
                                Immermann, Karl

                                  Die Epigonen

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                                 Karl Immermann

                                  Die Epigonen

                        Familienmemoiren in neun Bchern

                                   1823-1835

                                  Erstes Buch

                              Klugheit und Irrtum

 Irre ich, so irre ich mir.
                                                                            Hiob


                                 Erstes Kapitel

An einem deutschen Sommertage, wo Guregen und schwler Sonnenblick wechselten,
und das Gefilde zu fterem halb unter grauen Wolken, halb unter glhendem Lichte
lag, gingen mehrere Mnner suchend durch die Heide. Sie mu sich in die Erde
verkrochen haben, sagte der eine, wir haben doch nirgends eine Spur von ihr
gefunden.
    Wenn nur die Alte, die ihr hat wahrsagen mssen, uns nicht angefhrt hat,
versetzte ein anderer. Sie schickt uns vielleicht nach einer falschen Gegend,
und hlt das Kind unterdessen in ihrer Spelunke verborgen. Ich habe es dem
Landrat oft gesagt, er solle das Luder von hier fortweisen zu den Zigeunern nach
Friedrichslohra.
    Zigeuner! rief ein Dritter aus. Das alte Weib ist so wenig eine
Zigeunerin, als deine und meine Frau. Ich habe sie als Unteroffizier dazumal im
Kriege recht wohl gekannt. Zu der Zeit war sie unsre Marketenderin. Sie ist aus
Halle in Sachsen. Mit
    Bchern und allerhand Schnurren hatte sie immer ihr Wesen, davon sind ihr
die Redensarten sitzengeblieben, und nun tut sie so, als wre sie von weit her,
weil sie merkt, da es in ihrem Gewerbe dann vor den Leuten besser fleckt. Aber
da kommt wieder am Himmel so ein Schlauch hergezogen, lat uns bei den Bumen
untertreten.
    Die Mnner bargen sich vor dem Wetter an einer Waldecke. Ihr Gesprch
verlie bald die Zigeunerin und das entflohene Kind, dem sie nachspren sollten,
und wandte sich auf die Mhsale der Polizei, welche fr alles sorgen msse und
von jedermann fr berflssig erachtet werde. Bei diesen Reden machte eine
Branntweinflasche, die nicht zu den kleinsten gehrte, fleiig die Runde. Als
die Unterhaltung erschpft, die Flasche ausgetrunken, und der Regen verzogen
war, sagte der eine Mann: Wenn ihr mir folgen wollt, so nehmen wir jetzt am
Stern noch einen, und gehn dann zu Rathause. Mit dem Busch knnen wir uns doch
nicht befassen, denn er ist zu gro. Wir haben getan, was mglich war, und der
Komdiant mag nun selbst ausgehn, wenn er sein Mdchen wiederhaben will.
    Diesem Vorschlage gaben die andern mit der Bemerkung, da eine ungesunde
Witterung herrsche, lebhaften Beifall, worauf sich alle, ohne dem Walde weitere
Aufmerksamkeit zu schenken, nach dem Wirtshause in Bewegung setzten, welches sie
vor kurzem erst verlassen hatten.
    Whrenddessen saen im Dickicht zwei junge Leute auf einem umgestrzten
Stamme. Der Regen trpfelte durch die Bltter und schien dem einen, welcher
schlank und wohlgebildet war, beschwerlich zu fallen, wogegen der andre,
untersetzt und knochicht, dessen nicht achtete. Er hielt eine Landkarte auf
seinen Knieen entfaltet, und redete, unbekmmert darum, da sie na ward, auf
seinen Genossen mit Feuer und heftiger Gebrde ein.
    Nach acht Tagen, rief er, bin ich in Genf. - In vierzehn Tagen kann ich
Marseille erreichen, und wenn die Winde des Himmels dem Wunsche der Freiheit
gnstig sind, so ksse ich nach sechs Wochen den Boden der heiligen Hellas.
    Nehmt nur eine Taschenausgabe der Klassiker mit, versetzte der andere
lchelnd, damit ihr die Illusion immer wiederherstellen knnt. Die Neugriechen
werden euch mitunter unsanft in euren Trumen stren.
    Es gilt, versetzte der mit der Landkarte, ein gesunkenes Volk aus den
Fesseln der Knechtschaft erlsen, es gilt, edlen Herzen eine Freistatt erobern,
wohin sie sich vor der Zwingherrschaft verrotteter Kerkermeister retten knnen;
es gilt, den Grundstein zu einer neuen Ordnung der Dinge legen, und du ttest
besser, Hermann, statt ber das Heilige zu spotten, dich unsrem Bunde
anzuschlieen. Was willst du in Deutschland?
    Traurig fr mich, wenn ich in Deutschland etwas wollte, erwiderte sein
Freund. Als ob in unsrer mit Dnsten geschwngerten Atmosphre ein Entschlu
nur entstehn, geschweige denn ausgefhrt werden knnte. Aber eben, weil ich
nichts mehr will, tauge ich auch nirgend mehr hin, als nach Deutschland. Ich
habe abgeschlossen mit dem Leben. Seit ich das getan, bin ich ruhig. Ich wnsche
nichts, ich verlange nichts; die Zeit der Tuschungen ist fr mich vorber.
Tummelt ihr euch immerhin umher zwischen Schein und Irrtum, nur hofft nicht, in
mir einen Nachfolger zu finden! Ich war in London, in Paris; ich habe sie
gesehn, die sogenannten bedeutenden Charaktere der Zeit. Nun, was waren sie denn
mehr, als gewhnliche Figuren, nur deshalb hervorragend, weil der Zufall sie auf
hohe Postamente gestellt hatte. Nein, mich soll nichts mehr betrgen, und da
jetzt an einen groen Inhalt des Lebens doch nicht zu denken ist, so will ich
meine Tage wenigstens heiter hinleben. Ohne Zweck und Ziel sollen mir die
Stunden verflieen, denn Zweck ist nur ein andres Wort fr Torheit, und wenn man
sich ein Ziel setzt, so kann man wohl gewi sein, da man von dem Strudel der
Umstnde in entgegengesetzter Richtung fortgerissen wird.
    Der Freund stand auf, faltete die Landkarte zusammen, und sprach sehr
ernsthaft: Diese Reden klingen wie die Philosophie der Verzweiflung. Mge dich
Gott bald von solcher Sinnesart heilen! - Der Mensch mu wrdige Entwrfe
verfolgen, darin besteht sein eigentliches Leben. Was man recht will, das kann
man auch, und wenn uns das Jahrhundert, dessen Gehalt du gegen deine berzeugung
leugnest, irgend etwas gelehrt hat, so ist es das Gebot, nicht unsrem
beschrnkten Selbst, sondern den allgemeinen Interessen der Menschheit zu leben.
Doch, von etwas andrem zu reden, bis ich nach Marseille komme, wo ich den ersten
Sold vom Vereine beziehe, reiche ich wohl schwerlich aus. Knntest du mir
vielleicht -
    Hermann lie den Philhellenen nicht vollenden, griff in seine Tasche, und
reichte ihm eine Note. Der andre steckte, ohne sich zu bedanken, das Papier ein,
schttelte seinem Freunde herzhaft die Hand, und sprach: Auf Wiedersehn in
Napoli. Du kommst uns nach, ich wei das schon. Du bist besser und wrmer, als
du dich stellst.
    Statt einer Antwort fate Hermann in den Busen, zog ein versiegeltes
Pckchen hervor, wandte sich ab, und drckte, wie er meinte, unbemerkt vom
Freunde, einen Ku auf das Papier. Du gehst ber Mnchen, sagte er zum
Philhellenen, gib das an Frnzchen ab, du kennst sie ja.
    Das sieht wie eine Trennung aus. Seid ihr auseinander?
    Man tut am besten, fallen zu lassen, was sich nicht lnger halten kann. Sie
ist sonderbar mit mir umgegangen. Und doch war sie allein aufrichtig. Ich habe
mich um ein Dutzend Weiber gedreht, und die Schwre ewiger Treue von ihnen
empfangen, die dann in den Armen eines neuen Freundes vergessen wurden.
Franziska sagte: Wir wollen ein paar vergngte Tage zusammen haben und weiter
nichts. Wenn ich auf eine ernstere Verbindung drang, so lachte sie mich aus, und
meinte, she ich sie einmal verheiratet, so wte ich, wen sie fr den grten
Gimpel auf der Welt gehalten habe. Sage ihr, ich htte anfangs diese lieben
Briefchen als Unterpfand, da unser Bndnis nicht ganz zerrissen sei, behalten
wollen, aber die Freiheit sei das hchste Gut, sie solle mich vergessen und
glcklich sein.
    Da du die Weiber verachtest, sprach der Freund, ist recht und gut. Kein
frauenhaft-gesinnter Mensch kann hheren Ideen leben. Du bist auf gutem Wege,
ich gehe beruhigt von dir. Ich wei, da wir uns nicht zum letzten Male gesehen
haben. Tanze nur nicht, hrst du? Gottlob! Die Neigung zu diesem entnervenden
Vergngen nimmt doch immer mehr ab.
    Er umarmte Hermann feierlich-herzlich, und ging mit groen Schritten, sein
kleines Rnzel tragend, quer durch den Wald. Der jugendliche Philosoph blieb auf
dem Stamme sitzen.

                                Zweites Kapitel


Zufllig hatten sie einander in dem Dorfe, wo beide tags zuvor eingetroffen
waren, gefunden. Manche Erinnerungen verknpften sie, der Abend und ein Teil der
Nacht war unter Gesprchen hingegangen. Als Hermann die Gestalt des Freundes
hinter den Stmmen verschwinden sah, schlich eine unangenehme Empfindung ber
sein Herz. Ihm war, als gehe seine Vergangenheit von ihm, er kam sich wie ein
ausgesetzter Findling vor. Beinahe wre er aufgesprungen, jenen zurckzurufen,
und sich Frnzchens Liebespfnder wiederzuerbitten, htte ihn nicht die Scheu
vor dem Ausbruche einer solchen Weichlichkeit an seinen Sitz gefesselt.
    Ihr grnen Kruter, ihr schlanken Stauden, ihr krftigen Bume, wie beneide
ich euch! rief er aus. Ihr steht so gesund da, so selbstvergngt, da euch die
krnklichen Menschen, die ihr unter euch umherschleichen seht, recht zum Hohn
und Spott dienen mgen. Der Frhling ruft eure Knospen hervor, der Sommer
schenkt euch Laub und Blten, der Herbst bringt euch, wie Wiegenkinder, zur
Ruhe. Die Knospenzeit denkt nicht an die Bltenmonde, und wenn eure vollen
Kronen in den warmen Lften schaukeln, sie erschrecken nicht vor der Ahnung
winterkahler Zweige! Wir armen Menschen! Wir Frhgereiften! Wir haben keine
Knospen mehr, keine Blten;
    mit dem Schnee auf dem Haupte werden wir schon geboren. Wahrlich, unser Los
ist ein recht lcherlicher Jammer! Da man heutzutage so frh gescheit wird,
gescheit werden mu, da es gar nicht mglich ist, die trichten Streiche bis in
die Dreiig mit hinberzunehmen! O gbe mir ein Gott die glckliche Dunkelheit,
die hoffnungsreiche Nacht, statt des kalten Lichtes, welches Verstand und
Erfahrung uns Sptlingen unwiderstehlich anznden.
    Zwei Arme strickten sich um seinen Nacken, zwei weiche, warme Hndchen
hielten ihm die Augen zu. Erschrocken wollte er sich losmachen, das Ding hinter
ihm vereitelte durch aalartiges Drehen und Wenden seine Bestrebungen. Nun hast
du ja, was du wolltest, die Finsternis vor den Augen! rief eine zarte
Mdchenstimme. Endlich bekam er das Gesicht frei. Er sah sich um. Ein
wunderhbscher Kopf stak, wie das Haupt der Dryas, zwischen den Aststumpfen des
Baums, unter welchem er gesessen hatte. Er zog das Wesen hinter dem Stamme
hervor. Es war ein schnes Geschpf zwischen Kind und Jungfrau.
    Wer bist du? Woher kommst du? Was willst du von mir? fragte Hermann, der
sich von seinem Erstaunen kaum erholen konnte.
    Ich bin Fiametta oder Flmmchen, ich komme aus meiner Grotte hier nebenan,
wo ich hrte, was ihr miteinander spracht, du und dein dummer Freund. Was ich
von dir will, weit du, denn die Alte hat es gesagt, und es steht in den Sternen
geschrieben.
    Sie schmiegte sich bei diesen Worten an Hermann, und sah ihm zrtlich in die
Augen. Dieser wute nicht, ob er mit etwas Menschlichem oder ob er mit einem
neckischen Waldgeiste zu tun habe. Er strich dem Kinde die braunen Haare, die,
ungefesselt von Kamm und Nadel, in ppiger Flle bis zu den Hften niederwogten.
Er wollte fragen, und doch unterlie er es, aus Furcht, einen anmutigen Zauber
zu zerstren. Das Kind setzte sich auf seinen Scho, streifte ihm die Weste auf,
legte die Hand auf sein Herz, lehnte den Kopf an, horchte, und sagte dann: Das
klingt, wenn man nur so obenhin zuhrt, wie:
    Vorbei! Vorbei! Vorbei! wenn man aber genauer acht gibt, so klopft es: Aufs
neu! Aufs neu! Aufs neu! - Komm, du schner Prinz, nach meinem Palaste, du
sollst sehen, wo Flmmchen dieser Tage gesteckt hat.
    Sie zog ihn tnzelnd und singend vom Stamm auf, und den Erdwall hinunter, an
dessen Kante jener lag. Rasch schlug sie ein wucherndes Gestruch auseinander,
und der Eingang zu einer Art von Grotte wurde sichtbar. Man schien dort frher
Ton gegraben zu haben, dadurch mochte die Aushhlung entstanden sein. Hermann
sah bei dem Scheine des gedmpft einfallenden Lichts ein Mooslager, und einen
Sitz, aus Steinen zusammengefgt. - Er versuchte, das Mdchen auszuforschen,
erfuhr aber nichts weiter, als da ihr wahrer Vater, wie sie sich ausdruckte,
lngst gestorben sei, da sie darauf viele Jahre bei dem falschen Vater
zugebracht habe, der in dem Stdtchen nahebei hause. Dieser habe sie an einen
hlichen alten Ritter verkaufen wollen, da sei sie ihm entsprungen.
    Und wo hast du dich denn seitdem befunden? fragte Hermann.
    Hier, im Walde, in der Hhle, du siehst es ja. Da ist mein Lager, und hier
mein Sitz. Heute morgen hungerte mich, da fiel mir der Mut, ich weinte und rief
meinen toten Vater. Der mu mich gehrt haben, denn er schickte mir die Alte,
die versprach mir Hlfe, und nun ist die Hlfe da.
    Hermann redete ihr jetzt mit guten und bsen Worten zu, ihm zu folgen, er
wolle sie zu dem Vater zurckbringen, und dafr sorgen, da sie freundlich
empfangen werde. Alles Bitten war jedoch vergebens. Endlich beschlo er, Gewalt
zu brauchen, da er die Verirrte sich nicht selbst berlassen zu drfen meinte.
Er nahm sie auf den Arm und wollte sie forttragen. Aber heftig ri sich das
Abenteuer von ihm los, stie ein Geschrei aus, welches ihm durch Mark und Bein
drang, warf sich gewaltsam zu Boden, und rief, die Hnde vorgestreckt, in einem
wunderbar schneidenden Tone: Du willst mich verraten? Du? Darauf sprang sie
empor, der junge knospende Busen flog, ein blutiges Rot berlief ihre Augpfel,
sie schien auer sich zu sein, und nicht zu wissen, was sie begann. Wie eine
Wtende zerri sie das seidne Fhnchen, welches sie trug. Es glitt von ihren
Schultern, das Hemd glitt ihm nach, oder warf sie es ab? er konnte es nicht
unterscheiden, so rasch waren ihre Bewegungen. Nun stand sie, nur von ihren
langen Haaren umflogen, Hermann gegenber, und unaufhrlich ertnte aus ihren
zitternden, dunkelgerteten Lippen jener Ruf: Du willst mich verraten? Du?
    Endlich gelang es ihm, sie durch Liebkosungen und Schmeicheleien zu
beruhigen. Sie legte die Hand an die Stirne, sah betroffen an sich herab,
huschte, schnell wie ein Wiesel, in die dunkelste Ecke der Hhle, und hockte
dort in der Stellung nieder, welche die Alten, die jedes Ding am besten
verstanden, dem weiblichen Gefhl in einer solchen Lage fr alle Zeiten geliehen
haben.
    Hermann war in der grten Verlegenheit. Was sollte der Unsinn nun anziehn?
Das rote seidne Kleidchen war von oben bis unten zerrissen. Es ist kein andres
Mittel, rief er dem Mdchen zu, du mut dich als Knabe kleiden, bis man fr
dich anderweit gesorgt hat.
    Er klomm aus der Grotte den Erdwall hinauf, zu dem Stamme, auf welchem seine
Reisetasche lag. Vorsorglich hatte er Collet und Pantalons fr den Fall der Not
auf dieser Fuwanderung eingepackt; beides warf er von der Erhhung dem nackten
Kinde hinunter. -
    Oben rieb er seine Augen, und fragte sich, ob er wache oder trume? Dann
ging er mit groen Schritten unter den Bumen auf und nieder, denn er fhlte,
da ihm hier ein krftiges Eingreifen obliege. Er ahnete ein Bubenstck, und
beschlo, das Seinige zu tun, die gekrnkte Unschuld zu schtzen. Als er mit
solchen Gedanken einige Male unter den Bumen auf und nieder gegangen war,
sprang ein allerliebster Junge durch das Gestruch, dem das veilchenblaue
Jckchen und die gestreiften Hosen sehr hbsch standen.
    Der Grundtrieb des Geschlechts hatte sich ttig erwiesen. Aller berflu an
den Kleidungsstcken war so weggebunden, weggesteckt und weggenestelt, da sie
knapp, wie angegossen, saen.
    Flmmchen nahm seinen Arm, und sagte: Ich will dich nun auf den Weg
bringen. Sie fhrte ihn durch den Wald, und zwar entgegengesetzt der Richtung,
welche er, seinem Reisezwecke gem, einschlagen mute. Jede Spur der
Leidenschaft, in welcher Hermann sie gesehen hatte, war verschwunden. Du hast
nichts weiter zu tun, sagte sie gleichmtig, als in der Stadt dich nach meinem
falschen Vater zu erkundigen, und ihm zu sagen, da du mich heiraten wollest,
dann hat er keine Gewalt mehr ber mich, und der alte hliche Ritter mu von
mir ablassen.
    Hermann sah sie mitleidig an. Die Mihandlungen, die sie erdulden mute,
haben ihr den Verstand genommen, dachte er bei sich. Er legte die Hand auf ihr
Haupt und sprach: Ich schwre dir, du armes Kind, dich nicht zu verlassen.
    Sie standen am Ausgange des Waldes. In einiger Entfernung ragte eine
Turmspitze empor. Das ist das Nest! rief Flmmchen. Sie fate ihren Beschtzer
schmeichelnd bei der Hand, strich htschelnd mit dem kleinen Finger ber den
Ballen und die innere Flche, und sagte: Hre, wenn wir erst in deinem
Frstentume sind, und du mein Herr Gemahl bist, dann lassen wir auch die Alte
kommen, damit wir immer wissen, was uns begegnet, nicht?
    Hltst du mich fr einen Frsten? fragte Hermann verwundert.
    Das Mdchen wollte sich vor Lachen ausschtten. Nun tut er, als wisse er
nichts davon! rief sie. Aber alle deine Verstellungen werden ein Ende nehmen.
Gib mir deinen Hut! Die Sonne und die Klte in meinem Walde machen mir Kopfweh.
Ohne eine Antwort zu erwarten, hatte sie ihm den Strohhut vom Kopfe gestreift,
und sich aufgesetzt. Sie gaukelte in den Wald zurck. Hermann sah ihr eine Weile
stutzig nach, dann ging er der Stadt zu.
    Alles dieses begab sich in der ehrbarsten Provinz unsres Vaterlandes,
nmlich in Westfalen, auf einer bekannten Heide. Woraus zu entnehmen, da auch
der trockenste Boden mitunter seine Frchte trgt.

                                Drittes Kapitel


Vor der Tr des Gasthofs im kleinen Stdtchen stand der Gastwirt, wie es schien,
erhitzt von der Anstrengung des Tages. Hermann trat zu ihm, und fragte: ob er
bei ihm Unterkommen finden knne? Der verstndige Mann, welcher einen sichern
Blick fr den wahren Wert seiner Gste hatte, betrachtete unsern hutlosen
Wandrer und sein schmchtiges Reisetschchen prfend, und schien auf eine
abschlgige Antwort zu sinnen. Endlich aber sagte er zum Hausknecht, der mit
eingeknickten Beinen, die Hnde in den Hosentaschen, ghnend unter dem Torwege
stand: Fhre den Mann nach Nummer Zwlf.
    Der Hausknecht schlenderte voran, ohne dem Gaste das Bndel abzunehmen. Sie
gingen ber den Hof, durch einen langen Garten, und betraten eine Remise, worin
der Wirt seine Felle trocknete, denn er war zugleich ein Lohgerber. Eine schmale
Treppe, die sich zuletzt in eine Leiter verlor, fhrte zum obern Teile dieses
Fellmagazins. Als die Leiter erklommen war, machte der Hausknecht einen
bretternen Verschlag auf, und sagte: Dieses ist Seine Stube. - Das ist ein
Taubenschlag! rief Hermann. Nein, der ist darber, versetzte der Hausknecht
kaltbltig, und kletterte die Stiegen hinunter.
    Hermann sah sich in diesem Wohnorte um, und mute laut lachen. Hierauf
machte er die Runde durch denselben, was nicht viel Zeit erforderte, da er,
genau gemessen, sechs Fu im Gevierte hielt. Die Wnde waren unschuldig wei,
und nur mit jenen Spielen der Laune bemalt, welche die Bedienten- oder
Soldatenkammern zu schmcken pflegen. Es fehlte nicht an Nasen verschiedner
Gre; Zpfe und Grenadiere wechselten mit Strchen und Blumen ab. Ein
bestndiges Piepen, Sand und Federn, die von Zeit zu Zeit durch die ritzenvolle
Decke fielen, diese Umstnde berzeugten unsern Freund, da der Hausknecht recht
gehabt habe. Der Taubenschlag war wirklich ber seinem Sorgenfrei vorhanden.
    Der Wirt hatte unterdessen berlegt, da heutzutage manche Personen von
Stande zu Fu reisen (in seinen Augen eine sonderbare Liebhaberei!), und da ein
solcher Querkopf auch wohl einmal den Einfall gehabt haben knne, die Welt
barhaupt zu durchstreifen. Um daher nicht etwa einen der Achtung werten
Ankmmling zum Nachteile des Gasthofs zu beleidigen, entschlo er sich, durch
Hflichkeit mit Worten gutzumachen, was er in der Tat verbrochen hatte; denn
jenes so ble Quartier, welches dem Eingekehrten gegeben worden war, stand
selbst bei den Wirtshausleuten in Verachtung und hie gemeiniglich bei ihnen nur
das Loch. Er nahm sich in der Stille vor, dem Fuwandrer ein beres Stbchen
abzulassen, sobald er nur erst die moralische berzeugung von dessen
Zahlungsfhigkeit geschpft haben wrde. brigens war der Raum in dem Gasthofe
wirklich beschrnkt. Ein Herzog, der zu den Mediatisierten gehrte, hatte mit
Gemahlin und Gefolge fast alles in Beschlag genommen.
    Der Wirt trat unter Entschuldigungen ber das etwas enge Logis in das
sogenannte Loch, welches er, da niemand das Seinige beschelten soll, in seinen
Reden zu einer Pice erhob. Wahrhaftig! rief er, es tut mir leid, einen
solchen Herrn nicht ganz nach Wunsch aufnehmen zu knnen. Das Hotel steckt aber
heute so voll von Frsten, Grafen und Freiherrn, da, mit Respekt zu sagen, kein
Apfel zur Erde kommt.
    Lassen Sie das gut sein, versetzte Hermann. Ein Reisender von Profession
ist an dergleichen gewhnt. In Dijon hat man mich einmal in einem Stalle
untergebracht.
    In einem Stalle! rief der Wirt, mit einer Miene, die das Entsetzen
ausdrcken sollte. Nein, da ginge ich selbst lieber in den Stall, und gbe
einem solchen Herrn meine Schlafkammer.
    Hermann fand an diesen unntzen Reden kein Behagen. Ihm lag das Abenteuer im
Walde am Herzen. Ehe der Wirt daher zu seinem Zwecke gelangte, unterbrach ihn
jener mit der Frage:
    Ob nicht vor einigen Tagen hier ein junges Mdchen seinen Angehrigen
verlorengegangen sei?
    Hierauf bediente ihn der Wirt sofort ausfhrlich und berflssig. Er war die
wandelnde Chronik des Stdtchens, und wute, was von dem einen Tore bis zum
andern sich ereignete, oder doch htte ereignen knnen. Das ist eine wilde
Geschichte! rief er. Haben der Herr auch schon davon gehrt? Kommt hier ein
nichtsnutziger Komdiant an, mietet sich ein, lebt, man wei nicht wovon?
treibt, man wei nicht was? Er hat ein Kind bei sich, schn wie die Sonne und
wild wie der Teufel, mit dem gibt es alle Tage Lrmen, da die Nachbarn zum
Burgemeister gehn, und bitten, dem Unfuge zu steuern. Was ist der Grund gewesen?
Denken Sie nur; der Abschaum von Vater hat das unschuldige Kind einem alten
Sndengesellen zur Unehre verkaufen wollen. Seine leibliche Tochter! Da ist das
Mdchen weggelaufen. Die beiden Alten haben gestern und heute die Gegend
abgesucht, und der Burgemeister hat gesagt, er werde suchen. Die arme Person ist
weg, und wer wei, in welchem Weiher schon ihr Leichnam schwimmt!
    Hermann erwiderte, da man das Beste hoffen msse, und da das Schicksal der
Witwen und Waisen in hherer Hand ruhe. Damit war der Wirt zwar einverstanden,
aber es beruhigte ihn nicht. Er sagte daher, weil ihm keine feinere Wendung
einfiel: Es ist hier weder Schrank noch Kommode. Wenn der Herr vielleicht Ihre
Sachen, und besonders die Barschaften mir zum Aufbewahren geben wollten ...
    Hermann fand dieses Anerbieten vernnftig, und griff nach seiner
Brieftasche, in welcher er bedeutende Wechsel fhrte, um sie dem Wirte
einzuhndigen. Wie erschrak er, als er nicht die seinige, sondern die des
Philhellenen hervorzog! Beide sahen einander hnlich, und waren im
Nachtquartiere vertauscht worden. Hermann erblate; die Sache konnte von den
belsten Folgen sein. Indessen fate er sich, und sagte dem Wirte, da er denn
doch lieber alles, was er habe, selbst behalten wolle. Dieser aber hatte ihn
erblassen sehn, und verlie ihn mit bedenklichem Gesichte.
    Hermann kannte die Umstnde, in welchen sich ein Philhellene zu befinden
pflegt. Er wute, da versteckte Schtze hier wohl kaum zu erwarten seien, und
ffnete mit einer bsen Ahnung die Brieftasche. Ach, da waren Freiheitslieder in
groer Anzahl, Logenzertifikate, und Marschrouten nach allen vier
Himmelsgegenden, aber keine Dinge, welche einem irdischen Bedrfnisse abzuhelfen
vermochten!
    Er verwnschte diesen Zufall. Drei bis vier Taler in der Tasche, ohne
Kreditbriefe, ohne Hut auf dem Kopfe, ein einziges Kleid am Leibe, irrte er hier
umher, mehrere Tagereisen von seinen Quellen entfernt. Was sollte er beginnen?
Fremd in der Gegend, wie leicht konnte er den Strich verfehlen, den der
Philhellene gegangen war, der ohnehin von der Landstrae abzuweichen liebte, um
in weniger besuchten Gegenden seine Grundstze auszubreiten! Dazu schwebte ihm
die Gestalt jenes Kindes vor, dem schleunige Rettung vom Verderben not tat.
Flmmchen und der Philhellene zogen ihn nach verschiednen Seiten; er wute
nicht, was er tun sollte, und bltterte zerstreut in den Freiheitsliedern seines
Freundes, der dagegen das Geld und die Wechsel hatte. Wie das ferne Licht in der
Grube dmmerte ihm aber doch die Hoffnung, sein Geist werde ihm auch dieses Mal
helfen, wie er ihm so oft in Bedrngnissen geholfen hatte.

                                Viertes Kapitel


Whrenddessen hatte sich unten im Gasthofe ein groer Lrmen erhoben. Der Wirt
hinkte, (denn er war lahm) im Hausflur und in der anstoenden Stube umher, die
Wirtin rang die Hnde, vier bis fnf Neugierige standen vor dem Ehebette des
Paars; alles schwatzte durcheinander.
    Der Grund dieses Aufruhrs war die Kammerjungfer der Herzogin. Diese litt an
der Epilepsie, und war eben von ihrem bel befallen worden, als sie in der Kche
das Brenneisen wrmen wollte, um die Gebieterin zu frisieren. Der Wirt sollte
einen Friseur schaffen, und konnte es nicht. Von solchem Gewerbe hatte das
kleine elende Landstdtchen nie gehrt; das Haarabschneiden wurde dort in den
Familien besorgt.
    Die Person zuckte auf dem Bette, die Umstehenden gaben Mittel an, ihr zu
helfen, jeder ein anderes. Die Wirtin rief der Kranken zu, wenn es ihr mglich
sei, das frisch berzogne Bett mit ihren heftigen Bewegungen zu verschonen;
worauf die Arme natrlich keine Rcksicht nahm. Der Wirt beteuerte unter
allerhand Flchen, da der Stadt niemand ntiger tue, als ein Friseur, wie er
stets gesagt habe.
    In dieses Getse trat Hermann. Das Flattern und Mausern der Tauben ber ihm,
der Dunst und Geruch der Felle unter ihm, seine Unruhe und Ratlosigkeit hatten
ihn aus der abscheulichen Nummer Zwlf ins Freie getrieben. Von einem gelanen
Karrentreiber, der mit seinem Hundegespann, um besser hren zu knnen, bis vor
die Tr des Zimmers gefahren war, in welchem die Kranke sthnte, vernahm er die
Geschichte. Er lie sich den Namen des eingekehrten Herzogs sagen, und erschrak,
diesmal aber freudig, als der Karrentreiber ihn aussprach. Er schlo aus der fr
ihn unerwarteten Neuigkeit auf die Nhe seines Dmons. Schnell kam ihm ein
nrrischer Einfall. Er wute, da, um zwei Verlegenheiten zu entgehn, es nichts
Beres gebe, als sich in eine dritte zu begeben. In die Kche eilend, nahm er
dort Kohlen und Brenneisen, war blitzschnell die Treppe hinauf, lie sich durch
den Bedienten als den Mann melden, der die Herzogin frisieren solle, und stand
bald darauf im Zimmer der Frstin.
    Die Dame sa im Lehnstuhl, das Gesicht von dem Haarknstler aus dem
Stegreife abgewendet, und las. Sie mochte an diesem Orte fr ihr Haupt nichts
Besondres hoffen, und sagte, vom Buche aufsehend, doch ohne sich umzukehren:
Nur ganz schlicht! - Hermann blickte nach der Toilette, da war alles, was er
brauchte. Er stellte sich hinter den Stuhl, und da ihm wirklich einige
Reminiszenzen des Handwerks beiwohnten, so ging die Sache ganz ertrglich
vonstatten. Er prfte mit Sorgfalt das Eisen, verfuhr behutsam, und so kam denn
nach und nach etwas zustande, was wenigstens fr die Skizze einer Frisur gelten
durfte.
    Freilich dauerte das Geschft ziemlich lange. Die Herzogin, welche die
Geduld selbst zu sein schien, brachte die Augen nicht von ihrem Buche. Als er
dem Ende seines Werks nahte, meinte er, da nun der Augenblick gekommen sei, den
er erharrt hatte, und sagte: Gndigste Herzogin, der Geringste hat Rechte, die
auch der Vornehmste nicht krnken darf. So ist es ein altes Privilegium meiner
Zunft, da diejenigen, welche ihr Haupt uns anvertrauen, sich auch unsrem armen
und seichten Geschwtze hingeben mssen. Keiner ist davon befreit; selbst der
Knig mu den Friseur plaudern lassen. Untersagt er ihm das, so bin ich
berzeugt, da der Mann das Elend der Verbannung einem stummen Herrendienste
vorziehen wrde. Ew. Durchlaucht haben gelesen; das hat mich tief verletzt. Ich
berlasse Ihrer Gerechtigkeit, zu entscheiden, ob Sie mir nicht werden erlauben
mssen, einige Worte zu Ihnen zu reden?
    Die Herzogin legte, erstaunt ber diese Apostrophe, das Buch zusammen. Da
Hermann schwieg, sagte sie mit einem verlegnen Lcheln: Nun?
    Ich habe etwas zu erzhlen, fuhr Hermann fort, was freilich verdiente,
ernsthafter eingeleitet zu werden. Ein Schauspieler will seine Tochter um ein
Stck Geld der Erniedrigung, dem Elende preisgeben. Verzeihung, da ich so
unsaubre Dinge in Ew. Durchlaucht reiner Nhe ausspreche. Wer jenen Stand kennt,
wer es wei, wie seine Lgenkunst das Gemt bis in die innersten Fasern
verflscht, der wird sich ber dergleichen Schndlichkeiten kaum wundern. Ein
solcher Mensch hat vielleicht jahrelang den Marinelli gespielt, und, wie er den
Charakter auf den Brettern behandelte, gedankenlos, so gedankenlos bertrgt er
die Rolle auch wohl einmal in das Leben. - Ein sonderbarer Zug des Vertrauens
fhrt das Mdchen zu mir, die Verzweiflung beschwrt mich um Schutz vor der
Entehrung. Ich bin sonst der Meinung, da man sich vor allen raschen
Verpflichtungen zu hten habe. Oft wird ja durch ein frwitziges Helfenwollen
das Wirrsal nur noch grer. Hier aber berwltigte mich der Anblick der Not,
ich versprach mich und alle meine Krfte dem Mdchen. Aber wie soll ich fr mein
Wort einstehn, ohne Einflu, ohne Verbindung in der Gegend, ich, ein junger
Mann, der an und fr sich der Welt in solcher Sache als ein zweideutiger Vormund
erscheint. Da hre ich, da Ew. Durchlaucht hier angekommen seien.
Augenblicklich war meine Sorge gehoben. Ich wute, da ich einer solchen Frstin
den bsen Vorsatz eines ehrvergenen Vaters, die Trbsal der Tochter nur
schmucklos zu melden brauchte, um Rat zu schaffen. Dieses habe ich denn hiemit
getan, und nun meinen Worten nichts mehr hinzuzufgen.
    Mit so entschiednen Farben hatte unser Abenteurer diese Angelegenheit
darzustellen sich gedrungen gefhlt. Die Herzogin hrte mehr auf den Ton seiner
Rede, als auf den Inhalt. Der reine Dialekt, die gebildeten Wendungen hatten sie
ganz verwirrt gemacht. Sie wute nicht, was sie von dem Menschen denken sollte.
    Hermann nahm ihr mit einer anstndigen Verbeugung den Staubmantel ab. Ihr
erster Blick war in den Spiegel. Sie sah sich wenigstens nicht verunstaltet. Ihr
zweiter fiel auf Hermann. Wie erschreckt senkte sie die Wimpern, und eine
Marmorblsse berzog die zarten, ohnehin nur leicht gefrbten Wangen. Noch
einmal schickt sie zweifelnd und forschend ihren Blick aus, als wolle sie die
Widerlegung eines Irrtums ersphn. Aber unwillkrlich flsterte sie: Mein Gott,
welche hnlichkeit!
    Die Tr ffnete sich, und ein groer ernster Mann im schlichten berrock
trat ein. Es war der Herzog. Ist der Not abgeholfen? fragte er lchelnd. Dann,
nher tretend, musterte er Hermann auch nicht ohne ein gewisses Erstaunen, doch
schien die Befremdung weniger durch das Antlitz, als durch den Aufzug Hermanns
veranlat zu sein, der im modischen Kleide, den Staubmantel der Herzogin auf dem
Arme, und die Friseurwerkzeuge in den Hnden, dastand.
    Ich bin von jemand bedient worden, den man wohl schwerlich zu diesem
Gewerbe erzogen hat; sagte die Herzogin.
    Der Rock sieht freilich nicht nach Kamm und Schere aus, sagte der Herzog.
Wie heien Sie?
    Hermann nannte sich. Ist es mglich? rief der Herzog. Sie sind der Sohn
des Senators in Bremen? des vertrautesten Freundes meines seligen Vaters?
    Derselbe.
    Der Herzog konnte sich ber dieses Zusammentreffen nicht zufriedengeben. So
unerwartet mu ich den Sohn des wrdigen Mannes hier finden, von dem mein Vater
nie ohne Rhrung redete! Aber sagen Sie mir, wie kommen Sie darauf, sich bei uns
in dieser wunderbaren Weise einzufhren?
    Man mu berall aushelfen, wo es fehlt, versetzte Hermann. Unsrer Frstin
gebrach ein Mann der Pomade, ich konnte allenfalls so ein Subjekt notdrftig
vorstellen, wie htte ich anstehn sollen, mit meiner geringen Kunstfertigkeit zu
dienen?
    Der Herzog fragte ihn lachend, wo er denn diese Geschicklichkeit erworben
habe? Hermann versetzte, das drfe er nicht verraten, das sei ein
Handwerksgeheimnis.
    Die Herzogin hatte an diesem Gesprche nicht teilgenommen, sondern nur von
Zeit zu Zeit ihn verstohlen betrachtet. Ihr Gemahl raunte ihr ein Wort ins Ohr,
worauf sie nickte, und Hermann eine Einladung zu Mittag empfing. Als er die
Treppe hinabging, sagte er fr sich: Das htte ich nicht gedacht, als ich im
Feldzuge bei dem alten Perckenmacher im Quartier lag, und seine Tochter Lotte
mich zu ihrem Werther machen wollte, und ich ihr aus Langerweile die Locken und
die Touren fertigen half, da mir die Possen noch einmal bei den vornehmsten
Leuten helfen wrden. In unsrer Zeit mu man sich auf alles schicken, denn man
kann alles gebrauchen. Die Lotte und der alte Perckenmacher sollen leben!

                                Fnftes Kapitel


Welche hnlichkeit! Diese Worte der Herzogin gaben ihm viel zu sinnen. Er
fragte den Wirt nach der Ursache, weshalb das frstliche Paar hier verweile?
erfuhr aber nur, da es eine Bewandtnis mit den Herrschaften haben msse, denn
es sei viel Fragens und Schickens nach dem alten verfallnen Schlosse in der Nhe
gewesen, von dessen Bewohner man allerhand erzhle.
    Ein langer grauer Mann von verdrielichem Ansehn trat ein, und sagte zum
Wirte: Ich habe Sie so sehr gebeten, mir eine Stube ohne Zug zu geben, den ich
durchaus nicht vertragen kann, und dennoch ist mir eine angewiesen worden, worin
kein Fenster und keine Tr schliet. Ich habe nicht Lust, hier ungesund zu
werden, und verlange von Ihnen auf der Stelle ein andres Quartier.
    Der Wirt versicherte, es sei alles besetzt, er werde aber sogleich Schreiner
und Glaser kommen lassen, damit jede Ritze verleimt und verstopft werde.
    Es war um die Zeit der Hundstage, und selbst dem entschiedensten Rheumatiker
konnte ein khles Lftchen nur willkommen sein. Hermann hatte an der
eigentmlichen Falte des berdrusses um den Mund sogleich den Hypochondristen
erkannt. Er trat hflich zu dem Verstimmten und sagte, da er sich glcklich
schtzen wrde, wenn er ihm ein besseres Gela anzubieten vermchte, das seinige
werde aber auf jeden Fall wohl das allerschlechteste im ganzen Hause sein. Der
andre ma ihn mit einem matten, sterbenden Blick, als verdrsse ihn jede
Artigkeit, und ging, ohne ihm etwas auf seine freundliche Anrede zu erwidern,
fort.
    Hermann, sehr bse ber dieses rauhe Benehmen, fragte den zurckkehrenden
Wirt, wer jener Br sei und erfuhr, da er Wilhelmi heie und bei dem Herzoge in
Diensten stehe. Auch der Wirt nannte ihn einen eigensinnigen Kauz, dem nichts
recht zu machen sei, aber, setzte er hinzu, man mu ihn schonen, denn er ist
des Herzogs rechte Hand. Hermann beschlo im stillen, die Unart nicht so
hingehn zu lassen.
    Doch fr den Augenblick hatte er eine dringendere Sorge. Im berrocke setzt
man sich bekanntlich nicht zu einer frstlichen Tafel. Er aber besa kein andres
Kleidungsstck, er hatte sich erst in der nahen Stadt neu equipieren wollen.
Lange dachte er darber nach, was vorzunehmen? endlich erinnerte er sich aus der
Geschichte der Moden, da der Frack aus dem berrock entstanden ist, indem nach
und nach die Vorderbltter immer weiter und weiter weggeschnitten wurden. Er
beschlo, diesen historischen Weg zu verfolgen, und erkundigte sich nach dem
besten Schneider, der ihm leicht nachgewiesen werden konnte, da es nur einen am
Orte gab.
    Der Meister, welcher wegen der geringen Nahrung im Stdtchen zugleich sein
eigner Junge und Geselle war, sa mit gekreuzten Beinen auf dem Tische und
nhte, was das Zeug halten wollte. Hermann trat in das kleine Stbchen, an
dessen Wnden die papiernen Mae herabhingen, und welches durch verschmauchte
Fensterchen sein sprliches Licht erhielt. Er sagte dem Meister, was er von ihm
wolle, nmlich, er solle die Vorderteile des Rockes abschneiden, denn er habe
einen Frack ntig. Der kleine blasse Mann kam von seinem Tische herab, tat die
Brille hinweg, prfte den Schnitt des Kleides, befhlte das Tuch, sah
erschrocken empor, und fragte mit wehmtigem Tone: In dieses Tuch soll ich
hineinschneiden?
    Es geht nicht anders, Meister, versetzte Hermann, es mu so sein.
    Der Meister schttelte den Kopf, legte unschlssig die Hnde auf den Rcken,
und murmelte: So ein Rock! So ein Tuch! Schade! Jammerschade! Die Elle kostet
wohl ihre drei Taler?
    Mehr Meister, mehr.
    Vier? Fnf?
    Ich glaube, man hat mir acht auf die Rechnung gesetzt.
    Rhrt Euch, Meister, ich habe nicht lange Zeit.
    Acht Taler die Elle! Gott! war alles, was der Schneider hervorbringen
konnte. Er lie die Schere sinken; nur Ausbesserung und der grbste Stoff war
ihm sein Leben lang unter die Hnde geraten. Jetzt erblickte er ein Prachtkleid,
von dem seine seligsten Trume nichts wuten, und dieses sollte er verwsten?
Hermann sah nicht ohne Teilnahme dem Seelenkampfe dieses Mnnleins zu, dem ein
feiner Rock zur hchsten Lebenserscheinung wurde. Endlich berwand sich der
Meister, zeichnete in wilder Hast mit Kreide die Form auf dem Leibe ab, die
Schere arbeitete, die Nadel flog, und bald war ein Frack fertig, wenn nicht von
elegantem, doch von wohlgemeintem Schnitte. Hermann freute sich der
Metamorphose, die so leicht vonstatten gegangen war. Schwieriger konnte es mit
der Bezahlung werden, denn er hatte unterwegs fr eine Kopfbedeckung seine
Barschaft bis auf einen armseligen Rest ausgegeben. Was sollen mir die
Vorderbltter? sagte er. Meister, die wren so etwas fr Euch, wollt Ihr sie
an Zahlungs Statt annehmen? - Der Meister war schon daran gewhnt, von seinen
Kunden in Naturalien, als Butter, Kse, Eiern u. dgl. bezahlt zu werden. Die
Vorderbltter galten ihm weit mehr, als er fordern durfte, schon sah er sich im
Geiste mit der Sonntagsweste aus dem Achttalertuche bekleidet; er schlug freudig
ein.
    Hermann klopfte ihm auf die spitzen Achseln und sagte: er sei recht
geschickt gewesen. In so kurzer Zeit einen Frack zustande zu bringen, mchte
nicht jedem gelingen.
    Dieses Lob stieg dem Schneiderchen ins Gehirn. Triumphierend rief er: O,
ich habe auch nicht immer geflickt! Ich bin berhaupt nur durch Unglck hieher
unter das dumme katholische Pack geraten. Dann sich scheu umwendend, als
frchte er das Verhngnis einer groen Mitteilung, setzte er geheimnisvoll
hinzu: Ich habe schon einmal einen ganzen Rock gemacht! Der Herr Pastor an
meinem frheren Orte wollte sich verheiraten; wie solche Herrn sind, sie haben
kein Vertrauen zu unsereinem, er bestellte sich den Brutigamsrock bei dem
Modeschneider in der groen Stadt, den sie den Kleidermacher nennen. Mein Herr
Kleidermacher lie aber meinen Herrn Pastor sitzen. Der wollte zur Braut
abreisen, kein Rock war da. Ich hrte von der Not und lief zu ihm. Er wird es
nicht knnen, sagte er. Vertrauen Sie Gott, sagte ich. Ich ging nach der Stadt,
kaufte Tuch, freilich nicht so fein, als das Ihrige, schneiderte Tag und Nacht,
und siehe da! der Rock wurde fertig, und der Herr Pastor sind darin getraut
worden, und haben darin das heilige Abendmahl ausgeteilt, und tragen ihn noch
zur Stunde, und ich bin doch nur ein lumpiger Flickschneider!
    Seine Augen glhten, er hatte sich auf die Fuspitzen gestellt, und drei
Finger der rechten Hand vorn in das aufgeknpfte Wams geschoben. So stand er,
und der siegreiche Feldherr, der gegen Abend die Meldung von der letzten
eroberten Schanze empfngt, kann nicht stolzer aussehn.

                                Sechstes Kapitel


Das Gesprch an der Tafel drehte sich um sittlich-anthropologische Fragen.
    Wie kommt es nur, sagte die Herzogin beim Dessert, da wir gleichgltiger
gegen die Tugend als gegen die Hflichkeit sind? Wenn man durch seinen Stand
gezwungen ist, viele Menschen zu sehn, so mu man auch mitunter Leute empfangen,
deren Handlungen sich keineswegs billigen lassen. Ich kann nun wohl sagen, da
mich die Nhe solcher Personen wenig verletzt; unbefangen sehe ich sie kommen
und gehn. Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung, wenn in meinem Kreise ein
Versto gegen die Lebensart vorfllt.
    Das rhrt daher, weil wir alle, auch die Besten unter uns, nie den Hang
vollkommen ablegen, uns nach auen zu vergeuden, statt da wir streben sollten,
nur nach innen wahrhaft zu leben, erwiderte der Kammerrat Wilhelmi.
    Ich denke, entgegnete die Herzogin, man lebt in jedem Augenblicke
zugleich nach innen und nach auen. brigens bitte ich Sie, mich nicht einer
schlaffen Moral anzuklagen. Alles, was ich sagte, bezieht sich nur auf die
gewhnlichen gesellschaftlichen Zusammenknfte, und wenn jene zweideutigen
Figuren mich irgendwo im Heiligtume meiner Verhltnisse berhren, so machen sie
mir auch Kummer genug.
    Darin liegt die Antwort auf deine Frage, versetzte ihr Gemahl. Das Leben
besteht, wo es nicht Geschft ist, meistenteils aus Reprsentation.
Unsittlichkeiten drngen sich uns nicht vor das Auge, wohl aber Roheit,
Ungeschick. Was gehn uns also jene an, da wir niemandes Richter sind?
    Hier nahm Hermann das Wort, und sprach: Vielleicht fordert keine Zeit mehr
zur Beobachtung uerer Sitte auf, als die unsrige. Alle Gegenstze sind
blogelegt, wo irgend Menschen zusammenkommen, bringen sie die
widersprechendsten Gefhle und berzeugungen in betreff der wichtigsten Dinge
mit. Politik, Religion, das sthetische, ja selbst, was im Privatleben erlaubt
sei? alles ward zum Gegenstande des Zwiespalts. Wie kann man sich aber mit
Behagen nebeneinander sehn, wenn nicht wenigstens auf der Oberflche die in der
Tiefe zrnenden Geister beherrscht werden, wenn nicht die strengste Regel der
Konvenienz, welche jedem Kunstwerke notwendig ist, waltet? Und die gute
Gesellschaft ist doch, wie man mit Recht gesagt hat, eine Art von Kunstwerk,
oder sollte wenigstens eins sein.
    Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten, sagte der Herzog. Ich lade
auch nie zwei zu gleicher Zeit ein. Denn ich bin dann nicht sicher, da die
Herrn ber einen alten rmischen Knig, oder eine Sprache, von der man nur
vermutet, da sie einmal gesprochen sein soll, einander Beleidigungen sagen.
    Auch die Hypochondristen sind bse Gste! rief Hermann.
    Die Herzogin warf lchelnd einen Seitenblick auf Wilhelmi, der die ganze
Tafel ber sein verdrieliches Gesicht noch nicht abgelegt, und, sooft die Tr
aufging, ngstlich mit den Hnden den Kopf bedeckt hatte, obgleich, wie wir
bemerkt haben, die Hitze der Hundstage herrschte. Sie meinte, Hermann solle sich
in acht nehmen, er werde da Widerspruch bekommen.
    Angereizt vom Lcheln der Dame, rief dieser aus: Mu ich doch mich selbst
verurteilen, wenn von jenen beln geredet wird! Ich hatte immer gehrt, da man
heutzutage, um interessant zu erscheinen, unzufrieden und krnklich sein msse.
Da die Natur mir aber beide Eigenschaften versagt hatte, so bestrebte ich mich,
durch Kunst dieselben hervorzurufen, denn ich wollte nun einmal nicht so
unbedeutend durch das Leben gehn. Frs erste schaffte ich mir eine finstre Miene
an, und sah aus, als ruhe die Last der Welt auf meinem Busen. Es war aber nicht
so schlimm; das Essen und Trinken schmeckte mir dabei, und ich schlief mit
meinem Grame bis an den Morgen. Aber so schon begann ich zu gelten, einige Damen
wollten selbst etwas Byronsches an mir bemerken. Es kam nur noch darauf an,
krank zu werden. Ich rief die Einbildungskraft zu Hlfe, und richtete meine
Aufmerksamkeit stundenlang auf mich selbst. Ich fragte mich so lange und so
ernstlich: Tut dir nicht da und da etwas weh? bis es mir endlich vorkam, als tue
mir da und da etwas weh. Nicht mit Darstellung der ganzen Methode will ich Ew.
Durchlaucht ermden, nur so viel darf ich versichern, da ich es in Erzeugung
der Schmerzen bis zur Virtuositt gebracht habe. Kopfgicht, Armweh, Brustkrampf,
Podagra, jegliches bel kann ich nach Gefallen hervorbringen. Denke ich zum
Beispiel nur daran, da jene Tr aufgetan werden mchte, so wtet schon ein
ganzes Heer von Rheumatismen mir durch Kopf und Genick.
    Diese Beziehungen waren zu deutlich, um nicht verstanden zu werden. Beide
Herrschaften hielten den Kammerrat, wie es solchen Leidenden zu gehn pflegt, fr
krank in der Einbildung. Sie sahen in einer Mischung von Verlegenheit und
Schadenfreude auf ihre Teller. Hermann geno seinen Sieg; aber nicht lange.
Wilhelmi hatte ganz gefat dessen Rede mit angehrt. Als nun die Pause, die nach
dem Schlusse derselben entstanden war, nicht enden wollte, sagte er freundlich
zu ihm:
    Was Sie vorhin von der Notwendigkeit der feinen Lebensart uerten, hat mir
sehr gefallen.
    Hierauf wurde Hermann rot und stotterte einige Worte, die wie ein Dank fr
den ihm erteilten Beifall klangen. Die Herrschaften aber taten, als gehe sie der
letztre nichts an. Die Herzogin rckte den Stuhl, und die Tafel ward aufgehoben.
    Er war mit dem Herzoge allein. Die Gemahlin sprach in einem Nebenzimmer mit
dem verdrielichen Freunde ber wichtige Angelegenheiten, welche das frstliche
Paar in diesen jmmerlichen Ort gefhrt hatten.
    Der Herzog schien sich fr den Jngling zu interessieren, er fragte ihn nach
dem Zwecke seiner Reise. Hermann versetzte, da er sich auf der Wandrung
befinde, um seinen Oheim, den groen Fabrikherrn, den er noch nie gesehen habe,
zu besuchen.
    Da werden Sie einen merkwrdigen Charakter kennenlernen, sagte der Herzog.
Ich mache oft Geschfte mit ihm. Er steht ganz einzeln in der heutigen Welt da,
und vergegenwrtigt mir immer das Bild eines Brgers der Hansa. Ihr Vater und er
sind ein sehr eigentmliches Brderpaar gewesen.
    Sie lebten beide, wo nicht in Ha, doch in stiller Entfremdung, sagte
Hermann. Ich will nun versuchen, ob der Oheim gegen mich auftaut. Wahr ist es:
wenn ich an meinen Vater zurckdenke, so suche ich vergebens nach seinesgleichen
in der Gegenwart. Er war mit Sinn und Lebensgewohnheit ungefhr in den achtziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts stehngeblieben. Von daher schrieben sich die
groblumigen Tapeten seines Zimmers, die geschnrkelten Meubles, der Zuschnitt
seines Rocks; an welchen Dingen allen er mit hartnckiger Strenge festhielt. Und
doch soll er als junger Mensch munter und beweglich gewesen sein. Aber etwas
Strendes scheint pltzlich seinen ganzen Organismus gehemmt zu haben. berhaupt
liegen die Erinnerungen an meine Eltern wie Mrchen hinter mir, an deren
Wahrheit zu glauben, mir oft schwerfllt.
    Er erzhlte noch manches von seinem vterlichen Hause, welches wir spter an
geeigneter Stelle einschalten werden. Der Herzog, welcher groen Anteil an
allem, was aus dieser Familie herrhrte, nahm, fragte nach Hermanns Studien und
Lebensgange, worauf er die gewhnliche Geschichte eines unsrer jungen Mnner
hrte. Hermann hatte als Siebenzehnjhriger den Befreiungskrieg mitgemacht, als
Zwanzigjhriger auf der Wartburg gesengt und gebrannt, und war dann auch in jene
Hndel geraten, welche die Regierungen so sehr beschftigt haben.
    Indessen, fuhr er fort, war ich der Torheiten selbst bald mde geworden.
Und, als wolle mich das Geschick fr diese zeitige Reue belohnen, meine
Rhadamanthen fanden, da ich zum Ravaillac verdorben sei, und entlieen mich
nach kurzem Verhr. Er erzhlte weiter, da er sodann die jetzt gewhnliche
Reise durch Frankreich, England und Italien gemacht habe, demnchst aber in den
Dienst des wegen seiner Verwaltung berhmten Staats als sogenannter
Referendarius getreten sei.
    Sie sind noch in dieser Anstellung? fragte der Herzog.
    Hermann trat drei Schritte zurck, schpfte tief Atem und rief: Nein, Ew.
Durchlaucht, in dieser Anstellung bin ich gottlob! nicht mehr. Nachdem ich die
Welt gesehen, in Rom und Neapel meine Seele ausgeweitet, in London und Paris
mich in die bewegten Wogen groer Vlker gestrzt hatte, mute ich nun mit
erheucheltem Ernste protokollieren und expedieren ber Dinge, die selten des
Federzugs wert waren. Anfangs, solange mir die Handgriffe noch neu waren, trieb
ich die Sache wie einen mechanischen Scherz, bald aber ergriff mich die
furchtbarste Langeweile, und ein unergrndlicher Ekel an meinen Tagen, welche
sich in diesem trocknen Nichts drr und farblos verzettelten. Das altweiberhafte
Helfenwollen, wo die Natur schon immer fr die Hlfe gesorgt hatte, das
Bevormunden von Menschen, welche gewhnlich klger waren, als die Herren
Vormnder, dieses norddeutsche Vielgeschrei und Vieltun! Die unendlichen, mden
Sessionen! Kein Blick aus der quetschenden Grube in die lichte Tageshelle des
Geistes, alles umbaut mit Kabinettsbefehlen, Paragraphen, Instruktionen, Akten,
Tintefssern, Sandbchsen! Mir war in dem Getreibe zumute, wie in einer ewig
klappernden und sausenden Mhle; nur das Mehl sah ich nie, welches zu gewinnen,
so viele Rder sich abarbeiteten. Zum ersten Male in meinem Leben war ich
unglcklich, und als ich das recht empfunden hatte, fragte ich mich: Warum bist
du es denn? - Da tat ich mit beiden Fen einen groen Schritt in die Freiheit,
und als ich die Tore der Marterstadt hinter mir hatte, jauchzte ich laut, wie
Orestes, als die Furien von ihm ablieen, und - ich schme mich des
Bekenntnisses nicht - ich habe mich zu Boden geworfen, und habe die grne Erde
gekt, der ich nach der Fahrt durch ein wstes Papiermeer nun erst wieder
anzugehren glaubte. Nein, Ew. Durchlaucht, ich bin nicht mehr Referendarius!
Ich berlasse das Metier den geistigen Nihilisten, deren ganzer Stolz darin
besteht, eine Sache mehr abgemacht und aus der Welt geschafft zu haben, whrend
der geringste Handwerker sich freut, ein sichtbares Produkt von seiner Hnde
Arbeit in die Welt setzen zu knnen.
    Hermann trocknete von der Stirne den Schwei ab, in welchen ihn diese
leidenschaftliche Herzensergieung versetzt hatte. Der Herzog strich mit einer
leichten Bewegung der Hand ihm ber die Achsel, als wolle er da etwas
wegwischen. Betroffen sah Hermann nach der Stelle hin; er wute nicht, was die
Gebrde bedeuten sollte.
    Beruhigen Sie sich, sagte der Herzog. Es kam mir nur so vor, als sei da
noch etwas Asche von den Feuern der Wartburg sitzen geblieben!

                               Siebentes Kapitel


Inzwischen hatten sich andererorten im Gasthofe wichtige Ereignisse zugetragen.
Der Wirt war nmlich nicht so bald innegeworden, da sein verachteter Gast bei
dem Herzoge speise, als er zu seiner Frau sagte, da man einen solchen Herrn
unmglich auf Nummer Zwlf lassen knne. Nun war aber guter Rat teuer, denn
zwischen Vormittag und Nachmittag hatte sich neuer Besuch eingefunden, so da
jetzt wirklich kein Zimmer mehr leer stand. Endlich schlug die Wirtin vor, die
    Kammerjungfer der Frstin nach Nummer Zwlf zu verweisen, und Hermann
dagegen die von ihr bewohnte Nummer Vier zu geben.
    Wo es Ungerechtigkeiten und Schelmenstcke galt, war der Wirt mit seiner
Gattin immer einverstanden. Die Jungfer war, um nach ihrem Anfalle frische Luft
zu schpfen, spazierengegangen. Die redliche Wirtin unternahm es, ihr bei der
Rckkunft vorzuspiegeln, da die Decke in Nummer Vier eingestrzt sei, und da
dieser Umstand eine Quartierverndrung notwendig gemacht habe.
    Als Hermann vom Herzog kam, wurde er vom Wirt mit vielen Kratzfen nach
seinem neuen Zimmer, welches sich in einem Nebenhause befand, gefhrt. Er freute
sich der reinlichen Wohnung und des Blicks nach hinten hinaus ber grne Wiesen.
Aber leider sollte dieser ruhige Besitzstand bald gestrt werden.
    Denn er hatte kaum einige Minuten dort zugebracht, als er auf der Treppe ein
heftiges Geznk hrte. Die Jungfer war in den Gasthof zurckgekehrt, hatte von
der Wirtin die Umquartierung vernommen und Nummer Zwlf besichtigt. Der Anblick
dieses schauderhaften Gelasses setzte sie bei ihrer cholerischen Gemtsart in
einen groen Zorn. ber den Hof streichend, fand sie die Wirtin an der kleinen
Treppe im Nebenhause, und berschttete die Frau mit einer Flut von
beleidigenden Worten.
    Hermann riet dem Wirte, den er gern loswerden wollte, hinunterzugehn, und
seiner Frau beizuspringen. Der Wirt blieb aber, machte ein ngstliches Gesicht,
und rief, indem er an den Ngeln kaute: Wir haben den Skandal hier oben noch
frh genug!
    Diese Besorgnis war nur zu gegrndet. Denn alsobald betraten beide
Frauenzimmer die Stube, die Jungfer, mit Hnden und Fen vorwrtsstrebend, die
Wirtin, vergeblich bemht, sie am Rocke zurckzuhalten. Jene hatte sich mit
eignen Augen berzeugen wollen, ob die Decke in Nummer Vier wirklich eingestrzt
sei. Da sie nun sah, da dieselbe so heil war, wie ein neugebornes Kind, so
erstarrte sie anfangs ber die Tcke der Wirtsleute zu einer stummen Bildsule.
Dann aber brach ein solcher Schwall von Verwnschungen aus ihrem Munde, da man
sich nur wundern mu, wie das Haus stehnbleiben konnte. Sie beschrnkte sich
nicht auf die eigentlichen beltter, sondern ging bald auch zu Schmhungen
unsres Freundes ber. Dieser, gescholten, er wute nicht, weshalb, fragte nach
der Reihe herum, was denn der ganze Auftritt bedeuten solle? Aber keiner gab ihm
Antwort. Die Kammerjungfer schrie, in die Hhe deutend: Ist da etwas
eingestrzt? Der Wirt schrie: Bedenken Sie, da ich Ihr heute morgen die
Daumen aufgebrochen habe! - Ist dieses der Dank dafr, da Sie uns das Bett
zerrammelt hat? schrie die Wirtin.
    Whrend dieses Geschreis war eine neue Figur an der offnen Tr erschienen.
Den Reitknecht Wilhelm hatte der Lrmen herbeigezogen; er kam, die kurze Pfeife
im Munde. Als die Jungfer den Dienstgenossen erblickte, lebten in ihr alle
Hoffnungen auf; sie lief zu ihm, und beschwor ihn bei der Ehre des Stalls und
der Gesindestube, ihr das gegen gttliche und menschliche Rechte entrine Zimmer
wiedererringen zu helfen. Es htte so dringender Worte nicht bedurft. Der brave
Kerl war selbst auf den Wirt und dessen schlechten Hafer bse, und eine
Gelegenheit, ihm etwas anzuhaben, kam ihm grade erwnscht.
    Es rckte nunmehr die Heersule der Bundesgenossen vor; die Kammerjungfer,
mit einer Elle bewaffnet, die sie irgendwo gefunden hatte, der Reitknecht, sich
verlassend auf seine derben rotbraunen Fuste. Sofort duckte sich der Wirt mit
seiner Gattin zwischen zwei Sthlen nieder. Hermann, der endlich merkte, worum
es sich handle, rief wiederholentlich; Hrt mich an! Es achtete aber niemand
seiner, und nun beschlo er, vorerst die Entwicklung der Begebenheiten
abzuwarten. Er zog daher einen Tisch vor das Sofa, auf dem er sa, um sich gegen
alle gezwungne Teilnahme an den drohenden Ereignissen der nchsten Zukunft zu
sichern.
    Der Reitknecht und die Kammerjungfer gingen indessen grade gegen die Sthle
vor. Dem verstndigen Gastwirte, welcher zwischen denselben hockte, wurde nicht
wohl zumute. Ihr wollt mich doch nicht in meinem eignen Hause prgeln? rief er
mit einer zwischen Mut und Furcht zitternden Stimme. - Haun Sie zu, Wilhelm!
redete die Jungfer den Knecht an. Hurra! rief der brave Kerl, welcher nur an
seine belgenhrten Pferde, und nicht an den Dienst des Herzogs dachte, und
reichte dem Wirte eine Ohrfeige von schwerem Gewichte. Diese Ohrfeige gab das
Zeichen zum allgemeinen Kampfe. Der Wirt fuhr grimmig auf den Reitknecht los,
und die Jungfer machte sich mit der Wirtin handgemein.
    Zuerst von den Mnnern. Mit leichter Mhe hatte der Reitknecht, ein
baumstarker Mann, den Wirt zurckgeworfen. Er verfolgte den errungnen Vorteil,
und legte den Gegner, alles Strubens ungeachtet, ber einen Stuhl, mit dem
Gesichte gegen die Erde. Die Rocksche des Wirts trennten sich, und nun erst
wurde dem Reitknechte das eigentliche Feld seiner Ttigkeit sichtbar. Alsobald
begann er auf dieser Tenne zu dreschen, so flink und so gewaltig, als glte es,
die Ernte des ganzen Jahres an einem Tage zu gewinnen.
    In dieser schrecklichen und letzten Not rief der Wirt inbrnstig alle
Heiligen um Beistand an. Einer derselben mute ihn gehrt haben, denn es
ereignete sich eine vllige Wendung der Geschicke. Der Reitknecht hatte im
bermae seiner Siegestrunkenheit sich die Faust an dem Wirte fast lahm
geschlagen. Deshalb mde, noch mehr Lorbeern mit Schmerzen zu gewinnen, nahm er
den Geprgelten in seine Arme, nicht, um ihn zu kssen, sondern um ihn zur Stube
hinauszutragen. Aber er hatte denn doch seiner Kraft zu viel vertraut. Auf der
Hlfte des Wegs stolperte er ber seine Sporen, stie an Hermanns Tisch, und
fiel mit seiner Brde donnernd zu Boden. Jetzt fgte es jener unbekannte Heilige
so, da der Wirt eher auf den Fen zu stehen kam, als der Reitknecht. Hurtig,
wie eine wilde Katze, holte jener seinen Marterstuhl herbei, und stlpte
denselben dem Reitknecht ber den Leib, dergestalt, da dieser kein Glied zu
regen vermochte. Nun war der Augenblick der Vergeltung erschienen. Der Wirt sa
auf dem Stuhle und lie alle zehn Finger im Gesichte des Reitknechts
spazierengehn, welcher, die Farben des Regenbogens vor den Augen sehend, vorn
wieder empfing, was er hinten ausgeteilt hatte. So rchte der Wirt sein
gemihandeltes Kreuz. Der brave Kerl lag unter dem Stuhle, zerschlagen, wehrlos,
regungslos, und rief unaufhrlich: Jungfer, zu Hlfe!
    Aber wie htte die Jungfer ihm helfen mgen, sie, die selbst nur zu
ernsthaft beschftigt war? Anfangs suchten die beiden Frauenzimmer einander mit
den Ngeln mglichst zu schaden. Da indessen dieses Gefecht der Kammerjungfer
kein gengendes Resultat gab, so drngte sie die fette und unbehlfliche Wirtin
in eine Fenstervertiefung und fing an von ihrer Elle Gebrauch zu machen. Die
Wirtin konnte sich der ungemein schmchtigen und behenden Jungfer nicht
erwehren, tat einen Satz der Verzweiflung, und sprang auf die Fensterbrstung.
Hier wurde nun die Schnur des Vorhangs von der heftigen Erschttrung gelst, und
die Gardine rollte vor der Wirtin nieder. Mit groer Geistesgegenwart ergriff
die Jungfer augenblicklich das untre Ende des Vorhangs, hielt die Wirtin wie in
einem Sacke gefangen und hmmerte wacker auf die runde Erhhung los, welche der
Leib der Feindin im Vorhange bildete. Die Frau seufzte nach ihrem Manne, wie der
Reitknecht nach der Jungfer, aber beide Sieger sprten grere Begierde in sich,
die Gegner zu prgeln, als den Ihrigen zu helfen.
    Endlich fiel der genotngsteten Wirtin das letzte Mittel ein, durch welches
sogar eine Hinrichtung hinausgeschoben wird, und welches freilich dem armen Kerl
von Reitknecht nicht zu Gebote stand. Sie rief hinter dem Vorhange: Jungfer,
schonen Sie meiner, ich bin in andern Umstnden!
    Bei diesen Worten geriet Hermann in eine Todesangst, denn die funkelnden
Augen der Jungfer lieen besorgen, da sie auch das Ungeborne ihrer Rache opfern
werde. Er frchtete ein Unglck, und fand, wie durch innere Eingebung einen
rettenden Gedanken. Vom Sofa aufspringend, den Tisch umwerfend, rief er mit
lauter Stimme: Haltet inne, der Herzog kommt!
    Dies wirkte. Sogleich hrte die Schlgerei auf. Die Wirtin sprang vom
Fenster und pustete, die Kammerjungfer stellte sich vor den Spiegel, brachte
ihre Flechten in Ordnung und keuchte, der Wirt lie den Stuhl los und spuckte,
der Reitknecht raffte sich auf, und schttelte sich am ganzen Leibe, wie ein
durchnter Pudel.
    Hermann erklrte darauf dieser pustenden, keuchenden, und sich schttelnden
Versammlung, da es des ganzen Krieges nicht bedurft habe, und da er lieber im
Freien zubringen, als jemandem sein Zimmer nehmen wolle. Der Reitknecht sah die
Jungfer verdrielich an, und sagte: Auf ein andermal lasse Sie einen mit Ihren
Dummheiten ungeschoren. Den armen Kerl schmerzten seine Beulen, er ging, sich
mit Branntwein zu waschen. Hermann wollte auch hinaus. Aber der Wirt, der seine
Schlge umsonst empfangen zu haben, nicht begehrte, hielt
    ihn zurck, und erklrte rund und nett, die Jungfer solle nun durchaus ihren
Willen nicht haben, die Stube sei ihm zugeteilt, und dabei habe es sein
Bewenden. Auf dieses Manifest machte die Jungfer ein grimmiges Gesicht. Hermann
frchtete den Wiederausbruch der Feindseligkeiten, und um nur die Sache
vorderhand beizulegen, schlug er vor, die Stube zwischen ihm und ihr zu teilen;
ob der Wirt nicht ein Saattuch oder sonst etwas habe, womit man die beiden
Hlften abscheiden knne? Wirklich erinnerte sich jener eines alten riesigen
Krankenschirms. Dieser wurde herbeigeholt, aufgestellt, und schied das Zimmer in
zwei gleiche Teile. Hermann berlie der Jungfer das Kabinett rechts, und zog
links vom Schirm ein. Zuerst hatte sich ihr Zartgefhl gegen einen solchen
Vorschlag gestrubt, endlich war sie durch wiederholte feierliche Versichrungen
Hermanns, da er jede ersinnliche Rcksicht auf ihre Nhe nehmen werde,
beschwichtigt worden.
    Beim Hinausgehen fragte der Wirt seine Gattin mit dem Ausdrucke einer
stillen Trauer, ob denn ihre Nachricht von vorher richtig sei, und der Herr sich
an ihrem Leibe noch mchtig erwiesen habe? Die Frau versetzte, er solle doch
nicht so tricht sein, sie sei ja weit ber die Jahre hinaus. Das war denn doch
eine Freude nach manchem Leid, denn der Wirt hatte Kinder genug, und verlangte
nicht nach mehreren.
    Nun schien Ruhe und Frieden links und rechts des Schirmes eingekehrt zu
sein. Die Jungfer nhte, und Hermann hatte sich auf das Bett gelegt, welches in
seiner Hlfte stand. Er suchte seine Gedanken zu ordnen, und sich in den
mannigfaltigen Zufllen dieses Tages zurechtzufinden. Ich mu wohl der Mann des
Schicksals sein, rief er, da um meinetwillen ohne Not Unheil und Katzbalgerei
entsteht! - Ermdet, wie er war, von Wandern und Hitze, versank er bald in
Schlummer. Die Kammerjungfer drben wurde auch des Nhens berdrssig, legte
sich mit dem Kopf auf den Tisch, und nickte ein.
    Aber Eris schlief nicht, und brauchte diesmal statt des Apfels einen Hund,
um die Eintracht zu stren. Ein Newfoundlnder von der grten und zottigsten
Art, den ein Gast mitgebracht hatte, ging, nach Wurstschalen und andern
Leckerbissen umherschnoppernd, durch das Haus. Er kam auch zu Nummer Vier, fand
die Tr nur angelehnt, und schob sich sacht hinein. Die Hunde wissen auf der
Stelle, wer ihr Freund ist. Dieser sah dem schlafenden Hermann so eine Art von
Sympathie an. Er setzte sich vor dem Bette nieder, beroch die niederhngende
Hand des Schlummernden, leckte dann an derselben, und setzte dieses Spiel eine
Weile fort. Hermann, der bald die kalte Nase, bald die warme Zunge des Tiers an
seiner Hand hatte, wachte von dieser Abwechslung auf. Der Instinkt des Hundes
war richtig gewesen, Hermann hielt wirklich gute Freundschaft mit allen
lebendigen schnen Geschpfen. Er freute sich des mchtigen Tiers, streichelte
seinen Kopf und Rcken, so da der Hund vor Vergngen zu ghnen anfing. Hermann
ballte das Schnupftuch zusammen, der Hund apportierte lustig. Ihn ergtzten die
gewaltigen Sprnge des Newfoundlnders, er wiederholte den Zeitvertreib und warf
das Tuch nach dem Schirme zu. Der zottige Gesell sprang mit seiner ganzen Strke
gegen den Schirm, dessen Bespannung, alt, mrbe und kaum noch in den Ngeln
hangend, einem solchen Stoe nicht zu widerstehn vermochte. Ein groer Fetzen
ri aus, der Hund fuhr hindurch, und in das Gebiet der Kammerjungfer; Hermann
hrte den Hund bellen und die Jungfer schrein.
    Diese war durch das Getse, welches der Kter machte, lngst erweckt worden.
Tapfer gegen ihresgleichen, war sie beraus furchtsam, wenn sie nur eine Spinne
oder Krte sah. Und nun gar eine Newfoundlnder Dogge! Sie floh vor der erregten
Bestie in eine Ecke, warf sich dort nieder, und brachte, wie der Vogel Strau,
ihren Kopf in Sicherheit, alles brige preisgebend. Der Hund sprang ihr lustig
nach, und mit den Vorderfen auf beide Hften. So stand er halb auf der Jungfer
und bellte aus Leibeskrften, ohne etwas Arges im Schilde zu fhren. Die Sache
schien ihn vielmehr ausnehmend zu belustigen, und er wurde immer vergngter, je
heftiger die Jungfer kreischte. Vergebens rief ihn Hermann durch das ganze
Register der ihm bekannten Hundenamen.
    Indessen war der bedrngten Jungfer bereits ein Retter erschienen und zwar
in der Person des verstndigen Wirts, welchen der abermalige Lrmen in der
verhngnisvollen Nummer Vier wieder herbeigezogen hatte. Um gutzumachen, was er
an der Jungfer verbrochen, fate er den Beller am Schweif, ihn von ihrem Rcken
herabzureien. Der Hund verstand aber, wie alle seine Brder, am Schweife
durchaus keinen Scherz, fuhr herum und versetzte dem Wirt einen solchen Bi in
die Hand, da der Mann sie unter Geheul blutig in die Luft schlenkerte. So ward
jener an einem Tage fr beides bestraft, fr Laster und Tugend.
    Inzwischen trat die Kammerjungfer zum Schirme und schalt in den bittersten
Ausdrcken nach Hermann hinber. Dieser aber hrte von allem, was sie sagte,
nichts, denn er hatte das Schlachtfeld verlassen, entschlossen, die Sttte so
vieler Streitigkeiten mit keinem Fue wieder zu betreten. Unten begegnete er dem
Newfoundlnder, der auch gleichgltig fortgerannt war, sobald er den Wirt in die
Hand gebissen hatte.

                                 Achtes Kapitel


Der Abend war schn, Hermann beschlo denselben im Freien zuzubringen. Drauen
vor dem Tore zwischen grnen Hecken, unter mchtigen Kastanienbumen sah er ein
blaues Schieferdach. Spitzbogen, Kreuze und hohe schmale Fenster berzeugten
ihn, da das kleine einsame Gebude eine Kapelle sei; er erinnerte sich, von
einem weit und breit berhmten Marienbilde gehrt zu haben, welches hier den
Glubigen seine Wunder spendete.
    Die Neugier fhrte ihn in das Heiligtum; leise trat er durch die nie
verschlone Pforte. Der den katholischen Kirchen und Betrtern eigentmliche
Geruch, welcher vom zersetzten Weihrauchs- und Lichterdampfe herrhrt, schlug
ihm entgegen. Sammet, Borten, Blumen von gesponnenem Gold und Silber,
Schmelzwerk, und was sonst die Andacht zur Zier verwendet, prangten um den
geschmckten Altar. Zwischen diesen glnzenden Dingen nahm sich freilich das von
Dunst und Alter gebrunte Bild der Mutter Gottes nicht sonderlich aus.
    Indessen bewegte ihn ein eigner Anblick. Dieses Bild erzeigte sich besonders
Gichtkranken hlfreich. Da hatten nun die Reicheren, welche die Befreiung von
ihren Leiden hier erbetet, silberne Votivglieder geschenkt; kleine blinkende
Arme und Fe hingen in groer Anzahl um die himmlische Helferin. Die Armen,
welche Silber zu schenken unvermgend waren, stellten ihre Krcken als
Denkzeichen hin. Zu Hunderten standen die unntig gewordnen Notbehelfe rechts
und links vom Altar.
    Sie ist zur Fabel geworden, diese Religion der Wunder, sagte Hermann fr
sich, aber sie ist eine rhrende Fabel.
    Er sah zwei Betende in der Kapelle und erkannte den Herzog und die Herzogin,
die hier ihre Abendandacht verrichteten. Sonst war niemand darin. Als sie sich
erhoben, trat Hermann mit einer unwillkrlichen Bewegung hinter ein
Seitentabernakel zurck. Die Herrschaften setzten sich auf die Bnkchen ihrer
Betpulte.
    Man weiset uns an, Gott einzig um geistige Dinge zu bitten, sagte die
Herzogin. Heute mu ich gestehn von dieser Vorschrift abgewichen zu sein. Ich
habe dem Herrn nur allein die Bitte vorgetragen, uns die Spur der unglcklichen
Johanna zu zeigen.
    Ich denke, versetzte der Gemahl, da die Ehre unsres Hauses und das
Schicksal eines verirrten Wesens wohl auch Dinge sind, von denen man zu dem
hchsten Ordner der menschlichen Angelegenheiten reden darf.
    Glaubst du, da wir morgen auf dem Falkenstein etwas von ihr hren werden?
fragte die Herzogin.
    Wenn ich aufrichtig sprechen soll, nein, erwiderte der Gemahl. Der
Entfhrer ist schlau genug, und der alte Amtmann, dem ich lngst nicht mehr
traue, war vermutlich mit ihm im Einverstndnis. Er wird sich anstellen, als sei
er selbst getuscht worden. Lieb wre es mir, wenn du den graden Weg nach Hause
einschlgst, und mich mit Wilhelmi diese verdrieliche Seitentour allein
abmachen lieest.
    Nimmermehr! rief die Herzogin. Es mte denn sein, da meine Gegenwart
euch in etwas Dienlichem hinderte. Ich bin doch auch schuld daran, da die
Unselige sich so weit vom rechten Pfade verlieren konnte, ich htte sie
vielleicht sanfter behandeln, ihr Herz mehr aufschlieen sollen. Deswegen halte
ich es fr meine Pflicht, alle Mhsale und Verlegenheiten, die sie uns
verursacht, mit tragen zu helfen.
    Wer hat hier Schuld? sagte der Herzog. Der, welcher eigentlich fr die
Fehltritte einer zgellosen Natur verantwortlich ist, liegt im Grabe. Die Snden
der Vter werden heimgesucht an den unstrflichen Kindern; ich mache mich auf
schmerzliche Dinge gefat.
    Hermann hrte noch manches, was sich auf das Hausgeschick bezog, dessen
diese Reden gedachten. Er fhlte sich in seiner gezwungnen Horcherrolle sehr
gepeinigt. Wenn man ihn beim Hinausgehn sah, in welchem Lichte mute er
erscheinen? Und doch war es jetzt unmglich geworden, unbemerkt aus der Kapelle
zu schlpfen.
    Die Herzogin stand pltzlich auf, ergriff ihren Gemahl bei der Hand und
sagte mit einiger Leidenschaftlichkeit: Du mut mir etwas versprechen. Ich
wei, da du talentvolle junge Mnner gern an dich heranziehst. Tue mir den
Gefallen, und halte uns unsre heutige Bekanntschaft fern.
    Ihr Gemahl sah sie verwundert an. Wie kommst du darauf? fragte er.
    Es ist eine Grille, erwiderte sie, und ich mag ihr keine Wichtigkeit
beilegen. Aber tue mir den Gefallen, und lade diesen jungen Mann nicht ber
unsre Schwelle.
    Man sollte sich bei seinen Handlungen eigentlich durch Grillen nicht leiten
lassen! rief der Herzog. Er ist der Sohn eines Manns, dem mein Vater die
grten Verpflichtungen hatte; Verpflichtungen, die nach hingeworfnen uerungen
zu schlieen, ganz eigner, sonderbarer Art gewesen sein mssen. Er rennt ohne
Zweck und Ziel durch die Welt. Ich hatte daran gedacht, ihn ntzlich zu
beschftigen. Indessen gehn mir deine Wnsche ber alles, und er mag sich daher
selbst in der Irre zurechtfinden.
    Sie standen jetzt kaum zwei Schritte von Hermann, und er sah der Frstin in
das schne regelmige Antlitz. Htten wir doch unsre Pferde bei der Hand,
sagte sie. Ein Ritt am Flchen mte in dieser Khle sehr behaglich sein.
    Ich habe leider keinen Bedienten mitgenommen, den wir nach dem Gasthofe
schicken knnten, erwiderte der Herzog.
    La uns eine Strecke zu Fu spazieren.
    Als sie die Kapelle verlassen hatten, trat Hermann aus seinem Verstecke
hervor. Was hat sie gegen mich? fragte er bitter und wehmtig. Es war ihm so
neu, in der Damenwelt etwas wie Abneigung zu finden, da er sich nicht wohl
darein zu schicken wute.
    Er trat in die Tre der Kapelle, und sah die Herrschaften zwischen wallenden
Kornfeldern gehn. Der Schmerz kleidete sich bei ihm leicht in den Scherz. Er
strich sich ber die Augen, wischte eine Trne aus, und rief: Weiset ihr den
Gast zurck, so werdet ihr doch den Bedienten nicht verschmhn.
    In fnf Minuten hatte er das Wirtshaus erreicht. Er stberte den Reitknecht
Wilhelm auf, und hie ihn satteln; der Herzog befehle die Pferde. Er wollte ihm
die Gegend beschreiben, wo sein Herr lustwandelte, der Reitknecht lie ihn aber
nicht ausreden, sondern schlug sich mit beiden Fusten in das Gesicht, welches
von den Sten des Wirts schon blau genug war, und rief: Ich bin aus dem
Dienst, wenn die Herrschaft mich so zu sehn bekommt. Vergebens stellte ihm
Hermann vor, morgen bemerke der Herzog ja doch sein geschwollnes Antlitz, und
erfahre mithin die Sache. Der Reitknecht dachte wie ein Wilder nicht ber den
heutigen Tag hinaus.
    Hermann sah, da mit dem Menschen nichts anzufangen war. Was tut's, ob mich
das Nest fr einen Narren hlt? rief er. Sattelt, Wilhelm, ich will den
Herrschaften die Pferde bringen. Diese Gromut schlug dem Kerl bis auf die
Seele durch, er kte Hermann inbrnstig die Hand, und sattelte weinend die
Rosse. Bald trabte jener auf einem gedrungnen Polacken, den Zelter der Herzogin,
und den Fuchs des Herzogs an der Hand fhrend, davon, zum Erstaunen des Wirts,
dem dieser Gast ein Rtsel war und blieb.
    Als die Herrschaften den Hufschlag hrten, wandten sie sich um, und machten
verwunderte Gesichter. Er war rasch vom Pferde, trat, die Tiere fhrend, zu
jenen, und sagte schnell, um die Entdeckung des wahren Zusammenhangs zu
verhten:
    Ich sah Ew. Durchlauchten im Felde spazieren, ich dachte, da ein Ritt
vielleicht angenehmer sein mchte, habe ich mich geirrt, so bringe ich die
Pferde zurck. Den Reitknecht konnte ich nicht finden, ich erlaubte mir deshalb,
selbst den Stallmeister zu machen.
    Der Herzog fixierte ihn, und versetzte nicht ohne eine gewisse Schrfe: In
wie vielen Gestalten wird man Sie denn noch zu sehn bekommen?
    In jeder, welche schicklich ist, Ew. Durchlaucht Dienste zu leisten, sagte
Hermann trocken.
    Man sprengte durch Wiesen und lichte Baumpltze. Hermann hielt sich streng
mehrere Schritte zurck. Da der Weg breit genug fr drei war, so forderte ihn
der Herzog auf, Front zu machen. Der Platz des Dieners ist hinter den
Gebietern, erwiderte er, und blieb, wo er gewesen, der schlanken Reiterin vor
ihm im stillen grollend.
    Es war dunkel, als man zurckkehrte. Hermann half vor dem Gasthofe der
Herzogin vom Pferde. Sie flsterte ihm, als sie ins Haus ging, zu: Ich habe
noch mit Ihnen zu reden.
    In der Dmmerung stand er ihr bald in ihrem Zimmer gegenber. Sie ging nach
ihrer Schatulle, holte eine Rolle, drckte sie in seine Hand und sagte: Sie
haben mir heute morgen von einem unglcklichen Mdchen erzhlt. Hier ist Geld.
Finden Sie den Vater ab, bringen Sie das Kind anstndig unter; wenn ich
spterhin gute Zeugnisse zu sehn bekomme, so will ich die Verlane selbst
aufnehmen.
    Hermann weigerte sich, das Geld anzunehmen. Ich bin Ew. Durchlaucht
unbekannt, und kann mir nicht schmeicheln, Ihr Vertrauen schon in dem Mae zu
verdienen, um der Depositar einer so groen Summe sein zu knnen.
    Was meinen Sie? fragte die Herzogin befremdet. Sie sind brav und klug,
und Ihr Name hat fr unser Haus einen guten Klang. Leben Sie wohl! Wir sehen uns
wohl schwerlich wieder!
    Sie machte ihm ein Zeichen, da er entlassen sei. Er ging, und wute nicht,
was er von ihrer Abneigung und von dem letzten Lobe denken sollte.
    Man setzte sich in der greren Stube, die den Salon vorstellen mute, zum
Spiel. Nachdem einige Partien gemacht waren, sagte die Herzogin: Wir treiben
die Sache so ernsthaft, da, wenn uns jemand she, der uns nicht kennt, dieser
glauben mte, die bunten Bltter lgen bei uns zu Hause bestndig auf dem
Tische.
    Das Spiel ist in eine unverdiente Miachtung gefallen und bis jetzt durch
nichts Besseres ersetzt worden, sagte Wilhelmi. Grade die mige
Aufmerksamkeit, die es fordert, das Zhlen und Anlegen ist wohlttig. Es hlt
uns in einem heilsamen Mittelzustande zwischen Anspannung und Zerstreuung.
    Unser Freund sagt wieder Schmeicheleien eigner Art! rief der Herzog. Weil
wir zu geistlos sind, miteinander zu reden, mssen wir spielen.
    Ich verwahre mich gegen alle besondren Auslegungen, gndigster Herr,
versetzte Wilhelmi. Sie wissen, da es meine Schwachheit ist, gern im
allgemeinen zu reden. Und das darf ich denn doch wohl behaupten, da unsre
deutsche Gesellschaft meistenteils ein wunderbares Gesicht macht, welches nicht
schner geworden ist, seitdem man die Tische mit den Markenkstchen entfernt,
und an ihre Stelle die Musikpulte und die Lesebrettchen geschoben hat. Sonst kam
man zusammen, ganz einfach und aufrichtig, ein Spielchen zu machen, man freute
sich auf seine Partie, der Abend wurde dadurch krzer, spterhin gelang wohl ein
heitres Gesprch an runder vertraulicher Tafel. Jetzt strmt das
Verschiedenartigste in die erleuchteten Sle, Menschen, die keinen Ton leiden
mgen, die man, wollten sie aufrichtig reden, mit Gedrucktem und Geschriebnem,
wer wei wie weit, jagen knnte, Leute, die an nichts Wissenswrdigem einen
wahren Anteil nehmen, dieser bunte Jahrmarkt flutet zwischen Musik, Vorlesen und
sogenannter geistreicher Unterhaltung hin und her, mit erlognem Interesse, mit
scheinbarer Erhebung. Jeder Vernnftige, welchen sein Unstern in dieses Getreibe
wirft, seufzt im stillen:
    ,Ach! stnden doch die Kartentische erst wieder da! Ich erinnre mich von
meiner letzten Geschftsreise eines solchen Festes. Ein alter General, dem man
die Pein ansehen konnte, sa traurig in einer Fenstervertiefung, und klagte,
sich unbelauscht glaubend, in seinem eigentmlichen Deutsch ber die verwnschte
Bcher- und Singemode. Gleich darauf war ein Hauptaktus beendigt; ein
geckenhafter Mensch trat an den Gelangweilten hinan, und der alte Degenknopf
mute sich nun zwingen, in den Enthusiasmus des Windbeutels einzustimmen.
    Welche Predigt! rief die Herzogin. Was dergleichen kleine Torheiten nur
gro schaden!
    Was sie schaden? sagte Wilhelmi. Ich glaube, da sie mit dazu beitragen,
den Zustand allgemeiner Heuchelei hervorzubringen, der recht eigentlich das
Kennzeichen unsrer Zeit ist. Wir Deutschen sind ein husliches und brgerliches
Volk, ehrwrdig durch einen einfachen Sinn, durch gesunden Menschenverstand. Was
man Geist nennt, ist nur das Erbteil einzelner, nicht der Nation. Am
allerwenigsten kann man sagen, da das Gefhl fr das Schne bei uns so hufig
verbreitet sei, als man jetzt sich und andern einbilden will. Wir sind und
bleiben Barbaren, und wollen die Musen und Grazien, wie jener Knig in Phokis,
immer gleich einsperren, wenn sie ja einmal bei uns einkehrten. Darum wiederhole
ich: Stnden doch die Kartentische erst wieder da!
    Und vergessen, da Sie an einem sitzen; sagte der Herzog. Sie htten
lngst mischen sollen. Dieses Schelten auf die Zeit, auf unsre Zeit! Gehren Sie
denn nicht auch zu ihr, Sie mit Ihren trben Ansichten eben recht zu ihr? Es ist
charakteristisch, da wir immer von der Zeit reden, von unsrer Zeit. Wo fngt
sie denn an, und was hat sie eigentlich so Besondres, wenn wir einmal ganz auf
den Grund gehn wollen?
    Sie spielt Komdie, wie keine andre, sagte Wilhelmi. Die alten
Jahrhunderte haben uns ihre Rcke hinterlassen, in die steckt sich die jetzige
Generation. Abwechselnd kriecht sie in den frommen Rock, in den patriotischen
Rock, in den historischen Rock, in den Kunstrock, und in wie viele Rcke noch
sonst! Es ist aber immer nur eine Faschingsmummerei, und man mu um des Himmels
willen hinter jenen wrdigen Gewndern ebensowenig den Ernst suchen, als man
hinter den Tiroler- und Zigeunermasken wirkliche Tiroler und Zigeuner erwarten
soll. Was aus unsrer Jugend, die so recht vom Geiste der Gegenwart durchsogen
ist, werden mag, ist in der Tat schwer abzusehn. So ein junger Mensch von heute
steht im vierundzwanzigsten Jahre fertig da, alles ward ihm leicht und mundrecht
gemacht, im Fluge hat er den Schaum von der Oberflche der Dinge abgeschpft.
Da der Mensch nur durch Erfahrung, unter Arbeit und Not zu irgendeiner
Erkenntnis gelangen kann, da man durch das Kleine sich lange Jahre
hindurchwinden mu, bevor man das Grere zu verstehn imstande ist, da nur das
wahrhaft besessen wird, was errungen, ermht und erlitten wurde, wer mchte
dergleichen Dinge jetzt aussprechen? Die wohlfeilen Kommunikationsmittel frdern
den jungen Weisen in reiender Schnelligkeit durch alle Lande, er ist durch den
Vatikan gestrichen, nun ward er ein Kunstkenner, er hat den Tunnel angesehn,
seitdem versteht er sich auf Mechanik. Benjamin Constant sprach mit ihm ein paar
hfliche Worte - der Politiker war ausgebrtet. Bescheidenheit, Gehorsam,
Unterordnung, Zweifel an der eignen Unfehlbarkeit sind ihm Ammenmrchen,
Gromutterschwchen. berall und nirgends zu Hause, kehrt er zurck ins
Vaterland, ein Riese an Sicherheit, der aber bei jedem Schritte ausgleitet,
kluge Reden hlt er ber gute Lebensart ...
    Ein herzliches Lachen unterbrach den schwarzgalligen Redner. Daher der
Zorn! rief die Herzogin. Der arme Hermann! Sie haben doch ein rachschtiges
nachtragendes Gemt, Wilhelmi!
    Whrenddem der Herzog den Spott seiner Gemahlin fortsetzte, wurde ein Billet
an Wilhelmi abgegeben. Dieser wollte es ungelesen einstecken. ffnen Sie doch,
es knnte etwas Eiliges sein, sagte der Herzog. Wilhelmi brach auf und rief:
    Von unsrem Abenteurer! Er las folgende Zeilen:
    Es ist mir eine unertrgliche Empfindung, in dem hohen und freundlichen
Kreise, welcher mich einige Stunden in seiner Mitte duldete, eine herbe
Nachwirkung befrchten zu mssen. Ich habe mich gegen Sie vergangen, und ich
gestehe Ihnen mein Unrecht aufrichtig ein. Die Unart des Jnglings kann einem
Manne, wie Sie sind, nicht empfindlich sein. Aber um meinetwillen und zu meiner
Beruhigung lassen Sie mich glauben, da Sie mir vergeben. Ich mchte an den
heutigen Tag so gern ganz heiter zurckdenken, und ich kann es nicht, wenn Sie
mir wegen meiner Torheit zrnen.
    Der Herzogin Antlitz glnzte vor Freude. Der Herzog sagte: Ich hoffe, du
hltst mich wegen des braven Jungen nicht beim Worte; und Wilhelmi rief mit der
Gutmtigkeit, die sich bei den Hypochondristen einstellt, wenn sie tchtig auf
die Welt geschmlt haben, aus: So mchte ich mich wohl alle Tage in einem
Menschen irren!

                                Neuntes Kapitel


Hermann war indessen nach dem Walde hinausgeeilt, worin er das wilde Mdchen
gefunden hatte. Rasch war, sobald er von der Herzogin die Mittel besa, sein
Plan zu Flmmchens Rettung entworfen worden. Vorerst sollte sie in dem Dorfe
jenseits des Waldes untergebracht werden, dann wollte er die Sache mit dem
Komdianten abmachen, und wenn dies geschehen, hatte er vor, das Kind in eine
benachbarte Pension zu geben, deren Vorsteherin ihm bekannt war.
    So war sein Entwurf, an dessen Gelingen er nicht zweifelte. Es war bei ihm
ein Ehrenpunkt geworden, diese Angelegenheit zur Zufriedenheit der Herzogin zu
Ende zu bringen, die ihn nach seiner Meinung so ungerechterweise von ihrem
holden Antlitze hinwegwies. Flmmchens romantische Gestalt schwebte vor seinem
Geiste, sein Blut befand sich in heftiger Wallung.
    Vielleicht bewirkte es dieser aufgeregte Zustand, da er im Walde, den er
halb laufend erreicht hatte, bald von der Richtung, die er am Morgen genommen,
abkam. Der umgestrzte Stamm, welcher ihm den Ort, wo Flmmchen weilte, zeigen
sollte, blieb unsichtbar, und es dauerte nicht lange, so sah er sich zwischen
fnf bis sechs Kreuz- und Quersteigen verirrt.
    
    Anfangs whlte er noch unter denselben, dann lie er den Zufall walten, und
endlich war er durch Wahl und Zufall im dichtesten Forste. Erschpft sank er an
einer Quelle nieder, die durch aromatische Kruter hinrieselte. Nachdem er
seinen brennenden Durst gelscht, und sich hinlnglich ausgeruht hatte, wollte
er seine Irrgnge wieder anfangen, obgleich er bei dem fast taghellen Scheine
des inzwischen aufgegangnen Mondes an seiner Uhr sah, da Mitternacht
herannahte.
    Ein Rascheln wurde im Laube hrbar. Hermann erblickte eine schwarze Gestalt,
die gebckt am Stabe daherschlich. Das alte Weib kam nher, setzte sich auf
einen Stein, und sagte:
    Nun wird mich, wie ich meine, das Ding nicht wiederfinden. Dieses Flmmchen
kann wohl eine Flamme heien!
    Hermann trat heftig auf die Alte zu, fate sie bei der Schulter, und rief:
Wer bist du? Von wem sprichst du?
    Ohne aus der Fassung zu kommen schlug die Alte ihr dunkelfarbiges Kopftuch
zurck, und ein braungelbes, scharfkantiges, runzelvolles Antlitz sah ihn im
Mondenstrahle an. Das bin ich, sagte die Alte, und von dem Flmmchen, dem
jungen Teufel, sprach ich.
    Wo ist sie? fragte Hermann.
    In den Fichten, versetzte die Alte. Ich habe sie hingeschickt, um sie
loszuwerden, und dort mag sie den Geist erwarten, den ich ihr zitieren sollte.
    Er nahm so viel aus den Reden des alten Weibes ab, da Flmmchen sie vor dem
Zusammentreffen mit ihm gesprochen, und nachher wieder aufgesucht habe. Was sie
ihr gewahrsagt, vermochten weder Bitten noch Drohungen herauszubringen. - Es
ist gegen unser Gewissen, sagte sie. Unsre Reden gehen nur zu zweien Ohren
ein; so lautet ein Sprichwort. - Den Ort, wohin sie die Aberglubische
geschickt, wollte oder konnte sie nicht angeben, sie sei selber fremd in der
Gegend, sie habe den Narren auf das Geratewohl nach einem Fichtenkampe gehen
heien, dessen Lage sie nicht mehr bezeichnen knne. Er sei wohl eine Stunde von
hier; ob er nach Morgen oder Abend stehe, wisse sie nicht.
    Wenn du mich belgest! rief Hermann, wenn du mit dem Mdchen etwas
Schlimmes vorgenommen httest ...
    Die Alte erwiderte: Ich bin eine gute Christin, und glaube an Himmel und
Hlle. Bei dem Kreuz! Ich habe dem Mdchen nichts zuleide getan. Wartet die
Nacht ab, morgen wird sie schon wieder zum Vorschein kommen, und Ihr werdet Eure
Perle nach Herzenslust beschauen knnen. Ich glaube, vor der nimmt Wolf, Br,
Lwe und Tiger Reiaus. Ihr seid ein Aufgeklrter, das sehe ich Euch auch bei
Mondenschein an. Ihr wrdet mich nur auslachen, wollte ich in Eure Hand sehn,
und sagen: so und so. Aber nehmt von einem alten Weibe einen Rat an. Htet Euch
vor dieser Flamme! Sie hat zehntausend bse Geister im Leibe. Ich habe
geschlummert die Nacht hinter dem Dorn am alten Raubschlo, auf der Bahre im
Beinhause, im weien Klippentale und auf der grauen Heide, und ich habe mich
nicht gefrchtet. Heute aber frchtete ich mich, als sie vor mir stand, die
junge Hyne, das blanke Messer in der Hand und von mir verlangte, ich solle
ihren toten Vater berufen!
    La dein angelerntes Geschwtz! rief Hermann. Gewi hast du die Not der
Armen benutzt, ihr den letzten Pfennig abgenommen, und dafr ihr Gehirn mit
aberwitzigen Dingen erfllt.
    Nur aus der Hand, auf der etwas Blankes liegt, lt sich wahrsagen,
versetzte die Alte. Sie hat bezahlen mssen, was recht ist. Wer gibt Euch die
Befugnis, mich auszuschelten?
    In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine finstre Wolke, und bei der
Dunkelheit, die hierdurch entstand, gewahrte Hermann durch die Bume den
Schimmer eines schwachen Lichts. Der Mondschein hatte vorher das sprliche
Leuchten berstrahlt. Er schlo aus diesem Umstande auf die Nhe einer
menschlichen Wohnung, und da er seiner Meinung nach von dem Stdtchen weit
verschlagen sein mute, die Alte aber fest dabei verblieb, da sie ihm den Ort,
wohin sie Flmmchen geschickt, nicht bezeichnen knne, so entschlo er sich, auf
den Schein loszugehn, und den guten Willen der Bewohner um ein Obdach
anzusprechen.
    Er verlie die Alte ohne Abschied. Diese hob, wir wissen nicht, ob zu ihrer
Erbauung, oder zum Zeitvertreibe, ein holprichtes Lied an, und sang mit tiefer
und rauher Stimme Strophen durch die Nacht, deren Worte Hermann nicht verstehn
konnte.

                                Zehntes Kapitel


Ein Hirschgeweih ber der Pforte, und das Anschlagen der Hunde von einem
Hinterhofe her, kndigten die Wohnung eines Weidmanns an. Hermann schritt durch
den mit Bumen bepflanzten Vorraum, und klopfte an die aus zwei Hlften
bestehende Tr. Von innen riefen zarte Stimmen: Ach, er kommt! Er kommt! Die
Tr ward auf getan, er trat in eine nur vom Kohlenfeuer des Herdes beleuchtete
Kche, zwei Kinder drngten sich an ihn, und fragten ngstlich: Sie sind doch
der Herr Doktor?
    Ich bin kein Arzt, Kinder, versetzte Hermann, ich bin ein verirrter
Reisender, der um ein Nachtlager bitten wollte. Wo sind eure Eltern?
    Statt hierauf zu antworten, warf sich das Mdchen jammernd ber einen Stuhl,
die hellen Trnen drangen aus dem Gesichtchen, sie rief schluchzend: Unsre
Mutter stirbt, und alles hat uns verlassen!
    Anfangs stand der Knabe, wie verlegen, still und trnenlos neben der
Weinenden, dann zuckte es um seine Lippen, er ballte die Hnde, stampfte mit dem
Fue, ri das Haupt der Schwester an seine Brust, drckte es heftig an sich, und
sagte mit einer Stimme, die halb wie Trotz, halb wie die innigste Liebe klang:
Cornelie, du sollst nicht weinen.
    Mu ich zuletzt noch an ein Krankenlager geraten! rief Hermann. Er sah
sich um, es war das gewhnliche Innere eines westflischen lndlichen Hauses.
Die Kche mit dem Feuerherde als allgemeiner Versammlungsort in der Mitte, mit
Fliesen gepflastert, mit schwarz-berucherten Bohlen gedeckt. Hinter diesem
Raume der Viehstall, ohne sonstige Trennung von dem Aufenthalt der Menschen, als
durch die Krippe. Gegenber ein paar Tren, die zu den kleinen Zimmern in den
vorspringenden Teilen des Gebudes fhrten.
    Ein chzen lie sich nebenan vernehmen. Hermann ging zu dem Bette der
Kranken. Sie fieberte und phantasierte, sprach viel von einem Frulein und von
Briefen, und wiederholte oft mit Heftigkeit den Ruf: Die Briefe weg! Verbrennt
die Briefe! Er kehrte zu den Kindern zurck. Sie schienen in dem einsam
liegenden Waldhause ganz allein zu sein. Er begriff nicht, wie man die
Gewissenlosigkeit so weit hatte treiben knnen, ihnen die Kranke, und sie sich
selber zu berlassen. Aufs neue schien ihm die Schutzrolle zugeteilt zu sein,
und der Tag sollte enden, wie er begonnen hatte.
    Der Knabe sagte ihm, es sei nach dem Arzte in der Stadt geschickt worden,
welcher auch versprochen habe, zu kommen. Sie htten nun von Stunde zu Stunde
auf ihn gewartet, und als sie das Klopfen gehrt, gemeint, er sei endlich da.
    Hermann suchte die armen Geschpfe mit herzlichen Worten zu beruhigen. Er
nahm sie bei der Hand, streichelte ihre Wangen, sprach ihnen Mut ein, und
versicherte, mit der Mutter habe es keine Gefahr, er sei zwar kein Arzt von
Profession, verstehe sich aber doch auf die Krankheiten, es sei nichts als ein
Flufieber. Der getroste Ton, mit dem er sprach, machte einen gnstigen Eindruck
auf seine Schutzbefohlnen. Cornelie trocknete die Trnen im Schrzchen ab,
lehnte sich an ihn, und umfate, da er nicht aufhrte, zu trsten und zu
ermutigen, mit beiden Hnden seinen Arm. Ihren Bruder, den sie Ferdinand rief,
schien dies zu verdrieen, er lief in eine Ecke der Kche, stampfte wieder mit
dem Fue, und sagte derb und trocken: Cornelie, mich hungert, koch etwas zu
essen.
    Auch Hermann wren ein paar Bissen angenehm gewesen. Zu seinem Erstaunen
wuten die Kinder trefflich Rat zu schaffen. Ferdinand war rasch eine Leiter
ber dem Kuhstalle hinauf zu einer Art von Verschlage, kroch hinein, Hhner
schrieen, gleich darauf kam der Knabe mit einem Tuche voll Eier herab. Cornelie
hatte unterdessen den Wasserkessel, der nach Landesbrauch nie den Haken ber dem
Herdfeuer verlie, in die Siedenhe gerckt, und tat die Eier hinein. Ferdinand
sprte das Brot und die Butter auf, das Tischtuch, die Messer und Gabeln fanden
sich, in wenigen Minuten war der Tisch gedeckt. Cornelie nahm mit der Kelle die
Eier aus dem Wasser, setzte sie auf, ging in die Krankenstube, kehrte, ein neues
Schrzchen vorgebunden, zurck, und ntigte, zierlich sich verneigend, ihren
Gast zum Essen.
    Hermann hatte mit Behagen den lieblichen Gestalten zugesehn, wie sie sich
geschftig vor dem Feuer des Herdes hin und her bewegten. Es war, als fhrten
sie seit Jahren eine Wirtschaft, so geschickt war alles Husliche von ihnen
besorgt worden. Nun setzte er sich mit seinen jungen Wirten zu Tische, nicht
neben Cornelien, denn zwischen sie und ihn hatte sich Bruder Ferdinand
geschoben.
    Hermann mute ber die kindische Eifersucht lcheln. Der Knabe geno,
obgleich er vorher sehr hungrig getan hatte, nun fast gar nichts, hing mit
seinen Blicken an Cornelien, und drckte ihr verstohlen die Hand, sooft sie
dieselbe vom Tische nahm. Sie litt es einige Male, dann aber zog sie dieselbe
hinweg, und sah verschmt nach Hermann hinber. Nur das Feuer des Herdes
leuchtete zu dem kleinen Mahle, Kerzen hatten die Kinder nicht zu finden gewut.
Sie plauderten allerlei; vom Vater und dem nach ihm geschickten Boten, da der
Vater gewi morgen kommen werde, da nun alles gutgehe, da die Mutter nur das
Flufieber habe. Dieses Wort, und die Gegenwart Hermanns hatte sie beruhigt, sie
schienen ihre Angst vergessen zu haben. Die Kranke war auch still geworden, und
lag in einem tiefen Schlummer.
    Hermann fhlte sich in dieser Stille ungemein wohl. Er kam sich wie ein
Hausvater vor; alles war so heimlich, traut und natrlich, der kleine Tisch, die
schnen Kinder, manch lndliches Gert umher im ungewissen Feuerschein. Um die
Ekloge zu vollenden, erhoben sich ein paar breitgestirnte Khe, durch das spte
Gerusch aufgestrt, von ihrer Schlummersttte und streckten ber die Krippe
ihre Kpfe dumm und zutraulich nach den Menschen hinber. Endlich hie Hermann
die Kinder, welche, berwacht, noch munter fortschwatzen wollten, sich
niederlegen. Er versprach ihnen, wach zu bleiben, und auf die Mutter zu achten.
Die Wanduhr hatte Eins geschlagen. Ferdinand ging, Cornelie machte noch ein Glas
Brotwasser fr die Kranke zurecht. Dann wollte sie dem Bruder folgen, und
wnschte ihrem Beschtzer wohl zu schlafen. Dieser umfate sie, und wollte ihr
unbefangen, wie man mit Kindern zu tun pflegt, einen Ku geben. Aber sanft
entwand sie sich ihm, und flsterte ngstlich: Ach nein, lassen Sie das doch!
Indem sie ging, kam sie ihm lnger vor, er wute nicht, wo er zuerst die Augen
gehabt hatte, da sie ihm so gar klein erschienen war.

                                Eilftes Kapitel


Nun war er mit sich allein, in tiefster nchtlichster Stille, die nur von dem
einfrmigen Schlage des Perpendikels belebt wurde. Er ging in die Krankenstube,
wo er jetzt erst in einer Ecke allerhand aufgespeichertes Reisegert: Koffer,
lederne Behlter, Krbe und dergleichen bemerkte. Was diese Zusammenhufung von
Dingen in einem Wohnzimmer, denn das schien jene Stube zu sein, bedeuten sollte,
war ihm unerklrlich. Einige Bcher lagen unter den Sachen umher, eins derselben
nahm er zur Hand. Er wollte versuchen, am Herde, dessen Glut er mit einigen
Kienscheiten erfrischte, zu lesen.
    Es waren die Schriften von Novalis. Bltternd stie er auf das schne
Mrchen von Hyacinth und Rosenbltchen, welches so lieblich die Lehre
ausspricht, da wir mit allem Suchen nur unsre Kindheitswonne wiederzufinden
streben. In den Fragmenten umhersehend, fand er den Satz: Wer rechten Sinn fr
den Zufall hat, der kann alles Zufllige zur Bestimmung eines unbekannten
Zufalls benutzen. Auch der Zufall ist nicht unergrndlich, er hat seine
Regelmigkeit.
    Ihm schmerzten die Augen, er tat das Buch hinweg. Kann man doch alles
behaupten, wenn man nur den Mut dazu hat, sagte er. Wir haben so ziemlich
jegliches Ding nach Schnur und Ma geordnet, nur der Zufall hatte sich noch
seine weltalten Launen vorbehalten. Nun will uns der schlafengegangne Magus
berreden, da wir auch diesen uersten dunkelsten Winkel der Welt mit unsrem
Lichte erleuchten knnen. Wohlan, welche Regel ist in dem Gastmahle, vom Zufall
mir in diesen letzten vierundzwanzig Stunden aufgetischt? Was fr eine Lehre hat
mir das Begegnen Flmmchens, das sonderbare Benehmen der Herzogin, und meine
letzte improvisierte Hausvaterschaft geben wollen?
    Noch einmal das Buch in die Hand nehmend, schttelte er ein Blatt, lose
eingelegt, heraus. Er hob es auf. Es war eine kolorierte Zeichnung; ein tiefes
gewundnes Tal, mit weien langen Gebuden besetzt. Er las mhsam die
Unterschrift; wie erstaunte er, als er den Namen der Fabriken seines Oheims
fand! Wie mag diese Landschaft sich hieher verloren haben? fragte er. Willst
du mir vielleicht ein Zeichen deiner Regelmigkeit geben, rtselhafter Gott
Zufall? Lauscht hinter den Geldscken des Oheims mein Rosenbltchen?
    Die Augen sanken ihm vor Mdigkeit zu. Er fand einen Lehnstuhl, in dem er
sich bequem zurechtsetzte. Doch schlief er nicht ein. Er befand sich in dem
berreizten Zustande, worin die Phantasie, unwillkrlich, aus eigner,
losgebundner Kraft nicht mde wird, ihr mischbuntes Arabeskengedicht zu spinnen.
Die Figuren des Tages wuchsen ihm aus Blumen entgegen, zerstubten in Flocken,
setzten sich aus den Flocken wieder zusammen, strichen hinber und herber.
Zwischen allen diesen Phantasmen kehrte eine Erscheinung am ftersten wieder.
Aus weiter Ferne sah ihn ein Haupt erblichen, sanft an, schwebte dann nher, und
je nher es kam, desto deutlicher erkannte er das Medusenantlitz, welches ihm
zuletzt voll furchtbaren Ernstes, und doch unendlich milde, tief in die Augen
blickte. Darauf wich es zurck, und so schwankte dieses wache Traumbild zwischen
Nhern und Entfernen, Milde und Schreck einige Male hin und her, bis es
pltzlich wie eine Maske umfiel, und eine lachende Gestalt, die sich dahinter
verborgen, hervorsprang, welche Flmmchens Zge trug.
    Sanfte Tne erweckten ihn nach einigen Stunden aus dem dumpfen
Morgenschlafe, in welchen sich denn doch zuletzt jene Spiele der
Einbildungskraft verloren hatten. Ein roter Schein zitterte durch das Haus. Noch
war es leer. Sein erster Gedanke suchte die Kinder. Er stie eine Tr auf, da
ward ihm ein Anblick, der nicht schner sein konnte. Auf einer ber den Fuboden
gebreiteten Matratze ruhten die Unschuldigen lchelnden Gesichts nebeneinander.
Die trotzigen Zge des Knaben waren gemildert, der Kopf des Mdchens lag auf der
Brust des Bruders, sie hielt ihre Hnde gefaltet. Der Knabe hatte seine
Schwester im Arme. Das Morgenrot beleuchtete die Gruppe, und gab dem
dunkelblauen Pfhle, auf dem die Kinder schliefen, eine tiefe Purpurfrbung.
Dazu erklangen von drauen die gehaltnen Tne der Blasinstrumente.
    Doch nur wenige Augenblicke dauerte dieses schne Gesicht. Das Morgenrot
setzte sich schnell in den gelben Schein des Tages um, die Gestalten der Kinder
erbleichten, und die Farbe des Pfhls wurde ein kaltes Blau. Drauen fielen die
Instrumente mit einem hallenden Jgerstckchen ein.
    Hermann ging hinaus. Vier bis fnf Grnrcke standen im Kreise und bliesen.
Nachdem sie ihr Stckchen vollendet, wandte er sich an den, der ihm der Herr und
Meister der brigen zu sein schien. Herr Frster, sagte er etwas bitter, Ihre
Frau lebt noch, aber Ihre armen Kinder sind fast vor Angst gestorben.
    Der Frster, der sich seines Hagestolzenstandes in Ehren bewut war, und
schon mit Verdru einen Fremden aus seinem Hause hatte kommen sehn, musterte
Hermann vom Kopf bis zum Fu, und entgegnete nichts, als ein langgezognes:
Was?
    Man erklrte sich indessen bald. Die Kinder waren mit ihrer kranken Mutter
tags zuvor angekommen, und hatten den Frster um den Liebesdienst gebeten, sie
aufzunehmen, weil die Mutter vor bergroen Schmerzen nicht einen Schritt weiter
fahren konnte. Woher sie gekommen? Wie die Familie heie? Was der Frau fehle? um
alles dieses hatte sich jener Westfale nicht bekmmert. Denn er war der Meinung,
da das Wissen aufblase, und unntze Neugier vom bel sei. Es war gleich nach
dem Arzte geschickt, die Kinder selbst hatten, entschlossen, wie Hermann sie
kannte, einen Boten an ihren Vater gedungen. Somit war alles Ntige geschehen,
und der Frster hatte sich nicht weiter um die Sache bekmmert, sondern seinen
gewhnlichen Holzgang gehalten.
    Es war keine Seele im Hause. Wie konnten Sie die Unglcklichen ber Nacht
allein und hlflos lassen? fragte Hermann mit Heftigkeit.
    Mein Herr, was geht Sie denn eigentlich meine Handlungsweise an?
entgegnete kaltbltig der Frster. Ich war auf dem Tanz bei dem Hofschulzen,
wohin ich alle Jahre mit meinen Leuten gehe. Engel sollte zu Hause bleiben, ist
Engel fortgelaufen, so kriegt Engel die Karbatsche! - Er verstand unter diesem
Engel seine Magd Angela, welchen Namen das Volk dort solchergestalt
zusammenzieht.
    Hermann war berzeugt, da er hier ins Mittel treten msse, um die
Gefhllosigkeit des Grnrocks durch das Interesse zu bezwingen. Die Goldstcke
der Herzogin, die ihm freilich zu einem andern Zwecke gegeben waren, brannten in
seiner Tasche; er rief: Ich bezahle alles, was die Kinder mit ihrer Mutter bei
Ihnen verzehren, aber ich bitte mir aus, da Sie gewissenhafter sich ihrer
annehmen. Heute abend oder morgen frh bin ich wieder hier.
    Er ging, ohne den Frster nach dem Wege zu fragen, was auch unntig war.
Denn nur die Nacht hatte ihn getuscht. Das Frsterhaus lag auf einer Waldble,
und hinter einem dnnen Saum von nahem Gebsch lief der groe Heerweg.
    In kurzer Entfernung sah er den wohlbekannten Turm des Stdtchens. Er hatte
sich also am Abend zuvor im Zirkel umhergetrieben.
    Der Frster stand nach der leidenschaftlichen Anrede Hermanns einige Minuten
schweigend, als msse sich seine Seele erst besinnen, wie sie solche
Beleidigungen aufzunehmen habe. Dann brach er mit einem grimmigen Fluche los,
und rief zornig, da seine Rden zu bellen begannen: Brauche ich denn dein
Geld! Bin ich denn ein Schenkwirt? So soll doch das Donnerwetter
dareinschlagen!
    Er ging eiligst in sein Haus, entschlossen, wie rohe Menschen in solchem
Fall zu sein pflegen, fr die Schuld eines Dritten die Unschuldigen ben zu
lassen.

                                Zwlftes Kapitel


Nach der tiefsinnigen Bemerkung des seligen Asmus rhren die Miverstndnisse
gewhnlich daher, da einer den andern nicht versteht. Dieser Satz erhielt durch
das, was nunmehr zwischen Hermann und dem Komdianten vorfiel, eine neue
Besttigung.
    Flmmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mdchen war die Tochter
eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter
und Kind auf den
    Kriegszgen durch Deutschland mit sich umhergefhrt hatte. Er blieb in einer
groen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von
Klima und Mangel aufgezehrt.
    Aus den Hnden armer Leute empfing der Komdiant das elternlose Geschpf. Er
war ein gutmtiger Mensch und spielte schon damals edle Vter. Der Anblick des
kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus
seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rhrte ihn. Er lie
das Kind sich abtreten, und beschlo, es zu seinem Gewerbe anzufhren.
    Indessen brachte ihm diese wohlttige Handlung keinen Segen, sondern nur
Herzeleid. Fiametta, die lieber Flmmchen heien wollte, war das eigensinnigste,
widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen
knnen. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komdiantenwirtschaft
zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmglich war es, sie zum Auftreten zu
bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das
Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lge ja den ganzen Tag ber, warum
er denn des Abends zu seinen Lgen die fremden Kleider anziehe?
    Einmal hatte man sie unter Mhe und Not, durch Hunger und Kummer dahin
gebracht, die Rolle des Knaben Otto in der Schuld zu lernen. Der Abend kam,
Flmmchen lie sich gehorsam anziehen, schminken wolle sie sich schon selbst,
sagte sie. Jerta stand auf den Brettern, und deklamierte die erhabensten Sachen,
Elvire zitterte noch von dem Ereignis mit der gesprungenen Saite, da kam
Flmmchen, der kastilianische Knabe, aber wie? Rot, blau, gelb, grn, wei, und
was fr Farben noch sonst! hatte sie sich in das Gesicht gestrichen, sie glich
durchaus den Makis mit den Regenbogenwangen, welche die Zierden der
umherwandernden Menagerien zu sein pflegen. Jerta verstummte, Elvire kreischte,
das Publikum wute nicht, woran es war. Flmmchen trat an den Rand des
Proszeniums, sang ein Lied ohne Sinn und Verstand, sprang ins Orchester, half
sich am Ba empor, kletterte ber die Brstung, war im Parkett, wischte sich
gelassen die Schminke aus dem Gesichte, und erklrte den Leuten in den
Sperrsitzen, es sei ihr unmglich, vor der ganzen Stadt die verrckten Streiche
zu machen, die man von ihr begehre. Nach der Bhne rief sie hinauf:
    Spielt nur weiter, ihr knnt meine Sachen auslassen!
    Man denke sich die Verzweiflung der Schauspieler und den Jubel des
Publikums! Geschrei, Gelchter, Klatschen von oben bis unten, aus allen Ecken
des Hauses! Man verlangte Flmmchen in den Logen, im Parterre, berall. Sie aber
blieb ruhig in einem Sperrsitze, und schien sich um den ganzen Lrmen nicht
weiter zu kmmern. Bald wurde das Publikum seines Jubels auch wieder mde, man
forderte von den armen Schauspielern heftig das Stck! Don Valeros, der Vater
und Pflegevater trat heraus, erklrte, der beklagenswrdige Vorfall mache die
Fortsetzung der Schuld unmglich, und kndigte den Lustigen Schuster an. Nun
gingen die Gebildeten aus dem Theater, lieen sich das Legegeld an der Kasse
zurckgeben, und nur der Pbel blieb.
    Seit diesem verderblichen Abende, der dem Pflegevater vom Direktor auf
Rechnung gestellt wurde, wnschte jener herzlich, der Brde entledigt zu sein,
die seine Gutmtigkeit ihm aufgeladen hatte. Es kam dazu, da alle Menschen, und
insbesondere die jungen Mnner, Partei gegen ihn und fr Flmmchen nahmen, deren
Eulenspiegeleien jedem, der nicht durch dieselben litt, gefielen. Man redete auf
ihn ein, er msse nur zu erziehen wissen, er msse diese Natur nach Prinzipien
behandeln. Der arme Komdiant wute aber von Pdagogik so viel, wie von den
Bewohnern des Sirius. Er war daher mit seinem Verstande durchaus am Ende, und
verschwor, jemals wieder die Tugend der Wohlttigkeit zu ben.
    Nachdem er wegen schwindenden Gedchtnisses verabschiedet worden war, zog er
durch das Land, und stoppelte noch hin und wieder ein Deklamatorium in
irgendeinem Winkel zusammen. Auch nach dem kleinen Stdtchen war er in dieser
Hoffnung gekommen, hatte aber erst nichts zustande bringen knnen, und
stilliegen mssen.
    Hier fand er eine frhere Bekanntschaft wieder, einen alten verwitterten
Menschen, der mit dem Johanniterkreuze geziert war, und, da der Orden nichts
mehr zu leben gibt, sich zu einem kleinen Posten, wenn wir nicht irren, im
Zollfache hatte bequemen mssen. Sie hatten einander in besseren Verhltnissen
gesehn. Damals war der Pflegevater ein beliebter Akteur, der andre ein
krftiger, lebensfrischer Offizier gewesen. Letztrer gehrte zu den Figuren, wie
deren so viele in Deutschland umherwanken. Er hatte whrend der Umwlzungen
unsres Vaterlandes mehreren Herrn nacheinander gedient, und war auch eine
Zeitlang der Kamerad von Flmmchens Vater gewesen. Er sah das geckenhafte
Mdchen bei dem alten Genossen seiner schneren Erinnrungen, und fate eine
Zuneigung zu ihr. Nach seiner Meinung mute der schne Trotzkopf mit
vernnftiger militrischer Strenge behandelt werden. All dein Gebelfre hilft
nichts, sagte er zum Komdianten. Sie mu durch Disziplin, Kommando, Tempo,
Prison und dergleichen in Ordnung kommen.
    Er bat, Flmmchen ihm zu geben. Die Ordnung und die Sparsamkeit selbst,
besa er eine kleine Wirtschaft, und mochte vielleicht bei seinem Vorschlage den
Gedanken an eine junge Frau zum Troste seines Alters im Hintergrunde der Seele
hegen.
    Wer war froher, als der Pflegevater? Mit Freude schlug er ein, nur besorgte
er im stillen, da der Johanniter sein Flmmchen nach wenigen Wochen als
unverbesserlich ihm zurckgeben werde. Vorderhand vereitelte aber ihre Flucht
die berlieferung.
    Flmmchen entsprang nmlich, sobald sie hrte, da ihrer eine strenge
militrische Disziplin harre. Die Unordnung war noch das einzige, was sie am
Pflegevater liebte, sie hatte schon immer Reiaus genommen, wenn der hagre
Johanniter gekommen war. Die Alten suchten und fanden sie nicht, sie war wie
verschwunden.
    So hing die Sache zusammen. Was dem Flchtling in der Irre begegnete, werden
wir spterhin erzhlen.
    Freilich fehlte viel, da Hermann der Zusammenhang der Dinge so unschuldig
erschienen wre. Die zrtlichen Blicke des Mdchens, die Verleumdungen des
Wirts, seine eignen bereilten uerungen gegen die Herzogin hatten
gewissermaen den Verfhrungsroman zusammengebaut, in welchem er selbst mit den
Goldstcken der erlauchten Geberin als Held und Ritter der Unschuld glnzte.
Sein Abscheu gegen die Schauspieler vollendete in ihm die berzeugung von der
Ruchlosigkeit des Pflegevaters.

                              Dreizehntes Kapitel


Freilich konnte er nicht zum besten auf diesen Stand zu sprechen sein. Er hatte,
wie viele junge Leute heutzutage, ein Stck geschrieben; wenn wir nicht irren,
war es eine Tragdie. Nach dem Urteile derer, die es gelesen haben, fehlte es
demselben keinesweges an Geist. Wenn es als Dilettantenarbeit auch vielleicht
ohne eigentliche Wirkung vorbergegangen wre, so htte das Theater dem
Verfasser dennoch wohl den Gefallen tun knnen, es unter die Fracht aufzunehmen,
womit unser Bhnenschiff von Tag zu Tage segelt. Er erfuhr aber die Tcke jener
Sphre, sobald er sich mit ihr einlie. Enthusiastische Versichrungen,
brennender Eifer fr seine Dichtung, Lauwerden, kritische Zweifel, gnzliches
Erkalten, treuloses Zurckziehn, Widerruf des gegebnen Worts unter ersonnenen
Vorwnden: alle diese Dinge mute er in kurzer Frist erleben, wodurch er in die
belste Stimmung versetzt wurde. Seine jungen Leidensgefhrten halten sich nun
bekanntlich nach solchen Wechselfllen dadurch schadlos, da sie das Dasein der
deutschen Bhne berhaupt leugnen, und neuen Erscheinungen, welche sich die
Gunst der Meinung gewinnen, aus allen Krften rezensierend entgegentreten. Bei
Hermann nahmen aber alle Erfahrungen mehr eine moralische Wendung. Er hatte eine
so reine Begeisterung bei seinem Werke gefhlt, dieser war so schmhlich
vergolten worden! Sein Ha, seine Verachtung wandte sich nicht blo gegen das
Institut, sondern er begann auch die Persnlichkeit der Schauspieler gering zu
schtzen. Es gab nichts, dessen er sie nicht fhig gehalten htte, und jede
Anschuldigung war er geneigt zu glauben, sofern sie einen aus dieser von ihm
verworfnen Kaste betraf.
    So vorgestimmt und verstimmt ging er zu dem armen Komdianten. Da ein
schlechter Plan schwer zu beweisen sei, da die Obrigkeit den Kuppler vertreten
werde, wenn man nicht
    eine entschiedne Niedertrchtigkeit darzutun vermge, diese Betrachtungen
zogen ihm durch den Kopf; er sah ein, da er in einem so verwickelten Falle mit
seiner ganzen so frh erworbnen Klugheit werde handeln mssen. Da ihm nun ein
andres Mittel schlechterdings nicht einfallen wollte, so geriet er auf den
wunderbarsten Gedanken. Er beschlo nmlich, sich anzustellen, als habe er
selbst die Absichten auf das Mdchen, welche er bei dem alten Spiegesellen des
Pflegevaters voraussetzte, letzteren dadurch in eine Falle zu locken, und wenn
er hineinging, wenn er durch unvorsichtige uerungen sich blostellte, dann im
Namen der Tugend mit ihm zu machen, was er wollte.
    Der Komdiant hatte die Sorge um sein entlaufnes Unkraut grade etwas
beiseite gesetzt, und an das Deklamatorium gedacht, welches endlich doch
zustande kommen sollte. In diesem wollte er unter anderem Lear auf der Heide
produzieren, und zwar, die Wirkung zu verstrken, im Kostme. Er erwartete den
Johanniter als Zuhrer zu einer Probe, und ging, fr sich rezitierend, die Stube
auf und ab. Sein Neglig war das tiefste; er befand sich nmlich noch im Hemde,
hatte aber, um das Mantelspiel einzuben, die Enveloppe seiner seligen Frau
umgeworfen.
    Grade bei den Worten an die Elemente:
                                                    Hier steh' ich, euer Knecht,
                                    Ein armer, schwacher, tief gekrnkter Greis!

trat Hermann, dessen Klopfen nicht vernommen worden war, in das Zimmer. Der
Anblick eines barfigen Menschen mit der Nachtmtze auf dem Kopfe, dem die alte
kurze Weiberenveloppe kaum die Hlfte der drren Schenkel bedeckte, brachte
unsern Helden einigermaen aus der Fassung; doch nahm er sich zusammen, und
stellte sich dem gemihandelten Knige als einen Kunstfreund dar, der ihm seinen
Besuch machen wollte. Er gab sich in der Schnelligkeit den Charakter als Baron,
um fr sein Kavaliermrchen Grund und Boden zu gewinnen.
    Knig Lear, sehr erfreut ber den Besuch eines Mannes, welcher, nach rasch
angestellter Schtzung zu schlieen, ihm mehr als ein Billet abnehmen wrde,
ntigte den Fremden mit uerster Hflichkeit, ohne Bestrzung ber seine Ble,
zum Sitzen, und verstrickte ihn sofort in ein Kunstgesprch, welches freilich
nicht geeignet war, nach dem Punkte hinzufhren, den Hermann im Auge hatte.
    Konnte dessen berzeugung, dessen Widerwille gegen den Pflegevater noch
gesteigert werden, so geschah es nun. Hermann gehrte zu denen, welche durch
eine Physiognomie, durch den Klang einer Stimme bis in ihr Innerstes zu
verwunden sind. Der Komdiant hatte jenen weichen brgerlichen Biedermannston,
mit welchem sie auf den sddeutschen Bhnen Helden und Vter spielen, in das
tgliche Leben hinbergenommen, sein Gesicht war welk und aufgedunsen von Wein,
Schminke und theatralischen Rhrungen. Hermann ekelte der widerwrtige Ton an,
ihn erhitzte der Anblick des alten schlaffen vermeintlichen Lasters, welches wie
der deutsche Hausvater sprach, immer heftiger; er unterbrach den salbadernden
Komdianten pltzlich, und sagte: Nun etwas andres, weshalb ich eigentlich
gekommen bin. - Er wiederholte mit einem gewissen Akzent, da er Baron sei,
einige Gter in Bhmen und eine Herrschaft in Schwaben besitze. Seine Wangen
glhten vor Scham und Verdru. Der gute und anstndige Mensch mag sich nicht
einmal zur Erdichtung einer Schlechtigkeit hergeben.
    Es entstand also eine tiefe Pause. Knig Lear sah den jungen reichen Baron
mit groer Ehrfurcht an, und zerbrach sich den Kopf, was bei diesem Gesprche
herauskommen werde. Seinerseits fhlte Hermann, da er nunmehr durchaus ohne Weg
und Steg sei. Unfhig, den angelegten Wstlingscharakter rein und frech zu
halten, verlegte er sich auf Andeutungen. Er stammelte und stotterte allerlei
daher; da er den andern mit Flmmchen da und dort gesehn habe, da es Eindrcke
gebe, rasch und augenblicklich und doch tief und entscheidend, da die Liebe ein
Wunder sei, und als Wunder behandelt werden msse, ber kleinliche Formen
erhaben, da die Sehnsucht eines fhlenden Herzens nach Vereinigung lechze, und
was dergleichen mehr war.
    Der Pflegevater begleitete diese verworrnen Reden, solange sie blo von
Flmmchen handelten, mit Ausrufungen, deren Muster in den Stcken zu finden war,
worin eine Tochter dem Vater wegluft. Als er aber von dem Eindrucke hrte, von
der Liebe und von der Sehnsucht, als er das erhitzte Gesicht, die feurig
umherirrenden Augen des Jnglings erwog, da kam ihm eine andre Gedankenreihe und
zwar eine sehr freudige. Was konnte der junge Mann Schlechteres sein, als ein
verliebter Edelmann, der einen dummen Streich machen, und ein schnes Findelkind
heiraten wollte? Es war ein Fall, der ganz in seine Praxis gehrte. Zu Hunderten
hatte er abends zwischen neun und zehn Uhr hinter den Lampen die Mibndnisse
eingesegnet. Seine Seele frohlockte; endlich erschien der Tag, an welchem er
Flmmchen grndlich loswerden sollte, und was ging ihm nicht alles noch daneben
auf! Er berlegte in der Geschwindigkeit, ob er seine alten Tage auf den
bhmischen Gtern, oder in der schwbischen Herrschaft zubringen solle, und
entschied sich fr Bhmen, wegen des Karlsbades. Die Augen trocknend, welche
immer weinten, sobald er wollte, schnupfte er stark, und wiegte vergngt das
Haupt hin und her, whrend Hermann seine Bruchstcke vortrug. Als dieser
ausgestottert hatte, stand jener auf, streckte die Hand in Hemdrmeln aus der
Enveloppe, nahm unsern Freund bei der Rechten, und sagte, Kriegsrat Dallner in
Stellung, Blick und Gebrde: Lieber Baron, die Papiere ber Ihre Angaben! Sind
die Papiere in Ordnung, hegen Sie wirklich die Absichten, welche Sie hegen, so
sage ich, es sei! Nimm sie hin!
    Und wie machen wir es mit Ihrem alten Freunde?
    Nun mein Gott, von dem kann ja gar nicht mehr die Rede sein. Wenn ein Mann,
wie Sie, mit solchen Antrgen auftritt ...
    Ha, Schndlicher! rief Hermann, sich vergessend, packte den Komdianten
bei der Brust und schttelte ihn aus allen Krften. Schndlicher Kuppler, habe
ich dich endlich? -
    Donner und Doria, zu Hlfe! chzte der entsetzte Alte.
    Der Johanniterritter trat ein. Was gibt es hier? fragte er erstaunt.
Hermann lie den vermeintlichen Lastervater los. Mord! Mord, und Mortimer!
rief der Komdiant. Dieser Mortimer drang zum Heiligtume meines Herdes,
begehrte Flmmchen zum Weibe, ich willige ein, da spinnt er meinen Tod, der
Entsetzliche!
    Grauer Lgner! rief Hermann. Ich htte Flmmchen zum Weibe begehrt? -
Nun, was wolltest du sonst, Ungeheuer der Nacht? fragte der Pflegevater. -
Hier mu ich Licht anstecken, rief der Johanniter, und trat dicht vor Hermann.
Wenn dem so ist, wie mein Freund hier sagt, so haben Sie sich, auf Ehre, sehr
sonderbar betragen, mein Herr, und ich bitte mir von Ihnen eine Erklrung aus,
und zwar eine bestimmte.
    Sie wollen von mir eine Erklrung, und in dem Tone? rief Hermann mit
funkelnden Augen. Wohlan, hier ist sie. Sie sollen Ihr Vorhaben mit dem
unschuldigen Kinde nicht ausfhren, solange ich einen Arm rhren kann! Pfui,
mein Herr! Sie betragen sich Ihrer Jahre wenig wrdig. Das Kreuz auf Ihrem Rocke
ist bel daran.
    Der alte ehrenzarte Johanniter, der sich ohne irgendeinen Grund so
empfindlich beleidigen hrte, geriet in einen schrecklichen Zorn, der sich durch
ein dumpfes Lachen ankndigte. Er knpfte seinen Rock zu, grub mit den Fingern
in der schwarzen Halsbinde, zerrte am Schnurrbart, sein gelbes Gesicht wurde
dunkelbraun. In der Ecke hatte der Komdiant das Schwert des Otto von
Wittelsbach stehn, auf dieses warf der Gekrnkte einen Blick, welcher das
Schlimmste frchten lie. Der Komdiant, der seinen Freund kannte, und nichts
inniger hate, als wirkliches Blutvergieen, war mit einem Satze in der Ecke,
packte die Waffe, und sprang damit in die Kammer, welche er hinter sich
verriegelte. Der Johanniter sagte, mhsam unter der Wucht seines Grimms atmend:
Es sind nur zwei Flle mglich. Entweder, Sie sind ein hergelaufner
Landstreicher ohne Namen und Stand, dann werde ich Ihnen angedeihen lassen, was
Ihnen gebhrt, oder Sie sind imstande, mir Genugtuung zu geben, dann wissen Sie,
was ich fr Ihre Worte von Ihnen zu fordern habe.
    Ich wei߫, versetzte Hermann. Man darf sich das uerste erlauben, und
dann doch sehr entrstet sein, wenn der andre die Sache bei ihrem Namen nennt.
Die Sitten und Gebruche der Welt sind ber mir. Ich war Offizier; verlangen
Sie, mein Patent zu sehn?
    Der Johanniter verneinte kalt und hflich, und das war gut, denn jenes
Dokument wanderte ja auch in der eingebten Brieftasche mit dem Philhellenen
gen Hellas.
    Man bestimmte Ort und Stunde, der Johanniter versprach auch, da im Stdtchen
keine Waffen zu bekommen waren, aus seinem Vorrate fr diese zu sorgen.
    Sie schieden voneinander in den Formen hergebrachter Artigkeit. Der
Komdiant kam aus seinem Verstecke hervor, noch immer im Hemde, und sagte zum
Freunde: Ich verstehe mich auf den Wahnsinn aus so manchen Sachen her, aber
diese Art der Tollheit ist mir fremd, da der Liebhaber den Vater bei der Gurgel
packt, wenn man eben die Einwilligung erteilt.
    Das geht mich alles nichts an, und ist mir ganz einerlei, versetzte der
alte Ritter. Ich habe mit Ehren gelebt und gedient, und auf meine Ehre, er soll
einen Aderla bekommen, da es ihm nie wieder einfallen wird, einen Mann, wie
ich bin, zu beleidigen.

                              Vierzehntes Kapitel


Mit der unbehaglichsten Empfindung kehrte Hermann nach dem Wirtshause zurck.
Dort erfuhr er, da die frstlichen Personen frhmorgens abgefahren seien, und
wohl nicht wiederkommen, sondern vom Falkensteine den nheren Weg, eine Stunde
von der Stadt, nach ihrem Schlosse einschlagen wrden. Auf ein hastiges
Erkundigen, ob nicht nach ihm gefragt worden sei? wurde verneinend geantwortet.
Jener schlotternde Hausknecht, der grade, um eine husliche Verrichtung
abzumachen, hinzugetreten war, und die Anfrage Hermanns vernommen hatte, sagte
ghnend, es sei allerdings nach dem Herrn gefragt worden, aber von einem
kauderwelschen Jungen, welcher bei ihm hinten im Stalle gewesen sei, und gemeint
habe, der Herr nehme ihn in Dienst. Die Beschreibung des Anzugs pate auf
Flmmchen. Sie hatte hinterlassen, da sie vor Abend wieder nachfragen werde.
Hermann gab den Befehl, sie, sobald sie sich zeige, in eine abgelegne Kammer zu
bringen.
    Er mute nun erwarten, wie die Sache sich weiter entwickeln wrde. Nicht
einmal nach mir fragen zu lassen, und sie sehn mich doch vielleicht nicht
wieder! rief er. So sind die Vornehmen! - Er zog wehmtig die Rolle hervor,
welche ihm die Herzogin gegeben hatte, tat die Goldstcke aus dem feinen, roten,
wohlriechenden Papiere, welches sie umschlo, wickelte den Schnitzel sorgfltig
ein, und steckte die kleine Reliquie in ein Medaillon mit dem Bilde seiner
verstorbnen Mutter, welches den Platz ber dem Herzen des Sohns nie verlie.
    Die Stunden sind launenhafte Dirnen. Sie fhren bald einen Schwamm, bald
einen Pinsel mit Farbe gefllt, in der Hand. Mit jenem wischen sie so lange ber
unsre Freuden hinweg, bis diese erbleicht oder ganz verschwunden sind, mit dem
Pinsel malen sie das Bild unsrer Leiden immer deutlicher und schrfer aus.
Hermanns Stimmung wurde trber und trber, je lnger er in der Gaststube sa.
Der Wirt wollte ihm nun durchaus ein gutes Zimmer geben, er verbat es, er htte
zwischen den einsamen vier Wnden nicht ausdauern knnen. So blieb er denn an
dem allgemeinen Versammlungsorte der Gste, und sah dem Getreibe um sich her zu.
Dieses Kommen und Gehen, dieses Fragen, Bestellen und Abbestellen, dieses
Durcheinander von gleichgltigen Fragen und schlfrigen Antworten, wie man es in
einer solchen Stube bemerkt, war ihm recht das Bild unsres unter tausend
Widersprchen sich abhaspelnden Lebens, und er rief: Am Ende kommt bei der
Sache auch nichts weiter heraus, als da man dem Wirte die Zeche bezahlt, dafr,
da er uns schlechtes Quartier, versalzne Speisen, und ein hartes Folterlager
gegeben hat!
    Langeweile und Ungeduld fhrten ihn auf die Strae. Aus dem Fenster, aus
welchem gestern die holde Frstin geschaut hatte, sah heute ein neuer Gast, ein
graues Mnnchen mit einem weien Hute auf dem Kopfe. Das Zimmer dnkte ihn
entheiligt, er wendete seinen Blick ab.
    Der Graue rief den Wirt, welcher in der Tr stand, an, und fragte: Wird der
Bote nicht bald kommen? - Ich sehe mir die Augen nach ihm aus, Herr
Kommerzienrat, versetzte der Wirt. Das faule Zeug! ehe das im Gang ist, kann
man gestorben und wieder auferstanden sein.
    Er wollte den Wirt nach dem Namen des Fremden fragen, als der trotzige
Knabe, den er im Frsterhause kennengelernt hatte, sichtbar wurde. Der Knabe kam
eiligst die Strae herab; er lief mehr, als er ging. Ohne von Hermann Notiz zu
nehmen, wandte er sich an den Wirt, und erkundigte sich, ob er wohl auf der
Stelle zwei Zimmer fr seine kranke Mutter und seine Schwester haben knne? Ehe
der Wirt Bescheid erteilte, rief der graue Mann aus dem Fenster: Ferdinand!
Der Knabe sah empr, die Freude loderte ber sein Gesicht, mit dem Rufe:
    Vater! Vater! strzte er in das Haus, die Treppe hinauf.
    Der Wirt sagte: Das ist der Kommerzienrat aus *tal, der sein Geld mit
Scheffeln mit, und der junge Herr ist der Herr Sohn. Wie wird sich der Herr
Vater freun!
    Welche neue berraschung fr Hermann! Der Graue war sein Oheim. Unwissend
hatte er seiner Familie die Nacht ber beigestanden, die liebliche Cornelie war
sein Mhmchen! Er ging in das Haus, Vater und Sohn standen schon unten in der
Stube. La anspannen, Ferdinand, sagte der Oheim, und gib dem Wirte das fr
den Boten, den ich nun nicht mehr ntig habe.
    Hermann sah den Oheim mit Verwundrung an. Diese kleine, kmmerliche Figur
mit den viereckigen Knieschnallen, den fahlen Strmpfen, und den schweren
Schuhen war also der Millionr, vor dem sich schon Frsten tief gebckt hatten!
Weies Haar lag um das Antlitz, welches grau war, wie der Anzug, und nur ein
Paar helle, kluge Augen verrieten einen nicht gewhnlichen Geist. Er machte dem
Oheim eine Verbeugung, und nannte nach einigen einleitenden Redensarten seinen
Namen. Der Oheim stutzte nur leicht, nahm seine Brille, betrachtete den
Verwandten durch die Glser, wie eine zu prfende Ware, und sagte: Sieh da! Du
bist also der Neffe. Nun, nun, du siehst ja recht ordentlich aus. Wir haben dich
lngst erwartet; nach deinem Briefe konntest du schon vor acht Tagen bei uns
sein. Wie gertst du denn hieher? das ist ja ganz aus dem Wege.
    Wenn ich vom Wege abgekommen bin, so habe ich mich wenigstens zur Erfllung
einer Pflicht verirrt. Ich war diese Nacht hindurch bei Ihren Kindern; soviel
ich ber die Sache urteilen kann, hat es mit der Tante keine Gefahr.
    Das glaube ich auch, sagte der Oheim. Sie wird sich erkltet haben. Nach
einer Badekur ist man immer sehr reizbar. Kinder wissen sich denn nicht zu
helfen, am wenigsten auf Reisen.
    Hermann erfuhr nun, da die Tante Wiesbaden gebraucht, da der Oheim den Tag
ihrer Rckkunft berechnet habe, und ihr heimlich entgegengereist sei. Ich mag
sonst die berraschungen nicht, und mein Plan war mir unterwegs schon leid
geworden, nun ist es mir aber doch lieb, da ich ihn ausgefhrt habe, sagte er.
Wie hast du sie denn getroffen und erkannt?
    Ich habe sie nicht gekannt.
    Und ihnen doch geholfen? - Nun, nun, das ist ja recht hbsch, du scheinst
ja einen recht guten Charakter zu haben.
    Ich wurde, wenn etwas Gutes an meiner Handlungsweise war, sogleich dafr
belohnt, versetzte Hermann. Ich mu Ihnen nur gestehn, lieber Onkel, da ich
mich in Cornelien verliebt habe. Mein Mhmchen wird ihren Mann einmal glcklich
machen, sie ist schon jetzt ein vollkommnes Hausmtterchen.
    Dem Oheim schien dieser Scherz wenig zu gefallen. Sie ist nicht dein
Mhmchen, sagte er, sondern die Tochter meines verstorbnen Buchhalters; wir
erziehn sie nur.
    Ferdinand kam. Das ist dein Vetter, sagte der Oheim. So? versetzte der
Knabe gedehnten Tones, und hielt Hermann, der ihn kssen wollte, gleichgltig
nur die Wange hin.
    Wie geht es drauen? fragte Hermann. Warum wolltest du hier Zimmer haben,
lieber Ferdinand?
    Weil der Frster uns sagte, wir sollten uns aus seinem Hause machen, wir
knnten zu dem Herrn gehn, der sich unsrer so sehr angenommen, und ihn so
schnde behandelt habe.
    Hermann sah bestrzt vor sich nieder. Bester Onkel, rief er, es emprte
mich, da der Gefhllose die armen Kinder und die Kranke verlassen hatte, und
ich mute ihm sagen, was mir mein Herz eingab!
    Der Oheim schttelte den Kopf, und versetzte: Neffe, ich kann dir nicht
beistimmen. Die Leute tun jetzt kaum fr Geld etwas, leistet einer ausnahmsweise
einmal etwas umsonst, so mu man zufrieden sein, und ja nichts mehreres von ihm
verlangen. Der Transport htte meiner Frau doch sehr schaden knnen. Es ist
recht gut, da ich noch zur rechten Zeit gekommen bin; der Frster wird sich,
wie ich denke, wohl wieder bedeuten lassen.

                              Fnfzehntes Kapitel


Die Chaise fuhr vor. Willst du mit? fragte der Oheim. Hermann entschuldigte
sich mit einem Geschfte, welches ihn am Orte zurckhalte. Das ist ein andres,
versetzte jener. Geschfte sind immer die Hauptsache. Auf guten Erfolg! Wir
sprechen uns ja noch, dann kannst du mir sagen, wann du kommen willst. Ich
verlange nach deinem Besuche, ich mu wegen der Gelder, die ich fr dich
verwalte, mit dir abrechnen, auch habe ich geheime Sachen von deinem seligen
Vater an dich abzuliefern, da du nun das Alter erreicht hast, in dem du sie nach
seiner Disposition bekommen solltest. Mein Bruder war ein Mystiker; man mu den
Toten ihren Willen tun.
    Die Chaise rollte davon. Noch immer wollte die Stunde des Duells nicht
schlagen. Das unbeschftigte Warten auf etwas, was, man mag es nehmen wie man
will, doch unangenehm bleibt, bringt eine Pein ganz eigner Art hervor. Die
Vergangenheit verschwindet, die Zukunft ist bedeckt, und nur das widrige Gefhl
einer faden Gegenwart schneidet sich mit stumpfer Gewalt in die Seele ein.
    Diese nagende Empfindung zehrte an Hermanns Gemt. Obgleich fest
entschlossen, Blut und Leben fr die Rettung eines unglcklichen Wesens
einzusetzen, mute er sich bekennen, da der Schmelz von dem Abenteuer
abgestreift sei, seitdem er nicht mehr hoffen durfte, den Lohn seiner
Anstrengungen in einem gtigen Lcheln der Frstin sich zu gewinnen. Die Kinder
hatten ihren Vater, die Kranke war unter Obhut, er kam sich in allen
Beziehungen, die ihn seit gestern umsponnen hatten, so berflssig vor. Ja, er
begann zu zweifeln, da er irgendwo ntig gewesen sei. Die Gestalt seines
umherirrenden Mndels verflchtigte sich zu einem luftigen Mrchenbilde.
Vielleicht, rief er unmutig aus, hatte ich hier an nichts, als an meine
verlorne Brieftasche zu denken!
    Endlich war die Zeit hingegangen, und Hermann stand am bezeichneten Orte.
Ein finstrer Tannenkamp umgab einen gerumigen Platz. Durch die schwarzen Kronen
der alten Stmme sah ein bedeckter Himmel, ein grauer, melancholischer Tag.
Hermann war frher da, als sein Gegner; er vertraute sich, als dem besten
akademischen Fechter seiner Zeit, und war entschlossen, den Feind zu schonen.
    Der Johanniter kam in einem kleinen Cabriolet angefahren. Man begrte
einander. Hermanns Gegner lie ihn unter den beiden mitgebrachten Degen whlen.
Die Sache gewann wegen des Mangels an Sekundanten ein sehr unfrmliches Ansehn,
und ein gefhrliches, da niemand des Arztes gedacht hatte. Man vereinigte sich,
da jeder das Recht haben solle, die Dauer des Ganges zu bestimmen, und da ein
Haltrufen nicht fr unehrenvoll gelten drfe.
    Die Streiter warfen die Rcke ab, der Hals wurde von der Binde entfesselt,
Hermann legte sich aus, der Johanniter hieb aus. Schon nach den ersten Gngen
merkte Hermann, da er den Gedanken an Schonung aufgeben msse. Er focht
regelrecht auf den Hieb, wie der Universittsbrauch ist, der Widerpart verfuhr
dagegen nach dem komplizierten franzsischen Systeme von Hieb und Sto, und
machte ihm mit Finten und blitzschnellem Nachschlagen viel zu schaffen. Er hielt
sich zwar brav, wie immer, war aber doch zerstreuter als sonst, unruhig von den
durchwachten Nchten, und vom Getreibe der vergangnen beiden Tage.
    Indessen wre dieser Handel, wie so mancher, durch die Ermdung der Kmpfer
wohl zum unblutigen Ziele gediehen, wenn nicht Hermann pltzlich whrend einer
Pause in der Ferne zwischen den Bumen eine Figur sich htte bewegen sehn, die
er fr Flmmchen halten mute. Seine Verwirrung nahm zu, er wollte den Kampf um
jeden Preis zu Ende bringen, und suchte durch Heftigkeit den Mangel an
Sicherheit zu ersetzen. Er drang gewaltsam vor, gab dabei eine Ble, diese
benutzte der Gegner, rasch einspringend, und die Terz hauend. Der Stahl zischte
durch die Luft und fuhr in die rechte Seite.
    Die Degen sanken, das Blut trpfelte aus der aufgeschlitzten Seite, quoll
dann immer reichlicher hervor, flo und flo unaufhaltsam. Der Johanniter schlug
sich wie ein Rasender vor den Kopf, und verwnschte den Streich, der ihn um
seinen Posten bringen knne.
    Hermann war erschpft zu Boden gesunken, und sagte mit matter Stimme:
Beruhigen Sie sich, eilen Sie nach der Stadt, holen Sie einen Arzt, und sagen
Sie berall, Sie htten hier einen Verwundeten liegen sehn. Ich besttige jedes
Ihrer Worte, und will versichern, da mich ein Ruber angefallen habe.
    Unterdessen war Flmmchen weinend und jammernd herbeigekommen. Sie fuhr mit
entsetzlicher Gebrde auf den Johanniter zu. Du hast ihn erstochen, meinen
Gemahl, den Prinzen, er stirbt! Ich werde nie eine Prinzessin werden! rief sie.
Aber dafr sollst du verdorren! Ich wei, wo die Hexenmeister wohnen, die einem
den Schatten nehmen und das Spiegelbild rauben, und das Galgenmnnlein
verkaufen.
    Bist du verrckt! fuhr sie der Johanniter an. Komm mit! Welch ein
Aufzug!
    Bleib mir vom Leibe! rief die junge Furie. Ich sage sonst, was du
begangen hast, und sie sollen dir den Kopf abschlagen.
    Hermann richtete sich halben Leibes empor. Bringt Sie mein Blut nicht zur
Besinnung? fragte er. Ich beschwre Sie, achten Sie die Tugend dieses
Mdchens!
    Der Johanniter sah ihn starr an. Ich alter Tor! brach er endlich aus,
ber meine verdammte Hitze! Sich beleidigt zu halten von einem Menschen, der
seine fnf Sinne nicht beisammen hat! Er warf den Degen weit von sich in das
Gebsch, und jagte mit seinem Wgelchen im Galopp davon.
    Flmmchen warf sich zu dem Verwundeten an den Boden, stopfte Moos in die
verletzte Seite, rief ihm die sesten Namen zu, und dazwischen dem Johanniter
grliche Verwnschungen nach. Hermann hrte und sah nichts mehr. Eine tiefe
Ohnmacht hatte ihn berschattet. Sein Gesicht war totenbleich. Das Moos hemmte
die Blutung nicht. So lag er unter den dstern Tannen, als ein Opfer seines
guten Willens.


                                  Zweites Buch

                          Das Schlo des Standesherrn

 Wo keine Gtter sind,
 walten Gespenster.


                                 Erstes Kapitel

Im Park, dem Schlosse gegenber, sa die Gesellschaft, und erfreute sich des
klaren Herbstabends. Wie geht es unsrem Kranken? fragte der Herzog einen Mann
von zuversichtlichem uern.
    Nach Wunsch, erwiderte der Arzt. Das Fieber ist zwar noch vorhanden, doch
schon im Abnehmen. Die Krisis ist berstanden. Wenn ich bedenke, da zu den
Folgen der schweren Verwundung sich noch die starke nervse Affektion gesellt
hatte, so mu ich ber die Kraft dieser Natur erstaunen, welche so vereinigten
Angriffen zu widerstehn imstande war.
    Hat man den Tter noch immer nicht entdeckt? fragte die Herzogin.
    Der Verwundete konnte bis jetzt keine Auskunft geben. Jener Mann, der ihn
gefunden und die Nachricht in das Stdtchen gebracht hat, wute auch nichts
Nheres zu sagen.
    Und der Knabe, sein kleiner Diener? Der Arzt sah mit einem eignen Blicke
vor sich nieder. Er erzhlt Sachen, gndigste Herzogin, die zu abenteuerlich
sind, als da ich sie hier wiederholen mchte. Ich frchte, dieser Knabe ist auf
eine greuliche Art verwahrloset oder verbildet.
    Das Gesprch wandte sich auf die sonderbare Fgung der Umstnde, welche
unsrem Freunde die Hlfe gebracht hatte. Der Weg, welchen die Herrschaften bei
der Rckkehr von dem alten Schlosse Falkenstein einschlugen, fhrte in geringer
Entfernung an dem Tannengehlze durch, in dem Hermann seine Wunde erhielt. Er
mochte eine Stunde in seinem Blute gelegen haben, ohne da ein Chirurgus sich
blicken lie. Flmmchen sa ausgeweint, still, verzweifelt bei dem Ohnmchtigen.
Da hrte sie von fern den dumpfen Ton der ber Kies und Grand fortarbeitenden
Kutsche. Sie strzte durch die Tannen, fiel am Wagenschlage auf die Kniee und
flehte um Erbarmen fr den Halbtoten. Welcher Schreck fr die Herrschaften, als
sie den jungen Mann, der ihnen in mancher Beziehung interessant geworden war, in
solchem Zustande wiedersahn! Man half sich mit ihm, wie man konnte, und brachte
ihn, notdrftig verbunden, langsamen Fahrens nach dem Schlosse.
    Aber welches Unglck, wenn sie spter gekommen wren! Wenn die Abendklte,
der Tau den Verwundeten auf dem khlen Boden getroffen htten! Wenn der andre
Weg, wie der Kutscher anfangs gewollt, eingeschlagen worden wre! Alle diese
Flle wurden besprochen, in deren Aufzhlung besonders die Herzogin die grte
Lebhaftigkeit zeigte.
    Ein junger blasser Mann, den Tonsur und schwarze Kleidung als den
Hausgeistlichen bezeichneten, hatte sich bisher wenig geuert. Nun aber, als
das Reich der Mglichkeiten solchergestalt durchgemustert wurde, nahm er das
Wort, und erklrte mit schwrmerischem Feuer, da es fr den Glubigen kein
Ungefhr gebe, da Gottes Finger in allem sichtbar sei, und da auch der Fremde
nicht ohne den Ratschlu des Himmels sich in diesem Schlosse befinde.
    Der Arzt warf hierauf schalkhaft die Frage hin, welcher Religion der Fremde
wohl sein mge?
    Er ist aus einer protestantischen Familie, versetzte Wilhelmi sarkastisch.
Indessen wer kennt den Ratschlu des Himmels mit ihm?
    Der Geistliche war still geworden. Der Herzog erklrte, der Ratschlu des
Himmels werde wenigstens auf keinen Fall sein, den jungen Mann innerhalb des
Burgfriedens zu einem andern Glauben zu bringen. Er halte als Grundherr auf
seinem Gebiete an den Bestimmungen des Westflischen Friedens fest, und keine
Konfession solle da, wo er etwas zu sagen habe, sich gegen eine andre
Zudringlichkeiten erlauben.
    Der Geistliche stand auf, und beurlaubte sich, weil die Stunde seiner
bungen gekommen sei. Nach seiner Entfernung entstand die Stille, durch welche
ein gebildeter Kreis die Medisance schlechter Gesellschaften bei sich ersetzt,
wenn jemand weggegangen ist, dessen Sinn nicht ganz zu den brigen pat. Endlich
sagte die Herzogin: Sich gegen die Ereignisse ungebrdig stemmen, ist meistens
so unntz. Knnen wir dem armen, in der Dunkelheit forttappenden Menschen einen
andern Rat geben, als: Gewhne dich, in jedem Vorfallen das Walten der
himmlischen Mchte voll Ergebung aufzusuchen?
    Aufzusuchen! Sehr schn! versetzte Wilhelmi. Aber um alles in der Welt
nur nicht zu frh, zu gedankenlos es zu finden. Jedwedes, auch das Herrlichste,
kann zur Spielerei, zur Redensart werden. Wer wollte gegen das Schnste, gegen
einen wahrhaft gottergebnen Sinn polemisieren? Aber zu rasch bei einem Unglcke
mit der Unterwerfung unter die allmchtige Hand Gottes fertig zu sein, beweiset
mir nur, da das Unglck dem Betroffnen ein so gar groes nicht war. Nur mit
abgefallnen Wangen, erloschnen Augen, und kummerbleichen Lippen spricht der
Mensch jenes Wort wrdig aus. Auch die Heiligen haben ihr Haar zerrauft, und in
der Asche getrauert! Es ist unsittlich und unfromm, immer sittlich und fromm
sein zu wollen. Wenn Sie, meine Frstin, mir nach einem schweren Leid, wovor Sie
Gott bewahren mge, sagen: Der Herr ist ber mir! dann weine ich mit Ihnen, wenn
ich Ihnen nicht helfen kann. Wenn aber die Mutter, der das Kind starb, spricht:
Wie sollte ich klagen, da es bei Gott ist? und acht Tage darauf in ihre
gewhnlichen Gesellschaften geht; wenn der sogenannte Freund dem in weite Ferne,
vielleicht fr immer, scheidenden Freunde nichts weiter nachzurufen wei, als:
Man soll sein Herz an nichts Irdisches hngen! dann wende ich meine Schritte,
und berlasse die gemtlichen Schwtzer ihrer den Selbstzufriedenheit. Aus
dunkler Tiefe, aus tausend Quellen springt das Leben; man soll ja nicht glauben,
die unendliche Flut in einem Fingerhute auffangen zu knnen!
    Er war sehr bewegt. Unter einer kalten, ja abstoenden Auenseite verbarg
sich bei ihm die hchste Zartheit, und eine bis zum Leidenschaftlichen gehende
Wahrheit der Empfindung. Vielleicht bedurfte er jener Kruste, um nicht zwischen
den Rdern des Alltags zerrieben zu werden.
    Der Herzog flsterte dem Arzte zu: Bringen Sie etwas auf, was uns vor der
Fortsetzung dieser Predigt schtzt. Worauf jener laut anhob: Mein Metier
verschafft mir nicht so tiefe Seelenanschauungen, wie unser Freund sie uns
vorgetragen hat. Indessen sehe ich am Krankenbette doch auch manches
Menschliche. Nur, da ich nicht darber weine, sondern lache. Ich habe in meinem
Gedenkbuche eine Anekdote aufgezeichnet, an welche ich durch diese Gesprche
erinnert wurde. Wenn fr die Teestunde keine bessere Unterhaltung bereit ist, so
will ich meine Geschichte von den Fgungen des Himmels hiemit dazu anbieten.
    Man verlangte sie zu hren. Die Herzogin erhob sich. Ein alter Bedienter
kam, und sagte Wilhelmi etwas ins Ohr, seinen Zorn, wie es schien, schwer
verbergend. Wilhelmi sah bestrzt auf den Herzog und entfernte sich. Der Arzt
ging, um noch einige Krankenbesuche zu machen.
    Die Herrschaften wollten durch den Laubgang nach dem Schlosse zurckkehren.
Ein kleiner Junge trat aus dem Gebsch, schlug Rad, stellte sich auf den Kopf,
und machte noch mehrere dergleichen Kunststcke, um sein Almosen zu verdienen.
Die Herzogin verbot ihm die halsbrechenden Possen, reichte ihm Geld, und fragte:
Wie heit dein Vater? Als der Junge den Namen eines Bettlers genannt hatte,
sah die Herzogin ihn scharf an, und sagte: Ich mchte fr diese Unwahrheit dir
das Geld wieder abnehmen. Du bist ein Kind des Waldmeiers, und hast nur aus
bermut gebettelt. Der Junge wurde rot und schlich davon, er gehrte wirklich
jenem Manne, der fr sich und die Seinigen genug zu leben hatte.
    Wie war dir mglich, die Abkunft des Knaben so bestimmt auszusprechen?
fragte ihr Gemahl.
    Du kennst meine unglckliche Gabe, Familienzge zu erkennen, versetzte
sie. Ich habe frher geglaubt, es sei Tuschung, aber unzhlige Erfahrungen
haben mich endlich berzeugt, da mir die Genealogie auch da erscheint, wo sie
andren Menschen nicht sichtbar wird. Es ist kein gutes Geschenk der Natur.
Leider, fuhr sie schamhaft fort, sehe ich so manchen geheimen Fehler, wo die
Welt nur Pflicht und Tugend erblickt. Ach, es ist nicht alles eines Bluts, was
einen Namen trgt. La mich dir nun auch ein Gestndnis tun. Als ich unsrem
Kranken zum erstenmal ins Gesicht sah, erschreckte mich die grte hnlichkeit
mit Johannen. Ich war bestrzt! Ich mchte so gern mit dir nun ein ruhiges,
geordnetes Leben fhren; wir haben schon so viel Verdru von jener, ich ahnete
neue Strungen, die nie ausbleiben, wenn man sich mit Menschen verworrnen
Schicksals einlt, deshalb bat ich dich, uns den Jngling fernzuhalten.
    Ihr Gemahl stand einige Minuten nachdenklich. Du irrtest dich gewi. Mein
Vater war ja leider so offen gegen mich ber seine Fehltritte. Er htte mir
diesen auch gestanden. Und berdies ... es ist nicht mglich!
    Nein, sagte sie, und wir wollen nicht mehr daran denken. Ein unerwartetes
Ereignis hat ihn uns, wenn nicht wider, doch ohne unsern Willen gebracht. Ob
darin etwas Besondres zu finden ist, wei ich nicht, aber ich fhle, da wir ihn
pflegen, und fr ihn sorgen mssen, wenn er es verdient. Das Los eines Menschen
gilt mehr als Ahnungen und Trume.
    Sie sprach das einfach, sanft, wie sie pflegte. Ihr Gemahl sah umher; es war
niemand in der Nhe. Er umfate sie, und schlo sie mit der zrtlichsten Liebe
in seine Arme. Bleibe die Genossin meiner Entwrfe, die Freundin meiner
innersten Gedanken! sagte er gerhrt. Sie ruhte beglckt am Herzen des Manns,
der ihres Lebens Stolz und Freude war.
    Sie standen unter der Gruppe des Amor und der Psyche, und die reinen Sterne
sahen auf diese Umarmung nieder.

                                Zweites Kapitel


Der Arzt zog am runden Tische sein Bchelchen hervor, und las:

                        Der Lieutenant und das Frulein
                           Anekdote aus meiner Praxis

Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte, lernte ich einen Offizier von
der Garnison kennen, der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte, und von
allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde.
    Dieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer
von desto unruhigerer Gemtsart verlobt. Frulein Ida hatte alles Feuer
zugeteilt bekommen, welches die Natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian
erspart hatte. Lebendig, galt sie bei ihren Tnzern fr geistreich, und konnte
allerliebst sein, wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren.
Anfangs spielte sich das Verhltnis beraus artig fort, er wurde von ihrer
Beweglichkeit in Bewegung gesetzt, sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung,
woran es ihr frherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte. Das
Unpassende, was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet, fiel
hier weg, da die Braut ein artiges Vermgen besa, und nur der Eigensinn der
Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob, wo der Schwiegersohn einen
hheren Rang, und die Kompanie erlangt haben wrde.
    Indessen mute der Monarch wohl noch eine groe Anzahl verdienstvollerer
oder lterer Lieutenants besitzen. Das Patent blieb lnger aus, als man gedacht
hatte, und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel
von ihrem Herzen weggeben wollte, so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu
Jahren der Erwartung aus. Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die
bedeutendsten Unannehmlichkeiten. Die Liebe ist fr Stunden, die Ruhe fr das
Leben; wer kann aber der Ruhe genieen, solange die Frchte noch auf dem Halme
stehn? Das Gefhl gleicht nach so gedehntem Harren einem schnen Weine, den man
im offnen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen.
    Grade kurz vor der Zeit, wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im
Verhltnisse der Liebenden eintrat, lernte ich den Lieutenant kennen, und ward
durch ihn im Hause seiner zuknftigen Schwiegermutter eingefhrt. Ich sah noch
die letzten Sommertage der Zrtlichkeit, bald aber nahm ich eine gewisse Klte
zwischen den Brautleuten wahr, die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen
abwechselte. Sie lie sich wohl, wenn er dicht bei ihr stand, durch einen andern
den Mantel holen, und betonte den Befehl; er rannte mitunter in der zierlichsten
Gesellschaft nach heimlich-raschem Zwiegesprch in die Ecke, wo sein Hut und
Degen sich befand, und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen, Aufsehn
zu vermeiden und zu bleiben. Denn schon war ich sein Vertrauter geworden. Als
junger Arzt mute ich mir auf jede Weise zu helfen suchen. Ich machte damals in
Herzenssachen den Rat und Beistand, um strkere Praxis zu bekommen.
    Der Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer. Er knne seiner Geliebten
nichts mehr recht machen. Jede Laune werde an ihm ausgelassen. Bald solle er
erkaltet sein, bald sich ohne Gemt betragen haben, neulich habe sie ihm
vorgeworfen, er verstehe sie nie. Er sei wirklich noch ganz und gar der alte,
gehe im Frhlinge mit dem ersten Mrzenveilchen zu ihr, im Junius komme der
Rosenstock, im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke, wie sonst; zum
Geburtstag mache er seinen Vers, die Weihnachtsbonbonnire fehle nimmer. Aber
alles werde jetzt kaltsinnig oder schnde aufgenommen. Was er denn nur in dieser
Not beginnen solle?
    Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen. Er
versetzte, dieses stehe nicht in seiner Gewalt. Sich selber knne er nicht
avancieren, und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht.
    Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu
treiben, und dieser fand seinen Gleichmut
    wieder, als er vor seinem Gewissen sicher war, im Dienste der Liebe nicht
lssig geworden zu sein. Nun verwies er seine Braut, wenn sie ohne Grund klagte,
an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts hren. Darauf kam er mit der
Notwendigkeit hervor, sich zufriedenzugeben, wenn die Dinge einmal nicht anders
gehn wollten. Worauf sie ihm sagte, er sei unausstehlich. Endlich, da alle
Trostgrnde niedrer Schicht nichts helfen wollten, whlte er als letzte Arznei
die Fgungen des Himmels. Wenn sie ber ein Fltchen zuviel oder zuwenig im
Kleide sich ungebrdig anstellte, sprach er, man knne nicht
    wissen, wozu ein Migeschick fromme. Wenn der Regen eine Spazierfahrt
vereitelte, lehrte er, die Vorsehung lasse Tropfen fallen, damit die Sonne
nachher um so herrlicher scheine. Und als sie einst weinend auf ihrem Stuhle
sa, weil man den Gesang einer Mitschwester strker beklatscht hatte, als den
ihren, gab er, zu ihr tretend, den Spruch zu vernehmen: Wen der Herr liebt, den
zchtiget er! Er war ein ordentlicher Kirchengnger, und hatte wirklich den
Glauben, da dem Geduldigen alle blen Sachen zum Heile ausschlagen mssen.
    Zuerst war ihr dieser Ton neu, und es vergingen einige Wochen unter solchen
Trstungen ganz leidlich. Indessen wollte das Gute, zu welchem nach ihrer
Meinung das Schlechte fhren mute, nmlich das Avancement, immer noch nicht
erscheinen. Da ward sie bser als je, und der arme Phlegmatikus geriet in ein
Fegefeuer, welches nicht luternder sein konnte. Zu gleicher Zeit begann ein
Einflu auf sie zu wirken, welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob.
    Eine jener alten Jungfraun, welche, weil sie sitzengeblieben sind, es gern
shen, wenn das Heiraten abkme, hatte sich des verdsterten Sinns unsrer
schnen rgerlichen bemchtigt. Sie lie in ihre Gesprche einflieen, da sie
schon lngst mit Kummer bemerkt, wie der Lieutenant immer gleichgltiger
geworden sei, wie seine Neigung wohl keine Probe bestehen werde, und was
dergleichen mehr war. Diese bsartigen Worte fanden ein offnes Ohr.
Verdrielich, von Mistimmungen geplagt, lie sich die Getuschte zu dem
Schritte hinreien, dessen gefhrliche Albernheit schon so viele beklagt haben.
Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prfen.
    Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Fruleins berufen. Sie lag,
anmutig gekleidet, allerdings im Bette, und klagte fast ber jegliches, was den
Menschen schmerzen kann. Die Mutter stand untrstlich daneben, sie liebte das
Kind, vielleicht zu sehr. Man kann denken, da mir, als jungem Arzte, eine
Krankheit in einem geachteten Hause, welches selbst einigermaen in der Mode
war, hchst angenehm sein mute, ich strengte daher die ganze Kraft meiner
Diagnose, deren Feinheit man stets auf der Klinik gerhmt hatte, an, um die
Natur des bels zu entdecken. Aber der Puls ging vortrefflich, die Augen
strahlten vom gesundesten Feuer, die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend,
die Zunge war unbelegt, alles, ohne Ausnahme alles befand sich leider im
wnschenswertesten Zustande. Ich entschied mich, da hier Verstellung sei,
verordnete die unschuldigen Mittel, welche Hippokrates uns fr einen solchen
Fall an die Hand gegeben hat, uerte indessen natrlich meine wahre Meinung
nicht, sondern sagte der Mutter drauen, auf ihre ngstliche Frage: ob es auch
keine Gefahr habe? mit Ernst und Nachdruck, da man noch grade zur rechten Zeit
nach mir geschickt habe, und da eine Stunde spter fr nichts mehr zu stehn
gewesen sei.
    Sie glauben nicht, welches Zutrauen sie zu Ihnen hat, sagte die Mutter.
Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen. - Nein, dachte ich. Der
alte grobe Heros wrde wenig Umstnde gemacht haben, meine blde Jugend ist fr
dergleichen Leiden geeigneter.
    Auf der Strae fand ich den Liebhaber, dem man schon durch die dritte Hand
dieses Siechtum zu wissen getan hatte. Er war so bestrzt, wie es einem Seladon
geziemt, und in Verzweiflung, da er nicht gleich nach dem Hause seiner Braut
eilen knne, aber er msse auf die Parade. Ich beruhigte ihn, und verpfndete
mein Ehrenwort, da die Sache nichts weiter sei, als ein kleiner Schnupfen.
    Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein, denn ich
war neugierig, wohin diese Komdie fhren werde. Treuer, sorgsamer Freund!
sagte die Mutter, welche von meinem Eifer gerhrt war. In bescheidner Entfernung
vom Krankenbette sa der Lieutenant, wie es schien, zerstreut und verlegen.
    Es ist doch ein groes Glck um einen gleichmtigen Sinn, stichelte die
Mutter. Man versumt dann nichts Notwendiges, und macht die Geschfte erst ab,
bevor man dem Herzen folgt.
    Er will es nicht glauben, da ich so krank bin, Doktor, seufzte Frulein
Ida, deren hochrotes Antlitz von groer Bewegung zeugte. Die alte Jungfer sa im
Fenster und strickte fr die Armen.
    Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit. Mich gelstete nach der Krisis,
und da ich als junger Arzt, traurig fr mich, berflssige Zeit hatte, setzte
ich mich zu den gesunden Damen, und knpfte mit ihnen eins der Gesprche an, aus
welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhren vermag.
    Wenn ich sterbe, Fabian ... lispelte das Frulein. Teure Ida, an einem
Schnupfen stirbt man ja nicht, versetzte freundlich aber gefat der Lieutenant.
    Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden, kam in den Ton der Jean
Paulischen Liane, sagte, im Traume sei ihr ihre selige Caroline erschienen, und
sprach viel von Ahnung und Vorgefhl.
    Ich sa so, da ich im Spiegel die Szene beobachten konnte. Je pathetischer
das Frulein wurde, desto mehr nahm das Gesicht des Brutigams den Ausdruck der
Abwesenheit an, er half sich fast nur noch mit Interjektionen, als: Hm! So! Ei
bewahre! Nachmals hat er mir gestanden, da er an dem Tage einen Verdru mit
seinem Obersten gehabt habe, und da seine Gedanken freilich mehr bei dem
ungerechten Vorgesetzten, als bei dem Schnupfen des Fruleins gewesen seien.
    In einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten, die man hufig
im Munde fhrt, ohne Sinn und Verstand ber die Lippen. Daher geschah es, da,
als das Frulein, welche ber die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der
Fassung geriet, mit unterdrcktem Weinen sagte: Ja, ich empfinde ein gewisses
Etwas in mir, ein Weben der Auflsung, die schwarzen Mnner werden mich gewi
wegtragen - der Lieutenant, der schon lange nicht mehr wute, wovon die Rede
war, zerstreut und feierlich ausrief: Wie Gott will! Der Wille des Herrn
geschehe!
    Schrecklich war die Wirkung dieser Worte. Das Frulein, entrstet ber eine
solche Ergebung in die Fgungen des Himmels, die doch gar zu weit ging, warf
meine unschuldige Medizinflasche zu Boden, da die Scherben umherflogen, und
rief:
    Aus meinen Augen! Ich habe dich durchschaut! Fort! Wir sind fr immer
geschieden! - Wenn meine Tochter stirbt, sind Sie ihr Mrder, wehklagte die
Mutter. Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Scho sinken lassen, und
uerte so mit Salbung: da derjenige zu beneiden sei, der so frh, wie Ida, die
Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne.
    Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung ... stammelte der
arme Fabian. Es ist jetzt nicht Zeit dazu, machen Sie, da Sie fortkommen,
raunte ich ihm zu.
    Ich war mit den Damen allein. Ida! meine Ida! seufzte die Mutter. Diese
Gemtserschtterung in deinen Leiden! Erhole dich, mein Kind, denke nicht mehr
an den Abscheulichen. - Ich beschlo, die kleine Heuchlerin zu strafen, und die
alte Jungfer dazu. Und so ist es gekommen. Ich erklrte den Zustand des
Fruleins fr verschlimmert, ich ernannte die bejahrte Freundin zur nchtlichen
Wchterin, da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten knne. Drei
Tage mute die gesunde Kranke im Bett zubringen, drei Nchte hatte die
Friedensstrerin auf dem Wchterstuhl zu versitzen. Endlich erklrte jene sich
mit Gewalt fr hergestellt, zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor, es
wieder zu betreten, wenn ich dort aufgenommen bleibe. Darber bekam sie mit der
Mutter Streit und Feindschaft, die mich einen seltnen Menschen nannte. Kurz, der
bse Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben.
    Mehrere Wochen vergingen, in denen ich nichts von meinen Liebesleuten hrte.
Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in
Anspruch genommen.
    An einem schnen Mrztage wanderte ich ber den neuen Kirchhof, wo alle
Strucher in dem ungewhnlich frhwarmen Wetter schon die Knospenaugen
aufschlugen. Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen,
welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren. Soeben mit dem
Meisterdiplom versehen, hatte ich, die Obsorge ber jene Anstalten zu fhren,
von der Stadt den Auftrag bekommen. Als ich durch die gewundenen, mit Kies
reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging, und das im
geflligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah, sagte
ich: Es ist kein Wunder, da die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind,
man macht die Sterbehuser und Grabsttten zu anlockend.
    Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus. Er stand
bei einem Struermdchen, die ihren Korb voll Frhlingsblumen ihm vorhielt. Er
whlte und suchte sich das Schnste, was sie an Veilchen, Primeln und Aurikeln
hatte, zusammen. Fr wen der Strau? fragte ich. Fr Ida, versetzte er.
    Gottlob! So seid ihr vershnt?
    Ach nein! Ich habe sie nicht wiedergesehn. Aber es ist heute ihr
Geburtstag. Ich will den Strau unter ihrem Portrt in Wasser setzen.
    Er sprach diese Worte ruhig, ja kalt. Aber seine Augen waren erloschen, und
die Wangen bleich. Ich mu gestehn, da mich die stummen, geduldigen Patienten
immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben. Ich sah meinen armen Verstonen an,
ich berlegte hin und her, ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen
sei? Die Natur der Leidenschaften, insbesondre der Liebe, kannte ich aus der
Seelenlehre, das Frulein war mit der Mutter in der Stadt, das wute ich. Ich
war jung, verwegen! Ohne an die mglichen Folgen eines tollen Einfalls zu
denken, lud ich den Lieutenant ein, sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen
zu lassen. Das Struermdchen wies ich an, vor der Tre zu warten.
    Der Wchter war ausgegangen; alles begnstigte meinen Plan. Ich ffnete mit
dem Hauptschlssel, wir waren allein im leeren, schallenden Hause. Ich erklrte
meinem Begleiter jedes Ding: die Einrichtung und Verbindung der Gemcher, die
leicht zu bewegenden Glockenzge, die Wrmmaschinen, die Frottierzeuge, die
Brsten, den Elixier- und Essenzenapparat des Wchters fr die ersten
Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer. Er fragte, ernst und
wissenschaftlich gesinnt, verstndig nach allem, und keine empfindsame
Betrachtung kam in diesem Hause des Todes ber seine Lippen. Endlich sagte er
scherzend: Diese reinlichen schimmernden Wnde, die bronzenen Lampen, die
blinkenden Stahlgriffe, die schnen Teppiche und Matratzen zeigen, wie jetzt
alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmckten strebt.
Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen, um den Geretteten Unterhaltung
zu bereiten, bis die Ihrigen sie wieder abholen.
    Ich bat mir seinen Verlobungsring aus. Er stutzte, wute nicht, was ich
wollte. Ich erklrte ihm trocken, da ich gesonnen sei, noch heute zwischen ihm
und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften, aber dazu des Ringes bedrfe,
nahm ihn bei der Hand, und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring
vom Finger. Er, in pltzlich auflodernder Hoffnung und Freude, rief: ob ich
verwirrt sei? Ich, ohne zu antworten, schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerines
Blttchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter, legte den
Ring bei, verschlo das Billet mit Oblate, eilte zum Mdchen hinaus, sagte ihr,
den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen, sie sollte das Briefchen auf der
Stelle da und da hintragen.
    Mein bestrzter Freund war bis auf den Flur gefolgt, und hatte die
Bestellung gehrt. Ich ntigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern
zurck. Um Gotteswillen! rief er, was treiben Sie? was machen Sie aus mir? -
Einen Scheintoten, versetzte ich. Er sah mich an, wie einen, von dem man
glaubt, er habe den Verstand verloren. Idas Krankheit, sagte ich, fhrte den
Bruch herbei. Ihr Tod soll das Bndnis herstellen; das nennt man einen Klimax,
welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehrt. Sie haben die Wahl, entweder mich
zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun, oder folgsam zu sein,
und Ihr Glck im letzten Akt einer Posse zu empfangen. Er stand anfangs starr,
dann verwnschte er meine Torheit, und berschttete mich mit Vorwrfen. Ich
behielt indessen Geistesgegenwart, kramte Schnepper und Bindzeug aus, setzte
eine Menge Flaschen auf den Tisch, lie den Essigther duften, verbrannte
Federn, kurz, ich richtete das Zimmer so zu, da es ganz medizinisch aussah und
roch. Er, ber meine Kaltbltigkeit in Verzweiflung, warf sich auf eine
Matratze. Ich erklrte ihm, da knne er liegenbleiben, denn dahin gehre er in
seinem jetzigen Zustande. Ich lste seine Halsbinde, knpfte die Uniform und
Weste auf, und machte mir immerfort zu schaffen, um meine Unruhe zu verbergen,
die sich mit dem Nachdenken doch allmhlich bei mir einzustellen begann.
    Nach einiger Zeit sprang er auf, und rief: Ich mu fort, ich bin an diesen
Dingen unschuldig! Sehen Sie zu, wie Sie aus der Verlegenheit kommen, die Sie
angerichtet haben.
    Ein Wagen fuhr sturmschnell vor. Sie kommen, rief ich, ich wute das ja!
und ging ihnen entgegen. Sie waren es, Ida und ihre Mutter, meine Berechnung war
richtig gewesen. Aus dem Schlage strzte das Frulein entgeistert, bla, die
Augen voll Trnen, und rief: Wo ist seine Leiche? - Er lebt, beruhigen Sie
sich, er ist erwacht, meine Furcht war zu voreilig! rief ich ihr hastig zu.
Wo? Wo? stammelte sie, flog in das Haus, und wie durch Instinkt geleitet, in
das rechte Zimmer.
    Ich half der Mutter aus dem Wagen. Sie wute sich in diesen Wechsel von
Trauer und Freude nicht zu finden. Teuerster, warum erschreckten Sie uns? Man
mu bei dergleichen doch erst das Ende abwarten, sagte sie. Ich bat um
Verzeihung, ich htte ganz den Kopf verloren gehabt, sie mchte einem jungen
unerfahrnen Manne um des glcklichen Ausgangs willen nicht zrnen.
    Wir traten in die Sterbekammer. Da war die Liebe von den Toten auferstanden.
Fabian und Ida lagen einander in den Armen. Sie herzten sich und kten sich,
und wuten beide nicht, was sie taten. Sie wollte von ihm wissen, wie ihm zumute
gewesen sei? er erwiderte, in diesem Punkte besonnen, er wisse von nichts, sie
msse den Doktor fragen.
    Ich verbot alle Erklrungen, und riet ihnen, sich des Lebens zu freun. Die
Mutter trat hinzu, gab ihm die Hand, und sagte sehr freundlich: Lieber Sohn,
Sie machen uns schne Streiche. Mein Gott, wie das hier aussieht und riecht, es
fllt mir auf die Nerven. Verlassen wir den leidigen Ort. Ich benutzte den
Augenblick, kte ihr ehrerbietig die Hand, und sagte bescheiden: Edle Frau!
Ida ist vor Liebe krank geworden, Fabian wre beinahe daran gestorben; sollen
Ihre Kinder noch lnger schmachten?
    Die Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht. Sie gab die Zustimmung zu
dem, was die Verlobten wnschten. Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und
Umarmungen, in dem ich ebenfalls zuletzt von ohngefhr mehrere Ksse bekam.
    Indessen waren die Fgungen des Himmels auch ttig gewesen. Denn als wir
eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen, nahte
sich der Bursche Fabians mit der in gemener Haltung vorgebrachten Meldung, da
der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe, indem das ersehnte Patent nun
endlich eingetroffen sei.
    So fhrte Ida statt eines erblichnen Lieutenants, nach dem sie ausgefahren
war, einen lebendigen Capitain nach Hause. - Sie leben sehr glcklich
miteinander, manche Szene, die sonst in die Ehe fllt, haben sie vorher schon
unter sich abgetan, dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen.
    Mir brachte die sorgsame Behandlung des Fruleins whrend jener drei Tage
und die Rettung des Brutigams groe Gunst in den vielen mit dem Hause
verbundnen Familien zuwege. Einer lobte mich immer noch mehr als der andre, so
entstand mir bald ein Ruf, den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen
gebte saure Mhe nicht erworben hatte. Zuerst schlug mich das Gewissen etwas,
nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie, die
in der Welt herrscht, ber die meinige, die wenigstens niemand geschadet,
vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat.

