier zu walten schien, statt der Thore und Fallgatter und
geschickten Bogenschtzen, die frher in dem Haushalte eines mchtigen Herrn
nicht fehlen durften, um den Eingang zu behten. Doch alsbald weckte den
friedlich Trumenden der Hufschlag der Rosse, und lustig schwenkte er sein
Mtzchen, als er in dem Nahenden den Enkel seiner geliebten Herrin erkannte, der
stets jedem Diener ein willkommener Gast war, von welchem jeder seinen Antheil
freundlicher Worte und Blicke gewi hatte. Geschftig eilte er alsdann ihm in
den innern Hof voran, seine Ankunft laut verkndend.
    Hier war das bunte, heitere Leben der Geselligkeit auch unter den Dienern
der Gste, welche das Schlo erfllten, verbreitet, und die noch theilweis
gedeckten Tische, die vollen Kannen und Becher und die heitere Stimmung Aller
bekundete hinreichend die freigebige Haushaltung der alten Dame. Die neuen Gste
erhhten nur die allgemeine Freude, und Richmond drngte sich, langsam und
freundlich die herzlichen Begrungen erwiedernd, bis zu der groen Halle hin,
in der er voll Ehrfurcht von dem ehrenwerthen Master Lovelace bewillkommt ward,
der, in das Innere des Schlosses ihn fhrend, fr die Meldung seiner Ankunft
sich kurzen Verzug erbat, weil die beiden Herzoginnen sich fr einige Stunden
zurckgezogen hatten, einer kleinen Ermdung nachgebend.
    Richmond lie sich von dem verlegenen Diener, der fast in Versuchung
gerathen wre, das Gebot bei einer solchen Veranlassung zu umgehen, seine Zimmer
anweisen, und ermahnte ihn, die bestimmte Zeit der Ruhe fr beide Damen nicht zu
unterbrechen.
    Bald hatte er dann seine Reisekleider abgeworfen, und eilte nun, mit
steigendem Vergngen, in einem Gange durch die wohlbekannten Rume des alten
Wohnsitzes, ganz in der Stille das Fest der Erinnerung zu feiern. Die Stunde des
Tages war ihm gnstig, die Gesellschaft zu Pferde und Wagen hinausgeeilt, um das
schne Wetter zu genieen, und Lord Richmond konnte sicher sein, den Theil des
Schlosses, wohin sein Herz mit kindlicher Lust sich sehnte, zu erreichen, ohne
vor dem Besuch bei den Herzoginnen mit den andern Bewohnern zusammen zu treffen.
    Die Zimmer, die er zu besuchen wnschte, stieen zunchst an die Wohnung der
alten Herzogin, und man gelangte zu ihnen durch eine Gallerie, die eine zahllose
Reihe alter Ahnenbilder aus dem Hause Nottingham und den nach und nach damit
verbundenen Husern, welche die Frauen zu diesem berhmten Geschlecht geliefert
hatten, enthielt. In dem Alter ihres Daseins stellten sie auer dem Stammbaum
ihres stolzen Hauses auch noch die stufenweise Entwickelung der Kunst dar, wo
hier von den naivesten Versuchen einer drren Angabe von Kopf und Hnden bis zu
den entzckenden Schpfungen eines Holbein und van Dyk die Uebergnge zu finden
waren. Zu diesen Studien hatte Richmond offenbar keine Andacht mitgebracht, denn
er schlich eilig an ihnen hin, als frchte er ihre Ansprche an seine
Theilnahme, und schnell sehen wir ihn in einer Hauptthr verschwinden, die nach
der Frontseite des Schlosses fhrte.
    Er stand jetzt einsam und seinen Gefhlen berlassen in dem groen Gemach
mit purpurrothen Sammettapeten, das in seiner stillen Pracht und hergebrachten
Ordnung sich behauptete, trotz der Jahre, die ber ihm hingegangen. Die Fenster
waren groe Thren, durch deren helle Scheiben ein klares Licht einfiel, und die
zugleich einen Ausblick gewhrten auf einen breiten, an mehreren Zimmern
hinlaufenden Altan. Ein steinernes Gelnder umzog diesen luftigen Raum und
zeigte in regelmiger Entfernung schlanke Strebepfeiler, welche einen leichten
Ueberbau, mit reicher Stuckatur versehen, trugen, der den Altan deckte, und ihn
zu einem offenen und doch gegen die Unbilden des Klimas in etwas gesicherten
Saal machte, dessen angenehm geschtzte Lage ihn zum Lieblingsaufenthalte fr
die Morgen- und Abendstunden der alten Herzogin bestimmt hatte.
    Die tiefe Stille, die hier herrschte und nur durch den Gesang der Vgel
unterbrochen ward, welche in den dichten Laubgebschen unter dem Altan nisteten,
machte ihn zu einem Asyl der Heimlichkeit und Ruhe. Doch beherrschte der Blick,
weit ber diese Waldeinsamkeit hinaus, das Land in groartigen Massen, mit dem
glnzenden Bande des breiten Stromes und den schnen Berglinien des ferneren
Hochlandes, ein weites und geruschvolles Bild des Lebens entfaltend, dessen
Einwirkung an der grnen Oase dieses friedlichen Ruhepunktes zu enden schien.
    Hierhin sehnte sich Richmond, hier wollte er wieder der sen Zwiesprache
lauschen, die er als Knabe mit seiner Sehnsucht und seinen Trumen gehalten.
Diese Rume schienen fr ihn geweiht durch das Andenken an entscheidende innere
Entwickelungsmomente. Hier hatte er Stundenlang in ungestrter Einsamkeit
geweilt, um unermdet in die Ferne zu blicken und ihrem unb estimmten
Nebelgrunde die warmen, farbenreichen Bilder seiner Phantasie einzuprgen. Hier
war der Augenblick ihm eingetreten, der uns zum Selbstbewutsein weckt und uns
dem Leben als abgesondert gegenber stellt. Wer kennt die Stelle, wo dies Wunder
ihm offenbart ward, und betrachtet sie nicht als Heiligthum, geweiht fr alle
Zeiten?
    Zum Manne gereift, durch frh erlangte innere Mndigkeit den Jahren weit
vorangeeilt, sah er sich nach langer Trennung auf der heiligen Stelle, als ob
seit diesen Jahren kaum eine Nacht verflossen; so hatte hier die Zeit am
wohlgegrndeten Besitz ihr Recht verloren. Vor allem aber blickte er fast
zrtlich auf den hohen, breiten Lehnstuhl der theuern Gromutter, der mit seiner
hohen Lehne weit ber den Sitzenden ragte und ihn vor jedem Luftzug schtzte.
    Auf dem Boden und auf dem Rande des steinernen Gelnders lag zerstreutes
Vogelfutter, die kleinen Gste aus dem Park zu locken, die, ihre Wohlthterin
schon kennend, in ganzen Schaaren zu ihren Fen den Bedarf sich sammelten.
Daneben stand das kleine alterthmliche Tischchen mit dem Ebenholzkstchen,
worein sie Seide zupfte. Alles deutete auf krzlichen Gebrauch, und da dies
Pltzchen noch immer in seinem vollen Rechte bei der Besitzerin stand.
    Eine bunte Gedankenreihe war es, die auf dieser Stelle an dem jungen Manne
in sehr abwechselnden Erscheinungen vorber zog. Der weiche Ausdruck kindlicher
Hingebung in seinem schnen Antlitz ging langsam in jene feste, ernste Miene
ber, womit wir im glcklichsten Falle dem Leben die Kenntni seiner Ergebnisse
bezahlen, und als er den langen Blick aus der Ferne zurckzog, brachen sich die
festen Lippen in einem Hauche, einem Seufzer hnlich, und sein Auge blickte
feucht.
    Von Stimmen aufgeschreckt, die aus dem eben verlassenen Zimmer zu ihm
drangen, eilte er schnell in das daneben liegende Kabinet, das nchste Ziel
seiner Wanderung. Hier hingen Bildnisse, welche die alte Lady zu ihren
kostbarsten Besitzthmern zhlte. Sie waren theils Geschenke, die ihr Gemahl der
hohen Gunst seiner Souveraine verdankte, theils von ihm selbst um hohe Preise
von den ersten Knstlern erworben, und Abbildungen der bedeutendsten Personen
aus der kniglichen Familie von England.
    Diese schnen Bilder hatten auf den jungen Richmond stets einen Zauber
ausgebt, der zusammentraf mit seinem lebhaften Interesse fr die Geschichte
seines Vaterlandes, und am liebsten vor ihren ausdrucksvollen Zgen rief er sich
zurck, was von ihrem Leben schon abgeschlossen in dem Spiegel der Geschichte
aufgefat erschien.
    Das ganze Zimmer war von feiner, sorgfltiger Einrichtung, da es mit seinen
hell polirten Wnden und Fuboden und den reichvergoldeten Stuckaturen einem
Schmuckkstchen glich, wozu noch der feine Duft des reichlich darin verwandten
Cedernholzes kam, und einige bequeme Sessel von purpurfarbnem Sammet, die in
stets unverrckter Ordnung seit einem halben Skulum voll Ehrfurcht die
gewhlten Gste zu erwarten schienen, die sich einer so hohen Versammlung zu
nhern wagen wrden. Auch war Richmond fast der einzige unter seinen
Geschwistern, dem als Kind erlaubt gewesen war, allein hier einzutreten, und er
fhlte sich selbst heute noch mit scheuer Freude erfllt, als er die schn
gefugte Thr aufdrckte, durch deren groe Scheiben das Licht in vollem Glanze
diese Bilder zeigte.
    Er lauschte dem eigenthmlichen Laute, womit die glatten Angeln der Thr
sich stets zu drehen pflegten, und der ihn auch jetzt sogleich begrte, ihn
einzutreten einlud und wie durch einen Zauber ihn in die Gemeinschaft mit den
lebensvollen Gestalten des vergangenen Jahrhunderts einfhrte.
    Er blieb am Eingange stehen, den Raum gleichsam befragend, ob er derselbe
sei, und mute bald sich eingestehen, verndert sei nur er, um ihn dagegen sei
Alles in unerschtterlicher Ordnung geblieben. Er sah sie noch alle vor sich,
die groen Gefhrten seiner damaligen Einsamkeit; sie blickten aus ihren breiten
goldenen Rahmen noch mit denselben Blicken nieder und schienen noch jetzt
zufrieden, in so vollkommener Abbildung der Nachwelt berliefert zu sein. Doch
anders war der Antheil gestellt, womit der Mann die Ansprche, die ihnen in
Wahrheit zustanden, abwog, zuerkannte oder verweigerte; und wenn er von manchen
ihrer Snden sich mit Verachtung wegwandte, hatte er dagegen nicht minder fr
ihre Herrschertugenden und das durch sie bewirkte Gute ein vaterlndisch
anerkennend Herz.
    Er wandte sich, wie absichtlich, von dem ihm zunchst befindlichen Bilde und
eilte dem entgegen, das, als die Krone aller, der Thr gegenber die Hauptwand
einnahm.
    Es war das Bild der Knigin Elisabeth, ihr Pathengeschenk bei der Geburt des
letztverstorbenen Herzogs, von einer unbekannten Meisterhand im vollsten Zauber
von Farbe und Licht dargestellt.
    Die stolze Frau liebte auf ihrer unbestrittenen Hhe, zur frhern Ungunst
des Geschickes sich zurck versetzt zu sehen, und Woodstock, wo sie in
philosophischer Zurckgezogenheit und Verbannung den Wissenschaften lebte, blieb
wohl zu allen ihren Bildern der selbstgewhlte Hintergrund. Auch hier gewahrte
man das kleine feste Schlo, von dessen Terrassen sich ein breiter Weg bis zu
dem schnen Eichbaume hinzog, unter dessen Schatten sie einst die Gesandten
Englands empfing, die sie auf den Thron ihrer Vter riefen.
    Sie selbst sa auf diesem Bilde vor einem violetten Vorhange, der an der
rechten Seite aufgezogen, die erwhnte Gegend zeigte. Ihre Physiognomie trug den
lebhaften und geistreichen Ausdruck, der ihren groen und mnnlichen
Gesichtsformen ein wahrhaft knigliches Ansehen gab, und, in Betracht ihrer
hohen Bestimmung, jeden Anspruch auf weibliche Schnheit leicht aufgeben lie.
    Ihr reiches Kleid von Silberstoff war mit einem Latz von Perlen und Juwelen
um ihren vollen Krper in der freien Mode damaliger Zeit so geordnet, da ihre
schnen Schultern unverhllt und von dem hohen Spitzkragen zart umsumt
erschienen.
    Sie hatte den Kopf hoch gehoben und etwas zur rechten Seite gewendet; ihr
glnzendes rthliches Haar war frei empor gekmmt und zeigte die groe, runde
Stirn mit den hochgewlbten Augenbrauen. Auf der Mitte des Kopfes nach hinten
ber sa eine brillantene Krone, und die Flle von Locken, die ihr reiches Haar
zulie, fiel von da, wie es scheinen sollte, in leichter Nachlssigkeit von
beiden Seiten nieder. Die Lippen waren wie zu einer rednerischen Bewegung
geffnet, und die rechte Hand, von groer Schnheit, hielt in ihrem Schooe die
Oden des Horaz. Etwas zur Linken zeigte sich auf einer Terme die Bste des Plato
und darunter, aus dem Bilde schon herausgehend, so da man nur einen Theil eines
Tabourets gewahrte, sah man den kniglichen Hermelin, auf den Elisabeth so eben,
wie der Horaz in ihrer Hand andeutete, den Musen huldigend, mit ihrer linken
Hand den Zepter niederlegte.
    Wie reich und bedeutungsvoll dies Bild auch in seinen Beiwerken sein mochte,
es war dem Knstler doch vollkommen gelungen, sie smmtlich der mchtigen
Persnlichkeit der kniglichen Frau unterzuordnen.
    Dieser khne, berzeugte Blick, diese stolz gehobenen Lippen kndigten
vollkommen sie als diejenige an, die Sixtus der Fnfte nchst sich selbst und
Heinrich dem Vierten zu den drei einzigen Selbstherrschern rechnete, und gewi
mute vor ihrem Bilde ein Jeder in seinen Ausruf einstimmen: Un grand cervello
di principessa!
    Links ihr zur Seite hing das Bild ihres Vaters, Heinrich des Achten, von
seinem Liebling Holbein mit aller Kunst und Sorgfalt dieses groen Meisters
ausgefhrt. Er war zur Zeit der Vermhlung seiner Schwester mit Ludwig dem
Zwlften bei dem Hoflager zu Calais gemalt, zur schnsten Zeit seines mnnlichen
Alters und in dem vollen Glanze des damals unermelichen Kleideraufwandes.
    Er sa zurckgekehrt in einem thronartigen Sessel, einen kleinen mit Juwelen
besetzten und mit einer Feder aufgeklappten Hut halb zurckgeschoben auf dem
hohen Kopfe; die eine Hand ber die auf einem Tische seitwrts stehende Krone
gelegt, hielt er in der andern seine eigne Uebersetzung des Neuen Testaments.
    Sein Gesicht schaute halb lchelnd grade aus. Es lag mehr Hohn und Triumph,
als Freude oder Heiterkeit darin, und dem Beobachter mute leicht der Uebergang
zu finden sein von diesen noch jugendlich berwlbten Zgen zu dem wilden
Geprge des spter so blutdrstigen Tyrannen.
    Ihm gegenber hingen die Bilder seiner beiden Kinder, Eduard des Sechsten
und dessen grausamer Schwester, der nachherigen Knigin Maria.
    Knig Eduard war als Knabe abgebildet, er hatte seinen Lieblingshund, ein
groes weies Windspiel, mit dem rechten Arme umfat und schien die zarte,
schwankende Gestalt an ihm zu sttzen. Seine dichten braunen Locken hingen
schlicht um das bleiche, kranke Antlitz, und die groen dunkeln Augen blickten
aus dem wasserblauen Grunde mit einer Wehmuth, als wollten sie im Voraus das
trbe Loos des knftigen schwachen Knigs beklagen.
    Weit hinter ihm in der gothischen Halle, die den Raum des Bildes fllte,
lagen auf einem kleinen Polster die Insignien der ihn einst so drckenden
kniglichen Wrde.
    Schmerzliches Loos! rief Richmond, wenn die Natur im Widerspruche mit dem
Berufe, den uns der Himmel durch die Geburt zu berweisen scheint, die Mittel
uns versagt, ihn zu erfllen; und besser doch Dein trbes, schwaches Walten in
Kraftermangelung, als jener Mibrauch empfangener Gewalt, um die Hllengeister
Deines Innern ins Leben zu rufen. Wer wrde Dein Loos nicht preisen vor dem
Bilde Deiner Schwester!
    Sie war in ihrem acht und dreiigsten Jahre nach ihrer Verlobung mit Philipp
dem Zweiten von Spanien gemalt. Der Hintergrund des Bildes, vielleicht durch
Zufall von einem schlicht niederfallenden blutrothen Vorhange bedeckt, erhhte
wunderbar den grauenhaften Eindruck, den das Ganze machte. Denn wer konnte das
Bild dieser blutdrstigen Frau erblicken, ohne zu denken, sie tauche aus den
Bchen von Blut auf, welche sie mit Freuden um des Glaubens willen strmen lie.
Sie sa auf einem Stuhle, auf dessen hoher Lehne links das Wappen Spaniens,
rechts das von England thronte. Nach der bigotten Weise ihres Lebens war sie in
das schwarze Gewand einer Karmeliterin gekleidet, doch ber der verhllten Stirn
war die kleine brillantene Knigskrone befestigt, ber der wieder ein feiner
schwarzer Flor bis auf den Boden niederfiel. Zur linken Seite stand ihr ein
rother behangener Tisch, auf dem ein Andachtsbuch, ein Kruzifix, und zu dessen
Fen das Zepter, doch, ber Alles dies hinweg, eine scharf gezeichnete Geiel
lag.
    Ihr Arm ruhte auf diesem Tische, und die Enden der Geiel waren durch die
Finger gezogen, whrend ihre rechte Hand das Bild des damals sechs und zwanzig
jhrigen Philipps von Spanien hielt, fr den sie eine allzu heftige Neigung
nhrte.
    Ihr bleiches, schlaffes Antlitz, von jedem Reize der Jugend oder Schnheit
weit entfernt, trat in erschreckender Wahrheit aus den dunkeln Hllen hervor,
und zeigte den vereinten Austritt stumpfen Geistes und fanatischer Bosheit.
    Richmond hatte ihr frchterliches Unrecht und das Elend, das sie in
fnfjhriger Regierung ber sein Vaterland gebracht, mehr noch, als frher,
empfinden lernen, und wenn er als Knabe sich zwang, vor diesem Bilde, das er
hate, so lange festzustehen, bis es ihm schien, als erhbe sie drohend sich und
wolle ihn ergreifen, so wandte voll Verachtung sich der Mann von diesen Zgen,
die der Nachwelt, knnte der Name auch verloren gehen, noch sagen werden, was
sie war.
    Und auch wie damals, wenn der Knabe fr das Schrecken, das er sich herauf
beschworen, Beschwichtigung suchte, wandte er sich. Denn hier hing neben
Heinrich dem Achten, ihrem Groohm, das Bild der siebenzehnjhrigen Knigin von
neun Tagen, das erste blut'ge Opfer der schrecklichen Maria, die schne
tugendhafte Johanna Grei.
    Wie ein Engel, als Bote eines bessern Lebens der Welt auf kurze Zeit
gesandt, so blickte aus diesen tiefen blauen Augen der Himmel in der eignen
Brust. Fnfzehnjhrig schon Gemahlin des ihrer so wrdigen Guilford, war sie als
Braut dargestellt. Im Weggehn aufgehalten, wie es schien, stand sie mit leichter
Grazie aufgerichtet vor einem Sessel und blickte mit dem vollen Antlitze aus dem
Bilde. Die feine jugendliche Gestalt, die kaum die Grenzen der Kindheit
berschritten, war in die Farben des vterlichen Hauses Suffolk, in weien
Silberstoff mit himmelblauer Robe gekleidet. Ihr wunderschnes blondes Haar flo
wie gesponnenes Gold in zarten Wellen ohne Zwang den halb gewendeten Rcken
entlang, und reichte ber die Hlfte der kindlichen Gestalt; an den Schlfen von
der weien Stirn gescheitelt, war es mit blauen Schleifen zierlich aufgebunden,
und auf dem Hintertheile des Kopfes ruhte die herzogliche Krone. Eine
Sulenhalle zog bis in die weite Ferne sich als Hintergrund, und am Ende
derselben sah man perspektivisch verkleinert Lord Guilford daher eilen.
    Ach, rief Richmond, von so viel Unglck und so viel Tugend tief bewegt,
htte nie Dein kindlich Haupt ein schwereres Diadem belastet, als diese leichte
Herzogskrone, das unbestrittene Erbtheil Deiner Vter!
    Noch blieb er sinnend stehen, dem spiegelhellen Boden zugewendet. Es blieb
ein Bild noch zu betrachten brig, er wute es wohl. Doch zgernd verschob er
seinen Anblick, als mte er erst das eigne Herz betrachten und seinen
schnelleren Schlgen lauschen. Sollt' er als Mann erfahren, was ihn als Knabe
schon bewegt? Mut' er es eingestehn, da das wunderbare Loos ihm gefallen sei,
an ein Bild die sesten Regungen des Gefhls verschenkt zu haben? Nein, rief
er, dem Knaben gehrt diese Schwrmerei! Er wandte sich muthig, er stand davor,
und wie am Strahl der Sonne der leichte Nachtfrost einer Mainacht zu einem
Thautropfen sich verwandelt, so verschwamm in seinem ersten Blick Wille,
Absicht, jeder Widerstand der Ueberlegung, und Herz und Seele sogen sich fest an
ihren alten Wahn.
    Dicht an der hellen Eingangsthr, und wie in einem Schreine, da die Holzwand
herausgehoben war, es einzulassen, hing ein Brustbild, dessen Rahmen in einem
runden Medaillon das lebenvolle Antlitz der schnen unglcklichen Knigin von
Schottland umfate. Der Rahmen trug in Gold und Farben und reichen Edelsteinen
die drei Wappen, welche die unglckliche Frau mit Eigenthumsrecht behauptete.
Die Wappen Schottlands und Frankreichs waren an dem obern Rande, unter der
dreidoppelten Krone im Mittelpunkte des Rahmens, das Wappen Englands, das zu
behaupten, ihr so groen, nur mit Blut geshnten Ha der eiferschtigen
Elisabeth zuzog, unter den beiden ersteren. Reich mit Laubwerk und Emaillen war
das Kunstwerk dieses Rahmens ausgefhrt, und enthielt in Arabesken-Form noch
viele Anspielungen auf den hohen Geist der kniglichen Frau. Das Ganze war
umschlungen von einem emaillirten Bande, auf dem in goldner Schrift die Namen
Plato, Aristoteles, Horaz, Pindar, Homer, Dante und Ariost, als der Gefhrten
ihrer Einsamkeit, zu lesen waren, und wie vorzglich auch das Bild zu nennen
war, der Rahmen an sich blieb ein schtzbares Kunstwerk.
    Aus einem tiefen, saftigen Hintergrunde, einer Tapete von grnem Damast
hnlich, trat der in wunderbarer Wahrheit aufgefate Kopf der Knigin hervor.
Das hellbraune Haar war frei weggehoben und zeigte die ganze Schnheit der
kniglichen Stirn. Die lichtvollste Freiheit der Gedanken schien diese schne
Wlbung selbst gebildet zu haben, und das glnzende Licht, das von Innen aus
diese reine Form zu durchdringen schien, htte auch ohne den Ausspruch dreier
Kronen sie zur geistigen Beherrscherin ihrer Zeit erhoben. Von den feinen leicht
eingedrckten Schlfen bildete sich der Kontur des zarten Kopfes im reinsten
Oval, bis zu dem vollen jugendlichen Kinn, ber dem mit allen Grazien der schn
gewlbte Mund die holde Mhr von ihren Scherzen, ihrem feinen Witze zu erzhlen
schien.
    In den vollen, leicht gefrbten Wangen ruhte der feine Anfang eines zarten
Grbchens, geschaffen, um ihres Lebens Liebesglck und Schmerzen zu verrathen.
    Ihr waren zuerst die Augen verliehen, die, seitdem ein Erbtheil ihres
unglcklichen Stammes, mit einem Zauber jeden zu fesseln wuten, auf wen sie
einmal in Liebe sich geheftet.
    Unter einer kaum merklichen Wlbung der feinen Augenbrauen ruhten weit und
schn geschnitten die groen braunen Augen, die klar und tief den hohen Geist,
der ihnen inne wohnte, von Lieb' und Sehnsucht halb bezwungen zeigten. Sie
schienen wider Willen der hohen Abkunft von Migeschick zu reden, und die langen
schwarzen Wimpern hingen auch beim vollsten Aufblick wie ein leichter
Trauerschleier um den vollen Glanz.
    Dazwischen hob sich an der Stirn breit und voll die feine griechische Nase,
und verstrkte mit ihrer edeln, festen Form den hohen geistigen Ausdruck ihrer
Zge. Ihr wunderschnes braunes Haar war ohne Schmuck der Knigin, sich selbst
in seiner seltenen Flle die Krone flechtend, doch zeigte es unverdeckt in einem
hohen Spitzkragen die runde, schlanke Sule des Halses, auf welcher der Kopf so
leicht und zierlich ruhte, da beide je zu trennen, nur ein Barbar zu denken
wagen konnte. Hier hrte das Bildni auf; leicht in den Schulterlinien war ein
schwarzes Sammetkleid angegeben, das unter dem Kragen mit einem in Brillanten
eingelegten rothen Stein befestigt war.
    Ungezhlt entflohn die Augenblicke vor diesem Bilde, und das innere
geheimste Leben Richmonds trat hervor und lie sich nicht mehr zur Rechenschaft
ziehen vor dem Geiste der Ueberlegung, der fragend, ja, mibilligend es
anschaute. Es war da! und hatte sich zum sichersten Bewutsein in diesen
Augenblicken aufgeschwungen; es lebte! und sein Leben ward eingestandene Wonne.
Still und mit Rhrung gelobte sich Richmond, der Welt, dem rohen Vertrauen der
Menschen ewig verhllt, wollte er selbst nimmer mehr mit diesem Gefhle hadern,
sondern hoch es halten. Eine kleine glckselige Insel sollte es in ihm fortan
bilden, worauf er landen wollte, aus der Wirklichkeit verschlagen.
    So sich jugendlich berspannend, strte es ihn nicht, Gesang und Harfenton
vom Altan her zu hren. Die schnen vollen Frauentne, das kunstreich
ausdrucksvolle Spiel der Harfe, es schlich sich ein in seine Trume, verwebte
sich darein, als ihnen angehrend. Mit steigendem Entzcken hrte er die Worte
des gttlichen Shakespeare, dieselben, welche die Frauen der Knigin in Heinrich
dem Achten der unglcklichen Katharina am Vorabend des Gerichts singen.
    Orpheus sang:


                                       1.

Der Bume Wipfel
Und der Berge starre Gipfel
Beugte seiner Laute Macht.


                                       2.

Pflanz' und Blum' entspro voll Wonne,
Als htt' Regengu und Sonne
Ew'gen Lenz hervorgebracht.


                                       3.

Jedes Wesen ward Gehr,
Selbst die wilde Well' im Meer
Hing das Haupt und legte sich.




                                       4.


Tonkunst, deine Zauberein
Hrt der Gram und schlummert ein,
Hrt dich fort und stirbt durch dich.

Mit feierlichen Akkorden schlossen diese rhrenden Worte und weckten den
glcklichen Trumer. Nein, sie war es nicht selbst, die unglckliche Knigin
Maria, die dies Lied gesungen! Er war nicht zu Stirling, zu Holyrood-House; er
war in Burtonhall, in der Nhe seiner Familie, und nur ein paar Schritte
vielleicht fhrten ihn in ihre Mitte.
    Bewegt von der Wirklichkeit und von seinen Trumen, ffnete er die Thr und
stand am Ende des Altans seinen Lieben gegenber.
    Die jungen Damen des Schlosses hatten sich hier zu einiger Mue aus dem
greren Kreise der Gesellschaft zurckgezogen, und alle sich mit dem Wunsche um
Lady Melville versammelt, sie zur Harfe singen zu hren. Dies war auf die
erwhnte Weise geschehen. Sie sa jetzt ausruhend in ihrer schwarzen Kleidung
auf dem Lehnstuhl der alten Herzogin. Die Harfe ruhte seitwrts geschoben noch
in ihrem Arme; auf dem purpurrothen Sammet des hoch ber ihr emporragenden
Stuhles hob sich der schne Kopf in seiner ganzen regelmigen Zierlichkeit, und
belebt vom Gesange und dem lobspendenden Zuspruch der lieblichen Gefhrtinnen,
leuchtete von ihm der volle Zauber ihres lebhaften Geistes. Sie hatte sich zu
der ihr rechts stehenden Gruppe gewandt, welche Arabella und Anna Dorset sich im
Arm haltend zeigte; zu ihren Fen, und den Kopf in zrtlichem Schmachten zu der
Sngerin aufgehoben, sa Ollonie Dorset, wrend Lucie von Hinten den Stuhl
erklommen hatte und eben mit Jubelgeschrei ihren blonden Lockenkopf herberzog,
um ihren Liebling von da aus zu umfassen. Schnell und leicht sprang Lady Maria
jetzt auf, zog den kleinen Engel zu sich herber, und nun sogleich von Allen
umfat, stand sie wie die Gttin der Liebe und Freude da.
    Die reichen braunen Locken zurckschttelnd, richtete sie das Haupt empor,
da erblickte ihr Auge den Lord am Ende des Altans ihnen gegenber in stiller
Anschauung vertieft, und nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet, streckte
sie die schne Hand nach ihm deutend aus und rief: Sieh da, Lord Richmond!
    Augenblicklich wandten sich alle Kpfe, und im selben Augenblick flogen die
Schwestern und Cousinen auf ihn zu, und unter den freudigsten Begrungen der
Uebrigen hing sich Lucie an seinen Hals und versuchte durch den lautesten
Ungestm sich in seinen Besitz zu setzen.
    Unter den liebenswrdigsten Scherzen erwiederte er die zrtlichen
Begrungen seiner Verwandten und eilte dann in ihrer Mitte der Grfin Melville
entgegen. In der anmuthigsten Ruhe lehnte sie an der Brstung des Altans,
whrend ihr Antlitz von der unschuldigen Freude leuchtete, womit die Scene vor
ihr sie theilnehmend erfllte. Hold lchelnd richtete sie sich jetzt dem
Nahenden entgegen, Richmond aber eilte den Uebrigen voran. Hier, rief Lucie
hervorspringend, hier, Richmond, hast Du meinen Engel Marie!
    Und welchem glcklichen Zufall habe ich es zu danken, der Lady Melville
bekannt zu sein? sprach Richmond.
    Bekannt? erwiederte sie. In Wahrheit, Mylord, ich sah Euch nie vor diesem
Augenblick. Aber, setzte sie mit dem ruhigen Ausdruck natrlicher Unschuld
hinzu, als ich Euch gewahrte, wute ich gleich, da Ihr es sein mtet.
    Richmond hatte unwillkrlich seine bewegten Augen, whrend sie sprach, zur
Erde gesenkt, er geno den Ton dieser klangvollen Stimme, und schon schwieg sie,
aber der gewandte junge Mann schien um die Antwort verlegen. Er hob die Augen zu
ihr auf, sein Blick traf den ihrigen, und zwei schne Seelen hatten sich
erkannt.
    Mchte Lady Melville das Wohlwollen, welches sie meiner Familie schenkt,
auch auf den bertragen, der sich erst so spt darum zu bewerben vermag, sprach
er endlich mit furchtsamer Stimme. -
    Es wrde mir schwer werden, Euch, Mylord, als einen Fremden anzusehen; die
Liebe, die Ihr in Eurer Familie geniet, erhlt Euch auch whrend Eurer
Abwesenheit darin gegenwrtig. Ich knnte Euch von Euch erzhlen, wret Ihr etwa
Euch fremd geworden, setzte sie lchelnd hinzu.
    O! rief Richmond lebhaft und heiter, Ihr drft nicht zweifeln! Wer bliebe
nicht der Wahrheit am getreuesten, wenn er eingestnde, von sich am wenigsten zu
wissen; werdet Ihr aber wirklich den sich selbst Entfremdeten belehren wollen,
wenn ich einmal um diese Belehrung in Wahrheit bitten will?
    Lord Richmond, erwiederte das schne Mdchen, ich habe viel von der groen
Kunst gehrt, die Wahrheit verschweigen zu knnen, aber bis jetzt selbst noch so
wenig Fortschritte darin gemacht, da Ihr viel Hoffnung habt, sie zur Zeit von
mir zu hren. -
    Und mchte dieser schne Mund nie durch so falsche Kunst entweiht werden,
sprach eine mnnliche Stimme, ehe Richmond antworten konnte, hinter seinem
Rcken.
    Amen! sagte lchelnd Lady Marie, hell aufblickend, und im selben Augenblick
lag Richmond in den Armen des liebenswrdigen Grafen von Ormond, welcher, ohne
von der lebhaft beschftigten Gruppe bemerkt zu werden, sich herbei geschlichen
hatte.
    Bald fllte sich nun der Altan mit mehreren Gsten, durch die Nachricht von
Richmonds Ankunft herbei gezogen, und eben erschien Lovelace mit der Bitte der
beiden Herzoginnen, nach dem Ballsaale sich zu verfgen, welcher willkommenen
Einladung man auf das Heiterste sogleich folgte.
    Der Ballsaal war eine offene weite Halle, welche mit dem Parke gleich lag
und zu den verschiedenen Spielen der Jugend diente, besonders aber zum
geschickten Werfen des Balles nach dem Ziele benutzt ward und davon ihren Namen
hatte.
    Der davorliegende weite Rasenplatz verstattete eine Ausdehnung der Spiele,
und ein kleines Schiehuschen mit allen Arten von Gewehren bis zur Armbrust
hin, reizte sehr oft die Geschicklichkeit der jungen Leute beiderlei
Geschlechts.
    Auch heute ging man bei der Schnheit des Wetters sogleich zu den Spielen
auf dem Rasenplatze vor dem Hause ber, und Alles schien von einer besonders
heitern Stimmung belebt. Man stellte Wetten an, wer das Ziel in der Scheibe
treffen wrde, wobei die Damen theilnehmend mitwirkten, und als Richmond von den
Herzoginnen, die mit der lteren Gesellschaft die Halle vorzogen, beurlaubt
ward, schlo er sich mit seiner anerkannten Geschicklichkeit dem frhlichen
Schwarme an. Grfin Melville, von Jugend auf in allen mglichen Leibesbungen
erfahren, trug nicht allein ber die Damen stets den Sieg davon, sondern ber
die meisten der anwesenden Kavaliere. Dies sollte sich jedoch bei Richmonds
Ankunft ndern, denn bei dem ersten Schu war der Mittelpunkt der Scheibe
durchbohrt, und gleich nach ihm sendete er den kleinen Pfeil von der Armbrust,
da seine Spitze unversehrt durch das von dem Schusse gebohrte Loch drang.
Lauter Beifall folgte dem trefflichen Gelingen und brachte neuen Eifer in die
Bemhungen der Uebrigen. Lady Melville traf zwar mit ihrem Pistol die Federn des
Pfeiles im Ziel, doch mute Richmond fr den Sieger anerkannt werden.
    Lord Richmond schien sich zwar uerlich der allgemeinen Geselligkeit
hinzugeben und an allen Anwesenden gleichen Antheil zu nehmen, er konnte sich
aber nicht enthalten, fortwhrend Lady Melville zu beobachten, deren dunkles und
sonderbares Schicksal, eben wie ihr Einflu auf das Herz seines Bruders, ihn zu
einem Interesse fr sie bewog, welches durch ihren Anblick nicht verringert
werden konnte.
    Er hatte sich trotz dem, was ihm ber ihren Werth reichlich von allen Seiten
mitgetheilt ward, nicht zu ihrem Vortheil einnehmen lassen; denn die Angaben,
welche sie ber ihre Geburt und ihr Leben gemacht, waren von keiner Seite
besttigt und muten gar leicht dem Argwohn gegen die Glaubwrdigkeit ihrer
Person Raum geben. Dabei fhlten sich sein Herz und seine strengen Grundstze
von Ehre und Pflicht unbeschreiblich verletzt durch den Zustand, worin er seinen
zrtlich geliebten Bruder fand. Die Leidenschaftlichkeit, worin dies schne,
geregelte Gemth aufgelst schien, und die Entschlsse, die daraus entstanden,
und die zum Nachtheil aller seiner bisher beobachteten Grundstze einzig ber
dies fremde, namenlose Wesen Glck verbreiten sollten, steigerten sein
Mitrauen, und lieen ihn an ihrer Unwissenheit und Absichtslosigkeit einigen
Zweifel hegen, welches ihm um so leichter ward, da hiermit die schmerzlich von
ihm empfundene Schuld des Bruders sich merklich verringerte und ihn mehr als
einen Verfhrten erscheinen lie.
    Das Einzige, woran er unbezweifelt glaubte, war ihre Schnheit, aber auch
diese nahm ihn gegen sie ein, denn nur mittelst dieser konnte sie seinen Bruder
verfhrt haben. Nichts aber hate er mehr, als wo diese gttliche Gabe des
Himmels von Frauen benutzt ward, das Herz der Mnner zu bestricken, und obwol
seine Gerechtigkeit ihn hinderte, diesen Fall hier bestimmt anzunehmen, war er
doch entschlossen, ihn fr mglich zu halten und sie einer scharfen Beobachtung
zu unterwerfen.
    Er fand sich nun von ihrem Anblick selbst berrascht und hatte in wenigen
Stunden viel von dem, was er frher ber sie gedacht, innerlich widerrufen. Ihre
Schnheit war auffallend und mute die Bewunderung eines Jeden erregen; aber ihr
Auge hatte nichts von der eitlen Verschmtheit, womit die ihrer Schnheit sich
Bewuten den Blicken der Mnner begegnen. Ruhig, klar und offen ertrug sie jedes
Auge, und schaute wie ein Kind fest zu Jedem auf. Sie hatte keinen Begriff von
der angelernten Sitte der Frauen, gegen Mnner sich anders zu betragen, als
gegen Frauen; ihre Freundlichkeit trat ohne die traurige Verkrppelung der
Gefhle hervor, die mit der unbestimmten Furcht vor einem ungekannten Uebel die
Unschuld des Herzens bedroht, ehe noch die Schuld selbst es zu berhren
vermochte. Die unschuldige Neugier, womit sie Richmond fast aufsuchte, um mit
ihm zu sprechen, hatte zwar etwas Abweichendes von dem Bilde, welches er sich
von der zarten Zurckhaltung einer Jungfrau geschaffen, aber es ward ihm bei ihr
nicht zur Strung, ja, es setzte ihn in Nachdenken, ob er nicht sein Ideal nach
dieser einfachen Natur korrigiren msse.
    Dessen unerachtet erfllte ihn das Frulein mit Erstaunen, welches noch
denselben Abend sich steigern sollte, als die Gesellschaft nach dem schnellen
Ausbruch eines Gewitters in die erwhnten Prachtzimmer des Schlosses sich
zurckgezogen hatte. Die jungen Leute nahmen plaudernd von dem Gemlde-Kabinet
Besitz, und Lady Melville lehnte sich an die Glasthr, dem Bilde der Knigin von
Schottland gegenber. Lord Richmond konnte sich hier eines vergleichenden
Blickes nicht enthalten, und zu Lord Ormond gewendet, sprach er sein Erstaunen
ber die unbezweifelt groe Aehnlichkeit dieses Bildes mit der Lady aus.
    Es ist uns allen aufgefallen, erwiederte der Lord, sich zum Bilde der
Knigin wendend, und wenn Ihr es besttigt, der Ihr dies Bild so lange
studirtet, dann drfen wir unserm Urtheil wohl vertrauen.
    Marie ward dadurch aufmerksam.
    Erlaubt, sprach Richmond, Euch meine Ueberraschung ber die genaue
Aehnlichkeit dieses schnen Bildes mit Euch selbst, auszudrcken.
    Es ist mir nicht neu zu hren, ich wei es, entgegnete sie ruhig und blickte
dabei mit einem wehmthigen ernsten Ausdruck zu dem Bilde hin, welches die
hchste Schnheit reprsentirte, und wobei die Anerkennung der eignen
Aehnlichkeit damit ein ziemliches Bewutsein ihrer Schnheit auszudrcken
schien.
    Dies fhlte Richmond mit der gehssigen Laune der Mnner, die zwar nie
unterlassen mgen, dies Bewutsein mit verfhrerischen Worten zu wecken, doch
die daran verloren gehende Unbefangenheit der Frauen bitter tadelnd dann
vermissen.
    Es schien ihm so schwer, diesem Bilde zu hneln. Er hatte es vor wenigen
Stunden noch fr unmglich gehalten. Zwar hatte er es nun selbst ausgesprochen;
aber es verletzte ihn dennoch, es als etwas Gewisses und lang Bekanntes
angenommen zu sehn. Er htte es in diesem Augenblick gern sich und dem
Gegenstande verlugnet, und die Klte, die seine Zge sogleich ausdrckten, wre
nicht schwer zu erkennen gewesen; aber die Lady merkte nicht darauf, ihre
Gedanken hatten eine weit andere Wendung genommen. Sie verlie ihren Platz und
setzte sich auf ein Tabouret seitwrts dem Bilde nieder.
    Diese Bewegung war offenbar der Aehnlichkeit noch vortheilhafter; aber
Richmond, unangenehm aufgeregt, hielt dies fr beabsichtigt und war im Begriff
sich wegzuwenden, als die Grfin, ganz in das Anschaun des Bildes versunken, mit
einem wehmthigen Ausdruck der Stimme fortfuhr: Wie oft hat der glckliche
Zufall dieser Aehnlichkeit meine theuern Verwandten beschftigt und erfreut. Man
schmckte mein Haar, wie es die Knigin zu tragen pflegte, mit der kleinen
Spitzenhaube, man kleidete mich nach der Sitte jener Zeit, und lie mich gehen
und stehen und niedersetzen, wie von ihr gesehen zu haben die Freunde und
Anhnger sich noch genau erinnerten, obwol unter meinen Verwandten nur mein
Vater, der Graf Melville, sie gekannt hatte. Er wute Stundenlang von ihr zu
sprechen, denn er war Edelknabe bei ihr zu der Zeit, da diese drei
unglckseligen Kronen noch mit vollem Rechte ihr unschuldiges Haupt schmckten.
    Gewi, sprach Lord Ormond dazwischen, ist und bleibt diese unglckliche Frau
eine hchst ausgezeichnete und anziehende Erscheinung, und die schwrmerische
Anhnglichkeit, welche sie ihren Freunden und Anhngern einzuflen wute,
vermehrt die Zweifel, ob ihr grauenvolles Schicksal ein verdientes war.
    Wie tief hat mich stets ihr Schicksal ergriffen, fuhr sie fort und hob die
schwermthig gesenkten Augen empor, wie habe ich meine kindischen Gedanken
zerqult mit Plnen, wie sie htte gerettet werden knnen, wie hab' ich sie
geliebt und alles Gute, was ich zu fassen vermochte, ihr beigelegt. Als nun
endlich das geheim gehaltene Glck der Aehnlichkeit mir anvertraut ward, wie
tief erschttert war ich da! Warum lebte ich nicht, als sie zu Tewksbury in
ihrem Kerker schmachtete? Ich wre zu ihr eingeschlichen, in meinen Kleidern
wre sie entflohen, ich, ihr so hnlich, wre an ihrer Statt auf jenem
Blutgerst gefallen.
    In Wahrheit, Lady Melville, rief hier die junge verwittwete Marquise
Danville, Euer gromthiger Enthusiasmus ist ein um mehr als dreiig Jahr
verspteter, ziemlich bequemer Tribut der Dankbarkeit fr das Glck, der
schnsten Frau zu hneln, die gleich der griechischen Helena die Welt in Brand
und Unheil strzte.
    Ihr habt Recht, Mylady, sprach die Grfin, durch den grellen Ton der
Migunst unsanft aus ihren Kindertrumen geweckt, wohl ist dies ein nutzloser
oder, wie Ihr sagt, ein bequemer Enthusiasmus. Vergeblich selbst htte ich zu
jener Zeit gelebt. Wie wrde, was den Edelsten meines Landes nicht gelang, dem
schwachen Mdchen durch den zuflligen Schein der Aehnlichkeit gelungen sein?
Doch ich liebte sie frher, als ich von meinen Zgen wute; inniger aber mute
ich seitdem mich zu ihr hingezogen fhlen. Ich bin mir des ersten Einflusses
wohl bewut, der mich aus meinen eignen Zgen mahnend anzureden schien. Fast
beschmt fhlte ich mich von dem Glcke, ihr zu gleichen; ich frchtete, zu
strengerer Rechenschaft bestimmt zu sein, und, fuhr sie sich selbst belchelnd
fort, ich wnsche den kstlichen Gefen gleich zu sein, deren Form zerspringt,
sobald ein Tropfen Gift hinein geschttet wird. -
    Es entstand eine Pause, in der Alle, die sie allmlig umgeben hatten, mit
den verschiedensten Empfindungen, doch voll Antheil auf sie blickten. Lord
Ormond drckte Richmonds Arm, und die Glut der tiefsten Empfindungen ruhte auf
seinem edlen Angesicht, whrend Ollonie Dorset mit erblaten Wangen bald ihre
feuchten Augen auf die Lady, bald auf Lord Ormond und Richmond wandte, welcher
letztere nicht mehr den Ausdruck unbilliger Klte trug. Doch wenn diese Mnner,
sichtlich ergriffen, ihr eben nichts zu sagen wuten und hiermit sie ehrten, kam
derlei zartere Bedenklichkeit nicht in die Seele Lord Membrockes, der sich ihr
sogleich nherte, um mit dem flachen Wortschwall des eiteln Weltmannes sie zu
versichern, Maria Stuart sei zur rechten Zeit geboren und gestorben, denn die
Schnheit habe sie mit siegreicheren Kronen geschmckt, als die dreifach
gekrnte Knigin.
    Sogleich erhob sich die Lady, und als sie so emporgerichtet stand, und ihr
pltzlich so stolzer Blick ber den schnen, sieggewohnten Lord hinstreifte,
schien sie Allen noch viel mehr der kniglichen Maria zu gleichen, deren hoher
Sinn durch keine Gewaltthat des Schicksals zu beugen war.
    Sie zog leicht die schnen Augenbrauen, und Anna Dorsets Arm ergreifend,
wehrte sie ihn mit der Hand: Lat das, Mylord, Ihr habt nicht Einsehen, wie
ich's meine, und ich mu Euch darum verzeihn, wenn Ihr mir weh thut, denn wir
sind uns fremd.
    Lord Membrocke suchte seinen gekrnkten Stolz hinter ein lautes Applaudiren
dieser khnen Rede zu verbergen und ihren Witz zu rhmen, whrend ihm das stolze
Mdchen schon lngst den Rcken gewandt hatte und in den Nebensaal entschwunden
war.
    Als sich die Gesellschaft getrennt, erwartete Lord Ormond, in einem Saale
des Erdgeschosses lustwandelnd, seinen geliebten Richmond zu einem traulichen
Zwiegesprche, nach dem sich Beide sehnten.
    Lord Ormond war der Bruder der Lady Dorset, und, wenn auch bedeutend jnger,
als seine Schwester, doch in der Mitte der dreiig und mit vollem Rechte in dem
Besitze der allgemeinsten Anerkennung. Als Kmmerer des Knigs machte diese
Stellung, die ihm als Irischen Pair zur Auszeichnung gereichte, ihn zum fast
bestndigen Bewohner Londons, und den einzigen Ersatz fr diesen Zwang gewhrte
ihm das Haus seiner Schwester, der die Wrde ihres Gemahls dieselbe Lebensweise
aufnthigte.
    Lord Ormond war der Liebling seiner Schwester, er theilte jede Freude, jeden
Schmerz dieser schchternen Frau, die, von dem erhabenen Ernst ihres Gemahls
erdrckt, nur an dem sanften und liebevollen Herzen des Bruders ihre unbestimmte
Gefhlswelt erschlieen konnte. Sein Rath, den er stets in ihrem wahren
Interesse ertheilte, machte ihn zum wohlthtigen Dolmetscher zwischen den beiden
sich so ungleichen Ehegatten. Der Graf Dorset, der, in die Interessen seiner
hohen Hofstelle vertieft, sich gar nicht in die schchternen Anforderungen
seiner Gattin finden konnte, da sie ihm mehrentheils unverstndlich blieben,
fhlte sich durch seinen Schwager, dessen ausreichendem Schicklichkeitsgefhle
er vertrauen durfte, der Sorge enthoben, seine Gewahlin verstehen zu mssen. Was
sie wnschte, erfuhr er meist durch ihn, denn aus ihrem eigenen Munde ging eine
solche Mittheilung stets so von Nebengedanken und Gefhlen verwirrt hervor, da
der gute Lord, trotz einer hflichen Anerkennung ihrer Rechte, doch selten im
Stande war, in seinen Antworten ihr Genge zu thun, wodurch ihr wieder auf lange
die Lippen versiegelt wurden und der Gemahl sich leicht fr beunruhigt in seiner
Pflichterfllung ansehen konnte.
    Die Erziehung seiner beiden Tchter htte offenbar seinen Blick hufiger auf
seine Huslichkeit richten mssen, wren ihm nicht dieselben, da ihre Geburt ihn
zwei Mal in der Hoffnung eines Erben getuscht hatte, herzlich gleichgltig
gewesen.
    Seine Gemahlin schien ihm, auer dem Fehler, keinen Sohn geboren zu haben,
die leidlichste Gefhrtin, die ein vornehmer Mann sich nur zur Gattin wnschen
knnte. Er folgerte, unter ihrer Leitung mten die beiden Tchter sich ihr
hnlich bilden, und so war er fertig und auerdem berzeugt, da Lord Ormond fr
einen etwa abweichenden Fall schon Alles berichtigen wrde.
    Er war dessen ungeachtet nicht blde, es ganz seinem Verdienste um die
Erziehung seiner Tchter zuzurechnen, als der Herzog von Nottingham seinen
ltesten Sohn fr Lady Anna vorschlug. Den Zusatz, im Falle die jungen Leute
Neigung zu einander gewnnen, acceptirte er mit dem mitleidigen Lcheln des
berlegenen Mannes, denn er schien ihm nur auf das richtige
Schicklichkeitsgefhl Beider zu deuten. Es freute ihn, Beide gleich gut auf
diese Weise versorgt zu wissen, ohne brigens in Bezug auf seine Tochter ber
die blinde Voraussetzung hinaus zu gehen, da sie eine eben so stille Kreatur,
als ihre Mutter sei. Von ihrem knftigen Gemahl Genaueres zu wissen, als seine
dereinstigen Titel und Einknfte oder seine jetzige vortheilhafte Aufnahme bei
Hofe, wrde ihm sogar unschicklich erschienen sein.
    Lord Ormond fand um so nthiger, die lckenhafte Stellung seines Schwagers
in dessen Familie zu ergnzen, da es ihm in der Kinderstube seiner Nichten schon
klar ward, da sie Beide nicht umsonst die Tchter dieses stolzen und heftigen
Mannes waren, und seine sanfte Schwester eine eben so schwache Beurtheilung der
Karaktere ihrer Kinder besa, als ihr Gemahl.
    Lord Ormond war durch eine bittere Tuschung in der Liebe von dieser
zerstreuenden und abziehenden Thtigkeit der Seele frher, als seine Jahre es
natrlich machten, auf das ernstere Leben innerlicher Reflexionen verwiesen
worden. Er erschien dadurch lter, ja, er war es; denn die Leidenschaft hatte
anscheinend ihr Recht zu einer Zeit ber ihn verloren, wo gewhnlich dieser
Streit noch lngst nicht abgethan zu nennen ist.
    Er hatte sich bemht, aus der trostlosen Verdung des Schmerzes sich durch
eine muthige und vollstndige Resignation empor zu heben. Er hatte dem Leben
erklrt, da es ihm fr sich nichts mehr zu gewhren vermchte; er hoffte so ein
Bollwerk aufgefhrt zu haben zwischen sich und einer mglichen Wiederholung so
leidenschaftlicher Zustnde, an die er nach Jahren nur mit Schaudern denken
konnte, in dem Bewutsein, unter ihrem Einflusse, dem Himmel, sich selbst und
dem Leben auf das Trostloseste entfremdet gewesen zu sein.
    Seine schne, vom Himmel so reich begabte Natur folgte willig der Anweisung,
sich einem allgemeinen Interesse wohlwollend hinzugeben, und er erkannte die
Welt als vollstndiger und reichhaltiger in dieser uneigenntzigen, bezuglosen
Ansicht.
    Wer aufgehrt hat, sich selbst in den Beziehungen des Lebens zu suchen, der
gewinnt bald einen feinen und scharfen Blick fr das Bedrfni Anderer, und die
kleinsten Anforderungen ben ber ihn dasselbe Recht der Theilnahme, als die
breit in das Leben einschreitenden Begebenheiten, die Jeder erkennt.
    Die Kinder seiner Schwester erfllten ihn mit einer Zrtlichkeit, die durch
das Gefhl, ihnen ntzlich sein zu knnen, erhht ward. Als er seine Nichten
zuerst wiedersah, war Anna vierzehn und Ollonie zehn Jahr.
    Er mute sich bald berzeugen, da, wenn auch Anna ihm eben so innig anhing,
als Ollonie, doch sein Einflu auf sie ein bedingter sein wrde, da sie, so alt
geworden, ohne von irgend wem in der Bildung ihres Karakters geleitet zu sein,
jetzt ihn schwerlich noch in die Grenzen zurckzufhren vermochte, die doch,
ihrer gefhrlichen Anlage nach, nthig schienen. Ihr Herz gehrte zu den stillen
Organen ihres Wesens, denen man zwar das Leben nicht absprechen kann, die aber
nicht stark genug wirken, um der bermthigen Verstandesthtigkeit das
Gleichgewicht zu halten. Die Folge davon war ein jh aufwachsender Egoismus, ein
stets vorherrschender Stolz und ein zu allen Leidenschaften vorbereitetes Wesen,
das nur der Gelegenheit bedurfte, um in ungezgelter Lebendigkeit ins Leben zu
treten.
    Ihr Oheim, gerhrt durch den gefahrvollen Zustand des schnen Wesens, wollte
ihre Fehler unter einander sich bekmpfen lassen, und nachdem er bald durch
Theilnahme ihre Liebe erworben, behandelte er sie mit einer schonenden Achtung,
die stets das Gute, das er ihr wnschte, als schon vorhanden annahm und die
Erreichung des Besten als in ihrer Natur liegend voraussetzte.
    Ihr Stolz hatte ihre Wahrhaftigkeit behtet, und ihr Verstand war ein
unbestechlicher und scharfer Beobachter. Sie unterlag der nicht zu lugnenden
Betrachtung, da sie das nicht war, was dieser geliebte Oheim ihr zugestand,
aber indem sie ihn selbst hher achten mute, als alles bisher Bekannte, rief
ihr Stolz den Entschlu ins Leben, sein ehrendes Urtheil wirklich zu verdienen.
    Das hatte der Menschenfreundliche gewollt. Jetzt sah er bald, da sie zur
Selbstbeobachtung gefhrt war und zur Wahrnehmung ihrer Fehler gelangte, womit
er Alles eingeleitet zu haben glaubte, wodurch diesem lang verwhnten Gemth
aufzuhelfen war. Auch hatte er spter die Freude, bei dem Entstehen ihrer Liebe
zum jungen Herzog von Nottingham die ungemein wohlthtige Hlfe zu sehen, die
dies wrmere und lebhaftere Dasein ihres Herzens ihrer ganzen Natur verlieh.
Ihre Fehler waren zusammengesunken, der Athem des Wohlwollens hob die Brust, und
die Sicherheit ihres Blicks tauchte unter in dem scheuen Glanz einer
sehnschtigen Hoffnung. Also, seufzte ihr Oheim, die Liebe, die so Vielen zum
Verderben wird und die Leidenschaften aus ihrem Bande reit, legt diesem
ungezhmten Kinde wohlthtige Fesseln an. Sie war wohl noch dieselbe, aber gewi
blieb, da sie eines starken Gefhles fhig war, und somit fr diesmal gerettet.
    Ganz anders war sein Gefhl und sein Verhltni zu Ollonie. Dies holde Kind
hing sich bald mit der ganzen Flle ihres zrtlichen Herzens an den geliebten
Oheim, und Ormond schaute mit Entzcken und auch mit heimlicher Sorge in dies
feurig gefhlvolle Herz. Es schien ihm den Stempel des Leidens von der Natur
empfangen zu haben, er wute am besten, welchen Gefahren sie unschuldsvoll dies
zarte, empfngliche Innere entgegen trug, und seine Zrtlichkeit, seine Sorgfalt
fr sie, trug den Karakter der Hingebung, womit wir den lieben, den wir von
einem harten Schicksal bedroht wissen. Ganz im Gegentheil von ihrer Schwester
war der Lord hier einzig bemht, die vorlaute Gewalt ihres Herzens zu migen
und ihren Verstand vor einer Unterdrckung zu behten, zu der die Gelegenheit
sich stets geschftig zeigte. Er betrieb selbst ihren Unterricht; nur aus seinen
Hnden empfing sie ihre Lektre, ihre Noten, ihre Vorbilder zum Zeichnen.
    Ihre Zeiteintheilung, Arbeit und Belustigung, Alles war von ihm angeordnet,
und er liebte dies endlich in ihm nur lebende Wesen mit einer Innigkeit, von
welcher der eigene Vater keine Ahnung in sich fhlte.
    Jetzt war Ollonie fnfzehn Jahr, in groer Schnheit erblht, und wenn auch
stets noch phantastisch und berwallend, und einer gleichmigern Entwickelung
ihrer Natur nach vielleicht nicht fhig, doch gerade um so interessanter in
dieser bewegten, geistvollen Abschweifung von dem Gewhnlichen.
    Ormond behielt den holden Zgling stets im Auge, ihre Zukunft erfllte ihn
noch immer mit Sorge, und er kannte nur einen Mann, dem er sie gnnte, nur
einen, welchem er den so von ihm gehegten Schatz bergeben mochte, und dies war,
sein Liebling eben so sehr als Mann, wie Ollonie als Weib, kein anderer, als
Lord Richmond.
    Graf Archimbald hatte ebenfalls fr seinen Neffen und dereinstigen Erben
diese Wahl getroffen, und es hatte Ormond seinen ganzen Einflu gekostet, der
beabsichtigten Abschlieung dieser Angelegenheit die nhere Bekanntschaft der
jungen Leute vorausgehen zu lassen.
    Die Anwesenheit Aller in Burtonhall, wohin auch er mit Erlaubni des Knigs,
der ihn gern zu jener Sendung an die Familie Nottingham beurlaubt hatte, sich
begeben durfte, sicherte ihm die Hoffnung, selbst die Herzen seiner jungen
Freunde beobachten zu knnen, da Graf Archimbald sich sehr bereit zeigte, seinen
Neffen im Auftrage dahin zu senden, und Ormond zweifelte nicht an dem Gelingen
dieser so wnschenswerthen Angelegenheit.
    In diese Gedanken vertieft, sehen wir ihn seinen jungen Freund erwartend
umher wandeln, als pltzlich die Thren sich ffneten und die junge schne
Marquise Danville eintrat, die, begleitet von einem Pagen, der ihr vorleuchtete,
durch diesen zur Verbindung mehrerer Gemcher dienenden Saal eilte, um sich nach
ihren Zimmern zu begeben. Sie gab ein mchtiges Erschrecken vor, hier dem einsam
wandelnden Lord zu begegnen, aber die Bewegungen des Erstaunens kleideten sie so
ungemein gut, da sie dieselben ber Gebhr verlngerte, und es sei uns der
Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit um so eher vergeben, da Lord Ormond vornehm,
reich und mit allen persnlichen Vorzgen geschmckt war, die von dieser
geschickten Frau nicht bersehen werden konnten.
    Auch hatte das Schicksal die Lady bisher schlecht bedacht. Im vierzehnten
Jahre war sie bereits dem alten Marquis Danville vermhlt, und obgleich jetzt
Witwe und Besitzerin eines bedeutenden Vermgens, wnschte die junge
Leidtragende doch in aller Billigkeit die Vernachlssigung, die ihre Jugend
erfahren, durch den Besitz eines Mannes nach ihrem Sinne auszugleichen. Wenn nun
auch Lord Membrocke sich fast bereit zeigte, durch Darreichung seiner Hand sich
in Besitz ihrer Reichthmer zu setzen, und wenn sie es auch nicht aufgeben
mochte, ihn als ihren Bewunderer gelten zu lassen, hatte sie doch Verstand
genug, Lord Ormond fr eine bessere Partie anzusehn. Sie war daher whrend ihres
Beisammenseins mit ihm schon alle mgliche Versuche, ihn zu fesseln,
durchgegangen, ohne ihrem Ziele nher gerckt zu sein.
    Ha, rief sie, Lord Ormond, Ihr seid bse, mich arme, erschtterte Frau so zu
erschrecken, wie konnte ich Euch hier ahnen!
    Ich bin bekmmert, Mylady, rief der Lord, ihr hflich entgegen tretend, und
gebe zu, da meine Gegenwart unerwartet ist; aber erlaubt mir nun, Euch meinen
Arm zu geben, um Euch nach Euern Gemchern zu geleiten.
    Der Lady war dies zwar ganz recht, da der Lord sie aber nun wirklich ohne
Weiteres mit aller Hflichkeit und unaufhaltsamen Schrittes durch den Saal zu
fhren begann, zertrmmerte alle ihre Hoffnungen, die auf ein so interessantes
Zusammentreffen gesttzt waren, welches bisher gefehlt hatte und jetzt unbenutzt
vorbergehen sollte.
    Die khlen, hflichen Worte Ormonds lieen nmlich nicht die kleinste Scene
einleiten, und so hatten die in so getheiltem Interesse Wandelnden die Gallerie
erreicht, woran die Zimmer der Dame stieen, als Beider Gedanken abgelenkt
wurden, durch eine vor ihren Augen sich begebende Scene.
    Sie sahen nmlich deutlich eine Dame die Gallerie hinabeilen, an ihrer Seite
im lebhaften Gesprch einen Mann, den sie Beide augenblicklich fr Lord
Membrocke erkannten. Jetzt blieb die Dame stehen, sie wendete sich und schien
ihren Begleiter entfernen zu wollen; Lord Membrocke kniete nieder und schien
flehend ihre Theilnahme zu fordern.
    Die Dame beugte sich, ob zum Abwehren oder Erhren seiner Bitten, blieb
unentschieden, da Beide jetzt erschreckt auffuhren, indem Lord Richmond, der
sich zu Lord Ormond begeben wollte, sie fast erreicht hatte und durch seine
absichtlich lauten Schritte sich jetzt kund gab. Die Dame verschwand rasch in
einer Thr, und Membrocke eilte grend an Richmond vorber.
    Die Heuchlerin! rief die Marquise, dieser Hochmuth vor den Augen der Welt,
und doch eine Intrigue mit diesem sittenlosen Lord!
    Wen meint Ihr, rief Ormond heftig bewegt; wie knnt Ihr entscheiden, wer
diese Dame war, da das Mondlicht allein die Gallerie erleuchtet und wir uns
irren knnen, sicher irren.
    Irren? rief die Lady stolz und kalt, indem sie ihren Arm aus dem seinigen
zog, irren? Wo wre denn zum zweiten Mal diese neu erstandene Maria Stuart, die
Ihr selbst wohl hinreichend kennen mt, da Eure Augen sie stets begleiten und
jetzt Eure Furcht vor ihrer Beschimpfung Euch hinreichend verrth. Ja, glaubt
nur, Mylord, diese Erbin von Maria's Reizen ist auch die Erbin ihres bsen
Blutes, ich durchschaute sie schon lngst. -
    Um Gotteswillen, Lady, migt Euch und seid nicht so grausam voreilig, es
kann nicht sein, sicher Ihr irrt, es war nicht Lady Melville. -
    Mit Hohn blickte die erzrnte Dame in das Gesicht des Grafen, dann rief sie
bitter lchelnd: Unser Streit wird bald zu schlichten sein. Dort kmmt Lord
Richmond; er war ihnen ganz nah, er wird entscheiden knnen, wer diese
zweideutige Dame war. Hierher, Lord Richmond! Meine Schritte sind gehemmt durch
Erstaunen und Unwillen. Wie ist es mglich, da Lady Melville sich zu diesem
Liebhaber verstehen konnte? Erzhlt uns, habt Ihr gehrt, was sie sprachen?
Wollte er sie umarmen, erhrte sie sein Flehen? - Unter diesen strmischen
Fragen der Lady war Richmond nher gekommen. Aber auch die listige Stellung
ihrer Fragen sollte ihr zu keiner Besttigung helfen; denn Richmonds zartes
Gefhl erkannte mit Widerwillen die heftige Schadenfreude, womit sie das Bse zu
vernehmen trachtete, und war sogleich entschlossen, ihr diese nicht zu gewhren.
Lord Membrocke habe ich erkannt, erwiederte er ihr daher in gemessenem Tone,
ber die Dame aber, in deren Nhe er sich befand, kann ich nicht urtheilen, da
das Licht in der Gallerie zu unbestimmt ist, wie Euer Gnaden selbst bemerken
werden.
    Ein kurzes, bitteres Gelchter brach hier aus dem Munde der hchlichst
getuschten Lady. Nun, Mylords, rief sie heftig, wenn Ihr Beide Eure Augen nur
habt, wenn es gilt, diese Abenteuerin zu bewundern, so seid sicher, mein Auge
war scharf genug, diese angebliche Lady Melville zu erkennen, und ich wei jetzt
genug von ihr. Ich wnsche Euch angenehme Trume, fgte sie spttisch hinzu und
verschwand in der Thre, die zu ihrem Zimmer fhrte.
    Die beiden Freunde kehrten schweigend nach dem Saale zurck, wohin sie zu
kommen sich verabredet hatten, aber ohne der ersehnten traulichen Mittheilung zu
gedenken, wandelten sie neben einander mehrere Mal auf und ab, bis endlich Lord
Ormond Richmonds Arm ergriff und mit einer tief bewegten Stimme ihn anredete:
Sprich, Richmond, giebt es keinen Zweifel, bist Du gewi, da sie es war?
    Sie war es! erwiederte er ernst, denn sie ist nicht zu verkennen.
    Groer Gott! rief Ormond heftig, welch' ein Zusammenhang knpft dies Wesen
an den nichtswrdigen Buben? Ich kann nicht glauben, was diese Danville
auszusprechen wagt; ein anderer trauriger Zwang mu sie beherrschen. Sie steht
verlassen ohne natrlichen Beistand da, jung und unerfahren; welch' ein
Hllengedanke, da es dem gelenken Bsewicht gelingen knnte, diesen Engel zu
verlocken!
    Und, sagte Richmond, bist Du wirklich sicher, da sie dieses gute Vorurtheil
verdient? Hast Du seither im tglichen Verkehr sie so genau geprft? Ich kann
mich zum Vertrauen noch nicht stimmen lassen, obwol ich es theilnehmend
anerkenne, da es ein hartes Loos ist, so da zu stehn, wie sie. Der kleinste
Zweifel an der Reinheit einer Frau hngt sich verunstaltend um sie, wie ein
bses Schlinggewchs um der Sule ebenmigen Bau; und Zweifel mindestens hat
sie erregt. Kannst Du die Rthsel lsen, die ihr Leben, ihr Erscheinen unter uns
begleiten? Kannst Du des Argwohns Dich berheben, wenn Du sie kennst?
    Ich kenne diese geheimnivollen Umstnde, ergriff nun ruhiger Ormond das
Wort, und wei sie nicht zu lsen, doch fern bleibt von mir jeder Argwohn. Kenne
sie nur erst und la sie selbst Dir Zeugni ablegen von der unverflschten
Reinheit ihrer Seele! Sie fhlt den Schmerz, der ihrer Lage zugetheilt ist, nur
als das trostlos pltzliche Vereinsamen eines in Liebesflle aufgeblhten
Kindes; doch fern liegt ihr die Ahnung einer ihr dadurch aufgedrckten
Zweideutigkeit. Sie hat den festbegrndeten Stolz der Unschuld und jenes
rhrende Vertrauen in die Wahrheit noch, durch deren offne Enthllung sie sich
selbst und uns allen glaubt Genge gethan zu haben. Sie lebt so ohne Furcht vor
uns in diesem Kreise, da sie sich um nhere Enthllung ihres geheimnivollen
Lebens nur deshalb sorgend mht, weil sie der Unruhe ihrer Freunde ber ihr
Verschwinden denkt und es sich selig trumt, diejenigen der Ihrigen, die sie
noch am Leben hofft, uns zuzufhren. Da uns das Erscheinen dieser Freunde zum
Zeugni ber sie auch nthig scheinen knnte, ahnt ihre Seele nicht. Und wer mu
ihren unbekannten Freunden nicht Zeugni hoher Einsicht ablegen, wenn er die
Erziehung dieses Mdchens kennt? Die Natur hat an dieser schnen Hlle sich
nicht erschpft; frei, groartig und edel ist jeder Trieb in dieser Brust, doch
wie hat auch die Erziehung mit hchster Weisheit, mit Ehrfurcht fast vor dieser
natrlichen Gestaltung, gegen alle Verkrppelung sie bewahrt! Ich kenne die
Plne, die Berechnungen ihrer Erzieher nicht, darum kann ich nur sagen, es
scheint, sie ist zu einer groen Bestimmung auferzogen, und ihrer Natur eine
vllig freie und eigenthmliche Entwickelung gegnnt. Sie hat die Formen, die
wir an Frauen lieben, die von der feinsten Sitte der vornehmen Welt erzogen
wurden, und dennoch ist es, als ob sie nichts von allem diesen wte, als ob ihr
hohes weibliches Gefhl sie jedes Mal die Formen erfinden liee, die dann dem
strengsten Richter gengen mssen. Sie geht ruhig, arglos wie ein Kind, unter
all diesen verschiedenen Gestalten hier umher und wei sich berall zu finden;
aber ein unedles Wort reizt schnell dies sorglose Kind, sie hat ein krftiges
Herz, des edeln Zornes fhig, und wunderbar tritt dann ein chter Stolz aus ihr
hervor. Dann fhlt man erst, wie vllig wahr und natrlich sie gebildet ist, und
denkt mit Freuden der schnen Natur, die sie so mig, klar und ruhig in allen
Verhltnissen bleiben lt. Nein, ich kann den Glauben an ihre reine Abkunft
nicht aufgeben; es wird noch Licht ber sie kommen; diese Ungerechtigkeit, sie
der Mideutung preis zu geben, begeht der Himmel nicht an seinem Liebling!
    Richmond drckte, bewegt von dem warmen Eifer des edeln Freundes, seine
Hand, er hatte das schne Bild, welches aus seinen beredten Worten vor ihm
aufgestiegen, mit einem unaussprechlichen Gefhl als ein bekanntes, zum Leben
auferstandenes in seinem tiefsten Gemthe aufgefat und fhlte sich davon zu
sehr gerhrt, um ruhig plaudernd, wie es die Absicht dieses Beisammenseins
verlangte, auszuharren.
    Auch schien Lord Ormond davon wie von etwas Ausgesprochenem berzeugt.
Freundlich, innig preten sie sich, Abschied nehmend, an einander und Jeder
eilte, reich mit eigenen Gedanken ausgestattet, zur willkommenen Einsamkeit.
    Erst als Ormonds Blicke hier in seinem Zimmer auf eine kleine Zeichnung von
Ollonie's Hand fielen, gedachte er, wie so ganz er bei jenem Zusammensein mit
Richmond seine Absicht auer Acht gelassen, ihn aufmerksam auf Ollonie zu
machen. Er blieb betroffen stehn, dann schien ihn pltzlich Schreck und Schmerz
zu berwltigen, er hob die Hnde gepret gegen die Stirn, und wir verlassen
ihn, um Richmond zu belauschen, der, sein Zimmer durchmessend, seufzend mehr als
ein Mal zu sich sprach: Du armer Bruder!

Lngst war das Ereigni, das ihrer Feindin und ihren Freunden so auffallend
ward, aus den Gedanken Maria's entschwunden; wir finden sie in ihrem Zimmer,
halb entkleidet, auf einem Tabouret, vor dem mit ihrem Schmuck belegten
Nachttisch sitzen, und die alte, ihr zugetheilte und sie zrtlich liebende
Kammerfrau beschftigt, das schne braune Haar, das wie ein seidner Mantel um
ihre Schultern hing, zur Nacht zu kmmen und in Flechten aufzubinden. Doch immer
zog sie kopfschttelnd den Kamm zurck; denn immer berhrte er fnf weie,
schlanke Finger, die trotz der wiederholten Verletzung stets bemht waren, das
zarte Haupt zu sttzen, das, schwer von Gedanken, einem unergrndlichen
Geheimni nachzusinnen schien.
    Vergeblich hatte die gute alte Errol gehustet, bei Berhrung des Kammes um
Verzeihung gebeten, ihre sonst stets heitere, auf die alte Pflegerin aufmerksame
Gebieterin blieb heute den kleinen, sonst so leicht verstandenen Bemhungen,
eine Unterredung anzuknpfen, unzugnglich.
    Ihr seid mde, theure Lady, hob sie nun endlich lauter an, und wenn Ihr Eure
liebe Hand zurckziehn wollt, will ich Euch bald zur Ruhe helfen, aber ich mu
doch Eure Haare aufbinden. Ein holdes, aber stummes Lcheln war die ganze
Antwort, aber die schne Hand ruhte nun friedlich neben der andern im Schoo und
die alte Errol eilte ungestrt ihr Werk zu vollenden.
    Kein Wunder, fuhr sie fort, noch immer bemht, ihr Rede abzugewinnen, da
Ihr so mde seid; habt Ihr doch heute Nachmittag gar viel Bewegung Euch gemacht.
Wahrlich, Euch kann Niemand bertreffen. Die jungen Damen, so zierlich sie sind,
keine wei bei allen Spielen das zu leisten, was Ihr vermgt, und wre Lord
Richmond nicht gekommen, auch die Kavaliere httet Ihr besiegt, aber der, das
liebe Kind, von Jugend auf war er der Klgste, Beste und Geschickteste!
    Lord Richmond, so tnte es jetzt ber die Lippen der schweigsamen Lady, Lord
Richmond, ja wohl, Du mut ihn kennen, Du warst ja von Jugend auf in
Godwie-Castle. -
    Ja, Mylady, zu Befehl; und Anne, meine liebe jngste Schwester, die an den
Master Jepson verheirathet ist, die war seine Amme. Es war von Geburt an ein
schnes begabtes Kind, und heute, wie er mit Euch um die Wette durch das seidne
Tau lief, da war es mir, als she ich ihn wieder als Knaben vor mir. -
    Aber wo warst Du, Errol, ich sah Dich nicht, als wir heute spielten? -
    Euer Gnaden, der Master Lovelace hatte uns erlaubt, die obere Gallerie, die
an den Speisesaal stt und gerade auf den Platz sieht, zu besuchen, denn Alle
wollten gern den jungen Herrn sehen. -
    Whrend dem war die alte Errol mit ihrer Arbeit zu Ende gekommen. Sie kte
jetzt die schnen Hnde, da die junge Dame stets ohne Hlfe ihr Bett bestieg,
und entfernte sich, froh, da sie ganz so freundlich, wie gewhnlich, von ihrer
jungen Herrschaft entlassen worden war.
    Maria fand sich nun allein. Sie dachte, da der Augenblick zu beten gekommen
sei, und hoffte dann durch den Schlaf ihrer sonderbaren Stimmung enthoben zu
werden. Sie kniete in hoffnungsvoller Erwartung des Gebets vor ihrem kleinen
Pulte nieder; aber es blieb Alles stumm in ihr, ihr ganzes Innere schien still
zu stehen, und sie selbst stand, wie vor etwas Fremdem, in erstaunensvolle
Selbstbeschauung aufgelst. Wie die Hallen an einem Feierabend vor dem Feste, so
war ihr Herz mit dem vollsten Schmucke angethan, aber die lautlose Stille darin
zeigte an, da der Morgen noch nicht angebrochen war, der dieser stillen
Vorfeier Namen und Bedeutung verleihen sollte.
    Kindlich gengstigt von dem Gedanken, nicht beten zu knnen, hob sie flehend
ihre Hand zum Himmel. Herr, mein Gott und Vater! rief sie aus tiefer Brust, sieh
mich an und sei mir gndig!
    Dann senkte sie ihr schnes Haupt lange auf das Pult, kte endlich
inbrnstig ihr kleines griechisches Evangelium, das ihr zur Erbauung diente, und
legte sich beklommen und sich selbst entfremdet auf ihr Lager. Da flossen
endlich die Thrnen, die sie bisher aus Scham bekmpft, und sie wehrte ihnen
nicht lnger, obwol sie es tadelte, so ohne Ursach zu weinen; und wie ein
unschuldiges Kind weinte sie sich in die Arme des Schlafes hinber.
    Die Sonne Englands leuchtet nur selten am frhen Morgen mit dem hellen,
farblosen Lichte anderer Lnder. In Nebel und feuchte Dnste gehllt, verbreitet
sie ein weniger helles und wrmendes, aber alsdann von der zartesten Rosenfarbe
magisch verklrtes Licht. In langen schmalen Streifen sendete sie am andern
Morgen ihren zauberischen Glanz durch die bunten gothischen Fenster in das
Schlafgemach der hold noch Trumenden. Auf dem glnzenden Tafelwerk an Wnden
und Fuboden schienen die farbigen Scheiben ihr Licht als zerstreute Blumen zu
malen, gleichsam neckend, um die Schlferin zu wecken. So ruhte das schne Kind,
ganz bergossen von den bunten Lichtern, auf ihrem Lager, dessen Vorhnge, weit
zurckgezogen, ihnen vollen Einzug gnnten. Doch schon zuckten zuweilen die
zarten Augenlieder, und eben wollten die feinen Hnde die blendenden Lichter aus
den Augen streichen, da vollendeten diese selbst das angefangene Werk, und zwei
klare Augen ffneten sich dem heitern Morgen.
    Mit einer unbeschreiblich sen Empfindung ward sie sich ihrer selbst
bewut. Wie ein Kind, das liebes Spielzeug wieder erkennt, schaute sie, lchelnd
aufgerichtet, umher in das lieblich gefrbte Gemach, den Gegenstnden ihre
anmuthigen, wohlbekannten Erscheinungen aufs Neue ablauschend. Als sie auch ihr
weies Gewand und sich selbst mit bunten Lichtern bergossen sah, entschlpfte
sie leichten Fues dem so lustig bestreuten Lager, und hinaus in die Frische des
herrlichen Morgens sehnte sich die heie Brust. Jugendlich erquickt und erfreut
durch den gesunden Schlaf, gedachte sie nicht ihrer Empfindungen am Abend, oder
glaubte sie doch, nach flchtiger Erwgung, glcklich beseitigt. Ein doppelt und
dreifaches Leben an seliger Heiterkeit fllte ja heute die gestern so beklommene
Brust; sie mute ja niederknien, und dies Mal fehlte das Gebet ihr nicht; ja,
ein Hymnus von Dank und Liebe gegen Gott strmte aus dem seligen Herzen, und als
sie, von Freude und Andacht leuchtend, aufstand, da schien sie die andchtig
harrende Errol zu fragen: Ist es nicht eine Seligkeit zu leben?
    Mit dem heitersten Lcheln strich sie ber das alte liebe Gesicht, und ein
Kind kann nicht theilnehmender nach der Nachtruh der Mutter forschen, als jetzt
das schne Frulein die alte Dienerin befrug.
    Dazwischen lauschte sie stets nach den Fenstern hin, und das erwachende
Leben in der Natur entging ihren aufmerkenden Sinnen nicht. Zwar war die Zeit
des Sommers schon dahin, aber der Herbst hatte noch sein eigenthmliches Leben
nicht verloren, und sie hrte von fern den Reiher ber dem Moore sich mit
vereinzeltem Geschrei erheben, der Drossel nahen sanften Ton und der Seemwe
weitgetragenen, gellenden Ruf. Hell lachte sie den Schwalben nach, die, aus dem
Mauergesimse emporschwirrend, sich erst an den glnzenden Scheiben mit dem Kopf
stoen muten, ehe sie den rechten Weg in das Weite fanden. Hinter ihnen her
strebte ihre Seele mit Ungeduld und schnell half sie selbst sich in die
zierliche Morgenkleidung hllen. Dem Klima und der Sitte gem, bestand diese
weder in Mousselin, noch seidenem Stoffe, sondern sie whlte einen dunkeln
Sammet, dessen Rnder mit feiner Goldstickerei zu dem goldnen Netze paten, das
die glnzenden Zpfe umschlo und von einem kleinen Federhute berbaut wurde,
der so leicht wie ein Heiligenschein um den Kopf sa, weder der Sonne, noch dem
Sturme zu wehren vermgend. Whrend dies in eigentlicher Schnelligkeit bald
beendigt ward, hatte sich zu wiederholten Malen ein Gerusch an der Thre hren
lassen, das zwar einen ungestm Harrenden andeutete, aber zugleich von einem
Willkommenen herrhren mute, denn jedes Mal blickte Lady Maria mit dem
schalkhaften Lcheln zur alten Errol auf, die dann jedes Mal lachend nach der
Thr hinnickte.
    Jetzt war das schne Wesen von Kopf bis zu Fue geschmckt, und trotz des
dabei waltenden Eifers doch von keinem andern Gefhle bewegt, als dem der
gehrigen Abfertigung eines nthigen Geschfts. Rasch und von eigener freudiger
Ungeduld bereilt, flog sie gegen die Thr, und sogleich strzte sich Gaston ihr
mit dem ausgelassensten Jubel entgegen, und nachdem sie seine Liebkosungen
empfangen, jagte er, die khnsten Sprnge wagend, und in langen Bogen sie
umkreisend und wieder erreichend, um sie her, whrend sie selbst, wie ein
flchtiges Reh, ber die Stiegen und Gallerien mit ihm hinab eilte in den
herrlich ihr entgegen leuchtenden Park.
    Aber welch' ein Morgen schien ihr der heutige. Welch' ein Licht, welch' ein
Farbenglanz und welch' eine leichte balsamische Luft, von der sie sich wie
getragen fhlte! Welch' ein Gefhl von Glck und Muth und Hoffnung schien ihr
von ihm auszugehen. Ihre Seele war befreit von dem Kummer, der seine schwere
Hand nach ihr in der Einsamkeit auszustrecken pflegte, die Bilder der verlorenen
Lieben ihr vorfhrend und ihr eigenes vereinsamtes Loos.
    Ach! wohl gedachte sie ihrer Lieben; aber heute mehrten sie nur die
unschuldige Seligkeit des Herzens, und statt ihrer sonst in Thrnen gehllten
Bilder verklrten sie sich jetzt in heiter blickende Engel, die aus dem
glhenden Morgenhimmel sich schtzend und segnend ber sie herab neigten.
    Ja, ich mu glcklich sein! rief sie sich zu, denn dies wollten sie ja von
mir; und zum ersten Male fiel es ihr ein, wie sie ihr das Glck, das aus einer
wahrhaft harmonischen Entwickelung des Menschen hervorgehen msse, und das sie
jetzt empfand, als die Aufgabe des ganzen Lebens gestellt hatten.
    Sie fhlte, da sie an diese Aufgabe zu wenig gedacht, aber heute wollte sie
dieselbe zugleich lsen. Sie hielt den Schmerz fr besiegt in sich oder doch fr
aufgelst in kindlicher Ergebung, und dankte im ausgesprochenen Gebete Gott fr
das Glck, zu leben. Zu leben! setzten ihre Gedanken das Gesprch des kindlichen
Herzens fort, und zu leben unter den edelsten und besten Menschen.
    Sie sandte ihnen allen tausend zrtliche Gre zu, als sie so eben, eine
Hhe ersteigend, das in der Ferne ber den Bumen des Parkes sich erhebende
Schlo gewahrte. Ach, mit jenen vereint den Tag zu verleben, schien ihr ein nun
erst von ihr verstandenes, geschtztes, unnennbares Glck zu sein.
    An dem Fue einer groen Eiche, die noch vollbelaubt mit ihren weit
ausgebreiteten Zweigen die Anhhe beschattete, befand sich ein kleiner Sitz, den
Lady Maria am liebsten bei ihren frhen Spaziergngen einnahm. Von hier aus
hatte sie einen weiten Blick in die reizende Gegend, die fr sie einen
besonderen Zauber trug, denn hier konnte sie mit ihren scharfen Augen die fernen
Gebirgslinien des Cheriot und die Grenzen Schottlands ersphen. Der Solway, an
dessen Ufern sie als Kind gespielt, war zwar verdeckt von dem Gebirge des Peek;
aber diese fernen malerischen Linien, diese ersten Grenzwarten des schnen
Landes, das sie als ihr Vaterland ansehen mute, gaben ihrer Phantasie stets die
Bilder der Heimat, und es war ihr eine Pflicht geworden, tglich hinber zu
schauen, und sie wie liebe Verwandte zu begren.
    Sie mute sich heute, wie manchen Morgen damit trsten, die Himmelsgegend
aufzusuchen; denn so fern hin ruhten noch dichte Nebelschleier um den Horizont.
Aber auch dies gab ihrem lebhaften Sinne Genu, denn gleich einem ungeheuern
Oceane breitete sich der Nebel-Hintergrund aus, whrend der Punkt, wo sie stand,
in seiner saftigen Frische wie eine Oase daraus hervor leuchtete.
    Voll athmete sie dem schnen Naturbilde entgegen, und Alles ward ihr heut
zum Troste oder zur Freude, und jeder Schatten versank, denn ihr Busen war
ausgefllt von einem einzigen, unendlichen Wohllaut!
    Gaston, an das Ziel der Wanderung seit lange gewhnt, hatte voranstrmend
sie hier erwartet, und sa nun aufgerichtet gleich einer Schildwache zu ihren
Fen und schaute mit seinen klugen Augen, wie verstndig, in die Gegend hinein.
    Doch jetzt zog er die Ohren horchend an, wandte unruhig und knurrend den
Kopf, und ohne sich von der schmeichelnden Hand seines Schtzlings beruhigen zu
lassen, schlug er pltzlich hell an und fuhr, seinen groen Krper rasch
erhebend, pfeilschnell nach dem Waldwege hin, der von dort aus gleichfalls zu
der Hhe fhrte.
    Lady Marie folgte seinem Laufe mit den Augen und sah, wie Gaston sich in
seiner ganzen Lnge aufgerichtet gegen einen Mann gedrngt hatte, dem er auf
diese Weise verwehrte weiter zu schreiten, da sein wildes Gesicht, gegen das
seinige gehalten, ihm jede Bewegung mit einem drohenden Knurren erwiederte.
    Gaston, Gaston! rief Lady Marie, furchtlos fr sich und erschreckend ber
des Thieres Wildheit, komm zurck, komm zu mir!
    Gaston wandte den Kopf nach ihr zurck, und schnell dem Rufe der lieben
Stimme gehorchend, stie er den Mann, ihn eben so heftig loslassend, fast
rcklings ber und war im selben Augenblicke liebkosend zu ihren Fen. Noch mit
ihm beschftigt, blickte Lady Marie erst auf, als ste den Schatten des nahenden
Mannes vor sich am Boden sah, und jetzt erkannte sie zu ihrem lebhaften
Mivergngen Lord Membrocke.
    Wer die schnelle Verwandlung ihrer Zge und ihrer ganzen Gestalt jetzt
betrachtete, mute der Worte des Lord Ormond gedenken, denn mit gerthetem
Antlitze hob sie sich so stolz empor, da ihr leuchtender Blick den Mann vor ihr
zu bedrohen schien.
    Je mehr sie in einer traumhnlichen Bewutlosigkeit sich den sesten
Gefhlen hingegeben und die Wirklichkeit nur in dem schmckenden Gewande dieser
Stimmung erblickt hatte, desto ferner war ihr das Andenken an einen Mann
getreten, der ihr so viel Veranlassung zum Zrnen gegeben hatte, und ihren
Argwohn und ihre Ungeduld unablssig erregte.
    Doch der Lord schien nicht geneigt, den Zorn des schnen Fruleins bemerken
zu wollen, sondern nherte sich ihr mit der schlauen Ehrfurcht und
Unterwrfigkeit, die ihm allein brig blieb, um sich in der Nhe dieses stolzen
und klugen Kindes erhalten zu knnen.
    Mylady, sprach er, sie ehrfurchtsvoll grend, ich mu Euch sehr fr Eure
Befreiung von meinem Feinde danken, da ich, allerdings berrascht, auf einem
friedlichen Spaziergange so fest an der Gurgel gepackt zu werden, mir wenig zu
helfen wute. -
    Ich erkannte Euch nicht, Lord Membrocke, als ich Gaston zurck rief,
unterbrach ihn Lady Melville, kalt sich von ihm wendend und in die Gegend
blickend; es war eine ganz gewhnliche Handlung des Antheils und vielleicht
berflssig, da Gaston Niemand verletzt und mir nur diesen Platz gern einsam zu
erhalten trachtet. -
    Ich knnte gehen, wollt Ihr sagen, um Gastons handfeste Bemhungen nicht
vergeblich zu machen, setzte er spttisch hinzu; ich bin also offenbar hier
zuviel, und httet Ihr gewut, da Lord Membrockes Gurgel unter seinen Krallen
zusammen geschnrt war, so httet Ihr vielleicht es nicht der Mhe werth
erachtet, ihn abzurufen. Mylady, erlaubt mir Euch zu sagen, Euer Stolz thut hier
Euerm schnen Herzen mehr Schaden, als er verantworten kann. Ihr hat Niemand so
heftig, selbst den armen Membrocke nicht, um ihn gleichgltig irgend einer
Gefahr ausgesetzt zu sehen, wenn Ihr sie mit einem Laute Eurer holden Stimme
abwenden knntet.
    Es lag zu viel Wahres in diesem Vorwurfe, als da er nicht das offene und
bescheidene Gemth Maria's htte treffen sollen. Sie glaubte ohne Grund eine
unweibliche Hrte begangen zu haben, und die frheren Veranlassungen ihrer
nthigen Zurckhaltung ber diesen Vorwurf vergessend, wandte sie sich mit
milderem Wesen zu ihm.
    Mylord, sprach sie, in den ruhigen Ton der Hflichkeit bergehend, Ihr
vertraut meinem Herzen nicht zu viel; ich hoffe, da es sich nie vom allgemein
menschlichen Wohlwollen zu gehssiger Ausschlieung verirren wird. Sollten meine
Worte in der ersten Ueberraschung gegen Euch das Gegentheil ausgedrckt haben,
so mgt Ihr mir verzeihen.
    Lord Membrocke jauchzte innerlich, dies stolze Wesen gegen sich in Nachtheil
gebracht zu haben, und htte Lady Maria das boshafte Lcheln gesehen, womit er
hinter ihr stehend sie betrachtete, sie htte vielleicht bereut, auf seine Worte
gehrt zu haben.
    Was knntet Ihr noch sagen, Mylady, erwiederte er sanft zurckhaltend, was
hrter wre, als das grenzenlose Mitrauen, womit Ihr mich behandelt, seitdem
Euer bezaubernder Liebreiz aus dem geheimen Abgesandten Eurer Freunde Euren
zrtlichsten und unglcklichsten Anbeter machte.
    Ihr habt mir befohlen darber zu schweigen, fuhr er fort, als die Lady sich
augenblicklich anschickte, die Hhe hinabzusteigen, indem er ihr ehrerbietig,
aber nahe genug folgte, um ihr Ohr noch zu erreichen, - und ich werde Euern
Befehl befolgen, so lange meine schwache Kraft es vermag; aber ich beschwre
Euch noch ein Mal, wendet um dieser unschuldigen, unfreiwilligen Vergehung
meines Herzens nicht Euer Vertrauen ganz von mir. Denkt, ich wiederhole es Euch,
da ich der Einzige bin, dem sich Euer unglcklicher Oheim vertrauen durfte, um
Euch, dem letzten ihm gebliebenen Troste, von ihm Kunde zu geben. Er ist
umstellt, verfolgt und jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt, seine Sicherheit
durch Flucht bewirken zu mssen. Bedenkt, was Ihr thut, indem Ihr mir versagt,
Euch zu ihm zu fhren, und so die Zeit vergehen lat, die ich viel ntzlicher an
seiner Seite zubringen knnte.
    Mylord, sprach hier Lady Melville, ohne still zu stehen, Ihr behandelt mich
auf eine unverzeihliche Weise. Eure unschicklichen Verfolgungen lassen mich
nichts fr wichtiger halten, als wie ich mich denselben entziehen soll, und das
wenigstens darf ich nicht bezweifeln, da mein Oheim Euch nie zu seinem
Vermittler gewhlt haben wrde, htte er ahnen knnen, mich dadurch in die
beleidigende Vertraulichkeit mit einem Manne zu bringen, der damit anfing, mich
zum Gegenstande einer unehrerbietigen Neigung zu machen. Aber davon abgesehen,
da das Vertrauen eines der edelsten Menschen Euch htte bewegen mssen, mich
mit Achtung zu behandeln, mu ich jedenfalls einen Mann gering achten, der eine
Lage, wie die meinige, zu benutzen sucht, um, whrend ich meines natrlichen
Schutzes beraubt bin, mir Vorschlge zu thun, an die ich nicht denken darf, ohne
Eure Nhe gleich der einer giftigen Schlange zu fliehen. Seitdem Ihr meinen Zorn
empfunden habt, erst seitdem tretet Ihr als Gesandter auf, und unter der
Autoritt der Namen, die mir heilig sind, sucht Ihr mein verscheuchtes Vertrauen
wieder zurck zu bringen. Vielleicht hatte ich Unrecht, Euch noch ein einziges
Mal Gehr zu geben, aber ich bin noch zu jung, zu wenig gewohnt mich selbst zu
leiten, und war zu berwltigt von dem Gedanken an die Mglichkeit dieses
letzten, einzigen Schutzes, der mir geblieben, um dem nthigen und allzusehr
gerechtfertigten Mitrauen sogleich Gehr geben zu knnen. Ihr habt, auf diese
theure Namen hin, mich mit ungekannten Schrecknissen bedrohend, eine
Verschwiegenheit von mir erpret, die mich unaufhrlich beleidigt, die mich wie
eine Schuld gegen die edle Familie belastet, der ich das unbedingteste Vertrauen
schuldig zu sein glaube, und welche Ihr mir ohne alle Grnde als Gefahr bringend
schildern wollt. Aber seid sicher, mein Herz verwirft diese falsche Stellung
jeden Tag lebhafter, und eben heute fhle ich es unerllich, mich wieder rein
zu stellen; heute noch soll die Herzogin von Nottingham erfahren, was Ihr von
mir verlangt, in wessen geheimer Vollmacht Ihr hier zu sein vorgebt, und hat sie
fr mich geprft, dann mgt Ihr immerhin unter dem Gefolge Euch befinden, das
sie mir ersehen wird, um mich an den Ort meiner Bestimmung zu fhren.
    Nun, rief hier Membrocke mit einem Zorn, den er lngst einmal gegen das
muthige Mdchen zu versuchen entschlossen war, und wozu er sich ziemlich durch
ihre wegwerfende Antwort geneigt fhlte; nun so folgt denn Euerm bermthigen
Sinn und seid es dann selbst, welche die letzte Hand an das Schicksal Euers
Oheims legt. Wisset, da das erste Wort, was mich als den geheimen Freund Eures
Verwandten vor dieser Frau bezeichnet, mich zwingen wird, ihn ihr zu nennen und
seinen Aufenthalt zu entdecken, und wisset, da es derselbe ist, der, in die
Angelegenheiten des Grafen von Bristol verwickelt, von diesem durch ein einziges
Wort zum Schaffot gefhrt werden kann.
    Lady Melville bebte hier unwillkrlich zusammen, und als sie ihr schnes
Antlitz zu ihm wandte, war es erblat, und ihr groes Auge schaute voll
Entsetzen zu ihm auf.
    Ja, vollendete Membrocke, die ihn erfreuende Wirkung beobachtend, ja, Ihr
wollt nicht geschont sein, und sollt es denn endlich wissen, wie schrecklich die
Lage Euers Oheims ist, wie sehr sie geschont sein will. Gewi habt Ihr den Namen
Buckingham nennen hren, und mt ahnen, da Eure Verwandten nur zu nah mit
diesem erlauchten Geschlechte verbunden sind. Eben jetzt ist Graf Bristol
zurckgekehrt; wegen der spanischen Zwistigkeiten sucht er sich zu
rechtfertigen, indem er den Herzog von Buckingham anklagt. Nur zu leicht wrde
ihm das gelingen, knnte Graf Bristol den Aufenthalt Euers Oheims entdecken und
ihn vor Gericht laden. Genug Zeugnisse werden gegen ihn reden, denn sein edles
vertrauungsvolles Gemth hatte ihn an Schritten theilnehmen lassen, deren
Aufdeckung, nach der gnzlich verfehlten, sicher guten Absicht, jedem
Theilnehmer den Tod bringen mu, da es die Auflsung der spanischen Vermhlung
und den daraus sich jetzt entwickelnden Krieg betrifft. Das Parlament ist
versammelt. Graf Bristol mu seine Anklagen beweisen, wenn er nicht das gezckte
Schwert ber sein eigenes Haupt rufen will. Es blieb Euerem Verwandten nichts
brig, als Flucht. In tiefster Verborgenheit an der Grenze des Knigreichs harrt
er, ob die Nachforschungen Bristols ihm nahen werden, um dann sogleich allein,
trostlos und verlassen von aller Liebe, in ein fremdes Land zu fliehen. Die
ganze Familie Nottingham untersttzt diese Nachforschungen; denn sie verhehlen
sich nicht, da ohne diese Beweise die Lage des Grafen sehr bedenklich wird. -
Geht jetzt hin und entdeckt selbst der Tochter des Grafen Bristol, wohin sich
der geflchtet, den sie um den Preis ihres halben Lebens suchen wrde, und wenn
dann das Henkerbeil ihn erreicht, so lat mir wenigstens die Gerechtigkeit
widerfahren, da ich Euch warnte.
    Lord Membrocke hatte mit der vollen Sicherheit gesprochen, die er in der
Ueberzeugung gewann, sie erschttert zu haben; aber seine Berechnungen sollten
immer an einem solchen weiblichen Karakter scheitern, von dem er berhaupt keine
Vorstellung hatte. Die heftige Erschtterung des ersten Augenblicks bemeisternd,
suchte ihr an klares Nachdenken gewhnter Geist diese berraschenden Thatsachen
zu prfen, und, untersttzt von ihrem Widerwillen und ihrem Mitrauen gegen den
Erzhler, weigerte sich bald ihr ganzes Innere, ihm Glauben beizumessen.
    Ich kann nicht denken, da die Lage meines theuern Oheims so ist, wie Ihr
sie darstellen wollt, und niemals kann ich annehmen, da dieser stolze und reine
Karakter in irgend eine Handlung verwickelt sein sollte, die ihn zu einer so
schimpflichen Verborgenheit zwingen knnte. Htte dieser Engel von Milde und
Gte sich aber zu einem Schritte weiter verleiten lassen, den er bereuen mte,
nimmer wrde er geduldet haben, da ein anderer dadurch in Gefahr geriethe; er
wre der Erste gewesen, der dem Parlament als sein eigner Anklger sich
gegenber gestellt htte. Graf Bristol htte in ihm selbst seinen Vertheidiger
gefunden, ob auch das Henkerbeil, wie Ihr sagt, dann ber seinem Haupte zuckte.
Ha! rief sie, begeistert von dem Tugendzeugni, das sie diesem geliebten
Andenken abgelegt, gesteht es nur, Ihr habt eine schlechte Mhr ersonnen, mich
von denen zu entfernen, bei denen ich nur allein Schutz und Hlfe finden konnte
gegen Euern bsen Willen, und Gott mag Euch vergeben, da Ihr dazu mir so
heilige Namen mibrauchtet.
    Wieder eilte sie heftig erzrnt den Weg vor ihm her, welcher nun in einen
breiten Laubgang einlenkte, der aus den Frhstckssaal zufhrte, in dem bereits
alle Mitglieder des Hauses und der Gesellschaft versammelt waren. Nun so rette
Euch Gott, halsstarriges Mdchen, rief Membrocke, und Du, theurer unglcklicher
Freund, magst mir vergeben, da ich Dein mir so heiliges Vertauen an ein so
trotziges, wildes Wesen verrieth, auf dessen Liebe Du zu viel bautest.
    Lady Melville blieb stehen. Trotz der Gewalt, die sie ihrem Herzen anthat,
ihre Besonnenheit zu erhalten, ward doch durch die frheren Worte Membrocke's in
ihr eine Angst erregt, die sie nicht mehr zu beschwren vermochte. Tief aber
traf sie der letzte Vorwurf selbst aus diesem Munde.
    Gott, Du bist mein Zeuge, rief sie, indem ihre Stimme bebte, da, knnte ich
Euch glauben, ich zu Fu als Bettlerin, ja, selbst mit Euch, bis an den fernsten
Punkt der Erde wandeln wrde, ihn aufzusuchen und ihm mit meiner Liebe innig zu
dienen, aber - Sie schwieg, und Schmerz und Unruhe lagen so unschuldig rhrend
in diesen holden Zgen ausgedrckt, da Membrocke, selbst einen Augenblick davon
ergriffen, beschlo, sie zu seiner wirklichen Gemahlin zu erheben, und nach
dieser tugendhaften Entschlieung um so dreister seine bsen Geister aufrief,
sie durch alle erdenklichen Tuschungen in seine Gewalt zu bringen.
    Wie kann ich nun wieder diesen Betheuerungen glauben, sprach er mit
unverstellter Anmaung, da berhaupt Eure ganze Theilnahme fr Eure natrlichen
Freunde in derjenigen untergegangen zu sein scheint, womit Euch hier diese
fremde Familie fesselt?
    Einen Tag frher htte Maria diesen Vorwurf mit Unwillen zurckgewiesen;
heute bebte sie innerlich davor, aus einem ihr selbst noch nicht bekannten
Grunde, wie vor einer Wahrheit zurck.
    Ich wei, fuhr Membrocke fort, durch den Mund Eures Oheims, da Ihr noch
nicht den Namen desselben kennt, Ihr irrt, wenn Ihr ihn fr einen Grafen von
Marr haltet, Ihr beginnet selbst dies zu ahnen und wit, da Eure Beschtzer
ebenso daran zweifeln. Warum war aber Euer Antheil so lau, da Ihr nicht von mir
eine so wichtige Nachricht vernehmen wolltet, die doch wohl unzweifelhaft mir
bekannt sein mu?
    Marie erglhte bei dem Gedanken an diese Art von Rechenschaft, die der
fremde verhate Mann von ihr zu fordern schien.
    Erinnert Euch, Mylord, rief sie stolz, da aus meinem Munde an Euch nie ein
anderes Wort ergangen ist, als was ich, von Eurer Zudringlichkeit gezwungen,
aussprechen mute; da ich mich nie zu einer Frage herablie, die den verhaten
Zwang Eurer Nhe mir htte verlngern knnen, da ich vor Allem nie anerkannt
habe, Ihr knntet irgend etwas von denen wissen, die ich zu hoch verehre, um
Euch als ihren Abgesandten ansehen zu mgen. Ein Name, wie wichtig mir auch der
rechte sein mchte, wrde, aus Euerm Munde gehrt, fr mich keinen hhern Werth
haben, als jener, den ich jetzt schon als einen von mir irrig angenommenen
ansehen mu. Lat die Vertraulichkeit, womit Ihr mir Rechenschaft abzufordern
geneigt seid, Ihr seid und bleibt mir vllig fremd.
    Sie eilte vorwrts, bis zur Hlfte schon die Allee zurcklegend, und
Membrocke fhlte nun mit Unwillen, wie schwer ihm hier jeder Schritt gemacht
wrde, wie er auch jetzt wieder einlenken mte. Er suchte sie daher zu
erreichen, und trotz dem, da Gaston sich zwischen ihn und seine Gebieterin
gedrngt hatte, versuchte er doch so nah und vertraulich, wie mglich, neben ihr
zu schlendern, da er im Angesicht des angefllten Saales hoffen durfte, bemerkt
zu werden. Dies untersttzte seine Absicht, den Schein eines Einverstndnisses
mit ihr zu erwecken und die in Bezug auf sie gefate gute Meinung zu
erschttern, welches ihn hoffen lie, eine Spaltung hervorzubringen, die sie
hilfloser und isolirter machen mute.
    Euer Zorn, hob er aufs Neue an, obwol ich immer dessen Ziel sein mu, legt
gegen Euern Willen Zeugni von Euerm treuen kindlichen Herzen ab, das ich nthig
hatte, um Euch nun bald Beweise geben und anvertrauen zu knnen, um deren
Wirkung ich sicher bin. Bald erwarte ich meinen Pagen von da zurck, wo er lebt,
der mich bei Euch beglaubigen mu. Bis dahin hrt auf meine letzte flehende
Bitte, und um des Andenkens willen, das Ihr so hoch haltet, schweigt gegen
Jeden, der Euch auch noch so wrdig des Vertrauens scheint. Hrt Ihr, mein Page
sei zurck, und ich wei Euch nichts Gengendes zu sagen oder zu geben, dann
sollt Ihr selbst den Tag meiner Abreise bestimmen, ich kann Euch nur dem Schutze
des Himmels empfehlen.
    Lady Melville wrdigte ihn keiner Antwort, sondern suchte ihm voran zu
eilen, und whrend sie jetzt sich dem Saale nherte, gewahrte sie die ganze
Gesellschaft um den frhlichen Genu des Frhstcks versammelt.
    Wie, rief die Marquise Danville, sehe ich recht? Eilt dort nicht unser
kleines Geheimni, Lady Melville, daher, wenn ich nicht irre, am Morgen in
derselben Gesellschaft, von der ich sie am Abend begleitet fand? Doch man hat
mir gestern Abend bewiesen, da ich zu schwach sehe, um mich auf meine Augen
lnger verlassen zu knnen. Lord Ormond, wollt Ihr mir wohl sagen, da jetzt
anstatt des Mondes die Sonne am Himmel steht, wer die beiden vertrauten Personen
sind, die dort die Allee entlang zu uns eilen? Oder Ihr, Lord Richmond? fuhr sie
in bitterem Spotte fort; denn seht, unserm lieben Lord Ormond erstirbt die
Antwort auf den Lippen.
    Ohne Zweifel, ergriff Lord Ormond fest und kalt das Wort, ist dies Lady
Mellville und Lord Membrocke. Lady Melville liebt frh in dem Genusse der
schnen Natur ihr Gemth zu erheitern und ihre Nerven in der Morgenluft zu
sthlen, welches ihr die bezaubernde Gesundheit des Krpers und des Geistes
erhlt, der wir uns alle freuen.
    Whrend dem war Richmond fast ungestm von seinem Sitze geeilt, der nun
eintretenden Lady Melville die Thr zu ffnen, und Ormonds Aufmerksamkeit zog
sich einen Augenblick auf Ollonie, die mit einer seltsamen Ueberspannung in
Maria's Arme strzte, sie heftig kte und dann an ihr vorber aus der Thr
verschwand.
    Als Maria am Eingange des Saales einen Augenblick hold grend stehen blieb,
und ihre alsbald wieder klar werdenden Augen freundlich ber Alle hinglitten, da
war es ihr, als ob ein bser Dmon ihr gefolgt, der erst hier in der Nhe dieser
edlen Menschen seine Macht ber sie verliere. Ihre Brust entlud sich der herauf
beschwornen Noth, und Friede und se Hoffnung auf Schutz und Glck unter ihnen,
zog wie der Gru eines Engels in ihr Herz.
    Mit einem unbeschreiblichen Gefhle kindlicher Ehrfurcht und Liebe nherte
sie sich den beiden Herzoginnen, die am Ende des Saales in der Nhe des Kamins
mit dem lteren Theile der Gesellschaft sich niedergelassen hatten, und innig
ihre Hnde kssend, ward sie von Beiden nach einer Jeden Art und Weise
freundlich begrt.
    Hierher, Mylady, rief jetzt Lady Danville; hier ist ein Platz fr Euch.
Wahrlich, Ihr macht es den Leuten schwer, Eure Gesellschaft zu genieen. Heute
Morgen, als ich Euch mit Gaston in den Park fliegen sah, als ob Ihr wer wei
welche Eile httet, da suchte ich Euch nachzukommen, begierig von Euch die
Freuden eines nebligen Herbstmorgens zu erlernen; aber ich fand bald, da Ihr
Euch fr heute einen andern Schler erwhlt hattet, und ich frchtete zu stren,
als ich Lord Membrocke desselben Weges Euch nacheilen sah. Ich kehrte daher
schnell zu diesem warmen Zimmer zurck, htte auch auf keinen Fall einen so
langen Lehrgang ausgehalten, wie Ihr mit Lord Membrocke zurckgelegt.
    Maria hatte sich zu Anfange dieser Rede der Lady genhert. Whrend des
Verlaufs ihrer Worte blieb sie stehen und blickte voll Erstaunen in die bitter
lchelnden Zge der Marquise. Sie war sich eines gegen sie gerichteten bsen
Willens so wenig gewrtig, da sie im ersten Augenblicke zweifelte, ob sie recht
hre; als sie sich berzeugen mute, ihr Zusammentreffen mit dem verhaten Lord
werde als ein verabredetes angesehen, und laut und mit Hohn als solches
beleuchtet, fhlte sie sich emprt. Ihr Antlitz ward von einer hohen Rthe
berdeckt, ihre schlanke Gestalt hob sich zu einer edeln Majestt, und der ernst
gebietende Glanz ihrer Augen setzte Richmond in Staunen. -
    Ich mu zwar annehmen, Mylady, da Ihr so eben scherzen wolltet; aber Ihr
habt in Eurer guten Laune bersehen, da Ihr einen Gegenstand whltet, der
selbst im Scherze das Gefhl einer Frau beleidigt, und ich bin beschmt, Euch an
diesen Migriff erinnern zu mssen.
    Haltet zu Gnaden, stolzes Kind, rief die Marquise, hochroth von Zorn; glaubt
Ihr in mir einen so lehrbegierigen Schler zu finden, wie in Lord Membrocke, so
seid Ihr im Irrthum. Erlaubt, da ich Euch auf diesen Migriff Eurerseits
aufmerksam mache. Ihr aber, Lord Membrocke, seid khl geworden in Euerm
Ritteramte; warum bekennt Ihr denn nicht den Zufall, dem wir Euer empfindsames
Zusammentreffen zuschreiben sollen. Knnt Ihr nicht? setzte sie lachend hinzu,
da Membrocke mit einem zweideutigen Lcheln die Achseln zuckte.
    Wie drfte mein Mund widersprechen, zischelte er, wo die schne Lady
Melville sich so bestimmt erklrt hat.
    Diese Worte wurden mit Willen halb leise gesprochen, wenn auch deutlich
genug, um von den zunchst Stehenden verstanden zu werden, und das Gelchter,
welches die Marquise ihnen nachschickte, vollendete das Beleidigende derselben.
Aber schon erreichten sie nicht mehr das Ohr des unschuldigen Opfers dieser
Bosheiten. Denn die alte Herzogin, auf alle ihre Gste ein wachsames Auge
habend, hatte die erhhten Stimmen am Ende des Saales bemerkt, und, der
schutzlosen Maria stets mtterlich gewogen, hatte sie schnell ihren Pagen
gesandt, sie an ihre Seite zu rufen. Schon hatte das liebliche Mdchen, ihre
Leiden vergessend, neben der alten Lady Platz genommen, ohne die Vollendung
einer Beleidigung zu ahnen, die sie muthig von sich abgelehnt zu haben whnte.
    Richmond war ihr gefolgt. Wie auch seine innere Empfindung ber dies neue
Zusammentreffen mit dem Lord sein mochte, dessen bekannter Karakter dem Rufe
einer jeden Frau schaden mute, die man in irgend einem Verhltnisse zu ihm
denken konnte: jedenfalls hatte die Art, wie Lady Melville von der boshaften
Marquise angegriffen ward, ihm emprend gednkt. Wenn er sich seine Meinung auch
vorbehalten zu mssen glaubte, wollte er doch nimmer dulden, da man in seiner
Gegenwart und in dem Hause seiner Verwandten ein junges schutzloses Wesen zu
beleidigen wage. Der Achtung sich wohl bewut, die man seinem Karakter zollte,
widerlegte er durch die ehrfurchtvollste Hflichkeit gegen die eben Beschuldigte
in den Augen der meisten Anwesenden das eben Gehrte. Er bediente sie selbst mit
der liebenswrdigsten Galanterie bei dem Frhstck, und der anfngliche Zwang
und die Absichtlichkeit, die er sich auferlegte, wichen bald dem Vergngen, das
Keinem in der Nhe Mariens fremd bleiben konnte. Ihr Geist besa heute eine
besondere Elastizitt, und die Freude hatte zu vollstndig in dem lebhaft
erregten Herzen Raum gewonnen, um nicht bald ber Alle dazwischen getretenen
Eindrcke zu siegen. Diese Erschtterungen selbst trugen bei, sie noch lebhafter
und anziehender erscheinen zu lassen, da sie ihr ganzes Wesen in Aufregung
gebracht hatten. Ihre wundervollen klaren Augen wechselten mit einem fesselnden
Ausdruck, und ihr leicht bewegtes Mienenspiel deutete schon, ehe noch Worte ihn
bezeichneten, den Gegenstand ihrer Empfindungen an.
    Es war Richmond nicht mglich, die Augen von ihr zu wenden, obwol er sich
einstweilen mehr noch ein Beobachter, als ein Bewunderer, dnkte.
    Und warum war denn meine liebe Maria so erzrnt, als ich sie zu mir rufen
lie? frug jetzt die alte Lady, zrtlich Lady Melville anblickend.
    Unsanft berhrt mitten in dem heiteren Gesprch mit Richmond, schien sie ihm
fast zusammen zu schrecken, und schnell ernst und errthend niederblickend,
blieb sie die Antwort zu lange schuldig, um nicht dadurch aufzufallen.
    Ich war unhflich, fuhr die alte Herzogin gtig fort, ich htte Dich nicht
stren sollen, da Du eben heiter warest; aber das war nur die Neugierde der
alten Frau, auch mchte ich nicht zugeben, da Dir etwas zu Leide geschehe; denn
ohne Grund erzrnst Du Dich nicht.
    Innig kte Maria ihre Hand. Das Gefhl dieses Schutzes sollte mich sanft
lassen, unter welchen Umstnden es sein mchte, aber ich habe viel mit meinem
ungestmen Herzen zu kmpfen. -
    Die alte Herzogin ward so eben angeredet und drckte nur noch die Hand ihres
Lieblinges zur begtigenden Antwort. Lady Melville wandte sich aber sogleich zu
Richmond; ihr Gesicht glhte, und ihre Augen standen in Thrnen.
    O Mylord, rief sie, wie hasse ich in mir diese leicht veranlate Heftigkeit,
und wie wenig vermag ich sie noch zu zgeln, trotz dem, da ich ihrer so lebhaft
mir bewut bin. Wir sollen wohl nicht gleichgltig bleiben, wenn uns das
Unnthige aufgenthigt wird, aber diese Selbstvertheidigung lt stets einen
Stachel in uns zurck; denn selten bleibt uns die Gelassenheit, die blo das
Rechte berhaupt vertheidigt. Leicht mischt sich Beschmung des Andern in unsere
Worte, und so wird aus der Vertheidigung eine Art von Rache, die uns dann wieder
selbst verwundet und vor uns selbst herabsetzt.
    Gewi, versetzte Richmond, ist hierin die Lage einer Frau noch viel zarter,
als die eines Mannes. Wir sind in den vielseitigeren Beziehungen unsers Lebens
in viel grerer Gefahr der Mideutungen, und wir mssen uns fast an diese
Voraussetzung gewhnen und sie ertragen lernen, um unsere Handlungen nicht
endlich beschrnkt zu sehen von dem gefhrlichen Ehrgeiz, jene zu vermeiden. Oft
geht der Weg zu einer feststehenden Achtung und Anerkennung nur durch Ertragung
uns fern liegender Anschuldigungen, und es gehrt gewi der wahre Muth der
Tugend dazu, wenn wir schweigend unsere Rechtfertigung allein der Gerechtigkeit
vertraun, die im Laufe der Zeit jedem wahrhaften Bestreben vorbehalten ist.
Doch, wie auch dieser Grundsatz als ein allgemeiner Jedem gelten mge, in den
meisten Fllen leidet eine Frau zu sehr unter dem leisesten sie treffenden
Argwohn, als da sie nicht eilen mchte, ihn von sich abzuwehren; und ist der
Zorn irgendwo Ihrem Geschlechte erlaubt, mchte es hier sein.
    O nein, auch da nicht! rief Maria lebhaft. Ich trumte jetzt schon von der
Erreichung einer so stillen in sich begrndeten Wrde, einer Sanftmuth der
Seele, die in dem Anklger oder Verlumder allein den Leidenden, den zu
Beklagenden sieht; dann aber mu der Zorn fern bleiben, und unsere Worte werden
um so mehr den Karakter der Ueberzeugung tragen. Doch als die grte Snde
sollten Mnner sich frchten, eine Frau berhaupt in die bse Stimmung des Zorns
zu versetzen. Denn wre auch das grte Recht auf unserer Seite, wir werden uns
doch stets im Nachtheil befinden, eben weil wir aus unserer Natur heraustreten.
Es bleibt ein Milaut in uns zurck, htten wir auch den glnzendsten Sieg davon
getragen. Wten die Mnner doch, wie dankbar wir denen sind, in deren
Atmosphre wir rein und furchtlos aufathmen, und sorgenlos unserer Natur uns
hingeben knnen, ihres Schutzes gewi und ihrer edeln Beobachtung aller feinen
Begrenzungen unserer dann so glcklichen Existenz!
    Richmond hob den sinnend niedergeschlagenen Blick bei diesen Worten zu ihr
auf. Ein unbeschreibliches Gefhl sagte ihm, da er es sei, den sie in der
Lebhaftigkeit ihrer Rede bezeichnet hatte; es ward ihm zur hchsten Sigkeit,
sich sagen zu knnen, er werde von ihr verstanden und anerkannt, und als sein
Blick, belebt von dieser Empfindung, den ihrigen suchte, da sank er hinter den
feinen Schleier der langen seidenen Augenwimper.
    Es blieb ihnen keine Zeit, diese zarte Verlegenheit zu bekmpfen; die
jngere Herzogin erhob sich und forderte Richmond auf, sie nach ihren Zimmern zu
begleiten. Er wute es wohl, da ihm hier das schwierige Geschft oblag, seine
leicht gereizte Mutter mit der bedrohten Lage ihres Vaters bekannt zu machen,
und es kostete ihm in dem gegenwrtigen Augenblick eine besondere Ueberwindung,
aus dem weichen Zustand, in dem er sich fhlte, zu all der Besonnenheit
zurckzukehren, die der vorliegende Gegenstand nthig machte.
    Es gelang ihm jedoch besser, als er sich zugetraut hatte; ja, er fand heute
sogar ein fast neues Talent in sich, das einer leichteren Auffassung der
verwickeltesten Umstnde, und da er auch seine Mutter von ihrer Sorge um seinen
Bruder erleichtert antraf, der in einem langen kindlichen Briefe seiner
Verbindung mit Anna Dorset mit der ruhigen Wrde des entschlossenen Mannes
gedacht hatte, fand er sie in einer ansprechenden Stimmung.
    Sie sah der Ankunft ihres Vaters mit kindlicher Freude entgegen und setzte
zu viel Vertrauen in seinen hohen Ruf, um nicht jede Anklage dadurch entkrftet
denken zu mssen. Vielleicht htte es in Richmonds Auftrage gelegen, ihr diese
stolze Sicherheit um etwas zu verringern; aber sein stets gegen diese geliebte
Mutter so zrtliches Herz vermochte es nicht, sie aufs Neue schon heute zu
beunruhigen, wo sie eben erst eines solchen Gefhls in Bezug auf ihren ltesten
Sohn sich entledigt hatte. Er glaubte nhere Nachrichten von seinem Oheim
abwarten und ihre ihm so heilige Ruhe noch eine Zeitlang bewahren zu knnen.
    Ein Versuch, seine Mutter zu einiger Mittheilung ber Lady Melville zu
bewegen, scheiterte jedoch, da sie ihm mit der khlen Ruhe einer
Selbstherrscherin erwiederte, da sie die etwa nthigen Bestimmungen ber dies
Frulein sich selbst vorbehalten und daher alle anderweitigen Bemhungen, ihr
Schicksal aufzuklren, sich verbeten habe, indem solche der Ehre und dem Glck
des armen Wesens wenig ersprielich schienen. Sie ziehe vor, ihr auch ohne
weitere Aufklrung ihren Schutz zu bewilligen; worin sie sich jetzt bestrkt
fhle, da die Befrchtung, durch sie die Ehre ihrer Familie bedroht zu sehn,
nach Roberts mnnlicher Fassung verschwunden sei. Dagegen sprach die Herzogin
sich sehr wohlwollend ber ihre knftige Schwiegertochter aus, unterlie auch
nicht der reizenden Ollonie zu erwhnen. Es ward ihr leicht, zu erkennen, wie
fern Richmond jeder Gedanke an die Plne seiner Familie liege, da er von der
heranblhenden Jungfrau wie von einem lieben Schookinde sprach und in jener
gleichgltigen Laune, die weder Lob noch Tadel widerlegen mag, den
Versicherungen seiner Mutter zuhrte, da sie von ausgezeichneten Tugenden des
Geistes und Herzens sei. Auch schwieg die Herzogin gar bald, denn sie sah in
dieser Vernachlssigung eines Mdchens, der sie im Geheim die Ehre zugestanden,
ihre Schwiegertochter zu werden, eine Beleidigung sowol fr sich, als fr
Ollonie's jungfruliches Gefhl; und sie konnte das selbst ihrem Sohne nicht
schnell genug vergeben, um ihn so freundlich zu entlassen, als er es erwarten
durfte. Doch auch dieser Wink sollte dies Mal verloren sein, denn Richmond ging
in Gedanken vertieft von dannen, er frug sich nur, wie die Erwhnung der Lady
Melville, die doch jetzt aufgehrt habe, seiner Mutter Besorgni zu erregen, sie
so auffallend habe verstimmen knnen?