                                Drittes Kapitel


In den folgenden Tagen war in den Zimmern des Herzogs groe Geschftigkeit. Ein
fremder Rechtsgelehrter war angekommen, mit dem der Frst und Wilhelmi in
eifrigen Gesprchen unter Papieren und Akten zusammensaen. Es wurde viel nach
dem Archive geschickt, bunte Stammbume mit vergoldeten Siegelkapseln lagen auf
den Tischen umher, man holte Bcher aus der Bibliothek; eine wichtige Frage
beschftigte die Versammelten. Der Advokat hatte die Nachricht von dem Tode
eines Seitenverwandten berbracht, und mit dieser Post ungewnschte Erffnungen
verbunden. Wir fassen das Resultat jener Gesprche in einem kurzen Berichte
zusammen.
    Das alte Haus, dessen Glanz gegenwrtig nur allein noch der Herzog in
kinderloser Ehe reprsentierte, teilte sich schon seit hundert Jahren in zwei
Linien, in die ltere, und in die jngere grfliche. Die Natur schien es auf ein
Erlschen des berhmten Namens angelegt zu haben, denn jener Seitenverwandte,
der Graf Julius, war der letzte der jngern Linie gewesen. Er htte noch lnger
leben knnen, wenn nicht zu rascher Genu seine Tage abgekrzt htte. Als
Jngling vaterlos geworden, gebot er ber ein bedeutendes Erbe, dem er auf keine
Weise vorzustehen wute. Khnheit und Leichtsinn verwickelten ihn in vielfltige
Abenteuer, er glnzte am Hofe, er wollte auch zu Hause glnzen; dieser
gedoppelte Aufwand htte die Minen Perus erschpfen knnen. Bald war er von
Glubigern umringt, sah sich in Verlegenheit, und bei seinem gnzlichen Mangel
an Erfahrung, ohne Mittel, aus derselben zu kommen.
    Damals lernte er Hermanns Oheim kennen, welcher in der fr Tausende
unglcklichen Periode, die unsrem Vaterlande angebrochen war, eben sein Glck zu
machen begann. Vom dstern kleinen Comptoir im Hinterstbchen eines migen
Hauses ging er mit sichrem Schritte auf die Million zu. Schon dachte er an
Landbesitz, um seine groen, weitgreifenden Fabrikplane zu verwirklichen. Graf
Julius sprach ihn um ein bedeutendes Kapital an, womit die dringendsten Schulden
bezahlt werden sollten. Der Oheim pflegte sonst an Verschwender, deren Gter
bereits ber die Hlfte des Werts andren gehren, nicht zu leihen. Indessen
mute ihm wohl in diesem Falle der Verschwender selbst eine gute Hypothek sein.
Er gab und gab, bis die Besitzungen des Grafen, nach einem freilich wohlfeilen
Anschlage, sein waren. Nun erklrte er, nichts mehr geben zu knnen. Jetzt war
der Graf erst in der rechten Not. Die Zinsen verschlangen die Einknfte, niemand
wollte sein Geld mehr bei ihm wagen. Man wei, wie die allgemeine Verzweiflung
jener Zeit auch das Letzte, worauf sich sonst der Mensch verlt, den Grund und
Boden, im Werte heruntergedrckt hatte.
    Zum zweiten Male erschien ihm der Oheim jetzt als Retter und Heiland. Er
schlug ihm einen Verkauf der Gter vor, wollte sie fr die vorgeschonen Summen
annehmen, und dem Grafen freie Wohnung auf dem Schlosse seiner Vter, sowie eine
jhrliche anstndige Rente gewhren. Das Geschft war zulssig; die Gesetze der
groen Nation, welche uns beherrschte, hatten bekanntlich alle feudalistischen
Beschrnkungen des Eigentums aufgehoben. Der Graf frohlockte bei dem Gedanken an
ein sorgenfreies Leben, wie seine Imagination es ihm vorstellte; er schlug ein.
Die Rittergter gingen in die Hnde des Brgerlichen ber, das Geld hatte
gesiegt.
    Nach einigen Jahren des Verdrusses, welchen der Graf statt der erwarteten
Lebensfreude gefunden, war er gestorben, und an diesen Todesfall knpften sich
die wichtigsten Folgen. Die herzogliche Linie, in der jedoch diese hhere Wrde
ein neues Datum hatte, war im Besitze der Haupt- und Stammgter, deren Komplex
vor kurzem zur Standesherrschaft erhoben worden war. Aber nie hatte sie
unangefochten besessen. Der Ahnherr des Hauses sollte sich nmlich mit einer
Person unadlichen Standes verbunden haben; man sprach sogar von der Tochter
eines Leibeignen. War dies der Fall, so hatte die Deszendenz natrlich nie ein
Erbfolgerecht gehabt, und ihr Besitz war eine Usurpation gewesen. Darauf
sttzten sich die Nachkommen des zweiten, in die gesamte Hand aufgenommnen
Bruders, die Glieder der jungern Linie. Sie behaupteten, und hatten immer
behauptet, die rechten Erben der Herrschaft zu sein.
    Die jngre Linie erlosch, wie gesagt, mit dem Grafen Julius. Als dem Herzoge
diese Nachricht wurde, empfand er eine sehr verzeihliche Freude. Nun waren alle
Zweifel, die ihn bisweilen noch in seinem Wirken beunruhigt hatten, getilgt; der
letzte war mit dem letzten Prtendenten in die Gruft gegangen. Heiter hatte er
an jenem Abende die Anekdote des Arztes angehrt. Man blieb bis spt in die
Nacht beisammen, lachte und scherzte ber die Torheiten der Menschen, und teilte
einander in mannigfachen Wendungen die aus den Memoiristen geschpfte
berzeugung mit, da die geringfgigsten Dinge, ein Wort, ja ein Buchstabe die
Ereignisse so oder so gestalten.
    Der Arzt hatte die lustigsten Einflle ber die Ahnfrau, deren reines Geblt
noch eine Untersuchung habe bestehen sollen, nachdem die Mglichkeit einer
chemischen Analyse lngst verschwunden gewesen sei. Zuletzt brachte er einen
Toast auf die Ruhe ihrer Seele aus, in welchen der Herzog munter, die Herzogin
gefllig, und Wilhelmi widerstrebend einstimmte. Dieser hatte seine ernste
Stimmung nicht verloren, und sagte, als die Glser klangen: Mit den Geistern
ist nicht gut scherzen.
    Am andern Morgen zeigte es sich, da die Sache nicht zu Ende sei. Der
Rechtsgelehrte, welcher abends zuvor seine Mdigkeit vorgeschtzt hatte, um auf
dem Zimmer bleiben zu drfen, berreichte eine Zession, welche der Graf bereits
vor einigen Jahren ausgestellt hatte. In derselben trat er alle seine Rechte auf
die Herrschaft an Hermanns Oheim ab. Man musterte voll Erstaunen diese Urkunde,
man wute von Miverstndnissen, selbst von Streitigkeiten zwischen beiden
Teilen, man konnte sich den Beweggrund zu einem so auffallenden Schritte nicht
erklren. Aber alles Erstaunen und Verwundern fhrte zu nichts. Die Urkunde lag
vor; jede Form war beobachtet worden, man sah sich gentigt, auf den Inhalt
einzugehn, womglich dessen Gltigkeit zu widerlegen.
    Letztres versuchte Wilhelmi. Die Gter, welche jetzt die Standesherrschaft
bilden, waren unter der deutschen Reichsverfassung Lehen, sagte er. Darauf
folgte die Fremdherrschaft mit ihren Umwlzungen, dann der Befreiungskrieg. Der
Vater meines Gebieters starb nach dem Frieden. Entweder hat nun der Herzog die
Standesherrschaft als freies Eigentum berkommen, oder als Lehen. Im ersten
Falle waren alle aus den Rechtsantiquitten hergenommnen Ansprche der jngern
Linie erloschen, keine Miheirat eines Vorfahren kann meinem Herrn noch
gegenwrtig schaden. Im letzten Falle hatte nur der Graf, nur er fr seine
Person ein Familienrecht, welches er einem Dritten, Fremden, Ihrem Machtgeber
nicht bertragen durfte.
    Darauf erwiderte der Rechtsgelehrte: Der erste Fall ist nicht eingetreten.
Man hat es fr gut gefunden, nach der Katastrophe, welche Europa den alten
Dynastien zurckgab, die schon halbeingeschlafnen agnatischen Rechte der
Familien wiederzuerwecken. Seine Durchlaucht besitzen Ihre Schlsser nicht, wie
der Bauer sein Gtchen, der Brger sein Haus besitzt. Alle Fehler, alle Mngel
aus der ltesten Vorzeit her, haften auf dem jngsten Erwerber.
    Welche also nur der Agnat, nur der ebenbrtige Anwrter rgen drfte! warf
Wilhelmi ein.
    Keinesweges, versetzte der Rechtsgelehrte. Indem man jene abgekommnen
Ansprche herstellte, ging man, wenigstens hiesigen Landes nicht so weit, auch
die Verbindung zwischen Lehnsherrn und Vasallen aufs neue erstehen zu lassen.
Nur die persnlichen Rechte der Gevettern sind restauriert, sie haben aber eben
wegen der nur teilweise geschehenen Operation eine Umwandlung erlitten, sie
stehen nun mit allen brigen gewhnlichen Befugnissen in Reihe und Glied. Ich
frage: warum htte Graf Julius ber die seinigen zu verfgen nicht die Macht
gehabt?
    Die Deduktion konnte nicht bestritten werden. Wilhelmi uerte sich sehr
leidenschaftlich ber das kindische Halbwesen der Zeit, ber das ungeschickte
Vermischen von Alt und Neu, ber die grellen Widersprche, die aus dem jetzt so
hufig ersichtlichen Mangel an allem Gefhl fr die Ergrndung der eigentlichen
Verhltnisse entsprngen.
    Der Herzog unterbrach ihn und sagte ruhig: Der Monarch hat mich durch seine
Gnade aus der Reihe der brigen Untertanen emporgehoben. Wir waren Frsten des
Reichs, das sind wir, ich wei es, nicht mehr, es kam eine Zeit, in der wir nur
gewhnliche Edelleute gewesen sind. Aber die Zeit ist vorber.
    Ich stehe wieder bevorrechtet zwischen Thron und Volk, eigentmlich, nur mir
selbst und meinen Pairs gleich da. Ich gehre der Herrschaft und die Herrschaft
gehrt mir. Wie kann der Brger, der Fabrikant diesen Zusammenhang zerreien?
    Der Regent wird den Fabrikanten nicht zum Standesherrn machen, antwortete
der Rechtsgelehrte. Aber der Brger kann Rittergter erwerben und bentzen.
Keine Verfgung des Monarchen schadet wohlerworbnen Rechten dritter Personen.
Graf Julius hatte seine Anrechte als freies persnliches Eigentum erworben. Ew.
Durchlaucht sind Standesherr erst seit zwei Jahren, es ist kein Geheimnis, da
Ihre Erhhung eben wegen der Zweifelhaftigkeit Ihres Rechts so bedeutenden
Aufschub gelitten hat. Unsre Zession ist vier Jahre alt. Wir haben bis jetzt
damit nicht auftreten wollen, weil der Graf bei seinen Lebzeiten dies
unterlassen zu sehn wnschte. Zu allem berflusse steht in Ihrem Diplom die
ausdrckliche Klausel:
    Vorausgesetzt, da die jetzt besitzende Familie ein vollstndiges Recht
hat.
    Der Herzog erinnerte daran, da die Linie die Herrschaft seit
unvordenklicher Zeit innegehabt habe. Hierauf bemerkte sein Gegner, da, wie man
gegenseits sehr wohl wisse, der Proze zur gehrigen Stunde bei den
Reichsgerichten angehoben und immer im Gange erhalten worden sei, da derselbe
aber nach wetzlarischer Sitte unter dem Stabe des Kammerrichters seine Endschaft
nicht erreicht habe. Er wies die Abschrift eines Dekrets vor, vielleicht des
letzten, welches jener Hof erlassen, und schlo mit dem Anfhren, da das
Deutsche Reich bekanntlich noch nicht seit dreiig Jahren aufgelst sei, und da
mithin von einer Verjhrung hier nicht geredet werden knne.
    Ohne den Vortrag des Advokaten einzurumen, lie man die Verhandlung ber
diese Punkte fallen. Von allen Seiten wurde gefhlt, da die tote Ahnfrau in dem
Streite den Ausschlag geben werde. So ging also doch wieder dieses Gespenst, und
nicht in theatralischer, sondern in sehr wirklicher Weise durch das Haus. Die
Gegner waren im Besitz der unverwerflichsten Zeugnisse, da der Ahnherr sich mit
einer Jungfrau ehelich verbunden hatte, vor deren Namen das Wrtlein von fehlte.
Die Extrakte aus den Kirchenbchern wiesen zugleich nach, da ein Landmann
gleiches Namens erst lange nachher in dem Dorfe, welches sich spterhin zum
Residenzflecken der Herrschaft erhob, verstorben war. Man hielt ihn fr den
Vater des Mdchens; die regierende Linie, so folgerte man, stammte von einer
Buerin ab. Alle diese Stammbume, welche ich hier vor mir ausgebreitet liegen
sehe, beweisen nichts! rief der gewandte Konsulent. Es sind einseitig in Ihrem
Hause aufgestellte Tafeln, die noch dazu die untrglichsten Zeichen spter
Abfassung an sich tragen.
    Wir nehmen als mglich an, fuhr er fort, da jener Graf Archimbald seiner
Maria Sibylla vom Kaiser den Adel erwirkt hat. In diesem Fall wrden wir fr ein
Geringes abzustehn bereit sein. Die Familienstatuten reden nur vom Adel der
Mutter schlechthin, als Bedingung der Erbfhigkeit der Kinder, nicht von altem
stifts- und turnierfhigem Adel, wahrscheinlich, weil man an einen andern gar
nicht dachte. Wir sehn jedoch ein, da unsre Ansprche dann zweifelhaft wrden,
und da, wenn die Sache bei Gericht in die Hnde eines Referenten von neuen
Ansichten fiele, die geadelte Buerin leicht fr vollwichtig erachtet werden
mchte. Aber wo ist der Adelsbrief? War er je vorhanden, so mu er doch
aufbewahrt, er mu herbeizuschaffen sein.
    ber diese Urkunde gab der Herzog eine ablehnende Antwort. Er wute aus
seiner frhen Jugend, da sie dagewesen war. Noch wie von heute erinnerte er
sich des Tages, an dem der alte strenge Grovater sie ihm gezeigt hatte, mit den
Worten: betrachte das Blatt, es verteidigt uns gegen die Vettern. Noch sah er
mit den Augen des Gedchtnisses die braune Saffiankapsel, in welche der alte
Mann sie tat. Nachher war sie verschwunden. Beim Kammergericht hatte man ein
Jahrhundert hindurch ber den Punkt gestritten, welcher von beiden Teilen zu
beweisen habe, und zur Vorlegung des Dokuments war man daher nicht gediehen.
    Wilhelmi suchte Tag und Nacht im Archive, aber seine Mhe war diesmal, wie
frher, vergebens. Darauf erffnete der Advokat die Vergleichsvorschlge des
Oheims. Sie liefen auf eine Halbierung der Gter hinaus. Der Herzog lie den
alten Fabrikherrn einladen, mit ihm persnlich zusammenzutreten.
    Der Rechtsgelehrte bernahm es, seinen Klienten zum Besuche auf dem Schlosse
zu vermgen.
    In seinen einsamen Augenblicken fhlte sich der Frst sehr erschttert. Den
wilden verschwenderischen Vetter hatte er nie gescheut, vor dem alten eisernen
Handelsmann ergriff ihn eine Art von Geisterfurcht, ber die er nicht Herr zu
werden vermochte. Mit diesen Schlssern, Feldern und Wldern durch alle
Erinnerungen verwachsen, hielt er es fr eine Unmglichkeit, aus solcher
Gemeinschaft zu scheiden. Seine Existenz stand auf dem Spiele, das empfand er,
und da er seinen Sturz nicht berleben wolle, gelobte er sich vor den Bildern
der Ahnen. Indessen, gewohnt, immer derselbe zu scheinen, wie es auch innerlich
wechselte, zeigte er vor andern das heitre Antlitz eines Manns, den nichts in
Erstaunen setzt. Es war ausgemacht worden, der Herzogin diese Verhandlungen
geheimzuhalten. Sie ahnte daher nicht, welche Wolke ber ihrem Haupte schwebte.

                                Viertes Kapitel


Aber auch sie hatte ihr Leid. Jenes unglckliche Kind des Hauses, die verirrte
Johanna lag ihr schmerzlich am Herzen. Endlich, nach vielen vergeblichen
Erkundigungen wute man so viel, da sie in der groen Stadt im Norden mit dem
Manne lebe, dem sie ihr Geschick anvertraut hatte. Das Gercht sprach von einer
Vermhlung. Man wrde frher ihre Spur gefunden haben, wenn man nicht aus
Rcksicht auf den Ruf der Entflohnen alle Nachforschungen nur durch die dritte
Hand anzustellen sich gentigt gesehn htte.
    Die Herzogin war durch das Ereignis im Innersten verletzt.
    Den Herzog sah sie beschftigt, gedankenvoll; sie meinte das Gesprch mit
ihm ber diese Verwirrung bis zu einem freieren Zeitpunkte verschieben zu
mssen. Inzwischen wollte sie nicht feiern. Sie nahm sich vor, der Unglcklichen
zu schreiben; auf welche Weise dieser Brief zu versenden? das sollte spterhin
berlegt werden. Manche Stunde sa sie, das Haupt auf die Hand gesttzt, vor
ihrem Schreibtische, nie war ihr etwas schwerer geworden, oft legte sie halb
unwillig die Feder weg, endlich kam ein Blatt zustande, in welchem ihre ganze
Seele zu lesen war.
    Der Advokat hatte sich der Herzogin vorstellen lassen, und war als Glied der
Gesellschaft aufgenommen worden. Man behandelte ihn artig, wie seine Sitte und
Bildung es verdiente. Insbesondre lie ihm der Herzog die unheilbringende
Botschaft nicht entgelten. Denn jener benahm sich bei der Errterung der Frage:
wer hier Herr sein solle? so verstndig und bescheiden, da der Frst eher eine
Art von Neigung zu ihm fate. Er hielt ihn unter einigen Vorwnden etliche Tage
zurck, weil er immer noch hoffte, Wilhelmi werde die vermite Urkunde finden,
und damit dem ganzen Streite auf der Stelle ein Ende machen.
    In diesen Tagen ging bei dem jungen Manne eine groe Verndrung vor, und er
bedurfte der ganzen Festigkeit, welche ihn auszeichnete, um das Gefhl seiner
Pflicht in sich lebendig zu erhalten. Teils Wilhelmi, teils der Herzog selbst
hatten ihn im Schlo und in den Umgebungen, die nicht leicht ansprechender
gefunden werden konnten, umhergefhrt. berall stieg ihm das Bild eines
wrdigen, stillprchtigen Daseins entgegen, welches auf den Erwerb verzichtet,
weil es in seiner Flle genug hat. Und wie in einer schnen Landschaft ein
klarer Wasserspiegel die reizende Natur ringsumher noch einmal verklrt
wiedergibt, so erhielt dieses Bild adlichen Lebens zuletzt sein seelenvolles
Auge in der Anmut der Herzogin.
    Vom Herzoge hatte er sich beurlaubt. Bei ihr angemeldet, war er nach einem
Gartenkabinette beschieden worden. Himmelblaue Tapeten bedeckten die Wnde
dieses Zimmers, weie Meubles mit goldnen Leisten standen umher, von Konsolen
herab sahen die Bsten der groen Dichter. Heitre und doch ernsthafte
italienische Landschaften fllten die Zwischenrume aus; auf einem runden Tische
lagen rote vergoldete Bnde. Der Advokat schlug einige derselben auf, und fand
Hermann und Dorothea, Tasso, Iphigenia, Homer, die Gesnge unsres
Schiller. Die Herzogin hatte dieses Zimmer vor kurzem erst einrichten lassen;
man brachte dort den Abend zu, wenn es drauen zu schwl war, und geno der
Aussicht auf die neuen Anlagen, welche in stetiger Folge die Blten jeder
Jahreszeit spendeten. Alle Hausgenossen, welche zum Zirkel gehrten, besaen den
Schlssel zu diesem Gemache, um nach Bequemlichkeit dort verweilen zu knnen.
    Er war eine geraume Zeit lang allein, und seine Empfindungen wurden immer
trber, je lnger er diese gewlbten Marmorstirnen, diese Prospekte auf Felsen
und Palmen, Himmel und Meer betrachtete, oder in die gelbrot glhenden
Georginenbeete der holden Frstin schaute. Der junge Mann hatte nichts von dem,
was man heutzutage sthetische Bildung nennt, aber er folgte einem natrlichen
Gefhle. Seine erste Empfindung war stets, andre Menschen fr edler und klger
zu halten als sich, und das Lied eines Dichters konnte ihn bis zu Trnen rhren.
    In diesem, der geistigen Erholung gewidmeten Orte, drngten sich ihm nun
alle Anregungen der vergangnen Tage zusammen. Schon erblickte er hier, wo das
Schne gute Menschen beseligt hatte, ein des rechnendes Comptoir, schon sah er
dort, drauen, quer ber die armen Blumen, ber den samtnen Rasen einen Weg fr
Karren und Schleifen zu irgendeiner trostlosen Fabrikhtte fhren. Er kam sich
selber hassenswrdig und niedrig vor, da er zu solchem Beginnen die mithelfende
Hand bieten wollte. Mit dem Buchstaben eines ungerechten Rechts den geheiligten
Zustand so verehrungswerter Personen zu zerstren, es erschien ihm gemein und
ruchlos. Aber was sollte er tun? Wie durfte er eine Treulosigkeit begehn, gegen
welche sich alle seine Begriffe strubten? Im heftigen Kampfe mit sich selbst
ging er auf und nieder, und blickte bald diese bald jene Bste an, als fragte er
die Helden des Gesangs um Rat in seiner Not.
    Denkverse standen mit goldnen Buchstaben unter jeder Konsole. Er las den
Spruch unter Schillers Haupt:

                    Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!

Und pltzlich kam ihm, wie durch innre Erleuchtung der Entschlu. Ja, rief er,
es gibt etwas Hheres, als die Form, und das ist der Gehalt. ber alle Worte
und Satzungen hinaus liegen die Quellen des Wahren und Guten. Kein Kontrakt kann
uns zu einer Schlechtigkeit verpflichten. Mein Machtgeber kennt den ganzen Stand
der Sache, ausfhrlich will ich ihm melden, was ich hier verhandelt habe, aber
dann rhre ich keine Feder mehr fr ihn an!
    In einer Selbstvergessenheit, wie sie ihn noch nie berwltigt hatte, warf
er sich an einem Sessel vor der Bste des Dichters nieder. Er war mit sich im
reinen, er hatte eine neue Richtschnur fr sein knftiges Verhalten gefunden. Er
gelobte dem Verewigten ber ihm, da er fernerhin nur dem seinen Mund leihen
wolle, der ein wirkliches, nicht ein blo papiernes Recht habe, msse er auch
arm und unangesehn darber bleiben.
    So knieend fand ihn die Herzogin. Wer beschreibt ihr Erstaunen? Bestrzt
erhob er sich, und konnte kein Wort vorbringen. Sie knieten an keiner
unwrdigen Stelle, sagte sie nach einer Pause. Man hat vor diesem Haupte immer
so reine Gedanken. Sei es Ihnen nicht unlieb, da ich Sie berrascht habe. Ich
bin von der altfrnkischen Partei, und liebe den tugendhaften Knstler, wie man
ihn so schn genannt hat.
    Ihr Auge schimmerte, sie nahm eine Rose vom Busen, hauchte einen Ku darauf,
und legte sie auf den Sessel unter der Bste.
    Er hatte sich inzwischen gesammelt und schon ganz wieder die Haltung des
schlichten Geschftsmanns gefunden. Ich kann keine Worte vorbringen, welche
Ihrer, und der Geister, die uns umschweben, wert wren, sagte er. Ich
versichre nur, da es mich sehr freut, auf Ihr Schlo gekommen zu sein, und da
ich hier etwas fr meinen Beruf gelernt habe. Man wechselte noch einige
freundliche Reden. Sie empfand ein stilles Zutrauen zu dem Manne, der vor ihrem
geliebten Snger das Knie gebogen hatte, und nun so fest und doch so
anspruchslos vor ihr stand. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse. Hocherrtend
empfing er dieses Zeichen des Wohlwollens. So schied der verwandelte Feind.

                                Fnftes Kapitel


Der Herzog hatte nach der Entlassung des Advokaten in seinen Zimmern ein
Standrecht abgehalten. Im Schlosse wankte eine alte Gestalt umher, wie man
dergleichen wohl als Erbstck in den Husern groer Familien antrifft. Ein
sechzigjhriger Bedienter, der bei dem Grovater und Vater gedient hatte, und
nun noch so mitschlenderte; derselbe, von welchem der Fremde Wilhelmin so zornig
angemeldet worden war. Eigensinnig und unvertrglich, war er eine Plage der
brigen Dienerschaft, er glaubte mehr Recht zu haben, als sie, weil er seine
Kamaraden alle hatte eintreten sehn. Oft hatte man, seiner Unbehlflichkeit
wegen, ihn von der Aufwartung bei Tafel entfernen wollen, er setzte sich aber
hartnckig zur Wehre, wenn man sein verjhrtes Amt ihm zu nehmen gedachte, und
einmal, da man ihn mit Gewalt aus dem Saale trieb, fand man ihn kurz nachher auf
dem Sller in unheimlichen Zurstungen mit Strick und Nagel begriffen. Damals
hatte der Herzog befohlen, man solle ihn dulden, und in seinem Wesen gewhren
lassen.
    Diesem Menschen erteilte er jetzt einen ernsthaften Verweis. Er hatte
bemerkt, da jener, statt den Fremden zu bedienen, immer mit der Schssel an ihm
vorbergegangen war, so da der Gast oft von mehreren Gerichten nichts bekommen
hatte. Streng fragte er ihn, was fr ein Benehmen das sei? und verbat sich fr
die Zukunft dergleichen grobe Nachlssigkeiten.
    Der alte Erich zitterte vor rger. Es war keine Nachlssigkeit, Ew.
Durchlaucht, rief er. Ich bin noch so akkurat, wie einer von den Jngsten.
Aber dem sollte ich etwas zu essen geben? dem? der uns von Haus und Hof treiben
will? Nimmermehr! So einer mu hier verhungern und verdursten.
    Was meinst du damit? fragte der Herzog betroffen. Hast du gehorcht?
    Ich mute ja das Licht immer zu den Konferenzen bringen. Hre ich nicht,
wenn gesprochen wird? Sehe ich nicht, was zu sehen ist?
    Wirklich hatte der Herzog, gleich vielen seiner Standesgenossen, sich
gewhnt, die Diener nicht fr Personen, wenigstens nicht fr augen- und
ohrenbegabte, zu halten. Manches war schon hin und wieder in Gegenwart der
Aufwartenden verhandelt worden, was diese dann zum Nachteil der Herrschaft
umhertrugen. Er sagte dem Alten, da er vernnftig sein, und die Sache bei sich
behalten solle.
    Die Narren haben ihr Herz im Maul, aber die Weisen haben ihren Mund im
Herzen; Jesus Sirach am Einundzwanzigsten, versetzte Erich, der gern in
biblischen Sprchen redete. Sie denken, ihren Stuhl herzusetzen, aber es wird
ihnen nicht gelingen. Er klopfte auf seine linke Brust. Der Herzog wute nicht,
was der Alte damit sagen wollte, und bedeutete ihn mit finstrer Miene, sich
zusammenzunehmen, denn aller Geduld sei ihr Ziel gesetzt.
    Drauen zog der zornige Greis ein langes Messer, welches er immer unter dem
Rocke bei sich trug, aus dem Futteral, und murmelte, mit der scharfen Waffe
durch die Luft fechtend: Wer den Stein in die Hhe wirft, dem fllt er auf den
Kopf. Wer einem andern Schlingen stellt, der fngt sich selber. Wer seinem
Bruder Schaden tun will, dem kommt es ber den eignen Hals, da er nicht wei,
woher? Sirach am Achtundzwanzigsten.

                                Sechstes Kapitel



                            Die Herzogin an Johanna

Es ist mit dem Briefschreiben eine schlimme Sache. Alles, was man spricht, kann
man durch Blick und Ton verdolmetschen, aber die schwarzen Buchstaben stellen
sich zwischen unsre Meinung und den Dritten, und wer sagt uns, ob sie unsern
Sinn getreu berliefern? Ich schreibe diese Zeilen mit dem innigen Wunsche,
Ihnen und uns etwas Heilsames zu erzeigen; mu ich aber nicht befrchten, da
Sie statt der Gesinnung nur Worte darin finden werden? Darf ich von demselben
irgendeine gnstige Wendung des Ereignisses, welches uns betrbt, erwarten? Ich
lasse meines Herzens Meinung fliegen, wie die Taube aus der Arche; ob ich ein
lblatt zurckbekomme, oder nicht? ist mir unbekannt, aber ich lasse die Taube
fliegen.
    Wir dachten immer ber einen Punkt sehr verschieden. Sie hassen die
Selbstbetrachtung, Sie glauben, man verliere dadurch alle Freuden des Daseins.
Mich dagegen fhrten die uern Dinge von jeher in mein Innres zurck; nur was
ich dort eroberte, geno ich als wohlversichertes Besitztum. Solchen
Beobachtungen, selbst denen, die andern niederschlagend gewesen wren, verdanke
ich die grten Freuden. Mit Entzcken erinnre ich mich noch des Tages, wo mir
zum ersten Male recht tief im Busen die durchdringende berzeugung von meiner
schwachen, hlflosen Weiblichkeit wurde. Es war am Morgen nach einem Ballabende,
wo man mich mit den schnsten Artigkeiten berhuft hatte. Da erhielt ich ein
Billet, und sah mich in einer Verlegenheit, die ich mit allem Aufwande meines
bichen Verstandes nicht zu besiegen vermochte, und von welcher ich mir doch
gestehn mute, da ein kluger Mann sie spielend gelst haben wrde. An jenem
Tage gelobte ich mir, nie mich als Opfer meiner Tuschungen bekrnzen zu lassen,
nichts sein und vorstellen zu wollen, als eine untergeordnete, hlfsbedrftige
Frau. Welches Glck, welchen Frieden hat mir diese Erfahrung bereitet!
    Ich erzhle Ihnen dieses nur, um Sie womglich zu berzeugen, da die
Einkehr in uns selbst uns nicht dem Leben entfremdet, uns vielmehr mit freierem
Blicke dem Leben zurckgibt. Was haben wir denn eigentlich, wenn wir nichts
haben, als unsre Irrtmer und den khnen Willen, sie, koste es, was es wolle,
festzuhalten? Ein Trpfchen Wahrheit ist ja mehr wert, als der ganze Strom
selbstgeschaffner Einbildungen, auf dem wir, vertrauen wir demselben unser
Schiff an, wer wei? zu welchen den Ksten gefhrt werden. Knnte ich Sie
berreden, einmal das, was Sie Unmglichkeit nennen, zu besiegen! In jedem
Menschen ist ein grauer Fleck, den wir doch ja nicht mit Blumen berdecken
sollten! Jenseit dieser dunklen Stelle liegt erst unser beres Selbst. Alles,
was Sie, wie Sie sich auszudrcken pflegen, hemmt, empfngt Ihren Ha, aber wenn
ich Ihnen die Frage vorlegte: ob Sie wohl je erforscht haben, was in Ihnen
gehemmt werde? wrden Sie mir Antwort geben knnen, Johanna?
    Die Gegenwart umfngt uns mit den Nebeln augenblicklicher Tuschungen.
Dagegen ist die Vergangenheit ein fester Spiegel, in dem wir unser Antlitz
erblicken knnen. Diesen Spiegel will ich Ihnen vorhalten, so gut ich es vermag.
Vielleicht zeigt er Ihnen, da an Ihrem Anzuge etwas zu ndern sei.
    Als der Herzog mich nach dem Tode seines Vaters heimfhrte, fand ich Sie im
Schlosse. Sie waren der Mittelpunkt des huslichen Lebens gewesen. Die
Dienerschaft hatte Ihnen zu gehorchen, jeder Fremde sah in Ihnen die Dame des
Hauses. Was fr alle Umgebungen seit lange offenbar sein mute, das Geheimnis
Ihrer Geburt, hatte erst kurz vor dem Tode des Vaters aufgehrt, fr Sie
verborgen zu sein. Die Schwachheit entri dem Greise das Wort, welches seine
Liebe zu Ihnen, und den Platz, den er Ihnen eingerumt, erklrte. Er wollte in
Ihnen vor dem letzten Abschiede nicht blo die Tochter seiner Wahl, er wollte in
Ihnen auch das Kind seines Bluts umarmen.
    Ich kam nun an, die junge Frau; in strenger Regel erzogen. Meine Lage war
nicht angenehm. Htte der Vater doch lieber sein Gestndnis mit in die Gruft
genommen! Mich dnkt, es ist nie gut, zu erfahren, da unser Dasein mit den
Einrichtungen der Welt in Widerspruch steht. Sie fhlten sich; was war
verzeihlicher, als da Sie sich in Ihrem natrlichen Rechte zu behaupten
suchten? Sie sind gromtigen Sinns; vielleicht wirkt es auf Sie, wenn ich Ihnen
bekenne, da ich in den ersten Zeiten meines Ehestandes viel gelitten habe. Ich
machte keine Ansprche, aber ich war denn doch die Gattin des Herrn. Und nichts
um mich her war so, wie ich es mochte. Jener Kreis, den Sie herbeigezogen
hatten, er war der nicht, in dem mir das Herz aufging, er konnte nie der meinige
sein. Groe Gaben hat mir der Himmel nicht beschert, aber ich vermag das Wahre
vom Falschen zu unterscheiden, und in Ihrer Gesellschaft, bei dem Anblick der
allgemeinen Klte wehte mich oft ein Schauder des Todes an. Ich beschlo, diese
Menschen zu dulden, aber ihnen entgegenzukommen, mit dem Wunsche, sie zu fesseln
- dazu war ich auerstande. Sie verstanden mein Benehmen unrecht; ich fhlte,
da ich bei Ihnen fr eine stumpfe, neidische Seele zu gelten begann.
    Am besten kommen wir mit denen, die uns nahegestellt sind, aus, wenn wir uns
geradezu entschlieen, sie zu lieben. Ich nahte Ihnen mit dem aufrichtigen
Verlangen nach Ihrer Freundschaft. Ob Sie hierunter irgendeine knstliche
Absicht suchten, wei ich nicht. Genug, ich wurde wieder miverstanden. Sie
wichen mir mit der ganzen Gewandtheit Ihres Geistes aus. Nun konnte ich freilich
nichts weiter tun, als mich auf meinen Gatten und micht selbst beschrnken. Es
kam jene Zeit des gegenseitigen Beobachtens und Deutens, die uns beiden wohl
immer eine trbe Erinnrung sein wird.
    Inzwischen setzte der Herzog, welcher, mit wichtigeren Dingen beschftigt,
auf den geheimen Zwiespalt seiner Frauen nicht achten konnte, die Reformen fort,
welche er nach des Vaters Tode begonnen hatte. Unter den Klagen entlaner
Miggnger, die auf meiner Schwelle lagen, umgeben von verdrielichen
Gesichtern derer, die auf schmalere Bissen gesetzt worden waren, sollte ich ihm
mit Meinung und Rat beistehn, ich, die ich mir selbst nicht zu raten wute, ich,
unter deren Fen der Boden schwankte!




                              (Einige Tage spter)


Am trpfelnden Tage wnschen wir uns klaren Himmel, und wenn dann der schwle
Druck des glhenden Sonnenbrandes auf uns lastet, so htten wir gern die kleine
Unbequemlichkeit wieder. - Jene, mindestens unschuldige Gesellschaft hatte sich
weggewhnt, dafr kam der Verderber ins Haus, und bemchtigte sich Ihrer. Wie
oft wnschte ich, von seiner unheimlichen Nhe bedrckt, mir den Schwarm zurck!
    Ich rede von Medon. Ich frchte ihn nicht, und nichts in der Welt soll mich
abhalten, ber ihn zu sprechen, wie ich denke. Er ist bse, grundbse; er ist
bser als Worte sagen knnen. Dieser Mann hat gewi noch niemand ermordet, aber
er wre imstande, das Menschengeschlecht zu vergiften, um den Raum fr seine
eingebildete Schpfung zu gewinnen. Ich schelte Sie nicht, da Sie in seine
Schlingen gefallen sind - mute ich doch selbst meinen Kopf zusammennehmen, um
nicht von ihm bezaubert zu werden. Aber als ich an hundert kleinen untrglichen
Zeichen sah, da er nur ein Schauspieler, wiewohl ein beraus groer war, da er
mit Wissen, Geschichte, Religion, mit dem Ideellen seiner ganzen Erscheinung
immer auf Effekt abzielte, da ergriff mich auch ein Widerwille gegen ihn, wie
ich ihn noch nie gegen einen Menschen gefhlt hatte.
    Mit Entsetzen bemerkte ich, da Ihre Seele einem solchen Eindrucke nicht zu
widerstehn vermochte. Ich sah Ihr wachsendes Zutrauen, ich sah, - verzeihen Sie
mir, da ich es ausspreche - wie er mit Ihnen spielte. Leider sind wir ja immer
am schwchsten, wenn wir nicht schwach sein wollen. Der Herzog teilte meine
Besorgnisse, die Sie freilich von uns nicht hren mochten. Wir waren nun einmal
in Ihren Augen prosaische Naturen. Ich sah Sie dem Abgrunde zuhpfen, und Sie
stieen mich zurck, als ich Sie aufhalten wollte.
    Was ich lange geahnet, erfolgte endlich: ein auffallender Bruch aller
Verhltnisse. Medon nahm Abschied und reiste; Sie entfernten sich gleichzeitig
ohne Abschied, und ein zurckgelanes kurzes hfliches Billet sagte uns, da Sie
es Ihrer Neigung angemessen fnden, einen andern Aufenthaltsort zu whlen. Seit
dieser Zeit waren Sie fr uns verschwunden. In der alten Burg, wo wir uns auf
unsrer Rckreise aus Osterreich nach Ihnen erkundigten, haben Sie mit ihm unter
fremden Namen einige Monate lang gelebt.
    Betrachtungen ber diese Geschichte anzustellen, halte ich fr berflssig.
Redet sie selbst nicht zu Ihnen, so wrde mein Wort auch kraftlos sein. Nur noch
eins: Nicht die Liebe hat Sie hingerissen. Die Liebe macht still und weich; so
sah ich Sie nie, Sie waren aufgeregt, nicht bewegt. Ihre Unzufriedenheit mit
dem, was Ihnen das Schicksal zugemessen hatte, Ihre Sehnsucht nach der
Ungebundenheit, die nun einmal dem Weibe nicht beschieden ist, fand an Medons
grerer Unzufriedenheit mit den Menschen und mit der Gegenwart, an seinem
Fanatismus fr einen ertrumten besseren Zustand der Dinge, gleichsam die
Beglaubigung, den Anhalt. Aus dieser Sympathie des Mivergngens ist Ihr
Verderben gewoben worden. Die Hand auf das Herz, Johanna, habe ich unrecht?
    Man nennt Sie vermhlt. Das glaube ich nicht. Ein Medon verheiratet sich
nicht. Sie haben Ihr Los jemandem vertraut, der bei seinen Handlungen sehr wenig
an Sie denken wird.
    Kehren Sie zurck, Johanna! Sie wandeln einen schmalen gefhrlichen Weg;
lenken Sie ein in die gebahnte Strae! Kein Blick des Vorwurfs wird Ihnen hier
begegnen. Der Herzog ist Ihnen brderlich gesinnt; die Bitte des sterbenden
Vaters bleibt ihm ein Befehl fr das Leben. Gern wird er Ihnen das Landhaus,
welches Sie liebten, so lange Sie wollen, einrumen. Da knnen Sie in der
Stille, fern von unangenehmen Erinnrungen, sich zurechtfinden, knnen mit uns
wieder anknpfen, wann und wie Sie mgen. Ihr Ruf ist bewahrt; die Freunde
wissen nicht anders, als da Sie eine Reise gemacht haben. Mich sehen Sie erst,
wenn Sie selbst es wnschen. Kehren Sie zurck, Johanna!

Diesen Brief, so freundlich er klang und so innig er gemeint war, hatte die
Herzogin dennoch mit groem Widerstreben geschrieben. Beinahe htte ein Zufall
das mhevolle Werk vernichtet. Sie besa einen zahmen Papagei, der frei im
Zimmer umherspazierte, und von der Gebieterin verzogen, nach der Weise dieser
affenhnlichen Vgel, tausend Possenstreiche ausgehn lie. Er pflegte in der
Regel ernsthaft auf der Lehne ihres Stuhls zu sitzen, wenn sie arbeitete oder
schrieb. Als sie eben mit dem Briefe fertig geworden war, scho er von seinem
Platze auf die Klappe des Sekretrs, hatte den Brief im Schnabel, und war damit
im Umsehn weg. Schon sa er in einer Ecke, bereit, das Papier mit Schnabel und
Krallen zu zerarbeiten. Sie jagte ihm den Raub zwar wieder ab; ob sie aber sehr
gezrnt haben wrde, wenn der Vogel die Vernichtung vollendet htte, steht
dahin.

                               Siebentes Kapitel


Whrend seine Wohltter auf so verschiedne Weise beschftigt waren, lag Hermann
noch immer in der Bewutlosigkeit des Fiebers. Beinahe etwas zu hart war er fr
seinen irrtmlich verwendeten Eifer bestraft worden. Denn der Degen des alten
Raufbolds htte nur noch einen Zoll tiefer zu schneiden gebraucht, so wre die
Leber verletzt gewesen. Eine geraume Zeit lang hatte er ohne Hoffnung gelegen.
Nach und nach kehrte die Besinnung zurck, anfangs wie ein dmmernder Traum,
dann wie ein blasser, zarter Tag.
    Als er die Augen aufschlug, sah er einen ernsthaften Mann an seinem Lager
sitzen, der ihm die Medizin reichte. Er kannte den Mann nicht. Ein andrer
Unbekannter, schwarzlockig, kam und fhlte den Puls. Wo bin ich? fragte er mit
matter Stimme. Bei Freunden, versetzte der Arzt; halten Sie sich ruhig.
    Die nchsten Tage vergingen unter der treuen Obhut jener Mnner. Er hatte
das Gedchtnis eingebt. Als man ihm den Herzog nannte, die kleine Stadt, in
deren Nhe man ihn verwundet gefunden, wute er von nichts. Seine Sinne litten
an krankhafter Reizbarkeit, wenn er etwas Rauhes anfate, schmerzten ihm die
Fingerspitzen, ein hartes Auftreten drhnte ihm im Ohr, das helle Tageslicht
htte er nicht zu ertragen vermocht. Bei der Dmmrung verhangner Fenster bekam
er Zeit, seine Lebensgeister wieder zu sammeln.
    Er fand sich in einem hohen ernsten Zimmer. Alte Stukkatur verzierte die
Decke, von den Wnden hingen schwere, rote Tapeten herab, massive, vorzeitliche
Meubles standen umher. Groe eichne Flgeltren wiesen nach andern Gemchern.
Kaum hallte ein Futritt durch den Gang. Man hatte den Verwundeten absichtlich
im stillsten Teile des Schlosses untergebracht.
    Die Einsamkeit und die altertmliche Umgebung machten einen angenehmen
Eindruck auf ihn, welcher durch die Tne der Orgel, zu bestimmten Morgen-und
Abendstunden aus der nahen Kapelle herberklingend, noch verstrkt wurde.
Wilhelmi und der Arzt erschienen pnktlich mehrmals des Tages, der alte Erich
versah die Aufwartung. Nach und nach traten die Bilder der Tage, welche diesem
einfrmigen Zustande vorhergingen, aus dem Dunkel, aber wie Schatten, ohne
rechten Zusammenhang. Er suchte nach einem festen Punkte, er htte sich um sein
Leben gern auf eine Gestalt besonnen, die ihm nicht erinnerlich werden wollte.
    Einst brachte ihm Wilhelmi eine Schale voll der schnsten Pfirsichen. Diese
Frchte schickt Ihnen die Herzogin, sagte er.
    Die Herzogin! Der Name durchzuckte ihn wie ein Blitzstrahl. Sie war es, die
Gestalt, nach welcher er vergebens bisher gesucht hatte. Nun sah er sie, nun
stand sie vor ihm, in dem feinen, braunen, englischen Kleide; er hrte sie in
der Kapelle ihn zurckweisen, er half ihr vom Zelter, er empfing von ihr das
Geld, Flmmchen zu retten. Alles, jeder Moment war ihm mit einem Schlage
gegenwrtig.
    Wilhelmi lchelte ber die Ausrufungen, welche bei dieser Gelegenheit laut
wurden. Unsre Frstin verdient Ihren Enthusiasmus, sagte er. Sein Sie nur
recht dankbar, wenn Sie Ihr Zimmer wieder verlassen haben werden, sie hat groe
Teilnahme an Ihnen bezeugt. Man hat Sie uns grade zur rechten Zeit ins Schlo
getragen. Wir andern sind mit unsern Geschftsgesichtern jetzt wenig geeignet,
sie zu unterhalten, wie sie es verdient.
    Er lie Hermann allein, der sich in diesen sschmerzlichen Fall nicht zu
finden wute. Aufgedrungen bin ich hier. Welches Geschwtz, da sie teil an mir
nehme? Ja, den Almosenanteil eines gewhnlichen Mitleids! rief er aus. Nicht
lange konnte er dieser Wehmut nachhngen. Die Tre flog auf, und Flmmchen
herein. Trnen im Auge fiel sie ihm zu Fen, drckte und kte seine Hand, und
war wie auer sich vor Freude, da man sie wieder zu ihm gelassen habe. - Ich
hatte das beste Mittel, dich in drei Tagen gesund zu machen, das wollte ich dir
eingeben, da rief mich der bse Doktor von dir, und sie haben mich abgesperrt
gehalten. O, hier ist es sehr hlich, alles so gleich und langweilig, wie im
Grabe, la uns bald fort!
    Sie drckte seine Hand so, da er sie unter empfindlichem Schmerze
zurckzog. Langsam kehrte ihm die Erinnrung an diese Figur wieder. Ich habe
meine Wunde um dich bekommen, welche Not wirst du mir noch sonst verursachen?
sagte er. Wie konntest du so unbesonnen sein, mir als Knabe zu folgen?
    Es war doch gut, da der Knabe bei der Hand war, versetzte sie trotzig.
Du httest sonst unter den Fichten verbluten mssen. Wie sprichst du denn? Ich
dachte, die Schmerzen htten dich vernnftiger gemacht. Wo soll ich anders sein,
als bei dir?
    Es ahnet doch wohl niemand hier dein Geschlecht? Sie sah ihn starr an.
Geschlecht? Was ist das?
    Hermann befahl ihr streng, sich ordentlich zu betragen, und nicht aus dem
Vorzimmer zu weichen. Er drohte ihr mit augenblicklicher Verstoung, wenn sie
mit irgend jemand, auer mit ihm sprche. Traurig, den Kopf hngend, schlich sie
fort. Der Arzt, der ihn schon fr geheilt erklrt hatte, fand ihn gegen Abend
verndert. Gemtsbewegung und Sorge hatten ihn aufgeregt, es meldete sich wieder
ein kleines Fieber. Auf seine Fragen wollte Hermann mit der Sprache nicht
heraus.
    Die Tr zum Vorzimmer war offen geblieben, Flmmchen sa am Tische und
studierte in einem Punktierbuche. Ein verlegner Blick Hermanns auf sie verriet,
woher das Fieber rhre. Der Arzt zog die Tre zu. Beruhigen Sie sich, sprach
er, Ihr Geheimnis mit dem Mdchen ist unentdeckt, und soll unentdeckt bleiben,
wenn Sie vernnftig sind.
    Geheimnis? Mdchen? Ich verstehe Sie nicht, stotterte Hermann.
    Gemach, mein Freund, nur keine Maske. Vor seinem Arzte mu man offen sein,
auch sind wir in solchem Punkte nicht so leicht zu tuschen. Sein Sie unbesorgt,
ich wei es, sonst niemand. Unser Wilhelmi sieht vor der Verderbnis des
Zeitalters im allgemeinen, das besondre Fleckchen zu seinen Fen nicht, dem
Herzog sind alle romantischen Dinge Allotria, um welche sich ein Mann, der
Geschfte hat, nicht bekmmert, und unsre schne frstliche Tugend glaubt an
nichts Schlimmes, weil sie selbst nie einen bsen Gedanken gehabt hat. Die
Kammerjungfer, welche etwas erlauscht haben mute, hat Sie anschwrzen wollen;
sie ist heute als Verleumderin des Dienstes entlassen worden. Da ich es treu
mit Ihnen meine, knnen Sie daraus abnehmen, da ich Ihrem Fritz, oder wie
dieser Jngling sonst heien mag, sein langes Haar, welches leicht zu einer
Entdeckung fhren konnte, habe abscheren lassen. Als Schwedenkopf geht er schon
eher mit durch.
    Um Gotteswillen, urteilen Sie nicht bel von mir! rief Hermann. Ich
brauche mich des Verhltnisses zu jener Unglcklichen nicht zu schmen.
    Ich bin kein Richter, und am wenigsten ein Sittenrichter, erwiderte der
Arzt etwas spttisch. Die Moralitt unsrer Kranken geht uns nichts an. Aber
mein tugendhafter Freund, hier in diesem ehrbaren Altvaterschlosse darf der
Skandal nicht fortgesetzt werden. Denn ein Skandal bleibt es doch immer, wenn
ein verkleidetes Mdchen, welches die Kinderschuhe vertrat, sich bei einem
jungen Manne aufhlt. Nur unter der Bedingung schweige ich, da Sie diesen
Zwitter so bald als mglich fortschaffen.
    Hermann erklrte dem Arzte, da es sein eigner sehnlichster Wunsch sei,
Flmmchen irgendwo sicher unterzubringen. Er wollte ihn ber das Mdchen
ausholen, bekam aber anfangs nur ziemlich ironische Antworten zu hren, welche
deutlich anzeigten, wofr er gehalten werde. Zuletzt gab der Arzt dem Andringen
Hermanns verwundert nach, und rief:
    Entweder sind Sie ein vollendeter Heuchler, oder hier ist etwas, was mir
mein Konzept ber die Menschen verrckt! Wie? Sie sollten von ihr so wenig
wissen, und doch wre sie bei Ihnen? Sie htten sie nicht ihrem Vater entfhrt!
der alte Johanniter htte Sie nicht fr dieses Unterfangen verwundet?
    Wer kann das behaupten?
    Die beiden Alten haben es berall ausgesagt. Ich hatte Mhe genug, die
Sache zu stillen.
    In welcher schrecklichen Verlegenheit befinde ich mich! seufzte Hermann. -
Die Mitteilungen des Arztes flten ihm ein Grauen gegen das Wesen ein, welches
sich so gewaltsam so seinen Spuren nachdrngte.
    Sie ist, berichtete jener, durchaus und bis in die letzte Faser ihrer
Natur Aberglauben, und nie habe ich diese geistige Krankheitsform so rein
auftreten sehn. Ich habe jetzt ber alles, was uns das Mittelalter von Hexen,
Besessenen, Doppelgngern und hnlichen Fratzen erzhlt, durch sie eine andre
Meinung bekommen; diese Dinge waren keineswegs Pfaffentrug; ich sehe an einem
lebendigen Beispiele, da eine verstrte Einbildungskraft alles das hervorrufen
kann. Sie tut keinen Schritt, ohne irgendein willkrliches Orakel zu fragen, sie
hat Visionen, sie fhrt im Mondschein sonderbare Gesprche mit ihrem Schatten,
dabei ist sie durchaus nicht heimlich und verschlossen, nein, man kann ihre
ganze Verkehrtheit in jedem Augenblicke von ihr erfahren, weil die
abenteuerlichsten Dinge ihrem Geiste so gemein erscheinen, wie uns der Wechsel
der Tageszeiten. Ihr Verderben wre sie gewesen, kam ich im rechten Augenblicke
nicht noch dazu. Gerade, als Sie in der heftigsten Fieberhitze lagen, fand ich
sie im Begriff, Ihnen einen Trank einzugeben, der, wie mich die Untersuchung des
Gemisches lehrte, Sie in wenigen Stunden gettet haben wrde. Woher sie die
Spezies bebkommen? Von wem das Zeug bereitet worden? habe ich nicht ausmitteln
knnen. Zuflligerweise geriet mir kurz nachher eins jener alten verworrnen
Bchelchen aus dem siebenzehnten Jahrhundert in die Hnde, worin allerhand
Phantastereien als Naturkunde prunken, und darin fand ich das Arkanum Ihrer
unberufnen Helferin als allgemeinen Lebensbalsam Gran fr Gran verordnet.
    Aber wie ist nur eine solche Verbildung mglich geworden?
    Fragen Sie mich in Ernst, so kann ich darauf nur Mutmaungen mitteilen. Sie
wuchs auf unter Leuten, deren eigentliches Geschft es ist, alle ihre Stunden in
Schein und Schaum zu verzetteln. Denken Sie sich lebhaft das Innere einer
Komdiantenwirtschaft, und Sie haben das Bild der Gemeinheit und faselnden
Dmelei, von welcher das Kind immer umgeben war. Die Einbildungskraft berragt
in ihr alle andern Vermgen, dabei fehlt ihr das Talent der Nachahmung, woraus
die Schauspielkunst entspringt. Es mangelte ihr also in jenem Kreise die
Mglichkeit, mit dem ueren, Wirklichen anzuknpfen. Sie ist sehr unwissend,
Lesen und Schreiben hat man sie zur Not gelehrt, brigens wei sie von dem
Zusammenhange der Dinge nichts, und alles berirdische ist ihr vllig fremd.
    Gleichwohl will ein lebhafter Sinn, eine entzndliche Phantasie
Beschftigung. Frh mgen ihr manche Sachen in die Hnde gefallen sein, die im
verflossenen Jahrzehnt Mode waren; jene talentvoll-bizarren Ausgeburten eines
vielgelesenen Autors, worin das Mrchenhafte, ja das ganz Unmgliche und
Widersinnige dicht an die tgliche Umgebung geschoben wird. Fabeln, die aus
fabelhaftem Rahmen blicken, wren wohl kaum imstande gewesen, die junge Trin so
zu verwirren, aber diesen alten Weibern, welche so vertraut an der und der
Straenecke sitzen, und dann pltzlich Gott wei was? werden, diesen Koboldchen
und Diavolinis in Schlafrock und Pantoffeln, vermochte das Gehirnchen keinen
Widerstand zu leisten. Sie hat sich eine Art von Fetischismus gebildet, und es
ist mir oft merkwrdig gewesen, an ihr dasselbe wahrzunehmen, was man uns von
den Vlkern erzhlt, die sich noch auf der Stufe der Kindheit befinden. Im
ganzen bemerkte ich nmlich auch an ihr, da alle Religion aus dem Schrecken
entspringt, und da der Mensch das Gute und Angenehme als sich von selbst
verstehend, hinnimmt. Der groe Stein im Schlohofe, an dem sie sich im Sprunge
den Fu verletzte, ein alter fauler Weidenbaum, der ihr, als sie sich eines
Abends versptet hatte, zum Entsetzen ins Auge glhte, die verwitterten, in den
dunklen Gang nach dem Archive beiseite geschafften Gartenstatuen, sind die
Gegenstnde ihrer heimlichen, frchtenden Verehrung; whrend sie bei keiner
Blume an etwas andres denkt, als da sie wohl rieche, den Sonnenschein und die
gute Speise geniet, ohne darber nachzusinnen, woher beides stamme.

                                 Achtes Kapitel


Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Glck sein. Unser Leben wird zur
greren Hlfte von Gewohnheiten, und nur zur kleineren von Freiheit und
Entschlu genhrt. Gewohnheiten aber sind meistens die Polster, welche die
schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen. Eine Krankheit unterbricht nun
den einschlfernden Gang dieser Nachgiebigkeiten, und macht es dem Genesenden
mglich, sich nicht blo im krperlichen, sondern auch in einem hheren Sinne,
wie neugeboren zu fhlen.
    Wirklich nahm sich Hermann in den ersten Tagen des wiedergeschenkten Lebens
ernstlich vor, knftig vorsichtiger zu sein. Die uerungen des Arztes hatten
schon ein unangenehmes Streiflicht auf seine Ritterschaft geworfen, und
Flmmchens eigne Reden dienten nur dazu, den Tag heraufzufhren, bei dessen
Glanze er sich zuletzt wie ein zweiter Don Quixote vorkommen mute. Das wilde
Mdchen hatte gar kein Hehl, da sie sich blo vor der Strenge des alten
Johanniters gefrchtet habe. Ihre Tugend war durchaus nicht in Gefahr gewesen,
das sah ihr Beschtzer nunmehr zu seinem Leidwesen ein. Es war ihm
unbegreiflich, wie sich ein solches Hirngespinst in ihm hatte festsetzen knnen,
und er beschlo, hinfort noch klter und klger zu sein, als er nach seiner
berzeugung bereits war.
    Die Lage, in der er sich trotz aller Unschuld befand, war sehr zweideutig.
Ein junges Mdchen, verkleidet, Tag und Nacht in seinem Vorzimmer zu wissen;
welches Migefhl fr ihn, welch ein Anla zu den belsten Verwicklungen! Aber
wohin sollte er mit dem Kinde? Vom Pflegevater, an den er gleich geschrieben,
hatte er eine in schwlstigen Ausdrcken verfate ablehnende Antwort erhalten.
So grausam durfte er nicht sein, ein verlanes Wesen von sich zu stoen; und
konnte er hoffen, da jemand sich mit dem verwahrloseten Geschpfe befassen
werde?
    Diese Sorgen hielten ihn mehrere Tage lang zwischen Furcht und Zweifel
gespannt. Niemand konnte er sich vertraun. Dabei war ihm der Mangel an aller
ordentlichen Bedienung uerst lstig. Sein Kaleb war ohne Ohr fr die Stunde,
ohne Sinn fr Ordnung, warf alles unter- und bereinander, und wenn er ihr
Anweisungen gab, oder Strafpredigten hielt, so fiel sie ihm um den Hals, statt
zu gehorchen. Er war daher fast allein auf sich und seine Hnde beschrnkt, und
dazu kam noch, da schon ihr Geschlecht ihm verbot, manches von ihr zu fordern,
dessen ein Genesender bedarf. Der Arzt, der allein hier htte einschreiten
knnen, schien, voll Schadenfreude, kein Auge fr diese Verlegenheiten zu haben.
    Konnte ihm etwas seine verdrieliche Situation ertrglich machen, so war es
der Umstand, da das Mdchen ber alles, was Lsternheit oder nur Sinnlichkeit
heien mochte, in vlliger Unbekanntschaft lebte. Er sammelte hierber
merkwrdige Erfahrungen ein, und mute die ewige Konsequenz der Natur bewundern,
welche immer nur in einer Richtung bildet und mibildet. Whrend ihre Phantasie
ganz vom Abenteuerlichen und Seltsamen geschwngert worden war, blieb sie rein
von allen den Dingen, womit sich sonst in den Jahren der Entwicklung ein stilles
und gefhrliches Nachsinnen zu beschftigen pflegt. Mit dem Gedanken, da er sie
heiraten werde, woran sie starr und steif festhielt, verknpfte sie keine andre
Vorstellung, als da sie sich neben ihm in weichgepolsterter Kutsche wiegen,
oder den Schmuck einer vornehmen Dame am Halse tragen werde.

Eines Tages war er auf einen Augenblick ins Freie gegangen, und fand sie, als er
zurckkehrte, nicht in ihrem Vorzimmer. Am Pfosten des Bettes hing ein
Tschchen, wie es schien, vollgestopft. Ein Buch, das hervorsah, machte ihn
neugierig; er nahm das Tschchen und leerte es aus. Da zeigte sich ein
sonderbarer Inhalt. Allerhand Dornen, Stbchen, beschmutzte Bilder,
halbzerbrochne Whistmarken kamen zum Vorschein. Ein sogenannter Krtenstein
wurde sichtbar, nebst Stcken von einem Kindesschdel. Er sah ein Band von
ungewhnlicher Farbe, auf dem fremdartige Charaktere eingestickt waren,
vermutlich das Ordensband einer Loge, irgendwo verlorengegangen. Er ffnete ein
zugenhtes Sckchen; dieses fand er mit Salz und Kmmel angefllt1. Er schlug
die Bchlein auf, welche das Tschchen enthielt, und sah die Vermutung des
Arztes besttigt. Es waren einige von den Sachen, die vor Jahren die
Einbildungskraft aller jungen Leute so sehr in Bewegung setzten: die
Teufelselixiere, der Goldne Topf, Rasmus Spikher u.a.m. teils vollstndig,
teils in zerlesenen Bogen und Blttern.
    Er hielt also den Kram in Hnden, welcher das Gehirn des armen Kindes
verdreht hatte. Mit der Vertilgung dieser uerlichen Dinge meinte er den
Aberglauben an der Wurzel zu zerstren, und warf daher alles rasch in das
herbstliche Kaminfeuer.

                                Neuntes Kapitel


Eine geheime Scheu hatte ihn noch immer abgehalten, sich seinen Wohlttern
vorstellen zu lassen, obgleich er das lebhafteste Verlangen empfand, der edlen
Herzogin wieder in das Antlitz zu sehn. Er errtete, wenn er ihrer gedachte, und
verschob den Tag des Besuchs von Woche zu Woche, unter dem Vorwande, da er noch
zu angegriffen sei, um in Gesellschaft erscheinen zu knnen, obgleich der Arzt
ihm lngst alle Rechte der Gesunden eingerumt hatte. Diesem Manne mute er sich
dankbar und verpflichtet fhlen; dennoch empfand er kein Behagen an seinen
Gesprchen. Der Arzt hatte seine Wissenschaft mit Geist und Freiheit studiert,
die verwandten Naturgebiete waren von ihm in den Kreis der Betrachtung gezogen
worden, er teilte sich gern und ausfhrlich mit. Aber freilich hatten diese
Studien die gewhnliche Folge gehabt. Dem Eingeweihten war das animalische Leben
die Hauptsache geworden. Von Natur zweiflerisch gesinnt, hatte er durch ein
wundes Verhltnis welches ihn heimlich peinigte, einen noch schrferen Blick fr
den Zwiespalt der einzelnen Dinge bekommen. Alles Geistige und Gemtvolle fand
an ihm einen entschiednen Verneiner, der die tzendsten Einwrfe im ruhigsten
Tone vortrug.
    Jene trostlose Meinung, da der Mensch sich nur durch eine Art von hherem
Instinkt ber das Tier erhebe, trat hier in reiner ausgeprgter Gestalt auf. Der
Arzt war unerschpflich in Beispielen, welche beweisen sollten, da alles
ideelle Streben der Menschheit und des Menschen immer nur zur Torheit oder zum
Verbrechen gefhrt habe, da der Kreis, in welchem sich die Geschlechter
umherdrehn, ein beraus kleiner sei, und da nur die unermdliche Einbildung der
Selbstgeflligkeit ihn zu einem groen erweitre, oder seine Peripherie in die
beliebte grade Linie nach dem sogenannten Ziele der Vollkommenheit verwandle.
    Hermann hatte sich, wie wir wissen, selbst fr einen frhreifen Propheten
des Nihilismus gehalten. Wie aber das Licht der Kerze neben der Strahlenglut der
Sonne erbleicht, so schmilzt die Spielerei eines angeeigneten Wahns am Feuer
einer echten Gesinnung. Er bestritt den Arzt mit allen Waffen, die ihm zu Gebote
standen, und fhrte die Sache der Begeistrung, so gut er konnte. An Eifer fehlte
es ihm nicht, aber die Rstkammer, welche fr solchen Streit nur in der
Geschichte oder in dem eignen, auf groe Weise gefhrten Leben anzutreffen ist,
war ihm verschlossen. Sein Leben, wenn er es grndlich untersuchte, erschien ihm
ziemlich dnn, und die Geschichte hatte er, wie er zu seinem Schrecken bemerkte,
ber der Beschftigung mit den Zeitungen bis auf einige allgemeine Umrisse fast
vergessen. Der Flle von Stoff, welche der Arzt phalanxartig ihm entgegensetzte,
wute er selten auslangend zu begegnen, und mute sich eines Tages, als jener
jede eigentliche Freundschaft bestimmt leugnete, und mit grausamer Deutlichkeit
alle Verbindungen unter Mnnern aus dem Interesse ableitete, mit dem Argumente
der Frauen helfen; da er trotz allem Gesagten doch fhle, es sei anders und
besser.
    Orest und Pylades, Damon und Pythias gehren in das Reich der Fabeln,
sagte der Arzt. Wenn es wahr ist, was man von Jonathan erzhlt, so sehe ich
darin nichts Groes. Er wute recht wohl, da er von seinem Vater Saul wenig zu
befrchten habe, und da es immer vorteilhafter sei, sich zur aufgehenden Sonne
zu halten, als zur sinkenden. Und so geht es noch heutzutage. Wie empfindsam
wurde der Gttingische Dichterbund ausgeputzt! Die Jnglinge umarmten einander
unter der Bundeseiche unweit der Leine, hoben die Finger empor und leisteten den
Schwur ewiger Treue, Klopstock erschien in ihren Versammlungen als Oberpriester
und Erzdeutscher; wie schn, wie erhebend! Die Treue hielt auch vor, solange
einer vom andern regelmig seine Ode empfing; als aber dieser Tauschhandel
wechselseitiger Begeistrung flau ward, schlief die Liebe allgemach ein, und an
ihrer Sttte erwachte ein grimmiger Ha, der noch nach Jahren gedruckt
hervorbrach, und von dem wenigstens ich den Grund nur darin finde, da Vo
Stolberg und Stolberg Vo zu besingen berdrssig geworden war. Glauben Sie mir,
die Sache steht, nchtern betrachtet, so: Jugendfreundschaften dauern nie aus,
und was in den spteren Jahren Freundschaft genannt wird, bezieht sich auf
Sachen und Zwecke, nicht auf die Person. Wenn man aufrichtig sein will, so wird
man sich gestehen mssen, da ein Mann immer vor dem andern im letzten Winkel
seiner Seele einen geheimen Widerwillen behlt. Auch in dieser Hinsicht sollten
wir uns von unsern Mitgeschpfen nicht so weit entfernt glauben. Der
Soziettstrieb lt sich nicht leugnen; er ist aber auch in den Ameisen und
Bienen, in der Wanderratte, und unter den Vgeln, in den Krhen und Staren
sichtbar. Die Freundschaft soll, wenn sie echt ist, reingeistiger Natur sein,
nun frage ich: wie kann sie also uns, die wir in Haut und Knochen, Fleisch und
Sehnen hangen, eignen?
    Mit solchen Reden kann man freilich den Frhling entlauben, die Menschheit
entmenschen, und den Himmel entgttern! rief Hermann. - Sie selbst aber sind,
wie alle Verkndiger des Nichts, Ihr eigner Widerleger. Sie fhlen sich zu
andern hingezogen, ohne Eigennutz; Sie haben Zuneigungen, die um ihrer selbst
willen vorhanden sind, ohne Rcksicht auf Vorteil, oder sonstige unedle Motive.
- Was wollen Sie damit sagen? fragte der Arzt verlegen.
    Ich bin geheilt. Ihr Amt hat bei mir aufgehrt, versetzte Hermann warm und
eifrig. Dennoch kommen Sie tglich zu mir. Ich wei, da ich Ihnen nichts
bieten kann, was Ihren Verstand beschftigte. Und doch kommen Sie, und wir sind
stundenlang zusammen. Soll ich aus dieser Annherung, wodurch Sie mich hchlich
ehren und erfreun, die Folgrung gegen Sie machen, oder bernehmen Sie dies nun
selbst?
    Ich mu ja wohl, erwiderte der Arzt, indem er beruhigt Atem schpfte, und
seine Hand aus der Hand Hermanns, ohne dessen Druck zu erwidern, zurckzog. Er
sprach von andern gleichgltigen Dingen, konnte aber ein Lcheln nicht
verbergen, womit er hin und wieder unsern Freund von oben bis unten betrachtete.
Beim Abschiede sagte er: Sie glauben nicht, wie unsereinen, jetzt, wo man fast
nur eingebildete Kranke unter Hnden hat, ein wirkliches groes bel, wie das
Ihrige war, anzieht. Und dann sah ich, als ich Sie baden lie, da Sie den
schnsten normalsten Krper besitzen, den ich je erblickte. Ich mu gestehn, da
mir ein solcher Leichnam noch nie auf dem anatomischen Theater vorgekommen ist.
    Hieraus merkte denn Hermann freilich, da er dem Arzte mehr ein
pathologisches Objekt sei, als ein Gegenstand der Zuneigung. Verstimmt und
traurig fand ihn Wilhelmi, der in der Regel gegen Abend kam, mit ihm Schach zu
spielen. Zu diesem zog ihn die Sympathie in dem Mae hin, als ihn der Arzt
abstie. Auch hier trat ihm eine verzweifelnde Ansicht des Lebens entgegen, aber
die Verzweiflung entsprang aus dem fruchtlosen Suchen nach der irdischen
Erscheinung der himmlischen Urania. Wilhelmi gehrte zu den vielen Deutschen,
bei denen der Sinn die Tatkraft berwiegt. Es scheint fast, da man mit einem
gewissen Leichtsinn handeln msse, um eigentliche Resultate zu erblicken. Er war
mit seinem bedeutenden Verstande, mit seinen Kenntnissen und Gesinnungen doch
nur in kleinliche Verhltnisse geraten; unter Zaudern und Whlen waren ihm die
besten Lebensjahre verstrichen. Nun war er der Diener eines abgelegen hausenden
Dynasten, und konnte sich in dieser Stellung unmglich gefallen. Aus dem
Miverhltnis, in welchem er sich zu seinem Geschicke fhlte, erwuchs ihm das
Gefhl fr das allgemeine Miverhltnis in der Welt, ein Gefhl, welches durch
krperliche Leiden noch geschrft wurde. Unzufrieden mit allem, was er in der
Wirklichkeit sah, erbaute er sich eine Art von Traumwelt, und suchte sich in
allerhand Willkrlichkeiten eine problematische Existenz zu grnden, da das
Leben ihm die Mittel zu einer andern nicht bieten wollte.
    Die Jugend hat einen natrlichen Hang, die Welt anzuklagen, um das Recht zu
bekommen, sie zu verbessern, und wer diesen Ton voll und stark erklingen lt,
wird ihr immer angenehm sein. Hermann hatte von dem ernsten verdrielichen Manne
eine hohe Meinung gefat, und berbot sich mit ihm in Reden gegen die Menschheit
und Zeit, wo es sich denn oft ergab, da er ber das Ganze grade das Gegenteil
von dem sagte, was er kurz vorher dem Arzte gegenber im Einzelnen aufrecht zu
erhalten versucht hatte. Der Schimmer des Geheimnisvollen, welcher Wilhelmi
umwebte, vermehrte nur den Eindruck seiner Persnlichkeit. Hermann hatte
bemerkt, da wenn er jenen nach seiner Wohnung im ltesten Teile des Schlosses
begleitete, er nicht in das eigentliche Arbeitszimmer des Freundes gelassen,
sondern in einem Vorgemache abgefertigt wurde. Die Spttereien des Arztes ber
die Hhle des Sehers, welche kein Profaner betreten drfe, reizten seine Neugier
nur noch strker, und er sprte mehrmals die Versuchung, wenigstens durch das
Schlsselloch in das Mysterium zu blicken, wenn Wilhelmi, ihn zurcklassend,
durch die Pforte abschritt, um ein Buch, oder sonst etwas, worauf die
Unterhaltung gefhrt hatte, zu holen.
    Wilhelmi seinerseits erfreute sich endlich eines geduldigen Zuhrers, ja
einer zweiten Stimme in dem Konzerte, welches er so gern anstimmte, und in dem
er bisher fast immer nur Solo hatte spielen mssen. Aus dem Zusammenreden
entstand bald ein Zusammenempfinden, und da Hermann ihm mit wahrer Liebe
entgegenkam, so konnte ein aufrichtiges Wohlwollen des lteren Mannes nicht
ausbleiben. Dieser nahm sich im stillen vor, eine Lieblingsgrille, welche er
noch niemand zu erffnen gewagt hatte, mit seinem jungen Freunde auszufhren.
    Als einige Partien gemacht worden waren, in denen sich Hermann heute
ziemlich schwach verhalten hatte, stand Wilhelmi auf, ging mit feierlichem
Anstande durch das Zimmer, trommelte sodann auf den Fensterscheiben, und sagte
und tat hiernchst gewisse Dinge, die nicht verraten werden drfen. Seine
Mutmaung besttigte sich. Hermann antwortete, wie er mute, und beide
schttelten einander als Brder einer weit verbreiteten Genossenschaft herzlich
die Hand. Kommen Sie, sagte Wilhelmi, ich habe Ihnen etwas zu vertraun.
Erwartungsvoll folgte Hermann seinem Verbndeten durch die langen Gnge des
Schlosses. Es war schon spt, und die Futritte hallten auf dem Estrich.
Wilhelmi nahm in seinem Vorzimmer zwei Armleuchter vom Tische, zndete die
Kerzen an, und hie mit dem Ernste eines Magus Hermann in das Allerheiligste
treten.
    Wir meinen das Studierzimmer. Hier wurde freilich die Erwartung des Gastes
enttuscht. Er sah nichts, als eine Art Faustischer Zelle, wie sie zu jedem
deutschen Gelehrten herkmmlich gehrt. Bcher standen auf Brettern, die vom
Fuboden bis zur Decke emporreichten, Glasschrnke mit Antiquitten und
allerhand Seltenheiten nahmen den brigen Raum ein, jede etwa noch leere Stelle
an der Wand war mit einem Kupferstiche, einer Zeichnung, oder einem Risse
zugedeckt. Man konnte sich kaum umdrehn. Vergebens aber sphte Hermann nach
Geheimnissen. Warum halten Sie dieses Zimmer so verborgen? fragte er
ungeduldig seinen Wirt, der mit ngstlicher Sorgfalt einige Federn, die von dem
ein fr allemal angewiesenen Orte gewichen waren, zurechtlegte.
    Hier ist der einzige Raum auf der Welt, wo ich frei Atem hole, versetzte
Wilhelmi. Zwischen diesen vier Wnden liegt mein Asyl; hier kann ich sein, wie
ich will, und nur mein innigster Freund soll dieses kleine Knigreich mit mir
teilen. Kein kaltes, kein freches Gesicht stre den Frieden, der hier mich
umsuselt! Hier bleibe es Ordnung, wenn die Unordnung drauen auch noch so gro
wird.
    Wirklich schien dieses Gemach, so berfllt es war, ein Heiligtum saubrer
Genauigkeit zu sein. Kein Stubchen wre wegzublasen gewesen, denn Wilhelmi
fegte selbst mehrmals des Tages alles ab, und dem Diener war nur erlaubt, den
Grund zu kehren. Symmetrisch geordnet lagen und standen auf dem Schreibtische
Papiere, Federmesser, Brieffalzer in abgemener Entfernung voneinander, umsonst
wrde ein Maler hier das Modell zu der reizenden Verwirrung eines Stillebens
gesucht haben. In Reihe und Glied schnurgrade standen die Bcher, von himmelblau
angestrichnen Brettern hoben sich die Raritten hinter wasserhellen Scheiben
nett und deutlich ab.
    Helfen Sie mir! sagte Wilhelmi zu Hermann, der die Totenurnen, die
Elfenbeinsachen in den Schrnken, die Zeichnungen und Risse an den Wnden
betrachtete. Sie gingen in ein Seitenkabinett, und Wilhelmi schlug den Deckel
von einem groen Kasten zurck. Mit Verwundrung sah Hermann darin einen
vollstndigen mystischen Apparat.
    Als sie ihn auspackten, horchte Wilhelmi auf. Mir war es, sagte er, als
hrte ich ein Gerusch. Im Zimmer war aber nichts zu erblicken. Vorsichtig
schlo er die Tre nach auen ab.
    Hierauf schmckten beide das Zimmer in seltsamer und geheimnisvoller Weise
aus. Tun wir auch recht? fragte Hermann bedenklich. Es ist auf kein Schisma
abgesehn, versetzte Wilhelmi, ich stelle diese Zeichen nur um uns her, unsre
Gedanken von der gemeinen Alltglichkeit abzusondern, die leider in jedem
Momente sich aufdrngt. Er nahm in einem thronartigen Lehnstuhle Platz, Hermann
mute sich gegenber auf einem Tabouret niederlassen. Er war sehr gespannt auf
das, was aus diesen Anstalten sich entwickeln werde. Wilhelmi begann seinen
Vortrag folgendermaen.

                                Zehntes Kapitel


Wir knnen nicht leugnen, da ber unsre Hupter eine gefhrliche Weltepoche
hereingebrochen ist. Unglcks haben die Menschen zu allen Zeiten genug gehabt;
der Fluch des gegenwrtigen Geschlechts ist aber, sich auch ohne alles besondre
Leid unselig zu fhlen. Ein des Wanken und Schwanken, ein lcherliches
Sichernststellen und Zerstreutsein, ein Haschen, man wei nicht, wonach? eine
Furcht vor Schrecknissen, die um so unheimlicher sind, als sie keine Gestalt
haben! Es ist, als ob die Menschheit, in ihrem Schifflein auf einem
bergewaltigen Meere umhergeworfen, an einer moralischen Seekrankheit leide,
deren Ende kaum abzusehn ist.
    Man mu noch zum Teil einer andern Periode angehrt haben, um den Gegensatz
der beiden Zeiten, deren jngste die Revolution in ihrem Anfangspunkte
bezeichnet, ganz empfinden zu knnen. Unsre Tagesschwtzer sehen mit groer
Verachtung auf jenen Zustand Deutschlands, wie er gegen das letzte Viertel des
vorigen Jahrhunderts sich gebildet hatte, und noch eine Reihe von Jahren
nachwirkte, herab. Er kommt ihnen schal und drftig vor; aber sie irren sich.
Freilich wuten und trieben die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt;
die Kreise, in denen sie sich bewegten, waren kleiner, aber man war mehr in
seinem Kreise zu Hause, man trieb die Sache um der Sache willen, und, da ich
bei der Schutzrede fr die Beschrnkung mit einem recht beschrnkten Sprchlein
argumentiere: der Schuster blieb bei seinem Leisten. Jetzt ist jedem Schuster
der Leisten zu gering, woher es auch rhrt, da kein Schuh mehr uns bequem
sitzen will.
    Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und
tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die
groe Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Vter von ihren Htten und
Httchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schtzen zugefhrt, welche nun
auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die
geringe Fhigkeit wenigstens die Scheidemnze jeder Kunst und Wissenschaft zu
erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wie mit
fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer rmer. Aus dieser
Bereitwilligkeit der himmlischen Gttin gegen jeden Dummkopf ist eine ganz
eigentmliche Verderbnis des Worts entstanden. Man hat dieses Palladium der
Menschheit, dieses Taufzeugnis unsres gttlichen Ursprungs, zur Lge gemacht,
man hat seine Jungfrulichkeit entehrt. Fr den windigsten Schein, fr die
hohlsten Meinungen, fr das leerste Herz findet man berall mit leichter Mhe
die geistreichsten, gehaltvollsten, krftigsten Redensarten. Das alte schlichte:
berzeugung, ist deshalb auch aus der Mode gekommen, und man beliebt, von
Ansichten zu reden. Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit,
denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehn, von denen man redet,
und womit beschftigt zu sein, man vorgibt.
    Wie wahr! Wie haben Sie so ganz recht! rief Hermann, den Redner
unterbrechend, aus. Die Gedanken, welche Wilhelmi vortrug, hatten ihn in die
hchste Bewegung versetzt.
    Jener fuhr fort: Ich mu Ihnen gestehn, da mich die Betrachtung der
allgemeinen Schwtzerei oft der Verzweiflung nahe gebracht hat. Wenn ich rings
um mich nichts als das lose lockre Plaudern vernahm, wenn ich Kunstvereine mit
pomphafter Ankndigung von Leuten stiften sah, die kalt an den Werken des
Raffael vorbergehn wrden, zeigte man ihnen diese, ohne den Namen des Meisters
zu nennen; wenn ich hrte, da habe wieder einmal einer, vom innern Drange
getrieben, das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt, von dem ich recht wohl
wute, da es mit dem religisen Bedrfnisse bei ihm betrbt stand, da er nur
ein leichter nachgiebiger Weltcharakter war, wenn die Schneeflocken des
politischen kalten Brandes mir aus dem Munde solcher entgegenstubten, von denen
ich voraussehen konnte, sie wrden nicht der kleinsten Aufopfrung fr ein
Gemeinwesen fhig sein, dann, mein junger Freund, hatte ich Momente, in denen
ich mir htte das Leben nehmen knnen! Ich betastete mich und fragte: Bist du
nicht auch ein Schemen, der Nachhall eines andern selbstndigen Geistes? Ich
grub in die letzten Tiefen meiner Seele, und suchte nach der Affektation, die,
das wute ich wohl, in irgendeinem verborgnen Winkel bei mir ebenfalls lauern
mute. Ich sah ja alles verflscht, vom armseligen Journalisten und seinem
Handlanger an, die beide mit entwendetem Tiefsinn und geraubtem Scharfblick nur
ihr trostloses Leben fristen, und ihre winzige Persnlichkeit bemerkbar machen
wollen, bis hinauf zum Frsten, dem ein faselnder Minister allerhand
unregentenhafte Kostbarkeiten vor dem Volke in den Mund legt. Sollte ich denn
allein eine Ausnahme machen?
    Sie sind eine! rief Hermann begeistert, Wilhelmin feurig die Hand
drckend. Wir leben in einer erbrmlichen Welt, und man mchte mit Feuer und
Schwert darein wten!
    Da wrden wir nebenher auch verzehrt. Nein, bei uns mssen wir beginnen,
und mit unsrem Selbst den ersten Baustein zum Tempel der neuen Andacht tragen;
Lege den Gehalt einer Gesinnung auch in das kleinste Tun! Sprich nichts, als was
du wirklich gedacht hast! Sei wahr in jedem Atemzuge! Nach diesen drei
Vorschriften lassen Sie uns jeden Moment unsres Daseins prfen, und wenn wir
selbst auf solche Weise streng gegen uns sind, dann haben wir die Befugnis,
unerbittlich gegen andre zu sein. Antworten Sie mir! Sind Sie durchdrungen von
dem, was ich uerte? Haben Sie den Mut, mit mir auf der neuen dornigen Bahn zu
wandeln?
    Ja! war alles, was Hermann vorbringen konnte. Sein ganzes Leben ging in
diesem Augenblicke ihm vorber. Er fhlte, wie oft er die Fehler und
Zweideutigkeiten sich hatte zuschulden kommen lassen, die Wilhelmi so scharf
rgte. Die Sucht zu glnzen und zu scheinen, war ihm leider nicht fremd
geblieben. Er gelobte sich mit stillem Schwure, ein andrer und berer zu werden.
    Wilhelmi nahm einige Zeremonien vor, die wir unbeschrieben lassen. Dann
umarmte er den Neophyten, und rief: So nehme ich dich denn auf, mein Bruder, in
den neuen Grad, den ich hiemit stifte!

                                Eilftes Kapitel


Der Orden, dem Sie und ich angehren, wird bestehn, solange die Welt besteht,
denn seine Formen sind ewig und unsterblich. Aber der Stoff, der in das Gef
getan wird, veraltet von Zeit zu Zeit, oder verbraucht sich ganz und gar, und
auf diesem Punkte stehn wir jetzt. Was soll uns die Humanitt, die einst in
unsern geweihten Hallen zuerst ihr stilles Reich grndete? Leider sind wir
drauen nur gar zu human geworden. Ein neues Licht tut uns not, dafr wollen wir
Lehrlinge suchen, stufenweise sollen sie zu der Erkenntnis gefhrt werden, da
die Menschheit eine Masse ist, welche der Verwesung entgegengeht, wenn nicht
rasch eingeschritten wird. Das sei fortan das Geheimnis unsrer Bruderschaft, und
in diesem Sinne helfen Sie, mein Freund, den Orden ohne Feindschaft und ohne
Kampf in seinem innersten Wesen verjngen.
    Hermanns Busen schwoll von Entschlssen. Er wnschte sich die schwersten
Proben, um den neugewonnenen Sinn fr Wahrheit krftig zu bettigen.
    Wir werden keinen leichten Stand haben, fuhr Wilhelmi fort. Neben der
Schminke und dem Firnis der andern wird sich unsre Art arm und einfltig
ausnehmen. Jeder gibt sich fr mehr, als er ist, wir, die wir uns nur zeigen
wollen, wie wir sind, werden auch das Wenige nicht gelten, was wir sind.
Schlicht und vernnftig sein, heit heutzutage dumm sein, und wer handelt, ohne
Prtensionen zu machen, kann darauf rechnen, bersehn oder gar verachtet zu
werden.
    Ist es zu irgendeiner Zeit anders gewesen? rief Hermann. Wollen wir es
besser haben, als die tausend Mrtyrer vor uns, welche auch litten und bluteten,
weil sie sich nicht entschlieen konnten, die Gebrechen ihrer Mitwelt zu
teilen?
    Jetzt raschelte es hinter dem Postamente der groen etrurischen Vase in der
Ecke ganz vernehmlich. Wilhelmi und Hermann sahen nach und standen beide starr
vor Erstaunen und Schreck. Flmmchen sa hinter dem Postamente. Sie warf sich
zitternd auf die Knie, und rief: Vergebt mir, ich konnte mich nicht halten;
schon lange wute ich, da der Schwarze ein Hexenmeister sei, es zog mich hinter
euch her, als ihr fortschlicht.
    Nur erst das hier weg! rief Wilhelmi. Beide packten die Heiligtmer
strmisch auf und warfen sie unordentlich in das Seitenkabinett. Unterdessen
huschte Flmmchen durch die Stube nach der Tre, um zu entfliehn. Wilhelmi
bemerkte es, eilte ihr nach, und hielt sie beim Arm zurck. Du gehst nicht von
der Stelle, bis du gebeichtet hast, sagte er. Ungezogner Knabe, wie hast du
dich erkhnen drfen, hier einzudringen? Was hast du gesehn? Was hast du
gehrt? - Alles! stotterte Flmmchen. Mach mich nur nicht tot! Du hast mit
meinem Zuknftigen ein Verbndnis gestiftet, und ihn die Knste gelehrt, den
Teufel zu zwingen, da er allen Leuten den Mund aufbricht, damit sie die
Wahrheit sagen!
    Hermann mute ungeachtet des Ernstes der vorhergegangnen Szene lcheln.
Wilhelmi schlug sich vor den Kopf, und sagte franzsisch: Wenn der Junge
ausplaudert, was er erlauscht hat, so werden wir vor dem Herzoge, dem alle
hhere Dinge eine Torheit sind, zum Gesptte!
    Benutzen Sie seinen Aberglauben, ihm die Lippen zu versiegeln, versetzte
Hermann ebenfalls franzsisch.
    Flmmchen sah sie beide ungewi und furchtsam an. Wilhelmi fate sie am
Kinn, hob ihr den Kopf in die Hhe und sagte in einem ruhigeren Tone: Es ist
wahr, da ich manches verstehe, was kein Mensch sonst wei. Wenn du aber von
dem, was du hier beobachtet hast, eine Silbe verrtst, so dreht dir der Teufel
im nmlichen Augenblicke den Hals um!
    Flmmchen legte den Finger auf den Mund, reckte ihn dann wie zum Schwure in
die Luft, und sagte: Wenn ich etwas sage oder merken lasse, so will ich des
Todes sein auf der Stelle. Was denkst du auch von mir? Werde ich mich gegen euch
auflehnen? Wei ich nicht, da, wenn ihr durch das Bild stecht, den Menschen der
Schlag rhrt, da ihr eure Feinde totbeten, oder bei lebendigem Leibe verwesen
machen knnt? - Sie lehnte sich an ihn, und flsterte mit dem
zrtlich-schmeichelnden Ausdruck, der ihr eigen war, wenn sie etwas erlangen
wollte: Lehre mich auch deine Knste! Oder, fgte sie hinzu, entdecke mir
wenigstens, wer mir meine Zaubersachen weggenommen hat? Ach, der bse Mensch!
Alles hat er mir gestohlen, und ich bin ganz arm!
    Ihre Stimme hatte bei diesen Worten etwas so Tiefklagendes, da Hermann, der
schon in den letzten Tagen ihr verzweiflungsvolles Suchen nach den verschwundnen
Kleinodien nicht ohne Bewegung hatte mit ansehn knnen, gerhrt wurde.
    Er wandte sich ab, und sah durch das Fenster in die Nacht hinaus.
    Wilhelmi dagegen lachte ber die Einfalt des Kindes. Kommt Zeit, kommt
Rat, scherzte er. Wer wei, was ich tue, wenn du folgsam und gelehrig bist.
Aber jetzt leiste mir zuerst einen Dienst, spring hinab zum Haushofmeister und
bestelle ein kaltes Abendbrot, mit dem ntigen Getrnk aus meinem Keller, und
sage dem Philipp, er solle zwei Couverts auflegen.
    Woher haben Sie diesen Knaben? fragte er Hermann nach Flmmchens
Entfernung. Er ist eine Waise aus guter Familie, versetzte jener beklommen und
suchte ein andres Gesprch auf die Bahn zu bringen. Aber Wilhelmi lie sich
nicht ablenken, und sagte: Eine seltsame Erscheinung, der Fritz! dieser
Aberglaube! man sollte kaum glauben, da dergleichen sich in unsrer Zeit noch so
ausbilden knnte! berhaupt scheint die Natur es mit ihm auf eine Spielart
angelegt zu haben. Seine Haut ist fein, wie aus dem Ei geschlt, sein Haar das
zarteste, was man nur finden kann, und er ist so eigen gebaut, da, wenn man ihn
zum Scherz in Mdchenkleider steckte, jeder ihn fr eine Dirne halten wrde.
    Wo denken Sie hin? rief Hermann roten Antlitzes, gezwungen lachend.
    Nachdem, wie vorgedacht, die Gesetze des neuen Ordens bettigt worden waren,
kam Flmmchen, sich mit einem Korbe schleppend, woraus weies Gedeck, die
leckersten Sachen und einige verpichte Flaschenhlse sahen. Es geht auf
Mitternacht; dein Philipp ist schlaftrunken, er wrfe alles entzwei, ich habe es
ihm abgenommen, la mich euch bedienen, sagte sie. Du bist zu ungeschickt,
rief Hermann, der fr sein Leben gern das Mdchen entfernt htte. - Lassen Sie
den Fritz gewhren, sagte Wilhelmi, mit meinem Philipp ist in diesem Zustande,
den ich an ihm kenne, nichts anzufangen.
    Die Ritter der Wahrheit setzten sich hierauf zu Tische. Hermann bemerkte,
da, wenn auch sein Wirt die Welt im ganzen schalt, diese Verachtung sich nicht
auf das einzelne gute E- und Trinkbare ausdehnte, was noch hin und wieder in
derselben angetroffen wird. Man sprach den feinen Sachen, die aufgetragen waren,
wacker zu, der kstliche Burgunder, mit dem man begann, wurde nicht geschont,
und man ging ber die erste Champagnerflasche ohne Zagen hinaus. Wilhelmi hatte
sich durch seine Mitteilung einer langgetragnen Brde entledigt und war
unbeschreiblich vergngt. Er konnte nicht viel vertragen, und mit Erstaunen sah
sein Gast, wie er nach den ersten Glsern aus dem Extreme der trbsten Gedanken,
womit diese Zusammenkunft begonnen hatte, in das entgegengesetzte der
ausschweifendsten Lustigkeit berging. Er ntigte ohne Unterla, erzhlte
Schnurren ber Schnurren, schwatzte von den Abenteuern seiner Jugend, und nannte
Hermann, welcher Grund hatte, sich zu schonen, und sich etwas gelinder verhielt,
einen finstern Moralisten. Endlich begann er, Studentenlieder zu singen, in die,
da sie alle Freiheit, Bruderschaft und Recht atmeten, Hermann, von dem
neugewonnenen Orden entzndet, feurig einstimmte. Nichts exaltiert so, als
Singen beim Glase; bald war unser Freund so laut, als sein Genosse.
    Flmmchen war unterdessen auch nicht still geblieben. Man hatte ihr in ihrem
Winkelchen des Guten, so viel sie begehrte, zukommen lassen, und bald zeigten
sich die Wirkungen. Ihr Grauen verschwand, die leichtfertige Natur kam zum
Vorschein, sie hpfte in drolligen Sprngen durch das Zimmer, umarmte den
singenden Wilhelmi und schwor unter Lachen, er sei der lustigste Teufel, den sie
je gesehen habe; schlug Rad, zertrmmerte dabei eine Scheibe an einem
Antiquittenschranke, schlich sich zu den Bsten des Plato und Pythagoras unter
dem Spiegel, malte ihnen mit Kohle Schnurrbrte, kurz, sie trieb alle Torheiten,
die in einem Zimmer, welches noch vor kurzem ein Tempel der Weisheit gewesen
war, nur verbt werden knnen.
    So dauerte dieses Bacchanal unter Singen, Schwatzen und Possenreien fort,
bis des Nachtwchters Stimme Zwei abrief. Da nahm sich Hermann zusammen, stand
auf, und wnschte seinem Wirte gute Nacht. Wilhelmi berschaute das Zimmer,
welches freilich einen ungewhnlichen Anblick darbot, lachte herzlich, wie ein
vergngtes Kind, und rief: Hier sieht es munter aus!
    Flmmchen war an einem Stuhle in tiefen Schlaf gesunken. Hermann versuchte,
sie auf ihre Fe zu stellen, vergebens! sie fiel immer wieder zusammen. Er
wute, da sie von diesem Todesschlummer oft befallen wurde. Endlich lud er sie
auf seine Arme und trug sie fort.
    Ihr Westchen war aufgegangen, die Nadel war aus dem Hemdkragen gewichen, der
schnste, jngste, frischeste Busen sah ihn an, als er sie auf ihr Lager
niederlegte. Sein Blut, von der Schwrmerei des Abends erhitzt, wallte siedend
auf, er wollte, wie vor einem Gespenste seiner Gedanken sich flchten, weit,
weit weg, und blieb gefesselt stehn, das schne Kind mit seinen Blicken
verschlingend. Endlich drckte er ihr einen heien Ku auf die Lippen, Trnen
entstrzten seinen Augen; er meinte, er sagte sich selber vor, da er das arme
verwahrlosete Geschpf aus Mitleid gekt habe.
    Durch die Nacht erklang von drauen ein Lied zur Gitarre. Eine tiefe, sonore
Bastimme sang folgende Strophen:

Steh still mein Herz, und rhr' dich nicht,
Kannst ja ein zweites Herz nicht rhren!
Doch liebe, bis der Tod dich bricht,
Ins Land der Klte dich zu fhren.

Aus aller Blten schnem Reich
Hab' ich die tauben nur erworben,
Mein Leben ist ein welker Zweig,
Ich bin allein, und schon gestorben!

Verwundert sah Hermann im nahen Hause des Arztes noch Licht. Er berzeugte sich,
da der Gesang aus dessen Zimmer kam. Was hatte der kalte, abgeschlone Mann mit
solchen Gefhlen zu schaffen?

                                Zwlftes Kapitel


Wilhelmis Erwachen war uerst schmerzlich. Der Diener Philipp hatte nicht
gewagt, die Unordnung anzurhren; er lie alles stehn und liegen. Denn seiner
Meinung nach war es bei dem Herrn nicht mit rechten Dingen zugegangen, und er
wnschte, da dieser sich selbst von dem Greuel berzeugen mge. Bei uns hat
der Satan gewirtschaftet, Herr Kammerrat, sagte der Mensch, als er ihn endlich
spt aus dem Bette holte. Wilhelmi fhlte sich matt und angegriffen, aber er
meinte in die Erde zu sinken, als er sein Zimmer betrat. Schon der gedeckt
stehngebliebne Tisch mit den Resten der Mahlzeit wrde hingereicht haben, ihn
hchlich zu verstimmen; was war jedoch dieser Tisch gegen die Sthle, die
Flmmchen in ihrem Mutwillen zu einer Pyramide zusammengeschoben, gegen den
Tintenstrom, der sich aus der umgeworfnen Flasche ergossen hatte, gegen die
zerschlagne Scheibe, und endlich gegen die Schnurrbrte des Plato und
Pythagoras? rgerlich befahl er dem Diener, schnell aufzurumen, und ging zum
Herzog, der, wie er hrte, schon nach ihm verlangt hatte.
    Nun, Sie sind gestern abend recht lustig gewesen! rief ihm der Frst
heiter entgegen.
    Ich habe die Genesung unsres jungen Freundes gefeiert, versetzte Wilhelmi
mit halber Stimme.
    So werden wir ihn ja endlich auch wohl zu sehn bekommen, sagte der Herzog
einigermaen empfindlich. Aber die Briefe, wo sind sie? lassen Sie mich sie
unterschreiben!
    Welche Briefe, Ew. Durchlaucht? Ja, die Briefe! - Groer Gott, die Briefe!
- O ich Unseliger!
    Es war Posttag. Wichtige Geschftsbriefe, deren Abgang aus manchen Grnden
beschleunigt werden mute, waren zu schreiben gewesen; Wilhelmi hatte sich
vorgenommen gehabt, den Rest des Abends oder den frhen Morgen dazu zu
verwenden, als er Hermann in sein Zimmer fhrte.
    Pnktlich sonst in seinem Dienste bis zum Pedantischen, war er jetzt so
grblich von der Regel abgewichen, welche den Ehren- und Angelpunkt seines
Lebens bildete, und bei welcher Veranlassung! Er geriet vllig auer sich, und
ergo seinen Kummer, ohne der Gegenwart des Herzogs zu achten, in einer
verzweiflungsvollen Rede ber die Schwche und Inkonsequenz des Menschen. Kaum
konnte ihn der Herzog, der diesen gewaltsamen Ausbruch eines unbegrenzten
Pflichteifers (denn darin suchte er den Grund desselben) nicht ungern hrte,
durch herablassende und gtige Worte einigermaen beruhigen.
    Indessen kleidete sich Hermann an, um seinen Besuch bei der Frstin zu
machen. Zur guten Stunde war ein schwerer Geldbrief vom Oheim angelangt, nebst
Abrechnung und Beilagen, die er durchzusehn, sich noch nicht die Zeit genommen
hatte. Sogleich war ein Bote im gestreckten Trabe nach der Stadt geschickt
worden, um das Notwendigste herbeizuschaffen, was zur anstndigen Kleidung
gehrt. Mit groer Genugtuung vervollstndigte er die ihm fr Flmmchen
anvertraute Summe wieder, von welcher er die Zeit her zu seinen Ausgaben hatte
nehmen mssen. Es blieb ihm ein sehr bedeutender berschu, er sah sich im
Spiegel vorteilhaft ausstaffiert, er fhlte sich frei, berechtigt, wie jeder mit
Gelde versehne Mensch. Nur von der Ausschweifung der vergangnen Nacht empfand er
noch einige Nachwehen.
    Aber auch diese verschwanden, als er in das Zimmer der Herzogin trat. Homer
erzhlt von einem Kraute Moly, dessen Genu alle Einflsse unheimlichen Zaubers
abwendet, und es war Hermann, als habe ihm ein himmlisches Wesen so ein
schtzendes Mittel gereicht, da er den holden Duft ser Wohnlichkeit einsog,
der durch das heitre prchtige Gemach hinwehte. Die Herzogin hie ihn freundlich
willkommen; er ward aufgefordert, ihrem Stickrahmen gegenber Platz zu nehmen.
Nun war ihm erst wie einem Gesunden zumute. Unterwegs hatte er einen Entschlu
gefat, den auszufhren er fr Pflicht hielt. Wie? sagte er, du hast
gehorcht, du bist im Besitz der Hlfte eines Familiengeheimnisses, und deine
Wohltter wten von diesem Umstande nichts? - Wahr zu sein hast du geschworen,
beweise hier auf die Gefahr, in Ungnade zu fallen, da du deinen Eid halten
willst.
    Als daher in dem Gesprche eine Pause entstand, fing er seine Beichte an, in
welcher er freilich den Umstand betonte, da ihn nur der Zwang der Umstnde zum
unerbetnen Vertrauten gemacht habe. Er beteuerte, da, was er gehrt, fr ewig
in seinem Busen begraben bleiben werde, und schlo mit der Bitte, ihm zu sagen,
ob er auf der Stelle einen Ort verlassen solle, wo sein Anblick vielleicht
mifllig sei?
    Die Herzogin hatte sich, um ihre Bewegung zu verbergen, anfangs tief auf
ihre Arbeit niedergebeugt; bald aber fand sie sich, und noch whrend Hermann
sprach, fate sie einen Plan. Sie glaubte, vielleicht zu sehr, an einen
vernnftigen Zusammenhang der Zuflligkeiten in der Welt, und sah in der
Dazwischenkunft des jungen vielversprechenden Fremdlings so etwas von einem
Winke der Vorsehung. Ganz beruhigt erhob sie daher ihr Haupt, als jener geendet
hatte, und sagte: Da es mir nicht angenehm sein kann, von Ihnen belauscht
worden zu sein, begreifen Sie selbst. Indessen waren Sie unschuldig daran, und
damit ist die Sache abgemacht. Er hoffte, sie werde ihm irgendeine trstliche
Andeutung geben, wie die seine Nherung ablehnenden Worte, welche sie damals
zugleich gesprochen hatte, zu verstehen wren, aber vergebens. Schon erwartete
er mit Herzklopfen seine Entlassung, als die Herzogin, scheinbar nur, um das
Gesprch fortzufhren, einige Fragen nach seiner Vaterstadt tat. Mit weiblicher
Feinheit wute sie den Faden von Strae zu Strae zu spinnen, bis nach dem Hause
seiner Eltern, und so war er auf einmal, er merkte selbst nicht, wie, in einer
Erzhlung von seiner Jugend und von seinen frhesten Verhltnissen begriffen.
    Es ist gewi߫, sagte er, da dem Menschen nichts mehr schadet, als wenn
ber dem Gemlde seiner ersten Tage ein verworrnes unruhiges Licht zittert. Das
Kind soll, wie die Pflanze, aus festem Boden, unter dem gleichen Scheine der
nach ewigen Gesetzen wiederkehrenden Sonne emporwachsen. Ich dagegen bin in
einer Lage zum Bewutsein gekommen, die viel von dem Schwanken des Schiffbruchs,
oder vom Stegreifsleben einer Nomadenhorde hatte. Ich war etwa neun Jahre alt,
als es dem damals Allmchtigen beliebte, auch unsre gute ehrwrdige Reichsstadt
unter die Frsorge seines Zepters zu nehmen. Nun sollten wir Franzosen werden,
blieben Deutsche, und niemand wute, was bei der Sache herauskommen werde. Auf
groen Tafeln stand mit ellenlangen Buchstaben zu lesen, da wir jetzt eine
Munizipalitt, ein Tribunal, und eine Prfektur statt des Rats der Oberalten,
des Schppenstuhls und der Pfennigmeisterei htten. Die Patrioten zogen sich ins
Dunkel zurck, schweigend, wie grollende Titanen, die Geschichte der eignen
Stadt, womit sonst ein Knabe aufgenhrt wird, blieb uns fremd; wer mochte von
der Vergangenheit reden, der man das ganze Unglck der Gegenwart aufbrdete? Wir
liefen hinter den neuen Mntelchen, Krgelchen und Schrpen her, bis wir hrten,
in den hbschen Kostmen steckten lauter abgefeimte Schelme. Rings um uns
zischte es von nichts, als von Bestechungen, Kabalen, Begnstigungen durch die
niedrigsten Mittel. Welche Eindrcke fr ein junges Alter, worin alles so scharf
aufgefat wird.
    Sonderbar, sagte die Herzogin. Ich lebte damals in Paris. Es war der
ruhigste Ort auf der Welt. Niemand fhlte die Bewegung, die den ganzen Erdboden
erschtterte. Man sah derselben, wie einem Schauspiele zu; die Bulletins glichen
den Reden der Helden in der Tragdie, und die Trophen, welche von Zeit zu Zeit
anlangten, kamen den Menschen nur wie neue Szenerien vor, womit seine
Hauptstdter zu ergtzen, der Gebieter die kluge Geflligkeit hatte. Aber Ihre
Eltern?
    Sie ruhn in Frieden! Teuer sei mir das Andenken dieser verehrten Hupter!
Sie haben in mir das hchste Vertrauen erweckt; warum soll ich zaudern, von
allem zu sprechen, was mich bei dieser Erinnrung bewegt? Auer dem Hause war das
Verderben, im Hause gab es kein Behagen. Nicht, da irgendein Zwiespalt
hervorgetreten wre; nein, im Gegenteil, mein Vater bezeugte der Mutter nur
Achtung und Aufmerksamkeit, und sie war das Muster weiblicher Sanftmut und
Unterwrfigkeit. Aber dem Blicke des Kindes blieb nicht verborgen, da hier doch
jene Eintracht der Herzen fehle, die in tausend kleinen unbeschreiblichen
Zeichen sich kundgibt. Ernst und still gingen die Urheber meiner Tage
nebeneinander her: Wie oft fand ich die Mutter in Trnen! Wie oft sah ich den
Vater, wenn ich von der Strae und meinen Kamaraden kam, trb und gedankenvoll
am Fenster stehn! Sein schwerer Blick ruhte in den Wolken, als suche er da
etwas, was ihm auf der Erde mangle. Er hatte viele Eigenheiten. So durfte in
seiner Gegenwart nie von einer Hochzeit gesprochen werden. Er geriet, geschah
dies einmal zufllig, in eine solche Schwermut, da er dann mehrere Tage lang
fr jeden unsichtbar blieb. Eine andre Sonderbarkeit war, da nichts in der Welt
ein Versprechen ihm abzulocken vermochte. Wir wollen sehn, war alles, was er auf
die dringendsten Bitten erwiderte. Dann aber tat er, was er nur konnte, und
dieses ungewisse Wort galt bei den Leuten mehr als ein Eidschwur andrer.
    Ich liebte meine Eltern herzlich. Mein Vater war mir eine Art Gottheit, die
sich in heiliges Dunkel verbirgt. In mancher Nacht lag ich auf meinen Knien, und
bat den Himmel, es so zu fgen, da meine Eltern einander doch auch so liebhaben
mchten, wie ich sie liebte. Aber mein Naturell war munter und beweglich; alle
diese finstern Dinge konnten seine Frhlichkeit nicht zerstren. Ich war viel
auer dem Hause, viel unter andern Menschen, man mochte mich gern leiden, eine
Antwort fehlte mir nie, und mehrere meiner jngern und ltern Bekannten schienen
ein Vergngen daran zu finden, wenn sie meine Geistesgegenwart auf die Probe
stellen durften. Was sonst einem Kinde so natrlich ist: da es seine Eltern fr
einen Wall und Rckhalt in jeglicher Not ansieht, blieb mir immer fremd. Sie
waren von einem mir unbekannten Leide schon so sehr bedrckt; sollte ich ihre
Verlegenheiten vergrern?
    Nun erschien das Jahr 1813. Als Siebenzehnjhriger stand ich in den Donnern
von Ltzen. Da lernte man sich erst recht fhlen, den Schanzen und Kolonnen
gegenber, sich selbst und seinem Schicksale berlassen. Nachher habe ich meine
Eltern immer nur auf kurze Zeiten wiedergesehn. Ich studierte, reiste viel, war
hier und dort. So bin ich das unruhige, unstete, ach und leider zu frh mit der
Welt und ihrem Laufe bekannt gemachte Wesen geworden, welches Sie mit solcher
Nachsicht angehrt haben. Bringen Sie mich nicht in eine Klasse mit den eiteln,
vorlauten, zerstreuten Jnglingen unsrer Tage; ich stehe vielleicht an Geist in
keiner Beziehung ber ihnen, aber mein Sinn ist anders. Sie sind so hchst
zufrieden mit sich, ach! und ich bin leider so hchst unzufrieden mit mir! Ich
habe keine Jugend gehabt. Ist das vielleicht die Krankheit und der Mangel meiner
Natur? Die Dinge gewhren mir keine Resultate. Alles, was ich anfasse, lst sich
unter meinen Hnden in ein Abenteuer auf, welches sich immer in die Gestalt
meines Vorteils verwandelt. Wer aber wird nicht mde, vom Leben nur die
sogenannten Annehmlichkeiten zu erbeuten? Wer wnschte nicht, da ihn eine milde
Fgung mit gtiger Hand in die Mitte des Dasein stellen, und in dessen
Geheimnisse einweihen wollte?
    Die Herzogin hatte mit grerem Interesse zugehrt, als sonst den
Erzhlungen und Klagen der Jugend zuteil zu werden pflegt. Milde Fgung! Gtige
Hand! sagte sie lchelnd. Es ist schlimm, da sich die Fgungen nicht
bestellen lassen. - brigens glaube ich, da Sie empfinden, was Sie aussprechen.
Und daher denke ich, da die Schicksale nicht ausbleiben werden, nach denen Sie
sich sehnen.
    Hermann erhob sich. Mir ist eben von der dunklen Macht, welche unsre Tage
beherrscht, eine Frage vorgelegt worden, und wenn ich nicht gar zu unbescheiden
erschiene, so mchte ich mir die Antwort wohl hier erbitten.
    Er zog ein kleines Portefeuille hervor. Diese Brieftasche sendet mir mein
Oheim, sagte er. Ich soll dieselbe nach dem Willen meines Vaters ffnen, wenn
ich das vierundzwanzigste Jahr zurckgelegt habe. Die Worte des Verstorbnen
besagen, da ich nicht eher mich ankaufen, nicht eher ein festes Amt bernehmen
und hauptschlich nicht eher mich verloben soll, bis ich den Inhalt
kennengelernt. Vor einigen Tagen erreichte ich jenes Lebensalter. Was soll ich
tun?
    Die Herzogin sah ihn betroffen an. Dann beschaute sie aufmerksam das
Portefeuille. Es war alt, mit kostbarer eingelegter Arbeit von Goldstbchen,
Perlemutter und Steinen geziert. Auf der hintern Flche war etwas, wie ein
groes Wappen eingebrannt, dessen Embleme sich aber nicht mehr entziffern
lieen. Es schien viel gebraucht worden zu sein.
    Sie hakte an dem silbernen Schlchen; sie schien auf einen passenden
Ratschlag zu sinnen. Hat Ihr Vater in seinen Angelegenheiten etwas ungeordnet
zurckgelassen?
    Nein, sein Leben war dem Gange einer wohlgestellten Uhr gleich.
    Sie lieben Ihre Eltern, nicht? Sagten Sie nicht so?
    Er neigte sich, stumm bejahend.
    Lassen Sie das Portefeuille unerffnet! rief die Herzogin. Alle
Geheimnisse sind verderblich, alle ohne Ausnahme.
    Er zauderte, es aus ihrer Hand zurckzunehmen. Die Neugier ist der
unberwindlichste Fehler unsrer Natur. Er wagte nicht, mehr zu sagen.
    Sie haben es so gewollt! versetzte sie, indem sie es hastig in den
Schreibtisch legte. Nun ist es fr Sie verloren, denn mit meinem Willen lesen
Sie kein Blatt darin.

                              Dreizehntes Kapitel


Von diesem Tage an war Hermann auf dem Schlosse einheimisch. Der Herzog
beruhigte sich bei einer allgemeinen Erzhlung ber dessen Geschick unter den
Tannen, und schien an dem gesitteten, wohlunterrichteten jungen Manne immer mehr
Geschmack zu finden. Da er nicht leicht jemand unbenutzt lassen konnte, so
brauchte er ihn bald zu verschiednen Expeditionen, welche jener unter Wilhelmis
Oberaufsicht zu seiner Zufriedenheit ausfhrte.
    Nur bei einem Geschfte gelang es ihm nicht, Beifall zu gewinnen. Die
Kriegsschden waren noch zu liquidieren, welche der Herrschaft vom Staate
ersetzt werden sollten. Hermann hatte alle Papiere, die sich auf diesen
Gegenstand bezogen, erhalten, und nach deren Einsicht eine billige Rechnung
aufgestellt, solche Posten, die bestritten werden konnten, aus derselben
weglassend. Der Herzog sah die Arbeit voll Verwundrung durch, und fragte
kopfschttelnd, womit er es denn verdient habe, da Hermann gegen ihn Partei
nehme? Es knne ja die Hlfte mehr gefordert werden. Er zhlte die Summen auf,
die nachgetragen werden mten, und versetzte, als Hermann seine Einwrfe
dagegen vorbrachte: Diese Zweifel wollen wir den Herrn Revisoren berlassen.
    Ich glaubte den Sinn Eurer Durchlaucht durch die Art, wie ich dieses
Geschft behandelt, getroffen zu haben, wandte Hermann bescheiden ein. Nach
meiner Meinung drfte ein Teil des Schadens gegen den Gewinn aufzurechnen sein,
den uns die glckliche Verndrung der Dinge gebracht hat.
    Was ich oder meinesgleichen ihr Groes zu danken htte, wte ich so
eigentlich nicht, versetzte der Herzog. ber diesen Punkt gilt das: Post hoc,
non propter hoc, mit vollem Rechte. Der Adel ist so alt, als die Welt, und da
man wenigstens in Monarchien ihn nicht entbehren kann, werden Sie mir zugestehn.
Da nun der Freiheitsschwindel lngst vorber, und alles bereits wieder in die
gewohnten Formen eingelenkt war, da man berall groe Reichslehen schuf, so
wrde man sich auch schon wieder nach uns umgesehn haben, und vermutlich stnden
wir, wo wir jetzt stehn, wenn auch die Sachen geblieben wren, wie sie waren.
    Hermann mute sich bequemen, eine Kriegsschdenrechnung anzufertigen, die
ihm sehr bertrieben zu sein schien. Gefielen ihm nun dergleichen Grundstze
keinesweges, so war sein Mivergngen doch nur vorbergehend. Das Schlo, und
die ganze Lebensweise darin, bte auf ihn denselben Eindruck aus, von dem wir
bereits bei dem jungen Rechtsgelehrten geredet haben. Er empfand ein eignes
Vergngen, fr sich, allein durch die hohen Bogengnge und Hallen, seinen
Gedanken berlassen, stundenlang zu wandern, und er htte nie geglaubt, da eine
so einfrmige Tagesordnung, wie sie hier herrschte, ihm, der an Abwechslung
gewhnt war, in dem Grade behagen knne. Er lie sich von dem Elemente, welches
ihn umgab, fortsplen, und schob die Gedanken an die Zukunft weit hinaus.
    Freilich trug zu seinem Wohlbefinden die Gte, womit ihn die Herzogin
behandelte, vieles bei. Sie hatte gewisse Einflstrungen, die ihr ber ihn
gemacht worden waren, mit Verachtung von sich gewiesen, und mochte ein stilles
Bedrfnis empfinden, den unschuldig Angeklagten durch besondre Freundlichkeit
fr die ihm zugefgte Unbill schadlos zu halten. berdies gehrte sie nicht zu
den Frauen, die an unmndigen Mnnern Gefallen finden, und die Sorge fr ihre
Erziehung sich aufbrden mgen. Hermanns gewandte Entschiedenheit, der leichte
Ton, mit welchem er von allem wenigstens zu reden wute, waren Eigenschaften,
die ihm bei ihr nur ntzten. Bald erkannte sie auch, da der Anschein von
bermut und Selbstgengen, welchen er bei der ersten Begegnung Fremden zeigte,
durch die nhere Bekanntschaft sich sehr minderte.
    Er schadete in der Tat immer nur sich und nie andern. An tausend Zeichen
nahm sie wahr, da er in jedem Augenblicke bereit sei, sich im Dienste seiner
Freunde aufzuopfern. Die Farbe der Zeit konnte er nicht verleugnen, aber im
Innersten mute man ihn fr unversehrt erklren.
    Wenn er seinerseits durch die Bemhungen fr den Herzog sich ein stilles
Recht auf das lngre Verweilen in diesen Mauern zu erarbeiten meinte, so empfing
er dagegen durch die Gemahlin nur Geschenke, fr welche er sich ewig als
Schuldner fhlen mute. Solange er Rekonvaleszent war, wurde ihm ihre liebende
Sorgfalt zuteil. Sie verbot ihm ber Tische die Speisen, welche er nach ihrer
Meinung noch nicht genieen durfte, sie warnte ihn, wenn ein Abendspaziergang zu
lang zu werden drohte. Wir wissen nicht, ob es Absicht oder Zufall war, da er,
als er dies bemerkte, gegen ihre Gebote zu sndigen liebte; es knnte sein, da
er den Wunsch empfunden htte, von solchem Munde recht hufig zurechtgewiesen zu
werden. Das ist gewi: er wre unter diesen Bedingungen gern immer krank
gewesen.
    Bald erteilte auch sie ihm einen Auftrag, welcher ihm angenehmer war, als
die Korrespondenz mit Behrden und Verwaltern, die ihn der Herzog besorgen lie.
Sie zog eines Tages ein Heft aus dem Pulte, und fragte, indem sie es ihm zum
Lesen einhndigte, ob er wohl glaube, da in ihr eine Schriftstellerin verborgen
sei? Er sah den Titel an. Es war eine bersetzung des Romans Ivanhoe von
Walter Scott. Dieser Autor stand grade damals bei uns in der hchsten Blte
seines Ruhms. Erschrecken Sie nicht, wie die Mnner pflegen, wenn sie von einer
neuen Gelehrten oder Dichterin hren, sagte die Herzogin scherzend. Ich habe
das Buch nur fr mich bersetzt, um die Sprache aus dem Grunde zu lernen, nicht
um den Mekatalog damit zu vermehren. Aber ich mchte, da ich mir einmal die
Mhe gegeben habe, es auch gern in vollkommner Gestalt sehn, und wnsche nicht,
da in meinem Bchlein, wie in dem Produkte jener Prinzessin, von der Sie
neulich das Mrchen vorlasen, der Mond in der Welt hereinscheine.
    Sie fragte ihn, ob er die Mhe bernehmen wolle, das Werk von Stilfehlern
und grammatischen Unrichtigkeiten zu subern? Wer war froher, als er? Er nahm
das Heft mit, und betrachtete innig erfreut die zierlichen perlenrunden Zge der
Handschrift, worin eine Zeile, wie die andre, in gleichen Zwischenrumen grade
fortlief. Wenn irgendwo die Schrift die Sinnesart ausdruckte, so war es hier der
Fall. Hermann weidete sich an den Blttern, wie an einem Gemlde, bevor er sein
Werk begann, welches er auch mehr als galanter Kavalier, denn als kritischer
Zensor vollbrachte. Es schien ihm ein Frevel zu sein, diese anmutigen Charaktere
zu zerstren; er korrigierte mit der feinsten Feder, mit den zartesten Strichen.

                              Vierzehntes Kapitel


Des Abends waren die Zusammenknfte gemeinschaftlich. Man hatte festgesetzt, da
jeder aus seinem Fache immer etwas vortragen solle. Im Anfang hielt man auch
diese Anordnung aufrecht; der Arzt handelte allgemein-verstndliche Kapitel der
Naturwissenschaft ab, Wilhelmi gab einen populren Abri der neueren
philosophischen Systeme zum besten, der Herzog erzhlte von der englischen
Landwirtschaft, mit welcher er sich grade eifrig beschftigte. Da aber nach dem
Willen der Herzogin jeder an jedem Abende sein Pensum enden sollte, so wurde der
Kursus doch bald gar zu aphoristisch. Die brigen Mnner zogen sich daher mit
guter Manier zurck, und das Regiment gelangte unvermerkt an Hermann, der die
Poesie und Unterhaltungsliteratur erwhlt hatte.
    Unangenehm war es freilich, da auch hieraus, nach der einmal gegrndeten
Sitte des Hauses fast nie etwas Vollstndiges zum Vorschein kommen durfte. Der
Eintritt des Bedienten, welcher zu melden hatte, da serviert sei, zerschnitt
mit unerbittlicher Strenge die anziehendste Vorlesung mitten im Akt, Szene,
Perioden. Die Herzogin hatte eine eigentmliche Gabe, sich an Einzelheiten zu
erfreun, weshalb sie auch weniger nach einem Ganzen verlangte, ja ein solches
nur in Einzelheiten aufnahm. Sie schaffte sich alle Blumenlesen und Geister,
welche aus den Schriftstellern gezogen zu werden pflegen, mit besondrer Vorliebe
an, und nichts glich ihrem Vergngen, wenn sie einen schnen Gedanken in schner
Sprache auer dem Zusammenhange mit weniger glnzenden Dingen genieen durfte.
    Gesellschaft des umherwohnenden Landadels brachte doch meistens wchentlich
eine Abwechselung in den Kreislauf der Stunden. Grade in dieser Gegend waren die
Gutsbesitzer unverrckt auf ihren Schollen sitzen geblieben, und hatten von den
Ansteckungen des Stadt- und Hoflebens, die dem Adel andrer Orten so gefhrlich
geworden sind, kaum etwas gelitten.
    Hermann wunderte sich nicht wenig, als er in den Zirkeln, die er
kennenlernte, auf manchen Mann stie, dessen einfache Denkungsweise ihm
Ehrerbietung einflte, als er selbst hin und wieder Tchter edler Huser fand,
in deren Unterhaltung er sich schon gnzlich resignieren zu mssen gemeint
hatte, und die ein sehr gutes Gesprch zu fhren wuten. Denn der Adel dieser
Landstriche war bei seinen eleganteren Standesgenossen fast im Verruf, und galt
nur fr eine Sammlung vllig verbauerter Krautjunker.
    Schlittenfahrten, die, so oft es sich tun lie, veranstaltet wurden, gaben
ihm Gelegenheit, sich als gewandten Vorreiter, oder als ersten Diener der
Herzogin, wie er sich gern in ihrer Gegenwart nannte, zu zeigen.
    Vor allem aber vergngte ihn die Jagd, die auch wirklich in dem
waldicht-hglichten Gebiete des Herzogs von groer Ergiebigkeit war. Es freute
ihn indessen weniger, ein Stck zu erlegen, als dieses frhliche Ausziehn in der
Mitte lustiger Gesellen mitzumachen, das sachte listige Streifen und Schleichen
durch den Nebel ber Heiden und Waldpltze zu versuchen, die Geschichten, die
Ahnungen und Vorbedeutungen zu hren, das heitre Mahl nach vollbrachter Arbeit
verzehren zu helfen. Er fhlte sich auf diesen frohen Zgen in solcher
Gemeinschaft mit der Natur, dem krftigen Urzustande der Menschheit so nahe
gerckt! Auch wenn kein greres Treiben stattfand, lag er mit dem alten Erich,
der ein firmer Schtze war, und einem Menschen, der zuweilen herberkam und der
Amtmann vom Falkenstein genannt wurde, viel im Forste, wobei manche Mondnacht im
Kreise kahler reifglnzender Bume auf dem Anstande versessen ward. Einmal hatte
er bei solcher Gelegenheit das fabelhafte Glck, zwei Fchse, die um die Ecke
geschlichen kamen, mit den Schssen seiner Doppelflinte zu tten. Ein Fall, der
noch nicht vorgekommen war, und ihm bei allen Weidmnnern ein fast mythisches
Ansehen gab!
    So gingen unsrem Freunde wohl- oder belbeschftigt die Tage hin. Die Bume
waren kahl geworden, der Schnee hatte die Erde bedeckt, war wieder geschmolzen,
und nun kamen aufs neue die Knospen hervor. Seine Gegenwart schien allen
willkommen zu sein, es sah aus, als msse das immer so fortdauern. Nur einmal
ward er zu einem flchtigen Nachdenken aufgeregt. Sein Tagebuch fiel ihm in die
Augen, welches er sonst sehr ordentlich zu fhren gewohnt war. Um das Versumte
der letzten Woche, wie er meinte, nachzuholen, schlug er es auf, sah aber zu
seinem Schrecken, da er schon mehrere Monate lang nichts geschrieben hatte.
Auch von frher standen nur Notizen mit einem Worte vermerkt, als: Jagd den und
den, Gesellschaft aus *, Schlittenfahrt nach * ohne alle weiteren Zustze.
    Er besann sich, er hatte geglaubt, da ihm viel begegnet sei, konnte
indessen nichts darber zu Papiere bringen. Die weien Bltter sahen ihn wie
strafend an; in diesem Augenblicke hrte er die Herrschaften unten von einer
Spazierfahrt zurckkehren, und eilte, indem er das Buch weglegte, hinab, sie zu
empfangen.

                              Fnfzehntes Kapitel


Von Flmmchen war nie die Rede gewesen. Die Herzogin hatte sich mit keinem Worte
nach dem Kinde, fr welches sie ihm Geld gegeben, erkundigt. Unmglich aber
konnte er sich zu einer Beichte berwinden, welche sein angenehmes Verhltnis
gestrt, ihn lcherlich und verkehrt gezeigt haben wrde. Der Arzt, gegen den
er, wie die Sachen standen, seinen Widerwillen hatte niederkmpfen mssen, hatte
ihm einen Pdagogen genannt, der nach seiner Meinung das Mdchen in die rechte
Bahn bringen wrde. Diesen wollte Hermann nun baldigst aufsuchen. Vor seinem
Ordensgelbde rechtfertigte er das Verschweigen gegen die Herzogin mit der
Distinktion, da man zwar nie lgen msse, da es aber zuweilen unumgnglich
notwendig sei, die Wahrheit einigermaen beiseite zu stellen.
    Was den andern Ordensritter betrifft, so hatte dieser nach jener
mystisch-lustigen Nacht, als deren Anstifter er sich den unschuldigen Hermann
einbildete, mit ihm zu schmollen versucht. Bald aber wich dieser knstliche
Zorn, und, als ob Torheit fester verknpfe, denn Vernunft: sie wurden noch bere
Freunde, wie vorher. Gewhnlich brachte Hermann, wenn die Gesellschaft
auseinandergegangen war, noch einige Stunden bei Wilhelmi zu. Dieser war ein
erklrter Liebhaber alles Alten und Veralteten; er besa die seltensten Sachen
und Pergamente. In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei,
woraus sich das schnste Licht ber die groen Bauverbrderungen des
Mittelalters verbreitete. Alles war darin bestimmt: wie der Gesell dienen solle,
wie jeder verpflichtet sei, sein Zeichen zu fhren, wie Hader, Schimpf und
Unzucht in der Htte zu meiden, wie wenn einer der Bauleute mit einer
anrchtigen Person notwendig sprechen msse, er sich mit ihr ber
Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe, und was dergleichen
Vorschriften mehr waren, welche alle auf die strengste, sittlichste
Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten.
    Das Himmlische schwebte auch hier ber dem Irdischen. Die Verehrung der
heiligen drei gekrnten Baumrtyrer: Claudius, Simplicius und Castorius, welche
lieber sterben, als einen heidnischen Tempel bauen wollten, war zur
unerllichen Pflicht gemacht; kein Tag sollte, ohne sie anzurufen, begonnen
werden.
    Schne Denkmale einer untergegangnen Zeit! rief Hermann. Man verwundert
sich weniger ber jene Riesengebude, wenn man dergleichen Urkunden durchliest.
Und noch klarer begreift man, da sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind, und da
alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen. Aber was hilft es,
Unwiederbringliches zu beklagen? Wir mssen doch vorwrts! Niemand kann in den
Leib seiner Mutter zurckkehren.
    Und doch mssen die Znfte wiederhergestellt werden, wenn wir berhaupt
noch knftig vor Wind und Wetter geschtzt wohnen wollen, sagte Wilhelmi.
Jetzt, wo jeder baut, wie er Lust hat, sind wir nahe an den Stand der Nomaden
zurckgefhrt. Das ist auch eine von den Frchten der gepriesenen
Gewerbefreiheit, die denn wieder zu den Blten unsrer Kultur gehrt. Aber diese
sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein, der wir
entgegengehn, oder vielleicht schon verfallen sind. Denn, wenn die frhere darin
bestand, da niemand oder wenige etwas wuten, so ist die jetzige wohl nicht
minder beklagenswrdig, wo alle zu verstehn glauben, was kaum einer oder der
andre berwltigt. Das ist eben das traurige Gefhl, was man gar nicht los wird,
da man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden mu und mit seinem
Verstande sich doch vorhlt, wie schwierig eine Restauration dessen sein mchte,
was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist.
    Auch der Adel ist so eine Ruine, sagte Hermann. Ich mu immer lcheln,
wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Wrden sich brsten sehe. Was macht den
Adel? Die Abgeschlossenheit, das Kastenmige. Nun aber haben die Bessern sich
lngst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt. Nirgends finden Sie noch in
der guten Gesellschaft den Unterschied der Stnde. Leben wir hier auf unserm
Schlosse anders, als in einer anstndigen Brgerfamilie? Erinnert irgendeine
Etikette daran, da wir mit Gliedern eines der ltesten Huser unsres
Vaterlandes Umgang pflegen?
    Wilhelmi lachte bitter. Sie Neuling Sie in der Welt, trotz aller Reisen und
Bekanntschaften! spottete er. Ja freilich ist der Adel im Kern verwest, aber
das Gehuse steht noch aufrecht, und man kann sich daran noch immer die Stirn
einrennen. Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus. Andre Menschen sind
selbstschtig aus Not, bser Gewhnung, angeeigneter Maxime. Der Edelmann ist es
von Natur, er mu es sein; mit der Muttermilch saugt er, wie etwas sich von
selbst Verstehendes die berzeugung ein, da er da sei um seiner selbst willen,
und da er die Krfte andrer von Rechts wegen benutzen drfe.
    Hermann sah ihn voll Verwundrung an. Es macht Sie stutzig, da ich so
rede, fuhr Wilhelmi fort. Ich bin alt und verkmmert, und wre wohl ein Stck
weiter, wenn man in mir je etwas andres gesehen htte, als ein Lasttier; denn
der Gelegenheiten gab es genug, mir fortzuhelfen. Und so liefre ich in meiner
Person und durch meine Tagelhnerei eben recht den Beweis fr den Satz.
    Der Adelsfeind wrde noch lnger in diesem Tone fortgesprochen haben, wenn
nicht pltzlich wieder aus der Wohnung des Arztes das dstre Lied erklungen
wre, welches Hermann schon einmal ungefhr um dieselbe Stunde gehrt hatte.
Wilhelmi horchte auf, und geriet in eine wilde Lustigkeit. Nichts als
Kontraste! rief er; feuriges Eis, frierendes Feuer! Hier ein armer
Brgerlicher, der den Adel hat, und sich doch fr die Hochgebornen totschlagen
liee, dort der rztliche Verstand, der mit aller seiner Klte sich vor der
unsinnigsten Leidenschaft nicht zu schtzen vermocht hat! Weil er nicht selbst
Dichter ist, paraphrasiert er den Byron, und schttet dessen Schmerzenstne
verdeutscht in die Lfte!
    Der abgelebte ausgetrocknete Mensch! Sagen Sie mir, wen liebt er?
    Wen? - Wen er liebt? Wenn Sie es wissen wollen: die Herzogin! Nun machen
Sie noch einen recht widersinnigen Streich, dann knnen wir Terzett singen!

                              Sechzehntes Kapitel


Ein fr allemal war tglich eine Stunde bestimmt, worin Hermann der Herzogin das
korrigierte Pensum des Ivanhoe zu bringen hatte. An die Verhandlungen hierber
knpfte sich seit einiger Zeit eine Lektion im Englischen, welche ein junges
Mdchen aus der Stadt, ber welches die Frstin Obsorge bte, von ihm empfing.
Alles dieses hatte sich, wie von selbst, gemacht, doch war es Hermann schon oft
so vorgekommen, als sei der Ivanhoe und das Englische nur Nebensache. Er
bemerkte, da die Herzogin seinen Lehren ber deutschen Stil eine mehr gefllige
als gespannte Aufmerksamkeit schenkte, und die junge Lucie wurde nicht
gescholten, wenn sie unter allerhand Vorwnden vor Ablauf des gesetzten
Zeitraums der Grammatik entrann, und sich wieder ins Fenster zum Filet setze.
Man benutzte diese Zusammenknfte zu Gesprchen ber wichtige Punkte des Lebens;
es schien, da man unsern Freund von allen Seiten kennenlernen wolle, und er
unterlie nicht, als er diese ihm beraus behagliche Absicht wahrnahm, sich im
besten Lichte zu zeigen.
    Nun war durch Wilhelmis unvorsichtige Erffnung eine grende Unruhe in sein
Blut geworfen worden, und er ging sehr befangen am andern Morgen zur Herzogin.
Da sie unschuldig sei, unschuldig bis in den geheimsten Gedanken ihrer Seele,
davon berzeugte ihn der erste Blick auf diese reine Stirn, in diese milden
Augen. Er bedauerte sie, er verwnschte die Begehrlichkeit der Mnner, die kein
Heiligtum unangetastet lassen knnen. Der Arzt erschien ihm gemein und niedrig,
er fhlte sich berufen, den Ritter jener hochverehrten Dame zu machen.
    Zerstreuter hatte er nie Unterricht gegeben. Seine Verwirrung erreichte den
Gipfel, als der Arzt sich anmelden lie, und angenommen wurde. Dieser war, wie
immer, frei und unbefangen, was unserm Freunde als die uerste moralische
Verdorbenheit vorkam. Er htte an Pausen des Gesprchs, an einigen verlegnen
Bewegungen der Herzogin wohl abnehmen knnen, da der Besuch einen Zweck habe,
und da seine Gegenwart nicht ferner gewnscht werde, doch blieb er sitzen, bis
ihn die Herzogin auf die freundlichste Weise entlie. Sie hatte dies nie getan,
und es kam ihm vor, als ob ihm der Arzt beim Abschiede einen hhnischen und
triumphierenden Blick zuwerfe.
    Er irrte durch den Park, worin es schon grn zu werden begann. Das junge
Laub erfreute ihn nicht. Er sah den Herzog kommen, und wich ihm aus. Seine Seele
war in einer wogenden Bewegung, in einem unbestimmten Verdrusse, voll Mimut,
der eigentlich keinen Gegenstand hatte.
    Die Stunden bei der Herzogin gingen fort, aber wie sehr hatte sich seine
Stimmung in ihnen verwandelt! Nun war ihm die Plauderhaftigkeit der kleinen
Lucie, welcher ihre Beschtzerin viel Freiheit eingerumt hatte, uerst
zuwider. Das Geschrei des Papageien, ber welches er sonst gelacht hatte, klang
ihm jetzt ganz unertrglich, und er begriff nicht, wie eine Dame von so feiner
Konstitution das berlaute Tier in ihrer Nhe dulden konnte. Die abendlichen
Versammlungen gereichten ihm zur Pein, er nahm sich jeden Tag vor, aus denselben
fort zu bleiben, und sa doch regelmig, wenn die Glocke geschlagen hatte, mit
empfindlichen Schmerzen auf seinem Stuhle. Alles war ihm durch die unglckliche
Entdeckung verschoben und zerstckt.
    Sein durch ble Laune geschrfter Blick sah nunmehr auch so manches um ihn
her, was ihm lcherlich und abgeschmackt vorkam. Er bemerkte, da man das Wappen
des Hauses berall angebracht hatte, wo sich nur ein Pltzchen dafr finden
wollte; ber Toren und Tren, Slen, Zimmern, Gartenhuschen und Vorratskammern,
und er konnte aus der Neuheit vieler Verzierungen dieser Art abnehmen, da sie
erst whrend der Besitzzeit des Herzogs entstanden sein muten.
    Wilhelmis Sarkasmen ber den neualten Aufputz, der hin und wieder im
Schlosse sichtbar war, klangen ihm wieder vor den Ohren. Wirklich sahn einige
Rume sehr buntscheckig aus. Des Herzogs Vater, ein Charakter, wie er im
achtzehnten Jahrhundert unter vornehmen Edelleuten nicht selten vorkam, war im
Sinne seiner Periode liberal und modern gewesen. Franzsische Papiertapeten,
Goldleistchen, Phantasieblumen, leichte geschnrkelte Meubles verdrngten den
alten schweren Schmuck. Der Sohn, fast in allem ein Gegensatz seines zu Genu
und Empfindsamkeit aufgelegten Vaters, lie, sobald Graf Heinrich in die Gruft
der Ahnen gegangen war, was noch von frhern Zeiten briggeblieben, wieder
hervorsuchen, und machte die Contrerevolution, inwieweit es anging. Da kamen die
bunten Schfer und Landschaftsbilder, die massiven Schrnke und Tische aus ihrem
Versteck, aus Bden und Verschlgen wieder hervor, und nahmen sich nun freilich
neben den brigen Dingen im neusten Geschmack seltsam genug aus. Der Herzog
uerte, wenn ihm der Kontrast von Eichenholz und Mahagoni, von dickem Damast
und dnner Seide selbst auffallend werden wollte, da es besser sei, ohne Kosten
sich mit den alten soliden Sachen zu helfen, die trotz ihres Jahrhunderts noch
ausshen, wie von heute und gestern, als neue Fabrikate anzuschaffen, gegen
deren Dauerhaftigkeit jeder ein entschiednes Mitrauen empfinden msse.
    Hermann sah aber in seiner jetzigen Verstimmung nur das Ungereimte solcher
Zusammenstellungen. Und bald berzeugte ihn ein kleiner Vorfall noch mehr, da
er sich unter Menschen andrer Art und Natur aufhalte.
    Er bemerkte eines Tages, da unter den Arbeitern im Garten ein Rennen und
Treiben entstand, und sah mit nicht geringem Erstaunen nach kurzer Zeit die
wohlbekannten Figuren, welche soeben noch in ihren kurzen Jacken gesteckt
hatten, in schnen roten Uniformen einherstolzieren. Eine Trommel lie sich
vernehmen, und bald war ein Huschen vor dem Schlosse, welchem sich dieser
Gebrauch sonst nicht ansehen lie, als Hauptwache von den neugeschaffnen
Soldaten besetzt. Zwei Schildwachen faten gravittisch vor der Rampe des
Mittelgebudes Posto, kurz, ein kleiner Militrstaat wuchs im Augenblicke,
sozusagen, aus der Erde.
    Als er sich nach der Ursache dieser pltzlichen Verwandlung erkundigte,
hrte er, da der Herzog das Recht der Standesherrn, eine Leibwache zu halten,
auf diese Weise ausbe. Man habe vernommen, da ein fremder General noch heute
ankommen werde. In solchen und hnlichen Fllen nun, wo es gelte, den Glanz des
Hauses zu zeigen, werde die Armee zusammenberufen, fr welche jeder Arbeiter
zugleich geworben sei, und welche nur so lange bestehe, als die Veranlassung
whre. Wirklich sah Hermann noch vor Abend die Posten von dem Schlosse abziehn,
die Hauptwache verlassen, und die Arbeiter wieder rstig in ihren Jacken
schaufeln und jten, denn die Nachricht mit dem fremden Generale hatte sich
nicht besttigt. Dergleichen Beobachtungen fhrten ihn darauf, ber die
Schluworte in dem Briefe seines Oheims nachzusinnen. Sie lauteten
folgendermaen:
    Du bist da in Umgebungen geraten, wo Du nur verdirbst. Traue ihnen nicht,
sie meinen es immer falsch mit uns. Deinen Vater haben sie zum unglcklichen
Mann gemacht, la Dich von seinem Schicksale warnen.

                             Siebenzehntes Kapitel


Um Flmmchen hatte er sich seither wenig bekmmert. Sie zeigte nach dem
mystischen Abende eine heftige Neigung zu Wilhelmi, und schien die Hoffnungen
ihres Wahnglaubens auf ihn gesetzt zu haben. Wo er ging und stand, suchte sie
ihm zu dienen, und war endlich durch Dreistigkeit und unermdliches Verfolgen
dahin gelangt, da ihr Wilhelmi erlaubte, einen Teil des Tages bei ihm im
Archive zuzubringen, wo er sich im Schweie seines Antlitzes bemhte, Ordnung zu
stiften, soviel dies mglich war, denn die Eigenheiten des Herzogs legten ihm
groe Schwierigkeiten in den Weg. Flmmchen durfte ihm dabei zur Hand gehn, sie
brachte ihm die Akten und Skripturen zu, versah sie mit Papierstreifen und was
dergleichen mechanische Dinge mehr sind, welche bei einer Arbeit dieser Art so
vielfach vorkommen. Wilhelmi fand sie in allem, was er ihr auftrug, uerst
brauchbar; er gewann den muntern bildschnen Knaben lieb, und sprach eines Tages
gegen Hermann die Bitte aus, ihm den Jungen ganz zu berlassen.
    Dieser geriet hierdurch in eine groe Verlegenheit. Er sah zwar, da sein
Freund wirklich, wie der Arzt sagte, blind fr alles Nchste war, allein
irgendeine Unbesonnenheit Flmmchens konnte ihm dessen ungeachtet mit jedem Tage
gewaltsam die Binde von den Augen reien. Er kannte Wilhelmis strenge
Grundstze, und wenn er auch hoffen durfte, diese durch einen wahrhaften Bericht
zu beschwichtigen, so mute er doch von dessen Hange, alles gleich auf die
Spitze zu stellen, den schlimmsten Verrat frchten. Sein Aufenthalt im Schlosse
war ihm ohnehin verleidet, er nahm sich daher kurz und gut vor, zu reisen, und
den ihm empfohlnen Pdagogen um Erlsung aus seiner seltsamen Not zu bitten.
    Indessen mute in der Zwischenzeit fr sie gesorgt werden. Trotz seiner
Abneigung gegen den Arzt, die zuletzt fast in Verachtung bergegangen war, sah
er sich gezwungen, mit diesem ber ihre vorlufige Unterbringung zu verhandeln.
    Der Arzt empfing ihn zwischen seinen Elektrisiermaschinen und
Spiritusprparaten hflich, als sei nichts vorgefallen. Er wute gleich Rat.
Sie soll, sagte er, solange Sie abwesend sind, zu meiner alten
Krutersammlerin gebracht werden, und wir wollen sofort mit dieser die Sache
richtig machen.
    Sie ritten auf Wegen, die Hermann noch nie betreten hatte, durch ein wstes
Hgelland, und kamen in ein abgelegnes Tal, welches, obgleich in geringer
Entfernung von menschlichen Wohnpltzen, den Charakter vlliger Einsamkeit
zeigte. Freilich waren die Pfade, die hineinfhrten, die schlechtesten, sie
hatten sich mehrmals gentigt gesehen, abzusteigen, und ihre Pferde hinter sich
herzuleiten. Ein Bach flo hindurch; an demselben zwischen alten Rstern stand
die Htte der Alten, gegen den Stamm der einen gelehnt.
    Die Alte kroch zwischen den Klippen umher, und sammelte Pflanzen. Vor sich
hatte sie ein blendendweies Tuch ausgebreitet, auf welches sie die grnen
Sprossen und Bltter mit Bedachtsamkeit legte. So fleiig, Mutter? rief sie
der Arzt an; habt Ihr gesucht, was ich haben wollte? - Nur der Waldmeister
fehlt noch, versetzte die Alte in ihrer gebckten Stellung und ohne sich stren
zu lassen, sonst ist alles da, was Sie befohlen.
    Lat es jetzt sein, und kommt herunter zu uns, wir haben mit Euch etwas
auszumachen, sagte der Arzt.
    Ungern schien sie sich von ihrem Geschfte zu trennen. Sie pflckte erst
noch einige Blumen ab, band jede Spezies, behutsam nur den Stengel berhrend,
mit Halmen in gesonderte Bndelchen, fate das Tuch locker bei den Zipfeln, und
kam, ihr Gewand vorn zusammennehmend, ohne aufzusehen, von den Felsen herab.
Sie sind heute recht frisch und krftig, sagte sie, das Tuch oben etwas
lupfend; damit sie nichts verlieren, will ich sie gleich in den Keller legen.
    Der Arzt hielt sie zurck, und erffnete ihr seinen Wunsch. Er fragte sie,
ob sie ein junges Mdchen, welches er ihr zubringen werde, gegen gute Bezahlung
auf einige Wochen hinnehmen wolle? Sie machte eine ehrerbietige Bewegung mit der
Hand und rief: Sie sind mein Herr und Gebieter. Ich werde die, welche Sie mir
bringen, wie mein Kind aufnehmen.
    Als Hermann das Gesicht der Alten betrachtet, und ihre Stimme gehrt hatte,
stieg in ihm eine Vermutung auf, die ihn unruhig machte. Um Gewiheit zu
erlangen, fragte er den Arzt auf dem Heimritte ber sie aus.
    Dieser erzhlte, da er sie im Sptsommer des verwichnen Jahrs kennengelernt
habe. Sie sei als Zigeunerin mit einem Trupp verlaufnen Gesindels durch den
Flecken transportiert worden, habe wegen Krankheit liegenbleiben mssen, Hlfe
begehrt, und so sei er zu ihr gefhrt worden. Die Reden dieser Person, fuhr er
fort, erregten meine Aufmerksamkeit. Sie beschrieb mir ihre Leiden, und den
Sitz derselben, die Milz, mit einer solchen Deutlichkeit, da ich daraus
schlieen mute, sie sehe gewissermaen das Organ und seinen Zustand. Ich
folgerte hieraus eine eigentmliche Strke der sinnlichen Erregtheit, setzte
diese Wahrnehmung mit ihrem Gewerbe zusammen, und da es eine meiner
Grundberzeugungen ist, da jede Abnormitt auf einer natrlichen Anlage beruht,
so fate ich den Vorsatz, aus einer verworfnen Herumtreiberin womglich ein
ntzliches Mitglied der Gesellschaft zu machen.
    Zur Probe hielt ich ihr meine Hand hin; sie sah weniger auf diese, als in
mein Gesicht und sagte: Ihr wollt mich versuchen. Ich bemerkte, da sie mit
einem unendlichen Scharfblick fr alles Krperliche ausgerstet war, aus den
Lineamenten die geheimsten Seelenregungen las, und mit diesen Krften, durch
Elend und Drftigkeit gezwungen, auf Prophezeien und Quacksalbern verfallen war,
whrend sie unter gnstigen Umstnden vielleicht eine berhmte Frau geworden
wre. Ich ffnete ihr die Augen ber sich, sagte ihr, da ich ihr helfen wolle,
wenn sie folgsam sei, und fand Zutraun.
    Meine homopathischen Kuren, welche ich, wo die Konstitution dieses
Verfahren rechtfertigt, zuweilen vornehme, erfordern Mittel, zu welchen die
Substanzen mit der uersten Sorgfalt eingesammelt werden mssen. Niemand hatte
mir bis dahin die Sache zu Dank machen knnen; ich war gentigt gewesen, selbst
stundenlang die Halme und Binsen aus dem eigentlich Brauchbaren zu lesen, um
nicht nach groer Mhe noch endlich einen verflschten, groben Saft durch die
Extraktivpresse zu gewinnen. Ich beschlo, mit der Alten einen Versuch
anzustellen, und er ist vollkommen gelungen. Als sie von ihrem Lager erstanden
war, lehrte ich sie Botanik d.h. soviel davon zu ihrem Geschfte ntig schien,
mietete ihr das Huschen in dem Hgelkessel, welcher die seltensten Pflanzen
weit in die Runde trgt, und schickte sie auf das Suchen aus. Sie hatte mich
wunderbar schnell begriffen, ja sie trug die Kunde, welche ich ihr beibringen
wollte, sozusagen, schon vollstndig, nur unentwickelt, in sich. Sie hat sich
mit dem Pflanzenreiche gleichsam identifiziert, entdeckt, was nur entdeckt
werden kann, verfhrt mit einer Genauigkeit, die Sie selbst zum Teil haben
bemerken knnen, und leistete mir im vorigen Herbste, sowie in diesem Frhjahre
schon die wesentlichsten Dienste. Anfangs frchtete ich fr den Winter, weil ich
nicht wute, womit ich sie whrend desselben beschftigen sollte. Aber die Natur
half auch hier, wie gewhnlich, aus. Sie verfiel nmlich zu meinem Erstaunen in
einen Schlaf, welcher der Erstarrung mancher Tierarten ganz hnlich war, und aus
dem sie oft nur je um den zweiten Tag zu einem Halbbewutsein erwachte, in dem
sie dann wie trumend fr ihre Bedrfnisse sorgte, um sich, nachdem diese
abgetan waren, wieder auszustrecken. Ich glaube, da eine furchtbare Krankheit,
die, wie ich aus einzelnen Reden geschlossen habe, selbst bis zum Scheintode
gefhrt hat, dergestalt ihre Lebenskraft schwchte, da diese nur whrend der
warmen Jahreszeit vorhlt, und sich, sobald es kalt wird, als Fnkchen in das
Innere des Organismus zurckzieht. So gewhrt sie mir noch nebenbei ein
merkwrdiges Studium.
    Hermann entdeckte ihm, da er die Alte fr dieselbe Person halte, welche er
schon einmal im Walde gesehen, und welche Flmmchen gewahrsagt habe. Er uerte
seine Besorgnis vor den Folgen, wenn man beide wieder zusammenbringe. Der Arzt
teilte dieselbe aber nicht, sondern sagte: Sie wird eher heilsam auf das Kind
wirken, denn sie hegt den grten Abscheu vor ihrem ehemaligen Gewerbe, und
bereut, wie sie sich ausdruckt, jeden Augenblick, wo sie in die Hand und in das
Antlitz der Menschen gesehen, seitdem sie erfahren, wieviel Gott auf die Bltter
der Pflanzen geschrieben hat.
    Er erbot sich, Flmmchen, wenn Hermann abgereist wre, unter einem Vorwande
von Wilhelmi zu entfernen, und jener mute wohl nachgeben, da er keinen andern
Ausweg wute.

                              Achtzehntes Kapitel


Flmmchen kam dazu, als er packte. Willst du fort? fragte sie. Er bejahte es.
- Warum? - Um deinetwillen.
    Sie zog ihn mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl, kniete vor ihm nieder, und
schaute ihm mit einem unbeschreiblichen Blicke in die Augen. Um meinetwillen!
sagte sie gedehnt. Ich meinte schon, mit uns sei es aus, und die Alte und der
Geist htten gelogen. Sie wollte lcheln, aber der Schmerz verzog ihren Mund,
und ein Trnenstrom flo ber Lippen und Kinn.
    Er hielt den Augenblick fr geeignet, ihr Innres zu erforschen. Sei einmal
recht offen gegen mich, mein liebes Kind, sagte er. Was hat dir den Gedanken
in den Kopf gesetzt, von dem du nicht lassen willst?
    Ich lag nach meiner Flucht vom falschen Vater im Walde, und weinte, denn
zurck wollte ich nicht, und um mich waren nichts als Bume, und mir graute in
der Einsamkeit. Ich wute mich vor Angst nicht zu lassen; ach, es ist so
schrecklich, ganz allein zu sein! Ich zog meine Sachen hervor, aber nichts
wollte mir helfen. Den falschen Vater hatte ich, wenn er seine weinerlichen
Reden hielt, oft lieber Gott! rufen hren. Nun rief ich auch wohl hundertmal:
lieber Gott! aber kein lieber Gott kam, und ich merkte, da der auch nur eine
Lge sei, wie alles, was der falsche Vater gesagt hatte.
    Mdchen! Mdchen! rief Hermann, du weit nicht, was du sprichst. Erzhle
weiter.
    Da stand die Alte vor mir. Sie mute aus der Erde gewachsen sein, denn ich
hatte sie nicht kommen sehn. Ich solle nicht weinen, sagte sie zu mir, und
nannte mich ein schnes Kind, dem es nicht bel ergehen knne. Ich msse etwas
Blankes auf die Hand legen, dann wolle sie mir wahrsagen. Ich hatte noch ein
Silberstck von den Geschenken der jungen Herren bei mir, das legte ich auf die
Flche meiner Hand. Sie schlug, nachdem sie die Linien beschaut, die Hnde vor
Freuden ber dem Kopfe zusammen, und rief: O du gebenedeite Kreatur! Welch ein
groes Glck steht dir bevor! Dann weissagte sie mir, ein Prinz werde sich in
mich verlieben, und mich zu seiner Frau Gemahlin machen. Ich fragte: Wann? wo?
wie bald? - Sie machte sich von mir los, und lief durch die Bume davon, flink
wie ein Feldhuhn, aber ich hrte noch aus der Entfernung ihre Antwort: Bald!
Vielleicht noch heute! Ganz in der Nhe! Und an demselben Vormittage habe ich
dich gefunden.
    Mich, Flmmchen, ja. Aber wann den Prinzen? Ich bin eines Brgers Sohn. Wer
bildete dir ein, da ich der verheine Prinz sei?
    Flmmchen sah ihn an, stutzig, als ob sie an diese Frage noch nie gedacht
habe. Wer? fragte sie sinnend. Ich lauschte hinter einem Baume, als du neben
deinem Freunde auf dem Stamme saest, und als ich dein Gesicht erblickt hatte,
wute ich, du seist es.
    Eine dunkle Rte hatte bei diesen Worten ihr Antlitz, ja den Hals berzogen.
Sie sprach mit einem Tone, welchen er nie von ihr vernommen hatte, tiefer,
bebender, als gewhnlich. Es war, als ob eine andre Person aus ihr rede. Auch
ihn ergriff ein mchtiges Gefhl. Die Natur sah ihn durch alle Verkehrtheit mit
ihren heiligen Augen an. So mu dem zumute sein, der unter einer Karikatur die
Zge einer frhern lieblichen und wohlgeflligen Zeichnung erblickt, die der
Zerrmaler bersudelt hat.
    Ich lief, fuhr Flmmchen fort, als wir auseinandergegangen waren, durch
Feld und Busch umher, meine Alte wiederzufinden, die, das wute ich schon, alles
konnte, was sie wollte. Ich traf sie auch glcklicherweise auf der Heide an den
groen Steinen, die da im Kreise umher lagen. Ich sagte ihr, sie solle mir den
Geist meines Vaters rufen, denn ich mute ja den auch um dich befragen. Sie
wollte nicht, und endlich antwortete sie mir, sie knne nicht. Da bin ich
ingrimmig geworden, und wei nicht, was ich getan habe. Aber als ich zu mir
selbst kam, sah ich, da ich mein Messer aufgeklappt in der Hand hatte, und die
Alte lag vor mir an der Erde, zitternd, und bat, ich mchte ihres Lebens
schonen. Sie sagte mir darauf die Worte, mit denen ich den Geist rufen msse,
und die ich dir nicht wiederholen darf, sonst sterbe ich in neun Tagen. Nach den
Tannen schickte sie mich, und da habe ich gewartet bis Mitternacht unter Furcht
und Angst, dann kam er in einer schnen bunten Uniform, ganz bleich, mit einem
blutigen Streifen ber der Stirn. Ich fragte ihn, und er antwortete mir, ich
solle dir folgen, wohin du gehest, und mich ganz auf dich verlassen.
    Und fragtest du ihn denn auch, mein Flmmchen, ob ich ein Prinz sei?
    Daran habe ich wahrhaftig gar nicht gedacht, rief das Mdchen, und machte
eine Bewegung mit der Hand, wie ein Kind, das sich einer Nachlssigkeit
erinnert. Das habe ich doch wirklich rein vergessen.
    Hermann stand auf und beruhigte sie. Prinz oder nicht, sagte er zu ihr,
werde ich mich deiner annehmen.
    Es streiten sich zwei um dich, fuhr sie mit verfinstertem Gesichte fort.
Aber ich hoffe, sie wird es mit dem Tranke, den sie dir eingegeben hat, nicht
durchsetzen, ich werde dich behalten. Es wre recht bel, wenn es anders kme.
Denn sie hat genug, aber Flmmchen hat niemand als dich!
    Trank? Sie? Wer?
    Nun, die Herzogin. Das ist doch zu sehen, da sie sich in dich verliebt
hat. Sie kann ja nicht leben, wenn du nicht ein paar Stunden des Tages ber bei
ihr bist.
    Du schwrmst! Ist es mglich, da dir nur so etwas in den Kopf kommt?
    Ich denke, die unschuldigen Tiere werden wissen, was sie tun! rief
Flmmchen leidenschaftlich aus. Spricht nicht ihr bunter Vogel in einem fort:
Teurer Hermann! Wie oft habe ich es gehrt, wenn ich unter dem Balkon durchging,
auf welchem er sich sonnte. Er mu es doch von ihr haben! Heit du nicht
Hermann? Und ich sollte nichts merken?

                              Neunzehntes Kapitel


In diesem Augenblicke erhielt er den Befehl zur Herzogin zu kommen. Da haben
wir's! rief Flmmchen, und lief schluchzend fort. Er ging bestrzt zur Frstin.
Sie war sehr bewegt. Vergebens suchte sie heiter und unbefangen zu erscheinen.
Sie fragte ihn, ob es wahr sei, da er reise? Ihre Stimme zitterte, sie machte
sich mit Blumen und Bchern allerhand zu schaffen. Er versetzte, da er sich nur
fortbegebe, um ein Geschft abzumachen, da er aber, wenn es ihm erlaubt werde,
in wenigen Tagen zurckzukehren wnsche.
    Wir sehn Sie also wieder? rief sie freudig. Sie holte tief Atem, als ob
eine Last von ihrer Brust gehoben sei. Dann versank sie wieder in eine stille
Verlegenheit, knpfte ein Gesprch ber gleichgltige Dinge an, lie es fallen,
schien kaum zu hren, was er erwiderte. Es war, als ob sie ihm etwas vertrauen
wolle, und gleichwohl die Mitteilung scheue.
    Er befand sich in der peinlichsten Stimmung. Der Boden glhte unter ihm. Und
als ob ein Dmon heute sein Spiel triebe, pltzlich ffnete der unbescheidne
Vogel im Kficht seinen Schnabel, und wiederholte ein dutzendmal die Worte,
welche Flmmchens Eifersucht schon frher vernommen hatte. Er sprach sie mit dem
rauhen Tone dieser Tiere. Hermann hatte frherhin auf sein Geschwtz nicht
geachtet, nun aber aufmerksam gemacht, konnte er nicht zweifeln, da der Vogel
zum Verrter an den einsamen Stunden und Selbstgesprchen seiner Gebieterin
werde.
    Unwillkrlich sah er nach dem Schwtzer, dann warf er einen scharfen
fliegenden Blick auf die Frstin. Sie errtete, und deckte einen Teppich ber
den Kficht. Er spricht recht deutlich, sagte Hermann, um nur etwas zu sagen.
Man hatte ihn schon diese Worte gelehrt, als ich ihn kaufte, versetzte sie,
mit dem Teppich beschftigt, ohne sich umzuwenden. - Reisen Sie glcklich!
    Der alte Erich brachte ihm drauen die Nachricht, da heute keine Fuhre zu
haben sei. So mute er sich denn entschlieen, noch einen Tag zu verweilen. Es
wre ihm nicht mglich gewesen, dem gewohnten Kreise zu nahen, und ebenso
unmglich fiel es ihm, einsam zu bleiben. Er suchte sich selbst, er suchte den
Bildern zu entfliehn, die in strmender Eile an seiner Seele vorberjagten.
    In dieser Verfassung war es ihm recht, da der Hausgeistliche sich zu ihm
fand. Die gemeinschaftliche Erinnrung an Rom verknpfte beide Mnner; auch heute
war es wieder jene Weltstadt, welche Hermann wenigstens auf eine Zeitlang ber
sich und die Gegenwart erhob.
    Der Geistliche gehrte zu denen, welche dort ein neues Glaubensbekenntnis
whlten. Scheu, zurckgezogen, mit uerster Strenge die Gebruche seiner Kirche
bend, stand dieser junge Mann sehr einsam unter den neuen Glaubensgenossen da.
Man kennt den Spott, womit bereits in Rom die sogenannten Nazarener verfolgt
wurden; unser armer Proselyt hatte auch diesseits der Alpen nur Achselzucken und
Zweifel an seiner Gesinnung gefunden.
    Der Herzog duldete ihn, als vom Vater ererbt, Wilhelmi hielt ihn fr einen
Toren, und der Arzt fr einen Heuchler. Er ertrug Klte, verdeckte und offenbare
Angriffe mit musterhafter Geduld, und hatte schon mehrere Vorschlge zu
Verndrungen seiner Lage, die ihm nur zum Nutzen gereichen konnten, abgelehnt,
weil er nach der Weise solcher Charaktere den Aufenthalt in diesem Schlosse fr
eine gottverhngte Schickung und Bue ansah.
    Hermann war ihm immer freundlich begegnet, und der Geistliche, dem diese
sanfte Berhrung wohltat, hatte sich gegen ihn mehr, als gegen irgend jemand
aufgeschlossen. Unser Freund hatte bei dieser Gelegenheit eine nur unsrer Zeit
eigentmliche Gemtsart kennengelernt; eine Individualitt, die sich mehr fhlen
als beschreiben lt, und von der wir nur den allgemeinsten Umri angeben, wenn
wir sie weibliche Mnnlichkeit nennen.
    Er war ber die Abreise seines Freundes sehr betrbt. Sie gehen fort, rief
er, und wenn Sie auch noch einmal wiederkehren, wie lange wird das dauern? Ich
werde Sie bald verlieren, ich werde bald wieder ganz allein sein. Der Mensch ist
eine schwache Kreatur; es ist, als knne er den holden Schall menschlicher Rede
nicht entbehren. Wie fest hatte ich mir vorgenommen, nur in stummen Gesprchen
mit Gott meine Tage hinzubringen! Sie haben mich verwhnt! Werde ich leben
knnen ohne Sie? Von niemand geachtet zu werden, o es ist ein des schreckliches
Gefhl! Aufzustehn mit der berzeugung: Wieder einmal ist der Tag angebrochen,
der den andern Liebe, Traulichkeit, Teilnahme bringt, und dir bringt er nichts,
als trostlose Versenkung in dich selbst, als ein unendliches Brten ber den
grauenvollen und unergrndlichen Tiefen der Gottheit! Sich niederzulegen mit der
Bitte: Vater, la diese Nacht die letzte sein! und zu erwachen im Dunkel, und
schaudernd zu wissen, da man sein erstorbnes Dasein weiterzuschleppen verdammt
ist.
    Armer Mann! sagte Hermann, den die Klage des Priesters, der sich selbst
kein Heil wute, rhrte. Wie ich Sie kenne, haben Sie den Schritt, welcher Sie
aus der Mitte Ihrer Verhltnisse ri, reinen Herzens getan, und das sollte Sie
trsten, wenn andre Sie kalt oder lieblos beurteilen.
    Es ist nicht das, seufzte der Geistliche. Reinsten Herzens, jawohl, so
tat ich diesen Schritt. Hren Sie die Geschichte meiner Bekehrung; es kommt
weder von Heilandskassen noch von Zeichen und Wundern etwas darin vor; ach, und
sie hat mir nichts eingetragen, als Schmerzen und Dornen!

                              Zwanzigstes Kapitel



                           Eine Bekehrungsgeschichte

Ich war Protestant, d.h. ich wurde in dieser Konfession eingesegnet. Der
Religionsunterricht der Katechumenen hatte sich mehr ber Naturgeschichte und
Physiologie, als ber den Katechismus verbreitet. Der Prediger, welcher diese
Stunden abhielt, war der Meinung, da dieselben auf solche Weise noch immer
ntzlich zu machen seien. Unser Lehrer galt in der Stadt beraus viel. Er besa
die schnsten geselligen Tugenden, erheiterte wchentlich einen groen Kreis
durch Knittelverse und Gelegenheitsgedichte, und wenn er unter ganz vertrauten
Personen war, ging seine Vorurteilslosigkeit so weit, hin und wieder auch ein
Tnzchen oder ein Pfnderspiel nicht zu verschmhn.
    Ich stand den brigen Knaben an Kenntnissen vor, wurde wegen meiner raschen
Antworten sehr gerhmt, und wute mir viel mit dem erhaltnen Lobe. Auch an
verliebten Blicken zu den Mdchen hinber und von ihnen herber fehlte es nicht.
So war ich zur Ablegung meines Glaubensbekenntnisses vorbereitet worden, und
meiner Meinung nach fest in demselben, kam ich nach Rom.
    Erwarten Sie hier keinen Mortimer. Ich kann wohl sagen, da der Glanz, das
Geflitter und der rauschende Pomp, wovon das Leben der Kirche dort begleitet
wird, nicht auf mich eingewirkt haben. Ich freute mich an diesen bunten Dingen,
ohne da sie mich religis berhrten.
    Aber ein andrer Einflu begann allmhlich mich umzugestalten. Sie waren
dort, und wissen, welche Stille ber so manchen Pltzen und Winkeln, ber
Trmmern und Schdelsttten, bei den Grbern der Mrtyrer, in den Hallen der
weniger besuchten Kirchen und Kapellen weilt. Wer in Rom nicht fhlt, da der
Mensch ein Nichts ist, und wem nach dieser Empfindung, die zum Nichts fhrt,
kein trstender Geist, riesenhaft und doch vertraulich zuspricht, der mu ein
verwahrlosetes Herz haben. berall sah ich Geschichte, berall trat ich auf
Boden, den vor mir Menschen beschritten hatten, durch welche die Welt verwandelt
worden war; wie kmmerlich kam ich mir mit meinem neuen Sinne, mit meinem aus
bunten Lppchen zusammengeflicktem Wesen unter dieser Herrlichkeit des Todes
vor! Ich kann Ihnen die Versichrung geben, da ich anfangs an nichts weniger
dachte, als an eine Religionsverndrung. Ich besah Gemlde, Antiken, Ruinen,
Palste, Kirchen, war ein Reisender, wie es deren Tausende gibt. Aber nach und
nach ward mir, als ob aus der Gewalt aller dieser verschiedenartigen
Erscheinungen doch nur eine Stimme rede. Ich horchte zu, und siehe, es war die
Stimme Gottes. Da wurde ich nachdenkend, und je mehr ich hrte, desto fhlbarer
weitete sich mein Innres. Ich wte von diesem Zustande keine Beschreibung zu
machen. Meine Brust baute sich wie mit granitnen Pfeilern und Bogen
himmelanstrebend aus, mein Herz hing und brannte in dem neuen Heiligtume, wie
die ewige Leuchte, und ein Choral, ernst, wie das Gesprch der Dreieinigkeit mit
sich selbst, durchtnte es. Ich tat nichts zu diesen Sachen; es wurde etwas in
mir, ohne mein Verdienst, ja ohne meinen Willen. Auch fehlten nicht die dstern
gramvollen Stunden. Ich sah nicht blo die Wunder Roms, ich sah auch den
Violettstrumpf, den hinterhaltig lchelnden Monsignore, die Schnrkel an der
Monstranz, die zerstreuten Blicke sogenannter Andacht; wie sie dem Volke aus
jeder heiligen Handlung eine Komdie zubereiteten. Diesen Wust, diesen Trug, all
die Alfanzerei, welche sich darum und daran gehngt hat, willst du mit in den
Kauf nehmen? fragte ich mich erbleichend. Meine Seele spaltete sich, ich hatte
verlassen, was mir zugehrte, und konnte das andre noch nicht ergreifen.
    Die Karwoche kam heran. Ich hatte mich einem alten Priester anvertraut, und
ich mte die Unwahrheit sagen, wenn ich behauptete, jemals Knste der
berredung von ihm erfahren zu haben. Alles, was man in dieser Beziehung in
Deutschland ber mich verbreitet hat, ist eine Erfindung. Er riet mir, mich in
Ruhe und Sammlung zu erhalten, dann werde mir von selbst das Rechte gezeigt
werden. Seine Kirche sei zwar die Spenderin der alleinigen Wahrheit, aber auch
zur Wahrheit komme man nur vorbereitet. Ich erlangte durch seine Vermittlung
whrend jener Periode Aufnahme im Kloster der Passionisten, wohin sich, wie Sie
vielleicht erfahren haben, gegen die Osterzeit fromme Gesellschaften
zurckziehn, um sich zum Feste in der tiefsten Stille geistlich zu rsten. Man
wute, da ich noch nicht bergetreten war, gewhrte mir aber den Aufenthalt
unter der Bedingung, da auch ich mich der Regel des Hauses fgen wolle.
    Wer jene Lebensweise erwhlt, scheidet sich whrend der Dauer seines
Verweilens vllig von der Auenwelt ab. Kein Brief, keine Nachricht darf von
jenseit der Klostermauern zu den Genossen der bungen dringen. Letztre sind fest
bestimmt, und nehmen fast den ganzen Tag, auch einen Teil des frhen Morgens
ein. Jeder hat seine Zelle, auf welcher er von niemand Besuche empfangen darf.
Selbst bei dem Mahle, welches gemeinschaftlich ist, sind weltliche Gesprche
untersagt.
    Das war nun ein Leben, wie man es nirgends wieder findet, ein eigentliches
Leben im Geiste. Ich gestehe, da gerade dort, zwischen den Wnden meiner Zelle,
in mir die schwersten Zweifel aufstiegen. Ist diese Absondrung menschlich?
Lauert nicht auch hier die Schlange unter den Blumen? Werden sich deine
Mitgenossen, wirst du selbst dich nicht von solcher Entbehrung in gedoppelter
Lust und Zerstreuung erholen? - Vielleicht stirbt dieser einem ein teurer Mensch
ab, vielleicht streckt nach einem andern die Not ihre Arme flehend aus, sie aber
hren nichts davon, sie haben zwischen sich und der Natur eine Scheidewand
gesetzt; liegt darin nicht eine Verkehrung der ewigen Ordnung der Dinge? - So
lauteten ungefhr meine stillen Selbstgesprche.
    Das Kloster liegt ziemlich hoch auf einem Hgel. Ich sa in den Freistunden
meistenteils unter der herrlichen Palme, die in der Mitte des Hofes ihre
Schatten verbreitet. ber die Mauer am Abhange sah ich auf den Aventin und die
Kaiserpalste. Aber der Berg und die Trmmer sprachen nicht mehr zu mir, und der
Gesang aus der Kirche tnte an meinen Ohren vorber. Es war vllig finster in
mir geworden, und mich verlangte nach dem Ende dieser grabhnlichen Tage.
    Eines Abends ging ich in meiner groen Bekmmernis zur Kirche. Noch hatte
der Gottesdienst nicht begonnen; ich war allein. Redlich hatte ich gekmpft, es
durchdrang mich, wie ein Schwert, da Gott solchem Suchen sich zeigen msse. Ein
unendliches Zutraun erfllte mich; ich wollte am Hochaltare zum Gebete
niedersinken, als meine Blicke auf das Kruzifix ber demselben fielen. Schon oft
hatte ich dieses Bild gleichgltig betrachtet, in meiner damaligen Erregung
machte es aber einen uerst widerwrtigen Eindruck auf mich. In der Tat konnte
man sich auch nichts Hlicheres denken. Gro, plump, von Holz geschnitzt, war
es ein getreuer Abdruck der krassesten Vorstellung. In den Zgen des Hauptes die
abscheulichste Fratze des tierischen Schmerzes, alles dick mit Farben
bestrichen, das Blut in ekelhaften roten Streifen herabrinnend, und mit diesem
Jammer in Widerspruch geschmacklose Zieraten auf dem Kreuze in verblichnem Gold
und Schmelzwerk eingeschlagen. Meine Gedanken schrumpften vor dieser Migestalt
ein, ich richtete mich empor, und stand straff auf meinen Fen, mimutig,
ernchtert, verworren. Mechanisch ging ich einige Schritte zur Seite, da sah
ich, da es von Wrmern zerfressen war, und es kam mir zugleich so vor, als ob
sich in der Seitenflche eine ganz feine Spalte befinde. Ich trat wieder hinzu,
ich erhob mich ber die Brstung des Altars, und konnte nun deutlich sehen, da
es nicht aus einem Stcke bestand, sondern aus zwei aufeinander gelegten Hlften
gemacht zu sein schien.
    Ich wei nicht, war es Neugier oder etwas Ernsteres, Besseres, was meine
Hand fhrte, genug, ich fate das Heiligtum an, wie um ein verborgnes Geheimnis
zu erobern. Zu meinem Schreck blieb mir die obere Hlfte, wie eine Schale, in
der Hand; ich traute meinen Augen nicht, als mir der wahre Gehalt dieses Bildes
erschien. Das Holz war nur Kapsel, nur Futteral fr ein Werk der edelsten Kunst.
Aus der zweiten stehengebliebnen Hlfte blickte der Gekreuzigte, im reinsten
Elfenbein auf tief glnzendem Schwarz sich abhebend, zu mir nieder. Eine
gttliche Arbeit! sie mute der besten Florentiner Periode angehren. Nie habe
ich einen Christuskopf gesehen, in dem die Pein so geistig und rhrend
dargestellt war. Und welche Pein! Nicht um die blutigen Fu- und Handwunden,
nein, um die gefallnen Menschen, die sie schlugen.
    berrascht, ergriffen, entzckt, warf ich die rohe hlzerne Decke aus meinen
Hnden, und strzte vor dem gefundnen Erlser nieder. Auf einmal war mir alles
klar; meine Lage, meine Pflicht! in diesem Gleichnisse erschien mir sichtlich,
krperlich, greifbar, der ganze Stand und das innerste Wesen der Kirche. Meine
Seele geriet in eine Verzckung. Das war nicht totes Elfenbein und Ebenholz
mehr, was ich vor mir sah; der schwarze Stamm des Kreuzes fing an, sich von
innen zu erleuchten, bis er, ganz durchsichtig, in rosenrotem Lichte strahlte,
der Leib des Erlsers begann zu pulsieren, Blutstropfen perlten aus den Armen
und Fen, die Wangen frbten sich leicht an, und aus den milden Lippen tnte es
mit Geisterlauten: Willst du den Kern verachten, der Hlle wegen? Hier bin ich
unter allem Tand und Aberwitz; hier, und nirgend anders! Die Toren haben ihr
Werk getan, und die Wrmer tun ihr Werk an dem Werke der Toren, du aber suche
mich nicht drauen, sondern drinnen.
    Wie lange ich mich in diesem erhhten Zustande befunden habe, ist mir nicht
klargeworden. Als ich erwachte, stand der Prior hinter mir, nebst seinen Mnchen
und den Andachtsgenossen. Alle sahn verwundert auf mich, auf das entdeckte
Heiligtum, auf die Holzdecke, die von meinem Wurfe in Splitter und Wurmfra
zerfallen, am Boden lag. Ich beichtete meinen Vorwitz, man vergab mir um seiner
Folgen willen.
    Die starre Regel des Tages war durch das unerwartete Ereignis gestrt
worden, und sie meinten Gott zu dienen, wenn sie ihren Betrachtungen darber
freien Lauf lieen. Die ltesten der Kongregation erinnerten sich, da im
Kloster traditionell die Sage von einem unendlich schnen Kruzifix, welches man
vor Zeiten besessen, gegangen sei, und da man auch oft, wiewohl vergebens,
Nachforschungen angestellt habe, solches wieder aufzufinden. Nun suchten sie in
den Registern und Urkunden zu entdecken, wann, von wem und zu welchem Zwecke
dieses Werk so mumienhaft den Augen entzogen worden sei? Die Jngern, welchen
das Amt obgelegen, den Leib des Erlsers am Karfreitage in das aufgeschmckte
Grab zu tragen, und am Auferstehungsmorgen ihn zum Altare zurckzubringen,
meinten, sie htten sich immer ber die unverhltnismige Schwere des
Kruzifixes verwundert. Einge fragten, wie es doch mglich gewesen sei, da man
nicht frher den Falz in dem Holze gesehen habe? Darauf erwiderten andre, da,
solange der Stoff noch einigermaen haltbar gewesen, beide Hlften fest
aufeinander geschlossen htten, erst durch Alter und Zerstrung sei das Volumen
verringert, und dadurch ein Zurckweichen der Teile hervorgebracht worden.
    Was mich betrifft, so hatte ich whrend alles dieses Fragens, Verwunderns
und Erklrens nur einen Gedanken. Mir war die Decke von der Gestalt hinweggetan,
der Katholizismus hatte sich mir in jener Stunde der Erleuchtung gttlich,
hllen- und makellos gezeigt. Am ersten Ostertage ging ich zu meinem guten
geistlichen Vater, sagte ihm, wie es mit mir geworden sei, und empfing bald
darauf von ihm das hochzeitliche Kleid des neuen Menschen! Himmel und Erde lagen
jungfrulich, wiedergeboren vor meinen Blicken. Nein! es kann keine Tuschung
gewesen sein! Diese Momente berstrmender Seligkeit, diese Gefhle leiblicher
Gemeinschaft mit dem Allmchtigen, sie waren nicht Lge, sie trugen auf ihren
Flgeln den Lichtglanz der Urwahrheit.
    Der bewegte Mann hatte von dem Tone der Klage, womit seine Geschichte
begann, sich bis zu dem Ausdrucke der hchsten Begeistrung erhoben. Er schaute
mit glnzenden Blicken in die Sonne, die hinter den Hgeln hinabsank. Sie
standen auf einer kleinen Anhhe. Hermann hatte die Erzhlung des Proselyten
voll Teilnahme gehrt. Erinnrungen schner Art waren in ihm aufgewacht. Von
diesen bewegt, drckte er dem Geistlichen die Hand, und sagte leise: Rom!
    Rom! Rom! rief jener auer sich, und warf sich dem Erstaunten
leidenschaftlich an die Brust. Ja, Rom! Und ist Rom nur ber den sieben Hgeln?
Du Unglcklicher, Armer, Darbender! Komm herber zu uns, wir haben der Speise
die Flle auch fr dich! Sei der unsre; du bist dessen wert!
    Hermann erschrak ber diese unerwartete Wendung. Gegenber in einem Fenster
des Schlosses erschien die Herzogin. Ihr Blick ruhte lange und durchdringend auf
der Gruppe. - Wir sind nicht unbemerkt, sagte er ngstlich, und machte sich
los. Die Herzogin sieht uns!
    So sieht dich der Engel deiner Tage! rief der Geistliche. Auch ihre
Wnsche steigen fr deine Rettung empor. Auch sie fleht mit den unschuldigen
Lippen: Erlse ihn aus seiner Unseligkeit, o Heiland, da wir ihn haben und
behalten, diesseits und jenseits!
    


                                  Drittes Buch

                                 Die Verlobung

 Die Ehen werden im Himmel geschlossen.


                                 Erstes Kapitel

Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise durch das Gebirge hatte Hermann sein
Ziel erreicht. Als er die Stadt im dampfenden Tale vor sich liegen sah,
berdachte er seinen Plan, beschlo im Hause des Pdagogen zuerst pseudonym
aufzutreten, und wie im Auftrage eines andern seinen Wunsch vorzubringen. Auf
diese Weise hoffte er die Sache in der fr ihn leichtesten Art zum Ende zu
fhren.
    Das Gymnasium war aus den berbleibseln einer Stiftung entstanden. Alte
Linden umgaben den Schulhof; durch einen Kreuzgang gelangte er zu der munter
angestrichnen Wohnung des Rektors. Er erfuhr von der Magd, da dieser verreist
sei, und mute sich daher bei der Frau anmelden lassen.
    Die Rektorin empfing den Kandidaten Schmidt aus Leipzig - diesen Namen und
Stand hatte er sich gegeben - mit lebhafter Freundlichkeit. Als sie ihn zum
Sitzen ntigte, wollte er ihrem Sofaplatze gegenber auf einem Stuhle sich
niederlassen. Sie verhinderte es aber, zog ihn auf das Sofa und sagte: Wir
leben hier nicht steif und vornehm. Seine Feinde fat man ins Antlitz, seine
Freunde hat man gern neben sich.
    Er erffnete ihr, da er sich auf einer gelehrten Wandrung befinde, deren
vorzglichster Zweck sei, die ersten Mnner des Fachs kennenzulernen. Schon
lange habe er sich gesehnt, dem ausgezeichneten Erzieher, dessen Methode man
weit und breit rhme, seine Verehrung zu bezeugen.
    Das Mtterchen schien das Lob ihres Eheherrn mit Behagen einzuschlrfen. Er
benutzt jetzt die Ferien zu einem Abstecher nach S., wo wir leider einen
verdrielichen Handel abzumachen haben, versetzte sie. Indessen erwarte ich
ihn morgen oder bermorgen zurck, und wenn Sie einige Tage hier verweilen
knnen, so soll es mir lieb sein.
    Sie gehrte zu den Personen, mit denen man in fnf Minuten bekannt ist. Die
gutmtigsten Augen sahen unter dem weien Spitzenhubchen hervor; ihr Herz
schwebte auf der Zunge. Sie schien nicht viel Ruhe zu haben, stand fters auf,
quirlte hin und her, setzte ihm ein Frhstck vor, und er mute, ungeachtet
aller Versichrungen, da er schon im Gasthofe das Ntige genossen habe,
wenigstens davon kosten. Wer in unser Haus tritt, it von unsrem Brote und
trinkt von unsrem Weine, sagte sie. Wir ahmen darin den Erzvtern nach, und
dem edlen Alkinoos, wenn wir gleich keine phakische Schmauserei anstellen
knnen. Diese und hnliche Anspielungen, welche bald darauf zum Vorschein
kamen, deuteten dem falschen Schulamtskandidaten den Ton an, in welchem er sich
hier vernehmen lassen msse. Das saubre Zimmerchen, dem aber jede Eleganz
fehlte, war mit den Portrts berhmter Gelehrten verziert. Der besten Rhmchen
erfreuten sich die Philologen. Heyne, Wolf, Ernesti, Gesner, Bentley, Ruhnkenius
zeigten ihre ausdrucksvollen Gesichter, Vo war dreimal vorhanden, gezeichnet,
im Kupferstich und in Gips. Er suchte daher in aller Eile sein Lateinisch und
Griechisch zusammen, sprach von der hehren Gttin Kalypso, besann sich zum Glck
auf ein paar Horazische Verse, die er ohne wesentliche Verstmmlungen
herausbrachte, und bemerkte, da die Rektorin nun erst das volle Zutraun zu ihm
gewann. Mit Erstaunen hrte er im Verlaufe des Gesprchs vllig regelrechte
Hexameter aus ihrem Munde tnen, die nur durch gehufte Spondeen etwas
Unbeholfnes erhielten. Nach einer Viertelstunde waren sie wie alte Freunde
miteinander.
    Indessen entstanden doch, wie es bei raschem Bekanntwerden zu geschehen
pflegt, Pausen. Hermann erhob sich daher und wollte gehn. Sie fate ihn bei der
Hand und sagte, ihm treuherzig ins Gesicht sehend: Ihr Herrn habt es im Kopfe,
aber selten viel im Beutel, und obgleich Sie wohlhabender zu sein scheinen, als
die Kandidaten, welche uns sonst besuchen, so dchte ich doch, da frei Quartier
bei guten Leuten besser wre, als teure Gasthofszeche. Ich will Ihnen Ihr
Zimmerchen zeigen, und Sie knnen nur gleich Ihre Sachen vom Wirtshause
herberbringen lassen. Ohne seine Antwort zu erwarten, nahm sie ihn mit in das
obere Stockwerk, wies ihm unterwegs verschiedne wirtschaftliche Einrichtungen,
namentlich den Ofen, der zwei Stuben zugleich heizte, und den neuen Wandschrank,
und fhrte ihn dann in ein helles Erkerzimmerchen, von welchem man das ganze
Flutal bersah. Er fragte nach dem Namen eines Dorfs, dessen Turmspitze am
Horizonte hervorragte, und erfuhr nicht nur diesen, sondern lernte auch auf der
Stelle die Topographie des ganzen Umkreises mit allen Verwandten, Freunden und
Gevattern, die da und dort wohnten, kennen.
    Sind Sie versprochen, Herr Schmidt? fragte sie pltzlich. Nein! -
Rauchen Sie Tabak? - Auch nicht. - Dann sind Sie auch kein ordentlicher
Kandidat! rief sie lachend. Ich habe wenigstens noch keinen kennengelernt, der
nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt htte. Sie mssen sich beides bald
anschaffen. Er erwiderte ihren Scherz, der halb wie Ernst klang, und wurde von
ihr mit einem Armvoll Tischzeug beladen, welches er unten in das Ezimmer tragen
sollte. Sie schien es als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten, da
ein Kandidat der Frau eines Schulvorstehers ntigenfalls dienstbar sein msse.
    Unten sagte er, um seinem Zwecke etwas nher zu kommen: Es ist so still in
Ihrem Hause, und ich sehe keinen Ihrer Pensionre oder Pensionrinnen. -
Pensionre? Pensionrinnen? fragte sie erstaunt. Wir haben blo unsre Knaben
in Pension. Man hat mit den eignen Kindern Last genug, wer wollte sich noch die
Mhe mit fremdem liebem Gute machen? Da sie nun merkte, da diese Worte ihn
befremdeten, fuhr sie nach einigem Besinnen fort: Ach, gewi ist da wieder eine
Verwechselung vorgefallen, und Sie meinen, bei dem Edukationsrate zu sein. Wir
werden noch an das Stadttor schreiben lassen mssen: Da wohnt der Philologe und
da der Realschulmann.
    Bei nherer Erkundigung hrte er nun, da sich noch ein Namensvetter des
Rektors am Orte befinde, welcher aber nicht am Gymnasium angestellt sei, sondern
eine Privaterziehungsanstalt habe. Er sei in allem der Gegner ihres Alten, sagte
die Rektorin, halte nichts auf Rmer und Griechen, wolle vielmehr die ganze
Bildung der Jugend auf das Praktische richten. Dies hindert aber nicht, fgte
sie hinzu, da wir gute Freunde bleiben. Wir kommen zusammen, die beiden Alten
zanken sich tchtig ab, wenn der Konrektor dabei ist, so spricht auch das
Mittelalter noch ein Wort darein, am Ende sind sie mde, der Edukationsrat ruft:
Die Gegenwart gehrt der Gegenwart! das ist mein Stichwort; ich sage dann: Es
ist angerichtet, wir setzen uns zu Tische und verzehren ganz vertrglich und
lustig ein Gericht Gerngesehen miteinander.
    Hermann berzeugte sich im stillen, da der Arzt ihm jenen Edukationsrat
habe empfehlen wollen und da er verkehrterweise in ein andres Haus geraten sei.
Indessen wrde es unartig gewesen sein, das Miverstndnis zu bekennen, und er
erwiderte daher auf den scherzhaften Zuruf der Rektorin, sich nunmehr zwischen
dem linguistischen und dem Realsysteme zu entscheiden, da seine Nachfrage nur
eine zufllige gewesen sei, und da er niemand hier habe kennenlernen wollen,
als den in der gelehrten Welt hochgefeierten Herausgeber des Eutrop.
    Nun wohl, sagte die Rektorin, ich glaube Ihnen, aber nehmen Sie sich in
acht; Sie werden auf den Zahn gefhlt werden. Und jetzo lassen Sie uns
voneinander scheiden. Sie knnen den nheren Weg durch den Garten nach Ihrem
Wirtshause nehmen; schicken Sie mir mein Cornelchen daher, wir wollen einen Topf
mehr zum Feuer rcken, damit es heut mittag heien kann:
    Und sie erhoben die Hnde zum lecker bereiteten Mahle; worauf es dann ferner
lauten soll:

Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Gingen sie alle gesamt zu dem gttlichen Hirten Eumos,
Dort des Kaffees Gebru zu schlrfen aus blumiger Tasse.


                                Zweites Kapitel

Indem Hermann ber den Hof und durch den Garten ging, war es ihm nicht unlieb,
da er sich in der Person des Schulmanns geirrt hatte. Nach dem Wesen der Frau,
nach dem Begriffe, den er durch ihre Reden von dem Manne erhalten, bei dem
Anblicke der philologischen Bildnisse, der engen Huslichkeit, der schmalen
Gartenstiegelchen und sauber gehaltnen Beetchen htte er nicht erwarten knnen,
da ein Sinn, der diese Umgebung sich geschaffen, geneigt gewesen wre, sich mit
einem wilden Geschpfe, wie Flmmchen, zu befassen. Nun aber durfte er von dem
Edukationsrate noch alles hoffen.
    Im Pavillon, der am Ende des in eine Spitze auslaufenden Grtchens stand,
sah er ein junges Mdchen mit Blumen beschftigt. Sie kniete vor den Tpfen, in
welche sie Samen und Sprossen senkte. Mademoiselle ... sagte er, und wollte
den Auftrag der Rektorin ausrichten. Welche berraschung fr ihn, als sie sich
wandte, erhob, und er das Hausmtterchen aus der Frsterei erblickte!
    Sie war es, Cornelie. Aber welche Verwandlung! Aus dem Kinde war die
Jungfrau geworden. Er stand, durch die unerwartete Begegnung aus der Fassung
gebracht, verloren in den Anblick dieser reizenden Jugendblte, und konnte kein
Wort vorbringen. Sie dagegen schien von seiner Erscheinung nur erfreut zu sein,
und begrte ihn mit holder Unbefangenheit. Er wollte sich erkundigen, wie sie
hieher komme, als vom Hofe der Ruf der Rektorin nach ihr ertnte. Mit fliegenden
Worten konnte er ihr nunmehr nur sagen, da er unter fremdem Namen hier sei, da
auch sie ihn bei diesem nennen msse, und die Wahrheit nicht verraten drfe. Sie
erschrak und flsterte bestrzt: Ach Gott, das wird mir schwer werden! Er
fate sie bei der Hand, und beschwor sie, ihm dennoch den Gefallen zu tun, es
sei etwas ganz Unschuldiges. Die Rektorin trat in den Garten, Cornelie zog ihre
Hand aus der seinigen, und eilte jener ngstlich entgegen.
    Hermann hatte sich vorgenommen gehabt, sogleich zum Edukationsrate zu gehn,
fhlte sich aber nach diesem Vorfalle zu beunruhigt, und suchte das Freie, um
sich zu sammeln. Die Gegend war die anmutigste, die man sich denken kann; Hgel,
mit dem frischesten Laubholze bestanden, liefen in sanften Linien bis beinahe an
die Tore des Orts, der mit Ringmauer, Trmen und Graben, altertmlichen
Ansehens, dazwischenlag. Hermann setzte sich auf eine Wiese, die von roten,
gelben und weien Blumen ganz bunt war, und geno den berblick.
    Ein Hirt, der in der Nhe stand, und dessen Ziegen und Schafe zwischen den
Bschen umher grasten, trat zu ihm und sagte: Wenn der Herr meinem Rate folgen
will, so steht Er auf, die Stelle ist ungesund, Er kann den Schwindel dort
bekommen. Wirklich hatte Hermann ein leichtes belbefinden versprt, als er
sich niedergesetzt hatte. Es verlor sich, sobald er aufstand. Woher wit Ihr
das, Landsmann, fragte er den Hirten. Dieser versetzte: Das Vieh frit dort
nichts, es geht in einem Bogen um die Stelle, wie Sie an den Krutern sehn
knnen. Ein Gift mu da in der Erde verborgen sein.
    Hermann bemerkte, da die Grser an der Stelle unberhrt ppig
emporgeschossen waren, whrend ringsumher der Zahn der Tiere die Halmen abgenagt
hatte. Er fhlte sich versucht, mit dem Hirten, der aus klugen Augen schaute,
das Gesprch fortzusetzen, und erfuhr eine Menge von Ernten- und
Wetterprophezeiungen. Als er seine Zweifel kundgab, und fragte, wie der Hirt das
alles erfahren habe, versetzte dieser: Es trifft doch zu. Die Leute in der
Stadt sehn von ihren Fenstern immer nur auf die Straen und gewahren hchstens
ein kleines Stckchen Himmel, und da meinen sie, kein Tag sei dem andern gleich,
und wenn sie das grne Gemse bekommen, verwundern sie sich, weil sie es nicht
wachsen gesehen haben. Wir aber, die wir immer im Freien sind, merken, wie es
mit Wolken und Wind, Wrme und Klte und Wachstum steht, und ich versichre Sie,
es geht jahraus jahrein immer in einem fort. Ich habe oft meine Gedanken, wenn
die Herrn ber die Erziehung, wie sie es nennen, sich streiten, und meine:
Fragtet ihr den Hirten um Rat, der wrde es euch sagen.
    Welche Herrn?
    Der Herr Rektor, und der andre. Sie trinken ihren Kaffee zuweilen in meinem
Baumgarten, weil sie von dort die schne Aussicht, wie sie es nennen, haben, und
ich mu ihnen das Feuer dazu besorgen. Sie haben immer ihr Gesprch, wie man die
Kinder am besten in die Hhe bringen soll, und sie treffen es beide nicht.
    Wie wrdet Ihr denn die Kinder erziehn, Freund? fragte Hermann.
    Mehr wie das Vieh, antwortete der Hirt. Die Hauptsache bleibt das Waschen
und Kmmen, das Fttern, und da keins sich berfrit. Fr alles brige sorgt
der liebe Gott. Aus einem Schaflamme wird mein Tage keine Ziege, und aus einem
Zickchen niemals ein Schwein. Aber soviel ich von den Worten der gelehrten Herrn
verstehe, wollen sie immer auf dergleichen mit den Kindern hinaus. Da kommt der
eine Herr eben mit seinen Shnen.
    Ein kleiner rascher Mann trat aus einem Hohlwege, gefolgt von vier bis fnf
Knaben. Er stand auf der Wiese still, sttzte sich auf seinem Stock, schaute
umher und fragte dann den Hirten: Was meint Ihr, Schfer? gibt es eine gute
Ernte heuer?
    Die Eichhrner haben noch nicht fertig gebaut, Herr Rat, versetzte der
Hirt; es lt sich noch nicht sagen.
    Wie kann sich die Ernte nach dem Bauen des Eichhorns richten?
    Wenn das Eichhorn sein Nest sehr dick baut, so gibt es Regen und khle
Witterung bis Fronleichnam, und danach kommt eine gute Ernte. Bauen sie dnn, so
folgt Drre und Trocknis und die Saat verbrennt in der Erde.
    Hermann trat mit einer hflichen Verbeugung zum Edukationsrat, sagte ihm
ungefhr das nmliche, womit er sich bei der Rektorin eingefhrt hatte, und bat
um die Erlaubnis, ihn besuchen zu drfen. Der andre verhielt sich zwar darauf
freundlich, aber doch ganz trocken und kurz, und Hermann konnte bemerken, da
die Schmeichelei auf diesen Mann keinen Eindruck machte. Desto gesprchiger ward
er, als ihn jener auf sein System brachte, welches ein Gemisch von
Basedowischen, Pestalozzischen und Jacototschen Reminiszenzen war.
    Whrend dieser Unterredung hatten die Knaben umher ihr Wesen getrieben. Zu
seiner Verwundrung hrte Hermann, da sie einander nicht bei den Namen, sondern
nach Stnden riefen. Hinter dem Gebsche fiel ein Schu; einer der Knaben kam
mit der Vogelflinte und dem Erlegten heraus, und wurde von einem zweiten als
Frster angesprochen mit der Frage, was er geschossen habe? Der Frster
versetzte: Ich wei es nicht, besieh du ihn, Naturforscher. Der Naturforscher
nahm den Vogel, betrachtete Brust, Rcken und Flgel, und sagte: Es ist die
gemeine Amsel; turdus merula. Linn. Ein kleiner muntrer Junge verlie sein
Spielwerk von Sand und Steinen an der Erde, sprang neugierig zu den Brdern und
wurde der Baumeister genannt. Auerdem war noch ein Pastor zur Stelle, ein
stiller Knabe, der blde vor sich hinsah.
    Wie soll ich die Benennungen verstehen, welche sich Ihre Shne
untereinander geben? fragte Hermann.
    Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ist es mein Grundsatz, die mir
anvertrauten Zglinge auf dem krzesten Wege zu Menschen, welche dem wirklichen
Leben angehren, auszubilden, erwiderte der Edukationsrat. Ich wnsche sie
ohne Umschweife zu dem zu machen, wozu man nach der alten Manier nur infolge der
schmerzlichsten Pilgerschaft wurde, nmlich zu Brgern. Deshalb ist in meinen
Lehrplan nur das aufgenommen, was sie in ihrem knftigen Berufe unmittelbar
brauchen: Lnder- und Vlkerkunde, Gewerbe, Naturwissenschaft, Geschichte der
neuesten Zeit. Von Sprachen, namentlich von den toten, nur das Notdrftigste.
Ich leugne die Wrde des Gelehrten nicht, aber die Menschen so erziehen, als ob
sie alle Gelehrte werden sollen, heit das Bette des Prokrustes von neuem in
Anwendung bringen.
    Am gnstigsten steht die Aufgabe des Jugendbildners, wenn frh sich
entschiedne Neigungen zeigen, die den knftigen Stand vorbedeuten. Denn der
Stand ist eigentlich der Mensch. Dieses Glck hatte ich bei meinen Shnen.
Sobald die beiden ltesten nur auf ihren Fen stehn konnten, schleppten sie an
Steinen, Pflanzen, toten Tieren herbei, dessen sie habhaft wurden. Ich bemerkte
indessen, da der eine sich mehr mit dem Erbeuten, der andre mehr mit dem
Trocknen und Aufbewahren abgab. Auch verlie den ersten bald die Lust am
Mineralreiche; er wandte sich ganz zum Vegetabilischen und Animalischen. Steckte
nun also nicht in jenem der geborne Jger, und in diesem der Naturforscher? Der
Kleine dort, der Baumeister, schnitt, seitdem er die Hnde zu regen vermochte,
Figuren in Papier und Pappe aus, und der Pastor, ber den ich am lngsten unklar
gewesen bin, hat mich endlich dadurch von seiner Anlage berzeugt, da er
stundenlang still sitzen, und dann pltzlich aus dem Stegreife anfangen kann,
Verse zu deklamieren. Anfangs gaben wir die Namen, welche Ihre Aufmerksamkeit
erregt haben, den Knaben zum Scherz, nach und nach ist bei uns und ihnen, ja in
der ganzen Anstalt daraus Ernst geworden, und sie werden nun in jeder Hinsicht
so behandelt, als seien sie das schon, was sie werden sollen.
    Hermann fhlte, da man mit diesem Manne in der Krze handelseins werden
knne. Er fragte ihn, ob in seinem Hause auch Mdchen erzogen wrden?
    Allerdings, versetzte jener. Mit ihnen hat aber lediglich meine Frau zu
tun, ich bekmmre mich nicht um sie. Wir nehmen auch nur solche auf, welche
durch irgendeine ble Gewohnheit oder einen eingewurzelten Fehler, meiner Frau,
welche einen auerordentlichen Ttigkeitstrieb hat, ein Interesse gewhren.
Gute, reinsittliche Kinder gehren nirgends anders hin, als unter die Flgel der
Mutter, und das neuere Pensionswesen fhrt nur zur Koketterie oder zur
Bleichsucht. An den Verwahrloseten aber verrichtet meine Frau wahre Wunder der
Besserung.
    Diese Erklrungen waren, wie sie Hermann nur wnschen konnte. Er trug dem
Pdagogen sein Anliegen vor und verschwieg nicht, da Flmmchen diesem
vielleicht nur zu unbndig erscheinen werde.
    Das hat nichts zu sagen, versetzte der Edukationsrat. Wenn Sie meine Frau
kennenlernen, werden Ihre Zweifel schwinden. Die Sache ist abgemacht; wir haben
grade einen Platz offen, da wir gestern eine Gebesserte ihren Eltern
zurckschickten. Sie legen die Jahrespension bei mir nieder, und knnen dann Ihr
Komdiantenkind bringen, wann Sie wollen.
    Beide gingen miteinander den Abhang hinunter, dem Tore zu; der Hirt aber,
welcher ihrem Gesprche kopfschttelnd zugehrt hatte, sagte: Wenn ein Stck
krank wird, so nehme ich mich der Kreatur an; aber das sollte mir fehlen, eine
rudige Herde mir zusammenzubetteln. Er wollte sich hierauf in der Mitte der
Ziegen und Schafe niedersetzen, um sein Brot mit Kse zu verzehren, als sich ihm
vom Walde her eine sonderbar aussehende Figur nherte, welche wir spter
kennenlernen werden.

                                Drittes Kapitel


Leichtern Herzens setzte sich Hermann unter der Laube, wo die Rektorin hatte
decken lassen, zu Tische. So rasch war ihm seit lange nichts geglckt. Er war
sehr heiter, und berbot sich mit der Alten, welche nichts lieber hatte, als
Lachen und Lustigkeit, in drolligen Einfllen. Ein junger Mann, welcher ihm als
der Konrektor vorgestellt worden war, und ein wohlgebildetes Frauenzimmer,
jedoch schon in gewissen Jahren, auch dem Hause, wie es schien, angehrig, und
Wilhelmine genannt, machten die Gesellschaft aus. An verschiednen kleinen
Aufmerksamkeiten, die der Konrektor, der sonst ziemlich zerstreut war, ihr
erwies, und an flchtig gewechselten Blicken konnte er bald abnehmen, da
zwischen ihnen ein Verhltnis entstanden oder im Entstehen sei.
    Cornelie sa mit niedergeschlagnen Augen ihm gegenber. Sie berhrte die
Speisen kaum, sprach nichts und antwortete, wenn er sie anredete, errtend nur
das Notwendigste. Die Rektorin, welche schon bei der Szene im Garten ihre eignen
Gedanken gehabt hatte, lie zwischen beiden prfende Blicke hin und her wandern.
Er brannte, zu erfahren, wie Cornelie hieher komme, und beschlo, die Rektorin
darber sobald als mglich auszufragen.
    Sie waren beim Obste, als eine krftige tiefe Bastimme durch das Weinlaub
erscholl, und der Virgilianische Vers:
    Nunc frondent silvae, nunc formosissimus annus!
    den Speisenden zugerufen wurde. Alles sprang auf, die Rektorin rief: Der
Vater! und herzte eine lange hagre Mannsgestalt, welche mit heftigem Schritte
in die Laube trat. Quis? fragte der Rektor, auf Hermann deutend. Candidatus,
nec non, nisi fallor, baccalaureus, versetzte seine Frau. Salve! sagte der
Rektor, und gab ihm derben Handschlag.
    Ubi liberi? fragte die Rektorin. Sie schwrmen noch, sicuti hoedi, wie
die Bcklein, in pratis, antwortete der Hausherr. Da die Ferien erst morgen zu
Ende gehn, so wollte ich ihnen diese fernere Freiheit gnnen, denn auch Cicero
scherzte nach den Staatsgeschften in seinem Tusculo.
    Er bat die Gesellschaft, sich nicht stren zu lassen; er sei ermdet, und
wolle schlummern, worauf er sich entfernte, ohne den Hut vom Haupte zu tun, den
er auch bei dem Eintritte nicht abgenommen hatte.
    Nach dem Essen sagte die Rektorin: Nun zu unsrem Eumos. Der Himmel ist
wunderklar, wir werden einen prchtigen Nachmittag drauen haben. Cornelie -
fuhr sie nach kurzem Innehalten schalkhaft fort-mag mit dem Gastfreunde
vorangehen, und ihm die Gegend zeigen, wir alten verstndigen Leute, der Herr
Konrektor, du Wilhelmine und ich, schlendern gemchlich hinterdrein.
    Auf dieses Wort entfernte sich Cornelie, wie um etwas zu holen, und einige
Augenblicke darauf sah Hermann sie zu seinem Verdrusse mit dem Konrektor und
Wilhelminen, denen sie einen verstohlnen Wink gegeben hatte, ber die Strae
nach dem Tore zu gehn.
    Die Rektorin hatte sich den Strohhut aufgesetzt und kam zurck. Noch hier?
fragte sie. Wo ist das Jungfrulein? - Es scheint, erwiderte Hermann etwas
verlegen, da man meine Begleitung nicht wnscht. Woher ist dieses junge
Mdchen? Wem gehrt sie an? Was fhrte sie zu Ihnen?
    Ei, so eifrig! sagte die muntre Frau. Und wie unwissend der Herr Kandidat
sich anstellen! Gut denn, da Sie der Belehrung in dieser Hinsicht so bedrftig
sind, so sei Ihnen gedient. Mein Cornelchen ist die Pflegetochter der
Kommerzienrtin Hermann, von dieser meiner alten Jugendfreundin mir auf einige
Monate zum Besuche geschickt. Damit aber hat die Beichte ein Ende; das brige
bleibe vorderhand noch unter sieben Siegeln. Jetzt auf Ihre drei Fragen eine
zurck: Was halten Sie von dummen Streichen in der Liebe?
    Wie soll ich das verstehn? fragte Hermann uerst bestrzt.
    Zum Beispiel so. Wenn ein junger Mann nur geradezu, ehrbar, im schwarzen
Frack mit weien Manschetten, hintreten und um ein frommes schnes Kind werben
drfte, statt dessen aber lieber unter fremdem Namen in ein stilles Brgerhaus
eindringt, und allerhand Angst und Schrecken verbreitet.
    Um Gottes willen! rief er, was hat Sie in diesen seltsamen Irrtum
versetzt?
    Irrtum? - Machen Sie mich nicht zu Ihrer Feindin. Ich meine es ja wohl mit
Ihnen, mir gefallen die Schleifwege der Zrtlichkeit. Auch mein Alter mute bei
Nacht und Nebel mit mir zusammenkommen, weil die Base den jungen Menschen, der
nur einen Rock besa und weiter nichts, von ihrer Schwelle wies. Es ist mir
nichts langweiliger, als die Vernnftigkeit der jetzigen jungen Leute, welche
ohne die Aussicht auf ein Amt, oder auf eine reiche Mitgift, dos, dotis, sich
gar nicht mehr verlieben. Also nur frisch zu; die Rektorin steht Ihnen bei. Aber
ein Kandidat sind Sie nicht, denn Sie haben keine Pfeife, tragen feine Wsche
und machen Fehler gegen die lateinische Prosodie.

                                Viertes Kapitel


Drauen, auf grnem birkenbesetzten Rasen, machten sich die Frauenzimmer um das
Feuer zu schaffen. Der Ort war wirklich allerliebst und verdiente zum Familien-
und Nachmittagspltzchen ausersehen zu werden. Links und rechts sah man in das
lichte, weistmmige Gehlz, zwischen den Bumen lag das reinlich gehaltne
Huschen des Hirten, am Fue der Anhhe sprang die Stadt in einem scharfen, mit
Warttrmen gekrnten Winkel vor, der Flu wand sich blinkend um diese Ecke.
Nimmt man dazu, da unter den Birken ein Sauerwasser aus der Erde quoll, ber
welchem von vorsorglicher Hand das Brunnendach gewlbt worden war, so hat man
das Bild der friedlichen anmutigen Stelle.
    Der Konrektor sprach mit einem Menschen, der seinen Gesichtszgen nach
unkenntlich, auf einer Bank abseits am Hause sa. Er trug einen ziemlich
verbrauchten Rock von weilicher Farbe, und einen Hut mit breiter Krempe, der
das Antlitz verschattete. Was davon noch zu sehen gewesen wre, bedeckte zum
Teil wieder eine schwarze Binde, die ber dem linken Auge und ber der Wange
lag.
    Wer ist der Mensch? fragte die Rektorin, welche jetzt, gefhrt von
Hermann, zum Platze gekommen war.
    Ein armer Sptrckkehrender aus Spanien, wie er sagt, wo er die
sonderbarsten Schicksale erlebt haben will, versetzte der junge Schulmann. Er
wandert zu seinen Eltern, die noch weit von hier wohnen sollen. Da er nicht Geld
genug hatte, um in der Stadt einzukehren, so hat er seine paar Groschen dem
Hirten gegeben, der ihm dafr auf einige Tage Obdach gewhren will. Er hat sich
nach Ihnen und Ihrem Gemahle eifrig erkundigt, wie mir der Hirt sagte.
    Die Rektorin trat auf den Verhllten zu, und fragte ihn: Kennen Sie uns?
Wissen wir etwas von Ihnen?
    Wohl schwerlich, versetzte der Fremde mit einer tiefen und rauhen Stimme.
Ich hatte nur von Ihnen, als von mildttigen Leuten gehrt, und da mein Weg
noch weit ist, und mein Geld mir ausgegangen war, so lie ich mir Ihr Haus
beschreiben. Sie um eine Gabe anzusprechen.
    Sie erwiderte ihm etwas Freundliches und reichte ihm vorderhand, was sie bei
sich trug, mit gutmtiger Einladung auf Speise und Trank in ihrem Hause. Wenn
ich auch den Bettlern sonst eben nicht hold bin, mit diesen Worten wandte sie
sich an Hermann, so bekommt doch jeder Soldat etwas, der aus der
Kriegsgefangenschaft in den fremden Lndern, wohin unser junges deutsches Blut
geschleppt wurde, zurckkehrt. Mit diesen Almosen ehre ich das Andenken meines
umgekommnen Sohns.
    Hermann, dem es lieb war, da sich die Gelegenheit zu einer von ihm
ablenkenden Unterredung darbot, erkundigte sich nach diesem Hausunfall und hrte
ein Geschick, wie es durch die ungeheuren Kriegsereignisse leider so vielen
deutschen Familien bereitet worden ist. Die Rektorin erzhlte ihm, da ihr
ltester Sohn, ein wilder siebenzehnjhriger Bursche, mit dem der Vater nie
zurechtkommen knnen, im Jahre Zwlf ihnen fortgelaufen und der Fahne des
Eroberers nach Ruland gefolgt sei. Bis Smolensk, ja bis zur Moskwa habe er, da
er bald seinen Schritt bereut, noch Nachricht gegeben, nachher sei er
verschollen.
    Wir hatten nach dem Frieden alle mglichen Erkundigungen angestellt, wir
hatten, da diese nichts fruchteten, ihn betrauert und ihn darauf zu den Toten
geschrieben, fuhr die Rektorin gleichmtig fort. Da machte er uns vor kurzem
auf einmal wieder Unruhe. Ein hbsches Erbteil, welches ihm angefallen ist, und
auf welches wir nach seinem Tode Anspruch haben, kann von uns nicht erhoben
werden, bevor er nicht bei den Gerichten frmlich fr tot erklrt worden ist.
Und dieses Geld kme uns grade jetzt sehr zustatten, da die Bibliothek eines
Professors in H. aus freier Hand verkauft werden soll, die der ganze
Herzenswunsch meines Mannes ist, weil sie die Lcken seiner eignen vollstndig
ergnzt. Auch den beiden halben Liebesleuten da soll die Todeserklrung helfen.
Zu den trichten Streichen meines Sohns gehrte auch, da er sich mit
Wilhelminen, welche damals sechzehn Jahre alt war, alles Ernstes versprochen
hatte. Die Sache ist natrlich veraltet, der Konrektor und sie geben ein gutes
Paar ab, sie ist auch mit ihm einig; dann aber kommen wieder Tage, wo ein
berspannter Begriff von Treue in ihr aufwacht, wo sie Gewissensbisse empfindet,
da sie einem Zweiten angehren wolle, ehe sie noch vllig berzeugt sei, da
der Erste nicht mehr unter den Lebendigen wandle - kurz auch da wird der
Ausspruch ntig sein, da der Tote wirklich tot sei, um alles zum Abschlu zu
bringen. Wir haben viele Umstnde von dieser Angelegenheit gehabt, mein Alter
war deshalb nach S. gereist, ich hoffe, da er seinen Zweck erreicht hat.
    In dieser Erzhlung fuhr sie noch eine Zeitlang fort, und sprach ber die
Dinge, welche sie und ihr Haus betrafen, mit derselben Rckhaltlosigkeit, welche
ihr in Reden ber fremde Verhltnisse eigentmlich war. Hermann, welcher diesen
Geschichten etwas zerstreut zuhrte, und seine Augen umherschweifen lie,
bemerkte, da der Fremde von seiner Bank gespannt lauschte, und das Haupt nicht
von der Redenden abwandte.
    Indessen war das Getrnk am Feuer zubereitet worden, Cornelie und Wilhelmine
verteilten die Tassen und als htte die Nachahmung der Luise vollkommen getreu
werden sollen - die Lffel waren wirklich vergessen und muten durch
Birkenstbchen ersetzt werden, die der Konrektor rasch zu dem Zwecke zu liefern
wute. Cornelie hatte, da dieser sich seinen Platz neben Wilhelminen nicht
rauben lie, neben Hermann sitzen mssen, machte ihn aber ihrer Nhe nicht froh,
sondern benutzte jeden Vorwand, um aufzustehn und etwas zu besorgen.
    Als es Abend werden wollte, kam der Rektor den Hgel herauf. Zugleich
erschien von der Wiesenseite der Hirte, welcher sein Vieh eintrieb. Sie
begegneten einander auf halbem Wege und der Rektor, welcher mit dem Hirten immer
seinen archologischen Verkehr hatte, begrte ihn, und sagte: Wie geht es dir,
mnnerbeherrschender Sauhirt?
    Herr Rektor, versetzte der Hirt, Sie wissen es ja, da ich keine Schweine
hte, sondern nur Ziegen-und Schafvieh. Und was die Mnnerbeherrschung angeht,
so bin ich froh, wenn ich meine Herde in Ordnung halte, mit weiterem Regiment
gebe ich mich nicht ab. Aber Sie haben hier so oft die alte Geschichte von dem
Manne erzhlt, der, ich wei nicht, wie? heit, und so lange fortgewesen ist,
und endlich zurckkommt und bei dem Hirten liegt ...
    Nun, und? Pergas! sagte der Rektor.
    Ich meine nur, da noch alle Tage kuriose Dinge vorfallen knnen, sagte
der Hirte.
    Nun erzhle mir, wie deine Reise abgelaufen ist, sagte die Rektorin zu
ihrem Manne.
    Ganz nach Wunsch, versetzte dieser. Unsre Zeugnisse und Bescheinigungen
sind endlich als gltig angenommen worden. Wir haben nur noch den blichen Eid
zu leisten, da wir seit dem Verschwinden Eduards nichts von ihm vernommen haben
und ihn wirklich fr tot halten, und dazu ist schon der nchste Donnerstag
angesetzt worden. Tandem aliquando, kann ich sagen; die Bibliothek ist unter
Brdern das Dreifache wert, was dafr gefordert wird.
    Beide Gatten ergingen sich noch in behaglichen Gesprchen ber die gehabte
Mhe, die nunmehr hinter ihnen lag, Hermann war in eigne Gedanken verloren, und
Cornelie zerpflckte wie im Traume Blumen. Aus diesem Gesprche und Sinnen
wurden alle durch einen dumpfen Schrei aufgeschreckt, den der Fremde ausstie.
Sie sahen sich um, und erblickten den jungen Schulmann, der neben Wilhelminen,
verlegen, die Augen gesenkt, stand. Auch sie war errtet. Der Fremde erhob sich,
und ging in die Htte. Man konnte bemerken, da er wankte.
    Hermann war ihm gefolgt. Der Fremde lag schluchzend, das Haupt auf einen
Tisch gelegt, und rief, da er den Eintretenden in seinem Schmerze nicht gewahr
wurde, selbstvergessen: Ja, ich bin ein Toter, und unter den Lebendigen
ausgetan! - In Hermann stieg blitzschnell eine Vermutung auf, die ihn
vermochte, leise wie er eingetreten war, die Stube zu verlassen, um nicht eine
zu gewaltsame Szene herbeizufhren.
    Er sagte der drauen wartenden Gesellschaft, da der Wandrer von der groen
Anstrengung, die er gehabt, ein belbefinden gesprt habe, jedoch sich schon
wieder erhole, und bewog sie, von weitrer Sorge um ihn abzustehn, und den
Rckweg nach der Stadt anzutreten.
    Nach so mannigfaltigen Vorfllen, die sich im engen Rahmen einer
beschrnkten brgerlichen Haushaltung ereignet hatten, fhlte er das Bedrfnis
der Einsamkeit, und war sehr froh, als er sich nach berstandnem Abendessen auf
seinem Erkerzimmerchen befand. Er lie den Zustand, in den er, ohne es zu
wollen, eingetreten war, an seiner Seele vorbergehn, und wenn ihm die Weise
dieser Leute freilich etwas eng und einfrmig vorkommen wollte, so fhlte er
doch, da auf so schlichtem Denken und Empfinden eigentlich das Glck des
Daseins ruhe. Aber auch dieser Idylle waren die dstern Farben der entsetzlichen
Welterschttrung zugeteilt, auch in sie ragte eine fremde unheimliche Gestalt
hinein. Ach! rief er aus, wer kann jetzt wissen, ob er nicht auch einmal,
unkenntlich seinen Nchsten, fremd und abgeschieden umherschwanken wird?
    Er sah durch das Fenster. Ein schner Stern ging hell am Horizonte auf. In
diesem Augenblicke trat das Bild Corneliens wieder vor seine Seele, und eine
innige Wrme durchdrang ihn. Er hatte nicht zehn Worte mit ihr gesprochen und
doch war es ihm, als kenne er sie seit Jahren. Er hatte geglaubt, sein Herz sei
in Liebeshndeln abgemdet, und nun kam es ihm vor, als habe er noch nie
empfunden. Er fhlte ein unaussprechliches Verlangen, sich anzuheften,
anzuklammern, und dem zweck- und planlosen Leben ein Ende zu machen. Mit diesen
frommen Regungen sank er auf sein Lager zum erquickendsten Schlummer nieder.

                                Fnftes Kapitel


Gestrkt durch einen freundlichen Gru Corneliens, welche ihm frisch wie der
Morgen begegnet war, ging er andern Tages, sobald es ihn schicklich dnkte, zum
Edukationsrat. Sie schien ihm freier zu sein, als gestern.
    Bei dem Edukationsrate hatte er bald sein Geschft in Richtigkeit gebracht.
Nun lernte er auch die Frau des Erziehers kennen. Er fand sie allerdings
geeignet, dem Systeme, wonach hier eingewurzelte Fehler ausgetrieben werden
sollten, Nachdruck zu verschaffen. Sie war von ungewhnlicher Gre, starken
Gesichtszgen; auf ihrer Oberlippe lie sich ein leichtes Brtchen nicht
verkennen. Nach Ihrer Erzhlung ist das Kind, dessen Sie sich annehmen,
mittellos, folglich zum Dienen bestimmt, sagte sie zu Hermann. Ich werde sie
daher mit besondrer Strenge zum Kochen, Backen und Spinnen anfhren, und wenn
sie soweit ist, sich selbst zu helfen, ihr eine Kondition verschaffen.
    Hermann mute hierauf mit den beiden Ehegatten einen Gang durch das Gebude
machen, um alle Einrichtungen zu beaugenscheinigen. Das Haus war frher ein
stdtisches Mehlmagazin gewesen, und konnte noch nicht ganz seine vorige
Bestimmung verleugnen. Denn abgesehen davon, da darin, nach der Klage seiner
Fhrer, eine unermeliche Anzahl Grillen zurckgeblieben war, wozu sich, wie sie
sagten, nunmehr leider auch betrchtliche Wanzenscharen zu gesellen schienen, so
waren auch noch nicht smtliche Rume zu dem Erziehungszwecke ausgebaut. Der
Edukationsrat hatte mit migen Geldkrften anfangen mssen, zu wirtschaften,
und so grenzten denn noch weite, wste Speicher mit Lukenffnungen an Wohnzellen
und Lehrzimmer.
    ber mehreren Tren stand mit groen Buchstaben der Spruch:

Nach Freiheit strebe der Mann,
Das Weib nach Sitte!

Ist Ihnen diese Maxime so wichtig? fragte Hermann.
    Ganz gewi߫, versetzte der Edukationsrat, denn in diesen zwei Zeilen ist
die Bestimmung der Geschlechter vollstndig ausgedruckt, und alles, was noch
sonst darber gesagt werden mag, ist nur ein Kommentar jener Verse. Leider
bekomme ich nur meine Zglinge nicht so unverbildet, wie ich meine eignen Knaben
erhalten habe. In der Regel ist ihnen durch Zwang schon allerhand eingeimpft,
was denn erst wieder heraus mu, damit nur die Natur zum Vorschein kommt und ich
sehe, wozu eines jeden Sinn und Neigung ihn fhrt. Habe ich das erkannt, so ist
eigentlich das Hauptgeschft getan, und die junge Raupe frit sich, wenn ich ihr
nur die Bltter gebe, worauf ihr Instinkt sie angewiesen hat, von selbst zum
Schmetterling.
    Hermann mute ber dieses seltsame Gleichnis lcheln und wandte ein, da
wenn man sich nach eines jeden Neigung richten wolle, man so viele Erzieher
haben msse, als Kinder in die Welt gesetzt wrden.
    Ein System ist nur unter Beschrnkungen auszufhren, das versteht sich von
selbst, versetzte nicht ohne Empfindlichkeit der Realschulmann. Annhernd aber
kann man allerdings verfahren, und um ein Beispiel zu geben: Ich qule
diejenigen, welche einen entschiednen Sinn fr Mathematik und Zeichnen verraten,
nicht mit der Technologie, und so umgekehrt. Das glcklichste wre, wenn meine
Methode nach und nach zur Aufhebung der Universitten fhrte, die in ihrer
jetzigen Gestalt wahre Invalidenanstalten des Geistes sind. Wenigstens mte die
philosophische Fakultt, in welcher man alles Wichtigste: Geschichte,
Geographie, Naturkunde und was sonst noch, zusammengerhrt hat, in
Spezialschulen auseinandergelegt werden. Geschichte kann man nur lernen in einer
Gegend, wo die verschiednen Perioden der Vergangenheit ihre Niederschlge in
Denkmalen, Sprache und Sitten abgesetzt haben; ebenso Erdkunde und Physik nur an
wirklich bedeutenden Naturpunkten. Was Jurisprudenz und Theologie betrifft, so
mchten diese immerhin bleiben, wo sie sind, und die Philosophie kann freilich
auch berall und nirgends gelehrt werden.
    Mit deinem Systeme hat es noch weite Wege, sagte die Edukationsrtin,
welcher Hermann die Ungeduld angesehen hatte, auch zum Wort zu gelangen. Desto
krzer ist das meinige auszufhren. Ja, mein Herr, das Weib strebe nach Sitte!
das ist die ganze Weisheit weiblicher Erziehungskunst. Und was heit Sitte?
Gehorsam, Flei. Daher: um fnf Uhr morgens aufstehen, gehorchen, bis neun Uhr
abends die Hnde nicht in den Scho legen, und dann wieder zu Bett! Alles andre
ist ganz unntz, wir lernen nichts aus Bchern, sondern nur durch Umgang und
Menschen. Wenn sie heiraten und Kinder bekommen, wird Klavierspielen und
Franzsisch an den Nagel gehngt. Stille, Liebe, Vertrglichkeit, bescheidnes
Fgen, das sind die Eigenschaften, welche uns ziemen und zieren.
    Sie bekam gleich Gelegenheit, diese Tugenden einzuschrfen, und zugleich den
Besuchenden von ihrem Ansehn zu berzeugen. Denn in einer an den Gang, ber den
sie wanderten, stoenden Stube, worin Hermann kurz zuvor eine Menge junger
Mdchen bei huslicher Arbeit eingepfercht gesehen hatte, erhob sich ein
ungemeiner Lrmen und heftiger Streit. Sofort rief die Edukationsrtin mit
donnernder Stimme: Still! und stampfte mit dem Stocke, den sie bestndig in
der Hand fhrte, heftig auf den Fuboden; worauf augenblicklich die tiefste Ruhe
eintrat.
    Beim Abschiede legte der Edukationsrat Hermann die Hand auf die Schulter,
und sagte mit Feierlichkeit: Ich freue mich, einen Mann gefunden zu haben, der
mit Aufmerksamkeit Grundstze anhrt, von welchen, wenn sie durchdringen, die
Erneuung des Menschengeschlechts beginnen mu. Mehr knnte ich wirken, wenn mir
der Rektor mit seinem Gymnasio nicht auf dem Halse se. Dieser Mann, sonst ein
achtungswerter Gelehrter und gewissermaen mein Freund, schadet mir durch sein
falsches Beispiel ber alle Begriffe. So mu ich notgedrungen Ferien halten,
weshalb Sie auch jetzt alle Knabenzimmer leer sehn. Denn obgleich sie das ganze
Jahr hindurch nur spielend lernen, und also einer besondern Erholungszeit nicht
bedrfen, so regt sich in ihnen jedesmal eine unbezwingliche Unruhe, wenn sie
die Gymnasiasten abziehen sehn, und ich mu sie dann wider Willen entlassen.
Deshalb habe ich auch vor, wenn es sich irgend tun lt, fortzuziehn, und meine
Anstalt in eine abgelegne Gegend des Gebirgs, wo sie vor schdlichen Einflssen
gesichert ist, zu verpflanzen.
    Obgleich Hermann in dem, was er von beiden Personen gehrt hatte, den guten
Willen und auch zum Teil das Richtige nicht verkennen mochte, so war die
Lokalitt doch wenig geeignet, in ihm die Behaglichkeit hervorzubringen, welche
das Haus des Rektors gleich entschieden in ihm erweckt hatte. Denn auer dem
Wsten und wenig Erfreulichen der nicht ausgebauten Rume hatte sein Auge der
Anblick mancher Unordnung verletzt, welche in Zimmern und Vorpltzen trotz den
Worten der Edukationsrtin sich dort bemerken lie. Um die Stunden hinzubringen,
ging er in die Bibliothek des Rektors, wozu ihm dieser gleich nach den ersten
Begrungen die Erlaubnis gegeben hatte. Sie war wegen ihrer Gre nicht im
Studierzimmer aufgestellt, sondern hing nur mit diesem durch ein kleines Gemach
zusammen. Ausgestattet mit allem, was zur klassisch-philologischen Rstkammer
gehrt, war sie besonders reich an Apparaten zum Eutropius. Der Rektor hatte auf
eine Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers groe Mhe und viele Zeit
verwendet, und denn auch ein Werk geliefert, welches in der gelehrten Welt nur
rhmlichst genannt wurde.
    Es fehlte indessen dieser Bchersammlung ebenfalls nicht an Englndern und
Deutschen. Er nahm ein englisches Buch, in welchem Menschen- und
Weltverhltnisse aphoristisch betrachtet wurden, zur Hand, um darin zu lesen,
und fand einen Satz, der ihn stutzig machte, er wute nicht, warum? In flachen
Gegenden oder auf dem Meere sagte jener Autor, gibt es ein Phnomen, welches
man das Heliakallicht nennt. Die Kugel der Sonne bildet sich frhmorgens in den
Dnsten ab, welche den Luftkreis durchziehn, das Tagesgestirn scheint schon
aufgegangen zu sein, whrend es in der Tat noch unter dem Horizonte verweilt.
Etwas hnliches begegnet oft im Leben. Das Schne, Reizende, Wnschenswerte
zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde, wir meinen es dann
schon zu besitzen, und doch ist es vorderhand nur ein Schein, der erst einige
Zeit spter zum leuchtenden und wrmenden Gestirne unsrer Tage werden kann, wenn
das Schicksal es uns berhaupt so gnnen will.

                                Sechstes Kapitel


In der Lektre und in den dadurch angeregten Gedanken strte ihn ein dumpfes
Gerusch, welches vom Nebenhuschen im Hofe heraufdrang. Er sah die Knaben des
Rektors, welche schon abends zuvor im vterlichen Hause wieder eingerckt waren,
auf den Stufen der Vortreppe bereinander sitzen, und hrte ihre Vorbereitung zu
den morgen aufs neue beginnenden Lektionen. Da sie verschiednen Alters waren, so
reichten sie von Quinta bis Prima hinauf und trieben folglich die Latinitt von
alauda cantat bis zum Exponieren des Virgil. Ganz laut wurden diese Studien
betrieben, wodurch ein Gerusch entstand, nicht unhnlich demjenigen, welches in
einer Judenschule zu tnen pflegt. Was Hermann in Erstaunen setzte, war, da
keiner den andern irrte, vielmehr jeder sein Pensum unter den fremden
Beschftigungen, die ihm vor dem Ohre klangen, fortlernte.
    Nachdem dieses babylonische Sprachgemisch eine Zeitlang angehalten hatte,
kamen zwei Shne des Edukationsrats vorsichtig durch eine Hintertr geschlichen.
Es war der Naturforscher und der Baumeister. Erstrer trug eine groe Flasche,
letztrer einen Topf und ein leinenes Sckchen. Sie sahen sich vorsichtig um, als
frchteten sie, bemerkt zu werden, und schlichen sodann zu den Lateinern.
    Sobald diese jene bemerkten, warfen sie Brder, Csar und Virgil weg,
stieen ein Freudengeschrei aus und hielten mit den beiden Angekommnen ein
heimliches Gesprch, wobei von letzteren viel auf Flasche, Topf und Beutel
gedeutet wurde. Nachdem einer darauf einen Spaten ergriffen hatte, zog der ganze
Trupp durch die Hintertr nach dem wsten Platze ab, welcher dort zwischen
Scheunen der Nachbarn neben dem Garten lag. Durch die offne Tre sah Hermann sie
noch an der Erde graben und wirtschaften, ohne gewahr werden zu knnen, was sie
eigentlich vornahmen.
    Im Verlaufe des Tages fragte er den Rektor, ob seine Shne Grammatik und
Autoren immer auf die Weise behandelten, welche er wahrgenommen hatte.
    Jederzeit, antwortete dieser. Sprache kommt her von Sprechen. Man kann
sie nur laut lernen. An dem hrbaren Schalle prgt sich alles lebendiger ein;
stilles Lesen und Memorieren ist nur ein halbes Werk.
    Ich habe mich deshalb auch gentigt gesehen, die Jungen nach dem
Nebengebude zu verweisen, welches frher eine Waschkche war, denn im Hause war
das Getse nicht auszuhalten, sagte die Rektorin.
    Es gab allerdings zuweilen multum clamoris, sprach der Rektor
gravittisch. Hermanns Besuch bei dem Edukationsrate war ruchtbar geworden, und
diese Nachricht gab zu allerhand Scherzen ber diesen Mann und sein
Erziehungswesen Veranlassung, worin besonders die Rektorin unerschpflich war.
Sie verschonte auch sein Zpfchen nicht, welches er freilich, auffallend genug,
noch trug, da doch dieser Zierat schon lngst abgekommen ist, und meinte, er
lasse es nach seinem Grundsatze von der Freiheit der Entwicklung stehn, weil die
Haare nun einmal diese Richtung genommen htten.
    Dieser sonst wrdige Mann und mein Freund wird durch seine fast pueril zu
nennenden Grillen noch einmal das grte Unglck herbeifhren, sagte der
Rektor. Heute morgen vertraute mir der Apotheker, welcher hier vorbeikam, da
zwei seiner nebulonum, der sogenannte Naturforscher und der Architekt, in der
Offizin fnf Pfund Eisenfeilspne und eine groe Flasche Vitriolsure angekauft
htten. Was nun die Knaben damit Verderbliches beginnen wollen, mgen die
unsterblichen Gtter wissen.
    Bei diesem Hin- und Herreden wurde Hermann, der sich nun auch noch an so
manches aus den Gesprchen des Edukationsrats erinnerte, das sonderbarste
Verhltnis offenbar, eins von denen, welche der deutschen Stuben- und
Gelehrtenwelt eine so wunderliche Gestalt geben. Beide Schulmnner gingen von
Prinzipien aus, die, jedes in seiner Art, etwas fr sich hatten. Denn alle
Bildung bestand ja von Anbeginn der Geschichte nur darin, da man entweder durch
einen mchtigen allgemeinen Begriff das Individuum zu steigern versuchte, oder
sein besondres Innres erforschend, es zu entfalten suchte. Da sie nun aber diese
Grundstze auf die Spitze trieben, so sahen sie sich mit der Welt, welche
eigentlich beide zu einer unbestimmten Mitte verflacht wissen will, in
bestndigem Widerstreite. Hufig kam der Fall vor, da Eltern ihre Shne dem
Edukationsrate nach kurzer Frist wieder wegnahmen, weil sie bei ihm nichts
lernten, und der Rektor war schon verschiedentlich von der obern Behrde scharf
bedeutet worden, die Krfte der Jugend weniger anzugreifen, und ber das Studium
der Alten nicht alles andre zu vernachlssigen.
    Beide hatten aber beschlossen, fest zu beharren bei dem, was sie fr wahr
erkannten, beide fhlten sonach die Notwendigkeit, zu stets bereiter Polemik
gerstet zu sein. Das Bedrfnis, sich in dieser zu ben, hatte die Gegner
zueinander gefhrt, und da sie nebenbei joviale rechtschaffne Mnner waren, so
schlich sich unter allem Streit und Hader eine aufrichtige Freundschaft ein, die
sich schon durch verschiedne wesentliche Dienste, welche einer dem andern
erwiesen, bettigt hatte. Freilich konnte ein Dritter bei ihren Zusammenknften,
welche wchentlich regelmig einige Male stattfanden, davon nichts merken, denn
diese gingen nie ohne hitzige Wortgefechte ab.
    Zwischen ihren Husern hatte sich berhaupt ein frmlicher kleiner Krieg
ausgebildet, und es war ein eignes Idiom entstanden, welches dem
Nichteingeweihten unverstndlich war. So hatte Hermann bei dem Edukationsrate
von den Alten, und bei dem Rektor von den Stnden, wie von lebenden Personen
reden hren, und erst durch einige Fragen herausgebracht, da mit dem ersten
Ausdrucke die Shne des Rektors und mit dem zweiten die des Edukationsrats
gemeint waren. Die Gattin des letztren tat sich viel auf den Einfall zugute, da
der Rektor alles Ernstes bedaure, seinen Hirten nicht Schweine hten zu sehen,
weil dieser in seiner gegenwrtigen Verfassung doch noch keine vollkommne
hnlichkeit mit dem Homerischen Vorbilde zeige; die Rektorin dagegen nannte ihre
rstige Freundin wegen des schon berhrten Stabes nie anders als die
speerschwingende Minerva.
    Das Geschick hatte noch auerdem fr Mehrung der Verwicklungen gesorgt.
Durch eine besondre Nemesis sah sich der Edukationsrat gezwungen, seinen Pastor,
bei dem es denn doch nun einmal ohne Rmer und Griechen nicht abgehen konnte, zu
dem Widersacher auf das Gymnasium zu schicken. Lange hatte er sich gestrubt;
der Knabe, welcher ohnehin keinen raschen Kopf hatte, war daher fr seine Jahre
zurckgeblieben und sa in einer unteren Klasse. Diesen Umstand verfehlte der
Rektor nicht bei Gelegenheit gehrig aufzustechen. Im stillen hatte er sich
vorgenommen, dem Pastor, sobald er nur erst die Rudimente hinter sich htte,
selbst alle mgliche Nachhlfe zu geben, ihn der Kanzel zu unterschlagen, aus
ihm einen Philologen zu bilden, und so dem Gegner aus seinem eignen Blute den
Rcher an den verachteten Klassikern zu wecken.
    Dagegen erlebte der Rektor nun wieder an seinen Knaben manches Leidwesen.
Ihnen war streng jeder Umgang mit den Shnen des Edukationsrates untersagt
worden, von welchen der Vater nur Zerstreuung und allerhand trichte Streiche
besorgte. Aber die Alten fhlten eine unbezwingliche Neigung zu den Stnden, die
immer etwas Neues vorzuweisen und anzugeben hatten, und befriedigten dieselbe
auf hundert und aber hundert Schleifwegen. Gegenseitig wurden geheime Besuche
abgestattet, denen der Edukationsrat mit stiller Schadenfreude nachsah, der
Rektor dagegen durch einen Vorpostendienst, zu dem er sich selbst in Haus, Hof
und Garten bequemen mute, mglichst entgegenzutreten strebte.
    Alles dieses strte indessen die Geselligkeit beider Familien nicht, und so
war auch an dem Tage, von welchem hier die Rede ist, ein Abendessen im Garten
des Rektors verabredet worden. Der Fischer hatte der Rektorin einen groen
Hecht, frisch aus dem Wasser gezogen, berbracht, welcher nicht allein verzehrt
werden durfte.
    Cornelie, welche das Lusthuschen zum Empfang der Fremden aufschmckte, kam
von ihrer Arbeit eilig zu Hermann und sagte leise zu ihm: Bringen Sie doch
heute etwas auf, worber kein Streit entstehen kann. Ich wei gar nicht, warum
sie hier zusammenkommen, wenn sie immer miteinander Zwist haben wollen. Es hrt
sich so unangenehm zu. Er ging und sann, wie er ihrem Gebote Folge leisten
solle.
    Als gegen die Zeit des Besuches der Rektor in das Lusthuschen trat, sah ihm
seine Gattin einige Verstimmung an. Wir bekommen noch einen Fremden, der mir
nicht ganz gelegen ist, sagte er * bernachtet auf seiner Reise nach * in
unserm Orte, und hat sich anmelden lassen. Er ist mir als Feind meines teuren,
hochverehrten Johann Heinrich, und weil er, der Gelehrte, mit Sduft und
Modeschwatz den Chevalier, equitem, spielen will, uerst widerwrtig, dennoch
habe ich ihn, heuchlerischer Weltsitte gem, die auch den Biedern zwingt,
willkommen heien mssen.
    Spricht er denn noch deutsch, oder schon nichts als Sanskrit und Prakrit?
fragte die Rektorin.
    Ich bitte dich, schweige. Bilem moves, ich mchte unartig werden, wenn mir
bei seinem Anblicke die indischen Ungeheuer einfielen.
    Der Rektor befand sich, wie er immer pflegte, wenn er nicht ausging oder
Schule hielt, im Schlafrock und Pantoffeln. Die Gattin ermahnte ihn, fr heute,
des fremden Gastes wegen, die bequeme Hauskleidung abzulegen, erhielt aber einen
verneinenden Bescheid. Das fehlte noch, rief er, da ich um des alten Gecken
willen, von ehrbarer Gewohnheit abweiche! Nein, deus haec nobis otia fecit. Wer
mich nicht sehen will, wie ich bin intra privatos parietes, der bleibe hauen.
    Die Rektorin, welche bei aller Achtung und Liebe fr ihren Mann dennoch
einen Blick fr seine kleinen Lcherlichkeiten hatte, und oft befrchtete, da
er dadurch den Spott Dritter ber sich hervorrufen mchte, war ber die
Weigerung etwas verdrielich. Wie die Frauen sind, die gern im Angenehmen und
Unangenehmen beharren, sie brachte gleich noch ein Zwietrachtsthema hervor. Ich
wei nicht, was heute einmal wieder mit unsern Kindern sein mag, sagte sie.
Sie lassen sich kaum blicken; wenn ich einen sehe, so verkriecht er sich, oder
macht ein sonderbares Gesicht. Gewi ist eine ausbndige Schelmerei und fr uns
ein tchtiger rger unterweges. Wenn ich dich doch berreden knnte, den lauten
Sprachunterricht einzustellen, damit ich sie wieder in das Haus nehmen drfte.
In der Waschkche sind sie unsrer Aufsicht entrckt, knnen tun, was sie wollen,
und berdies habe ich jetzt mit der groen Wsche wegen Mangels an Raum immer
meine liebe Not.
    Du hufest verkehrte Wnsche, erwiderte der Gatte gehaltnen Tons. Den
lauten Sprachunterricht einstellen, hiee, von einem obersten leitenden
Grundsatze abweichen, und dieses wirst du deiner groen oder kleinen Wsche
wegen wohl im Ernste nicht von mir verlangen. Was aber die heutige Unruhe der
Knaben betrifft, so beruhige du dich darber. Es ist morgen die groe
Klassenversetzung, der Quintaner und Tertianer rcken auf, Quarta und Sekunda
bleiben sitzen. Praesentiunt, praesagiunt, spei timorisve pleni, das bringt sie
so in Bewegung, und wenn du mehr Menschenkenntnis besest, so httest du wohl
den wahren Grund erraten knnen.
    Der letztere Vorwurf, mit welchem der Rektor, der sich fr einen groen
Menschenkenner hielt, gegen seine Gattin freigebig zu sein pflegte, traf sie
empfindlich. Sie bezwang sich indessen dieses Mal und fragte ihn nach einer
Pause mit einer gewissen scharfen Freundlichkeit: Sage mir Vterchen, was
hltst du von unsrem Gastfreunde?
    Dieser Kandidat Schmidt hat leider mehr von der modernen sthetischen als
von der grndlich gelehrten Bildung abbekommen, versetzte der Rektor. Wenn er
sich mir anvertraute, so wollte ich ihm wohl nachhelfen, denn er ist ein
gescheiter, offner Kopf. Was sein Hiersein betrifft, so ist dieses nicht ohne
geheime Absichten; er will unter der Hand etwas durchsetzen.
    Hast du das gemerkt? fragte die Rektorin, betroffen ber den Scharfsinn
ihres Manns.
    Freilich. Er will etwas ber den Eutrop edieren, wozu es denn nun an allen
Ecken und Enden fehlt. Da soll der Rektor vorspannen. Deshalb bringt er das
Gesprch einigermaen in fastidium, bestndig auf diesen Autor, und sucht mich
auszuholen.
    Sie schpfte Atem, im stillen berzeugt, da, wenn sie auch in Nebensachen
sich fgen msse, ihr doch in den Hauptpunkten wohl die Herrschaft verbleiben
werde. Indem sie ging, noch allerhand husliche Besorgungen vorzunehmen, konnte
sie sich nicht enthalten, ihrem Gatten Zurckhaltung ber den Eutrop gegen den
Kandidaten Schmidt anzuempfehlen.

                               Siebentes Kapitel


Die beiden Ehepaare gewhrten einen eignen Anblick. Der lange und hagre Rektor
sa neben der groen Edukationsrtin, deren kleiner Ehegatte bei der kurzen
Rektorin seinen Platz gefunden hatte. Wenn man die verschiednen Lngen dieser
Personen sich mit Linien umzogen dachte, so kam fast die Figur eines
lateinischen Z heraus. Das Gesprch war ziemlich einsilbig; der junge Konrektor
sah sich nach Wilhelminen um, die abwesend war und das Mahl bereiten half,
Cornelie, welche Tee einschenkte, wartete ngstlich auf Hermann, der sich noch
nicht hatte blicken lassen; dem Rektor lag, wie man ihm deutlich ansah, etwas
auf dem Herzen.
    Nach einigen nichtsbedeutenden Reden und Gegenreden befreite er seine Brust.
Ehe wir eins in das andre reden, sagte er zum Edukationsrat, erfordert es die
Pflicht, Ihnen, werter Freund, eine Entdeckung zu machen. Sie haben oft fr gut
gefunden, meine Warnungen zu verachten, die heutige darf deshalb doch nicht
unterbleiben. Ihre Shne haben in der hiesigen Offizin die gefhrlichsten
Substanzen angekauft, Dinge, womit sie die Gesundheit, ja das Leben selbst in
Schaden setzen knnen.
    Ist mir schon bekannt, versetzte der Edukationsrat sehr ruhig.
Vitriolsure, Eisenfeilspne, Schwefel, Salpeter, nicht wahr? der Naturforscher
und der Baumeister wollen gemeinschaftlich damit einen knstlichen
feuerspeienden Berg verfertigen, wozu sie die Anleitung in Wieglebs Natrlicher
Magie gefunden haben. Man wirft einen Erdhgel auf, setzt den Topf mit dem
Gemische hinein, verbindet diesen Herd durch eine Kraterrhre mit der uren
Luft, verstopft die Mndung; nach einigen Stunden ist die Grung der Stoffe, die
Entwickelung der Gasarten vollendet, der Propfen wird vom Krater hinweggezogen,
und es gibt eine feurige Entladung, welche im kleinen die gewaltige
Naturerscheinung recht artig darstellen soll. Ich freue mich selbst auf das
Gelingen dieses interessanten Experiments.
    Quid? rief der Rektor. Ist es mglich? Freund, Sie stehn an einem
Abgrunde, und werden, wenn Ihnen das Haus ber dem Kopfe angezndet worden, oder
einer Ihrer Knaben exanimis auf der Bahre liegt, vergebens beklagen, nicht
gehrt zu haben.
    Die Natur, sagte der andre, verletzt nur den, der sich scheu vor ihr
zurckzieht. Dreiste Vertraulichkeit mit ihren Krften zhmt sie. Sitzen ber
den Bchern bildet Feiglinge, und es ist einer der grbsten Irrtmer, die Alten,
welche sich grade durch ihr inniges Gefhl fr die sie umgebende Welt
auszeichneten, zu Werkzeugen einer solchen Verzrtelung zu machen.
    Hierauf setzte der Rektor die Pfeife in den Winkel und nahm eine starke
Prise. Die Abwechselung dieser Gensse war fr die Kundigen immer ein Vorzeichen
des herannahenden Sturms. Die Frauen legten die Strickzeuge weg, wie sie bei
solcher Gelegenheit zu tun pflegten, um als aufmerksame Richterinnen dem Kampfe
vorzusitzen. Noch aber sollte durch die Erscheinung eines Dritten der Ausbruch
verschoben werden.
    Der Fremde, den wir von seiner Hauptbeschftigung den Hindu nennen wollen,
trat zur Gesellschaft. Dieser Mann hatte so oft die Schwerflligkeit deutscher
Gelehrten verspotten hren, da er sich vorsetzte, in seiner Person eine
Ausnahme darzustellen. Er trug sich ungeachtet seiner hohen Jahre noch wie der
jngste Modeherr, und hatte seine Manieren durchaus nach Pariser Mustern
einzurichten sich bestrebt.
    Als der Hindu den mitten in anstndiger Gesellschaft in Schlafrock und
Pantoffeln dasitzenden Rektor wahrnahm, geriet er auer Fassung, und starrte den
Versto gegen die Sitte einige Sekunden lang an, bevor er die herkmmlichen
Begrungen finden konnte. Doch erholte er sich, streichelte mit leichter
zrtlicher Handbewegung die Ordenszeichen, welche seine Knopflcher zierten, und
kam durch diese Berhrung wieder zum Gefhle seiner selbst.
    Es gelang ihm sofort, einige franzsische Epigramme vorzubringen, die
niemand in diesem Kreise verstand, und darauf in den leichten Weltton zu fallen,
den er so sehr innezuhaben glaubte.
    Bald hatte er sich des Gesprchs bemeistert, und da er gehrt, da vornehme
Personen nie von wichtigen Dingen, welche sie zunchst berhren, zu reden
pflegen, so hielt er die Abschweifung zu gelehrten Diskussionen mit einiger
Gewalt fern. Er erzhlte dafr lieber ausfhrlich das Abenteuer vom Verluste
seiner goldnen Brille, welches, da diese Brille, wie er sagte, unersetzlich sei,
und er weder eine silberne noch eine von Horn im Gesichte zu dulden vermge, ihn
zwinge, vorderhand unbewaffneten Auges umherzuwandeln, wodurch seiner
Kurzsichtigkeit manches Miverstndnis bereitet werde. Von dieser
Kurzsichtigkeit, wenn es nicht Zerstreuung gewesen, legte er gleich einen
auffallenden Beweis ab, der selbst dem Rektor, welcher sich sonst ziemlich
mrrisch verhielt, ein Lcheln entlockte. Der Fremde sa nmlich zwischen der
Rektorin und Cornelien, und war der Pflichten seines Platzes, wie man merkte,
vollkommen eingedenk. Nur begegnete es ihm dabei, da er die Rektorin fr die
Tochter und Cornelien fr die Mutter ansah, denn er verwandte an jene galante
Scherze, und behandelte diese mit achtungsvoller Klte.
    Man wurde ganz frhlich; die Mnner suchten durch allerhand bertriebne
Behauptungen die Stimmung des Fremden zu steigern, die Frauen teilten einander
ihre Bemerkungen ber seine Percke und ber die berhmte Spiegeldose mit,
welche er von Zeit zu Zeit hervorzog, um sich verstohlen in Augenschein zu
nehmen. Cornelie war gegangen. Hermann kam und brachte Weltneuigkeiten mit, die
er auf dem Kaffeehause in den Zeitungen gefunden hatte, kurz der Abend schien
sich zu einem allgemeinen Frieden anzulassen.
    Unglcklicherweise erwhnte Hermann der Untersuchungen gegen demagogisches
Unwesen, die mit besondrem Eifer grade damals wieder aufgenommen worden waren.
Shne angesehener Familien waren pltzlich verhaftet worden; der Argwohn hatte
seine Schatten in schon gegrndete brgerliche Verhltnisse geworfen. Man
beklagte den unglckseligen Schwindel der Jugend, welcher sie selbstmrderisch
treibe, ihre ganze Heiterkeit und Frische sich so jmmerlich zu verderben. Der
Rektor nahm hievon die Veranlassung zu bemerken, da das ganze Unheil davon
herrhre, da in den neuesten Zeiten die eigentlich gelehrte Bildung
vernachlssigt zu werden beginne.
    Die Beschftigung mit den Alten, sagte er, drckt in die junge Seele das
Bild eines vollkommnen in sich zusammenhangenden Lebens. Ein einziger Vers des
Horaz, eine Sentenz des Tacitus wirft ber ganze Strecken ein mchtiges Licht.
Nennen Sie mir etwas, was gleich mit solcher Gewalt die Seele ausweitete, als
die bloen Namen: Rom, Athen. Nicht unpassend hat ein groer Dichter und Weiser
gesagt, man fhle sich wie in einer Montgolfiere schwebend, sobald man Homer zur
Hand nehme.
    Die Gleichnisse hinken, versetzte der Edukationsrat, man knnte aber auch
sagen: sie sind Fackeln, die den Pfad dessen, der auf unrechten Wegen geht,
erhellen. Ja leider, leider, haben wir in der Luft geschwebt, seit Jahrhunderten
in der Luft geschwebt, und es drfte nicht schwer sein, nachzuweisen, da auch
die Fehltritte jener unglcklichen Jnglinge nur das Stolpern derer sind, die
aus der Wolkenhhe endlich wieder auf festem Grund und Boden sich niederlassen.
Dieses ganze politische Traumgebude ist denn doch weiter nichts, als der
Nachklang gewisser Schulbegriffe, die lange Zeit in den Auditorien eingesperrt,
durch die unruhige Gegenwart an die Oberflche des wirbelnden Tages geschleudert
worden sind.
    Die Schulbegriffe, wie Sie sie nennen gaben dem Leben der ersten
Staatsmnner seinen Halt, sagte der Rektor. An solchen Schulbegriffen haben
der groe Chatham und sein groer Sohn sich auferbaut; Cannings Reden sind voll
von klassischen Zitaten.
    Weshalb man auch sagt, da sie nach dem Schimmel riechen, fiel der
Edukationsrat ein.
    berhaupt meine ich, da ein ganz andrer Einflu, als den Sie beide im Auge
haben, bevorsteht, hob der Hindu mit einer gewissen grazisen Feierlichkeit an.
Ich darf wohl sagen, da ich das klassische Altertum kenne, ich war der erste,
der die Mangelhaftigkeit des Vossischen Hexameters aufdeckte; ich habe es
vorausgesagt, da die reinen Trochen in diesem Metro auch ganz verworfen werden
wrden, und ich denke, da der Vers:
    Wieder zur Ebene rollte der frech sich emprende Steinblock ein wenig besser
klingt als das:

                     Donnergepolter des tckischen Marmors

ber welches wir, sobald es durch Germanien zu poltern begann, gleich unsre
herzliche Freude hatten. Nachmals, als ich das Glck hatte, jener Frau
anzugehren, die, man kann wohl sagen, eines europischen Rufes geno, machte
ich sie oft zu lachen, wenn ich ihr den fraglichen Vers zum Beweise fr den
Wohllaut unsrer Sprache vorsagte, sie versuchte ihn dann nachzusprechen, kam
aber nie damit zustande, besonders machte ihr jenes so kraftvoll gebildete Wort,
worin sozusagen, der groe Philologe, Dichter und Kmpe fr Wahrheit und Recht
sich vllig inkarniert zeigt, viele Schwierigkeit; sie sprach es immer  la
franaise aus, etwa so: tonnre guepoltre, und vergebens war meine ganze
Didaskalie. Ich wei nicht, ob Sie aus jener Zeit mein Epigramm auf Napoleon
kennen, welches ich machte, als Canova seine Statue verfertigte. Dieses Witzwort
hatte einer meiner amerikanischen Freunde gehrt, und lie es in der Baltimorer
Zeitung abdrucken, von wo es denn wieder dem Tyrannen zu Ohren kam; daher sein
Ha auf mich, der mich etwas in den Bemhungen strte, die ich dazumal noch
immer dem Tristan zugewendet hatte. Ich habe zuerst auf dieses Gedicht
hingewiesen, worin se Frische, Lsternheit und Unschuld den Becher mit
bezauberndem Getrnk fllen, unerwartet fand ich vor einigen Monaten eine
dritte, weder von Ulrich noch von Heinrich herrhrende Fortsetzung, deren
Verfasser ich noch nicht habe entziffern knnen; es ist sehr leicht, bei diesem
Gedichte an Ariost zu denken, aber welch ein Abstand!
    Er war hierauf im Begriff, das erste Buch des Ariost auswendig herzusagen,
als man ihn erinnerte, da er von einem Einflusse haben reden wollen, der die
Alten verdrngen werde. Er besann sich, und fhrte nicht ohne Beredsamkeit aus,
da in dem mit so regem Eifer erwachten Studium des Orientalischen sich die
gemeinte Wirkung anzudeuten scheine.
    Die Modernen sind einmal Aneigner und Verarbeiter, sagte er. Seitdem
Petrarca sein Gedicht Africa schrieb und es ber die sen Reime stellte, die
ihn unsterblich gemacht haben, ist nun ein halbes Jahrtausend verflossen. Mich
dnkt, es wird Zeit, sich nach einem andern Kompendium umzusehen, und welches
Fllhorn neuer Begriffe, wunderbarer Anschauungen ffnet uns der Orient! Ich
arbeite an einem Werke ber die Elefanten und ber die Bedeutung dieses Tiers in
den Epen vom Ganges. Der Mahabharata, der Ramayana, der Brahma-Purana ...
    Quousque tandem ... murrte der Rektor. Ich kann ber diese Dinge nicht
gelehrt mitsprechen, weil ich sie nur aus Exzerpten und Rezensionen kenne. Aber
was darin steht, macht mich nach dem brigen nicht lstern. Monstrum informe,
ingens, cui lumen ademtum! Ich glaube, da der Inhalt jener Gedichte, alle die
Tiger, Affen, Gnse, Gazellen, die ungeheuerlichen Bungen, welche eintreten,
wenn einer ausspuckt, oder sonst etwas Natrliches verrichtet, wo er es nicht
soll, weil irgendein lgtz mit Schweinsrssel im Tulpenkelch sitzend, dies
nicht leiden kann, da, sage ich, alle diese riesenhaften Puerilien der Welt
nicht so viel Licht geben, als der letzte der Klassiker in einer schlechten
Waisenhauser Ausgabe ihr geschenkt hat. brigens wird das alles auch nur dicis
causa traktiert, ich wei es wohl, und im Grunde ist's verkappter Katholizismus,
der mit uraltem Bonzen-und Pfafftume eingeschwrzt werden soll. Aber:

Tumm machen lassen wir uns nicht,
Wir wissen, da wir's werden sollen!

Diese sonderbare Grille des Rektors gab nun Veranlassung zu noch heftigeren
Debatten, in welchen der Hindu zuletzt den begeisterten Anhnger der
evangelischen Lehre spielte, obgleich er, wenn wir die Wahrheit gestehn sollen,
gleich Falstaff vergessen hatte, wie das Inwendige einer Kirche aussieht. Die
ausschweifendsten Dinge wurden infolge dieses Streites behauptet, der sich denn
doch bald wieder auf die Jugend und ihre Fhrung zurckwandte. Der Konrektor war
inzwischen eingetreten, und brachte die vierte Stimme zu diesem Hausund
Gesellschaftskonzerte. Die beiden Alten, der Rektor und der Edukationsrat,
wiederholten fast mit denselben Worten ihr Thema; dazwischen wogten Persien und
Indien, Nibelungen und Parzival. Es blieb sonach unentschieden, ob das
heranwachsende Geschlecht gen Latium oder Delhi gefhrt werden, ob es an Minne
und Ritterkampf sich auferbauen, oder in frher brgerlicher Hantierung
erstarken solle, denn jede Meinung hatte einen krftigen Verfechter, dem es
nicht an triftigen Grnden fehlte.
    Pltzlich rief die Edukationsrtin mit ihrer Stentorstimme: Was ist das? Es
riecht nach Schwefel! Alles schwieg. Der Gestank war nicht zu verkennen,
zugleich hrte man ein sonderbares, aus Zischen, Wimmern und Heulen
zusammengesetztes Gerusch ganz in der Nhe des Gartenhuschens. Indem man noch
verwundert und erschreckt ber dieses Abenteuer sprach, strzte eine Magd mit
dem Rufe herein: Kommen Sie um Gottes willen! Die Jungen sind alle verbrannt!
    Bestrzt folgten ihr die Streitenden, Hermann, die beiden Frauen. Nur der
Hindu blieb zurck. Er nahm sich vor, diesen Augenblick zu seinem Abzuge zu
benutzen; denn es mifiel ihm hchlich hier. Er tappte also durch die Dunkelheit
nach seinem Wirtshause. Unterwegs fielen ihm einige Epigramme auf die Rustizitt
der deutschen Gelehrten ein, die nachmals auch der Welt bekannt geworden sind.

                                 Achtes Kapitel


Die Magd fhrte die andern nach dem wsten Pltzchen zwischen den Scheunen. Ein
dicker Qualm drang ihnen entgegen, und es dauerte einige Minuten, ehe man recht
wahrnehmen konnte, was sich dort begab. Endlich unterschied das Auge bei dem
Scheine eines wilden roten Feuers die Gegenstnde. Ein sprhender Strahl drang
gewaltsam aus der Erde, zwei Knaben des Rektors lagen wehklagend am Boden, die
andern und die Shne des Edukationsrats standen verlegen umher.
    Hermann suchte das Feuer mit einem Spaten auszuschlagen, machte aber die
Sache nur noch rger; das gereizte Element zischte in springenden Funken umher
und versengte die Kleider der Anwesenden. Er mute den Spaten wegwerfen, und die
Naturkraft gewhren lassen.
    Indessen zog der Rektor von der Magd Erkundigung ein, welche diese zgernd
gab, da sie sich auch halb schuldig fhlte. Die Knaben des Edukationsrats hatten
die des Rektors zur Bereitung eines feuerspeienden Bergs zu berreden gewut,
die Magd hatte allerhand Gerte dazu hergegeben. Unvorsichtig war von einem zu
frh der Pfropfen aus der Rhre gezogen worden, whrend zwei sich darberhin
gebogen hielten, die denn den ganzen feurigen Schu ins Antlitz bekommen hatten.
Das Auge msse wenigstens weg sein, sagte die Person, nach Art solcher Leute im
Unglck noch bertreibend.
    Der Rektor nahm sich kaum die Zeit, diese Erzhlung vollstndig zu hren.
Rasch ergriff er einen Stecken und eilte, von seinem Grimme bermannt, auf die
bestrzte Gruppe der Knaben zu. Diese benahmen sich bei dem Anblicke der
herannahenden Gefahr auf sehr verschiedne Weise. Denn whrend die Stnde, als
sie den Stecken und den Rektor sahen, zu lauter Fen wurden, mit katzengleicher
Behendigkeit eine niedrige Scheidemauer berklimmend und entrinnend, blieben die
Alten, von Schreck gefesselt, stehn und erwarteten das Schicksal. Die Geschichte
meldet hierauf von mehreren ausgeteilten und empfangnen Streichen.
    Indessen war das vulkanische Feuer verglht, der Konrektor hatte eine
Laterne herbeigeholt und auf die Sttte dieses Ereignisses niedergesetzt. Er und
Hermann beluden sich mit den Verwundeten, die Frauen folgten, die Geschlagnen
schlichen hinterher. Der Rektor wollte ohne Wort und Gru nachgehn; der
Edukationsrat hielt ihn aber beim Arme zurck, und hob folgende Rede an:
Wahrheit, mein Freund, in allen Verhltnissen, unter jeder Bedingung! Das ist
meine Maxime. Ich kann, ich werde sie auch heute Ihnen nicht verschweigen; ja,
dieses unglckliche Ereignis mahnt nur um so dringender, rckhaltlos mich
auszusprechen, als es Sie zunchst am empfindlichsten berhrt hat. Sie erfahren
heute an einem schlagenden Beispiele, wohin die Richtung, welcher Sie mit
starrer Konsequenz sich und andre eigneten, fhrt. Harmonie, Zusammenhang gebe
der Seele das klassische Altertum? Ich sehe wenig von diesen schnen
Eigenschaften an einem steckenbewaffneten zornigen Manne.
    Hier warf der Rektor den Stecken heftig fort, und wollte abermals gehn. Der
andre hielt ihn aber mit beiden Hnden fest, und sprach also weiter: Sie sollen
und mssen mich aushren; nicht sobald wird sich wieder eine gleichgnstige
Gelegenheit ergeben. Wenig Besinnung verrt es schon, fremde Kinder in Gegenwart
des Vaters krperlich abstrafen zu wollen. Das berlt man diesem wohl in jedem
Falle, der eine so traurige Notwendigkeit erfordern sollte. Nun aber, wie
weiter? Der Gegenstand Ihrer Leidenschaft wird Ihnen entrckt, da fallen Sie
vllig blind und unfrei diejenigen an, welche doch in Ihrem Sinne nur die
Verleiteten, Schwachen sind. Allerdings erinnert dieser letzte Zug an ein
klassisches Muster, nmlich an den rasenden Ajax, wie er anstatt der Atriden die
Schafe geielt! Wer aber bei allem diesem Gebaren noch jenen spiritum Grajae
tenuem Camenae suseln hrt, der hat schrfere Sinne als ich. Kommen wir nun auf
unsre Zglinge selbst! Denn an ihren Frchten sollt ihr sie erkennen, heit es
hier mit vollem Rechte. Unverletzt sind meine Shne. Sie hten sich wohl, ihre
Nase ber einen grenden Feuerbrodel zu halten, was wirklich nur abgestumpften,
auf der Sitzbank vennfften Geschpfen begegnen kann. Diese warten denn auch
ruhig die ungerechte Zchtigung ab, whrend meine gewitzigten, frhpraktischen
Gesellen, rasch wie die Hirsche, zu entrinnen wissen. Das kommt vom Vertrautsein
mit allen vier Elementen. Sie haben selbst gesehn, mit welcher Schnelligkeit sie
sich ber die Mauer schwangen. Lassen Sie also, mein Freund, von einem Systeme,
welches Ihnen und den Ihnen Angehrigen Welt und Leben verbaut. Nie ist es zu
spt, zum Richtigen umzukehren.
    Doch ist es zu spt, die Fortsetzung dieser Moralien zu vernehmen, sagte
der Rektor mit schneidender Klte. Rechnen Sie es meinem Erstaunen zu, da ich
bis jetzt geduldig dem mein Ohr lieh, womit Sie einen Vater, dem die Kinder
verbrannt sind, besprechen wollen. Apage! Das ist das letzte Wort zwischen uns.
Wir sind geschiedne Leute. So ist es beschlossen. Stat alta mente repostum! -
    Er nahm die Laterne auf und ging. Der Edukationsrat blieb im Dunkel zwischen
den Scheunen stehn.

                                Neuntes Kapitel


Im Hause hatten unterdessen die Frauen und die jungen Leute um die Verletzten
Sorge getragen. Nachdem Gesichter und Hnde mit einem Schwamme gereinigt worden
waren, sah man, da der Schreck das Schlimmste gewesen sei. Auer versengten
Augenbrauen und Haaren lie sich kein Schaden ersphn. Die Rektorin schickte die
Patienten zu Bett, die gleich den brigen Knaben ganz verdutzt waren und kein
Wort sprachen. Sie verbot ausdrcklich, den Arzt zu holen. Kaltes Wasser werde
hier vollkommen gengen.
    Als man sich zu Tisch setzte, stie sie einen Seufzer ber die
leerbleibenden Pltze aus. Ihr Mann hatte sich eingeschlossen und wollte nichts
essen, die Edukationsrtin war denn doch auch fortgegangen. Der Konrektor,
welcher nach Art junger Schulleute zuweilen von auffallenden Grillen geplagt
ward, nahm sich pltzlich eine willkrliche Eifersucht auf Hermann zu Kopfe, der
an niemand weniger dachte, als an Wilhelminen; genug aber, er war eiferschtig
und entfernte sich mit verdrielichen Blicken, worauf Wilhelmine um die
Erlaubnis bat, bei den kranken Knaben bleiben zu drfen. So war aus einer
Gesellschaft von neun Personen eine von dreien geworden, die durch weite
Zwischenrume getrennt, an dem betrchtlichen Tische Platz nahm. Ein
gromchtiger Hecht ward aufgetragen, welcher der Rektorin neue Sorge machte,
wie er von so wenigen Personen verspeiset werden solle. Dieser Bekmmernis war
indessen abzuhelfen, denn die beiden Patienten lieen durch Wilhelminen um ein
Stck Fisch bitten, da sie auerordentlich hungrig seien.
    Nach dem Essen blieb Hermann mit der Rektorin allein. Das belste wre,
wenn der einfltige Vesuv Feindschaft stiftete, sagte sie. Das darf nicht
sein. Zwar ist der Edukationsrat ein Narr und hat meinen Alten ungeschickt
behandelt, aber das Leben whrt zu kurz, um nachzutragen. Also mu ich
Vershnung stiften und dazu sollen Sie den Mittelsmann machen. Sie gehn morgen
in der Frhe zum Rat, und lassen fallen, mein Mann habe die ganze Nacht vor
Schmerz ber die Zwistigkeit kein Auge schlieen knnen. Dann sagen Sie
dasselbige vom Rat bei meinem Alten, und ich wette, sie sind noch vor Abend
wieder gute Freunde. Man kann die Menschen auseinanderlgen, aber glauben Sie
mir, man kann sie auch ebenso leicht zusammenlgen. Das erste ist nicht meine
Sache, das zweite darf man sich schon erlauben.
    Als Hermann einwenden wollte, er werde die aufgetragne Rolle nicht geschickt
genug spielen, lachte ihm die Rektorin in das Gesicht. Versuchen Sie es nur
immerhin, rief sie; Sie Neuling in solchen Hndeln! Die Verlegenheit, welche
er nach den ersten derartigen Worten der kurz angebundnen Frau in ihrer
Gegenwart nicht mehr besiegen konnte, wuchs, und erreichte ihren Gipfel, als ihm
jetzt ein Zettel des Rektors gebracht wurde, worin dieser ihn bat, morgen
anstatt seiner mit den Primanern den Sophokles zu lesen, da er sich zu unwohl
fhle, um die Lektion abhalten zu knnen. Gott wei es, Hermann verstand zu
wenig Griechisch, um einem solchen Ansinnen gewachsen zu sein. Er reichte der
Rektorin mechanisch den Zettel hin, die ihn lchelnd berlas, und dann sagte:
Herr Schmidt, setzen wir uns!
    Sie spielen Komdie mit uns, das ist nicht fein; Sie sind darob in
Ungelegenheit geraten, das macht mich geneigt, Ihnen zu helfen. Wozu dienen nur
diese Winkelzge? Warum kommen Sie, trotz ehrlicher Absichten, welche ich doch
bei Ihnen voraussetzen mu, mit einem fremden Namen, wie der Betrger Sinon in
unser Haus? Sie sind nicht der Kandidat Schmidt aus Leipzig, Sie heien Hermann
und wollen Cornelchen heiraten.
    Hermann wute vor Bestrzung nicht, wo er bleiben sollte. Ich bitte Sie
wegen dieses Streichs tausendmal um Vergebung ... Ich habe nichts Schlimmes im
Sinne ... Aber Sie irren sich ... Es war nur dem Flmmchen zuliebe ...
stotterte er.
    Ach was Flmmchen! rief die Rektorin eifrig. Ein Feuer, welches den Herrn
fnfzehn Meilen weit dahertreibt, kann wohl eine Flamme heien. Aber Ihr
Benehmen ist fr meinen schwachen Verstand zu spitz. Das arme Kind so in
Verlegenheit zu setzen, das heit einem jungen Herzen fr seine unschuldige
Neigung bel lohnen.
    Verlegenheit? Herz? Neigung? Liebt Cornelie mich?
    Sollten Sie das nicht wissen? Sollten Sie ein Mischling sein von Schlauheit
und Kindersinn, der nichts merkt? Nun ja, der Herr hat in jener Waldhtte ein
Unheil angerichtet, er erschien dem armen Dinge wie ein Helfer und Heiland, und
da er so ziemlich wohl gewachsen ist, ein Paar feurige Augen im Kopfe hat, und
seine Worte sanft zu setzen wei, so ward das Geschpfchen darnach ganz still
und schwermtig, seufzte, und ... ach es ist eine alberne Kindergeschichte, und
recht tricht von mir, da ich das alles Ihnen so gutmtig hererzhle.
    Fahren Sie fort, beste Frau, rief Hermann. Ich schwre Ihnen bei Gott,
ich bin aller dieser Dinge unkundig, aber Sie schenken Ihr Vertrauen keinem
Bsartigen. Warum ist Cornelie hier?
    Das ist ja eben das Tollste. Heutzutage fangen die Menschen frh an zu
leben, Gott wei, wie frh sie aufhren werden, wenn das so fortgeht. Die Kinder
haben jetzt Leidenschaften, welche sich sonst erst mit dem zwanzigsten Jahre
einstellten. Kurz, Ihr Vetter Ferdinand hat, ohne es zu wissen, sein
Pflegeschwesterchen geliebt, als Sie, der Strenfried dazwischentraten, und nun
ergriff den Jungen, den mein Alter vermutlich noch nicht nach Sekunda setzen
wrde, eine unbndige Eifersucht, die zu den rgsten Dingen gefhrt haben mu,
wiewohl Ihre Tante mir darber nichts Nheres geschrieben hat. Aber wie ich aus
abgebrochnen Reden Corneliens schliee, so hatte der Knabe einmal gegen sie ein
Messer erhoben. Die Eltern sahen sich gentigt, das Mdchen auf einige Zeit zu
entfernen, bis sich weiterer Rat finden wird.
    Sie haben mir Ereignisse mitgeteilt, welche ich nicht von fern ahnen
konnte, sagte Hermann nach einigem Schweigen. Nur ein sonderbarer Zufall hat
dieses Zusammentreffen mit Cornelien herbeigefhrt. Doch warum nenne ich Zufall,
was vielleicht die hchste, die heiligste Schickung meines Lebens ist?
    Er berichtete ihr hierauf den Zusammenhang der Sachen, und da er die
Wahrheit sprach, so mute er Glauben finden. Die Rektorin schien sehr
verdrielich ber diese Entdeckung zu sein, und kndigte ihm, offen, wie sie in
allem war, an, da er am besten tun werde, morgenden Tages abzureisen. Aber
Hermann fhlte, da fr ihn zu Wichtiges auf dem Spiele stehe, um die nchsten
Entscheidungen durch Empfindlichkeit zu verscherzen. Er bezwang sich, wute der
Rektorin so viel Kindlich-Schmeichelndes zu sagen, bat so dringend, ihm doch nur
Zeit zu lassen, da er sich besinnen, zu dem entschlieen knne, wovon
vielleicht sein ganzes Glck abhange, da er weniger liebenswrdig htte sein
mssen, um eine alte Frau nicht umzustimmen. Mit einem derben Schlage auf die
Schulter, rgerlichen Worte aber freundlichen Gesichte verlie sie ihn.
    Als er allein war, warf er sich in einen Lehnstuhl, und lie seiner innern
Bewegung Raum. Aus dem formlosen Gedrnge wunderbarer Vorstellungen entwickelte
sich endlich ein lieblich-entzckendes Bild, mit dessen Ausmalung er noch
beschftigt war, als Cornelie, das Nachtlicht in der Hand, ins Zimmer trat. Er
sa in einer beschatteten Ecke, so da sie ihn nicht bemerkte. Was er schon am
Tage nach jeder Beschftigung, sie mochte noch so reinlich sein, von ihr gesehn
hatte, sie tat es auch jetzt. Den Hahn des Wasserkrnchens am Fenster
aufdrehend, netzte sie ihre Finger und trocknete sie dann sorgfltig ab. Es war
Hermann, als ob eine leichte Rte ihre Augenwimpern sume, da sie zufllig das
volle Antlitz nach der Seite wandte, wo er sich befand. Sie prfte Fenster und
Lden, ob sie verschlossen seien, hing die Schlsseln in das Wandschrnkchen und
entfernte sich.
    Hermann war, wie in zwei Hlften geteilt. Die sichtliche Erscheinung hatte
das Bild, womit er beschftigt gewesen war, zerstrt; sie war anders, als jenes.
Er wute unter beiden nicht zu whlen.

                                Zehntes Kapitel


In jedem Hause, besonders in brgerlichen, wo ein enges Zusammensein manche
Reibung erzeugt, sammelt sich von Zeit zu Zeit allerhand Grstoff, der denn zu
Ausbrchen des Verdrusses zwischen den Ehegatten oder den Eltern und Kindern
notwendigerweise fhren mu. Dann wird wieder Friede geschlossen, den alle Teile
fr einen ewigen halten, obgleich die Verhltnisse bleiben, wie sie sind.
    Am besten ist es, wenn jener Grstoff, durch eine Berhrung von auen
entzndet, sich nach auen entladen kann. Auch unter dem Dache des Rektors
hatten verschiedne Meinungen ber Husliches, Kindererziehung und dergleichen
ein gewisses Mibehagen hervorgebracht, welches freilich dem Fremden nicht
gleich sichtbar ward. Dazu kam die Angelegenheit mit der Todeserklrung des
verschollnen Sohns und das Verhltnis Wilhelminens zum Konrektor, welches Mann
und Frau nicht mit denselben Augen ansah. Letztre, wie alle Frauen, Anhngerin
der Natur, wollte die Verbindung, ersterer, sein System ber jede menschliche
Beziehung setzend, gnnte dem mittelalterlichen Jnglinge nichts, am wenigsten
ein Frauenzimmer, woran er selbst einen fast vterlichen Anteil nahm.
    Nun waren durch den feuerspeienden Berg und den Zwist der beiden
Familienhupter alle verborgnen Fermente entbunden und aufgezehrt worden. Es
bedurfte der Unterhandlungen, welche die Rektorin in Hermanns Hand hatte legen
wollen, nicht einmal, um die Vershnung herbeizufhren. Am frhen Morgen war
nach vorausgesandtem herzlichen Schreiben der Edukationsrat zum Rektor gekommen,
und hatte aufrichtig um Verzeihung gebeten, die ihm denn auch mit einem
lateinischen Verse gewhrt worden war. Der Rektor fhlte sich hierauf
hergestellt, und hielt wohlgemut seine griechische Stunde ab, so da unser
Freund vor den Schlern nicht zuschanden zu werden brauchte. Eine groe
Heiterkeit verbreitete sich ber das Haus, man erwies einander kleine
Aufmerksamkeiten, verhielt sich ber die streitigen Punkte schonender und nur
die Kinder wurden, wie zuweilen die Vlker, die Opfer dieses Friedensschlusses;
man nahm sie nmlich von beiden Seiten unter die geschrfteste Aufsicht, um die
Gelegenheit zu neuem Hader zu vermeiden.
    Hermann waren von der Rektorin, die gern in allen Stcken Fristen
festsetzte, drei Tage des Verweilens zugestanden worden. Er war viel auer dem
Hause, hatte Bekanntschaft mit dem Konrektor gemacht, welcher wieder von seinem
Verdachte zurckgekommen war, lie sich alte Sagen erzhlen, und suchte sich auf
alle Weise zu zerstreun. Die Erffnungen seiner Wirtin hatten ihn in eine
gespannte, peinlich-se Lage versetzt. Der unvermutete Anblick einer weiblichen
Neigung hat, wir drfen uns des Ausdrucks bedienen, etwas Erschreckendes. Die
Natur, welche verlangt, da des Manns Gefhl, ausgesprochen, erst jene Blte
hervorrufen soll, kehrt sich in einem solchen Falle um, aber, anstatt den Greuel
zu enthllen, deckt sie das verborgne Schne auf. Was Wunder, wenn dann die
Sinne des Anschauenden in Wonne und Graus durcheinanderschwanken!
    Hermann fragte sich hundertmal des Tages ber sein Herz aus; es wollte ihm
keine Antwort geben. Was vorher so nahegelegen hatte, schien nun durch
Entdeckungen, die es noch nher bringen sollten, weit, weithin entrckt zu sein.
Er fhlte ein Bedrfnis, bestndig um Cornelien zu sein, und wenn er sie sah, so
wich er ihr doch lieber aus. Seine Unruhe ward durch die ihrige noch vermehrt,
sie war, wenn sie mit ihm zusammen sein mute, augenscheinlich verlegen, ja
traurig. Die Rektorin schien sich um beide nicht zu bekmmern.
    Ein geringfgiger Umstand entschied endlich seine Empfindung. Auf einer
Kommode sah er Schreibbcher liegen, auf denen Corneliens Name stand. Er ffnete
eins; in scharfen und doch unsichern Zgen waren allerhand Sprche und
Vorschriften kopiert, am hufigsten der Satz: Wer zu rasch nach dem Ziele
luft, bricht unterwegs den Fu. Drauen hrte er ein Gerusch und sah, durchs
Fenster blickend, die Knaben des Rektors mit Cornelien im Garten Haschen
spielen. Eine Klte, die ihm wohltat, breitete sich durch seine Brust. Sie ist
noch ein Kind, sagte er fr sich. Mein Verhltnis zu ihr wre gemacht,
unnatrlich, erzwungen. Das beste wird sein, zu schweigen und zu reisen.
    Er war ein paar Straen auf und ab gegangen, um seinen Vorsatz recht reif zu
denken, als ihm zunchst dem Tore der Hirt begegnete. Bester Herr, rief
dieser, wie gut, da ich Sie treffe! Wenn es Ihnen nichts verschlgt, so kommen
Sie auf ein Stndchen hinaus. Ich glaube. Sie knnten da durch Zureden etwas
Gutes stiften.
    Was ist, Alter? fragte Hermann.
    Lieber Gott, der Fremde mit dem groen Hute, den Sie bei mir gesehen haben,
und der seinen Namen durchaus nicht nennen will, macht mir viel Not. Seine
wenigen Groschen sind aufgezehrt, nun wollte ich ihm gern noch weiter borgen,
aber er will fort, und wenn ich ihn frage, wohin? so zuckt er die Achseln und
macht so sonderbare Gebrden, da mir angst und bange wird.
    Habt Ihr keine Vermutung, wer er ist?
    Ach, sagte der Hirte, Vermutung genug, im Grunde wei ich es wohl schon.
Ich habe ein Historienbuch, das lese ich des Winters richtig durch, darin steht
ein groer Vogel abgemalt, der steckt seinen Kopf weg, und meint, dann sehe ihn
niemand. So ist's mit dem Unglcke, es meint, wenn es nur den Kopf verberge,
werde es fr jedermann unsichtbar. Aber im Gegenteil, dann merkt man erst, wie
der Hase luft.
    Ihr httet ihn sollen vermgen, zum Rektor zu gehn; sagte Hermann.
    Habe ich es denn nicht vom Morgen bis zum Abend versucht? rief der Hirt.
Aber dann fhrt er mich an und brummt: was er bei dem Rektor solle? und
hinterher strzen ihm die Trnen aus den Augen. Ich sage es ja immer, das Vieh
ist vernnftiger als die Menschen, da schreit doch jedes Zicklein, wenn es sich
verloren hat, nach seiner Alten, und luft zu ihr, wenn es sie wieder erblickt.
    Was wolltet Ihr denn jetzt hier in der Stadt? fragte Hermann.
    Den alten Leuten die Sache ansagen, erwiderte der Hirte. Aber unterwegs
fiel mir ein, ich knne mich doch irren und nur unntze Freude verursachen, oder
wenn es auch richtig sei, so brchte ich es doch vielleicht nicht auf die rechte
Art an, und kurz, es ist mir lieb, da ich Sie gefunden habe; Sie werden wohl
eher hierin Bescheid wissen.
    Hermann war gern bereit, mit dem Hirten nach seiner Htte zu gehn. Vor dem
Tore kam der Konrektor auf seinem gewhnlichen Abendspaziergange daher
geschritten; leider durfte Hermann seine Begleitung nicht ablehnen, um kein
Aufsehn zu erregen. Er dachte noch darber nach, wie er sich von ihm wieder
losmachen solle, als sie schon vor dem Hirtenhause anlangten.
    Der Fremde sa auf der Bank unter den Birken, wieder, wie frher, den
breitkrempigen Hut tief in das Gesicht gedrckt. Als er Menschen kommen sah,
wollte er aufstehn, und sich in die Htte begeben. Bleiben Sie, sagte der
Konrektor, wir mssen sonst auch vorbergehn, und wir wollten uns gern hier ein
wenig ausruhn.
    Meine Nhe kann niemand erfreulich sein, erwiderte der Fremde.
    Sie sollten uns etwas von Ihren Abenteuern erzhlen, sagte der Schulmann.
Was hat Sie so lange in Spanien zurckgehalten? Warum kehrten Sie nicht gleich
nach den Friedensschlssen heim? Es mu eine wunderbare Empfindung fr Sie sein,
das Land, welches Sie unter dem Faustdrucke des Despotismus betubt verlieen,
nun verjngt, im frhlichen Regen aller Krfte wiederzusehn.
    Mein Herr, versetzte der Fremde, ich wei von dieser wunderbaren
Empfindung, wie Sie sich ausdrcken, wenig zu sagen. Ich hrte berall nur, wo
ich einkehrte, wie ehedem, ber die schlechten Zeiten klagen.
    Das ist der Widerhall von dem Liede der Demagogen, antwortete der
Konrektor kaltbltig, indem er sich mit Behaglichkeit zurechtsetzte und seine
Pfeife anzndete; denn er rauchte, wie der Rektor, auer den Schulstunden fast
bestndig. - Wir sind Deutsche worden, treu, fromm, guter Art, in aller
lblichen Kunst und Wissenschaft fleiig. Welch ein Abstand zwischen Sonst und
Jetzt! Es gibt wirklich Erscheinungen in der Menschenwelt, die einem das, was
die Sagas von Zauber und Verblendung melden, ganz glaublich und natrlich
darstellen. Wie wre es ohne einen solchen Zauber gedenkbar, da ein kleiner,
unansehnlicher Mensch, dem die Tcke aus den Augen blickte, von einer
altberchtigten Insel her, die Menschen, Vlker, Frsten auf seine Seite bringen
konnte, obgleich ein jeder wute, da er von ihm hintergangen werde.
    Hermann erinnerte halblaut den andern, da dieses Gesprch dem Fremden
schwerlich angenehm sein werde, jener aber war im Eifer, lie sich nicht stren
und rief: Wer deutsche Luft atmet, mu deutsch Wort vernehmen knnen. Wer an
seinem Vaterlande, dem Erobrer zuliebe, ein Verrter werden konnte, mu sich
jetzt selbst seines Irrtums schmen, blieb noch ein Funken richtigen Gefhls in
ihm.
    Der Fremde rckte unruhig hin und her und rief: Mein Herr, es ist leicht,
hinterher zu richten! Vaterland! Wir sind beide nicht alt genug, um viel von der
Zeit zu wissen, die jener Periode vorherging, welche Sie die verblendete zu
nennen belieben. Doch scheinen Sie noch jnger zu sein, als ich. Vaterland! Ich
erinnre mich, da man an das Vaterland nur dachte, wenn die Soldaten Gassen
laufen muten, wenn die Akzisebeamten am Tore visitierten, oder wenn der
Edelmann dem Brgerlichen vorgezogen wurde. Sicherlich hat man in der
Verbannung, im Elende Zeit genug, Jugendtrume, die in bittre Wirklichkeit
ausgingen, zu beweinen, aber glauben Sie mir, der Zauber, den die Gre ausbt,
ist noch nicht der schlimmste! Wir sind die Geschlagnen, die Besiegten! Nun gut,
so lasse man uns. Aber man denke nur nicht, da man selbst so ganz und gar in
neuen Huten lebe. Ich komme aus der Fremde, bin unbekannt mit den jetzigen
Verhltnissen, aber ich meine immer, nach einer groen Tyrannei kann nichts
andres, als die Tyrannei der Kleinen oder ein wildes Getreibe befreiter Knechte
folgen.
    Das spricht ein ... versetzte der Konrektor. Aber freilich sind fr
manche Menschen die Zeiten schlecht, denn die Landlufer haben keine Hoffnung
mehr. Glck zu machen.
    Landlufer! rief der Fremde auer sich, sprang auf den Konrektor zu, gab
ihm einen Faustschlag, da er zu Boden strzte, schlug sich dann, als ob er
diesen Ausbruch bereue, heftig an die Stirn, und strzte in die Htte. Hermann,
obgleich erschreckt von dem Vorgefallnen, konnte den Konrektor kaum bedauern,
berlie ihn dem Hirten, und folgte dem Zornigen. Diesen fand er eifrig
beschftigt, sein Bndelchen zu schnren, wobei er einmal ber das andre
ausrief: Ich mu fort, weit, weit, bis ans Ende der Welt!
    Das sollen Sie nicht, sagte Hermann. Aber wie konnten Sie sich so
vergessen?
    Einen Landlufer nannte der harte Vater mich, wenn ich mich ber den
lateinischen Schriftstellern nicht zu Tode qulen wollte; mit diesem Worte hat
er mich endlich hinter die Adler, in die Schlacht, in die Bergwerke gejagt; ich
kann es nicht hren, ohne da es dem, der es ausstt, bel bekommt.
    Es ist mir lieb, da es jetzt dahin gefhrt hat. Sie mir zu entdecken,
versetzte Hermann. Stehen Sie von Ihrem unglckseligen Entschlusse ab, und
kommen Sie mit mir zu den Eltern, denen ein gtiges Geschick Sie erhalten hat.
    Der Fremde ergo sich hierauf in wilden, hhnischen Reden. Hermann lie aber
nicht ab, ihm freundlich zuzusprechen, und brachte es wirklich dahin, da jener
sich etwas beruhigte. Er machte ihm begreiflich, da es wenigstens unntze Plage
sei, im Dunkel fortzustrmen, und da er morgen am hellen Tageslichte ja noch
alles tun knne, was er wolle. Der Hirte kam, nachdem er den Konrektor drauen
abgefertigt hatte, auch in die Htte, zndete seine Lampe an, und nun gewahrte
Hermann erst das Antlitz des Fremden. Es schien vllig blutlos zu sein, der
Schdel, nur von Haut bedeckt, sah totenkopfhnlich aus; dnne, erbleichte, ja
ins Grnliche spielende Haare umsumten den Scheitel. Hermann fuhr unwillkrlich
zurck, indessen fate er sich, und folgte der Einladung des Hirten, der beide
freundlich bat, mit ihm vorlieb zu nehmen. Sie setzten sich um den Tisch, der
Hirte trug eine groe Schssel dampfender Kartoffeln auf, holte etwas
geruchertes Fleisch aus dem Schornstein, und da zufllig einige Flaschen Wein
von einem neulichen Schmause der beiden Familien bei ihm stehengeblieben waren,
so fehlte diesem einfachen Mahle auch das Getrnk nicht. Jeder zog sein Messer
aus der Tasche, Gabeln waren unntig, zwei Glser lieen sich auftreiben; der
Hirt trank aus einem Topfe.
    Der Fremde war, nachdem sein Inkognito aufgehrt hatte, zutraulich geworden,
und erzhlte den beiden andern eine wunderbare Gefangenschafts- und
Rettungsgeschichte. Im Anfange hatte sie noch hnlichkeit mit dem, was viele auf
jenem furchtbaren Zuge erdulden muten, dann aber berichtete er etwas, was, nach
unsern Verhltnissen angesehn, fast unglaublich klang. Als der Friede
geschlossen worden war, befand er sich schon mit einer groen Menge von
Unglcksgenossen auf dem Heimwege. Da traf in einem wsten Landstdtchen, in
entgegengesetzter Richtung ziehend, ein Transport schwerer Verbrecher mit ihnen
zusammen. Beide Kolonnen machten an dem Orte Rast. In der Nacht entsprang einer
der gefhrlichsten Verbrecher; der Fhrer des Transports, besorgt vor der harten
Strafe, welche seiner Nachlssigkeit drohte, ergriff ein schndliches Mittel,
sich zu retten. Er wute den unglcklichen Kriegsgefangnen mit List an sich zu
locken, an einem abgelegnen Orte sprangen ein paar Helfershelfer herzu, er wurde
geknebelt, in Eisen geschmiedet, und als der Tag graute, befand er sich unter
Rubern und Mrdern auf dem Wege nach Sibirien. Vergebens war sein Toben, sein
Widerstand; Mihandlungen besiegten diesen. Keine Behrde konnte oder wollte ihn
verstehn, die Menschen, welche in den Drfern und Stdten, durch die der Zug
ging, am Wege standen, sahn in seinen Gebrden nur den Trotz eines unfgsamen
Missetters; so ging es Werst fr Werst weiter, bis das unselige Ziel erreicht
war.
    Welche Greuel nun da unten in der Nacht der Bergwerke sich begaben, wollen
wir, um die Gemter unsrer Leser nicht zu ngstigen, verschweigen. Wie es ihm
dennoch gelungen, sich zum Lichte wieder emporzuschwingen, darber glitt der
Fremde selbst einigermaen hinweg. Er sprach von einem Aufseher, den er
berwltiget habe. Aber ein Zittern der Stimme, ein unheimliches Zucken der
Augenwimpern deutete an, da eine blutige Tat dabei vorgefallen sein mochte. Die
nun folgende Flucht durch die ungeheuren Wald-und Grassteppen erinnerte an
Mazeppas Abenteuer. Mit einer tartarischen Horde, welcher er Dienste leisten
konnte, drang er bis an die Grenzen Europas. In Kasan fand er einen alten, durch
Liebesgeschick auf dem fremden Boden zurckgehaltnen Kriegsgefhrten, der ihn
mit Geld, Wsche und Pa ausstattete.
    Der Hirte verga bei dieser Erzhlung beinahe Essen und Trinken, starrte den
Fremden mit offnem Munde an und schlug die harten Hnde vor Verwundrung einmal
ber das andre zusammen. Hermann hatte eigentlich einen Widerwillen gegen solche
grelle Geschichten, in welchen das Menschliche kaum noch wahrzunehmen ist. Er
hrte nur zu, um den Fremden im Flu zu erhalten, schenkte ihm fleiig ein, und
dachte darber nach, wie er jenen mit seiner Familie wieder vereinigen solle.
Denn dazu glaubte er vom Schicksal offenbar berufen zu sein.

                                Eilftes Kapitel


Als daher der verschollne Sohn auserzhlt hatte, der Wein getrunken und
Mitternacht herangekommen war, fragte er, um einzulenken: Warum haben Sie Ihren
Eltern nicht frher Nachricht von sich gegeben?
    Ich schrieb ihnen aus Polen; der Brief mu nicht angekommen sein,
versetzte der Fremde mit einer wilden Gleichgltigkeit. Stoen Sie mit mir in
diesem Reste an! Es lebe der Krieg, es lebe das Vagabundieren!
    Das ist ein schlechter Toast, versetzte Hermann. Lassen Sie uns nun ein
vernnftiges Wort reden. Wie lange wollen Sie in der Irre umherschweifen?
Eltern, Geschwister, Freunde, Familie werden Ihnen wiedergegeben, darf ich Sie
den Ihrigen ankndigen?
    Das wre schade um die schne Bibliothek, die der gute Vater sich dann
nicht anschaffen knnte, und um das zarte Liebesbndnis zwischen dem Schulfuchse
und der alten Jungfer. Nein, mein Herr, hten wir uns vor trichten Streichen.
Zehn Jahre Abwesenheit sind in der Tat wie der Tod; warum soll ein Gespenst die
Lebenden erschrecken?
    Ich fhle, da Sie von manchem, was Sie sahen und hrten, verletzt sein
mssen, sagte Hermann. Aber erwgen Sie die Gewalt der Umstnde, vertrauen Sie
auf die Kraft der Natur. Ihre Angehrigen haben Sie als tot beweint. Wie sollten
wir armen Menschen berhaupt fortbestehn knnen, wenn uns nicht die traurige
Fhigkeit gegeben wre, zu vergessen? Ist aber mit diesem den Vermgen der
Kreis unsres Wesens umschrieben, das Innerste unsrer Seele ausgedruckt? Lassen
Sie uns also auch in diesem Falle frhlich auf die heilige Empfindung baun, der
das Grab seinen Raub wiedergibt, fr welche ein Wunder geschieht, nicht ein
erzhltes, nein, ein wirkliches.
    Das sind alles nur Redensarten, sagte der Fremde, bedchtig sein Glas
ausschlrfend. Die Wunder darf man nicht zu nahe besehn, so ein tausend Jahre
weit weg nehmen sie sich trefflich aus. Es gibt Nte, mein Herr, welche nicht
beten lehren. Vater und Mutter mu man ehren, solange sie einem etwas zu essen
geben, aber in Nertschinsk helfen sie uns blutwenig.
    Kein Schaf sprche so unvernnftig, wenn es das Maul auftte, sagte der
Hirte leise zu Hermann. Lassen Sie ihn in Gottes Namen laufen, er ist nichts
Beres wert. Dann streckte er sich auf sein Lager, murmelte ein Vaterunser und
schlief ein, denn er war mde vom ungewohnten Weine.
    Hermann ergriff der Bekehrungseifer, er machte den Fremden auf das
Frevelhafte solcher Reden aufmerksam und beschwor ihn, sich seinen letzten Trost
nicht zu zerstren. Aber jener unterbrach ihn ungestm und rief: Junger
Sittenprediger, was haben Sie erfahren, da Sie mitreden drfen? O mein Herr,
mein Herr, Sie wissen nicht, was einem Menschen auszukosten gegeben werden kann.
Ich dachte, als ich befreit war, nun sei das Elend vorbei, ich knne auch wieder
glcklich sein, und leben, wie andre Menschen. Aber das Schlimmste sollte ich
nicht in Sibirien gelitten haben, hier in der lieben deutschen Heimat mute ich
es erfahren. Sie haben ganz recht; da Eltern endlich sich ber ein
totgeglaubtes Kind beruhigen, da eine Geliebte neue Bande sucht, es ist nichts
Besondres und steht zu verzeihn. Aber da uns Qualen auferlegt werden knnen,
welche uns zu lebenden Schemen machen, und die Kraft zur Empfindung in uns
aufzehren, das mchte ich nicht zu verantworten haben, wenn ich das Weltregiment
fhrte.
    Und doch brach diese Empfindung sehr lebhaft hervor, als Sie das alte Band,
welches Wilhelminen an Sie knpfte, zerrissen sahn; sagte Hermann.
    Sie irren, versetzte der Fremde. Wilhelmine ist mir ganz gleichgltig
geworden, ich wte nicht, wie ich mich noch berwinden knnte, ihr einen Ku zu
geben. Sie hat gealtert, und sieht, wie mich dnkt, etwas einfltig aus. So geht
mir's auch mit den Eltern. Der pedantische Vater, die schwatzende Mutter - ich
empfand wirklich eine Art von Widerwillen, als ich ihre Gestalten erblickte. Sie
knnten alle jetzt tot vor mir liegen, ohne da mir eine Trne in das Auge
trte. Darum ist es nicht gut, nach Ruland zu ziehn und in die Bergwerke zu
geraten. Da ich aufschrie, als der Schulmensch Wilhelminen umarmte, war keine
Eifersucht, nein, es war Schmerz um mich selbst. Ich sa dem Vater, der Mutter,
der Braut gegenber, und fhlte doch keine Neigung, aufzuspringen, ihnen zu
Fen zu fallen. Das hatte lange schon in Kopf und Herz gewhlt, endlich ward
mir's zu stark, die Natur machte sich in einem Laute der Pein Luft. Die
Erinnrung bleibt dem Menschen; mein Gedchtnis sagte mir, da ich nicht aus der
Erde gewachsen sei, sondern von Wesen meinesgleichen abstamme, diese
Vorstellungen lenkten meine Schritte der Heimat zu. Aber als ich die
Wirklichkeit vor mir sah, erkannte ich, da ich nur noch, sozusagen, in der
Theorie Sohn, Bruder, Liebhaber sei. In meines Vaters Haus gehe ich nimmer. In
Neapel, Piemont, am gischen Meere gibt es, wie ich hre, tapfre Arbeit, dort
will ich mir Brot suchen, gleichviel auf welcher Seite. Und so sei denn diese
Neige dem Greuel der Verwstung als Libation dargebracht; ein wrdiges Opfer fr
eine solche Gottheit, die einzige, welche ich anerkenne.
    Er stand auf, schnellte den Rest des Weins aus seinem Glase auf die Erde,
und warf das Glas zum Fenster hinaus. Hermann trennte sich ohne Abschied von dem
verwilderten Menschen, hinter dessen wsten Worten er dennoch etwas Besseres
wahrzunehmen glaubte. Seine Meinung, da wir uns immer nur innerhalb der uns
gezognen Kreise, im Guten, wie im Bsen bewegen, und da alles, was darber
hinauszugehn scheint, eben nur Schein ist, stand zu fest. Nach dieser Meinung
wollte er verfahren.
    Er tastete sich durch Gebsche auf engen Wegen in die Stadt zurck, worin
eben der Wchter Eins abrief. Das Haus seiner Gastfreunde war verschlossen, und
schon meinte er die Nacht auf dem Steinpflaster zubringen zu mssen, als er sich
des niedrigen Muerchens an den Scheunen erinnerte, ber welches die Shne des
Edukationsrats so behend entsprungen waren. berzeugt, da ihm nicht miglcken
werde, was den Knaben gelungen war, suchte er, durch ein Nebengchen
schreitend, den freien Platz auf, von dem das Muerchen den Raum zwischen jenen
Wirtschaftsgebuden abschied. Er sah ein Licht im Hofe, erklimmte die Mauer, und
war froh, noch jemand wach zu finden, der ihm das Haus ffnen knne.
    Das Licht brannte in Corneliens nach hinten hinaus zu ebner Erde belegnen
Stbchen. Er blickte hinein, und sah sie mit gerungnen Hnden weinend umhergehn.
Sie setzte sich zuweilen, und sttzte ihr Haupt schmerzlich auf, doch schien es
sie nicht an einem Orte zu leiden, immer erhob sie sich wieder und begann von
neuem ihre unruhvolle Wanderung. Hermann pochte ans Fenster und rief leise ihren
Namen. Sie erschrak, fragte ngstlich: Wer ist da? und schauderte wie entsetzt
zusammen, da er etwas lauter Antwort gab. Vergebens rief er ihr zu, sich doch zu
besinnen, er sei es ja, aus Zufall so versptet, sie mge ihm ffnen. Sie stand
bleich, zitternd da, und er mute jeden Augenblick besorgen, da sie umsinken
werde. Was sollte er tun? die Tr nach dem Hofe war verriegelt, er drckte am
Fenster, nur angelehnt, gab es nach, leicht schwang er sich in das Zimmer. Er
hatte eben noch Zeit, Cornelien aufzufangen, die ohnmchtig in seine Arme sank.
    Er war in der grten Verlegenheit und Sorge. Er hielt den lieblichen
jungfrulichen Krper umfat. Die Mittel waren ihm nicht unbekannt, welche in
solchen Fllen die stockende Natur wieder in Bewegung bringen helfen, aber er
trug eine innige Scheu, ihren Leib durch Blick oder Hand zu entweihn. Er
begngte sich, ihre Schlfen mit kaltem Wasser zu netzen, es gelang ihm, sie
damit in das Bewutsein zurckzubringen. Sie schlug die verweinten Augen auf,
errtete, da sie in die seinigen sah, entwand sich ihm, und setzte sich
erschpft zu Fen ihres Betts nieder.
    Unter dem Vorwande, da er sie in diesem Zustande unmglich verlassen knne,
blieb er noch eine Zeitlang bei ihr, obgleich sie ihn, sobald sie wieder zur
Besinnung gekommen war, dringend gebeten hatte, zu gehn. Er war mit sich uneins,
ob er nach der Ursache ihrer Betrbnis fragen solle, unterdrckte endlich seinen
Wunsch, und schied von ihr in sonderbarer Bewegung.
    Den Rest der Nacht verbrachte er schreibend. Es schien ihm unpassend zu
sein, den Familienszenen, welche bevorstanden, als Dritter beizuwohnen, sein
Geschft war vollbracht, wenn er den Eltern den verlornen Sohn angezeigt hatte.
In diesem Sinne setzte er einen Brief an den Rektor auf, worin er ihm sagte, was
wir bereits wissen. Whrend des Schreibens verschwanden einige Bedenklichkeiten,
die er anfangs gehegt hatte, gnzlich. Mit Entzcken malte er sich die Freude
der Eltern, die Umwandlung des Sohnes aus, wenn die rauhe Rinde von dessen
Herzen schmelzen werde.
    In der Frhe bestellte er Postpferde, und hie vor dem Tore den Wagen seiner
warten. Bei dem Frhstck, welches er gemeinschaftlich mit der Familie einnahm,
erkundigte man sich nach seinem nchtlichen Abenteuer. Er gab eine ins
allgemeine ausweichende Antwort. Der Rektor sagte zu ihm: Da Sie durch H.
kommen, so tun Sie mir doch den Gefallen, zum Justizrate zu gehn, und ihn zu
bitten, da er einen andern Termin zur Ableistung des Eides wegen meines Sohns
ansetze; ich habe am Donnerstage dringende Abhaltung.
    Hermann stand auf, und nahm Abschied von seinen Wirten. Die Knaben, welche
ihn liebgewonnen hatten, hingen sich an ihn, herzten und kten ihn. Der Mensch
denkt, Gott lenkt, sagte er feierlich. Wie? fragte der Rektor erstaunt. Oben
auf meinem Zimmer liegt ein Schreiben an Sie, erwiderte Hermann. Wichtige
Erffnungen sind darin, es ist ein Schicksal gewesen, da ich zu Ihnen gekommen
bin. Lesen Sie es, wenn ich Ihr Haus verlassen habe, und gedenken Sie meiner im
Besten. - Gottlob! rief die Rektorin. So ist alles gekommen, wie ich
gewnscht und gewollt habe. Ich werde Ihre Frsprecherin bei den Eltern sein,
setzte sie mit freundlichem Hndedrucke hinzu. Welche seltsame
Miverstndnisse! sagte Hermann und war zur Tr hinaus.
    Cornelie hatte an dem Frhstcke nicht teilgenommen. Er konnte unmglich
gehn, ohne ihr Lebewohl zu sagen. Er suchte sie auf ihrem Zimmer, in den Gngen
des Hauses, endlich glaubte er ihre Stimme vom Gartenhuschen her zu vernehmen.
Dorthin eilte er. Wieder war sie, wie damals, als er bei seiner Ankunft sie hier
fand, beschftigt. Sie kniete vor Blumentpfen. Aber diesmal ste und pflanzte
sie nicht; sie nahm einen verwelkten Stock aus dem Topfe.
    Er trat bescheiden vor sie hin, und sagte: Ich gehe, Cornelie. Sie
verfrbte sich und antwortete nichts. Ich wei߫, fuhr er fort, da ich Ihnen
zuwider gewesen bin, lassen Sie es nun gut sein, da ich mich entferne; geben Sie
mir ein freundliches Wort mit. Und wollen Sie mich in dieser letzten Stunde
recht glcklich machen, so vertrauen Sie mir, warum Sie in der vorigen Nacht
geweint haben. Ich wte niemand, dem ich lieber helfen mchte, als Sie.
    Sie stand, die Augen niedergeschlagen, und versetzte: Es ist nicht recht
von Ihnen, da Sie tun, als htte ich etwas gegen Sie. Sie haben wohl gesehn,
wie herzlich ich mich freute, als Sie so unerwartet hier ankamen. Aber als Sie
sich den falschen Namen gaben, und auch mich zwangen, zu lgen, da bin ich so
traurig geworden, wie ich noch nie war. Ich hatte nirgends Ruhe, konnte niemand
ansehn. Und darum war ich auch in dieser Nacht so betrbt. Ich hatte mich schon
schlafen gelegt, als ich vor Angst wieder aufstehn und mich ausweinen mute. Nun
wissen Sie es, sein Sie mir deshalb nicht bse.
    Sie erhob ihr Gesicht gegen ihn, und reichte ihm die Hand. Er sah in das
gute unschuldige Auge; das heilige Leidwesen einer reinen Natur, die zum ersten
Male von dem Gedanken, da es ein Bses gebe, berhrt worden ist, blickte aus
diesen bewlkten Spiegeln. Ein zrtlicher Schmerz durchdrang ihn, mit einer Art
von Ehrfurcht neigte er sich zu ihr, und sagte: Ich will mich nie wieder
verstellen, Cornelie.
    Nun htte er wohl scheiden sollen, aber er blieb. Ein unbezwingliches Gefhl
trieb ihn gegen seinen Willen. Er hatte sich vorgesetzt, schweigend zu gehn, und
schon war die scheue Frage ber seine Lippen: Liebst du mich, Cornelie?
    Sie antwortete nicht; sie fiel an sein Herz. In diesem Augenblicke rief
einer der Knaben im Garten: Cornelie, wo bist du? Bruder Eduard ist wieder da!
    Sie fuhr empor und flsterte ngstlich: Was haben wir getan? Er durfte
nicht eine Sekunde lnger verweilen.
    Leidenschaftlich ihren Mund kssend, der nun eher den seinigen vermied, rief
er: Du hast mein Wort! Ich verlobe mich dir und werde bei deinen Pflegeeltern
um dich anhalten. Er schwang sich ber das Muerchen. Sie schickte ihm den
schmerzlichsten Blick nach, dann wankte sie dem Knaben entgegen, der ihr
Wunderdinge erzhlte. Sie aber hrte von allem nichts, was er ihr sagte.


                                  Viertes Buch

                         Das Caroussel, der Adelsbrief

                So treiben wir Possen mit der Zeit, und die Geister der Weisen
                sitzen in den Wolken und spotten unser.
                                                        Prinz Heinrich von Wales


                                 Erstes Kapitel

In einem gotischen Pfeilergewlbe unter Helmen, Krassen, Schwertern und
Streitkolben stand die Herzogin mit dem Arzte in ernstlicher Beratung. Wenn das
Turnier regelrecht sein soll, so mu nicht blo courtoisiert, sondern auch mit
scharfen Waffen gekmpft werden,  outrance, sagte sie. Suchen Sie doch die
besten Speere und Schwerter aus.
    Der Arzt nahm eine Anzahl Waffen von den Pflcken, und sagte lchelnd: Mein
Amt ist, Wunden heilen, und hier mu ich, in Ermanglung eines besseren
Beistandes, welche vorbereiten helfen. Es tut mir leid, da ich Ren d'Anjous
Buch, welches ich einst in Dresden durchbltterte, nicht exzerpiert habe. Die
franzsischen Ritterspiele waren weniger ernsthaft, als das englische, dessen
Nachahmung Ew. Durchlaucht beabsichtigen. Gut mchte es auf alle Flle sein,
wenn die Herren sich zuvor erst sorgfltig auf Sto und Hieb einben, sonst
drfte der Chirurgus eine reichliche Ernte haben.
    Soll ich aufrichtig sprechen, versetzte die Herzogin, so wre ich sehr
zufrieden, wenn ich die Sache nicht angefangen htte. Sie macht so viel Arbeit,
bringt eine solche Unruhe in das Haus, da ich nicht wei, ob das Vergngen alle
diese Anstalten lohnen wird.
    Dann sollten wir lieber dieses ohnehin fremdartige Fest einstellen, sagte
der Arzt.
    Die Herzogin entgegnete aber, da das nicht mglich sei, der Herzog wisse
schon darum und scheine sich auf den Tag ungemein zu freun. Auch knne sie die
Einladungen an die Teilnehmer nicht wieder rckgngig machen, ohne zu
spttischen Reden in der Umgegend Veranlassung zu geben.
    Wie sehr entbehren wir unsern Wilhelmi bei dieser Gelegenheit! rief der
Arzt. In seinen Bilderbchern, Mappen und Urkunden fand er immer fr solche
Dinge Rat und Aushlfe. Er besitzt eine groe Geschicklichkeit, das Wesentliche
von dem Zuflligen zu sondern, und eine gewisse allgemeine Idee von der Sache zu
geben, auf die es doch allein ankommt. Ist es denn nicht mglich, den Herrn mit
ihm zu vershnen, und uns den melancholischen Freund zurckzufhren?
    Die Herzogin antwortete hierauf nichts, sondern sagte: Der Domherr hat
unrecht, uns in der Not zu verlassen, die nur er im Grunde angerichtet hat.
Versuchen Sie doch, ihn zu halten.
    Ew. Durchlaucht kennen die Grillen dieses seltsamen Mannes, versetzte der
Arzt. Ich habe ihn schon dringend gebeten, zu bleiben, aber er sagte, seine
Geschfte litten es nicht. Freilich ist dies ein leerer Vorwand, der wahre Grund
liegt in seiner gnzlichen Unfhigkeit, irgend etwas mit Stetigkeit zu
verfolgen. Sobald er sieht, da einem Plane, wie deren seine Seele tglich
hunderte gleich Blasen aufwirft, die Ausfhrung zukommen soll, ergreift ihn ein
unbezwinglicher Widerwille, er kann dann nicht ausdauern, es treibt ihn wie mit
Geistermacht von solchem Orte hinweg. Nichts Seltsameres soll es geben, als
seine sogenannten Sammlungen und die Einrichtung seines Hauses. Alles hat er
angefangen, nichts vollendet; die Zimmer lie er reich meublieren, ehe sie noch
ausgeweit waren.
    Ein unglcklicher Charakter, sagte die Herzogin. Ich mchte von einem
solchen Wesen die Worte Glck und Unglck gar nicht gebrauchen, erwiderte der
Arzt. Sie deuten doch immer auf einen gewissen Zusammenhang im Menschen hin,
und der ist es gerade, welcher hier fehlt. Eigentlich tut er mir leid, da er
gutmtig ist und auf seine Weise Verstand besitzt. Wir sehn in ihm doch auch nur
ein Opfer vernachlssigter Erziehung, und der Zwangsverhltnisse, welche
jngeren Shnen vornehmer Familien sonst nur die Wahl zwischen dem Miggange
des Degens und dem Miggange der Tonsur offenlie. An der Wurzel dergestalt
gettet, kann jemand zwar, solange die Jugend vorhlt, durch Libertinage und
Gesellschaftsknste den Schein des Lebens um sich verbreiten, aber wenn die
Jahre kommen, die keinem gefallen, weil sie unerbittlich von jedem sagen, was an
ihm sei, dann tritt der psychische Tod, die Torheit, unaufhaltsam ein, ehe noch
das Spiel der Nerven und Muskeln ausgespielt ist.
    Ich habe immer darber nachdenken mssen, warum uns die andern Stnde
beneiden? sagte die Herzogin. Seitdem das Geld weit mehr bei den Brgerlichen
als bei uns ist, kann man nicht einmal sagen, da wir leichter imstande seien,
uns die Gensse zu verschaffen, worin doch auch das Leben nicht besteht. Was
haben wir also voraus? Mich dnkt, die Pflichten sind geblieben, whrend die
Rechte verlorengingen.
    Man nennt den Adel hufig eine Ruine, versetzte der Arzt. Ich will die
Wahrheit dieses Gleichnisses nicht untersuchen, und es dahingestellt sein
lassen, ob so wenig Mauer und Fundament geblieben sei, da ein geschickter
Baumeister nicht daraus ein neues Gebude solle herstellen knnen. Aber das ist
gewi, der schnste Anblick wird uns, wenn wir die Blume unter Trmmern blhn
sehn. Dann ergreift uns ein liebliches Gefhl von Entstehn und Vergehn, von Lust
und Trauer. Mgen die Mnner Ihres Standes immerhin eine schwierige Aufgabe
haben, fr die Weiblichkeit bleibt er doch immer noch der gnstigste Boden, ihre
zartesten Erscheinungen herauszufrdern. Grade diese Konvenienzen, Erinnrungen
und Schranken, welche in den brigen Stnden vor der sogenannten praktischen
Richtung fast ganz verschwanden, und bei Ihnen doch wenigstens zum Teil noch
gelten, sind dem Wesen einer Frau so gem. Ich mchte es, wenn Sie den Ausdruck
nicht miverstehn wollen, auch nur eine liebenswrdige Fiktion nennen. Mit
Frauenzimmern des Brgerstandes, wenn sie berhaupt aus der gleichgltigen Menge
sich durch irgend etwas sondern, kann der Mann sich immer vergleichen, sie sind,
was sie haben, sei es Geld, Verstand, Tchtigkeit; und nichts ist der Empfindung
nachteiliger, als die Vergleichung, zu welcher sich Ihre Schwestern in jenen
Sphren nur zu unvorsichtig drngen. Aber in Ihrem Stande habe ich noch Frauen
gesehn, die von nichts getragen und behtet sein wollten, als von anmutigen
Mythen. Wie gewinnend ist der Zauber reizender Hlflosigkeit! Wie saugen sich
unsre Sinnen fest an dem, was in jedem Augenblicke ihnen verschwinden kann, eben
weil es nur ein wunderbarer Schein ist. Ja, hier berwltigt uns eine trunkne
Schwelgerei, in der Gewalt der Empfindung wenigstens das se Nichtige zu
verewigen; eine schwrmende Wonne, vergleichbar den Entzckungen der
Kunstenthusiasten, den Verzckungen des Andchtigen. Ich mchte behaupten, meine
Frstin, da ein recht mnnlicher Mann jetzt nur eine Dame von Adel lieben
knne.
    Die Herzogin lchelte. Sollte man nicht glauben, da Sie in eine verliebt
seien? sagte sie. Ich wnschte nur, da Ihre Gesinnung bei unsern jungen Herrn
Verbreitung fnde. Dann wrde es mehr Freiwerber als harrende Jungfraun geben,
statt da jetzt das umgekehrte Verhltnis sichtbar ist, weil man leider wei,
da der Erbe die Gter und die Tochter den Segen bekommt.
    Der Arzt hatte sein gewhnliches kaltes Wesen wieder angenommen, und sagte:
Was den Domherrn betrifft, so habe ich mich einigermaen gewundert, da er hier
so wohl empfangen ward. Er hat sich durch seine Unzuverlssigkeit berall auer
Kredit gesetzt.
    Da er frher ab- und zuging, so mssen wir ihn auch jetzt gelten lassen,
obgleich wir uns wenig aus ihm machen, erwiderte die Herzogin.
    Es ist sonderbar, wie die Natur sich durch Kontraste im Gleichgewicht zu
halten pflegt, fuhr der Arzt fort. Er, der an nichts, und an dem nichts
haftet, der demzufolge kein Bedenken trgt, fr die unntzesten Dinge Geld
auszugeben, hat gleichwohl eine fast kindische Scheu, Bares, wre es noch so
wenig, geradezu einzuben. Diese Abneigung geht so weit, da er sich selbst
nicht berwinden kann, einem Armen Almosen zu reichen, und sich lieber von
beharrlichen Bettlern mit Sachen, die er eben bei sich trgt, loskauft. Es
scheint, da, wo Grundstze und Vernunft versagt sind, gewisse starre Launen
ihre Stelle in dem des Halts so bedrftigen Menschen vertreten sollen. Hierauf
grnde ich auch einen Plan, den ich mit ihm vorhabe; denn da ich, wie Sie
wissen, gern etwas in die Psychologie oder in das Moralische pfusche, so habe
ich mir vorgenommen, ihn womglich zurechtzubringen.
    Die Herzogin hatte sich schon mehrmals nach den Bedienten umgesehn, welche
nach der Rstkammer beordert worden waren. Endlich erschienen sie unter
Anfhrung des alten Erich, der ihr Ausbleiben damit entschuldigte, da die Herrn
aus der Nachbarschaft bereits angekommen und nach dem Ahnensaale zu fhren
gewesen seien. Dies war der Herzogin unangenehm, da sie vor dem Eintreffen der
Ritter alle Armaturen dort ordentlich htte aufhngen lassen wollen. Nun beluden
sich die Bedienten hastig mit dem Eisen, wobei nicht gar zu vorsichtig verfahren
wurde, und manches morsche Niet auswich. Auch der Arzt nahm einen Panzer, und so
schwankte der Zug, unter der Last des Mittelalters keuchend, nach dem
Ahnensaale.
    Wir lassen sie hin- und widergehen, und erzhlen unterdessen die
Veranlassung dieser Dinge. Es ist nmlich zu sagen, da kurz nach der Abreise
Hermanns bei Gelegenheit einer wirtschaftlichen Einrichtung, die der Herzog
ausfhren wollte, die Rstkammer erffnet ward. Seit seiner Kindheit hatte er
sie nicht betreten; nur im allgemeinen wute er von dem Dasein einer
Waffensammlung. Wie freudig erstaunte er, als der vergene Raum sich auftat,
alle Wnde und Gestelle sich mit Schildern, Speeren, Brust- und Beinharnischen
bedeckt zeigten! In der Tat war hier weit mehr vorhanden, als man htte ahnen
knnen. Der Herzog nahm sich gleich vor, bere Ordnung zu stiften, vor allen
Dingen einen Katalog anfertigen zu lassen; seine Gemahlin aber entwarf in der
Stille einen andern Plan. Er hatte sein Vergngen ber diese Denkmale
krftigerer Zeiten so lebhaft ausgesprochen, so wiederholentlich geuert; wie
weit die freudigen Kampfspiele jener Tage ber allen jetzigen gesellschaftlichen
Vergngungen stnden, da sie wnschte, ihrem Gemahle zu seinem Geburtstage,
welcher herannahte, einen solchen Genu verschaffen zu knnen. Die Lektre in
Walter Scott gab ihr das Muster; eine Nachahmung des Turniers von Ashby de la
Zouche, welches der schottische Barde so beredt geschildert hat, schien nicht
unmglich zu sein. Indessen wre es wohl bei dem Gedanken geblieben, wenn nicht
der Zufall um diese Zeit jenen alten Bekannten des Hauses, den Domherrn, auf das
Schlo gefhrt htte.
    Kaum hrte er von dem Vorhaben, als er sich niedersetzte, und aus dem
Stegreife ein Programm verfate, worin alle Momente des Ritterspiels enthalten
waren. Randzeichnungen waren an schicklichen Orten hinzugefgt, altertmliche
Spruchreime, fr den Mund der Herolde bestimmt, leiteten das Fest ein und fort.
Als die Herzogin alles so zierlich auf dem Papiere stehn sah, schwand jeder
Zweifel ber die Schwierigkeit der Ausfhrung. Der Domherr erhielt die
Erlaubnis, alle ebenbrtige junge Edle, alle stiftsfhige Frulein der Umgegend
in ihrem Namen einzuladen, von welcher er den raschesten und ausgedehntesten
Gebrauch machte.
    Nun entstand auf smtlichen Landgtern und Rittersitzen, mehrere Meilen weit
in die Runde, die lebhafteste Bewegung. Pferde wurden probiert. Fechtbungen
angestellt, man versuchte, ob die vorlufig mit einem Brette geschtzte Brust
den Sto der Lanzen, welche durch Stangen dargestellt wurden, aushielt. Man
stberte jeden Winkel nach irgendetwas Obsoletem durch; Fahnen wurden gestickt,
Wappenschilder gemalt. Noch geschftiger als die Mnner waren die Damen. Es war
angeordnet worden, da niemand anders, als im Kostm erscheinen solle. Manches
frische Gesicht, manche schlanke Gestalt freute sich auf den Spitzenkragen, auf
das Kleid mit langem Schoe, auf die pauschigen rmel. Zofen und Nhterinnen
hatten alle Hnde voll zu tun, um all den Sammet, die Seide, die goldnen und
silbernen Borten, die Federn, das Schmelzwerk zu bewltigen. Im stillen teilten
die Hbschen, eine jede sich selbst, die Rolle der Knigin der Minne und
Schnheit zu, deren Ernennung nicht ausbleiben durfte, wenn das Fest seinen
Charakter behalten sollte; was die Hlichen betrifft, so beschlossen diese, die
Wahl, wenn selbige auf sie fallen wrde, bescheiden abzulehnen.
    Whrend so in den Wohnungen derer, welche sich vollstndiger Ahnen rhmen
durften, nur Erwartung, Hoffnung und Freude herrschte, war bei einigen andern
Gutsbesitzern bedeutend angestoen worden. Auch in diesen Gegenden hatte es im
Strudel der Zeiten nicht fehlen knnen, da ein Teil der Bodenflche auf
Neugeadelte oder brgerlich Verbliebne berging. Mehrere davon waren sogar, wenn
man den Herzog ausnimmt, die vermgendsten Eigentmer des ganzen Bezirks. Die
Herzogin hatte nach mildem verstndigem Frauensinne ein Auge zudrcken und auch
diese zu ihrem Feste entbieten wollen, allein der Domherr erklrte mit groem
Ernste, das gehe durchaus nicht an. Er erzhlte ihr so viel von der
Wappenprfung und andern bei einem Turniere vorkommenden Dingen, wobei die
Darlegung eines vollstndigen Stammbaums notwendig ist, da sie endlich, wiewohl
ungern, seiner eigensinnigen Gewissenhaftigkeit nachgab. Natrlich erhob sich
unter den Ausgeschlonen groer Verdru. Einer derselben schlug vor, unter sich
ein zweites Turnier zu geben, welches noch mehr Geld kosten msse, als das
herzogliche; welcher Gedanke indessen, obgleich er ein echt deutscher war, von
den brigen als lcherlich verworfen ward. Man fuhr jedoch fort, untereinander
zu munkeln, und schon wollte verlauten, da von dort etwas zu Spott und Schimpf
ausgehn. werde.
    Die Herzogin hatte dem Domherrn die Funktion des Waffenknigs zugedacht,
welcher bekanntlich in den alten Zeiten der Zeremonienmeister solcher
Festlichkeiten war, von dessen Geschick und Einsicht das Gelingen derselben
wesentlich abhing. Wie erschrak sie, als der charakterlose Mann, nachdem er den
Aufruhr in Schlo, Stadt und Landschaft angestiftet, erklrte, er msse sich nun
empfehlen. Sie hatte niemand, der seine Stelle vertreten konnte. Der Arzt war
schon vermge seiner Geschfte dazu unfhig, mit Wilhelmi hatte ein unangenehmer
Vorfall stattgefunden. Sie war wirklich in groer Verlegenheit; zumal da die
Anstalten in der Wirklichkeit sich anders verhalten wollten, als auf dem
Papiere.
    Man hatte den jungen Edelleuten, welche nicht selbst fr altertmliche
Waffen und Rstungen zu sorgen gewut, den Vorrat des Schlosses angeboten. Die
meisten machten hievon Gebrauch und so war denn eine betrchtliche Reiterschar
eingetroffen, um nach Statur und Leibesumfang das Passende auszuwhlen und
anzuprobieren.

                                Zweites Kapitel


Im Ahnensaale, den Bildnisse, Schenktische und Hirschgeweihe herkmmlich
schmckten, warteten gegen zwanzig junge Edelleute, sehr vergngt ber den
bevorstehenden herrlichen Zeitvertreib. Gott strafe mich! rief einer, es war
ein vernnftiger Gedanke, auf so etwas zu verfallen. Man hat gar nichts mehr
voraus, aber das knnen sie uns nicht nachmachen.
    Nachdem die eintretende Herzogin mit groem Gerusch verehrt worden war, und
jeder seine Empfehlungen von Mttern und Schwestern ausgerichtet hatte, warf man
sich jubelnd ber die herbeigebrachten Waffen her. Die Bedienten hatten eine
ungeheure Last Eisenwerk im Saale umher aufgeschichtet, unter dem nun jeder nach
dem, was ihm gem sei, sprte. Man setzte Helme auf, legte Schienen an, suchte
mit den Harnischen fertig zu werden. Die Bedienten halfen, so gut sie konnten,
da aber die Ungeduld zu gro, oder das Gerte zu alt war, so ri vieles und
zerbrach mehreres. Ja einige der schnsten Rstungen, die gleich den Leichen in
manchen Gewlben nur noch zum Scheine zusammenhielten, fielen gnzlich
auseinander, bei welchem unerwarteten Anblicke die Herzogin erschreckt und
verstimmt den Saal verlie.
    Etwa ein Dutzend Ritter kam indessen doch nach vielfltigen Versuchen mit
der Wehrhaftmachung zustande, freilich nicht ohne dieses und jenes
Miverstndnis. Denn so behauptete einer hartnckig, die Beinschienen, welche
bekanntlich zum Schutze des vordern Teils der Schenkel dienten, gehrten an die
entgegengesetzte Stelle, um gewisse unangenehme Folgen heftigen Reitens zu
verhten, lie sich auch von seinem Irrtume nicht berfhren, sondern die
Schienen verkehrterweise anschnallen; worauf ihn ein andrer mit derbem Scherze
in einen Stuhl drckte und fragte: ob er denn nun so sitzen knne? was er
freilich leugnen mute.
    Die Fertiggewordnen schwankten, von der ungewohnten Wucht bedrckt, vor die
groen Wandspiegel, und brachen bei ihrem Anblicke in ein schallendes Gelchter
aus. Und wirklich waren diese wankenden dstern, verrosteten Gestalten eher
scheulich als lieblich anzusehn.
    Der Arzt, welcher zurckgeblieben war, um den Wirt zu machen, lud die
Gesellschaft jetzt zu dem unterdessen aufgetragnen Gabelfrhstck ein. Man war
so vergngt ber die Maskerade, man fhlte sich so gro in dieser Hlle der
Altvter, da die meisten sich in Wehr und Waffen zu Tisch setzten. Die Speisen
waren vortrefflich, die Elust der jungen Leute war es nicht minder. Man
schmauste tapfer und zechte weidlich dazu. Die Hitze, welche unter den Rstungen
sich entwickelte, trug dazu bei, da der Wein noch eher, als sonst wohl
geschehen wre, den Trinkenden zu Kopfe stieg; bald entstand ein Gesprch, in
dem keiner mehr sein eignes Wort vernahm. Die Bedienten, welche nicht frische
Flaschen genug herbeischaffen konnten, schttelten, an das gemene Wesen der
Herrschaft gewhnt, ber diesen erstaunlichen Lrmen die Kpfe, der alte Erich
murrte ganz laut, und belferte seine biblischen Sprche daher. Zuflligerweise
hatte sich eine Musikbande im Hofe des Schlosses eingeschlichen, welche,
angelockt von dem Gerusch, durch Gnge und Vorsle drang, und von niemand
bemerkt, mit stimmenden Instrumenten in den Saal trat. Sogleich verlangten die
Trunknen etwas Lustiges aufgespielt, worauf die Musikanten, welche nichts
Besseres hatten, die Marseillaise zum besten gaben. Niemand fand an dieser Wahl
Ansto, denn es war eine vllige Vergessenheit der Zeiten eingetreten; die ganze
gerstete Schar hpfte, walzte, oder marschierte nach diesen neusten
aufrhrerischen Tnen munter im Saale umher, da die Fenster erklirrten.
    Der Herzog, welcher von einem Ritte ber Land heimkam, hielt im Hofe still
und fragte jemand, der ihm begegnete, mit strengem Tone nach der Ursache des
Lrmens. Der Mensch glaubte, nichts verraten zu drfen, und zuckte die Achseln,
indem er nur einen Blick nach den Fenstern der Herzogin warf. Der Herzog besann
sich und sagte: Das ist ja aber, als ob Hasper a Spada, Brmser von Rdesheim
und Bomsen vereint dem Grabe entstiegen wren. Ich merke, das deutsche Rittertum
ist von starkem Getse nicht zu trennen.
    Der Arzt hatte sich, sobald er gekonnt, von der lauten Gesellschaft
getrennt, und in der Eile einige halbversumte Patienten besucht. Die
Beratungen, zu denen er notgedrungen sich hergeben mute, die Verrichtungen,
welche ihm fr das Fest aufgetragen wurden, raubten, ihm zu seinem Verdrusse
Zeit, ein Gut, mit welchem er sehr haushlterisch umging. Vor allem aber hatten
die Worte, zu denen er durch sein Alleinsein mit der Herzogin hingerissen worden
war, ihn in die belste Stimmung versetzt. Er gefiel sich nur in der
verschlonen Klte, welche er als das ihm geeignete Element sich zubereitet
hatte, und war auer Fassung, wenn er befrchten mute, das Gefhl, welches ihm
als Menschen denn doch auch geblieben war, aus seinem Versteck entlassen zu
haben. In solchem Unmute war er immer zu harter sarkastischer Laune,
willkrlicher Behandlung anderer aufgelegt.
    Er nahm nach vollbrachtem Geschfte ein Buch zur Hand, aber das Lesen wollte
nicht gelingen. Er ging durch den Park, und hatte schon vor, da niemand sich
zeigte, an dem er den Zorn auslassen konnte, Wilhelmi in seinem Exile zu
besuchen, als die Alte, zu welcher er Flmmchen gebracht, ihm in den Weg trat.
Sie verbeugte sich, kreuzte die Arme ber der Brust, und streckte schweigend die
flache Hand aus.
    Der Arzt verstand diese Gebrde, reichte ihr Geld, und sagte: Ich meinte,
Ihr httet lnger mit dem auskommen mssen, was ich Euch neulich gegeben hatte.
    Es wre auch geschehen, wenn das Flmmchen nicht so viele Schuhe
durchtanzte, versetzte die Alte.
    Wie soll ich das verstehn? fragte der Arzt.
    Es lt sich nicht erzhlen, man mu es sehn, antwortete die Alte. Wir
haben Mondlicht, da treibt sie es.
    Er fragte sie, wie sie sich vertrgen. Die Alte erwiderte: Sehr gut. Es
wre mein Tod, wenn das Kind wieder von mir genommen wrde. Sie legt mir die
Kruter aus, das fehlte mir noch, nun bin ich ganz zufrieden.
    Er tat noch allerhand Kreuz- und Querfragen, und brachte dadurch heraus, da
Flmmchen, nachdem sie zu der Alten gekommen, in einen Zustand von Exaltation
verfallen war, welcher besonders in der Zeit des Mondlichts sich offenbaren
sollte. Was er hierber erfuhr, dnkte ihn merkwrdig, und er versprach der
Alten einen baldigen Besuch.
    Kaum hatte sie ihn verlassen, als der Domherr reisefertig zu ihm trat. Wo
stecken Sie, Doktor? Ich wollte Ihnen Lebewohl sagen, rief er, und umarmte
lebhaft den Arzt.
    Warum eilen Sie so, fortzukommen? fragte dieser. Sie knnten unsrer
Herzogin manche Verlegenheit abnehmen, wenn Sie blieben. Ich habe den Auftrag,
Sie dringend darum zu bitten.
    Es ist mir wahrhaftig nicht mglich, versetzte der andre. Ihr Kinder wit
nicht, was fr Geschfte auf mir lasten.
    O ja, Kanarienvgel zu fttern, Kupferstiche durcheinander zu werfen, Hunde
abzurichten, und dergleichen wichtige Dinge mehr.
    Auf der Landstrae, welche am Park vorbeifhrte, kam in dem Augenblicke der
Zug der heimreitenden jungen Edelleute durch. Sie sangen, saen ziemlich
unordentlich zu Pferde; einige hatten in der Abwesenheit ihrer Sinne die Helme
auf dem Haupte behalten.
    Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben, sagte der Arzt. Es wre Ihre
Pflicht, was Sie uns einbrockten, auch mit uns zu verzehren. Indessen reisen Sie
nur, wenn Sie sich durchaus eine Krankheit in der Abendkhle holen wollen.
    Auf dieses Wort wurde der Domherr stutzig und fragte nach dessen Bedeutung.
Der Arzt erzhlte ihm hierauf eine Geschichte von den jetzt herrschenden
bsartigen Wechselfiebern, welche so allgemein vorkmen, da man sie fast eine
Epidemie nennen knne, und welche durch die kleinste Erkltung herbeigefhrt
wrden. Der Domherr ersuchte den Arzt ngstlich, ihm nach dem Pulse zu fhlen,
welchen dieser in der Tat schon fieberhaft erregt fand. Hierauf lie der Domherr
eiligst abspannen, begab sich nach seinem Zimmer und erwartete dort unruhig den
Arzt, der ihm noch einen Besuch zugesagt hatte.
    Dieser verfehlte nicht, sich einzustellen, weil er einen absonderlichen Plan
mit ihm durchsetzen wollte. Das Gesprch, welches er auf geschickte Weise
einzuleiten wute, und welches sich bis tief in die Nacht ausdehnte, fhrte zu
dem allerwunderlichsten Ergebnisse. Um letzteres wahrscheinlich zu machen,
mssen wir einiges ber die Persnlichkeit des fremden Gastes beibringen.

                                Drittes Kapitel


Der Domherr, aus alter Familie als jngerer Sohn entsprossen, war frhzeitig in
eine eintrgliche Pfrnde eingekauft worden, und, durch verschiedne unerwartete
Todesflle begnstigt, zur Hebung gediehn, sobald er nur das kanonische Alter
erreicht hatte. Ohne Beschftigung, ja selbst ohne die Sorge fr die Erhaltung
eines Vermgens, geno er reichlicher Einknfte, welche ihm keine anderen
Pflichten auferlegten, als seine Residenz an dem Orte des Kapitels zu halten,
und die kirchlichen Stunden innezuhalten, welche in diesem Stifte, ohne
bedeutenden Verlust an Gelde, nicht durch Vikarien abgestattet werden durften.
    Sein lebhafter und neugieriger Geist trieb ihn, die Langeweile eines solchen
Zustandes dadurch zu versen, da er das Verschiedenartigste nacheinander las
und vornahm. Da er indessen zu wenig Ruhe besa, und ein urer Zwang, welcher
vielleicht allein imstande ist, lockeren Naturen Halt zu geben, hier mangelte,
so berhrte er von allem nur die Oberflche, erwarb zwar durch leichte
Fassungsgabe und gutes Gedchtnis mannigfaltige Kenntnisse, denen es aber an
einer Wurzel in der Seele vllig gebrach. So entstand denn in ihm ein wahres
Chaos von unzusammenhangenden Meinungen, und einander aufhebenden Maximen. Ein
Sptter hatte ihn einst den lebendig gewordnen Vordersatz ohne Nachsatz genannt.
Dagegen galt er wieder bei vielen andern fr einen reichen Geist, ja fr ein
Genie.
    Am belsten stand es mit seinem Verhltnisse zu den bersinnlichen Dingen.
Der Katholizismus seiner Jugend war ihm nichts als das lstigste Formenwesen
geworden; die dumpfen Chorle, welche er spterhin als Pfrndner in seinem
holzgeschnitzten Stuhle tglich geduldig mitsingen mute, dienten auch nicht
dazu, die Liebe zu dem angestammten Glaubensbekenntnisse zu steigern. Er hatte
sich bei Voltaire und Holbach Rats erholt, und eine Zeitlang mit groer
Dreistigkeit die Stze versponnen, welche in dieser Schule zu gewinnen sind.
    Als er aber ber das vierzigste Jahr hinaus war, und, er wute selbst nicht
wie? immerfort auf den Gedanken kam, da er nicht mehr so lange leben werde, als
er gelebt habe, ergriff ihn eine groe Unruhe, die bald zur ausschweifendsten
Todesfurcht wurde. Da damit eine ngstliche Sorge fr seine Gesundheit sich
verband, ist natrlich, allein was half diese? Endlich mssen wir ja doch
sterben. Er fate daher mit leidenschaftlicher Begierde nach dem Dogma von der
Unsterblichkeit der Seele, welches er aber nur physikalisch oder magisch sich
anzueignen wute. Er las Swedenborg, Paracelsus, vertiefte sich in
kabbalistische Phantasien, und suchte sich dadurch die Himmelsleiter zu zimmern.
Nach der nchsten und einfachsten Quelle empfand er keinen Durst; vielmehr
uerte er einst mit groer Naivett gegen einen vertrauten Bekannten, da ihm
an dem Dasein Gottes im Grunde wenig liege, wenn er nur das ewige Leben bekomme.
    Geistlicher Zuspruch war ihm von seiner Jugend her verhat geblieben. Als
daher der bekehrte Priester, dessen wir uns erinnern, ihm bei seinem Eintreffen
im Schlosse nahen wollte, weil er an dem Gaste so etwas Schadhaftes witterte,
wies ihn dieser mit entschiedner Geringschtzung zurck. Dagegen wandte er sich
lebhaft dem Arzte zu, den der Fremde belustigte. Jener nahm ein geheimnisvolles
Wesen gegen den Domherrn an, und hatte sich bald in eine solche Achtung bei ihm
gesetzt, da selbst die tollen Scherze, zu welchen ihn der Anblick des
nrrischen Mannes bisweilen hinri, von diesem fr verhllte hierophantische
Weisheit erachtet wurden. Sein ganzer gegenwrtiger Zustand war eine Kette von
Zerstreuungen. Die Umwlzungen der Zeit hatten ihn seiner geistlichen Pflichten
entbunden, ohne ihm die Prbende zu nehmen. Eine Erbschaft war ihm zugefallen,
so da er fr reich gelten konnte. In der Nhe der groen Stadt hatte er sich
das Landhaus erbaut, von dessen widersinniger Einrichtung der Arzt der Herzogin
erzhlte.
    An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvrderst den Domherrn ber
seine Gesundheitsumstnde zu trsten, lie jedoch ein entscheidendes Wort ber
die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen, wobei er ihn bedenklich ansah.
Dieser Blick konnte den andern wenig vergngen, und seine Stimmung wurde nicht
gebessert, als der Arzt ein treffendes Bild der Auflsung entwarf, worin deren
einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten,
so da man froh sein mute, wenn dieses widerliche Gren endlich in lauter
grauem Staube sich beruhigte.
    Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte: Possen! Wer an
Fortdauer glaubt, lt sich durch dergleichen nicht schrecken.
    Der Arzt versetzte hierauf, da der Glaube und die Wissenschaft allerdings
zwei gesonderte Gebiete beherrschten, wovon nur das eine den Vorzug habe, da
man wisse, wo es liege, whrend dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten
lasse. Er wollte hierauf das Gesprch abbrechen, und sich entfernen, womit aber
dem Domherrn durchaus nicht gedient war. Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht
verhllter ngstlichkeit zurck, und rief: Ihr seid Materialist, Doktor, ich
wei das, aber ein innerstes Gefhl sagt dem Menschen, da seine Seele etwas
Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts.
Sprecht Eure Zweifel nur aus; es ist mir nichts unertrglicher, als dieses
Halten hinter dem Berge.
    Man hat, sagte der Arzt, auch lange von den vier Elementen gesprochen,
und nun wissen wir denn doch, da diese fr Grundstoffe gehaltnen Dinge aus
verschiednen andern bestehn, welche erst zusammengefgt das bilden, was wir
Erde, Wasser, Luft und Feuer nennen. Und wer wei, wie weit die Chemie die
Scheidung noch treiben kann! Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu
machen, scheint mir leicht. Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer
Einfachheit gesprochen worden. Dabei wurde nur vergessen, da derselbe Mensch
unter verschiednen Umstnden oft als ein ganz andrer erscheint, da Grundstze,
Meinungen und berzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen, und
da daher in dem Dinge, welchem wir so gern eine vornehme Selbstndigkeit
beilegen mchten, manche gar nicht so notwendig zueinander gehrende Potenzen
wirksam sind, die ja auch die empirische Psychologie lngst aufgezhlt und
nachgewiesen hat.
    Also sollte sich die Seele bei dem Tode gewissermaen in Verstand, Vernunft
und Urteilskraft zerlegen? fragte der Domherr, froh, seinen Gegner zum Absurden
gefhrt zu haben.
    Der Arzt versetzte: Wie die Auflsung des Seelischen vonstatten gehe, wei
ich nicht, ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun. Sind Sie derselbe
noch, der Sie als Kind und Jngling waren? Entschwanden nicht ganze Regionen von
Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem Geiste? Wechselten nicht Liebe und
Neigung in Ihnen? Wollen Sie noch, was Sie wollten? Knnen Sie einen einzigen
Moment in sich nachweisen, wo Ihre Seele anders als zeitlich, rumlich,
hinfllig, leiblich dachte und fhlte? Welchen Teil, welche Stufe dieses Etwas
wollen Sie also fr jene Ewigkeit retten? Denn Sie werden immer etwas aufgeben
mssen, entweder die Vernunft, wenn Sie das, was im Herzen klopfte, oder das
Gemt, wenn Sie das, was im Haupte leuchtete, erhalten wnschen.
    Will das nun irgend jemand? Gewi nicht. Vielmehr ist es ja grade das
Verlangen, sich in seiner Totalitt zu bewahren, was man die Sehnsucht nach dem
Jenseits genannt hat, auf welche Sehnsucht denn wieder einer der sogenannten
Beweise gebaut worden ist. Weil es einen Hunger gibt, so gibt es eine Speise,
weil wir Durst fhlen, so mu Getrnk vorhanden sein. Also, weil wir jene
Sehnsucht fhlen, so wird der Gegenstand ihrer Befriedigung nicht ausbleiben. So
weit bin ich einverstanden. Nur, was der Gegenstand sei, darber herrscht eine
Tuschung.
    Man hat auch von Nektar und Ambrosia gesprochen, und gewi hat mancher nach
dieser Gtterspeise, wie Tantalus, ein Gelsten empfunden; gleichwohl, hat sie
jemand gekostet? Mute nicht jeder sich mit gemeiner menschlicher Kost begngen?
Und so ist es mit dem Unsterblichkeitsglauben. Ein lgenhaftes, schwrmendes
Etwas in uns verlangt nach Nektar und Ambrosia, whrend die wahre, innige und
viel trstlichere Befriedigung berall uns nahegestellt worden ist, ohne da
unsre blden Sinne sie wahrnehmen.
    Und die wre? fragte der Domherr.
    Das gegenwrtige, irdische Leben selbst, versetzte der Arzt. Auch ich
sage in meinem Sinne: Der Mensch ist ewiger Dauer. Aber ich setze hinzu: Der
Himmel ist auf Erden, und mit dem Tode ist es nicht aus, sondern es beginnt aufs
neue. Wie Feuer von oben ergreift das Psychische den Ton, bildet und wirkt ihn
aus, und wenn es ihn abgenutzt hat, sucht es sich frischen Stoff. Wir sind alle
Revenants, und dieser Erscheinung der Geister oder des Geistes ist kein Ziel der
Zeit gesetzt.
    Das ist eine schlechte Fortdauer, seufzte der Domherr. Was hilft es mir,
zu vermuten, ich habe schon irgendwo einmal gesteckt, wenn ich nicht wei, wo
und in welcher Haut ich steckte.
    Und wenn nun jene Vermutung sich bis zur klarsten Anschauung steigern
liee? Im ahnenden Vortraume ist letztre schon gesetzt, er heit Geschichte.
Diese in allen so lebendig zu machen, da jeder sich auf Jahrtausende zurck
wiederfinden kann, ist eigentlich die geheimnisvoll-verhllte Aufgabe der
Gegenwart. Wir reifen einer Periode entgegen, worin die Menschen ebensosehr
Brger der Vergangenheit sein werden, als sie eine Zeitlang in der durch das
Christentum angewiesenen Richtung Anwrter der Zukunft waren. Das ist der heilig
zuckende Wille des Weltgeistes unter der Decke der politischen Bestrebungen
unsrer Zeit, welche eben dieses, von ihrer bewuten Absicht ganz verschiedne
Resultat hervorzubringen bestimmt sind. Hin und wieder ist dieser
Unsterblichkeitsglaube, oder vielmehr dieses Wissen schon vorhanden; es gibt
Vorboten der neuen Epoche. So glaube ich von mir sagen zu knnen, da ich mit
Bestimmtheit sehe, wo ich da und dort schon aufgetaucht bin.
    Ist es mglich? rief der Domherr. Entdecken Sie mir ...
    Diese Kunde gehrt nur mir, erwiderte der Arzt. Allein ich glaube, da
jeder nicht ganz Verwahrlosete sie in sich erzeugen knnte.
    Und wie?
    Man kommt zu Mysterien bekanntlich erst nach vielen Vorbereitungen. Auch
wird nur der eine hhere Seelenerfahrung recht besitzen, der sie selbstttig
sich hervorbringt. Um aber auf Ihre Angst und Not, die ich mit Bedauern
wahrnehme, zurckzukommen; es gibt ein sehr einfaches Mittel, sie zu heben, Sie
von aller Unruhe ber die Dinge jenseits des Grabes zu heilen, und Ihnen dieses
so zu zeigen, wie es ist, nmlich als einen unschuldigen, harmlosen Hgel Erde.
    Nun? dieses Mittel?
    Heiraten Sie und zeugen Sie einen Sohn. Wenn wir uns einigermaen an die
Natur halten wollen - und das ist wohl in jedem Falle das Sicherste - so mssen
wir erkennen, da mit jener wunderbaren Funktion, worin der ganze Mensch zu
einer belebenden Flamme auflodert, auch der ganze Mensch im natrlichen und im
hheren Sinne fortgesetzt wird. Nur eine verdorbne Phantasie hat um sie ihr
lsternes Unkraut gewoben, sie ist fr den wahren Priester des Universums etwas
so Ernstes und Schweres wie die Bewegung der Himmelskrper, die Reise des
Lichts, der Drang der Voltaischen Sule. Hier ist uns auf die liebreichste Weise
das Mittel in die Hand gegeben, alle kranken Schrecken abzuschtteln, und ich
habe immer die Weisheit der alten Indier bewundert, welche aus dem Geschfte, zu
welchem ich Sie aufmuntern mchte, einen Punkt ihrer Pflichtenlehre machten.
Meine Beobachtungen lehrten mich auch fast immer, da Personen, welche die Zeit
nach ihnen verkrpert vor sich sahn, aufhrten, dieselbe zu frchten, und die
wenigen Ausnahmen befestigten mir eben die Regel. Es ist keine Redensart, es ist
eine Wahrheit, da die Eltern in den Kindern fortleben. So aber geht es; der
Mensch sucht ber den Sternen, was zu seinen Fen liegt, wie die Spanier nach
dem fernen Eldorado fuhren und in den Wildnissen verhungerten, whrend sie mit
treuer Arbeit zu Hause sich htten nhren und auch des so hei ersehnten Goldes
ein bescheidnes Teil gewinnen knnen.

                                Viertes Kapitel


Am folgenden Morgen besuchte der Domherr den Arzt ganz frh, und erffnete ihm,
da er sich verheiraten werde, da er auf Erlassung der Zlibatspflicht seitens
der Staatsbehrde sicher rechnen knne. Der Arzt bezeigte sich darber nicht im
mindesten erstaunt, sondern fragte ihn trocken: Wen? Worauf der Domherr
versetzte: er wisse es noch nicht, da es ihm aber an Bekanntschaft unter den
Damen des Landes nicht mangle, so werde er leicht eine angemene Partie
ermitteln, zu welchem Ende er gegenwrtig aufbrechen wolle.
    Dieser Plan ist ein unglckseliger zu nennen, sagte der Arzt. In Ihren
Jahren haben sich Gewohnheiten und Verwhnungen so festgesetzt, da ein zweites,
freies und selbstndiges Wesen nicht mehr in diesen Bann sich finden kann, und
die Sache notwendig mit Scheidung oder vollendeter Herrschaft des Pantoffels
schlieen mu. Er erzhlte ihm aus dem Stegreife einige Geschichten von
verspteten Heiraten, die wirklich ein betrbtes Ende genommen hatten, so da
der andre ganz nachdenklich wurde, und mit trauriger Miene sagte: Aber heiraten
will ich und mu ich, denn, was Ihr gestern abend zuletzt sagtet, Doktor, das
hat Grund, und es ist mir ber Nacht schon die Besttigung geworden. Ich konnte
nicht schlafen, versenkte mich in Eure Unsterblichkeitstheorie, und auf einmal,
nicht trumend, sondern wie gesagt, hellwachend im Bezirke jener Gedanken und
Gefhle, die Ihr in mir aufgeregt hattet, empfand ich etwas, was mir die
unumstlichste Wahrheit Eurer Behauptungen erwies. Pltzlich war ich nmlich
nicht mehr ich selbst, der Domherr aus dem neunzehnten Jahrhundert, sondern mein
Urgrovater, der General in venezianischen Diensten. Ich hielt um die Hand
meiner Urgromutter an, ich drckte mich in dem damals blichen Kauderwelsch von
Deutsch und Franzsisch aus, und, Ihr mgt mir's glauben oder nicht, ich habe
den roten Plsch mit silbernen Litzen, den er zu tragen pflegte, deutlich auf
meinem Leibe gefhlt.
    Lieber, sagte der Arzt mit unglubigem Gesichte, transzendentale Dinge so
ins Einzelne verfolgen, fhrt nur zu Phantastereien.
    Ich wei wohl, da Ihr gleich wieder skeptisch werdet, wenn Ihr etwas
behauptet habt, versetzte der Domherr. Aber ich lasse mich dadurch nicht
irrefhren. Den Verjngungstrank, von dem Ihr neulich spracht, und den Ihr jetzt
ableugnet, mu ich auch noch von Euch herausholen. Kurz, seht mich an: Bin ich
mein Urgrovater oder bin ich es nicht?
    Domherr, sagte der Arzt, welcher sich whrend dieses Gesprchs vor seinem
Gaste unbefangen ankleidete, Ihr seid ein groer Narr.
    Ihr knnt mich gar nicht beleidigen! rief der Domherr. Heimfhren wollt
Ihr mich, wie man den Bauer nach Hause schickt; aber es wird Euch nicht
gelingen. So gewi ich in mir die Tatsache erlebt habe, da der Urgrovater in
mir wirklich fortbesteht, so gewi werde ich in einem Sohne fortdauern, den ich
daher fest entschlossen bin, zu erzeugen. Was soll nun dieses Abschweifen,
dieses Ironisieren? Gestern waren wir ja ganz einverstanden; geht doch ehrlich
mit mir um.
    Kann man sich denn auf Sie verlassen? erwiderte der Arzt, indem er begann,
sich zu rasieren. Mu man nicht immer besorgen, da Sie umschlagen, sobald man
glaubt, Sie bei einem Punkte fest zu haben. Seit mehreren Tagen trage ich mich
mit einer Idee, Ihre Unsterblichkeit festzustellen, doch, was hilft das? Sie
werden nach Ihrem Kopfe heiraten, hchst unglcklich, vielleicht ein Hahnrei
werden, und ohne Ihren Zweck zu erreichen, frh ins Grab sinken.
    Der Domherr drang hierauf angelegentlichst in den Arzt, ihm seine Idee zu
erffnen. Dieser lie sich lange bitten, endlich sagte er ihm, da Heiraten
ltlicher Mnner nur dann zum Heile fhren knnten, wenn der Gatte die Gattin
sich erzge. Er knne ihm ein schnes durch allerhand Unglck hlflos gewordenes
Kind aus guter Familie zuweisen, welches gewi das Erziehungswerk verlohnen, und
mit der Zeit die allein fr ihn passende Frau abgeben werde.
    Als der Domherr nun heftig verlangte, mit diesem Kinde bekanntgemacht zu
werden, verwies ihn der Arzt zur Geduld und sagte, er msse zuerst sich
berzeugen, da er die arme Verlane ihm auch sicher anvertrauen knne. Durch
seine Reden schimmerte so etwas von frstlicher Abkunft, wodurch die
Einbildungskraft des Domherrn in Feuer und Flammen gesetzt wurde.
    Ihr Gesprch wurde durch einen Bedienten unterbrochen, welcher die Meldung
machte, da Waffenschmiede und andre Handwerker angekommen seien, die ntigen
Zurstungen zum Turnier ins Werk zu richten. Der Arzt erklrte nun dem Domherrn
rundheraus, da er zuerst das Kampfspiel in Gang bringen helfen msse, ehe an
weitre Unterhandlung ber den bewuten Gegenstand zu denken sei. Dieser fgte
sich in die Bedingung und ging mit erneuter Ttigkeit an die halbvergenen
Arbeiten. Nun wurden im Ahnensaale rstige Schmiede und gewandte Polierer
beschftigt, die Rstungen zu ordnen, auszubessern und zu putzen, so da in
kurzem alles ein blankes Ansehn gewann. Wo etwas fehlte, wo einem Schwerte,
einem Schilde durch leichte Vergoldung nachzuhelfen war, lie der geschftige
Mann gleich das Ntige besorgen, und da er viel Geschmack besa, die Kosten
nicht schonte, und geschickte Werkmeister unter sich hatte, so konnte er der
Herzogin bald eine Sammlung der spiegelhellsten Schutz- und Trutzwaffen
vorweisen.
    Auf einem grnen Platze hinter dem Park, von dem ein gewundner Weg zu der
Anhhe fhrte, auf welcher der Geistliche Hermann versucht hatte, sollte das
Turnier gehalten werden. Der Domherr lie den Rasen abstechen, Sand anfahren,
Schranken und Tribnen aufrichten. Mit Hlfe reichlicher Trinkgelder erhoben
sich, zum Erstaunen schnell, zierliche gotische Gerste, die auf leichten
Pfeilern um den reinlichen Plan liefen. Im Innern des Schlosses beschftigte er
fnf fleiige Tapezierer, welche die Fahnen, Behnge, Festons und Pavillone so
rasch lieferten, da man berechnen konnte, mit allen Vorbereitungen wenigstens
acht Tage vor dem Geburtsfeste des Herzogs, welches in die Mitte des Junius
fiel, fertig zu werden.
    Unter dem Hammern, Klopfen und Nieten, wovon das Gerusch durch das ganze
Schlo schallte, drangen eine Menge Hausierer und Juden ein, welche immer, wie
durch Instinkt geleitet, merken, wo es etwas zu handeln geben mchte, Seiltnzer
und Taschenspieler meldeten sich, um bei dem ritterlichen Spiele ihre Knste zu
zeigen, ein zudringlicher Mensch, der eine kleine Menagerie umherfhrte, hatte
nur mit Mhe abgewiesen werden knnen. Der Zulauf so vieler fremder Gesichter
verursachte einige Hausdiebsthle, welche, obgleich sie unbedeutend waren, der
Herzogin die trbsten Stunden machten.
    Indessen wute sie sich gegen den weiblichen Besuch, der ihr jetzt fast
tglich aus der Nachbarschaft zuteil ward, auf das beste zusammenzunehmen. Diese
Damen, welche entweder ihre eigne Sache, oder die ihrer Tchter fhrten, htten
gern erfahren, wer zur Knigin der Minne und Schnheit bestimmt worden sei? und
jede schpfte aus den freundlichen Mienen und geflligen Worten der
liebenswrdigen Festgeberin beim Abschiede die schnsten Hoffnungen.
    Whrend nun der Domherr mit Freigebigkeit jedes Hindernis bezwang, die
teuersten Rechnungen genehmigte und doppelten Taglohn anwies, warf die Herzogin
immer ngstlichere Blicke auf ihre Nadelgelder, mit welchen sie sehr
haushlterisch umzugehn gewohnt war, und die unmglich fr diesen Aufwand
zureichen konnten. Kaum bemerkte der Herzog, welcher sonst fr alles jetzt taub
und blind zu sein schien, an seiner Gemahlin eine Verlegenheit, als er, die
Ursache ahnend, dem Arzte eine bedeutende Summe einhndigen lie, mit der
Weisung, dafr Sorge zu tragen, da smtliche Rechnungen bis zur Hlfte gekrzt,
seiner Gemahlin vorgelegt wrden.
    Der Domherr las in den Abendstunden, wann seine Geschfte zu Ende waren,
viel in Memoiren einer gewissen Gattung, von denen der Vater des Herzogs eine
starke Sammlung in der Bibliothek hatte aufstellen lassen. Seine Vermutungen,
welcher erlauchten Familie Sprling ihm anvertraut werden solle, schweiften
wild umher. Er suchte bei den Orlans, bei italienischen und russischen
Geschlechtern. Endlich fand er es so reizend, ein Kind aus dem bekanntlich nie
ganz erloschnen Stamme der Komnenen zu seiner Gattin zu erziehn, da der Gedanke
sich in ihm festsetzte, Flmmchen msse daher rhren. Denn den Namen hatte ihm
der Arzt vertraut, der sonst unerbittlich blieb, und erst nach dem Turnier ihn
zu dem Mdchen fhren wollte.
    Dieser schrieb indessen in seinem Denkbuche allerhand Bemerkungen nieder,
von denen wir einige hier mitteilen.

                                       *

Was ist ein Menschenleben? Ein Nichts. Jedes Ereignis, welches in der
Geschichte Front macht, fhrt gleichgltig ber deren tausend hin, die alle in
unsern Augen ebenso kostbar und wichtig erscheinen mssen, als das einzelne,
womit wir uns im Zustande des sogenannten Friedens ngstlich zu schaffen machen.
Unter allen Wahrheiten ist die wahrste, da kein Mensch unentbehrlich ist. Der
Arzt stellt sich an, als sei er vom Gegenteil berzeugt.

                                       *

Man wird es mde, Blut und Fleisch, Nerven und Eingeweide zu untersuchen. Was
wir von diesen Dingen wissen knnen, wissen wir so ziemlich, und ich fr meine
Person teile wenigstens den Eifer meiner Kollegen nicht, zu dem aufgeschichteten
Haufen der Tatschelchen noch das und jenes Sandkrnchen zu fgen. Die einzige
interessante Substanz bleibt fr mich noch die menschliche Seele.

                                       *

Da glte es nun, Experimente anzustellen, zu analysieren, zu verbinden. Wie man
Blut und andre Flssigkeiten des Krpers auf den geeigneten Mitteln prft, so
mte man ein gleiches Verfahren mit den Geistern anstellen, um zu sehen, in
welche Bestandteile sie sich zersetzen lassen, was an ihnen wandelbar und was
dagegen unbezwinglich erscheint. Freilich verbietet die Moral den Gebrauch der
Agenzien und Reagenzien, welche in dieser Sphre allein wirksam sein mchten.
Allein, wie uns niemand darber Vorwrfe macht, wenn wir, um zu einem wichtigen
wissenschaftlichen Aufschlusse zu gelangen, den Schmerz der Tiere nicht achten,
so gibt es ja auch wohl unter den Menschen Exemplare, mit denen man allenfalls
sich erlauben drfte, Versuche zu machen.

                                       *

Und dann habe ich bei den Dingen, die mir jetzt durch den Kopf gehn, doch immer
eine gute Absicht: Abweichungen im Psychischen wieder auf die Linie der Natur
zurckzufhren. Wer kann mich also tadeln?

                                       *
Was ich von dem Mdchen hre, lege ich mir als Arzt leicht aus. Dennoch bleibt
darin etwas Mystisches. Tanz? Wer hat seine Bedeutung schon ergrndet? Religise
Tnze. Tanz der Schamanen.

                                       *

Wenn ich den alten Wilhelmi um eine Lappalie verbannt und trauernd sehe, wenn
ich den Lrmen um nichts hier im Schlosse hre, wenn ich daran denke, wie der
Herzog, ohne Kinder, spart, um nur das Fideikommi zu vergrern, welches einmal
Gott wei wem? zustatten kommt, wenn ich den Krmer von der einen und den
Pfaffen von der andern Seite lauern sehe, so ist es mir, als msse ber kurz
oder lang etwas Fremdes, Unerwartetes hereinbrechen, wovon jetzt keiner einen
Begriff hat.

                                       *

Was hat uns denn nur zusammengeblasen und was hlt uns noch beieinander?

                                       *

Es ist mit den Husern, den Familien, den Freundschaften zu Ende, man sieht es
klar.

                                       *

Wenn ich nur der verruchten Liebe quitt werden knnte! Da eine weie Haut,
eine kleine Hand, eine Iris von der und der Farbe, ein seidnes Kleid und ein
gesticktes Taschentuch einen vernnftigen Menschen aus der Fassung bringen! Und
es ist keine Sinnlichkeit dabei; das ist das schlimmste.

                                Fnftes Kapitel


Der Arzt, welcher von Zeit zu Zeit einsame Spazierritte nach Flmmchens
Verstecke machte, um sich ber ihren Zustand aufzuklren, hatte es dem
beharrlichen Andringen des Domherrn endlich doch nicht versagen knnen, sie
wenigstens ihm zu zeigen. Vorher mute aber der launische Mann eine
Verschreibung ausstellen, wodurch er sich anheischig machte, eine bedeutende
Summe einzuben, wenn er das Mdchen zu sich nhme, und sie dann auf das
Geratewohl wieder entliee. Dieses Papier unterschrieb er ohne Zaudern, denn er
glaubte fest an die Bestndigkeit seiner Entschlsse, obgleich er, wie wir
wissen, darin tglich wechselte.
    Es war zu Ausgang Mais, und ein wunderschner Mondabend. Der Arzt hatte
vorgeschlagen, zu reiten, jedoch bei seinem Freunde kein Gehr gefunden, welcher
die Gefahr der Erkltung vorschtzte und anspannen lie. Jener wunderte sich,
da verschiedne Sachen, die man auf dieser kurzen Fahrt nicht gebrauchte, in den
Wagen getragen wurden.
    Man konnte mit dem Wagen nur bis zu einer gewissen Entfernung von der Htte
der Alten vordringen, und hatte noch eine starke Viertelstunde zu gehn. Der
Domherr sagte dem Kutscher etwas ins Ohr, und machte sich dann mit dem Arzte auf
den Weg. Dieser erzhlte seinem Begleiter, um ihn auf den Anblick, der seiner
wartete, vorzubereiten, was er von der Alten gehrt hatte. Das Mdchen war nach
dem ersten Erstaunen ber das Wiederfinden ihrer Zigeunerin in einen sonderbaren
Zustand verfallen. In der Einsamkeit zwischen Waldeichen, Klippen und Bachwellen
machte sie gewissermaen zum ersten Male die Bekanntschaft der Natur, und der
Eindruck, den diese Gewaltige auf einen halbreifen Geist, der, wie der Arzt sich
ausdruckte, eigentlich nur Phantasie war, hervorbrachte, war sehr stark. Sie
ging, wie eine Trumende umher, fhrte Gesprche mit den Bumen und Steinen, und
war dann oft wieder wie erstarrt. Gleichzeitig traten bei ihr gewisse
krperliche Erscheinungen ein, die sie sehr angreifen muten, denn sie begann an
Konvulsionen zu leiden, welche die Alte besorgt machten, da daraus eine Art von
Veitstanz entstnde. Letztre verschwieg indessen ihrem Beschtzer alles dieses,
weil sie befrchtete, er mchte ihr das Kind wegnehmen, zu welchem sie, nachdem
sie ihm einmal tief in die Augen geschaut, eine unbezwingliche Neigung gefat
hatte. Sie behandelte ihren Pflegling mit Krutern und Trnken, und hatte die
Freude, ihn bald hergestellt zu sehn. Es entwickelte sich nun etwas an dem
Mdchen, was niemand hatte vorausahnen knnen, nmlich eine Neigung, oder - denn
dieses Wort sagt viel zuwenig - eine unwiderstehliche Notwendigkeit, zu tanzen.
    Als das Mondlicht kam, ging Flmmchen eines Abends fort, und wurde von der
Alten, die ihr nachgeschlichen war, auf einer Felsenplatte in den wundersamsten
Bewegungen angetroffen. Diese wiederholten sich seitdem alle Abende, und nun, da
das Mdchen wieder gesund ward, erhielt erst der Arzt vom Vorgefallenen Kunde.
Es ist, sagte er, als habe ihr Organismus alle Schrecken abschtteln, und
zugleich ein geheimes Gesetz der Schnheit, welches lange in dem armen verlanen
Kinde geschlummert, entfalten wollen.
    Unter dieser Erzhlung waren sie aus dem Dickicht auf einen frei
hervorspringenden Hgel getreten. Der Domherr, welcher immer einige Schritte
vorausgehabt hatte, stand pltzlich still, und rief mit gedmpfter Stimme: Was
ist das?
    Der Hgel verlief in ein glattes, grades, ziemlich gerumiges Felsenstck.
Auf dieser natrlichen Bhne schritt Flmmchen umher, in den Vorbereitungen zu
ihrem Tanze begriffen. Die Nacht war taghell, so da man alles genau sehen
konnte, die Entfernung so gering, da kein Laut verlorenging. Beide Mnner
drckten sich hinter einen Stamm; seitwrts zwischen den Kanten eines
ausgezackten Gesteins wurde der schwarzbraune Kopf der Alten sichtbar, die, am
Boden zusammengekauert, gleichfalls horchte und lauschte.
    Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das
Mdchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe
sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr
glnzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden
Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit
zrtlicher Gebrde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn,
jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf lie sie
beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, da sie dort Bogen
beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, whrend
Fe und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein
liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen
werden, mit welcher er einst in grerer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf
der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schne Liebeszeit sei. Was ihre
Bewegungen an diesem Mondscheinmrchen noch dunkel lieen, deuteten Strophen
aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien.
Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen
Worten, deren Verbindung die Zuhrenden ergnzen muten. Die Alte gab zuweilen
in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine
Art von Refrain zu vernehmen.
    Der Domherr war wie auer sich. Trotz aller Verkehrtheiten, welche diesem
Manne anklebten, mute man ihm wenigstens einen zarten Sinn fr das Schne,
besonders der phantastischen Gattung, zugestehn. Er seufzte, drckte dem Arzte
die Hand; dieser sah, da Trnen aus seinen Augen flossen. Ist es nicht, sagte
der Domherr leise, als sei die alte Fabel wieder jung geworden, und schaue uns
Sptlinge mit entzckenden Kindesaugen an? Was sind unsre Ballette mit ihrer
absichtsvollen Lsternheit gegen dieses einzige Schauspiel? Hier entbrennt eine
Seele, deren Drange nichts Geringeres als das Ganze: Fu, Hand, Leib, Stimme,
gengen kann, zu einem lebendigen Kunstwerke, und spricht das aus, wozu der
armen, stummen, gefesselten Natur ewig die Organe mangeln! Wie danke ich Ihnen,
mein Freund, fr solchen Anblick!
    Die Bewegungen Flmmchens waren langsamer geworden, die Krnze entfielen
ihren Hnden, sie sank mit dem Ausdrucke einer angenehmen Ermattung auf einen
Stein und schien einzuschlummern. Die Alte kam zwischen den Klippen hervor. So
ruht sie nun, und lt mit sich machen, was man will, sagte sie. Wenn ich sie
auf ihre Fe stelle, so geht sie auch, von mir gesttzt, und wei dennoch von
nichts.
    Kommen Sie, sagte der Arzt zum Domherrn. Es ist in der Tat khl, und ich
spreche heute nicht im Scherz, sondern im Ernst von Erkltungen. -Lassen Sie
mich bei dem schnen Kinde noch einen Augenblick allein, versetzte der Domherr.
Ich kann mich an ihr nicht satt sehn, und werde sie in die Htte nachbringen.
    Der Arzt stieg mit der Alten die Klippen hinunter. Unten begegnete ihnen ein
Mensch, der sich verirrt zu haben schien, denn er fragte ngstlich und eilig
nach dem Wege, der auf den Felsen fhre. Erst nachdem er zurechtgewiesen und
vorbei war, erkannte der Arzt in ihm den Bedienten des Domherrn.
    Unten in der Htte kndigte er der Alten an, da er Flmmchen wahrscheinlich
binnen kurzem von ihr nehmen werde. Auf dieses Wort stand sie wie versteinert,
und sah ihn mit starren Augen an. Er redete ihr zu, und wollte sie durch die
Nachricht, da er das Geld, welches er fr das Mdchen ihr gegeben, auch nach
deren Entfernung noch eine Zeitlang fortzahlen werde, beschwichtigen. Sie aber
unterbrach ihn, und rief mit einem herzzerreienden Tone: Nehmen Sie mir das
Kind nicht!
    Was soll sie ferner bei dir? versetzte er. berhaupt, wie kommt es, da
du solchen Anteil an dem unbekannten Mdchen nimmst?
    Unbekannt! rief die Alte. Ach, sie ist mir nur zu wohl bekannt! O mein
Herr, lassen Sie mir das Kind! Es wehete ein Sturm, und verwehete die
Geschlechter der Erde, man schlief ein unter blhenden Mandelbumen und erwachte
im den, sandigen Blachfeld. Wit Ihr, was es heit, im Grabe gelegen haben, und
wieder aufwachen? O ich knnte Euch Dinge erzhlen, vor denen Ihr erschrecken
wrdet! Aber durch Nacht und Tod und Finsternis geht der Weg des Fleisches, und
es fgt sich alles wieder zusammen, was zueinander gehrte.
    Er drang in sie, ihm diese dunkeln Reden zu erklren. Sie antwortete hierauf
etwas in der fremden Sprache, welche er schon drauen von ihr vernommen hatte,
und sagte dann: Wollt Ihr, da ich mein Kleinod hinwerfe, da Ihr darauf tretet
und es zerstrt? Ich glaube daran, damit gut; meinen Glauben will ich behalten!
    Sie legte den Finger auf den Mund, dann ging sie umher, bewegte die Arme,
als wollte sie ein Kind in den Schlaf schaukeln, und summte dazu ein Wiegenlied.
Pltzlich fuhr sie empor, rief heftig: Was ist das? Wo bleibt sie? und eilte
aus der Htte.
    Verdrielich ber das lange Ausbleiben des Domherrn ging der Arzt in dem
dstern, kleinen Raume hin und her, und erwog bei sich, ob es nicht besser sei,
alle diese Abenteuer sich selbst zu berlassen, als er von auen einen gellenden
Schrei vernahm, und die Alte in die Stube strzte. Verruchte! Treulose!
Ungeheuer! schrie sie. Betrgen wolltet Ihr mich! Das Feuer des Himmels ber
Euer schndliches Haupt!
    Die entblten Brste, das flatternde, schwarze Haar gaben ihr das Ansehn
einer Furie. Besinne dich! rief der Arzt, und fate ihren Arm. Was ist
geschehn?
    Der Bsewicht hat sie geraubt! Ach, ich unglckseliges Weib! erwiderte sie
jammernd.
    Bestrzt klomm der Arzt die Felsen empor. Es war richtig. Niemand war auf
der Platte zu sehn. Etwas Weies flatterte zwischen den Steinen. Es war ein
beschriebnes Blatt. Er gab sich Mhe, es zu lesen, was aber selbst in dem hellen
Mondscheine nicht gelingen wollte. Von unten hrte er die Klagen der Alten, die
schauerlich durch die Nacht tnten. Mit Mhe arbeitete er sich auf den
beschwerlichen Pfaden nach dem Orte zurck, wo auf gebahnter Strae der Wagen
des Domherrn stehngeblieben war. Er war verschwunden. Als er sein Ohr an den
Boden legte, meinte er, in weiter Ferne das Gerusch der fortrollenden Rder zu
vernehmen.
    Er mute sich zur Rckkehr entschlieen, und dem kommenden Tage berlassen,
was weiter zu tun sei. Als er nach mehreren Stunden ermdet heimgekommen war,
hrte er noch von dem Bedienten zur Vermehrung seiner blen Laune, da spt
abends Hermann wieder im Schlosse eingetroffen sei. Er las das Blatt. Es
enthielt nur wenige Zeilen, wodurch der Domherr ihm bekanntmachte, da er das
Mdchen, welches ihm zur Erziehung bestimmt sei, mit sich nehme, und alles
zwischen ihnen Verabredete ausfhren werde. Hinzugefgt war die lakonische
Bitte, den bereilten Abschied zu entschuldigen, und bei der Herzogin
entschuldigen zu helfen.