Die alte Herzogin wnschte die Gesellschaft um sich fest zu halten, bis sie
selbst mit ihrer Familie nach Godwie-Castle zurckkehren wrde, und sie war
daher unermdlich, in den Vergngungen und Beschftigungen um sich her die
angenehmste Abwechselung zu erhalten.
    Es konnte ihr das nicht fehlschlagen, da ihr die reichsten Mittel nach Auen
zu Gebote standen, da ihre stets gleiche Laune und ihre heitere Milde berall
belebend eingriff, und Jeder durch ihren Beifall sich belohnt sah, wenn er zur
Heiterkeit des Ganzen die Hand geboten hatte. Trotz diesem ber alle wehenden
Panier der Freude kann wohl Niemand bezweifeln, da nicht allen das Herz zu
dieser einen Losung schlug und Viele, von eignen Betrachtungen beschwert, nur
jene schickliche Haltung beobachteten, die nirgends das eigene Interesse geltend
zu machen sucht.
    Lord Ormond befand sich vornehmlich unter diesen letzteren, denn er war sich
seiner bewut geworden, und hatte sich mit einer unbeschreiblichen Erschtterung
eingestehen mssen, durch Lady Melville aufs Neue mit einem Gefhl bekannt
geworden zu sein, dem er sich nicht mehr zugnglich gewhnt hatte. Ja, er mute
diese Empfindung dies Mal in sich von einer Hochachtung und einer Theilnahme
untersttzt fhlen, wie bei seiner frheren, so unglckselig leidenschaftlichen
Liebe niemals der Fall gewesen. Er hatte anfnglich noch die Schwierigkeiten
erwogen, die bei seiner Stellung und seinem Range in der Verbindung mit einem
unbekannten Wesen, ber dessen Leben noch so viel Dunkel und Zweideutigkeit lag,
ihm zu besiegen oblagen. Aber er erkannte jetzt nur eine Schwierigkeit, nur die
eine Furcht, ob er, der so viel ltere Mann, das Herz dieses Engels je gewinnen
knne, und war zu jedem andern Opfer bereit, wenn er dies eine erlangt haben
wrde. Er wollte, im Fall man etwa Bedenken trge, seine Gemahlin bei Hofe zu
empfangen, seinen Abschied nehmen, und seine Gter durch allen Zauber von Kunst
und Kultur zu einem wrdigen Boden fr sie umschaffen. Aber diesen wichtigen
Augenblick, der darber entscheiden sollte, wagte er nicht herbei zu fhren ja,
tausend Bedenklichkeiten lieen ihn vielmehr denselben stets weiter hinaus
schieben. Er hrte inde nicht auf, sie mit der zrtlichsten Aufmerksamkeit zu
bewachen, und erkannte nur zu bald mit Sorge, wie die kindliche Ruhe und das
herrliche Gleichgewicht ihres ganzen Wesens von ihr zu weichen begann, und bald
einer schwermthigen Stimmung, bald einer berreizten Lebhaftigkeit Platz
machte, was auf einen innerlich leidenden Gemthszustand schlieen lie. Er
suchte sie stets zu untersttzen, seinen Worten ohne Beziehung einen allgemein
beruhigenden Karakter zu geben, sie vor der neugierigen Zudringlichkeit Anderer
zu bewahren und ihre eigenen Aeuerungen, die immer mehr den Ausdruck des
Leidens trugen, vor Mideutungen zu schtzen.
    Sie schien die Nhe eines sorgsamen Freundes in ihm zu ahnen, und es war
ihm, als ob sie ihn stets unter allen ihren Umgebungen suche und in seiner Nhe
allein zu der harmlosen Ruhe zurckzukehren vermge, die sonst ihr eigenstes
Element war. Wie konnte Ormond sich enthalten, auf diese ihm so se Wahrnehmung
die Erfllung der Hoffnungen zu bauen, die ihn jetzt einzig belebten. Und
dennoch wagte er das entscheidende Gesprch noch nicht mit ihr einzuleiten.
Jeden Versuch, tiefer in ihr Vertrauen einzudringen und namentlich sie ber ihr,
ihm stets unbegreiflicher werdendes Verhltni zu Lord Membrocke zum Vertrauen
zu wecken, blieb nicht nur ohne Erfolg, sondern schien sogar jedes Mal so viel
Unruhe, ja, Schmerz ihr zu verursachen, da er nicht oft sich berwinden konnte,
dazu erneute Veranlassung zu geben.
    Wie nahe aber auch dieses Interesse seinem Herzen lag, Ormond hatte sich zu
lange gewhnt, seinen Umgebungen eine grere Theilnahme, als sich selbst, zu
schenken, um auch nicht jetzt noch fr Alle theilnehmend zu bleiben, und so lag
ihm zunchst ob, Ollonie zu beobachten, welche ihn in die schmerzlichste Unruhe
versetzte.
    Das holde leidenschaftliche Kind schien jetzt ber alle Grenzen erregt, in
einem bestndigen krampfhaften Zustande zwischen Lachen und Weinen zu schweben.
Auch hier, wo sonst Ormond das unbedingteste Vertrauen fand, ward er jetzt
zurck gewiesen, und seine vterlich ernsten Vorstellungen, ihr sonderbar
bertriebenes Wesen mehr zu beherrschen, hatten sie laut weinend, wie in einem
Zustande von Verzweiflung, zu seinen Fen gefhrt; ja, viele Tage spter durfte
nur sein Blick sie aufmerkend erreichen, um neue Thrnen aus ihren Augen zu
locken.
    Immer von der einen Idee erfllt, in Richmond und Ollonie dereinst ein Paar
zu sehen, begann Ormond ihren Zustand auf ihr erwachtes Gefhl fr Richmond zu
beziehen. Da dies Gefhl bei dem geliebten Kinde fr ihr ganzes Leben bedeutend
sein wrde, hatte der zrtliche Freund stets erwartet, und nur den Himmel
angerufen, sie glcklich in ihrer Liebe sein zu lassen, da ihm die Leiden einer
unglcklichen Liebe fr dies Gemth hchst gefhrlich erschienen. Welches aber
ihr Loos bei Richmond sein wrde, das blieb ihm immer, je lnger, je mehr
ungewi, denn Richmond hatte ein vorherrschend ernstes Betragen angenommen und
hielt sich mehr, als gewhnlich, von dem nhern Umgange der Dame zurck. Selbst
eine frhere Vermuthung, da Richmond, von den Reizen der Lady Melville
hingerissen, sein Herz an diese verloren habe, besttigte sich nicht, indem er
auch sie zu vermeiden schien, und, sich auf seinem Zimmer in Bcher und
Schriften vergrabend, den melancholischen Ernst seiner Zge hinreichend vor ihm
durch die Sorge um Lord Bristol rechtfertigte, dessen Lage immer bedrohlicher
sich zu gestalten schien.
    Ein auffallendes Ereigni bestimmte endlich Ormond, den letzten, ihm so
gewagt erscheinenden Schritt bei Lady Melville zu versuchen.
    Der jngere Theil der Gesellschaft hatte sich durch eine Morgen-Promenade zu
Pferde erheitert, und man hatte so eben den Schlohof erreicht, als Lord
Membrocke seinem Pferde die Sporen gab und pfeilschnell auf einen Jngling in
Reisekleidern zusprengte, der im Hofe harrend unter den brigen Dienern stand
und, sogleich dem Lord den Steigbgel haltend, ihm beim Absteigen ein Packet
berreichte.
    Zwischen Ormond und Lady Arabella ritt Lady Melville still und gedankenvoll
zunchst in den Schlohof ein. Als sie sich so eben aus dem Sattel gehoben
hatte, nahte ihr Lord Membrocke mit triumphirender Miene, hob das Briefpacket in
die Hhe und rief, bedeutungsvoll sich neigend: Ich habe die Ehre, Mylady, Euch
anzuzeigen, da mein Page so eben von seiner Reise zurckgekehrt ist.
    Sogleich legte sich Todtenblsse ber Maria's Angesicht; aber als Membrocke
noch einen Schritt nher trat, stie sie einen herzzerreienden Schrei des
Entsetzens aus und sank, ohne da die berraschten Anwesenden es htten
verhindern knnen, auf den Boden nieder. Sogleich ward Alles thtig. Mit einer
wthenden Heftigkeit stie Richmond Lord Membrocke, der ihr zunchst stand und
sie berhren wollte, zurck und richtete sie selbst auf, indem er mit lauter
Stimme nach einem Sessel rief. Denn obwol sie vom Boden aufgehoben worden, so
zeigte sie dennoch, da ihre Besinnung noch nicht vollstndig genug war, um sich
auf den Fen halten zu knnen.
    Sie ffnete jetzt die Augen und blickte Richmond an; dann schlossen sich
diese wieder, und sie schien aufs Neue ihrer Sinne beraubt. Richmond eilte, die
Lady auf den herbeigetragenen Stuhl sanft aus seinen Armen niederzulassen, dann
bergab er sie der Sorgfalt der Frauen, bestieg sogleich sein Pferd und ritt,
die Herren flchtig grend, langsam ber den Hof, in der Richtung des eben
zurckgelegten Weges.
    Von der heftigsten Bewegung ergriffen, brachte Ormond mehrere Stunden einsam
in seinen Zimmern zu. Nein, er durfte dies geliebte Wesen nicht lnger schutzlos
den Verfolgungen des Mannes hingeben, der ber sie ein unbekanntes Recht
auszuben schien, das sie mit Entsetzen erfllte, und das sie doch anzuerkennen
gezwungen schien. Noch heute wollte er ihr den Schutz anbieten, den seine
ehrerbietige Liebe ihr gewhren konnte; als ihr Verlobter hatte er das Recht,
ihre Sorgen zu theilen und jeden ihr Ueberlstigen zu entfernen. Lnger damit
zurckzuhalten, schien ihm feigherzige Schwche, und er eilte hinweg, um ber
ihr Befinden Erkundigung einzuziehn.
    Lord Membrocke begab sich indessen mit seinem wichtigen Paket nach seinem
Zimmer, wohin ihm sein gewandter Page folgte. Er hob aus einem Briefe
Buckinghams, zu seiner unsglichen Freude, einen zweiten hervor, der, mit dem
Siegelring des Prinzen von Wales verschlossen, die Aufschrift: An Lady Maria
Melville, zeigte. Dies schien ihn so vollstndig zu befriedigen, da er fast
Buckinghams Brief zu lesen bersah, indem er seinem Pagen unaufhrlich Auftrge
gab, die, von dem listigen Knaben wohl verstanden, auf eine schnelle Abreise
hindeuteten. - Wir wollen uns indessen mit dem Inhalte des ungelesenen Briefes
bekannt machen, wie es der Lord, wenn auch spter, doch wol schwerlich
unterlassen haben wird.
    Du hast aufs Neue gezeigt, schrieb Buckingham, da Du eigentlich zu
nichts taugst, was ber den Gesichtskreis einer kopflosen Weiberintrigue reicht,
und knnte ich in dem alten Eulennest bei diesen lcherlichen Tugendhelden,
diesen Nottinghams, einen andern meiner Geschftsleute brauchen, so wrde ich
Dir befehlen, angesichts dieses das Feld zu rumen. Denn wie Du auch die Sache
einhllst, es ist nur zu klar, Du hast wie der jmmerlichste Stmper das Mdchen
verschchtert, ehe Du sie sicher hattest. Du hattest vergessen, da ich Dir
befohlen, sie zwar zu entfhren, aber dabei eingedenk zu bleiben, da Du meine
Nichte entfhrtest, die etwas zu weit ber Deine Person erhaben ist, als da Du
mit Deinen gewhnlichen Plnen an ihr nicht Deinen Hals wagen wrdest. Genug,
Dir bleibt nur das eine Verdienst, da Du, als ein ausgearteter Verwandter
dieser Familie Nottingham, auf eine Zeitlang unter ihnen geduldet werden kannst,
und ich entsetze Dich Deines Amtes nicht, damit es Dir vergnnt bleibe, durch
Dein ferneres Betragen mir noch einige Proben von Deinem bis jetzt nicht
versprten Witze abzulegen.
    Dein Einfall mit dem Briefe ist nicht bel, und wenn sie Dir darauf
freiwillig folgt, so bist Du im Fall der Verfolgung gedeckt; und erkenne ich sie
spter an, mchte es wenig darauf ankommen, ob auch die ganze Welt wte, sie
wre mit Dir davongegangen. Auer vor dem hohen Areopagus der Nottinghams wird
die Nichte Buckinghams wol berall ihre volle Geltung behalten. Ein Hauptspa
ist es dabei, da ich ihnen so, ohne da sie es ahnen, einen Gegenstand aus den
Hnden spiele, den sie jetzt mit vornehmer Piett dulden, und der ihnen so
wichtig scheinen wrde in ihrer verwickelten Angelegenheit mit Bristol! So viel
ist gewi, Karl seufzt nach diesem Mdchen, wie eine Mutter nach ihrem
Schookinde, und wren diese Nottinghams seine rgsten Feinde, wie sie es
berdies nicht sind, er wrde ihnen den Dienst, ihr Leben gerettet zu haben, mit
nichts glauben vergelten zu knnen und selbst auf meine Kosten mit diesem
Bristol sie bezahlen. Dabei rckt die Zeit immer nher, welche das Wollen und
das Knnen in eine Hand geben wird; denn Vater Jakob sieht aus wie die
verschossenen Gobelins im Ahnensaale, und selbst die groe Abschlieung von
Babys Vermhlung mit Frankreich vergit er jeden Augenblick wieder, und glaubt,
die Infantin werde erwartet.
    Beeile Dich jetzt, sie wegzubringen; ich habe mehr zu bedenken, als dies
Mdchen, und doch mu sie in meinem Gewahrsam bleiben, bis die franzsischen
klugen Herren mir ihre Prinzessin berliefert haben und dieser Proze, der den
hochmthigen Bristol strzen soll, beseitigt ist. Dann soll Frankreich, welches
schon ber meinen Einflu zu triumphiren glaubt, erfahren, da Buckingham gegen
die Reize ihrer Prinzessin ein Gegengift in dem Besitz einer berechtigten Nichte
hat, und die stolze Herzogin von Nottingham, die einst Buckingham verschmhen
durfte, soll bejammern lernen, da sie Buckinghams Nichte nicht frher erkannt
hat, um ihren Vater damit retten zu knnen.
    Wenn Du Dich klug und bescheiden betrgst, wird Dein Verdienst beim Vater
des Mdchens einzukleiden sein; aber sei schnell und lasse mich nicht lnger
hren, da Du sie mit Gewalt nicht entfhren darfst. Folgt sie Dir nicht willig,
so befehle ich Dir, entfhre sie mit Gewalt; denn sie mu verschwunden sein, ehe
die Ahnung ihres Werthes laut wird. Bedenke, da ich keinen Fu eher aus England
setze, bis ich sie gewi habe. Du findest in Berrystreet Alles zu ihrem Empfange
bereit, und wie es der Rang fordert, den sie beim Eintritte in mein Haus
einzunehmen berechtigt ist. Du aber wirst sogleich mir selbst die Nachricht des
glcklichen Gelingens berbringen, und dann die Ehre haben, mich nach Frankreich
zu begleiten, wohin ich mich begebe, die Hand der kniglichen Henriette zu
empfangen und die schnste der Frauen wieder zu sehen.
    Warum hast Du mir nicht lachen helfen, als Tomson mit seiner gebten Feder
den rhrenden Brief verfate, der meine kleine sprde Nichte in meine Hnde
liefern soll. Ich schwre Dir, da ich, der ich tglich die Handschrift des
Prinzen sehe, sie nicht unterscheiden konnte. Den Siegelring kennt sie auch,
denn Karl schwatzt den ganzen Tag von den Wundern, die er und der steife Narr,
der Nottingham, an dem Dinge wollen erlebt haben.
    Nun, mir kann es recht sein. Dabei merke ich wohl, da diese Korporation von
Heiligen mich als den nahen Blutsverwandten selbst in eine Art Heiligthum
gehllt hat, und da sie meinen Namen mit gehriger Hochachtung betrachtet. Viel
zu viel habe ich Dir nach Magabe Deiner geringen Verdienste geschrieben, ich
frchte fast, es ist ein bischen Langeweile dabei, mitunter denke ich, da Du
mir fehlst. Deine Schulden sind abermals bezahlt, der Kastellan von Berrystreet
hat fr Dich einige Wechsel. Buckingham.
    NB. Damit Du den Inhalt des rhrenden Oheims- kennst, erfolgt hier die
Abschrift. -
    Sie lautete, wie folgt:
    O, weigere Dich nicht lnger, dem Einzigen zu folgen, der sich dem
gefhrlichen Unternehmen unterzog, Dich zu mir zu fhren!
    Ein schreckliches Geschick macht die edelsten Menschen zu meinen bittersten
Feinden; Du darfst Dich ihnen nicht vertrauen, ohne groes Elend ber mich zu
bringen. Glaube nicht, da ich ber die Thorheiten dessen blind bin, dem Du Dich
vertrauen mut, aber es blieb mir keine Wahl. Mir ist er ergeben, davon habe ich
Proben; muthig und treu ist sein Sinn. Folge ihm ohne Verzug, ohne Sorge, nur an
Deinem Herzen kann ich die Schmerzen ausweinen, die mich zerreien. Ich
unterschreibe mich nicht, Du kennst Handschrift und Siegel.
    Zwar war Membrocke vom Inhalte beider Briefe wenig erbaut; doch sein
Leichtsinn lie ihn blo im Hintergrunde die Reise nach Frankreich sehn und im
nchsten Augenblicke die Sicherheit, jetzt das stolze Frulein in seinen Besitz
zu ziehen. Trotz Buckinghams Droh-Brief behielt er sich doch vor, die
Angelegenheiten hier nach seiner Ansicht zu ordnen und, so viel sich nur
erreichen lie, fr sich zu gewinnen, denn bei seinem Mangel an aller Achtung
fr Frauen zweifelte er nicht, da eine Fluchtreise tausend Verhltnisse
herbeifhren msse, welche dann zu seinen Gunsten zu leiten, ihm immer noch ein
Leichtes schien. -
    Fr den Rest des Tages blieb Lady Maria in Gesellschaft der Lady Arabella
auf ihrem Zimmer. Lord Ormond und Membrocke muten beide daher ihre Ungeduld bis
zum andern Tage zgelu.
    Als Lady Maria am andern Morgen zum Frhstck erschien, trug sie den
unverkennbaren Ausdruck des tiefsten Grames; ihr Antlitz war bla, und ihre
Augen schauten so gro und kalt und mit einem so trostlosen Ausdrucke umher, da
sie Niemand ohne Antheil sehen konnte. Sie blickte von Einem zum Andern in
gleicher Theilnahmlosigkeit, und schob ihren Sitz zwischen die jungen Damen ein,
die sie alle mit Beweisen der grten Zrtlichkeit berhuften.
    Ormond blieb in der bewegten Stimmung, die ihm der so nah rckende wichtige
Augenblick gab, lieber fern von ihrer Nhe. Membrocke aber geno die stolze
Sicherheit des nahen Gelingens und fragte wenig nach der kleinen Gunst, die zu
erringen hier sehr zweifelhaft war. Er kndigte dagegen der alten Lady seine
Abreise nach London an, da Seine Majestt die Gnade gehabt habe, ihn zu der
Gesandtschaft zu ernennen, die zur hohen Vermhlungsfeierlichkeit sich mit dem
Herzog von Buckingham nach Frankreich begeben werde.
    Man hrte die Nachricht mit so wenig Betrbni an, als irgend die
Hflichkeit gestattete, und der Lord wendete nun seine gndige Aufmerksamkeit
ausschlielich der Marquise Danville zu.
    Richmond allein nherte sich der Lady Maria. Als er sie anredete, bebte
seine Stimme, und als Maria ihre schwermthigen Augen, von der seelenvollen
Stimme ergriffen, zu ihm aufschlug, da strahlte ihr eine solche Flle des
Gefhls aus seinen Zgen entgegen, da augenblicklich das verschwundene warme
Leben in ihren Busen zurckkehrte, und ihre Zge den bezaubernden Ausdruck
wieder annahmen, der ihnen so eigen war.
    Richmond konnte diese von ihm bewirkte Vernderung nicht verkennen, und er
gab sich dem verfhrerischen Vergngen hin, an dem Geiste dieses schnen Wesens
sich zu erfreuen.
    Sie hatten beide ziemlich die Welt um sich her vergessen, und Richmond
gewahrte zu spt, da die Augen seiner Mutter in starrer Prfung auf ihm ruhten.
Er hrte nicht mehr, was Maria ihm sagte, noch ein Mal blickte er sie an, als
wollte er den Ausdruck ihrer Zge mit sich hinweg nehmen, dann verlie er sie
mit der kalten Hflichkeit, die er seit lange allein fr ihr Verhltni passend
erachtet hatte. Maria versank aufs Neue in die Apathie, aus der sie nur
augenblicklich gerissen schien, und als Lord Membrocke sich ihr mit Zuversicht
nherte und sie um eine Unterredung bat, neigte sie bejahend ihr Haupt mit einer
Ergebung, als knne keine Gewalt der Erde mehr das drohende Schwert von ihrem
Haupte abwenden.
    Was ich jetzt von Euch noch zu hren habe, macht es kurz, Mylord! sprach
Lady Melville, als sie in einer halb offenen Sulenhalle, die der Lord zu seiner
Audienz erbeten hatte, ihn sich ihr nahen sah. Sie hatte alle ihr noch mgliche
Kraft und Besonnenheit hervorgerufen, um sich durch nichts berraschen oder
verfhren zu lassen, und hoffte noch immer, er werde die ihm. ber sie
verliehenen Rechte nicht gengend beweisen knnen.
    Lord Membrocke fand es leicht, den bescheidenen Mann zu spielen, da er im
nchsten Augenblicke seinen Triumph feiern konnte, und indem er ihr ehrerbietig
einen Sessel zuschob, blieb er in gemessener Entfernung vor ihr stehen.
    Mylady, hob er an, meine Worte sollen Euch nicht lnger belstigen. Ich bin
nur der Ueberbringer eines Schreibens, das wahrscheinlich beredter zu Euch
sprechen wird, und ich bin blos hier, um zu hren, was Ihr, nachdem Ihr den
Inhalt kennt, mir zu befehlen haben werdet.
    Mit diesen Worten entfaltete er langsam vor den ihn scharf beobachtenden
Augen der Lady ein Portefeuille, aus dem er den verhngnivollen Brief
hervorzog. Leichenblsse und hohe Glut wechselten in den Zgen Maria's, als er
ihn ehrerbietig. hinhielt. Sie griff darnach, als sie ihn aber gefat hatte und
die ewig theuern Zge der Handschrift dieses geliebten Oheims zu erkennen
glaubte, als diese Ueberzeugung noch durch den Anblick des Abdrucks seines
Siegelringes verstrkt ward, unterlag sie ihren mchtig sie berraschenden
Empfindungen, und mit einem Strom von Thrnen sank sie in den Sessel zurck.
Ach, sie htte sich verachtet, wre noch ein Zweifel in ihrem unschuldigen
Herzen geblieben; und ehe sie noch den Inhalt kannte, war sie schon
entschlossen, jede Bedenklichkeit zu unterdrcken und Alles zu befolgen, was ihr
darin aufgegeben wrde.
    Mit der kindlichsten Ehrfurcht las sie nun die liebevollen Worte, die so
viel Schmerz und so viel Liebe und Vertrauen zu ihr ausdrckten; sie prete sie
endlich an ihre Brust, hob die in Thrnen schwimmenden Augen wie zu einem kurzen
Gebete zum Himmel und erhob sich dann vllig entschlossen von ihrem Sessel.
    Ich bin jetzt berzeugt, da mein Oheim mich selbst zu sich beruft, da er
selbst meine Verschwiegenheit gegen meine Wohlthter verlangt, da mir kein
anderes Mittel brig bleibt, die Befehle meines einzigen mir gebliebenen
Verwandten zu erfllen, als - Euch zu folgen und heimlich zu folgen. Sie sprach
diese Worte mit einem Widerstreben, da sie trotz der Absicht, den Vertrauten
ihres Oheims nicht mehr zu beleidigen, doch nicht zu unterdrcken vermochte.
    Ich war dieses Eurer so wrdigen Entschlusses gewi, erwiederte Membrocke,
und habe daher Alles zu meiner Abreise vorbereiten lassen. Ich werde, wenn es
Euch also gefllt, morgen Mittag ffentlich abreisen, am Abend zurckkehren, und
Euch mit einem raschen Pferde und sicheren Gefolge am nrdlichen Ausgang des
Parkes erwarten. Ihr mt Euch dahin begeben, so bald Ihr Alles in Ruhe wit;
denn uns bleibt in dieser ersten Nacht ein bedeutender Weg zurck zu legen, um
uns vor den gewi erfolgenden Nachstellungen verbergen zu knnen.
    Er hatte sich beeilt, Alles, was nthig war und sie in seinen Einzelheiten
erschrecken mute, in diesen Augenblicken der ersten Ueberraschung vor ihr
auszusprechen. Sie stand sprachlos vor ihm und er htte noch lange sprechen
knnen, ohne da sie ihn unterbrochen htte; denn sie schauderte, whrend er
seinen Plan vor ihr entwarf, ber die schreckliche Lage, in die sie sich durch
diesen Entschlu versetzte. Ihre kindliche Liebe, ihr Pflichtgefhl, alles, was
einen Augenblick frher sie ber jede Rcksicht erhoben hatte, reichte nicht
mehr zu, wenn sie nun zugleich der Vertraulichkeit und Gewalt gedachte, die sie
diesem Manne einrumte, und des schmhlichen Verdachtes, den sie in dem Kreise
ihrer bisherigen Beschtzer ber sich zurck lie. Die theuern Gestalten in all
ihrer ernsten Tugend gingen mahnend an ihr vorber. Ach, wie schwer war es, auf
ihre Achtung zu verzichten! Wie erschwerte es die Trennung von ihnen, die auch
ohne diese Zugabe ihr Herz zu zerreien drohte, so grausam! Sie erwog die
Mglichkeit, sich rechtfertigen zu knnen, sie wollte einen Brief zurcklassen,
der ihre Unschuld betheuern sollte, aber auch dazu sank ihr der Muth, da sie
fhlte, da nur Angabe der Grnde ihres Schrittes sie rechtfertigen konnte,
indem die Flucht mit diesem Manne eine Handlung war, die jede allgemeine
Versicherung ihrer Unschuld entkrften mute.
    So blieb ihr denn nichts, als vllige Ergebung, und ihr reines Herz hob sich
voll Vertrauen zu dem empor, der ihre Unschuld kannte, und in dessen Hand es
lag, sie von jeglichem Verdachte zu retten. Sie gedachte mit tiefer Wehmuth der
Worte Richmonds, da das muthige Ertragen des bsen Verdachts, im Gefhl einer
hheren Absicht, in einzelnen Fllen als eine allgemein Jedem gestellte Aufgabe
anzusehen sei, und da sich daran die Wrde des inneren Bewutseins strke.
Diese Aufgabe nun war ihr so bald zu Theil geworden, und ach, ihm nicht einmal
durfte sie es sagen, da sie sich der Prfung unterzog. Sie fhlte die ganze
Bitterkeit dieses Schmerzes, und ihre junge Brust ergriff ihn mit aller Kraft
eines neuen Gefhls. Aber der Schmerz verleiht auch Kraft, und ihn muthig in
seiner ganzen drohenden Gestaltung anblicken, bewaffnet uns unwillkrlich gegen
ihn. Maria fhlte etwas dem Aehnliches. Sie hatte, whnte sie, das
Schmerzlichste durchgefhlt; jetzt trat das Bild ihres leidenden Verwandten
wieder vor ihre Seele, und mit edelm Muthe beschlo sie, auch um so hohen Preis
ihm Alles zu sein.
    Es mag so bleiben, wie Ihr sagtet, sprach sie zu Lord Membrocke, der, noch
immer ohne Antwort, in dem schnellen Wechsel ihrer Zge ihre Entschlieungen zu
lesen versucht hatte.
    Ich bitte Euch berdies um Verzeihung wegen meines Betragens; Ihr mt mich
mit den Fehlern entschuldigen, die Ihr ohne Zweifel bei der Art gemacht habt,
wie Ihr mich von Eurer Sendung unterrichten wolltet. Ich habe jetzt den besten
Willen, Euch zu vertrauen, sorget durch Euer Betragen dafr, da es mir mglich
bleibe, wozu der einzige Wunsch sein kann, da ich nie etwas Anderes, als den
Gesandten meines Oheims, in Euch wahrnehme. - Er kniete nieder, um sein
spttisches Gesicht zu verbergen, und ihre Hoheit persiflirend, kte er den
Saum ihres Kleides, indem er rief, eine gekrnte Knigin solle ihm nicht
heiliger sein!
    Ein kurzer Schrei Maria's schreckte ihn auf. Sprachlos vor Schreck, deutete
sie seitwrts, wo eben eine weibliche Gestalt, der Marquise Danville nicht
unhnlich, nach den inneren Gemchern zu verschwand, whrend am Ende des
Kreuzganges Lord Ormond an Richmonds Arm gelehnt sich zeigte.
    Steht auf, rief sie heftig, und entehrt mich nicht vor der Zeit durch Euer
Betragen! Lord Membrocke erfllte dies so beleidigende Gebot gerade mit so viel
Mue, wie nthig war, um gewi zu sein, da beide Lords ihn zu ihren Fen
gesehen hatten, und entfernte sich dann, sie vertraulich grend. Dies entging
der unglcklichen Maria, denn bei dem Anblick dieser beiden Mnner und der
Stellung Membrocke's war sie einer Ohnmacht nahe, und berwltigt von der
schrecklichen Ueberzeugung, da ihre Verurtheilung schon jetzt und eben damit
angefangen habe. Sie fhlte aufs Neue ihre Kraft sinken, noch ein Mal fragte sie
angstvoll ihr Gewissen, ob es nthig sei, sich selbst so grausam anzuklagen; ja,
es fiel ihr sogar der bis dahin nicht mglich geachtete Zweifel an der Forderung
ihres Verwandten ein. Sie fhlte, da Kummer und Unglck diesen edeln Mann etwas
aus seiner Hhe herabgezogen haben mten, da er nicht anstand, sie einer so
zweideutigen Lage hinzugeben. Aber, rief ihr edles Herz, eben darum mu ich zu
ihm; heilen mu meine Liebe dies edle Wesen! Abermals war sie entschlossen, und
ein lauter, tiefer Seufzer beendigte diesen schrecklichen Kampf.
    Und warum theilt Lady Maria mit Niemand den tiefen Gram, dem sie zu
unterliegen scheint, sprach hier eine sanfte, gerhrte Stimme, und Maria, die
den Nahenden nicht bemerkt hatte, blickte in Lord Ormonds theilnehmendes
Antlitz. Maria schttelte nur langsam das Haupt, ihre Lippen blieben
verschlossen.
    O, theure Maria! rief er jetzt lebhafter, warum hat nur ein Einziger das
Recht, Euer Vertrauen zu genieen, ein Einziger, ach, und ein so Unwrdiger!
whrend Lady Maria von den treusten und redlichsten Freunden umgeben ist, die
keine Aufgabe zu schwer halten wrden, ihr Ruhe und Heiterkeit wiederzugeben. O
Mylady, habt Erbarmen mit Euern Freunden, mit Euch selbst! Die Brde, die Ihr
tragt, ist fr Euch allein zu schwer, whlt einen von uns, da er so glcklich
werde, sie mit Euch tragen zu knnen!
    Das steht in Gottes Hand! seufzte Maria und schlug die Augen in trostvollem
Glauben zum Himmel auf; dann wandte sie sich, berwltigt von der innigen
Sprache des edeln Mannes, zu Lord Ormond und reichte ihm sanft die Hand.
    Doch, was auch ein unerbittliches Geschick ber meine Handlungen bestimmen
mag, seid sicher, Mylord, Euer werde ich gedenken, und dieser Stunde Eures
treuen, thtigen Mitgefhls, und so unmglich ich Euer Anerbieten annehmen kann,
so sicher seid, da ich seinen Werth tief empfinde, um so tiefer, als ich den
hochachte, der es mir so gromthig darbietet.
    O, rief Ormond dringend, wenn Ihr mich achtet, wenn Ihr Vertrauen zu mir
habt, so steht nicht an, mich zu Euerm Beschtzer anzunehmen! O sprecht, was
knpft Euch an diesen sittenlosen Mann? Warum knnt Ihr Euch seinem Einflusse
nicht entziehn? Glaubt mir, kein Zweifel an Eurer engelgleichen Reinheit trbt
meine Verehrung gegen Euch, ich bin gewi, hllische Tuschungen haben Euch
umsponnen, hintergangen seid Ihr, ein Irrthum der Tugend ist es, der Euch von
diesem Manne abhngig macht. Redet, sagt nur ein Wort, sagt, da Ihr selbst Euch
von ihm trennen mchtet, und ich will ihn zwingen, da er nie wieder von diesem
Augenblicke an Euch nahen darf.
    O nein, nein! rief Maria, haltet ein mit Eurem Eifer, lat ihn in Frieden,
verfolget ihn nicht, ich darf es nicht veranlassen, nicht zugeben. Ormond wandte
sich ab mit einem Schmerze, der ihn zu sehr bermannte, um sogleich wieder reden
zu knnen; aber das Gefhl, da sie unglcklich sei, und der schreckliche
Gedanke, da sie sich in der Gewalt eines Mannes zu befinden schien, von dem er
nur das Nachtheiligste voraussetzen konnte, dies berwltigte jede andere
Betrachtung, wie sehr er auch durch ihre anscheinende Theilnahme fr diesen Mann
zu leiden begann. Er konnte sie nicht verlassen, mit erneutem Antheil wandte er
sich zu ihr:
    Theure Lady Maria, seht mich als Euern besten Freund an, und dann und in
dieser Beziehung wrdigt meine Worte Eurer Aufmerksamkeit! Mein Herz leidet zu
heftig bei dem Zustande, in dem ich Euch sehe. Ich wrde Euch Eurem eigenen
Gutdnken berlassen knnen, wenn Ihr glcklich wret, aber Ihr seid es nicht,
dieser unglckselige Mann hat Euch nicht Frieden und Glck mit dem Vertrauen zu
sich einflen knnen, darum knnen Eure Freunde nicht ruhig bleiben, und glaubt
mir, wer Lord Membrocke kennt, fhlt Sorge um Euch. - Er hielt in der Hoffnung
einer Antwort inne; aber nur bleicher und bleicher ward ihr schnes Angesicht,
ihre Lippen ffneten sich, aber sie schienen keine Worte sprechen zu knnen, nur
bange Seufzer entschwebten ihnen.
    Jetzt stand der unglckliche Mann vor der Vermuthung, die ihm am schwersten
ward auszusprechen, und die sich ihm doch endlich unwiderstehlich aufdrngte.
    Ich kann Euch nicht verlassen, sprach er, als sie einen schwachen Versuch
machte, hinweg zu gehen, und ihm mit der matt erhobenen Hand das Gleiche
anzudeuten suchte, ich kann Euch nicht verlassen, Ihr habt mir Freundesrechte
zugestanden; o zrnt mir nicht, wenn ich, von meiner Sorge um Euch getrieben,
Euch zu dringend erscheine, lat mich die grte Angst meines Herzens Euch
gestehn und rechnet auch in diesem Falle auf meine grenzenlose Ergebenheit, auf
jeden Beistand, dessen Ihr benthigt seid. - Ich frage Euch, hat die
liebenswrdige Auenseite dieses Mannes, hat sein munterer Geist Eindruck auf
Euer junges, unerfahrenes Herz gemacht, liebt Ihr ihn?
    Als ob ein elektrischer Schlag das Frulein getroffen, so fuhr sie jh
empor, und ihr ganzes Leben schien aus den Zauberbanden der Apathie, worin sie
im vorigen Momente gefangen lag, zu seiner vollen Energie erwacht; ihre Wangen
und ihre Augen hatten Licht bekommen, hoch stand sie sogleich auf, und die Hnde
an die Brnst gedrckt, rief sie laut und aus tiefer Brust: Gott sei mir gndig,
Mylord, wohin fhrt Euch Euer erfinderischer Geist? Wie war es Euch mglich,
dahin zu gelangen? Nein! nein! Seid sicher, ich liebe ihn nicht und kann ihn nie
lieben! nein, die Gerechtigkeit lat mir widerfahren, dies fr unmglich zu
halten.
    Sie hatte sich mit einem so engelreinen Unschulds-Eifer zu ihm hingebeugt,
da seine Seele jubelnd ihr Glauben schenkte, und htte sie fr den Ausdruck
seiner Zge Sinn gehabt, sie htte darin das hohe Entzcken erkennen mssen, das
er bei dieser Wahrnehmung empfand. Sein Augenblick war nun gekommen. Ich glaube,
sprach er zitternd, - o vergebt mir, wenn ich Euch beleidigte, zrnt mir nicht,
aber lat mich um so dringender fortfahren, wenn Euch kein Gefhl an ihn bindet,
Euch vor ihm zu warnen.
    Edler Freund, wenn Ihr Glauben an meine Unschuld habt, erwiederte Maria
sanft und ernst, so unterwerfet diesen der Probe, mir ohne Grnde zu vertrauen.
Ich hoffe zwar vor Gott gerechtfertigt zu sein; aber es ist mir versagt, so auch
vor Menschen dazustehen. Ich mu dies Mal der Stimme meines Gewissens folgen,
ich stehe - allein, setzte sie voll Wehmuth hinzu, und von allem natrlichen
Beistand getrennt. -
    Nein, rief Ormond, hier sie unterbrechend, Ihr steht nicht allein, nur von
Euch hngt es ab, Euch demjenigen, den Ihr Freund genannt, durch die heiligsten
Bande auf ewig zu nhern. Ja, theure Maria, ich will es Euch nicht lnger
verschweigen, ich liebe Euch - sagt, da Ihr mein sein wollt, und macht mich zum
glcklichsten Manne. O, vertraut mir, ich will Euch ehren, schtzen und lieben,
und die ganze Brde Eures unverdienten Schicksals, wie gro sie auch sein mge,
auf mich nehmen, damit Euer Engelherz wieder frei athme und Ihr das Entzcken
empfinden mget, namenlos zu beglcken.
    Maria hatte ihn mit einem Ausdruck angesehn, der nur zu deutlich mehr
Schreck als Freude andeutete; sie drckte jetzt die flache Hand gegen die Stirn,
als wollte sie sich zu einem klaren Bewutsein wecken, whrend Ormond mit einer
Erwartung an ihren Zgen hing, die nur zu deutlich seine tiefe Erschtterung
ausdrckte.
    Ihr - Ihr liebt mich? stammelte sie endlich tonlos, und das schne Auge flo
in Thrnen ber, die auf Ormonds gefaltete Hnde fielen, der, seiner nicht mehr
mchtig, zu ihren Fen gesunken war. O Lord Ormond, warum liebt Ihr eben mich?
fuhr sie mit einem tiefen Schmerzenstone fort, o warum mich? Doch nein, es kann
nicht sein, es wird nicht sein, es ist Euer gromthiger Eifer, der Euch zu
diesem Glauben fhrt. Nein, nein, Ihr liebt mich nicht, aber retten wollt Ihr
mich, aus der trostlosen Vereinsamung, in der ich dastehe, wollt Ihr mich
erretten. Ihr wollt Euch zum Opfer bringen, um mich von dem Einflu jenes Mannes
zu befreien, den Ihr mir so verderblich schildert. O ich habe Euch errathen und
erkenne den ganzen Umfang Eures gromthigen Herzens! Doch, wie auch Alles
kommen mag, ich kann nicht, kann dies gromthige Opfer von Euch nicht annehmen.
O steht auf, rief sie dringend, als Ormond den Kopf senkte und seine Stellung
nicht nderte.
    Es war kein Opfer meinerseits, was ich Euch zu bringen dachte, ich war es,
der von Euch ein Opfer begehrte, sprach Ormond, nach Fassung ringend, indem er
von seinen Knien aufstand. Ich, der Vereinsamte, suchte die Gemeinschaft eines
Engels, der alternde Mann beging die Thorheit, die Gefhle der Jugend zu hegen
und ihre Erwiederung fr mglich zu halten - ich bin bestraft, und was ich
leiden werde, ist die Bue meiner Thorheit. Ihr liebt mich nicht, ich sehe es
klar, wenn Ihr das Wort auch gern mir sparen mchtet, doch verstanden habe ich
Euch und werde versuchen, es zu berleben!
    O um Gotteswillen, sprecht nicht so! rief Maria hier, von tdtlicher Angst
ergriffen, und eilte ihm nach, da er bleich und schwankend an einen Pfeiler sich
zu sttzen suchte. Thrnen des tiefsten, schmerzlichsten Antheils strzten ber
ihre Wangen. Von aller Schchternheit verlassen, sah sie nur den edeln
Leidenden, ach ihrethalben Leidenden; sie ergriff seine Hand und drckte sie
zwischen den ihrigen; sie suchte bittend sein Auge, um durch die zrtlichste
Theilnahme ihm Linderung zu verschaffen, und htte Ormond das wrmste Gefhl der
Freundschaft in diesem schrecklichen Augenblick zu schtzen gewut, es htte ihn
schn und trstend aus ihren Blicken ansprechen mssen.
    Er rang mit dem jhen Wechsel seiner Hoffnungen; er versuchte die
krperliche Erschtterung, die ihn selbst berraschte, zu besiegen; er richtete
sich an ihrer zarten Hand, die sie ihm kindlich lieh, empor, er wagte es, den
schweren trben Blick aufzuschlagen und blickte, unwiderstehlich hingezogen, zu
ihrem lieben Antlitz auf.
    Engel, sprach er, tief gerhrt, als er ihre unschuldige, zrtliche Sorge um
ihn erblickte. Du kannst nicht weh thun, und wenn Du auch das blhendste
Paradies der Zukunft mir in einer Sekunde zur den Steppe der Wste verwandelt
httest! Nein, ich will leben lernen und mich so leidlich, wie mglich,
schicken, und wenn es nur wre, um Dir keinen Seufzer mehr zu kosten, diesem
klaren Auge keine Thrne! Verget, was ich Euch sagte, aber verget nicht, da
ich Euer wrmster Freund geblieben, versprecht mir, ach als kleinen Ersatz fr
das, was ich eben verlor, versprecht mir, da ich Freundes Rechte auf Euch
behalten soll.
    Sie legte sanft und ernst die Hand in die ihr dargebotene. Mein edler und
gromthiger Freund! sagte sie dann mit innigem Tone, vielleicht kmmt bald der
Augenblick, wo nicht mein Mund, doch das Andenken an diese mir geschenkten
Rechte Euch mahnen wird. Sie schwieg und fhlte aufs Neue die Last des eignen
Geschicks. Doch Ormond blieb nun wieder stehn, und muthig von dem eigenen
Schmerze sich erhebend, wendete er ihrer geheimnivollen Lage sich wieder
ausschlielich zu.
    Mu ich Eure Worte deuten, als ob uns von Euch eine Trennung drohe? Was hat
man gethan, Euch von hier wegzuscheuchen? O glaubt mir, von Allen seid Ihr
geliebt; jedes Glied dieser Familie achtet sich glcklich, Euch ehrenvollen
Schutz zu verleihen, bis die Zeit Euch ber Eure Verhltnisse aufklren wird.
Warum wollt Ihr nicht den Schutz annehmen, der den Gewhrenden nur Freude
schafft? - Maria lehnte, sich immer mder in ihrem Geiste fhlend, gegen einen
niedern Fenstersitz. Antworten konnte sie nicht; sie fhlte sich bermannt von
den Bildern, die in ihrem Geiste auftauchten und verschwanden. Ormond blieb, sie
betrachtend, vor ihr stehn, und selbst heftig erregt, sprang sein Geist in Bezug
auf sie von einem khnen Schlusse zum andern.
    Da war ihm pltzlich, als risse die Binde vor seinen Augen. Sie liebt! rief
eine Stimme in ihm, und willenlos fast rief sein Mund: Ihr liebt, Maria, jetzt
wei ich Alles, Ihr liebt!
    Maria zuckte bei dem Worte zusammen und legte die Hand scheu auf ihr Herz,
dann blickte sie Lord Ormond voll Erstaunen fragend wie ein Kind in die Augen.
    Ihr liebt, theures Mdchen, sagte er noch ein Mal mit hchster Theilnahme,
denn sie schien auf diesen Laut aus seinem Munde zu warten, und wie begabt mit
hherer Erkenntni, setzte er mit berzeugender Gewalt hinzu: Ihr liebt
Richmond!
    Irr' flammte ihr Blick bei diesen Worten auf, dann sank sie, die Hand
schnell aufs Herz drckend, ohne Laut ohnmchtig nieder. Ormond bezwang, so
mchtig in Anspruch genommen, leicht seine eigne Stimmung. Er ffnete die
Scheiben und richtete sie sanft in dem Fenstersitz empor. Bleich, ohne alle
Farbe, glich sie einem schnen Marmorbilde. Wunderbar rhrend spielte das
seltsame Lcheln der Ohnmacht um den zarten Mund, whrend der tiefe Ausdruck des
Leidens in der schmerzlich gezogenen Stirn ausgedrckt lag und die herbstliche
Sonne, mit blassen Lichtern eindringend, in leichten Goldstreifen das blasse
Heiligenbild verklrte.
    Bald schien es dem Lord, die Ohnmacht habe sie verlassen. Ruhig, wie bei
einer Schlafenden, hob sich der Athem ihrer Brust immer ser ward das Lcheln
ihres Mundes, und aus den sanftgeschlossenen Augenliedern drangen einzelne
Tropfen und fielen wie Perlen auf den Schoo; aber sie ffnete sie nicht, und
Ormond blieb, gefesselt von Erwartung, ihr stumm gegenber. Frchten konnte er
ihren Zustand nicht, denn auch die Stirn begann sich jetzt zu lichten, Engel
schienen mit ihr zu spielen, so s ward jeder Zug des lchelnden Gesichtes.
    Gewaltsam hatten Ormonds Worte das Geheimni ihrer Brust entschleiert und
durch diesen Namen ihm ein so mchtiges Recht verliehen, da sie dem schnellen
Bewutsein unterlag. Kaum war's eine Ohnmacht zu nennen, was sie berkam,
seltsam war Traum und Bewutsein in ihrer Seele jetzt verschwistert. Sie wute
wohl, sie ruhte, sanft von der Sonne Strahl bespielt, im Fenstersitze, sie nahm
es wahr, da Ormond gtig schtzend ihr zur Seite stand; doch eben so ohne
Erstaunen, ohne einen Uebergang von Vorstellungen, die sie der Wirklichkeit
entfremdeten, schaute sie, wie die Bogen des Fensters vor ihr sich auseinander
schoben und ihr ein freier Blick in die herrlichste Natur ward. Auf einer weiten
Hhe schien ihr Sitz zu stehen, sie blickte in ein blhend Land, reich an
schnen Stdten, mchtigen Schlssern und hohen Thrmen und Kathedralen.
    Weit ins Land hinein sah sie mit klaren Augen das bunte Treiben eines
reichen, weit verbreiteten Volkes, doch der vergangenen Zeit gehrend. Ein
Festtag schien fr Alle angebrochen; denn festlich glnzend zog die Bevlkerung
nach einer Richtung hin, und aus der weiten Ferne hatte sie Begriff von
rauschendem Getne, von Musik, von Menschenstimmen, vom Gerusch der Waffen und
vom Jubelruf der Freude.
    Ein schmelzend Grn bedeckte die Hhe, auf der sie ruhte, und einsam schien
es hier, als reiche der Fu des Hgels nicht zur Erde hin. Sie fhlte ein
seliges Gengen, ein himmlisches Erlstsein von aller irdischen Sorge; nichts
schien ihr obzuliegen, als selig lchelnd zuzuschauen, wie schn gestaltet Alles
um sie war. Da sah sie eben nher nun am Rand des Hgels einen Eichenwald, die
Sonne schien hinein, der Boden schimmerte vom saftigen Grn des Mooses, und
Bltterschatten tanzten wie dunkle Blumen drber hin; da hrte sie den
Chorgesang der Geistlichen, ein Agnus Dei sangen sie, und bald erschienen in den
breiten Wegen sie paarweis mit dem Allerheiligsten, mit holden Knaben, die aus
Silberbecken die leichte blaue Wolke des Rucherwerks um sich kruselten. Die
Ritter folgten im goldenen Harnisch und mit langen wehenden Federn; auf ihren
Schultern trugen Andere den hellen Silbersarg mit goldener Krone, und die Zipfel
des kniglichen Purpurmantels hielten Knaben in Gold und dsterer Seide. Viele
waren, die in hoher Trauerpracht noch folgten, dann war der breite Weg des
Waldes wieder leer, und nur die Sonne spielte mit den Blttern auf dem frischen
Grunde. Doch liebliche Tne klangen jetzt; der Wald verhllte noch die neue
frohe Mhr, nur Hrnerharmonien in heiterer Weise, zu einem Hochzeitsreigen
wohlgeschickt, eilten froh voran, dann kam der Zug in bunter Pracht. Wie
spielten nun im Glanz der Sonne die bunten goldenen Stoffe der Herren und
Frauen, der Edelsteine, der bunten Federn zauberisch Farbenspiel. Der leichte
Schritt der schn geschmckten Rosse schien mehr begeistert von den
Hrnerklngen, als gelenkt vom leichten Druck des goldenen, Zgels taktmig
hinzuschreiten. Die Schnheit ziert hier die Pracht, und Glck und Lust entspro
in zarter Harmonie, und endlich bot der Mittelpunkt des Zugs sich dar. Zwei
schne Knaben fhrten den milchweien Zelter, auf dem die junge Schnheit
lchelnd ruhte, die, in dem Schmuck der Knigin, wie eine Nymphe des Waldes mit
Blatt und Moos und Blumen zu tndeln schien, und einer langen Ranke zarte Fden
um einen schnen, kniglichen Mann geschlungen hatte, der innig ihr ergeben,
gefesselt schon an ihren Augen hing. Der Zug schien sich zu nahen, den Hgel zu
ersteigen; die holde Frau nickte nach Maria hin, sie hob die zarte weie Hand
empor und steckte fnf kleine Finger in den goldenen Reifen einer Krone, die
sich hoch dann ihr entgegen streckte. Da hob der Mann an ihrer Seite sein
Angesicht und sah Maria zrtlich an.
    Mein Oheim! rief sie. Verschwunden war das Bild, der ganze se Traum. Sie
stand pltzlich aufgerichtet vor Lord Ormond, der zu ihren Fen lag, und
flehend sie beschwor, zum Bewutsein zu erwachen. Sie sah ihn an mit dem
holdesten Lcheln, ihre Augen leuchteten, wie von einem tiefen innern Lichte
erhellt, und sanfte Rthe ergo sich um ihr Angesicht. Ja, sprach sie, als ob
Lord Ormond jetzt erst das verhngnivolle Wort gesprochen, Ihr habt es mir
gesagt, jetzt wei ich es, ich liebe ihn! Dies angstvolle Geheimni ist nun fort
aus meiner Seele, ja, ich liebe ihn! - Sie hatte die Hnde auf ihre Brust
gedrckt, als wollte sie sich das Eigenthumsrecht an dieser Ueberzeugung
sichern. Sie hatte, wie es schien, vergessen, was Lord Ormond ber sich selbst
ihr gesagt, und war jetzt nur bemht, ihn zum Vertrauten ihres nun erst
verstandenen Gefhls zu machen. Ormond senkte, noch immer kniend, sein Gesicht
auf ihre Hand, die sie ihm willig lie, von unnennbaren Gefhlen fast betubt.
Da ri sie aus ihren geisterhaften Schwrmereien ein lautes, helles Schluchzen
dicht an ihrer Seite. Ormond sprang auf; Maria blickte hin. Ollonie Dorset stand
mit schlaff niederhngenden Armen ihnen gegenber, und mit dem Ausdruck der
Verzweiflung im bleichen Gesicht weinten ihre schnen Augen Strme bitterer
Thrnen.
    Als sie sich bemerkt sah, flog sie auf Maria zu, umschlang in voller Qual
ihren Nacken und seufzte: Du liebst ihn! O Du Glckliche! Und Dich, wie liebt er
Dich! O nimm ihn, nimm ihn! Ollonie kann sterben fr Euch beide. Ja, Ihr gehrt
zusammen, es mute so kommen; wie konnte er mich lieb behalten neben Euch. O
Maria, ich selbst, ich wollte Euch hassen, wie Ihr so sorglos mein Glck
zerstrtet; doch auch ich, auch ich konnte Euch nicht hassen! Ja, ich mute Euch
nur heftiger lieben, denn liebenswerther scheint Ihr mir noch durch das Lob
seiner Liebe.
    O Gott! rief Ormond hier, ganz auer sich, das theure Wesen in diesem
Schmerz zu sehen. So war denn ausgesprochen, was er aus ihrem Zustande nur zu
wahr errathen; sie hatte Richmond in der Stille lange geliebt und erst ihr
Gefhl verrathen, seitdem sie ihn fr Maria glhend whnte. Wie theilte sich in
diesem Augenblick sein Herz zwischen diesem geliebten Mdchen und dem theuren
Gegenstand seiner Liebe! Still hielt Maria das holde Kind an ihrem Busen fest,
ohne Worte, tiefsinnend. Sie wird ohnmchtig, sagte sie dann leise und hob sie
mit Ormonds Hlfe auf ihren Sitz.
    O! seufzte Ormond tief und schmerzlich, mut Du schnes Herz auch die Qual
unglcklicher Liebe leiden! Wie habe ich vergeblich gefleht, es mchte ihr
erspart bleiben; doch immer ahnte ich ihre Liebe, ja, ich wnschte sie, ehe ich
whnen konnte, da meinem edlen Richmond der hchste Preis zu Theil geworden.
    Still, sprach Maria leise, Ihr seid im Irrthum, Lord Richmond liebt mich
nicht, und mein Gefhl, das Ihr mich kennen lehrtet, hat damit nichts gemein.
Doch Ollonie liebt Richmond nicht, Euch liebt sie, theurer Ormond, Euch! Und
unbegreiflich habt Ihr Euch getuscht und dies bis diesen Augenblick bersehen.
Ohne Euch zu nennen, hat sie mir lngst ihr Geheimni verrathen, und ich hoffte,
Ihr theiltet ihr Gefhl.
    Ormonds Erstaunen raubte ihm die Sprache. Ihre einfachen und bestimmten
Worte lieen keine Mideutung zu, und vor ihm selbst that sich die Ueberzeugung
auf, mit tausend schnell gegenwrtigen Beweisen. Doch er behielt nur wenig Zeit,
diese Gedanken zu verfolgen. Die leichte Erschpfung wich von Ollonie, sie
schlug die Augen auf und blickte Beide zrtlich an; dann nahm sie Ormonds Hand,
drckte sie sanft in Maria's Rechte, und lispelte leise und schwach: So gehrt
Euch denn! Und Du, lieber, bester aller Menschen, Du werde glcklich!
    Sie wollte aufstehen, aber matt geworden, ward sie von Beiden untersttzt.
    Ollonie, sagte Maria sanft, Du hast zwei Hnde vereint, die es schon in
Freundschaft waren; nicht Liebe wird ihr folgen. - Nun aber berlat mir die
Pflege unserer theuern Ollonie, ich fhre sie sicher.
    Ormond drckte in stummer Sprache die Hnde Beider an sein Herz und eilte
dann mit seiner vielfach angeregten Qual von dannen.

Der Tag, der diesem Morgen folgte, war nun der letzte, den Maria unter dem
ehrwrdigen Schutze ihrer gromthigen Freunde verleben sollte, und es war ihr
die Aufgabe gestellt, unter einem ruhigen Aeuern ihr tief bewegtes Herz zu
verbergen. Wenn etwas diesen berwltigenden Umstnden das Gleichgewicht zu
erhalten vermochte, war es die bestimmte Richtung, die seit Ormonds Worten das
Gefhl ihres Herzens erhalten hatte. Sie gewann, trotz den andrngenden uern
Umstnden Zeit, sich hierber mit sich vllig zu verstndigen. Wie sie es so
lange in sich als unverstandenes Geheimni hatte tragen knnen, berraschte sie,
und sie bat sich selbst um Verzeihung, da sie in Verworrenheit und Unruhe und
unverstndlichem Wechsel von Freude und Leid hatte verderben knnen, was nun,
verstanden, zu einem schnen vollstndigen Schatz ihrer Seele gehrte, sie
adelte und ihr eine neue erhebende Weihe zu geben schien. Da zur selben Zeit
diesen Empfindungen der Eintritt ins Leben und jede glckliche uere Beziehung
abgeschnitten ward, erkannte bei flchtiger Betrachtung ihr klarer Verstand zu
bestimmt, um eine Trumerei darber zuzulassen, und sie fhlte, da sie nur
dann, ihrer selbst wrdig, sich als Besitzerin dieses Gefhls anerkennen knnte,
wenn sie eben so bestimmt und aufrichtig ihm die vollstndigste Resignation zur
Seite setzte. So heiligte sie beide Gefhle in ihrer Brust, und als sie nach
diesem festen Abschlu mit sich das brige Leben anblickte, fhlte sie sich ihm
viel ruhiger gegenber gestellt, als frher, und nur, ob sie das Rechte zu thun
vorhabe, das nur flte ihr Bedenken oder Sorge ein, nicht mehr die damit
verknpften Opfer. Nur der Brief, der die theuren Schriftzge trug, konnte immer
wieder aufs Neue die Bedenklichkeiten besiegen, die in jeder andern Beziehung
ihr der bevorstehende Schritt einflte. Aber ihren Widerwillen, sich auch nur
in vorbergehende Gemeinschaft mit diesem Mann zu setzen, diesen zu berwinden,
fhlte sie sich auer Stande. und lie darin endlich ihr Herz gewhren.
    Seltsam traf sie Richmonds Anblick, als sie ihn bei der Tafel zuerst wieder
sah, und sie wrde ihn schwerlich ohne den Tribut der Weiblichkeit ertragen
haben, htte ihre wahrhaft feste und vollstndige Resignation ihn nicht ohne
alle Beziehungen zu sich, blos als das schne Urbild ihrer Liebe ihr erscheinen
lassen.
    Als er sie anblickte, drang das unaussprechlichste Gefhl der Befriedigung
durch ihr Herz, und sie gewahrte den tiefen schwermthigen Ausdruck seines
Blickes mit der schmerzlichen Ueberzeugung, da er dem Mitleiden angehre, womit
er sie in Bezug zu Membrocke sah. Bald, sagte sie sich, wird der Schritt
geschehen, der mich frs Leben aus Deiner reinen Nhe treibt und meinen Namen
den Verworfenen beigesellen wird; Du wirst errthen, mich unter diesem Dache
einst gesehen zu haben. Ein Seufzer bezeichnete die Schwere des Opfers, das ihr
auferlegt war, und sie fhlte sich fast getrstet, da ihr Gefhl nie in seinem
Herzen Wiederklang gefunden, und so ihm der Schmerz erspart blieb, an ihr sich
scheinbar geirrt zu haben.
    Fast war es ein Glck, da Ollonie's Zustand ihre Sorgfalt erforderte. Maria
besa vollkommen die Eigenschaft der Frauen, das eigene Interesse zurck zu
drngen, und frei und hingebend sich einem fremden aufzuschlieen. Ihr war mit
der gtigen Empfindung zugleich der Takt verliehen, unscheinbar und ohne den
Leidenden auer eigne Thtigkeit zu setzen, blos ergnzend oder sttzend
einzutreten, und namentlich war sie, schnell Olloniens Wesen berschauend, sie
zur Kraft zu wecken bemht.
    Eine lange Unterredung, in der sie doch, die eigentliche Vertraute zu
werden, vorsichtig vermied, hatte Ollonie nicht allein berzeugt, da Maria sich
ihrem theuern Oheim nicht vermhlen wolle, sondern auch in ihr jene
jungfruliche Empfindung geweckt, die sie frs Erste zur Selbstbeherrschung
zwingen konnte.
    So hoffte Maria sie aus dem leidenschaftlichen Zustand zu erlsen, den ihr
die Eifersucht gegeben, und fr Ormond Zeit zu gewinnen, von der sie das Glck
Beider hoffen zu drfen glaubte.
    So dem fremden Interesse hingegeben, hatte die junge Heldin fast keinen
Blick fr ihre eigene Zukunft brig, fiel er aber darauf, dann schaute sie in
ein undurchdringliches Dunkel, worin sie nur das eine Bild ihres theuern
verfolgten Oheims als Ziel und Lichtpunkt erblickte. Dahin wandten sich dann
alle Krfte ihrer edeln Seele, und verliehen ihr den ruhigen Ernst, der zwar
alle Blten des Glckes verschliet, aber desto freier und strker jede Tugend
der Seele zur Reife bringt. Sie schien sich seit diesem Morgen weit ber die
Zeit der Jugend hinaus entrckt, und wie jede Bewegung ihrer Seele sich ihrem
Aeueren mittheilte, so trug ihr ganzes Wesen jene ernste und ruhige Wrde,
welche die Abfindung mit dem Leben bezeichnet.
    Membrocke konnte dies nicht bersehen, und es gehrte nicht zu seinen
angenehmen Beobachtungen; er htte sie lieber hinfllig und auer sich erblickt.
Diese feste Haltung schien ihm wenig Rechte ber sie lassen zu wollen, und er
verwnschte dies ihm stets neue Aufgaben bereitende Mdchen.
    Als die Tafel aufgehoben war und die jngeren Personen sich dem frhlichen
Beisammensein berlassen wollten, fhlte Maria sich unfhig, daran Theil zu
nehmen. Ihr Herz sehnte sich mit kindlicher Innigkeit nach dem Beisammensein mit
der Herzogin von Nottingham. In ihrer Nhe wollte sie die letzten Stunden
durchleben und sich strken zu dem groen Schritt, der ihr bevorstand.
    Schaudernd sah sie, wie Membrocke sich nach der Tafel von Allen beurlaubte.
Indem er sich auch ihr ehrerbietig zum Abschiede nherte, warf er ihr einen
vertraulichen Blick zu und flsterte: Um neun Uhr bin ich zurck.
    Maria verga, tief beleidigt, ihr ganzes Verhltni zu ihm und antwortete
ihm blos durch einen Blick voll Verachtung. Aber ihr Gesicht war, Allen
sichtbar, mit Blut bergossen, und Richmond wendete sich von ihr ab und verlie
die Gesellschaft.
    Als die beiden Herzoginnen sich entfernt hatten, blieb Maria in dem
schmerzlichen Gefhl, alle hier Versammelten zum letzten Male zu sehen, wie
gefangen zurck. Von Allen nahm sie im Geiste Abschied; ach, Keiner schien ihr
mehr unbedeutend oder unliebenswrdig. Selbst die Pagen, die Diener, die noch
mit dem Dienste beschftigt hin und wieder gingen, Alle flten ihrer Seele das
schmerzlichste Interesse des nahen Abschieds ein. Lucie hing sich in ihre Arme
und begehrte morgen frh den Spaziergang mit ihr, und nun ward sie von allen
Mdchen umgeben, die sie liebevoll drngten, den Jagdzug mitzumachen, den
Richmond fr morgen vorgeschlagen und Maria, unfhig ihn zu belgen, abgelehnt
hatte. - Da entschlpfte sie rasch den ungestmen Liebesbeweisen, die ihre Brust
zerrissen, und eben so wenig fhig, allein zu bleiben, fhrte sie ihren Vorsatz
aus, zur jngeren Herzogin sich zu begeben, in deren ernster, gemigter Nhe
sie gegen neue Erschtterung der Art sich gesichert hielt.
    Als sie, von dem meldenden Pagen gefhrt, in das lange gothische Zimmer
eintrat, in dessen Fenstervertiefung die Herzogin sa, gewahrte sie zu ihrer
Ueberraschung Lord Richmond vor ihren Fen auf einem niedern Fensterbnkchen
sitzen.
    Willkommen, Lady Maria, sprach die Herzogin, whrend Richmond schnell
aufsprang. Ihr seid gtig, mir Euern Nachmittag schenken zu wollen, da Alle, wie
ich hre, sich auf eine Cavalcade begeben. Damit reichte sie Maria die Hand
entgegen, welche diese mit beklommenem Herzen an ihre Lippen drckte.
    Und doch, Mylady, sprach Maria, frchte ich, seid Ihr zu gtig gewesen, mich
anzunehmen. Ihr hattet liebe Gesellschaft, Ihr hattet vielleicht Geschfte,
setzte sie hinzu, auf Richmond blickend, der, mehrere Papiere in der Hand
haltend, stumm grend ihr gegenber stand.
    Ich htte in diesem Fall es Euch aufrichtig gesagt, erwiederte die Herzogin.
Wen ich willkommen heie, der darf auch dessen sicher sein. Setzt Euch, fgte
sie hinzu und zog Maria auf einen kleinen Sessel, der nchst ihrem Lehnstuhl
stand, und Du, Richmond, nimm Deinen alten Platz hier ein und lies mir das Ende
Deines Briefes vor. Meine liebe Maria wird sich so lange mit sich unterhalten.
    Richmond that, wie ihm geheien, und obwol er erst nach einigem Verzuge die
Stelle wiederfinden konnte, bei welcher Maria's Ankunft ihn unterbrochen hatte,
las er, doch mit einer Stimme, die noch lange vergeblich nach Festigkeit
strebte, weiter: Ich kann unter diesen Umstnden nicht genau angeben, wann mir
das Glck zu Theil werden wird, Dich, meine geliebte Tochter, zu umarmen.
Keinesfalls kann ich inde wnschen, da Du nach London kommest, da in der
Hoffnung, die sich uns jetzt darbietet, mir vielleicht vergnnt sein wird, nach
Godwie-Castle zu kommen. Da ich diesen Zeitpunkt herbei sehne und Alles, was in
meinen Krften ist, anwenden werde, ihn zu beschleunigen, wird Dir gewi sein,
und meine Tochter wird nicht wnschen, da etwas in einer Sache bereilt werde,
wovon die Ehre ihres Vaters abhngt.
    Da sei Gott vor, sprach die Herzogin und legte den Brief des Grafen von
Bristol, den Richmond ihr reichte, ehrerbietig zusammen: doch bin ich der
Meinung, da mir am allerwenigsten zustehe, mit Besorgni an diese Beweisfhrung
zu denken. Nicht als Tochter fhle ich mich um die Ehre meines Vaters besorgt,
als Englnderin bin ich besorgt und beschmt; denn sagt, wohin mu es mit einem
Lande gekommen sein, in dem sich die Mnner, die sich die Sulen des Staates
nennen drfen, an die sich die Verehrung zweier Generationen und die Hochachtung
fremder Staaten knpft, vertheidigen mssen, gleich als wren sie unbekannte,
dem Zweifel unterworfene Emporkmmlinge, fr welche keine Thaten reden knnen.
England wird erstarren an der Nachricht, Bristol stehe vor dem Richterstuhle
eines Parlaments, und neues Weh wird den Namen Buckinghams treffen, der so
grenzenloses Elend verbreitet, und mit welchem die Nachwelt alles Unglck und
alle Schande dieser Zeit bezeichnen wird.
    Maria schauderte zusammen. Die bittern, strengen Worte der gekrnkten Frau
bezeichneten die Katastrophe, in die ihr eignes Schicksal nun so geheimnivoll
und gefhrlich verflochten war; sie nannten zugleich den Namen Buckingham in
derselben Beziehung, als Membrocke es gethan, und besttigten die Wahrheit
seiner Angaben.
    Ich habe Euch, theure Mutter, noch Einiges ber die Vermuthungen des Grafen
Archimbald mitzutheilen, hob jetzt Richmond an.
    Seine Thtigkeit hat keinen Augenblick gerastet, und so groe Hindernisse
ihm die Wachsamkeit Buckinghams auch in den Weg legte, ist es ihm mit Hlfe
eines mchtigen und geheimen Feindes von Buckingham dennoch gelungen, dem Lord
Saville auf die Spur zu kommen, der, nach der Ueberzeugung Euers Vaters, die
wichtigen Dokumente entwandte, die von der Hand des Herzogs von Olivarez
unterzeichnet, das bestimmte und durchaus ehrenvolle Benehmen des Grafen
besttigen. Gewi ist eine traurige Zeit gekommen, wo Lord Bristol eines
Dokuments bedarf, sich freizusprechen von dem schmhlichen Verdachte, sein
Vaterland muthwillig und um persnlicher Genugthuung willen in einen so
gefhrlichen Krieg verwickelt zu haben; aber es ist dahin gekommen, wollen wir
uns immer freuen, da es der Unschuld nie an Freunden fehlt, und da Lord
Bristol die Besten des Landes unter die seinigen zhlt. -
    Du sagst ein wahres Wort, mein Sohn; aber ich wiederhole es, ich trage Leid
um England, das auf dem Wege ist, dem Auslande ein Spott zu werden! -
    Graf Archimbald, fuhr Richmond fort, scheint berdies die Auflsung des
Knigs zu erwarten. Die Fieberanflle haben sich wiederholt, und die Idee des
Krieges mit Spanien ist ein Schreckbild geworden, dem der unglckliche, schwache
Greis, dessen ganze kleine Politik - Zeit seines Lebens - in dem Bndni mit
Spanien bestand, zu unterliegen droht.
    Buckinghams Abschlu der Vermhlung unseres Prinzen mit der franzsischen
Prinzessin soll fast wider Willen des Knigs und des Prinzen geschehen sein. Den
Knig hat dieser verwegene Mann zittern gelehrt und das Jawort des Prinzen
whrend einer hitzigen Krankheit erhalten, die ihn gleich nach der Rckkehr von
Spanien berfiel und ber deren Ursache, obwol Buckingham den Prinzen fast
ausschlielich umgab, doch sehr seltsame Gerchte umlaufen.
    So viel ist gewi, da der Prinz, stets Allem gndig, was unsere Familie
angeht, Alles angewendet hat, diesen Proze von dem Grafen Bristol abzuwenden,
da der Knig aber, von Buckingham verhrtet und auer sich ber den Gedanken,
am Ende seiner Laufbahn noch einen Krieg zu erleben, den er stets so ngstlich
vermieden, den Grafen als die einzige Ursache davon ansieht. -
    Nun, rief die Herzogin, so erhalte Gott sein Leben nur noch so lange, bis er
seinen besten und getreusten Diener gerechtfertigt vor sich sieht. O, ich
ertrge es nicht, wenn dies gekrnte Haupt zur ew'gen Rechenschaft gerufen
wrde, ehe er dem sein irdisch Recht gesprochen, der sich um ihn so wohl
verdient gemacht.
    Hier entglitt dem Busen der unglcklichen, gequlten Maria ein tiefer
Seufzer. Der gerechte Wunsch, dieser edeln Frau, ihrer Wohlthterin, der Mutter
Richmonds, dieser heil'ge Wunsch, fr dessen Erfllung auch sie ihre Hnde htte
zum Himmel erheben mssen, er enthielt das Todesurtheil ber den einzig ihr
gebliebenen Verwandten, ber den theuern Oheim, an den sie trotz des Scheines
von Schuld, der ihn zu treffen schien, nicht ohne die tiefste und zrtlichste
Bewegung des Herzens denken konnte. Ihr blieb jetzt kaum ein Zweifel, da es der
verfolgte Lord Saville war, dem sie diese Rechte zugestehen mute, da Lord
Membrocke ihr Wahrheit gesagt und sie im Begriff sei, zu dem zu fliehen, der den
Verfolgungen ihrer Beschtzer preisgegeben war.
    Riesenhaft gro trat ihr hartes Schicksal vor sie hin, bereit, alle die
zarten Fden zu zerreien, die sie mit diesen geliebten Menschen hier verbunden
hatten.
    Die Herzogin mideutete dieses Zeichen tiefer Theilnahme, und ihre Hand
sanft drckend, sprach sie: Gott behte Euch vor hnlichen Sorgen, liebes Kind,
Euer allzu weiches Herz erlge solchen Leiden.
    Die Schicksale der Menschen, sprach hier mit tiefer Bewegung Richmond, sind
verschieden; nicht zweien wird ein gleiches zu Theil; aber der Schmerz findet zu
jeder Brust den Weg, und nur, wie er uns innerlich gefat findet, macht den
Unterschied. Doch die geringsten Schmerzen bleiben immer jene, die das eigne
verfehlte Glck uns giebt. Wer widersteht aber mit dauerndem Muthe, wenn er das
Edelste und Liebste, was die Erde fr ihn trgt, in der Gewalt einer bsen Macht
leiden und untergehen sieht, ohne da ihm das Recht verliehen ward, es zu
schtzen oder zu vertheidigen.
    Wir wollen damit schlieen, so heftige Auskunftsmittel, wie Deinem
jugendlichen Eifer zusagen, nicht fr nthig zu halten, sagte die Herzogin mit
beschwichtigendem Tone und schien nicht zu gewahren, wie Richmonds Augen an den
bleichen, kummervollen Zgen Maria's hingen. Maria sah diese Augen nicht, denn
die ihrigen hafteten melancholisch am Boden; aber seine Stimme drang zu ihrem
Herzen, und ein wunderbar wonnevoller Schmerz durchzuckte sie.
    Das gebe Gott! seufzte er tief auf, und vergeben mgt Ihr meinen trben
Worten. Aber ich glaube, setzte er, zur Heiterkeit sich zwingend, hinzu, der
Nebel dieser letzten Tage thut es bei mir, ich bin nicht mehr ich selbst, ich
fhle es wohl, denn trbe liegt auf mir die Erwartung jedes nchsten Morgens.
    Maria's Haupt senkte sich hier auf die Armlehne des Stuhles, in dem die
Herzogin sa. Doch diese sah die fallenden Thrnen nicht, die sie zu verbergen
strebte, sondern ganz Mutter, schaute sie besorgt ihrem Liebling ins Angesicht
und prfte mit ihrer Hand ngstlich die kalte Stirn.
    In Wahrheit, Du bist krank, ich selbst habe, glaub' ich, bersehen, da wir
vielleicht zu lange hier verweilten. La uns zurckkehren nach Godwie-Castle.
Seine hohe gesunde Lage wird Dich am besten wieder herstellen, auch sind wir
dort London um so viel nher, und leicht lt sich jetzt dort ein Kreis
versammeln, der Dir Zerstreuung und Erholung giebt. -
    O, sorgt nicht um meinetwillen, theure Mutter, rief Richmond, nicht diese
Luft ist's, die mein Herz so pret, und keine andere Luft lindert dies Weh.
Glaubt und vertraut mir nur, aus mir selbst mu ich mich erheben, und ich werde
es! Doch Eurem Plan, nach Godwie-Castle zu gehn, widerspreche ich nicht. Wir
sind dort London nher, das sage ich auch, und dort mu unser aller Schicksal
sich jetzt lsen. - So gieb denn Befehl zu unserm Empfange dort! sprach die
Herzogin, noch immer ganz von Besorgni eingenommen.
    Alle hatten sich erhoben, Richmond wollte gehen. Maria stand vor dem
Augenblick, der sie auf immer von ihm trennen sollte. Kaum trugen sie noch ihre
wankenden Fe, und sie hielt sich an dem Lehnstuhle der Herzogin, welche, an
einen Tisch getreten, noch einige Papiere fr den Sohn zurecht legte.
    Richmond betrachtete Maria, er sah ihre Erschtterung und trat ihr nher.
    Und wird Lady Maria noch lnger ihren besten Freunden das bisherige Recht
zugestehn, sie mit sich zu fhren? Darf ich ihre Zimmer in Godwie-Castle bereit
halten lassen? -
    Maria versuchte umsonst zu antworten. Nach einigen vergeblichen Bemhungen,
die bebenden Lippen zu ffnen, schttelte sie leise das Haupt.
    Ihr wollt uns nicht folgen, fuhr er nun bewegter fort; Ihr verschmht die
Herzen, die Euch so innig ergeben sind, die Ihr durch Eure Nhe habt vergessen
lassen, da ohne Euch zu leben mglich sei? Es ist Euch Niemand etwas unter uns,
Niemand darf sich des Glckes rhmen, Euch so nthig zu sein, wie Ihr es uns
geworden. Ihr seid so gut, so gromthig; aber gefhlvoll wenigstens nicht. - Er
schwieg; seine Stimme bebte zu heftig und Maria vergingen bei dieser nie
gehrten Sprache fast die Sinne. Wie mit einem Siegel waren ihre Lippen
verschlossen, und nur die Angst dieses Verstummens hielt sie aufrecht. Sie
drckte die Hand endlich auf ihr Herz und hob die Augen zu ihm auf, die das
ganze Geheimni ihres Herzens trugen.
    Ich verstehe nicht, sagte die Herzogin und wandte sich, wollt Ihr nicht mit
nach Godwie-Castle, Lady Maria?
    Ich habe keinen freien Willen, erwiederte jetzt Maria mit dem Ausdrucke der
Ergebung.
    Gewi! sagte die Herzogin, welche Kleinmthigkeit! Was ist Euch? Womit haben
wir es versehen, und worin haben wir Euch Zwang aufgelegt? Bestimmt ganz nach
Gefallen, ob Ihr uns begleiten oder spter mit meiner Schwiegermutter folgen
wollt? -
    Ich empfinde tief Eure Gte und habe Euch nur aus voller Seele zu danken fr
die unendliche Gromuth, die Ihr mir unablssig beweist. Seid sicher, da ich
nirgends lieber bin, als wo Ihr seid, da es die seste Empfindung meines
Herzens wre, Euch zu dienen, um nur Eure Nhe nicht zu entbehren. -
    Die Herzogin fhlte sich geschmeichelt, vor ihrem Sohne der Gegenstand von
so vieler Liebe zu sein, und ungewhnlich freundlich zog sie Maria zu sich und
kte ihre Stirn.
    Ihr seid ein liebes gefhlvolles Kind, sprach sie dabei, ich lege
gleichfalls Werth auf Euern Umgang und sehe es gern, wenn Ihr mit uns geht.
    Maria's Herz unterlag hier. Sie sank vor ihr nieder, und ihre Hnde
ergreifend, rief sie flehend: O, in dieser glcklichen Stunde gebt mir Euern
Segen, da er auf meinem Haupte unwiderruflich ruhen mge! Was auch mein dunkles
Schicksal ber mich verhngen mge, widerruft ihn nie! Dann werde ich hoffen,
da ein guter Engel mir zur Seite bleibe. - Ihre Augen vergossen Thrnen, und
sie hatte etwas so unwiderstehlich Dringendes, da die Herzogin ohne Widerstand
die Hnde auf ihr Haupt legte. Gott segne Euch, liebes Kind! sprach sie dabei
mit sichtlicher Ueberraschung. Aber lat das, steht auf und seid nicht so
heftig! Ihr seid ohne Ursache so feierlich, als ob uns das jngste Gericht
bevorstnde; wir sollen stets ber unsere Gefhle strenge Disziplin halten, gar
leicht werden wir sonst bei geringen Veranlassungen davon berrascht.
    Maria stand auf und trocknete ihre Augen, sie fhlte die Ruhe des Todes. Mit
dieser letzten Erschtterung schien ihre Seele ausgekmpft zu haben; sie kam
sich wie eine Sterbende diesen geliebten Menschen gegenber vor; sie konnte
keinen Schatten von Hoffnung haben, je wieder mit ihnen vereint zu werden; ihre
Trennung schien ihr vollstndig und unwiderruflich, wie durch den Tod. Aber
dieses Ueberdenken ihres traurigen Geschicks gab ihr fr den nchsten Augenblick
alle Fassung wieder. Sie blickte auf zu Richmond, als er sich jetzt entfernte,
und begleitete ihn mit ihren Augen, bis er in der Thr verschwand. Ich habe ihn
zuletzt gesehn, sagte sie dann zu ihrem getdteten Herzen.
    Sie blieb, bis die alte Herzogin erschien, um ihre Schwiegertochter zur
Abendgesellschaft abzurufen. Beide waren von Maria's Blsse berrascht und
gnnten ihr, sich auf ihr Zimmer zurckzuziehn. Still kte diese Beiden zum
letzten Mal die Hand und ging dann langsam an der Versammlungshalle vorber, aus
der eine Heiterkeit schallte, die fr sie nicht mehr vorhanden war.
    Als sie in ihr Zimmer trat, verabschiedete sie die gute getreue Errol und
blieb dann allein, sich zu ihrem groen Unternehmen vorzubereiten. Sie hatte nur
wenig Anordnung zu treffen; alle gingen darauf hin, sie so unabhngig, wie
mglich, von Membrocke zu machen. Sie legte ihre Juwelen und eine bedeutende
Summe Geldes, die ihr aus den Wechseln ihres Taschenbuches mitgetheilt war,
nebst einem zweiten vollstndigen Anzug zusammen, kleidete sich selbst in ein
festes Reisekleid und harrte dann, bis die Glocken des Schlothurmes Neun
schlugen. Dann stand sie auf und warf sich vor dem Betpult nieder, an dem sie
nie wieder knien sollte; aber fern von ihr war jede Erweichung. Ihre Zge
schienen von Marmor, hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn, und die Freiheit der
Seele, die aus einer klaren und unabnderlichen Anschauung des Pfades, den uns
die Pflicht fhrt, entsteht, selbst wenn wir ihn mit Gefahren umstellt
erblicken, diese ward ihr zu Theil und lie sie erkennen, da nach der Trennung
von den ihr so theuren Menschen nichts mehr der Rhrung werth sei.
    Sie flehte Gott um Schutz an: Meine Seele behte und nimm sie in Deine
Obhut; gieb mir Kraft, da ich zu Deiner Ehre vollende, was mir obliegt. Herr,
Dein Wille geschehe!
    Nach diesem kurzen Gebet stand sie auf, hllte um Kopf und Schultern ihren
weiten Mantel, ergriff ihr kleines zusammen gepacktes Eigenthum und eilte aus
ihren Zimmern.
    Sie wute die Gesellschaft noch beisammen und mute jeden Augenblick ihr
Auseinandergehen erwarten; aber sie war fest entschlossen, es mit furchtloser
Gleichgltigkeit zu wagen.
    Als sie, um die Gesellschaftshalle zu vermeiden, an welcher vorber sie den
Park auf krzerem Wege erreichen konnte, durch die Gallerie ging, in der sie am
Morgen die entscheidensten Augenblicke ihres Lebens durchkmpft hatte, dachte
sie noch ein Mal mit tiefer Wehmuth an Ormond, und als sie an die Stelle
gekommen, wo sie die Ergieungen seines edlen Herzens empfangen, blieb sie einen
Augenblick gefesselt stehen. Da hrte sie vom Park her deutlich nahende Schritte
und bald mehrere Stimmen. Ihre Lage ward schrecklich, den Nahenden wurden
Windlichter vorgetragen, und der Fensterbogen, in den sie treten konnte, war so
gro und vom Monde erleuchtet, da ihre schwarze Gestalt bei dem flchtigen
Blicke erkannt werden mute. Wie durfte sie aber an diesem Aufblick nach diesem
Fensterbogen zweifeln, da sie unter mehreren Stimmen die des Lord Ormond
erkannte, bei dem sie dasselbe Andenken an diesen Platz voraussetzen mute. Doch
blieb ihr keine Wahl, als dem Zufall zu vertrauen, und da die Nahenden sie jetzt
erreicht hatten, drckte sie sich fest verhllt in die Ecke des Fensters, mit
starrer Erwartung des nchsten Augenblicks.
    Die Herren hatten den morgenden Jagdzug geordnet und sprachen von ihren
Pferden. Richmond ging mit einem der Herren voran, und als er rasch an dem
Fenster vorber streifte, sprach er: Nein, Sir Francis, whlet, welches von
meinen Pferden Euch ansteht, dies Pferd gehrt Lady Melville, und ich hoffe, sie
wird uns begleiten. Indem strich Ormond vorber, aber das Haupt auf die Brust
gesenkt, schien die Erinnerung des hier Erlebten viel zu mchtig in ihm zu sein,
um noch Sinn fr ein ueres Zeichen zu haben. - Sie waren vorber, nur einzelne
Streifen Licht glitten noch ber den Boden hin. Maria entfloh nun, so schnell
sie vermochte, ihrer Haft.
    Die dunkeln Schatten des Parks waren erreicht. Sie nherte sich dem
verabredeten Platze und hrte bald die leisen, im welken Laube rauschenden
Schritte ihres Gefhrten. Ein unbeschreibliches Entsetzen erschtterte sie, als
er vor sie hintrat, sie zu begren.
    Seid Ihr bereit, Mylord? So eilt denn und fhrt mich den dornigen Pfad der
Pflicht, und denkt, da, wie ich hlflos auch scheinen mge, doch ber mir Gott
im Himmel wacht, wie ber Euch er einst richten wird.
    Eure Hlflosigkeit, theure Lady, ist eine eingebildete; im Gegentheil wird
dies der erste Schritt zu der ausgezeichneten Stellung sein, wozu Euch Eure
Geburt berechtigt. Der mchtige Buckingham und Euer edler Oheim werden siegreich
hervorgehn aus allen ihnen von dieser stolzen Familie bereiteten Bedrngnissen,
daran zweifelt nicht!
    O schweigt, ich bitte Euch, von Triumphen, die mit dem Unglck meiner
Wohlthter erkauft sind! Wie knnt Ihr, ein Verwandter dieser edeln Familie, an
ihr Unglck mit Gleichgltigkeit denken, da ich es selbst nicht vermag, selbst
um den Preis nicht, den theuern Oheim gerettet zu sehn.
    In Wahrheit, ich htte nicht Vorwrfe erwartet, rief Membrocke, da ich
Eurem Interesse lebhafter zugethan bin, als dem meinigen; aber ich sehe ein, da
Lady Melville fr alle Bewohner der Erde mehr Gromuth und Gerechtigkeit hat,
als fr mich selbst.
    Es ist jetzt nicht der Augenblick, einen Wortstreit zu fhren, erwiederte
Maria ernst, und ich bin nicht in der Stimmung, mir eine richtige Erwgung der
Zukunft zuzutrauen. Man findet fr gut, sie in ein Dunkel zu hllen, welches
mich zu sehr der Willkr eines Einzelnen hingiebt, um mich ihm nicht schrfer
beurtheilend gegenber zu stellen, als unter gesicherten Verhltnissen der Fall
sein wrde. Ich will Euch meine Dankbarkeit aufheben, und sie soll nicht gering
sein, wenn Ihr mich meinem natrlichen Schutze bergeben haben werdet. Lat uns
jetzt unsere Reise beeilen.
    In einer kleinen Schlucht, die sie jetzt mit schnellen Schritten erreichten,
fanden sie die Pferde und zwei gleichfalls berittene Diener. Schnell und sicher
hob. sich Lady Maria in den Sattel, und die Kappe ihres Mantels tief ber ihr
Gesicht ziehend, berlie sie den Zgel Lord Membrocke, welcher ihr zur Seite
ritt, whrend ein Diener den Zug anfhrte und der andere ihn beschlo.
    So blieb Maria stumm in sich selbst verloren, nur des Einen sich bewut, da
ein neues Leben fr sie angegangen war, und da ihre Jugend von nun an
abgeschlossen hinter ihr lag.
    Als der Tag anbrach, befanden sie sich bei einer einsam liegenden Meierei,
wo Lord Membrocke eine Snfte fr Maria bestellt hatte und sie nthigte, einige
Erfrischungen zu sich zu nehmen. Noch war es ihm nicht gelungen, sie in ein
Gesprch zu ziehen, eben so wenig sagte ihm ihre ganze Haltung zu. Ruhig und
gemigt waren ihre Antworten; sie lieen eben so wenig Vertraulichkeit, als
Vorwrfe zu und hielten ihn bestndig in der begrenzten Zurckhaltung eines
Begleiters.
    Die feuchte Nacht, die Klte des Morgens und der angestrengte Ritt hatten
indessen Maria eine kleine Erholung nthig gemacht, und sie sah die Ankunft
einer Snfte nicht ungern, da sie ihr noch mehr Abgeschiedenheit zu sichern
schien und ihrer groen Ermdung zu Hlfe kam. Sie benutzte die Gelegenheit, dem
Lord ihren Dank fr seine sorgfltigen Reiseanstalten auszudrcken, da sie sich
selbst zu einer milderen Stimmung fr ihn zu bewegen wnschte.
    Lord Membrocke war entzckt ber diese sanfteren Worte, wie er sie noch nie
aus ihrem Munde gehrt, und leichtsinnig und thricht glaubte er sich jetzt den
Hoffnungen auf ihre Gunst berlassen zu knnen. Er verdoppelte seine Bemhungen,
welche der traurige Zustand der Meierei wenig begnstigte. Zwar brannte ein
hohes Torffeuer in dem weiten Kamine, der den Hausgenossen zugleich als Heerd
diente, aber der Rauch schien keinen andern Weg zu kennen, als durch die
morschen Fenster und Thren der groen Halle selbst. Ein Haufen rmlich
gekleideter Kinder, ihre dster blickende Mutter und einige sehr wild aussehende
Mnner theilten diesen Raum mit den Reisenden und schienen in der Ueberzeugung,
so vornehmen Leuten nichts zu ihrer Erquickung bieten zu knnen, auch gnzlich
gleichgltig gegen ihre Erscheinung zu sein. Membrocke lie indessen Alles
herbeischaffen, was seine Reisekche vermochte, er bereitete selbst Maria's Sitz
am Heerde und trocknete mit Sorgfalt ihren feuchten Mantel. Er durfte ihr aber
keine lange Rast gnnen, und Maria frchtete selbst eine Unterbrechung ihrer
Reise zu sehr, um nicht sogleich bereit zu sein.
    Sie bestieg nun ihre Snfte, und Membrocke setzte sich an die Spitze des
Zuges, welcher mit doppelter Eile vorwrts ging, und noch um zwei Diener
vermehrt war.
    Es war Maria aber nicht vergnnt, zu grerer Ruhe zu gelangen. Sie fhlte
ein ungemein heftiges Brennen ihres Kopfes und ein so ngstliches Klopfen des
Herzens, da ihr Athem zu stocken begann. Die Ruhe ihres Geistes verwandelte
sich in eine qualvolle Erregung von Angst und Furcht. Sie bebte bei jedem
Gerusch zusammen und wnschte zuletzt nur noch, das neue ungekannte Uebel
mchte sie erreichen, da sie das Hrteste besser ertragen zu knnen glaubte, als
diese Furcht, fr die sie keinen Namen hatte. Es machte ihr daher keinen
strkeren Eindruck, als sie um die Mitte des Tages den nachfolgenden Diener
herbei sprengen hrte, worauf sogleich Membrocke, nachdem er seinen Bericht
angehrt, den Zug zur grten Eile antrieb. Sie glaubte an den Bewegungen ihrer
Snfte errathen zu knnen, da man Seitenwege einschlug, und zweifelte nun nicht
lnger, da sie verfolgt wrden. Doch wer verfolgte sie? dieser eine Gedanke
lschte alle brigen Betrachtungen aus. Sie wagte nicht, Membrocke zu fragen,
der, wie sie hrte, unruhig hin und her sprengte. Auch blieb ihr wenig Zeit zu
Schlssen brig, denn das wilde Heranjagen von Pferden berzeugte sie, da sie
eingeholt wren. Nach einigen Versuchen, die Eile zu verdoppeln, hielt pltzlich
die Snfte, von einem verworrenen Stimmengerusch umgeben.
    Halt! Halt! schrie eine wohlbekannte Stimme, und sogleich hrte sie
Membrocke in einem heftigen Wortwechsel mit Lord Richmond und Ormond. Mit
entsetzlicher Ruhe beantwortete Membrocke die Vorwrfe seiner Verfolger. Er
fragte sie mit kaltem Hohne, welches Recht sie htten, ihn und die Lady zu
verfolgen, und sie von ihm zurck zu fordern, da es ihm doch wohl ohne den
Willen der Lady selbst nicht htte gelingen knnen, sie zu entfhren.
    Haltet ein mit dieser Verlumdung, rief Richmond, auer sich; sie ist Euch
nicht freiwillig gefolgt. Geraubt habt Ihr sie, mit Gewalt entfhrt, und ich
fordere sie von Euch zurck im Namen der Herzogin von Nottingham, deren Haus Ihr
durch solche That zu beschimpfen wagtet! Augenblicklich bergebt das Frulein
uns und steht uns dann Rede ber die Beleidigung, die Ihr derselben anzuthun
gewagt.
    Ueberlat die Wahl dem Frulein selbst, lachte Membrocke; sie mag bestimmen,
wem sie folgen will; sie mag sagen, ob sie mir freiwillig gefolgt, oder ich sie
entfhrt habe. Wahrlich, Mylords, wir ereifern uns sehr unntz, da ein Wort aus
dem Munde des schnen Fruleins Euch besser aufklren wird, als meine eifrigsten
Bemhungen, und glaubt mir, ich bin ganz bereit, Euch die Lady zu berlassen,
wenn sie Euch nur folgen will!
    Es lag eine Sicherheit in Membrockes Betragen, die Ormonds Herz mit den
entsetzlichsten Zweifeln erschreckte, whrend sie Richmonds Zorn nur erhhte.
    Haltet ein mit Euern Schmhungen, rief er, Euer Mund kann die reinste Tugend
nicht beschimpfen! Er strzte zu der Snfte hin und ri die Thr derselben auf.
    Maria hatte jedes Wort der schrecklichen Unterhandlungen gehrt und, emprt
ber Membrockes boshafte Benutzung ihrer Lage, nur zu wohl erkannt, da ihr
keine Rettung von dem schmhlichen Verdachte blieb. Als sie Richmond erblickte,
glhend und auer sich, mit Seelenangst auf ihre Entscheidung harrend, da
verlie sie ihre Besinnung, und ihre erste Bewegung war, sich aus der Snfte zu
strzen.
    Bleibt, Mylady, sagte Membrocke kalt, und beantwortet die Fragen dieser
gestrengen Richter! Sagt, folgt Ihr mir aus eignem Antriebe, habt Ihr mich zum
Begleiter dieser Reise angenommen, oder habe ich Gewalt gebraucht und Euch
entfhrt?
    Entfhrt? wiederholte mit Abscheu Maria, nein! nein! Er entfhrt mich nicht,
o eher den Tod!
    Und doch, schrie Richmond, doch seid Ihr mit ihm! Nun seht Ihr wohl, lachte
Membrocke, mit Gewalt erlangt man nichts ber das stolze Kind.
    Lady, sprach Richmond, indem er erblassend sich an den Schlag der Snfte
hielt, wie kamt Ihr in seine Gewalt? Nicht um meinetwillen frage ich, mir steht
kein Recht zu; sondern um meiner Mutter willen, die um Euch trauert, wie um ihr
eigenes Kind. Ich beschwre Euch, antwortet mir, warum verliet Ihr uns, warum
finde ich Euch in der Gewalt des Lord Membrocke? - Er schwieg, sichtlich
erschpft; seine abgebrochenen Reden, seine am Boden ruhenden Augen zeigten nur
zu deutlich die tiefe Bewegung seiner Seele.
    Maria fhlte jedes seiner rhrenden Worte als eine neue Wunde ihrer Brust.
Auf seine Achtung verzichten zu mssen, gegen ihn nicht die Rechtfertigung
erwhnen zu drfen, die ihr Andenken bei ihm rein von Schuld erhalten mute, -
sie glaubte diesen Gedanken in seiner ganzen Qual schon frher erschpft zu
haben; aber wie ganz anders war es jetzt, ihm gegenber, von seinen rhrenden
Worten, von dem viel rhrendern Ausdruck seiner Stimme und Mienen begleitet.
Noch ein Mal fragte sie sich, ob es hier keinen Ausweg gebe, noch ein Mal
seufzte sie nach Rettung; aber die Antwort, die ihr klarer gegenwrtiger
Verstand ihr gab, blieb dieselbe. Alsbald kam ihr die Kraft zurck, die schon
halb entschwunden geschienen.
    Sagt Eurer ehrwrdigen Mutter, theurer Lord, sprach sie dumpf, aber fest,
mein Leben wrde ein Dankgebet bleiben fr meine Wohlthter; sagt ihr, ich
verdiene noch immer den Segen, den sie auf mein Haupt niedergelegt, noch ein Mal
flehe ich sie an, ihn nicht zu widerrufen. Ein Mehreres habe ich zu meiner
Rechtfertigung nicht. Ich bitte Euch, verzgert meine Reise nicht und berlat
mich dem Schutze des Lord Membrocke.
    Groer Gott! rief Richmond mit der hchsten Heftigkeit, wie schrecklich mt
Ihr betrogen sein, da Ihr so im Rechte zu sein glaubt! Wie knnen wir Euch
verlassen, da wir hieran nicht zweifeln drfen! Mylady, hier ist Lord Ormond; er
geno Euer Vertrauen; ich beschwre Euch, lat ihn die Umstnde prfen, die
einen mindestens so auffallenden Schritt veranlaten. Ormond, tretet nher; ich
bitt' Euch, redet, bewegt das Frulein, Euch zu vertrauen. Gewi, Ihr werdet
hintergangen; o, mitrauet Eurer Jugend, Euerm Mangel an Erfahrung; Euer
tugendhafter Muth, Euer offener Karakter haben Euch verlockt.
    Ormond war zwar nher getreten, aber wie gelhmt von dem Vorgefallenen und
ihren eben gehrten Erklrungen. Die Worte erstarben ihm; er hob nur seine Augen
zu ihr auf, in denen der Vorwurf mit dem Schmerze um den Vorrang kmpfte.
    Es ist genug, rief Maria, allen ihren Muth sammelnd, ich werde nicht
betrogen; unlugbare Beweise haben die traurige Nothwendigkeit besttigt, der
ich mich jetzt unterwerfe. Ich mu schweigen, aber vielleicht wrdigt mich noch
Gott dereinst des einzigen von mir ersehnten Glckes, mich vor Euch
gerechtfertigt zu sehen; ja, vielleicht ist es mir durch diesen mich
niederbeugenden Schritt dereinst noch mglich, meinen theuern Wohlthtern
ntzlich zu werden. Lat mich jetzt, Mylords, und richtet nicht, wenn es Euch
mglich ist.
    Ihr wollt fort von uns, stammelte Richmond, fort von Euern Freunden? Ihr
verschmhet unsern Beistand, Maria, theure Maria?
    Die Unglckliche verhllte ihr Gesicht, ihr Muth war dahin, ihre Sinne
schwanden, sie hrte nichts mehr.
    Es scheint mir, Mylord, da ich Euch alle Geduld und Nachsicht bewiesen, auf
die Ihr irgend Anspruch machen konntet, sprach endlich Membrocke. Ich fordere
jetzt, da Ihr zurcktretet und die Lady ihrer freien Wahl berlat, die, wie
Ihr gesehen, zu meinen, nicht zu Euern Gunsten ausfiel.
    Noch immer ruhten Richmonds Augen auf Maria, die mit verhlltem Gesicht auf
ihren Knien in der Snfte lag und kein Zeichen des Lebens gab, das, den Andern
unbewut, von ihr gewichen war.
    Ormond ergriff, von Richmonds Zustand gerhrt, seinen Arm und zog ihn
zurck, wohl einsehend, da ihre Macht vorlufig hier nicht ausreiche, doch fest
entschlossen, Membrocke nicht aus den Augen zu verlieren.
    Membrocke benutzte dies, verschlo die Snfte und setzte den ganzen Zug in
rasche Bewegung.
    Als sie dahin zogen und kein Zeichen des Widerstandes in der Snfte noch
eine Hoffnung brig lie, strzte Richmond an Ormonds leidende Brust, und Beide
hielten sich im Bewutsein eines groen Schmerzes fest umschlungen. - Wir mssen
Beide jedoch sich selbst berlassen und der unglcklichen Maria folgen, die wir
mehrere Tage spter in einer vllig vernderten Lage wieder finden. Lord
Membrocke nmlich, nachdem er sie bis dahin mit leidlicher Haltung gefhrt
hatte, bergab sie eines Morgens beim Aufbruch zur weiteren Fortsetzung der
Reise einem andern Begleiter, der angeblich auf einige Zeit ihre Reise leiten
wrde, da es ihm jetzt obliege, voran zu eilen, um ihren Oheim von ihrer nahen
Ankunft zu unterrichten.
    Alles, was Lady Maria von der Gegenwart des Lord Membrocke befreite, schien
ihr glaublich und annehmbar. Sie fgte sich daher ohne Gegenrede in diese
Anordnung und trennte sich mit erleichtertem Herzen nach kurzem hflichen
Abschiede. Ihrem Oheim durch diesen Mund den Gru ihrer Liebe voran zu schicken,
konnte sie sich nicht berwinden.
    Der Tag, an dem wir uns ihr wieder zugesellen, war einer der
angestrengtesten der ganzen Reise. Die anbrechende Nacht verhllte von Auen die
Gegenstnde und gestattete keine Wahrnehmungen mehr ber den Weg, den Lady Maria
in ihrer kleinen Snfte zu verfolgen hatte. Die unwillkrliche Zerstreuung, die
der Tag ihr gewhrte, hrte hiermit auf, und zurck gedrngt in ihren Sitz, ward
sie aufs Neue von allen Bedenklichkeiten ber ihre Lage ergriffen.
    So sehr sie sich durch die Entfernung des Lord Membrocke erleichtert fhlte,
konnte sie doch daraus keinen beruhigenden Schlu ziehn. Aufs Neue entzog sie
ihm vielmehr ihr mhsam geschenktes Vertrauen, um zu erforschen, ob sie endlich
doch von ihm betrogen worden sei. Aber was ward dann aus dem Briefe des Oheims,
denn sie nicht bezweifeln konnte? Warum berlie er sie ohne Widerstand jetzt
einer andern Obhut; was konnte ihm eine Entfhrung aus dem Schlosse ihrer
Beschtzer ntzen, wenn er sich nicht dadurch seine Gewalt ber sie sichern
wollte? Und in welcher Gewalt war sie jetzt? Setzte sie ihre Reise nach Lord
Membrockes Bestimmung fort, sollte sie dennoch ihren Oheim erreichen, oder war
noch irgend ein ihr unbekanntes Interesse fr ihre Person, das jetzt ber ihr
waltete? Oft erschreckte sie der Gedanke, jener wilde Lord, welcher sie zwang,
aus dem Schlosse ihrer Tante zu entfliehen, knne jetzt ber sie gebieten; aber
wie wenig stimmte dafr die Art ihrer Behandlung, wie wenig pate das Wesen des
Mannes, der ihr Reisegefhrte war, zu den bsen Absichten, die sie dann htte
frchten mssen.
    Der Fremde, der sie begleitete, hatte allmlig ihre Achtung und ihr
Vertrauen gewonnen.. Obwol er erst im mittleren Alter stand, war dennoch der
Ausdruck seines Gesichts von einem tiefen schwermthigen Ernst, und seine
scharfen edeln Zge wurden durch die Blsse seiner Farbe noch erhht. Er
lchelte nie, aber sein Ernst war mit so viel Milde gepaart, sein Organ so
wohltnend, da eine mehr hervortretende Freundlichkeit nicht vermit ward. Er
war weit davon entfernt, gegen Lady Maria die Dienstbeflissenheit eines galanten
Mannes anzunehmen. Ruhig nahm er wahr, was ihr nthig oder angenehm sein konnte,
und er ertheilte darnach seine Befehle, ohne jemals selbst sich einer
Dienstleistung zu unterziehen. Ihre Anfangs dringenden Aufforderungen, sich ber
seine Absichten und Vollmachten zu erklren, und ihr zu sagen, ob sie noch das
frhere Ziel ihrer Reise erreichen werde, wute er ganz von sich abzulehnen,
indem er mit der hchsten Milde immer aufs Neue wiederholte, da sie ohne Furcht
und Sorge seiner Fhrung vertrauen knne, da keine Art von Widerwrtigkeit sie
treffen solle, so lange sie unter seinem Schutze sei, und da ihr wahres Wohl
bei dem Ziel ihrer Reise jetzt mehr bedacht werde, als frher. Dabei nthigte er
sie aber, ohne Unterbrechung dieselbe fortzusetzen, und ihre Nachtlager waren
nicht mehr in wohl eingerichteten Schlssern, sondern in Schlupfwinkeln und
Ruinen oder unscheinbaren Htten, die bei ihrem ersten Anblick wenig Aussicht
aus eine menschliche Wohnung gaben. Hier fanden sich Personen, welche so wenig
zu ihren Umgebungen zu gehren schienen, da Maria's edles Zartgefhl erschrak,
als sie dieselben zu den niedrigen Diensten ihrer Aufwartung sich herablassen
sah. Sie hrte hier auf den hlzernen Sitzen, bei mhsam verstopften Thren und
Fenstern, und einem elenden Gericht von grobem Mehl, die hohen wrdevollen Reden
der gebildeten Welt und bemerkte eine Vertrautheit mit allen Formen dieser
hhern Kreise, verbunden mit einer stoischen Verachtung der daran haftenden
Eitelkeit. Wenn auch hufig in gleichem Maae die tiefste Bitterkeit dabei
hervortrat, erfllte doch das Elend, wozu so gebildete Geister verdammt waren,
das Herz Maria's mit Theilnahme, welche sie zur Verzeihung, ja, zur
Vertheidigung jeder dadurch erzeugten Hrte stimmte. Sie ahnete bald, da sie
allein unter Personen sich befand, welche der verfolgten katholischen Kirche
angehrten, die geneigter waren, im Vaterlande zu darben, als in andern Lndern
geduldete Flchtlinge zu sein. Auch schienen ihr die kolossalen Ruinen, in denen
sie zu verschiedenen Malen einen mhsam geschtzten Wohnort finde, trotz der
Nacht, die sie hinfhrte und oft wieder vor dem Morgen davon wegrief, den
zerstrten Klstern anzugehren, wovon sie in der Geschichte von der Ausrottung
der katholischen Religion in England so viel gehrt hatte.
    Ihr Zartgefhl und die Achtung fr ihren schwermthigen Gefhrten hielt sie
ab, sich darber Gewiheit zu verschaffen; ja, sie fhlte bald ihr eigenes Herz
so von Theilnahme fr diese Mrtyrer erfllt, da sie nur der eigenen Achtung
fr sie gengte, wenn sie in ein ehrendes Schweigen alle weitern Ansprche auf
Erluterungen begrub und damit das Vertrauen vergalt, das man ihr bei ihrem
jedesmaligen Empfange bezeigte.
    Sie zweifelte eben so wenig, da ihr Begleiter, seiner Gesinnung nach, zu
jenen Unglcklichen gehre, und sein Reisegewand, obwohl es keine bestimmte Form
der Kleidung erkennen lie, erinnerte sie doch, ebenso wie sein kahles Haupt, an
das Kostm der Priester jener Kirche. Auch ward ihre Reise durch sehr unbesuchte
Wege fortgesetzt, und es schien ihr ebenso sehr das Bestreben ihres Begleiters,
sich und sein Gefolge wie sie selbst zu verbergen. Auerdem suchte er, whrend
des Tages an dem Schlage ihrer Snfte reitend, sie zu unterhalten, und dies auf
eine so ausgezeichnete Art, da der Lady oft die Stunden im Fluge vorber
gingen. Auch wute er sie selbst zu Mittheilungen zu veranlassen, und bekannt
mit allen Personen von Bedeutung, die in die Zeit seines Lebens gehrten,
beantwortete er alle ihre Fragen auf das Gengendste und mit mancher feinen
Gegenbemerkung.
    Hauptschlich lenkte er oft seine Unterredungen auf religise Gegenstnde
und entwarf die erschtterndsten Gemlde von den Leiden und Unterdrckungen,
welche die Katholiken in England von der Hrte und Unduldsamkeit der
Protestanten zu erleiden hatten.
    Er wute die Verfolgten zu Helden ihrer Ueberzeugung zu machen, und die
Strke und Flle des Trostes hervorzuheben, der ihnen aus ihrem Glauben
erwachse; wogegen er mit einzelnen scharfen Zgen die Gegenpartei schilderte,
als in einer von Gott verlassenen ruchlosen Verdorbenheit versunken.
    Diese Erzhlungen rhrten um so mehr das Herz der Zuhrerin, da sie in ihrer
eigenthmlichen Zusammenstellung den Stempel der Wahrheit trugen. Auch konnte es
an Stoff hierzu nicht leicht fehlen, bei der noch frischen Erinnerung an die
wirklichen Greuel der Verfolgung, die unter Elisabeth den vom Volke gehaten
Glauben vertilgen sollten. Auch Jakob war noch zu manchen hnlichen Verordnungen
durch die ffentliche Meinung gezwungen worden, wenn auch er, obwol selbst
eifriger Protestant, Toleranz gern bte. Eigentliche Verfolgungen wurden gewi
von ihm weder gebilligt, noch veranlat, aber dennoch zu wenig gehindert, um
nicht zu den traurigsten Bedrckungen Gelegenheit zu lassen.
    Maria fand sich bei diesen Unterredungen auf keinem fremden Boden; ihre
Erzieher hatten die hchste Toleranz in religisen Beziehungen gepredigt, und
sie kannte sehr wohl den verschiedenen Standpunkt des Religionswesens unter den
Regierungen seit Heinrich dem Achten. Sie so vorbereitet und klar zu finden,
erregte offenbar die besondere Aufmerksamkeit ihres Begleiters, und seinen
geschickten Bemerkungen that sich bald die ahnungslose Seele seiner jungen
Gefhrtin zu einer unbefangenen Erzhlung ihrer Erziehung und einer begeisterten
Schilderung ihrer Erzieher auf; wodurch ihm mancher unerwartete Aufschlu ber
die geheimsten Religionsansichten der wichtigen Person kam, die das Frulein als
ihren Oheim bezeichnete.
    Der Weg, den die Reisenden an dem vorliegenden Abend zurcklegten, war so
verdorben und uneben, da ihr Begleiter sich voraus begeben hatte, um die
Gefahren zu untersuchen, die dem Transport einer Snfte bevorstehen konnten.
Langsam nur zogen die mden Thiere ber den immer ungleicher werdenden Boden. An
Maria's Ohr drangen von Zeit zu Zeit dumpfe Tne, die sie zwar bei dem
Fortbewegen des Zuges, dem Anrufen der Pferde und Diener untereinander, nicht
verfolgen konnte, die ihr aber zu wohlbekannte Jugenderinnerungen wiedergaben,
um sie nicht endlich zu berzeugen, da sie in die Nhe der Kste gekommen, und
da es das Meer sei, das sein majesttisches Wellengerusch zu ihr herber trug.
Diese Ueberzeugung versetzte sie in eine unbeschreibliche Aufregung. Es schien
ihr gewi, da sich jetzt ihre nchste Zukunft entscheiden mute. An die Kste
hatte man sie gefhrt und also Wort gehalten, denn hier durfte sie auch ihren
Oheim erwarten. Dies geliebte Bild trat mit einem Male, mit dem ganzen Zauber
kindlicher Liebe ausgestattet, vor ihre Seele und unterdrckte darin jedes
andere Bild, jede andere Beziehung zum Leben. Mit Enthusiasmus ward sie sich der
sen Pflicht bewut, fr ihn zu leben und sein Schicksal mit ihm zu theilen.
Indem sie in dem kleinen Raum der Snfte niederkniete, stieg ein Gebet aus ihrer
Seele, welches Gott Dank sagte fr den heiligen Beruf, den er ihr verliehen, und
worin sie ihn anflehte, ihre Seele zu krftigen, um Alles zu vollenden zu seiner
Ehre.
    Sehr berrascht war daher ihr Begleiter, als er den Zug ausruhen lie und,
zur Snfte mit einer Fackel zurckkehrend, die Lady ohne alle Spuren der
Ermdung fand, und mit so leuchtenden Augen, mit so heiterer Stirn, in so fester
Stellung berhaupt, da die Worte der Theilnahme, die in Bezug auf die
Beschwerden des Weges ihm auf den Lippen schwebten, erstarben und er, von
Erstaunen berwltigt, eine Frage nach der Ursache wagte.
    Denkt Ihr, Sir, antwortete ihm entzckt lchelnd das schne Mdchen, ich
hre die Stimme des Meeres nicht? Es hat mich in der Wiege zur Ruhe gesungen, es
war der Takt zu meinen Jugendtrumen; wo ich es hre, scheint mir die Heimath!
Verwandte, Glck und Sicherheit ahne ich, wo ich seinen Gru vernehme, und mit
der Zuversicht, die ich jetzt empfinde, will ich Euch danken, ehrwrdiger Mann,
da Ihr Wort hieltet, da Ihr mich mit rastloser Gte und Gromuth beschtztet
und mich jetzt meinem groen Beruf entgegen fhrt. O sagt offen, wann werde ich
zu ihm gelangen? Ist er mir schon nah? Werde ich bald seinen Segen empfangen?
    Wer den Gang ihrer Gedanken so wohl zu erforschen gewut, wie ihr Begleiter,
konnte nicht lange miverstehen, was sie jetzt bewegte, und sein
augenblickliches Erstaunen wich einem sehr milden Gefhl von Theilnahme und
Wehmuth, welches in sich wahrzunehmen, ihn vielleicht selbst berraschte.
    Er mute unwillkrlich daran denken, wozu die Natur sie berufen habe, und
wozu der Wille der Menschen sie jetzt bestimme, und er sah trbe zu Boden, als
der fragende Blick aus diesen klaren Augen seine Antwort ihm abzufordern
trachtete.
    Habt Geduld, liebe Lady! sagte er mit verlegenem Ausdruck, Ihr habt recht
gerathen, wenn Ihr am Ziel Eurer Reise Euch glaubt. Das Fernere werdet Ihr dort
durch Andere, als mich, hren; mir selbst ist nicht bekannt, ob Euern Hoffnungen
die Erfllung nah oder fern liegt.
    Nun so lat uns weiter reisen, rief das Frulein, damit mir endlich
Sicherheit werde, und ich handeln darf, oder erfahren, wer fr mich so
uneingeschrnkt zu handeln strebt; mein Geist sehnt sich hinaus, ich fhle
Krfte und den Willen, sie meiner Pflicht zu weihn.
    Die schnell gegebenen Befehle zur Fortsetzung der Reise unterbrachen diese
kurze Unterredung, und bald erreichte der Zug einen Weg, der geebneter schien
und, jetzt durch das Hervorbrechen des Mondes sicher erhellt, keine weitern
Schwierigkeiten darbot.
    Alsbald durchzog man noch ein kleines Waldgehege von drftigem Fichtenholze,
und unmittelbar dahinter erkannte die scharf aufmerkende Reisende das Felsenufer
des Meeres und die oberen Dcher und Thurmspitzen eines Bauwerks, welches,
zwischen die Felsspalten hineingedrngt, unterhalb den Blicken noch entzogen
war.
    Maria drckte die bebende Hand auf ihr Herz. Sie schien sich zu entsetzen
bei diesem Anblick, der sie mit der Ahnung einer groen Lebensentscheidung
erfate. Aber tief blau ruhte jetzt der aufgehellte Himmel ber den weien
Kreidefelsen, und unzhlige freundliche Sterne blickten mit ihren wohlbekannten
Namen und Bildern wie alte Bekannte. Ein ser Trost zog in ihr bewegtes Herz,
und als sie gerade ber der hchsten Thurmspitze das Zeichen des Himmelswagens
stehn sah, der so auch ber den Zinnen von Burtonhall und dem Waldschlosse der
Tante stand, lchelte sie, wie Kinder, die geliebte Spielkameraden wieder sehn.
    Es zeigte sich jetzt bei dem Einzug in die felsigen Kstenschluchten ein
bequemer Weg, der fast unmerklich ansteigend bis zum Schlosse fort lief, welches
nun auf einer Plattform groartig und gerumig sichtbar ward. Auf der einen
Seite mit seinem Unterbau in das Meer reichend, von der andern Seite genugsam
von dem Felsen entfernt, um eine freie Stellung und einige Anlagen von Grten zu
erlauben, die, so gut es die Rauheit der Kste zulie, Versuche der Kultur zu
beabsichtigen schienen, hatte das Ganze ein wohlerhaltenes und festes Ansehn.
Fr Lady Maria, welche an die rauhe Lage solcher Besitzungen gewhnt war, zeigte
sich darin nichts Abschreckendes. Im Gegentheil schweifte ihr Auge mit Entzcken
ber das Schlo hinweg, nach dem dunkeln Spiegel des Meeres, das in
majesttischer Ruhe, nur seinen eigenen ebenmigen Bewegungen gehorchend, wie
erzrnt von dem Widerstand der kreidigen Ufer, seine dumpfe, gebieterische
Stimme vernehmen lie.
    O Du lieber Gefhrte meines Lebens, seufzte sie sehnsuchtsvoll, stehe mir
bei und sei mein Schutz!
    Da ward ihr der liebe Anblick entrckt; die Snfte lenkte ein, und bald
erreichten die Reisenden ein wohl verschlossenes Brckenthor, vor dem man
anhielt, und das sich erst dem ziemlich oft wiederholten Schalle des Hornes
ffnete, welches einer der Diener ertnen lie.
    Alsbald thaten sich die mchtigen Thorflgel der innern hohen und festen
steinernen Mauer auf, welche von dem Flgel des Schlosses aus einen
weitluftigen, regelmigen Hof umschlo, der in sehr geflliger Eintheilung mit
Taxus-Hecken und geschnittenen Bumen der leicht durchwinternden Cypressen zu
Spaziergngen und Ruhepltzen im Freien bestimmt schien. Um den Theil aber, der
sich unterhalb des Schlosses befand, fhrte ein in offene Bogen eingetheilter
Gang, der als eine sptere Anlage sehr zierlich und wohlerhalten zugleich in der
Mitte das groe Eingangs-Portal zeigte, dem sich jetzt die Reisenden auf einem
ringsumlaufenden gepflasterten Wege nahten.
    Der Begleiter der Lady, der von einigen Dienern bis hierher geleitet war,
hob die Lady aus der Snfte und fhrte sie schweigend in die wohlerleuchtete
groe Halle ein, die nach allen Seiten Thren und zwei Haupttreppen zeigte, und
die Verbindung des ganzen Hauses zu enthalten schien. Hier empfing sie ein alter
gebeugter Diener in zierlicher einfacher Kleidung, der sich vor Maria's
Gefhrten bis zur Erde beugte und seine Hand zu kssen strebte, welches dieser
aber zu verhindern wute. Dann warf er einen schnellen Seitenblick auf die Lady
und blieb verlegen stehn.
    Nun, Miklas, sprach der Begleiter, wie steht es mit unserem Empfange? Willst
Du fr die Lady auf das Beste sorgen?
    Miklas aber schwieg und zuckte die Achseln, dann hob er italienisch an, in
der Hoffnung, dadurch seine Antwort der Lady zu entziehn: Ihr seid noch nicht so
weit, wie Ihr hofft, sie weigern sich, die Signora zu empfangen, ihr Obdach zu
geben. Ihr mt das erst bewirken, ehrwrdiger Herr, denn Ihro Gnaden sind mehr
erzrnt, als willfhrig zu nennen.
    Genug, genug! erwiederte der Andere, welcher wohl wute, da Maria den alten
verstanden hatte; fhrt die Lady in ein Zimmer und mich zu Eurer Gebieterin!
Seid gewi, Lady, fuhr er zu Maria gewendet fort, da ich auch jetzt treulich
fr Euch sorgen werde.
    Der Alte fhrte die Lady unterdessen gegen eine der Thren des
Untergeschosses, und indem er sie ffnete, rief er laut hinein: Margarith,
empfange diese Dame!
    Maria trat in ein kleines gewlbtes Gemach, dessen hohes Fenster fast bis
zur Erde reichte und nach dem hell vom Monde beleuchteten Bogengange des Hofes
hinaus ging, und das in seiner brigen Ausstattung, wenn auch reinlich und
anstndig, doch das Zimmer eines Hausvogtes zu sein schien, wofr sie den Alten
sogleich gehalten hatte.
    Mit allen Zeichen der Verlegenheit und der Ueberraschung sprang ein junges
Mdchen aus der Fensternische ihr entgegen, die gleichfalls wohlhabend, aber in
die Tracht geringerer Stnde gekleidet war. Dicht vor der Lady stehend, konnte
sie die Augen nach einem flchtigen Blick nicht wieder erheben, und begann ein
verzweifeltes Spiel der Hnde mit ihren silbernen Brustlatzketten.
    Maria verga, dem schnen, verlegenen Kinde gegenber, sogleich Alles, was
sie selbst in diesem Augenblick bewegte, und mit der ganzen holden
Freundlichkeit ihres fr jeden Bedrngten stets offenen Herzens, ergriff sie das
verlegene Mdchen bei der sich strubenden Hand und redete ihr zu: Sei nicht
bange, mein Engel, Du sollst in mir keinen unfreundlichen Gast haben; gewi,
fuhr sie fort, bist Du des Hauswarts Tochter, und hast wol noch mehr Geschwister
oder eine liebe Mutter, die Du mir wol rufen kannst? La doch Deine Angst, sieh,
ich setze mich selbst, da Du versumst, mich zu nthigen; doch la nur Deine
Unruhe, dann wollen wir uns noch viel erzhlen, bis der Vater mich abruft.
    Ein tiefer Seufzer stieg hier aus dem Busen der Gengstigten; sie blickte
auf und dann schnell nach dem Fenster zurck. Es war eine so auffallende Qual
auf ihrem Gesichte wahrzunehmen, da Lady Maria sie vorerst aufgab und sich ohne
Weiteres fast dicht bei der Thr auf einen ledernen Stuhl niederlie, um ihrer
jungen Gefhrtin Zeit zur Besinnung zu lassen. Aber es schien, als ob dies
kleine Rthsel damit sich nicht beruhigen knnte. Denn anstatt sich zurck zu
ziehen, stand sie noch immer vor Maria, und whrend sie oft sich nach dem
Fenster umsah, schien sie darauf ihre Stellung vor der Lady abzundern, da sie
den Anblick desselben ihr entzge.
    Endlich brach sie in Thrnen aus und lief mit der Schrze vor den Augen zum
Fenster zurck.
    Als Maria sie ein Weilchen hatte weinen hren, gewann ihr Mitleiden ber
ernstere Betrachtungen die Oberhand.
    Es ist mir leid, da ich Dich so betrbe, liebes Kind, hob sie sanft an;
kann ich auch den Grund nicht errathen, will ich Dich doch gern erleichtern,
wenn Du mir nur einen andern Platz zeigen willst, wo ich der Rckkehr meines
Begleiters warten kann.
    Das Schluchzen hrte auf, mit leisen Schritten nahte sich das Mdchen. Ach!
sprach ein tief betrbtes Stimmchen, theure Lady, was mt Ihr von mir denken;
ach, ich Unglckliche, wie habe ich Euch so schlecht behandelt. Indem fuhr sie
erschrocken zusammen und schaute nach dem Fenster um, an dem Lady Maria ein
leises Klirren gehrt, wodurch aber die Angst des Mdchens sich wieder aufs
Hchste zu steigern schien. Nein, Lady, brach sie endlich mit gejagter Stimme
los, hier knnt Ihr nicht bleiben, es ist hier - kalt, es ist hier so unwrdig
fr vornehme Leute, ich werde Euch hinfhren, wo es besser ist.
    Wie Du willst, mein Kind, sagte Maria sanft und stand sogleich auf, der
Kleinen folgend, die nun zur selben Thr hinaus, fast fliegend vor ihr her in
einen Eingang trat, der einen erleuchteten Gang verschlo, an dessen Seite sie
eine hohe Thr ffnete, die Lady einzutreten nthigte und dann eben so schnell
davon lief, als sie vorangeeilt war.
    Maria sah sich jetzt in einem ziemlich langen, aber nicht breiten Gemache,
welches an der einen Seite der Lnge nach vier hohe Fenster zeigte, die so in
der Mauer verloren waren, da sie schmale Kabinette bildeten. Das Zimmer war
gewlbt und mit reicher Architektur versehen. Vom Geblk hing eine groe, schn
gearbeitete Lampe herab und verbreitete ber die nchsten Gegenstnde ein klares
Licht. Zwei lange Tafeln standen in einiger Entfernung von einander, um den
ledernen daran geschobenen Sitzen Raum zu lassen. Die Tische waren mit feinen
weien Tchern bedeckt, und in schicklichen Zwischenrumen mit leeren silbernen
Gerthschaften zum Gebrauch der Tafel bestellt.
    Am obern Ende, wo die Tafeln zusammen liefen, stand ein hoher Lehnstuhl von
Eichenholz, der, ein wenig erhht, fast einem kleinen Thron hnlich sah. Ein
rothes Sammetkissen lag auf dem Sitze und zu den Fen, und davor stand ein
kleines Tischchen, ebenfalls mit Tafel-Gerthen besetzt.
    Lady Maria konnte daher nicht zweifelhaft sein, da sie sich in dem Ezimmer
des Hauses befand, und zhlte zwlf Lehnsthle, woraus sie auf die Zahl der
tglichen Hausgenossen schlo, und den brig bleibenden Patz an den Tafeln auf
ftern greren Zuspruch beziehen konnte.
    Sie ging am Ende des Saales einer Fensternische zu, in der sie ermdet auf
einen Sitz niedersank und von hier aus noch ein Mal den Raum berblickte. Ach,
dachte ihr kindliches Herz mit Zrtlichkeit, ist dies auch Dein Wohnort,
geliebter Mann, den ich vergeblich zu erreichen strebe? Ist an dieser Tafel Dein
Platz, und in welcher Beziehung lebst Du hier? Von da hinweg fiel jetzt ihr
Blick gegenber auf eine sonderbare Einrichtung. In dem ganz steinernen Zimmer
sah sie am Ende des Saales, dem erhhten Platze gegenber, eine Wand von
geschnittenem Eichenholz, noch ein Mal so hoch und breit, als die Eingangsthr,
aber fr einen solchen Zweck gewi nicht bestimmt; denn es war eine flache Wand,
vor der eine kleine Treppe vom selben Holze bis zur Hlfte des Ganzen in die
Hhe lief. Oben bildete sie einen Absatz, der einen Balkon mit einer Brustlehne
hatte, und darber hing eine silberne Lampe, welche nicht brannte.
    So sonderbar diese Einrichtung war, konnte sie die junge Lady doch nur
vorber gehend fesseln; denn das Fenster, woran sie ruhte, ging nach der Seite
des Meeres hinaus. Die tiefen regelmigen Tne, womit dieses sich am Fue des
Schlosses brach, drangen zu ihr hinauf und zogen ihre Blicke nach. Der Mond
leuchtete hell, und Maria sah nun, wie schn das Schlo in einer Art Bucht
gelegen war, an beiden Seiten von vorspringenden Felsufern gegen das Ungestm
des Meeres geschtzt. Unter den Fenstern, fast dicht daran grenzend, lief eine
Terrasse, die von vergeblichen Versuchen zeugte, den Strmen des Ozeans
gegenber dem Boden etwas Vegetation zu entlocken. Ach, welche weit abziehenden
Erinnerungen traten damit vor ihren Geist! Wie gedachte sie der Kindheit, wo sie
selbst als eifrige Blumistin so unermdlich mit den rauhen Elementen ihres
Wohnorts gekmpft hatte, ihm einige Blthen zu erziehen. Voll Theilnahme blickte
sie nieder, um zu prfen, wie weit man hier damit gelangt sei, und so von Bild
zu Bild gefhrt, versank sie in ein tiefes Sinnen ber die wunderbare Gestaltung
ihres Lebens. Das erste Bedrfni zarter Jugend, sich vertrauend anzuschlieen
und die zweifelhaften Schritte ins Leben nach der gereiften Ansicht schtzender
Freunde lenken zu knnen, dies mute sie in den schwierigsten Augenblicken ihres
Lebens entbehren, und ihren eigenen Geist aufrufen, ihr Sttze und Hlfe zu
sein.
    Wenn sie einen Blick auf ihre Erziehung warf, mute sie oft glauben, ihre
Erzieher htten ein solches Schicksal fr sie geahnet, da sie mit besonderer
Sorgfalt sie ber das Leben aufzuklren bemht gewesen waren, und ihren Geist
auf Selbststndigkeit und eigene Erkennung der Wahrheit gerichtet hatten. Ach,
und doch wie wenig mochten sie ihr Schicksal voraus gesehen haben. Wie war sie
aus dem Kreise gerissen worden, in dem sie so sicher sie geborgen glaubten! Wie
mute sie sich sagen, da die Umstnde hier alle Berechnungen vernichtet hatten,
weil sonst ihre Lage nicht so bis auf das Letzte hilflos htte sein knnen. -
Mit ihrer innern Freiheit des Geistes hatten sie ihr Hlfsmittel fr das Leben
geben wollen, aber alle andern Mittel, sich ehrenvoll zu behaupten, waren ihr
durch dieselbe Liebe entzogen.
    Der Name, den sie beibehielt, er sogar war ihr in Zweifel gestellt. Sie
durfte es nicht wagen, sich irgend Jemandem verwandt zu nennen, ohne auf
schlecht verhehlte Bedenklichkeiten zu stoen, und oft htte sie die Stirn
berhren mgen und sich fragen, ob ihre ganze Jugend ein spurlos verschwundener
Traum gewesen, oder ob jetzt sie ein solcher Zustand qule, aus dem sie
vergeblich zu erwachen strebe.
    Das erste Zeichen, das sie in der fremden Welt, in die sie so jh gestoen
war, aus jener frhern erhielt, wie ward es ihr zu Theil, und wo fhrte sie es
hin? Konnte sie bersehen, da sie unermelich viel gewagt, dem Manne zu folgen,
der damit begann, sich frech ihr zu nhern? Konnte sie sich jetzt geborgen
halten, da der Empfang in diesen Mauern so gar kein Zeichen der Theilnahme
zeigte, deren sie doch gewi sein mute, im Fall ihr Oheim sie hier erwartete?
und wo Schutz hoffen und suchen, wenn sie verrathen war? Hier erfllte sich ihr
unschuldiges Herz mit einem tiefen Schmerze, es war das Andenken an ihre
gromthigen Wohlthter auf Godwie-Castle, welche fr sie verloren waren. Sie
waren fr sie verloren; ihre strenge Tugend eben schied sie auf immer.
    Heie Thrnen drngten sich dieser Ueberzeugung nach, und in ihnen tauchte
das Bild des edlen Richmond auf, wie er flehend an ihrer Snfte stand und sie
zurckzufhren strebte. Ach, es trat aus diesen letzten Augenblicken ein
unvergelicher Ton seiner Stimme in ihre Erinnerung, ein Blick seiner
seelenvollen Augen. Wenn sie, in heiliger Einsamkeit mit sich, ihn jungfrulich
schchtern herauf zu rufen wagte, dann ffneten sich die Pforten ihres Herzens,
von seiner sel'gen Flle aufgesprengt, und ihr ganzes Wesen blieb lauschend
stehen und horchte den Wundern, die einen magischen Kreis, sanft betubend, um
sie zogen. Sie verhllte schchtern ihr Haupt. Denn eben ungerufen kam der se
Zauber, und trocknete die bittern Thrnen und lie das tief betrbte Herz
erquickt zurck, aufs Neue mit sanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen
ausgeschmckt.
    Ein leichter Futritt in der Nhe lie sie schlieen, da sie nicht mehr
allein sei. Sie zog den Mantel zurck und erblickte nun eine ltliche Frau,
welche sich aus einem anderen Theile des Zimmers der Eingangsthre nahte und
dieselbe sorgfltig mit einem Riegel verschlo. Sodann zndete sie mehrere an
den Wnden hngende Lampen an, doch nur auf der Wand, die den Fenstern
gegenber, und ehe Maria, die so eben sich erheben wollte, um sich ihr kund zu
geben, dazu gelangen konnte, rollte sie den hohen Lehnstuhl bei Seite und zog
einen Teppich weg, worunter sich eine Fallthr zeigte, die sie mit groer
Schnelligkeit ffnete und so von einander schlug, da sie zwei Lehnen bildete,
woran sie sichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe stieg.
    Maria fhlte sogleich, da sie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimnisses
gewesen, und unangenehm davon bewegt, schwankte sie, ob sie sogleich das Zimmer
verlassen oder die Rckkehr der Frau erwarten solle.
    Sie entschied sich fr das Letztere, da die verriegelte Thr ihr den Wunsch
anzeigte, von Auen jede Strung zu verhten, und sie nicht berechnen konnte,
welch greres Unheil sie anrichte, wenn sie durch ihre Entfernung diesen
Eingang unbeschtzt liee. Die Fremde erhielt das Frulein lange in unerflltem
Harren, und bald drngte sich ihrem Geiste eine Mglichkeit auf, dies Ereigni
mit demjenigen in Verbindung zu denken, den sie berall anzutreffen hoffte. Aber
wie schauderte sie bei dem Gedanken, da unter der Erde seine Wohnung sei; welch
ein Loos mute ihm dann gefallen sein, wenn seine Gegenwart in solch strenges
Geheimni gehllt ward.
    Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermuthungen, denn durch ein Gerusch wurden
ihre Blicke der eichenen Wand zugerichtet, an der sich auerhalb Schlsser zu
rhren schienen. Pltzlich thaten sich vor ihren erstaunten Blicken oberhalb der
kleinen Treppe die eichenen Wnde auseinander, und zeigten eine kleine Thr,
welche die Einsicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewlbten Gange zulie.
    In dem alten Manne, der hier hervortrat, erkannte Lady Maria den Hausvogt,
der sie empfangen hatte, und der damit beschftigt, den Eingang durch das
Ineinanderschieben der Holzwnde zu erweitern, jetzt wieder in demselben
Augenblicke verschwand, als sie ihn anrufen wollte. Dennoch blieb sie
entschlossen, sich um jeden Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauscherin
zu ziehen. Eben erhob sie sich, um dem alten Manne nachzugehen, als sich ihr ein
so berraschender Anblick darbot, da sie von Erstaunen gefesselt in ihren
Fenstersitz zurcksank, der sie, in tiefe Schatten gehllt, jedem Blicke entzog.
    Es zeigten sich nmlich pltzlich in dem kleinen Eingange der Treppenthr
zwei Knaben in Chorhemden mit reich gesticktem Skapulier, welche, lange
Wachskerzen tragend, die kleine Treppe hinab in den Saal schritten.
    Ihnen folgte eine groe hagere Frau, welche, in der Kleidung einer
Ursuliner-Nonne, mit dem Rosenkranze in der Hand, von einem Geistlichen in der
Tracht des Ordens Jesu beim Niedersteigen untersttzt ward. Als er den Saal
erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete, erkannte Lady
Maria ihren Reisegefhrten, aber ihr Erstaunen fesselte jede ihrer Bewegungen
und machte sie jetzt wirklich unfhig, sich zu erkennen zu geben.
    Diesen Personen folgten nun mehrere Frauen, alle in vorgercktem Alter, und
alle als Ursulinerinnen gekleidet.
    Sie zogen in gemessener Ordnung durch den Saal der Fallthr entgegen und
stiegen schweigend, ohne die Kpfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu
machen, als das langsame Fortschleppen alter schwacher Personen erfordert, die
verborgene Treppe hinab.
    Der Hausvogt verschlo die Wnde, wie die Fallthr hinter sich, so da die
Lady nach einigen Momenten, die noch der Ueberraschung gehrten, zweifelte, ob
sie dies Alles wirklich gesehn oder aufs Neue von den Bildern ihrer Phantasie
berwltigt worden sei. Als sie endlich gewi war, sich nicht getuscht zu
haben, strmte damit zugleich eine Flle von Beziehungen auf ihr eigenes
Schicksal ber sie ein, und ahnend stieg in ihr der Gedanke auf, da hier in
einem scheinbar heimlich erhaltenen Nonnenkloster ihr Oheim unmglich Schutz und
Hlfe gesucht haben knne. Diese Folgerungen wurden pltzlich durch ein
ungestmes Klopfen und Hmmern an der verschlossenen Eingangsthr unterbrochen,
dem gleich darauf ein ngstliches Rufen folgte:
    O ffnet, ffnet die Thr, habt Erbarmen und kommt hervor, wenn Ihr noch
hier seid! Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weinerliche
Stimmchen berzeugten Maria bald, da es Margarith sei, welche sich einzudrngen
bemhte, und da sie selbst nichts lebhafter wnschte, als diesen Zufluchtsort
fremder Geheimnisse zu verlassen, so eilte sie hervor und schob mit leichter
Mhe den Riegel zurck.
    Margarith strzte nun todtenbla herein, und verwildert die Blicke
umherwerfend rief sie: O, theure Lady, haben sie Euch gesehen? O sagt es mir;
ich bin verloren, wenn sie Euch sahen!
    Sei ruhig, Kind, ich ward, sehr gegen meinen Willen, von Niemand gesehen,
aber bringe mich hier fort, denn ich mchte diese, meiner so unwrdige Rolle
nicht weiter spielen.
    Ja, ja! ich fhre Euch fort, rief Margarith, noch immer bleich und zitternd:
nichts will ich Euch mehr verbergen; denn Ihr werdet mich nicht unglcklich
machen, und ich mu ja doch verzweifeln! Angstvoll die Hnde ringend und
seufzend lie sie sich jetzt von Maria zur Thr hinausdrngen, und bald hatten
Beide das kleine Zimmer erreicht, aus dem sie von dem wunderlichen Kinde zu
Anfang fast vertrieben worden war.
    Kaum hatte sich die Thr hinter ihnen geschlossen, als die Kleine vor Maria
auf ihre Knie niederfiel, und in Thrnen ausbrechend in dem flehendsten Tone
kindischer Angst sie beschwor, ein ewiges Schweigen ber das Erlebte zu
bewahren.
    Ach! Ihr wit nicht, wie schrecklich ich bestraft werden wrde, wenn man
wte, da ich so unbesonnen die Geheimnisse des Hauses verrieth. Ich drfte
nicht frei und, wie jetzt, um meinen guten Vater bleiben; ich mte auch in die
Gewlbe beten gehn und mich einsperren in die kleinen Zimmer. Ach! Ihr wrdet
mich tdten, wenn Ihr Euch gegen den Vater verriethet; ach, und Euch selbst
trfe auch gewi ein trauriges Loos.
    Du brauchst mich nicht an eigne Gefahr zu erinnern, sprach schmerzlich
gerhrt Lady Maria; Dein Schmerz ist mir genug, und ich werde ihn nicht durch
unbesonnenes Schwatzen erhhen. Aber bist Du auch sicher, da Niemand weiter,
als Du, um meine Anwesenheit dort wei? Kann mich Niemand berfhren, da ich
die Wahrheit verhehle?
    Nein, nein! stammelte Margarith, offenbar wieder verlegen werdend; wenn Ihr
es selbst nicht sagt, wird es Niemand erfahren. -
    Nun so nimm mein Wort, liebes Kind, da ich schweige, und verscheuche nun
jede Furcht und Sorge vor mir, denn Niemanden will ich betrben, am wenigsten
ein so liebes Kind, wie Dich. - Sie neigte sich dabei, sie sanft emporzuheben,
und drckte einen leichten Ku auf die Stirn des sich nun verklrenden
lieblichen Mdchens. Bei dieser entwickelte sich jetzt erst ihre ganze Natur in
einer hchst anmuthigen Geschftigkeit um Lady Maria. Sie nahm ihr den
Reisemantel ab, und suchte es ihr auf alle Weise leicht und angenehm zu machen.
Die Flamme nagte bereits behaglich an einem reichlichen Torfaufsatze im Kamine.
Margarith schob nun den groen bequemen Lehnstuhl dahin und ein Bnkchen zu
dessen Fen, und ruhte nicht, bis Maria alle eigenen Bemhungen fr ihr
Reisegerth aufgegeben hatte und in dem Sessel sich der Ruhe berlie.
    Hierzu fhlte sie sich auch hinreichend durch die Strapazen des Tages
aufgefordert. Es machte ihr Vergngen, whrend sie behaglich ruhte, die Kleine
mit den Augen zu begleiten, die so anmuthig und geschftig sich umher drehte,
bis sie endlich an einem kleinen Tischchen seitwrts vom Kamine Platz nahm und
an einem seidenen Netze eifrig zu knpfeln begann. Dabei schauten die klugen
hellen Augen oft zur Lady lchelnd auf, und guckten dann nach dem Fenster und
scheu wieder auf ihre Arbeit zurck.
    Da wir nun doch in so kurzer Zeit Freunde und Vertraute geworden sind,
liebes Kind, hob Lady Maria endlich an, so mchte ich wohl erfahren, warum Du
mich zuerst fast aus diesem Zimmer hinausgejagt hast. Es mu Dich doch dazu ein
wichtiger Grund getrieben haben, indem Du vielleicht das Ereigni voraussehen
konntest, was ich erlebt. Nun, werde nicht wieder ngstlich, fuhr sie fort, da
sie sah, da Margarithens Kopf glhend roth auf die Brust sank, und alle Qualen
der Angst und Beschmung sie zu ergreifen schienen. Wenn es Dich sehr ngstigt,
will ich warten, bis Du mehr Vertrauen zu mir fassest, sollte ich hier berhaupt
lange verweilen.
    Ach! seufzte Margarith und hielt die Hand an die Stirn, ich mchte es Euch
lieber sagen, als gegen eine so gtige Dame so einfltig und undankbar
erscheinen; aber Ihr werdet eine gar bse Meinung von mir bekommen, und doch
sind wir Beide ganz unschuldig.
    Beide, sagte Maria, was meinst Du denn? Ja, rief Margarith, schnell
aufstehend, komm nur hervor, Lanci, wir wollen der lieben Dame Alles sagen.
    Voll Ueberraschung wandte die Lady den Kopf, und sah nun aus der
Fenstervertiefung einen Jngling in feiner Jagdkleidung mit einem kleinen
gefiederten Mtzchen in der Hand hervortreten, der, gleich Margarith, in den
glhendsten Purpur der Beschmung gehllt, schchtern neben ihr stehen blieb.
    Kinder, sagte Maria, trotz der hier am Tage liegenden Intrigue, ganz
bezaubert von dem Augenblicke dieser schnen jungen Leute, was habt Ihr denn
vor? Wei denn Dein Vater darum?
    Ach, das ist es eben, seufzte Margarith, glaubt Ihr wohl, da er es nicht
leiden will, da Lanci mich besucht? Lanci ist mein Vetter, wir wurden gro
zusammen, und darum haben wir uns so lieb. Mit eins mute Lanci aus dem
Schlosse, blos weil man zugesehen hatte, wie wir uns jagten auf dem Abhange. Sie
thaten ihn zu dem alten Frster im Walde, und er soll mich nicht besuchen. Liebe
Lady, da pat er denn zuweilen auf, wenn Reisende kommen, wie oft geschieht, und
kommt so mit herein.
    So, so, lchelte Maria, und da habe ich ihn heute Abend wohl hier
eingefhrt?
    Ein schneller freundlicher Blitz aus seinen dunkeln Augen, welcher die
Fragende traf, sagte Ja, und Margarith setzte nun verschmt hinzu: Seht, liebe
Lady, das war meine Angst, als Ihr kamet. Denn Lanci, der schnell wie ein Reh
ist, hatte mir schon das Zeichen gegeben, da ich ihn einlassen sollte, und er
klopfte immer wieder, weil er nicht wute, was mich hinderte zu ffnen.
    Und auf welche Weise wird denn Lanci eingelassen? fragte die Lady weiter.
Beide schauten nach dem niedrigen Fenster und konnten dann ein kleines Lachen
nicht unterdrcken, was sie als schuldlos spielende Kinder bezeichnete, da
Maria unwillkrlich mitlachen mute.
    Aber, sprach sie dann, sich zum Ernst zwingend, Ihr seid doch recht
leichtsinnige Kinder. Hat es der Vater einmal verboten, so wird es groen Lrm
geben, wenn er Lanci findet, und mich ducht, das kann jeden Augenblick
geschehen, und dann, Margarith, bist Du doch immer ungehorsam.
    Ja, sagte hier der Jngling, der gute alte Vater ist es aber gar nicht, der
uns trennt; er mu es nur thun, weil es Ihro Gnaden haben wollte. Er hat es mehr
als hundert Mal gesagt, wenn ich ein ordentlicher Mann wrde, sollte Margarith
meine Frau werden.
    Schweig doch davon, Lanci, rief Margarith dazwischen, wer wird davon
sprechen.
    Aber, sagte Lanci, die liebe Dame denkt sonst, wir sind schlechte Kinder.
Wir thun es aber blos heimlich, damit, wenn's herauskommt, der Vater sagen kann,
da wir beide Schuld haben, und wird Margarith dann fortgejagt, so heirathe ich
sie gleich.
    Nein, sagte Margarith, nicht eher, als bis Du Jger bist; das thue ich dem
Vater nicht zu Leid, so lang Du Bursche bist.
    Lanci warf den Kopf hinten ber, wie Jemand, der es besser wei und seiner
Sache sehr gewi ist.
    Aber wenn Ihr doch auch dem Vater davon nichts sagen wolltet, setzte jetzt
Margarith besorgt hinzu.
    Wahrlich, sagte Maria, lchelnd den Kopf schttelnd, ich werde ganz schwer
von allen Deinen Geheimnissen. Wenige Stunden bin ich erst hier, und zwei
wichtige Dinge willst Du schon mich zu verhehlen zwingen. Weit Du wohl, da das
Letzte mir wichtiger scheint, als das Erste?
    Beide sahen sich erstaunt und besorgt an, und rckten dann unwillkrlich dem
Sitze Maria's nher, sie flehend anblickend.
    Sieh, ich kann es gar nicht leiden, wenn junge Leute heimlich sind, fuhr
Maria fort; gewi habt Ihr schon zuweilen, um Eure kleinen Besuche zu verbergen,
allerlei List und Lgen sagen mssen, und das ist immer gottlos und kann Euch
verderben. Solltet Ihr Euch denn nicht treu bleiben, wenn Ihr Euch auch nicht
shet? Und wenn Lanci Jger ist und ordentlich um Dich wirbt, wird er Dich schon
zur Frau bekommen, da der Vater ihn lieb hat.
    Treu bleiben, das ist nicht schwer, sprach Lanci, sich mnnlich aufrichtend,
und wenn ich sie zanzig Jahr nicht sehn sollte, bliebe ich ihr treu; aber wenn
ich nicht manch Mal hierher zu dem armen kleinen Dinge komme, dann hat sie gar
keinen Spa mehr, und mu ganz umkommen in dem alten finstern Schlosse. Das
knnt Ihr nur glauben, gndige Lady, so um gar nichts bestehn wir all' die
Gefahr nicht; gelogen hab' ich auch noch nie darum, und vielleicht bewahrt mich
Gott davor, da er sieht, da ich es aus guter Absicht thue.
    Maria fhlte sich unwillkrlich von dem Gemisch von Liebe und kindlicher
Reinheit gerhrt, das aus Beider Wesen und Worten sprach. Margarith dagegen war
durch des Geliebten Vertheidigung wieder traurig angeregt. Maria fhlte wohl,
wie schwer die Furcht einer Trennung auf sie wirke, und da sie den
Verhltnissen, von welchen diese jungen Leute bedrngt wurden, noch so neu und
fremd war, stellte sie gern ihr Richteramt ein, hoffend, der gute Engel, der so
lange mit ihnen war, werde sie ferner schtzen.
    Gott sei Euch gndig, sagte sie sanft, wie kann ich Euch rathen, da mir
Alles hier fremd ist? Ich kann mich nur durch Schweigen unschdlich machen, das
will ich. Betet Ihr zu Gott, da er Euch behte und Euer Herz nicht in
Unwahrheit verstricke! Ich will Euch nicht stren, mein Kopf ist ohnehin mde,
lat mich hier ausruhen, und sagt Euch ungestrt, was Euer Herz erfreut.
    Freundlich dankten die wieder kindlich erheiterten jungen Leute und zogen
sich in den tiefen Fenstersitz zurck, whrend Maria ungestrt ihren Gedanken
nachhing.
    Aber hufig geschieht es, da unsere Phantasie aufhrt thtig zu sein, wenn
die Gegenwart mit ihren Erscheinungen uns so nah gerckt ist, da wir uns jeden
Augenblick als selbst thtig erwarten knnen. Wir schlieen dann im Gegentheil
uns wie eine Knospe zusammen, um der Wirklichkeit die gesammelten Krfte
darbieten zu knnen, und das ablockende Spiel der Phantasie erbleicht mit seinen
bunten Bildern an der Erwartung des nchsten Augenblicks.
    So kam es, da es Maria unmglich ward, ein Bild hervor zu heben fr ihre
eigene Lage, und unbestimmt angeregt, sank ihr mdes Haupt zurck, und sanfter
Schlummer wiegte sie bei dem leisen Geflster der jungen Leute ein.
    Aus einem farblosen Traum erweckte sie der Strahl eines Lichtes, der ihre
Augen traf. Vor dem Tischchen der Tochter, an dem die letztere wieder sa, stand
der alte Vogt, einen Armleuchter mit Kerzen haltend, und sprach leise in die
freundlich aufmerkende Tochter hinein.
    Gern, bester Vater, beantwortete das gute Kind die Anrede des Alten, gern
will ich fr die arme Dame sorgen, und viel lieber, wenn sie nicht jenen alten
Damen anheimfllt, und die freundlichen Zimmer bezieht; denn ich hoffe doch, da
wird sie nicht auch geplagt werden.
    Schweig, unterbrach sie der Alte, strenger blickend; thue, was vor Dir
liegt, sei dankbar fr das Vertrauen Ihrer Gnaden und la Deine unschicklichen
Bemerkungen. Die gndige Frau hat dem ehrwrdigen Herrn erlaubt, Alles nach
seinem Gutdnken einzurichten, und wir waren bis jetzt damit beschftigt, und
...
    Halt, lieber Alter, unterbrach ihn hier Lady Maria, unfhig, durch
anscheinenden Schlaf sich hinter die geheimen Verhltnisse des Hauses zu
stehlen, wenn Deine Worte nicht fr mich sind, so fahre nicht fort, denn ich
habe, wie Du siehst, ausgeschlafen.
    Ueberrascht, aber mit ehrfurchtsvoller Hflichkeit, wandte sich der Alte
schnell zur Lady, und sich bis zur Erde beugend, sagte er in der angemessenen
Haltung eines Schlovogts:
    Meine gndigste Frau, die Besitzerin dieses Schlosses, beehrt mich, Euch,
Mylady, hierselbst willkommen zu heien, und da der vorgerckte Abend der
gndigen Dame nicht mehr erlaubt, Euch eine Audienz zu ertheilen, ersucht sie
Euch, die Zimmer in Besitz zu nehmen, die sie zu Euerm Empfang hat einrichten
lassen, und ber Dero Diener zu befehlen, die alles Mangelnde zu ersetzen bemht
sein werden.
    In Wahrheit, guter Alter, erwiderte Maria, indem sie sich mit ihrer
eigenthmlichen Hoheit erhob, das Willkommen der Dame, deren Gast ich wider
Willen bin, kmmt so spt und nach so unziemlicher Vernachlssigung, da ich so
einladende Worte mehr auf Eure gute Sitte, als auf die Eurer Herrin beziehen
mchte. Doch sei es darum, ich sehe mich nicht ungern blos an Euch und Eure
Tochter gewiesen, und bin bereit Euch zu folgen.
    Der alte Herr sah mit einigem Erstaunen auf diesen stolzen Anspruch an seine
Gebieterin. Aber Domestiken, die alt geworden im Dienste, sehen nicht ungern an
denen, die sie bedienen sollen, einen hohen Anspruch auf uere Achtung
hervortreten; sie fhlen sich selbst dadurch gehoben und glauben sich weniger zu
vergeben gegen Personen, die sich selbst zu ehren wissen.
    Der Alte mochte noch auerdem Grnde haben, unserer jungen Heldin Ehrfurcht
zu bezeigen, denn es schien, er fhle sich nun ganz an seinem Platze. Er
erwiderte mit stummer Verbeugung die Worte der Lady und schritt dann mit dem
hoch gehobenen Leuchter voran, als sie, in ihren Mantel sich hllend, bereit
schien ihm zu folgen.
    Auf dem entgegengesetzten Flgel im Erdgescho des Schlosses ffnete Miklas
jetzt eine Thr, welche die Lady einlud, in ein groes Vorzimmer zu treten, das
an seinen leeren weien Wnden die kostbarsten Stuckaturen, von einem groen
Feuer in dem weiten Kamin erleuchtet, zeigte.
    Der Alte durchschritt dies Zimmer und bat die Folgenden, in ein daran
stoendes Kabinet zu treten, wohin nur Margarith die Lady begleitete. Auf das
Angenehmste fhlte sich Maria von dem ersten Anblicke desselben berrascht. Es
gehrte zu den Zimmern, die uns sogleich einladen zu bleiben und uns Alles
darzubieten scheinen, was ein sinniges Leben erfordert. Es war angenehm erwrmt,
und nur ein mildes Kohlenfeuer glhte noch in dem Marmor-Kamin, der den ganzen
Hintergrund des schmalen Zimmers einnahm. Davor standen auf einem schnen
Teppiche mehrere bequeme Sessel, ganz, wie die Wnde und Vorhnge des Zimmers,
mit grnem Damast und goldenen Borten bedeckt. Es schien, als htten Freunde so
eben von traulicher Zwiesprache sich erhoben, und Maria konnte sich nicht
enthalten, voll Hoffnung und Sehnsucht nach ihren leeren Sitzen zu blicken.
    Gegenber zeigte sich das breite hohe Fenster, das in seine tiefen Wnde
eine kleine Biblothek aufgenommen hatte, wovor ein schn geformtes Lesepult
stand, mit allen Einrichtungen zum Schreiben versehn, und an ein kleines
Ruhebett war zu ihrer freudigen Ueberraschung eine Harfe gelehnt. Mehrere
Bilder, an den Wnden passend vertheilt, schienen alte Portraits und
Heiligenbilder, und entgingen vorerst ihrer Betrachtung, da der Schein der
Kerzen ihre finsteren Tafeln nur schwach erhellte. Auch drngte Margarith,
begierig die Lady mit ihrer Wohnung bekannt zu machen, sie in das Nebenzimmer,
das eben so hoch und schmal, als das erstere, durch ein groes damast-behangenes
Bett sich als Schlafzimmer ankndigte.
    In der Fensternische war hier eine schwerfllige, aber reich besetzte
Toilette angebracht, und ein ungeheurer venetianischer Spiegel vortheilhaft
gegen das Fenster aufgestellt. Was aber sogleich Maria's Aufmerksamkeit anzog,
war eine der Thr gegenber eingelegte Nische von schwarzem Marmor, worin, von
zwei Wandleuchtern, auf denen Kerzen brannten, erleuchtet, sich das Bild einer
Mutter Gottes mit dem Kinde zeigte, von einer so himmlischen Schnheit in
Ausdruck und Farbe, da Margariths Bewegung, womit sie sich augenblicklich davor
bekreuzte und das Knie beugte, natrlicher erschien, als ihr schnelles
Uebergehen zu den andern Gegenstnden des Gemaches.
    Das Bild ruhte auf einem Untersatz von ebenfalls schwarzem Marmor, welcher
ziemlich deutlich die Form eines Altars hatte, vor welchem ein kleines Betpult
stand, worauf sie ein aus ihrer Reise-Equipage entlehntes griechisches Neues
Testament erkannte.
    So schn und sinnig auch diese Einrichtung getroffen war, fhlte Maria doch
mit ihrem richtigen Gefhl eine Absichtlichkeit heraus, die sie fast verletzte,
und frher als der Gegenstand es verdiente, wendete sie sich davon ab, ihr
kleines liebes Eigenthum von dem Betpulte wegnehmend und es auf ein Tischchen
neben ihr Bett legend.
    Nun, theure Lady, rief innig befriedigt Margarith, seid Ihr denn nicht ganz
zufrieden mit Eurer Wohnung, und wollt Ihr die kleine Margarith als Eure
gehorsame Dienerin annehmen?
    Beides, beides, sagte freundlich Maria, sogleich jugendlich in die heitere
Stimmung ihrer kleinen Dienerin eingehend, und nun bitte ich Dich, mein Gepck
etwas zu ordnen, welches ich hier angehuft sehe.
    Ja, theure Lady, vertraut das mir, erwiederte Margarith, und erlaubt
vorerst, da ich Euch Eure Haube abnehme und ein wenig Eure Reisekleider
wechseln helfe, denn das wird Euch erquicken und Lust machen zur Abend-Mahlzeit,
die mein Vater indessen fr Euch servirt.
    Mit vielem Geschick unterzog sich die Kleine jetzt ihren neuen
Dienstleistungen, wobei ihr die unendliche Flle und Schnheit von Maria's Haar
manchen Ausruf des Erstaunens entlockte, wie sie berhaupt jetzt erst die hohe
Schnheit ihrer neuen Herrin erkannte und von einer fast scheuen Ehrfurcht davor
erfllt ward.
    Maria fhlte sich von dem langentbehrten Behagen an einer gewohnten
weiblichen Bedienung und den kleinen Annehmlichkeiten einer bequemen Einrichtung
erheitert, und stets sich ihren Empfindungen hingebend, ermdete sie nicht,
anmuthig scherzend ihre kleine Dienerin anzuleiten, so da, als endlich der
erquickliche Wechsel der Kleider beendigt war, Beide mit heiterer Stirn der
Einladung folgten, welche der alte Herr zum Abendbrod ergehen lie.
    An der Thr des Vorzimmers, welches zu ihrem Speisezimmer bestimmt war,
schulterte der alte Vogt und berreichte ihr auf einem silbernen Teller einen
fein gebrochenen Streifen Papier, auf dem sie in italienischer Sprache die Worte
fand: Hoffet und seid getrost!
    Dazu fhlte sie sich in ihrem Innern vollkommen geneigt, denn ihr war in
hohem Grade die glckliche Gabe zu Theil geworden, mit jedem Augenblicke
abzuschlieen und, immer klar in ihrer Stimmung, Jedem sein Recht, sei es in
Schmerz oder Zufriedenheit, zu gnnen. Ihr junges, unerfahrenes Leben machte sie
noch kindlich sicher, den guten Worten vertrauend, die man ihr bot, und diese
jugendliche Hingebung fand doch Schranken in einer seltenen Schrfe der
Beobachtung und einem hchst zarten und weit reichenden Gefhlsvermgen. Sie
verlor daher nur selten ihre Sicherheit und Ruhe, was, ihr unbewut, in diesen
Eigenschaften begrndet und, vielleicht frh von ihren Erziehern erkannt, so
schn entwickelt worden war.
    Freundlich das Streifchen in der Hand zerdrckend, schritt sie vor und
ergtzte sich an den schnen Verhltnissen des hohen, hell erleuchteten Gemachs.
    In der Mitte desselben stand ein kleines Tischchen, mit einem Couvert
belegt, wovor ein unermelich hoher Lehnstuhl gerckt war, dessen goldene, mit
bunt benhtem Sammet bedeckte Wnde verschiedene erblichene Wappenschilder
zeigten.
    In einiger Entfernung stand ein mit reichem Silbergeschirr bedeckter
Schenktisch, auf dem die angerichteten Speisen dampften.
    Ei, sprach Lady Maria, freundlich alle diese Anordnungen beobachtend, Du
hast sehr angenehm fr meinen Hausstand gesorgt, lieber Alter! Ich mu Dir Dank
sagen, wenn Du Haus-, Hof- und Kchenmeister zugleich warst; es ist Alles aufs
Beste eingerichtet, um nach einer beschwerlichen Reise angenehm ausruhn zu
knnen.
    Sie richtete dabei ihre Augen huldreich auf Miklas und fand ihn in ihrem
Anschaun so ganz verloren, da er kaum ihre Worte verstanden haben mochte, und
wir mssen es unentschieden lassen, ob etwa eine andere Gedankenverbindung in
ihm bei dem vollen Anblick des Fruleins aufstieg. Als sie sich inde dem Tische
nherte, eilte er herbei und rckte ihr den Stuhl, sie ehrfurchtsvoll bedienend.
    Die durch manche Entbehrungen erregte Elust des jungen Fruleins gewhrte
dem Vater und der Tochter hinlngliche Genugthuung fr ihre Bemhungen. Sie
lobte die trefflichen Seefische und die saftigen Waldschnepfen, indem sie
neckend einige Fragen ber Jagd und Jgerei des Schlogeheges hinwarf, und die
erglhende Margarith sogleich wegschickte, um ihr die auf dem Schenktisch
stehenden in Zucker eingelegten Frchte zu holen.
    Dem Alten ging, je lnger, je mehr das Herz auf, seinem lieblichen Gast
gegenber. Wie stolz und ernst und ihrer Wrde sich bewut sie ihm zuerst
erschienen war, sah er doch noch nie in einer und derselben Persnlichkeit so
viel kindliche Unbefangenheit, eine so sorglose Sicherheit und eine Heiterkeit
vereinigt, welche die Umgebungen in ihren Kreis zog, ohne ihnen je eine
Verwechselung der Verhltnisse mglich zu machen.
    Als er ihr am Ende des Mahles in einem zierlich getriebenen Silber-Geschirr
einen khlen Wein des berseeischen Frankreichs darbot, konnte er sein Entzcken
kaum hinter seiner Ehrfurcht bergen, als sie lieblich lchelnd ihn auf der Zunge
prfte und dann dem alten Wein-Kenner ein wichtiges Zeugni ber die Gte
desselben abgab.
    Wolle Gott Euer Gnaden jeden Tropfen zum Segen werden lassen! rief er fast
gerhrt.
    Amen! erwiederte sie, sich rasch erhebend, indem er mit mehr Gewandtheit,
als er sich noch zugetraut, bis zu ihrer Thr voranschritt, sie zu ffnen, und
ihr jede Courtoisie eines alten, wohlerzogenen Dieners zu erweisen strebte.
    Als Maria sich fr die Nacht entkleidet hatte und ihre junge Dienerin
entfernen wollte, blieb diese erstaunt stehen und zeigte ihr an, da sie
entschlossen sei, in ihrer Nhe zu bleiben.
    Denkt Ihr, Lady, es sei nicht besser, zu zweien in diesem Schlosse zu
wohnen? Nein, weiset mich nicht zurck, Ihr wit noch nichts von diesem bsen
Schlosse. Gott sei uns gndig, fuhr sie fort, sich bekreuzend, ich bin nicht
befugt davon zu sprechen, aber besser ist es, Ihr behaltet mich bei Euch. -
    So, sagte Maria lchelnd, Du willst also mein Schutz und Schirm sein, und in
Deiner Nhe hltst Du mich fr sicherer vor all Deinen angedeuteten
Fhrlichkeiten? Sage mir doch wenigstens, ob Du Dich bei meiner Beschtzung als
Geisterbannerin zeigen mut, oder bewaffnet mit Degen und Pistolen, damit ich
erfahre, welcher Art meine Gefahren sein werden.
    Ach, theure Lady, spottet nicht, fuhr Margarith ngstlich fort; Ihr mgt wol
sehr muthig sein, aber was hier zuweilen geschieht, strubt wol Mnnern das
Haar, und Ihr wrdet es nicht so leicht ertragen, als Ihr glaubt. -
    Wenn dem so wre, glaubst Du, da Dein alter Vater uns hier verlassen und
uns schutzlos der Gefahr Preis geben wrde? Geh, geh, Margarith, Du hast zuviel
Ammenmhrchen gehrt, ich aber kenne thrichte Furcht nicht und verlange allein
zu schlafen. -
    Nein, nein, liebe Lady, Ihr werdet das nicht wollen, ich mte ja den Weg
allein zurck machen, und berdies - sie stockte.
    Nun berdies? fragte die Lady, berdies bist Du eigensinnig und willst nicht
gehorchen.
    Ach Ihr zrnt, theure Lady, ich aber bin unschuldig an Euerm Unwillen, denn
seht, ich kann wol dieses und jenes Zimmer verlassen, aber weiter nicht, denn -
denn wir sind ja eingeschlossen.
    Eingeschlossen? rief die Lady, und nie sah Margarith schneller vernderte
Zge, als bei diesem Worte. Gefangene! fuhr das Frulein in hchster
Ueberraschung fort, ist es mglich? Margarith, was treibt man mit mir, wer wagt
es, so mich zu behandeln, mit welchem Rechte verfgt man ber die Freiheit
meiner Person? Sprich! Ich befehle Dir, mir zu sagen, wer ist die Besitzerin des
Schlosses? Wo bin ich? und was weit Du von den Absichten auf meine Person? Doch
Du trumst, Mdchen, Deine aberglubische Furcht will mich einschchtern, damit
Du Deinen Willen behltst; ich selbst werde untersuchen, ob Du mich zu tuschen
denkst.
    Mit flchtigem Fue eilte sie, ein Licht ergreifend, durch das angrenzende
Zimmer nach dem groen jetzt wieder vllig leeren Vorzimmer, das ohne Kerzen,
von der Flamme des Kamins nicht mehr erhellt, ein des geisterhaftes Ansehn
hatte. Aber das Frulein, voll Erwartung und erzrnt ber die Mglichkeit, da
Margarith Recht haben knne, nahm wenig davon wahr; sondern froh nur, die groe
Eingangsthr zu erkennen, eilte sie mit schnellen Schritten darauf zu. Doch sie
drckte vergeblich an dem breiten eisernen Schlosse hin und her, und ihr Licht
dazu erhebend, erkannte sie bald den einfachen Mechanismus eines von Auen
befestigten Riegels.
    Die Ueberzeugung von der Wahrheit dessen, was sie als eine groe persnliche
Beleidigung ansah, berwltigte ihren Geist fr den Augenblick bis zu einer Art
von Betubung. Sie lehnte den Kopf gegen den Arm und an das verhngnivolle
Schlo, als msse sie auf dieser Stelle Mittel zu ihrer Befreiung ausdenken. Das
Licht hing unbeachtet in der andern niedergesunkenen Hand, und die kleine Flamme
suchte an ihrem langen niederhngenden Nachtkleide eben weitere Nahrung, als
seufzend und mit unterdrcktem Weinen die nher geschlichene Kleine es aus ihrer
Hand zog.
    Ach, Lady, kommt hier weg, schluchzte sie leise, ach, zrnt nicht lnger.
    Halt! rief Maria aufschreckend, ich hre Schritte, hrst Du es, Margarith?
    Heiliger Gott, sei uns gndig! stammelte Margarith und strebte die Lady mit
sich zu ziehn.
    Nein, sprach Maria, ich werde diesen spten Wanderer anrufen, er soll
augenblicklich Deinen Vater herbei holen und sagen, da man mich hier als Gast
und nicht als Gefangene behandele!
    Nein, nein! o schweigt, rief Margarith, sich vor ihr niederwerfend.
    Aber Maria war aufgeregt und zrnend, und als die Futritte jetzt vor der
Thr anzuhalten schienen, als ob das Gerusch, welches Maria absichtlich an dem
Schlosse machte, sie festhielte, rief sie:
    Wendet Euch hierher! Habt die Gte, diese Thr von Auen zu ffnen, so Ihr
knnt, oder Miklas, den Hausvogt, zu rufen!
    Sogleich schien Jemand von Auen mit Ungestm gegen die Thr zu fahren, und
nach einigen ungeschickten Versuchen, sie so aufzudrcken, rasselte es heftig an
dem Schlosse, welches zitterte und nachgab.
    Maria ri der niedergesunkenen Margarith das Licht aus der Hand, und es hoch
hebend blickte sie der aufgestoenen Thr entgegen. Doch voll Grauen bebte sie
zurck, als ein Weib eindrang, dessen verwildertes Ansehen eine Wahnsinnige
bezeichnete. Ihre grauen Haare hingen unter einem schwarzen Schleier lang hervor
und in dnnen Strhnen ber ihre furchtbar hohe Gestalt, welche nur von
nothwendiger Kleidung gedeckt, Hals, und Brust und Arme in widriger Abzehrung
zeigte.
    Aber vor Allem furchtbar war die Grabesfarbe des Gesichts, die stieren,
glanzlosen Augen, und das Lcheln des Wahnsinns um den lippenlosen Mund.
Schaudernd trat Maria zurck, aber angezogen schien die grliche Erscheinung
von ihrem Anblick, sie folgte ihr nach, den mehrarmigen Leuchter gegen sie
vorstreckend, und je lnger sie mit ihren furchtbaren Augen sie anblickte, desto
mehr gewann ihr starres Gesicht einen gemischten Ausdruck von Erstaunen und
Wuth.
    Wer bist Du? sagte sie mit heiserer Stimme, ich mu Dich kennen! Sie rieb
die Stirn, und wieder vordringend, rief sie, hllisch lachend: Du bist so ein
Spuk aus der groen Welt, woraus sie mich vertrieben. Ha, jetzt kenne ich Dich!
Doch von wannen kommst Du? Wer brachte Dich hierher? Sendet Dich der Knabe
Villiers, den sie Herzog nennen? Ha, ha, ha, ha! Du bist es, und kennst Du mich,
die schne Franziska Howard?
    Komm, komm! Du entgehst Deinem Schicksal nun nicht, bist Du doch von seinem
Blute! Ha, die Rache ist s, sehr s. -
    Gierig streckte sie die Hand aus und ergriff Maria's Gewand, welche,
vergeblich mit dem Entsetzen kmpfend, ihre Knie wanken fhlte und, als die
kalte Hand des Weibes ihren Hals umspannte, ihrer Sinne beraubt zur Erde sank.
    Als sie die Augen wieder aufschlug, leuchtete der frhe Morgen matt durch
das hohe Fenster. Langsam kehrte ihr Bewutsein zurck, und sie sah nun, da sie
in dem groen Himmelbette ihres Schlafgemachs lag, und da mehrere Personen um
sie beschftigt waren. Ein Versuch, sich zu bewegen, lie sie einen Schmerz und
eine Lhmung ihres Armes fhlen, und jetzt berzeugte sie sich, da man daran
eine Ader geffnet, woraus das Blut sich vor ihr in ein Becken ergo.
    Es waren dies Alles die Wahrnehmungen eines noch halb ohnmchtigen Geistes,
der sich selbst noch nicht wieder vereinigt fhlt mit den Zustnden des Krpers.
    Sie erkannte den Reisegefhrten, der die Lanzette gefhrt hatte; sie sah
Margarith auf ihren Knien, das Becken haltend; sie fhlte sich in den Armen
einer fremden Frau, deren mildes schneeweies Gesicht sich dicht neben dem
ihrigen zeigte; aber sie htte sich nicht gleichgltiger dabei fhlen knnen,
wenn sie eine mit diesen Gegenstnden bemalte Holztafel gesehen htte. Nachdem
der nthige Verband umgelegt war und sie aus den Armen der Frau sanft in die
Kissen sank, und die grnen Vorhnge des Bettes sie in eine angenehme Dmmerung
hllten, sanken ihre Augenlieder ermattet nieder; der Schlaf trat an die Stelle
der tiefen Ohnmacht und vereinigte den durch Schrecken verstrten Geist mit dem
genesenden Krper.
    Nach einem langen und erquickenden Schlaf erwachte das Frulein mit der
angenehmen Empfindung wieder hergestellter Krfte. Die Ruhe, die auerhalb der
Vorhnge ihres Bettes herrschte, war inde eine Wohlthat, welche sie sich zu
verlngern suchte, da ihr Geist sogleich zu arbeiten begann, um theils die
Begebenheiten der letzten Stunden sich zurck zu rufen, theils ihre Beziehungen
zu sich selbst herauszufinden. Aber ihre Phantasie hatte vor dem letzten
Ereigni einen zu tiefen Eindruck empfangen, um nicht immer darauf zurck kommen
zu mssen. Der Name Franziska Howard, den die grauenvolle Erscheinung sich
beigelegt, gehrte einem Wesen, dessen Name mit jenem tiefen Abscheu in England
genannt ward, womit man Verbrechen bezeichnet, die in einer zu hohen Sphre sich
begeben, um in ihrer ganzen Wahrheit zur Anschauung des Volkes zu gelangen.
    Maria war damit unbekannt, aber wenn sie den Aeuerungen dieser elenden Frau
nachdachte, ward ihr die Ahnung eines durch Gewissensvorwrfe gestrten Geistes.
Schaudernd dachte sie an die Nhe dieser Furie, die in ihren Phantasien sie zu
einem bekannten Gegenstande ihrer Wuth gestempelt hatte. Natrlich prfte sie
jetzt ihre ganze brige Lage, und was unter so bedrohlichen Umstnden ihr etwa
noch fr Schutz geblieben sei, und bei dem Zurckkommen auf diesen Gegenstand,
fhlte sie sogleich eine lebhafte Anerkennung der von Margarith und Miklas ihr
bewiesenen Sorgfalt.
    Es war klar, da Miklas die Thr verwahrt hatte, sie vor dem umherwandernden
Spucke zu schtzen, da Margarith, davon unterrichtet, vielleicht um sie nicht
zu beunruhigen, den Grund verschwiegen, ihr eigener Ungestm aber diese gtige
Vorsorge verhindert hatte, da durch ihr Gerusch an der Thr und ihr Rufen
offenbar der schreckliche Gegenstand herbei gezogen worden war.
    Erwrmt von dem Gefhl, hier eine ihr zugewendete gute Absicht anerkennen zu
drfen, und lebhaft bewegt von dem Wunsche, das dabei von ihr selbst
Verschuldete gut zu machen, griff sie schnell in die Vorhnge des Bettes, und
sie zurckdrngend, sah sie Margarith an dem Fuende ihres Bettes auf einem
niedrigen Sthlchen sitzen und an dem Netze knpfeln, das auf ihren Knien ruhte.
    Ein freudiger Ausruf des lieben Mdchens begleitete ihr Aufblicken, und an
dem Bette niederstrzend kte sie kindlich jubelnd die Hnde ihrer Lady und
konnte nicht mde werden, sich ber ihre gehoffte Genesung zu freuen.
    Aber, setzte sie schchtern hinzu, theure Lady, zrnt Ihr mir und meinem
alten Vater auch nicht mehr?
    Gutes Kind, erwiederte Maria, wie rhrt mich Deine Sanftmuth und Gte, da
ich allein die bin, die ber Dich so viel Schrecken brachte, indem ich die
Vorsorge Deines Vaters und Deine eigene Schonung verkannte, in meiner Heftigkeit
nur mir selbst folgte und Alles dadurch herbei zog, wogegen Ihr mich zu behten
trachtet. Vergieb Du mir dagegen und sei gewi, ich werde Deine guten Absichten
nicht wieder miverstehn.
    Ach, theure Lady, Ihr seid wie ein heil'ger Engel, rief Margarith, wie htte
ich Euch wol zu vergeben? Gottes Gnade und die heil'ge Jungfrau haben uns ihren
Schutz verliehen, sonst wren wir freilich unterlegen. Aber wie konntet Ihr auch
das ahnen, was wir erlebt? Wer es kennt, glaubt es kaum! -
    Sage mir, liebe Margarith, wenn es Deine Pflicht nicht berschreitet,
unterbrach sie Maria, wer war die grliche Person, die uns erschreckt hat, und
warum geniet sie bei ihrer Geisteszerrttung die Freiheit, hier umher zu gehn?
-
    Ach, theure Lady, wer mchte die ihr nehmen, da sie die Herrin des
Schlosses, unsere gndige Gebieterin ist. -
    Die Herrin des Schlosses? rief Maria erschrocken. -
    Ja, so ist es. Die Lady ist sehr reich, und ihr Gemahl nun schon viele Jahre
im Grabe, obwol ich noch recht gut mich des lieben schwermthigen Herrn
erinnere. Gott sei seiner Seele gndig! Glcklich war er auch nicht, die Leute
sprachen Allerlei von ihm. Er mute viel Trauriges erlebt haben; denn rhrender
seufzte kein Mensch. Ach, und dann hrten wir ihn eben so die Nchte durch umher
wandern und tief, tief seufzen. Des Morgens fanden ihn die Bedienten oft auf den
kalten Steinen der groen Halle oder auf den Treppen eingeschlafen liegen. Alt
konnte er dabei nicht werden, das knnt Ihr denken; aber er that keinem Kinde
was zu Leide, ja, er liebte sie zrtlich, und ich und Lanci und einige
Fischerkinder, wir saen gern um ihn her, und er schnitt uns Bilderchen und
knetete uns Pppchen von Wachs.
    Mit der gndigen Frau war es damals noch nicht so weit, wie jetzt, aber
lieben thaten sich die Herrschaften nicht. Man sagt, der gndige Herr sei ein
Ketzer gewesen, und die gndige Frau habe ihn gern durch die heilige Kirche von
seiner Schwermuth befreien wollen; aber das sei ihr nicht gelungen, und darum
schrien sie oft frchterlich gegen einander und blieben dann wieder getrennt.
    So kam es auch, da die gndige Frau es gar nicht merkte, als Mylord eines
Morgens verschwunden war; und als sie spazieren gehen wollte, fand sie die
Leiche des gndigen Herrn vor einer kleinen verschlossenen Thr dicht vor ihrem
Schlafzimmer. Seitdem ist Mylady sehr unruhig, und geht hufig des Nachts umher
und beabsichtigt Mylord zu suchen, von dem sie jetzt noch denkt, er schlafe
irgendwo und werde sich erklten. Aber es sind nun fast zehn Jahre, da der arme
Herr zur Ruhe ist, und Mylady wei dies auch bei Tage und so lange sie gesund
ist, aber hufig vergit sie es wieder. -
    Das Unheimliche des Eindrucks, den Maria empfangen, ward durch diese
Mittheilungen nicht gemildert, und vor Allem schrecklich schien es ihr, in der
Gewalt eines sinnberaubten Wesens zu sein. Sie fhlte die grte Ungeduld, sich
ber die Verhltnisse, in die man sie gegen ihren Willen gezwngt, Auskunft zu
verschaffen, und sich vollkommen gesund fhlend, verlangte sie das Bett zu
verlassen. -
    Liebe Lady, verzieht einen Augenblick, Pater Clemens will erst Euern Puls
untersuchen, ehe er dies zugiebt; ich rufe ihn sogleich. -
    Wer ist Pater Clemens? sprach Maria. La das, liebes Mdchen, ich fhle mich
ganz wohl und wnsche nur, da Du zu Deinem Vater gehst und ihn aufforderst, mir
meinen Reisegefhrten herzusenden, den ich nothwendig sprechen mu.
    Nun, liebe Lady, sagte Margarith, das ist ja eben Pater Clemens, derselbe,
der Euch diese Nacht zu Hlfe kam und Euch nachher zur Ader lie.
    Maria war von dieser Entdeckung nicht sehr berrascht, und wnschte um so
mehr das Bett zu verlassen, da sie Sehnsucht trug, sich selbst in unabhngiger
Thtigkeit zu fhlen, diesem unsichern, geheimnivollen Umherschleichen
gegenber.
    Ehe es daher Margarith hindern konnte, ergriff sie die seidene Decke ihres
Bettes, und sich hineinhllend, stand sie pfeilschnell auf ihren Fen, und
betrieb nun selbst mit Geschick und Schnelligkeit ihr Ankleiden, wobei sie doch
bald Margariths Beistand nthig fand, da der Arm, an dem man die Ader geffnet,
noch ziemlich unbrauchbar war.
    Als sie sich dann den sorgfltigen Hnden der neuen Kammerjungfer entzogen,
eilte sie der Nebenthr zu und als sie in ihr Wohnzimmer trat, fand sie die
Lehnsthle an ihrem Kamine nicht mehr leer, sondern in der einfachen Kleidung
des Ordens Jesu sa ihr Reisegefhrte einer Frau gegenber, die Maria auf den
ersten Blick fr dieselbe erkannte, in deren Armen sie erwacht war.
    Beide schienen in ihr Gesprch vertieft und nicht wenig berrascht, als
Maria blhend, vollstndig gekleidet, und mit jenem klaren und festen Ausdruck
des ganzen Wesens, der vom guten Rechte zeigt, vor sie trat.
    Pater Clemens, wie wir ihn nun nennen mssen, schien auch nicht sogleich den
rechten Ton finden zu knnen, und sein Gesicht war mehr verlegen, als ernst.
    Ihr berrascht uns, Mylady, sagte er, vor sich niedersehend; ich will
wnschen, da Ihr Euch nicht zu frh fr gesund erklrt habt. Ich war gesonnen,
Euch Ruhe anzurathen.
    Ruhe, Sir? antwortete Lady Maria, Ruhe bedarf nur noch mein Geist; ber das
Gefhl der Gesundheit giebt man sich selbst das richtigste Zeugni!
    Die blasse Frau machte hier eine kleine Bewegung und zog Maria's
Aufmerksamkeit dadurch auf sich. Ich irre mich wohl nicht, fuhr sie gegen diese
gewendet fort, wenn ich mich Euch verpflichtet halte fr Euern liebreichen
Beistand, den Ihr mir in dieser Nacht geleistet?
    Ohne die Augen zu erheben, verbeugte sich die Angeredete blo mit dem Kopfe.
    Pater Clemens hatte mich zu diesem Dienst ersehn, erwiederte sie leise; Ihr
seid mir nicht dafr verpflichtet.
    Maria konnte, trotz dieser kalten Antwort, ihre Blicke nicht sogleich von
der anziehenden Person abwenden, die diese Worte sprach, und deren hohe und
schlanke Gestalt in der eng anschlieenden schwarzen Kleidung, die sie trug,
noch sehr wohl als schn zu erkennen war. Ihr milchweies Angesicht von der
feinsten Regelmigkeit, mit seinem demthigen und frommen Ausdruck, rief
unwillkrlich das Andenken an jene rhrenden Heiligenbilder zurck, die in ihrem
kleinen Schrein das ganze Leben zugebracht zu haben schienen, um einem einzigen
frommen Gedanken nachzuhngen, Ihr Kopfputz aber erinnerte Maria an die Nonnen,
die sie zur Nacht gesehn, obgleich dieser jetzt Schleier und Skapulier fehlten,
und allein die eng anliegenden weien Binden um Stirn und Kinn geblieben waren.
    Als sie aus Schicklichkeit die Augen abzog, begegnete sie den Blicken des
Pater Clemens, welcher mit sichtlichem Vergngen den Eindruck zu erwgen schien,
den Maria empfing.
    Sir, sprach sie hierauf mit Festigkeit, Ihr mt begreifen, da ich von Euch
ber sehr viele Dinge Aufklrung erwarte und die von Euch selbst mir gewnschte
Ruhe nicht frher mglich ist, wie es berhaupt wohl scheinen mag, sie mchte
vorerst eben nicht mein Loos sein!
    Ich bin bereit dazu, erwiederte der Pater, obwol ich Euch im Voraus bitten
mu, in mir nur den bevollmchtigten Vollzieher hherer Befehle zu erkennen,
denen ich selbst willenlos unterthan bin.
    Es beliebt Euch vielleicht, hochwrdiger Herr, mich zu entlassen, sprach
hier die blasse Frau, schchternd sich dem Pater nhernd; ich wrde meinen,
einige andere Pflichten zu haben.
    Geht, liebe Tochter, sprach Pater Clemens, haltet Euch aber gern bereit, die
Einsamkeit dieser Eurer Schutzbefohlenen zu theilen!
    Ich habe weder eigene Zeit, noch eigenen Willen; selig, wer gewrdigt wird
zu gehorchen, antwortete sie, und ohne ihr stilles Gesicht zu verndern, beugte
sie ihr Haupt, welches der Pater segnend berhrte, worauf sie leicht wie ein
Geist an Maria hinschwebte, ohne sie bei dem Grue ihres Hauptes anzublicken.
    Maria sah diesem ganzen Abschiede mit einem anschwellenden Gefhle zu,
welches, als die Thr sich hinter der demthigen Gestalt schlo, sich Luft zu
machen strebte.
    Ich bin also in der Gesellschaft von Katholiken? Ihr seid ein Priester jenes
Glaubens, und jene Frau gehrt zu den Schwestern der heiligen Ursula?
    Mit Ruhe setzte sich Pater Clemens bei diesen Worten nieder, ihr den
Armstuhl anweisend, der so eben verlassen worden war, und erwiederte dann, seine
Augen andchtig erhebend:
    Ja, Mylady, Ihr habt es gesagt. Hierher, in diese verpnten Mauern hat sich
eine kleine fromme Gemeinde geflchtet, um, dem alten heiligen Glauben ihrer
Vter treu bleibend, dem vaterlndischen Boden ein Samenkorn jener ausgerotteten
heiligen Frucht zu behten, zu Gottes allmchtiger Verfgung, am Tage, der da
zeigen wird, wessen Reich die Erde Englands ist!
    Es ist kein Grund mehr vorhanden, Euch dies zu verbergen; denn fr Verrath
brgt uns Eure Gesinnung mehr noch als die brige erlangte Sicherheit. -
    Ehrwrdiger Herr, sprach Maria, ich wei, da Eure Verbindungen gegen die
Gesetze meines Vaterlandes laufen, und es kann mir keine angenehme Entdeckung
sein, mich fr den Augenblick darein verwickelt zu sehen. Inde, weit davon
entfernt, die Treugesinnten Eures Glaubens zu tadeln, bedaure ich vielmehr, da
man die Wrde unserer Kirche dadurch zu erhalten dachte, da man verfolgend
gegen die Eurige auftrte.
    Sehr wahr, sprach Pater Clemens, sichtlich belebt, es war das Gefhl,
welches jeder Verblendung der Art folgt, da, wer einmal aus den Segnungen
unserer Kirche tritt, nur durch weltliche Macht Siege erringen knne.
    Dies ungerechte Mittel gegen eine tief begrndete Ueberzeugung und den Rath
des Gewissens ist zu allen Zeiten und von allen Partheien benutzt worden,
erwiederte die Lady, und wir drfen es sicher dem Wesen der Kirche nicht
zurechnen, was nur der Despotismus der Unduldsamkeit verschuldete. Aber wenn ich
bis so weit sprach, geschah es hauptschlich, Euch zu berzeugen, wie ich von
Innen heraus den Geist der Kirche, der ich angehre, fr unvertrglich mit den
harten Mitteln halte, die angewandt sind, die Eure zu vertilgen. Ich wrde aus
dieser Ueberzeugung nie die Hand bieten, Aehnliches zu veranlassen, und darber
keinen weltlichen Richter anerkennen. Jetzt aber sagt mir, auf welche Weise hat
mein Schicksal diese Wendung genommen, und was wit Ihr mir ber die Absichten
zu sagen, die mich hierher leiteten?
    Euch aus den Hnden des schwrzesten Verraths zu befreien, erwiederte Pater
Clemens mit Betonung; aus Mitleid fr Eure Jugend und Unschuld, die dem Elende
bestimmt war. Wer von Oben her ein so weitreichendes Interesse an Eurem Leben
nimmt, wei ich Euch jedoch nicht zu sagen; ich bin ein beglaubigter Priester
des heiligen Ordens Jesu, mir ist nur das blinde Vollziehn dessen gestattet, was
jederzeit das Rechte und Beste ist. -
    Was meint Ihr? unterbrach ihn Lady Maria, heftig bewegt. Ich ward betrogen?
Von wem? Sagt, ich bitte Euch, von wem?
    Da nur von Lord Membrocke die Rede sein kann, darber knnt Ihr gewi nicht
im Zweifel sein, antwortete Pater Clemens, von ihm, der, um Euch aus der Obhut
der Familie zu entfhren, in deren Kreise Ihr lebtet, kein anderes Mittel wute,
als jenen erlogenen Brief.
    Groer Gott! seufzte hier das unglckliche Mdchen, in ihren Sitz
zurckfallend, so htte ich recht geahnet? Doch wie knnt Ihr den Brief erlogen
nennen, rief sie alsbald, sich erhebend, der seine Handschrift zeigt, mit seinem
Siegelring gesiegelt, den ich so oft an seiner Hand gesehn? -
    Armes Kind, es war leicht, Euch zu betrgen, denn die Hllenknste ahnet ihr
nicht, womit gewandte Schreiber eine jede Handschrift nachzuahmen wissen, und
da man Siegelringe stehlen knne, war Euch auch wohl kein vertrauter Gedanke.
    Schaudernd verhllte Maria ihr erblates Angesicht und ein Gefhl von
Trostlosigkeit, eine Verlassenheit, ein Elend nthigte sich ihrem Geiste mit
dieser Entdeckung auf, wie sie es nie empfunden, und ihre erste Flucht, ihr
Alleinsein auf der Landstrae, an Hunger und Mdigkeit erliegend, schien ihr nun
ein glcklicher Zustand, da sie damals die Hoffnung trug, ihr lebe der Oheim und
in ihm aller Schutz, alle Liebe, aller Trost.
    Nach einigen Augenblicken tiefster Erschtterung, die der Pater Clemens, in
ernstes Sinnen verloren, nicht zu unterbrechen suchte, rang sich ihr Geist mit
neuer Anstrengung empor, sie zog die Hnde weg, und den Verkndiger dieser
trostlosen Nachrichten schmerzlich anblickend, rief sie mit dem Tone der
wahrsten Seelenangst:
    Vergebt mir, wenn ich, so grausam betrogen, wie Ihr sagt, und verlassen von
Allen, die mir die Natur zum Schutze bestimmte, jetzt die Qual des Mitrauens
kennen lerne und sie auch gegen Euch, von dem ich um so viel lieber Gutes
dchte, da ich nur Gutes von Euch erfahren, nicht ganz zu bemeistern vermag.
    Beweiset mir, edler Sir, was Ihr sagtet, denkt mit Nachsicht, da, wenn ich
annehmen drfte, Ihr allein betrgt mich jetzt, dadurch mein Leben minder
hoffnungslos wrde und eine Aussicht mir bliebe, den Schutz zu erreichen, nach
dem ich mich sehne. Denkt, setzte sie mit hervorbrechenden Thrnen hinzu, da,
wenn Lord Membrocke mich betrogen hat und mein Oheim nichts von mir wei, mir
fast jede Hoffnung schwindet, ihn aufzufinden.
    Und nun sprecht, ich beschwre Euch, sprecht die Wahrheit. - Haltet ein,
rief sie angstvoll, als Pater Clemens die Lippen ffnete, hrt mich weiter! Man
sagt, die Theilhaber Eurer Kirche halten Alle meines Glaubens fr ausgeschlossen
aus dem Verbande christlicher Pflichten. Ich kann es nicht denken, ich will es
namentlich von Euch nicht denken; aber es knnte sich doch in Euerm Geiste eine
Geringschtzung gegen das Schicksal eines Wesens einstellen, das Ihr Ketzerin
nennt. Ich verlange nicht, da Ihr gegen mich wrmer fhlen sollt, als Euer
Glaube zulssig hlt; aber bedenkt, Sir, da wir die Wahrheit zu sagen uns
selbst schuldig sind, da jede Seele sich selbst vergiftet, die zu Gunsten
irgend eines Planes den heiligen Pfad der Wahrheit verlt. O Sir, also um Euer
selbst willen, um des heiligen Namens willen, den der Orden trgt, zu dem Ihr
Euch bekennt, redet die Wahrheit, denkt, da ich an diesen Namen glaube, gleich
Euch, und da wir durch ihn Strafe oder Vergebung empfangen werden. -
    Der Pater hatte sie nicht ohne Theilnahme gehrt, und vielleicht hatte
manche Mahnung ihn nicht ohne Verlegenheit gelassen, aber die Erinnerung an den
Orden, dem er verpflichtet war, heilte schnell alle Verletzungen des Gewissens
und fhrte ihn zu seinen Verpflichtungen zurck, die, auf Gott gefllige Zwecke
gerichtet, ber die Mittel keinen Zweifel gestatten.
    Knntet Ihr bersehen, hob er mit Wrde an, wie vorsorglich diejenigen gegen
Euch gehandelt, die Euch meiner Obhut vertrauten, wie wrdet Ihr dadurch am
besten jenes traurige Vorurtheil widerlegt fhlen, welches die Feinde unserer
heiligen Kirche verbreitet haben, um die Seelen zu verscheuchen, die ohne
Befriedigung jener abgefallenen Kaste angehren und nach dem Mutterschooe
unsrer Kirche sich zurcksehnen.
    Die Diener und Dienerinnen dieser vom Heilande stammenden Lehre gehen
verfolgt, beleidigt und im Elende schmachtend noch immer, gleich den Jngern des
Herrn, ber die vom falschen Wahn ergriffene Erde, und suchen, wie der Hirt im
Evangelium, das verirrte Schaf. Wer Euer beklagenswerthes Loos meinen Obern
entdeckt habe, kommt mir zu wissen nicht zu. Eure Unschuld inde rhrte die
erhabenen Mnner Jesu, und da ihr Einflu eine noch unsichtbare, aber nicht
geringe Macht ist, erhielt ich das Zauberwort, welches Lord Membrocke von Euch
abzustehen zwang. Ihr selbst mgt durch unbefangene Aeuerungen und die daran
geknpften Nachforschungen Eurer Freunde Lord Membrocke zu dem Plane
Veranlassung gegeben haben, der ihm Eure Entfhrung gelingen lie. Glcklicher,
als Eure Freunde, hatte er den entdeckt, den Ihr zu finden strebtet, seine
Handschrift ward von einem geschickten Bsewicht nachgemacht, der Siegelring ihm
entwendet, und Beides in des Lords Hnde geliefert. Ihr lieet Euch tuschen,
obwol keine Zeile dieses Briefes die Gesinnungen des Mannes verrieth, dessen
Handschrift man wohl nachzuahmen vermochte, aber nicht den Ton seiner Liebe. -
    O, Ihr sprecht wahr! rief hier Maria, berwltigt von der fremden
Besttigung ihrer eigenen Empfindungen. -
    Und so triumphirte das Bse, und Ihr folgtet dem elenden Verfhrer, der Euch
verkauft hatte an einen vornehmen Wstling, dem er Euch zufhrte. -
    Und jetzt, rief Maria, alles Andere bergehend, wie werde ich es jetzt
anfangen, um mich so bald als mglich unter den Schutz meines Verwandten zu
begeben? Soll gegen Euch, Sir, der Ihr so viel fr mich gethan, und gegen diese
geheimen Freunde, die sich meinem Danke entziehen, meine Verbindlichkeit noch
hher steigen? Soll ich Euch das Glck dieser Wiedervereinigung verdanken? -
    Mylady, Ihr findet mich hier an der Grenze meiner Wirksamkeit und Macht.
Euch hierher zu fhren, lauteten meine Vorschriften, ich erwartete hier weitere
Bestimmungen zu finden, die jedoch ein ungewhnlicher Zufall versptet haben
mu, und die Euern unfreundlichen Empfang verschuldet haben. Wenn die
Vorschriften ankommen, werden sie enthalten, was mit Bercksichtigung Eurer
Sicherheit in Bezug auf diesen hchst gerechten Wunsch und seine mgliche
Ausfhrung zu beschlieen ist. Geduldet Euch bis dahin, und berseht nicht, in
nutzloser Sehnsucht nach jenem Ziele, die Annehmlichkeiten, die Euch hier ein
ruhiges, ungefhrdetes Leben sichern. -
    Und wit Ihr wenigstens nicht mir zu sagen, ob mein Oheim bereits Nachricht
von meinem Schicksal und jetzigem Aufenthalte erhielt. Denn nachdem man gewagt
hat, diesen theuern Namen zur Ausfhrung so bser Absichten zu mibrauchen, wie
Ihr sagt, und wie tausend von mir nur mhsam unterdrckte Ahnungen mir
besttigen, zweifle ich nicht mehr, da die ganze Erzhlung ber seine
politische Stellung mit zu den Erfindungen jenes Verrthers gehrt. Sie einen
Augenblick geglaubt zu haben, gereicht mir zur tiefsten Beschmung, da sie den
erhabenen Karakter des Mannes befleckte, den ich nie so anzugreifen htte
gestatten sollen. -
    Das Schicksal dieses Mannes liegt mir zu fern, als da ich Euch darber
Auskunft geben knnte; aber ich glaube annehmen zu mssen, da es eine Wendung
genommen, die ihn vielleicht augenblicklich aus der Lage setzt, Euch selbst
Dienste zu leisten. Es wird ihm sehr zur Beruhigung gereichen, Euch in einer
vollkommenen Sicherheit und in den anstndigsten Verhltnissen zu wissen, da,
wie sehr auch das Letztere in dem Hause der Herzogin von Nottingham der Fall
war, doch Eure Sicherheit sich als unzulnglich erwiesen hat. -
    O Sir! seufzte hier Maria, wen trifft der Vorwurf anders, als mich selbst?
Meine eigne leichtglubige Thorheit hat mich dem Schutze entzogen, der sonst
ausreichend fr alle andern Flle war. -
    Ihr habt darin nicht Unrecht, und ich mag es Euch um so weniger ausreden, da
Euer Selbstvertrauen in den meisten Fllen weiter geht, als sich mit Eurer
zarten Jugend und dem Mangel an Vertrauen vertrgt, der nothwendig damit
verknpft ist. -
    Maria fhlte sich von diesem sanften Verweise des bejahrten Mannes, dessen
Grundstze und Ansichten sie mit Verehrung angehrt hatte, wohlthtig berhrt,
und da junge und gut geartete Personen sich stets zu denen hingezogen fhlen,
die sie schonend auf ihre Fehler aufmerksam machen, so htte Pater Clemens
nichts vortheilhafteres whlen knnen, wenn es berhaupt sein Wunsch war, sich
in der Gunst des Fruleins festzusetzen. Sie hob ihre Augen mit einem so
demthigen Ausdruck zu ihm empor, als htte sie ihn allein beleidigt, und sagte
mit sanfter Stimme:
    Ich sehe es wohl ein, da Ihr ganz recht habt, und Eure Gte, mich daran zu
erinnern, ist sehr gro. Ich bin viel zu frh dem Rathe meiner Verwandten
entzogen worden; alle meine Fehler sind daher unbeachtet geblieben, und ich
selbst habe versumt, mit Ernst darauf zu wirken. Aber gewi will ich von jetzt
an, da Gottes Gte mir eine Warnehmung durch Euch schickt, dagegen nicht lnger
nachsichtig sein. Darf ich Euch inde nun einen Wunsch gestehn, der sehr lebhaft
in mir wird, seit ich wei, da ich betrogen ward.
    Redet, liebe Tochter, erwiederte der Pater Clemens mit dem vterlichen Tone,
in den das Frulein ihm selbst so eben hineingeholfen hatte, mit Antheil will
ich alle Eure Wnsche hren und frdern, was mglich ist.
    Maria ffnete die Lippen, aber ein tiefes Roth deckte pltzlich ihr
unschuldiges Angesicht, und ihr Kopf sank auf ihre Brust. Nach einigen
verlegenen Augenblicken hob sie schchtern an:
    Glaubt Ihr, verehrter Sir, da eine aufrichtige Darstellung der Wahrheit und
meiner damit verflochtenen Thorheit die theure tugendhafte Familie vershnen
knnte, die ich durch meine unbesonnene Entfernung so tief beleidigt habe? und
knnt Ihr mir, dies zu bewirken, einen Weg zeigen?
    Pater Clemens hielt mit der Antwort zurck, und htte Maria nicht eben
abgeschworen, ihrem Urtheil unbedingt zu vertraun, so htte sie nicht bersehen
knnen, da dieser Gedanke ihm sichtlich widerstrebte.
    Es wird zu Eurer Rechtfertigung im Laufe der Zeit sich sicher eine
Gelegenheit finden, erwiderte er nach einigem Bedenken; doch jetzt mt Ihr
durchaus Euch von Allen Schritten nach Auen zurckhalten, da vorerst nur die
spurloseste Zurckgezogenheit Euch vor den Nachstellungen des mchtigen Mannes
bewahren kann, gegen dessen weitreichenden Einflu selbst Euer Oheim Euch nicht
zu schtzen vermchte. -
    Nennt mir, theurer Sir, diesen furchtbaren Mann, der so verhngnivoll fr
mein armes Leben ward, und zugleich seine Grnde, gerade mich zu verfolgen. -
    Solltet Ihr nie den Namen des Herzogs von Buckingham haben nennen hren? Er
ist es, der Euch verfolgt. Lat Euch damit genug sein, da er Euer Verderben
wollte, und verlangt nicht, da ich nhere Angaben mache, die zu erwhnen weder
meiner geistlichen Wrde ziemt, noch Euch sie anzuhren.
    Maria schwieg, wie gelhmt vor Schrecken und Abscheu; erst nach langer
Bekmpfung der dadurch erregten Schmerzen fuhr sie schchtern fort:
    Und bin ich hier sicher? Werde ich hier nicht erreicht werden? und wer lt
mir hier Schutz angedeihen? Wem habe ich nchst Euch zu danken? -
    Den mchtigen Obern meines Ordens, die in diesem Hause, welches unter ihrer
besonderen Macht steht, schon manche von der Welt verfolgte Unschuld gerettet
haben, denen seid auch Ihr verpflichtet. Aber kmmert Euch um diese
Verpflichtungen nicht, Euer Verwandter wird diese Ansprche dereinst anerkennen
und sie zu belohnen wissen. -
    Und, Sir, fuhr sie fort, und Unruhe und Bekmmerni malte sich in ihren
Zgen, stehe ich nicht unter dem Einflu der schrecklichen Frau, oder wie bin
ich vor ihr zu sichern? -
    Ihr werdet derselben Frau im Laufe des Tages noch vorgestellt werden und
Euch dann selbst berzeugen, da, wer nicht bei Nacht sich muthwillig ihr
entgegen stellt, bei Tage nichts von einer Unglcklichen zu leiden hat, die bei
uns allen den hchsten Anspruch auf Mitleiden und sogar auf Achtung besitzt. Ein
hchst bewegtes und der weltlichen Begierde ergebenes Leben sucht sie gut zu
machen durch eine fromme Hingebung an die heilige Mutterkirche, und sie hat ihr
vterliches Schlo seit dem Tode ihres Gemahls, der so wirksamer Reue
unzugnglich war, zu einem Aufenthalt der ehrwrdigen Schwestern gemacht, in
deren Kloster sie als Kind erzogen ward, und zu denen sie jetzt sich mit
heiligen Gelbden wieder bekannt hat. Ihr werdet unter den Frauen dieses Hauses
wrdige Gesellschaft finden, und vor allen in dem Umgang mit Schwester Electa,
die Ihr hier saht, ein wahrhaftes Vorbild christlicher Tugenden und weiblicher
Demuth erkennen. Wie auch Eure Glaubens-Meinungen abweichen mgen, zweifle ich
doch nicht, Ihr werdet der frommen Eintheilung des Tages Euch anschlieen, da
sie Euch eine wrdige Beschftigung mit den hchsten Gegenstnden menschlicher
Betrachtungen sichert. Um ein mgliches Aergerni schwacher Seelen zu verhten,
namentlich um die ngstliche Empfindlichkeit Eurer Wirthin nicht zu reizen, die
sich schwer berzeugen lie, da Ihr Euch hier nicht als Sptterin eindringen
wolltet, bitte ich Euch sogar die einfache Kleidung des Hauses anzulegen und so
den Frieden zu sichern, den man Euch dann ungestrt wird genieen lassen.
    Wie, rief Lady Maria mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit, ich sollte das Gewand
einer Nonne anlegen? Ich, eine Protestantin, sollte, wenn auch nur in dieser
Aeuerlichkeit, den Schein einer Handlung annehmen, die mich von der Kirche
trennte, der ich durch Geburt und Ueberzeugung angehre? Nein, Sir, das ist
nicht Euer Ernst, oder Ihr denkt sehr gering von dem Eifer, den wir unserer
Lehre zuwenden. Ich will mich der Ordnung des Hauses, das mir Schutz verleiht,
fgen, aber ohne mich Gebruchen anzuschlieen, die man mich gelehrt hat, als
unvertrglich mit der reinen Lehre des Evangeliums anzusehn. Sicher verspreche
ich Euch, durch ein ehrerbietiges Betragen jede Besorgni wegen einer unwrdigen
Sptterei zu verbannen; aber in dem Maae, wie ich dies thue, soll man auch
meine Ueberzeugung ehren und sie nicht als verchtlich ansehn, da sie sich
hinter einen Schein von Lge verbergen mte.
    Als Maria Alles gesagt hatte, was ihr aufschwellendes Herz ihr eingab,
gewahrte sie erst den ernsten, vorwurfsvollen Blick des Priesters, womit dieser
die heftigen Worte der Gereizten begleitete. Nachdem sie sich gesammelt, schien
ihr, diesem stillen Vorwurf gegenber, ihre ganze Rede nur der Ausbruch einer
Heftigkeit, die sie sonst stets in sich anfeindete.
    Das Stillschweigen, welches Pater Clemens zu beobachten fortfuhr, verstrkte
den Vorwurf, den sie sich aufnthigte, und schnell zu ihrer eigensten Natur
zurckkehrend, redete sie mit ruhiger, doch schchterner Stimme fort:
    Ich fhle, was Ihr sagen wollt, ehrwrdiger Herr, und sehe ein, da ich
heftiger war, als Euer Vorschlag rechtfertigt. Wenn ich Euch tadelnswerth
erscheine, so verzeiht mir; der eigne Vorwurf hat mich erreicht, und Euch wollte
ich nicht wehe thun.
    Schweigend senkte Pater Clemens das Haupt und erhob sich langsam, indem er
gesonnen schien, das Frulein ber die Aufnahme ihrer Entschuldigung im Zweifel
zu lassen. Sein Auge hing am Boden, er grte sie feierlich und verlie das
Zimmer ohne die geringste Erwiderung.
    Als die Thr sich hinter ihm schlo und die unglckliche Maria sich allein
sah, da berwltigte sie das Gefhl ihrer trostlosen Lage, und sie sank in
Thrnen aufgelst auf den Teppich hin, ihren Kopf in den Polstern des Lehnstuhls
bergend. So verlassen hatte sie sich noch nie gefhlt. Das Zrnen des Paters,
die Art, wie auch er sie jetzt verlie, machten ihr erst fhlbar, welch eine
Sttze er ihr geworden, und wie erschreckend und trostlos sich ihr Leben
gestaltet hatte, da ein Blick ber dasselbe ihr sagte, da alle ihre Hoffnungen
niedergesunken und sie von Allen getrennt sei, denen sie vertrauen durfte, und
die es frher oder spter jemals gut mit ihr gemeint.
    Zum ersten Male fhlte sie in ihr sonst so gesundes Herz eine Muthlosigkeit
einziehn, wovor sie bisher ihr starker Karakter, ihre Jugend und alle ihr
vorschwebenden Hoffnungen bewahrt hatten. Krperlich ermattet, von den
Eindrcken dieses Hauses, zu dessen dstern Geheimnissen sie sobald gelangen
mute, erschreckt, verfiel sie in eine bisher unbekannte Furcht, und unbestimmte
Sorgen fr ihre persnliche Sicherheit nahmen ihr vllig die Freiheit des
Geistes, die ihr sonst eigen war.
    Sie fhlte dies selbst; aber sie konnte nicht einsehn, wie viel sie ihrer
Krperschwche davon zurechnen mute. Doch alle Umstnde ihrer Lage schienen ihr
allein schon geeignet, sie nieder zu beugen, und diese Ansicht versenkte sie in
eine widerstandlose Betrbni.
    Sie lie ihren Thrnen freien Lauf, und eine Flle von Wehmuth drngte sich
aus ihrem Busen. Weinend liegen zu bleiben, bis alle Schmerzen ausgeweint wren
und sie sterbend sich auflse, schien ihr das Einzige, was ihr brig geblieben.
Dies hoffte sie in der schmerzlichen Abspannung ihres Geistes, dahin deutete sie
die berhand nehmende Schwche ihres angegriffenen Krpers, darnach sehnte sich
ihr ermdetes Herz. Aber es ist selten der Wille des Himmels, unsern Krper zur
Zerstrung an unsere Seelenschmerzen zu bergeben. Nur wer zum ersten Male den
Umfang einer Trostlosigkeit kennen lernt, die ihn schnell von allen gewohnten
Banden des Lebens ablst, hofft und erwartet sie durch den Tod gelst zu sehen.
Eine andere Wechselwirkung ist uns aufgegeben, ein anderer Sieg dem
schmerzbeladenen Geiste aufgehoben! Gegen unsern befangenen Willen bleibt die
zarte Krperhlle fr die in ihr tobenden Strme ausreichend, bis wir den
Frieden mit allen Erscheinungen in und auer uns schlieen, und, erstarkt im
Kampfe, weder unsere Auflsung hoffen, noch sie zu wnschen wagen. Wer aber
einen tiefen, umfassenden Schmerz erlebt, der ihn aus allen Freudentempeln der
Vergangenheit scheuchte, der erwacht zum Weiterleben, wie ein Verbannter, der
fern von dem Boden der Heimat, wo sein Glck und seine Lieben wohnen, an der
fremden Stelle nichts sucht und erwartet, und als ein stiller theilnahmloser
Gast, als ein neid- und freudloser Beobachter die Schtze der Erde nicht mehr
fr sich vorhanden glaubt. Oft geht der Unglckliche diesen Weg, ohne zu ahnen,
da es der Weg zu einer lichtvolleren Erkennung des Lebens ist.
    Lady Maria stand nach einigen Stunden erschpfenden Schmerzes von ihren
Knien auf, und blickte sich kalt und gleichgltig an, als ihr blasses, leidendes
Gesicht aus dem Spiegel zurcksah. Sie htte keine Fremde gefunden, die ihr
gleichgltiger geschienen htte, als sie sich selbst. Nur eine dumpfe
Vorstellung des Erlebten und der augenblicklichen Lage war ihr nach so vielen
Anstrengungen und Erschtterungen geblieben, nur eine klagenlose Ergebung, eine
vllige Muthlosigkeit, gegen ihr Schicksal anzukmpfen; und htte man jetzt den
Schleier der Ursulinerinnen ber sie geworfen, sie wrde ihn lchelnd als eine
Wohlthat empfangen haben. Diese Stimmung hatte Zeit um sich zu greifen, denn ob
absichtlich oder zufllig, ihre Einsamkeit ward bis zur Mittagszeit nicht
gestrt.
    Margarith meldete ernst und schchtern, da das Mittagessen aufgetragen sei,
und sie folgte ohne Erwiderung der Meldung. Aber der alte Diener, der heute in
ein festes Schweigen gehllt sie bediente, mute voll Erstaunen die leidenden
Zge des schnen Fruleins und ihr gnzlich verndertes Wesen betrachten. Sie
grte mit dem mden Haupte, ohne da ein Lcheln den stummen Gru belebt htte;
unberhrt blieben die Speisen vor ihr stehn, und sanft wies ihre Hand den
kleinen goldnen Becher zurck, dessen Inhalt sie noch gestern so wohl zu
schtzen gewut. Miklas und seine Tochter wechselten Blicke, und auch der Vater
konnte die Theilnahme nicht unterdrcken, die sich in einzelnen Tropfen aus den
Augen der Tochter stahl. Lngst hatte man auch die letzte Schssel unberhrt
hinweggenommen, und harrte, da Maria sich erheben wrde; aber in tiefes Sinnen
verloren, gab sie kein Zeichen, da sie sich ihrer Lage bewut war. Mit der
ganzen Geduld wohlerzogener Diener hielt der Alte diese Probe aus; doch ehe er
es verhten konnte, kniete Margarith neben dem Frulein nieder.
    Liebe, theure Lady, wollt Ihr Euch niederlegen, sprach sie weinerlich, Ihr
mt sehr krank sein.
    Als ob ein Schu an ihr Ohr gefallen, so schreckte die gebeugte Gestalt
Maria's bei diesen Worten empor, und schnell aufstehend rief sie hastig und
tonlos: Was willst Du? Wie? Wo soll ich hin?
    Wollt Ihr nicht ruhen, liebes Frulein? sprach Margarith, noch schchterner
durch die Aufnahme ihrer ersten Worte. Ihr scheint der Ruhe zu bedrfen.
    Ja, Ruhe, Ruhe! seufzte Maria, die habe ich nthig, sehr nthig; wo aber
sagst Du, da ich sie finden soll?
    Auf Euerm Bette, erwiederte die Kleine ermuthigt, lat mich Euch dahin
fhren.
    Trumerisch blickte Maria die geschftige Dienerin an, und mit einem
Seufzer, der ihre Brust zu sprengen schien, lie sie sich hinwegfhren.
    Der Abend breitete schon seine Schatten ber das Schlafzimmer Maria's, auf
dessen Bette sie unruhig athmend lag, in jenem Zustande von Fhllosigkeit, womit
wir oft einen Zeitraum fllen, in dem geistige und krperliche Ermdung uns
wohlthtig gegen den Schmerz abstumpfen, dessen Opfer wir wurden. Maria dachte
wenig, und die tiefe Stille, die sie umgab, da Margarith, ob aus eigenem oder
fremdem Antrieb, schweigend in einem Eckchen ihrer Befehle harrte, lie sie eine
Abfindung mit dem Leben trumen, eine Trennung von der Welt, an die sie mit
Befriedigung dachte. Sie schauderte daher erschreckt auf, als ein dunkler
Schatten vor dem Fenster vorber nach ihrem Bette glitt, denn sie fhlte Furcht
vor neuen Erschtterungen, und ihr erster Gedanke war, das grauenhafte Wesen der
Nacht zu sehn. Beschwichtigend drangen daher die sanften Sprachlaute der
Schwester Electa zu ihr nieder.
    Der Friede des Herrn sei mit Euch, Mylady, so redete die feine Gestalt sie
an, indem sie, ber den Fuboden hinschwebend, dem Bette nahte. Ich wollte Euch
meine Dienste anbieten, fuhr sie fort, und Euern Arm verbinden.
    Maria richtete sich mhsam auf, erwiederte leise den ersten Gru und gab
sich willig den Bemhungen hin, welche der weibliche Arzt mit groer
Geschicklichkeit bernahm. Als dies Geschft beendigt, zgerte die Schweigende
noch einen Augenblick und betrachtete das bleiche Gesicht ihrer Pflegebefohlenen
mit Theilnahme.
    Ihr seid auch im Uebrigen leidend, liebe Lady, und Eure Hnde haben
Fieberwrme; soll ich Euch einen khlenden Trank bereiten? -
    Habt Dank, erwiederte Maria, mir ist ganz wohl, und nur mein Kopf entbehrt
Ruhe, Ruhe! es ist schwer, sie zu finden, daher bin ich geduldig, da sie mir
fehlt.
    Ruhe, hob Electa an, Ruhe kehrt nur ein, wo wir mit frommem Vertrauen, was
auer uns liegt, an die Regierung dessen verweisen, der ber alle Erscheinungen
der Erde wacht.
    Ich hoffe, sagte Maria, ich befinde mich noch auf dem Wege des Vertrauens,
den Ihr bezeichnet, aber ich bin jetzt keines klaren Bewutseins fhig. Eben
mein Kopf hindert mich; es ist Alles abgerissen, ohne Folge und Ausdauer; nur
hier, setzte sie seufzend hinzu, ihre Brust berhrend, hier fhle ich eine
niederbeugende Last.
    Nichts beugt uns tiefer, erwiderte die ernste Gefhrtin mit Sanftmuth, als
wenn wir von der unruhigen Begierde, das Leben nach unserm Willen zu lenken,
abstehen mssen und unsere geringen Krfte kennen lernen, welche Jugend und
Unerfahrenheit uns berschtzen lassen. Doch diese Erkenntni ist mehr, als
alles Andere, eine Gnade des Himmels, und kein seres Glck ist, als still
harren auf den Willen des Hchsten.
    Ja, sagte Maria, unwillkrlich Antheil nehmend, ich habe eine Ahnung von dem
Frieden der Seele, in dem jeder Widerstand sich auflst, weil der Einklang
gefunden ist mit uns und der Auenwelt. Aber dies ist das Ziel, nicht der Weg.
Nimmer mgen wir dahin gelangen, wenn wir uns nicht in der Theilnahme aller
unserer Krfte, kmpfend und wieder kmpfend, und zu immer neuen Fragen ans
Leben bereit erhalten, bis wir alle Antworten vernommen haben, die mglich sind,
und nthig zum Frieden mit uns selbst; und wenn dazu Muth und Krfte schwinden,
setzte sie schwermthig hinzu, dann ist uns das Hrteste geschehen.
    Ach, seufzte Electa nach einer kleinen Pause, junges khnes Gemth, wie
gefhrlich ist ein dergestalt herausforderndes Treiben. Der Frieden, den ich
meine, ist ein Gnadengeschenk des Himmels, das hernieder fliet, ohne unser
Verdienst, ohne unser khnes Ringen. Ich verstehe Euch zum Theil nicht, doch,
wie mir scheint, glaubt Ihr diese Gabe Euch selbst mit Euern menschlichen
Krften erwerben zu knnen. Vergebt, aber mich schaudert vor dem Gedanken, das
hchste Gnadengeschenk durch den Hochmuth der Menschen verunglimpft zu sehn. Die
Welt ist die Versuchung, der wir entsagen sollen, um Frieden zu finden. Wir
knnen nicht mit der Welt im Einklang sein und zugleich auch mit dem Willen
Gottes, denn die Welt verlockt uns stets zum Widerspruch gegen denselben, ehe
wir Alles in ihr als eine Versuchung zum Bsen ansehen lernen und ihr gnzlich
absagen.
    Mein Geist ist mde und schwach, erwiederte Maria sanft, und ich mchte Euch
kein Aergerni geben, da Ihr sicher gefunden habt, was Ihr als ein unmittelbares
Gnadengeschenk Gottes anseht.
    Nein, nein! unterbrach Electa hier die angefangene Rede mit mehr Eifer, als
Maria diesem stillen Wesen zugetraut. Nein, glaubt nicht, da ich zu den
Gewrdigten des Herrn gehre, denen er seinen Frieden gab. Wenigen nur wird so
groer Lohn zu Theil, Wenigen nur; und ich trage den Fluch der Welt noch auf
meinem verlockten Geist, und mein Gebet ist unfruchtbar und kann diese Seligkeit
nicht hernieder flehen. Zehn Jahre sind es, da ich in wahrer reumthiger
Erkenntni einer Welt entsagt, die den Gesetzen christlicher Demuth Hohn
spricht, und die empfangene Snde hat noch ihren Stachel in mir zurckgelassen.
Und Ihr, armes junges Wesen, scheint in dieser Welt und unter allen ihren
zahllosen Verlockungen die Erlangung des Friedens zu hoffen, der selbst da
ausbleibt, wo alle Versuchungen der sndigen Welt vor diesen heiligen Mauern
umkehren.
    Maria konnte nicht ohne Theilnahme die tiefe Zerknirschung, den peinlichen
Zustand der armen Seele sehn, die unter dem Schleier stiller Ergebung ein so
unruhig kmpfendes Herz barg.
    Es ist nichts so wirksam, ein edles Gemth aus den Banden des eignen Kummers
zu erlsen, als der Blick auf ein fremdes Seelenleiden, welches bei jungen
Personen berdies noch stets den Wunsch belebt, einwirkend zu helfen; whrend
lngere Erfahrung uns die Unzulnglichkeit dieses frommen Eifers einsehen lt
und uns mehr blos zum theilnehmenden Zuschauer macht.
    Ihr fandet also auf dem eingeschlagenen Wege nicht den Frieden, nach dem Ihr
trachtet? hob Maria nach einer kleinen Pause gutmthig forschend an. Ihr httet
Euch in der Welt erst mit ihr vershnen mssen, jetzt steht sie wie eine Feindin
hinter Euch, und der Ha, den Ihr empfindet, strt eben Euern Frieden, und er
kmmt nimmer von Gott. Seine Welt ist eine heilige Offenbarung, und unsere
Unvollkommenheit ist es, wenn wir sie mit Snden belastet sehn.
    Sprecht nicht so, Ihr wit nicht, was Ihr sagt, und da Ihr im Irrthum seid!
Es ist Gottes Wille, da wir die Welt hassen sollen, um uns davon los zu reien
und dem Himmel in seiner reinen Herrlichkeit uns zuzuwenden. Um der
Unsterblichkeit unserer Seele willen mssen wir den ewigen Tod der Snde
fliehen; uns kann nur Ruhe in dieser Welt, Vershnung in jener werden, wenn wir
die Versuchung hassen lernen und im Gefhl unserer Schwche davor fliehen. Ihr
seid noch in der unglcklichen Sucht befangen, Euch selbst zu berathen, daher
hofft Ihr so weltlich, weil das Weltliche Eurer sndigen Neigung zusagt. Erst
wenn wir uns selbst verlassen und die ganze Last unserer Verantwortung einem
Gotterfllten Fhrer anheim stellen, erst dann sehen wir ein, wie nutzlos wir
uns abmhten in der eigenen regellosen Thtigkeit. Eine Gnade Gottes ist der
geistliche Gehorsam, dem wir allein dann angehren, und von bevorrechteter
geistlicher Erkenntni gelenkt, werden wir von der Snde entfernt. -
    Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr, sprach Maria, da jene Gotterfllten,
bevorrechteten Fhrer fhig wurden, uns Irrende zu leiten und verantwortlich fr
uns zu werden? Glaubt Ihr nicht, da sie mit sich selbst erst anfingen und der
Selbstberathung nicht berhoben waren, um ihren Geist zu der Hhe zu fhren, die
sie nun erst fr Andere zu einem schtzenden Vormund ihrer schwchern Seele
macht?
    Die heilige Kirche, erwiederte Electa, verleiht ihren Dienern, ohne sie
durch die befleckenden Wege gewhnlicher Menschennoth zu fhren, die Hhe und
Heiligkeit, von welcher den Schwchern mitzutheilen sie berufen sind. Ein ganzes
Leben, in heiliger Einsamkeit und Unschuld zugebracht, ein Leben, an das nie ein
irdisches Verlangen streifte, ein Leben, da durch die Satzungen der Kirche ber
uns so weit erhoben ist, soll von uns nicht mit dem Maastabe gemessen werden,
der unser eignes irdisches, unvollkommenes Dasein uns giebt. Wenn ihnen Kmpfe
aufgegeben sind, wie uns allerdings die Geschichten der Heiligen sagen, so sind
diese so weit ber denen, die wir zu bestehn haben, da ihrer theilhaft zu
werden, schon eine Heiligung fr uns wre. Die Noth, die uns beugt, liegt als
ein unbekanntes Gebiet weit ab von ihrer Bahn; und doch suchen sie den
Seufzenden dort auf, doch wissen sie ihn zu finden, und die reine Atmosphre
ihrer Nhe, zu der sie uns hinziehn, ist der Anfang, womit sie uns Schauder
erregen vor unserer weltlichen Gestaltung. Denn allgemach zu dem Muthe zu
erstarken, die Seele aufzuthun, die Snde auszusprechen, von der wir uns selbst
nur ein lgenhaftes Gestndni abzulegen vermgen, die Wahrheit aufgedeckt zu
hren von dem geheiligten Munde des Reinen, Untadeligen und uns selbst baar von
jeder Tuschung zu erkennen; ferner in der Angst und Qual der Snde, die uns
dann befllt, an ihn uns festhalten und uns nicht verloren halten zu drfen, so
lange wir ihm gehorchen, ja von ihm die Last unserer Snde getragen zu fhlen,
ihn verantwortlich dafr gemacht zu sehen, wenn wir blos befolgen, was sein
heiliger Mund gebietet - wie wre damit die eitle Sucht zu verbinden, die Retter
unserer Seele selbst auf eine Linie der Betrachtung mit uns zu stellen, da sie
doch so hoch ber uns stehn.
    Es mu ein schnes Loos sein, das gefunden zu haben, was Ihr schildert,
erwiederte Maria. An einem hochbegabten reinen Geist in unserer Nhe uns
aufzuranken und in seiner Klarheit leicht zu erkennen, wo in uns selbst es
dunkel blieb; Wahrheit gebend und empfangend, sich auszuheilen von dem leicht
gehegten Schein derselben, das ist ein seliges Loos; wer es gekannt, und einsam
dann verbleiben mu, der welkt am Boden frher hin.
    England, rief hier Electa mit heiligem Eifer, ist arm geworden an dem
heil'gen Troste, den ich meine, und darum verwirrt ein irres Suchen dies arme
Land. Der Snder will vom Snder Schutz, der von derselben irdischen Noth
belastet seufzt, und der fr den Leidenden an seiner Seite nur dieselbe Qual zum
Austausch der Empfindung, nicht aber die Kraft zu entsndigen erhalten hat.
Alle, die dem neuen Geiste frhnen, alle die, gleich Euch, Mylady, wie mir
ducht, an weltliche Bande denken bei dem, was ich auf jene hhern Geistlichen
bezog, die werden welk werden vor der Zeit. Denn es ist zwar noch die Wurzel,
die ihrer inneren Natur gem Zweige und Ranken treibt, aber die Hand des
Grtners fehlt, die sonst empor das strebende Gewchs gezogen htte; sich selbst
berlassen, berwchst sich der Keim, erstickt in eigener ungeregelter Flle und
welkt am Boden hin. -
    Dies Gleichni scheint Ihr, gute Schwester, auf unsere Kirche zu beziehen,
und fragen mchte ich Euch dagegen, ob Ihr denn die Eure noch auf dem
Standpunkte glaubt, den Ihr so eben schildertet, und der sich allerdings in
ihrer frheren Entwickelung vorfand. Nie habe ich ohne Achtung und Verehrung der
frommen Mnner denken knnen, welche zuerst die Inbrunst ihrer Liebe und
Anbetung unter jenen Formen darzustellen strebten, worin nach ihnen so viele
Tausende mit gleicher Inbrunst ihr heies Andachtsgefhl versenkten, und es
heiligten und heilig bertrugen, durch das unschuldige Verlangen, das Hchste,
was uns gegeben ward, zu ehren. Sie hatten sicher einen gttlichen Ruf
empfangen, und erstaunenswrdig bleibt, was ihnen in einer Weltherrschaft
gelungen, welche ohne Beispiel in der Geschichte steht, und deren Segensflle in
allen Richtungen nachzuweisen ist. Doch eben sie, die Geschichte, lehrt uns auch
die ganze Stiftung als ein Menschenwerk betrachten, das der Welt seine groen
Dienste that, und, des Inhalts entledigt, den das Bedrfni erheischte, nun leer
geworden ist und den Gang alles Irdischen, allmligem Verfall entgegen geht.
Noch sind einzelne Seelen mit ihrer frommen reinen Liebe vermgend, einen Sinn
hinein zu legen, dem ihrer ersten Stifter hnlich. Aber dies ist individuell, es
ist nicht mehr das Werk, der Geist der Kirche! Haltbar ist nicht, was Basis
einer Weltentwickelung war, die, erreicht, nun ein anderes Bedrfni sucht und
findet; und so, erlaubt es mir zu denken, ist die Reformation entstanden, nicht
Menschenwerk dem Menschenwerk entgegen, sondern nothwendige Entwickelung der
Menschheit in sich, das Bedrfni eines hheren Lebens im Geiste, unabhngig von
dem Verhltni berechtigter Menschen, der Priester, zu unberechtigten, den
Laien: mit einem Wort, ein Leben mit Gott durch den freien Genu des
Evangeliums.
    So bin ich gelehrt worden zu denken, und so sehe ich Eure Kirche nicht
tadelnd, aber als ein ehrwrdiges Vergangenes an, und wei gar wohl von ihrem
wahren Inhalt zu trennen, was nothwendig mit ihrem Verfall als Snde sich von
ihr aus verbreitet hat. -
    Unglckseliges Kind, sprach hier Electa, sich bekreuzigend, welch ein Geist
spricht aus Euch? Ach, Herr, Herr! Du prfst mich hart in dieser Versuchung,
warum mu ich, die Schwache und Ohnmchtige, unsere heilige Kirche angreifen
hren? Warum mu ich in ein Gemth blicken, das sicher geworden ist in so
schrecklicher Verlugnung! -
    Es war nicht meine Absicht, Euch weh zu thun, unterbrach Maria die
Erschtterte in ihren Klagen; ich war eben nicht in der Stimmung, so ernste
Dinge mit Euch zu erwgen. Ihr selbst habt mich dazu belebt, und die einmal
gewonnene Ueberzeugung zu unterdrcken, fehlt mir jede Anlage. Glaubt nicht, in
mir eine verhrtete Seele zu finden, ich hoffe eine Christin zu sein, und mein
Herz ist voll von dem Glauben an die Offenbarung. Lat uns damit beschlieen;
wir mchten sonst weit ber unsere Befugni uns hinausreden.
    Und jetzt trat Pater Clemens zu ihnen, von dem es ungewi blieb, ob er ein
Zuhrer gewesen, da sein gelegenes und geruschloses Herzutreten die Antwort der
jetzt sich entfernenden Schwester Electa verhinderte, und es im Zweifel blieb,
ob sie nachgiebiger oder zurckstoender ausgefallen sein wrde.
    Maria richtete, sichtlich erfreut, sich ihm entgegen, und es war nicht zu
bersehen, wie sie, hold ihn anlchelnd, auf dem einzigen ihr gebliebenen
bekannten Gesicht ein Wohlwollen suchte, das sie bei der Fremdheit und
Verlassenheit ihrer Lage festzuhalten strebte. Aber Pater Clemens vermied den
Blick dieses wiederbelebten Auges, und nachdem er sanft, aber kurz nach ihrem
Befinden gefragt, kndigte er ihr trocken an, da er komme, ihr Lebewohl zu
sagen, da er vor Nacht das Schlo verlassen werde.
    Bei dieser Nachricht fhlte sich Maria wie von einem betubenden Schlage
gelhmt, und gleich darauf von einer Fluth so niederschlagender und angstvoller
Vorstellungen berwltigt, da sie fast einen Schrei ausstie und wie vor einem
Schreckbilde ihr Gesicht verhllte. Pater Clemens fuhr inde, ohne sich davon
scheinbar bewegen zu lassen, mit Ruhe fort: Ihr findet hier ehrenvollen Schutz
und alle Gelegenheit, Euern Geist in die Stimmung zu bringen, die Eurer Zukunft
die entsprechendste ist. Es wird Euch an belehrendem Umgang nicht fehlen, Ihr
werdet Euch Liebe und Wohlwollen erwerben knnen, und jede Theilnahme finden,
die der Tugendhafte stets fr alle wahren Interessen des Lebens empfindet. Vor
Allem aber denket mit Dankbarkeit gegen Gott daran, da Ihr durch die Boten
seiner Gnade auf Erden aus den Fallstricken des Lasters errettet seid.
    Indem mein Auftrag an Euch hiermit vollendet ist, setzte er mit weicherer
Stimme hinzu, empfehle ich Euch dem Schutze des Himmels und will Gott bitten,
Euerm Geiste diejenige Stimmung zu verleihen, die Euch den Frieden in Euch und
zu Euern Umgebungen sichert. Der Herr segne Euch und - - - Maria fhlte eine
kalte Hand auf Ihrem Scheitel, und den angefangenen Segen, dem nun die schnelle
Trennung folgen sollte, unterbrechend, ergriff sie die Hand des Mnches und
zeigte ihm mit dieser raschen Bewegung ihr rhrendes, von Schmerz und Angst
entstelltes Angesicht.
    Nein, nein! Ihr knnt mich nicht verlassen wollen, rief sie bebend, so den
letzten Trost nicht von mir ziehen; Ihr wollt mich bestrafen fr meine Ungeduld
am Morgen, mich noch mehr erschrecken. Nein! rief sie lebhafter, seine Antwort
unterdrckend, Ihr knnt mich in dieser fremden Welt nicht ohne Schutz lassen.
Bleibt nur hier, ich bitte Euch! Still will ich sein und Euch gehorsam, wie ein
Kind dem Vater; Alles will ich thun, was die schreckliche Gebieterin verlangt,
denn mein Inneres kann ich behten, und das Aeuere zu befolgen, soll mich
Demuth lehren und Nachsicht gegen fremden Willen. Ich will das dstere
Nonnenkleid anlegen, fuhr sie fort, die steigende Bewegung des Pater Clemens
nicht sehend, ja, ich will hinab steigen in die finstere Gruft, wo Ihr Gott
dient, und hier, wie da, werde ich beten knnen. Aber geht nicht fort, wenn Ihr
nicht den Tod ber meinen gengstigten Geist hernieder rufen wollt; oder mt
Ihr fort, so nehmt mich mit. Frchtet nicht fr mich auf einer vielleicht
beschwerlichen Reise. Ich will Alles entbehren, was die Pflege des Krpers
erheischt, ich will mit Euch zu Fue wandern; ich habe Krfte, glaubt mir. Ach,
erdrckt nur nicht den Geist in mir, raubt dem Herzen nicht den letzten
Hoffnungsstrahl, und Ihr sollt mich ausdauernd finden und unermdlich in Allem,
was Ihr begehrt.
    Pater Clemens hatte nicht ohne Rhrung und Erstaunen ihren Worten gehorcht.
Maria hatte in ihrer Angst die Kenntni der unterirdischen Kirche verrathen, und
ihm zugleich eine Anhnglichkeit und ein Vertrauen gezeigt, da er seinem Herzen
nicht wehren konnte, zu berlegen, ob den Geboten Genge zu leisten sei, die ihn
von ihr vertrieben. Aber es konnte nur ein kurzer Kampf mit seinem menschlichen
Gefhle sein; schnell kehrte der gewohnte Einflu des Gehorsams wieder, und er
suchte sich mit der Hoffnung zu trsten, ihr Schicksal knne noch in dem hhern
Willen seiner Obern eine bessere Wendung nehmen.
    Ich mu Euch zwar hier verlassen, hob er daher bald gefat an, als ihr Blick
ngstlich seiner Antwort entgegen sah, doch geschieht dies mit der innigsten
Ueberzeugung, da fr Euer Wohl damit gesorgt ist. Ich habe bei dem, was Ihr
mich thun seht, keine freie Wahl, mir steht nicht zu, zu ndern und zu klgeln,
mir fehlt die Uebersicht von dem, was nthig ist; es wird erreicht, indem ein
Jeder ohne Einspruch auf seinem Platze das Befohlene thut. Dies gengt uns und
ist Erfllung unseres Berufs.
    Ha! rief Maria, sich erhebend und mit glhenden Wangen vor ihn tretend, wo
ist die frchterliche Gewalt, die Euern hellen Geist in solche Knechtschaft
zwngt? Wer seid Ihr, da Ihr das hohe Recht der Menschen aufgegeben, frei der
eigenen Ueberzeugung zu folgen? Wie hat man es vermocht, Euch so in Fesseln
einzuschlagen, da Ihr Euch der freien Berathung mit Euch selbst entzieht, und
blind und ohne Zweck ein abgerissenes Dasein lebt, unwissend, ob der Weg, den
Ihr mit festgeschlossenen Augen geht, derjenige sein wird, auf dem Ihr vor Gott
dereinst wnschen werdet Euch befunden zu haben! Ist das die Stimme des
Gewissens, der wir folgen sollen, die Euch von dem verlassenen Wesen fortruft,
welches, verlockt durch falsche Kunst, aus ehrenvollem Schutz getrieben, hier
unter grauenhaften Umstnden von neuen, dunkel drohenden Gefahren sich umgeben
sieht? O, werft ein so fremdes Wesen von Euch, gehorcht dem heiligen Geiste, der
in der Brust des bessern Menschen Thun und Lassen richtet! O, da ich Euch
rhrte, fr Euch selbst, fr mich!
    Es entstand eine Pause. Der Pater war in eine Stimmung gebracht, die ihn
entsetzte; doch in dem Maae, als er, was er eben vernommen, innerlich wie eine
harte Versuchung zu bezwingen trachtete, ri er sich mit seiner ganzen Kraft
davon los, und erwiederte mit mehr Klte und Hrte, als zu erwarten war:
    Haltet ein mit Euern unbesonnenen Reden; Euer Verstand ist ein keckes Ding
und berbietet mit leichten Worten schnell jedes Maa, womit Ihr wenigstens
trachten solltet, das zu wrdigen, was fremd oder widersprechend erscheint.
Lernt erst begreifen, da, wer zu gehorchen vermag, in sich einer grern Kraft
bedarf, als zum Widerstehen gehrt, da nur der mit Ruhe die uere Freiheit
aufgiebt, der sie nach Innen gesichert hlt, und da der Weg kein fremder ist,
auf welchem das Panier des Heilandes weht. Eben darum verstummt die neugierige
Frage, ob seine Bahn auch rauh und de, ber Fels und Trmmer, durch stille, nie
bemerkte Thler fhre. Ihr wit es selbst nicht, wie ich in Euerm Wesen eben
jetzt die Weisheit derjenigen verehre, die Euch hier zur Erkenntni Eurer selbst
die Gelegenheit geben. -
    Scheltet mich, wie Ihr wollt, rief Maria, schnell seine weitere Rede
hindernd, aber verlat mich nicht; stellt mich so unmndig dar, wie Ihr wollt,
berzeugt Euch nur, da ich um so mehr Eures Schutzes bedarf. Ich glaube, da
Ihr mich kennt, und Eurer Weisung will ich gehorchen; aber schweigt mir von der
fremden Macht, von der ich mich gekannt denken soll. Oder, fuhr sie pltzlich
ernster fort, ich mu glauben, wer ich bin, zu wem ich gehre, ist nur ein mir
vorenthaltenes Geheimni, und jene Obern tragen irgend eine Absicht, mich, die
Freigeborene, hier als Gefangene verschmachten zu lassen. O entsetzliches Loos!
Knnt Ihr es denken, dauert Euch meine Jugend nicht, nicht der Schmerz derer,
die mich vielleicht zu finden trachten, und denen ich hier widerrechtlich
vorenthalten bin?
    Ihr werdet mit dieser Art, die Umstnde anzusehen, erwiederte der Pater,
unter die Ihr Euch fgen mt, Euer Loos schwerer machen, als es der Wahrheit
nach zu nennen ist. Nehmt die Dinge so einfach, wie sie vor Euch liegen, und
berlat es der Zeit, die Vernderungen darin hervor zu rufen, die der Himmel
Euch bestimmt. -
    Ach, welch ein Rath, fr ein Herz, das in so kurzer Zeit alle Gefahren einer
schutzlosen Lage durchkmpfen mute, und sich nicht verhehlen kann, da es auf
sich, auf seine eigenen Krfte angewiesen ist, auf eine Erfahrung, so jung und
ungeprft, die, mu ich Euern Worten glauben, so unzulnglich sich erwies, da
es einer fremden Einwirkung bedurfte, um die schrecklichen Folgen des ersten
selbst gelenkten Schrittes abzuwenden. -
    Ihr solltet daraus lernen, wie wenig Ihr zur eignen Lenkung Euers Schicksals
berufen seid, und dankbar anerkennen, da Eurer Jugend diese Hlfe von einer
Seite kmmt, wo mit der reifsten und weit reichendsten Erfahrung der Wille sich
verbindet, sie zu Euerm Nutzen anzuwenden. -
    Nein, nein! Ihr berredet mich umsonst, diese heimlich waltende Macht als
eine wohlthtige anzusehen; ihre Anordnungen sind im eigenen Interesse, mit
Beschrnkung der Freiheit dessen angeordnet, dem sie zu helfen vorgiebt. Ich
will mich frei erklren. Ich verlange ber mich Gewalt zu haben; diese Mauern
will ich verlassen, und heute noch; ich will von Gott geschtzt den suchen, der
allein ein Recht hat, mir zu gebieten. -
    Da Ihr denn selbst diesem heiligen Schutze entsagt, so danket Gott, da
Niemand in diesen Mauern lebt, der Euch zu willfahren berechtigt ist. Ich warne
Euch noch ein Mal, ergebt Euch mit Gelassenheit in Eure Lage. Der Widerstand
mchte eine Aufmerksamkeit erregen, die Euer Schicksal auf eine Weise bestimmte,
wie Ihr sie am meisten frchtet, und wie sie jetzt vielleicht noch abzuwenden
ist, wenn Ihr still ergeben Euern aufstrebenden Geist verberget. -
    Ihr sprecht in Rthseln und lat doch ahnen, man habe mich zu andern Zwecken
hierher gebracht, als mich der Schande zu entziehen. Ihr wit mehr. Es ist
gewi, Ihr kennt die Absicht, die ber mich bestimmt, und seid nicht ohne
Mitleid, ohne Theilnahme. Erbarmt Euch denn und thut mehr; entreit mich dieser
Lage, die so viel Bedrohliches in sich schliet. Ich mu Euch vertrauen, obwol
Ihr Euch so klein, so gering als Diener jener fremden Macht bezeichnet. Ihr habt
ein Herz, ich wei es: Ihr knnt es nicht so sehr im Gehorsam ersticken, da es
Euch nicht sagte, was menschlich und gerecht ist. Frchtet nichts von meiner
heftigen Weise, die strker ist, als ich sie sonst in mir kannte, was ich jetzt
wohl fhle; denn die Krfte des Menschen, wenn sie erweckt werden, treiben gute
und bse Frchte, und, eingehegt von treuer Liebe und belebt vom reinsten
Vertrauen, kannte ich den Widerstand nicht, den ich heftig in mir sich regen
fhle, wo Beides aus meinem Leben nun verschwunden ist. Doch ich will mich gegen
Euch ganz bezwingen lernen; denn Euch mu ich am meisten jetzt vertrauen, wenn
ich auch wnsche, Ihr vertrautet in hherem Grade Euch selbst. Es sind erst
Stunden verflossen, seit mein Geist von einer Schwche befallen war, die, mir
sonst fremd, mich jetzt mit Angst erfllt. Ich glaubte sonst, der uern Noth zu
widerstehen, sei das Schwerste; aber ein tdtliches Grauen umschleicht mich,
wenn ich denke, der Geist wird endlich mde und schlft ein; im Schlaf knnte er
geschehen lassen, wovor ihm beim Erwachen grauete. Seht, sagte sie leiser und
mit kindlicher Furchtsamkeit ihm nahend, ich zittere fr das Heil meiner Seele!
Ihr knnt nicht lugnen, ehrwrdiger Herr, hier wird ein anderer Glaube, als der
meine, streng gebt, man wird mich ungern als anders Glaubende hier dulden, man
wird den Uebelstand durch Bekehrung heben wollen, und seit heute Morgen fehlt
mir der gute Muth, ich knnte siegend mir selbst getreu verbleiben. Ich sehnte
mich zu sterben in meinem Schmerze, und konnte nicht recht beten, und jeder
Trost, der lebenskrftig sonst aus meinem Glauben mir entgegen trat, war mir so
fern, wie hinter Nebeln ein Freund, den man nur schwach erkennt. Das knnte
wiederkehren; ich wei nicht, wie ich sagen soll; sterben mchte ich, nur nicht
den Rckschritt thun zu Eurer Kirche, und mglich halte ich ihn blos, weil mir
die neue Erfahrung geworden ist von meiner Geistesschwche. -
    Unglckliches Kind! sprach nach einer Pause der Geistliche mit mehr Gefhl,
als er sich gestatten wollte, Ihr rhrt mich, so sehr ich Euch im Irrthume sehe,
und darum desto mehr. Warum ward Euerm fhigen Geiste nicht von Jugend auf die
sanfte Lenkung unsrer Kirche zu Theil? Nicht Furcht, nicht Zweifel beugten dann
Euern Muth; Ihr wrdet in jedem Glaubensbruder die Verwandten wieder finden, die
Euch entrissen sind, wie Tausenden vor Euch. Das ist der Fluch von jener
Spaltung der wahren, vom Heilande eingesetzten Kirche, da Mensch vom Menschen
geschieden steht im irren Zweifel, da der Eine seiner Seele Heil nur dann
behtet glaubt, wenn er gering hlt und verachtet, was dem Andern heilig
erscheint. Wo ist der Anhalt in Eurer Kirche, wenn der Geist ermdet unterliegt,
wie Ihr eben an Euch selbst gewahrtet? Der Hochmuth Eurer Selbstgerechtigkeit
treibt Euch hinaus, weit ber die Grenzen Eurer wahren Kraft. Ihr unterliegt in
dem eiteln Treiben der Welt, und nirgends findet Ihr den Anhalt in dieser Wste,
nirgends den sichern Port, in dem Ihr ausruhen knnt, und Schutz und Hlfe
findet. Er ist nur im Schooe unserer Kirche, nur Eigenthum der frommen Mnner,
die in heiliger Betrachtung der gttlichen Dinge den Maastab fr die richtige
Wrdigung irdischer Noth gefunden. Sie allein vermgen uns zu sttzen, wo wir
erlahmen in dem wilden Jagen nach eitler Lust; und Ihr frchtet diese Sttze,
Ihr frchtet sie in dem Augenblicke, wo Ihr Euch schwankend fhlt in Eurem
stolzen Alleinsein. -
    Genug, ehrwrdiger Sir, unterbrach Maria hier den Eifernden schnell; zu sehr
mahnt mich Eure Rede daran, da ich nicht umsonst frchtete, in diesem Hause den
Angriffen Eures Glaubenseifers ausgesetzt zu sein. Nicht zum polemischen Kampfe
fhle ich mich gerstet, und billig solltet Ihr meinem Geschlechte und meiner
Jugend dies erlassen wollen, obwol, verhehlen will ich's Euch nicht, mir Einiges
beifllt, das darthun mchte, die Erde sei berall des Herrn, und Hinflligkeit
drcke ihren Stempel auf alles Menschen-Werk. Der Glaube, dem ich angehre,
giebt mir Kraft, und eben jetzt, mich aufzulehnen gegen falsches, unklares
Treiben. Frei bin ich geboren, und einem hohen Geschlechte gehre ich an, wenn
ber seinen Namen mir auch ein Gewebe gezogen ist, in welchem ich Wahrheit von
Trug nicht mehr zu trennen wei. Dem gem darf ich nicht leiden, da ich zu
unbekannten Zwecken unbekannter Menschen diene und mt Ihr mich verlassen, so
begehre ich mindestens durch Euch die kennen zu lernen, die hier gebieten, auf
da ich mich offen mit ihnen selbst verstndigen knne.
    Maria hatte ihre volle Energie wieder erlangt; ihr schnes Antlitz zeigte
Licht und Farben, ihr schlanker Wuchs hob kniglich sich hher, und der Ton
ihrer Stimme hatte die bebende Tiefe, die aus einem gekrnkten Herzen kmmt.
    Pater Clemens bersah dies nicht und fhlte wohl, wie wenig frs Erste diese
Stimmung geeignet sei, ihrem Schicksal eine bessere Wendung zu geben; aber diese
Betrachtung war zugleich mit einem warmen Gefhl der Theilnahme verbunden und
machte es ihm unmglich, ihren Vortheil ganz zu bersehen, ja, ihn beschlich
sogar ein Gefhl von Furcht vor derselben Macht, der er diente, als mte er sie
davor zu schtzen suchen. Vielleicht htte ein etwas ruhigeres Nachdenken ihn
dieser menschlichen Empfindung entzogen und ihn wieder zum Sklaven seiner
aufgenommenen Pflicht gemacht. Hufig inde bt eine wahrhaft edle Natur auf ein
mhsam bezwungenes Gemth, worin der edle Keim, berbaut von Absicht und
Sophisterei, begraben liegt, die magische Gewalt, belebend zu dem halb
Erstorbnen einzudringen. Es entstehen so oft Zeichen eines hhern Daseins in
einem sonst leer davon befundenen Leben, wunderbarer, als die Oasen in der
Wste, und vergnglicher und leichter berschttet von dem heien Sande des
ringsum herrschenden Bodens. Genug, der Pater zgerte nicht, ein Mensch zu sein.
    Wnscht diese Zusammenkunft nicht in dieser Stimmung, sagte er leiser, und
lat Euch warnen, den Geist nicht zu zeigen, der Euch belebt. Man frchtet eben
Euer hochstrebendes Gemth, und wenn man sich davon berzeugt hielte, wrdet Ihr
nie mehr diese Mauern verlassen drfen. Erschreckt nicht so heftig, sprach er
begtigend weiter, da er die blasse Stirn, den Schreck des edeln Wesens sah, Ihr
sollt nicht umsonst mir Vertrauen geschenkt haben. Haltet mich nicht zurck. Ich
kann Euch ntzlicher sein in der Ferne, und ich will es, wenn Ihr mir dagegen
feierlich gelobt, Euch hier mit Klugheit zu verhalten, durch keinen Widerspruch
eine zrnende Aufmerksamkeit auf Euch zu lenken, still ehrend Electa's und der
Andern Glaubenseifer zu begegnen, und ruhig den khnen Geist in Fesseln
einzuschlagen. Dann, fuhr er schwankend fort, glaubt man vielleicht, wenn ich zu
Eurer Freiheit Euch das Zeugni des beschrnkten Sinnes gbe - doch genug,
unterbrach er sich sichtlich bengstigt. Die Theilnahme macht mich geschwtzig;
ich hoffe, Ihr werdet mich nicht miverstehn. Ich ehre jede Absicht meiner Obern
und hoffe ihnen nicht zu nah damit zu treten, da ich zu Duldung und Gehorsam
Euch ermahnte.
    O, bereut nicht, edler Mann, was Euer menschlich Herz Euch sagen lie, rief
kindlich zrtlich hier Maria. Ihr habt genug gesagt. Kann ich auch den Grund von
diesem Verfahren nicht erkennen, so wei ich doch die Absicht und will mich
wahren, mit Gottes Beistand, obwol ich niemals absichtlich zu tuschen gelernt,
sondern es stets verschmht habe. Ich will Gott bitten, da er mir eingebe, was
nthig ist, die Feinde hier zu tuschen; denn Freiheit ist so s, und jenseits
dieser Mauern lebt noch so manche heitere Hoffnung. Ach, helft mir sie erringen,
und glaubt mir die schne Welt, die Gottes Offenbarung war, sie ist nicht
sndig, und Snde nur ist, was sie von Gottes Ebenbild trennt.
    Thrnen flossen auf die Hand des Priesters, die Maria mit den ihrigen fest
umschlossen hatte, und so lebensvoll, so berzeugt sprach sie ihm zu, da es
fast schien, als habe sie vielmehr das Werk der Bekehrung an ihm versucht und
sei weiter darin vorgedrungen, als mit seinem Berufe sich vertragen wolle; denn
das niedergeschlagene Auge konnte nicht ganz verbergen, was seine
ausdrucksvollen Zge von innerem Widerspruch und tiefer Rhrung sagten.
    So lat uns scheiden, sagte er sanft, und Gott behte Euch und lenke Alles
nach seinem Wohlgefallen.
    Sanft beugte Maria das Haupt, und segnend berhrte er es einen Augenblick.
Leise, aber fest, verlie er das Gemach, und Maria blieb nicht so trostlos
zurck, wie er sie gefunden. Ein Strahl von Hoffnung erhellte die dstern Rume
ihres Herzens, in welche mit der vollen Kraft der Jugend das Vertrauen
wiederkehrte und der Muth, dem Widerwrtigen zu begegnen. -
    Wir wollen nicht behaupten, da Maria's Muth derselbe blieb, als sie am
nchsten Morgen die Augen aufschlug und ihre Gedanken darauf fielen, da Pater
Clemens lngst aus diesen Mauern entfernt sei und sie allein Allem gegenber
stehe, was ihr fremd und besorglich erschien. Aber der gesunde Schlaf der Jugend
hatte nicht umsonst ihren Krper erquickt; frei lebte er auf, und in ihm fand
die Seele Ruhe.
    Margariths Vater bereitete das Frhstck an dem lodernden Feuer des Kamins,
whrend Maria sich mit Hlfe der Tochter im Nebenzimmer ankleidete. Bei ihrem
Eintritt empfing sie eine sehr feierliche Einladung des alten Dieners, der
Herrin des Schlosses sich vorzustellen.
    Ich bin bereit, erwiederte Maria mit leichtem Wechsel der Farbe; sagt Eurer
Dame meine Willfhrigkeit, ihr aufzuwarten. Sie wird die Stunde Euch vielleicht
bestimmt haben, wann sie mich empfangen will, denn wenig kenne ich noch die
Ordnung des Hauses.
    Ihro Gnaden bedrfen einer langen Morgenruhe, sprach der alte Diener, die
Augen niederschlagend. Schwester Electa wird Euch, Mylady, abrufen, wenn Ihro
Gnaden dazu bereit sind.
    Schn, mein guter Alter, erwiederte Maria; wir sind erst kurze Zeit
Bekannte, ich habe Euch aber Dank zu sagen fr die Sorgfalt und Gte, die Ihr
mir bei einigen Zuflligkeiten erwieset.
    Schuldigkeit, durchaus Schuldigkeit, murmelte der alte erfreute Mann und
schob den Sessel zu dem Tischchen, worauf ein Frhmahl bereitet stand, das der
Schlokche Ehre machte und nichts vergebens aufgestellt war fr Maria's
angeregte Elust.
    Sie beschftigte sich alsdann damit, die Einrichtung ihrer Zimmer zu
mustern, und untersuchte besonders ihre Bibliothek, die, allerdings von
einseitiger Auswahl, Maria aufs Neue die unheimliche Ueberzeugung gab, da man
auf alle Weise ihrem Geiste jene Richtung zu geben trachte, welche in diesem
Hause die allein geduldete war.
    Eine kleine Ausgabe des italienischen Homers war hinter andern Bchern
verborgen, offenbar eine Abweichung vom vorgeschriebenen Plan, die Pater Clemens
sich erlaubt. Es erfreute sie dies um so mehr, da sie eine trstliche Zusage
seiner milden, wohlwollenden Gesinnungen darin wahrnahm, das einzige Unterpfand
aller Hoffnung fr ihre Zukunft.
    Diese Beschftigungen wurden von der Schwester Electa unterbrochen, welche
erschien, sie zu dem bevorstehenden Besuche abzurufen. Maria empfing sie mit der
ihr eignen huldvollen Gte, und fest entschlossen, den Rath des Pater Clemens
nicht zu vergessen, so lange es sich mit ihrer Wrde vereinigen liee, eilte sie
mit Margariths Hlfe, ihre Kleidung in eine ernste Form zu bringen, was ihr
leicht gelingen konnte, da sie, zum Wechsel ihrer Reisekleider, nur die bei sich
fhrte, die sie als Trauer fr ihre Verwandte getragen. Ihre Juwelen lie sie
zurck, und die Flle ihrer schnen Locken verbarg sie unter einer schwarz
sammetnen Haube, die, an der Stirn mit einer Spitze anliegend, in zwei kleinen
Bogen bis zu den Wangen sie umschlo, und wenn auch allerdings zur herrschenden
Welttracht gehrend, doch ein ungemein einfaches und ernstes Ansehn verlieh. Sie
suchte whrend dieser Anordnungen ihr Gemth zu sammeln und den Schauer zu
berwinden, der jeden Augenblick, bei dem Andenken an das Erlebte, ihre Fassung
zu berwltigen drohte; ja, sie ermahnte sich, hchst vorsichtig in ihren
Aeuerungen zu sein und Alles genau zu beobachten, was um sie her vorgehe.
    Als sie bereit war, folgte sie der in groen Ernst versenkten Gefhrtin,
welche sie zu dem Hausflur fhrte, von wo breit geschwungene, schwerfllig
verzierte eichene Treppen in die obern Zimmer des Schlosses gingen. Ueberall
zeigte sich der prachtliebende Sinn der Erbauer oder Bewohner, und die polirten
Stufen stimmten vollkommen mit den dunkeln eichenen Wnden berein, an denen in
goldenen Rahmen eine Reihe Bilder hingen, unterbrochen von knstlich verzierten
Wandleuchtern, welche doch schwerlich mit ihren dicken gelben Kerzen die dunkeln
Rume erhellen mochten, die keinen lichten Gegenstand zum Reflex ihrer Strahlen
darboten. Der trbe Morgen erhellte nur sparsam diese Gegenstnde, denn sein an
und fr sich schwaches Licht fand keine Untersttzung in den Scheiben von
gemaltem Glase, die keinen Blick nach der Gegend gestatteten, wohin sie fhrten.
Auf der breiten saalartigen Brstung, wo sich beide Treppen oben vereinigten,
brannten ein paar schwache Kaminfeuer, und hier fand sich ein Diener, der, dem
leisen Befehl der Schwester Electa folgend, hinter einem groen, sehr roh
gezeichneten Gobelin verschwand, welcher den Haupteingang zu den innern
Gemchern zu verbergen schien.
    Mit einem schrillenden Ton fuhr alsbald diese Vorwand zurck, und von dem
stummen Diener angewiesen, traten Beide in das Innere ein.
    Der groe Saal, der sie aufnahm, schien gnzlich unbenutzt, denn der weie
Marmor seiner Wnde zeigte sichtlich die trbe Farbe des Staubes und der
Feuchtigkeit, wovon die Luft durchdrungen war, und die fast erschreckend die
Eintretenden anfiel.
    Es folgte auf der rechten Seite, wohin sie sich wendeten, eine Reihe von
Zimmern, die reich mit Sammet, seidenen und goldenen Tapeten behngt und
ausgestattet waren, zugleich aber, unfehlbar aus einer neuern Zeit herstammend,
eine Reihe Gemlde aus der Heiligen- und Legenden-Geschichte enthielten, die
jedes feiner ausgebildete Gefhl fr Kunst empren muten. Vor der letzten Thr
blieb Electa, welche alle diese Rume mit gesenktem Haupte durchwandert und bei
ihrem raschen Vorschreiten Maria nur wenig Zeit gelassen hatte, Beobachtungen zu
machen, einen Augenblick stehn, und Maria's Nherkommen erwartend, sagte sie
leise: Ehrwrdige Frau wird sie genannt.
    Sie drckte die Thr auf, und Maria stand in einem kleinen leeren Raum, der,
von oben Licht empfangend, einen Flur bildete, von wo eine schmale Wendeltreppe
aus den untern Rumen in die Hhe fhrte. Augenblicklich rief dieser Anblick ihr
die Erzhlung Margariths von jener Treppe zurck, wo der unglckliche,
wahnsinnige Herr des Schlosses seinen verzweifelnden Geist ausgehaucht hatte,
und die kleine spitze Thr, der sie sich nherten, schien mit ihrer breiten
Schwelle und tiefen Nische das Sterbelager des Unglcklichen zu sein, auf dem
seine Gemahlin ihn am Morgen vergeblich zu erwecken suchte. Schaudernd blieb
Maria stehn, und nahm wahr, wie Electa's Schritte gleichfalls zgernd inne
hielten, und sie erst nach einem kurzen Gebet, einer Bekreuzigung und
Besprengung aus dem an der Thr aufgehngten Weihkessel sich zum Vorschreiten
anschickte.
    Fast wider Willen folgte ihr mechanisch Maria, und sie standen nun wirklich
in einem dstern Schlafgemach, mit dunkeln grn-damastenen Tapeten und einem
ungeheuern Himmelbett versehn. Das Zimmer, in enger, halbrunder Form, durch
einige schmale, hohe Fenster matt erleuchtet, war das Innere eines Thurms, zu
dessen anderer Hlfte eine etwas grere Thr fhrte, der sie sich jetzt
nherten.
    Dies zweite Gemach war von einem hellen Kaminfeuer sowol erwrmt, als
erleuchtet, denn der Tag blickte auch hier nur sparsam, kaum eingelassen, durch
die hohen, aber schmalen gothischen Fenster. Das hell vorspringende Feuer
bewirkte aber, da Maria, im ersten Augenblick geblendet, auer Stand war, die
sie umgebenden Gegenstnde zu erkennen, und mit gebeugtem Kopfe an der Thr
stehn blieb. Als ihre Augen sich von dem schnellen Wechsel erholt hatten, sah
sie sich in einem etwas greren, runden und gewlbten Zimmer, an dessen
getfelten Wnden und Fuboden das Licht des Feuers zu erblinden schien, da das
dunkle Eichenholz mit noch dunklern Tafeln behangen war, welche
gefhlverletzende Darstellungen von Mrtyrergeschichten enthielten, die eben
keinen vortheilhaften Begriff von dem Sinn und Geschmack der Bewohnerin erwecken
konnten. Eine Nische von kunstreich durchbrochenem Holze umschlo ein besser
gelungenes Bild des Erlsers, vor dem zugleich ein Altar und ein Betschemmel
standen. Einige hohe Sitze, welche gleich Chorsthlen zwischen den Fenstern
hinliefen und ein eben so verzierter Schreibtisch waren der zunchst zu
bersehende Inhalt des Gemaches, wovon Maria's Aufmerksamkeit inde abgelenkt
wurde, da Electa sie ermuthigte vorzuschreiten. Zunchst dem Kamin, doch so, da
sein Schatten sie deckte, gewahrte sie nun in einem der hohen Chorsthle eine
weibliche Gestalt, welche mit hohler trockener Stimme sie nthigte, nher zu
treten. Kein Ton erinnerte Maria an die schrecklichen Laute des Wahnsinns, die
sie gefrchtet hatte zu vernehmen, und der Anblick der Person, so traurig und
abschreckend er war, pate zu keiner der furchtbaren Erinnerungen. Sie war ohne
alle Abweichung von Schnitt und Farbe in ein prachtvolles Nonnengewand gehllt,
dessen kostbare Stoffe aus ihrer hhern Wrde sich erklren lieen, welches
brigens blos ihr schlaffes, gelbes Angesicht und ihre hagern, langen Hnde
sehen lie, die von einem Rosenkranz umschlossen, mde vor ihr niederhingen.
    Maria, die eine Anrede erwartete, sah sich den prfenden, stechenden Blicken
der dstern Erscheinung ausgesetzt, die, ohne alle Rcksicht auf
Gastfreundlichkeit, blos das helle Licht des Kamins, in dessen Beleuchtung Maria
stand, zu benutzen schien, um die Persnlichkeit ihres Gastes vollstndig zu
erforschen.
    So beleidigend dies auch war, so fhlte Maria doch eine Beklemmung und
Bangigkeit, die es ihr unmglich machten, selbst diesen krnkenden Empfang zu
unterbrechen; ja, ihr Auge hing fast mit derselben Achtsamkeit an dieser
unheimlichen Gestalt, als mte sie ihre Bewegungen bewachen, um sich vor ihr zu
schtzen.
    Dies lange Examen ihrer Augen kndigte sich als beendigt an durch ein
verchtliches Lcheln, welches pltzlich das leblose Gesicht der alten Lady
berschlich. Halb sich seitwrts wendend, redete sie sodann einen Mann an, der
hinter ihrem Stuhl bis auf den Kopf verborgen sa:
    Es ist dieselbe eitle Schnheit, die ich an ihr wahrnehme, und die ihre
Herkunft mehr besttigt als die Versicherungen der Betheiligten. Eine gute
Aufgabe, wenn der Sinn ihrer Ahnenfrau sich auf sie bergetragen hat! Ihr knnt
dann Eure Weisheit zusammen nehmen, denn zur Zeit reichten alle festen Schlsser
von Schottland und England nicht hin, das zu hten, was unter so einer
weltlichen Haube hockte. - Ein kurzes heiseres Lachen vollendete die
unverstndliche Rede.
    Wir vertrauen auch keiner weltlichen Hlfe, erwiederte der Angeredete,
sondern dem Einflu und der Frbitte unserer gebenedeiten Mutter Gottes, welche
Vorsorge trgt fr die Verirrten ihres Geschlechts, wie Ihr in Demuth anerkennen
werdet.
    Ein ziemlich milauniges Gesicht bog sich von dem Antwortenden weg, whrend
die Hnde ohne Sumni ein paar Kreuze schlugen und einige Kgelchen des
Rosenkranzes abzhlten.
    So ist es, hochwrdiger Herr, sprach sie sodann sehr gleichgltig; die
Heiligen haben das Vollbringen, und wer dies Geschlecht kennt, wie ich, der mu
hoffen, da sie sich alle vereinigen werden, es zu vertilgen. Bei den letzten
Worten zuckte ein wildes Feuer aus ihren Blicken, und sie schleuderte sie wie
einen Blitz auf Maria hin.
    Es ist zwar nicht meine Wahl, da Ihr hier seid, begann sie jetzt, zu dieser
gewendet; denn dies Haus geniet eine Heiligung, die durch profanen Besuch nicht
verletzt werden sollte. Da man mich aber versichert, Ihr wrdet durch das
Beispiel der hier waltenden heiligen Kirche bald von Euern Irrthmern
zurckgebracht werden, so darf ich die Hand zu einem Werke nicht verweigern,
dessen Verdienstlichkeit ich in Demuth erkenne. Ich habe Euch demnach vor mich
gefordert, um Euch die Erlaubni zu ertheilen, unter uns zu erscheinen und durch
das, was Ihr sehen werdet, Euern Geist in die Stimmung zu bringen, die Euch mit
Eurem Gewissen vershnen wird.
    Maria kmpfte whrend dieser trocknen, unfreundlichen Rede mit aller Macht
gegen ihr beleidigtes Gefhl; ihre Wangen rtheten sich, und ihre Augen fllten
sich von diesem schmerzlichen Kampfe.
    Ihr werdet ohne Zweifel wissen, erwiederte sie jetzt mit bewegter Stimme,
wie ich hierher gekommen, und wie wenig es in meine Willkr gestellt worden ist,
Euer Haus zu suchen oder zu vermeiden; wenn Ihr aber Grnde habt, den
Anordnungen derer, die mich hierher fhrten, zu folgen, so rechnet es mir nicht
an, wenn ich Euch lstig bin. Ich werde Eure Gastfreundlichkeit, wenn Ihr mir
sie gewhren wollt, nicht durch ein strendes Betragen vergelten und, so lange
ich hier bleiben mu, ehren, was Andern ehrenwerth erscheint, wenn meine
Erziehung mir auch eine andere Richtung gab. -
    Ihr macht vor allen Dingen zu viel Worte. Lange Erwiderungen sind berall
unpassend, wo strenger Gehorsam das Einzige ist, was verlangt wird, und man
Eurer Versicherungen nicht bedarf, da sich von selbst versteht, da Ihr keinen
Einwand zu machen habt. - Ich mu bekennen, ehrwrdiger Herr, fuhr sie fort, mit
demselben kalten, verchtlichen Tone sich wieder rckwrts wendend, ich finde
mich blos aus Achtung fr Eure und des Pater Clemens hhere Erkenntni darein,
dieser jungen und, wie mir scheint, uerst bermthigen Person eine
Bevorrechtigung zu gewhren, die nur alle jene eiteln weltlichen Gedanken nhren
wird, von denen ihr Kopf sichtlich erfllt ist; auch mu ich mir einige
Bestimmungen ber die Dauer solcher Nachsicht vorbehalten.
    Die Bestimmungen, denen wir beide gehorchen mssen, werden nicht ausbleiben,
erwiederte eben so trocken der Angeredete; und die vorzglichste Dienerin der
heiligen verfolgten Kirche wird ber ihre Stellung zu diesen Willens-Meinungen
nicht im Zweifel sein.
    Auf dem Gesichte der Lady zeigte sich whrend dieser Worte ein Kampf
widerwilliger Art, und es kostete ihr sichtliche Mhe, eine Migung zu
behaupten, wie dieser aufgenthigte Gehorsam sie ihr auflegte. Doch war es
unverkennbar, da die ltere Gewohnheit tyrannischer Eigenherrschaft sich
mchtig gegen die strengen Anforderungen eines Gehorsams auflehnte, an den sie
sich nie ohne Bitterkeit erinnert fhlte. - Genug, genug! Ich sage nicht, da es
fr jetzt anders sein soll; nur, wie lange, werde ich mit Eurem geistlichen
Rathe in Ueberlegung ziehn; denn allerdings ist es das Schlo der Howards, in
dem wir uns befinden. -
    Ja, vollendete der Hochwrdige diese Rede, und im Besitz der hochwrdigen
Aebtissin zur heiligen Ursula.
    Hhnisch warf sie den Kopf zurck, und die immer noch stehende Maria nun
wieder ins Auge fassend, sprach sie heftig und rauh:
    Die weltliche Haube will ich nicht wieder sehen; Schwester Electa wird Euch
einen passenden Kopfputz bringen. Eure Kleider habe ich Euch noch fr einige
Zeit gestattet. Ihr werdet frh zur Messe erscheinen, im Refectorium zu Mittag
essen und die Vesper halten; dazwischen wird der hochwrdige Pater Johannes Euch
Unterricht ertheilen, und in dem Maae, als Ihr fortschreiten werdet in der
Entsagung von Euern Irrthmern, werdet Ihr - -
    Ueberlat mir das Weitere, unterbrach sie Pater Johannes, der die Vollendung
ihrer Rede nicht zu wnschen schien, und wahrnahm, wie Maria, von dieser beln
Behandlung erschttert, kaum aufrecht zu stehen vermochte. Er nherte sich, aus
seinem Versteck hervortretend, dem zitternden Mdchen und fhrte sie selbst, von
Electa untersttzt, zur Thr hinaus.
    In dem kleinen Schlafzimmer hielt er sie an. Lat Euch, sagte er beruhigend,
durch den lobenswerthen, aber etwas heftigen Eifer der hochwrdigen Frau nicht
erschrecken. Ihr werdet darunter nicht zu leiden haben, so Ihr Euch sanft und
aufmerksam zeigt.
    Maria wollte reden, gleich auf der Stelle wollte sie jeden Zweifel aufheben
ber das, was man von ihr zu erwarten habe, aber ein krampfhaftes Schluchzen war
der Tribut, den ihre gengstigte Natur verlangte. Vergeblich bemhte sie sich,
deutlich zu sprechen, sie brachte nur abgerissene und unverstndliche Worte
hervor.
    Ich sehe Euch wieder, unterbrach Pater Johannes diese miglckenden
Versuche; berlegt wohl, was Ihr sagen wollt, Euch wird weder Rath, noch Trost
fehlen, aber htet Euch, durch Widerstand in Kleinigkeiten Eure Verhltnisse
hier muthwillig schlimmer zu machen. - Schwester Electa, ich vertraue die
Bekmmerte Eurer Vorsorge und Euerm Troste. - Geht, geht, setzte er abwehrend
hinzu und verschwand hinter der Thr in das Gemach, das sie verlassen, whrend
Maria, von Electa gefhrt, den Weg nach ihren Zimmern zurcklegte.
    Ich denke, man hat uns da eine schwere Pnitenz auferlegt, hochwrdiger
Herr, begann die erzrnte Lady, vllig ihrer beln Laune hingegeben, als der
Pater Johannes mit ernstem und ruhigem Antlitze eintrat. Ein Aergerni, denke
ich, fr Alle, die zu einer hhern Begnadigung in dies Haus gelangt sind.
    Wenn die Aufgabe schwer ist, die man uns gab, so ist es nicht an Euch, dies
zu rgen, erwiederte in gnzlich verndertem, strengem Tone der Geistliche, da
nur schwierige und widerstrebende Ausbungen Euch die Wohlthat erzeigen knnen,
Euren Geist von den Makeln der Welt zu erretten, die noch in zu groer Strke
Euch anhngen. Ich denke, es gehrte nicht zu Euern Aufgaben, die junge Person,
die wir Euch zufhrten, mit einer Strenge zu empfangen, die sie verschchtern
und gar zum Widerstand reizen wird. Sie mute zutraulich gemacht werden, sie
mute die wohlwollendsten Gesinnungen bei uns annehmen knnen, dann sicherten
wir uns ihre Aufmerksamkeit, ihre Nachgiebigkeit und Gewhnung, und der Einflu
eines einfrmigen, von aller Zerstreuung fernen Lebens, dem sie hier anheim
fiel, ward dem heiligen Vorhaben gnstig. Ihr habt jedoch, gleich dem
hochmthigen Kinde der Welt, Euerem eiteln Herzen und seiner Lust, zu krnken
und zu verachten, Genge gethan, und wahrscheinlich mehr Unheil in wenigen
Minuten angerichtet, als in unserer Macht liegen wird, je wieder gut zu machen.
Ich brauche Euch nicht zu sagen, wie weit Ihr dadurch Euch von den Pflichten
entfernt habt, deren strenge Erfllung doch das einzige Mittel ist, Euch hier
den Schutz zu sichern, dessen Ihr bedrft, dort aber die Vergebung Eurer Snden
und die Errettung von ewiger Verdammung.
    Diese harte und strenge Rede wirkte gleich einer Bannformel ber das
gereizte Wesen der Lady. Erschreckt von dem bloen Tone ihres Beichtigers,
senkte sie beim Anfange seiner Rede schon das Haupt, aber die harten Worte
verletzten so sichtlich ihr verwhntes Gemth, da sie bald wieder auffuhr, und
mit Blick und Mienen ihre Emprung anzudeuten suchte. Da der Geistliche aber die
Streiche seiner Worte schrfte, trat nach und nach die Furcht ein, welche man
durch die strksten Mittel als das einzig mgliche Joch ihr bergeworfen hatte,
und alsbald zeigte sich auch Zerknirschung, welche ihr die zuletzt gebrauchte
Drohung um so lebhafter erregte, als ihr entnervter Geist, von den Vorwrfen
eines schwer belasteten Gewissens bedrngt, nur zu empfnglich fr die Androhung
knftiger Strafe war.
    So geschah es, da ohne Gegenrede sich angstvolle Seufzer aus ihrem Munde
drngten, und zu allen Trostmitteln ihrer Kirche schreitend, murmelte sie die
Gebete ihres Rosenkranzes und schlug mit blindem Eifer Stirn und Brust.
    Pater Johannes ging indessen mit langen Schritten auf und nieder, und
schien, nachdem er sie zur Ruhe verwiesen, sie ganz vergessen zu haben; und in
der That suchte er seine Gedanken in Bezug auf die Persnlichkeit der jungen
Lady, ber deren fernere Leitung ihm Vollmachten geworden waren, zu ordnen.
    Die Lady hatte indessen ihre Andacht beendigt. Nicht wagend, das Nachdenken
des wandelnden Priesters zu unterbrechen, und zu einem migen Hinbrten auf
ihrem Lehnstuhl verdammt, fand ihr Geist allgemach den bequemeren und oft
betretenen Weg zur Zeitlichkeit und zu jenen irdischen Zwecken wieder, die ihr,
trotz aller uern Form klsterlicher Strenge, unmglich so fremd werden
konnten, als man es zuweilen, um sie in Furcht und Gehorsam zu erhalten, von ihr
erzwang.
    Der unglckliche, verfhrte Herzog von Sommerset war dem Henkerbeile nur
durch Jakobs unbesiegbare Liebe zu ihm entflohn. Dies Schlo war ihm zu einem
Gefngnisse der mildesten Art angewiesen. Von der Theilnehmerin oder
eigentlichen Urheberin seiner Verbrechen, seiner katholischen Gemahlin, Lady
Franziska Howard, war dies alte Besitzthum der Howards zum Heerde des in ihrem
Vaterlande verpnten und vielleicht eben darum von ihr beschtzten Katholicismus
gemacht worden. Von der klugen Herrschaft ihres jesuitischen Beichtvaters
geleitet, stand sie bald in Verbindung mit allen Machinationen der dem alten
Glauben anhngenden und noch immer sehr mchtigen katholisch-jesuitischen
Partei, woran sich nur zu viele weltliche Hndel anschlossen, die sie zu theilen
oder zu ersphen unablssig bemht war.
    Die ungemein einsame und doch feste Lage des Schlosses, die Ksten des nahen
Frankreichs, in dem diese Partei ihre mchtigsten Anhnger unter dem damals
Europa beherrschenden Richelieu zhlte, und das unabhngige, immer noch
bedeutende Vermgen der verbannten Lady, machten es zu einem unschtzbaren
Schutzpunkte. Nachdem die Herrschaft ber die Eigenthmer bis zur gnzlichen
Nullitt des unglcklichen Hausherrn erreicht war, wurden die Anordnungen darin
mit einer Ueberlegung und Verschlagenheit getroffen, da dadurch das Dasein
dieses Verstecks und seiner von den Zeitgenossen fast vergessenen Bewohner der
Welt entzogen blieb.
    Kein gebahnter Landweg wies dahin, und die hohen Ufer, hinter denen das
Schlo versteckt war, hinderten den Anblick desselben aus der Ferne. Es
wahrzunehmen, blieb nur vom Meere aus mglich, bei Umschiffung eines sehr
gefhrlichen Punktes, der, von allen erfahrenen Schiffern vermieden, eine von
den Spitzen der Bucht bildete, in welche das Schlo seine festen Mauern senkte.
    Whrend es kaum einem Hause hnlich sah, das einigen von den strengen
Gesetzen dahin verschlagenen Katholiken zur Zuflucht diene, hatten die
geschickten Lenker dieser Angelegenheit hier eine klsterliche Stiftung
begrndet, welche in ihrer Form die Strenge behauptete, die ihnen bei der
Beherrschung eines fast unbezhmbaren Geistes in der Lady Franziska zu Hlfe
kam. Ihr war eine gewisse Wrde zugetheilt worden, die ihrer zgellosen
Herrschsucht Befriedigung gnnte, ohne sie der geistlichen Zucht zu entziehn,
die so nthig war, sie mit allen ihren Plnen und Anforderungen dem Willen derer
unterzuordnen, die sich die Lenkung ihrer Angelegenheiten so vollstndig
angemat hatten. Sie ward auf diese Weise ganz zu den Zwecken gebraucht, die
ihre geistlichen Vormnder verfolgten, und zuweilen wurden dieselben
Leidenschaften, die sie zu beherrschen trachteten, ihrer eignen Richtung
berlassen, je nachdem das Eine oder Andere zweckmiger schien. Nicht zu
bersehn war dabei in der Lady ein groer Hang, sich diesem Einflusse zu
entziehn, obwol ihr gedrngtes Gewissen sie zur Sklavin derselben Mnner machte,
gegen die sie wiederum ihre ganze List zeigte, um eine ber ihre Erlaubni
reichende Gewalt auszuben.
    Mitten in dieser Stimmung, die am hufigsten nach einer ihr abgezwungenen
Zerknirschung eintrat, befand sich jetzt die Lady, als sie sich endlich zu einer
Anrede entschlo, die das verdrieliche Schweigen aufheben sollte. -
    Wenn man mir so gnzlich die Macht entziehen will, die ich meiner Wrde nach
ber den weiblichen Theil dieses Hauses besitze, so sehe ich nicht ein, was eben
dies Haus ihr ntzen soll, und warum man sie, die doch schon bis zur Kste
vorgedrungen ist, nicht noch den kurzen Weg ber das Meer machen lie, wo sie in
Frankreich, denke ich, besser, als hier, aufgehoben werden konnte. -
    Vielleicht wird dies spter noch nthig werden, erwiederte Pater Johannes
nachdenkend; wir setzten vorlufig auf Eure Weltklugheit und Euern guten Willen
Vertrauen, und hatten keineswegs die Absicht, diese junge Person Euerm Einflusse
zu entziehn. Ob sie uns ntzlich oder hinderlich werden kann durch den Anspruch
ihrer Geburt, ist noch zu unentschieden bei der bestimmten Richtung, die ihr die
frhere Erziehung gab, als da wir sie jetzt schon unabnderlich aus dem Lande
entfernen sollten. Wenn sie uns aber ntzlich bleiben oder werden soll, so
bedenkt, da sie nur entlassen werden kann als unsere Freundin, als die
Theilnehmerin aller unserer Interessen, da sie ihre hohe Geburt nur dann kennen
lernen darf, wenn sie damit das schwache Herz zu regieren gelobt, das, durch den
Tod ihrer Mutter erschttert, unempfindlich bleiben knnte fr den Besitz der
schnsten Frstin, der erlauchten Henriette von Frankreich. -
    Und dies hofft Ihr wirklich zu erreichen bei einem Geschpfe, das neben dem
Fluche ihres Geschlechtes einerseits den unbezwinglich trotzigen Karakter der
Buckinghams trgt, und andrerseits die ganze weltliche Thorheit ihrer
Aeltermutter, dieser berchtigten Maria von Schottland, in jedem Zuge ihres
glatten Gesichts? Sperrt sie lieber heute als morgen ein, und lat jede Hoffnung
auf ihre Bekehrung fallen. Damit werdet Ihr wenigstens so viel erreichen, da
Ihr diesem verabscheuungswerthen Buckingham seinen auf sie berechneten Triumph
entzieht; Ihr werdet ber sie keinen feiern. Dafr nehmt das Wort einer Frau,
die nicht umsonst Menschen gesehen hat.
    Pater Johannes schwieg nach dieser Rede, und es war ihm deutlich anzusehn,
da er nicht viel bessere Hoffnungen nhrte.
    Pater Clemens, sagte er dann, rhmte uns die Gte ihres Herzens und die
kindliche Hingebung in den Willen lterer Personen. Darauf muten wir bei
unserer Behandlung hinzuwirken suchen, und darum habt Ihr mit Euerm rauhen
Empfang so ganz verkehrt gehandelt.
    Ha! rief die Lady mit ziemlichem Ungestm, wenn ich nur nicht verstndige
und erfahrene Mnner von Gte des Herzens und Hingebung in Anderer Willen mte
schwatzen hren. So lange der Wille Anderer den Gelsten des eigenen Herzens
schmeichelt, so lange findet er uns bereit, ihm zu folgen, so lange sind wir
gtig und nachgiebig; und fremde Leiden erwecken unsere Theilnahme so lange, bis
wir fr unsere eigenen sie vergeblich suchten. Leerheit des Herzens wie des
Lebens, mit einem Worte die Zeit der Jugend, verbreitet nach Auen diesen
thrichten Schein, aber wer hat ihn nicht weichen sehn, sobald die Begierden des
Herzens erwachend dem Willen eine Richtung geben. Dasselbe gute Herz, das mit
seiner Leerheit Euch tuschet, untersttzt dann die Vorschlge der
Leidenschaften, und kein fremder Wille wird es nachgiebig finden, von dem Wege
abzuweichen, auf dem dies gute Herz fort strmt, unbekmmert um die Niederlagen,
die es dabei anrichtet. Franziska Howard hat nicht umsonst gelebt: Damals hie
sie auch ein gutes, sanftes Kind, als der alte, schwachkpfige Knig die
Familien Essex und Howard vereinigen wollte, und man mir die Puppe und Essex das
hlzerne Schwert wegnahm, unsere Hnde zu einer sptern Vermhlung an einander
zu schmieden. Als aber Franziska den schnen Seymour sah und Herzogin von
Sommerset werden wollte, da rhmte Niemand mehr ihr sanftes Herz; denn sie hatte
einen Willen bekommen, und unbesiegbare Wnsche lieen sie den Willen Anderer
verspotten. O, frh, sehr frh hat man mich gelehrt, was es mit dem Guten im
menschlichen Herzen fr eine Bewandtni hat, und von ganzer Seele verachte ich
die Heuchler, welche eine Stimmung zeigen, die ihnen mit dem ersten Hauch der
Leidenschaft verloren ging. Gebt Acht, fuhr sie fort, da Pater Johannes der
Versuchung, solche sndliche Rede seines Beichtkindes mit dem Donner der Bue zu
erwiedern, nicht nachgeben zu wollen schien, gebt Acht, wie lange ihre
Nachgiebigkeit aushalten wird, wenn man sie hindert, in die Welt zurckzukehren,
wohin jeder Pulsschlag ihres eiteln Herzens sich drngt.
    Darum, hob Pater Johannes jetzt an, sei der Widerstand, den sie erfahre, ein
unmerklicher, da sie nicht im Streite Krfte finde, die am ersten absterben
werden in der den Gleichmigkeit einer Geist tdtenden Lebensweise.
    Ein kurzes widriges Lachen aus dem Munde der Lady gab ziemlich verstndlich
Kunde von ihrer Wrdigung dieser Worte.
    Pater Johannes lie dies unbeachtet vorber gehn und fuhr mit Ruhe fort:
    Unsere nchsten Nachrichten werden uns den Tod des Knigs melden und die
Ankunft der neuen Knigin; dann werden Strme beginnen, unabsehbarer vielleicht,
als wir jetzt ahnen knnen. Die Knigin wird unseres Einflusses bedrfen; denn
Mitrauen empfngt sie um ihres heiligen Glaubens willen an der Grenze dieses
Landes. Es ist nicht unbekannt geblieben, da geheime Artikel Karls Macht in
seinem Hause beschrnken, und abenteuerlich genug malt man das Unbekannte aus.
Jetzt gilt die Frage, ob sie Karls Herz besitzen wird. Zwei Leidenschaften
theilen sich in ihn, die Sucht des Selbstherrschens, und der dstere Gram um den
Tod der Jugendgeliebten und um das einzige Kind dieser Ehe. Hlt Karl die Gattin
deshalb fern von seinem Herzen, dann wre der groe Wurf zu wagen, seine Tochter
der Knigin zum Geschenk zu senden. Wer sie ihm bringt, wird groes Recht an
seine Liebe haben, und die Knigin wird die seltene Gelegenhett erhalten, eine
Gromuth ihm zu zeigen, fr die er dankbar sein mu. -
    Und die Tochter, unterbrach ihn die Lady, die Tochter wird der katholischen
Gemahlin das Widerspiel halten, Buckingham wird die weltlich gesinnte Nichte in
sein Interesse ziehn und fr sein grenzenloses Reich der Gewalt eine neue Sttze
finden. -
    Um darber entscheiden zu knnen, mu man etwas Hheres glauben, als Ihr es
noch vermgt. Dies Mdchen wird nicht mit dem lasterhaften Buckingham gegen
ihren Vater sich verbinden. -
    Aber, fiel sie rasch ein, gegen die katholische Knigin wird die Ketzerin
den Vater zu sichern suchen. -
    Dies wre eher mglich, und dies bleibt noch zu erwgen. Um aber ber diesen
Punkt vllig sicher zu werden, wird sie hier fest gehalten und Proben
unterworfen, die jeden Zweifel darber aufheben knnen. -
    Gut, gut, ich wnsche Euch Glck dazu. Doch die Welt ist erst der Magnet,
der aus dem Schacht des Herzens die verborgenen Erze ans Licht zieht, und zwar
von solchem Gehalt, als dieser mchtige Magnet allein zu wecken und festzuhalten
wei. Seid Ihr auerdem aber so vllig sicher, da sie hier verborgen bleibt?
Frchtet Ihr nicht die tausendarmige Macht des gut bedienten Buckingham, nicht
diese Nottinghams, die, den listigen Archimbald an der Spitze, viel vermchten,
wenn sie wollten? -
    Wenn sie wollten, betonte spttisch lchelnd der Hochwrdige, aber sie
wollen nicht. Kennt Ihr den Irrthum nicht, an dem der hochmthige Geist dieser
Herzogin von Nottingham hinkrankt? Er hindert sie, die Flucht des Fruleins zu
rgen, wie sie sonst nicht unterlassen wrde. Streng hat sie jede Nachforschung
gehindert und verpnt, und dennoch hat diese Ausflucht, die sie sich gestattet,
der Welt ein Geheimni zu entziehn, das ihrem Hochmuthe so verletzend wurde, ihr
Gewissen in ein Heer von Vorwrfen gestrzt. Sie glaubt sich halb und halb
verpflichtet, die getrumte Snde ihres Gatten an diesem Wesen gut zu machen,
und da sie der Lockung nicht widerstand, diese saure Pflicht von sich
abzuschtteln, reizt ihren stolzen Geist, der vor sich selbst bewundernd dastehn
mchte. Und da sie jede wirksame Verfolgung hinderte, da sie von Archimbald,
der leicht sich zu beruhigen wei, streng begehrte, ihre Shne zurck zu halten,
beweist genug, da sie der Versuchung unterlag. Denn allerdings mu sie dieselbe
in Membrocke's Hnden jetzt nach so langem Zgern fr verloren halten, und der
Gedanke daran qult sie und entfernt sie doch eben immer mehr von dem Wunsche,
sie wieder aufzufinden.
    Das gnne ich ihr von Herzen, rief behaglich freundlich die Lady; in ihre
eignen Fallen mssen diese Heuchler sich verstricken; besser mchten sie sein,
als Andere, um hochmthig herabsehen zu knnen. Wenn wir der reizenden Snde in
unsern Wegen nicht auszuweichen wissen, ziehn diese Heuchler selbst das Bild der
Tugend, womit sie prunken, zu dem Dienst ihrer Snde hin. Ja, ja, es ist Alles
eins. Nur wird der Eine von der Welt gezchtigt, der Andere dagegen in seinem
schwachen Herzen, und der Zufall ist bei Beiden der geschftige Wirbelwind, der
darber fhrt, und nach allen Ecken hin verwechselt und durch einander wirft,
was die jmmerliche Klugheit der Menschen gesondert zurecht legte.
    Kann man sich Tolleres denken, als da dieser neckische Zufall das Mdchen,
auf dessen Haupte ein unsichtbares Diadem geruht, welches behtet und bewacht
war von Allem, was Schlauheit und List nur erdenken konnten, nun verschmachtend,
mit Wunden bedeckt und ausgestoen aus aller menschlichen Verbindung, eben auf
die Schwelle derjenigen niederlegt, die ihre natrliche Feindin schon um ihres
Antlitzes willen ist, und welche nun sogleich geschftig Alles in ihrer
Einbildung so anordnet, da ihr daraus die hchste Zchtigung ihres eiteln
Herzens erwachsen mu. -
    Auch uns, erwiederte der Pater, berraschte dies Ereigni, das so wenig
vorher zu sehen war. Immer war dies Kind uns wichtig, und unsere Absichten mit
ihr und dem ganzen Geheimni haben oft gewechselt. Um die spanische Verbindung
zu hindern, wre sie eine vortreffliche Erscheinung geblieben, denn ehelich war
Karl verbunden, darber sind die Beweise vorhanden; doch allerdings war es nur
ein letztes Mittel, welches zwar jene, aber auch die Verbindung mit Henriette
von Frankreich gehindert oder doch verzgert htte, vielleicht bis zu dem
ungelegenen, sich nahenden Moment seiner greren Freiheit als Knig.
    Und es ist nicht zu lugnen, Buckingham hat uns gedient, indem er sich zu
dienen glaubte, in unserm Solde. War der Prinz nicht auf dieser tollen Reise, wo
Jeder heimlich sein verkapptes Interesse unter dem Scheine von Vertrauen barg,
mit Buckingham, so konnte Vieles nicht geschehen, und hchst wahrscheinlich war
das Mdchen unserer Macht entzogen, wenn wir durch Porter auch in Kenntni ihres
ferneren Schicksals blieben.
    Eben so war es nthig, da Lord Nottingham in Madrid starb und sonach im
Hause seiner Gemahlin ihr der wahre Schutz fehlte, der einzige, der alle Zweifel
der gekrnkten Gattin htte lsen, und damit uns eine hchst unwillkommene
Entdeckung veranlassen knnen, die dem Prinzen augenblicklich zu ihrem
Wiederbesitz verholfen htte.
    Uns war der Ort, den der Zufall ihr angewiesen, nicht erfreulich, bis wir
ber ihr ferneres Loos Befehle einzogen. Kaum war zu erwarten, da Buckingham,
obwol sehr gegen unsern Plan, durch die Ueberraschung, die der Prinz erlitt,
Theilnehmer des Geheimnisses, sie gerade bei den Nottinghams suchen wrde. Doch
bestand der Kardinal damals, da der Tod der Mutter das Hinderni fr Frankreich
aufgehoben hatte, darauf, da wir diese Strung beseitigten. Es war nchst der
geheimen Klausel des Ehekontrakts nicht der unwichtigste Theil von Mazarins
Sendung, sie selbst mit hinweg zu fhren; denn schon frchtete der schlaue
Staatsmann die neue Unterjochung des neuen Knigs durch den alten Einflu
Buckinghams, und wollte eine mgliche Steigerung nimmer wagen. Doch verzichtete
er endlich auf die schnelle Ausfhrung dieses Planes, da wir ihm Nachricht
gaben, wie der schlaue Herzog mit groer List sie aufgefunden und unter tausend
Thorheiten seines Freundes Membrocke einen Plan entworfen, ganz dazu geschaffen,
sie uns ohne das geringste Aufsehn in die Hnde zu liefern.
    Ein Kinderspiel war es frwahr, da die Chiffern des Herzogs uns alle durch
Maxwell bekannt sind, den tollen Tropf, den Membrocke, so lange umher zu jagen,
bis wir sie unterdessen mit aller Sicherheit seiner Nachforschung entzogen. -
    Alles gut bis dahin, sprach Lady Sommerset, aber Ihr spielt gewagtes Spiel.
Hier sollen wichtige Interessen, wie unlugbar Buckinghams Macht ist, wenn sie
auf den nchst zu erwartenden Monarchen bergeht, durch ein Weib aufgewogen
werden, die da jung, mit einer seltenen Schnheit und dem Anspruch einer hohen
Geburt begabt, sobald sie sich dessen in der Welt bewut sein wird, gewi Alles,
was Ihr auch bei ihr eingeleitet zu haben glaubt, von sich werfen wird, wenn es
ihr hinderlich scheint. Und was dann? Wo wird dann Eure Macht bleiben?
    Unschdlich sie zu machen, erwiederte mit eisiger Klte der Pater Johannes,
bleibt uns in jedem Augenblick mitten in dem Glanz der Welt, wie zwischen diesen
Mauern, und was die ihr zugedachte groe Gewalt betrifft, so ist gegen
Buckingham bereits eine andere heraufgefhrt, die von jener nur untersttzt zu
werden brauchte.
    Knig Jakob wird sich mit Bristol vershnen, und er wird, gehoben durch
allen Einflu des franzsischen Hofes, eine Rolle spielen, die nie unbedeutend
sein kann, wo er sie berhaupt zu spielen Lust hat.
    Mit seinem Interesse liee sich das Mdchen selbst verpflechten; denn mir
sagte Pater Clemens, da sie ihm in ihren Gesprchen, ohne Ahnung dieses
Gestndnisses, eine Herzensneigung zu dem Enkel Bristols verrathen, die
befrdert werden mte, wenn sie der Welt zurck gegeben werden sollte; denn die
Nichte Buckinghams wrde dadurch Familien-Mitglied seiner Feinde. -
    Ha, der Plan ist gut! Doch soll ich Euch sagen, was ich denke? Sperrt sie
ein, vertilgt sie, gleichviel wie, da habt Ihr den Vortheil sicher. Und Karl?
Ich mte die Stuarts nicht kennen, wenn ich so thricht sein sollte zu denken,
Liebesgram und Vatersorge um Zwei, die da nicht mehr sind, werde der blhenden
Gattin, von deren Schnheit Ihr so viel Aufhebens macht, hinderlich sein.
    Doch sagt mir, fuhr die Lady fort, sagt mir nur das Eine, seid Ihr sicher,
da Karl vermhlt war mit dieser Buckingham? Sind Dokumente darber? Ist durch
die Offenbarwerdung dieser Tochter keine Schande zu hoffen fr Buckinghams
stolzes Herz? -
    Der Prinz war frher vermhlt, als er hoffen konnte, Prinz von Wales zu
werden, erwiederte der Priester, Beide waren noch im zartesten Alter; doch der
leidenschaftlich aufgeregte Karl wollte wenigstens die Garantie dieser
Vermhlung haben, und der Graf und die Grfin Melville waren die Zeugen.
    Der Schlokaplan Master Brixton vollzog die Ceremonie, die Dokumente sind
doppelt ausgefertigt, das eine im Besitz Brixtons, und das andere verwahrte der
Herzog von Nottingham hinter dem Bilde der Grfin von Buckingham, welches der
Prinz von Wales ihm einst, whrend eines Aufenthaltes in London, heimlich in die
wohl verborgene Nische des Schlafgemachs setzen lie, und dessen Dasein wohl
schwerlich ein Mensch auer dem Herzog kennen mag. -
    Aber wie konnte Nottingham dessen ungeachtet diese rasende Leidenschaft
fassen, da er doch wissen mute, da sie schon als Gemahlin des Prinzen nach
London kam. -
    Dies erfuhr er erst nach dem Tode seines Bruders, als der Prinz krank
darnieder liegend keinen treueren Boten kannte, als eben ihn, der keinen
Augenblick sein Bett verlie. Er sendete ihn zur trostlosen Gemahlin, noch auf
dieser Hhe sie seiner treuen Gesinnung versichernd; denn fest entschlossen
blieb er, sie auf den Thron zu heben, und verrieth somit dem Freunde das
Geheimni. -
    Ha! ha! lachte die Lady, das war ein guter Auftrag; und daher wurde dann die
verschmhte Grfin Bristol schnell in Gnaden zur Braut erhoben!
    Doch es sei so! rechtmiger Geburt oder nicht, vertilgt sie, vertilgt
Alles, was den Namen Stuart oder Buckingham trgt; nur dann habt ihr den Erfolg
sicher. -
    Mit diesen Worten erhob sich die Lady und schritt nach ihrem Bet-Pult, den
Rest des Morgens einer vorgeschriebenen Andacht zu weihn, die ber den
felsenharten Inhalt dieses Wesens auch nicht den kleinsten Einflu ausbte.
    Die Zeit, die jetzt fr die unglckliche Maria anhob, war ganz dazu
geschaffen, ein so junges und lebhaftes Gemth nieder zu beugen und in eine
schwermthige und dumpfe Stimmung zu versenken.
    Sie mute nach einer Zusammenkunft mit Pater Johannes, worin sie nicht
ermangelt hatte, ihr Glaubensbekenntni abzulegen und zu vertheidigen, doch dem
Rathe des Geistlichen nachgeben und sich der Ordnung des Hauses fgen.
    Er sah wohl ein, da der boshafte Geist der Lady nicht so weit gezhmt
werden mchte, um mit ihr gemeinschaftlich handeln zu knnen, und so wute er
sich dem Frulein als eine wohlthuende Mittelsperson anzudeuten, an die sich die
Hlflose um so lieber anschlo, da ihr sonst nur Margariths kindisches Geschwtz
oder der beschrnkte Geist der verschchterten Schwester Electa fr die Stunden
blieb, die sie nicht in Gemeinschaft mit der Lady selbst oder im sogenannten
Arbeitssaal mit den brigen Schwestern zubringen durfte.
    Diese Stunden waren ihr fast die unleidlichsten, denn wenn der Kultus, dem
sie beiwohnen mute, auch abweichend und, ihren empfangenen Begriffen nach,
unzulssig war, konnte es ihr doch nicht schwer werden, daran ihre eigenen
Gefhle anzuknpfen und so die Widersprche, die ihr von Auen drohten, in sich
auszugleichen.
    Hier aber war sie Stundenlang dem ermdendsten Geschwtze ausgesetzt,
welches sich um die widerlich entstellten und bertriebenen Schilderungen
merkwrdiger Martyrien oder die Wunder von Heiligen-Bildern und Reliquien
drehte, und im Munde beschrnkter Personen eine Verzerrung und Kraheit erhielt,
welche zu ertragen, ihr die hrteste Geistesqual duchte; und doch blieb ihr
dagegen nur der geringe Schutz, ihre Gedanken auf die Handarbeit zu richten, die
hauptschlich in der Anfertigung der groben Kleider und der Sandalen-hnlichen,
von Stricken geflochtenen Schuhe bestand, welche die Kleidung der Nonnen
ausmachten.
    Es entging Maria nicht, da das Schlo auer den Nonnen oft Gastbesuch
hatte, der zu dieser klsterlichen Form wenig pate. Die Mittagszeit im
Refektorium zeigte fremde geistliche Theilnehmer, von denen sie sich beobachtet
sah, ja, aus ihrem Zimmer mute sie den Besuch von Personen empfangen, die sich
weiter nicht zeigten, und bei deren Gegenwart auch Lady Sommerset gewhnlich auf
mehrere Tage ausblieb, die sonst, als Priorin, bestndig den groen Lehnstuhl
einnahm, der den geheimnivollen Eingang zur Kirche bedeckte, mit welcher Maria
jetzt durch tgliche Theilnahme vllig vertraut geworden war.
    Ueber den Zweck dieser Besuche, die auerdem von dem konsequenten Verfahren
des Pater Johannes untersttzt wurden, blieb kein Zweifel. Sie sollten Maria
nicht allein bekehren, sie sollten sie zu einem gewissen Zweck, zu einer
theilnehmenden Verpflichtung fr den Orden bekehren.
    Sie versuchte anfnglich dem Rath des Pater Clemens zu Folge, auf dem ihre
einzige Hoffnung beruhte, eine vllig duldende Haltung zu behaupten, die weder
zugestand, noch verweigerte, so da man sie wirklich fr bekehrt hielt; doch als
man nun anfing, ihr in dieser Beziehung nhere Mittheilungen zu machen, emprte
sich gegen diese Tuschung ihr stolzes und reines Herz. Sie trat nun bestimmter
entgegen, verdoppelte aber dadurch nur die Bemhungen um sich und zog sich eine
peinliche Scene zu, die mit einem Eidschwur endete, den man von ihr ber die
Geheimnisse dieses Schlosses begehrte. Nach langem Weigern willfahrte sie
endlich, da sie sich kaum denken konnte, da, auer dem Fanatismus der
Einzelnen, irgend ein bser Zweck diesen Dingen zum Grunde liege, und da sie
wohl einsah, da ihr keine Wahl bleiben wrde, wenn sie nicht selbst jede
Hoffnung zum Heraustreten aus diesem Hause damit zerstren wollte.
    Ihr Verhltni zu der Lady des Hauses blieb gleich widrig und beklemmend fr
sie. War auch eine hnliche Nacht-Scene nicht wieder vorgefallen, hatte diese
doch ein so tief reichendes Ensetzen in ihr zurckgelassen, da durch
ungewhnliche Tne, die oft Nachts an ihr Ohr drangen und durch eine
Nachlssigkeit Margariths einst an die Thr ihres Schlafgemaches vorrckten, ihr
hinreichend der grauenvolle Eindruck unterhalten ward, den jene furchtbare Frau
ihr eingeflt hatte.
    Fast rthselhaft schien jedoch bei solcher Geisteszerrttung die krperliche
Strke sowol, als die Schrfe und Klarheit des Verstandes, die ihr nach solchem
Paroxismus verblieb. Wie abschreckend und emprend die Richtung dieses Geistes
auch war, setzte sie doch oft ihre gelehrten Umgebungen in Erstaunen, und fhrte
mit ihrem schlagenden Verstande Geistes-Kmpfe, wobei ihre Gegner, wofern sie
nicht meist zu der durch Weltklugheit berhmten Gesellschaft Jesu gehrt htten,
ihrem durch weitreichende Erfahrungen entwickelten und berlegenen Scharfblick
htten weichen mssen.
    Maria war die Rolle, die sie frher in der Welt gespielt, verborgen, aber
sie bekam ein treues Bild von den Qualen, dem ein durch Snden zerstrtes
Gewissen auch bei der grten Hrte des Gemths nicht entgeht. Sie gewahrte mit
Erstaunen, wie diese stolze, jeden Augenblick Widerstand leistende Frau, wie ein
Kind eingeschchtert und bebend vor dem angedrohten Fluch der Kirche, sich den
harten Worten des Geistlichen und seinem Willen unterwarf, den sie, wenn sie
sich von dieser innern Qual mit allen Hlfsmitteln ihres sophistischen
Verstandes wieder befreit hatte, ihrerseits zu unterdrcken, eifrig bemht war.
-
    Was jedoch unsere junge Heldin nicht erfuhr, sei uns erlaubt, fr den Theil
unserer Leser, denen das Leben der Franziska Howard nicht bekannt ist, mit
einigen Worten hier einzuschalten.
    Nach dem Willen Jakobs des Ersten, die beiden Familien, denen er gleich
verpflichtet war, an einander zu knpfen, wurden Lord Essex und Lady Franziska,
wie sie uns selbst schon angedeutet hat, schon als Kinder, und beschftigt noch
mit Puppe und hlzernem Schwert, mit einander vermhlt, und der vierzehnjhrige
Gemahl mit seinem Gefolge nach Italien geschickt, um dort seine Erziehung zu
vollenden.
    Lady Franziska erblhte indessen zu einer seltenen Schnheit, und als
Hofdame der Knigin fhrte sie der tgliche Umgang in die Arme eines kniglichen
Gnstlings, der, aus dem niedrigsten Stande durch blhende Schnheit und
Liebenswrdigkeit zu den hchsten Wrden und Ehrenstellen von Jakobs
lcherlicher Vorliebe emporgehoben, endlich zum Herzoge von Sommerset erklrt
ward.
    Beide Liebende zweifelten nicht, da Jakob eine Scheinehe, wie sie Lady
Franziska fesselte, leicht den Wnschen seines Lieblings opfern wrde, und waren
daher sehr erstaunt, dem ungemessensten Zorne des Knigs bei dieser Entdeckung
zu begegnen.
    Durch die Gunst des Kanzlers Lord Overbury war Sommerset dem Knige bekannt
geworden, und von dem ausgezeichneten Geiste und den groen Kenntnissen dieses
Staatsmannes untersttzt, war es dem vllig unwissenden Jnglinge allein mglich
gewesen, die Stelle eines Ministers auszufllen, die Jakob ihm aufnthigte.
    Er stand auch hier, in sein Vertrauen gezogen, gromthig dem Verirrten zur
Seite und belebte seine Hoffnung fr die Zukunft. Jakob bestand indessen darauf,
da Lady Franziska ihre Verpflichtungen gegen Essex, der nun voll Liebe gegen
seine junge Gattin zurckgekehrt war, erfllen solle, und verbannte sie bei
ihrer hartnckigen Weigerung vom Hofe.
    Hier unterhielt Overbury den Briefwechsel der Getrennten und blieb ihr
Schutz gegen Jakobs hrtere Maaregeln.
    Aber die zgellose Leidenschaft der durch Widerspruch Gereizten hinterging
die vorsichtige Sorgfalt ihres edeln Freundes; sie fanden Mittel, sich ohne
seine Hlfe zu sehen, und vollzogen, gegen den Rath ihres Wohlthters, ihre in
jeder Beziehung unrechtmige Vermhlung.
    Mit dem ganz edeln Zorn eines boshaft hintergangenen Freundes sagte sich
Overbury nach dieser Entdeckung von den bisher Beschtzten los, und ihrer
eigenen Thorheit berlassen, ward ihr Geheimni nur zu schnell dem Knige
verrathen, und Beide wurden in den Tower gesetzt.
    So aus dem glnzenden Leben ausgestoen, dem Beide ganz ergeben,
entwickelten sich alle die gehssigen, schon bereit liegenden Laster Franziskas,
und ihren Gemahl, dessen indolenter Karakter mehr gewhrend, als mit handelnd
war, gnzlich beherrschend, schwur sie ihrem Wohlthter Overbury eine
unvershnliche Rache, da er ihr den Schutz verweigerte, den zu leisten sie
selbst unmglich gemacht hatte.
    Die Sammlung ihrer Briefe unter Overburys Adresse, die Summen, die er ihnen
vorgestreckt, wurden die sorgfltig geordneten Dokumente, womit die Lady ihre
eigene Mutter an den Knig absendete, ihren Wohlthter zu strzen.
    Der Erfolg ward von einem Gelddefekt untersttzt, den der unglckliche Mann
nicht nachweisen konnte, und der ebenfalls durch die Agenten der Lady ihm
gemacht war.
    Unlugbar hatte er den Zorn des Knigs verdient, indem er den beiden
Verliebten so ganz gegen den Willen seines Monarchen Vorschub geleistet.
Vergeblich verschwor Overbury seine Theilnahme an der endlichen Vermhlung; Lady
Franziska hatte durch nachgemachte Briefe auch dies vllig auer Zweifel
gestellt, und Overbury betrat den Tower an dem Tage, an welchem Lord Sommerset
mit seiner Gemahlin ihn verlie, welche, vom Knige begnadigt, ihren ehemaligen
Platz bei Hofe wieder einzunehmen hofften. Hier entstand aber ein wthender
Kampf der Eifersucht zwischen dem indessen heimisch gewordenen Herzog von
Buckingham, dem neuen Gnstling, und dem zurckgekehrten, der, von seiner
Gemahlin untersttzt, Alles versuchte, die alten Rechte wieder zu gewinnen.
    Overbury hatte indessen Freunde gefunden, die, von Buckingham begnstigt,
das Recht der Verurtheilten aufs Neue beleuchteten, und Jakob fing selbst an
aufmerksam zu werden, als der Beweis sich zuerst kund gab, Overbury habe die
Summen, die er nicht nachzuweisen wute, nicht veruntreut.
    Dies war die Losung fr Lady Franziska, welche, vom Laster einmal ergriffen,
jetzt keine Handlung mehr scheute, die sie der ffentlichen Schande entziehen
und ihre geheime Rache befriedigen konnte.
    Overbury ward vergiftet in seinem Kerker gefunden, mit ihm zur selben Zeit
starb eines gewaltsamen Todes sein Sekretair, derselbe, der durch die genaue
Ordnung und Darlegung aller seinen Herrn vertheidigenden Papiere der Sache diese
Wendung gegeben.
    Diese wichtigen Dokumente selbst waren verschwunden, aber eine furchtbare
Gerechtigkeit erstand gleich nach Lautwerdung dieser Greuel in der ffentlichen
Meinung. Mit Fingern wies man auf Lady Franziska und ihren Gatten, und es
bedurfte nur geringer Anzeichen, um ihnen aufs Neue die Wohnung des Towers
anzuweisen, auf dessen dsterer Schwelle sie nun der Schatten ihres gemordeten
Wohlthters empfing.
    Hier bildete sich in dem unglcklichen Verbrecher, dem kaum dreiigjhrigen
Lord Sommerset, die furchtbare Verwirrung des Geistes aus, die, durch so viel
Schuld veranlat, spterhin der rchende Begleiter seiner Tage ward; und so
hartnckig der Widerstand seiner Gemahlin blieb, so leicht waren doch seinem
erschtterten Geiste die Aussagen entrissen, die das Oberhaus bedurfte, um Beide
des Lebens fr verlustig zu erklren.
    Lange zgerte Jakob, obwol die Richtigkeit des Urtheils anerkennend, mit der
Vollziehung.
    Die Zeit verwischte das Andenken dieser Greuel erst aus den Kreisen der
Unterhaltung, dann aus den Gedanken der Menschen berhaupt. Ob sie lebten, ob
heimlich das Urtheil an ihnen vollzogen, oder ob sie in einer strengen
Verbannung gehalten wrden, war zweifelhaft, zuletzt gleichgltig; und Jakobs
Rthe, die den Kampf ihres Herrn kannten, durften zuletzt wagen, ihm selbst
vorzuschlagen, die Gefangenen nach dem alten Schlosse der Howards an der
Ostkste von England zu bringen.
    Sein Wunsch ward dadurch erfllt; denn es krnkte ihn zu sehr, ein Mitglied
aus der Familie Howard und seinen ehemaligen Liebling den ffentlichen
Verbrecher-Tod sterben zu lassen.
    So fhrte sie ein sicheres Geleit dahin, wo sie den Strafen der Einsamkeit
und ihren Snden berlassen blieben.
    Man behielt lange die Gewohnheit, zuweilen durch knigliche Kommissarien von
ihrer Gegenwart sich zu berzeugen, und dies Recht blieb auch noch immer dem
nchsten Gerichtshofe, zu jeder beliebigen Stunde das Schlo und die Bewohner zu
besuchen, und von ihrer Gegenwart sich zu berzeugen.
    Nach dem Tode des unglcklichen Herzogs, dessen Wahnsinn, durch die harte
Behandlung seiner Gattin vermehrt, ihm so frh den Tod gab, wie wir schon aus
Margariths Bericht ersehen haben, hrten die lstigen Besuche immer mehr auf,
sie blieben aber die Hauptveranlassung einer so sorgfltigen Verheimlichung der
katholischen unterirdischen Kirche, da diese nicht so schnell als die Kleider
oder die Personen, die Verdacht erregen konnten, zu verbergen war.
    Lady Franziska hatte auf den Rath ihrer geistlichen Freunde mit dem letzten
Richter der Stadt Gersey, dem diese Obliegenheit ward, eine Abkunft durch
Entrichtung einer Summe Geldes getroffen, und ihr vorrckendes Alter als Motiv
ihres Wunsches genannt, unbehelligt von jenen lstigen Nachweisungen verbleiben
zu knnen. Dies hatte den besten Erfolg gehabt, da der Richter, selbst in hohen
Jahren, sich gern dieser Verpflichtung berhoben sah, und ihm die Gegenwart der
Verbannten viel angenehmer veranschaulicht ward durch einen monatlichen Revers,
den er ihr fr die empfangene Abfindung ausstellte. Denn die Nothwendigkeit,
sich einer Frau gegenber zu stellen, ber deren Verbrechen seit dem Tode ihres
Gemahls, wie ber ihre Geisteszerrttung so bertriebene Gerchte in der kleinen
Stadt herrschten, da Jeder das Schlo als einen Pfuhl der Hlle floh, war stets
eine lstige Pflicht. -
    Dies ist die Geschichte einer Frau, in deren Nhe wir unsere junge Heldin
haben fhren mssen, und indem uns der Wahrheit nach nur vergnnt war, ihre Lage
als ungnstig und unerfreulich zu bezeichnen, ja, als von einer Unsicherheit
umgeben, die unsere Theilnahme erregen knnte, mssen wir sie doch auch auf
einige Zeit verlassen, um uns in Zusammenhang mit den Dingen zu setzen, die
anderswo sich als einflureich auf ihr Schicksal erzeigen werden. Und zwar
mssen wir in manchen Beziehungen uns erlauben, eine Zeit flchtig zu berhren,
in welche wir unsere Leser frher bereits eingefhrt haben.