                                Sechstes Kapitel


Hermann wurde von der Frstin mit unverstellter Freude empfangen. Er mute
berichten, wie es ihm ergangen sei, und beeilte sich, sein neues Verhltnis ihr
zu entdecken. Sie fragte ihn, ob er schon die Einwilligung des Oheims habe? Er
versetzte, da er, diese einzuholen, den Umweg ber die Fabriken gemacht, dort
jedoch vergebens einige Wochen auf den Oheim gewartet habe, welcher nach England
verreist gewesen sei. Endlich habe ein Brief von diesem den Seinigen gemeldet,
da er den Rckweg ber die Standesherrschaft nehmen wolle, weil er mit dem
Herzoge ber die streitige Angelegenheit selbst zu sprechen wnsche.
    Darf ich, sagte er, wie unbescheidne Bitter zu tun pflegen, aus gewhrter
Gunst auf vermehrte hoffen, so bleibe ich unter dem Schirme Ihrer Huld, bis der
Oheim hier eintrifft.
    Sie sprach ber verschiedne Dinge mit ihm, erzhlte ihm von dem
bevorstehenden Feste, und es fiel ihm auf, da sie seiner Verlobung weiter mit
keinem Worte gedachte.
    Der Herzog, welcher dazukam, begrte ihn ebenfalls in seiner herablassenden
Weise und sagte dann, indem er ihn nher betrachtete: Was ist mit Ihnen
vorgegangen? Sie haben einen Zug im Gesicht, den ich sonst nicht an Ihnen
wahrgenommen habe, und den ich nur den Brutigamszug nenne.
    Damit knnte es seine Richtigkeit haben, versetzte Hermann.
    Wirklich! rief der Herzog. Siehst du, Ulrike, da ich mich in diesem
Punkte nie irre. Der Brutigamszug besteht in einem gedankenvollen Senken der
Mundwinkel, auch pflegt damit ein eigner Ausdruck der Lippen und Augen verbunden
zu sein.
    Er ist in der Tat verlobt, sagte die Herzogin.
    Dann mag er sich nur Gewichte an Hnde und Fe hngen, denn er sieht noch
nicht danach aus, als ob er willens sei, Stich zu halten; fuhr ihr Gemahl in
seinen Scherzen fort, die Hermann mit Verwundrung hrte, da er dergleichen von
dem Herzoge nicht gewohnt war.
    Die Herzogin empfing in diesem Augenblicke die Nachricht von der
unvermuteten Abreise des Domherrn. Sie erschrak, dann aber warf sie einen
zuversichtlichen Blick auf unsern Freund, und ihr Gemahl sagte, da sie sich
hierauf mit etwas andrem beschftigte, ihm leise ins Ohr: Sie erscheinen, wie
der Spiritus familiaris, immer zur rechten Zeit; wenn die Not am hchsten, sind
Sie am nchsten. Meine Frau wrde es ohne Sie nicht zustande gebracht haben,
helfen Sie ihr recht treulich, Sie erwerben sich wirklich dadurch ein Verdienst
um unsern Stand.
    Kaum hatte er sich gefllig entfernt, als Hermann bereits mit einer Menge
von Auftrgen fr die Anordnung der Festlichkeiten versehen ward. Er mute, als
er sich darangab, dieselben auszurichten, mancher Reden Wilhelmis gedenken, und
sagte zu sich selbst: Sollte es denn wahr sein, da das Erbbel der
privilegierten Stnde, der Egoismus, immer noch, wenngleich von angenehmen
Formen bedeckt, in alter Strke fortwuchert? Um mein persnliches Geschick hat
man sich kaum bekmmert, ja, der Herzog fragte nicht einmal nach dem Namen der
Braut.
    Waren diese Betrachtungen geeignet, in ihm eine verdrieliche Stimmung
hervorzurufen, so mute ihm dagegen die frhliche Bewegung, welche unter den
Arbeitern entstand, als er ihnen ankndigte, dae er nunmehr die Leitung des
Ganzen bernehme, wohltun. Die Menschen leisten gern das Mgliche, wenn ihnen
gehrig befohlen wird. Sein sichres anstelliges Wesen war den Leuten im Schlosse
von sonst her bekannt, sie rhmten den fremden Werkmeistern diese Eigenschaften,
und gleich war ein erhhter Eifer berall sichtbar.
    Hermann lie sich die Apparate vorweisen, und besuchte den Turnierplatz. Er
fand bald, da, obgleich vieles getan war, doch noch mehreres nachzuholen brig
blieb. Denn der Domherr hatte in seiner hastigen Manier oft das Ntigste
vergessen. So waren unter andrem keine Treppen angebracht worden, auf welchen
die Zuschauer zu den Tribnen emporsteigen konnten. Hermann mute sich daher
entschlieen, einen Teil des Bretterwerks wieder abbrechen zu lassen, um die
ntigen Zugnge zu ffnen.
    Unter den Hausbeamten, welche bei diesen Zurstungen mitwirkten, bemerkte er
einen Mann von unangenehmen Manieren, dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte.
Man nannte ihn nur den Amtmann vom Falkenstein. Hermann erfuhr, da er
Kammerdiener bei dem Grovater des jetzt regierenden Herrn gewesen sei, da er
bei jenem und bei dem Vater des Herzogs in Ansehn und Einflu gestanden habe.
Die jetzige Herrschaft, hie es, dulde ihn, obgleich er ihr nicht genehm sei,
weil er fr den Mitwisser verfnglicher Geheimnisse gehalten werde, die jedoch
der Herzog ihrem eigentlichen Inhalte nach selbst nicht kennen solle. Dieser
Mensch, welcher ber alles seine spttischen Bemerkungen machte, fate Hermann
scharf ins Auge, und begegnete ihm darauf mit einer bertriebenen Hflichkeit.
Er nannte ihn nur den gndigen Herrn, und sagte zu den Leuten laut, so da
Hermann es hren mute, sie mchten ja alles pnktlich tun, was der gndige Herr
befehle.
    Bei Tafel sah er sich vergebens nach Wilhelmi um. Er fragte seinen Nachbar
nach diesem alten Freunde. Der Mann blickte verlegen vor sich hin, und gab ihm
ein Zeichen, da er es zu vermeiden wnsche, ber jenen hier Auskunft zu
erteilen. Mit dem Arzte hatte er ber Flmmchen reden wollen, dieser vermied ihn
sichtlich, und setzte sich ein paar Pltze weit von ihm weg. Das Gesprch
berhrte nur die gleichgltigsten Dinge; alle schienen mit ihren Gedanken
abwesend zu sein.
    Die auerordentlich heitre Laune des Herzogs fiel ihm immer mehr auf. Der
sonst ziemlich trockne Herr erschpfte sich in muntern Einfllen, die nur
zuweilen einem eignen schwrmerischen Ernste Raum gaben. Seine ganze Stimmung
schien eine erhhte zu sein. Auch ein gewisses Zeremoniell hatte sich an der
Stelle der sonstigen Ungezwungenheit eingefunden. Frher waren die frstlichen
Personen, jede fr sich, wie die Dame ihre Toilette, der Herr seine Geschfte
beendigt hatte, in den Speisesaal getreten. Heute war von zwei Bedienten,
nachdem die Gesellschaft eine volle Viertelstunde versammelt gewesen, die
Flgeltre aufgetan worden, und der Herzog hatte seine Gemahlin
feierlich-zierlich an den Fingerspitzen in den Saal gefhrt. In gleicher Weise
nahm er mit ihr nach aufgehobner Tafel seinen Rckzug, ohne weiter mit den
Tischgenossen zu verkehren.
    Indessen hatte unser Freund nicht lange Zeit, ber diese Verndrungen
nachzudenken. Schon waren die jungen Edelleute wieder angekommen, welche, wie
neulich die Rstungen, so nun Lanze und Schwert probieren wollten. Hermann wurde
beordert, die Recken zu empfangen, und der bung als Waffenknig vorzustehn.
Wieder legte man im Ahnensaale unter schallendem Jubel die Panzer und Schienen
an, die nun, glnzend, den Gliedern angepat, die vielen jugendlichen Gestalten
krftig hervorhoben.
    Der klirrende, schimmernde Zug stieg eine verborgne Treppe hinunter, um
durch eine Hintertre in das Freie zu gelangen. Alle waren auer sich vor Freude
und Hermann hatte genug zu tun, um die lauten Ausbrche des Entzckens, welche
ungelegne Zuschauer herbeiziehn konnten, zu migen.
    Drauen standen die Pferde der Ritter. Sie scheuten bei dem Anblicke ihrer
verwandelten Gebieter, und prallten zurck. Die Reitknechte hatten einige Mhe,
die brausenden Tiere zu begtigen, was indessen doch zuletzt den angewandten
Schmeichelknsten gelang. Man sa auf, und nach einigem Springen und Bocken
schien die Gewandtheit der jungen Mnner siegen zu sollen. Nur einer, ein
ltlicher Herr, der es aber fr seinen Vorteil ansah, sich so lange als mglich
zur Jugend zu halten, konnte trotz aller Mhe nicht auf seinen Rappen gelangen,
und mute endlich von dem schweitreibenden Werke abstehn. Er gab dem armen
Tiere, welches in seiner Furcht vor dem sthlernen Herrn wahrlich noch mehr
ausstand, als er, einen ungerechten Schlag, lie sich entwaffnen, und setzte
sich in seinem grnen Nankingrckchen traurig unter eine Fichte. Seit der Zeit
ward dieser Mann, welcher vorher das Fest eifrigst hatte betreiben helfen, ein
Verchter desselben; die andern aber gaben ihm unter scherzhafter Anspielung auf
den Helden des Scottschen Romans den Spitznamen: el Desdichado, oder der
Enterbte. Auch wir sind gentigt, ihn knftighin, wo er uns noch vorkommen
sollte, unter dieser Bezeichnung aufzufhren, da die Geschichte seinen wahren
Namen nicht aufbewahrt hat.
    Hermann lie die Ritter nun zuvrderst einige Volten auf dem Turnierpltze
machen, und dabei den Speer senkrecht im Bgel fhren. Dann muten sie in
gleicher Weise, zwei Glieder tief und zwlf Lanzen hoch - denn im ganzen hatten
sich so viele Kmpferpaare gemeldet - rund um den Plan sprengen. Diese
vorlufigen bungen gelangen vortrefflich, und gaben die besten Hoffnungen. Da
einige etwas hart die hlzernen Schranken streiften, andre nicht die vllige
stallmeisterliche Sicherheit in den Stteln behaupteten, konnte hiebei nichts
verschlagen, da solche kleine Unregelmigkeiten kaum irgendwo ausbleiben, wo
Mensch und Ro sich zusammenfinden.
    Man war daher khn geworden, und wollte gleich mit dem Schwierigsten
beginnen, mit dem allgemeinen Lanzenstechen, Zwlf gegen Zwlf. Hermann hielt es
aber fr ratsam, stufenweise zu verfahren, und bestand darauf, da sich zuerst
die Paare einzeln gegeneinander versuchen sollten. Er selbst begann, im knappen
Collet auf einem leichtfigen Englnder sich wiegend, an der Sache Geschmack zu
finden. Die Herzogin sah zwischen den Bumen aus ihrer Droschke zu, und man will
wissen, da unser Freund mehr als ntig, sein Rlein habe courbettieren lassen,
obgleich er sich gewissenhaft bestrebte, nur an die ferne Cornelie zu denken.
    Wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt: die Schwchsten
drngten sich zu den ersten Versuchen, whrend die tchtigsten Reiter lchelnd
warteten, um zuletzt das Hauptstck zu vollfhren. Leider zeigte sich nur zu
bald, wie gegrndet Hermanns Vorsicht gewesen war, da auch sie das Geschick
nicht abzuhalten vermochte, welches nun einmal in seinem Eigensinne jeden
Versuch, dahingeschwundne Zeiten wiederzuerwecken, vereiteln zu wollen scheint.
    Man kann nicht sagen, da diese Adlichen das Unmgliche gewollt htten. Die
Aussicht, mit zerbrochenen Gliedern vor Oheimen und Tanten, Schwestern und
Bruten im Sande zu liegen, hatte fr keinen der Kmpfer etwas Erfreuliches; es
war daher durch eine stillschweigende bereinkunft vorgesehen worden, da so
wenig Gefahr, als mglich, entstnde. Man hatte die Schfte der Lanzen dnn und
von sprdem, zerbrechlichem Holze machen lassen. Es war mithin mehr
Wahrscheinlichkeit vorhanden, da diese schwachen Waffen auf der beschtzten
Brust der Gegner zerbrechen, als da die Kmpfer von der Gewaltsamkeit des
Stoes zu Boden strzen wrden.
    Die ersten, welche gegeneinander ritten, waren zwei junge Vettern, namens
Caspar und Max, denn alle diese Erben riefen sich gegenseitig fast nur bei ihren
Vornamen. Sie sprengten hastig ein, und es wre gewi zu einem lebhaften Treffen
gekommen, wenn nicht die Pferde, als man noch etwa sechs Schritte voneinander
war, pltzlich stillgestanden htten, so da die Reiter, von dieser
unvorhergesehnen Hemmung erschttert, beinahe ber die Hlse ihrer Tiere
hinweggeflogen wren. Umsonst war alles Schenkelandrcken und Spornen; die
Pferde sahen einander feurig und wtend mit schnaubenden Nstern an, lieen sich
geduldig auf die Punkte, von denen ausgelaufen wurde, zurckreiten, rannten
lustig vor, standen aber dann auf den Stellen, ber welchen ein Zauber zu brten
schien, wie angemauert still. Nachdem diese Vereitlungen sich drei- bis viermal
wiederholt hatten, wurde einigen Reitknechten geheien, die Hinterteile der
Widerspenstigen mit Peitschenhieben zu bearbeiten, was offenbar nur fr einen
Ausbruch roher Leidenschaftlichkeit gelten konnte, denn man durfte doch
unmglich beabsichtigen, am Tage des Turniers die Kmpfer auf eine so
lcherliche und unwrdige Weise von hinten flott zu machen. Auch halfen jene
Hiebe nur insoweit, da die Pferde ausschlugen, und beinahe einen der Zchtiger
getroffen htten; vorne wichen und wankten sie nicht. Hierauf stiegen Caspar und
Max ab, schleuderten unter lauten, landblichen Flchen ihre Lanzen weg, und
setzten sich zum Enterbten, der seinerseits bei dem Anblicke dieser Hemmung
wieder etwas heitrer zu werden begann.
    Demnchst ritten zwei andre Vettern, welche Konrad und Bernhard hieen.
Deren Pferde blieben keineswegs stehen, schossen vielmehr, als ihre Herrn eben
meinten, einander mit den Spitzen der Lanzen erreichen zu knnen, recht und
links abspringend, vorbei, im wtenden Laufe ber die niedrigen Schranken
hinwegsetzend, grade auf die Tribnen zu. Da die Pfeilerbogen derselben nicht so
hoch waren, da ein ausgewachsner Mann zu Pferde darunter wegkommen konnte, so
wren die Reiter verloren gewesen, wenn sie sich nicht rasch bgellos gemacht
und zur Erde gelassen htten. Glcklicherweise lag auf jeder Seite ein groer
Haufen Sand, welcher noch umher verbreitet werden sollte. Auf diese natrlichen
Betten strzten die Jnglinge, und diese Sandhaufen waren es, welche ihr Leben
retteten. Denn obgleich dem einen das Blut aus Mund und Nase quoll, und der
andre mehrere Minuten betubt dalag, so zeigte sich doch, als man die Helme
abnahm, und die Panzer aufschnallte, auer einigen Quetschungen und Schrunden
kein Schaden. Sie standen auf, der Betubte zuletzt, gingen zum Enterbten, dem
die Schadenfreude immer heller aus dem Gesichte leuchtete, begehrten kein
Lanzenrennen weiter, sondern nur den Feldscherer, der denn auch bald nachher mit
Bindzeug und Seifenspiritus ankam.
    Hermann sah die Herzogin die Hnde ringen und suchte alles fernere Stechen
und Tjosten zu hindern. Seine Zurufungen fruchteten aber nichts. Gleichsam als
ob der Anblick der Gefahr etwas Verfhrerisches habe! Die folgenden sechs Paare
strzten sich nur noch heftiger in den Kampf. Bei ihnen nahmen Ungeschick und
Zufall mannigfaltigere Gestalten an. Mehrere fielen ohne Umstnde von den
Pferden, einer stach, seine Lanze zu hoch fhrend, durch das Visiergitter des
Gegners und bohrte diesem beinahe das Auge aus, etliche rannten so zusammen,
da, wie sie sich nachmals ausdruckten, ihre Rippen knackten. Auch die armen
Tiere, welche nicht so geschickt, wie ihre Vorgnger, die Kmpfe des
Mittelalters zu vermeiden wuten, litten, denn zwei Pferde wurden lahm und eins
brach im Niedersitzen auf die Kruppe, einen Fu. Kurz, es wurde offenbar, da
weder Rosse noch Reiter zu dem Ritterspiele paten.
    Es waren noch vier Paare brig, und grade die gewandtesten; lauter
Kavallerie-Offiziere. Obgleich diese mit bedenklichen Blicken das Schlachtfeld
berschauten, so machten sie sich doch auch fertig, Wunden und Beulen zu
gewinnen. Da hrte Hermann mehrere Male seinen Namen berlaut rufen, wandte sich
um, und sah die Herzogin leichenbla neben der Droschke stehn. Sie winkte ihn
ngstlich herbei, und er verfehlte nicht, dem Zeichen eiligst zu folgen, nachdem
er den noch unversehrten Kmpfern geboten hatte, wenigstens bis zu seiner
Rckkunft ihren Eifer zu migen.
    Ein Strom von Trnen flo aus ihren Augen; die armen feinen Lippen
zitterten, sie war auer sich. Ohne der Menschen zu achten, welche sich in
groer Anzahl versammelt hatten, der Waffenprobe zuzusehn, ergriff sie
leidenschaftlich seine Hand, verwnschte das Turnier, den unseligen Domherrn,
welcher es angegeben, den Arzt, der ihr nicht mit besserem Rate beigestanden,
Wilhelmi, dem Grillen lieber wren, als die Angelegenheiten seiner Freunde;
rief, da wenn Hermann im Schlosse geblieben wre, er es ihr ausgeredet haben
wrde. Augenblicklich sollten Schranken und Gerste abgebrochen werden, denn sie
wolle nicht eine zweite Angst, wie die heutige, erleben. Hermann gab ihr die
heiligsten Versichrungen, da niemand an Leib und Leben geschdigt sei, da es
doch noch zu einem schnen gefahrlosen Feste kommen solle, und da er schon
einen Gedanken darber habe, den er ihr sofort mitteilen werde. Er hob sie sanft
in den Wagen, und hie den Kutscher auf der Stelle nach dem Schlosse fahren. Sie
ruhte willenlos auf dem Sitze, lie geschehen, was er anordnete, und bat ihn nur
beim Wegfahren mit leiser Stimme, ja gleich nachzukommen.
    Er eilte zu den Edelleuten zurck und verkndete ihnen den Willen der
Frstin. Die noch nicht gekmpft hatten, waren im stillen zufrieden, da es
nicht dazu kommen sollte.
    Aber alle riefen: Was wird nun aus unsren schnen Mnteln und Trikots,
worin wir tanzen wollten?
    Sie werden alle in Ihren Mnteln tanzen, es gibt doch ein Fest! versetzte
Hermann zuversichtlich.
    So? fragte der Enterbte hhnisch. Wollen Sie etwa eine Freiredoute
geben?
    Man warf die Rstungen ab. Zwei Birutschen wurden vom Schlosse
herbeigeschafft, in welche man die Wunden und Gequetschten lud. Langsam ritten
die unversehrt Gebliebenen beiher. Die Reitknechte folgten mit den hinkenden
Pferden an der Hand. Das, welches den Fu gebrochen hatte, und jmmerlich
sthnte, blieb zurck.
    So sehr verunglckte eine Nachahmung des Turniers bei Ashby de la Zouche im
neunzehnten Jahrhundert.

                               Siebentes Kapitel


Unangemeldet, - denn die ganze Dienerschaft befand sich noch auf dem
Turnierplatze - trat Hermann in das Zimmer der Herzogin. Sie war nicht dort. Die
Vorhnge waren der Sonne wegen niedergelassen; eine sanfte Dmmerung erfllte
den heimlichen Raum. Hermann warf seine verlangenden Blicke umher, und empfand
ganz den sen Schauder, der uns ergreift, wenn wir fr uns die stillen
Umgebungen der Frauen mustern drfen, mit denen sich unsre Einbildungskraft
beschftigt. Seine Augen schweiften von der halbfertigen Stickerei, auf der ihre
Hnde gelegen hatten, zu den Blumen, die ihr Hauch berhrte, von da zu den
Portrts, an denen manche Erinnrung haften mochte. Die Bltter dieses Gebetbuchs
empfingen ihre unschuldige Morgenandacht, in jenem Sessel mit dem gestickten
Fubnkchen davor, ruhte sie gewi aus, wenn sie vom Spaziergange zurckkehrte!
    Schon wollte er sich bescheiden wieder in das Vorzimmer zurckziehn, als er
in der Ecke den Papagei gewahr wurde, der, wenn wir nicht irren, schon zuweilen
in diesen Geschichten erwhnt worden ist. Die Klappe des Schreibtisches war
offengelassen worden, Papiere, aus farbigen Mappen hervorsehend, lagen darauf.
Der dreiste Vogel hatte sich die Entfernung der Gebieterin zunutze gemacht,
vieles herausgezerrt, zerbissen, auf den Fuboden gestreut. Jetzt sa er auf dem
Rande eines Korbes, welcher zur Aufnahme der weggeworfenen Papierschnitzel
diente, und zerstrte mit groer Emsigkeit ein paar feine rote Blttchen, die er
zwischen Klauen und Schnabel hin- und herzog. Hermann wollte ihm den Raub
abjagen; der Papagei lie die Bltter in den Korb fallen und entfloh mit
lcherlichen Sprngen.
    Hermann sah in dem Korbe die halbzerrinen Bltter auf andern gleichfarbigen
liegen; er mute sie fr Wegwurf halten und konnte meinen, wenigstens keine
Indiskretion zu begehn, wenn er sich dieselben zueignete. Die Handschrift der
Herzogin winkte ihm von ihnen entgegen; in seinen unklaren verworrnen
Empfindungen streckte er nach ihnen die bebende Hand aus, er wollte etwas von
der Frstin besitzen, heute besitzen, er drckte unwillkrlich seinen Mund auf
die Bltter, und schob sie unter die Weste; auf seinem Herzen sollten sie ruhn.
Wie ein Schatten schwebte die Gestalt Corneliens seiner Seele vorber, schon
hatten seine Finger die Bltter gefat, um sie an ihren Ort zurckzubringen, als
das Erscheinen der Herzogin, die aus dem anstoenden Gemache in das Zimmer trat,
dieses gute Vorhaben vereitelte.
    Verweint trat sie ihm, schamrot er ihr entgegen. Das gehrt auch noch zu
den beln Folgen solcher Zerstreuungen, worin ich seit vier Wochen lebe, da man
das nchste vergit, sagte sie, indem sie die Verwstung erblickte. Ich kenne
den Schelm und seine Unarten, und lasse ihn hier uneingesperrt bei den Papieren
zurck.
    Hermann hob die am Boden liegenden Bltter auf, sie ordnete sie, so gut es
in der Schnelligkeit gehn wollte, in die Mppchen ein, und sagte: Es sind meine
Erinnrungsbltter, ich hatte heute ein Bedrfnis, darin zu lesen. Welchen eignen
Eindruck macht eine solche Lektre! Wie vieles schreibt man auf, worber man
kurz nachher lcheln mu, oder wovor man auch wohl zu errten hat. - Aber nun,
mein Helfer und mein Trost, zur Hauptsache! Die ganze Gegend ist in Erwartung
unsres Festes, es kostet leider, wie ich aus den Rechnungen, die mir nach und
nach jetzt schon vorgelegt werden, sehe, Tausende, und doch ist es, wie wir
heute erfahren haben, nicht zustande zu bringen. Was fr Unglck htte ich
anrichten, welche schreckliche Gewissensbisse htte ich mir zuziehn knnen! Mit
Schauder denke ich an die Auftritte, die ich drauen sah.
    Beruhigen sich Ew. Durchlaucht, sagte Hermann. Ich hoffe, Ihnen einen
Plan vorlegen zu knnen, dessen Ausfhrung Sie, den Herrn, und alle Gste
zufriedenstellen wird.
    Ich bin begierig, ihn zu vernehmen, sagte die Herzogin.
    Mein Gedanke ist folgender, versetzte Hermann. Die Idee zu dem Feste ist
aus dem Bewutsein Ihres Standes hervorgegangen, es sollte ein adliches sein.
Dabei mssen wir also stehnbleiben. Aber warum gehn wir in so entlegne Zeiten
zurck? Warum whlen wir eine Darstellung des Ritterwesens, mit welchem, wenn
wir die Sache nher betrachten, unsre heutigen Begriffe durchaus nicht mehr
zusammenhangen? Lassen Sie uns also immerhin einige Jahrhunderte weiter
vorrcken und ein Fest aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. und Augusts des Starken
veranstalten, in welches die Blte der ersten Klasse der Gesellschaft fiel.
    Und das wre? fragte die Herzogin.
    Ein Caroussel, versetzte Hermann. Sie haben gewi, meine Frstin, von den
prchtigen Lustbarkeiten gelesen, die in dieser Art besonders am schsischen
Hofe gefeiert worden sind. Auch sie geben reichliche Gelegenheit, Figur,
Anstand, Geschick zu zeigen, auch bei ihnen empfngt der Kavalier aus den Hnden
der Dame den Dank; Galanterie und Sitte haben auch da freien Spielraum. Und
alles ist mit einigen Quadrillen, mit dem Stechen nach dem Ringe und nach dem
Trkenkopfe abgetan. Jeder wird sein Vergngen haben, und wir drfen vor keiner
Leiche besorgt sein.
    Die Herzogin entzckte dieser Vorschlag. Aus welcher Verlegenheit retten
Sie mich? Wie erkenntlich mu ich Ihnen sein! rief sie. Hermann fuhr fort:
Alle Anstalten zu dem Turniere knnen wir auch zu dem Caroussel gebrauchen; an
dem Kostm der Damen und Herren braucht kaum etwas gendert zu werden, denn es
ist nichts trichter, als in solchen Fllen, worin es doch nur auf gesellige
Freude ankommt, gelehrt sein zu wollen. Schliet sich an unser Ringelrennen ein
Ball fr die Herrschaften, ein Scheibenschieen fr Diener und Untertanen an, so
wte ich nicht, wie es einen bunteren und lustigeren Tag geben knnte.
    Hermann bekam unumschrnkte Vollmacht, alles, was die Umwandlung des Festes
erforderte, zu verfgen. Die Herzogin hndigte ihm die Schlssel zu den Zimmern
ihres verstorbenen Schwiegervaters ein, worin sich, wie sie meinte, einige
Abbildungen befnden, die ihm bei Ausfhrung des neuen Plans ntzlich sein
wrden. Sie selbst bernahm es, den Herrn, welche bei dem Caroussel ttig sein
sollten, die ndrung des Festspiels anzuzeigen; was die brigen Gste betraf, so
war man bereingekommen, da es klger sei, diesen nichts zu sagen, da sie doch
hinnehmen mten, was ihnen geboten werde.
    Whrend Hermann sich in den Zimmern des alten Herrn umsah, empfing der Arzt
seine Boten, die er nach der Htte der Alten, und hinter dem Domherrn her
gesandt hatte. Der erste meldete, er habe die Alte nicht in der Htte betroffen,
und in letztrer eine greuliche Zerstrung alles dessen, was nicht niet- und
nagelfest gewesen, wahrgenommen. Der zweite, welcher zu Pferde dem Domherrn
nachgesetzt war, gab das Wort des Rtsels an. Er hatte den Flchtigen in einem
kleinen Orte getroffen, wo er mit Flmmchen und der Alten ganz geruhig zu Tische
sa und speiste. Nach einigem Hin- und Widerreden erfuhr er den ganzen Hergang.
Die Alte hatte in der Wut alles in ihrer Htte zerschlagen und war dann wie
rasend der Spur des geraubten Kindes nachgelaufen. Halbtot erreichte sie den
Entfhrer, und beide, Flmmchen und sie, erklrten ihm, er msse sie entweder
zusammen mitnehmen, oder zusammen entlassen. In seiner jetzigen Stimmung war ihm
die braune Greisin ein erwnschter Zuwachs, leicht entschlo er sich, sie
ebenfalls zu behalten. Dem Arzte lie er auf dessen Anfordrung, das Mdchen
zurckzuschicken, sagen, es bliebe beim Erziehen und Heiraten.
    Zum ersten Male war dieser entschlone Mann in Verlegenheit. Wir drfen bei
dieser Gelegenheit sagen, da der Beweggrund zu seiner Handlungsweise gegen den
Domherrn nicht blo die Lust gewesen war, psychologische Experimente
anzustellen, sondern hauptschlich in dem Mitraun gesucht werden mute, welches
er gegen Hermann fhlte. Dessen ganzes Wesen, diese Mischung von Leichtsinn und
Ernst, von Frhreife und Jugendlichkeit war ihm unverstndlich, und da er nur
das, was er begriff, gelten lie, so hielt er ihn lieber fr einen
charakterlosen Abenteurer. Er frchtete, da jener nicht wiederkommen, da ihm
die Last der Obsorge fr das verwaiste Mdchen bleiben werde, und diese wollte
er auf die Schultern des Domherrn abladen, aber freilich nicht so bereilt, bei
nchtlicher Weile, auf eine Art, die ble Nachreden geben konnte.
    Nun war aber Hermann zurckgekehrt. Was sollte er ihm sagen, wenn dieser das
Mdchen forderte? Er war uerst verdrielich auf sich, auf die Menschen, auf
die Welt. Am meisten schmerzte es ihn, von einem Narren berlistet worden zu
sein.
    Indem er noch erwog, wie er dem jungen Vormunde den Handel am wenigsten zu
seinem Nachteil darstellen solle, trat dieser in sein Zimmer. Zufllig war er
mit den beiden Boten des Arztes zusammengetroffen. Es waren Brgershne aus dem
Stdtchen. Sie kannten Hermann, er hatte im Winter oft mit ihnen gejagt; es
bestand zwischen ihnen eine Art von Kamaradschaft. Voll, bis zum berflieen,
von ihrem Geheimnisse, teilten sie es ihm nach den ersten Begrungen unter dem
Siegel der Verschwiegenheit mit.
    Ich wei alles, rief Hermann dem verlegnen Arzte zu. Nur eine Frage: Ist
der Mann, der sich so rasch in unser Geschft gedrngt hat, gut, gesetzt,
zuverlssig?
    Das mchte ich von ihm mit Sicherheit behaupten, antwortete der Arzt
kleinlaut.
    So danke ich Ihnen und ihm, da mir eine Sorge abgenommen worden ist, der
ich doch auf die Lnge nicht gewachsen war, sagte Hermann. Der Arzt sah ihn
verwundert an. Jener hndigte ihm eine Rolle Gold ein und fuhr fort: Wenden Sie
dieses Geld, welches mir von milder gndiger Hand fr das Mdchen vertraut war,
zu ihrem Besten an. Ich sage mich hiemit von ihr los, da sie einen andern
Beschtzer gefunden hat.
    Nach seiner Entfernung brach der Arzt in ein bittres Gelchter aus. Er
schwor sich zu, niemals wieder vor der Bestndigkeit und Konsequenz eines
Menschen Furcht zu hegen, und erklrte ein fr allemal das ganze Geschlecht nur
fr die hchste Gattung des Tierreichs.
    Und doch tat er unsrem Freunde unrecht. Dieser war, sobald er nach dem
entscheidenden Augenblicke mit Cornelien zur Besinnung kam, in die unruhigste
Stimmung geraten. Er fhlte einen Wendepunkt seines Lebens, und fhlte sich doch
auf keine Weise der Zukunft gewachsen. Da ein neuer Zwiespalt in ihm entstand,
als er die Trme des Schlosses wieder erblickte, da dieser wuchs, da die schne
Frstin ihn begrte, wollen wir grade nicht billigen, gewi aber ist es, da er
in den Gemchern des schlafen gegangnen Herrn Dinge zu sehn bekam, welche ihn
auer Fassung bringen, und sein Wesen an der Wurzel erschttern muten. Es htte
eine bermenschliche Kraft dazu gehrt, sich in solcher Verfassung mit etwas
andrem, als mit sich und mit seinem Geschicke zu beschftigen.
    Er freute sich, da die Tage bis zur Ankunft des Oheims, der ber sein Los
das Urteil fllen mute, in wechselnder Beschftigung vergehn sollten. Denn
darin war er glcklich zu preisen: kein Zweifel, kein Leid versenkte ihn unntz
grbelnd in sein Ich, wo so viele Menschen fruchtlos die Auflsung ihrer
Bedrngnisse suchen, fruchtlos, weil alle Selbstbetrachtung nur tiefer zerstrt.
Ihm sagte ein geheimer Glaube, da die Fragen in uns, und die Antworten in den
Dingen liegen, denen er deshalb, wie es mit ihm auch stehen mochte, immer in
Liebe und Freundlichkeit zugetan blieb.
    Man sah ihn daher auch jetzt unbefangen scherzen, plaudern und die
Zurstungen, ber welche er selbst im stillen lchelte, eifrig besorgen, whrend
er kaum noch wute, was aus ihm werden solle, ja, wer er nur sei?

                                 Achtes Kapitel


ber Wilhelmi hatte er durch den alten Erich, der ihn jetzt bediente, nur in
Erfahrung gebracht, da er im Kruge wohne, und da ein Schrank das Unglck
herbeigefhrt habe. Er konnte sich hieraus nichts zusammensetzen, und der
verdrone Alte gab keine weitern Erklrungen. Er war einigermaen in
Verlegenheit, wie er sich bei dieser Zwistigkeit benehmen solle, als ein Billet
Wilhelmis ihn ohne Verweilen zu dem Freunde rief.
    Wilhelmi sa in einem elenden Dorfstbchen und schnitt Federn, deren schon
eine groe Menge zugespitzt auf dem Tische lag. Ich will, rief er Hermann
entgegen, den Undank beschreiben, aber so viele Federn ich schon fertig habe,
ich denke doch, es sind noch nicht genug, und da schneide ich denn immer noch
ein paar mehr.
    Liebster, sagte Hermann, was tun Sie hier? Wie war es mglich, da
zwischen Mnnern, welche so sehr zueinander gehren, wie Sie und der Herzog,
sich der Zwist einschleichen konnte?
    Ich bitte dich, nenne mich du, versetzte Wilhelmi. Schon mit dem Ihr kam
das Unglck in die Welt, da gewhnte man sich, einen Menschen, einen Mitbruder
im gleichgltigen Plural zu betrachten, wo individuelle Beziehungen auslschen.
Das verrckte Sie hat aber den Greuel vollendet, nun ist der andre nichts als
ein Konglomerat dritter Personen, eine Versammlung toter Atome, die man heute
braucht, morgen wegwirft. Aber Du um Du, das heit Auge in Auge, Arm gegen Arm,
in Liebe oder Ha.
    Bester, rief Hermann, lassen wir die Abschweifung! Soll ich dich du
nennen, so schenke mir auch ein brderliches Vertraun. Was hat euch entzweit?
    Ein Schrank. Du lachst! Ja, ja, nichts weiter als ein Schrank, ein elender
Schrank. Aber in diesem nichtsnutzigen Kasten siehst du ein Gleichnis und Symbol
von dem ganzen Tun und Treiben dieser abgelebten Klasse. Sie fhlen sich
berholt von dem Sturmschritte der Zeit; Ehre, Mut, kriegerische Tapferkeit sind
brgerlich geworden, da suchen sie sich denn an Strohhlmchen festzuhalten, und
das nennen sie altvterliche Gesinnung. Sie haben mich fortgejagt, wie einen
ausgedienten Jagdhund, und werden mich auf dem Dnger sterben lassen. Mhevolle
Tage, durchwachte Nchte, ausgeschlagne Verbesserungen meiner Lage, Treue,
Flei, alles gilt vor diesen nur den Taglohn, womit sie uns von Morgen bis Abend
abzufinden meinen. Natrlich! Der Schrank mu stehn bleiben, das gehrt auch in
das System des historischen Bestandes der Rechte. Wilhelmi kann eher fort.
Bravo! Ist es denn wahr, da der Herzog sich jetzt, da er Turnier halten will,
fr einen Abkmmling Karls des Groen hlt? O glaube mir, diese Anmaungen,
diese Herzlosigkeiten werden ein furchtbares Ende nehmen! Das Schicksal wird
auftreten und wenig danach fragen, ob sie den Schrank stehnlassen wollen oder
nicht.
    Noch mehrere und krausere Redensarten bekam Hermann zu vernehmen, die ihn
ungeduldig gemacht haben wrden, htte er nicht das tiefe Leiden des
rechtschaffnen Freundes in Gesicht und Mienen gesehen. Er hrte also geduldig zu
und aus, bis der gekrnkte Hypochondrist sich erschpft hatte, und fhig war,
auf die Frage: Was es denn nun eigentlich gegeben habe? ohne Umschweife zu
antworten. Die Geschichte war ziemlich einfach. Wilhelmi hatte schon lngst, wie
wir wissen, Ordnung im Archive stiften wollen, welches durch die Vereinigung
mehrerer Registraturen von andern Gtern des Herzogs eine ungeheure berfllung
bekommen hatte. Nicht blo Wertloses und Reponiertes lag ber- und
untereinander, selbst Urkunden hatten schon aus Bergen von Akten mhsam
hervorgezogen werden mssen. Es schien, um diesen Wust zu lichten, und Platz fr
das Aufbewahrungswerte zu gewinnen, kein andrer Rat mglich, als die
Repositorien bis unter die Decke des Gewlbes zu erhhn. Dieser Einrichtung
stellte sich nun hauptschlich ein Schrank von gewaltiger Tiefe und Breite
entgegen, welcher zwei Drittel der einen Wand bedeckte. Wilhelmi bestand darauf,
das riesige Mbel zu entfernen, der Herzog wollte es nicht von der Stelle
gerckt wissen. Hierber kam es zwischen beiden zu einem heftigen Auftritte,
welcher damit endigte, da Wilhelmi seinen Dienst aufsagte, und der Herzog ihm
erwiderte, er halte niemand, der nicht bei ihm bleiben wolle.
    Seit diesem Tage lebte er im Kruge, wollte abziehn und lie doch seine
Sachen im Schlosse, indem er sich vorsagte, da er die Geschfte erst ordnen
msse, gleichwohl aber von Tage zu Tage verschob, Hand daran zu legen. Seine
beste Lebensnahrung entging ihm, seit er nicht mehr von den Blicken der Herzogin
zehrte. Er sah bel aus. Hermann suchte den trbsinnigen Lieben, der, wie er
sagte, irgendwo Galerieinspektor werden wollte, um nicht mehr mit Menschen,
sondern nur noch mit Sachen zu tun zu haben, zu trsten, und nahm sich gleich
vor, Vershnung zu stiften.
    Er erinnerte sich der Theorie, welche die alte Rektorin fr hnliche Flle
angeraten hatte, begann also damit, dem Herzoge, der jetzt gegen ihn in der
gndigsten Laune war, zu sagen, wie sehr Wilhelmi den Vorfall bedaure und sich
seiner Hitze schme.
    Der Herzog hatte grade den Brief des Oheims, welcher seine Ankunft nunmehr
auf die nchsten Tage verkndigte, empfangen. Er war nachdenklich und in sich
gekehrt. Ich brauche ihn zwar nicht, erwiderte er auf Hermanns vermittelnde
Reden, aber wenn er kein andres Unterkommen hat, so mag er immerhin einstweilen
zurckkehren.
    Hierauf sagte Hermann zu Wilhelmi, da der Frst nur ungern an die
bereilung denke, deren auch er sich schuldig wisse. Er wnsche nichts
sehnlicher als die Wiederkehr des alten bewhrten Dieners, ohne den er, wie er
fhle, nicht bestehn knne. ber Wilhelmis Gesicht flog es, wie wenn die Sonne
im Januar auf Eisfelder scheint, er rief: Dann ist es freilich meine Pflicht,
den Vorfall zu vergeben!
    Kurz, nachdem Hermann noch einige Male hin und her parlamentiert hatte,
brachte er die Ausgleichung zustande. Die Szene hatte etwas Diplomatisches. Der
Herzog kam, wie zufllig, begleitet von einigen Verwaltern, bis an die Grenze
des Parks geritten, dort fand er Wilhelmi, der ebenso zufllig daherum
spazierengegangen war. Der Herzog hob sich etwas im Sattel, grte den
Verbannten und sagte in leichtem Tone, als ob nichts vorgefallen wre: Ah! -
Wilhelmi, der gebckt und einigermaen verlegen vor dem Herrn stand, erwiderte:
Ja! Der Herzog machte einen Gestus nach dem Schlosse zu und sagte: Nun?
worauf der andre sich von seinem Freunde in das Schlo fhren lie, und noch vor
Abend groe Pcke Korrespondenz erhielt, welche freilich inzwischen unerledigt
geblieben waren.
    Hermann, der den Friedensstifter, Festordner, Vertrauten abgeben mute,
nebenbei noch Brutigam war, und zu allem berflusse die aufregendsten
Entdeckungen gemacht hatte, htte sich nur gleich zerteilen knnen, um allen den
verschiedenartigen Anforderungen zu gengen. Man verlangte ihn hier, man
verlangte ihn dort, man verlangte ihn allenthalben. Im stillen durfte er sich
doch die Frage vorlegen, was denn aus allen diesen Dingen htte werden sollen,
wenn er nicht zufllig im rechten Augenblicke hergekommen wre?
    Wahrhaft unleidlich war ihm die Aufdringlichkeit des Amtmanns, der wie an
seine Fersen gebannt zu sein schien. Die Bemerkungen dieses Menschen hatten alle
etwas Gemeines und Hhnisches, er war der Sklav, der um die Schwchen der
Herrschaft wei, und in dieser Kunde sich dreist und behaglich fhlt. Sie
glauben nicht, mein gndigster Herr, sagte er, als er jenen am Abend vor dem
Feste auf dem Turnierpltze fand, beschftigt, die Anstalten noch einmal
sorgfltig zu berschaun, wie viele Verndrungen ein alter treuer Diener mit
durchmachen mu, der so ein fnfzig Jahre nebenher gegangen ist. Der Herr Vater
wrden ber diese Gerste recht lachen und der Herr Grovater kreuzigten und
segneten sich gewi, hrten sie von dem vielen Gelde, was sie gekostet haben.
Der Herr Grovater taten nichts, als sparen und schaben, Bume pflanzen, Feld
und Vieh in Ordnung halten. Wie oft erinnre ich mich, aus seinem Munde gehrt zu
haben: Wenn man alles htte, mte man noch etwas mehr zu bekommen suchen. Der
Herr Sohn war denn schon anders, brachte Mosen und die Propheten wieder unter
die Leute, in der Jugend hatte er ein empfindliches Herz, aber schn war es; die
Liebe brachte ihn nie in gro Leid, er wute sich immer mit so guter Manier zu
helfen. Nachmals, als die Krfte schwanden, wollte der Selige Gold kochen,
spterhin sahen wir Geister, und endlich wurden wir gar fromm und lieen uns von
Rom einen Priester kommen, nicht so einen, der in der Sache jung geworden und
auferzogen worden ist, nein, einen expre sich selbst Verfertigthabenden, welche
immer, gleich der eigengemachten Leinwand, die besten sein sollen. Nun sind denn
endlich Seine Durchlaucht an das Regiment gekommen, da geht alles gro und
staatisch zu, ich glaube, sie legen sich sogar mit ihren Orden zu Bette; das
habe ich nun so insgesamt mit angesehn, und was werde ich vielleicht noch alles
erleben mssen!
    In diesem Geschwtze fuhr er fort, obgleich Hermann ihn durch
dazwischengeworfne verdrieliche Fragen abzubringen versuchte. Endlich rief er:
Wenn ich nur einmal das Glck htte, die ganze liebe Familie hier beisammen zu
sehn! Worte, ber die Hermann nachdenken mute, und deren Sinn er nicht
ergrnden konnte.
    Man war nunmehr dicht vor dem Tage, um welchen man sich eine so bedeutende
Mhe gegeben hatte. Es herrschte die grte Bewegung. Die gemeinschaftlichen
Mittags- und Abendtafeln waren aufgegeben worden; jeder a, wie und wo er
konnte. Schon war das Schlo von Besuch halb voll, denn mehrere vorsichtige
Familien hatten es fr ratsam gehalten, sich beizeiten in Besitz zu setzen, um
nicht, mit der heranflutenden Masse vermischt, bel quartiert zu werden. Niemand
konnte sich um diese Gste bekmmern, und da sie ihrerseits es fr unschicklich
hielten, vor der Stunde des Festes ffentlich zu erscheinen, so verbrachten sie,
in ihren Zimmern eingesperrt, in der Tat eine sehr unbequeme Gefangenschaft.
    Noch zur rechten Zeit vernahm Hermann, da jene Gutsbesitzer, die es nicht
verschmerzen konnten, uneingeladen geblieben zu sein, einen satirischen Streich
auszufhren beabsichtigten, und zu dem Ende in der Stadt, wie in einem
Feldlager, zahlreich versammelt wren. Er hielt sogleich mit Wilhelmi und dem
Arzte einen Kriegsrat, in welchem anfangs mehrere ideelle und geistige
Gegenoperationen zum Vorschlag kamen.
    Zuletzt aber sah man ein, da hier die krperlichste Abwehr wohl die beste
sein drfte. Man beschlo daher, auf allen Straen, die zum Turnierplatz
fhrten, tchtige Schlagbume errichten zu lassen, und deren Bewachung sichern
Mnnern mit gemener Unterweisung anzuvertraun.
    Eine augenblickliche Verlegenheit hatte sich erhoben, als Hermann die Liste
der Eingeladnen durchging, und deren Zahl mit der Gre der Tribnen verglich,
von denen die Standespersonen dem Feste zusehn sollten. Es zeigte sich, da sie
viel zu gro angelegt worden waren; kamen auch alle Gste, kaum ein Dritteil der
Sitze konnten sie anfllen. Der Gedanke, das Caroussel vor leeren Polstern
stattfinden zu lassen, war nun gar zu unertrglich, man bestimmte sich daher zu
einer freilich verzweifelten Auskunft. Die Herzogin sandte nmlich, nachdem
vergeblich alle brigen Mittel und Wege erwogen worden waren, in grter Eile
nachtrgliche Einladungen an smtliche Honoratioren des Stdtchens, deren
Ehehlften und Tchter ab, um durch ihre Gegenwart die dnnen Reihen des Adels
zu verstrken. Aber auch dies wrde noch nicht genug verschlagen haben, wenn
nicht glcklicherweise ein Regiment, welches sich auf dem Marsche befand, in der
Stadt eingerckt wre, um dort auf einige Tage haltzumachen. Kaum wurde bei
demselben die Mr von dem Feste ruchtbar, als das ganze Offizierskorps, den Chef
an der Spitze, sich auf den Weg machte, und der Herzogin Visite abstattete,
worauf es denn auch in corpore seine Einladung empfing.
    Nun senkte sich die Nacht zur Erde nieder, aber im Schlosse und um dasselbe
blieben gewi gegen hundert Menschen wach. Die Kche sotten und brieten an ihren
Feuern, die Tafeldecker ordneten die Speisetische, die Bedienten rannten mit dem
Silberzeuge treppauf und treppab, der Haushofmeister bereitete die Dislokation
der Gste vor, und schrieb Nummern an alle Stubentren. Bei Laternenschein
behingen die Tapezierer die Brstungen der Tribnen mit Teppichen, und
vollendeten den Aufputz der Pavillone, in welchen die Kavaliere vor dem Beginne
des Festspiels verweilen sollten. Von weitem klang das Hmmern der Zimmerleute,
welche die Schlagbume fertigten, wodurch man die Feier des Tages vor roher
Unbill zu schtzen gedachte.
    Auch die frstlichen Personen genossen wenig Ruhe, insbesondre tat die
Herzogin kein Auge zu. Hermann war bei seinem Oheim, der noch vor Abend
angekommen, und in der Stadt abgetreten war. Den Inhalt ihrer Gesprche und die
denkwrdigen Dinge des nchsten Tages werden wir in den folgenden Kapiteln
berichten.

                                Neuntes Kapitel


Der Oheim fuhr erschreckt zurck, als ihm Hermann seine Verlobung ankndigte und
Zustimmung begehrte. Das geht nun und nimmer an! rief er. Jetzt also verstehe
ich den Brief des armen Kindes, worin sie ngstlich bittet, sie um jeden Preis
zurckzunehmen. Hermann bat vergebens um eine Erklrung dieses Versagens. Bin
ich Ihnen denn so schlimm abgeschildert, lieber Oheim? fragte er. Auch Ihre
Briefe waren immer so kalt, und die Tante empfing mich, wie einen Fremden.
Weshalb stoen mich meine Verwandten zurck, da ich so herzlich wnsche, mich
ihrem Kreise anzuschlieen? - Du gehst deinen Weg, und wir gehn den unsrigen,
versetzte der Oheim.
    Ich bitte Sie, entziehn Sie mir die Hoffnung auf Cornelien nicht ganz!
rief Hermann. Lassen Sie mich um sie dienen, prfen Sie mich, lernen Sie mich
kennen! Diese Bitte drften Sie auch dem Schlechtesten nicht abschlagen.
    Wir wollen vermeiden, uns zu erhitzen, sagte der Oheim. Cornelie ist mir
von einem alten Freunde, dessen Fleie ich einen groen Teil meines Vermgens zu
danken habe, hinterlassen, sie ist meine Mndel, meine Pflegetochter, ich habe
die Pflicht, fr ihr Bestes zu sorgen. Ist sie volljhrig, so mag sie nach
Gefallen ber sich entscheiden.
    Volljhrig! sagte Hermann mit einigem Eifer. Sie ist jetzt grade sechzehn
geworden.
    Oder seid ihr einig, fuhr der Oheim kaltbltig fort, so tut, was euch die
Gesetze erlauben. Es ist vernnftig, da man das Glck junger Leute nicht einzig
von dem Ja oder Nein der Vter und Vormnder abhngig gemacht hat, denn auch die
Alten knnen sich irren. Klagt also gegen mich, gebt der Behrde eure Grnde an,
ich werde die meinigen beibringen, wir wollen es auf den Spruch des Richters
ankommen lassen, und du sollst es dann an der Ausstattung nicht merken, da
meine Einwilligung ergnzt worden ist.
    Hermann verwarf mit Entrstung diesen Vorschlag. Niemals, rief er, werde
ich ein Mdchen, welches ich liebe, in Zwiespalt mit ihrer Dankbarkeit
versetzen! Cornelie wei, was sie Ihnen schuldig ist, und ich bin der Sohn Ihres
Bruders. Knnen wir nicht in Geduld und Harren Ihre Weigerung auflsen, so
wollen wir lieber unglcklich sein.
    Das ist die Jugend, sagte der Oheim. Ein wahres Trbsal, da viele
Menschen meinen, das Leben lasse sich auf Empfindungen, Zartsinn und
Geflligkeiten erbaun, denn aus dieser hohen Stimmung entspringen in der Regel
grade die gemeinsten Folgen. Man mu mit Verstand zu rechnen wissen, und von
sich und andern nie eine andre Maxime erwarten, als die, da erlaubt sei, was
nicht verboten wurde. Dann legt man zu seinem Geschicke einen tchtigen
Grundstein, und das Schne und Gute findet sich wohl obendrein hinzu. In
entgegengesetzter Richtung handeln, heit an Bltenzweige Zentnergewichte
hngen. Du siehst, ich kann auch in meinem Fache zum Dichter werden, wenigstens
war dieses, wie mich dnkt, ein passendes Gleichnis.
    Hermann war an das Fenster getreten, um seine Aufregung zu verbergen. Der
Oheim stand eine Zeitlang schweigend am Tische, dann ging er zu ihm, legte ihm
die Hand auf die Schulter und sagte mit dem gutmtigen Tone, der diesem Manne
trotz seiner Klte eigen sein konnte: Du dauerst mich, armer Narr. Aber sieh;
ber gewisse Dinge, Verhltnisse und Konjunkturen habe ich nun einmal meine ganz
bestimmte Meinung, von der ich nicht ablassen kann, da meine sechzig Jahre sie
mir immer besttigten. So wenig ich meinen Sohn Ferdinand Soldat werden lasse,
so wenig ich Cornelien an einen Seefahrer verheiraten wrde, so wenig bekommst
du sie mit meinem Willen. Die Snden der Vter sind eine Last fr die
unschuldigen Kinder; es ist schlimm, aber wer kann es ndern?
    Entdecken Sie mir denn, was Sie von mir, von meinen Eltern wissen! rief
Hermann. Was fr Gespenster der Vergangenheit schleichen um mich her? Was
bedeuteten die Trnen meiner Mutter? die Seufzer meines Vaters? Was sollen die
Bilder, Inschriften und Erinnrungsdenkmale, die mich in den Zimmern des Herzogs
wie gefhrliche Zauberzeichen anstarrten? Reden Sie, ich will alles erfahren.
    Frage deine Brieftasche, versetzte der Oheim. Den Willen meines Bruders
habe ich vollstreckt, etwas Weitres fordre nicht von mir. Den Inhalt fremder
Geheimbcher verrt kein rechtlicher Kaufmann.
    Er brachte das Gesprch auf einen andern Gegenstand, und fragte Hermann,
wann das Fest vorbei sein werde, da er gleich nachher den Herzog zu sprechen
wnsche, indem seine Zeit gemessen sei. Jener sagte ihm darauf das Ntige, und
erffnete ihm, da er von der Herzogin den Auftrag empfangen habe, ihn ebenfalls
einzuladen. Er beschwor ihn, dieser freundlichen Frau mit Freundlichkeit zu
begegnen. Wten Sie, rief er, was fr Menschen diese, die Sie angreifen
wollen, trotz aller ihrer Schwchen und Vorurteile sind. Sie wrden in Ihrem
grausamen Beginnen wankend werden.
    Grausam! versetzte der Oheim einigermaen empfindlich. Du gehst mit den
Worten nicht eben genau um. Ich will ihnen ja einen Vergleich vorschlagen, und
einen billigen. Wir wollen miteinander teilen; sie bleiben dann noch immer reich
genug. Ich erzeige ihnen die Ehre, selbst zu kommen, da sie meinen Sachwalter
verfhrt haben. Wie kann man nachgebender, geflliger sein?
    Soviel ich von diesem Handel wei߫, sagte Hermann, ist er der
ungereimteste, der sich denken lt. Sie, der Brgerliche, werfen dem Edelmann
den Flecken seiner Abstammung vor, und wollen aus diesem Grunde, Sie, ihn von
Haus und Hof treiben. Ein solcher Erwerb, den nur der Widersinn mir zuwerfen
knnte, wrde mir Grauen verursachen.
    Gib mir die schnen Gter, das andre will ich tragen, erwiderte der Oheim.
Habe ich die Rechte gemacht? Bin ich schuld an den Verwicklungen der Zeit?
Glaubst du, da ich mich wie ein Geier auf die Beute strze? Kommt es zum
Proze, und verliere ich ihn, so werde ich an dem Tage, wo ich es erfahre, nicht
um ein Haarbreit unzufriedner sein, denn ich wei recht wohl, da mit den
Reichtmern auch die Sorgen wachsen, und da man nur bis auf einen gewissen
Punkt besitzt. Darber hinaus hat man eigentlich nichts mehr von dem Seinigen.
Aber eine gnstige Gelegenheit von der Hand schlagen, zu einem Glcke, welches
uns gleichsam zugeworfen wird, sagen: Geh, ich mag dich nicht, das wrde ich
weder vor mir, noch vor meiner Familie, noch vor den vielen Menschen, die von
mir leben, verantworten knnen. Auch ist es endlich einmal Zeit, da eine bere
Ordnung in der Welt gestiftet wird. Das Herz blutet einem, wenn man sieht, wie
sie mit dem Ihrigen wirtschaften. So erfuhr ich im Vorberfahren, da der Herzog
einen herrlichen Kalkbruch, der ihm jhrlich die sicherste Rente abwerfen wrde,
aus bloem Eigensinne nicht aufbrechen lt. Weil sie nie etwas zu erringen
brauchten, so denken sie auch nicht an das Vermehren, kaum an das Bewahren.
    Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, und wenn sie
sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt, so ist des Verwunderns kein
Ende. Du weit es nicht, denn du bist noch zu jung, wie uns andre dieses
bevorzugte Geschlecht drckte, peinigte, verdrngte, wie es sein Gift in das
Innerste unsrer Huser spritzte! Ja, mir kann gro zumute werden, wenn ich an
manches, was vorgefallen ist, mich erinnere, und nun bedenke, da ich es bin,
der das Messer in der Hand hat, um ...
    Seine Augen blitzten, die hagre Gestalt wurde lnger, seine Gebrde hatte
etwas Erhabnes. Doch besann er sich, vollendete den Satz nicht, und fuhr in
gleichgltigem Tone fort: Es ist noch nicht so gar lange her, da wir nur mit
dem Beisatze: Brgercanaille, genannt wurden, wenngleich das jetzt schon wie
veraltet klingt. Wir Mittelleute haben ein unbeschreiblich kurzes Gedchtnis fr
unsre Krnkungen, und halten alle Gefahr der Wiederkehr fr so entlegen, wie die
Sndflut, oder den Untergang der Welt durch Feuer, obschon manche Zeichen dahin
deuten, da man an tausend Ecken und Orten mittelbarer-oder auch
unmittelbarerweise versucht, die Zeit der Junker, ihrer gndigen hme und Basen
zurckzufhren. Was mich betrifft, ich will mich wenigstens an meinem Platze
bestreben, die alten Feudaltrme und Burgverliee zu sprengen.
    Vergessen Sie nur nicht, sagte Hermann, da man, wenn man die Hand an
dergleichen altes Gemuer legt, leicht Vipern und Nattern mit aufstrt, oder
giftige Schwaden entbinden hilft, die einem gefhrlich, ja tdlich werden
knnen.
    Das ist mir zu hoch, und ich verstehe es nicht, erwiderte der Oheim. Wir
haben aber die Nacht zum Tage gemacht, la uns wenigstens noch etwas schlafen.
Ich mchte sonst morgen bei eurer Lustbarkeit, die mir ohnehin Langeweile genug
machen wird, die Augen nicht offenhalten knnen.

                                Zehntes Kapitel


Als der Oheim sich andern Tages ankleidete, bemerkte Hermann, da ein schwarzer
Flor um den Arm lag. Wen betrauern Sie? fragte er bestrzt.
    Meine Frau, versetzte der Oheim ruhig. Ihr altes bel hat sie gleich nach
deiner Abreise ergriffen und dieses Mal doch berwltiget. Leider war ich zu
entfernt, als ich die Nachricht bekam, um noch zur rechten Zeit zur Bestattung
eintreffen zu knnen, ich habe diese Sorge andern berlassen mssen.
    Groer Gott! rief Hermann, und davon sagen Sie mir erst jetzt etwas?
    Warum denn frher? Du hast sie nur wenige Wochen gekannt, wie kannst du ein
Interesse an ihr haben? Leere Beileidsbezeugungen sind mir zuwider. Sie ist
schlafen gegangen ein paar Stunden eher, als ich, das ist alles. Mein Platz an
ihrer Seite wird mir nicht entstehn. Nun geh nur voran, ich will noch etwas in
meinen Papieren lesen; es mchte dir ohnehin bei deinen Gnnern und Beschtzern
schaden, wenn du in meiner Gesellschaft erschienest.
    Hermann ging, ganz verwirrt ber diesen Mann, von dessen Fassung er nicht
wute, ob er sie fr Wirkung der Gefhllosigkeit oder der Seelenstrke halten
sollte.
    Auf dem Platze vor dem Schlosse kam ihm Wilhelmi entgegen, und rief: Wo
bleibst du? Die Neidharte sind berwunden, unsre Wchter haben sich tapfer
gehalten. Er erfuhr von dem Freunde, da sich auf einem der Wege, die sowohl
zum Schlosse als zum Turnierplatze fhrten, ein abenteuerlicher Zug gezeigt
habe. Groe Schlittenkufen, auf Rder gesetzt, rollten, von schellenbehangnen
Pferden gezogen und von Harlekinen gefahren, daher. In diesen Gefhren saen
maskierte Gestalten, deren Aufputz eine Mischung aller mglichen Kostme war.
Sie begehrten am Schlagbaume Einla, und hielten dazu eine Rede in
Knittelversen, deren Sinn ungefhr dahin ging, da, wo man Anno dann und dann
Turnier spiele, Gste, die im Sommer Schlittenfahrt hielten, gewi willkommen
seien.
    Wilhelmi hatte in der Nhe gelauscht, alles verstanden, und auch leicht die
Stimme eines der mignstigen Gutsbesitzer erkannt. Der Wchter nahm sich bei
diesem satirischen Anfalle ganz vortrefflich. Er tat gar nicht, als ob er den
Spruch hre, lie den Balken des Schlagbaums im Schlosse, und drehte den
Schlittenfahrern schweigend den Rcken zu. Auf solche Weise wird die Wirkung
jedes Hohns am sichersten vereitelt. Nachdem die Schlittenfahrer noch einige
Male ihre Xenie wiederholt hatten, ohne etwas auszurichten, kehrten sie, da sie
doch nicht gradezu Gewalt brauchen wollten, um, und versuchten, einen weiten
Umweg machend, auf einem andern Punkte einzudringen. Aber auch hier fanden sie
einen Schlagbaum und einen Wchter, der dem ersten glich. Es half nichts; sie
muten abziehn und sich in ihrer lcherlichen Verkleidung, hin und wieder von
mutwilligen Buben beschrien, durch die Feldmark zerstreun.
    Wilhelmi zog Hermann nach dem groen Zimmer des Herzogs, welches im Schlosse
nur der Audienzsaal hie, weil der Frst darin die vornehmeren Besuche zu
empfangen pflegte. Sie fanden ihn, umgeben von dem ganzen Hausstaate,
beschftigt, die Glckwnsche der Versammlung entgegenzunehmen. Er trug seine
goldbestickte Generalsuniform, war beraus freundlich, und sagte zu Hermann, als
dieser sich ihm mit schicklichen Worten nherte, scherzend: Nun, heute werden
wir wohl auch unsre Stallmeisterknste genugsam zeigen; nicht wahr? Doch dann
sich besinnend, und ehe noch Hermann sagen konnte, da er dem Feste nur als
bescheidner Zeuge beizuwohnen wnsche, ma er unsern Freund von oben bis unten
mit den Augen, und flsterte dann: Ah so! - Hierauf gab er ihm huldvoll die
Hand, und wrde gewi den Ku darauf geduldet haben, wenn Hermann einen solchen
beabsichtigt htte. Er rief ihn, Wilhelmi und den Arzt in einen Winkel, und
sagte dort zu dem Hypochondristen vor diesen Zeugen: Ich gedenke auch Ihnen in
den nchsten Tagen ein Beispiel zu geben, da ich nicht an Vorurteilen hafte,
und vernnftige Neuerungen geschehen lassen kann. Nur mu alles im Wege der
Reform vor sich gehn, und nicht auf tumultuarische Weise. - Wilhelmi nahm
Hermann nach diesem Erlasse beiseite und sagte: Er ist doch durch die
Entdeckung der alten Rstungen rein toll geworden. Wie wenig gehrt dazu, um in
beschrnkten Kpfen das bichen Vernunft gren zu so machen! - Ei la ihn,
Lieber! versetzte Hermann. Er sieht heute gar zu stattlich aus, und ist ein
beneidenswerter Mann!
    Unbeschreiblich reizend war nmlich die Herzogin anzuschaun. Sie hatte mit
feinem Sinne einen Putz gewhlt, der, obgleich fremdartig und phantastisch, sich
doch zu der modernen Kleidung ihres Gemahls harmonisch verhielt. Denn sie wute
wohl, da dieser nicht zu bewegen sein wrde, anders als in seiner eigentlichen
Kleidung zu erscheinen. Als Hermann zu ihr trat, sagte sie ihm leise und
angelegentlich: Wir werden Sie nach diesen unruhvollen Tagen noch einige Zeit
in der Stille und Einsamkeit hier behalten? Nicht?
    Man wiederholte in diesem vertrauten Kreise die Ordnung des Tages, wie sie
beobachtet werden sollte. Die Einladungen waren auf die Mittagsstunde gestellt
worden. Auf dem Georginenplatze, den aber jetzt Schneeblle, Lilien und
Maienrosen schmckten, hatte man ein gerumiges Gartenzelt errichtet, unter dem
sich die Gesellschaft versammeln sollte. Das Lesekabinett war mit seinen
anstoenden Rumen gleichfalls geffnet worden, damit fr jeden Platz und
Freiheit bleibe. Eine Seitenverwandte des Hauses, die man Grfin Theophilie
nannte, sollte die Honneurs machen, bis die frstlichen Personen eintreten
wrden. Man hatte sie zu diesem Zwecke ausdrcklich kommen lassen. Herzog und
Herzogin wollten erst sichtbar werden, wenn alles versammelt wre. Nach den
Bewillkommnungen sollte ein Herold zu Pferde vor dem Zelte erscheinen und das
ritterliche Spiel ankndigen. Man hatte die ungefhre Dauer des letzteren
berechnet und die Tafelstunde danach auf vier Uhr nachmittags festgesetzt.
Gespeist sollte im Ahnensaale werden, wo ein Hufeisen fr vierhundert Personen
gedeckt war. Um sechs Uhr sollte das Mahl zu Ende sein, und jeder nach Belieben
sich umtun drfen. Als heitre Zwischenunterhaltung waren fr diesen Zeitpunkt
die Ergtzlichkeiten der Leute, das Scheibenschieen, der Hahnenschlag, das
Klettern, und was sonst noch daran gereiht war, bestimmt. Im Ahnensaale war
unterdessen aufzurumen, zu erleuchten und alles fr den Ball herzurichten, der
dort Schlag acht Uhr beginnen sollte.
    Jeder der Anwesenden hatte seinen Auftrag; was um so ntiger war, da man, um
auch den Leuten mglichst viel Vergngen zu gnnen, nur den unentbehrlichsten
Teil der Hausdienerschaft zur Aufwartung beibehalten und den brigen erlaubt
hatte, an den Volkslustbarkeiten teilzunehmen. Man hatte deshalb von den
umliegenden Gtern sich eine Menge fremder Menschen erbitten mssen, deren
Dienste immer nicht so zuverlssig erschienen, als die der eignen, vollkommen
regelrechten Livree.
    Wilhelmi bernahm es, den Wagenzug vom Gartenzelte nach dem Turnierplatze zu
ordnen, der Arzt wollte fr Aufrechthaltung des Ballreglements Sorge tragen; was
Kche und Keller betraf, so konnte man sich in dieser Hinsicht auf den
Haushofmeister verlassen, der ein sehr sichrer, gewandter Mann war. Hermann
endlich hatte sich das im stillen wirkende Amt des Ordners bei dem Festspiele
selbst erbeten.
    Unter diesen Besprechungen war es Mittag geworden, und man konnte die Gste
erwarten. Verlangend sahen Herzog, Herzogin und die bei ihnen im Audienzsaal
Verbliebenen nach der Allee vor den Toren des Schlosses, in welche smtliche
Wege, die zu demselben fhrten, einmndeten. Nichts erschien, nur die Stubchen
wehten im Sonnenscheine. Die roten und gelben Fahnen mit den Wappen des Herzogs,
auf den Spitzen der Pavillone, flatterten ber den Stauden des Parks, Trompeten
und Pauken lieen sich von dort hin und wieder in ungeduldigen Fanfaren hren,
am Gartenzelte harrten der Haushofmeister und die Dienerschaft mit den
bereiteten Erfrischungen, aber kein Wagen, kein Reiter, kein Fugnger wollte
erscheinen, Strae, Hof und Park waren wie ausgestorben.
    Nachdem man so lnger als eine Stunde vergebens gewartet und alle
Mglichkeiten in Vermutungen ber den Grund dieses auffallenden Zgerns
erschpft hatte, sah man pltzlich einen bunten Jockei atemlos und bestrzt auf
den Hof gelaufen kommen. Zu Hlfe! rief der Knabe, wir knnen nicht hinein!
Auch ich habe mich nur mit genauer Not so durchgeschlichen.
    Auf der Stelle stieg Hermann zu Pferde, und ritt dem Knaben nach, der den
Weg einschlug, auf welchem die meisten der Besuchenden kommen muten. Dieser Weg
lief zwischen hohen Erdwnden hin, und war, etwa eine kleine halbe Stunde vom
Schlosse, durch einen der Schlagbume gesperrt worden. An letzterem nahm nun
Hermann das lcherlichste Schauspiel wahr. Jenseits des Schlagbaums hielt eine
unabsehliche Reihe von Wagen und Reitern, von denen die vordersten mit heftigen
Reden die Erhebung des Balkens begehrten; diesseits stand der Wchter,
unbeweglich, ungerhrt, und drehte der ganzen Gesellschaft den Rcken zu.
    Bald hatte Hermann die Erklrung dieses Auftritts vernommen. Der Wchter
hielt sich streng an seine Instruktion, welche ihm verbot, Leute von
fremdartigem Ansehn durchzulassen. Er meinte, die Worte des Befehls auch auf den
Zug der Eingeladnen anwenden zu mssen, von denen die meisten in ungewhnlichem
Anzuge erschienen. Vergebens waren alle Deutungen und Bedeutungen gewesen, der
Wchter schwieg und behielt den Schlssel in der Tasche. Da nun der Weg, wie wir
ihn beschrieben haben, durchaus keine Umgehung gestattete, und der Wchter
einigen Bedienten, die unter dem Balken durchkriechen wollten, um im Schlosse
das Hindernis zu verkndigen, mit unzweideutiger Gebrde seinen Spie vorhielt,
so sah sich der ganze Reigen eine geraume Zeit lang in der seltsamsten Lage, und
wie im Zustande des Banns vor einem verzauberten Kastell, bis es jenem gewandten
Knaben glckte, vorbeizuschlpfen.
    Verdrielich ber die Dummheit des Wchters, entri Hermann ihm den
Schlssel, machte am Schlage des vordersten Wagens den Damen schickliche
Entschuldigungen und erbat sich einige berittne Diener, die er sofort nach den
andern Schlagbumen abfertigte. Wirklich war diese Vorsorge ntig gewesen, denn
berall trafen die Boten auf die nmliche Szene. Die Wchter hatten smtlich in
der berzeugung gestanden, da an solchen Tagen eine buchstbliche Auslegung der
Gesetze die sicherste sei, und nach diesem Grundsatze verfahrend, Ritter und
Edelfrauen abgesperrt.
    berhaupt schien ein schalkhafter Kobold an diesem Morgen die Sinne der
Menschen zu betren. Der so kluge und einsichtsvolle Haushofmeister hatte im
Strudel seiner Geschfte gnzlich vergessen, da der eine Flgel schon von den
frhzeitig eingetroffnen Besuchern erfllt war, und in der Absicht, verwahrt zu
halten, was nicht auf der Stelle benutzt werden sollte, die groe Tre desselben
verschlieen lassen. Bei solchem Zudrange eine an sich lbliche Vorsicht!
    Nun vernahm der Herzog, whrend Hermann bei dem Schlagbaume beschftigt war,
von der Seite jenes Flgels her, ein donnerartiges Getse, schickte hin, und
hrte, da ein Teil der Gste dort ebenfalls versperrt sei, welcher sich mit
trommelnden Hnden und Fen abmhe, Erlsung aus dem Kerker zu gewinnen. Der
Haushofmeister war nicht gleich zu finden, und so muten jene noch eine ganze
Weile hinter Schlo und Riegel verharren.
    Blitzschnell war Hermann vom Schlagbaume zurckgesprengt, und hatte dem
Herzoge das dort Vorgefallne gemeldet. Dieser lie, um das Gedrnge vor der
Allee zu hindern, verschiedne Seitenwege durch Wiesen und Baumgrten ffnen. Auf
einmal verwandelte sich nun die bisherige Einsamkeit in das Getmmel des regsten
und buntesten Lebens. Durch die Allee, ber Wiesen und Baumflecke von allen
Richtungen her, rollten glnzende Equipagen, trabten geschmckte Reiter auf
krftigen oder zierlichen Tieren heran. Barette, Henriquatres, Sammetmntel von
allen Farben, Unterkleider von schneeweier Seide, gelbe oder rote Stiefelchen,
goldne Sporen hoben manche jugendliche Gestalt trefflich hervor. In den Wagen
klopften die schnsten Busen unter Gold, Atlas, Spitzen und Stickerei, blitzten
die anmutigsten Augen unter wehenden Reiherfedern, whrend ehrwrdige ltere
Herrn und Damen in Silbergrau, Braun und Schwarz, gewissermaen den dunkeln
Grund bildeten, auf welchem die Blumen des Festes wuchsen. Dazu die scharlachnen
Hauptgestelle der Pferde, das weie und rote Sielenzeug, die galonierten Livreen
der Kutscher und Diener! Kurz, als auch die Flgeltre ihre geputzten Gefangnen
hervorgelassen hatte, als die Wege von den Herbeieilenden zurckgelegt worden
waren, so gab es im Schlohofe ein Gewimmel von Farben, Figuren, von Glanz und
Schimmer, welches wrdig zu beschreiben, eine geschicktere Feder, als die
unsrige ist, kaum vermchte. Abstechend nahmen sich gegen die Gestalten des
Mittelalters freilich die neuen Uniformen der Offiziere, und die schlichten
Rcke der Brgerlichen aus, aber auch diese Kontraste erhhten nur den
mannigfaltigen Reiz des Anblicks.
    Da die Zeit ber die Gebhr vorgerckt war, so sumten die frstlichen
Personen nicht, im Gartenzelte zu erscheinen, als sie meinten, da dort alles
sich zusammengefunden haben wrde. Bei ihrem Eintritte entstand ein frhlicher
Tumult; man drngte sich um sie, verneigte sich, begrte sie. Der Scharfblick
der Herzogin hatte bald wahrgenommen, da die Gattinnen und Tchter der
Honoratioren aus der Stadt sich unter so vielem Sammet und so glnzender Seide
in ihren weien Batistkleidern etwas verlegen fhlten, whrend die Mnner und
Vter eher trotzig und herausfordernd vor den gleienden Rittern standen. Mit
bezaubernder Freundlichkeit wandte sie sich vorzugsweise an jene Frauenzimmer,
und hatte wirklich in kaum fnf Minuten jeder eine Artigkeit gesagt, so da
alle, wie neugeboren, Luft schpften.
    Inzwischen bemerkte der Herzog den Oheim, der, grau gekleidet, mit
Schnallenschuhn, wie er sich immer zu tragen pflegte, im Lesezimmer stand, und
ein eifriges Gesprch mit einigen der prchtigsten Paladine fhrte, deren
Geschftsfreund er war. Sobald er konnte, ging der Frst dorthin. Der Kaufmann
trat ihm einige Schritte entgegen und sagte bescheiden: Es tut mir leid, da
ich von dieser Festlichkeit frher keine Kunde bekam, ich wrde Ew. Durchlaucht
sonst meinen Anblick erspart haben, der grade heute Denenselben nicht angenehm
sein kann. - Warum das! versetzte der Herzog im besten Ton und reichte dem
Kaufmann die Hand. Jedes Ding hat seine Stunde. Heute das Vergngen, morgen die
Arbeit; auf beides bin ich gefat.
    Trompeten schmetterten; ein Herold kam geritten und sagte folgenden Spruch
her:

Die Bahn ist abgesteckt, die Fahnen wehn;
Wohlauf ihr Kavaliere reinen Bluts!
Wer einen Degen lt zur Seite sehn;
Der gebe Zeugnis auch des Rittermuts!

Hierauf wurden die Damen wieder zu den Wagen gefhrt, die Herrn sahn nach ihren
Rossen. Ein prchtiger Sechsspnner fuhr vor, in den der Herzog mit seiner
Gemahlin sich setzte. Wilhelmi ordnete die Reihenfolge des Zugs. Die
Brgerlichen gingen zu Fu voran. An einem Kreuzwege schwenkten die
Carousselreiter ab. Alles war in der grten Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten. Die kleinen Neckereien des Zufalls, welche vorangegangen waren, hatten
die Stimmung erhht und leidenschaftlicher gemacht. Von den Wagen flogen
zrtliche Blicke nach manchem der schmucken Reiter. Das Fest begann.

                                Eilftes Kapitel


Um den groen, mit Sand reinlich belegten Platz liefen auf zierlichen
Bogenstellungen die Sitzreihen fr die Zuschauer von Stande. Man hatte dem
Holzwerke eine muntre Frbung, gelb und braun, gegeben, Behnge von rotem Tuch,
mit goldnen Fransen gesumt, deckten die Brstungen. In der Mitte dieses
Amphitheaters bezeichneten bessere Stoffe, ein Baldachin, und das groe, im
schwersten Zeuge gestickte Wappen des Herzogs den Ehrenplatz. Zu demselben bis
dicht unter die Brstung fhrten vom Grunde aus tuchbelegte Stufen. Hier sollte
die Knigin der Schnheit und Minne auf einem thronartigen Sessel Platz nehmen,
auf etwas niedrigeren Lehnsthlen neben ihr zu beiden Seiten wollten Herzog und
Herzogin sitzen. Zierliche Pagen in Blau und Silber standen hinter Thron und
Lehnsthlen, und hielten auf weien goldgestickten Atlaskissen die
Ehrengeschenke, welche die geschicktesten Ritter aus den Hnden der Knigin als
Dank empfangen sollten. In der Auswahl dieser schnen und kostbaren Sachen hatte
die Herzogin ihren ganzen Geschmack bewiesen.
    Auf ihre Veranlassung, durch Wilhelmis und andrer Vertrauten Bemhungen war
bunte Reihe gestiftet worden, die verschiednen Stnde, Gste in und ohne Kostm,
saen gemischt untereinander, ja sie selbst hatte ein gutes bldes Kind, welches
ngstlich nach einem freien Platze umherschaute, auf einen Sessel in ihrer Loge
gentigt.
    Neben dem Kaufmann sa der Enterbte, der an dem Caroussel keinen Anteil
nehmen wollte, und mit allerhand spitzigen Bemerkungen halblaut um sich warf.
    Dem herzoglichen Sitze grade gegenber leuchtete der groe, gerumige
Pavillon von roter und gelber Leinwand, unter welchem sich die Kavaliere zu Ro
versammelt hielten. Die Wappen des Herzogs und der Herzogin standen gepaart auf
beiden Seiten der breiten ffnung, behtet von krftigen Schildhaltern.
    Als alles sich gesetzt hatte, richtete sich jeder Blick nach dem Pavillone.
In diesem war ein kleiner Verzug entstanden. Unterwegs hatte sich nmlich,
Hermann wute selbst nicht wie? ein Ritter zu den brigen gefunden, welcher eine
halbe Larve vor dem Gesichte trug. Sein Putz berstrahlte an wilder Pracht den
der andern weit, ebenso auffallend erschien sein Tier. Als man ihn fragte, wer
er sei, antwortete er, er nenne sich den Neffen des Enterbten. Im Pavillon
verlangte Hermann, da jener sich demaskieren solle, welches hflich aber
bestimmt verweigert ward. Hermann wute nicht recht, wie er sich hiebei zu
benehmen habe, whrend er aber noch zaudernd stand, ertnte der erste
Trompetensto, und nun war keine Zeit zu verlieren. Um kein Aufsehn zu erregen,
und in der Meinung, da hier ein artiger Scherz beabsichtigt werde, reihte er
den Neffen des Enterbten eiligst bei dem letzten Gliede ein, whrend die
Trompeter schon aus dem Pavillon ritten.
    So breit war die ffnung des letztern, da mit Bequemlichkeit sechs Mann
hoch ausgeritten werden konnte. Voran zogen zwlf Trompeter und Pauker, ihre
Instrumente mit schwerem Silberzeug verziert. Hinterdrein folgte der Herold, in
der Rechten eine groe Pergamentrolle haltend. Nach ihm ritten in vier Zgen
vierundzwanzig Kavaliere mit entblten Schwertern. Dieser herrliche und
glanzvolle Aufzug bewegte sich unter den Tnen eines triumphierenden Marsches
lngs der Umschrnkungen des Platzes hin. Als er vor dem Balkone des frstlichen
Paars angelangt war, senkten die Kavaliere die Schwerter, schwieg die Musik,
entfaltete der Herold die Pergamentrolle. Er verlas die Namen der Edelleute, und
erbat fr sie von dem Burgherrn und der Burgfrau Vergunst, ritterlich Wesen sehn
lassen zu drfen. Die Herrschaften neigten sich gewhrend, der Zug setzte seine
Runde fort. Nach deren Vollendung zogen sich die Kavaliere wieder in den
Pavillon zurck, Trompeter und Pauker aber schwenkten ab, und ritten unter dem
Balkone der Herrschaften auf.
    Nunmehr war es an der Zeit, zu der Wahl zu schreiten, welcher alle schnen
Busen mit gerechter Bewegung entgegenschlugen. Ein andrer Herold in
Friedenskleidern, einen Kranz in den Haaren, kam geritten, hielt in der Mitte
des Platzes, und rief mit lauter, verstndlicher Stimme:

Wann wird der Dank zum lieblichen Gewinne?
Wann ihn die Kn'gin beut der Schnheit und der Minne!
Wem ziemt die Wahl? Den Schnheit setzt in Qual;
Wohlauf, ihr Herrn! Erkiest sie allzumal!

Die Herzogin hatte nmlich, um Neid und Eifersucht mglichst zu entfernen,
beschlossen, dem Zufall das Amt aufzutragen. Jeder Herr sollte auf ein
elfenbeinernes Tflein den Namen derjenigen schreiben, welcher er die Wrde
zudachte. Aus diesen Tflein, in eine Urne geworfen, sollte dann Damenhand das
beglckte Los ziehn. Anfangs hatte sie sich hiebei ganz auf den Takt der
Anwesenden verlassen zu drfen geglaubt, bei der nunmehr doch sehr gemischten
Natur der Gesellschaft waren aber den beiden Edelknaben, welche die Stimmen
einsammeln sollten, geheime Anweisungen erteilt worden, und wir drfen wohl
verraten, da bei dieser Gelegenheit der Unterschied der Stnde scharf im Auge
gehalten wurde.
    Was bedeutete der Spruch jenes Menschen? fragte der Kaufmann seinen
Nachbarn. Nichts, versetzte der Enterbte, er drehte sich, wie das ganze Fest,
um nichts.
    Die beiden Edelknaben, der eine mit den Tflein, der andre mit der Urne
nherten sich ihnen. Ich wte keine, der ich die Palme gnnte, sagte der
Enterbte; geschwind, alter Herr, fllt Ihnen kein Mdchenname bei? Der
Kaufmann erwiderte: Meine Bekanntschaft unter dem jungen Frauenzimmer ist auch
sehr schwach, ich kenne fast niemand auer meiner Tochter Cornelie. - Bravo!
rief der Enterbte, schrieb und warf sein Tflein in die Urne.
    Nachdem die Knaben den Umgang gemacht hatten, erhob der Herold wieder seine
Stimme und rief:

Die Lose ruhn verhllt! Von Frauenhand
Wird nun in des Geschickes Dienst gezogen,
Und glcklich, die der zarte Finger fand!
Die andern doch sind auch nicht ganz betrogen.
Ob sie auch fern vom Thron des Festes blieben,
Ein Herz beherrschen sie; des, der sie aufgeschrieben!

Diese Wendung fand allgemeinen Beifall. Man wiederholte sie lachend und
scherzend; die anmutigsten Gesichter muten die meisten Neckereien anhren. Ein
alter lustiger Herr sagte: Dies ist sonach die wahre Republik Polen, wo jeder,
wenn er auch nicht zum Zepter gelangte, im stillen sich dazu berechtigt fhlte.
Ich frchte nur, setzte er lauter hinzu, die Erwhlte wird ein noch
angefochtneres Regiment haben als jene Sarmatenknige.
    Der Edelknabe mit der Urne bog sein Knie vor der Herzogin. Sie wies ihn an
die vornehmste Dame nach ihr, welche in ihrer Nhe sa. Diese, eine hohe,
majesttische Gestalt, erhob sich, gebot, die Lose in der Urne umzuschtten,
griff hinein, zog ein Tfelchen hervor, las und verwunderte sich. Ich finde
hier nur den Namen Cornelie aufgeschrieben, sagte sie zur Herzogin. Wer ist
diese Cornelie? Gebe Gott, da nicht mehrere dieses Namens hier anwesend sind,
sonst wird es eine schwierige Entscheidung geben.
    Der Herold, welcher aufmerksam nach dem Namen hingehorcht hatte, fiel mit
dem auf das Stichwort vorbereiteten Spruche ein: Cornelie ist zur Knigin der
Minne und Schnheit erwhlt worden. Ihr Edelfrulein, geleitet die Knigin zum
Throne! Ein jauchzender Tusch der Trompeten und Pauken bekrftigte diesen Ruf.
    Die vier jungen Mdchen, welche von der Herzogin zu Ehrendamen bestimmt
worden waren, traten hinter ihr Tabouret, und sahen, der Anweisung bedrftig,
auf sie. Ein Murmeln lief rings um die Tribnen, man fragte nach der
ausgerufenen Dame, man berzeugte sich bald, da sie nicht zur Stelle sei. Die
Herzogin, das Tfelchen von der andern empfangend, spielte verlegen damit und
befand sich in grausamer Unschlssigkeit. Der Herzog nahm es ihr aus der Hand
und sagte mit gehaltnem Tone, deutlich, da seine Worte ber den ganzen Platz
hin vernommen wurden: Da die Knigin des Festes, wie es scheint, abwesend ist,
so ersuche ich meine Gemahlin, ihre Stelle zu versehn. Vielleicht ist diese
Gestalt der Wahl die richtigste, denn das Hchste soll uns ja eigentlich immer
fern und unsichtbar bleiben. Ich erklre hiemit im Namen der unbekannten
Schnheit den Thron fr besetzt, und bitte, das Spiel zu ihrer Ehre anfangen zu
lassen.
    Er legte das Tfelchen auf den Thron. Die Ehrenfrulein setzten sich auf
Sessel an den Stufen desselben. Die Herzogin behielt ihren Platz, und blickte
zerstreut vor sich hin. Auch ihm sah man an, da er eine kleine Bewegung
niederzukmpfen hatte.
    Was Hermann betrifft, der von dem Vorfalle durch einen aufmerksamen
Zuschauer unterrichtet worden war, so mchte es schwer sein, seine Stimmung
gengend zu schildern. Es war ihm, als blicke er durch ein Kaleidoskop, worin
sich unscheinbare Kleinigkeiten zu glnzenden Figuren verbinden. Diese deuten
auf Gestalten der Wirklichkeit hin, und sind sie doch nicht.

                                Zwlftes Kapitel


Schon bei den Quadrillen, die zuerst abgeritten wurden, hatte sich die
Aufmerksamkeit bald vorzugsweise dem Verlarvten zugewendet. So gut die brigen,
von tchtigen Stallmeistern eingebt, ihre Sachen in Schwenkungen und Volten
machten; dem Verlarvten kam keiner gleich oder nur nahe. Das Staunen ber seine
Geschicklichkeit war um so grer, als er dieselbe durch den Gegensatz noch zu
heben wute. Denn anfangs hatte er wie im Schlafe auf seinem Tiere gehangen und
war nur so mitgezuckelt, hatte auch wohl zum Sattelknopf seine Zuflucht
genommen, so da schon mancher ber den Ritter von der schneiderhaften Gestalt
zu lachen begann. Auf so einmal aber rckte er sich zurecht, alle Muskeln
schwollen von krftigem Fleische, er ritt nicht mehr, er schwebte auf dem Gaule,
seine Hand spielte mit dem Zgel, er fhrte die seltensten Kunststcke so
edel-nachlssig aus, als seien sie eigentlich noch unter seiner Wrde. Hierauf
gefiel es ihm denn auch wohl wieder, zur groen Erlustigung besonders der Leute
aus dem Volke, die unter den Bogen der Tribnen, hinter den Schranken zusahn, in
den anfnglichen Schneidertrab zu verfallen, und so fesselte er die ganze
Versammlung in Lachen und Bewundrung an sich. Was das Merkwrdigste war, sein
Tier, eine katzenartig gezeichnete, lange Schecke, die aus tckischen,
leuchtenden Augen schaute, schien mit dem Herrn vllig eins zu sein. Wurde er
ber ihr zum Schneider, so wurde das Tier unter ihm zur Mhre, lie die Ohren
hngen, senkte den Kopf, und tat, als ob es lahme. Sobald dagegen der Reiter er
selbst sein wollte, tanzte es wie ein Hirsch, flog es wie ein Vogel.
    Besonders entzckt ber diese Knste war ein alter Landedelmann, der einen
Teil seiner Jugend in Grobritannien zugebracht hatte, und alles Pferdewesen
leidenschaftlich liebte. Dieser Mann hatte bis dahin seine Nachbarn mit der
unaufhrlich wiederholten Errtrung der Frage, was doch wohl aus ihnen allen
htte werden sollen, wenn die Schlagbume nicht gehoben worden wren? gepeinigt,
als die Freude ber den Verlarvten jene Untersuchung niederschlug. Er lehnte
sich mit beiden Armen auf die Brstung, klatschte unmig, rief einmal ber das
andre: Bravo! und schwor, er msse nach dem Caroussel mit jenem Brderschaft
trinken. Wenn ich nur wte, aus welcher Familie er ist, sagte er. Aus unsrer
Provinz kann er nicht sein, denn hier sitzen sie doch im Grunde alle wie die
Mehlscke zu Pferde, er mu von mecklenburgischem Adel sein, er macht wahrhaftig
Sachen, wie ein englischer Bereiter.
    Nach den Quadrillen, welche die Musiker mit den ausgesuchtesten Mrschen
begleiteten, entstand eine kleine Pause. Knappen in grn- und weigestreiften
Wmsern richteten die bewimpelten Pfhle mit den Ringen auf, nach welchen nun
das Stechen beginnen sollte. Eine groe Walze wurde angewendet, den von den
Huftritten der Pferde aufgewhlten Sandgrund wieder festzudrcken, unter dem
Pavillone verschnauften die Kavaliere und ihre Rosse.
    Der Enterbte war von der Tribne herabgekommen, trat in den Pavillon, und
Hermann sah, da er mit dem verlarvten Neffen beiseite trat. Eine gewisse
Vermutung machte ihn auf den Inhalt des Gesprchs neugierig, er wute sich
scheinbar unbefangen den beiden zu nhern, und konnte wenigstens einige Worte
von ihren Reden vernehmen. Macht es nicht so auffallend, sagte der Enterbte
zum Neffen, es kommt sonst aus, und wir werden um unsern Spa gebracht.
    Herr Baron, versetzte der Neffe in einem rauhen, holprichten Dialekte,
ich nehme mir es auch vor, aber wer kann wider die Natur?
    Die Kavaliere begannen das Ringelstechen; mancher Ring blieb auf den Degen
sitzen, mancher flog auch, von ungeschicktem Stoe berhrt, in den Sand. Der
Verlarvte schien anfangs die Warnung des Enterbten beachten zu wollen, er
zeichnete sich nicht aus, fehlte, traf, wie es kam. Auf einmal aber war es, als
ob in ihn wieder ein bermtiger Geist fhre. Denn pltzlich ritt er bei dem
Baume vorbei, und stach, diesem den Rcken zukehrend, mit einer sichern Bewegung
nach hinten zierlich den Ring ab. Das war noch wenig. Das nchste Mal warf er
den Degen nach dem Ringe, traf ihn, und fing den Degen in der Luft auf. Es war
gut, da hiermit dieser Teil des Festes zu Ende ging, denn wer wei, welche
Streiche noch sonst zur Gemtsergtzung der Zuschauer verbt worden wren.
    Sobald der Zug wieder im Pavillone war, nahm Hermann den geschickten Reiter
beiseite, und befahl ihm geradezu, sich zu entlarven. Die bestimmte Mahnung
setzte den Menschen aus der Fassung, er nahm die Maske ab und ein braunes,
verbranntes Gesicht erschien unter dem Barett. Sie sind gedungen, unsrem Feste
zum Hohne zu gereichen! redete ihn Hermann hart an. Verfgen Sie sich zu Ihrer
Gesellschaft, bei der die Knste, welche Sie ben, fr Geld zu sehen sind.
Fort! - Mein Herr, versetzte der Mensch, welcher zu ebner Erde so verlegen
war, als er im Bgel sich keck erwiesen hatte, ich wollte es nicht gern tun,
denn ich frchtete mich vor Rge und Bestrafung, aber der Herr Baron setzten mir
so lange zu, da ich mich endlich bewegen lie. - Und was war die Absicht bei
diesem Possenspiele? fragte Hermann. Ich sollte, antwortete der andre, nach
dem Caroussel vor der Frau Herzogin hinknien, und die Geschenke empfangen, die
der Herr Baron dann von mir haben wollte. Was weiter im Werke war, kann ich
nicht sagen, wir reisen schon morgen fort.
    Hermann ntigte den falschen Ritter auf sein Kunstpferd, und begleitete ihn
noch einige hundert Schritte, um gewi zu sein, da er sich entferne. Als er
umkehrte, begegnete ihm der Enterbte auf halbem Wege. Dieser sah dem abziehenden
Kunstreiter nach, und sagte dann mit giftigem Blicke: Sie tun ja, als ob Sie
hier Herr im Hause wren.
    Mein Auftrag geht dahin, reine Bahn zu halten, versetzte Hermann. Ich
htte nicht bel Lust, den Oheim dem Neffen folgen zu lassen. Das ist auch
etwas, worin wir die Wilden unleugbar bertreffen, da wir uns an jemandes
Tafel, Hohn und Schimpf im Herzen, niederlassen knnen.
    Er wandte ihm den Rcken und lie ihn stehn. Eine laute Fanfare von
Trompeten und Pauken verkndete das Ende des dritten Teils, des Stechens nach
dem Trkenkopfe, welches inzwischen vor sich gegangen war, und das Caroussel
beschlieen sollte. Die Kavaliere waren abgestiegen und standen, des Danks
gewrtig; die Pferde wurden von der Bahn gefhrt. Die Herzogin sa unruhig, eine
Trne im Auge, da. Sie frchtete, jeden Augenblick den Verlarvten wieder
hervortreten, und sich mit unter die Dankbegehrenden stellen zu sehn. Sie wute
nicht, wer dieser Mensch sei, aber ihr weibliches Ahnungsvermgen sagte ihr, da
er ihr und ihrem Feste Schlimmes bedeute.
    Hermann eilte, was er konnte, und trat atemlos hinter ihren Lehnstuhl. Er
flsterte ihr zu, da der Strer entfernt sei, und nannte ihr diejenigen
Edelleute, welche nach seiner Meinung sich am besten gehalten hatten.
    Die Geschenke, bestehend in goldnen Pokalen, damaszierten Ehrendegen,
prachtvollen Schrpen und kostbaren Ringen, wurden verteilt. Auch wer keinen
Dank empfing, wurde doch mit einer zierlichen Schleife, welche die verschlungnen
Namen des Herzogs und der Herzogin zeigte, geschmckt. Alles dieses geschah bei
Pauken- und Trompetenschall im Namen der abwesenden Knigin.
    Die Versammlung erhob sich. Nach dem Verlarvten wurde einige Augenblicke
lang gefragt, dann verga man ihn. Nur der alte Landedelmann war untrstlich,
als er erfuhr, da dieser Paladin sich entfernt und dadurch seinen Umarmungen
entzogen habe. Er verfiel darauf wieder in das Gesprch von den Schlagbumen,
solange er einen Zuhrer finden konnte.
    Man wollte nicht fahren, im Gehen meinte jeder sich mit denen, die er am
liebsten mochte, besser zusammenzufinden. Alles wanderte in buntem Gewimmel nach
dem Speisesaale.
    Sobald die Gesellschaft den Platz verlassen hatte, strzte eine Menge Knaben
aus dem Volke herbei und raffte auf, was an Federn, Schlangenkpfen und
sonstigen Kleinigkeiten umherlag. Hermann nahm eine Bandschleife, welche, von
der Hand der Herzogin berhrt, liegengeblieben war, und wollte sie als
Erinnrungszeichen verwahren. Da sah er die verschlungnen Namen und warf sie mit
einer schneidenden Empfindung weg. Die Knaben rauften sich um das leichte
Zeichen; bei dem Ziehn und Zerren zerri es.
    Was den Herzog betrifft, so hatte dieser nach Beendigung des Caroussels ganz
freundlich seine Gemahlin gefragt, wann denn nun das Turnier beginne? In der
Verwirrung der vorangegangnen Tage war man nmlich, wie dergleichen wohl
vorzufallen pflegt, vllig vergessen gewesen, die Hauptperson von der Umndrung
des ursprnglichen Festplans etwas wissen zu lassen. Er verwunderte sich daher
nicht wenig, als er hrte, da die Sache schon vorbei sei, und dasjenige
ausbleibe, worauf er sich eigentlich gefreut hatte.

                              Dreizehntes Kapitel


Indessen rauschte das Fest unaufhaltsam weiter. Ein kostbares Mittagsmahl war
eingenommen worden, die Gesellschaft zerstreute sich in Slen, Zimmern, Lauben,
Gartengngen. Whrend ein Teil der lteren Herrn ein frhzeitiges Spiel begann,
andre da und dort ihr Nachmittagsschlfchen abhielten, die Matronen und die
Frauen in gewissen Jahren, ernsthaft mit der Kritik des Vorfallenden
beschftigt, umhersaen, verirrte sich so manches zrtliche Prchen seitab in
die entlegensten Teile des Parks. Es gewhrte einen bunten und frhlichen
Anblick, die vielen fremdartig geschmckten Gestalten wie Blumen aus dem Grn
der Gebsche und Baumgruppen hervordringen zu sehn.
    Hermann hatte sich zu einer groen Gestalt von auerordentlicher, wenngleich
verblhter Schnheit hingezogen gefhlt. Es war die Theophilie, welche die
Herzogin zu ihrem Beistande hatte kommen lassen, die Schwester jenes toten
Vetters. Ungeachtet des Streites, welcher die beiden Agnaten entzweit, stand sie
mit dem Herzoge in einem freundschaftlichen Verhltnisse. Sie waren einander an
Hfen und in Bdern begegnet, und man hatte selbst einmal vorlngst von einer
gegenseitigen Neigung gesprochen.
    Hermann erfuhr von ihr, da sie in dem Schlosse ihres Bruders, welches nun
seinem Oheim gehrte, wohne. Wie kam es, da ich Sie dort whrend meiner
Anwesenheit nicht gesehen habe? fragte er.
    Es geziemt einer alten Hofdame, in ihrer Zelle zu verbleiben, sagte sie.
Mein Bruder machte sich bei dem Verkaufe einen Teil der Schlozimmer aus, und
nahm mich in den Vertrag mit auf. Dort lebe ich fr mich und hte meine
Erinnrungen. Man mu der Welt den Korb geben, bevor sie ihn uns gibt. brigens
sind wir wie wohlgestellte Uhren. Sobald man uns aufzieht, gehn wir wieder. Ich
war seit zehn Jahren nicht in groer Gesellschaft gewesen und meinte, alles
vergessen zu haben, was zum guten Tone gehrt, aber meine Cousine hat mich
aufgezogen und siehe da, die stehngebliebne Uhr geht noch, denn ich machte, wie
mich dnkt, nach allen Formen die Honneurs.
    Der Oheim kam ihnen entgegen, gedankenvoll vor sich hinsehend. Sobald er
Theophilien erblickte, verfrbte er sich, und wendete sich, ohne zu gren, kurz
um.
    Verzeihen Sie ihm, sagte Hermann betreten, er ist so kurzsichtig. -
Nicht doch, erwiderte sie lchelnd, er hat mich recht wohl erkannt. Wissen
Sie, da Ihr Oheim ein Geisterseher ist?
    Diese Eigenschaft htte ich nicht an ihm vermutet, erwiderte Hermann.
    Doch. Er ist so ein Sonntagskind, d.h. in Beziehung auf mich. Er sieht
neben mir immer allerhand graue, schwarze, schalkhafte, tckische Geister.
Kennen Sie die Geschichte vom Mller bei Potsdam?
    Welches Kind kennt sie nicht! rief Hermann.
    Nun, ich bin der Mller bei Potsdam. Tausende gbe Ihr Oheim hin, wenn ich
weichen wollte, aber ich bleibe in meinem Rechte wohnen. Das ist alles nur
Scherz, fgte sie in einem schneidenden Tone hinzu. Ihr Oheim sollte meinen
Blick vergessen, der ihn so erschreckte, als ihm mein Bruder aus freien Stcken
die Zession gab, denn hin ist hin, und tot ist tot!
    Ein Schwarm junger Mdchen nherte sich, lachend und schwatzend. Sie lie
ihn stehn, und lachte und schwatzte mit den Mdchen. Er versuchte noch einige
Male, ihr nahe zu kommen, um die Erklrung ihrer spttisch- geheimnisvollen
Worte zu vernehmen, sie wich ihm aber aus, und er hatte ber eine neue
Verwicklung aus frherer Zeit nachzudenken.
    Inzwischen waren die Lustbarkeiten der Brger und Bauern begonnen worden.
Auf einer grnen gerumigen Wiese, unfern des Turnierplatzes erhoben sich
Schaukeln und Kletterbume; zu beiden Seiten waren Schiestnde abgesteckt,
einer fr das Armbrust- der andre fr das Bchsenschieen. In der Mitte des
Plans stand eine groe Bretterbude zum Tanzen, Wrfeln und Spielen.
    Die ganze Wiese war von frhlichen Menschen bedeckt. Knaben und Mdchen
schwebten in den Schaukeln, junge Bursche fielen von den Kletterbumen, ohne
sich weh zu tun. Auf der einen Seite schwirrten Pfeile nach dem Vogel, auf der
andern flogen Kugeln nach der Scheibe.
    Besonders tat sich der alte Erich mit der Bchse hervor. Er scho fast
jedesmal ins Schwarze, und hatte schon manchen schnen Preis erbeutet. Wenn Ihr
so fortfahrt, wird fr uns nicht viel brigbleiben, sagte ein Schtze zu ihm.
Der Hauptschu steckt noch im Laufe, versetzte der Alte.
    Trinkt nur nicht so viel, sagte der andre zu ihm. Bedenkt Euer Alter. Ihr
habt schon zweimal soviel zu Euch genommen, als wir.
    Meine Seele drstet nach Kraft wider die Ungerechten! rief Erich und
leerte einen ganzen Krug des Getrnks, welches an den Schiesttten in reichem
Mae aufgefahren war. Die Augen des Alten glhten, seine Finger bewegten sich
unsicher; gern htte man ihm das Gewehr weggenommen, wenn dies in seinem
Zustande nicht noch gefhrlicher gewesen wre.
    Es ist nur zu verwundern, da er in der Beschaffenheit so gut trifft,
sagten einige der Umstehenden. Er mu es mit jemand haben, sprachen andre,
denn er murmelt bestndig von dem Frsten der Finsternis, den er vertilgen
wolle. Ist er von einem beleidigt worden?
    Der Herzog erschien mit seiner Gemahlin. Eine Menge der reichgeputzten Gste
hatte sich schon vorher eingefunden und unter die Volksgruppen gemischt, deren
Lust immer strmischer emporloderte. Junge Herrn setzten sich zu den schmucken
Bauermdchen in die Schaukeln; die Herzogin war, begleitet von einigen
Edeldamen, nach der Bretterbude gegangen, und hatte dort mit lteren Leuten aus
dem Dorfe ein herablassendes Gesprch angeknpft. Der Herzog stand bei den
Bchsenschtzen und besah ihre Gewehre, von denen mehrere sehr knstliche Stcke
waren.
    Auch der Oheim war gekommen und zu dem Schiestande herangetreten. Der
Amtmann machte sich um ihn zu tun, und bewies sich auch gegen ihn sehr demtig
und vielgesprchig. Wenn hier viel Geld vertan wird, sagte der Oheim mehr fr
sich, als zu seinem Begleiter, so mu man gestehn, da es wenigstens auf eine
muntre Weise geschieht. Ich werde mich hten mssen, da diese Lust nicht mich,
wie meinen Advokaten ansteckt.
    Wie schn werden diese Pltze sein, versetzte der Amtmann, wenn erst
berall hier der Nutzen herrscht. Schon sehe ich z.B. im Geiste auf jener Anhhe
das lange Trockengebude mit Fachwerk errichtet, denn dicht daneben im Grunde
steht das ergiebigste Torflager, welches Seine Durchlaucht nur nicht anbrechen
lassen, weil Sie sich einbilden, der Gewinn ertrage die Kosten nicht.
    Lassen wir das, versetzte der Oheim. Noch gehrt dieses alles ihm, und
ich gebe mir heute Mhe, zu vergessen, weshalb ich eigentlich hier bin. - Tun
Sie das nicht, wertester Herr Kommerzienrat, sagte der Amtmann. Betrachten Sie
immerhin, was Sie vor sich sehen, als das liebe Ihrige. Denn selbst wenn der
alte Adelsbrief aufgefunden werden sollte, wozu kein Anschein, so wrde es immer
noch Mittel und Wege geben ...
    Wie? fragte der Oheim und zog den Amtmann beiseite. Gleich darauf gingen
sie miteinander fort, einem Wege durch das Gebsch zu.
    Ich mchte wohl durch jemand einen Schu auch fr mich tun lassen, sagte
der Herzog an der andern Seite der Schiesttte.
    Dessen ist niemand wrdig, versetzte ein Schtze, als der alte Erich. Der
wird einen Meisterschu, einen Herzogsschu fr Ew. Durchlaucht tun.
    Man suchte nach dem Alten. Er war nicht zu finden. Man verwunderte sich;
noch ganz vor kurzem hatte ihn jedermann hier gesehen. Ein Knabe sagte, er habe
mit einem Fluche seine Bchse geladen und sei raschen Schritts unter die
Menschen gegangen, wo er ihm aus dem Gesichte gekommen sei.
    Ein Walzer ertnte aus der Bude; die Herzogin lie ihren Gemahl bitten,
dorthin zu kommen. Ein ehrenfester Bursche wurde der Gnade teilhaftig, mit der
Frstin den Tanz zu erffnen. Der Herzog machte mit einem hbschen flinken
Mdchen die Runde. Auch einige der vornehmen Herren griffen da und dort zu.
Demnchst nahm man mit guter Manier seinen Rckzug, um die Toilette fr den Ball
herzustellen, der nun sogleich im Schlosse beginnen sollte.
    Unterwegs trat der Burgemeister den Herzog an und fragte ihn, ob er wohl
erlauben wolle, da auch seine brgerlichen Gste verkleidet erschienen? Ich
bedachte, sagte er, als ich die geschmckten Herrn und Damen sah, wie kahl wir
uns unter ihnen ausnehmen wrden, und erinnerte mich, da wir auf dem Rathause
noch mehrere Kisten voll Maskenzeug von dem Redoutenunternehmer stehn haben, der
uns die Saalmiete schuldig geblieben ist. Diese habe ich holen lassen; das Zeug
wird fr die Mnner vollstndig hinreichen, und auch unsre Frauenzimmer werden
genug Bnder, Flor, Schmelz, Blumen und Borten finden, um sich ein fremdes
Ansehn zu geben.
    Der Herzog erteilte mit Vergngen seine Zustimmung. Aber freilich, sagte
der Burgemeister, sind es nicht lauter Ritterkleider; es sind Schweizer,
Trken, Polacken, Juden, Indianer, Grtner und Zigeuner darunter.
    Je bunter, desto besser! rief der Herzog. Dieser Tag gehrt der Freiheit
und Freude. Eilen Sie, sich anzukleiden, wir wollen gleich anfangen, damit unsre
jungen Damen und Herrn etwas vor sich bringen knnen.
    Hermann hatte einen Augenblick sich unter den Volkslustbarkeiten umgesehn,
dann war er nach dem Schlosse zurckgeeilt, um die Erleuchtungsanstalten um
dasselbe zu ordnen. Er meinte hierauf, sich von dem Getse etwas zurckziehn zu
drfen, und ging durch einen abgelegnen Teil des Parks, um seine Sinne zu
beruhigen. Auf einmal war es ihm, als hre er ein Geschrei, und als er noch
horchte, um sich dessen zu vergewissern, kam schon etwas quer durch die Bsche,
die einen Hgel dort bekleideten, herabgestrzt. Es war der Amtmann. Zitternd,
entsetzt, rief er: Mord! Mord! und rannte ber den Weg durch das Strauchwerk
weiter.
    Mit der Schnelligkeit des Blitzes drang Hermann durch die Bsche die Anhhe
hinauf. Oben ward ihm ein schrecklicher Anblick. Sein Oheim stand bebend, an
einem Baume sich haltend, furchtsam weggekrmmt; einige Schritte von ihm der
alte Erich, die weien Haare wie Borsten emporgestrubt, die Bchse im Anschlage
haltend. Mechanisch warf sich Hermann zwischen seinen Oheim und den wtenden
Greis. La ab! rief er. Der Alte schien durch Hermanns Entschlossenheit auer
Fassung zu geraten, lie die Bchse sinken und schlug sich vor die Stirne.
    Unglcklicher, was wolltest du tun! sagte Hermann, schritt beherzt auf den
Alten zu und nahm ihm, ohne Widerstand zu finden, das tdliche Gewehr ab.
    Das Haus meines Herrn beschtzen, versetzte dumpf und kalt Erich. Sie
sollen nicht sitzen, wo meine Herrn gesessen haben.
    Es kamen Menschen. Der Amtmann war es und der Gerichtshalter mit seinen
Dienern. Da steht der Mrder! rief der Amtmann berlaut. Assassinat! sagte
der Gerichtshalter. Ergreift ihn und bringt ihn in das Gefngnis. Einer aber
gehe sofort und zeige es Seiner Durchlaucht an. - Halt! rief Hermann. Tun
Sie, was Ihres Amts ist, aber niemand soll heute abend von diesem Vorfalle etwas
erfahren; am wenigsten der Herzog. Das Fest darf nicht gestrt werden, und ich
mache Sie dafr verantwortlich, da Ihre Leute schweigen.
    Mein Herr, versetzte der Gerichtshalter, und warf sich in die Brust, wer
gibt Ihnen das Recht, mir Befehle zu erteilen?
    Sie gehorchen! sagte Hermann fest. Der Alte sah ihn an, erhob die Stimme
und rief: Zanke nicht mit einem Gewaltigen, da du ihm nicht in die Hnde
fallest. Viele Tyrannen haben mssen herunter, und ist dem die Krone aufgesetzt
worden, auf den man nicht gedacht htte.
    Der Gerichtshalter, welcher von Natur verlegen und ngstlich war, bedachte
sich einige Augenblicke, dann sagte er zu seinen Leuten: Es mag so geschehn.
Fhrt ihn auf Umwegen, wo niemand ihn sieht, nach dem Gefngnis, und keiner rede
von der Sache.
    Als der Alte abgefhrt worden war, wandte sich Hermann zu seinem Oheim, der
sich kaum auf den Fen halten konnte. Er verlangte nach dem Gasthofe,
schweigend fhrte ihn der Neffe dorthin. Er erkundigte sich mit Schonung nach
dem Hergange; der Oheim wute ihm aber weiter nichts zu sagen, als da jener
Unselige, der ihnen nachgeschlichen sein msse, pltzlich hinter den Bumen, das
Mordgewehr auf ihn gerichtet, hervorgetreten sei, ihn mit furchtbaren Drohworten
aus den Propheten anfahrend. Der Amtmann habe gleich die Flucht ergriffen, und
ihn dem Grimme des Alten berlassen.
    Er lie Postpferde bestellen. Hermann suchte alles mgliche auf, ihn von dem
Entschlusse zu einer nchtlichen Reise nach solcher Alteration abzubringen, und
fhrte ihm endlich den Plan, mit dem er hieher gekommen, in die Erinnerung
zurck. Das ist vorbei, sagte der Oheim. Fernerhin soll zwischen mir und
dieser Mrdergrube nur von Recht und Gerechtigkeit die Rede sein.
    Als Hermann bestrzt seinen Verwandten in den Wagen gehoben hatte, ging er
nach der Wohnung des Gerichtshalters, bei welcher sich auch die Gefngnisse
befanden. Er erhielt Einla in den Kerker des alten Erich, konnte aber mit
diesem nichts beginnen, denn der Alte war, als habe er nichts begangen, fest
eingeschlafen. Der Gerichtshalter erzhlte aus einem kurzen Verhre, welches er
sogleich mit ihm angestellt, folgendes: Er sei dem Amtmann und dem
Kommerzienrate nachgegangen, ohne zu wissen, warum? habe ein abscheuliches
Gesprch zwischen beiden belauscht und dann gesehen, wie der Kommerzienrat sich
auf den Hgel gestellt, die Arme ausstreckend, und andeutend, wie und wo er
niederreien, zerstren und bauen lassen wolle, wenn er hier Herr werde. Da sei
ihm jener wie der Teufel vorgekommen, der die Hand zum Verderben ber eine ganze
Gegend ausrecke, und er habe es fr nichts Bses gehalten, den Teufel
totzuschieen.
    Hermann sagte zu dem Gerichtshalter, da er es bernehme, den Herzog von
diesen finstern Dingen zu benachrichtigen, und gebot ihm, den Alten mit Schonung
zu behandeln. Er eilte nach dem Schlosse, sehr in Sorgen, da doch eine Kunde
bis dahin dringen werde.
    Es war vllig Nacht geworden. In den Alleen um das Schlo waren alle Lampen
angezndet worden, welche, farbig, ein magisches Regenbogenlicht umherstreuten.
Vor dem Portale brannten mchtige Pechpfannen, alle Fenster waren hell
erleuchtet, aus dem Innern erscholl die rauschende Tanzmusik. Er schritt,
geblendet von dem Glanze, die Treppen hinauf, und stellte sich an den Eingang
des Saals. In dem Lichte der Lustres und Kronleuchter bewegten sich die
glnzenden und bunten Gestalten, fr deren Menge der groe Ahnensaal doch fast
zu klein war. Es war das prachtvollste Gewimmel, welches seine Augen je gesehen
hatten. Auch der Herzog war, zum groen Erstaunen seiner Gemahlin, verwandelt,
in dem geheim zubereiteten Schmucke unter die Gste getreten. Er strahlte, mit
Diamanten bedeckt, in einem roten hermelinumfaten Mantel. Die Augen der Damen
folgten, nicht zum Verdrusse der Frstin, der hohen stattlichen Gestalt. Als er
Hermann an der Tr bemerkte, winkte er ihm, in den Saal zu treten. Dieser aber
verblieb, wo er war, jeden Hineingehenden sorglich anblickend, ob er auch nicht
unvorsichtigerweise die Nachricht bringen werde, wie das Entsetzliche sich
diesem schnen Scheine so nahe geschlichen habe. So stand er in seinem
schlichten Frack einen Teil der Nacht durch als treuer Wchter an der Schwelle.

                              Vierzehntes Kapitel


Am folgenden Morgen wurde er von dem Gerichtshalter zu frher Stunde geweckt.
Der Mann trat mit erschrocknem Gesichte vor sein Bett, und brachte ihm stotternd
die Nachricht, da der alte Erich entflohen sei. Der Gerichtshalter hatte ihm
auf Hermanns Weisung keine Fesseln anlegen lassen; so war es ihm mglich
geworden, seine Wchter, die in der allgemeinen Freude wohl auch das Ihrige zu
sich genommen haben mochten, zu tuschen.
    Hermann ging mit dem Gerichtshalter nach dem Kerker. Das nicht recht feste
Schlo war von inwendig erbrochen worden. Die Wchter, welche drauen im
Vorraume gewesen waren, muten geschlafen haben, whrend der Alte sein
Befreiungswerk verrichtete. An der Wand stand mit Kohle fast unleserlich
geschrieben, da, was einmal miglckte, nicht immer fehlzuschlagen brauche.
    Das erste war nun, den Herzog zu benachrichtigen, mit welchem unangenehmen
Geschfte sich Hermann belud, da der Gerichtshalter sich nicht vor den Herrn
getraute. Hier sah Hermann den Frsten zum ersten Male fassungslos. Er konnte
kaum sprechen und seine Bewegung wurde noch grer, als er die Abreise des
Oheims vernahm. Hermann mute sich auf eine Viertelstunde entfernen, nach deren
Verlauf der Frst einigermaen wieder zu seinem Gleichgewichte gekommen war. Er
fragte nach dem Verbrecher, und befahl, als man ihm dessen Flucht meldete, da
die strengsten Maregeln zu seiner Habhaftwerdung getroffen werden sollten.
Jedoch schien es Hermann, als ob dieser Eifer nicht ganz wahr, und das
Verschwinden des Schuldigen ihm das einzige Trstliche bei der Sache sei, er
begngte sich daher, dem Gerichtshalter die sogenannten Solita anzuempfehlen,
welche bekanntlich selten zum Ziele fhren.
    Im Schlosse sah es wst aus. Der Ball hatte bis gegen Morgen gedauert. Die
Dienerschaft war erst bei Tageslicht aus den Federn gekommen. Im Tanzsaale, in
den Seitengemchern, besonders im Trinkzimmer, berall zeigten sich noch die
Spuren des Festes. Zum Beweise, wie weit die Zerrttung dieses so wohlgeordneten
Hauswesens gediehen sei, erzhlte man sich die Neuigkeit, da die Herzogin heute
dreimal nach ihrem Frhstcke habe verlangen mssen.
    Nur berwachte abgespannte Gesichter begegneten einander. Dazu strmte der
Regen herunter, in welchen sich das heitre Sonnenwetter umgesetzt hatte. Unter
ausgespannten Schirmen stiegen die Gste, welche nicht schon in der Nacht das
Schlo verlassen hatten, schweigend-verdrielich in ihre Wagen, und fuhren
hinter zugeknpften Ledern ab. Die Herzogin hatte sich alle Beurlaubungsvisiten
verbeten; sie entschuldigte sich mit krperlichem Unwohlsein.
    Als Hermann auf den Turnierplatz ging, sah er die Tapezierer mit heftiger
Eile bemht, die schon durchnten und halb verdorbnen Behnge von den Gersten
zu nehmen. Die gieenden Fluten hatten die Bemalung von den Tribnen und
Pfeilern abgewaschen; sie standen mifarbig und beschmutzt da. Von dem Pavillone
war nur noch das Gerippe zu sehn.
    Die Herzogin war mehrere Tage hindurch fr niemand, als fr ihren Gemahl
sichtbar. Nur der Geistliche hatte Zutritt zu ihren Zimmern und hielt
fortgesetzte Andachtsbungen mit ihr. Unter den Vertrauten ging die Rede, sie
mache sich ber das Fest Gewissensskrupel.
    Von diesem schwieg jeder; man hatte vorher zu viel davon gesprochen. Man
suchte nach Gegenstnden der Unterhaltung; sie wollten sich nicht finden. Man
ghnte, war belnehmerisch, ging einander aus dem Wege. Der Arzt schrieb viel.
    Am verstimmtesten bezeigte sich Wilhelmi. Ich gehe, sagte er eines Tages
zu Hermann, meines Bleibens wird hier nicht lange mehr sein. Man mu sich nur
einmal vershnt haben, um gewi zu werden, da man nicht mehr freinander pat.
    Du wirst deine Gnner in der Krisis, welche vielleicht nahe bevorsteht,
nicht verlassen, erwiderte Hermann.
    Ich werde mich immer wie ein ehrlicher Mann betragen, sagte Wilhelmi.
Auch fllt es mir selbst schwer genug, aus diesen Wnden zu scheiden. Aber der
hiesige Zustand ist ein knstlicher, man tut am besten, ihn aufzuheben. Sie
haben wegen meiner Sammlungen von der Hauptstadt aus mit mir angeknpft, wo sie
jetzt alles zusammenscharren. Ich bin willens, darauf einzugehn.
    Den Herzog betraf nunmehr fast Tag fr Tag etwas Unangenehmes. Das Geschick
schien, wie es wohl kommt, durch den Lrmen der Lustbarkeiten aus seinem
Schlummer zu feindseliger Ttigkeit emporgestrt worden zu sein. Es whrte nicht
lange, so berbrachte ihm ein Freund und Gutsnachbar, anscheinend sehr
entrstet, die letzte Nummer des vielgelesenen Provinzialblatts, worin
geschrieben stand, da bei einem neuerlich stattgefundnen
feudalistisch-ritterlichen Feste der bekannte quilibrist und
gymnastisch-akrobatische Knstler * den Preis davongetragen, und den Dank aus
hoher schner Hand empfangen habe. Namen und Ort waren zwar nicht genannt, die
journalistische Halblge enthielt aber so viele individuelle Andeutungen, da
die Beziehung sich mit Hnden greifen lie. Auch sagte der Nachbar, da schon
die ganze Gegend davon spreche.
    Tiefer verletzte ihn eine Entdeckung, welche den Geistlichen betraf. Dieser
Mann, dessen Absichten immer unumwundner hervortraten, hatte die Verwirrung,
worin sich das Schlo seit einigen Wochen befand, gentzt, um etwas auszufhren,
wozu ihm sonst doch wohl bei der bekannten Sinnesart seines weltlichen Herrn der
Mut gebrochen htte. Der Herzog empfing kurz nach dem Feste einen Brief
angesehener protestantischer Eltern, worin diese sich bitter beklagten, da man
ihre beiden ltesten Shne in seiner Schlokapelle katholisch gemacht habe. Er
war, wie vom Donner gerhrt. Der Geistliche, sogleich zu ihm gerufen, leugnete
gar nicht, und sagte mit Freimtigkeit, da er es fr die Pflicht eines
Priesters halte, abtrnnige Kinder in den Scho der allgemeinen Mutter
zurckzufhren, sobald sie ein Verlangen darnach empfnden. Er gebe, fgte er,
den Herzog entschieden anblickend, hinzu, dem Kaiser, was des Kaisers, und
Gotte, was Gottes sei.
    Der Herzog fhlte sich in einer zornigen Verlegenheit. Er war ein ganz guter
regelrechter Katholik, doch betrachtete er, wie die meisten vornehmen Mnner
seines Glaubens, diesen mehr als eine Sache fr sich, von der nicht viel Wesens
gemacht werden msse, und alles, was von fern nach Fanatismus oder
Verbreitungssucht schmeckte, war ihm im Grunde der Seele zuwider. Nun aber
durfte er den, der immer ein nach den Begriffen der Kirche gottgeflliges Werk
getan hatte, doch nicht dieserhalb schelten, und so blieb ihm denn weiter nichts
brig, als dem geschftigen Priester mit scharfer Freundlichkeit zu erffnen,
da er fr seine weitere Befrdrung Sorge tragen werde.
    Unter diesen Verdrielichkeiten wurde ihm die Klage des Oheims behndigt,
welche, lange vorbereitet, ihn vor den hchsten Gerichtshof der Provinz lud,
ber die Herrschaft, ber seine Weiler und Vorwerke, Wiesen, Wlder, Teiche und
Flsse, Gemarkungen und Breiten zu Recht zu stehn. Abermals begann nun das
Suchen nach dem verschwundnen Adelsbriefe der Urltermutter, von welchem er und
Wilhelmi das Schicksal dieses Streits abhngig glaubten. Kein Winkel der
Bibliothek, des Archivs, der Registraturen blieb undurchforscht.
    Indessen waren diese Mhen vergebens. Er zog sich hierauf ebenfalls in die
Einsamkeit seiner Zimmer zurck, und selbst die Hausoffizianten, welche zunchst
mit ihm zu tun hatten, bekamen ihn nicht zu sehn.

                              Fnfzehntes Kapitel


Welche fremde Gewalt nimmt mich so ungestm gefangen! Man hat mir gesagt, es
sei unsre Bestimmung, zu lieben und geliebt zu werden. Warum denn nun diese
Bangigkeit, diese Angst? Klopft der Blume auch so das Herz, wenn sie aus der
schwachen, farblosen Knospe bricht? Mir ist immer, als stnde ich auf der
schwindelerregenden Spitze eines hohen Turms, und selbst seine Nhe beruhigt
mich nicht.

                                       *

Ich bemhe mich oft, mir den Eindruck recht klar zu machen, den ich empfand,
als ich dich zum ersten Male erblickte, Hermann! Denn ich meine, wenn ich mir
nur darber Rechenschaft geben knnte, so mte eine Rettung aus dieser Not
sein. Aber es ist vergebens; je mehr ich darber nachsinne, desto undeutlicher
fliet alles ineinander, bis du mir begegnest, wo denn in Trnen und Lust alles
Grbeln weit weg flieht.

                                       *

Warum hast du nicht Platz behalten, Gott, in dem Herzen, welches dir so ganz
gehrte? Warum erlaubtest du deinem Geschpfe aus Staub, sich neben dir
einzudrngen, und die reine Weihrauchwolke, die dort sich dir erhob, zu
zerstreun?

                                       *

Dies ist die Snde! Nun wei ich, was das schreckliche Wort bedeutet. Ich tue
nichts Unrechtes, und doch bin ich verstimmt; meine Gedanken mischen sich und
erquicken mich nicht mehr, meine Seele nimmt verschiedne Stellungen an, und in
keiner ist ihr wohl. Und doch ist, was ich erleide, nur ein gemeines Schicksal
so vieler meines Geschlechts, warum werde ich denn nun dadurch so geplagt?

                                       *

Ich habe mir vorgenommen, ihn zu meiden, aber was hlfe mir das? Bliebe nicht
immer seine Schattengestalt in meiner Seele strend zurck? Nein, ich mu
versuchen, dies Fremde in mir innerlich zu berwinden, es in den Frieden, der
mich sonst durchsuselte, aufzulsen. Ich mu diese Liebe zur Tugend erheben.

                                       *

Es ist so s, so lieblich, was ich oft empfinde, wenn ich neben Hermann sitze,
da ich mitunter denke, alle diese ngstigungen laufen wohl am Ende auf leere
Selbstqulerei hinaus. Ich mchte ihn selbst gern zum Richter ber unser
Verhltnis machen, er sieht mir an, da ich ihm etwas zu sagen habe, sein
freundlicher Blick will mir Mut machen, das Wort schwebt mir auf der Lippe, dann
riegelt mir eine unbezwingliche Gewalt den Mund zu.
    ber den Blttern, welche diese und hnliche geheime Ergieungen eines zart
liebenden, mit sich zwiespltigen Gemts enthielten, sa Hermann und las sie,
wir wissen nicht, zum wievielsten Male? Es waren diejenigen, welche der
unbescheidne Vogel ihm in die Hnde gespielt hatte. Das war die Hand der
Herzogin, und sein Name stand hier in so gefhrlicher Verbindung geschrieben!
So ist es denn wahr! rief er. So ist mir das Geheimnis ihres Betragens
enthllt! So soll ich undankbar an meinem Gnner und Gastfreunde werden!
    Er schrieb mit Heftigkeit an Cornelien, warf ihr vor, da sie ihm auf seine
frheren Briefe nicht geantwortet habe, versicherte ihr seine ewige Liebe, und
da er trotz des Widerspruchs von seiten des Oheims die Verbindung mit ihr werde
zu bewirken wissen.
    In der Einsamkeit, welche nun zum Gegensatze der frheren Geschftigkeit im
Schlosse herrschte, war nichts, was ihn abzog. Er fhlte sich mig, gepeinigt;
er wute nicht, an welcher Handhabe er seine Tage anfassen sollte.
    Viele Stunden versa er in den Zimmern des alten Herrn, zu denen er den
Schlssel behalten hatte. Nach dessen letztem Willen sollten sie unberhrt
bleiben, weil sie die Erinnerungen seines Lebens enthielten. Er selbst war dort
in ganzer Figur gemalt, als Schfer; rings um dieses groe Bildnis wimmelte es
von kleineren in ovalem und vierecktem Format, aus welchen jugendlich schne
Gesichter als Nymphen, Dianen, Jgerinnen, Armiden und Griechinnen hervorsahen.
Alle Tische und Schrnke waren mit Kleinigkeiten von Holz, Porzellan, Glas,
Bernstein, Perlemutter bedeckt, von denen das meiste seinen Ursprung als
Andenken genuvoller Stunden nicht verleugnen konnte.
    Wilhelmi, der die Tre zu diesen Gemchern angelehnt gefunden hatte, trat
ein, und fand seinen Freund gedankenvoll an einem Spiegeltische sitzen. Du
scheinst dich mit uns allen in der Stimmung zu befinden, welche die Perser
Bidamag Buden nennen. Uns steckt ein Jammer gewisser Art in Kopf und Gliedern.
Was mich betrifft, so hoffe ich ihn bald abzuschtteln, ich reise wahrscheinlich
in nchster Woche, und nehme einen Teil meiner Sachen mit. Hast du etwas nach *
zu bestellen?
    Du bist mir ganz unerklrlich, versetzte Hermann. Willst du dort mit
alten Vasen und Bildern die Rolle des vornehmen Antiquars spielen? Sie werden
dich anfangs mit schnen Worten fttern, und am Ende wirst du nicht wissen, in
welcher Ecke du dich herumdrcken sollst. Was hast du vor?
    Wilhelmi machte eine geheimnisvolle Miene, legte den Finger auf den Mund und
sagte: St! Ich nenne dir ein einziges Wort: Staat. Fassest du, was der Staat
ist? Ich habe darber whrend meiner Verbannung nachgedacht. Du sollst weiter
von mir hren.
    Er wollte gehn. Hermann hielt ihn zurck, nahm eine Dose altfrnkischen
Ansehns vom Spiegeltische und sagte: Weit du, der du alle Antiquitten kennst,
was fr eine Dose diese ist?
    Wilhelmi besah sie, und versetzte: Es ist eine sogenannte Lorenzodose.
Diese Dosen gehren mit zur Geschichte der Sentimentalittsperiode. Du erinnerst
dich, wie beredt-stumm der Franziskaner Lorenzo dem Yorick Sanftmut und
Duldsamkeit predigt, und wie sie darauf einen Dosentausch vornehmen. Diese
Geschichte rhrte die beiden Jacobis so, da sie einen Orden der Humanitt zu
stiften beschlossen, dessen Patron jener Lorenzo sein sollte. Zum Ordenszeichen
wurde die von Sterne beschriebne Horndose des Franziskaners erwhlt. Daran
wollten sich die Brder erkennen. Hatte sich einer, wie man es damals nannte,
inhuman betragen, so sollte die stumme Vorhaltung der Lorenzodose ihn an seine
Pflichten erinnern. Gleim und andre Befreundete des Pempelforter Kreises waren
die ersten Glieder dieser Verbindung, welche bald, durch die damalige
Empfindelei begnstigt, eine groe Ausdehnung gewann. Aber es whrte nicht
lange, so muten sich die Begrnder von ihr lossagen, die Lorenzodosen waren
Gegenstand der Spekulation geworden; ein Graf von Solms lie sie, fabrikmig
verfertigt, zu Tausenden in alle Welt ausgehn; was denn zur Folge hatte, da
Miggnger, Landstreicher und Glcksjger, die Dosen in der Hand und Trnen in
den Augen, betteln, fechten, auch wohl prellen gingen.
    Du glaubst nicht, wie mich diese Dose erschreckt hat, sagte Hermann. Eben
eine solche erinnre ich mich als Knabe unter den Sachen meines Vaters gesehen zu
haben.
    Da finde ich nichts zum Erschrecken, versetzte Wilhelmi. Sie sind beide
Lorenzobrder gewesen. Sie gehren ja auch jener Zeit an.
    Hermann klappte die Dose auf, zeigte seinem Freunde ein Bild, welches in das
Inwendige des Deckels eingenietet war, und fragte, was er davon halte?
    Ein schnes Schwabenmdchen! antwortete Wilhelmi, nachdem er das Medaillon
lange aufmerksam durch seine Glser betrachtet hatte.
    Es ist meine Mutter! rief Hermann. Ich htte sie erkannt, wenn der Name
auch nicht darunterstnde. Nun verstehe ich ihre Trnen, ihren geheimen Schmerz,
des Grafen Heinrich Besuche bei meinen Eltern, seine Zrtlichkeit gegen mich.
Sie ist seine Neigung gewesen, er hat der Freundschaft das heldenmtigste Opfer
gebracht, und meine Mutter mag wohl im stillen whrend eines unerfreulichen
Ehestandes bereut haben, dem andern strengen verdrielichen Manne gefolgt zu
sein.

                              Sechzehntes Kapitel


Im Garten traf mit ihm der Geistliche zusammen. Dieser Mann, welcher whrend der
geruschvollen Tage sich ganz zurckgezogen, und im stillen sein Werk getrieben
hatte, trat, sobald jene Wellen verstrmt waren, wieder hervor und suchte eifrig
seine Gesellschaft. Er war Hermann seit der Szene auf der Anhhe einigermaen
verdchtig, und dennoch konnte sich dieser von einem gewissen Anteil, den ihm
das feine, schwrmerische Wesen des Priesters abntigte, nicht ganz losmachen.
    Heute fhrte der letztere mit ihm ein leises tastendes Gesprch, welches
sehr zart um den Kummer und die Unruhe unsres Freundes strich. Er wute seine
Teilnahme an dessen Verstimmung so freundlich zu uern, er verma sich so wenig
der trocknen Redensarten, womit die Menschen in der Regel ein bedrcktes Herz
nur noch schwerer machen, da Hermann sich wirklich erleichtert fhlte. Zugleich
lie der Geistliche auf eine geschickte Weise einflieen, indem er vor Hermann
die Augen niederschlug, da er auch an der Herzogin sehr zu trsten habe.
    Ja, ich bin unruhig und bedrngt, versetzte Hermann. Ich tue nichts
Unrechtes und doch mischen sich meine Gedanken und erquicken mich nicht mehr;
fgte er hinzu und errtete, weil er sich erinnerte, nur Worte der Bltter
wiederholt zu haben, die seine Aufregung zum Teil verschuldeten.
    Ich habe in meinem Amte oft Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, da die
Menschen in Beziehung auf das Bse sich in einem Grundirrtume befinden; sagte
der Geistliche.
    Der wre? fragte Hermann.
    Als sei es zu vermeiden, als msse alle Kraft der Seele daran gesetzt
werden, sich davor zu bewahren.
    Hermann trat bestrzt zurck. Sie werden, fuhr der Geistliche ruhig fort,
nicht glauben, da ein Diener Gottes sich zum Apologeten der Snde aufwerfe.
Aber sie ist einmal da, durch die heilige unbegreifliche Zulassung des Hchsten.
Sie ist so wirklich, so ewig und ursprnglich, wie das Gute. Jeder Mensch mu
dieses Messer in seiner Seele fhlen, wodurch sie erschttert, gelockert, und
zum Brautbette der himmlischen Liebe bereitet wird. Gott will nicht die
Rechtfertigen, er will die Reuigen. Dieses Finstre als etwas Zuflliges zu
behandeln, zu meinen, da man den Einzug des unwiderstehlichen Feindes durch
Gegenwehr verhindern knne, ist ein bodenloser Wahn. Es ist nicht wahr, da er
die Seele zerstrt, nur das Irdische, Nichtige in ihr frit der glhende Atem
seines Mundes, dann ersteht, vom Regen der Buetrnen befeuchtet, in der warmen
Asche die grne Saat des Glaubens und der Hoffnung. Sind aber die Krfte in dem
nichtigen Kampfe gegen das bermchtige vergeudet, erfolgt dann doch der Fall,
so mchte in einem so ausgesognen Boden schwerlich wieder etwas keimen und
reifen knnen, und es bliebe dann wohl nur die dumpfe Gleichgltigkeit brig,
woraus zuletzt die Fertigkeit im Laster entsteht. Darum lehrt auch meine Kirche,
welche in allen Stcken die von den Toren verspottete Knigin der Weisheit ist,
nicht: Hte dich vor dem Bsen; sondern: Glaube an den allbarmherzigen Gott, an
den Erlsungstod, an die Frbitte der Heiligen, an die Unnachsichtlichkeit der
Beichtpflicht, an die reinigenden Flammen des Fegfeuers.
    Es gibt Neigungen, die verboten sind. Se Lippen und Augen locken; in den
Armen des versagten teuren Gegenstandes liegt eine Welt, auer der es fr den
Liebenden keine zweite gibt. Ich habe nun immer gefunden, da diejenigen sich
grndlicher von einer Verirrung herstellten, welche gefallen waren und mit
herzlicher Zerknirschung sich der strafenden und verzeihenden Mutter in den
Scho warfen, als die, welche sich in innerlichen Kmpfen und Krmpfen
abarbeiteten, denen tantalische Schatten und die Stacheln nicht gebter
Leidenschaften in der Seele zurckblieben. O auch hier ist dem, der nur sehen
will, der Weg gewiesen, auch hier wallt die sanfte Friedensfahne dem so milde
entgegen, der nur nicht in eigensinniger Verstocktheit von der Drre des
Protestantismus saftige Frucht gewinnen, von den Dornen die Feigen lesen will!
Ja, mein Freund ...
    Ein Lakei der Herzogin kam und unterbrach diese Rede, nach Hermann fragend.
Er ging, im Innersten emprt ber die frevelhaften Reden des Priesters, und
wurde nach dem Garten-Lesekabinette gewiesen. Die Frstin empfing ihn trauig und
leidend. Das kleine Zimmer ist noch so lieblich, wie sonst, sagte sie. Da
liegen meine guten Bcher, drauen blhen die Staudenrosen, die Bsten der
Dichter sehn von ihren Postamenten herab. Und doch schwankt der Grund unter uns,
und die Welt blickt mich verschwommen an, wie ein Traum. Wenn man uns von Haus
und Hof triebe! Ich wei alles; der Herzog hat seinen Kummer nicht lnger
bemeistern knnen. Wie ist das? Sagen Sie mir's; ich begreife die ganze Sache
nicht. Warum sollen wir nicht bleiben knnen, wo unsre Voreltern waren?
    Hermann wollte einige beruhigende Worte reden; sie unterbrach ihn aber und
sagte mit erstickter Stimme: Gott sendet uns die Trbsale, er gebe uns die
Kraft, sie zu ertragen. Ich lie Sie rufen, um Ihnen etwas zu sagen, was mir
lange auf der Seele lastet, und nun fehlt mir wieder aller Mut. Sie mssen es
wissen, vielleicht ist es mir morgen mglich; kommen Sie um diese Stunde wieder,
aber dann reisen Sie gleich, gleich!
    Ihre schnen Hnde ergriffen die seinigen. Halb zog sie ihn nach sich, halb
drckte sie ihn zurck. Es war ihm, als ffne sich der Boden unter seinen Fen,
ein wonnevoller Schauder flog ihm durch die Glieder. Er war aus dem Kabinette,
und wute nicht wie?
    Auf dem Gange nach seinem Zimmer wollte ihm der Geistliche, der auf ihn
gewartet zu haben schien, wieder seine Gesellschaft antragen, die Hermann aber
ablehnte. Er riegelte hinter sich zu, und ging mit groen Schritten auf und
nieder. Ja, sie liebt mich! rief er einmal ber das andre aus. Er beklagte
diese Verwicklung, er wnschte sich weit hinweg. Keinen Blick wollte er wieder
in die gefhrlichen Tagebuchbltter werfen, und als er den Entschlu recht fest
gefat zu haben meinte, nahm er sie doch wieder vor, und las sie noch einmal.
Unten am Fue der letzten Seite bemerkte er heute zum ersten Male die
gebruchlichen Anfangsbuchstaben der Bitte, umzuschlagen. Er tat es, und sah auf
der Rckseite etwas von andrer Hand geschrieben, aber mit so blasser Dinte, da
er es bei dem Lichte seiner Abendkerze auf dem gefrbten Papiere nicht zu lesen
vermochte.
    Im Widerstreite seiner Empfindungen, zwischen Wollen und Nichtwollen hin und
her geschleudert, ermannte sich seine Natur pltzlich wie durch einen Ruck zu
einem moralischen Vorsatze, durch dessen Ausfhrung er sich und einer zweiten
Person den rechten Weg zu weisen, die Pflicht empfand. Er eilte nach dem
Gartenkabinette, schlug sich dort Licht an, und schrieb bis spt in die Nacht,
unter der Bste Schillers sitzend, welche schon einmal Zeugin einer edeln
Entschlieung geworden war, Stanzen nieder, von leren Inhalte wir im folgenden
Kapitel zu reden haben werden.

                             Siebenzehntes Kapitel


Andern Tages lie ihn der Herzog rufen. Auch diesen fand er verwandelt, bla und
abgespannt. Ich habe Ihnen etwas zu erffnen und Sie um eine Geflligkeit zu
bitten, hob der Frst an. Der Anspruch Ihres Oheims ist Ihnen bekannt, der
entscheidende Adelsbrief meiner Urgromutter bleibt verborgen; ich habe mit
verschiednen Rechtsfreunden wegen dieser Angelegenheit Rcksprache genommen; sie
meinen, der tollste, widersinnigste Ausgang des Streites sei bei der jetzigen
Verwirrung der Begriffe nicht undenkbar.
    Werde ich vom Schlosse meiner Vter getrieben, so bin ich vernichtet. Andre
verhrten sich dem Unglck gegenber, und werfen stolz den Nacken empor. Ich bin
nicht so stark; der schreckliche Gedanke hat mich gebeugt, ich habe ein
Vorgefhl, wie das eines Sterbenden. Empfangen Sie in diesen Gestndnissen den
Beweis meines vollen Zutrauens. Ich wnsche das Unrecht, welches ich etwa
zugefgt, gutzumachen, und fr den Fall, da ich aus Glanz und Macht
abzuscheiden bestimmt bin, nur vershnte Herzen hinter mir zurckzulassen. Ich
habe um eine Kleinigkeit, um eine Grille, wenn Sie wollen, die Entfernung eines
treuen bewhrten Dieners zugegeben, auch nach seiner Rckkehr merke ich wohl,
da sein Gemt verletzt geblieben ist, ich sehe, da er auf andre Lebenswege
sinnt. Er tue, was er will, ich werde ihn in seiner Laufbahn nicht hindern, aber
er nehme, wenn er geht, das Gefhl mit, da ich nicht schlimm war und
nachzugeben verstanden habe. Empfangen Sie hiemit den Hauptschlssel, der auch
die Tre des Archivs ffnet, lassen Sie den Schrank, welcher unsern Hader
veranlate, aus dem Gewlbe irgendwohin bringen, wo er nicht im Wege steht,
sagen Sie dann Wilhelmi, da die Stelle frei geworden sei, und da er dort die
Umndrungen vornehmen mge, welche ihm belieben.
    Der Frst hatte dieses alles so niedergeschlagen und doch so edel
gesprochen, da Hermann, trotz der Geringfgigkeit des Gegenstandes, um den es
sich hier handelte, eine innige Rhrung empfand. Mehr um etwas zu sagen, als
weil ihm daran gelegen gewesen wre, es zu erfahren, fragte er den Herzog
bescheiden, warum er berhaupt einen so groen Wert auf den unverrckten Stand
jenes Schranks gelegt habe.
    Ich hatte dazu einen allgemeinen und einen besondern Grund, versetzte der
Frst. Wilhelmi ist die eigenste Zusammensetzung von Pedanterie und unruhiger
Neuerungssucht. Wie er die Sachen stellt und legt, so mssen sie stehn und
liegen bleiben, und wehe dem Sonnenstubchen, welches sich unterfinge, strend
dazwischen zu kruseln! Aber dann fllt ihm auf einmal selbst ein, alles
umzukramen, und die neue Einrichtung wird nun, bis sich eine dritte Laune
meldet, ebenso streng, wie die frhere gehalten. Ich frchte, wenn er den
Schrank erst aus dem Archive weg hat, so wird ihm das Archiv selbst bald nicht
mehr gerecht sein, er fordert dann von mir wohl einen andern Raum, und ich habe
wieder Verdru mit ihm. Darum bestand ich auf meinem Willen wegen dieses
Schrankes, welcher mir aber auch insonderheit als ein altes schn ausgelegtes
Stck lieb und wert war. Nun wei man wohl, wie es mit solchen vorzeitigen
Dingen sich verhlt. Sie werden ihn schwerlich unzertrmmert aus dem Gewlbe
bringen; ich habe gesehn, da die Wrmer ihr Werk an ihm getan haben. Mein
Grovater lie ihn, als die Franzosen in den neunziger Jahren heranrckten, in
das Archiv schaffen. Der Feind kam, es gab eine furchtbare widerwrtige Nacht,
die dem Greise einen Schlagflu zuzog. Mein Vater war auf Reisen abwesend, mich
hatte der Grovater um sich, ich tat ihm alles zu Sinne und war ihm besonders
lieb. Nun ist mir der Augenblick immer gegenwrtig geblieben, wie er sich mit
gelhmter Zunge und starr gewordnen Hnden von mir in das Archiv fhren lie. Er
deutete auf den Schrank; er umfate ihn mit sonderbarer Gebrde, er wollte mir
etwas vertrauen, was so gleichwohl sein Mund nicht mehr auszusprechen, seine
Hand nicht mehr niederzuschreiben wute. Bald darauf starb er. Mir aber hat die
kindische Erinnerung nicht schwinden wollen, und sie mag denn wohl auch
mitgewirkt haben, mich zu bestimmen, da das altvterische Behltnis nicht von
dem Platze gerckt werden sollte, welchen ihm der Grovater offenbar aus Sorge
fr seine Erhaltung vor der zerstrenden Hand des Feindes angewiesen hatte. Sehr
traurig, da ihn der Tod damals berraschte; viel bares Geld, welches notwendig
bei seinem Absterben vorhanden sein mute, war verschwunden; er hat es
wahrscheinlich irgendwo fr immer den Augen entzogen. So bin ich auch im stillen
berzeugt, da er die Urkunde, welche uns jetzt retten konnte, zum Unheil seiner
Nachkommen damals versteckt hat. Doch dies fhrt uns von der Sache ab, die Sie
so bald als mglich ins Werk richten wollen.
    Hermann ging in den Marstall und lie das Pferd satteln, welches ihm der
Herzog zur Erkenntlichkeit fr seine Bemhungen geschenkt hatte. Heute wollte er
aus dem Schlosse scheiden, wo ihm so manches begegnet war. Die Stunde rckte
heran, die ihm die Herzogin zur letzten Unterredung gnnen wollte. Mit
klopfendem Herzen berlegte er sein Verhalten.
    Er hatte unter der Bste von Schiller einige Stanzen gedichtet, die aus der
tugendhaftesten Regung hervorgegangen waren. Mit groer Wrme schilderten sie
eine leidenschaftliche Situation, gingen dann zu einer Apostrophe an die
Heiligkeit der Pflicht ber, und schlossen mit schwunghaften Zeilen, welche eine
begeisterte Entsagung predigten. Er hatte sie, reinlich abgeschrieben, auf das
Postament der Bste gelegt, wollte nur kurze Worte des Abschieds zur Herzogin
reden, jedem Gesprche mit ihr vorbeugen, und stumm auf die Verse deuten, in
welchen sie seine Gesinnung, und was ihnen beiden not tue, lesen sollte.
    Es setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit, und strte seinen ganzen Plan,
da er beim Eintreten die Herzogin schon beschftigt sah, seine Stanzen zu
lesen. Ich habe da zufllig etwas von Ihrer Hand gefunden, was ja auch wohl
kein Geheimnis sein soll, sagte sie unbefangen. Es sind recht hbsche Verse,
aber so allgemein, da ich vergebens nach irgendeinem Bezuge geforscht habe. Das
ist mir immer das Unbegreiflichste an der Poesie gewesen, da sie, was wir
andern mit blutendem Herzen empfinden, wieder in ein leichtes Spiel auflset,
wobei der Dichter kaum etwas fhlt, wenigstens nicht in unsrem Sinne.
    Mchte ich doch auch mit schweren Dingen so leicht scherzen knnen. Setzen
Sie sich, mein Freund, so darf ich Sie nennen; wir sind eine geraume Zeit
vertraulich nebeneinander hergegangen. Lassen Sie mich zum letzten Male Ihre
Wirtin sein, und sehn Sie mich nicht an, ich bin auch gegen Sie in Schuld.
    Sie bereitete ihm hierauf in einer zierlichen silbernen Schale Erdbeeren mit
Zucker. Er sah zerstreut dem anmutigen Spiele der schnen Finger zu, und a, um
nur etwas vorzunehmen, denn er war in groer Verlegenheit.
    Als Sie in das Schlo kamen, fuhr die Herzogin fort, htte ich Sie
anfangs gern entfernt gesehen. Da ich Sie aber nher kennenlernte, segnete ich
mein Geschick, welches mir in Ihnen den Helfer gesendet zu haben schien. Ich
vertraue Ihnen ein Unglck unsres Hauses. Ein Frevel an Sitte und Gebrauch ist
hier geschehn. Ich fhlte mich berufen, die verletzte Wrde der Familie
wiederherzustellen, und doch war ich zu schwach; ich bedurfte eines mnnlichen
Arms. Diesen werden Sie mir leihen, wie ich hoffe.
    Sie erzhlte ihm hierauf mit errtenden Wangen die Geschichte von Johanna
und Medon, legte den Brief, dessen wir uns aus einem der vorigen Bcher
erinnern, auf den Tisch, und sagte ihm den Inhalt desselben, da er nmlich den
Versuch enthalte, die Irrgefhrte auf die rechte Bahn zurckzuleiten. Er wute
durchaus nicht zu erraten, wohin das alles zielte, hrte es jedoch nun sogleich.
    Wer sollte mein Bote an die Unglckliche sein? sagte die Herzogin. Nur
ein zarter, feiner, kluger Mann war imstande, dieses Geschft zu vollfhren. Der
Arzt ist hier durch seinen Beruf gefesselt; Wilhelmi htte alles durch Laune und
trbes Wesen verdorben. In Ihnen sah ich die Eigenschaften, die den Freunden
fehlten; Sie erkor ich im stillen zu dem Dienste, welcher der wichtigste ist,
der dem Herzoge und mir geleistet werden kann.
    Ich htte Ihnen nun offen mich und die Sache entdecken sollen. Aber nach
Frauenart tat ich das nicht, ich liebte es, mich auf Umwegen dem Ziele zu nahn.
Ich wollte Sie erst recht tief ergrnden, prfen, ausforschen. Ich suchte jede
Gelegenheit, mit Ihnen unter vier Augen zu sein. Wissen Sie, Lieber, da Walter
Scott und das Englische fr Lucie mir eigentlich wenig am Herzen lagen, als ich
Sie zum Korrektor meiner bersetzung und zum Lehrer des jungen Kindes ernannte.
Diese Dinge sollten nur den Faden spinnen, an dem ich Sie zu meinen Zwecken
festhielt. Jeden Tag wollte ich meine Lippen ffnen, und verschob es dann doch
wieder. Ich bin Ihnen gewi oft mit meiner Verlegenheit und Unruhe rtselhaft
erschienen. Als Sie abreisten, empfand ich die grte Not. Nun mute gesprochen
werden; doch ich vernahm, da Sie wiederkehren wrden, und schwieg abermals.
    Wie durch einen bsen Dmon wurde ich darauf in den Feststrudel getrieben.
Ich verga die so ernste Pflicht. Ernchtert, bin ich von meinem Gewissen hart
gescholten worden ber das Vergessen, ber den Leichtsinn, auch ber das
heimliche und knstliche Betragen gegen Sie. Sie erhob sich. Wollen Sie nach
dieser Beichte einer Snderin vergeben? sagte sie, liebenswrdig, wie nie.
Darf ich diesen Brief noch in Ihre Hnde legen? Werden Sie ihn nach der
Residenz tragen, sagen, was er nicht ausspricht, handeln, vermitteln, leise,
schonend, wie ich es an Ihnen kenne? Ich bitte Sie darum, machen Sie es mir
mglich, da ich mich als die treue, die helfende Gattin des Herzogs erweise,
bringen Sie uns seine verleitete Schwester heim.
    Er empfing den Brief, bejahte nicht, verneinte nicht. Was ist das? sagte
er drauen. Nur eine Absicht war alles? Aber das Tagebuch! Das Tagebuch!
    Er nahm abermals die Bltter in die Hand. Zum ersten Male fiel ihm auf, da
das Papier etwas ausgebleicht war, wie von langem Liegen. Hastig blickte er nach
der letzten Seite, wo das geschrieben stand, was er bis dahin immer bersehn
hatte. Es war eine so unleserlich kleine Hand, und so blasse Dinte, da es auch
jetzt am Tageslichte ihm schwer ward, den Inhalt zu entziffern. Doch gelang es
ihm endlich. Wer schildert seine Bestrzung, als er folgende Zeilen in
franzsischer Sprache abgefat, lesen mute:

Ich bin, meine Ulrike in ihrem Zimmer erwartend, ber ihr Tagebuch geraten.
Vergib mir, Geliebte! Alles, was von Deiner Hand ausgeht, bt eine magnetische
Gewalt ber mich; unwiderstehlich zog es mich; ich mute in den Bekenntnissen
Deines unschuldigen Herzens blttern. Mein Nrrchen! Was fr seltsame Sorgen
machst Du Dir ber unser Verhltnis, auf welches der Segen der Eltern und die
Gnade aller Heiligen, mit denen Du so vertraut umgehst, herniedertruft! Also
den lieben Gott habe ich bei Dir so etwas verdrngt? Nun sieh, das knnte einem
bescheidnen Brutigam fast den Kopf verrcken. La es gut sein; er ist gro, und
grer, als wir denken. Er kennt keine Eifersucht. Weit Du den Spruch nicht,
da der Knstler sich am meisten geehrt fhlt, wenn man seiner bei dem Werke
vergit?
    Teuerste, schaffe Dir besseres Schreibzeug an. Diese Dinte ist unglaublich
flssig, und Deine Federchen sind viel zu zart fr meine rauhe Hand. Nun schiebe
ich das Blttchen mit diesem Postskript wieder unter die brigen. Du wirst es
finden, bse werden, ich werde reuig tun, Du wirst gromtig verzeihn, und
zuletzt ...?
                                                                       Hermann.

Nach diesem ward unsrem Freunde alles zum Schrecken klar. Er erinnerte sich aus
dem genealogischen Kalender, was er zwar immer gewut, aber seither nicht
bedacht hatte, da auch der Herzog Hermann hie. Nicht also eine in sich selbst
entzweite Frau, sondern eine junge devote Braut hatte in den geraubten Blttern
ihre Gewissensbedenken niedergeschrieben, an denen er vllig unschuldig war. Die
erhabnen Stanzen waren also auch ohne Not unter Schillers Bste abgefat worden.

                              Achtzehntes Kapitel


Glhend vor Scham und Erbitterung ging er auf und nieder. Es wollte ihn durchaus
nicht trsten, da die Herzogin sich kalt, getreu und fehlerfrei erwies. Also
immer nur Berechnung! rief er schluchzend aus. Und ich das Werkzeug, zum
Dienen, Lasttragen und Briefbestellen gut genug!
    Er war eben dabei, das empfangne Schreiben in einem hflich das Geschft
ablehnenden Billette einzusiegeln, als es an seiner Tre klopfte. Es waren die
Arbeitsleute, welche er bestellt hatte, um den Schrank aus dem Archive zu
schaffen. Zum letzten Male denn getagelhnert! murmelte er ingrimmig. Er ging
mit den Leuten nach dem Gewlbe, und befahl ihnen, hurtig zu sein, er msse
gleich fort.
    Drinnen setzte er sich zwischen den bestubten Urkunden nieder und sagte:
Diese Bogen haben ihnen ein ledernes und papiernes Dasein geschaffen, in
welchem kein Blut zirkuliert. Man mu ihnen vergeben, denn sie sind selbst am
unglcklichsten daran.
    Die Arbeiter hatten unterdessen ihr Werk mit Eifer angegriffen. Ob es die
Wirkung des letzteren war, oder ob das alte Holzgebude wirklich das Ziel seiner
Dauer erreicht hatte; genug, die Worte des Herzogs gingen in Erfllung. Der
Schrank knackte, sobald er gerckt wurde, krachte und fiel in sich zusammen.
Eine Wolke von Staub und Wurmmehl stieg aus den zerfrenen Trmmern. Die
Arbeiter sahen Hermann bestrzt an.
    Ist es doch, als ob ein Feudalthron einstrzt, sagte Hermann. Frisch, ihr
Leute vom dritten Stande, die ihr gar nicht die Absicht hattet, ihn zu
zertrmmern, sondern ihn nur so ein wenig beiseite bringen wolltet, tragt die
Stcke hinaus! Die Arbeiter beluden sich damit und gingen. Einer sagte: Da ist
eine Tre hinter dem Schranke.
    Hermann trat zu der Sttte und scharrte mit dem Fue in dem liegengebliebnen
Staube. Dann fiel sein Blick auf die Tre, welche der alte Schrank verdeckt
hatte. Ohne etwas dabei zu denken, zog er an ihr, sie gab nach, und eine tiefe
gemauerte Nische in der Wand wurde sichtbar. Er sah, da sich Gegenstnde darin
befanden, die er bei dem Dmmerlichte, welches im Archive herrschte, nicht
unterscheiden konnte. Er griff hinein und fhlte an groe, gereiht aufgesetzte
Geldbeutel, so schwer, da er sie kaum zu heben vermochte.
    Erschrocken zog er die Hand zurck. Ihm flog durch den Sinn, was der Herzog
von dem Fehlen des baren Geldes bei dem Tode des Ahnherrn gesagt hatte. Groer
Gott! Wo das gesteckt hat, kann mehr sein! rief er berlaut. Er ging umher, und
suchte sich zu sammeln, seine Brust keuchte vor Erwartung. Er hauchte auf sein
Tuch, und drckte es an die Augen, die doch nicht weinten. Er bat Gott, da ihm
die allerhchste Freude seines Lebens nicht wie ein Schatten vorberschweben
mge.
    Hierauf streckte er den Arm, schaudernd, als sollte er die Hand zur
Feuerprobe auf glhendes Eisen legen, ber die Geldscke hinweg in die Tiefe der
Nische, und zog eine Saffiankapsel hervor, ganz mit Schimmel bedeckt. Er ffnete
sie, ein kostbar eingebundnes Pergament lag darin, an welchem das groe
Reichswappen in goldner Umschlieung, durch schwarze und gelbe Schnre
festgehalten, hing. Sein Entzcken war grenzenlos. Er las, so gut er in dieser
Verfassung lesen konnte, da der Kaiser der Maria Sibylla Freundsberg - nicht
den Adel gebe, - sondern den in ihrer Familie lngst bestandnen, nur in Abnahme
gekommnen, lediglich erneuere.
    Es war die vermite, schmerzlich gesuchte Urkunde, der Adelsbrief der
Ahnfrau, welcher bewies, da das regierende Geschlecht mit gutem Fug hier
waltete, da kein Vetter ein besseres Recht als jenes gehabt, und ein solches
daher auch nun und nimmermehr auf einen Dritten hatte bertragen knnen.
Frsorglich hatte der Grovater das teuerste Besitztum nebst seinem Gelde hieher
vor dem herandringenden Feinde geflchtet, und den groen Schrank als
verbergende Schutzwehr vor die Nische schieben lassen. Stummheit und Tod des
Alten hatten das Geheimnis leider auf dreiig Jahre hin bewahrt.
    Jauchzend flog Hermann aus dem Archiv, dessen Tre weit offengelassen wurde,
und strmte, den Adelsbrief wie eine Fahne schwingend, durch die Gnge nach den
Zimmern der Herzogin. Unangemeldet trat er ein, und hielt ihr, die erschreckt
zurckwich, die Urkunde entgegen. Die Not ist vorber, Sie sind gerettet! rief
er. Der Herzog kam; das laute Reden hatte ihn herbeigezogen. Schweigend reichte
ihm Hermann die Urkunde. Der Herzog berblickte sie, wechselte die Farbe,
drckte das Pergament an seine Brust, brach in Trnen aus, und sagte seiner
Gemahlin mit stammelnden Worten den Zusammenhang der Sache. Ihr Antlitz
verklrte sich, auch sie begann zu weinen. Sie sank zwischen den Mnnern auf die
Knie, faltete die Hnde, und ihre lieblichen trnenleuchtenden Blicke erhoben
sich bald zum Himmel, bald ruhten sie auf ihrem Gemahle, bald auf Hermann.
Dieser stand froh und stolz da, seine Gestalt schien grer geworden zu sein,
ein ses Vergngen strmte durch seine Brust, er kam sich wie ein
wiedergebornes Kind vor. Unbefangen legte er seine Hand auf das Haupt der
Herzogin und sagte: Der Zufall lauert unsern Torheiten auf und erniedrigt uns
in ihnen. Aber dann wird auch gleich wieder dafr gesorgt, da wir nicht
zugrunde gehn, da wir uns selbst finden und fhlen lernen. Ich erfahre es
heute. Nun, nach dieser Wendung bin ich imstande, Ihren Auftrag zu besorgen
meine verehrte Frstin. Ich will versuchen, auch von dieser Seite Ihre
Kmmernisse zu zerstreun.


                                  Fnftes Buch

                                 Die Demagogen

 Mit wenig Witz und viel Behagen
 Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
 Wie junge Katzen mit dem Schwanz!
                                                                  Mephistopheles


                                 Erstes Kapitel

Dem Herausgeber dieser Geschichten ist es zuweilen begegnet, da gute Freunde
oder Bekannte, welche er in geraumer Zeit nicht gesehen hatte, und welche ihn
nachmals mit einem unerwarteten Besuche berraschen wollten, diese berraschung
auf doppelte Weise bewerkstelligten, nmlich auch durch eine verwandelte
Persnlichkeit. Nicht selten geschah es, da der Leichtsinnige ernst, der Muntre
schwerfllig, der Rhrige bequem geworden war. Da wir aber dergleichen ndrungen
uns nicht vorzustellen vermgen, vielmehr die Menschen in unsern Gedanken immer
bleiben, was sie gewesen sind, so geht es bei derartigen pltzlichen Begegnungen
nie ohne ein unangenehmes Gefhl ab.
    Um dem Leser der vorliegenden Denkwrdigkeiten jenes unangenehme Gefhl zu
ersparen, mssen wir jetzt ankndigen, da eine Person, die im Beginne unsrer
Erzhlung flchtig vorberstreifte, nunmehr den Boden derselben in verwandelter
Gestalt wieder betritt. Man wird sich noch des Freundes von Hermann erinnern,
des Philhellenen, welcher ihn ber seine unentschiedne Gesinnung einigermaen
mitnahm, und voll Tatendrang von ihm schied. Dieser junge Mann kam wirklich mit
dem Gelde Hermanns bis nach Mnchen, wo er noch Empfehlungsbriefe mitnehmen
wollte, bereit, sein Blut fr Hellas zu verspritzen. Dort erkundigte er sich
nach dem Mdchen, welche eine Zeitlang Hermanns Herz besessen hatte, um ihr die
ihm vertrauten Liebespfnder einzuhndigen. Sie empfing ihn als Freund ihres
Freundes, und er ging vom ersten Tage an zu allen Stunden im Hause aus und ein.
Denn durch ein Zusammentreffen der Umstnde mute es sich fgen, da er auch mit
ihrem Vater gleich vertraut werden konnte. Dieser, ein wohlhabender Mann, besa
ein groes Brauhaus. Er war, sobald sich dort die Vereinigungen zugunsten der
unglcklichen Griechen zu bilden begannen, einer derselben als eifriges Mitglied
beigetreten. Vielleicht handelte er hierin nicht ganz ohne Eigennutz; man sagt,
er habe in Erwgung gezogen, da so viele an das landbliche Getrnk Gewhnte
nach jenen fernen Gegenden auswanderten, und im stillen beabsichtigt, eine
Niederlage seines Produktes nahe bei Athen anzulegen.
    Zu diesem Manne hielt sich der Philhellene, der jenem durch sein
entschiednes, feuriges Wesen, und die Gabe ausdrucksvoller Rede ungemein gefiel.
Die Gnner, welche dem Wandrer behlflich sein sollten, waren verreiset; der
Mnchner Aufenthalt zog sich in die Lnge. Unerwartet, aber sehr willkommen, tat
sein neuer Freund ihm den Vorschlag, bei ihm Quartier zu empfangen; welches
dankbar angenommen wurde. Sie unterhielten sich nun, sooft es die Geschfte des
Hausherrn erlaubten, von nichts als von ihren Planen fr die Herstellung und
Beglckung des den Trken abzunehmenden Landes.
    Die Zwischenzeiten fllten Gesprche mit Frnzchen aus. Dieses gute, muntre,
hbsche Kind hatte doch im stillen einige Trnen vergossen, als Hermann aus
Scherz Ernst machte, und ihr die Andenken zurcksandte. In solchen Stimmungen
sind die Frauenzimmer bekanntlich am geneigtesten, einer neuen Empfindung Gehr
zu geben. Sie bemerkte daher nicht so bald, da die Blicke des Philhellenen ihr
zu folgen anfingen, als die ihrigen die Geflligkeit bezeigten, sich finden zu
lassen. Den Herzen, die zueinander strebten, folgten binnen kurzem die Hnde und
die Lippen, und mit dem feierlichen Schwure von seiten des Liebhabers, da sie
sein zuknftiges Eigentum am ta als Hausfrau schmcken solle, ward der Bund
geschlossen.
    Nun begannen fr den Philhellenen Tage, die, wie er zu Franzisken sagte, ihm
eine neue Welt ffneten. Er liebte nach seiner Versicherung jetzt die ganze
Menschheit; er schwrmte mit dem Vater und koste mit der Tochter. In dieser
Empfindung habe sich erst seine ganze Manneswrde entwickelt, rief er hundertmal
des Tages aus. Auch wenn der Vater schon zur Ruhe gegangen war, blieb er noch
bei Frnzchen, wo sich denn ihre gegenseitigen Empfindungen nicht selten so
steigerten, da Worte denselben unmglich mehr gengen konnten.
    Aber aus den Freuden dieser Abende entsprang eine natrliche Folge, worber
der Philhellene so erschrak, da er, als Frnzchen sie ihm mit trauriger Miene
zuflsterte, wie vom Donner gerhrt, dastand. Denn er, versenkt in seine groen
Ideen von Menschenwohl und Volksbefreiung, hatte gewi niemals an einen so
alltglichen Ausgang gedacht. Er lief zwei Tage hindurch wie ein Verzweifelnder
umher, dann fiel er dem Brauherrn zu Fen und gestand seine Schuld. Der Alte
wurde braun vor Zorn, und drohte mit einer unanstndigen Bezeichnung, beiden
Arme und Beine entzweizuschlagen. Da aber geschehne Dinge nicht zu ndern sind,
der beltter seine Neigung besa, und der Jammer des Mdchens gar gewaltig zum
Vaterherzen sprach, so konnte er die Vergebung nicht zurckhalten, die er denn
unter der Bedingung erteilte, da wer fr den Balg gesorgt habe, nun auch fr
den Papp sorgen solle.
    Dieses war gerade, wofr die Seele des Philhellenen seit der unglckseligen
Entdeckung brannte. Sein neuer Stand hatte in ihm das Bewutsein neuer Pflichten
erzeugt. In allen braven heldenhaften Studenten, Kandidaten und Privatdozenten
ist es eigentlich nur der Philister, der innerlich juckt, und hinauswill, was
denn auch bald zu geschehn pflegt, whrend an Universitten und Akademien so
arme, kmmerliche bersehne Gesellen umherschleichen, aus denen nachher die
Genies und Lichter der Welt werden. Im Philhellenen hatte die Katastrophe den
Philister mit Macht herausgeschlagen, der bei einem ruhigeren Gange der Dinge
vielleicht lngerer Zeit bedurft htte, um sich zur vollstndigen Blte zu
entfalten. Er empfand sich als angehenden Vater und Gatten, versprte eine wahre
Begeistrung fr den Broterwerb, zerri die Bilder der Pallikaren und die
neugriechischen Volkslieder, welche er bei sich fhrte, und dachte nur daran,
wie er ein mtchen erringen solle, wovon er sich und Frnzchen nhren knne.
    So war er durch die Natur dem Vaterlande und der Brgerlichkeit gewonnen
worden. Sein zuknftiger Schwiegervater kannte den Legationssekretr einer
auswrtigen Macht, welcher gern Bier trank. Dieser empfahl ihn einem
Legationsrate, der Legationsrat dem Gesandten. Vom Gesandten schwang sich die
Kette der Empfehlungen wieder abwrts bis zu einem Polizeichef in einer
bedeutenden norddeutschen Stadt. Wie von da die Kanle weiter geflossen, ist
unbekannt geblieben; das Ende der Sache war aber, da man dem Philhellenen
erlaubte, im Polizeifache, welches immer frische, rstige Leute erfordert, zu
arbeiten. Kaum waren einige Monate vergangen, als man ihn, der einen
unglaublichen Diensteifer an den Tag legte, zum Polizeikommissarius in einem
Ackerstdtchen zwischen Hessen und Westfalen ernannte.
    Er fhrte Frnzchen, sobald er dieser besoldeten Wrde sich erfreute, heim.
Sie genas kurz darauf von ihrer Brde. Nie hatte die Gegend einen ttigeren
Beamten gesehen. Die Kraft, welche sonst weit ber Berge und Strme
hinausgeschweift war, lenkte sich jetzt ganz auf Vertilgung des Diebes- und
Bettelgesindels, von welchem es dort, der schlechten bisherigen Aufsicht wegen,
wimmelte. Vor ihm war kein Gauner sicher, kein Vagabunde konnte mehr in Ruhe
hinter der Hecke seinen Bissen verzehren; er lebte fast mehr in verdchtigen
Husern, als in seinem eigenen.
    Wirklich hatte er sich schon Verdienste um den Bezirk erworben und die
Aufmerksamkeit der Obern sich zugelenkt. Gerade um die Zeit, von welcher wir
jetzt reden, geschah die Entdeckung neuer demagogischer Umtriebe; man war dem
Bunde der Jungen hart auf die Spur gekommen. Zugleich hatte man in Erfahrung
gebracht, da ein Schwarm junger Hochverrter nach dem Landstriche, in welchem
unser verwandelter Schwrmer hantierte, ziehe, um da herum seinen Frevelsabbat
zu halten.
    Der Polizeikommissarius empfing einen geheimen Auftrag von hchster Stelle.
Er war gemessen, ehrenvoll, ber die engen Amtsgrenzen hinausreichend. Welch ein
Sporn fr seinen jetzigen Trieb! Er wurde etwas tiefsinnig, man sah ihn viel
durch Feld und Wald schweifen, seiner Gattin antwortete er kaum noch auf ihre
Anreden. Er brachte in grter Heimlichkeit Gefngnisse, Arm- und Beinschellen
in Ordnung. Den Gendarmen und niedern Agenten gab er Befehle und Winke, welche
diese nicht immer verstanden. Er a nichts und trank wenig. Seine Nchte waren
unruhig. Er flehte Gott an, da er ihm die Demagogen in das Netz fhren mge.

                                Zweites Kapitel


Indessen nherte sich Hermann, auf seinem geschenkten Rlein kleine Tagereisen
mit Behaglichkeit machend, dem mittleren Deutschland. Die letzte glckliche
Entdeckung hatte ihn unglaublich erfreut; er wollte nun so recht in Stille und
Mue sich und die Welt genieen. Er liebte es, in abgelegnen Hfen und Weilern
einzukehren, die Stdte vermied er, wo er konnte. Zwei Pistolenhulfter, welche
am Sattel befestigt waren, hatte er bald ihres kriegerischen Inhaltes entledigt,
und sie dafr mit einer Korbflasche, sowie mit kalter Kche gefllt. Mittags
hielt er gewhnlich im Freien, unter einem schattenden Baume, hinter einem
Felsen, oder in altem Gemuer seine Rast. Dann verspeiste er den mitgenommnen
Tagesproviant und lie sein Pferd, welches ein auerordentlich gutes und sichres
Tier war, frei umhergrasen. Er hatte die Grille, wenn man es so nennen will,
gefat, bis zu der groen Stadt, wohin ihn seine neuste Bestimmung wies,
womglich nur sich und der Natur zu leben. In die Erinnerungen eines jungen und
doch mannigfaltigen Lebens vertieft, war seine Seele frei von Furcht und Wunsch,
und nur die Hoffnung schwebte mit jungfrulichen Zgen von weitem ihm voran.
    Ganz heiter war er, wenn er auch des Abends bei einem wohlhabenden
Hofschulzen freies Quartier fand. Freilich pflegte er am andern Morgen durch
reichliche Geschenke an Kinder oder Mgde immer dafr zu sorgen, da die Zeche
gehrig bezahlt wurde. Mitunter baten sich auch wohl die Wirte ein Andenken aus,
so da er fand, eine solche Reise auf Gastfreundschaft koste heutzutage fast
mehr, als wenn man sich unterwegs lediglich an die zahlungbegehrenden Hotels
halte.
    Einige Male hatten ihn Gendarmen, die ihn an abgelegnen Orten gelagert
fanden, scharf befragt; da aber seine Papiere in Richtigkeit waren, so lie man
ihn jederzeit frei durch.
    Eines Tages gesellte sich ein Fuwandrer zu ihm. Der Mann trug einen Rock,
wie ihn Jahn vorschreibt, hinten zu, vorn offen, ging im bloen Halse, mit
langen herabwallenden blonden Locken; aus dem offnen, treuherzigen Gesichte
strahlten die schnsten blauen Augen. Anfangs war das Gesprch zwischen ihnen
ziemlich unbedeutend, als aber Hermann bei dem Anblicke eines Zollpfahles sich
in freien Scherzen erging, nahm es einen ernsthafteren Charakter an. Bald wurden
die Verhltnisse besprochen, an welche die Unzufriedenheit in unsrem Vaterlande
gleich einer Schmarotzerpflanze sich festgesogen hat. Hermann, der noch nicht
gelernt hatte, sich zurckzuhalten, gab seine Meinungen zu vernehmen, und man
tauschte gegeneinander die gefhrlichsten Dinge aus.
    Pltzlich sah Hermann, da der Fremde sich reckte, in die Ferne schaute, und
zusammenfuhr. Er bemerkte, da ein Mensch ihnen entgegenkam, dessen Rock und
Kragen den Polizeidiener verriet.
    Ich bin ein Landschaftszeichner! rief der Fremde eilfertig und ngstlich,
ich will doch von jenem Hgel die Gegend aufnehmen. Mit diesen Worten sprang
er in ein hohes, wallendes Kornfeld, und arbeitete sich mit reiender
Schnelligkeit quer durch nach einer buschigen Anhhe, hinter welcher er
verschwand.
    Hermann hielt betroffen sein Pferd an. Der Polizeidiener kam herzu und
fragte: Wer war der Mensch, der ins Korn sprang?
    Hermann versetzte: Er sagte, er sei ein Landschaftszeichner, und wolle die
Gegend aufnehmen. - Der Teufel mag er sein, aber kein Landschaftszeichner; ich
glaube, da ich den Kerl kenne, murrte jener, und setzte, achtsam nach allen
Seiten umherschauend, seinen Weg fort.
    Hermann ritt weiter und gelangte nach einem Stndchen an einen Erdrand, von
welchem der Boden senkrecht in eine betrchtliche Tiefe abwich. Es war ihm, als
hre er aus der Vertiefung pfeifen.
    Er bog sich ber, und nahm den Kopf seines Begleiters zwischen Gestrpp und
hohem Ginster wahr. Dieser winkte ihm und Hermann folgte dem Zeichen. Nicht ohne
Mhe kam er mit seinem Pferde den Abhang hinunter, wobei der Fremde ihm
behlflich war.
    Sie werden sich ber mein Benehmen verwundert haben, sagte dieser.
    Allerdings, versetzte Hermann. Ich habe nie die Neigung zu den schnen
Knsten so sprungartig hervortreten sehn.
    Ich sagte die Unwahrheit! rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer.
Vergeben Sie mir, fgte er hinzu, indem er Hermann sanft die Hand drckte.
Sie sind ein edler Mensch, ich will mich Ihnen frei entdecken. Aber vor allen
Dingen: wo speisen wir? Ich verschmachte fast vor Hunger und Durst und darf mich
heute wenigstens in keine menschliche Wohnung wagen.
    Hermann sagte hierauf, da, wenn er mit Wegekost vorlieb nehmen wolle, der
Not abzuhelfen sei. Er holte Getrnk und Speise aus den Pistolenhulftern, und
legte die Flasche zur Abkhlung in eine Quelle, die an dem Orte hervorsprudelte.
Sie setzten sich beide am Fue einer hohen Erdwand nieder und verzehrten ihr
gemeinsames Mahl, wobei der Fremde sich sehr bescheiden verhielt, denn nur auf
Hermanns dringendes Ntigen war er zu bewegen, mit diesem gradedurch zu teilen.
Das Pferd graste lustig zwischen den Gestruchen.
    Nachdem der Fremde sich gesttigt, und den Mund suberlich abgewischt hatte,
fing er pltzlich an, zu weinen, umschlang Hermanns Nacken und rief: O Freund,
Sie sehen in mir eines der Schlachtopfer des Despotismus! Was habe ich dir
getan, mein Vaterland, da du mich also verfolgst? Warum drfen die Fe deines
wrmsten Freundes den heiligen Boden nicht unverzagt betreten? Die Schelme
sitzen an der Tafel und prassen, und die Kinder des Hauses irren in der Wste
umher.
    Fassen Sie sich, sagte Hermann, betroffen ber diesen unerwarteten
Auftritt, und entdecken Sie mir, wer Sie sind.
    Ich bin ein politischer Flchtling, versetzte der Fremde. Geqult,
gehetzt von den Schergen der neununddreiig Tyrannen wei ich oft nicht, wohin
ich mein Haupt legen, wo ich den Bissen fr meinen Mund gewinnen soll. Jetzt ist
mir sterreich vor allen auf der Spur, denn unter seinen Fusten litt ich
zuletzt. Und was habe ich getan? Ich liebte Deutschland. Was ist meine Schuld?
Ich wollte die Enkel Hermanns, vor denen Roms Legionen zitterten, aus ihrer
unseligen Zerissenheit, aus dem jammervollen Schlafe der Schmach, in den sie
versunken sind, emporrtteln helfen. Das Mark unsrer Brder wird von seidnen
Knechten ausgesogen, wer, der ein Herz hat, kann es mit ansehn, ohne sich zu
rhren?
    Hermann antwortete, nicht ohne Mitleid: Obgleich ich ungeachtet meiner
vorigen Scherze die auflsenden Gesinnungen nicht teile, welche diesen Reden zum
Grunde liegen, so wei ich doch die Stimmung sehr wohl zu wrdigen, aus welcher
sie entstehen muten. Kann es Sie erleichtern, so erzhlen Sie mir Ihre
Geschichte, und seien Sie versichert, da ich nichts dagegen habe, wenn Sie das
Meinige, wie das Ihrige betrachten.
    Ist es so? rief der Fremde mit einem feurigen Blicke. Wohl mir, ich habe
wieder einen Edeln gefunden! Nein, Teuts Volk kann nicht untergehn, in dem so
viel Milde und Kraft sich paart. Sind wir nicht die einzigen, die in ihren
uralten Sitzen unvermischt blieben? O, wenn ich daran denke, so wird mir gro
zumute!
    Da Hermann nach der Erzhlung verlangte, so willfahrte ihm der Fremde, und
berichtete ihm seine Schicksale, die aber fast nur in Wanderungen durch die
Kerker verschiedner Lnder bestanden. Er streifte seinen Arm auf, und zeigte die
Spuren der Fesselwunden, dann erhob er das Antlitz gen Himmel, und rief mit
glnzendem Gesichte: Ja, mein Ideal! An meinem Ideale will ich halten, ob auch
die Welt zerbricht. So willst du treulos von mir scheiden? Wer steht mir
trstend noch zur Seite? Du meines Lebens goldne Zeit! Beschftigung, die nie
ermattet! Mit deinen holden Phantasien!
    Er schien von seinen Gefhlen und Erinnerungen ganz auer Fassung gesetzt
worden zu sein, beugte sich auf Hermanns Hand, und schluchzte heftig. Dieser
suchte den Weinenden mit den freundlichsten Reden zu beruhigen. Trsten Sie
sich, sagte er, es wird noch alles gut, diese Verwicklungen der Gegenwart
knnen nicht immer dauern, wer wei, wie bald Sie Ihrer jetzigen Not entkommen.
- Das hoffe ich auch, versetzte der andre, noch immer weinend: Was ist des
Deutschen Vaterland? Ist's Steierland, ist's Bayerland? Ist's, wo des Marsen
Rind sich streckt? Ist's, wo der Mrker Eisen reckt? O nein, nein, nein, mein
Vaterland mu grer sein. Htten Sie wohl die Gte, mich auf Ihrem Pferde etwas
reiten zu lassen?
    Warum das, Lieber? fragte Hermann.
    Nichts stellt die Seele so sehr zum Gleichgewichte her, als die schttelnde
Bewegung des Rosses, versetzte der unglckliche Mann. Da wird der Mensch
wieder in sich selbst einig, und alle Sorgen bleiben unter seinen Fen. Von den
entsetzlichsten Bedrngnissen hat mich oft ein rasches Tier befreit.
    Hermann gab ihm gern die Erlaubnis, sich auf diese Weise zu erholen, jener
bestieg sein Pferd und ritt davon. Hermann sagte, als er allein war, die Worte
des Sallust her, welche die Catilinarische Verschwrung beginnen. Ja, rief er,
glte die Geisteskraft der Knige und Helden so viel im Frieden, als im Kriege,
so wrden die menschlichen Angelegenheiten einen gerechteren und festeren
Bestand haben, es triebe nicht alles nach verschiednen Richtungen, man wrde
nicht so viel Wandlung und Mischung sehn. Denn leicht wird das Reich durch die
Mittel bewahrt, durch welche es erobert ward. - Das aber ist eben der Fluch
ungewhnlicher Zeiten, da sie, wie ein grender Stoff, das Bessere, Flchtige
entstellt und widerlich umtreiben, whrend die tote Masse, als Bodensatz bald
ihren unverrckten Stand erhlt. Dann heit das, was doch eigentlich zum Leben
sich entbinden will, das Nichtige, und jene trgen Hefen zaudern nicht, sich den
Ruhm des Ntzlichen und Bleibenden beizulegen. Wer wird mit diesen Abenteurern,
die jetzt zu Hunderten das Land durchstreifen, irgend gemeinschaftliche Sache
machen, ja nur in ihren Trumereien einen haltbaren Zusammenhang antreffen? Und
gleichwohl, wer, der Dinge und Menschen mit menschlichem Blicke betrachtet, mag
es sich verbergen, da aus ihren Hirngespinsten doch ein viel zarteres Gefhl,
ein hherer Schwung und ein entschiednerer Charakter hervorsieht, als aus der
Pflichtmigkeit der Leute, welche jetzt, nachdem die Tage der Gefahr vorber
sind, als die treusten und beehrtesten Shne des Vaterlandes umhergehn? Wahrlich
nicht durch diese ist es errettet worden, wahrlich nicht durch solche wird es je
errettet werden. Gar leicht ist es gegenwrtig, ein guter Patriot zu heien,
denn es kommt fast nur darauf an, in allerhand zeitgeflligen Bestrebungen sein
Licht nicht unter den Scheffel zu setzen, bei Gelegenheit tapfer zu schmausen
und eine schwlstige Rede zu halten. Aber wenn das Verderben wieder hereinbricht
von Osten oder Westen, dann werden wohl die Schmauser und Geburtstagsredner
verschwunden sein, dann wird man sich wieder nach den verfolgten Vagabunden
umsehn, welche dann auf eine Zeitlang zu Ehren kommen und spterhin abermals an
ihren blutigen Sohlen erfahren werden, wie hart der Boden der Heimat ist. O
seltsamer und trauriger Widerspruch der irdischen Dinge! Immer nur bringen hoher
Mut und khne Gesinnung die Sachen zum glcklichen Ausgange, von welchem der
Held gleichwohl selten etwas zu genieen bekommt, sondern, wenn das Mahl
bereitet ist, setzt sich der Philister zu Tische, und lt sich die Gerichte
wohlschmecken.
    Nach diesen und andern Reden sa er eine geraume Zeit schweigend, und harrte
auf den politischen Flchtling. Da derselbe nicht sichtbar werden wollte, so
stieg er aus der Vertiefung auf die Hhe des Erdrandes, erblickte aber weder den
Mann noch das Pferd. Betroffen horchte er, ob sich nicht Hufschlag vernehmen
lasse, aber vergebens. Er rief und pfiff, aber nur Echo gab ihm Antwort. Ein
Argwohn stieg in ihm auf, den er jedoch, als des edeln Gechteten unwrdig,
sogleich aus seiner Seele verbannte. Gleichwohl blieb dieser Sohn des
Vaterlandes unsichtbar, obschon Hermann nach ihm in verschiednen Richtungen die
Gegend umher durchsuchte.

                                Drittes Kapitel


Dieses Wandern und Suchen dauerte bis gegen Abend. Nun lie er davon ab, noch
immer bemht, sich eine unbestreitbare Wahrheit zu verbergen. Er lenkte in die
Heerstrae ein, um nach einem bewohnten Orte zu gelangen. Unmutig ging er auf
derselben einher. Nicht lange, so hrte er Menschentritt hinter sich. Er wandte
sich um und erblickte den Polizeidiener wieder. Nachdem er dem Manne vorsichtig
das Ereignis vertraut hatte, schlug dieser ein helles Gelchter auf, und rief:
Also sind Sie doch von dem Strolche angefhrt worden? Nun, trsten Sie sich, es
begegnet Ihnen nicht allein. Der Vogel ist uns und der ganzen Welt zu schlau.
Wenn wir denken, wir haben ihn im Netz, so sitzt er ganz vergngt auf dem Baume
und lacht uns aus. Was fr Mhe hat sich der Herr Polizeikommissarius um ihn
gegeben!
    Wer ist er denn eigentlich? fragte Hermann.
    Ein Jude aus Hameln, sagte der Polizeidiener. Wir heien ihn nur den
Rattenfnger, weil er zuerst mit Musebutter handeln ging, was er aber nun
aufgegeben hat.
    Wie kann er ein Jude sein, da er lange blonde Haare hat? fragte Hermann.
    Falsch, falsch! rief der Polizeidiener. Der Kerl fhrt alle mglichen
Percken im Sack: Struppkopf, Bonvivant, Pastor, Zopf, Strohdach. Aus dem Rocke
macht er auch, was er will, Frack, Mantel, Uniform, es ist unglaublich, was fr
Streiche er ausfhrt.
    Sie setzten ihren Weg zusammen fort und der Polizeidiener erzhlte Hermann
von den Listen, womit der Rattenfnger die Leute betrogen habe. Unser Freund
mute sich zu seiner Beschmung gestehn, da jener bei den meisten andern mehr
Klugheit ntig gehabt hatte, um zum Ziele zu gelangen, als bei ihm.
    Migestimmt trat er in das Wirtshaus ein, welches vor den Toren der nchsten
Stadt angenehm zwischen Grten lag. Sie hatten es mit dem letzten Strahle des
Tages erreicht. Es bekmmerte ihn in seiner jetzigen Gemtsverfassung wenig, da
der Wirt ihn fast ebenso zweifelnd betrachtete, wie jener, welcher im Eingange
dieser Denkwrdigkeiten auftrat. In der Tat pflegt ein Fugnger mit Sporen an
den Stiefeln immer ein Gegenstand scherzhafter Verwundrung zu sein. Mrrisch
forderte er eine Stube, und lie sich den Abgang der nchsten Schnellpost nach
Osten anzeigen. Denn er hatte beschlossen, nunmehr auf die gewhnlichste Weise
seine weitere Reise zu veranstalten. Kaum hrte er auf den Polizeidiener hin,
welcher sich hoch und teuer verma, ihm das gestohlne Pferd wieder zu
verschaffen, es koste, was es wolle.
    Indessen trieb ihn der rger, der in der Einsamkeit immer nagender wurde,
bald wieder in das abendliche Wirtszimmer. Dasselbe war von einem Dampfe
erfllt, welcher beinahe die Lichter auslschte. Um den Tisch saen sechzehn
junge Leute, Bier trinkend und Tabak rauchend.
    Hermann erkannte bald an den polnischen Rcken, bloen Hlsen, an den
Sammetbaretten und bunten Pfeifentroddeln die Studenten. Er verwunderte sich
ber den tiefen Ernst, womit diese Jnglinge ihr stummes Geschft verrichteten.
Niemand von ihnen sprach ein Wort, nur jezuweilen schlug einer oder der andre
den Wirt zutraulich-derb auf die Schulter und sagte: Bier! Ihr Prses, der am
obern Ende des Tisches sa, ein starker, vierschrtiger Mensch, rief aber bei
solchen Gelegenheiten: Mehr Cerevis, eherner Roche! Der wohlbeleibte glnzende
Wirt bediente sie mit gelenkiger Schnelligkeit, warf ihnen allerhand Scherzreden
ins Gesicht, ohne jedoch irgendeinen aus seiner Haltung zu bringen. In der Ecke
des Zimmers strickte ein Frauenzimmer, sah den Prses mit wehmtigen Blicken an,
und stie schwere Seufzer aus.
    Hermann erwartete von Minute zu Minute den Beginn eines Kommersliedes, aber
die ganze Studentengesellschaft blieb so stumm und ernst, wie sie bei seinem
Eintritte gewesen war. Er wandte sich endlich mit der hflichen Frage an den
Prses, ob die Herrn auf einer Ferienwandrung begriffen seien?
    Der Prses erhob sich, warf ihm einen wilden Blick zu, und versetzte dann in
rauhem Tone: Der deutsche Mann hat keine Ferien. Es ist jetzt nicht an der
Zeit, zu lottern, sondern zu wirken. Ich bin aus Mecklenburg und heie
Brggemann.
    Diese Antwort finde ich etwas sonderbar, sagte Hermann.
    Sonderbar? Tusch! riefen alle einhellig, und der Mecklenburger raunte
seinem Nachbar etwas ins Ohr. Das Frauenzimmer stand auf, nahm ein Licht, gab
Hermann mit ngstlicher Miene einen Wink und ging hinaus. Er folgte ihr.
    In einem abgelegnen Zimmer erwartete sie ihn. Zu seinem hchsten Erstaunen
warf sie sich ihm hier zu Fen, und rief: Sie sind ein edler Mann, ich lese
Menschlichkeit in Ihren Blicken. Retten Sie die Armen, ich beschwre Sie darum.
Ich liebe den Mecklenburger und kann sein Verderben nicht sehn.
    Lassen Sie mich zuvrderst wissen, wovon hier die Rede ist, sagte Hermann.
    Es sind Demagogen, versetzte das Frauenzimmer. Der Herr wei, worin die
Anziehungskraft unsres Gasthofes fr diese Jnglinge liegt. Das ist nun schon
der vierte Bundestag, welcher bei uns abgehalten wird, und immer sind bald
darauf die Unglcklichen hier oder in der Nhe festgenommen worden, und werden
doch nicht scheu, sich in den Rachen der Klapperschlange zu strzen. Endlich
habe ich das furchtbare Geheimnis entdeckt. Mein Vater, der Entsetzliche,
schenkt ihnen das Bier ein, und verrt sie der Polizei.
    Wenn die Sachen so stehn, so sollten Sie Ihren Geliebten warnen,
antwortete Hermann.
    Wer sind Sie, da Sie mir dieses raten? rief das Frauenzimmer pathetisch.
Kennen Sie Ziegenhainer, mein Herr? Die Wtenden wrden den Greis mit Schlgen
bedecken. Nein, eine Tochter, welche den eignen Vater seinen Feinden zu
berantworten imstande ist, verdient diesen Namen nicht, den heiligsten in der
ganzen weiten Natur. Ich heie Thusnelde, und bin ein deutsches Mdchen.
    Eine Nrrin bist du, und heiest Sophie Christine, sagte der Wirt, der
lachend in die Stube trat. Marsch fort! Was steckst du hier mit dem fremden
Herrn zusammen?
    Die Bcher haben ihr den Kopf verdreht, sagte er zu Hermann. Dieser
versetzte: Sie sprach von Ihnen und von den jungen Leuten, und ich wollte
wnschen, es wre nicht wahr, was sie mir entdeckt hat.
    Der liebe Gott segnet mein Haus mit Demagogen, wie er andre Huser mit
Kindern oder Schtzen segnet, sagte der Gastwirt behaglich. Es gibt gar kein
dmmeres Vieh, als Studenten. Sie wissen, da ihre Kamaraden immer hier
aufgehoben worden sind, und doch rennt es noch bestndig hieher. Es geht mit des
Himmels Segen zu. Ich bekomme gute Extraprsente, und das Allgemeine
Ehrenzeichen kann mir in ein vier, fnf Jahren durchaus nicht entgehn.
    Wie mgen Sie ein so hinterlistiges Verfahren nur entschuldigen? rief
Hermann zornig.
    Hinterlistig? sagte der Wirt, ohne sich aus seiner Laune bringen zu
lassen. Es ist noch keinem der Kopf abgerissen worden. Sie werden in bequeme
Postchaisen gepackt, kommen auf ein Jhrchen in Prison, haben dort Zeit zu
studieren, schlagen in sich, dann erfolgt eine schwere Sentenz, dann die
Begnadigung, dann die Befrdrung, weit schneller, als bei andern Landeskindern,
denn im Himmel und in * ist mehr Freude ber einen Snder, der bereut, als ber
hundert Gerechte, die nie fielen.
    Das Unglck von Menschen zu bespotten, verrt ein gefhlloses Herz! rief
Hermann.
    Ein jeder denkt auf seinen Profit, erwiderte der Wirt. Die Schnellposten
haben den armen Wirten fast alles Brot entzogen. Wenn ich keine Demagogen
anzugeben htte, mte ich wohl betteln gehn. Morgen ist also hier der vierte
Bundestag und bermorgen frh, denk' ich, hangen sechzehn Drosseln in den
Dohnen. Wollen aber Sie das verhindern, mein Herr, so nehmen Sie sich vor dem
Polizeikommissarius in acht, denn ich denunziere Sie dann als den Mitschuldigen
des Hochverrats, und da Sie kein Student mehr sind, so mchte man vielleicht mit
Ihnen schrfer verfahren.
    Hermann war nicht einen Augenblick unschlssig, was er tun sollte. Das
Schicksal, welches diesen armen jungen Leuten bevorstand, erschien ihm fast noch
gelinder, als die rasende Verblendung, wodurch sie sich dasselbe zuzogen. Er,
selbst eingeweiht in diese Verirrungen, konnte jetzt kaum begreifen, wie es
mglich gewesen sei, so frevelhaften Unsinn zu treiben. Er beschlo, die jungen
Toren ihrem Geschicke zu entziehn, indem er sie von ihrer Verblendung heilte. Da
man aber, um sich den Wlfen berhaupt zu nhern, mit ihnen heulen mu, so
schien ihm ein besonders geschicktes Benehmen hier durchaus notwendig zu sein.
    Er fand den Mecklenburger auf einem Vorplatze des Hauses, seine Pfeife
ausklopfend. Hermann legte die drei ersten Finger der rechten Hand an den
Pfeiler und fragte: Wohin gehst du?
    Betroffen sah ihn der Mecklenburger an, legte aber die letzten Finger seiner
Rechten an den Pfeiler und versetzte: Nach Leipzig. Sage mir die neun
Grundartikel.
    Hermann trug hierauf, ohne zu stocken, die begehrten Stze vor. Der
Mecklenburger drckte nach diesen unzweifelhaften Zeichen ihm krftig die Hand,
und rief: Die Begegnung htte ich nicht vermutet. Ich wollte dich fordern
lassen, denn sonderbar ist unter allen Umstnden Tusch; nun aber wird natrlich
daran nicht mehr gedacht, auch htte ich gleich erwgen sollen, da du Philister
bist, mithin von dir nichts zieht. Bringst du uns Nachricht vom Mnnerbunde?
    Allerdings, versetzte Hermann doppelsinnig. Es gibt einen Bund der
Mnner, dem Unrecht zu wehren, Schaden zu verhten, den Frieden zu schtzen.
    Recht so, versetzte der Mecklenburger, so meinen wir es auch. Die Zeit
ist gro, wir mssen Groes leisten, um vor ihr gro zu bestehn. Eingreifen
mssen wir in ihre Rder, mit dem Strome schwimmen, und die Dmme und Klippen
zerbrechen, welche die Hlle ihnen in den Weg trmt. Jetzt sind wir daran, das
Volk aufzuklren. Frisch, frei, fromm, frhlich, das ist immer die Hauptsache.
Auf einen Kopf oder ein paar krummgeschlone Knochen kommt es dabei nicht an;
mehr als totmachen knnen sie uns nicht.
    Wie weit seid ihr denn gediehen? fragte Hermann.
    Das Reich ist eingeteilt, es geht wieder in die zehn Kreise nach Homanns
Karte, erwiderte der Demagoge. Das war das sicherste. Die Festungen sind
unser, der lmller hat einen geheimen Gang neben seinem Teiche, und der Major
wird Grofeldherr. Ich nehme Mecklenburg hin, ausgenommen Gstrow, was Schneppe
aus Greifswald nicht fahren lassen wollte. Berlin wird niedergerissen und Jahn
baut die neue Hauptstadt an der Elbe. Er wird auch Obermeister der Zucht, aber
das Turnen bleibt vorderhand abgestellt, denn wir wollen nichts bertreiben. In
der Bundeskasse haben wir an dreiundsechzig Taler; es kann alle Tage losgehn.
    Was fhrt euch aber eigentlich hier zusammen? fragte Hermann.
    Die letzte Frage, welche noch zu entscheiden ist, erwiderte der Demagoge.
Morgen wird bestimmt, was aus den Frsten werden soll, ob wir sie alle
erstechen mssen, oder ob man wenigstens in betreff einiger Gnade vor Recht
ergehn lassen kann. In der Buschmhle tagen wir, fehle ja nicht in der
Versammlung.
    Dieses sinnreiche Gesprch wrde noch lnger fortgedauert haben, wenn nicht
im Hofe ein pltzlicher Lrmen entstanden wre. Eine Menge Menschen mit Laternen
und Windlichtern drang herein, in deren Mitte Hermann bei dem Nherkommen des
Zuges den Polizeidiener, den Rattenfnger und sein Pferd wahrnahm. Der
Rattenfnger fhrte das Pferd, der Polizeidiener den Rattenfnger. Er hielt ihn
am Ohrlppchen gefat, und rief unaufhrlich: Haben wir dich endlich, du
saubrer Kavallerist? Haben wir dich? Wunderbar war es anzusehn, wie der Mensch
nun als schwarzlockiger Pudelkopf erschien, und den abgelegten blonden Schopf
wehmtig in der Hand hielt.
    Hermann wrdigte diesen politischen Flchtling keines Blickes und empfing
sein Pferd, welches von Schwei triefte. Der Polizeidiener erzhlte ihm, wie er
des Vagabunden habhaft geworden sei, und gab ihm den Rat, sobald als mglich
fortzureiten, und sich den Schaden zur Lehre dienen zu lassen.

                                Viertes Kapitel


Am folgenden Morgen wanderte Hermann nach der Buschmhle, mit sich einig ber
den Plan, nach welchem er die verirrten Jnglinge in das rechte Geleis
zurckfhren wollte. Wie doch das Unangenehme meistens die besten Ausgnge
hervorbringt! sagte er zu sich selbst. Ohne den gestrigen Vorfall wrde ich
meines Weges weitergezogen sein, und die Gelegenheit verabsumt haben, etwas
Gutes und Heilsames auszurichten.
    Als er am Orte der Zusammenkunft eintraf, fand er die Studenten schon auf
einer Dachkammer versammelt. Fahl schien das Licht durch berucherte
Fensterscheiben und gab den ohnehin mit frhen Runzeln gezeichneten blassen
Gesichtern dieser jungen Leute ein noch trbseligeres Ansehen. Sie saen und
standen umher, die Pfeife war, wie sich von selbst versteht, auch hier in voller
Ttigkeit und der Qualm in dem engen Raume beinahe unertrglich. Der
Mecklenburger kam auf Hermann zu, fate ihn bei der Hand und stellte ihn mit den
Worten: Da seht ihr endlich einen vom Mnnerbunde, den andern vor.
    Alle drngten sich um ihn und wollten vom Mnnerbunde wissen. Hermann
versetzte: Ich werde euch noch genug nachher zu sagen haben, jetzt tut ihr erst
das Eurige.
    Die Studenten zogen Dolche aus ihren Rcken, zckten sie, und riefen mit
dumpfer Stimme: Den Verrter treffe der Tod! Darauf warfen sie dieselben
zusammen auf einen Haufen.
    Der Mecklenburger setzte sich an einen kleinen wacklichten Tisch, in der
Mitte der Kammer; ein andrer, der den Sekretr vorstellte, ihm gegenber. Dieser
zog ein Heft beschmutzter unordentlicher Papiere, welche Akten bedeuten sollten,
hervor, und schlug seinen Kollegienstecher in die Tischplatte. Die brigen saen
oder lagerten sich umher. Hermann nahm zu seiner Sicherheit einen Platz an der
Tre.
    Der Sekretr erhob die Stimme und fragte: Welche Kreise Deutschlands sind
hier auf diesem vierten Tage des Bundes der Jungen versammelt?
    Obersachsen! antwortete einer mit unzweideutiger scharfer Kopfstimme;
Franken! riefen vier. Schwaben ward durch fnf. Niedersachsen und Westfalen
jedes durch zwei vertreten, fr Burgund meldeten sich drei schwarzhaarige
einigermaen heimtckisch aussehende Belgier. Bayern, Oberrhein, Niederrhein,
sterreich fehlten.
    Der Sekretr stand auf und sagte: Bruder Prses, sechs Kreise Deutschlands
sind versammelt.
    Der Mecklenburger entblte sein Haupt und sprach: Ich erklre hiemit den
Tag fr beschickt und erffnet. Geliebte Brder des Bundes fr Freiheit und
Recht, Vernunft und Wahrheit! Frisch, frei, fromm, frhlich, das ist immer die
Hauptsache. Schwer Werk liegt auf teutscher Jugend, wir sollen die alte, dumm
und faul gewordne Zeit wieder einrenken, die Flicker und Stcker vertreiben, den
Stall lften, das Molch-und Otterngezchte aus seinen Hhlen schwefeln, da
alles teutsch werde, christlich und gut. Es ruht, wie gesagt, auf der Jugend,
die Alten sind nichts nutze.
    Davon habe ich eben ein Beispiel gehabt, sagte einer aus Franken. Ich
stehe mit meinem Alten in Rechnung, so viel fr Hauspump, so viel fr Bcher,
Wsche und so weiter. Nun hatte ich ihm sechzig Gulden fr Kollegia angesetzt.
Denkt euch, verlangt das Kamel, ich soll nachweisen, da ich sie gehrt habe.
    Bruder, unterbrich mich nicht! rief der Mecklenburger. La deine eignen
Angelegenheiten hinweg, wo es die groe Sache des Vaterlandes gilt. Brder!
Lange Reden zu halten ist nicht meine Sache, ich bin aus Mecklenburg und heie
Brggemann. Zuschlagen mu man, das ist das krzeste, und jeder versteht, wie er
dieses zu nehmen hat. Lange genug hat das Wort die Welt verfitzt, gesunde
Knochen und tchtige Fuste sollen ihr wieder zum Besinnen verhelfen. Also
Bruder Schreiber und Schriftwart, lies kurz und gut die Frage des Tages ab. Dann
stimmt, und hernach streife jeder den Arm auf, grte seine Lenden, und tue, was
der Beschlu ihm auflegt!
    Der Sekretr las aus den sogenannten Akten: Der dritte Bundestag hat die
Knigs- und Frstenfrage zur Entscheidung des vierten gestellt. Die heute
versammelten Kreise und Stnde des Reichs, welches da kommen soll, haben
folglich darber abzustimmen: Sollen die Knige und Frsten alle ohne Ausnahme
niedergemacht werden, oder kann man in betreff einiger und welcher? mildere
Entschlieung eintreten lassen?
    La mort sans phrase! riefen die Belgier hastig.
    Burgundier, versetzte der Prses, es steht noch nicht einmal fest, ob wir
euch zum Reiche nehmen, oder euch nicht lieber den Pariser Wlfen berlassen.
Wollt ihr aber mit uns tagen, so redet die Sprache Teuts, und nicht die der
Welschen und Franschen.
    Ich lasse meinen Knig nicht umbringen; sagte der aus Obersachsen. Ich
habe eine Freistelle auf der Frstenschule gehabt, er heit Friedrich August der
Gerechte; was kann er dafr, da er ein Knig ist.
    Alle ohne Ausnahme abgemuckt! riefen die Franken. Niedersachsen stand zu
Obersachsen; die Debatte wurde strmisch. Einige Schwaben und einige Westfalen
suchten vergeblich einander deutlich zu werden. Ein Kreis verstand den andern
nicht.
    Der Prses klopfte auf den Tisch, und redete, nachdem alles still geworden
war, so: Zankt euch nicht! Durch Span und Zwist sind die Reiche verfallen, das
hat Rom und Griechenland gestrzt, soll auch unsre Strke dadurch schwach
werden? Ich meinesteils bin fr Migung. Furchtbar ist ein Volk, welches sich
im Glcke zu fassen wei. Wir haben die Oberhand, lat sie uns nicht
mibrauchen. Ich schlage eine Sondrung vor. Die bis zur Leipziger Schlacht
teutscher Sache noch nicht beigetreten waren, sollen sterben, und denen, die vor
diesem Zeitpunkte ihre Pflicht erfllt haben, geben wir Pension, oder Leibzucht,
vaterlndischer zu reden. Auf diese Weise sind wir zugleich gerecht und milde.
    ber diesen Vorschlag entstand ein hitziger Streit, bei welchem die uerste
Rechte und die uerste Linke einander beinahe zu Kragen geraten wren. Endlich
siegte die gemigte Mitte, die Mehrheit nahm den Vorschlag an, und der
Mecklenburger entwarf sogleich die Pensionsstze, wobei der fr den grten
Frsten von Norddeutschland mit besondrer Rcksicht auf dessen Verdienste und
Schicksale bis zu achthundert Talern jhrlich anstieg, obgleich die gewhnliche
Pension eines Knigs nicht mehr als fnfhundert betragen sollte.
    Whrend man noch mit der Festsetzung dieser Angelegenheit beschftigt war,
sagte ein Franke: Ihr habt einen Hauptpunkt vergessen. Was soll mit den
dirigierenden Brgermeistern der freien und Hansestdte werden?
    Es entstand eine Pause allgemeinen Nachdenkens. Da auch in den sogenannten
freien Stdten keine Freiheit weilt, da dort die Gewalt oft noch verderbter
ist, als in den Frstentmern, kann niemand leugnen, sagte endlich der Prses.
Wo wird man mehr mit dem Pa geschoren, als in Frankfurt? Wo ist teurer leben,
als in Hamburg? Aber dein Bedenken ist ganz richtig, Bruder. Wenn wir auch die
Brgermeister hinwegrumen, so bleiben ja immer noch die Senate brig, fnfzig
Mann in jeder Stadt, die zur Zwingherrschaft berechtigt, ja auch daran beteiligt
sind.
    Die Burgundier rieten zur Abschlachtung der gesamten Senate, welcher Gedanke
jedoch als zu blutdrstig von den eigentlich deutschen Kreisen einstimmig
verworfen wurde. Man sprach von Kerker, eidlichem Verzicht und dergleichen, fand
aber diese Mittel alle zu ungengend. Zuletzt rief ein Schwabe: Brder! Eine
nach der andern frit der Bau'r die Wrst'. Lat uns die Knige und Frsten erst
einmal auf'm Kraut haben, unterweil fllt uns vielleicht wegen der Brgermeister
etwas ein.
    Alles lachte ber den Schwaben, konnte aber gleichwohl keinen besseren Rat
ersinnen, denn er. Wer wei, wie lange dieses Nachdenken noch fortgesetzt worden
wre, wenn nicht Hermann, der dem Wahnsinne nicht lnger zuzuhren vermochte,
eine Doppelpistole, welche er in der Stadt erhandelt, herausgezogen und sie vor
den Studenten langsam scharf geladen htte? Was soll das? fragten einige.
    Der Mnnerbund fhrt nur Schiegewehr, versetzte Hermann kalt. Er spannte
den Hahn und hielt die Pistole vor sich hin. Dann sagte er: Der erste, welcher
mir zu nahe kommt, wird totgeschossen. Ihr albernen Toren, ihr verblendeten
Jnglinge! Ein schlimmes bel erfordert bittre Arzneien. Indem ich euch zu
heilen unternehme, sage ich daher, da ich nicht wei, ob ich ber eure
Schlechtigkeit zrnen, oder ber eure Dummheit lachen soll. Ihr beruft euch,
irregefhrt von euren Verleitern immer auf das Altertum; ahmt demselben nach und
erinnert euch zuerst daran, da zu jenen Zeiten die Jungen nicht mitsprechen
durften; in Sparta mute einer dreiig Jahre alt sein, wenn er den Mund ber
Staatsangelegenheiten auftun wollte. Ihr Unsinnigen, die ihr euch herausnehmt,
Knige und Frsten absetzen, pensionieren, ja erdolchen zu wollen, weil sie, wie
ihr whnt, ihrer Wrde nicht vorzustehen wissen, und die ihr selbst noch nicht
den allerkleinsten und abgeleitetsten Teil dieser Wrde zu bekleiden vermchtet!
Geht in euch, lernt eure Hefte, singt Trink- und Burschenlieder, geniet die
schne Jugend, und berlat die Sorge um den Staat den Alten. Eines sage ich
euch noch. Ich halte euch nicht fr so unvernnftig, da ihr auf eure eigne
Faust, ohne Hlfe lterer gewichtigerer Mnner zu revolutionieren die
Tollkhnheit besitzen solltet. Nun denn, so erfahrt, da, wenn ihr aufsteht,
kein Torschreiber und Supernumerarius euch beispringen wird; alles, was den
Burschenrock ausgezogen hat, sitzt ruhig, mit Tabagiegesprch zufrieden, im
brgerlichen Leben, der Mnnerbund ist eine Lge, womit euch irgendein Bsewicht
gekdert hat; ihr seid die Affen, welche fr die Katze die Kastanien aus dem
Feuer holen sollen.
    Schwer wrde es sein, die Wirkung dieser Anrede auf die Studenten zu
beschreiben. Sie hatten sich in einem Winkel zusammengedrngt, zitterten vor
Grimm, waren jedoch keinesweges lstern, der Mndung des Pistols nher zu
treten. Vielmehr gaben sie ganz das Bild gemalter Wteriche ab, wie Shakespeare
sagt.
    Hermann war eben im Begriff, seinen Spruch mit einer gesteigerten
Nutzanwendung zu schlieen, als von unten Stimmen ertnten und Pferdegetrappel
hrbar ward. Diese Laute verwandelten auf einmal die Szene. Hermann und die
Studenten rannten eintrchtig zu einer Bodenlucke und sahen den ganzen Hof voll
von Gendarmen, Hschern und bewaffneten Bauern. Sogleich ergriffen die jungen
Leute mit katzengleicher Geschwindigkeit die Flucht. Einige lieen sich eine
Falltre hinunter, andre verkrochen sich in den dunkelsten Ecken des Geblks,
die Entschlossensten kletterten auf die den Hschern abgekehrte Seite des Dachs,
sprangen in den Garten und eilten zu Walde. In einem Augenblicke war der ganze
Sller von den Demagogen leer, nur Hermann blieb im Gefhle seiner Unschuld auf
demselben zurck.

                                Fnftes Kapitel


Nicht lange, so erschien ein Gendarm, blickte forschend in die Dachkammer, und
rief seinen Kamaraden mit den Worten: Komm, einer ist noch hier! herbei. Sieh
nur die Wirtschaft! sagte der zweite, als er eintrat. Die Dolche! Und da die
Brandbriefe! - Gut, da wir wenigstens den Oberdemagogen haben, schau, was fr
eine Pistole er fhrt! - Es ist ein Halbkarabiner, versetzte der zweite
Gendarm.
    Sie schritten auf Hermann zu, und kndigten ihm in barschem Tone Arrest an.
Gnzlich im Irrtum, meine Herrn! versetzte er. Ich wollte die verfhrte
Jugend zum Besseren bekehren. Die beiden Mnner schlugen ein helles Gelchter
auf, und meinten, er sehe nicht nach einem Propheten aus. Um sich nicht bler
Behandlung auszusetzen, gab er sich gefangen. Er fragte nach ihrem Befehlshaber
und verlangte zu diesem gefhrt zu werden. Sie versetzten, da der Herr
Polizeikommissarius nicht zu sprechen sei, indem er, bei Verfolgung eines
Flchtigen zu Boden gestrzt, sich das Bein aufgeschlagen habe.
    Nachdem die Gendarmen ihm die Pistole abgenommen, die Dolche und Akten
zusammengerafft hatten, fhrten sie ihn hinunter. Mit genauer Not erhielt er es,
da man ihn nicht fesselte, doch war auch so schon seine Lage die
unbehaglichste. Hunderte von Menschen hatte die Neugier herbeigezogen, deren
gaffende Blicke alle auf ihn gerichtet waren. Unaufhrlich wurden die Gendarmen
befragt, wer er sei? worauf sie jederzeit kaltbltig erwiderten: Es ist der
Oberdemagoge.
    Auf seine Bitten wurde eine verdeckte Kalesche angespannt. Die Gendarmen, zu
beiden Seiten des Wagens reitend, brachten ihn darin nach dem Stdtchen, aus
welchem er in so guter Absicht nach der Buschmhle gegangen war. Dort lieferte
man ihn in der Wachtstube des Orts ab. Bei dem Eintritte in dieses Gela htte
er vor Scham und Verdru sterben mgen. Es war nmlich am gedachten Tage auch
das sogenannte allgemeine Vagabundengreifen gewesen, und die Wachtstube wimmelte
daher von bel aussehenden Leuten. Heftig fragte er den einen Gendarmen, ob man
fr Verbrecher seinesgleichen hier nicht einsamen Kerker bereit halte? Die
beiden Mnner sahen einander kopfschttelnd an, einer griff an seine Stirn, dann
sprachen sie leise zusammen. Man willfahrte ihm indessen und brachte ihn ber
einen finstern schmutzigen Hof nach dem Hintergebude der Fronfeste, wo sich
denn hinter Schlo und Riegel, seinem Wunsche gem, einsames Gefngnis auftat.
    Er war nun zwischen vier einst wei gewesenen Wnden allein. Bestndig mute
er sich zurufen, da dieses Ungemach ja lediglich aus einem lcherlichen Irrtume
entspringe und von kurzer Dauer sein werde, um dem Mimute nicht zu erliegen.
Endlich warf er sich auf die Strohschicht, welche der Kerkermeister frisch
besorgt hatte, und schlief trotz seiner beln Laune ein.
    Die Gendarmen, ihrer scharfen Anweisungen eingedenk, nahmen indessen nach
kurzer Abwesenheit vor der Kerkertre Platz.
    Weit du, sagte der eine zum andern, woher alle die Teufelei rhrt? Ich
kann's dir sagen. Die Juden stiften den ganzen Spektakel an.
    Nicht mglich! rief der andre. Ich dachte, die Franzosen steckten
dahinter.
    Franzosen hin, Franzosen her! sagte der erste. Das ist ja eben die Sache.
Die Franzosen sind auch alle heimliche Juden. Dazumal in gypten hat der
Bonaparte seine ganze Armee dazu herumgekriegt, und die Soldaten haben dann nach
ihrer Rckkehr das Judentum weiter gestiftet, und auch bei uns ausgebreitet, bis
der Krieg kam, und davon rhren die Demagogen her.
    Drum aen auch die Kerle so viel Knoblauch, sagte der zweite Gendarm.
    Richtig, versetzte der erste. Der Knoblauch ist der erste Grad im
Judentum. Der Bart ist der zweite. Merkst du was? Geht's dir auf? Alle tragen
sie lange Brte. Ich mu nur lachen, wenn die Herrn sich so viele Mhe mit dem
Volke geben, um ein Gestndnis herauszubringen. Am Leibe visitiert, da wrden
sie bald das untrgliche Zeichen finden.
    So wre man ja seiner Gliedmaen nicht sicher, wenn das Zeug die Oberhand
bekme, rief der zweite Gendarm mit so Entsetzen.
    Das wre noch das wenigste, sagte der erste, aber alle Kinder wrden sie
totschlagen und das Blut trinken, und kein Krmer drfte mehr ein Lot Salz
verkaufen.
    Der zweite Gendarm erinnerte sich wieder an gypten und fragte, ob da nicht
die Trken anstatt der Juden hauseten? La dir sagen, antwortete der erste.
Die Reichen sind mit Mose nicht ausgezogen, sondern im Lande sitzen geblieben,
wo hast du je gehrt, da ein Jude sein Eigentum verlassen htte?
    Nur das Schacherpack lief fort, und vierzig Jahre in der Wste umher, das
heit, sie gingen hausieren: nichts zu handeln drin? bei den Leuten, die da so
in den Gegenden wohnten. Die zurckgeblieben waren, kamen bei den Trken unter
den Druck. Bonaparte wollte sie befrein, um dem Englnder einen Tort zu tun.
Denn wo die Juden aufkommen, sind die Englnder verloren. Aber die merkten den
Schlich, und lieferten ihm die groe Schlacht da oben bei Dings.
    Daher kommt es denn auch, da sie in Hannover so scharf sind mit den
Demagogen, sagte der zweite. Es ist wegen den englischen Handelsverbindungen.
    Dieses scharfsinnige Gesprch hrte Hermann zum Teil mit an, denn er war von
Hitze und Unruhe bald wieder munter geworden. Die Wachtmnner, welche nach den
Gendarmen aufzogen, hielten sich in ihren Gesprchen mehr an seine Person, und
machten eine schlimme Beschreibung von ihm, die sich denn von Ablsung zu
Ablsung steigerte, so da er gegen Morgen in den Reden dieser Leute wie ein
Ungeheuer mit Klauen und Hrnern aussah.
    Im Strahl der frischen Morgensonne fand er seine gute Laune wieder. Er
lachte ber die Ungereimtheiten, die er von drauen vernahm, laut auf, so da
die wachenden Mnner ein Grauen ergriff. Hoffentlich, sagte er, ist denn
dieses doch der letzte dumme Streich, den ich mache. Oder nein! fgte er hinzu,
wer wollte die Torheit verschwren? Nur diejenigen Menschen irren sich nicht,
deren Leben von Anfang bis zu Ende ein einziger trockner Irrtum ist.

                                Sechstes Kapitel


Man fhrte ihn vor den Polizeikommissarius zum Verhr. Der Beamte sa hinter
einem Tische, auf welchem die Hermann abgenommnen Sachen lagen, Geld, die
Doppelpistole und die Brieftasche. Ein kleiner Schreiber sa dem Beamten zur
Linken, mit steilrecht erhobner Schreibefeder. Hinter dem Polizeikommissarius
standen zwei Hscher, ernst und regungslos, ihre Blicke ruhten auf dem Haupte
des Vorgesetzten.
    Dieser hatte das verletzte und bewickelte Bein seitwrts auf einen Sessel
gelegt, so da er sein Gesicht bei Hermanns Eintreten von diesem abkehrte. Der
kleine Schreiber fuhr den Gefangnen herkmmlich grimmig an, und bedrohte ihn mit
den schlimmsten Dingen, wenn er nicht die reine Wahrheit sage. Jetzt wandte sich
der Polizeikommissarius um, und wollte mit noch hherer Wrde diese
Gewissensschrfung vornehmen, kam jedoch nicht ber das erste Wort hinaus, blieb
vielmehr stocken und starrte seinen Inkulpaten geffneten Mundes an. Ein
gleiches Erstaunen prgte sich in der Miene und Gebrde Hermanns aus; sie
standen einander gegenber wie die Salzsulen.
    Zuerst fand der Polizeikommissarius einige Laute wieder. Abtreten! rief
er, dem Schreiber und den Hschern winkend. Betroffen verlie das Personal die
Amtsstube. Hermann! - Ernst! Mit diesem Rufe fielen die beiden Freunde
einander in die Arme.
    Unglcklicher, so sehen wir uns wieder? sagte der Polizeikommissarius.
Dasselbe mchte ich dir entgegnen, erwiderte Hermann. Warum bist du denn
nicht in Hellas, warum steckst du in dem Rocke da?
    Achtung vor dem Knige, dessen Farbe ich trage, sagte der ehemalige
Philhellene mit gebietender Haltung. Aber o ich Schwergeprfter! rief er,
auer Fassung geratend. Meinen besten Freund, meinen Herzbruder finde ich unter
Hochverrtern, als ihr Haupt, als ihren Rdelsfhrer wieder. Dahin fhren
verkehrte Grundstze, das ist die Frucht einer unruhigen Sinnesart! Wie oft habe
ich dich gewarnt, wie oft sagte ich dir: ber das Gewhnliche sich erheben
wollen, fhrt zum Allerschlechtesten! - Du vergelicher Mensch! rief Hermann,
dieses sind ja eben meine Worte an dich, als du den abenteuerlichen Zug nach
Griechenland unternehmen wolltest.
    Aber sein Freund hrte ihn nicht. Er war aufgestanden, hinkte feierlich mit
steifem Knie auf und nieder und sagte: Pflicht! Du Polarstern des Beamten, du
Ankergrund der Diensttreue, strke mich jetzt! Ein Mann, der mit blutendem
Herzen tut, was ihm obliegt, ist ein Schauspiel fr Gtter. In diesem Zimmer
hrt der Mensch auf; es kennt nur den Diener des Staats.
    Hermann fing den ausgestreckten Arm des Freundes, rttelte ihn und sagte
heftig: Die erste deiner Pflichten ist, den Beschuldigten anzuhren. Ich bin
kein Demagoge, geschweige ihr Oberhaupt und Rdelsfhrer. Ich bin ein so
unschdlicher Mensch, wie nur einer Brot it. Du httest mich eher aus den
Hnden deiner dummen Gendarmen und Scharwchter befreien sollen.
    Bist du nicht unter den Wtenden betroffen worden? fragte der
Polizeikommissarius. Liegen da nicht die Dolche, die Schriften voll der Teilung
Deutschlands und des Mordes der Knige? Liegt dort nicht dein eignes
Schiegewehr?
    Hermann gab ihm mit der berzeugenden Kraft, welche der Wahrheit eigen zu
sein pflegt, die Einsicht in den Hergang der Dinge. Der Polizeikommissarius
wurde wankend, nachdenklich, erholte sich aber wieder und sagte: Und diese
Brieftasche, hast du die auch in der Absicht, zu bessern, bei dir gefhrt? Blick
hinein, was siehst du? Aufrhrerische Trakttchen, Freie Stimme frischer Jugend,
den Bauernkatechismus, kurz den ganzen Arsenal der liberalen Propaganda. Wie
willst du dieses unumstliche Beweismittel entkrften?
    Mensch, hast du denn aus der Lethe getrunken? rief Hermann. Sieh doch die
Brieftasche genauer an. Es ist ja die deinige, dieselbe, welche damals aus
Irrtum in meiner Tasche blieb, mit diesem deinem Freiheitsschwindel angefllt,
whrend du mit meiner und mit meinem Gelde von dannen zogst.
    Da nun die Brieftasche in einer Ecke des vordersten Blattes wirklich noch
den Namen des ehemaligen Philhellenen fhrte, so konnte der Polizeikommissarius
sie nicht verleugnen. Diese Entdeckung hatte die Wirkung auf ihn, da er den
Pflichtbegriff fahren lie und sich den freundschaftlichen Empfindungen ganz
hingab. Es verstand sich, da er Hermann in seiner Huslichkeit bewirten wollte,
von deren Lobe er nun berstrmte. Beide schttelten einander herzlich die Hand
und genossen die Freude des unverhofften Wiedersehens.
    Was wird Frnzchen dazu sagen! rief er. Und mein Junge! Zwar der kann
noch nichts sagen.
    Er brachte ihn durch einen bedeckten Gang, welcher die Gefngnisse mit
seiner Wohnung verband, nach dieser. Unterweges wurde er wieder still. Bei
allem dem bleibt es doch ein eignes Unglck, sagte er niedergeschlagen, da
ich mit der vielen Mhe, mit der Plage bei Tag und bei Nacht nichts andres
ausgerichtet habe, als mir das Knie zu zerfallen, meinen besten Freund
gefangenzunehmen und meine eigne Brieftasche wiederzufinden.

                               Siebentes Kapitel


Frnzchen schrie laut, als Hermann vor sie trat. Gebt euch nur einen Ku߫,
sagte der Polizeikommissarius, alte Liebe rostet nicht, daraus mache ich mir
gar nichts, es bleibt in der Freundschaft. Noch hatte Hermann den Weg zu ihren
Lippen nicht vergessen; errtend duldete sie, was sie an vergangne Zeiten
erinnerte. Sie war still, und schien verlegen zu sein; Hermann bemerkte, da
ihre Blicke vergleichend zwischen ihm und ihrem Manne hin und her wanderten.
    Ein Kindergeschrei lie sich vernehmen. Das ist Hermann, der Sassen
Herzog, sagte der Polizeikommissarius, Mutter, bring den Jungen herein. Sie
brachte das Kind, einen starken, rotbckigen Knaben, den Hermann ungeachtet des
Zustandes, in welchem er sich eben befand, abkssen mute.
    Hermann verbrachte einige Tage in dieser Huslichkeit, welche der sprlichen
Umstnde wegen, worin beide Gatten lebten, die beschrnkteste war. Der
Diensteifer seines Freundes hatte eine eigne Verwicklung herbeigefhrt. Gleich
nach seiner Gefangennehmung war nmlich von diesem eine Stafette mit der Meldung
von dem Geschehenen gen * abgesendet worden, welcher er zwar, als er den
Zusammenhang der Dinge in Erfahrung gebracht hatte, einen zweiten reitenden
Boten mit einer Berichtigung der frheren Anzeige nachschickte, jedoch ohne den
gewnschten Erfolg. Er empfing nmlich einen Verweis, da er sich herausnehme,
in dieser Angelegenheit selbst urteilen zu wollen; man finde dies unangemessen
und habe er den Gefangenen schleunigst abliefern zu lassen.
    Diese Hiobspost kndigte er seinem Freunde mit bestrzter Miene an.
Frnzchen weinte. Hermann trstete sie beide, sprach von seinen Bekanntschaften
in der Residenz, die ihm bald aus der Verlegenheit helfen wrden, und sagte, da
wenn man auch in diesem Punkte dort strenge Grundstze hege, die Unschuld doch
etwas Siegreiches habe, was die Richter sofort zu seinen Gunsten stimmen werde.
    Im Grunde war er froh, als der Wagen vorfuhr, die beiden bekannten Gendarmen
zu den Seiten aufritten, und dergestalt einigen beklommen-langweiligen Tagen ein
Ziel gesetzt ward. Die ersten Gesprche mit seinem Freunde hatten ihn berzeugt,
da alle Berhrungspunkte zwischen ihnen verlorengegangen waren. Der
Polizeikommissarius bezog jetzt alles im strengsten Sinne auf den Dienst oder
die Hausvaterschaft. So hatte Hermann einmal lange mit Geist und Suada von den
streitenden Bestandteilen des Staats gesprochen, aufmerksam, wie es ihm schien,
angehrt von dem Freunde. Als er aber geschlossen hatte, rief dieser aus: Du
hast ganz recht; es wird nicht eher besser bei uns, als bis wir wissen, wie weit
die Polizei gehen darf und wie weit die Justiz.
    Die Pflichten des Hausvaters bte er wirklich in vollem Mae. Nicht genug,
da er bei der Wartung des Kindes in den unangenehmsten Vorkommenheiten mit zur
Hand ging, er grub im Garten und beschickte die Kche, wo es irgend not tat; ja
Hermann hatte ihn eines Morgens im Stllchen die Ziege melken sehen, welche
diesem Haushalte die tgliche Milch gab.
    Oft geriet der Gast durch die Art und Weise in Verlegenheit, mit welcher der
Wirt sein frheres Verhltnis zu Frnzchen zum Gegenstande der Unterhaltung
machte. Er war unerschpflich in Anspielungen und Scherzreden, welche nicht
immer die feinste Wendung nahmen. Umsonst versuchte Hermann abzulenken; endlich
verbat er sich geradezu dergleichen. Worauf der Polizeikommissarius entgegnete:
Du bleibst, wie du warst, nicht fr das Praktische, nicht fr das wirkliche
Leben. Am meisten hatte Hermann in der Seele der jungen Frau gelitten, welcher,
ungeachtet ihres Fehltritts und ihrer jetzigen Drftigkeit, immer noch die feine
anstndige Manier geblieben war, durch welche Hermann sich ehedem so sehr
angezogen gefhlt hatte.
    Er stieg, ohne Abschied von ihr zu nehmen, in den Wagen. Was htte er ihr
sagen sollen? Dahin wre ich denn auch gediehen, sprach er zu sich selber,
wenn ich den sogenannten vernnftigen Weg im Leben eingeschlagen htte.
Vielleicht in greren Zimmern wohnend, und die Ziege nicht melkend, wre ich
denn doch vielleicht im Grunde schon ebenso ein Philister geworden, Welt, Zeit
und den Pulsschlag der Geschichte nicht mehr vernehmend, die Neigung unsrer
niedern Natur zu schlfriger Bequemlichkeit in das lgenhafte Gewand erhabner
Pflicht kleidend. Ehe! - wie rauschen die Redensarten, wenn das Wort
ausgesprochen wird. Das Sakrament der Ehe! Die Heiligkeit der Ehe! Der Segen des
Ehestandes! - Und was bringen denn nun diese schnen Dinge bei vielen hervor?
Da sie einen Stillstand in ihrem Leben machen, da die edelsten Verhltnisse,
die unschtzbarsten Verbindungen ihren Reiz verlieren, die zarte Berhrung mit
dem Leben und den Menschen aufhrt, und am Ende jene dumpfe Erstarrung eintritt,
welche fr das Ziel des Daseins ausgegeben wird.
    Man sollte daher auch ber diesen Gegenstand natrlicher zu denken anfangen
und sagen, da der Staat der Sache bedrfe, um nicht selbst sich mit der Sorge
fr die Kinder befassen zu mssen, und folglich von Rechts wegen sie beschtze.
Oder wenn man von einem Sakramente der Ehe und des Hauses reden wollte, so
sollte man den Leutchen zurufen: Macht euren Bund durch ein erhhtes Leben in
Geist und Gemt zum Sakramente, aber glaubt nicht, da ihr den Stand der Gnade
schon durch die Liebeleien des Brautstandes, durch das Wechseln der Ringe, und
durch das Anschaffen von Linnen, Betten, Tpfen und Schsseln erworben habt.


                                 Sechstes Buch

                               Medon und Johanna

                Nuptiae sunt conjunctio maris et foeminae, consortium omnis
                vitae, divini et humani juris communicatio.
                                                                      Modestinus


                                 Erstes Kapitel

Die Reise ging ohne weitere Vorflle Tag und Nacht fort. Eines Morgens rollte
der Wagen durch breite, schnurgrade Straen zwischen prchtigen Palsten hin und
die Hauptstadt war erreicht. Der Postillon hielt vor einem gerumigen Gebude,
welches man fr eine stattliche Privatwohnung htte ansehen knnen, wenn nicht
durch die eisernen Gitter vor den Fenstern seine Bestimmung klargeworden wre.
Hermann stieg aus und wurde eine breite Treppe hinaufgefhrt. Auf der Mitte
derselben kam ihm ein wohlgekleideter Mann entgegen, begrte ihn uerst
hflich und sagte: Haben Sie die Gte, mir zu folgen, ich hoffe, Sie auf der
Stelle entlassen zu knnen.
    Oben im Verhrsaale ffnete sich eine Seitentre und herein trat, von einem
Schlieer begleitet, der mecklenburgische Prses. Kennen Sie den Herrn? fragte
der Beamte den Mecklenburger. Dieser wlzte seine rollenden Augen nach Hermann
und sagte: Er ist der Bsewicht, der, Teutschlands Sache abtrnnig, auch uns
mit vorgehaltner Pistole zum Abfall verleiten wollte. - Gut, versetzte der
Beamte sehr sanft, bringen Sie, Schlieer, den Mann wegen ungebhrlicher
Ausdrcke vor Gericht auf acht Tage in den einsamen Kerker bei Wasser und Brot;
und Sie, mein Herr, sind frei.
    Nach der Entfernung des Prses erzhlte der Beamte unsrem Freunde, da ein
Teil der Demagogen, welche dem Polizeikommissarius entgangen waren, sich in
unbegreiflicher Verblendung nach der Hauptstadt gewendet habe, wo sie denn ihre
unbedachte Einfalt gegenwrtig hinter Schlo und Riegel bten. Unter diesen
befindet sich, sagte er, auch jener freche Mensch, welcher seines Verbrechens
kein Hehl hat, vielmehr sich dessen rhmt. Er bekannte auf der Stelle die ganze
Geschichte des sogenannten vierten Bundestags, und wie Sie, mein Freund, mehr
wohl- als kluggesinnt, es unternommen htten, die Versammlung zum Rcktritte von
ihren Verirrungen zu bewegen.
    Nun waren in den obern Regionen allerhand Bedenken, ob man Sie nicht doch
noch vorlufig festhalten msse, fgte der Beamte hinzu. Diese hat ein Mann,
der vielen Einflu besitzt, zu berwinden gewut; ihm haben Sie daher fr Ihre
Freiheit zu danken.
    So bestnde denn also das ganze Unglck darin, da ich die Reise, die ich
auf meine Kosten htte machen mssen, auf die des Staats zurckgelegt habe!
rief Hermann heiter. Aber wo ist mein unbekannter gromtiger Wohltter?
    Eine zweite Seitentre ffnete sich, und ein groer, wrdig, ja majesttisch
aussehender Mann trat ein. Glcklich los? fragte er Hermann mit freundlichem
Tone.
    Mein Herr, erwiderte dieser, niemals noch hatte ich das Glck, Sie zu
sehn. Wer sind Sie? Womit habe ich Ihre Gte verdient?
    Ich finde es so natrlich, andern Ungelegenheiten zu ersparen, wenn man es
kann, da ich einen solchen Dienst nicht der Rede wert halte, versetzte jener.
Zufllig wute ich von Ihrer Reise, zufllig erfuhr ich, welche Hemmung Sie
unterwegs angetroffen htten, und zufllig lie man mein Wort zu Ihren Gunsten
gelten. Sie sind mir keinen Dank schuldig, denn in einem hnlichen Falle erwarte
ich dasselbe von Ihnen. brigens heie ich Medon.
    Wer beschreibt das Erstaunen Hermanns? Er ging mit ihm die Treppe hinunter,
keines Wortes mchtig. Warum sind Sie doch so betroffen? fragte ihn Medon.
Freuen Sie sich lieber, da Sie jemand, der Ihnen vermutlich wie ein Ungeheuer
beschrieben worden ist, in ganz menschlicher Art und Gestaltung finden. Und nun
entledigen Sie sich vor allen Dingen Ihrer Kommission und vertrauen Sie mir
getrost den Brief an meine Frau, welchen ich nicht unterschlagen werde.
    Hermann suchte den Brief aus dem Portefeuille, welches ihm wiedergegeben
worden war, hervor, und sagte zu Medon: Wie erfuhren Sie das, was meines
Wissens niemand auer der Herzogin und mir bekannt war?
    Die Herzogin, versetzte Medon lchelnd, welche nach Art der Frauen ihrer
Natur entweder etwas halb tut, oder zuviel des Guten gibt, hatte den ersten
Grundsatz der Diplomatie vergessen, durch berraschung zu wirken, wenn man nicht
mit ganz zureichenden Mitteln versehen ist. Sie vertraute ihren Plan einer
hiesigen Bekannten und ersuchte sie, Johannen auf Ihren Empfang stimmend
vorzubereiten. Die Gute, welche durch diesen Auftrag in einige Verlegenheit
geriet, weil wir leider hier in ganz ertrglichem Ruf und Ansehen stehn, suchte
an dem verschwiegnen Busen einer Freundin Rat, welche ihrerseits, und so weiter;
Sie kennen diesen Hergang der Dinge. So kam es, da wir Ihre Ankunft durch ein
Stadtgesprch vorauswuten; etwas verdrielich fr uns; indessen lt sich zu
dergleichen nichts tun, man mu die abweichenden Ansichten der Menschen,
besonders wo sich Stand und Befangenheit mit einmischen, schon in Geduld
ertragen.
    Er empfing den Brief der Herzogin, lobte die Handschrift der Adresse, und
steckte ihn gleichgltig ein. Ich wrde Sie bitten, bei uns zu wohnen, sagte
er zu Hermann, wenn wir nicht so beschrnkt uns halten mten, wie es berhaupt
hier Ortssitte ist. Doch habe ich Ihnen ein Quartier nicht gar zu weit von uns
gemietet, wo Sie aus Ihrem Fenster alle die neu aufsteigenden Bauten
berschaun.
    Er fhrte ihn nach einem groen Hause unter der Lindenallee der Stadt, in
ein gerumiges heitres Zimmer. Wirklich berblickte Hermann von dort die groen,
teils fertigen, teils der Vollendung entgegensteigenden Architekturmassen, zu
welchen der Friede nun wieder die Krfte und den Mut gegeben hatte. Medon
verlie ihn, nachdem er ihn zu baldigstem Besuche eingeladen hatte.
    In ein neues wundersames Verhltnis zu freundlichen Feinden geklemmt, konnte
Hermann den Schlummer nicht finden, durch den er sich auf die erzwungnen
Nachtfahrten zu erholen gedachte. Er sprang von seinem Lager auf, und suchte in
der Zerstreuung sich zu beschwichtigen. Er durchstrich die wohlbekannten Straen
und Pltze, erneuerte einige Bekanntschaften, und wnschte, da der Tag vorbei
sein mchte. An enghusliche Zustnde seit einiger Zeit gewhnt, fhlte er sich
ungeachtet der gnstigen Wendung seines Schicksals in der weiten, breiten Stadt,
unter den rasch und gleichgltig aneinander vorbeirennenden Menschenhaufen
ziemlich unlustig.
    Da er nunmehr am Sitze der Intelligenz sich befinde, ward ihm bald fhlbar.
Denn er war noch nicht zwei Stunden in der Hauptstadt, als er bereits von
mehreren Leuten aus der niedrigsten Volksklasse, mit denen er sich in
nachfragende Gesprche eingelassen, ein unzweideutiges Verhhnen seiner
provinziellen Einfalt hatte erfahren mssen.

                                Zweites Kapitel


Einige Tage vergingen, bevor Hermann sich entschlieen konnte, Medons Haus zu
besuchen. Wie peinlich war seine Stellung Johannen gegenber geworden! Das
Gefhl der Unhflichkeit, welche in seinem Meiden lag, schien ihm ertrglicher
als der Gedanke an das Zusammentreffen mit einer Frau, welcher er, er mochte es
deuten, wie er wollte, das Verletzendste berbracht hatte. Medon war einige Male
gekommen, ohne ihn zu treffen, nachher hatte er diese Bemhungen eingestellt.
    Die alten Bekannten zeigten sich unverndert gegen ihn. Man wute schon von
seinem Abenteuer, die Mnner lachten darber, die Frauen, welche hier smtlich
sehr loyal waren, staunten seinen Heldenmut an, und beide Geschlechter
vereinigten sich in dem Behagen, welches die Gesellschaft immer empfindet, wenn
man ihr zu reden gibt. Er konnte in weniger Zeit einen groen Kreis durchlaufen,
weil jedermann uerst beschftigt war, seine Stunden genau eingeteilt hatte,
und man ihn nach fnf oder zehn Minuten berall gern entlie, um zu einer neuen
Tagesobliegenheit bergehn zu drfen.
    Freilich empfand er bald in diesem unruhigen Drngen, Treiben und Quirlen
einen moralischen Schwindel. Um sich einigermaen zu fassen, forschte er nach
einem gemeinsamen Mittelpunkte aller dieser kurzen geistigen Wogenschlge, und
fand denselben freilich da, wo er ihn am wenigsten wnschen konnte.
    Die Bewohner einer groen Stadt, von den auf sie einstrmenden Lebensreizen
berdrngt, sind unfhig, wie die Pfahlbrger kleinerer Orte ihren stillen
eigensinnigen Gang zu gehn. Ein Heerfhrer tut ihnen not, um ihr gefhrdetes
Inneres an ihn zu klammern. Es wird daher immer von Zeit zu Zeit irgend jemand
Mode, welcher nun fast als ein weltlicher Messias dem der Erlsung aus
Unsicherheit und Langeweile bedrftigen Geschlechte dasteht. Nicht selten
entscheidet das Verdienst ber die Wahl, mitunter freilich auch der Zufall, und
im ganzen ist an diesem Vasallendienst auszusetzen, da die Dauer dem Feuer,
womit er begonnen wird, nicht gleichzukommen pflegt.
    Eben war Medon Mode geworden. In seinem Hause versammelten sich die
bedeutendsten Gelehrten, Staatsmnner, Knstler und Dichter der Hauptstadt.
Wohin Hermann hrte, berall vernahm er ein fast andchtig zu nennendes Lob. Die
Mnner wollten in ihm einen Charakter des Altertums finden. Es sei schn, sagten
mehrere, da einmal wieder jemand sich zeige, der ohne Gehalt, ohne Dienstpatent
und Ordensband an den Geschften des Staats teilnehme, denn man hielt es fr
ausgemacht, da sein Rat bei manchen weitgreifenden Einrichtungen im stillen
benutzt werde. Die Frauen schwrmten dagegen mehr ber seine musterhafte
Huslichkeit. Kurz vor ihm war ein geistreicher Kopf Mode gewesen, welcher sich
in witzigen Schlagreden auszeichnete, die seine Anhnger umhertrugen und gro
nannten. An Medon fand man es dagegen gro, da von ihm kein einziges Bonmot zu
berichten sei, vielmehr das Anziehende der Erscheinung in ihrer ruhigen
schlichten Kraft bestehe. Doch mu, um die diplomatische Treue dieser
Denkwrdigkeiten nicht zu verletzen, bemerkt werden, da mehr von Groartigkeit
als von Gre die Rede war, denn dieses Zwitterwort besa damals schon den Ruf,
in welchem es sich noch jetzt erhlt.
    Einem solchen Manne gegenber, in diesem Ansehn gegrndet, sollte also
Hermann den Auftrag der Herzogin vollziehn. Ein tiefes, sonderbares Gefhl sagte
ihm, da sie recht habe, hrte er auf seinen Verstand, traute er so vielen
klugen Leuten nur einiges Urteil zu, so mute er seine Botschaft fr unntz und
lcherlich erachten.
    Er konnte seinen Besuch nicht lnger verschieben, und whlte dazu einen
Abend, an welchem, wie er erfahren, bei Medon regelmig groe Gesellschaft war.
Unter vielen glaubte er am besten ber die Verlegenheit der ersten Begegnung
hinauszukommen. Wirklich waren die gerumigen, anstndig verzierten Zimmer von
den ausgezeichnetsten Personen mehr als gefllt. Diplomaten, hhere Offiziere,
Geschichtschreiber, Philologen, Lnder- und Vlkerkundige, Philosophen,
Schriftsteller, Reisende und Maler standen in eifrig redenden Gruppen zusammen.
Hermann wurde am Sofa der Frau vom Hause vorgestellt, trat aber, sobald es
schicklich war, von ihr zurck und mischte sich unter die Redenden.
    Wie wohl fhlte er sich denn doch nach berwundner Beklemmung in diesem
Kreise! Politik, Geschichte, Sprache, die ganze Breite der Welt ging im
Gesprche an ihm vorber. Eine Masse von Ideen wurde angeregt, mit Einsicht
besprochen und doch nicht erschpft, sondern unendlicher Betrachtung aufbewahrt.
Ein Strom des geistigen Lebens umwogte ihn, er fhlte sich engen kleinlichen
Verhltnissen entrckt und wie nach einem strkenden Bade auf heitrer Hhe. Der
Philosoph verstand den Empiriker, dieser bekannte der Spekulation gegenber die
Grenzen seiner Kunde, die Praktiker lieen die Gelehrten gelten, und so
umschlang ein Band gegenseitiger Achtung diesen Tauschmarkt, zu welchem die
kstlichsten Gter: Kenntnisse und Wahrheiten, gebracht wurden.
    Eine ganz eigne Stellung nahm Medon zu seinen Freunden ein. Er enthielt sich
des lebhaften Gesprchs und hrte viel zu. Waren aber die Meinungen zu ihrer
letzten Divergenz gediehen, so wute er auf die glnzendste Weise zu resumieren,
wo dann jeder die seinige in so schner Gestalt wieder erblickte, da dem
eifrigsten Streite ein allgemeines Wohlbehagen folgte, die Sache selbst freilich
unerledigt blieb.
    Empfand nun Hermann schon am ersten Abende ber diesen ihm neu gewordnen
Verkehr die grte Freude, so lt sich wohl denken, da sein Fu bald fter das
Haus betrat. Binnen kurzem geno er den nheren Umgang der beiden Gatten, und
erblickte ein Verhltnis, welches im Gegensatze zu der modernen Barbarei,
klassisch genannt werden konnte. Hier hatte man die Ehe und das Haus nicht zum
Polster nachlssiger Sitten gemacht; die engsten Bande dienten nur dazu, Glanz
und Strenge der feinsten Formen als etwas Natrliches herauszustellen. Selbst
ein Anflug schmerzlicher Klte, der ihm hin und wieder entgegenwehte, erhhte
den Ausdruck der Antike, welcher dieser Gruppe angehrte.
    Johanna trat wenig hervor, aber sie war eine der Frauen, hinter deren
gemessnem Wesen man ein unendliches Lieben und Leiden vermutet. Von dem Briefe
der Herzogin war nicht die Rede.
    Er schrieb an diese einige gefhlte Zeilen, worin er zwar die Ausrichtung
seiner Kommission meldete, jedoch hinzusetzte, da er die Umstnde zu
verschieden von seiner Erwartung gefunden habe, um ein ferneres persnliches
Einwirken versprechen zu knnen.

                                Drittes Kapitel


In Medons Hause hatte er eine Dame kennengelernt, deren lebhafte Gesprchigkeit
ihn anzog. Er folgte einer Einladung und war bald ihrem Kreise als willkommner
Besucher einverleibt.
    Madame Meyer war eine enthusiastische Verehrerin des Schnen, besonders der
bildenden Knste, in deren Wesen ihre Freunde ihr tiefe Einsichten zutrauten. Es
machte auf Hermanns Augen einen sonderbaren Eindruck, als er zum ersten Male bei
ihr vorgelassen wurde. Man fhrte ihn durch eine Reihe von Zimmern, worin
Dmmrung und blendender Lichtglanz abwechselten. Denn, hatte er eins
durchschritten, von welchem gemalte Fensterscheiben den Tag abhielten, so trat
er in ein andres, in welchem goldgrundierte, heftig-bunte Gemlde die Wnde
bedeckten, und die Sehnerven sich fast verwundet fhlten.
    In diesem Hause war der eigentliche Sammelplatz der Knstler und
Kunstfreunde, welche bei Medon mehr nur wie Zugvgel einsprachen, weil man ihm
anmerken konnte, da, so gefllig er auch auf artistische Gesprche einzugehn,
und so verstndig er sie zu fhren wute, sein Sinn und seine Neigung doch mehr
andern Gebieten zugewendet waren. Zwei Abende in der Woche waren zu regelmigen
Zusammenknften bestimmt, in denen man sich ber Gegenstnde des Fachs
unterhielt, Stein- und Handzeichnungen besah. Blieb nach diesen Beschftigungen
noch Zeit brig, so pflegte man im Konzertzimmer Musik zu machen, zu welcher
meistenteils altkatholische Hymnen auserwhlt wurden. Madame Meyer hatte dieses
Gemach wie eine kirchliche Kapelle aufschmcken lassen, und sich eine
wohlklingende Haus- und Handorgel zu verschaffen gewut. Das Bild der heiligen
Ccilia, augenscheinlich der ltesten Kunstepoche angehrend, wenn hier nicht
etwa eine geschickte moderne Nachahmung sich ins Mittel geschlagen hatte, sah
von einem Pfeiler hernieder.
    Da nun die Besitzerin, um die Illusion auf das uerste zu treiben, in
diesen knstlichen Raum Altrchen und Mebchlein, ja sogar ein ewiges Lmpchen
hatte stiften lassen, so befand man sich wirklich in der angenehmsten Tuschung,
welche nur dadurch hin und wieder unterbrochen wurde, da die Bedienten auch
dort ohne Scheu mit dem Teebrette umhergingen, und die Gste die geleerten
Tassen nicht selten auf den Sockeln der Pfeiler, ja wohl gar auf dem Altare
absetzten.
    Ein junger Dichter erhhte von Zeit zu Zeit die Mannigfaltigkeit dieser
Abende. Er hatte unternommen, das Leben der grten Maler in Terzinen zu
beschreiben, war so gefllig, aus diesem Werke, wie es fortrckte, vorzulesen,
und so durfte jeder, welcher an den Soireen der Madame Meyer teilnahm, hoffen,
nach und nach die Kunstgeschichte in gegltteten Versen kennenzulernen.
    Es war um die Zeit, als die Herzensergieungen des Klosterbruders das Volk
zu entznden begannen, nachdem sie viele Jahre hindurch nur in einem engen
Kreise weniger Geweihter Einflu bewiesen hatten. Jetzt ist diese Zeit fast auch
schon wieder verschollen. Wer erinnert sich aber nicht noch jenes Sturms und
Dranges nach Kirchenfenstern, Schnitzwerk in Holz und Elfenbein, nach
unscheinbaren Tafeln, auf welchen man, wenn Schmutz und Moder weggenommen waren,
endlich ein rundes altdeutsches Gesicht erblickte. Madame Meyer teilte ganz
diese Leidenschaft, ihr betrchtliches Vermgen gab ihr die Mittel, ein
ansehnliches Besitztum jener Art um sich zu versammeln. Jedoch hielt sie,
besonders was Gemlde anging, streng auf die lteste Periode, welche ihr allein
Andacht und Begeisterung wiederzustrahlen schien. Von Raphael htte sie
vielleicht noch etwas an- und aufgenommen; wer ihr aber mit einem Guido, oder
gar mit einem der Caraccis nahegekommen wre, wrde sie gewi tief verletzt
haben. Ihr Kreis widersprach diesen Meinungen nicht, wiewohl man versucht sein
konnte, manche Glieder desselben, namentlich die Bildhauer, andres Sinnes zu
vermuten. Indessen mochte niemand es gern mit der angenehmen Wirtin verderben,
welche die Gte und Geflligkeit selbst war.
    Hermann, der sich berall zu finden wute, beschlo, diese Gelegenheit,
seine Kenntnisse zu erweitern, treulich zu ntzen. Jene lteste Kunstregion war
ihm, so gut, als fremd, jetzt suchte er sich nun auf alle Weise an den
byzantinischen Tafeln aufzuklren. Die liebenswrdige Witwe war seine
gewissenhafte Fhrerin durch diese Schtze, und ein steigendes Wohlwollen lie
sich ihrerseits bald nicht mehr verkennen.
    Die Gesprche der Knstler waren ihm immer lehrreich, besonders wenn sie die
Empirie berhrten. Weniger fand er sich erbaut, sobald die Unterredung zum
Allgemeineren emporstieg, oder gar einen philosophischen Charakter annahm. Es
war viel von der Auferweckung eines frheren, verlorengegangnen Stils die Rede,
von der Wahl religiser Momente, von dem Bunde der Kirche mit den Knsten, ohne
da ihm Gelegenheit gegeben wurde, bei diesen Worten etwas Bestimmtes zu denken,
oder Hoffnungen auf das Gelingen eines Werks zu schpfen. Ja, er nahm sogar bald
wahr, da hier mehr ein berechneter Austausch gewisser bereinkmmlicher
Redensarten, als das Bekenntnis eines festen Glaubens und Erwartens zu walten
schien.
    Wollte ihm jedoch diese Affektation Unbehagen verursachen, so stellte die
Freundlichkeit der Wirtin immer bald seine Heiterkeit wieder her. Sie fhlte
sich im Besitze ihrer Altertmer, und in dem Umgange mit den ersten Talenten der
Hauptstadt so wohl, da das Vergngen, welches sie empfand, zum Teil wenigstens
auf jeden bergehn mute, der sich ihr nherte. Dabei tat es vielleicht auch
etwas, da die Augen an der noch immer sehr hbschen Frau, welche nur fr ihre
Flle etwas zu klein war, ihre Rechnung fanden.
    Unerwartet fhrte ihn diese neue Bekanntschaft Johannen nher. Madame Meyer
verehrte Medon und liebte seine Gattin zrtlich. Diese schien sich bei der
Freundin wohler als im eignen Hause zu befinden, wo man ihr oft ein seltsam
gespanntes Wesen ansah. Unter den fremden Umgebungen ruhte sie von unbekannten
Schmerzen aus. Dort, in einem artigen, von mattlieblichem Lampenlichte erhellten
Seitengemache, in welchem Madame Meyer die freundlichsten Madonnenkpfe
versammelt hatte, pflegte sie zu sitzen, die groen, schnen Augen wie in eine
weite Ferne richtend. Ihre Zge, welche sonst etwas Strenges hatten, bekamen in
dieser milden Dmmrung einen unendlich sanften Ausdruck, selbst ihre Stimme
wurde weicher. Hier fand sich Hermann, so oft er nur konnte, zu ihr, und manche
Stunde verflo ihnen beiden dort unter traulichen Gesprchen, whrend die andern
sich in den hellerleuchteten Slen mit Drer und Hemling beschftigten, oder den
Chorlen Leos in der Kapelle horchten. In diesem Lichte, auf diesen Tnen
schwebten ihre Worte am liebsten zu frhen Bildern zurck; in der Nhe dieser
Frau trat ihm seine erste Jugend wunderbar nahe, er wurde ganz Erinnrung,
whrend sie die zarten Ranken aufblhender Hoffnungen an seine mutige Kraft zu
knpfen schien.
    Was machen Sie nur mit Johanna? fragte ihn Madame Meyer. Wir andern haben
gepredigt und gescholten, um sie aus ihrer Resignation, worin sie nur noch mit
den abgeschiednen Geistern der Vergangenheit zu leben schien, emporzurichten,
aber alles war vergebens. Nun kommen Sie, und schon spricht sie von Reisen,
Festen, die sie geben will, Bekanntschaften, die sie anzuknpfen vorhat, kurz
von lauter zuknftigen, angenehmen und vergnglichen Dingen.
    Die Gesellschaft unterhielt sich bereits von dem vertraulichen Verhltnisse
beider. Und doch hatte sie unrecht. Hier war keine Spur von
Leidenschaftlichkeit, von trbem Verlangen. Es war ihnen natrlich, zusammen zu
sein; sie folgten dieser Notwendigkeit, ohne selbst davon zu wissen.
    Eines Abends sagte Johanna zu ihm: Wie preise ich meine Freundin glcklich,
da sie an diesen Zimmern, Gemlden und Putzsachen ihr Vergngen haben kann! Ich
mag das alles auch, es ergtzt mich sogar, und doch wre es mir nicht mglich,
mich mit diesen oder andern dergleichen Dingen zu beschftigen. Ach, die Natur
ist oft recht grausam! Man spricht von Mannweibern, man spottet ihrer, man
glaubt von jeder Frau, welche sich nicht mit Kleidern, Zierat, oder, wie es
jetzt Mode wird, mit Kunstsachen zu behaben wei, oder keine Kinder, als eine
andre Art von Spielwerk, um sich herstellen kann, sie gehe aus hochmtigem
Gelste ber die Grenzen des Geschlechts hinaus, und doch ist es oft nur unser
Eigenstes, des Weibes Kleinod und Perle, die tiefe Sehnsucht, das heiligste und
hlfloseste Liebesbedrfnis, welches zu solcher Einsamkeit verdammt!
    Sind Sie so unglcklich? fragte Hermann, und fate teilnehmend ihre Hand.
    Sehr! versetzte sie. - Er wagte die schchterne Bitte um volles Zutraun.
    Auch dazu wird die Stunde kommen, antwortete sie, indem sie sich erhob.
Mein Schicksal ist wohl entschieden, aber der Himmel zeigt sich wenigstens
darin der Geknickten gndig, da er ihr eine Sttze sendet, an welcher sie dem
Kloster oder sonst einer verborgnen Freisttte entgegenwanken kann.

                                Viertes Kapitel


Die Errichtung und Ausstattung des groen, den Kunstsammlungen des Staats
gewidmeten Baues beschftigte damals in hohem Grade die Gemter. Schon
berdeckte die Wnde das Dach, Maler und Vergolder waren im Inneren ttig, man
mute nun daran denken, wie der aufgespeicherte Vorrat einzuordnen sei. Von
allen Orten und Seiten her hatten diese Schtze sich zusammengefunden; es war
die Absicht der Herrschenden, da die durch glorreiche Kriegstaten
wiedererrungne Macht sich im mannigfaltigsten Besitze abspiegeln sollte.
    Nur ber das Wie? herrschte einige Verlegenheit. Nach der Weise frherer
Zeiten auf das Geratewohl die vorhandnen Bilder aufhngen zu lassen, und nur
dafr zu sorgen, da jedes wertvolle Werk ein ziemliches Licht erhalte, war der
Klarheit des Bewutseins, womit in dieser groen Stadt alles betrieben wurde,
durchaus zuwider. Es sollte, wie man sich hier auszudrucken pflegte, eine Idee
im neuen Nationalmuseum herrschen, die Geschichte der Kunst sollte aus der
Sammlung hervorleuchten, und zwar nicht eine Kunstgeschichte, wie sie
herkmmlich falsch bisher berliefert worden, sondern die gereinigte, welche die
neusten archologischen Forschungen geschaffen haben.
    Hier zeigte sich nun aber, da die Bestrebungen scharfsinniger Geister denn
doch nur erst bis zum Zweifel gefhrt hatten. Die Zeitfolge, das Verhltnis der
Schulen war angefochten worden. Ungewi erschienen die Zeichen der Meister.
Warnend hatten die Kenner auf die ausgebildete Technik so mancher geschickten
Kopisten aufmerksam gemacht. Kurz diejenigen, welchen die Sorge des Geschfts
anvertraut worden war, trieben in einem Meere von Bedenken und Einwrfen um. Man
wollte sicher zu Werke gehn, und sein Gewissen vor der Schande bewahren, einen
Cinquecentisten bersehen oder irrtmlich angenommen zu haben, und ber diesem
kritischen Bestreben gelangten die Werkleute nicht zum Einschlagen der Ngel.
Das Schlimmste war, da, da Laien und Frauen eifrig mit einzureden begannen, und
eine siegreich durchgefhrte Meinung die Aussicht auf eine wohlausgestattete
Pfrnde bei der neuen Anstalt gab, die Leidenschaften sich mit in das Spiel
mischten. Bald stritten die Kenner persnlich und feindselig gegeneinander, und
man beobachtete in dieser Angelegenheit nicht immer die Urbanitt, wozu die
schnen Knste fhren sollen.
    Eine andre Schwierigkeit entsprang aus der Beschaffenheit der vorhandnen
Sachen. Man hatte vieles, aber unter diesem Vielen, was zum greren Teile ganz
gut war, gab es keine eigentlichen Haupt- und Glanzbilder; es fehlten die
Frsten der Sle, um welche sich das brige gruppieren lie, solche Werke,
welche einer Sammlung erst die rechte Haltung geben.
    Nimmt man nun dazu, da eine bedeutende Partei, welche die Kunst vom
ideellen Gesichtspunkte betrachtete, gegen die Aufnahme des Genres und der
Landschaft sich erklrte, whrend andre, realistisch gesinnt, sich ebenso
entschieden dafr aussprachen, so wird man einen Begriff von dem Chaos haben, in
welches die beste und hochherzigste Gesinnung der Waltenden eine Menge
verstndiger Mnner und Frauen gestrzt hatte.
    Was Madame Meyer betraf, so versetzte sie dieser Streit, so oft er bei ihr
anzuklingen begann, in die belste Lage. Sie hatte sich ber die frheste
Periode der Kunst so ziemlich unterrichtet, und da ihr hier und in Beziehung auf
ihre Sammlungen keine unhfliche Gegenrede der knstlerischen Freunde
beschwerlich fiel, so wute sie, wenn die Betrachtung sich in jenen Regionen
verhielt, ein auslangendes Gesprch zu fhren. Aber sobald man die erwhnten
Streitpunkte aufregte, fhlte sie sich ganz verlassen, und indem sie als
Sachverstndige doch mitzureden die Pflicht empfand, gleichwohl eigentlich
nichts beizubringen imstande war, kam nichts ihrer Verlegenheit gleich. Diese
wurde ihr um so hufiger bereitet, als grade die gelehrtesten und hartnckigsten
Kmpfe sich nicht selten auf den Teppichen ihrer Zimmer entspannen.
    Welchen Stoff dieser Bilderstreit den lustigen Kpfen der Stadt, die allem
ihre Einflle anzuheften pflegen, gegeben, lt sich denken. Ein Spottvogel
uerte, die Gemlde wrden nicht eher hangen, als bis die Gelehrten hingen; und
ein andrer versetzte auf die Frage, wann die groe Galerie zustande kommen
werde: Nach dem Dreiigjhrigen Kriege.
    Pltzlich erschien inmitten dieser Bewegungen ein fremder Handelsmann,
welcher durch Gunst des Geschicks in Italien, Flandern und Deutschland die
seltensten Stcke zusammengebracht hatte. Er kramte seine Sachen aus, und
stellte sie in dem hellen Saale eines groen Gasthofs den Schaulustigen zur
Betrachtung auf. Nicht leicht hatte man einen bestimmten Abschnitt der
Kunstgeschichte in so stetiger Folge berschaut, als hier. Die Sammlung umfate
den Zeitraum vom dunkelsten Altertume vor Cimabue bis auf Raphaels Jugend; allem
Spteren hatte der Besitzer Neigung und Geldbeutel versagt. Hier taten einem
unter allem dem Gold, Lack, und bunten Farbengetmmel im eigentlichen Sinne des
Worts die Augen weh.
    Niemand konnte einem so zusammenstimmenden Ganzen seine Achtung versagen,
ohne da gleichwohl der Gedanke entstand, diese Anhufung von Inkunabeln werde
einer in umfassenderem Sinne zu behandelnden Sammlung von erheblichem Nutzen
sein.
    Madame Meyer geriet bei dem Anblicke der glnzenden Tafeln fast auer sich
und der junge Dichter teilte ihr Entzcken. In seinen Produkten erschienen
seitdem noch mehr Bronnen und Wonnen, Lichtstrahlen und Waldesnchte,
Engelskpfe und Tauben des Heiligen Geistes. Sie aber vernachlssigte ber
diesen Genu fast eine Zeitlang ihre Freunde und den musikalischen Gottesdienst
in der knstlichen Kapelle.
    Es war wunderbar anzuhren, auf welche Weise der Handelsmann in die
enthusiastischen Reden dieser beiden Begeisterten einstimmte. Er hatte, von
klugen, mit dem Geiste der Zeit vertrauten Mnnern untersttzt, das ganze
Sammelgeschft aus Spekulation getrieben, und wute, bei seinen Sachen stehend,
anfangs durchaus nicht, wie er sich bei jenen Hymnen zu verhalten habe. Endlich
merkte er deren ueren Schall sich zu eignem Gebrauche ab, und gab, wenn darin
eine Pause entstand, den hohen Ankaufspreis der Bilder, in dem nmlichen
schwrmerisch-verzckten Tone fortfahrend, an.
    Auf einmal, ohne da man sich dessen versehen, wurde bekannt, da die
Sammlung fr die Nationalgalerie angekauft sei. Das Erstaunen ber diesen
Entschlu war sehr gro. Die unterrichtendsten Prachtstcke jenes Besitztums
htte jeder gern in den neuen Hallen gesehen, das Ganze aber schien auer allem
Verhltnisse zu dem Zwecke der Anstalt zu sein. Die Kpfe mhten sich ab, den
Grund jener befremdenden Entscheidung aufzufinden, und in Ermanglung der
Wahrheit behalf man sich mit ziemlich unglaublich klingenden Gerchten. So hrte
Hermann erzhlen, Medon habe einen starken Einflu auf die Sache ausgebt. Auf
geschickte Weise sei von ihm Madame Meyers Enthusiasmus in das Spiel gezogen,
und sie selbst bestimmt worden, einem angesehnen, ihr leidenschaftlich zugetanen
Manne, der in dieser Angelegenheit das Votum besa, sich geflliger und
geneigter zu erweisen, als frherhin. Der Staatsmann, ganz beglckt ber die ihm
aufgehende Liebessonne, habe in einer schwachen zrtlichen Stunde dem Andringen
seiner Freundin auf Erwerbung der alten Kunstschtze nicht widerstehen knnen,
und so sei durch das Herz hier ein Ankauf vermittelt worden, gegen welchen der
Verstand des Staatsmanns sich eigentlich gestrubt habe.
    Hermann ma diesen und hnlichen Einflsterungen keinen Glauben bei. Zwar
hatte er wirklich in der letzten Zeit lange vertrauliche Gesprche zwischen
Medon und Madame Meyer bemerkt, und eine Annherung ihrerseits an den sonst
ziemlich khl von ihr behandelten Staatsmann wahrgenommen, aber jenes
intrigierende Benehmen widerstritt zu grell seiner Meinung von Medon, welche von
Tage zu Tage gnstiger ward. Auch hatte sich Medon einmal sehr krftig gegen die
Spielerei mit lngst verschollnen Empfindungs- und Auffassungsweisen
ausgesprochen, und die Liebhaberei der Madame Meyer geradezu eine Buhlschaft mit
geputzten Leichen genannt. Wie sollte er also darauf gekommen sein, jetzt wider
seine eigne berzeugung zu wirken?
    Etwas Gutes hatte der Ankauf der alten Bilder; der Zank der Gelehrten war
sofort geschlichtet. Die Sammlung, als Ganzes erworben, sollte als ein solches
zusammenbleiben. Verfuhr man nun aber, wie man mute, nach dieser Bestimmung, so
nahm sie den bedeutendsten Teil des zugemenen Raumes hinweg, und das andre war,
ohne da mehr sonderlich auf die kritisch-archologischen Streitigkeiten
Rcksicht genommen werden konnte, unterzubringen, wie es sich eben schicken und
fgen wollte.
    Hermann, der von allem dem, was sich um ihn, und in ihm bewegte, schon
nichts mehr gern unbesprochen mit Johannen lie, hatte auch sie einstmals um
ihre Meinung von diesen Dingen befragt. Sie versetzte: Wenn ich das Museum zu
ordnen htte, wrde ich bald fertig werden. Ich hinge die liebsten Bilder, die
mir Trnen der Rhrung oder des Lachens in die Augen treiben, in das hellste
Licht, und es wrde mir nicht darauf ankommen, ob eine Himmelsknigin sich neben
einer Schenke voll Bauern befnde.
    Aber die Geschichte! die Kunstgeschichte! rief Hermann.
    Johanna lchelte und sagte: Es mu wohl etwas daran sein, weil ich so viele
kluge Mnner davon reden hre. Nur sehe ich sie auf ihrem Wege mitunter dahin
geraten, da sie ber die Wiege und den Taufschein das Kind vergessen. Wenn ich
meine gute Meyer betrachte, und wahrnehme, wie sie ihr schnes Vermgen in
lauter Dingen vergeudet, von denen das wenigste einem gesunden Sinne eigentlich
Vergngen machen kann, so mchte ich glauben, da mindestens fr uns Frauen die
Kunst nur die Geschichte hat, welche sie in der Gegenwart erlebt, wenn auf ihre
Wunder der Blick einer reinen Seele fllt. Indessen lassen Sie uns von diesem
Gegenstande abbrechen. Das Schne will nicht beredet, es soll gefhlt werden.
Ich kenne nur ein Gesprch, welches noch unntzer ist, als das ber Bilder, und
das ist das ber Musik.

                                Fnftes Kapitel


Medons Kreis verarbeitete whrenddessen ein Thema von groer politischer
Wichtigkeit; das Verhltnis der neu erworbnen Provinzen zu dem Haupt- und
Stammlande. Man hatte nicht ungeschickt den Staat mit zwei auf dem festen Lande
ausgesten Inseln verglichen, und dieses Gleichnis war insofern von moralischer
Bedeutung, als dessen beide durch weite Strecken auseinandergehaltne Teile nach
ersiegter Ruhe sich gegenseitig schroff insularisch abzuschlieen drohten.
Diesen Krieg im Frieden zu schlichten, und eine Verschmelzung des Gemeinwesens
herbeizufhren, war nicht blo das Geschft der mit Lsung der Aufgabe
unmittelbar beauftragten Staatsmnner, sondern die Sorge jedes einsichtigen
Patrioten, und Medon schien sich hier in seinem eigentlichen Felde zu bewegen,
whrend er andern Gegenstnden der menschlichen Betrachtung oft mehr nachgiebig
und geschickt, als wahrhaft und aufmerksam folgte.
    Die Meinungen, wie das Neue zum Alten zu stellen sei, waren sehr
mannigfaltig, doch konnte man drei Hauptrichtungen unterscheiden.
    Wir haben erobert, so lie sich ein Mann von entschloner Gesinnung zu
fterem vernehmen, warum zgern wir also, nach dem unter allen Vlkern und zu
allen Zeiten blich gewesenen Eroberungsrechte zu verfahren? Der Sieger gibt
seine Einrichtungen, seine Gesetze, ja, wo Verschiedenheit der Sprache obwaltet,
nicht selten auch diese dem Besiegten. Der Sinn aller Kriege und Umwlzungen ist
nur der, da die den Vlkern zugeteilten Fhigkeiten und Eigenschaften nach der
Reihe im weiteren Kreise herrschend werden, und den Gang der Ereignisse
bestimmen sollen. Auf solche Weise wird die in der einen Richtung mde gewordne
Welt durch eine andre erfrischt, und das ist der Grund, warum das Reich von den
Rmern zu den Germanen kam, darauf die spanische Herrschaft folgte, und den
Franzosen demnchst auch ihre Rolle gegeben wurde. Der Sieg soll den Zwang in
seinem Gefolge haben, nur dadurch kann er sich als gerecht bettigen. Wieviel
mehr als andre sind wir aber in diesem Falle, da es hier nur gilt, den
nunmehrigen westlichen Brdern ein ihnen von fremder Hand vor kurzem
aufgedrcktes Geprge wieder abzunehmen, und ihnen dagegen eine stammverwandte
Gestalt zu geben? Jetzt erst sind sie in die rechte Stellung zu Deutschland
gekommen, sie sind Deutsche geworden, und es wre wahrlich eine verdammliche,
ihnen selbst den grten Schaden bringende Schwche, wenn man ihnen aus Furcht
vor den Regungen einiger Egoisten die Segnungen der Nationalisierung
vorenthielte.
    Indem er diese Ansichten weiter ausfhrte, vertrat er die Notwendigkeit
einer schnellen und krftigen Organisation. Gesetze, Finanzen, Verwaltungs- und
Kulturanstalten des alten Landes sollten so rasch als mglich jenen neu
herantretenden Staatsgenossen nutgeteilt werden.
    Ganz im entgegengesetzten Sinne sprach sich ein andrer Staatsmann aus.
Diese Umbildung oder Organisation, wie man dergleichen Gewaltsamkeiten nennt,
als wenn man in einer neuen Provinz nur eine tote Masse empfinge, welcher durch
den Erwerber erst die Lebensorgane gegeben werden mten, scheint mir gnzlich
auer der Zeit zu sein. Im Grunde rhrt jenes System von den Rmern her, welche
freilich alle berwundne Vlker mit der Geiel ihres Rechts und ihrer Verwaltung
zu zchtigen pflegten. Jeder sptere Versuch der Art ist nur eine Nachahmung der
Maxime des einst weltbeherrschenden Staats gewesen. Am reinsten wurde derselbe
von den Spaniern in den Eroberungen der Neuen Welt durchgefhrt, wie denn
berhaupt die spanische Herrschaft die meiste hnlichkeit mit der rmischen
Tyrannie hatte.
    Aber um sich zu einer so harten Zwangslehrmeisterstelle berufen zu fhlen,
mu man sich fr das erste Volk der Erde halten knnen. Rmer und Spanier taten
dieses, erstere vom politischen, letztere vom religisen Stolze getragen. Ohne
solchen Wahn, ohne diesen festen und unerschrocknen Fanatismus wird man in jener
Bahn immer nur die Rolle des an sich selber zweifelnden Despoten spielen, die
schlechteste, welche es gibt.
    Nun wird doch wohl niemand im Ernste sagen, da unser achtbarer, aber etwas
schmchtiger Mittelstaat jene unermeliche Befangenheit teile. Wir freun uns des
eingetretnen Umschwungs der Dinge, wir wissen, da wir redlich und nach Krften
an dem Rade der Zeit haben schieben helfen, aber alle Vernnftigen sind von dem
Rausche jener begeisterten Jahre ernchtert, in denen wir freilich glaubten, da
Krners Lieder und die Freiwilligen den Usurpator verjagt htten. Eine khlere,
aber richtigere Betrachtungsweise ist an die Stelle jener berspannung getreten.
Friedrichs Ehre glnzt bei den Sternen, dort leuchte sie uns fort und fort als
heiliges Erinnrungszeichen, aber gefhrlich wre es, sie etwa als Kokarde an
unsern Hten zu tragen; wir sind bescheidner geworden. Noch weniger glauben wir
im Ernste, da unsre Einrichtungen wirklich die besten seien, im stillen wei ja
jeder Kundige, da wir so manches nur noch des Herkommens und der Gewohnheit
halber mitmachen. Wie sollte es uns also einfallen drfen, andern mit Gewalt
aufzudringen, was uns selbst zum Teil berlstig geworden ist?
    Der erste Redner stellte hierauf mit Lebendigkeit alle die Nachteile dar,
welche aus einer so verschiedenartigen Gestalt der ffentlichen Lebensform
entspringen mten. Wahrlich! rief er aus, wie l und Wasser sich nicht
mischen, so werden wir, wenn man jenen gelinden und zaudernden Weg verfolgt, das
entfernte Besitztum mit uns niemals verbunden sehn, es wird nur unser
Scheineigentum sein, welches der erste beste Sturm uns wieder zu entfhren
droht. Und warum die groen Besorgnisse? mchte ich doch fragen. Sind wir nicht
eines Stammes, mu daher nicht bei ihnen selbst eine Art von Verlangen nach
unsern germanischen Einrichtungen bestehn?
    Das mchte ich doch leugnen, nahm ein Dritter das Wort. Wie man ber
Westdeutschland denken mge, so viel ist gewi, da man einen merklichen
Unterschied wahrnimmt, sobald man sich dem Stromgebiete der Weser nhert. Bei
uns ist alles huslich, brgerlich, familienhaft. Arbeit und Erwerb um der Frau
und Kinder willen zu unternehmen, nach des Tages Last und Hitze im Kreise der
Seinigen auszuruhn, dem Sohne zu einer Stelle, der Tochter zu einer Heirat zu
verhelfen, darauf bezieht sich alles Streben der Stnde, welche hier, wie
berall vorzugsweise das Volk ausmachen. Blickt der Brger aus seinen vier
Pfhlen in das Gemeinwesen, so sieht er dasselbe eigentlich nur in der
aufsteigenden Beamtenhierarchie, die jedes selbstttige Eingreifen seinerseits
verbietet, und in dem Herrscher, der ihm fast nur wie der oberste Familienvater
vorkommt. Kein Adel, oder ein solcher, welcher verschuldet und machtlos, nur zu
dienen wei. ber ein weites plattes Land derselbe Zustand, dieselbe Stimmung
verbreitet, hchst achtbar, aber sehr einfrmig und ein wenig tonlos.
    Wie anders wird es, wenn wir durch die Westflische Pforte gegangen sind!
Erinnrungen der verschiedensten Art beherrschen die Geister der Menschen. Hier
lag eine freie Reichsstadt, dicht daneben waltete der Krummstab des Bischofs,
unfern gebot ein kleiner Dynast. Nun dauert aber das Gedchtnis einer
politischen Vergangenheit lnger, als unsre Staatsknstler sich trumen lassen.
Weiterhin, in den rheinischen Kreisen, war bekanntlich die Landkarte noch bunter
zu den Zeiten des Reichs, welches doch noch kein Menschenalter tot ist.
Betrachte man denn eine eigentmliche Folge, welche die Verhltnisse kleiner
Staaten in den Menschen erzeugen! Wenn in einem groen Reiche etwa ein Dutzend
Personen zu dem Bewutsein politischer Wrde und Wichtigkeit gelangen, so
entsteht auf einem viermal geringeren Raume, welcher von kleinen Staaten besetzt
ist, wenigstens das Vierfache jenes Bewutseins und des daraus entspringenden
Sinns fr das ffentliche. Auf Flcheninhalt und Einwohnerzahl kommt es hiebei
nicht an. Der Geheime Kammerrat des Beherrschers von wenigen Drfern und Weilern
trgt ein Selbstgefhl mit sich umher, welches dem des Ministers in dem Staate
von dreizehn Millionen Einwohnern nichts nachgibt, vielleicht dasselbe noch
bertrifft, weil jenen die groen Welthindernisse nicht so bedrngen, wie
diesen.
    Die kleinen Staaten sind untergegangen, aber die Menschen sind geblieben.
Die Shne oder Enkel jener Geheimen Kammerrte, Brgermeister, Schffen und
Patrizier leben, und wollen an ihrem Teile die Stelle der Vter und Ahnen
einnehmen. Im Dienste des groen Reichs, welcher ihnen nun offensteht, gelangen
aber nur sehr wenige, ich wiederhole es, zu dem Gefhle eigner Wichtigkeit im
ganzen Staatsbetriebe, der unendlich greren Mehrheit bleibt die Last des
passiven Gehorsams ohne Ruhm und Auszeichnung. Was folgt also hieraus? In einer
groen Zahl von Menschen entspringt dort die Neigung, sich neben dem Staate,
allenfalls auch wider denselben stehend, geltend zu machen.
    Nimmt man nun noch dazu einen hohen und reichen Adel, der jene Gegenden mit
bevlkern hilft, und der keinesweges willens ist, sich so ganz leidend in die
uniforme Staatseinheit verschlingen zu lassen, vielmehr eher den Wunsch hegen
mchte, sich zu einer neuen Art feudalistischer Zwischenmacht zu erheben,
bedenkt man, da bis zu den jngsten Zeiten in den dortigen Gegenden auch unter
Bauern und Kleinbrgern so manche Reste unabhngiger Selbstregierung
fortdauerten, und bringt man schlielich in Anschlag, da wir zum Teil von
Slawen, Sarmaten, Wenden und Longobarden, jene aber von Sachsen und Franken
abstammen, so wird man wohl fhlen, da so bedeutende Gegenstze nicht wohl mit
einem Federzuge ausgestrichen werden knnen.
    Mehrere, welche jene Gegenden kannten, stimmten dem Redner bei, und sagten,
da auch ihnen dort ein grerer Sinn fr das ffentliche, dagegen ein vlliger
Mangel eigentlichen Familienlebens bemerklich gewesen sei.
    Gewi߫, versetzte jener, und wenn uns dieser Mangel namentlich am Rheine,
unangenehm berhrt, so knnen wir dagegen dem hheren Gemeingefhle der dortigen
Menschen Achtung nicht versagen. Die Angelegenheiten der Stadt, des Kreises, der
Provinz sind dort wirklich mehr zugleich auch Sache der Einzelnen, als bei uns.
Man kollektiert, petitioniert, stiftet Vereine aller Art, ein jeder sucht, wo
irgend mglich, in das Ganze mit einzugreifen. Darum hat auch das franzsische
Wesen, wo es dort noch besteht, tiefere Wurzeln geschlagen, als mancher hier
sich denkt. Denn, man sage ber dasselbe, was man will, es schmeichelt der
Eitelkeit, der persnlichen Selbstschtzung, kurz jenen Eigenschaften, welche so
nahe mit dem politischen Streben verwandt sind. Unsre Einrichtungen sind dagegen
alle auf eine gewisse Selbstentuerung berechnet, sie sind patriarchalischer
Natur und mssen uns ehrwrdig sein. Fr die Anwohner des groen Stroms sind sie
aber keinesweges gemacht, sie wrden ihnen schwach und lax, und dann doch auch
wieder hart und qulend erscheinen. Da ich brigens keinesweges jene
Landgebiete auf Kosten unsrer Provinzen loben will, mu ich ausdrcklich
hinzufgen. Mich verblendet kein Advokaten-und Rednergeschwtz, und mir ist,
whrend ich mich dort aufhielt, das seichte, oberflchliche, unruhige Wesen, der
Hang zum Verleumden und Verkleinern, die Geistesdrre und die Gemtsklte nicht
entgangen, wodurch man sich dort, wie berall, wo eine politische Regung
herrscht, angewidert fhlt. Nur sage ich nochmals: Sie sind nicht, wie wir,
warum sollen sie so scheinen? Saladins Wort, es sei nicht ntig:

                      Da allen Bumen eine Rinde wachse!

pat auf die Vlker noch in einem weit hheren Grade, als auf die einzelnen
Menschen.
    Man versagte dieser ganzen Auseinandersetzung den Beifall nicht, doch
vereinigten sich auch die bedeutendsten Stimmen in der berzeugung, da, wenn
dem auch so sei, die Dinge nicht so bleiben knnten, da die neueren
Regierungsgrundstze durchaus eine gewisse innere Einheit der verschiednen
Bestandteile des Staats verlangten.
    Ein Mann von gemigter Denkungsart schlug einen Mittelweg vor. Die
Revolution, sagte er, hat eigentlich die jetzige Gestalt der dortigen
Distrikte bestimmt, was uns entgegenzustehn scheint, sind doch nur ihre
Erzeugnisse. Ich sage scheint, denn in der Wirklichkeit mchten die Kontraste
nicht so unvereinbar sein. Wir haben whrend der schlimmen Jahre, wo es galt,
jedermann auf seine Fe zu stellen, damit er, wenn der Tag der Entscheidung
kme, Lust htte, sich totschieen zu lassen, auch unsererseits revolutioniert,
wenngleich auf eine stille gesetzliche Weise. Wie nun bei jenen vielleicht ein
Schritt zu weit getan ist, so knnten wir noch einige vorwrts tun. Wir knnten
den Besitz der neuen Provinzen zu einer Art von Tauschhandel benutzen, ihnen von
uns, und uns von ihnen anzueignen, was jeder des Guten hat, auf diese Weise aber
eine fortschreitende Reform des ganzen Reichs bewirken.
    Der Vorschlag hatte eine gefllige Auenseite, als man aber zu der
Anwendbarkeit desselben im einzelnen berging, zeigten sich grade die meisten
Schwierigkeiten, wie dies bei allen Mittelwegen einzutreffen pflegt.
    Diese und hnliche Gesprche wurden an vielen Abenden im Hause Medons
gefhrt. Er selbst verhielt sich dabei kritisch oder referierend, vermehrte
durch geschickte Einwrfe die Menge der Streitpunkte, oder fate die
Darstellungen der Redenden in lichtvollen, oft glnzenden bersichten zusammen,
wodurch denn freilich die Untersuchung nicht weiter gedieh. Seine eigne Meinung,
was zu tun sei? verbarg er, denn er hatte eine solche, und eine sehr bestimmte,
wie er nicht selten merken lie. Da man nun von seiner Einsicht gro dachte, und
deshalb oft eifrig in ihn drang, sich auszusprechen, er aber immer den Fragenden
gewandt zu entweichen wute, so hatte ihm der heimliche Spott, der als
Landesfrucht auch an dieser Tafel nicht fehlen durfte, den Spitznamen des Abb
Sieys beigelegt.
    Johanna nahm in der Regel ein Buch zur Hand, wenn die Herrn sich in ihre
administrativ-politischen Gesprche vertieften. Nur wenn Medon zu reden begann,
schien sie ein Zwang zu ergreifen, welcher sie nach fruchtlosen Versuchen,
fortzulesen, trieb, ihm zuzuhren. Mit einer Mischung von Wohlgefallen und
Schmerz tat sie dies, sie konnte lcheln, whrend ihr Mund vor Pein zuckte.
Hermann betrachtete sie mit inniger Teilnahme, obgleich er durchaus nicht wute,
wo er ihr Unglck finden solle. Denn die Verhltnisse des Hauses waren glnzend,
die angesehensten Personen suchten die schne, merkwrdige Frau eifrigst auf,
der Gatte behandelte sie mit einer Achtung, die an Ehrfurcht grenzte. Da sie
gewissermaen dem herzoglichen Hause entfhrt worden war, schadete ihrem Rufe in
einer Welt nicht, welcher alles Gewrz zu den Lebensumstnden lieb und angenehm
war. Der Verdacht der Herzogin endlich hatte keinen Grund; Hermann berzeugte
sich aus dem Kirchenbuche, da beide wirklich ehelich verbunden und vom Priester
eingesegnet worden waren.
    Die Staats- und Regierungsfragen, welche er hier aufwerfen, wenn auch nicht
beantworten hrte, beschftigten ihn selbst angelegentlich. Wurden auch keine
Resultate erzielt, die Tatsache drngte sich ihm unwiderstehlich auf, da er
inmitten eines groen Verbandes sei, welcher sich von Ruland nach Frankreich
erstreckte. Es konnte nicht fehlen, da das Gefhl solcher Umgebung auch in ihm
lebendige Wirkungen hervorbringen und den Ttigkeitstrieb anfachen mute,
welcher allen jungen Mnnern eingeboren ist.
    Eines Abends, als die Gesellschaft das Zimmer verlassen hatte, war er mit
Medon und Johanna allein zurckgeblieben. Sie haben, sagte er zu Medon, auch
heute uns Ihres Zutrauens in betreff jener allgemeinen Angelegenheit nicht
gewrdigt. Sein Sie wenigstens offner, wenn ich fr meine Person von Ihnen einen
Rat begehre. Ich sehe um mich her alles betriebsam, wirkend; ich selbst aber
verzehre mein Geld, verzettle doch im Grunde nur meine Tage und kann nicht
leugnen, da ich mich unbehaglich zu fhlen beginne. Ich habe schon wieder an
den von mir so rasch verlanen Staatsdienst gedacht.
    Medon schwieg einige Zeit, dann hob er an: Und doch wrden Sie in einen
zweiten, hrteren Irrtum verfallen, wenn Sie diesem Gedanken die Ausfhrung
gben. Wie ich Sie kenne, sind Sie nicht geschaffen, zu dienen, am wenigsten
hier, wo, man mag sagen, was man will, doch meistens nur der Zufall, der
Schlendrian, und die geschmeidige Charakterlosigkeit zu den Stellen emporfhren,
in welchen ein Mann von Geist und Talent ausdauern kann. Indessen wte ich
einen andern Weg, Ihr Feuer, Ihre Kenntnisse und Rednergaben der Welt ntzlich
zu machen, Sie mit der Welt in eine werkttige Verbindung zu setzen.
    Und der wre? fragte Hermann gespannt. Johanna rckte unruhig nher.
    Es ist mir ein schnes Gut im Badenschen zum Kauf angeboten, dessen Besitz
die Landtagsfhigkeit gibt. Ich kann von diesem Eigentume obgleich die
Bedingungen uerst billig sind, keinen Gebrauch machen. Wollen Sie es erwerben?
Ein Teil des Preises darf stehnbleiben. Meine Verbindungen in dortiger Gegend
sind ziemlich ausgebreitet. Ich will Ihnen allenfalls dafr haften, da Sie in
die Kammer gewhlt werden sollen. Die nchsten Sitzungen werden aller
Wahrscheinlichkeit nach wichtig und erfolgreich sein, kurz die glnzendste Bahn
liegt, wenn Sie auf diesen Vorschlag eingehn, Ihren Fhigkeiten offen.
    Johanna erhob sich. La das! rief sie Medon mit einem Tone zu, welchen
Hermann noch nicht von ihr vernommen hatte. Er gehrt hieher und in einen
ordentlichen ehrlichen Beruf, fuhr sie ruhiger fort.
    Medon schien anfangs etwas bestrzt zu sein. Bald aber fate er sich, und
sagte, als Johanna das Zimmer verlassen hatte: Meine Frau hat oft die
seltsamsten Launen, und ist dann nicht imstande, sich zu gebieten. Gleichwohl
wrde sie ohne dieselben nicht die schne Empfindungsfhigkeit haben, um welche
ich sie so unaussprechlich liebe und verehre.

                                Sechstes Kapitel


Der Gedanke, badenscher Volksdeputierter zu werden, hatte, so unerwartet und
seltsam er Hermann anfangs vorgekommen war, dennoch bald fr ihn etwas
Reizendes. Er las die Papiere, welche ihm Medon mitgeteilt, achtsam durch, und
konnte an manchen darin enthaltnen Winken abnehmen, da eine rhrige Partei ein
geschicktes Werkzeug suche, welches man aus unbekannten Grnden am liebsten im
Auslande finden zu wollen schien. Dies machte ihm die Sache noch anziehender.
Man will behaupten, da er aus der groen Bibliothek damals mehrere Bnde
englischer Parlamentsverhandlungen und franzsischer Journale erborgt, und
wenigstens angefangen habe, in diesen Musterurkunden zu studieren.
    Ein Blick auf die nchsten Verhltnisse berzeugte ihn wirklich, da Medon
wenigstens darin recht gehabt habe, ihm den Eintritt in diese zu widerraten. So
sehr man Persnlichkeit, Geist, Talent als gesellige Tugenden achtete, eine so
verschiedne Gestalt nahmen die Dinge an, wenn die Rede vom Dienste des Landes
war. Dann trat behutsam und indirekt, aber ganz unzweideutig die alte Furcht vor
dem Genie auf, mit welchem man in Amt und Stelle nichts zu schaffen haben
mochte. Auch nahm er binnen kurzem wahr, da, wenn man nicht das Glck hatte,
einer der Familien anzugehren, in welchen sich die Befrdrung sozusagen
erblehenartig machte, ein rasches Fortkommen zu den seltensten Zuflligkeiten
gerechnet werden mute. Gern htte er sich mit Johanna, die ihn seit jenem
Auftritte mit zweifelnder Miene betrachtete, verstndigt, sie wich aber allen
Erklrungen aus, und sagte nur einmal in Selbstvergessenheit zu ihm: Wer sich
das Netz ber den Kopf werfen lt und merkt es nicht, verdient kein Mitleid!
    Es war noch so manches, was ihn jetzt in diesem Kreise befremdlich anstie.
Zuerst, da er sah, wie es Mode geworden war, auf eine jngstvergangne Zeit voll
Glut und Erhebung vornehm hinunterzublicken. Man schmte sich fast der verbten
Grotaten, wie wilder Studentenstreiche; die Helden jener Epoche wurden von
allen Seiten kritisch beleuchtet, sie waren unbequem geworden, und das
berchtigte Gleichnis, da in dem denkwrdigen Jahre jeder zum Kampf geeilt sei,
pflichtmig, wie der Brger bei entstandnem Feuerlrmen zur Spritze, erfreute
sich vieler eifriger Verehrer.
    Einstmals traf er mit einem Bewohner der westlichen Gegenden zusammen,
welcher gekommen war, ein persnliches Anliegen durchzusetzen. Er merkte ihm
bald ab, da der Mann zu den Unzufriednen gehrte. Auf seine Fragen, worber man
sich denn dort zu beschweren habe? versetzte der andre derb: Zum Henker, ber
die Unredlichkeit! Wir sind so oft umgemodelt worden, da wir uns auch jetzt
wieder eine Verndrung gefallen lassen wrden. Aber was macht man? Die Formen
lt man bestehn, und in der Sache tun sie hier denn doch, was den hiesigen
Grundstzen gem ist. Dadurch sinkt die Achtung vor den Gesetzen und vor der
Verfassung, denn man sieht, da diese nur ein Spielzeug sein soll, welches man
dummen und blden Kindern in Hnden lt, damit sie nicht schrein. Viele sind
darber verdrielich und in manchem ist eine noch blere Stimmung erzeugt
worden.
    Als er sich nach dem Nheren erkundigte, hrte er von mehreren Fllen,
welche die Klage des Unzufriednen zu besttigen schienen. Besonders sollte
dieses zweideutige System in einer Sphre befolgt worden sein, mit deren
Vorstande er zufllig nher bekannt geworden war, weil er zu den fleiigsten
Besuchern des Medonschen Hauses gehrte.
    Er nahm sich vor, von Medon, den er oft in tiefen vertraulichen Gesprchen
mit jenem Staatsmanne bemerkt hatte, ber die Angelegenheit Erkundigung
einzuziehn. Als er dies tat, ma ihn Medon mit den Augen, und gab keine
bestimmte Antwort, welche er berhaupt im Augenblicke irgendeiner bedeutenderen
Frage immer zu vermeiden pflegte. Allein nach einigen Tagen lie er sich auf
einem Spaziergange so gegen Hermann aus: Wir leben in der unumschrnktesten
Monarchie, welche vielleicht jetzt auf der Erde besteht, und selbst unsre
stlichen Nachbarn knnen in dieser Hinsicht neben uns nicht genannt werden. Ich
heie unsern Staat so, weil das Volk in ihm von jeher nicht viel bedeutet hat,
wir vielmehr von den Erinnrungen an einige groe Regenten zehren, die das
wundersame Geschick grade auf dieser drftigen Erdscholle geboren wissen wollte.
An diesen Erinnrungen hngt unser Dasein, aus ihnen ist Sturz und
Wiederherstellung des Reichs hervorgegangen. Der Trger der obersten Macht ist
alles bei uns, seiner Entscheidung und Beschlunahme wrde mit Erfolg weder ein
Gemeingefhl der Beherrschten, noch die hemmende Kraft selbstndiger
Institutionen, auch wenn man die Absicht htte, sie zu schaffen, entgegentreten
knnen. So ist es, und so mu es sein, wenn wir uns erhalten wollen. Da wir nun
aber gegenwrtig den sogenannten Geist der Zeit zu schonen haben, so scheint mir
eine Verfahrungsweise, wie Sie mir sie schildern, nicht so bel zu sein; da man
nmlich den jngsten Kindern des Hauses die Formen lt, welche sie liebgewonnen
haben, in den Sachen aber autokratisch nach alten Prinzipien beschliet.
    Hermann widersprach diesen Ansichten lebhaft, welche er im Fortgange eines
ziemlich eifrig werdenden Gesprchs Machiavellismus nannte. Worauf Medon
versetzte, da er den Machiavell fr einen der grten Staatsweisen halte,
welche es je gegeben, und da er der Zeit Glck wnschen wolle, wenn ihr wieder
so ein Kopf beschert wrde, welcher das eigentliche unter den politischen und
administrativen Phraseologien versteckte Gewebe des jetzigen ffentlichen Seins
aufzudecken tchtig genug wre. brigens wei ich nicht, fuhr er mit einer
abbrechenden Wendung fort, ob man so verfhrt, wie Sie sagen, und so
verabscheuungswrdig finden. Den Unzufriednen ist nirgends zu trauen.
    Dieses Gesprch verflatterte sonach, gleich den meisten, die er mit Medon
gefhrt, zuletzt in Luft; das einzige, was ihm in seinem Umgange mit diesem
bedeutenden Manne mifiel. Denn sonst zog ihn alles nun immer mchtiger zu ihm
hin, Wissen, Beredsamkeit, Kraft, ja selbst der Blick des hellblauen Auges,
welches, wenn Medon in Eifer geriet, im eigentlichen Sinne des Worts blitzte, so
durchdringend wurde der Glanz desselben.
    Hermann teilte hierin nur die Stimmung smtlicher jngeren Leute, welche in
groer Anzahl bei Medon aus- und eingingen. Er schien den Verkehr mit diesen
besonders zu lieben. Sie dagegen ahneten hinter seinen Andeutungen und Winken
etwas Auerordentliches, welches um so reizender fr sie war, als sie sich von
der Gestalt desselben keine Rechenschaft zu geben wuten. Da er nun in jedem das
Selbstgefhl durch Lob und Ermuntrung ungemein zu steigern wute und ihren
Talenten die schimmerndsten Kreise anwies, so hatte er um sich eine Art von
Hofstaat versammelt, welcher sich in angenehmen Gedanken und schnen Erwartungen
von Tag zu Tage gehnlie.

                               Siebentes Kapitel


Er hatte indessen immer tiefere Blicke in die badenschen Grund- und
Erwerbspapiere geworfen, und da ihm um diese Zeit einige feurig aufmunternde
Briefe ehemaliger Ordens- und Gesinnungsbrder zukamen, des Inhalts, da er aus
der Unttigkeit hervortreten mchte, da Medon auch, ohne zuzureden, seinen
Entschlu fr gefat annahm, so war eines Morgens in einer leeren unmutigen
Stunde die bindende Unterschrift unter dem ihm vorgelegten Dokumente geleistet
und letzteres zur Post gefrdert.
    Er sa nachdenklich, die Feder noch in der Hand, und berlegte den wichtigen
Schritt, welchen er soeben getan, als Medon eintrat. Dieser umarmte ihn, da er
das Geschehene vernommen, und rief: So sehe ich Sie doch endlich in der rechten
Strae, und dem zwecklosen Umherstreifen enthoben!
    Es ist sehr zu wnschen, da dem so sei, versetzte Hermann. Denn mein
vterliches Vermgen reicht kaum zu, den Kaufpreis des Guts zu decken, und ob
ich bei der Bewirtschaftung desselben sonderliche Geschfte machen werde, steht
dahin, weil ich in diesen Dingen noch vllig unwissend bin.
    Wie gro war sein Schreck, als er die Verfassungsurkunde jenes Landes
nachsah, was er bis jetzt unterlassen hatte, und bemerkte, da er das wahlfhige
Alter noch gar nicht erreicht habe! Er konnte sich nicht enthalten, Medon einige
Vorwrfe darber zu machen, da er von ihm auf diesen Umstand nicht aufmerksam
gemacht worden sei. Medon lehnte dieselben jedoch ganz sanft mit der Bemerkung
ab, da er ja nicht verordnet gewesen sei, seine Jahre zu zhlen, und da er ihn
nach der Reife seines Urteils und nach seinem ueren Ansehen schlieend, fr
lter gehalten habe. brigens ist noch nichts verloren, fgte er hinzu. Sie
sind nur als Brgerlicher zu jung; wenn Sie geadelt werden, besitzen Sie die
erforderliche Weisheit. Wir wollen also auch diese Metamorphose versuchen, und
ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege angeben.
    Diese neue Aussicht, fr deren Verwirklichung gleich allerhand geschah,
vermehrte die Unruhe, welche das Wesen unsres Freundes aufregte, seitdem er in
den Zauberkreis der groen Stadt getreten war. Nicht leicht ging ein Tag hin, an
welchem nicht das, was ihm festzustehen schien, von andern bezweifelt, und
hufig auch widerlegt worden wre. Die Stadt war gewissermaen eine Freisttte
aller Gedanken und Meinungen, und wenn diese selbst friedlich nebeneinanderher
gingen, so hatte der Anblick so vieler unvermittelter Gegenstze fr den dritten
Beschauer auf die Lnge etwas Seelenzerstrendes.
    Um nur ein Beispiel anzufhren: Er hatte geglaubt, durch die Gesprche in
Medons Hause ber die Lage des Staats, und ber das, was dessen vorzglichste
Mnner hauptschlich beschftige, ziemlich in das Klare gesetzt worden zu sein.
Wie erstaunte er, da er an einem andern Orte zuflliger Zeuge einer Unterredung
wurde, aus welcher er abnahm, da die Frage ber das Verhltnis der neuen
Provinzen von den eigentlichen Lenkern nur als eine untergeordnete betrachtet
wurde, da man sich vielmehr im hchsten Rate mit Dingen beschftige, welche,
weitgreifender Art, ber ganz Deutschland ihre Folgen zu verbreiten bestimmt
waren!
    Diese ganze Welt, in welcher er sich seit einigen Monaten bewegte, kam ihm
so doppeldeutig und unsicher, und trotz alles scheinbaren Lebens so tot vor, da
ihm oft bel zumute ward. Was ihn vor allem unangenehm berhrte, war der Mangel
jeglicher Poesie, der ihm bald anschaulich wurde. Zwar arbeitete der junge
Dichter rastlos an seinen Bildern aus der Kunstgeschichte fort, und hatte fr
den nach Weimar mitgeteilten florentinischen Zeitraum von dort ein aufmunterndes
Schreiben empfangen, in so lblichen Bestrebungen treufleiig fortzufahren,
zwar bestanden einige literarische Gesellschaften; aber Hermann wollte durch
alles, was er hier hrte und sah, wenig erbaut werden. Was einem Fremden, wie er
war, bald kein Geheimnis blieb: Es hielt niemand etwas von dem andern, und wenn
sie sich auch gegenseitig besangen, so lachten sie sich im stillen doch nur
untereinander aus. Vom Theater zu reden, ward beinahe fr unanstndig gehalten,
es stand in einer Art von Verruf, warum? lie sich auch nicht wohl begreifen; es
war um nichts schlimmer, als manches andre, was in hohen Ehren gehalten wurde.
    So zwischen Staatskunst, Gelehrsamkeit und dem Enthusiasmus fr Malerei
eingeklemmt, fhlte Hermann recht deutlich, da ihm nur wohl werden knne, wo
der frische Glaube an die fortzeugende Kraft der Dichtung wehe. Hier aber ward
alles Neue mehr oder minder hflich verneint, man hatte sich und sein
sthetisches Gewissen in der schwrmerischen Verehrung des alternden groen
Autors abgefunden. Es lie sich aber erkennen, da mindestens ein Teil der
Verehrer ihn auf gut Nicolaitisch wiederum gekreuzigt haben wrde, wenn er unter
ihnen neu mit dem Werther aufgetreten wre.
    Die Tage waren kurz geworden. An einem Abende, an dem es drauen recht
unheimlich strmte, besuchte er Johannen. Er hatte gewnscht, sie allein zu
finden, und es ward ihm so wohl. Sie sa in einem kleinen Zimmerchen, und hatte
Briefe, getrocknete Blumen, Schattenrisse vor sich auf dem Tische ausgebreitet.
An den Wnden dieses Zimmerchens hingen viele kleine Bildnisse, Freunde und
Freundinnen einer glcklicheren Zeit. Ihre Augen waren verweint, sie schien matt
und abgespannt zu sein. So kommen Sie doch noch, rief sie ihm sanft und
freundlich entgegen, das ist schn! Der Abend ward mir unter meinen lieben
Schatten hier gar zu schwer, ich kam mir selbst schon ganz vergangen vor, und
meinte, zum zweiten Male zu leben. Wie es drauen strmt, und hier die kleine
friedliche Lampe! So wtet es berall feindlich um das stille liebliche Feuer,
was hin und wieder die Mchte des Himmels entznden!
    Was hat Sie betrbt, Johanna? fragte Hermann, und setzte sich teilnehmend
zu ihr.
    Nichts und alles! versetzte sie. Mein Herz ist eben zum berlaufen voll,
und da gengt ein Trpfchen zum Ergusse. Wir hatten zu Mittag Gesellschaft und
die trostlosen Gesprche begannen wieder, welche mir schon oft den Busen
zerspaltet haben. Die armen, trichten Menschen! Auf den Knien sollten sie Gott
danken, da er doch hin und wieder einen warmen Frhlingsatem ber die Erde
streifen lt, unter welchem das kleinste Grschen sich aufrichtet, und selbst
verdorrte Keime neu zu sprieen beginnen.
    Ich wei, was Sie meinen, sagte Hermann. Auch mich hat es schon oft
verdrossen, da man hier fast geflissentlich bemht ist, der Erinnrungen an eine
groe Zeit sich zu entschlagen! Und doch, was steht ihr gleich, was kann das
gegenwrtige Geschlecht ihr hnliches hoffen?
    Sie war die hohe Brautwoche, der se Honigmonat meines Lebens! rief
Johanna und ihre Augen glnzten. Ich war zwanzig Jahre alt, auf meines Vaters
Schlosse erwachsen, der, wie ihn die Leute auch beschelten mgen, mir ein guter
Vater war, und mich aufstreben lie, frei und ungezwngt, gleich den Tannen in
unserm Park. An seiner Seite zu Pferde, oder im leichten Jagdwagen, wenn der
Hirsch verfolgt wurde, war es mir oft, als mten Flgel mir an beiden Schultern
wachsen, so leicht und rein rollte in mir das mutige Leben! Daheim horchte ich
den Erzhlungen der Reisenden und klugen Mnner, welche meinen Vater besuchten,
und von fremden Lndern und Menschen sprachen, oder ich las Geschichte mit
meiner alten, wrdigen Erzieherin. Denn, Dank sei es denen, welche ber mein
Geschick geboten; nichts Gemeines und Eitles durfte mich berhren, und ich
erinnre mich noch, da in meinem Zimmer der Spiegel fehlte. Welt und Vorzeit
umgaben mich wie ein schnes, sinnvolles Mrchen, in dessen Mitte ich, allen
Helden und Weisen vertraulich nahe, liebe Tage hinspann.
    Nun erschien jener groe Winter mit seinen Eis-und Leichenfeldern, mit
seinem Stadt- und Herzensbrande! Meines Vaters Entschlu war sogleich gefat,
als die ersten Zuckungen des wieder erwachenden Lebens sich verspren lieen.
Obgleich, nach der Sitte seiner Jugend, gern die fremde Sprache redend, war er
ein deutscher Mann und Edelmann geblieben; sein Herz hatte bei dem Jammer des
Vaterlandes oft geblutet. Wir zogen, damit er ttiger eingreifen knnte, auf
eine Zeitlang nach der groen Stadt, welche der Herd des heiligen Feuers war.
Was schwatze ich Ihnen vor? Sie waren ja selbst dabei, haben selbst die Waffen
getragen. Welche Tage! Welche Gefhle! Nun waren Rom und Griechenland und die
Ritterzeit kein Mrchen mehr fr mich, alles Grte strahlte wiedergeboren im
grnen, frischen Lichte, mich an. Mein Mdchenherz wollte mir oft die Brust
zersprengen, wenn ich bis Mitternacht, ja bis an den frhen Morgen die Binden
zuschnitt, welche das Blut der Wunden hemmen sollten. Ich weinte, da mein Vater
reich war, da ich nicht auch mich gentigt sah, mein Haupthaar auf dem Altare
der allgemeinen Begeisterung zu opfern. Nie, nie kann ich das vergessen, und
wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klgelei starr wird, so soll der Busen
einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern!
    Sie war aufgestanden und ging mit groen Schritten durch das Zimmer. Ihre
Zge hatten sich verklrt, sie glich einer Priesterin, einer Velleda. Nach einer
Pause, whrend welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie durchsichtig
zu werden schien, stand sie still und rief: Ja, wenn es eine Liebe je auf Erden
gegeben hat, so habe ich geliebt! Und o des Glcks! Die zrtlichste Empfindung
war nur eins mit der heiligsten und grten! Im Waffenschmuck trat er mir
entgegen, dem Kampfe sich entgegensehnend, in den er nach wenigen Wochen zog.
Mild war er und edeln Zornes zugleich voll, nie hat ein reineres tugendhafteres
Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft. Er war wie ein Verschlagner von
einer fernen seligen Insel unter uns andern. Die Augen pflegte er zu senken, als
erliege seine Seele unter ihrer eignen Gre. Stumm war unsre Liebe und ohne
Erklrung. Nur, als ich ihm beim Abschiede die Feldbinde reichte, verstanden
sich unsre Blicke. Er zog dahin, und ich sah ihn nicht wieder.
    Er trug, wie alle jugendliche Frhlingsherzen, die Todesahnung im Busen.
Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem
Gedanken, fern unter den Futritten des feindlichen Volkes vermodern zu mssen.
Das Schicksal ist oft grausam, es kann uns nicht allein das Leben, wie wir es
wnschen, sondern auch den Tod, wie wir ihn zu sterben wrdig gewesen wren,
versagen. Nicht in einer der groen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein
Freund, nein, vereinzelt, seiner Schar nachgeblieben, wurde er von
umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden erschlagen. Ich erfuhr seinen
Tod, noch ehe die Nachricht davon zu mir gelangte. In der Nacht aus tiefem
Schlummer ohne vorhergegangnen Traum emporschreckend, sah ich das blutige Haupt
des Ermordeten am Fue meines Lagers aufsteigen, und alsobald auch wieder
verschwinden. Augenblicklich wute ich um meinen ungeheuren Verlust, aber
zugleich durchdrang mein Herz ein unvergnglicher Trost, der es so ganz
erfllte, da ich mich kaum erinnere, damals geweint oder sonst getrauert zu
haben. Nur jetzt, nach manchem Jahre flieen meine Trnen zuweilen. Als die Ruhe
hergestellt war, beschftigte uns alle, die wir ihn geliebt hatten, sein Wunsch.
Ein treuer Gefhrte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf, scheute
nicht Mhe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich emprten Volke, fand die
Grube, in welcher man den Krper verscharrt hatte, kaufte die teuren Reste los,
und brachte sie in die Heimat.
    Sie nherte sich einer schmalen, lnglichen Kiste, welche in der Ecke des
Gemachs stand, ffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes ber
sie. Hermann trat hinzu und fuhr zurck; ein menschliches Gerippe starrte ihm
aus der Kiste entgegen. Warum erschrickst du? Was macht dich zu frchten? rief
sie. Dies ist mein lieber, mein einziger Freund, den ich nun wiederhabe, und
nicht von mir lasse. Betrachte den holdseligen Mund, die guten, schnen Augen,
die denkende Stirne! Nun ruht er, umweht vom Hauche der Liebe, nun ist ihm
wohl!
    Teure, warum gaben Sie der Erde nicht wieder, was der Erde gehrt? fragte
Hermann, als er sich einigermaen von seinem Erstaunen erholt hatte.
    Sie versetzte nichts. Mit den zrtlichsten Namen rief sie den geschiednen
Freund, schmeichelnd strich sie ber den kahlen Schdel, ihre Lippen kten die
leeren Augenhhlen. Dazwischen fhrte sie Reden, deren Sinn und Bedeutung
Hermann nicht verstand. Sie sprach von dem Vampir, der, auferstandne Leiche,
umhergehe und den Lebenden das Blut aussauge, und beschwor die Gebeine des
Toten, sie wie bisher, so auch ferner vor dem Schrecknis zu schtzen.

                                 Achtes Kapitel


Es schien, als seien die nchsten Tage bestimmt, unsres Freundes Herz, welches
schon in kalten, seltsamen Umgebungen zu frieren begann, wieder von neuem
auszuwrmen. Johannas Not regte mchtig sein Gefhl auf, und kurz nach jenem
Abende sollte er auch einen alten Freund wiedersehn.
    Er war in Madame Meyers Gesellschaft gewesen. Als geborner Hansestdter an
reichliche Mahlzeiten gewhnt, empfand er nach den dort landblicherweise
genossenen dnnen Butterschnittchen immer noch einen lebhaften Appetit, den er
nun in einer Restauration stillen wollte. Aber obgleich es erst eilf Uhr war, so
herrschte in diesem Teile der Stadt doch schon eine Totenstille, die Fenster
waren dunkel, die Lden geschlossen und nur die Laternen warfen ihr mattes Licht
ber die menschenleeren Straen. Er kam endlich in die Nhe eines Gasthofs, vor
dessen Tre sich jemand in hnlicher Not befand, wie er. Ein Reisender suchte
mit Rufen, Schelten und Klopfen vergebens Einla durch die bereits fest
verschlone Pforte zu gewinnen. Das Gerusch zog Hermann mechanisch nher, und
er erkannte mit freudigem Schreck die Stimme seines Freundes Wilhelmi. Dessen
Freude war nicht geringer, beide begrten einander auf das herzlichste. Nachdem
sie durch vereinte Bemhungen die ffnung des Wirtshauses erwirkt hatten,
Wilhelmis Wagen und Gepck untergebracht worden war, blieben sie noch einen Teil
der Nacht in traulichen Gesprchen beisammen. Hermanns erste Frage war, was
Wilhelmi so unerwartet herfhre? worauf jener ihm erwiderte, da sein Verhltnis
zum herzoglichen Hause gelset sei, und da er komme, um seine Sammlung dem
groen Museum zu verkaufen. Man habe ihm die bestimmte Hoffnung gemacht, ihm als
Preis eine feste Anstellung bei jenem Institute zu geben.
    Hermann wute, wie leicht man es mit solchen Versprechungen des Orts nehme,
und erschrak ber den unbedachten Entschlu des Freundes. Er htete sich
indessen, seine Befrchtungen ihm mitzuteilen, um Wilhelmis Hypochondrie nicht
rege zu machen. Wahrhaft schmerzlich war ihm aber die Lsung der Bande, welche
er in Achtung, Liebe und Bedrfnis fest gegrndet erachtet hatte. Auch der Arzt,
so hrte er von Wilhelmi, sinne darauf, dem Schlosse Lebewohl zu sagen. Am
befremdlichsten klang, was er ber die Herzogin vernahm. Sie sei, erzhlte
Wilhelmi, nach Hermanns Abreise in eine dstre Melancholie verfallen, welche
sich durch einen sonderbaren Widerwillen gegen die Gesellschaft ihres Gemahls
ausgezeichnet habe. In dieser Stimmung habe sich der Geistliche ihrer
bemchtigt, mit welchem sie nun den grten Teil ihrer Zeit in Andachtsbungen,
die zuweilen selbst in Kasteiungen ausarten sollten, verbringe. Der Herzog sei
ber diesen Zustand um so bekmmerter, als ihm grade jetzt der vom Kaufmann nun
mit vollem Eifer betriebne Proze viel zu schaffen mache.
    Alles dieses konnte Hermann wenig erfreun. Es tat ihm wehe, da ein so
treuer gefhlvoller Mann, wie Wilhelmi, sich seinen Gnnern in einem solchen
Augenblicke hatte entziehen knnen.
    Ich will mich nicht rechtfertigen, sagte dieser, als Hermann nach einigen
Tagen eine leise Andeutung seiner Empfindung blicken lie. Es gibt Dinge und
Worte, die mit magischer Kraft das Gemt unwiderstehlich nach sich reien, und
so mu ich dir gestehn, da ich, in abgelegnen Winkelverhltnissen hingehalten,
nicht zu widerstehn vermochte, als mir die Aussicht erschien, mich dem
ffentlichen angereiht zu sehn. Wie einst das Heilige Grab und spterhin die
Neue Welt jeden strebenden Geist siegreich lockte, so ist es jetzt mit dem
Staate. Nur das, was an ihn sich lehnt, nur das, was von ihm erkannt wird, hat
Glauben an sich selbst, die Zeit der Privatdienstbarkeit ist durchaus vorber.
    Du sprichst da etwas aus, welches mir schon lange das Herz beschwert hat,
versetzte Hermann. Wenn ich die Dokumente jener verspotteten empfindsamen
Zeiten betrachte, so mu ich sagen, da diese schwrmerischen Freundschaften auf
Leben und Tod, diese leidenschaftlich-platonischen Liebesverhltnisse, diese
begngten Familienglckseligkeiten, wie sie damals gang und gbe waren, jetzt
fast aufgehrt haben. Das Gemt hat die Fhigkeit verloren, sich in so
traulicher Enge zu regen, alle Krfte und Sinne der Menschen streben weiteren
und hheren Zwecken zu. Das wre nun recht schn, wenn wir nur schon ein
Vaterland, oder groe ffentliche Einrichtungen htten. Aber alle diese erhabnen
Trstungen zeigen sich bei nherer Betrachtung denn doch meistens als Schein,
hchstens als ziemlich schwache Versuche. Und so darbt unser Herz ber den
Mangel eines Freundes, einer Geliebten, eines Hauses sich zu Tode, und wenn es
sich auf einem andern Altare opfern mchte, so fehlt eben dieser. Wahrlich, es
liee sich ein Werther des neunzehnten Jahrhunderts schreiben, der an diesem
Doppel- und Nichtzustande verginge, und dessen Klagen auch rhrend und beweglich
ertnen wrden.
    Ja, wir leben in einer bergangsperiode, sagte Wilhelmi. Das ist ein
trivial gewordnes Wort, welches alle Schulknaben jetzt nachplappern. Schwieriger
ist es, die ganze Bedeutung desselben zu fhlen, sympathetisch mitzuempfinden,
wie viele Menschen an einem solchen bergange zugrunde gehn. Wohl befinden sich
in der Gegenwart eigentlich nur die oberflchlichen Naturen, welche von Schatten
und Klngen genhrt werden, whrend jede tiefer gehhlte Brust ein heimliches
Verzagen erfllt. Auf alle Weise sucht man sich zu helfen, man wechselt die
Religion, oder ergibt sich dem Pietismus, kurz, die innere Unruhe will Halt und
Bestand gewinnen, und lst in diesem leidenschaftlichen Streben gemeiniglich
noch die letzten Sttzen vom Boden.
    Wunderbare Gedanken und Trume beherrschen die Menschen, sagte Hermann.
Trotz alles Redens von der praktischen Richtung des Zeitalters laufen die
Vorstellungen und Dinge weit auseinander, und der Wahn hat eine furchtbare Macht
gewonnen. Es liee sich der Fall denken, da jemand unter der Last eines
eingebildeten Schicksals sein Leben hinkeuchte, und strbe, ohne das Antlitz der
Wahrheit geschaut zu haben.
    Wiederum aber sind auch die auerordentlichsten Glcksflle gedenkbar,
versetzte Wilhelmi. Eigentum und Besitz haben ihre schwere, tellurische Natur
aufgegeben, sie streichen, gasartig verflchtigt, durch die Lfte, und niemand
von uns wei, ob nicht auch er in den Bereich eines solchen ziehenden Schwadens
kommen werde. Kurz, Freund, es kann an deiner, und es kann an meiner Stirn mit
unsichtbarer Schrift das Wort: Millionr, geschrieben stehn, so wenig Anschein
die Sache auch jetzt fr sich haben mag.
    Nein, in der Tat, danach sieht es bei mir nicht aus, sagte Hermann
lchelnd. Ich will nur froh sein, wenn ich aus meinem badenschen Ankaufe mit
einem blauen Auge davonkomme. brigens wte ich auch nicht, was ich mit vielem
Gut und Gelde beginnen sollte, es hat wenig Reiz fr mich.
    Um so geschickter bist du vielleicht, Vermgen zu bewahren, antwortete
Wilhelmi. Oft kommt mir alles Eigentum wie ein Depositum vor, welches bei uns
fr ein nachkommendes glcklicheres Geschlecht hinterlegt worden wre, welches
wir treulich den Enkeln aufzuheben, aber selbst nicht zu genieen htten.

                                Neuntes Kapitel


Hermann fhrte den Freund in seinem Kreise umher, an welchem Wilhelmi aber viel
auszusetzen fand. Mit Johannen gelang es noch am besten; nachdem eine leichte
Verlegenheit von beiden Seiten berwunden war, kam ein ertrglicher Umgang
zustande, obgleich beide in ihrer Gereiztheit wenige Berhrungspunkte
freinander hatten. Dagegen nannte er Medon geradezu den Jugendverfhrer, ohne
sich ber den Sinn dieses Ausdrucks nher zu erklren.
    Auch die brigen Persnlichkeiten, Einrichtungen und Anstalten der
Hauptstadt fanden keine Gnade vor ihm. Er sah nur die Hast, womit hier alles
sich zur Erscheinung drngen mute, um bemerkt zu werden, und bersah den Kern,
welcher von jener Hast hervorgestoen wurde. Bald nannte er den ganzen Zustand
eine groe Lge, und die Stadt selbst ein Konglomerat von zwlf Krhwinkeln,
welches Paris vorstellen wolle. Dieses Thema fhrte er in unzhligen spitzigen
und witzigen Variationen aus, worber Hermann anfangs lachte, spterhin aber
zuweilen verdrielich wurde.
    Die Sptter rchten ihrerseits wieder die Stadt an dem Hypochondristen, und
einer derselben verfate eine parodistische Geschichte von Jona, dem neuen
Propheten, welcher berufen worden sei, Ninive Bue und Zerstrung zu predigen,
und welcher sich nun rgre, da die Stadt nicht untergehn wolle. Das Schlo des
Standesherrn wurde in dieser Travestie mit dem Bauche des Walfisches verglichen,
in welchem der unzufriedne Seher drei zyklische Tage zugebracht habe.
    Als Hermann das Produkt zu Gesichte bekam, trachtete er, es den Augen
Wilhelmis verborgen zu halten, weil er von seiner Aufregung einen heftigen
Ausbruch befrchtete. Allein er hatte sich in ihm geirrt. Wilhelmi erhielt die
Bltter von einem Dienstfertigen zugesteckt, lachte herzlich darber, suchte den
Verfasser auf, und bat um seine Freundschaft.
    Am belsten stand er anfangs mit Madame Meyer. Sie hatte nach Art der
Weltfrauen darin ein ganz eignes Talent, bisweilen jemand, der ihr mehr als
andre htte empfohlen sein sollen, zu bersehen, was denn bei ihr immer um so
mehr wie eine Beleidigung erschien, weil sie sich sonst so zuvorkommend zu
benehmen wute. An einem dieser dem Zerstreutsein verfallnen Tage wurde ihr
Wilhelmi vorgestellt, welcher nach den Erzhlungen Hermanns auf einen besonders
freundlichen Empfang gerechnet hatte. Er sah sich durch die ber ihn
hinschweifenden Blicke der Wirtin, die seine Anrede mit einer Bemerkung ber das
Wetter erwiderte, bitter getuscht, und machte seinem Freunde beim Nachhausegehn
lebhafte Vorwrfe darber, ihn dort eingefhrt zu haben. Hermann kannte ihn
schon in solchen Stimmungen, und lie schweigend die erregten Wellen
ausschumen.
    Sie kann ihren Stamm nicht verleugnen! rief Wilhelmi zum Schlusse einer
heftigen Zornrede. Mir wurde unter allen diesen Porzellanen, Glsern, Schnitz-
und Kritzelwerken zumute, wie in einer Trdelbude. Es ist der Schachergeist
ihrer Vter, welcher in der Sammelwut der Tochter fortspukt.
    berhaupt haben die modernen Juden eine seltsame Stellung gegen Welt und
Gesellschaft, fuhr er ruhiger fort. Es ist noch kein Menschenalter her, da
dieses Volk an vielen Orten Leibzoll bezahlen, an andern wie krankes Getier
abgepfercht wohnen mute. Pltzlich ist ein Umschwung eingetreten, sie stehn
jetzt in den brgerlichen Rechten uns gleich, und wollen, besonders hier, in
Geist, Geschmack und Ansehn den ehrlichen Christenseelen womglich noch den Rang
ablaufen. Nun ist es aber ein eigen Ding um elegantes Dasein. Das geht nmlich
immer nur aus vllig gesicherten Notwendigkeiten des Lebens hervor. Dieses
Gefhl haben sie nicht, knnen es auch nicht haben, denn die Verbesserung ihres
Zustandes ist weit mehr das Erzeugnis sentimentaler Schriftsteller und schlaffer
Staatsmnner, als einer Umstimmung des Volksglaubens. Im Volke hat sich vielmehr
das alte Bewutsein unzerstrt erhalten, da der Jude nichts tauge. Folglich
denken alle diese unsre groen israelitischen Huser im stillen immer noch an
die Mglichkeit einer rckgngigen Bewegung, an den Leibzoll, und an die
Judengassen. Dadurch erhalten ihre Bestrebungen um Eleganz etwas Unsicheres und
Hastiges; ihre Gesellschaften haben durchaus mehr den Charakter einer Hypothese,
als den eines Postulats.
    Die produktiven Kpfe der Nation verfahren dagegen nach den Grundstzen des
Gewerbgeistes, welcher ihre Ahnen auszeichnete; sie schachern und trdeln. In
Gedichten, Musiken, in Philosophie und Wissenschaften sind sie mit kleinem
Profit, mit allerhand netten, charmanten, glnzenden Effekchen und Wahrheitchen
zufrieden, bringen auf solche Weise auch wirklich manches zusammen, obwohl man
schwerlich im Reiche des Geistes durch geschickt zubereitete Bagatellen groes
Vermgen erwirbt.
    Als Hermann einiges zum Schutze der Geschmhten vorbringen wollte, fuhr ihn
Wilhelmi beinahe an, und rief: Du wirst auch noch durch Schaden klug werden.
Deine gyptische Kavaliergarde wird dir Verdrusses die Flle machen. Dies bezog
sich darauf, da sich um Hermann eine Menge junger Israeliten versammelt hatte,
welche ihm mit groer Freundschaft begegneten.
    Die Laune Wilhelmis schrfte sich von Tage zu Tage. Zum Teil wurde dieser
ble Humor durch sehr wesentliche Bedrngnisse erzeugt. Er konnte nmlich bald
merken, da an einen Verkauf seiner Sammlungen nicht zu denken sei, und da er
die leichte Zusage eines hohen Mannes viel zu schwer genommen habe. Ein
sicherndes Verhltnis hatte er aufgegeben, auer seinen Kunstsachen besa er
nichts, und jede Aussicht schwand, mit diesen dem Museum einverleibt zu werden.
Bald war er in Geldverlegenheit und sprach Hermann um Hlfe an.
    Wie erschrak er, als dieser ihm eine gleiche Not offenbaren mute! Im
Badenschen bestand man streng auf Innehaltung der Zahlungstermine, ein Kapital
nach dem andern war schon dorthin gewandert, einen Besitz zu bezahlen, den
anzutreten der Eigentmer weder Lust, noch Geschick in sich versprte.
    So fhrten denn unsre beiden Glcksritter ein ziemlich gewagtes Leben. Der
eine war, wenn man so sagen darf, in bhmischen Drfern angesessen, der andere
stand mit Raritten in teuren Mietzimmern aus. Ihre Lage konnte bel genug
werden, wenn der Himmel sich nicht ins Mittel schlug.
    Indessen trugen sie ihre Lasten zu zweien, und das will viel sagen. Da die
Taler ausgingen, so teilten sie die Groschen miteinander. Hermann zog sich aus
vielen groen Gesellschaften zurck, und begann eine Art von genieendem
Einsiedlerleben zu fhren.
    Mit der gyptischen Kavaliergarde, mit den jungen Juden, hatte Wilhelmi nur
zu sehr recht gehabt. Einer derselben, ein angehender Knstler, war ihm
besonders eifrig genaht, hatte einige Billette an ihn sogar mit Ehrfurcht
unterzeichnet. Im Hause der reichen Eltern begegnete man unsrem Freunde fast wie
einem hheren Wesen. Eines Tages ersuchte ihn der junge Knstler bescheiden um
seine vortreffliche Kritik ber dieses und jenes. Bei der nheren Nachfrage
erfuhr Hermann, da ihn ein Gercht zum Verfasser mehrerer anonymen Rezensionen
in dem gelesensten Blatte der Stadt gemacht hatte, welche durch ihren
geistreichen Gehalt allgemeines Aufsehn erregten. Da er nun diese Vaterschaft
ablehnen mute, so bemerkte er an den Gesichtszgen und an dem Benehmen seines
feurigen Anhngers bald eine merkliche Verndrung, welche sich demnchst auch
dem Hause der Eltern mitteilte, und nach und nach eine gnzliche Erstarrung des
Verhltnisses herbeifhrte. Noch frher hatten ihn die brigen verlassen, sobald
sie wahrnahmen, da er nicht mehr viel mit vornehmen Leuten verkehrte.
    Er klagte Wilhelmi sein Leid. Dieser lachte und rief: Sei froh, da du von
ihnen los bist! Jude bleibt Jude, und der Christ mu sich mit ihnen vorsehn, am
meisten, wenn sie sich liebevoll anstellen. Sie sind allesamt freigelane
Sklaven, kriechend, wenn sie etwas haben wollen, trotzig, wenn sie es erlangten,
oder wenn sie merken, da es nicht zu erlangen steht.

                                Zehntes Kapitel


Alle bertreibungen sind von kurzer Dauer. Madame Meyer hatte nicht sobald
bemerkt, da die beiden Freunde seltner in ihren Zirkeln zu erscheinen begannen,
als sie ihrerseits alles tat, das traulich-gesellige Verhltnis zu erhalten.
Freundliche Einladungen drngten sich, und Wilhelmi wurde fr die frhere
Vernachlssigung durch das liebenswrdigste Benehmen entschdigt. Bald war er
vllig umgestimmt und ebenso freigebig in seinem Lobe, als er frher
verschwenderisch im Tadel gewesen war.
    Die Dame entdeckte ihrerseits an dem verwandelten Hypochondristen eine
Eigenschaft, welche ihn ihr hchst schtzenswert machte. Wilhelmi besa eine
Flle von antiquarischen Kenntnissen, und setzte Madame Meyer ber manches, was
sie hatte, durch seine Erluterungen erst in das Klare. Was ihn aber einer Frau
besonders empfehlen mute, war seine Art, die Tatsachen vorzutragen. Er teilte
sie nmlich nicht nach der Weise deutscher Gelehrten weit ausholend mit, sondern
gab seine Kunde in kurzen, aphoristischen, alles ausdruckenden Stzen, welche
sich dem Gedchtnisse leicht einprgten und ohne Mhe nachgesprochen werden
konnten. Auf diese Weise hatte er die Freundin bald mit einer Menge von Thesen
bekanntgemacht, welche sie rsteten, den Verlegenheiten schlagfertig zu
begegnen, denen sie sonst in ihrem Gesprchskreise hin und wieder mit Leidwesen
unterlegen war. Denn obgleich manches der Wilhelmischen Lehre nur fr
problematisch gelten konnte, so verfehlte es doch, mit angenehmer Keckheit von
einem schnen weiblichen Munde axiomatisch vorgetragen, nie seine Wirkung auf
den berraschten Gegner.
    Es war, als wolle der Himmel selbst in diesem Falle durch Zeichen und Wunder
wirken. Eines Tages, als Wilhelmi mit ihr ein frher noch nicht besehenes
Kabinett durchmusterte, stand er vor dem Altarbilde eines heiligen Stephanus
still, von welchem die Hlfte fehlte. Die Tafel war dicht an dem Krper des
Mrtyrers abgespalten worden, von den Peinigern lie sich nichts erblicken.
Madame Meyer, welche Wilhelmi in den Anblick dieses Werks versunken sah, legte
die Hand auf seine Schulter und sagte: Wohl mgen Sie ber dieses liebe,
gemtliche Bild erstaunen, welches mir doch nur Schmerzen verursacht. Ich achte
es fr die Krone meiner Sachen, aber ich entsage oft fr Monate seinem Anblicke,
weil mir der verstmmelte Zustand desselben durch die Seele geht. Was habe ich
nicht versucht, getan, aufgewendet, um die andre Hlfte herbeizuschaffen, welche
durch die Ungebhr der Zeit oder eine rohe Faust vielleicht fr immer vernichtet
ist!
    Madame, versetzte Wilhelmi, der ganz Erstaunen war, mich ergreift weniger
der Anblick dieses vortrefflichen Werks von seltner Innigkeit des Gefhls, als
da, wenn mich nicht alles trgt, ich den andern Teil der Tafel besitze. Ich
verlangte nach dem Heiligen, wie Sie sich nach den Steinigern sehnten.
    Die Meyer stand sprachlos. Auf einen Wink Wilhelmis entfernte sich der
Bediente, und brachte aus dessen Quartiere das bezeichnete Fragment herbei. Es
blieb kein Zweifel; sobald man nur das Stck angepat hatte, zeigte sich die
Vermutung besttigt. Die Gruppe der Steiniger war vollstndig, fast noch besser
erhalten, als der gemarterte Jngling. Nie sind hliche Frevelgesichter von
hbschen Augen mit gerhrteren Blicken betrachtet worden.
    Es waltete unter den beiden Kunstfreunden ein langes Schweigen ob, whrend
welches jeder seinen besondern Gedanken nachhing. Endlich brach Wilhelmi
dasselbe und sagte, da, solange er am Orte verweile, er sehr gern die beiden
Hlften vereinigt lassen wolle. Madame Meyer nahm dies dankbar an, und fragte
schchtern, ob ihm sein Fragment nicht feil sei, was Wilhelmi ernsthaft
verneinte. Man erzhlte einander von der Erwerbung dieses Kunstwerks, und
brachte bald heraus, da beide Stcke an einem und demselben Orte von dem
spekulierenden Verwalter aufgehobner Klostergter eingehandelt worden waren. Man
untersuchte die Kanten der Fragmente und fand, da der Ri keinesweges alt war.
Aus allerhand sonstigen Anzeichen schlo man zuletzt mit ziemlicher Gewiheit,
da jener klug berechnende Mann, der herrschenden Neigung vertrauend, welche
derartige Altertmer auch im verstmmeltsten Zustande aufsuchte, selbst die
Tafel zerspalten haben mge, und denn auch wirklich die beiden Teile teurer
losgeschlagen hatte, als er vom ungetrennten Ganzen erwarten drfen. Er hatte
also im kleinen mit dem Gute der Kirche vorgenommen, was der Staat im groen; er
hatte dismembriert.
    Ein eifriges Gesprch, welches dieser frhlichen Begebenheit folgte, wurde
durch den Eintritt der gewhnlichen Abendgesellschaft unterbrochen. Bei dem
Erscheinen der Fremden zeigten sich Madame Meyer und Wilhelmi sehr verlegen,
wovon der Grund darin zu suchen, da zum Schlusse jener andchtigen
Kunstunterredung die Hnde sich gefunden hatten, und die ersten Eintretenden von
dieser Vereinigung Zeugen geworden waren. Die Gste nahmen nun gebhrenden
Anteil an dem hergestellten Stephanus und an der Freude der Wirtin, es lie sich
aber aus manchen Mienen und Flsterworten abnehmen, da man sich whrend dieses
Abends doch mehr mit dem natrlichen, als mit dem Kunstereignisse beschftige.
    Wilhelmi sprach in den nchstfolgenden Tagen nichts als Gutes von der Stadt
und ihren Bewohnern, kehrte alles zum Besten, und verwies Hermann seine finstre
Laune, obgleich dieser sich ganz ruhig und gleichmtig verhielt.

                                Eilftes Kapitel


Inzwischen hatten die Untersuchungen gegen die Demagogen ihren weiteren Verlauf
genommen, lieferten jedoch nicht die Ergebnisse, nach welchen die Behrden
hauptschlich hinsteuerten. Die Verschuldungen der Jnglinge lagen so ziemlich
klar zutage, ihnen aber war im voraus verziehen; sie sollten mit dem Schreck
davonkommen. Was man am eifrigsten suchte, war, das Dasein und die Glieder jenes
Mnnerbundes zu ermitteln, welcher Staat und Thron allerdings ernstlicher mit
dem Umsturze bedrohte. In dieser Beziehung waltete noch ein undurchdringliches
Dunkel; die geheimen Strenfriede und Verderber waren mit solcher Klugheit zu
Werke gegangen, da trotz aller Korrespondenz nach den verschiedensten Gegenden
Deutschlands hin, mehr nur Vermutungen als Tatsachen zum Vorschein kommen
wollten.
    Der Beamte, welcher jene Nachforschungen zu leiten hatte, ging in Medons
Hause viel ein und aus. Er erzhlte dort im Vertraun manches von jenen Dingen,
und so erfuhr Hermann, da der grimmige Mecklenburger durch das ihm, wie wir
wissen, in grter Sanftmut zuerkannte einsame Gefngnis gezhmt worden sei, und
seine Bekenntnisse abzulegen beginne. Er gesteht, sagte der Beamte, da ihm
in Zrich ein Mann erschienen sei, welcher ihm von dem wirklichen Vorhandensein
eines Mnnerbundes Kunde gegeben und ihn aufgefordert habe, einen Bund der
Jungen zu stiften, welcher sich an jenen anlehnen solle. Er hat von jenem Manne
Zeichen und Symbole empfangen, und ist denn auch wirklich der Stimme der
Verfhrung gefolgt.
    Medon hrte dieser Erzhlung mit Gleichgltigkeit zu. Man sollte, sagte
er, den jungen Leuten kurzen Proze machen, sie sind einmal fr ihre Lebenszeit
vergiftet, der Staat mte, wenn er mehr klug als milde wre, den schdlichen
Stoff zerstren, welcher, wenn man ihn bestehn lt, in wechselnder Gestalt sich
immer wieder hervordrngen wird.
    So sind Sie fr strenge Maregeln? fragte der Beamte.
    Durchaus, versetzte Medon. Auch hierin knnte uns das Altertum zum
Lehrmeister dienen. Es vertrug sich nicht mit seinen Feinden, es vernichtete
sie.
    Nehmen Sie sich in acht, da Sie nicht ber sich das Verdammungsurteil
aussprechen, sagte der Beamte scherzend. Sie knnen leicht auch in diese
Untersuchung verwickelt werden.
    Wieso? fragte Medon.
    Sie mssen doppelt in der Welt umhergehn, versetzte jener. Der Student
beschreibt den Mann, welcher ihn so freventlich verlockt, Zug vor Zug, wie Sie
aussehn; selbst das Mal, welches Sie an der linken Handwurzel haben, hat er bei
dem Hokuspokus, den der falsche Prophet mit ihm getrieben, bemerkt. Zuletzt mu
ich Sie mit ihm konfrontieren, und Sie knnen noch als Rdelsfhrer der
politischen Verschwrungen unsrer Zeit in meine Gefngnisse wandern.
    Man lachte hierber, und der Sache wurde eine Zeitlang nicht weiter gedacht.
Doch fing der Beamte einmal spter wieder an, von dem Gegenstande zu reden, und
sagte zu Medon: Wir Aktenleute sind eine Art von Fetischanbetern, die
Dienstpflicht ist unser Gtze, dessen Gebote wir erfllen mssen, sie seien noch
so unsinnig. Wollen Sie mir glauben, da ich bei meinem Mecklenburger Demagogen
den Gedanken an Sie nicht mehr aus dem Kopfe loswerden kann? Ich rede mir
tagtglich das Ungereimte dieser Ideenverknpfung vor, und dennoch, sobald der
Mensch wieder anfngt, den Apostel des Mnnerbundes zu beschreiben, ist es mir,
als msse ich Sie ihm vorstellen, weil das Signalement nun einmal schwarz auf
wei in meinen Protokollen steht, und ich ein Individuum kenne, auf welches
dasselbe zu passen scheint. Es lt mir keine Ruhe; abgeschmackte Trume
phantastisch-juristischer Art ngstigen mich. Letzte Nacht trumte mir, ich
stnde am Jngsten Tage vor den Schranken des Weltgerichts. Der Engel mit der
Posaune fragte donnernden Tons: Warum hast du die Konfrontation unterlassen?
worauf ich keine Antwort geben konnte. Ich wurde deshalb zur Hllenstrafe
verurteilt, welche darin bestand, da ich alle meine Corpora delicti aufessen
sollte, obgleich sich darunter Sachen von Stahl und Eisen befanden. - Etwas
Auffallendes, um eines aberwitzigen Spiels des Zufalls willen zu veranlassen,
wrde ich mir nie vergeben knnen; allein ich wollte Sie schon ersuchen, doch
einmal wie von ungefhr auf mein Verhrzimmer zu kommen, wo Ihnen denn ebenso
von ungefhr der Demagoge vorgefhrt werden sollte. Dann wre mein Gewissen
beruhigt; versagen Sie mir also diese Geflligkeit nicht.
    Ich will das recht gern tun, versetzte Medon. Nur mte ich Sie bitten,
noch einige Zeit in Geduld zu stehn. Ich habe eine Reise vor, und bis dahin jede
Minute besetzt.
    Lieb wre es mir doch, wenn sich ein halbes Stndchen dazu vor der Reise
finden wollte, sagte der Beamte. Die Sache ist im brigen zum Spruche reif,
und wenn ich gesehen, da Sie es nicht waren, welcher dem Demagogen in Zrich
begegnete, so kann ich das Papier getrost den Herrn am grnen Tische
zuschicken.
    Es wird sich noch davon reden lassen, versetzte Medon, und brach das
Gesprch ab; welchem Hermann, unbemerkt nahestehend, zugehrt hatte.
    Kurz darnach wurde er zu Johanna berufen. Wollen Sie mir einen Dienst
leisten? fragte sie ihn. Jeden, versetzte er. Knnen Sie schweigen? fuhr
sie fort. Ich hoffe es, erwiderte er.
    Ich werde diesen Ort vielleicht auf einige Zeit verlassen mssen, sagte
sie mit leiser Stimme. Bis hieher hat mich ein schlimmes Geschick fhren
drfen, weiter aber nicht. Ich werde Sie vielleicht um Schutz und Begleitung
ansprechen auf heimlicher Wandrung. Vor allem suchen Sie ein einsames Haus,
womglich mitten im wildesten Walde zu entdecken, darin ich verborgen leben
kann.
    Hermann, bestrzt ber dieses Ansinnen, tat stammelnd einige Fragen nach dem
Beweggrunde eines so leidenschaftlichen Entschlusses. Sie legte den Finger auf
seine Lippen und sagte: Stille! Wollen Sie mir nicht helfen, so wird Gott mir
beistehn. - Verwirrt gelobte er ihr jeden Dienst, welcher sich mit Ehre und
Pflicht vereinigen liee.
    Der Charakter Medons, das Verhltnis der beiden Gatten wurde ihm immer
rtselhafter. Hier schien kein einzelnes Verschulden, keine besondre Zwistigkeit
vorzuliegen, sein und ihr Dasein schien eine groe Unseligkeit zu sein.
    Medon war gesprchig, belehrend, wie sonst, doch nahm Hermann an seinen
Reden und Scherzen etwas berreiztes wahr. Er lie fallen, da er vielleicht den
Winter in Italien zubringen werde, doch msse ein solcher Entschlu, wenn man
ihn berhaupt ausfhren wolle, urpltzlich ausgefhrt werden, denn Reisen
gelngen nur, aus dem Stegreife unternommen.
    Sein huslicher Zirkel hatte den hchsten Glanz erreicht. Ein Prinz, der fr
das Musterbild aller Geistreichen galt, war auf Johanna aufmerksam geworden,
hatte sich ihr genhert, Zutritt zu ihren Abenden erbeten, und war seitdem
bestndig dort. Dieser vornehme Stern zog andre Planeten und Monde nach sich, so
da der Glanz der Kerzen dort bald durch das Blinken aller der Ordenskreuze und
Ehrenzeichen beinahe ausgelscht wurde. Man sprach davon, da der Staat sich
nicht lnger so auerordentliche Krfte, wie die Medons, entgehn lassen werde,
da ihm Anstellung in einem hohen Posten bestimmt sei, wobei man nur von seiner
Liebe zur Ungebundenheit eine abschlgige Antwort befrchtete. So viel ist
gewi, da er noch lngere vertrauliche Zusammenknfte mit obersten Beamten
hatte, als frherhin, und da nach und nach dienstliche Papiere und Hefte von
den Zentralstellen zur Begutachtung in sein Kabinett zu wandern begannen.
    Der Prinz belebte die Gesellschaft durch Mitteilungen aus seinem Hof- und
Reiseleben. Er hatte ein groes Talent im Erzhlen, und die gewhnlichsten
Vorflle bekamen durch eine epigrammatische oder satirische Wendung in seinem
Munde etwas Anziehendes. Noch strker war er im Vortrage von Mrchen, zu welchen
sich unser lockrer Lebensstoff ihm gern verflchtigte. Er gab deren mehrere an
jenen Abenden, aus dem Stegreife beginnend, ohne Anmaung von etwas
Auerordentlichem, in so schlichter Einfalt nur noch strker die Zuhrer
fortziehend. Eins derselben ist aufbewahrt worden, und mag dieses Buch
beschlieen.
    Johannas Wangen wurden blsser und blsser. Oft kam sie Hermann in ihrem
sammetnen Gewande, unter ihren Perlen und Juwelen, wie eine geschmckte Leiche
vor, und nur ihre Worte, das tiefste Gefhl atmend, wenn er sich ihr nahte,
bewiesen ihm, da hier noch ein schnes Leben sich rege, aber freilich unter
einer ungeheuren Last zuckend.

                                Zwlftes Kapitel



                               Mondscheinmrchen

In jener grauen Urzeit, von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe
machen, war es, wie neuere Forschungen lehren, mit der Welt folgendermaen
beschaffen. Die Erde war alles, und auer ihr gab es nichts, nur eine falsche
Bescheidenheit spterer Zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt, aus
welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Bllchen
hervorgesprungen sei. Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes, nmlich
in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft, und die Seitenflchen bogen
sich als schtzende Rnder hoch und weit ber. Es gab weder Gras noch Baum,
weder Tiere noch Menschen auf der Erde, auch schien keine Sonne, dennoch war es
auf ihr, und in der Hhlung des groen Nestes weder unfein, noch still, noch
dunkel. Ihre Oberflche war glatt und sanft anzufhlen wie der feinste Sammet,
sie sang sich selbst ein ses Lied von jener frohen Ewigkeit vor, und
phosphoreszierte dabei im buntesten Lichte.
    Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert. Endlich aber, wie denn
nichts ungestrt bleiben kann, regte sich ein gefhrlicher Frwitz in der Erde,
und sie sprach so zu sich: Wozu ein Nest ohne Eier? Meine Bestimmung ist nur
halb erreicht. Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach Eiern,
aus denen sich, wie sie meinte, die anmutigsten Gesellschafter und Gespielen fr
sie entwickeln wrden.
    Wie froh erstaunte sie, als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schoe
eine Menge der schnsten Eier fand! Auf welche Art sie dieselben gewonnen, auf
welchem geheimnisvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescherung geworden, darber
schweigt Geschichte und Mrchen. Genug, sie lagen, in Kreisen gereiht, im Grunde
des groen Nestes, waren durchsichtig, wie die Edelsteine, herrliche Figuren
schmckten die glnzenden Schalen, im Innern pulsierte es, ein eignes,
wildkrftiges Leben.
    Mutter Erde, vor Freude ganz wirblicht, machte eine schrge Bewegung, woraus
spter die Schiefe der Ekliptik entstanden ist, erinnerte sich aber noch zur
rechten Zeit ihrer neuen Pflichten, nahm sich zusammen und weinte nur einige
Trnen in den unendlichen leeren Raum hinab. Darauf begann sie liebevoll ihr
vertrautes Gut zu wrmen und machte tausend Plane, wie sie mit den Vglein, wenn
sie aus den Eiern gekrochen wren, freundlich und herzlich verkehren wolle.
    Unter diesen Sorgen, Gedanken und Trumereien war es in dem einen Eie rege
geworden, es pickte, und eine leuchtende, beflgelte Gestalt brach durch die
Schale. Anfangs war sie noch einigermaen in den Grenzen ertrglicher Gre,
aber mit Sturmeseile wuchs sie, wahrscheinlich durch die einstrmende
atmosphrische Luft geschwellt, ins Ungeheure, so da der Erde vor dieser Geburt
angst und bange wurde. Doch fate sie sich und sagte: Gesell, du wirst nicht
vergessen, wer deine Strke also gepflegt? Komm, sei mein Freund. - Was
Freund? fuhr sie der feurige Recke an, ich habe nicht Zeit zur Empfindsamkeit,
meine Bahn geht selbstndig durch die unermelichen Rume. Und damit scho er
fort, der Undankbare, und ward der erste Fixstern. Seinem Beispiele folgten die
andern Geburten, die nun bald nacheinander kamen, sie wollten alle nichts von
Huslichkeit und gemtlichem Zusammenleben wissen, vielmehr eigne Fortne droben
im Blauen machen, was ihnen denn auch gelungen sein mu, wie der gestirnte
Himmel besagt.
    Nur ein Flchtling, eine schne ppige Person von lebhaftem Temperament,
bereute den Undank, als sie ein paar Millionen Meilen weit fortgerannt war,
hielt inne in ihrem wsten Laufe, und ward feuerrot vor Scham. Sie sieht sich
noch immer von Zeit zu Zeit nach dem verlanen Neste um, und das Errten dauert
auch noch fort, welches uns sehr zustatten kommt, denn wenn die Sonne sich nicht
so schmte, und uns dadurch nicht mit einheizte, wren wir alle lngst erfroren,
weil die Dinge bald eine betrbte Gestalt annahmen, wie ich gleich erzhlen
werde.
    Zuerst schttete die Erde, in ihren Hoffnungen so schmerzlich getuscht,
einige noch nicht ausgekommne Eier zornig ber Bord. Sie fielen eine geraume
Zeit unaufhaltsam in die Tiefe, endlich stieen sie doch irgendwo an eine
scharfe Weltecke, die Schalen zerbrachen, und die unreifen Geburten taumelten
heraus. Diese haben nun ein Leben und haben keins, im halbwachen Traume schieen
sie dahin und dorthin, ziehen einen feurigen Schweif von allerhand
Eulenspiegeleien hinter sich her, und sind mit einem Worte unglckselige
Kometen, auf die am ganzen Sternenhimmel kein Verla und Glaube ist.
    Doch, was gehn uns die Kometen an? Auf der Erde entstanden ganz andre Folgen
der milungnen freundlichen Absicht. Zuvrderst zog sie sich aus der offnen
Nestgestalt in die abgeplattete Kugelform zusammen, welcher nur bis auf eine
geringe Tiefe etwas anzuhaben ist. Sodann schlug sich in ihren Eingeweiden durch
einen heftigen Gallenergu Proteus, der Metallknig, nieder, der also eigentlich
der kristallisierte Verdru der Erde ist, und bei allen nachfolgenden Hndeln
eine groe Rolle spielt. Darauf, um ihr einigen Ersatz zu geben, geschah die
Schpfung in sechs Tagen mit Krutern und Bumen, Fischen, Vgeln, vierfigem
Getier und endlich dem Menschen. Die Erde trstete sich wohl, als sie das alles
auf sich grnen und blhen, krabbeln und zappeln sah, aber dann war's ihr doch
wieder nicht recht, und sie sprach alle Tage unzhlige Male zu sich selbst: Das
tut's doch alles nicht. Und sooft sie das fr sich sagt, stirbt oder verdorrt
etwas.
    Proteus aber, der Metallknig, der alte Verdru, drngt sich unaufhaltsam an
das Tageslicht. Denn es ist nicht wahr, da die Menschen ihn suchen, und da er
gern in seinen dunklen Kammern bliebe; nein, er blickt und lockt nach ihnen aus
dem Finstern, und wenn er ihnen nicht anders beizukommen vermag, so sucht er
ihre Trume heim. Dann mssen sie, von Unruhe gepeinigt, die Erde aufreien und
ihr Elend herauffrdern. Denn wenn er oben ist, so ergreifen den alten Griesgram
kindische Launen; er kann es nicht leiden, in zerstckten Gliedern sich durch
die Welt zu breiten, er will immer beisammen sein. Aus dieser Sehnsucht des
Metalls nach sich entstehen dann alle Plagen, welche das unglckliche
Menschengeschlecht heimsuchen: Krieg, Eigennutz, Dieberei, Raub. Denn so strebt
z.B. der aufgespeicherte Vorrat an Schwertern, Gewehren und Kanonen in den
Zeughusern des einen Landes nach seinesgleichen in dem andern, das Eisen reizt
durch geheime Einflsse den Arm des Menschen so lange, bis dieser sich zu seinem
Dienste darbietet, und es mit groem Getse aus dem Verschlusse hervorholt. Dann
heit es, die und die Nation habe der andern den Krieg erklrt. Nun ziehen die
Heere, oder vielmehr die verstreuten Glieder des Proteus einander entgegen.
Endlich treffen sie sich, und es gibt ein frohes Wiedersehn und Umarmen, bei
welchem die dazwischen befindlichen Menschen bel wegkommen; das nennen sie dann
eine Schlacht, und meinen, sie wren es, die selbige geschlagen, whrend doch
nur Eisen und Stahl sich lebhaft begrten, und die Schlnde des Erzes einander
feurige Ksse zuwarfen.
    Ebenso geht es mit Silber und Gold. Wo dessen eine Menge vorhanden ist, da
regt sich in ihm die Lust, mit einem Schatze, der anderswo liegt, verbunden zu
sein. Die bsen roten und weien Zauberaugen schauen nach Hnden um, welche den
Gefallen ihnen tten, der Wucherer und Betrger, den sie erblicken, wird von
ihnen bestrickt, er mu daran, und mit allerhand schlimmen Knsten die
getrennten Horte zusammenbringen. Er meint, den Mammon zu haben, und der Mammon
hat ihn. Aber ber den Redlichen ist diesem die Gewalt versagt, daher der auch
fr die Vereinigung der Metalle nichts tut, den Proteus, wenn dieser sich aus
Irrtum einmal zwischen seine Finger verirrte, sogleich wieder aus denselben
fallen lt, mit andern Worten zeitlebens arm bleibt.
    Also geht es zu in der Welt; das wissen wir alle. Wie anders und schner es
aber geworden wre, wenn die Erde die Vglein aus den Eiern sich zur
Gesellschaft htte ausbrten knnen, das deutet in gewissem Mae uns der
Mondschein an. Nmlich, als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten, und
die Kometen zu frh zur Welt gekommen waren, tnte es aus einem Winkel gar
lieblich und bat um milde Behandlung. Die Erde sah nach, und bemerkte, da eins
der Eier zurckgeblieben war, dessen Inwendiges sich eben zum ueren Leben
hindurchrang. Es war eine sanfte Mdchengestalt, viel sanfter und zarter, als
die andern, welche, sobald sie nur auf ihren kleinen Fen stehn konnte,
unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete, und versprach, ihr immer
hold und gewrtig zu sein. Die Erde aber, welche der Undank der brigen tief
erbitterte, und in welcher sich schon Proteus, der Metallverdru abgelagert
hatte, lie, wie es in solchen Fllen geht, die Unschuldige ben, verstie sie
mit harten Worten, und rief, sie mchte sich ihre Kamaraden am Sternenhimmel
suchen, ihr solle sie nicht vor die Augen kommen. Und damit schttelte sie sich
dermaen, da die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert
wurde.
    Aber sie lie sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irremachen. War ihr auch
ein nheres Verhltnis untersagt, so konnte ihr doch niemand verbieten, der
zornigen Mutter zu folgen, und sie in gemener Entfernung zu umkreisen. Das hat
sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her getan und wird es tun bis
an der Welt Ende, was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt.
    Der Zorn der Erde ist lngst vorber, und sie lechzt eigentlich im stillen
innigst nach der Vereinigung mit Lunen. Allein diesem Umstande tritt die
inzwischen entstandne Schpfung entgegen, da sich voraussehn lt, da, wenn die
beiden groen Mchte zusammenkmen, Wlder und Felder, Tiere und Menschen
dazwischen zerquetscht werden wrden. Ein solches Verderben will nun die Erde
als gute Haushlterin nicht, und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht
werden, und Luna hat sich entschlieen mssen, nur zu scheinen. Der Mondschein
ist der schwrmerische Ersatz fr den Ku der Mutter und Tochter. Er ist kein
bloer Schein; Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter, welche
davon bis in ihre Tiefen selig erschttert wird. Nicht Geheimes, oder
Unbekanntes verknde ich, was ich erzhle, ist jedem bewut. Wer hat nicht die
Zauber der Mondnacht empfunden? Alle Geschpfe fhlen, da etwas Groes, Liebes
vorgehe, und sind in einer Art von Verwandlung, die Luber der Bume zittern,
die Blumen spenden sen Duft, die Lilien schicken leichte Flmmchen aus ihren
Kelchen, die Vgel singen im Schlafe, und in den Herzen der Menschen spriet die
Liebe. Immer strker wird das Verlangen Lunas nach der guten, gekrnkten Mutter,
sie wchst mit ihren Wnschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe, aus
dieser zum Vollmonde.
    Aber Proteus, dem alles sanfte Zerflieen ein Greuel, rgert sich und
ergrimmt zu wilden Gedanken, wenn die Sachen so weit gekommen sind. Die Erze in
den Schachten rauschen und glimmern, die Waffen in den Rstslen klirren, die
Goldstcke und Taler in den Sckeln der Reichen klappern unheimlich. Vor diesem
bsen Wesen erschrickt Luna, nimmt ab bis zum Neumonde, und scheint fr immer
verschchtert zu sein. Aber wer kann das Herz zwingen? Kaum hat sich der grimme
Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben, so blinkt auch die liebe Sichel wieder am
Saume des Horizonts hervor, und das trauliche Spiel beginnt aufs neue.
    Den Tod htten wir gewi alle davon, wenn Luna das Verbot der Mutter
berwnde, und sich, anstatt des Scheins, an ihr Herz legte. Aber gedenke ich,
wie glcklich mich schon der Mondschein gemacht hat, in welchen sen Frieden er
mich einschlummernd gewiegt, so mchte ich mir oft einen so frohen Untergang
wnschen, nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkentrume in einer hheren
Ordnung der Dinge wieder auferstnden.


                                 Siebentes Buch

                              Byzantinische Hndel

 Gott legt uns die Nsse vor,
 aber er knackt sie uns nicht auf.
                                                            Aus einem Stammbuche


                                 Erstes Kapitel

Abermals sah Hermann das tiefe gewundene Tal vor sich liegen, aus welchem die
weien Fabrikgebude des Oheims hervorleuchteten. Die Maschinen klapperten, der
Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft,
Lastwagen und Packentrger begegneten ihm, und verkndigten durch ihre Menge die
Nhe des rhrigsten Gewerbes. Ein Teil des Grns war durch bleichende Garne und
Zeuche dem Auge entzogen, das Flchen, welches mehrere Werke trieb, mute sich
zwischen einer Bretter-und Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen. Zwischen
diesen Zeichen brgerlichen Fleies erhoben sich auf dem hchsten Hgel der
Gegend die Zinnen des Grafenschlosses, in der Tiefe die Trme des Klosters.
Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschftszwecken. Auch die
geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft zu billigem Preise erworben. Lange
Gebude, mit einfrmigen Trockenfenstern versehen, unterbrachen die Linien der
gotischen Architektur auf der Hhe und in der Tiefe; der Wald, welcher die Hgel
bedeckte, war fleiig gelichtet.
    Grfin Theophilie kam ihm entgegen, in einem Buche lesend. Was fhrt Sie
her? fragte sie ihn. Er gab eine allgemeine, ausweichende Antwort, und da er
von ihr manches ber den Oheim zu erfahren wnschte, so trug er sich ihr zum
Begleiter an. Sie gingen ber angenehme Busch- und Wiesenpltze. Die Bleichen
und Betriebsamkeitssttten vermied sie, nach andern Gegenden strebte sie mit
einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin. Er sah an solchen Stellen Rasenbnke
oder berbleibsel ehemaliger Pavillons und Tempel.
    Sie stiegen den Berg hinauf, und standen nach einer kurzen Wendung vor dem
Seitenflgel des Schlosses. Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt, und
die enge Wendeltreppe Sie nicht abschreckt, so kommen Sie immerhin noch ein
wenig zu mir, sagte sie.
    Als er sich oben nach kurzem Gesprch von ihr beurlauben wollte, hielt sie
ihn angelegentlich zurck und rief: Sie sehen ein, wie wohl es mir tut, mit
jemand mich zu unterhalten, auf dessen Stirne nicht der Wechselkurs geschrieben
steht, oder dessen Kleider nicht vom Rauche der Maschinen duften! Das Plaudern
ist von alters her mein Element, ich finde es sehr begreiflich, da jene
Franzsin in den amerikanischen Wildnissen einige hundert Meilen weit wanderte,
um mit einer Nachbarin zu schwatzen, und ich knnte es in gleichen Verhltnissen
ihr wohl nachtun. Da nun heute zum Glck ein Herr Nachbar mich besucht, so will
ich diese Gunst des Zufalls auch recht ausbeuten.
    Er erwiderte ihr, der Oheim werde es belnehmen, da er in seiner Nhe
verweile, ohne ihn zu begren. Sie erzhlte ihm darauf, da jener nicht mehr
oben im Schlosse wohne, sondern mit dem ganzen Hausstande in das Kloster unten
im Tale gezogen sei, um dem Arzte nher zu sein, da er seit dem Mordanfalle auf
dem Feste des Herzogs bestndig krnkle.
    berhaupt, fgte sie hinzu, ist er jetzt mit einem Hausgeschicke so
beschftigt, da ihm alles andre ziemlich gleichgltig sein wird. Unsereiner,
die von Haus und Hof weggekauft worden ist, tut es recht wohl, zu sehn, wie die
Fgungen der Natur sich nicht abkaufen lassen, und dem grten Rechner eine
unsichtbare Gestalt zur Seite geht, welche allerhand Ziffern dem Kalkl
einmischt, auf die er nicht gezhlt hatte.
    Da diese Anspielungen sein verwandtschaftliches Gefhl beleidigten, so
suchte er dem Gesprche eine andere Wendung zu geben, und befragte sie ber
einige Verhltnisse des Hofes, an dem sie ihre Rosenzeit zugebracht hatte,
worber er denn auch gleich die genaueste und freigebigste Auskunft erhielt.
    Sie ging hinaus, um einige Bestellungen fr das Abendessen zu geben, welches
er mit ihr einnehmen sollte, und er benutzte diese Pause, sich in ihrem Zimmer
umzuschauen. Eine Menge sehr sauber gezeichneter Geschlechtstafeln der ersten
Familien des Landes hing an den Wnden umher, zwischen denselben sah man viele
vornehme Gesichter in Miniaturportrts. Als er den Inhalt eines kleinen
Bcherschranks musterte, erblickte er smtliche Jahrgnge des Gothaer
historisch-genealogischen Kalenders in Reihe und Glied aufgestellt, damals
einundsechzig an der Zahl, welche in solcher Vollstndigkeit sich wohl
schwerlich in der Bibliothek einer zweiten Dame versammelt haben mgen.
    Das ist mein Zirkel, sagte sie lchelnd, als sie ihn in die Betrachtung
dieser Dinge versenkt fand. Die Stammbume habe ich selbst gezeichnet, und mich
dabei im Gedchtnis der Personen erfreut, die ich gekannt, und wenn ich die
Bltter der Kalender aufschlage, so blhen mir bei jeder Familie Geschichten
entgegen. Die Gegenwart kann mir nicht gefallen, Zukunft hat ein armes Frulein
bei Jahren nicht mehr, da suche ich denn an der Vergangenheit, in der das Leben
etwas wert war, meine Tage zu fristen.
    Er fhlte, welcher Ton hier anzuschlagen sei, um sich behaglich zu
empfinden. In einem der Kalender bltternd, nannte er den Namen eines der darin
verzeichneten grflichen Huser, und hrte sogleich aus dem Munde seiner Wirtin
das anmutigste Reise- und Liebesabenteuer, welches den Stammherrn vor soundso
vielen Jahren betroffen hatte.
    Nun waren die Schleusen der Unterhaltung einmal aufgezogen. Erzhlungen
entwickelten sich aus Erzhlungen, eine Geschichte nach der andern schachtelte
sich ein, und wenn der ursprngliche Faden schon ganz verlorengegangen zu sein
schien, so sprang irgendwo wieder durch eine Hof- und Staatsfigur unvermutet der
Zusammenhang hervor. Scheherezade schien aus ihrem Grabe erstanden zu sein, um
einem andchtigen Zuhrer die Gesamtchronik des Lebens der hheren Stnde zu
veroffenbaren.
    Hermann fhlte sich auf das angenehmste gefesselt, und berhrte die Speisen
kaum, welche inzwischen aufgetragen worden waren. Alle diese Verwicklungen,
Galanterien, Miverstndnisse, Entzweiungen und Vershnungen, welche so vielen
hohen Personen, von denen die meisten ihr Blatt in der Geschichte besaen, einen
bedeutenden Teil ihrer Zeit hinweggenommen hatten, drehten sich zwar eigentlich
um nichts, aber es war das liebenswrdigste Nichts, was man sich denken konnte,
und selbst der feine Duft zierlicher Snde, welcher sich durch die Kapitel
dieses weitschichtigen Romans hindurchzog, verlieh den Begebenheiten, wie sehr
man sie auch hin und wieder tadeln mute, einen besondern Reiz mehr. Was aber
die Hauptsache war: eine lebende Person gab in diesen Historien ihr Leben, das
was ihr das Leben bedeutet hatte, aus, und Lebendiges wirkt immer, es sei auch
was es sei.
    Als die erzhlende Dame einmal Atem schpfen mute, und hiedurch eine
Unterbrechung ihrer Mitteilungen entstand, nahm Hermann die Gelegenheit zu
reden, wahr, und sagte: Eins ist mir bei Ihren Geschichten hchst merkwrdig.
Ich sehe Frsten, Heerfhrer und Staatsmnner, welche mit dem grten Ernste das
Schicksal der Vlker geleitet und entschieden haben, whrend der Zeiten ihrer
wrdigsten Ttigkeit in die leichtesten, ja leichtfertigsten Hndel verstrickt.
Was uns andre leidenschaftlich abwrts getrieben haben wrde, scheint sie, wie
ein flchtiges Aroma, nur zu noch energischerem Wirken zu begeistern, und das
Bewutsein, welches uns in derartigen Strudeln abhanden gekommen wre, in ihnen
zu steigern. Es kommt mir daher fast so vor, als ob man, um die recht groen
Dinge in der Welt zustande zu bringen, weniger arbeiten, als genieen msse, und
da Mhe und Flei eigentlich doch nur Ameisenwerk schaffen.
    Theophilie versetzte: Das ist Philosophie, und auf diese habe ich mich nie
verstanden. Aber die Uhr schlug eins, und ich mu Sie entlassen, so gern ich
auch die Nacht hindurch noch fortplauderte. - Ihre Wangen glhten von den
lebhaften Gesprchen, ihre Augen glnzten von frhlicher Aufregung.
    Beim Abschiede gab sie ihm die Hand und sagte: Ich ahne, weswegen Sie
gekommen sind, glaube aber nicht, da Ihr Vorhaben Ihnen gelingen werde. In
jedem Falle haben Sie an mir eine treue Freundin.
    Er tappte die Wendeltreppe, auf welcher das Licht der aufgehngten Lampe
erloschen war, hinunter, und klinkte an der Pforte, um hinaus und nach dem
Wirtshause zu gelangen. Zu seinem groen Schreck war sie verschlossen. ber
einen Gang sich tastend, nicht ohne Furcht, irgendwo zu strzen oder anzulaufen,
fhlte er zwar mehrere Tren, aber kein Drcker wollte seiner Bemhung zu
ffnen, weichen. Er horchte, ob sich nicht ein Gerusch wollte vernehmen lassen,
aber umsonst; in dem ganzen Gebude herrschte eine Totenstille.
    Um nicht auf dem kalten Estrich schlafen zu mssen, suchte er die
Wendeltreppe wieder und klimmte empor. Er hoffte, Theophilien noch wach zu
finden. Oben stie er an eine Tre, die gleich aufging. In dem dunklen Gemache
stand etwas, wie ein Bette; wie es schien, mit Kissen versehen. Kurz entschlo
er sich, und um eine ihm doch eigentlich ganz fremde Dame nicht zu stren, warf
er sich in seinen Kleidern auf die Lagersttte, die, sonderbar schmal und kurz,
ihm nach einer ermdenden Reise doch einige Stunden Schlummer versprach.
    Wirklich schlief er ein, erwachte aber bald wieder von einem lauten Reden in
seiner Nhe. Er rieb sich die Augen, und konnte, als er ganz munter geworden
war, nicht zweifeln, da er neben dem Schlafzimmer Theophiliens, und von ihr nur
durch eine dnne Tapetentre geschieden, sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte.
Hchst bestrzt ber diese Indiskretion des Zufalls zog er den Atem an sich, um
seine Anwesenheit auch nicht durch das leiseste Gerusch zu verraten. Aber er
hrte in diesem gespannten, ngstlichen Zustande nur um so genauer, und verlor
kein Wort von dem, was die Schlferin mit den vier Wnden laut verhandelte. Sie
redete nicht, wie dies sonst zu geschehen pflegt, in abgebrochnen Worten,
sondern flieend, zusammenhngend, als setze sie die Erzhlungen des Abends
fort.
    Pltzlich macht sie eine Pause; es war Hermann, als ob sie sich im Bette
aufrecht setze. Sie brach in ein leises, inniges Lachen aus, da es durch die
Nacht unheimlich klang. Nun begann sie franzsisch zu sprechen, und mit
Erstaunen hrte er die Namen seines Oheims, der Tante und des Grafen Julius.
Dieses Erstaunen wurde Bestrzung, Scham, ja Entsetzen, als sich nach und nach
eine Geschichte vernehmen lie, in welcher jene Personen die handelnden Figuren
waren, und welche am allerwenigsten fr die Ohren des Neffen taugte.
    So wurde er in tiefer grauenvoller Nacht durch eine Unbewute, ihrer Sinne
nicht Mchtige, Mitwisser eines schrecklichen Familiengeheimnisses. Er wendete
sich, um nichts weiter zu hren, aber immer zog ihn das Gelste des Schrecks
nach der verhngnisvollen Kunde, und erst als die Redende aufhrte, sank er
erschpft zurck.
    Ein Schrei erweckte ihn. Es war heller Tag. Theophilie stand im
Morgengewande vor ihm. Um des Himmels willen! rief sie, wie kommen Sie in
dieses mein Zimmer? Ich htte den Tod von Ihrem Anblicke haben knnen. - Er
versuchte, seine Sinne zu sammeln, und stammelte die Geschichte seiner
Einsperrung und seines Fehlgehens daher.
    Noch hatte er nur auf sie geachtet. Wie ward ihm aber, als er seine
Lagerstatt in Augenschein nahm! Ein seltsames Bette! In einem Sarge hatte er
geschlafen, in einem Sarge, welchen Tabourets umstanden, auf denen die zu einem
vollstndigen Leichenanzuge gehrigen Stcke lagen.
    Entsetzt sprang er von diesem furchtbaren Lager auf. Theophilie lchelte.
Tun Sie doch, als shen Sie Gespenster, und doch ist es das Gewhnlichste,
Bekannteste, was Ihre Augen erblicken, sagte sie.
    Sie lud ihn zum Frhstcke ein. Als er die ihm vorgesetzte Tasse unangerhrt
stehen lie, und noch immer, wie abwesend, dasa, stie ihn Theophilie an, und
rief: Wie ist es mglich, da ein Sarg und ein Sterbekleid einen beherzten Mann
so auer Fassung bringen knnen? Ich bin allein, eine Fremde unter Fremden. In
Ihrer Tante starb die einzige Freundin, welche ich noch hatte. Was ist
natrlicher, als da ich mir meine letzte Behausung und Hlle frsorglich
zubereiten lie, da mir die Arme der Liebe nach meinem Hinscheiden diesen Dienst
doch nicht leisten werden. Man stirbt wegen dergleichen nicht eine Stunde
frher.
    Sie hatte bald ihren frhlichen Ton vllig wiedergefunden, neckte ihn mit
seinem Tiefsinn, und meinte, das Abenteuer, einen jungen Mann so Wand an Wand zu
beherbergen, sei allerliebst. Und ungefhrlich fr Tugend und Ruf, sagte sie
mit freiem Scherze, wie er nur ihr anstand, denn dieser Jngling war eine
Leiche, und scheint, auch auferstanden, noch keine Kraft gesammelt zu haben.
    Er versuchte, in diese Scherze einzustimmen; es wollte nicht gelingen.
Nachdenklich versetzte er: Das Schicksal gibt uns oft sonderbare Zeichen. Es
ist eigen, da ich gerade jetzt, wo so manche Entscheidungen sich an mein Leben
herandrngen, mich wider Willen in einem Gehuse ausstrecken mute, worin,
wenigstens auf geraume Zeit, Sinn und Gefhl und Erinnerung erlschen werden.