                                 Dritter Theil


Die beiden Lords, Ormond und Richmond, hatten zwar die Gewiheit, Lady Melville
werde mit ihrem Willen von Membrocke geleitet, aber bei dem lebhaften Protest
des Fruleins gegen jeden Gedanken einer Entfhrung hatten sie gleichwol sich
berzeugt, da sie dessen ungeachtet das Opfer einer Tuschung ward, wofern
nicht ihrem ganzen Handeln ein Geheimni anderer Art zum Grunde lag, das sie
ihnen zu verheimlichen gesucht hatte.
    Den Rckweg bis zum Schlosse legten sie unter tausend Plnen und
Vermuthungen ber dies Ereigni zurck, wobei sich inde das Herz Beider
strubte, ihr eine innigere Verbindung mit Lord Membrocke als Grund
unterzulegen, wozu ihre Handlungsweise an und fr sich allerdings einigen
Verdacht darbot.
    Die Hauptfrage blieb inde, was unter solchen Umstnden ferner fr sie zu
thun sei. Denn htte sie auch durch die genossene Gastfreundschaft sich
verpflichtet halten knnen, Rechenschaft von ihren Handlungen zu geben, so war
ihr doch das Recht unbestritten, ber sich selbst zu verfgen, und hiermit auch
den Nachforschungen ihrer Freunde eine Grenze gesetzt.
    Zwei so zartfhlende Mnner wrden sich dieser Beschrnkung ihres Schutzes
unter andern Umstnden unbedenklich gefgt haben, wren nicht Beide von der
Unmglichkeit berzeugt gewesen, Membrocke knne je eine andere, als schlechte
Absicht mit Frauen haben, und htten nicht Beide mit Zuversicht geglaubt, er
habe durch die schlauesten Lgen dies klare, nur zu offene Gemth bethrt, ihm
zu folgen.
    Sie vermutheten, da die Schwierigkeiten, die sich der Familie Nottingham
entgegen gestellt hatten, ihr Auskunft ber ihre Verwandten zu verschaffen,
benutzt worden wren, um ihrem Vertrauen eine andere Richtung zu geben, und aufs
Neue stieg ihre Sorge, wohin sie wohl gefhrt sein mchte.
    Die Entdeckung ihrer Flucht hatte dabei die Mutter Richmonds und die alte
Herzogin so erschttert, da die Beiden von Besorgni erfllt waren, so ohne
alle Milderung dieses schmerzlichen Gefhles, ja, fast mit erhhten Sorgen fr
die junge Lady, zurckkehren zu mssen.
    Doch schon fanden Beide die Umstnde verndert. Die jngere Herzogin lehnte
alle Erklrungen durch die Klte ab, mit der sie augenblicklich die Sache
abzuschlieen trachtete. Keine Spur war mehr brig von der heftigen Unruhe, die
bei der ersten Nachricht sie fast ihrer stolzen Haltung beraubt hatte.
    Wir sind uns das Zeugni schuldig, die Pflichten der Menschenliebe und der
Gastfreundschaft an dieser jungen Person vollkommen erfllt zu haben, erwiederte
sie dem lebhaften Vortrage ihres Sohnes, glauben uns aber jetzt fr uns selbst
und unsere Umgebungen ihrer vollkommen entledigt durch das Stillschweigen und
unerhrte Dunkel, worein sie sich zu hllen fr gut befunden hat.
    Ich, die ich dieser jungen Person eine mtterliche Gte erzeigte, ich fhle,
da ich die Einzige bin, die sich von dieser Handlung gekrnkt ansehen kann. Ich
gebe aber dies Gefhl und das damit verbundene Recht meines fernern Schutzes
hiermit auf, da ich einsehe, da ich berhaupt nur dies zartere Recht besa, sie
von der eigenen Lenkung ihres Schicksals abzuhalten. Ich danke Ihnen daher,
Mylord Ormond, und Dir, mein Sohn, fr die Bereitwilligkeit, die Wnsche meiner
ersten Ueberraschung zu erfllen; ich erklre die ganze Sache damit beendigt und
werde, wenn es mir spterhin zulssig erscheint, aus eigenem Gutdnken darber
bestimmen, ob noch das Eine oder das Andere in dieser strenden Episode unseres
wrdigen Familienlebens zu thun sei, und im Fall ich dabei der Hlfe bedrfte,
die Eure jeder andern vorziehn.
    Du wirst gewi Deiner Gromutter selbst Deinen Bericht machen wollen. Meine
Abreise nach Godwie-Castle ist auf morgen festgesetzt, und ich freue mich Deiner
Begleitung, mein Sohn! In Wahrheit, wir alle haben wichtigere Pflichten und
Sorgen, als die Thorheiten einer Fremden zu beleuchten oder uns zu Herzen zu
nehmen. -
    So entfernte sich die Lady, jede Gegenrede abschneidend, und so fanden die
Lords auch die alte Herzogin, deren vorherrschende Gte zwar eine so stolze
Hrte nicht zulie, aber doch von sich selbst fast jedes Interesse ablehnte und
mit einem leisen Anhauch von Empfindlichkeit Alles an ihre Schwiegertochter
verwies.
    Beide Lords trennten sich mit der Ueberzeugung, es sei whrend ihrer
Abwesenheit zu unangenehmen Errterungen zwischen den beiden Damen gekommen,
wobei jedoch Richmond unbekannt blieb, wie er selbst durch die Aeuerungen
seiner Theilnahme dieser mitrauischen Frau eine bedeutende Veranlassung
geworden, gegen Lady Melville klter zu werden, und wie daraus eine Abweisung
der Vorschlge ihrer Schwiegermutter entstand, welche diese engelgute Frau
selbst nicht ohne einige Empfindlichkeit vernehmen konnte.
    Was jedoch die Gefhle anbetrifft, die Richmond in Anspruch nahmen, so
fhlte er auf der Stelle den Vorwurf der Mutter, und wie frei er sich auch davon
wute, ihn verdient zu haben, gelobte er sich doch fest, da kein anderes
Interesse, als das seines ehrwrdigen Grovaters, dessen schwierige Lage er
besser noch, als seine Mutter kannte, ihn vorherrschend beschftigen solle, bis
jene Angelegenheiten eine erwnschtere Wendung genommen haben wrden. Dann,
sprach er zu sich selbst, und eine tiefe Rthe drngte sich hervor, dann sei mir
Gott gndig! -
    Wir finden bald nachher die herzogliche Familie in Godwie-Castle versammelt.
Die alte Herzogin hatte Burtonhall verlassen, um sich zu ihrer Schwiegertochter
zu begeben, welche bald nach dem letztgemeldeten Ereigni nach Godwie-Castle
zurckgekehrt war. Die Jahreszeit war zu weit vorgerckt, um andere
Versammlungsrter zu bieten, als die, welche die gesellige Flamme von den
behauenen Fichtenstmmen, in den weiten Rumen der hohen Kamine durch alle
Gemcher heimliche Wrme verbreitend, darbot. Der Nordwind erreichte das Schlo
durch die unbelaubten Wlder, die Sonne blieb verhllt oder blickte nur matt
durch dichte Nebelschleier, Licht und Wrme waren von auen her nicht mehr zu
erwarten, und die einsamen Bewohner kehrten mechanisch in die alten Gewohnheiten
der winterlichen Zeit zurck.
    Es war kaum anzunehmen, da die Anordnung der Zeit und die Obwaltung des
Hauses von denen ausgehe, die ihr Rang dazu berief, viel eher schien es, jene
fgten sich in das, was von der Dienerschaft in jahrelanger Gewohnheit und
schweigsamen Gehorsam nach dem einmal gekannten Willen ihrer Herrschaften auch
jetzt wieder sorgsam ohne Frage eingerichtet war. Man verlie die eigenen
Gemcher und verfgte sich in die Versammlungszimmer, wenn die aufwartenden
Diener die Stunden dazu meldeten; man trennte sich, wenn die Zeit zu diesem
Beisammensein durch den Aufhub der Tafel oder des Frhstcks angezeigt war, und
der Zwang, der ber Allen waltete, schob die streng gehaltenen Stunden selten
hinaus.
    Es war die Zeit einer bangen Erwartung, die Alle zur Unthtigkeit verdammte,
whrend Sorge, beleidigter Stolz und die Brde eines groen, erlittenen Unrechts
im Geheim die Leidenschaften Aller steigerte, und weder ein Abschlieen mit dem
Leben zulie, noch eine muthige Anstrengung fr die Wiedererlangung des
gestrten Friedens.
    Wohl wute die erhabene, also geprfte Familie, da England den Kummer
theile und ber die Beleidigung murre, die jeden edeln Mann in Bezug auf die
schimpfliche Behandlung des Grafen Bristol zu betreffen schien. Aber es sind
nicht alle Gemther gestimmt, in der Theilnahme der Menge Trost finden zu
knnen. Graf Bristol war am Ende eines glcklichen und ruhmvollen Lebens nicht
vorbereitet, es so traurig zu beschlieen, und das stolze Herz seiner Tochter
widerstand dem Unglck mit ergebungslosem Unwillen.
    Lord Bristol war vom Hofe und aus London verwiesen. Der Stolz, womit er das
Parlament zum Schiedsrichter zwischen seinem Anklger und sich gestellt wissen
wollte, war eine Herausforderung zu gefhrlicher Art fr Buckingham, als da er
nicht eine Verweisung vom Knige erpressen sollte, um alle Anstrengungen mit
einem Male zu vernichten, die von Seiten der mchtigen Familie des Grafen
gemacht wurden, um ihn glnzend zu rechtfertigen. Machtlos stand Lord Bristol
vor diesem harten Gebot. Das Antlitz seines Knigs war ihm entzogen; der Prinz
von Wales, wie es schien, theilte die Meinung des verwegenen Herzogs; zu
widerstehen war der Gewalt nicht; der Graf mute vor den Thoren von London
umwenden und in der Verbannung sich fr begnstigt halten, da man das Schlo
der Herzogin von Nottingham als Zufluchtsort anzusehn, ihm verstattete.
    Was ihm von hier aus zu thun mglich war, beschrnkte sich darauf, die
Wirksamkeit des Grafen Archimbald und des Lord Richmond durch Alles zu
unterhalten, was ihm zu seiner Rechtfertigung an Beweisen zu Gebote stand; doch
der Widerstand und die gesetzwidrigen Hindernisse, welche diese auf allen Wegen
von Buckinghams Kreaturen aufgestellt fanden, machte ihr Streben zu dem
erfolglosen Geschft der Danaiden und setzte ihre eigene, stets behauptete
achtungsvolle Stellung allgemach herab. Ihre offenen Bemhungen hatten zuerst
das Mifallen des Hofes zur Folge, welcher sich nicht an eine Sache erinnert
sehen wollte, die nicht zu rechtfertigen war, und in Ansehung der betreffenden
ausgezeichneten Person nicht in der Stille sich beseitigen lie.
    Die Minister des Knigs, obwol von der Unschuld des Grafen berzeugt, hatten
Buckinghams Willen gegenber keinen Einflu auf den Knig, und Lord Salisbury
hatte mit engherziger Strenge sich von jeder Theilnahme an seiner Familie
ausgeschlossen, sobald sie gegen den einmal ausgesprochenen kniglichen Willen
lief. So geschah es, da der Mann, der noch vor Kurzem im Mittelpunkte der Gnade
zweier groen Hfe, von den Freundschafts- und Gnadenbezeigungen der spanischen
und englischen Majestten berhuft, und im Begriff gewesen war, eine glnzende
Allianz fr sein Vaterland durch die heiligsten Bande zu befestigen, und sich
den Segen und den Dank seines Knigs und seines Vaterlandes zu verdienen -
jetzt, durch die beispiellose Unverschmtheit eines ungeschickten und
leichtsinnigen Thoren, sich zum Spielball der boshaften Willkr desselben
herabgesetzt sah, angeklagt treulosen Verraths des kniglichen Vertrauens,
angeklagt ffentlich und laut vor ganz England, vor ganz Europa, und durch den
grausamsten Machtspruch zur Verbannung und zu einem Schweigen verdammt, das
diesen geachteten Namen zu einem Gegenstande des Zweifels machte.
    Bis zu dem Augenblicke waren alle Bemhungen seiner Freunde, ihm Gelegenheit
zur Rechtfertigung auszuwirken, vergeblich gewesen. Ihre Bitten erreichten
Jakobs wohlverwahrtes Ohr nicht mehr. Der Prinz zeigte eine Klte dagegen, die
den besorgten Freunden des Vaterlandes die Wahrheit zu besttigen schien, es
habe der Karakter des Prinzen nach der Rckkehr aus Spanien eine traurige
Umnderung erlitten, die man dem entschieden hervorgetretenen Einflusse
Buckinghams zuzurechnen, sich fr berechtigt hielt.
    Der Knig von Spanien, Bristols unermdlicher Freund und Bewunderer, hatte,
trotz der feindlichen Stellung, die beide Lnder jetzt gegeneinander annahmen,
seine gerechte Empfindlichkeit berwunden, und in einem eigenhndigen Schreiben
an Jakob seinen Liebling vertheidigt und den Knig fr ihn zu gewinnen gesucht.
Jakob hatte diesen Brief nie erhalten, und dem gromthigen Philipp ward
angedeutet, da seine Vorliebe dem Grafen eben nicht zum Besten gereiche, da er
gerade verklagt sei, der katholischen Majestt zu vortheilhaft gesinnt gewesen
zu sein.
    Ein gleiches Schicksal hatte Lord Bristols erhabene Freundin, die edle und
unglckliche Pfalzgrfin Elisabeth, die Tochter Jakobs, die, aus dem Besitzthum
ihres Gemahls vertrieben, in trostloser Verlassenheit, jetzt auch der Hoffnung
beraubt war, nachdem mit Bristols Sturz der spanische Einflu auf ihr Schicksal
verloren gegangen, von dem sie ihr gesunkenes Glck wieder aufgerichtet zu sehen
hoffte. Vergeblich sagte man ihr, da Frankreich die Rolle Spaniens ersetzen,
da sie bei dieser politischen Umwlzung nichts verlieren wrde; ihr Langmuth
war erschpft, und die Verzweiflung gab ihrer Sprache die ungeschminkte Frbung
der Wahrheit. Die dringenden Briefe dieses Inhalts an ihren Vater, die stets von
heftigen Ausbrchen gegen Buckingham und von Betheuerungen fr Bristols Unschuld
erfllt waren, wurden nicht unterdrckt, sondern Buckingham weidete sich daran,
wie sie selbst den Zweck zerstrten, den sie erreichen sollten. Jakob hatte die
unglckliche Verbindung stets als eine Plage betrachtet, wovon sein ngstlich
bewachtes Friedenssystem bedroht und seine stets sparsam gefllten Kassen zum
Oeftern geplndert wurden, und wenn er seiner Tochter diese beiden Belstigungen
bisher verziehen hatte, geschah es immer nur in so fern, als das Unheil eines
Krieges noch wirklich abgewendet worden war. In dem Augenblicke, wo seine
sinkenden Lebenskrfte ihn herzloser und bellauniger, als je, machten,
erbitterte ihn die Vorstellung, dem Kriege mit Spanien nicht mehr entgehen zu
knnen, so heftig, da er, getuscht ber die wahren Urheber desselben, sich
durch die Vertheidigung Bristols, der ihm als ein solcher vorgespiegelt worden,
wahrhaftig emprt fhlte; zumal, da diese Vertheidigung von einer Prinzessin
ausging, von welcher er stets, in trber Vorahnung, die Veranlassung zu einer
Katastrophe erwartet hatte, die ihn jetzt eben durch ihren Schtzling erreicht
zu haben schien. Er hrte daher nicht auf, sich auf das Lauteste ber die
Mahnungen der Pfalzgrfin zu beklagen, und es konnte Niemandem entgehen, da
diese Bemhungen die Sache des Grafen noch mehr verdarben.
    So wenig nun unter diesen Umstnden sich ein Weg zu ffnen schien, dessen
Verfolgung gnstigere Resultate hoffen lie, war doch Graf Archimbald eben, wie
Richmond, entschlossen, festen Fues das bestrittene Feld zu behaupten, da es
auer allem Zweifel blieb, da London und der Hof, bewacht in allen seinen
Abwechselungen, Gelegenheit geben mte, die nie aufzugebende Sache an ein
klareres Licht zu ziehen.
    So blieben Beide freiwillig von Godwie-Castle getrennt, whrend der junge
Herzog, in einer stillen, leidend ruhigen Fassung, in dem Hause seiner nunmehr
anerkannten Braut in London, seine Zeit in gleichem Antheil dem Kummer seiner
Familie, wie den Pflichten seines Berufs widmete.
    Die jngere Herzogin begriff unter den offen daliegenden Ursachen des
Kummers alle Empfindungen ihres Herzens, wie manches ihnen auch beigemischt sein
mochte, was sie sich oder Andern einzugestehen nicht geneigt war. Sie hatte sich
mit der Angelegenheit der angeblichen Grfin Melville seit ihrer freiwilligen
und heimlichen Entfernung von Burtonhall fr abgefunden erklrt, und sich, wie
ihren Umgebungen, mit der ihr eigenen Art, welche keine andere Meinung aufkommen
lie, jede weitere Nachforschung nach dem fernern Aufenthalte nach Ergehen
derselben untersagt. Der Name des liebenswrdigen Wesens war daher in den einst
von ihr belebten Rumen verklungen, oder wurde nur schchtern in den langen
Wintergesprchen der Dienerschaft erwhnt, welche alle dem gtigen Frulein
zugethan verblieben.
    Lord Bristol hatte die endlich geffneten Gemcher des verstorbenen Herzogs
bezogen, und sein rastloser Geist war hier mit der Abfassung von Memoiren
beschftigt, die sein reiches und einflureiches diplomatisches Leben betrafen.
So sich in die Vergangenheit vertiefend, behielt er doch seine gegenwrtige
Stellung unverrckt im Auge, und auf die Liebe des Knigs zu ihm bauend, die er
einst so vollstndig besessen, ging sein lebhafter Wunsch dahin, sich auf irgend
eine Weise ihm nhern und sich vor ihm selbst vertheidigen zu knnen.
    Eine einzige Vertraute dieses Wunsches gab es fr ihn; dies war seine
Tochter. Wie sonst bei Lebzeiten ihres Gemahls, ruhte die Herzogin heute in dem
Lehnstuhle, dem Arbeitstische ihres Gemahls gegenber, von welchem her jetzt das
ernste, gefurchte Antlitz des Vaters zu ihr blickte, um dessen hohe Stirn die
Locken des starken Haares, von dem Reife des Alters gebleicht, sich majesttisch
bauten und den erhabenen Eindruck seiner ganzen Erscheinung zu krnen schienen.
    Ich habe meinen Namen vor England nicht zu vertheidigen, meine Tochter,
setzte er gelassen ein mit ihr gefhrtes Gesprch fort, und htte ich es, so
wrde, nach menschlicher Wahrscheinlichkeit, die Zeit nicht aus bleiben, wo es
geschehen knnte; aber zu jener Rechtfertigung, nach der, ich gestehe es Dir,
mein Herz sich sehnt, dazu mchte es bald an der Zeit sein, oder fr immer zu
spt. Mein theurer, da ich es sagen mu, mileiteter Knig ist am Ende seiner
Tage. Soll er sein Auge schlieen, ohne es noch einmal vershnt und wohlwollend
auf seinen treuen Diener, den er einst seinen Freund nannte, gerichtet zu haben?
    Er hatte sich whrend dieser Worte erhoben und schritt gedankenvoll durch
das kleine Gemach.
    Sein stolzes Haupt hatte sich nachdenkend auf seine Brust gesenkt, seine
Armen lagen gekreuzt ber einander.
    Die Herzogin begleitete ihn mit den ausdrucksvollen Blicken, die ihr so
eigen waren, wenn sie sich einen Gegenstand bis zur Klarheit ausdachte, und hier
verfolgte sie den Gedanken, da die persnliche Ungnade des Knigs, der
Gespiele, Freund und Vertrauter ihres Vaters gewesen, dem dieser mit
grenzenloser Hingebung und einer an Enthusiasmus grenzenden Liebe gedient, dies
edle Herz tiefer verwundete, als eine ffentliche Anklage, an die Niemand im
Ernste glaubte, wenn auch sie zu widerlegen, auer dem Interesse der Mehrzahl
lag.
    Sie hatte die ruhende Stellung aufgegeben, Gedanke an Gedanke, beflgelt von
der Liebe zu dem edeln, innigverehrten Vater, ordneten sich in ihrem Kopfe und
rtheten das blasse, zusammengefallene Antlitz mit einem Anhauche frheren
Glanzes.
    Nun wohl, theurer Vater, so lasset uns handeln! sprach sie endlich und erhob
sich, lebhaft vor ihn hintretend. Die Witwe des Herzogs von Nottingham ist nicht
vom Hofe verbannt, ihr wird der Zugang nicht verwehrt sein zu den Stufen des
Thrones. Lasset Eure Tochter als Euren Boten voran nach London eilen, diese
wankenden Knie werden sich leicht beugen, um fr den Vater Gerechtigkeit zu
erflehen, und Jakob wird die Tochter hren, die von dem Herzen des Vaters zu dem
seinigen reden will. Ich frchte diesen Buckingham nicht, und Ihr wit, setzte
sie stolz hinzu, ich habe ihn nie gefrchtet; auch ist ja meine Sendung eine
Sendung des Friedens! Mge England ungewi bleiben, ob Jakob vershnt ist mit
seinem edelsten Diener; seid nur Ihr es nicht lnger, sei nur von diesem Herzen
der Schmerz genommen, der es jetzt ergriffen hlt.
    Bristol betrachtete seine Tochter; ein sanfter Ausdruck glitt ber seine
bekmmerten Zge und seine Arme lsten sich, die Hnde der Tochter zu ergreifen.
    Ich danke Dir, Arabella, fr den warmen Antheil, den Du mir bewahrt hast,
sprach er sanft, aber vielleicht bedarf ich ihn nicht, um Dich einem so
ungewissen Unternehmen auszusetzen, dessen Milingen Dich tiefer verletzen
wrde, als Du berechnen kannst. Diese ersehnte Zusammenkunft ist vielleicht
nicht mehr fern, und ich war eben gesonnen, Dich auf meine mgliche kurze
Entfernung vorzubereiten, welche mit einem mir gemachten Vorschlage, den Knig
zu sehen, zusammenhngt, und welche den Bewohnern dieses Schlosses zu deuten,
ich Deiner Klugheit berlassen mu.
    Und habe ich so viel Anspruch an Euer sptes Vertrauen, verehrter Herr, um
hier mehr als ein blinder Hter Eurer mit Fremden verabredeten und mir bis jetzt
so wohl entzogenen Plne zu sein? sprach die Herzogin, sich nach ihrem Sessel
zurckziehend.
    Ja wohl, Fremde! seufzte hier Lord Bristol schwer auf, denn in England
scheint kein Herz mehr nach dem Takte alter Ehre und alten Rechtes zu schlagen,
sondern, wie die Furcht das feige Blut regiert, im jhen Wechsel von Hast und
Gleichgltigkeit.
    Die Hlfe, die man mir beut, sie kmmt von jenen, die aus dem Untergange
meiner lang gepflegten, fr England segensreichen Plne ihre eigenen aufblhen
sehen. Richelieu bietet sich zum Vermittler an, durch Richelieu's geheimen
Einflu soll ich den Knig sehen. -
    Richelieu! rief die Herzogin, in der Ueberraschung ihre Empfindlichkeit
vergessend, Richelieu, der Jesuit! der Feind aller Freiheit, aller Tugend! Euer
Feind, so lang Ihr England mit Spanien zu vereinen strebtet, er, er wrde Euern
Einflu zu heben suchen, nachdem ihm durch Euren Sturz der beste Vortheil ward,
und er begierig mit Eurem Feinde Buckingham die Bande schrzte, die auf immer
Alles trennen, was Ihr mit langer Weisheit in andrer Richtung angeknpft! Vater,
wollt Ihr mich glauben lehren an den Ruf, der Richelieu zu dem verschlagensten
Staatsmanne Europa's stempelt! Wenn er Euch zu tuschen wte, glaube ich an
Alles!
    Eben weil ich Dich als so rasch in Urtheil und Aeuerungen kenne, erwiederte
Lord Bristol, entzog ich Dir, wie Du besttigst, nicht ohne Grund, die langsam
entstehenden Beweggrnde, die endlich mich zu diesem Punkte fhren konnten; doch
wei ich, die Ueberzeugung wird Dir bald nthig sein, da Dein in den Wegen der
Politik grau gewordener Vater nicht jetzt in die Schlingen eines franzsischen
Kardinals gefallen, sondern da hier zum ersten Male der Fall eingetreten ist,
da Beide in einem Interesse handeln.
    Da die Herzogin ihn nicht unterbrach, fuhr Graf Bristol fort: Was ich zum
Wohle des Ganzen mit Spanien so sorgfltig angesponnen, ist unwiderruflich
dahin. Frankreich hat mit neidischen Augen eine Verbindung betrachtet, welche
England einen berwiegenden Einflu auf alle europischen Beschlsse verhie,
und wohl wissend, von wem dieser Plan ausging und geleitet ward, und wie nach
ihm Keiner ihn fhren knnte, war ich seinen geheimen Machinationen unaufhrlich
preisgegeben. Alle Schwierigkeiten des rmischen Hofes wurden von Frankreich
geleitet und scheiterten allein an dem seltenen persnlichen Verhltni, welches
zwischen mir und Philipp bestand, und mein einfaches Wort hher gelten lie, als
alle Intriguen des ehrgeizigen Kardinals. Da aus der unbegreiflichen Vershnung
des Prinzen mit Buckingham diese verderbliche Reise entstehen drfte, die Alles
vernichten mute, das lag auer der Berechnung selbst der khnsten Wnsche
Frankreichs; doch ward es eben so schnell zu dessen Vortheil benutzt, wie es
auer meinen Krften lag, es unschdlich zu machen. Eine wunderbare Erscheinung
in der Welt hat sich hier wiederholt, da oft die Weisheit durch die
Schellenkappe von ihrem Throne gejagt wird, um das Laster darauf zu krnen. Was
Richelieu nicht zu hintertreiben gelang mit dem ganzen drohenden Apparate des
rmischen Hofes, das gelang dem wahnsinnigen Uebermuthe eines boshaften Thoren,
der vielleicht in toller Laune seine Schuhschnallen gegen diese Verbindung
gewettet hatte. So brutal, so planlos, so ohne Hehl seiner bsen Absicht trat
dieser Mensch auf, und dennoch so unwiderstehlich, da er kein Mittel scheute, um
gerade das zu zerstren, worauf Alles beruhte: Treue und Glauben an englische
Redlichkeit und reine Sitte. -
    Und der Prinz? rief die Herzogin. Nie werde ich das Rthsel lsen knnen,
was er uns dabei aufgiebt. Nicht hoch ist meine Meinung von ihm gewesen, sie ist
gerechtfertigt; seine erste Handlung zeigt ihn als einen Mann ohne Haltung, ohne
Gte und wahres Ehrgefhl. Wie konnte er je die Hand Buckinghams ergreifen, die
sich einst freventlich gegen ihn erhob, und sich von allen denen wenden, fr die
er frher nur zu leben schien.
    Der Prinz, erwiederte Bristol, zeigt sich freilich abweichend von dem, was
frher wir von ihm erwarten durften; aber ehe ich Dir beipflichte, mte ich ihn
nher beobachten knnen. Ganz rechne ich seinem Karakter diese Verwandlung nicht
zu; es liegt hier irgend ein ueres Anreizungsmittel zum Grunde, das bis jetzt
zu erforschen mir nicht gelang. Doch leider ist so viel gewi, da, seit er in
Deinem Gemahl seinen guten Engel verloren, er in die Gewalt eines bsen Geistes
gerieth, der mindestens seine Handlungen der Welt entstellt wiedergiebt.
Vielleicht htten wir den Schlssel zu allem diesem, wenn Dein Gemahl Zeit
behalten htte, mir den Grund seiner Reise nach Spanien zu entdecken; da sie
vom Prinzen veranlat war, ist das Einzige, was mir klar geworden.
    Wunderbar, sagte die Herzogin dster vor sich hin, er hat ihn mir mignnt
vom ersten Augenblicke an, er hat ihn mir entzogen, so viel er vermochte, er hat
ihn mir endlich fr immer geraubt!
    Bristol umging es, diese bittere Anklage seiner Tochter durch Widerspruch zu
schrfen, und sie abziehend, fhrte er die abgewichene Unterredung auf ihren
Anfang zurck.
    Frankreich hat einerseits erreicht, was es wollte, aber indem es an die
Stelle der Infantin die franzsische Prinzessin gesetzt, betrachtet es schon
voll Argwohn denjenigen, durch dessen wahnsinnigen Eifer dies erreicht ward. Die
Prinzessin soll eine Abgesandte Richelieu's werden, ihr unbestrittener Einflu
auf den Prinzen mu gesichert werden, und schon wird Alles in Bewegung gesetzt,
Buckingham zu strzen oder ihm ein Gegengewicht zu geben, und somit ist
Richelieu darauf bedacht, mich an das Interesse der Frstin zu knpfen, durch
sie mich mit dem Hofe zu vershnen und Buckingham entgegen zu stellen. -
    Verzeiht, erwiederte die Herzogin, hier kalt ihn unterbrechend, wenn ich
Euch dies Mal nicht verstehe. Einfach, wie Ihr mich erzogen, habe ich von keinem
andern Wege, Glck und Gunst zu erlangen, Begriff bekommen, als von dem offenen
Wege des Rechts. Durch eine Kabale Richelieus den Platz Euch wieder gewinnen zu
sehen, den Euch vor ganz Europa eine Ungerechtigkeit zu rauben wagte, darauf
wre ich nicht verfallen; freilich, die einfache Bitte einer Tochter um
Gerechtigkeit fr ihren Vater knnte den stolzen Kardinal beleidigen, indem der
Erfolg seine feinen Plne zu bereilen drohte.
    Arabella, sagte Bristol, indem er das gesenkte, strenge Antlitz der Tochter
lchelnd betrachtete, Du bist dieselbe noch, wie damals, als Du in dem groen
Thurmzimmer auf dem alten Stammschlosse der Digby, eine echte Erbin ihres
stolzen Blutes, mit dem Filetstock Deinem Vater drohtest, wenn er in Deinen
Plnen, die Welt zu beherrschen, einige Abweichungen anzurathen wagte. Ohne
Zwang bist Du erwachsen, ohne Zwang geblieben bis jetzt; schn und vollstndig
ist Deine Natur entwickelt, sich selbst Gesetz geworden. Mir schien es stets der
einzige Weg, die tiefe Leidenschaftlichkeit Deiner stolzen Natur in sich selbst
sich bezwingen zu lassen, und viel hast Du wahr gemacht, was das Vertrauen des
Vaters Dir bertrug; was damit nicht erreicht werden konnte, soll mich nicht
berraschen, denn ich stellte es stets in Zweifel.
    O Vater, rief die Herzogin, sich seinen Augen entziehend, es steht nicht
wohl, die zu schelten, die, mde von Schmerz und Tuschung, ungleich in ihrem
Innern bewegt von Gleichgltigkeit gegen sich selbst und heier Liebessorge fr
die Ihrigen, das einfache Recht zu ihrer Richtschnur whlt. -
    Auch schelte ich nicht, noch weniger zrne ich Deinen raschen Worten, doch
hte Dich, wie eben jetzt, den verletzten Stolz, der Dich hier so selbst erhoben
richten lt, nicht zu verwechseln mit dem rhrenden Bedrfni nach einfachem
Recht.
    Die schne Seele, die nur darnach lechzt, sie verfehle vor allen Dingen
nicht, sich selbst zu prfen, ob sie rein genug gestimmt war, um Recht von
Unrecht rein zu scheiden.
    Wenn ich die schmutzige Hand ergreife, die sich mir bietet, wer zweifelt,
und vor Allem, warum zweifelst Du, da es ein Opfer ist, was ich in hherer
Absicht bringe? Die Feinde meines Vaterlandes stehen an dem Fu des Thrones,
verloren ist die Hoffnung Englands, verloren der Prinz, bleibt er in den Hnden
Buckinghams. Mir fehlt, um die Ketten, worin er langsam eingeschmiedet wird, zu
brechen, jetzt die Kraft.
    Hat Richelieu sich verrechnet, indem er sie fr mich zu brechen sucht, ich
habe ihn nicht getuscht, er kennt mein Leben, es trgt keinen Hauch von
Selbstsucht; unvorenthalten blieb es ihm, da dieses Herz nichts eingebt von
seiner warmen Liebe fr England und sein erlauchtes Herrscherhaus. Das Antlitz,
was ich wirklich trage, hat Richelieu als Maske vorgenommen; er spricht von
Sorge fr England und seinen Thronerben, ich empfinde sie; er heuchelt mir
Vertrauen, als ob ich allein das Unheil hindern knnte, und ich fhle in
Wahrheit dazu die Kraft, den Willen. So reden wir dieselbe Sprache; er die
Sprache, die mich tuschen soll, um mich als vorlufiges Mittel gegen Buckingham
zu gebrauchen, ich die Sprache der Ueberzeugung und des Herzens, an die er
keinen Glauben hat, die er fr Verstellung hlt, da er nie eine Beleidigung
vergeben wrde, wie ich sie erfuhr, und da er whnt, ich trachte nur nach einem
Standpunkt des Herrschens, entfernt von dem Platz, wo ich Ehre und Ruhm
erlangte.
    Dem Knige mich zu vershnen, lag auer seinem Willen, und hlt er es fr
eine Grille, die mich ihm fast verchtlich macht, da ich auf der Vershnung mit
einem fr ihn vllig abgethanen, leeren Greise so ernst bestand; und doch war,
diese zu bewirken, meine erste Bedingung. Ich erwarte die Nachrichten, die mich
von hier abrufen sollen mit jeder Stunde. -
    Am Abende desselben Tages hielt an derselben Treppe der Terrasse, welche
einst den leblosen Krper der unglcklichen Maria trug, ein kleiner Trupp wohl
bewaffneter Reiter mit einem leeren Handpferde. Aus dem italienischen Flgel
glitt der Schein eines wandernden Lichtes an den Fenstern vorber, bis es
verschwand. Bald ffnete sich eine kleine Pforte nach der Terrasse hin. Eine
hohe mnnliche Gestalt, in einen Mantel gehllt, trat hervor, legte den Weg bis
zur Treppe schnell zurck, rief dort ein fremdes Losungswort, welches sogleich
erwiedert ward, stieg die Treppe hinab und bald verklang der Hufschlag der
schnell davon eilenden Rosse in den hart gefrornen Wegen des Waldes.
    Die Herzogin von Nottingham brachte ihrer Schwiegermutter am andern Morgen,
in Gegenwart ihrer Tochter und der versammelten Dienerschaft, die Empfehlungen
des Grafen von Bristol, welcher sich auf einige Tage nach Digby-Castle begeben.
Sie trug dabei jene kalte abweisende Miene, welche ihre sanfte Schwiegermutter
nie zu verndern versucht hatte, und die alle Uebrigen wie durch eine Mauer
entfernt hielt, und so zog ein dsterer Schleier mehr sich um die einsamen
Bewohner des in Nebel gehllten, von Strmen umwehten Schlosses.