                                Zweites Kapitel


Er stieg den Berg zum Kloster hinunter. Die mannigfaltigen Gewerbevorrichtungen,
welche er nun im einzelnen musterte, berhrten seine Auge noch unangenehmer, als
tages zuvor. Diese anmutige Hgel- und Waldnatur schien ihm durch sie entstellt
und zerfetzt zu sein. Das freie Erdreich mit Bumen und Wasser, welches die
Seele sonst von jedem Drucke zu erlsen pflegt, lastete auf der seinigen mit
stumpfem Gewichte, weil es doch auch nur als Sklav' im Dienste eines knstlich
gesuchten Vorteils sich zeigte. Um alle Sinne aus der Fassung zu bringen,
lagerte sich ber der ganzen Gegend ein mit widerlichen Gerchen geschwngerter
Dunst, welcher von den vielen Frbereien und Bleichen herrhrte.
    Erst als er sich dem Kloster ganz nahe befand, ward ihm wohler. Rings um die
wellenfrmige Erhhung, auf welcher die Gebude standen, zogen sich die
schnsten Blumenpartien. Alle Umgebungen waren in einen wohlausgestatteten
Garten verwandelt worden. Orangerien und Gewchshuser zeigten sich an mehreren
Punkten.
    Er fand den Oheim, zu dem er ohne weiteres gefhrt wurde, in seinem
Comptoir, umgeben von vielen Geschftsleuten und Kommis. Sie saen um einen
groen grnen Tisch nach Art eines Kollegiums, der Oheim nahm in einem
Lehnstuhle die Oberstelle ein. Er begrte Hermann mit kurzen, freundlichen
Worten, und bat ihn, zu verziehen, bis die Konferenz beendigt sei, welche darauf
ihren Gang ungestrt weiter nahm.
    Hermann konnte bald an den Verhandlungen sehn, da hier keine
Geschftsfhrung im gewhnlichen Sinne stattfinde. Nicht ein Herr mit
verschiednen, nur die Ausfhrung besorgenden Dienern war vorhanden, sondern ein
jeder Geschftszweig hatte seinen unabhngigen Vorstand, welcher innerhalb
desselben frei nach eignem Ermessen verwaltete. So trat in der Versammlung ein
Direktor der Glasfabrik, der Bergwerke, der Brau- und Brennerei, der Websthle,
der Porzellanmanufaktur hervor, und noch manche andre Fabriksttten wren zu
nennen. Diese Vorstnde berichteten dem Oheim die Resultate ihrer Ttigkeit in
der verflonen Woche. Wo mehrere oder alle Gewerbszweige ineinandergriffen, wie
bei dem Verkehr mit Amerika, wurde die Beratung ganz kollegialisch, die
Stimmenmehrheit entschied streitige Punkte. Jedes Departement schien auch seine
abgesonderte Kasse zu haben, denn die Vorstnde rechneten miteinander ab, und es
kam vor, da einer von dem andern sich eine Anleihe erbat, die dann auch, wie
die dabei gemachten Bemerkungen erwiesen, ihre kaufmnnischen Zinsen tragen
mute. Ein Sekretr, welcher am untern Ende der Tafel sa, fhrte ber den
Einhergang Protokoll.
    Die Autoritt des Oheims bestand nur in der Prsidentschaft. Er hrte die
Berichte der einzelnen Direktoren an, uerte darauf seine Meinung, die jedoch
niemals wie ein Befehl klang, lchelte beifllig, wenn sie angenommen wurde, und
lie es geschehn, wenn der Referent sie verwarf. Trat eine allgemeine Beratung
ein, so beschrnkte er sich darauf, die Debatte zu leiten, abschlielich den
Inhalt der verschiedenen Meinungen zusammenzufassen, und bei Stimmengleichheit
durch sein Votum zu entscheiden.
    Hermann wohnte mit Verwunderung dieser Sitzung bei. Die Gre der
zirkulierenden Summen, die Mannigfaltigkeit der Geschfte, die Unabhngigkeit
der Verwaltungen, und dann doch wieder ihre innige Verzweigung, der Blick nach
Rio und Vera Cruz, der sich von Zeit zu Zeit auftat, alles dieses
zusammengenommen gab ihm das Bild des Welthandels und zugleich eines
kniglichen Kaufmanns der Gegenwart. Wunderbar stach gegen die kolossale
Gestalt dieses Betriebes die krperliche Erscheinung des Herrn und Meisters ab.
Hermann fand den Oheim sehr verndert. Er sa gebeugt, und mit dem Kopfe
zitternd in seinem Lehnstuhle, und nur die Augen, sowie seine Reden verrieten
noch die ungeschwchte geistige Kraft.
    Als die Geschftsvorstnde sich entfernt hatten, bewillkommte ihn der Oheim,
sich mhsam im Sessel emporrichtend. Hermann ntigte ihn zum Sitzen zurck, und
wollte nach den ersten Reden die Absicht seines Kommens darlegen. La es,
sagte der Oheim, du kennst meine Grundstze darber. Oder wenn du dich durchaus
getrieben fhlst, die Sache weiter zu verfolgen, so warte damit noch ein acht
Tage, sieh dich indessen in der Gegend und in den Fabriken um, vielleicht kommst
du dadurch selbst von deinem Vorsatze ab.
    Wenigstens mssen Sie diesen vernehmen, sagte Hermann. Ich kann die
Ungewiheit, worin ich ber Cornelien schwebe, nicht lnger ertragen. Was Sie
mir damals auf dem Schlosse des Herzogs erffneten, wurde in Eile und
Zerstreuung gesprochen; eine ruhige berlegung verhinderte das unglckliche
Ereignis, welches Sie zu schleuniger Abreise zwang. Cornelie hat mir auf alle
meine Briefe nicht geantwortet. Eine Entscheidung will und mu ich haben, und
deshalb bin ich hier.
    Diese Entscheidung soll dir werden, versetzte der Oheim, den der bewegte
Ton, mit dem Hermann sprach, nicht ungerhrt zu lassen schien. Warte die Zeit
ab. Ich will ja dir, ich will keinem mit Absicht Unrecht tun, gnne mir ein paar
Tage, die Sache noch einmal fr und wider zu berlegen, und unterdessen sei mein
Gast.
    Mit dieser Erklrung mute Hermann vorderhand zufrieden sein.
    Bei Tische erwartete er vergebens Cornelien, nach deren Anblicke er sich
sehnte und den er doch frchtete. Dagegen zeigte sich Ferdinand auf einen
Augenblick. Sowie der Knabe aber Hermanns ansichtig wurde, frbten sich seine
Wangen hochrot, er warf entrstet die Serviette auf den Teller und rannte
hinaus. Der Oheim schickte ihm einen zornigen und kummervollen Blick nach.
    Nachdem die Verlegenheit, welche durch diesen unzweideutigen Auftritt
entstanden war, sich verloren hatte, berblickte Hermann die Tischgesellschaft.
Sie war ziemlich zahlreich, und bestand wohl aus dreiig Personen. Die
Hausgenossen, die unverheirateten Geschftsleute und Vorstnde, und mehrere
junge Englnder und Franzosen, welche, angezogen vom Rufe des Oheims, bei ihm in
die Lehre gingen, bildeten sie. Man setzte sich, sobald die Suppe erschien, ohne
auf die Ausfllung einiger leeren Pltze zu warten; das Gesprch war ziemlich
laut, und Hermann konnte bemerken, da der Ton, welcher hier herrschte, sehr
ungezwungen, ja derb war. Der Oheim sprach halbleise nur mit seinem nchsten
Nachbar, und sah meistenteils niedergeschlagen vor sich hin. Von Frauenzimmern
war, auer einigen Wirtschafterinnen, niemand zu erblicken.
    Als man schon ziemlich weit in der Mahlzeit vorgeschritten war, erschienen
die verspteten Tischgenossen; Hermann sah berrascht zwei alte Bekannte wieder,
den Rektor und den Edukationsrat. Letztrer begrte ihn freundlich, dagegen
dankte der Rektor kaum der Bewillkommnung, und schien die ganze Tafel ber mit
einer heimlichen Entrstung zu kmpfen.
    Nach Tische suchte Hermann mit dem Oheim ins Gesprch zu kommen, und sich
ber so manches, was hier bereits seine Aufmerksamkeit gereizt hatte, Belehrung
zu verschaffen. Ich bin heute morgen Zeuge einer Verhandlung gewesen, sagte
er, nach der es den Anschein gewann, als htten Sie sich bereits zur Ruhe
gesetzt, und andern Ihr ganzes Geschft bertragen. Und dennoch widerspricht dem
alles, was ich von Ihnen sonst sehe und wei.
    Wenn ich nicht irre, sagte ich dir schon einmal, da man nur bis auf einen
gewissen Punkt besitze, versetzte der Oheim. Erreicht das Vermgen eine Gre,
welche das Ma der sogenannten Wohlhabenheit bersteigt, sind die Geschfte zu
einem hohen Grade der Ausdehnung gediehen, so mu man andre schalten und walten
lassen. Wer dann noch selbst in alles eingreifen, jedes einzelne in eigner
Person ordnen zu knnen whnt, macht ber kurz oder lang die Erfahrung, da
nichts nach seinem Willen geschieht, und wird allerorten getuscht und betrogen.
Ich sah diesen Wendepunkt meines Schicksals, als ich das Kloster und die
Besitzungen des Grafen angekauft hatte, und meine Fabrikplane anfingen, in
Erfllung zu gehn. Deshalb entschlo ich mich, aus meinen Dienern und Faktoren,
welche zum Glck sich in meiner Schule tchtig herangebildet hatten,
selbstndige Herrn zu machen, ihnen als Gesellschaftern die Kapitalien, welche
ich fr die verschiedenen Geschftszweige bestimmt hatte, vorzustrecken, und
einen jeden brigens auf eigne Gefahr sein Departement verwalten zu lassen. Bis
jetzt habe ich mich bei dieser Einrichtung sehr wohl befunden. Die Direktoren
treiben das Geschft zu eigner Ehre und Vorteil, und bringen deshalb einen weit
lebhafteren Schwung hinein, als wenn sie nur meine Handlanger wren, die
wchentlichen Konferenzen erhalten mich mit dem Ganzen im Zusammenhange, und da
in den Hauptsachen doch immer auf meinen Rat gehrt wird, so lenke ich im Grunde
alles nach wie vor.
    Eins fiel mir auf, sagte Hermann. Warum lassen Sie von Anleihen, welche
ein Institut von dem andern macht, Zinsen geben, da doch das gesamte
Betriebskapital Ihnen gehrt? Sie scheinen solchergestalt sich selbst die
Interessen zu entrichten. Nicht so ganz, versetzte der Oheim. Die Direktoren
haben nur von den reinen berschssen ihren Anteil. Sie mssen sich daher
bestreben, die Zinsen durch vorteilhafte Spekulationen einzubringen; und da dies
in den meisten Fllen gelingt, so gewinnt die Anleihe ihre Interessen in der Tat
und nicht blo zum Schein.
    Jemand, der wie ein Metallarbeiter aussah, kam und brachte ein Pckchen
Papiere in einem blauen Umschlage. Es sind die bestellten Kassenscheine, sagte
er, sehen Sie zu, ob sie Ihnen recht sind.
    Der Oheim nahm die Papiere aus dem Umschlage, hielt sie gegen das Licht,
prfte die Stempel, und gab einige Stcke an Hermann. Dieser sah, da es
Banknoten waren, ber grere und kleinere Summen lautend, mit dem
Geschftssiegel und der Namensunterschrift des Oheims versehen.
    Es ist gut so, sagte er zu dem Arbeiter, die Proben gefallen mir, und ihr
knnt nun die euch aufgegebne Anzahl verfertigen.
    Ich habe es fr vorteilhaft gehalten, dieses Papiergeld zu kreieren, dessen
Honorierung mir von allen bedeutenden Handelshusern in den benachbarten Stdten
zugesagt worden ist; mit diesen Worten wandte er sich gegen Hermann. Es ist
ein leichtes Zahlungsmittel fr alle meine Angehrigen und Arbeiter, und ich
erspare damit ebensoviel bares Geld, welches nun wieder andrerorten ttig sein
kann.
    Ich sehe, fuhr er fort, in den so bel berchtigten Anleihen der Staaten
nichts Schlimmes. Nicht in der vorhandnen Masse der edlen Metalle, sondern in
den produktiven Krften beruht der Reichtum einer Nation, und es ist
gleichgltig, ob diese Krfte durch Silber und Gold, oder ob sie durch Papier in
Bewegung gesetzt werden, ja, es ist ein gutes Zeichen, wenn man zu letzterem
greifen mu, um den berschu der Ttigkeit auszugleichen.
    Ein kleiner Rollwagen fuhr unter dem Fenster vor, von zwei rstigen Burschen
gezogen. Der Oheim sah mit einem schwermtigen Lcheln seine schwachen und
gebrechlichen Fe an, und sagte: Dagegen hilft nun freilich weder Spekulation,
noch Papiergeld. Willst du, neben diesem kindischen Fuhrwerke hergehend, mich
durch die Anlagen begleiten?
    Hermann half ihm in den Wagen, und das Gespann setzte sich in Bewegung. Der
Oheim lie sich durch seinen Blumengarten fahren, welcher von der
geschmackvollsten Auswahl und sorgfltigsten Pflege zeugte. Bei den schnsten
Exemplaren mute der Wagen stillhalten, der Oheim hob die Kelche mit leiser Hand
auf, und senkte seinen sehnschtigen Blick in ihre bunte Tiefe, oder sog den
Wohlgeruch verlangend ein. Zwischen dieser zarten Beschftigung fuhr er fort,
den Neffen ber Handels- und Gewerbsverhltnisse zu unterrichten.
    Auf einer Anhhe, welche die eigentlich botanische Region bildete, stand ein
Gartenhaus, worin die Bibliothek befindlich war, die zu solchem Platze sich
eignete. Der Oheim stieg aus, nahm ein Werk zur Hand und schlug darin etwas
nach.
    In einiger Entfernung, an der Abdachung des Hgels sah Hermann Leute
beschftigt, und ging, da der Oheim bei seiner Lektre blieb, zu ihnen. Man
hatte eine Wand des Hgels mit knstlichem Fels umsetzt, zwischen dessen Spalten
Rhododendren und andre Staudengewchse blhten. In der Mitte ffnete sich dieser
Felsen zu einem Gewlbe, dessen Ausmauerung die Arbeiter beschftigte.
    Hermann vernahm auf Befragen, da das Gewlbe bestimmt sei, die Reste der
Tante aufzunehmen, welche der Oheim nur vorlufig im Erbbegrbnisse des
Schlosses habe niedersetzen lassen. Dieser Platz aber sei zu ihrer Ruhesttte
erwhlt worden, weil sie denselben vorzugsweise geliebt habe.
    Wirklich hatte man von dort die reizendste Aussicht. Gerade aus der Tiefe,
beinahe senkrecht ihr gegenber, stieg ein mchtiger Fels auf, den eine schne
frische Wiese, von klaren Quellbchen befeuchtet, umgrnte, hinter demselben
erhob sich die Waldhhe, von welcher das Schlo stolz herabblickte. Das
Maschinenwesen war nach dieser Seite noch nicht vorgedrungen. Man sah auf Berg
und Tal, wie sie Gott geschaffen hatte.
    Was Hermann von den Marmoren, die weither geschafft wrden, von den
prchtigen Gueisenarbeiten, die der Oheim bestellt habe, vernahm, berzeugte
ihn, da Gattenliebe hier das kostbarste Mausoleum grnden wolle. Sich selbst
hatte der Oheim in dieser Gruft auch die letzte Rast bestimmt, wie die Arbeiter
sagten.
    Er sa noch bei sinkendem Abend, und lange nachdem die Leute den Platz
verlassen hatten, an dieser ernsten Sttte. Dachte er an die Erzhlung aus
Theophiliens Schlafreden, so mute er wnschen, getrumt zu haben; denn hatte
sie wirklich gesprochen und die Wahrheit gesagt, so erschien der ganze Zustand
der armen Menschen ihm unselig hohl und lgnerisch.

                                Drittes Kapitel


In den folgenden Tagen durchstreifte er mit einem erfahrnen Fhrer, welchen der
Oheim ihm beigegeben hatte, die Gegend, und besah die Fabriken. Fast alle Zweige
dieser Art menschlicher Ttigkeiten hatten sich hier im Umkreis weniger Stunden
abgelagert. Man mute wirklich ber den Geist des Mannes erstaunen, der in
verhltnismig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte. Aus
einfachen Landbauern waren Garnspinner, Weber, Bleicher, Messer- und
Sgenschmiede, Glasblser, Tpfer, Vergolder, ja sogar Zeichner und Maler
gemacht worden.
    Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte, welche diese
Verwandlung bewerkstelligt hatten, sagten sie, da nichts leichter gewesen sei.
Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre
Kunststcke anfangs wie zum Scherz auf Tanzbden und in Schenkstuben vorgewiesen
htten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb, besonders bei den jngeren Leuten,
rege geworden, da man denn hauptschlich auf die zweiten und dritten Shne der
Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriednen
Geistes, sehr froh gewesen wren, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu
finden.
    Auf diese Weise, sagten die Vorsteher, hatten wir in wenigen Jahren aus
den Bewohnern der Gegend selbst unsre Pflanzschule herangebildet. Nun sind von
den damaligen Lehrlingen die Geschicktesten schon wieder als Lehrer in die
Fremde gegangen. Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden, ein
Mittelstand neben der buerlichen Aristokratie, hnlich den englischen
Verhltnissen. Der Erstgeborne erbt den Hof, und wird nach dem Hofe benannt,
setzt also auch eigentlich allein die Familie fort, die andern Shne und die
Tchter gehn in die Fabriken, und legen sich in der Regel von ihrer
Beschftigung neue Namen bei, gegen das Zeugnis des Kirchenbuchs, und ohne da
die Verbote der Obrigkeit, welche daraus allerhand Verwirrungen befrchtet,
etwas fruchten wollen.
    Mute Hermann diesen Ausweg fr eine Menge durch die Geburt hintangesetzter
Menschen sehr ersprielich finden, und sah er auf allen Maschinensttten, in
jedem Lager und Speicher die grte Ordnung und Nettigkeit, wurde es ihm hier
recht klar, welch ein groes Ding das Geld, und ein diese Weltkraft bewegender
verstndiger Geist sei, so fehlte auf der andern Seite viel, da ihn alle die
ntzlichen und lehrreichen Anschauungen, welche er auf dieser Wanderung
einsammelte, erfreut htten. Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen
die mathematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleies, gegen
die Verdrngung lebendiger Mittel durch tote, und er konnte dieses Gefhls nicht
Herr werden, so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah, so groe Achtung er
vor dem Oheim und seinen Helfern haben mute.
    Abschreckend war die krnkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite
Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch dadurch
von den dem Ackerbau Treugebliebenen, da seine Genossen bei Feuer und Erz oder
hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes
eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche,
bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden
Beschftigungen, die natrliche und die knstliche, dem Menschen zuschlagen, sah
Hermann in diesem Gebirge oft im hrtesten Gegensatze. Whrend er hinter den
Pflgen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den
Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren
hnlichkeit die Brder oder Vettern jener Gesunden erkennen lie.
    Die Amtleute und Richter klagten sehr ber die Vermehrung der Frevel,
besonders gegen das Eigentum, seit die Gegend eine so vernderte Gestalt
angenommen habe. In den Schleifereien und Erzschmieden griff man jetzt bei der
leichtesten Znkerei gleich zum Messer.
    Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem Schlosse des Herzogs verglich,
so fhlte er sich nur noch unbehaglicher erregt. Es ist wahr, hier gehrte alles
ttig der Gegenwart an, und dort zehrte man von Erinnerungen, bestrebte sich
umsonst, der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen, aber jene rtlichkeiten und
ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung, whrend er hier
vergeblich danach rang, den Knuel der dumpfen und niederdrckenden Wirklichkeit
sich zum Gespinste zu entfalten. Entschieden war es ihm: wenn diese Bestrebungen
weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um alles getan, weswegen ein
Mensch, der nicht rechnet, leben mag.
    Der Sinn fr Schnheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke;
nach deren Schlage fllten und leerten sich die Arbeitspltze, traten die Trger
ihre tglichen Wege immer in der nmlichen Richtung an, versammelten sich die
Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Bei diesen griff ein jeder
nach englischer Manier zu, wo es ihm beliebte; der Reihenfolge der Speisen
achtete man wenig, da sie fast smtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden.
Keine aufwartenden Diener; eine Magd, welche ziemlich ungeschickt war, nahm
Teller und Schsseln weg, oder lie sie auch wohl stehn, wie es sich eben traf.
Auf niemand wurde gewartet; versptete Ankmmlinge setzten sich, kaum grend
und begrt, nieder, und holten in Hast das Versumte nach.
    Alle diese Unsitten waren fr jemand, der in den letzten zwei Jahren in der
besten Gesellschaft gelebt hatte, sehr empfindlich. Lstig fiel Hermann, welcher
das Wasser nicht vertragen konnte, auch die Entbehrung jedes sonstigen
Trinkbaren bei Tische. Der Oheim hatte nmlich die Laune, seine Tafel nur mit
eignen Produkten besetzt sehn zu wollen. Hinsichtlich der Speisen tat dies der
Gte des Mahls keinen Abbruch. Die Meiereien lieferten das saftigste Fleisch,
die Grten das zarteste Gemse und die schnsten Frchte, die Weiher gaben
schwere Karpfen und Hechte her. Allein mit dem Getrnke verhielt es sich anders.
Man braute hier ein sogenanntes Ale, und prete aus pfeln und Birnen Cider. Nur
diese Getrnke kamen in gerumigen Flaschen auf den Tisch, wurden aber selbst
von den daran Gewhnten nur mit Zurckhaltung genossen. Hermann versuchte von
beiden, bekam jedoch von dem Ale Kopfweh mit Schwindel verbunden, und wurde nach
dem Genusse des Ciders von einem heftigen Erbrechen befallen, so da er seitdem
lieber Durst litt, als so schlimmen Einwirkungen abermals sich aussetzte.
    In den Zimmern sah es verworren aus. Meubles vom teuersten Holze mit
schwerer Vergoldung standen neben tannenen Kommoden und Tischen, berall fehlte
etwas, oder vielmehr der Widerspruch trat allerorten hervor; ehemalige
brgerliche Einfachheit und neu erstrebte Pracht lagen miteinander in Streit.
Wertvolle Gemlde, welche der Oheim in den damals aufgekommenen Kunstverlosungen
erworben hatte, hingen in dunkeln Winkeln, meistens uneingerhmt, whrend
geschmacklose kolorierte Kupferstiche in kostbarer Einfassung an den hellsten
Stellen der Wnde prunkten.
    Zwischen diesem Ungeschick und verdrielichen Wesen blickte nur ein
rhrender Zug durch, des Oheims Liebe zu den Pflanzen. Fr sie hatte er den
feinsten Sinn, niemand verstand so, wie er, die Gruppen der Blumen, Stauden und
Bume zu ordnen; die kundigsten Landschaftsgrtner htten von ihm lernen knnen.
Unter seinen Gewchsen mute man ihn sehn, wenn man sich berzeugen wollte, da
die Natur keinem Menschen irgendeine zum Ganzen der Seele notwendige Richtung
versagt. Diese Neigung und die Liebe zu seiner Familie waren die schnen
menschlichen Eigenschaften des merkwrdigen Mannes. Tglich sah ihn Hermann in
seinem Wgelchen durch die Anlagen fahren, und stundenlang oben im Gartenhause,
oder bei der Gruft der Tante verweilen, deren Schmckung ihm die liebste
Beschftigung geworden war. Aus manchen uerungen ging hervor, da seine
Gedanken ebenso oft bei der schlafengegangenen Gattin, als bei den irdischen
Dingen verweilten.

                                Viertes Kapitel


Von der Vergrerung dieser gewaltigen Besitzungen durch die Standesherrschaft
wurde unter den Geschftsleuten des Oheims, wie von einer ausgemachten Sache
gesprochen, obwohl Hermann nicht begreifen konnte, worauf sich, da der
Adelsbrief der Ahnfrau aufgefunden worden war, diese Zuversicht sttzte. In den
Gesprchen jener Mnner, welche, wie wir wissen, bei der Ausdehnung und dem
erhhten Schwunge der Geschfte selbst beteiligt waren, traten weitgreifende
Plane hervor, wie jene Gter zum Fabriknutzen umgewandelt, oder zerstckelt
werden sollten, so da dem Gaste, dessen Erinnerungen sich noch mit Vorliebe
dorthin wandten, bel zumute ward. Einmal traf er den verdchtigen Amtmann vom
Falkenstein bei dem Oheim, der ihm wieder die hhnisch freundlichen Blicke
zuwarf, ber welche Hermann schon auf dem Schlosse des Herzogs verdrielich
geworden war.
    Der Oheim lie sich ber diese Angelegenheit noch gleichgltiger als frher
vernehmen. Seinen Adelsha verriet er zwar auch jetzt wieder, und wiederholte
mit Lebhaftigkeit die Meinung, da es an der Zeit sei, das Eigentum aus den
Hnden derer, welche es nicht zu benutzen verstnden, in fleiigere bergehn zu
lassen. Allein mir fr meine Person, fgte er hinzu, liegt an dem Erwerbe der
mir zedierten Besitzungen kaum noch etwas. Die Sache ist mehr fr meine
Direktoren, welche noch vorwrts wollen. Ich werde nur Last und Sorge von diesen
Schollen haben.
    Zudem, sagte er schwermtig, fr wen sammle ich?
    Diese Worte bezogen sich auf eine Verlegenheit, welche dem Oheim in seinem
eignen Hause erwachsen war. Sein einziger Sohn Ferdinand, von dem er natrlich
nichts heier wnschen konnte, als da er der Erbe seines Sinnes werden mchte,
zeigte, sobald er sich zu entwickeln begann, auch nicht die mindeste Neigung zu
dem, was eine solche Hoffnung rechtfertigen durfte. Alles Stillsitzen war ihm
zuwider; es kostete unendliche Mhe, ihm die Elemente der Rechenkunst
beizubringen, die Maschinen, zu denen er frh gefhrt wurde, damit er Geschmack
an ihnen bekomme, waren ihm lcherlich und widerwrtig. Er schlich sich heimlich
zu den Werken, verdarb manches schadenfroh, und hatte einmal durch ein geschickt
eingeworfnes Hemmnis eine Dampfpresse gewaltsam zum Stehn gebracht, dadurch aber
beinahe den Mechanismus zerstrt.
    Hingegen war es seine Leidenschaft, die gefhrlichsten Orte zu erklettern.
Seine ersten Spiele waren Soldatenspiele; er hatte bald eine Kompanie Knaben
zusammengetrieben, welche er zum Erstaunen eines durchreisenden Offiziers vllig
regelrecht einexerzierte, obgleich er die Handgriffe nie gesehen hatte. Als er
heranwuchs, war ein Pferd sein dringendstes Verlangen, und der Vater, der fr
dieses ihm nach langer kinderloser Ehe sptgeborne Kind die weichste
Zrtlichkeit hegte, konnte sich nicht entbrechen, ihm eins anzuschaffen. Nun
entband sich erst die ganze Natur des Knaben. Der Sattel war ihm lstig, er
schied ihn von dem Geschpfe, mit dem er in eins zusammenzuwachsen sich sehnte.
Den Bauchgurt zerschneidend, schwang er sich auf den nackten Rcken des Tiers,
umfate dessen Hals zrtlich, und lie sich von ihm ber Stock und Stein tragen.
Das alles hatte er insgeheim vorbereitet, denn es zeigte sich in ihm eine
merkwrdige Vermischung von Schlauigkeit und verwegnem Mute. Dem Oheim strubten
sich vor Entsetzen die Haare, als er von dem tollkhnen Ritte hrte. Er wollte
dem Knaben das Pferd wieder wegnehmen lassen, aber da erfolgten so heftige
Ausbrche der Wildheit, da man fr seinen Krper besorgt wurde, und ihn lieber
dem Geschick berlie, welches dem Unerschrocknen nicht selten gnstig ist.
    Spterhin verfiel er auf das Schieen, wogegen aber der Vater sich mit
Festigkeit erklrte, so da Ferdinand von dem ungestmen Verlangen nach Pistolen
und Flinten wenigstens scheinbar abstand.
    Gleichwohl sah der Oheim die Wiederholung eines alten Unglcks in seiner
Familie voraus, sah voraus, da der Sohn zerstreuen werde, was der Vater
gesammelt; und diese trbe Besorgnis wirkte dazu mit, die Fden seines Daseins
abzunutzen.
    Um das Seinige zu tun, hatte er die beiden Schulmnner zu einer Beratung
ber das Erziehungssystem, welches in betreff des Knaben zu verfolgen sein
mchte, einladen lassen. Man kann aber denken, da deren Gutachten ihm wenig
gengten, da ihre Meinungen nur beschrnkt und einseitig waren, und seinem
scharfen Verstande einleuchten mute, da die Mittel, welche sie vorschlugen,
und welche einander noch dazu widersprachen, gegen eine entschiedne Richtung der
Natur nichts verfangen wrden.
    Hermann hatte von dem Edukationsrate einen Teil der obigen Notizen
eingezogen.
    Sprach er mit Theophilien, die er oft des Abends besuchte, von dieser
Angelegenheit, so machte sie ein zweideutiges Gesicht. Sie war recht eigentlich
zur Plage des Oheims im Schlosse zurckgeblieben. Er empfand eine sonderbare
Furcht vor ihr, wich ihr aus, wo er nur konnte, und htte viel darum gegeben,
wenn mit ihr die letzte Erinnerung an den ehemaligen Besitzer verschwunden wre.
Zu dem Ende hatte er ihr bedeutende Summen anbieten lassen, wenn sie ihren
Wohnsitz verndern wolle; welches aber immer hflich von ihr abgelehnt worden
war.
    Eines Tages brachte Hermann die Sache gegen sie zur Sprache, und fragte in
schonenden Wendungen, warum sie einen Ort nicht verlasse, der ihr unmglich
angenehme Gefhle erwecken knne?
    Lieber, versetzte Theophilie, Sie kennen das Unglck nicht. Wenn Sie
wten, was es heit, vom Erbe verdrngt worden zu sein, nicht mit Gewalt und
bermacht, das wre leidlicher, nein! auf stillem, rechtlichem Wege, mit
erlaubtem Wucher, mit zulssiger Geschftskunst, Sie wrden mich nicht so
fragen. Ihr Oheim hat meinen Bruder zerstrt, verfhrt, zerrttet und ich bin
die Schwester des Grafen Julius. Er besitzt unsre Schlsser, gnne man uns nur
noch, wie jene Frau sagt, ein Grab bei den Grbern unsrer Ahnen! Hier sind meine
Erinnerungen, dieser Schmerz fllt mein Leben aus, es htte seinen Inhalt
verloren, wiche ich von hinnen. Nein, es bleibe bei der bereinkunft, die mein
Bruder bei dem Verkaufe der Gter machte, da ich hier zeitlebens Wohnung, und
nach dem Tode auch Unterkommen im Erbbegrbnis finden solle. Ich bin die Hterin
der Rasensitze, der Pavillone, aller der Pltze, die unsre muntren Feste sahn,
sie verwildern, verwittern, veralten, wie ich; ein geheimes Band der Sympathie
schlingt sich von ihnen zu mir, ich mu es ehren.
    Hermann wunderte sich ber die Erhebung, womit Theophilie sprach. Dieser Ton
war ihr sonst nicht eigen, sie pflegte leicht, ja leichtfertig zu reden, aber
sie geriet, wie er nunmehr fter wahrnehmen konnte, jedesmal in jenen Schwung,
wenn sie an das Unglck ihres Hauses dachte. Aus hingeworfenen Reden lie sich
schlieen, da sie ein Geschick ahne, welches den Oheim ganz daniederwerfen
werde, und leider schien sie sich darauf zu freuen, wenn sie sich dies auch
nicht eingestehen mochte.
    So bedroht, so innerlich gefhrdet und untergraben war der Zustand des
Oheims, whrend nach auen hin Vermgen und Ansehn ins Unermeliche wuchsen. Man
konnte sagen, da er eine Macht darstelle. Denn nicht allein, da seine
Handelsverbindungen ber die ganze Erde griffen, auch mit den Frsten und
Regierenden war er in Verhltnisse gediehen, bei welchen er, da er mehr zu
gewhren, als zu erbitten hatte, sich ziemlich auf gleichem Fue zu ihnen halten
durfte. Sie ehrten ihn denn auch auf mancherlei Weise, verliehen ihm Titel, die
er nicht fhrte, weil sie ohne Ertrag waren, und noch in den Tagen von Hermanns
Anwesenheit traf ein Orden hoher Klasse ein, von welchem aber der Neffe nur
durch die dritte Hand etwas vernahm, weil das schimmernde Kreuz, nachdem der
Empfnger es flchtig beschaut hatte, still weggestellt worden war.
    Vom Schlosse hatte der Oheim seine Wohnung, wenigstens zum Teil, deshalb
hinabverlegt, weil ihm die Nhe Theophi-liens immer widerwrtiger geworden war.
Aber im Kloster erwartete ihn ein andrer Verdru. Bei der Skularisierung hatte
man fr die katholische Umgegend den Gottesdienst in der Kirche erhalten, der
Weg zu ihr fhrte quer durch das nunmehrige Wohnhaus, und sie selbst befand sich
hart an den Geschftszimmern des Besitzers. Seinem Sinne, welcher dem
Kirchlichen durchaus abgeneigt war, wurde nun tglich die Pein, einen Zug
Andchtiger durch das Haus wandern zu sehn, und das Klingeln der Messe vernehmen
zu mssen. Um so unangenehmer fr ihn, als er den katholischen Kultus eigentlich
geradezu hate, da dieser die Menschen nach seiner Meinung zum Unfleie
verfhre. Schon mehrmals hatte er versucht, sein Eigentum von jener Last zu
befreien, hatte sich selbst erboten, den Katholiken eine neue Kirche bauen zu
lassen, allein die Geistlichkeit, wohl wissend, wie ersprielich ihrer Sache ein
traditionelles Altertum sei, war dagegen stets auf das Bestimmteste eingekommen,
und die Behrden konnten wohlerhaltne Rechte nicht aufheben.
    Mit allem Gelde vermochte er daher nicht, sich vor den Reminiszenzen des
Adels und der Kirche zu schtzen, ber deren Eigentum der Zeitgeist ihn zum
Herrn gemacht hatte. Unter den protestantischen Arbeitern aber tat sich eine
neue Wirkung umgestalteter Lebensverhltnisse auf, die dem Oheim fast noch
unleidlicher war, als der unter seinen Augen sich rhrende Katholizismus. Die
sitzende Lebensart, welche an die Stelle der Bewegung in freier Luft getreten
war, hatte bei vielen den Boden fr die pietistische Richtung zubereitet; einige
Werkmeister, welche von der Wupper kamen, brachten den Samen mit, und bald war
eine zahlreiche stille Gemeine entstanden, in welcher die Erweckten predigten,
und jedermann mit der Gnade des Herrn, dem Blute des Lamms, und wie die
Schlagworte jener Herde sonst noch heien mgen, gewandt umzuspringen wute.
    In Hermann, welcher alle diese Unanehmlichkeiten kennengelernt hatte, regte
sich der alte Eifer, zu helfen. Der Oheim bezeigte sich immer freundlicher gegen
ihn, sein Widerwille schien verschwunden zu sein, er hatte die Gesellschaft
unsres Abenteurers gern, und schenkte ihm ber manche Dinge Ver-traun. Dieser
bedachte nun schon dankbar im stillen, wie das Frulein dennoch zur Verlegung
ihres Wohnsitzes auf eine zarte Weise zu vermgen, das Naturell des wilden
Knaben in die dem Oheim geflligen Wege zu leiten, und die widerstrebende
Geistlichkeit biegsamer zu machen sein mchte, hatte auch ber alle diese Dinge
bei sich einen Plan entworfen, in welchem jedes Hindernis beseitigt war, als ihn
eine Mitteilung des Edukationsrats stutzig und an diesen wohlgemeinten Entwrfen
irremachte.
    Es war ihm aufgefallen, da der Rektor ihn sichtlich vermied, und wenn er
nicht ausweichen konnte, ihm nur mit Widerstreben Rede stand. Da er sich nun
durchaus keiner Verschuldung gegen den Schulmann bewut war, so mute er den
Grund zu jenem Betragen in einer allgemeinen Verstimmung des Alten suchen. Er
fragte den Edukationsrat bei Gelegenheit danach, worauf dieser versetzte:
Allerdings hat meinen Freund das schlimmste Schicksal betroffen. Ein wundersam
scheinendes Glck fhrte nur dazu, sein Hauswesen heftig zu erschttern, wo
nicht von Grund aus zu zerstren. Jener totgeglaubte, aus Ruland zurckkehrende
Sohn wurde von den Eltern, die ihn gleichsam aus dem Grabe wiederempfingen, mit
einer Mischung von Liebe, Graun und Mitleid aufgenommen. Der Vater, durch Ihren
Brief benachrichtigt, kaum seiner mchtig, holte den Verlornen aus der
Hirtenhtte ab, welche der Unglckliche eben hatte verlassen wollen, um in die
weite Welt zu schweifen. Man erschrak ber seine Gestalt, sein Wesen, hoffte
aber durch Sorgfalt und Pflege ihn wieder zum Menschen zu machen.
    Aber es zeigte sich bald, da diese Hoffnungen eitel gewesen waren. Der
Elende hatte zu viel gelitten, sein Physisches und Moralisches war zerrttet.
Bald muten die Eltern zu ihrem Schmerze sich berzeugen, da Eduard zwar alles
Liebe und Gute, was ihm geboten wurde, sich gefallen lie, da aber kein
dankbares Gefhl in seiner Seele dadurch geweckt wurde. Nur die Not und das
Elend schienen ihn noch aufrecht gehalten zu haben, sobald ihn das bequeme,
gemchliche Leben im vterlichen Hause umfing, brachen jene herben Sttzen
zusammen, und er versank von Tage zu Tage mehr. Ein unmiger Hang zu geistigen
Getrnken begann sich zu uern, den der Verwilderte auf alle Weise heimlich zu
befriedigen wute. Bald nahm man Spuren des Irrsinns wahr, der endlich zur
Tobsucht fhrte. Die Paroxysmen dieses Zustandes zerstrten die letzten Krfte
der Seele; es folgte eine stille Verrcktheit, in welcher er, unschdlich,
willen-und gedankenlos, nur noch so fortbrtet. Die Eltern haben ihn aus dem
Hause und zu guten Leuten getan, welche ihn verpflegen und am Morgen bei hellem
Wetter in die Sonne setzen, wo er dann, ohne sich zu bewegen, oder zu sprechen,
den Tag ber sitzen bleibt.
    Der Gram ber dieses Geschick warf die Mutter auf ein Krankenlager, von dem
sie nur langsam, schwer, erstanden ist. Der Unglckliche hatte den Stoff so
mancher Ansteckung in die Familie gebracht, die Wirkung seines Aufenthalts ist
die belste auf die jngeren Knaben gewesen. Zwischen den Konrektor und
Wilhelminen trat er wie ein Gespenst; sie gaben einander nach heftigen
Zwistigkeiten ihr Wort zurck, und der Verlobtgewesene hat sich einen andern
Wohnort gesucht. Kurz, diese Vorflle besttigen die Lehre, da keiner
heimkehren mu, wenn er nicht mehr vermit wird.
    Sie besttigen noch eine andre Lehre! rief Hermann sehr traurig aus. Man
soll die Hnde in den Scho legen, und nichts fr andre sinnen und tun; dann ist
man sicher, da man ihnen nicht schadet. Was in der reinsten Absicht geschieht,
bringt Tod und Verderben, und wer seinen Nebenmenschen aus dem Wasser zieht,
kann ihn dabei erdrcken.

                                Fnftes Kapitel


Er hatte gehrt, da Cornelie sich auf einer kleinen Meierei, unweit der
Fabrikbesitzungen befinde, wo sie die Molkenwirtschaft lerne. Dorthin war sie
vom Oheim gesendet worden, um die tglichen Berhrungen zwischen ihr und
Ferdinand zu hindern, welche nach der Rckkehr des Mdchens bei dem Knaben einen
immer leidenschaftlicheren Charakter angenommen hatten. Ohne selbst recht zu
wissen, was er beginnen wollte, und ungeachtet er dem Oheim das Wort gegeben
hatte, nichts in dieser Sache eigenmchtig zu unternehmen, befand er sich eines
Tages kurz nach den erzhlten Vorfllen auf dem Wege zur Meierei. Dieser fhrte
ihn an schroffen Felsen und bebschten Hgeln vorbei, bis endlich im anmutig
grnsten Wiesentale sich das reinliche, rot und wei angestrichene Gebude
zeigte. Schnes, saubergehaltenes Vieh graste auf dem samtnen Rasen umher; unter
niedrigem Gestruch, zwischen Gitterwerk eingehgt, scharrte und pickte
allerhand Geflgel; hbsche krftige Mgde gingen mit ihrer Marktladung auf dem
Haupte durch das Tal den umsumenden Hgeln zu; der blauste Himmel spannte sich
ber der friedlichen Szene aus.
    Hermann betrat das Haus, in welchem ihm der frische Molkengeruch
entgegenduftete, mit einiger Beklemmung, da er von der Zusammenkunft mit
Cornelien einen heftigen und ngstlichen Auftritt besorgte. Niemand begegnete
ihm, und so ging er auf das Geratewohl nach einem Gemache, in welchem er ein
Gerusch vernahm. Die Tre ffnend, sah er Cornelien bei der lndlichen Arbeit
in Gesellschaft der Schaffnerin und einiger Dienerinnen.
    Ich bin es, Cornelie, erschrecken Sie nicht! sagte er. Warum sollte ich
erschrecken? versetzte sie unbefangen. Ich habe Sie lngst erwartet, da ich
wute, da Sie bei dem Oheim waren.
    Sie wies ihn nach ihrem Zimmer und bat ihn, dort allein zu verweilen, bis
ihre Arbeit, welche sie nicht aufschieben knne, getan sei. Er ging durch das
Haus, welches von hollndischer Reinlichkeit glnzte, betrat das Stbchen, und
sah sich dort von dem lieblichsten Bilde der Ordnung angelchelt.
    Nicht lange, so erschien Cornelie. Sie reichte ihm von freien Stcken die
Hand, begrte ihn mit dem traulichen Du, und da er, von ihrer Lieblichkeit
bezwungen, seine Lippen den ihrigen nherte, duldete sie, ihm zum Erstaunen,
seinen Ku. Warum bist du so lange ausgeblieben? fragte sie. Du warst in
meiner Nhe und ich erwartete dich tglich.
    Hatte er sich vor Zwang und peinlichem Wesen gefrchtet, so setzte ihn
dieser unbefangne Empfang noch mehr auer Fassung. Um sich zu sammeln, bat er
sie, mit ihm einen Spaziergang zu machen, was sie gern gewhrte. Sie fhrte ihn
auf einen Hgel, von welchem er den berblick ber das ganze Tal hatte. Man sah
nur dieses, und nirgends sonst menschliche Wohnpltze, weil die Turmspitzen der
benachbarten Ortschaften sich alle hinter den vorspringenden Hgeln verbargen.
Hiedurch erhielt die Gegend etwas unglaublich Stilles und Einsames. Dieser
Eindruck wurde noch dadurch vermehrt, da hier seit Menschengedenken nur das
einfachste Geschft, die Viehzucht betrieben worden war, das Geschft, welches
dem Boden die wenigsten Spuren menschlichen Verkehrs aufprgt. Denn das Tier
wandelt da und dort ber den Anger, sein Schritt furcht ihm keine Strae ein,
und was sein Zahn abrupfte, ist in wenigen Wochen wieder nachgewachsen.
    Hermann, der das heitre, lebenskrftige Mdchen neben sich in dieser
Abgeschiedenheit ansah, fragte sie, ob ihr diese, und ihre einfrmige
Beschftigung nicht doch bisweilen zuwider werde?
    Niemals, versetzte Cornelie. Bin ich nicht eine Waise? Ist mein Los ein
andres, als dienstbar zu sein? Ich mu dem Vater herzlich danken, da er mir
Gelegenheit bietet, die Hnde zu rhren. Und dann fllt unter den Khen und
Schafen auch so manches vor, was immer Abwechslung gibt. Da entsteht Zank und
Eifersucht, Vershnung nebst allerhand Geschichten, wie unter den Menschen.
    Es ist ein trauriges Schicksal, keine Eltern zu haben, setzte sie ernster
hinzu. Dein Oheim und deine Tante wollten mich es nie fhlen lassen, und doch
konnte ich es wohl merken. Ich kann nie vergelten, was sie an mir getan haben,
und doch bin ich immer dessen mir bewut gewesen, da ich niemand angehrte.
Wenn von der Zukunft, von ihren Planen die Rede war, da hrte ich immer nur
Ferdinands Namen, und meinen nicht mit. Das hat sich mir tief eingeprgt. Aber
man lernt unter solchen Umstnden frh, sich selbst helfen, und so jung ich bin,
so fhle ich doch, da ich wohl allein durch die Welt kommen wollte. Das
Hrteste erfuhr ich in dem Waldhause, wo du uns trafst. Die Mutter begehrte in
ihrer Fieberhitze zu trinken, Ferdinand und ich, wir kamen beide mit einem Glase
zum Bette, mich wies sie zurck und nahm von Ferdinand das Getrnk an. Es war
freilich nur Phantasie, aber es krnkte mich doch sehr; ich setzte mich,
bitterlich weinend, in eine Ecke. Nicht lange darnach tratest du ein.
    Unter solchen Gesprchen waren sie in das Tal hinuntergestiegen. Hermann
nahm wahr, da die Hirten und Melkmdchen, Cornelien, wie sie an ihnen
vorberging, mit einem Ausdrucke grten, der an Ehrfurcht grenzte. Ja, eine
junge schwarzbraune Dirne, die aus feurigen Augen schaute, sank vor ihr, wie vom
Gefhl berwltigt, in die Knie und legte die Hand Corneliens sich auf das
Haupt.
    Ein Lmmchen kam aus der Herde munter auf Cornelien zugesprungen, und gab
durch schmeichelnde Gebrden ein Anliegen zu erkennen. Sie beugte sich zu dem
zarten Tiere hinab, nahm ein Milchflschchen aus dem Busen, und trnkte das
Geschpf, welches sich vertraulich an die Knieende anschmiegte, aus der hohlen
Hand. Hermann betrachtete mit Vergngen das reizende Bild. Nachdem sie ihr
mildes Geschft vollbracht, erhob sie sich und sagte: Das Nrrchen hat seine
Mutter verloren, und obgleich ein andres mitleidiges Stck der Herde deren
Stelle schon oft bei ihm vertreten hat, so sucht es doch immer mich und mein
Milchflschchen, wenn ich mich zeige.
    Alles, was Hermann hier sah und hrte, gab ihm das Gefhl eines sen
Friedens, und er malte sich mit Entzcken das Bild der Huslichkeit aus, welche
ihm Cornelie gewhren wrde. Denn da sie nicht lnger sich seinem treugemeinten
Werben widersetzen werde, war ihm nach dem traulich-liebevollen Empfange, den er
hier ber alle Erwartung gefunden hatte, gewi.
    Bei der Mahlzeit, die aus den einfachsten Gerichten bestand, war nur noch
eine dritte Person zugegen, die alte Schaffnerin. Ihre Verneigung, tief und
frmlich, verriet die ehemalige Klosterjungfrau, und wirklich war sie es. Sie
hatte den Oheim ersucht, ihr dieses Amt zu geben, und er, der jeder Ttigkeit
hold war, hatte ihren Wunsch gern gewhrt, ihr berdies die Pension gelassen,
welche ihre brigen Schwestern, die Hnde im Scho, verzehrten.
    Obgleich auch durch den Oheim aus dem gewohnten Lebenskreise vertrieben,
gehrte sie wenigstens nicht zu seiner Gegenpartei, und bildete durch ihre Reden
einen anmutigen Kontrast mit Theophilien. Sie verhehlte gar nicht, da sie schon
im Kloster sich zu den Freidenkerinnen geschlagen habe, und da ihr die Erlsung
aus der Klausur herzlich willkommen gewesen sei. Sie wute hundert lcherliche
Geschichten von den kleinen Intrigen jenes Zwangszustandes zu erzhlen, und wie
die Nonnen sich die lange einfrmige Zeit durch allerhand seltsame Spielereien
verkrzt htten.
    Einer dieser Zeitvertreibe, sagte sie, war das Spiel mit dem Jesulein.
Jede der Klosterschwestern hatte so ein Pppchen in der Zelle, welches sie auf
das kstlichste aufputzte, alle Abende entkleidete, und mit zu Bette nahm. Man
nhrte es, wartete es ab, behandelte es vllig wie ein lebendes Kindlein. Wenn
dann die Nonnen zusammenkamen, so erzhlte eine jede, wie klug ihr Jesulein sei,
der einen ihres konnte schon lesen, ein andres lernte das Zimmerhandwerk, ein
drittes hatte der Mutter die Brust wund gesogen, da sie Umschlge auflegen
mssen, und was der Possen mehr waren. Die btissin sah der Sache lange nach,
endlich hielt sie sich doch in ihrem Gewissen verbunden, die fromme Tndelei dem
Beichtvater zu entdecken, durch den es vor den Bischof kam. Dieser traf
pltzlich eines Tages im Kloster ein, hielt eine strenge Visitation und predigte
scharf gegen Profanation der heiligen Dinge, worauf denn die Jesulein
abgeschafft werden muten, und wir nicht mehr die Mtter Gottes spielen durften.
Einige Schwestern behaupteten aber nach diesem Verbote ganz treuherzig, das
Milchfieber zu haben.
    Cornelie hatte bei dieser und andern derartigen Plaudereien still und
schweigsam gesessen. Hchst wohltuend war ihm die Sitte und Ordnung, welche, im
Gegensatze zu des Oheims Tafel, an diesem kleinen Tische herrschten. Servietten
und Tcher waren zierlich gefltelt, Schsseln und Teller symmetrisch gestellt,
die Magd, welche aufwartete, und dies Geschft flink und geschickt verrichtete,
suberte nach jedem Gerichte Messer und Gabeln.
    Wo hat sie das gelernt? fragte Hermann die Schaffnerin, als Cornelie sich
nach Tische auf einige Augenblicke entfernte.
    Es mu ihr so angeboren sein, versetzte die Alte. Bei dem Oheim hat sie
alles das freilich nicht absehn knnen, und die selige Tante verstand auch
nicht, diese Zierlichkeit in die alltglichen Dinge des Hauswesens zu bringen.
Ich aber hatte hier mehrere Jahre lang einsam gehauset, und wenn man fr sich
allein ist, hat man auf dergleichen nicht acht. Sobald sie herkam, fing sie an,
es so einzurichten, und in kurzer Zeit hatte sie jeden an diese Akkuratesse
gewhnt. berhaupt ist mir das Kind ein rechter Segen in der Meierei. Vorher
ging es zwischen den Hirtenknaben und den Mgden wild und liederlich zu; und
seit sie hier ist, hat sich auch das gegeben, ist alles keusch und sittsam
geworden. Es scheint, da in ihrer Nhe nichts Unreines den Mut hat, sich
hervorzuwagen.
    Er machte sich von der Alten, die gern noch fortgeschwatzt htte, los, und
brachte einige Stunden des Nachmittags fr sich zu, um seinen Entschlu in Ruhe
vorzubereiten. Aber ein solches Abwarten bringt den entgegengesetzten Erfolg
hervor; er wurde nur immer unruhiger und betrat gegen Abend mit starkem
Herzklopfen das Blumengrtchen, welches sich Cornelie neben dem Hause angelegt
hatte, und worin er sie ihre Pfleglinge begieen sah.
    Doch nahm er sich zusammen, trat zu ihr, ergriff die Giekanne, und trnkte
die Pflanzen. Nachdem dies geschehen war, wobei ihm Cornelie lchelnd zugesehen
hatte, fate er sanft ihre Hand, und sagte: Du weit, geliebte Cornelie, warum
ich gekommen bin.
    Ich kann es mir denken, versetzte sie leicht errtend. Und da du nun hier
bist, so wollen wir die Sache auch recht klar besprechen.
    Sie gingen zusammen nach einer Laube und setzten sich. Noch hielt er ihre
Hand, die sie ihm ohne Widerstreben lie. Du hast mir nicht geschrieben! rief
er. Aber alles ist vergeben. Das Gedchtnis dieser lieblichen Stunden, die ich
heute mit dir verleben durfte, lscht jede bittere Rckerinnerung aus. Ich habe
es durchgedacht und durchgefhlt, Cornelie, nur deine se Unschuld, deine holde
Stetigkeit kann mich dem Leben gewinnen, meinem Dasein die Grundlagen geben,
ohne welche es doch sonst frh oder spt versinken wird. Ich wiederhole die
Frage und die Bitte, die ich an jenem strmischen Morgen tat, ich wiederhole sie
heute mit voller Ruhe und Sicherheit des Gemts. Willst du die Meine sein? - Der
Oheim wird einwilligen, wenn er unsern Ernst sieht; sein Sinn hat sich gewendet,
er ist mir nicht mehr unfreundlich.
    Ich habe dich angehrt, nun hre auch du mich an, versetzte Cornelie mit
niedergeschlagnen Augen. Da ich mich nicht gegen dich verstellen kann, weit
du, und mein Herz kennst du. Ich denke an dich, wo ich bin und weile, das war
seit der Nacht im Walde so bei mir entschieden, und mit Freuden ginge ich fr
dich in den Tod. Es wre mir auch kein greres Glck auf der Welt, als wenn ich
dich so tglich einige Stunden she, oder wenn das nicht anginge, so wre ich
schon zufrieden, wenn du nur abends im letzten Strahle der Sonne auf die Spitze
des Hgels dort trtest, der so grn in das Tal schaut, und ich dann dein Bild
von fern in mir empfinge, und es still mit mir zur Ruhe nhme. Sieh, so ist es
mit mir. Deinen Wunsch erflle ich nicht, das ist auch beschlossen.
    Um Gottes willen, rief Hermann bestrzt, und sprang auf, was ist das?
    Bleibe ruhig, Lieber, sagte Cornelie. Wie bel wre es, wenn wir jetzt
uns nicht zu finden wten. Du fragst mich, was das sei, was zwischen dir und
mir so hindernd steht? ich wei es selbst nicht. Wie gern mchte ich, da es
anders wre, aber kann ich dafr, da es nun einmal so ist? Die Tage, welche
deiner heftigen Erklrung im Hause des Rektors folgten, waren schrecklich, ich
hatte nie geglaubt, da ich solche Schmerzen je wrde zu ertragen haben. Ich war
dumpf, und wie zerstckt in mir, wstes Wunderliches bedeckte meine ganze Seele,
ich hatte beinahe einen Ha gegen dich, und empfand Ekel vor mir selber. Nachher
klrte sich alles, ich wurde ruhig, mein Gefhl fr dich schied sich recht
lieblich aus diesem Wust, aber neben demselben stand auch ganz fest der
Widerwille gegen eine Verbindung mit dir, und dieser ist durch nichts vermindert
worden.
    Sollte man nicht glauben, ein bleichschtiges, krankes Mdchen aus der
Stadt zu vernehmen? murmelte Hermann dumpf vor sich hin. Eine von denen, die
verzrtelt und berbildet, nur noch in berspannungen und knstlichen Nten
einen gemachten Halt fr ihr Wesen gewinnen?
    Wie du mich krnkst, sagte Cornelie leise. Kaum verstehe ich, was du
meinst, aber recht hart mu es sein.
    Cornelie! rief er berlaut, indem der gewaltsamste Schmerz Strme von
Trnen aus seinen Augen trieb, ndre dein Wort, sage mir etwas Gutes, Liebes!
    Ach, was hlfe es dir, wenn ich dich und mich betrge, versetzte sie, auch
weinend, und drckte seine Hand mit der zrtlichsten Gebrde gegen ihre Brust.
    Du beharrst bei deinem Entschlusse?
    O, da ich dein Herz qulen mu! rief sie, indem sie aufstand, und nach
dem Hause ging. Er machte eine Bewegung, ihr zu folgen, sie winkte, da er es
unterlassen solle. Er schlug die Hnde vor das Gesicht, und blieb eine Weile in
dieser Stellung. Als er wieder aufsah, war er allein. Er ri eine Blume vom
Stengel und warf sie wild weg. Die Sonne schickte ihre letzten glhenden Lichter
ber die Hgel; er blickte starr hinein, bis er es vor Schmerz nicht mehr
ertragen konnte. Geblendet, taumelnd machte er sich auf den Weg, der zu den
Hgeln fhrte. So mu dieser Tag enden, so! rief er laut vor sich hin, und
lachte und schluchzte, da die Begegnenden ihm scheu auswichen.

                                Sechstes Kapitel


Zwischen den Felsen, an Steinbrchen und Abgrnden vorbei, irrte sein Fu, und
es war ihm gleichgltig, wohin er gelangen mchte. Da er des Weges nicht
achtete, so war er bald von dem gebahnten Pfade abgekommen, und mute sich durch
Dornen und Schlinggewchse auf steilen Klippenstegen weiterarbeiten. Die
Anstrengung, welche ihm dies verursachte, die Pein, welche seine Hnde von den
scharfen Dornen versprten, brachte ihn wieder zum Gefhle seiner selbst, die
wildflutenden Gedanken fingen an zu ebben, er war fhig, einen reinen Schmerz
ber Corneliens Verlust zu empfinden.
    Auf einer Hhe angelangt, wo niedriges Brombeergebsch den berblick ber
einen betrchtlichen Raum gestattete, hrte er von weitem ein Gerusch, welches
wie Pferdegalopp klang. Obgleich es ihm unmglich schien, da jemand auf solchen
Felsen reiten knne, so mute er sich doch bald davon berzeugen, denn aus dem
gegenberliegenden Dickicht drang der Kopf eines Rosses hervor, welches der
Reiter zu gefhrlichen Sprngen durch diese Einde anspornte. Wie erschrak
Hermann, als er in dem tollkhnen Reiter Ferdinand erkannte. Er rief ihm zu, zu
halten; der Knabe aber, als er Hermanns Stimme hrte und ihn sah, schien nur
noch verwegner zu werden, denn er drckte dem Tiere beide Sporen in die Seiten,
da es in gewaltigem Satze vorwrts scho, nach der Gegend zu, wo Hermann stand.
Es war grauenvoll anzusehn, wie die gengstigte Kreatur, schumend vor Furcht,
und doch grausam vorwrts gentigt, ber die nach allen Seiten hin tief zerrine
Klippenhhe setzte, stolperte, strzte, und halb schon am Boden liegend, sich
immer wieder emporraffte. Endlich an einem senkrecht hinuntergehenden Abhange
glitt das Pferd aus, und scho in die Tiefe. Hermann schlo entsetzt die Augen,
und meinte, da er sie wieder auftat, Ferdinands Leiche unten zwischen dem
spitzigen Gestein erblicken zu mssen; zu seinem Erstaunen aber sah er diesen
unversehrt aus der Tiefe heraufklimmen, whrend das Pferd unten lag und chzte.
Wahrscheinlich hatten ihn, bgellos geworden, die Gestruche im Falle
aufgehalten, whrend das Ro, in seiner strkeren Last von nichts gehemmt,
unaufhaltsam hinabstrzte.
    Ohne seines beschdigten Tiers zu achten, trat der Knabe mit funkelnden
Augen auf Hermann zu. Du bist bei ihr gewesen? Nicht? Warst du nicht bei ihr?
Ihr seid einig! rief er mit von Zorn erstickter Stimme.
    Beruhige dich, versetzte Hermann, keiner von uns wird sie haben, sie
entzieht sich uns beiden.
    Du lgst! rief Ferdinand. Habe ich je zu ihr gedurft? Schreckte sie mich
nicht immer von den Hgeln mit einem Blicke zurck, vor dem keiner standhalten
kann? Mit dem Blicke aus den groen, glnzenden Augen, die ich blindkssen
mchte, da sie sich von mir leiten lassen mte, wohin ich wollte. Aber du
sollst das nicht so ungestraft tun, du sollst sie nicht haben, und mte ich
dir's in deinem Blute verbieten.
    Dazu kann Rat werden, versetzte Hermann mit kaltem Spott. Ich habe ein
Paar gezogner Ltticher Pistolen zu Hause. Komm mit, wir wollen laden, das Ma
nehmen, und wer den andern totschiet, der nehme Cornelien hin.
    Sacht! rief Ferdinand, indem er sich einige Schritte zurckzog. Mit dir
mich zu schieen, ist mein einziger Wunsch, aber erst will ich es vom alten
Kammerjger lernen, den ich hier im Gebirg ausfindig machte, und wann ich ein
Kartenblatt im Fallen treffe, dann sollst du mir schon Rede stehn.
    Recht, sagte Hermann, du bist ein echter Kaufmannssohn, willst eine
sichre Spekulation auch auf deines Gegners Tod machen. Nun so lerne das Schieen
von deinem alten Kammerjger, und wenn du es kannst, wollen wir uns
weitersprechen.
    Er ging. Der Knabe blieb auf den Felsen zurck und berlie sich ganz der
Raserei wtender Eifersucht. Mehrere Tage lang blieb er unsichtbar.
    Hermann kam in spter Nacht erst wieder heim. Er warf sich auf sein Lager,
drckte das Haupt in die Kissen, und versuchte zu schlafen, jedoch vergebens.
    Welche traurige Tage er nach diesem verlebte, wird jeder mitzufhlen wissen,
der die Gewalt reiner Empfindung kennt. Kein wildes Verlangen zog ihn nach
Cornelien, es war das lauterste Bewutsein, da er in ihr einen Halt fr sein
zerstreutes, zweckloses Leben finden werde, und darin war er nun so schmerzlich,
und wie es schien, fr immer gestrt. Was sie zu ihrem Verhalten bewege, war ihm
unerklrlich. Er suchte nach geheimen Grnden, und der offenbare, welcher
vielleicht alles aufgehellt htte, blieb ihm verhllt.
    Den Oheim sprach er nur noch einmal an der Hgelgruft der Tante. Der alte
Mann war ber den eigenmchtigen Schritt Hermanns sehr verdrielich, und seine
Stimmung mochte durch die Besorgnis ber das wilde Herumtreiben Ferdinands nur
noch bler geworden sein. Er barg dem Neffen seine Erbittrung nicht, und dieser
hatte alle Selbstbeherrschung, welche ihm die Rcksicht auf Alter und Verhltnis
zur Pflicht machte, ntig, um nicht einen schlimmen Auftritt herbeizufhren.
    Du hast das gute Kind erschreckt, das war nicht recht, nicht lblich! rief
der Oheim. Vor meinem unsinnigen Knaben habe ich sie geborgen, nun kommt ein
andrer Strenfried, der auf ihre Ruhe einstrmt! Wie kannst du dich
rechtfertigen, ja, wie willst du dich nur entschuldigen?
    Sie kennen meine Absichten, versetzte Hermann gelassen, und in ihnen
liegt meine Rechtfertigung.
    Und warst du der Mann, sie zu realisieren? fragte der Oheim. Weit du,
wer du bist, wem du angehrst? Hast du eine Familie? Es besteht alles in der
Welt nur durch Ordnung, Huslichkeit, Brgertugend; wer dagegen angeht, ist mir
verhat, er sei, wer er wolle. Mit Ehren habe ich mein Haus auferbaut, zu dem
ich Cornelien rechne, unsern Kreis hat nie eine vornehme Snde, nie die
Leichtfertigkeit eines groen Herrn befleckt; still und fleiig, mig und
nchtern haben wir unsre Tage hingearbeitet, das Unsrige vermehrt. In diesem
Lebensgange will ich, bis ich hier an der Seite meiner guten Frau ruhe,
verbleiben, und bin entschlossen, von dem, was mir lieb ist, alle Abenteurer,
Miggnger und Blendlinge fernzuhalten, deren Nhe uns andern doch nur Schaden,
Auflsung und Elend aller Art bringt.
    Ihre Vorwrfe sind zum Teil ungerecht, zum Teil verstehe ich sie nicht
einmal, erwiderte Hermann.
    Wohl dir, wenn du mich nicht verstehst; lies die Brieftasche, da wirst du
erfahren, was ich meine! rief der Oheim, und stieg in sein Wgelchen, welches
die Burschen herangefahren hatten. Das Wgelchen setzte sich in Bewegung, ohne
da der Oheim zu Hermann ein Wort des Abschieds gesprochen htte.
    Dieser blieb auf einem Steine sitzen, und sah in dumpfer Betubung den
Arbeitern zu, welche das Grabgewlbe austieften. Sein Herz zerrissen tausend
widrige Empfindungen, da alles, was so freundlich sich anzulassen geschienen
hatte, nun so hart sich lste.
    Er fhlte seine Schulter angerhrt und wendete sich. Theophilie stand hinter
ihm. Es ist sonst meine Art nicht, diese Region zu besuchen, sagte sie, aber
da ich vom Tale aus Sie hier so traurig sitzen sah, und den Wortwechsel mit dem
Oheim gehrt hatte, so trieb mich die Neugierde her. Was hat es mit ihm
gegeben?
    Er beschalt mich ohne Grund, und hielt eine Lobrede der Brgertugend, von
der ich die Veranlassung bei dieser Gelegenheit, und an diesem Orte nicht
einzusehen vermag, sagte Hermann.
    Brgertugend! rief Theophilie spttisch. Und fhlt er sich denn so
sicher, der ehrenfeste, tugendbelobte Brgersmann? Es ist ein eignes Gefhl,
eine frohe Genugtuung, seinen Feind in der Gewalt zu haben. Denn es kostet mich
nur ein Wort, so fllt dieser aufgespreizte Brgerstolz, dieses Prunken mit
unbefleckter Huslichkeit zusammen, wie ein Kartenhaus.
    
    Sie wollte sich rasch entfernen, und schien zu bereun, was sie gesagt hatte.
Hermann hielt sie zurck. Abermals vernehme ich Reden aus Ihrem Munde, welche
mir in Zusammenhange mit Entdeckungen der Mitternacht zu stehn scheinen, sagte
er. Entweder lehren Sie mich diese vergessen, oder geben Sie mir das volle,
wenn auch schreckliche Licht.
    Sie stutzte. Er erzhlte ihr, was er in tiefer Nacht von ihren unbewut
plaudernden Lippen erhorcht hatte. Ihre leichtfertige Natur brach in ein
herzliches Gelchter aus. Nun, rief sie, da sieht man, da es sogar
gefhrlich ist, einen Mann im Sarge neben sich liegen zu haben! Was fr schnes
Zeug htten Sie da von mir erfahren knnen! Also ich spreche im Schlafe, das ist
etwas, was ich noch nicht wute, und was mich bestimmen wird, in Zukunft beim
Schlafengehn ein Papagenoschlo auf den Mund zu legen, denn nicht immer mchte
man so diskrete Wandnachbarn haben.
    Er unterbrach diese Reden mit heftig eindringenden Erkundigungen. Lassen
Sie es doch gut sein, versetzte sie, begngen Sie sich mit dem, was Sie
hrten.
    Nein! rief er. Es ist unsre Natur, da wir alles zu ergrnden streben bis
auf den letzten Schauer des Abgrunds. Es betrifft meine Familie, Sie sind mir
die Aufschlsse, welche ich begehre, schuldig.
    Ungestmer Mensch! Htten Sie meinen Schlaf nicht belauscht, so erfhren
Sie doch nichts. - Hren Sie denn; die Arbeiter haben Feierabend gemacht, wir
sind allein. Ihr Oheim tut nicht wohl, sich an dieser Stelle mit seiner
Familienehre zu brsten, und lcherlich ist es, da er hier, hier oben ein
Monument ehelicher Liebe und Treue mit so vielem Aufwande in Erz und Marmor
prunken lassen will, denn hier, gerade hier war es, wo die zrtliche Gattin in
linder lauer Mondnacht mit meinem Bruder die ersten leidenschaftlichen Schwre
wechselte, und deshalb hatte die Frau den Ort so lieb; er erinnerte sie an die
glhende Stunde, welche die verbotne Wonne ihres sonst armen und traurigen
Lebens schuf.
    Hermann lag mit dem Gesichte auf der Lehne des Stuhls. Theophilie fuhr fort:
Die Tante hatte in halber Kindheit den Oheim heiraten mssen. Sie war ein
lebhaftes Mdchen voll Feuer und Einbildungskraft gewesen. Nun, was einem
solchen Geschpfe dieser Herr Gemahl bieten konnte, vermgen Sie so einzusehn.
Sie hat mir nachmals, als ich ihre und ihres Verhltnisses Vertraute geworden
war, gestanden, da sie unter den Comptoirbchern und Zhlbrettern des
rechnenden Eheherrn oft dem Selbstmorde nahe gewesen sei. Mein Bruder trat mit
Ihrem Oheim in Verbindung, er bemerkte die junge, in ihrem Darben anziehende
Frau, und von dem Augenblicke an war die Sache zwischen ihnen entschieden. Ihm
widerstand zu seiner Zeit kein weibliches Herz, er gab ihren Lippen freilich
eine andre Speise als der gute Kommerzienrat, und rhrend ist mir gewesen, wie
sie mir noch auf ihrem Sterbebette, ungeachtet aller Gewissensskrupel, die ich
ihr nicht ausreden konnte, klagte, sie werde, wenn sie noch einmal anfinge zu
leben, dieser Liebe sich dennoch wieder ergeben mssen.
    Mein Bruder widmete ihr die heftigste Leidenschaft; es war das letzte
Auflodern seiner Natur, die sich noch einmal in ihrer ganzen Flammenpracht
zeigen wollte, bevor sie erlosch. Er dachte auf Entfhrung, sie sollte sich
scheiden lassen, und als diese Wnsche an den Bedenken der Tante, welche ihren
Ruf ber alles schtzte, scheiterten, strmte er seinen Kummer und Verdru in
der unbndigsten Verschwendung aus. Der Oheim mochte mit stiller Schadenfreude
zusehn, wie mein Bruder sich ihm rcksichtslos in den gefhrlichsten
Verschreibungen hingab, er wute nicht, welch eine Unruhe es war, die seinen
Schuldner trieb, die unerschwinglichsten Zinsen zuzusagen, und wie der Graf sich
denn doch anderweit im Hause des Brgers entschdigte.
    So gewann Ihr Oheim Geld und Land, und verlor die Frau. Mir, die ich ihn
seit dem Beginne dieser Dinge herzlich hate, war es recht erquicklich, zu
sehen, wie der Mann, welcher sonst das Grschen wachsen hrte und die
Sonnenstubchen zhlte, in betreff der nchsten Angelegenheiten taub und blind
war. Seine Neigung zu der Tante wuchs, je weiter diese in ihrem Herzen von ihm
hinwegtrat, wobei er, echt spiebrgerlich, auf alle die Zeichen der
Entfremdung, welche einem kundigen Auge nur zu offenbar waren, durchaus nicht
achtete, sondern vermutlich meinte, sie msse ihn, weil sie sein angetrautes
Weib sei, auch lieben. Als nun endlich nach langem Hoffen und Harren ein
Shnlein erschien, da war des Familienglcks kein Ma und Ziel. Es kommt alles
zu seinem Gleichgewichte, und zu seiner Vergeltung; diese Erfahrung trstet
einen, wenn man dem Verlaufe der Sachen in der Welt zusehn mu, ohne glcklich
geworden zu sein. Meinen Bruder richtete die Torheit fr die schne
Kaufmannsfrau vollends zugrunde, und sein Verderber handelte sich von ihm die
Schande ein. Denn selbst die Zession, womit Ihr Oheim unsre Verwandten
ngstiget, ist doch nur ein Denkmal der Unehre. Julius wollte auf sein Kind, auf
das Kind seiner heimlichen Entzckungen, die Ansprche auf die Standesherrschaft
bertragen, und deshalb stellte er jene Akte dem Titularvater aus.
    Hermann fuhr heftig auf. Das ist nicht wahr! rief er, sich selbst
vergessend, aus.
    Ei, ei, mein Herr, versetzte Theophilie, eine Lgnerin nannte mich bis
jetzt noch niemand. Ich versichre Sie, Ihr Oheim hat so wenig Anteil an seinem
sogenannten Sohne Ferdinand, als ich an den Bergwerken von Peru. Wollen Sie mir
nicht glauben, so lesen Sie die Liebesbriefe meines Bruders und Ihrer Tante,
welche sich in meinem Gewahrsam befinden, und alles, was ich Ihnen erzhlen
mute, mit vielen schwrmerischen Ausrufungen besttigen. Sind Sie noch so jung,
zu glauben, da ein Paar Verliebter sich auf die Lnge damit begngt, in den
Mond zu sehen, oder Vergimeinnicht am Bache zu
    pflcken?
    Die Briefe! rief Hermann. Das also waren die Briefe, wovon die
unglckliche Frau im Frsterhause auf ihrem Krankenlager so ngstlich
phantasierte! Ich bitte Sie um alles in der Welt, vernichten Sie diese Urkunden
der strflichsten Verirrung, lassen Sie sich von Ihrer Leidenschaftlichkeit
gegen meinen Oheim nicht hinreien, und schonen Sie das Andenken Ihres Bruders,
einer Frau, welche Sie ja selbst Ihre Freundin nannten!
    Sie wollte sich seinem Andringen entziehn, und meinte, es sei immer gut, die
Waffen in der Hand zu behalten. Allein er lie nicht ab, er wute so gutmtig zu
flehen, und ihr Herz, welches im Grunde nicht schlecht war, so in Bewegung zu
setzen, da sie endlich mit dem Ausrufe: Sie sind ein Narr! nachgab. Er durfte
sie in ihre Wohnung begleiten, wo beide ein Kaminfeuer entzndeten, und mehrere
Pakete Briefe und Billette auf buntem oder goldgerndertem Papier, aus welchem
Locken, getrocknete Blumen und Bandschleifen in nicht geringer Anzahl
herausfielen, den Flammen opferten. Als das erste Paket verbrannt war, hatte
zwar Theophilie Reue versprt, und die brigen vor der Vernichtung bewahren
wollen, allein sein Eifer siegte ber sie, und da er von ihr zuletzt nach
manchem weigernden Worte das feierliche Versprechen erhielt, nie ihre Kunde von
diesen geheimen Snden gegen den Oheim benutzen zu wollen, so schien dessen Ruhe
wenigstens fr diese Welt gesichert zu sein.

                               Siebentes Kapitel


Hermanns erster Gang nach der Rckkehr in die Stadt war zu Wilhelmi. In seinem
Quartiere hrte er, da der Freund zur Meyer in das Haus gezogen sei. Dort
vernahm er von einem Bedienten einen abermals erfolgten Wechsel der Wohnung.
Bestrzt meinte er schon, da sich auch hier unangenehme Dinge ereignet haben
mchten, als er Madame Meyer im Gesprch mit einigen Handelsleuten die Treppe
herabkommen sah. Es wurden Bestellungen gegeben, und die Dame schien in diese
Geschfte so vertieft zu sein, da sie selbst der Anwesenheit Hermanns eben
keine Aufmerksamkeit widmete. Sie rief ihm flchtig die jetzige Wohnung
Wilhelmis zu, und sagte bescheiden errtend, da unter den eingetretnen
Verhltnissen eine kurze Trennung schicklich gewesen wre, und da ihm der
Freund viel zu erzhlen haben wrde.
    Im neuen Quartiere fand er Wilhelmi ebenfalls nicht. Um die Zeit
hinzubringen, begab er sich nach einem ffentlichen Garten, wo er hoffen durfte,
Bekannte zu treffen. Einer derselben, ein Hausfreund der Madame Meyer, und einer
der Spottvgel, nahm ihn sogleich beiseite, und fragte ihn, ob er die Neuigkeit
des Tages schon kenne? Ohne seine Antwort zu erwarten, fuhr er fort: Saturn und
Pallas sind in Konjunktion getreten, Wilhelmi und die Meyer haben sich verlobt.
    Nichts htte ihn mehr berraschen knnen, als diese Nachricht, die bei
Wilhelmis krittelndem Sinne und der von Madame Meyer oft ausgesprochnen
Ehescheue auch wirklich sehr auffallend war. Er fragte den Sptter nach der Zeit
und dem Einhergange dieses Vorfalls, worauf er eine Stadt- und Tagesgeschichte
zu hren bekam, von welcher wir freilich nicht wissen, wieviel davon der
Wahrheit und wieviel der Lst-rung angehrte.
    Unsre Freunde, berichtete der Sptter, sind unter lauter
Kunstbestrebungen auf den Weg der Natur geraten. Schon lange hatten wir eine
Annherung zwischen beiden bemerkt; die Vereinigung der Hlften des Sankt
Stephansbildes mochte die der Herzen gewaltsam nach sich ziehn, aber den
eigentlichen Ausschlag gab doch ein verfehltes Fest zu Ehren des byzantinischen
Stils.
    Wie soll ich das verstehn? fragte Hermann.
    Sie wissen, versetzte der Sptter, da die Meyer mit fester Treue an
jenen langen spinnenbeinigen Gestalten, an den gebrunten Schwarten und
glitzernden Goldgrnden hangengeblieben ist, welche die brige Welt nun auch
schon wieder zu ermden beginnen. Das wissen Sie aber nicht, und wir wuten es
auch nicht, da sie im stillen beschlossen hatte, das Ihrige werkttig zur
Auferweckung dieses kindlichen Stils beizutragen.
    Eines Tages, kurz nach Ihrer Abreise, erhielten die nchsten Freunde des
Hauses Einladungen zu einem Frhstcke. Sie waren nicht frmlich, sondern der
eine sollte dem andern wissen lassen, da, wenn man sich von ohngefhr zu der
und der Stunde einfnde, man willkommen sein wrde. Wir schlossen aus diesen
Anstalten zu einer Vereinigung durch Zufall, da etwas Besondres im Werke sein
msse, und verfehlten nicht, uns smtlich einzustellen.
    In einem Vorgemache trafen wir Wilhelmi, der uns unter allerhand Gesprchen
dort zurckhielt, dann wie zufllig die Tr ffnete, und uns in die Kapelle
fhrte, wo uns denn durch Zufall der Anblick eines lebenden Bildes ward. Die
Meyer stand nmlich, durch Diadem, gescheiteltes Haar und altdeutsches Gewand
der heiligen Elisabeth verhnlicht, in einer Blende, zu welcher Stufen
emporfhrten, und reichte aus einem Korbe, den ein schner Knabe ihr vorhielt,
Semmeln und Wecken an arme Leute, welche von den Stufen oder von dem Fuboden
der Kapelle in mannigfaltigen Stellungen zu ihr emporsahn. Einige Dienstmgde in
ansprechender Kleidung vollendeten die Gruppe, welche wirklich ein recht artiges
Tableau bildete. Die Zofen verrieten durch ihr Blinzeln, da sie uns wohl
bemerkten, whrend die Meyer mit niedergeschlagnen Wimpern tat, als habe sie
unser leises Eintreten nicht wahrgenommen, und durch Whlen und Verwerfen der
Ewaren im Korbe die armen Leute in ihren Stellungen festzuhalten wute.
    Endlich mute man uns aber doch sehen, und nun lste sich das lebende Bild
schnell auf. Die heilige Elisabeth kam, anscheinend berrascht, von den Stufen
herab, bewillkommte uns hflichst, der Junge mit dem Brotkorbe lief davon, ihm
folgten die armen Leute, und auch die Dienstmgde verloren sich still durch
Seitentren.
    Man servierte uns hierauf in der Kapelle Schokolade und Likr, doch wute
die Meyer das Gesprch durchaus in einer religis-gemtvollen Schwingung zu
erhalten, wobei ihr Wilhelmi trefflich sekundierte. Nur die Vertrautesten des
Hauses waren eingeladen worden; die Gesellschaft betrug nicht ber zehn
Personen.
    Wie gewhnlich, wurde nur von Kunst gesprochen. Die Meyer uerte
fromm-seufzend den oft vorgetragnen Wunsch, da die Maler sich doch nur alle
erst zu jener ltesten kindlichsten Auffassung zurckwenden mchten, durch
welche allein das Hchste und Tiefste darzustellen sei.
    Das letztere wurde ihr zwar in diesem zu geflliger Nachgiebigkeit
eingewhnten Kreise einstimmig zugestanden, dagegen erhoben sich bescheidne
Zweifel, ob jene alte Kunst mit Glck wieder heraufzubeschwren sei. Man hat
doch nun einmal Jahrhunderte hindurch seinen Blick fr die menschliche Gestalt,
wie sie ist, und fr die brigen Dinge, wie sie wirklich erscheinen, geffnet,
sagten einige. Wie sollte man also die Augen wieder verschlieen knnen, und den
Menschen zumuten drfen, anstatt der Muskel eine Linie, gewissermaen eine
Chiffre anstatt des verstndlich ausgeschriebnen Worts anzunehmen.
    Da diese Stze, welche in mannigfachen Nutzanwendungen erlutert wurden, den
gesunden Menschenverstand fr sich hatten, so trieben sie unsre gute Wirtin
etwas in die Enge.
    Sie warf einen ngstlichen Blick auf Wilhelmi, der denn auch die Stimme
erhob und sich also vernehmen lie:
    Die Kunst, sagte er, sieht wohl nie die Dinge, wie sie sind, hat sie nie so
gesehn, und noch weniger in ihrer Reinheit jemals versucht, sie so nachzubilden.
Wollte man dies annehmen, so kme man auf jenes System von der Nachahmung der
Natur zurck, welches denn wieder den Gemlden den hchsten Wert beilegen wrde,
in welchen sich die getreuste Abschrift der menschlichen Haut mit allen Haaren,
Mlern, Warzen und Schrunden zeigt. Diese Wahnmeinungen sind aber abgetan, und
man braucht sie kaum noch zu bestreiten.
    Aber was sieht denn die Kunst, und was versucht sie darzustellen? fragte
jemand.
    Den Geist in der Natur, versetzte Wilhelmi, oder vielmehr die Form, welche
der jedesmaligen Evolution des Geistes drauen in der Welt der Erscheinungen
entspricht. Die Kunst ist geistiger Abkunft, sie erscheint immer im Gefolge
irgendeiner groen religisen, philosophischen oder poetischen Bewegung, selten
mit ihr zugleich, meistenteils etwas nach ihr. So schuf Phidias in seinem
erhaben-strengen Stile gewissermaen noch einmal die ernsten Betrachtungen des
Thales und der Pythagorer aus, welche dieser Kunstepoche vorangegangen waren,
so waren die spteren schnen und anmutigen Werke Nachklnge der allgemeinen
Geistesblte der Griechen, in welcher die reichste Mannigfaltigkeit nur die
einfachste Harmonie umkleidete.
    Und um nun auf unsre byzantinischen Bilder zu kommen, so sehe ich in ihren
steifen, schmalen, langen Gestalten, in ihrer symmetrischen Anordnung
keinesweges eine so unschuldige Kindlichkeit, die nicht wei, was sie will und
erstreben mchte. Vielmehr erscheint mir hier auf der Holztafel und in Farben
dieselbe Richtung, welche sich kurz zuvor auf dem reingeistigen Felde der
Scholastik veroffenbart hatte. Das Christentum hatte die Welt von Grund aus
umgekehrt, und der menschlichen Seele ein Gebiet erffnet, auf welchem sie sich
nur tappend bewegte. Durch die Scholastik suchte sie sich zu orientieren, das
schwankende Gttliche auf die Festigkeit des Begriffs zu bringen, das
unerklrbar-Eine durch die Entgegensetzungen dem Dialektik dem Verstande
anzunhern. Die erste Kunstform, welche nach der Scholastik, und zum Teil noch
gleichzeitig mit den spteren Entwicklungen derselben durch Occam, auftrat,
zeigt nun alle diese Elemente vereinigt, und zugleich das Ehrwrdige, wie das
Subtile und Drftige jener Richtung. Ganz bewut, mathematisch-streng, nicht
etwa schwachgemtlich bildet der Kirchenglaube die Grundlage der Werke, von
diesem gehn sie aus; in der Steifheit und Magerkeit der Formen erscheint der
Begriff, und in der symmetrischen Anordnung die Dialektik, kurz jene Bilder sind
nichts als gemalte Scholastik.
    Diese verfiel, der Glaube verlor von seiner Strenge, der Geist suchte in
Freiheit sein Ziel, und konnte auf diesem Wege der ganzen Flle der Realitten
nicht entbehren. Wieder treu diesem Vorgange schreitet die Kunst der Periode
nach, von welcher Cimabue und Giotto die Anfhrer sind. Das Strengkirchliche
tritt mehr und mehr zurck, Maria wird ein schnes, wunderbares Weib, Christus
ein begeisterter Lehrer, statt der symmetrischen bildet sich die dramatische
Gruppe aus, und wenn die Maler nun allerdings Muskeln statt der parallelen und
triangulren Linien malen, so sind es doch Muskeln in Handlung, mithin nur
Trger einer geistigen Bewegung. Auch hier ist es nicht die sinnliche Natur,
welche gesucht wird, sondern der Geist spiegelt in ihr, welche alle Bilder
wiedergibt, nur seine eigne Emanzipation ab.
    Jene Periode erreicht ihren Gipfel und stirbt darauf in kranken Zuckungen
nach und nach ab. Die Symptome des Verfalls sind trockne Empirie, wollstiger
Materialismus, kokettierende Selbstsucht. Alle diese bel hat die Kunst
mitgelitten.
    Wir sind nun auf dem Punkte angelangt, wo wir uns von geistiger Schwelgerei
bersttigt fhlen, das heftigste Bedrfnis nach einem Obersten, Leitenden
empfinden, und uns selbst einen gewissen Schematismus gefallen lassen wrden,
wenn er nur dahin fhrte, in unsre Unordnung Ordnung zu bringen. Ich frage:
Liegen einer solchen Stimmung die freien, sinnlichglnzenden Kunstwerke nahe?
Wird uns aus den fliegenden Gewndern, aus dem geflligen Faltenwurfe, und den
runden Gliedern und Formen nicht immer eine gewisse Leere und Klte
entgegenhauchen? Wird unser nach der Einheit der Regel schmachtender Geist nicht
eine innigere Wahlverwandtschaft mit den alten strengen, symbolischen Bildern
empfinden? - Und in diesem Sinne mu ich unsrer Freundin vollkommen recht geben,
und wenigstens meinesteils auch so viel behaupten, da wenn in unsrer Zeit eine
eigentlich groe Kunst entstnde (was ich aber aus vielen Grnden fr mehr als
zweifelhaft halte) diese mit der sogenannten byzantinischen eine starke
hnlichkeit haben mte.
    Diese Rede, welche manchen Widerspruch fand, wurde von Wilhelmi mit so
geschickten und glnzenden Wendungen verfochten, da er endlich alle Opponenten
zum Schweigen brachte. Die Meyer geno ihren Triumph, und holte leise ein paar
uns noch unbekannte Tflein herbei, von welchen allerhand heilige Gestalten, so
schmal, als man sie nur verlangen konnte, auf Goldgrnden die Beschauer ansahn.
Eine allgemeine Erbauung griff um sich; man fragte die Besitzerin, aus welchem
Kloster diese Schtze herrhrten, welche jeder anwesende Kenner unbedenklich dem
dreizehnten Jahrhundert zuschrieb.
    Unsre Wirtin lchelte und sagte: Freund Wilhelmi zweifelt an dem Aufblhn
einer groen Kunst unter uns, so viel ist aber gewi, da es Gemter heutzutage
gibt, in welchen die ganze Begeisterung jener alten Meister schlummert. Ja,
meine Freunde, diese Tafeln, von welchen Sie glauben, sie seien ein halbes
Jahrtausend alt, sind vor noch nicht zwei Monaten, und hier in meinem Hause
gemalt.
    Sie weidete sich an dem Erstaunen der Gesellschaft, und fuhr fort: Ich halte
einen frommen Jngling bei mir verborgen, welcher diese Bilder verfertigt hat.
Durch Zufall machte ich seine Bekanntschaft, und fhlte mich verpflichtet, ihm
fortzuhelfen, da ich sah, da der Geist der Vter auf ihm ruhe. Noch mehreres
als dieses hat er bereits geliefert. Ich sehe Ihr Erstaunen ber das wundersame
Talent, und da wir so freundlich beisammen sind, so erlauben Sie mir, ihn unter
Ihnen einzufhren, Ihrer Huld und Gunst ihn zu vertrauen. Gewi, Sie werden ihn
lieben und frdern, wie ich. Gegenwrtig malt er an einem Heilande, mit mystisch
geschlitzten Augen, welcher die Welt segnet, beraus hnlich einem lieben Bilde,
dessen ich mich aus einer bhmischen Kirche erinnre. Wenn es Ihnen ebenso viele
Freude macht, wie mir, das stille Weben des Genius zu belauschen, so folgen Sie
mir zu jenem Schiebefensterchen, durch welches ich oft stundenlang, von ihm
unbemerkt, in seine stille Werkstatt blicke, und meinem Angelo (denn so nenne
ich ihn wegen seines engelreinen Gemts) zusehe.
    Wir erhoben uns, und zufllig war ich in dem Zuge nach dem Schiebefenster
der vorderste. Ich schob sacht das Vorhngelchen von den Scheiben hinweg, und
sah in die Werkstatt des jungen Byzantiners. Hier bekam ich aber etwas zu
schauen, worauf ich keinesweges gefat war, und welches mir zugleich bewies, da
unsre Zeit wenigstens noch zwischen der Sehnsucht nach dem Symbolischen und dem
Verlangen nach sinnlicher Naturwahrheit sich schwankend mitteninne hlt. In der
Werkstatt lag nmlich auf einem dunkelroten Teppich, der ber ein Ruhebett
gebreitet war, ein schnes Mdchen, in dem Zustande, wie sie Gott der Herr
erschaffen, und in der Stellung der Danae oder Leda; denn der Einzelheiten
erinnre ich mich so genau nicht mehr. Der Byzantiner stand neben ihr, mit Kohle
und Malerstock bewaffnet, und rckte an ihren Gliedmaen, um die Stellung noch
natrlicher zu machen.
    Ich htete mich wohl, meine berraschung laut werden zu lassen, sondern
trat, nachdem ich einige Sekunden dieser keinesweges unerfreulichen Anschauung
genossen, still zurck. Nach mir gelangte ein Pietist zum Schiebefenster,
welcher in ein Gebetbuch geschrieben hatte, er bezeuge mit seiner Hand, da der
Herr an ihm ein Zeichen gesetzt habe. Dieser sagte auch kein Wort, sondern
seufzte nur nachdrcklich, und zog dann den Kopf, scheinbar nicht ohne
Widerstreben, hinweg. Bis dahin war alles leidlich gegangen; nun aber wollte
eine alte Dame das Weben des Genius sehen, legte Augen und Nase dicht an das
Glas, fuhr aber dann mit einem frchterlich zu nennenden Geschrei zurck. Dies
hrten der Byzantiner und die Nackte; sie sahen die fremden Zuschauer hinter den
Glasscheiben. Rot und sprachlos stand der junge Mann da, stampfte mit den Fen,
und hielt den Malerstock gleichsam drohend in die Luft; das arme Geschpf
schlpfte hinter die Staffelei, welche sie nicht ganz verdeckte.
    Die Wirkung dieses so ganz unerwarteten Ereignisses war auerordentlich. Wir
jngeren Leute sahen verlegen vor uns hin, und taten, als ob wir uns schmten,
der Pietist faltete die Hnde und blickte gen Himmel, die alte Dame eiferte
gegen die Meyer, welche, durch einen flchtigen Blick in die Werkstatt auch von
dem Unheil in Kenntnis gesetzt, wie vernichtet dastand, und sich auf Wilhelmi
lehnte. Umsonst war dessen Trostspruch, da es ja nur ein Modell sei, sie
flsterte ihm unter zornigen Trnen zu, er solle den sittenlosen Heuchler auf
der Stelle aus dem Hause schaffen. Einige junge Mdchen, welche sich im Zuge
versptet hatten, und nun neugierig herandringen wollten, wurden von der alten
Dame mit der Erffnung, da eine Fledermaus dort umherschwirre, die sich ihnen
leicht in die Haare setzen knne, zurckgehalten.
    Nachdem Wilhelmi seinen strengen Auftrag in der Stille ausgefhrt hatte, und
wir wieder zu unsern Sesseln in der Kunstkapelle gelangt waren, fhlten wir
wohl, da fernere gesellschaftliche Freuden schwerlich geraten mchten, und
wollten uns in schicklicher Weise entfernen. Leider aber hatte die Meyer einen
fremden durchreisenden berhmten Knstler auf ihren Byzantiner bitten lassen, zu
dessen Verffentlichung und Ruhm der Tag ausdrcklich von ihr bestimmt worden
war. Dies erfuhren wir durch einige Reden Wilhelmis, als wir der beim Abschiede
empfangnen Einladung uns entziehen wollten. Unter solchen Umstnden wre ein
Auenbleiben unhflich gewesen, und so stellten wir uns denn smtlich, mit
Ausnahme der alten Dame, am Abend wieder ein, obgleich mir von einem Tage, der
so quer begonnen hatte, nichts Gutes ahnte, und die verstrten Augen der Wirtin
zu erkennen gaben, da ihr die hrteste Strafe lieber gewesen sein wrde, als
eine zierliche, im heiligen Geiste der Kunst versammelte Gesellschaft.
    Wir kamen in Zimmern zusammen, wo wir frher nie waren empfangen worden,
weit von der Kapelle und von den Sammlungen der alten Periode. Papiertapeten
bekleideten die Wnde, gleichgltige elegante Meubles standen umher. Nur ein
Gemlde war vorhanden, das Bildnis des seligen Meyer, im braunen Frack, von
Weitsch gemalt. Es hing ber dem Sofa; wie ich hrte, hatte der verstorbne
Eheherr diese Gemcher bewohnt.
    Das Gesprch lahmte, und wurde eigentlich nur von dem fremden Knstler im
Gange erhalten, den ein Kreis andchtiger Verehrer umgab. Er erzhlte viel von
seinen Reisen, von seinen Bekanntschaften mit Kaisern und Knigen, wobei eine
angenehme Selbstgeflligkeit zum Vorschein kam, die unter uns, wie Sie wissen,
nie ihre Wirkung verfehlt. Seine beiden Knaben, junge mutwillige Eulenspiegel,
trieben sich umher und verbten allerhand Possen, welche die Zeit hinbringen
halfen. Zuletzt, und ziemlich spt, erschien unser Dichter, welcher sein
neuerdings bedeutend angeschwollnes Manuskript mitbrachte und nach kurzer
Weigerung sich bereitwillig finden lie, daraus die zuletzt ausgearbeiteten
Kapitel vorzutragen.
    Nun war er aber leider an die Darstellung des fnfzehnten Jahrhunderts
geraten und hatte diesem wegen seiner Wichtigkeit die grndlichste Durchfhrung
gewidmet. Besonders erschpfend handelte er die Frage ab, ob die Kunst jener
Zeiten noch eine religise zu nennen sei? und hatte das Fr und Wider nach allen
Richtungen hin in seinen Versen versammelt.
    Die Terzinen wlzten sich wie ein endlos flutender Strom daher, eine Stunde
nach der andern schlug, und noch war kein Ziel der Sache abzusehn. Ich
betrachtete zu meiner Unterhaltung die Gesellschaft ringsumher, und sah die
verschiedenartigsten Versuche, sich durch tiefes Atemholen, Rcken auf dem
Stuhle, Spielen mit den Uhrketten usw. munter zu erhalten.
    Nur die Hllenstrafen sind ewig, jede Vorlesung aber hrt denn doch endlich
auf. Der Kunstdichter schlo und trocknete sich den Schwei ab, wir durften uns
von unsern Sthlen erheben und die abwesenden Lebensgeister wieder herbeirufen;
die Meyer aber, welche vielleicht allein an dieser poetischen Leistung Behagen
gefunden hatte, weil dieselbe sie ber einen lstigen Abend hinwegbrachte,
ntigte mit artiger Verbeugung in ein Nebenzimmer, wo uns eine kalte Kollation
erwarten sollte.
    Ich hatte die Knaben des fremden Knstlers nach der ersten Lesestunde in das
Nebenzimmer schleichen sehn, und die Glcklichen beneidet, welche dort ruhig auf
einem Sofa die Vorlesung verschlummern durften. Nicht ahnete ich, da sie weit
verhngnisvollere Absichten im Schilde fhrten und wirklich durchsetzten.
    Als wir nmlich das Nebenzimmer betraten, und die Wirtin uns mit dem
verbindlichen: Wenn es Ihnen gefllig wre ... zu Tische ntigte, sahen wir zwar
diesen, weigedeckt, von Lampen beleuchtet, auch darauf verschiedne Schsseln,
Assietten und Fruchtkrbe, alle diese Egeschirre aber durchaus leer und ihres
Inhalts beraubt. Die Urheber des Raubes konnten nicht lange zweifelhaft bleiben,
denn die beiden Knaben standen am Tische, beschftigt, die letzten Reste der
Konfekte und Frchte zu verzehren. Von den Salaten, Fleischschnitten und Cremen
war keine Spur mehr zu erblicken. Sie hatten der Tat auch kein Hehl, denn auf
die zornige Frage des Vaters, wie sie sich das htten unterstehn knnen,
versetzten sie unbefangen, da nach ihrer Meinung diese Sachen zum Essen
hingesetzt worden, und da sie hungrig gewesen wren. Unglaublich wrde Ihnen
diese Aufzehrung eines Abendessens fr zwlf Personen durch zwei Knaben klingen,
wenn Ihnen nicht die Frugalitt unsrer Gensse bekannt wre.
    Die arme Meyer dauerte mich. Es war viel zu spt, um noch einen Ersatz des
verschwundnen Abendessens herbeischaffen zu knnen. Sie wollte ber den Vorfall
scherzen, aber es gelang ihr bel. Die Gesellschaft gab ihr die Versichrung, da
niemand Appetit verspre, aber wer htte dieser Behauptung nach so langwierigem
Vorlesen Glauben geschenkt?
    Der Knstler, welcher die nchste Verpflichtung hatte, die Anwesenden fr
die durch die Gefrigkeit seiner Knaben erlittne Einbue zu entschdigen, fand
sich am ersten zurecht und sagte: Wir haben hier leider erlebt, wie die Natur,
aller sthetik spottend, in roher Weise ihren Weg geht. Angenehmer ist es, zu
sehn, wie sie sich dem Zwange zum Trotz, den ihr Narren antun wollen,
unaufhaltsam die Bahn bricht, und eine solche Erfahrung habe ich heute hier
gemacht. Ich fand ein junges Talent, welches man von seinem Ziele abzuleiten
gedachte, und welches sich dennoch zu dem machen wird, was es ist.
    Als ich in den Morgenstunden aus den Fenstern meines Gasthofs sah, hrte ich
unten auf der Strae ein lautes Schluchzen. Ein junger Mensch stand vor der
Pforte des Hauses und lie einem Kummer, der auch halb wie Zorn aussah, auf
solche ungezhmte Weise freien Lauf, ohne der Umstehenden zu achten. Die
prchtige Gesichtsbildung des Jnglings, seine hohe Stirn, gebogne Nase, und das
reich wallende Haupthaar zogen mich an, ich ging hinunter, und fragte nach der
Ursache seiner Trnen. Anfangs wollte er mir nicht Rede stehn; ich lie jedoch
nicht ab, nahm ihn mit auf mein Zimmer und brachte ihn dort zum Gestndnis. Er
sei ein armer Junge ohne Eltern und Beschtzer, erzhlte er. Von Kindheit an
habe er die grte Lust zum Zeichnen gehabt, und alles nachgeahmt, was ihm zu
Gesicht gekommen, Bume, Tiere, Soldaten. Niemand aber sei ihm behlflich
gewesen, da er etwas lernen knnen. Endlich habe sich eine reiche Dame seiner
angenommen; nun sei er in ihrem Hause untergekommen, wo er aber verborgen habe
leben mssen. Die Dame habe ihm gesagt, er werde ein groer Mann werden, wenn er
sich ganz nach gewissen Bildern richte, die sie ihm denn auch gezeigt habe.
    Der Jngling nannte diese Bilder in seiner Natursprache Herrgtter mit
Eidechsenleibern, und ich wute bald, woran ich war. Er beschrieb mir seine
Pein, welche er empfunden, da er diese Migestalten nachbilden mssen, in so
rhrenden Wendungen, da mein Anteil immer hher stieg.
    Indessen, sagte er, habe er doch gemerkt, da jene Herrgtter menschliche
Krper vorstellen sollten, und da sei das brennendste Verlangen in ihm erregt,
einen wirklichen natrlichen Leib in seiner wahren Gestalt zu erblicken.
Zufllig habe er gehrt, da es Personen beider Geschlechter gebe, die sich wohl
zu solchem Zwecke den Malern darliehen, und nun habe er nicht eher geruht, bis
er des ersehnten Anblicks teilhaftig geworden sei. Da habe er denn etwas zu
sehen bekommen, worber nichts in der Welt gehe; jegliches so ebenmig, fein,
rund und doch straff. All sein Taschengeld habe er nun auf Modelle verwendet,
deren verschiedne Stellungen er in seinen heimlichsten Stunden, selig vor
Vergngen, abgezeichnet habe. Heute sei er mit einer wahren Wollust bemht
gewesen, die Glieder und Formen eines wunderschnen Mdchens auf das Papier zu
bertragen, als er wahrgenommen, da man ihn belausche. Es sei hierauf ein
groer Lrmen im Hause entstanden, und die Dame habe ihm, als einem schlechten
liederlichen Menschen die Tre weisen lassen. Auer sich vor rger und
Beschmung sei er nach dem Gasthofe gelaufen, um sein Brot anderweit zu
verdienen, sei es auch durch Laufen und Packentragen fr die Reisenden.
    Ich wollte den Namen jener guten Trin wissen, welcher es unbekannt zu sein
scheint, da man, um Menschen zu malen, ihre Gestalt kennenlernen mu; mein
junger Exilierter weigerte sich aber, da er aus meinen Worten abnahm, wie ich
ber den Vorfall denke, sie zu nennen, die immer, so fgte er hinzu, seine
Wohltterin bleibe. Durch diesen Beweis von Zartsinn wurde er mir noch lieber.
    Ich lie ihn seine Zeichnungen bringen, und hatte ber ein urkrftiges
Talent zu erstaunen, welches in Gefahr gewesen war, durch verrckte Modetorheit,
wenn nicht erstickt, doch aufgehalten zu werden. Roh und unfertig waren diese
Sachen, das ist richtig, aber aus jedem Punkte, aus jeder Linie leuchtete ein so
tiefer Sinn fr die Natur, ein so reines Schnheitsgefhl hervor, da ich
wahrhaft in Erstaunen gesetzt ward.
    Es versteht sich, da ich ihn nicht hierlasse, sondern mit mir nehme,
obgleich ich voraussehe, da er mich in kurzem berholen wird. - Wissen Sie
vielleicht mir die altertmelnde Beschtzerin zu nennen? Denn ich mu ihr doch
danken, da ihre Kenntnis von dem Studiengange eines Malers mir zu dieser
Bekanntschaft verholfen hat.

                                 Achtes Kapitel


Die letzte Frage und Aufforderung hrte die Meyer nicht mehr. Sie hatte sich
schon whrend der Erzhlung, sobald deren traurige Beziehung klar ward, hochrot,
eine Unplichkeit vorschtzend, still entfernt.
    Unsre Gesichter knnen Sie sich denken. Der gute Knstler war ganz
verwundert, da seiner Geschichte nichts als ein dumpfes Schweigen folgte. Beim
Nachhausegehn fragte er mich, ob er gegen jemand verstoen habe, worauf ich ihm
versetzte, der ganze Tag sei nur ein Versto gewesen.
    Kurz nach diesem unglcklichen Ausgange byzantinischer Bestrebungen
schickten die Meyer und Wilhelmi Verlobungskarten umher. Wir erfuhren, da
Wilhelmi nach ihrem Rckzuge aus der Gesellschaft ihr gefolgt sei, und sie auf
dem Sofa liegend, erschpft und weinend, gefunden habe. Sein Herz war gegen die
Leidende bergegangen, aus sanften Trstungen hatte sich bald eine zrtliche
Erklrung entwickelt. Da sie, zu bestndigem Wittum entschlossen, dieser
widerstanden hatte, soll er auf eine kluge Weise haben einflieen lassen, da
ein kunstkundiger Gemahl ihr gesagt haben wrde, die Maler stnden nun einmal
von nackten Mdchen nicht ab, und wer solches nicht ertragen knne, der msse
sie nicht in das Haus nehmen.
    Da hat die Meyer auf einmal die ganze Milichkeit ihrer Stellung erkannt,
hat eingesehen, da eine gelehrte Frau, welche sich behaupten will, durchaus
eines Gatten bedarf, der seine Schulen durchgemacht hat; und aus diesen Gefhlen
und Erwgungen ist das Bndnis erwachsen, worber die Stadt beinahe eine ganze
Woche zu reden hatte, welches aber jetzt ber andre Dinge von Belang schon
wieder vergessen worden ist.
    Nur ungern hrte Hermann diese Erzhlung mit an, welche ihm zwei Personen,
denen er zugetan war, in einem lcherlichen Lichte zeigte; indessen konnte er
der unermdlichen Zunge des Sptters nicht entrinnen. - Wie sie bemht sind,
sich alles zu zersprechen, damit nur gar nichts brigbleibe, woran Liebe und
Verehrung haften kann! rief er, als er allein war, aus. Dieser Mensch nennt
sich einen Freund des Hauses und scheut sich nicht, mit der giftigsten Lsterung
ber die Herrin des Hauses herzufallen!
    Er hatte vergessen, da ein geheimer Hohn die Lebensluft der guten
Gesellschaft ist, weil nur durch ihn das Gleichgewicht bewahrt wird, dessen sich
jedes Mitglied bewut sein mu, um zur Unterhaltung beizutragen.
    Nach manchen vergeblichen Gngen traf er endlich seinen Freund Wilhelmi, und
wnschte ihm herzlich Glck. Mute er auch ber dessen Emphase lcheln, womit
Wilhelmi lauter Eigenschaften an seiner Verlobten hervorhob, welche diese
wirklich nicht in ausnehmendem Grade besa, so war in dessen uerungen doch so
viel Empfundnes, so fhlte der Freund doch so tief das Glck, einem einsamen
Leben zu entrinnen, da er sich wahrhaft ber dessen Schicksal freuen konnte.
Selbst das uere Wilhelmis hatte der Brutigamsstand verwandelt, seine Wangen
waren rter geworden, seine Augen lebhafter, und er sah wieder wie ein
stattlicher Mann in den besten Jahren aus.
    Auch Madame Meyer fand er vorteilhaft verndert. Sie war stiller und
sinnender, trug sich nicht mehr so viel vor, redete auch mehr von den
gewhnlichen Dingen des Lebens, als von der Kunst. Die Kapelle und die
altertmlichen Sammlungen waren geschlossen. Sie empfing ihre Freunde wirklich
in den Zimmern, die der Sptter beschrieben hatte. Der Kreis ihrer Gesellschaft
hatte sich verengt, und sie bekannte unsrem Freunde in einer traulichen Stunde,
da sie sich dabei wohler fhle.
    Dagegen sagte Wilhelmi, da er nur die Hochzeit abwarten wolle, um dann die
Vereinigung seiner Sammlungen mit denen seiner Frau vorzunehmen, und in das
ganze Besitztum eine systematische Ordnung zu bringen. Er fgte triumphierend
hinzu, da diese verbundnen Schtze von der Art sein wrden, um auch noch neben
den Sammlungen des Staats die Aufmerksamkeit der Kenner und Liebhaber zu
erregen.
    Dein gutes Geschick hat freundlich fr dich gesorgt, versetzte Hermann.
Du wolltest Direktor des Nationalmuseums werden, worin du manchen Verdru und
Zwang wrdest zu erdulden gehabt haben. Anstatt dessen macht dich die Liebe zum
Kustos eines Privatkabinetts, mit dem du wirst schalten knnen, wie du magst.
    War es ihm von Herzen lieb, das Los seiner Freunde auf so zuverlssige Art
gesichert zu sehn, so konnte er sich doch eines stillen Neides nicht erwehren.
Der Misanthrop, der Grillenhafte wird ohne sein Zutun, aller Wahrscheinlichkeit
zuwider, in den Hafen gefhrt, whrend ich, der ich das Glck einfach und
gerades Weges suche, plan- und bahnlos mich von meinem Ziele fortschleudern
lassen mu! rief er. Wo ist da noch Zusammenhang in der Welt, wenn Launen und
Seltsamkeiten das Gute und Zweckmige gebren, dem wirklichsten Bedrfnisse
aber sich grausam die Erfllung versagt?
    Er fhlte lauter Widersprche in seinem Schicksale, und ein unbestimmtes
Grauen vor der nchsten Zukunft berschlich ihn. Um Schutz gegen sich und seine
Gedanken zu finden, nahm er die Bibel zur Hand, welche aber hier, wie in jedem
Falle einer aus dem Stegreife mit ihr gesuchten Bekanntschaft, dieselbe ablehnte
und dem heftig Andringenden ein hartes, undeutsames Antlitz zeigte.
    Von Johannen und Medon hrte er wenig. Sie hatte sich seit einiger Zeit fast
ganz zurckgezogen und selbst den Umgang mit Madame Meyer aufgegeben: Er war,
wie man sagte, von seinem Plane, zu reisen, abgegangen, und sollte sehr
ernsthaft an einer staatswirtschaftlichen Schrift arbeiten. Hermann schob seinen
Besuch von Tage zu Tage auf, obgleich ihn eine tiefe Sympathie zu dem
unglcklichen schnen Wesen hinschmeicheln wollte.
    Das Museum war jetzt der Sammelpunkt der feinen Welt geworden. Eines Tages
traf Hermann dort den Prinzen, welchem er in Medons Hause vorgestellt worden
war, den Erzhler des Mondscheinmrchens. Er war so gefllig, sich seiner zu
erinnern, und freute sich, ihn wiederzusehn. Man wollte hier wissen, sagte der
Prinz, Sie wrden nicht zurckkehren. Sie wren der Associ Ihres Oheims in
seinem Geschfte geworden. - Die Welt, versetzte Hermann, hat einen
entschiednen Hang, uns Dinge anzudichten, welche gewhnlich dem, was wir
eigentlich tun und begehren, schnurstracks entgegen sind.
    Das ist wahr, erwiderte der Prinz. Hierin zeigen sich die Menschen
wahrhaft erfindungsreich, und aus den gewhnlichsten Kpfen entspringen nicht
selten die sinnreichsten Mythen. So hat man mich zum Beispiel - und ich wte
durchaus nicht zu sagen, wodurch ich die Veranlassung gegeben htte - zu einem
begeisterten Verehrer oder gar Protektor der bildenden Knste gemacht, whrend
ich mir bewut bin, fr sie eigentlich kein Auge zu besitzen. Das Lustigste bei
solchen Gesellschaftsfabeln ist, da man unversehens und unwillkrlich aus einem
Objekte derselben, zu ihrem Subjekte und Helden wird. Nach und nach versammelte
sich um mich allerhand Gemaltes und Plastisches, ich bernahm das Patronat eines
Vereins, und gehre zu den fleiigsten Besuchern dieser Sle, obgleich ich, die
Wahrheit zu gestehn, mehr der Menschen, welche sich hier einfinden, als der
Gemlde wegen komme.
    Gndigster Prinz, sagte Hermann hflich, Sie werden heute auf Ihre eignen
Unkosten zum Mrchendichter.
    O nein, erwiderte der Prinz, und ich schtze mich deshalb nicht geringer,
weil ich der Mode meine Neigung versage. Ein lebendiges Interesse kann nur an
einer Sache sich entznden, welche in der Gegenwart krftig wurzelt. Nun aber
sehe ich an den Handlungen der Zeitgenossen durchaus nichts fr das Auge, mithin
auch nichts fr den Pinsel oder Meiel. Wo die Kanonen und die taktischen
Bewegungen das Schicksal der Reiche entscheiden, gibt es keine Heldengruppen, wo
die Predigt im Gottesdienste das Wort fhrt, keine Erscheinungen, wo die Leute
bis zu den Schustern und Schneidern hinunter den Frack tragen, kein Genre. Was
soll also entstehn? Entweder ein geschmackvoller Eklektizismus, welcher niemals
eine Epoche macht, oder ein romantisches Unbestimmtes; Versuche, der Poesie
nachzutreten, die in wenigen Jahren schon, wenn gewisse momentane Stimmungen
vorbergegangen sein werden, unverstndlich sein mssen.
    Man darf sich ja nicht durch die jetzige allgemeine Neigung zu diesen Dingen
tuschen lassen. Ein Unterschied der modernen Zeit von der griechischen besteht
darin, da unter uns Neueren das wahrhaft geniale Schne fast immer im
Gegensatze zu der herrschenden Stimmung erwchst, welche dagegen ihrerseits das
als vorhanden zu prkonisieren pflegt, woran es ihr eben ganz gebricht. Dagegen
ging in jener glcklichen griechischen Periode das besondre Genie der Knstler
aus dem allgemeinen Talente der Nation hervor. Um an einem Beispiele meine
Meinung klarzumachen, so glaubten wir an Klopstocks Oden, Bardieten und an den
Nachahmungen derselben eine groe vaterlndische Poesie zu besitzen, und doch
waren diese frostigen Exerzitien am allerfernsten von einer solchen. Nur eine
Entwicklung der Schnheit sehe ich noch vor uns, nmlich die poetische; in der
Dichtkunst hat, wie ich glaube, Deutschland den Gipfel noch nicht erreicht.
    Diese Meinung ist fr die Poeten der Gegenwart sehr trstlich, sagte
Hermann, um so trstlicher, als viele Stimmen das dichterische Element der Zeit
ganz leugnen wollen.
    Ich rede nicht von einem einzelnen, nicht von Individuen, erwiderte der
Prinz. Urteile ber Personen und Werke, deren Zeitgenosse man ist, sind
meistens sehr milich. Meine Hoffnung bezieht sich auf etwas Allgemeines. Nun
ist es wohl klar, da eine Periode, in welcher alle Schtze des Geistes
gewaltsam aufgeregt worden sind, so da sie gleichsam in das Freie fielen, von
selbst einen Fhigen hervorrufen mu, welcher sich dieses Reichtums bemchtigen
wird. Diesem wird gerade der Mangel an uerm plastischen Leben hchst
frderlich sein, da unsrer Stimmung die deskriptive Poesie immer langweilig
erscheint, und die Dichter dieser Jahrhunderte mit Glck nur das Innerliche, die
bewegenden Ursachen der Dinge ergriffen haben.
    Hermann hatte nur aus schuldiger Rcksicht dem letzten Teile dieser
Auseinandersetzung zugehrt, denn eine unerwartete Erscheinung wendete seine
Gedanken von den Reden des Prinzen ab. Zu der Flgeltre des Saals, in welchem
sie standen, trat nmlich herein, abenteuerlich aufgeputzt, im bunten Gewande,
eine Gestalt, in welcher er nach kurzem Besinnen Flmmchen erkannte.
    Flatternde Bnder zierten Achseln und Schulter, Schmelzbesatz sumte Busen
und Leib, das kurze Rckchen war zackig ausgeschnitten, darunter sahen
rotflammige Strmpfe und goldne Schuhe hervor. Die schnen nackten Arme
umschlossen an den Gelenken Korallenschnre, ein safrangelbes Bindentuch,
welches sich durch ihre Locken zog, vollendete den fremdartigen Anblick.
    Sie betrat den Saal mehr schwebend, als gehend, spielte mit einem
Elfenbeinstbchen, warf es empor, und fing es mit reizender Beugung des Arms
wieder auf.
    Ihr nach drang ein Schwarm verwunderlich-geschmckter junger Herrn; eine
ltliche korpulente Figur mit kahlem Haupte, die Brille vor den Augen, bewegte
sich mhsam hinterher. Flmmchen scherzte und schkerte mit ihrer Begleitung,
der ganze Zug rauschte an den Wnden umher, und auf die Gemlde wurde wenig
geachtet. Es war das Bild einer leichtfigen Nymphe, welche Satyrn und Faunen
umspringen, und der Silen mit Anstrengung folgt.
    Was ist Ihnen? fragte der Prinz Hermann, welcher starr nach Flmmchen
hinsah. Dieser versetzte, da er ein Frauenzimmer bemerke, welches er frher
sehr wohl gekannt habe.
    Ach, unsre herkulanische Tnzerin und junge gndige Frau dort, sagte der
Prinz, der nun erst auf den Zug aufmerksam wurde. Ja, ich erinnre mich, von
Ihrer Mentorschaft gehrt und herzlich darber gelacht zu haben. Nun, Ihre
Erziehungsplane sind nicht geglckt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das
wundersamste, entzckendste Geschpf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen
gesehn, kann nie wieder ganz unglcklich werden. Wre ich ein Freund von
Paradoxen, so wrde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre
begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein.
Unter uns mu ich Ihnen gestehen, da jenes Mrchen, mit welchem ich in Medons
Hause so viel Glck machte, nur der schwache Nachhall einer Pantomime war, durch
die sie an einem unvergelichen Mondabende meine Sinne auer Fassung gesetzt
hatte!
    Verzeihen Sie meinem Erstaunen, gndigster Prinz, rief Hermann, wenn ich
unbescheiden werde, und mir eine Frage erlaube! Sie sprachen das Wort: Frau,
aus. In welcher Verbindung steht dasselbe hier?
    Der Prinz lachte und versetzte: In der natrlichsten von der Welt. Der
nrrische Domherr, mit dem wir manchen Scherz getrieben haben, entfhrte sie, um
sie, es koste, was es wolle, zu seiner Frau zu machen, von der abgeschmacktesten
Theorie beherrscht, die ihm ein Schalk in den Kopf gesetzt hatte. Die Heirat kam
wirklich in reiender Schnelligkeit zustande, und kurz darauf starb der Domherr,
vllig beruhigt, wie man sagt, ber seine Fortdauer nach dem Tode. Das junge
Witwenkind lebt nun, wenn sie nicht, wie jetzt, zu kurzem Besuche nach der Stadt
kommt, auf der Villa ihres Eheherrn, wo sich die albernsten Verhltnisse
angesponnen haben.
    Er verbeugte sich gegen Hermann, und ging zu Flmmchen, die ihn mit
zierlicher Begrung empfing. Der Prinz deutete nach Hermann hinber, Flmmchen
erblickte diesen, und die hellste Freude loderte ber ihr Antlitz. Er, etwas
Auffallendes an diesem ffentlichen Orte besorgend, trat rasch durch eine
Kommunikationstre in einen Vorraum zurck. Die Treppe hinuntergehend, flchtete
er sich zu den Antiken und Vasen, welche man in den Gemchern des Erdgeschosses
aufgestellt hatte. Hier war es menschenleer. Er schritt hin und her und
berlegte, wie und wo er seinen ehemaligen Schtzling am besten sprechen mchte,
als aus einem Seitenkabinette Flmmchen hereinflog. Mit dem Rufe: Liebster!
Bester! Einziger! hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Ksse
brannten auf seinen Lippen.
    Habe ich dich endlich wieder! rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn
kte. Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie
mgen tun, was sie wollen.
    Hermann war in groer Verlegenheit, jeden Augenblick frchtete er, Zeugen
dieser befremdlichen Szene eintreten zu sehn. Er suchte sich ihren Armen zu
entwinden; sie hielt ihn aber fest, und rief: Sei doch nur auf diese wenigen
Augenblicke mein Freund, mein Geliebter, nicht lange wird die Wonne dauern, das
abgeschmackte Volk oben, dem ich davongelaufen bin, wird bald kommen, mich zu
suchen. La deine arme Flamme die kurze Zeit an dir glhen; ach, du weit es
freilich nicht, wie einem Mdchen zumute ist, die nicht an Gott und Teufel,
nicht an Himmel und Hlle, sondern nur an ihren Liebsten, an das se Fleisch
und Blut glaubt! Siehst du, ich bin erwachsen, ich spreche im Zusammenhange, das
rhrt daher, weil ich kein Kind mehr bin.
    Beruhige dich, mein Flmmchen, sagte Hermann, erzhle mir ordentlich, wie
es dir gegangen ist, ich hrte Dinge, die mir unglaublich vorkamen.
    Etwa, da ich Witwe bin? versetzte sie, berlaut lachend. Ja, ich bin
eine, und mte eigentlich Schwarz tragen, denn der Domherr ist erst seit sechs
Wochen tot, aber ich traure in Rot und Gelb, wie die Bume, wenn die Bltter
abfallen. Setze dich in den Grovaterstuhl, frage, und ich will Antwort geben.
    Sie drckte ihn in einen antiken Lehnsessel, hockte sich vor ihm nieder, und
lehnte ihr Haupt an sein Knie. Wie hat sich deine Heirat so rasch gemacht? Wer
sind deine Begleiter? Wer nimmt sich deiner an? fragte er.
    Der Domherr bat mich instndig darum, die Alte redete mir so lange zu, da
ich es ihm zu Gefallen tat, und dann tat ich es auch, um dich zu rgern, weil du
mich so ganz vergessen hattest. Denn ich wute doch, da es dir leid sein wrde,
wenn du mich als Frau fndest. Die Jungen mit den hohen Halsbinden und
Backenbrten machen meinen Viehstall aus, sie haben sich alle in mich verliebt,
und mssen sich gefallen lassen, was ich mit ihnen vornehme; den Dicken nennen
sie den Kurator. Die Verwandten meines Mannes haben ihn angestellt, mich zu
beaufsichtigen; die Alte sagt, ich sei guter Hoffnung, ich wte zwar nicht, wie
es zugegangen sein sollte, aber die Verwandten sind doch bange, da ihnen die
Erbschaft entgehn mchte, und darum mu er mich bewachen. Nun ist es ein
himmlischer Spa, da der dicke Snder sich auch in mich vernarrt hat. Er
schleicht mir nach, seufzt und sthnt; ich knnte ihn weit fhren, wenn ich
nicht auf Tugend hielte. Die Alte nimmt sich meiner in Treuen an, sie spricht
oft dummes Zeug, ich glaube, das alte Weib ist zuweilen etwas verrckt, aber ich
knnte doch ohne das gute Tier nicht leben. Nun habe ich dir auf alles
geantwortet, jetzt tue auch mir so auf meine Frage: Wirst du deine Flamme in
ihrem Huslein besuchen, und bald?
    Liebes Herz, sagte Hermann, das kann ich dir nicht gewi versprechen. Ich
habe noch manches hier abzutun, auch fhrst du allem Anscheine nach eine
sonderbare Wirtschaft, zu welcher ich eben nicht passen wrde.
    Nicht? Nicht? rief sie mit dem wilden Ausdrucke, welcher ihn erschreckt
hatte, als er sie zum ersten Male in der Hhle traf. Blitzschnell hatte sie
einen Dolch aus dem Busen gerissen, und die Spitze wrde in ihrer Brust gesessen
haben, htte er nicht ihren erhobnen Arm festgehalten.
    Was wolltest du tun, wahnsinniges Kind? fragte er entsetzt. Mich
erstechen, sagte sie gleichgltig. Du bist, wie du warst, Holz und Stein, was
soll Flmmchen auf der Welt?
    Ich will ja zu dir kommen! rief er bestrzt. - Bald? - Er bejahte. So
schwre mir's zu den Fen dieser Liebesgttin. Er tat, was sie begehrte, um
sie nur zufriedenzustellen.
    Ihr Schwarm drang herein, sie suchend. Flmmchen trat ihnen mit komischer
Wrde entgegen und sagte: Dieser ist ein alter Bekannter von mir, und wenn der
einmal zu mir kommt, habt ihr euch alle zum Hause hinauszuscheren, mit Ausnahme
des Dicken, der ein vernnftiger Mann ist und eine anstndige Gesellschaft fr
ihn. Sie ging, ohne nach Hermann sich weiter umzublicken, oder ihm Lebewohl zu
sagen.

                                Neuntes Kapitel


Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flmmchens hrte, war das
Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause
eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend
aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schnheit
angelockt, dorthin gestrmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche
verbt, zuweilen toste dieses wtende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter
entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so da die Landleute in ihren stillen
Htten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von
Ruberbanden und Unglcksfllen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so
da sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch
hheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch
alles auer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt.
    Am brausendsten aber schumte Flmmchens ppige Lebenskraft im Tanze aus.
Tglich war Ball bei ihr, wozu man freilich die Damen unter den Hausmdchen und
den Bauerdirnen der Nachbarschaft suchen mute, denn anstndige Familien wollten
ihre Tchter zu diesen Vergngungen nicht abordnen. Wer Flmmchen tanzen
gesehen, sprach darber, wie der Prinz; einstimmig erklrte man, da keine
Beschreibung den Zauber dieser Anschauung wiedergeben knne.
    Die Seitenverwandten des Domherrn, lstern nach dem Besitze der
betrchtlichen Erbschaft, und erschreckt durch die Angabe von Flmmchens
Zustande, welcher, wenn er gegrndet war, ihnen ihre Aussicht entzog, hatten in
dieses Gewirre jenen ltlichen Mann als Aufseher gesendet.
    War Flmmchens Angabe ber ihn richtig, so konnte freilich sein Amt nicht
wohl schlechter versehen sein.
    Zum Teil hrte Hermann diese Dinge aus Flmmchens Munde selbst, welcher er
eine Zusammenkunft in ihrem Gasthofe nicht hatte abschlagen knnen. Dort, den
Kopf an seine Brust gelehnt, ihn mit beiden Armen umklammernd, tat sie ihm
Entdeckungen, welche man von einem so leichtfertig erscheinenden Wesen nicht
htte erwarten sollen. Es waren abgebrochne Schmerzenstne, nur der Ahnung
verstndlich, in geordneten Worten kaum auszusprechen, am wenigsten auf dem
Papiere. Der Naturgeist zuckte hier gleichsam in seiner ganzen neckischen
Ungebundenheit unter seiner menschlichen Hlle, All und Individuum lagen
miteinander im Streite, und aus ihrem Ringen entsprangen die Zuckungen, welche
uerlich wie Possen aussahn.
    Merkwrdig waren ihm besonders ihre Gestndnisse, wie sich die unbesiegliche
Lust zum Tanze in ihr entwickelt habe.
    Als du mich in die grne Einde zu der Alten gebracht hattest, wurde ich
von einer unsglichen Angst befallen, sagte sie. Die Berge und Felsen wuchsen
mir in der Brust, die Zweige der Bume wanden sich durch meinen Kopf und
peitschten, vom Sturme geschttelt, mir das arme Hirn wund, ich fhlte in mir
die Kruter und Moose stechend sprieen, und mir war, als flsse ich
auseinander, dahin nach weiten kahlen Eisfeldern und dorthin nach blutroten
Granatenbschen. Ich wollte mir Luft machen in Worten, aber die Zunge versagte
mir den Dienst, ich wollte es abzeichnen, mein Elend, an hoher Steinwand, aber
die Hand sank lahm herunter, da merkte ich, da meine Fe sich zu regen
begannen, da meine Arme folgten, der Leib in sanften Drehungen sich schwang,
Erlsung zu finden von dem Inneren, Groen, Entsetzlichen; ach wie s
schlummerte ich nach dieser Anstrengung ein, Fels, Berg, Baum und Kraut standen
wieder auer mir, der Mond wurde mein bester Freund! Das ist nun der Tanz, den
ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich
berwinden und in mir einziehen will. Knntest du mich lieben, und immer bei mir
sein, so wre alles gut, dann htte ich eine Sttze und wrde auch aufhren zu
tanzen; leider wird es nicht so gut werden.
    Sie nahm ihm noch einmal das Versprechen ab, sie recht bald zu besuchen, was
er ihr nun um so lieber gab, als er einsah, da sie in ihrem wilden Treiben dem
Verderben zueile, und hoffen durfte, durch seine Anwesenheit auf der Villa
vielleicht manches ordnen und schlichten zu knnen. Dies sollte den Abschlu der
Verwicklungen bilden, welche sein Leben, wie er sich berzeugte, seit einigen
Jahren unntz aufgesponnen hatten. Er hatte die Freiheit von brgerlichen
Verhltnissen gesucht, und nicht bedacht, da eine solche eigentlich ganz in das
Leere fhre. Er hatte berall auf die gutmtigste Weise geholfen, und die Welt
war indessen unbekmmert um ihn ihren selbstischen Gang weitergeschritten. Sein
Vermgen erschpfte der unberlegte Ankauf im Badischen; er konnte in Not
geraten.
    Alles drngte ihn zu einer vernnftigen Entsagung, zu einer bescheidnen
Rckkehr. Nach mancher Trne bittern Unmuts, die er verweinte, beschlo er, die
Verhltnisse wieder aufzunehmen, auf welche er so stolz herabgesehen hatte, und
die Vorbereitung zu einem Staatsamte aufs neue zu beginnen, die ihm frher so
unleidlich geworden war. Wilhelmi, dem er seinen Vorsatz mitteilte, lobte ihn
sehr, und bestrkte ihn darin. Durch dessen eifrige Bemhung wurde er des fernen
Grundeigentums entledigt, freilich mit groer Einbue, indessen zog er so viel
aus diesem Handel noch heraus, da er sich eine Zeitlang allenfalls damit
hinhalten konnte.
    Wilhelmi trstete ihn, wenn er ihn schwermtig sah, und seine Klagen ber
die verlornen Jahre hrte. Was ist es weiter? rief er. Du hast eine Weile
vagabundiert, das wird dir doch zugute kommen. Viel besser ist es so, als wenn
du dich, wie ich, zu frh gefesselt httest. Die Jugend soll verschwrmt werden,
manches ist gewi an dir hangen und kleben geblieben, wovon du jetzt selbst
nichts ahnest.
    Ich will es wnschen, versetzte Hermann, wenn ich es gleich nicht zu
hoffen wage. Der Reichtum eines sogenannten bewegten Lebens ist wohl nur
tuschend. Von einem Punkte aus soll der Mensch erwerben. Wer, zerstreut, von
der Mannigfaltigkeit Resultate begehrt, kommt mir wie einer vor, der mit
verdecktem Teller in einer gemischten Gesellschaft sammeln geht; die Summe
pflegt nicht gro zu sein, wenn der Teller abgehoben wird.
    Er mietete ein stilles Quartier in der entlegensten Gegend der Stadt,
schaffte sich juristische Bcher an und tat die ntigen Schritte, seine
brgerliche Laufbahn wieder zu betreten. So gewann es den Anschein, als solle
der Strom seines Daseins, wie der so vieler, nach kurzem mutigem Laufe im Sande
der Gewhnlichkeit auslschen.

                                Zehntes Kapitel


Die Soziett pflegt sich fr unangreifbar zu halten, schon die leiseste
Verletzung des Persnlichen erscheint wie ein Attentat. Dann bricht pltzlich
etwas ganz Unerwartetes, Niebefrchtetes in diese Kreise ein, alle Bande sind
auf einmal zersprengt, und eine Geisterfurcht ergreift die Menschen.
    Von solchen Gefhlen wurde Hermann bestrmt, als Wilhelmi eines Abends
atemlos auf seine Klause mit der Nachricht trat, da Medon verhaftet worden sei.
ber den Grund dieses erschreckenden Vorfalls konnte er nichts Nheres angeben,
nur so viel wute er, da derselbe mit den Untersuchungen gegen die Demagogen
zusammenhange.
    Hermann eilte in der Hoffnung, da ein falsches aberwitziges Gercht den
Freund betrogen habe, nach Medons Wohnung. Leider fand er hier die Sache nur zu
wahr. Er hatte Mhe, in das Haus zu kommen, welches scharf bewacht war. Auf dem
Flur standen Koffer und allerhand Reisegepck; durch eine Glastre blickte er in
das Zimmer, worin er so manche lehrreiche Stunde erlebt hatte; Medon, dem
vorderhand nur Hausarrest gegeben worden war, sa darin auf dem Sofa, sah bla
und angegriffen aus. Der Gerichtsbeamte stand neben ihm und schien ihn zu
verhren. In andern Zimmern wurde versiegelt.
    Von den Hausleuten, die sehr verwirrt und bestrzt waren, konnte er nichts
Genaues herausbringen. Nur so viel wuten sie, da man Anstalten zu einer Reise
gemacht habe, da aber mitten in denselben der Gerichtsbeamte pltzlich mit
einem jungen Menschen von wildem Ansehen erschienen sei, welcher auf Medon
zuschreitend, und ihn scharf ins Auge fassend, gerufen: Dieser ist es, welcher
in Zrich uns vom Mnnerbunde erzhlte! worauf der Beamte Medon in Haft
genommen habe.
    ngstlich fragte er nach Johannen. Ihr Kammermdchen entdeckte ihm weinend,
da die gndige Frau heimlich in groer Eile abgereist sei, noch ehe die
Verhaftung stattgefunden habe. Sie habe an verschiednen Reden, die zwischen dem
Herrn und der Frau vorgefallen seien, gemerkt, da letztre mit dem Herrn
verreisen sollen und sich dessen geweigert habe. Mit Trnen in den Augen habe
darauf ihre Gebieterin sie bei ihrer Treue beschworen, ihr einen Wagen nach
entgegengesetzter Richtung zu verschaffen, was denn auch von ihr geschehen sei.
Die gndige Frau habe den Wagen nach einem abgelegnen Strchen bestellen
lassen, wo sie, kaum mit den ntigsten Sachen versehen, eingestiegen und in
schnellster Eile fortgefahren sei. Sie habe die arme gndige Frau begleiten
wollen, sei aber von ihr mit den Worten, da sie fortan nur Gott zum Begleiter
haben wolle, zurckgewiesen worden.
    Schmerz und Wehmut zerrissen Hermanns Brust. Aus dem Hin- und Herreden der
Leute konnte er abnehmen, da die leidenschaftlichen Vorflle zwischen den
Gatten die Veranlassung zu Medons Unglck mochten gegeben haben. Das gengstigte
Mdchen hatte davon berall geplaudert, um sich Luft zu machen, dadurch hatte
aller Wahrscheinlichkeit nach der Beamte Kunde von diesen Dingen erhalten. Denn
gleich nach der Flucht Johannas war ein subalterner Agent der ffentlichen Macht
unter einem Vorwande im Hause erschienen, hatte verschiedne Fragen getan, und
das aufgeschichtete Reisegepck achtsam betrachtet. Unmittelbar nach seiner
Entfernung aber erfolgte das, was alle in Schreck versetzte.
    Der Beamte erschien, und bat Hermann hflich, sich zu entfernen. Dringend
verlangte dieser, zu Medon gelassen zu werden. Nach einigem Zaudern wurde ihm
eine kurze Unterredung zugestanden. Mit einer furchtbaren Empfindung betrat er
das Zimmer. Medon hielt den Kopf in der Hand gesttzt, und bemerkte den
Eintretenden nicht. Leise sagte Hermann, an der Tre stehenbleibend: Ich bin
gekommen, Sie zu fragen, ob ich Ihnen in irgend etwas ntzlich sein kann? Medon
sah empor, versetzte kein Wort, sondern winkte ihm schweigend, da er ihn
verlassen mge. Hermann konnte den Blick seines Auges nicht ertragen, es lag
darin der glserne Ausdruck der Verzweiflung, einer vllig zerstrten Seele.
    Drauen fragte er den Beamten, ob fr Johannen etwas zu frchten sei? was
dieser mit Bestimmtheit verneinte. Er wollte ber Medons Schicksal einiges
erfahren; hier versagte jener aber alle Aufklrungen und rief: Glauben Sie mir,
da die Erfllung meiner Pflicht mir schwer genug geworden ist, und da ich viel
darum gbe, einen Irrtum, vielleicht mit strenger Rge, ben zu mssen, als
leider die von mir nach und nach geahnete schlimme Wahrheit besttigt zu sehn.
    Es war Nacht geworden. Er begab sich zur Meyer, wo er Wilhelmi noch
vermutete, um mit diesem zu beraten. Eine Menge von Mnnern und Frauen war dort
versammelt, welche die Bestrzung ber diese Vorgnge zusammengefhrt hatte.
ber den eigentlichen Zusammenhang war der Schleier des Rtsels gebreitet, die
wildesten Gerchte kreuzten sich. Wie sollte man es sich auch erklren, da ein
Mann, den Angesehensten des Staats nahestehend, ein Mann von den loyalsten
Gesinnungen, ein ganz andrer, ein Feind des Staats gewesen, oder noch sein
sollte? Man hoffte ein Miverstndnis, man glaubte, binnen kurzem diese
Schatten, welche die geachtetste Persnlichkeit der Stadt jetzt verdunkelten,
schwinden zu sehn. Nur Wilhelmi rief: Ich wnsche es, aber es wird nicht so
werden, er ist ein Catilina, und zwar ein gefhrlicherer als der rmische, weil
er keine Laster hat.
    Die gute Seite der Menschen zeigte sich bei dieser Gelegenheit. Alle
sprachen ihr innigstes Bedauern ber die unglckliche Johanna aus, welche man
sich bei Nacht, umherirrend auf den, bsen Wegen dachte; die Sptter erklrten
sich zu jeder Hlfe bereit, Madame Meyer war auer sich. Man besprach, ob man
einen Boten mit Briefen schicklichen Inhalts ihr nachsenden solle, oder ob es
nicht besser sei, wenn ein Freund selbst dieses Geschft bernehme.
    Hermann erklrte sich zu letzterem bereit. Er gedachte seiner
Versprechungen, er fhlte, da er nicht ohne Schuld der Vernachlssigung gegen
die Geflchtete sei, und gutzumachen habe; strker aber, als diese Erwgung der
Pflicht trieb ihn das heieste Mitleid der Armen nach.
    Man freute sich ber seinen Entschlu, die Meyer und Wilhelmi packten eilig
verschiedne Reisenotwendigkeiten zusammen, und so fuhr unser Freund nach
Mitternacht mit raschen Postpferden davon, begleitet von den besten Wnschen der
ganzen Gesellschaft, welche bis zu seiner Abreise vereinigt geblieben war.

                                Eilftes Kapitel


Von dem Kammermdchen war ihm die Richtung angegeben worden, welche Johanna
genommen hatte; es war zuflligerweise dieselbe Strae, an welcher in der
Entfernung von zwei Tagereisen Flmmchens Landhaus lag. Nur die Verzweiflung
konnte Johannen auf diesen Weg getrieben haben, er fhrte, fortgesetzt, nach dem
Schlosse des Herzogs, und vor der Rckkehr zu ihrem Bruder und seiner Gemahlin
hatte sie stets den grten Widerwillen gezeigt. Bei der Abreise war ausgemacht
worden, da Hermann ihr zwar in nichts hemmend entgegentreten, jedoch ihr die
liebevollste und dringendste Einladung zu der Meyer berbringen solle. Man
meinte, da sie in deren Hause, wohlberaten von aufrichtigen Freunden, am
leichtesten die schwere Zeit berwinden werde, welche ihr bevorstand. Die Meyer
hatte in ihrem gutmtigen Eifer noch vor der Abreise Hermanns die Auswahl der
Zimmer getroffen, welche die Freundin aufnehmen sollten. Es waren die schnsten
und stillsten des Hauses. Hermann nahm sich vor, Johannen mit allen Grnden, die
ihm zu Gebote standen, zur Wahl dieses Asyls zu vermgen, da er von einem
Zusammentreffen mit der Herzogin bei dem so entgegengesetzten Charakter beider
Frauen wenig Gutes hoffen durfte.
    Er war mehrere Stationen gefahren, ohne eine Spur von ihr anzutreffen. Schon
glaubte er, da sie ihren Entschlu gendert habe, und von dieser Strae
abgewichen sei, als er in einem Landstdtchen, welches er um die Mitte des
folgenden Tages erreichte, pltzlich die verlangten Nachrichten bekam. Der Wirt
erzhlte ihm, da die Dame, welche er zu suchen scheine, abends zuvor angekommen
sei, sehr unruhig getan, und von ihrem Fuhrmanne verlangt habe, weitergefahren
zu werden. Dieser habe die Mdigkeit seiner Pferde als Weigerungsgrund
angegeben, und sich, aller Versprechungen ungeachtet, nicht dazu verstehen
wollen. Die Dame, welche durchaus fort gewollt, sei in groer Bekmmernis
gewesen, da sich keine Post am Orte befinde. Sie sei schluchzend auf ihrem
Zimmer hin und her gegangen, als pltzlich ein Wagen vor dem Hause gehalten
habe, umgeben von einer Menge junger Herrn zu Pferde, die ein groes Geschrei
vollfhrt und einem bildschnen Frauenzimmer in bunter Tracht herausgeholfen
htten. Das Frauenzimmer habe durch Zufall von dem Leidwesen der Dame erfahren,
sich gleich zu ihr fhren lassen, und sie mit der zierlichsten Hflichkeit
gebeten, einen Platz in ihrem Wagen anzunehmen, in dem sie, wenn sie befehle,
bis an das Ende der Welt fahren knne. Anfangs sei die Dame das nicht willens
gewesen, da aber das Frauenzimmer nicht abgelassen habe, endlich ihr zu Fen
gesunken sei, und ihr Knie umfat habe, so sei die Dame mit den Worten: Du
arges Kind, wohin fhrtst du mich? in den Wagen gestiegen, auf dessen Rcksitze
das Frauenzimmer Platz genommen habe, ungeachtet der wiederholten Bitten der
Dame, sich doch neben sie zu setzen.
    Der Wirt erzhlte noch, da beim Abfahren der Zug der jungen Herrn mit
lautem Gerusche sich habe anschlieen wollen, auf einen ngstlichen Blick der
Dame nach diesem Schwarme hin, habe aber das Frauenzimmer sich emporgerichtet
und ihren Begleitern in gebieterischer Stellung zugerufen: Zurck, ihr Tiere!
Hierauf seien die jungen Leute, gehorsam diesem Befehle, geblieben, die Nacht
sei von ihnen unter tausend Eulenspiegeleien hingebracht worden, und erst am
Morgen habe sich das Rudel in Bewegung gesetzt.
    Nicht ohne Unruhe hrte Hermann diese Erzhlung. Da das junge Frauenzimmer
Flmmchen gewesen sei, stand auer Zweifel, und da Johannen in ihrer
Gesellschaft so manches begegnen knne, was diese verletzen mute, hatte er zu
besorgen. Alles das spornte ihn zur grten Eile an; er gab doppelte
Trinkgelder, der Wagen flog nur ber die tennengrade Chaussee, und so erreichte
er noch vor Sonnenuntergang die Gegend, in welcher Flmmchens Haus, eine
Viertelstunde von der Heerstrae hinter Birken- und Tannenwldchen lag.
    Sie kam ihm im Garten entgegen, durch welchen man zu dem Hause gelangte.
Habe ich es nun recht gemacht, rief sie, die Schne, Prchtige bei mir in
Sicherheit zu bringen? Ich bin doch das gutherzigste Geschpf von der Welt, euch
beide bei mir zu beherbergen, denn da du nachsetzen wrdest, konnte ich mir
wohl denken.
    Wo ist Johanna? fragte er. Droben auf ihrem Zimmer, das deinige ist
daneben, versetzte Flmmchen und sprang fort, um sie von der Ankunft des
Freundes zu benachrichtigen. Nach einigen Gngen, die er durch den Garten
machte, erschien Johanna, Flmmchen an der Hand, welche neben der vollen,
schlanken, hohen Gestalt wie ein Kind aussah. Er nahte sich der verehrten Frau,
und beugte sich in tiefer Rhrung ber ihre Hand. Knnen Sie mir vergeben?
fragte er leise.
    Es wrde mir unaussprechlich wehe getan haben, wenn ich Sie nicht
wiedergesehen htte, versetzte sie sanft. Doch nun ist es ja gut, Sie sind
wieder da, und nehmen durch Ihre Ankunft einen Teil meiner Leiden mir vom
Herzen.
    Sie standen, gegeneinander geneigt, die Hnde vereinigt, Auge in Auge, und
es wrde schwer sein, von dem Zuge, der ihre Seelen jetzt bewegte, Rechenschaft
zu geben. Flmmchen hob sich auf die Fe, fate ihr Gewand mit anmutiger
Gebrde, und begann in lieblichen Kreisen die Gruppe zu umschweben. Immer weiter
wurden diese Kreise; endlich berhrten sie ein Gebsch, hinter dem die Tnzerin
verschwand.
    Er fragte Johannen, wie es ihr hier gefalle, und wie lange sie an diesem
Orte zu weilen gedenke? Sie versetzte, da er ihren Entschlu am folgenden Tage
vernehmen solle, und da sie dabei auf seine Hlfe rechne.
    Das wundersame Kind, bei dem Sie mich finden, sagte sie, hat mich fast
gezwungen, ihren Wagen und ihr Haus anzunehmen. Sie scheint von der Gewalt
pltzlicher Eindrcke abhngig zu sein, und der, welchen ich auf sie gemacht,
mu mit groer Strke gewirkt haben, denn sie klammerte sich so fest an mich,
da ich mich kaum ihr entwinden konnte. Im Wagen setzte sie sich mir gegenber,
um mich immer betrachten zu knnen, wie sie sagte.
    Hermann, der unter diesen und andern Gesprchen mit seiner Freundin durch
den Garten ging, mute sich im stillen bekennen, da Flmmchen so unrecht nicht
habe. Wenn Migeschicke gewhnlichen Menschen leicht etwas Widerliches geben, so
verschnen sie dagegen den Ausdruck hherer Naturen und breiten auch ber die
Gestalt einen Zauber der Verklrung. Johanna schritt neben ihm wie eine
tragische Knigin; selbst die Marmorblsse ihrer Wangen erhhte den Reiz, der
von ihr ausging.
    Vor dem Hause entlie sie ihn, und wnschte ihm gute Nacht, da sie den Abend
allein zuzubringen wnsche. Flmmchen stand in der Tre, kniete vor ihr nieder,
und fragte: Darf ich dich bedienen? - Wenn es dir Freude macht, so tue es
immerhin, versetzte Johanna.
    Nachdem er seine Sachen auf dem ihm angewiesenen Zimmer hatte ablegen
lassen, trieb es ihn wieder in das Freie. Nur durch eine Tr von Johannen
geschieden, ohne bei ihr sein zu drfen, war er von einer Unruhe berfallen
worden, welche ihn zwischen den vier Wnden nicht litt.
    Ein lauter frhlicher Gesang zog ihn nach einem entlegneren Teile des
Gartens. Das lustige Lied erscholl aus einem gerumigen Gewchshause, hinter
dessen groen Glasfenstern er bei dem ungewissen Lichte des Abends noch eben die
Snger erkennen konnte. Die jungen Leute waren es, Flmmchens Gefolge. Sie
hpften zwischen den Palmen, Pisangs und Geranien wie verrckt umher, und
mancher Topf fiel von seinem Brette. Der beleibte Mann, welchen Flmmchen den
Kurator genannt hatte, sa rgerlich unter einem Kaktus, und schien sich dieser
Gesellschaft zu schmen, besonders als er Hermanns ansichtig wurde. Er machte
seine jungen Genossen auf den Fremden aufmerksam, worauf der ganze Schwarm an
die Scheiben sprang, und Hermann mit possierlichen Gebrden anstarrte. Dieser
hielt es der Hflichkeit angemessen, dem ltlichen Manne einige Worte zu sagen,
konnte aber seine Absicht nicht erfllen, weil er die Tre des Gewchshauses
verschlossen fand.
    Als er noch vergeblich klinkte, hrte er hinter sich gehn. Er wandte sich
um, und sah die Alte mit einem groen Korbe voll Ewaren herbeikommen. Ihre Zge
waren noch schrfer geworden, ihre Farbe hatte sich tiefer gebrunt. Ein buntes
wollnes Tuch, welches sie um das Haupt trug, gab ihr ein auslndisches Ansehen.
Seid mir gegrt, sagte sie mit der rauhen Stimme, an welche er sich von dem
westflischen Walde her erinnerte. Ja, ja, was einmal sich getroffen hat, kommt
immer wieder zusammen.
    Was tust du hier? fragte Hermann.
    Ich will die Menagerie fttern, erwiderte die Alte, ffnete die Tre des
Gewchshauses und schob den Ekorb hinein, ber dessen Inhalt die jungen Leute
gierig herfielen. Drfen wir nicht heraus? fragte einer. Nein, antwortete
die Alte, bis auf weiteren Befehl bleiben die Tiere eingesperrt. Nur der Dicke
soll in Freiheit gesetzt werden, und dem Herrn Gesellschaft leisten.
    Auf diese Worte kam der Kurator heraus, und sagte zu Hermann mit anstndiger
Verbeugung: Rechnen Sie mir es nicht zu, mein Herr, da Sie mich unter so
lcherlichen und fast unschicklichen Umstnden kennenlernen. Ich bin wirklich
ein ganz geachteter Geschftsmann, und werde von vielen angesehenen Familien mit
ihrem Vertrauen beehrt. Das junge eingesperrte Gesindel zwang mich, so sehr ich
mich auch dagegen strubte, mit in den Kficht zu gehn, worin ich denn bei ihren
Possen, ohne Speise und Trank, diesen ganzen Tag habe versitzen mssen.
    Auf nhere Erkundigung vernahm Hermann, da Flmmchen sehr in Zorn geraten
sei, als der Schwarm ihrer unreifen Verehrer ungeachtet des Gebots, mehrere Tage
lang fernzubleiben, sich dennoch bei dem Landhause wieder gezeigt habe. Mit dem
Rufe: Ich habe jetzt Besuch, der fr euch zu gut ist! sei darauf die
Einsperrung im Gewchshause anbefohlen und auch sogleich vollzogen worden, denn
die jungen Leute tten alles, was sie wolle.
    Die Alte verschlo das Gewchshaus, und Hermann ging zwischen ihr und dem
Kurator nach der Villa zurck. Ist es wahr, fragte er den Kurator lateinisch,
um von der Alten nicht verstanden zu werden, da Sie sich hier als Curator
ventris aufhalten?
    Leider, versetzte der Kurator seufzend in derselben Sprache. Es ist die
Torheit der jetzigen reichen und vornehmen Leute, alles delikat anfassen zu
wollen. Die junge Witwe hat sich fr schwanger erklrt, oder vielmehr, das alte
Weib hat dies ausgesprengt, mglicherweise in betrgerischer Absicht, weil, wenn
ein Erbe erscheint, die Mutter desselben noch lange Jahre hindurch den
Niebrauch aller dieser Besitzungen behlt. Statt nun schlechtweg eine Hebamme
zur Untersuchung abzusenden, bin ich erwhlt worden, den Lebenswandel des
Flmmchens zu beobachten, weil man durchaus mit Zartheit in der Sache verfahren
wollte. Was diese aber bewirken soll, ist mir unbegreiflich. Das Flmmchen lebt,
wie es mag, und es fehlt mir an allen gesetzlichen Mitteln, dagegen hindernd
einzuschreiten, so da ungeachtet meiner Anwesenheit dennoch jeder Unterschleif
geschehen kann. Aber man ist abhngig und mu sich daher auch den Grillen seiner
Klienten fgen. Das Verzweifeltste bei der Sache ist, da ich selbst von der
Unwahrheit jener Angabe berzeugt bin, und nichtsdestoweniger glaube, die
Spitzbbin, welche uns da begleitet, wird ihre Knste in das Werk zu richten
wissen, wie sie es denn auch wahrscheinlich gewesen ist, welche den seligen
Domherrn mit dem Mdchen zusammenkuppelte.
    Die Alte, welche bis jetzt still vor sich hin gegangen war, blieb stehn,
warf auf beide einen hhnischen Blick und murmelte: Sprecht ihr nur lateinisch;
das Kind ist auf der Reise nach Deutschland, und wird zur rechten Zeit
ankommen.
    Das Landhaus war hell erleuchtet, auf allen Gngen, in jedem Vorsaale und
Zimmer brannten Lampen und Lichter. Diese Verschwendung findet hier bestndig
statt, sagte der Kurator, denn Flmmchen frchtet sich vor dem Dunkel, und
lt daher, sobald der Abend einbricht, die Finsternis aus jedem Winkel jagen.
Besonders empfindet sie ein Grauen vor den Hinterzimmern des Gebudes, in deren
einem noch die Leiche des seligen Domherrn einbalsamiert und unbedeckt 10 steht.
Der Gute hatte im Testamente anbefohlen, ihn in Spiritus zu setzen, um sich
physisch bis in die sptesten Zeiten erhalten zu wissen. Da nun diese ungereimte
Verfgung nicht wohl auszufhren war, so whlte man jene annhernde Art der
Bewahrung, und wird die Leiche beisetzen, sobald in dem dazu bestimmten
Gartentempel die ntigen Vorkehrungen getroffen sein werden.
    In der Tat, rief Hermann, es kommt mir hier so vor, als ob ich mich in
einem Irrenhause befnde.
    Ja, versetzte der Kurator, es weht in dieser Luft etwas Ansteckendes, ich
bin oft fr meinen Verstand hier besorgt, um so mehr, als ich das gefhrliche
Beispiel vor mir habe, da Menschen auch ohne denselben fertig zu werden
wissen.
    Flmmchen zog beide hpfend nach einem strahlend hellen Zimmer, in welchem
ein runder Tisch gedeckt stand. Gute Speisen waren aufgetragen, feine Weine
fehlten nicht. Nun et, was euch beliebt, rief sie, es ist mir nichts
Langweiligeres, als die Reihenfolge der Gerichte zu halten, das kommt mir vor,
als wenn man nach einer Karte spazierengehn wollte. Mit diesen Worten verzehrte
sie einige Frchte und Konfekte, die zum Nachtische gehrten, und lie diesem
Genusse Fische und Fleischspeisen folgen.
    Der Kurator, welcher keinen Blick von ihr verwandte, suchte sich dennoch im
Gleichgewichte zu erhalten, und begann, allerhand Geschftsverhltnisse zu
erzhlen, welche smtlich seine rechtschaffne und edle Gesinnung bewahrheiten
sollten. Die Erinnrung an seine Tugend rhrte ihn so, da er hufige Trnen
vergo. Flmmchen, welche ihn bestndig auslachte, versicherte ihn zu fterem,
er sei dennoch ein abgefeimter Vogel, und flsterte Hermann zu: Jetzt will ich
den Hanswurst fortschaffen. Mit einem Sprunge war sie auf seinem Schoe, kte
ihn, und rief schmeichelnd: Sprich, mein Liebster, wie hast du es angefangen,
so brav und gut zu werden? - Der Kurator war unfhig, etwas zu erwidern, seine
Augen starrten das schne Kind an, sein Mund war durch die Ksse in den Zustand
versetzt worden, welchen man die Sperre nennt; so gewhrte er einen beraus
lcherlichen Anblick. Flmmchen stie, wie von ungefhr an das Glas, welches er,
mit Burgunder gefllt, in der Hand hielt; es entsank ihm, und die rote Flut
strmte ber den Tisch. O weh! rief Flmmchen, da verdirbt er mir das feine
Gedeck, hurtig in die Kche, und Salz geholt! - Verlegen, ohne aufzusehn,
schlich der bestrzte Geschftsmann fort, und Flmmchen schlo hinter ihm die
Tre ab.
    Hermann sagte, als er mit ihr allein war: Wie magst du nur dieses wilde,
leichtfertige Treiben rechtfertigen? Geh doch endlich in dich, und bedenke, da
du durch dein unschickliches Benehmen dich selbst aus den Kreisen vernnftiger
Menschen bannst. Ich nehme herzlichen Anteil an dir, aber wie soll ich ihn
bettigen, wenn solche Streiche bestndig allem Rate, jeder Warnung
entgegentreten? Zu spt, wenn ein aufgegebner Ruf, ein siecher Krper dich elend
gemacht haben werden, wirst du Reue empfinden, dann bin ich vielleicht dir fern,
und niemand steht bei dir, der auf deine Seufzer hrt. Versprich mir, Flmmchen,
deine Lebensweise zu ndern, entferne vor allen Dingen diese sittenlosen jungen
Leute, welche sich wenig fr deine Gesellschaft ziemen, und schicke die bse
Alte fort, von der ich nichts Gutes glaube.
    Noch mehrere wohlgemeinte Ermahnungen fgte unser Freund hinzu, und hatte
dessen nicht acht, da Flmmchen whrend seiner Rede leise weg und hinter einen
Ofenschirm geschlichen war. Er schmeichelte sich, da er Eindruck auf sie
gemacht habe, da sie ihre Beschmung hinter dem Schirme verbergen wolle, als
dieser umgeworfen wurde, und Flmmchen, ihr Tagesgewand ber den Arm gehngt, im
leichtesten Nachtrckchen sich zeigte, welches den Glanz der Achseln und des
Busens unverhllt lie, und kaum bis an die Knie hinabreichte.
    Ungezogenheit ber Ungezogenheit! rief er.
    Es ist Schlafenszeit, sagte sie ghnend, und ich konnte deine Predigt
nicht besser benutzen, als mich whrend derselben zu entkleiden. Ihr mt die
Flamme flackern lassen, wie sie mag. Gute Nacht.
    Sie wandte sich, und wies ihm, durch eine Tapetentre entschlpfend, den
gewlbten Nacken und die runde, zierliche Wade.
    Drauen sang sie folgendes Lied:

Wer mir sagte, wo das Mdchen
Ihres Auges Blick gewonnen!
O verkndet, wo das Fdchen
Ihres Leibes ward gesponnen?

Ach, zerging' ich in die Lfte,
In die leichten, in die warmen!
Durch die Wlder, durch die Klfte
Schwebt' ich dann mit freien Armen!

Er hob den Ofenschirm auf. Eine groe tragische Maske war in demselben
eingestickt. Sein Traum im Frsterhause, welcher ihm das umfallende
Medusenhaupt, und Flmmchen dahinter hervorspringend gezeigt hatte, trat ihm
wieder vor die Erinnrung. Die Maske mit ihren starren, furchtbaren Zgen und
toten Augenhhlen konnte wenigstens fr ein Analogon jenes erstarrten Antlitzes
gelten. Noch nher aber dem Traume kam seine Stimmung, in welcher ppige und
grauenhafte Bilder durcheinanderschwankten.

                                Zwlftes Kapitel


Am folgenden Morgen wurde er zu Johannen berufen. Sie machte ihm ihren Entschlu
bekannt, das Verlangen der Herzogin erfllen, und den einsamen Aufenthalt,
welchen ihr diese in ihrem Briefe bezeichnet hatte, annehmen zu wollen. Hermann
wurde ersucht, dies dem Bruder und der Schwgerin zu melden. Also werden Sie
doch noch Ihren Auftrag ausrichten, sagte Johanna schmerzlich lchelnd. Sie
vermitteln meine Rckkehr, nachdem jeder Gedanke daran Ihnen und mir
verschwunden war. So geht es oft im Leben. Wir glauben uns von manchen
Anfordrungen, von diesem und jenem Verhltnisse weit, weit entfernt zu haben,
und unerwartet fhlen wir uns in lngst abgeschttelten Banden gefesselt.
    Hermann erlaubte sich, manches gegen diesen Plan einzuwenden, der ihm
durchaus unheilsam zu sein schien. Er sprach den Wunsch der Meyer aus, und fgte
hinzu, da wenn sie auch diesem sich abgeneigt zeigen mchte, ein Leben und
Wohnen unter gleichgltigen, fremden Menschen in ihrer Lage gewi doch noch dem
Drucke widerstrebender Umgebungen vorzuziehn sei.
    Johanna versetzte: Zu meiner Freundin kann ich mich nicht begeben. Bei
manchen Schicksalen ist Entfernung, Verndrung von Luft und Boden unerlalich.
Wie sollte ich es ertragen, da, wo ich unaussprechlich gelitten, noch einmal in
der Erinnrung alle Qualen nachzuleben? Was mich bei dem Herzoge und seiner
Gemahlin erwartet, wei ich recht wohl. Waren wir doch schon in jenen frheren
Tagen einander unverstndlich! Er ist mehr ein Begriff, als ein Mensch, und sie
hat, ungeachtet aller Gte, etwas unendlich Peinliches in ihrem Wesen. Ich
mochte tun, was ich wollte, fr mich sein, oder in Gesellschaft, lesen oder
frische Luft schpfen, so hatte ich beziehungsvolle Reden ber weibliche
Genialitt, Gelehrsamkeit und dergleichen anzuhren. Daneben glaubte sie denn,
und glaubt es noch in ihrem Briefe, mich zu lieben, whrend sie doch immer nur
mit dem ganzen Dnkel solcher wohlwollenden Qulgeister eine anmaliche
Vormundschaft ber mich hat ausben wollen.
    Und dennoch? ...
    Und dennoch. - Ich sehe voraus, wie man mich beobachten, bemitleiden, und
auf die beste Manier von der Welt nach und nach einzwngen wird, und dennoch
whle ich diesen Kerker. Soll uns das Bittre s schmecken? Ist eine Eigenschaft
des Jochs nicht die Schwere? Ich habe gefehlt, nicht wie meine Verwandten
meinen, aber ich irrte, indem ich whnte, uns Frauen der neueren Zeit sei die
Begeistrung erlaubt, sei es erlaubt, auf den Schwingen der Begeistrung dem Manne
entgegenzuschweben, der unsrer wert ist. Wir sind Geschpfe der Familie, auf sie
sind wir gepflanzt, und so ist es nur ein gerechter Gang meines Lebens, wenn ich
nun dem mich demtig ergebe, was mir die Familie bedeutet, wenn ich alles
geruhig erdulde, was auf diesem Boden drckend und feindlich fr mich
emporsteigt.
    Da er sie fest bestimmt sah, so lie er von weiterem Zureden ab und entwarf
den Brief an die Herzogin. Johanna berlas ihn und strich daraus alles weg, was
ein Lob ihrer Person enthielt. Nachdem die von ihr gebilligte Abfassung zustande
gekommen war, wurde ein reitender Bote damit nach dem Schlosse des Herzogs
gesendet, der die Antwort zurckbringen sollte. Diese wollte Johanna auf dem
Landhause erwarten.
    In diesem wurde es nun sehr lebendig. Johanna hatte ausdrcklich befohlen,
da um ihretwillen kein Zwang eintreten solle, indem sie sich schon
zurckzuziehen wissen werde, wenn das Getse ihr beschwerlich falle. Es waren
daher auch die jungen Leute in Freiheit gesetzt worden, die es nun an Lrmen und
Unruhe nicht fehlen lieen. Von den Beschftigungen, womit sie ihren Tag
hinbrachten, fhren wir nur beispielsweise an, da einer derselben auf nichts
bedacht war, als vom Morgen bis zum Abend seinen Backenbart in Ordnung zu
halten, und da ein andrer in einem mitgebrachten blechernen Reisekomfort
fortwhrend Beefsteaks briet, welche er dann zum Fenster hinauswarf.
    Hermann konnte daher Flmmchen eigentlich nicht unrecht geben, als sie auf
seine wiederholte Ermahnung, sich dieser Umgebung zu entuern, versetzte:
Warum schiltst du mich? Andre halten sich zur Gesellschaft Hndchen und
ffchen, wogegen ich einen Widerwillen habe; ich halte mir diese, die aus guter
Familie und nicht so unreinlich sind, wie jene Geschpfe.
    Zu den possenhaften Bewohnern pate die rtlichkeit vollkommen. Die Villa
war der treue Abdruck des Sinns, wodurch der Domherr sein Leben zersplittert
hatte. Da nichts an seiner Stelle stand, die Sthle fast berall in ungerader
Zahl vorhanden waren, Schrnke und Sofas hufig schief gerichtet mitten in den
Zimmern angetroffen wurden, konnte auf Flmmchens Rechnung kommen, welche
behauptete, das Gerte sei da, sich umherstoen zu lassen. Allein so manches
andre bezeichnete das Gehuse, welches der verstorbne Besitzer selbst um sich
geschaffen hatte. So war die Bibliothek, wenn man einen Haufen willkrlich
zusammengeraffter Bcher mit diesem Namen belegen will, unmittelbar an der
Kche, ja fast in derselben angebracht, weil der Domherr sich eine Zeitlang
eingebildet hatte, der Dampf der Speise strke, als eine Art leichter
olympischer Nahrung den Geist beim Studieren. Rosenkreuzerische Symbole fanden
sich neben schlpfrigen Bade- und Toilettenszenen, ein astronomisches Kabinett
wies bei nherer Untersuchung nur pappene Fernrhre und Quadranten auf. Der
Verstorbne war nmlich, gerade als Maler und Schnitzler die entsprechende
Verzierung des Raums vollendet hatten, seiner schnell entstandnen Liebhaberei zu
den Sternen wieder berdrssig geworden, und hatte sich nun begngt, die
Instrumente und Vorrichtungen selbst nur als theatralische Requisiten
hinzuzufgen.
    Einmal besah Hermann, der hier viel mige Stunden hatte, um die Zeit
hinzubringen, die Naturalien, welche in einem kleinen Kmmerchen aufbewahrt
wurden. Ausgestopfte Tiere, neuseelndische Waffen, Walfischrippen, Erze,
Konchylien waren ber-, unter-, nebeneinander gestopft; man konnte sich zwischen
dem Gerlle kaum durchwinden. Groe chinesische Figuren standen in den Ecken,
und wiegten wie Denker, bedchtig die Porzellanhupter. Hermann ffnete eine
Tre, und betrat ein angrenzendes dunkles Gemach, in dem seine Futritte
widerhallten. Hier die eigentlichen Schtze vermutend, lie er sich Licht
bringen, und erstaunte nicht wenig, als er sich in einem ganz leeren, blau
angestrichnen, groen, saalartigen Zimmer sah, in welches kein Tagesstrahl
dringen konnte, weil demselben die Fenster fehlten. Er erkundigte sich bei dem
Bedienten, wozu dieser leere Raum diene, und weshalb man nicht hier, wo Platz
genug vorhanden sei, die Sammlung aufgestellt habe? Der Bediente versetzte, da
die beiden Gemcher eine Allegorie darstellen sollten, das kleine mit seinem
Inhalte bedeute die Mannigfaltigkeit der Natur, und das groe, leere, blaue, die
Ewigkeit, zu welcher die Natur hinfhre; so habe es der selige Herr erfunden und
ausgedacht. Ein Vorhang an der Hinterwand reizte Hermanns Neugier. Dahinter,
sagte der Bediente auf seine Frage, sollte der liebe Gott angebracht werden,
aber der selige Herr ist darber gestorben, und nun haben wir ihn selbst dort
als Mumie vorderhand beigesetzt, weil kein andres Gela dafr brig war. - Er
zog an einer Schnur, der Vorhang flog zurck, und Hermann erblickte auf einem
Stufengerste in der Nische einen Sarkophag in gyptischem Geschmack. Ohne sich
durch seinen Ruf, da er nach dem Anblicke nicht verlange, irremachen zu lassen,
hob der Bediente in seinem Eifer, dem Fremden die grte Seltenheit des Hauses
zu zeigen, den Deckel ab, und Hermann mute mit Widerwillen eine eingetrocknete
menschliche Gestalt, von weiem Faltengewande bekleidet, wahrnehmen, welcher die
Kunst diesen kmmerlichen Scheinbestand gesichert hatte. Er wandte sich nach
kurzem Hinblick ab, zur Verwundrung des Bedienten, welcher diesen Abscheu nicht
begreifen konnte, und seinerseits die grte Zufriedenheit ber den so wohl
erhaltnen seligen Herrn aussprach.
    Der Gedanke, mit einem Leichname unter Dach zu sein, war nicht angenehm. Die
albernen Einrichtungen und Zusammenstellungen des Hauses verwundeten Sinn und
Auge. Das Getse, welches die jungen Leute machten, war oft unleidlich. Eine
groe Menge hinterlaner Kanarienvgel, fr welche Tierart der Domherr eine
besondre Vorliebe gehabt hatte, warf in dieses Wirrsal die schmetternden,
ohrzerreienden Tne. Wollte er dem Schwindel drauen entgehn, so schreckte ihn
der vernachlssigte Garten, in welchem allerorten wilde Ranken und Sprossen
berwucherten, wieder in das Haus zurck.
    Flmmchen sah er wenig. Sie fuhr in der Nachbarschaft umher, eine groe
Ballgesellschaft zusammenzubitten. Gebt acht, hatte sie beim Einsteigen
gesagt, wenn ich nur selbst komme und ihnen das Wort gnne, so fliegen alle
alten und jungen Gnse in meinen Stall.
    Die braune Zigeunerin umschlich ihn mit sonderbaren Blicken. Noch immer sah
er sie Kruter sammeln, welche sie aber jetzt zu eignen Heilzwecken verwendete.
Sie machte nun selbst den Arzt, tglich kamen Leute aus der Gegend zu ihr; man
hielt sie fr eine Wundertterin, und ihr Ruf stieg um so hher, als sie nie
Bezahlung nahm. Sie schien unsrem Freunde etwas vertrauen zu wollen, denn sie
machte sich oft ein Gewerbe bei ihm, und sah ihn dann so eigen an, da ihm in
ihrer Nhe wunderbar zumute ward. Er wnschte sehnlich die Rckkehr des Boten
herbei, denn er wollte nur Johannen zum Wagen fhren, um dann sogleich in die
selbstgewhlten Beschrnkungen einzutreten, da er doch wohl einsah, da er
keinen Einflu auf Flmmchen habe.

                              Dreizehntes Kapitel


Nur wenn er sich bewut ward, da er Johannas Wandnachbar sei, oder wenn er bei
ihr verweilen durfte, empfand er eine Beruhigung in diesem Treiben. Er war viel
bei ihr, aber doch nicht so oft, als er wnschte. Eine Zrtlichkeit ohne
Leidenschaft trieb ihn gegen sie, er begriff nicht, wie er nach ihrer Abreise
sich werde zu fassen imstande sein, und doch konnte er Corneliens zu gleicher
Zeit gedenken, lebhaft und schmerzlich nach ihrem, ihm fr immer entzognen
Besitze verlangen. Er wollte sich Vorwrfe ber diese Doppelempfindung machen,
die seinem Verstande zweideutig erschien, aber es stellte sich keine Reue ein,
sein Gefhl blieb unversehrt. Er war ein Fremdling in seinem eignen Herzen
geworden.
    Es gibt nicht Erquickenderes, als den Anblick einer groen vornehmen Seele,
welche das Unglck als etwas ihr Gehriges, als das heilige ihr von den obern
Mchten verliehene Eigentum nimmt und hinnimmt, whrend kleine Gemter sich
gegen dieses Erbteil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos
sperren. Johanna war ruhig, selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht,
da ihr Los ihr fr immer zerstrt zu sein scheine, aber, setzte sie hinzu,
wie unendlich wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandsttte berschaue, als
damals, wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kmpfte!
    ber die Geheimnisse ihrer unglcklichen Ehe, ber Medons Charakter, und die
pltzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges
Stillschweigen. Einmal hatte Hermann versucht, von weitem und in der
bescheidensten Weise ihre Lippen ber diese Dinge aufzuschlieen, war aber mit
den Worten, da man von unheilbaren Schden nicht reden msse, zurckgewiesen
worden. Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehllt,
und er brachte von denselben nur in Erfahrung, was die Gerchte aus der
Hauptstadt meldeten, aus welcher ihm whrend dieser Tage mehrere Briefe zukamen.
Sie sprachen von einer groen Verschwrung, welche auf den Umsturz des Thrones
und auf Frstenmord berechnet gewesen sei. Die bedeutendsten Mnner seien in das
Komplott verflochten, selbst Staatsminister bezeichne die ffentliche Stimme
wenigstens als entfernte Teilnehmer.
    Einen dieser Briefe, den ihm Madame Meyer geschrieben, mute er Johannen,
wiewohl er es ungern tat, zum Lesen geben, da er mehreres fr sie insbesondre
enthielt. Nachdem sie ihn durchgelesen, sagte sie: Es steht besser und
schlimmer, als diese Zeilen berichten.
    Sehr wohltuend war das Verhltnis, in welches sie sich zu den Umgebungen
gesetzt hatte. Zuvrderst war in den Zimmern, welche sie innehatte, unter ihren
und Hermanns Hnden Ordnung und Ebenma entstanden, alles Anstige hatte sich
aus denselben still verloren, manches wrdige Kunstwerk, welches der Domherr
denn doch auch mit vielem Tande zufllig hin und wieder erworben, war ihr von
Flmmchen und der Dienerschaft, als msse dieses so sein, zugebracht worden. So
hatten ihre Gemcher bald das Ansehen einer schnen Insel inmitten eines wsten
Meeres von Unsinn.
    Von dem Getse, welches unsrem Freunde so beschwerlich fiel, schien sie
nichts zu vernehmen. Als ihr Hermann seine Bewundrung ber dieses gleichmtige
Erdulden aussprach, erwiderte sie: Ich habe mir vorgenommen, nicht danach
hinzuhren, und so gelingt es mir auch. Man sagt, da die Bewohner einer Mhle
sich an deren Klappern gewhnen knnen, da sie sogar aus dem Schlummer
erwachen, wenn die lrmenden Rder gehemmt werden, und die hiesigen Tne sind
doch noch nicht so laut und schlimm, als Mhlengerusch.
    Trat sie aus ihren Zimmern, so verwandelte sich vor ihrer Erscheinung alles,
was der Verwandlung fhig war. Die jungen Leute lieen von den Albernheiten ab,
nahten ihr bescheiden und waren auf eine Zeitlang anstndig und gesittet. Die
Diener und Mgde, welche sich in dieser aufgelsten Wirtschaft ein gemeines
lautes Wesen angenommen hatten, gingen, still, mit niedergeschlagnen Augen, ihre
Wege, und widersprachen, wie sie sonst pflegten, den erteilten Befehlen nicht;
Flmmchen endlich trocknete Trnen, welche ein ihr ewig Versagtes beweinten.
    Zum zweiten Male in kurzer Zeit erblickte Hermann die Wirkungen der
Weiblichkeit ber eine rohe Welt. Wie Cornelie dort ber die Hirten, so
herrschte hier Johanna ber die Barbaren, welche die Verfeinerung unsrer Zeiten
wieder erzeugt hat. Auch sie wute, wie Cornelie, nichts von ihrer Macht. Sie
ordnete selbst kleine gemeinschaftliche Vergngungen an, nahm an Spazierfahrten
und Wasserpartien teil, und schien sich einfach und natrlich zu dieser
Gesellschaft zu rechnen, von welcher sie ein unermelicher Abstand trennte.
    Das ist die heilige Gewalt der Frauen, welche sie zu Priesterinnen,
Heerfhrerinnen und Kniginnen kraftvoll aufstrebender Vlker macht, und der
sich zu keiner Zeit jemand ohne seinen Schaden entzieht.

                              Vierzehntes Kapitel


Flten, Geigen und Bsse ertnten im Ballsaale, welchen Flmmchen so hell hatte
beleuchten lassen, da der Glanz den Augen fast empfindlich ward. Eine
zahlreiche Gesellschaft war versammelt, deren Kommen die Vorhersagung des wilden
Kindes besttigte. Man war nur stark genug gewesen, frheren geschriebnen
Einladungen zu widerstehn, sobald die mutwillige Festgeberin sich in Person
zeigte, und einige schmeichelnde Worte verwendete, schwanden die Bedenken; alle
Vter und Mtter sagten sich und ihre Tchter zu, vielleicht zum Teil auch aus
Neugier, die berhmte unglckliche Frau kennenzulernen, deren Anwesenheit auf
dem Landhause schnell in der Nachbarschaft kund geworden war.
    Johanna hatte von Hermann ausdrcklich verlangt, da er am Feste teilnehmen
solle. Auch sie erschien, geschmckt und strahlend, und versagte sich den
ruhigeren Tnzen nicht. Als Hermann sie in der Polonaise fhrte, flsterte sie
ihm zu: Alles in diesem Landhause ist zu ertragen, nur die empfindsame
Zudringlichkeit des Kurators nicht. Er hat mich mit seinen Antrgen, mir helfen
und beistehn zu wollen, diese Tage her sehr gepeinigt, wenn er mir nur heute
fernbleibt!
    Wirklich hatte Hermann bemerkt, da der Kurator Johannen, sobald sie sich
ffentlich zeigte, nicht aus den Augen lie, und allen ihren Schritten folgte.
Flmmchen schien bei ihm auer Gunst gekommen zu sein.
    Auch an diesem Abende zeigte sich die Beeifrung des Verehrers. Er nahm
whrend einer Pause des Tanzes Hermann beiseite und sagte: Welche Erscheinung!
Wie wert, da man sich der Frau annehme! O Freund, lassen Sie uns fr die
Herrliche sorgen, stehen wir nicht ab, bis wir sie vermgen, in ihre
Verhltnisse zurckzukehren! Ganz gewi beruht Medons Schicksal auf einem
Irrtume, bald wird er seine Freiheit wiedererlangen, welche Schmach dann fr die
Gattin, den Gatten zur Zeit der Not verlassen zu haben! Nein, helfen Sie mir,
eine gestrte Ehe herzustellen, leiten wir die verirrte Frau in die Arme des
Mannes zurck!
    Ich dchte, man berliee den Personen, gegen welche man Verehrung fhlt,
selbst ihr Los zu bestimmen, sagte Hermann mit Empfindlichkeit. Der Gedanke,
Johannen und Medon wieder beisammen zu wissen, den der Kurator in ihm angeregt
hatte, war ihm uerst unangenehm. Dieser machte sich an Johannen, und es
verdro Hermann, da sie ihm freundlicher, als er es wnschte, und wollte, zu
begegnen schien. Er trank mehr Wein, als er sonst pflegte, und suchte seine
Aufregung in raschen Walzern mit muntern, schnen Mdchen zu vergessen.
    Mitternacht war vorber. Er setzte sich in ein Nebenzimmer und sah in die
Nacht hinaus. Das ganze Gefhl seiner ersten Jugend, welches er immer gegen das
Ende von Bllen gehabt, kam ber ihn. Wie die Tne des Tanzes gegen die groe
stille Nacht drauen in buntem Gewimmel ankmpften, und doch ihren Tod schon in
sich trugen, so erschien ihm das ganze Dasein im kurzen schnen Kriege gegen das
Unendliche, Farben- und Formlose befangen.
    Johanna hatte sich zurckgezogen. Er machte sich Vorwrfe, auch nur in
Gedanken ihr gezrnt zu haben. Morgen mute der Bote vom Schlosse des Herzogs
zurckkehren, wie nahe stand die traurige Trennung bevor! Sehnsucht und tiefe
unbezwingliche Liebe trieben ihn zur Tre ihres Zimmers.
    Kann ich Sie noch sprechen, Johanna? flsterte er. Sie ffnete und sagte:
Welch ein spter Besuch! Was fhrt Sie zu mir?
    Schmerz, Wehmut, Johanna. Wir gehen morgen auseinander, und wann sehn wir
uns wieder? Tief verbergen Sie Ihre Leiden, und gnnen dem Freunde nicht den
Trost, sie mit Ihnen teilen zu drfen.
    Sie reichte ihm die Hand und sagte: Keiner soll mir helfen, wenn ich der
Hlfe bedarf, als Sie. In aller Not und Trauer will ich ewig nach Ihnen schauen.
Wir sind verbunden; was kann uns scheiden? Rollt die Liebe auf den Rdern des
Wagens davon?
    Er hielt ihre Hand fest und fragte leise: Lieben Sie mich, Johanna?
    Von Herzen, versetzte sie. Soll denn nur das Blut, und immer nur das Blut
Geschwister schaffen? Darf nie das Gemt in freier schner Wahl das reinste Band
knpfen? Nein, ich werde den Glauben nicht aufgeben, da solche Neigungen
mglich sind. Vom ersten Augenblicke, da ich Sie sah, sind Sie mir wie ein
Bruder erschienen; lassen Sie mich Ihre Schwester bedeuten! Und zum Angedenken
dieser Stunde und meines Bekenntnisses empfangen Sie das beste, was eine Frau
darbieten kann.
    Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und die schnen unentweihten Lippen
berhrten die seinigen. Sanft sich emporrichtend, sagte sie: Wer wrde, das
sehend, nicht rufen, es sei Leidenschaft, Frevel! Und doch, wie fern bin ich von
allem ungestmen Wesen! Wie ruhig knnte ich Sie in den Armen einer andern sehn!
So wenig reichen unsre Begriffe an die Geheimnisse des Herzens.
    Zitternd, sprachlos, ging er durch die erleuchteten Gnge. Noch klang die
Musik in rauschenden Weisen. Wie htte er zu schlummern vermocht! ber alles
Hoffen hinaus war ihm sein Leben erhht! An seiner Brust hatte die Knigliche
geruht; er erlag fast unter der Brde eines fremden, unbegreiflichen Glcks.
    Ohne Absicht klinkte er an einer Tre. Sie tat sich auf, und da er in dem
dunkeln Raume an eine Tapete rhrte, so sah er sich, da dieselbe gewichen war,
unverhofft in dem groen, blauen Zimmer, welches er schon kannte, und zu dem
dieser zweite, verborgne Eingang fhrte.
    Die Alte sa auf einem bunten Teppich am Fuboden und hatte zwei Flaschen
neben sich stehn. Aus einer fllte sie sich ein groes Kelchglas bei Hermanns
Eintreten, und leerte es auf einen Zug aus. Das ist schn, rief sie, da Ihr
mich besucht! Ich liebe den Lrmen nicht, und habe mich hieher in die blaue
Ewigkeit zurckgezogen, um meinen Genu in der Stille zu finden, aber die
Gesellschaft eines Mannes, wir Ihr seid, soll mir ein kstliches Zugemse zum
Weine sein.
    In seiner Stimmung widerlich durch ihren Anblick gestrt, wollte er das
Zimmer verlassen. Sie trat ihm aber rasch in den Weg, und sagte: Nein, mein
Herr, so kommt Ihr nicht fort. Ist es recht, undankbar gegen gute Gesinnungen zu
sein? Nicht wahr, Ihr habt Euch heute so hoch erhoben im Fluge mit dem
Paradiesvogel, da Ihr das, was unter Euch zappelt, gar nicht mehr wahrnehmt?
Nun, nur Geduld, auch wir sinnen auf Euer Vergngen, wir wissen nur noch nicht,
wie es auszufhren.
    Ihre Augen funkelten, ihre Lippen lallten, sie glich einer Hexe. Hermann,
welcher den Zustand sah, in den sie der Genu des Weins versetzt hatte, tat
sich, um einen verdrielichen Auftritt zu meiden, Zwang an, und sagte: Ich kann
recht gern bei dir verweilen, wenn dir das einen Gefallen erzeigt.
    So sprecht Ihr vernnftig, erwiderte die Alte, trug den Teppich zur
Schwelle der Tre, und setzte sich dort nieder, ihm den Ausgang versperrend.
    Es gibt gar kein greres Unglck, sagte sie, indem sie fortfuhr, zu
trinken, als eine Wissenschaft mit sich umherzuschleppen, die dann im Grabe mit
einem verfault. Dem Arzte sagte ich sie, der wollte sie nicht glauben und lachte
mich aus, darnach verlor ich das Zutraun, und erst Ihr habt es wieder in mir
erweckt. Warum? wei ich selbst nicht; Ihr scheltet mich aus, und macht Euch aus
dem Flmmchen nichts, eigentlich mte ich Euch hassen, aber ich tue es nicht,
der Teufel mu mir die Freundschaft fr Euch angetan haben.
    Was soll das? Was hast du mir zu entdecken? fragte Hermann verwirrt.
    Die Heimlichkeiten der Bahre! kreischte die Alte, und leerte das
Kelchglas. Geniee das Leben, junges Blut, stampfe die Erde im Tanze, schlrfe
das l und Feuer der Traube, bette dich auf den Hften des Mdchens, denn wenn
du im Sarge dich streckst, so wird es anders, greulich und frchterlich. Die
einen sagen, es sei aus mit dem letzten Hauche, das ist nicht wahr, die andern
glauben, frei und ledig fliege die Seele auf vom Kote zum Himmel, das ist auch
nicht wahr, die einen lgen, wie die andern, ich wei es besser; Leben und Tod
sind nicht geschieden, wie Schwarz und Wei; ein entsetzliches Grau steht
dazwischen, die Verwesung. Da fhlt sich das modernde Fleisch noch als Fleisch,
da mchte das Blut, das in Klumpen und Wasser auseinanderrannte, noch
beisammenbleiben und vermag es nicht, da brennt in schaudervollem Schmerze das
Auge, dem die Sfte vertrocknen. O welches Wort nennte diese Pein! Welcher
Jammer reichte an solche Verwstung! Warum soll ich allein diese Furcht tragen,
an welcher das Menschengeschlecht umkme, wenn sie die Wahrheit erfhren? Einer
wenigstens mu mit mir zittern und beben, und der eine sei du!
    Wahnwitzige, schweige! rief Hermann, dem bei diesen Reden das Zimmer sich
umdrehte.
    Wahnwitzig? - Ich bin die Prophetin, du hre mir zu! Ich wei es, denn ich
habe es erfahren. Schon hatten sie mich ins Leichentuch gelegt, die Kerzen
brannten zu meinem Haupte, die schwarzen Mnner wurden bestellt, und ich konnte
mich nicht regen und rhren. Alles begann in meinem Leibe vorzugehn,
buchstblich, wie ich es Euch gemeldet, und die Wrmer rsteten ihre Zhne zum
Nagen. Ich war nicht lebendig und ich war nicht tot, ich war zwischen beiden. So
wre es dann fortgegangen, Schritt vor Schritt, bis dahin, wo die arme in eins
gefgte Kreatur, zerrissen, zersplissen, in der Luft strmet und weht, als Erde
friert, klebt und starrt, auf den feurigen Zungen der Flammen hpft und lodert,
und immer noch von sich wei, und wieder zu sich kommen mchte, aber nicht kann.
Hast du das klgliche chzen nicht gehrt in der Natur? Es ist der Hlferuf der
verwesten Seelen, die so umherflattern. Und mit andern Worten haben das die
Priester schon gesagt, wenn sie vom Fegfeuer sprachen. Mich aber gelstete nicht
nach diesem; in der letzten Angst rief ich den Starken zum Beistande, und der
erhrte mich. Er fachte das Lebenslicht in mir an, da es Herr wurde ber das
Elend und die faulen Dfte; da konnte ich die Finger regen und bald darauf die
Hand. Die Leute sahen es, sprengten mir flssige Geister in das Antlitz, und
sagten darnach: Diese ist von den Toten erstanden.
    Sie strich ihre schwarzen Haare und hing sie sich wie Schlangen um das
Haupt. Sage mir, wer bist du. Unheimliche, und woher stammst du? fragte
Hermann, dem die wilden Reden durch Mark und Bein drhnten.
    Ich bin eine Nonne aus Spanien, versetzte die Alte, gierig trinkend. Ich
betete fter als die andern alle zur Jungfrau Maria und den Heiligen, war ber
die Maen fromm. Keine bung konnte mir streng genug sein, die erste war ich auf
und die letzte von dem Chore. Sie nannten mich die Begnadigte, und ich stand in
hohen Ehren weit und breit umher. Da brach der Krieg herein, unser Kloster wurde
von den fremden Scharen erstrmt. Durch Rauch und Flammen, bei dem Zetergeschrei
der Schwestern, welche mit zerrinem Schleier die Gnge hinabirrten, drang der
schne Pole zu mir, ergriff mich und schleppte mich in die Kirche. Dort auf dem
Altare, unter dem Bilde derer, welche wir die Mutter Gottes hieen, bezwang er
mich, ungerhrt von meinem Weinen und Flehen. Ich schickte die jammervollsten
Bitten in den Schmerzen der Wollust empor zu dem Bilde, mir zu helfen, und
meinen himmlischen Brautkranz zu schtzen; aber es war umsonst, und ich lag da,
vernichtet und mir selbst ein Ekel. Da erkannte ich, da die Heiligen von Holz
seien, und der Himmel ein Rauch und verfluchte Gott noch an der nmlichen
Sttte. Folgte nach diesem dem Polen, und lebte mit ihm in verschiednen Landen
in groer brnstiger Herrlichkeit. Das Kind aber, so ich von ihm empfangen, trug
ich aus in der Verachtung Gottes, immer in mich hineinsprechend: Wachse du
Frucht meines Schoes ohne ihn, der da ist das uralte Nichts. Und da es zur Welt
kam, hatte es sich nicht, wie die andern Kinder, welche weinen, wenn sie geboren
werden, nein, es hat gelacht und der Wehmutter ein Gesicht geschnitten, als sie
es in ihren Hnden auffing.
    Aber ich war unselig ohne Gott, denn der Mensch mu einen Herrn haben. Wie
ich diesen gefunden in den Ketten der Zerstrung, sagte ich schon; Er, der
Starke, Dunkle, ist mein Knig und Gebieter worden, der mich in alle Wege
leitet. Ihr seht mich zweifelnd an, und schttelt das Haupt, weil ich im Walde
vom Kreuz zu Euch gesprochen, und von Himmel und Hlle, weil ich mich nach wie
vor eine gute Christin nenne. Das ist eben seine Gte und Gromut; er erlaubt es
uns, damit uns die Menschen nicht steinigen, er rt uns selbst, die Larve zu
tragen, und ist zufrieden mit unsres Herzens stillem verschwiegnem Dienste. Und
ich sage Euch, es gibt mehrere dieser Art auer mir. Aber horch, ich hre das
Flmmchen, sie soll uns den Tod und die Auferstehung tanzen.
    Die Alte richtete sich auf, wankte in eine Ecke, kniete dort nieder, stemmte
die Arme in die Seite, und hob an, ein Lied zu singen, welches Hermann, der,
sobald die Tre frei geworden war, hatte entfliehn wollen, mit magischer Gewalt
zurckhielt. Bei seinen Tnen trat Flmmchen ein, im vollen, ppigen Putze,
schritt, ohne selbst Hermanns zu achten, wie gefesselt und bezwungen auf die
Alte zu, senkte vor ihr das Haupt, und bewegte sich dann nach dem Takte der
Melodie rund im Kreise um ihn.
    Die Worte des Liedes waren wieder aus der fremden Sprache, welche Hermann
nicht verstand, aber Melodie und Ausdruck gaben den klaren Sinn. Tief und
wehmutsvoll klangen die ersten Strophen, ein Schmerz, der keine Grenzen und
keinen Namen hat, zitterte in ihnen, aber gehalten und bewut. Auf einmal fielen
in einem ganz wunderbaren, raschen Tempo wirbelnde, schneidende Tne ein, und
zuletzt sprudelte daraus ein Gewimmel von Lauten hervor, als wollten Rhythmus,
Worte, Musik einander aufheben und vernichten, ohne da gleichwohl die
dmonische Harmonie in diesem Aufruhre aller Takt - und Tongesetze unterging.
    Angemessen dem Liede waren die Tanzbewegungen Flmmchens. Das Haupt gesenkt,
die Arme schlaff am Leibe niederhangend, den Leib matt in den Hften wiegend,
setzte sie die kleinen, wie durch Starrsucht gefesselten Schritte, lieblich
immer, aber trge in die Runde. Es war mehr ein Schleichen, als ein Gehn, die
Augen hielt sie halbgeschlossen, die Lippen waren wie von Erschpfung geffnet.
So gab sie das Bild einer sterbenden Magdalena, an deren sen Fleische schon
der grimmige Freudenhasser nagt. Bald ging dieses Schleichen in ein vlliges
Stocken ber, kaum merklich waren noch die Bewegungen, sie erstarrte endlich,
sich auf die Knie niederlassend, zu einer Gestalt von Stein, durch deren Adern
und Fibern es nur noch wie ein unseliges Rieseln und Wirbeln lief. Der Anblick
dieses schnen Mdchenkrpers, seiner leisen, zuckenden Regungen war
unbeschreiblich rhrend, die Augen tat sie auf, und warf auf Hermann einen
erloschnen Blick, vor dem er gleichwohl die seinigen senken mute. Denn es rief
aus demselben wie mit schluchzendem Munde: Erlse mich, o du mein Geliebter,
aus den Krallen der zerwhlenden Elemente! So blieb sie einige Sekunden haften,
dann aber warfen die raschen schneidenden Strophen der Alten den Aufruhr auch in
ihre Glieder. Sie erhob die Arme, sie richtete sich auf ihre Fe, vorwrts und
rckwrts flog der Leib, von den geschwungnen Schenkeln bewegt; immer wilder,
zerbrochner wurde dieser rasende Tanz, die Glieder schienen sich voneinander zu
lsen und dahin und dorthin zu zerflattern, endlich schwebte das lemurische
Gebilde hauchartig in den Lften, denn kaum den Fuboden noch berhrten die
Spitzen der Zehen. Die Kreise hatte das tanzende Schattenhnliche aufgegeben, in
einer geraden Linie schwebte es gegen den Sarkophag in der Nische, von welcher
die Alte den Vorhang hinweggezogen hatte, und zitterte dann mit ngstlichem
Wenden von seinem Mumieninhalte zurck. Nachdem dieses Hinan - und
Zurckschweben einige Male stattgefunden hatte, verklang das Lied der Alten.
    Welches Ende das geisterhafte Schauspiel genommen, hat Hermann nie erzhlen
knnen. Er hatte, als er das gespenstische Schweben eine Zeitlang angeschaut,
vor dem verwirrenden Anblicke die Augen geschlossen, und sich mit abgekehrtem
Gesichte wider die Wand gelehnt. Da er sich umwendete, war er allein.
    Noch immer rauschten die Weisen des Balls fort, noch immer hpften unfern
frhliche Menschen, und hier waren ihm Offenbarungen des Grabes geworden! Die
Menschen, welche Zaubersttten betreten, deren Augen und Ohren in das Wesen und
Weben solcher Orte verstrickt werden, ben Sinn und Willen ein, die
berwltigte Seele lebt Jahre in Augenblicken, das Fernste, Unglaublichste tritt
ihr als Wahrheit nahe, die Wirklichkeit hat keine Macht mehr auf sie. In solcher
Verfassung war Hermann. Seinen durch Tanz und Wein aufgeregten Geist hatten im
Verlauf einer Stunde die fremdesten Gegenstze berhrt. Das edelste Menschliche
hatte ihm in tiefster Brust mit Liebesarmen geschmeichelt, hllischer Spuk war
dieser Seligkeit in aller Pracht des Abgrunds gefolgt. In den Haushalt der Engel
und in den der Teufel hatte sein erblindendes Auge schauen mssen, leider fehlte
ihm die Festigkeit des Dante, welcher einst die Last solcher Gesichte unverzagt
zu ertragen wute.
    Ohne zu wissen, was er tat, hob er jetzt selbst den Deckel des Sarkophages
ab, und starrte gedankenlos die trocknen Zge der Mumie an. Eine Weile hatte er
so gestanden, als durch die Tre, die nach dem Naturalienkabinette fhrte, der
Kurator eintrat. Ich bringe eine gute Neuigkeit, sagte dieser. Johanna
verlangt noch nach Ihnen, zu so spter, oder so frher Stunde, denn es geht auf
zwei Uhr, kann diese Bestellung nur das Beste bedeuten. Gewi ist in ihr der
einzige richtige Entschlu, den sie fassen konnte, aufgekeimt, und Sie sollen
ihr denselben ausfhren helfen. Gehen Sie schnell zu ihr.
    Hermann ging. Drauen auf dem Gange verlie ihn jener. Der Ball hatte
aufgehrt, unten fuhren die Wagen ab. Die Alte sah er umhertaumeln und auf den
Vorslen die Lichter und Lampen auslschen. Als er bei ihr vorbeiging, lachte
sie ihn an, und rief: Ihr schleicht noch zu Eurem hohen Lieb? Nun, eine
glckselige Nacht!
    Er ffnete sacht Johannas Zimmer. Es war dunkel, der Duft sen Rucherwerks
flo ihm entgegen. Er meinte, sich geirrt zu haben, trat einen Augenblick auf
den Gang zurck, und sah die Tre an. Aber das war seine, das war Johannas Tre!
Er tastete im Zimmer nach einem Stuhle, setzt sich auf denselben, und wollte
erwarten, da seine Freundin mit Licht komme.
    Da hrte er leise die Vorhnge des Betts rauschen. Was er noch von Besinnung
gehabt hatte, schwand. Er wankte der Gegend zu, von welcher das Rauschen
vernommen worden war. Johanna? fragte er glhend, bebend. Ja, antwortete es
kaum hrbar unter innigem Weinen. Ein Busen und Leib, dessen Berhrung die Glut
des Fiebers in ihm entzndete, drngte sich aus den Kissen ihm entgegen. Weiche
Arme umschlangen ihn, er sank auf das Lager, welches ihn erwartete, und die
Wogen des hchsten Genusses schlugen ber ihm zusammen.