Noch ein Mal sollte das alte Whitehall, das, seit die Gesundheit des Knigs
immer mehr zu sinken begann, verdet war, den Glanz und das Geprnge einer
Hofceremonie erleben.
    Buckingham hatte trotz des Widerstandes des fast sterbenden Jakobs es
durchgesetzt, in einer feierlichen Audienz, im Angesichte aller Groen des
Reichs, vom Knige selbst als Stellvertreter des Prinzen von Wales zur
feierlichen Vermhlung mit Henriette von Frankreich dahin abgesendet zu werden.
    Es war allein eine Befriedigung seiner Eitelkeit, welche ihn dies Opfer von
dem kranken Knige erzwingen lie, und die Freude an den milaunigen Gesichtern
der Lords, die zu seinem Triumphe erscheinen muten, und denen jede Miene des
bermthigen Mannes zurufen sollte: Ihr empfangt durch mich Eure Knigin!
    Fast htte er gewnscht, Bristol aus seiner Verbannung erlsen zu knnen, um
ein Zeuge des Triumphes ber ihn zu sein. Das Hotel des Herzogs glich einem
Markte, auf dem alle Erzeugnisse der Kunst und des Luxus in der grten Auswahl
und Schnheit aufgestellt waren, bewacht und mit ngstlicher Sorgfalt dem
Momente aufgehoben, wo ein Blick des Wohlgefallens, ein Neigen des Hauptes, Dies
oder Jenes zum Eigenthum des Herzogs machen wrde. Er versagte den Tage lang
Harrenden oft diese ersehnte Ehre, obwol er tglich zwischen ihnen durch nach
seinen Zimmern ging, so hartnckig, da sie ihm nicht anders vorzukommen
schienen, als die leblosen Figuren in den Tapeten der Wnde. Keiner wagte ihn zu
erinnern, da sie lebten und litten, Keiner der Ehre und Vermgen zugleich an
selten verlangte Gegenstnde und deren glcklichen Verkauf geknpft hatte,
durfte um Gehr bitten, wenn er nicht erleben wollte, vertrieben, vielleicht
ohne seine Gter aus dem Raume gejagt zu werden, welchen einzunehmen, Allen
schon zur Gunst angerechnet ward.
    Die groen Sle des Erdgeschosses waren in Packhuser umgewandelt, und die
kostbarsten Silber-Services, die seltensten Geschirre aller Art, um ein
glnzenden Haus von wenigen Wochen in Paris zu machen, wurden hier zum Transport
ber das Meer eingerichtet.
    Nur Maxwell, der die Launen seines Herrn oft durch eben so hartnckige zu
vertreiben wute, lie sich mit seinen Antrgen, bei dem Ankauf neuer
Stickereien und Juwelen zu den zahllosen prachtvollen Kleidern nicht so
zurckweisen, und eine kurze Audienz, die der mchtige Kmmerling forderte,
nthige dem Herzog seine Meinungen ab.
    Diesem ganzen wsten Treiben, welches der groen Katastrophe der Abreise
voran ging, fehlte zur hchsten Ungeduld des Herzogs noch immer die eine Person,
von der er sich selbst und alle seine Angelegenheiten am liebsten beherrschen
lie, wenn ihm dazu selbst die Laune verging.
    Dies war Lord Membrocke. Lngst war die Zeit vorber, welche ihn
zurckfhren mute; aber weder von ihm selbst, noch von dem Verlauf seines
Auftrages waren Nachrichten eingetroffen, und die Boten, welche Buckingham nach
dem Schlosse gesendet, welches er fr den Empfang seiner Nichte einzurichten
befohlen, waren alle mit der Meldung zurckgekommen, da man dort noch immer die
fremde Dame erwarte und von Lord Membrocke keine Spur sich gezeigt habe.
    Buckingham wrde nicht gezweifelt haben, da Membrocke seine Nichte entfhrt
habe, htte er nicht gewut, da derselbe zu einer solchen romanhaften
Entschlieung berhaupt zu gleichgltig und bequem sei, und am wenigsten in
einem Augenblicke sich dazu hinneigen wrde, wo er ihm die Aussicht zu einer der
glnzendsten Reisen an seiner Seite erffnet und hiermit seiner einzigen
Leidenschaft, seiner grenzenlosen Eitelkeit, das weiteste Feld zur Ernte
dargeboten hatte.
    Buckingham war in der seltenen Lage, Geduld haben zu mssen, und dies
brachte ihn jeden Tag, wo er durch irgend eine Toiletten-Bagatelle an
Membrocke's Abwesenheit erinnert ward, ein paar Mal in die entsetzlichste Wuth,
worin er ihn verwnschte, die grten Zchtigungen und Krnkungen ihm verhie,
bis er es wieder vergessen oder ein paar neue unntze Boten abgesendet hatte,
die den frhern Bescheid wiederholten.
    Es war am Tage vor der groen Audienz in Whitehall, als die Thr des
Kabinets sich ffnete, in dem der Herzog mit Maxwell rathschlagte, und Membrocke
mit seinem eigenthmlichen eleganten Anstande und mit der Sicherheit einer
vollkommen gerechtfertigten Erscheinung hereintrat.
    Maxwell sah voll Erstaunen, wie Buckingham in seine Arme flog, ihn herzte
und kte, und nicht glcklich genug sich preisen konnte, da er eben heute
komme, einen Tag vor der Audienz, die er jetzt mit der grten Gelufigkeit ihm
zu schildern begann. Alle dabei gehofften Triumphe, von der lcherlich
dargestellten Angst des alten Knigs bis zu dem Wamse und den Juwelen, die ihn
dabei zieren sollten, wurden aufgezhlt, und er ruhte nicht, bis er, voll Sorge,
Membrocke's Toilette wrde nicht glnzend genug dabei erscheinen, ihm von seinen
fertig daliegenden, noch ungemachten Stickereien aufgenthigt hatte, was sich
dazu eignete, den Glanz seines Begleiters zu heben.
    Wer Beide beobachtete und die frheren Ausbrche des leichtsinnigen Herzogs
vernommen, mute glauben, er supplicire um die Freundschaft und Verzeihung
Membrocke's, und dieser sei der Beleidigte und Zrnende; doch nur
augenblicklich. Wer wie Maxwell seinen Herrn kannte, den konnte es nicht
befremden, denn so beherrschte ihn stets der Augenblick.
    Jahrelang konnte er Menschen und Verhltnisse verfolgen, und mit allen Fden
der feinsten und boshaftesten Intrigue umspinnen, und in demselben Augenblick,
wo er die verschlagensten Plne ersonnen, zerstreuten ihn bis zur kindischsten
Sorglosigkeit und Albernheit die kleinsten Interessen der Geselligkeit und
Eitelkeit.
    Dagegen trat Membrocke, der sich in seinem Betragen gegen ihn eine gewisse
vornehme Zurckhaltung zum Grundsatz gemacht hatte, mit einer sehr merklichen
Verstrkung dieses Wesens vor ihm auf, so da es endlich der Herzog, aus seiner
Zerstreuung zu sich kommend, wohl merken mute. Sogleich, wie vom Blitz von dem
Gedanken getroffen, da er ihm habe zrnen wollen, sprang er auch im Nu in diese
Stimmung ber.
    Ha, Mylord, rief er, hochroth vor Zorn, ich verstehe jetzt, warum Ihr
ansteht, Euch freundlich und offen zu betragen; Ihr frchtet die Rechenschaft,
die Ihr mir abzulegen habt. Sprecht augenblicklich, wo habt Ihr sie? Was habt
Ihr gewagt gegen meinen Willen zu thun? Ha, gegen meinen Willen! Ihr sollt es
frchterlich beklagen, - gegen meinen Willen! Bsewicht! Verrther!
    Halt! berschrie Membrocke die wthende Stimme des Herzogs und drckte den
Andringenden so berlegen zurck, da jener mit versetztem Athem inne halten
mute. Ich bin nicht gesonnen, hier in Eurem Kabinette eben so der Spielball
Eurer ungezogenen Launen zu sein, wie Ihr bei der Angelegenheit mit dieser Dame
gewagt habt, mich auer diesem Hause umher zu jagen. Von Euch begehre ich
Rechenschaft! Warum habt Ihr diese Dame, die ich als ein wahrer Edelmann
geschtzt und behtet habe, meiner Sorgfalt entzogen? Warum mich auf das
Unntzeste umherziehen, Euch berall vergeblich erwarten lassen? Bis ich
endlich, gegen Euern Willen ohne Zweifel, den einzigen mir zusagenden Ausweg
ergriff, hierher zu gehn und von Euch selbst Rechenschaft zu begehren. Ihr
erwartet ein freundliches Gesicht, da ich Euch in tiefem Frieden mit Euch selbst
beschftigt finde, wahrscheinlich ohne Gedanken daran, da Ihr mich umher
jagtet, fast bis zum Augenblicke, wo Euer mir gemachtes Reiseanerbieten nicht
mehr ausfhrbar gewesen wre und das Meer uns zu trennen die Gte gehabt htte.
    Nein, nein! rief Buckingham hier, ernst und besorgt blickend, es ist Alles
nicht so, wie Du sagst. La uns das Geschwtz von Vorwrfen enden, damit wir zur
Wahrheit kommen; es ahnet mir, wir sind beide betrogen, und eine Verstndigung
unter uns ist nthig. Nimm mein Wort, Du hast seit meinem letzten Briefe zu
Burtonhall keinen weitern Auftrag von mir erhalten. -
    Aber drei Mal die Chiffern, die Deinen bestimmten Willen andeuten, welche
ein Mal mich Deine Nichte in andere Hnde bergeben lieen und zwei Mal mich zu
vergeblichen Rendezvous fhrten. -
    Wir sind betrogen! fuhr Buckingham wild auf. Wo sind die Chiffern? Man hat
Dich getuscht. Voll Ungeduld habe ich die Anzeige Deiner Rckkehr und der
Sicherheit Deiner Schutzbefohlenen abgewartet. Erzhle schnell! Eben so schnell
mssen die Mittel ergriffen werden, dies Bubenstck zu entlarven. Ha, von woher
kann mir dies kommen? Glaubst Du von den Nottinghams? Doch nein! Sie htten sie
Dir mit dem Degen in der Faust abgenthigt, grere Feinheiten kennen sie nicht.
    Auch haben sie nicht unterlassen, diese Feinheit gegen mich zu versuchen,
und nicht ich habe es gehindert, sondern Deine erhabene Nichte selbst. -
    Sie selbst? schrie Buckingham, halb lachend; hattest Du sie schon am
Angelhaken Deiner schnen Augen? Wie, Du hast gewagt, sie in Dich verliebt zu
machen? -
    Ich wrde es nicht gehindert haben, sei gewi, wenn meine Reize dies Wunder
bewirkt htten. Doch dies Mal kann ich bei meiner sonstigen ziemlichen
Wahrnehmung aller Schattirungen weiblicher Entzckung, die meine
unwiderstehliche Person hervor zu rufen vermag, nicht anders, als eingestehn,
da ich auf den ersten, schwachen Anfang vergeblich gewartet habe. Sie hat mich
vom ersten bis zum letzten Augenblick mit Mitrauen behandelt, und nur ihre
unbegreifliche Klugheit lehrte sie, whrend der Reise ihr hochmthiges
Zurckstoen in eine kalte Hflichkeit umzundern, womit sie mir die einzige
Gelegenheit zur Vertraulichkeit abschnitt; denn ich hatte mich jetzt nicht
einmal ber irgend etwas gegen sie zu beklagen. -
    Ganz natrlich, fiel Buckingham hier ein, Deine unbegreifliche tolle Art,
ein Verhltni mit ihr anzuknpfen, mute diesen Phnix, in dessen Adern das
stolzeste Blut von England fliet, empren und Dir den Stab brechen.
Weiberkenner! spottete er, dies Mdchen war zu hoch fr Deine verbrauchten
Theorien!
    Thor, rief Membrocke rgerlich, httest Du mir neue Lehren geben wollen? Sie
gehrte nicht zu denen, die ich durch Launen, Uebersehn, Qulereien und einen
eingestreuten Sonnenblick der Anbetung besiegen konnte; sie htte das Alles
nicht bemerkt, und ihre unbegreifliche Hoheit - ich mu es Dir gestehn - machte
sie von Niemand abhngig. Aber wenn ich sie nach dieser Ueberzeugung unter die
zweite Rubrik der Frauen stellte, mute ich aus meiner Gemchlichkeit heraus,
und ihr Verzweiflung, Wahnsinn, bleiche Wangen und todte Augen zeigen. Ha,
htten Euer Liebden bessern Rath gewut? Ich habe noch keine Frau gekannt, die
dies lange mit ansah und nicht wenigstens durch einen holden Blick voll
Theilnahme lindern wollte; keine fast, die mit diesem ersten Blicke, den ich
blos der Tugend und Menschlichkeit verdankte, nicht mein Eigenthum geworden
wre.
    Diese armen Kreaturen fhlen sich so gering, und sehen uns so allgewaltig
und unabhngig ber sich, da sie dem Wahnsinn nahe kommen, wenn wir den Glauben
in ihnen erwecken, unser Leben, unser Glck, hnge an der Richtung und dem
Schimmer ihrer schnen Augen. Habe ich etwa Unrecht? Kanntest Du eine Tugend,
die nicht eben dieser ihrer Tugend zum Opfer ward? -
    Aber meine Nichte, lachte Buckingham, meine Nichte! Hat der erhabene Kenner
weiblicher Herzen, vor dem ich armseliger Schler mich beugen mu, hat er eine
dritte Rubrik fr die Nichte des stolzesten Herzogs erfinden mssen? Was sagte
sie zu dem Fufall, zu dem Wahnsinn, zu den bleichen Wangen und todten Augen?
    Membrocke ri rgerlich den Mantel um die Schulter, und sich im Sessel
dehnend, rief er: So viel unntze Bemhung! Sie schalt mich wie einen
Schulknaben und sah mich spter so wenig an, da es gleich war, ob ich roth oder
bla aussah. Htte ich Khneres gewagt, sie htte ihren Hund auf mich gelassen
und die kleinste Unbesonnenheit brachte mich gleich in Gefahr, den tugendhaften
Nottinghams verrathen zu werden; denn ihr Widerwillen, mir nur ein heimliches
Wort zu gnnen, war durch die grte Zurckhaltung nicht mehr zu berwinden.
    Gttlich, gttlich! rief Buckingham und rieb sich voll Freude die Hnde, als
ob er nicht grade das Gegentheil gewollt, und mit dem tollsten Leichtsinne Ehre
und Tugend seiner Nichte an den verdorbensten Mann, den er kannte, gewagt htte.
Aber, rief er pltzlich, nun mutest Du Gewalt gebrauchen, sie zu entfhren,
oder sollte sie dem Briefe gefolgt sein?
    So war es, erwiederte Membrocke. Sie glaubte frher nicht an meine
erdichtete Verbindung mit ihrem in ein fabelhaftes Dunkel gehllten Oheim; aber
der unbegreifliche Umstand, da sie seinen Namen nicht kannte, nachdem ihr die
Nachforschungen der Nottinghams bewiesen, es sei kein Graf von Marr, machte sie
empfnglich fr den Namen Saville, den ich unterschob, da ich vermuthen mute,
die Familie knne ihn gelegentlich bezeichnen, als in Bristols Angelegenheiten
bs verwickelt. Mitrauen gegen mich und Furcht, den zu verrathen, den sie
anbetet, und den ich bei ihrem ersten Worte an die Familie zu entdecken drohte,
hielten sich die Waage und lieen sie allein dies Einverstndni mit mir
ertragen; aber unmglich wre es mir geworden, sie auf mein Wort zu einer Flucht
zu bewegen. Da kam der Brief! Erschttert ward sie gewaltig bei seinem Anblick,
aber es blieb etwas in ihr zurck. Die Handschrift hatten wir getroffen, nicht
so den Ausdruck, die Art und Weise, woran sie gewhnt war. Ihr Gefhl ward
dadurch unterbrochen, zurckgedrngt, doch - lache nur ihrer Unschuld! - das
Siegel des Ringes entschied. Sie wei noch nicht, da man auch unfreiwillig
durch Ringe solche Zeichen versenden kann.
    Genug, dies war seine Hand. Sie lie sich seitdem von mir leiten. Auch sagte
sie mir spter, bemht, mich zu ihrem eigenen Trost zu rechtfertigen, die Frau
Herzogin selbst habe den Namen Saville in einer Unterredung mit Lord Richmond
als einen Feind des Grafen Bristol bezeichnet. Du kannst denken, da sie
berzeugt war, den rechten Weg zu gehn, denn sie bestand den harten Kampf gegen
Richmond und Ormond, welche uns verfolgten, ihre Flucht zu vertheidigen und sich
in ihrer Gegenwart aufs Neue meinem Schutze zu bergeben.
    Die Tugendhelden zogen ab, drohend und lrmend und von meinem Betragen,
welches Klte und Ruhe leicht zu spielen hatte, aufs Aeuerste verletzt.
    Sie hatten mir doch Schaden gethan; denn da ich mich den ganzen Tag von
ihrer Snfte entfernt gehalten, sagte man mir am Abend, die Lady sei krank. Sie
hatte ein brennendes Fieber, und ich war froh, sie der Hlfe jener Abigail
berlassen zu knnen, deren Haus wir bald erreichten. Dort kostete sie mir eine
schlaflose Nacht; denn sie schien todtkrank, und ich glaubte unsere Reise
unterbrochen. Gleichwol lie sie mich am andern Morgen rufen. Ich fand sie zwar
bleich und mit verweinten Augen, aber vllig angekleidet und zur Abreise fest
entschlossen. Ja, sie dankte es mir sogar, als ich ihr bald darauf meldete, da
die Abreise vor sich gehen knne. Obwol sie sichtlich litt, that sie sich doch
die grte Gewalt an und bestieg sogar fr die Hlfte des Tages ihr Pferd,
welche Bewegung, so wie der Genu der freien Luft ihr sehr wohl that.
    Wir hatten am Abend Sir Patricks Schlo erreicht, wo sie sich, wie immer,
nur um Ruhe und Alleinsein bittend, zurckzog. Als ich am Abend aus den innern
Gemchern Patricks trete, schlpft eine kleine graue Gestalt ber die Gallerie
und bergiebt mir einen Brief. Er war von Dir! -
    Nein, nein, er war nicht von mir! schrie Buckingham. -
    Eine Deiner unverschmten Chiffern. -
    Und welche? rief Buckingham gespannt. -
    Sieh und gehorche! Darunter von fremder Hand, da ich die Lady zur selben
Stunde an Patrick bergeben solle, mit dem Befehl, den Begleitern, die Du am
andern Morgen senden wrdest, sie auszuliefern; ich aber solle schnell in
demselben Augenblick aufbrechen, und mich nach Rodwic-House begeben, wo ich Dich
selbst in dringender Angelegenheit finden wrde. -
    Und Du warst wahnsinnig genug, dies zu thun? schrie Buckingham auer sich;
war es doch meine Handschrift nicht, wie konntest Du Dich so betrgen lassen?
    Und wann httest Du Dich je herabgelassen, Deine Befehle selbst zu
schreiben? erwiederte Membrocke finster. Wie oft habe ich solche thrichte
Botschaften erhalten, wie oft hast Du wiederholt, da diese Botschaften mit
einer der bekannten Chiffern Deiner Unterschrift gleich geltend wren? Hast Du
in Thorheit und Leichtsinn sie verrathen, so trage nun die Strafe dafr, denn
gewi ist es, mehrere, wo nicht gar alle sind verrathen. Mich wenigstens haben
drei umhergeneckt, aus einer Gegend des Knigreichs in die andere, nach langem
Harren wieder weiter, bis ich endlich selbst der Sache mde ward und, ohne mich
an etwas anderes zu kehren, hierher kam.
    Fort, zu Patrick! schrie Buckingham, mit beiden Beinen aufspringend; la
Surveillant rufen, augenblicklich mu er fort, und Patrick soll her, lebend oder
sterbend, gleich viel; alle Chiffern sollen ins Feuer! Ueberall sollen sie
eingetauscht werden, wir mssen neue erfinden. Wer, wer hat dies gethan, wer hat
dies wichtige Geheimni errathen knnen, das nur wir beide wissen?
    Wer sagt Dir, erwiederte Membrocke, da die Nottinghams Dir nicht auf der
Spur sind? Glaubst Du, sie verkennen die Wichtigkeit der Person, wenn sie Ahnung
oder Gewiheit haben?
    Ich glaube es nicht, sagte Buckingham abweisend, dies ist eine Weise, zu der
sie kein Geschick haben und daher die hohe Miene der Gradheit annehmen, wohinter
jeder Dummkopf seine Beschrnktheit verstecken kann. Sie htten in Corpore eine
Audienz gefordert, das Knie gebeugt und in Demuth gesprochen: Wir hatten die
Ehre, einer Tochter Euer Gnaden das Leben zu retten, Lord Membrocke hat sie uns
aber gestohlen, und so weiter und so weiter. Jetzt, glaube nur, schweigen sie
aus Hochmuth; sie schmen sich des ganzen Abenteuers. Aber la mich jetzt,
besorge Dir anstndige Kleider und versuche es, des Glanzes nicht unwrdig zu
erscheinen, der morgen mich umstrahlen wird. O knnte ich morgen Bristol eine
Stunde hier haben zum Zeugen dieser Audienz! Jetzt, jetzt nehme ich den Platz
bei der schnen Henriette von Frankreich ein, den er schon mit einem Fue bei
seiner steifen Infantin inne hatte.
    Es wird Zeit sein, sagte Membrocke phlegmatisch, nach Orklei-Street zu
fahren, Lord Marcliff hlt dort ein Wettrennen zu Pferde, ich habe fr ihn
Partie genommen.
    Ich kann nicht sagen, ob ich Zeit finden werde, an morgen zu denken, Lady
Hiacinthe will mich nach ihrem Landhause nehmen. -
    Und ich massakrire Dich, wenn Du nicht morgen erscheinst, wie ich will, rief
Buckingham dazwischen und drohte Membrocke nach, der sehr anmuthig grend
langsam aus dem Zimmer entglitt.
    Wenn Buckingham nicht fest berzeugt gewesen wre, da kein Mann der Erde
sich ihm vergleichen knne, er wrde einem argwhnischen Gefhl nicht haben
entgehen knnen, indem er Lord Membrocke am Tage der Audienz in einer so
sorgfltigen und berechneten Toilette wiederfand, da Lady Hiacinthe
wahrscheinlich allein nach ihrem Landhause gefahren war, um der hierzu
erforderlichen Geistesanstrengung Raum zu lassen.
    Doch Buckingham, voll kindischer Eitelkeit fr sich selbst, bertrug diese
auf seine Lieblinge, die er blos als Staffage ansah, als Trger des von ihm
selbst abfallenden Glanzes. Und so lachte er vor Freude ber Membrockes
Galanterie gegen ihn, wie er's auslegte, und rief ihm blos eine Kondolenz fr
Lady Hiacinthe zu, die Membrocke mit einem so freundlich zerstreuten Gesicht
anhrte, als lge ihm das Verstndni allzu fern.
    Doch Buckingham hatte sich verrechnet, wenn er sich als den Augenpunkt der
ganzen Versammlung dachte. Er empfing durch die grausame Hrte, womit er den
todtkranken Knig herausgerissen, seine Strafe. Sein bses Fieber hatte den
Knig lang von dem Anblick aller seiner Unterthanen getrennt, und sein
Erscheinen unter ihnen erregte eine Theilnahme, einen Schmerz, der um so
heftiger wirkte, da Alles sich hier zu einem Triumph des gefhrlichen Mannes
vereinigt sah, der als Quler und Beleidiger des geliebten Monarchen angesehen
ward. Entsetzlich war die Blsse seines Gesichts und die Abzehrung seiner
Gestalt. Seine Schwche machte ihn unfhig, allein sich aufrecht zu erhalten.
Der Prinz von Wales sttzte ihn, whrend Jakob nur zuweilen die mden Augen
umher warf, und dann mit seiner alten, steifen Art die Hand ausstreckte und mit
den Fingern sonderbar schnippte, was aber Alle, die ihn kannten und liebten, als
freundlichen Gru wohl verstanden, und was eine grere Bewegung unter ihnen
hervorbrachte, als die rhrendsten Worte es vermocht htten.
    So ward aus dem glnzenden Triumphe Buckinghams eine hchst rhrende
Abschiedsscene von einem Knig, der viel Liebe geno, und den man um so
trauriger scheiden sah, als mit ihm nicht zugleich der scheiden wollte, den zu
lieben, man als seinen einzigen Fehler, zumal in einem Augenblick, ansah, wo der
Alles vershnende Tod ber der widerstandlosen Gestalt des alten Knigs
schwebte.
    Jeder erinnerte sich einer von ihm empfangenen Gte. Was man getadelt, seine
Liebe zum Frieden, seine oft spttelnde Gelehrsamkeit, seine Toleranz gegen die
Katholiken, Alles diente jetzt zu seinem Lobe, und um die allgemeine Rhrung und
den Schmerz zu motiviren, den der Anblick der menschlichen Hinflligkeit,
ungeschtzt von Purpur und Krone, einem Jeden hervorrief. Die zahlreiche,
glnzende Versammlung drngte sich dem Throne zu, Jeder wollte noch einen Blick
haben oder seine Hand, sein Gewand kssen; Jeder kehrte mit Thrnen sich weg,
und Buckinghams Augen, welche allein trocken blickten, sahen nur erweichte,
traurige Menschen, die wenigstens auf einen Augenblick unempfindlich geworden
waren fr den Neid und beschmten Stolz, womit er sie smmtlich zu peinigen
gehofft.
    Uebereilt, gedrngt und fast unbeachtet ging die eigentliche Audienz
vorber, und sonderbarer Weise schien ein unbedeutendes Ereigni mehr Antheil zu
erregen, als dieser lang vorbereitete Pomp. Einen Augenblick frei stehend, sein
Gefolge hinter sich lassend, trat der franzsische Gesandte noch ein Mal dem
Knig nah und bemchtigte sich seiner Hand, indem er ihm zwei Worte leise
zuflsterte. Der Knig stie ihn fast zurck, krampfte die Hand, die der
Gesandte loslie, schnell zusammen und steckte sie in sein Wams. Im selben
Augenblicke kniete ein Jngling, an der Hand des Gesandten, vor dem Knige
nieder. Lord Richmond Derbery, sprach der Gesandte ziemlich laut; der Knig
hrte seine Worte theilnehmend an und legte, wie zum Segen, die Hand auf sein
Haupt. Aber dann zog er beide Hnde ngstlich in die Hhe, der Prinz von Wales
trat hinzu, und der Gesandte, wie Lord Richmond traten in die Menge zurck.
    Wthend ber die ganz milungene Audienz und von unbestimmten Ahnungen bei
dem eben Geschehenen ergriffen, strzte Buckingham von der Thr zurck, wohinter
der Knig verschwunden, und gerade auf Richmond zu, welcher, wie vorbereitet,
festaufgerichtet den Herzog zu erwarten schien.
    Uebermthiger Mensch, was habt Ihr gewagt, Euch zu erlauben? Mit welchem
Rechte nahmt Ihr fr Euer armseliges Interesse den wichtigsten Augenblick einer
Stunde in Anspruch, die mir allein gehrte? Entschuldigt Euch, damit ich
vergesse, da Ihr zu den Knaben einer Familie gehrt, die ich hasse und
verachte. -
    Blickt umher, Herr Herzog, sagte Richmond kalt, ohne seine Stellung zu
verndern, Euch gehrte diese Stunde nicht allein. Knig Jakob hat sie allen
seinen Edeln geschenkt, und ich habe einen Theil erhalten, den Ihr mir nicht
rauben knnt, der auch nicht gegen Euch der Entschuldigung bedarf, am wenigsten
von Einem aus dem Hause Nottingham, wo die Knaben frh zu Mnnern werden.
    Ha, Kind! lachte Buckingham, kannst Du Deinen Degen heben, oder hat ihn Dir
die Mutter mit Seide in der Scheide festgenht? Ha, Kind, antworte doch!
    Ihr wit, sagte Richmond, da Ihr jetzt nur eine Antwort verdient, die mir
diese heiligen Mauern nicht zu geben erlauben; aber nehmt es hin, da Ihr es
wollt: Der ist feig, der da reizt, wo er unverletzlich ist!
    Ha! schrie Buckingham, auer sich vor Wuth, und Beide hatten die Hnde am
Degen und traten sich mit blitzenden Augen gegenber, aber mit Gewalt trennten
die Andern sie, und der Prinz von Wales stand pltzlich unter ihnen, und rief
laut und streng: Der Knig befiehlt Frieden und Ruhe!
    Schon hatte der franzsische Gesandte, der dem Prinzen zur Seite erschien,
Richmond entfernt, und Buckingham ward ebenfalls hinweg gedrngt.

Noch hingen die dicksten Nebel gleich grauen Vorhngen vom Himmel herab und
hllten die frhe Morgenstunde des folgenden Tages in ihr trbes Licht, als ein
kleiner Trupp wohlbewaffneter Mnner vor einem Brckenthor anhielt, welches
einen Seitenflgel des alten Schlosses von Whitehall mit dem untern Theile der
Stadt verband. Einem Pfeifchen wurden in bestimmten Abstzen drei Tne entlockt,
und bald hrte man Tritte ber die Brcke nahen, die Thren drehten sich langsam
auf, und den stillen Gru still erwiedernd zogen die Reiter ber die Brcke in
den Hof, der hier zunchst von den Stallgebuden umschlossen war.
    Man stieg ab, und drei von den Mnnern folgten dem Thorwart in den mittlern
Eingang, whrend die Zurckbleibenden die Pferde bei Seite fhrten, ohne sie
abzuzumen. Durch mehrere alte Theile des Schlosses fhrte sie eine breite
Treppe auf eine Gallerie, welche, vernachligt, von Staub und abgefallener
Stuckatur verunstaltet, in ihrer frheren Bestimmung wohl nicht diese
Vernachligung erlitten hatte.
    Durch diese Gallerie, sprach einer der Mnner, ging ich zu meiner ersten
Audienz bei der Knigin Elisabeth. Dies war damals der Haupteingang; und nicht
wahr, wir kommen hier in ihr Bibliothekzimmer? fragte er, sich zum Thorwart
wendend.
    Euer Gnaden zu Befehl, erwiederte dieser. Hier pflegte die erhabene Frau
zuweilen, mit einem Buche die Bibliothek verlassend, lustwandelnd auf und nieder
zu gehen, whrend oft die hchsten Personen fremder Lnder hinter den kleinen
Fensterchen lauschten, die, sonst klar und heller, als jetzt, von den uern
Vorzimmern hierher die Aussicht ffneten; und sie war so gndig, darauf
Rcksicht zu nehmen, und zeigte sich oft, gar prachtvoll, wie ihrer Schnheit es
am besten stand, gekleidet.
    Mit einem leichten Zucken der Achseln schritt der Fragende weiter; der alte
Kastellan ffnete nun die kleine, spitze Thr, und sie traten in den weiten
Raum, an dessen Wnden zwar noch die in Eichenholz gearbeiteten Bcher-Nischen
sich zeigten, aber leer von den Schtzen, welche Elisabeth mit so groem Nutzen
darin gesammelt.
    Hier behielten die Wanderer Zeit zu ihren Betrachtungen, denn ihr Fhrer
verlie sie, und sie folgten ihm nicht. Der ltere der Anwesenden nherte sich
dem hohen, schmalen Fenster, welches nur matt durch seine kleinen Scheiben den
trben Tag einlie, und an dessen tiefer Nische der hohe eichene Sessel stand,
an dessen Seitenlehnen durch einen ziemlich rohen Mechanismus ein Pult
eingeschraubt war, das man von sich schieben und nach sich ziehen konnte. Lange
blieb er schweigend davor stehen.
    Wie viel groe und weise Bestimmungen sind von diesem rohen Gestelle fr
mein theures Vaterland ausgegangen, sprach er dann, zu seinen Begleitern
gewendet. Wer knnte sich der Wohlthaten bewut sein, die ihr groer, ihrer Zeit
vorangeeilter Geist ber England ausgeschttet, und noch der Schwchen gedenken
wollen, die ihre Zeit leichter auffate, als ihre Gre, da jene ihr gemeinsames
Theil waren, und zu dieser sie erst heranreifen mute, um sie zu verstehen. Nur
Eins, nur Eins aus Deinem Leben weg, und Du wrest rein, ein Gipfel aller
Herrschergre!
    Aber er hat Dir auch dies vergeben; er konnte nicht Dein Nachfolger sein,
nicht berall die Spuren Deiner Gre auf seinem Wege finden, ohne nicht deshalb
Dir zu vergeben. Bald, fuhr er fort, aus seinem Selbstgesprche erwachend, bald
werdet Ihr Euch wiederfinden und rein verstndigen, wenn Wiederfinden nicht zu
den frommen Trumen gehrt, die den Reiz der Erde zu Gunsten des Himmels
entkrften sollen. Wie scheint mir jede Hoffnung lngerer Erhaltung des
kniglichen Lebens zu schwinden, wie treulos war es, ihn der Qual des gestrigen
Tages auszusetzen. -
    Ja wohl, Mylord, erwiederte hier der Zweite sehr lebhaft; und wie viel
Uebermuth, wie viel Gewalt-Bewutsein gehrte dazu, dies durchzusetzen; wenn wir
den Herzog tadeln, der ewig uns zu tadeln giebt, erleben wir nichts Neues. Doch
nicht zu bersehen bleibt, da dem Knig ein Sohn, wie es scheint, vergeblich an
der Seite lebt. Warum, mu man sich mit Erstaunen fragen, warum geschieht, was
ein Wort aus seinem Munde unbezweifelt hindern konnte. Sollte der Herzog auch
diesen Mund nicht mehr zu frchten haben? Dann, Mylord, liegt freilich ein
unabsehbar weites Feld trbseliger Befrchtungen vor England und allen denen,
die durch Verwandtschaft bald nur ein Interesse mit ihm haben sollen. Was meint
Ihr, Mylord, was ein Gesandter Frankreichs nach dem gestrigen Tage zu berichten
habe?
    Gewi wird er den Verlauf des heutigen Morgens abwarten, ehe er die Depesche
siegelt, erwiederte der Aeltere lchelnd; denn schwerlich mchte der gestrige
Tag ihm Notizen zu etwas Neuem, seinem Hofe Unbekanntem, geliefert haben. Auf
alle Flle wrde ich aber als franzsischer Gesandter der kniglichen Prinzessin
von Frankreich den Rath geben, nichts Anderes an dem Hofe ihres Gemahls sein zu
wollen, als eine gute Hausfrau, ja, ich glaube sogar, es war dies der Rath, den
der spanische Gesandte in London der damals verlobten Infantin gab, und das auf
Anrathen eines in Spanien anwesenden Englnders.
    Nun in Wahrheit, lachte der Andere, es wre dem franzsischen Gesandten zu
rathen, da er nie einen andern Rath befolgen mchte, als den des braven
Englnders, der sicher sein Terrain kannte. -
    Wenn der Erfolg entscheiden soll, so htte er es schlecht gekannt, und ihm
wre wenig zu trauen. -
    Und dennoch wage ich es mit ihm, rief der Andere mit Wrme, nher tretend;
sein Stern steht noch ber England, und sein Wohl ist an ihn geknpft; nur war
es des Himmels Wille, da er nicht Spanien, sondern Frankreich leuchten sollte.
    Eine kaum merkliche Verbeugung ward durch den schnellen Eintritt eines alten
Mannes unterbrochen, dessen kleine, feine Gestalt und saubere Kleidung den
wohlbekannten Master Porter, den Kmmerer des Prinzen von Wales, anzeigte.
    Whrend der Aeltere sich zurckzog, trat der Zweite schnell ihm entgegen.
Master Porter, rief er, ich hoffe, Ihr bringt uns gute Nachrichten.
    Dies zu beurtheilen, wrde ber mein Verhltni hinausgehn, erwiederte
Porter, sich tief nach allen Richtungen verneigend; ich kann blos sagen, da
Seine Majestt entschlossen sind, im Bette den Herrn Gesandten zu sprechen, und
da die Herren, die ihn begleiten, sehr leicht in einem Vorzimmer Zutritt
erhalten knnen, wenn der Herr Gesandte sie fr sein Gefolge erklrt.
    Schon gut, Alter, schon gut! Wir wollen diese Erklrung abgeben, lachte der
heitere Marquis; aber was meinst Du, werden wir sicher sein?
    Der Alte griff schnellend mit der Hand in die Luft und lchelte ein wenig.
Ich glaube, der Herr Herzog zrnen etwas mit Seiner kniglichen Hoheit, dem
Prinzen, und erwarten seinen Besuch wegen der Vorflle bei der Audienz, die mein
gndigster Herr zu mibilligen geruht haben. Ich habe in einer halben Stunde die
Ehre, den gndigsten Prinzen zu Seiner Majestt zu begleiten; vielleicht
befehlen mir der Herr Marquis, den Prinzen auf die Gegenwart Euer Gnaden
vorzubereiten.
    So ist denn Alles, wie wir es nur wnschen konnten; lasset uns eilen, theure
Lords, rief der Marquis, sich zum Weggehen anschickend.
    Bitte unterthnigst zu bemerken, sprach Porter mit etwas zhem Tone
dazwischen, da wenig auf die Launen des Herrn Herzogs zu rechnen ist, da wir
zur Bewachung der Vorzimmer Niemand stellen durften, um nicht unntzes Aufsehen
zu machen. Mein gndigster Herr, der Prinz, wrde es aber niemals vergeben, wenn
durch ein unerwartetes Eindringen des lebhaften Herrn Herzogs eine neue
Erschtterung des Knigs erfolgen sollte, da mein gndigster Herr die des
gestrigen Tages schon mit groer Bekmmerni sah und den Herrn Herzog bis zu
seiner Abreise entfernt zu halten wnscht. Sollten der Herr Marquis dazu Jemand
ersehen, wrde ihn die Vollmacht des Knigs berechtigen, im ersten Vorzimmer
einem Jeden den Eingang zu verweigern.
    Machet mich zum Riegel an der Thr, Herr Marquis, sprach jetzt der Jngere
der Begleiter, und er wird halten, bis Ihr selbst ihn wegschiebt.
    Junger Mann, lachte der liebenswrdige Marquis, da Ihr, von Stahl und
Eisen, leicht Funken sprht erlebte ich schon gestern, aber mir wre in Wahrheit
um ein so edles Metall leid, es dem Zerbrechen auszusetzen. Ihr fordert einen
gefhrlichen Posten.
    Ich suche die Gefahr nicht und habe Euch gestern wenig kaltes Blut gezeigt,
ich wei es, ohne es zu bereuen, erwiederte Jener; aber es gilt heute ein
hheres Interesse, als mich gestern beherrschen konnte, leichtsinnigem
Uebermuthe gegenber. Ihr sollt, im Falle es gilt, auch mein kaltes Blut kennen
lernen.
    Vertraut ihm, sagte der Aeltere, ich wei, er wird knnen, was er
verspricht. -
    Wohlan, so zeigt uns den Weg, denn die Hintertreppen in Whitehall hat meine
franzsische Verschlagenheit noch nicht erspht.

Aber um Gott! lieber Marquis! rief der alte Knig aus seinem Bette dem
eintretenden Gesandten entgegen, ich frchtete mich gestern nicht vor Euch, aber
sehr sonderbar war es doch, da Ihr meine Hand so ffentlich ergriffet, und
zwar, wie mich dnkt, sehr gegen die Dehors, die man einem kniglichen Haupte
schuldig ist, obwol ich sehr geneigt bin, Euch als Reprsentanten meines
nchsten Verwandten, meines Bruders von Frankreich, anzusehen.
    Und dieser thut hiermit fr seinen ungestmen Gesandten Abbitte, sprach der
Marquis; denn mein kniglicher Herr war es, der mir diesen Schritt befahl, und
auf dieser Unterredung habe ich bestanden in seinem Namen. Geruhen Euer
Majestt, aus meinen Hnden dies Privatschreiben meines gndigen Herrn zu
empfangen.
    Er kniete nieder, es ihm zu bergeben. -
    Ich bitte Euch, mein lieber Marquis, steht auf, ich bitte Euch; ich erlaube
Euch zu sitzen und bin sehr erfreut ber die Freundschaft meines kniglichen
Bruders, aber nicht sehr ber dessen Mittheilungen hinsichtlich des armen
Jungen, des Buckingham, gegen den Alle bse sind, auer mein Kronprinz und ich.
Euer Zettelchen htte mich fast bse gemacht auf Euch, und ich denke, Ihr wollt
ihn selbst hren, er wird sich sehr zu rechtfertigen wissen. Denn da er den
Bristol nicht leiden kann, ist blos Liebe zu mir, weil Bristol mich betrogen,
mir den Krieg gebracht, mit dem Feinde konspirirt und die beste Partie in Europa
fr meinen Prinzen hintertrieben, was gottlos und schndlich ist, da mir Bristol
lieb war, wie mein Auge im Kopfe, und mein ltester Freund.
    Der Knig gerieth hier in ein kurzes Schluchzen, dessen erste Laute der
Marquis abwartete und dann schnell in die Klagen des Knigs eingriff:
    Euer kniglichen Majestt zu beweisen, da der Herr Herzog von Buckingham
die Sache falsch angesehen hat und sehr geneigt war, diesen alten Freund Euer
Majestt nicht neben sich in dem Herzen zu dulden, davon hat mein kniglicher
Herr unumstliche Beweise erhalten. Es war ihm daher unmglich, zuzugeben, da
Euer Majestt gekrnkt wrden durch den Verdacht gegen einen alten treuen
Diener, den der Herr Herzog vielleicht aus eiferschtiger Liebe zu Euer Majestt
zu verstrken trachtete.
    Ja, ja, da habt Ihr Recht, sagte der alte Knig, nachdenkend; Steeny, wie
ich den Buckingham wohl nenne, liebt mich zu sehr, er knnte wohl ein bischen
eiferschtig sein.
    Aber, verstrkte der Marquis die Wirkung, wenn diese Schwche auch um des
erhabenen Gegenstandes willen verzeihlich scheint, was mu der treue Diener
leiden, der von Jugend auf Euer Majestt mit Leib und Leben gedient, wenn er das
Opfer dieser Eifersucht wrde? Und so ist es mit Euerm Bristol, gndigster Herr!
Er verschmachtet, getrennt von Euch, ohne den Trost Eurer Gnade, die das
Sonnenlicht seines ganzen Lebens war.
    O, Herr Gesandter, rief der alte Knig, und sein Gesicht zuckte vor Rhrung,
Ihr sprecht sehr gut, aber Ihr seid sehr eingenommen fr den Lord. Mein Lebelang
habe ich Gerechtigkeit gebt, auch war es zum ersten Male, da Bristol gegen
mich gefehlt. Ich werde Buckingham bitten, mir die Wahrheit zu sagen, und
verhlt es sich so, ist mein lieber alter Bristol mir treu gewesen, dann soll er
seinen alten Knig wieder finden. Und hrt, Herr Marquis, wir knnten uns viel
erzhlen aus der alten Zeit, gute und schlechte Tage haben wir erlebt; hatte ich
nichts, da stand Bristols Kasse offen, nachher konnte ich nicht Alles lohnen;
seht, es hat mir immer geahnet, es mchte so ein bischen von Buckingham
herrhren, da mein alter Bristol pltzlich ein Verrther sein sollte. Aber lt
er sich wohl bedeuten? Gleich wird er wthend, tobt und tollt, wie ein Kind, und
der alte Bristol glaubt es doch nicht, da ich ihm zrne. Mit dem Grmen, Herr
Marquis, da ist es nur nichts, das bildet Ihr Euch ein, weil Ihr nicht wit, was
wir fr alte Freunde sind. -
    Und wenn es nun doch so wre, Euer Majestt, wenn es dem alten Lord am Leben
nagte, da sein kniglicher Freund ihn nicht mehr vor sein Antlitz lt, da er
nicht noch einmal das Wort des Vertrauens und der Gte hren soll, was von
seiner Jugend her ihn ermuntert hat zum Leben und Wirken fr seinen kniglichen
Herrn; wenn der Gram darum sein Haupt bleicher gefrbt, als seine Jahre, und die
Ruhe der Nchte sich in dem Wunsche verzehrt, noch ein Mal die Hand seines Herrn
zu kssen, wie dann, Euer Majestt?
    O, ich bitte Euch, lieber Herr Marquis, haltet mich doch nicht fr so hart
und bse, gern wrde ich ihn wiedersehen, besonders wenn er, wie Ihr im Namen
meines kniglichen Bruders von Frankreich mir versichert, wenn er unschuldig
ist; aber Ihr seht selbst ein, da das gar nicht mglich ist, denn wenn es
Buckingham hrte, - und ihm bleibt nichts verborgen, - wenn er hrte, Bristol
wre hier gewesen, Ihr knnt denken, was dann nicht allein ich und mein Prinz
leiden wrden, sondern auch Bristol. Er schlge ihn todt, wo er ihn fnde, und
seine Einwilligung zu diesem Wiedersehn gbe er nie, da ich ihn nun einmal habe
verbannen mssen. Denkt, da Ihr selbst nur durch eine List bei mir seid, die
mich zwar gestern in der Audienz sehr erschreckte, die ich aber Euch gern
verzeihe, um Euers Eifers willen fr meinen alten Freund Bristol.
    Der Marquis fhlte sich von dem Anblick dieses kranken, schwachen Mannes
bewegter, als er geahnt. Sein gutes Herz und sein sanfter Sinn war so
eingeschchtert, da er keinen Begriff mehr von seiner ihm zustehenden Gewalt
hatte und, ganz zum Kinde geworden, die Zuchtruthe des bermthigen Gnstlings
mehr, als jede andere Regung, frchtete.
    Und dies, sagte er endlich, sich zusammen nehmend, soll mein Bescheid sein?
Der Bescheid, auf den Bristol mit banger Sorge harrt! -
    Ich verspreche Euch, lieber Marquis, ich werde Alles auerdem in Ueberlegung
nehmen, und meinem alten Bristol sagt nur, - denn Ihr, schlauer Herr, steht doch
mit ihm in Verbindung, - ich lasse ihm sagen, er solle sich nicht grmen; denn
wenn er unschuldig ist, wie ich gern glaube, so habe ich ihn eben so lieb, wie
vorher. Auch soll er nur sich Zeit lassen, wir vershnen uns schon noch einmal!
Freilich, setzte der alte Knig nachdenklich hinzu, von seiner verfallenen
Gestalt, gutmthig lchelnd, zum Marquis aufblickend, freilich, viel Zeit haben
wir dazu meinerseits nicht mehr!
    O, rief der Marquis, berwltigt von Rhrung, so benutzen Euer Majestt
diesen freien, sichern Augenblick! Ja, ich stehe mit ihm in Verbindung, unter
dem Schutze Frankreichs, den ich fr ihn in Anspruch nehme, fhrte ich ihn
hierher, im Nebenzimmer harrt er. O sprecht ein Wort, und er liegt zu Euern
Fen! -
    Um Gott, was ist das! Hlfe, Hlfe! Verrath ich bin verloren, man gebraucht
Gewalt! Steeny! Steeny! Baby! zu Hlfe, zu Hlfe! So schrie der alte Knig,
indem er die Decken seines Bettes in seiner trostlosen Geistesverwirrung sich
vorhielt!
    Der Marquis hatte Ueberwindung nthig, diesen fast widrigen Zustand gelassen
anzusehen: er fate sich aber, entschlossen, sein Werk zu vollenden.
    Ich mu Euer Majestt erinnern, hob er mit feierlicher Stimme an, da hier
vor Euch der Gesandte Frankreichs steht, beauftragt von Dero kniglichem Bruder,
Euer Majestt eine Bitte in Bezug auf den Grafen von Bristol vorzutragen. Es
sind weder Mrder, noch Verrther, die zu Euer Majestt reden; mein Auftrag ist
ein Werk des Friedens.
    Nun, nun, sagte der Knig, zu sich kommend und etwas beschmt, ich verstehe
wohl, und ist mir einen Gesandten zu empfangen, nichts Fremdes. Er schob sich
unruhig in seinem Bette umher, und seine Augen irrten immer nach der Thr hin,
durch die der Gesandte eingetreten. Endlich sah er ihn lchelnd an und winkte
ihm nher. Leise sagte er dann: Ist er wirklich da?
    Der Marquis bejahte es.
    Nun hrt, sagte er, freudig mit den Augen blinzelnd, dann lat ihn ein
Augenblickchen herein, ehe es Jemand sieht, und haltet Wache, hrt Ihr!
    Der Marquis flog in das Nebenzimmer. Der groe Augenblick war gekommen,
wonach Bristols Herz so innig sich gesehnt, es sollte geschehen. Der Marquis
eilte auf ihn zu, und den Mantel selbst von seinen Schultern ziehend, rief er:
Glck auf, er ist vershnt! Doch, setzte er wehmthig hinzu, fat Euch, und vor
allen Dingen begngt Euch mit seiner wieder aufgelebten Liebe, vertheidigt Euch
nicht! Er versteht Euch nicht, und Ihr verliert die Zeit!
    Wehmthig drckte Bristol die Hand des Marquis und trat schnell in das
bekannte Zimmer seines Knigs.
    Ein ununterbrochenes Weinen, mit Worten vermischt, drang aus dem Bette des
Knigs ihm entgegen. Aber Bristol kniete vor seinem kaum noch kenntlichen
Knige, dessen physisches und geistiges Hinscheiden ihm schmerzlich beim ersten
Anblicke einleuchtete, mit derselben Verehrung nieder, wie einst vor den Stufen
des Thrones, als er diesen noch in seiner hchsten Kraft besessen.
    Der Knig neigte sich ber ihn und legte seine Hnde zrtlich auf sein
Haupt. Bristol wagte nicht zu sprechen, er ehrte, selbst allzu sehr erweicht,
die Bewegung des verehrten Monarchen.
    Sprich nur, Digby, sagte dieser endlich gefater, Du hast Deinen Knig nicht
zu frchten; denn ich glaube es dem guten Marquis, da Du mich nicht hast
verrathen wollen.
    Da sei Gott vor! sprach Bristol und hob sein Haupt frei in die Hhe, da ein
Tropfen Blutes in diesen Adern flsse, der gegen meinen gndigen Herrn sich
auflehnte; Bristol htte ihn selbst mit der Spitze seines Degens hervorgelockt.
-
    Ich dachte es wohl, mein alter Freund! Aber Du weit wohl, die Jugend will
immer klger sein, und ich mu Dir im Vertrauen sagen, alles, was Du mit der
Infantin damals abgeredet, war mir doch lieber, als was mein lieber Steeny jetzt
mit der Franzsin vor hat. Inde sehe ich ein, da, da es die Infantin nicht
sein konnte, uns nur diese knigliche Prinzessin noch brig blieb, und immer
bleibt gegen Steeny's Eifer nichts zu sagen, wenn er auch darin zu weit gegangen
ist, Dein Verdienst schmlern zu wollen. Doch bitte ich Dich um meinetwillen,
halte Ruhe und gieb nicht zu, da aufs Neue Streit entsteht. Sieh, Bristol, ein
Anderer wird bald an meiner Statt sein, und ihm werde ich Dich empfehlen, aber
meine Stunden sind gezhlt, und gern mchte ich sie ungestrt haben. -
    Und nimmer sollen durch mich diese kostbaren Stunden, die Gott verlngern
mag, gestrt werden, erwiederte Bristol, tief gerhrt von dem vllig wieder
erlangten Vertrauen des theuern Knigs. Ich habe nur einen Wunsch gekannt, er
war, mit meinem Knige vershnt zu sein und noch einmal voll Vertrauen die Hand
kssen zu drfen, die huldvoll ber mein ganzes Leben reichte.
    Du hast Recht gehabt, dies zu wnschen, und Du hast dadurch Deinem alten
Freunde wohlgethan. Sie sagen, mein bses Fieber sei jetzt zu Anfang des
Frhjahrs heilsam; aber dies gilt nur fr die Jugend, ich wei es besser.
Gestern, das war meine letzte Audienz! Bald hoffe ich, setzte er mit Andacht und
Ruhe hinzu, vor dem Audienz zu haben, welcher der Knig der Knige ist. Im
Ganzen, Bristol, frchte ich ihn nicht. Denn ob ich gethan, was mglich war auf
meinem Platze, das kann nur der wissen, der allein meine Krfte richtig zu
schtzen wei; aber selten habe ich unterlassen, was ich als Recht erkannte, und
wenn Du mir verzeihen willst, alter Freund, dann denke ich, wird mich ein mildes
Gericht erwarten. -
    Bristols lange unbenetzte Augen flossen hier ber; schluchzend drckte er
sein Gesicht in die fieberheie Hand des Knigs und sthnte schmerzlich: O mein
Knig, mein theurer Herr, mu ich noch lange nach meinem theuern Knige leben,
so wird jeder Hauch Dank und Liebe fr ihn sein; aber vielleicht vereinigt mich
Gottes Hand bald wieder mit dem, dem ich hier ausschlielich meine Krfte
weihte.
    Ja, sieh, mein Freund, fuhr der Knig fort, und immer freier und ruhiger
ward sein Ausdruck, wenn wir reif sind, hier aufzuhren, das sagt freilich kein
Mensch dem andern voraus, aber es giebt etwas in unserm Innern, welches zum
Wegweiser dient nach jener Welt; das Leben lst sich von uns selbst ab, es
schrumpft zusammen, wir sehen es in allen seinen Theilen verkleinert, wie aus
weiter Ferne! Dann, glaube mir, ist es Zeit, da oben wird es weiter und grer,
und der Trieb, der uns Zeitlebens beherrscht, dahin zu wollen, wo wir uns freier
bewegen knnen, der fhrt uns zuletzt ohne Scheu ber die Grenze hinber. Sie
ziehn noch an mir herum, und Jeder will etwas anders, und ich will nichts als
Ruhe, um sterben zu knnen; da denke ich, es wird nicht mehr viel schaden, was
ich zugebe, und der da oben macht es wieder gut, wenn es meinem armen Lande
Schaden bringen sollte. Ich empfehle Dir meinen Kronprinzen. Du weit am besten,
was fr Prinzipia wir befolgt haben, es knnte ihm Noth thun. Bleibe ihm zur
Seite, das heit, wenn Du mit Buckingham vershnt sein wirst, wozu ich Dir Glck
wnschen will; aber ich sage Dir, was er sich einmal in den Kopf gesetzt, das
hlt er fest, ich knnte Dir viel davon erzhlen, ohne ihn deshalb verkleinern
zu wollen.
    Jetzt stutzte der Knig und hielt inne, denn ziemlich vernehmlich ward im
Nebenzimmer gesprochen; man unterschied die kalte und etwas abstoende Sprache
des Prinzen, und die helle und lebendige Stimme des Marquis.
    Der Knig ward etwas roth, whrend er horchte, dann schien er sich zu
beruhigen. Leise und heimlich ein wenig lchelnd, sagte er: Steeny ist nicht
dabei, der wre schon hereingebrochen; Karl ist aber ein guter Sohn, er wird
seinen alten Vater nicht betrben wollen. Doch hre, Lieber, Du thust mir zu
Gefallen ein bischen blde und stellst Dich hinter den Bettvorhang, nun hre,
thue es!
    Bristol litt empfindlich bei dem Gedanken, sich verbergen zu sollen; er
stand mit gebeugtem Haupte, und ehe noch die Bitte des Knigs den alten Stolz
berwinden konnte, ffnete der Marquis dem Prinzen die Thr, und beide traten
ein.
    Der Prinz hielt sich abgewendet von Bristol, als she er ihn nicht, und ging
auf das Bett seines Vaters zu, ohne da Bristol sich von seinem Platze geregt
htte.
    Der Knig streckte ihm mit unruhiger Zrtlichkeit die Hnde entgegen, die
der Prinz in kindlicher Ehrfurcht kte.
    Mein lieber Sohn, mein theures Kind! Gott segne Dich dafr, da Dein alter
Vater Dein erster und letzter Gedanke ist; komm ganz nahe heran, setz Dich auf
mein Bett, mein guter Sohn; - so redete Jakob seinen Sohn mit dem sichtlichsten
Bestreben an, ihn durch Liebe und Freundlichkeit milde zu stimmen. -
    Ich hoffe, mein theurer Vater befindet sich leidlich, und was hier in meiner
Abwesenheit mindestens Unbesonnenes geschehen ist, hat, wie ich hoffen will,
keinen Einflu ausgebt ber die so leicht erschtterte Gesundheit Eurer
Majestt. -
    Gesundheit, Kind! lchelte der Knig, sieh, Kind, das pat nicht mehr; wo
ist hier noch Gesundheit? Und meine Krankheit, Kind, der wollen wir gern eine
wohlthtige Erschtterung gnnen.
    Wohlthtig, betonte der Prinz, wollte Gott, es gbe eine solche; aber da ich
sie nicht herbeifhren kann, werde ich jeden ohne Unterschied fr eine
nachtheilige verantwortlich machen.
    Nun, nun, sagte der alte Knig etwas empfindlich, wenn Du erlaubst, mein
Kronprinz, wollen wir selbst es noch bernehmen, unsere Angelegenheiten zu
vertreten. Hre, Kind, so mut Du mir nicht kommen, Frieden will ich haben, und
Du wirst um meinetwillen ihn nicht mehr lange zu halten brauchen. Nun, setzte er
schnell zu seinem gutmthigen Tone zurckkehrend hinzu, ich habe Dir nichts
Unangenehmes sagen wollen, mein Prinz, komm nher und thue mir die Liebe und
vertrage Dich mit dem, der hinter Dir steht und nach Deinem gndigen Angesicht
verlangt.
    Mein gndigster Vater, erwiederte der Prinz, ohne sich umzusehn, hat zu
befehlen, wen ich sehn soll, und aus Gehorsam werde ich selbst das thun, was
meinem Gefhl widerstrebt. Aber ich mchte es dem zu berlegen geben, der dies
Opfer veranlat, ich knnte nicht immer in der Stimmung sein, mich dessen mit
Nachsicht zu erinnern.
    Hre, sagte der Knig, nach seiner Weise entrstet, Du mut nicht drohen,
denn da Du bald Knig sein wirst, ist Dein Zorn viel frchterlicher, wie der
meinige. Abgesehen davon, wie er mir erscheinen mu, da ich Dein Knig und Dein
Vater zugleich bin, sage ich Dir, mein Prinz, Du hast schon viel von unserm
lieben Herzog gelernt, und obwol mir Eure Freundschaft lieber ist, als Eure
Feindschaft vor der spanischen Reise, ist mir doch nicht sonderlich lieb, da Du
eben so strrisch wirst, wie Buckingham. Aber Du wirst jetzt gut sein, denn Du
bist immer lenksamer, als Buckingham, gewesen. Drum bitte ich, mache mir die
Freude und sieh Dich gndig um.
    Ich mu glauben, gndigster Herr, sprach der Prinz im hartnckigen Ton einer
festgefaten Meinung, da der, den Ihr mir empfehlt, weder den Wunsch hat,
meinen Blicken zu begegnen, noch den Muth des reinen Gewissens, mir, dem schwer
Gekrnkten, gegenber zu stehn.
    Doch diese Worte waren kaum ausgesprochen, als ein paar tnende Schritte den
Grafen von Bristol vor den Prinzen fhrten, und ihn nach einer ehrfurchtsvollen
Verbeugung ruhig und fest, wie in die Erde gewurzelt hinstellten.
    Ich konnte in Demuth harren, sprach er sanft und ernst, so lang mein
gndiger Knig fr mich sprach, aber ich kann nicht irren, wenn ich annehme,
diese letzten Worte Eurer kniglichen Hoheit waren an mich gerichtet. Ich bin
hier, und der Muth eines reinen Gewissens leitete den heien Wunsch eines treuen
Unterthanen, das Antlitz der hohen Herrscher in Gnade zu schauen, fr die er
redlich und treu gearbeitet, bis grausamer Verdacht seine Krfte lhmte und sein
Haar bleichte!
    Der Prinz blieb vor seinem Anblick nicht ohne Eindruck. Dieser schne Mann
hatte so den unverkennbaren Ausdruck einer hohen Seele, da es fast unmglich
war, an Verrath und bsen Willen ihm gegenber zu glauben. Der Prinz entging
diesem Eindruck nicht, und erwiederte fast unwillkrlich des Grafen Gru. Aber
wenn er auch nicht glauben konnte, er habe seine Verbindung mit der Infantin
getrennt, war er doch von Buckingham so heftig bestrmt, ihn als den Urheber des
Krieges anzusehn, und zuletzt so gegen den Grafen eingenommen worden, da er
sich fast angewhnt hatte, die oft wiederholt gehrte Lge wegen jener
Verbindung, selbst gegen die Stimme seines Innern, als wahr ihm anzurechnen. So
hielt der Eindruck der ehrwrdigen Persnlichkeit des Grafen gegen so viele
eingeimpfte Tuschungen nicht aus, die berdies noch ein Unrecht verkleiden
muten und ein Geheimni, dessen der Prinz sich bewut war.
    Ich darf jetzt nicht lnger bersehn, Graf Bristol, sprach er kalt, da Ihr
es seid; doch wenn ich mich weigerte, Euch frher anwesend zu glauben, denke
ich, bezeigte ich damit eben meine Ehrfurcht gegen den Willen des Knigs, der
Euch von London verbannte, wo ich Euch dennoch jetzt anwesend finde, ohne da
mir in dem Willen des Knigs eine Aenderung bekannt ward.
    Dieser Vorwurf Eurer kniglichen Hoheit trifft mich um so schmerzlicher,
erwiederte Bristol sanft, als ich ihn mir lange genug als Einwurf gegen die
wohlwollenden Absichten meiner Freunde vorhielt. Aber mge ein sanfteres
menschliches Gefhl die strengste Gerechtigkeit Eurer kniglichen Hoheit
untersttzen und den Grnden Eingang verschaffen, die mich ungehorsam werden
lieen.
    Schon wandte sich der Prinz ungeduldig ab, aber der Knig, neugierig
zuhorchend, bog sich mit dem halben Leibe aus dem Bette hervor und rief lebhaft:
Erzhle, Bristol, erzhle, Du hast sicher gute Grnde, wenn Du mir ungehorsam
warst, was Dir berdies schon vergeben ist, aber la nur hren, wie das Alles
zuging, ich hatte ganz vergessen, danach zu fragen.
    Der Prinz blieb nun, aber mit allen Zeichen finsteren Widerwillens und trotz
der Bitten des Knigs, sich nieder zu lassen, steif von Bristol und dem Marquis
abgewendet.
    Als ich dem Befehl Eurer Majestt gehorchend, sprach nun Bristol zum Knige
gewandt, mich von London entfernte und mich auf die Gter meiner Familie
zurckzog, geschah es nur mit dem festen Willen, von der Gerechtigkeit Euer
Majestt die Widerrufung eines Befehls zu begehren, der den unangetasteten Namen
eines Mannes beleidigte, den Euer Majestt bisher durch die schwierigsten und
gefahrvollsten Auftrge zu ehren gewut hatten. Aber es war unmglich, diese
unablssig wiederholten Bitten, die in Demuth nur um Gelegenheit zu meiner
Vertheidigung nachsuchten, bis zu Euer Majestt gelangen zu lassen; sie sind
alle an dem bsen Willen gescheitert, mir diese meinen Feinden gefhrliche Gunst
zu versagen.
    Mylord, sprach hier der Prinz heftig, es steht dem Angeklagten schlecht,
anklagend aufzutreten und Mitrauen als Vorbereitung einer sehr zweifelhaften
Rechtfertigung redender Thatsachen auszustreuen.
    Angeklagt, betonte mit hoher Stimme der Graf, angeklagt und ungehrt,
zurckgewiesen von dem Richterstuhle meines Vaterlandes, von dem Throne meines
Knigs! Angeklagt und vergeblich um Raum zur Rechtfertigung flehend. Ja, ich
wiederhole es noch ein Mal, Graf Archimbald Glanford brachte in meinem Namen
drei Mal dieselbe Bitte vor; meinen Knig hat sie nicht erreicht.
    Nein, nein! rief Jakob, es ist so, Carl; ich habe nichts erfahren, zu meinem
groen Leidwesen! -
    Da gab ich mich endlich dem gromthigen Mitleiden des erhabenen Monarchen
hin, der bald durch die heiligsten Bande dem Interesse Englands verwandt sein
wird und jetzt schon mit wahrer Freundschaft ihm ergeben ist. Die Zerstrung der
einst vortheilhaft genannten Plne, die den mit niederri, der sie in treuer
Absicht eingeleitet, sie war der Anfang eines Glcks fr Frankreich, worauf es
zu viel Werth legt, als da es nicht milde und theilnehmend fr den fhlen
sollte, der darunter gelitten.
    Der Herr Marquis hat sich lange vergeblich bemht, Gehr zu finden; die
gestrige Audienz machte es ihm mglich, whrend er um die Gnade bat, den Grafen
Richmond einzufhren, der fr seinen Grovater um Gerechtigkeit flehte, Euer
Majestt ein Papier einzuhndigen, welches von den vergeblich gemachten
Versuchen benachrichtigte und diese Audienz fr den Herrn Marquis erbat.
    Ja, ja, sagte der alte Knig, das ist Alles so. Ein wenig auffallend war der
Schritt, den mein lieber Marquis that; aber wahr ist es, und wir hatten nichts
dagegen, auch ohne den Fufall des jungen Lords, Deines Enkels, mein Bristol,
htten wir eingewilligt.
    Aber diese Scene, sagte der Prinz, zum Marquis etwas bitter lchelnd,
maskirte vortrefflich die Uebergabe Eurer Depesche.
    Der Marquis lchelte, so unbefangen und hflich sich verneigend, als ob der
Prinz ihm eine Galanterie gesagt htte, und zeigte blos mit der Hand auf den
entgegengesetzten Eingang des Zimmers, welcher nach dem Vorzimmer des Knigs
fhrte. Der Marquis hatte allein den wachsenden Sturm eines Streites vernommen,
welcher von daher immer heftiger sich hren lie, und den er nicht ungern bisher
von den drei lebhaft angehrt Sprechenden berhrt sah. Doch jetzt schien die
Sache auf dem Punkte, wo er nicht sehr wnschen konnte, die Unterredung
verlngert zu sehen; denn das Interesse Frankreichs an dem Grafen durfte nicht
ber die leichte Theilnahme menschenfreundlichen Wohlwollens hinausgehend
erscheinen, und ein heftiger Schlag gegen eine Thr des Vorzimmers unterbrach
jetzt Alle zugleich.
    Da haben wir es, schrie der Knig ganz auer sich, das ist Buckingham! O
mein Gott, ich armer, alter Mann, mu ich so geqult werden! Macht Euch gefat,
er wird wthend sein. Bristols Namen durfte ich nicht nennen, und nun ist er
selbst hier. O, Bristol, wie kannst Du verantworten, mich in eine so unangenehme
Lage zu strzen!
    Mit welchen Empfindungen auch bisher der Prinz und Bristol sich gegenber
standen, schnell vereinigte sie das Gefhl der Beschmung ber das Betragen des
alten Knigs. Ja, der Prinz mochte, dem edeln und treuen Bristol gegenber,
vielleicht mit minderer Wrme an den Diener denken, dessen Einflu auf seinen
Vater er unmglich billigen konnte, wenn er sah, zu welcher kindischen Furcht
seine fernste Annherung ihn verdammte.
    Euer Majestt, sagte der Prinz rasch vortretend, wird mir gewi den Befehl
geben, den unanstndigen Streit, den man wagt in die Zimmer meines kniglichen
Vaters zu verlegen, augenblicklich zu beendigen. Wenn Euer Majestt unterdessen
den Grafen von Bristol beurlauben wollen, wird der Herr Marquis die Hinterthr
wohl wieder finden, die sich vorher seinen Wnschen aufthat.
    Ich danke Euer Kniglichen Hoheit! erwiederte der Marquis schnell, dem
Gesandten Frankreichs sollte hier jeder Weg offen stehen. Uebrigens mu ich
bedauern, da ein Zufall denjenigen gerade jetzt versperrt, den ich vorzog zu
kommen. Die Thr jenes Kabinets ist verschlossen, wie ich eben untersucht habe.
Doch wenn Seine Majestt den Grafen Bristol beurlauben, so darf ich wohl nicht
zweifeln, da er durch jenen Ausgang an meiner Seite Eurer Kniglichen Hoheit
ungehindert folgen darf.
    Der Prinz drckte die Lippen ein, und es war sichtlich, da er sich
keineswegs dem Herzog gegenber so sicher fhlte, wie der Marquis in seiner
pltzlich stolzen Haltung ihm aufnthigen wollte.
    Aber es war hier ein schneller Entschlu nthig. Denn theils brannte der
Prinz vor Begierde, dem Marquis den Anblick des Knigs zu entziehen, der Alles,
was gesprochen ward, mit Klagen bekleidete, welche die grenzenlose Gewalt des
Herzogs andeuteten, theils mute der Prinz frchten, der Herzog erzwinge den
Eingang, und vor dem Bette des Knigs knnten sich Scenen ereignen, die er zu
frchten hatte.
    Herr Graf von Bristol, sagte er daher pltzlich mit der stolzen Fassung, die
ihm so wohl stand, bittet den Knig, Euch zu beurlauben.
    Stumm kniete Bristol vor dem Bette nieder, und dieser Augenblick, der ihn
fr immer von seinem kniglichen Freunde trennte, ward ihm erleichtert durch die
Ueberzeugung, da, wie auch wenige Augenblicke vorher ihr ruhiges Beisammensein
noch einige Symptome seines frhern edlen Geistes geweckt, doch der, fr dessen
Beifall er so gern gelebt und gewirkt, lngst von Krankheit, Alter und fremder
Anmaung unterdrckt war.
    Ja, geh nur, sagte der Knig, ihm grmlich die Hand gebend, ich will es Dir
verzeihn, da Du mich so beunruhigst; aber Du httest es wohl lassen knnen und
abwarten, bis Karl Knig ist, der Deine Angelegenheiten dann besser ausfechten
mag, als ich.
    O, entlassen mich Euer Majestt nicht so! rief Bristol schmerzlich; ich kam
nur, um einen Blick der alten Gnade zu empfangen, um ein Mal mir sagen zu
knnen: Ich blieb immer treu, unwandelbar.
    Ja, ja, rief der Knig, das bestreite ich auch nicht; aber sieh, daran habe
ich nie gezweifelt, und darum httest Du nicht zu kommen brauchen, aber nun thue
mir die Liebe und geh. Leb' wohl, leb' wohl! Es ist Alles gut, Alles gut
zwischen Dir und Deinem Knig.
    Bristol gab jeden weiteren Versuch auf; stumm kte er noch einmal die Hand,
womit der Knig nun unablssig zum Weggehn winkte und, sich gegen die Wand
wendend, jede Unterredung abschnitt.

Vor den Zimmern des Knigs hatte sich Lord Richmond ruhig vor die Thr gestellt,
die sich nach dem letzten Zimmer vor dem Schlafgemach des Knigs ffnete, mit
dem festen Vorsatze, hier die Zusammenkunft seines Grovaters mit dem Knige vor
Strungen zu sichern. Doch, eingedenk der Warnungen des Marquis, hatte er den
Degen unter dem Mantel, entschlossen, sich jeder Reizung gegenber fest zu
halten, und hoffend, sie werde ihm erspart bleiben.
    Doch was konnte frh oder spt in dem Palaste von Whitehall geschehen und
dem verborgen bleiben, der seine besoldeten Aufseher in jedem Winkel desselben
hatte.
    Richmond blieb, als er den Herzog von fern hrte, kein Zweifel, in welcher
Absicht er komme. Schon im Vorzimmer hrte er das Bestreben, den dienstthuenden
Kmmerer zu ngstigen und die Miene sorgloser Unbefangenheit anzunehmen.
    Nun, mein Kind, rief er dem alten Manne entgegen, wie steht es da drinnen?
Bist Du ungestrt auf Deinem Platze geblieben? Befand sich mein kniglicher Herr
ganz wohl diese Nacht?
    Ohne die leise Antwort zu beachten, fuhr er fort: Ich hoffe den alten Herrn
durch meinen frhen Besuch, den er nicht mehr erwartet, angenehm zu berraschen.
Sieh, ich hatte Clervon mit seiner Harfe schon um sechs Uhr an meine Thr
bestellt, um, so erweckt, in der rosigsten Laune von der Welt mein erstes
Frhstck unter Jakobs Pantoffeln und ledernen Nachtwmsern zu verzehren. Na, so
lache doch, bin ich denn nicht sehr spahaft, Alter?
    Sehr, sehr, Euer Gnaden! stotterte der alte Mann, von Buckinghams Hand sich
etwas erleichternd, die, wie eine eiserne, den alten Mann fast zu Boden drckte.
    Nun, nun, lachte Buckingham, geh und la Dir einen Morgentrank geben; die
Zunge klebt Dir am Gaumen. Oeffne mir die Thr, ich will Dich nicht aufhalten.
    Dies war das, was der alte Mann nicht durfte, denn der Knig hatte ihm sagen
lassen, sie nicht frher zu ffnen, als bis er es ihm befehlen liee.
    Seine Majestt - stammelte der alte Mann.
    Es ist schon gut, schrie Buckingham mit steigender Wuth, denn er wute nun,
da ihm der Eingang versagt war; schon gut, ich brauche Deinen Bericht nicht
mehr, ffne mir die Thr, der Knig wird mir selbst das Weitere sagen.
    Eben Seine Majestt haben jeden Eingang verboten. -
    Verboten? lachte Buckingham, ja, ganz recht; aber was, denkst Du, da mich
das angeht? -
    Seine Majestt haben keine Ausnahme befehlen lassen. -
    So will ich Dir ber Deine Bedenklichkeiten weghelfen; aber ich werde es Dir
gedenken, da Du mir gegenber sie haben konntest; und fort schleuderte er den
alten Mann und stie mit den Fen die Thr auf.
    Voll Erstaunen gewahrte er hier die nchste Thr wieder bewacht, und das von
seinem Widersacher vom vergangenen Tage. Dies berstieg seine Erwartung.
    Wer zum Knige gekommen, wute er nicht, nur, da der Marquis mit im Spiele
sei, ahnete er, ohne sein Interesse fr Bristol mglich zu halten.
    Bei Richmonds Anblick durchzuckten ihn zuerst unbestimmte Ahnungen, worber
er sich nhere Aufklrung zu verschaffen entschlossen war.
    Ohne Richmonds Stellung zu bemerken, ging er auf die Thr zu, als knne ihm
kein Widerstand begegnen.
    Als er im Begriff war, die Hand an das Schlo zu legen, trat Richmond vor.
    Herr Herzog, sprach er, sich verneigend, der Knig hat fr Jedermann den
Eingang untersagt.
    Der Herzog trat zurck und betrachtete spttisch den Grafen. Ach, sagte er,
sich verneigend, ein neuer Page? Ja so, das wute ich nicht; gab man Dir gestern
Abend die Achselbnder, da Du heute Morgen noch so laut krhst?
    Sieh Kind, Du bist neu, darum habe ich Lust, Dir einen Rath zu geben: Ich
bin der Herzog von Buckingham, fr mich existirt nie ein Verbot der Art, als Du
auswendig gelernt.
    Ich kenne den Herzog von Buckingham, sprach Richmond kalt, und habe ihn
nicht nthig zu erinnern, da ich Degen und Sporen fhre, also nicht Page bin.
Aber beauftragt bin ich von Seiner Majestt, hier auch fr den Herrn Herzog von
Buckingham keinen andern Bescheid zu haben, als den vernommenen.
    Ich will Euch der Verantwortlichkeit berheben, diese Thorheit zu
wiederholen, sagte Buckingham erbittert; ich befehle Euch zurck zu treten, ich
verlange den Eingang zum Knig.
    Der Herr Herzog sind zerstreut, erwiederte Richmond, hier ist nicht
Buckinghams Palast, hier ist Whitehall, und die sind die Gemcher des Knigs,
worin nur ein Wille gilt, den ich Euch genannt, und den ich zu vertreten habe.
    Was ist das? schrie Buckingham jetzt auf, soll das Wahrheit sein? In diesen
Rumen, vor dieser Thr, wagt ein Knabe mir den Weg zu verwehren?
    Ich bitte Euch, Herr Herzog, rief Richmond schnell und warm, migt Eure
Ausdrcke, da sie ein Edelmann ertragen kann, der wehrlos gemacht ist durch den
Dienst fr den Knig. -
    Und Ihr haltet es fr mglich, im Dienst des Knigs mir mit einem Worte
entgegen sein zu drfen. Ihr glaubt, Euer Wort, das Wort von ganz England, die
Worte der Welt, die Worte des Knigs und aller Knige der Erde wrden Buckingham
hier wegtreiben, wenn er einzutreten denkt? Noch einmal, verlat diesen Platz
und hindert keinen Augenblick lnger mich in meinem Vorsatz, oder, bei Gott! Ihr
werdet es bereuen in Eurer Unwissenheit, wie ich noch zu Eurer Entschuldigung es
nehmen will, hier gewesen zu sein! -
    Entschuldigt mich mit nichts, Mylord, entgegnete Richmond, als mit meinem
Willen, hier auf diesem Platz zu bleiben; ich will von Euch nicht entschuldigt
sein, denn ich bedarf es nicht!
    Ha, Trotz! rief Buckingham, Du stt die Nachsicht zurck, die ich habe, so
fhle denn! Wthend rannte er gegen die Thr und schlug mit dem Griff seines
Degens auf das Schlo. Aber eben so sicher und gewandt unterlief Richmond den
Herzog, und hielt ihn ruhig und eisern mit steifem Arm von der Thr ab.
    Zieh und vertheidige Dich! schrie Buckingham, seinen Degen ziehend; aber
Richmond lste sein Degengehnge und schleuderte es mit dem Degen in die Mitte
des Zimmers.
    Ich versprach, nicht zu ziehn, sagte er fest, jetzt steht es Euch frei,
einen Mord zu begehen; aber dieser erst erffnet Euch den Eingang. Er schlug
seinen Mantel von einander und stand so mit unbeschtzter Brust vor Buckingham,
der von so viel Festigkeit einen Augenblick berrascht ward, aber dann, von dem
Gedanken des Widerstandes wie wahnsinnig gemacht, gegen die Thr und Richmond
rannte.
    Buckingham war fr einen Riesen an Kraft bekannt, und der Jngling hatte
seine volle Gewandtheit nthig, den Herzog zu pariren und seinen Posten zu
behaupten; doch im selben Augenblick ffneten sich von Innen die Flgel, und der
Prinz von Wales zeigte sich in der offenen Thr.
    Im Namen des Knigs Frieden! rief er dem erbosten Herzog entgegen und winkte
ihn zurck, der auf nichts sinnend, als die Thr zu erreichen, sich sogleich
hineinwerfen wollte.
    Der Knig, Herr Herzog. fuhr der Prinz gegen Buckingham fort, ist erstaunt,
Euch noch in London anwesend zu hren; er hatte geglaubt, da die gestrige
Audienz keinen Zweifel ber Eure schnelle Abreise zuliee.
    Seine Majestt, entgegnete Buckingham berrascht, wird den Wunsch nicht
verkennen, ihn noch ein Mal zu sehen, und da seine Majestt schon so frh
Audienz gaben, setzte er hhnisch hinzu, den Marquis und Bristol hinter dem
Prinzen gewahrend, durfte ich nicht zweifeln, auch ich wrde empfangen worden
sein, htte hier nicht ein Unberufener die Rolle eines Thrwarts bernommen.
    Des Prinzen Auge streifte an Richmond, der sich tief verneigte.
    Dies hat mit dem Wunsche des Knigs fr Eure glckliche Abreise nichts
gemein, sagte der Prinz, ich fge den meinigen hinzu und hoffe Euch unter
glcklichern Umstnden wieder zu sehn.
    Buckingham erstarrte vor Wuth. Er hatte die Anwesenheit des Prinzen nicht
gewut, er wagte nie, ihn so zu reizen, wie den Knig, da der Prinz seine Wrde
wohl kannte und sie, war er einmal entschlossen, vollkommen zu behaupten
verstand. Auch legte der Marquis ihm Zwang auf, und nur sein lang genhrter
Uebermuth konnte ihn noch an Widerstand und Bosheit denken lassen.
    Ich wei die Befehle dieses Mundes zu achten, hob er an, und bitte nur um
die Gnade, mich in dem Schutze des Herrn Marquis wegbegeben zu drfen, da ich in
Wahrheit mir keine bessere Sicherheit in diesem von jungen Raufbolden bewachten
Palast denken kann.
    Dies soll Euch gewhrt sein, sprach der Prinz sehr ernst. Herr Marquis, ich
entlasse Euch! Mylord von Bristol lebt wohl! Ich denke, wir werden uns
wiedersehn. Seid indessen sicher, da ich die Worte meines kniglichen Vaters
nicht berhrt habe, und Ihr, Lord Richmond, folgt Eurem Verwandten. Ich
verkenne nicht, da Ihr die ersten Zierden eines mnnlichen Karakters, Muth und
Migung, in sehr jungen Jahren heute vereinigt habt. Nehmt Euren Degen auf, Ihr
wutet besser, wo er in dem Palast des Knigs hingehrt. Herr Marquis, wir
werden den Grafen von Bristol mit unserm Gefolge aus Euerm Palaste abholen
lassen, und er mag sich dann desselben bis zu seinem eigenen Schlosse bedienen.
    Der Prinz grte stolz und ging voran durch die jetzt mit Hofleuten
angefllten Sle, gefolgt von den so mhsam bezhmten Parteien; er hielt, den
Herzog grend, den Marquis mit einigen Worten zurck, bis jener mit seinem
Gefolge ber den Schlohof sprengte.

Noch sa die Herzogin von Nottingham, nachdem sie sich fr die Nacht
zurckgezogen hatte, trumend der allmlig sinkenden Glut ihres Kamins gegenber
und suchte der Sorge zu wehren, die fr den geliebten Vater, je lnger, je mehr
ihr Herz erfllte.
    Da ffnete sich die Thr hinter ihrem Rcken; herein trat Lord Bristol und
weckte die Sinnende mit leis aufgelegter Hand.
    Es war eine ernste, tief empfundene Freude der beiden schwer Geprften, und
Lord Bristol fhlte erst recht den Umfang des Erlebten in der Mittheilung an
seine Tochter.
    Ich bin fr immer von meinem kniglichen Herrn geschieden, Arabella, so
schlo er seine lange Erzhlung, aber das Schwerste war mir, ihn von sich selbst
geschieden zu sehn!
    Und der Prinz? sagte die Herzogin, an die Zukunft denkend. -
    Gott wird geben, da seine ausgezeichneten Eigenschaften sich selbst zu
chter Thtigkeit berlassen bleiben, dann wird mein Vaterland zu beneiden sein.
Ich selbst, Arabella, setzte er hinzu, ich werde in ihm nicht den Erben des
Wohlwollens finden, welches Jakob zu meinem Freunde machte. Doch la uns diesen
trben Gegenstand beendigen, ich habe Dir Freundlicheres vorzutragen. Anna
Dorset bittet durch mich um Deinen Segen! Sie ward in derselben Stunde, als ich
London verlie, die Gemahlin Deines Sohnes. Da Du mir diese Ueberraschung
zugedacht, that mir wohl. Der Anblick eines glcklichen Familienkreises, worin
wahrhaft menschliche Tugenden walten und ungestrt sich entwickeln drfen, ist
der Balsam, der Noth thut, wenn der grere Schauplatz menschlicher Thtigkeit
ein trbes Bild bslich sich durchkreuzender Leidenschaften darstellt.
    Darum, erwiederte die Herzogin, ist tugendhafte Behauptung des Rechts und
der Ordnung im Schooe edler Familien so wichtig, weil aus ihnen die einzelnen
Geister hervorgehn, die in das uere Gewirre kleinlicher Interessen muthig
eingreifen und ihrer Zeit den Karakter aufnthigen, der das erdrckte Gute
wieder belebt. Mit sicherer Hoffnung sehe ich auf die eben geschlossene
Verbindung meines Sohnes; er wird den ehrwrdigen Namen, den er trgt, in der
Ehe mit einem Wesen, wie Anna Dorset, wrdig fortpflanzen und seinem Vaterlande
ein Reprsentant alt-adeliger Ehre und Sitte sein. -
    Ich habe die beste Meinung von meinem Enkel und freue mich seiner Nhe; denn
Du darfst sie erwarten, sie sehnen sich nach Deinem Segen. Ollony wird sie
begleiten, und einige Wochen spter denkt die Grfin Dorset mit Lord Ormond
ihnen zu folgen. -
    Und Richmond, fragte die Herzogin, darf ich ihn nicht erwarten? -
    Richmond, erwiederte der Lord, scheint vorlufig ein anderes Interesse zu
verfolgen, welches nher, als in einigen Andeutungen, zu erfahren, weniger
Mangel an Vertrauen zu mir war, als es in unserer ungemein gedrngten Zeit lag.
So viel ist gewi, da der edle Jngling sich fr gebunden hielt in allen eignen
Wnschen und Handlungen, ehe erreicht war, was ich zu meiner Ruhe gewnscht. Ich
habe dies errathen knnen und mu die edle Hingebung, die er mir bezeigt, um so
mehr verehren, da jenes Andere kein unbedeutendes Interesse haben kann, indem er
augenblicklich, nachdem ich mich befriedigt erklrt, sich ihm ausschlielich
hingab.
    Er sendet Dir die ehrerbietigsten Gre und lt Dir sagen, da Lord
Membrocke pltzlich bei Hofe erschienen sei, und von ihm und Lord Ormond zur
Rechenschaft gezogen, ihnen die Ueberzeugung gegeben habe, da das Frulein von
Melville nicht mehr in den Hnden des Lords sei, da der Lord selbst aber nichts
von ihr zu sagen wisse und in Bezug auf die ganze Sache die Verstimmung ber
einen gescheiterten Plan zeige; da er von unbekannter Hand eine Art von Notiz
ber ihr ferneres Schicksal erhalten, die er zu verfolgen denke, und nicht ruhen
werde, bis er Dir ber Deine Schutzbefohlene gute Nachricht bringen knne.
    Mein Sohn, fuhr die Herzogin mit schneidendem Tone auf, htte, denke ich,
abwarten knnen, bis meine Befehle ihn zum Ritter dieser Dame kreirt htten. Mit
Erstaunen und Unwillen sehe ich ihn aus eignem Willen eine Angelegenheit wieder
aufnehmen, die ich fr beendigt erklrt habe. -
    Meine Tochter, unterbrach sie der Lord mit einem sanften Lcheln, wir drfen
nie bersehen, da eine Zeit fr unsere Kinder eintritt, wo sie, von den
Tugenden der Aeltern zur Entwickelung getrieben, diese erreicht haben und sich
als selbststndig erkennen. Die Zeit tritt dann am entscheidendsten hervor, wenn
das Herz von der gewaltigsten Macht ber die Menschen ergriffen wird, ich meine,
wenn die Liebe zuerst ihren Einzug hlt.
    Groer Gott! rief die Herzogin mit der ihr eigenen Heftigkeit, ich will
nicht hoffen, mein Vater, Ihr sprecht von einem vorliegenden Falle! Nein, Ihr
habt nur im Allgemeinen bemerkt, nicht Richmond whnt Ihr in diesem Falle, von
ihm glaubt Ihr dies nicht! -
    Und wenn ich eben ihn bezeichnet htte, liebe Arabella, was erschreckt Dich
daran so heftig? Unmglich kann Richmond eine unedle Wahl treffen, Melville ist
ein alter Name, er nennt sie Deine Schutzbefohlene, er verweist mich an Dich, um
ber ihren Werth, ihre Tugenden Auskunft zu erhalten. Robert spricht mit
Entzcken von ihr; er treibt den Bruder zur Thtigkeit, - wie? Legt dies nicht
Alles ein gutes Zeugni fr sie ab? -
    Lat das, bester Lord! sagte die Herzogin mit bebender Stimme und bleicher
Stirn, lat das und sagt, ich beschwre Euch, sagt, was Ihr glaubt, ob Richmond
eine solche Neigung bekannte, oder ob Ihr sie wahrgenommen? -
    Richmond ist zart, fast jungfrulich in seinen Aeuerungen, aber dennoch
glaube ich, er liebt das Frulein, und Robert hat es mir besttigt, und sein
heiester Wunsch scheint diese Verbindung. Doch was ist's mit dieser jungen
Person? und Gott! weshalb erschttert Dich dies so heftig, meine Tochter? -
    Die Herzogin hatte sich bei den letzten Worten des Lords erhoben, sie wollte
ihre Verzweiflung dem vterlichen Auge entziehen, aber es strmte ein solches
Uebermaa von Schmerz und bangen Gedanken auf sie ein, da sie nicht fhig war,
Fassung zu behalten. Sie sttzte sich betubt auf die Lehne ihres Stuhles,
unfhig, ein Wort auf die dringenden und besorgten Bitten des Vaters zu
erwiedern. Mhsam wehrte sie endlich seinem Forschen mit der Bitte um Ruhe, und
diese ihr als nothwendig erkennend, eilte der Lord, Mistre Morton herbei zu
rufen.

Wir haben Lord Richmond, seit seiner letzten Anwesenheit in London, nur in
ffentlichen Beziehungen wiedergefunden und kehren um so lieber zu ihm zurck,
da uns durch die eben erwhnte Mittheilung des Grafen Bristol eine Andeutung
ber ihn zukmmt, die wir um so lieber verfolgen, da sie uns wieder mit unserer
eigentlichen Schutzbefohlenen in Verbindung zu bringen scheint.
    Als er eines Abends spt nach dem Palaste seines Bruders zurckkehrte,
meldete man ihm, es harre auf ihn ein Fremder, der nur ihm selbst seinen Namen
sagen wolle.
    Richmond begab sich nach seinen Zimmern, und alsbald fhrte man den Fremden
vor, der durch seinen wrdigen Anstand, wie durch seine Kleidung sogleich den
Geistlichen der herrschenden protestantischen Kirche verkndigte. Sein
freundlich ernstes Gesicht und der ruhige Aufblick seiner Augen nahmen sogleich
Lord Richmonds Theilnahme in Anspruch, und dieser fhrte ihn selbst in seine
innern Zimmer, ihn hier verbindlich zu seinen Mittheilungen einladend. -
    Ich wei nicht, Mylord, ob ich die Angelegenheit, die mich zu Euch fhrt,
eine eigene oder eine fremde nennen soll; gewi aber bin ich dazu berufen, mich
derselben mit allen meinen Krften anzunehmen. Mein Name ist Brixton und Euch
vielleicht in Bezug auf eine junge Dame nicht unbekannt, deren sich Eure
verehrungswrdige Familie auf das Gndigste angenommen hat. -
    Brixton, rief Richmond freudig berrascht, Ihr seid derselbe wrdige
schottische Geistliche, an den uns Lady Melville verwies, um nheren Aufschlu
ber ihre Verhltnisse zu erhalten? -
    Derselbe, Mylord, entgegnete Brixton, der durch die unglcklichste
Verflechtung von Umstnden, durch eine lange Abwesenheit in Irland, an der
groen und heilig gelobten Pflicht verhindert ward, dem Frulein allen Beistand
zu leisten, den ihre hchst unerwartete Lage nthig machte. Erst als ich wieder
in Edinburg war, erhielt ich die Briefe, welche man mir nachzusenden bei der
Unsttigkeit meiner Reise fr unmglich gehalten hatte, zugleich aber die
Erlaubni meines ehrwrdigen Bischofs, mich nach Godwie-Castle selbst zu
begeben.
    Hier stockte er und eine flchtige Verlegenheit zeigte sich auf seinem
Gesichte. Sodann fuhr er mit Hflichkeit fort:
    Ich habe die Ehre gehabt, die Frau Herzogin selbst zu sprechen, und von ihr
die niederschlagende Nachricht erhalten, da dies unglckliche verlassene
Frulein einen Schritt gethan hat, der sie nicht allein der Mideutung aussetzt,
sondern wahrscheinlich auch in die unglcklichsten Verhltnisse gestrzt hat,
wenn nicht bald etwas zu ihrer Rettung geschieht.
    Es gab eine Zeit, an die ich mit Schmerz als eine vorbergegangene denke, wo
alle Macht und alles Ansehn der erlauchten Familie Nottingham sich vereinigt
haben wrde, um diese Rettung zu beschleunigen.
    Ich mache der Frau Herzogin aus ihrer Weigerung keinen Vorwurf; ich konnte
mich ihr nur mit halbem Vertrauen mittheilen, da ich durch frhere
Versprechungen gehindert bin, mich ber das ganze Verhltni der jungen Dame
gengend auszusprechen; ich mute daher auf eine Theilnahme rechnen, die sich
vielleicht fr sie hier vorfand, auf ein Vertrauen, welches mir, dem Fremden, um
dieses Kleides willen vielleicht geschenkt ward. Frauen sind zu einer greren
Vorsicht bei Verschenkung ihres Vertrauens berechtigt; auch sind die eignen
Familienangelegenheiten ganz geeignet, das grere Interesse der Frau Herzogin
in Anspruch zu nehmen. So habe ich allerdings sehr wenig Erluterndes ber den
unglcklichen Schritt des Fruleins erfahren knnen.
    Ich mute mich darein finden und that es um so eher, da mir eine Reise nach
London jedenfalls den Schutz zu gewhren verhie, dessen ich bedurfte. Die Sache
hatte sich hier jedoch anders gestaltet. Unfhig, die Personen zu erreichen, die
ich als hlfreich kannte, bin ich von einer mir verborgen bleibenden Partei in
allem, was ich vorhabe, beobachtet und gehindert; ja, ich habe Ursache zu
glauben, da selbst meine persnliche Sicherheit gefhrdet ist. -
    Sir, rief hier Richmond, dessen anschwellendes Herz aufathmete, diesem
Manne, der wahrscheinlich in Godwie-Castle keine freundliche Aufnahme erfahren
hatte, und der ihm doch so ber Alles hinaus wichtig erschien, sein Wohlwollen
bezeigen zu knnen, nehmt denn vor Allem den Schutz an, den dies Schlo und der
Name Nottingham zu leihen vermgen; mein Bruder, der diesen Namen von seinem
verehrungswrdigen Vater erbte, trgt ihn nicht mit minderer Ehre.
    Freundlich sich neigend nahm der Geistliche diesen Antrag auf.
    Ich kann nicht lugnen, da Eure Gte die Bitte erfllt hat, die ich um so
sicherer an Euch thun wollte, als ich mich selbst, setzte er lchelnd hinzu, fr
wichtig erklren mu; doch, fuhr er ernster fort, ein Blttchen vorzeigend, ich
hatte nicht den Muth, das Interesse Eurer Familie so fortdauernd in Anspruch zu
nehmen, glaubte aber in einer unsichern Lage den von einem Unbekannten und
anscheinend Wohlwollenden mir angezeigten Weg nicht verschmhen zu drfen. Kennt
Ihr die Handschrift?
    Richmond nahm das Blttchen. In unorthographischer Schrift stand darauf:
    Eure persnliche Freiheit ist bedroht, sucht das Palais der Nottinghams
auf, Lord Richmond wird Euch Schutz verleihen.
    Sonderbar! rief Richmond, wer kann Eure Sicherheit bedrohen? Habt Ihr
darber Vermuthungen? -
    Ich kann in diesem Augenblicke nicht darber urtheilen, Mylord; es ist so
Vieles, so Unerwartetes in meiner Abwesenheit geschehen, da ich nicht im Stande
bin, zu bersehen, welche Ausdehnung dadurch ein Mitwissen um Verhltnisse
erhielt, die bisher wohl berechnet in ein wohlthtiges Dunkel gehllt waren. -
    Und gehen diese Verhltnisse die junge Dame ausschlielich an, die sich Eure
Schlerin nannte? fragte Richmond. -
    Sie war bis zu dem entsetzlichen Augenblicke, der sie pltzlich aller ihrer
Sttzen beraubte, der Gegenstand der zrtlichsten Sorgfalt und Liebe, der
stolzesten Hoffuungen, der glcklichsten Aussichten fr die Zukunft; und alle,
die sie kannten, fhlten sich durch Pflicht und Liebe berufen, ihr die grte
Verehrung zu weihn. Ach! ich bin in diesem Augenblicke der einzige, der von so
vielen und wrdigen Personen ihr geblieben ist. Aber es lebt noch auer mir ein
Wesen, bestimmt, ihr Schutz zu sein von Gott und Rechtswegen, und dies zu
erreichen, ist die Absicht meines Hierseins. -
    Ihr sprecht von dem Oheime des Fruleins, den wir vergeblich getrachtet
haben ihr wieder zu finden, nach dem sie sich unablssig sehnte. Sagt, Sir, habt
Ihr ihn entdeckt, lebt er hier, und knnen wir uns mit ihm vereinigen, das
Frulein aufzufinden? -
    Wie sehr beklage ich, Mylord, Euerm wahren und aufrichtigen Eifer nicht mit
dem vollen Vertrauen begegnen zu knnen, von dem ich mich zu Euch durchdrungen
fhle; aber, mag es zu Anfang unserer Bekanntschaft gleich ausgesprochen sein,
da ich Euch auf alle Fragen die Antwort schuldig bleiben mu, wenn sie gegen
Verpflichtungen streiten, die ich nicht aufzuheben vermag.
    Knnt Ihr Euch entschlieen, mir ohne dies Euer Vertrauen zu schenken, knnt
Ihr Euch mit mir vereinigen, wo ich Hlfe bedarf, zur Rettung der unglcklichen
jungen Dame, so darf ich Euch bei der Wrde meines Amtes schwren, Ihr weihet
Beides keiner unedeln Sache, vereinigt Euch mit keinem Unwrdigen. -
    Genug, Sir; ich achte Eure Zurckhaltung und werde stets nur das Vertrauen
von Euch verlangen, was sich mit jenen frheren Verpflichtungen vertrgt. Glaubt
indessen nicht, da wir so schnell das Frulein aus den Augen verloren. Ihr Weg
ist verfolgt worden von einer Person, auf deren Treue wir uns verlassen konnten,
und sie ist, von Lord Membrocke getrennt, in einem Schlosse in Nordhampton
zurck gelassen worden, whrend der Lord seinen Weg allein fortgesetzt hat, doch
zur Zeit noch nicht in London eingetroffen ist, wo er indessen von seinem
Freunde, dem Herzog von Buckingham, erwartet wird, da er auf der Liste der
Kavaliere steht, die dem Herzog nach Frankreich folgen werden. Mein Diener ist
brigens dem Lord Membrocke gefolgt, bis er von dem Aufenthalte des Fruleins zu
entfernt war, um seine Rckkehr dahin erwarten zu knnen. Unbezweifelt ist
jedoch, da auch dort ihre Gegenwart mit der grten Sorgfalt verhehlt wird, da
es ihm bei seiner Rckkehr sogar nicht mglich ward, ber die Anwesenheit der
Lady die geringste Spur zu erhalten, viel weniger sie selbst zu sehen.
    Die Angelegenheiten meiner Familie legten mir eine Verpflichtung auf, die
mich an London band; sonst wrde ich viel frher geeilt haben, die Spur zu
verfolgen, die wir dadurch gefunden, und die mich wenigstens in der einen
Beziehung beruhiget, sie nicht mehr in Lord Membrockes unmittelbarem Gewahrsam
zu wissen, obwol ich ihn noch dabei im Spiele glauben mu, da der Edelmann, der
Besitzer jenes Schlosses, ein Vertrauter des Herzogs von Buckingham ist. -
    Des Herzogs von Buckingham! rief mit sichtlicher Ueberraschung Master
Brixton. Wie? Hat der Herzog Kunde von dem Frulein? Glaubt Ihr, Mylord, da
Lord Membrocke blos als Agent des Herzogs handelte?
    Ich mu dies dahin gestellt sein lassen, erwiederte Richmond, doch rechne
ich es mehr der verliebten Thorheit Membrockes zu, womit er das Frulein, obwol
Anfangs sehr zu ihrer Mibilligung, verfolgte.
    Anfnglich? erwiederte Brixton. Zweifelt nicht; dieser Thorheit, wie Ihr es
richtig nennt, unterlag die Lady auch spter nicht, wie Ihr anzudeuten scheint.
Auf eine andere Weise hat man sie zu diesem Schritte veranlat. Ich kenne sie zu
genau, um nicht zu wissen, da dringende Anforderungen an sie ergangen sein
mssen, sie zu diesem gehssigen Schritte zu bewegen.
    Sir, rief Richmond bewegt, Ihr habt ein so festes Vertrauen! Denkt Ihr auch
ihrer Jugend, ihrer leicht gereizten heftigen Natur? Diese Quelle ihrer
eigenthmlichen Seelenschnheit ist zugleich einer Frau so verderblich, fhrt
sie so leicht ber die Grenzen hinaus, ach, die sie nicht mit ihren Augen
berschreiten darf, ohne in Gefahr zu sein.
    Ich ehre Euer feines Gefhl fr die heilige Atmosphre der Sittlichkeit,
worin Ihr die weibliche Ehre einhllet, und theile diese Ansicht ganz,
erwiederte Brixton; aber Lady Maria ist die schnste Mischung kindlicher
Unschuld und eines starken Bewutseins von Recht und Unrecht; sie hat fr ihre
Jugend eine Selbststndigkeit des Karakters, die man nur begreift, wenn man ihre
Erzieher und den Zweck ihrer Erziehung kennt. Es ist wahr, Mylord, sie gehrt
nicht zu den schnen bewutlosen Seelen ihres Geschlechtes, die aus dem Bereiche
einer rein gebliebenen Empfindung alles unwillkrlich entfernt halten, was sie
verletzen knnte, instinktartig sich bewahren und eine schne ehrenwerthe
Erscheinung bleiben. Lady Maria ist mit Absicht geweckt und zum Bewutsein
gefhrt worden. Was wahrhaft rein und vor Gott bestndig ist, hat sie scheiden
lernen von dem leeren, inhaltlosen Formenwesen, wohinter verkrppelte Seelen
sich mit allen Ansprchen auf Achtung zu flchten vermgen, und wobei das
reinere und hhere Gefhl des Menschen oft mit erdrckter Ueberzeugung dem Banne
der tyrannischen Gewalt unterliegt. Sie steht mit dem Maae ihrer Hingebung oder
Versagung stets vor dem Throne einer groen Idee, die, rein entwickelt, stets
unerreichbar, sie demthig erhlt vor Gott, kalt und vllig abweisend gegen die
von anderswo kommenden Weisungen der Menschen. Sie ist dadurch gerade wrmer und
nachgiebiger gegen den groen Verband, den die Natur unter den Menschen knpfte,
sie ist voll Ehrfurcht gegen die geselligen Pflichten, die ergnzend eintreten,
wo dieser nicht stattfindet. Aber sie ist dies Alles mit einer Feinheit und
einem Bewutsein, was eben nothwendig sie rcksichtslos erscheinen lt nach
gewhnlichen Voraussetzungen.
    Richmonds Augen ruhten whrend dieser Worte am Boden; er gedachte des Ideals
seiner Brust, er wollte prfen, ob es sich mit den Worten des Geistlichen
vertrug; er konnte nicht damit fertig werden; unsicher wogten die Bilder durch
einander, und endlich fhlte er, da sein Nachdenken schon zu lange gewhrt. Mit
einer desto bereitwilligeren Miene eilte er, das Schweigen zu unterbrechen.
    Es steht mir in keinem Falle zu, Sir, sprach er rasch, an Worten Zweifel zu
hegen, die durch die Erscheinung des Fruleins selbst besttigt sind, und jedes
Mitrauen, das ein so auerordentliches Schicksal an dem Karakter der Person
selbst mit sich fhrt, wrde um so unedler sein, fest zu halten, als es ohne
Zweifel die schmerzlichste Zugabe desselben ist. Noch ein Mal nehmet die
Versicherung, da ich zu jeder Mitwirkung bereit bin und in einigen Tagen hoffen
darf, mit meinen Angelegenheiten weit genug gediehen zu sein, um dann die Spur
der Lady verfolgen zu knnen. Erhaltet Euch der Sache, Sir, der Ihr so ntzlich
werden knnt; es ist mit Euerm Erscheinen ein Hinderni gehoben, dessen
Bedenklichkeit ich stets empfand. Euch wird die Lady vertrauen und Euch zu
folgen einwilligen, wenn wir so glcklich sind, sie aufzufinden; was wir jetzt
kaum hoffen durften, nachdem es uns schon ein Mal verweigert wurde, wo die
eigene Ueberzeugung von Membrockes bsem Willen vielleicht noch nicht
eingetreten war. -
    Seid daher vorsichtig und verlat den Schutz dieses Hauses nicht, bis zu
unserer Abreise. Kennen wir die Absichten des unbekannten Warners nicht, hat er
sich doch darin nicht geirrt, Euch hier gesichert zu halten. -
    Lord Richmond gab nun selbst Befehl, einige Zimmer, die an die seinigen
grenzten, fr einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und lie dessen Reisegepck
von einem verschwiegenen Domestiken, der die Livree ablegte, aus der Herberge
herbeischaffen, ohne zu erlauben, da er die Mauern des Schlosses wieder
verlasse.
    Der andere Tag ward dazu verwendet, mit dem jungen Herzoge die nthigen
Verabredungen zu treffen und Brixton mit denselben bekannt zu machen; zu welcher
Berathung sich auch Lord Ormond einfand. Auer Zweifel waren die Empfindungen
der hier zusammentreffenden Mnner ganz geeignet, Brixton die Hoffnung eines
krftigen Beistandes zu verheien, und er beschlo innerlich, mit denselben erst
Alles zu versuchen, um seine junge Freundin ihren falschen Beschtzern zu
entfhren, da er sich in jedem anderweitigen Schritte, der ihm Aussicht auf
Hlfe verlieh, mannigfach gehindert sah, und er die Warnung, fr seine Freiheit
zu sorgen, nicht unbegrndet finden mochte.
    Der Widerstand, den er erfahren, schien ihm von einer gemachten Entdeckung
ber das Frulein herzurhren, und er konnte ihr Verschwinden mit seiner eigenen
Verfolgung in Zusammenhang bringen, obwol es ihm hchst unwahrscheinlich blieb,
da dies von der Seite des Herzogs von Buckingham herkommen sollte, den er
unmglich mitwissend und doch verfolgend denken konnte.
    Einen Schritt bei Letzterem zu thun, schien ihm bei der Vernderung der
Dinge, die ber Alles so viel Dunkelheit gebracht, ein zu gewagtes Unternehmen,
da seine Aufmerksamkeit zu erregen, schon Gefahr brachte, ein ihm bisher heilig
gehaltenes Geheimni bloszustellen. Er beschlo demnach, zuerst ihre Befreiung
als das Nthigste anzusehen und der Zeit alle fernere Entwickelung anheim zu
stellen.
    In der grten Zurckgezogenheit wartete er daher die Zeit ab, die seinem
jungen Beschtzer erlauben wrde, sich ganz der Sache seines Schtzling zu
widmen, die aber fr den Augenblick noch in Anspruch genommen war von den uns
bereits bekannten Vorgngen in der Familie Nottingham.
    An dem Hochzeittage seines Bruders begleitete Richmond seinen Grovater, den
ehrwrdigen Lord Bristol, trotz des prinzlichen Gefolges, bis an die Grenzsteine
der vterlichen Besitzungen, und eilte dann mit dem glhendsten Eifer zurck, um
sich zu Brixtons Bestimmung zu stellen.
    Sein erster Schritt war jetzt, Lord Membrocke aufzusuchen, da nur noch
wenige Stunden bis zu dessen Abreise blieben, indem dem Herzoge von Buckingham,
zu dessen nchster Umgebung er gehren sollte, keine Zgerung mehr gestattet
war. Doch fand er dies eitle Kind der Welt in ein solches Gewirre der
gewhnlichsten Lebensbeziehungen verwickelt, so von Schneidern, Juwelieren,
Stickern und Handelsleuten aller Art umgeben, da ihm keine Beziehung zu Lord
Richmond in Erinnerung geblieben schien und er diesen aufforderte, der
Tanzstunde beizuwohnen, die ein franzsischer Tanzmeister ihm geben wolle, um
ihn in den neuesten zu Paris bei Hofe gebruchlichen Tnzen zu unterrichten.
    Ich denke, Mylord, sprach Richmond mit dem vollsten Ausdrucke der
Geringschtzung, Euch wird nicht ganz entfallen sein, da ich Euer Haus nicht
betreten haben kann, um Euern Spen beizuwohnen, da es unter uns ernstere
Beziehungen giebt, die errtert sein wollen, ehe ich Euch erlauben kann, in
diesem Tone Euch zu vergngen.
    Richtig rief Membrocke mit sehr natrlichem Erstaunen, da ihm wirklich im
Augenblicke erst die Veranlassung zu Richmonds Besuch einfiel. Wir haben, setzte
er lachend hinzu, ber die kleine schlaue Mi eine Zwiesprache zu halten, die
ich Euer Liebden strenger Aufsicht entfhrte.
    Richmonds Stirn brannte bei der geringschtzigen Art, wie er hier ein Wesen
erwhnen hrte, gegen das er sich selbst noch jeden Zweifel vorwarf.
    Ich bin nicht gewohnt, Mylord, rief er, ungeduldig ihm nher tretend, in der
Gegenwart solcher Thoren ernste Angelegenheiten zu besprechen; zeigt mir Euer
Kabinet.
    Allerliebst, lachte Membrocke mit schon annehmender guter Laune,
allerliebst! Ihr hier versammelte Gesellschaft von Thoren, Ihr meine
liebenswrdigen Gefhrten, amsirt Euch wohl, indessen ich in meinem Kabinet ein
paar Fledermuse jagen will, die ber Nacht herein geflogen. Wollt Ihr mir dabei
helfen, Mylord, so nehmt den Vortritt.
    Mit stolzer Heftigkeit trat Richmond an ihm vorber in das Kabinet, welches
der Lord ihm geffnet, und trug dies auch eben so den Stempel der Thorheit, wie
das erstere, so waren es doch nicht Menschen, sondern leblose Gegenstnde, die
hier sich jeder ernsteren Beziehung zu widersetzen schienen.
    Lat mich stehn, rief Richmond, als der Lord ihn auf ein mit allerlei Kram
belegtes Ruhebette einlud; was ich mit Euch zu reden habe, mu bald abgethan
sein. Erklrt Euch, ob Ihr der Familie Nottingham, die durch mich zu Euch redet,
den angethanen Schimpf gut machen wollt, aus ihrem Kreise ein von ihr
beschtztes unbescholtenes Mdchen entfhrt zu haben, ob Ihr es gut machen
wollt, indem Ihr mir bekennt, zu welchem Zwecke und wohin Ihr sie entfhrt; oder
ob Ihr es vorzieht, zu jeder Euch beliebigen Stunde mit mir Euern Degen zu
kreuzen?
    Wahrlich, rief Membrocke, der bei aller Verworfenheit die gewhnliche
Kavalier - Bravour hatte, um jeden Preis mchte ich das Letztere whlen, um des
Vergngens willen, Euern jungen Degen kennen zu lernen.
    Wohlan, die Bekanntschaft soll Euch werden, erwiederte Richmond, er ist
nicht jung genug, um die Sache der Unschuld nicht vertheidigen zu knnen, und,
unentweiht, noch nie gezogen worden, um die Laster seines Besitzers zu
vertreten.
    Dies liegt auer Zweifel, lieber Lord, spttelte Membrocke, die Nottinghams
sind alle wahre Tugendhelden, Ihr seid alle, glaube ich, von Eurer gestrengen
Frau Mutter erzogen worden; man sagt, sie habe ihre Erziehungsmethode bei Euerm
Vater eingebt bis sie Euch dann bernommen.
    Nennt den Namen meiner Mutter nicht! rief Richmond heftig; ihr erhabener
Karakter und ihre Tugenden liegen auer Euerm Bereich; ich kann nicht zugeben,
ihn von Euch zu hren.
    Wahrlich, unterbrach ihn Membrocke zurckweichend, Ihr beschneidet sehr den
Stoff unserer Unterredung! Wovon beliebt es Euch zu sprechen, wenn nicht von den
lieben Angehrigen? Ich dachte, wie gut ich es gemacht htte.
    Wir haben berhaupt nichts mehr zu sprechen, Mylord, erwiederte Richmond
kalt; was wir noch vorhaben, wird mit wenig Worten abzuthun sein. Wo werden wir
uns finden!
    Ja so! sagte Membrocke, und sein Gesicht ward pltzlich nachdenkend, das ist
eine schlimme Sache, wo soll ich dazu Zeit finden? Diesen Abend reist der Herzog
ab, ich habe noch unabsehbar viel vor bis dahin, Ihr setzt mich wahrlich in
Verlegenheit.
    Ist das die Sprache eines Mannes von Ehre, sprach Richmond, oder
beabsichtigt Ihr eine neue Beleidigung gegen mich durch Eure Ausflucht? Ihr
werdet Zeit finden, und sollte es der gegenwrtige Augenblick sein und dies
Zimmer unser Kampfboden!
    Halt! Halt! rief Membrocke, wir mssen nicht mit der Thorheit anfangen, an
unserer gegenseitigen Bravour zu zweifeln; die hat jeder Edelmann unseres
Namens, so viel wie nthig, um wegen ein paar Unzen Blut mehr oder weniger sich
nicht zu kmmern. Ich habe nicht die Absicht, Euch zu beleidigen, ja,
eigentlich, setzte er gutmthig hinzu, achte ich alle Mnner Eures Stammes wegen
ihrer makellosen Ehre, aber Ihr mt Euren Maastab, zu handeln, nicht den
heiteren Kindern der Welt aufnthigen, die andere Ansichten von Lebensgenu
haben, und darum nicht gleich einen ganz gewhnlichen kleinen Liebesroman als
eine Ehrensache ansehn.
    Richmonds Herz zog sich krampfhaft zusammen. Es lag das Eingestndni eines
solchen Verhltnisses mit Lady Melville in diesen Worten, und er schauderte
zurck, ihrer so erwhnen zu hren. Halb abgewendet, um seine Erschtterung zu
verbergen, rief er mit dem tiefsten Ausdruck von Zorn und Schmerz:
    Es kann kein Streit unter uns sein ber Dinge, worber wir zu verschieden
denken, als da unsere Meinungen sich je erreichen werden. Doch sollen Eure
Worte ein solches Verhltni zur Grfin Melville andeuten, so sehe ich Euer
Verhalten dabei als eine Beleidigung fr unser unbescholtenes Haus an und
bestehe auf der einzigen Genugthuung, die Ihr geben knnt.
    Mylord, sagte Membrocke, htte ich Zeit, so wrde ich mich nicht bemhen,
Euch mit Worten aufzuklren, denn ich liebe, gleich Euch, die prompte Sprache
von zwei guten Klingen; so aber will ich, der Aeltere, auch der Gemigtere und
Verstndigere sein. Aufrichtig gesagt, es ist mir die Sache, fr welche Ihr mein
Blut fordert, herzlich gleichgltig geworden, und ich habe die Prderie der
kleinen Nrrin lngst vergessen. Sie ist nicht der Mhe werth, da zwei Mnner,
wie wir, uns darum raufen.
    Gut, rief Richmond, der einige trostreiche Worte vernommen, mit mehr Ruhe.
Auch ich bin kein Kind, das blos seine Waffen versuchen will; doch fordere ich
dann von Euch einen offenen Bescheid darber, wo Ihr das Frulein hinfhrtet, in
welcher Lage sie sich befindet.
    So weit reicht mein guter Wille nicht, Mylord, erwiederte ruhig Membrocke;
nun aber seid ruhig und hrt mich, fuhr er fort, da Richmond heftig auffuhr. Ihr
sollt Alles wissen, was Euch interessiren kann, ich verspreche es Euch; aber
seid nicht wie ein gereizter Lwe, ich bin meines Lebens ja nicht sicher mit
Euch.
    Etwas beschmt ber seine Heftigkeit, die ihn diesem gering geschtzten
Manne gegenber fast in Nachtheil brachte, zog sich Richmond kalt zurck,
entschlossen, genau und scharf, aber ohne Unterbrechung zu hren.
    Wir wiederholen hier nicht eine Mittheilung, deren Gegenstand wir bereits
kennen. Membrocke lie der Tugend des Fruleins Gerechtigkeit widerfahren; ohne
Buckingham zu nennen, verrieth er, da sie ihn als Begleiter zu ihrem Oheim
gewhlt, und legte ziemlich aufrichtig die Machinationen dar, womit er das
Frulein entfernt hatte, wobei er jedoch den Brief verschwieg und dadurch ihre
Leichtglubigkeit dem Erstaunen Richmonds berlie. Das Ende und ihren Verlust
in Sir Patricks Schlo, von wo ihn eine Einladung des Herzogs zu der vorhabenden
Reise weggefhrt, wute er gleichfalls von der eigentlichen Wahrheit fern zu
erzhlen, und ihre Flucht von dort, die ihm bis jetzt wirklich ein Rthsel war,
in das berzeugende Licht der Wahrheit zu stellen. Richmond hatte einen Trost
empfangen, der ihn willfhrig machte, die brigen Umstnde gnstig zu finden, er
glaubte Membrocke alles Uebrige, da er so gern an dessen Unschuldserklrung des
Fruleins Glauben hatte. Ihre zugleich dabei hervortretende Unbesonnenheit
schien ihm nur zu sehr mit seinen eigenen Wahrnehmungen ber sie zu stimmen, als
da er diesen Theil der Erzhlung htte in Zweifel ziehen sollen. So erklrte er
sich denn innerlich zufrieden und stand auch nicht an, es auszusprechen, da er
es aufgeben mute, der verworfenen Moral des Lords das Unwrdige seiner
Handlungsweise bemerklich zu machen.
    Ja, Mylord, sprach Richmond auf dessen Frage, ich will mich zufrieden geben
mit Eurer jetzigen Mittheilung und danach handeln, aber seid sicher, Ihr bleibt
mir verantwortlich fr die Folgen Eures strafbaren Verfahrens; und hrte ich
hier nicht die Wahrheit, so werdet Ihr nach Eurer Rckkehr wohl Zeit finden, mir
Antwort zu geben auf das, was ich Euch dann zu sagen haben werde.
    O, sicher und gewi! rief Membrocke, wieder in seinen nachligen Ton
verfallend; was kann mir angenehmer sein, als eine so ehrenvolle Aussicht bei
meiner Rckkehr.
    Mit der grten Klte und Hflichkeit trennten sich Beide, und es sei uns
nur noch erlaubt, hinzu zu setzen, da Membrocke seinem Freunde, dem Herzog von
Buckingham, nichts von dieser Unterredung mittheilte. Sein Betragen lie keinen
Beifall hoffen, da des Herzogs Ha gegen die Nottinghams stets nach Gelegenheit
trachtete, sie anzugreifen; vielleicht auch war es eine gewisse Schadenfreude,
die diese edeln Gefhrten gegen einander hegten, und welcher eine mgliche
Befriedigung bevorstand, wenn es den Nottinghams gelang, das Frulein
aufzufinden und damit die ehrgeizigen Plne des Herzogs zu durchkreuzen.
Membrocke zweifelte nicht, Richmonds leidenschaftliche Stimmung wrde ihm bei
ihrem Auffinden schon eingeben, das zu thun, was sie fr den Herzog alsdann
ziemlich verloren machte; genug, der Lord entschlo sich, darber zu schweigen.
    Lord Richmond dagegen eilte in grter Eile zurck, um mit seinen Freunden
nach diesen empfangenen Mittheilungen die nchsten Beschlsse nehmen zu knnen.
Dies war nicht minder schwierig, als frher, geworden, und die einzige zu
verfolgende Spur mute sich von dem Schlosse des Sir Patrick aus anknpfen
lassen, wohin sie sich zuvrderst zu begeben beschlossen, und zwar Brixton und
Richmond, von einigen bewhrten Dienern begleitet.