                              Fnfzehntes Kapitel

Man hat den Maler gelobt, welcher, die Grenzen seiner Kunst erwgend, auf dem
Opfer der Iphigenia dem Vater Agamemnon das Haupt verhllte. Zu diesem oft
angefhrten Beispiele mssen auch wir unsre Zuflucht nehmen, wenn wir bekennen,
da unsre Feder die Empfindungen nicht schildern mag, welche Hermanns Brust
zerrissen, als der Tag in sein Gemach schien. Es gibt ein Bewutsein, von
welchem kein menschliches Wort das Gengende aussagen kann. Ach, und dennoch
sind die Dinge mglich, die so wtende Schmerzen in uns hervorrufen, und werden
uns Armen auferlegt!
    Im tiefsten Dunkel war er nach seinem Lager zurckgekehrt. Aus
unerquicklichem Schlummer mit dem Morgenrote emporfahrend, wollte er sich
berreden, das Erlebte sei nur ein lasterhafter Traum gewesen. Aber da brannten
und schmerzten seine wunden Lippen noch von wilden Kssen, da fehlte seinem
Finger der goldne Ring, den er zu tragen pflegte, und der ihm unter reizenden
Liebesspielen entschmeichelt und abgestreift worden war.
    Er war unglcklich, ganz unglcklich. Ein Heiligtum war geschndet, ein
Gtterbild von seinem hohen Stande schmhlich in den Kot gestrzt worden. Er
ging in den Garten, die Bume schienen ihm falbe Asche statt des Laubes auf
ihren Zweigen zu tragen, Luft und Sonne waren ihm zuwider. In die Laube, worin
er sich niedergesetzt, flog ein Vgelchen und sah ihn unschuldig - neugierig an.
Willst du meiner spotten? rief er und schlug nach dem Tiere.
    Im Garten, wie im Hause war alles still. Die jungen Leute, die Diener
verschliefen ihre Anstrengungen. Flmmchen war nicht zu sehen.
    Die Alte kam, ein dampfendes Getrnk auf silbernem Teller tragend, und sagte
feierlich - hhnisch: Ich bringe Euch Strkung, Ihr muntrer Ritter. Seht Ihr
wohl? Nun habt Ihr doch getan, was der Starke, Dunkle mir versprochen hatte. Ihr
lagt so recht der Tugend im Schoe, nicht wahr?
    Fort, du Scheuliche! rief Hermann, und schleuderte heftig die Alte
zurck, da die Tasse auf den Boden fiel und das Getrnk verschttet wurde. Ei
behte und bewahre, lat nur meine Knochen ganz! murrte sie und schlich davon.
    Ein Reiter sprengte an das Gittertor, in welchem Hermann den nach dem
Schlosse des Herzogs gesendeten Boten erkannte. Er zog einen paketartigen Brief
aus der Tasche und sagte: Ich bringe Antwort. - Gebt sie an die gndige Frau
ab, versetzte Hermann.
    Er zitterte, Johannen zu sehn. Er schauderte vor dem Gedanken, ihr Zimmer zu
betreten, auf dessen Schwelle sich die Erinnerungen der Nacht mit
Furienantlitzen lagerten. Die Vernichtung wre ihm willkommen gewesen.
    Ein Knabe kam und sagte: Sie werden im Birkenholze erwartet. Bewutlos
schwankte er hin; Johanna trat ihm dort entgegen und rief: Ich selbst in
schlimmer Lage, soll noch andern helfen. Medon, seiner Haft entwichen, ist hier
in unsrer Nhe, spricht mich um Rat an. Sie lie ich holen, um Schutz und
Beistand bei diesem unseligen Wiedersehen zu haben, da ich doch schwcher bin,
als ich meinte.
    Eine Gestalt im Mantel nherte sich, schlug die Verhllung zurck und Medons
bleiches, verwildertes Antlitz wurde sichtbar. Er strzte vor Johannen nieder.
Vergeben Sie mir alles, was ich an Ihnen getan! war sein erstes Wort.
    Stehen Sie auf, Medon, versetzte Johanna. Sie sind unglcklich; wie
vermchte ich, Ihnen zu zrnen? Wir Frauen haben die Eigenheit, selbst unsre
Irrtmer zu lieben, in diesem Worte werden Sie eine Beruhigung ber mich und
mein Gefhl fr Sie jetzt und knftig finden. Es war ein Irrtum, da ich Sie
liebte, aber ich habe Sie geliebt; vor dieser Wahrheit zerschmilzt alles Bittre
und Zrnende.
    Der Unglckliche brach in ein unendliches Weinen aus. Ist keine Hoffnung,
da wir uns je wiedersehen? fragte er leise.
    Keine, versetzte sie. Ich habe abgeschlossen mit Ihnen und mir. Ich
knnte noch fr Sie dulden und leiden, aber nicht mehr mit Ihnen leben.
    So hre denn, da in diesem Augenblicke, der mich auf ewig von dir
scheidet, mein Herz sich fr ewig an dich knpft! rief Medon mit aller Glut der
heftigsten Leidenschaft. Ja, nun, da ich dich einbe, sehe ich, was ich
verscherzt habe! Diese Anmut und Hoheit konnte mein sein und ich Sinnloser warf
sie hin um Nichtiges!
    Enden wir, sagte Johanna, auch mich verlt die Kraft. Gehen Sie aus
Europa; meine Briefe, welche ich Ihnen nach Ihrem verborgnen Aufenthalte senden
werde, ffnen Ihnen durch Freunde die Mittel und die Wege. Hier nehmen Sie die
Hlfte dessen, was ich besitze. Sie drfen nicht Mangel leiden. Und nun gehn
Sie, da Sie kein Spher ausforscht. Fassen Sie sich. Die Verzweiflung ist fr
schwache Seelen.
    Er bedeckte ihre Hand mit inbrnstigen Kssen, dann verschwand er zwischen
den Bumen. Johanna wandte sich zu Hermann und sagte zu ihm mit der himmlischen
Ruhe und Klarheit, welche ihre Worte an Medon durchleuchtet hatte: Auch wir
scheiden. Die Herzogin schreibt mir, da sie bei ihrem Anerbieten, mich wieder
aufnehmen zu wollen, beharre. Mein Wagen ist bestellt. Dieses Paket sendet sie
fr Sie. Leben Sie wohl. Ich fhle keine Reue, da sich mein Wesen Ihnen in
schrankenloser Zrtlichkeit ergab. Vielleicht lset das Leben, gewi der Tod
dieses schne Rtsel des Gemts; die selige Nacht, in der es aufblhte, gehrt
uns beiden zu unveruerlichem Eigentume.
    Hermann war unvermgend, zu antworten. Er sank auf eine Steinbank, als sie
ging. Die Welt wankte vor seinem Geiste in ihren Grundfesten. Erhalte mir das
Licht im Haupte, du heilige Macht da droben! rief er, und rang die Hnde.
Diese war Johanna, die Reine, die Unbefleckte! Sie lchelte und redete auch
noch ganz so, wie mein lieber hoher Engel von ehedem.
    Er erbrach das Paket. Die der Herzogin einst anvertraute Brieftasche, das
geheimnisvolle Vermchtnis seines Vaters, war in demselben. Folgende Zeilen
hatte die Herzogin in franzsischer Sprache dazu geschrieben:

Mir ist hinterbracht worden, welche Unsittlichkeit Sie auf unsrem Schlosse sich
erlauben zu drfen meinten. In dem durch Ihr Verhalten mir aufgeregten Gefhle
bin ich auerstande, lnger, was Ihnen gehrt, zu bewahren, und entlaste mich
durch die Rcksendung der bisher gebten Pflicht.

Recht so! rief Hermann und lachte ingrimmig. Unsre Snden werden uns zu
Tugenden, und um das Unschuldige verwerfen uns die Menschen. Es ist nur eine
kleine Zugabe zu groem Elend. Venus Urania ist bei Nacht nichts als die Hetre
Kallipygos, aber wenn die Sonne wieder scheint, stellt sich die Gttin in Worten
und Mienen unverletzt her. Schein und Schaum die Welt und die Wahrheit, oder
umgekehrt: Schein und Schaum das allein Wahre! Nun wre ich ja wohl auf dieser
hohen Schule der Folterknste, aus welchen bse Geister das Leben wirken,
genugsam vorbereitet, zu erfahren, was die Lippen meines alten Vaters mit in das
Grab genommen haben.
    Er ffnete das Portefeuille und las den Inhalt.

                                       *

Wenn es erlaubt ist, bei einem Werke des Orts und der Stunde, welche ihm das
Dasein gaben, zu gedenken, so sei dem Verfasser gegnnt, ein solches Taufzeugnis
hier niederzuschreiben. Wunderbar bereinstimmend war der Boden aller
Verhltnisse, auf welchem das gegenwrtige Buch dieser Denkwrdigkeiten wuchs,
mit dem Inhalte desselben. Denn seltsame Ereignisse muten beschrieben, die
unvereinbarsten Gegenstze in den Schicksalen der Personen, welche uns
beschftigen, dargelegt werden. Und heimatlos war der Verfasser zu der Zeit,
zwischen zwei Stdten flchtig hin und her geschleudert, in ein labyrinthisches
Geschft mit Menschen und Dingen verstrickt, an welchen selbst die Gtter ihre
Meister finden knnten. Was Wunder, da diese grause Harmonie der
uerlichkeiten und Stimmungen mit seiner Aufgabe ihn oft frchten machte,
letztere werde ungelst in jenen Knuel der Umgebung sich verlieren.
    Da tat ihm ein ehrwrdiger, geistlicher Freund die stille Arbeitszelle in
dem aufgehobnen Kloster hinter ruhig - suselnden Bumen und friedlich - dunkeln
Bachwellen auf. Fr diese Freistatt sei dem guten Abte Beda der Dank auch hier
bezeugt, dessen ihn mein Mund schon oft versichert hat. Der Liebesdienst wurde
zur rechten Zeit erwiesen, und war daher wie alles, was zur rechten Zeit kommt,
ein unschtzbarer.


                                  Achtes Buch

                       Korrespondenz mit dem Arzte - 1835

 Between the acting of a dreadful thing,
 And the first motion, all the interim is
 Like a phantasma, or a hideous dream.
                                                        Brutus in Julius Csar


                         I. Der Herausgeber an den Arzt

Sie erinnern sich vielleicht kaum noch unsrer Zusammenkunft in *, wo ich Sie
inmitten der damals Ihnen kurz zuvor untergebnen Anstalten und im Feuer einer
frischen, mannigfaltig wirkenden Ttigkeit traf. Der Umfang dieser Geschfte,
welche Ihnen neu waren, der Lebensatem, den die groe Stadt dem
wissenschaftlichen Manne zuhauchte, und dessen Macht sich noch nicht durch
Gewhnung abgeschwcht hatte, mochte in Ihnen eine erhhte Stimmung
hervorgerufen haben. Unsre Unterhaltung war die inhaltreichste. Mit schlagenden
Worten gaben Sie mir in der Krze den deutlichsten Begriff von dem Stande Ihrer
Wissenschaft in der Gegenwart.
    Ich wrde mich, wie ich schon andeutete, vermutlich sehr irren, wenn ich
glauben wollte, da meine Person und Erscheinung in Ihnen einen Eindruck
zurckgelassen htte, nur von fern demjenigen gleichkommend, welchen ich mit mir
fortnehmen durfte. Es ist mir so angeboren, bedeutenden Menschen gegenber mich
still zu verhalten, da ich es fr einen greren Vorteil erachte, ihnen
zuzuhren, als mich selbst vorzutragen.
    Dennoch wage ich, als seien wir einander Freunde und Vertraute geworden, Sie
um eine Geflligkeit anzusprechen und zwar um eine groe. Es gibt Dienste,
welche so sehr in einem allgemeinen Interesse erbeten werden drfen, da deren
Leistung auch gegen den ganz Fremden vielleicht kaum mit Recht zu versagen ist.
    Lassen Sie mich Ihnen bekennen, da mich nicht der Anteil an Ihrem
Institute, und nicht Ihr ffentlicher Ruf mich zu Ihnen trieb, sondern da ich
aus einem mehr persnlichen Beweggrunde kam. Nahe hatten Sie einem Teile der
Personen aus den hchsten Stnden und der mittleren Schicht der Gesellschaft
gestanden, deren Schicksale sich eine Zeitlang auf eigne Weise berhrten und
durchkreuzten. Sie waren in der Verkettung der Leidenschaften und Umstnde durch
Rat und Tat, in Liebe und Widerwillen selbst handelnd gewesen.
    Durch Zufall auf die Betrachtung jener aristokratisch - brgerlichen,
politisch - sentimentalen Haus - und Herzensereignisse gefhrt, durch Neigung
bei der Betrachtung festgehalten, wnschte ich den Mann kennenzulernen, welcher
in diesen Dingen - verzeihen Sie mir den Ausdruck - hin und wieder den
Mephistopheles gespielt hatte.
    Nun war aber Ihre Erscheinung ganz verschieden von meinen Gedanken. Ich
bemerkte nach den ersten Reden, welche wir wechselten, da Ihre Seele eine
philosophisch - religise Frbung erhalten hatte, die zu meinem Bilde von Ihnen
nicht pate. berrascht durch diese Entdeckung vermochte ich daher auch nicht,
das Gesprch auf jene Begebenheiten zu lenken, die mich so sehr beschftigten,
und es entspann sich die Unterredung allgemeinen Inhalts, welche, so anziehend
sie auch fr mich war, dennoch meinen Wnschen widerstritt.
    Denn zwlf Jahre bin ich den Lebensvorfllen der Menschen, welche, wie wir
alle, als duldende Epigonen den von einer frheren Zeit uns hinterlanen Kelch
auskosten muten, aufmerksam gefolgt, ich habe niedergeschrieben, was ich von
ihnen erkundete, und mich bestrebt, die verborgnen Fden nach den bekannten
Tatsachen ergnzend darzulegen. Wie weit mir dieses Werk gelungen, vermag ich
zwar nicht zu entscheiden, gewi aber ist es, da die Bcher dieser Geschichten,
teils im Plane bedacht, teils in der Anlage entworfen, und teils in der
Ausfhrung vollendet, einen groen Abschnitt meines eignen Lebens hindurch mir
unausgesetzt - treue Begleiter waren.
    Jetzt sind die Entwicklungen nach tiefem Dunkel trstlich erfolgt. Frhliche
Kinder umspielen die Knie derer, welche einst unrettbar verzweifeln zu mssen
schienen, leidende Seelen haben sich in edler Ttigkeit erholt, nur die starren,
eigentlich schon im Leben toten Naturen, nur einige lieblichwilde Auswrflinge
geheimer Snde oder gottschndender Vermischung umhllt das Schweigen des
Gewlbes, oder deckt die grne Erde, welche alles zuletzt mtterlich verhllt.
    Aber eine dstre Zwischenzeit trat diesen heitern Ausgngen vor. Am Schlusse
meines Werks fhle ich mich unfhig, jenen wesentlichen Teil desselben zu
liefern. Alles war damals verdeckt, entweder von den Vorhngen des
Krankenbettes, oder von dem Siegel der Beichte, oder von der Scham der sich
selbst zerwhlenden Brust. Die Geretteten bewahren ihre Erinnerungen zu
heilsamer Scheue vor den Ungeheuern, welche unser Dasein umlagern, aber sie
reden nicht davon, sie entziehn sich der Mitteilung ber diese Gemts - und
Geistesnchte, wenigstens gegen mich.
    Das neunte und letzte Buch, das Buch der Entwicklungen, ist geschrieben, und
ich wrde allenfalls auch das achte zusammenphantasieren knnen. Aber etwas
Halbrichtiges wrde mir selbst am wenigsten gengen. Gerade fr diese
Zwischenzeit wre mir diplomatische Treue hchst erwnscht. Ich habe oft die
Feder schon angesetzt, aber sie unwillig immer wieder weggelegt.
    So mten die Epigonen vielleicht ein im Wichtigsten verstmmeltes
Bruchstck bleiben, wenn Sie, mein Herr, sich nicht helfend in das Mittel
schlagen wollen. Sie waren in jener Zeit den Leidenden nahe; es ist unmglich,
da Ihnen verborgen blieb, was mir zu entziffern nicht gelingen will. Ich wei
nicht, ob ich recht tue, es gibt vielleicht eine Leidenschaft fr die Wahrheit,
die wir gleich den andern bezwingen sollten. Wenn dem so ist, so kann ich
wenigstens ihrer nicht Meister werden, und ich bitte, ja ich beschwre Sie,
meinem Drange nachzugeben, mir Ihre Kunde von dem Verlaufe der beiden Jahre,
welche ich meine, und die Sie kennen, nicht vorzuenthalten.
    Schreiben Sie mir, was das Gewissen der Herzogin bedrckte? welches Unglck
auf der Ehe Johannens gelastet? was beide Frauen nervensiech machte? welche
Antriebe den Herzog so unvermutet dahin brachten, alle seine Gter dem
Widersacher abzutreten?
    Mit einem Worte: Lsen Sie mich auf einige Zeit in der Autorschaft ab, und
bernehmen Sie die Redaktion des vorletzten Buchs, es sei, in welcher Form Sie
wollen.

                        II. Der Arzt an den Herausgeber


Drei Briefe, jeder sptere immer noch dringender, als sein Vorgnger, liegen auf
meinem Pulte. Da mich Ihr Ansinnen berraschen mute, haben Sie selbst wohl
vorausgesehen, da ich mir Zeit nehmen wrde, Ihnen zu antworten, war natrlich.
Geschfte und Pflichten mancher Art haben das Ihrige dazu beigetragen, diesen
Brief lnger zu verzgern, als ich wollte.
    Ich soll zum Memoiristen werden, ich, der Arzt, der alle Hnde voll zu tun
hat, seine Patienten wahrzunehmen, die Aufsicht ber die Anstalt zu ben,
Ministerialberichte zu verfassen, Doktoranden und Pharmazeuten zu prfen? Zum
Memoiristen ber Personen, die mir so nahestehn, ja zum Teil ber mich selbst
und ber eine Zeit, an die ich nicht gern zurckdenke? Dilettieren soll ich in
einem Fache, whrend ich allenfalls in dem andern mein Zeichen aufweisen kann?
Es mte sonderbar zugehn, wenn Sie mich berredeten, aber verschwren will ich
es nicht, denn der Anblick eines Feldes, welches uns versagt worden ist, wie Sie
ihn mir ffnen, hat etwas Lockendes, und reizt uns, wie der Rachen der
Klapperschlange den Vogel anzieht.
    Vor allen Dingen, ehe ich mich entschliee, mu ich die Bcher in Hnden
haben, deren Sie erwhnen. Mich verlangt, zu erfahren, wie Sie uns, die wir an
keinen Beobachter dachten, abzuschildern vermochten, und darnach will ich sehn,
was zu tun ist.

                           III. Derselbe an Denselben


Ihre Hefte haben die sonderbarste Nachwirkung in mir zurckgelassen. Soll ich
mich eines Gleichnisses bedienen, so mchte ich sagen: Die Bienen arbeiten in
ihrem Stocke, tragen Honig ein, halten in den Zellen ihre kleinen Kriege ab, und
meinen, das alles fr sich in vlligster Abgeschiedenheit zu tun. Aber der Korb
hat an der Rckseite ein Glasfenster und einen Schieber. Diesen ffnet dann und
wann der Lauscher und lugt in das stille Getreibe. So haben Sie uns verstohlen
betrachtet, freilich mit Vorsicht; sonst wrden wir die Scheiben zu verkleben
gewut haben.
    Die Tatsachen sind ziemlich richtig, soweit dies bei einer Erzhlung, welche
Rcksichten zu nehmen hatte, berhaupt mglich war. Die Psychologie ist so, so.
Hin und wieder ging es wohl anders in uns zu, als Sie geahnet haben, wenigstens
in mir.
    Am wahrsten sind die Figuren, welche die Menge vermutlich fr Erfindungen
halten wird: Die Alte, der Domherr, Flmmchen. Es ist zu loben, da Sie diesen
Blasen der von Grund aus umgerttelten Zeit nichts hinzugefgt, noch ihnen etwas
abgenommen haben.
    Sie klagen sich der Leidenschaft fr die Wahrheit an. Lassen Sie sich denn
die Wahrheit gefallen, da ich mich bei Empfang Ihres ersten Briefs wirklich
Ihrer und unsrer Unterredung nicht erinnerte. In meinem Zimmer drngen sich der
Menschen viele. Auf mein Fach, und wenn ich sonst noch ein Buch zur Hand nehme,
auf die Englnder mich beschrnkend, kannte und kenne ich Ihre Schriften nicht.
Es ist besser, da ich als Fremder Ihnen gegenbertrete, und da unsre
Bekanntschaft auf eine solide Art vermittelt wird, als da ich mich gegen Sie
mit faden Komplimenten abfinde, die in der Regel nachmals sich auf die eine oder
andre Art bestrafen.
    Der Zeitabschnitt, in welchen unsre Entwicklungskrankheiten fielen, denn so
mchte ich die Geschicke, welche uns betrafen, nennen, war vor vielen geeignet,
ein deutsches Sitten- und Charakterbild hervorzubringen. Es war Friede im Lande
geworden, die alten Verhltnisse schienen hergestellt, das Neue war auch in
seinen Rechten anerkannt, alle Bestrebungen hatten eine feste, naive Frbung,
whrend die neuesten Weltereignisse jegliche Richtung an sich selbst irre
gemacht und in das Unsichre getrieben haben.
    Die Gefhle und Stimmungen jener Periode - der letzten acht oder neun Jahre
vor der Julirevolution - liegen fast schon als mythische Vergangenheit hinter
uns. Der Adel suchte sich mittelalterlich zu restaurieren, das Geld glaubte
treuherzig, wenn es nur den privilegierten Stnden den Garaus machte, so werde
die Welt den harten Talern gehren, der Demagogismus wollte studentenhaft die
Festung strmen, die Staatsmnner meinten nach Ideen regieren zu knnen, es gab
Schriftsteller, welche mit groer Macht die Einbildungskraft beherrschten; ein
Denker stand unter seiner weit sich breitenden Schule und katastrierte den
Geist. Was ist von allem dem briggeblieben? Die franzsische Thronverndrung
hat abermals das Antlitz der Welt verndert, und sowenig ich in weichliche
Klagen ber dieses Ereignis und seine Folgen auszubrechen geneigt bin, so mu
ich doch sagen, da die Jahre, welche ihr vorangingen, an geistigem Gehalt und
an einer gewissen Dichtigkeit des Daseins die Gegenwart bertrafen.
    Man knnte Ihnen also Dank wissen, da Sie es unternommen, ein Zeugnis jener
verschwundnen Zeit aufzustellen. Aber zwei Fragen mchte ich an Sie richten.
    Wenn Sie die Neigung so unwiderstehlich zur Betrachtung der menschlichen
Schicksale treibt, warum schreiben Sie nicht lieber Geschichte selbst? Da htten
Sie die volle Traube am Stocke vor sich, und knnten uns einen gesunden reinen
Wein zubereiten, whrend Sie in der Sphre, welche Sie whlten, notwendig
mischen mssen, und also auch nur einen Zwittertrank hervorbringen.
    Die zweite Frage ist: Was soll das Publikum mit diesen Bchern anfangen? Die
Hauptperson wird die Menschen schwerlich interessieren, da sie keine Tendenzen
hat. Und was ist daran wichtig, da ein Brger mit einem Frsten ber dessen
Gter prozessierte, da wir ein Caroussel veranstalteten, da es in den Husern
des Mittelstandes noch hin und wieder huslich herging, da an unsrem Sitze der
Intelligenz allerhand Liebhabereien und Theoriewirtschaften getrieben wurden?
    Meine Meinung ber den Wert dieser Zustnde habe ich oben angedeutet, aber
sie ist nicht die Meinung der Menge. Sie wird auf solche Geringfgigkeiten
mischtzend herabsehn.

N.S. Auf einige Fehler:

                                                     ... quas aut incuria fudit,
                                               Aut humana parum cavit natura ...

mu ich Sie doch aufmerksam machen.
    Hermann will als Neunjhriger die Einverleibung seiner Vaterstadt Bremen in
das franzsische Kaiserreich erlebt, und als Siebenzehnjhriger in den Donnern
von Ltzen gestanden haben. Da aber jenes Ereignis im Jahre 1810 stattfand, und
die Schlacht von Ltzen nur drei Jahre spter vorfiel, so widerspricht seine
Rede aller Chronologie.
    Der Jude aus Hameln, der falsche Demagoge, behauptet, von neununddreiig
Tyrannen verfolgt zu werden, was nach der deutschen Verfassung vllig unmglich
ist.
    Der Amtmann vom Falkenstein tritt schon im ersten Teile als Jagdgenosse
Hermanns auf, und doch wird im zweiten so getan, als ob der Held erst bei dem
Caroussel die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe.
    Die Interpunktion und Orthographie steht nicht recht fest.
    Es sind mir sogar Grammaticalia aufgestoen, die freilich wohl mehr dem
Abschreiber zur Last fallen; denn von Ihnen setze ich voraus, da Sie ihren
Schulkursus durchgemacht haben. Ob aber alle Leser, und besonders diejenigen,
welche sich Kritiker nennen, diesen guten Glauben teilen werden, steht dahin.

                        IV. Der Herausgeber an den Arzt


Ich bin an der Elbe geboren, und erinnre mich aus meinen Kinderjahren einer
groen berschwemmung dieses Stroms. Weit ber die Ufer, ja ber die niedrigeren
Dmme hin, wogte die graugelbliche Wassermasse mit weikruselnden
Wellenhuptern, Landstraen und Fluren waren verschwunden, nur in der Ferne
deuteten Turmspitzen und Waldsume das Feste noch an. Man fhrte mich auf die
Brcke, von welcher man in dieses wogende Getse hinabsah, und meine Begleiter
forderten mich auf, ber das groe Naturschauspiel zu erstaunen. Ich aber konnte
an dem wsten Einerlei, an dem Unabsehlichen, Nichtzuunterscheidenden keine
Gre entdecken, und blieb in meiner Seele ganz ungerhrt. Die andern schalten
mich verstockt, fanden aber gleichwohl auf meine Frage: ob Millionen Tonnen
Wassers, zusammengegossen, eben mehr wren, als Wasser? nichts zu erwidern.
Gleich darnach reiste ich in unser Oberland, in den Harz, welcher einen Teil der
Fluten aus seinen von Schnee und Regengssen geschwellten Wssern dem Strome
zugesendet hatte. Wild und hastig strzten die Flsse, Flchen und Bche dem
ebnen Lande zu, aber jedes Bette hatte seine eigentmliche Gestalt, die Wnde
faten noch das Gerinne, welches hier rasch und tosend fortscho, dort sich um
Baumstcke oder Felsblcke brausend wirbelte, und jegliche dieser schumenden
Adern gewissermaen zu einer lebendigen Person machte. Hier ward nun mein
Entzcken laut, ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Toben und Wesen, und
sagte, das sei das wahre, groe Naturschauspiel, wenn die Krfte so besonders
und fr sich auftrten, und doch so innig zusammenhingen. Denn Seitenspalten und
Nebenkanle verknpften diese Shne des Gebirgs, die Elementargeister reichten
einander die silberweien Arme.
    Die Knabenerinnerung soll eine parabolische Antwort sein auf die Frage,
warum ich statt der Familiengeschichten nicht Welt- und Zeitgeschichte
geschrieben habe, und warum ich sie vermutlich niemals schreiben werde. Mir
erscheint ihr Geist nur in groen Mnnern, nur die Anschauung eines solchen
vermchte mir den Sinn fr irgendeine Periode aufzuschlieen. Wir besitzen aber
keinen, haben seit Friedrich keinen besessen. Napoleon schien sich eine Zeitlang
dazu anzulassen, aber es fehlte ihm die letzte Weihe, das organisierende Genie.
Er hat nicht einmal vermocht, einen originalen franzsischen Staat zu schaffen,
seine Institutionen sind schon jetzt veraltet. Im Laufe der Jahrhunderte wird er
nur wie ein Attila und Alarich, die Vorlufer Karls des Groen, dastehn, und
diesen zweiten Karl, diesen Erneuer des mrbe gewordnen Weltstoffs werden unsre
Augen leider nicht mehr erblicken. Was ist also das politische Leben unsrer
Zeit? Eine groe, weite, wste berschwemmung, worin eine Welle sich zwar ber
die andre erhebt, aber gleich darauf von ihrer Nachfolgerin wieder umgestrzt
und zerschlagen wird. Ich kann daran nichts Schnes erblicken. Leider haben die
Beherrschten mehr Geist als die Herrscher, deshalb vermag nicht einer dieser
feste Gestalt zu gewinnen, und jener sind viele, so da sie sich gegenseitig
aufheben.
    Ich fhle mich daher immer versucht, von der Ebne, in welcher diese Wogen
als Revolutionen, Thronstreitigkeiten, Kongresse und Interventionszge sich
brausend mischen, aufwrts nach dem Gebirge emporzusteigen, welches durch seine
hinabgesendeten einzelnen Fluten jene allgemeine Wasserwste erschafft. Nie sind
die Individuen bedeutender gewesen, als gerade in unsern Tagen, auch der Letzte
fhlt das Flubette seines Innern von groen Einflssen gespeist. Dort also, auf
entlegner Hhe, an grner Waldsenkung, zwischen einsamen Felsen, im Rcken der
politischen Ebne, wachsen und springen meine Geschichten. Jeder Mensch ist in
Haus und Hof, bei Frau und Kindern, am Busen der Geliebten, hinter dem
Geschftstische und im Studierstbchen eine historische Natur geworden, deren
Begebenheiten, wenn wir nur das Ahnungsvermgen dafr besitzen, uns anziehn und
fesseln mssen.
    In diesem Sinne reicht die Gegenwart oder die jngste Vergangenheit dem,
welchem das besondere, gegliederte Leben mehr gilt, als der unentschiedne
Strudel, in welchen die verschiednen Strmungen der Lebensttigkeiten endlich
zusammenrinnen, wenn sie in den Konflikten des ffentlichen einander begegnen,
des Stoffes die Flle dar, und es ist nicht ntig, in die Zeiten der Kreuzzge,
oder der Jesuitenherrschaft, oder des Dreiigjhrigen Kriegs zurckgehn, um
bedeutsame Anschauungen zu gewinnen.
    Man hat unsre Tage mit denen der Vlkerwandrung verglichen. Das Rmische
Reich zerfiel in jenen, und die Germanen traten an dessen Stelle. Auch wir
hatten so ein Rmisches Reich an der Autokratie der Frsten oder gewisser
allgemeiner Begriffe. Beides neigt sich zu seinem Untergange, und die
Individualitten in ihrer schrankenlosen Entbindung stehn als die Germanen der
Gegenwart da. Noch haben sie nur zerstrt, nicht das geringste Neue ist von
ihnen bisher erfunden und gebildet worden. Mein Sinn, in welchem etwas
Dichterisches sich nicht austilgen lassen will, neigt sich mit Wehmut und Trauer
dem Verfallenden zu, denn die Musen sind Tchter der Erinnrung; aber eine
Tatsache lt sich nicht ableugnen, nicht verschweigen.

                            V. Derselbe an Denselben


Nachschrift um Nachschrift. Dieser Brief soll nmlich eine sein.
    Da Hermann bei seiner Rede an die Herzogin im Feuer der Emphase sich an der
Chronologie versndigt, und da der falsche Demagoge behauptet hat, von
neununddreiig Tyrannen verfolgt zu werden, ist historische Tatsache, welche mir
der Held noch vor wenigen Wochen besttigte. Dagegen lie sich also nichts
machen.
    In betreff des Amtmanns vom Falkenstein bin ich unschuldig. Sie haben die
Bleistiftkorrektur an der Seite bersehen, nach welcher der Satz so lautet:
    Unter den Hausbeamten, welche bei diesen Zurstungen mitwirkten, bemerkte
er wieder seinen Jagdgenossen, den Amtmann vom Falkenstein, einen Mann von
unangenehmen Manieren, dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte. Hermann erfuhr
usw.
    Sollten Setzer und Korrektor gleichfalls den Bleistift bersehn, so diene
dieser Brief zur dereinstigen Berichtigung.
    ber Orthographie und Interpunktion hege ich meine Grillen. Alles in der
Welt hat sein individuelles Leben bis zu den Buchstaben, bis zum Kolon, bis zum
Punkte hinunter. Inkonsequenzen machen erst das Dasein aus; warum mignnt man
es den kleinen Schelmen, zuweilen auer der strengen Regel der Feder zu
entschlpfen, und sich auch wohl einmal in krauser Willkr zu emanzipieren. Ein
Komma will sich in der Spalte des Kiels bilden, pltzlich aber berkommt den
Narren ein Stolz, und zum Semikolon avanciert, erscheint er auf dem Papiere. Im
Gegenteil: Ein groer Buchstabe bekehrt sich, da es eben noch Zeit ist, vom
Hochmut, und siehe, als demtigfrommer kleiner steht er da. Zusammensetzungen
geraten in Zank und Hader, huslichen Zwist, flugs rcken sie auseinander, wie
grollende Eheleute, um vielleicht auf der nchsten Seite schon wieder in der
schnsten Eintracht verbunden zu sein. Das spitzige, giftige  stt das gute,
runde s ber den Haufen, und was dergleichen Vorflle mehr sind, von denen
Adelung und Wolke nichts gewut haben.
    Eigentliche Grammaticalia begehe ich wohl nicht, da ich, wie Sie richtig
vermuten, in meiner Jugend eine gelehrte Schule besucht habe, berdies aber auch
nachmals mich immer mit Lesen und Schreiben beschftigte. Sollte der Kopist
dergleichen gemacht haben, und der Korrektor sie stehenlassen, so wre das
freilich schlimm fr den Stil, aber ich glaube nicht, da es mir bei den Lesern
schaden wrde.
    Die meisten Autoren tragen sich mit dem Gedanken, der Leser nehme das Buch
zur Hand, um sich zu belehren, oder doch etwas Neues zu erfahren. Grundfalsch!
Der wahre Leser greift danach mit dem Gefhle des Patronats; der Schriftsteller
ist sein Klient, und in je traurigeren Umstnden dieser sich befindet, je
klglicher die Rede ist, die er an ihn hlt oder schreibt, desto greren
Eindruck macht er auf den guten Patron.
    Daher kommt das wunderbare Glck der ganz erbrmlichen Schriften. Bei ihnen
bleibt der Leser im steten, ihm so wohltuenden Genusse des Mitleids gegen das
menschliche Elend.

                           VI. Derselbe an Denselben


Doch von den Minutien zum Ernste zurck.
    Lassen wir das Publikum! - Es gibt kein Publikum mehr. Dieses Wort setzt
eine Anzahl empfnglicher Hrer voraus. Wer hrt nun noch, und wer will
empfangen? Leicht ist es, hierber verdrielich zu werden und zu schelten,
schwerer, das Phnomen in seinem Ursprunge zu begreifen, in seinen Folgen mit
Gleichmut zu erdulden.
    Und doch entspringt die scheinbare Gefhllosigkeit der jetzigen Menschen fr
Schnes, Geistiges nur aus der von mir in meinem vorletzten Briefe erwhnten
berflle der Geister. Jeder ist von einem unbekannten Etwas berschattet,
welches die Seelen erhebt und gnzlich beschftigt, alle haben eine groe
Aufgabe in sich zu verarbeiten, keiner ist mig. So sehe ich Zeit und
Zeitgenossen, entgegenstehend manchen in den Bchern der Epigonen
verlautbarten Stimmen, an. Wie sollen sie fhig sein, zu nehmen, da sie schon
mehr haben, als sie bewltigen knnen?
    Die Literatur ist eine Literatur der Einsamen geworden. Der sinnende und
bildende Geist wird von einer ewigen Notwendigkeit getrieben, sich zu
offenbaren, und zur Vollstndigkeit dieser Offenbarung gehrt die uere
Erscheinung. Man schreibt daher und lt drucken, nach wie vor, ohne die
Aussicht der Vorgnger zu haben, gelesen zu werden. Anfangs und in der Jugend
bereitet dieses Verhltnis bittre Schmerzen; es ist so traurig, sich mit einer
Welt von Anschauungen, Gedanken und Empfindungen in der Wste zu sehn,
allmhlich beruhigt sich das Gemt, und endlich kann in der durchgeprften Seele
das Bewutsein einer glorreichen Dunkelheit entstehen, welches so unzerstrbar
schn ist, da man es mit nichts vertauschen mchte. Oder ist es nicht besser,
unter Reichen als Wohlhabender zu verschwinden, denn unter Bettlern mit seinem
Etwas sich hervorzutun?
    Ich schrieb den Merlin und wute sein Schicksal vorher, nmlich, da man
seiner nicht achten werde. Glauben Sie, da mich dieses Wissen niedergeschlagen
hat? Keine der Entzckungen, aus welchen jenes Gedicht entsprang, hat es auch
nur im mindesten getrbt. So habe ich an den Bchern der Epigonen gearbeitet,
ohne irgend etwas davon zu erwarten, was man Wirkung nennen knnte. Und dennoch
sind mir die Stunden, Tage und Wochen, welche ich ihnen widmete, unverfinsterte,
liebe Erinnerungen.
    Die Pfade zum Heldentume sind immer steil, die Pfade zu dem, welches ich
meine, vielleicht die steilsten. Zart und weich soll der sein, der sie wandelt,
und doch auch wieder die Kraft des Ajax haben, um die himmelansteigenden Felsen
zu bewltigen. Dennoch gelingt es wohl, emporzuklimmen, wenn wir nur verstehn,
uns mit dem Blute unsrer Sohlen auf den Abstzen der Klippen neben den
furchtbaren Tiefen festzuleimen.
    Lassen wir also das Publikum und helfen Sie mir nur, wie ich gebeten, mein
Werk vollenden.

                        VII. Der Arzt an den Herausgeber


Niemals bin ich in der Strke Materialist gewesen, wie Sie angenommen haben.
Darin mu ich zuvrderst Ihre Geschichten berichtigen.
    Religion wird einem jeden angeboren, und nach meiner Meinung ist der
Vorwurf, da man keine habe, womit die frommen Seelen sehr freigebig zu sein
pflegen, der schwrzeste, welcher einem Menschen nur gemacht werden kann, denn
er wirft ihn zu den Tieren hinab. So hatte ich frh beim Abdmpfen und
Przipitieren, bei dem ffnen und Zerschneiden der Leichen gefhlt, da ein
Etwas vorhanden sei, welches im Feuer des Schmelzofens sich nicht fangen lasse,
vor keinem Agens niederfalle, dem Messer und der Sonde immerdar entfliehe.
Dieses Etwas trieb doch nun aber unleugbar Gestein und Metall, Blatt und Blume
hervor, und figurierte das kleine Knigreich, Mensch genannt. Wer durfte mir
verwehren, es Gott zu nennen?
    Aber dem Arzte wird es schwer, ber dieses Eine und Einfache zur Wrme zu
gelangen. Er ist seiner ganzen Stellung nach auf Betrachtung der
Mannigfaltigkeit verwiesen, er darf darin nicht nachlassen, wenn er nicht sehr
bald zurckgehn will, und so pflegt es denn zu kommen, da der Mehrzahl meiner
Standesgenossen der den Erscheinungen untergebreitete Urgrund, das Heilige, das
Imponderabelste, etwas Theoretisches wird, an dessen Vorhandensein zwar keiner
zweifelt, mit welchem aber gleichwohl wenige eine Beziehung anzuknpfen
vermgen.
    An dieser Beziehung mangelte es auch mir. Mein Gott war der des Amsterdamer
Philosophen, der mit einer intellektualen Liebe von Anfang an sich selbst, aber
sonst nichts andres Liebende. Er lie mich gehen, ich lie ihn meinerseits
wieder seine unendlichen Kreise in sich beschreiben. Zuweilen stieg wohl eine
Ahnung in mir auf, da wir einander noch einmal begegnen wrden, aber sie hatte
weder Form noch Farbe, und war mir gleichgltig. Gegen alle Vermittlung durch
die Kirche versprte ich aber den entschiedensten Widerwillen.
    Was mich auf das Schlo des Herzogs brachte, mich dort einige Jahre
festhielt, wird man aus Ihren Geschichten herauslesen knnen. Es gibt Dinge,
ber welche der Mann, auch wenn sie abgetan sind, gegen den Mann sich
auszusprechen, immer Scheu empfindet. Der Gemahlin des Herzogs an einem fremden
Orte, durch welchen sie reiste, in einer leichten Unplichkeit genaht,
entschied sich mein Lebensgang zur Nachfolge in die einsame Gegend, wobei ich
mir vorsagte, da Beweggrnde des Interesses meinen Entschlu rechtfertigten.
    Leidenschaften, besonders unerwidert - verzehrende, lschen immer auf eine
Zeitlang Gott und Himmel in uns aus. Der Ferne schwebte nur noch wie ein
leichtes blasses Wlkchen an meinem Horizonte, und verbarg sich wohl auch ganz
hinter den schwarzen Dunstschichten, welche die Luft oft genug trbten. Byron
ward mein Prophet, mein Evangelium. Ein glhendgeistiges Verlangen in mir blieb
ungestillt, die Folge davon war, da, wenn ich auch dem da droben nichts anhaben
konnte, ich doch gegen seine irdischen Gefe, die Seelen, eine Nichtachtung
fate.
    Doch ich sehe, da ich schon in das hineingeraten bin, wovor ich mich hten
wollte, nmlich in das Erzhlen. Noch zwar betrifft alles nur mich, nun aber
verschlingen sich meine Begebenheiten in die andrer Personen, und die erste
Bedingung wre, deren Einwilligung zu weiteren Berichten zu erhalten.
    Ich will Ihnen nur gestehen, da ich schon an die Herzogin und an Johannen
geschrieben, den Damen Ihr Werk bersandt, und die Entschlieung auf die Bitte
des Autors anheimgestellt habe.
    Warten wir denn ab, wie weibliches Gefhl sich in diesem Falle benehmen
wird. Darauf mssen wir wohl beide submittieren.

                          VIII. Derselbe an Denselben


Hier die Antwort der Herzogin und Johannens. Ihr Wunsch ist erfllt, freilich
mit Widerstreben, indessen haben Sie Ihren Willen, den die Schriftsteller
berhaupt in der Regel durchzusetzen wissen. Schon bin ich selbst mitten in den
Kreis dieser Memoiren gerckt, und werde Ihnen wohl nicht widerstehen knnen,
wenn Sie fernere Berichte verlangen.


                           Bekenntnisse der Herzogin

Sind wir Frauen denn nur auf der Welt, um zu leiden? Im stillen, frommen Kreise
meiner Zglinge, durch den Sarg des Gemahls von einer frheren unruhigen Zeit
geschieden, ausgeshnt mit der Schwgerin, wird mein Auge in Regionen
zurckgentigt, worin alles schwankte, grte und schien. Mit Erschrecken sehe
ich, da ein Fremder, in welchem ich zuletzt diese Fhigkeit vermutet htte,
meinen Schritten unbemerkt folgte, meine Gesinnungen erriet, und Schwchen
auffand, wo ich nur Tugenden zu haben glaubte.
    Ich kann nicht umkehren auf einen andern Ausgangspunkt, mu des Weges
wandern, der mir allein gerecht ist. Mglich, da ich zu manchen Zielen auf
demselben nicht gelange, aber soll ich das Erreichbare aus dem Auge verlieren,
und mich abmhn, das, was mir doch versagt bleiben wird, mir scheinbar
anzueignen?
    Die Orientalen halten es fr Snde, das Bild einer Person zu malen. Es ist
gewi auch unrecht, das geheime Leben andrer so schwarz auf wei zu tten, denn
was bleibt davon auf dem Wege vom Kopfe durch den Arm in die Feder brig? Nur in
einem liebevollen Geiste knnen die Buchstaben wieder Leben gewinnen, und das
Beste wird immer sein, was er zwischen den Zeilen liest.
    Eins trstet mich: meine Grundempfindung, da wir nicht oft genug an uns
erinnert werden knnen. Und eine solche Erinnrung war mir das Buch. Zugleich
lehrte es mich, wie seltsam unerwartet oft das im Leben eintritt, was kurz zuvor
als eine Tuschung sich hingestellt hatte.
    Ich verzeihe dem Verfasser. Er ist offenbar zu dieser Arbeit gentigt
worden, nicht leichtsinnig, nicht willkrlich hat er sie unternommen. Wenn er
von seiner Leidenschaft fr die Wahrheit gegen Sie redet, so hat er gewi recht.
Dieser Affekt bemchtigte sich vieler Menschen, leider, da er mit Schonung und
Rcksichtnehmen selten zu vereinigen ist.
    Lassen Sie mir nur einige Tage Zeit. Ich mu den unerwarteten Fall erst
berdenken. Als der Autor an mich schrieb, war sein Begehren so dunkel und
unbestimmt gefat, da ich nicht wute, was er meinte, und am allerwenigsten auf
eine Produktion vorbereitet war, wie die ist, welche ich nun kenne.

Da jemand ein Werk, woran er jahrelang geschrieben, dem Feuer preisgeben werde,
weil andre sich dadurch unangenehm berhrt fhlen, wre grausam, nur zu denken.
Die Epigonen werden also unvernichtet bleiben, sie werden ihren Gang ber
Strae und Markt nehmen. Sollen nun die Zeiten, welche freilich nur wir allein
kennen, durch Erdichtungen entstellt werden? Soll unser Bild gerade in der
wichtigsten Krisis unsres Lebens undeutlich und verworren der Menge
entgegenschwanken, deren Bekanntschaft wir jetzt notgedrungen machen mssen?
    Ich sehe schon, ich werde dem Zwange unterliegen, der meine stockende Feder
bedrngt.

Nun ja, auch ich habe gefehlt, auch mich bewahrte eine klsterliche Erziehung
und das innigste Grausen vor dem Schlimmen, nicht ganz unverletzt. Eine
Tuschung war es von Hermann, da ich anders, als mit freundlichen Gedanken bei
ihm geweilt, solange er unter uns auf dem Schlosse war, aber in den Dnsten
solcher Einbildungen schreitet schon das Bse heran.
    Groer Gott, wie soll es eine arme Frau anfangen, ihr Innres vor andern zu
enthllen? Aber ich sehe diese gezwungne Konfession als die letzte mir vom
Himmel auferlegte Bue an, dafr, da ein Hauch sich ber den Spiegel meiner
Seele breiten durfte, und deshalb will ich mich ihr auch nicht entziehn.
    Als Hermann uns verlassen hatte, glaubte ich, die frohsten Tage im
Nachgenusse der letzten schnen Stunde erleben zu drfen. Das Dokument, welches
uns in unserm Eigentume schirmen sollte, war gefunden und durch ihn, der mir so
manchen Beistand geleistet hatte. Immer stand er vor mir, wie er freudeleuchtend
das Pergament emporhielt, meine Gedanken ruhten an ihm, wie an einer festen
Sule.
    Aber es war kaum eine Woche vergangen, als mich dieser Trost nicht mehr
befriedigte. Eine Unruhe ergriff mich, von der ich mir keine Rechenschaft geben
konnte, es fehlte mir, was ich nicht zu nennen wute, mein Sinnen schweifte ber
Buch und Stickerei hinaus, wenn ich sie, um mich auf etwas zu heften, zur Hand
nahm. Dem Gemahle, welchem ich doch vor allem Zutraun ber jedes Begegnis meiner
Seele schuldig war, verbarg ich diese peinigende Zerstreutheit, und zwang mich,
in seiner Gegenwart so zu erscheinen, wie sonst. Wie tief wucherte schon das
Unkraut in mir!
    Am bedrcktesten fhlte ich mich des Abends - sonst meine liebste Tageszeit!
Die Nacht, welche frher die Ruhe Gottes ber mich gebracht hatte, schien mich
nun in ein Unendliches, Wstes zu fhren, vor dessen hohlbrausenden Wogen meine
Seele erzitterte. Ich schlummerte zwar auch jetzt nie ohne Gebet ein, aber die
Worte desselben regten mich zu wehmtigen Trnen auf. Es gemahnte mich, als
knne ich mir selbst whrend des Dunkels abhandenkommen, als knne der Mensch
verwandelt, schlimm aufstehn, der sich gut und unschuldig niedergelegt habe.
    Eines Tages sagte ich pltzlich unversehens laut fr mich hin: Es ist ja
natrlich, da ich ihn vermisse, war er doch bestndig um uns! Warum soll man
sich nicht an einen Freund gewhnen knnen. Ich erschrak heftig, da ich diese
Worte gesprochen hatte.
    Mein Zustand war sehr schlimm. Nach und nach hatte sich aus dem Gefhle des
Zwangs, welches mir die Gegenwart des Herzogs einflte, eine stille Furcht, aus
der Furcht eine Abneigung entwickelt. Ich rechtete, ich haderte mit ihm, ich
meinte, er vernachlssige mich, und wenn er mich aufsuchte, so bestrebte ich
mich eher, ihn zu vermeiden. Der Herzog war unglcklich, ohne da es mich
schmerzte, seine stillen Blicke fragten mich, was er mir getan habe? Ich schlug
die meinigen nieder, um nur nicht aus der Verschanzung des Trotzes und der
Hartnckigkeit, in welcher ich nun schon eingewohnt war, gelockt zu werden.
    Von Franklin hatte ich gelesen, da er die ihm obliegenden Pflichten nicht
auf das Geratewohl hin erfllt, sondern ber seine Sittlichkeit frmlich Buch
gehalten habe. Ich beschlo, etwas hnliches bei mir einzurichten. Vielfach war
ich angesprochen, als Hausfrau, als Erzieherin, als Armenpflegerin. Ich legte
mir ein Heft mit verschiednen Rubriken an, in welchem ich abends vor dem
Schlafengehn die Werke des folgenden Tages einzeln verzeichnete. Auf der
Gegenseite sollten die Unterlassungen als Debet diesem Kredit gegenber
eingeschrieben werden. Eine Kolumne war den allgemeinen menschlichen und
christlichen Tugenden, der Sanftmut, Bescheidenheit, Vertrglichkeit usw.
gewidmet.
    Gewissenhaft besorgte ich eine Zeitlang diese moralische Rechnungsfhrung.
Da es mir Ernst war, der de meines Zustandes zu entrinnen, da ich nicht
feierte, und lieber zuviel als zuwenig mir auferlegte, auch seit meiner Jugend
die hchste Achtung vor allen ausdrcklichen Verpflichtungen hegte, so fllten
sich die Spalten meines Buchs ziemlich an; immer geringer wurden die Rckstnde,
je weiter ich in der bung der guten Werke vorrckte, und nach Verlauf eines
Monats war ein betrchtlicher berschu aus der Bilanz ersichtlich.
    Diese Beschftigungen und die damit nicht selten verknpfte krperliche
Bewegung machten mich ruhiger. Mein Schlaf wurde wieder erquickend und ich hielt
mich fr hergestellt. Meine Gedanken an den Abwesenden waren, oder schienen in
den Hintergrund gedrngt, das Behagen der Huslichkeit war mir zwar noch nicht
zurckgekehrt, die Stunden, welche ich mit dem Herzoge zubrachte, behielten
etwas Formelles, indessen setzte mich dies nicht in Erstaunen. Schon frh hatte
ich mich mit der Vorstellung vertraut gemacht, da der eigentliche Atem des
Lebens doch nur die Pflicht sei, welche man mit berwindung be, und da der
Mensch gegen nichts vorsichtiger sein msse, als gegen das Glck. Hatte ich nun
frher mir oft im stillen gesagt, da mir das Dasein ohne den Gemahl zur Einde
werden, da ich seinen Verlust nicht berstehn, da ein Ersatz fr ihn mir
undenkbar sein wrde, so mute die jetzige etwas kltere Empfindung mir als
offenbarer Gewinn erscheinen. Nun fhlte ich, da ein stilles Zurckziehn mich
nicht zerstre, da er, eingeordnet in den ganzen Zusammenhang meines Lebens,
zwar darin eine hohe, vorzgliche Stelle einnehme, aber doch nicht Grundflche
und Spitze der Pyramide ausmache. ber diese Entdeckung jauchzte ich, und
glaubte, durch sie eine Brgschaft unantastbaren Seelenfriedens erhalten zu
haben.
    Wie tuschte ich mich, wie fern war ich vom Ziele, da ich es schon mit den
Hnden zu fassen meinte!
    Ich litt, obgleich ich sonst gesund war, seit einiger Zeit an einer erhhten
Reizbarkeit der Nerven, welche sich besonders dadurch uerte, da mir
unwillkrlich Phantasmen vor die Augen traten. Diese blieben zwar nur einen
Moment sichtbar, whrend der kurzen Dauer desselben hatten sie aber die ganze
sinnliche Deutlichkeit wirklicher Gegenstnde. So sah ich nicht selten ferne
Gegenden, in welchen ich einst gewesen war; abwesende Personen, besonders
Verstorbne zeigten sich mir in schnell vorberschwebenden Schattenbildern. Ein
eigentmlicher Zug dieser Wahngesichte war, da keine Neigung sie hervorrief.
Nur Gleichgltiges erschien, oft das, woran ich seit Jahren nicht gedacht hatte.
Der Arzt verordnete mir allerhand Mittel, welche aber nichts halfen, im
Gegenteil meine Konstitution noch mehr aufregten. Ach, leider wird es nur zu
sehr verkannt, da die Krankheiten, wenigstens ein Teil derselben, weit mehr
sittlicher als sinnlicher Natur sind, und da daher in vielen Fllen Trnke und
Pulver wenig ntzen knnen!
    Eines Abends kam ich aus einem benachbarten Dorfe zurck, wohin ich zu Fu
gegangen war, um Kranke zu besuchen. Ich wollte das Schlo noch bei guter Zeit
erreichen, in welches andre Hlfsbedrftige bestellt worden waren. Nur ein
Bedienter folgte mir. Ich ging etwas rasch, und whlte, um frher nach Hause zu
kommen, den Weg ber den dem Schlosse gegenberliegenden Hgel, obgleich
derselbe an der einen Seite durch Dornen und Steilheit etwas beschwerlich war.
Vom frhen Morgen an war ich ttig gewesen, es hatten sich gerade recht viele
Pflichten und Geschfte an diesem Tage zusammengedrngt, und ich dachte nicht
ohne Selbstzufriedenheit daran, wie mancherlei ich werde zu Buche tragen knnen.
    Auf einmal war es mir oben auf dem Hgel, als wenn sich um meine Fe
unsichtbare Schlingen legten, oder als ob ich an einen Stein stiee, der
zugleich meine Schritte gewaltsam hemmte. Ich kann diese Empfindung durchaus
nicht genauer beschreiben; sie war zwischen Schmerz und Lhmung, und am nchsten
komme ich ihr in Worten, wenn ich sage: Sie hatte hnlichkeit mit dem Gefhle
des sogenannten Einschlafens der Gliedmaen. Ich war unfhig, weiterzugehn,
meinte zu fallen, und wute doch, da ich mich werde aufrecht halten knnen. In
dem nmlichen Augenblicke erhob sich die Gestalt des Abwesenden aus dem Boden,
deutlich, da mir die Knpfe an seinem Kleide erkennbar wurden, neigte sich
gegen mich, legte - mit welcher Scham schreibe ich dieses nieder! - seinen Arm
um meinen Leib, und zog mich an seine Brust. Mich verlieen die Sinne, und als
ich von einem ohnmachthnlichen Zustande erwachte, fand ich mich auf einer
Rasenbank sitzend wieder, von dem zitternden Bedienten gesttzt, der mir
stotternd und totenbleich erzhlte, da ich pltzlich wie vor einem
entsetzlichen Schrecknisse gestarrt, dann gewankt und einen angstvollen Schrei
ausgestoen habe.
    Meine Verfassung war frchterlich. Messer durchschnitten mir die Brust. Die
Snde hatte sich mir unversehens in nackter Abscheulichkeit gezeigt.
    Da war nun keine Zeit zu verlieren, um zu retten, was sich noch retten lie.
Ich blickte umher, und sah, da mich nichts vor dem Gedankenfrevel geschirmt
hatte, weder die Ehe, noch die guten Werke. Die Kirche allein war der Felsen, an
welchen ich mein irrschwankendes Schifflein noch knpfen konnte. Nach einer
qualenvollen Nacht, nach einem durchweinten Tage entdeckte ich mich in spter
Abendstunde unsrem Geistlichen, und soll ich es gestehen? das verzweifelnde Herz
trug sich mit der verstohlnen Erwartung, er werde mich nicht so strafbar finden,
als ich mich selbst. Aber ich hatte mich getuscht. Ein strenges Gericht lie er
ber mich ergehn. In schrecklichen Zgen, in drohenden Beispielen machte er mir
anschaulich, da die Kluft von der Tugend zu der ersten Abweichung von ihr sehr
gro, der Raum zwischen dieser und den letzten Tiefen des Lasters aber unendlich
klein sei. Er fhrte mir die Wahrheit, da der Krper nie, sondern immer nur die
Seele sndige, in ihrer ganzen Strenge vor das Gemt, und nannte zur Bezeichnung
meines Zustandes ein Wort, welches meine Ohren nie zu hren geglaubt hatten.
    Dstre, aber heilsame Tage folgten. Ich ergab mich ganz seiner Fhrung. Der
Arzt, so mancher Freund, der Herzog selbst wollten hemmend dazwischentreten;
Gott schenkte mir die Standhaftigkeit, ihre Angriffe zurckzuweisen. Hier galt
es das Ewige, da durfte keine Menschenfurcht zu Rate gezogen werden.
    Das erste, was der Geistliche vornahm, war, da er meine moralischen
Rechenbcher zerri. Er untersagte mir die guten Werke, mit denen ich mich gegen
Gott auszulsen gewhnt hatte. Dergleichen, erklrte er mir, sei vllig unntz,
und fhre immer nur zu verkapptem Hochmute. Dagegen legte er mir die strengsten
Andachtsbungen und eine vllige Versenkung in Gott und die gttlichen Dinge
auf. Oft meinte ich, da ich in diesem Ringen nach dem Unsichtbaren erlahmen
werde, aber wundersam strken die Leiden der Heiligung; wenn unsre Wangen auch
darber bleich werden, so wchst doch freudige Gesundheit durch sie um das Herz.
Nach und nach erwarb ich, sagen darf ich es, Fertigkeit im Ben.
    Man wollte mich zerstreun, ich versetzte, da mir die Sammlung notwendiger
zu sein scheine. Erheitrungen sollten mir bereitet werden, mir, die ich von
meiner immer wachsenden Heiterkeit schon andern htte mitteilen knnen. Diese
konnten keine Anfechtungen zerstren. Der Herzog begann, gewi in guter Absicht,
mir unmutig zu begegnen, ich opferte gern den Frieden des Hauses auf dem Altare
meines Gottes.
    Nachmals gab es noch einen gewaltsamen Krampf in dem schwachen Geschpfe,
der zuletzt in eine Krankheit sich auflste. Von dieser erstanden, war ich
geheilt in jedem Sinne des Worts. Der Weg war mir jetzt ganz gebahnt, von
welchem mich auch die schwersten Unglcksflle nicht haben abbringen knnen.
    Wem kein so reicher Geist gegeben worden ist, da ihm nur das verworrne
Mancherlei des Lebens Beschftigung gewhrt, wer an einfachen Wahrheiten und
Grundstzen die Nahrung seines Innern findet, der soll erziehn. Denn dieses
Geschft besteht nur darin, da man den jungen Seelen eine Ausstattung
schlichter Begriffe mitgibt, mit denen sie durch das Irrgewinde des Markts sich
helfen sollen, so gut es gelingen mag. Diese in geduldiger Treue immer zu
wiederholen und einzuprgen, habe ich meine jungen Mdchen um mich versammelt.
    Ich unterrichte und bilde sie, nicht als ob ich damit etwas Verdienstliches
zu vollbringen meinte, sondern weil ich eben dazu passe, und an den Ort gestellt
worden bin, wo diese Pflicht geleistet werden sollte.

                              Johannas Bekenntnis


Von dem kriegerischen Schauspiele, welches die Menge der Frsten und Prinzen
unglaublich glnzend machte, mit dem Generale zurckgekehrt, fand ich Ihren
Brief und die Bcher, welche die Herzogin inzwischen gelesen, und mir bersendet
hatte. Also so haben wir ausgesehen? Sonderbar, da man von seinem inneren
Antlitze keinen Begriff hat, wie oft man sich dies auch einbilden mag. Oder
vielmehr die Sache steht so: Wir wissen um unsre Verhltnisse, Stimmungen,
Irrtmer und Schwchen recht wohl, aber sie im Spiegel zu erblicken, ist
schauderhaft.
    Anfangs war ich auf den Autor bitterbse, und keinesweges gemeint, mich, wie
die Herzogin, der durch ihn von Gott mir verhngten Bue zu unterwerfen. Auch
der General wollte nichts von Nachgiebigkeit gegen den im stillen an uns
herangeschlichnen Memoiristen wissen. Als wir aber die Sache nher bedachten,
sahen wir ein, da meine Geschichte Frauen und Mdchen, in deren Hnde unsre
Denkwrdigkeiten doch auch wohl gelangen mgen, zur Lehre dienen kann, und da,
wenn auch alle Beispiele die Wiederholung der Irrtmer nie verhten, die
Irrenden doch an meinem Falle zu ihrem Troste erkennen werden, wie das Gemt uns
in groes Leid bringt, die Arme unsres Schutzgeistes aber stark genug sind, uns
aus demselben emporzuziehn.
    Da kme ich nun in das Fach der Herzogin und wollte auch erziehn. Aber
freilich beruht mein Unterricht auf andern Voraussetzungen. Die Stille, Liebe
meint, so sehr die Demut ihr auch gebietet, ihre ganze Wirksamkeit vor der Welt
als zweifelhaft darzustellen, insgeheim denn doch, da ihre moralischreligisen
Vorschriften die jungen Seelen vor dem Strudel bewahren werden. Ich habe dagegen
die berzeugung, da gerade die edelsten Naturen unsres Geschlechts unbedingt
tiefen Verwicklungen dahingegeben sind, welche keine Regel der Klugheit, kein
Prservativ der Sitte, und keine Andachtsbung aufhlt. Viele gehn in denselben
unter, wenige werden gerettet. Zu diesen gehre ich, und wenn auch die Art
meiner Herstellung sich nicht bei jeder Unglcklichen wiederholen wird, so lehrt
sie wenigstens, da das Leben selbst aus seiner Flle den Stab wachsen macht,
welchen die Dressur der Pensionsanstalt nicht darreicht.
    Dies will ich erzhlen, schlicht, einfach, kurz; zu ausgefhrter, oder gar
kunstreicher Behandlung habe ich weder die Lust, noch das Geschick, noch die
Zeit.
    Die Stellung der Frauen in der Gegenwart ist sonderbar. Was hat unsre Mtter
beschftigt, ihren Geist und ihr Gemt ausgefllt? Das Haus oder die
Gesellschaft. Die Ruhigen wandten sich jenem, die Lebhafteren dieser zu. Nun
gibt es aber keine Huslichkeit mehr im alten Sinne, und aus der Gesellschaft
ist der feine Zauber lngst verschwunden, durch dessen Verwaltung wir die
Priesterinnen und Frstinnen der Salons wurden. Unser Platz in der Welt ist also
leer oder anderweitig besetzt, wie man dieses Miverhltnis ausdrucken will.
Wenn wir uns auch vor der durch die Saint - Simonisten uns zugedachten
Emanzipation schnstens bedanken wollen, so lt sich doch ahnen, da unser
Zustand bedeutenden Verndrungen entgegengeht.
    Der Autor hat der Wahrheit gem erzhlt, da mich schon als Mdchen auf dem
Schlosse meines Vaters das Gefhl eines Vaterlandes mchtig bewegte. Die Natur
mute vielleicht so bei mir verfahren, mir Ersatz durch eine allgemeine
Empfindung geben, weil mir der Segen einer gesetzlichen Geburt, mir eine Mutter
vorenthalten worden war.
    Madame de Stal - wenn ich nicht irre - hat einmal gesagt, da in Zeiten, wo
man auch den Frauen die Kpfe abschlage, ihnen notwendig erlaubt sein msse,
sich um die Politik zu bekmmern. So schlimm steht es nun bei uns nicht. Aber da
wir durch die Staatsumwlzungen unser Vermgen einben, uns mit den Mnnern
versetzen lassen mssen und Shne fr den Krieg gebren, so scheint uns weder
das Recht noch die Veranlassung zu fehlen, an allen den ffentlichen Dingen
teilzunehmen, durch welche auch uns Freude und Entsagung, das Lachen und die
Trne bereitet wird.
    Diese Vorstellungen bewohnten wie in der Knospe den Kopf des jungen
Mdchens, es sprach sich und andern dieselben nicht aus. Die Frau, welche
Schritte in die Dreiig getan hat, wird wohl davon reden, und eingestehn drfen,
da sie von jeher sie gehabt.
    Nun aber ist es eine eigne Sache um dieses Vaterland. Wir sind und bleiben
denn doch arme Gefhlswesen, bei welchen der Weg zum Haupte immer und ewig durch
das Herz geht. Wenn die Trommel gerhrt wird, wenn sie dahinziehn in langen
Reihen, und die Fahnen den Tchern, und die Tcher den Fahnen Abschied zuwinken,
und nun der Busen um Reich und Thron, und zugleich um das Schicksal der Lieben
bangt, dann die herrlichen, freudigen Kampfes- und Siegesnachrichten erschallen,
jeder in diesem Sturme sich zum Auerordentlichen gehoben fhlt, ach und endlich
bei dem Friedensheimzuge die Freunde uns die teuersten Gter erobert
dahergetragen bringen - dann wei eine Frau, da auch sie in ihrer schwachen,
furchtsamen Seele eine Empfindung beherbergt, welche ber die Spindel und das
Nhzeug hinausreicht, dann drfen wir uns eines Geschlechts mit der Mutter der
Gracchen, und den Weibern der Numantiner rhmen. Oder auch dann kann unser Geist
bewegt und erregt sein, wenn kluge, weltgestaltende Mnner im Schweigen des
Kabinetts mit der stillen Feder, oder der feinen gewinnenden Rede Bndnisse
stiften, Provinzen erwerben, die Entschlsse so leise vorbereiten, welche
nachher den Erdkreis erschttern und die Menschen in Staunen und Verwundrung
setzen. Da wissen wir wohl bei uns die Gegner zu friedlicher Annherung zu
versammeln, Geheimnisse zu empfangen und zu bewahren.
    Aber wie wird es im Frieden, im gleichgltigen Gange des Alltags? Statt der
Heldentaten Manoeuvres, statt des regsamen Spiels seltner Krfte ein stockendes
Schleichen im Geleise trockner herkmmlicher Ttigkeit. Was soll denn nun die
Frau beginnen, welcher die Kleinigkeiten nicht gengen, auf die wir dann einzig
und allein angewiesen sind? Da mte sie etwa Dichterin, Schriftstellerin,
Kunstkennerin werden. Aber wenn die arme Seele zu der Einsicht gelangt ist, da
die Lieder ihrer Schwestern am Parna nchtern und dnn erklingen, da die
Bcher der Weiber aus den abgetragnen Gedanken der Mnner bestehn, da sie vor
den Bildern und Statuen doch auch nur diesen bevorzugten Geschpfen
nachsprechen, wenn sie also zu allen derartigen Zeitvertreiben weder Lust noch
Belieben trgt, womit wird sie dann ihre verlangende, glhende Brust ausfllen?
    Ich hatte nach dem Tode meines Vaters schlimme Tage auf dem Schlosse. Gute
Menschen walteten dort, aber unsre Seelen waren zu verschieden. Der Herzog war
frh gewissen Personen in die Hnde gefallen, welche ihm die grten
Vorstellungen von der Wrde des Adels beigebracht und ihm die Heiligkeit der
Pflicht, alles an die Herstellung dieses Standes zu setzen, eingeschrft hatten.
Diese Begriffe regierten ihn mit unumschrnkter Macht, er hatte fr nichts
andres Raum in sich. In den Militrdienst eines kleineren Staates eingetreten,
war er rasch von Stufe zu Stufe gestiegen, hatte auch an einigen Vorfllen des
groen Kampfs auf der deutschen Seite teilgenommen, aber ohne Liebe und Wrme
fr die Sache, welche ihn nur insofern interessierte, als er von ihrem Siege den
Triumph der Aristokratie hoffte. Meine gute Schwgerin war in Paris erzogen
worden, und hatte Deutschland erst nach dem Untergange unsres groen Feindes
kennengelernt.
    Ich, voll von den Eindrcken einer unbeschreiblichen Zeit, mochte meinen
nchsten Umgebungen wohl wie eine Nrrin vorkommen, welche sich abmhte,
Schattenbilder der Wirklichkeit unterzuschieben. Der ganze Enthusiasmus eines
zwanzigjhrigen Mdchens war eins geworden mit dem Enthusiasmus eines Volks,
diesen Gewinn festzuhalten, das herrliche Gedchtnis mir nicht zu einem Traume
verdmmern zu lassen, war die Aufgabe meines Lebens. Ich baute mir ein kleines
Museum aus Erinnerungszeichen und Bildnissen der Feldherrn zusammen, sang meine
lieben Schlacht - und Kampflieder am Fortepiano, steuerte von meinen schmalen
Mitteln, soviel ich nur entbehren konnte, an die Vereine, welche sich berall
zur Untersttzung der Invaliden gebildet hatten.
    Man stutzte, verstand mich nicht, lchelte ber mich. Ich lie mich das
nicht anfechten. Aber freilich fhlte ich nur zu bald, da ich mit dem, was mir
das liebste war, mich in einer vlligen Einsamkeit befinde, und dieses
Bewutsein fiel mit um so grerer Schwere auf mich, als es die nchsten waren,
die es mir bereiteten, und als ich voraussah, da bald mein ganzer Zustand in
dem Hause, welches doch auch als mein Vaterhaus gelten sollte, unterhhlt sein
wrde. Ich versank in eine Schwermut, die mich auch wohl zuweilen ungerecht
gegen das Gute machte, welches mich umgab. Wenigstens mu ich jetzt ber manches
lcheln, was mich damals gegen die liebenswrdige Frau einnahm, mit der ich nun
so vertrglich leben kann. Sie hatte z.B. eine ngstliche Sorgfalt fr ihre
Gesundheit, scheute den Zug, den Tau, und was dergleichen mehr ist. Als ich mich
einst hierber im entgegengesetzten Sinne vernehmen lie, stellte sie mir sehr
beredt die Pflicht dar, welche jeder habe, auf solche Weise ber sich zu wachen.
Ich fand diese bewute Ansicht von der Sache nur noch egoistischer und
schwchlicher, und hatte doch unrecht. Denn wie verderben wir uns und andern
durch ble Laune die Tage, und wie selten entspringt sie aus geistigen Ursachen,
wie viel fter aus kleinen Indispositionen, welche meistens durch Regime zu
meiden wren! Wie hindern oder zerstren Krankheiten das Glck ganzer Familien!
Was begnstigt berhaupt mehr die Entwicklung eines harmonischen Lebensgangs,
als das leichte, reine Gefhl, welches nur die Blte vollkommner krperlicher
Wohlfahrt sein kann?
    In jenen Stimmungen und Verstimmungen lernte ich nun Medon kennen, welcher
auf das Schlo kam, mir die erste Nachricht von dem Auffinden der teuren Reste
des erschlagnen Freundes zu berbringen. Es wird nicht von mir erwartet werden,
da ich die Geschichte unsrer Herzen, oder vielmehr des meinigen, denn das seine
hatte leider keinen Anteil daran, novellistisch erzhle. Nur das mu ich sagen,
da die Herzogin unrecht hatte, wenn sie in ihrem Briefe behauptete, die
Sympathie des Mivergngens habe uns zusammengefhrt.
    Nein, es war etwas andres, etwas Hheres von meiner Seite. Medon gehrte zu
den geistigen Ruinen, aber zu den mit aller Pracht ppiger Vegetation
bewachsnen. Soll es denn einer arglosen Frau ewig verdacht werden, wenn sie der
Duft und Glanz solcher Stauden und Blumen anzieht, wenn sie in ihrer
Gutmtigkeit nicht zu ahnen vermag, da unter diesen Reichtmern und Schnheiten
der Abgrund laure? Sein Name war mit Auszeichnung im Kriege genannt worden, das
mute ihm wohl zur Empfehlung bei mir gereichen, er brachte mir eine Nachricht,
worin fr mich ein trber Trost ber einen ungeheuren Verlust lag, wie konnte
mein Herz noch einen Rckhalt gegen ihn haben? Endlich, ich fand nach langem
Darben jemand wieder, mit dem ich meine Sprache reden durfte.
    Ich habe beinahe zwei Jahre hindurch den Namen dieses Mannes getragen, und
wer wird mir daher glauben, da ich ber seine frhere Geschichte, ber seinen
Charakter und seine Grundstze nur Vermutungen zu geben wei? Das allein ist mir
bekannt, da ich durch ihn eine Zeitlang sehr elend geworden bin.
    Er war aus Franken gebrtig und von einem ehemaligen Jesuiten erzogen
worden. Dieser Lehrer hatte ihm die ganze verschlagne Festigkeit seines Ordens
zu eigen gemacht, und ihm in jungen Jahren schon den Grundsatz eingeimpft, da
der Zweck die Mittel heilige. Als Jngling mu ihm etwas Schreckliches begegnet
sein; ich ahne, da er eine Geliebte aus Unvorsichtigkeit gettet hat. Ein
solches Migeschick mag auf den Menschen die zerstrendste Wirkung uern. Denn
ein Verbrechen lt sich durch Reue und Bue shnen, aber wo findet der
Beruhigung, welcher als blindes Werkzeug geheimer, grlicher Mchte sein
Teuerstes vernichtete? Die Sonne geht einer so belasteten Seele unter, und
Frostnacht breitet ber sie erstarrende Schatten aus.
    Er hat mehrere Monate in Wldern und Felsklften, dem Wilde gleich, verlebt,
wie er mir selbst gestand. Welche Gedanken da sich seiner bemchtigt, wei nur
der finstre Geist des Felsens und des Waldes. Als der groe Ruf der Freiheit
durch Deutschland erscholl, klammerte er sich an die Hoffnung eines einigen
Vaterlandes an, und diese ward nun der Gott seines Busens. Seine tollkhne
Tapferkeit im Kriege entsprang wohl aus dem Wunsche, zu sterben. Der Tod ward
ihm nicht und auch das einige Vaterland blieb nach dem Frieden aus. Ein tiefer
Ha gegen alles Bestehende, worin er nur das Hemmnis einer besseren Ordnung der
Dinge erblickte, bemchtigte sich seiner, um so gefhrlicher und hartnckiger,
als dieser Gesinnung jede Leidenschaftlichkeit abging. Viele sind in jenen Tagen
gegen Frsten und Machthaber strmisch und drangvoll zu Felde gezogen, sie
trugen das Panier ihrer Vorstze im Antlitz; Medon schien dagegen mit allen
Einrichtungen der Gewalt zufrieden zu sein. Er gehrte zu den kalten Fanatikern.
Diese vermgen, wenn die Umstnde sie begnstigen, etwas auszurichten. Denn die
Dinge, welche auf solchen Gefilden erstrebt werden, entstehen nicht durch die
Begeistrung, sondern durch den Kalkl.
    Eine kurze Zeit hat er sich in dem damals aufkommenden geheimen Bundeswesen
versucht. Wie diese unzulnglichen Intrigen nach Jahren entdeckt wurden und zum
Schreck vieler, dem im ffentlichen Ansehen fest wurzelnden Manne das Gebude
seines knstlich - errungenen Zustandes zertrmmerten, ist in den Bchern unsrer
Geschichten erzhlt. Lange wirkte dieser Sturz im gesellschaftlichen Leben der
groen Stadt nach; niemand hielt sich im Verkehr mit andern mehr sicher.
    Ein Geist, wie Medon, mute aber sehr bald einsehen, da sich mit Studenten
nichts durchsetzen lt, und da berhaupt Verschwrungen nie die Beschaffenheit
der Dinge, sondern immer nur ihre Oberflche, und auch diese meistens nur
vorbergehend ndern. Er gab daher alles derartige Tun und Treiben auf, sagte
sich von den Huptern und Gliedern los, und folgte dem Strome, mit welchem zu
schiffen jeder gute ruhige Brger verpflichtet ist. Sein Name, seine Kenntnisse,
seine Persnlichkeit fhrten ihn in vorteilhafter Art bei den Machthabern ein;
es dauerte nicht lange, so war der Grund zu der glnzenden Existenz gelegt,
welche unser Autor beschrieben hat.
    Indem ich nun darangehen soll, die Fden, welche das Gewebe seiner
Handlungsweise zusammensetzen halfen, aufzudrehen, fehlen mir fast die Worte, um
das Verhltnis von Kette und Einschlag richtig darzustellen. Ein Wahn, ein
Irrstreben der schlimmsten Art entbehrt vielleicht schon seiner Natur nach der
eigentlichen Gestalt, des dichten Zusammenhangs, welchen ihm die schildernde
Feder gibt. Nur in Trumen und abgerissen - flatternden Momenten mag der so arg
Fehlende sich seines Systems bewut werden. Ich bitte daher den Schatten des
Dahingegangenen zum voraus um Verzeihung, wenn die Armut der Sprache mich zu
bestimmteren Ausdrcken zwingt, als wie sie der Sache eigentlich gem sind.
    In den Geschichten der Revolutionen, namentlich in denen der franzsischen
wird zuweilen das Wort: Pessimismus, gebraucht. Es bedeutet das Streben der
Faktionen, durch knstliche Hervorbringung eines allerschlechtesten Zustandes
die Menschen in eine Wut zu strzen, welche sie blindlings den Planen der Bsen
zutreibt. Die Mittel, deren man sich bei diesem furchtbaren Verfahren bedient,
sind mannigfaltig, jedoch laufen die meisten darauf hinaus, da man entweder die
Gegner zu unbedachten Schritten zu bringen wei, oder selbst den Schein
feindlicher Operationen erzeugt, oder durch gemachten Mangel der ersten
Lebensbedrfnisse Kummer und Not unter die Menschen wirft.
    Ich wei nicht anders mich auszudrcken, als: Medon hatte sich vorgesetzt,
ein Pessimist in deutschem Sinne zu sein. Voll von dem tzenden Gefhle, da die
ffentlichen Einrichtungen Deutschlands im Widerspruche mit einer schnen,
freien, groen Entwicklung seien, hielt er dafr, da der Weg zu einer Erneuung
unsres Lebens durch das Labyrinth einer vollkommnen Anarchie gehe, und da dahin
nur eine Zersetzung aller moralischen Bande, welche uns zusammenhalten, die er
aber fr morsch ansah, fhren knne. Ob er allein, von jeder Verbindung mit
andern gesondert, in dieser entsetzlichen Tuschung einen abenteuerlichen Plan
ausgesonnen hat, ob mehrere Teilnehmer einer solchen Verkehrtheit gewesen sind,
ich wei es nicht. So viel ist mir aber klar geworden, da seine Ratschlge,
seine Einwirkungen auf hochstehende Personen verwendet wurden, um unheilvolle
Maregeln hervorzubringen, welche unsre allerdings zweideutigen Verhltnisse in
eine nur noch tiefere Zweideutigkeit und Halbheit senken sollten, Maregeln,
welche er mit groem Geschicke und vielem Scheine als ntzliche, kluge, billige,
darzustellen wute. Und in dieser Absicht regte er auch besonders junge Leute
auf, sich zu berheben, die ihnen gezognen Schranken zu verkennen, natrliche,
ihnen geme Lebenslose mizuschtzen, so sich innerlich zugrunde zu richten,
und sich zu einem grenden Stoffe der Zeit zuzubereiten. Das war endlich der
Grund, warum er Hermann in so trichte Pfade verlockte. Auch er sollte ein Opfer
dieser Knste werden, die Herde der Mivergngten, Zerstrten mehren.
    Ach, mir entsinkt die Feder! Ich habe das dunkle Bild entworfen, erlat mir,
es auszumalen! Nur so viel noch. Seine eignen Andeutungen und einige Bltter,
welche er mir in ausforschender Absicht, wie ein Spiel des Witzes, bergab,
liehen mir die Zge dar. Die Schrift war nach Art und in der Form des Frsten
abgefat, und hie: Das Volk. Er hatte, wie Machiavell, darin eine finstre
Theorie nach allen Richtungen kapitelweise behandelt. Genug! Genug! -

O, und doch ist das Schlimmste noch zurck! - Wirst du es denn glauben, junge
arglose Seele, die du diese Bekenntnisse liesest, da wir unsre Brust, heier
Liebe voll, an die Brust eines Mannes legen, und da er, kalt berechnend,
whrend der Umarmung uns zu einem Hebel in dem Getriebe seiner Entwrfe, zu
einem Werkzeuge ausersehen kann? Es ist frchterlich, sich an dem Gefhle einer
Frau zu versndigen, denn der Frevler ttet darin ihren Gott! - Tausendmal ist
es gesagt worden: Wir haben nichts als die Liebe, aber es geht damit, wie mit
allen uralten Wahrheiten; niemand achtet ihrer.
    Zwar merkte ich an Medon, als es ihm gelungen war, mein Herz zu
berwltigen, oft eine gewisse Unruhe, ein Zerstreutsein, was wie Klte aussah,
aber ich schob diese Dinge auf Verwicklungen, aus frherer Zeit herrhrend, auf
das Unbehagen, welches auch ihm das Haus des Herzogs erregte, auf momentane
Stimmungen, auf das Gefhl des Nichtbefriedigtseins endlich, wovon
ausgezeichnete Menschen immer von Zeit zu Zeit heimgesucht werden. Wie htte ich
in meiner Hingebung und brutlichen Trunkenheit die Wahrheit ahnen knnen? Aber
als wir die Ringe gewechselt hatten, als ich sein Haus teilte, und nun
Einrichtungen getroffen wurden, welche auf die Absicht einer Sonderung aller
Lebensverhltnisse schlieen machten, als er sein Zutraun still und hflich
zurckzog, die Zeichen und Beweise freundlicher Neigung immer sparsamer und
erzwungner wurden, berhaupt unsre Ehe nach und nach die Gestalt eines
gewhnlichen Konvenienzbndnisses unter abgeflachten Personen der hchsten
Stnde annahm, ohne da von meiner Seite diese Wandlung durch etwas andres
verschuldet war, als durch wachsende Innigkeit, und steigende Sehnsucht, im
Hause mein Alles zu finden, da befiel mich ein Grauen, ich fing an zu argwhnen,
da ich schwer hintergangen sei, und fhlte die Notwendigkeit, einem schlimmen
Geheimnisse auf die Spur zu kommen.
    Was mich am meisten erschreckte, war die Art, wie Medon sich gegen mich vor
andern benahm. Unsre Zimmer hatten sich nach und nach mit den bekanntesten
Personen der Hauptstadt gefllt, ein glnzender Kreis umgab uns, der mir
wohlwollend und achtungsvoll begegnete. Medon erschpfte sich vor diesen Zeugen
in Aufmerksamkeiten gegen mich. Aber sobald die Menschen uns verlieen, sobald
die Kerzen ausgelscht wurden, verschwand auch er, und barg sich in seinen
Gemchern.
    Ich hatte mir anfangs vorgenommen, ihn zu beobachten, insgeheim zu forschen
und den Falten seiner Seele nachzuspren.
    Bald aber verwarf ich diese kleinlichen Mittel als meiner unwrdig, und
erkannte, auf welche Weise es sich einzig und allein fr mich zieme, in dieser
Sache zu verfahren. Eines Tages, da ich mich ruhig genug glaubte, erklrte ich
Medon zwar mit zitternder Stimme, aber durchaus fest und gesammelt in mir, da
mich sein Wesen befremde, da es nicht das eines Gatten sei, und da er mir die
Wahrheit zu sagen habe, welche ich sofort, ganz, im unumwundensten Gestndnisse
von ihm verlange.
    Die Kraft der Unschuld und des Rechts mu wohl sehr gro sein, da sie selbst
das schwache Weib zur Meisterin des starken Mannes macht. Medon, der sonst
jeglichem standhalten konnte, ward durch meine Anrede berwunden. Zwar versuchte
er, mir in ausweichenden Antworten zu entgehn, als ich ihm aber erklrte, da
ich diese verwerfe, vielmehr fordre, er solle seine Pflicht erfllen, und als
meine Augen, welchen die himmlischen Helfer in dieser schweren Stunde weichliche
Trnen fernhielten, nicht ablieen, ihm, der unruhig hin und her ging, zu
folgen, so brach seine Fassung zusammen. Er strzte mir zu Fen, barg die
errtenden Wangen in meinen Hnden, und stammelte, so demtig niedergebeugt,
seine Bekenntnisse. Er gestand mir, da er mich nie geliebt habe, da er
berhaupt keine Frau werde lieben knnen, weil sein Haupt gnzlich von dem
ffentlichen Interesse eingenommen sei, da er allerhand Plane mit den Menschen
verfolge, da er aber eingesehen habe, wie niemand selbstndig auf viele wirken
knne, der nicht ein Haus mache, weil jeder ledige Mann ber kurz oder lang aus
dem Mittelpunkte der Beziehungen an die Peripherie gerate, zum Anhange fremder
Verhltnisse werde.
    Unglcklicher! rief ich vorahnend aus, und deshalb bedurftest du einer
Frau, um deren Sofa sich die Gste versammeln sollten, die ihnen den Tee
einzuschenken bestimmt war, du mutest eine Wirtin fr dein Intrigenstck haben.
Und so hast du kalt und lauernd mit meinem Herzen gespielt, betrgerischen
Glimmer fr mein reines Gold gezahlt, welches ich dir aus berstrmender Flle
verschwenderisch hinschttete! Hast mich mir selbst entfremdet, nicht aus
Leidenschaft, nein, wie der Vogelsteller mit sgiftigem Tone die Nachtigall aus
ihrer grnen Laubzelle in seine Netze lockt!
    Er konnte nichts erwidern und nickte nur seine schweigende Bejahung, dann
ging er still und gebckt, ohne die Augen vor mir aufzuschlagen. Bald erhielt
ich einige Zeilen von ihm, worin er mir sagte, da, nach dem, was ich nun wisse,
er keine Macht mehr ber mich haben wolle, und da es von mir abhange, unser
Verhltnis aufzulsen.
    Ich antwortete ihm darauf, da man die Frauen in Europa nicht so von Tag zu
Tage nehme und entlasse, da ich berlegen und zu seiner Zeit das Ntige
beschlieen werde, da aber vorderhand unsre Scheinehe fortdauern msse.
    Diese Entdeckungen waren kurz vor Hermanns Ankunft geschehen. Es hatte sich
eine dunkle Nacht ber mich und mein Leben ausgebreitet. Seine Erscheinung war
der erste Lichtstrahl in dieser Finsternis, sie gab mir wieder die Mglichkeit
einer Hoffnung, einer Zukunft. Ich glaube, da ich nur durch ihn die Strke zu
dem Entschlusse gewonnen habe, den ich nachmals ausfhrte, als Medon bei der
herannahenden Gefahr mich in seine Irrbahn wieder mit fortreien wollte; mein
Geschick nmlich von dem seinigen durch rasche Flucht fr immer abzusondern.
    Hier schliee ich. So kann eine Frau fr die edelsten Regungen ben. Und
von solchem Falle kann sie wieder erstehn.
    In der freudigen Rhrung, die mich immer ergreift, wenn ich meines
gewendeten Schicksals denke, werde auch dem Verirrten ein entschuldigendes Wort
nachgerufen. Er schlft fern in dem fremden Lande, jenseits des Weltmeeres.
Klima und Kummer zehrten ihn dort auf, nachdem seine phantastischen Verbrechen
hier gescheitert waren. Er hat schwer gefehlt, es ist wahr. So bel stehn unsre
Angelegenheiten nicht, wie er sich einbildete, und seine Denkungsweise war
bler, als das belste. Aber man erwge, da vieles bei uns zusammentrifft,
gerade die lebendigen, strebsamen Geister in unheilbaren Trbsinn zu versenken,
aus welchem denn auch wohl Frevel der seltensten Art hervorgehen knnen.

                        IX. Der Herausgeber an den Arzt


Sie haben mir durch die Mitteilung der beiden Bekenntnisse groe Freude
bereitet. Diese Frauen stellen gewissermaen die Pole der weiblichen Natur dar.
Die eine zieht sich keusch in ihr Innerliches zurck und steigert sich bis zu
einer krankhaften Zartheit, welche freilich die nchsten Verhltnisse zerstrt,
ihre Umgebungen unglcklich macht. Die andre, mit heitern Sinnen gegen die Welt
gewendet, wird Patriotin aus Lebhaftigkeit. Besonders anmutig erscheint mir
Johanna, und es ist gar lieb und schn, wie sie das scheinbar der Frau ganz
Widerstrebende in ihrer weichen Brust verarbeitet. Amor, mit den Waffen des Mars
spielend, ist ein reizendes Bild, und hnlich dem Eindrucke, den diese
Zusammenstellung erregt, ist die Empfindung, die man hat, wenn man ihre weien,
feinen, schmalen Hnde (bekanntlich die schnsten, welche Gott je in seiner
besten Laune einer Frau gegeben) mit den strengen, geschichtlichen, politischen
Begriffen gebaren sieht. Da sie eine Zeitlang ein Opfer ihrer geistigen Weite
und Freiheit werden konnte, ist ebenso tragisch, als anziehend.
    Der Briefwechsel, wenn er ein wahrer ist, vertritt die Stelle des Gesprchs,
und dieses besteht aus Rede und Gegenrede. Lassen Sie mich Ihnen also erzhlen,
was Sie, damals von * entfernt, nicht so genau wissen knnen; wie nmlich
Johanna sich herstellte.
    Der Krieg ist nicht so schlimm, als seine Folgen es sind. Man knnte, wenn
man Lust an auffallenden Reden hat, sagen: der Krieg mordet erst im Frieden.
Auerordentliche Krfte ruft er hervor, und in denen, welche die Kugel des
Feindes nicht trifft, regt er unendliche Erwartungen an. Wie sollten diese auch
geringer sein, da jeder ein Unendliches, das Leben, auf das Spiel zu setzen
gewohnt war? Nun knnen aber jene Erwartungen auch nicht im entferntesten
befriedigt werden; der schleppende Gang der wieder eintretenden Gewhnlichkeit
hemmt die Seelen und ist doch nicht imstande, sie zu fesseln, dadurch entsteht
in feurigen Geistern eine Art von Verzweiflung ohne Gegenstand, welche manchen
hinrafft, ohne da sich eine uere Ursache entdecken lt. So viel ist gewi,
die eigentlichen Helden einer denkwrdigen Periode berleben sie selten lange.
    Zu den Opfern des Krieges im Frieden gehrte unser alter wrdiger Freund,
der General. Auf seinem Rosse, khner Reiter, verwegner Reiterfhrer, war ihm
das Leben in jenen unruhigen Zeiten ein tgliches Glcksspiel gewesen. Wo sich
ein Widerstand gegen den Unterdrcker auftat, hatte sein Degen geblitzt, so
gingen ihm zehn Jahre in der bestndigen Abwechselung der Schlachten und
Belagerungen, der Nachtund Tagemrsche hin. Seine Locken waren sparsam geworden
und erbleicht, aber seine Augen scharf geblieben, als die letzten Donner des
groen Vlkergewitters in Paris verhallten.
    Nun kehrte er zurck, Lorbeeren auf dem Haupte, Orden auf der Brust, im
Munde des Volks als einer der unermdlichsten Streiter hoch emporgetragen. Aber
wie es zu gehn pflegt, die Menge vergit sehr bald ihre Begeisterung und
erinnert sich derselben erst wieder bei dem Leichenbegngnisse, und die
Machthaber werden von groen Verdiensten, die nicht ganz in der Stille geblieben
sind, immer nur belstigt. Man lobte ihn, lie es an leeren Auszeichnungen nicht
fehlen, in den wesentlichen Dingen aber fing man binnen kurzem an, ihn zu
vernachlssigen. Er wurde so umhergestoen, wo es eigentlich nichts zu tun gab,
endlich schob man ihn sacht beiseite.
    Der alte feurige Mann wurde nicht sobald dieser gesetzlichen Unbilden inne,
als ihn ein tiefer Verdru ergriff. Zu stolz, sich zu beschweren, schlang er den
Ingrimm hinunter, und zehrte dadurch nur noch mehr an seiner Seele. Von Stufe zu
Stufe im Mimute versinkend, hatte er zuletzt weder Hoffnung, noch Aussicht vor
sich, und fhlte diesen trostlosen Zustand um so herber, als ein beschftigtes,
zerstreutes Leben ihm die allgemeinen Hlfsmittel, wodurch sich sonst der
geschlagne Mensch aufrichtet, nicht zugnglich gemacht hatte.
    Er verzagte an sich und an dem Vaterlande, und war in dieser trben Stimmung
im Begriff, seinen Abschied zu fordern, und die reinerhaltne, tapfre Kraft als
Mietling irgendwo zu vergeuden.
    Damals kamen Johanna und die Herzogin nach der Hauptstadt, von Ihnen zur
Heilung bedenklicher Nervenleiden dorthin gesendet. Nur mit Widerstreben hatte
Johanna Ihrem Befehle gehorcht, sie scheute sich, den Ort aufs neue zu betreten,
der so manche traurige Erinnerung in ihr weckte. Sie mied Gesellschaften, und
konnte selbst von dem Anblicke ehemaliger Freunde schmerzlich berhrt werden.
Die Herzogin hielt sich ebenso zurckgezogen, man sah beide Frauen nur auf
einsamen Spaziergngen, doch auch dort von dem Auge der Neugier beobachtet.
    Eines Tages konnte ihnen der General, der auch fern von den Menschen zu
wandern liebte, einen Dienst leisten. Er empfing den artigen Dank der Damen und
versetzte, Johanna scharf ins Auge fassend, da, wenn ihm Dank fr die
unbedeutende Geflligkeit werden solle, er ihn nur darin zu finden wnsche, da
er sie nicht zum letzten Male gesehen habe. Er sprach dies mit der Galanterie
eines alten Manns, aber kurz, trocken, soldatisch. Sie, der alle solche Tne zum
Herzen dringen, antwortete ebenso entschieden, er mge nur kommen, sie werde
sich nicht vor ihm verleugnen lassen.
    Dem ersten Besuche folgte der zweite, diesem der dritte usw. Aus kurzen
Zusammenknften wurden lange, aus Gesprchen allgemeinen Inhalts vertrauliche
Unterredungen. Sie kam dem feurigen Greise mit der Unbefangenheit einer Tochter
entgegen, er lebte in ihr, in ihrem adlichen, glnzenden Wesen ein neues Leben.
Dennoch blieb er seinem Vorsatze getreu, und entdeckte ihr in einer
hingebungsvollen Stunde, da er entschlossen sei, dem Vaterlande den Rcken zu
wenden.
    Als sie das Nhere von ihm erfahren, und gehrt hat, wie dieser edle
Charakter mit sich, seiner Jugend und seinen Erinnerungen uneins zu werden im
Begriff stehe, ist sie in eine groe Bestrzung verfallen, und weder Bitten,
noch Trnen sind gespart worden, den verehrten Helden von seinem Vorsatze
abzubringen.
    Er bleibt indessen fest, und fragt bitter, was ihn denn eigentlich in diesem
Staate halten solle, wo man seiner nicht mehr bedrfe? - Ihre Taten, Ihre Ehre,
Sie selbst, versetzte Johanna.
    Die Taten sind getan, meine Ehre nehme ich berall mit hin, und was mich
selbst betrifft, so wei ich kaum, wenn ich die jetzigen Emporkmmlinge
betrachte, ob ich der nmliche noch bin, von dem man einmal geredet hat. -
    Er geht bis zur Tre, dann wendet er sich, und sagt mit niedergeschlagnen
Augen, aber festem Tone: Es gibt ein einziges, was mich an diesen undankbaren
Boden fesseln knnte, und das wre, wenn Sie, Johanna, sich entschlieen
mchten, die Tage eines alten Soldaten zu teilen. Meine Seele wrde dann eine
Beruhigung finden, und die Ungerechtigkeiten zu ertragen vermgen, unter welchen
sie jetzt daniedersinkt. - Ohne eine Antwort abzuwarten, verlt er rasch das
Zimmer.
    Am andern Morgen empfngt er einen Brief von ihr, worin sie ihm sagt, da
sie keine Leidenschaft fr ihn empfinde, aber ihm herzlich ergeben sei, da sie
berhaupt vielleicht nicht mehr in dem Sinne zu lieben imstande sei, wie die
Welt dieses Wort nehme, am wenigsten einen Jngling, da ihr ganzes Wesen
vielmehr seine Erfllung nur in einem zweiten, reichen, gehaltvollen,
durchgeprften Leben finden knne. Wenn ihm diese Gestndnisse gengten, so sei
sie die Seine, sobald eine natrliche Lsung ihres frheren Verhltnisses
eintrete, denn zu ffentlichen Schritten gegen Medon knne sie sich nicht
verstehen. Vor allen Dingen aber habe er zu bleiben und zu haften am Herde
seiner Vter und Frsten.
    Der alte Held war berglcklich durch diese Zeilen. Er eilte zu ihr,
versicherte ihr, da sie ihm sein Dasein zurckgegeben habe, und da er nicht
mehr an seinen Vagabunden - Einfall denke. Sie habe ber die Gestaltung der
Zukunft allein zu bestimmen.
    Hierauf haben beide die Entwicklung der Dinge ruhig abgewartet. Medons Tod
machte endlich Johannen frei, und nachdem die Erschttrung, welche dieses
Begebnis in ihr erregen mute, berstanden war, reichte sie dem Generale ihre
Hand.
    Ihre Seele wurde dadurch vllig hergestellt, ihr Schicksal gesichert. Kein
schnerer Anblick, als die beiden hohen Gestalten, die eine unter dem Schnee des
Alters blhend, die andre in reifer Flle prangend, nebeneinander zu sehen. Die
liebenswrdige Patriotin hat als Frau ihre Lebensaufgabe gelst; indem sie einem
verdienten Feldherrn husliches Behagen gab, erhielt sie ihn bei seiner Pflicht,
und leistete dadurch dem Gemeinwesen selbst einen Dienst. Er, sobald er nur
wieder frhlicher und mitteilender wurde, auch von neuem bemerkt, erlebte es,
da man ihn bei einigen Gelegenheiten, die dem Kriege hnlich sahen, und wo die
hohlen Namen und die Figuranten es nicht tun wollten, hervorsuchen mute. Die
Scham, welche zuweilen die Menschen ergreift, wenn sie ihrer Verschuldungen sich
bewut werden, brachte es hierauf dahin, da seine Stellung in der ehrenvollsten
Weise geordnet wurde. An seiner Gemahlin hngt er mit der eiferschtigen
Zrtlichkeit eines Liebhabers, und da an der Seite einer schnen vielumworbnen
Frau seine Empfindung etwas von der des Danville hat gibt dem Bndnisse nur noch
einen Reiz mehr.

Nun aber mchte ich von Ihnen wieder allerhand wissen. Ich mte mich sehr
tuschen, oder Sie denken ber den Geistlichen und dessen Verfahren etwas
anders, als die gute, fromme Herzogin. Wie erklren Sie ihre Phantasmen,
besonders das auf dem Hgel? Was vermochte sie, an Hermann den harten Brief zu
schreiben?
    Lieen Sie sich zugleich bewegen, in die Geschichte des Herzogs und Hermanns
einzugehen, auch ber sich das Ntige beizubringen, so rundeten sich diese
Mitteilungen allgemach aus. Die Flut der Offenherzigkeit ist einmal
hereingebrochen, das Dmmen hilft doch nichts mehr, lassen Sie sie ungehindert
und ganz strmen.

                         X. Der Arzt an den Herausgeber


Ja freilich habe ich eine von der Verehrung unsrer lieben Krnklichen
verschiedne Meinung ber den saubern Heiligen und Priester, der die arme Frau
beinahe in das Erbbegrbnis geliefert htte. Zuvrderst mu ich ber ihn
anfhren, da der lose Vogel keinesweges so frisch, wie ein neugebornes Kind
nach Rom gelangte, was man aus seiner Erzhlung von dem hlzernen
Hergottswunder, erlebt im Kloster, man wei selbst nicht recht, wo? heraushren
soll. Vielmehr hatte derselbe zu seiner Zeit, wie man zu sagen pflegt, nichts
verbrennen lassen, und die Ehemnner wuten von ihm zu erzhlen. Dazwischen war
denn allerhand sthetik getrieben worden, so da der ganze Kerl nicht viel ber
fnfundsiebenzig Pfund wog, als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug
hielt. Dort ber den Sieben Hgeln vollendete der Katholizismus, was die
Liederlichkeit angefangen hatte, und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe,
vor welcher ihn ein wackrer deutscher Arzt nur mit Mhe durch die sorgfltigste
Kur bewahrte. Sein Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und
sozusagen klebrigen Begriffen. Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem
groben hlzernen Futterale entdeckt, oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat,
um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen, wei ich nicht; ich
wrde mich aber jedenfalls schmen, von einer solchen groben Handgreiflichkeit
meine Wiedergeburt zu datieren.
    Mir ist alle bewute und sich vortragende Religisitt in der Gegenwart ein
Greuel, denn sie tritt, wo sie sich zeigt, aus dem Rahmen der Kirche, welcher
sie angehren will. Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhangs, durch
welchen sie sich als echt beglaubigen knnte. Es gab oder es gibt wenigstens
jetzt durchaus keine andre aufrichtig - fromme Menschen, als die es
unwillkrlich, und ohne viel Wesen davon zu machen, sind. Wie mich der Anblick
des Siechlings, der sich denn auch, um die Sache bis zur Spitze zu treiben, die
Tonsur hatte scheren lassen, anwiderte, da ich das Schlo betrat! - Ich
erwartete gleich wenig Gutes von ihm.
    Dieser unglckselige Mensch hatte sich nach und nach gewhnt, alles in der
Welt unter der Verknpfung von Schuld und Bue anzusehen, und sich so die groe,
grenzenlose Mannigfaltigkeit, welche durchaus verlangt, da man vieles mit
leichtem Blicke als gleichgltig und llich betrachte, in einen grauen,
ekelhaften Brei zusammengerhrt, von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als
Schuld, und zu der nchsten eine zweite als Bue einzunehmen sei. Die
natrlichen Folgen, die zuflligen Ereignisse waren fr ihn nicht mehr
vorhanden, in jedem Zahn- und Kopfschmerz sah er ein gttliches Strafgericht.
    Da ein solcher devoter Taugenichts bei Gelegenheit, wenn es eben an Snde
gebricht, auch wohl darauf ausgehen kann, selbige knstlich zu verfertigen, um
wieder Stoff fr die Pnitenzmhle zu liefern, haben Sie in seinem Verhalten
gegen Hermann, was ziemlich nach Kuppelei schmeckt, richtig geschildert,
obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln.
    Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen, als sie sich mit ihren ertrumten
Gewissenslasten im stillen plagte. Bei Durchlesung und Vergleichung der beiden
Bekenntnisse habe ich gefhlt, da eine, um mich des Ausdrucks zu bedienen,
robuste Sittlichkeit diejenige ist, welche uns zu unsrer und andrer Freude durch
das Leben geleitet. Auch die Tugend kann krnkeln, scheinbar in ihrer hchsten
Blte vorhanden sein, gleichwohl aber das Geschpf von einem Irrtume in den
andern jagen. Was ist es mehr, da eine junge verheiratete Frau einige
Augenblicke an einen jungen Mann mit grerem Interesse denkt, als an den
Gemahl, und wie bald heilen Entfernung, Pflicht und Verhltnisse solche leichte
Seelenwunden aus! Sie zu einem Gegenstande ngstlicher Betrachtung machen, heit
aber, nach und nach dahin arbeiten, unter lauter Pflichterfllungen, guten
Werken und Andachtsbungen Gatten und Haus aufzugeben.
    Doch trgt die Hauptschuld an der ganzen Wendung der Dinge der neophytische
Priester. Wre er, wie ein unschuldiger Mann und Diener Gottes es getan htte,
trstend und beruhigend zu der schnen Selbstqulerin getreten, so wrde sie
sich in seinem Zuspruche bald ausgeheilt haben. So aber strzte er sich auf ihr
wundes Gemt, wie der Geier auf die Beute, und es ist nicht zu beschreiben, mit
welcher kasuistischen Grausamkeit er ihr Inneres zerlegt, der fiebernden
Einbildungskraft Schrecknisse aus dem ganzen Gebiete der Mglichkeit vorgefhrt,
und sie so vllig mit sich uneins, verworren und elend gemacht hat.
    Unsre Bestrzung knnen Sie sich denken. Ohne da irgend etwas vorgefallen
war, floh uns, verbarg sich vor uns die geliebte Herrin, welche als belebende
Sonne unsern Kreis erwrmt hatte. Das ganze Hauswesen des Schlosses neigte sich
einer Auflsung entgegen, denn die Frau bleibt ja immer und ewig die innerste
Seele aller der gemtlich - traulichen Beziehungen, welche verschiedne Menschen
zwischen vier Mauern zusammenhalten. Der Jammer des Herzogs war gro. Die Liebe
zu seiner Gemahlin war vielleicht der einzige recht menschliche Punkt an ihm, da
er sonst freilich wohl nur aus Aristokratie und Reprsentation bestand. Nun
behandelte ihn diese angebetete Frau mit Klte, die zuletzt in einen
unverhllten finstern Widerwillen ausging. Nach und nach konnte ich mir aus
einzelnen Symptomen wohl zusammensetzen, da der junge Fremde an den
Gewissensskrupeln der Herzogin schuld sein mge, und in einer unvorsichtigen
Stunde, in der guten Absicht, mit dem Gemahle einen vernnftigen Heilplan
festzusetzen, entdeckte ich ihm meine Vermutung, welcher ich jedoch die
Beteurung hinzufgte, da ich fest, wie von meinem Leben, von der vlligen
Vorwurfslosigkeit der Benden berzeugt sei, und das Ganze nur fr eine Folge
berstrenger Begriffe halte. Ich hatte aber diese Mitteilung zu bereuen.
    Denn er, nach seiner Sinnesweise vermutlich unfhig, eine Pein um nichts zu
begreifen, lie mich durch seine schwermtigen Blicke, seine verfallenden Zge,
seine gebeugte Haltung schlieen, da er mehr, da er wahre Fehltritte
argwhnte.
    Alle Versuche, die Schmarotzerpflanze von dem schnen, schlanken Stamme, an
welchem sie sich festgesogen, abzureien, wurden mit konvulsivischer Heftigkeit
zurckgewiesen. Meine Mittel nahm die Kranke, aber was konnten die helfen? Das
beste wre gewesen, dem geschftigen Seelsorger eine Dosis Bilsenkraut
einzugeben, wozu ich nicht selten, Gott verzeihe mir die Snde! bei mir die
stille Anwandlung versprte. Denn wer mir an das Heiligste und Wunderbarste, an
den menschlichen Leib, die frevelnde Hand legt, der greift als Feind in des
Arztes Gebiet, den hasse ich bis in den Tod.
    Da nun aber eine Vergiftung sich doch fr mich nicht wohl schickte, so
ersann ich ein andres, nmlich ein Abfhrungsmittel. Es war mir bekannt, da der
Oberhirt der Dizese, seine und seiner Kirche Stellung mit Klarheit
berschauend, und wohl wissend, da dem Katholizismus nur noch durch eine heitre
Verstndigkeit zu helfen ist, trbliche Fanatiker durchaus nicht liebte, und
alle Versuche, eine gemachte Devotion und Rigorositt frherer Zeiten wieder
hervorzubringen, bei jeder Gelegenheit streng zurckgewiesen hatte. Hierauf mich
verlassend, und mit raschem Entschlu meinen Polacken besteigend, war ich nach
einem tollen schweitriefenden Ritte in der Metropole. Im Offizialate angelangt,
lie ich mich zu einem der ehrwrdigen Herrn fhren, von dessen derbem
naturfrischem Wesen ich viel gehrt hatte.
    Ich fand ihn, seltsam genug, in einer kahlen Arbeitszelle, die kurze Pfeife
im Munde, hinter der Flasche und dem grnen Weinrmer, Akten lesend. Wundern
Sie sich nicht, rief er mir mit heisrem Lachen entgegen, indem er eine dicke
Rauchwolke von sich blies, und den Rmer fllte, mich unter solchem Rstzeuge
zu finden! Den Arbeitern im Weinberge des Herrn wird oft schwach zumute, und sie
bedrfen dann leiblicher Erstrkung.
    Ich versetzte, da gerade diese Umgebung mir Mut mache, mein Anliegen
vorzutragen, weil ich ihn fr einen von denen halte, welche den Herrn in
Freudigkeit suchten; erffnete ihm darauf, ich sei Doktor und der Leibarzt der
Herzogin von *. Die Dame kranke, meine Kur knne aber nicht anschlagen, weil ein
andrer, ein Seelendoktor entgegenoperiere. Wie es nun ein Gesetz der
Stereometrie sei, da, wo ein Krper, sich kein zweiter befinden knne, so gelte
ein hnliches auch in der Medizin, und deshalb wolle ich ihn, als Beisitzer der
hchsten geistlichen Behrde, um abhlfliche Manahmen angehen.
    Das Sokratesgesicht verzog sich wieder zu einem faunischen Lachen, er
schrzte seine Nasenflgel empor und fragte ungefhr mit den Worten des
Patriarchen im Nathan (obgleich diesem im Gemte ganz unhnlich): Ist solches
ein Problema, oder ein wirklicher Casus?
    Ich erzhlte ihm darauf, was ich wute, und wie ich nun aus dem Memoire
ersehe, die Sache bis auf Nebenumstnde ziemlich richtig und vollstndig.
    Der alte rechtschaffne Mann, dessen treuer Wandel nach den Geboten Gottes
und nach dem Beispiele der Heiligen allgemein bekannt war, lie mich kaum zu
Ende reden, warf seine kurze Pfeife auf den Boden, da der Kopf zerbrach, und
rief in Selbstvergessenheit: Den soll ja der Teufel holen! Darauf sich
kreuzigend und den verpnten Fluch mit blichem Spruche bereuend, fgte er
hinzu: Zu solcher Snde hat mich der Zorneifer fortgerissen. Doch nur Geduld,
es ist gerade eine Stelle in der wilden Eifel offen, wo er unter den Haferbauern
seine Knste versuchen mag. Ihr Herzog hat ihn zwar zu seinem Hauskaplane
gemacht, da er aber zugleich die Pfarrei des Orts versieht, so ist er unsrer
Gewalt unterworfen. Er soll in Blde versetzt werden.
    Nach einigen Gesprchen wurde ich mit dem derben Alten ganz vertraut. Diese
neumodischen, aufgespreizten berlufer geben uns viel zu tun, sagte er. Sie
wollen uns Alten vorbeirennen, es immer besser machen, als gut, damit nur ja
niemand an der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung zweifle, und bringen
solchergestalt manche Unruhe zuwege. Sie laufen umher, stnkern, rhren den
Dreck, mengen allerhand Subtilitten in das Dogma, verflschen dadurch selbiges,
und verfhren eine Qulerei und Deutelei, davon unsre Kirche gar nichts wei,
noch wissen will. Wir mssen jetzt dahin streben. Geistliche zu bekommen, die
alert, aufgeweckt, sich helfen knnen, und nicht, wie leider Gottes bis jetzt
der Fall war, als Dummerjahne neben den protestantischen Predigern stehn.
    Ich konnte mein Erstaunen ber diese Freimtigkeit nicht bergen und er fuhr
fort: Das ist auch so ein alter abgenutzter geistlicher Kniff, ber alles
hinter dem Berge zu halten, was vor jedermanns Augen offen daliegt. Ich fr
meine Person habe ihn in den Winkel geworfen, weil ich festiglich an den ewigen
Bestand meiner Kirche glaube, ohne diese Gaukeleien.
    Schon nach acht Tagen kam der Versetzungsbefehl aus dem Offizialate, der
zwar groe Bestrzung erregte, dem aber nach dem Grundsatze der Obedienz nicht
widerstrebt werden mochte.
    Die Herzogin konnte dem Gewissensschrfer doch nicht auf sein Drflein
folgen, er mute sich also damit begngen, eine ausgearbeitete Heilsordnung zu
hinterlassen, und wir sahen dem abziehenden Sykophanten mit stillem Jubel nach.
    Bei diesem Siege htte ich mich beruhigen, ich htte der Kraft der Zeit
vertrauen und erwarten sollen, da, wenn auch unsre Freundin nach der Entfernung
des Priesters fortfuhr, zu beten und sich zu kasteien, diese Exaltation ohne
einen immer gegenwrtigen Schrer und Anblser allgemach erlschen wrde, zumal
da der Nachfolger des Geistlichen ein durchaus miger heiter denkender Mann
war.
    Allein auch mich ri die Ungeduld, die uns allen jetzt so eigen ist, fort.
Ich wollte das bel mit Stumpf und Stiel ausrotten, und mu mich nun leider
selbst eines recht trichten Streichs anklagen. Wie man Sturzbder anwendet, um
durch Erschtterung des ganzen Organismus eine Hauptkrisis zu bewirken, so
wollte ich in diesem Falle von einem moralischen Sturzbade Gebrauch machen,
durch welches ich zugleich das Luftbild, welches die Phantasie meiner Herrin
qulte, auszulschen, und der entnervenden Irrwirkung des Priesters
entgegenzutreten hoffte.
    Ich lie also - um kurz zu sein, denn warum soll ich etwas Schlimmes
weitluftig hin und her wenden? - die Herzogin durch dritte glaubwrdige Hand
wissen, da der junge Mann, den wir auf dem Schlosse beherbergt, eigentlich ein
ziemlich lockrer Gesell gewesen sei, der ein verkleidetes Mdchen, mit welchem
er schon eine Zeitlang gelebt, hier unter uns bei sich gehabt habe.
    So weit kann man, in Mistimmungen und Willkrlichkeiten verloren, von der
graden Bahn abkommen.
    Der Erfolg meiner Torheit war keinesweges der beabsichtigte, sondern ein
sehr trauriger. Ich wurde zur Herzogin berufen, welche, ausgestreckt auf dem
Sofa, im furchtbarsten Krampfe lag. Nachdem die verzweifeltsten Mittel diesen
gebrochen, entwickelten sich intermittierende Zuflle, welche monatelang
anhielten, und das zarte Gebilde zu vernichten drohten. Mein Zustand war
schrecklich. Ich rannte wie rasend durch Felder und Wlder, verweinte meine
Nchte, verfluchte mich und meinen Unsinn. Die Schlaflosigkeiten, woran ich noch
jetzt periodenweise leide, sind Nachwehen jener trauervollen Zeit. In einem
freien Zwischenraume schrieb die Herzogin den Brief an Hermann und sandte ihm
die Brieftasche zurck.

ber das Phantasma auf dem Hgel habe ich selbst meine eignen Gedanken gehabt.
Soviel ist gewi, es war der Hgel und die Stelle auf demselben, wo der Pfaff
sich bestrebt hatte, in Hermann den Gedanken an einen bertritt zur katholischen
Kirche mit listigen Entzckungen zu erregen, und wo nachmals der Mordanfall auf
den Oheim geschehen war.
    Empfngt die Erde einen Eindruck vom Frevel, da der Ort, wo ein solcher
geschah, vergiftet wird, und in einem dazu disponierten Gemte Gedanken, die vom
Rechten abirren, hervorzurufen vermag? Seelisches und Krperliches stehn im
engsten ununterscheidbarsten Zusammenhange, Krper und Auenwelt wirken auf die
Seele, trbe Luft, Steinkohlendmpfe erzeugen Niedergeschlagenheit und Mimut,
Sonnenschein, Gebirgsatmosphre, Heiterkeit und Energie des Geistes.
    Ist es nun so ungereimt, anzunehmen, da jene Wirkung, wie jede vollkommne,
eine Wechselwirkung sei, da auch die Seele ihrerseits, als hchst
durchdringendes Fluidum, auf die Auenwelt Einflu be, und in ihren strksten
uerungen den Boden, diesen analog, zu imprgnieren vermge? Ja, wenn man
konsequent denken, nicht bei Halbheiten stehnbleiben will, so kann man
eigentlich nichts andres annehmen. Freilich drfte man jetzt nur erst als
Hypothese hinwerfen, da der gute Mensch die Luft und den Boden gesund mache,
der bse und die bse Tat dagegen die Stelle verpeste, so da den Tugendhaften
dort ein Schauder, den Schwachen ein Gelst zum Unerlaubten anwandle. Noch
klingt dies barock und aberwitzig, nach hundert Jahren gehrt es vielleicht zu
den trivial gewordnen Stzen.
    Sie haben schon im zweiten Buche des Volksglaubens erwhnt, welcher diese
Dinge fr wahr hlt. Er spricht berall etwas hnliches aus. Wo ein Mord
geschah, hat niemand sich gern angesiedelt, ist leicht wieder etwas bles
vorgefallen. Hebel singt vom dem Platze, wo der Michel, der vom bsen Jger den
Karfunkel empfing, sich den Hals abschnitt:

's isch e Pltzli numen, es goht nit Ege no Pflug druf,
Hurst an Hurst scho hundert Johr und giftigi Chrter,
's singt kei Trostle drinn, kei Summervgeli bsuecht sie,
breiti Dosche hete drt e zeichnete Chrper.

Der Volksglaube ist aber fr die Erkenntnis der natrlichen Dinge eine sehr
wichtige Quelle, denn er ist das Unisono derjenigen Menschen, welche Augen und
Ohren fr sie haben, und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen. Es tut
mir leid, da ich bei einem Manne, der auer den fnf Sinnen noch einen sechsten
hatte, den alten Heim meine ich, unterlassen habe, nachzufragen, ob er in den
Zimmern der verschiednen Menschen, welche er behandelte, nicht schon durch den
Geruch ihre Individualitten und Charaktere gewittert hat?

In den Tagen, da die Herzogin noch immer heftig, wenngleich mit der Aussicht der
Herstellung, an ihren Krmpfen litt, kam Johanna auf das Schlo. Sie hatte, da
sie von dem Siechtum der Schwgerin vernommen, es sich als eine besondere Gunst
erbeten, ihr zur Pflege dienen zu drfen, und deshalb das einsame, ihr vorlufig
zur Wohnung angewiesene Landhaus verlassen. Die Herzogin nahm das Anerbieten an,
vielleicht mit von der religisen Vorstellung bestimmt, da es eine
gottgefllige Schickung sei, so wider Willen und Gemt eine ihr eigentlich
unangenehme Frau tglich um sich zu sehen. Indessen wurde aus dieser knstlichen
Empfindung bald eine wahre. Johanna, durch das Unglck um vieles sanfter
geworden, schien wirklich zu fhlen, da es nicht heilsam gewesen sei, sich so
eigne Wege gesucht zu haben; auch sie bte, aber auf ihre Weise, stolz und
herrlich auch in der Demut. Ihr Benehmen gegen die kranke Schwgerin war
musterhaft, nichts Feineres, Edleres, Leiseres konnte man sehn. Diese dagegen
wurde hier zum ersten Male wieder von etwas schnem Menschlichen berhrt, und
unbewut mag sie empfunden haben, da die Segnungen des Gemts doch tiefer und
grndlicher heilen, als die Rezepte eines Priesters. Aus der Pflicht, Johannen
bei sich zu haben, wurde nach und nach eine Freude, und da sie erfuhr, jene sei
wirklich verheiratet gewesen, so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden
Frauen nieder. Ich aber sah, da innerlich gute Menschen sich von dem Boden des
Hauses und der Familie nie fr immer entfernen, sondern nach den schwersten
Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen.
    Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke. Krftige Naturen
tuschen sich ber sich selbst; die ersten Zeiten nach einem groen Schlage
knnen selbst den Schein erhhter Gesundheit tragen, aber die Wirkungen bleiben
dennoch nicht aus. Sobald das bel der Herzogin gelinder wurde und die Ttigkeit
der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm, sank diese zusammen,
ihre Gestalt verfiel, nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer,
was mich aber freilich um so ngstlicher machte. Ein tiefer Harm zehrte an ihr,
da sie um ihre Jugendblte, um die Krone und das Herz ihrer heiligsten
Empfindungen nichtswrdig hatte betrogen werden knnen.
    Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Kommentar
bersenden.

                           XI. Geschichte des Herzogs


Der deutsche Adel war, seitdem die mittleren Stnde einen Drang versprten, sich
durch Geist und Tchtigkeit hervorzutun, in eine gefhrliche Stellung geraten.
Der Entwickelung mnnlicher Energie sind Hindernisse frderlich; das Verdienst
kann nur auf rauhen Bahnen sich seine Pfade suchen. In dieser Hinsicht steht nun
der Brger, wenn er nur einigermaen ertrgliche Verhltnisse fr sich hat,
bevorzugt da, whrend es in den hchsten Stnden schon einer auerordentlichen
Kraft bedarf, um nicht in dem schwchenden Elemente gar zu leichter und
geebneter Tage unterzugehen.
    Der deutsche Adel empfand weit mehr, als da er sich dessen bewut geworden
wre, die Schwierigkeit seiner Lage, geraume Zeit vor der Revolution, welche
zuletzt die tiefe Verderbnis aller gesellschaftlichen Einrichtungen an den Tag
legte. Es entstand daher in denjenigen seiner Glieder, welche nicht fhig waren,
durch Talent und hervorstechende Begabung die verhngnisvolle Last einer
privilegierten Geburt grndlich auszugleichen, ein Streben, durch allerhand
Scheinmittel die gefhrdete Existenz fr sich und die Nachkommen zu retten.
    Hier boten sich nun zunchst die von den Ahnen ererbten Besitztmer nach
einer Seite, und die Illusionen eines vornehm gleienden Lebens nach der andern
dar. So fest, wie in diesem Stande, hatte sich nirgendwo der Begriff
unveruerlichen Eigentums ausgebildet, gleich eisernen Klammern hielten es
fideikommissarische Bestimmungen, Familienstatute, Lebensnexus umwunden; die
Scholle um jeden Preis zu erhalten, wo mglich zu mehren, war also das Dichten
und Trachten vieler Edelleute, was nun freilich in seinem Gefolge Geiz,
Habsucht, selbst Unredlichkeit haben konnte.
    Die Leichteren und Lebhafteren gingen dagegen einen entgegengesetzten Weg.
Sie wuten oder fhlten, da der Brger ihnen noch lange nicht zu den
Spieltischen der Frsten, in das Boudoir hochgeborner Schnheiten, in alle
Konvenienzen eines dem Vergngen und dem persnlichen Selbstgenusse gewidmeten
Lebens werde folgen knnen, da auch solche flitternde, schimmernde Bestandteile
ihnen ein eigentmliches, und wie es ihnen schien, den Plebejern unantastbares
Dasein zu erschaffen vermchten. Sie schritten daher von ihren Gtern zu den
Hoflagern, Bdern, Sammelpunkten der eleganten Welt, schwebten wie beflgelte
Gtter oder Halbgtter durch die Reihen der niedern Menschen, traten auch wohl
auf deren Kpfe.
    Beide irrten, denn weder kann der Schein ein Leben erbauen, noch soll
derjenige sparen und geizen, der ohne sein Zutun schon mehr berkommen hat, als
andre.
    Oft wechselten jene krankhaften Richtungen in den Geschlechtsfolgen ab; nach
dem harten, ngstlichen Vater kam wohl der weiche, alles durchkostende Sohn.
    Gegenwrtig hat der Adel eigentlich gar kein Prinzip. Die Standesvorrechte
in Masse wirklich noch einmal aufbieten zu wollen, ist eine Hoffnung, die kaum
dem Khnsten schmeicheln mchte, das Eigentum geht von Hand zu Hand; die
Flatterien des hohen Tons sind aber meistens auch verwischt. In manchen
Edelleuten, deren Sinne diese Prosa nicht gengen will, hat sich daher ein
mythisch - poetisches Gefhl abgelagert, welches, ber die nchste Vergangenheit
zurckgreifend, entlegne Zeiten mit ihrer Treue, Frmmigkeit, mit ihrem
Rittermute wiedergebren mchte, der Seele eine gewisse Erhebung gibt, freilich
aber ohne allen Gegenstand ist.
    In der Familie des Herzogs hatten sich whrend eines Zeitraums von fnfzig
Jahren alle drei Stimmungen und Gesinnungen erzeugt. Der Grovater war ein Mann
gewesen, welcher im Notfall auf Feldern und Wiesen selbst mit Hand anlegte, wenn
es eben fehlte; er trug das grbste Tuch, und sa am liebsten mit Verwaltern und
Bauern in Wirtschaftsgesprchen zusammen. Die Grundstcke zu verbessern, durch
Ankufe abzurunden, und auer dem Liegenden noch ein betrchtliches Geldkapital
zu hinterlassen, dies waren seine einzigen Lebenszwecke. Um sie zu erreichen,
speiste er von Zinn, und versagte sich jeden Genu. Noch zeigte man im Schlosse
den Hut, den er dreiig Jahre lang getragen hatte. Er war zwar nicht, wie der in
der Fabel, siebenmal verndert worden, aber durch Stutzen und Beschneiden von
der ansehnlichen Gre eines dreieckigen bis zu der winzigen Gestalt einer
sogenannten Lampe zusammengeschrumpft.
    Der Sohn vereinigte nun das gerade Gegenteil aller dieser Eigenschaften in
sich. Prachtliebend, empfindsam, phantasievoll, gereichte er seinem Vater,
sobald diese Seiten sich zu entwickeln begannen, auch nicht einen Augenblick zur
Freude. Gern htte er ihn enterbt, wenn er nur gedurft, allein er mute ihn
sogar seines eignen Weges gehen lassen, da Graf Heinrich mit der erlangten
Mndigkeit Herr eines ansehnlichen mtterlichen Erbteils wurde. Er vermhlte
sich frh mit einem reizenden Frulein, welcher aber der Gatte wenig zustatten
kam, denn dieser reiste auch nach seiner Heirat viel allein, und hielt sich
durch die Bande der Ehe in seinen Freuden nicht gehemmt. Zrtliche, an
Schwrmerei grenzende Freundschaften schmckten sein Leben, bei den Weibern
hatte er ein fabelhaftes Glck, eine zahlreiche Nachkommenschaft war die Frucht
so mannigfacher Begegnungen. Um diese kmmerte er sich nicht. Was ihn bewogen,
Johannen nach dem Tode seiner Gemahlin ausnahmsweise auf das Schlo bringen zu
lassen, und sie halb und halb anzuerkennen, hat man nie erfahren.
    In dem Ernste des Enkels glaubte der Grovater eine Spur seines Charakters
zu entdecken, und trstete sich daran ber den Leichtsinn des Sohns. Er hatte
ihn bestndig um sich, und man vermutete, da er ihn besonders bedacht haben
wrde, wre er nicht vom Tode berrascht worden.
    Wie dieser Enkel sich ausgebildet, erzhlen Ihre Bcher. Das aber konnten
sie nicht erzhlen, und wrden sie auch nie erzhlen knnen, wie er ein Opfer
der Schuld seiner Altvordern wurde. Nur ich wei es. Ich habe keine
Verpflichtung, ein Geheimnis daraus zu machen, und die Frauen, um derenwillen
ich vielleicht schweigen mte, werden, wenn ich mich irgendein wenig auf die
weibliche Natur verstehe, keinen Blick in die gedruckten Memoiren werfen,
nachdem sie schreibend dazu beigesteuert haben. Was aber ber alles: Ich glaube,
da ich von Ihrer Leidenschaft fr die Wahrheit durch Sie etwas angesteckt
worden bin.
    In den Tagen, wo ich zwischen zwei Krankenbetten, dem der Herzogin und
Johannas meine Sorgen zu teilen hatte, nahm der Proze ber die
Standesherrschaft eine besonders lebhafte Wendung. Es sollte zur Vorlegung des
Adelsbriefs geschritten werden, und ich sa im Archiv, davon eine Kopie fr den
Herzog zu fertigen, welche er zurckbehalten wollte.
    Nach Wilhelmis Abgange und bei noch fortdauerndem Mangel eines tchtigen
Stellvertreters verrichtete ich manche Geschfte, die ein Nichtjurist allenfalls
besorgen konnte. Da hrte ich einen lebhaften Wortwechsel in einem
Seitenkabinette, und sah nach einigen Sekunden den Herzog mit dem Amtmann vom
Falkenstein heraustreten. Letzterer sah sehr erhitzt aus, und rief: So wollen
mich der gndige Herr wirklich fortjagen?
    Bedienen Sie sich anstndigerer Ausdrcke, solange Sie noch in meinen
Diensten sind, versetzte der Herzog, welcher seine Fassung ziemlich beibehielt.
brigens sehen Sie selbst wohl ein, da in einer wohlgeordneten Wirtschaft der
Herr zu befehlen und der Untergeordnete zu gehorchen hat, und da, wo sich die
Sache umdrehen will, man schleunig Einhalt tun mu.
    Der Amtmann warf einen hhnischen Blick auf meine Arbeit, murmelte: Ich
werde dazu gezwungen - und verlie das Gewlbe. Ich fragte den Herzog, was
vorgefallen sei, und erfuhr, da er den Trotz und die Willkr dieses bsen Alten
nicht lnger dulden knne. Er scheine es darauf anzulegen, die Autoritt der
Herrschaft zu untergraben, und habe neuerdings in der Administration des
Falkensteins Anordnungen getroffen, die im graden Widerspruche mit den
Verfgungen des Herzogs stnden. Darber zur Rede gestellt, sei nicht einmal
eine Entschuldigung erfolgt, vielmehr das freche Erwidern, da es so besser sei,
worauf der Herzog ihm den Dienst gekndigt habe.
    Auch mir war das gemeine Wesen dieses Menschen, welches sich in der
letzteren Zeit, und besonders, seitdem der Rechtsstreit ber die Herrschaft
anhngig war, immer mehr gesteigert hatte, sehr auffallend gewesen. Er tadelte
laut seine Gebieter, hielt sich ber sie auf, klatschte und verklatschte, benahm
sich berhaupt so, als knne er hier schalten und walten, wie er wolle.
    Das ist die Frucht davon, wenn die Leute zu sehr sich einnisten, sagte der
Herzog. - Dieser Reinhard war schon bei meinem Grovater, und dessen rechte
Hand. Nun mu ich zu einem Schritte gegen ihn bergehen, der mir leid tut, aber
nicht abzuwenden ist. Der alte Erich wurde in seiner Heftigkeit beinahe zum
Mrder und irrt vielleicht unter Rubern umher, und was soll der Amtmann
beginnen, wenn ich ihn, wie ich mu, forttreibe? Man wechsle auch mit den
Menschen, wie mit den Kleidern, es wird viele Unbequemlichkeit dadurch erspart.
    Er sah das Diplom an und fuhr mit einem trben Lcheln fort: Auf welchem
schwachen Grunde die Pfeiler unsres Daseins stehn! Dieses schlechte und dnne
Pergament wre denn nun die letzte Brgschaft eines ertrglichen Lebens, nachdem
so manches sich in meiner Huslichkeit verndert hat, und dieses Schlo zum
Siechenhofe geworden ist.
    Einige Wochen vergingen, und des Vorfalls, der uns unbedeutend schien, wurde
nicht weiter gedacht.
    Mein Schreck war gro, als eines Abends spt der Herzog auf mein Zimmer
geeilt kam, bla, mit verwandeltem Antlitz, bebenden Gliedern. Sprachlos reichte
er mir einen geffneten Brief hin, und sank, sich in seinen Mantel hllend, auf
einen
    Sessel.
    Der Brief war von Hermanns Oheim und enthielt eine Nachricht, die allerdings
den Festesten erschttern konnte. Der Gegner schrieb, der Amtmann sei bei ihm
gewesen, und habe ihm in betreff der Adelsurkunde, von welcher das Schicksal der
zwischen ihnen schwebenden Sache abhange, eine unerwartete Nachricht gegeben.
Jene Urkunde sei nmlich verflscht und vom Amtmann selbst auf unablssiges
Bitten, Dringen und Befehlen des Grovaters, welcher sich den Prtendenten der
jngeren Linie gegenber in groer Verlegenheit gefhlt, unter genauer
Beobachtung der Kurialien und mit treuer Nachmalung der Kanzeleischrift
angefertigt worden. Knstlich vergilbte Dinte sei von einem Chemiker leicht zu
beschaffen gewesen, auch habe es nicht schwergehalten, dem Pergamente selbst die
Farbe des Alters zu leihen. Man habe einen geschickten Stempelschneider fr eine
groe Summe gewonnen, das kaiserliche Insiegel vorhandnen Mustern in Metall
nachzustechen.
    Zu solchem Frevel habe der Amtmann sich nur erst dann verstehen wollen, als
ihm vom Grovater ein eigenhndiges untersiegeltes Bekenntnis ber den ganzen
Einhergang ausgestellt und berliefert worden sei. Mit diesem Reverse sei ihm
das Schicksal des Hauses in die Hnde gegeben worden, und er habe in der Stunde,
da er dem Herrn zuliebe so schwer sein Gewissen belastet, geschworen, dies nicht
umsonst tun, vielmehr, wenn man ihm einmal nur im entferntesten Sinne schnde
begegne, alsobald das Amt der Rache ausben zu wollen.
    Der Oheim schrieb, da der Amtmann alle diese Entdeckungen ihm in einem
uerst gereizten Zustande getan habe, und da von ihm keine Rcksicht auf diese
Aussage eines entlaufnen Dieners genommen worden wre, wenn nicht der ihm
gleichfalls berreichte Revers des Grovaters den schlagenden Beweis der
Wahrheit geliefert htte.
    Dieser Revers lag in beglaubigter Abschrift bei, und enthielt leider die
Besttigung des schmachvollen Ereignisses.
    Wer htte dies ahnen knnen? Ich starrte den Herzog an, er mich, wir fanden
beide keinen Rat in uns. Der Oheim hatte seinem Schreiben die Bemerkung
hinzugefgt, da er aus Schonung diese Mitteilung zuvor privatim gemacht habe,
und vor Gericht dieselbe nur dann benutzen werde, wenn der Herzog auch jetzt
einen gtlichen Ausweg in der Sache verschmhe.
    Der Herzog lag stumm und wie ein Toter im Sessel. Da mich sein Schweigen
ngstigte, fragte ich ihn, was er auf die letzte Andeutung beschlieen wolle? Er
erwiderte mit tonloser Stimme: Nichts! Wir sind verloren und haben keine
Beschlsse mehr zu fassen. Nur fr die Herzogin mu gesorgt werden, das ist das
einzige, was noch geschehen kann.
    Da ich ihn in den folgenden Tagen ganz zerschmettert und fassungslos sah,
(von der Echtheit des Reverses hatten wir uns inzwischen durch die Vorlegung des
Originals notgedrungen berzeugen mssen) suchte ich ihn mit allerhand
Trostgrnden aufzurichten, und stellte ihm vor, da, wenn auch aus den zutage
gekommnen Umstnden der nicht adliche Stand der Ahnin beinahe zur Gewiheit
erhelle, doch es noch immer sehr zweifelhaft bleibe, ob der Richter die
Rechtsbestndigkeit des bertrags reiner Familienanrechte auf einen Fremden,
Brgerlichen aussprechen werde.
    Er versetzte, da mein Zuspruch den Punkt nicht treffe. Scheinbar habe das
Schicksal die Lsung des Knotens vorbereitet, um unter der Hlle dieser
Anstalten einen viel festeren und hrteren zu schrzen.
    Ich merkte, da die Gefahr, seine Besitzungen einzuben, ihn weniger
drcke, als ein andres, nagendes Gefhl. Er war im innersten Mittelpunkte seiner
Empfindungen geknickt, zerbrochen. Das Falsum des Vorfahren hatte den Begriff,
den er von sich hatte, vernichtet. Die reine Abstammung, auf welche er, wie das
Hermelin auf die unbefleckte Weie seines Pelzes, gehalten, war besudelt durch
den Fehltritt, wozu die Angst zu verlieren, einen geizigen Alten fortgerissen
hatte. Seine Tage schienen ihm an ihrer Quelle vergiftet zu sein, und seine
Vorstellungen nahmen die krankhafte Verderbnis an, zu welcher es in der
krperlichen Sphre ein Gegenbild in dem scheulichen bel gibt, welches ich
nicht nennen mag.
    Ich versuchte, den irregehenden Gedanken die natrlichen Wege zu erffnen,
und sagte, da ja ein jeder der Sohn seiner Taten sei, nur sein Bndel zu
tragen, nur seine Schuld zu verantworten habe. Allein diese geistige
Krankheitsform, welche man Aristokratismus nennt, nimmt solche Mittel nicht an,
man kann sie nur aus sich selbst durch Illusionen heilen, welche mir nicht zur
Hand waren.
    Nach und nach rang sich der Herzog zu einer kalten Fassung empor. Er
verlangte von mir die Entfernung der Frauen, wenn deren Umstnde diese tunlich
machten, da er allein zu sein wnsche, und die geschftlichen Anordnungen,
welche nun bevorstnden, auch nur in der Einsamkeit treffen knne. Sein Wunsch
stimmte mit meinen Ansichten berein. Welche ble Wirkung mute die Verwicklung
der Hausgeschicke auf die langsam genesende Herzogin machen, wenn sie davon, wie
doch bei ihrer Anwesenheit kaum zu vermeiden war, Kunde bekam! Ich brauchte
daher den Vorwand, da zu ihrer vlligen Herstellung nichts krftiger wirken
werde, als eine magnetische Behandlung, und sandte beide Damen, diese scheinbar
einzuleiten, nach der Hauptstadt. Mancher Widerstand war zu besiegen gewesen,
insbesondre bei Johanna, welche ich zuletzt nur dadurch zur Abreise bestimmte,
da sie einsehen mute, wie die Schwgerin ohne sie in der groen Stadt ganz
verlassen sein werde. Mein Ernst war es nicht mit dem Magnetismus, gegen welchen
ich vielmehr von jeher gewesen bin, da er den Organismus nur noch tiefer
zerrttet. Ich empfahl die beiden Leidenden in die Obhut eines dortigen
Freundes, auf welchen ich mich, wie auf mein zweites rztliches Ich verlassen
konnte. Diesem band ich ein, da er meine Heilmethode, als Vorbereitung zu jener
mystischen, verfolgen, und so ohne Streichen und Manipulieren den Zweck zu
erreichen sich bestreben solle.
    Nun waren wir Mnner allein, verkmmert, auf dem Schlosse, welches sonst von
freundlicher Geselligkeit eine so angenehme Belebung empfangen hatte. Der Herzog
schien ruhig zu sein, er erklrte verschiedentlich, da ich recht gehabt, da
jeder nur fr sich und seine Handlungen einzustehen verpflichtet sei, da die
Vergehungen dritter Personen in den Augen der Vernnftigen unsrer Ehre nicht
schaden knnten, und was dergleichen mehr war. Allein mir wurde nicht wohl bei
diesem Gleichmute, der offenbar sich als erknstelt zeigte.
    Der Kaufmann hatte seine Antrge gemacht, welche dahin gingen, da der
Herzog die Gter auf den Todesfall abtreten, bei seinen Lebzeiten aber den
Niebrauch behalten solle. Letztres und ein bedeutendes Wittum fr die Herzogin
sollten den Kaufpreis bilden. Unter diesen Bedingungen war die Zurcknahme der
Klage, die Ausantwortung des Reverses und die Geheimhaltung der ganzen Sache
andrerseits versprochen worden.
    Der Herzog hatte sich nicht einen Augenblick bedacht, den entscheidenden
Federzug unter die ihm vorgelegte Abtretungsurkunde, welche die gedachten Punkte
enthielt, zu setzen. Als ich ihm ber diesen eiligen Schritt Vorstellungen
machte, sagte er: Wollten Sie, da der Krmer den Namen derer von * an den
Pranger schlage? Wre ich nicht gebrandmarkt? Besteht die Welt aus Vernnftigen?
Zudem, ich habe keine Leibeserben, und so mge denn unser altes Geschlecht in
diesen gepriesenen jngsten Tagen erlschen.
    Ich sah ihn ernst und nachdenklich, oft in spter Nachtstunde, durch die
Gnge des Schlosses wandern. Er stand vor den Tren, den Gerten, den
Wappenschildern still, und musterte sie mit zerstrten Blicken. Am lngsten
pflegte er im Ahnensaale zu verweilen, wo er manches an den Familienbildern
ausbessern, die durch Staub und Alter verdunkelten reinigen lie. Das Bild des
Grovaters wurde herabgenommen und beiseite geschafft, das seinige an die leer
gewordne Stelle befrdert.
    Wo es nur irgend geschehn konnte, brachte er das Gesprch auf den
Selbstmord, gegen den er sich mit der grten Lebhaftigkeit erklrte.
    Alles, was ber diesen Gegenstand Verwerfendes von jeher gesagt worden ist,
trug er in den mannigfaltigsten Wendungen vor, und hob bei diesen Gelegenheiten
besonders das Unanstndige eines solchen Lebensabschlusses heraus, welcher in
den meisten Fllen eine Menge von verletzenden Nachforschungen und das
widerwrtigste Getmmel errege.
    Er sprach leider zu oft davon, als da ich nicht die Absicht htte
durchschimmern sehn, und nicht um so besorgter werden sollen. Das Leben mute
ihm, wie er nun einmal war, unter den jetzigen Umstnden eine Last sein, das
erkannte ich wohl. Dennoch strubt sich unser modernes Gefhl hartnckig gegen
den Entschlu, sie freiwillig abzulegen.
    In meinen trben Ahnungen wurde ich nur noch mehr befestigt, als ich eines
Tages bei einem Gange durch die Bibliothek ein toxikologisches Werk
aufgeschlagen fand. Der Leser hatte gerade bei der Seite innegehalten, welche
von jenem mit grauenvoller Raschheit spurlos wirkenden Gifte, von der Blausure,
handelte.
    Da der Herzog nun fast gleichzeitig ber pltzliche Anwandlungen von
Schwindel zu klagen begann, und seine Ahnung aussprach, da er vielleicht einmal
pltzlich am Schlagflu sterben werde, (zu dem seine Konstitution sich durchaus
nicht hinneigte); so wute ich, da er zu enden entschlossen sei, wie er gelebt
hatte, nmlich ohne Versto gegen die uere Sitte, in der Weise, die ihm fr
einen vornehmen Mann die schickliche bednkte. Mich erschreckte, mich bekmmerte
diese finstre Absicht, und dennoch war bei seinem Charakter keine Hoffnung
vorhanden, sie zu wenden.

                      XII. Auch eine Bekehrungsgeschichte


Mich machten alle diese Vorflle, Migeschicke, Krankheiten sehr unglcklich.
Das Feuer einer verbotnen Leidenschaft hatte mich unter Menschen getrieben, die
sich nun allgemach von mir und voneinander ablseten. Alles Behagen um mich her
war dahin. Meine Zeit schien in dieser Einde ohne Frucht vergangen zu sein und
die Beziehungen des Lebens kamen mir wie kurze Fden vor, die man mit Mhe von
einem verworrenen Knuel abwickelt. Meinen Kranken widmete ich zwar eine
pflichtgeme Sorgfalt, aber ohne Freude am Berufe zu haben. Das eigentliche
Leiden der Welt schien mir dem Arzte so unerreichbar zu sein, da seine ganze
Beschftigung mir kleinlich und nutzlos vorkam. Wie sich das Leben vor meinen
Augen zersetzte, so brckelte mir auch die Wissenschaft auseinander und wurde
ein lockres Aggregat problematischer Einzelheiten, welchen der eigentliche
Mittelpunkt fehlte.
    Auch mich warfen die Anstrengungen und Gemtsbewegungen, verbunden mit einer
starken Erkltung, die ich mir bei einem nchtlichen Ritte zuzog, auf das Lager.
Ein starkes Fieber hielt mich drei Wochen lang zwischen glhenden Phantasien
gefangen, und mchte leicht einen gefhrlichen, nervsen Charakter angenommen
haben, wren meine Eingeweide nicht frei von jeder Indigestion gewesen.
    Als ich erstand, war ich wie neugeboren, ich hatte das Gefhl eines Kindes,
dem jeder Gegenstand tausend frische unabgenutzte Seiten zeigt, in den
unbedeutendsten Dingen erkannte ich ein Glck, der Gru eines Bekannten, seine
Frage, wie es mir gehe? konnte mir auf einen ganzen Tag Freude machen.
    So lebte ich einige Wochen fr mich hin, mit Eifer meine Berufsgeschfte
treibend, und mich um die Wirrsale der Welt wenig kmmernd. Da wurde mir eines
Tages, es war gerade um zwlf Uhr mittags, die wunderbarste innere Erfahrung.
Sie kam ungesucht, unvorbereitet, wohl recht, wie das Hchste erscheinen mu.
    Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, will gestehn, da auch
nachmals mein Innres voll Schlacken geblieben ist, aber ich kann, wie Cromwell,
von mir behaupten, da ich einmal im Stande der Gnade gewesen bin, und deshalb
nicht verlorengehn werde.
    Ich wanderte fr mich eine grade, keinesweges zur Erhebung stimmende
Landstrae hin, ruhig, ohne Bewegung des Gemts, nur an eine ganz gewhnliche
Tagesobliegenheit denkend. Da, auf einmal, fhlte ich in mir die Existenz
Gottes, und seine unmittelbarste Gegenwart in mir, so da ich nun ganz bestimmt
wute: Er ist. Und zwar nicht als Begriff, Idee, sondern sein Dasein ist ein
reelles. Der Sitz dieser Empfindung war der ganze Mensch zwar, jedoch
hauptschlich und vorzugsweise das Herz, in welchem sich dieselbe wie ein
sanftes Wirbeln gestaltete, welches das Herz zugleich in den Mittelpunkt des
Weltalls rckte, und es auf einen Zug begreifen lehrte, in welchen Gesetzen der
Unschuld, Schnheit und Gte dieses ungeheure Ganze erbaut worden sei. Damals
wute ich auch sofort, da wir nie Gott anschauen werden, da vielmehr die
Seligkeit darin bestehen soll einen solchen Moment fr immer zu haben, und da
dann Gott, wie ein ewiges Pulsieren der Heiligkeit, in uns die Stelle des
fleischlichen Herzens einnehmen wird. Alles dieses war keine Phantasie, keine
Spekulation, sondern eine fast sinnliche Gewiheit. Es dauerte nur wenige
Sekunden, auch kann ich den Moment nicht nher beschreiben, denn es wrde doch
nur auf schmckende Armseligkeiten hinauslaufen. Dantes Worte kommen ihm noch am
nchsten, wenn er singt:

All' alta fantasia qui manc possa;
Ma gi volgeva il mio disiro, l velle,
Siccome ruota, che igualmente  mossa,
L'amor, che muove l Sole e l'altre stelle.

Doch klingen auch sie nur wie Lallen von hoher Musik. Das Ganze aber war ein
Gemtswunder, welches sich nachmals nicht hat wiederholen wollen, mir jedoch
auch in seiner einzelnen und einzigen Erscheinung zur Beruhigung ber einen
hheren Zusammenhang der Dinge vollkommen gengt. Bin ich Ihnen in meinem Wesen
umgestimmt erschienen, so ist es die Nachwirkung dieses Augenblicks gewesen.
    Als ich nach Hause kam, fand ich den Ruf zur Vorsteherschaft ber die groen
Anstalten in der Hauptstadt, mir hchst unerwartet und berraschend, da ich
nicht geglaubt hatte, da meinem Wirken anderwrts Aufmerksamkeit zuteil
geworden wre. Mein Entschlu konnte nicht zweifelhaft sein. Hier traf eine
uere Gunst genau mit einem inneren Glcke zusammen. Meine Verhltnisse hatten
sich ausgelebt, und ich erkannte, da es fr mich an der Zeit sei, in neue,
bedeutendere Kreise berzugehn.
    Man hatte mir den Auftrag erteilt, nach England und Frankreich zu reisen,
dort verschiedne Beobachtungen zugunsten des Instituts anzustellen. So kam es,
da ich erst nach geraumer Zeit in * anlangte, wo ich denn die Frauen geheilt
antraf, Johannen durch den alten, wrdigen Kriegshelden, die Herzogin durch ihre
jungen Mdchen.
    Da auch bei dieser das Herz, freilich in sehr zarter Weise, die Herstellung
vermittelt hat, ist Ihnen vielleicht nicht so bemerklich geworden. Der junge
Lehrer, welcher nach dem Tode der Vorsteherin fr die hut- und mutterlose
Pension, welche er nicht gern untergehn lassen wollte, ihren Schutz anflehte,
wirkte durch seine Persnlichkeit wohl bedeutend auf ihren Entschlu, sich der
Mdchen anzunehmen, die den Stamm aller nachherigen Zglinge bildeten. Er gehrt
zu den jungfrulichen Mnnern, ist schamhaft, verschwiegen, bescheiden wie
keiner. Nun wohnt er schon seit lngerer Zeit im Hause der Herzogin, und man
kann diese Neigung, obschon sie ganz unschuldig ist, und nur die Farbe des
Dienstverhltnisses trgt, worin er zu ihr steht, kaum noch Freundschaft nennen.
Ich hatte meine trichte Leidenschaft lngst besiegt, und mochte daher dieses
Wirken der Natur unbefangnen Sinnes anschaun. Freilich wurde mir dabei ihre
Ironie klar, welche nirgends ausbleibt, und hier durch ein ehehnliches
Verhltnis fr bertreibungen der Sitte und Sittlichkeit das Gleichgewicht
herzustellen gesucht hat. Denn jenes Verhltnis war nach so vielen
Gewissenszweifeln, Bungen und Gebeten dennoch schon bei Lebzeiten des Herzogs
eingeschritten.

Der Arzt hat eine groe Aufgabe in der Gegenwart zu lsen. Krankheiten,
besonders die Nervenbel, wozu seit einer Reihe von Jahren das
Menschengeschlecht vorzugsweise disponiert ist, sind das moderne Fatum. Was in
frischeren, krzer angebundnen Zeiten sich mit einem Dolchstoe, mit andern
raschen Taten der Leidenschaft Luft machte, oder hinter die Mauern des Klosters
flchtete, das nagt jetzt inmitten scheinbar - ertrglicher Zustnde langsam an
sich, untergrbt sich von innen aus, zehrt unbemerkt an seinen edelsten
Lebenskrften, bis denn jene Leiden fertig und ausgebildet dastehn.
    Zwischen diese verlarvten Schicksale ist nun der Arzt gestellt. Er mu, will
er seinen Beruf mit Weisheit erfllen, ein Eingeweihter sein, Gott und die Welt
im Busen tragen, er mu gewissermaen das Amt eines Priesters und Hierophanten
ben. Mittel und Wege hat er aufzufinden, wozu ihm die materia medica keine
Anleitung gibt.
    Unsrer Wissenschaft steht berhaupt eine Umbildung bevor, und wenn es
erlaubt ist, der Entwicklung der Dinge vorzugreifen, so mchte ich sagen: Wir
werden uns der antiken Richtung wieder nher anschlieen. Lange genug haben wir
mit Pulvern und Pillen die Natur zu zwingen gewhnt, oder den lebendigen Leib an
das Kreuz des Systems geschlagen, in Zukunft werden wir mehr beobachten. Selbst
der Auswuchs der jetzigen Heilkunde, die Homopathie, deutet schon diesen
richtigeren Weg an, wenn sie verschmht, die sogenannten inneren Ursachen
analysierend sich zur Anschauung zu bringen, in welcher isolierten Analysis auch
eigentlich nichts mehr vorhanden ist, was dem Arzte einen Fingerzeig geben
knnte.

                                 XIII. Hermann


So bewegte sich die Welt, worin unser Freund eine Zeitlang einheimisch und ttig
gewesen war, gnzlich umgestaltet, in Erbaun und Verfall, Trost und Verzweiflung
auf und ab, ohne da er selbst von diesen Ereignissen etwas verstanden, oder an
ihnen teilgenommen htte. Mit schwerem Finger hatte ihn das Schicksal berhrt,
an ihm ein Zeichen gesetzt, welche Gefahren unsre Zeit den Jnglingen bereitet,
die mit Empfindung und Geist ausgerstet, ungebunden dahinleben zu knnen
meinen.
    Nach der Rckkehr von meiner Reise war mein erster Gang zu Wilhelmi, den
ich, durchaus verwandelt, das zweite Kind auf dem Schoe haltend, neben seiner
muntern, artigen Frau antraf. Von den Gemlden und sonstigen Seltenheiten, als
deren eifrige Sammlerin die nunmehrige Madame Wilhelmi bekannt gewesen war,
erblickte ich nichts, vielmehr sah ich nur eine gewhnliche elegante
Einrichtung. Da meine Augen die verschwundnen Schtze suchten, erriet mich
Wilhelmi, und ich wurde als alter Freund gleich in einen Ehekrieg eingeweiht.
Die Kunstkennerin hatte seit ihrer Vermhlung allen Geschmack an den
Antiquitten verloren, sie, Wilhelmis Einreden ungeachtet, nach entlegnen
Kammern verwiesen, und wollte dieses ganze Besitztum gern losschlagen, wozu aber
der Gatte seine Zustimmung beharrlich versagte. Seine Neigung war die nmliche
geblieben. Er suchte die verwiesenen Lieblinge in den engen Rumen so gut als
mglich unterzubringen.
    Alles dieses erfuhr ich in der ersten halben Stunde durch halb ernste, halb
scherzhafte Gesprche, welche jedoch von vollkommner gegenseitiger Zufriedenheit
zeugten.
    Bald wurde aber die husliche Szene durch eine Figur gestrt, bei deren
Erscheinung die Gatten mitleidig und betrbt ihre Blicke niederschlugen. Der
Eintretende wollte sich, da er einen Fremden sah, alsobald entfernen, Wilhelmi
hielt ihn indessen zurck, fhrte ihn mir entgegen, und sagte:
    Erkenne ihn nur, Hermann, es ist unser alter Freund, der Doktor.
    Hermann gab mir die Hand, lchelte mich wie ein Kind an, und sagte:
Hippokrates war der berhmteste griechische Arzt, von der Insel Kos gebrtig,
und brachte zuerst die Lehre von den kritischen Tagen auf. - Dann setzte er
sich neben Wilhelmis Frau, und warf von Zeit zu Zeit historische oder
philosophische Bemerkungen hin, welche alle richtig waren, nur freilich nicht
die mindeste Beziehung zu der Umgebung hatten.
    Es ist schrecklich, unvorbereitet den Tod eines Bekannten zu erfahren, aber
es erschttert Mark und Bein, ihn pltzlich lebendig, so wiederzusehn.
    Niemand hatte mir noch etwas von dieser traurigen Vernderung gesagt. Ich
war meiner ganzen rztlichen Fassung bentigt, um nicht in Trnen bei dem
Anblicke des Unglcklichen auszubrechen, der mit blassem Antlitze, erloschnen
Augen und einem steten Lcheln, sonst aber unentstellt, dasa.
    Unter einem Vorwande nahm ich Wilhelmi beiseite und begehrte drauen
Aufschlu von ihm. Ich hrte darauf die Begebenheiten, welche nun, da ich Ihre
Bcher gelesen, mir nicht mehr dunkel sind, damals aber mir vllig rtselhaft
vorkommen muten.
    Wilhelmi erzhlte mir, da Hermann mit den Gebrden eines Verzweifelnden von
Flmmchens Landhause fortgestrmt sei. Die Landleute htten ihn in der Gegend
mit zerrinen Kleidern, scheu wie das Wild ihnen ausweichend, umherirren gesehn.
    Wir Zurckgebliebnen, sagte er, die wir erfuhren, da Johanna nach dem
Schlosse abgereiset war, wurden ber das Ausbleiben Hermanns sehr bestrzt. Ich
schrieb an ihn, und da der Brief unbestellt wieder in meine Hnde gelangte, so
reiste ich selbst nach der Gegend, wo ich denn jene Vorflle hrte.
    Er war verschwunden, trat jedoch nach mehreren Monaten, whrend welcher
Korrespondenz, Nachfrage, ffentliche Bekanntmachungen vergeblich angewendet
worden waren, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln, eines Abends, da es dmmerte,
in mein Zimmer, fiel mir weinend um den Hals, sagte, da er da und dort gewesen
sei, aber nirgends Ruhe finde, da ich ihm ein Pltzchen bei mir gnnen mge, wo
er sterben knne.
    Meinen Schreck werden Sie ermessen. Ich sprach mit meiner Frau, die sich
kaum zusammennehmen konnte, da sie ihn so auer sich sah, und verstrt. Wir
brachten ihn darauf in einem stillen Gartenzimmer bei uns unter, baten ihn, sich
zu schonen, seine Sinne zu sammeln, dann werde sich ja alles finden, was auch
vorgefallen sein mge.
    Er lie sich diese Obsorge gefallen, und sa einige Tage vor sich hin. Als
ich glaubte, er sei so weit beruhigt, da man mit ihm reden knne, suchte ich zu
erforschen, was sein Innres so gewaltsam aufgeregt hatte. Ich bekam jedoch keine
andern Antworten von ihm, als, da er der verworfenste aller Menschen sei, da
nichts auf Erden sich mit seinem Elende vergleichen lasse; ob ich den dipus
kenne? - Da ich sah, da ihn mein Andringen schwer leiden machte, so gab ich es
auf und habe auch nachmals nicht versucht, sein Geheimnis zu entdecken.
    Nur so viel ist mir aus unwillkrlichen uerungen klargeworden, da das
Bewutsein einer Schuld, die furchtbar gewesen sein mu, seine Brust zerfrit,
da sich auf dem Landhause Flmmchens das Schlimme begeben haben mag, und da
dieses wahrscheinlich einen Zusammenhang mit dem Inhalte der Brieftasche hat,
welche ihm von seinem Vater vererbt worden ist.
    Ich glaubte, Beschftigung werde ihn am ersten wieder zum Gefhle seiner
selbst bringen, und uerte ihm diese Meinung. Er ergriff sie mit Leidenschaft
und rief: Du hast das Wahre getroffen. Beschftigung mangelt mir. Gibt es nicht
manches, was einem die bsen Trume verscheuchen mag: Philosophie, Religion,
Kunst, Staatswissenschaft? Versuchen wir es mit diesen erhabnen Mchten und
Geistern der Zeit, deren einer uns gewi hlfreich sein wird!
    Ich hatte leider mit meinem wohlgemeinten Worte nur den Punkt berhrt, der
die Krisis zum Ausbruch bringen mute. Es begann eine Zeit, an welche ich mich
nicht gern erinnre, denn ich mute in ihr wahrnehmen, ohne helfen zu knnen, wie
die Seele eines Freundes sich jammervoll auflste. Er eilte in die Kirchen,
schrieb Predigten nach, sa zu den Fen des Philosophen und las in dessen
Bchern bis spt in die Nacht. Er durchstrich die Sle der Galerie; studierte
Kunstgeschichte, ging die Staatsmnner seiner Bekanntschaft um praktische
Arbeiten an, die sie ihm auch, seinen Zustand bemitleidend, wenigstens zum
Schein gewhrten. Aber alle diese religisen, philosophischen, sthetischen und
praktischen Aufspannungen, welche mit einer strmischen Hast, ja mit Wut
betrieben wurden, konnten dem Gengstigten, Versinkenden keinen Anhalt geben.
Noch sind Zettel von ihm aus jener Periode brig, worin er die rhrendsten und
zerreiendsten Klagen dem Papiere vertraut. Ach, ruft er in einer dieser
Ergieungen aus, dem befleckten Gemte steht alles fern! Gott und die Natur,
Schnheit und Wahrheit, Staat und Menschenwohl schweben dem ausgeleerten, den
Geiste, wie dnne Schatten vorbei, welche er nicht zu fassen, an denen er sich
nicht anzuklammern vermag!
    So sich abarbeitend, die Krfte gegeneinander treibend, verfiel er nach und
nach in den Zustand, wo nun alles ruht und tot ist, den wir trauernd anschaun,
worin wir ihn duldend unter uns wandern lassen, und von dem wohl keine Heilung
zu erwarten ist.
    Nachdem Wilhelmi mir diese Erffnungen gemacht hatte, beobachtete ich den
Unglcklichen in allen Stunden, welche meine ffentlichen Geschfte mir frei
lieen. Hier wurde mir die seltenste und bedauernswerteste Geisteskrankheit
sichtbar, die ich je wahrgenommen habe.
    Hermann war krperlich gesund. Die Blsse seines Antlitzes, die Mattigkeit
seiner Augen hinderte nicht, da alle Lebensfunktionen bei ihm den natrlichen,
regelrechten Gang nahmen. Er a und trank hinreichend, seine Fe trugen ihn auf
meilenlangen Wandrungen, die er in der Umgegend anzustellen pflegte, ohne da
bei der Heimkehr eine Erschpfung an ihm zu verspren gewesen wre; er
schlummerte tief und ruhig. Auch war er keinesweges wahn - oder bldsinnig; er
las viel, hrte Gesprchen von allgemeinerem Interesse gern zu, und lie seine
Bemerkungen vernehmen, die immer verstndig, zuweilen scharfsinnig, hin und
wieder selbst tief waren. So gab er einst, da wir viel ber Schicksal und
Selbstbestimmung geredet hatten, den Begriff der Freiheit dahin an, da sie die
Form der Notwendigkeit sei, und fhrte diesen Satz auf eine Weise durch, welche
uns alle in Erstaunen setzte.
    Dennoch war er im Kerne des Seins gestrt, ja gettet. Das Leben, welches in
Freude und Leid, in Begehren und Verabscheuen, in Liebe und Ha, in den
Wechselbeziehungen zu unsern Nebenmenschen besteht, war in ihm durch eine
schreckliche Erinnrung ausgelscht. Er weinte und lachte ber nichts, ein
stehendes gleichgltiges Lcheln machte seine Zge zur Maske. Er wollte nichts,
und wendete sich von nichts hinweg, er hatte keinen Freund und keinen Feind, die
besondern Verhltnisse andrer waren fr ihn so wenig vorhanden, als seine
eigenen, mit einem Worte: Das Individuum schien in ihm vllig untergegangen zu
sein. Nur allgemeine Gedanken und Vorstellungen nahm diese Seele, wie ein leeres
Gef noch auf, ohne die Federkraft zu besitzen, sie in ihr Eigentum zu
verarbeiten, und daraus die Nahrung zu Entschlssen zu saugen.
    So lebte er, scheinbar ein Mensch, aber ohne Anteil, und in der Tat den
Kreisen, welche unser Dasein umschlieen, entrckt, seine Tage hin. Die Zeit war
fr ihn keine Zeit, denn er empfand den Wechsel der Begebenheiten nicht, der Ort
kein Ort, denn keine Sympathie fesselte ihn mehr an eine Sttte. Es war der
Zustand der Pflanze, er vegetierte.
    Da in einer so vernichteten Seele dennoch richtige Anschauungen, ja Ideen
einkehren konnten, besttigte meine alte berzeugung von der Natur der
menschlichen Seele berhaupt. Wir sind weit mehr Depots des geistigen Fluidums,
welches durch das Universum streicht, als da wir es selbstttig erzeugten. Auch
hier sind die Volksredensarten von den Gedanken, die einem Gott, und denen, die
einem der Teufel eingegeben, wohl zu beachten und tiefen Sinnes. Nie htte ich
freilich gewnscht, den Beweis fr meine Hypothese durch einen Menschen zu
erhalten, dessen Los mir naheging. Meine Abneigung gegen ihn war schon frher
verschwunden gewesen, ich hatte mir seine guten Seiten klargemacht, und seine
jetzige Krankheit schnitt mir durch das Herz.
    Ich sah ein, da in diesem Falle am allerwenigsten positiv zu verfahren sein
werde, da man treu aufmerkend neben dem Leidenden stehen und irgendein
gnstiges Ereignis abwarten msse, was zur Heilung benutzt werden knne. Am
erwnschtesten wre mir gewesen, wenn ich der verborgnen Quelle des Kummers
htte auf die Spur kommen knnen, allein in dieser Beziehung scheiterten alle
meine Versuche. Der Unglckliche verschlo die Ursache seiner Schmerzen in
tiefster Brust, und auch die Brieftasche war verschwunden. Wir durchsuchten in
seiner Abwesenheit alle Winkel des Zimmers, lieen Schrnke und Kommoden ffnen;
umsonst! sie war nicht zu finden.
    Eine Geschftsreise fhrte mich in die Nhe von Flmmchens Landhause. Ich
machte einen Abstecher dorthin, weil ich glaubte, ich wrde vielleicht da einige
Aufklrungen ber diese dunkle Geschichte erhalten. Das Haus war unter
Sequestration, welche die Verwandten des Domherrn ausgebracht hatten. Das
Witwenkind hatte man mit der Alten ausgetrieben, da binnen der gesetzlichen Zeit
kein Leibeserbe hatte erscheinen wollen. Neue Leute befanden sich im Hause,
welche mir nichts, was mir diente, sagen konnten.
    Als ich nach * zurckkehrte, war Johanna an der Hand des Generals soeben aus
ihrer Dunkelheit hervorgegangen. Wie sie sich bis dahin fast menschenscheu
abgeschlossen hatte, so versprte sie nun das Bedrfnis, mit ihren alten
Freunden aufs neue anzuknpfen. So besuchte sie denn auch Wilhelmis Haus, und
erfuhr dort Hermanns Schicksal.
    Ihr Mitleid war grenzenlos. Mir machte sie die bittersten Vorwrfe, da ich
ihr die Sache verborgen, wozu ich meine guten Grnde gehabt hatte. Sie verlangte
von mir die Erlaubnis, den Kranken zu sehn, zu sprechen, ich weigerte mich auf
das bestimmteste, dieselbe zu erteilen, da alle Aufregungen mir in seinem
Zustande bedenklich zu sein schienen.
    Indessen, wie die Frauen sind, die zuweilen hartnckig auf ihrem Sinne
bestehn, sie gibt das Vorhaben nicht auf, dessen Ausfhrung die mchtigsten
Gefhle ihrer Brust heischen. Im stillen erforscht sie, da zu dem Gartenzimmer,
worin er wohnt, ein besondrer Zugang ber den Hof fhrt, und macht sich eines
Morgens allein und heimlich auf, ihn zu besuchen.
    Der Kranke sa, da sie eintrat, mit dem Rcken gegen die Tre gekehrt.
Liebreich begrt sie ihn, er wendet sich, und starrt, regungslos wie eine
Bildsule, sie an. Sie will ihm die Hand reichen, er aber zieht mit den Worten:
Wir sind nicht in Griechenland, wo die Greuel erlaubt waren! einen Dolch aus
dem Busen, und zckt ihn mit schrecklicher Gebrde auf sie, die vor Entsetzen in
die Knie zu sinken meint. Dann lt er das Mordgewehr fallen, wirft auf sie
einen Blick des Abscheues, der sich tiefer in sie einbohrt, als dem Dolche
mglich gewesen wre, schlgt die Hnde vor das Gesicht, stt ein
Jammergeschrei aus, da Wilhelmi es im Vorderhause hrt, und springt an ihr
vorbei aus dem Zimmer.
    Wilhelmi kam, auer sich vor Bestrzung, zu mir. Wir fanden Johannen
ohnmchtig, die uns nur langsam, von der frchterlichen Szene bis zum Sterben
erschttert, das Vorgefallne entdecken konnte. Wir suchten nach dem
Unglcklichen; er war verschwunden. Durch Grten, an unbewohnten Hintergebuden
vorbei, mute er seine Flucht genommen haben. Alle Erkundigungen nach ihm an den
Toren, in den Umgebungen der Stadt waren fruchtlos.

                        XIV. Der Herausgeber an den Arzt


So sehen wir die Mnner der Nichtigkeit oder dem Tode entgegengehn, denn auch
der Oheim seufzt unter der Last seiner Besitztmer die letzten Hauche eines
ersterbenden Lebens. Nur die Frauen, die Schwchsten, und die am verlorensten zu
sein schienen, sind beschwichtigt.
    Eine sentimentale, genuschtige Vergangenheit hat heimliche Irrungen
aufgehuft, an welchen die schuldlosen Enkel sich zu plagen haben. Die
Verhltnisse sind verschoben, die Menschen voneinander entfernt, sich halb fremd
geworden, der Held ist kindisch, und nur die Maschinen des Oheims arbeiten, wie
von je, in toter, dumpfer Ttigkeit fort.
    Aber die Gegenwart ist im Besitze unendlicher Heilungs- und
Herstellungskrfte, und ich wte diese unsre brieflichen Unterhaltungen, welche
etwas chaotisch sind, wie ihr Gegenstand, die Zeitfolge aufheben, und zuweilen
in sptere Tage vorausgreifen, nicht besser abzuschlieen, als mit den Worten
Lamartines, wenn er sagt: Ich sehe kein Zeichen des Verfalls im menschlichen
Geiste, kein Symptom der Ermdung oder Veraltung. Zwar sehe ich morsch gewordne
Einrichtungen, die dahinstrzen, aber ich erblicke ein verjngtes Geschlecht,
welches der Atem des Lebens beunruhigt und in jedem Sinne vorwrts stt. Dieses
wird nach einem unbekannten Plane das unendliche Werk wieder aufbaun, dessen
stete Erschaffung und Herstellung Gott dem Menschen anvertraut hat: sein eignes
Geschick.


                                  Neuntes Buch

                              Cornelie - 1828-1829

 ber allem Zauber Liebe!


                                 Erstes Kapitel

Cornelie sttzte das Haupt des Oheims. Ist dir diese Lage recht? fragte sie
ihn mit sanfter Stimme. Ja, mein liebes Kind, versetzte der Alte. Wie wohl
tut mir der Atem deiner Sorgfalt! Es ist recht schn von dir, da du von der
grnen Wiese hereingekommen bist, einen hinsterbenden Greis zu pflegen.
    Du wirst dich erholen, Vater, sagte Cornelie. Nein, meine Tochter,
antwortete der Oheim, wir werden bald voneinandergehn. Ein arbeitsames Leben
zehrt auf; es ist ein sonderbares Gefhl, deutlich das Kapital seiner Krfte
berschlagen zu knnen, aus deren nicht zu berechnendem Reichtume man in der
Jugend mit so verschwenderischen Hnden schpfte. Ich habe diese Empfindung
jetzt oft.
    Der Dirigent einer Abteilung des Gewerbebetriebs trat ein, um die Meinung
des Prinzipals ber eine neue Anlage einzuholen. Verfahren Sie hierin ganz nach
eigner Einsicht, erwiderte der Oheim, nachdem er sich die Sache hatte vortragen
lassen. Sie mssen sich nach und nach gewhnen, selbstndig zu handeln.
    Welche Besorgnisse Ihnen auch Ihre Gesundheitsumstnde einflen, sagte
der Mann nicht ohne Rhrung, Besorgnisse, die, will es Gott, sich als
ungegrndet ausweisen werden, so seien Sie berzeugt, da Ihre Weisheit unsre
unverbrchliche Richtschnur immerdar bleibt, da keiner von uns an eine Zukunft
nach Ihnen denkt.
    Eine andre Tre ward gewaltsam aufgerissen, Ferdinand strmte herein, die
Jagdtasche an der Seite, die Flinte ber den Rcken geworfen. Er warf ein paar
Feldhhner Cornelien zu Fen, und rief: Da hast du einen Braten in die Kche!
- Dann entfernte er sich ebenso laut, wie er gekommen war, ohne von dem Kranken
Notiz zu nehmen. Dieser schickte ihm einen kummervollen Blick nach; der
Geschftsmann sah seufzend vor sich nieder, Cornelie weinte still in einer Ecke
des Zimmers. Frchten Sie nichts, sagte der Kommerzienrat zu seinem Freunde.
Ich werde Verfgungen treffen, da die Schpfungen unsrer redlichen Mhe, die
Anstalten, zu deren Begrndung sich Kenntnisse, Flei und gegenseitiges Zutraun
so vieler Mnner verbinden muten, nicht zusammenstrzen, wenn zwei Augen sich
schlieen, da sie wenigstens nie von den Launen eines unbndigen Jungen
abhangen sollen.
    Als jener das Zimmer verlassen hatte, sagte Cornelie: Er wird gewi noch
anders und besser, Vater.
    Nein, erwiderte der Kranke, ich tusche mich nicht mehr mit leerer
Hoffnung. Die wilden, verderbten Neigungen sind zu tief bei ihm eingewurzelt,
ich mu ihn aufgeben und seinen Weg ziehen lassen, denn es ist fruchtlos, gegen
des Menschen Natur anzugehn. Liederlich wird der Bube nun auch, ich habe das
leider erfahren. Groer Gott, wie war es mglich, da zwei stille, einfache
Menschen, wie meine Frau und ich, ein solches unstetes Wesen erzeugen konnten?
    Cornelie suchte den Leidenden zu beruhigen, und der Abend ging in Gesprchen
mit dem Prediger, der sich, als es dunkel geworden war, wie gewhnlich einfand,
friedlich hin.
    Der Oheim hatte, als er die Abnahme seiner Krfte merklicher werden sah, von
manchen seiner Eigenheiten abgelassen; sein Wesen war von Tage zu Tage gtiger
und milder geworden. Die Geschfte ruhten schon seit einiger Zeit fast ganz in
den Hnden der Untergebnen, und wenn ihm auch die Erhaltung des Ganzen am Herzen
lag, so nahm er doch an dem Einzelbetriebe und an dem merkantilischen Resultate
wenig Anteil mehr. Dagegen hatte sich seine Neigung fr die Pflanzen zu einer
wahren Zrtlichkeit gesteigert, und eine andre Jugendrichtung, die Liebe zur
Chemie, stellte sich ebenfalls wieder ein. Dieser verdankte er die erste
glckliche Wendung seines Schicksals. Er hatte als junger Mensch eine groe
Schiffslast fr vllig verdorben gehaltner Ware an sich gebracht, und sie durch
eine geschickte Behandlung in verkuflichen Zustand gesetzt, dadurch aber in
wenigen Wochen einen Gewinn von vielen Tausenden gemacht. Nun, in seinen letzten
Lebenstagen, sa er wieder, wie damals, sooft es seine Umstnde erlaubten, im
Laboratorio vor dem Ofen, glhte und schied, ohne einen weiteren Zweck, als die
Vermehrung seiner Kenntnisse dabei zu verfolgen. Besonders eifrig untersuchte er
die Mischungen der Bodenflche seiner Besitzungen, da er, wie er scherzend
sagte, doch zu wissen wnsche, welchen Elementen sein Staub sich dermaleinst
verbinden werde.
    Eines Tages lie er den Prediger, diesem sehr unerwartet, rufen. Nach
einigen vorbereitenden Reden erffnete er demselben, da er seinen Umgang und
Zuspruch wnsche, da er das Herannahen des Todes fhle. Der Prediger, ein
verstndiger Mann, welcher einen Rckkehrenden von der konsequentesten
Denkungsart, welcher sich von jeher allem Kirchlichen so ferngehalten, vor sich
sah, begriff wohl, da er auf die gewhnliche Weise hier nicht einwirken drfe,
da er vielmehr vor allen Dingen den eigentlichen Zustand des Kranken zu
erforschen habe. Er tat daher einige geschickte Fragen, welche den Oheim auch
wirklich dahin brachten, sich ber sein Innres ohne Rckhalt auszusprechen.
    Zuvrderst mu ich Ihnen versichern, sagte er, da ich mich vor dem Tode
durchaus nicht frchte. Nur fr den Miggnger kann dieser Rechnungsabschlu
beschwerlich sein; wer es sich immerdar hat sauer werden lassen, empfindet gewi
endlich ein Bedrfnis, auszuruhn. Weder Gewissensbisse, noch Angst vor dem
Unbekannten da drben treiben mich zu Ihnen. Aber es ist so natrlich, da, wenn
die eine Art der Beziehungen zu verschwinden anfngt, und eine andre beginnt,
man sich ber diese aufzuklren wnscht. Diese Aufklrung suche ich nicht unter
Heulen und Zhnklappern, sondern mit einem stillen Verlangen, dessen
Befriedigung mir so das Liebste wre, was mir hier noch begegnen knnte.
    Der Prediger sah wohl ein, da eine solche Stimmung mit der eigentlichen
christlichen Sehnsucht nichts gemein habe. Gleichwohl durfte er, in seinem Amte
angesprochen, sich dem Suchenden nicht versagen. Er whlte daher den Weg der
historischen Belehrung, und schlug dem Oheim vor, sich zuvrderst davon zu
unterrichten, wie Lehre und Dogma seit ihrem Entstehen von den Menschen
aufgefat worden seien, und unter ihnen gewirkt haben.
    Dem Oheim war dies ganz genehm, und so brachte denn der Prediger von da an
in jeder Woche mehrere Abendstunden bei seinem Patrone zu, ihm aus einem
Handbuche der Kirchengeschichte vorlesend und seine Erlutrungen hinzufgend.
Mit groem Interesse verfolgte der alte Mann die Entwicklungen der christlichen
Kirche, und wies oft mit vielem Scharfsinne die Verwandtschaft unter den
verschiednen Lehrmeinungen und Sekten nach. Sehr bald hatte er ausgefunden, da
das eigentmliche Leben des christlichen Geistes sich in den drei ersten
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung erschpft, und da alles Sptere doch nur
mehr in Wiederholung und Modifikation einer schon frher dagewesenen Entfaltung
bestanden habe.
    Bei den Gesprchen ber diesen Gegenstand erwhnte der Prediger einst des
Umstandes, da sich auch die Versuche der frhesten Hretiker, den gttlichen
Geheimnissen auf magische oder sinnliche Weise beizukommen, bis in die jngsten
Zeiten erneuert htten. So befand sich hier ganz in der Nhe, sagte er, vor
etwa hundert Jahren eine Gemeinde, welche alle Schwrmereien der Gnostiker und
Manicher in sich vereint wieder aufleben lie, und ziemlich lange ihr Wesen
trieb, bis die herrschende Kirche sie mit solcher Strenge unterdrckte, da
nicht einmal ihr Gedchtnis in den Nachkommen geblieben ist, und auch ich von
ihrem Dasein nichts wissen wrde, htte ich nicht ihre Geschichte, von einem
Mrtyrer der Sekte aufgeschrieben, ganz zufllig unter vergenen Papieren
gefunden. Woher sie ihre Irrtmer genommen, ist mir dunkel geblieben; aus den
Papieren ging so viel hervor, da die Bekenner jenes Wahns geringe Leute gewesen
waren, von denen sich nicht vermuten lie, da sie die Sache aus gelehrter Kunde
geschpft haben sollten. Ich bin daher schon auf den Gedanken gekommen, da sich
gewisse Einbildungen immer von Zeit zu Zeit wie Krankheiten von selbst aus dem
Leben der Kirche erzeugen, und da namentlich die bse Tuschung, dem Gttlichen
durch geheime Zeichen und eine willkrliche Allegorie beikommen zu knnen,
fortwuchern wird, solange es ein Christentum gibt.
    Auch ihre Begrbnissttte habe ich vor kurzem entdeckt, fuhr der Prediger
fort. Sie liegt in einer einsamen wsten Gegend, und wie durch Instinkt
getrieben, haben sie sich ihren Ruheplatz um Trmmer bereitet, die wohl ohne
Zweifel dem Heidentume angehren. An den vermorschten hlzernen Kreuzen und
Denktafeln, sowie an einigen roh und drftig zugehauenen Steinen lassen sich
noch sonderbare Embleme erkennen, die ohne Zweifel eine mystische Bedeutung
hatten. Wenn es Ihnen gelegen ist, so kann ich Sie einmal dorthin begleiten. Die
Sache ist immer merkwrdig genug, um eine Spazierfahrt bei schnem Wetter zu
verlohnen.
    Der Oheim erklrte sich mit Vergngen dazu bereit, und man beschlo, den
ersten heitern Tag zum Besuche dieses Altertums anzuwenden.
    Einmal um jene Zeit sagte der Oheim zum Prediger: Ich fhle, da auch das
religise Organ von Jugend auf gebt sein will, und da im Alter die Fasern zu
zhe werden, um in dieser Hinsicht noch mit Erfolg sich etwas anzueignen. Aber
so viel begreife ich, da etwas, was die Menschen neunzehn Jahrhunderte hindurch
beschftigt hat, kein Possenspiel sein kann, und Sie mgen daher, wenn wir
auseinandergehn, von mir die Hoffnung schpfen, da ich vielleicht anderwrts
nachholen werde, was ich hier versumt habe.
    Auch gegen die Katholiken war der Oheim nachgiebiger und freundlicher
geworden. Er sah jetzt gelassen zu, wenn sie durch das Haus zur Messe gingen, ja
er schenkte dem Altare ihrer Kirche eine neue prchtige Bekleidung, und lie an
die Stelle der messingnen, kostbare silberne Leuchter setzen. Hierber mute er
selbst lcheln. Scherzend rief er aus: Im Grunde bleibe ich mir doch treu, ich
mache den Schaffner jetzt bei dem lieben Gotte, wie ich ihn lange auf irdische
Weise gemacht habe.