Wir fhren unsere Leser an einem Nachmittage durch die weitluftigen Gnge und
Gallerien des alten kniglichen Schlosses an manchem anscheinend einladenden
Eingange vorber, und ffnen am Ende eines solchen Ganges eine kleine
unscheinbare Thr, die uns in ein leeres und dsteres Vorgemach fhrt. An dem
schwachen Torffeuer des Kamins finden wir einen Jngling in huslicher Tracht
knieend, in einigen Tiegeln einen Teig rhrend, der, nach dem daneben
ausgebreiteten Leinenzeuge und dem starken Geruch von Krutern zu schlieen,
einen Umschlag fr irgend einen Leidenden zu enthalten schien.
    Schnell und geschickt sehen wir ihn jetzt eben den hinreichend erwrmten
Teig in die Tcher schlagen, und leicht und geruschlos mit der vollen
Elastizitt der Jugend in ein Nebenzimmer springen, dessen kleine Thr uns,
hinter ihm her, in ein greres Zimmer fhrt, was an Hhe, Umfang und Bauart dem
besseren Theile des Schlosses angehrt.
    Seine innere Einrichtung bietet die seltsamen Widersprche von geschmacklos
geordneten und unreinlich gehaltenen Gegenstnden des Luxus zu den nthigen
Verrichtungen der geringeren Beschftigung eines niedern Standes dar. Alles
zeigt berdies von lngerer Vernachligung, denn wir finden Kleider und Wsche
in unsaubern Zustnden ber einander geworfen, und diese Zerstrung bald
erklrt, wenn wir den Seufzern folgen, die uns nach einem Winkel des Gemaches zu
einem Lager ziehn. Hinter seinen zurckgeschlagenen Vorhngen sehn wir die
bleiche abgezehrte Gestalt eines Greises, die sich seufzend den Handreichungen
des geschickten Jnglings unterzieht, der eben seine erwrmten Umschlge um den
Leib des Kranken legt.
    Nun werden die Schmerzen nachlassen, Ohm, spricht er alsdann mit der
sichersten Zuversicht; Du wirst dann einschlafen; wenn Du aufwachst, wirst Du
Hunger haben und Dich satt essen, und wenn morgen frh die Sonne scheint,
schleppe ich Dich nach Deinem Fenstersitz, und dann bist Du gesund.
    Trotz der khnen Reihefolge der zu hoffenden Zustnde und der wenigen
Wahrscheinlichkeit ihrer Erfllung, richteten sich die kleinen, trben Augen des
Kranken doch einen Augenblick voll Hoffnung nach dem jugendlichen Trster, als
lge in seinen Worten schon ein Balsam, dessen Wohlthat nicht ganz ohne Wirkung
bleiben knne.
    Doch nach der Art alter Leute, der Jugend ihre glcklichen Kombinationen
nicht zu gestatten, selbst wenn ihre Erfllung die eigenen geheimen Hoffnungen
aussprche, schttelte der Alte unwirsch das Haupt, und unter vielen Seufzern
hob er fast scheltend an:
    Thorheit, Thorheit! Siehst Du so wenig ein, wie ich leide und
heruntergebracht bin, um mich in zwlf Stunden durch Deinen Brei wieder auf die
Beine bringen zu wollen? Alles steht zwar in der Macht des Herrn, setzte er
beinah weinerlich hinzu, und ist mein Ziel noch nicht gekommen, werde ich
genesen, aber vielleicht, vielleicht erstehe ich auch nimmer mehr von diesem
Schmerzenslager.
    O schweig doch! rief der Jngling mit jugendlicher Ungeduld, wie wirst Du
doch sterben, Du bist ja noch gar nicht alt und bekmmst ja so schne Arznei,
wie der Knig selbst. Der Mensch kann viel aushalten, sagte immer Dein Bruder,
Margarithens Vater, und da mut Du Geduld haben. Ich gebe Dir auch bald wieder
Tropfen, und der Brei wird sicher Deinem Leibe gut thun.
    Dies schien in Wahrheit der Fall zu sein, denn das leidende Gesicht des
Alten zog sich ruhiger zurecht, und dem ngstlichen Sthnen folgte eine
Ermattung, die in einen leichten Schlummer berging.
    Still sa der Jngling und blickte in die wohlthtige Ruhe, die sich nach
und nach um ihn verbreitete. Sein jugendliches Gesicht trug, trotz der eben
bewhrten Thtigkeit, die Spuren der Uebermdung, die vielleicht einige Nchte,
an dem Schmerzenslager durchwacht, ihm zugezogen hatten. Seine Augen ruhten erst
mit aller Anstrengung weit geffnet auf seinem Pflegebefohlenen; als aber dessen
ruhiger Athem anzeigte, da die Sigkeit des Schlafes ihn beschlichen, wurden
sie immer matter, und von dem Bilde der Ruhe vor sich sympathetisch ergriffen,
senkten sich die schweren Augenlider. Bald fand er eine Sttze auf den weichen
Decken des Fubodens, und es sank ein fester und anhaltender Schlaf auf seine
bedrftige Natur.
    Nicht lange hatte so die Stille gewhrt, da schlichen leise Schritte durch
das Vorzimmer, und in einen weiten Mantel gehllt erschien eine mnnliche
Gestalt, die, mit schnellen Blicken das Zimmer berfliegend, die ganze Lage
aufzufassen strebte und dann leise den Armstuhl an dem Bette des Kranken
einnahm, zu dessen Fen der Jngling den Schlaf der Unschuld schlief.
    Seine lebhaften kleinen Augen flogen von einem Schlfer zum andern, und es
war nicht ohne Interesse, die Gedanken darin zu lesen, welche unbewacht sich
ganz den so eben empfangenen Eindrcken hinzugeben schienen.
    Den Greis vor sich prfte er mit der geringschtzigen Miene eines sicheren
Kenners von Leben und Tod, und zog die Lippe gleichgltig empor, als er ihm
innerlich das Letztere zuerkannt hatte.
    Auf den Jngling zu seinen Fen starrte er dagegen mit einem Ausdruck von
Neid und Neugierde hin. So ruhig, so heiter schlafen knnen! War es ein Glck,
das er nicht mehr begriff, und das ihn doch heimlich an seine verlorne Seligkeit
mahnte; war das Geringschtzung gegen ein so unbewegtes Leben, gegen eine so
unbedeutende Existenz? Er zuckte mit dem Fue, der fast dicht an dem lockigen
Haupte des vom Schlaf Gertheten stand, und zog ihn mit verchtlichem Lcheln
zurck. Doch der Alte hatte nur wenig Augenblicke Ruhe gefunden, vielleicht
hatte ihn der stechende Blick des Ankommenden aus dem Nebellande der Trume
zurck gelockt.
    Unwillkommen schien das Bild des Harrenden dem mden Auge; es schlo und hob
sich nur mit einem Seufzer.
    Es geht bedeutend besser, wie ich sehe, Alter, rief der Angekommene, ich
denke, Du hast berwunden.
    Etwas Ruhe und Schlaf wrden vielleicht bei so geschwchten Krften das
Nthigste sein, doch wie Ihr befehlt, ich bin Euch zu gehorchen bereit, was
steht zu vollfhren? erwiederte ergeben der Kranke.
    Deine Genesung ist allerdings nthig und gern gesehn, erwiederte der
Angeredete, und die Wohlgeneigtheit Deiner Freunde wnscht sie zuerst um
Deinetwillen, weniger machen die uern Angelegenheiten fr jetzt sie nthig.
    Seufzend legte der Alte sein Haupt auf die Kissen zurck. Nach einer kleinen
Pause hob er an:
    Ist es mir erlaubt zu hren, auf welche Weise man mit Master Brixton fertig
wurde?
    Porter! Porter! drohete der Andere mit der erhobenen Hand; Deine erste Frage
ist nach diesem Schleicher, den wir Deiner Obhut anvertrauten, und nun, da wir
ihn fast erreicht hatten, um ihn unschdlich zu machen, ist er verschwunden, und
bis jetzt bleibt jede Auskunft ber ihn uns aus. Man argwhnt nicht ohne Grund,
da er von Dir selbst eine Art Warnung oder gar irgendwo Sicherheit empfing, und
es ist nicht mein letzter Auftrag, hierber Dein Gewissen zu rhren.
    Die lauernde Aufmerksamkeit, womit Porter - denn diesen uns wohlbekannten
Diener des Prinzen von Wales haben wir vor uns - den drohenden Worten gehorcht
hatte, ermigte sich gegen das Ende derselben zu einer stillen Duldermiene.
    Mein ganzes elendes Leben ist dem Gehorsam gewidmet gewesen, fr die
erhabenen Zwecke, denen ich blind dienen mute, da sie zu erkennen, mein
schwaches Vermgen nicht ausreichte. Wo bin ich gegen den hheren Willen mit dem
meinigen eingeschritten? Warum lt man jetzt am Siechbette des Unterliegenden
so harte Worte wie an einen Treulosen ergehen? -
    Nicht immer sind wir Deines blinden Gehorsams gesichert gewesen; sehr viel
hatte man Dir vertraut, und sieht man auf die endlich zu hoffenden Resultate
zurck, sind sie ausgeblieben. Prinz Carl, denke ich, verrth wenig Neigung,
seinen unglcklichen katholischen Unterthanen dereinst Schutz zu verleihen; die
erhabene Frau, die wir dieser groen Rache zur Beschtzerin erkoren, wird hier
einen einsamen Sitz finden und das Herz ihres Gemahls mehr gegen ihre Absichten
verschlossen, als darauf vorbereitet.
    Hochwrdiger Herr, erwiederte Porter zurckgehalten, Ihr seid gekommen, Euch
um jeden Preis zu erzrnen; darum huft Ihr Verbindlichkeiten auf mich, die
nothwendig unerfllt bleiben muten, da sie bei weitem meine Fhigkeiten und
meine Stellung berstiegen. Habt Ihr selbst je mehr von mir gewollt, als die
Abneigung, die man dem gndigsten Herrn durch unsere gebenedeite Kirche
einzuflen trachten knnte, zu ermitteln und die hochwrdigen, zu seinem
geistigen Wohl verbndeten Herren in Kenntni der geheimen Handlungen zu
erhalten, die einem so geringen Diener, wie ich, zur Kenntni kommen konnten?
    Und doch denke ich, da Vieles uns davon entgangen ist, entgegnete der
Zrnende, was bei besserer Bedienung Deinerseits uns jetzt nicht so bedeutende
Mhe machen wrde. Wann erfuhren wir denn die wahren Verhltnisse der Grfin von
Buckingham? Etwa, wie es noch Zeit war, ihre wichtige und gefhrliche Beziehung
zu hindern?
    Nein, erwiederte der alte Mann bitter lchelnd, erst da erfuhrt Ihr sie, als
der Prinz berhaupt ein werthvoller Gegenstand ward durch den Tod seines
erlauchten Bruders. Bis dahin mute ich zwar aushorchen, aber selten wurden
meine Notizen abgefordert, denn die Augen der hohen Brder waren nur auf den
dereinstigen Thronerben gerichtet, und Graf Archimbald war damals gefhrlicher,
als alle schnen Grfinnen des Knigreichs. Den Posten bei diesem erlauchten
Prinzen hattet Ihr aber einem Andern anvertraut, den ich gern spterhin zu
meinem gestrengen Herrn htte bergehen lassen, htte die unverdient mir
geschenkte Gnade des Prinzen dies zugelassen.
    Es mag sein, erwiederte in einiger Verlegenheit ber den zurckgewiesenen
Vorwurf der Fremde, da Deine Dienste erst spter Wichtigkeit erhielten, doch
nimmt das den Vorwurf einer lssigen Bedienung nicht von Dir; vielmehr sind
Deine Obern der Meinung, da Du viel gut zu machen habest, wenn nicht die Folgen
der frhern Vernachligung Einflu gewinnen sollen.
    Mit dem klglichsten Ausdruck wandte sich der Kranke, wie unter
wiederkehrenden Krperschmerzen, auf seinem Lager, und die Erdfarbe seiner Zge
wechselte mit einzelnen rothen Streifen, wie sie Zorn oder Angst hervorrufen. Er
schien die strengen Worte des Redenden eben so wenig ertragen zu knnen, als
sich hinreichend rechtfertigen zu drfen, und lie bellaunig ihn dadurch im
Vortheile ber sich.
    Indessen konnte dieser Zustand von Gegenwehr gegen einen fremden
despotischen Willen, wodurch er auch hervorgerufen war, immer nur eine
vorbergehende Erscheinung in dem durch lange Gewohnheit zum Knecht gestempelten
Geiste sein. Das Joch, wenn auch abgeschttelt, umschlo doch bald um so fester
wieder seinen Nacken, und es war, als ob der, den wir so rauh verfahren sehn,
keinen Zweifel hegte an dieser Unterwerfung, denn er sah mit anscheinend
vollkommener Ruhe den Konvulsionen der Emprung zu, die den Alten bewegten, bis
sie, in sich ersterbend, nichts zurcklieen, als die aschgrauen, mienenlosen
Gesichtszge blindester Unterwerfung.
    Porter, hob er an, nachdem er dem Alten die nthige Zeit gegnnt, wann
sahest Du den Prinzen zuletzt, und wie war damals seine Stimmung?
    Der gndige Herr, erwiederte leise der Kranke, benutzen seit meiner
Krankheit den Durchgang durch diese Zimmer, um zu Seiner Majestt zu gelangen,
und so geschieht es, da ich ihn jeden Morgen einige Augenblicke die Gnade habe
zu sehn, nicht selten einige Worte zu hren, die allerdings weit ber mein
Verhltni reichen und nur dem frheren Vertrauen in Bezug auf Dinge
zuzuschreiben sind, die dem armen Herrn das Herz beschweren.
    Gut, gut, unterbrach ihn ziemlich ungeduldig der Andere. Wie weit sind wir?
    Nicht sehr weit, erwiederte besorgt der Alte, keinesweges so weit, wie zu
wnschen stnde, und ein alter Diener, der Jahre lang von frh bis spt seinen
Herrn sieht und beobachtet, kann wohl wahrnehmen, was sich verndert und
umwandelt in wichtigen Augenblicken.
    Nun, nun, rief der Fremde dringend, was meinst Du damit? -
    Ich bin ein kurzsichtiges Werkzeug meiner Obern, aber wenn mir nach
menschlicher Schwche eigne Gedanken ber die Angelegenheiten kommen wollen, die
freilich in den besten Hnden sind, mchte mir oft scheinen, es sei nicht
gerathen, dem gndigsten Herrn das Herz so zu zerreien und ihn so ohne Trost zu
lassen. Still und sehr tiefsinnig war seine Gemthsart immer, aber sehr milde,
gtig und fgsam, wohlwollend gegen alle Menschen zu gleicher Zeit; und die hohe
Dame, die bis dahin im Geheim den gndigsten Herrn beglckte, und das schne
Kind dieses Bundes erhielten neben mancher Sorge doch das Herz des Herrn in
dieser gesegneten Stimmung. Seit aber dieses geheime Glck durch Gottes Willen
dem gndigsten Prinzen genommen, seit auch das holdselige Kind verschwunden,
welches die trostreiche Untersttzung bei seinem Gram htte werden knnen, ist
die Gemthsart des armen Herrn sehr verndert, und seine Anlagen scheinen eine
sehr berraschende Entwickelung zu erleiden. -
    Wie meinst Du das? rief aufmerksam werdend der Fremde und rckte dem Bette
nher, den fest schlafenden Jngling leise mit dem Fue weiter rollend.
    Es ist nicht gut, fuhr Porter vorsichtig fort, wenn einem verwhnten Herrn,
wie unserm gndigsten Prinzen, pltzlich Alles fehl schlgt. Nicht alle Gemther
halten derlei Erschtterungen aus, ohne groe Umwandlungen, am ftersten
nachtheilige, zu erleiden. Der Schreck, wenn wir erfahren, wie ohnmchtig unsere
eigenen Krfte dem Schicksale gegenber sind, wird sehr hufig ein Zrnen und
nicht selten ein Erzrntbleiben gegen die ganze Welt, was Weh erzeugt um uns
her, Weh zurckfhrt in das also gemarterte Herz - und Wehe! Wehe! ehrwrdiger
Herr, wenn es dem inne wohnt, der einen Thron besteigen soll. Den Widerstand,
den er gefunden, lt er erleiden, das Glck, an das er nicht mehr glaubt,
versagt er um so leichter Andern; und menschliche Mittel als unwirksam erfahren
zu haben am eignen Schicksal, vertritt der Menschenachtung den letzten Zugang,
und ein eigenwilliges, stolzes Selbstvertrauen bleibt der Vertraute solcher
gefhrlichen Seeleneinsamkeit. -
    Alter! Alter! unterbrach ihn hier sein Zuhrer mit einem lebhaften Ausdruck
der Theilnahme, der eben sowol der Sache selbst, als der schlauen Beobachtung
dessen galt, der so gern als unbedeutend erscheinen wollte und doch nur zu
hufige Proben der tiefer gehenden Menschenbeobachtung gab, die ihn zu dem
Werkzeuge jener umsichtigen Machthaber gestempelt hatte, welche kein Talent in
ihrem Bereich verkannten oder unbenutzt lieen. Sprich, fuhr er fort, sind dies
Wahrnehmungen, die Du mit Deiner Schlauheit kombinirst? Sttzen sie sich auf
Thatsachen? Gehren die Winke und Andeutungen dazu, die ber die Folgen der
Krankheit des Prinzen von Dir schon fter gegeben wurden, die sogar unter dem
Volke sich verbreitet finden? Wre es mehr, als dies launische Uebelbefinden
eines Genesenden? Oder sind es nur von Dir herbeigefhrte Schlsse, die Deiner
Lieblingsidee dienen sollen?
    Der Alte zog die Decke ber seine hagern Schultern und sagte so
gleichgltig, wie er vermochte:
    Legt meine Worte aus, wie Ihr wollt, was hlfen mir weitere Betheurungen;
seid Ihr doch einmal darauf gestellt, mich zu krnken und mir zu mitrauen!
Lieblingsideen verlernt der am ersten zu hegen, dem kein freier Wille blieb, den
kleinsten Wunsch zu frdern; es ist lange her, da ich von Lieblingswnschen
trumte, ich wei nichts mehr davon.
    Du tuschest mich nicht, fuhr der Unerbittliche fort, ich wei sehr wohl,
wie Du uns berreden mchtest, dies Unglckskind knne der Welt und seinem Vater
erhalten werden, ohne unsere grern Absichten zu durchkreuzen. Lugne, wenn Du
kannst, da sich alle Deine Beobachtungen bequemen mssen, um dieser Idee
unschdlich zu werden; lugne diese Schwche, diese Thorheit fr ein junges
unbedeutendes Mdchen, fr die Schwche eines vterlichen Herzens, welches doch,
zu dem reichsten Ersatze bestimmt, nur diese leichte Krisis von Schmerz zu
berstehen haben wird, um dann die endlosen Sorgen, die an diesem Wesen ihm
gegeben wren, in rechtmige Freuden verwandelt zu sehn.
    Wer knnte wagen wollen, Euch zu tuschen, Hochwrdiger, erwiederte der Alte
unterwrfig, die Hauptsachen knnen Euerm scharfen Blicke nimmer entgehn, nur
traut Ihr meiner Aufrichtigkeit zu wenig. Was ich Euch ber eine groe, sehr
ernst scheinende Karakterumwlzung des gndigen Herrn gesagt, verwerft es nicht!
Denn der Todesschwei auf Knig Jakobs Stirn prophezeihet, da Alles bald zu
Tage kommen wird, was in diesem armen Herrn glht und ghrt. Gedenket daran! Er
hat die Ungeduld des Unglcklichen; er wird handeln, um sich zu zerstreun. Gebt
Acht, wie seine ersten Schritte sein werden; denn was Ihr hofft, wird vorerst
Euch tuschen. Ein Weib legt ihm so bald, nach dieser, keine Zgel an; Henriette
von Frankreich wahrscheinlich nimmer, wenn irgend Eine, so wre es vielleicht
das gefangene Mdchen, das sich mit vollem Rechte Maria Stuart nennt, und das
Ihr vielleicht zu Euerm eignen Nachtheil zurckhaltet.
    Nachdenkend schob der Mnch die Kappe von der breiten Stirn und zeigte damit
fr einen Augenblick das Antlitz des Pater Johannes, des Beichtigers auf dem
Schlosse der Lady Howard. Er bemerkte die lauernden Augen des alten Porters
nicht, der die Wirkung seiner Worte auf dem enthllten Antlitz suchte, und
erkannte, da sie mit groer Sorgfalt geprft wurden.
    Ja, hob der Pater dann nachdenkend an, wenn dies Mdchen, die Du so gern
Maria Stuart nennst, den glaubensvollen Eifer ihrer groen Ahnfrau htte, diese
unbesiegbare Liebe zu unserer heiligen Kirche, die ihr Haupt fallen lie und
selbst ihren gemordeten Schatten noch zu einem drohenden Panier gegen diese
Afterkirche machte, was denkst Du, da wir Deines Rathes bedrften, ihr einen
bedeutenden Platz anzuweisen und eben sie der Welt zu erhalten? Aber
ketzerisches Blut von beiden Eltern in den Adern, ketzerisch genhrt und
erzogen, ist sie starr geblieben gegen die Segnungen meines Unterrichts, meiner
Belehrungen, gegen die berzeugenden Beispiele tglicher kirchlicher Feier,
gegen Alles, was ein Gemth sonst empfnglich macht, wie strengste Einsamkeit,
Entziehung von Luft und Bewegung und jener eiteln weltlichen
Geistesbeschftigung, durch deren Angewhnung ihre lasterhafte Erziehung aus
diesem Kinde an Jahren, einen Mann an Festigkeit in ihren Irrthmern gemacht
hat.
    O, o! sprach hier mit vieler Theilnahme der Kranke, steht es so schlimm mit
dem armen Kinde?
    Ja, so schlimm steht es, erwiederte recht innerlich entrstet der Andere,
und so, frchte ich, wird es bleiben und damit ihre Zukunft von ihr selbst
herbei gefhrt sein. Glcklich mssen wir uns preisen, da uns darber die
Verfgung gestellt ist, denn in Buckinghams Hnden, mit der Zuthat hfischer
Weltklugheit, die er nicht ermangelt haben wrde ihr zu geben, htte die
erhabene katholische Frstin, die sich hierher begiebt und als eine wahre
Gesandtin des Herrn dies Ketzerland betritt, die Mrtyrer-Krone frh genug um
ihre Schlfe fhlen knnen. Und unser so sprlich gedeihender Einflu? - Er
hielt inne, als fehle ihm die Ergebung, um den Gedanken zu vollenden, der sich
ihm nur wider Willen aufgedrngt hatte. Auch Porter schien von ernster Unruhe
bei diesen Worten ergriffen, denn zu tief hatten ihn die zu verpflichten gewut,
die sein Gewissen und seine Stellung mibrauchten, als da er sein Interesse von
dem ihrigen htte ganz abwenden knnen. Die Liebe zu seinem Prinzen, die
vielleicht das einzige warme Gefhl dieses abgetdteten Herzens war, trat doch
immer wieder verschchtert zurck, wenn dieses mchtige Interesse aufkam. Der
geheime Wunsch, den Prinzen endlich seiner Kirche zuzuwenden, verdeckte ihm
dabei die bsen Wege, die er ging, und die Treulosigkeit, die er in jeder andern
Beziehung sich gegen ihn weder erlaubt, noch verziehen htte, erschien ihm durch
solchen Zweck geheiligt.
    Es ist freilich dabei Manches zu bedenken, fuhr der Mnch fort, und nicht
unwichtig ist die Hartnckigkeit des Sinnes, den Du, eben daher abgeleitet, bei
dem Prinzen wahrzunehmen vorgiebst. Aber es drfte dies Alles eher zu besttigen
sein, als dies Mdchen, so wie sie jetzt ist, hervortreten zu lassen und
Buckinghams Einflusse, der gebrochen werden soll, damit eine neue Verstrkung zu
geben.
    Hochwrdigster, hob hier der Alte an, wie von einem frischen Gedankenstrome
belebt, sagt mir doch, beabsichtigten nicht frhere Plne, das Frulein der
gndigsten Prinzessin zu bergeben, als ein Geschenk fr den Vater, sein Herz
damit ganz der gromthigen Gemahlin zuzuwenden.
    Man hat auch dies bedacht, allerdings, erwiederte Pater Johann, doch blieb
es nur damals erwnscht, als ihr Besitz noch nicht entschieden war.
    Seit sie unser gesichertes Eigenthum geworden, ist der Plan wenigstens nicht
weiter in Anregung gewesen, und selbst unter dem Einflusse der Prinzessin bleibt
ihr Hervortreten gefhrlich; denn Buckingham hat unbestreitbare Rechte ber sie,
und wird sie sich ihm nicht leichter zuwenden, als der katholischen Frstin?
    Der Alte schwieg und vertiefte sich in seine Gedanken, bis er endlich an
einer neuen Frage, die sich ihm aufdrngte, angelangt war, die er sich jedoch
htete, als solche zu stellen.
    Der Einflu und die Geschftigkeit einer groen Anzahl von Personen, die ihm
aus Furcht und Gewinnsucht dienen, setzten den Herrn Herzog oft auf eine sehr
berraschende Weise von Dingen in Kenntni, die man weislich verborgen hlt. Ich
habe eine schmerzliche Sorge fr das heilige Schlo und seine Bewohner. Seit
lange, glaube ich, gehen ber dasselbe, bis jetzt freilich mehr verlachte und
gering geachtete Gerchte; kme aber der Herr Herzog bei vergeblicher
Nachforschung auf den Gedanken, von welcher Hand diese ihm wichtige Person ihm
entzogen worden und verborgen werde, sollte er da nicht im Weiterschlieen
diesen Ort finden knnen und denselben dann der brutalsten Nachsuchung
aussetzen?
    Alter, erwiederte der Angeredete, Du schieest an Deinem Ziel vorber. Alles
zu bersehn, ist Dir nicht verliehn, und Deine Vorsorge macht Dich hier
kurzsichtig und einfltig, als stnden Dir keine Erfahrungen zur Seite. Wer hat
denn bisher spielend diese Verhltnisse geleitet, wer diese Verbindung, dies
Kind gehtet, und stets sie bereit gehalten zum beliebigsten Gebrauche, zur
Hintertreibung oder Erreichung nthiger Zwecke, und zwar mit so fester und doch
ungeahneter Hand, da sie sich in vlliger Freiheit und Sicherheit trumte?
    Hm, erwiederte der Alte mit dem boshaftesten Lcheln, welches er in seiner
ganzen Schrfe vortreten lie, ich wei, Sir, da es dieselben ehrwrdigen und
weisen Herren waren, die endlich die Lady, ohne Ahnung ihres Todes, von ihrem
eignen Bruder, der blos zufllig nicht der Herr Herzog selbst war, begraben, und
den lang bewachten und festgehaltenen Schatz entwischen lieen, in ziemlicher
Ungewiheit, wo er eine Zuflucht gefunden, oder ob ihm berhaupt noch eine
Zuflucht auf dieser Erde nthig sei.
    Ein Fehler, unlugbar ein Fehler, stotterte verwirrt Pater Johann, aber sehr
verzeihlich und durch die Umstnde entschuldigt. Der hchst weise Hilarius, der
diese Aufsicht bernommen hatte, ward abgefordert nach des Hchsten Rathschlu.
Pater Clemens, der uns allgemein wrdig schien, das groe Geheimni zu theilen,
noch in Frankreich, der Prinz und der Herzog in Spanien, das Kind in Schottland
- es schien wenig Gefahr vorhanden. Gewi war es ein merkwrdiges Beispiel, wie
das kleinste Versumni oft zur Zerstrung der klgsten Unternehmungen fhren
kann. Indessen fehlen dem Klugen selten die Mittel, eine solche blos menschliche
Befhrni wieder abzuwenden, wie der Erfolg gelehrt.
    Wohl, sagte trocken Porter, aber es war freilich eine eigne Befhrni, Sir,
da das Frulein, wie durch Instinkt getrieben, zu diesen Nottinghams, ihrem
alten Schutze, flchten mute und es endlich der Kabalen des Herrn Herzogs
bedurfte, sie aus dieser strengen Obhut zu locken.
    Ja, rief der Andere kurz auflachend, es war ein Meisterstck, diesen eiteln
Lord, diesen Membrocke, so blos als Handlanger unserer Plne handeln zu sehen,
und Beide, Buckingham wie ihn, Einen um den Andern, anzufhren.
    Denkt Ihr, rief warnend Porter, der Herr Herzog habe dies nicht erkannt?
Denkt Ihr, er werde es ruhen lassen? Wie Viele haben jetzt schon den Verrath
seiner Chiffern ben mssen; er strmt in Wuth gegen alle Verdchtige an, nur
immer an dem Einen vorber, der ihm zu nah steht, um ihm verdchtig zu sein;
aber darum ist doch die Entdeckung nicht unmglich, und Maxwell wrde sich durch
nichts retten, als indem er uns alle verriethe, daran zweifelt nicht.
    Kann sein, erwiederte gleichgltig Pater Johann, frs Erste hat er Alles
vergessen, und das Spielzeug, das wir ihm gegeben, der Glanz und die Ehre dieser
Brautsendung, die seiner Thorheit eben so viel Nahrung als Gefahren giebt, wird
ihn, denke ich, auch nach seiner Rckkehr hinreichend beschftigen. Die
Gewitter, die ber ihm stehen, und die er fr blauen Himmel hlt, werden den
Wind aus Frankreich haben und hinter ihm herziehen, bis sie sich in England ber
ihm entladen.
    Die Scene, die der Prinz durch Buckinghams Unverschmtheit in Whitehall, in
Gegenwart des franzsischen Gesandten, bei Bristols Zusammenkunft erlebte, hat
ihn ber Vieles nachdenkend gemacht, und er forscht in der Stille, ob wohl an
Bristols sogenanntem Verrathe wirklich etwas sein mge. Abwesenheit ist immer
Verlust fr solche Gnstlinge; Buckingham wird, denke ich, die Verhltnisse
verndert wieder finden. -
    Um so mehr, sprach der Alte bedchtig, wird er das Mittel wieder zu erlangen
suchen, was ihm ein groes Gewicht sichert und sein Ansehen wieder herstellen,
wenn nicht erhhen mu.
    Denkt, Sir, da zur Zeit, als Ihr Mutter und Kind in der selbst gewhlten
Lage nur bewachen durftet, der Herzog von ihrer Wichtigkeit, ja, theils von
ihrer Existenz keine Ahnung hatte; jetzt ist es anders, und selbst der Groll, so
lange darber getuscht worden zu sein, schrft das Interesse. Es war eine
schwarze Stunde und folgenreich in allen Beziehungen, als mein gndigster Herr
ungewarnt und gerade durch den Herzog die Nachricht des Todes derjenigen
erhalten mute, um derentwillen er eben so groe Opfer gebracht, so groe
politische Plne hatte scheitern lassen, selbst eine Verbindung mit dem frher
so gehaten Herzog eingegangen war. Von da an schreibt sich Alles, was die
hochwichtigen frheren Plne verwirrt und gefhrdet hat, und der Herzog hat,
wohl erkennend, welchen ungeahneten Vortheil er verloren, schnell bersehn, wie
wir anerkennen mssen, was ihm nun zu thun oblag. So haben wir ihn sehr richtig
wrdigen sehn, da jetzt ihm vorlufig nur Schaden daraus erwachsen und seinem
hochmthigen Plane, sich zum Schpfer einer eben so glnzenden Verbindung zu
machen, als der, wegen welcher Graf Bristol unterhandelt hatte, diese Entdeckung
jetzt keineswegs wnschenswerth sein knnte. Darum mute das Wesen, dessen Werth
fr die Zukunft er wohl fhlte, fr den Augenblick, da der zrtliche Schmerz des
Vaters ihr eine gefhrliche, Frankreich beleidigende Legitimitt geschenkt
htte, zurck gehalten werden, aber glaubt mir, er wird es, wenn nur erst die
Vermhlung vollzogen, nicht vergessen, da sie ihm entwandt ist, um seine
spteren Plne zu vereiteln. Wer wei, ob er nicht schon jetzt ihren Aufenthalt
kennt und Euch blos eine Aufsicht ber sie lt, welche selber zu fhren, ihm
beschwerlich sein wrde. -
    Eine ungeduldige Bewegung des Pater Johannes unterbrach die schnellen
fieberisch gesprochenen Worte des Alten.
    Ich bin nicht gekommen, Deine Weisheit zu hren, rief er ziemlich
bellaunig, und mich Schwtzereien hinzugeben, die von zu ungleichen Personen
gefhrt werden, um irgend zu einer Ausgleichung fhren zu knnen. Mein Auftrag
an Dich geht diesen Brixton an, der jedenfalls jetzt entfernt und um jeden Preis
von dem Prinzen zurckgehalten werden mu.
    Dies habe ich, antwortete mit vllig gesenkter Stimme der Kranke, so lange
gethan, als es mir mglich war, den Prinzen allein zu beobachten. Es ist ihm
nicht gelungen. Seine Briefe sind in meine Hnde gekommen, seine tglichen
Besuche an allen Zugngen zu den Gemchern des Prinzen vereitelt worden, zwei
Mal, kurz vorher, ehe der gndigste Herr sich aus denselben begeben, ist er auf
meinen Befehl von den Wachen weggetrieben und hiernach von allen Bewohnern des
Schlosses verjagt worden, wo er sich zeigte. Von meinem Lager aus habe ich noch
Warnungen und Befehle gegen ihn ergehen lassen, und er zeigt sich jetzt nicht
mehr; doch, da er aus seiner Herberge verschwunden, war mir neu.
    Seine Wichtigkeit ist nicht zu bersehn, sprach der Pater; wir wrden ihm
zwar seinen so wohl unterrichteten Zgling zu entziehn wissen, wie einem Jeden,
doch ist es besser, wenn sie dort unter strenger Aufsicht ihr Leben beschliet,
als da wir zu dem uersten Beschlu schreiten mten. Uebrigens sichert die
nahe Kste von Frankreich ihre schnelle, und dann unerreichbare Entfernung und
Trennung von allen Verbindungen mit ihrem Vaterlande.
    Brixton wrde indessen durch die Spuren, die er selbst von ihrer Flucht und
ihrem Aufenthalte bei den Nottinghams entdeckt hat, dem Prinzen ein willkommener
Bote sein und wenigstens die Gedanken ihres Todes, die ihm nach und nach
einzuflen sind, von ihm entfernen; auch ist es nicht rathsam, setzte er
flchtig hinzu, einen Mann zu ihm zu lassen, der, einer der gefhrlichsten
Feinde unserer Kirche, eben jetzt sich nachtheilig zeigen knnte.
    Wohl, wohl, bekrftigte der Alte; er darf nicht in Verbindung treten mit dem
gndigsten Herrn, dies sehe ich selbst ein, und berhaupt alle mssen entfernt
bleiben, die ihn daran erinnern, was er verloren; weshalb auch Gersey und Hanna
mit allen ihren Gesuchen abgewiesen sind.
    Diese Beiden, sprach der Pater, hat der Herzog selbst fr gut befunden,
unschdlich zu machen. Zur Ruhe gebracht, in der vortheilhaften Stellung, das
leere Schlo zu hten, worin sie ein langes Leben der nun zerronnenen Hoffnung
widmeten, einst mit diesem gehegten Kinde selbst einen hoch vermgenden Platz
einzunehmen, hat Alter und berstandene Gefahr sie fgsam gemacht, und sie
werden Dich nicht mehr belstigen. Du hast frs Erste den Prinzen fortwhrend
auf den Tod der Gesuchten vorzubereiten. Unsere ersten Berichte ber die
Hoffnungen, die sie zu geben schien, sind durch Pater Clemens nach Frankreich
gegangen; doch konnte ich seine Ansichten von Anfang an nicht theilen, denn der
gute Herr sieht die Dinge selten in ihrer natrlichen Gestalt. Meine folgenden
Berichte sind daher ganz anders ausgefallen, und ich denke die Antwort wird so
sein, da sie es einst bereuen wird, meinen hohen und anerkannten Ruf in
Bekehrung ketzerischer Gemther durch ihren Widerstand angegriffen zu haben.
Wenn's nach mir geht, verlt sie nie wieder die Mauern dieses guten, festen
Schlosses! - Die Glut des Zornes war am Ende dieser Rede auf die breite Stirn
und die dster funkelnden Augen des hochmthigen Paters getreten, und Porter
erkannte genau, was das Frulein zu erwarten hatte, vertrauten nmlich die
hheren Lenker dieses Gewebes den Berichten des in seinem geistlichen Hochmuth
verletzten Priesters.
    Aber Brixton, unterbrach der alte Mann den Gang des Gesprchs, was denket
Ihr mit ihm zu thun? Vielleicht hat er, abgeschreckt durch die vergeblichen
Versuche, bereits seine Rckreise angetreten. -
    Damit wirst Du uns wenigstens nicht rathen wollen, die Versuche zu seiner
Wiederauffindung einzustellen. Ich werde seine Spur finden, verla Dich darauf
und gehabe Dich bis dahin wohl!
    Offenbar in der belsten Laune, die er sich erregt, theils durch die
Erinnerung an die Verletzung seines Hochmuths, theils durch den stets wieder
auflebenden Verdacht, Porter mchte sie nicht redlich bedienen, erhob sich der
Pater. Stolz grend verlie er das Krankenlager des Vertrauten, dem er in einer
durch Alter und Einsamkeit genhrten Geschwtzigkeit wohl mehr mitgetheilt
hatte, als er bei einer ruhigen Berathung mit seinem Verstande und den Grnden
des Verdachts gegen ihn fr rathsam gehalten haben wrde.
    Porter blickte dem Abgehenden mit einem Ausdrucke nach, der an das boshafte
Spiel der Katzen erinnerte, welche, in ruhiger Stellung ihrem schon getroffenen
Feinde gegenber, blos mit der Schrfe ihres Blickes ihn hten, sicher, da
ihnen der beliebige Augenblick zu Gebote steht, wo das Ausstrecken der
bekrallten Pfote seiner Freiheit Grenzen setzt.
    Dessen ungeachtet sehen wir diesen Ausdruck gemigt durch die
Betrachtungen, die dem Alleingelassenen sich aufnthigen, und nicht undeutlich
zog mancher schwere Seelenkampf ber dies gefurchte Gesicht, und konvulsivisch
sehen wir ihn seine Decken drcken, und sich selbst zusammen ziehen und
strecken, so da es schwer wurde, an die Wirksamkeit des Umschlages zu glauben,
den der ruhig schlummernde Jngling so vertrauungsvoll ihm umgelegt. Doch wir
wissen, da die Seele des Menschen in eine Zerrttung verfallen kann, die
Konvulsionen zu erregen vermag, unzugnglich den Linderungen von Auen und in
uns selbst den Arzt fordernd, der mitleidend oft lange die nthige Hilfe
versagt.
    Der innere Streit, den wir hier zu schildern suchen, ging, wie immer, dahin,
ob die Liebe zu dem von seiner Jugend auf ihm anvertrauten Prinzen, dem er die
einzige warme Regung seines Herzens verdankte, und der ihm eben darum vielleicht
in der Stille als sein Wohlthter erschien, siegen sollte. Eben so mchtig war
der Einflu dieser Priester, durch Erziehung, Gewohnheit, Religion und den
fanatischen Eifer der Kirche, ein so mchtiges Werkzeug des Ruhmes zu gewinnen,
in seinem tiefsten Leben gewurzelt.
    Es findet sich in der innern Geschichte aller Menschen mehr oder weniger ein
Streit zwischen den Eindrcken der Erziehung und den spteren Ueberzeugungen,
und es mchte nicht schwer sein, die Macht der ersteren in jedem Individuum
wieder zu erkennen, wie sehr sie auch oft in dem entwickelten Geiste verarbeitet
erscheint. Eben so hufig aber tritt uns die Erscheinung entgegen, eine gnzlich
ihr hingegebene Natur zu finden, die, tyrannisch beherrscht von den ersten
Eindrcken, jede freiere Entwickelung sogar von sich stt und wie ein Sklave im
selbst gewhlten Joche durchs Leben keucht. Beschrnkt und der edlen Bestimmung
entgegen, das durch Erziehung berliefert Erhaltene blos als Basis hherer
Entwickelung zu benutzen, scheint uns ein solches Wesen verchtlich und
unbeachtenswerth; wie oft aber wrden wir von diesem zuversichtlichen
Verwerfungsurtheile abstehen mssen, wre uns ein freier Blick in das Innere
erlaubt. Es wchst unter der Last befestigter alter Gewohnheiten und Vorurtheile
oft dem Allen entgegen, immer zum geheimen Widerspruche geneigt, ein kleiner
zarter Keim freierer Ueberzeugung empor, die vor der schweren Erde, die hoch
darber lastet, nicht bis zur Entwickelung an das uere Leben gedeiht; aber
wenn das nahe Ende den Hochbejahrten aus dem irdischen Sein, worin seine Fesseln
haften, hinausgefhrt, dann erblicken wir zuweilen eine pltzliche Vernderung,
von der wir uns angewhnt haben zu sagen: Er ist so sanft, er wird bald sterben.
Es sind aber nicht die letzten Tage, die erst dies hhere Leben erzeugen, es
sind die verhllten schwachen Versuche der ganzen unfruchtbaren Vergangenheit,
die in den letzten Tagen an dem ferner gerckten Leben keinen Widerstand mehr
finden, und nun den kleinen Keim gedeihen lassen, den Gott alsobald zum
Verpflanzen hinwegnimmt.
    Von dieser Betrachtung aus finden wir uns vielleicht in den Zustand des
Greises zurecht, dessen zuckendes Gesicht zuletzt von einer diesen Zgen sonst
so fremden Rhrung zeugt. Bald ist es berwunden; er schaut ber den Rand des
Bettes nach dem Schlfer, und endlich, nachdem er die Nothwendigkeit, ihn zu
wecken, erkannt, streckt er die drre Hand ber das blhende Gesicht.
    Tief in die Sigkeit des Schlafes versenkt, wehrt der Jngling die Strung
ab, sich anders wendend, um im Schlummer fortzufahren, und bald auch dahin
verfolgt, kehrt er aus dem Taumel seiner unschuldigen Trume zurck und strengt
sich an, zu erwachen. Er richtet sich endlich empor und sieht und hrt nicht
viel, und mu immer wieder von der kalten, drren Hand gereizt werden, ehe er
Alles zusammen findet, was zum Erwachen nthig.
    Armer Schelm, ruft der Alte ihm mitleidig zu, hast noch lange nicht
ausgeschlafen, wie ich sehe, und wirst bse genug sein, da ich Dich wecke!
Setze Dich auf mein Bett und erhole Dich; sieh, da sind schne gesottene
Frchte, erquicke Dich erst, ich habe einen Auftrag fr Dich.
    Gern, gern, rief der wieder ermunterte Knabe freundlich! ach, sage mir doch,
wie geht es Dir, Ohm, bist Du gesund, hat der Brei geholfen?
    Helfen thut Alles, so lange es an der Zeit ist, lchelte trbe der Alte: der
Tod aber hilft sich auch, wenn er die Arbeit in Empfang nehmen will. Doch la
das, guter Lanci, und nimm Deine Sinne recht zusammen, denn Du mut zeigen, da
Du ein kluger und verschwiegener Junge bist.
    Verschwiegen bin ich, rief Lanci zuversichtlich, das hat meine gute Mutter
oft gerhmt, und klug knnt Ihr mich ja machen, Ohm, denn Ihr habt's in Flle,
wie ich wei.
    Wir wollen sehn, mein Kind, sprach Porter, doch sag' mir ein Mal, mchtest
Du wohl Margarith wiedersehen?
    O Ohm, sprach der Jngling verschmt, wie kannst Du davon sprechen, Du
weit, da ich hier bin, Dich zu pflegen; Du selbst hast es gewollt, einen von
Deinen Verwandten wolltest Du um Dich haben, und ich bin gern gekommen, denn ins
Schlo durft' ich mich so nicht mehr wagen, und da hab' ich Dich gern gepflegt,
bleibe auch bei Dir, bis Du umherlufst, wie sonst, aber dann redest Du mit dem
alten Miklas ber die Margarith und mich, denn zu Weihnachten werde ich Jger,
und dann will ich sie auch.
    Was ich versprochen, werde ich halten, erwiederte der Ohm, sei aber
versichert, da Alles davon abhngt, wie Du Dich jetzt zeigst. Das beste Loos
harrt Dein, wenn Du treu und klug meine Befehle erfllest, und das Gegentheil
kann Dein unabwendbares Schicksal sein, zeigst Du Dich hier nicht, wie es nthig
ist.
    Ach Ohm, Ihr macht mich ngstlich. Wie soll ich so groe Gefahr bestehen?
Werde ich das knnen? Die arme Margarith, was soll aus ihr werden, wenn ich sie
nicht befreie?
    Befreie? wiederholte der Alte streng; weit Du denn, ob sie jetzt Dir folgen
wrde, da die junge Lady, von der Du mir sagst, ihr Herz ganz besitzt und sie
nicht von ihr will.
    Ach, ich kann's nicht glauben, rief Lanci betrbt. Gesagt hat sie es
freilich, und die arme schne Dame, sie mte sich auch todt weinen, wenn
Margarith nicht um sie wre, die sie immer trstet.
    Das glaube ich auch, Lanci, sagte Porter, darauf eingehend, und darum sollst
Du die junge Dame retten helfen, dann hast Du Margarith obenein und keine Noth
weiter.
    Jesus, Maria, Joseph! rief der Jngling und machte einen Freudensprung durch
die Stube. Rede, Ohm, sage, was ich thun mu, alles und klug dazu; verschwiegen
obenein will ich sein; Du sollst Dich sehr freuen ber mich; aber nun sage auch,
damit ich darnach thun kann.
    Porter blickte den Aufgeregten nachdenklich an und schien noch einmal den
Entschlu zu prfen, der ihm darum so bedenklich duchte, weil er dies junge
Wesen, halb Kind, halb Jngling, darein verwickeln mute; und doch blieb ihm
keine Wahl. Ihm, der zu jeder Intrigue sonst mehr als eine Hand bereit hatte,
ihm fehlte es zum ersten Male an einer solchen, da seine Handlungen abweichen
sollten von dem bisher befolgten Systeme; ihm kostete auch dies noch einen
Seufzer, dann zog er den Jngling nher. Es mute, was geschehen sollte, schnell
geschehen.
    Du mut noch heute abreisen, doch ganz im Geheim. Wenn die Dunkelheit
einbricht, so nimm Deinen Mantel und schleiche Dich aus dem Schlosse. Nimm die
westliche Seite des Schlosses wahr und gehe durch den breiten Weg um
Buckinghams-Lodge herum; einen weiten, unangebauten Platz mut Du in nrdlicher
Richtung durchschneiden, dann kommst Du auf den Weg, der Dir bald die groen,
weitluftigen Gebude zeigen wird, die Dich zu dem Schlosse des Herzogs von
Nottingham fhren. Hier melde dich beim Thorwart und bitte ihn, da er Dich zu
Lord Richmond fhrt; will man nicht, so dringe so lange, bis man nachgiebt; ist
er nicht anwesend, so harre am Thore, bis er erscheint.
    Sodann verlange, da er Dich allein spricht, und geschieht dies, wie ich
nicht zweifle, denn es ist ein herablassender Herr, so sage ihm, die Reise, die
er morgen antreten wolle, fhre zu nichts, mit Dir msse er gehn, wolle er
erreichen, was er vorhabe. -
    Aber was will er denn erreichen? unterbrach Lanci den Ohm.
    Schweig, fuhr der Alte fort, Du mut ohne Unterbrechung hren. Er will eben
die Lady im Schlosse Howard befreien, und will durch die Welt, und wei nicht
wohin und wo sie zu finden ist.
    O, lachte Lanci freudig, dazu bin ich gut, Ohm! Da soll er nur mit mir
kommen.
    Siehst Du es ein, wozu ich Dich bestimme? fragte der Alte milder. Ja, so
ist's. Fragt er Dich nun, so vertraue ihm, wo sie ist, aber was er auch
anstellen mag, von wo Du kommst, sage ihm nicht, nie komme mein Name ber Deine
Lippen, nie verrathe ein Wort Dein Verhltni zu mir; aber alles Andere wende
an, um den Lord von der Wahrheit dessen zu berzeugen, was du sprichst; Alles
thue, damit er Dir schnell und unbedingt vertraue, und seine Abreise aufs
Lebhafteste beschleunige. Sage ihm, der unbekannte Freund, der Dich sende, lasse
ihm die hchste Vorsicht, die grte Eile empfehlen; nur durch List wrde er das
Frulein retten. Offene Gewalt wrde sie sogleich aus dem Schlosse, selbst aus
ihrem Vaterlande fhren. Meinem Bruder Miklas wirst Du einen Brief berbringen,
den ich sogleich schreiben werde, Du wirst ihn in seine Hnde zu spielen wissen
und dann genau vollziehen, was er, dadurch veranlat, Euch zu thun heien wird.
    Ist die Lady befreit, so sage dem Lord Richmond, es gebe nur einen Ort, wo
sie sicher sei, dies sei in dem Schlosse seiner Mutter, doch selbst da nur, wenn
ber ihren Aufenthalt das tiefste Geheimni beobachtet werde, da sie von vielen
Seiten bedroht sei und jede Kunde von ihrem Aufenthalte ihre nachdrcklichste
Verfolgung herbeifhren knnte.
    Jetzt berlege das Gehrte, wiederhole es mir dann, bevor Du fortgehst, noch
ein Mal, und dann gieb mein Schreibzeug und ein Blatt her, worauf ich an Miklas
schreiben will. -

Der lang erwartete Augenblick war gekommen, der 8te April des Jahres 1625 hllte
England in Trauer. Knig Jakob war dem Fieber unterlegen, das er so richtig
selbst als den Verknder seines nahen Endes erkannt hatte. Der Tod vershnte
auch dies Mal alle Herzen mit dem Hingeschiedenen, an den sich zahllose Vorwrfe
und Klagen hefteten, als der Hauch des Lebens noch in ihm zitterte. Milde und
Gte schien jedes Wort auszusprechen, und es besttigte sich abermals, da der
Tod allein die Hrte und den Unfrieden der Menschen vershnt, da nur, was den
Kreisen des Lebens entrckt wird, aus dem Bereich ihrer Anfeindung tritt.
    Schnell kehrten sich Aller Augen auf das neue Gestirn, das seine Laufbahn
beginnen sollte, und es fehlte nicht an argwhnischer Zergliederung, an
Befrchtungen mglicher Uebel, um fr das, was wirklich geschah, die Laune zu
verderben.
    Das schreckenvolle Loos, welches Carl beschieden war, hat fr Mit- und
Nachwelt ein weites Feld der Betrachtung erffnet. Doch gewi bleibt es, so
frchterliche Katastrophen in der Geschichte eines Volks sind nicht von dem
einen Haupte verschuldet oder herbei gefhrt, das als Shne des Kampfes fllt.
Das langsam schleichende Uebel vieler Generationen, worin zuletzt ein Volk
verwickelt wird, macht es zum erzrnten Manne, der sich rchen will fr ein tief
empfundenes Leid und, blutend aus vielen Wunden, Linderung sucht, und den zuerst
opfert, der ihm zunchst die Farben des Feindes trgt, wre das Individuum auch
der Schuld fremd geblieben.
    Fremd war Carl wohl nicht der Schuld, aber jedenfalls der Schuld fremd, die
eine solche Strafe verdienen konnte, und wenn wir ihn, in Widersprche
verstrickt, bald mit glhendem Eifer seine Pflichten erfllen, und milde und
voll guten Willens alle Mittel zur Beseitigung wachsender Uebel ergreifen, bald
wieder dster und eigenwillig Menschen und Verhltnisse verkennen, und die
keimende Emprung durch seltsame Miachtung reizen sehen, so mssen wir der
Worte des alten Porters gedenken: Er wird mit der Heftigkeit eines Unglcklichen
handeln, der sich zerstreuen will.
    Wenn es uns gestattet wre, die geheime Geschichte der Menschen zu kennen,
die auf der groen Bhne der Welt uns ihre Rolle vorspielen, und deren Motive zu
ergrnden, whrend wir oft nur das zu erwgen vermgen, was eben wieder als
geschichtliche Thatsache vor unsere Sinne tritt, wir wrden erstaunen, wie tief
aus dem fest verschlossenen Raume des Herzens oft die Farbe gestiegen ist, die
ihre Handlungen tragen! Nachdenkend halten wir ein vor dieser Betrachtung auf
der glatten Bahn des Urtheils. Ein schmerzliches Gefhl drngt sich uns auf, wie
getrennt der Mensch vom Menschen steht, wie eher alle Gter der Erde sich
mittheilen lassen, als dies geheimnivolle Gut des Innern, wofr keine Sprache
zum Verstndni gegeben scheint, wofr es vielleicht eine giebt, die aber wenig
mehr als ein Traum der Jugend scheint, und deren Laute bald verklingen in der
Verhrtung des Herzens und des Lebens! Diese Einsamkeit jedoch, die wir uns
eingestehen mssen, oft in den reichsten Kreisen des Lebens, sie ist vielleicht
die Heimat unserer Andacht, unseres Zusammenhanges mit Gott, dessen
ausreichendes Verstndni wir empfinden, und das uns erquickt durch die Ahnung
einer unverlierbaren Gerechtigkeit!
    Das uere Leben Carls des Ersten zu verfolgen, finden wir keine Spuren in
den Familienpapieren, die wir hier der Welt bergeben. Wenn sie auch, Manches
von dem geheimen Geschick des Prinzen in leichten Andeutungen verrathend, ber
seinen Karakter einen Aufschlu geben knnten, so liegt es doch auer dem
Bereich unserer Absicht, darauf weiter einzugehen.
    Carl empfand den Tod seines Vaters mit einer rein kindlichen Hingebung; er
hatte bis zum letzten Augenblick ihm Zeit und Ruhe gewidmet, und seine Pflege
bis zu den geringsten Handreichungen mit den brigen Umgebungen getheilt.
    Gewi hatte so viel Liebe das Ende des Knigs erleichtert und selbst in das
gequlte Herz des Sohnes jenen Frieden, jene Stille gebracht, die aus der
Erfllung einer heiligen Pflicht entspringt.
    Sein dunkles melancholisches Auge blickte um so rhrender aus dem bleichen
Gesicht, und als er an der Leiche des Vaters den gleich ihm ermdeten Hofstaat
entlie, um die Vorkehrungen zur Beisetzung nicht zu behindern, konnten die
treuen Diener kaum dem Gedanken entgehn, da der neue Trger der Krone, gleich
dem verschiedenen, wie die Zierde eines Paradesarges aussehe.
    Langsam, von Wenigen gefolgt, durchschritt er die den Zimmer, bis er das
uns bekannte Gemach des kranken Porters erreicht hatte, wo er allein, schweigend
und gesenkten Hauptes, an das Bett des immer noch Leidenden trat.
    Dein Herr und Knig ist nicht mehr, wiederholte er die schon bekannt
gewordene Nachricht. Ich habe keine Eltern mehr, der Grabstein auf dieser Erde
wird immer breiter fr mich. Sprich es jetzt aus, was Du seit langer Zeit
andeutest, habe ich auch das Letzte, was mich an diese Welt band, verloren?
Frchte nicht, fuhr er fort, da Porter in entsetzlichem Kampfe nach einer
Antwort rang; eben jetzt bin ich bereit Alles, auch das Schwerste zu hren.
    So trste Gott Euer Majestt, stammelte der Alte und ffnete die Lippen,
mehr zu sagen, als der Knig, kurz zusammenfahrend, seinen Degen fest an die
Seite drckte, ihm Stillschweigen zuwinkte, und wie ein Nachtwandler starr und
steif aus dem Zimmer schritt.
    Porter blieb in Verzweiflung zurck; nicht dies hatte er gewollt; aber Carls
schnelle Auslegung vermge der im Augenblick des Schmerzes ihm zunchst
liegenden Weise, und seine Entfernung machten es Porter, der selbst ans Bett
gefesselt blieb, unmglich, den Knig zu beruhigen. Ein lngeres Nachdenken
drngte endlich seine Theilnahme ziemlich in den Hintergrund und lie ihn sogar
Sicherheit fr seine eigenen Schritte in dieser Annahme finden, wobei er den
Vorsatz fest hielt, bei der Nachricht von ihrer Rckkehr nach Godwie-Castle dem
Knige die Hoffnung zu geben, da sie noch lebe.

Von der Leiche eines Frsten, dessen Tod der Anfang einer eben so wichtigen
Epoche fr England ward, als sein Leben bei seinem stillen Gange und seinen
wenig hervortretenden Ereignissen kaum eine Spur hinterlie, wenden wir uns zu
dem letzten Ruhebette eines Greises, zu gering, um in den Registern der
Geschichte einen Raum fr seinen Namen zu finden, wichtig genug fr den
Mittelpunkt, fr die Hauptperson unserer Erzhlung, um ihn nicht zu bersehen.
    Wir treten in ein leeres Zimmerchen, welches uns schon bekannt ist, und mit
seiner hochgewlbten Decke, seinen tiefen bis an den Boden reichenden Fenstern
uns die Wohnung des alten Miklas, im Schlosse der Herzogin von Sommerset, zeigt.
    Leer sehen wir die Wnde und mit schwarzen Vorhngen bezogen; kein
gastliches Feuer in dem leeren Kamin verbreitet Helle und Wrme; im trben,
matten Lichte umgeben zwlf Wachskerzen den erhhten Sarg, wo wir die erblate
ehrwrdige Gestalt des alten Miklas gewahren, dessen gefaltete Hnde, in denen
der Rosenkranz hngt, und die stille Miene des Gebets und der sanftesten Ruhe
eher einen in heilige Andacht Versenkten, als einen Gestorbenen ankndigen.
    Laut hren wir seitwrts schluchzen und sehen Margarith, in Trauer gehllt,
auf der Erde vor Lady Melville knieen, die, auf einem schlichten Stuhl am Sarge
sitzend, die Todtenwache mit der trostlosen Tochter theilen will. Auf der andern
Seite hren wir ein leises Murmeln von Gebeten, mit der lauteren Betonung
einzelner heiliger Namen, und finden Schwester Electa, welche sich dem Dienste
unterzogen hat, die Sterbegebete an der Leiche herzusagen.
    Sanft hren wir dazwischen die Stimme Marias, die, mit der eignen Wehmuth
kmpfend, ein liebevolles linderndes Wort fr die arme Margarith spricht.
    Aber wie sind die Zge verwandelt, in die sonst mit dem Schmelz der Jugend
und Schnheit zugleich die frische, krftige Natur solche Flle des Ausdrucks
legte, eine Beweglichkeit der Mienen, den Blick fast wider Willen fesselnd. Die
schnen gerundeten Wangen sind lnglich und krnklich verfeinert, die Blsse der
Haut geht in das Wei der kleinen Binde ber, die der Klosterhaube sich
anschliet, keine Spur des reichen Haares zeigend. Der schne Mund hat den
tiefen Ausdruck des Leidens mit seinen gesenkten Winkeln, seiner erblaten
Farbe, und die schne Nase scheint wie durchsichtig in Feinheit und blulichem
Schein. Drber ruhen die grer blinkenden Augen, wie trostlose Gefhrten,
nichts mehr von Auen suchend, von Innen nichts mehr findend, um ihr voriges
Licht anzufachen, nichts bewahrend, als den Abglanz einer reinen erhabenen
Seele.
    Von der schluchzenden Margarith richtet sich ihr Auge zu dem lieben Greise,
von ihm zu ihr zurck. Sie theilt den Schmerz der Tochter nicht aus Mitleiden
allein, sondern in dem Gefhl des groen Verlustes, den auch sie an dem edlen,
gtigen Greise erlitten, welcher stets bestrebt war, die Hrte ihrer Lage durch
stille Wohlthaten zu erleichtern. Er hatte sie mit Margarithen oft zur Nachtzeit
durch geheime Gnge und Thren an die ihr versagte Luft gefhrt, und sie sah nun
eine Existenz vor sich, die wenig von der in einem Kerker unterschieden war, und
dieser an Luft und Bewegung Gewhnten ein baldiges Siechthum zu drohen schien.
    Ergeben sieht sie in die Zukunft; nach und nach sind alle ihre Hoffnungen
auf Rettung zusammen gefallen. Sie will die Erinnerung fern halten und hat doch
kein anderes Leben, als eben in der Erinnerung mit ihren Anklngen von
Seligkeit, die den tiefen Schmerz ihrer Brust nhren und den Giftbaum wachsen
lassen, unter dessen weit sich ausbreitenden Zweigen die Blten ihres
jugendlichen Lebens welk werden und niedersinken. Sie kmmt sich alt vor und
denkt, es sei lange her, da sie jung war; sie knnte denken, schon einmal
gelebt zu haben, und zwischen ihrer frheren Existenz und ihrer jetzigen liege
ein Grab, aus dem sie gestiegen, um als ein wankender Geist umher zu gehen,
nicht lebend und nicht todt.
    Ihr ward nicht der Trost zu Theil, der den schiffbrchigen Lebenswanderer
aufs Neue ansiedelt, um in irgend einer Thtigkeit, in der ungestrten Andacht
einer reinen Religiositt die Vergangenheit zu berwinden. Die ausgesuchteste
ihrer Qualen war der Zwang, der ihr auferlegt war, in der Nhe und steten
Umgebung von Personen zu leben, die in sinn- und geistlose Beschftigungen sie
zu verflechten trachteten, und deren Religiositt bei nherer Bekanntschaft die
Abneigung besttigen mute, die sie gleich bei den ersten Versuchen des Pater
Johannes dagegen empfunden hatte.
    Der Ha, den ihr bloer Anblick in dem Herzen der Lady Sommerset erregte, da
sie die schnen Zge der Schwester Buckinghams trug, desjenigen, der die Stelle
eines Lieblings, wie Sommerset dem Knige war, nach dessen Fall ersetzte und
damit ihr tdtlicher Feind ward, - dieser Ha trat in jedem Augenblick hervor.
Er entlud sich mit Schadenfreude an dem unschuldigen Abkmmling, ja,
Gelindigkeit schienen ihr noch stets die niederbeugenden Maaregeln gegen die
Arme, und entschlossen war sie im Innern, da Buckingham seine Plne auf sie nie
erfllt sehen sollte, und sollte sie auch zum Aeuersten schreiten und dies
Leben hinwelken lassen, ihm sollte es nie Nutzen schaffen knnen.
    Pater Johann, der sein Beichtkind vollkommen kannte, wenn auch die Beichte
selbst ihm darber nur mittheilte, was sie selbst fr gut fand, schtzte
Anfangs, wo ihm die Hoffnung auf Marias Bekehrung eine neue Glorie vorspiegelte,
seinen Zgling gegen die offenbaren Verfolgungen der Lady. Aber seine ble Laune
stieg in dem Maae, als ihm jenes Ziel entrckt ward, und schnell benutzte die
scharfe Beobachterin die schwache Seite des Priesters, um strengere
Einschrnkungen ber sie zu verfgen. Sie schritt so, wenig Widerstand mehr
findend, in ihren tyrannischen Anforderungen fort, bis sie jede kleine
Gemchlichkeit, jede Beschftigung des Geistes, jede Erquickung des Krpers ihr
entzogen sah, und suchte die Demthigung des Geistes, die Trostlosigkeit des
Herzens durch die hrtesten Worte und Reden zu vollenden.
    Maria setzte Anfangs diesen Dingen den jugendlichen Muth, den Stolz ihres
edeln Blutes entgegen und fgte sich auf eine Weise, die ihre Beobachterin
unsicher machte, ob sie es vermocht htte, sie zu demthigen. Als aber ihr Geist
in seiner Thtigkeit unterdrckt war, als die Entbehrung der freien Natur ihre
Gesundheit untergrub, zeigten sich in ihrem Aeueren jene Spuren, die wir
bereits andeuteten, und ihre Feindin sah den Erfolg ihrer Bestrebungen und fuhr
fort, sie danach zu behandeln.
    Maria bewohnte lngst nicht mehr die reich ausgestatteten Zimmer, die Pater
Clemens im gutmthigen Eifer fr sie eingerichtet hatte. In einem berhngenden
Thurm des ltesten Theiles des Schlosses, nach dem Meere hinaus, war ein des,
leeres Zimmer ihr angewiesen, worin sie nichts als ihr Lager, ein Betpult und
einen Schrank fand, ihr Nonnenkleid und das wenige ihr gelassene Gepck zu
verwahren.
    Kein Buch, kein Schreibgerth ward ihr gestattet. Schon am frhen Morgen
ward sie von ihrem harten Lager durch die Glocken aufgeschreckt, die im Innern
des Schlosses, fast neben ihrem Zimmer hingen und so mchtig zur Frhmesse
riefen, da der Thurm zu schwanken schien, der keine andere Basis hatte, als
einen kleinen Pilaster, der ihn an eine niedere Fensterfronte anlehnte.
    Sie stieg dann, dem Sinne verwirrenden Gerusch entfliehend, und von bsen
Worten ber Ketzerei und Lauigkeit der Andacht empfangen, in die Gruft, welche
die Kirche der Fanatiker war, mit allem Glanze des katholischen Kultus
ausgeschmckt und auf den ermdeten Geist Marias oft wohlthtig wirkend, da ihr
Herz doch auch hier in seiner Sprache zum Himmel sich erheben konnte und die
Schnheit des Raumes, mit dem brigen drren Geistes-Leben kontrastirend, den
Milaut beschwichtigte, in dem ihr Herz den Tag ber zitterte.
    Seufzend stieg sie dann ans Licht zurck, denn sie konnte von da an sich
nicht mehr von ihren Umgebungen trennen, und mute mit ihnen widrige
Handarbeiten treiben und ihr noch widrigeres Geschwtz anhren.
    Bei Tafel sa sie an einem gesonderten Tische, um die ehrwrdigen Frauen
nicht zur Zeit ihrer Erholung zu stren durch ihre unheilige Nhe. Hier war es,
wo Lady Sommerset mit allen Stachelreden der Verachtung und des Hasses ihre
geringe Kost zu vergiften suchte, und wenn die Thrnen des Schmerzes die holden
Wangen der Verfolgten immer mehr auszubleichen schienen, verstrkte die
Unerbittliche ihre Worte, in der Gewiheit des Erfolgs.
    Spt am Abend erst ward sie auf ihren Thurm entlassen, der, seiner den
Wnde und ungastlichen Einrichtung ungeachtet, ihr wie eine Freistatt des
Friedens erschien.
    In den schmalen Raum des Fensters gedrckt, blickte sie oft stundenlang in
das melancholisch rauschende Meer hin, und rang in der Ermattung ihres ganzen
Wesens nach Kraft und Geduld vor Gott. Da stellte sich dann der heimliche Trost
ein, der ihr auf offenen Wegen lngst entzogen war, und Miklas mit seiner
Tochter erschien, und Beide schtteten in das verwaiste Herz der Dulderin den
Trost einer Theilnahme, einer Liebe und Verehrung, der sie nirgends mehr
begegnete.
    Miklas, war es, der sich der Gefahr freiwillig unterzog, dem
verschmachtenden Wesen die Wohlthat der frischen Luft zu verschaffen. Durch eine
unscheinbare Thr, auf dem Vorplatze dieses luftigen Baues, stieg man eine
schmale Treppe hinab, vielleicht nur von Miklas gekannt, und erreichte dadurch
einen kurzen verdeckten Weg, der, von dem ehemaligen Festungswerk herrhrend,
unmittelbar in den jetzt ausgetrockneten und zur Weide benutzten Schlograben
fhrte, wo, von beiden Seiten durch Wlle verdeckt, jetzt die Spazierenden gegen
die Unfreundlichkeit der Nachtstrme und der Jahreszeit in etwas geschtzt
waren.
    Unbeschreiblich war das Entzcken und die Dankbarkeit Marias fr diese
Wohlthat, die ihr zwar nicht oft zu Theil ward, aber sie dann auf das
Wunderbarste strkte, wozu das herzliche, liebevolle Gesprch mit Margarith
beitrug, deren ganze Seele an der geliebten Lady hing und nebenbei ihren kleinen
Kummer ausschttete, da Lanci zum Ohm nach London berufen war und das
unschuldige Sehen der beiden Liebenden dadurch sein Ziel gefunden hatte.
    Tief erschtterte Maria daher die Nachricht, da Miklas von einem bsen
Fieber befallen darnieder lge, und berwltigt von dem Gefhl, wie Margarith
leiden mge, wagte sie die erste Bitte an Lady Sommerset, die Pflege des Alten
mit der Tochter theilen zu drfen.
    Die Lady lie ihren Falkenblick mit allem Ausdruck hhnischer Schadenfreude
auf der Bittenden ruhen; dann gewhrte sie mit einem boshaften Lcheln; denn
bereits war Maria dazu ausersehn, diese Pflege zu bernehmen, da man das Fieber
fr bsartig und ansteckend hielt.
    Furchtlos und freudig eilte sie zu ihrem alten Freunde, aber er kannte sie
nicht mehr, und Maria hatte bald keinen Zweifel, worauf sie Margarith
vorzubereiten habe.
    Diese Sorge nahm ihren Geist so in Anspruch, da sie fast bersah, was ihr
selbst damit auferlegt ward, und erst an dem Sarge, wo wir sie wieder finden,
ergriff sie das trostlose Gefhl, wie viel sie verloren habe. -
    An dem erwhnten Tage ritt in das Stdtchen Boxhall, welches zunchst dem
Schlosse der Lady Howard lag, eine kleine Anzahl Mnner ein, deren ermdete
Pferde hinreichend zeigten, da sie nicht geschont worden waren, und deren
fragende Blicke, die sie an den elenden Husern des den, kleinen Stdtchens
umherwarfen, deutlich ihr Verlangen nach einer Herberge andeuteten, die den
Reitern, wie den Rossen gleich nthig schien. Ein solcher Aufenthalt fand sich
allerdings, wie in jedem kleinen Orte, auch hier, und die Herberge zum weien
Lamm, wie sie sich nannte, obgleich ohne groe Untersttzung durch hufigen
Verkehr mit Fremden, bertraf durch uere und innere Einrichtung die geringe
Erwartung, womit die Reisenden sich ihr genhert hatten.
    Master Haxford, der Wirth, erschien wohlgekleidet mit groer Gravitt an der
Thr des zweistckigen, gerumigen Hauses, als das Getrappel der Pferde die
seltene Erscheinung von Gsten verkndigte, und lugte unter seinen dicken
Augenbrauen prfend nach den Ankommenden hin, whrend er zuweilen, ihre
Bedrfnisse schon von fern taxirend, einzelne Befehle in das Haus zurck rief.
    So fanden die Reisenden bei ihrer Ankunft den Hausflur mit mehreren
Domestiken angefllt, deren weiblicher Theil von einer Frau kommandirt ward,
welche das empfehlendste Schild aller Wirthshuser, eine immense Korpulenz und
eine glnzende, fast prunkhafte Reinlichkeit, an ihrer kleinen Gestalt zeigte.
    Die Reiter, die sich demnach erwartet sahn, stiegen ohne Weiteres ab, wobei
Master Haxford mit Genauigkeit und Schlauheit ihr Rangverhltni zu ermitteln
trachtete, da ihre durchaus unscheinbare Kleidung sie nicht von einander
unterschied.
    Es kam darber spter unter den Eheleuten zu einem Streit, indem Mistre
Haxford den lteren Herrn fr den vornehmsten halten wollte und die
Kurzsichtigkeit ihres Mannes, der den jngern dafr nahm, belchelte, weil
dieser sich beeilt habe, vom Pferde zu kommen, um den ltern ehrerbietig
herunter zu heben.
    Weib, rief der Wirth vom Lamme, ich kenne diese Vornehmen besser, als Du.
Jetzt macht er sich nichts aus seinem Range, eben weil kein Vornehmer dabei ist,
den er damit rgern kann, da er sich brstet. Das sind immer die
Herablassendsten gegen die Geringeren, wo sie Niemand sieht, die nachmals die
Hochmthigsten werden. Herabgehoben hat er ihn, aber ber die Schwelle ging er
zuerst, nach dem Gepck sah er sich nicht um, whrend der alte Herr sich
aufhielt, selbst Einiges davon mitzunehmen.
    Und der schne Page, hob die Wirthin an, ist das nach Deiner Klugheit
vornehmes oder geringes Blut?
    Vornehm oder gering, fuhr der Wirth ihr entgegen, alle haben sie Magen, alle
sind sie hungrig und durstig, und Dein Platz ist in der Kche. Er selbst aber
stieg mit einem Schlsselbunde und kleinem Laternenstock durch eine Fallthr in
den wohleingerichteten Keller, und entging dadurch den Worten seiner beleidigten
Ehefrau, die in der That keinen ungegrndeteren Vorwurf bekommen konnte, als den
der Versumni der wichtigen Kchenangelegenheit, da sie dieser in einer
seltenen Vollkommenheit vorzustehen verstand.
    So sahen die Reisenden bald zu ihrem Vergngen in dem hellen und wohnlichen
Gemach, wo sie das Feuer eines groen Kamins schon empfangen hatte, auch
Vorkehrungen zum Mittagsbrote machen, die ihnen eine ziemliche Bekanntschaft mit
den feineren Bedrfnissen der Tafel zu verrathen schienen, vervollstndigt durch
mehrere staubige und wohlverpichte Flaschen, die Master Haxford selbst
sorgfltig auf den Schenktisch niedersetzte.
    Eine kurze Pause bis zum Auftragen der Speisen, welche die Diener entfernte,
benutzten die Reisenden zu einem Austausch ihrer Gedanken.
    Jetzt, Mylord, redete Brixton Richmond an, der in schwermthiges Hinbrten
verloren, in die Glut des Kamins starrte, jetzt, wo wir so nah an unserm Ziele
sind, mu ich mit Betrbni eine Vernderung in Eurer Stimmung wahrnehmen, die,
verzeiht mir, fast mich frchten lt, es finden sich Hindernisse in Euch ein,
die Ihr vorher nicht erkannt hattet, oder Euch leuchten Schwierigkeiten ein, die
mir entgangen sind.
    Frchtet dies nicht, theurer Sir, erwiederte Richmond, sich emporraffend und
freundlich zu ihm hinblickend, weder ein Zweifel, noch die kleinste Aenderung
meines festen Entschlusses, Euch um jeden Preis in Euerem Vorsatz beizustehen,
ist in mir eingetreten; im Gegentheil, so nah dem Ziele, fhle ich es lebhafter,
als frher, wie nthig es ist, alle unsere Gedanken auf die Erreichung desselben
zu richten. Mir bleibt nur ein Zweifel, doch geht dieser nicht die Sache selbst,
sondern das Verfahren an, das uns durch diesen unbekannten Rathgeber
aufgenthigt und meiner Natur so widerstrebend ist, da ich fr mein Verhalten
fast besorgt sein mchte. Erhlt mich etwas bei der Ueberzeugung, da wir uns
dieser Vorschrift fgen sollen, so ist es Eure Nachgiebigkeit, bester Sir, da
Ihr allerdings besser, als ich, bersehen knnt, ob dies einem geraden und
offenen Verfahren, wozu ich immer die Neigung behalten werde, vorzuziehen sei.
    Nachdenkend hrte Brixton diese Worte an und schien noch ein Mal verstndig
die Umstnde zu prfen.
    Mylord, hob er darauf an, meine Einsicht ist nicht so klar, wie Ihr denken
mgt. Ich habe dies frher bekannt, ich mu es wiederholen, wie weit die
Entdeckungen sich erstrecken, die durch den Tod ihrer Beschtzer ber das
Frulein gemacht sind, wei ich nicht. Ob Wahrheit oder neue Tuschungen ihre
Verfolgung herbeifhrten, ob eine elende Galanterie diesen Lord Membrocke
leitete, oder eine tiefere, von nher Unterrichteten herrhrende Absicht, ich
kann es nicht wissen. Jedenfalls ist jedoch hier eine Partei thtig gewesen, die
listiger und mchtiger vielleicht ihm entgegen wirkte, und in deren Gewalt wir
sie uns denken mssen.
    Auffallend, erwiederte Richmond, ist das hartnckige Schweigen des
Jnglings, dessen Wahrhaftigkeit ich brigens vertrauen mu, und der doch
diejenigen oder den einen nicht nennen will, der ihn uns gesendet; welche
Absicht kann da zum Grunde liegen? Tausend Mal htte ich Alles fr eine Falle
gehalten, in die man uns lockt, gerade um uns abzuziehen, wren die Erzhlungen
zu bezweifeln, die der Knabe in der hchsten Unschuld und mit der vollen
Geschwtzigkeit der absichtslosen Unbefangenheit giebt, und die so glaubwrdige
Nachrichten ber das Frulein enthalten, da wir nicht zweifeln knnen, sie zu
finden, wohin wir ihm folgen, wenn, was Gott verhten mge, ihre Verfolger sie
nicht schon weiter gefhrt haben.
    Ich bin vollkommen Eurer Meinung, entgegnete Brixton, ich kann nicht
zweifeln, da uns der Knabe redlich bedient; seine eigene zrtliche Sehnsucht
nach Margarith, die er seine Geliebte nennt, ist nicht erheuchelt und ist in
vollkommener Uebereinstimmung mit allen brigen Aussagen. Auch mu ich noch
bekennen, da mir seit seiner kindischen Heimlichthuerei, die jedoch alles
verrth, was er verhehlen mchte, ber die Geheimnisse des Schlosses eine Ahnung
kmmt, die in Bezug auf das Frulein allerdings einen neuen Feind bezeichnen
knnte.
    Ihr meint, rief Richmond, da die Einwohner von Howards Schlo Katholiken
sind?
    Habe ich das gesagt? rief eine berraschte Stimme, und Lanci, der leis
hereingetreten war und diese letzten Worte gehrt hatte, stand glhend vor
Schreck vor beiden Mnnern.
    Du hast es unendlich oft verrathen, doch wohl nie eigentlich beabsichtigt,
es zu sagen, sprach Brixton ruhig; sei aber unbesorgt, es soll von uns nicht
weiter gebracht werden.
    Es thut mir leid, wenn ich es verrathen habe, sagte Lanci, Ihr werdet mich
aber nicht so unglcklich machen, davon zu sprechen. Doch hier im Hause, mu ich
Euch sagen, passen sie alle sehr auf uns auf; die dicke Wirthin wollte durchaus,
ich sollte ihr sagen, wer der Vornehmste sei, sie wollte mich mit Kuchen und
Aepfeln fttern, wie einen Affen, ich habe sie aber laufen lassen und habe
gesagt, - verzeiht Mylord - - wir wren alle nicht vornehm.
    Richmond und Brixton konnten ein Lcheln nicht unterdrcken, welches sich
noch verstrkte, als der Knabe wichtig fortfuhr: Es ist aber Zeit, da wir jetzt
beschlieen, wie wir die arme Lady loskriegen, und da denke ich, da ich den
Vorlufer mache. -
    Dabei werde ich Dich begleiten, unterbrach Richmond ihn rasch, jeder
Schritt, der jetzt geschieht, ist zu wichtig, ihn allein Deiner jungen
Ueberzeugung anzuvertrauen. Master Brixton mag sich hier einige Erholung
gefallen lassen, bis wir ihm Nachricht geben knnen und seine Gegenwart nthig
wird.
    Der Knabe schwieg; nach einem Augenblicke sah er beide Herren an und
schttelte den Kopf.
    Nun, Lanci, sprach Richmond, gefllt Dir der Plan nicht?
    Ich mte lgen, wenn ich Ja sagte, erwiederte er offen; ich mchte nicht,
da Einer hier bleibe, nicht, da Einer jetzt mit mir ginge.
    Und weshalb? fuhr Richmond fort, sei offen, mein Kind, wir wollen gern
hren, was Du Dir ausdenkst, da Du bis jetzt Dich treu und gescheidt gezeigt.
    Seht, Mylord, hob Lanci an, ich denke, ich mu noch heute weiter. Es ist
Freitag, morgen ganz frh liefert der Wildmeister das nthige Wild fr den
Sonntag in die Schlokche, dabei mu ich sein, es ist die einzige Art, wie ich
oder mein Brief mit herein kommen. Unterdessen, dachte ich, mtet Ihr aber doch
nachrcken, damit Ihr zur Hand seid bei den Vorschlgen, die Vater Miklas
austheilen wird, und die ich nicht wissen kann. Auch sehe ich jetzt wohl, wo ich
bin, und htte besser gethan, uns und die Pferde noch einen halben Tag hungern
zu lassen, als Euch hierher zu bringen.
    Was beunruhigt Dich hier, rief Richmond aufstehend; hltst Du es fr
mglich, da man uns hier vom Schlosse aus beobachten knnte?
    Ja, erwiederte Lanci, so denke ich; der alte Wildmeister hat mir immer von
einer Herberge erzhlt, wo es hoch hergeht, und wo die Katholischen, denn Ihr
wit es ja nun einmal, aus- und einziehen, die von und nach dem Schlosse wollen.
Diese ist hier, jetzt habe ich das Schild gesehn: Zum Lamm; so hie sie, aber
der Wildmeister wute auch nicht, da sie im Stdtchen liegt, er sagte immer in
den Hgeln.
    Und glaubst Du, sprach Richmond, da diese Leute im Solde des Schlosses
sind, da man die Fremden anzeigt, die hier einkehren? -
    Ja, so sagte der Wildmeister, und er wei es am besten. -
    So lat uns sogleich wieder aufbrechen, rief Richmond, und sie auf alle
Weise ber unsern Weg tuschen, damit wir sie unsicher machen oder frher, als
ihre Nachricht, eintreffen.
    Brixton stand auf, seine Bereitwilligkeit zu zeigen, als die Thren sich
ffneten und die Diener mit den Speisen eintraten, der Wirth mit einer wehenden
Serviette voran und mit groer Geschicklichkeit beiden Gsten zu gleicher Zeit
die Sthle herbeiziehend.
    Ein Blick tauschte die Gesinnungen der Beiden aus. Um jedes Aufsehn zu
vermeiden, nahmen sie die Mahlzeit an; auch sagte sich Richmond bei einigem
Nachdenken, da jedenfalls den Pferden Ruhe zu gnnen sei, ohne welche jedes
weitere Unternehmen Gefahr liefe.
    Sie hatten sich kaum niedergelassen, als neues Pferdegetrappel sich vor der
Thr hren lie und der Wirth nach einem flchtigen Blicke durch das Fenster dem
Ankommenden entgegen eilte.
    Freundliche und ehrerbietige Begrungen hrte man wechseln, und es erhob
sich eine ziemlich lange Zwiesprache im Hausflur. Dann hrte man die Treppe
hinansteigen, und zuletzt erschien der Wirth, den neuen Gast hinter sich, in der
Thr und bat um Erlaubni, den eben angekommenen Herrn an der Mahlzeit Theil
nehmen zu lassen.
    Es war wenig dagegen zu sagen, da der Fremde sogleich eintrat, und sehr
hflich und mit vielen Worten die Gastfreundlichkeit der Anwesenden in Anspruch
nahm.
    Kalt ward ihm zugestanden, was nicht gut verweigert werden konnte, und er
nahm sehr gemchlich an der andern Seite des Tisches Platz, wo ihm auch Anfangs
die Stillung seiner Elust hinreichende Beschftigung gewhrte, was ihn jedoch
nicht abhielt, seine kleinen stechenden Augen mit groer Beweglichkeit auf allen
anwesenden Personen herumfliegen zu lassen.
    Whrend er, um Athem zu holem, seine Kravatte einen Augenblick lftete,
begann er, sich gegen seine Tischgenossen verneigend:
    Es ist selten, an dieser Tafel mit so geehrten Gsten zusammenzutreffen; die
Gegend ist sonst unbesucht, hat keinen Verkehr; die Nhe des Hafens von Dover
zieht dorthin alle Reisenden von Bedeutung.
    Diese Rede blieb eine Zeitlang unerwiedert. Endlich fragte Richmond, halb
zum Wirthe, halb zum Fremden gewendet: Wie weit rechnet man Dover, und wie ist
der Weg dahin?
    Sollten Euer Gnaden nach Dover zu gehen beabsichtigt haben, rief der Fremde,
mu ich sehr erstaunen ber einen so bedeutenden Umweg; da, wie ich aus Kleidung
und Art zu schlieen wage, Dero Weg von London herkmmt.
    Nicht Jeder beabsichtigt gerade den krzesten Weg, erwiederte Richmond, und
jedenfalls wird Dover erst in einiger Zeit lebhaft werden, wenn die Prinzessin
von Frankreich dort anlangt.
    Es wird wenig Feierlichkeiten geben, sagte der Fremde nachdenkend, die
Landestrauer verbietet jedes Gerusch.
    Die Landestrauer? rief Brixton, was meint Ihr damit, mein Herr, wo ist
Landestrauer?
    Wann habt Ihr denn London verlassen, werthe Herren, sprach der Fremde, da
Ihr den Tod des Knigs nicht mehr erfuhret?
    Des Knigs! riefen Alle auf ein Mal.
    Und wann starb der theure Herr? fuhr Richmond fort.
    Am Abende des achten dieses Monats, erwiederte der Fremde.
    Also am Tage unserer Abreise, sagte Brixton mechanisch.
    Ich reiste am andern Morgen ab, fuhr der Fremde fort, bin also doch etwas
rascher gereist, als die geehrten Herren. Handelsleute, wie ich, fuhr er fort,
die meist auf Reisen ihr Leben zubringen, sind aber auch besser mit all den
kleinen Vortheilen vertraut, die das Fortkommen erleichtern.
    Diese Worte blieben wieder ohne Entgegnung, da Richmond wie Brixton sich
tief erschttert fhlten von der Nachricht, die sie so eben erfahren hatten. Die
Gedankenfolge errathend, nahm der Fremde das Gesprch wieder auf.
    Die Trauer in London war sehr gro und allgemein; so lange die guten Leute
auch darauf vorbereitet waren, schien es doch, als habe der Tod den Knig im
Jnglingsalter, in der Flle der Kraft hinweggenommen. So geht es aber, was man
lange besessen, denkt man nie verlieren zu knnen; dieselben, die jetzt weinen
und sthnen, sprachen frher frevelhaft ber ein so weit ausgesponnenes
Lebensziel; nun es da ist, schreien sie wieder ber die neuen Aussichten fr den
Thron und sehen berall Gespenster.
    Thoren giebt es immer, zu allen Zeiten, bei allen Veranlassungen, sagte
Richmond gleichgltig, die Stimme des Volkes war anders ber Jakob, und die
Hoffnungen fr seinen Nachfolger lassen sich nicht von Gespenstern verscheuchen,
die nur Kinder oder Narren sehen.
    Wohl, wohl! erwiederte der Fremde mit niedergeschlagenen Augen, eine
treffliche Scheibe Schinken zerlegend; aber diese Vermhlung, diese unglckliche
Vermhlung! Es mag immer eine gute Dame sein, diese nunmehrige Knigin von
England, die unter Papisten geborne und erzogene Prinzessin von Frankreich; eine
verhate Katholikin bleibt sie doch, und da der junge Knig diese mit sich
zieht bei seiner Thronbesteigung, hat seine Nachtheile, glaubt mir Sir.
    Ich glaube Euch weder, sprach Richmond stolz, noch halte ich es fr
schicklich, ber die Gemahlin meines Knigs mich in Klgeleien einzulassen. Ihr
Glauben ist Sache ihres Herzens, worber ihr nicht schon jetzt von jedem migen
Geschwtz das Gift zubereitet werden sollte. Ich hasse derlei Voraussetzungen,
wie ich das Bse hasse, das es ist.
    Er stand bei diesen Worten auf, sich gegen Brixton ehrerbietig, gegen den
Fremden flchtig verneigend, und verlie das Zimmer, da er schon seit dem
Eintritte des Fremden Lanci vermite, mit dem er jetzt ihre Abreise verabreden
wollte.
    Lanci war jedoch nicht zu finden, und er hrte von seinem herzukommenden
Bedienten, da derselbe schon vor einer halben Stunde, nach einer flchtigen
Mahlzeit, zu Pferde gestiegen und eilig durch die Hinterthr davon geritten sei.
    Als Richmond nach seinem Zimmer zurck wollte, nherte sich ihm sein
Kammerdiener, und er merkte bald, da dieser ihm etwas zu sagen habe, was keine
Zeugen litt.
    In den Hausflur zurcktretend, erzhlte ihm derselbe, wie Lanci ihm gesagt,
er msse eilen, das Schlo frher zu erreichen, als der angekommene Fremde, denn
wre der erst dort mit der Nachricht von der Anwesenheit einer so starken
Gesellschaft, als die Euer Gnaden hier, so wrde es gewi unmglich sein, in das
Schlo einzudringen. Euer Gnaden sollte ich dies sagen, und vor dem Fremden
warnen, zugleich mchtet Ihr den angekommenen Herrn sicher machen, als ob ihr zu
verbleiben gedchtet, vielleicht verzgere er dem zu Folge wohl selbst seine
Abreise, in der Hoffnung, Euch zu beobachten. Den Leuten im Hause aber habe er
wei gemacht, er habe ein Stck unserer Reiseequipage im letzten Nachtquartier
zurckgelassen, was er eilig holen msse, ehe es die Herrschaft vermisse.
    Richmond bersah schnell das gescheidte und treue Verhalten des ehrlichen
Lanci, und der hchst unangenehme Eindruck, den auf ihn der Fremde gemacht, fand
nun seine Besttigung. Er glaubte nmlich in ihm den Kaplan des Schlosses zu
erkennen, von dessen bser Autoritt Lanci genug verrathen hatte, um ihn als
einen Feind und Verfolger der unglcklichen Lady Maria anzusehen. Es war ihm
daher fast unmglich, ihn in der ersten Aufregung, die in ihm durch diese
Entdeckung bewirkt wurde, wieder zu sehen. Er eilte nach seinem Schlafzimmer und
lie Master Brixton dahin bescheiden.
    Nachdem er ihm alles Erfahrene mitgetheilt, beschlossen sie, der ferneren
Weisung des ehrlichen Jnglings zu harren, da es allerdings gewi schien, da
ihnen bei der Anwesenheit des Pater Johannes kein Schritt mglich werden drfte,
auf den sie nicht seine Aufmerksamkeit gerichtet fnden.
    So peinlich diese Lage, besonders fr Richmonds wrmeres Blut, war, beschlo
er doch mit dem Anscheine der Ruhe, den Pater zu tuschen und ihn dadurch bis
zum morgenden Tage aufzuhalten; ob er selbst lnger auszuharren vermgen wrde,
wagte er sich nicht zu versprechen.

Von dem Augenblicke an, wo Miklas zur Beerdigung fortgetragen war, fhlte Maria
eine Schwche ber ihre Glieder sich verbreiten, da sie nicht ohne
Untersttzung zu gehen vermochte.
    Electa, die zwar bigott und in fanatischen Gefhlen glhend, doch stets
mitleidig und theilnehmend gegen Maria blieb, leitete die halb Ohnmchtige die
hohen Stiegen nach ihrem Thurmzimmer hinauf, da Margarith in fast gefhlloser
Trostlosigkeit auf ihrem Lager ruhte und selbst die geliebte Lady nicht mehr
sah, die ihrer Hlfe bedrftig wurde.
    Electa, die noch nie das verpnte Gemach der unglcklichen Maria betreten
hatte, konnte kaum ihr Erstaunen bei dessen Anblick unterdrcken. Unruhig
suchten ihre Blicke nach irgend einer Bequemlichkeit fr die Kranke; sie fand
nichts als das drftige Lager, das, in dem kleinen Gemache in der Nhe des losen
Fensters stehend, von dem unablssig eindringenden Winde bestrichen ward, der in
dieser Hhe und von dem Meere aus nie einen Augenblick seine heulende Stimme
unterbrach.
    Sie legte die jetzt in Ohnmacht Versunkene auf diese elende Lagersttte und
nestelte ihren eigenen Schleier los, um ihn gegen das Fenster aufzuhngen.
    Aber nur etwas kaltes Wasser fand sie in einem irdenen Kruge, die
Ohnmchtige zu erfrischen. Doch that dies einfache Mittel seine Wirkung, und die
Unglckliche ffnete die Augen und blickte in die mitleidigen Zge Electa's.
    Ihr hier? fragte sie sanft; wie ist mir geschehen? Nachsinnend brach sie
pltzlich in sanfte Thrnen aus, die in etwas die Last von ihrer Brust
wegnahmen.
    Wie ist Euch nun? fragte Electa. Soll ich Euch entkleiden und zur Ruhe
bringen!
    Liebe Electa, sagte Maria, bedenkt wohl, was Ihr thut. Man will hier nicht,
da ich Hilfe finde, ich mchte Euch nicht Verweise zuziehen, lat mich lieber
allein; Gott wird mir Kraft geben, oder sein Wille hat es auch anders vor, nun
denn - - -
    Electa schlug die Augen nieder, sie fhlte sich beschmt von der Lage des
armen Wesens, dem sie nicht zrnen konnte, fr wie verderblich sie auch ihre
Geistesverkehrtheit hielt. Ihr Beistand bei ihrer Hinflligkeit zu leisten,
schien ihr doch nicht zu viel.
    Ich zweifle nicht, sprach sie daher sich ermannend, unsere ehrwrdige Oberin
wird gestatten, da ich Euch beistehe, und ich gehe, ihre Erlaubni zu holen.
    Maria fhlte sich zum Widerstande zu schwach, und kaum sah sie sich allein,
als der furchtbare Geist des Fiebers ber sie kam, und ihrem Gehirn jene
schmerzhaften Bilder von Angst und Grauen eindrckte, die das Blut verzehren und
alle Nerven zu zerreien drohen. Angstvoll, sthnend, ohne Kraft und Gegenwehr,
nagte so der schreckliche Wahnsinn an der Unglcklichen, ohne da Electa oder
eine andere Hilfe zu ihrer Linderung erschien. Schon war die Nacht weit
vorgerckt, schon brach sich die Wuth des Fiebers, da nahete aufs Neue ein
wildes Geheul ihrer Thr. Selbst in der Verwilderung ihres Geistes erkannte sie
die grauenhaften Tne, die so oft zur Nacht das Schlo aufstrten durch den
Wahnsinn der furchtbaren Lady Sommerset, und ein heller Schrei des Entsetzens
entfuhr ihren Lippen, als sie die Thr aufreien sah, und die Wahnsinnige mit
einem Doppelleuchter und zwei Kerzen hereinstrzte.
    Langsam heulend nahte sie sich lauschend; vorgebogen streckte sie den
Leuchter nach dem Lager vor und betrachtete mit starren, trben Augen das
Schlachtopfer ihrer Wuth.
    Ich komme, Dich selbst zu pflegen, rief sie hhnisch, da ich Dir Electa
eingesperrt habe. Ja, Du wirst bald genesen, koste nur erst von meiner Arznei!
Ein schauderhaftes Lachen folgte diesen Worten. Sie setzte den Leuchter taumelnd
auf die Erde und rieb sich wie in groer Angst die Hnde.
    Arznei war es! schrie sie pltzlich furchtbar auf, ber Maria hinaus
blickend, wie nach einem andern Gegenwrtigen. Ich sage Dir, Arznei war es, die
ich Overbury schickte, nicht Gift! nicht Gift! nicht - nicht Gift! Furchtbar
rchelnd wiederholte sie dies letzte Wort viele Mal hinter einander, whrend
sie, starr zum Boden blickend, alles Andere vergessen zu haben schien und so
furchtbar zitterte, da ihre drren Glieder zu knistern schienen. Doch
pltzlich, mit dem schnellen Wechsel des Wahnsinns, fuhr sie empor.
    Aber Du, Du, rief sie, auf Maria einstrzend, sollst mir ben! Er war so
schnell, den Platz einzunehmen, von dem er ihn verdrngt; Herzog mute der Bube
Villiers werden, Herzog, Herzog! wie mein Sommerset, und ich sollte mich nicht
rchen? Habe ich doch Dich, auf die er neue Plne des Ehrgeizes baut, bist Du
mir doch sicher. Nie, nie sollst Du sie wiedersehn! Nennt mich die ganze Welt
Giftmischerin, Mrderin, wohlan, ich will den Ruf verdienen, an Dir verdienen.
    Mit diesen Worten flog sie auf Maria zu und umklammerte sie mit der Strke
des Wahnsinns.
    Starr vor Entsetzen hatte die Unglckliche den ganzen Vorgang mit angesehn
und, von der eignen Qual des heien Fiebers beherrscht, kein Gebein geregt.
    Als sie sich aber jetzt in der Todesnoth von den wthend eingegrabenen
Hnden des schrecklichen Weibes fast erwrgt fhlte, erwachte alle Kraft der
Jugend, erhht durch die Ueberspannung des Fiebers, und sie ri sich mit der
schrecklichen Last empor und schleuderte die wrgenden Hnde von ihrem Halse
los. Doch wenn auch ihr erstes Erstaunen, Widerstand zu finden, die Wahnsinnige
abgewiesen hatte, mit neuer Wuth fhlte sich Maria bald umklammert, und ihre
eigenen Krfte, vom Fieber verzehrt, schienen zu erlahmen, ihre Besinnung ward
undeutlich, ihr Haupt hei und schwer, ihr Auge lie sie alle Gegenstnde im
Kreise tanzend sehen.
    Noch eine angstvolle Bewegung, sich loszuwinden, machte sie, dann brachen
ihre Kniee, sie sank mit ihrer Verfolgerin zur Erde, so da sie den Armleuchter
umwarf und die Kerzen erloschen.
    Die tiefste Dunkelheit, welche jetzt beide Ringende umfing, nderte
pltzlich die Scene. Die Wahnsinnige schien zu vergessen, was sie vorhatte, als
sie Maria nicht mehr sehen konnte; sie lie sie los und richtete sich auf.
    Wo bist Du, Sommerset? sprach sie leise; sprich, mein Gemahl, wo soll ich
Dich finden? Warum gehst Du so einsam durch die Nacht? Overbury starb ja nicht
an Gift, Du, Du wenigstens bist ja unschuldig; ich werde Dich suchen, Du darfst
nicht ohne Beichte sterben. Komm in Dein Zimmer, heulte sie von Neuem furchtbar
auf, stirb nicht auf der Treppe, ehe Dir die Kirche vergab! - Seine Leiche,
seine Leiche! schrie sie pltzlich auf, als sie an Maria's daliegenden Krper
stie, und eilte, sich aus der Thr zu strzen, die eben von Auen geffnet ward
und einen matten Lampenschein eindringen lie. Wthend und blind fr jeden
Gegenstand strzte die Elende an der Eindringenden vorber, den langen Gang in
grauenvoller Schnelligkeit hinabfliegend, von dem aus sie einen erleuchteten
Vorplatz erreichte.
    Zum Tode erschreckt trat Margarith nun nher; denn diese arme Leidtragende
hatte nach der Ermdung in ihrem Kummer voll Sorge ihres Fruleins gedacht und
sich einsam durch die langen Wege geschlichen, die Einzige zu erreichen, bei der
sie Linderung hoffte, die Einzige, die ihr in diesem Schlosse geblieben.
    Doch wie fand sie dieselbe, todtenbleich und einer Leiche hnelnd, mit
zerrissenen Kleidern, mit blutender Stirne! Margarith zweifelte nicht, das
entsetzliche Weib habe sie erdrosselt. Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung drohten
sie anfnglich zu berwltigen, aber das Gefhl, wie viel darauf ankme, da sie
bei Besinnung bliebe, und die gnzliche Hlflosigkeit ihrer Lage riefen ihre
Krfte ins Leben und gaben ihr die Mittel ein, eine Rettung zu versuchen.
    Sie brachte die Unglckliche nach ihrem Bette, sie wusch das Blut ab und
verband die Wunde, deren Ursache sie an dem blutig daneben liegenden Armleuchter
erkannte, und hatte die unaussprechliche Genugthuung, bald einen Seufzer, dann
ein leises Athmen wiederkehren zu hren und endlich die Augen sich ffnen zu
sehen, die nun keinen Zweifel lieen, da sie lebe.
    Aber wie wenig schien damit erreicht, als Margarith nun erst erkannte, wie
zerstrt die geliebte Herrin war.
    Angstvoll und unsicher irrten die Augen der Erwachten umher, sie verstand
keine Frage, die Margarith that, oder konnte doch die krampfhaft verschlossenen
Lippen nicht ffnen; nur zusammenschaudern sah man sie oft und Margarith
versuchte, den fast starren Krper auf das elende Lager zu legen und ihn mit
Allem zu bedecken, was in dem elenden Zimmer sich vorfand.
    Doch hiermit sah sie auch ihre Hilfsmittel erschpft, denn wie sie ihr
weiteren Beistand verschaffen oder einen der Schlobewohner zur Hilfe bewegen
sollte, da ihr Vater nicht mehr lebte, der Einzige, der es gewagt, die strengen
Befehle der Schlofrau hinsichtlich der Unglcklichen zu umgehen, sah sie nicht
ein und schien ihr ein hoffnungsloser Versuch. Dabei kam es ihr vor, als frchte
die Kranke ihre Entfernung, als erkenne sie den Schutz ihrer Nhe, denn so starr
die Zge waren, drckten sie doch Angst aus, wenn Margarith nach der Thr ging.
Schon brach der Morgen an und sendete ein fahles trostloses Licht auf diese
Verlassenen, und noch sa Margarith in Plnen zu Maria's Rettung vertieft, und
verwarf, was sie beschlossen, und beschlo, was sie aufs Neue verwerfen mute.
Dabei blieben die Augen der Kranken starr und trbe, aber weit offen; der
Schauder durchrttelte, wie es schien, hchst schmerzhaft zuweilen ihren kalten,
gelhmten Krper, und lngst hatte Margarith aufgehrt zu fragen, denn angstvoll
aber vergeblich war die Anstrengung, zu antworten.
    Endlich in immer steigender Angst kniete sie dicht an ihrem Kopfkissen
nieder und rief:
    Ihr braucht nicht zu antworten, liebe Lady, ich werde Euch nur sagen, was
ich thun will; denn so knnt Ihr nicht lnger liegen bleiben; ich will ins
Schlo gehn, Eure Thre unterdessen verschlieen und Euch herbeischaffen, was
Gott mich vielleicht finden lt.
    Auch hier blieb die Antwort aus, aber der Ausdruck von Angst und Betrbni
kehrte strker zurck, als vorher, und htte beinahe Margarith zurckgehalten,
htte sie sich nicht schnell entschlossen, davon zu laufen.
    Ihre Sorge war nur, wie sie die Thr, die ohne Schlo war und nur von Innen
einen Riegel hatte, verwahren sollte. Sie schleppte einiges Germpel, was den
frher erwhnten Eingang verbarg, zusammen. Sie hatte dadurch wenigstens den
ersten Versuch verhindert, einzudringen, und durfte um so mehr auf einige freie
Zeit hoffen, da Lady Sommerset den auf solche Nachtzustnde folgenden Tag ber
gewhnlich in ihrem Bette blieb.
    So eilte sie nun flchtigen Fues zurck in den bewohnten Theil des
Schlosses und hatte in ihrem frommen Eifer, zu helfen, so ganz vergessen, was
sie selbst betroffen hatte, da sie fast vor Entsetzen zurcktaumelte, als sie
in das schwarz behangene Zimmer trat, dessen ganze frhere Einrichtung
verschwunden war, nur das leere hlzerne Gestell zeigte noch den Ort, von wo, am
Abend vorher, der Sarg des Vaters zu seiner Bestattung abgehoben wurde.
    Gott sei mir gndig! rief sie und wre fast zurckgewichen, aber ein
unschuldiges junges Gemth rechnet sich die Furcht vor einem verehrten
Verstorbenen immer als ein Unrecht an, auch war mit der gnzlichen Verlassenheit
ihrer Lage und den Ansprchen, die eben jetzt an ihre Entschlossenheit gemacht
wurden, der zarte Uebergangspunkt zu einer hhern Periode des jugendlichen
Daseins eingetreten, wo die erste Anforderung an eigne Wahl und eigne
Entscheidung jenes Gefhl von Selbststndigkeit hervorruft, das die Seele s
und weh mit der Ahnung eines nun eingetretenen hhern Lebens durchschauert.
    Ach, mein Vater! rief sie, kindlich die Hnde faltend und an dem leeren
Gerste niedersinkend, als trge es noch den geliebten Todten, lenke Du meine
Schritte, fhre Du die Rettung herbei, die uns Noth thut, Du, der Du Alles
segnen wirst, was ich fr die Arme thue.
    Muthig und gestrkt erhob sie sich, und durchma furchtlos das kleine
Gemach, das der Morgen schon mit einzelnen Sonnenstrahlen erhellte. Sie selbst
lste die schwarzen Vorhnge an der Hinterwand und ffnete das dahinter
verborgene Schrnkchen.
    Da hrte sie das Anschlagen der Hunde an der ueren Mauer; die
Eingangsglocke lutete, und sie berlegte nun, da die Thtigkeit im Schlosse
erwacht und ihr Rckzug nicht ohne Gefahr sei. Sie horchte, und die kleine
Pforte drehte sich, ein lautes Hundegebell gesellte sich innerhalb zu dem
frhern von Auen.
    Ach, nie konnte sie dies Gebell hren, das ihr fast so lieb war, wie
bekannte Menschenstimmen, ohne der sen Zeit zu gedenken, wo mit dem
Wildmeister, dessen muntere Rden es anschlugen, Lanci einzuziehn pflegte und
bei der Ablieferung des Wildes die Gelegenheit wohl zu benutzen wute, ihr einen
zrtlichen Gru zuzuflstern.
    Seufzend dachte sie seiner weiten Entfernung, und Thrnen traten in ihre
Augen ber so viel Migeschick. Doch, sich zusammenraffend, nahm sie ein
Sckchen mit Krutern, welche, gekocht, der Vater oft bei pltzlichen
Erkrankungen fr sich und Andere angewendet hatte; sodann auch noch eine groe,
warme Decke von bunter Seide mit den Abbildungen von Adam und Eva, ein
Prachtstck aus dem Nachla ihrer Mutter, womit sie nun die arme erstarrte Lady
zu erwrmen beschlo. Ferner legte sie in einen kleinen Tragkorb den Torf, der
am Kamin unverbraucht lag, steckte ein Tpfchen dazu, um die Kruter zu kochen,
nahm das Feuerzeug des Vaters und wollte eben den Rckweg antreten, da sie aus
dem lauten Gesprche im Hofe schlieen konnte, da der Weg im Schlosse noch frei
sei: als ihr Auge durch das uns bekannte Fenster blickte und theilnehmend an der
groen Gestalt des guten Wildmeisters hngen blieb, der ihr Pathe war, Lanci
geliebt und das Liebesspiel der unschuldigen Kinder nie gestrt hatte.
    Er stand mit dem Gesichte nach dem Fenster gekehrt und zhlte aus einem
Korbe, den ein Bursche, gebeugt unter der Last, auf der Schulter trug, dem Koche
seinen Vorrath zu. Sie ging fast mechanisch nher und drckte ihr blasses
Gesicht gegen die Scheiben, fast wnschend, er mge sie sehn, ihr ein Wort des
Trostes sagen ber den Vater, den er so geliebt.
    Da war es ihr, als zeige der Alte nach ihr hin, der Koch wandte sich um und
nickte, wie zur Besttigung. Er hatte sie erkannt, er wollte sie sprechen, das
war gleich zu sehn, denn er betrieb die Ablieferung eilig und warf das groe,
innen gegerbte Fell, das den Vorrath verdeckt hatte, ungeduldig ber den leeren
Korb, da der Bursche selbst fast damit bedeckt ward. Dann schritt er, ihn mit
sich nehmend, fest ber den Hof dem Fenster zu, das Margarith schon ffnete, um,
mit Thrnen berschttet, den alten Freund des Vaters zu erwarten.
    Armes Mdchen, sagte der Wildmeister, ihr nher tretend, weine nur, kaum
weint man genug um solchen Ehrenmann, solchen Vater! Du bist jetzt schlimm dran,
armes Ding! In dem verwnschten alten Eulennest kannst Du ohne Schutz nicht
bleiben, fgte er hinzu, als ein Blick auf den Hof ihn berzeugte, da der Koch
beschftigt war.
    Ach, unterbrach Margarith das Schluchzen, ich bin noch viel schlimmer dran,
als Ihr denkt; knntet Ihr mir doch nur Rath geben.
    He, Gumpricht! rief der Wildmeister den Koch an, la mir ein Maa
Gewrzsuppe kochen, es ist klamm heut Morgen; ich komme zu Dir, wenn ich das
Mdel ein wenig getrstet.
    Schon gut, schon gut, entgegnete Gumpricht, sollst wohl sonst noch einen
Bissen zur Strkung finden, komm nur, am Heerde ist's nicht klamm. Zugleich zog
er mit seinen beiden beladenen Knechten in das Schlo hinein.
    Margarith, deren Thrnen an dem Entschlusse ins Stocken gerathen waren, den
Wildmeister um Rath fr ihr Frulein anzugehn, hrte jetzt erst mit Erstaunen,
wie heftig der Bursche schluchzte, der, noch immer von dem Felle verhangen, sich
an die Mauer des Fensters lehnte.
    Was fehlt Euerm Burschen, Pathe? Hrt, wie er weint, hat er den Vater auch
gekannt? -
    Ich glaube wohl, sagte der Wildmeister trocken, und zog ihm Korb und Fell
vom Kopfe, und zugleich hielt er seine groe Hand auf Margarithens Mund, die mit
einem Schrei zusammen fuhr, als sie Lanci's theure Zge jetzt erkannte.
    Schweigt alle Beide oder ich jage Euch von einander, rief der Wildmeister,
die eigne Rhrung unter angenommenem Zorn verbergend; willst Du mit Deinem
Geschrei das Schlo zusammen rufen, dummes Mdchen? - Und Du, la das Heulen!
schrie er auf Lanci ein, der es schon lie und bereits das Fenstergesims
erstiegen hatte, Margarith in seine Arme schlieend. Jetzt mut Du nicht wie ein
Mdchen sondern wie ein Mann thun, setzte er hinzu, die jungen Leute, die sich
stumm umfat hielten, gutmthig mit seiner durch einen Mantel breiter gemachten
Gestalt deckend.
    Ach Margarith, rief jetzt Lanci, unser guter, alter Vater, war er auch
sterbend noch bs auf mich?
    Niemanden hat er mehr gekannt, Lanci, weinte Margarith. Keinen Segen hat er
mir gegeben, aber als er lebte, hat er oft von Dir gesprochen, hatte Dich sehr
lieb und sagte immer, der Onkel Porter wrde Alles schon machen mit Dir und mir.
    Hat er das gesagt! schrie Lanci freudig auf, o, dann thue auch, was Dir
Onkel Porter befiehlt, und folge mir mit Deinem Frulein, wozu wir Alles bereit
haben! -
    Groer Gott! Lanci, Du bist ganz verwirrt, wo sollen wir hier fortkommen, wo
Du weit, da die Lady Alles bewachen lt. -
    Sei ruhig, erwiederte Lanci, ist uns auch viel dadurch verdorben, da Dein
guter Vater uns keinen Rath mehr geben kann, mssen wir doch fort, und das
sobald als mglich, und ehe Pater Johann zurck kmmt, der schon im Stdtchen
angelangt ist. -
    Nun dann sei uns Gott gndig, wenn der schon im Stdtchen ist! Lanci, wir
knnen, frchte ich, auch wenn die Thore aufstnden und Keiner uns aufhielte,
sobald nicht fort. -
    Seht Ihr wohl, sprach Lanci mit ausbrechendem Zorn zum Wildmeister, habe ich
es Euch nicht gesagt, da das Mdchen nicht fort will, da sie ihr altes Schlo
lieber hat, als mich! Aber, wendete er sich zu ihr, die Lady soll ja mit, um
ihretwillen geschieht ja Alles.
    Wenn Du vernnftig zuhrtest, was Dir gescheidte Leute zu sagen haben, dann
wrdest Du nicht so unsinniges Zeug von mir reden, rief Margarith, nun auch
schmollend; eben um der Lady willen geht es nicht, denn sie liegt sterbenskrank
darnieder.
    Groer Gott, welch' ein Unglck! rief Lanci, nun sind wir Alle schn dran!
Die arme Lady, was fehlt ihr denn, sie wird doch nicht sterben, wo ist sie denn,
kann ich nicht zu ihr?
    Ach, sprach Margarith, ich wei Dir nicht auf alle Deine Fragen zu
antworten, knntest Du nur hier bleiben und mir helfen! Denke nur, sie liegt im
Thrmchen nach dem Meere zu, hat ein hartes Lager, kein Feuer, keine Arznei, und
vorige Nacht wollte die alte Lady sie erwrgen, als ich dazu kam und sie dadurch
gerettet ward. Ach, wenn Du sie siehest, kein Mensch erkennt mehr das schne
Frulein; so haben diese Unmenschen sie mihandelt.
    Selbst der Wildmeister schlug vor Erbarmen die Hnde zusammen, und Lanci
gebehrdete sich ganz trostlos.
    Was sollen wir denn thun? rief er endlich, hier stirbt sie gewi, und was
werden die Herren sagen? Wildmeister, sprecht doch, rathet uns doch!
    Hrt, sagte der Alte, das Ding ist schlimm und, wie mich dnkt, nicht viel
zu machen. Lanci habe ich einmal hier, beim Koch will ich bis Mittag verweilen,
inde, Margarith, suche Du Lanci hinauf zu bringen, da er ihr sagt, wie's
steht. Hren wird sie ihn doch knnen, und verstndig ist sie auch, wie Miklas
sagte, da lat sie selbst den Bescheid berlegen; auch thut ein Bischen Hoffnung
oft so gut, wie Arznei. Also fort, macht leise und gescheidt, und haltet Euch
nicht unntz auf mit Euch selbst; lnger als bis Mittag kann ich nicht bleiben.
    Die jungen Leute waren sogleich bereit, zu folgen, und wenn der Weg ber den
Flur zurckgelegt war, blieb nicht viel mehr zu frchten. So schickten sie sich
mit ihrer kleinen Last an, den Versuch zu machen, und der Wildmeister schritt
ber den Hof zurck, nach dem Wirthschaftsflgel, wo der Koch sein Reich hatte,
der ihn lustig und heiter empfing, und am Heerde niedersetzen lie.
    Die ersten Schritte der beiden jungen Leute waren zagend und unsicher, dann
flogen sie wie gejagte Rehe und hatten bald den gefhrlichen Platz hinter sich.
Da es in den Gngen erst spt Tag ward, und heute der im ganzen Schlosse schon
bekannt gewordene Zustand der Lady Allen lngere Ruhe gnnte, so erreichten sie
ohne Hindernisse den kleinen Thurm, dessen Thr sie noch zu ihrem groen Troste
mit demselben Germpel versetzt fanden, wie Margarith es angeordnet hatte.
    Nun la mich erst hinein und verkrieche Dich inde, sonst mchte sie bei
deinem pltzlichen Anblick zu sehr erschrecken, rief die Kleine, und nahm, was
er trug, und schlpfte hinein, so leise sie es nur vermochte.
    Noch lag die Kranke auf derselben Stelle, mit demselben starren Blick, der
nur einen bestimmteren Ausdruck von innerer Angst zeigte.
    Ach, seufzte Margarith schmerzlich, indem sie ihr nher trat, immer noch so
sehr krank, nicht ein wenig besser, liebe Lady?
    Der Versuch, zu antworten, den die Kranke machte, milang wieder, und das
verstndige junge Mdchen erkannte bald, da hier keine Nachrichten helfen
wrden. Sie breitete daher ihre schne, warme Decke aus, und hllte Schultern
und Fe besorglich ein, dies Alles mit liebreichen Worten begleitend. Dann aber
flog sie zum Kamin und legte auf den lange Zeit ungebrauchten Rost die trockenen
Torfstcke, machte an kleinen Bndeln Stroh das Feuer an und war entzckt, als
es lustig aufloderte, sie nun ihr Tpfchen mit Wasser hineinschob und die
Kruter bereit hielt, sie in das siedende Wasser zu schtten. So gelang es ihr
endlich, der Leidenden das warme Getrnk einzuflen, welches dieselbe mit
besonderem Bestreben zu sich nahm, und dessen wiederholter Gebrauch zu
Margariths unaussprechlicher Freude die Starrheit der Zge zu lsen schien, ja,
es ihr endlich mglich machte: Gute Margarith, zu stammeln, was auszusprechen,
sich ihr ganzes Herz gesehnt hatte. Ihr Blick ward nun milder, ja, die
Augenlider senkten sich und blieben endlich ruhen. Margarith lauschte mit
angehaltenem Athem; sie war nach einiger Zeit vllig gewi, da der Schlaf
seinen stillen Segen ber die Leidende gesenkt hatte.
    Nun schob sie sich leise zum Heerde, schrte das sanfte Torffeuer, das die
kalte Luft des Thurmes wohlthtig vernderte, und blickte sehnsuchtsvoll nach
der Thr, tausend Mal die Wonne, sie zu ffnen, gegen die Gefahr abwgend, die
Kranke dadurch zu erwecken. Sie bezwang sich lange, dann verstrkten sich die
Ueberredungsgrnde, es zu wagen, sie glaubte die Lady tiefer eingeschlafen;
gegen Mittag mute sie ja ohnehin erweckt werden, um zu entscheiden ber Lancis
Mittheilungen. Genug, sie ffnete leise, und der dicht davor lauschende Lanci,
der sich ziemlich den Zusammenhang gedacht, schlpfte leise herein, und Beide
kauerten sich nun, sich durch mitleidige Blicke nach dem Lager verstndigend, am
Heerde hin und blickten sich an, stumm lchelnd vor Seligkeit.
    Wohl mischten sich Margariths sanfte Thrnen und Lancis leise Wehklagen um
den Vater ein, aber wer wte nicht, da kein Gefhl des Schmerzes lange Raum
findet in der Brust, die von dem Wohllaut beglckter und vereinigter Liebe
erfllt wird! Jede Lage, welche die Glcklichen vereinigt, und wre es das
letzte Brett des gescheiterten Schiffes in der tobenden Fluth, wr' es unter dem
Ausbluten der tdtlichen Wunde, die Beiden den Tod sichert, wr' es in der
tiefsten Gruft des Kerkers, die sie schiede von der brigen Welt, wenn nur sie
Beide nichts scheidet: - jeder Ort ist ihnen dann die kleine glckselige Insel,
auf der sie sich befinden, als zur Seligkeit bestimmt, nichts wahrnehmend, was
ihnen gebrche, durchdrungen von der Atmosphre innigster Befriedigung! Wer nach
dieser letzten geretteten Frucht des Paradieses greifen, und ohne Furcht und
ohne Reue ihren geheimnivollen beseligenden Inhalt genieen darf: er schweige
ohne Klagen still, wenn das Leben andere Opfer fordert; zu einer Ewigkeit von
Leiden wrde er das Gegengewicht finden. - Bald flsterten sie lauter, und
wechselten schneller Frage und Antwort, in der glcklichsten Sicherheit die
ganze Welt vergessend. Da hrten sie pltzlich leise und endlich lauter
wiederholt die Worte:
    Wo bin ich? Margarith, bist Du hier? Wer umgiebt mich?
    Erschrocken sprangen Beide auf, und Margarith flog nach dem Bette.
Aufgerichtet sa hier Lady Maria, und blickte matt und fragend in Margariths
treue Augen.
    Theure Lady! rief das gute Mdchen heiter, o Gott sei gedankt, da Ihr so
weit seid, Ihr knnt ja sprechen und Euch bewegen, nicht? Euch ist besser?
    Besser, gutes Kind, erwiederte Lady Maria sanft, wenn auch nicht genesen;
ich bin sehr matt, aber Deiner liebevollen Mhe danke ich, da der qualvolle
Zustand endete, in den mich die schreckliche Lady versetzt hatte. Wie hat man
Dich aber zu mir gelassen, und wie werde ich zu sichern sein gegen die
schreckliche Frau, deren Anblick ich frchte wie den Tod. Doch sage mir, fuhr
sie fort, sind wir allein, oder bewegt sich hinter Dir Jemand?
    Margarith trat schchtern seitwrts und zeigte Lanci, der sich auf den
Knieen hinter ihr verborgen hatte.
    Zrnt ihm nicht, theure Lady, sprach sie dabei, er meint es gut, will uns
Beide retten.
    Lanci, sagte Lady Maria, bist Du aus London zurck? Gutes Kind! hier sind
schlimme Zeiten inde eingetreten; Margarith und ich haben unsern einzigen
Beschtzer verloren.
    Ja, Lady! rief Lanci, noch immer auf seinen Knieen liegend und zugleich
berwltigt von Verehrung und Betrbni ber ihren Anblick; ja, es ist viel
Trauriges geschehn, aber hat Gott Euch einen Beschtzer genommen, so hat er Euch
zwei dafr wiedergegeben, die Alles anwenden, Euch hier wegzufhren.
    Lady Maria schwieg einen Augenblick, und sah ihn trbe und nachsinnend an;
dann sprach sie muthlos:
    Niemand von Allen, die mir einst Schutz gaben, kennt mein Gefngni, guter
Lanci, wer sollte auer ihnen sich mein erbarmen wollen?
    Doch, doch, sprach Margarith eifrig und zog Lanci nher, indem Beide vor dem
Bette niederknieten, es sind alte Freunde von Euch, liebe Lady!
    Nicht wahr, fragte Lanci, recht beglckt lchelnd, Master Brixton ist ein
alter Freund von Euer Gnaden?
    Brixton! rief Maria, und die Ueberraschung go ein lang verschwundenes
Purpurlicht ber ihr Gesicht. Mein Lehrer! Mein Freund! Mein zweiter Vater!
    Ja, Lady! rief Lanci, er ist in Eurer Nhe, und fr Eure Flucht wird gesorgt
sein, so bald Ihr gehen knnt; werdet nur gesund.
    Gesund? rief Maria, als frge sie sich selbst, ob sie noch krank sein knne
bei dieser Botschaft. Ich bin gesund, gesund genug, um diesem Kerker entfliehen
zu knnen. Steht auf, Kinder, damit ich meine Krfte prfe, sie knnen mich
nicht verlassen wollen, wo sie mir dienen sollen.
    Sie warf die Decke weg und stand pltzlich in ihrem groben Nonnenkleide vor
dem erstaunten Lanci. Aber dieser schnelle Aufschwung der Krfte, dem Ruf des
starken Geistes gehorchend, war nur vorbergehend; schwindelnd fhlte sie ihr
Haupt von heftigen Schmerzen durchzuckt und sank fast eben so schnell
erbleichend auf ihr Lager zurck.
    Betrbt sahen die jungen Leute diesen Zustand mit an und mochten daraus
bange Schlsse fr ihre Lage ziehn, als Lady Maria sich anstrengte, sich
aufzurichten, und, von Margariths Armen untersttzt, aufrecht zu sitzen suchte.
    Sprich, mein Kind, sprach sie zu Lanci, Du mut mir viel zu sagen haben.
Schickte er mir kein Zeichen seines Daseins, hast Du keine Zeile von ihm an
mich? -
    Nein, theure Lady, das nicht. Ich mute heimlich von da fort, wo wir zuletzt
rasteten, um Euerm Feinde zuvorzukommen, denn Pater Johannes ist im Anmarsch.
Htte der mich gesehn, so wr' ich und vielleicht der ganze Plan verloren
gewesen. So bin ich nun vorangeeilt, damit Ihr nur erst wtet, da wir da sind,
und in der Hoffnung, da wir eher, als er, ankmen. -
    Ach, rief Maria schmerzlich, warum verlt mich meine Kraft! Wie dringend
nthig scheint sie mir, um aus diesem wohlverwahrten Kerker zu entfliehn, wo die
Lady mich bald vermissen wird und ich dann aufs Strengste bewacht sein werde,
erfhrt sie mein Unwohlsein. Denkt denn aber Master Brixton nicht daran, mich
von der Lady selbst zu fordern? Wie darf sie mich zurckhalten, da sie kein
Recht ber mich haben kann? -
    Nein! Nein! liebe Lady, das drfen sie nicht, das wrde uns alle unglcklich
machen. Einer, der Alles angeordnet hat, dem sie folgen, weil er es am Besten
versteht, er hat es streng verboten. -
    Und wer ist dieser Eine? fragte Maria. -
    Ich darf ihn nicht nennen, liebe Lady, fraget mich nicht, aber er meint es
gut mit Euch, und ich bin sein Bote, und Ihr werdet mir doch vertrauen? -
    Ach! sprach Maria, wenn Brixton Dir vertraut und es also will, wie darf ich
da noch zweifeln. Doch was kann geschehn, damit ich entkomme, wie soll ich es
anfangen? -
    Diese Frage ward durch einen schleichenden, schleppenden Schritt auf dem
Gange unterbrochen, den Alle zugleich mit nicht geringem Entsetzen hrten. Es
nahte Jemand, dies war gewi, und Lanci durfte nicht entdeckt werden, ohne
Verdacht zu erregen, da er berdies aus dem Schlosse verwiesen war. Das Gemach
hatte nur die eine Thr, welcher man sich jetzt von Auen immer mehr nherte.
Kein Schlupfwinkel, kein Raum war zu ersehn, und beinah auer sich schweiften
die Blicke der Verrathenen umher. Da zeigte Maria sprachlos auf das Fenster,
wovor noch Electas Schleier ausgebreitet hing, und Lanci schlpfte ohne Bedenken
dahinter, da schon an die Thr gepocht ward und jede Zgerung beim Oeffnen
Verdacht erwecken konnte.
    Maria legte sich schnell nieder, und Margarith eilte zu ffnen, doch fuhr
sie fast mit einem Schrei zurck, als sie Pater Johannes vor sich sah, der mit
seinem tckischen, lauernden Blick sie und das Zimmer, in das er einschritt,
berflog.
    Nichts als Kranke finde ich, rief er, Maria's Lager nher kommend, wahrlich
groe Unordnungen, man kann nicht wohl abwesend sein, ohne es bereuen zu mssen!
Nun was fehlt denn? Bloe Einbildungen, nicht? Frauentcken? Kenne dergleichen,
wird sich finden.
    Maria war im ersten Augenblick vom Schreck und Schwche so berwltigt, da
sie nicht zu sprechen vermochte; der Unmuth stieg aber hei empor, und
abgebrochen, aber deutlich sprach sie jetzt:
    Pater Johann, ich glaube, wir haben uns Beide zu genau kennen gelernt, als
da Ihr mich einer Verstellung fhig halten solltet oder ich Euch zu tuschen
suchen mchte.
    O! rief Margarith, Muth gewinnend, Hochwrdiger Herr, glaubt doch dies
nicht! Sterbend war die arme Lady diese Nacht; sie hatte ganz starre Glieder und
war ganz sprachlos, und wr' ich nicht dazu gekommen, htte die hochwrdige Lady
sie erwrgt. Ihr seht noch das Blut am Kopfe von ihrem Falle, als die Lady sie
nieder warf.
    Schweig, rief der Pater ihr zu, wer fragte Dich, und wie kommst Du berhaupt
hieher? Wer hat Dir erlaubt, hier Pflege zu bernehmen?
    Ihr eigenes menschliches Herz, Sir, rief Maria, da ich, von aller Hlfe
verlassen, den grausamsten Mihandlungen preisgegeben war. Habt Erbarmen und
lat sie nicht ben dafr, da sie mir vielleicht das Leben rettete; ich will
alles dulden, was Euer Unmuth ber mich verhngt, nur dies Mdchen treffe nicht
Euer Zorn.
    Pater Johannes warf einen finstern Blick auf Margarith, aber er hielt inne,
als spare er ihr Theil ihr wenigstens noch auf. Sodann zu Maria sich wendend,
ergriff er ihre Hand und prfte lange schweigend ihren Puls.
    Unruhig geht er, fieberisch, vollbltig, murmelte er abgerissen; hat nichts
zu bedeuten, fgte er hinzu, sie loslassend. Etwas Seeluft wird gut thun. Steht
nur auf und haltet Euch zu einer kleinen Wasserfahrt bereit; um Mittag wird der
Wind gut gehen, dann werdet Ihr dies Schlo, was Ihr so hat, verlassen, und die
kleine Ueberfahrt nach Frankreich wird Euch schneller herstellen, als Ihr denkt,
setzte er hhnisch hinzu, das tdtliche Erschrecken, das sich auf Marias Zgen
zeigte, mit Schadenfreude bemerkend.
    Groer Gott! schrie Margarith, das Frulein soll sterbend, wie sie ist, auf
die See? Ist das zu glauben? Erbarmt Euch doch, hochwrdiger Herr, sie stirbt
Euch ja unterwegs!
    Schweig! rief er, wild auffahrend und gegen Margarith so anlaufend, da
diese voll Entsetzen zurckwich, bei dem engen Raume des Zimmers aber
unglcklicherweise in den Schleier Electas sich verwickelte, und nun, doppelt
entsetzt fr die Folgen zitternd, zu schwanken begann und nach manchem Versuche,
sich aufrecht zu erhalten, vor dem keifenden Pater niederfiel. In diesem
Augenblicke ri der Schleier von seiner schwachen Befestigung und zeigte dem
Pater einen Anblick, der ihn in ein so ungemessenes Erstaunen versetzte, da
seine scheltenden Worte augenblicklich verstummten. Er wandte seine Blicke von
Maria zu Margarith und Lanci, und Erstaunen, Wuth und Freude, sie ertappt zu
haben, sprachen gleich stark aus seinem anschwellenden Gesicht, whrend Lanci
mit einem krftigen Sprunge ber das verhllende Gewand setzte und Margarith die
Hand reichte, aufzustehen, ohne dem Pater eine grere Aufmerksamkeit zu
schenken, als nthig war, ihn eben bei seinem Sprunge nicht umzuwerfen.
    Man sah dagegen deutlich, da der Pater Johannes fast verwirrt war von dem
reichen Stoffe, der sich hier darbot, um Zorn und Verfolgung und alle bsen
Absichten, die er fr die Anwesenden in seinem Herzen trug, auszulassen.
Zweifelhaft, wie er vernichtend genug sich sogleich ausdrcken sollte, lie er
als Vorspiel in Augen und Mienen lesen, was sie zu erwarten hatten.
    Das Demthigende dieser Lage machte aber eine so lebhafte Anforderung an
Marias Gefhl, da sie alle ihre Krfte aufbot, um Schreck und Schmerz zu
berwinden.
    Ihr habt nicht nthig, Pater Johann, sprach sie ernst und zrnend, indem sie
sich aufrecht setzte, die Beleidigungen auszusprechen, die Euer miges
Erstaunen genugsam angekndigt. Dieser Jngling ist allerdings vor Euch
verborgen worden, wit es aber Euch selbst Dank, da selbst die unschuldigsten
Dinge dem, der sie thut, noch Furcht vor Eurer Auslegung einflen, ich sage
Euch, jedoch - - -
    Und ich sage Euch, brllte Pater Johann, in namenloser Wuth sie
unterbrechend, da jetzt ber Euch alle der Stab gebrochen ist, da ich genug
von diesem Buben wei, um einzusehn, in welcher Verbindung Ihr mit ihm stehn
mgt, da mir Krankheit, Pflegerin und Gesellschafter, alle diese verschiedenen
Machinationen, mich zu hintergehn, ganz klar sind und Alles geschehn wird,
zweifelt nicht, Euch so zu stellen, da Ihr es bereuen werdet.
    Ganz gut, sagte Lanci trotzig, aber mich knnt Ihr nicht halten; ich bin des
Wildmeisters Bursche, gehre gar nicht in dies Schlo und verlange, da Ihr mich
augenblicklich ungehindert fortlat.
    Fort? brllte der Pater, fort? Eher wollte ich Dich mit eigenen Hnden
erdrosseln, als Dich fortlassen, Du Bube, den ich schon htte zertreten mssen,
als Du, Dich schlafend stellend, vor dem Bette Deines alten heuchlerischen
Oheims lagest. Ha! wenn ich denke, da er Dich herlie, da Du ihm nicht
entsprungen bist, ha, welch' ein schnder Verrath ahnet mir dann, und wie zur
rechten Stunde bin ich da gekommen, Euch alle zu vernichten!
    Das soll Euch schwer werden! schrie Lanci, sich aus den Hnden der
zitternden Margarith losreiend, den Pater bei Seite stoend und wie ein Pfeil
durch die Thr in den langen Gang entspringend. Eben so schnell flog Margarith
nach der Thr und suchte sie vor dem nachdringenden Pater wenigstens
augenblicklich zu verschlieen, um Lanci einen kleinen Vorsprung zu gnnen. Aber
ihre Krfte reichten gegen die des Paters nicht aus, und Lady Maria eilte ihr
nicht zu Hlfe, obwol sie sich von ihrem Lager erhoben hatte; denn lieber wollte
sie das Kommende ertragen, als in ein persnliches Handgemenge mit dem
verachteten Manne gerathen. So unterlag Margariths Widerstand nur zu bald, und
nun setzte das Geschrei des Paters dem armen Lanci schneller nach, als es sein
schwerflliger Schritt vermochte. Bald sah sich der unglckliche Jngling von
mehreren herbeigerufenen Aufpassern des Schlosses ergriffen und zu einem der
festen Zimmer gefhrt, welche gelegentlich dienten, die aufzunehmen, die dem
Zorne des Paters oder der Lady verfallen waren.
    Indessen blieben die beiden unglcklichen Frauen in einem Zustande von
Kummer zurck, den beide nach ihrer Art uerten. Whrend Margarith in
Verzweiflung die Hnde rang, blickte Maria stumm und ohne Worte vor sich nieder,
und fhlte die vllige Verdung, die nach groen Gemthserschtterungen uns das
Gefhl gnzlicher Hoffnungslosigkeit lt.
    Jeden Augenblick erwarteten sie ihren Peiniger zurckkehren zu sehen, und
eine Stunde nach der andern schlich trge in dieser bangen Erwartung dahin, ohne
ihn oder einen Andern herbei zu fhren. Mittag war vorber, Beide fingen an, aus
der ersten Betubung zu erwachen, Margariths Thrnen hrten auf zu flieen,
Maria begann ihre Lage aufs Neue zu betrachten, und die Nhe eines Wesens, das
fr sie sorgte und handelte, wie sie auch bedroht war, ihm entfhrt zu werden,
unterlie doch nicht, einiges Leben in ihr aufzuwecken.
    Da seufzte Margarith schwer auf und trat vom Fenster zurck, woran sie sich
so lange gelehnt hatte. Denn tief unten an dem kleinen Vorsprunge der
natrlichen Bucht, in der das Schlo lag, sah sie das Segel-Boot rsten und
Pater Johannes mit dem alten Ksten-Schiffer, der seine Leute antrieb, im
eifrigen Gesprche begriffen.
    Der Plan wird also ausgefhrt werden, rief hier Maria mit neuem Schmerz, als
auch sie sich von jenen Vorkehrungen am Ufer berzeugt hatte, und ehe mich die
vterliche Liebe meines Wohlthters erreichen kann, werde ich ihm entrissen, auf
immer nach einem fremden Lande entfhrt, wo mir Tod oder ewiges Gefngni droht,
und kein Arm der Liebe mich mehr erreichen wird.
    Welch' ein unerklrlich trauriges Loos ist mir beschieden, und wer bin ich,
da selbst Fremde sich die Hand zu bieten scheinen, mich zu verfolgen und in
einer grauenvollen Abgeschiedenheit zu erhalten? Warum giebt man mir nicht
lieber den Tod, als mich so langsamen Qualen preiszugeben? O Margarith, armes
Wesen! was wird aus Dir werden, und wie habe ich Dein und Lanci's Schicksal zu
Euerm Unglck mit in das meine verflochten! -
    O denkt nicht an uns, theure Lady, rief hier weinend Margarith, denkt doch
nur, ob wir nicht entkommen knnen, da uns doch auerhalb des Schlosses Hlfe
harrt.
    Ich kann die Mglichkeit nicht finden, erwiederte Maria ngstlich
umherblickend; Du weit, wie alle Ausgnge bewacht sind, und wie man in diesem
Augenblicke auf uns beide Acht haben wird. Dazu kmmt, da es Tag ist, da man
uns hier nicht lassen wird, bis die Nacht eingebrochen, und doch wre der
einzige Ausweg zu entkommen sicher nur, wenn uns die Nacht deckte.
    Ihr meint auf dem Wallwege, den der Vater Euch so oft gefhrt hat, sagte
Margarith, ja, hundert Mal habe ich daran schon gedacht, aber wie sollen wir die
kleine eiserne Thr ffnen, da alle Schlssel des Vaters lngst in die Hnde des
neuen Kastellans bergegangen sind, der sie alle, wie Gold im Beutel, an seinem
Grtel trgt.
    Dies ist also auch nicht mglich, sprach Maria, und wir wollen uns trsten,
da das Gelingen dennoch sehr zweifelhaft bliebe; denn der Schlogarten liegt
noch innerhalb der Schlomauer, obgleich ein Theil derselben wahrscheinlich
wegen der Hirten und der Weide in den Grben abgetragen ist.
    So ist es allerdings, erwiederte Margarith. Auer meinem Vater, glaube ich,
kannte auch Niemand diese Verbindung mit dem Schlosse, und ein Entkommen wre
sicher mglich, htten wir nur den Schlssel.
    Nach einigem Nachdenken rief Lady Maria, pltzlich aufstehend: Und doch,
Margarith, versuchen mssen wir es. La uns jetzt gleich die Thr untersuchen,
was kann uns geschehen, wenn man uns entdeckt? Uebleres, als man schon vor hat,
schwerlich, und wer kann mir wehren, die Freiheit zu suchen, die Niemand ein
Recht hatte mir zu rauben?
    Sie erhob sich, doch war ihr Geist strker, als ihr Krper. Die unleidlichen
Schmerzen am Kopfe traten strker hervor, und die Steifheit ihrer Glieder hatte
sich noch nicht gnzlich gehoben. Mit tiefem Kummer machte sie die traurige
Wahrnehmung, ohne sie jedoch zu uern, und versuchte Margarith zu folgen, die
rstig vor ihr her schritt und, als sie den Gang leer fand, sich ber das
Germpel hermachte, welches vor dem Treppenthrchen aufgestellt war.
    Lady Maria war bemht, ihr dabei zu helfen, aber ihre Schwche und ihr
krankhaftes Gefhl lieen sie fast unterliegen. Sie gab daher Margariths Bitten
nach und bewachte blos den Gang, um, wenn sich etwa Jemand nhern wrde,
sogleich es anzeigen zu knnen. Gedankenvoll schlich sie bis zu einem kleinen
Vorsprung, der einen Blick auf die grere Treppe zulie, ohne sie selbst zu
verrathen. Sie sah an der unruhigen Bewegung der verschiedenen Schlobewohner,
da etwas Ungewhnliches geschehen sein msse, und bald erschien Pater Johannes,
von Auen herbei gerufen und von einem athemlosen Diener begleitet, eilig die
Treppe herauf steigend.
    Warum hat man meine Vorschrift bersehn? rief er wild und mit allen Tnen
des Zornes; hatte ich nicht ausdrcklich befohlen, da Hnde und Fe gebunden
bleiben sollten?
    Ja, antwortete der angstvolle Diener, wo aber Stricke hernehmen, die der
Kraft widerstanden, welche die Lady anwendete? Wir alle flogen wie Spreu im
Winde, als sie auf uns zulief, und wer konnte denken, da sie gerade nach der
Treppenthr laufen wrde, wovor sie sonst sich so frchtete. Es hat wohl sein
sollen, da beide Herrschaften auf derselben Stelle -
    In diesem Augenblick schlo sich die Thr, die Worte waren verhallt, und nur
einzelne Diener schossen noch zuweilen in groer Eile ber die Treppe hin.
    Von unbestimmtem Grauen beschlichen, stieg die Ahnung in Maria auf, da der
Wahnsinn der Nacht bei Lady Sommerset angehalten habe, und da in diesem
Zustande etwas von ihr unternommen sein msse, was an den Unfall und Tod des
unglcklichen Lords erinnere. Die Treppenthr und deren Beziehung auf diese
schreckliche Katastrophe kannte sie nur zu wohl, und eilte daher, so schnell sie
es vermochte, zurck, um Margarith eine Nachricht zu bringen, die einige
Hoffnung gab, man werde ihnen bei der Verwirrung im Schlosse Zeit zur Ausfhrung
ihres Planes gnnen, welche vielleicht die Aufmerksamkeit des Pater Johannes
mehrfach in Anspruch nahm und ihn an der beabsichtigten Entfhrung jetzt
hinderte.
    Margarith nahm zwar an der Hoffnung Theil, aber ihr Herz war doch betrbt,
da sie die kleine Thr zwar erreicht, aber jeden Versuch, sie zu ffnen,
vergeblich gesehen hatte.
    Verlieren wir nur jetzt nicht den Muth, sprach dagegen Maria, da uns ein
kleiner Hoffnungsschein dmmert. La es uns wagen, und den Armleuchter der Lady
anznden und hierher bringen, vielleicht entdecken wir noch irgend ein Mittel
gegen dies hartnckige Thrchen, wenn wir den ganzen Raum untersuchen knnen.
    Margarith zeigte sich gleich bereit und eilte zurck, whrend bis zu ihrer
Wiederkehr Maria noch ein Mal den Gang hinabschlich, ihre Beobachtungen
anzustellen.
    Die Ruhe war wieder hergestellt, Flur und Treppen leer, und alle Thtigkeit,
wie zu hoffen stand, in dem Innern der Gemcher vereinigt.
    Froh ging sie jetzt dem Scheine des Lichtes entgegen, der ihr Margariths
Annherung verkndigte, und Beide untersuchten nun mit grter Aufmerksamkeit
die kleine Thr und den angrenzenden Raum des Schlupfwinkels. Aber die Thr war
zu fest, um an ihre Oeffnung auf andere Weise, als vermittelst des Schlssels
denken zu knnen, und die Mauer umher so dick und von so starken Steinplatten,
da Beide muthlos von ihren Bemhungen abstanden.
    Als sie in das kleine Thurmgemach zurckkehrten, mit dem Gefhl, sich in ihr
Schicksal ergeben zu mssen, wenn ihnen von Auen nicht Hilfe kme, sahen sie,
da der Abend herangerckt war, und berlieen sich nun der Hoffnung, da die
Vorflle im Schlosse die Absichten des Paters durchkreuzt und die gefrchtete
Abreise verschoben haben knnten. Zeit zu gewinnen, schien ihnen jetzt das
Wichtigste, denn sie durften hoffen, da der Wildmeister, der von allen
Vorfllen des Schlosses unterrichtet sein konnte, mit ihrem Beschtzer in
Verbindung stehe, und da vielleicht von dort Versuche gemacht wrden zu ihrer
Rettung.
    So hielten sie sich hin, Eine in der Andern Hoffnung nhrend, whrend
dieselbe immer schwcher wurde in der eigenen Brust.
    Da der Sturm zur Nacht heftiger ging und die Brandung an der Stelle, wo das
Segelboot lag, sich zu mchtig brach, sahen sie dessen Segel einziehen und es
langsam in die groe Bucht lenken, die es vom Schlosse einige hundert Schritt
entfernte und ihren Blicken entzog.
    Schon wollten sie der Hoffnung Raum geben, die Reise sei heute ganz
aufgegeben, indem die Nacht mit schrecklicher Dunkelheit anbrach und der Sturm
sich steigerte; da scheuchte pltzlich ein Schlag an die Thr sie auf. Beim
Oeffnen derselben trat Pater Johannes in Begleitung zweier Diener herein. Es
blieb ihnen nun kein Zweifel darber, was ihnen bevorstand, da die Diener einige
warme Mntel trugen, welche Pater Johannes ihnen anzulegen befahl.
    So schrecklich dieser Augenblick war, konnten sie doch beide nicht bersehn,
in welchem Grade das ganze Wesen des Pater Johannes sich noch verfinstert hatte,
und wie bla und unruhig sein Ausdruck war.
    Eilt, rief er oft dazwischen, es ist keine Zeit zu verlieren, die See geht
immer hher. Du kannst auf der Reise weinen, rief er Margarith zu, welche, die
Hnde ringend, ihre Lady und sich selbst umhllte, und beobachtete unterde die
Zge Maria's, die, zu stolz um ihr Gefhl zu verrathen, weder Wort noch Blick an
ihren Peiniger richtete, sondern mit Ruhe, und so weit krperliche Schwche es
gestattete, selbst ihre Kleidung befestigte und ihm nicht den Triumph gnnte,
worauf er noch immer zu hoffen schien, da sie nmlich verzweifelnd ihn anflehen
wrde.
    Doppelt erzrnt ber diese Tuschung, lie er nach den nthigen Vorkehrungen
keine Zeit weiter vergehn, sondern schritt nun voran, die Frauen in Begleitung
der beiden Diener ihm nach, durch den unbewohnten Theil des Schlosses, endlich
eine schmale Wendeltreppe in der Mauer niedersteigend und dann eine Thr
aufstoend, die unmittelbar ins Freie fhrte.
    Pater Johannes blieb hier einen Augenblick stehn und schien irgend etwas zu
erwarten. Maria behielt Zeit, um wahrzunehmen, wie sie auf einem schmalen
gepflasterten Wege standen, der sich hinabsenkte bis zu den Dnen, welche mit
ihrem weien Kalksande wie ein leuchtendes Band das schwarze Meer umsumten,
welches hochkochend, zischend und im raschen Takte seine Wellen gegen die Ksten
peitschte.
    Nach einem Weilchen vernahm sie ein leises Pfeifen, Pater Johannes
erwiederte es, und Maria sah, da unterhalb des Steinweges, auf dem sie standen,
zwei Mnner sich nherten, denen Pater Johannes entgegen ging.
    Nach einer kurzen Unterredung mit dem einen derselben, rief er den
Begleitern der Frauen zu, sie hinab zu fhren.
    Maria schritt abwrts, ohne Hilfe anzunehmen, whrend Margarith, von Schmerz
berwltigt, kaum mit der Hilfe beider Mnner sich auf den Fen zu erhalten
vermochte.
    Es sind Umstnde eingetreten, die mich verhindern, Euch zu begleiten, rief
Pater Johannes, hier habt Ihr dagegen Euern Fhrer, der mich ersetzen wird, und
dem Ihr unbedingt gehorchen mt. Er wird Euch auf der Reise mit allem Nthigen
versorgen und nach Eurer Landung an den Ort bringen, wo es frs Erste rthlich
befunden worden ist, Euch zu bewahren. Nur strenger Gehorsam kann Eure Lage
erleichtern, der geringste Widerstand wrde sie verschlimmern und dennoch
nutzlos sein!
    Wenn etwas der Verzweiflung in Maria's Busen ein Gegengewicht lieh, so war
es der Unwille, sich so beleidigend behandelt zu sehen. Stolz wendete sie sich
von dem grollenden Pater, der jedes seiner Worte mit Gift htte trnken mgen,
um seinen Unmuth an ihr auszulassen.
    Eure Erinnerungen sind berflssig, rief sie kalt, Alles, was ich in diesem
Schlosse und von Euch erfuhr, war widerrechtlich und verbrecherisch. Gegen
Mihandlungen der Art hat der Machtlose nur die Waffe der Verachtung. Ich mu
mich in Euern bsen Willen fgen, aber vor Gott und Menschen protestire ich
feierlich gegen die eben beabsichtigte Entfhrung aus meinem Vaterlande. Die
Folgen, welche zu lenken, in einer hhern Macht steht, als in der Eurigen,
kommen ber Euch; denn so es Gott gefllt, wird die Stunde nicht ausbleiben, die
Euch zur Rechenschaft zieht, und vielleicht ist sie Euch nher, als Ihr denkt.
    Mit dem hohen Anstande eines gesicherten Selbstgefhls, und als wre sie die
Freie und Befehlende, schritt sie jetzt vor, so da die Mnner zurckwichen und
Pater Johannes, den ihre Worte wie die Stimme einer Prophetin seltsam
erschtterten, einen Augenblick wie gelhmt dastand. Dann fuhr er wild ihr nach
und schien sie ergreifen zu wollen, aber es lag in der hohen, ruhig voran
gehenden Gestalt die furchtlose Wrde der Unschuld, die selbst den Pater
zurckhielt, als wre er durch eine fremde Atmosphre von ihr getrennt.
    
    Sie schaute nicht mit einem Blicke zurck und verfolgte den Weg nach den
Dnen, wo, wie sie wute, das Schiff lag, ohne Zgerung oder Schwche zu
verrathen.
    Pater Johannes winkte den Andern, zu folgen, er selbst starrte dem Zuge
sprachlos nach, und ein kalter Schauer lief ber ihn hin, als she er einem
Leichenzuge nach, dessen Gespenst ihn berhrt habe. Er versuchte zu rufen, doch
die Laute erstarben ihm in der Bengstigung der keuchenden Brust. Ein heimliches
Gericht ward ber ihn gehalten, der Augenblick, der wie ein Blitzstrahl die
Seele des Snders erreicht und im Nu Alles ausbrennt, womit er sein Gewissen
verhllt hatte, er war eben jetzt gekommen und erhellte das schnde Gewebe,
welches er bis dahin blos Klugheit genannt. Die wenigen Worte, womit die
gemihandelte Unschuld sich vor ihm geltend gemacht hatte, sie waren der
zndende Blitz geworden. Es rief ihm zu, da er sie in ihr Verderben, in ihren
Tod sende, der, nhme sie das wilde Meer nicht auf, ihr sicherer noch an dem
Orte zu Theil werden wrde, wo er sie hinsendete, seiner eigenen Rache gengend
und sie jedem andern Bekehrungsversuche entziehend, der, ihm milungen, keinem
Andern wenigstens Ruhm geben sollte.
    Aber die Gewohnheit, zu sndigen, lt Gewissensqualen alt werden, ehe sie
Handlungen umgestalten: oft bleibt es dabei, da sie neben einander sich
wechselweis bekmpfen, und wer Sieger ward, bleibt uns dann unenthllt.
    Er versuchte, seines Gewissens zu spotten, er wollte zurckkehren nach dem
Schlosse und sein Auge verfolgte doch noch den letzten schwarzen Schatten der
Geopferten, bis er in dem Umwenden nach dem Ankerplatze verschwand. Er athmete
auf und wendete sich so eben, um den Steinweg zu ersteigen, der nach dem
Schlosse fhrte. Lange blieb er hier wie angefesselt stehen, als es ihm schien,
er hre einen Schu aus der Gegend, die er eben mit seinen Blicken verlassen.
Das Gerusch des Meeres machte jedoch Alles unsicher, bis endlich ein zweiter
Knall, ganz deutlich von einem Feuergewehre, den Lauschenden berzeugte, da er
sich nicht getuscht.
    Muthig und seiner athletischen Strke vertrauend zgerte er keinen
Augenblick, nach der Gegend hinzustrzen, wo er jetzt einen Ueberfall frchten
mute, dessen Abweisung allein von ihm selbst das unvermeidliche Verderben
abwenden konnte. -
    Doch kehren wir lieber zu Lady Maria zurck, welche bei dem tiefen Gefhle
ihres harten, unverschuldeten Geschicks jene Innerlichkeit zu finden wute,
welche das Vertrauen auf uns selbst als eine Sttze erkennen lt, die uns
erhalten wird, und den Wrdigen uns zugesellet, von deren geistiger Gemeinschaft
kein Druck der ueren Welt uns zu trennen vermag.
    Unter dem zerrissenen, dstern Gewlke des weiten Nachthimmels, der mit der
lauten Stimme des Sturmes, mit dem Brausen des aufgewhlten Meeres ein zrnendes
Wechselgesprch zu fhren schien, schritt die verlassene Jungfrau dahin. Ihre
Gedanken waren Gebete, und ihr Haupt hing auf der Brust mit dem heiligen
Ausdrucke innern Friedens.
    Hoch hob der Wind den Schleier, als wollten Himmel und Wellen das schne
Antlitz betrachten, welches, zur Lilie erblat, in dem Glanze der Unschuld zu
leuchten schien.
    Ihre Begleiter folgten zwar, aber sie nherten sich ihr nicht, als ahneten
sie den erhabenen Zustand von Einsamkeit, in den sie sich versenkt hatte, als
trgen sie Scheu vor einem Wesen, welches sie nicht verstehn konnten, das aber
den Zauber einer hohen und vollendeten Individualitt um sich verbreitete.
    So mit jedem Schritte sich uerlich mehr dem trostlosen Ziele nhernd,
stieg innerlich reiner und reiner, geschieden von Furcht und Bangen, ihre Seele
freier empor. Das Ringen mit der Auenwelt hrte auf, sie fhlte sich auf der
Welt allein, aber im selben Augenblicke wendete ihr ganzes Innere sich
ungetheilt auf die ausreichende Flle gttlicher Gemeinschaft; die Blten ihres
Geistes, die welk hernieder hingen, richteten sich auf; und sie bedurfte nichts
mehr, weder Glck, noch Tod.
    So innerlich gesichert, kehrte sie mit der stillen Theilnahme nach Auen
zurck, die am ersten da eintrifft, wo wir uns selbst nicht mehr darin suchen.
    Sie hrte bald hinter sich zwei bekannte Stimmen, die zusammen klagten und
in diesem Zusammenklagen wohl den sesten Trost fr ihre Klagen fanden. Auch
tuschte sie sich nicht, es war Lanci's und Margariths Stimme.
    Wie, Lanci? sagte sie, sanft zurckblickend, sollst Du mit uns entfhrt
werden? Hat man die Gruft des Meeres fr sicherer gehalten, als die Haft des
Schlosses? Armer Schelm! Dich hat Dein treuer Eifer fr mich ins Verderben
gestrzt, und ich kann nichts thun, als leiden, wie Du und Deine Margarith, und
damit ist Euch wenig gedient. Brixton, mein theurer Lehrer, Du wirst in unserm
Verschwinden eine traurige Antwort empfangen!
    Ach, theure Lady! rief Lanci, lieber sterbe ich mit Euch und Margarith, als
getrennt von Euch zu leben und nichts zu Eurer Rettung thun zu knnen. Die uns
verfolgen, haben mir einen greren Dienst geleistet, als sie dachten und
wollten.
    Gott behte, fuhr Lady Maria fort, da Master Brixton sich zu Schritten
verfhren lasse, die seiner Sicherheit nachtheilig wrden. Auch dies, fgte sie
hinzu, mu ich ergehen lassen, wie Gott es verhngt; es wird Alles ein Ziel
haben, auch sein Schmerz, seine Leiden um mich.
    Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, wo sich der Weg nach dem Ankerplatze
herum zog, und da sie zugleich sich den Fischerhtten nherten, die hier
zerstreut hinter drftigem Gestrppe versteckt lagen, trat der von Pater
Johannes bezeichnete Fhrer, welcher Lanci mitgebracht hatte, hervor und
nthigte die Lady, in eine der kleinen Htten einzutreten, aus deren niedern
Fenstern ein mattes Licht von dem nassen Torffeuer drang, das vom Heerde aus den
winzigen Raum erhellte, wohin sie jetzt dem Fhrer folgten,
    Bleibt hier einen Augenblick, sprach er, bis ich sehe, ob Alles zur Abfahrt
bereit ist. Ihr knnt ein wenig Wrme sammeln zur Reise, es wird Noth thun.
    Er zog sich zurck, die beiden Bootsknechte an die Thr zur Wache stellend.
    Gedankenvoll setzte Maria sich auf einen kleinen Schemmel am Heerde der
Htte nieder, deren abwesende Bewohner ihre geringe Habe ohne Aufsicht
zurckgelassen hatten, da sie auf die langsamen Fortschritte des Feuers an den
nassen Torfstcken sich verlieen.
    Nicht lange sa sie so in sich gebckt, da hrte sie Hufschlag von Pferden,
gleich darauf aber einen heftigen Wortwechsel vor der Thr der Htte, welcher
eben so schnell damit endete, da der Eingang erzwungen ward und Lady Maria
einen Mann gewahrte, der mit der grten Kraft die Bootsleute zurckstie, die
sich an ihn hngten, um seinen Eintritt zu hindern.
    Bewegt sprang sie auf, eine unbestimmte Ahnung erschtterte sie, und im
selben Augenblicke strzte sich Lanci aus dem Winkel der Htte in die Gruppe der
Ringenden und unterrannte den einen der Schiffer mit solcher Wuth, da er
strauchelte und von seinem Gegner ablie. Mit der grten Gewandtheit verfolgte
dieser den nun wieder gleich gewordenen Kampf und schleuderte den andern
Schiffer fort, whrend er sein Pistol zog, welches zu gebrauchen ihm bisher
unmglich gewesen war. Indem er es auf den Schiffer, der, von Lanci nur
augenblicklich abgehalten, sich nun zum neuen Anfall anschickte, abdrckte,
streckte er diesen, an der Schulter verwundet, zur Erde nieder.
    Rettet Euch, Mylady! rief er im selben Augenblick, gegen Maria gewendet,
die, nunmehr Lord Richmond erkennend, eine Schwche und Betubung fhlte, die
sie willenlos und bebend ohne Bewegung auf ihrem Platze lie.
    Habt Vertrauen, mir zu folgen, fuhr er dringend fort, sanft ihr seine Hand
reichend; es ist Brixton, der mich sendet, den Ihr finden werdet. O, um Gottes
willen, vertraut mir! Er sah sie schmerzlich bewegt und angstvoll an, da hob sie
die Augen zu ihm auf, versuchte aufzustehn und schwankte. Doch er fate sie auf,
schnell gewann sie sich Kraft und reichte ihm die kalte, zitternde Hand. Indem
er sie gegen den Eingang hinzog, strzte sich der zweite Schiffer vor ihn hin,
nach Hilfe rufend und vergeblich von Lanci daran verhindert.
    Zurck! rief Richmond, indem er ihm das zweite Pistol vorhielt, oder theile
das Schicksal Deines Kameraden. Doch hinderte ihn an schneller Ausfhrung dieser
Drohung die Sorgfalt fr die zitternde Maria, und das Hilfegeschrei durchdrang
die Luft im Augenblick, als Richmond mit ihr ins Freie trat.
    Lanci, rief Richmond entschlossen und zog Maria nach dem Walde zu, Du
findest dort ein Pferd, welches Lady Maria Dir erlauben wird mit ihr zu theilen,
Du kennst den Dnenhort im Walde, links von der Strae. Vorlufig findest Du
dort Schutz, whrend ich hier ihre Verfolgung hindern werde, so lange wie
mglich. Triffst Du meinen Diener auf dem Wege, so la ihn zu mir eilen; Du aber
verfolge Deinen Weg, dessen er unkundig ist.
    In diesem Augenblick stie Maria einen Schmerzensschrei aus, denn die Hand,
die Richmond noch hielt, ward durch einen heftigen Schlag aus der seinigen
geworfen, und sie mit solcher Strke umfat und fortgetragen, da sie sich ohne
Widerstand darein fand. Die Dunkelheit hatte nachgelassen, und der Himmel
leuchtete mit groen weien Windwolken, so da Maria, die beim ersten
Hinaustreten aus der Htte, vom Feuer geblendet, das Nahen ihres Feindes nicht
bemerkt hatte, jetzt in ihm den Anfhrer erkannte, dem Pater Johannes sie
bergeben hatte. Aber ihr Auge durchdrang auch den nchsten Raum, und sie sah,
wie Richmond von zwei Mnnern gehalten ward, gegen deren Strke er vergeblich
ankmpfte.
    Jeder Augenblick entfhrte sie weiter von ihm, nach dem Strande hin, und der
Kummer, den sie fhlte, drohte sie zu tdten.
    Jetzt verschwanden in der dstern Nacht zu immer undeutlichen Umrissen die
Gestalten der Kmpfenden, und verzweifelnd rang sie mit ihrem Entfhrer. Da
hrte sie einen Schu und wenige Augenblicke darauf eine Stimme, die sie
angstvoll beim Namen rief und sich ihr zu nhern schien. Sie antwortete mit
einem lauten Hlferuf, ward aber im selben Augenblick von ihrem Trger mit den
wthendsten Flchen so unsanft in seinem Mantel fast erstickt, da ihr kaum
Athem zum Leben brig blieb.
    Dabei verdoppelte er seine Anstrengungen, und sie hrte nun ganz nah das
Gerusch der Wellen und fhlte durch ihre Umhllung den scharfen Seewind, so da
sie sich berzeugte, jetzt hinter den Dnen, dicht am Meere angekommen zu sein.
Auch mute ihr Fhrer sich sicherer fhlen, da er in seiner Eile nachlie, ja,
endlich sie niedersetzte und ihr zu gehen befahl.
    Lady Maria warf den erstickenden Mantel zurck, als sie Boden unter ihren
Fen fhlte, und rasch nach allen Seiten blickend, sah sie sich in einem
kleinen Versteck, den eine Spalte in den Dnen bildete, und vor sich das Meer
und das unruhig darauf tanzende Boot in kaum fnfzig Schritten Entfernung.
    Ich werde Euch nicht folgen, rief sie entschlossen, sich zu ihrem Fhrer
wendend, sondern jeden Widerstand leisten und, so nah der Hlfe, die mir Gott
sendete, nichts unversucht lassen, Eurer Willkr zu entkommen. Habt Ihr aber
Mitleiden mit dem Loose, welches man mir zugedacht, und wollt Ihr mir folgen und
mich zu meinen Beschtzern zurckkehren lassen, so sollt Ihr fordern drfen, und
kein Preis wird mir zu hoch scheinen.
    Was Ihr werth seid, wei ich schon, lachte der Fhrer, und hab's in der
Tasche. Dem Pater Johann zu dienen, wird mir wohl besser bekommen, als Euch zu
folgen, wo ich nicht Haus noch Hof fnde, oder erst kriegen mte, was ich hier
schon habe. Geht nur! Geht! An Euch ist nichts gelegen, und was den Widerstand
betrifft, den Ihr leisten wollt, da seht Euch vor, meine Vollmacht reicht weit.
- Er hielt ihr grinsend ein Pistol vor und fgte hinzu: Seht, so viel seid Ihr
werth, wenn Ihr Lust kriegt, zu schreien; ich steche dann in die See, und Euch
suchen die Raben! Dabei pfiff er leise nach dem Boote zu, was sogleich
beantwortet ward.
    Nun, rief Maria, so sei mir Gott gndig! Ist der Tod mein Loos, habe ich
mich um so weniger zu scheuen, und ergeben will ich mich nicht und frchte Euer
Pistol nicht. Mit einer Schnelligkeit und Kraft, die nur der Ueberreizung ihres
ganzen Wesens mglich werden konnte, hatte sie sich ihrem Wchter entrissen, und
von der groen krperlichen Gewandtheit untersttzt, die ihre Erziehung ihr
gegeben hatte, erkletterte sie den steilen Abhang der Dnen und hatte im
Angesichte des berraschten Fhrers die Hhe fast erreicht, als das Pistol
knallte und sie getroffen in den Sand sank.
    Doch dieser Schu gab ihrem Retter die Richtung wieder, die er bei dem
Dunkel der Nacht verloren hatte. Lord Richmond und Lanci, welcher unablssig
seine Kraft zur Verstrkung des Ersteren anstrengte, erreichten die Hhe der
Dnen und strzten sich den steilen Abhang hinab, in dessen Grunde sie das Boot
erblickten, und am Rande des Meeres die dunkle Gestalt des Verfolgten, welcher,
Lady Maria auf seinen Armen tragend, in wilder Eile das Boot zu erreichen
strebte.
    Wthend strzte sich Richmond ihm entgegen. Ihn ergreifend, schlug er ihm
das nicht mehr geladene Pistol, das er noch in der Hand hielt, ins Gesicht und
ri ihm Lady Maria aus seinen Armen. Dem Schmerze, der schweren Last und der
vorangegangenen Anstrengung weichend, berlie er dem Lord fast ohne Gegenwehr
die jetzt werthlos gewordene Beute und trachtete nur das Boot zu erreichen, ehe
die Entdeckung des Vorgefallenen ihn der Rache preisgbe.
    Erschrocken ber den leblosen Zustand der Lady, die keine Frage
beantwortete, kein Zeichen der Selbsthlfe machte, wandte Lord Richmond auf den
Entfliehenden keine Aufmerksamkeit und eilte den Weg zurckzunehmen, den er
gekommen, als sich abermals die Scene nderte und ein neuer Gegenstand sich ihm
entgegen setzte.
    Pater Johann hatte den Schauplatz erreicht, und von demselben Schu, der
Richmond leitete, hierher gezogen, erkannte und berschaute sein Falkenauge
augenblicklich die Lage der Dinge. Whrend er brllend den fliehenden Schiffer
zurck rief, lief er gegen den Lord an, und Beide erkannten sich nun sogleich
als die Tischgefhrten des verflossenen Tages. Halt, mein Herr, rief der Pater,
den Arm des Lords ergreifend, unsere Freundschaft von gestern Mittag ist wohl
nicht ausreichend, Euch eine Einmischung in meine Angelegenheiten zu gestatten;
darum geht, wohin Ihr wollt, und bald, rathe ich Euch. - Diese Dame aber bleibt
bei mir, sie ist mir anvertraut.
    Da sei Gott vor, rief Richmond, ehrloser Pfaffe, da sie Dir berlassen
bliebe. Der letzte Blutstropfen in mir wird sie noch gegen Dich vertheidigen.
Und ohne ihn weiter zu beachten, eilte er, so schnell es ihm der immer schwerer
werdende Krper der Lady erlaubte, der eben verlassenen Gegend zu, da die bangen
Ahnungen, die in ihm ber den Zustand seines Schtzlings aufstiegen, vor allen
Dingen es ihm wichtig machten, Menschen und Hlfe fr sie zu erreichen.
    Doch war Pater Johann kein so schnell zu besiegender Feind, und Richmond war
kaum einige Schritte vorgedrungen, als Lanci aufseufzte, denn er hrte das
kleine Hrnchen blasen, welches der Pater stets auf seiner Brust trug, und
welches den ihm untergebenen Httenbewohnern ein unberhrbares Zeichen war,
sich seinem Schalle nach zu sammeln.
    Der Sturm hatte die Mehrzahl zu Hause gehalten oder in der Nhe der Htten
beschftigt; doch aufmerksam gemacht durch die gefallenen Schsse und das
wiederholte Hlferufen, hatten sie sich schon in der Stille gesammelt, ihre
Neugierde zu befriedigen. Der Ton des wohlbekannten Horns berzeugte sie nun,
da ihr mchtiger Zwingherr, in dessen Hnde ihr bescheidenes Loos gelegt war,
ihrer Hlfe bedrfe, und in grter Schnelligkeit drangen von allen Seiten jetzt
schwarze Schatten heran, die sich durch Anrufen kund gaben, whrend Andere, von
Weibern und Kindern geschftig begleitet, nach den Htten liefen, um Kienfackeln
anzuznden, welche dort fr den Gebrauch der Fischer bereit lagen.
    Richmond bersah die Gefahr seiner Lage sehr wohl, und die Ahnung, ihr
unterliegen zu mssen, wenn ihm keine wirksamere Hlfe wrde, als Lanci's
schwacher Arm, mischte in das Gefhl des Muthes und der Entschlossenheit, das
ihn beseelte, jenen bittern Tropfen der Verzweiflung, der die Krfte steigert,
aber die Besonnenheit unterjocht.
    Er fate krampfhaft den bewegungslos bleibenden Krper der Lady in seinen
linken Arm, und seinen Degen in der Rechten, schickte er sich an, die Gruppe der
Mnner zu durchbrechen.
    Doch es war ein Leichtes, ihn, der nur einen Arm zur Vertheidigung behielt,
durch zehn starke Arme, die auf Pater Johannes Befehl auf ihn eindrangen, zu
entwaffnen, und er fhlte sich bermannt und seines Schwertes beraubt, binnen
weniger Augenblicke.
    Hoch auf schumte sein Blut bei dem Gedanken dieser Gewaltthat, und das
Schicksal, welches nun Lady Maria bevorstand, steigerte seine Krfte bis zum
Uebermenschlichen. Er ri sich noch ein Mal los und schlang beide Arme so fest
um den leblosen Krper, den er trug, da er den Bemhungen trotzte, sie zu
trennen.
    Da durchdrang pltzlich eine helle Stimme das dumpfe Gemurmel der Wuth, und
Lanci erkannte Margarith, welche laut rufend herbei lief und unablssig ein Wort
ausstie, das pltzlich die geschftigen Hnde von Richmond abzog und den
ungleichen Kampf unterbrach.
    Die Miliz! Die Miliz aus Dunferling! Rette sich, wer kann! schrie das brave
Mdchen, athemlos neben Richmond niederstrzend, der bei der augenblicklichen
Stille sogleich das Pferdegetrappel erkannte, welches ihm Rettung verhie.
    Ha! rief Pater Johann, wie ein gereizter Tiger vorspringend, wer that mir
das? Woher kommt diese Gaunerbande und so schnell herbei? Die Fackeln, die, zu
andern Zwecken herbeigeschafft, jetzt aus den Htten ihr blutrothes Licht
nherten, beleuchteten die wilden Zge des Verrath ahnenden Priesters, dessen
racheglhender Blick wie ein Pfeil hervorscho.
    Sorgfltig sich noch immer schtzend, aber freier in der Hoffnung der
Rettung, streckte Richmond den Nahenden den verhllten Arm entgegen.
    Wahret Euch! rief er, so laut er vermochte, Euer Stunde hat geschlagen, der
Tod der Herzogin von Sommerset ist bekannt, die Milizen nahen, Euch und das
Schlo im Namen des Knigs in Beschlag zu nehmen.
    Alle wichen entsetzt bei dieser lauten Rede zurck.
    Pater Johannes warf einen Blick umher, in welchem er mit Wuth und Entsetzen
zu fragen schien, ob der Augenblick gekommen, der seiner hier so lang gebten
Macht Grenzen setzte. Er fand auf allen den rauhen Gesichtern, die, von den
Fackeln erhellt, ihn anglotzten, nur den Ausdruck der scheuen Furcht, welche die
achtbare und strenge Miliz von Dunferling sich erworben hatte, verbunden mit der
dumpfen Vorstellung von der unbestreitbaren Macht des kniglichen Namens.
    Pater Johann hatte mit einem Blick die Wahrheit erkannt; er durfte auf ihren
Beistand nicht mehr rechnen, aber sein zweiter Gedanke, welch' eine Hlle ward
er ihm jetzt! Die Rckkehr zum Schlosse gewhrte ihm keine Sicherheit mehr; das
Boot, die brllende See, auf deren unsichere Wellen er vor wenigen Augenblicken
das unschuldige Opfer seiner beleidigten Eitelkeit schonungslos hinaus zu stoen
dachte, blieb jetzt seine zweifelhafte Zuflucht, wenn er es erreichen knnte,
ehe die dem Fackelschein zueilenden Milizen ihn daran verhinderten. Aber mit der
Ueberzeugung, da sein Schicksal nun entschieden sei, scho die wilde Glut der
Wuth und Rache so gewaltsam in ihm auf, da er, anstatt zu fliehen, wie ein
Wthender sich auf Richmond strzte.
    Mu ich weichen, brllte er mit grlichem Geheul, so soll es Euch
wenigstens nichts helfen; Du widerspenstiges Weib sollst untergehn! Mit diesen
Worten zog er einen langen blitzenden Dolch aus seinem Busen, um ihn der von
ihrem Schleier berdeckten Maria in die Brust zu stoen. Doch Richmond, stets
ihn beobachtend, lie sie aus seinem Arm zur Erde sinken und unterlief den
Pater, waffenlos, nur von seinem Mantel geschtzt.
    Die Miliz, die Miliz! riefen jetzt mehrere Stimmen.
    Die Gefahr war nahe, keine Zeit zu verlieren. Wthend stie der Pater die
Menge zurck und floh dem Strande zu, in der Dunkelheit bald dem Auge
entschwindend.
    Richmond dachte nicht daran, ihn zu verfolgen. Rasch kehrte er zu dem Kreise
zurck, der, von den Fackeln erhellt, ihm die Lady am Boden liegend zeigte,
Margarith und Lanci neben ihr knieend.
    Ein lauter Schrei Margariths, die so eben den Schleier gelftet, richtete
Aller Blicke dahin.
    Sie ist todt! schrie diese krampfhaft auf, sie schwimmt im Blute, er hat sie
doch getroffen!
    Unmglich! rief Richmond, nher fliegend. Aber wie htte der noch zweifeln
drfen, welcher die schne Leiche sah, berschttet von ihrem Blute, mit dem
blauen Schein des Todes auf Mund und Wangen.
    Richmond stand starr und betubt, sein mnnliches Herz kmpfte gegen ein
bisher ungekanntes Gefhl, das ihn zu ersticken drohte. Er hrte nicht, was um
ihn geschah; alle Krfte seiner Seele schienen in dem einen Bewutsein
untergegangen, da sie todt sei. Erst als einige Personen sich anschickten, die
Todte zu berhren, erwachte er aus seiner Betubung.
    Rhrt sie nicht an! schrie er heftig auf, den Personen sich zur Abwehr
entgegen strzend, die bisher, von ihm unbemerkt, sich genhert hatten, Keiner
darf sie berhren, Keiner!
    Er blieb wieder stehn und betrachtete sie, und der Ausdruck seiner Zge
vernderte sich von Minute zu Minute, als ob Jahre an ihm vorberzgen, die
Blthen der Jugend von seinen Wangen raubend.
    Da erhob sich seufzend eine knieende mnnliche Gestalt an ihrem Haupte, und
sich zu Richmond wendend, sagte Brixton tief bewegt:
    Ich halte sie nicht fr todt, aber ihren Tod fr gewi, wenn sie hier ohne
Hlfe bleiben mu.
    Ich bitte Euch, Sir, sprach der Anfhrer der Milizen, Oberst Crawford,
erlaubt, da wir die Verwundete nach dem Schlosse bringen, was bereits von
meinen Leuten besetzt ist und ganz zu Ihrer Verfgung steht; wir werden dort der
Kranken allen Beistand leisten knnen und gewi in den Htten hier Matten
finden, von denen eine Bahre zu machen wre.
    Ich danke Euch, Herr Oberst erwiederte Brixton, Ihr gewhrt mir mit dieser
Nachricht groen Trost; ich wute nicht, da Ihr so schnell Euer Recht
wahrgenommen hattet.
    Meinen Leuten Eingang zu verschaffen, sprach der Oberst, hat leider meine
Ankunft hier versptet und, wie ich frchte, mehr Unheil zugelassen, als mit der
Besitznahme des Schlosses gut gemacht werden kann; doch lasset uns keine
Sorgfalt sparen.
    Er gab sogleich seinen Leuten die nthigen Befehle zur Besorgung einer Bahre
und eilte selbst, durch seine Gegenwart die Eile zu beflgeln.
    Richmond hatte sich indessen erholt; die Mglichkeit, ihr Leben noch zu
erhalten, hatte ihn zu sich selbst gebracht. Sein Gefhl schnell mit der alten
Kraft beherrschend, gewann er nun Thtigkeit und Aufmerksamkeit fr das, was
Noth that.
    Er untersttzte Brixton in seiner Bemhung, die Lady in eine sitzende
Stellung zu bringen, und eilte alsdann, die Anordnungen des Obersten zu
untersttzen, durch welche auch bald eine vortreffliche Bahre von weichen
Matten, an Stangen gebunden, herbei geschafft ward, worauf man, mit Brixtons und
Margariths Hlfe, den leblosen Krper legte, der nun, durch vier Milizen
getragen, langsamen Schrittes nach dem Schlosse gebracht ward.
    Welch' eine Vernderung war im Verlauf weniger Stunden hier eingetreten.
    Die Thore, die, sonst streng verschlossen, Keinem den Eingang verstatteten,
der nicht vorher schon erwartet ward oder eine Beglaubigung brachte, wie sie der
Lady Howard oder dem Pater Johann gengte, standen weit geffnet; im
Thorwart-Huschen sa der alte Hter neben einem Miliz-Soldaten und blickte auf
die geffneten Thore, als necke ihn ein Traum mit versumter Dienstpflicht.
    Der Zug ging, ohne ihm Rede stehen zu mssen, an ihm vorber, die Brcke
entlang ber den weiten Hof und verschwand endlich in der Halle des Schlosses.
    Hier stand der neue Kastellan in unfreiwilliger Erwartung der Befehle, die
eine fremde, sonst so verachtete Autoritt ihm geben wrde, und wagte nicht die
bunte Menge zurck zu weisen, die sich dem Zuge nachdrngte, in doppelter
Neugierde, das unzugngliche Schlo, das wie ein bezauberter Schatz zu den
unerhrtesten Historien Anla gegeben, in Augenschein zu nehmen und zu erfahren,
ob der gefrchtete Pater Johann das schne Mdchen wirklich erstochen habe.
    Lngst hatte Richmond hierber Brixton seine Meinung mitgetheilt; Beide
hielten diese Verwundung fr unmglich.
    Richmond kam der Wahrheit nher, indem er den Schiffer, dem er sie am
Strande abgenommen, fr ihren Mrder hielt; auch hatte Oberst Crawford bereits
Befehl gegeben, die Flchtigen zu verfolgen und das Abgehen des Bootes zu
verhindern, was durch den mit neuer Wuth sich erhebenden Sturm wahrscheinlich
auch auerdem unmglich geworden war.
    Als sie in der Halle angekommen waren, entstand die Frage, wohin man das
Frulein bringen sollte. Margarith trat sogleich dazwischen und empfahl die
Zimmer des Erdgeschosses, die uns bereits bekannt sind und von Maria, auf
Veranlassung des wohlmeinenden Pater Clemens, bei ihrer Ankunft bewohnt worden
waren.
    Der Kastellan eilte daher, von mehreren Dienern, die Lichter trugen,
begleitet, voran, und bald zog der blutige, entstellte Krper derjenigen in
diese Rume ein, welche sie einst glnzend und in aller Flle jugendlicher
Schnheit und Gesundheit betreten hatte.
    Eine zweite schwierige Frage war die nach rztlicher Hlfe; denn der Arzt,
nach welchem Richmond mit Erlaubni des Obersten einen reitenden Boten gesendet,
war nicht vor Tage zu erwarten und bei dem starken Blutverluste schnelle Hlfe
dringend nthig.
    Margarith, welche in ununterbrochener Aufmerksamkeit ihrer geliebten Lady
zur Seite blieb, wute auch hier Auskunft zu geben.
    Sie bat Lord Richmond, die Schwester Electa von dem Kastellan herbei fhren
und ihr wissen zu lassen, da eine tdtlich Verwundete ihrer Hlfe bedrfe. Sie
versicherte zugleich, da diese fromme Schwester stets, in Abwesenheit des Pater
Johann, die Kranken des Schlosses besorgt, und groe Kenntnisse von schweren
Verwundungen und deren Behandlung habe.
    Diese Nachricht, die viel Glaubhaftes hatte, da sie mit dem wohlbekannten
Gebrauch in Husern der Art bereinstimmte, wie man hier vorgefunden zu haben
nicht mehr bezweifeln konnte, erregte eine neue Hoffnung fr die bekmmerten
Freunde der Lady, und als sich nach einiger Zeit die Thr ffnete und Electa,
von zwei Frauen begleitet, welche verschiedene Spezereien trugen, eintrat, eilte
ihr Richmond mit einer Lebhaftigkeit entgegen, vor der das schchterne Wesen
fast entsetzt zurckbebte.
    O, frchtet keine Beleidigung, fromme Frau, fgte er schnell hinzu mit dem
herzgewinnenden Tone, der ihm so eigen war. Ihr findet hier hchst bekmmerte
Freunde, die von Eurer Hlfe Trost und Hoffnung erwarten, wenn nicht den
Ausspruch, da Alles verloren sei.
    Schwester Electa antwortete nicht, angstvoll strebte sie nur, sich den
Blicken so vieler Mnner zu entziehen, und wagte nicht den Fu vorwrts zu
setzen, nicht sich zu bewegen, noch zu fragen, wer ihrer Hlfe bedurfte.
    Da schlpfte Margarith um Richmond herum und rief, an Electa's Kleid
zupfend:
    O eilt, eilt, Schwester Electa! Eure Hlfe ist nthig, es ist Lady Maria,
die Pater Johannes erstochen hat.
    Mit einem matten Tone des Entsetzens fuhr die bebende Gestalt empor, aber
damit schien auch alle Scheu von ihr genommen. Sie schaute angstvoll auf und
glitt nun rasch, hinter Margarith her, nach der Bahre hin, die noch in der Mitte
des Zimmers stand.
    Einen Augenblick kniete sie nieder und starrte mit dem tiefsten Schmerze in
die Zge der Lady, whrend sie krampfhaft ihre Hnde rang; dann stand sie auf,
und indem sie gesenkten Blickes vor Lord Richmond trat, sprach sie leise:
    Ich mu allein sein. Entfernt Eure Gefhrten! Augenblicklich befolgte
Richmond ihr Begehr, und bald sah sich Electa, blos von Frauen umgeben, mit der
Hlfsbedrftigen allein.
    Ihre ganze besonnene Thtigkeit trat sogleich auf das Vortheilhafteste
hervor. Whrend sie eine der Frauen entsendete, ein Kruterbad zu besorgen,
mute die andere gegen den Kamin, dessen helles Feuer alsbald entzndet war, das
feine Leinen zum Umkleiden, die Kompressen und Binden des chirurgischen Apparats
ausbreiten, und mit feinen Essenzen durchruchern; whrend sie selbst mit
Margariths Hlfe die in Blut getrnkten Kleider der Verwundeten ablste, um erst
zu entdecken, wo die Ursache dieses Zustandes zu finden sei.
    Brust und Schultern zeigten sich gesund, und bald entdeckte sich ber der
linken Hfte die von der Kugel zerrissene Stelle, die eine Ader oder sonst ein
bedeutendes Blutgef gefat, und den heftigen Blutverlust veranlat haben
mute, dessen Folgen noch nicht zu bestimmen waren.
    Unablssig weinend, rief Margarith bei jeder Bewegung Electa's:
    Sagt, ist sie todt, wird sie sterben? Lebt sie nicht wieder auf?
    Electa war vertieft in ihre Untersuchungen, und da sie die Kugel am
Hftknochen sitzend fand, eilte sie zu ihrer Instrumententasche und schickte
sich an, mit sicherer Hand den tieferen Einschnitt zu machen, nach welchem die
Kugel augenblicklich zur Erde rollte.
    Ein Schrei der Freude drang aus Margariths Munde, whrend sie ihre Fragen
nach Leben oder Tod mit verdoppelter Ungeduld wiederholte.
    An dieser Wunde stirbt sie nicht, sprach Electa, jetzt zum ersten Male die
Lippen ffnend; aber was der Blutverlust bereits gethan, ist nicht zu bestimmen.
Sie legte jetzt einen vorlufigen Verband um die Wunde und brachte den starren
Krper in das duftende, strkende Bad, dessen gelinde Wrme die Klte und
Starrheit des Todes zu lsen schien. Auf das Sorgsamste legte alsdann Electa den
zweiten Verband an, und lie sie in die mitgebrachte erwrmte und von geistigen
Wssern belebte Wsche hllen, und nach ihrem Schlafzimmer tragen, dessen Luft,
wie das Lager selbst, Leben krftigende Dfte und sanfte Wrme zu athmen schien.
    Noch hatte kein Zeichen des Lebens diese verstndigen und sorgfltigen
Bemhungen gelohnt, und jetzt erst begannen Electa's Versuche, ihren
geschlossenen Lippen einige Tropfen zur innern Belebung einzuflen. Schlfe,
Pulse und Wangen wurden dabei sanft mit geistigen Wassern gerieben, und der
Mund, welcher jetzt, geffnet, grere Portionen einflen lie, gab nicht mehr
willenlos zurck, was er empfangen.
    Electa konnte nicht umhin, durch ein Zeichen diese Vernderung kund zu thun,
bald zeigte sich auch ein leises Rcheln, ein Kampf des schwachen Athems mit der
uern Luft, ein Hhersteigen der Brust, ein leises Zucken, ein Seufzer, eine
matte Bewegung, endlich ein pltzliches Aufschlagen der groen Augen.
    Electa's strafender Blick hielt Margariths Freudengeschrei zurck; denn
Besinnung war der Erschpften noch nicht wiedergekehrt, und leise fuhr Electa
fort, den jetzt wieder bewegbaren Lippen ihre strkenden Tropfen einzuflen.
    Margariths volles Herz trieb sie aber leichten Schrittes aus dem Zimmer, und
nun strzte sie von Freude gejagt durch die Nebengemcher, die Frauen fast
berrennend, die das Vorzimmer aufrumten, und so laut Lord Richmond rufend,
da, als sie die Halle erreicht, er ihr schon entgegenstrzte, in namenlosem
Gefhle der Angst.
    Sie lebt! rief sie, ihm in die Arme fliegend, eben hat sie die Augen
geffnet!
    Tief erschttert drckte er das treue Mdchen die so bald mit weiblicher
Feinheit ihn errathen hatte, so unschuldig ihm ihre Entdeckung verrieth, an
seine Brust und setzte sie dann sanft zur Erde, zu Brixton eilend, der in banger
Qual, zum Tode erschpft, ihm entgegen harrte.
    Eine dankbare Rhrung verbreitete sich bei der glcklichen Botschaft auf
allen Gesichtern, und Margarith weinte in Lancis Armen, von seinen eigenen
Thrnen begleitet, die Bewegung aus, die seit den letzten Stunden das arme
Mdchen erschttert hatte.
    Da trotz der Erschpfung, die Brixton fhlte, eine eigentliche Ruhe fr den
Rest der Nacht ihm undenkbar schien, entschied man sich, nach dem Vorzimmer
zurck zu kehren, das an das Zimmer Maria's stie. Bald waren hier einige
Matratzen gegen die angenehme Glut des Kamins gelegt, und Brixton willigte ein,
so ruhend, sich einige Erholung zu gnnen, whrend Richmond und Oberst Crawford,
in Sesseln sitzend, durch Unterhaltung die Stunden bis zum Morgen zubringen
wollten, und Margarith theils die Botin fr die Nachrichten aus dem
Krankenzimmer machte, theils mit Lanci in einem Eckchen die reichen
Begebenheiten ihrer letzten Vergangenheit durchsprach.
    Schon seit langer Zeit, Mylord, erwiederte Oberst Crawford eine Frage
Richmonds, war unsere Aufmerksamkeit auf den geheimnivollen Inhalt dieses
Schlosses gerichtet. Es stand meinen Vorgngern ein Recht zu, hier in beliebiger
Frist einzukehren und sich der wirklichen Gegenwart dieser Verwiesenen zu
versichern. Eine lange Reihe von Jahren hatte indessen sowol ihre Verbrechen,
als ihre Personen zu der Gleichgltigkeit herabgesetzt, die ihnen eine Art von
Freiheit zurck gab. An ihre Entweichung war um so weniger zu denken, da ihnen
in ihrem Eigenthume Reichthum genug geblieben war, um ein bequemes Leben zu
fhren, und die Krnklichkeit Beider, die allgemein bekannte Geisteszerrttung
des Lords einen solchen Schritt nicht wahrscheinlich machte.
    So hatte man nach gerade Besuche unterlassen, die immer etwas Gehssiges
behielten, ungern empfangen, mit widrigen Eindrcken fr den Besucher endigten
und in allen Beziehungen zwecklos waren. Dagegen blieb unsere Aufmerksamkeit
stets rege in Bezug auf diesen Theil des Kstenstrichs, weil hier der
Schleichhandel mit einer Unverschmtheit getrieben ward, die sehr nah an
seeruberische Ueberflle streifte und doch von einem Rckhalte gedeckt war, der
unsere Aufmerksamkeit endlich auf das Schlo richtete und den Lord Devenant, der
vor mir hier befehligte, zu dem Entschlu brachte, das fast verjhrte Recht
wieder in Anwendung zu bringen und seinen Besuch im Schlosse mit einer
Untersuchung der Seite, die nach der See zu geht, zu verbinden. Ich bergehe die
zahllosen Schwierigkeiten, die ihm entgegengesetzt wurden, und die, wenn sie
auch seinen Verdacht vermehrten, ihn dennoch zu keiner Entdeckung kommen lieen.
    Er berichtete darber nach London, ehe jedoch die Antwort fr ihn eintraf,
wurde ihm eine indessen ausgewirkte Erlaubni des Knigs prsentirt, welche jede
Beunruhigung des Schlosses bei Lebzeiten der Herzogin von Sommerset verbot, die
man offenbar als tdtlich leidend dargestellt hatte.
    Indessen hatte der Bericht des Lord Devenant doch zur Folge gehabt, da mir
nach seiner Abberufung der Befehl ward, das Schlo aus der Ferne streng zu
beobachten, besonders die Verbindung, die es mit der Umgegend unterhielte, und
genau den Augenblick wahrzunehmen, wo die Lady mit Tode abgehen wrde, wonach
der Knig, dem die Besitzungen als Lehnsherrn zufallen, berechtigt wre,
sogleich davon Besitz zu nehmen, und dies, unter Vorzeigung der mir dazu
behndigten Vollmacht, augenblicklich ins Werk zu setzen, um wo mglich zu
entdecken, ob der Argwohn, den die Bestimmung des Schlosses erregt, wirklich
begrndet sei. -
    Wir drfen nicht lugnen, Sir, sprach Richmond, da, wenn wir auch nicht
alles Unglck haben verhten knnen, wir doch einer glcklichen Kombination von
Zuflligkeiten unsere gemeinschaftliche Wirksamkeit verdanken.
    Es ist mir nicht vergnnt, die Verhltnisse der Dame, zu deren Rettung ich
dem ehrwrdigen Herrn hier meine Hlfe lieh, ganz klar zu bersehn, und der
Grund, warum man sie hierher fhrte, bleibt mir deshalb gleichfalls dunkel.
Jedenfalls jedoch haben wir ihre Entfhrung verhindert, welche, zur Nachtzeit
und bei so heftigem Sturme unternommen, entweder das Interesse zeigt, das man an
ihren Besitz knpfte, oder bei der Gefahr, der man sie rcksichtslos aussetzt,
auch die emprende Absicht verrathen kann, sie lieber aufzuopfern, als in ihre
frheren Verhltnisse zurckkehren zu sehn. -
    Und glaubt Ihr, Mylord, fragte der Oberst, da man die Nhe ihrer Freunde
ahnete, da Eure Absicht, sie hier aufzusuchen, errathen war?
    Ich darf daran nicht zweifeln, erwiederte Richmond; langsamer, als ich
gewnscht, ist unsere Reise von London hierher vor sich gegangen; sie mehr zu
beeilen, wre mit Gefahr fr das Alter und die Gesundheit des ehrwrdigen Herrn
verbunden gewesen, dem ich wiederum eben so wenig voraneilen durfte, da ich
seiner vollstndigen Kenntni des Schicksals der Lady in jedem Augenblick
bedrfen konnte und auch zweifeln mute, ob die junge, oft schon bitter
getuschte Dame mir ohne den Schutz ihres anerkannten Freundes folgen wrde.
    Meinen Entschlu, ber Dunferling zu gehen, wo, wie ich aus Lanci's
Erzhlung wute, die einzige bewaffnete Macht vorhanden war, die wir zu Hlfe
rufen konnten, wenn der Weg heimlicher Unterhandlung, die uns von einem
wohlmeinenden Unbekannten empfohlen ward, nicht zum Zwecke fhren sollte, mu
ich jetzt als ein groes Glck ansehn, obwol er durch die nothwendige
Verzgerung, die er mit sich fhrte, unser Zusammentreffen mit dem Pater
Johannes herbei fhrte, welchem unsere Absicht zu verbergen, ich gleich fr eine
Unmglichkeit hielt und daher den Entschlu fate, durch eine schnelle
Ausfhrung, wo mglich, seinen Einwirkungen zuvor zu kommen und die Hilfe eines
Ehrenmannes in Anspruch zu nehmen; welches Vorhaben dann durch die Ehre meiner
Bekanntschaft mit Euch so sehr begnstigt ward.
    Der Oberst verneigte sich. Richmond fuhr fort:
    Lanci vorlufig blos durch meinen persnlichen Beistand zu untersttzen,
trieb mich die Ahnung einer nahen Gefahr. Wenige Stunden nach Ankunft des Pater
Johann, und nachdem ich ihn ber mein Verbleiben getuscht hatte, eilte ich ohne
alle Begleitung fort, dem Master Brixton die Bitte zurcklassend, ferneren
Bescheid abzuwarten, und hoffend, durch die Gegenwart desselben und meiner Leute
den Pater Johann ber meine Entfernung zu tuschen. Auch war damals meine
Absicht, den Anspruch an Eure Hilfe nur fr Deckung unserer Flucht geltend zu
machen, welche ich, ungewi ber die Mittel, die dem Pater Johann zu Gebote
standen, um des Fruleins willen keiner Gefahr aussetzen durfte. Da der Weg
jedem Kinde bekannt ist und bei Erreichung der ersten Anhhe nach Lanci's
Beschreibung leicht zu finden war, und endlich auch zu Anfang des Waldes ein
glckliches Zusammentreffen mit einem Jgerburschen mich begnstigte, so
erreichte ich die Wohnung des alten Wildmeisters, wohin mich Lanci verwiesen,
von wo aus er selbst alles Weitere zu unternehmen dachte, und wo sich die
bequemsten Verstecke vorfanden. Ueberdies war es mir klar geworden, welch
unbedingtes Vertrauen in den Alten gesetzt werden konnte.
    Da ich erst am Abend meine Wanderung angetreten hatte, so war es bereits
Nacht, als wir die Wohnung des Wildmeisters erreichten, und als mich Lanci
empfangen und mit dem Alten bekannt gemacht hatte, hrte ich den wenige Tage
vorher erfolgten Tod des alten Kastellans, an den wir von unserem unbekannten
Freunde hauptschlich empfohlen waren, und durch dessen Mitwirkung mir die Sache
allein ausfhrbar schien.
    Von diesem Augenblick an gab ich die Hoffnung einer heimlichen Entfhrung
auf und war entschlossen, mich am andern Tage in Begleitung Brixtons, den ich
erwarten durfte, und dessen Gegenwart jeden Argwohn fern halten mute, nach dem
Schlosse zu begeben, Einla zu begehren und das widerrechtlich gefangen
gehaltene Frulein zurck zu fordern.
    Als ich jedoch meine Absicht mittheilte, mute ich entschiedenen Widerspruch
erleiden. Lanci warf sich mir fast zu Fen und berief sich auf seine
bestimmten, dem zuwiderlaufenden Befehle, mit einer seltsamen Mischung
kindischer Furcht vor dem Zorn desjenigen, der ihn ausgesendet, und einer groen
Festigkeit, die sein Alter zu berschreiten schien, in Verschweigung des Namens,
den ich ihm nochmals abforderte.
    Der alte Wildmeister, dessen schweigsame Wrde mich sehr anzog, schlug sich
endlich, von mir zur Erklrung aufgefordert, auf Lanci's Seite; er sagte, mit
dem Finger auf den Brief zeigend, den Lanci an den alten Kastellan berbringen
sollte:
    Lanci nennt zwar auch mir nicht den Namen dessen, der ihn gesendet; aber ich
kenne die Handschrift, und der dies schrieb, wute Zeitlebens mehr, als andere
Menschenkinder, und man hat gut gethan, sich genau nach seinen Vorschriften zu
richten.
    So willigte ich endlich ein, den Besuch des Wildmeisters auf dem Schlosse,
wobei er Lanci mitzunehmen versprach, abzuwarten, da dem Frulein eine Andeutung
der Versuche, die zu ihrer Rettung gemacht wurden, zu wnschen war, auch mit
Margariths Hilfe sich vielleicht ein Mittel erdenken lie, die Flucht heimlich
einzuleiten, wogegen ich nichts einzuwenden hatte, da Master Brixton dies stets
vorzuziehen schien.
    Wir alle krzten die Zeit der Nachtruhe ab, und der Wildmeister entfernte
sich, beladen mit dem Wildvorrath fr das Schlo, worunter er Lanci als Trger
zu verbergen hoffte.
    Der tdtlichen Spannung, worein Unthtigkeit vor einer wichtigen Katastrophe
den Geist versetzt, zu entgehn, verlie ich die Wohnung bald nach meinem Wirthe
und suchte das Schlo auf, das so wunderbar verborgen, und gleichwohl eine so
khne und sichere Position gefat hlt. Vergeblich suchte ich von Auen eine
Mglichkeit zu ersphen, die unserm Unternehmen gnstig werden knnte.
    Der Sturm hatte vom Morgen an mit wthender Heftigkeit getobt, die kleinen,
elenden Htten, welche zerstreut hinter den Dnen am Strande lagen, gewhrten
ein trostloses Bild von Armuth und Elend, und whrend ich an ihnen hinstrich,
sah ich, wie die Fischer aus der See zurckkehrten, und als ich mich unter sie
mischte, hrte ich, da der Sturm zu heftig sei, um sich hinaus zu wagen.
    Um so mehr fiel es mir auf, da nach Verlauf von etwa einer Stunde einer der
Schiffer ein Boot losmachte und trotz des zunehmenden Sturmes in See ging. Ich
redete den Trupp der zurckbleibenden Schiffer an, die ihn mit Theilnahme auf
der See verfolgten, und seine Gefahr oder seine Geschicklichkeit mit einzelnen
Ausrufungen begleiteten, und fragte sie nach der Ursache dieses Wagnisses.
    Meine ganze Gegenwart schien unangenehm oder verdchtig. Sie wichen meinen
Fragen aus, und nur als ich endlich das Unternehmen als thricht tadelte, fuhr
mich ein alter Fischer ziemlich unsanft an, indem er ausrief:
    Er mu wohl fort, der arme Junge, es ist Befehl gekommen, den Kstenschiffer
mit seinem Fahrzeug zu holen.
    Vom Schlosse? fragte ich pltzlich von der Wahrheit ergriffen; also ist
Pater Johannes schon zurck?
    Ja, sagte ein Anderer, gewi, denn wer sollte sonst ein solch Wagstck
befehlen, wem sonst wrde der Kstenschiffer gehorchen?
    Ich war von dem Augenblick an berzeugt, da man die Lady zur See entfhren
wollte, und eben diese Ueberzeugung, da unsere Hilfe, wenn nicht gleich, dann
vergebens kommen wrde, trieb mich vom Ufer zurck, nach der Wohnung des
Wildmeisters, den ich nun in der grten Unruhe erwartete.
    Muthlos sah ich ihn endlich nahen. Nach dem, was er auf dem Schlosse erlebt
und erfahren, hielt er Alles fr verloren, da Lanci entdeckt und gefangen war,
die Lady am Morgen im Wahnsinne ihren Wchtern entsprungen, und eben die Treppe,
auf der sie ihren Gemahl vor Jahren todt gefunden, und auf der sie ihn bestndig
in ihrem Wahnsinn suchte, hinabgestrzt war und mit gebrochenem Genick ihren Tod
gefunden hatte, wodurch, seines Erachtens, die ganze Herrschaft an Pater Johann
berging und keine Gnade mehr zu hoffen schien.
    Von Euch, Herr Oberst, unterrichtet ber Eure Vollmachten in Bezug auf
diesen Tod, brauche ich Euch nicht zu sagen, da dies mir jetzt gerade die
grte Hoffnung fr uns alle gab. Doch berzeugt, wie sehr im Interesse des
Pater Johann es sein wrde, die Nachricht zu verheimlichen, beschwor ich den
alten Wildmeister, sich nach Dunferling zu begeben, Euch die wichtige Nachricht
von diesem Tode mitzutheilen und Euch um schnelle Hilfe zu bitten.
    Ich selbst aber kehrte nach der Kste zurck, Alles anzuwenden entschlossen,
um eine Entfhrung der Lady, wenn man sie noch beabsichtigen sollte, zu
verhindern. Hierzu blieb mir allerdings kein anderes Mittel, als meine Pistolen
und mein Degen; denn da ich Eure Ankunft fr wichtiger hielt, als die des Master
Brixton und meiner Leute, so sollte der Wildmeister erst auf der Rckkehr nach
dem Stdtchen gehn, um ihre Ankunft zu veranlassen.
    Ich hielt mich jedoch am Strande verborgen, um den Verdacht der Schiffer
nicht aufs Neue zu reizen, und sah bald das Kstenboot vor Anker liegen, das zu
einer lngeren Fahrt gerstet zu werden schien. -
    Die Unterredung der beiden Mnner ward hier durch eine Meldung unterbrochen,
die ein Unter-Lieutenant der Milizen dem Obersten machen wollte.
    Der Oberst beurlaubte sich von Lord Richmond und unterredete sich eine
Zeitlang mit dem Offizier, dann verabschiedete er ihn und kehrte wieder ins
Zimmer zurck.
    Das Richteramt, Mylord, ist vollstreckt ohne menschliche Zuthat. Eine
furchtbare und erschtternde Fgung hat das, was Pater Johannes zum Untergang
der unglcklichen jungen Dame bestimmte, zu seinem eigenen herbei fhren lassen.
    Wie, Sir! rief Richmond aufspringend, wie meint Ihr dies?
    Der anbrechende Tag, erwiederte der Oberst, hat die zerschellten Leichname
des Pater Johann und des Kstenschiffers an den Strand getrieben, whrend das
Wrack des Schiffes auf der hohen See seinem Untergange entgegen treibt.
    Es entstand eine augenblickliche Pause unter den beiden Mnnern, die dem
Gefhl der Ehrfurcht Raum gab, welches den Menschen ergreift vor dem mchtigen
Einschreiten einer gttlichen Gerechtigkeit, das die Kombinationen des
Menschengeistes berbietet und seine Absichten durchschneidet.
    Es ist ein gerecht Gericht gehalten, Sir, hob Richmond nach einer kleinen
Pause an. Der bse Mensch bersieht in dem hochmthigen Dnkel, womit er die
Mittel zu seinen Zwecken herbeifhrt, da er selbst die Gewalt entwickelt, die
in zerstrender Gegenwirkung sich auf ihn wlzen wird, da der Keim des
Untergangs nothwendig dem Unrecht inne wohnt und dieselben Mittel, die ihm
dienen sollten, ihn zerstren werden.
    Ich habe Befehl gegeben, ihre Krper zu beerdigen, begann endlich der Oberst
und beurlaube mich, meinen Bericht nach Hofe zu machen, da mir nhere Befehle
ber mein ferneres Verhalten fehlen.
    Bei dem Tode der beiden hauptschlich Betheiligten, versetzte Richmond, ist
allerdings zu erwarten, da man eine stille Beilegung der hier vorgefundenen
Anzeigen ber die Bestimmung des Schlosses vorziehen wird. Ich mu Euch noch
auerdem bitten, alle Andeutungen ber die Anwesenheit und Verhltnisse der Lady
Melville und unserer Gegenwart aus Euerm Berichte weg zu lassen, da dies aufs
Neue Verfolgungen veranlassen knnte, denen wir das Frulein zu entziehen
trachten mssen.
    Ich willige um so eher in Euern Wunsch, erwiederte der Oberst, als ich dies
als eine Privatsache ansehen mu, die zu meinen Dienstpflichten in keiner
Beziehung steht.
    Master Brixton hatte eine kurze Ruhe gefunden, und erblickte bei seinem
Erwachen seinen jungen Freund, der bereit war, ihm die trstlichen Nachrichten
zu wiederholen, welche Margarith von Zeit zu Zeit aus dem Krankenzimmer herber
brachte.
    Der Morgen war indessen vollends angebrochen, und die Mnner hielten eine
Berathung ber ihre nchsten Schritte.
    Eine sichere und jede Bequemlichkeit darbietende Zuflucht gewhrte ihnen das
Schlo, und dies war das augenblicklich nthigste Bedrfni fr Lady Maria.
    Ein kurzer Aufenthalt schien selbst dem Master Brixton nthig, da seine
Gesundheit offenbar gelitten hatte, und so entschlossen sie sich, den Obersten
Crawford, den sie offenbar vorlufig als ihren Wirth ansehen muten, um diese
Bewilligung zu bitten.
    Dagegen suchte Brixton es zu verhindern, da Richmond Nachrichten an seine
Familie sende, oder suchte doch sie zu verzgern, indem er ihn bat, den
Ausspruch Electas abzuwarten, wann ihre Abreise mglich sein werde.
    Richmond willigte um so lieber ein, als er eine Art Scheu fhlte, sich ber
das Frulein gegen seine Familie zu uern.
    Oberst Crawford kehrte unterde zu ihnen zurck, und nachdem er ihren Wunsch
auf das Zuvorkommendste bewilligt, folgten ihm die Herren, um das Schlo in
Augenschein zu nehmen, und fr sich und ihre Leute die Zimmer zu whlen. In
diese zogen sie sich dann zu einiger Ruhe zurck, whrend Oberst Crawford in
aller Stille die Ueberreste der Herzogin in den schon seit lange bereit
stehenden Sarg legen und in das Erbbegrbni neben ihrem Gemahle beisetzen lie,
und damit das dritte Begrbni seit seinem kurzen Aufenthalt besorgte.
    Den Frauen des Schlosses machte er jeder einzeln in ihrem Zimmer einen
Besuch, und forderte sie auf, ihm ihre Verhltnisse zur Welt und zur
verstorbenen Herzogin zu entdecken.
    Er bekam hier genug Veranlassung, sich zu berzeugen, da die meist aus
Frankreich stammenden Frauen, welche hier der Herzogin eine Beschftigung fr
ihre bsen Launen gewhrt hatten, bis auf zwei, die in fanatischer Stupiditt
von jeder Mittheilung sich abwendeten, ohne alle Empfindung fr das Ableben
ihrer Patronin waren, und da die Furcht vor der Strafe, die ihrer Korporation
harre, ihr einziges Gefhl blieb.
    Der Oberst verhie ihnen Frsprache und empfahl ihnen ein ruhiges Verhalten
in ihren Zimmern. Eben so versammelte er die Dienerschaft der Herzogin, und
nachdem er sie von der Strafflligkeit ihres bisherigen Lebens unterrichtet
hatte und von den Verhltnissen, in denen er vorlufig zu ihnen stehe, schickte
er sie an ihre Pltze zur Obwaltung des Hauses, lie dann mit militrischer
Strenge von seinen Milizen die ueren Posten besetzen und Keinem den Ausgang
gestatten. Zur Versorgung der zahlreichen Bewohner war ein bedeutender Vorrath
aller Bedrfnisse vorhanden, und die reichgefllten, nach der See hin gelegenen
Gewlbe besttigten vollkommen den Verdacht, dessen Oberst Crawford, in Bezug
auf die Kontrebandirer, bereits erwhnt hatte.