                                Zweites Kapitel


Nicht lange nachher fuhr der Oheim mit dem Prediger nach dem Kirchhofe der
verschollnen Sektierer. Der Weg ging bald von der Landstrae ab, und wurde fr
die Pferde beschwerlich, da er, ohne in das eigentliche Gebirge zu fhren, sich
ber lauter wellichtes, zerbrckeltes und zerfurchtes Erdreich schwang. Endlich
verlief er sich zwischen hohen Lettenwnden, wo allenfalls mit einer schmalen
Karre durchzukommen gewesen wre, der breitspurige Wagen aber bald festsa. Der
Kutscher hielt, und erklrte, nicht weiterfahren zu knnen. Der Prediger,
welcher bei seinen Fuwandrungen nach dem entlegnen Orte auf diesen Umstand
nicht geachtet hatte, machte sich laute Vorwrfe ber seine Unbedachtsamkeit,
der Oheim trstete ihn indessen, lie aus Baumzweigen und Wagenkissen eine
Tragbahre bereiten, und nahm die Krfte zweier jungen Bauern, welche in einiger
Entfernung vorbergingen, fr dieses Transportmittel aus dem Stegreife' in
Anspruch. So gelangte man denn doch, wenn auch spter, als man gewollt, an das
Ziel.
    Der Ort, auf einer Hhe zwischen heidekrautbewachsenen Hgeln gelegen, war
auerordentlich einsam und mute durch sich selbst schon Gedanken der
Melancholie erwecken. Eine niedrige Mauer, die aber an den meisten Stellen zu
Trmmern zerfallen war, umschlo einen runden Platz von migem Umfange. Was der
Prediger fr die berbleibsel eines Heidentempels angesehen hatte, war die
Substruktion eines kleinen achteckigen Gebudes, von welcher nur hin und wieder
noch einige Steinzacken ber der Erdoberflche emporragten. In der Mitte des
inneren Raums nahmen sie eine tiefe Versenkung wahr, in welche ein Bchlein,
welches von den Hhen herabkam, und sich unter der Mauer durch Bahn gemacht
hatte, sein Wasser ergo. Um diese Trmmer - der Hnenborn, wie der Prediger
sagte, von den Landleuten geheien - hatte die Sekte ihre Toten rings im Kreise
bestattet. Aber die Grber waren zum grten Teil schon wieder eingesunken, die
Kreuze verfault, die Steine lagen umgefallen in aufgerinen Erdrinnen, oder
neigten sich gegeneinander. ber eine ganze Reihe tiefer Hhlungen, durch das
Einstrzen mehrerer Grber entstanden, hatten die Landleute, welche ihren Fuweg
nach einem nahen Walddorfe ber die Hhe nahmen, eine Notbrcke von Baumstmmen,
Leichensteinen und Kreuzen gemacht, deren sie sich bedienten, wenn Regenwasser
diese Senkungen ausfllte. Alles war an dem verlanen Platze eigen, traurig; die
Bilder der Vergnglichkeit hatte schon wieder die Hand der Vergangenheit
berhrt. Der Boden schien nicht die Fruchtbarkeit andrer Orte, wo menschliche
Leiber verwesen, zu haben; ein kmmerliches Gras bedeckte sprlich den
weigelblichen Grund, hohe fahle drre Halmen stachen lang und spitzig aus
demselben hervor, sonst zeigte sich weder Baum noch Staude; nur ber den
sogenannten Hnenborn neigte eine groe Trauerweide, deren Stamm aber auch schon
im Absterben war, ihre mattgrnlichen Zweige.
    Nachdem der Oheim am Arme des Predigers einen Gang zwischen den Grbern
hindurch gemacht und sich an den noch erhaltnen Kreuzen, sowie an einigen
Steinen rohe Schlangenzeichen hatte vorzeigen lassen, ruheten beide in dem alten
Gemuer unter der Trauerweide. Der Prediger sprach seine Meinung aus, und
behauptete, da jene Bildwerke genau mit denjenigen bereinstimmten, deren sich
in den ltesten Zeiten die Ophiten bedient htten. Was mich Wunder nimmt,
sagte der Oheim, sind die Steine. Sie haben mir erzhlt, da die Sekte nur aus
armen Leuten bestanden habe; woher nahmen diese das Geld zu so kostbaren
Denkzeichen? - Auch mir fiel dieser Umstand auf, versetzte der Prediger, bis
ich entdeckte, da in * noch vor hundert Jahren eine Steinmetzenzunft bestanden
hat, hnlich den mittelalterlichen Gilden dieser Art. Wahrscheinlich hat das
Geheimnis, welches jene Zunft in ihre Verhandlungen wob, sich mit dem
Geheimnisvollen der Sekte, als etwas Wahlverwandtem berhrt, Mitglieder des
Gewerks mgen zu ihr gehrt, oder sich wenigstens zu ihnen hingeneigt, Steine
und Arbeit ihren Bestattungen umsonst, oder fr die billigsten Preise geliefert
haben.
    Der Oheim warf aufmerksame Blicke umher, scharrte mit seinem Stabe in dem
harten, steinigten Boden und sagte: Ich mte mich sehr trgen, oder das
Erdreich hat hier eine eigentmliche alkalisch-tzende Beschaffenheit. Die
geringe Vegetation und jene gelben Halmen, welche sich immer an Orten derartiger
Bodenmischung finden, bringen mich auf diese Vermutung. Ich htte groe Lust,
etwas Erde von hier mitzunehmen, und sie zu Hause auszulaugen.
    Einer der jungen Bauern, welcher achtsam zugehrt hatte, und endlich
begriff, wovon die Rede war, mischte sich in das Gesprch und sagte: Der Herr
hat ganz recht, unser Gerber braucht, um seine Felle gar zu machen, nichts, als
diese Erde; sie tut dieselben Dienste, wie Lohe.
    Es ist schade, sagte der Oheim, da nicht in neuerer Zeit hier jemand
bestattet worden ist. Bei der Aufgrabung wrden sich gewi nach dem, was ich
hre, merkwrdige Resultate finden.
    O, rief der junge Bauer, davon knnte man die Probe auch zu Gesichte
bekommen! Es ist kaum etwas ber ein Jahr her, da hier ein neugebornes Kind
verscharrt wurde, und ich wei noch genau die Stelle, wo dies geschah.
    Ein Verbrechen befrchtend, fuhren beide Mnner zusammen; jener aber lachte
und sagte: So schlimm, wie die Herrn glauben mgen, verhlt sich die Sache
nicht. Ich hatte nahebei im Felde etwas zu tun, da sah ich ein junges Weibsbild
mit einer Alten, die im Gesichte ganz gelbbraun war, vorbergehn. Mich konnten
sie nicht erblicken, weil ich hinter einem Busche stand, ich aber bemerkte durch
die Spalten der Zweige alles sehr wohl. Die Junge, welche bleich, aber bildschn
war, chzte und sthnte, man konnte ihr anmerken, in welchem Zustande sie war,
und da ihre Stunde sie berfallen hatte. Die Alte fhrte sie und sprach ihr zu,
und beide gingen nach dem Hnenborne. Ich folgte ihnen, und versteckte mich
drauen hinter einem Mauerstcke, das Gesicht abgekehrt, da es doch fr mich
nicht anstndig war, in diesen Nten den Weibern nahezukommen. Nun hrte ich da,
wo Sie jetzt sitzen, klglich sthnen und wimmern, und nach einer Weile den
lauten Schrei ausstoen: Es ist tot! Ich meinte, jetzt sei es an der Zeit, mich
auf ziemliche Weise zu nhern, kroch eine Strecke zurck, richtete mich dann
auf, und ging wie von ungefhr auf den Hnenborn zu. Sowie mich die Alte
erblickte, winkte sie mir. Sie kniete unter der Trauerweide, und hielt die Junge
in den Armen, die matt und kraftlos ausgestreckt lag. Zwischen ihnen lag das
neugeborne Kind auf Zweigen des Baums. Die Mutter weinte bitterlich, und blickte
zuweilen so nach dem Kinde, da es mir durch Mark und Bein ging. Die Alte sagte,
ich solle es begraben, und wollte es in ihr buntes Kopftuch einwickeln, was aber
die andre verbot. Sie sagte, so wie es sei, solle es in die Erde kommen; die sei
gut und sanft, alles andre tauge nichts. Ich hhlte hierauf an der Mauer mit
meinem Werkzeug eine Grube in der Erde aus, und baute darber ein kleines
Gewlbe von Steinen. Das Frauenzimmer nahm das Kind auf, herzte es, dann gab sie
es mir. Sie wollte auch einen goldnen Ring dem Kinde mitgeben, besann sich aber,
und sagte seufzend: Den will ich doch noch behalten. Hierauf brachte ich das
Neugeborne in die kleine Gruft, bedeckte dieselbe mit Schieferplatten und
schaufelte Erde darumher, da alles eine Festigkeit bekam, und die Tiere den
Leichnam nicht herauszerren, oder die Regenwsser mein Gebude nicht zerstren
mchten.
    Nach dieser Erzhlung, die der junge Mensch mit einfachem Wesen, in guten
schicklichen Worten vorgetragen hatte, schwiegen der Oheim und der Prediger eine
geraume Weile. Endlich sagte letzterer: Ihr habt unrecht getan, Eurem Pfarrer
die Sache nicht sogleich anzuzeigen. Wer wei, welcher Frevel hier dennoch in
die Erde versenkt worden ist!
    Und wo blieben jene Personen? fragte der Oheim.
    Ich mute sie nach unsrem Dorfe bringen, versetzte der junge Bauer. Dort
verweilten sie einige Tage, bis die Junge soweit gestrkt war, fahren zu knnen.
Darauf besorgte ich ihnen eine Fuhre, und sie zogen von dannen, ohne zu sagen,
wohin. Von ihren Gesprchen habe ich auch nicht viel verstanden. Sie redeten
Deutsch, aber es waren lauter Sachen, die mir unbekannt waren.
    Wtet Ihr wohl die Gruft des Kindes noch zu finden? fragte der Oheim.
    Ei warum denn nicht! rief der junge Mensch. Dort in der Ecke ist sie.
    Wirklich sah man in einem Winkel der zertrmmerten Mauer eine rundlichte
Erhhung von Erde, welche frischer war, als der Boden umher, denn kein Grashalm
hatte noch in ihr Wurzel geschlagen.
    Da der Oheim seine verlangenden Blicke nach dem Erdhgel warf, und dem
jungen Bauer etwas sagen zu wollen schien, woran ihn die Gegenwart seines
Freundes hinderte, so rief dieser: Tun Sie, was Sie nicht lassen knnen, nur
erlauben Sie mir, da ich mich solange entferne, denn meine Priesterpflicht ist,
die Ruhe der Grber zu schtzen, nicht, sie zu stren.
    Er ging. Sobald er den Rcken gewandt hatte, sagte der Oheim zu dem Bauer:
Tue mir den Gefallen und ffne die Gruft, denn ich bin uerst neugierig, die
Einwirkungen dieses Bodens auf den Leichnam zu erfahren.
    
    Jener hatte Bedenken, die der Oheim indessen zu berwinden wute. Er trennte
mit seinem Grabscheit vorsichtig die Erde von den Steinen, nahm, nachdem sie
blogelegt worden waren, den obersten ab, und rief, in die Hhlung blickend,
verwundert aus: Wie das glnzt!
    Der Oheim lie sich zu dem Platze geleiten. Die Abendsonne warf glhende
Strahlen in die kleine Gruft, und bei diesem Scheine nahm er ein wunderbares
Schauspiel wahr, in dessen Anblick er lange mit stummem Ergtzen versunken
stand. Auf allen Punkten der Wnde, welche das Grab umschlossen, war der vom
nahen Wasser angegriffne Kalk des Bodens in Kugeln, Zacken, Bscheln und Spitzen
hervorgequollen, und bildete mit seinen mannigfaltigen kristallinischen
Gestalten, welche, tropfenbehangen, im Sonnenlichte farbenreich glnzten, eine
funkelnde Zaubergrotte, in deren Mitte die berbleibsel des Neugebornen lagen,
zum reinlichsten, weiesten Skelette verzehrt, derart, wie man kleine Tierkrper
verwandelt wiederfindet, welche die Hand des Naturforschers in einem wimmelnden
Ameisenhaufen beisetzte. Alles Fleisch und alle Weichgebilde hatten die
Einflsse dieses Bodens in so kurzer Zeit vllig aufgesogen, nur die zarten
Knchlein waren bisher nicht zu berwinden gewesen. Auch sie besetzten und
umzogen zarte Kristalle, hnlich dem Flitter und Schmelz, womit die Andacht an
heiligen Orten die Gebeine der Mrtyrer zu zieren liebt, und so lag das
Leuchtende zwischen den leuchtenden Wnden. Der Oheim wollte die Hand nach den
von der Natur geweihten Resten ausstrecken, zog sie aber zurck und sagte:
Nein! dies ist zu schn, als da man es nicht, so wie es ist, lassen mte.
    Er befahl, den Deckstein wieder aufzulegen, und gebot dem Bauer, noch
sorgfltiger, als zuvor geschehen, die Erde umherzuschtten, damit das schne
Phnomen so lange als mglich bewahrt bleibe.
    Den Prediger befremdete die Schweigsamkeit des alten Manns auf dem Heimwege.
Er war ernst und schien eignen Gedanken nachzuhangen. Endlich sagte er: Wenn
uns die Kirchengeschichte lehrt, da der Mensch auf dem Wege zum Gttlichen sich
fast immer in das Gebiet des Absurden verirrt, so hlt die Natur in ihrer
regelrechten Ttigkeit zu jeder Zeit die frischesten Wunder in Bereitschaft. Sie
haben mich an einen Ort gefhrt, wo eine aberwitzige Schlangenbrderschaft ihre
Toten begrub, und an demselben Orte entdeckte ich etwas, was meiner Sinnesart
die ihr geme religise Erhebung gab.
    Er hatte in seiner Bewegung selbst verabsumt, Erde von jenem Platze
mitzunehmen, wie er doch behufs einer chemischen Behandlung zuvor willens
gewesen war.

                                Drittes Kapitel


Es war ihnen aufgefallen, da Cornelie sich nicht unter der Pforte des Hauses
zeigte, dem Oheim tchterlich aus dem Wagen zu helfen, wie sie sonst pflegte,
wenn er von seinen kleinen Spazierfahrten zurckkehrte. Unerwartet fand sie der
Prediger in seiner Wohnung, und trat erschreckt zurck, da er an ihrem Gesichte
Spuren der uersten Bestrzung wahrnahm.
    Sie warf sich ihm mit einem Tone des tiefsten Schmerzes an die Brust, und
sagte unter Weinen und Schluchzen, da sie bei einem Gange nach der Meierei im
Holze jemand angetroffen habe, den sie so wiederzusehn nie vermutend gewesen
sei. Auf freundliches Eindringen des Geistlichen erfuhr er, da dieser
Wiedergefundne Hermann sei, der sich ganz anders, wie ehemals, benehme, und auch
verndert aussehe.
    Das arme Mdchen hatte in ihrer Not nirgendhin mit ihm gewut, und ihn
vorlufig im Hause des Predigers untergebracht. Sie ffnete ein Seitenzimmer,
deutete mit abgewandtem Antlitz hinein, der Prediger betrat dasselbe, und
erkannte in einem Manne, der frh gealtert war, den Unglcklichen, dessen er
sich von seinen frheren Besuchen bei dem Oheim noch wohl erinnerte. Jener las
in einer Bibel, die er dort aufgeschlagen gefunden hatte, und begann, sobald er
den Prediger wahrnahm, eine Geschichte des Alten Testaments zu erzhlen.
    Der Prediger, den dieser sonderbare Empfang ganz verwirrt machte, lie ihn
dennoch ausreden, und sagte dann: Dem mag so sein, aber nun entdecken Sie mir,
was Sie uns unerwartet wieder zufhrt? Hermann strich sich ber die Stirn, als
msse er sich erst besinnen, dann versetzte er gleichgltig: Ich mu doch
irgendwo bleiben. Ich bin an vielen Orten, hier und da gewesen, meine Kleider
fangen an, abzureien, ich habe auch wenig Geld mehr. Nun erinnerte ich mich,
da hier herum Verwandte von mir wohnen, deren Verbindlichkeit es nach rmischem
und deutschem Rechte ist, fr einen drftigen Angehrigen zu sorgen. Er setzte
hierauf, ohne zu stocken, die ganze Lehre von der Alimentationspflicht der
Verwandten auseinander, und fhrte die betreffenden Gesetzstellen mit der
grten Sicherheit an. Der Prediger, welcher gar nicht wute, was er aus diesem
Benehmen machen sollte, musterte ihn mit erstaunten Blicken. Der Anzug des
Unglcklichen war uerst sauber, die Wsche sehr wei, aber alles bis auf den
Faden abgetragen. Die Verwunderung des andern schien ihn wenig zu kmmern; er
setzte sich, da der Prediger in seinem Schweigen verharrte, wieder zur Bibel und
las darin ruhig weiter.
    Cornelie weinte im Nebenzimmer heie Trnen. Wie mager seine Hnde sind,
wie bleich das Gesicht ist, und an den Schlfen hat er graue Haare! sagte sie
zum Prediger. Ist es wirklich so, wie ich denke, fragte sie mit leiser, von
innigen Schaudern unterbrochner Stimme; hat er den Verstand verloren?
    Ich kann mich noch nicht in seinen Zustand finden, versetzte der Prediger.
Seine Worte zeugen von keiner Verwirrung der Geisteskrfte, aber es ist, als ob
ein totes Buch, und nicht ein lebendiger Mensch rede. Machte es denn auf ihn
keinen Eindruck, als er dir unvermutet begegnete?
    Nein, erwiderte Cornelie. Ich war, wie vom Schreck gelhmt, als er unter
den Bumen in dieser Gestalt mir entgegentrat. Er aber reichte mir, als sei er
tglich mit mir zusammen, freundlich die Hand und bot mir den gewhnlichen Gru.
So lie er sich auch von mir willenlos hieherfhren.
    Wir mssen nun berlegen, wohin wir ihn bringen, da er doch hier unmglich
bleiben kann, sagte der Prediger.
    Cornelie wurde bla, ihre Lippen zuckten, die Trnen, welche schon in den
guten treuen Augen versiegt waren, berstrmten wieder ihre Wangen. So stand sie
eine Weile schweigend da. Endlich fiel sie dem Prediger zu Fen, drckte seine
Hnde flehentlich gegen die zarte Brust und rief: Stoen wir ihn nicht hinaus
in die Fremde! Ist seine Wandrung zu uns nicht ein Zeichen, da wir ihn behalten
sollen?
    Der Prediger wute von den Hausgeschichten so viel, da er das Bedenkliche
dieser Entschlieung einsah. Er stellte Cornelien vor, wie unangenehm es dem
Oheim sein msse, wenn er erfahre, da jemand, der ihm zuwider sei, von seinen
nchsten Umgebungen beherbergt werde, und wie jede Gemtsbewegung den dnnen
Lebensfaden des Greises zerreien knne.
    Das fasse ich wohl, versetzte Cornelie ruhig, und dennoch mssen wir
unsre Pflicht tun. Er scheint still und sanft zu sein, wir werden ihn hier in
der Verborgenheit hten knnen, alle Sorgfalt will ich anwenden, da dem Oheim
seine Anwesenheit nicht bekannt werde.
    Der Prediger wollte noch immer nicht nachgeben. Da rief Cornelie pltzlich
mit einer Lebhaftigkeit, die ihn von dem schchternen, bescheidnen Kinde in
Erstaunen setzte: Wohlan, treiben Sie ihn von Ihrer Schwelle, so nehme ich ihn
auf, so soll er in meinem Stbchen wohnen, und ich will mich auf dem Sller
betten. Auf die Landstrae lasse ich ihn nicht jagen.
    Der Prediger sann nach, und erklrte sich zuletzt bereit, den Armen
wenigstens vorlufig bei sich zu behalten. Dagegen mute ihm Cornelie die
tiefste Verschwiegenheit geloben.
    Hermann nahm die Nachricht, da er bei dem Prediger bleiben solle, wie
alles, gleichgltig auf. Sein Wirt beobachtete ihn in den nchsten Tagen
sorgfltig, und fand, was wir schon aus der Feder des Arztes ber ihn berichtet
gelesen haben. Er suchte ihn auf verschiedne Weise anzuregen, lie sich von ihm
im Garten helfen, strebte, durch Gesprche ber naturgeschichtliche Gegenstnde,
in welchem Fache er sich viel versucht hatte, auf seinen Kranken zu wirken,
jedoch vergebens. Jener ging auf alles ein, las die Bcher, die ihm der Prediger
hinlegte, und sprach im Zusammenhange ber ihren Inhalt, blieb aber in die
Lethargie versunken, welche alle seine Seelenkrfte umsponnen hielt.
    Vor dem Oheim wurde die Gegenwart des Unglcklichen sorgfltig verborgen.
Cornelie war, wenn sie sich allein befand, sehr ernst. Ihr Versprechen, welches
sie dem Prediger hatte geben mssen, den Kranken nicht zu besuchen, hielt sie
gewissenhaft, nur konnte der Prediger, sooft er abends zum Besuche kam, an ihren
ngstlich-fragenden Augen abnehmen, mit welcher Sehnsucht sie den Nachrichten
von seinem Hausgenossen entgegenharrte. Diese lauteten freilich nicht trstlich,
und meldeten nur ein trauriges Einerlei.
    Um den Oheim vor einer pltzlichen Begegnung zu schtzen, waren dem Kranken,
der noch immer gern weite Spaziergnge machte, seine Wege vorgeschrieben worden.
Er mute, wenn er frische Luft schpfen wollte, von den Fabriken abwrts, auf
einsamen, wenig betretnen Wiesen sich ergehen, die am Fue waldiger Hgel lagen.
Diese Vorschrift lie er sich auch geduldig gefallen, wie er denn berhaupt
alles ohne Widerstreben tat, was seine Pfeger ihm geboten. Nur einmal, als man
auch jene Erlaubnis noch fr gefhrlich hielt, und ihn auf das Haus und
allenfalls den Garten beschrnken wollte, kndigten sich Zeichen einer geheimen
innerlichen Wut an, welche die Besorgnis vor einer verhngnisvollen Szene
erwecken muten, und zu einer raschen Aufhebung des Verbots ntigten.
    Am folgsamsten war er gegen die Frau des Predigers, welche, eine gute
schlichte Matrone, ihn auch sehr zweckmig zu behandeln wute. Whrend die
andern ihn doch mehr oder minder merken lieen, wofr sie ihn hielten, tat
diese, als sei sein Zustand nichts Abweichendes, als msse alles so sein, wie es
war.
    Es war ihr aufgefallen, da er von seinem Rocke, welcher, obgleich vllig
rein gehalten, doch kaum noch in den Nhten hing, durchaus nicht lassen, ja
nicht einmal die Suberung dieses Kleidungsstcks einem andern bertragen
wollte. Jeden Morgen klopfte und brstete er selbst ihn aus. Irgend etwas
Besondres hierunter ahnend, schlich sie eines Abends spt, da Hermann schon fest
schlummerte, in sein Zimmer, nahm den Rock hinweg, und untersuchte ihn.
Pltzlich fhlte sie etwas Hartes vorn in der Gegend der Brustteile, trennte an
der Stelle das Futter vorsichtig vom Tuche, und zog jene Brieftasche hervor,
nach deren Erffnung eine so unglckliche Wendung in den Schicksalen unsres
Freundes eingetreten war. Sie war verschlossen. Der Prediger, welcher
herbeigerufen und mit dem Funde bekanntgemacht wurde, wollte sie gewaltsam
ffnen, seine Frau war aber dagegen und sagte: Dies mchte, wenn unser
Pflegling es entdeckte, ihn aufbringen; seien wir zufrieden, zu wissen, wo aller
Wahrscheinlichkeit nach das Wort des Rtsels steckt, und stellen wir der Zeit
die Lsung anheim. Sie nhte hierauf die Brieftasche wieder ein und tat den
Rock an seinen Ort.
    Am andern Morgen trat Hermann, den Rock ber den Arm gehngt, in ihr Zimmer
und erklrte, er werde sich einen neuen machen lassen, dieser sei nachgerade gar
zu schlecht und dnn geworden. Ich will dir es nur gestehn, Mutter, fgte er
hinzu, der Rock war mir lieb, weil er so viel mit mir ausgehalten hat, aber es
ist etwas damit vorgegangen, und nun mache ich mir auch aus ihm nichts mehr.
Hebe ihn wohl auf, meine Geheimnisse sind darin.
    Wenn dem so ist, mein Freund, versetzte sie, so la uns die Geheimnisse
zusammen erwgen. Dergleichen Dinge werden oft besser, wenn vier Augen darber
kommen.
    Das ist unmglich, erwiderte er, entblte seine Brust, und lie sie ein
Schlsselchen sehn, welches er am schwarzen Bande um den Hals trug. Sieh,
dieser Schlssel ist eigen zu der Brieftasche gemacht, von meinen Vtern - denn
du mut wissen, da ich deren zwei habe - mir vererbt und doch schliet er nicht
mehr dazu. Ich habe es oft versucht, und es wollte immer nicht gehn, auch bin
ich berzeugt, da keine Menschenhand einen dazu verfertigen kann. Also la du
diese Dinge immerhin unter dem Schlosse.
    Er zog sie an sich und flsterte ihr zu: Es ist mir recht lieb, da du mich
nicht fr verrckt hltst. In meinen guten Tagen traf ich einmal einen Menschen
an, den sie in Ruland in die Bergwerke gesetzt hatten, und dem nun Mutter,
Vater, Brder und Braut gleichgltig geworden waren. So ist es mir auch
ergangen; mu man deshalb bldsinnig sein?
    Sie erzhlte ihrem Manne den Inhalt dieses Gesprchs. Ihm wurde die Sache
immer unheimlicher, da sein geordneter einfacher Lebensgang einen so
fremdartigen Bestandteil nicht wohl vertragen mochte. Er schrieb unter der Hand
an den Arzt und Wilhelmi, von deren frheren Verbindung mit Hermann er allerhand
erkundet hatte. Der Arzt antwortete nicht; er war wieder auf einer gelehrten
Reise begriffen. Von Wilhelmi liefen dagegen umgehend einige Zeilen voll des
regsten Eifers fr den kranken, so lange verschollen gewesenen, Freund ein. Er
versprach seinen Besuch, sobald ihm nur ein abermaliges Kindbette seiner Frau
die Reise gestatten mchte.

                                Viertes Kapitel


Das Familiengrabgewlbe war vollendet. Sulen von grauem Marmor sttzten ein
ernstes Portal, von dessen Stirnflche ein freundliches: Willkommen! in groen
goldnen Buchstaben leuchtete. Am innern Eingange lehnten zwei Genien sich als
trumerische Hter auf die umgestrzte Fackel, das Gewlbe selbst war einfach
aber wrdig mit groen Werkstcken ausgesetzt, und empfing durch eine
Kuppelffnung, deren Seitenlucken das strkste Kristallglas verschlo, ein
dmmerndes Licht.
    Diese Begrbnissttte hatte der Oheim mit groen Kosten und vieler Mhe in
dem Berge, den seine verstorbne Gattin geliebt, austiefen und schmcken lassen.
Je nher er sich selbst so dem Ziele seiner Tage fhlte, desto eifriger wurde
sein Bestreben, das Werk noch vollendet, die Asche der ihm so teuren Frau
dorthin gebracht zu sehen. Nach seinem Willen sollte der Ort und dessen Umgebung
zwar etwas Feierliches, aber nichts Dstres haben. Er lie den Platz vor dem
Gewlbe mit klarem Kies belegen; Zypressen, Taxus und andres dunkelfarbiges
Gestruch mute die Umsumung desselben bilden, Mauerwerk, welches in die Runde
gefhrt ward, war bestimmt, den Vorplatz vor dem Verwaschen und Abschieen durch
Regenfluten zu schtzen, an dasselbe lehnten sich schnblhende Rankengewchse,
damit das Auge nirgends durch tote Massen ermdet werden mchte. In der Tat
bekam die Anlage durch den Kontrast der gediegnen Architektur mit der umgebenden
Baum-Pflanzen- und Blumenwelt einen eignen Reiz, so da jeder sich gern auf den
zu beiden Seiten des Portals zum Verweilen einladenden Steinsitzen niederlie.
    Noch ganz zuletzt hatte sich ein bedeutendes Hindernis aufgetan. Der
Architekt sah nmlich, als das Gewlbe schon vllig ausgemauert war, da eine
reichliche Flssigkeit durch den Kalk und Mrtel der Fugen hindurchsinterte und
den Raum mit verderblicher Nsse zu erfllen drohte. Bald hatte er auch die
Ursache dieses unwillkommnen Einflusses entdeckt. Oberhalb dem Grabesberge lag
nmlich ein betrchtlicher Weiher, der vermutlich durch geheime, erst durch die
Arbeit im Berge erffnete Kanle jene Wsser der Gruft zusendete. Wurde diese
Gefahr nicht abgewendet, so stand, davon mute man sich berzeugen, dem
Mausoleum eine rasche Zerstrung bevor.
    Er machte sogleich dem Oheim die Anzeige, welcher sich auf den Berggipfel
tragen lie, die Gefahr, aber auch die Schwierigkeit, entgegenzuwirken, begriff.
Die Wnde jenes Weihers bestanden nmlich aus Felsen; zwischen denselben blinkte
und rauschte das Wasser, wie in einer groen natrlichen Schale. Ein Durchbruch
der Felsen, und eine dadurch zu bildende Abzugsrinne wrden so viel Zeit
hinweggenommen haben, da inzwischen wahrscheinlich schon geschehen wre, was
man verhindern wollte.
    Davon mute man also abstehn; auf andre Weise war die Trockenlegung des
Weihers zu versuchen. Rasch hatte der Oheim, der in dieser ganzen Angelegenheit
mit der schnellen Khnheit seiner Jugend verfuhr, das entsprechende Mittel
gefunden, und zur Ausfhrung gebracht. Groe Zge von Pferden schleppten auf
notdrftig gebahnten Wegen eine gewaltige Dampfmaschine den Berg hinan, rstige
Maurer arbeiteten Tag und Nacht, den Ofen zu errichten, dessen Gluten die
ungeheuren Krfte der Dmpfe entwickeln sollten; sobald er stand, stand auch
binnen kurzem die Maschine, ein krftig wirkendes Pumpen-Saug- und Schpfwerk,
welches in jeder Sekunde mehrere Tonnen Wassers zu entheben vermochte, wurde an
den Spiegel des Weihers gefhrt und mit den Armen der Dampfmaschine in
Verbindung gesetzt. Nun glhten die Kohlen des Ofens, nun hoben sich die langen
eisernen Arme der Maschine, griffen in die hre der Pumpenstengel, trieben die
Schpfrder um. Die abgezognen Fluten bildeten den Berg hinunter einen Giebach,
und ber den wirkenden Krften ruhte die dichte, schwarze Wolke, welche
dergleichen Sttten zyklopischer Feuerttigkeit bezeichnet.
    
    Sobald der Grund sichtbar werden wrde, sollten Sachverstndige prfen, ob
die Quellen zu verstopfen sein mchten. Jedenfalls war vorauszusehn, da man
nach der Seite des Mausoleums zu durch Letten- und Sandscke jede Verbindung mit
dessen Wlbung werde aufzuheben vermgen.
    Dies wurde fr so gewi gehalten, da der Oheim, der berhaupt mit
krankhafter Ungeduld nach der Beendigung des Werks verlangte, das Austrocknen
des Weihers nicht abwarten wollte, um die Beisetzung des Leichnams zu
veranstalten. Was ihn in seiner Zuversicht bestrkte, war der Umstand, da, wie
die Wassermasse sich verringerte, auch das Durchsintern bedeutend abnahm, so da
man mit Hlfe einer bleiernen Rinne schon jetzt das Gewlbe entnssen konnte.
    Er entwarf daher den Plan zu der Feierlichkeit, die brigens hchst einfach
und schmucklos sein sollte. Seine Geschftsfreunde und Vorstnde hatten sich
erboten, den Sarg auf ihren Schultern aus dem Erbbegrbnis der Grafen
herabzutragen. Der Prediger sollte mit der Schuljugend folgen, jedoch wegen
Lnge des Weges auf diesem kein Lied anstimmen. Oben, bei dem Mausoleum wollte
der Oheim mit Cornelien und einigen andern jungen Mdchen, deren sich die
Verstorbne angenommen hatte, den Zug erwarten. Die Mdchen hatten einen schnen
Psalm eingebt, mit welchem sie die sterblichen berreste ihrer Wohltterin
begren wollten; unter diesen ernsten Tnen sollte der Sarg in der Gruft
niedergesetzt werden, und ein kurzes Gebet des Predigers den Schlu der
Bestattung machen.
    Am Vorabende unterhielt sich der Oheim mit dem Prediger lange ber Dinge,
auf welche die Umstnde wohl fhren muten. Ich kann ganz genau meine
Lebenskraft berechnen, sagte er, und sehe voraus, da ich noch den Winter
hindurch vorhalten, und erst im Frhjahre, wo alles Mrbgewordne sich sacht von
dannen begibt, abscheiden werde. Es ist mir lieb, da die Natur sich gegen die
Eigentmlichkeit meines Wesens gefllig bezeugt, mich nicht unvermutet aus der
Mitte ungeordneter Geschfte hinwegreit, sondern mir Zeit lt, mein Haus als
ein ordentlicher Wirt zu bestellen. Dieser Winter ist zur Anfertigung meines
Testaments bestimmt, und ich darf Ihnen von dessen Inhalte so viel voraussagen,
da ich damit umgehe, eine Art von Fideikommi zu errichten, um meinem Sohne die
Zerstrung des Werks, welches ich mit meinen Freunden gegrndet habe, fr immer
unmglich zu machen. Es ist sonderbar, da man noch in seinen letzten Tagen zu
Schritten kommen kann, die man bei andern frher nie billigte. Ich war von jeher
der entschiedenste Gegner solcher Ttungen des freien Eigentums, und sehe nun
doch ein, da es Flle und Verhltnisse gibt, welche dazu gebieterisch ntigen.
    Der Prediger wollte ihm die Todesgedanken ausreden; jener versetzte aber:
Lassen Sie mir doch meinen Kalkl, in dem fr mich etwas Angenehmes liegt. Wenn
ich sterbe, so wird es sein, wie ein kaufmnnischer Jahresabschlu, wie eine
gewhnlich Comptoirhandlung. Alles wird darnach im hergebrachten Geleise
bleiben, kein Stuhl braucht deshalb verrckt zu werden.
    Wir knnen uns in Beziehung auf den sonderbaren Akt, der mit nichts, was wir
sonst erfahren, hnlichkeit hat, von einmal gangbar gewordnen Vorstellungsweisen
nicht losreien, so wenig sie auch auf die Sache passen, fuhr er fort. Was
heit das: An der Seite seiner Gattin im Grabe ruhn? Ist es nur denkbar, ja wre
es nicht die grte Ungereimtheit, anzunehmen, da mit der Gemeinschaft der
Gruft irgendeine Empfindung fr die Individuen verbunden sein sollte? Und
dennoch mu ich Ihnen gestehen, da ich voll wahren Entzckens an diese
Vereinigung mit meiner Frau denke, und da ich dann das Bild des sesten,
seligsten Schlummers nicht aus dem Sinne verbannen kann, so sehr mir sonst jede
Schwrmerei auch widersteht.
    Lassen wir, was wir nicht begreifen, auf sich beruhn, es hat wohl immer
seinen Wert, erwiderte der Prediger. Gewi ist es menschlicher und
natrlicher, fgt sich in den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen leichter
ein, den Tod nicht so fr sich, sondern gewissermaen als Fortsetzung
gewhnlicher menschlicher Zustnde zu betrachten. Und auf diesen Zusammenhang
der Vorstellungen kommt doch alles an. Es gibt kein Volk, welches nicht die
letzte Rast in Verbindung mit dem menschlichen Geselligkeitstriebe, oder mit den
Zuneigungen des Verstorbnen fr bestimmte Pltze, da er noch lebte, brchte, und
jenem Triebe und diesen Neigungen eine Schattendauer ber das Grab hinaus
beilegte. Nur die abgeschwchte Grbelei, das erkltete Gemt wird gleichgltig
gegen die letzte Wohnung; in den Zeiten der Strke beherrscht jener freundliche
Wahn, wenn man ihn so nennen will, das Volk und jeden einzelnen. Ich halte nun
sehr viel von dem Spruche: An ihren Frchten sollt ihr sie erkennen, und meine,
da das, was die Menschen im Zustande der physischen und moralischen Gesundheit
denken oder auch nur trumen, das uns eigentlich Geme sei, womit wir uns zu
begngen haben.
    Ein Gerusch im Nebenzimmer unterbrach diese friedlichtraurigen Gesprche.
Die Vorstnde der Fabriken traten herein, und an ihren Mienen lie sich
abnehmen, da etwas Bedeutendes vorgefallen sein mute. Der Oheim, verwundert
ber den spten Besuch, fragte nach der Ursache, worauf ihm einer ein groes
Schreiben, ohne zu reden, mit bedeutenden Blicken hinreichte. Der Prediger
sollte es lesen; er besah Siegel und Aufschrift und sagte: Nach dem Postzeichen
kommt es aus der Standesherrschaft.
    Ich will nicht hoffen, rief der Oheim ahnend aus, da dort sich etwas
begeben hat!
    Allerdings, versetzte einer, wir haben, was wir haben wollten.
    Der Prediger hatte das Schreiben erffnet und sagte: Man meldet Ihnen das
Ableben des Herzogs, und jene groen Besitzungen sind nun ebenfalls die
Ihrigen.
    Die Geschftsleute konnten ihre freudige Bewegung nicht unterdrcken; der
Oheim entlie sie mit einem stummen Winke, und sa, die Hnde im Schoe
gefaltet, das Haupt gesenkt, lange Zeit schweigend da. Der Prediger hatte einen
zweiten Brief erbrochen, der von jemand herrhrte, welcher sich im Interesse des
Oheims auf die erhaltne Todesnachricht sogleich nach dem Schlosse begeben hatte,
um etwanige Veruntreuungen der Offizianten und Diener zu hindern. Er berichtete
die nheren Umstnde ber das Ende des Standesherrn. Mit Weglassung des
Unwesentlichen schalten wir folgende Stelle seines Briefs unsrer Geschichte ein:
    So versank der Herzog von Tage zu Tage in eine immer tiefere Schwermut. Er
hatte seine Geschfte dergestalt vereinfacht, da er sie fast allein besorgen
konnte. Nur die notwendigste Bedienung litt er um sich, seine Mittags- und
Abendmahlzeiten waren einsam, aller Gesellschaft hatte er entsagt. Wenn ihm
jemand leise Vorstellungen ber diese Absonderung zu machen wagte, so versetzte
er, da ihn seine wankende Gesundheit zu einer so regelmigen Lebensweise
ntige; jeden Gedanken an einen Schmerz der Seele suchte er durch seine
Erklrungen bei andern sorgfltig zu entfernen. ber die Abtretung der
Herrschaft an Sie auf den Todesfall sprach er sich mit vlliger Ruhe und Fassung
aus.
    Wer ihn aufmerksamer betrachtete, mute die Angabe ber seine krperlichen
Umstnde bezweifeln, denn das uere Ansehen deutete durchaus nicht auf etwas
Krankhaftes. Aber oft kam er nach Hause, am Arme eines Landmanns, hinfllig, wie
es schien, und sagte dann, da ihn ein Schwindel unterwegs betroffen habe, und
da er zu Boden gestrzt sein wrde, wenn ihn der Fhrer nicht aufgefangen
htte.
    Gestern hat man ihn denn tot, auf dem Fuboden seines Zimmers ausgestreckt,
gefunden. Noch zwei Tage vorher war an ihm eine merkliche Erheiterung sichtbar
geworden. Er hatte sich geuert, da er ein greres Wohlsein verspre, von
Besuchen, die er wieder abstatten, ja von einer Reise, die er unternehmen wolle,
gesprochen. Der Landphysikus ist sogleich berufen worden, hat den Krper
untersucht und den Ausspruch gefllt, da ein Schlagflu den Tagen des Herzogs
ein Ende gemacht habe. Diesem rztlichen Gutachten spricht nun jedermann nach;
ich aber habe meine besondern Vermutungen.
    Ich brachte in Erfahrung, da er seine Angelegenheiten in einer Ordnung
hinterlassen habe, die beispiellos sei. Selbst die gewhnlichen Rechnungen,
welche sonst in jedem groen Hauswesen das Jahr hindurch unbezahlt stehnbleiben,
sind bis auf die kleinsten Posten quittiert vorgefunden worden. Nun meine ich,
da der natrliche Tod niemand so in Bereitschaft antreffen kann.
    Ist mein Argwohn richtig, so hat er verstanden, die Reprsentation, welche
seine Schritte von jeher bestimmte, bis an das Ende zu fhren. Es ist ihm
mglich geworden, dem berdrusse am Dasein die beabsichtigte Folge zu geben,
dennoch alle zu tuschen, und anstndig, wie er gelebt, zu sterben. Ich selbst,
der ich mich unter einem Vorwande in sein Zimmer geschlichen und mich berall
umgesehen habe, konnte nichts Verdchtiges entdecken.
    Die Herzogin, welche sich unfern im Bade * befand, eilte auf die erste
Nachricht mit Kurierpferden herbei. Ihr Schmerz ist grenzenlos und exzentrisch;
vielleicht schrft ihn das geheime Bewutsein begangner Vernachlssigungen, zu
denen eine berfeinerte Seelenstimmung sie verleitet hat. Man lie ein Wort vom
Begrbnisse fallen, worauf sie, wie auer sich, ausgerufen hat, da davon keine
Rede sein drfe, da der Leichnam ber der Erde bleiben solle, von ihr gepflegt
und behtet. Wie man diese Laune des Kummers berwinden werde, steht dahin.
    Was die brigen hiesigen Verhltnisse betrifft, so werden Sie selbst das
Richtige erraten, da Sie die Menschen genugsam kennen. Sie sind nun allhier der
Herr und Meister, und Ihnen wendet sich ein jeglicher bereits in seinen Gedanken
zu. Man hat mich verschiedentlich um gnstiges Vorwort bei Ihnen angesprochen;
ich denke, Sie werden in eigner Person prfen, und die Spreu vom Weizen zu
sondern wissen.
    Da der Oheim in seinem Schweigen beharrte, und durch die Nachricht
ungewhnlich erschttert zu sein schien, sagte der Prediger: Ich kann es wohl
fassen, wie ein groes Glck unsre Natur zu ngstigen vermag. Wir sind doch alle
eigentlich nur auf die Gewohnheit eingerichtet, und wollen, wenn sich etwas
Auerordentliches ereignen soll, dieses uns lieber durch Dulden und Schmerz, als
durch Genu und Freude aneignen.
    Sie erraten den Grund meiner Stimmung nicht, versetzte der Oheim. Jene
Todespost verrckt mir mein Konzept, darum setzt sie mich so in Unruhe. Nie habe
ich geglaubt, den Herzog berleben zu mssen. Ich war eingerichtet auf Abreise,
ich zhlte die Stunden bis dahin, nun kommt ein Ereignis, welches auf lngeres
Verweilensollen deutet. Denn wenn eine vernnftige Macht unsre Schicksale
beherrscht, so wird sie mir nicht eine Vermehrung meiner Besitztmer um das
Doppelte zuwerfen, in dem Augenblicke, wo sie mich zum Scheiden reif erklrt.
Ich werde also fortvegetieren, vielleicht noch lange, bis ich dieses neuen
Geschftes Herr geworden bin.

                                Fnftes Kapitel


In der Nacht, welche diesem Abende folgte, lag Ferdinand in der Htte des alten
Kammerjgers, mit dem er seit lngerer Zeit geheimen, vertrauten Umgang pflog.
Spt war er zu ihm gekommen, hatte hastig mehrere Glser des geistigen Getrnks,
an welches er sich in dieser wilden Gesellschaft gewhnen mute,
hinuntergestrzt, und war dann nach heftigen und unbndigen Reden eingeschlafen.
    Der Alte, welcher auf der einsamen Klippenhhe - derselben, wo einst die
leidenschaftliche Begegnung zwischen Hermann und Ferdinand sich ereignet hatte -
abgesondert von aller menschlichen Gemeinschaft hauste, trieb schon eine geraume
Zeit in der Gegend sein Wesen. Er bot allerhand Kruterle und Essenzen feil,
vertilgte die Ratten und Muse, und da er zu seinen Mitteln und Hlfsleistungen
immer noch einen biblischen Spruch obenein in den Kauf gab, so hielten ihn die
Landleute fr einen vertriebnen Priester, und erzhlten sich die wildesten
Geschichten von ihm. Woher er gekommen war, wute niemand; da er indessen einen
Erlaubnisschein zu seinem Gewerbe hatte, keinen belstigte und nichts bles tat,
so mute man ihn unangefochten gehn lassen. Zuweilen hielt er sich in der Nhe
der Fabriken auf, sah starr nach dem Herrenhause und murmelte unverstndliche
Worte fr sich hin. Da aber hier ein jeder mit seinem eignen Tagewerke genug zu
schaffen hatte, so achtete niemand dessen, was auer dem Arbeitswege lag, und
der murmelnde Alte war ihnen schon zur gewhnlichen Erscheinung geworden, aus
der keiner ein Arg hatte.
    Er leuchtete dem Schlummernden, dessen Zge von strmischer Leidenschaft
zuckten, mit der Lampe scharf ins Gesicht, blickte nach einem auf dem Tische
liegenden blanken Messer, und sagte: Jetzt knnte ich es tun, und den Samen der
Feinde vertilgen! Sie sind hinter sich getrieben worden, sie sind gefallen und
umgekommen vor dir. Denn du fhrest mein Recht und meine Sache aus, du sitzest
auf dem Stuhl, ein rechter Richter. Du schiltst die Heiden und bringest die
Gottlosen um, ihren Namen vertilgest du immer und ewiglich.
    Er griff nach dem Messer, legte es aber wieder hin, und rief: Stehet nicht
geschrieben? Wer einen Menschen schlgt, da er stirbt, der soll des Todes
sterben. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat
seine Stunde. Anschlge bestehen, wenn man sie mit Rat fhret, und Krieg soll
man mit Vernunft fhren. Wie man einen Knaben gewhnet, so lt er nicht davon,
wenn er alt wird.
    Er setzte sich zu seinen Wurzeln, len und Schmalzen, und begann, in diesen
unsaubern Dingen zu whlen. Ein widerlicher, fr nicht ganz abgestumpfte
Geruchsnerven unertrglicher Dunst begann sich zu verbreiten, von dem auch wohl
der Schlfer erwachen mochte. Er rieb die Augen, ri sie dann weit auf, sprang
von seinem Strohlager empor, stellte sich vor den Alten und rief: La deine
albernen Schmierereien und hilf mir!
    Was fehlt Euch denn, und wo sitzt es, Junker? fragte der Alte.
    Hier, rief Ferdinand, und schlug mit der geballten Faust auf die Brust.
    Sprecht und saget an, da man Euch verstehe, erwiderte der Alte. Vorhin,
als Ihr zu mir gestolpert kamt, wart Ihr so auer Euch, da ich meinte, Ihr
httet vom Bilsenkraut genossen, welches der Menschen Gehirn verstrt. Nichts
habe ich von allem dem begriffen, was Euren Lippen da entsprudelte.
    Der verwilderte Jngling setzte sich dem Alten gegenber, stemmte den Kopf
auf, und aus seinen Augen brach ein Trnenstrom mit einer Gewalt, wie wenn
Quellen sich durch Felsen die Bahn erzwingen. Dieser Regen des Schmerzes
erweichte seine Zge, welche, ungeachtet aller Entstellung durch
Ausschweifungen, noch immer viel von ihrem ursprnglichen Adel und von der
unschuldigen Schnheit der Kinderjahre hatten, so da sein Anblick jeden
Empfindenden mit Rhrung erfllt haben wrde. Der Alte aber lie ihn weinen,
rieb gleichgltig seine ekelhaften Spezies ferner ab, und sagte nach einer
Weile: Vom Trauern kommt der Tod, und des Herzens Kummer schwcht die Krfte.
Redet endlich, denn am Lachen und Flennen soll man den Narrn erkennen.
    Er ist wieder da; bei dem Pfaffen versteckt er sich, der Leidige, das
Ungeheuer, dem ich das Herz aus dem Leibe reien mchte, und es in die Tiefe
werfen, da, wo es die Fchse fressen! rief Ferdinand. Wie lange wird es
dauern, so heiraten sie einander! Ich glaubte, es sei vorbei, dein Branntwein
schmeckte mir, und der Spa mit dem Mdchen, zu dem du mich fhrtest, tat mir
wohl, aber nun er wieder da ist, hat sich alles umgekehrt. Ich will nur gleich
zwischen des Vaters Maschinen geraten, und von ihren Rdern zerquetscht werden,
wenn ich Cornelien lassen soll, die mein Leib, meine Seele, mein alles ist, um
die ich durch die brennende Hlle ginge!
    Da wre nun kein andrer Rat, sagte der Alte, als, Ihr mtet Euch des
Kerls zu entledigen suchen. Lauert ihm auf, wenn er allein geht, und stot ihn
von hinten nieder, so ist der Weg zum Mdchen frei.
    Wie dumm du bist! rief Ferdinand. Mord kommt an den Tag, das habe ich in
allen Geschichten gelesen. Sie schlgen mir den Kopf ab, und ich htte nichts
davon. Nein, wozu ich noch immer Verlangen trge, das wre ein Duell auf Leben
und Tod. Wenn man darin seinen Gegner niederschiet, so kommt man zwar auch auf
die Festung, aber sie lassen einen bald wieder frei. Das erzhlte neulich einer
ber Tisch.
    Ihr habt ja Pistolen, fordert ihn also, sagte der Alte.
    Und wer versichert mich, da ich ihn treffe? fragte Ferdinand. Er sann
eine Weile stumm vor sich nieder, dann ri er das Haupt des Alten, der immer in
seiner Beschftigung fortfuhr, gewaltsam beim Schopfe empor, sah ihm mit einem
seltsamen Blicke in das Antlitz, und sagte leise: Hre du; weit du, ob es
Treffkugeln gibt?
    Der Alte legte seine Sachen weg, und versetzte: Oho! Wollt Ihr da hinaus?
In der Stadt haben sie, wie ich mir sagen lassen, einen groen Spektakel und
Gesang darber gemacht. Sie ziehn einen rot an, den nennen sie den Simon oder
Samuel, ich wei nicht recht, wie er heit, und dann geht ein aberwitziger
Lrmen in der sogenannten Wolfsschlucht vor sich. Nichtsnutzige Possen das! Auf
solche Lappalien horcht nichts in dem Abgrunde der Krfte, die mu man an einem
andern Zipfel zu fassen wissen. Ob es wahr ist, wei ich nicht, gesprochen wird
davon unter uns Leuten vom Fache.
    Es steht geschrieben im zweiten Buche Mose am einundzwanzigsten: Auge um
Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fu um Fu, Seele um Seele. Davon machen sie
die Nutzanwendung; wer seines Lebens nicht achtet, um das Schieblei zu
gewinnen, dem wird das Blei auch alles Leben in die Hnde geben, an welches er
will. Sie sagen, wer ein Stck Blei, aber es mu nicht von einer Kirche sein,
mit Todesgefahr erobert, der kann daraus Kugeln gieen, vor denen kein Kraut
gewachsen ist. Wit Ihr ein solches Stck Blei, so tut, was Ihr nicht lassen
knnt, und plagt mich nicht weiter, denn es ist hoch Mitternacht, und ich bin
schlfrig.
    Die Lampe war ber diesem Gesprche erloschen. Ferdinand tappte im Dunkeln
fort, und der Alte streckte sich mit den Worten: Wenn ihm nun ein Unglck
begegnet, so ist die Brut der Ungerechten zertreten, ohne da ich schuld daran
habe, auf sein Lager.

                                Sechstes Kapitel


Am folgenden Morgen bat Hermann die Frau des Predigers um die Erlaubnis, dem
Begrbnisse zusehn zu drfen. Sie wollte davon nichts wissen, weil ihn der Oheim
zu Gesichte bekommen knne. Er versprach, auf dem obersten Teile der Anhhe
hinter Bschen verborgen bleiben zu wollen.
    Um ihren Mann ber das Anliegen zu befragen, ging sie in dessen
Studierzimmer. Dieser hatte es sich nicht nehmen lassen wollen, auer dem Gebete
eine kurze Rede am Sarge zu halten, und schritt, Inhalt und Ausdruck in Gedanken
erwgend, auf und ab. Er war im Zustande der Meditation von allen andern Dingen
immer gnzlich abgekehrt, antwortete daher seiner Frau, ohne recht zu wissen,
wovon sie redete, auf ihre Frage zerstreut: In Gottes Namen, stre mich nur
nicht ferner!
    Der Kranke rief, als er die Einwilligung vernahm: Das ist mir recht lieb!
Ich mu mehr Zerstreuung haben. Seitdem mit meinem Rocke etwas vorgegangen ist,
bin ich so unruhig!
    Nach einigen Stunden hrte der Prediger erst, wozu er seine Beistimmung
gegeben hatte. Er war darber sehr erschrocken, und wollte durchaus, da der
Kranke von seinem Vorhaben abgebracht wrde. Indessen mute man es gehen lassen,
denn Hermann verriet in Farbe und Mienen wieder einen heimlichen Zorn, sobald
seine Pflegemutter versuchte, ihm jenen Gang auszureden.
    Im Hause des Oheims herrschten sehr verschiedenartige Beschftigungen.
Cornelie bte mit den jungen Mdchen den Psalm ein, welcher an der Gruft
gesungen werden sollte, und wand mit ihnen die Krnze, zum Schmuck des Eingangs
bestimmt. Der Oheim war dagegen mit seinen Geschftsleuten in die weltlichsten
Beratungen versenkt. Der Vorteil, welcher dem ganzen Fabrikbetriebe und also
nach der gestifteten Einrichtung auch ihnen teilweise durch den Anfall der
Standesherrschaft zuwuchs, war unermelich. Kaum hatten sie das Erwachen ihres
Herrn und Meisters abwarten mgen, ihm alles das, was die Nacht hindurch in
ihren Kpfen gegrt, vorzutragen; um seinen Frhstckstisch versammelte sich
schnell eine zahlreiche Gruppe von Ratschlagenden, Entwrfeverkndenden, welche
ihre Gedanken auch sogleich dem Auge durch Listen, Rechnungen, und schnell
gefertigte Risse anschaulich zu machen sich bestrebten. Einer der Rhrigsten
wurde noch an demselben Vormittage nach jenen Gtern abgefertigt, um namens des
nunmehrigen Eigentmers Besitz zu ergreifen. Nutzte man die Krfte, welche durch
den neuen Erwerb gewonnen worden waren, in bisheriger schwunghafter Weise, so
lieen sich einem solchen Geschfte kaum noch Grenzen ziehn, nur in England
waren die hnlichkeiten fr derartige Gewerbsgre aufzufinden. Diese
Betrachtungen rhrten zu dem Vorsatze, eine bedeutende berseeische Abzweigung
des Kapitals zu bewirken.
    Der Oheim nahm an der Unterredung lebhaft teil. Jedem Menschen ist eine
Signatur in die Seele eingeschrieben, und die Entfernung von diesem Urzeichen
der Lebensentfaltung bleibt immer nur eine scheinbare. Auch er hatte eine
unruhige Nacht gehabt. Mit siegender Gewalt nahmen ihn die Bilder der neuen
Ttigkeiten gefangen, und drngten die stillen entsagenden Vorstellungen zurck,
mit welchen er bis zum Ende seiner Tage auszureichen gemeint hatte. Besonders
war ihm der Blick verlangend ber das Meer gerckt; er wnschte sehnlich eine
Herstellung von seinen Gebrechen, um sich noch die Anschauung jener fernen
erzeugnisreichen Gegenden gewinnen zu knnen.
    Zwischen diesen Verhandlungen langte eine Botschaft Theophiliens an. Sie
hatte den Schlssel zu dem Erbbegrbnisse der Grafen in Verwahrung, und diesen
heute den Mnnern herausgeben mssen, welche den Sarg der Tante von seiner
vorlufigen Ruhesttte zu erheben bestimmt waren. Nun bat sie den Oheim
schriftlich, allen ferneren Ansprchen auf die Gruft ihrer Ahnen zu entsagen,
welche ihm von keinem Nutzen mehr sein knne, da er fr sich und die Seinigen
ein eignes Gewlbe errichtet habe.
    Der Oheim sagte, nachdem er den Brief gelesen hatte: Da uns das Schicksal
gewaltsam in das Leben zurckdrngt, so wollen wir immerhin den Toten die Toten
berlassen. Es ist mir lieb, den Grillen dieser untergegangnen Frau eine
Nachgiebigkeit erzeigen zu knnen. Vielleicht vershne ich sie dadurch mit mir.
Er setzte sich nieder, stellte eine verzichtende Erklrung, wie sie dieselbe
begehrt hatte, aus, und berlie die Gruft der erloschnen Familie dem letzten
Sprlinge zur uneingeschrnkten freien Verfgung.
    Nach dem Mittagsessen, welches man noch mehr, als gewhnlich, abgekrzt
hatte, begaben sich die Mnner, welche den Sarg tragen wollten, eilig den
Schloberg hinauf. Der Oheim verweilte eine kurze Zeit bei Cornelien, deren
Augen ber das zerstreute und der Feier des Tages abgekehrte Wesen trbe
geworden waren. Man sah es allen nur zu deutlich an, da sie das Totenfest
abgetan wnschten, um sich den so mchtig andringenden irdischen Hoffnungen mit
ganzer Seele hingeben zu knnen. In ihrer reinen Trauer ber diesen grellen
Widerspruch der Menschen und Dinge nahm sie den Oheim, als sie mit ihm allein
war, beiseite, und sagte zu ihm: Nicht wahr, Vater, wir fahren nach der
Bestattung mit dem Prediger spazieren, und bleiben auch den Abend fr uns?
    In deiner sanften Frage liegt fr mich ein schwerer Vorwurf, versetzte der
Oheim. Wenn es wahr wre, da zwischen den Seelen der Menschen ein wesentlicher
Unterschied bestnde, wie manche haben lehren wollen! Wenn nur einige zur
Erhebung, zum Leben des Geistes bestimmt wren, andre dagegen unwiderruflich in
den Schlamm und Tod versinken mten, und alle Mhe, von diesem eingebrannten
Male der Nichtigkeit sich zu reinigen, umsonst aufwendeten!
    Welche Gedanken! rief Cornelie.
    Ich will wenigstens hienieden ntzen, wie ich kann, fuhr der Oheim fort.
Zu meinen Beschickungen gehrst auch du, Cornelie, du bist die seste
derselben. Sollte ich aus der Welt gehn, ehe ich dich an der Seite eines Gatten
versorgt wei, so wird dein Los von mir gengend festgestellt worden sein.
    Cornelie sank ihm zu Fen, und sprach mit leuchtenden Blicken: Sorge du
nicht um mich, und nicht fr mich, mein Vater. So gewi dies meine Hand, und
jenes meine Fe sind, so gewi wei ich, da, wo ich stehe, oder mich
niederlege, wohin ich gehe und trete, ich behtet und geschirmt bin. Wenn das
nicht wre, so htte ich ja so frh meine Eltern nicht verlieren knnen. Glaube
mir, mein Vater, mir wird es immer wohl gehn, recht wohl. An meinem Herde wird
sich der Drftige wrmen, und unter meiner Pforte werden die Mden sitzen. Darum
entziehe du deinem Sohne und den Freunden, die mit dir gearbeitet haben, nichts
von dem Deinigen; Cornelien schenke du nur, wenn es denn einmal so weit ist,
deinen letzten Blick und Hauch, das soll meine Erbschaft sein.
    Er fragte einen Eintretenden, welcher meldete, da der Leichenzug vom
Schloberge herabzusteigen beginne, nach Ferdinand. Jener versetzte, da er den
Knaben aufgefordert habe, ihm zu folgen, da dieser aber, ohne ihm Antwort zu
geben, den Berg nach der Gegend des Weihers zu hinaufgestrmt sei.
    Seufzend machte sich der Oheim in seinem kleinen Fuhrwerke, neben welchem
Cornelie herging, auf den Weg. Den Vorplatz des Mausoleums bedeckte eine
zahlreiche Menschenmenge, welche nicht die Neugier allein, sondern auch so ein
dankbares Erinnern herbeigezogen hatte, denn die Verstorbne war die Wohltterin
vieler Bedrftigen gewesen. Die Pforten des Gewlbes waren aufgetan, zu beiden
Seiten standen die festlichgeschmckten Jungfraun im Halbkreise. Cornelie
gesellte sich, sobald sie mit dem Oheim auf der Hhe anlangte, zu ihnen. Er lie
seinen Sessel der Pforte gegenberstellen, und erwartete den Zug, dessen Annahen
die in immer dichteren Haufen den Berg heraufdringenden Menschen verkndeten. In
der Mitte des Platzes war mit leichten Stben ein freier Raum fr den Sarg,
seine Trger, den Prediger und die Schulkinder abgesteckt worden.

                               Siebentes Kapitel


Sobald der Sarg niedergesetzt war, und die wogenden Menschenwellen, welche nun
nicht allein den Platz oben, sondern auch alle Abhnge des Berges berfluteten,
sich beruhigt hatten, erhoben die Jungfraun ihre Stimme, und sangen den Psalm
ab, dessen gehaltne, ernste Melodie die Herzen noch tiefer angerhrt haben
wrde, wenn nicht das vom Weiher herklingende Gerusch der heftigarbeitenden
Dampfmaschine den sonderbarsten Gegensatz zu jenen frommen Tnen hervorgebracht
htte. Nach beendigtem Gesange trat der Prediger zum Sarge, verrichtete das
Gebet, und knpfte an dasselbe folgende Worte:
    Ihr seid es von mir schon lngst gewohnt, meine Zuhrer, da ich euch in
meinen Vortrgen nicht zwischen die Dornenhecken dunkler Glaubenslehren, nicht
auf die kalten leeren Hhen spitzfindiger Grbelei zu fhren pflege, weil ich
der Meinung bin, da das Christentum, ist es echter Art, dem Blute gleichen
msse, welches, mit den Werkzeugen des Lebens verbunden, sie in ungetrennter
Gemeinschaft durchdringend, ihnen eben gerade das Leben schafft, whrend
dasselbe, von jenen Werkzeugen getrennt, fr sich allein nicht bestehn kann,
vielmehr dann bald sich scheidet, gerinnt und verdirbt. Ich liebe es daher, euch
aus noch so geringfgig scheinenden Gelegenheiten, aus eurer Arbeit und aus
eurem Gewerbe, aus den kleinsten Vorfllen eurer Hauswesen, die Quellen der
Erbauung zu ffnen, und bestrebte mich, den Gott, welcher jedem erscheinen mu,
wenn er das Samenkorn in die Erde legt, oder sein Tagewerk am Webstuhle
vollendet hat, vor aller Augen zu enthllen.
    Lat mich also auch an dieser Bahre meines Brauchs pflegen, lat uns nicht
in allgemeinen Todesbetrachtungen, welche ohne Frucht und unntz sein wrden,
sondern in dem besondern Hinblicke auf den Fall, welcher uns hier
zusammengefhrt hat, unsre Gedanken vereinigen!
    Es ist ein Gerede unter den Menschen, da Migkeit, Nchternheit, Vorsicht,
die heilsame Klte, welche die Schritte erwgt und den Fu nicht eher zum
Weitergehn aufheben mag, bis man habe, wo man ihn niedersetze, da diese Dinge,
sage ich, zwar gute und eintrgliche Eigenschaften seien, da sie aber zu
hheren und seltneren Gewinnen nicht hinzufhren vermgen, und da sie
namentlich den Menschen, welcher mit ihnen begabt ist, unfhig zu den sanften
und warmen Empfindungen machen, auf welchen die Liebe ihr schnes Gebude
grndet. Man nennt die Verbindungen, welche nicht im Rausche der Leidenschaft
geschlossen werden, Scheinbndnisse, man glaubt, da bei ihrer Eingehung nur der
Trieb der Gewohnheit oder eine herzlose Berechnung obgewaltet haben knne.
    Sehet hier ein Beispiel von der Nichtigkeit dieses Redens und Meinens! ber
die Jnglingsjahre lngst hinaus, ohne strmische Aufwallung, bedchtig das
Wichtige berlegend, knpfte der verehrte Mann, um den uns eine fromme Feier
versammelt hat, das Band, dessen Unzerreibarkeit eben diese Feier aussprechen
soll. Wohl allen denen, welche einander im Augenblicke der ersten, oft so
oberflchlichen Bekanntschaft die Ewigkeit ihrer leichtentstandnen Aufregung
versichern, wenn sie mit der Innigkeit verbunden blieben, welche hier dem ruhig
gegebnen und empfangnen Worte folgten! Smtlich sind wir Zeugen gewesen der
Zucht und Einigkeit, des Vertrauens und des Glcks, aller der Gnaden und
Segnungen, welche diese wahrhaft gottgefllige Ehe schmckten. Aber nicht genug,
da sie auf Erden die Bestimmung der gttlichen Einrichtung - das Bild der
vollkommnen Menschheit durch zwei darzustellen - im gengendsten Mae erfllte;
auch ber das Grab hinaus reichten ihre Einflsse und Wirkungen. Die Gattin
scheidet, und der Zurckbleibende richtet seine Blicke beharrlich der
Entschwundnen nach. Fest die Zgel der ihm berwiesenen irdischen
Angelegenheiten haltend, blht ihm doch nur noch Genu in der Sehnsucht nach
ihr, welche seine Augen nicht mehr schauen; sein Gemt entbrennt zu dem schnen
Werke in Erz und Marmor, welches nun vollendet vor uns steht, die sterbliche
Hlle der teuren Schlafengegangnen aufzunehmen, an deren Seite er selbst
dereinst ruhen will. Sanften Trost empfindet er in diesen Beschwichtigungen,
womit unser von Wolken berdecktes Auge sich die Ewigkeit und ihre Geheimnisse
anzunhern versucht. Wenn andre Menschen von dem Weine und Brote leben, dessen
sie genieen, so lt sich von unsrem Freunde behaupten, da ihn die Erinnerung
speiste und die Hoffnung trnkte.
    Nehmet denn, ihr Ehelich-Verbundnen, oder die ihr in diesen Stand treten
wollt, von solchem Vorgange ein Muster der Nachahmung! Jenes stille Heiligtum,
welches heute seine Weihe erhlt, der Sarg und der lebende Freund - sie mgen in
eurem Herzen Gelbde erzeugen, wrdig des Wortes, welches der Apostel sprach:
Wer sein Weib liebet, der liebet sich selbst. In dieser allesumfassenden Liebe
zu einem zweiten Wesen ist der Inbegriff jeglicher sittlichen Veredlung gesetzt,
der Mensch lset sich von der Selbstsucht ab, und empfngt dadurch sein Innres
erhht und gereinigt zurck. Ja, meine Freunde ...
    Ein dumpfes Gerusch, wie von dem verworrnen Durcheinanderreden vieler
Menschen, lie sich in der Ferne vernehmen. Es kam aus der Gegend, wo der Weiher
lag. Der Prediger hielt betroffen inne. Die Menschen wendeten sich nach dem
Schalle.
    Es mu etwas an der Maschine zerbrochen sein, man hrt sie nicht mehr,
sagte der Oheim. Gehe einer hin und sehe zu. Welche widrige Unterbrechung!
    Einige Arbeiter schwangen sich den steilen Pfad hinauf, der nach dem obern
Teile des Berges und nach dem Weiher fhrte. Doch nur wenige Augenblicke
vergingen, so kamen sie wieder herabgestrzt, totenbleich, mit entsetzten
Gesichtern. Der Maschinenmeister folgte ihnen, und fiel mit einem Jammergeschrei
am Wgelchen seines Herrn nieder. Was ist geschehn? fragte der Oheim
erschreckt. Hat das Werk Schaden genommen?
    Ihr Sohn liegt zerschmettert oben auf dem Berge! rief der Mann, seiner
nicht mchtig.
    Entsetzt drang die Menge herzu. Man bestrmte ihn mit Fragen, wie dieses
furchtbare Ereignis sich begeben habe; er war unfhig, zu antworten. Sprachlos
starrte ihn der Oheim an, seine Augen standen ohne Bewegung in ihren Hhlen,
seine Lippen verloren die Farbe, sein Haupt ruhte an Corneliens Brust.
    Den Sarg in die Gruft, unsern Vater nach Hause! rief das Mdchen, welches
inmitten dieser Schrecknisse die Besinnung noch hatte, deren die andern beraubt
waren. Indem man sich anschickte, ihrem Befehle zu gehorchen, rief von den
Klippen ber dem Mausoleum eine laute Stimme: Halt! und Hermann trat auf ein
vorragendes Felsenstck. Die Bauerburschen, welche den Wagen des Oheims zogen,
hatten mit demselben eine Wendung nach vorwrts gemacht, so da Hermann dem
Alten gerade gegenberstand.
    Trste dich, Onkel! rief der Unselige hinunter. Ferdinand ist dein Sohn
nicht, die Tante hatte ihn vom Grafen, darum verschrieb dir der die
Standesherrschaft, damit die Gter dereinst an sein Blut kmen; frage nur
Theophilien, sie wei alles, aber die Liebesbriefe haben wir verbrannt.
    Cornelie fiel nun selbst ohnmchtig in die Arme ihrer Freundinnen. Auch
bedurfte das Haupt des Oheims keiner Sttze mehr; nur die ersten Worte hatte er
aus Hermanns Munde vernommen, dann sank er mit einem tiefen Atemzuge in sich
zusammen, erdrckt von diesen Schlgen, und der Ruf der Umstehenden: Er
stirbt! wurde Wahrheit.
    Langsam zogen die Burschen den Wagen hinunter nach dem Hause. Schweigend,
unter der Last dessen, was sich begeben hatte, schaudernd, ging die Menge von
dem Berge. Es war etwas Grauenvolles, diese vielen hundert Menschen zu sehen,
deren Lippen das ungeheure Schicksal versiegelt, deren Herzen es versteinert
hatte.
    Auf einen stummen Wink des Predigers, welcher mit dem Unglcksboten auf dem
Berge geblieben war, wurde der Sarg hastig in das Mausoleum geschafft. Er stieg
mit dem Maschinenmeister den Klippenweg hinauf. Sie nherten sich dem Weiher.
Die Maschine stand. Zu ihren Fen lagen die blutenden Gebeine eines, der ein
Mensch gewesen war. Ein unseliger Anblick!
    Nachdem der Prediger sein Entsetzen bewltigt hatte, fragte er den andern:
Wie ist dies zugegangen? Reden Sie jetzt, da wir alle Tatumstnde feststellen,
und nicht noch Unschuldige zur Verantwortung gezogen werden mgen.
    Gott wei es, ich nicht, erwiderte der bewegte Mann. Schon vor einigen
Stunden hatte er sich bei uns hier eingefunden, und war sphend um die Maschine
hergegangen. Er machte uns auf den gelockerten und halb zersprungnen bleiernen
Ring dort aufmerksam, welcher an jenem das Pumpenwerk in Bewegung setzenden Arme
hngt, in seinem unverletzten Zustande bestimmt, die Widerstandsmittel gegen
etwanige Explosionen der Dmpfe zu verstrken. Seine Frage, ob es wohl mglich
sei, dieses Blei dem Balken, wenn er eben niedersteige, mit raschem Griffe zu
entreien, hielten wir fr Scherz. Wir antworteten, da es ja auch Menschen
gegeben habe, die zwischen den sausenden Flgeln einer Windmhle
hindurchgegangen, oder wohl gar geritten seien, und ebenso mge es gelingen, das
Blei zu erobern, aber freilich knne der Kopf mit in den Kauf kommen. Er
verhielt sich nach diesen Gesprchen still, und wir vergaen bald die ganze
Sache. Nun erschien pltzlich der junge Mann, der bei Ihnen wohnt, und sobald er
den sah, wurde er wie von einer rasenden Wut befallen. Er blickte bald ihn, bald
die Maschine mit grimmig funkelnden Augen an, und scho pfeilschnell auf den Arm
zu, da er und der bleierne Ring im Niedersteigen waren. Das taube Eisen fate
ihn, seine Kleider muten sich in das Gestnge verwickelt haben, denn dreimal
wurde er im wilden frchterlichen Umschwunge gegen die Balken, und von diesen
wieder in die Lfte geschleudert. Augenblicklich lie ich hemmen, aber schon war
es geschehen, und wir hatten, als die Maschine stillstand, nur die zerbrochnen
Gebeine aus ihren Klammern und Fugen zu nehmen.
    Eilen wir hinwegzutun, was die Blicke der Menschen beleidigt! sagte der
Prediger, lie die jammervollen berbleibsel erheben, und in eine Kiste legen.
Auch diese wurde im Mausoleum, neben dem Sarge der Mutter beigesetzt.
    Unten im Dorfe fand er alles wie ausgestorben. Niemand lie sich blicken,
jeder fhlte eine dunkle Furcht vor herandrohenden Schreckgerichten. Im
Herrenhause war Bestrzung, Weinen und Wehklagen. Cornelie lag darnieder und
fieberte.
    Die Leiche des Oheims hatte man auf einem Bette ausgestreckt. Als der
Prediger ihm in das Gesicht blickte, fuhr er zurck, und gebot, es mit einem
Tuche zuzudecken; die Miene des Toten sei von einer eignen, den Lebendigen nicht
heilsamen Beschaffenheit.
    Er trat in sein Haus. Dort sa Hermann, wie gewhnlich, ruhig ber den
Bchern. Sie haben Ihren Oheim gettet! rief er ihm mit strengem Tone zu.
Gelassen versetzte Hermann: Warum schelten Sie mich? Ich meinte es gut; konnte
er sich nicht zufriedengeben, da er hrte, da der wilde Knabe ihn nichts
angehe?

                                 Achtes Kapitel


Eine solche Wendung war den Mchten, welchen das menschliche Dasein nur zu
leicht verfllt, gelungen. Voraussicht, Klugheit, Berechnung waren zuschanden
gemacht worden, ein furchtbarer Blitz hatte sein grelles Licht auf die
Nichtigkeit frommer Zuneigung geworfen, den frsorglichsten Mann ri das
Schicksal mitten aus ungeordneten Verhltnissen in Verzweiflung hinweg. In einem
Hause, worin nur der Verstand galt und anerkannt wurde, hatte der widersinnigste
Aberglaube seine Flgel, bis zum Wahnwitz treibend, schwingen drfen, und ber
Lippen, die nicht wuten, was sie sprachen, war das Geheimnis der Familiensnde
elementarisch gesprungen.
    Diesen Ausgngen war hier niemand gewachsen. Die Arbeit stockte, mutlos
schlichen die Geschftsleute umher. Man mute an die Bestattung der Leiche
denken, und auch da zeigte es sich, da der Zorn jener dunkeln Gesetze, welche
in ihr volles Recht hier eingesetzt zu werden forderten, noch nicht vorber sei.
    Theophilie, von welcher man den Schlssel zum Erbbegrbnisse
wiederverlangte, weigerte sich, ihn zu geben, und berief sich auf die
Entsagungsurkunde, welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt
hatte. Man bewog den Prediger, zu ihr zu gehn, der denn auch alle Beweggrnde
der Milde und Vershnlichkeit anwendete, ihren Willen zu beugen.
    Sie lie ihn ruhig ausreden und sagte dann: Ich ehre diese Grundstze des
Friedens, aber man kann verschiedne Wege gehn, die alle recht und gut sind. Auch
die Vergeltung hat ihre Ehren. Ich bin die Rcherin meiner Familie. Er hat uns
im Leben aus unsrem Eigentume getrieben, dafr versage ich ihm die Ruhe bei
meinen Toten. Immer noch eine sehr glimpfliche Rache, sollte ich meinen. Das
Geheimnis, welches ich wute, wre mit mir zu Grabe gegangen, der Schlaf verriet
es einem fremden Ohre; nun wurden Versprechungen gewechselt, und Briefe den
Flammen bergeben, um es ja recht sicher zu bewahren. Aber ein kindischgewordner
Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus, und stt ihm
damit das Herz ab. Ich finde etwas Groes und Gttliches in diesem Hergange; er
erinnert an alte Mrchen, worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das
Tiefverborgne an den Tag bringen.
    Da er sah, da sie nicht zu berreden war, so stand er ab; man beschlo,
kein Aufsehn zu erregen, indem man Zwang gegen sie versuchte. Die Menschen
hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren. Einer schlug
vor, den Oheim im Mausoleum zu bestatten, wie er ja selbst verfgt habe, und die
andern billigten seinen Rat, zu dessen Ausfhrung alles in Bereitschaft gesetzt
wurde.
    Aber die Natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefhl fr Wahrheit,
und will nicht dulden, da das ganz Unschickliche geschehe. In der Nacht wurden
die Bewohner des Dorfs von einem Getse erweckt, in welchem sie bald das
Rauschen strzender Fluten erkannten. Man machte sich mit Fackeln und
Windlichtern hinzu, und sah bei deren Scheine den Bergweg zum schumenden
Wasserfalle verwandelt. Unten im Dorfe flossen die Wogen zu einem Bache ab, der
an manchen Stellen grteltief war.
    Als es tagte, nahm man ein grauses Schauspiel wahr.
    Durch die Eingangspforte des Mausoleums, wie durch einen Brckenbogen, scho
der weischumende Strom bergab, und hatte Mauerstcke, Bume, ja auch die
Behltnisse, welche die Gebeine der Mutter und des Sohns bargen, mit sich
fortgerissen. Diese lagen, klglich umgeworfen, von Schlamm und Graswust
widerlich umsumt, am Abhange des Berges. Ein Teil des Gruftgewlbes war
eingestrzt, und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal, wenn die Gewalt der immer
weiter whlenden Fluten nicht bald gebrochen wurde.
    Die Ursache dieser Zerstrung war nur zu bald entdeckt.
    Der Weiher, von der Maschine, an deren Wiederbelebung niemand in der
allgemeinen Bestrzung gedacht hatte, nicht mehr ausgeschpft, und berdies
durch Regengsse in den Bergen ber seinen gewhnlichen Inhalt angeschwollen,
hatte mit der ganzen Wassermasse durch die verborgnen Rinnen auf die Auswlbung
der Gruft gedrckt, und wahrscheinlich in kurzer Zeit den Widerstand des
Gemuers berwunden.
    Es geschah, was geschehen konnte, um die Gefahr einer berschwemmung von den
Talbewohnern abzuhalten. Die Maschine arbeitete wieder unausgesetzt, so da der
Zuflu zum Gewlbe bald vermindert wurde, und man auch von dort dem Elemente
entgegenwirken konnte. Das einzige Mittel krftiger Begegnung war, die Gruft
auszuschtten, und den Berg in seiner dichten Rndung herzustellen. Dies geschah
mit rastloser Ttigkeit. Felsblcke, Buhnengeflecht, Lehm- und Schuttlagen
muten die Hhlung fllen, und nach vierundzwanzig Stunden war von dem schnen
Werke der Baukunst nichts mehr zu erblicken, als der Marmor der Pforte, welcher
unntz und wehmuterregend aus jenen niedern Stein- und Erdumgebungen
hervorblickte. Bei der gewaltsamen Arbeit hatte man natrlich der Wege und
Anlagen nicht schonen knnen, so da, als die Sache getan war, zertretner Rasen,
abgebrochne Stauden, verwstete Blumenflecke, Sumpf und Nsse den Rahmen um
jenes ausgetilgte Denkmal ehelicher Liebe bildeten. Inzwischen wartete der
Prediger seines Amtes, lie im Dunkel des spten Abends Mutter und Sohn erheben,
und unbemerkt ohne Geleit auf dem Kirchhofe des Dorfs einsenken. Auch war nach
diesen letzten trben Dingen von ihm sogleich ein reitender Bote an den
Rechtsfreund des Oheims in der Standesherrschaft abgesendet worden, dort das
Gewlbe fr die Leiche auftun zu lassen, und sie so dem Hasse und den wtenden
Naturkrften zu entrcken, welche sich hier gegen ihre letzte Rast verschworen
zu haben schienen.
    Traurig und langsam rckte der schwarzbehangne Wagen in kleinen Tagereisen
gegen die Grenze jenes adlich gewesenen Gebietes vor, welches nun die
eingefallnen und geschlonen Augen des brgerlichen Erwerbers nicht schauten, wo
keiner dem neuen Herrn mit verehrendem Grue entgegenkam. Aber in der Nhe des
Schlosses erhielt der Verblichne Gesellschaft; auch der Herzog befand sich auf
dem letzten Wege zur Gruft seiner Ahnen. Man hatte, die Bestattung mglich zu
machen, die Herzogin unter einem Vorwande zu entfernen gewut, und jene, sobald
man erfuhr, da auch der Oheim dort ruhen solle, beeilen wollen, um fertig zu
sein, wenn diese zweite Leiche eintrfe. Allerhand Zuflligkeiten verzgerten
indessen die Ausfhrung der Anstalten, und so kam es, da die beiden Zge in dem
breiten Wege, welcher nach dem Erbbegrbnisse fhrte, zusammentrafen. Der
Prediger trat mit dem herzoglichen Kaplane in kurze Beratung, und beide Mnner,
von einer religisen Empfindung erschttert, ordneten an, da der Tod keinen
Vortritt gewhren, sondern seine stillen Untertanen mit gleichen Rechten
empfangen solle. Weg und Pforte waren gerumig genug, zwei Srge nebeneinander
aufzunehmen, und so gingen die Gegner eintrchtig zusammen in die dunkle Wohnung
ein.
    Nach diesen Entscheidungen des Todes und der Nacht wandten sich die
Hinterbliebnen in das Leben zurck. In den Fabriken trat aus den Vorstehern eine
Kommission zusammen, welche die Geschfte in der bisherigen Weise und im Geiste
des Verblichnen fortzusetzen sich bemhte. Auf dem Schlosse des Standesherrn
wurde von ihren Bevollmchtigten inventarisiert, auf Feldern und Waldgrnden
vermessen. Die Maschinen begannen wieder zu klappern, die Arbeiter ihre Packen
auf den gewohnten Wegen zu tragen, in den Comptoirs schrieb und rechnete man wie
frher.
    Wenn sie sich nun aber fragten, wer der Herr der unermelich angewachsenen
Gter sei, und fr wen alle diese Arbeit geschehe, so war die Antwort von der
Art, da sie, selbst nach allen den wunderbaren und erschreckenden Fgungen des
Zufalls, noch staunen machen mute. Wie man sich wenden mochte, die Lage der
Sache lie sich nicht bestreiten. Der Oheim war ohne Testament, kinder- und
geschwisterlos gestorben, und Hermann als Neffe daher ohne allen Zweifel sein
nchster, gesetzlicher und rechtmiger Erbe.
    An Verderben und Untergang mag niemand, der seine Hnde rstig bewegt,
denken; wie jedoch unter einem solchen Eigentmer ein fast unbersehlicher
Besitz, das weitverzweigteste Geschft sich steigern, ja nur sich notdrftig
erhalten lassen sollte, mute dem klgsten menschlichen Auge verborgen bleiben.
    Wilhelmi war angekommen. Auch ihn bewegten die Ereignisse tief, als er ihren
Gang und Zusammenhang vernahm. Er meinte einen Augenblick, Hermanns Abspannung
durch die pltzliche Nachricht von dem mrchenhaften Glcke, welches ihn
betroffen, aufzurtteln, aber vergebens. Hermann empfing die Meldung, da er nun
ein Millionr sei, wie etwas Bekanntes, woran er, wie er sagte, gleich bei dem
Absterben des Oheims gedacht habe.

                                Neuntes Kapitel


Der Oheim war kaum einige Monate tot, als die Folgen einer Verwaltung durch
mehrere bereits sichtbar zu werden begannen. Obgleich der Verstorbne in den
letzten Tagen seines Lebens nur wenig persnlich eingegriffen hatte, so war er
doch der Mittelpunkt alles Wirkens und Schaffens gewesen, in ihm bestand eine
Autoritt, durch welche das Zweifelhafte entschieden, jedes Wagnis
gerechtfertigt wurde. An einer solchen obersten Gewalt fehlte es nunmehr
gnzlich, es zeigte sich hier, was in den Welt- und Staatsverhltnissen immer
eintritt, wenn ein groer Knig oder ein Held von hinnen geht, und sein Werk von
den Stellvertretern weitergefhrt werden soll. Unendlich ist der Abstand
tchtiger Ausfhrung von dem Blitze der Erfindung. Man zagte oder hazardierte,
und verlor durch beides. Die Verluste erzeugten Mimut und Anklage, aus solchen
beln Stimmungen entsprangen Sonderungen und Parteien, jeder glaubte am besten
zu tun, wenn er nur in seiner Sphre isoliert-ttig sei, und darber kam bald
der Zusammenhang des Ganzen abhanden, welcher doch allein den Gedanken des
Oheims erhalten konnte. Schon erklrte einer und der andre, da er sein
Schicksal weiter zu suchen gedenke, und alle fhlten sich von einer Gemeinschaft
bedrckt, die noch vor kurzem ihr Stolz gewesen war.
    Inmitten dieser Einbuen und Spaltungen lebte der Herr der Reichtmer sein
dmmerndes Pflanzenleben fort. Man war bereingekommen, so lange als nur mglich
ihn fr geistig gesund gelten zu lassen, um die Einmischung des Staats, die alle
als das grte bel frchteten, abzuhalten. Seine Unterschrift mute daher jedes
wichtigere Geschft bekrftigen; er gab sie, ohne zu fragen, was er
unterschreibe? Nur die groe Rechtlichkeit aller dieser Leute verhinderte, da
sich schlimmes Unheil an ein so seltsames Verfahren heftete. Aus der
Predigerwohnung war er wenige Tage nach dem Tode des Oheims in das Haus gezogen,
welches ja nun das seinige war. Dort lebte er in stillen Hinterzimmern, den
ganzen Tag ber lesend, schreibend oder mit sich selbst redend. Vor dem Verkehr
mit unbekannten Menschen hegte er eine groe Scheu, und mied deshalb die
Gemcher nach der Strae, whrend er dagegen mit den Hausgenossen sich leicht
und zutraulich zu benehmen wute. Diese wichen ihm aber aus, wo sie konnten;
seine Erscheinung war ihnen zuwider, und sie vergaben ihm den Tod ihres Herrn
nicht. Nur Cornelie ging leise und mild neben ihm her, sorgte fr seine
Bedrfnisse, ohne gleichwohl irgendeine tiefere Bewegung blicken zu lassen.
    Unvermutet kam eines Tages der Arzt angefahren. Er hatte, auf der Heimkehr
begriffen, den Brief des Predigers erhalten, und den Umweg mehrerer Meilen nicht
gescheut, den wiedergefundnen Kranken zu besuchen, und zu ergrnden, ob
vielleicht jetzt zu helfen sei. Mehrere Tage verweilend, sprach er nach genauer
Beobachtung Hermanns gegen einige Vertraute die Unheilbarkeit des bels aus, da
sich keine Reizbarkeit zeige, und folglich kein Mittel eine Erregung oder Krisis
hervorbringen werde. Auf diese Nachricht nahmen mehrere Vorsteher ihre
Entlassung, und die noch zurckblieben, wurden mehr von einer Notwendigkeit
gefesselt, als durch einen Wunsch bestimmt.
    Wilhelmi reiste ab und zu, wie seine Huslichkeit es ihm nur gestatten
mochte. Dieser treue Freund litt unendlich bei der Betrachtung des
Unglcklichen.
    ber Cornelien, zu deren Vormunde der Prediger bestellt worden war, sprach
er mit diesem einen Plan ab, welcher wenigstens ihre nchsten Jahre
sicherstellte. Seine Frau wnschte, bei erweiterter Familie, eine
Gesellschafterin, der sie Kinder und Haus mit Zutraun bergeben konnte, wenn
Zirkel, Theater oder Reisen sie selbst abberiefen. Wer war zu einer solchen
Stelle geeigneter, als das schne, sanfte, feste Mdchen? Als beide Mnner ihr
diese Kondition vorschlugen, willigte sie ohne Zaudern ein. Wilhelmi bestimmte
den Tag der Abreise, Cornelie ordnete ihre kleine Habe, und schien ganz ruhig
und gefat zu sein. Nur fiel es denen, die sie nher kannten, auf, da sie jede
Stunde, welche ihre huslichen Geschfte ihr frei lieen, zu einsamen, oft weit
wegfhrenden Wandrungen durch die Gegend benutzte.
    Ging sie, so schwand auch der letzte frische Ton aus dem blassen Nebelbilde
stumpfer aussichtsloser Tage. Der Zustand der Menschen hier und in der
Standesherrschaft war ein kaum zu beschreibender. Man spricht von einem
Schattenreiche; hier hatten die Toten eins auf Erden hinter sich zurckgelassen.

                                Zehntes Kapitel


Der Wagen stand gepackt, Wilhelmi, bereit zum Einsteigen, wartete im Mantel, die
Reisemtze auf dem Haupte. Wo bleibt sie? fragte er etwas ungeduldig. Sie
pflegt sonst, die erste, fertig zu sein, was hat sie drinnen noch zu schaffen?
    Geben Sie acht. Sie reisen allein! rief die Frau des Predigers, welche mit
ihrem Manne, Lebewohl zu sagen, gekommen war.
    Wie? riefen voll Erstaunen der Prediger und Wilhelmi.
    Ihr Mnner seid so daran gewhnt, eure Absichten durchgesetzt zu sehen, da
ihr zuweilen die nchsten und grten Hindernisse nicht wahrnehmt, erwiderte
die Frau.
    Wilhelmi schickte jemand in das Haus ab, und lie Cornelien bitten, sich zu
beeilen. Der Bote kam sogleich mit der Meldung zurck, da Mademoiselle ihren
Koffer wieder begehre, da sie hier bleiben werde. Unwillig eilte Wilhelmi nach
ihrem Zimmer. Der Prediger und seine Frau folgten.
    Sie fanden Cornelien beschftigt, Reisehut, Umschlagetuch und andre Dinge,
die sie noch hatte mitnehmen wollen, in den Schrank zu tun, wobei ihr Hermann
half. Sie geht nicht! rief er den Eintretenden entgegen, und sein blasses,
unteilnehmendes Gesicht hatte einen Ausdruck, wie wenn in tiefster Nacht der
Hhle oder des Schachtes aus dem entlegensten Gange der Strahl des kleinen
Lmpchens aufdmmert. Es war nicht Freude, aber dieser Blick sagte, da das
Wesen, welchem er angehrte, einst Freude gefhlt habe, und sie vielleicht
dereinst wieder fhlen werde.
    Was soll das bedeuten? fragte Wilhelmi unmutig. Haben Sie mich zum
besten?
    Geh auf dein Zimmer, Hermann, sagte Cornelie ruhig. Er ging. Hren Sie
mich an, ehe Sie mich schelten, fuhr sie fort. Ich war willens, mit Ihnen zu
reisen, den Dienst in Ihrem Hause anzunehmen; ich freute mich auf die groe
Stadt und alle die neuen Dinge, welche ich da sehen wrde. Den Abschied von
Hermann hatte ich bis zuletzt aufgeschoben. Nun aber konnte ich doch ohne den
nicht von ihm gehn, da ich allen Leuten im Hause Lebewohl gesagt hatte. Als ich
zu ihm trat, und er mir still glckliche Reise wnschte, seine Hand den Druck
der meinigen nicht erwiderte, da war es mir auf einmal, als ob eine Decke von
meinen Augen hinweggetan wrde. Ist es Ihnen nicht auch begegnet, da Sie, in
trumerischer Vergessenheit vom Wege abgekommen, pltzlich bei dem Anblicke
eines Baums, eines Felsens stutzen muten, und Ihren Irrtum einsahen. Und sollen
denn solche Male nur immer unsrem Geiste, unsrem Herzen fehlen?
    
    Dies ist in der Tat die auerordentlichste Leidenschaft, welche ich jemals
gesehen habe! fuhr Wilhelmi heraus. Dem Gesunden versagten Sie sich, als ein
gewhrendes Wort ihn vielleicht gerettet, vor den Verwicklungen bewahrt haben
wrde, die seinen Zustand herbeigefhrt haben mgen. Nun wollen Sie dem Kranken
erstatten, was dieser nicht entbehrt, denn Sie sind ihm so gleichgltig, wie wir
andern alle. Bedenken Sie, welche Unschicklichkeit Sie zu begehen willens sind.
Wollen Sie etwa, wie Flmmchen einst, verkleidet, als sein Diener bei ihm
bleiben?
    Eine Purpurrte berzog Corneliens Antlitz, ihre zarte Brust wurde von
heftigen Atemzgen bewegt, sie hob die Augen gegen Wilhelmi auf, und sagte mit
zitternder Stimme, aus welcher aber der tiefste Ernst hervorklang: Wenn es sein
mte, so wrde ich allerdings das tun, was Sie, mich zu verspotten, da gesagt
haben. Warum ich hier meine Frauenkleider ablegen sollte, wei ich nicht. Da Sie
einmal so unbarmherzig mit Geheimnissen umgehn, zu deren Vertrauten ich Sie
nicht gemacht habe, so will ich auch ohne Rckhalt aussprechen, was ich fhle,
und dessen ich mich nicht zu schmen habe. Nun denn, ich habe dem Gesunden mein
Ja nicht geben wollen, weil es nicht reif war, und die Liebe ihre Zeitigung noch
nicht erlangt hatte. Man erzhlt mir hin und wieder von Bchern, worin
geschrieben stehn soll, da jenes Gefhl im ersten Augenblicke des Sehens und
Treffens entstehe. Wenn es sich dergestalt verhlt, so mag das eine Liebe sein,
die auch in einem Augenblicke wieder vergeht. Ich aber denke, da die Ergebung
der Seele an eine zweite auf Leben und Tod etwas so Schweres und Wichtiges ist,
um wohl einen innerlichen Schauder, eine tiefe Bangigkeit und ein langes scheues
Bedenken vor so strenger Gefangenschaft hervorbringen zu knnen. Ich habe alle
diese Kmpfe durchmachen mssen; nun sind sie berwunden, und ich bin sein, wie
er auch andern erscheinen mge. Gott hat ihn gemacht und wird ihn
wiederherstellen, wenigstens soll meine Hoffnung darauf nicht untergehn, so
lange ich atme. Niemand hat er jetzt als mich, sie fliehn ihn alle, verabscheun
ihn auch wohl, ich aber liebe ihn und will ihm Diener und Freund und Schwester
sein, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die der Arme eingebt hat. Das
verspreche und gelobe ich hier, und werde mich frwahr nicht zwingen und
mihandeln lassen, so hlflos ich auch bin!
    Ein Trnenstrom hatte die letzten Worte begleitet; schluchzend verlie sie
das Zimmer. Alle waren sehr betreten und Wilhelmi gereute von Herzen seine
hypochondrische Heftigkeit, welche er seit der Wandlung seiner Verhltnisse ganz
berwunden hatte, und die doch nun auf einmal wieder zu so ungelegner Zeit
ausgebrochen war. Er lie abspannen und beschlo mit den Freunden, einige Tage
auf Corneliens fernere Entschlieungen zu warten. Sie hofften, da das schne
gute Kind, zu ruhiger berlegung gediehen, von selbst in die gebahnte Strae des
Herkmmlichen wieder einlenken werde.
    Man erfuhr, da sie nach der Meierei gegangen sei, wie sie fters tat, um
ihre alte Schaffnerin zu besuchen. Es wurde daher auch noch nichts Schlimmes
geargwhnt, als sie zu Mittage ausblieb, weil sie oft bis gegen Abend dort zu
verweilen pflegte. Indessen begann es zu dmmern, ohne da sie zurckkehrte.
Zugleich war das Wetter schlecht geworden. Nun entstand doch einige Unruhe. Ein
nach der Meierei gesandter Bote berbrachte, da sie dort nicht gewesen sei.
Wilhelmi war uerst bestrzt. Augenblicklich muten nach allen Richtungen hin
Leute mit Fackeln und Laternen sich auf den Weg machen. Er selbst begleitete
einige, welche in die gefhrlichsten Gegenden des Forstes und Gebirgs sphend zu
dringen befehligt waren.
    Cornelie war in ihrem Kummer dem Walde zugeeilt, unter dem Schirme der
grnen Bume die Ruhe wiederzufinden, aus welcher die rcksichtslosen Menschen
sie so unbarmherzig gescheucht hatten. Ihr Innres war wider ihren Willen an das
grelle Tageslicht herausgekehrt worden, sie empfand eine innige Scham ber die
Entweihung des Heimlichsten, und einen tugendhaften Zorn gegen die Roheit,
welche sie dazu gentigt hatte. Jedoch machten sich diese widrigen Gefhle in
keinen Worten und Ausrufungen Luft, sie seufzte und weinte nur still fr sich
hin.
    Sie wollte wirklich nach der Meierei gehn, und dort so lange bleiben, bis
ihr das bndigste Versprechen gegeben wrde, sie in ihrer Freiheit nicht zu
beschrnken. Indem sie mit schnellen Schritten vorwrts eilte, wurde sie
pltzlich von einem klglichen Sthnen gehemmt, welches in geringer Entfernung
abseits vom Wege erklang. Dem Schalle folgend, fand sie eine Alte auf dem
abgehauenen Stumpfe einer Rster sitzen, der ein junges totenbleiches
Frauenzimmer im Schoe lag. Die Finger, das Gesicht, die ganze Gestalt der
Jungen waren abgezehrt, ihre arme Brust keuchte von schneidenden Schmerzen. Ein
dnnes und sprliches Gewand bedeckte die entkrfteten Glieder, auch der Anzug
der braunen Alten zeugte von groer Drftigkeit.
    Wir bekommen Hlfe, mein armes Kind, sagte diese zu der Kranken, siehe
da, es bewegt sich durch das Gebsch eine liebe, schne Jungfrau her, welche uns
beistehn wird.
    Die Kranke ffnete die Augen und warf einen geisterhaftscharfen Blick auf
Cornelien, wie er den Schwindschtigen eigen zu sein pflegt, wenn ihre Leiden
sich dem Ende nahn. Cornelie hatte bei diesem Anblicke vergessen, was sie selbst
bedrckte, trat mitleidig nher, und sagte: Steht auf, ihr armen Weiber, und
folgt mir; ganz in der Nhe sind Menschenwohnungen.
    Die Junge machte eine ablehnende Bewegung, und die Alte rief: Nein, nicht
zu Menschen will mein Kind, zu dem Kleinen will sie, welches oben am Hnenborn
schlummert; weit du den Weg dahin, schne Jungfrau, so hilf mir die Schwache
sttzen und fhren.
    Cornelie wandte ein, da die Krfte der Kranken nicht hinreichen wrden, den
beschwerlichen Gang bergauf zu machen, diese aber richtete sich empor, sah ihr
durchdringend in die Augen und flsterte kaum hrbar, aber mit melodischem
Tonfall in der Stimme: Ja, fhret mich zum kleinen Grabe, es liegt geschtzt
vom Mauerstein; der Mutter winkt im Schlaf der Knabe, sie soll nun immer bei ihm
sein!
    Sie schlugen den Pfad quer durch den Wald ein. Cornelie kannte die Anhhen
recht wohl, zwischen denen der Hnenborn lag, und nahm mit genauer
Aufmerksamkeit auf jedes Wegzeichen die Richtung dorthin. Whrend dieser
Wanderung, welche wegen der Schwche, womit die Kranke bei jedem Schritte zu
kmpfen hatte, langsam vonstatten ging, fragte die Alte Cornelien leise ber die
Schulter der Jungen hinweg: Ist es wahr, was die Leute mir sagten, da einer,
namens Hermann, jetzt hier wohnt?
    Cornelie versetzte unbefangen, laut: Allerdings, Hermann wohnt in dem
Kloster, eine halbe Stunde von hier.
    Bei diesen Worten zuckte die Kranke, und ihre Brust flog in heftigen
Schlgen. Sie brachten sie kaum noch tausend Schritte weit, auf eine hochgelegne
Wiese, als sie vor Ermattung umsank. Sie stirbt! schrie die Alte mit
herzzerschneidendem Tone. Es ist am Ende! sang Flmmchen, denn warum sollen
wir verschweigen, da sie es war? Die Sonne geht zur stillen Rast, und Nacht
empfngt den mden Gast ... Es ist am Ende ...
    Ausgestreckt lag sie am Boden, die Alte verga vor unbndigem Kummer sogar,
die Leidende zu untersttzen. Flmmchen richtete sich mit Anstrengung empor,
streifte einen goldnen Ring vom Finger und sang: Gib ihm den Ring! zum
Angedenken nahm ich ihn jener sen Stunde, als unterging mein Sinn und Denken,
im holden lasterhaften Bunde! Er ward getuscht, verfhrt, betrogen, ich aber
schmeckt' ein einzig Glck ... und unsrer Leiber sanft Verschrnken ...
    Sie sank, ihre Augen verwandelten sich, die Atemzge wurden langsamer, bald
stand der Hauch still. ber ihr Antlitz hatte sich eine kindliche, schwrmende
Freundlichkeit gebreitet, sie sah schn aus.
    Die Alte rhrte die erkaltenden Lippen an, warf sich nieder, raufte eine
Hand voll Gras und Blumen aus dem Boden und sprach: Sie ist tot. Diese Halme
und bunten Kelche erhebe ich zum Zeichen, da ich sie aus meiner Hand der Erde
und den vier Winden zurckgebe, aus welchen alles Menschengebilde entsteht.
Fluch soll mich treffen, wenn ein Priester ihr nahe kommt, oder ein Kirchhof den
schnen Leib aufnimmt, oder ein Sarg und Leichtuch sie von dem khlen guten
Rasengrunde scheidet! Auf dieser frischen, blhenden Wiese sei ihr Grab gehhlt
von meinen Hnden, und da die Augen der Mutter von Mangel und Elend trocken
sind, so beweinet ihr sie, ihr Oberen, Fremden, Unbekannten, denn nicht
unbetrauert soll mein Kind von dannen gehn!
    Der Himmel hatte sich verfinstert, und eine trpfelnde Wolke erfllte den
Wunsch der Alten. Diese setzte sich, in ihr Kopftuch eingehllt, zu der Toten,
die Knie zum Haupte emporgezogen, das Haupt in den aufgeschlagenen Armen und im
Schoe verborgen, nun ganz einer erstarrenden Niobe hnlich. Cornelie sprach ihr
zu, da jene aber schweigend sitzen blieb, so entfernte sie sich in Verlegenheit,
Angst, Schrecken ber diese abermaligen unerwarteten Vorflle.
    
    Ein heftiger Wind hatte sich erhoben, der Regen strmte strker nieder und
machte die Gegend ihr unkenntlich. Sie wollte nach einem Bauernhause, dessen
Lage ihr ungefhr bekannt war, gehn, um die Bewohner zur Hlfeleistung bei der
Alten zu vermgen, nahm jedoch bald wahr, da sie, vom Wege abgekommen, zwischen
Strauchwerk, ckern und Angern umherirrte. Vergeblich suchte sie, wandernd und
zurckwandernd, eine gebahnte Strae zu entdecken. Zuweilen stand sie still, um
sich zu besinnen, oder ein Gerusch zu vernehmen, welches ihr die Nhe des Dorfs
anzeigen mchte, umsonst! nur der Regen rauschte hernieder, nur der Sturm pfiff
ber die grauen Felder.
    Sie betete still, da keine Verzweiflung sie berkommen mge. Wirklich
behielt sie ihre Ruhe, obgleich es dunkel geworden war, die Nsse ihre Kleider
lngst durchdrungen hatte, und wiewohl sie vor Erschpfung kaum noch gehen
konnte. Bereit, die Nacht ber drauen, in der wsten Gegend, unter den
herabstrmenden Fluten zuzubringen, suchte sie nur noch nach einem Baume, einem
Steine, oder einer Erdhhle zum Schutze gegen die grimmigsten Launen des
Wetters. Unaufhaltsam und unwillkrlich quoll in ihrer Seele eine Geschichte
nach der andern empor, die sie gelesen, von Menschen, die aus den belsten Lagen
gerettet worden waren. Diese Bilder des Trostes umgaben sie mit einer Flle
erquickender Sicherheit.
    Auf einmal hrte sie in der Ferne Tritte und eine Stimme, die etwas rief,
was wie ihr Name klang. Entzckt sprang sie von dem harten nassen Lager, welches
sie bereits erwhlt hatte, und antwortete. Der Ruf und Menschentritt kam nher,
eine Gestalt arbeitete sich ber Sturzacker und durch Dorngebsch. Mit den
Worten: Bist du hier, Cornelie? fate Hermann ihre Hand.
    Du, du findest mich? war alles, was sie vorbringen konnte. Die andern
suchen dich auf den Wegen, welche du sonst zu gehen pflegst, sagte er. Ich
meinte aber, da, wenn du da wrst, du dich wohl selbst heimgefunden haben
wrdest, und schlug mich lieber hieher in die Wstenei.
    Der Regen hrte auf, hinter einer Wolke trat der Mond hervor, und
beleuchtete den Ort, wo sie standen. Im Augenblicke der uersten Gefahr war ihr
die Hlfe geworden. Dicht neben einem verlanen, tiefen, mit Wasser ausgefllten
Steinbruche hatte sie ihre Rast genommen, ein Schritt, ja nur eine Bewegung
wrde sie hinabgestrzt und ihrem Leben ein Ende gemacht haben.
    Du bist mein Retter! rief sie mit einer Empfindung, welche alles
ausgestandne Leid vergtete. Komm nur, arme Cornelie, sagte er, du bist ja
ganz na, und wir haben eine gute Stunde nach dem Kloster. Sie hing an seinem
Arme, zuweilen mute er sie auch tragen, wo angeschwollne Bche den Weg
durchschnitten. Ein stilles Entzcken rieselte durch ihre Adern, sie versprte
nichts von Feuchtigkeit und Frost.
    Nach angestrengter Wandrung ffnete sich ihren Blicken das Tal, und die
Lichter des Dorfs schimmerten ihnen entgegen. Im Kloster war alles dunkel. Sie
tasteten sich nach dem gemeinschaftlichen Familienzimmer, wo Hermann seine
Gefundne, die vor Mattigkeit kaum noch stehen konnte, sanft auf das Sofa legte.

                                Eilftes Kapitel


Niemand war in dem weitluftigen Gebude zurckgeblieben; alle suchten noch auf
verschiednen Orten und Flecken Cornelien. Hermann zndete Licht an, eilte nach
ihrem Zimmer, holte Kleider und Wsche, ging dann in die Kche, entflammte dort
ein mchtiges Feuer, und bereitete ein strkendes Getrnk aus Wein und wrmenden
Gewrzen.
    Erst nachdem er Cornelien umgekleidet und durch eine Tasse Glhwein
erfrischt sah, dachte er an sich, und wechselte auch seinen triefenden Anzug.
Corneliens Jugend und Gesundheit berwand solche Anstrengungen leicht. Sie
versicherte Hermann, als er nach kurzer Weile in trocknen Kleidern erschien, da
ihr vollkommen wohl sei, und bat ihn, nun auch fr sich zu sorgen. Sein Antlitz,
von Mhe, Luft und Regen erhitzt, kam ihr gesundet vor, sie schlrfte
schmerzlich-froh die se Tuschung ein.
    Er zog den Tisch mit dem Getrnke vor das Sofa, und setzte sich zu ihr.
Einige Kerzen, welche sie angezndet hatte, verbreiteten durch den Raum ein
liebliches Licht. Sie mute ihm einschenken und bemerkte, da er ihre Hand, wenn
sie ihm die Tasse reichte, scheu und flchtig, als solle es nur Zufall sein,
berhrte.
    Drauen kam jemand zur Haustre herein, ffnete das Zimmer, und rief:
Gottlob, da sind Sie ja! Es war einer der Ausgeschickten, der nach lange
fortgesetzter Mhe verzweifelt war, seinen Zweck zu erreichen.
    Geht, guter Mann, rief Cornelie, versucht, die andern, welche sich um
mich bemhn, zu finden, und sagt ihnen, da ich hier geborgen sei!
    Nun wird bald das Getse entstehn, sagte Hermann, und ich wre so gern
mit dir noch allein geblieben. Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn
liebevoll an. Ich will dir wohl etwas entdecken, fuhr er fort. Seit ich
erfuhr, da du bei mir bleiben wolltest, und darum so viele Drangsale von den
andern ausstehn mutest, ist es mir, als werde ich vielleicht einmal wieder
lachen oder weinen knnen. Vermutlich irre ich mich darin, aber eine Vernderung
spre ich an mir, denn es ist auch wahrhaftig keine Kleinigkeit, da ein so
liebes schnes Mdchen es mit einem armen dummen Menschen, der zu nichts mehr
ntze ist, aushalten will. Was hast du davon?
    Ihre Arme umschlangen seinen Nacken, er legte sich wie ein Kind an ihren
Hals. Wenn du recht offen gegen mich wrst, mein Hermann, flsterte sie,
vielleicht knnte dir geholfen werden.
    Das ist nicht mglich, seufzte er, mir steht nicht zu helfen. Kannst du
aus Snde Tugend, aus Ekel Lieblichkeit, aus Unrat Gold und Perlen machen? Nein,
nein, ich bin ein ganz zerstrtes, um und um gekehrtes Bild, da ist auch kein
Zug mehr ohne Schrammen, Brandmale und Flecken. Toll bin ich nicht, habe meinen
Verstand und ach! ein nur zu gutes Gedchtnis. Aber wenn ich denke, das mchte
ich wohl, oder jenes, oder den wrde ich liebhaben knnen und den hassen, so
liegt immer etwas dazwischen, worber ich nicht hinwegkann, was mich in die
Klte und in das Nichts absperrt. Beschreiben lt sich der Zustand nicht,
schweigen wir davon! Mir wird schwindlicht, wenn ich da hineinblicke.
    Du mut sonderbare Schicksale erlebt haben, sagte Cornelie. - Sie
erschrak, und rief: Mein Gott, wie konnte ich das vergessen? Drauen auf der
Wiese liegt ja ...
    Was liegt drauen auf der Wiese? fragte Hermann.
    Nichts, versetzte sie, innehaltend, weil sie befrchtete, ihn mit der
Erzhlung aufzuregen. Aber eine Bekannte traf ich von dir heute; sie gab mir
den Ring fr dich.
    Sie reichte ihm den Ring. Hermann sah ihn an, stutzte, hielt ihn gegen das
Licht, rieb sich die Stirn, ging sinnend im Zimmer auf und nieder, und fragte
dann, wie in einem wachen Traume: Wer, sagst du, hat dir den Ring gegeben?
    Ein junges, krankes Frauenzimmer. Ihre alte Begleiterin nannte sie
Flmmchen. Sie sagte, sie habe ihn einst von dir bekommen.
    Wie? fragte er, in einen Abgrund von Gedanken versenkt. Er nahm ein Licht,
und ging auf sein Zimmer, den Ring immer vor sich hinhaltend, und der wirklichen
Welt, so schien es, entrckt.

                                Zwlftes Kapitel


Gerusch, frhliches Rufen, Leuchten und Fackeln verkndigten das Nahen der
zurckkehrenden Hausgenossen. Cornelie trat ihnen im Flur entgegen, und wurde
von allen auf das herzlichste bewillkommt. Der Prediger schlo sie in seine
Arme, Wilhelmi nahte sich ihr schchtern und bat sie um Vergebung. Sie gelobten
ihr, da ihr knftiges Schicksal nur von ihr abhangen solle.
    Alle waren na und der Erquickung bedrftig. Man versammelte sich, nachdem
die feuchten Rcke, Westen und Fubekleidungen mit trocknen vertauscht worden
waren, im groen Zimmer, wo denn bei einer guten Mahlzeit und einem Glase Punsch
die Besorgnisse des Tages und die Mhseligkeiten des Abends vergessen wurden.
    Cornelie nahm, sobald es sich tun lie, den Prediger beiseite, und erzhlte
ihm von dem Finden der Alten und ihrer sterbenden Tochter. Dieser teilte die
Sache Wilhelmi mit, und sie entschlossen sich, am folgenden Morgen nach der
Wiese zu gehn, welche Cornelie ihnen beschrieben hatte.
    Auch von dem Ringe, und welchen Eindruck derselbe auf Hermann gemacht, war
ihnen etwas gesagt worden. Wilhelmi klopfte daher, als die brigen sich zur Ruhe
begeben hatten, an Hermanns Zimmer, worin noch Licht zu sehen war, und wollte
ffnen, fand aber die Tre von innen verriegelt, und bekam auf sein Rufen keine
Antwort.
    Den Prediger hielten am folgenden Tage Amtsgeschfte zurck; Wilhelmi machte
sich daher, nur von einigen Arbeitsleuten begleitet, auf den Weg nach der Wiese.
Dort hatten sie einen Anblick, welcher sie in Erstaunen setzte. Die Alte sa
noch, wie Cornelie sie ihm geschildert hatte, ohne Regung, mit aufgezognen
Knien, das Haupt im Schoe und in den umfassenden Armen; ein Bild des
versteinernden Schmerzes, und neben ihr lag der schne, blasse Leichnam, vom
Regen und Winde tief in wilde Blumen hineingewhlt, welche ihre bunten Glocken
ber dem erstarrten Antlitze wie leidtragend hin und her wiegten. Wilhelmi
erkannte die Zge des Knaben, der ihm auf dem Schlosse lieb gewesen war, wieder,
und fhlte sich ohne Faden in diesem Labyrinthe rtselhafter Begegnungen.
    Er wollte die Alte erwecken lassen, diese fiel aber bei der ersten Berhrung
zusammen. Sie war nicht tot, denn ihr Atem ging, wenn auch kaum hrbar, aber in
einem bewutlosen, schlafartigen Zustande.
    Ein rstiger Arbeiter mute sich mit ihr beladen und sie nach dem Kloster
tragen; den andern gab Wilhelmi die ntige Anweisung, wie der Leichnam zu
bestatten sei. berwltigt von so vielen auerordentlichen Dingen, befahl er,
da ganz nach den Worten der Alten hiebei verfahren werden solle, die ihm
Cornelie hinterbracht hatte. Schweigend machten die Mnner eine tiefe Gruft auf
der Wiese, schweigend senkten sie den zarten Leichnam, um den nur ein feines
Musselintuch geschlagen ward, ein.
    So wurde das wilde, ausgelane, unglckliche Flmmchen unter Grsern und
Blumen zur Ruhe gebracht. Zwischen ihr und der Erde bildeten keine Sargwnde
eine Scheidung. Nicht unpassend erschien diese Art des Begrbnisses. Den
Elementen hatte sie im Leben nher angehrt, als der menschlich-geselligen
Ordnung, den Elementen wurde sie nun im Tode zu unmittelbarer Gemeinschaft
zurckgegeben.
    Die Alte hatte man in ein bequemes Bette gelegt. Ihr Starrkrampf, Schlaf,
oder was es sonst war, dauerte fort. Der herbeigerufne Hausarzt erklrte, man
msse die Natur walten lassen, welche die inneren Organe wohl wieder so weit
beleben knne, um an die Stelle dieses Scheintodes ein wirkliches Bewutsein zu
setzen.
    Wilhelmi, Cornelie, der Prediger, ja selbst die kalten Geschftsmnner
wandelten umher, halbkrank, von schwrmenden Einbildungen erfllt. Denn auch
Hermann war fr sie unsichtbar geworden. Seit jenem Abende hatte er den
Verschlu seines Zimmers noch nicht aufgehoben, nur die notwendigsten Speisen
lie er sich einmal des Tages hineinreichen, und schob dann sogleich wieder den
Riegel vor. Wilhelmi beobachtete ihn vom Fenster eines gegenberliegenden
Hauses, und sah, da er unaufhrlich den Ring anstarrte, dann emsig schrieb, und
von dieser Beschftigung nur wieder zu jener Gebrde berging.
    Was wird aus allem diesem werden? sagte Wilhelmi eines Tages zum Prediger,
mit dem er viel zusammen war. Wo liegen die Knoten, durch deren Lsung ein
verworrnes Gewebe zu ordnen sein mchte?
    Ich bin auf alles gefat, versetzte der Prediger. Es sollte mich nicht
wundern, wenn hier in unsrer friedlichen Gegend pltzlich ein Vulkan den
feurigen Schlund auftte, oder ein Erdbeben unsre Huser in ihren Grundfesten
erschtterte, so wilde Begebenheiten haben einander gedrngt und berstrzt.
    Groe Besitzungen ohne Herrn, ein guter, zu allen Freuden des Daseins
berechtigter Mensch in Nacht und Kindheit des Geistes gestrzt! rief Wilhelmi.
Verborgne Schuld abgelaufner Zeiten grausam an das Tageslicht gerissen, und
keine Sonne der Hoffnung aufgehend ber den Grbern des Herzogs, des Oheims, der
Tante, Ferdinands, Flmmchens! Wir sehen gleichsam in einer Gruppe und
abgekrzten Figur um uns her das ganze trostlose Chaos der Gegenwart.
    
    Wre in unsrer Brust nicht der Glaube an ein Gleichgewicht der Dinge
unvertilglich, so mte uns das Leben wie ein gewisses Spiel vorkommen, welches
die Schulknaben zu treiben pflegen, erwiderte der Prediger. Sie schreiben auf
die erste Seite ihrer Grammatik: Wer meinen Namen wissen will, schlage Pagina da
und da auf. Dort wird wieder nach einer andern Seite hinverwiesen, und so
weiter. Endlich, wenn der Suchende sich nach und nach durch das ganze Buch vor
und zurck hindurchgearbeitet hat, bleibt der Name mit einem albernen Scherze
aus.

                              Dreizehntes Kapitel


Beide Mnner machten hufige Spaziergnge in der Gegend, um die trben Gedanken,
von denen jeder bedrngt war, zu verscheuchen. Wilhelmi htte wohl reisen knnen
und sollen, denn seine Frau ermahnte ihn in rasch einander folgenden Briefen zur
Heimkehr, aber das anhngliche Gemt des sonderbaren Manns litt nicht, da er
gerade jetzt das Kloster verlie. Er wollte wenigstens warten, bis Hermann aus
seiner selbstgewhlten Einsamkeit hervorginge, und dann, wenn der Unglckliche
derselbe geblieben war, mit weinenden Augen von dem verlornen Freunde scheiden.
    Auf diesen Gngen kamen sie auch einmal in die Nhe des Hnenborns, und der
Prediger, welcher seinem Begleiter von dem dort befindlichen Naturspiele erzhlt
hatte, mute sich dazu verstehn, ihm auf die Hhe zu folgen. Wilhelmi nahm
vorsichtig den Stein von der kleinen Kindesgruft, schttelte aber, da er
hineingeblickt hatte, unmutig das Haupt, denn er sah nur ein gewhnliches
Skelett und einige unscheinbare Tropfsteingebilde umher. Ich bin durch Ihre
Erzhlung so neugierig gemacht worden, rief er, und nun werde ich nichts
gewahr, was nur von fern dem mir so sehr gerhmten Wunder hnlich sieht.
    Die Feuchtigkeit wird vertrocknet sein, deren Tropfen in allen Farben des
Regenbogens geglnzt haben mgen, wenn die Sonne ihre Strahlen in die Hhlung
warf, antwortete der Prediger. ber uns spannt sich heute ein trber Himmel
aus, der nichts beleuchten kann. Tag und Stunde machen viel, und eigentlich ist
dieses um so mehr ein Wunder zu nennen, wenn die Schnheit nur einmal und nur
einem sichtbar wird.
    Wilhelmi deckte verdrielich den Stein ber, und war auf dem Rckwege
ziemlich schweigsam, so da der Prediger, der kein stummes Zusammensein ertragen
mochte, mehr redete, als gewhnlich. Erinnre ich mich des Entzckens meines
verewigten, keinesweges zur Schwrmerei geneigten Freundes, so werde ich mir
mancher Gedanken noch bewuter, die mich auch sonst wohl bei dem Hinblicke auf
die sogenannte leblose Natur verfolgt haben. Sie stellt gleichsam in sich ein
zweites Evangelium auf, welches neben dem geoffenbarten freundlich hergeht, und
sich von diesem nur dadurch unterscheidet, da in ihm alles sichtbar und
uerlich wird, whrend in jenem die Entfaltung des gttlichen Lebens, soll sie
nicht auf kindische Tuschung oder katholisierende Bilderei hinauslaufen, nur
innerlich und unsichtbar geschieht. Auf solche Weise mag die Natur uns die wahre
Ergnzung der Offenbarung darbieten sollen; mir wenigstens hat sie in dieser Art
oft Trost fr mein Bedrfnis gegeben. In dem Schauspiele, welches der Oheim mir
schilderte, sprach sie gleichsam das Geheimnis der Erlsung aus. Wie diese nicht
dem Gerechten, sondern dem Gnadenbedrftigen zuteil wird, so hatte sie jenes,
aller Wahrscheinlichkeit nach in groer Snde empfangne Kind erwhlt, um es mit
himmlischer Pracht im Tode zu verklren.
    Das sind Meinungen, welche das Konsistorium doch ja nicht hren darf,
sagte Wilhelmi.
    Die Zeit der Konsistorien ist wohl auch vorbei, versetzte der Prediger.
Ich glaube, da die Herrn, wenn sie versammelt sind, das Gefhl der Auguren
haben, und sich groe Mhe geben mssen, einander mit ernsthaften Gesichtern
gegenberzusitzen.
    Man hatte unter diesen Gesprchen das Kloster erreicht, und der Prediger
trennte sich an der Pforte von Wilhelmi. Dieser ging, ber die Reden des
Geistlichen nachdenkend, in sein Zimmer, wo eine berraschung auf ihn wartete,
die ihn fr das vermite Wunder reichlich entschdigte. Am Fenster stand Hermann
mit frischen, gesunden Wangen, hellen Augen und rief dem Eintretenden entgegen:
Wo bleibst du so lange? Ich habe dich viel zu fragen, du sollst mir auf vieles
Antwort geben.
    Zweifelnd, zwischen Furcht und Freude, nahte sich ihm Wilhelmi, und
betrachtete prfend den Verwandelten. Was ist mit dir vorgegangen? Du siehst
anders aus, als ehedem, sagte er endlich.
    Ich glaube, es wird noch alles gut, erwiderte Hermann mit dem alten
zuversichtlichen Tone seiner Jugend. Lies, was ich in diesen Tagen aufschreiben
mute, um mir meine Geschichte deutlich zu machen.
    Er reichte ihm die Bltter, an welchen ihn Wilhelmi im verschlonen Zimmer
so emsig hatte schreiben sehn. Sie enthielten die Erzhlung jener
abenteuerlichen Nacht auf Flmmchens Landhause, deren Rest er mit Johannen
zugebracht zu haben meinte.
    Wilhelmi wechselte die Farbe bei der Lesung. Schauderst du schon jetzt?
sagte Hermann. Lies erst diese Papiere. Ich habe mir den Rock von der
Predigersfrau wiedergeben lassen, und die Brieftasche aus dem Futter genommen.
Hier ist der Schlssel dazu.
    Jener ffnete, und durchlief die Papiere, welche das Portefeuille enthielt.
Barmherziger Gott! rief er, und lie einen der Briefe vor Schrecken fallen,
und dieses Bewutsein hast du mit dir umherschleppen mssen, o du Armer, du
rmster!
    Ja, versetzte Hermann. Nun begreifst du wohl, da einem dabei bler
zumute werden kann, als ihr brigen Menschen euch vorzustellen vermgt. Aber den
Ring, den mir die Wilde, in deren Schoe ich schwelgte, geraubt, sendet mir
nicht Johanna, sondern das Flmmchen durch Cornelien, welche die Wahrheit ist
und ein herabgestiegner Engel des Lichts. Es haben also, wie ich vermute, die
Mchte des Himmels nicht zulassen wollen, da greuliche Fabeln des Altertums auf
meinem jngsten Haupte wirklich werden sollten.
    Jemand kam und sagte: Die Alte ist erwacht, nimmt Speise und Trank, wollen
Sie nicht mit ihr reden?
    Komm! rief Wilhelmi begeistert. Aus diesem verruchten Munde wird uns, die
Ahnung sagt es mir, die volle Klarheit quellen.
    Er nahm ihn mit zu dem Gemache, worin die Alte lag, doch mute Hermann auf
dem Gange vor der Tre bleiben, welche halb offengelassen wurde.
    Ach! rief die Alte und richtete sich von ihrem Lager empor, sind Sie der
Hausherr, so tun Sie mir nichts zuleide, das Flmmchen ist, wie ich hre,
gestorben, damit ist mein Leben eigentlich auch hinweggetan, ich bilde mir nicht
mehr ein, mit dem Teufel Bekanntschaft gehabt zu haben, oder vom Grabe etwas
Besondres zu wissen, bin nur noch ein altes, mdes Bettelweib. Bringen Sie mich
in einem Spitale oder sonstwo unter, und lassen Sie mir notdrftige Kost
reichen, ich bin dann schon zufrieden und werde nie mehr Bses tun.
    Alles soll dir vergeben sein, und wir werden fr dich sorgen, wie du
wnschest, sagte Wilhelmi, wenn du mir auf meine Fragen die Wahrheit
bekennst.
    Was Sie wollen! rief die Alte und legte bekrftigend ihre Hand auf die
Brust.
    Nun denn, was ist in der Nacht, worin der Ball bei Flmmchen war,
vorgefallen?
    O Elend! Elend! Mu ich darber beichten? - Und gerade die Niederkunft war
es, welche mein zartes, heftiges Kind so angriff, da sie seitdem den Keim des
Todes in sich trug. Freilich taten die Not und der Mangel, in dem wir umherziehn
muten, als uns die hartherzigen Verwandten aus dem Hause gestoen hatten, auch
das ihrige. Wir besaen zuletzt nur noch die Fetzen, welche unsre Ble
verhllten, alles andre muten wir auf unsern Wandrungen losschlagen, um den
Bissen fr unsern Mund zu haben. Aber den eigentlichen Sto hatte ihr leichter,
feiner Leib doch nur von der Geburt empfangen, und ich war die Anstifterin von
allem und habe mein Kind schlachten helfen!
    Sie krmmte sich, von der furchtbarsten Pein gefat, konvulsivisch auf dem
Lager. Wilhelmi lie diesen Ansto vorbergehn, und redete ihr dann zu, sich
durch ein offnes Gestndnis zu erleichtern.
    Ja so, von der Nacht wollen Sie wissen. Nun, ich bin in Ihrer Hand. Der
Herr war in die fremde vornehme Dame verliebt, und das Flmmchen in den Herrn.
Sie lachte, schkerte und tanzte, aber ich wute wohl, da es nur ihr blutendes
Herz war, welches in diesen Scherzen abstarb. Ich war ergrimmt auf den Herrn,
und ein Kind brauchten wir, um die Erbschaft uns zu erhalten, die, wehe mir
Unglckseligen! doch nachmals verlorenging, da das Flmmchen zu spt guter
Hoffnung ward. In jener Nacht ging alles ber- und untereinander. Der Ball und
der Wein, den ich genossen, und meine eignen Einbildungen hatten mich ganz
verrckt gemacht, so da ich einen Plan ausbrtete, verwunderlich wie die Nacht.
Der Zufall half denn auch. Die fremde Dame wollte der Ruhe genieen und bat um
ein andres Zimmer, was entfernter vom Tanzsale lge, worin die Musik noch immer
fortlrmte. Als das besorgt und sie umquartiert war, kam mir der alberne Kurator
in den Weg, und in der Frechheit meines Hohns band ich ihm auf, die Dame
verlange noch nach dem Herrn. Diese Botschaft hat er auch treulich ausgerichtet.
Unterdessen wartete das Flmmchen, welches ganz in meinen Stricken und Fesseln
gebunden war, zitternd vor Angst, Scham und Sehnsucht schon an der Stelle der
Dame. Er kam zum Flmmchen, nicht zu der Dame; Rausch und Lust haben die Sache
vollendet und ihn die Verwechselung nicht merken lassen.
    Ein tiefer Atemzug, ein Ruf der Wonne lie sich drauen vernehmen. Wilhelmi
eilte vor die Tre und fand seinen Freund auf den Knien liegen, die Arme betend
emporgehoben, die von den seligsten Trnen berstrmenden Augen gen Himmel
gerichtet. Bewegt von der freudigsten Rhrung beugte sich der alte Getreue
nieder, und drckte schweigend einen Ku auf Hermanns Stirn. Dann ri er ihn
strmisch an sein Herz, und die Zhren der Freunde mischten sich.
    Wo ist Cornelie, da ich vor ihr niedersinke, sie im Staube verehre und
anbete? fragte Hermann leise. Wilhelmi fhrte ihn zu ihr.
    Als sie die beiden eintreten sah, in deren Gesichtern der Himmel spielte,
trat sie, erschreckt von der Ahnung eines berschwenglichen Glcks, einen
Schritt zurck. Hermann fiel vor ihr nieder, umfate ihre Fe und kte sie
inbrnstig.
    Was soll das! rief sie erstaunt. Er ist hergestellt! jauchzte Wilhelmi.
    Gott! Gott! jubelte Cornelie mit brechender Stimme.
    Hergestellt! wiederholte Wilhelmi. Durch dich, du heiliges Kind. Aus den
Hnden der Unschuld hat er die Entlastung seiner Seele empfangen.
    Durch mich? Ich wei ja von nichts, sagte Cornelie, und ihre Hand
streichelte wie trunken das Haar des Geliebten.
    Nein, du weit von nichts, mut auch von nichts wissen, erwiderte
Wilhelmi. Die ewige Gnade erwhlte das reine Gef, und dieses vollbrachte in
Einfalt und Liebe das Werk der Entshnung.

Und nun erst hlt sich der Herausgeber befugt, die Papiere der Brieftasche
einzuschalten. Aus ihnen wird erhellen, welche Last auf der Brust unsres
Freundes drckte, aus welchen Nchten er zum Lichte wieder emporgefhrt wurde.

                              Vierzehntes Kapitel



                             Inhalt der Brieftasche

                     I. Graf Heinrich an Hermann, den Vater

                                                     Hamburg, den 10. April 1795

Hermann, noch klingt und zittert unser Abschied in allen Fibern meiner Seele
nach! Als ich die Rder Deines Wagens rollen hrte, barg ich mein feuchtes
Antlitz im Tuche, warf mich ber den Tisch, und fra meinen Schmerz hinunter. -
Nun bist Du fort, ich suche Dich berall, und umarme nur ein des Luftbild. Du
fehlst mir berall; das wrde ich ihm sagen, diese Empfindung in seinen Busen
ausschtten! spreche ich hundertmal des Tages vor mich hin, ach, Du weit es
nicht, Du Kalter, welches Gefhl fr Dich in diesen Adern siedet! Nur die
Freundschaft konnte mein Herz ganz ausfllen, ich zweifle, ob es die Liebe je
wird vermgend sein. Ach, da Du mir fehlst!
    Hamburg und Bremen, und Bremen und Hamburg! wirst Du sagen. Fnfzehn Meilen,
ist das eine Entfernung? Wie bald knnen wir wieder zueinander kommen! Und
dennoch, wie fern liegt die Aussicht dazu! Dieses Wiedersehn nach unsern
glcklichen akademischen Jahren war das letzte Auflodern der Jugend, Dich werden
Deine Verhltnisse, in denen Du schon so ziemlich eingesponnen bist, nach und
nach immer mehr wie mit eisernen Zangen fassen, und ich mu ja nun auch wohl zu
Hause hocken, wenn ich meinen Vater nicht ganz aufbringen, und ihn dazu treiben
will, da er mich auf den Pflichtteil setzt.
    Hier bleibe ich noch ein paar Wochen, um dem Meere nahe zu sein, welches mit
wunderbarer Gewalt in mir Windstille und Sturmwogen schafft, und dieses
eigensinnige, kranke Herz zum Genusse seiner selbst mchtig aufwhlt. Freilich,
unter den Krmern wird mir nicht wohl. Gestern wollte mich einer auf ein Schiff
mitnehmen, um mir eine Vorlesung ber Befrachtung, Segel- und Steuermannskunde
zu halten. Ach, versetzte ich, lassen Sie das; mir wre ntiger zu wissen, wie
wir unsern Lebensnachen an Klippen und Untiefen vorbeibringen, welche Winde ihn
weiterfhren, vor welchen Strmungen wir ihn zu hten haben!
    Hermann, unser Schwur, unser heiliger Schwur! Da sich keiner dem andern in
der hchsten Not seiner Seele versagen soll, und glte es das Opfer des eignen
Lebens und Glcks. Wir haben es uns gelobt, als wir das Blut unsrer Adern
zusammen in die silberne Schale rinnen lieen, und die Flut dann mischten zu dem
Weine, den wir genossen, als Kelch eines weltlichen Abendmahls. So schlieen die
Wilden ihre Todesbrderschaften, und wir haben's ihnen nachgemacht, und wollen
immerhin gar gern auerhalb der sogenannten Kultur mit unsern Gefhlen stehn.
Wie drste ich, meinen Eid durch eine Tat fr Dich auszulsen!
    Ich habe Klopstock besucht, der sich ganz verjngte, als ich ihm von unsrer
Freundschaft erzhlte. So meinte er, habe er nur seinen Schmidt, seinen Ebert,
seinen Giseke geliebt, und sei diese Liebe, wie er geglaubt, aus der Welt
verschwunden gewesen. Er sprach viel von seiner Jugend, von Halberstadt und
Gleim, von Fanny und Meta, und sagte, er knne sich in die jetzige Welt nicht
mehr recht finden. Die jungen Meister whnten, die Kunst treiben zu knnen,
whrend sie, die Alten, von der Kunst getrieben worden wren. Ich bat um seinen
Segen, den er mir auch als Hoherpriester in Thuiskons Heiligtume
feierlich-gerhrt erteilte. Dieser schnen Stunde Anteil fliege Dir, mein
Geliebter, auf den Schwingen Idunens zu! Sei mein, wie ich bin
                                                                  Dein ewiger H.

                           II. Derselbe an Denselben


                                                     Hamburg, den 15. April 1795

Hermann, ich reise. Der Frhling will vor den Seestrmen, die von Cuxhaven
herberwehn, nicht zum Durchbruch kommen, ich gehe also, ihn an seiner Wiege, im
Sden aufzusuchen. In Schwaben oder in der Pfalz will ich mich unter Mandelbume
und Kastanien lagern, alte Burgen erklimmen und mich in schnere Zeiten trumen.
Und wenn ich erwache und sehe, da das Geschlecht der Edleren von der Erde
verschwunden ist, so soll mir die jngste Blte die ganze Weltgeschichte
ersetzen. Zudem sei Dir vertraut, da ich von hier fort mu. Kein Mensch mu
mssen, sagt Lessing, aber ich mu doch fort. Die schne Frau, mit der Du mich
oft zusammen sahst, bezeigte sich geflliger gegen mich, als ich anfangs selbst
erwarten durfte, das hat nun Folgen gehabt, und so weiter. Die Trnen des armen
Weibes fallen wie glhende Tropfen auf meine Seele, aber kann ich ihr helfen?
Was geschehen konnte, ist geschehen, und so mu denn dieses Kapitel meiner
Lebensgeschichte vorderhand abgeschlossen sein.
    Ich sehe Dich saure Mienen machen, und hre Dich ber Freigeisterei
schelten, alter treuer Moralist. Hre mein Credo in betreff der Weiber. Sie sind
so einseitig und eng, da es eine Umkehrung aller Gesetze der Natur wre, den
Mann zum Sklaven einer einzigen Neigung machen zu wollen. Vielmehr hat sie, die
ewigwahre, hier schon das richtige Verhltnis angedeutet, indem sie dem Weibe
die Frucht gab, die ihr verbleibt, whrend der Mann von allen glcklichen
Stunden nur ein bald erblassendes Andenken sich erhlt. Bequemen wir uns, die
wir Erde und Himmel mit unsrem Geiste umfassen, eine Zeitlang zu den Fen einer
Frau zu girren, so dchte ich, da ihr das gengen knnte, und mehr begehren,
heit das Unmgliche verlangen.
    Da ich verheiratet bin, da ein Junge von mir bereits das Abc lernt, was
ist's nun weiter? Mein Vater wollte es gern, da ich, fast noch Student,
unterducken sollte, weil er davon, was wei ich? welche Mirakel der Besserung
erwartete, und mir war es angenehm, da ich, der ich in so vielem ihm hatte
entgegen sein mssen, in diesem Punkte ihm einen Gefallen tun konnte. Hierauf
traten wir vor den Altar, das kalte Frulein Celeste sagte Ja, der warme Graf
Heinrich sagte Ja, ein bezahlter Pfaffe sagte Amen, und ich war ein Ehemann
worden. Wir haben einen Sohn gezeugt, pflichtmig, wie die Herrnhuter, und es
mte ganz verkehrt zugehn, wenn der Bube nicht ein Ausbund von Tugend und
Ordnungsliebe wird, da bei seiner Erschaffung alles im regelrechtesten Gange
verblieben ist.
    Und damit sollte das Leben eines Menschen beschlossen sein? - Verdammt
sollte er sein, den Feuerstrom seines Innern in rostigen Formen erstarren zu
lassen? Du wirst mich davon nicht berreden. Du nicht, keiner wird es. Du denkst
es auch nicht.
    Um eines bitte ich Dich. Halte mich in dieser Materie fr keinen Don Juan,
der tierisch umherwtet. Immer ist mein Herz bei der Sache, nie wende ich
Verfhrerknste an, die ich hasse, wie den Abgrund der Hlle. Wir sind schwach,
das ist das ganze Geheimnis. Das Himmelsfnkchen: Seele ist in einem Ballen
Fleisch und Blut verpackt, haben wir das zu verantworten? Der Gott, welcher uns
so hinfllig schuf, wird mit unsrer Hinflligkeit Mitleid haben, wird von
tnernen Gefen nicht die Hrte des Marmors erwarten.
    Auch die Lolo habe ich wahrhaft geliebt, und der unglckliche Ausgang wird
eine Narbe in mir zurcklassen, die gewi so bald noch nicht verharscht.
    Bleibe Du mir nur, der Du mir bist, dann steht alles gut.

                           III. Derselbe an Denselben


                                                     Heidelberg, den 1. Mai 1795

O Hermann, wie grnt und blht es hier! Diese Pracht ist nicht zu beschreiben,
man mu in ihr mit allen Sinnen whlen. Ich wohne dicht unter dem Schlosse. Nur
wenige Schritte, und ich bin mitten unter dem Schnee der Mandelbume, Kastanien
und Apfelstmme. Siehst Du, wieviel besser die Erde auch hierin ist, als der
Himmel! Er sendet ihr kalte Flocken zu, und sie wirft ihm von ihrer Brust die
warmen duftenden entgegen. Obgleich kein Liebhaber von Werther, da ich aller
Sentimentalitt abhold bin, und glaube, da das Vaterland Mnner ntig habe,
nicht solche schwrmende Siechlinge, so kann ich doch hier nur seine Worte
nachsprechen: Man mchte zum Maikfer werden, um in dem Meere von Wohlgerchen
herumschweben, und alle seine Nahrung darin finden zu knnen.
    Deinem Briefe lt sich leider anmerken, da Du in der freien Reichsstadt
Bremen stark eingepfercht bist. Was soll nur das Geschwtz von Graf und Brger,
und da die Verhltnisse doch einmal zerstrend zwischen uns treten wrden? Wenn
das geschieht, wenn in mir je eine Empfindung von den sogenannten Schranken des
Standes Dir gegenber entsteht, so mge mich der Donner des Allmchtigen im
nmlichen Augenblicke vertilgen! Herzbruder, wir haben einer des andern Blut
getrunken, unsre Seelen sind nicht mehr zwei, es sind Saiten derselben Harfe,
auf welcher die Akkorde des hohen Liedes von ewiger Freundschaft drhnen.
    Sest Du nur hier bei mir unter den Mandeln, und der Baum bewrfe uns beide
mit Blten, da wrden Dir schon die Grillen vergehn. Von Klopstock habe ich ein
paar Zeilen, die mich ganz glcklich machen. Da sie Dich mit angehen, so sende
ich sie Dir, und Du magst sie behalten, so schwer es mir fllt, mich von diesen
teuren Schriftzgen zu trennen. Aber was teilte ich nicht gern mit Dir!
    Zwei Worte Dir ins Ohr, aber sprich davon nicht weiter: Ich liebe! - Du
lachst und rufst: Nichts Neues! - Sachte, Kind, Kind, das ist etwas ganz andres.
Lange behilft sich der Laie mit den uern Bildern des Altarschreins und meint,
die Schnheit an ihnen zu besitzen, und nun werden die Flgel aufgetan, und da
sieht er erst, welche Herrlichkeit sich auf Erden begeben kann.
    Worte sind Worte, und Phrasen geben kein Gefhl von den Dingen. Also nichts
dergleichen. Nur so viel sei Dir gesagt, da hier ein Markstein meines Lebens
gesetzt ist, und da Dein Freund viel anders werden wird. Sah doch Petrus auch
ein Tuch voll reiner und unreiner Tiere, und war eines so gut, als das andre. In
dem Tuche sind wir nun auch aufbehalten, von einem Engel berhrt und geheiligt.
    O pfui, das ist Gewsche, nichtssagendes Gewsche! Kurz und trocken also
referiere ich Dir, da ich hier in einem Weinhgelwinkel am Neckar, hart an der
Grenze von Schwaben sitze, und einem Mgdlein helfe Blumen pflanzen und junge
Schoten lesen. Gott gebe der Seligkeit Bestand, lasse mich die brige Welt
vergessen und von ihr vergessen sein!
    Sie ist die Tochter eines Landpredigers, der mich unter seinen Obstbumen
empfing, wie ein Patriarch des alten Bundes. Ich entdeckte das Kleinod auf einer
meiner Streifereien den Flu hinaufwrts. Auf ihren Wangen blht die Unschuld,
und se Unschuld blht ihr im Herzen, und um sie weht guter Friede und aller
holdseligen Dinge die Flle. Nun habe ich doch einmal einen Busen, der ganz
erfllt ist von mir, und nichts fassen und halten will auer mir.
    Den ersten Mai habe ich diesen Brief begonnen, nun so erhalte ich Deinen vom
zehnten Juli, der mich ber mein Schweigen ausschilt, und da sehe ich mit
Erschrecken nach, und finde meine paar Stze, die ich diese Monate her auf das
Papier gestrudelt, noch unabgesendet vor. So mgen sie Dir denn zukommen, als
ein Beweis, da es Deinem Freunde wohlgeht, denn, wenn man nicht schreibt, und
nichts zu schreiben hat, so ist man glcklich.
    Denke Dir eine Knospe, frisch und herb aus dem Grn der umhllenden Bltter
brechend, und die ganze Pracht der Blte im jungen Rot andeutend, und Du hast
das Bild von Babetten, weit, wodurch sie mich so unwiderstehlich fesselt. Fern
von stdtischer Weichlichkeit ist sie aufgewachsen, krftig unter den Nubumen
und Weinranken. Ach, wie wohl tut es, nach so manchem Mischgebru, was wir haben
verschlucken mssen, unsern Gaumen einmal an dem khlen, klaren Trunke der
Quelle laben zu drfen!
    Ich lebe hier unter dem Namen eines Herrn von Mller, der Alte sieht unserm
Umgange nach, ich bin mit ihr vom Morgen bis zum Abend, und der Tag ist um, ehe
wir uns dessen versehen haben.
    Deinen Namen mu sie mir hundertmal des Tages nennen, ich empfange ihn von
ihren Lippen wie ein heiliges Geschenk des Himmels. Unser ganzes Verhltnis habe
ich ihr erzhlt, sie liebt Dich, ohne Dich gesehen zu haben, und wenn sie mich
kt, so spricht sie: Dieser da ist fr Dich, und der fr Deinen Freund, da Ihr
ein Herz und eine Seele seid, so darfst Du nicht eiferschtig werden. - Neulich
sagte sie mir mit ihrer himmlischen Naivett: Du bist ein Edelmann und wirst
mich armes Schwabenmdel nur verfhren; wenn das ist, so mchte ich Deinen
Freund am liebsten heiraten, bitte, rede mir beizeiten das Wort bei ihm!

                           IV. Derselbe an Denselben


                                                         * den 4. September 1795

Was daraus werden soll? fragst Du, und hast den Arsenal der Pflichtenlehre
geplndert, mich hier in meinem Versteck mit allerhand Tugendermahnungen zu
beschieen. Freund, wenn ich in ihren Armen ruhe, mchte ich die ganze Welt
beglcken, ich bin so froh, wie Jupiter, wenn er von Liebe geschmeichelt. Regen
und Sonnenschein den harrenden Geschlechtern der Menschen sendet. Ich knnte
dann alles tun, opfern, hingeben, ein weinendes Auge zu trocknen, einer guten
Seele eine freudige Minute zu schaffen. Ist das nun Laster?
    Sind wir nicht schon unglcklich genug durch unsre Verhltnisse, ist dem
wundgedrckten Sklaven auch das versagt, auf eine kurze Stunde die Kette zu
lockern, die sein Fleisch schmerzlich pret?
    Hat mich mein Geschick gefragt, ob ich dieses reizende Mdchen lieben wolle?
Sind wir dafr verantwortlich, was ein geheimnisvoller Zug in uns ohne unser
Zutun schafft? Da ich ihre Augen sah, mute ich in sie mit den Pfeilen meiner
Blicke eindringen, da ihre Lippen mir winkten, wie konnten die meinigen
widerstehen? Da an ihrem Busen die seste Ruhesttte mir bereitet ward, htte
ich ein Tier sein mssen, mich nicht dort zu betten.
    Ich wlze abenteuerliche Plane um. Meine Frau macht sich nichts aus mir,
mein Vater hat mich nie geliebt, was bin ich ihnen also? Mein Dasein ist ihnen
vllig unntz, und ich bedarf wieder der Flittern des Standes nicht. Wenn ich
mich mit der, die meine Seele liebt, verberge, weit, weit hinter groen Strmen
und undurchdringlichen Wildnissen, und lschte aus im Angedenken der Menschen,
auer in Deinem, in dem unterzugehen, fr mich der moralische Tod wre, hrter
als der physische.

                            V. Derselbe an Denselben


                                                         * den 8. September 1795

Da mich meine Narrheit zwingt, alles Dir zu vertraun, obgleich ich wei, da Du
schmlst; aber ich besitze und geniee etwas nur, wenn ich es mit Dir teile. Ich
merke es Deinen Briefen an, besonders dem letzten, da Du mit mir zrnest, Du
sprichst keine Vorwrfe mehr aus, aber alle Zeilen sind ein Vorwurf. Da wre es
nun an der Zeit, sich auch zurckzuziehn, bis der bse Freund dem andern seine
Wonne mit gutem Herzen gnnte. Aber ich kann das nicht, zu meinem Glck oder
Unglck ist mir die berstrmende Seele gegeben, die nur in schrankenlosem
Vertrauen, in unendlicher Hingebung sich befriedigt fhlt.
    Ich lebe jetzt mit Babetten auf diesem alten Bergschlosse, tief im wildesten
Gebirg. Der Vater, nachdem er unsre Liebe lange toleriert, wollte auf einmal den
Strengen spielen, untersagte mir das Haus, sperrte mein Mdchen ein. Gegen Zwang
hat sich seit Adams Zeit noch immer die freie Liebe emprt; in einer Nacht,
welcher Venus den funkelndsten Schein spendete, folgte mir die Getreue, die
Holdselige.
    Nun fhren wir, von Waldkronen umrauscht, zwischen Trmmern und Klippen
hausend, ein Leben wie die Ritter und ihre Trauten in den alten Mrchen. Es ist,
auer einem alten Pachter mit seiner tauben Magd und einem halb bldsinnigen
Knechte keine Menschenseele in diesem Steinklumpen, auch wohnen auf eine Stunde
Weges hin keine Leute. Diese Einsamkeit hat etwas Groes, wundersam Ses. Wenn
die Sonne den Wald in einen grngoldnen Zauberpalast verwandelt, oder der Sturm,
wie der Atem des Geistes, durch die Zweige der Buchen geht, und ich mein Mdchen
in den Arm fasse, da dnkt's uns oft, wir seien dieser Zeit entrckt, und lebten
in den Tagen der Fabel.
    Die Liebe lebt ihre eigne Geschichte, und braucht der Auendinge nicht.
Babette besorgt die Kche, ich spalte ihr das Holz, oder suche mit der
Jagdflinte ihr einen Braten zu erlegen, und wenn ein Gericht wohl geraten ist,
oder mein Weidwerk gute Beute gab, so sind das groe Ereignisse, an welchen wir
lange nachzuzehren haben.
    Sie hat mir eines nicht versagen drfen, was ich Dir zitternd, leise und
scheu, wie ein Kind, das vor der Mutter sich frchtet, vertraue. Wenn Dunkel
sich ber Berge und Tler go, und auch die Abendlampe erlosch, dann ruhe ich
selig und froh an ihrer Seite. Wehe Dir, wenn Du etwas bles davon denkst! Nein,
heilig und unstrflich teilen wir das liebliche Lager, und tiefe Ehrfurcht vor
der Unschuld liegt zwischen uns, wie ein geschliffnes Schwert. Es war nur so
eine Laune und Grille von mir; zu proben, ob man nicht lieben kann, wie die
Engel sich lieben. Und siehe da, die Probe ist gelungen. Ach, wie s sie
zitterte, da ich zum ersten Male von meiner erstrmten Befugnis Gebrauch machte,
und wie ruhig sie nun mir am Busen entschlft!

                           VI. Derselbe an Denselben


                                                          * den 20. Oktober 1795

Lieber, man ist oft nicht in der Stimmung, andern zu antworten. Nimm es mir also
nicht bel, wenn ich auf Deine Fragen nichts erwidre, als die Bitte, mir mit
guter Art meinen Taufschein zu verschaffen, dessen ich zur Ausfhrung eines
notwendigen Vorhabens bedarf.
    Ich habe Babetten meinen Stand und Namen entdecken mssen, Du kannst mir
also das Verlangte nur unter meiner wahren Adresse hieher senden.
    Der alte Kaplan ist mir ergeben, er wird reinen Mund halten, wenn Du den
Schein unter dem Siegel der Verschwiegenheit von ihm forderst. Ich mag nicht an
ihn schreiben, denn aus allerhand Anzeigen schliee ich, da mein Vater und
meine Frau mir auf der Spur sind, und ein Brief von mir knnte leicht durch eine
schadenfrohe Zuflligkeit ihnen bekannt werden.

                            VII. Babette an Hermann


                                                          * den 24. Oktober 1795

Ein unglckliches Mdchen, elender als Worte es zu nennen vermgen, beschwrt
Sie bei der Pflicht der Wahrheit, und Sie erinnernd an die letzte Stunde, welche
alles uns vorhlt, Gutes und Schlimmes, ihr zu sagen, ob ein Edelmann, namens
von Mller, der auch Graf * heien soll, bereits vermhlt, und Vater eines Sohns
sei?

                         VIII. Graf Heinrich an Hermann


                                                          * den 6. November 1795

Es bedarf keiner Antwort auf die Zeilen Babettens, welche Du mir berschicktest.
Sie wei alles, und wir mgen uns nur die Haare ausraufen, mit den Ngeln unser
Antlitz zerfleischen, und dem Kitzel unsres Vaters, der warmen Stunde unsrer
Mutter fluchen, welche ein Tier mehr: Mensch genannt, in die Marterkammer,
Leben, trieben.
    November sollte das ganze Jahr hindurch sein, so schwarz, strmisch und
regnerisch, wie dieser! Der Mai ist eine Lge, und jeder Sonnenblick ist eine!
Da sitzen wir nun; Babette in ihrer Stube, die sie vor mir verschlossen hlt,
und ich in meiner, und der Vater geht unter dem Burgwalle auf und nieder, und
zerstampft das Gras mit seinem Stocke. Unsinn der Welt, Chaos, weites, wstes
Narrenhaus! Die Natur erbaut auf Gefhlen den ganzen groen Tempel des Seins,
und wenn wir ihnen folgen, lohnt sie uns mit Verzweiflung ab.
    Ich will versuchen, Dir zu erzhlen, wenn meine von Weinen geschwollnen
Augen, meine zitternden Finger mir erlauben, den Brief zu Ende zu bringen.
    Der Zustand Babettens war unzweideutig geworden, ich entschlo mich, in
ferne Lnder mit ihr zu fliehn, dort mich mit ihr zu verbinden, und fr meine
deutschen Verhltnisse fortan tot zu sein. Was an diesem Vorsatze unerlaubt war,
erschien mir leicht und verzeihlich gegen die Snde, das Mdchen meines Herzens
dem Jammer preiszugeben.
    Ich sprach mit ihr davon, arglos willigte sie in alles, schpfte auch keinen
Verdacht, als ich ihr meinen Grafenstand entdeckte, lie meine Vorwnde gelten.
Den Taufschein erbat ich mir von Dir, damit kein Priester der Trauung
Hindernisse in den Weg legen knnte.
    Da mu mein bser Stern unsern Freund Miller in die Nhe des Neckars fhren.
Du weit, wie er mich mit seiner Freundschaft verfolgte, wie mir seine
bertriebne Empfindsamkeit zuwider war. Er hrt durch Zufall von mir, und beim
wildesten Wetter steht er auf einmal in meiner Burgzelle vor mir. Ich empfange
ihn kalt, verlegen, er macht mir Vorwrfe, aber bleibt, ich rede von einer
Reise, die ich sogleich in einem Geschfte anstellen msse, er erbietet sich,
mich einige Meilen zu begleiten.
    Ehe ich noch einen Entschlu fassen, ein unglckliches Zusammentreffen
verhindern kann, hat er Babetten gesehen, gesprochen, und mich in ihrer
Gegenwart nach meiner Frau, meinem Kinde befragt.
    Wenn auch alle Gter, alle Zauber des Lebens sich vereinigten, mich so hoch
zu heben, als ich jetzt tief gestrzt bin, den Blick, das Antlitz Babettens
werde ich nicht vergessen, womit sie diese Entdeckung anhrte. Die Stunde wird
wie ein schwarzer Schatten ber meinem Dasein lasten bleiben, und stiegen die
Engel mit Schalen voll himmlischer Fluten herunter, meine Seele rein zu waschen.
Es war nicht Zorn, nicht Schreck, nicht Bestrzung, was in ihrem Gesichte sich
malte, es war, ach, wer kann, wer mag das Furchtbare schildern, wenn treue heie
Liebe auf einen Ruck sich in ihr Gegenteil umsetzt?
    Die Donner des Schicksals waren durch den Unberufnen nur beschleunigt,
abzuwenden wren sie dennoch nicht gewesen. Nach einem grauenvollen Tage, den
ich vergeblich flehend vor Babettens verschloner Tre zernichtet zubrachte,
drang durch Sturm und Regen ihr Vater hieher, der uns durch seine Spher endlich
doch ausgekundschaftet hatte. Briefe von den sogenannten Meinigen hatten sich in
seine Pfarrwohnung verirrt, und waren von dem argwhnischen Alten erbrochen
worden. Er kannte also alle meine Verhltnisse. Anfangs wollte Babette auch ihn
nicht einlassen, die Gewalt der vterlichen Autoritt siegte aber endlich, und
es gab eine erschtternde Szene.
    Ich erklrte mich zu allem bereit, was nur im Umfange menschlicher Krfte
stehe; man nahm meine Versprechungen nicht an, und der Alte bediente sich harter
Ausdrcke gegen mich, die ich seinem Kummer zu vergeben hatte.
    So ist denn diese Ruine zur Hlle geworden, die im engen Raume drei unselig
Leidende vereinigt. Ich bin keiner Entschlieungen fhig, mein ganzes Wesen ist
eine blutende Wunde, in welcher die scharfen Messer der grimmigsten Reue whlen.
Hast Du ein Wort, ein Zeichen fr mich, was mir Rat oder Lindrung geben kann, so
la es mir werden!

                           IX. Derselbe an Denselben


                                                          * den 8. November 1795

Lies den anliegenden Brief Babettens, und schaffe Hlfe! Die Verzweiflung
berspringt alle Schranken, wer das Mittel bei sich trge, uns aus der
greulichen Not zu retten, dem knnte ich den Degen auf die Brust setzen, und ihn
um das Mittel ermorden.
    Hermann, unser Schwur, geleistet ber den vereinigt-rinnenden Blutwellen der
Freunde! Nun ist die Gelegenheit da, nun beweise, da Du ihr Dasein fhlst! Ich
sage nicht mehr; Du mut mich verstehen, oder der Bund zweier Mnner war eine
Posse, eine gemeine Lge.

                    Beilage - Babette an den Grafen Heinrich


Sie strmen und dringen an der Tre meines Zimmers, um mit mir zu reden; ich
wiederhole, was ich Ihnen schon durch meinen Vater sagen lie, da ich nimmer
mit Ihnen mehr spreche. Was Sie von mir zu erfahren haben, sei diesen Zeilen
anvertraut.
    Ich habe gestern die Absicht gehegt, mir das Leben zu nehmen, welches mir
vllig gleichgltig ist, seit ich wei, da Sie ein unehrlicher Mann sind. Ich
stieg auf die Spitze des Felsens hinter der Burg, und wollte mich von seiner
jhen Hhe hinunterstrzen in die schwarze Tiefe, da da drunten mein
zerbrochnes, blutiges Gebein von den Wogen des Waldstroms fortgeschwemmt werden
mchte. Mein alter unglcklicher Vater war mir nachgegangen, und hat mich
zurckgehalten.
    Was er mir ber die Snde dieses Schrittes, soweit es nur mich allein
betrifft, gesagt, habe ich nicht verstanden, denn mein Leben ist so ganz unntz
geworden, da ich nur glauben kann, ein so verwelktes und zerknicktes
Bltenblatt werde am besten dahin getan, wo der Kehricht ist. Allein das zweite
Leben, welches mein verfluchter Scho empfangen, darber darf ich allerdings
nicht verfgen, ohne zur Mrderin zu werden. Hievon haben mich die Reden meines
Vaters berzeugt.
    Ich soll also nicht sterben und kann nicht leben. Ihren Antrag, sich
scheiden zu lassen, und mich zu heiraten, verabscheue ich. Dadurch wrde ich mir
einen neuen Frevel aufladen, und mich an Ihrem Ehebruche beteiligen.
    Meine Ehre will ich gleichwohl von Ihnen wiederhaben, und diese mir zu
schaffen, gebiete ich Ihnen. Wie es geschieht, gilt mir gleich, ich bin vllig
willenlos, alle Dinge sind mir recht, die geschehn, den einzigen Wunsch, den ich
noch habe, zu erfllen. Was man mir vorschlagen wird, es sei noch so fremd und
widerwrtig, ich genehmige es schon jetzt, ohne es zu kennen.
    Wenn Sie in dieser Beziehung etwas ausfindig machen, so haben Sie mir es zu
melden, ohne Beisatz und Redensart, die mich von Ihnen anwidern, da ich Ihnen
nichts mehr glaube, nicht einmal Reue und Scham.

                       X. Hermann an den Grafen Heinrich


                                   Abschrift

                                                   Bremen, den 16. November 1795

Es gibt Dinge, die nichts weiter zulassen, als die Handlung, alles Reden darber
ist unntz. Was hlfe es mir, Dir meine Betrachtungen ber die trostlose
Geschichte mitzuteilen? Es ist nun dahin gekommen, - was ich immer
vorausgesehen, und Dir vorhergesagt habe, - da Dein Sinn Dich vor einen Punkt
fhren wrde, wo Dir Blick und Aussicht, ja Bewutsein verschwinden mte.
    Aber wie gesagt, hier gilt es die Tat, die Worte sind leere Spreu. Aus den
Briefen des Mdchens sehe ich, da sie keine Metze, keine Nrrin ist, die mit
Phrasen umgeht; der Lapidarstil, in dem sie an Dich schreibt, zeugt von einer
starken Seele. Und ein solches Wesen hat mein Freund entwrdigt, und sein Kind
soll ein Bankert heien?
    Dem soll nicht so sein. Du nennst mich kalt, der Kalte wird Dir seine Klte
beweisen. Wenn Du diese Zeilen empfngst, bin ich schon unterwegs. Ich werde vor
Babetten hintreten und sie fragen, ob sie meine Hand annehmen will, und ob ich
ihre Schande mit meinem ehrlichen Namen zudecken soll? Dich wnsche ich nicht zu
treffen; diese Sache ist nur zwischen dem Mdchen und mir; Dein Anblick wrde
mir nur unntze Schmerzen machen.
    Antworte mir nicht, danke mir nicht, la uns berhaupt eine Zeitlang, bis
die Gemter sich einigermaen beruhigt haben werden, fr einander nicht
vorhanden sein. Ich wei, was ich tue, opfre mich fr Dich, gebe ein Leben und
seine Freuden dahin, Dir zu helfen. Ein solches Gefhl will geschont sein, und
wird durch jedes Anrhren, auch durch das wohlgemeinte, nur noch qulender
aufgeregt. In seinen Tiefen werde ich mit der Zeit, wo nicht Trost, doch
Beschwichtigung schpfen.
    Was mir schon jetzt Halt und Strke gibt, ist die Empfindung, da ich ja
gewut habe, wie alles sich fgen wrde. Graf und Brger sollen die Hand
einander nie zu so engem Bunde reichen, sollen bleiben, wohin der Stand einen
jeden gestellt hat. Den einen treibt sein Geschick in das Weite und Freie, den
andern weiset es in ziemlich enge Schranken. berspringen sie die gezognen
Grenzen, so hat sich der, welcher den Fehltritt erkannte, da er ihn beging, ber
die schlimmen Folgen nicht zu beklagen, die frh oder spt eintreffen mssen.

                        Nachschrift des Senators Hermann


                                                                            1816

Du empfngst in diesen Briefen, mein Pflegesohn, ein verhngnisvolles Geschenk.
Ich darf es Dir nicht vorenthalten, denn wenn Du nicht wtest, wer Du bist, und
von wem Du abstammst, so knnten sich ja entsetzliche Dinge ereignen, unbewut
knntest Du Frevel begehn, vor denen die Natur zurckschaudert. Da eine
Schwester von Dir lebt, wei ich mit Bestimmtheit, sie heit Johanna, und wird
auf dem Schlosse ihres Vaters erzogen.
    Gern htte ich Dir sonst diese Entdeckungen erspart, welche Dein Herz
zerreien, und Dich vielleicht auf lange Zeit unglcklich machen werden.
    Nach meinem Willen sollst Du die Briefe, welche wir damals wechselten, erst
lesen, wenn Du Dein mnnliches Alter erreicht haben wirst. Du wirst dann die
Strke haben, der Eltern Schuld zu wissen, und doch an diesem Wissen nicht
unterzugehn. Vor allem suche das Bild Deiner Mutter in Dir rein zu erhalten. Wir
haben ein unglckliches Leben zusammen gefhrt, aber ich mu ihr das Zeugnis
geben, da sie die edelste und bravste Seele war, welche ich je gekannt.
    Was mich betrifft, so wird Dir hoffentlich Deine Erinnrung sagen, da ich
Dir ein treuer Pfleger gewesen bin. Ich habe mein Gelbde gehalten, und dieser
Gedanke gibt mir eine gewisse Heiterkeit. Meine Tage sind gezhlt, ich fhle
das; Melancholie hat meine Lebenskrfte verzehrt, und mich vor der Zeit zum
Greise gemacht.
    Suche auch nach dieser Entdeckung ein freundliches Verhltnis mit meinem
Bruder zu erhalten, der das Legat Deines Vaters Dir ausantworten wird. Er ist
eigen und schroff, aber zuverlssig und wacker.
    Ich glaube, Du Armer, da Dir verschlungne Lebensschicksale bevorstehn.
Sobald Deine Eigenschaften sich zu entwickeln begannen, sah ich an Dir ein
Gemisch von Deines Vaters Leichtsinn und Deiner Mutter Schmerzen. Mgen denn
gute Geister sich Deiner annehmen, wenn die Sorge in das Grab sank, welche Deine
Kinderjahre behtete! Mit diesem Segenswunsche sei in das Leben entlassen.

                              Fnfzehntes Kapitel


Rasch war Hermanns Besserung vorwrtsgegangen. Neu war ihm die Welt geworden, er
nahm von ihr zum zweiten Male Besitz, ausgerstet mit allen Erfahrungen der
frheren Zustnde. Unglck und Glck hatten ihre, bis zum berlaufen vollen
Schalen auf seinem Haupte ausgeleert; Stimmungen, wie sie durch solche
Wechselflle erzeugt werden, entziehn sich der Schilderung. Er fhlte, da sein
Geschick ihn jeder selbstschtigen Ttigkeit fr immer entrckt habe, und da er
dennoch nur um so fester mit allen Fasern der Erde verwachsen sei.
    Wir wrden nicht glauben, da dergleichen erlebt werden knnte, htte es
uns nicht selbst betroffen, sagte er nach diesen Tagen einmal zu Wilhelmi. Wie
hat mich der Wahn in wechselnden Gestalten, lcherlichen und schrecklichen,
verfolgt! Als Zwanziger meinte ich fertig zu sein, und mu mich nun in den
Dreiigen als Anfnger und jungen Schler bekennen.
    Du bist hierin nur der Sohn deiner Zeit, versetzte Wilhelm!. Sie duldet
kein langsames, unmittelbar zur Frucht fhrendes Reifen, sondern wilde, unntze
Schlinge werden anfangs von der Treibhaushitze, welche jetzt herrscht,
hervorgedrngt, und diese mssen erst wieder verdorrt sein, um einem zweiten
gesnderen Nachwuchse aus Wurzel und Schaft Platz zu machen. Wohl dem, der hiezu
noch Kraft und Mark genug besitzt! Ich sage dir, blicke frhlich vor dich hin,
denn du kannst es.
    Das tue ich auch, erwiderte Hermann. Mir ist fromm zu Sinne, obgleich ich
nicht bete und den Kopf nicht hnge.
    Auch er machte einen einsamen Gang nach dem Hnenborne. Dort nahm er die
Decke von der Gruft des Kindes - seines Kindes - und stand lange in die
Betrachtung dieser berbleibsel eines Lebens versenkt, welches, ihm unbewut,
von ihm entsprungen, und, ihm unbewut, auch schon wieder in die dunkle Nacht
zurckgesunken war, aus welcher die Geburten der Erde auftauchen. Er legte den
Ring zu dem Skelette, und lie dann ein fest umschlieendes Gewlbe aufmauern,
die Hand und den Blick der Neugier fr immer von diesen Gebeinen abzuwehren. -
Das ist gut, sagte Wilhelmi, der davon hrte; nun sind die bsen Geister der
Vergangenheit unter Salomos Siegel gelegt. Der Mensch bedarf solcher
symbolischer Handlungen, um sich von einer Last gnzlich zu befreien. Er selbst
hatte die Alte zu guten Leuten an einen einsamen Ort geschickt, wo sie in
gehriger Kost und Pflege ihre noch brigen Tage zubringen sollte.
    Unter den Angehrigen und Bekannten des Hauses herrschte die grte Freude.
Alle nahmen den herzlichsten Anteil. Der gute Prediger und seine Frau, die
Geschftsleute, welche noch da waren, empfanden ein reines Behagen. Wilhelmi
erhielt von seiner Frau unbeschrnkten Urlaub, bei Hermann zu bleiben, bis
dessen smtliche Angelegenheiten geordnet wren. Der Arzt schickte einen Brief,
der ein Dithyrambus war auf die Trglichkeit medizinischer Prognose. Selbst die
alte Nonne kam von ihrer Meierei herbeigewankt, dem Genesenen die Hand zu
schtteln. Auch Theophilie hatte sich glckwnschend genaht. Ihr schien leicht
und frei um das Herz zu sein, da Hermann nun hier waltete. Sie sah verjngt
aus. Mit einem ihrer kecken Scherze stellte sie an ihn den Schlssel zum
Erbbegrbnis zurck.
    Neben solchem Lichte begann freilich auch der Schatten sich schon wieder
einzufinden, welcher keinem Gemlde des Menschlichen fehlen darf.
    Hermann mute, sobald er mit ruhigem Blicke seine wunderbare Lage bersehen
hatte, ber die ihm angefallnen Reichtmer sehr nachdenklich werden. Das alles
gehrte ihm vor der Welt und von Rechts wegen, und doch war dieses Recht nur ein
Schein, denn - er war nicht der Neffe seines Oheims. Durfte er gleichwohl der
Wahrheit in diesem Falle die Ehre geben, das Verborgne enthllen, und die Asche
auch seiner Mutter noch im Grabe beunruhigen? Sein Innerstes emprte sich
dagegen2.
    Im Widerstreite der Pflichten wollte er wenigstens tun, was mglich war. Er
lie daher der Herzogin den Rckkauf der Standesherrschaft unter Bedingungen
anbieten, welche das Geschft einer Schenkung so ziemlich nahe brachten.
Wilhelmi, welcher die Unterhandlung leitete, hatte ihm aber bald die ablehnende
Antwort der Dame zu erffnen, da sie sich mit der ausgeworfnen Apanage begngen
knne, und jede Verwicklung in die Dinge der Erde scheue.
    Auch einem Besuche, zu dem er um die Erlaubnis gebeten hatte, versagte sie
sich. Schwerlich wird sie dich jemals wiedersehn mgen, uerte Wilhelmi bei
dieser Gelegenheit; Frauen ihrer Art haben eine Unwiderruflichkeit der
Stimmungen, hnlich der Gnadenwahl. Wer ihnen einmal unangenehm geworden ist,
bleibt es, auch wenn sie sich von der Nichtigkeit ihrer blen Meinung berzeugt
haben. Sie wird es dir nie vergeben, da du Flmmchen auf ihrem Schlosse bei dir
gehabt hast, obgleich sie durch den Arzt nun wohl wissen mag, da die Sache
damals die schuldloseste von der Welt war.
    Cornelie zog sich, je mehr Hermann der Welt und den Menschen anzugehren
begann, wieder sichtlich von ihm und in ihr Innres zurck. Sie mied die
Gesellschaft und ihn, wo sie konnte. Eine stille Verlegenheit war an ihr
bemerkbar; es schien ihr an dem Orte, wo ihr Herz, durch gewaltsame Angriffe
erschttert, sich verraten hatte, unwohl zu sein. Hermann blickte zu ihr, wie zu
einem hheren Wesen auf, er wagte keinen Wunsch, er erlaubte sich keine
vertrauliche Benennung, er gestattete sich nicht, ihre Hand zu ergreifen.
    Eines Tages sagte sie zu Wilhelmi, da sie bereit sei, mit ihm abzureisen.
Er stutzte. Nun wollen Sie von hier fort? Nun? fragte er. Vernderliches
Kind!
    Und warum nicht? Ich bin hier nicht mehr ntig. Er ist gesund. Also lassen
Sie mich in die Dienstbarkeit wandern, der ich von jetzt an doch verfallen bin.
    Wilhelmi sann nach. Wir wollen der Standesherrschaft einen Besuch
abstatten, sagte er, mein Freund und ich. Von dort kehre ich ber diesen Ort
nach * zurck, und dann knnen Sie mich begleiten, wenn Sie noch bei Ihrem
Vorsatze beharren.
    Er ging zu dem Prediger und hielt mit diesem und mit dessen Gattin Beratung.
Darauf schrieb er einen langen Brief an Johannen. Hermann hatte diese erst sehen
wollen, wenn noch einige Zeit verflossen wre. Er sehnte sich, und scheute sich
doch, mit der Schwester wieder zusammenzutreffen.

                                Letztes Kapitel


Wieder glnzte der klare Herbsthimmel ber Park, Schlo und Hgeln, wieder
blhten die Georginenbeete der Frstin, und die Abendsonne verklrte abermals
die gelbroten Kronen der Bume. In groem Ernste hatten die beiden Freunde den
Tag ber alle die Zimmer, Sle, Sttten und Pltze durchwandert, welche sie nun
unter so gnzlich vernderten Umstnden wiedersahn.
    Jetzt saen sie ausruhend in dem bekannten Gartenkabinette. Dort lag noch
ein von der Herzogin vergenes Buch aufgeschlagen. Hermann nahm es, und drckte
sein trnenfeuchtes Auge auf die Bltter, welche ihre zarte Hand berhrt hatte.
Wie ward ihm, als er einen Blick hineinwarf! Es war wieder ein Band von Novalis
und das Mrchen von Hyazinth und Rosenbltchen, welches ihm einst im
Frsterhause so prophetisch begegnet war.
    Er seufzte und legte das Buch weg. Wilhelmi hatte nachgesehen und sagte: Im
Bilde stellen oft die unsichtbaren Lenker unsre Geschicke an beiden Seiten des
Lebensweges auf. Erinnerst du dich noch unsrer Gesprche ber den Wahn, ferner
ber die Verflchtigung des Eigentums? Das alles ist an dir nun eingetroffen.
Und wie viele andre Vorzeichen wurden uns gegeben! Schon vor Jahren, bei unsrem
Ritterspiele machtest du hier den Herrn, und Cornelie wurde zur Knigin des
Festes ausgerufen.
    In unsern Geschichten, fuhr er mit Erhebung fort, spielt gleichsam der
ganze Kampf alter und neuer Zeit, welcher noch nicht geschlichtet ist.
Frchterlich hatte der Adel an seiner eignen Wurzel gerttelt, seine Laster
brachten trostlose Zerrttung in die Huser der Brger. Der dritte Stand,
bewehrt mit seiner Waffe, dem Gelde, rcht sich durch einen kaltbltig gefhrten
Vertilgungskrieg. Aber auch er erreicht sein Ziel nicht; aus all dem Streite,
aus den Entladungen der unterirdischen Minen, welche aristokratische Lste und
plebejische Habsucht gegeneinander getrieben, aus dem Konflikte des Geheimen und
Bekannten, aus der Verwirrung der Gesetze und Rechte entspringen dritte,
fremdartige Kombinationen, an welche niemand unter den handelnden Personen
dachte. Das Erbe des Feudalismus und der Industrie fllt endlich einem zu, der
beiden Stnden angehrt und keinem.
    Und der diesen rechtmig-unrechtmigen Erwerb nimmer mit Ruhe um sich
gelagert sehen wrde, htte er sich mit seinem Gewissen nicht wenigstens
abzufinden vermocht, sagte Hermann. Dir, meinem Getreusten will ich hierber
meine Entschlieungen erffnen, damit dir das Bild des Freundes rein und
unentstellt bleibe. Ich fhle die ganze Zweideutigkeit meiner Doppelstellung.
La dir also sagen, da ich willens bin, das, was sie mein nennen, und was mir
doch eigentlich nicht gehrt, nur in dem Sinne, von dem du einst redetest,
nmlich als Depositar, zu besitzen, immer mit dem Gedanken, da der Tag der
Abtretung kommen knne, wo denn die Rechnungslegung leicht sein wird, wenn der
Verwalter fr sich nichts beiseite geschafft hat.
    Es klingt gut, versetzte Wilhelmi, schwer wird es mir aber, dabei an
etwas Bestimmtes zu denken.
    Vor allen Dingen sollen die Fabriken eingehn und die Lndereien dem
Ackerbau zurckgegeben werden. Jene Anstalten, knstliche Bedrfnisse knstlich
zu befriedigen, erscheinen mir geradezu verderblich und schlecht. Die Erde
gehrt dem Pfluge, dem Sonnenscheine und Regen, welcher das Samenkorn entfaltet,
der fleiigen, einfach-arbeitenden Hand. Mit Sturmesschnelligkeit eilt die
Gegenwart einem trocknen Mechanismus zu; wir knnen ihren Lauf nicht hemmen,
sind aber nicht zu schelten, wenn wir fr uns und die Unsrigen ein grnes
Pltzchen abzunen, und diese Insel so lange als mglich gegen den Sturz der
vorbeirauschenden industriellen Wogen befestigen. Ich habe bemerkt, da die
Mnner, welche unter dem Oheim so ttig waren, jetzt im stillen alle sich nach
Selbstndigkeit sehnen, was ja auch ganz natrlich ist. Sie haben ihre Lehrjahre
unter diesem Meister vollendet, und sind durch seinen Tod losgesprochen. Mgen
sie also ihre Prozente nach reichlichster Berechnung aus meiner Bank ziehn, und
dann den vorangegangnen Genossen in alle Welt folgen!
    Diese Handlungen drften doch die Befugnisse eines Depositars bersteigen,
sagte lchelnd Wilhelmi.
    Ich bitte dich, versetzte Hermann, streite mit mir nicht ber Worte.
Jener Ausdruck konnte nur etwas sehr Beschrnktes andeuten, und mein Gefhl ist
ein unendliches. Sei zufrieden, wenn du in meinem ferneren Leben wenigstens ein
Streben erblickst, die Gegenstze, welche auf meine Schultern geladen sind,
wrdig zu schlichten.
    Sei denn auch du nur zufrieden, mein Geliebter, sprach Wilhelmi. Schon in
den letzten Tagen unsres Dortseins, und dann auf der Herreise bemerkte ich an
dir eine schwermtige Trauer, welche zu der jetzigen heitern Wendung der Dinge
nicht pat.
    O mein Freund, diese Trauer werde ich wohl ewig fhlen! rief Hermann mit
ausbrechendem Schmerze. Ich danke Gott, da ich das alles wiedererlangen
durfte, was ich entbehrte, und doch ist mir in vielen Stunden, als bese ich
nichts. Ist denn die Staude etwas ohne ihre Blte? Vollendet den Baum nicht erst
seine Krone? Zuletzt, nach allen Irrfahrten, Abenteuern, Widersprchen des
Denkens und Handelns ist dem Menschen, welcher sich nicht selbst verlorenging,
gegeben, mit dem Einfachsten sich zu begngen, und alle Fieber der
Weltgeschichte werden endlich wenigstens in dem einzelnen Gemte von zwei treuen
Armen und Augen ausgeheilt. Mir aber soll diese uralte, ewigneue Lsung und
Schlichtung immerdar fehlen! Die Heilige hat ihren Beruf erfllt, indem sie mir
wieder zu einem guten Gewissen verhalf, nun zieht sie sich in Regionen zurck,
dahin ich ihr nicht folgen kann, und doch wird sie mir das wahrste, steteste
Bedrfnis sein und bleiben.
    Ein Bedienter kam und berbrachte Wilhelmi ein Billet. Dieser las das Blatt
mit funkelnden Augen und sagte: Fhlst du dich stark genug, eine unsgliche
Freude zu erleben?
    Was meinst du?
    Sehr selten treffen die Erfllungen mit unsern Wnschen zusammen. Alles
pflegt entweder zu frh oder zu spt zu kommen. Hier wre denn einmal das
beglckende Gegenteil. Ich habe frher viel durch Hitze und Schrfe verdorben,
nun, als alter, beruhigter Knabe, wollte ich versuchen, ob es mir nicht auch
gelingen mchte, zu vermitteln. Was sich in der Not gefunden, drohte, in guten
Zeiten wieder auseinander zu geraten. Das durfte nicht sein, aber nur
Frauenhnde wissen dergleichen zarte Hndel zu entwirren. Ich schrieb deiner
Schwester, die schon vor Verlangen nach dir brannte. Sie ist ber das Kloster
gereiset, hat das jungfruliche Herz Corneliens in Pflege genommen und ihren
Lippen Mut gegeben. Sie meldet mir ihre Ankunft; bist du bereit, sie zu sehn?
    Hermann wankte und Wilhelmi mute ihn fhren. So traten sie aus der Tre des
Kabinetts in die grnen Anlagen. Zwei Frauengestalten kamen ihnen den Gang
herauf entgegen. Ein schner Greis in Uniform folgte.
    Ich bin es, mein Bruder, und bringe dir die Braut! rief Johanna, in
Seligkeit blhend. Sprachlos fiel er in die geffneten Arme Corneliens und dann
an die Brust der hohen Schwester. So ruhte er zwischen den beiden, die seine
Seele liebte. Zrtlich hielten sie ihn umschlungen. Wilhelmi blickte mit
gefaltnen Hnden nach den Vereinigten hin. Der General stand, auf sein Schwert
gesttzt, und sah, eine Rhrung bekmpfend, vor sich nieder. In dieser Gruppe,
ber welche das Abendrot sein Licht go, wollen wir von unsern Freunden Abschied
nehmen.

                                    Funoten


1 Ein solches Sckchen schtzt nach dem Glauben des Volkes als Amulett gegen die
sogenannte bse Stelle. Orte nmlich, wo ein Frevel verbt worden ist, wo ein
Mord geschah, wo ein ruchloser Mensch einen Meineid schwor, oder den Namen
Gottes schndete, sind ungesund. Dort gedeihen nur Wrmer unter Nesseln und
Quecken, und wer, nichts ahnend, selbt viele Jahre spter ber die vom Unheil
verpestete Stelle hinweggeht, der empfngt davon den Schaden an seinem Leibe.

2 Sonderbare Zuflligkeiten, eine Folge der mit dem Jahre 1830 eingetretenen
Umwlzungen, brachten den Herausgeber in den Besitz dieser Hausgeheimnisse, und
machten die Verffentlichung derselben ohne Nennung von Namen und Ort nach
seiner Meinung wenigstens verzeihlich.