In dem Krankenzimmer der Lady Maria ging das Geschft der Pflege und Heilung
seinen stillen geruschlosen Gang.
    Electas Geschicklichkeit und Sorgfalt zeigte sich so vollkommen ausreichend,
da der herbeigerufene Arzt nur tglich den Puls zu fhlen brig behielt, wonach
er stets Gefahrlosigkeit und baldige Genesung prophezeihete, und endlich
wohlbeschenkt das Schlo verlie.
    Es war ein hchst ergreifender Anblick, als Electa endlich den ehrwrdigen
Brixton an das Bett seines geliebten Zglings fhrte.
    Maria wollte seine Hand kssen; er legte sie segnend auf ihr Haupt. Aber was
er ihr sagen wollte, konnte seine bewegte Stimme nicht hervorbringen. Still
setzte er sich ihr gegenber, blickte sie an und fhlte die Thrnen nicht, die
ber sein ehrwrdiges Gesicht flossen.
    Mein Wohlthter! mein Vater! mein Erretter! rief das erschtterte Mdchen;
welchen Gefahren, welchen Beschwerden habt Ihr Euch ausgesetzt, mich zu retten.
O Ihr, mein einziger Schutz auf dieser Erde!
    Beruhigt Euch, Lady Maria, erwiederte sanft der ehrwrdige Geistliche, Ihr
drft Euch nicht Euern Gefhlen berlassen; Eure Genesung ist zu wichtig. Aber
Ihr werdet es bald erkennen, da Euch noch viele Freunde geblieben sind.
    Ach, Sir! seufzte Maria, wit Ihr denn alle, die der unerbittliche Tod von
meiner Seite nahm? Knnt Ihr sagen, da mir auer Euch noch irgendwer geblieben
ist, da der Einzige, den ich zu meinem Unglck vergeblich zu erreichen strebte,
sich mir gegen meine Hoffnung entzieht?
    Vertraut mir, theure Lady, sprach Brixton dringend, vertraut mir jetzt Euer
Schicksal an, da ich unfehlbar klarer darin sehe, als Ihr selbst. Ihr seid fr
den Augenblick in sicherem Schutze, und nichts als Eurer Genesung bedarf es, um
Euch wrdigen und beglckenden Verhltnissen zurck zu geben.
    Maria's Auge hatte erwartungsvoll auf Brixton geruht; es senkte sich jetzt
von einer unbestimmten Ahnung erfat zur Erde, und die dringenden Worte
verstummten in einer sen Ruhe, die der Hoffnung verwandt war.
    Brixton behielt Zeit, sie unterde zu betrachten und mit Schmerz zu
bemerken, wie die berstandenen Leiden und die sie beherrschende Erschpfung
diesen schnen jugendlichen Zgen eingeprgt waren. Er gedachte derer, die dies
Kind mit so grenzenlosen Hoffnungen erzogen hatten, und ihren jetzigen Zustand
weder ahnen, noch verhindern konnten; er erinnerte sich, wen er eigentlich vor
sich sah, zu welchen Ansprchen er selbst sie hatte entwickeln helfen, und da
von allen diesen Ansprchen in ihm jetzt nichts brig geblieben war, als das
Verlangen, ihr ein unbemerktes Loos zu sichern, keinem frher genhrten Wunsche,
nur dem des Herzens entsprechend.
    Dann fhlte er mit einer wahrhaft demthigen Beruhigung, da es das
erreichte Ziel nicht ist, sondern der Weg dahin, der ber den Werth des
zurckgelegten Lebens entscheidet, da im Verfolgen dieses Weges ein hheres
Resultat der Vernunft sich entwickelt und das Ziel vertritt, welches wir mit den
eiteln Kombinationen unsers Verstandes zu erreichen trachteten.
    Und darf ich die Frage wagen, ohne Euch zu erzrnen, hob sie schchtern nach
einer Pause an, wohin Ihr mich zu fhren denkt, verehrter Sir? wann meine
Abreise mglich sein wird? Darf ich es wissen? -
    Ich hoffe, Lord Richmond, der mit gromthigem Eifer mich untersttzt hat,
wird Euch und mich zur Herzogin, seiner Mutter, zurckfhren, bis natrlicher
Schutz Euch Rang und Unabhngigkeit zurckgeben kann.
    Gewi, rief Maria, ich irrte mich also nicht, als ich Lord Richmond zu
erkennen hoffte? Und zu meiner Wohlthterin soll ich zurck? Sagt, hat sie mir
verziehen, wird sie der flchtigen Thrin ihre Hand noch ein Mal reichen? Wer
hat sie ber den Betrug aufgeklrt, dem ich unterlag?
    Schont Euch, theure Lady, sprach Brixton besorgt, da er sie so erregt und
die Farben wechseln sah. Werdet erst gesund und erwartet dann das Weitere.
    Ich will, sagte sie sanft und lehnte, Electas Ermahnungen folgend, sich in
die Kissen zurck.
    Ruhe und Einsamkeit war jetzt ein willkommenes Gebot fr das reiche Leben
der Hoffnung in ihrer Brust.
    Electa erstaunte selbst ber die schnellen Fortschritte, welche die Kranke
in ihrer Genesung machte. Die Wunde heilte schnell unter ihren sorgsamen Hnden.
    Maria stand und ging bald, ohne weitere Hlfe zu bedrfen, als Margariths
jeder Zeit bereiten Arm, und in ihrem Antlitze leuchtete durch die Lilienweie
ein feiner Anhauch wiederkehrender Lebenskraft.
    So trug Electa denn selbst in ihrer schchternen Weise die Bitte der Herren
vor, der Lady ihre Glckwnsche darbringen zu knnen. Nach einem still verlebten
Morgen, den Maria, sich selbst berlassen, in ernstem Nachdenken und einer damit
verknpften tiefen Bewegung ihres Herzens zugebracht, empfing sie die Nachricht,
da die Herren in ihrem Wohnzimmer sie erwarteten.
    Sie blieb noch einen Augenblick mit niedergeschlagenen Augen sitzen, dann
erhob sie sich, und auf die harrende Margarith sich lehnend, schritt sie langsam
der Thre zu.
    Wie das erste Mal, als sie hier eintrat, standen die Lehnsessel um das
glhende Feuer des Kamins, zu traulichem Beisammensein einladend.
    Aber nicht leer waren sie; nicht Fremde, nicht feindlich Gesinnte hatten
Platz darauf genommen. Die sich jetzt erhoben und ihr entgegen gingen, waren
theure Freunde, Beschtzer, die mit einem Mal die Brde, sich selbst schtzen zu
mssen, von ihr genommen hatten.
    Dem Obersten Crawford, als Fremden, als Seneschall des Schlosses, gebhrte
der Vorzug, von Brixton ihr zuerst vorgestellt zu werden und ihre ersten
schchternen Worte des Dankes zu hren, die der Oberst mit Ehrerbietung
erwiederte, aber sichtlich berrascht von der Erscheinung der Lady, die selbst
im blassen Kolorit der Krankheit noch allen Zauber ihrer rhrenden Schnheit und
Anmuth bte.
    Richmond hatte whrend dessen versucht, sich zu fassen als ihr erster
Aufblick ihn aber traf, nherte er sich ihr, ohne Worte finden zu knnen. Beide
fanden sie nicht, aber sich gegenber zu stehn, das Bewutsein dieser Nhe,
versenkte sie auf einen Augenblick in ein so ses Gefhl von Befriedigung und
Ruhe, da sie der Worte nicht bedurften.
    Es giebt Augenblicke im Leben, die alle Schmerzen der Vergangenheit
auslschen, sprach Richmond mit bewegter Stimme, ein solcher ist der
gegenwrtige.
    Mein Retter! stammelte Maria, whrend einzelne Thrnen aus ihren gesenkten
Augen fielen.
    O nennt mich nicht so! rief Richmond, schmerzlich aufseufzend, ich habe Euch
nicht schtzen knnen, nicht retten vor den grausamen Mihandlungen, denen Euer
Leben fast erlegen wre! -
    Erlegen wre, fiel Maria rasch ein, wenn Ihr mich nicht gerettet; das
zerschellte Boot htte mich nicht geschtzt, da es seine Besitzer untergehen
lie, und doch htte man mich trotz meiner Verwundung darin fortzuschleppen
gesucht, httet Ihr nicht gromthig mich meinem Entfhrer abgekmpft. -
    Lassen wir diese grauenhaften Erinnerungen, fiel Brixton sanft ein, nehmt
bei uns Platz, theure Lady, da wir des Glckes inne werden, Euch genesen zu
sehn.
    Sanft lchelnd reichte Maria dem ehrwrdigen Herrn den Arm und nahm einen
der Lehnsthle ein, die nun um sie her von so theuern Personen besetzt wurden.
    Mein Herz sehnt sich, theurer Sir, hob Maria an, sich zu Brixton wendend,
Euch Rechenschaft zu geben von meinem Leben, seit ich durch den Tod meiner Tante
mir selbst berlassen blieb, und Euch, Mylord, fuhr sie gegen Richmond fort, bin
ich ebenfalls Rechenschaft schuldig ber die traurige Verblendung, die mich aus
dem Schutze meiner gromthigen Wohlthterin, Eurer Mutter, fhrte, die mich so
hartnckig widerstehn lie, wie Ihr und Lord Ormond einen gromthigen Versuch
machtet, mich derselben zu entziehen. Mchtet Ihr in dem, was ich hierber zu
sagen haben werde, einigen Anla finden, mich mild zu richten. Ich hatte mit
einem pltzlichen Lebenswechsel nicht die Schrfe des Urtheils, den Schatz der
Erfahrung erhalten, die meine Handlungen htten leiten knnen, mit Beschmung
habe ich die thrichte Sicherheit erkannt, womit ich geneigt war, meiner jungen
Ueberlegung zu folgen; lat es Euch rhren, wie sehr ich dafr bestraft ward,
setzte sie mit einem Lcheln voll Anmuth hinzu, das die sanfteste Bitte um
Nachsicht aussprach.
    Es ist wenigen Menschen ein so auerordentliches Schicksal zu Theil
geworden, als Euch, erwiederte Richmond, wer knnte wnschen, da Euer
unschuldiges Herz, Euer hochgestellter Geist eine Ahnung gehabt htte von den
bsen Absichten, die man Euch sicher mit grerer Schlauheit zu verhllen
suchte, als Ihr vorauszusetzen vermochtet. Wir konnten nur beklagen, da uns
kein Recht zustand, in Euern mileiteten Willen mit hherer Gewalt
einzuschreiten, als eben das einer kurzen Freundschaft, die das Glck uns
gegnnt.
    Da ich diese nicht ausreichend fand, erwiederte Maria, da irgend etwas
mich abhalten konnte, sie fr meine Autoritt anzuerkennen, mu ich mir zum
schmerzlichsten Vorwurf machen und kann Eure gtige Absicht, mir Beschmung zu
ersparen, nicht weglugnen; aber gewi ist es, und ich halte dies zu meiner
Rechtfertigung gern fest, da meine Lage traurig und ungewhnlich war, und gewi
geeignet, Neigung und Pflichtgefhl in einem unerfahrenen Wesen in Verwirrung zu
bringen. Ganz, fuhr sie nun ruhiger fort, ist es mir noch nicht mglich, den
Plan und die Absicht zu durchschauen, um derentwillen man mich dem ehrwrdigen
Schutze Eurer Familie, Lord Richmond, entzog. Betrogen scheint mir aber
jedenfalls von meinen sptern Feinden der gewesen zu sein, der mich zuerst
betrog. Doch betrogen werden um Freiheit und Lebensglck sollte ich, und
vielleicht erhielt diese erste Absicht hier noch eine Ausdehnung durch den Ha
der Lady Sommerset, welche selbst meinen Tod herbei zu fhren suchte.
    Es wird mir schwer, fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, welches keiner
der gespannt Lauschenden zu unterbrechen wagte, unter meine Feinde einen Mann zu
zhlen, der mir Hochachtung und Vertrauen, ja, Dankbarkeit eingeflt hat, da er
mich von der verhaten Nhe des Lord Membrocke befreite. Er war es zwar, der
mich hier in mein Gefngni fhrte, aber es schien mir nur zu oft, da er wider
Neigung und Gefhl einem Zwange gehorchte, der seinen lichtvollen Geist in
Fesseln hielt, den er mir auch spter andeutete, und der ihn als einen Anhnger
des Ordens Jesu bezeichnete. Er war Mnch und nannte sich mit seinem Ordensnamen
Clemens.
    Mute er mich auch hier begraben, so war er doch freundlich bemht, mich im
Schutze meiner Beschftigungen und einiger wohlthuenden Aeuerlichkeitn zu
erhalten, denn diese Zimmer bestimmte er mir selbst und endlich die grte
Wohlthat, Margarith theilte er mir zu.
    Lange habe ich gehofft, er wrde es sein, dem ich meine Befreiung danken
knnte, und habe ich mich darin getuscht, so kann ich die Ueberzeugung nicht
aufgeben, da er nur gehindert ward, vielleicht durch eben die Autoritt, der er
sich so willig beugte, obschon sein Geist ber ihr stand.
    Ich habe ihm daher geglaubt, als er mir die Tuschungen enthllte, die mich
in mein Verderben strzten, obwol ich nicht einzusehn vermochte, warum ich so
wichtig war fr einen der mchtigsten und, wie Pater Clemens ihn nannte, einen
der verdorbensten Groen des Landes, von dem Lord Membrocke nur als
Mittelsperson gebraucht worden war, mich zu entfhren, und den er den Herzog von
Buckingham nannte. -
    Herzog von Buckingham! rief Brixton, so heftig aufspringend, da Maria
zusammenfuhr, ist es mglich, groer Gott, in dessen Hnden waret Ihr? Und
kannte er Euch, sagt, wute er, wen er in Euch hatte?
    Theurer Sir, sagte Maria in sanftem Vorwurf, Ihr verget, da ich selbst
mich nicht kenne, da ich nicht zu sagen wissen wrde, ob er mich kannte, htte
er mir selbst einen Namen beigelegt. Doch jedenfalls wute er mehr von mir, als
ich erwarten konnte, denn betrogen hat er mich nur durch diesen Brief und dieses
Petschaft, denen ich zu folgen fr Pflicht hielt, wie ich denn frher jede
andere Art, mich zu berreden, zurckgewiesen hatte.
    Maria zog hier Beides hervor, es Brixton berreichend.
    Groer Gott! rief Brixton, als sein Blick auf diese Gegenstnde fiel, es ist
Alles verrathen!
    Pater Clemens, fuhr Maria mit dem Bestreben, den Erschrockenen zu beruhigen,
schnell fort, sagte mir, dieser Brief sei nicht von meinem Oheim, dessen
geliebte Handschrift er trgt, er sei nur nachgeahmt, und der Inhalt htte mich
warnen sollen, trotz seiner liebevollen Worte: und dieser Ring, den ich so oft
spielend von seinem Finger gezogen, er sei ihm heimlich genommen.
    Ach theure Lady, sagte Brixton, es ndert wenig; war der Herzog
unterrichtet, da Beides von Bedeutung sei, so mute eine hchst wichtige
Entdeckung bereits geschehen sein, und Eure Sicherheit bleibt dann noch von
einer gefhrlichen Seite her bedroht!
    Ich hoffe, rief Richmond mit glhender Stirn, keine Gefahr, welche den
freien Willen der Lady Maria bedroht, kann eintreten, so lange sie Euch vertraut
und mir vergnnt, ihren Willen gegen jede Anmaung zu vertreten.
    Wobei Ihr ber ein so starkes Gefolge von Milizen, als Euch gut dnkt, ja,
ber meine eigene Person, so weit es meine Dienstpflicht erlaubt, gebieten mgt,
rief Oberst Crawford, mit tiefer Ehrerbietung sich vor Lady Maria neigend.
    Unsere Abreise mu so sehr beschleunigt werden, als es Eure Gesundheit
erlaubt, theure Lady, sprach Brixton, von Gedanken, wie es schien, berfllt.
Ich hoffe, die Frau Herzogin, Eure Mutter, Lord Richmond, wird dem Frulein
vorlufig einen Schutz verleihen, den die hochgeehrte Frau dereinst nicht
bereuen wird, gewhrt zu haben; whrend ich dafr Sorge tragen will, ihr den
mchtigen und ehrenvollen Schutz zu verschaffen, zu dem ihre Geburt sie
berechtigt.
    Seid sicher, Mylady, sprach Richmond, Eure freiwillige Rckkehr wird jeden
Zweifel bei meiner Mutter vershnen, und jetzt, wie frher, werdet Ihr ber uns
alle zu gebieten haben.
    Wir mssen uns dieser Hoffnung um so mehr freuen, unterbrach Brixton Marias
Versuch zu danken, da wir nicht zweifeln drfen, da der geheime Obere, dessen
Gesandter unser junger Freund Lanci ist, und dessen Namen er uns so hartnckig
verschweigt, nicht nur ein wohlmeinender Freund ist, indem er uns das Frulein
wirklich finden lie, sondern zugleich auch weit mehr unterrichtet ber das, was
man mit ihr vor hatte, als uns frs Erste erlaubt ist zu bersehen. Wir sind ihm
daher das Vertrauen schuldig, seiner dringend empfohlenen Anweisung zu folgen,
welche eben dahin ging, den Schutz Eurer Familie, Mylord, vorlufig in Anspruch
zu nehmen.
    Ich hoffe, Lady Maria wird kein Bedenken tragen, entgegnete Richmond, durch
die Befolgung dieser Anweisung meine Familie zu ehren und zu beglcken.
    Ich habe nur die Nachsicht und Verzeihung derselben in Anspruch zu nehmen,
erwiederte Maria, und zu erwarten, ob meine Jugend und Unerfahrenheit mir
Frsprecher sein werden.
    Habt indessen die Gte, hob Brixton an, uns aufs Genaueste, wenn es Euch
beliebt, Alles mitzutheilen, sowol wodurch man Euch zu dieser Flucht bestimmte,
als was Euch in deren Verfolg begegnete.
    Mein Herz sehnt sich nach dieser Mittheilung, erwiederte Lady Maria, und es
soll Euch nichts davon entgehen, denn mein Gedchtni ist mir treu. Doch erlaubt
mir, verehrter Sir, ehe ich beginne, Euch eine Frage vorlegen zu drfen, welche
immer dringender wird, je mehr mein Bewutsein in Bezug auf die Verhltnisse der
Welt durch das, was ich erlebte, geweckt ist. Wer bin ich? fuhr sie mit bebender
Stimme fort, als Brixton in ahnungsvoller Verlegenheit schweigend zur Erde
blickte. Bin ich des Namens berechtigt, den ich jetzt nur bestritten trage?
Leben mir Angehrige, und drfen meine Verhltnisse jemals aus dem Dunkel
treten, das sie bis jetzt zu einem Gegenstande des Verdachtes macht und ihre
Ehrbarkeit in Zweifel stellt? Ich kann nicht zweifeln, Ihr mt mir Aufschlu
geben knnen, denn Ihr waret der Freund, der Vertraute der geliebten Menschen,
welche meine Jugend behteten.
    Ihr habt Recht, Lady Maria, sprach Brixton mit Fassung, aber auch mit tiefem
Ausdruck wehmthiger Empfindung. Ich bin unterrichtet von allen Euern
Verhltnissen, aber es ist mir nicht vergnnt, Euch jetzt schon darber
Aufschlu zu geben, so wrdig Ihr trotz Eurer Jugend es seid, Eure Geburt und
alles damit Verknpfte zu kennen. Meine Ueberzeugung darf hier nicht
entscheiden, mich bindet ein Schwur, dessen Lsung mir nicht zusteht. Habt noch
eine kurze Geduld, der Augenblick ist von Auen unterdessen schon gekommen, der,
wie ich hoffe, jedes Hinderni beseitigen wird, und hat sich Eure Zukunft auch
anders gestaltet, als Eure Freunde trumten, Ihr werdet Gerechtigkeit finden,
verliert nur nicht das Vertrauen darauf.
    Maria schwieg, aber in ihren zarten Zgen war der schmerzliche Kampf zu
lesen, den sie mit ihrem Zartgefhl fr Ehre zu kmpfen hatte, da, ber die
wichtigsten Beziehungen derselben aufs Neue in Ungewiheit zu bleiben, sie, je
lnger, je mehr herab zu setzen schien.
    Ihr selbst, Sir, sprach sie dann mit dem tiefen Ausdruck eines bekmpften
Gefhls, Ihr selbst und alle meine Umgebungen, denke ich, haben, so viel ich mir
bewut bin, darauf hingewirkt, ein starkes Ehrgefhl in mir zu wecken, und jede
Unklarheit zu hassen und von mir fern zu halten. Vergebt mir daher, da ich, im
Begriff in die Welt zurck zu kehren, mit Widerstreben einwillige, mich namenlos
und geheimnivoll ihr wieder darstellen zu mssen. - Jedoch, fuhr sie fort, mit
kindlicher Hinneigung zu Brixton sich wendend, der sichtlich zu leiden schien,
ich will den einen Gedanken festhalten, da ich Euch durch nichts besser mein
unbegrenztes Vertrauen, meine Hochachtung bezeigen kann, als indem ich mich
dieser peinlichen Lage unterziehe, ohne Euch weiter zu belstigen.
    Seid sicher, erwiederte Brixton gerhrt, ich werde mit allem, was mir zu
Gebote steht, eilen, Euch derselben sobald wie mglich zu entziehen, jetzt aber
versucht, uns Eure Mittheilungen zu machen.
    Ich bin bereit dazu, sprach Maria mild, wenn anders mein gtiger Arzt, der
sich dort an der Thr schon einige Mal gezeigt hat, es nicht anders bestimmt.
    Ich wrde wagen, Euch eine kurze Ruhe vorzuschlagen, sprach Electa, sich
schchtern nhernd und den Puls fhlend; Ihr seid sehr bewegt und eine
Wiederkehr des Fiebers wre nicht erwnscht.
    Gewi nicht! rief Richmond, lebhaft aufstehend, beurlaubt uns, Mylady, bis
wir uns ohne Furcht, Euch zu schaden, wieder nhern drfen.
    Lady Maria willigte ein, und die Herren zogen sich nach dem Vorsaal zurck,
inde sie auf ihrem Bette ruhte.
    Doch mute Electa ihr bald den Wunsch zugestehn, zurck zu kehren, und
nachdem sich Alle um sie versammelt hatten, erzhlte sie, was uns bereits
bekannt ist so weit ihre eigene Kenntni der Umstnde reichte.
    Wir unterlassen es, ausfhrlich den Eindruck zu schildern, den diese
Mittheilungen in ihren verschiedenen Beziehungen auf die Zuhrer machen muten,
und erwhnen nur, da, whrend sich Nichmond gelobte, Membrockes ehrlose
Betrgereien zu strafen, Brixton sich in Besorgnisse gestrzt fhlte, die um so
qulender waren, je weniger es ihm mglich war, die sich durchkreuzenden
Absichten in Uebereinstimmung zu bringen mit einer Entdeckung der Geburt des
Fruleins, die Buckingham hchst unwahrscheinlich zu ihrem Feinde machen konnte.
Er fhlte, da ihm nur eine Annherung an die hchste und dabei zumeist
interessirte Person gengend Aufschlu geben knnte, und er kehrte aus seinem
tiefen Nachdenken mit einer Aeuerung zurck, die alle seine Wnsche einschlo,
indem sie die mgliche Beschleunigung ihrer Abreise empfahl.
    Electa's Entscheidung war hiebei die wichtigste. Sie bat noch um zwei Tage
Ruhe, und die Herren, sich diesem Ausspruch fgend, eilten alle Anstalten so zu
treffen, da jede Sorgfalt mit der mglichsten Eile sich vereinigte.
    Diese Tage, die Lady Maria in ungestrtem Umgange mit ihren Freunden
verlebte, hatten einen so auffallenden Einflu auf ihre Gesundheit und Stimmung,
da sich kein weiterer Aufschub der Reise nthig zeigte und sie dies Haus des
Schreckens mit vllig leichtem Herzen verlassen haben wrde, htte sie das
Schicksal ihrer Wohlthterin Electa nicht mit Sorge erfllt. Dies zarte Wesen,
dessen Gemth ohne Kraft und eigne Bestimmungsfhigkeit, den einzigen Anhalt
ihres verfehlten Daseins in der selbst gewhlten Knechtschaft gegen ihre
geistlichen Oberen gefunden hatte, und jede unschuldige Sehnsucht nach der Welt
als die schndeste Snde in sich verfolgte, der sie doch immer wieder unterlag,
fhlte sich nun sogar erschttert in ihrem Glauben, in ihrer Ergebung gegen
diese ihre bisherigen Vorbilder durch die Kenntni ihrer wahren Gesinnungen, wie
sie die letzten Begebenheiten ihr von allen Seiten schonunglos gegeben hatten.
    Sie lebte nur so lange noch in leidlicher Fassung, als die Wunde der Lady
Maria ihr eine ihrer frheren Existenz geme Beschftigung gab.
    Jetzt, als von dieser Seite ihre Thtigkeit aufhrte und die nahe Abreise
der Lady ihr das einzige Wesen zu rauben drohte, zu dem sie sich noch hingezogen
fhlte, von dem sie sich geschtzt sah, da sank ihr ganzes Wesen in
Trostlosigkeit zusammen, und Vergangenheit und Zukunft schien ihr eine
ununterbrochene Kette von Unglck und Leiden.
    Mit zarter Theilnahme suchte Maria den Zustand der Leidenden nach und nach
zu erforschen, und wagte es endlich, den Gedanken einer Rckkehr in die Welt in
ihr anzuregen. Aber sie fand hier das einzige entschiedene Gefhl der Armen in
bestimmter Abneigung dagegen und erfuhr genug, um ein schmerzlich verrathenes
Herz zu ahnen, das nur durch gnzliche Flucht aus jeder Beziehung des Lebens
Rettung gefunden hatte.
    Sinnend sah sie der unentschlossenen Leidenden nach dieser gewonnenen
Ueberzeugung gegenber, muthlos selbst ihrer Zukunft gedenkend, als sie
pltzlich von einem Gedanken ergriffen ward, dem sie schnell die Frage folgen
lie, ob sie den Aufenthalt des Pater Clemens kenne?
    Electa schien von dem bloen Namen wie electrisirt, und augenblicklich gab
sie das Kloster in Frankreich an, wohin der Pater sich zurckgezogen hatte.
    Nun, rief Maria lebhaft, so geht zu ihm und unterwerft Euer Leben seiner
ferneren Bestimmung!
    Engel des Himmels! rief Electa, sich mit Begeisterung vor Maria hinwerfend,
welche Eingebung sprach aus Euch. Ja, Ihr habt das Rechte getroffen; doch wie
soll ich ihn erreichen? sprach sie pltzlich, zur grten Muthlosigkeit
zurckkehrend.
    Dafr lat mich sorgen, sprach Maria heiter und sicher; ich gebe Euch mein
Wort, Ihr sollt ihn erreichen ohne Fhrlichkeit und Noth. Zugleich stand sie
auf, drckte das schchterne Wesen liebevoll an ihre Brust und begab sich in das
Nebenzimmer, wo ihre Freunde sie bereits erwarteten.
    Mit der ganzen Wrme des Gefhls, das ihr so eigen war, trug sie ihnen ihre
Absichten und Wnsche in Bezug auf Electa vor, und beschwor sie, die Mittel dazu
ihr anzugeben und einzuleiten.
    Auch fand sie bei Richmond die lebhafteste Bereitwilligkeit, bei Brixton die
wohlmeinendste Absicht. Nur Oberst Crawford beobachtete ein ngstliches
Schweigen und gestand endlich, als ihn Maria zur Theilnahme aufforderte, er
bezweifle, da er einen der Bewohner des Schlosses entlassen drfe, bevor seine
Instruktionen aus London angekommen sein wrden, da er sich genthigt sehe, bis
dahin alle Vorgefundenen als gleich schuldig und als Gefangene zu betrachten. Er
setzte hinzu, wie er hoffe, da man nach seinem Berichte geneigt sein werde,
diese ganze Angelegenheit, da sie in sich als aufgelst anzusehen sei, der
Vergessenheit zu bergeben, und wie er alsdann zu der Erleichterung der Reise
des Fruleins alles beitragen wolle, was in seinen Krften stehe.
    O Sir! rief Maria hier mit lebhafter Unruhe, denkt, da wir morgen das
Schlo verlassen, denkt, welch schmerzliche Unruhe ich mit mir nehme, wenn ber
dem Schicksal dieses armen Wesens eine trostlose Ungewiheit schwebt und mir
nicht selbst vergnnt ist, sie zu ihrer Reise auszursten.
    Vertraut sie mir als Euer Vermchtni, sprach Crawford ehrerbietig, und
heilig soll mir das Interesse des Wesens sein, dem wir zum Theil Euer Leben
danken. Mit der pnktlichsten Sorgfalt erflle ich Eure Befehle, und will ihre
Reise, der sich hchst wahrscheinlich keine Hindernisse entgegen stellen werden,
so sorgsam und anstndig einleiten, da auer dem Meere selbst, dem ich nicht zu
gebieten vermag, nichts ihren eigenen Wnschen nachstehen soll.
    Ich glaube, theure Lady, sprach Brixton, wir drfen nicht weiter in Oberst
Crawford dringen, da seiner Neigung hier seine Pflicht entgegen tritt, und gewi
knnen wir ohne Sorge dem edlen Manne unsere Freundin anvertrauen; Euch wird
jetzt nur obliegen, sie selbst mit dieser einzigen und bleibenden Auskunft zu
vershnen.
    Da auch Richmond, auf den Alles, was Pflicht hie, stets eine starke Gewalt
ausbte, schwieg, so fhlte Maria sich bald selbst zu jener Migung ihrer
Wnsche gestimmt, und sie eilte nun, Electa davon zu unterrichten, welche sie
bei weitem weniger dadurch beunruhigt fand, als sie erwartet hatte.
    So empfingen denn am nchsten Morgen, als der erste Sonnenstrahl die mit
Thau bedeckte Erde zu einem blitzenden Himmel unzhliger glnzender Sterne
umschuf, smmtliche Herren das Frulein in der Halle des Schlosses, wo sie, von
Electa und Margarith begleitet, in ihren Reisekleidern ihnen entgegen trat.
    Einen Augenblick blieb sie noch stehn, und indem ihr Auge die Gegenstnde
noch ein Mal berflog, gedachte sie ernst des Abends, als sie hier mit Pater
Clemens eingetroffen und von Margariths Vater empfangen ward, dessen Tochter sie
nun fr immer mit sich hinweg fhrte, und sie hoffte eine Zeit der Leiden
abgestreift hinter sich zu lassen, der sie fast unterlegen wre.
    Mit Thrnen dankte sie noch ein Mal dem Obersten Crawford, umarmte Electa
und bestieg mit Margarith dieselbe kleine Snfte, die sie, von Pater Clemens
geleitet, hierher gefhrt hatte, whrend die Herren und Lanci mit den brigen
Dienern sich zu Pferde setzten, und Crawford den Reisezug bis zu dem nchsten
Ruhepunkt begleiten zu drfen sich ausbat, da ein ferneres Geleit seiner Milizen
von beiden Herren abgelehnt war, um jedes Aufsehn zu vermeiden.

Godwie-Castle, als Familiensitz der Nottinghams, erfllte in dem Augenblick, wo
wir jetzt uns demselben wieder nhern, seine Bestimmung in seltenem Maae. Zwar
hatte der Graf Bristol seine eigenen Besitzungen fr die nchste Zeit
eingenommen, doch ward seine Gegenwart, an die man bei seiner langen Abwesenheit
sich keineswegs gewhnt nennen konnte, kaum vermit, am meisten wohl nur von der
empfunden, die es so wohl verstand, ber alle Empfindungen ihres Innern den
Schleier zu ziehen, wir meinen seine Tochter, die jngere Herzogin von
Nottingham.
    Es lag in der Stimmung ihres Innern zu den von Auen sich ihr darbietenden
Umstnden ein Widerspruch, den die stolze Frau mit einem an Unwillen grenzenden
Schmerze fhlte, und diese Stimmung steigerte sich um so mehr, da es ihr an
allen Mitteln fehlte, sich derselben zu entledigen, was ihrem stets
einschreitenden und ans Beherrschen gewhnten Sinn einen Zwang auflegte, der sie
grollend ihren brigen Verhltnissen gegenber stellte.
    Dagegen war der Himmel blau ber allen brigen zahlreich versammelten
Bewohnern von Godwie-Castle.
    Anna Dorset, nunmehr berechtigt, die Liebe zu entwickeln und zu gestehn, die
sie zu ihrem Gemahl hinzog, zeigte ihre ganze Natur zu einem Reichthume und
einer Flle weiblicher Anmuth entwickelt, die ihren jungen Gemahl fesselte und
mit hnlichem Erstaunen erfllte, als uns wohl ergreift, wenn wir eine Knospe,
welche, fest verschlossen, unsern Antheil wenig erregen konnte, am warmen Licht
der Sonne zur duftenden Blume entwickelt wiederfinden; gewi ward dieser mit
Gefhlen vertraut, wie sie einer solchen Ueberraschung gegenber nicht
ausbleiben!
    Die Grfin Dorset hatte mit ihrer Tochter Ollony die Neuvermhlten
begleitet, und auch Graf Ormond war, nach einer Trennung von mehreren Monaten,
in Godwie-Castle wieder eingetroffen.
    Graf Archimbald ordnete mit groer Sorgfalt die Papiere seines Bruders und
gab sich dazwischen mit vielem Geschick den gesellschaftlichen Stunden hin,
welchen Alle mit Vergngen beiwohnten, und ber denen die alte Herzogin von
Nottingham wie das Prinzip der Gte und Liebe mit ihren ewig klaren,
theilnehmenden Augen waltete.
    So schien Allen hier eine Zeit der Ruhe eingetreten und fr die Zukunft nur
erfreulichen Hoffnungen Raum gestattet zu sein. Dennoch gab es so manche frisch
geheilte Wunden und noch reizbar gebliebene Stellen fast in jeder Brust, da
gerade so viel guter Wille, so viel Liebe, so viel wohlverstandene gute
Erziehung, als alle besaen, dazu gehrte, um nicht jeden Tag neue Strungen des
Gefhls und der Ruhe, welche zu schtzen, Alle inniges Verlangen trugen, herbei
zu fhren.
    Richmonds Abwesenheit, der Zweck derselben, der Jedem bekannt war, und das,
was damit zusammen hing, war ein hauptschlich zum Stillschweigen verwiesener
Punkt fr Alle.
    Die Herzogin von Nottingham hatte ihren Unwillen ber dies Unternehmen auf
eine Weise geuert und selbst gegen ihren Vater mit einer solchen hartnckigen
Entrstung durchgefhrt, da Beide darber in eine Art Spannung gerathen waren,
welche die Abreise des alten Lords erleichterte; und dies wohlbekannte Ereigni
lie freilich alle Uebrigen vllig darauf Verzicht leisten, die Meinung der
Herzogin milder zu stimmen. Sie unterlie es vllig, den Namen Richmond zu
nennen, Niemand wagte, ihr darin voran zu gehn, und das Andenken der
unglcklichen Grfin Melville schien bis auf die fernste Erinnerung erloschen.
    Und dennoch stand das Bild Beider vor der Seele eines Jeden, nur vorsichtig
umgangen in Wort und Andeutung.
    Mit der tiefsten Seelenqual erwartete die unglckliche Mutter Nachrichten,
die ihr hartes Geschick erleichtern oder erschweren muten, und mit der ganzen
Gre der Gefahr, wie sie ihr erscheinen mute, bekannt, behandelte sie ihr
ungleiches und finsteres Betragen mit der ganzen Nachsicht einer solchen
Berechtigung.
    Vergeblich hatte der junge Herzog durch Lord Ormond, der so eben aus London
eingetroffen war, Nachricht zu erhalten gehofft; auch ihm war sie gnzlich
ausgeblieben, und er selbst hatte sich nur ungern entfernt, ehe ihm Kunde
zugekommen.
    Die Mittheilungen beider Mnner ber diesen ihnen gleich interessanten
Gegenstand waren aber dabei von einer Zurckhaltung geleitet, die nur zu
bestimmt ihre Verletzlichkeit in diesem Punkte andeutete, und das Gefhl, wie
ihre Stellung zu jenem Gegenstande sich verndert habe, untersttzte den Wunsch
Beider, in der Zeit die Erledigung ihrer Empfindungen zu suchen. Konnte sich
auch Graf Ormond nicht, wie der junge Herzog, durch die heiligsten Interessen
abgezogen halten, war dennoch auch ihm in den Worten der unglcklichen Maria
ber Ollony ein Aufschlu geworden, der ihn mit der grten Sorgfalt ber sich
zu wachen veranlate.
    Er hatte bei spterem Nachdenken, trotz seiner wahrhaften Bescheidenheit,
doch sich die Wahrheit dieser Entdeckung kaum verbergen knnen und nicht ohne
Vorwurf gefhlt, wie die Befangenheit seines Herzens in anderer Richtung ihn so
ganz um die Beobachtung des seine Sorgfalt so nahe angehenden Wesens gebracht
hatte.
    Er hatte sich eine schnelle Trennung von mehreren Monaten auferlegt, und
seine Gedanken waren von da an in dem Schmerze um zwei theure Wesen getheilt.
    Er zitterte, Ollony wieder zu sehn, und durfte es doch nicht lnger
verschieben, da seine Schwester die unbegreiflich lange Trennung mit einer
Ungeduld und Betrbni erfllte, von deren Folgen er sie befreien mute.
    Wenn wir mit uns selbst unsicher werden, so machen wir Plne, wie wir uns
betragen wollen. Der bessere Mensch giebt sie gewhnlich auf, so bald er in die
Lage kmmt, fr die er sich ausrstete, denn nur berhaupt und einem groen
Prinzip getreu sich dem Leben gegenber zu rsten, ist die Aufgabe, in der sich
alle andern lsen mssen, wenn wir uns selbst getreu bleiben wollen.
    Schon bei Ollony's Anblick wollte keine seiner Ansichten passen. Das schne
Kind hatte den letzten Punkt ihrer Entwickelung, und an Hhe und Feinheit der
Gestalt, wie an innerer Haltung und zarter Zurckgezogenheit den Standpunkt
erreicht, auf dem es uns klar wird, da das Flgelkleid der Kindheit mit dem
Schleier der Jungfrau vertauscht ward und die Flgel nur noch nach Innen dem
Geiste angehren, verrathen von dem weitsichtigen, tiefen Blicke des ernsten
Auges.
    Ormond fhlte im ersten Moment, sie sei auch von ihm geschieden, und was
auch der innere Kern ihrer Brust bewahren mochte, sie sei mit sich allein
geworden, und dies Finden ihrer selbst schtzte sie gegen Aufregungen und
Aeuerungen, wie sie Ormond noch wenige Monate frher zu beherrschen sich
verpflichtet fand.
    Die Stille, die ihn von ihr aus anwehte, betrog aber aufs Neue den sonst so
geschickten Menschenkenner und untersttzte die bescheidene Stimmung seiner
Seele, die ihn berredete, jedes Gefhl, das frher hier gelebt, als vorber
gegangen anzusehen.
    Dessen ungeachtet fhlte er zu seiner eigenen, oft groen Beschmung sich
auf dem Wege, Ollony jetzt seinerseits in dieser Beziehung zu beobachten, und je
fremder, getrennter und vernderter sie ihm erschien, desto fter fhlte er das
Verlangen. dies liebliche Geheimni zu ergrnden, in diesem ihm einst so offen
darliegenden Gemthe den Vernderungen nachzuspren, die ihm so anziehend und
wichtig erschienen, da er ihnen den grten Theil seiner Gedanken zuwandte.
    Es war zuletzt ein eigenes Gefhl von Unbehagen, wenn seine bescheidenen
Bemerkungen ihn berzeugen wollten, sie sei ihm kindlich abgewendet und
jungfrulich nicht wieder zugekehrt, und er fhlte sich endlich in einer Art
Aufregung, die ihm einzig von der Besorgni eingegeben schien, dies junge Wesen
so abgeschlossen sich selbst berlassen zu wissen, woraus sich leicht der
Vorsatz gestaltete, sich ihr zu nhern und ihr Vertrauen zu gewinnen.
    Wir wollen uns vorlufig jeder Voraussetzung bei diesem gewagten Unternehmen
enthalten, von wesentlichen Ereignissen in anderer Beziehung getrieben.
    Der Frhling hatte indessen die weiten Thore aufgethan und versendete seine
reichen Schtze ber die schmachtende Erde. Es drngte sich frhlich ein junges
Leben neben dem andern hervor, Platz suchend und findend in dichter
Gemeinschaft.
    Die Brust des Menschen theilt bewut oder unbewut so sen Eifer; etwas
soll anders in ihr werden, zur Klarheit, zur Blte soll es sich durchbrechen,
was im Winterschlaf uns eingehllt erscheint, wir fordern von uns, und die
Gewhrung ist schon bereit. An Licht und Sonne hngt nicht blos das Bltenleben
mit seiner zarten Existenz, der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum
etwas Greres zu leisten und zu vollbringen. Auch sollten wir nicht immer nach
dem Geleisteten fragen; es braucht nicht Existenz nach Auen zu gewinnen, was
darum doch als Errungenes, als Wahrheit in solchen Epochen der Seele verbleibt.
    Alles geno nach Magabe seiner Empfnglichkeit diese schne Jahreszeit und
lie sich locken von ihr, hinaus in die berall einladende Gegend.
    Ein stattlicher Zug zu Pferde von Damen und Herren lenkte, nach einem weiten
Ausfluge, als schon der Tag sich neigte, durch die breiten Wege des duftenden
Waldes dem Schlosse entgegen.
    Arabella, Ollony und die junge Herzogin ritten in leichter Zierlichkeit vor
den folgenden Herren, doch indem sie die Heerstrae berschreiten wollten,
entfuhr ihnen Allen zugleich ein freudiger Ausruf der Ueberraschung, Arabella
gab ihrem Pferde die Zgel und flog in jagendem Laufe die Heerstrae hinab.
    Richmond, Richmond! rief dagegen Lady Anna ihrem herbeieilenden Gemahle
entgegen, und bald fanden sich Alle um den sehnlich Erwarteten versammelt, der
nicht sumte, ihrer frhlichen Eile zu begegnen.
    O Richmond, rief der junge Herzog, wie bist Du von uns Allen herbei gesehnt,
und wie lange hast Du uns ohne den Trost gelassen, von Dir zu hren!
    Rechne mir nicht zu, was unvermeidlich in den Umstnden lag, rief Richmond,
und denkt nicht geringer deshalb von meiner Liebe gegen Euch. Aber sagt mir
jetzt, um mich von jeder Sorge zu befreien, wie ich unsere theure Mutter finden
werde?
    Die augenblickliche Pause, die hier eintrat, und welche der aufsteigenden
Sorge ber die Stimmung der Herzogin galt, ergriff Richmonds zrtliches Herz und
drckte sich in seinen Zgen aus, als der junge Herzog ihn zu beruhigen eilte,
indem er ihm die Versicherung gab, da sie wohl auf sei, aber in ihrer Stimmung
geschont, erst auf seine Ankunft vorbeitet werden msse.
    Richmond fhlte leicht, da hier eine kleine Verlegenheit obwalte, und es
ward ihm nicht schwer, die Veranlassung von sich herzuleiten, da er wohl wute,
wie seine Mutter auf jeden Schritt zur Auffindung der Grfin Melville ein
Interdikt gelegt, dem er durch seine Bemhungen allerdings entgegen gehandelt.
    Nun, so bitte ich denn, rief er, sich seiner guten Sache bewut und der
Liebe seiner Mutter vertrauend, eilt mit dieser Vorbereitung, sobald Ihr es
vermgt, denn mir folgen auf dem Fue zwei Personen, deren besonderes Verhltni
ihr mitzutheilen ich mich sehne, und, indem ich sie indessen Eurer Liebe
empfehle, sie zugleich als alte Bekannte nenne, nmlich die Grfin Melville und
Master Brixton, ihr Erzieher.
    Ein Ausruf der Theilnahme war die Antwort auf diese Ankndigung, und wir
berlassen es dem Leser die verschiedenen Veranlassungen in den betheiligten
Personen sich selbst hinzu zu denken.
    Nach einem kurzen Kampfe entschied sich der junge Herzog, seinen Bruder
selbst nach dem Schlosse zu begleiten, und ersuchte den Grafen Ormond, den
Reisenden mit Sir Ramsey entgegen zu reiten, sie in seinem Namen zu begren und
in Godwie-Castle einzufhren. Dann lenkte er sein Pferd an die Seite seiner
Gemahlin, und mit besonderer Aufmerksamkeit ihren Zgel fassend, schien er sich
recht ihrer Gegenwart versichern zu wollen.
    Graf Archimbald beschlo gleichfalls seinen Liebling zu begleiten, da es ihm
hchst unangenehm vorschwebte, ihn der beln Laune seiner Schwgerin verfallen
zu sehen.
    Er eilte sogar dem jungen Herzoge voran, sich bei der Herzogin einzufhren,
und wir glauben, da der Neffe dies Geschft dem Oheim gern berlie.
    Ein kurzes Gesprch mit Richmond hatte ihm zu einer gedrngten Uebersicht
des Geschehenen verholfen, und er hoffte, diese Mittheilungen wrden vershnend
das Herz der Mutter erweichen.
    Er fand sie in der strengen und ernsten Haltung, die einen weniger gefaten
Mann als Graf Archimbald von jeder Annherung zurckzudrngen geeignet war.
    Im Gegentheil aber reizte ihn diese Wahrnehmung in einzelnen Fllen noch zu
einem strkern Hervortreten der eigenen kalten Schrfe, und sie begannen
gewhnlich damit, einander beim ersten Anblick wegen dessen zu zrnen, was sie
im Laufe des Beisammenseins gegen einander zu verschulden gewrtigten.
    Ich hoffe, meine theure Schwgerin, hob er, ihr zuvorkommend, an, ich finde
eine gute Stunde zur besten Botschaft, die ich glaube bringen zu knnen.
Richmond, der verlorne Sohn, nhert sich dem Schlosse, und ich bin voran geeilt,
mir vor allen den Lohn so guter Botschaft von Euerm freundlichen Gesichte
abzufordern.
    Der jhe, pltzliche Schreck, der mit einer hohen Rthe das strenge Gesicht
der Herzogin berflog, raubte ihr, tief ihr Herz erschtternd, fr einen
Augenblick die Sprache. Sichtlich jedoch den Antheil von Freude bekmpfend, den
diese Nachricht in sich schlo, zeigte sie bald einen Ausdruck, gem der
Stimmung, die sie glaubte zeigen zu mssen.
    Ihr berrascht mich, Mylord! Lat mich hinzusetzen, dies ist vorlufig das
einzige Gefhl, dem ich Raum geben kann. Zu frh lernen Mtter die
Nothwendigkeit kennen, ihre Kinder als fremde, sich von ihnen lossagende
Personen ansehen zu mssen. Mein Sohn hat mir in seinem letzten Verfahren darin
den Unterricht gegeben, der mein Herz zu schmerzlich traf, um mich ganz frei ihm
gegenber zu fhlen, da ich auerdem von der Schwche frei bin, darum, weil es
eben mein Sohn ist, seinen Handlungen eine blinde Bewunderung zu zollen.
    Auf solchen Anspruch scheint er sich auch nicht beschrnken zu drfen,
erwiederte Graf Archimbald mit khler Gleichgltigkeit, im Gegentheil scheint er
mit mnnlicher Festigkeit erreicht und beseitigt zu haben, was fr uns alle eine
Verpflichtung geworden, deren Lsung jedoch von so mannigfacher Schwierigkeit
war, da sie, wie billig, das Maa von Thtigkeit einer Frau bersteigen mute.
    Ich erinnere mich nicht, diese Sache, in so fern Ihr von dem Schicksale der
jungen Abenteurerin sprecht, der wir Schutz gewhrten, ber meine Krfte hinaus
gehalten, wohl aber sie vollstndig fr meine Angelegenheit erklrt und
Niemandem die Verantwortlichkeit auferlegt zu haben, womit dann der Gegenstand
fr alle Andern erledigt und ich, jede unberufene Einmischung als Anmaung und
beleidigende Bevormundung meines Willens anzusehen, befugt war. -
    Es ist nicht anzunehmen, sagte Graf Archimbald, da wer in der Nhe Eurer
Durchlaucht lebt, sich nicht von der Schwierigkeit solcher Einschreitungen
berzeugt haben sollte. - Erlaubt mir jedoch, Euch aufmerksam zu machen, da wir
nie so fest uns selbst vertrauen drfen, um nicht die Mglichkeit anzunehmen, es
knne auer unserm Bereich eine Denk- oder Handelsweise stattfinden, die den
einen oder andern Gegenstand frher entwickelt, als uns vielleicht vorbehalten
war; wenigstens, setzte er hflich lchelnd hinzu, habe ich mich fter in diesem
Falle zu befinden geglaubt und nicht ungern an Anderer Thtigkeit die Grenzen
der meinigen erkennen gelernt.
    Verzeiht, sagte die Herzogin gereizt, ich bin nicht begierig gewesen, eben
von meinen Kindern hierber Belehrung zu empfangen und, um aus dieser
Allgemeinheit zu dem besondern, vorliegenden Falle zu gelangen, am wenigsten in
einer Sache, deren Verfolgung nichts Ehrenhaftes mehr fr meine Familie haben
kann, da Sittenlosigkeit und Unwrdigkeit des Gegenstandes durch ihr eigenes
Betragen auer Zweifel gestellt ist.
    Auch darber mchten sich die abweichendsten Ansichten vertheidigen und
sogar beweisen lassen, betonte Graf Archimbald seinerseits ziemlich stark, und
ich freue mich, hinzufgen zu knnen, da Richmond, den wir immer nur in der
Wahrheit und der richtigsten Auffassung aller Verhltnisse fanden, mir darber
die bndigsten Versicherungen gab, deren guter Grund schon dadurch mir bewiesen
scheint, da er die unglckliche verfolgte Lady in Begleitung des ehrwrdigen
Master Brixton seiner Familie wieder zufhrt, sie ihrem Schutze empfehlend.
    Was sagt Ihr? rief hier die Herzogin, schnell aufstehend, mein Sohn, Lord
Richmond, fhrt das Mdchen, welches sich unserm Schutze entzog, um mit einem
ehrlosen Manne die Flucht zu ergreifen, dies Mdchen, deren Namen wir nur mit
Errthen vor unsern Tchtern knnten nennen hren, dies Mdchen fhrt er in den
Kreis seiner Familie zurck, und Ihr, Lord Archimbald, Ihr nehmt es ber Euch,
mir diese Nachricht zu bringen? O geht, geht, Mylord, Ihr spottet der alternden
Frau, Ihr benutzt ihren durch Gram stumpf gewordenen Verstand und versuchet die
Macht Eurer Fabeln; jedoch ist jener noch hell genug, und diese sind schlecht
ersonnen. Ich glaube viel eher an Eure schlechte Erfindungskunst, als da ich
durch den Glauben an ihre Wahrheit das eigene Kind in meiner Brust zerstren
mte.
    Weder zum Fabeln-Erfinden habe ich Talent, Mylady, sagte Archimbald kalt,
noch fhle ich mich geneigt, Euern sehr gegenwrtigen Verstand auf Proben zu
stellen. Hier ist nicht von so tragischen Momenten die Rede, als Eure Worte
andeuten. Die Sache ist sehr einfach die, da ein junges Mdchen hintergangen
ward durch die Tcke eines erfahrenen Weltmannes, da sie nur anscheinend
Unrecht that und, bei unbefleckter Sitte, erlst aus einer schmligen
Gefangenschaft, voll Vertrauen die aufsucht, von denen ihr schon ein Mal Schutz
und Hlfe zu Theil ward.
    Die Herzogin wollte eben in heftiger Rede entgegnen, als schnelle Schritte
sich den Vorhngen der Thr nherten und im selben Augenblick sich Richmond
zeigte, der mit dem ganzen Enthusiasmus kindlicher Liebe zu den Fen seiner
Mutter strzte. Das heftige Wort der zrnenden Frau erstarb in ihrem Munde. Der
Zauber, den der Anblick eines geliebten Wesens ber alle Krfte unserer Seele
bt und sie aufzulsen scheint in dem Entzcken des Anblickens, der Wohllaut,
der unsere Seele erfllt, wenn wir das Bild in der Flle des Lebens vor uns
sehen, was den Hintergrund unseres Herzens mit tiefen, unauslschlichen Farben
einnimmt - diesem Zauber unterlag das Mutterherz, und Stille kehrte fr einen
Augenblick in die aufgeregte Brust ein.
    Doch Richmond kannte seine Mutter zu wohl, um nicht in ihren Zgen den kaum
bezwungenen Zorn zu erkennen, und auer Zweifel ber die Ursache, war er Mann
genug, den Gegenstand nicht zu scheuen, sondern, sobald als mglich, zu
errtern.
    O seht mich gtig an, meine theure Mutter, rief er mit dem tiefsten Ausdruck
der Liebe, und seid sicher, Ihr drft es ohne Rckhalt! Was ich Euch zu sagen
habe, verdient nicht Euern Zorn, nicht Eure Besorgni! Ich fhle mich stark in
dem Bewutsein, so gehandelt zu haben, wie Ihr es von Euerm Sohne gefordert
haben wrdet.
    Die Herzogin schwieg, unwillkrlich lauschte ihr Ohr den berredenden Worten
des Lieblings, aber das Phantom ihrer Angst trat wieder dazwischen. Schwche
schien ihr die verfhrerische Hoffnung, und sie ri sich mit Anstrengung davon
los.
    Und ist es wahr, was Lord Archimbald behauptet, sprach die Herzogin dumpf
und ihn mit dsterem Auge anblickend, ist es wahr, fhrst Du die, die sich
unserm Schutze entzog, und Ruf und Sitte gleich stark beleidigte, fhrst Du sie
diesem ehrwrdigen Hause zurck?
    So ist es, rief Richmond lebhaft aufstehend, und in Wahrheit, ich rechne es
zu dem Besten, was ich zu leisten vermochte. Denn ein edles, vom Schicksal
verfolgtes Wesen, unschuldig und rein wie das Licht des Himmels, habe ich aus
den Hnden der Bosheit befreit, und die grausamste Gewaltthat an menschlicher
Freiheit und Wrde verhindert.
    Diese Behauptung, mein Sohn, rief die Herzogin gepret, wirst Du mir
beweisen mssen, und diese Beweise werden bei mir eine scharfe Prfung zu
bestehen haben. Nicht berreden werden mich die klugen und geschickten Sophismen
eines schnen Mdchens, oder ihre rhrenden Thrnen, oder was ihr sonst gelungen
sein mag, gegen Dich zur Untersttzung anzurufen.
    Die Grfin Melville, sagte Richmond mit Ernst, hat nie ihr unglckliches
Schicksal zu einem Gegenstand besonderer Unterredungen mit mir gemacht, sie
ahnet wohl kaum das Dasein der Knste, die Ihr eben andeutet, und berlie es
ihrem Lehrer, dem Master Brixton, der sie mit mir auffand und sie keinen
Augenblick seitdem verlassen hat, nachdem sie uns beiden das von ihr Erlebte
einfach mitgetheilt hatte, mit mir die nthigen Schritte zu berlegen. Das
Dunkel, welches dessen ungeachtet darber verbreitet ist, das jedoch allein den
Motiven gilt, warum man sie um jeden Preis unserer Obhut entziehen wollte, und
warum ihre Person so wichtig gehalten wird, da man ihr lieber den Tod geben,
als ein Hervortreten an das Licht gestatten wollte, ist theils Brixtons
Geheimni, theils ihm selbst noch unaufgeklrt.
    Nun wahrlich, rief die Herzogin, in die widersprechendsten Empfindungen
aufgelst, die Aufschlsse, die nach so viel Ausnahmen brig bleiben, knnen
nicht von Belang sein und schwerlich mein Mitrauen gegen ihre Triftigkeit
aufheben. Aber ich empfinde es als eine Hrte des Schicksals und kann Dir dafr
nicht dankbar sein, da Du dies in Geheimnisse gehllte Mdchen meinem Kreise
wieder zuzufhren trachtest, der sich von jeder Zweideutigkeit frei erhalten
sollte.
    Und der es bleiben wird, entgegnete Richmond, wenn Ihr das Zeugni des
Master Brixton, eines ehrwrdigen, angesehenen Geistlichen, wenn Ihr das Zeugni
Eures Sohnes, wenn Ihr das Zeugni der himmlischen Unschuld selbst nicht
zurckstoen wollt, eine vorgefate Meinung lieber festhaltend.
    Die Herzogin hatte vielleicht noch nie eine so feste Sprache von ihrem Sohne
gehrt. Sie erschrak innerlich, und wie Mtter in ihren Shnen oft leichter die
Autoritt der Mnnlichkeit anerkennen, als in deren Vtern, so fhlte sie sich
davon aufgehalten, und das Gefhl, hier nur die Wahl zwischen einem ernstlichen
Erzrnen und einem gromthigen Nachgeben zu haben, lie sie, aus dem Ersteren
verschchtert, sich in das Letztere hineinfinden.
    Ich gebe Deine eben gesprochenen Worte Deinem eigenen Nachdenken anheim,
sprach sie mit jener milden Art, die dem Stolzen so befriedigend wird, weil sie
den Andern in Nachtheil setzt, und wenn mein Sohn mir meine Aufgaben nach seinem
Ermessen stellt, will ich die Migung und Selbstbeherrschung, die ich von
meinen Angehrigen fordern mu, ihnen vorangehend zeigen.
    Ohne Zweifel wird Beides von mir in einem hohen Grade gefordert, indem man
mich zwingt, ein junges Frauenzimmer wiederzusehn, deren Ruf durch ihre eigenen
zweideutigen Handlungen gelitten hat, ber welche mir Aufklrung zu geben und
daran billig meine Einwilligung zu ihrer Wiederaufnahme zu knpfen, man
verweigert und es vorzieht, sich vor mir in ein abenteuerliches Dunkel zu
hllen.
    So willigt Ihr ein, theure Mutter, den Master Brixton zu sprechen, rief
Richmond, immer das Ziel im Auge behaltend und die zwischenliegenden
Schwierigkeiten verschmerzend; also darf ich ihn Euch zufhren?
    Sollte das nthig sein? sagte die Herzogin kalt, ich denke, da der Herzog,
mein Sohn, bereits seine Einwilligung zu seiner Aufnahme gegeben hat und wir uns
nichts weiter zu sagen haben, da ich allerdings nicht in der Stimmung bin, mich
gelehrig fr geheimnivolle Histrchen zu erweisen. -
    Master Brixton und Lady Melville wrden sich dessen ungeachtet nicht als
Gste dieses Hauses ansehn wollen, bevor sie die Einwilligung meiner verehrten
Mutter dazu erlangt. -
    Lady Melville, Lady Melville! rief die Herzogin rasch, weit Du nicht, mein
Sohn, da der Graf Melville, den sie zu ihrem Vater erhob, kinderlos starb?
    Ich wei es, sagte Richmond fest, doch Brixton giebt ihr mit voller
Ueberzeugung diesen Namen, er mu ihr verbleiben, bis wir das Schweigen des
ehrwrdigen Mannes aufgehoben sehn.
    Nun, sagte die Herzogin mit jenem Lcheln, welches den Andern verwundender,
als das Wort trifft, es wird Keiner in Abrede stellen, da mir viel zugemuthet
wird, und an den endlichen Mittheilungen dieses Master Brixton viele und sehr
wichtig scheinende Erklrungen haften. -
    Keiner wird das in Abrede stellen, verehrte Mutter, aber auch Keiner in mir
das Vertrauen zerstren knnen, da diese uns einst gengend sein werden. -
    Genug, genug und schon zu viel! erwiederte die Herzogin, ich bin gesonnen,
was man von mir fordert, bald zu leisten, um alsdann meine Gedanken von einer so
empfindlichen Sache ableiten zu knnen.
    Lord Richmond fhlte, wie passend es sei, hier eine Unterredung abzubrechen,
welche jeden Augenblick ihn in Gefahr setzte, die heilige Verpflichtung der
Ehrfurcht gegen seine Mutter zu verletzen, die zu erfllen, ihm jederzeit wahres
Bedrfni des Herzens war.
    Beide Mnner zogen sich, mit hflicher Klte entlassen, zurck, im brigen
Kreise der Familie sich fr den Zwang entschdigend, den die Unterredung ihnen
auferlegt, und die Herzogin verblieb in ihren Gemchern, eine Unplichkeit
vorschtzend.
    Die Unterredung, die sie am andern Morgen dem Master Brixton gewhrte,
konnte keinem von Beiden zur Befriedigung dienen.
    Die vorgefate Meinung der Herzogin ber diese Angelegenheit, die halben
Mittheilungen, die der wrdige Mann, gebunden durch sein gegebenes Wort, fast
nur auf Versicherungen, die den Glauben an seine Person bedingten, machen
konnte, fanden wenig Anklang bei der Hartnckigkeit seiner Gegnerin und
beschrnkten ihn fast auf die einfache Erzhlung, wie es dem Lord Membrocke
gelungen sei, das Frulein zu tuschen, und wie es ihr ferner im Schlosse der
Lady Sommerset ergangen.
    Ganz ohne Eindruck blieben diese letzten Mittheilungen nicht, und dieser
wurde verstrkt durch den ruhigen Bericht ber den Fortgang der Reise, woraus
die Herzogin abnahm, da kein ausgesprochenes Verhltni zwischen ihrem Sohne
und der Lady obwalte, und die ganze Reise durch Brixtons und Margariths Nhe
vollkommen in den Grenzen schicklicher Zurckhaltung verblieben sein mute.
    Sie willigte ein, das Frulein zu sehn, und sagte Brixton den Schutz zu, den
er fr sie bis zu seiner Rckkehr von London, wohin er sich augenblicklich zu
begeben trachtete, erbat.
    Jener Empfang war nicht ohne krnkende Aeuerungen und mit der stolzen Klte
verbunden, die wenig Muth brig lt. Aber Lady Maria hatte seit lange schon die
glckliche Sicherheit der Jugend verloren, die sie in der ersten Zeit ihres
Unglcks ihre ganze Lage klar und ehrenhaft ansehn lie.
    Sie erkannte nur zu wohl, wie zweifelhaft ihre Geburt, Name und Zukunft
geworden; und fhlte sie sich auch innerlich gehalten durch die zuversichtlichen
Trstungen Brixtons, so entging es ihrem klaren Blicke doch nicht, wie voll
Sorge der ehrwrdige Mann war fr die nchsten Schritte, die ihm zu thun
oblagen, und ob diese Dinge sich je bis zu der Klarheit entwickeln wrden, um
Andern als Beweis und Ueberzeugung dienen zu knnen, das stellte sich ihr in
immer zweifelhafterem Lichte dar.
    Sie verlernte daher auch in demselben Maae, Ansprche an die Gunst der
Menschen zu machen, da sie sich durch so viel Migeschick von ihnen
ausgeschieden und aller Berechtigung beraubt sah, die ihr unter ihnen einen
ehrenvollen Platz anweisen konnte. Sie hatte es daher nur mit tiefer Beschmung
geduldet, sich der Familie Nottingham aufgedrungen zu sehn, und war nur den
vereinigten Bitten Richmonds und Brixtons gefolgt, als ihr Beide auerdem keinen
schtzenden Aufenthalt zu nennen wuten und Brixton nicht aufhrte, ihr die
Hoffnung zu erhalten, da sie aus dieser milichen Lage bald in aller Ehre
hervorgehen werde.
    Sie empfand daher die Klte der Herzogin als eine nothwendige Zugabe ihres
Unglcks und trug sie mit um so stillerer Ergebung, als sie es aufs Tiefste
bereute, durch ihre frhere Unbesonnenheit das Vertrauen dieser edlen Frau
selbst erschttert zu haben.
    Es war freilich dies auch die einzige Prfung, die ihr in diesem Hause
auferlegt war; denn keiner der Andern stand an, ihr Vertrauen und die alte Liebe
zu bezeigen, ja, das Unglck, das sich in den Augen der Jugend so leicht von dem
Verdachte des Unrechts reinigen lt, schien ihr nur noch greres Anrecht auf
die schonende Liebe ihrer jungen Freunde zu geben.
    In welchen Begrenzungen brigens Lady Maria sich gegen ihren Retter, Lord
Richmond, gehalten hatte, whrend einer Reise, wo sie tglich Beweise seiner
Gte und Hingebung, seiner gegen jede Zuflligkeit sie schtzenden Vorsorge
empfing, - hier traten diese Grenzen doch noch bestimmter hervor, und nicht
mehr, wie auf der Reise, war es eine selbstgewhlte Entfernung, die sie doch
immer in dem Bereich seiner ausschlielichen Sorgfalt lie, sondern es muten
alle Beziehungen der Art nothwendig aufhren, wo in der vllig gesicherten Lage
und ungestrten Ordnung des Hauses jede Veranlassung dazu wegfiel.
    Beide geriethen in eine Entfremdung, die sie fast mit Zweifel erfllte, ob
sie beide jemals sich nher gestanden.
    Maria fhlte, wie sie nur angewiesen sei, diese Zurckhaltung zu
untersttzen, aber es schien ihr bald, als kme ihr Richmonds Gefhl darin nur
zu sehr zu Hlfe. Sie fhlte sich von einer Schwermuth beschlichen, die sie zwar
wohl unter den vor Aller Augen daliegenden Umstnden ihrer Lage verbergen, von
der sie sich selbst aber nicht ablugnen konnte, da sie einer andern Ursache
angehrte, und diese begann ihres Herzens sich mit einer Gewalt zu bemchtigen,
die allen andern Kmmernissen die Kraft, sie zu beugen, raubte oder doch in
diesem einen Gefhle sie alle zusammen treffen lie.
    Sie war zu fromm, zu Gott ergeben, sich den Tod zu wnschen, aber es verging
kein Tag, an dem sie nicht dahin kam, mit einem sehnschtigen Laut ihrer Brust
an ihn, als an die seste Erquickung, hinzudenken.
    Sie machte sich Vorwrfe, da sie allgemach gleichgltig ward gegen ihr
ganzes verwickeltes Schicksal, gegen ihre Zukunft; das Einzige, was noch einen
Anspruch an ihre Theilnahme geltend machte, war das Andenken an ihren
unglcklichen Oheim, dessen Existenz ihr aufs Neue durch Brixton besttigt ward,
und zwar in jener vollen Glorie der Tugend, worin sie ihn von Jugend an vor
Augen gehabt. -
    Ollony nahm den gewohnten Platz in der Nhe ihrer theuern Lady Maria ein;
sie war ihr so viel nher indessen getreten, man konnte sagen, sie war zu der
Freundschaft herangewachsen, die sie schwrmerisch zu ihr hinzog.
    Beide sahen ahnend einander in die schwermthigen Augen, aber das heiligste
Siegel war auf die jungfrulichen Lippen gedrckt, und das Verstndni des
gemeinsamen Gefhls gab sich nur kund in der Anziehungskraft, die Beide, an
allen Andern vorber, zu einander hinzog.
    Dies schne Verhltni gewann eine Art Heiligung und ward von Allen
untersttzt, denn keine der brigen Frauen rivalisirte mit Ollony.
    Lady Anna, die sonst dazu am nchsten stand, hatte eine zu ausschlieliche
Beziehung zu ihrem Gemahl gewonnen, um fr das Gefhl der Freundschaft in
solchem Maae noch zugnglich zu sein. Ja, sie hatte den feinen Takt, der den
Frauen in der Liebe so eigen ist, und der bei der Anerkennung von Marias Werth
ihr die kaum zu bezwingende Schlufolge aufnthigte, ein solches Wesen eben
msse auch ihrem Gemahl sehr nahe zu stehen vermgen.
    Die ungemein feste und edle Haltung jedoch, die der junge Herzog in dieser
gefahrvollen Lage behauptete, lie weder im Herzen seiner jungen Gemahlin, noch
bei andern ihn beobachtenden Familien - Mitgliedern die leiseste Unruhe
aufsteigen.
    Maria fand an ihm, jetzt wie frher, ihren wohlwollendsten Beschtzer, stets
bemht, ihr Godwie-Castle als ihre Heimat lieb zu machen, sie durch die feinste
Auszeichnung an seine Familie zu knpfen und mit dem Gedanken zu vershnen, da
ihr vielleicht keine andere lebe.
    Hierin sah er sich von seiner Gemahlin und allen seinen Geschwistern
untersttzt, und bei der dauernden Vorliebe seiner Gromutter, und da selbst
Lord Archimbald ein besonderes Wohlgefallen nicht verhehlte, schien sich einer
solchen Hoffnung fr die Zukunft nichts entgegen zu stellen.
    Maria sah dies mit der grten Anerkennung und bemhte sich, ihr
niedergebeugtes Leben so gtigen Anforderungen gem zu erhalten.
    Aber sie war nie durch das, was sie Andern schien, zu beruhigen; ihre Seele
wollte mit sich selbst im Einklang sein, und nur was sie wirklich war, schien
ihr wrdig, nach Auen hervortreten zu lassen.
    So entstand ein Kampf, ein Zwiespalt in ihrem Innern, der sie ungleich
erscheinen lie und ihren Freunden oft die schmerzlichste Besorgni einflte.
Tausend Mal wollte sie sich den begeisternden Zuruf wiederholen, womit sie ihr
Gefhl fr Richmond zuerst als freies Eigenthum ihres Herzens sich zum Glck und
zum Segen anerkannt, und alle Ansprche des Lebens daran ausgelscht hatte, im
Gefhl selbst Alles suchend und findend.
    Der Augenblick war vorber, und fr immer war dieser freie Standpunkt der
Resignation ihr mit der Ahnung einer Seligkeit verschwunden, die Richmonds
Hingebung an ihr Interesse ihr mit einer schneren Hoffnung eingeflt.
    Es gab freilich fr sein schchternes Zurcktreten eine Auslegung, welche
ihrem scharfen Blicke nicht entging und in der bestimmt kalten Stellung der
Herzogin gegen sie liegen konnte, die zu absichtlich ber das Verhalten
Richmonds bei ihrer Rettung und der damit verknpften Reise eine blos
zurckgehaltene Mibilligung ausdrckte. Es lie sich wahrscheinlich annehmen,
da Richmonds strenges Ehrgefhl, fr sich und vielleicht auch fr sie
beleidigt, durch sein blos ehrerbietiges Betragen auch den Schatten eines
Verdachtes entfernen wollte, gegen welchen auf andere Weise sich aufzulehnen,
ihn die Stellung des Sohns zur Mutter verhinderte.
    Aber ein wahres Gefhl der Liebe ist selten bereit, die Entfremdung und
Klte des geliebten, hochgestellten Gegenstandes in ueren Umstnden zu suchen.
In sich selbst, in dem eigenen geringen Werth findet es mit sanfter
herzzerreiender Schwermuth den trennenden Grund und zrnt nicht, und will nicht
gewinnen und besitzen, wozu es, mit dem Lcheln eines Sterbenden, die Fhigkeit
sich versagt hlt. So Maria.
    Ohne alle Gegenwehr stand sie dem Schmerze still, der nach und nach jeden
gesunden Athemzug ihrer Brust verwandelte, und sie hielt zuletzt diesen Schmerz
fr ihr Leben, und wehrte ihm nicht einzuziehn und ber alle Hoffnungen der
Zukunft das Leichentuch zu werfen. Der Gesichtskreis ihrer Wnsche, ihrer
Hoffnungen ward so klein, da sie zuletzt an dem Gedanken hngen blieb, hier im
Bereich seiner Augen sterben zu knnen, sei das hchste ihr noch gebliebene
Glck, und da sie kaum einen andern Wunsch mehr hegte, als den, es mge keine
Vernderung ihrer Lage sie um diesen Vorzug bringen.
    So sah sie Brixtons Reise und deren Zweck mit sehr gemischten Empfindungen,
die sich endlich von ihr ab dem Andenken des ihr immer noch theuern Oheims
zuwandten.
    Um sie her gestaltete sich das Leben dagegen in allen Beziehungen, so vielen
Ansprchen gem, glcklich und befriedigend.
    Der junge Herzog durchzog seine reichen Besitzungen, und belebte die ganze
Gesellschaft zu Streifereien mit ihm in den schnen Forsten und entfernteren
Ansiedelungen. Es verging kein Tag, an dem man nicht theils zu Pferde, theils zu
Wagen solche Unternehmungen vollfhrte, wobei sich das Interesse der verschieden
Betheiligten vielfach anregte und aussprach.
    Lord Ormond blieb der fast ausschlieliche Begleiter von Lady Maria und
Ollony, whrend Richmond nicht selten den Wagen seiner Mutter begleitete oder
sich den Fremden anschlo, die, stets im Schlosse anwesend, die Gesellschaft
verstrkten.
    Eine kleine Grenzstreitigkeit mit Master Allincroff, gtlich durch die
wohlwollenden Gesinnungen des jungen Herzogs beigelegt, hatte die Bitte dieses
Master Allincroff unabweislich gemacht, auf der neugesteckten Grenze, welche in
dem schnsten Eichen - Forste sich befand, seine nachbarliche Begrung
anzunehmen und unter Zelten auf dem feinen Teppich der Moose einen Tag zu
verleben. Nur die ltere Herzogin und Lady Dorset hatten sich der wohlgemeinten
Einladung entziehen knnen, alle brigen Bewohner von Godwie-Castle aber sich zu
Pferde dahin aufgemacht. Die Herzogin und Lucie fuhren in der Mitte der
Kavalkade auf dem etwas ungebahnten und steinigen Wege, der, von den bekannten
Pfaden ablenkend, endlich in einen Hohlweg fhrte. Berg ab gehend zeigte sich
eine hchst malerische, aber auch nicht ohne Gefahr zu passirende Strae, die so
schmal war, da der Wagen der Herzogin nur mit Mhe sich durcharbeiten konnte,
die Reiter aber genthigt waren, am Rande des Hohlweges die schmalen Jagdwege zu
erklimmen. Master Allincroff hatte den Damen viel von der Schnheit dieser von
Giebchen und den schroffsten Felsenabhngen durchschnittenen Gegend zu
erzhlen gewut, und Alle fhlten sich mit einer Art von Erregung diesen
wildromantischen Scenen gegenber, wobei die Schwierigkeiten, welche der Boden
veranlate, die Heiterkeit und das Leben des ganzen Zuges erhhten, und tausend
kleine Neckereien und Scherze herbeifhrten.
    Dadurch, da die Reiter die Hhe des Hohlweges erstiegen hatten, war der Zug
in Stocken und Unordnung gekommen, und Lady Maria hatte sich, ihres klugen
Pferdes Fhrung vertrauend, von Ormond und Ollony getrennt, die, bei einander
haltend, mit den Uebrigen die Einfahrt der Kutsche in den tief darunter
liegenden Hohlweg abwarteten.
    In ihre Gedanken vertieft, hatte sie einen bedeutenden Vorsprung gewonnen
und eben eine gelichtete Hhe erreicht, von wo aus sie ber den Felsen hinweg
einen Blick auf die Waldgrenze gewann, der sie eine Reihe bunt geschmckter
Zelte und die zum Empfang bereiten Gste des Master Allincroff erkennen lie.
    Auch mute sie als Vorbotin der Erwarteten erkannt sein, denn sie sah, wie
man sogleich mit einer weien Fahne in die Luft wehte, und im selben Augenblick
erhob sich ein lustiges Gewehrfeuer aus allen Gebschen des Waldes und Weges.
    Marias Pferd stieg einen Augenblick erschrocken in die Hhe. Doch besnftigt
von der liebkosenden Hand und der sanften Stimme der Reiterin, schnob es nur
muthig, war bald vertraut mit dem muntern Geplnkel, und trug nur desto stolzer
sich und seine Fhrerin.
    Bei seinem ersten Schrecken hatte es sich jedoch gewendet, und nachdem Maria
es zur Ruhe gebracht, schlug sie die Augen auf und nach dem Hohlwege hin, wo sie
den Wagen der Herzogin erwartete. Doch welch' ein Anblick bot sich ihr dort dar!
    Die Pferde der Herzogin waren gleichfalls von dem unbesonnen angeordneten
Lustfeuern erschreckt worden, aber nicht von besonnener Hand, wie Maria's Pferd,
beruhigt, strzten sie sich mit rasender Eile den gefahrvollen Weg hinab, warfen
Vorreiter und Kutscher von ihren Pltzen, und jagten ber den steinigen,
ungleichen Felspfad dahin, der, bald nach der entgegengesetzten Seite seine
hohe, schirmende Wand verlierend, hier an einer Tiefe entlang sich fortzog, die
den schumenden Giebach in einem reienden Bergstrome sammelte.
    Ein Blick lie Maria's klares Auge die Gefahr bersehen, die hier fast
unabweislich den Untergang der Herzogin und Luciens herbei fhren mute, wenn
sie ohne Hlfe und Aufenthalt diesen entsetzlichen Punkt erreichten.
    Noch waren ihre Pferde trotz der Gedankenschnelligkeit ihres Laufes davon
entfernt; es blieb eine Mglichkeit, sie aufzuhalten, wenn eben in dem
gefahrvollen Wege sich Jemand ihnen entgegen werfen konnte. Aber wo fand sich
diese Hlfe? In weiter Entfernung jagten die Reiter vergeblich dem rasenden
Sturze nach, der sich unaufhaltsam und unerreichbar ihnen voranwlzte, und sie
nur zu Zeugen des entsetzlichsten Unglcks, nicht zu dessen Abwendung herbei zu
rufen schien.
    Maria war die einzige, die Vorsprung gewonnen hatte; noch ein Mal schaute
sie nach Hlfe umher - kein lebendes Wesen nahte den Weg hinauf.
    Da trat der Gedanke, der die angstvoll zuckende Brust erbeben lie, mit
begeisterter Klarheit hervor.
    Fr Richmonds Mutter das Leben zu wagen, welch' ein Hochgefhl in dieser
liebenden Brust! Mit Blitzesschnelle drckte sie das elastische Thier, das so
stolz sich von der geschickten Hand seiner Gebieterin leiten lie, in die
Seiten; es schttelte sich vor der Tiefe, aber schnell geleitet von der
begeistert blickenden Fhrerin, erreichte es mit einem leichten Satze einen
kleinen Felsvorsprung, der die Tiefe zur Hlfte theilte, der zweite Sprung auf
den Weg trieb sich von selbst und war unaufhaltsam.
    Fast ohne Besinnung von der doppelten Erschtterung des Sprunges, erreichte
Lady Marie den Boden, aber gegen jede physische Schwche lehnte sich das
heldenmig pochende Herz so mchtig auf, da die Kraft ihr ward, die ihr nthig
war.
    Ganz nahe schon schumte der Zug daher. Die wthenden Vorderpferde an den
Zgeln zu ergreifen, das war die Aufgabe einer zarten Frauenhand, aber in dieser
Hand lag die ganze Kraft des Herzens concentrirt, das zu lieben und zu sterben
verstand. Ihr eignes zitterndes Pferd in halber Richtung lenkend, streckte sie
sich, von ihm seitwrts gebogen, dem entsetzlichen Laufe entgegen. Er hatte sie
schneller erreicht, als Worte es auszudrcken vermgen. Wohl stutzten die wilden
Rosse ob des Widerstandes, aber wie htte er sie aufhalten knnen, htte nicht
Lady Maria's Pferd, in so nahe Berhrung mit seinen schumenden Gefhrten
versetzt, erhitzt und erschreckt, einen angstvollen Satz in die Mitte des Weges
gemacht und dadurch, gleichsam sich entgegenbumend, sich mit den Vorderpferden
verwickelt, wodurch das linke Pferd strzte und nun von selbst sich gleichsam
ein Knuel der darber hin strauchelnden Pferde bildete.
    Der Wagen stand, blos zuckend noch hin und hergerissen von den arbeitenden
Pferden.
    Lady Maria war einen Augenblick in diesem Knuel verwickelter Pferde fast
vergraben Aber das edle Thier, das sie trug, und auf dem sie noch immer,
Besinnung behaltend, sich krampfhaft festhielt, doch ohne ihm eine Richtung
geben zu knnen, ri sich selbst mit stolzer Wildheit von seinen tollen
Gefhrten los, und frei sich machend durch einen weiten Satz, tauschte es jetzt
seine Freiheit um die scheueste Angst, sie wieder zu verlieren, und flog in
gejagter Flucht den gefahrvollen Weg hinab.
    Maria's Besinnung umhllte sich, ihr Kopf streifte ein paar Mal gegen die
niederhngenden Aeste der Bume, sie sah nichts mehr deutlich und fhlte nur
eine heftige schmerzhafte Erschtterung, die sie von da an ihres Bewutseins
gnzlich beraubte.
    Die nachfolgenden Reiter, unter ihnen Richmond zuerst, hatten mit dem
grten Schreck das Unglck gesehen, das die unzeitigen Hflichkeiten des Master
Allincroff ber sie verhngten. Es blieb ihnen nichts brig, als der Versuch,
den Wagen zu berreiten, und dies war ein Versuch, den alle Mnner unternahmen,
all mit trostloser Gewiheit der Unmglichkeit des Gelingens.
    Doch hatte Richmond in verzweifelter Anstrengung fast sein Ziel erreicht; da
sah er das fabelhafte Unternehmen der Lady Maria, welche wie ein Geist aus der
Luft in zwei gewagten Sprngen auf ihrem Schimmel die Luft durchschnitt; er sah
sie im nchsten Augenblicke sich in einen fast gewissen Tod strzen, sah sie
verwickelt in den Knuel der wthenden Pferde, und sah um diesen hohen Preis den
Stillstand des Wagens erkauft, jetzt aber auch sie emporgerissen durch ihr wild
gewordenes Pferd und von demselben Schicksal erreicht, welches sie von seiner
Mutter abgewendet.
    Im selben Augenblicke sah er diese von den Nacheilenden erreicht, sie selbst
in der Mitte des Wagens gesund, lebend aufgerichtet, in ihrem Schooe Lucie, in
ihre Kleider schtzend gehllt, das blasse, bethrnte Lockenkpfchen
hervorstreckend. Ein flchtiger Blick gab ihm hierber Sicherheit; er bersprang
daher mit seinem flchtigen Pferde diese Gruppe, Maria nacheilend.
    Es war vergeblich; er konnte ihr Schicksal nicht mehr abwenden. Ehe er sie
erreichte, sah er sie widerstandslos vom Pferde herabhngen, dann bei einer
ungestmen Bewegung desselben zur Erde fliegen.
    Im nmlichen Augenblicke hatte er sie fast erreicht, sich vom Pferde herab
neben sie niedergeworfen. Ein Strom von Blut quoll ihr aus dem bleichen Munde,
die Besinnung hatte sie gnzlich verlassen.
    Als Maria zuerst die Augen aufschlug und die gestrte Geisteskraft sammelte,
glaubte sie, der Tod habe sie wirklich von allen Qualen erlst und der Himmel
seine Seligkeiten aufgethan. Auf duftigem Moose, ber ihr ein luftiges Zelt von
Laub und Blumenkrnzen, in den Armen der Herzogin ruhend, die sie mit Blicken
der Liebe und Angst betrachtet, zu ihren Fen Richmond knieend, ihre Hnde in
den seinigen gefat, bleich mit dem Ausdruck der Zge, fr den es nur eine
Auslegung giebt, sich selbst in einer himmlischen Ermattung fhlend, in einem
Zustande, der alle Krfte gebunden hlt und doch der seste Traumzustand ist, -
schien sie, vershnt, aller Noth entladen, den Seligen schon zugesellt.
    Indem trat Stanloff hervor und erkannte das wiederkehrende Leben, welches
Beide, in Schmerz versenkt, nicht wahrgenommen.
    Sie lebt! sagte er leise.
    Groer Gott! rief Richmond, ist es Wahrheit, Mglichkeit? Sie lebt! rief er,
einen Blick auf sie werfend, dann sprang er auf, und die Arme hoch empor
gehoben, strzte er zum Zelte hinaus.
    Maria hrte, wie er es dort noch ein paar Mal den wahrscheinlich seiner
Botschaft Harrenden wiederholte, und fast im selben Augenblicke lag er wieder zu
ihren Fen und blickte sie an mit dem Jubel der seligsten Freude.
    Ein Paar warme Tropfen fielen auf Maria's bleiches, kaltes Gesicht. Sie
blickte auf, und die strengen Augen der Herzogin, in Liebe gebrochen, waren der
Quell.
    Seid vor Allem ganz ruhig, theures Kind; Euer Leben und unser aller Ruhe
hngt daran! sagte sie mit weicher Stimme, als Maria einen Versuch zum Sprechen
machen wollte.
    Stanloff versuchte jetzt, ihr Tropfen einzuflen, und redete die Herzogin
mit der Bitte an, sich selbst einige Ruhe zu gnnen, da die beschwerliche
Stellung, der sie sich unterzge, sie zu sehr angreifen wrde.
    Redet mir nicht von Ruhe, erwiederte sie ernst; sie hat nicht an sich
gedacht, als sie ihr Leben wagte, das meine zu retten; jede Bewegung kann den
schrecklichen Blutstrom erneuen; ich danke Gott, da sie Ruhe in dieser Stellung
findet.
    O, meine Mutter! rief hier Richmond und drckte sein Gesicht in die Hand der
Herzogin.
    Etwas lebhaft zog sie die Hand zurck.
    Wir haben alle, denke ich, Fassung und Migung in unser Betragen zu legen,
da jede Gemthsbewegung der Kranken tdtlich werden kann. -
    Das werde ich auch knnen, rief Richmond und stand von seinen Knien auf;
sagt nur, Stanloff, wenn ich gehen mu, ich will alles thun, was nthig ist.
    Es mchte allerdings die hchste Ruhe zu empfehlen sein, erwiederte
Stanloff.
    Nun, so sei Gott mit Euch, rief Richmond, sich zu Maria beugend, und die
Engel, die Euch lieben, mgen Euch erretten.
    Maria sah ihm nach, und ihre Seele sagte: Du bist mein Engel und Du heilest
mich!
    Das Fest des Master Allincroff war nach allen Seiten hin zerstoben. Man
hatte die lustigen Zelte im Waldgrunde nur zu erreichen gestrebt, um die
sterbende Lady Melville dort sanfter zu betten. Niemand dachte nur des Festes;
Alles war in Aufregung und Bekmmerni, in gespannter Erwartung des Ausspruchs
Stanloffs, dem keine vorzeitige Aeuerung zu entlocken war, und der Alles davon
abhngen lie, ob die gewaltsam gesprengte Ader der Brust sich geschlossen habe
oder fortbluten werde.
    Die Herzogin schien aufs Tiefste von dem Opfer erschttert, welches Maria zu
ihrer Lebensrettung gebracht; sie hatte, ihre vllige Besinnung behauptend, mit
unbeschreiblicher Angst das verzweifelte Unternehmen vor ihren Augen sich
begeben sehen. Ihre dadurch bewirkte Rettung schien ihr keinen Antheil zu
erwecken, und sie machte sich fast ungeduldig von ihren Kindern los, sogleich zu
Fue Richmond nacheilend, indem sie rasch rief, er habe das Zweckmigste
gethan.
    Stanloff folgte, und als man Maria in ihrem Blute fand, das wie ein Quell
aus ihrem Munde flo, schien sie, einen Augenblick von Trostlosigkeit
berwltigt, sympathetisch mit Richmond zu fhlen, der, die Verunglckte am
Boden sttzend, mit allen Ausbrchen des Schmerzes und der Liebe ihren Namen
rief.
    Es ward, von Allen betrieben, bald eine Bahre von den Polstern des Wagens
verfertigt, auf der man Maria sanft in das Thal zu den lustigen,
blumengeschmckten Zelten niedertrug, wo sie der trostlose Geber des Festes
empfing, der sich als die nur zu gegrndete Ursache dieses Unglcks ansehen
durfte. Stanloffs Bemhungen war es gelungen, den entsetzlichen Blutsturz zu
hemmen. Seit vier Stunden hatte sich das Blut nicht mehr ergossen, er verlangte
aber vier und zwanzig Stunden Ruhe, ehe irgend eine weitere Transportirung
zuzulassen sei.
    Die Herren ertheilten nun die Anordnungen, wie das luftige Zelt zu einer
Herberge fr die Nacht einzurichten sei, und alle brigen Zelte wurden ihres
Inhalts entkleidet, um dies eine damit auszustatten.
    Die Herzogin, Ollony, Richmond und Stanloff waren entschlossen, die
vorgeschriebenen vier und zwanzig Stunden bei der Kranken zu bleiben. Der Herzog
und die brigen Damen sollten gegen Abend nach dem Schlosse zurckkehren, und
alles herbeischaffen lassen, was zum Transport der Kranken fr den andern Tag
nthig wre.
    Master Allincroff entlie seine brigen Gste und erklrte sich
entschlossen, mit seinen Leuten das Zelt der Herzogin zu bewachen und zu jeder
nthigen Veranstaltung whrend der Nacht bereit zu sein.
    Die Herzogin gestattete endlich, da Maria's Zustand sich gleich blieb, da
Ollony ihre Stelle an deren Lager einnahm, und Richmond hielt sich am Eingange
des Zeltes bereit, Stanloff mit jeder Dienstleistung zu untersttzen.
    Gegen Morgen fiel die Kranke in einen sanften Schlaf, und als der Gesang der
Vgel sie mit der Sonne erweckte, wurden Alle berrascht und erfreut, als sie
mit krftiger, klarer Stimme Ollony anredete und lchelnd fragte, ob sie
wirklich lebe oder im Paradiese sei?
    Stanloff gab nun einige freundliche Worte der Hoffnung, und als die langen
vier und zwanzig Stunden ohne neues Oeffnen der Ader vorber gegangen waren,
trat man, mit vorsichtig eingerichteten Anstalten vom Schlosse hinreichend
versehen, den gefrchteten Rckweg an.
    Als Maria auf ihrer Bahre in den Schlohof getragen ward, hatten sich alle
Bewohner desselben in schmerzlicher Unruhe versammelt, sie zu empfangen, und die
lauteste Theilnahme, das Schluchzen der Frauen und Kinder, zeigte hinreichend,
wie geliebt das Frulein von Allen war. Die Herzogin, die kurz vorher zu Wagen
eingetroffen war, stand mitten unter ihnen, sie war selbst so mit dem Ereignisse
beschftigt, schien so besorgt und gengstigt ber den Erfolg der Bewegung, die
der Kranken, trotz des sorgsamsten Tragens, nicht zu ersparen war, da sie alles
Andere um sich unbeachtet lie.
    Maria, mit offenen Augen, aber todtenbleichem Angesicht, lchelte hold wie
ein verklrter Engel zu Allen. Sie fhlte einen Frieden, eine Seligkeit in ihrem
Innern, worauf selbst der Gedanke ihres noch mglichen Todes keinen Einflu ben
konnte. Ach! der Thrnen werth schien sie sich, als sie Tages vorher anscheinend
blhend und gesund ber die Hfe ritt, und als ob sie jede Theilnahme, jeden
Schmerz unrechtmig errege, bemhte sie sich, in ihren Zgen den Zustand ihrer
Seele auszudrcken.
    Die Herzogin befahl, die Bahre nach ihrem Schlafgemach zu tragen, und Maria
fand dort Alles zu ihrem Empfange sorgfltig geordnet. Die Herzogin erklrte,
die Pflege der Kranken mit Morton allein bernehmen zu wollen, und Maria konnte
nichts, als die sorgfltig ordnende Hand an ihre Lippen drcken.
    Der Erfolg lohnte so mtterliche Sorgfalt. Es erfolgte kein neuer
Blutverlust, die Krfte ersetzten sich schnell, und Maria verlie bald Bett und
Zimmer, und streifte, nicht minder schn bei der blsseren Farbe der Wangen,
durch Schlo und Park.
    Das Ereigni schien ein neues Band um Alle geknpft zu haben. Die Herzogin
hatte, von Dankbarkeit hingerissen, in ihrer Liebe gegen Lady Maria, die immer
nur wie unterdrckt in ihr fortbestanden zu haben schien, so lebhaft und ohne
Rckhalt sich gezeigt, da Alle, belebt durch das Gefhl ihrer gromthigen
Aufopferung fr das Leben der theuern Mutter, sich um sie als den Mittelpunkt
aller Bemhungen versammelten.
    Auch schien nichts mehr den eigenen Frieden ihr zu stren. Ein stilles
Gengen an Allem, wie es war, eine Anhnglichkeit an den Platz, wo ihr so viel
Liebe entgegen trat, eine kaum verhehlte Scheu vor jeder mglichen Vernderung
dieser Lage, trstete ihre Freunde selbst ber das Milingen von Brixtons
Unternehmungen mit der Hoffnung, das Frulein werde eine solche Nachricht mit
minderem Schmerze ertragen, wenn sie sich in ihrem jetzigen Verhltni glcklich
fhle.
    Die Gesundheit der jungen Lady ward aber von ihnen allen als ein Gut
betrachtet, fr das sie einstehn mten, und zu ihrer Schonung und Pflege
erschien sie noch nicht bei den greren Versammlungen der Familie, und blieb,
mit Ausnahme kleiner Spaziergnge, auf ihre Gemcher beschrnkt.
    Ein grerer Kreis von Fremden, der im Schlosse versammelt war, hatte sich
bereits zerstreut, und man geno der greren Stille, die der Familienkreis
darbot, zugleich mit der Hoffnung, Stanloff werde dem Frulein bald darin
einzutreten erlauben.
    Man hatte sich an einem schnen Abend auf den Terrassen versammelt, und
heiter mit Stanloff um das Gewnschte streitend, hatte man ihm eben die
Zusicherung entlockt, das Frulein bald zu ihnen hinab zu fhren, als die Hrner
auf den Wart-Thrmen neue Fremde ankndigten und dem Herzog die Meldung gemacht
wurde, da sich ein kleiner Trupp Reiter dem Schlosse nhere.
    Sir Ramsey, der dazu beauftragt war, die Fremden zu bewillkommnen und ihnen
entgegen zu reiten, entfernte sich zu diesem Ende, und Stanloff, seines Auftrags
unter diesen Umstnden entlassen, eilte, seine Schutzbefohlene in ihren
Gemchern aufzusuchen.
    Doch mute Sir Ramsey seinen Weg in kurzer Zeit zurck zu legen sich beeilt
haben, denn mit glhendem Gesicht und in der vollsten Aufregung sehn wir ihn
ber die Terrassen zurck eilen, und sich dem Herzoge nhern, der im Kreise der
Uebrigen der neuen Ankndigung harrte.
    Nun, sagte er lchelnd, Ramsey's Eile bemerkend, Du scheinst uns sehr
Wichtiges mitzutheilen zu haben. Wer beehrt uns mit seinem Zuspruch? Ich hoffe
angenehme Nachrichten zu empfangen.
    Der Besuch, der Euer Durchlaucht beehrt, folgt auf dem Fue; die Meldung kam
zu spt, ihn mit allen Ehren empfangen zu knnen. Es ist mir untersagt, ihn zu
nennen; doch bitte ich unterthnigst, da Euer Durchlaucht sich bis in den
Schlohof ihm entgegen bemhn. -
    In Wahrheit, fuhr der Herzog mit guter Laune fort, Du bist sehr feierlich
und auf die Ehrenbezeigungen Deiner Gste sehr bedacht; doch wir folgen Dir,
denn Du bist ein zu guter Seneschall, um Deinem Rathe nicht vertrauen zu drfen.
    Thut dies, gndigster Herr! sagte Ramsey, unruhig nach den Hallen blickend.
    Es zeigte sich jetzt, da die Ungeduld des eifrigen Seneschalls nicht ohne
Grund war, denn mehrere Herren, denen einer mit der vollen, schnellen Haltung,
welche den gewohnten Vortritt verkndigt, voranschritt, traten so eben aus der
mittelsten Halle auf die Terrasse.
    Der Herzog eilte ihnen entgegen, aber der Herr, der das Barett tief in die
Augen gedrckt hatte, bersah flchtig, fast abwehrend grend die
Bewillkommnung des Herzogs, und dem Kreise der Damen entgegen eilend, nherte er
sich so schnell der verwitweten Herzogin, da er fast allein pltzlich vor ihr
stand.
    Wollt Ihr erlauben, da ein alter Freund unangemeldet alte Freundschaft und
Gastlichkeit in Anspruch nimmt, sprach der Fremde, indem er rasch den schwarzen
Mantel, der ihn fast verhllte, zurckschob, den Kopf entblte und der
berraschten Herzogin das schne, ernste Antlitz Carls des Ersten zeigte.
    Mein Knig! rief die Herzogin in der hchsten Bewegung.
    
    Der Knig! wiederholten Alle.
    Der Knig wandte sich nun, mit Anmuth grend, zu allen Anwesenden, und mit
besonderer Hochachtung zu der edlen Mutter seines verstorbenen Freundes.
    Die augenblickliche Verlegenheit, die diesem unerwarteten, fast
unerklrlichen Ereigni folgte, da man den Knig seiner jungen Gemahlin harrend
glaubte, und jeden Augenblick die Meldung ihrer Landung ihn alsdann ihr entgegen
nach einer ganz andern Richtung fhren mute, wich doch bald der Nothwendigkeit,
jedes Erstaunen zu unterdrcken, welches der Knig erwarten durfte erregt zu
haben.
    Derselbe schien jedoch so ernst nachdenkend und wie von einem Gedanken
vorherrschend beschftigt, da man sich unbeachtet in seiner Gegenwart glauben
konnte; nur die verwitwete Herzogin und Lord Richmond machten davon eine
Ausnahme.
    Die Herzogin hatte den ganzen Abend seine zahllosen Fragen zu beantworten,
welche unverkennbar irgend einen Zweck hatten, und sich alle um die Reise ihres
Gemahls seinen letzten Willen und ihr eignes Leben seit dessen Tode drehten.
Eben so Lord Richmond. Der Knig blickte ihn mit langen prfenden Blicken an,
whrend er mit der Herzogin redete, und Jeder sah, da dieser seine vorzgliche
Aufmerksamkeit fessele.
    Unser erstes Zusammentreffen, Lord Derbery, sprach er freundlich, war
ernster Art, gereichte Euch aber so sehr zur Ehre, da Ihr es nicht anders
wnschen knnt.
    Der erste wichtige Moment meines Lebens, unter den Augen Euer Majestt
bestanden, erwiederte Richmond bewegt, mge alle folgenden der Art heiligen!
    So! sagte der Knig mit beinahe wankender Stimme; habt Ihr seitdem
fortgefahren, das Werk ritterlichen Schutzes zu ben?
    Richmond blickte berrascht den Knig an und traf auf das prfende,
ausdrucksvolle Auge desselben, worin etwas lag, das er nicht verstand.
    Die Gelegenheit soll mich entschlossen finden, hoffe ich, erwiederte er;
doch zu suchen braucht sie der Mann nicht.
    Brav, brav! rief der Knig, und ich glaube, der Muth, der zu seiner
Befriedigung die Gefahren veranlat, die er zu bestehen trachtet, fhrt mehr
Unheil herbei, als ihm abzuwenden gestattet ist.
    Er ward nach diesen Worten aufs Neue still und nachdenkend, und erhob sich
sodann, um sich frh in seine Zimmer zurck zu ziehn, kndigte seine Abreise auf
den andern Tag an und erbat sich, die Zimmer des verstorbenen Herzogs bewohnen
zu drfen.
    Das zurckbleibende Gefolge des Knigs besttigte vollkommen die Ansicht,
da dieser auffallenden Reise eine Absicht von der hchsten Wichtigkeit zum
Grunde liegen msse, da die alle Krfte anspannende Schnelligkeit, wie das
anbefohlene strenge Geheimni, den unpassenden Zeitpunkt derselben schien
vermitteln zu sollen, und sie vom Knige beschlossen ward, als er vom
Sterbebette seines alten Kammerdieners, des Master Porter, kam.
    Die Herzogin sah, trotz ihrer kalten Haltung, mit einiger Spannung dem
andern Morgen entgegen, der ihr in einer vom Knige erbetenen geheimen
Unterredung den wahrscheinlichen Grund seiner Reise offenbar machen sollte.
    Der Knig, der schon beim Eintritte in die Gemcher seines Freundes eine
lebhafte Bewegung gezeigt hatte, entlie, sich nach Einsamkeit und Ruhe sehnend,
sobald es mglich war, die Herren des Hauses, wie seines eigenen Gefolges und
durchschweifte nun mit groen Schritten die schnen Rume.
    Porters naher Tod und die Qualen der Sterbestunde, die den Unglcklichen im
doppelten Kampf des Geistes und Krpers zu Theil wurden, hatten endlich das lang
unterdrckte Gefhl fr Recht ber alle Sophismen einer jesuitischen Erziehung
siegen lassen. Er sah wohl ein, da die Spur zur Auffindung der unglcklichen
Lady Maria, die er durch Lanci gegeben, ihr nur eine hchst bedingte und
zweifelhafte Rettung werden wrde, so lange der Knig an ihren Tod glaubte und
ihr nicht unmittelbaren Schutz verleihen konnte. So berwand er jede andere
Rcksicht und offenbarte seinem grausam betrogenen Herrn sein ganzes tief
verworrenes Leben in allen seinen Beziehungen zu der unglcklichen jungen Dame.
    Mit welchem Erzrnen auch der Knig eine solche emprende Beichte anhren
mochte, der Gedanke, sie lebe und sei ihm wieder zu gewinnen, lschte jede
andere Regung in ihm aus, und er sah Porter als seinen grten Wohlthter an,
als habe mit diesem letzten Dienst ein ganzes Leben voll Verrath und Lge die
Weihe der Tugend bekommen.
    Porter empfahl noch mit sterbender Stimme dem Knige, Niemandem zu vertraun,
selbst Godwie-Castle aufzusuchen, wo er sie - gelang Lord Richmonds Versuch -
finden mte; denn Porter hatte nur zu viel Ursache, zu glauben, die heiligen
Vter htten, ihm unbewut, den Platz bereits mit andern Kundschaftern besetzt,
von dem sie ihn bald durch den Tod abgesetzt whnten.
    Der Knig gab sich nach dieser Entdeckung ganz seinem ungestmen Herzen hin,
in dessen Folge wir ihn in einem so kritischen Augenblick den Weg antreten sehn,
von dessen glcklichem Erfolg er sich alles Glck versprach, dessen er sich noch
fhig hielt.
    Nachdem er die Gesuchte unter den versammelten Damen nicht gefunden und
durch Lord Richmonds Anwesenheit sich doch berzeugt hatte, es msse irgend
etwas sich ergeben haben, fhlte er eine Muthlosigkeit des Geistes, die es ihm
unmglich machte, sich an demselben Abend noch Gewiheit zu verschaffen. Er
hatte berdies in den Gemchern seines Freundes noch ein wichtiges Dokument
aufzusuchen, und wir sehn ihn jetzt in das Schlafgemach treten, wohin wir frher
die Herzogin begleitet haben.
    Derselbe Gegenstand war auch das Ziel des Knigs; die Holzwand wich dem
bekannten Drucke, das schne Bild lchelte ihm entgegen und machte alle Wunden
seiner Brust aufs Neue bluten.
    Wir enthalten uns, eine Stimmung der Seele zu belauschen, worin dieser zum
Unglck bestimmte Monarch von seiner Jugend und allen ihren Hoffnungen Abschied
nahm.
    In ewiges Dunkel begraben blieb der Welt diese stille und einflureiche
Geschichte seines Herzens.
    Wir sehen ihn in seiner ffentlichen Erscheinung nur noch zwischen den zwei
verderblichsten Fehlern eines Herrschers getheilt, Schwche und Eigensinn.
    Die Zeit, der er verfiel, hatte keine Langmuth mehr. In sich kreiend und
ghrend, zerri sie die Zgel einer Herrschaft, die nicht mehr Schritt hielt mit
ihren Forderungen. Sie mute sich in der Willkr mde schwelgen, um die eiserne
Ruthe eines Cromwell kssen zu knnen.
    Nicht ohne Theilnahme denken wir uns den Knig auf einem Wendepunkte, wo er
sich noch ein Mal weich und trumerisch an die Ideale seiner Jugend hngt,
freudlos die Zukunft vor sich erblickend, doch nicht ahnend, wie furchtbar sie
sich gerstet hatte, ihn zu vernichten.
    Jetzt dachte er, wie er seinem Robert einst dies Urbild ihrer Herzen, worin
sie sich wie in einem Brennpunkte ihrer Liebe begegnet waren, heimlich, whrend
einer Abwesenheit des Herzogs in London, in dies stille Gemach hatte einsetzen
lassen, - dies Bild, woran der Herzog nicht mehr die Gefhle heier Liebe
knpfte, sondern eine Begeisterung, eine Strkung fr Erstrebung alles Guten und
Edlen. Er hatte es wagen drfen, ihn zum stillen segenbrinden Engel in seine
Einsamkeit zu fhren. Er wute, da Robert von dem Augenblicke an, wo der Prinz
in jener verhngnivollen Nacht, als der Tod des Bruders ihn so viel hher
stellte und so viel ferner der frh ihm Vermhlten, und er keinen Boten fand,
der fernen Leidenden das Wort der Treue zu senden, als Robert, den er sie
liebend wute, - da von dem Augenblicke dieser Entdeckung an er den mnnlichen
Kampf begann, um ber Gefhle zu siegen, die er sich nicht mehr glaubte
gestatteten zu drfen. Er gedachte, wie stolz und muthig er ihn bis zur
Vermhlung mit Arabella Bristol durchgekmpft; er gedachte des harten Streites
der Liebe mit ihm, als er trachtete, den Liebling von einem Schritte zurck zu
halten, der ihm von der Verzweiflung eingegeben schien; er gedachte aller guten
Stunden, aller treuen Dienste, die ihm dies seltene Freundesherz geleistet in
Behtung und Bewahrung des gefahrvollen Geheimnisses, und zugleich mit dieser
Erinnerungsfeier zog der Schmerz der Einsamkeit durch sein Herz, und er rettete
es nur aus allzumchtigem Weh, indem er des Kindes gedachte, das ihm vielleicht
noch geblieben.
    Schnell nahte er sich dem Bilde, eine Feder bewegte es langsam aus der Wand
hervor, dahinter zeigte sich eine Nische, in deren Raum der Knig das vom
Freunde behtete Kstchen fand, welches alle wichtigen Dokumente fr die
Legitimitt des theuren Kindes enthielt, deren Durchsicht er nunmehr sich mit
dem bewegtesten Herzen hingab.

Der Knig lie sich am andern Morgen zu dem gemeinschaftlichen Frhstck melden
und ward von der ganzen Familie mit der ehrfurchtsvollsten Freude empfangen. Er
wandte auch jetzt seine Reden fast ausschlielich an Richmond und uerte
endlich, er sei, wie er hrte, so eben erst von einer Reise nach der Ostkste
von England zurckgekehrt.
    Als dies Richmond besttigte, fragte der Knig, was seinen Geschmack eben
nach dieser wenig angebauten Gegend hingezogen?
    Mich bestimmten bei dieser Wahl nicht die gewhnlichen Anforderungen einer
Vergngungsreise, erwiederte Lord Richmond, es war mehr eine Pflichterfllung,
die mich gegen andere Beziehungen gleichgltig machte.
    Eine eigne Angelegenheit? sagte der Knig, scharf ihn anblickend. Doch,
unterbrach er sich, Richmonds sichtliche Verlegenheit gewahrend, ich drnge mich
in Familiengeheimnisse und will Euch nicht in Verlegenheit setzen, nur herzlich
wnschen, da der beste Erfolg diese auerdem wenig belohnende Reise krnte.
    So, darf ich in Wahrheit hoffen, ist geschehen, wie Euer Majestt die Gnade
haben zu wnschen, rief Richmond.
    Aber erstaunt sahen die Andern mit ihm, wie der Knig bei diesen Worten
schnell aufsprang und, mit dem lebhaftesten Ausdruck der Freude auf ihn
zueilend, ausrief:
    O sagt! sagt! Ihr waret glcklich! Grenzenlos wird mein Dank sein!
    Es blieb keine Zeit, diese unzusammenhngenden Worte zu deuten; der nchste
Augenblick hob den frhern in Ueberraschung auf.
    Lady Maria hatte, von Sehnsucht, den Knig zu sehen, getrieben, Stanloff
vermocht, sie nach den Terrassen an dem Saal vorber zu fhren, worin der Knig
frhstckte, da sie sich der Familie nicht anschlieen wollte, um einer
Prsentation vor dem Knige zu entgehen, bei der Alle in Verlegenheit kommen
muten, indem dem unglcklichen Mdchen noch immer kein Recht zu irgend einem
Namen zuzustehen schien.
    Gaston, ihr steter Begleiter, hatte sich auch dies Mal aus den Zimmern ihr
nachgeschlichen, und mit ihr die Nhe des Saales erreichend, zeigte er sich
pltzlich aufhorchend und eine Spur suchend, die ihn, trotz des leisen Ruf's
Maria's, von ihrer Seite weg dem offenen Saale zuzog.
    Er hatte ihn kaum erreicht, als der Knig, wie bereits erwhnt, von seinem
Platze aufsprang und sich gegen den stehenden Lord Richmond wendete.
    Im selben Augenblicke hatte Gaston den Freund seines Herrn erkannt und
strzte jetzt mit der leidenschaftlichsten Heftigkeit auf den Knig zu.
    Die augenblickliche Ueberraschung des Knigs endete sogleich, indem er
Gaston erkannte, seine Liebkosungen erwiederte, und, mit ihm dadurch
vorgedrngt, jetzt in eine offene Thr der Hallen trat und dadurch der Lady
Maria sichtbar ward, die ihn bisher nicht zu erkennen vermocht hatte.
    Seht! rief Stanloff, jetzt kennt Ihr den Knig sehen, dort steht er mit
Gaston an der Thr.
    Maria blickte einen Moment hin, dann stie sie einen Schrei aus und mit dem
Ausruf:
    O Gott, mein Oheim! strzte sie dem Knige zu Fen.
    Unaussprechlich war die Ueberraschung aller Anwesenden. Alles sprang auf und
eilte dieser unerwarteten Scene entgegen.
    Um Gott, Lady Maria! Was begeht Ihr? rief die Herzogin, aufs Tiefste
verletzt und erschrocken ber den pltzlichen Anblick eines Gegenstandes, den
ihr stolzes Herz eben dem Knige zu entziehen getrachtet hatte.
    Aber schon nderte sich die ganze Scene. Der Knig, zu ihr niedergebeugt,
mhte sich, sie in seine Arme zu ziehen, indem er aufs Lebhafteste ihren Namen
unter den zrtlichsten Ausdrcken rief.
    Lady Maria richtete sich auf und sagte, an seine Brust sich lehnend, ernst
und zrtlich:
    Jetzt habe ich wieder eine Heimat auf Erden gefunden. Du wirst mich von
allen den Rthseln erlsen, die mich bisher verfolgten, ich werde jetzt einen
Namen haben!
    O! rief der Knig mit dem Laut des Schmerzes, o Du theures, unglckliches,
verfolgtes Kind! Meine ganze Macht kann nicht ausreichen, was Du gelitten,
auszulschen, Dir wieder zu geben, was Du indessen verloren. Aber einen Namen
sollst Du haben, auf den Du mit Stolz blicken kannst, eine Heimat soll Dir
werden, des Namens wrdig, den Du mit Recht fhrst! - Frau Herzogin, fuhr der
Knig fort, erfahrt jetzt, da Ihr in den Wohlthaten, die Ihr diesem theuern
Kinde gewhrt, Euern Knig Euch zu Euerm lebenslnglichen Schuldner gemacht
habt. Hier sei der erste Augenblick, wo ich das seste Glck meines Lebens
ausspreche. Sie ist meine Tochter, und ihre rechtmige Mutter ist Elisabeth von
Buckingham, die Gott frher von dieser Erde rief, als ich vor dem Angesichte der
Menschen ihre heiligen Rechte anerkennen durfte.
    Du der Knig? Elisabeth meine Mutter? rief Maria. Die Ueberraschung schien
ihr alle Kraft zu rauben.
    Der Knig fhrte sie nach einem Lehnstuhle, sie zrtlich sttzend, whrend
um ihn her das Erstaunen und die Ueberraschung Aller sich in den verschiedensten
Erscheinungen kund gab.
    Doch wir werden das mtterliche Gefhl verstehen, wenn wir sagen, da die
Herzogin, deren lange schmerzvolle Befrchtungen wir kennen, ihre Augen zu
Richmond erhob, und, zrtlich sich an den Herzueilenden lehnend, ihn fest und
mit einem seligen Lcheln an ihre Brust drckte.
    Mit stummem Entzcken blickte die alte Herzogin auf diese Scene, die sie so
wohl verstand, denn der Augenblick, der dem Knige die Tochter, hatte auch ihr
den verklrten Sohn, sein in reiner Tugend strahlendes Bild zurckgegeben.
    Dieser rhrende und berraschende Moment, der alle Anwesenden aufs Tiefste
und Verschiedenartigste bewegte, ward unterbrochen, indem Sir Walther Ramsey mit
feierlicher Amtsmiene erschien. Vor dem Knige, der noch immer ber Lady Maria,
sie umschlingend, gebckt stand, beugte der Ankommende die Knie und redete ihn
auf folgende Weise an:
    Ein kniglicher Bote erreicht so eben dies Schlo, beauftragt, Euer Majestt
in tiefer Ehrfurcht anzuzeigen, da dem Lande das ersehnte Heil geschah und der
Boden Englands die Knigliche Henriette von Frankreich, unsere nunmehrige
Knigin, empfangen hat.
    Der unglckliche Carl schreckte zusammen, lebhaft drckte er die zitternde
Maria an seine Brust, dann ri er sich empor.
    Ich danke Euch, Sir Ramsey, fr die erfreuliche Botschaft, Ihr werdet mich
von Euern Wnschen unterrichten mssen. Dem ersten Ueberbringer solcher
Nachricht darf keiner unerfllt bleiben, den zu befriedigen in unserer Macht
steht. - Die Augenblicke sind uns also gezhlt, sprach er darauf, zur Herzogin
gewendet. Gnnt mir eine kurze Unterredung, Mylady, ich bin sie mir, ich bin sie
Euch schuldig und diesem theuren Kinde. Er bat Maria, ihn zu begleiten, und
fhrte Beide in die innern Gemcher.
    Was er hier der Herzogin und seiner Tochter zu sagen hatte, kann kein
Gegenstand fernerer Mittheilung sein; wir ahnen es aus der Erinnerung aller im
Laufe dieser Erzhlung vor uns entwickelten Einzelheiten. Auch brauchte der
Knig dazu wenig Zeit. Er bewirkte einen vorlufig verlngerten Aufenthalt fr
seine Tochter bei der Herzogin, da er selbst sich auer Stande fhlte, vor der
beabsichtigten Entdeckung an seine Gemahlin derselben einen Platz anzuweisen,
der ihren Ansprchen gem war.
    Als er in den Saal zurckkehrte, nherte er sich mit besonderer Huld Lord
Richmond.
    Was Ihr, Mylord, fr meine Tochter gethan, hat ein Vaterherz gehrt und tief
empfunden; ich wte keinen Wunsch, den Ihr mir nennen knnt, dessen Erfllung,
so weit es von mir abhngig, nicht eine Befriedigung fr meine Dankbarkeit sein
mte. Uebernehmt, bis wir uns wiedersehen, setzte er lchelnd hinzu, das
ritterliche Amt, das Ihr so trefflich versteht, bei meiner Tochter! Euch allen,
meine Freunde, empfehle ich meine Tochter, Lady Maria Stuart. Zu den
Hof-Feierlichkeiten hoffe ich Euch alle als meine liebsten Gste in London zu
sehen.
    Der Knig entfernte sich, sie alle grend, und bald sah man, wie seine
schwarze Gestalt, umgeben von dem glnzenden Zuge der Herren des Schlosses, auf
schnellem Rosse dahin sprengte.

Die kniglichen Boten hatten die erste Audienz der Knigin von England
verkndigt. Das Land schien die Wanderung nach London angetreten zu haben. Das
Volk stand in dichten Massen an einander gedrngt, der seltenen Lust gewrtig,
die das Schauspiel solchen Festes auch den Straen verhie.
    Zwischen durch bewegte sich der Zug des stolzen Adels von England,
Schottland und Irland, mit allem Glanze und allen Ansprchen ausstaffirt, die
Vermgen und Rang jedem Einzelnen gestatteten.
    Die Heiterkeit der Jugend, die sich mit tausend Hoffnungen noch nie erlebter
Freuden dem Ziele entgegendrngte, umgaukelte mit ihrer anmuthigen Lebendigkeit
den stilleren Zug der Aelteren, welche, solche Freuden und ihre Tuschungen
kennend, den erfahrnen Blick, ber die ersten Augenblicke dieser neuen
Katastrophe hinweg, ihrer Zukunft entgegenrichteten und manche Anzeichen fanden,
welche die ernste Erwartung rechtfertigten, womit sie sich dem neuen
Herrscherpaare nahten.
    Die Sle des alten prachtvollen Whitehall hatten sich bereits mit den
Personen gefllt, welche an die Auszeichnung Anspruch machen durften, hier zu
erscheinen. Henriette von Frankreich hatte fr jeden berhmten Namen ihres neuen
Vaterlandes ein anmuthiges Wort, eine schmeichelhafte Bemerkung. Sie schien die
gekrnte Anmuth zu sein, und ihr Auge leuchtete so heiter und krftig auf Jeden
nieder, wie eine Verheiung glcklicher Zeiten. Kaum widerstand einer der alten
finstern englischen Barone der jugendlichen Knigin. Die Absicht, ihr zu
mitrauen, die jene, sie sich als Klugheit anrechnend, mitgebracht, war den
Meisten entfallen, und ein unfreiwilliges Gestndni neu gewonnener Hoffnung
malte sich auf ihrer gegltteten Stirn, whrend die ritterliche Jugend am Griffe
ihrer Degen mehr der schnen Frau, als der Knigin ihr Leben vereidete.
    Karl der Erste sah nicht ohne Theilnahme den Eindruck, den seine schne
Gemahlin hervorrief. Er selbst hatte einen erhhten Ausdruck von Heiterkeit und
Ruhe, und seine von der Natur zur Schwermuth gestempelten Zge schienen mit dem
Lcheln der Befriedigung der jungen Knigin ein heiteres Leben zu verheien.
    Doch blieb eine Unruhe sichtbar, die seine und der Knigin Blicke fter dem
Eingang entgegenrichtete, durch den sich noch stets Neuangekommene
hineindrngten, welche alle bemht waren, der neuen Landesmutter ihre Huldigung
darzubringen.
    Die Versammlung, die keinen andern Augenpunkt, als das knigliche Paar,
hatte, erkannte bald, da sich hier etwas begeben solle, welches der
ungeduldigen Erwartung sich noch zu entziehen schien und mit doppelter Spannung
horchte man auf jeden neuen, von den Herolden verkndigten Namen.
    Da entstand schon im Vorzimmer Gerusch und lauter werdendes Gemurmel des
Beifalls.
    An der Hand des Herzogs von Buckingham erschien ein weibliches Wesen, dessen
bezaubernde Schnheit mehr, als der Glanz ihrer Kleidung, alle Anwesenden in
gleich groer Theilnahme bewegte.
    So viele laut ausgesprochene und gar nicht berhrbare Zeichen der
Bewunderung hatten der edlen und hochgetragenen Gestalt der so Empfangenen jenen
leichten Anflug von Schchternheit gegeben, welcher der Jugend so bezaubernd
ansteht und den zarten Wangen ein tieferes Roth verleiht. Sie trug in den
dunkeln Locken ein herzogliches Diadem von den kostbarsten Steinen; ihr
purpurnes Sammetkleid war mit dem frstlichen Hermelin besetzt, welcher, von
zwei Pagen in der kniglichen Livree getragen, seitwrts des silberstoffenen
Unterkleides niederfiel und den reichen Besatz von Juwelen zeigte, womit das
Mieder befestigt war.
    Sie mute eine Verwandte des kniglichen Hauses sein, denn nur ihnen kam
diese Auszeichnung zu; aber wer konnte sie sein?
    Wer hatte sie je gesehen, und wie kam sie an die Hand des Herzogs von
Buckingham, welcher, stolz auf ihre Nhe, mit hohnlachender Befriedigung das
Erstaunen und die Bewunderung der Anwesenden als einen ihm gehrigen Triumph
aufzunehmen schien.
    Ihr folgte unmittelbar der Herzog von Nottingham mit seiner Gemahlin, seinem
Bruder und dem Grafen Archimbald von Glanford. Aber Alles ward still, als die
wundersame Erscheinung sich dem Eingange des Audienzzimmers nahte; denn jetzt
mute ihr Name proklamirt werden. Sie selbst schien, diesen Moment kennend, mit
leichter Schchternheit ihn verzgern zu wollen; denn einen Augenblick hielt sie
inne, und eine tiefe Bewegung malte sich in ihren Zgen. Da hob sie die groen
dunkeln Augen vom Boden, und sie fielen sogleich auf den Knig, der im selben
Augenblick, die Hand seiner Gemahlin ergreifend, mit lebhaftem Ausdruck der
Freude nach der Fremden hindeutete.
    Da erhellte das seligste Lcheln das schne Gesicht der Unbekannten, sie zog
die Hand von dem Arme des Herzogs von Buckingham, und in voller
Selbstvergessenheit ihrer herrlichen Natur zurckgegeben, eilte sie mit
freudiger Hast, von aller Schchternheit entkleidet, gro und leuchtend
aufgerichtet, wie eine Knigin ber die Schwelle des Saales.
    Maria Stuart, Nichte des Herzogs von Buckingham! rief der Herold, und
zugleich gewahrten die berraschten Zuschauer, wie das Knigliche Paar, den
Thron verlassend, der jungen Herzogin bis zur Mitte des Saales entgegenging,
ihrem Fufall zuvorkommend, sie umarmte und sie zwischen sich dem Throne
zufhrte, wo zur Linken der Knigin auf der zweiten Stufe des Thrones ein Sessel
ihr angewiesen ward, den sie, nachdem die Monarchen sich niedergelassen, mit der
unschuldvollsten Sicherheit einnahm.
    Der Herzog von Buckingham nahm seinen Platz hinter dem Stuhle seiner Nichte,
und der Thrsteher proklamirte die Familie des Herzogs von Nottingham, mit dem
Zusatze: Richmond, Herzog von Glanford!
    Als der junge Herzog sich dem Knige nherte, umarmte ihn derselbe; die
Knigin reichte ihm die Hand zum Kusse, und der Ceremonienmeister, Graf Dorset,
wies ihm das Tabouret an, das, eine Stufe niedriger, neben dem Lehnstuhle der
Herzogin von Buckingham stand.
    Die Versammlung erfuhr jetzt, da sie in beiden so hochbeehrten Personen ein
Brautpaar sehe, dessen feierliche Vermhlung in der Kapelle des Knigs gleich
nach beendigter Audienz statt haben werde.
    Aber was fr ein weites Feld fr die Muthmaungen blieb nach dieser
ungengenden Nachricht zurck!
    Wie wenig hatte ihr Name die aufgeregte Neugierde befriedigt!
    Warum gab man ihr den Platz der Prinzessinnen von Geblt? Wo war sie bisher
gewesen? Welche Rolle wird ihr ferner zugetheilt sein?
    Es steht nicht zu erwarten, da diese Fragen der Wahrheit gem beantwortet
wurden. Sie beschftigten eine Zeitlang die Neugierigen; doch als das baldige
Verschwinden der Betheiligten allmlig dieser ersten Anregung alle weitere
Nahrung entzog, gerieth Alles nach und nach in Vergessenheit.
    Die junge Herzogin von Glanford folgte ihrem Gemahl nach Godwie-Castle und
verblieb dort im Kreise ihrer Familie, bis die Besitzungen, die der Knig ihr in
der Nhe des ehemaligen Schlosses ihrer Mutter verliehen, zu dem Empfange des
jungen Paares mit kniglicher Freigebigkeit eingerichtet waren.
    Die meiste Zeit des Jahres bewohnten sie Buckingham-Park, so reich an
glcklichen Erinnerungen, so nah an Godwie-Castle, so leicht erreichbar fr den
Knig, der nie aufhrte, in Maria das Glck seiner Jugend zu lieben.
    Nur selten erschienen sie bei Hofe, ein reicheres Lehen sich schaffend in
ihren weitluftigen Besitzungen, in dem beglckten Kreise ihrer Familie.
    Ein Jahr spter fhrte Maria den Grafen Ormond mit Ollony Dorset zum Altare.
    Ormond glaubte, er habe bisher nur geliebt als Versuch, endlich vollstndig
seine beglckte Braut zu lieben; Maria hatte eine erfllte Hoffnung mehr erlebt.
    Bald ruhte die schne heitere Leiche der alten Herzogin von Nottingham in
der Todtenhalle von Godwie-Castle. Ihr herrliches Ende war, wie ihr Leben, ein
Segen fr ihre Angehrigen.
    Ihrer Schwiegertochter war es beschieden, die heitere Ruhe der Verklrten zu
ererben. Der Stachel, der ihr ganzes Leben verwundet und dem Blute seinen
scharfen Inhalt gegeben hatte, war mit der Entdeckung von Maria's Geburt
verschwunden.
    Sie fhlte mit Reue und Beschmung, wie grausam sie Zeit ihres Lebens den
verkannt, den sie so grenzenlos geliebt.
    Diese spte, aber tiefe Reue, die ihr doch ohne Beschmung zu Theil ward, da
auch nicht ein Blick aus dem Auge der einzigen Vertauten, ihrer ehrwrdigen
Schwiegermutter, sie mehr an ihr Vergehn erinnerte, erschtterte ihr stolzes,
hartes Selbstgefhl und rief eine lang versumte Weichheit der Gefhle hervor,
die den Abend ihres Lebens mit einem sanft leuchtenden Glanz umzog.
    Brixton gab den Bitten seines Zglings nach und beschlo, noch immer thtig
und seinem Berufe getreu, Segen spendend, wo er erschien, sein Leben auf
Buckingham-Park.
    Lanci war als tchtiger Jgersmann ber die herzoglichen Waldungen gesetzt,
und Margarith hatte keine Bedenklichkeiten mehr, ihm ihre Hand zu reichen. -
    Nach einigen Jahren, als Lady Maria der Knigin aufwartete, drckte ihr
diese ein Blatt in die Hand.
    Es war aus Frankreich. Pater Clemens schickte ihr seinen Segen und Electa's
letzten Gru. Als Ursulinerin war sie in frommer Stille, bald nach ihrer
feierlichen Aufnahme in das Kloster St. Clara, dem Pater Clemens als Beichtvater
vorstand, verschieden.
    Maria schickte ihr den wehmthigen Gru der Liebe nach, mit dem wir gern ein
hinber gegangenes Leben begleiten, das hier in dem zu hart befundenen Boden
nicht wurzeln konnte, dessen Blten dem ersten Nachtfrost erliegen, und ber
dessen zarte Ranken wir gern den leichten Himmel sich wlben sehen, unter dessen
Decke, dem Auge entzogen, wir die Verpflanzung hoffen in ein milderes,
fruchtbareres Land.
    Der Herzog von Buckingham hatte nichts weiter mit einer Nichte zu thun, aus
der sich so wenig machen lie, und welche die Thorheit beging, ihre glnzende
Geburt durch eine ganz gewhnliche Ehe um allen Einflu zu bringen.
    Der Graf von Bristol gehrt der Geschichte an. Sein Leben und sein Tod ist
zugleich die Katastrophe der Geschichte Englands, an deren verhngnivoller
Schwelle wir eine Familie gesichert und beglckt durch innere und uere
Verhltnisse verlassen mssen, ohne weiter verfolgen zu knnen, wie die Rollen
ihnen zugefallen sein mgen in dem groen Trauerspiel ihres Vaterlandes.
